1850_Gutzkow_030 Topic 3

Karl Gutzkow

Die Ritter vom Geiste

Vorwort

Es wird eine lange, weite Wanderung werden, lieber Leser, zu der ich Dich auffodere! Ruste Dich mit Geduld, mit geschaftlosen Sonntagsvormittagen und einem guten aushaltenden Gedachtniss! Vergiss mir nicht morgen, was ich Dir heute erzahlt habe! Werde nicht mude, wenn Du unabsehbare Ebenen erblickst, sich der Weg zwischen gefahrvolle, nicht endende Gebirgspasse zwangt oder die Landstrasse plotzlich sich wie in die Wolken zu verlieren scheint!

Was Du Alles auf dieser Wanderung wirst zu sehen bekommen, die Landschaft und die Dir begegnenden Menschen, ihr Werth, ihr Charakter, ihre Wahrheit .... da sieh zu, wie Dein Geschmack mit ihnen fertig wird! Ich bitte um Schonung; aber wenn sie mir von Deiner Strenge verweigert wird, muss ich mir's schon gefallen lassen. Nur uber die lange Dauer dieser Wanderung, uber das weitentruckte, sozusagen atlantische Ziel, uber den grossen, grossen Proviant von Zeit und Geduld, den ich beanspruche, muss ich Dich bitten, mir ein entschuldigendes Vorwort zu erlauben.

Thu' mir nicht von vorn herein das Unrecht an und sage: Ich hatte in meinem uber das ubliche deutsche Mass hinausgehenden Werke die Franzosen nachahmen wollen! Der "ewige Jude", die "Geheimnisse von Paris" sind deshalb geschrieben worden, weil in einer Zeit, wo Alles spricht, Menschen, die geneigt sind zuzuhoren, eine Eroberung sind. Diese glucklichen Zeitungseroberer von Paris haben ihre Beute nicht wieder wollen fahren lassen und fuhrten deshalb den Stil ein, den sie von den Taschenspielern auf Jahrmarkten borgten, die ihre Productionen von heute immer mit einer Ankundigung auf morgen schliessen. Die Feuilleton-Romane, wie man sie druben uberm Rheine nennt, oder die Fortsetzung-folgt-Romane, wie man sie nennen sollte, sind nur fur grosse Kinder geschrieben, zu denen man sagt: Heute war's gewiss schon, morgen wird's aber doch noch viel schoner werden!

Also Das nicht, lieber Leser! Ich wollte wol, unser strenges Publicum ahmte dem franzosischen an gutem Willen beim Horen und Hinnehmen nach, aber ich selbst bin nur deshalb so lang geworden, weil ich beim besten Willen nicht kurz sein konnte. Sollen wir zuruckgezogenen einflusslosen Schriftsteller, die wir doch auch gewohnt sind, den Samen reeller Thatsachen von den Bluten der Erscheinung abzustreifen und in unserer Art auch Etwas fur die Geschichte zu thun, die Grundlichkeit nur der Paulskirche und den Protokollen unserer Standekammern, Interims- und Verwaltungsrathe uberlassen? Schlimm genug, dass man so ernst, so nachdrucklich, so systematisch mit unserer Zeit sprechen muss! Anekdoten thun's nicht mehr. Was ist Euch Boccaccio? Eine bunte Federflokke vom classischen Wind bewegt! Es finden sich ihrer allerdings genug, die der Zeit entrinnen wollen und lieber einer vom classischen Wind bewegten bunten Federflocke nachirren, als dem Jahrhundert, das sie hassen; allein mit diesen mag ich nicht reden. Ich will es mit Denen, die ihrer Zeit vertrauen, Hoffnungen auf sie setzen und die da sagen: Eine Nacht, um ein zweckloses Marchen zu horen, die hab' ich nicht, aber tausend und eine Nacht, die hatt' ich und schenke sie Dem, der sie im Scherze lehrend auszufullen versteht!

Wohlan denn, Du wunderlicher Heiliger, ich halte Dich beim Wort! Ich sage Dir im Vertrauen, dass eine Nacht und ein Mahrchen mich selbst, den Erzahler, nicht befriedigen wurden. Und erzahlt' ich Dir das sinnigste und Arabiens wurdigste Mahrchen, ich selbst wurde in unsern sternenlosen Nachten dessen nicht froh, und wo dem Schopfer nicht wohl wurde bei einem Werke, da kann's dem Beschauer ewig nur weh sein. Schonheit ist ja Ruhe; Ruhe des Gemuths quillt in den Betrachter vom befriedigten Schopfer, und der Schopfer, der hier dies vielleicht ubervoll aufgeschossene Werk Dir vorlegt, diesen endlos scheinenden Park mit Seen und Brucken und Wasserfallen, gesteht aufrichtig, dass er jenen einzigen Wassertropfen, der jetzt die ganze Welt abspiegelte, nicht hat finden konnen. Er weiss wohl, es gibt Dichter, die mit einem Wassertropfen die Welt abspiegeln; und noch mehr solche, die glauben, diesen Wassertropfen zu besitzen. Er ging auch hinaus vor's Thor und nahm von der Flur einen Thautropfen, der glanzte in der Sonne grun aber die Welt ist blau. Ein anderer glanzte blau aber die Welt ist roth. Ein dritter glanzte gelb und grun, und die Welt schillert jetzt in allen Farben. Es ist nichts mehr mit dem Thautropfen, dachte er. Es muss mehr sein und etwas Anderes, wenn auch noch keine Douche und noch kein Regenbad.

Macht ihr Geschichte, dachte er, wir wollen Romane schreiben.

Er dachte an die Geschichtsmacher von heute, die aus dem Staube der Ruinen neue Tempel bauen wollen. Er dachte an die Flicker und Leimer, in deren Hande die Organisationen gerathen sind, und die uns nachgerade die Lust genommen haben, nur nothdurftig auf ihre Bauplatze zu blicken, mogen sie nun in Paris, Rom, Wien, Berlin oder in Gotha und Erfurt liegen. Baut ihr und flickt an den alten Welten, wir wollen neue bauen, wenigstens in der Idee. Jeder grosse Munster hat anfangs sein kleines Modell. Die alten Erbauer, wenn sie ein Denkmal bekamen, trugen diese kleinen Modelle in der Hand; diese mochten nicht schwerer wiegen als so ein Roman von mehr Banden als ublich, ein Roman in dem neuen Stil, der in der That architektonisch ist, sehr mislich nachzuahmen, und auf den uns Professor Gervinus zu seinem Arger doch noch ein literarhistorisches Patent geben soll.

Denn ich glaube wirklich, dass der Roman eine neue Phase erlebt. Er soll in der That mehr werden, als der Roman von fruher war. Der Roman von fruher, ich spreche nicht verachtlich, sondern bewundernd, stellte das Nacheinander kunstvoll verschlungener Begebenheiten dar. Diese prachtigen Romane mit ihrer classischen Unglaubwurdigkeit! Diese herrlichen, farbenreichen Gebilde des Falschen, Unmoglichen, willkurlich Vorausgesetzten! Oder wer sagte Euch denn, ihr grossen Meister des alten Romanes, dass die im Durchschnitt erstaunlich harmlose Menschenexistenz gerade auf einem Punkte soviel Effecte der Unterhaltung sammelt, dass ohne Luge, ohne willkurliche Voraussetzung, sich alle Bedingungen zu Eurem einzigen behandelten kleinen Stoffe zuspitzen konnten? Die seltenen Falle eines drastischen Nacheinanders greift das Drama auf. Sonst aber lebenslange Strecken liegen zwischen einer That und ihren Folgen! Wieviel drangt sich nicht zwischen einem Schicksal hier und einem Schicksal dort! Und Ihr verbandet es doch? Und was dazwischen lag, Das warft Ihr sorglos bei Seite? Der alte Roman that Das. Er konnte nichts von Dem brauchen, was zwischen seinen willkurlichen Motiven in der Mitte liegt. Und doch liegt das Leben dazwischen, die ganze Zeit, die ganze Wahrheit, die ganze Wirklichkeit, die Widerspiegelung, die Reflexion aller Lichtstrahlen des Lebens, kurz Das, was einen Roman, wenn er eine Wahrheit aufstellte, fast immer sogleich widerlegte und nur eine Thatsache gelten, siegen liess, die alte Wahrheit von der unwahren, ertraumten Romanenwelt!

Der neue Roman ist der Roman des Nebeneinanders. Da liegt die ganze Welt! Da ist die Zeit wie ein ausgespanntes Tuch! Da begegnen sich Konige und Bettler! Die Menschen, die zu der erzahlten Geschichte gehoren, und die, die ihr nur eine widerstrahlte Beleuchtung geben. Der Stumme redet nun auch, der Abwesende spielt nun auch mit. Das, was der Dichter sagen, schildern will, ist oft nur Das, was zwischen zweien seiner Schilderungen als ein Drittes, dem Horer Fuhlbares, in Gott Ruhendes, in der Mitte liegt. Nun fallt die Willkur der Erfindung fort. Kein Abschnitt des Lebens mehr, der ganze runde, volle Kreis liegt vor uns; der Dichter baut eine Welt und stellt seine Beleuchtung der der Wirklichkeit gegenuber. Er sieht aus der Perspective des in den Luften schwebenden Adlers herab. Da ist ein endloser Teppich ausgebreitet, eine Weltanschauung, neu, eigenthumlich, leider polemisch. Thron und Hutte, Markt und Wald sind zusammengeruckt. Resultat: Durch diese Behandlung kann die Menschheit aus der Poesie wieder den Glauben und das Vertrauen schopfen, dass auch die moralisch umgestaltete Erde von einem und demselben Geiste doch noch konne gottlich regiert werden.

Ein solcher Versuch, die zerstreuten Lichtstrahlen des Lebens in einen Brennpunkt zu sammeln, ist die Geschichte, die ich Dir, lieber Leser, hier aufgerollt habe. Sie ist in den Thatsachen und dem sozusagen allegorischen Rahmen nicht neu, aber neu in der Verknupfung. Kurz konnte sie ihrer Natur nach nicht werden, denn um Millionen zu schildern, mussen sich wenigstens hundert Menschen vor Deinen Augen voruberdrangen. Denke nur immer, dass der Zweck und die Aufgabe so lautet:

Die Missionaire der Freiheit und des Glaubens an die Zeit sind es ihren Gemeinden schuldig, ihnen zu zeigen, wie die ganze Fulle des Lebens von ihrem neuen Lichte beschienen sein kann und wie es sich noch mit den alten Lungen athmen lasse, uberall, in jedem Winkel Gottes, den der neue Luftzug der Idee, der Pfingstzeit neues Windeswehen bestreicht. Die aussere Welt ist durch Kunstlerhand allein nicht zu andern. Lasst vorlaufig unsere Minister und die Soldaten dafur sorgen! Aber die innere Welt, die, welche Jeder in seiner Brust tragt, die kann schon eine umfassende, in allen Hohen und Tiefen des Lebens aus einem Gesichtspunkte betrachtete und eine festbegrundete sein. Diese Allseitigkeit war mein Ziel. Ich sage nicht, dass ich ein Panorama unserer Zeit geben wollte. Wer vermochte Das? Die Aufgabe ware nicht zu losen, und anmassend erklange es, wollte sich ihrer Jemand anheischig machen. Aber ein gutes Stuck von dieser unserer alten und neuen Welt sollte aufgerollt werden, eins, gerade gross genug, um ein Menschenleben zu ermuntern, dass es nicht verzage, sondern getrost in dem einen Geiste der Freiheit und Hoffnung fortwandle und sich die laufenden, tagesublichen Bedrangnisse der innern Uberzeugung nicht zu sehr verdriessen lasse.

Lass Dich denn also von mir, lieber Leser, in diesen Blattern einspinnen, wie der werdende Schmetterling sich in den Cocon spinnt, wo er Blatt und Baum, auf dem er hulflos kroch, preisgibt und sich wie in dem Vortraum seines neuen Lichtlebens begrabt. Die Kunstrichter mogen richten; die voreilige Kritik mag Dir die Lust nehmen wollen, dem Erzahler zu folgen; achte ihrer nicht und bleibe treu dem Dich einhullenden Gespinnst, bis dem weitern Verlaufe zu die Hulle bricht, und in anschauender Prufung meiner Absicht auch Dein Geist mit bunten Hoffnungen und heitern Glaubensschwingen in jene Gemeinschaft der Getreuen und Vesten, der Ritter vom Geiste, aufsteigt, von deren Schicksalen diese Blatter erzahlen. Dresden, am Pfingsttage 1850.

Karl Gutzkow.

Erstes Buch

Erstes Capitel

Das Kreuz und das Kleeblatt

An einem heissen Sommernachmittage sass ein junger Mann, von summenden Kafern umschwarmt, das Haupt auf eine uber die Knie ausgebreitete Mappe beugend, vor einer einfachen landlichen Dorfkirche, um sie zu zeichnen. Die Formen des bescheidenen und doch ehrwurdigen Gebaudes wiesen auf einen ziemlich alten Ursprung hin. Leicht und schlank sprang der spitze Thurm in die blaue Atherhohe. Die alten grungerosteten Glocken hingen in Offnungen, deren Rander ein zierlich geschweiftes steinernes Blatterwerk schmuckte, willkommener Schlupfwinkel fur ein Heer von Spatzen, das den Thurm larmend umschwirrte. Das Schiff wolbte sich mit hervorspringenden Fensternischen mehr rund als langlich um den Glockenthurm, dessen Portal ein grosses, halb in das Mauerwerk eingebrochenes Kreuz zierte. Dieser einfache Bau, umgrenzt von grunen Haselnusshecken und gehutet gleichsam von zwei alten Lindenbaumen vor der Eingangspforte, schnitt sich an dem duftreinen Horizont so gefallig, so lieblich ab, dass man dem jungen, uber seiner Arbeit traumenden Kunstler nicht verargen konnte, sich daraus fur sein Skizzenbuch allein schon eine Erinnerung zu erhalten. Aber der alterthumliche Reiz dieser Scene wurde noch durch die Trummer eines Gebaudes erhoht, das einst dicht an der Kirche mit ihr fast verbunden musste gestanden haben. Noch waren einzelne verwitterte Mauern hier und da ubrig geblieben und nun auf lobliche Weise zum Umbau des Friedhofs verwendet. Uberall, wo eins der alten Trummer aufhorte, begann in der Umzaunung des stillen Ruheplatzes immer ein einfacher, freilich etwas zerfallener Bretterzaun, bis diesen wieder ein morsches Stuck alter Mauer mit noch halb erhaltenen Fenstern abloste, deren Trummer sich in das innere lauschige Gezweig von weissen, wurzig duftenden Fliederbaumen, die sie uberschatteten, verloren. Kirche und Friedhof lagen auf einer massigen, grasbewachsenen, mit weissen Sternblumchen wie bestreuten Anhohe, die eine Fernsicht auf diejenige grosse und beruhmte deutsche Hauptstadt erlaubte, welche der Schauplatz der nachfolgenden Mittheilungen sein wird.

Der junge Maler war nach einfachem Mittagsmahle auf dies bescheidene Dorfchen es hiess Tempelheide von der grossen larmenden Stadt hinausgewandert, hatte sich, rings den Hugel musternd, die gunstigste Stelle fur seinen Plan auserlesen, und zeichnete die Kirche und den Friedhof aus einem Interesse, das nicht blos ein kunstlerisches genannt werden konnte. Er wusste namlich, dass diese Trummer Reste eines alten Tempelhofs waren. Das grosse Kreuz uber der Kirche, in eigenthumlicher Form, bewies, dass einst die Tempelritter, die hier gewohnt hatten, auch die Grunder und Erbauer dieser Kirche waren. In seinen Jugenderinnerungen selbst an ein altes Templerhaus, die Zierde seiner im Harz gelegenen Vaterstadt, vielfach gemuthlich verwiesen, nahm er um so lebendigeres Interesse an diesen ehrwurdigen historischen Resten, als ihm auch sein erstes Probestuck beim Eintritt in die grosse Genossenschaft der sozusagen losgesprochenen Kunstler, Jakob Molay's Feuertod, so brav gelungen war, dass er schon jetzt zu den sichersten Hoffnungen der neuern Malerkunst gerechnet werden konnte. Dankbarkeit auch gegen den glucklichen Gegenstand seines Bildes, den Martyrertod der alten franzosischen Tempelherren, hatte ihn hierher nach dem Dorfchen Tempelheide gefuhrt, wo auch einst Tempelherren gehaust, auch einst Tempelherren jene Kirche und das Professhaus gebaut hatten, von dem noch jene malerischen in den Friedhof verlorenen Trummer hinterblieben waren.

Wie Siegbert Wildungen so hiess unser junger Maler auf einem Stein unter einer Brombeerhecke langst Platz genommen hatte und im nothdurftigen Schatten des stachlichten Gebusches endlich einmal auch seinen breitrandigen Calabreser luftete, um die blonden lockig fallenden Haare von der erhitzten Stirn zuruckzustreichen, bemerkte er plotzlich, dass er nicht allein war. Aus dem gelben Kornfelde, das die Offnung zwischen dem Hugel und dem Aufgang zu einem nahegelegenen herrschaftlichen Parke ausfullte, erhob sich, gahnend und wie nach gehaltener Mittagsruhe sich reckend, eine Gestalt, die weder oben dem herrschaftlichen Wohnhause, noch unten dem Dorfe anzugehoren schien. Es war, so weit man sie im Liegen beurtheilen konnte, eine lange hagere Figur im leichten Sommerrock wie Siegbert, aber die Pantalons verwaschen, an den Knieen hervorstehend, das Hemd zerknittert, die Halsbinde weggeworfen und die Weste fast zu kurz und wie verschnitten. Die seltsame Gestalt, die sich aus dem Korn, in dem sie geschlafen hatte, herauswand, war jung und wie es schien verwohnt bequem. Der Mittagsschlafer gahnte mit mehr Behaglichkeit, als er wurde empfunden haben, wenn ihn der Bauer, dem das Kornfeld gehoren mochte, in der Verwustung seines Eigenthums betroffen hatte. Wie er den Maler entdeckte, stutzte er, wieder lang sich hinwerfend, den Kopf auf den Arm und schickte sich an, in grosster Ruhe seinen Nachbar keck zu beobachten. Die rechte Hand steckte er dabei behaglich in die Seitentasche seiner Pantalons; die linke kratzte sich die Ahren aus dem etwas rothlich kurzgeschorenen Haar. Statt den Maler anzureden, pfiff er sich eine Melodie, die nicht zu den gewohnlichen gehorte und Bekanntschaft mit den Modeopern verrieth. Siegbert Wildungen war der neuesten Opern sicher unkundiger, als jener bequeme und in seinen Blicken fast zudringliche dreiste Gesell.

Wahrend Siegbert in seiner Zeichnung fortfuhr und das Zifferblatt des Thurmes bald den vollen Schlag der funften Stunde voraus anzeigte, horte man einen Wagen in der Nahe. Eine herrschaftliche Kutsche fuhr von der Allee, die zur Stadt fuhrte, die Anhohe herauf und hielt vor dem Eingangsportal des in Siegbert's Rucken liegenden herrschaftlichen Gartens. Er hatte des geschmacklosen kleinen Schlosses, das dem Besitzer von Tempelheide zu gehoren schien, anfangs wenig Acht gehabt. Der Park, der es einschloss, schien ihm von vielem Nadelholze fast zu duster; nur ein sonderbares Etablissement am Rand desselben oberhalb des Kornfeldes hatte ihm ein Lacheln abgelockt. Es war ein grosser holzerner Regenschirm oder ein Riesenpilz, dessen Dach eine unter ihm gedeckte kleine Mittagstafel vor der Sonne schutzte. Der Besitzer des Schlosses nennt unstreitig diesen Regenschirm oder Pilz seinen chinesischen Pavillon, hatte er sich gedacht und dabei eingestanden, dass ein Abendimbiss in dieser freien Luft, beim wurzigen Hauche der dustern Tannen des Parkes, dem Dufte des weissen Flieders und der Linden von der Kirche her, bei alledem hochst erfreulich und landlich-anmuthig sein konnte. Sein Nachbar schielte schon lange von Zeit zu Zeit nach dem Pavillon hinauf und dem weissen gedeckten Tische und den Glasern und Tellern, dem Silberzeuge, den Messern und Gabeln, und sein Schweigen brechend, rief er, auf die dreissig Schritte, die er von der Brombeerhecke etwa entfernt war, in gutem geschultem Deutsch, die satirischen, auf die Kutsche bezuglichen Worte hinuber:

In der alten Carrete da haben sie gewiss schon Ziethen aus dem Busch begraben.

Siegbert Wildungen verstand ganz gut, dass die "Carrete" die eben angefahrene Kutsche sein sollte, blickte aber nicht hin. An ihrem Gepolter schon horte er, dass sie baufallig und altmodisch sein musste. Sie aber auf den alten Ziethen "aus dem Busch" zuruckzufuhren, das war eine Landesanschauung, die ihm, obgleich er demselben Staate angehorte, nicht gleich ganz gelaufig war. Er beantwortete die Bemerkung nicht.

Nach einer Pause lachte der junge Rothhaarige wieder hell auf und sagte:

O Je! O Je! Die alten Schindmahren hat schon Methusalem gefahren.

Siegbert Wildungen fuhlte sich vom Ton des Sprechers und noch mehr von seiner Absicht, ein Gesprach anzuknupfen, nicht eben angenehm beruhrt und antwortete wieder nur durch ein leichtes Aufblikken. Es schien ihm so unwurdig, sich gleichsam auf Geheiss eines solchen Menschen umwenden zu sollen und seine selbstgenugsamen Witze beifallig zu bestatigen. Dennoch regte ihn unwillkurlich die Vorstellung von Pferden, die schon Methusalem gefahren hatte, an, und es half nichts, er musste nun uber seine Mappe hin wenigstens zu dem Gesellen im Kornfelde einmal hinuberlugen. Als dieser mit spahendem Auge das erwachende Interesse des Malers bemerkte, fuhr er, wie dadurch ermuthigt, fort:

Fallen Sie nicht, Excellenz! Immer langsam voran, altes schweinsledernes Porcus Juris! So! Kommen Sie zum Handkuss bei Ew. Gnaden, Phylax und Sultan? Katzchen darf auch guten Tag sagen? Miau! Miau! Und der schwarze Spitzbub, der Rabe, hui! was der ihm wol ins Ohr geplauscht hat von Galgen und Rad! Ein Compliment von Kuhnapfel und Tschech? Nicht wahr, Du alter Kuster vom Rabenstein! Jetzt wird wol gefruhstuckt? Lasst's Euch gut schmecken! Prosit die Mahlzeit!

Wahrend dieser sonderbaren, mit scharfem maliziosen Ton vorgetragenen Worte schnarrte die alte Thurmuhr Funf. Siegbert konnte jetzt nicht umhin, sich vollig umzuwenden und sich die Scene anzusehen, die ihm ebenso barock geschildert worden war.

Die mehrerwahnte Kutsche fuhr eben am Gartenstackete entlang, um in die entfernter liegende Hofthur einzulenken. Im Garten und vor dem Schlosse sah er Niemand mehr.

Schade, dass Sie zu spat kamen, sagte Siegbert's immer zutraulicher werdende Bekanntschaft.

Wer stieg denn aus? fragte Siegbert nach einer Weile mit einem ruhigen und sanften Tone.

Der, dem das Schloss da gehort, antwortete der Fremde, kennen Sie ihn nicht?

Gibt's vielleicht einen Herrn von Tempelheide? bemerkte Siegbert.

Tempelheide? Das nicht! Da wohnt der alte von Harder im Sommer.

Wer ist der alte von Harder? fragte Siegbert, ohne in seiner Arbeit aufzuhoren.

Es gibt zwei Excellenzen von Harder. Eine junge und eine alte. Also die Excellenzen von Harder kennen Sie nicht? Da sind Sie fremd. Die junge Excellenz verwaltet die koniglichen Garten, wie Erzengel Michael das Paradies, aber blos mit der Giesskanne und dem Rechen in der Hand. Der Alte aber tragt's Schwert und die bekannte Wiegeschale. Der ist bei uns Gottes wirklicher Stellvertreter auf Erden, wenigstens was die zeitliche Gerechtigkeit anbetrifft.

Also wol der Justizminister?

Beinahe, aber noch mehr! Es ist der Prasident des Obertribunals! Neunzig Jahr alt! Halbblind, wie's Madame Themis verlangt, wackelig wie ihr Wiegebalken. Die Der schon alle hat kopfen lassen, die wurden druben nicht auf den Kirchhof hin konnen! Ein Todesurteil bestatigen, ist ihm wie 'ne Prise Schnupftaback nehmen. Die Leute haben grossen Respect vor ihm; mir kommt er aber kindisch vor. Man muss ihn nur sehen, wenn er mit Hunden und Katzen, besonders aber, wenn er mit einem gewissen Raben spricht.

Wer neunzig Jahr alt geworden ist unter den Schlechtigkeiten der Menschen, bemerkte Siegbert, doch angezogen von der abgerissenen Rede des Nachbars, Dem ist nicht zu verdenken, dass er uns vernunftige Zweibeine langst satt hat und sich mit den unvernunftigen Thieren unterhalt. Thut er denn Das?

Der Nachmittagsschlafer pfiff sich statt der Antwort ein Lied, reinigte seinen Hut und band die Halsbinde um, dann sagte er, als hatte er die Frage erst uberlegt:

Schlechtigkeiten? Schlechtigkeiten ist manchmal so so bei der Handthiererei, dem Rechtsverdrehen.

Er sang dann weiter.

Nach einer kleinen Pause, die nun auf die letzten mit grosser Bitterkeit gesprochenen Worte auch Siegbert machte, bemerkte dieser ruhig fortzeichnend:

Haben Sie wol einen Process verloren?

Einen? Mitunter ein Dutzend, antwortete der Fremde und setzte pfiffig hinzu:

Noch ofter aber welche gewonnen. Gerade wegen der gewonnenen Processe legt sich der Respect vor der Justiz. Aber's Obertribunal ist gut; es kommt nur darauf an, dass Einer soviel Lunge, d.h. Geldbeutel hat, um sich nicht ausser Athem zu laufen, bis er bei der neunzigjahrigen Unparteilichkeit da oben angekommen ist.

Siegbert antwortete nicht; auch der Fremde schwieg eine Weile, ordnete sein Hemd, zog an seinen Pantalons, an denen er die gelosten Sprungriemen wieder befestigte, zog eine Taschenburste und strich sich sein rothliches Haar. Als diese Toilette, die er immer noch im Liegen machte, voruber war, warf er, auf Siegbert's Arbeit deutend, leicht hin:

Sie zeichnen die Kirche? Ist denn die Kirche da hubsch?

Das mussen Sie doch selbst beurtheilen konnen, erwiderte Siegbert, ein wenig empfindlich uber diese Bemerkung, die fast spottisch klang.

Wie soll ich Das wissen! antwortete der Fremde. Hubsch? Der Munster in Strasburg soll hubsch sein. Er ist gross, und der Dom in Koln soll noch grosser werden. Auch unser Dom ist schon Hm, hm Die Kirche da! Ei ja! Die Linden machen sich ganz artig und bei Mondenschein lasst sich's vielleicht noch schoner an! Dann prasentirt man so was einer schonen Demoiselle, die legt's in ihr Album und schreibt darunter: Liebe mich, ich liebe dich junger Maler blondes Haar Calabreser gestern kennen gelernt, heute geliebt morgen vergessen. Kennen Sie solche Albums?

Diese wieder mit grosser Bitterkeit gesprochenen fast fein satirischen Worte aus dem Munde eines sich doch so roh geberdenden Menschen uberraschten Siegbert. Waren ihm schon seine fruhern Ausserungen befremdlich gewesen, so widersprach doch diese letzte so sehr der Vorstellung, die man von dem Bildungsgrade eines wie ein Vagabond sich ankundigenden Menschen haben konnte, dass er voll Erstaunen fragte:

Haben Sie sich in der grossen Welt bewegt?

Wie so? lachte der Fremde hohnisch und stand jetzt auf.

Indem er seine Kleider abputzte, die Weste zuknopfte, den zerknitterten Hut burstete, erschien er, wenn auch kleiner, doch stattlicher als vorhin und zeigte sich als ein junger blasser Mann mit hellblauen scharf durchdringenden Augen, zartem Teint und fast weiblichen Gesichtsformen. Er war nicht so gross, als er im Korn liegend erschien. Alles an ihm war schmachtig, zart, unausgebildet. Er schien im Anfang der zwanziger Jahre zu sein, wahrend um den Mund, um die bitter sich zuweilen aufwerfenden Lippen viel altere Erfahrungen zuckten. Das ganze Erscheinen war verstort, uberwacht, wie an einem Menschen, der den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage macht.

Sie denken wol Wunder, was Einer sein muss, sagte er die Augen fast verletzt zusammenkneifend, um von Albums zu sprechen? Dazu braucht man nur ein Buchbinder oder ein Bedienter zu sein. Ein Lakai, der nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, konnte bessere Geschichten erzahlen, als die er seinem Fraulein aus der Bibliothek zum Lesen holen muss. Ubrigens bin ich weder ein Buchbinder noch ein Lakai. Adieu!

Siegbert erschrak. Er war gutmuthig genug, dem Fremden, der wirklich ging, nachzurufen:

Wer hat Sie denn fur etwas so Geringes gehalten! Bleiben Sie doch, Sie empfindlicher Mann!

Seine Worte verhallten aber. Der Fremde war schon den Hugel hinaufgestiegen, weniger, wie es schien, um sich ganz zu entfernen, als um dort oben sein zweckloses Schlendern fortzusetzen.

Siegbert machte sich nun Vorwurfe, ihn verletzt zu haben. Er gehorte zu den rucksichtsvollen Naturen, die Jeden gern in seiner Art gewahren lassen. Dazu kamen seine Begriffe uber die sittliche Hebung der niedern Stande, die Ideale, die auch er, wie jetzt soviel edle und traumerische Menschen, sich uber die mogliche Anderung der bisherigen Zusammensetzung unserer Gesellschaft gebildet hatte.

Betriffst du dich nicht immer, klagte er sich in Gedanken selber an, auf dem Widerspruch, dass du wol die Menschheit im Ganzen und Grossen liebst und den Menschen selbst geringschatzest! Du fuhlst mit dem Unterdruckten, hassest diese ungerechte Vertheilung der Erdenguter, bewunderst die wohlmeinenden Geister, die das Geld abschaffen wollen, um von dem Ersatz dafur Jedem soviel zu geben, als er fur sein Dasein braucht, und jedes mal, wenn du wirklich mit dem Volke in Beruhrung kommst, wird es dir so schwer, uber schlechte Kleider, entstellte Mienen, rohe und menschenscheue Manieren hinwegzukommen!

Siegbert war uber sich selbst so misgestimmt, dass er aufstand und seine Arbeit fur beendigt erklaren wollte.

In diesem Augenblick sah er von der Seite des Schlosses her auf den Pavillon zuschreiten eine schwarz gekleidete nicht junge Dame, die einen uralten gebuckten Greis am Arme fuhrte. Ein gleichfalls alter Diener folgte in bescheidener Entfernung. Unstreitig war dies der Prasident des Obertribunals, der wol jetzt erst unter dem Dach des Pavillons sein Mittagsmahl nehmen wollte. Die sanftblickende Dame ging schweigend, in liebevoll herabgebeugter Haltung, neben dem Greise, der noch in wurdiger schwarzer Amtstracht, an den heissen Sonnenstrahlen seine Freude zu haben schien. Langsam die Stufen zum Pavillon hinanschreitend, nahm er Platz vor einem der gedeckten Couverts, die sorgende Begleiterin an dem zweiten Couvert. Der kleine sauber gedeckte Tisch war nur fur zwei Personen, hochstens noch einen Gast berechnet. Ein solcher sass auch schon am Tisch, kein Mensch, sondern ein grosser Rabe, der mit seinem Schnabel die Ordnung des Tisches nachzumustern schien und mit klugem Ernst sich umschaute, ehe er von einigen Kornern pickte, die auf dem Tische fur ihn ausgeschuttet lagen. Ehe der alte Herr nicht den Loffel zur inzwischen von einem zweiten Bedienten aufgetragenen Suppe ergriffen hatte, ruhrte der verstandige und hofliche Vogel selbst nichts an, wofur ihn die Dame mit freundlichen Worten, deren sanfter Ton bis zu Siegbert heruberdrang, ausnehmend lobte. Der junge Maler, von dem Stillleben dieser Scene wohlthuend angeregt, schob den Entschluss, sich mit der Copie der Kirche begnugen zu lassen, noch eine Weile auf und richtete seinen Standpunkt nun so ein, dass er die Kirche und zugleich den Pavillon beobachten konnte. Die hochgewachsene, edle, in jungern Jahren gewiss sehr schon gewesene Frau schien den alten Herrn auf ihn aufmerksam zu machen. Ohne sich aber dabei umzuwenden oder ein Zeichen von Antheil an den gesprochenen Worten seiner Tischgenossin zu geben, ass der Greis ruhig die Speisen, die ihm von ihr vorgelegt und sogar geschnitten wurden. Statt aus einem Glase trank der Alte den Wein aus einem grossen silbernen Becher; wie Siegbert bemerkte, wol deshalb, weil er mit beiden Handen ihn zum Munde fuhren musste, so zitterten sie. Bis die Mundung eines Glases zum durstenden Munde gekommen ware, hatte sie lange gewahrt; der Becher war leichter zu treffen. Die beiden Diener verrichteten ihr Geschaft lautlos Alles war still nur der Rabe grammelte und krachzte zwischen den Reden der freundlichen Dame.

Sehen Sie, wie die Welt ist! sagte in diesem Augenblick wieder der Fremde, der hinter Siegbert stand.

Er musste, wahrend Siegbert die Blicke auf den Pavillon gerichtet hatte, von dem Hugel herabgekommen sein.

Sehen Sie, wie die Welt ist, sagte er mit schneidendem Spott. Gesetzt, der silberne Becher da, den der Alte da kaum an die Lippen bringen kann, kame plotzlich fort Was geschahe nun? Man wurde uns Beide fur verdachtig halten. Sie wurden nur Ihren Namen zu nennen brauchen, um gleich davon zu kommen; ich aber, weil ich ihnen ein herrenloser Bedienter zu sein scheine, wurde sofort arretirt, sasse sechs bis acht Wochen, bis ich nur inquirirt bin, dann wurde ich in zwei Instanzen hochst wahrscheinlich mindestens zu sechs Monaten Zuchthaus verurtheilt, und erst in der letzten entdeckte der alte Methusalem da selber, dass sein Rabe es gewesen, der den Becher gestohlen hat. Und warum? Das kommt Alles daher, dass Einer von Albums spricht und selbst nicht in Goldschnitt gebunden ist.

Sie kranken mich, antwortete Siegbert, wenn Sie glauben, dass ich Jemanden seines Rockes wegen geringschatzen kann. Ubrigens scheint Ihre Phantasie so mit Gerichtsscenen erfullt, dass ich mich zu furchten anfange und allerdings nicht zuruckbleibe, falls die Herrschaften da fortgehen und den silbernen Becher ohne Obhut zurucklassen.

Damit wollte Siegbert, uberdrussig der ihm nun lastigen Gesellschaft, rasch seine Mappe zusammenlegen und sich wirklich entfernen. Der Fremde streckte aber den dunnen knochernen Finger auf sein Skizzenbuch und sagte:

Erlauben Sie erst noch, mein Herr, dass ich Ihnen zum Dank fur Ihre Unterhaltung auf Ihrer Zeichnung einen Fehler sage!

Es sind deren viele, antwortete Siegbert kurz. Ich werde sie ein andermal verbessern.

Nein, nein, sagte der Fremde den Fehler bemerken Sie doch nicht. Sie haben da am Kreuz etwas nicht richtig gemacht.

An welchem Kreuz?

Dem da uber der Kirchthur. Sie haben sehen Sie die Enden der vier Kreuzes-Flugel bald mit einem dreiund bald mit einem vierblatterigen Kleeblatt bezeichnet. Sehen Sie aber hin; es sind immer nur vier Blatter. Nur die Tempelherren der alten deutschen Zunge hatten immer das dreiblatterige Kleeblatt.

Voll Erstaunen uber diese Auskunft sah Siegbert nach der Kirche und fand die Bemerkung ebenso richtig, wie fur ihn des fremden Menschen Kenntnisse in der christlichen Ornamentik uberraschend waren.

Wo haben Sie diese architektonischen Feinheiten studirt? fragte er.

Der Fremde sagte lachend:

Freimaurer sollte heut' Einer sein! Glauben Sie mir! dann macht er sein Gluck! Leider hab' ich's verpasst, als ich's konnte, und jetzt nimmt mich keine Loge mehr auf. Oder bin ich zu jung? Doch was das Kreuz anlangt, so hab' ich Das von vielen Hausern her in der Stadt da unten! Diese Hauser gehorten fruher dem Orden der Tempelherren an. Dann kamen sie an die Johanniter, von diesen an die Stadt. Die Stadt hat aber mit dem Staat seit Jahren einen grossen Process daruber, bei dem Millionen auf dem Spiele stehen, viel alte Hauser und eine Menge anderer Liegenschaften aus alten Zeiten her, die aber an den Kreuzesenden Vierblatter hatten warum weiss ich nicht ist auch wenig daran gelegen drei oder vierblatterige Kleesaat das Vieh frisst Alles durcheinander.

Damit ging er wieder, eine abscheulich gleichgultige Miene schneidend, auf die schon vorhin von ihm geknickten Kornahren zuruck und warf sich, eine Arie trallernd, auf seine alte Lagerstatt, als ware sie sein gewohnlicher Aufenthalt.

Nun wieder zu sehr erregt und gebannt, um sich entfernen zu konnen, wollte Siegbert noch eine kurze Weile bleiben. Wie er so wieder zu zeichnen anfing und das Kreuz nach des Fremden Angabe verbessern wollte, kommt aus dem Garten der alte Diener zu ihm heruber und uberreicht ihm im Auftrage seiner Herrschaft eine reiche Spende Weines in einem grossen krystallenen Wasserglase. Es ist heute heiss! war Alles, was der alte Mann als Veranlassung dieser Artigkeit dabei sagte. Siegbert, ganz betroffen, blickte zu dem Pavillon hinuber. Die holde, gute Dame grusste gar artig, winkte lachelnd und druckte Das, was eben der Diener gesagt hatte, in freundlichen, aber ihm nicht horbaren Worten und mit holden Blicken aus. Wahrend sie sprach, krachzte der Rabe, als fuhlte er etwas von Neid. Der greise Neunzigjahrige aber zeigte auch jetzt nicht die geringste Theilnahme, und erhob sich nun von seinem kurzen Mahle, ohne von Siegbert's Gegenwart oder von dessen Dank fur seine Aufmerksamkeit irgend Notiz zu nehmen. Die freundliche Dame folgte. Siegbert, befremdet uber all dies Plotzliche, Unerwartete, trank. Die Hitze war allerdings sehr druckend, und fast hatte er ausgetrunken, wenn er nicht fur den Fremden die theilnehmende Regung empfunden hatte, ihm Halbpart anzubieten. Er ging auf ihn zu und reichte ihm ins Kornfeld die beiweitem noch grossere Halfte des Pokals. Ein sonderbares Lacheln uberlief des Fremden Zuge, als er erst zogerte, dann aufstand und das dargebotene Glas mit einem Zuge leerte. In dem: Ich danke! das er vor sich errothend hinsprach, als er Siegbert den Pokal zuruckgab, lag ein Ausdruck von Gefuhl, der dem jungen Maler, gewohnt, scharf zu beobachten, nicht entging. Wie sich Siegbert umwandte und mit dem leeren Becher, den Diener suchend, dastand, war der Fremde plotzlich wirklich verschwunden. Nun kam aber der Bediente heran und that sehr erschrocken.

Gott sei Dank! sagte er, dass man Den da bei Zeiten entdeckte, und man lasst so sein Silberzeug unbewacht auf dem Tische liegen!

Wie so? Kennen Sie den jungen Mann? fragte Siegbert.

Ei wohl, sagte der Alte in unmodischer Livree; er hat den Prasidenten tausend mal um Arbeit ersucht und will heute gewiss wieder herein. Wir haben nichts fur ihn. Es ist ein gewisser Hackert, fruher Schreiber bei einem Notar. Ein verdachtiger Mensch! Sieh! Sieh! Das Silberzeug! Das Silberzeug!

Damit mass er nun auch Siegbert mit mistrauischem Blick und lehnte das Trinkgeld ab, das ihm dieser anbot. Er eilte, was er konnte, in den Garten zuruck, um den mit Silberzeug bedeckten Tisch rasch abzuraumen. Siegbert schuttelte den Kopf.

Der halt mich auch fur nicht geheuer! sagte er und wanderte, uber die Civilisation der neuen Zeit nachdenkend, sein Portefeuille unterm Arm, den Hugel hinunter, dem Dorfe zu wo er die Allee einschlug, die ihn zur Stadt zuruckfuhren sollte.

Noch einmal war es ihm, als sah' er durch das Kornfeld auftauchend des Fremden Hut. Doch ebenso rasch verschwand die Spur.

Zweites Capitel

Dankmar Wildungen

Die Pappeln der Allee sauselten von einem leichten Winde bewegt, der sich inzwischen lind erhoben hatte.

Links und rechts standen noch die Kornfelder in voller Reife oder waren von den Regenschauern in der verflossenen Woche nur in langen Schwaden niedergedruckt. Die Obstbaume, die im Felde standen, versprachen fur den Herbst eine gute Ernte. Bald kam das mit einem zierlichen Gartchen umfriedigte Hauschen des Chausseegeldeinnehmers, dann der Durchschnitt einer Eisenbahn, die sich quer uber die Strasse hinwegzog, und schon fingen einzelne Landhauser die unmittelbare Nahe der Stadt zu bezeichnen an.

Siegbert's traumerisches Gemuth hing noch eine Weile an der verlebten tempelheider Scene, bald aber verwischte sich der Eindruck, und sein Auge schweifte nur noch mit jener fast bewusstlosen Ruhe umher, die reinen Seelen eigen ist. Seine Gedanken konnten von einem Stein am Wege, von einem verdorrenden Baume innigst beschaftigt werden. Was er deutlicher ansah, entlockte ihm eine Betrachtung, und da er Kunstler war, hatte er den Vortheil, dem Vielen, was ihm in dieser Weise gerade kein Urtheil abgewann, doch immer, wenn auch mit fluchtiger Anschauung, eine eigenste Form abzugewinnen. Eine von dem niedergeworfenen Korn erdruckte Blume, ein dunkler Schmetterling auf einer noch stolzen, hohen Ahre sich wiegend, eine kleine Wolke wie ein durchsichtiger oder zerrissener Schleier durch den blauen Ather fliessend, Alles das waren fur ihn Ruhepunkte des Gefuhls und des innern Auges, die nur dann mit wirklich nachdenkenden Reflexionen abwechselten, wenn er einem Handwerksburschen begegnete, der ihm zu stolz schien, um sich das Almosen zu betteln, dessen er vielleicht doch bedurfte, oder wenn er steineklopfenden Chausseearbeitern oder der langsamen Arbeit zusah, wie einige wenige Hande ein Wohnhaus aufrichteten. Er glich darin den alten Kunstlern, dass er sich nicht ganz auf seine Kunst allein beschrankte, sondern, wie Michel Angelo, Tizian, Benvenuto Cellini, Rubens thaten, sich an den allgemein menschlichen Dingen gern betheiligte. Und wenn man ihm auch sagte, Rubens wurde sicher in seiner Farbung voller und uppiger gewesen sein, wenn er statt mit Staatsactionen sich mit seinem, wenn auch genialen, doch in der Ausfuhrung oft fluchtigen Pinsel allein beschaftigt hatte, so erwiderte er, dass Rubens, ohne den Verkehr mit der grossen Welt, in einer der Geschmacklosigkeit schon zusinkenden Zeit sich doch nicht die Fulle productiver Anschauungen wurde erhalten haben, die wir an diesem reichen Geiste bewundern.

Siegbert war schon der Stadt ziemlich nahe, als er aus einem rasch auf der Chaussee herrollenden Wagen sehr freundlich gegrusst wurde. Die Dame, die ihm nickte, gab dem Kutscher ein Zeichen zum Halten.

Siegbert sprang hinzu und erwartete einen Befehl; denn er wusste, Frau von Trompetta gehorte zu den immer bewegten und bewegenden Naturen.

Frau von Trompetta, eine kleine, dicke, kugelrunde Frau mit immer lebhaften Geberden, gesprachig wie ein Muhlrad, sass im ceriserothen leichten Sommershawl neben einer sehr einfach und bescheiden gekleideten gefalligen jugendlichen Blondine.

Bester Wildungen, rief Frau von Trompetta, man sieht Sie ja gar nicht mehr; man hort nichts von Ihnen! Nur Ihr schrecklicher Molay vertritt Ihre Anwesenheit in der Gesellschaft, und man weiss doch, dass Sie noch andere Flammen entzunden konnen, als diesen entsetzlichen Scheiterhaufen, in dem Sie sich leider auch als ein Tendenzmaler gezeigt haben.

Ich bin im Atelier des Professor Berg allerdings viel ofter zu finden als in der Gesellschaft, gnadige Frau, antwortete Siegbert.

Und wenn ich kame, wenn ich Ihre neuesten Arbeiten belauschte, wurden Sie wol fur uns arme Sterbliche, die nur bewundern konnen, ein Auge haben? Man weiss es ja. Ganz erfullt Sie nur die Eine, die Einzige, Melanie, die Unvergleichliche, oder wie Sie sie in Ihren Briefen nun anreden mogen, seit sie verreist ist.

Melanie? Sie sprechen von Melanie Schlurck? Allerdings ist sie verreist, antwortete Siegbert, und seine Wangen uberflog ein leichtes Roth; aber von einem Briefwechsel ist keine Rede. Ich weiss nicht einmal den Ort, wo sie sich befindet.

O Sie Heuchler! Warten Sie! Warten Sie! Zur Strafe mussen Sie einsteigen! Offne den Schlag, Christian! Ich muss mit Ihnen plaudern.

Gnadige Frau

Fraulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz, sagte Frau von Trompetta, auf die junge Blondine zeigend, die neben ihr stumm und ernst im Wagen sass.

Und ohne diese ihre Begleiterin weiter zu fragen, nahm sie keinen Anstand, Siegbert aufzufodern, einzusteigen.

Wir fahren nach Tempelheide, fuhr sie lebhaft fort, zu Anna von Harder, der Schwiegertochter des alten Prasidenten. Sie lernen dort die edelsten Wesen von der Welt kennen .....

Siegbert war unschlussig, ob er der Auffoderung folgen sollte. Aber das Gefuhl, das ihn schon den ganzen Tag beherrschte und in Spannung gehalten hatte, brach sich ihm in den Worten Bahn:

Vergebung, gnadige Frau, ich erwarte heute meinen Bruder Dankmar, ich muss nach der Stadt zuruck .....

Ihr Bruder Dankmar! spottete Frau von Trompetta lachelnd; immer Kastor und Pollux, David und Jonathan! Freilich ist bekannt, dass sich die Gebruder Wildungen in einem Grade lieben, der eigentlich das weibliche Geschlecht eifersuchtig machen sollte, wusste man nicht, dass es noch eine Melanie Schlurck gibt. Aber ich muss Sie doch sprechen, trotz Ihrer Eile, und so schlage ich vor, machen wir es umgekehrt; steigen wir aus und eine Viertelstunde begleiten Sie uns. Nicht wahr, Friederike Wilhelmine?

Das junge Madchen nickte ernst, hob ihre langen herabhangenden blonden Locken, die wie Mahnen schwer sich senkten, in die Hohe, ergriff den Sonnenschirm und war im Begriff, der etwas schwerfalligen, aber doch hochst lebhaften altern Freundin zu folgen.

Siegbert, uberrascht von der ihm ganz unerwarteten Zuvorkommenheit dieser ihm nur entfernt bekannten Frauen, offnete den Schlag und bot ihnen beim Aussteigen die Hand. Frau von Trompetta, eine Vierzigerin, hatte mit ihren runden, genahrten Formen bei dieser Operation Vorsicht nothig. Die Blondine, in weisser Kleidung und sonderbar genug mit schwarzem Gurtelbande, zeigte sich jetzt von schlanker Gestalt. Sie war nicht mehr in erster Jugendblute, vielleicht schon in der Mitte der Zwanziger.

Sie wussten also nicht, wo Melanie Schlurck ihre Sommervillegiatur halt? begann sogleich Frau von Trompetta im neckenden Tone. Sie scherzen! Ein so zartliches Verhaltniss! Ich wette, Sie waren in Tempelheide, weil Sie wissen, dass die auf diesem Wege zuruckkehren muss.

So sind Sie unterrichteter als ich es bin, wiederholte Siegbert. Da ich drei Tage lang nicht im Atelier war, hore ich erst von Ihnen, gnadige Frau, bestatigt, dass Melanie wirklich verreist ist.

Sie ist auf dem Schlosse Hohenberg, wohin sie den Vater auf Geschaften begleitete, antwortete Frau von Trompetta. Pinsel und Palette wurden bei Seite geworfen, Mandoline und Harfe an die Wand gestellt, rasch und zauberhaft schnell entschlossen, wie in Allem, was sie thut, war auch dieser Reiseplan gefasst. Das ist der Weg nach dem Schlosse Hohenberg. Genug, Wildungen! Thun Sie uns den Gefallen! Sie mussen noch heute mit uns zu Harders kommen. Da ist ein Park, ein chinesischer Pavillon. Da gehen Sie morgen, taglich, wieder hin, bauen sich eine Laube von Tannenzweigen, ein Weidenhuttchen, wie ich einmal aus Shakspeare bei Tieck in der Vorlesung mich entsinne, ein Weidenhuttchen Tieck sprach das Wort so zart und werfen, wenn Melanie auf der Ruckreise voruberfahrt, ihr Rosen und Vergissmeinnicht zu. Die gute Anna Harder hilft. O Das ist etwas fur Anna! Romantik! Romantik! Ach, Sie sollten diese himmlische Seele nicht schon kennen?

Ohne sich auf die Scherze wegen Melanie Schlurck, einer Schulerin des beruhmten Professor Berg, Scherze, die ihn mehr zu verwunden, als zu erheitern schienen, einzulassen, bemerkte Siegbert, dass er Anna von Harder seit heute schon zu kennen glaube, und erzahlte Alles, was ihm vor einer Stunde vor der Kirche zu Tempelheide begegnet war.

O Das ist ja herrlich! rief Frau von Trompetta. Das ist ja ganz Mittelalter! Anna als Burgfrau, der labende Becher, Sie der Troubadour! O so ist sie nun! Jeder Zug entspricht ihrem seelenvollen Herzen. Ich habe das Bild ganz vor mir. Sie zeichnen, Prasidents speisen. Anna's holder Sinn, gehoben von der Nahe des Friedhofs und der Kirche nicht wahr, sie trug schwarz? zart gedenkend des andachtigen Malers, fromm gedenkend der gastfreundlichen Spruche aus der Bergpredigt des Heilands, und der alte Johann gelb und blaue Livree etwas verschossen zwar aber liebevoll hochst liebevoll ein Becher Weins! Da, nehmet hin! Erquicke dich, Wanderer! Thu' es zu meinem Gedachtniss! Allerliebst!

Um Gotteswillen, rief Siegbert lachend aus. Sie thun ja so feierlich, gnadige Frau, als wenn es sich um die Einsetzung des Abendmahls handelte.

Frau von Trompetta blickte auf diese Bemerkung plotzlich sehr ernst. Friederike Wilhelmine von Flottwitz schlug gleichfalls die Augen nieder, und es trat eine Pause ein, die Siegbert gern benutzt hatte, um von der Begleitung dieser ihm wenig zusagenden Damen loszukommen. Er besann sich jetzt erst, dass Frau von Trompetta, trotz ihres leichten Tones und ceriserothen Shawls, zu jener gesellschaftlichen Fraction gehorte, die man in frivolen Kreisen Schwanenjungfrauen oder Diakonissen ausser Diensten nannte. Er besann sich, dass bei Gelegenheit der Erorterungen uber "innere Mission" Niemand ofter genannt wurde als Anna von Harder auf Tempelheide, Frau von Trompetta, Grafin Mauseburg und viele andere Damen, die Siegbert theilweise personlich kannte, und schon hoffte er, da er dieser Richtung nur sehr bedingungsweise zugethan war, mit seinem das heilige Abendmahl "profanirenden" Vergleiche loszukommen.

Es war aber nur eine vorubergehende Wolke, die sich auf die Stirn der beiden Damen gelagert hatte. Sie nahmen gerade jetzt erst den jungen schlankgewachsenen Maler, dem sein lockiges Haar, der blonde Kinnbart, sein weisser Hut, das schwarze Sammtrockchen, die weissen weiten Pantalons, das lose um den Hals geschlungene rothe Tuch sehr anziehend standen, in die Mitte, und Frau von Trompetta zogerte nicht, den plotzlich zerrissenen Faden des Gesprachs wieder weltklug anzuknupfen.

Sie sind ein Spotter, sagte sie. Man weiss, dass Sie leider nicht zu den Glaubigen gehoren. Professor Berg's Schuler wachsen alle etwas wild auf. Wissen Sie wol, dass ihm Das sehr schadet?

Freilich schadet ihm Das, sagte Siegbert, der sich nicht verstellen konnte, mit einiger Bitterkeit. Mein braver alter vortrefflicher Berg! fuhr er begeistert fort, und in der Erinnerung an den genialen, mannichfach zuruckgesetzten Lehrer funkelten ihm die Augen. Armer Berg, dass du den feierlichen Empfang des Prinzen Ottokar nicht zu malen bekommen hast! Welch ein Verlust fur dich, diese Uniformen, diese Guirlanden, diese weissgekleideten Madchen, die die neue Jubelhymne singen werden! Alles das sollst du nicht malen! Armer Rubens, der von Don Philipp von Spanien eine Bestellung entzogen bekommt und nichts zum Troste ubrig behalt, als dass er Rubens ist, ein Genius und ein freier Niederlander!

Bester Freund, sagte Frau von Trompetta, plotzlich den Ton andernd und mit grosser Bestimmtheit, wahrend es Siegbert schien, als wenn sich die Wangen des blonden Frauleins mit Zornesglut farbten; bester Freund, Rubens wurde weit weniger ubermuthig, weit weniger ehrsuchtig gewesen sein, wenn er in einer Zeit gelebt hatte, wo man malen muss, nicht was man selber will, sondern was gefallt. Ihr seid in Euerm schonen Atelier recht wild, recht zugellos! Grosse bewundernswerthe Talente! Aber sehr ungebundene Gesinnung!

Wir suchen das Schone, gnadige Frau.

Und spotten der Welt!

Und unser selbst.

Bei diesem Zugestandniss kehrte Frau von Trompetta, die etwas auf dem Herzen zu haben schien, wieder in ihren fruhern leichten Ton zuruck, hielt, da ihr das Gehen doch sauer wurde, einen Augenblick inne und sagte mit eigen-thumlichem Ausdruck:

Ein hubsches kleines Genrebild auf der Ausstellung bewies mir, dass Sie allerdings Ihrer selbst spotten! Ha, ha! Allerliebst! Professor Berg, der einem schonen Madchen Unterricht im Malen gibt und die Schuler, die diese Collegin, ohne dass sie es weiss, gleich als Modell benutzen Melanie Schlurck naturlich Siegbert Wildungen ..... ha, ha, ha vortreffliches Bildchen. Nicht wahr, Friederike Wilhelmine?

Siegbert biss sich auf die Lippen. Dieses Bild existirte und galt in der That ihm am meisten. Die Gruppe, die Frau von Trompetta andeutete, war vorhanden und gefiel sehr. Es war ein kleines Olgemalde von einem talentvollen Freunde, Namens Leidenfrost, das ihn und das ganze Atelier persiflirte. Denn wahrend die im Nebenzimmer unter Blumen malende Melanie Schlurck von den Schulern auf ihren Bildern bald als Gartnerin, bald als Tanzerin oder von Einem sogar als lockende Lurleynixe wiedergegeben wurde, hatte der portraitahnliche Siegbert, liebegluhend und liebeverblendet, sie als Modell zu einer Madonna benutzt und sie in Andacht wie der Himmlischen Eine verklart und im Heiligenschein gemalt. Das Bild wurde auf der Ausstellung viel bewundert von Allen und vielbelacht von Denen, die die Personen kannten.

Ubrigens glauben Sie mir, fuhr Frau von Trompetta fort, das Bild des Professor Luders: "Die Einholung des Prinzen Ottokar nach Unterdruckung der ostlichen Unruhen", wird dennoch seine Schonheiten haben; hier Fraulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz hat ihm erst heute dazu gesessen.

Himmel, nun besann sich Siegbert. Schon mehre mal hatte er den stolzen sichern Gang des neben ihm gleichgultig wandelnden Madchens bemerken mussen. Sie warf ihr schones Profil verachtlich in die Hohe und horte dem Geplauder ihrer altern Freundin nur mit halber Theilnahme zu.

Siegbert erinnerte sich. Diese junge, ihn wol tief verachtende Dame war ja jene patriotische Jungfrau, die sich in den letzten Parteikampfen den Namen einer Jeanne d'Arc erworben hatte. Tochter des pensionirten Oberstlieutenants von Flottwitz, Schwester von sieben Brudern, die in der Armee theils als Lieutenants ersten oder zweiten Grades oder noch als Cadetten vom Staate ehrenvoll versorgt wurden, hatte sie ein hubsches Talent des Reimens zu patriotischen Huldigungen an das angestammte Furstenhaus benutzt, auch in offentlichen Gesinnungskundgebungen war sie bereits so oft aus dem Kreise des Gewohnlichen heldenmuthig herausgetreten, dass man ihr unstreitig einen Anflug hoherer inspirirter Schwarmerei zuerkennen und den strengen Aufschlag ihrer grossen blauen Augen unter solchen Verhaltnissen bedeutend finden musste. Siegbert betrachtete sie nun nicht ohne eine gewisse Ehrfurcht. Denn dies feierliche Madchen war es ja, die neuerdings auch den sogenannten Reubund mit hatte stiften helfen. Eine Anzahl verwandter Seelen war ja aus eigenem freien Triebe vor kurzem zusammengetreten, um durch mancherlei Einwirkungen auf die offentliche Meinung dem Furstenhause zu erkennen zu geben, dass das Volk, fur dessen wahre Vertreter sie sich erklarten, die Art und Weise, wie es bei den letzten Sturmen den Fursten gewisse Concessionen abgetrotzt hatte, jetzt bereue. Keine Dame, die mit einem Offizier oder Beamten verheirathet war, unterliess es, sich in diesen Reubund aufnehmen zu lassen, fur dessen Seele und eigentliche hohere Schwinge Friederike Wilhelmine von Flottwitz gelten konnte. Wo nur irgend ein tapferes Regiment triumphirend zu empfangen, eine Kaserne mit zweckentsprechenden Blumen zu schmucken war, ordnete sie diese vom Reubunde unterstutzten Manifestationen in eigener Person an. Manchen Kuss schon hatten ihre jungfraulichen Lippen auf die Hande eines tapfern alten Generals gedruckt; zu ihrer seligsten Befriedigung auch schon einen auf die silberne Scharpe des Prinzen Ottokar, als dieser von der Unterdruckung einer anarchischen Bewegung im Osten siegreich zuruckkehrte.

Wahrend sich Siegbert uber diese unerwartete und jedenfalls hochst interessante Bekanntschaft in schweigende Bewunderung verlor, fuhr Frau von Trompetta mit immer festerer Bestimmtheit und ihres hohen Einflusses bewusst fort:

Ihr Bild, bester Freund, ist wunderschon, vortrefflich der Ausdruck des Molay und der Tempelherren, die mit ihm verbrannt werden, ich sage ganz hinreissend, aber -der Kunstverein ist schwierig. Wissen Sie's schon?

Ich weiss, was Sie sagen wollen, gnadige Frau, fiel Siegbert errothend ein, Propst Gelbsattel hasst Alles, was an den Lessing'schen Huss und die Physiognomieen der Cardinale erinnert, die ihn verbrennen liessen. Propst Gelbsattel bestimmt die Meinung des Kunstvereins; folglich wird man meinen Molay nicht ankaufen .....

Es ware nicht unmoglich, sagte Frau von Trompetta; allein, geben Sie mir den Arm man hat Connexionen, Gelbsattel protegirt mich, und Fraulein Friederike Wilhelmine interessirt sicher auch den Reubund fur den Ankauf Ihres Bildes. Aber dann muss ich mir bedingen, Wildungen, dass Sie mir auch in mein Gethsemane ein Blatt malen, horen Sie, dass ist die Bedingung! Wann darf ich Ihnen das Format schikken? Was wollen Sie malen? Und wann hab' ich Ihren Beitrag zu erwarten?

Siegbert war schon vollkommen unterrichtet, was das Gethsemane der Frau von Trompetta zu bedeuten hatte. Unter dem Titel jenes Gartens, in welchem der Heiland der Welt unter Thranen betete, ehe er den schweren Gang seiner Leiden antrat, beabsichtigte die ruhrige und in der systematischen Wohlthatigkeit unubertreffliche Frau ein Album anzulegen, in welches ihr die vorzuglichsten Kunstler die einzelnen Blatter, wie sich von selbst versteht unentgeltlich, malen mussten. Durch diese Zumuthung war die gute Frau freilich eine rechte Plage der Kunstwelt geworden, der Schrecken aller Ateliers; allein die loblichen, von dem Hofe protegirten Zwecke dieser Dame machten eine Weigerung, ihren Ansinnen zu entsprechen, kaum moglich. Das Gethsemane sollte, wenn es vollendet war, entweder vom Hofe angekauft und im Landesmuseum niedergelegt oder auf dem Wege einer Lotterie fur irgend einen glucklichen Treffer ausgespielt werden. Welchem barmherzigen Institut, welchem mildthatigen Zwecke der Ertrag dann zuzuwenden, behielt sich Frau von Trompetta noch vor, und man kann sich denken, wie sehr ihr deshalb von vielen Seiten ebenso sehr gehuldigt, wie von den unglucklichen gepressten Malern heimlich und wol auch offen geflucht wurde.

Um heute nur von ihr loszukommen und der durch diese Begegnung angeregten schmerzlichen Gefuhle Herr zu werden, sagte Siegbert in Gottes Namen zu und gelobte, auch seinerseits in das Gethsemane irgend ein frommes buntes Blatt zu stiften. Als er ihr feierlich die Zusage gegeben hatte, binnen vier Wochen seinen Beitrag abzuliefern, winkte Frau von Trompetta dem Wagen, der ihnen langsam gefolgt war.

Fraulein Wilhelmine, die unterwegs jeden Krieger, der ihnen begegnete, liebevoll und fast vertraulich gegrusst hatte (denn es war eine Hauptaufgabe des Reubundes, das durch jene erwahnten Concessionen untergrabene Selbstvertrauen des Kriegerstandes wieder mehr zu heben und zu kraftigen), wandte sich rasch dem geoffneten Wagenschlage zu, als belastige sie die Uberzeugung, dass Siegbert's Gesinnung der ihrigen nicht verwandt war. Frau von Trompetta aber hatte alle strengen Falten ihres Antlitzes nun verscheucht und lobte den jungen Maler uberdiemassen, dass er sie begleitet, vortrefflich unterhalten und vor allen Dingen sich fur ihr Gethsemane hatte gewinnen lassen. Beim endlichen Abfahren rief sie ihm noch zu:

Zur Belohnung, Wildungen, sage ich Ihnen, dass Ihr Bruder Dankmar angekommen ist. Ich sah ihn unter dem grossen Thorweg der Lasally'schen Reitschule.

Damit rollte der Wagen die Chaussee entlang, dem schon ganz nahen Tempelheide zu, dessen kleine Kirchenfenster in den goldener werdenden Strahlen der sich senkenden Sonne feurig heruberblitzten.

Mein Bruder schon da! rief es laut in Siegbert, wahrend er sich eilends in Bewegung setzte, um die verlorene Strecke wieder einzuholen. Diese abscheuliche Frau! Sie erfuhr von mir, wie sehnsuchtig ich den Bruder erwartete, und statt mir seine Ankunft sogleich herzlich mitzutheilen, schleppt die Falsche, die Heuchlerin mich den Weg zuruck nur um ihres Vortheils willen, um dieses zudringlich erbettelte Gethsemane! Welche Luge! Welche Verstellung und wie viel erborgter Schein einer Religiositat, die eine solche Seele nimmermehr wahrhaft erfullen kann!

Unser junger Freund war sonst zuruckhaltender in seinem Urtheil uber Andere. Eine Zeitlang tobte er so fort; dann tadelte er sich aber doch uber den raschen Ausbruch seines Unmuthes und lachte, des Bruders gedenkend, bald freudig auf. Sein gerechter Sinn sagte ihm sogar, dass doch wol nur die grosse Verschiedenheit der Richtung und Gesinnung ihn bestimmte, Das als ganz lugnerisch zu verdachtigen, was er eigentlich nur bekampfen konnte. Er fand sogar in Friederike Wilhelmine von Flottwitz einen gewissen Ausdruck der Seele, der ihn zwang, einen Augenblick langsamer zu gehen und uber sie nachzudenken.

Dies Madchen, sagte er sich mit einem leisen Anflug von Ironie, ist wirklich eine mittelalterliche Schwarmerin, ja eine Roland, eine Corday! Fur Das, was sie als besser und richtiger erkannt hat, gluht sie. Sie ist voll Dankbarkeit fur die Wohlthaten, die ihre arme Familie vom alten Staate erhalten hat und erhalt! Ohne die gesturzte Regierungsformen, die sie und in gleicher Lage der ganze Reubund wiederhergestellt wunschen, musste sie vielleicht darben: ihrem alten Vater wurde vielleicht etwas von den Subsistenzmitteln entzogen, auf die er nach den schrecklichen Muhseligkeiten des Friedensfusses von 1815 bis jetzt rechnen zu durfen glaubte .....

Siegbert lachte fur sich. Er hatte dem Professor Luders, der den Empfang des Prinzen Ottokar malte, etwas von der Begeisterung seines Gegenstandes gewunscht; denn er wusste von diesem Kunstler, dass nur die niedrigste Servilitat ihn zum Parade- und Uniformmaler gestempelt hatte. Er wusste, dass er das Portrait des inspirirten Frauleins wol treffen wurde in dem Momente, wie sie dem Prinzen Ottokar die Sabelquaste und Leibscharpe kusste, aber von der innern Seele, von ihrer Jeannen d'Arc-haftigkeit dabei, wusste er, wurde der oberflachliche Mann nichts wiedergeben.

Mehr aber als alle diese politisch-artistischen Empfindungen, beschaftigten Siegbert das vielfache Erwahnen und die Erinnerung an Melanie Schlurck. Er hatte sich so oft gelobt, dieses Bild von seinem innern Auge wegzubannen. Er hatte so geheimnissvoll selbst dem eigenen theuren, uber Alles geliebten Bruder dies Gefuhl verborgen gehalten, das er still fur sich in seinem Herzen hegte, und so oft, so oft vergebens mit Gewalt ausreissen wollte, und nun musste er sich mit seinem Heiligsten von dieser Frau profanirt sehen. Diese Trompetta, die seit einem halben Jahre alle Ateliers der Maler beunruhigte, hatte ihm sein Interesse fur eine Schulerin des Professor Berg abgelauscht. Einige indiscrete Kunstgenossen, besonders Heinrichson und Reichmeyer, hatten leichtsinnig den Commentar zu jenem Bilde des Max Leidenfrost ausgeplaudert, das ja moglicherweise ganz etwas Anderes bedeuten konnte und im Costume weit eher fur ein Atelier Tizian's als eines modernen akademischen Professors passte. Und auch uber dem Einzigen, was ihn fur diese so heraufbeschworenen Empfindungen hatte trosten konnen, seinem schonen, von allen Kennern, wie vom grossen Publikum theilnehmend umringten Bilde, dem Feuertode des standhaften und ehrwurdigen Comthurs des Tempelherrnordens Jakob von Molay mit dem edlen Ausdruck der Zeichnung und dem farbensatten Colorit der Ausfuhrung, hingen die truben Wolken einer Intrigue, wie er aus den Worten jener aller Verhaltnisse kundigen Frau nur zu deutlich vernommen hatte.

Ach, es trieb ihn nun recht, sich bald an das Herz seines treuen starken Bruders Dankmar zu werfen! Sehnsucht beflugelte seine Schritte. Er eilte wie Einer, den die Nacht zu uberfallen drohte, und doch schlich der milde, goldene Abend nur langsam uber die gelben Felder, die des Sonnenlichts nicht satt zu werden schienen.

Endlich bei den Garten und den Wirthshausern der Vorstadt schon angelangt, entdeckte Siegbert einen Reiter von der Stadt her traben. Er erinnerte ihn sogleich an Dankmar, und er war es auch, der theure, geliebte, seit einem Monat abwesende Bruder.

Er kannte sogar das Pferd in der Ferne. Es gehorte dem Stallmeister Lasally, einem fashionablen jungen Mann, der zu den Beaux der Residenz gehorte. Siegbert, um das schnelle Vorbeischiessen des Bruders zu verhindern, sprang mitten auf das Strassenpflaster, das hier schon die Chaussee abloste. Dankmar auf seinem Thiere stutzt, halt an, steigt vom Gaule und fliegt in die Arme seines Bruders, dem er entgegengeritten war.

Mensch, wo steckst du, begann sogleich Dankmar. Ich suche dich uberall, bis ich hore, du bist in Tempelheide. Ich wollte dir entgegenreiten, ich habe dir Wunderdinge zu erzahlen ....

Die nicht Zeit hatten bis zum Abend? fiel Siegbert lachend ein, und hielt dabei den Gaul fest, dessen Zugel Dankmar in der Freude der Begrussung sich fast hatte entgleiten lassen. Und ohne darauf zu erwidern fiel Dankmar ein:

Was thun wir nun mit dem Gaul? Jetzt ist das Thier fast uberflussig.

Du setzst dich wieder auf, meinte Siegbert, und ich gehe ruhig neben dir her.

Ruhig? Nebenher? Jetzt, wo ich endlich mein Herz von all den Dingen, die ich in Angerode erlebte, ausschutten, erleichtern will? Ich dachte, ich uberrasche dich noch in Tempelheide, stelle den Gaul dort in den Silbernen Mond, gehe mit dir ins Feld oder wir setzen uns in einen Garten, wo ich dir ungestort meine Herrlichkeiten bescheren kann

Das konnen wir ja noch, fiel Siegbert sich umschauend ein. Hier sind uberall Gasthauser und Ausspannungen. Da der Blaue Engel, hier das Goldene Ross. Pappeln und Linden und Kegelbahnen die Hulle und Fulle! Wo kein Garten ist, findet sich ein Wirthszimmer ....

Sieh! Da ist der Pelikan unten! Da muss ich ohnehin anfragen, ob Peters, der Fuhrmann von Angerode, angekommen ist. Wir wollen zum Pelikan.

Damit fuhrte Dankmar den Gaul neben sich her und begann nun, seines wunderlichen Aufzuges gar nicht achtend, wie Jemand, der sich eine wichtige Mittheilung aufspart, von gleichgultigen Dingen zu reden, vom Wetter, von der Stunde der Ankunft, von ihrer gemeinschaftlichen Wohnung in der Neustrasse, ihrer uberraschten Wirthin Frau Schievelbein, vor allen Dingen aber von ihrer Mutter in Angerode, die ihrem altesten Sohne Siegbert durch den jungern Dankmar viel, viel tausend Grusse und Kusse sandte.

Dankmar zeigte sich bald als ein leichter, lebensfroher, munterer Kopf. Er war etwas kleiner als sein alterer Bruder, erschien aber bei seiner geraden Haltung fast grosser als Siegbert, der sich nicht gut hielt und gern zur Erde niederbeugte. Dankmar hatte dunkleres, fast lichtbraunes Haar, scharfe braune Augen, frische Lippen, blendende, gesunde Zahne, einen um das Kinn gehenden stattlichen Bart und einen so zierlichen, ebenmassigen Wuchs, dass ihm seine gewahlte Toilette wie angegossen sass. Der leichte Reitfrack war bis zum Halse zugeknopft mit weissen metallenen Knopfen. An einer Stelle, wo er offen stand, sah ein rothes Taschentuch hervor. Sporen, Reitgerte, der schwarze Castorhut, Alles verrieth den sich mit Gewandtheit in der Welt bewegenden jungen Dandy, der aber in seinem Aussern nichts suchte und nicht im mindesten von seiner anziehenden Erscheinung eingenommen war. Sein Blick war geistreich, sein Lacheln schalkhaft und gleich nach den ersten Worten, die er sprach, sah man, dass der um zwei Jahre jungere Dankmar er war Referendar eines Gerichtshofes den traumerischen Siegbert an rascher Combination und energischer, ihres Zieles bewusster Thatkraft beiweitem uberflugelte.

Er hatte auch auf seine Umgebungen nicht die mindeste Rucksicht. Da sein Pferd am Zugel zu fuhren und zu plaudern, wahrend er sich an den Sattel druckte, bot ihm nicht den mindesten Zwang.

Siegbert aber, dem alles Auffallende angstlich war, meinte gleich, zum Pelikan sei es doch noch zu weit, er solle sich wieder aufsetzen, denn schon hatten sich Neugierige genug um sie versammelt.

Dankmar that Das nicht, und der Strassenjugend rief er zu, ob sie Maulaffen feil hatten. Noch sinnend, wozu er sich entschliessen sollte, horte er sich plotzlich angeredet. Um aller Verlegenheit ein Ende zu machen, trat Jemand, der hinter ihnen hergegangen war, hervor und fragte, ob er vielleicht den Gaul in die Stadt zuruckreiten sollte?

Siegbert wandte sich um und erkannte seine Bekanntschaft von Tempelheide, den ihm als Schreiber Hackert bezeichneten unheimlichen jungen Mann.

Hackert's Anerbieten wurde von seinem staubbedeckten Aussern sehr wenig unterstutzt, und Dankmar wollte schon aussprechen, dass er ganz so aussahe wie Einer, dem man einen Gaul anvertrauen konne, als der Andere sagte:

Ich kenne das Thier! Es steht bei Lasally im zweiten Stalle links. Wirklich, wenn Sie zu Fuss gehen wollen, machen Sie keine Umstande, ich nehme Ihnen die Sorge um das Thier ab und reite es in den Stall zuruck.

Dankmar sah sich den verlegenen Bruder an, der ihn am Kleide zupfte, als wollte er ihn warnen, sich auf das Anerbieten einzulassen.

Es ist schon gut, erwiderte Dankmar kurz, wir danken!

Ja so, fiel Hackert mit Bitterkeit ein, Sie glauben, ich konnte Ihnen mit dem Fuchs durchgehen. Ich dachte, weil mich doch der andere Herr schon kennt ....

Siegbert bejahte diese Berufung, doch mit einigem Zogern, das Dankmar in seiner Hast nicht bemerkte.

Das ist etwas Anderes! sagte er. Du kennst den Herrn? Dann steigen Sie nur auf und bringen Sie mir den Gaul gefalligst zu Lasally zuruck. Sagen Sie nur dem Levi Sie wissen doch

Dem Bereiter Levi

Ich wurde ihm sein Sattelgeld das nachste mal zahlen

Kann's ja auslegen

Bemuhen Sie sich nicht. Bin oft auf der Bahn. Das ist ja sehr gut! So! Steigen Sie auf! Schnallen Sie sich den Riemen langer. Alle Wetter, Sie haben verteufelt lange Beine!

Siegbert war jetzt eigentlich in Verzweiflung. Im Geiste sah er diesen verlorenen Gaul schon uber alle Berge; er sah den Stallmeister Lasally mit einer Rechnung von 30 Louisdors bereits vor ihnen, bereits einen falligen Wechsel, eine Verpfandung seines Bildes

Um Gotteswillen, raunte er dem Bruder zu, siehst du denn nicht? Das ist ja ein Proletarier!

Betroffen wandte sich Dankmar und sagte:

Donnerwetter! Was machst du mir fur Dinge! Ich denke du bist mit dem Kerl bekannt.

Dabei war aber Hackert schon im Sattel und schickte sich an, mit seinen abgelaufenen geflickten Stiefeln dem Thiere sogar noch ubermuthigst die Weichen zu kitzeln.

Halt da! fiel ihm Dankmar in die Zugel. So haben wir nicht gewettet. Ich glaubte

Was denn? richtete sich Hackert auf; doch nicht, dass man ein Spitzbube ist?

So etwas allerdings! Herunter! Steigbugel vom Fuss! Sind Sie des Teufels?

Hackert liess sich nicht irremachen und blieb. Plotzlich griff er, gluhend im Gesicht wie sein Haar, in die Rocktasche, holte ein schmuziges ledernes Portefeuille hervor, offnete es in lichterlohem Zorn blitzschnell, langte ein Packchen heraus und warf es mitten auf die Landstrasse, Dankmar fast an den Kopf, mit den Worten:

Galgen und Rad! Da haben Sie hundert Thaler zum Pfand! Und nun hol' Sie der Teufel!

Damit schlugen seine dunnen Beine an und fort sprengte er mit dem Miethgaul, den Thoren der Stadt zu, zum Gelachter der vielen Gaffer, die sich schon um die lebendige Scene versammelt hatten.

Siegbert hatte das Packchen aufgehoben. Er glaubte sicher und fest, ein Paquet Lumpen in der Hand zu haben, und war todtenblass vor Schrecken und Erwagung ihrer ohnehin bedrangten Finanzen. Wie erstaunte er aber, als er den Pack entfaltete! Es waren in der That Thalerscheine, dicht aufeinandergelegt und ohne Zweifel betrugen sie soviel, als auf einem Papierstreifen, der sie zusammenhielt, bezeichnet war: Hundert Thaler.

Wenn Der uns durchgeht, sagte Dankmar lachend, so hat er immer noch ein gutes Geschaft gemacht. Funfzig Thaler werden wir noch drauflegen mussen.

Nein, nein, brach Siegbert voll Beschamung und in freudigster Erregung aus, dieser Mensch ist ehrlich. Ich schame mich, ihn so verkannt zu haben. Himmel, warum soll denn Jeder, dem die Natur rothes Haar und eine unheimliche Gestalt gab, der Zufall abgetragene und bestaubte Kleider, auch den Charakter haben, den wir in unserer Furcht, in unserm jammerlichen Dunkel ihm aufdrucken? Dieser Mensch gibt sein Letztes hin, um zu beweisen, dass er ehrlich ist! Es ist der Stolz der Armuth, der ihn fortriss. Ich schame mich. Er war gross und wir sind klein.

Das muss ich sagen, fiel Dankmar ein. Eine schone Armuth, die hundert wohlgezahlte Kassenscheine mir nichts dir nichts aufs Strassenpflaster wirft ....

Es ist vielleicht das einzige Besitzthum dieses Menschen, fuhr Siegbert in seiner Erregung fort, ohne sich von Dankmar's leichterer Auffassung storen zu lassen. Der Zorn, von uns fur unehrlich gehalten zu sein, riss ihn hin, sein Alles zu opfern. Wer weiss, welche Sorge, welche Entbehrungen an diesem Gelde kleben! Dieser Mensch ist ein Schreiber, er heisst Hakkert. Ich weiss, dass er sich vergebens um Arbeit bemuht hat. Ich erfuhr, dass er dem Prasidenten des Obertribunals seine Dienste anbot. Aber man stosst ihn von sich, weil seine Augen ein unheimliches zehrendes Feuer haben. Man weigert ihm die Aufnahme in die gebildete Gesellschaft. Hatten wir ihm das Pferd anvertraut ohne Unterpfand, wer weiss, ob wir einem verlorenen verzweifelnden Gemuth nicht den Glauben an die Menschen wiedergegeben hatten! Wie bitter war sein Lachen, als er davonsprengte und seine Ehrlichkeit bezahlen musste! Ja bezahlen musste! Und ich selbst, ich selbst, ich ein halber Socialist, war der Mistrauischste und Kleindenkendste! Pfui, pfui! Ich schame mich uber mich selbst.

Ja, Das wird dir ubel bekommen, Bruder, fiel Dankmar spottend und mit grosser Geistesuberlegenheit ein, wenn du einmal wieder mit Max Leidenfrost einen Handwerkerverein besuchst und mitten in einem schonen Sermon uber Philanthropie und Socialismus das rothhaarige Fragezeichen da dich interpellirt, ob du der Burger Siegbert Wildungen warst, der dem Burger Hackert hiess ja wol der Kerl? ein Pferd auf der Landstrasse nur gegen eine Caution von hundert Thalern anvertrauen wollte? Armer Bruder, das kann dir deine ganze Popularitat kosten!

Und mit Recht! sagte Siegbert, der Reden Hackert's auf dem Kirchhofe gedenkend; mit Recht! Spotte nur! Ich weiss, was ich verdiene ....

Dabei steckte er behutsam die Summe, die in seiner Hand geblieben war, in die Brusttasche, vorsichtig untersuchend, ob auch nirgends eine Nath aufgegangen oder eine verdachtige Falte da ware und das ihm auf so wunderbare Art anvertraute Pfand unversehens entgleiten konnte. Die Bruder traten nun in den Thorweg des Pelikan, um unter dessen schutzenden Fittichen ein Abendessen einzunehmen. Dankmar hatte keine Ruhe mehr, uber den Bruder den langverhaltenen Strom seiner Neuigkeiten auszuschutten.

Drittes Capitel

Der Pelikan

Von dem wunderbaren Vogel, der sich selbst die Brust aufschlitzen soll, um seine Jungen vor dem Verhungern zu schutzen, war auf dem Wirthshause, das seinen Namen trug, ein holzernes, ziemlich verwittertes Abbild uber dem Thorwege zu sehen. Auch der rothe, blutahnliche Anstrich des zweistockigen, mit mehr Holz als Steinen aufgebauten Hauses erinnerte an jene Sage, die die Naturforscher leider nicht bestatigen wollen. Ob im Ubrigen der aufopfernde Geist eines Pelikans in dieser Fuhrmannsherberge waltete, musste erst die Rechnung ausweisen, die die Bruder spater zu bezahlen hatten. Vorlaufig sahen sie sich vergebens nach einem wurdigen Empfange um. Der Thorweg war leer. Keine dienende Pelikanschwinge flog ihnen entgegen und schon schickte sich Dankmar, ungeduldig das Pflaster des Thorwegs stampfend, an, einige allarmirende Donnerwetter in den stillen Sommerabend, in dessen Ruhe sich auch der Pelikan wiegte, und ein jetzt ertonendes Hundegebell zu schleudern, als plotzlich einem freudigen Aufschrei auf dem Hofe folgende, im Harzdialekte gesprochenen Worte sich anreihten: Ei der Tausend! Sind Sie's denn wirklich? Musje Dankmar und Musje Siegbert! Kennen Sie mich denn nicht mehr? Die Kathrine Bollweiler aus Thalduren, die bei Ihrem Herrn Vater selig gedient hat? Besinnen Sie sich nur! O Gott, o Gott, wie kommen Sie denn nur daher?

So und ahnlich variirte noch der Gruss fort, mit dem die beiden Bruder beim Eintritt in den Hof des Pelikans empfangen wurden. Hier unter halbabgeladenen Fuhrmannswagen, unter Strohhaufen, pittoresken und nicht nach Alpenflora duftenden Dungerhugeln, nicht minder stark parfumirten Stalleimern wurden sie von einer kleinen Frau begrusst, die eben aus der Kuche trat mit einer Schussel voll frischen Salats, an den dem Garten zu gelegenen Brunnen wollte, um ihn zu waschen, sie erst gross und starr anblickte und musterte und dann, die Schussel geradezu auf den Mist stellend, in obige Worte ausbrach.

Gruss Gott! Gruss Gott! Sie ist die Kathrine aus Thalduren! sagte Dankmar, die muntere Kochin erkennend. Das trifft sich ja gut und besser als gut! Wie kommt Sie denn funfzig Stunden weit vom Harze her in die Kuche hier vom Pelikan?

Aber Kathrine konnte sich nicht sammeln. Ihre Freude hatte noch nicht kraftigen Ausdruck genug gefunden. Besonders hing ihr Auge an dem Siegbert, der ihr freundlich die Hand bot.

Musje Siegbert! rief sie einmal uber das Andere. Ach, was fur Herren sind das geworden! Gesehen hab' ich Sie beide schon oft, wenn Sie hier vorbei gingen. Immer wollt' ich Ihnen nachlaufen und rufen: Pst! Pst! Aber ich hatt's Herz nicht und da dacht' ich: du sparst es dir einmal auf einen Sonntag Nachmittag auf, um sie lieber einmal ordentlich da zu besuchen, wo Sie wohnen; denn ich weiss, wo Sie wohnen, in der Neustrasse. Nicht wahr?

Das weisst du? sagte Dankmar mit gutmuthigem Spott. Und Sonntags Nachmittags? Sieh! Sieh! Gerade das ist die Stunde, wo wir immer ganz sicher zu treffen sind! Das hatte sich ja nicht schoner machen konnen, Kathrine Bollweiler.

Siegbert, den es ruhrte, eine Magd seiner Altern hier anzutreffen, und der Dankmar's Spott nicht leiden mochte, fiel ihm in die Rede:

Woher denn weisst du unsere Wohnung, Kathrine, und kommst nicht sogleich?

Das will ich Ihnen sagen! antwortete Kathrine und stellte die Schussel mit Salat vom Miste weg auf einen Strohhaufen, wahrend die Huhner gackernd herbeiliefen und der grosse Hofhund an der Kette, der anfangs ganz allein die Fremden mit seinem furchterlichen Bellen begrusst hatte, sich endlich beruhigte:

Mein Mann ist ja der Fuhrmann Peters aus Angerode, der alle Augenblicke einmal etwas bei Ihnen zu bestellen hat, und da hat er mir gleich, wie wir hierher zogen, gesagt, wo die Kinder meiner alten braven Herrschaft wohnen aber man kommt so schwer ab.

Abzugeben? Wohnen? fiel Dankmar hastig ein. Peters? Wo steckt er denn? Seinetwegen kommen wir ja hier in den Pelikan.

Ich pass' auf ihn jede Stunde! fiel Kathrine ein. Wir sollten ihn schon heute Morgen von Schonau her erwarten, was immer seine letzte Station ist, aber es muss ihm etwas passirt sein ....

Das will ich nicht hoffen! polterte Dankmar. Ich erwarte, dass er mir einen grossen Schrein bringt, der mir wichtig ist ....

Weiss ich ja, sagte Kathrine pfiffig. Hat's mir ja geschrieben von Angerode. Aber das Wetter macht zu heiss. Da zieht sich's langsam im Sande. Die Gaule verschmachten und die Fliegen thun auch das Ihrige. Heute Abend kommt er aber noch ganz gewiss. Es schwant mir so.

Weisst du was, Kathrine? Wir warten hier die Erfullung deines schwanenden Gemuthes ab. Kann man denn in diesem Pelikan ein Platzchen finden, im Freien, ohne Stallgeruch, einen Trunk aus gutem Keller, einen Nachtimbiss aus deiner bewahrten Kuche? Mir brenzelt's und prasselt's im Gemuth, seit ich dich sehe, wie von Eierkuchen und andern holden Jugenderinnerungen ....

Hurtig! Hurtig! rief eine feine, sonderbar keuchende Stimme hinter ihnen. Sie wandten sich um und bemerkten eine dicke Figur, die sich inzwischen zu den Redenden gesellt hatte. Ohne Zweifel war dies der Wirth zum Pelikan. Der stattliche Herr war im leichtesten Sommernegligee. So fett, dass sein Schweiss, wie Falstaff sagt, die Erde spicken konnte, beforderte er auch in seiner Kleidung diesen heilsamen Einfluss auf die Fruchtbarkeit des Bodens, Hals und Brust offen, die Hemdarmel aufgestreift. Er schien unter dem hohen Stand des Thermometers schrecklich zu leiden. Keuchend und mit dunner Stimme sagte er:

Hinter der Scheune ist ein Garten, meine Herren, und die Kegelbahn. Aber Wochentags kommt keine Gesellschaft. Wenn's Ihnen nicht zu still da ist und zu einsam ...

Grade recht, wenn's still ist, fiel Dankmar ein. Und nun, Herr Wirth, Zauberwinke! Herrscherbefehle! Bier, Wein, Cotelettes, Salat ....

Nein, Eierkuchen! fiel Kathrine lachend ein. Eierkuchen, wie man ihn in Thalduren backt.

Eierkuchen, wie man ihn in Thalduren backt! riefen die Bruder fast im einstimmigen Ton.

Der dicke Wirth lachte und wackelte voraus, ihnen das Gartenstacket zu zeigen. Kathrine hinterher voll seliger Freude. Sie war sauber und reinlich gekleidet; die Haube, ihren verheiratheten Stand anzeigend, bedeckte das Gesicht einer noch recht schmucken Dreissigerin. In ihrer Zerstreuung nahm sie die Schussel voll Salat mit in den Garten.

Frau Peters, was soll denn der Salat wieder im Garten? fragte der Wirth und lachte.

Ach, ich bin ganz confus! sagte Kathrine Peters und schlug sich vor die Stirn, indem sie nun wieder nicht wusste, sollte sie an den Brunnen oder in die Kuche oder im Garten ihren jungen Pfarrerssohnen aus Thalduren einen Platz anweisen, der ihr der schonste schien.

Geh sie nur in die Kuche, Frau Peters! Ich werde die Herren schon zurechtweisen!

Dies kraftige Wort des Wirths gab den Ausschlag.

Gut, Gevatter! sagte sie, nahm ihren Salat und kehrte in den Hof zuruck. Eins, zwei, drei und Sie sollen prachtig bedient sein!

Durch einen kleinen Garten von Rasen, Gemusebeeten und einigen Obstbaumen vom Pelikanwirthe gefuhrt, fragte Siegbert:

Ei der tausend, Herr Wirth? Die Kathrine nennt Sie Herr Gevatter?

Das kann sie, antwortete der Dicke schnaufend, sie kann's, weil ich's bin. Die Peters ist sozusagen nicht blos meine Magd, sondern sie fuhrt mir sozusagen die ganze Wirthschaft. Mein Weib ist todt, und den Spectakel mit den Magden hatt' ich satt. Da sagt' ich zu meinem alten Freund Peters, der schon seit zwanzig Jahren bei mir einkehrt und mein Gevatter ist von Kindern, die todt sind: wusst' ich eine brave Frau in gesetzten Jahren, die mir Ordnung im Hause hielte, ich heirathete wieder. Thue Das nicht, Alter! meinte Peters. Sieh! Ich mache dir den Vorschlag, ich ziehe von Angerode daher. Die Eisenbahnen machen unsere Fuhren immer leichter; es dauert eine Ewigkeit, bis so ein Wagen jetzt voll geladen ist und abgehen kann. Da lieg' ich denn auf der Barenhaut und bin mehr hier als in Angerode. So muss ich zwei Wirthschaften fuhren. Besser ich ziehe hierher und sorge nebenbei fur deinen Stall, da du alter Kerl bald so dick wirst, dass du nicht mehr hinein kannst, wenn du dir keine breitere Thur baust. Nun, und Das bin ich eingegangen, und das Ende vom Lied ist, dass der Peters seine Wirthschaft hier herubergefuhrt hat und die kleine Gevatterin hier jetzt uns Alle im Sack hat. Mir ist's recht. Sie sehen, ich komme nicht dabei zuruck.

Der behaglich schmunzelnde Wanst ruckte den Brudern am Ende der Kegelbahn dicht an einem Bach, der den Garten begrenzte, einen Tisch zurecht. Das Platzchen lag gar angenehm im Grunen. Ein voller Apfelbaum beschattete den Tisch mit seinen zackigen Asten. Die im Untergehen begriffene Sonne warf ihre letzten rothlichen Strahlen heruber. Kafer summten, Vogel zwitscherten von den Nachbargarten her. Sie konnten fur die Mittheilungen, die dem ungeduldigen Dankmar auf der Zunge brannten, keinen stillern Ort finden. Schon kam auch Kathrine wieder zuruck mit vollen Flaschen, einem Windlichte fur die Cigarren und einem Teller voll groben und feinen Brotes zur beliebigen Auswahl.

So! sagte sie; da sitzen Sie ja schon traulich beisammen. So schon wie in Thalduren ist's freilich nicht. Die Aussicht fehlt aber so ein Platzchen gab's doch auch im Garten hinterm Pfarrhause. Und der Herr Vater Gott hab' ihn selig! wie gern sass der so Abends im Freien, wenn die Sonne unterging, und sprach dann wie ein Buch, trotzdem dass er's schwer auf der Brust hatte. Ich sagt's gleich, als es hiess, er ist Oberpfarrer in Angerode geworden. Ich war dazumal schon uber sechs Jahre an den Peters verheirathet. Ich sagt's gleich, als er in das alte steinerne Pfarrhaus von Angerode zog, da hat's keine Luft fur den braven Herrn und seine kranke Brust. Alles von Stein da und die hohen Zimmer und keine Warme, wenn auch die Ofen gross genug waren und das Freiholz nicht gespart wurde. Wie lange hat er's drin gemacht? Zwei Jahre! Du lieber Heiland, der brave Mann! Wohnt denn die Mutter noch ihr Witwenjahr in dem Hause? Ich weiss, sie haben's ihr nehmen wollen. Feinde hatte Ihr Herr Vater immer; Das wussten Alle und Keiner begriff's warum? So ein engelguter Herr und doch sollt' er nicht in die Stadt kommen, bis es vor seinem Ende doch sein musste und da war's sein Tod. In dem kalten Ritterhaus!

Frau Peters, der Eierkuchen! rief der Wirth zum Pelikan, der neugierig zugehort hatte, dann aber die traumerische Versunkenheit seiner Gevatterin nun im Interesse der Bedienung vom Vergangenen doch aufstoren zu mussen glaubte.

Es ist auch wahr, fiel die ganz weinerlich gewordene Frau ein und lief hurtig wieder davon.

Nun lassen Sie's sich gefallen, sagte der Wirth zu den durch die Erinnerung an den Vater bewegten Brudern; wie Sie's finden, ist's einmal, und wenn Sie Etwas wunschen, was wir haben, so rufen Sie nur!

Damit setzte er seinen schwerfalligen Mechanismus in Bewegung, wieder dem Hofe zu, und liess die Bruder endlich allein in behaglicher, stiller Ruhe.

Ein eigenes Zusammentreffen, begann Siegbert und fuhlte an die Tasche, ob er sein anvertrautes Pfand, die hundert Thaler, auch noch bei sich hatte; diese Kathrine hier im Pelikan! Wir waren wol Jungen von etwa zwolf und vierzehn Jahren, als sie einen Fuhrknecht heirathete. Wir selbst kommen uns kahl und schaal, zwecklos und ziemlich unnutz in der Welt vor, und ihr gehen wir auf wie die Engel und Propheten! Der Mensch weiss nicht, was Einer dem Andern ist! Sie hat nach uns geforscht, und beobachtet, ein Wiederbegegnen mit uns fur ein grosses Lebensgluck gehalten, das sie sich auf einen schonen Sonntag Nachmittag, vielleicht nach der Predigt, aufsparte, und ich wette, sie traumte im selben Augenblick gluckselig von uns, wahrend wir uber irgend Etwas in Verzweiflung waren und keinem Menschen in der Welt von Wichtigkeit zu sein glaubten, als nur unserer Mutter und allenfalls unsern Glaubigern!

Daraus siehst du, theurer Communist, sagte Dankmar, indem er seine Cigarre an dem von Kathrine hingestellten Lichte anzundete, dass die Armen auch nicht so ganz elend sind, wie du dir denkst. Sie haben wirklich mehr Paradies als wir uns einbilden und selbst besitzen. Eine Landpartie Sonntags ist dem Handwerksmann eine so grosse Freude, wie dir vielleicht eine Einladung beim Prinzen Ottokar sein wurde. Doch lassen wir jetzt unsere socialen Betrachtungen und besprechen wir ernstere Dinge. Weisst du, bester Bruder

Nichts weiter! unterbrach ihn Siegbert, ehe du nicht die Hauptsache berichtet hast: wie geht's der Mutter?

Sie ist wohl, sagte Dankmar und schenkte die Glaser voll. Wohlan! Das geht voran! Die Mutter lebe hoch!

Die Bruder stiessen an. Die grossen braunen Methglaser wollten nicht recht klingen. Der Wirth zum Pelikan schien keinen Wein zu fuhren. Doch war das Bier schmackhaft und liess sich trinken.

Und nun, Bruder, fuhr Dankmar fort, hore mir zu! Es ist eine feierliche Stunde!

Ich bin begierig, welche Narrheit du auf dem Tapet hast, erganzte Siegbert, wahrend Dankmar sich rausperte und also begann:

Siegbert Wildungen, alterer Bruder des sehr ehrenwerthen Dankmar Wildungen, malendes Vorbild eines malerischen Referendars! Es kann dir nicht unbekannt sein, dass sich die Geschichte unsers Hauses in die altesten Sagen der Vorzeit verliert. Ich will nicht untersuchen, ob sich schon unter den Rittern der Tafelrunde ein Wildungen durch seinen Durst ich meine nach Abenteuern -auszeichnete; soviel ist gewiss, dass am Hofe Karl's des Grossen ...

Theuerster Bruder, fiel Siegbert ein, sparen wir unsere Genealogie fur lange Winterabende. Der Apfelbaum und die Johannisbeerhecken lachen uns aus, dass wir bei ihrem Duft in solchem alten Moder stobern. Johannisbeerhecken? fragte Dankmar und nahm dabei eine wichtige Miene an. Johannisbeerhecken?

Oder Stachelbeeren! Was scheidet uns da von den freundlichen Garten der Nachbarschaft? Der Bach und die Hecken ?

Johannisbeerhecken! In der That! wiederholte Dankmar hinuberblickend. Seit ich in Angerode meine Entdeckungen gemacht habe, stutz' ich bei Allem, was an Johannes, gleichviel ob den Taufer oder den Apostel, erinnert.

Bist du Freimaurer geworden? fragte Siegbert staunend.

Gewissermassen, ja! sagte Dankmar. Ich war so frei, in Angerode zu mauern, Wande zu durchbrechen und Johannisbeeren, ... sieh, sieh, in welchem Zusammenhange konnten wol diese Beeren mit einem der beiden Johannes stehen? Warum nennt man uberhaupt diese Beeren Johannesbeeren?

Ohne Zweifel hat sie der Taufer Johannes in der Wuste gegessen, erklarte Siegbert.

Oder ... weil sie um Johannis reif sind fiel Dankmar ein. Schade, dass meine Auslegung prosaischer ist!

Ich glaube, du bist narrisch, erwiderte Siegbert, ein wenig argerlich uber den Humor des Bruders, der heute nicht ganz in seine Stimmung passen wollte.

Genug, lieber Bruder, Johannisbeeren oder Stachelbeeren, fuhr Dankmar fort, soviel ist richtig, dass du selbst sehr eitel auf den alten Ursprung unserer Familie bist; denn auf deinem Molay hast du einen deutschen Tempelritter angebracht, der mit dem franzosischen Heermeister des Ordens stirbt, in deinen Flammen, die wunderschon gemalt, aber in dieser Weise historisch nicht motivirt sind.

Das that ich aus gutem Bedacht, antwortete Siegbert; denn ein Hugo von Wildungen war der Ahn unsers fruher adeligen Hauses, und wenn nicht Templer, doch Johanniterherr der deutschen Zunge in einem ehemaligen thuringischen Tempelhause.

Und Gott segne diesen Hugo von Wildungen! fiel Dankmar mit Lebhaftigkeit ein. Er hat dir den anachronistischen Frevel, ihn zweihundert Jahre vor seinem in Rom erfolgten Tode schon in Paris verbrennen zu lassen, aus Anerkennung deiner dabei gehegten guten verwandtschaftlichen Absicht gnadiglich verziehen. Denn wenn ich in Halle und Berlin mein Ol nur einigermassen nicht ganz verloren habe oleum perdere, lieber Bruder, eine schone lateinische Redensart fur: seine Collegiengelder zum Fenster hinauswerfen , so werden wir mit Hulfe dieses von dir verbrannten Hugo von Wildungen vielleicht Besitzer einer kleinen, runden, gemuthlichen Million.

Siegbert konnte uber diese Bemerkung nicht lachen; denn Dankmar sprach sie mit einem solchen Ernste, das Blut schoss ihm dabei so in die Wangen, der Eifer trieb ihn so convulsivisch vom Tisch empor, dass er im ersten Augenblicke glaubte, sein sonst so nuchterner, nur im Praktischen lebender Dankmar ware von einer fixen Idee befallen. Du staunst? fuhr Dankmar fort. Aber ohne einen triftigen Grund habe ich keine so wahnsinnige Eile gehabt, dich zu sprechen. Ohne einen solchen Sporn hatt' ich keine Sporen angeschnallt und mich auf einen jetzt vielleicht mit dreissig oder funfzig Thalern Verlust gemietheten Lasally'schen Fuchs gesetzt. Da musste etwas vorgefallen sein, Herz, was sich der Muhe verlohnte, den Hals zu brechen; denn ich hatte die Absicht, dich aufzusuchen, wo du nur zu finden warst, und nur dieser rothhaarige Proletarier, diese Kathrine Peters und die Johannisbeeren des Pelikans haben mich verhindert, dir Das sogleich mit der gehorigen Feierlichkeit anzukundigen, was mir seit funf Tagen wie gluhendes Feuer im Munde flammt.

Siegbert, erstaunend uber die Aufregung des Bruders, konnte nichts als, alle Gegenrede vermeidend, ihn bitten, deutlicher zu werden und in Ruhe zu erzahlen, was er ihm anzuvertrauen hatte.

Wohlan! Du bist von Thalduren und dem angeroder Lyceum zur Akademie gegangen, fuhr Dankmar, sich wieder setzend, fort, ich zur Universitat: wir haben in Angerode, aber nicht im Pfarrhause gewohnt, wo der Vater uns allzu fruh starb. Seine frommen Collegen gonnten ihm nicht, da zu wohnen, wo er sterben sollte: denn es war bekannt, dass er sich gern des alten Ursprungs unserer Familie ruhmte und von der Pfarrwohnung in Angerode, dem ehemaligen Professhause der thuringischen Tempelherren, im Scherz wie von einem Stammsitz seiner Familie sprach. Bei dem kurzen Besuche, den du gerade beim Tode des Vaters in Angerode machtest, wirst du dich des alten verfallenen Nebengebaudes an dem Tempelhause erinnern

Das ganze Gebaude, erganzte Siegbert, regte mich immer auf's lebendigste an. Das Tempelhaus zu Angerode ist einer der schonsten Reste des Mittelalters. Die herrliche Facade mit den symmetrisch geordneten Doppelfenstern, deren zwei immer ein Spitzbogen vereinigt, die beiden Giebel, ganz erinnernd an das alte, restaurirte Haus des Martin Behaim in Nurnberg, und selbst der Anbau, den man nicht zur Pfarrwohnung geschlagen hatte, obgleich verfallen und in gedrucktern Formen gehalten, doch gar lauschig und traulich. Dieser Anbau gehorte so unzweifelhaft zu dem Ensemble dieser ehrwurdigen alten Niederlassung, dass ich mich freute, zu horen, wie nun auch diese Raume bestimmt sind, mit der Wohnung des kunftigen Oberpfarrers und dem Schulhause verbunden zu werden.

Und gerade in dem Augenblicke, erganzte Dankmar, wo diese Ubergabe erfolgte, kam ich nach Angerode. Man wollte der Mutter erst ihren einjahrigen Witwensitz im Hause streitig machen, es wurde mir leicht, ihr Recht bei der Stadt durchzufuhren. Schwieriger war es, ihr auch die Nutzniessung des Anbaus zu sichern. Sie selbst verzichtete darauf. Du weisst, wie wenig sie bedarf. Aber ich wollte vom Rechte nichts vergeben sehen und bestand darauf, dass ihr auch diese jetzt freien Raume zur Verfugung gestellt wurden. Es war das Archiv und die Bibliothek des ehemaligen Tempelhauses, spatern Johanniterhofes. Das war ein Hetzen mit den Gerbern und Seifensiedern der Stadt! Die Einen wollten in dem alten Gemauer ihre Felle aufbewahren, die Andern ihre Lichtdochte. Auch die Regierung kam und reclamirte den Ort zum Besten der wollenen Socken und leinenen Kostbeutel des Militairs. Aber ich trat als Advocat auf. Ich sagte ihnen: Diese Stadt Angerode hatte einst die Ehre, der Sitz eines reichen und machtigen geistlichen Ritterhofes zu sein. Der Orden hat die Wohlfahrt der Stadt begrundet. Als er in Folge der Reformation sich aufloste, wurde bestimmt, dass seine sammtlichen Besitzthumer in Angerode an die Pfarrei der St.-Johanniskirche ubergingen. Mit dem Tempelhause selbst geschah Dies. Eure Pfarrer konnten in den kalten grossen Raumen mit den steinernen Fussboden, die nur fur Ritter bestimmt waren, alle eines fruhen Todes an Gicht und Rheumatismus sterben, aber den Anbau nahmt ihr zu diesem und jenem profanen Zwecke. Aus dem alten Archiv und der Bibliothek machtet Ihr das Unwurdigste! Gott sei Dank! Jetzt ist der Fleisch- und Mehloctroi daraus vertrieben, denn Ihr Angeroder habt dem Staat den Mehl- und Schlachtzins durch directe Steuern abgekauft. Nun falle dieser Raum an Die, denen er gehort, an Eure Seelsorger oder deren Witwen! So sprach ich und ich hatt' es doch ohne Process nicht durchgebracht, wenn sich nicht politische Freunde gefunden hatten, die die Sache ordentlich nach einem Princip auffassten. Wie Das moglich war, weiss ich noch bis zur Stunde nicht; aber die Anbaufrage wurde Tendenzfrage, man machte einen Antrag bei den Stadtverordneten, und weil man Aufregung bei dem jungern Theile der Bevolkerung und der mir rasch zugethanen arbeitenden Classe furchtete, so hatten wir die Majoritat, und die neuen Gelasse fielen nicht an die reichen Gerber und Seifensieder, nicht an die Regierung, sondern an die Geistlichkeit und deren Angehorige.

Eine seltene Ausnahme in diesen Tagen, bemerkte Siegbert, wo dieser Stand eher herauszugeben als zu gewinnen gewohnt ist.

Der Stand that da nichts, fuhr Dankmar fort, das Recht und meine Popularitat entschied. Den alten angeroder Lyceisten kannten Alle, feierten Alle. Das Gefuhl, mit dem die grosse eisenbeschlagene Eichenthur, die von unserm Schlafzimmer in den Anbau fuhrt, von mir feierlich geoffnet wurde, entlockte der Mutter einen unwillkurlichen Seufzer, denn gerade da hatte das Sterbebett des Vaters gestanden. Da war er in deinen Armen gestorben, Siegbert, du kennst die Stelle. Die Thur krachte in ihren Angeln. Seit drei Jahrhunderten war sie nicht geoffnet worden. Der alte verrostete Schlussel lag so lange auf dem Rathhause! Ein Schlosser hatte einen ganzen Tag daran zu putzen, ihn nur einigermassen wieder brauchbar zu machen. Der Gewinn an Raumlichkeiten war nicht gering, aber da sie im verwildertsten Zustande sich fanden, konnte man sie jetzt schon zur Wohnung unmoglich heruberziehen. Da lagen die Acten der Mahl- und Schlachtsteuerschreiberei in Haufen aufgethurmt. Eine Auction erst entfernte sie. Von der Verbindungsthur stieg man einige Stufen hernieder und befand sich dann auf einem Gange, der mit Bildern alter Heiligen geschmuckt war. Ob Boisseree daraus etwas herausfinden wurde, was abgewaschen und mit Lack frisch uberzogen an einen Konig von Baiern als altdeutsche Schule sich verkaufen liesse, weiss ich nicht. Dunnbeinig genug sahen die Kriegsknechte und die heiligen drei Konige vom Morgenlande aus, die man da auf Holz geklext hatte

Still! Still, Dankmar! Deine Frivolitat wird bestraft, unterbrach Siegbert den Bruder, Kathrine hemmt deinen Redefluss und zwingt dir eine unwillkurliche Pause auf.

Dankmar sah sich um. Kathrine brachte den Salat und ihr schnittlauchduftendes Backwerk. Selbstzufrieden trug sie das gelbe Erzeugniss ihrer Kunst. Die sussesten Kindheitserinnerungen gingen den Brudern auf. Siegbert hatte sie gern gleich ausgesprochen, aber Kathrine fiel ihm ins Wort und sagte plotzlich mit trauriger Stimme:

Eigentlich sollt' ich gar nicht vergnugt sein, Sie so bedienen zu konnen. Lieber Gott, es vergeht doch kein Tag, wo nicht was Schlimmes kommt! Auf eine Freude immer zehn mal ein Ungluck.

Was ist denn, Kathrine? fragten die Bruder theilnehmend, schnitten aber schon tapfer ihr Geback in gleiche Theile.

Da fahrt ja eben, sagte sie klagend, der Fuhrmann von Quedlinburg voruber er spannt im Engel aus und erzahlt mir ein Ungluck mit meinem Peters.

Das ware! sprang Dankmar auf und seine Zuge verfarbten sich.

Nein, nein, sagte Kathrine beruhigend, es ist weiter nichts, als die Achse hat er gebrochen

Die Achse?

Und seine Ladung Mein Schrein? rief Dankmar.

Ist Alles, wie es sein soll; beruhigte ihn Kathrine; aber so niedergeschlagen, sagt der Fuhrmann, ist mein Mann, so rabiat hatt' er ihn angetroffen, als wenn er seine ganze Fracht verloren hatte.

Das ware mir schon! bemerkte Dankmar, sich nur mit Muhe sammelnd und auf dem Rasen hin und hergehend.

In Hohenberg ist's ihm passirt! berichtete Kathrine weiter. Wie? Das wird er wol erzahlen. Er muss in einer Stunde eintreffen, so lange hat's gedauert, bis das Rad wieder hergestellt war. Aber woher kommt's? Von den schlechten Wegen. Seit die Eisenbahnen sind, geschieht nichts mehr fur die Landstrassen, und doch muss man's segnen, dass es noch Gegenden gibt, wo der Gottseibeiuns selbst nicht mit Feuer und Dampf uber die Wiese fahrt. Schlimme Zeit! Aber jetzt lassen Sie's sich's schmecken und sowie er sich auf der Chaussee blicken lasst, meld' ich's an. Freude ist nicht viel an der Fahrt, wenn ein Fuhrmann auf eigene Rechnung fahrt und ihm 's Rad bricht.

Damit ging sie. Aber Dankmar hatte eine unbeschreibliche Unruhe. Das Essen mundete ihm nicht.

Ich hatte den Schrein nicht von mir geben sollen! rief er einmal uber das andere und rannte dabei auf und ab.

Aber beruhige dich doch nur mit deinem Schrein, sagte Siegbert. Ist denn das die Bundeslade selbst? Du horst ja, dass sie da ist

Ehe ich sie nicht sehe, mit Handen greife, habe ich keine Ruhe mehr

Siegbert musste lachen und meinte:

In meinem Leben hab' ich nicht gesehen, Dankmar, dass dich etwas so ernst stimmen kann wie dieser Schrein. Was hat es denn mit diesem Heiligthume? Man mochte glauben, es enthielte das goldne Vliess und kame direct aus Kolchis.

Siegbert, sagte Dankmar, seit einer merkwurdigen Nacht, die ich in dem Anbau des Tempelhauses zubrachte, ist mir nichts mehr so wichtig wie dieser Schrank ...

Den du hoffentlich aus dem Eigenthum der Stadt Angerode nicht mitgenommen hast ...?

Allerdings hab' ich Das. Dieser Schrank enthalt Schriften, die sich lediglich nur auf uns und unsere Familie beziehen

Fingirte Memoiren des Johannesritters Hugo von Wildungen, sagte Siegbert lachend, deine ersten schriftstellerischen Versuche im Geschmack der Bernsteinhexe oder der schlesischen Sybille, die man so lange fur echt bewunderte, bis sich entdeckte, dass irgend ein ruhmsuchtiger pommerscher Landpastor oder ein gelangweilter schlesischer Stadtschreiber diese Marchen erfunden hat!

Spotte nicht! sagte Dankmar, in drei Jahren werden wir anders sprechen.

Sich setzend und ohne viel Appetit seinem Abendimbiss massig zusprechend, fuhr er nun in seinen Mittheilungen fort und erzahlte dem erstaunenden Bruder die Entdeckung von Thatsachen, die in das Leben dieser beiden jungen Manner merkwurdig genug eingreifen und auch uns im Laufe dieser Erzahlung mannichfach beschaftigen sollen, wenn wir auch gestehen, dass die Bruder selbst ohne Dankmar's Traum von einer Million beneidenswerth waren. Sie hatten Geist, Herz, Talent, jede Anwartschaft auf eine gluckliche Zukunft. Ihren reichsten Schatz aber kannten sie nicht einmal. Es war dies die goldene poetische Jugend, die Jugend mit dem Zauberstabe, der Quellen aus Felsen schlagt, luftige Palaste in den Wolken bewohnbar macht und jeden schon am Gemuthe prickelnden Schmerz, jede kleine schon am Herzen nagende Tauschung mit dem Troste heilt: Du bist jung! Noch gehort dir das ganze Leben, noch gehort dir die ganze Welt!

Viertes Capitel

Der Schrein im Tempelhause

Eines Abends, erzahlte Dankmar, lockte mich der Ton der Orgel in der Johanniskirche, deren Sacristei mit dem Tempelhause durch jenen Anbau verbunden war, in den grossern Saal, in welchem einst die jetzt verschwundene Bibliothek des Ordens stand, und die kleinern Nebengemacher, wo sich sein Archiv befunden haben soll. Es war eine gewisse Ordnung in das Hauschen gekommen. Die alten geistlosen Schreibereien uber Rinder und Mehl waren entfernt, das Erdgeschoss war vom Schmuz, das obere Stockwerk vom Staube gereinigt. Unten sollte eine Waschkuche angelegt werden, ein Trockenplatz fur den Winter, oben der kleine Saal, einfach gewolbt, und die Nebenzimmer trocken und warm, standen unserer Benutzung anheimgegeben als Wohnzimmer. Es ware in ihnen traulicher zu hausen gewesen als in den hohen Zimmern des grossen Prunkgebaudes nebenan. Die Orgeltone in der Johanniskirche kamen von einem jungen Schullehrer, der sich zum nachsten Sonntagsgottesdienste ubte. Es war mir eine eigene Empfindung, wenn ich zuruckdachte an die fruhere Bestimmung dieses ganzen alten Tempelhofes. Man hat noch viel zu wenig uber den Zweck, die Bedeutung und die Schicksale dieser alten Ritterorden nachgedacht. Ihr Ursprung ist marchenhaft und dunkel, ihr Ende sicherlich nicht so, wie es erzahlt wird und gleichsam zu Protokoll gegeben ist. Wer kennt die geheimen Faden, die aus den Bauten der Indier heruberreichen in den Tempel Salomon's und das Grab des Erlosers, das die Tempelritter huteten? Wer weist nach, welche noch geheimern Faden sich von ihnen bis in die neuere Gesellschaft ziehen, wahrend wir jetzt schon wissen, dass vielleicht die Freimaurer, trotz alles Leugnens der Forscher, das Geheimniss der Tempelweihe in sich aufnahmen! Diese geistlichen Ritterorden standen zwischen den Weltlichen und zwischen den Geistlichen in der Mitte, vom Papste und den Konigen zugleich geehrt und zugleich verfolgt und immer ehrwurdig durch sich selbst, durch ihre Entsagung, durch ihre Tapferkeit. Sie retteten die Weltlichkeit vor allzu gedankenloser und unheiliger geistiger Richtung, sie retteten den geistlichen Stand vor allzu monchischer Verdummung und thatenloser Beschaulichkeit. Das Schwert war ihre Inful, der Mantel mit dem Kreuze ihr Pallium. Lass mich's dir sagen, Bruder, heute zum ersten male in Worten, die meiner stillen Bewunderung ein lautes Zeugniss geben, dass dein herrliches Bild, der Feuertod Jakob's von Molay, auch mich tiefinnig ergriffen hat. Ich habe dir bisher nur in lauer Weise, scherzend fast, daruber gesprochen, weil du weisst, wie ich dich verehre, und wie Alles, was von deiner Kunstlerhand kommt, mir schon von selbst sich anpreist. Aber ich sehe ein, dass Diejenigen wenig verstehen, mit schaffenden Genien umzugehen, die nicht Alles und Jedes, was diesen entstammt, immer wieder neu begrussen, neu anerkennen. Nichts kann im Kunstler eine blosse Fortsetzung seiner einmal aufgezogenen Thatigkeit sein. Jeder Gedanke, den er verkorpert, entspringt aus einer neuen Offenbarung seines Geistes, die heute durch die Luft, morgen durch Feuer und Wasser zu ihm spricht. Vergib mir, dass ich dir erst heute so theilnehmend und hingegeben von deinem Werke rede!

Dankmar! sagte Siegbert tief geruhrt und ergriffen. Eine Thrane stand ihm im Auge, er fasste zitternd des Bruders Hand, die dieser an sich zog und ans Herz druckte. Dankmar! Du bist gut! war Alles, was Siegbert sagen konnte.

Ja, fuhr Dankmar begeistert fort, die Prophezeiung, die man dir und dem so fruh sich verrathenden Genius des Knaben stellte, erfullt sich doch wunderbar. Erlebte Das der Vater, der so fruh auf unsere Gaben lauschte, und in mir nur den kalten Verstand des Advocaten, in dir die Warme und das Talent des Kunstlers entdeckte! Hat er uns nicht gepflegt wie zarte Pflanzen, geschutzt vor rauhem Sturme der Sorge; hat er nicht selbst gedarbt, um uns den Weg des Glucks zu bahnen?

Auch Dankmar's Augen zitterten. Auch ihm feuchteten sie sich. Seine Nerven schienen erregter als sonst. Es musste mit dieser starken, metallenen Natur wirklich eine gewaltige Erschutterung vorgefallen sein, dass sie einmal so ihre gewohnliche Weise von sich warf. Doch war es nur ein Augenblick. Wahrend Siegbert seinen Gefuhlen der Erinnerung an einen sorgsamen, liebenden, zu fruh dahingegangenen Vater freien Raum liess, fuhr Dankmar, schon wieder gesammelt, fort:

Alles Das bewegte mich in dem Bibliothekzimmer der Tempelherren beim Klange der Orgel aus der St.-Johanniskirche. An die kahlen Wande zauberte ich mir dein Bild. In dem dunkeln, von den Flammen rembrandtisch erhellten Vorgrunde, das Antlitz Konig Philipp's des Schonen, der am Vorsprung eines Fensters es wagte, dem Tode der Opfer seiner Habgier beizuwohnen, neben ihm der Legat des Papstes, der seinem noch zogernden und vielleicht nicht ganz erstickten Ehrgefuhl den Muth zuzusprechen scheint, diese Hinrichtung deshalb zu wagen, weil die Tempelherren falsche Gotzen anbeteten und gotteslasterliche Ceremonien ubten! Auf hundert Schritte von diesen beiden Kopfen, neben denen sich im Vorgrunde eine Reihe anderer mit dem gemischtesten Ausdrucke und in wunderherrlicher Flammenbeleuchtung hinzieht, der edle Ordensmeister auf dem Holzstosse, hinter und neben ihm einige andere dem Tode geweihte Ritter, alle von den Flammen umzungelt und glucklicherweise im Rauche schon erstickend, ehe sie noch das grausame Feuer erreicht. Die weissen Ordensmantel mit den eingestickten Kreuzen wehen schon angesengt und halb verbrannt im Winde. Hier und da sieht man unter ihnen noch einen geschuppten Waffenrock und auf der Brust das Wappen der Ritter, wozu du bei einem, der dem Vater ahnlich sieht, unser altes Wappen nahmst und dir darunter Hugo von Wildungen dachtest. Uber dem Ganzen aber im Wiederschein des Qualms und der Flammen gegen den reinen Ather schwebt eine wie zufallig aufflatternde Taube, die so majestatisch in dem feurigen Lichte schwebt, dass sie Jeder fur das Symbol des siegreich aufsteigenden heiligen Geistes erkennen wird.

Ich entlehnte, fiel Siegbert lachelnd uber des Bruders Beschreibung seines Bildes ein, ich entlehnte diesen Gedanken der Sage vom Feuertode des Johann Huss.

Gleichviel, fuhr Dankmar fort; auch von diesem Aschenhaufen des Jahres 1314 stieg die Taube der Unschuld, das Symbol der Liebe empor, wenn auch vielleicht noch nicht das der Gedankenfreiheit, in dem ich mir lieber einen Adler mit trotzig ausgebreiteten Schwingen denken mochte. Der in Frankreich, Italien und England aus Habsucht verfolgte Orden erhielt sich langere Zeit in Deutschland, wo ihn, wie manchen andern bessern Gedanken, gerade die Zerrissenheit des Staats zu retten schien. Ein Furst gonnte des Ordens Besitzthumer dem Andern nicht und so ware er vielleicht von allen verschont geblieben, wenn ihn eine Bulle des Papstes nicht gezwungen hatte, ein Nebenzweig des Johanniterordens zu werden. Auch im Harze hatte der Orden Tempelhofe, und sandte von ihnen Ritter aus, die fur das Grab des Erlosers in Syrien kampften. Als die Tempelherren Johanniter wurden, kampften sie auf Rhodus und Malta. Andere standen im Dienste der Republiken Venedig und Genua, immer um gegen die Unglaubigen und fur die Wiedereroberung des heiligen Grabes zu fechten. Sie gewannen dabei kostbare Schatze, die jedoch nicht ihnen, sondern dem Orden gehorten. So hatte Hugo von Wildungen dem in einen Johanniterhof verwandelten Tempelhause von Angerode die uneigennutzigsten Dienste geleistet, als die Reformation sich im Harz ausbreitete, die Kloster entvolkerte und auch die Ritterorden auflosend ergriff. Noch wurde im Schoosse des erschutterten Ordens die Partei, die am Papste festhielt, von dem katholischen Fanatiker Heinrich von Braunschweig geschutzt. Noch fielen die Anhanger der Reformation am Fusse des Harzes auf dem Blutgerust oder schmachteten in Heinrich's und Georg's von Sachsen tiefsten Kerkern. Aber der Geist der Zeit unterstutzte alles Das nicht mehr, was nur noch durch die Scharfe des Schwertes behauptet werden konnte. Auch der Johanniterhof von Angerode rustete sich zum protestantischen Glauben uberzugehen, und wandte bereits den Ertrag seiner Reichthumer dem zum Orden gehorenden Adel als in seiner Familie erbliche Besitzthumer zu. Dagegen trat jedoch Hugo von Wildungen auf, er, der Einzige, der katholisch blieb, er, der es noch da zu bleiben wagte, als auf Heinrich und Georg Regenten folgten, die der Reformation huldigten. Nach der Schlacht von Muhlberg, als die deutschen Fursten in Halle vor Karl dem Funften knieeten und er ihnen zur Beruhigung zurief: "Nicht Kopf abe!" bestatigte der Kaiser feierlich den St.-Johannesritter Hugo von Wildungen als Comthur und alleinigen Vertreter der Rechte des katholisch gebliebenen Johanniterhofes von Angerode. Mit dem Heere des Kaisers aber zog auch seine Macht ab. Die abtrunnigen Ritter liessen sich von einem Papier aus ihrem Raube nicht verdrangen und Hugo von Wildungen musste weichen. Um ihm aber, den Alle achteten, einen Beweis der Verehrung zu geben, um ferner das Beispiel zu beschonigen, das sie selbst von eigenmachtiger Habsucht durch Aneignung der Guter des alten Tempelhofes gaben, setzten die ubergetretenen Ritter ihrem katholischen Meister, der erst nach Baiern, dann nach Rom und Malta auswanderte, die letzten Hauser und Liegenschaften des Ordens aus, die sie noch in grossen Stadten, unter Anderm auch in der jetzigen Landeshauptstadt, besassen. Die formlich daruber aufgesetzte Urkunde schickte jedoch Hugo aus Venedig zuruck, weil er erklarte, es einem Fluche gleichachten zu mussen, vom Gute des Ordens fur sich zu stehlen, wie es die andern ketzerischen Ritter gethan hatten. Bis soweit reichte, wie du ja selber weisst, die Tradition unserer Familie .....

Siegbert bestatigte Dies und sagte:

Wie oft mogen unsere spater auch zum Protestantismus ubergegangenen, verarmten und durch sich selbst entadelten Ahnen beklagt haben, dass ihrer Familie ein so starrkopfiger Charakter angehorte, der diese wichtige Urkunde zuruckschicken konnte! Und wenn sie sich auch fande, sie wurde uns jetzt nichts mehr helfen.

Diese schwerlich, sagte Dankmar. Die Erben des vierblatterigen Kreuzes wurden immer sagen ...

Des vierblatterigen Kreuzes? fiel Siegbert befremdet ein.

Das Kreuz in seinen vier Enden, sagte Dankmar zum staunenden Bruder, mit dem dreiblatterigen Kleeblatt blieb das katholische Symbol. Die protestantischen Johanniter jener Gegend jedoch abweichend vom gewohnlichen Johanniterkreuze behielten das Kreuz, setzten aber in seine Enden statt drei vier Rundungen, die das vierblatterige Kleeblatt bezeichneten. Dieser Zwiespalt wahrte bis zum Dreissigjahrigen Krieg, wo die Ordensbekenner ausstarben und die noch vorhandenen, nicht vertheilten Guter des Ordens den aufgesparten und seinen Angehorigen vorbehaltenen Antheil Hugo's von Wildungen Dem liessen, der die Macht hatte, sie zu nehmen. Merkwurdig, dass die Hauser und Besitzungen, die die Urkunde von 1556 an Hugo von Wildungen abtrat, bis 1636 in seinem Namen und zu seinen Gunsten verwaltet wurden. Schon damals erhob sich ein Process, der in Wien gefuhrt wurde. Der Papst hatte eine Bulle ausgestellt, der zufolge alle geistlichen Ritterhofe protestantischer Lande ausnahmsweise nun wirklich Eigenthum, aber nur derjenigen Ritter werden sollten, die dem katholischen Glauben treugeblieben waren. Man hatte in Rom gehofft, auf diese Art durch das Privatrecht und dessen locale Gel-tendmachung sich einen festen Fuss in den ketzerischen Landen zu erhalten. Darauf hin hatte Hugo von Wildungen spater nicht nur seinen ihm an der grossen Theilung freiwillig zugestandenen Antheil, sondern den ganzen Vollbesitz des Ritterhofes Angerode erb- und eigenthumlich fur sich und seine Angehorigen verlangt. Der wahre Grund war der Ruckhaltsgedanke, das Eigenthum bei dem Orden nur solange aufzuheben, bis ihm Gelegenheit geboten wurde, sich in Zukunft wieder zu sammeln. Lieber hob man in Rom einstweilen ein kanonisches Gelubde auf, als dass man dem Protestantismus so reiche Mittel, sich zu kraftigen, freiwillig uberlassen hatte. Wie viel Feindschaft auch zwischen der Priesterschaft und den geistlichen Ritterorden waltete, in den aussersten Fragen trat die Eine schutzend fur die Andern ein. Wie oft dacht' ich nun: Wenn jetzt eine Cession, eine Abtretung der Eigentumsrechte an seine Familie von der Hand des Ritters Hugo existirte, wenn man ein Testament finden konnte, das auswiese, der fanatische Ritter hatte nicht der Kirche, sondern den Seinigen uberlassen, was er, wenn auch nur fur seinen Theil, vom Vermogen des Tempelhofes beanspruchen durfte! Waren solche Urkunden da, so liesse sich darauf hin ein juristischer Feldzug eroffnen, der ...

Dankmar! unterbrach Siegbert den Bruder. Welche Traume! Welche Phantasieen! Soviel lernt' ich schon von dir, dass es in dem Rechtsleben Verjahrungsfristen gibt, wo keine Klage uber eine stehengebliebene Schuld mehr angenommen wird.

Wie aber, lieber Bruder, sagte Dankmar sicher und bedeutsam lachelnd, wenn in dieser Angelegenheit, wie im Wallenstein'schen und andern noch schwebenden uralten Processen, merkwurdigerweise deshalb nichts verjahrt ist, weil sie alle funfzig Jahre wieder aufgenommen wurde und sich in ewigen Protesten die Communen mit den Regierungen uber jene Hinterlassenschaft gestritten haben? Wie, wenn sogar unser Staat, unser jetziges Ministerium mit dem Magistrat dieser Stadt hier einen Process wegen siebzehn alter Tempelhauser begonnen hat, dessen Zulassigkeit in hochster Instanz langst entschieden ist? Endlich, Bruder, wie, wenn ich dir beweisen konnte, dass diese Hauser Doch genug, hore, was ich erlebte.

Siegbert schob die Reste des Abendimbisses fort und lauschte voll gespannten aber doch zweifelnden Erstaunens.

Als ich nun an jenem Abend, begann Dankmar wieder in seine Erzahlung einzulenken, in dem Anbau des Tempelhauses im Interesse der Mutter und ihrer Benutzung dieser Raume mich orientiren wollte, entdeckte ich an einigen Stellen der Wande des Archivs, dass durch die Reihe der Jahre hier und da Mortel losgesprungen war. Mir fiel Dies auf, weil es mir vorkam, als wenn unter der obern Decke, die nur leicht uberkalkt schien, sich noch eine andere befinden musste, die man nur durftig uberzogen hatte. Ich ziehe mein Taschenmesser und fange zu brockeln an. In der That! Es ist unter dem etwa einen Finger dicken Uberwurf noch eine andere geglattete Wand, die mir immer deutlicher entgegentritt, jemehr ich den spatern, jedoch sehr alten Uberputz ablose. Noch konnte diese Entdeckung auf keinen andern Gedanken fuhren als den, dass man vielleicht die fruher schadhaften Mauern neu hatte herstellen wollen. Plotzlich aber fahrt mein Messer in eine Ritze. Ich kratze sie weiter auf. Es ist ein formlicher Spalt. Ich trenne noch mehr von der obern Wand hinweg; da wird die untere ein von Kalk bespritzter breterner Widerstand. Ich arbeite weiter. Bald entdeck' ich, dass diese Wand gefelgt ist. Ich klopfe. Es klingt hohl. Ich habe ohne Zweifel einen Schrein vor mir, einen in die Mauer gebauten Wandschrank. Jetzt hatt' ich keine Ruhe mehr. Ich musste grundlicher untersuchen, koste was es wolle. Es war Nacht geworden. Ich kehrte uber den Gang nach der alten Verbindungsthur mit dem Tempelhause zuruck. Die Mutter schlief schon. In der Kuche holt' ich mir ein Licht, ein Beil und einen kleinen Holztritt. So ausgerustet, kehrte ich an meine Arbeit zuruck. Bis zwei Uhr in der Nacht hatt' ich daran gearbeitet, den obern Putz des ganzen gewolbten Zimmers herunterzuschlagen; ich selbst und meine Lampe, wir erstickten fast im Kalkstaub, den ich nicht zum Fenster hinausleiten mochte, sondern wie einen Dampf durch die Thur auf den Gang und zum Kirchhofe hinausstreichen liess. Fur die erste Nacht begnugte ich mich mit der Entdeckung, dass die letzten, wahrscheinlich protestantischen Ritter, die das Tempelhaus noch bewohnten, ohne Zweifel vor den Schrecken des Dreissigjahrigen Krieges dies Archiv hatten schutzen wollen und uber die in die Wande gemauerten Schranke, um sie am sichersten zu verbergen, eine ganz neue Wand gezogen hatten. Am Tage darauf setzte ich meine einsame Arbeit fort. Niemand hinderte mich, auch der Mutter entdeckt' ich nichts. Ich kannte ihre Angstlichkeit und die allgemeine Scheu, in solchen Dingen etwas zu thun, ohne gleich der Polizei Anzeige zu machen. Die Benutzung dieser Raume stand ihr ja frei. Die Wandschranke der Zimmer, die wir im Tempelhause hatten, standen ihr ja auch offen. Auch hier fanden sich nun Wandschranke. Was sollt' ich zogern, sie, so gut es ging, fur unser Bedurfniss zu offnen! Ohne einen Schlosser war Dies freilich nicht moglich. Ich fand glucklicherweise einen, der es ganz in der Ordnung fand, dass die Mutter diese Gelasse nach Bequemlichkeit benutzen wollte. Der entfernte Schutt konnte ihn auf keinen andern Gedanken bringen, als dass hier noch einige Repositorien zur Mahlund Schlachtsteuerverwaltung ubriggeblieben waren, zu denen denn, "wie gewohnlich", fugte er hinzu, die Actuare den Schlussel verloren hatten. Als der Schrank geoffnet war und wieder neue Schubladen zeigte, die dem Schlosser aufzuziehen nicht einfallen konnte, war ich geborgen. Ich entdeckte das vollstandige Archiv der Tempelherren und Johanniter von Angerode, seit dem Ubergang der Templerei in den Bruderorden des St.-Johannes im Jahre 1320 bis zum Jahre 1636. Alles Das, was sich auf die Geschichte des johannitischen Tempelhofes seit seinem Ubertritt zum Protestantismus bezog, war auffallenderweise in einem grossen eichenen braungebeizten Schrein vereinigt, der auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz zeigte, dessen Enden in vierblatterige Kleeblatter ausliefen. Diesen Schrein nun

Um Gotteswillen, rief Siegbert, den hast du doch nicht aus dem Amtsgebaude entfernt?

Dankmar wollte antworten, aber in diesem Augenblick wurde das Gebell des Hofhundes, das schon seit einigen Minuten wieder begonnen hatte, unertraglich. Die Bruder, ganz vertieft in ihre Mittheilungen, sahen sich um. Die Nacht hatte sich leise mit einem durchsichtigen Sternenkleide herabgesenkt. Johanniswurmchen funkelten schon im Grase. Alles war still, traulich, nachtlich, nur der Hofhund machte einen Larmen, der den gereizten Nerven der Bruder formlich Schmerz verursachte.

Die Bestie! rief Dankmar und wollte schon hinaus, um das Thier zur Raison zu bringen, als Kathrine die Gartenthur aufstiess und heruber schrie:

Er kommt!

Gott sein Dank! rief Dankmar, nahm seinen Hut und eilte uber alle Beete weg den kurzesten Weg zum Hofe des Pelikan. Siegbert folgte ihm langsamer und fuhlte, als umgabe ihn geisterhafter Spuk, nach seinen Taschen. Er erstaunte, wie Hackert uber das Kreuz an der Kirche in Tempelheide ihn so richtig hatte aufklaren konnen. Am Stil der Kirche, musste er sich jetzt sagen, fand er, dass sie allerdings nur aus den Zeiten nach der Reformation herruhren konnte. Aber zu der Aufregung des Bruders wusste er nicht, ob er sich ihrer freuen oder betruben sollte. Sie schien ihm zu krankhaft, zu unnaturlich, an Dankmar ganz ungewohnt. Er kannte ihn nur von seiner klaren und immer helldenkenden Vernunftseite. Wenn ihn zum ersten male hier etwas tauschte, wenn er statt nach dem langsam zu erreichenden Ziele seiner gediegenen Kenntnisse und seiner freimuthigen Gesinnung nach einem Luftphantome griffe! Er folgte tief bekummert dem Bruder, indem er die kleinen Wege einhielt, die in dem bescheidenen Gartchen von den Beeten bezeichnet waren.

Es war fast Nacht geworden. Aber im Hofe des Pelikan wurde es lebendiger wie am Tage. Der Hofhund liess sein Bellen nicht, ja einige kleine Klaffer hatten sich ihm noch zugesellt und fuhrten ein ohrenzerreissendes Concert auf. Woher sie die Witterung hatten, dass der Fuhrmann Peters von Angerode, der Eheherr ihrer jetzigen Herrin Kathrine, ankam, ist schwer zu sagen. Nur das elektrisch bewegte Schalten und Walten Kathrinens, ihr plotzlicher Aufschrei: Er kommt! musste ihnen das Zeichen gegeben haben, dass etwas im Werke und Werden war. Der dicke Pelikanwirth schlorrte, auch seinerseits insoweit erregt, als in diese Fleischmasse Leben und Bewegung kommen konnte, auf und ab. Der gute Mann musste gewohnt sein, beherrscht zu werden, sonst wurde er nach dem Tode der Pelikanwirthin sich nicht so ganz fremden, untergeordneten Menschen in die Arme geworfen haben. Kathrine zeigte sich jetzt in der Art, wie sie einen Stall- und Hausknecht zur Vorbereitung des Empfangs zurechtwies und eine andere Magd schalt, die die Einfahrt des Thorwegs mit Kucheneimern und Besen verstellt hatte, als die eigentliche Herrin des Ganzen, die die Umstande dieses Gasthauses klug zu ihrem Vortheil benutzt hatte.

Doch war sie heute nicht ganz so froh, wie sonst, wenn Peters von Angerode anfuhr.

Ich weiss nicht, sagte sie, ist er so mude oder was hat er, dass er auch nicht einmal mit der Peitsche klatscht! Sonst horte man ihn schon vom Chausseeeinnehmer her, soviel knallte er, dass es die ganze Vorstadt wusste: der Peters ist da. Und heute ... es muss wol das Rad sein. Wo soll's auch hinaus, wenn man in schlechten Zeiten auch noch die Achse bricht! Der Wagen geht ihm nahe, das ganze Geschaft! Er weiss, dass es nichts mehr taugt und in den Ofen geschoben werden muss, statt in die Remise.

Die Erwahnung der Remise brachte sie wieder darauf, dass der Hausknecht ihre Thorflugel nicht weit genug geoffnet hatte.

Muss man denn uberall seine Augen haben! polterte sie sich in einen kunstlichen Zorn hinein. Wird denn nichts geschafft, wenn man's nicht selber angreift und Jeden mit der Nase darauf stosst! Ja, ja, Musje Siegbert, da sehen Sie, dass es in Thalduren nicht allein etwas zu schaffen gab! Hier fehlt uns aber so ein langer Matthes, wie auf dem Pfarrhofe, der den ganzen Tag wetterte und die Faulen anhetzte. Matthes fluchte den ganzen Tag, und wenn's der Herr Vater merkte und's ihm verwies, sagte der alte Spitzbube: wo soviel gebetet wird, Herr Pfarrer, kann auch einmal ein bischen geflucht werden, sonst kommt Eins in den Himmel zu zeitig.

Siegbert freute sich der Erwahnung des alten Matthes aus ihrer Knabenzeit, Dankmar aber horte nicht mehr darauf, so erfullte ihn Peters' Ankunft. Er sah in dem von einigen Lampchen erhellten Zwielicht der Landstrasse den grossen Wagen auf dem schlechten Pflaster langsam herantaumeln. Hohl drohnten die krachenden grossen Rader herauf. Er blieb wieder stehen, nachdem er dem Wagen einige Schritte entgegengegangen war. Kathrine, die bald in der Kuche, bald im Stall, bald auf der Strasse war, sagte jedesmal, wenn sie wieder ausschaute:

Ach! ach! wie 'ne Schnecke! Was wird er mude sein und wie argerlich! Und er klatscht nicht! Er klatscht nicht! Das ist schlimm ...

Endlich war denn der grosse, mit grauen Leinen uberspannte Wagen dicht am Pelikan. Drei schellenbehangene Pferde zogen ihn. Peters in blauer Blouse schritt zur Linken. Er hinkte etwas. Wie der Fuhrmann beim Schein einer Laterne Dankmarn erkannte, sagte er mit sonderbarem heisern Tone:

Dacht' mir's! Dacht mir's! Guten Abend !

Ihr habt Ungluck gehabt, Peters? begrusste ihn Dankmar. Doch Alles wohl verwahrt? Sonst keinen Schaden genommen?

Jesus! schrie auch in diesem Augenblicke seine Frau; du hinkst ja, Mensch? Du hast Schaden genommen ...

Guten Abend! sagte Peters mit gedampftem Ton und lenkte die muden Pferde in den Thorweg ein. Dem dicken Wirth galt ein zweiter Gruss. Doch hatt' er ihn bald an die Wand des engen Thorwegs anquetschen konnen, wenn er nicht rasch in die Wirthsstube retirirt ware. Endlich standen Pferde und Wagen im Hof. Kathrine, Siegbert, Dankmar drangten sich an den Fuhrmann, der in dem Augenblicke, als er das Ziel seiner Fahrt erreicht hatte, einen Schmerzensschrei ausstosst und zusammensinkt.

Was ist? Gott im Himmel! Peters! so scholl es durcheinander. Kathrine wirft sich uber ihren Mann. Der Wirth zum Pelikan ruft: Wasser! Siegbert tritt geangstigt naher. Dankmar fasst des in halber Ohnmacht daliegenden Mannes Hand. Was ist Euch, Peters? Seid Ihr krank? Erholt Euch!

Ich uberleb's nicht, stohnte der von innerer Qual gefolterte Mann, ich uberleb's nicht.

Aber Peters, suchte ihn sein Weib zu beruhigen, erkennst du nicht die jungen Herren? Was hast du? Ist's dein Bein, was dich schmerzt? Der Wagen ist auf dich gefallen, als das Rad brach? Sollen wir Leinen in Wasser tauchen? Willst du nasse Leinen auflegen? Sprich nur was, um Gotteswillen!

Statt aller Antwort schuttelte Peters heftig mit dem Kopf und lehnte mit der Hand jede Hulfleistung ab.

Ich erkenne die Herren wohl, begann er endlich, als Alles gespannt lauschte, aber vergeben Sie's mir, Herr Dankmar, ... Gott ist mein Zeuge ...

Peters! rief Dankmar von einer Ahnung ergriffen; der Schrein

Ist fort! sagte Peters dumpf und seine Gesichtszuge verzogen sich wie das Lacheln eines Wahnsinnigen.

Grimmiger Zorn packte Dankmarn.

Mensch! schrie er und rannte an den Wagen, um das Leintuch abzureissen. Er sah Kisten, Fasser, Ballen genug. Der Schrein ist da! Verpackt unter den andern! Du irrst, Peters!

Fort! stohnte Peters dumpf.

Kathrine brach in ein lautes Schluchzen aus. Die Hunde bellten nicht mehr. Der Pelikanwirth musste sich erschopft und ermudet auf einen Futterkasten an dem Stalle setzen. Der Hausknecht loste still die Pferde von der Deichsel und nahm ihnen die Schellenhalfter ab. Mud und wie traurig und mit bosem Gewissen schlichen die armen Gaule in den Stall. Alles stumm im Hofe und fast gespenstisch ...

Siegbert, der seinen Bruder furchterlich leiden sah, nicht minder wie den unglucklichen Fuhrmann, ergriff endlich das Wort und sagte:

Erinnert Ihr Euch auch, den Schrein wirklich aufgeladen zu haben?

Ha! ha! war die ganze Antwort.

Wo entsinnt Ihr Euch, dass Ihr ihn zuerst vermisstet, fuhr Siegbert fort.

Hinter Hohenberg und Plessen! antwortete der Fuhrmann.

Auf freiem Feld?

Im Dorfe Plessen, an der Schmiede.

Wo Ihr das Rad herstellen liesset, das gebrochen war?

Dort.

Der Wagen musste abgeladen werden?

Das musst' er.

Ihr waret indess in der Schmiede, wo das Rad hergerichtet wurde?

Ich lag halbtodt.

Armer Mann! Man muss Mitleid mit Euch haben. Aber der Schrein war meinem Bruder von Werth. Er enthielt Documente von seltener Wichtigkeit. Er wurde ihn selbst mit sich gefuhrt haben, wenn er nicht noch im Harz Geschafte gehabt hatte. Er glaubte den Schrein Euch auf die Seele gebunden zu haben.

Er war's auch.

Aber Ihr wurdet von dem Sturz des Wagens ohnmachtig. Ihr wusstet vielleicht nicht, dass man, um das Rad herstellen zu konnen, die Last des Wagens erleichtern musste. Man packte ihn ab, und als Ihr Euch erholt hattet, als das Rad fertig war und Ihr, unterstutzt von den Leuten in Plessen, weiterfahren konntet, vermisstet Ihr erst das anvertraute Gut?

O nein, sagte Peters und richtete sich muhsam auf. Als ich mich erholte, schalt ich, dass man in der Schmiede so schlechte Hebebaume hatte, um nicht einmal einen so leichten Wagen unabgepackt zu lassen. Ich fluchte, wie man mir meine Fracht abladen konnte. Ich raffte, es war in der Dammerung des Morgens denn ich fuhr der Hitze wegen in der Nacht ich raffte gleich Alles zusammen, was um die Achse zerstreut herumlag. Ich wusste, wo der Schrein stand, ich hatte ihn immer im Auge, ihn, der mir so heilig anvertraut war. Ich fasste wol alle Stunden an die Leinwand, ob ich auch noch das Kreuz auf dem Dekkel fuhlte. Nach dem fasst' ich zuerst. Ich find' es nicht, das Kreuz auf dem Holze ist nicht da. In meiner Ohnmacht hatte man abgeladen, Alles auf dem Wege liegen lassen und war mit dem Rad an die Schmiede gegangen, von der mir funfzig Schritte weit das Ungluck passirte. O Gott! Wie war mir, als ich den Schrein nicht fand! Noch vor einer halben Stunde hatte ich das Kreuz gefuhlt .... Um zwei Uhr Nachts fuhr ich aus. Um halb Drei brach das Rad; der Wagen sturzte so, dass mein Bein gequetscht wurde. Ich schrie auf und rief und jammerte. Man kam zur Hulfe. Eine halbe Stunde mocht' ich betaubt gelegen haben. Nachdem hink' ich und sehe mich allein unter meinen abgeladenen Gutern. Der Mond stand noch am Himmel. Alles still. Kein Mensch um mich. Nur im Schlosse Hohenberg oben entdeckt' ich helle Fenster .... Musik, wie von einem Tanz her, den sie dort bis an den Morgen hielten, und von der Schmiede hort' ich die Hammerschlage. Der Morgen graute. Ich ubersehe meine Guter. Die kalten Umschlage, die man dem Bein gegeben, hatten ihm gut gethan. Ich konnte leidlich gehen. Da! Mein erster Blick sucht den Schrein, ich find' ihn nicht. Jesus! Es war mir in meiner Betaubung, als hatt' ich einen Mann gesehen, der ihn forttrug; einen Mann in einem Mantel .... Ich horte den Schrein an einem Steine poltern; denn er war schwer zu tragen, genau gewogen, sechsundvierzig Pfund und ein halbes. Ich sag' es noch es war kein Traum geraubt ist der Schrein. Gestohlen ist er, das schwor' ich zu Gott. Ich schlug Larm, rief den Schmied, seinen Gesellen. Ich will den Schrein sehen! Die Leute waren halb verschlafen, hatten kaum gewusst, was sie abluden. Sie hatten nur auf mein Jammern und das Winseln meines Hundes gehort ...

Wo ist Bello? rief Kathrine, jetzt erst fuhlend, was ihr gefehlt hatte.

Bello ... Bello hat bei dem Sturz ein Bein gebrochen, sagte der Fuhrmann achzend.

Bello ist todt! jammerte sein Weib.

Wenn ihn der Schmied nicht heilt, vielleicht! sagte Peters und fuhr muhsam fort:

Das Schreien und Winseln des Thieres weckte den Schmied, ich lag in Ohnmacht. Bello blieb beim Wagen und winselte. Ich horte ihn in meinem Zustand, als man mir die Umschlage machte. Ich frug ihn, den Bello, ja den Hund, als ich erwachte, nach dem Schrein. Das Thier verstand mich und heulte und winselte und horte nicht auf zu bellen. Aber es hatte den Dieb nicht festhalten, mich nicht wecken konnen. Da lag ich elend, da lag mein treues Thier, zerstreut meine Fracht und ein Rauber umschlich uns, der, ich schwor's uns bestohlen hat!

Sich aussprechen und sein Ungluck erzahlen konnen, schien den Fuhrmann etwas zu erleichtern. Nach einer Weile fuhr er, wahrend Dankmar starr brutend zuhorte, fort:

Das Dorf Plessen liegt am Fusse des Schlosses Hohenberg. Mit meinem hinkenden Beine schleppte ich mich an alle Thuren und rief den ganzen Ort wach. Es war vier Uhr. Oben auf dem Schlosse erloschen allmalig die Lichter. Einzelne Wagen fuhren herunter. Man hatte ein Fest gefeiert, das nun zu Ende war. Jeden Wagen hielt ich an und fragte nach meinem verlorenen Gute. Die geputzten Gaste lachten mich aus und antworteten, ich sollte sie schlafen lassen. Den Ortsvorstand holt' ich aus dem Bett. Ich verlangte, dass der Schmied und sein Gesell festgenommen wurden, und doch kannt' ich Beide als ehrliche Leute seit Jahren, und ich schamte mich, sie fur Diebe zu halten. Auch liess ich sie frei und bei meinem Rade. Der Schmied ist blind, sein Sohn taub. Die sind ehrlich. Aber das ganze Dorf bot ich auf und gesucht wurde uberall, hinter jedem Strauch, in jedem Graben; aber der Schrein blieb verloren. Gott weiss es, in welches Teufels Hand er gekommen! Was sollt' ich thun? Das Rad war hergestellt, der Wagen fertig, mein Hund blieb beim Schmied, der ihn heilen will. O Gott! Was sollt' ich thun? Der Ortsvorstand versprach mir auf Ehr' und Seligkeit, Alles anzustellen, um den Gaunerstreich zu entdecken. Meine Lieferungszeit fur die Guter ist auf Tag und Stunde berechnet. Ich musste fort. Die Thiere zogen den Wagen und mich. Gehen konnt' ich wenig, ich hinkte. Da bin ich nun, Herr! Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Der Schrein ist gestohlen.

Nach einigem Bedenken sah Dankmar nach seiner Taschenuhr. Es war halb Zehn.

Wie weit ist's bis Hohenberg und Plessen? fragte er rasch.

Wir rechnen vierzehn Meilen. Es sind dreizehn ein halb, sagte Peters.

Bin ich mit einem Einspanner morgen Mittag da? fragte Dankmar weiter.

Bis morgen Abend, wenn's ein guter Gaul ist und Sie ihm dann und wann einige Ruhe gonnen.

Herr Wirth, sagte Dankmar, ich sah in Ihrer Remise einen Einspanner stehen. Pferde haben Sie im Stall. Wollen Sie fur mich einspannen lassen? In zwei, drei Tagen bin ich wieder da.

Bruder, fiel Siegbert erschrocken ein, ist dir der Verlust denn wirklich soviel werth, dass es dir an einem Aufruf in den Zeitungen und einer Anzeige an die dortige Behorde nicht genugt?

Ich bitte dich! erwiderte Dankmar mit grosser Bestimmtheit. Mache gegen ein Unternehmen keine Einwendung, das mit meinen kunftig wichtigsten Lebensplanen in zu naher Verbindung steht. Es ist ja nicht um diesen Schrein; es ist nicht um diesen zeitlichen Gewinn; es ist um etwas Hoheres, das in mein und dein ganzes Leben eingreifen soll ...

Damit trat er naher und flusterte dem Bruder halblaut zu:

Siegbert, hast du Geld bei dir, so gib! Oder meinst du, dass der Wirth uns zwanzig Thaler vorschiesst? Du schickst sie ihm morgen wieder.

Siegbert schien der Sackelmeister der Bruder zu sein. Er verwaltete das hochst schwierige Amt, zwei jungen Mannern, die noch keine sichere Lebensstellung hatten, soviel Hulfsmittel durch weise Okonomie beisammen zu halten, dass sie immer mit leidlichem Anstand in der Welt bestehen konnten.

Er murmelte einige sonderbare Worte, die wie ein keineswegs gunstiger Kassenuberschlag klangen.

Die Reise nach Angerode hat Geld gekostet, sagte Dankmar ungeduldig ...

Und mein Bild ist noch nicht verkauft, fiel Siegbert in jenem murmelnden bedenklichen Tone ein, der auf eine augenblickliche finanzielle Ebbe zu deuten schien.

Aber was machen wir uns denn fur Sorge! fuhr Dankmar plotzlich auf. Du hast ja hundert Thaler bei dir.

Ich hundert Thaler? Was fallt dir ein?

Wozu die Bedenklichkeiten! Der Rothkopf ist ein Capitalist, der mit unsern Zinsen zufrieden ist. Sahst du denn nicht, dass er uns ein Zwangsdarlehen aufdrangte? Gieb nur her! Zwanzig Thaler genugen. Fur das Ubrige wird unser Schutzgeist sorgen.

Siegbert, fast voll Entrustung, zogerte ... Es ist Unrecht von dir, mich in solche Versuchungen zu fuhren! sagte er; dein abenteuerlicher, mir jetzt noch lacherlicher Schrein! Ich verstehe dein archivalisches Ungluck gar nicht, kann deine finanzielle Ungeduld gar nicht schatzen .... Was weiss ich denn, was hier so Wichtiges auf dem Spiele steht! Ich will nicht sagen, dass ich er lenkte dabei freundlicher ein zu Hause aus unserm Staatsschatze diese zwanzig Thaler nicht wieder erganzen konnte ...

Das kannst du? rief Dankmar. So gunstig steht die Bilanz der Gebruder Wildungen? Und da qualst du mich mit einer Miene, die aussieht wie ein osterreichischer Bankbericht? Her das Packet! Zwanzig von hundert bleiben achtzig! Wir sollten geizen, wir, die wir Pferde an Landstreicher verschenken, classische Bilder malen, ohne sie zu verkaufen, wir, die wir eine Anstellung im Staate so lange verachten, bis sich der Staat gebessert hat und wurdig zeigt, einem Mann von Grundsatzen jahrlich achtzehnhundert Thaler Gehalt zu geben, wir, die wir die arrangirtesten jungen Weltverbesserer sind, die nur jemals das Wort Credit und das Geld uberhaupt verachtet haben!

Solchem Humor konnte Siegbert nicht widerstehen. Er trat hinter den grossen Packwagen, griff in die Tasche, loste das Packet und zahlte dem Bruder soviel Scheine ab, als er gewunscht hatte. Wahrenddem wurde schon die kleine Kalesche aus der Remise gezogen, die Stalllaterne leuchtete einem Pferde voraus, das langsam mit gebucktem Halse uber den Hof schlich, in die Gabel des Wagelchens vom Hausknecht eingeschoben und angeschirrt wurde. Kathrine und Peters waren inzwischen verschwunden.

Und nun ... wer fahrt Sie jetzt? fragte der Pelikanwirth, der mit Gutmuthigkeit an Dankmar's Verlust den innigsten Antheil nahm.

Ich selbst! Ich selbst! Nur die Peitsche her!

O, Das nicht, Herr! Das macht Sie mud und mat. Kaspar, da mein Knecht, geht mit. Die Peitsche geholt, Kaspar! Die Decke auf den Bock! Sapperlot, schlaft der Kerl schon um die zehnte Stunde im Gehen! Hort und sieht nicht, was um ihn vorgeht! Kaspar!

Schon wollte sich Kaspar, aufgeruttelt von seinem Herrn, der in fremder Ermudung nur seine eigene vertuschen wollte, anschicken, dem Befehle zu folgen, als aus der Dunkelheit eine Stimme ertonte und die Worte vernehmbar wurden:

Wecken Sie doch den Kaspar nicht aus seinen sussen Traumen, Herr Wirth. Er sehnt sich, sehen Sie nur, nach einem tiefen Chausseegraben, in den er den Herrn hineinfahren wird. Wenn Sie erlauben, meine Herren, mach' ich mir das Vergnugen und ...

Der Sprecher brach ab und trat vor. Es war Hakkert. Die Stalllaterne beleuchtete seine magere Gestalt und gab ihr im Zwielicht ein unheimliches, verwittertes Aussehen. Er hatte die Hande in den Beinkleidertaschen, als frostle ihn. Das Halstuch hing uber dem zugeknopften Frack herab in langen, losen Zipfeln.

Sind Sie schon wieder da? fragte Dankmar erstaunt, wahrend Siegbert in eine unbeschreibliche, fast komische Angst gerieth. Er gedachte, wie es nun werden sollte, wenn der sonderbare Fremde jetzt sein veruntreutes Pfand wieder verlangte.

Ich habe den Levi auf Ihren nachsten Handedruck vertrostet, sagte Hackert. Jude bleibt doch Jude und wenn er auch Sporen an den Stiefeln tragt. Der alte Schimmel, der unter Rosstauschern gross geworden ist und mehr Hengste gewallacht hat als mancher Beschnittene Dukaten wallacht, ist mein Freund nicht. Er meinte, es hat gute Wege

Und war doch froh, dass er sein Pferd wieder bekam? entgegnete Dankmar forschend und wiederum zu Siegbert hinuberlugend, der vor Schreck uber diese rasche Wiederkehr Hackert's fast sprachlos geworden war.

Die Mahre lasst sich's schmecken, als wenn sie ein Wettrennen mitgemacht hatte. Sie sehen ubrigens, dass ich mit Pferden umzugehen verstehe. Wenn's Ihnen recht ist, fahr' ich Sie nach Hohenberg und helf' Ihnen die Kiste mit dem Kreuz suchen. Sehen Sie, Herr Maler da hinten, ich bin curios, ob das ein dreioder ein vierblatteriges Kreuz sein wird! Gleichviel, wenn wir das Ding nur wiederfinden!

Dankmar horchte hoch auf. Siegbert erzahlte dem Bruder in wenig Worten, dass er die Bemerkung uber ein ahnliches Kreuz an der Kirche zu Tempelheide diesem gefalligen Herrn Hackert verdanke.

Hackert! Ganz Recht! Das ist mein Name! sagte dieser, und ich denke, ich fahre Sie nach Hohenberg. Wir treffen dort Gesellschaft. Lasally und seine Jokeys sind dort sonst freilich ...

Sonst? wiederholte Dankmar, als Hackert stockte.

Sonst sagte Hackert und griff nach der Peitsche, die Kaspar geholt hatte. Mit einer Bewegung der Arme holte er aus und knallte. Er schien die Antwort vermeiden zu wollen.

Kaspar und der Pelikanwirth schienen wenig Vertrauen zu dem aufdringlichen Mann zu haben und brummten vor sich her. Siegbert kampfte wieder mit dem Gefuhl, dass Hackert doch wol ein zweideutiger, ihres Vertrauens unwurdiger Mensch ware, und bangte vor dem Gedanken, den geliebten Bruder mit einem im Feld herumschleichenden Tagediebe, einem abgesetzten Schreiber, allein zu lassen. Allein Dankmar, der vom Bruder besorgen musste, dass er, um nur den Antrag Hackert's ablehnen zu konnen, die ihm eben zugezahlte Summe von zwanzig Thalern zuruckfodern wurde, schnitt alle weitern Verhandlungen mit den Worten ab:

Steigen Sie auf, wenn's Ihr Ernst ist! Machen wir nun vorwarts.

Gut denn! Es ist mein volliger Ernst. Aber wenn ich nun bitten durfte ...

Dabei hatte ihn Dankmar schon auf den Bock gehoben. Der Wirth warf die Decke und einen alten Mantel nach.

Erlauben Sie aber noch, sagte Hackert, sich zu Siegbert umwendend, erlauben Sie nur noch zur Reise braucht man Geld darf ich um mein Pfand bitten

Ihr Pfand behalt mein Bruder, sagte Dankmar rasch entschlossen. Wer verburgt mir, dass Sie den Gaul richtig abgeliefert haben?

Henker! Was? rief Hackert und richtete sich auf dem Bocke hoch auf. Sie wollten ...

Aber in demselben Augenblicke schlug Dankmar mit der Peitsche schon auf das Thier ein, rief: Allez! und ohne weitern Abschied zu nehmen, jagte er aus dem Thorweg hinaus, schwenkte rechts um und hielt Hackerten, der immer schrie: Halt! halt! Lassen Sie mich! auf dem Bocke fest, wie Einen, den man mit Gewalt entfuhrt. So flogen sie von dannen ......

Siegbert wusste nicht, wie ihm dabei geschah. Es schien ihm bald, als wenn Hackert, wie er das Pferd entwendet hatte, so vielleicht auch Absichten auf das Fuhrwerk hegte. Bald schlug er sich wieder an die Stirn uber die Gefahr, in die er seinen Bruder sich sturzen sah. Zuletzt musste er lachen, wenn er bedachte, mit welcher Geistesgegenwart Dankmar plotzlich alle Verlegenheiten uber die Ruckgabe der hundert Thaler abgebrochen hatte. Ein Eingestandniss an Hakkert, dass man von ihm das im Augenblicke so nothige Reisegeld hatte borgen mussen, war' ihm zu peinlich gewesen. Ihm schwindelte, wenn er bedachte, wie fast gewaltsam der Zufall heute diesen Fremden in sein Leben gedrangt hatte und nun war er mit dem Bruder unterwegs! Der Wagen rasselte noch eine Weile. Dann keine Spur mehr.

Wer ist der Mensch? fragte der Pelikanwirth. Als Siegbert schwieg, bestatigte Kaspar, dass er wahrend Peters' Erzahlung in den Hof hineingetreten ware und zugehort hatte. Siegbert besann sich, dass er dem Bruder die zwanzig Thaler glucklicherweise hinter dem grossen Frachtwagen, also von Hackert ungesehen, zugezahlt hatte. Erst wieder von da hervortretend, wurden sie von ihm angeredet.

Zu dem Allem kam noch Kathrine weinend uber das Elend ihres Mannes. Er hatte ihr die sammtlichen Declarationen seiner Fracht eingehandigt und sich wie ein Sterbender ins Bett geworfen mit den Worten: Mach du nun Alles ab: ich werde wol recht lange krank liegen! Von da an hatt' er nichts mehr horen und sehen, auch nichts mehr geniessen mogen. Siegbert versagte der weinenden Frau nichts von seiner Theilnahme, bezahlte seine Schuld und versprach ihr und dem Pelikanwirth aus der Stadt sogleich einen Arzt zu schicken.

Er ging und zuerst zu dem nachsten Arzte, den ihm der Pelikanwirth bezeichnet hatte. Dann aber trieb es ihn in die Lasally'sche Reitbahn, um zu horen, ob Hackert wirklich das Pferd abgeliefert.

Im Gewuhl der Stadt angekommen, horte und sah er nichts von den Menschen, die an ihm spat Abends noch voruberstreiften, so erfullt war er von Angst und Schrecken uber die fernern Begegnisse seines Bruders, der ihm einem Phantome nachzujagen schien, fur das ihm jede reelle Anknupfung fehlte! Nur der eine Gedanke wurde ihm in diesem Tumulte zuletzt licht und klar, der ihm heimlich und geisterhaft zuflusterte:

Man tanzt in Hohenberg bis tief in die Nacht! Dankmar wird Melanie sehen! Melanie unter geputzten Gasten! Melanie, die Schonste der Sylphiden, die im Mondenschein schlupfen! Melanie in Hohenberg, umschwarmt von Lasally und den jungen Stutzern der Residenz, die ihr zudringlich genug aufs Land gefolgt sind! Melanie, der bezaubernde Mittelpunkt einer in ihrem Anschauen schwelgenden Gesellschaft .... Die Geigen tonen die Sale sind erleuchtet die Blumendufte einer schonen, reizenden Natur dringen durch die geoffneten Fenster die Sterne funkeln der Mond flimmert Melanie und mein Bruder in Hohenberg ...

Da bemerkte Siegbert, dass er schon auf der Ottokarstrasse war, in welcher die geschmackvoll angelegte Reitschule des jungen stadtbekannten Lasally lag. Es schlug zehn Uhr, als er heftig die Glocke des grossen Thorwegs zog.

Funftes Capitel

Der Heidekrug

Dammerung umhullte die kleinen tempelheider Anhohen. An einem linden Hauch aus Westen erfrischten die Baume am Wege ihr bestaubtes Laub. Leichte Wolkchen, die sich am Rande des tiefblauen Horizonts vor die blitzenden Sterne legten, verhiessen vielleicht fur den Morgen einen erquickenden Regen, dessen die Natur so bedurftig war. Von der grossen Stadt her, die fern im Thale abwarts noch wie ein Lichtmeer wogte, schlugen die Thurmuhren die zehnte Stunde. Deutlich trug der Westwind Schlag auf Schlag heruber zu dem einsamen Fuhrwerk, das der aus dem Schlaf geweckte Gaul des Pelikanwirthes noch ziemlich langsam zog; denn auch der Weg ging jetzt steil aufwarts.

Den beiden Passagieren, die wohl fuhlten, dass ihnen vor allen Dingen Verstandigung noththat, kam dieser massige Schritt zustatten. Dankmar druckte sich in die Ruckwand des kleinen Wagens, Hackert fuhrte auf dem Vordersitze die Peitsche. Beide schienen ernstlich zu uberlegen, wie sie so plotzlich in diese nahe Verbindung gekommen waren. Dankmar, der ausser der nachsten Unbequemlichkeit einer zweideutigen, an ihn geketteten Bekanntschaft noch die viel grossere Last des Verlustes seiner werthvollen Papiere zu tragen hatte, entschloss sich, um Raum zur Erwagung seines plotzlichen Reisezwecks zu gewinnen und ungestort uber die Wege nachdenken zu konnen, die er zur Wiedererlangung seines Schatzes wurde einschlagen mussen, lieber vorerst das nachste Unbehagen abzuschutteln und sich, soweit es bei der zweifelhaften Ehrlichkeit seines Vordermannes moglich war, uber diese wunderliche, aufdringliche Begegnung zu verstandigen. So begann er denn kurz vor Tempelheide, als sie langsamer die Hohe hinauffuhren:

Jene Kirche da hat Sie mit meinem Bruder bekanntgemacht?

Hackert antwortete nicht.

Sie haben ihm Aufschlusse uber eine gewisse Gattung protestantischer Johanniterkreuze gegeben? fuhr Dankmar fort.

Das Korn der blinden Henne! war Alles, was Hakkert kurzab antwortete.

Damit war die erste Annaherung schon wieder abgebrochen.

Dankmar kopfschuttelnd, sah zur Kirche, zum Parke, zum Schlosse des alten Prasidenten hinuber. Tiefe Stille, nachtliches, friedliches Walten ....

Eben wollte er wieder eine abgerissene Bemerkung an Hackert richten, als von dem dustern Parke her die Tone einer wahrscheinlich dort aufgehangten Aolsharfe erklangen.

Es war ein zauberhafter Accord, der der schweigsamen Nacht eine geisterhafte Feierlichkeit, die Stimmung einer wehmuthigen Melancholie gab.

Die Anhohe ging steil. Dankmar konnte den weichen Tonen aufmerksam lauschen und einige noch helle Fenster des kleinen Schlosses langer im Auge behalten. Es war ihm, als bemerkte er an diesen Fenstern eine weibliche Gestalt, die sicher wie er, aber ohne Zweifel mit unendlich ruhigern und mildern Gefuhlen, dem sanften, melodischen Gesausel des Parkes lauschte ....

Hackert erkannte die Dame, die Siegbert Wildungen den labenden Trunk geschickt hatte. Fur die Aolsharfe, fur den traumerischen Blick jener, wie es schien, leidenden und tieftrauernden Frau zu den Sternen empor hatte er keine Empfindung. Er schien in vollige Apathie oder in tiefes nachdenkliches Grubeln versunken.

Die nachtlich stille Scene, verklart von den Sternen und dem klagenden Lufthauche vom dustern Parke her, wurde oben von einem heftigen thierischen Gekrachze gestort, das die Accorde der Aolsharfe ubertonte. Dankmar besann sich. Er wusste, dass der oberste Chef aller Justizcollegien ein grosser Freund der Thierseele war und sich in Studien uber die Temperamente, Instincte und Angewohnungen wilder und zahmer Bestien einen Namen erworben hatte. Er sah noch, dass die weibliche Erscheinung, wol auch erschreckt durch die Storung ihrer stillen Abendandacht, vom Fenster verschwand, und fuhr jetzt bergab, verfolgt von einem wirren Durcheinander der, wie es schien, durch Hackert's Peitsche wachgewordenen Menagerie des alten Prasidenten. Ein dusterer Tannenwald nahm bald das kleine Fuhrwerk auf.

Wie Dankmar seinen Vordermann so schweigsam und stillergeben in seine Kutscherrolle fand, ruckte er zur weitern Verstandigung mit der aufrichtigen Erklarung heraus:

Sagen Sie mir aber bei dieser Gelegenheit, bester Freund, fur was halte ich Sie? Sind Sie Cavalier oder eine Art Commissionair?

Sie staunen uber meine resolute Art, Geschafte zu machen? sagte Hackert, ohne sich umzuwenden.

Allerdings. Sie reiten mir ein Pferd in den Stall, Sie bieten sich mir als Kutscher an. Ich uberlege, wieviel ich Ihnen fur diese Expedition nach dem Schlosse Hohenberg zu bezahlen habe.

Bieten Sie! sagte Hackert fast hohnisch.

Bieten Sie? wiederholte sich Dankmar. Gut, dachte er, wir wollen bieten.

Drei Thaler, bester Freund! Ich rechne dabei noch die Muhe fur das hoffentlich abgelieferte Pferd.

Wie Dankmar hierauf gespannt die Erwiderung abwartete, hielt Hackert plotzlich still, legte die Peitsche neben sich hin und wendete sich mit verdachtiger Miene ruckwarts.

Nun? sprang Dankmar auf und mass seinen Vordermann, dessen Benehmen in diesem dustern Tannenwalde sonderbar genug aussah.

Das Pferd hab' ich geritten, sagte Hackert ergrimmt, weil ich's gern that und weil Ihr Bruder mir Freundlichkeiten erwies, ohne mich zu kennen. Ich hab's gethan aus noch einem andern Grunde, den Sie kunftig einmal horen sollen, wenn wir uns besser verstehen, als es bisjetzt den Anschein hat. Zum Fahren nach Hohenberg erbot ich mich, weil ich in Hohenberg zu thun habe. Ein Kutscher bin ich nicht, fahre auch jetzt keinen Schritt weiter, wenn Sie mir hier nicht auf der Stelle gestatten, neben Ihnen zu sitzen. In Hohenberg aber fahren Sie, ich steige dort aus oder bin gleichsam Ihr Freund, verstehen Sie? Nicht um hundert Thaler fahre ich Sie in Hohenberg.

Damit wollte er uber die Lehne springen und an Dankmar's Seite sich setzen.

Halt da! sagte dieser und wehrte dem Beginnen mit Entschlossenheit.

Sie als Freund anzuerkennen, hab' ich keine Veranlassung, erklarte er. Behagt es Ihnen nicht, vor mir zu sitzen, so sind wir noch nahe genug am Pelikan, dass Sie umkehren konnen ....

Hackert's Antlitz verzog sich zu einem bitter grimmigen Lacheln. Der innerlich in ihm tobende Zorn gab ihm etwas Grinsendes. Er fuhlte, dass er seinen Mann gefunden hatte, und blieb, niedergedruckt von dem viel starkern Dankmar, auf seinem alten Platze.

Also welches waren die Bedingungen? sagte Dankmar. Wir wollen eine nach der andern prufen und zugestehen, was den Umstanden angemessen ist.

Hackert dachte jetzt auf andere Art das Gleichgewicht herzustellen. Er streckte sich nachlassig auf dem Kutscherbock, zog eine Cigarre aus einem schon gestickten, einst gewiss farbig frischen, jetzt etwas abgetragenen Etui, zundete sie an einem portativen Streichfeuerzeuge an und blies die Wolken vor sich hinaus, als verachtete er Den, der ihn mit Gewalt in eine niedrige Stellung hinabdrucken wollte.

Also welches waren die Bedingungen? wiederholte Dankmar. Erstens, Sie sitzen vor mir. Zweitens ...

Hackert blieb ruhig und rauchte.

Zweitens, fuhr Dankmar fort, bei Hohenberg ergreife ich Peitsche und Zugel. Zugestanden in dem Falle, dass Sie aussteigen und mir die Gnade nicht abschlagen, dann drei Thaler fur Ihre Dienste anzunehmen.

Hol Sie der Teufel! rief Hackert lachend, hieb wild auf den Gaul ein und klatschte mit der Peitsche so ubermuthig, dass es laut durch den stillen Wald widerhallte.

Dankmar schwieg. Er hatte einen Anmassenden zuchtigen, einen Verdachtigen in die nothwendigen Schranken zuruckweisen wollen. Den ihm von Pelikanwirth geborgten Mantel uber die Fusse schlagend, gab er sich nun mit ganzer Seele der Uberlegung alles Dessen hin, was er anordnen wollte, um wieder zu seinem verlorenen Gute zu kommen. Dass ihm dieser Unfall begegnen konnte, mitten in dem Gedrange der Hoffnungen, die sich ihm an die Angeroder Entdekkung knupften, erfullte ihn fast mit Groll gegen die Launen des Geschicks. Er sah sich nicht etwa gestort in dem Genusse von Reichthumern, die ihm seine Entdeckung gewinnen konnte, er hatte diese Traume so entschieden abgelehnt, dass wir seinem ehrlichen Worte glauben durfen ... es erfullten ihn andere, uns noch dunkle Vorstellungen. Vielleicht begeisterte ihn nur der juristische Kampf um die Geltendmachung seiner Anspruche. Vielleicht spornte ihn die Vorstellung: Du trittst jetzt mit einem verjahrt scheinenden Rechte auf, weckst vergangene Misbrauche aus dem Moder der Schreibstuben, kampfst gegen Besitzthumer, die sich vielleicht in ihrer Begrundung unendlich sicher dunken! Vielleicht verglich er die Zeit selbst mit seinem personlichen Interesse. Dankmar war Jurist und Politiker. Sein Vater, ein denkender, ernster Beobachter, hatte fruh in dieses Kindes Talenten die Fertigkeit der Rede, die schnelle Auffassung, den unverwustlichen Trieb der Gerechtigkeit erkannt, und Dankmar, dem vielleicht ein anderer Beruf augenblicklich lieber gewesen ware, musste sich doch spater sagen, dass die Bestimmung des Vaters einer tiefen Beobachtung entsprungen und eine richtige war. Man ruhmte allgemein seine juristischen Deductionen. Nur zur rein formelhaften Erfassung des Rechts konnte er sich nicht abtodten. Ein Unrecht vertheidigen, das Recht suchen je nach der spielenden Beleuchtung scheinbarer Rechtssatze und zweideutiger Gesetzesstellen, war ihm auf die Lange unmoglich. Deshalb auch wahrte die Begrundung einer festen Stellung fur ihn langer als bei manchem geringern Talente. Er hatte schon seit funf Jahren die Universitat verlassen, alle Prufungen bestanden, war vor den Gerichten, wie in der Gesellschaft wohlgekannt und seines Freimuths wegen gefurchtet, von der jungern Frauenwelt, seines mannlichen Aussern, frohlichen Humors und seiner ritterlichen Galanterie wegen ebenso geschatzt wie sein sanfterer Bruder von der altern Frauenwelt; aber zu einem ergiebigen Anhalt an Amter und Wurden hatte er es noch nicht gebracht. Nur hier und da flossen ihm zuweilen in Diaten die Mittel zu, die ihm erlaubten, seinen Antheil an dem hinterlassenen kleinen vaterlichen Vermogen zum grossten Theile noch der Mutter anheimzustellen. Die Urkunden, die ihn vielleicht als den rechtmassigen Erben eines vermoderten Hugo von Wildungen erwiesen, verwandelten sich in seiner Phantasie keineswegs in die Millionen, von denen er dem Bruder gesprochen. Er wusste, dass der Staat in diesem Augenblicke Alles daransetzte, jene allerdings seit Jahrhunderten offene Erbschaftsfrage in seinem Interesse zu losen und die stadtischen Besitzungen dem Fiscus zu gewinnen. Ihn reizte nur die Theilnahme an diesem Kampfe. Er wollte dem feudalen Staate zeigen, wie sich seine Anmassungen in den Angeln eines Erbrechts bewegten, das zuletzt jedem Andern ebenso gut zustattenkommen konne wie einem Fursten. Er knupfte an diesen Process nur seine Wissenschaft, seine Kunst und die auf ihr sich grundende Zukunft seines Berufs, fur den er ebenso viel Ehrgeiz besass wie sein Bruder fur die Malerkunst. Und nun sollten diese Traume an dem misgunstigsten Zufall, der einen einsamen auf der Landstrasse preisgegebenen Frachtwagen treffen konnte, scheitern? Er sah den Schrein erbrochen, die werthvollen Papiere zerstreut, zu gewohnlichen Zwecken gedankenlos misbraucht, ja vielleicht gar in den Handen der beiden Parteien, denen vor allen der Besitz dieser uralten, glucklich aufgefundenen Verschreibungen zu entziehen war! Er verfiel in tiefes, unmuthiges Sinnen.

Wenn Sie daruber nachdenken, fing Hackert jetzt, der sich in sein Schicksal ergab, von selbst an, wie Sie zu Ihrem Verluste wiederkommen konnen, so rechnen Sie dabei nur nicht auf die hohenberger Justiz. Mit der sieht's nicht zum besten aus.

Dankmar bemerkte:

Sind Sie in Hohenberg bekannt?

Bekannt eben nicht, antwortete Hackert; schlechte Justiz merkt man nie so gut in der Nahe wie in der Ferne. Den dortigen Patrimonialrichter kenne ich aber. Er war oft in der Residenz. Er soll nun in die ordentlichen Gerichte aufgenommen werden, und handelt noch mit der Regierung uber seinen kunftigen Titel. Furstlich hohenbergischer Justizdirector hiess er und mochte den langen Schwanz nicht gern aufgeben, wenigstens seine Frau nicht, wenn auch die Stellung draufgehen wird.

Wir treffen also ein Patrimonialgericht? sagte Dankmar. Das ist mir fur unsern Fall erwunscht. Es geht da mit einem Processe kurz und bundig zu.

Ja, ja, antwortete Hackert, die Hohenberger haben gleich ihren Thurm, drei Klafter tief, bei der Hand. Der Thurm ist Inquisitoriat, Spinn-, Zuchthaus, Festung, Alles in einem Loche. Nach den allgemeinen vaterlandischen Zuchthausern schicken namlich die Patrimonialrichter nicht gern, das wissen Sie wol? Da mussten sie ja ans nachste Landesgericht referiren, das gibt Schreiberei, Untersuchung; da werden von oben her Nasen uber schlechte Proceduren ausgetheilt, und so kann Einer einen Mord anstiften, stehlen, einbrechen, falsch schworen und so lustig fort; der Herr Justizdirector findet immer soviel mildernde Umstande, dass der Morder mit einem halben Jahre Localhaft davonkommt und die Regierungsjustiz nicht genirt wird. Ein halbes Jahr, langer darf der Furst von Hohenberg Keinen strafen, sonst muss der Spectakel gleich an das allgemeine Landgericht.

Dankmar empfand jetzt fast Reue uber die entschiedene Art, wie er Hackert entgegengetreten war. Er sprach da so kundig uber Rechtsverhaltnisse, dass fast ein collegialisches Gefuhl in ihm auftauchte. Um Hackert's zuruckgekehrte gute Laune im Zuge zu erhalten, sagte er:

Ihre Schilderung ist nicht ubel. Apropos! Sie erwahnen den Fursten von Hohenberg. Wissen Sie etwas von ihm? Ich wunderte mich, was mein verdammter Fuhrmann von einem Balle auf dem Schlosse fabelte. Der alte Furst Waldemar von Hohenberg ist todt. Der junge Prinz Egon ist ja wol verschollen?

Prinz Egon, sagte Hackert, der uber diese Verhaltnisse allseitig unterrichtet schien, Prinz Egon ist in Paris oder sonstwo und kommt schwerlich mehr nach Hohenberg zuruck. Wenn die Herrschaft nicht zu Hause ist, halten Hunde und Katzen Hof. In Hohenberg auch die Fuchse und Wolfe und Blutegel. Die drei Hauptcreditoren der furstlichen Masse sind vor ein paar Tagen hinaus mit Kind und Kegel, um Luftbader zu nehmen. Justizrath Schlurck isst gern Forellen, frisch aus dem Murmelbach, wie die Frau Justizdirectorin sagt, die Schlurck's schwache Seiten kennt ......

Hat denn Schlurck die Curatel auch uber die Hohenberg'sche Masse? fragte Dankmar, der den Namen des gefeierten und vielgesuchten Advocaten Franz Schlurck sehr wohl kannte.

Wo hatte Franz Schlurck nicht seine Finger im Spiel! war Hackert's scharfbetonte Antwort. Seit dem Tode des Fursten von Hohenberg geht dort Alles durch seine Hand, bei Lebzeiten des Fursten war er schon Administrator. Es ist prachtig Das mit so einer Administration! Die Glaubiger jagen den Besitzer von Haus und Hof, setzen einen Verwalter uber die verschuldeten Hauser und Guter, lassen Den den Rahm oben abschopfen und nehmen Das, was zuletzt von dem Spasse ubrigbleibt, als Abschlag fur die Zeit, wo's besser wird. Alle Jahre feiern sie eine allerliebste Assemblee, die sie die Besprechung der Masse-Creditoren nennen. Man rechnet erst, man schimpft, man droht, man larmt, aber Abends ist Ball, Versohnung, Handedruck und wol auch "Ganschen, du liebes Ganschen, was rasselt im Stroh!"

Die letzten Worte sang Hackert mit frivolem Ausdrucke und nach bekannter volksthumlicher Melodie.

Dankmar fuhlte zwar, dass Hackert aus seinem Schreiberamte eine vielfach unterhaltende Bekanntschaft mit allerhand Privathandeln sich erworben hatte, mochte ihm aber doch, um seine eigenen Angelegenheiten bewegt, in den innern Zusammenhang seiner Ansichten und Empfindungen nicht zu weit folgen. Er begnugte sich, auf alle diese Mittheilungen vorerst zu schweigen. Auf die Lange die Uhr einer Dorfkirche schlug die zwolfte Stunde fuhlte er eine Anwandlung von Schlaf. Wirklich sah er auch nur mit halbwachem Bewusstsein, dass sie in ein stilles Ortchen kamen, wo nicht einmal das Bellen eines Hundes sich horen liess. Ein Brunnen platscherte laut vor einem Hause, das vielleicht eine Herberge war. Dankmar sah nothdurftig, dass Hackert abstieg, den Gaul bei Seite und an den Brunnen fuhrte. Hackert nahm ihm die Halfter ab und liess ihn an den Rand des Wassers. Dabei langte er ein Stuck Brot aus der hintern Rocktasche und theilte mit dem Gaul. Ein grosses Messer, das er aufklappte, schnitt bald fur das Thier, bald fur ihn einen Bissen ab. Auch in das Wasserbekken des Brunnens beugte sich Hackert, trank wie der Gaul und klopfte dann die Tropfen ab, die ihm dabei auf Halstuch und Weste gefallen sein mochten. An diesen sorgsamen Verrichtungen hatte Dankmar, durch die muden Augen blinzelnd, seine Freude. Sie gaben ihm so sehr das Gefuhl der Sicherheit, dass er, ohne gerade Neigung fur seinen Vordermann zu gewinnen, ihm doch volleres Vertrauen zu schenken anfing und den Schlummer immermehr uber sich Herr werden liess.

Doch schlief er nicht so fest, um nicht zuweilen, aufgeruttelt von dem inzwischen wieder weiterrollenden Wagen, seinen Gedanken klarer nachzuhangen. Wie man so oft an sich erfahrt, dass jede im ersten Sturme ergriffene Unternehmung nicht immer standhalt, wenn die zu ihrer Ausfuhrung nothwendige Zeit langsam schleichend an uns voruberzieht, so ubermannte auch Dankmarn bald das Gefuhl der Ergebung in Das, was das Schicksal uber seinen Verlust nun wurde bestimmt haben. Er konnte sich ausmalen, welche Freude ihm das Wiederfinden des Schreines bereiten wurde; aber ebensosehr rustete er sich auch schon auf die Gewissheit, dass er all den Planen, die er an jene Entdeckung im Archivsaale des alten Tempelhauses geknupft hatte, entsagen musste. Er warf diese Thatsache wie so viele andere, denen der Erfolg fehlte, in jenes grosse weite Meer, auf dem schon so viel Hoffen untergegangen, so viele Traume gescheitert sind. Und das Gefuhl einer gewissen Leere ubermannte ihn so gewaltig, die Gleichgultigkeit gegen jedes Geschick uberschlich ihn mit der schwindenden Kraft des jungen, schlafgewohnten Korpers so unwiderstehlich, dass er nach einiger Zeit sich aufraffend den mit grossen gespenstisch offenen Augen in die Nacht hinausstarrenden Hackert anrief:

Freund, ich will Ihnen sagen, woran wir besser thun.

Nun? fragte Hackert wie aus Traumen erwachend.

Beim ersten Wirthshause, das wir entdecken, halten wir, trommeln die Leute aus dem Schlafe, fuhren den Gaul in den Stall und schlafen im Bette oder auf der Diele oder im Stroh eines Stalles, gleichviel. Was meinen Sie?

Mir ist's recht, sagte Hackert und zeigte auf ein Licht, das in einiger Entfernung am Saume eines Waldes sichtbar wurde. Wo sind wir wol hier?

Kennen Sie nicht einmal den Weg, fragte Dankmar, den Sie so muthig fahren?

Dies ist die erste Reise, die ich in meinem Leben mache, sagte Hackert. Ich habe den Sundenpfuhl, in dem ich geboren bin, noch auf zwei Meilen nie verlassen.

Nun begreif' ich, sprach Dankmar lachend und doch wieder von Mistrauen ergriffen, dass Sie die Gelegenheit einer Luftveranderung beim Schopfe festhielten. Wenn man Sie anschaut, mochte man nicht glauben, dass Sie in irgend Etwas noch ein jungfrauliches Gemuth sein konnen. Ubrigens will ich hoffen, dass wir nicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig, statt nach Hohenberg sind. Sie machen mir schone Sachen! Jetzt auf das Licht zu! Und da bleiben wir, bis es hell wird und wir wissen, wo wir hier unter den Sternen herumkreuzen.

Hackert pfiff dem Gaule zu, der von dem Lichte auch eine freundlichere Ahnung zu bekommen schien und sich wacker in Trab setzte.

Ich bin ja erst zweiundzwanzig Jahre alt, sagte Hackert, gleichsam um sich zu entschuldigen. Was weiss ich, wo die Wegweiser da all am Wege hinzeigen!

Zweiundzwanzig Jahre erst? antwortete Dankmar staunend und mass dabei, sich vorneigend, die Furchen auf Hackert's Stirn, die tiefliegenden Augen, die schlotterige, entnervte Haltung. Seine Lippen waren fahl, das Auge nur dann feurig, wenn es in unheimliche Erregung kam. Zweiundzwanzig Jahre, wiederholte er, wie haben Sie das gemacht, schon wie ein Sechsunddreissiger auszusehen? setzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu.

Ich habe geschrieben, antwortete Hackert. Wer von seinem vierzehnten Jahre an nur auf dem Schreiberbocke reitet, kann keine so farbigen Wangen haben, wie meine Haare sind. Sechs Tage in der Woche habe ich acht Jahre lang Actenstaub geschlurft und Processgift eingeathmet. Abends und Sonntags hab' ich gelebt ....

Gelebt? wiederholte Dankmar. Was nennen Sie leben? Es scheint, leben hiess bei Ihnen soviel als sich langsam umbringen.

Hackert gab auf diese Bemerkung keine andere Antwort, als dass er nach einer Weile bemerkte:

Das Licht ist ein Wirthshaus.

Ein gewaltiges Hundegebell begrusste die nachtlichen Ankommlinge. Sie standen vor der Pforte eines grossen Gehoftes, aus dem im Dammerlichte Leitern, Stangen und Scheunen hervorsahen. Ein dem dunkeln Walde zu gelegenes stattliches Wohnhaus schien geschlossen, oben aber in den Fenstern des ersten Stocks brannten noch Lichter. Hackert sprang vom Wagen und stiess mit dem Griffe der Peitsche an den Thorweg, dass die Hunde nur noch zorniger bellten. Auf ein mehrmaliges Heda! kamen endlich uber den gepflasterten Hof die Pantoffeln des Hausknechts angeschlorrt. Ein grosser Holzriegel wurde von innen zuruckgeschoben, eine Stalllaterne warf ihre truben Strahlen auf Hackert's bleiches Angesicht.

Konnen wir Nachtquartier haben? war Hackert's Frage, der uberhaupt so gewandt sich in Alles zu finden wusste, als wenn er Jahrelang auf Reisen zugebracht hatte.

Nur herein! rief der Hausknecht mit einem sonderbar frohlichen Tone. Hier seid's gut geborgen, Kinder! Juchhe! Du armes Thierchen du! wandte sich der frohliche Hausknecht zum Pferde. Komm! komm! mein Huhnchen! Friss Vogel und stirb mir nicht! Ja! Ja! Wenn's immer, wenn's immer, wenn's immer so war'.

Hier geht's ja spasshaft zu, sagte Dankmar und sprang von seinem Sitze herunter. Ihr singt ja wie die Nachtigall im Busch.

Hort Ihr sie schlagen, Herr? fragte der Hausknecht. Ihr kennt mein Lieschen im Busch? Noch drei Tage, dann sagt sie: Adieu Dietrich, Adieu Heidekrug! Und erst uber's Jahr kommt sie wieder. Fahr' wohl!

Hackert erklarte diesen Humor fur die Folgen eines gut angewandten Trinkgeldes. Dabei fielen sie fast uber einen andern Knecht, der lang auf einem Strohhaufen ausgestreckt im Hofe lag.

Dietrich und Heidekrug! bemerkte Dankmar. Soviel haben wir jetzt weg. Der Heidekrug ...

Ja, ja, der Heidekrug komm, Schimmel! Im Stall im Stall im Stall ist's kuhl.

Damit zog der frohliche Hausknecht vom Heidekrug singend den Gaul von dem Einspanner in den Hof und begann ihn vorm Stalle auszuschirren.

Heidekrug? sagte Hackert. Wohnt denn hier der Heidekruger?

Ja, Kutscher, das habt Ihr gut gerathen. Hier wohnt der Heidekruger.

Dankmar, dem der Name ebenfalls auffiel, bemerk

te:

Der Heidekruger? Das wird doch nicht Herr Justus sein?

Just Herr Justus, sagte Dietrich und fuhrte den Gaul in den Stall.

Kennen Sie den gelehrten Gastwirth auch? fragte Hackert.

Ich wundere mich, dass Sie ihn kennen.

Hackert wurde uber diese Replik wieder verdriesslich. Dankmar's unausgesetzter Zweifel an seiner Bildung und die offenbar geringschatzige Ansicht von seinem Herkommen verletzten den bizarren und, wie es schien, mannichfach mit der Welt bekannten und wieder mit ihr zerfallenen jungen Mann.

Wahrend Dietrich mit dem Gaul beschaftigt war, hatten sich die beiden Gefahrten im Hofe des Heidekrugs genauer umgesehen. Er machte einen freundlichen, willkommenheissenden Eindruck. Rings begrenzten ihn Scheunen und Schuppen. Im Stalle hatten sie mehre Pferde bemerkt. Der Rinderstall grenzte dicht daneben. Ein wohlgehaltenes Stacket schied den Hof von einem reichen Baumgarten ab, der sich hinten zum Walde verlor. Die Dungerhaufen hier und dort gehorten zum Wesen einer grossen Okonomie. Das Wohnhaus hatte hinterwarts einen Anbau fur die Kuche. An der Seite, die nach dem Hofe ging, zog sich ein Spalier in die Hohe, das den weissen Kalk mit grunem dichten Weinlaub bedeckte. Vor den untern Fenstern waren grosse Blumentopfe und Rankengewachse in Kasten aufgestellt, auf deren einem gerade eine Katze lag, die mit funkelnden Augen hier wahrscheinlich das Schlafzimmer der Herrschaft hutete. Der Eingang des Hauses nach vorn war geschlossen, aber hinterwarts, von dem Eingange zur Kuche her, fanden sie eine offene Thur und unter ihr eine Magd sitzend, die hier auf der Schwelle ebenfalls eingeschlafen war, vom Larm der in ihren Hutten festgeschlossenen Hunde aber nun erwachte. Als sie die Augen aufschlug und die Fremden erblickte, griff sie rasch nach einem glanzenden Gegenstande, der in ihrem Schoosse lag und ihr entfallen schien. Es war ein neuer blanker Thaler. Wie sie sich besann und ihr Geldstuck in Sicherheit gebracht hatte, sagte sie den Ankommlingen, dass dies der Heidekrug, ihr Herr, Herr Justus, der Heidekruger ware. Oben fanden sich Zimmer genug und kalt essen konnten sie auch noch und wie sie wol oben am lauten Sprechen im Saale horten, auch Gaste fanden sie noch. Der Herr, dem der Wagen da unten gehore, wolle noch heute weiter, um mit Sonnenaufgang in der Residenz zu sein.

Ja, ja, sagte sie etwas polternd, bei uns geht's bunt her! Hier machen wir die Nacht zum Tage und die Tage zur Nacht. Wir sind hier Alle uberstudirt!

Hackert hatte bereits den von der verdriesslichen, aber ruhrigen "uberstudirten" Magd erwahnten Wagen der oben befindlichen Herrschaft bemerkt. Er stand auf der andern Seite des Hauses, bereit zum Vorfahren. Ein Kutscher in Livree sass eingehullt in einem leichten Staubmantel auf dem Bocke und schlief.

Wem gehort der Wagen? fragte Dankmar, die Livree des Schlafenden ins Auge fassend.

Einem prachtigen Herrn aus der Stadt, sagte die Magd. Er ist erst drei mal auf dem Heidekrug gewesen, und ich denke, wenn er ofter kommt, werden die Leute nicht mehr sagen: Auf dem Heidekrug wird die Milch schon in der Kuh sauer.

Sagen Das die Leute?

Ja, Herr, ich weiss nicht, ob Sie ein Studirter sind. Aber ich denke immer, der Bauer soll dem Herrn Pastor das Latein lassen. Die Ochsen lernen doch im Leben kein Hebraisch ...

Wenn sie nicht an Moses und die Propheten verpfandet werden ... fiel Dankmar lachend ein. Wenn ich hier wirklich auf dem Gute des Heidekrugers Justus bin, so merk' ich fast, das Gesinde theilt nicht die Leidenschaft seines Herrn fur Politik ....

Die Magd horte nicht. Sie war hinterher, ein Licht anzuzunden und den Ankommlingen hinaufzuleuchten in die Zimmer, die sie ihnen anweisen wollte.

Dankmar beobachtete Hackert, der sich inzwischen mit scheuem Blicke dem eleganten Reisewagen genahert hatte und prufend vor ihm stand und vor sich hin murmelte:

Neumann! Bei Gott, er ist's! Es ist Neumann.

Was murmeln Sie denn? Kennen Sie den Wagen?

Hackert zeigte auf die Chiffre am Schlage.

Man musste nahetreten, um sie in dem nur sternenhellen Dunkel zu erkennen.

F.S. Nicht wahr? sagte Dankmar.

F.S. wiederholte Hackert bestatigend und gab die Erklarung:

Franz Schlurck.

Meinen Sie wirklich? Der Justizrath Schlurck? Der Kutscher schlaft. Wir wollen die Magd fragen. In dem Falle bleib' ich noch auf. Ich hatte Lust, den beruhmten Juristen kennen zu lernen.

Hackert schwieg. Er war nachdenklich vor dem Wagen wie festgebannt, streichelte die Pferde und lachte mit einem eigenen, fast schwermuthigen Ausdrucke in sich hinein.

Kommen Sie mit hinauf, Hackert! Horen Sie nur, wie man noch die Glaser anstosst! Es ist mir, als drange bis hierher ein duftender Punschgeruch. Essen wir in der lustigen Gesellschaft oben zu Nacht und stossen wir frohlich mit den Frohlichen an!

Hackert horte nicht. Er stand wie abwesend vor den Pferden und streichelte sie. Diesen that der nachtliche Gruss wohl. Die prachtigen Thiere schnaubten leise und reckten die Ohren. Hackert aber fuhr ihnen sanft uber die Mahne. Da strichen die Rosse die Hufen auf dem Pflaster und schlugen die langen Schweife in die Hohe. Die Mahnen der Thiere bewegten sich unruhig und ihre dunkeln grossen Augen blinzelten in der Nacht ganz geheimnissvoll, als wollten sie sagen: Sieh da, Hackert, wir kennen dich, warum sehen wir dich nicht mehr?

Gute Nacht! sagte darauf Hackert, der alles Dies nachzufuhlen schien, und wandte sich dem Stalle zu.

Die mit dem Lichte wartende Magd, drangend und freundlich gestimmt, bemerkte:

Ei kommen Sie doch. Es sind oben auch Zimmer fur die Kutscher!

Geh' Sie zum Henker mit Ihrem Kutscher! sagte Hackert und schlenkerte die muden Glieder dem Stalle zu, wo er, auf Dankmar's Nachruf nicht horend, rasch und gleichgultig verschwand.

Er will im Stalle schlafen, sagte die Magd. Es ist besser, er ist bei Ihrem Pferde. Dem Dietrich bekommt's nicht, wenn der gute Herr oben bei uns zu oft einkehrt.

Zahlt der immer so gute Trinkgelder?

Er will nur, dass Alles lustig ist, gibt gleich Wein und Geld und unsern Herrn wechselt er auch ganz aus. Kommen Sie! Ich geb' Ihnen ein gutes Zimmer und gehen Sie getrost noch in den Saal.

Nun gut! sagte Dankmar. Etwas kalte Kuche! Braten, Wein, wenn man ihn haben kann! Dann mach Sie's Bett! Ich will noch einen Augenblick in den Saal treten.

Dankmar kannte nur den bedeutenden Ruf des Justizraths Franz Schlurck. Er war der gesuchteste Anwalt der vornehmen Welt, hatte Hauser und Guter in Administration, verwaltete minorennen reichen Erben ihre kunftigen Besitzthumer, galt fur einen der beliebtesten Gesellschafter und war besonders durch das glanzende Haus, das er machte, und die Schonheit seiner Tochter Melanie Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit. Dankmar kannte die reizende Melanie nur von fluchtiger Begegnung, hatte auch Schlurck nie personlich gesehen. Er fand es ganz in der Ordnung, die Gelegenheit zu benutzen, einen vielbesprochenen Mann, der ihm gewissermassen als nachahmenswerthes Vorbild seiner eigenen Laufbahn gelten konnte, kennen zu lernen. Dass Schlurck allein reiste, ohne seine Familie, hatte er schon vernommen. Er rechnete darauf, ausser Schlurck nur noch den Heidekruger Justus zu finden, einen gleichfalls bekannten offentlichen Charakter, der schon seit Jahren viel Wunderliches von sich reden machte.

Als Dankmar die Treppe hinaufgestiegen war und die Thur, hinter der er sprechen horte, geoffnet hatte, blendete ihn anfangs der entgegenstrahlende Lichtschimmer, sodass er erst fast nichts von Dem sah, was er hier antreffen sollte.

Auf seinen Gruss antworteten ihm mehre Stimmen zugleich mit einem theilweise uberraschten: Guten Abend!

Um ein Uhr des Nachts hatten im Saale des Heidekrugs aber nur noch drei Manner beisammengesessen, die eingehullt vom feinsten wohlriechendsten Cigarrendampf den Morgen mit wachen Augen begrussen zu wollen schienen. Den Heidekruger und den Justizrath glaubte Dankmar sogleich zu erkennen. Es war aber noch ein Dritter anwesend, der entfernt von diesen Beiden mit einer blauen Blouse bekleidet in einem dustern Winkel sass.

Sechstes Capitel

Die blaue Blouse

Das ziemlich geraumige, aber etwas niedrige Gastzimmer des Heidekrugs war von vier Wachslichtern, die auf dem langlich durch die Mitte gehenden Tische dicht zusammengeruckt standen, heller erleuchtet, als solche Raume es sonst zu sein pflegen. Die vier Kerzen standen so, dass sie zu gleicher Zeit im Spiegel sich verdoppelten. Zwischen der zweiten und dritten Kerze stand ein silbernes Gefass, das der Kundige auf den ersten Blick als einen Champagnerkuhler erkannt hatte, wenn nicht auch der daraus hervorragende Hals einer Flasche mit gerolltem Blei umlegt gewesen ware. An der Seite des silbernen Gefasses stand einer jener gelbirdenen Topfe, in welchen die strasburger Ganseleberpasteten versandt werden. Eine Blechbuchse schien eine andere Nascherei zu enthalten, die jedoch mit dem grossen Laib groben Brotes, der auf einem Teller daneben lag, in sonderbarem Widerspruche stand. Einige Buchschen mit Etiketten in der Form erkannte sie Dankmar als englische schienen pikante indische Saucen zu enthalten. Alle diese Herrlichkeiten standen vor einem mit grosser Behaglichkeit gesticulirenden und eben einen silbernen Becher mit Champagner an die Lippen setzenden Herrn. Seiner Gourmandise nach hatte man vermuthen sollen, er ware rund genahrt und bote ein behagliches Embonpoint. Im Gegentheil aber sah Justizrath Franz Schlurck sehr mager und durr aus. Die Zuge des klugen und uberaus verschmitzten Antlitzes konnten nicht trockener sein. Im Munde war auch nicht ein ganzer Zahn mehr ubrig, wie man deutlich sah, wenn der von Weinlaune erregte Mann dann und wann einen Zug aus seiner sehr kostbaren Cigarrenspitze zwischen den behutsam aufgesperrten schlaffen Lippen von sich blies. Den Ausdruck der Augen zu erkennen, war schwer; denn eine goldene Brille verdeckte sie. Das dunne graue Haar sass so sparlich auf dem wohlgebauten und gefallig geschweiften Schadel, dass man ordentlich erblickte, mit welcher Sorgfalt die einzelnen Haare langgezogen und vom Hinterkopfe her uber die Glatze herubergekammt waren. Ein feiner blauer Frack mit gelben Knopfen, ein weisses Halstuch und eine weisse Piqueweste gaben der Toilette etwas ebenso Gewahltes, wie die mit grossen und kleinen Ringen gezierte Hand Pflege und ein Bewusstsein der Zierlichkeit derselben verrieth.

Neben diesem Sybariten an der Ecke des Tisches sass der Wirth, eine starke, stattliche Gestalt von gewaltigem Knochenbau und einem sichern festen Auge. Das Wesen dieses Mannes war kein gewohnliches. Die Kleidung ging uber den landlichen Schnitt hinaus, die Haltung war des Welttones nicht unkundig. Man glaubte eher den Burgermeister einer Landstadt als einen hier in der Einsamkeit des Waldes Wirthschaft treibenden Okonomen vor sich zu haben. Eine lebhafte Auseinandersetzung schien ihn zu beschaftigen; nicht nur der Champagner, von dem er aus einem grossen Wasserglase trank, hatte ihn gerothet, vielleicht auch das Feuer einer Ansicht, die er in dem Augenblicke, als Dankmar eintrat, sehr lebhaft vertheidigte. Als Dankmar einen Guten Abend! gesagt hatte, stand der Heidekruger auf und luftete ein kleines Sammetkappchen, das mehr zur Zierrath als aus Rucksicht auf seinen starken Haarwuchs den Scheitel bedeckte.

Sie werden sich wundern, sagte Dankmar, noch so spat Besuch zu bekommen. Ich will nur eine Kleinigkeit zu Nacht nehmen, eine kurze Bettruhe halten und morgen in der Fruhe mit meinem Einspanner weitermachen.

Haben Sie sich bestellt, was Sie wunschen? fragte der Heidekruger mit einem gewissen Gentlemanton, als wollte er sagen, ich bin kein Wirth im gewohnlichen Sinne des Wortes, sondern verweise Sie auf die Bedienung, die hier ganz eine Privatsache meiner Leute ist.

Als Dankmar bejahte und bat, sich nicht storen zu lassen, fuhr der Sprechende, als ware er gar nicht unterbrochen worden, mit kraftiger Stimme fort:

Woran liegt's, als an der ganzlichen Unbekanntschaft mit dem Zustande auf dem Lande selbst? Wir haben's erst versehen, dass wir Leute hineinschickten, die am schnellsten mit dem Munde voraus waren. Sie haben die Verwirrung nur noch grosser gemacht, vom Hundertsten ins Tausendste gesprochen, Alles sehr schon, aber ohne Kenntniss. Denn warum? Es waren Doctoren, die ihre Praxis aufgaben ....

Wenn sie welche hatten, liess Schlurck lachelnd einfallen.

Auch das, sagte der Heidekruger. Es waren Schullehrer, Advokaten, aber keine Geschaftsleute. Die werden wir diesmal schicken; aber auch die Beamten und die Angestellten nicht, die die Regierung geschickt wunscht.

Schlurck schien im Grunde nicht geneigt, dies Gesprach fortzusetzen, wenigstens hatte sich sein glatter Weltton erst lieber mit dem neuen Ankommling vermittelt. Dieser hatte dicht ihm gegenuber Platz genommen und die hier ausgebreiteten Delicatessen mit einem sehr deutlichen ironischen Lacheln gemustert. Diese Kritik setzte den Epikuraer in Verlegenheit und mit einem eigenthumlichen Hinaufziehen der Stirnfalten, das dem Munde und den Schlafen einen nicht unheimlichen, aber sonderbar faunischen Ausdruck gab, wandte er sich an Dankmar mit den Worten:

Wenn man uberall so gut aufgenommen ware wie bei dem in allen Wassern erfahrenen Herrn Justus, wurde man nicht nothig haben, sich fur eine Reise in diesen Gegenden so zu verproviantiren. Ubrigens ist nur das Eis eine Contrebande von mir selbst, der Champagner, vortrefflicher Geldermann-Deutz, kommt aus dem Keller des Heidekrugs. Ich zahle kein Korkgeld.

Der Geldermann-Deutz ist auch, antwortete Justus lachend, mit der neuen Zeit da hineingekommen. Seit die Wahlbesprechungen die Zungen trocken machten und alle moglichen Stande, Leute, die ich nie bei mir gesehen habe, Offiziere, Landrathe, Prasidenten bei Einem vorkommen, hat die Nachfrage nach dem sussen Zeug auch die Anschaffung nothig gemacht. Ich bezahl' ihn fur echt. Ich will hoffen, dass er's ist.

Schaker! Schaker! drohte Schlurck mit affectirter Schelmerei. Nicht echt? Hab' ich Ihnen nicht, als ich die Ehre Ihres Besuches genoss, die besten Quellen genannt? Wenn unsere junge Freundschaft sich so echt erweist wie dieser Geldermann-Deutz, Justus, so konnen wir schon zusammenhalten. Darf ich Ihnen anbieten, mein Herr?

Damit hatte Schlurck ein Wasserglas, mit perlendem rothlichen Bouzy gefullt, auf einen Teller gestellt und ihn Dankmarn prasentirt.

Dieser lehnte jedoch ab und brauchte dafur den hoflichen Scherz, dass er sagte:

Ich trinke keinen Geldermann-Deutz.

Warum nicht? Das Haus ist sehr beliebt.

Der Name Deutz, sagte Dankmar lachend, erinnert mich immer an den Verrather der Herzogin von Berry und ihre Gefangenschaft auf dem Schlosse ... wie heisst es doch? ...

Blaye ... rief eine Stimme von einer entlegenen dunklen Ecke des Saales heruber. Dankmar wandte sein Auge zu dem Sprecher. Das franzosische Wort kam von jenem dritten Anwesenden, der in blauer Blouse gleich beim Eintreten Dankmarn aufgefallen war. So weit er ihn im Dunkeln erkennen konnte, war der junge so unterrichtete Mann von schonem hohen Wuchs. Die blaue Blouse ging ihm dicht bis an den Hals, der mit einem leichten seidenen Tuche umschlungen war. Ein Stock, ein gefalliger Ranzen, eine Mutze lagen neben ihm. Er stemmte den Kopf auf die Hand und streckte das Bein lang uber einen Sessel hin, den er vor sich stehen hatte, ohne ihn mit den Stiefeln zu beruhren, was sich ohne Zweifel der Heidekruger wurde verbeten haben. Der Ausdruck des Kopfes entging Dankmarn leider, da er ihn niederbeugte und mit der Hand verdeckte.

Richtig, Blaye! sagte Dankmar erstaunt; denn er fand gegen die zugeflusterte Bemerkung der eben mit kalter Kuche eintretenden Magd, dass der Dritte ein Handwerksbursch ware, dem Aussern nach kaum etwas einzuwenden.

Es ist nicht der erste Beweis, begann Schlurck halblaut zu dem sein bescheidenes zweites Nachtessen anschneidenden Dankmar; es ist nicht der erste Beweis, den uns der vortreffliche junge Mann dort in der Ecke von seinen Kenntnissen gibt! Er ist, sagt er, in dieser Gegend zu Hause. Daher unstreitig Wahler und wahlbar, wie alle diese jungen Menschen jetzt, wenn sie namlich nachweisen, dass sie keinem Andern die Stiefeln putzen und dreissig Jahre alt sind, was er doch wol zu sein scheint.

Sind Sie ein Gegner des allgemeinen Wahlrechts? bemerkte Dankmar, mit einem Stuck Kalbsbraten beschaftigt.

Wie konnt' ich das in einer Zeit, sagte Schlurck ironisch, wo die untern Stande sich so ausgezeichnet entwickeln, dass sie sogar die Geschichte der Herzogin von Berry wissen! Schon einige male bot ich dem jungen hoffnungsvollen Tischler es ist ein Tischler, der junge Mann von unserm Geldermann-Deutz, aber, erstaunen Sie

Er hat dieselbe Antipathie gegen Verratherwein wie ich? bemerkte Dankmar lachend, setzte nun aber, um nicht zu verletzen, hinzu:

Das edle Getrank soll indessen unter seiner Etikette nicht leiden. Wenn Sie erlauben, thu' ich Ihnen Bescheid.

Schlurck, ausserordentlich geschmeichelt und gleichsam glucklich, einen Bundesgenossen gegen den jungen Tischler, der ihn schon lange zu necken schien, zu finden, schenkte, um die Schaumung recht frisch zu geben, noch einmal in einem nahestehenden Glase ein und uberreichte es Dankmarn, der freundlich Bescheid that.

Der Heidekruger aber lachte und schraubte den Justizrath, indem er anfing:

Ei, ei, Herr Justizrath, was haben Sie mir da fur eine Etikette empfohlen? Das hatt' ich wissen sollen, als ich wegen meiner kleinen Hakeleien mit der hohenberg'schen Masse bei Ihnen war und Sie um eine Empfehlung guter Weine bat, wegen der bevorstehenden Wahlmanover und Zweckdemonstrationen!

Geldermann-Deutz wird mir hier verworfen, sagte Schlurck mit halb ernster, halb komisch sein sollender Entrustung. Da mussen Sie zur Strafe jetzt alle zusammen einem Montebello oder einem Moet den Hals brechen. Was befehlen Sie?

Damit langte er neben sich hinunter und griff in einen zierlichen Flaschenkeller, der neben ihm auf der Erde stand und in seinen Raumen noch Platz hatte fur die kostlichsten Speisen und sogar das Eis, das er im blechernen Boden der ganzen Maschinerie beisichfuhrte.

Nehmen Sie vom alten ehrlichen Jaquesson, rief der junge Tischler heruber und anderte ein wenig seine bequeme Stellung. Im hohenberger Schlosskeller lagen von dem Hause Jaquesson noch vor einigen Jahren ein Dutzend Korbe der bewahrtesten Etikette.

Schlurck richtete sich auf und blickte mit entrustetem Antlitz zu dem kuhnen Sprecher hinuber. Die Brille auf seine hohe Stirn ziehend, stierte er ihn jetzt mit den unbewaffneten grauen Augen an; denn Schlurck gehorte zu denjenigen Weitsichtigen, die gerade erst die Brille absetzen, wenn sie gut sehen wollen.

Woher wissen Sie Das, junger Mann? fragte er mit gezogenem Tone.

Ich habe im hohenberger Schlosskeller an den Gestellen fur die Weinflaschen gearbeitet, antwortete der Tischler lachend, und Dankmar konnte ihm jetzt in sein schones edles Antlitz sehen. Sein Haar war braunlich und gelockt wie das seinige, der Mund voll der schonsten Zahne. Uberhaupt hatte der Fremde einige Ahnlichkeit mit Dankmar.

Sieh, sieh! bemerkte Schlurck mit sonderbarem Dehnen der Stimme; sieh, sieh, ich habe in der That nur Jaquesson bei mir.

Dann sich setzend und die Brille wieder uber die Augen werfend, rief er:

Vive la gaiete, meine Herren! Rucken Sie naher, junger wahlender und wahlbarer Tischler! Justus, Sie deutscher Patriot, herbei! Sie stossen auf die nachste Wahl in Ihrem Bezirke an, id est auf Ihre eigene Wahl! Ha, ha, alter Sunder! Das ist's doch nur, was Ihr so im Stillen ambirt! Papst Sixtus! Papst Sixtus! Der hat's auch so gemacht. In Demuth dem Herrn gedient, geachzt, gestohnt, die hochste Wurde abgelehnt, abgelehnt bis er sie hatte und Papst war! Justus, edler Martyrer alter Beamtenwillkur! Heran! heran! Eins, zwei, drei! Krach, das Eisen ist ab und nun die Eimer her! Vollgeschopft!

Dankmar hielt getrost hin. Was sollte er da lange zogern? Der Heidekruger aber legte die Hand auf sein Glas und sagte ganz verstimmt:

Das bitt' ich mir aus, Herr Justizrath! So haben wir nicht gewettet. Ich sollte daran denken, gewahlt zu werden? Darum all' mein Eifer fur Ihre gute und rechtschaffene Wahl? Nein, nein, bester Herr! Ich bin ein schlichter, einfacher Mann. Ich hab' Ihnen gesagt, wie ich mir Alles denke, wie's werden muss im Staate, und nun kommen Sie an und thun, als hatt' ich den Hinterhalt ...

Hi, pfiff gleichsam Schlurck und gab einen eigenen Ton des zahnlosen Mundes von sich, einen Ton, der List und Unglaubigkeit ausdruckte. Was ist da mehr? Kommen Sie, wahlender wahlbarer Tischler, thun Sie Bescheid! Sie haben schon manches gute Wort in unser Gesprach hineingegeben. Ich ehre auch die Arbeit! Ich ehre auch die Herren Arbeiter! Die Herren Arbeiter sollen leben! Wir wahlen Freunde der Arbeit! Feldarbeit, Werkstattarbeit, Geistesarbeit; nicht wahr, mein Herr, Sie sind Geistesarbeiter? ...

Diese Frage war an Dankmar gerichtet. Er bejahte sie.

Nun sehen Sie, fuhr Schlurck fort und reichte, um den Heidekruger zu versohnen, diesem seine goldene Dose hinuber, aus der er vorher selbst eine Prise nahm, was murren Sie, Justus? Es ist Alles Windbeutelei mit der jetzigen Politik! Kenntniss vom Recht? Gleich Null. Ehrgeiz ist die Achse des ganzen Getriebes. Steck da Einer seine Finger hinein, sie werden ihm bald zerquetscht werden. Die beste Politik ist gewiss die, aus dem Staate Alles hinauszufegen, was in diesen Begriff seit hundert Jahren hineingepfercht ist. Wer sagt so etwas? Eine gute Polizei, das ist Alles, was man vom Allgemeinen verlangen sollte. Das Ubrige bleibt der Gesellschaft uberlassen. Verwaltung und Schule kommt an die Gemeinde, die Kirche bete und singe, was sie will. Die Provinzen halten jede fur sich! Die Standekammern sind blosse Abrechnungsconvente. Man kommt zusammen, um Soll und Haben auszugleichen. So ist's in Amerika, so in England, und das Beste dabei ist, dass die Menschheit vergnugt bleibt und Jedermann das angenehme Gefuhl hat, in seinem Kreise so viel zu gelten, als er mit seiner Person behaupten kann.

Bravo, sagte Dankmar, die Ansicht ist fast die meinige. Doch sind Sie dabei auf dem besten Wege zur Republik.

Wenn wir uns, fuhr Schlurck behaglich lachelnd fort, wenn wir uns eine Republik denken konnten comme il faut, warum nicht? Aber Das ist ja der ewige Jammer. Die heutigen Republikaner wollen mit dem Staate auch wieder nur Staat machen. Da soll Alles von unten aufgebaut werden, symmetrisch, Alles in die Hohe, Alles Pyramide, Alles Centralisation. Der Mensch, die Gemeinde, die Gesellschaft werden nur ausgesogen zu einem grossen Allgemeinzwecke, der im Grunde wieder nicht besser ist als die alte Konigs Majestat von Gottes Gnaden. Diese Wuth, den Einzelnen fur nichts mehr zu erklaren, die ist ja so allgemein jetzt, dass die Lumpe in dem verdammten Communismus ihr Heil finden, als wenn dann der Einzelne was hatte, wenn Alle nicht viel haben! Meine Herren, die Erde ist ein hochst unvollkommener, hochst kleiner, obscurer Planet und wird's bleiben, bis er sich einmal an einem grossern ganz die Nase zerstosst oder wohlbehalten in ihm aufgeht. Wir Menschen sind vielleicht vollkommener als die Bewohner der grossen Planeten; denn allerdings schon die Gastronomie belehrt uns, dass die kleinen Krabben besser schmecken als die grossen. Moglich, weil die Erde klein ist, sind ihre Bewohner feiner organisirt als die Bewohner des Saturn. Aber bis zur Vollkommenheit bringen wir es nicht. Wir sind ein wimmelndes Geschlecht fleischfressender Vernunftsthiere. Was wir fur Moral halten, ist veredelte Gesundheitslehre; was uns Metaphysik scheint, ist nichts als die Reflexion der einen Sinnentauschung in der andern. Denn da diese ganzliche Rathlosigkeit uber unsern Ursprung und unsers Hierseins Zweck und Absicht bereits mehrere Jahrtausende dauert, so hat sich von den Millionen Blasen, die daruber in unsern Kopfen schon aufgestiegen sind, ein solcher Blasebalg von Traditionen gebildet, dass Keiner mehr weiss, was er selbst oder was Andere gedacht haben und woher der Wind eigentlich weht. Verdauen Sie gut, meine Herren, haben Sie das einzige Gluck, das die Erde gewahren kann, so schreiben Sie lustig an den gestirnten Himmel: Das Prinzip des Alls ist die Liebe. Verdauen Sie aber schlecht, meine Herren, und mochten Sie nach jeder Ganseleberpastete des Teufels werden, so schreiben Sie voll Zorn auf dieselbe Stelle: Das Prinzip des Alls ist der Hass. Was ist da nun Wahrheit?

Herr Justizrath! rief der Heidekruger, wenn Sie so zu den Bauern sprechen, bekommen Sie in Schonau nicht Eine Stimme.

Wirklich? Wie so?

Jeder Wahlmann wird Ihnen sagen: Das sind Lasterungen!

Hm! hm! Glauben Sie Das?

So mussen Sie diese Naturmenschen nicht fassen, Herr Justizrath.

Wissen Sie was, Justus! sagte Schlurck nach einigem Besinnen und vom Champagner nippend; der Henker hole Ihre ganze Wuhler- und Wahlerei! Wenn's nicht jetzt Mode ware, Politik zu treiben, und die unhoflichste Vergessenheit uber Jeden kame, der nicht auch in einem Club sitzt und in die allgemeine Confusion mithineinbrullt, ich wurde mich wol in Acht nehmen, meine Zeit und Musse zum Opfer zu bringen. Ich habe ein paar Ressourcenfreunde gesehen, die nur drei mal im Constitutionellen Club waren und um zehn Jahre alter wieder herauskamen. Sie hatten ein Gesicht so lang! gekriegt. Ubrigens irren Sie, werthester Freund, wenn Sie glauben, dass die Bauern blos patriotische und politische Salbung horen wollen. Die Leute ahnen auch langst, dass die Welt ein grosses Loch hat, wo all der Wind, den man ihnen seit tausend Jahren vorgemacht, zwecklos wieder durchblast ins Leere, und unsere Existenz eine blosse Flause ist. Es soll ihnen nur Einer einmal von Grund aus zeigen, wie die Welt damals aussah, als sie blos fur Adam und Eva geschaffen wurde; ich weiss nicht, Freundchen, ob Sie fur Ihre schonauer Loyalitatsadresse die funfhundert Unterschriften bekommen hatten, die Ihnen in der Zeitung schrecklich viel Insertionsgebuhren mussen gekostet haben.

Sind Sie jetzt ein Loyalitatsadressenschreiber? fragte Dankmar ganz erstaunt den Heidekruger.

Justus stutzte den Kopf auf den linken Arm und antwortete, Dankmarn scharf ins Auge fassend:

Ich weiss nicht, mit wem ich zu sprechen die Ehre habe; aber Das weiss man vom Heidekruger Justus zehn Meilen Weges, dass ich das Bischen Einfluss auf unser Land und unsere Gegend nicht zum Unrechten verwende. Mit den Wuhlern hab' ich niemals gehen mogen. Ich wurde schon verfolgt vor zehn Jahren von der alten Polizeiwirthschaft. Warum? Weil ich verbotene Bucher las, in den Provinziallandtagen manchmal ein Wort uber die Beamtenwirthschaft, uber Grundsteuer und die Chausseebauten sprach. Das war ein Hetzen, ein Untersuchen, ein Incriminiren ....

Sie haben sich damit einen Namen erworben, fiel Dankmar ein. Ich bin angenehm uberrascht, die personliche Bekanntschaft des freisinnigen Heidekrugers Justus zu machen ....

Justus zog, etwas geschmeichelt, sein Kappchen.

Schlurck schnitt eine ironische Miene und blinzelte zu Dankmarn hinuber, als wollte er sehen, ob man wol von ihm verstanden wurde, wenn man in scheinbar ernster Miene etwas blicken liesse, das etwas soviel sagte als: Der eingebildete Esel!

Schlurck war ein vollig negativer Kopf, vor dem nichts festen Bestand hatte. Er leitete fast Alles aus dem Interesse her, auch Justus' politische Stellung, die in der That keine geringfugige war, wenigstens in den Tagen vor den neuesten Bewegungen.

Die Wuhler, sagte Justus, haben Jeden verdachtigt, der keine Schulden auf seinem Eigenthum hatte. Sie haben sich hier an einige bankrotte Muller und Wirthe und vorlaute Tagelohner gehangt und Die in die Stadt geschickt, um fur sie zu sprechen. Ob es anderswo anders war, weiss ich nicht; genug, wir Alten von sonst sahen dem Treiben ruhig mit zu. Die Regierung foderte Die, die sie noch fur das Bessere treugesinnt hielt, durch Circularausschreiben auf, man sollte durch Adressen seine wahre Gesinnung kundgeben, und was versprochen ware, Das wurde auch gehalten werden. Nun, darauf hin, Herr, wenn man uns Das halt, was versprochen ist, darauf hin konnten wir sagen, dass wir an unserm angestammten Konig festhalten und uns von keinerlei Rottirung wurden irremachen lassen. Es haben's Vierhundertneunzig unterschrieben und viele Arme darunter, die aber vollkommen klar wissen, was sie thaten, als sie die Feder fuhrten.

Sie sehen, sagte Schlurck mit feinem Humor, unser braver Herr Justus gehorte sonst zu den Demagogen, jetzt zum rechten Centrum. Das rechte Centrum ist die Gegend, wo die Portefeuilles wachsen. Wenn das Gluck gut geht, Justus, und Sie die Stimmen haben, werden Sie doch noch bei irgend einer Krisis Excellenz ....

Nein! Wenn Sie so uber Alles spotten, Justizrath, sagte Justus fast argerlich und wollte aufstehen.

Sitzen geblieben! rief Schlurck. Altes Haus, Spass verstehen! Hier Jaquesson getrunken! Alles Andere ist eitel .... Sie sind auch eitel.

Dabei fullte er die Glaser, bemerkte aber, dass der Tischler vorhin das seine nicht geholt hatte. Als er sich umwendete, um ihn dazu aufzufodern, fand er, dass der sicher sehr ermudete Wanderer schlief.

Der junge wahlbare Wahler schlaft, flusterte Schlurck. Und um ein Uhr Nachts wach zu sein, ist allerdings eigentlich nur das Privilegium der Gebildeten.

Der Heidekruger, verstimmt, gab ihm einen Wink und sagte leise:

Schlimm genug, dass wir in Zeiten leben, wo man nicht einmal einem reisenden Handwerksgesellen sagen kann: Scher' er sich auf den Heuboden!

Was, Herr Justus ist nicht nur rechtes Centrum, bemerkte Dankmar, sondern auch Aristokrat geworden?

Ich bin ein ehrlicher Mann geblieben, antwortete der Heidekruger; ich gebe Gott was Gottes, und dem Konige was des Konigs ist. Jeder Stand soll in seinen Grenzen bleiben, der Dienende sich nicht zu dienen, der Arbeitende sich nicht zu arbeiten schamen.

Und der Wirth, fiel Schlurck mit jovialer Bestimmtheit ein, der Wirth soll sich nicht irre machen lassen, sein Hausrecht zu gebrauchen. Wenn Sie, bester Freund, nicht auf Popularitat speculirten, hatten Sie den Burschen da langst zur Thur hinausgeworfen.

Sie konnen's, seh' ich, Justizrath, sagte Justus, nicht lassen, mich fur einen ehrgeizigen Mann zu halten. Es sollte mich kein Mensch hindern und keine Rucksicht auf Wahlen oder Nichtwahlen bestimmen, Einem zu sagen, was ich von ihm denke. Aber betrachten Sie doch nur den Mann! Ich halte ihn fur Das, was er von sich aussagt, aber die Meisten sind heute etwas Schlimmeres, als was sie sein wollen. Der kommt mir aber vor, als konnte er etwas Besseres sein.

Schlurck und Dankmar betrachteten den Schlafer in der blauen Blouse noch einmal aufmerksamer. Es war ein schoner, schlank gewachsener junger Mann. Er hatte den Kopf dicht unter beiden gekreuzten Handen auf den Tisch gelegt. Dem dadurch recht sichtbaren krausen hellbraunen Haar sah man die sorgsamste Pflege an. Ein um das Kinn rundherum gehender Bart hob die blassen, edlen Zuge nur noch lebendiger hervor. Auf der hohen Stirn schien ein anderer Beruf zu schlummern, als ihn die Blouse verrieth. Und doch war auch diese feiner als die eines gewohnlichen Handwerkers. Sie war rings am Kragen, an den Armeln und auf der Brust einfach, aber sehr sorgfaltig gesteppt. Die bunten Beinkleider waren von einem gewahlten Muster, die Stiefel sassen auf einem zierlichen Fusse, dem das Wandern auf der Landstrasse nicht gelaufig schien. Als Dankmar bemerkte, dass an den Hacken dieser Stiefeln sich sogar ein kleiner Absatz Sporenleder befand, uberflog den Justizrath eine dustere Wolke plotzlichen Unmuths. Es schien, als hatte er sagen wollen: Alles Fremde ist mir unheimlich. Auch Dankmar blieb ihm ohne Zweifel zu lange namenlos. Er griff nach der Uhr, zog sie an einer langen, schweren goldenen Kette hervor und liess sie repetiren. Sie schlug ein Viertel auf zwei.

Jetzt, bester Freund, begann er, zu Justus gewendet, ist es Zeit, aufzubrechen. Die Pferde werden vom Warten mude. Mein Kutscher fallt wol gar vom Bocke und es ist heiss hier, recht heiss ....

Damit wollte er aufstehen. Aber Justus, der breite Auseinandersetzungen liebte, war eben erst im Begriff, sich recht gehen zu lassen. Man hatte seine Offenheit bezweifelt; jetzt kam ihm erst das Bedurfniss, sich vollstandiger auszusprechen.

Nein, sagte er, nun lass' ich Sie nicht. Nun mussen Sie auf ein Stundchen bleiben. Die Nacht ist einmal verdorben. Sie fahren mit Ihren Staatsfuchsen in zwei Stunden nach der Stadt, was wollen Sie fruher ankommen als mit Sonnenaufgang?

Bester Freund, mich erwarten Geschafte ....

Sie bleiben noch! Auch der fremde Herr; ja! ja! Das lass ich mir nicht nehmen, mich gegen ungerechten Verdacht zu vertheidigen. Mein ehrlicher Name ist nicht von gestern. Auch wir Alten, die wir sonst etwas waren, mussen uns wieder aussprechen durfen. Oder sollen nur die Communisten, nur die Reubundler reden?

Die Reubundler stachelten Schlurck auf. Sie werden doch nichts gegen die Reubundler zu sagen haben, Justus? bemerkte er.

Gegen die Reubundler? Warum nicht? Sind Sie Mitglied des Reubunds?

Allerdings.

Ein Mann von Ihrem Geiste? bemerkte Dankmar.

Sehr schmeichelhaft, mein Herr! erwiderte Schlurck.

Allein ich versichere Sie, der Reubund ist eine der merkwurdigsten Neuerungen, die ich unserer an Ideen so armen Zeit kaum zugetraut hatte.

Das mussen Sie beweisen, Justizrath! rief Justus donnernd und zwang den Epikuraer, der diese Nacht einmal beschlossen hatte, die Gewalt des Sohnes derselben, Morpheus, nicht anzuerkennen, eine so kuhne Behauptung zu rechtfertigen.

Schlurck sah sich noch einmal mistrauisch zu der schlummernden blauen Blouse um, schenkte noch einmal die Glaser mit seinem Jaquesson aus der hohenberg'schen furstlichen Kellerei voll und begann mit einer Dankmarn wohlverstandlichen und ihn sehr angenehm unterhaltenden Ironie:

Eh' ich denn also vom Reubunde spreche, lassen wir erst noch den Heidekruger reden! Entfalten Sie sich, Justus! Entwickeln Sie sich in Ihrer ganzen Bedeutung fur das vaterlandische Allgemeine!

Siebentes Capitel

Der Reubund

Nun wohlan, sagte der Heidekruger und warf sich dabei gewichtig in die Brust; hier und anderwarts sind Viele aufgestanden und haben gesagt: Seht den Justus, den Heidekruger, der einst jedes verbotene Buch las, einst fur die Polen sammelte, in ewiger Untersuchung stand, Justus, der ...,

Der selbstzufriedene Mann stockte.

Nein, nein, half Schlurck nach, sagen Sie offen, dass Sie der Mirabeau der Provinziallandtage waren, der Schrecken der Landrathe, der O'Connell des alten Liberalismus ...

Er ist doch recht schlimm! bemerkte Justus mit einem Blicke auf Dankmar und meinte den satyrischen Justizrath.

Doch gestand Dankmar die Bedeutung des Heidekrugers vollkommen zu und machte ihm damit Muth, sich in seinem ganzen Werthe zu fuhlen.

Nun meinetwegen, sagte Justus, ich bin ein Landwirth, habe mir einige Kenntnisse erworben, die uber die Pflugschar hinausgingen, und lag mit dem alten Polizeisysteme in Hader, seit ...

Ihre Frau todt ist, schaltete Schlurck ein. Doch horte Justus nicht darauf, sondern fuhr fort:

Kinder hab' ich nicht und los und ledig muss Eins sein, wenn man nicht erschrecken will vor einer Haussuchung durch Gendarmen oder ahnliche Visiten bei Nacht und Nebel. Nun gut! Die neue Zeit ist gekommen. Nun sagen die Leute: der Heidekruger galt sonst fur einen dreisten Mann und gab der Regierung etwas zu rathen auf. Warum ruckt er jetzt nicht mehr mit der Farbe heraus? Warum hat er einen Bund mit dem Feinde gemacht?

Warum will er Minister werden? schaltete Schlurck parodirend ein und stiess mit Dankmars Glase an.

Ja! Auch Das haben sie gesagt, fuhr Justus fort. Aber ich, Justus ...

Der Heidekruger ...

Sage! Das ist erlogen ...

Und dreimal gelogen!

Die Loyalitatsadresse aus dem schonauer Kreise kam vom Herzen ...

Und vom Geldbeutel ...

Nein, Justizrath! ...

Unterbrechen Sie Herrn Justus nicht so oft, Herr Schlurck, sagte Dankmar lachelnd.

Nein warum? meinte Schlurck. Ist der Mann denn nicht reich? Gehort ihm nicht der Heidekrug mit Wald, Wiese und so und soviel Morgen Kornland? Hat er nicht da unten in seinem grunbewachsenen Stubchen neben einem Schranke weiland verbotener, jetzt erlaubter Bucher, mehre Ausgaben des Conversations-Lexikon nebst einem eisernen feuerfesten Schranke voll kostbarer Provinzialcreditkassenscheine und den frequentesten Eisenbahnactien? Die Loyalitatsadresse ...

Kam vom Herzen, sag' ich nochmal, rief Justus, sich erhebend mit donnernder Stimme und ganz mit dem Feuer und der Stentorbrust eines zu einem Prasidentenstuhle sich eignenden parlamentarischen Lowen. Sie kam nicht vom Geldbeutel, Justizrath! Auch nicht von der Furcht! Kein Gendarm hat uns Funfhundert dazu gezwungen, wie's anderwarts geschehen ist, wo die Leute um Gotteswillen gequalt wurden, ein gutes Zeichen vonsichzugeben und den Landesvater durch Zustimmung zu retten. Allein, wenn wir in unserer festen Gesinnung eine Erklarung gegen die Wuhlerei, die Demokratie und den Communismus abgaben, so ist darum noch nicht gesagt, dass wir Reubundler sind.

Was wollen Sie nur mit Ihren Reubundlern?

Wenn Justus etwas beginnt, so kennt er die Grenze, wo er aufhort. Vor ein paar Tagen hat man mir einen Brief geschickt, ich sollte mich in den Reubund aufnehmen lassen. Graf Bensheim lobte unsere Funfhundert-Adresse. Herr von Sengebusch kam selbst von Randhartingen, um mir die Statuten des Reubundes zu bringen. Der furstlich hohenberg'sche Rentmeister von Sanger schickte einen Expressen ...

Hatte Ihnen der Alte seine reizende junge Frau geschickt ... unterbrach Schlurck den salbungsvollen Redner, der sich als das Wahrzeichen der ganzen umliegenden Landesgesinnung darstellte.

Justus horte nicht auf diese Zwischenrede, da es ihm eben war, als wenn sich der Tischler in der Ecke in seinem Schlafe regte.

Nun? Sie blieben beim Rentmeister von Sanger stehen, rief ihm Dankmar zu, als er auf den Schlafer blickend stockte.

Als dieser sich nur auf einen andern Arm gelegt hatte, fuhr Justus fort: Ja, man verhiess mir die besonderste konigliche Gnade, wenn ich diese ganze Gegend auf zehn Meilen in der Runde fur den Reubund gewonne ...

Der Orden ist da! meinte Schlurck ironisch.

Er ist nicht da, Justizrath! schlug Justus auf den Tisch. Ich habe geantwortet: Ich wusste zur Zeit noch nicht, was ich zu bereuen hatte, und wem's hier, ich zeigte aufs Herz, reumuthig auf der Seele brenne, Der solle in sein Kammerlein gehen und auf die Knie fallen und Gott um Gnade und Vergebung seiner Sunden bitten. Aber so vor aller Leute Augen sich auf die Brust schlagen und ich weiss nicht, was offentlich bereuen, Das mochten Die thun, die die Komodie bezahlt kriegen. Das hab' ich geantwortet und das ist meine Meinung von dem Reubunde.

Bester Freund, sagte jetzt Schlurck, da haben Sie sehr thoricht gehandelt.

Wie so? fragte der Heidekruger, erhitzt von innerer Glut, vom Weine und vom Selbstgefuhl. Soll ich Ihnen sagen, was hinter dem Reubund steckt? Muckerei steckt dahinter. Es ist die alte pietistische Betkammer wieder, aber in neuer Form. Alle Offiziere, die fruher beteten, stehen an der Spitze.

Sie irren sich!

Was? General Voland von der Hahnenfeder? Leitet der nicht auch den Reubund?

Sie irren sich!

Probst Gelbsattel ...

Tauschung!

Stehen nicht Frauen an der Spitze? Die Geheimrathin Pauline von Harder?

Die auch eine Betende? lachte Schlurck. Sie verwechseln Pauline von Harder mit ihrer Schwester, Anna von Harder. Nein, nein, bester Heidekruger, fuhr Schlurck fort, Sie mogen vortrefflich uber die Hypotheken, Creditbriefe und Vicinalwege dieser Provinz unterrichtet sein ...

Ich halte sieben Zeitungen ...

Deswegen eben! ... Aber Sie werfen Namen zusammen wie Kraut und Ruben! Namen, die mit dem Reubunde nichts zu thun haben! Pauline von Harder ... ich muss lachen ...

Ist sie nicht Grossmeisterin?

Wohl, wohl! Aber, bester Freund, Pauline von Harder ist Alles, nur keine Betschwester.

Irr' ich nicht, bemerkte Dankmar, so ist Pauline von Harder eine geistvolle Schriftstellerin.

Allerdings, sagte Schlurck. Nein, nein, Justus, da reimen Sie sich hier auf Ihrem Freihofe, unter den Tannen, Birken und beim schonen Gesange des Kukuks zuviel ungereimte Dinge zusammen ...

Ich bleibe dabei, sagte Justus, der Reubund ist Muckerei.

Moglich, sagte Schlurck pfiffig, aber nicht in Ihrem alten lichtfreundlichen Sinne! Bester Heidekruger, Sie nehmen mir nicht ubel, Sie sind etwas zah, etwas starrkopfig in Ihren alten Anschauungen ...

Im Reubund ist Muckerei!

Ja, ja, in gewissem Sinne, aber nicht in Ihrem! Ich sag' es ja! Sie denken noch immer an die alten Provinziallandtage und Ihre dummen verbotenen Bucher ...

Im Reubund ist Muckerei.

Er ist nicht zu widerlegen, meinte Schlurck zu Dankmar gewandt. Er bleibt bei seinem Satz und wird Recht behalten, trotzdem, dass im Reubund die lustigsten Leute essen, trinken, tanzen und an Alles, nur nicht ans Beten denken.

Justus brummte nichtsdestoweniger immer fur sich fort.

Im Reubund ist Muckerei.

Der Heidekruger war so befangen in den alten Voraussetzungen seiner improvisirten Bildung, dass er zwar conservativ geworden war, aber in die Fussangeln des Mysticismus, als alter Gegner desselben, den Reactionairen nicht folgen wollte.

Ich bin aber doch begierig, bemerkte Dankmar nun zum Justizrathe gewandt, Ihre Analyse des Reubundes zu horen. Sie werden ihn wirklich vertheidigen?

Wenn Justus conservativ geworden ist, antwortete Schlurck mit ernster Miene, so musste er auch keinen Anstand nehmen, in den Reubund zu treten.

Warum? donnerte Justus und hob sein mit dem Kappchen geziertes rundes, starkgerothetes Antlitz wie ein erzurnter Olympier oder der Prasident irgend einer "verfassunggebenden" Nationalversammlung.

Weil jede Zeit ihre eigene Sprache hat, bester Mann, begann Schlurck fest und bestimmt, die Sprache, alter Freund, in der man allein von ihr verstanden wird. Wenn der Unsinn siegt, geht man eben mit dem Unsinn. Ist es Mode, die Augen zu verdrehen, so spricht der Vernunftige von der Erleuchtung. Ist es Mode, mit den Pensionairs, den Offizieren und Beamten das Lied von der Majestat zu singen, so singt man's, wie man vor einigen Monaten, als die Taschendiebe und Wuhler Volksversammlungen hielten, wuhlte, die Volksversammlungen besuchte, immer Bravo rief und blos hinten seine Rocktaschen zuhielt. Bester Freund, was wollen Sie nur gegen den Reubund? Ich bin selbst Mitglied. Ich denuncire Sie. Ich klatsche Ihnen einen Process an den Hals, bei dem Sie zehn Monate Wasser und Brot besehen konnen, trotz Geschworenengericht und allem mundlichen Zubehor.

Das begreif' ich aber denn doch nicht, begann

Dankmar, wie Sie bei der klaren Beurtheilung der staatlichen und allgemein menschlichen Verhaltnisse, die Sie vorhin zu erkennen gaben, doch so sich der allgemeinen Meinung, die Sie selbst schwerlich theilen, unterordnen und gleichsam mit den Wolfen heulen konnen. Der Reubund scheint mir wirklich eine der trostlosesten Ausgeburten eines Volks, das fur politische Bildung seine vollige Unreife zur Schau stellt. Er ist das vollstandigste testimonium paupertatis des Geistes, das sich eine in Servilitat und Beamtenschmeichelei grossgezogene Bevolkerung nur stellen kann. Er ist eine Zuflucht der absolutesten Gedankenlosigkeit, ein Schafstall der Furcht und des panischen: Rette sich wer kann! Ein strenger Absolutist sogar, z.B. der geistreiche vorhingenannte General Voland von der Hahnenfeder, wird nicht im Stande sein, sich diesem Bunde anzuschliessen; denn der Absolutist bedarf Ideen und dort findet er nur Gotzendienst.

Ganz Recht, bemerkte Schlurck und zog, um doch den feurigen Sprecher scharfer zu betrachten, die Brille auf die Stirn; ich stimme Ihnen vollkommen bei, und dennoch hab' ich die Mode mitgemacht, eben weil sie Mode ist und man sich nur in Weitlaufigkeiten und lastige Auseinandersetzungen verwickelt, wenn man den Leuten sagen soll, warum man die Mode nicht mitmacht. Darum tragen wir ja die allgemeine franzosische Tracht, um uns das Echauffement zu ersparen bei Auseinandersetzung der Grunde, die uns bestimmen konnten, diese oder jene uns viel geschmackvoller erscheinende Kleidung zu tragen. Sie konnten nicht nur ewig zu thun haben, um geschmacklosen Leuten auseinanderzusetzen, warum spanisch schoner als byzantinisch ist, sondern auch auffallen, sehr auffallen, und ich gebe Ihnen die Versicherung, Sie sind jung, Sie streben vielleicht erst nach einer festen Lebensstellung, ich bitte um Verzeihung fur diese Voraussetzung, aber haben Sie eine feste Lebensstellung erreicht, so ist Ihnen nichts storender als das Auffallen. Das Auffallen zwingt Sie, mit Ihrem Dasein immer wieder von vorn anzufangen, immer wieder erklaren, immer polemisiren zu mussen. Ich bin z.B. Jurist

Ein sehr gesuchter, fiel Dankmar ein.

Bitte! erwiderte Schlurck nicht ohne Artigkeit. Meine Praxis ist gross.

Sie stehen mit der halben Welt in Verbindung, scherzte Dankmar und sagte doch aufrichtig Das, was er dachte.

Wollen Sie's so ausdrucken, fuhr Schlurck ohne alle Eitelkeit fort, ja! Ich habe durch meine Administrationen Gelegenheit, alle Stande kennen zu lernen, Fursten und Handwerker, Grafen, Barone, Juden, Turken, Maitressen, Betschwestern, was Sie wollen ... denn das Geld, das Geld regiert Alles, das Geld und der Genuss. Soll ich nun mitten im Strom der Tagesmeinungen und der sich ubersturzenden Begebenheiten immer mein apartes Glaubensbekenntniss auskramen? Das ist sehr weitlaufig. Nein! Ich war Mitglied aller Bibelgesellschaften, aller Missions-, aller Gustav-Adolfvereine. Ich hielt mich anfangs zum constitutionellen Angstclub, ich bin jetzt ... Reubundler; was soll ich mich dabei aufhalten, den Leuten zu sagen, warum ... ich es nicht bin!

Und doch wollen Sie, sagte Dankmar, trotz dieses indifferenten Interesses an den offentlichen Angelegenheiten theilnehmen und sich wahrscheinlich hier in der Gegend wahlen lassen?

Ich thu's mit schwerem Herzen, antwortete Schlurck; denn ich fuhle, dass ich unglucklicher Mann immer rechts stimmen muss, und ich lebe wieder von sehr, sehr vielen Menschen, die ausserordentlich links denken, und denke selbst links. Ich darf mich leider nicht weigern. Ein Mann in meiner Stellung Sie scheinen sie zu kennen was kann Der thun, wenn man ihm sagt: Das Interesse des Staats verlangt jetzt auch Ihre Beihulfe! Auch Sie mussen theilnehmen an der Wiederherstellung der Monarchie und des sichern Kraftgefuhls der Regierung! Es ist nun einmal oben die Idee vorherrschend, der Regierung mussten vor allen Dingen wieder die Pradicate des Zermalmens und Zerschmetterns zuruckgegeben werden. Dazu bedarf man der unbedingtest Ergebenen, entweder der Fanatiker der Theorie, Das bin ich nicht, oder der Fanatiker der reubundlerischen Schwarmerei, zu denen gehore ich nur formell, oder der Fanatiker der Ironie, zu denen gehore ich ganz. Ich werde in der Kammer nur Ja und Nein! sagen und meine Freude daran haben, dass wenigstens vorlaufig die ubermassige Verwirrung aufhort, wenn auch mit Aufopferung der Debatte. O, mein Herr, man muss in der That wieder anfangen konnen, von diesem kleinen Planeten, Erde genannt, soviel Vergnugen abzugewinnen, als der tuckische Erdenkloss, der uns mit feuerspeienden Bergen antwortet, wo wir Neapelwonnen erwarten, herausgeben will. Sehen Sie, schon Das ist ja etwas werth, wenn es die Reaction durchsetzt, dass Einer mit Behaglichkeit wieder in ein Bad reisen kann. Nennen Sie mir Das nicht Indifferentismus! Die Staatsformen, mein bester Freund, wechseln, aber die Forellen bleiben. Und was mir lieber ware als alle Politik, das brauch' ich Ihnen eigentlich nicht zu sagen. Aber wenn Sie's wissen wollen, junger Mann ... nein, nein, Sie wissen es selbst ....

Ich weiss es nicht, Herr Justizrath ... sagte Dankmar, sich besinnend und in den Ideengang des alten Epikuraers sich versetzend.

Ah! ah! rief Schlurck ablehnend.

Belehren Sie mich: was steht hoher als Staatsformen und Forellen? Ich weiss es wirklich nicht.

Gehen Sie weg, Sie junger, hubscher Lovelace ....

Lovelace? Ah! Sie meinen ...

Ja naturlich mein' ich! Was ist lieblicher als ein schones Weib? Herr! Was ist die Bestimmung der Erde anders, als die, ein Stelldichein fur Verliebte zu sein? Ich bitte Sie, wo soll es hinaus mit unsern funf Sinnen, unsern Lippen der Gluckliche, der sie noch frisch und rund hat, wie Sie! wo soll es hinaus mit der Poesie des Daseins, wenn diese verdammte Politik den kleinen Gott Amor so langweilt, dass er unsere Erde fur eine unnutze Station seiner Wanderungen erklart? Die Attraction der Leidenschaften, der Magnetismus der Gefuhle, Das ist der Erde edelster, hochster Zweck. Hole der Henker die Politik und die Revolutionen!

Dankmar hatte nicht den Idealismus seines Bruders, der solche Reden verabscheut hatte. Er war beweglich und praktisch. Uber diesen Materialismus musste er wirklich lachen, und da er, unterhalten wenigstens von so frivolen Grundsatzen, schwieg, fand Schlurck volle Gelegenheit, unbeirrt durch den murrischen Heidekruger, fortzufahren:

Von allen neuen Systemen der Weltverbesserung und Menschenbegluckung hat mir, aufrichtig, das des Franzosen Fourier am besten gefallen. Sehen Sie, dieser Fourier gesteht es ein, dass ein frisches Stuck Rheinsalmen mehr Werth fur das Jahrhundert hat als confuse Begriffe uber den Ursprung der Gesellschaft. Er ladet seine Junger in schone luftige Palaste ein, spielt ihnen herrliche Musik auf, arrangirt amusante Balle, schmuckt die reichbesetzten Tafeln mit Blumen, die er, glauben Sie mir's, ebenso sehr liebt wie Forellen, und was das Beste ist, seine Menschen sind gut, sie amusiren sich, sie sterben mit dem Bewusstsein, dass sie die ihnen verliehenen Organe zweckentsprechend benutzt haben ......

Wollen Sie, fragte Dankmar spottend, im Reubund diesem doch revolutionairen Systeme Anerkennung verschaffen?

Das hoff' ich! sagte Schlurck. Gerade dieser Bund ist auch deshalb der vernunftigste, der seit dem Jahre 1720, ich meine, seit der ersten englischen Freimaurerloge, entstanden ist. Warum? der Reubund versteht unter dem Vorwande loyaler Gesinnungsverbruderung eigentlich eine Allianz zur gegenseitigen Lebensverschonerung. Bester Freund, die wahren Reformatoren unsers Jahrhunderts kommen erst noch! Das werden Die sein, die von den Ideen sprechen und darunter die Cotillons und die Schonheitslinien der Polka verstehen. Im Reubund zeigt sich schon die Ahnung dieses neuen Evangeliums. Man hat seine Logen, seinen ersten und zweiten Grad, es gibt Bruder, es gibt Schwestern, es gibt Erkennungszeichen, verstohlene Handgriffe, geheime Einweihungen, und was vorlaufig dort das Beste ist, man isst nicht schlecht, jedenfalls besser als man gewohnlich bei Gesinnungsfesten solcher Art zu speisen pflegt.

Ich gestehe Ihnen, sagte Dankmar, dass ich eine ernste, keine humoristische Vertheidigung des Reubundes erwartet hatte.

Ich bin wirklich ganz ernst, antwortete Schlurck; man muss wirklich wieder Orden stiften wie ehemals Zechbruderschaften, Trinkstuben, Massenien. Gleichgesinnte mussen zusammentreten unter gefalligern Formen, als Tabacksdampf und offene, von Spionen belauschte Sitzungen sind.

Er warf dabei einen eigenen Blick auf den Schlafer in der blauen Blouse.

So etwas wie die alten Ritterorden, fuhr er fort, muss man wieder auferwecken, den Templerorden z.B., wo es auch frohlich herging und man sich um den Papst und den Kaiser nicht scherte und mit den Turken, die man bekampfen sollte, Frieden schloss, weil sie schone Weiber hatten und prachtige Weisheitslehren. Nur keine Duckmauserei! Ah! Meine Tochter fuhrte mich neulich in den "Egmont." Ich geh' ungern ins Theater, und zwar deshalb, weil die Komodie doch die rechte Pflanzschule aller falschen und unmotivirten Begeisterung, die rechte Schwatztradition der tausendjahrigen Dunstreflexionen uber Tugend, Moral und ewige Vergeltung ist. Aber der frische, phrasenlose Ritter Egmont gefiel mir! Seine Ansichten uber Politik bringt er ganz gelegentlich an, spricht wie ein Cavalier uber ein paar Pferde mitten im Zorn uber den Alba'schen Belagerungszustand, und als er zum Tode geht, vermacht er seine Maitresse einem Andern, der sie aushalten soll: Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war. Ha, ha, ha! Meine Melanie sang, als wir nach Hause fuhren, immer: "Freudvoll und leidvoll!" Ich musste dagegen sagen: Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war. Prachtiges Wort Das! Glauben Sie mir, junger Mann, wenn man das Leben gar zu ernsthaft nimmt, sagt wiederum dieser capitale Ritter, der die einzige Dummheit beging, dem Generalissimus Alba nicht die Statuten eines kaiserlich spanischen Reubundes vorzulegen, was ist denn dran? Was ist denn dran? Am Leben namlich, wenn man's gar zu ernsthaft nimmt, was ist denn dran? Justus, nichts! Nichts, Justus! Gute Nacht, junger Mann! Besuchen Sie mich. Sie finden eine kluge Hausfrau und eine Tochter ... sie heisst Melanie ....

Melanie Schlurck ist die erste Schonheit der Stadt, bemerkte Dankmar.

Sagt man Das?

Man urtheilt selbst dann so, wenn man ihr auch nur fluchtig begegnet zum Beispiel zu Pferde ....

Nicht zu Pferde! Nicht zu Pferde!

Man sieht sie viel uber die Promenade reiten.

Halsbrechende Geschichten! Lassen wir Das! Besuchen Sie mich, mein Herr! Ich wohne in einem merkwurdigen Hause, in einem Hause, das mich auch an die mittelalterlichen Reubunde erinnert ....

An die Templer, wie Sie sagten?

An die Templer, die die besten Zechbruder des Mittelalters waren, an die Johanniter, die Palastina Palastina sein liessen und das Grab des Erlosers da vertheidigten, wo ihre Guter angetastet wurden, ihre Schlosser, ihre Ordenseinkunfte. Ich wohne in einem dieser Hauser, fur die ich jetzt den merkwurdigen Process mit dem Fiscus fuhre. Ah Processe! Processe! Das mahnt mich aufzubrechen. Gute Nacht, Justus!

Sie, Herr Justizrath, fuhren den Process wegen ... Dankmar wagte seine Uberraschung kaum auszusprechen.

Nichts als Processe! Ich, der friedliebendste Mann von der Welt! Gute Nacht, Justus! Helfen Sie mir mein Reisenecessaire packen.

Er zeigte auf den Eiskuhler, den strasburger Pastetentopf und den Flaschenkeller.

Justus griff zu und half ihm beim Einpacken, erklarte auch, da die Bedienung schlafe, ihm Alles an den Wagen tragen zu wollen, und plauderte von den schonauer Wahlen noch Dies und Jenes durcheinander ......

Dankmar aber hatte jetzt so gern von dem Gegenstande begonnen, den Schlurck nur fluchtig beruhrte. Er hatte so gern gehort, ob der Justizrath wirklich sein kunftiger Gegner in diesem Processe sein wurde. Aber Schlurck's Entschluss, nun aufzubrechen, stand fest .....

Schon hatte er den Hut ergriffen, schon einen fluchtigen Abschiedsblick auf den schlafenden Fusswanderer geworfen, sich angeschickt, Dankmarn um seinen Namen zu ersuchen .....

Justus, um einen Versuch zu machen, sein Madchen zu rufen, offnete die Thur .....

In dem Augenblick sieht Schlurck fluchtig hinaus auf den Corridor und reicht eben Dankmarn die Hand. Dieser will sie ergreifen, als Schlurck plotzlich einen Schreckensruf ausstosst und fast in Ohnmacht sinkt. Dankmar's Hand lasst er plotzlich wie gelahmt fahren und halt sich mit der Linken schwindelnd an der Wand. Dankmar springt hinzu, der Heidekruger lasst den Korb aus seiner Hand sinken und ruft:

Was ist Ihnen Mann?

Auf dem Corridor, dicht an der Thur des Saales voruberschleichend glaubten sie ein Gespenst zu sehen. Halb entblosst, auf dem obern Korper nur im Hemd, stand mit geschlossenen Augen eine Gestalt dicht vor ihnen. Verworren und mit Heu untermischt hing ihr das Haar uber die Stirn. Strohhalme schleppten die Schuhe mit sich fort uber die Treppe und den Corridor. An dem halbnackten Arm hing mechanisch getragen eine Laterne, die duster den Gang erleuchtete. Die Magd stand hinter diesem grauenerregenden Aufzug und deutete mit zusammengefalteten, fast wie betenden Handen an, dass man um Gotteswillen schweigen mochte.

Aber schon hatte Schlurck mit Entsetzen: Hackert! gerufen.

Hackert war es, als Nachtwandler .... Auf den Ruf seines Namens offnete er die Augen und taumelte fast zusammen.

Dankmar, von innigstem Mitleiden fur den Unglucklichen, der ein Nachtwandler war, ergriffen, fing ihn rasch auf. Der Lichtglanz blendete den auf seinen Namen erwachten Traumer. Er schien sich nicht sogleich sammeln zu konnen, als er aber Schlurck in der Thur sah und erkannte, besann er sich und wollte anfangs lachen.

Dankmarn war diese Situation furchtbar. Er rief dem noch immer vor Entsetzen starr dastehenden Madchen zu:

So zeig' sie uns doch unsere Zimmer! Sie sieht ja, mein Kamerad hat zu Bett gewollt!

Die Magd entnahm Hackert die Laterne und ging rasch voran, um sie eine Stiege hoher zu fuhren. Hakkert folgte stumm, und nur zuweilen war's Dankmarn, als horte er ihn hinter sich keuchen und seufzen. Die Magd wie von einem Gespenst verfolgt, offnete rasch zwei Zimmer, liess die Laterne stehen und eilte hinunter. Dankmar zundete ruhig zwei Kerzen an, die in einem der Zimmer bereitstanden, schloss die Fenster sorgfaltig und verwies Hackert, der wie traumend dastand, auf ein Bett des einen Zimmers. Gute Nacht! sagte er ihm und ging mit dem zweiten Licht in das Zimmer nebenan. Er ruckte behutsam sein Bett an die Verbindungsthur, um lauschen zu konnen, ob sich Hackert legte. Als er bemerkte, dass dieser vollig ruhig war, das Licht loschte, die Thur zuriegelte und sich aufs Bett warf, entkleidete er sich selbst. Er hatte von dem Gesprach, dem Wein und der Entdeckung uber Hackert's ungluckliche Nervenstorung selbst halb verwirrt, sich kaum niedergeworfen, als er in der Ferne Schlurck's Wagen zu horen glaubte, so spornstreichs und im heftigsten Anlauf war der plotzlich verschwundene genusssuchtige Spotter aus dem Hofe gefahren. Uber die Beziehung, in welcher Schlurck zu dem Nachtwandler stand, noch langer nachzudenken, fehlte ihm die Sammlung der Sinne.

Unten aber hatte der Heidekruger, als er erfuhr, dass der Nachtwandler des fremden jungen Mannes Kutscher war, erst noch wissen wollen, ob der Justizrath diesen kenne, dann aber, als Schlurck leichenblass schwieg und sich nur eilig in seinen Wagen setzte, ihn mit der Bemerkung: Der Reubund ist doch Muckerei! wieder zur Besinnung bringen wollen. Schlurck aber scherzte nicht mehr. Mit der Bemerkung: Gehen Sie zu Bett, Justus, Sie haben zuviel getrunken! hatte er ihn vom Wagenschlage entfernt und nur noch mit der Magd einige Worte gewechselt, deren Inhalt wir im nachsten Capitel erfahren werden.

Justus, der Heidekruger, hatte, wie freundliche Herrschaften, die ihren Dienstboten gern Trinkgelder gonnen, die Gewohnheit, sich jedesmal, wenn seine Gaste die Borse zogen, zu entfernen und seinen Dienstleuten die Abrechnung zu uberlassen.

Wir wissen nicht, ob auch dieser Charakterzug in dem Buche erwahnt ist, welches vor mehren Jahren erschien und unter Anderm auch Justus' Portrait und Lebenslauf enthielt. Es hiess, wenn wir nicht irren: "Deutschlands Biedermanner."

Dankmar Wildungen aber brauchte lange Zeit, bis er, erschreckt von allen diesen Erlebnissen, in dem endlich stillgewordenen Heidekrug entschlief.

Achtes Capitel

Der Spion

Der Morgen brach unfreundlich an. Die Westwolken, die schon die Nacht drohten, hatten sich uber den ganzen Horizont gezogen. Das liebliche Blau der vergangenen Tage war verschwunden; die Schwule der Luft war noch wie bisher dieselbe. Blute und Blatt schmachteten der endlichen Erfrischung durch Regen entgegen. Noch standen die Wolken starr und fest, noch wollten sie sich auf die staubige Erde nicht niedersenken.

Schon arbeiteten die Schnitter im Felde, um vor den drohenden Gewittersturzen die Ernte in Sicherheit zu bringen, als Dankmar mit Hackert ausgefahren war, um die begonnene Reise fortzusetzen. Der Heidekruger schlief wol noch, aber die kluge geschaftige Hausmagd, die sich Liese nannte und der die Sorge fur das grosse Hauswesen ganz allein obzuliegen schien, war schon fruh bei der Hand in dem von Arbeitern und Magden belebten Hofe. Auch das Stadtchen Schonau erblickte Dankmar jetzt am fernern Rande des Waldes und mancherlei lebhaften Verkehr, durch welchen diese Wirthschaft des Heidekrugers Justus bedeutsamer mit der ganzen Gegend verbunden wurde. Es erklarte sich ihm jetzt das sichere Gefuhl, mit dem der Heidekruger von seinem Einflusse auf die nachstbevorstehenden Wahlen sprechen konnte.

Als Dankmar in den Hof gekommen, fand er Hakkert schon mit Aufzaumen des Pferdes beschaftigt und vor ihm die Liese, die ihm mit furchtsamem Ausdruck, eingedenk des gestrigen Abends, zu seinem Erstaunen eine gefullte Borse mit den Worten hinhielt:

Die Herrschaft in der Nacht hat Dies fur Sie dagelassen.

Wer? fragte Hackert verdriesslich.

Der Herr Justizrath! sagte die Liese.

Sie irrt sich wol. Das Geld ist wol fur Sie bestimmt ....

Die Magd Dankmarn erblickend, rief ihm, ihr beizustehen. Der Herr Justizrath hatten, erzahlte sie, dem Heidekruger gestern Nacht diese Borse mit all' dem Gelde drin geben wollen, der hatte aber wie immer gethan, als konnte er blank nicht funf zahlen ....

Was? sagte Dankmar. Eine gute Magd, die so ihren Herrn verleugnet?

Liese wurde roth.

Ich merkte schon lange, setzte Dankmar scherzend hinzu, dass Liese mit ihrer Herrschaft nicht im Reinen ist ....

Ach, sagte das schon altere Madchen, der Heidekruger ist ein braver Herr, aber zu hoch studirt. Wie ich herzog zu ihm es sind jetzt an acht Jahre, die Frau Heidekrugerin lebte damals noch ging Alles nach der Schnur; denn die Frau fuhrte das Regiment. Als sie starb, wollt' ich fort, weil mir der Herr zu hochgestapelt war und fur Unsereins kein Gehor hat ....

Der Heidekruger hochgestapelt? Kein Gehor? Ein Volksmann? sagte Dankmar.

Ich liess mich beschwatzen und blieb, und es ging auch, weil Die von der Polizei dem Herrn alle Bucher weggenommen hatten und auch einige gute Freunde von ihm im Loche sitzen mussten. Da liess er die grossen Staatssachen und das Geschaft hier kam wieder in Gang. Aber seit ein paar Monaten ist wieder Alles im Brand. Nicht eine vernunftige Antwort hat man von dem steifen Mann. Was soll ich da? Ich will in einen andern Dienst.

So, so, Liese! Nun, als ehrlich kann man Sie empfehlen. Was soll die gefullte Borse?

Hackert stand in einiger Entfernung und horchte halb heruber.

Der Justizrath wollte die Borse dem Heidekruger geben, dass er die Zeche abzieht und den Rest da an den ...

An meinen Kutscher ... sozusagen ...?

Ja Herr, an den ...

Sie blinzelte Dankmarn zu, als wenn man nicht recht wisse, wie man mit dem gespenstischen jungen Menschen dran ware und ihn naher bezeichnen solle ....

Schon gut, sagte Dankmar, der steife Heidekruger hat viel Vertrauen zu seiner ungetreuen, unpolitisch gestimmten Liese ....

Gezahlt hab' ich's nicht. Aber Das merk' ich schon, es ist mehr als mein ganzer Lohn auf drei Jahre betragt. So nehm' er doch! Damit wandte sie sich, fast collegialisch, wieder an Hackert und brummte etwas vom Hans Narren.

Hackert wies sie finster zuruck.

Als Dankmar zureden wollte, bat er ihn ungeduldig, endlich einzusteigen und die Gans schnattern zu lassen.

Gib mir den Beutel, setzte er noch rasch hinzu und betrachtete die Hakelarbeit der Borse. Es war rothe Seide mit Gold durchzogen, das Ganze sehr kunstvoll durcheinandergewirkt. Lass mir den Beutel! Behalte nur getrost das Ubrige; Verratherin, die ihren Herrn verleugnet!

Als ihm die Magd den Beutel reichte, schuttete er den ganzen Inhalt erst in seine volle Hand und sagte wirklich:

Halt' die Schurze auf, Hexe!

Dann warf er die aus Gold- und Silberstucken bestehende bedeutende Summe der Liese in den Schoos und murmelte:

Die Borse will ich behalten. Was drin war, gib entweder deinem Herrn, er soll's dem Schlurck wiederzustellen, oder behalte es selbst.

Ich will nichts behalten. Wir stehlen hier nicht, antwortete die Magd, empfindlich uber Hackert's grobes Benehmen und sein ... Anhexen.

Ist Sie grossmuthig? Eine Tugendprahlerin? So gibt sie auf Heller und Pfennig, fuhr Hackert fort, dem Heidekruger das Geld da oder stellt in meinem Namen, in Fritz Hackert's Namen, hort Sie, Fritz Hackert's, dem Justizrath Schlurck das Ganze zuruck, wenn er des Weges kommt, oder schickt's ihm. Verstanden?

Lateinisch redet Ihr nicht! brummte die Magd argerlich und zugleich doch aufs ausserste erstaunt.

Der Herr da will zahlen, fuhr Hackert resolut fort, indem er Dankmarn, der ihm jetzt ernstlich das Geld zu behalten zureden wollte, die Rede abschnitt. Was ist er schuldig?

Einen Thaler funf Groschen, sagte die Magd, und uberreichte eine Rechnung.

Dankmar nahm einen der Hackert'schen Scheine aus seiner Tasche, nicht ohne Verlegenheit zu ihrem seit der Nacht ihm wieder unheimlichen Darleiher hinuberblickend. Hackert erwiederte diesen Blick und schielte, indem er die Rechnung einsteckte, zu den Thalerscheinen, als kennte er sie. Ist der Nachtwandler verschwenderisch und geizig zugleich? dachte Dankmar und wusste sich diesen Gegensatz nicht zu reimen. Doch war Hackert's Blick auf den Inhalt seiner Rocktasche nur ein fluchtiger. Die von der Magd erhaltene Borse fesselte ihn lebhafter. Er betrachtete die Hakelarbeit mit der Andacht eines Menschen, der an der Echtheit einer Reliquie deshalb nicht zu zweifeln wagt, weil er das tiefe Bedurfniss fuhlt, sie zu verehren. Ware Hackert allein gewesen, er hatte die Borse, deren Inhalt er so stolz verschmahte, vielleicht gekusst. Mindestens betrachtete er sie mit andachtigster Theilnahme.

Jetzt hinter einem Manne zu sitzen, von dem er wusste, dass er bei Nacht im Schlafe wandelte, war Dankmarn naturlich peinlich genug. Die Erinnerung an die Erlebnisse der vergangenen Nacht uberhaupt und die aufregenden Gesprache trat verworren und wust in ihm auf. Der Gedanke an seinen eigentlichen Reisezweck, die Wiederentdeckung eines ihm verloren gegangenen werthvollen Besitzes, wurde vielleicht in den Hintergrund getreten sein, wenn Schlurck's Reden ihn nicht aufs lebendigste geweckt hatten. Was er in diesen Tagen nur uber die alten Zeiten schon in dem Tempelhause von Angerode nachgedacht hatte, stimmte mit den Ausserungen Schlurck's, das Wesen der Ordensgesellschaften betreffend, merkwurdig zusammen. Ihm freilich waren die alten Templer nur in dem verklarten Martyrerglanze erschienen, wie sie auf dem Bilde seines Bruders strahlten. Schlurck sprach zwar auch in seiner Weise hochachtend uber sie. Diese war aber fur ihn eine geringschatzende. Endlich gewann ihm Das, was Schlurck uber den Reubund gesagt hatte, ein lebhaftes Interesse ab. Hinter dem Spotte des Justizraths lag ein gewisser Ernst, dessen einschmeichelnde Macht er nicht zuruckweisen konnte. War die Zeit von Ideen nicht wirklich bis zur Armuth verlassen? Schmachtete sie nicht nach Thaten des Geistes und neuen Offenbarungen? Einen Augenblick uberkam ihn der Gedanke: Wie, wenn du in diesen von der Regierung geduldeten Modebund tratest und ihn zu deinen Ansichten heruberleitetest! Wie, wenn Das, was ein Bollwerk des Absolutismus sein soll, eine Schutzmauer des Kampfes gegen ihn wurde? Hatte er neben sich in Hackert einen Ausnahmemenschen, dessen Zustand auf dunkle Nachtseiten der Natur fuhrte, so war ihm auch das Ordenswesen plotzlich eine geheimnissvolle Nachtseite der Gesellschaft und er konnte nicht umhin, sich selbst zu sagen: Wer sieht schon jetzt die ganze Reihenfolge Dessen ab, was Alles im Menschen- und Volkerleben als Keim zukunftiger Entwickelungen liegt? Kein sterbliches Auge verfolgt die schlummernden Moglichkeiten. Wer ahnte einst die Gestaltungen, die nun voll und kraftig in der Gegenwart reifen? Wer verfolgt die Wege, die sich tief im Schoosse der Erde der Maulwurf des Weltgeistes grabt? Welche wunderbare Entwickelung hatte der Tempelherrnorden nehmen konnen, wenn ihn vereinte weltliche und geistliche Macht nicht unterdruckt und aus der Wettbahn der Krafte, die das Mittelalter sturzten, hinausgedrangt hatte? Die Papste bereuten spater bitter genug, dass sie im franzosischen Exil, abhangig von der Willkur franzosischer Herrscher, den Templerorden aufgehoben hatten, diesen gewaltigen Arm, der ihnen nach dem Verluste des heiligen Grabes und einer veranderten Bestimmung des Ordens im Herzen der weltlichen Gewalt die Waffe hatte fuhren konnen, die ihnen spater erst das Gift und die Intrigue des Jesuitenordens wurde! Dreissigtausend Tempelherren hatten Philipp der Schone furchtete es bewaffnet in Frankreich allein gegen die Ausbildung der weltlichen Tyrannei auftreten konnen, und was ware es denn auch fur ein Ungluck gewesen, wenn immerhin der Geist eines Innocenz des Dritten uber den weltlichen Supremat gesiegt hatte? Es fruge sich, ob wir uns nicht besser standen, wenn der Monarchismus in der absoluten Weise, wie er jetzt auf den Volkern Europas lastet, im theokratisch regierten Europa niemals sich hatte entwickeln konnen? Es fruge sich, ob wir nicht durch die Kirche, die doch allein die Bewahrerin der Bildung geblieben ist, trotz ihrer theilweisen Verfinsterung doch wol zu grosserer Wahrung unserer Menschenfreiheit gediehen waren, als durch den Staat, der uns Revolutionen uber Revolutionen brachte und jetzt erst recht im neunzehnten Jahrhundert begonnen hat, ohne alle Rucksicht auf Leben und Tod, mit grausamster Consequenz, fur sein frivoles, irdisches, egoistisches Bestehen formlich, wir sehen es taglich, zu wuthen! Das erkannte Philipp der Schone, der klugste politische Kopf seiner Zeit, und rottete die bewaffneten Vertheidiger der Hierarchie mit Hulfe eines von ihm eingesetzten lasterhaften Papstes aus. Das templerische Element fluchtete sich in den Johanniterorden, der leider keines grossern Gedankens mehr fahig war. Man fuhlte Das. Man dachte an Erneuerung. Immer und immer sollte der Bund wiederhergestellt werden, der dem Papste Kraft uber die Gemuther gegeben hatte und zugleich seinen Arm bewaffnet. Aber erst, als das Papstthum sich uberlebt hatte, gelang ihm der alte romische Plan durch Ignaz Loyola und Franz Lainez. Eine geistliche Ritterschaft war nun wieder da. Freilich bewaffnet mit dem Schwerte der Scholastik. Das Kreuz des reinen Templermantels ... mit heimlichem und offenem Blute gefarbt. Diese verspatete Ritterschaft kampfte fur eine verlorene Welt, fur eine verwelkte Blute der Jahrhunderte ..... Warum aber erhob sich nicht die Reformation zu einem Gegenbunde gegen die Jesuiten? Warum brachte sie es nicht weiter als bis zu den allgemeinen und indifferenten Anschauungen der Maconnerie? Die Freimaurer sind der Gegenbund der Jesuiten, aber welch ein Feld ist noch ubrig, um aus dem Logenschurzfelle des Maurers einen echten Templermantel zu machen, aus der Kelle einen wehrhaften Schild zu schmieden, aus dem Hammer ein Schwert, blank und im Kampfe haarscharf?

Diese Gedanken regte bei Dankmarn Schlurck's Wort im Allgemeinen an. Im Besondern aber trat ihm auch die Ausserung, dass er jenen beruhmten Process fuhrte, der ihn nun bald selbst betreffen konnte, mit beklemmender Uberraschung entgegen. Durch den Verlust Dessen, was er eben so bedeutungsvoll gewonnen hatte, sah er sich zwar ausgeschlossen von der Theilnahme an einem alten Rechtshandel, dessen Fuhrung bei Schlurck in den gewandtesten Handen war; allein sollte er das Verlorene wiederfinden, wie konnte er in diesem Falle nicht noch mit Schlurck in Gegensatze gerathen, die greller waren als die der verflossenen Nacht? ... Doch warf Dankmar bald diese Grubelei aus seinen Betrachtungen fort und hielt sich an das Nachste, an die Natur und an die Abenteuerlichkeit seiner Reise, zu deren Rathseln vorzugsweise Hackert und jetzt auch seine Beziehung zu Schlurck gehorte, dessen Geschenk an den nervenkranken Nachtwandler von einer auffallend innigen Theilnahme zeugte.

Hackert storte die unhorbaren Selbstgesprache seines Gefahrten nur durch das Knallen der Peitsche, die am Walde widerhallte, und ein Locken und Pfeifen des Mundes, immer wenn er Vogel sah und diese vom Wege in die Schatten der Baume zuruckhupften. Als er merkte, dass Dankmar geneigt war, auf ihn zu horen, begann er:

Im Stalle gestern lag ich schlecht; ich zog doch vor, oben in einem guten Bett zu schlafen. Haben Sie gut geruht?

Dankmar bemerkte wohl, dass Hackert seine plotzliche Erscheinung im obern Corridor auf naturliche Weise erklaren wollte, als einen freiwilligen Entschluss. Warum sollte er ihm diese Beschonigung seiner Krankheit storen? Es ruhrte ihn vielmehr, dass der Mensch uber Etwas, das ein angeborenes Schicksal ist, das Gefuhl der Scham haben konnte! Er erinnerte sich, dass Siegbert oft beim Anblick elend geborener oder korperlich verwahrloster Menschen gesagt hatte: Wie finden sich diese Menschen nur mit ihrem Schopfer zurecht! Wie tragen Sie nur ihr Leid, nicht sehen, nicht horen, nicht sprechen zu konnen! Welche langen Kampfe des Gemuths gehoren dazu, bis der unheilbar Kranke, der ewig liegen muss, sich nicht mehr frei bewegen kann, sein Schicksal als unabanderlich hinnimmt und sich von den Freuden des Lebens noch soviel in die Vorstellung bringt, dass er denkt: Das bleibt dir doch noch; Das lohnt sich doch noch, all diesen Jammer zu tragen, und mit ihm auszuharren, und war' es nur der warme, milde Sonnenschein! Dankmar, um sich dem Kranken gegenuber ganz unbefangen zu zeigen, vermied jede weitere Frage, auch die wegen Hackert's naherer Beziehung zu Schlurck. Er lenkte von Allem, was seine Neugier reizte, auch von dem Inhalt der Borse, die er zuruckbehalten, und der schonen Hakelarbeit, auf Etwas hinuber, das ihm jetzt schon fur gleichgultiger erschien, seine Ankunft in Hohenberg und die Untersuchung wegen eines an dem Fuhrmann Peters wahrscheinlich verubten Raubes.

Bei den Leuten auf dem Heidekrug, sagte Hackert, hab' ich mich erkundigt. Wir passiren noch eine kleine Stadt, Dassel geheissen, dann kommen wir ins Hohenbergsche nach Berghubel und gegen Abend sind wir in Plessen am Fusse des Schlosses Hohenberg. Es ist ganz Recht, dort treffen wir noch lustige Gesellschaft. Alle Creditoren der Hohenberg'schen Masse, Schlurck's Frau, seinen Buchhalter Bartusch, dann einen Bankier von Reichmeyer und ein Dutzend Vampyre aus der Stadt, die alle in den furstlichen Zimmern rumoren und sich geadelt glauben, weil sie unter adeligen Wappen schlafen konnen. Wenn Prinz Egon aber sehen Sie nur Sie werden ja da gegrusst!

Dankmar hatte mit Theilnahme sein Auge nur auf Hackert ruhen lassen und forschte in seinen Zugen nach einem Verstandniss dieser jedenfalls noch unentwickelten und doch schon so uberreifen, in sich wohl unklaren Natur. Das Wagelchen ging langsamer, weil sich der Wald in die Hohe zog. Sich nun umwendend, erblickte er am Rande des kleinen Grabens, der frisch ausgehohlt neben der Strasse sich zog, den Tischlergesellen von gestern Nacht. Er trug den leichten Ranzen uber dem Rucken, hatte ein sauberes Taschentuch vorn in der Brusttasche seiner blauen Blouse stecken und schritt mehr im Gange eines Lustwandelnden als eines ermudeten und schwertrabenden Wanderers. Dankmar hatte ihn seit gestern Abend, wo er bei den politischen Unterhaltungen einen schlafenden Zeugen abgab, aus dem Gedachtniss verloren; jetzt aber trat er ihm wieder mit der ganzen Bedeutsamkeit, die ihn schon gestern in seiner zuruckgezogenen Bescheidenheit umgab, auffallend genug entgegen. Sein Gruss war hoflich, ohne unterwurfig zu sein. In seinen schonen Zugen lag ein feines Lacheln. Kein Wunder, dachte sich Dankmar, dass eine franzosische Dichterin in unsern vorschreitenden Zeiten gewagt hat, einen sogenannten Kunsttischler in einem ihrer communistischen Romane so liebenswurdig hinzustellen, dass er selbst das Interesse einer hohen gebildeten Dame erwecken konnte!

Wir sollten den Mann einladen mitzufahren, meinte Dankmar. Es ist ein Tischler und von uberraschender Bildung ....

Hoflich sein auf der Landstrasse? antwortete Hakkert kalt und wollte das Pferd antreiben. Er machte ein Gesicht, das alle Merkmale eines Neides ansichtrug, der aus ihm uber die Theilnahme, die der Handwerker fand, deutlich zu sprechen schien.

Es ist ja Platz neben mir; fuhr Dankmar fort.

Neben Ihnen? Warum denn nicht hier vorn? Wir vergessen uberhaupt unsern Vertrag, fiel Hackert unruhig und fast heftig ein.

Nur Mitleid mit einem so grossen Ungluck Hakkert's, wie er es gestern entdeckt hatte, bestimmte Dankmarn daruber zu lacheln.

Das war' ein Tischler, sagen Sie? fuhr Hackert fort. Den Gauner hab' ich heute fruh schon im Hofe als verdachtig erkannt. Ein Batisttasehentuch in der Blouse! Wenn er's nicht gestohlen hat, ist's ein Beweis mindestens fur Spionage. Sei Einer ja behutsam jetzt, wenn man sogenannte Arbeiter sieht, die von dem Rechte der Arbeit reden, aber keine Schwielen in der Hand haben. Die Polizei weiss sehr gut, was sie jetzt Alles auszustobern hat. Hier herum wimmelt's von jungen Accessisten, die ihr Probestuck ablegen mit einem falschen Pass ....

Probestuck mit falschem Pass? Was heisst Das? fragte Dankmar.

Lieber Gott, die alten Unteroffiziere und Wachtmeister reichen jetzt fur die sogenannte praktische Polizei nicht mehr aus. Um jetzt eine Polizeicommissariusstelle zu bekommen, verkaufen hundert Referendare, Assessoren sogar und Lieutenants ihre Seele, wenn sie eine haben, und leisten, was Blindschleichen und Menschen nur konnen, die eine Anstellung finden und gern heirathen mochten.

Wie kommen Sie auf einen solchen Verdacht? fragte Dankmar, doch erstaunt, weil er sich gewisser Ausserungen erinnerte, die auch Schlurck gestern fallen liess.

Ach! Es sind jetzt wenig Menschen Das, was sie scheinen, sagte Hackert. Wie bei gewissen Koffern, mit denen man nach Frankreich und Russland reist, haben zahllose Menschen jetzt einen doppelten Boden. Ich wohne in der Brandgasse. Mein Vicewirth, Hausmann, oder wie Sie den Kastellan einer Armenkaserne nennen wollen, ist ein Schlosser, seine Frau eine Flickschusterin, und Abends treibt der Mann Polizeigeschafte, und sie nun sie kuppelt. Nebenan wohnt ein verdorbener Klempner. Das ist ihr und sein College. Nach oben hinauf ist's nicht besser. Die Politik hat ja die Menschen so vielseitig gemacht! Der schnuffelt, Der heuchelt, Der gibt an! Und Den da, den hab' ich auch schon langst weg.

Fur was halten Sie ihn?

Im Heidekrug beschnuffelte er Alles. Eine Dreschmaschine sah er zehn mal an, wie die Kuh das neue Thor, und einen Pflug zeichnete er sich sogar ab. Ich gebe mein Wort. Es ist entweder Assessor Muller selbst, der auf dem Polizeiprasidium arbeitet, oder sonst Einer, der von ihm hierher geschickt ist, um Recherchen zu machen, naturlich politische. Die Spitzbuben haben ja jetzt die schonsten Tage. Die Polizei spurt nur nach Revolution. Neulich sagte ein junger Mensch, der seit mehren Jahren unter polizeilicher Aufsicht steht, weil er in seiner Kindheit einmal in aller Unschuld wo eingebrochen ist: Es ist ordentlich beleidigend, sagte er, fur unsereins; wir sind ganz aus der Mode gekommen! Wenn Einer bei dem Hofjuwelier selbst einbrache, nicht drei Tage wurde davon gesprochen!

Dankmar fand diese Vermuthung uber den Tischler nicht ganz unwahrscheinlich, und so wenig Neigung er sonst hatte, mit Spionen oder den offenen unsanften Armen der weltlichen Hermandad in Beruhrung zu kommen, so hatte er doch vielleicht noch Gelegenheit finden konnen, sie heute fur sich in Anspruch zu nehmen. Seines verlorenen Schreins gedenkend, sprang er aus dem Wagen und wandte sich zum grossen Arger des scheelblickenden Hackert zu dem Wanderer hinuber.

Haben Sie in dem Wirthshaus eine gute Nacht gehabt? fragte er, als der angebliche Tischler ihm nahe genug war und sich ihm so anschloss, dass Beide nebeneinanderschritten.

Ich schlief spater noch in einem Zimmer neben Ihnen! antwortete der Fremde. Aufrichtig! Ich hatte mich nur so gestellt, als wollt' ich im Wirthshaussaale bleiben. Der Schlemmer interessirte mich, und als vollends noch Sie hinzukamen und das Gesprach belehrend fur mich wurde, schloss ich die Augen ohne zu schlafen. Hernach ging ich wie Sie in ein leidliches Bett.

Da haben Sie uns also ... belauscht? bemerkte Dankmar, erstaunt uber diese Offenheit.

Wenn Sie's so nennen wollen! sagte der Fremde; ja! Hatt' ich mich wach gezeigt, so wurd' ich dem Manne haben sagen mussen, warum ich nicht von ihm zu trinken annehmen wollte, oder was noch schlimmer gewesen ware, ich hatte mich hinreissen lassen, seinen jammerlichen Lebensansichten zu widersprechen ....

Dem Wirth, glaub' ich, sagte Dankmar lachend, wurde dann doch die Geduld gerissen sein. Er schien Sie langst nur mit grosser Selbstuberwindung in einem Saale zu dulden, wo einer seiner Gaste Truffeln und Champagner ausbreitete.

Ich weiss! Vor unserer Umwalzung hatt' er mich zur Thur hinausgeworfen und auf den Heuboden verwiesen, antwortete der Wanderer. Die Zeiten werden schon wiederkommen und vielleicht mit Recht. Was anmassend und zudringlich ist, bleibt zu allen Zeiten besser vor der Thur als drinnen.

So wandeln Sie wohl, sagte Dankmar, in politischen Dingen den Mittelweg des vortrefflichen Herrn Heidekrugers?

Satt aller Antwort gab der Fremde seinem edelgeformten Kopf nur den Ausdruck eines Lachelns, das Dankmar nicht umhinkonnte geradezu fur fein und geistreich zu erkennen. Dies Lacheln entwaffnete ihn. Er musste einen Augenblick schweigen.

Nach einer Weile begann der Fremde von selbst:

Ist denn Das auch ein System? Ist denn Das auch eine Meinung? Was diesen Heidekruger beseelt, ist nichts als der crasseste Egoismus der Eitelkeit! Dieser Mann hat ein vortreffliches Landgut und brave Dienstboten, die unter seinem Dunkel leiden. Warum bleibt er nicht in seinen Scheunen und auf seinen Feldern? Er krankt, jedes seiner Worte verrath's, an der traurigen Grossmannssucht, welche die Hauptrolle in unsern politischen Kampfen spielt. Er kommt mir vor und Tausende mit ihm kommen mir vor wie Grundbesitzer, die bei Anlegung einer neuen Eisenbahn durchaus verlangen, dass die Linie an ihrem Eigenthum vorubergehen soll. Ohne sie gibt es nichts. Ohne sie kein Wind und Wetter. Ohne sie nicht Sonnenschein und Mondschein. Es ist dabei ein Trost, dass diese Menschen nicht ganz servil sind. Sie stellen sich der Regierung gegenuber doch manchmal ein bischen auf die Hinterfusse und wollen erobert, wollen gesucht, wollen geschmeichelt sein. Aber erst grosse Worte! Erklarungen! Die Hand aufs Herz! Lafayette! Lafayette! Hat man jedoch einen solchen Provinzial-Cato endlich an der Leine irgend einer kleinen menschlichen Schwache gefangen, so kann man Dienstags auf der pariser Fastnachtsprozession keinen grossern Ochsen sehen als ein solches, um jeden Preis an das Bestehende gefesseltes, fruher liberal gewesenes Hornvieh.

Dankmar fuhlte nach dieser wie eine Bombe platzenden Kernausserung, dass, wenn der Fremde ein Spion war, er als Agent provocateur in der That Talent besass. Unmoglich konnte er ein Tischler sein. Er beschloss jedoch, harmlos zu bleiben, nicht weiter nach dem Sinn der blauen Blouse zu forschen und vor seinen Uberzeugungen, die er immer frei bekannte, keine Furcht zu verrathen. Da ihn diese Unterhaltung bei dem truben Wetter und der einformigen Gegend nur erfreuen konnte, trat er ohne weiteres Mistrauen, ohne angstliche Furcht, ganz offen mit seinen Empfindungen hervor.

Ganz wahr bezeichnen Sie diese Gattung von Menschen, sagte er, die leider zu sehr den Schwerpunkt unserer Zustande bilden! Sahen Sie nicht, wie scheinbar uneigennutzig dieser Biedermann jeden Anspruch auf personliche Auszeichnung vonsichwies und wie er doch seine Anforderungen an einen Volksvertreter gerade so nur stellte, dass sie auf ihn allein zutreffen mussten? So machten es Casar und Cromwell auch, als sie in Versuchung geriethen, sich kronen zu lassen, und nicht wussten, was ihnen grosser stehen wurde, die Krone oder der Schein, sie ausgeschlagen zu haben! Wie schlau und fein durchschaute Schlurck diesen Tartuffe vom Lande, den deutschen patriotischen Ehrenmann, der nur das "Gute" will und doch den Untergang der Welt von dem Augenblick an datirt, wo man vor dem Zorn seiner zusammengezogenen Augenbrauen nicht in Ohnmacht sinkt!

Ja! Ja! Dieser Schlurck ist ein pfiffiger Spitzbube! sagte der Fremde mit nachdenklichem Ernst.

Und mir mit seinem politischen Nihilismus noch lieber als diese aalglatten Heuchler, diese doctrinair gewordenen Spiessburger!

Auch der Nihilismus taugt nichts, sagte der Fremde, der sich immer gebildeter zeigte und Dankmarn uberraschte. Aus nichts wird nichts. Ein Nihilist bringt ebenso die Welt in Verwirrung wie der phrasenhafte Egoist. Der Nihilist springt von Meinung zu Meinung, gehorcht Jedem, der gerade die Gewalt hat, und ist der rechte Widersacher, der Erzfeind aller guten Dinge. Wir leiden an keinem Ubel so sehr, als an der Eitelkeit und an der Genusssucht. Die Genusssucht ist der eigentliche rothe Faden der Revolution, der sich durch alle unsere Gesellschaftsschichten zieht. Die Genusssucht sturzt die Staaten im Grunde um, sie lockert das unterste Gebaude. Sie lehrt jenes Ubermass im Siege bei allen Parteien. Paris! Paris! Das ist nicht der Heerd der Gedanken, sondern der Heerd der Genusssucht! Wissen Sie, was die ganze, die ganze Welt regiert? Der Cours der franzosischen Rente. Ich war in Frankreich. Der Franzose arbeitet bis in sein funfzigstes Jahr. Dann will er noch zwanzig Jahre geniessen. Er kauft sich Staatspapiere und lebt von ihren Zinsen. Um diese Zinsen auf hohem Fusse zu erhalten, werden in Paris alle Heiligthumer des Himmels und der Erde verrathen. Ein plotzlicher Sturm kann den Rentenfuss herabdrucken, man wird soviel lugen, soviel verrathen, soviel preisgeben von Dem, was vielleicht die Menschheit aus ihren Nothen hatte herausbringen konnen, bis wieder die alte trugerische Windstille da ist und zur Begluckung aller in Europa lebenden Gesellschaftsdrohnen, die vom todten Ertrage des Capitals leben, die Renten hinaufsteigen. Die franzosische Borse, die Vertreterin der lungernden, arbeitsmuden oder arbeitsscheuen Genusssucht, regiert die Welt. Die Capitalisten werden, dazu sind sie zu feig, sich einem grossen Sturm nicht mit Gewalt widersetzen, aber sie werden Alles aufbieten, allmalig wieder die Zugel in die Hand zu bekommen und der Politik eine solche Wendung zu geben, bis sie wieder auf ihrem Lebensthermometer, auf dem Courszettel das Quecksilber der Rente auf dem Grade sehen, wo es in den Tagen stand, wo ein Bankier auf dem Throne Frankreichs sass.

Fugen Sie aber noch Etwas hinzu, sagte Dankmar, ergriffen von der wahren Schilderung dieses gebildeten Mannes, der ihm plotzlich wie verklart vor Augen stand .... Fugen Sie noch Eins hinzu! Das Ungluck der Welt verschuldet Paris auch dadurch, dass das Princip der Genusssucht dort auch Die ergreift, die eine Zeitlang im Dienste der Ideen gestanden haben. Mochte man, wenn man sieht, wie dort die Dinge jetzt gehen, nicht glauben, alle diese tonangebenden Charaktere waren nur so lange ehrlich und heldenmuthig, bis sie sich eine Stellung erobert haben und an der Quelle der Gewalt sitzen? Dann schopfen sie diese Quelle rasch ab. Sie ahnen, dass ein Windstoss morgen sie wieder ins Nichts sturzen kann. Nun soll es im Fluge gehen, dass sie sich bereichern und dem steilen Felsen der Existenz einen californischen Goldklumpen furs ganze Leben abgewinnen. Nun wird gelogen, betrogen, die alte Gesinnung Lugen gestraft. So kamen die Heerfuhrer der Franzosen einst als Herolde einer neuen Zeit, und diese alten Republikaner waren nur beutesuchtige Genussmenschen, die fur ihr Alter Vorrathe sammeln wollten. So haben jetzt in Paris alte Demokraten conservative Bedenklichkeiten, ja sogar junge Wustlinge, Spieler von Baden-Baden, die mit einem kindischen Napoleoniden in Strasburg und Boulogne eine Emeute versuchten, die durch Theatercoups lacherlich wurde, sprechen jetzt vom Jahrhundert, von der Massigung, von der Philosophie des Bestehenden, von der Grenze der Freiheit. Nein! Die Genusssucht ist ihre wahre Philosophie. Ihre Maitressen sind die wahren Egerien dieser neuen, meist militairischen Numas in rothen Hosen.

Der Wanderer in der blauen Blouse nickte beifallig. Dankmar ersah daraus, dass er auch feinere Anspielungen vollkommen verstand.

Welche Mittel gibt es aber dagegen? fragte der Wanderer, dem auch Dankmar zu gefallen schien.

Ich sinne taglich daruber nach. Wo soll man die Besserung suchen?

Ich finde sie in der Heiligung der Arbeit, sagte der Fremde nicht ohne Feierlichkeit; in der alleinigen Bekranzung Dessen, der sich beschaftigt und reelle Werthe erzeugt. Es gibt zu viel Geistesarbeiter und zu wenig wahre Handarbeiter. Die Handarbeit muss in den Vordergrund aller unserer politischen Beziehungen treten, ihr mussen die grossten Belohnungen zufallen; denn nur durch die spartanische Erziehung der Menschen zur Arbeit kann sie von Grund aus gebessert werden. Ich bin kein Socialist. Ich werfe gerade den Communisten vor, dass sie die Arbeit viel zu sehr als eine Last, als einen Fluch hingestellt haben, als einen Jammer, der einmal die Menschen drucke und den man ihnen versussen, erleichtern musse. Ist Das nicht wiederum Genusssucht? Ist Das nicht wiederum dasselbe Ubel, an dem wir die ganze Gesellschaft kranken sehen? Nein; gerade im Gegensatze zu den Communisten muss die Arbeit als eine Quelle der hochsten Freuden dargestellt werden, und Institutionen mussen auftauchen, die die Arbeit und Alles, was mit ihrer Forderung zusammenhangt, in den Vordergrund aller Politik stellen.

Verstehen Sie darunter Belohnungen? fragte Dankmar gespannt und tief ergriffen von diesen Worten, die aus dem Munde eines Denkers kamen.

Belohnungen, Auszeichnungen, Erhohungen des Lohnes, Sorge fur die Angehorigen der Arbeiter, unmittelbare Beziehung der Staatsformen nur zu der Arbeit, Vertretung der Gewerbe im Vorzug gegen alle andern Stande, die, sei es Kaufmanns-, sei es Gelehrtenstand, nur die Diener Dessen sein konnen, der arbeitet. Wenden Sie mir nicht ein, dass die Bildung immer den Vorsprung vor dem Arbeiter gewinnen wird, auch da, wo jene vielleicht nur eine und dieser zwei Stimmen hat! Ich will, dass auch der Arbeiter gebildet ist. Ich will ihm nichts entziehen von Dem, was sich der Bevorrechtete zum Schmucke seiner Seele verschaffen kann. Der Staat soll es ihm geben. Der Staat soll aufhoren nur die Garantie des Besitzes zu sein, er soll einzig und allein eine Schutzwehr und Garantie der Arbeit werden. Die Franzosen haben mit ihrer Garantie der Arbeit nur einen halben Schritt gethan. Fur die Arbeiter zwar Summen aussetzen und die Arbeit erleichtern, dabei aber die ewige Rente behalten und die Staatspfrunden und das Militair und die ganze Maschinerie der kunstlichen Arbeit, der sogenannten Geistesarbeit, und die Reprasentationsarbeit der Beamten im alten Bestande zu lassen, Das ist es nicht, was helfen kann. Auf einen Arbeiter mussen zwei Mussigganger aufhoren mussig zu sein; Das nur kann helfen. Machen Sie die Arbeit zur einzigen Garantie der Rente, und Sie werden sehen, wie Alles die Arbeiter umschmeicheln, wie man bedacht sein wird, ihre Arbeit ertragsfahig zu machen und in dieser Eigenschaft zu erhohen. Sie sehen an solchen Eisenbahnen, die einen niedern Curs ihrer Actien haben, wie das dabei betheiligte Publicum Alles aufbietet, um diesen Curs zu heben und den Werth der Schienenlinie zu erhohen. Dies ist nur ein ungefahres Beispiel jener organischen Verschmelzung, in der ich mir die Arbeit in das allgemeine Leben des Staats aufgenommen denke. Die Arbeit muss endlich aufhoren, eine Ausgesetzte, ein Paria der Gesellschaft zu sein.

Dankmar war entzuckt. Er theilte diese Meinung theoretisch nicht ganz; ihn ergriff nur der Contrast der Blouse und dieser geistreichen Worte. Ubrigens zweifelte er nicht, dass er hier doch wol einen jener socialistischen Schwarmer vor sich hatte, der sich Handwerker nannte, weil er es wirklich einmal war, langst aber in einen hohern Bildungsstand ubertrat und nur die alte Weise beibehielt, um den Arbeitern naher zu stehen und ihnen Vertrauen zu erwecken. Nach einigem Bedenken entgegnete er:

Ich habe lange Zeit, um den gewaltsamern radicalen Mitteln zur Besserung der Welt auszuweichen, mich mit diesen linderen beschaftigt, die Sie andeuten. Oft habe ich mir die Menschheit als einen kranken Organismus gedacht, wo der rasche, vielbeschaftigte und ungeduldige Arzt sogleich Eisen und Feuer verordnet, der tieferblickende, wohlwollende und prufende aber nur eine Umstimmung der Functionen. Wenn ich dann aber zuletzt doch sah, dass zur Umstimmungsmethode Jahrhunderte gehoren wurden und vor allen Dingen solche Staatsformen, wie wir sie eben von dem Status quo nicht erlangen konnen, so bin ich immer wieder darauf zuruckgekommen, dass wir bei der alten Methode der Franzosischen Revolution, bei der Zerstorung des Feudalstaats, zur Zeit noch leider mussen stehen bleiben. Wir mussen es hilft doch nichts nivelliren. Die Fursten und der Adel mussen durchaus dem Vorrecht des Bluts entsagen, der Begriff der Gewalt muss in die Souverainetat des Volks gelegt werden und alle bisherigen Stutzen der Macht in den Dienst der neuen Staatskrafte treten. So nur finden wir Zeit und Gelegenheit, jene grossern, anfangs vielleicht nationalen Naturprocesse durchzumachen, die in der Triebkraft aller solcher Volker liegen, denen die Geschichte die Einwurzelung in ihre Heimatlichkeit und den Glanz und die Grosse dieser Heimatlichkeit raubte. Dann konnen nach den nationalen Wiedergeburten die Volker jene noch grossern Begluckungen der Gesellschaft anbahnen, die in einer veranderten Gliederung des Menschengeschlechts uberhaupt liegen und in jenen Neuerungen, die Sie andeuten. Ich verkenne keineswegs, wie gefahrvoll die Entwickelung jener Zustande ist, die man die Herrschaft des Volks, Demokratie, nennt. Allein die Reformation hatte auch ihre Bauernkriege, ihre Bildersturmexcesse und ihre Wiedertaufer. Ihr besserer Kern erhielt sich und liess nicht einmal dasjenige Gute verkennen, das auch in jenen grauelvollen Misverstandnissen noch theilweise lag. So muss es auch mit der Demokratie werden. Oder glauben Sie wirklich, dass unter der Alleinherrschaft der Konige das Alles sich ausfuhren lasst, was Sie sich unter der Heiligung der Arbeit gedacht haben? Ich glaube an die Monarchie, als an eine in der menschlichen Natur begrundete Staatsform; aber die edle ideelle Monarchie ist die Monarchie der Zukunft, nicht die der Gegenwart. Mit der Monarchie der Gegenwart, die sich aufs Mittelalter, auf den Adel, das Militair, die Beamten, die gottbegnadete Berufung stutzt, ist nichts Derartiges anzufangen, wie Sie sich's als heilsam denken. Blicken Sie um sich! Die deutschen Fursten haben plotzlich aus der demokratischen Frage eine nationale und nun aus der nationalen gar eine Cabinetsfrage gemacht! Dynastie wetteifert mit Dynastie, und die alten verjahrten Vorurtheile der Volker und Stamme werden aus der Trodelkammer der Geschichte wieder hervorgesucht, abgestaubt, mit dem Firniss neuer Redensarten uberputzt und so zum Gefechte gefuhrt. Kommen wir da weiter? Werden da, wenn diese nutzlosen Kampfe, die nur Blut, Geld und frivole Gedanken kosten, voruber sind, nicht wieder dieselben alten Schaden bald zum Vorschein kommen? Oder ist es nicht gleich besser, zu sagen

Fort mit allen Fursten und reinen Tisch gemacht? fiel der Fremde lachelnd ein.

Dankmar schwieg, weil ihn der satirische und durchdringende Blick seines Gefahrten jetzt plotzlich befremdete. Es spielten ihm um die zusammengekniffenen feinen Mundwinkel soviel pikante Schattirungen, dass er sich plotzlich vornehmen musste, in seinem Vertrauen nicht zu weit zu gehen. Der Fremde strich seinen schonen Kinnbart, der sich rund um das langliche Oval seines edlen Gesichts zog und ihm viel Ahnlichkeit mit Dankmarn selbst gab, und sagte:

Ich muss lachen, wie ich als einfacher Tischler dazu komme, Ihnen, einem studirten Herrn, so ernst entgegnen zu wollen, und doch bin ich nicht Ihrer Meinung ....

Sie wirklich ein Tischler? sagte Dankmar, fast verletzt daruber, dass der Fremde noch jetzt sein Incognito in dieser Weise aufrechterhalten wollte.

Ja! Ja! Ich bin ein Tischler, sagte der Fremde. Warum denn nicht? Ich konnte Ihnen manchen eleganten Stuhl zeigen, den ich zusammenleimte, und noch viel mehr hab' ich mich geubt, Meubles zu zeichnen, hubsche Formen zu erfinden. Doch gesteh' ich Ihnen sehr gern, dass ich auch, wenn ich will, auf meinen Arbeiten selbst sitzen darf und sie nicht zu verkaufen brauche. Ich bin ein Tischler, aber ich trage diese Blouse nur, weil es, wie Sie sehen ... staubt.

Furchten Sie da aber nicht, dass man Ihnen einen Pass abfodert und Sie ein Incognito, das Sie zu bezwecken scheinen, luften mussen? fragte Dankmar.

In diesen Zeiten fodert man keine Passe; antwortete der Fremde; ich gehe auch nur bis Hohenberg.

Bis Hohenberg? sagte Dankmar. Hohenberg ist auch mein Reiseziel.

Sie werden fruher dort ankommen als ich. Von hier werd' ich noch zehn Stunden zu gehen haben und Sie wol nur noch sechs zu fahren.

Sie sollten mit meiner schlechten Kalesche vorlieb nehmen, bemerkte Dankmar. Er that Dies nicht ohne Zogern, da eben Hackert hinter ihnen ungeduldig und larmend mit der Peitsche klatschte.

Der Fremde sah sich den Wagen an und blieb mit den Worten: Der Staub ist allerdings sehr lastig! stehen.

Hackert ruhrte sich nicht vom Platze, offnete auch den Schlag nicht, sondern schien ruhig abzuwarten, ob Dankmar ihn ganz als Kutscher behandeln und jetzt sogar zwingen wurde, einen wandernden Handwerksburschen zu fahren .....

Beide Falle, ob nun die blaue Blouse zu Dankmar oder zu ihm gesetzt wurde, waren seinem empfindlichen Ehrgefuhl peinlich. Er schnitt die grimmigsten Gesichter, sprach von Ermudung des Gauls, schlechtem Wege, engem Platz. Der Fremde, erstaunt uber die Unhoflichkeit eines Menschen, den er nur nach dem Bock, auf dem er sass, beurtheilte, schien einen Augenblick zu vergessen, dass er diesem doch auch nur ein wandernder Tischler sein konnte, und uber die von Hackert's Mienenspiel ihm gegebene Andeutung, sich, wenn er aufstieg, vorn zu ihm zu setzen, schoss ihm fast das Blut ins Gesicht; doch schien er sich sogleich zu fassen, als Dankmar, alle weitern Erorterungen mit dem widerwartigen, ewig nergelnden Hackert abschneidend, diesem den Zugel und die Peitsche aus den Handen riss, sich selbst auf den Bock setzte, Hakkerten und den Tischler auf den Wagen verwies und mit den Worten: Ich fahre gern einmal selbst! vorn Platz nahm und selbst das Rosslein des Pelikanwirthes nun zu rascherm lustigen Trabe anfeuerte.

Neuntes Capitel

Die Visitenkarte des Tischlers

Der Wald war zuruckgelegt. Zu dem Stadtchen Dassel hinab ging es im raschen Trabe. Einige Regentropfen fielen schon, ohne jedoch sehr zu belastigen.

Dankmar, wie er so dahin jagte uber die staubige Strasse, schuttelte uber sich selbst den Kopf. Er suchte einen Schatz, der ihn, wie er vielleicht scherzte, zum Millionair machen sollte, und um ihn zu finden, fuhrwerkte er eben eigenhandig einen Handwerksburschen und einen elenden abgedankten Schreiber! Es ging ihm wirklich unwirsch und argerlich im Kopfe hin und her. Auch der Umstand, dass er das Gesprach mit dem geheimnissvollen und ihm jetzt wieder zweideutig gewordenen Fremden gerade da abgebrochen hatte, als er ohne das vernunftige granum salis hinzugefugt zu haben sammtliche deutsche Fursten wie alten Sauerteig ausfegen wollte, druckte ihn .... Es ist so lastig, in extremen Behauptungen ohne Vermittelung dazustehen. Wir Alle leiden ja uberhaupt mehr darunter, dass man uns nicht ausreden lasst, als darunter, dass man uns absichtlich misversteht. Man glaubt uns so oft zu verstehen und Das eben erscheint uns so gefahrlich! Man unterbrach uns nur oder das Schicksal unterbricht uns in Augenblicken, die uns gerade die wichtigsten waren. Der Tod, welche schreckliche Unterbrechung fur einen Menschen, der sich noch aussprechen, seine Gefuhle rechtfertigen, seine Gedanken erlautern mochte! Und doch ist der Tod noch der geduldigste unserer Zuhorer. Selten, dass er uns mitten in einer Periode einer Auseinandersetzung fur unser ganzes Leben uberrascht. Die ungeduldigsten und qualendsten Storer sind aber gerade die, die uns immer vortrefflich verstanden haben wollen und gleich in die Rede fallen. Sie verlassen uns wie in schonster Ubereinstimmung und wir bleiben mit dem Gefuhle stehen: Der geht doch mit einer Voraussetzung von uns fort, die nicht zutrifft! Es sind doch nicht meine Gedanken, die er da als die meinen mit fortnimmt! Himmel, er wird sie verbreiten, er wird mich nach ihnen beurtheilt machen, er hat mich nicht ausreden lassen und macht mich unglucklich.

So lagen auch offene Gewaltthatigkeiten Dankmar's politischen Meinungen ganz fern. Er wollte immer nur das Nothwendige und Vernunftgemasse und hier fuhlte er nun, dass er doch weit mehr noch hatte sagen mussen, um ganz verstanden zu sein. Diesem druckenden Gefuhle half etwas die Ankunft in Dassel ab. Es zerstreute doch, durch eine kleine gewerbfleissige Stadt zu fahren, und wenn auch nur im Voruberfluge hier und da von einem freundlichen Gesichte begrusst zu werden.

Hinter Dassel belustigte Dankmarn, der sich eine Cigarre angezundet hatte und um zu gleicher Zeit fahren und rauchen zu konnen, schweigen musste, ein Gesprach, das Hackert mit dem Fremden anfing. Hackert hielt diesen fur Das, was er gleich anfangs vermuthet hatte, einen Spion, redete ihn aber fur Das, fur was er sich ausgab, an und sagte ganz dreist:

Tischlergesell bist du?

Tischlergesell wiederholte nach einigem Zogern der Fremde.

Wo bist du her?

Hier aus dem Hohenbergischen.

Wo standest du zuletzt in Condition?

In Paris.

Donnerwetter, Das ist weit. Von da kommst du direct und verlegst dich nicht aufs Fechten? Hast wol in Paris geschafft? Ich seh' es. Deine Mutze ist bei Noack in der Fischerstrasse ganz neu gekauft und deine Blouse, glaub' ich, hab' ich schon 'mal auf dem Maskenball im Opernhause gesehen.

Diese Wendung frappirte den Fremden.

Dankmar lachte in sich hinein:

Siehst du! dachte er; du kommst da an den Rechten.

Tischler ist kein ubles Handwerk, fuhr Hackert behaglich fort. Aber immer Wiegen zu machen, ware mir zu lappisch, und immer Sarge, zu schwermuthig. Wobei hast du denn am meisten den Hobel angesetzt?

Ich bin ein Kunsttischler, mehr zum Luxus ....

Aha! Luxus ... Mahagony? Nicht wahr? Drum gefiel dir auch wol die neue Dreschmaschine beim Heidekruger?

Der Fremde liess sich durch diese verschmitzte Frage nicht irremachen, sondern setzte umstandlich das Getriebe einer solchen Maschine auseinander, trotzdem, dass sie nicht von Mahagony war. Er wollte eben zeigen, dass er die Praxis verstand.

Dankmar, der aufmerksam zuhorte, musste fortgesetzt lachen; denn Hackert verstummte plotzlich uber die Schrauben, Ventile, Stempel, von denen der Fremde sprach. Sein Plan, den verkleideten Regierungsassessor Muller aufs Glatteis zu fuhren, war gescheitert.

Das darauf eintretende Stillschweigen wahrte langere Zeit. Dankmar rauchte. Hackert schickte sich zum Schlafen an. Der Fremde sah auf die Gegend und notirte sich zuweilen Etwas, was ihm plotzlich einzufallen schien, in einem kleinen zierlichen Buche. Das dauerte so fort, bis er hinter einem Dorfe, das sie wieder zuruckgelegt hatten, Namens Helldorf, zu Dankmar sagte:

Da sind wir jetzt in einem Lande, wo ja mit einem Fursten, wie wir vorhin sagten, reiner Tisch gemacht worden ist! Es ist wahr, es lebt sich darin nach wie vor. Die Menschen gehen und wandeln, die Baume tragen schwer an den Asten, die Ernte ist reif, das Gras schon zum zweiten male gemaht. Es hat sich nichts verandert.

Wo waren wir denn da? wandte sich Dankmar um.

In dem Furstenthume Hohenberg, sagte der Fremde; hier beginnt die kleine Herrschaft, die so verschuldet ist, dass selbst eine Lotterieanleihe sie nicht mehr retten konnte. Heben Sie den Glanz und das Gluck der kleinen Herrscher auf und sie gehen von selbst.

Und die grossen? fragte Dankmar, der nicht abgeneigt schien, das begonnene Gesprach fortzusetzen.

Halten Sie es fur moglich, sagte der Fremde, unbekummert um den in politischen Dingen schweigsamen und nun schlafenden Hackert; halten Sie fur moglich, dass jemals Staaten wie Preussen, Osterreich, Baiern ganz aufhoren konnen? Diese Sondergeschichte ist nicht auszuloschen und in den Fursten erhalten sich die Erinnerungen der Volker und werden durch sie getragen.

Dankmar antwortete ironisch:

Ich bewundere, wie Sie glauben, die Hebel der Gesellschaft, die Organe der Menschheit in Bewegung setzen, neue Sitten, neue Gesellschaftsformen bilden zu konnen und doch an dem Bestande von Dynastieen wie an etwas Ewigem haften! Wie gern auch sohnt' ich mich mit diesem Bestande aus, wenn ich darin nur die Fortbildung unserer Freiheit gesichert sahe! Wissen Sie, was mir durch diese Monarchieen allein gesichert scheint? Ein Ubel, das mir noch gefahrlicher dunkt als die von Ihnen gerugte allgemeine Genusssucht. Es ist Dies die allgemeine personliche Eitelkeit, begrundet auf eine durchgreifende Erniedrigung des Menschengeschlechts. Wir horten ja gestern vom Reubunde. Wie erscheint der Ihnen?

Ein wenig lacherlich, war die Antwort.

Mir scheint er gefahrlich, sagte Dankmar. Gefahrlich deshalb, weil er mit einigen guten Eigenschaften des civilisirten Menschen ein unverantwortliches Spiel treibt. Liebe und Hingebung sind himmlische Thatigkeiten der menschlichen Seele, aber sie haben ihre Grenzen. Sagen Sie selbst, ob nicht in jener Monarchie, zu deren Erhaltung und Unterstutzung der Reubund gestiftet wurde, das eigentliche Hinderniss freier Entwickelung die tief in den Institutionen und den Erinnerungen des Volks wurzelnde Eitelkeit das Hinderniss der wahren Freiheit ist? In diesem Staate entwurdigt sich der Mensch als Gattungsbegriff, um sich als burgerliche Person hochzustellen. Das Individuum will bedeutend sein auf Kosten des Geschlechts. Oder woher denn sonst dieses rastlose und die Menschenwurde beschamende Drangen nach Auszeichnung? Eine Unzahl von Ehrenzeichen und Titeln wird in Massen verschleudert, die allgemeine Militairpflicht untergrabt das kraftige Selbstgefuhl der Heimat und ordnet Jeden einer abstracten Ehre, der Soldatenehre, unter. Wo Sie im Bereich dieser Monarchie hinkommen, uberall bilden sich die Menschen ein, in unmittelbarer Beziehung zum Fursten zu stehen. Jeder glaubt sich von ihm personlich gekannt; Jeder drangt sich vor, um irgendwie zur Notiz der hohen Behorde genommen zu werden. Wie eilt nicht Alles zu Unterschriften, zu namentlicher Nennung bei jeder Gelegenheit! Streiten Sie mit diesen Menschen, so hat Jeder eine Meinung fur sich, Jeder weiss es besser als der Andere, und wenn man sich unterordnet, so ist es nur einem hochgestellten und betitelten Manne. Einer Beruhmtheit die Schleppe zu tragen, die Kundschaft einer Excellenz zu geniessen, von einer erlauchten Person angeredet zu werden, Das ist dort wie in Russland der Bindekitt des offentlichen Geistes und die Bedingung seiner Formen. Wenn Montesquieu die Ehre als das Wesen der Monarchie bezeichnete und er es aufrichtig meinte und nicht etwa damit seinem Souverain ein leeres Compliment machen wollte, so kommt dieses Merkmal, das nur aus Mangel eines tiefern Begriffes erfunden zu sein scheint, in jenem Staate zu seiner kleinlichsten, aber auch gefahrlichsten Anwendung.

Der Fremde schwieg eine Weile. Dann nahm er, als er Hackert wirklich schlafend fand, das Wort und sagte:

Auch ich hasse die gedankenlose Hingabe an den fluchtigen Glanz des Bestehenden, nur um an diesem Glanze theilzuhaben; besonders ist mir, trotz meiner conservativen Gesinnung die Coquetterie mit dem Heere unerfreulich. Es ist Dies ein Stolz, der denn doch auf nur hochst ungluckliche, den grossen Menschheitszwecken widerstrebende Anomalieen sich begrundet! Nie wird ein Staat eine Zukunft haben, der sich nur auf die Institutionen der Gewalt stutzt und darauf hinarbeitet, im Volke das Staatsleben nur wie einen Formel- und Gotzendienst zu begrunden. Auch das Beamtenwesen ist eine solche morsche Stutze des dauernden Bestandes. Eine einzige verlorene Schlacht sturzt alle diese blankgeputzten und zierlichen Gotzen und was nicht unendlich Wichtigeres mit ihnen! Aber dennoch sind Sie ungerecht, wenn Sie glauben, dass die Dynastie von dieser Hingebung allein zehren will. Ich hoffe doch, sie strebt nach der Befestigung durch jene tiefer wirkenden Hebel der Industrie, des Handels, der Ackerbauerleichterungen. Freilich auf gewohnlichem Beamtenwege wird hier nichts bewirkt. Solange nicht die Arbeit selbst an den Thron fur sich redend tritt und die Bureaukratie aufhort, der Dolmetscher der Interessen der Arbeit zu sein, kann es nicht besser werden. Es fehlen uns Staatsmanner, die ihre Schule im Volke gemacht haben.

Dankmar fuhlte sich durch die Ideen seines Reisegefahrten oft so angezogen, dass er sie fur die seinen erkannte, oft aber auch wieder ganz von ihnen abgestossen. Er schwieg eine Weile und uberlegte das Gesagte. Als ihn darauf der Fremde ersuchte, anzugeben, wie er sich's denn moglich dachte, jenen Geist der eitlen ehrsuchtigen Selbsterniedrigung in der Monarchie zu dampfen, antwortete er:

Dadurch, dass man diesen falschen und unwurdigen Royalismus auf seine wahren Quellen zuruckfuhrt, die Quellen der Eitelkeit und der speculirenden Selbsterhaltung. Denn leider auch deshalb wird jetzt ein so ubertriebenes Spiel mit monarchischen Formen getrieben, weil man einen Damm sucht gegen die drohenden Fluten der allgemeinen Zerstorung, gleichviel aus welchem Material gebaut. Ehrlich sind unter den Reubundlern nur Die, welche sich einbilden, vom Glanz der Monarchie falle etwas auf sie selbst, und unehrlich alle Die, welche zum Royalismus aus Angst fur ihr Eigenthum fluchten oder die sich, wie dieser Schlurck, vor dem Auffallenden furchten und der Mode folgen, weil sie Mode ist. Es muss Etwas erfunden werden, mein' ich, was das Individuum vernichtet, ohne die Person zu zerstoren.

Das ist ein tiefes, aber dunkles Wort! unterbrach ihn der Fremde. Das Individuum vernichten, ohne die Person zu zerstoren?

Wir mussen, erlauterte Dankmar, eine andere Gleichheit predigen als z.B. die der Volksversammlungen. Gleichheit mit dem Pobel ist die Sehnsucht der Denkenden nimmermehr. Gleichheit der Anspruche auf die grosse Ehre, die in einem Allgemeinen, uns Alle Bindenden liegt, Ehre, zuruckstrahlend auf Alle von einem Begriff aus, der Ehre verdient, da ist Etwas zu suchen, zu erfinden, was uns rettet vor dem Ruckfall in die Barbarei, dass wir aus Furcht vor Revolutionen der Anbetung des Bestehenden verfallen.

Als Schlurck's Name genannt wurde, erwachte Hackert. Die beiden Andern schwiegen, und die Nothwendigkeit, dem Pferde einige Ruhe zu gonnen, trennte vor einem am Wege gelegenen Wirthshause auf einige Zeit die drei Gefahrten. Als der Fremde, um nach einem Mittagsimbiss zu fragen, ins Haus getreten war, winkte Hackert Dankmarn und zeigte ihm ein Taschentuch, das Jener hatte liegen lassen. Mit geheimnissvoller Miene bedeutete er ihn naher zu treten und hielt ihm verstohlen den Zipfel des Tuches hin. Es war sehr fein eine Krone mit dem Zeichen 100 und dem Buchstaben E darin gestickt.

Das heisst, sagte Hackert, der Mensch, von dem er dieses Taschentuch gestohlen, hatte deren hundert, war mindestens kein Tischler und fangt in seinem Vornamen mit einem E an.

Oder es gehort ihm wol selbst, sagte Dankmar.

Das ist auch moglich, antwortete Hackert trocken und rief einen Knecht, fur das Pferd zu sorgen. Dann knopfte er sich den Rock zu, streifte Beinkleider und Rockarmel glatt und benahm sich affectirt genug wie ein Gentleman.

Schneiden Sie kein so schlimmes Gesicht! sagte er zu Dankmar; jetzt, wo wir Hohenberg naher kommen, wird's mit meinem Fahren freilich nicht mehr viel werden. Wenn Sie indessen in Ihrem eleganten Costum fahren, weiss man, dass Sie es nicht nothig haben und es nur aus Vergnugen thun. Wenn ich es aber thue, so sagt jede Canaille, Das ware mein Beruf. Wenn wir in Hohenberg sind und Sie leichten Herzens, aber schwerer im Wagen mit Ihrem Schrein zuruckfahren, so sag' ich Ihnen, warum das Alles so sein muss, wenn Sie namlich Lust haben, es zu horen.

Es ist eine verkehrte Welt, meinte Dankmar kopfschuttelnd nachgiebig und steckte das Tuch zu sich. Wir wollen sehen, ob wir da auch Etwas zu essen finden.

In der Wirthsstube trafen sie einen Jager. Ein stattlicher Funfziger, wie es schien. Seine Jagdtasche hing ihm mit langen Troddeln um die Schultern. Sein grauer Rock mit grunen Aufschlagen war von leichtem Sommerzeug und wohlerhalten. Das gebraunte mit fuchsrothem Barte umschattete Antlitz trug einen unverkennbaren Ausdruck offenster Ehrlichkeit und treuherzigsten Vertrauens. Seine grossen wasserblauen Augen grussten die Ankommlinge ebenso freundlich, wie er schon unterhaltend und unterhalten im Verkehr mit dem schongewachsenen jungen Mann in der Blouse war. Eine Menge kleiner Kinder tobten um ihn her, spielten mit seinem Hunde, zupften an den Troddeln und dem Netzwerk seiner Jagdtasche und wahrend er mit der Blouse, ja schon mit Dankmar und Hackert sprach, ging er doch dabei zu gleicher Zeit freundlich auf die Scherze der Kinder ein, die er hinterwarts mit den offen gelassenen Fingern haschte und neckte.

Sie sind hier im Gelben Hirsch! erklarte er den Ankommlingen. Ihr Mittagsmahl mussen Sie nehmen, wie Sie's finden. He da, Lenchen! Jungfer Drossel!

Ein junges hubsches Madchen, die die Wirthstochter schien, brachte schon fur den jungen Mann in der blauen Blouse einige Teller von ihrem eigenen Mittagsmahle. Nun musste aber auch noch genug fur die beiden Andern da sein.

Ja, sagte der Jager, wenn der Drossel nicht immer im Busch sasse und seine politischen Lieder pfiffe!

Wie? erstaunte Dankmar, auch hier, wie auf dem Heidekrug, die Politik Storerin der hauslichen Ordnung?

Das nicht, meinte der Jager begutigend; die Frau und das schmucke Lenchen da sehen schon nach dem Rechten. Aber es ist Alles mehr vollauf, wenn der Hausherr selbst fur seine trockene Zunge sorgt. Wer viel spricht, muss auch sich und dem Magen viel bieten. Wir im Wald sind immer allein und reden nur einmal mit unserm Phylax oder mit den Grunspechten oder den Maulwurfen und da thut ein Stuck Brot, ein Trunk Wasser oder einer aus der Korbflasche seine Schuldigkeit. Zur Nacht freilich gibt ein Jagersmann seinem Magen auch volles Gehor. Da knurrt der und will fur sein Tagewerk ein kraftiges Futter ....

Das Euch wohl bekommt ... sagte Dankmar, auf des Jagers frisches Aussehen deutend.

Besser als vielleicht Herrn Drossel das Essen auf sein vieles politisches Reden, fiel der Fremde ein, der sich bei Seite gesetzt hatte.

Ach nein, meinte begutigend der Jager, es folgt Jeder seinem Geist.

Damit wandte er sich zur bedienenden hubschen Lene, den Kindern und dem Hunde Phylax. Er wollte es wol vermeiden, den Wirth zum Gelben Hirsch so anzuklagen, wie die Liese den Heidekruger angeklagt hatte.

Lenchen, sagte er ablenkend, wirst immer schmukker! Blitzaugen hat das Madel! Ganz wie ihre selige Tante! Bist aus einem Tiegel mit ihr geschmolzen! Gott verzeihe mir die Sunde, dass ich von Feuer rede ....

Die letzten Worte brummte der Jager mehr vor sich hin.

Warum nicht vom Feuer? meinte Dankmar, eine dargereichte Weinkarte musternd. Die Menschen sind mehr durchs Feuer als durchs Wasser geschaffen.

Er bestellte eine Flasche Hochheimer.

Lenchen ging mit dem ganzen Kindertross, der sie in den Keller begleiten wollte. Auch Phylax wurde gefolgt sein, wenn ihn der Jager nicht zuruckgehalten hatte.

Das Feuer im Wein lass' ich mir gefallen, sagte der Jager freundlich, die Bestellung gleichsam lobend. Aber, setzte er mit zusammengedruckten Augen hinzu, das Feuer, das ich meinte, ist ein anderer Brand. Hier das Haus ging vor nunmehr sechzehn Jahren einmal in Feuer auf und mit ihm ... die Schwester Drossel's ... ein junges Wesen ....

Verbrannte?

Verbrannte.

Der Jager wandte sich auffallend erschuttert zum Fenster hinaus. Die Reisenden assen. Lenchen kam bald mit dem Wein zuruck. Die Kinder larmten wieder und litten nicht, dass der Jager nach der Flinte griff, die an der Wand hing, und gehen wollte.

Ei, Onkel Heunisch, schon fort? sagte Lene Drossel. Vater und Mutter mussen von Schonau bald zuruck sein. Ich dachte, Sie erzahlen uns noch von Franziska's letztem Brief ....

Komm ins Jagerhaus, Lenchen! Kannst ihn selbst lesen!

Ins Jagerhaus komm' ich nicht.

Furchtest dich? ...

Vor der Eule nicht.

Vor der Ursula. Ich weiss es. Bist ein Kindskopf.

Dabei lachte er wieder und verharrte dabei, dass er gehen musse. Es war' eine tuchtige Strecke nach Hause, meinte er.

Dann grussen Sie aber die Franz und danken Sie ihr fur das hubsche Band! sagte Lenchen.

Solltest ihr selbst schreiben, Lenchen! Legst es an die Tante bei

Das durfen wir nicht!

Die Tante Pfannenstiel? Ist die so ungefallig? Die reiche ...

Die!

Sieh! sieh! So schreib' der Franz durch die Post. Sie hort gern Etwas von Hohenberg, vom Wald und Gelben Hirsch. Mein Schreiben ist nicht viel nutz. Franziska Heunisch, beim Tischlermeister Martens auf der Wallstrasse ....

Franziska Heunisch? unterbrach Hackert das Verzehren seiner Mahlzeit, ein Geschaft, dass er mit vielem Appetit verrichtete.

Kennen Sie die Franz Heunisch, Herr? fragte der Jager, angenehm uberrascht.

Hackert kaute und antwortete nicht. Er schien nicht das Gemuth zu besitzen, dem Onkel, der seine Nichte zartlich zu lieben schien, eine Auskunft zu geben, die den freundlichen Waldbewohner glucklich gemacht hatte.

Als der Jager die Frage: Ei! Kennen Sie die Franz Heunisch? nochmals wiederholt hatte, stiess Dankmar argerlich mit dem Ellenbogen den kauenden Hackert an und sagte:

Horen Sie denn nicht?

Franzchen Heunisch, antwortete Hackert mit zweideutigem Lacheln; eine angenehme kleine Putzmacherin ....

Ja, Herr, sagte der Jager, sie macht Putz.

Dann aber, da er Hackert's Lacheln sonderbar fand, setzte er, indem ihm das Blut in die Wangen schoss, mit unterdrucktem Zorn hinzu:

Wissen Sie von Franz Heunisch etwas Unrechtes?

Ich weiss von ihr nichts, bester Jagersmann, sagte Hackert, als dass sie allerliebste Zahne, hubsche rothe Wangen, braune Augen, schwarzes glattes Seidenhaar und um die Augen eine gewisse reizende Haut wie von Wachs hat und in der Wallstrasse Nr. 14 im zweiten Hofe links eine Treppe hoch wohnt.

Herr, da wohnt sie! sagte der Jager und warf sich jetzt die Flinte so zornig uber die Schulter, dass die Jagdtasche hin- und herflog. Was aber nun? Was nun?

Was nun? Nun? Nichts nun! Sie wollten ja die Adresse genau wissen. Wallstrasse Nr. 14 im zweiten Hofe links. Ist's nicht so?

Der Fremde, der an dem Jager Wohlgefallen zu finden schien und einen ublen Ausgang dieser Reibung furchtete, hielt es fur das Angemessenste, dem Gesprach eine andere Wendung zu geben.

Eilen Sie schon so? sagte er zu dem kirschroth gewordenen Mann, der auf Hackert Blicke schoss, die im Grunde doch mehr ruhrend als erschreckend waren. Er furchtete sicher, Franziska Heunisch mochte wirklich auf schlimmen Wegen sein.

Die Jagd kann Sie nicht rufen, fiel Dankmar ein, der in dem Jager den uber seine Nichte aufsteigenden Verdacht gleichfalls zerstreuen wollte; ich denke, in den Waldern hier mag es im Herbst lustig zu pirschen sein ...

Es gibt nicht mehr viel Wild in den furstlichen Waldern, sagte der Jager, sich sammelnd, aber noch mit zitternder Stimme.

Sind Sie Hohenbergischer Jager? fragte der Fremde.

Das bin ich.

Fruher Militair?

Militair.

Dem alten Feldmarschall nahe gestanden? Nicht wahr?

Nicht so nahe. Der selige Feldmarschall war kein Jager.

Und doch kein Wild? bemerkte der Fremde, der sich so benahm, dass ihn Niemand mehr fur einen wandernden Handwerker halten konnte.

Doch kein Wild! fiel der Jager, der sich rascher beruhigte, als Dankmar erwartet hatte, ein. Das machen die Finanzen ....

Wie so die Finanzen? sagte Dankmar.

Weil die Juden den alten Fursten ganz in Handen hatten. Wie ihm kein Strohhalm mehr im Lande gehorte, liessen sie dann auch frisch aufs Wild losschiessen, Reh' und Haas, Alt und Jung, nur um Geld herauszuschlagen. Jetzt sind sie ja in Hohenberg All' versammelt; sie wollen zur Jagd wiederkommen, sagten mir neulich ein paar Steifbocke; aber ich lachte und dachte mir: Bringt wieder, was Ihr schon Alles in unserm Wald vertilgt habt, dann wird sich's der Muhe lohnen. Ubrigens schwieg ich; denn kein Mensch weiss, was aus der Herrschaft werden soll und wer uns inskunftige was zu befehlen hat.

Wer ist denn Alles oben? fragte Dankmar, der den etwas frugalen Fremden in der Blouse gebeten hatte, sich des Weins gemeinschaftlich zu bedienen.

Ich kenne sie nicht Alle, die geputzten Leute, sagte der Jager. Aber Das weiss ich, solche sind's nicht, wie Die, die zur Zeit, als der Furst und die Furstin im Glanze lebten, da zu Besuch gekommen sind. Der Furst ist in der Residenz gestorben, kam auch nie hinaus nach Hohenberg, schon die zwolf Jahre nicht, dass die Furstin da wohnte. Als die fromme Frau noch lebte, durfte sich Niemand von den Creditores auf dem Schlosse sehen lassen. Das war so ausgemacht. Als sie aber die Augen zuthat, es sind nun zwei Jahre her, da ging's lustig los. Erst fing's auf den Wirthschaftshausern herum und in der Rechnungskammer an zu rumoren. Hui, was fur fremde Vogel, die da durcheinander zwitscherten: Das ist fur meine Kralle, Das fur meinen Schnabel! Das Schloss blieb noch unangefochten, aber seit den drei Monaten, dass nun auch der Furst in Gott entschlafen ist ja, ja! in Gott Gott hab' ihn selig, es war ein guter, aber auch wieder ein recht schlimmer Herr Da Hurrah! Da kamen sie denn Alle an, in grossen Staatskutschen. Ritsch! Ratsch! Jetzt zerhackt und zerstuckt das Ganze! Wenn sich Keiner findet, der die halbe Million zahlt, die allein schon als Schuld auf dem Ganzen steht, ist's aus! Es ist nun drei Wochen her. Schnedderedeng! Trarara! Das ganze Dorf unten es heisst Plessen kam zusammengelaufen und gaffte die Postillone all und Kuriere an, und die Herrschaften stiegen aus. Das sind nun Die, die viele Jahre lang erst auf den Boden, dann auf den Wald, zuletzt auf Gerath, Leinenzeug, Tisch- und Bettzeug und den letzten Spahn Holz im Schlosse Geld geliehen haben. Der Furst liess ja Gott sei's geklagt! seine alte kostbare Lebensart nicht, brauchte zehn mal mehr als er einnahm und so war er zuletzt dermassen herunter, dass sein Sohn in Paris die Erbschaft nicht antreten will und.. nicht antreten kann und.. nicht antreten wird.

Wahrend der Forster so plauderte, verzehrten die drei Reisenden vollends ihr bescheidenes Mahl. Dankmar hatte in der Zerstreuung das Taschentuch an den Fremden zuruckzugeben vergessen. Hackert blinzelte ihm deshalb einige mal mit den Augen zu, ohne sich aber Dankmarn verstandlich machen zu konnen.

Liegt nicht am Fusse des Hohenbergs, fragte Dankmar, seine eigenen Angelegenheiten erwagend und darin, dass der Fremde in tiefes Nachdenken versunken schien, nichts Auffallendes erblickend, liegt nicht in Plessen eine Schmiede?

Ja wol, lautete die Antwort.

Kennen Sie den Schmied?

Er heisst Zeck! Ist blind und sein Sohn ist taub.

Hackert lachte und fugte hinzu:

Und hoffentlich sind bei ihm recht viel Pferde lahm?

Der Jager sah den Witzmacher finster an und wandte sich in seinen Erlauterungen zu den Andern, Hackert den Rucken kehrend.

Die Zeck'sche Schmiede war sonst in Flor. Alle Fuhrleute haben da angesprochen und sparten ihre Reparaturen auf die plessener Schmiede; jetzt kommt selten noch ein Wagen den Berg herunter.

Wenn jetzt da oben Alles aus Rand und Band ist, fragte Dankmar, so gibt es wol viel verrufenes Gesindel auf der Herrschaft?

Das doch nicht! Dann und wann einmal ein Wilddieb. Und Das selten, weil nichts zu dieben da ist. Ja! Holz wird gestohlen ....

Und Das tuchtig! schaltete Lenchen ein, die abund zuging und manchmal ein Wort dreinredete, wie es einem resoluten Madchen zukommen mag.

Ja! sagte der Jager lachend; mehr als billig.

Aber wie reimt sich Das, bemerkte der Fremde, mit der allberuhmten Frommigkeit, durch die sich ja die ganze Gegend auszeichnen soll?

Der Jager lachelte nicht ohne Feinheit.

Es wird wol so dick damit nicht aussehen, meinte Lenchen und lachte, indem sie abdeckte.

Ich will Ihnen sagen, nahm der Jager das Wort; es mag mit der Frommigkeit, die man so offen zur Schau tragt, nicht weit her sein; Das lernt man im Walde, wo man an jedem stillen Platzchen denkt: hier ist's so gut wie in der Kirche! Aber wenn's auch nicht mehr sehr lange nachwirken wird, die selige Furstin hielt doch viel auf's Christenthum. Sie theilte Bibeln aus und sammelte jeden Sonnabend die Leute um sich und las irgend was Andachtiges vor, oder irgend ein fremder Herr musste vorlesen und die Leute sangen dazu. Manchmal kamen Menschen, die fruher ein Handwerk gelernt hatten, dann aber, wie sie's nannte, die vortreffliche Dame, die Erleuchtung bekommen hatten und Missionare wurden, fur die Heiden zu bekehren. Die stellte sie dann Sonnabends der Gemeinde vor und Alle mussten beten, dass Gott die frommen Apostel, wie sie sie nannte, in Gnaden beschutzen und behuten mochte. Ach, Das war oft recht ruhrend, so einen guten Menschen zu sehen, der nun da hinaus muss ins Hottentottenland und die Buschmanner bekehren. Alle mussten weinen und Jeder gab ihm die Hand und sah den armen Menschen sich noch einmal erst an, ehe er gespiesst und gebraten war. Manche freilich ....

Der Jager machte eine schlaue Miene.

Nun, Manche? fragte Dankmar.

Manche von den Missionaren gingen gar nicht hin zu den Hottentotten! sagte der Jager pfiffig und kratzte sich hinterm Ohr. Wenn Die das Gute genossen hatten und recht ausstaffirt waren mit allerhand kostspieligen Geschenken, blieben sie in Bremen oder Hamburg ganz geruhig liegen oder schrieben, sie hatten schon bei England herum Schiffbruch gelitten und mussten wieder umkehren oder es musste was Neues nachkommen. Ach, lieber Heiland, was sind da fur Sachen vorgefallen!

Der Jager war so gutmuthig, dass er diese Worte in einem entschuldigenden Tone und wie uber den Lauf der Welt kopfschuttelnd vortrug.

Kein Missionar, erzahlte er weiter, ging von Hohenberg fort, ohne nicht noch einen ganzen Koffer voll Hemden und Strumpfe mitzunehmen. Die liess die gute Frau Furstin im Landchen herum weben und stricken. Sie theilte das Garn und die Wolle aus, aber nur an Die, welche in die Betstunden kamen. Wer fromm zugehort und andachtig seinen Vers gesungen hatte, kriegte nachher, wenn die Andacht aus war, einen Napf voll Warmbier und etwas frisches Weissbrot was die alte Brigitte schon backen kann und beim Nachhausegehen bekam jede Frau und jedes Madchen einen Korb voll Arbeit fur die Heiden mit.

Hackert lachte uber diese Schilderung so unverschamt laut auf, dass es ihm Dankmar fast verwies. Dennoch mischte er sich dreist in das Gesprach und sagte:

Ich kenn' einen ehemaligen Missionar. Der Schlingel hat mir's erzahlt, wo die Strumpfe und Hemden all' hinkommen, die man ihnen nachschickt. Die Augenverdreher verkaufen sie an das erste beste Kauffahrteischiff, das sie am Meere antreffen. Nach Hause aber schreiben sie: Dank fur das Ubersandte! Die Heiden wandeln bereits im Licht und auf euren Strumpfen. Schickt nur mehr von der Sorte!

Hackert hatte die Genugthuung, dass seine Anekdote gefiel. Der Fremde aber verliess das Zimmer. Die Erzahlung des Jagers schien ihn wol zu interessiren, ihre heitere Wendung aber zu verletzen. Da sein Ranzen liegen blieb, so war nicht anzunehmen, dass er sich schon wieder auf den Weg gemacht hatte.

Und wer zahlt nun die Leute aus, die noch im Dienste der Herrschaft stehen? fragte Dankmar.

Der Justizrath Schlurck, antwortete der Jager. Der ist schon seit zehn Jahren der eigentliche Furst von Hohenberg. Der administrirt mit dem Director von Zeisel Alles durch- und ubereinander. Die Creditores halten sich an Schlurck. Noch gestern war er auf dem Schloss, muss aber rasch eine Ordre gekriegt haben, so schnell ist er auf und davon. Seine Frau aber, die ist noch da mit dem Commerzienrath von Reichmeyer und Frau Commerzienrathin von Reichmeyer und Herr Bartusch und mit Respect zu vermelden ...

Der Jager sah sich nach den Kindern um.

Diese spielten mit dem Hunde, und da er auch Lenchen Drossel nicht sah, so flusterte er:

Drossel's Schwester ist auch dort.

Wer?

Frau Pfannenstiel.

Auch eine Creditorin?

Durch ihren Mann. Frau Wirthschaftsrathin Pfannenstiel. Ihr Mann war fruher Pachter bei dem Fursten, brachte dabei sein Schafchen ins Trockene, zog in die Residenz, bekam den Titel Wirthschaftsrath durch den Fursten und wurde gerade sein schlimmster Blutsauger. Kurz, Sie finden da allerlei Volk, Christen und Turken und ...

Melanie Schlurck, des Justizraths Tochter, hat sich also einen ganzen Hof mitgebracht? schloss Dankmar.

Von Der wissen Sie schon? Ja! Das ist ein Engel oder ein Satan. Die macht Alle verdreht. Zu Fuss, zu Pferde, bald im Feld, bald im Walde, und hol' mich Dieser und Jener, sagt' ich noch neulich zur Ursula; sollte man nicht glauben, sie tanzte immer? Noch hat Die kein Mensch mit ruhigem Fuss gesehen und Augen hat sie im Kopf, Zahne im Mund ..... Ja! Die hat's Allen angethan, und was man ihrem Vater fur Fluch und Malefiz nur anwunschen mag, der Mamsell kann man nicht gram sein; sie macht Alles wieder gut. Auch ein feiner junger Herr aus der Stadt ist mitgekommen ... er heisst ... ich weiss es nicht ... kurz und gut, so lustig ist's seit zwanzig Jahren da nicht hergegangen. Jemine! Sah' es die alte Furstin, sie drehte sich im Grabe um.

Der Jager trank seinen Labetrunk Bier aus, wunschte den Herren gute Verrichtung, schuttelte Dankmarn sogar die Hand und ging. Dankmar erwiderte freundlich, fasste aber Hackert ins Auge, da er dessen Angesicht plotzlich wie mit Blut ubergossen sah; seine Wangen gluhten, seine Stirn schien heiss; von der Farbe des Haares und der Haut entdeckte man kaum einen Unterschied mehr. Dankmar's erster Gedanke war, da von dem Jager Lasally angedeutet wurde, an sein Pferd. Er glaubte in der Verlegenheit, die er auf Hackert's Antlitz bemerkte, als der junge fremde Herr, der wol nur Lasally sein konnte, erwahnt wurde, das Zugestandniss der Befurchtungen zu finden, die er seinem Bruder Siegbert geaussert hatte, als dieser fur Hackert's Ehrlichkeit gutsagen wollte. Aufs allerheftigste wurde er wieder von dem Gedanken ergriffen, dass zuletzt dieser Hackert doch wol nur ein Gauner sein mochte, der sich ihm noch zu irgend einem bosen Zweck angeschlossen hatte. Und dennoch fuhlte er Mitleid mit ihm. Der Nachtwandler stand wieder vor ihm; der wuste schauerliche Eindruck, wie Hackert mit halb herabgefallenen Kleidern, mit Stroh und Heu im Haar, mit offenem Hemd, in der Hand die verloschende Laterne vor ihm stand und Schlurck vor Entsetzen das Wort ausstiess, das ihn weckte! Die Erinnerung an diesen Anblick trat ihm so machtig in diesem Augenblicke vor die Seele, dass er fast erschrak, Hackert mochte eben wieder in einen ahnlichen Zustand verfallen. Denn er bemerkte, dass Hackert wie in Gedanken verloren zur Thur hinausging, geduldig den schon zur weitern Reise gerusteten Gaul bediente, geduldig die Peitsche ergriff und, als wusste er es nicht, vorn auf dem Bocke sass. Alles Das hatte er mechanisch, ohne Uberlegung gethan. Seine Absicht, in der Nahe von Hohenberg Jedes zu vermeiden, was seine Eitelkeit in ein falsches Licht stellen konnte, hatte er in dieser traumerischen Abwesenheit ganz vergessen, und Dankmar stand und staunte, diesen Zustand still beobachtend.

Was ist dem Menschen? dachte er.

Der angebliche Tischler hatte sich inzwischen draussen mit dem Jager noch einige Augenblicke unterhalten und dann seinen leichten Ranzen geholt. Er wollte den weitern Weg zu Fuss machen und verabschiedete sich von Dankmarn. Dieser hielt ihn aber zuruck und sagte:

Wir haben jetzt nur noch drei Stunden bis Hohenberg zu fahren; es hat inzwischen geregnet, der Weg ist zu feucht fur Ihre dunnen eleganten Stiefel. Bleiben Sie bei uns!

Der Fremde stieg nachgebend ein, Dankmar bezahlte fur sich und Hackert die Rechnung, folgte dann in den Wagen und rief: Fort! Hackert schien nicht zu wissen, wo er war, sondern gab sich willenlos dem Thiere preis, das im raschen Trabe weiterfuhr.

Der Regen hatte in der That mit einem einzigen und gewaltig starken Erguss die Natur erfrischt. Wie erhob sich Baum und Blatt, wie blickte der Grashalm so gekraftigt zu der Sonne auf, die hier und da schon aus den grauen, sich zertheilenden Wolken wieder hervorbrach! Auch die Gegend nahm jetzt einen viel gefalligern Charakter an. Die grossen Flachen horten auf. Der Boden hob sich wellenformig, am Rande des Horizonts stiegen schon die blauen Conturen einer nicht hohen, aber anmuthig geformten Bergkette empor. Hier und da verrieth sich ein hinter Buschen geborgenes Dorf durch seine Kirchthurmspitze. Der Weg war mit Obstbaumen besetzt, die Apfel und Birnen in reicher Ernte versprachen. Auf den Feldern war fast uberall schon die Frucht geborgen, sodass man mit dem Blicke weithin ausschweifen und die Krummungen kleiner Bache verfolgen konnte, die den Boden fruchtbar bewasserten und die Gegend lebendiger machten.

Der Fremde betrachtete die Flur mit einem ernsten, sinnenden Blick.

Es ist meine Heimat, sagte er. Ich bin in diesen Thalern geboren. Fruh schon verliess ich sie und doch kenn' ich jedes Dorf, jede Anhohe wieder.

Wie traurig, sagte Dankmar, dass so schone Besitzungen von einem leichtsinnigen, weltlustigen Herrn verschleudert wurden! Die Bauern haben sicher die Vortheile der neuen Zeit hier wahrgenommen, sie haben sicher die Laudemien und Gefalle abgekauft. Vielleicht ist die Summe, die dadurch auf einem Brete gezahlt wurde, fur den kunftigen Unterhalt des Prinzen Egon ausgesetzt, das Einzige, was ihm sein Vater zu erben mag hinterlassen konnen. Die ubrigen gewohnlichen Abgaben von Grund und Boden laufen ohne Zweifel in die Kasse der Glaubiger, die in den jetzigen schlimmen Zeiten wol sich vergebens nach einem reichen Capitalisten umsehen, der hier das ganze Besitzthum mit Activen und Passiven ubernimmt!

Es ist wenig Heil noch auf Grund und Boden, sagte der Begleiter trube gestimmt. Die Masse der Lasten druckt zu sehr. Wo der Staat etwas gewinnen will, denkt er immer gleich an das Erdreich und Den, der es anbaut. Immer den Zollstab an die Erde gelegt! Warum nicht an den Handel? Die Kaufleute, die jetzt die Welt regieren, wissen sich zu schonen. Da sie meist von den Handwerkern leben, so schutzen sie allenfalls diese noch eine Zeitlang und auch mit Recht. Weil aber dem gefrassigen modernen Staate die Mittel der Existenz immer knapper werden mussen, so sagen die regierenden Kaufleute und Borsenmenschen: Haltet Euch an Grund und Boden! Grund und Boden sind ewig! Welche Ungerechtigkeit aber! Es ist wahr, die alten aristokratischen Regierungen haben es moglich gemacht, dass Grund und Boden bei den grossen Anspruchen des Fiscus an die Staatskrafte oft steuerfrei durchschlupften und meist mit einem blauen Auge davonkamen. Es ist wahr, dass der Grund und Boden in den Katastern oft falsch veranschlagt ist. Allein diese relativen Vortheile sind im Preise von Grund und Boden schon mit angeschlagen, und wie ich jetzt zwei mal mehr Steuern geben soll, so vergisst man, dass ich das Gut nur in der Voraussetzung kaufte, dass es beim Alten bleiben sollte und nur einfach zu zahlen hatte.

Ich kenne diese Streitfrage, bemerkte Dankmar; aber ich weiss nicht, ob man es nicht darauf konnte ankommen lassen, einmal der Aristokratie des Grundbesitzes die nothwendigen Folgen ihrer alten Regierungsmethode fuhlbar zu machen. Man spricht von der Nothwendigkeit des isolirten Reichthums. Ich kann sie in diesem Sinne nicht anerkennen. Die gefahrlichste Aristokratie bleibt die des Blutes, wenn sie sich auf einen grossen und moglichst ungehemmt verwalteten Grundbesitz stutzt. So lange wir, aufrichtig gestanden, das Adelsinstitut behalten, seh' ich kein Heil fur die Menschheit. Der Adel ist hier und da zuweilen liberal aufgetreten und hat sich dem Volke angeschlossen; aber wie selten diese Ausnahmen! Ich anerkenne den Unterschied der Menschen, den die verschiedenen Stufen der Bildung und auch des Besitzes mitsichbringen, aber einen durch die Geburt, durch Namen, durch Ahnen begrundeten Unterschied sollte die Aufklarung nicht mehr dulden.

Ich theile Ihre Ansicht in gewissem Sinne, erwiderte der Fremde. Nicht dass ich den Adel ausrotten will; denn ich halte Das fur unmoglich; ich halte die Umwandelung eines beruhmten Geschlechts in eine einfache burgerliche Familie hochstens fur eine komische Episode der Geschichte, die nur auf kurze Zeit moglich ist. Aber man soll erstens die Uberwucherung des Adels beschneiden durch das Erstgeburtsrecht und zweitens den Nachwuchs des Adels edler anpflanzen als es unsere Fursten thun. Den Adel fur Geld ertheilen oder fur hochst zweifelhafte bureaukratische Verdienste, Das ist eine tagliche Herabsetzung desselben Instituts, auf das sich doch die feudale Monarchie so gern stutzen mochte. Der Adel an sich kann nicht verdachtig sein. Man verdachtigt ihn nur dem Volke durch die Art, wie man neuen Adel macht. In jedem Wald und jeder guten Waldhutung herrscht ein naturliches System des Nachwuchses; nur beim Adel hat man dieses Nachwuchssystem nie beobachtet und deshalb sank die Achtung vor demselben.

Das ist eben das Wort, das ich verbannen mochte, rief Dankmar; Achtung des Adels! Wozu eine Kaste von Menschen, die sich eines Vorrechts vor Andern beruhmt! Der Staat schafft die Vorrechte vor dem Gesetz ab. Das ist wahr. Der Burgerliche kann alle Rechte geniessen wie der Adelige. So heisst es in den Gesetzbuchern! Und doch bleibt diese sonderbare geheime Verbindung unter den Adeligen. Es bleibt dieser geschlossene Bund, der sich immer wieder mit seinen Maximen hervordrangt, wenn ihn auch noch soviel Revolutionen zuruckgeworfen haben. Sie wollen den Adel vermindern durch englisches Erstgeburtsrecht und besser anpflanzen durch Adelserhebungen wahrscheinlich an einen tapfern Krieger, einen geschickten Arbeiter, einen glucklichen Erfinder. Aber die Nachkommen der Letztern werden ebenso Aristokraten werden, wie es die Nachkommen der weiland zu Rittern geschlagenen Knappen und Kaufleute wurden. Es ist eben ein Institut, das ewig auf die Vegetation der Freiheit wie Mehlthau sich ansetzen und sie verderben wird.

Die Franzosische Revolution hat den Adel abgeschafft, sagte der Gefahrte, und er ist wiedergekommen. Napoleon hat ihn noch mit seinen geadelten Corporalen vermehrt, und die jetzigen Borsenmakler liessen sich mit Freuden adeln, wenn sie nicht furchteten, sich lacherlich zu machen ....

O, so wunscht' ich, wallte Dankmar halb zornig halb lachend auf: dass einmal eine kleine Sundflut kame und dieses narrische Menschengeschlecht wenigstens partiell verschlange! Es ist nichts mit ihm anzufangen.

Das Gesprach ging jetzt uber leichte Dinge hin und weckte Hackert endlich aus der Betaubung, in die er so plotzlich verfallen war. Jetzt erst schien er sich zu besinnen, dass er wieder als Kutscher galt. Er wurde uber diese unwillkommene Entdeckung unruhig, blickte bald zur Seite, bald hinterwarts, mass den Fremden bald mit einem wuthenden Blick, bald begann er etwas an dem Riemzeug und der Peitsche zu bandeln und zu knupfen, bis er plotzlich ganz still hielt. Auf ein starkes Nun? das ihm Dankmar zurief, hieb er zwar wieder gewaltig auf das ermudete Thier, dem die allmalige Annaherung an Hohenberg ebenso noththat, wie dem immer unruhiger und gereizter werdenden Dankmar, aber Dieser wusste nun in der That nicht mehr, wessen er sich noch Alles von Hackert zu versehen und worauf er sich zu rusten hatte ......

Es war schon vier Uhr. Die Sonne lachte wieder freudig vom Himmel. Alle Wolken hatten ihn verlassen. Das schonste Ultramarin erquickte das Auge, wenn man empor, das lachendste Grun der Wiesen und Busche, wenn man zur Seite blickte. Die Gegend wurde immer reizender. Nach jeder Anhohe, die das mude Ross erklimmte, offnete sich ein immer lieblicheres Thal. Die Vegetation, statt gebirgig zu werden, wurde eher sudlicher. Kastanien-, Ahorn- und Nussbaume standen auf kleinen Anhohen am Wege neben Kirchen und Pachthofen. Der weisse Flieder, der sich traulich an Stalle und Scheunen schmiegte und jeder verfallenen Mauer einen malerischen Reiz verlieh, konnte wol den Fremden bewegen, auszurufen:

Wie erinnern mich diese weissbluhenden Gebusche an das sudliche Frankreich, wo es freilich der Feigenbaum ist, der mit seinen grossen Blattern, seinen labyrinthischen Ranken und den versteckten grunen Fruchten sich so an jede nackte Felsen- und jede kahle Mauerwand lehnt, sie verschonernd durch seine trauliche Ansiedelung!

Vor den Reisenden lag dann auch endlich auf eine Stunde Weges entlegen das Schloss Hohenberg. Schon lange konnten sie das im Geschmack der ersten Halfte des vorigen Jahrhunderts errichtete stattliche Gebaude unterscheiden. Je naher sie diesem ihrem gemeinschaftlichen Reiseziele kamen, desto unruhiger wurde Hackert, desto heftiger seine Antworten, desto ungeduldiger das Seufzen, das ihm zuweilen entfuhr. Er wandte sich jetzt wieder zu Dankmarn und ausserte:

Bis hierher, Herr! Fahren Sie jetzt!

Dankmar beherrschte sich und erwiderte:

Bis ich die Cigarre fertiggeraucht habe!

Die Aussicht auf das Schloss verschwand. Man war in einem anmuthigen Buchenwalde, der sich bis nach Plessen hinzuziehen schien. Welch frisches Laub! Welche zauberhaften Lichter, wenn die Baumgattungen abwechselten und Tannen sich an Birken reihten, um gemeinschaftlich dann die Buchengruppen zuweilen zu unterbrechen! Welcher Smaragdschimmer, wenn grunbewachsene Platze zwischeninnelagen und von der Sonne beschienen wurden, die schon grosser Offnungen bedurfte, um mit ihren sich senkenden Strahlen hier durchzudringen! Da sprangen ja noch Rehe erschreckt von ihrem grunen Lager unter einem grossen freistehenden Eichbaum auf! Es musste mit des Jagers Kummer uber die ausgeschossene Belebung dieser Walder nicht so schlimm stehen.

Der Fremde war im Anblick dieses stillen Friedens wie verloren.

In dem Augenblicke horten sie in der Ferne Pferdegetrappel. Hackert springt auf. Man sieht einen Zug von etwa funf Reitern dahertraben, in der Mitte eine Dame, wie man an dem in der Luft fliegenden blauen Schleier erkannte. Hackert wirft Peitsche und Zugel fort, springt vom Sitz, schiesst wie besessen uber den Chausseegraben und ist im Nu im Wald verschwunden. Der Gaul, erschreckt von der heransprengenden Cavalcade, baumt sich. Die Zugel schleifen schon an der Erde. Dankmar wirft eiligst die Cigarre fort. Der Fremde halt ihn, damit er nicht hinausspringt. In dem Augenblick jagt die Dame mit ihren Begleitern, an deren Spitze Dankmar den Stallmeister Lasally erkannte, voruber. Es war Dies ein Gluck fur den bescheidenen Einspanner; denn dem stutzigen Gaul wurde die Gelegenheit zum Durchgehen genommen. Die Cavalcade nahm sie im Vorbeireiten in die Mitte. Die Dame lachte vielleicht uber die komischen Capriolen des zugelfreien Thieres und die verlegene Besorgniss der beiden Manner. Mit einem Sprung war Dankmar, als der Gaul glucklicherweise stand, hinaus und griff nach dem Zugel. Mit Verwunschungen gegen den Betruger, der sie hier so plotzlich im Stich gelassen und ihm auch die Gelegenheit genommen hatte, die Dame zu fixiren, hieb er auf das erschreckte Thier zu und ohne sich weiter um Hackert's Ruckkehr zu bekummern, jagte er auf und davon.

Was hatte nur der tolle Mensch? fragte der Fremde, uber das Zusammentreffen aller dieser Vorfalle erstaunt.

Ich sehe, er ist verruckt, antwortete Dankmar.

Ich glaubte diese Eigenschaft schon langst an ihm bemerkt zu haben.

Es erleichterte Dankmarn, seinem Begleiter zu erzahlen, wie er an diesen Gesellen gekommen ware. Als er dabei einen Bericht uber den eigentlichen Zweck seiner Reise erstattete und den Schrein erwahnte, den er in Hohenberg verloren und dort suchen wollte, unterbrach ihn der Fremde mit den Worten:

Einen Schrein? Etwa von drei Fuss Lange?

Wie? fragte Dankmar gespannt; allerdings ... etwa drei Fuss Lange ...

Eiserne Bander an dem Deckel?

Wohl! Und am Boden ...

Zwei Fuss breit mit ausgefelgten Randern?

Zierlich geschnitzt ...

Auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz ...

Himmel, wo haben Sie diesen Schrein gesehen? Er ist es!

Wo hab' ich ihn gesehen! fragte sich der Fremde selbst. Besinn' ich mich wol, wo mir noch gestern dieser Schrein auffiel!

Ich beschwore Sie, rief Dankmar, forschen Sie in Ihrem Gedachtniss. Die wichtigsten Angelegenheiten knupfen sich fur mich an diesen Schrein.

Das Kreuz hatte nicht die gewohnliche langliche Form der Kirche ...

Doch! doch!

Es war ein Malteserkreuz!

Ahnlich!

Ganz recht! Es war ein Kreuz an den Enden mit kleeblattformigen Rundungen.

Das ist er!

Dankmar war wie auf gluhenden Kohlen. Das Pferd hielt er an, da der Fremde ohnehin gewunscht hatte, aussteigen und nach Plessen einen Seitenweg einschlagen zu durfen. Endlich, als Dankmar fast krampfhaft und erwartungsvoll des Fremden Hand ergriffen hatte, rief Dieser aus:

Ich weiss es. Den Schrein sah ich gestern Abend im

Hofe des Heidekrugs auf Schlurck's Wagen.

Auf Schlurck's ...? wiederholte Dankmar und stock

te.

Auf Schlurck's Wagen, versicherte der Fremde, der

sich ihm in diesem Augenblick in einen Boten des Himmels verwandelte; es war nach vier Uhr. Es dammerte aber noch sternhell, als ich im Heidekrug ankam. Anfangs wollt' ich die Nacht benutzen und nach einer Erfrischung weiterwandern. Da sah ich im Hof einen Reisewagen stehen, leicht bepackt, elegant. Der Kutscher zundete die beiden Laternen an, als wollte er weiterfahren. Der Wagenschlag hatte eine Chiffre, die mich fesselte. Ich blieb in der Nahe stehen. Ich sah dem Kutscher zu, wie er die Laternen befestigte. Dann ordnete er an seinem Fuhrwerk Dies und Jenes. Unter seinem Sitze hatte sich in einer dort befindlichen Vache Stroh gelockert. Er riss es vollends ab und rief den Hausknecht um neues an. Einen in der Vache liegenden Gegenstand schien er frisch emballiren zu wollen. Bei der Gelegenheit sah ich deutlich jenen Schrein, der mir wegen seiner alterthumlichen Form und des auf ihm sehr zierlich angebrachten Kreuzes, da der Deckel zur Seite lag, auffiel. Ich wurde mich an dem Wagen nicht solange verweilt haben, wenn mir nicht das verwischte furstlich Hohenberg'sche Wappen an dem Schlage und das frisch und lebhaft darunter aufgetragene F.S. aufgefallen ware. Ich fragte, wem die Kalesche gehorte. Es hiess: Dem Justizrath Schlurck. Ein lebhaftes Interesse, das ich an diesem Namen nehmen muss, veranlasste mich zu bleiben und hinaufzusteigen in den Saal, wo Sie mich spater fanden. Unten rief mich der Kutscher, ein brutaler Mensch, als ich ihm zusah, wie er den Schrein mit frischem Stroh umwand, mit groben Worten an. Ich gedachte meiner Blouse, blieb demuthig und machte die Bekanntschaft Schlurck's, der mir fur mein Leben ebenso wichtig ist, als er es jetzt vielleicht auch Ihnen werden kann.

Und auf wessen Zeugniss, fragte Dankmar im Ausbruch seiner jubelnden Freude, auf wessen Namen kann ich mich berufen, wenn ich von Schlurck mein Eigenthum zuruckfodern werde?

Muss Dies sein? sagte der Fremde zogernd und stieg von dem Wagen herab, wahrend Dankmar die Zugel stark, aber auch den Fremden sanft festhielt.

Dass Sie der Tischler nicht sind, sagte er dabei, der Tischler, fur den Sie sich ausgaben, ist gewiss. Sie mussen mir das Zeugniss ausstellen, dass ich discret war und nicht in Ihr Geheimniss drang. Aber jetzt durch Ihre mir ewig dankenswerthe Entdeckung wird es mir zur Pflicht, Sie um Ihren Namen zu bitten; denn ich weiss nicht, es ist mir, als wenn ich mit dem Finder nicht leichten Kauf haben werde. Schlurck ist ein Mann, der mir vorkommt, als konnte man ohne Zeugen und Process kein vor seinen Augen verlorenes Taschentuch wiedererhalten.

Wie der Fremde noch zogerte und mit verlegenem Lacheln sich wegen seines Geheimnisses entschuldigen zu wollen schien, griff Dankmar, der nicht ohne Grund das Beispiel vom Taschentuche gewahlt hatte, rasch in seinen Frack und langte das dem Fremden gehorende Tuch hervor:

Hier! sagte er, dieser Verlust muss uns naherbringen.

Mein Taschentuch! bemerkte der Fremde.

Ihr Taschentuch? Wirklich das Ihrige? Das eingestickte Zeichen ... die Krone? E. und die Zahl 100? Wohlan, mein Herr! Ich will Ihnen das Gestandniss erleichtern. Tauschen wir unsere Karten?

Damit zog Dankmar sein Portefeuille hervor und uberreichte dem Fremden seine Karte.

Dankmar Wildungen, sagte er, indem der Fremde seine Karte las; Dankmar Wildungen, ein obscurer, junger Mensch, Pratendent des Glucks, wo er es findet, ein junger Jurist, Burger kommender Jahrhunderte, ein Posa, den Konig Philipp mit dem entschuldigenden Titel: Sonderbarer Schwarmer! entlassen haben wurde, wenn er gerade in der Laune gewesen ware, einmal von seinen Autosdafe sich auszuruhen.

Nun denn, Sie junger, lieber Malteser! sagte der Fremde, so will ich Ihr Carlos sein; unter der Bedingung, dass Sie feierlichst geloben, mich nicht zu kennen, wo Sie mir hier auch in und um Hohenberg begegnen werden ....

Mein Ehrenwort genugt! sagte Dankmar mit ernstem Nachdruck.

Lassen Sie uns Freunde bleiben, fuhr der Fremde fort. Ihre Offenheit kam aus edlem Herzen. Der Menschheit kann eine Zeit nicht verloren gehen, wo noch solche Flammen lodern wie in Ihrem Herzen, selbst wenn sie sich und Ihre Traume verzehren sollten. Aber nochmals ...

Schworen soll ich? sagte Dankmar lachelnd. Wobei wunschen Sie?

Der Fremde schuttelte den Kopf. Er hatte ein elegantes Portefeuille geoffnet, Dankmar's Karte hineingelegt und die seine hervorgezogen. Er uberreichte sie Dankmarn mit einem herzlichen Handedruck, klopfte, wie zum Abschiede und Dank dem Gaul ein paar mal auf den schweissgebadeten Rucken und verschwand dann rasch hinter einem ganz in der Nahe befindlichen Gebusch, von dem sich nach Plessen zu ein kleiner Fussweg durch die Wiesen schlangelte.

Als Dankmar, unendlich glucklich uber die vorlaufige Beruhigung wegen seines ihm so werthvollen Verlustes, vorzog, nun erst am Fuss des Schlosses Hohenberg uber Nacht auszuruhen, bis er zu der ihn jetzt magnetisch wieder zuruckziehenden Hauptstadt umkehrte und er dann in leichtem Trabe nach dem unter dem Schlosse Hohenberg friedlich von der Abendsonne beleuchteten Flecken hinabfuhr, las er auf der Karte einen Namen, der ihn nach Allem, was er seither auf dieser Reise selbst erfahren und von Andern erzahlt bekommen hatte, auf das angenehmste uberraschen musste. Die Visitenkarte lautete ganz einfach: Le Prince Egon de Hohenberg. 7 Rue d'Auteuil.

Zehntes Capitel

Der Glaubiger vom Throne

Das Schloss Hohenberg liegt auf dem ersten Vorsprung eines allmalig oberhalb des Fleckens Plessen sich erhebenden, unten mit Wiesen, oben mit Tannenwaldern bedeckten nicht unansehnlichen Bergruckens. In einem etwas schnorkelhaften Stile gebaut, besteht es aus einem dreistockigen Hauptgebaude mit zwei fast gleich hohen hervorspringenden Seitenflugeln. Beide Flanken sind vorn durch ein etwas verwahrlostes, aber einst kunstvoll aus getriebenem Eisen verfertigtes Gitter verbunden. Das furstlich Hohenberg'sche Wappen aus verwittertem Sandstein gehauen, ziert oberhalb des Saulenportals die Spitze der uber den Fenstern mit behelmten Romerkopfen gezierten Hauptfront. Im untern Stock gehen die Fenster wie Thuren auf den gepflasterten schattigen Hof, den in schoneren Tagen Orangenbaume zierten in grossen buntgestrichenen Kubeln. Nach dieser durch grosse grune Holzjalousieen noch gehobenen sehr stattlichen Vorderseite ist der emporgehende Fussweg unmittelbar von der Kirche und dem Pfarrhause zu Plessen her ziemlich steil. Sanfter aber dacht sich nach hinten der Berg so abwarts, dass man von dorther mit einem Umweg, der gleichfalls an der Vorderfront mundet, auch zu Wagen sehr bequem in dies einfache wurdige Schloss gelangen kann.

In den Zeiten der Furstin Amanda, besonders als sie durch ihren religiosen Hang noch nicht zu sehr zur Verachtung der Weltfreuden verleitet war, ubertraf die hintere Seite des Schlosses noch die stolze vordere beiweitem an traulicher Wohnlichkeit. Dort schloss sich dem Bau unmittelbar ein kunstvoller Garten an. Die Fenster des Erdgeschosses waren im Sommer geoffnet und fuhrten unmittelbar aus etwas steif gegipsten und bemalten, aber doch anmuthigen Salen ins Freie. An den Fenstern, wo grosse hellgrune Vorhange sich niedersenkten, wohnte die Furstin im Sommer selbst und hatte um sich den ganzen Reichthum von Erinnerungen und Andenken, die sie so sehr liebte, ausgebreitet. Damals standen in dem von einem platschernden Springbrunnen heiter belebten schattigen Quadrat des hintern Hofs und besonders an der Spitze des einen Flugels (wahrend an dem andern sich einige unerlassliche Wirthschaftsgebaude anlehnten) kleine gefallige Statuen auf zierlichen Postamenten. Ein wohlunterhaltenes grunes Heck zeigte an, dass hier die stille trauliche Gartenwelt der Besitzerin begann, zu der die Abends und Morgens geoffneten Fenster dieses Flugels unmittelbar den Eintritt erlaubten. Auf leichten, vom Regen zwar verwitterten, aber doch bequem ebenen Steinstufen kam man, wahrend sich links am kleinen Anbau der Fahrweg hinunterschlangelte, rechts in diesen wohlgehaltenen, terrassenformig sich abdachenden Garten, von dem aus dem Bassin des obern Springbrunnens herab ein kunstlicher Wasserfall sich in immer behendern Sprungen bis in das Bachlein ergoss, von dem die plessener Muhlen getrieben wurden, die liebliche, baumbeschattete Ulla, die aus dem Ullagrunde herunterhupfte. Diese Welt war schon. Die Natur bot der nachhelfenden Kunst die Hand, um sie liebevoll ansichzuziehen. Wahrend rings die Berge schweigsam und feierlich herniederblickten, aus der Ferne Glocken lauteten, die Kuhe auf den grunen Wiesenabhangen am Fusse der Berge weideten, war auch das Nachste hier innig und das Herz erhebend. Diese nahere Umgebung des Schlosses war halb ein Park, halb ein Garten. Man hatte Das, was die Natur bot, nur geordnet und zur Unterlage der Kunst gemacht. Da standen Beete von stolzen Feuerlilien und violetten Iris dicht unter einem Gebusch von Hangeweiden, das man nicht erst zu pflanzen nothig gehabt hatte. Da schimmerten weisse Birken neben Rosen oder diese rankten sich freigelassen an eine einsam stehende Tanne empor und umschlangen den trauernden Winterbaum so zartlich, als wollten sie ihn trostend erheitern mit duftender Fruhlingsumarmung. Dann kam zum Ausruhen und Geniessen gleich eine steinerne Bank dicht unter dem Schatten einer Hollunderhecke, die in sich selbst einen artigen Versteck barg, wenn man nur in den dicht zusammengewachsenen Zweigen genauer forschen wollte und den Eingang da suchen, wo man ihn am wenigsten vermuthete. Jetzt lag auf der Steinbank freilich Moos und Verwitterung. Die Spuren des letzten Regens blieben tagelang in dem Gestein, bis sie verdufteten oder eingesogen waren. Aber man fand doch auch neuere, grungestrichene holzerne Ruheplatze. Zu den Feldern und Wiesen abwarts hin, die dann wieder zu dem hohern und waldumkranzten Gebirge hinauf sich lehnten, dehnte sich der Garten in die Breite, aber noch immer ebenso traulich wie oben auf den sich allmalig abdachenden Terrassen. Da lag das von wildem Wein ganz eingehullte Haus des Gartners, lagen Treibhauser, Stalle, Remisen, aber Alles versteckt durch sorgsam gepflegte Anpflanzungen. Eine Mauer, dann und wann von einem Graben oder einem alten Gitterwerk unterbrochen, umzog hier die ganze Besitzung. Freilich entdeckte man gerade auch hier die meisten Spuren des Verfalls. Ein Wasserbassin, eine ehemals gewiss lustig und schwatzhaft genug belebt gewesene Voliere mit jetzt durchbrochenem Drahtgitter und ausgeflogenem Gefieder, kleine Pavillons, Postamente, auf denen Gotter standen, die wol schon in den letzten Zeiten der Furstin Amanda verschwanden, alles Das hatte sein fruheres Leben verloren und stand wie mussige Denkmale des Vergessens da. Aber besonders gefallig ist doch noch immer ein kleiner Tempel am Rande der Grenzmauer, von dem aus man die Aussicht halb in die Thalebene, halb in das Gebirge genoss, das hier ein Echo wiedergab. Um sich mit dem ursprunglich heidnisch gedachten Bau dieses Tempels zu versohnen, hatte die Furstin, die ihn liebte, ein schones, noch wie neu strahlendes goldenes Kreuz auf der runden Kuppel errichten lassen. Hier, erzahlte man, hatte sie stundenlang gesessen und die Grusse der Vorubergehenden entgegengenommen und meist mit einem gewissen strengen Ernst erwidert, als wollte sie Jedem tief hinunter in den Grund der Seele blikken und fragen: Bist du auch nicht etwa dir selbst gerecht, oder fuhlst du, dass du nur durch die Gnade Gottes lebst? Hier hatte sie Greise, Manner, Frauen, Kinder angehalten, nach ihren Schicksalen, Wunschen und Hoffnungen befragt und sie oft mit Unterstutzungen, immer aber mit einem Fingerzeige auf den Erloser, der Alles zum Besten kehren wurde, entlassen. Dabei las sie meistens ein Buch ihres gewahlten Geschmacks, blickte uber die Gitter des Tempels zum dustern Walde hinuber, wo die Ulla aus den grunen Berglehnen hervorbrach, liess die alte Brigitte hinter sich plaudern, nahm des alten Winkler Berichte uber die Gartenanlagen entgegen und hob sich doch, obgleich sie bei noch nicht funfzig Jahren sehr krank war, immer hoflich empor, wenn der Pfarrer, Guido Stromer, ihr taglicher Umgang, zur gewohnten Stunde eintraf. Als sie unter diesem durch das goldene Kreuz entsundigten heidnischen Tempel nicht mehr sitzen, die Vorubergehenden nicht mehr grussen und im Herrn ermahnen konnte, nahte sich ihr Ende auch in raschen, von dem druben in Randhartingen wohnenden Doctor Reinick nicht mehr abzulenkenden Schritten.

Hier, in der Nahe dieses nun heute vom Abendlichte besonders schon angestrahlten Tempels, erblickte man noch die meiste Pflege der im Ganzen verfallenen und vernachlassigten Besitzung. Der alte Gartner Winkler, der fur einen Gartner galt, weil ihn die Furstin in den Zeiten, wo schon ihr Sinn fur die geschmuckten Schonheiten der Natur zu ersterben anfing, fur einen Gartner nehmen wollte, der alte Winkler, sonst nur in jungen Tagen ihr Kammerdiener (in den Tagen der Hoffahrt, wie sie sie nannte), hatte den Gartenrechen in der Hand und zog mit Zittern und kaum sich aufrechthaltend im Sande die kleinen Striche, die hier Pflege und Ordnung bedeuten sollten. Die alte Brigitte, sonst die allgewaltige Beschliesserin des Hauses, sah ihm, auf einer Bank sitzend, zu und seufzte einmal uber das andere. Sie wehklagten, was ihnen Beiden die nachste Zukunft bringen wurde. Noch war Brigitte schwarz gekleidet, noch trug sie die Trauerkleider uber die vor zwei Jahren heimgegangene Gebieterin, die ihr testamentarisch angefertigt wurden, trotzdem, dass es an solchen dusterfarbenen Kleidern im Nachlass der Furstin nicht fehlte .... Die Trauer sollte echt sein und aus der Fulle des Herzens fliessen .... Der alte Winkler aber nahm sich in seiner hellblau-rothen Hohenberg'schen Livree schon recht abgeschabt und verkommen aus.

Gott walt' es, sagte die alte Brigitte; der Herr hat die Haare auf unserm Haupte gezahlt ....

Der schon etwas kindisch gewordene Gartner entblosste seinen kahlen Scheitel, auf dem keine Haare mehr standen, und meinte auch:

Ja, ja; er hat die Haare auf unserm Haupte gezahlt ...

und kein Sperling fallt vom Dache ohne seinen Willen; setzte er hinzu.

In dieser Weise hatten die Dienstleute der Furstin Amanda sich auszudrucken gelernt.

Wenn sie uns hinausstossen, begann Brigitte mit praktischer Anwendung .... Was thun wir? Wer nimmt uns arme Sunder auf?

Der Herr wird ihre Herzen lenken, meinte der alte Gartner. Und der Prinz wird's nicht geschehen lassen ....

Ich hab' ihn auf meinen Knieen geschaukelt ... er wird's aber vergessen haben ....

Er wird's nicht vergessen haben ....

Als er vor sechs Jahren noch einmal da war, sah er uns nicht mehr an ....

Sah er uns nicht mehr an ...

Er war noch zu jung ....

War noch zu jung..

Sein Herz lag noch im Argen ....

Es lag im Argen ....

Die Furstin sah's wohl ....

Die sah's wohl ....

Und sie weinte daruber ....

Der alte Winkler bestatigte alle diese rhapsodischen Bemerkungen und weinte auch, als Brigitte die Schurze nahm, um sich das Auge zu trocknen.

Aber die Furstin sagte doch, fuhr dann nachdenklicher die alte Beschliesserin fort, sagte doch: Auch seine Stunde wird schlagen ....

Sie wird schlagen ...

Und die Erleuchtung kommt von oben!

Kommt von oben! wiederholte Winkler und harkte wieder und fugte sich wieder in Geduld und uberliess wie immer die praktische Seite ihrer Verhaltnisse der geisteskraftigern Brigitte.

Wie die alten Diener des Hohenberg'schen Hauses, fur die der verstorbene Furst, der beruhmte Generalfeldmarschall Waldemar von Hohenberg, wenig gesorgt zu haben schien, noch so ihre bangen Sorgen aussprachen, welche Zukunft ihnen bei dem rathlosen Zustande der Verwaltung dieser schonen Besitzungen werden wurde, redete sie plotzlich ein langer, feingekleideter, mit steifer Haltung einherschreitender Herr an und lachelte dabei mit einem sonderbaren Ausdruck.

Excellenz! riefen Beide erschrocken aus einem Munde und wandten sich besturzt um.

Der lange Herr nickte sehr gnadig und ging ruhig lustwandelnd auf dem frisch geharkten Wege, ihn mit seinen Fussstapfen vertretend, weiter.

Das ware eine Herrschaft fur uns, sagte die alte Brigitte, als dieser lakonische Herr voruber war und Winkler sich anschickte, wieder jene Fussstapfen zu uberharken .... So vornehm, so apart! O die Zeit, da nur solche Menschen hier verkehrten! Ja, ja, Das ist eine Excellenz!

Hochmuth kommt vor dem Falle! meinte Winkler.

Er hatte eine Meinung geaussert, die jedoch hierher nicht zu passen schien.

Wie so Hochmuth? meinte Brigitte, die in dieser selbstandigen Antwort nicht viel Vernunft fand.

Als der Alte schwieg, schuttelte sie den Kopf und flusterte vor sich hin:

Er wird recht schwach!

Der Gartner hatte kaum die Fussstapfen des Mannes, den sie so ehrerbietig mit Excellenz begrusst hatten, ausgeglichen, als diese gemessene steife Figur wieder zuruckkehrte. Brigitte stand wieder auf, knixte wieder, Winkler zog wieder sein Kappchen und Beide sagten wieder:

Excellenz!

Der grosse zugeknopfte Herr nickte herablassend mit dem kleinen Kopf, blieb, ohne etwas zu sagen, einen Augenblick stehen und entfernte sich mit einem Ausdruck, als wollte er aussern: Ich freue mich, dass ihr mir die Hochachtung erweist, die ihr meinem Stande schuldig seid! Doch sagte er nichts, sondern schwieg und lachelte.

Brigitte setzte sich und der geduldige Winkler harkte zum zweiten mal die Fussstapfen der Excellenz aus ....

Wenn's nach mir ginge, meinte Brigitte, ich wunschte, so eine Excellenz kaufte das Schloss ....

Kann man das Schloss kaufen? meinte Winkler, plotzlich ganz verdutzt.

Naturlich kann es Einer kaufen. Aber reich muss er sein, fuhr Brigitte fort, ohne auf die Narrheit der Winkler'schen Einwurfe zu horen. Der war' es da! Sein Bedienter ... der Franz ... hat's gesagt; die Meubles alle kauft er schon; aber fur den Konig.

Fur den Konig? die Meubles? verwunderte sich Winkler und mit Recht.

Alle Schlosser vom Konig hat ja die Excellenz da zu regieren, erklarte Brigitte.

Wer regiert die Schlosser? fragte Winkler.

Der da! Und alle Garten! fuhr Brigitte fort. Alle Schlosser und Garten des Konigs und viele hundert Gartner und Gartnermadchen stehen unter ihm ....

Jetzt bekam der alte Mann einen Einfall. Nun fuhlte er sich. Er glaubte mit seinem verwilderten Garten, der doch so schon grun noch aussah, der doch soviel bunte Blumen noch trieb, eine Ehre einzulegen, vielleicht Anerkennung, Beforderung zu finden. Aber bis zu dem Muth, Frau Brigitte aufzufodern, sich nach des vornehmen Herrn, den sie nur als Excellenz kannten, Namen zu erkundigen, die Idee auszusprechen, ob er nicht noch ein Platzchen im Staatsdienst offen hatte fur eine alte zitternde Gartnerhand, soweit reichte sein, wie man wol annehmen kann, durch die formelle Religionsubung und die systematische Selbstbeschrankung verengter Horizont nicht, obschon ihm in der That die Auszeichnung zutheilwurde, dass der herablassende vornehme Herr zum dritten male zuruckkam, wieder den geharkten Weg zertrat, wieder sich eines beifalligen Nickens befleissigte, endlich aber doch mit Kennermiene sich als ein mit Sprachwerkzeugen begabter Sterblicher zeigte und dahin ausserte, dass er ganz kurz und gar leise, gar leise die Worte flusterte:

Schon geharkt! Richtiger Strich Das! Seid's braver Gartner! Kenne Das! Schon geharkt! So fortgefahren! Brave alte Leute!

Brigitte dankte fur sich und fur den alten Winkler, der ganz sprachlos vor Spannung dastand und die leisen Worte nicht gehort hatte.

Ach, Excellenz sind gar zu gnadig, ergriff sie, sich Muth fassend, rasch das Wort; gar zu gnadig gegen uns geringe Leute. Gott wird Excellenz dafur lohnen, zeitlich und ewiglich, denn bei Dem da oben gilt kein Ansehen der Person. Aber wenn Excellenz (die vorige Phrase choquirte weder ihn noch sie), wenn Excellenz das ganze Schloss kaufen sollten und nicht blos das Mobiliar der in Gott ruhenden Furstin, der ich funfzig Jahre treu gedient habe, wenn Excellenz dann zwei alte Diener nicht verstossen mochten, die jeden Riegel hier im Schlosse kennen

Schon geharkt! Richtiger Strich! Braver Gartner! Ich kenne Das!

Diese Worte waren Alles, was der vornehme Herr, sie unterbrechend, als Antwort gab. Er lachelte dabei sehr herablassend und ging, nachdem er Winkler und Brigitte auf die Schultern geklopft hatte, voruber, ohne sich auf ein Dienstgesuch einzulassen, dass man ihm wahrscheinlich schriftlich einreichen musste. Ein Gefuhl, dass er da Menschen zuruckliess, von denen er mit vollem Rechte annehmen durfte, dass er sie ausserordentlich glucklich gemacht und durch seinen Beifall mit einer der angenehmsten Hoffnungen fur ihre noch kurze Lebenszeit erfullt hatte, uberkam ihn dabei wol mit einschmeichelndem Behagen, aber nur fluchtig, nur obenhin.

Dieser vornehme Herr war nun, wie wir bald bestatigt erhalten werden, Se. Excellenz der Herr Intendant sammtlicher koniglicher Schlosser und Garten, eine im Lande wohlbekannte und gefurchtete Personlichkeit, der wirkliche Geheimrath Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein, zweiter Sohn jenes neunzigjahrigen Obertribunalprasidenten, der bei Tempelheide mit Anna von Harder, der Witwe seines ersten Sohnes, in so stiller Zuruckgezogenheit lebte. Der neunzigjahrige Hohepriester der Themis hatte bekanntlich zwei Sohne; einen feurigen, hochst talentvollen, unternehmenden, aber fruh verstorbenen, den Gatten eben jener Anna von Harder, die Frau von Trompetta als ein so seltenes Muster edler Weiblichkeit geruhmt hatte und nach Allem, was wir jetzt schon von ihr wissen, ein solches wol auch sein musste. Der jungere dagegen war diese sogenannte "junge Excellenz von Harder", die nicht ganz in die Richtung des Harder'schen Hauses passte. Der alte Vater war ein scharfsinniger und sehr bedeutender Kopf, dem der altere Sohn in jeder Hinsicht entsprach; der Jungere dagegen, fruh etwas verwohnt, wurde durch einen Zufall, den der Vater ewig bereute, fur den Hof erzogen, war anfangs Kammerpage, dann Kammerjunker, zuletzt Kammerherr und hatte keine andere Bildung sich angeeignet als die, die er auf Reisen mit dem verstorbenen Monarchen, dem Vater des jetzt regierenden, sich sammeln konnte. Es war durch die Richtung, die der Kammerherr Kurt Henning Detlev von Harder nahm, eine grosse Spannung zwischen Vater und Sohn eingetreten. Beruhrungen fanden seit Jahren zwischen ihnen nicht mehr statt und konnten es um so weniger, als sich der wunderliche alte Herr nur auf seine Gerechtigkeitsubung beschrankte, in fruhern Jahren allenfalls noch nebenbei die Maurerei, die er sehr liebte, eifrig trieb, gegenwartig aber auf seine sonderbaren psychologischen Studien uber die Thierseele, die ihn von den Menschen ganz abzog, sich beschrankte. Spotter bei Hofe, die den spater zum wirklichen Geheimrath und Intendanten der koniglichen Schlosser avancirten Kammerherrn von Harder nach seinem Geistesgrade kannten, behaupteten, dass sein Vater, als dieser sein Sohn von Reisen mit dem verstorbenen Landesfursten und besonders von einer mehrjahrigen Abwesenheit in Paris zuruckkehrte, gerade durch das Wiedersehen desselben auf die Idee gekommen ware, sich kunftig nur noch mit den Geistesanlagen der Thiere zu beschaftigen. Ehemalige Spotter behaupteten Das. Denn wie wir bald sehen werden, in der Nahe des gegenwartigen Herrscherpaares durften sich solche Plaisanterien, Wortspiele und kleinen Frivolitaten nicht mehr horbar machen. Nach anderer Version verdankte Henning von Harder seine Stellung nicht den Rundreisen mit dem verstorbenen Monarchen, sondern dem eminenten Geiste seiner Gattin, die zufalligerweise auch seine Schwagerin war. Die beiden Harders hatten Schwestern geheirathet, die geborenen Freiinnen Anna und Pauline von Marschalk. Wie Dem auch sein moge die Zukunft wird uns uber diese in unsere Geschichte eingreifenden Personlichkeiten Aufklarung geben wie Dem auch sein moge, Se. Excellenz der Geheimrath von Harder war auf dem Schlosse Hohenberg als Glaubiger vom Throne erschienen und hatte in der That den Befehl zu vollziehen, sich das Mobiliar der verstorbenen Furstin Amanda vollstandig anzueignen.

Furst Waldemar von Hohenberg, der Verstorbene, zu allen Zeiten Verschwender und geldbedurftig, verkaufte nach einer Sinnesart, die wir noch deutlicher werden kennen lernen, auf seinen Gutern das Ei unterm Huhne und wie dann auch das Huhn dazu, so auch sogar die letzten Erinnerungen an seine Gattin. Zu diesem Schritt entschloss er sich einige Wochen vor seinem vor drei Monaten erfolgten Tode. Wie die Intendantur der koniglichen Schlosser eigentlich darauf kam, sich so geflissentlich diesen Erwerb anzueignen, war dem Publicum noch ein Rathsel. Die Einen fabelten von einer wunderbaren Einrichtung, die jedoch Andere ganzlich in Abrede stellten. Viele sagten, die Einrichtung der Furstin Amanda von Hohenberg war zwar nicht kostbar, aber sie war sinnig und geschmackvoll. Sie liebte Rococomobeln, sagten die Einen. Im Gegentheil berichtete Frau von Trompetta (und sie, die zu den Wenigen gehorte, die Hohenberg besucht und sich der verschollenen frommen Furstin manchmal erinnert hatten, konnte es wissen); im Gegentheil, ihre Wohn-, Schlaf- und Betzimmer waren ganz in altdeutschem Geschmack gewesen: man fande daselbst nur grosse Tische und gewaltige Schranke mit gewundenen Fussen und Saulen, Alles pechbraun oder rabenschwarz gebeizt; ausgezeichnet, gestand sie zu, sind die Gegenstande, die auf einem rings an den Wanden angebrachten zierlichen Holzsimse standen. Da sahe man Schnitzarbeiten von Elfenbein und Hirschhorn, gusseiserne Crucifixe, das Abendmahl von Leonardo da Vinci aus Wachs bossirt, ein Meisterstuck von einem tiroler Monche .... Ja! fugte die Trompetta in ihrer Weise erregt hinzu, und der vielen Lithophanieen an den Fenstern und all der bunten Glasbehange nicht zu gedenken, die ihren Zimmern einen wahrhaft heiligen, das Gemuth sanft zur Ruhe wiegenden Dammerschein gaben! Nach dieser Mittheilung der Frau von Trompetta kam dann eine mysteriose Schalkheit dieser Frau. Frau von Trompetta, behauptete man, hatte bei einer Audienz, wo sie die Konigin zur Theilnahme an einem neu von ihr begrundeten Kleinkinderbewahrinstitute aufgefodert, sich erlaubt, der erlauchten hohen Dame eine solche Schilderung von Hohenberg zu entwerfen, dass diese eine grosse Neigung fasste, die Hinterlassenschaft zu erwerben. Man liebte ja bei Hofe die Dammerungszustande .... Man hullte sich ja so gern in diese bunten Lichter des Rathselhaften und Ahnungsvollen ein .... General Voland von der Hahnenfeder, der beruhmte militairische Diplomat, hatte ja den Hof und dessen Liebhabereien mit seinen Sammlungen von Glasmalereien, Elfenbeinschnitzarbeiten, Handschriften ganz in der Gewalt und auch fur diese Idee, obgleich sie vielleicht von der ihm nicht sehr zusagenden quecksilbernen Frau von Trompetta angeregt, von dem geistreichen artistischen Tonangeber, dem Probste Gelbsattel, den Voland wie alles lutherisch Kirchliche nicht gern zu uppig und breit aufkommen liess, unterstutzt war, lautete sein Votum doch durchaus empfehlend. Fur den Leonardo da Vinci aus Wachs hatte Voland sogar schon einen Platz in der Privatkunstkammer des Konigs, wo bereits mehre Kunstwerke standen, die Voland bei seinen Reisen durch osterreichische Kloster gesammelt hatte. So vermutheten die Tiefern, die Bedeutenden und Ahnungsvollen .... Doch gestehen wir, dass es auch noch eine andere sehr nuchterne, kalte und rationalistische Partei bei Hofe gab, die diese Acquisition ganz vom finanziellen Standpunkte beurtheilte. Diese sahen eine dem uberschuldeten Fursten Waldemar von Hohenberg aus der koniglichen Chatulle gezahlte Summe von dreitausend Thalern rein als eine einfache Unterstutzung an, die man dem vom hochstseligen Landesfursten abgottisch verehrten tapfern Husaren Waldemar von Hohenberg, einem der glorreichsten Haudegen der Armee, in dieser harmlosen Form wollte zufliessen lassen, und darauf das Mobiliar der Furstin als eine Verpfandung. Um den Bruder des Konigs, den Prinzen Ottokar, der den Oberbefehl der Armee fuhrte, gruppirten sich Diejenigen, die sich fur diese nuchterne Auslegung verburgen wollten und die Mission des Geheimraths Henning von Harder zu Harderstein als eine einfache, nur dem koniglichen Kammerer, der die Chatulle verwaltete, bekannte finanzielle Eintreibung einer verfallenen Schuld ansahen.

Dann begreif' ich aber nicht, hatte Bartusch, das Factotum des Justizraths Schlurck zu diesem noch vor einigen Tagen auf Schloss Hohenberg gesagt, dann begreif' ich nicht, wie Herr von Harder mit so ungestumer Eile, mit so angstlicher Sorgfalt von dem Inhalt dieser drei Zimmer Besitz nehmen konnte. Wie rasch die Siegel an die Zimmer gelegt wurden! Kaum, dass der Furst die Augen geschlossen, lag schon das Siegel der Hofkanzlei auf Thur und Fenster. Jetzt, statt einfach einen Commissar zu senden und den Inhalt auf Treu und Glauben verladen zu lassen fur dasjenige Schloss, wohin jene Schnurrpfeifereien nun bestimmt sein mogen, kommt die Excellenz da mitten in der Nacht in hochst eigener Person, einen Tag darauf folgt ein grosser Meubles- und Transportwagen, wie fur ein Paar Elefanten, und jetzt soll Einer die Angst sehen, mit der zwei Bediente uber die drei Zimmer wachen, dass auch nicht eine Stecknadel hinaus kann. Was steckt dahinter?

Sie kennen, hatte dagegen Schlurck zu seinem treuen Bartusch gesagt, Sie kennen die angstliche Gewissenhaftigkeit dieses musterhaftesten aller Staatsdiener. Henning von Harder, der nichts von Dem sehen und horen will, was die narrische Pauline in seinem Hause taglich anrichtet und in der Welt schon Alles angerichtet hat, weiss dennoch mit genauester Bestimmtheit, ob gerade in dieser Minute ein Rhododendron in dem koniglichen Schlosse zu Buchau am Rheine bluht oder gebluht hat oder bluhen wird. Dieser Mensch ist eine Uhr. Im Gefuhl seiner Pflicht einmal aufgezogen, schnurrt er sich in mathematischer Genauigkeit Minute um Minute ab, bis er sich mit dem Gefuhl seiner Wurde wieder neu aufzieht und wieder da anfangt wo er geendet hat.

Hm! Hm! Hm! hatte damals der kluge und schlaue Vertraute aller Schlurck'schen Geheimnisse fur sich in den Bart gebrummt und dann noch diese oder jene Vermuthung einstreuen wollen ..... Schlurck aber hatte kurz vor seiner schnellen Abreise nach der Residenz einfach die Weisung gegeben:

Bartusch, behandeln Sie die Excellenz mit all der Achtung, die ihrem einflussreichen Stande, noch mehr aber der gefahrlichen Intrigue seiner uns sonst innigst zugethanen Frau gebuhrt! Ich wurde furchten, nicht mehr lachen zu konnen, wenn diese leicht verletzbare Frau, die mich jetzt verehrt und schatzt, zufallig meine Feindin wurde. Lassen Sie ihn die besten Zimmer bewohnen, bieten Sie den beiden Schlingeln von Bedienten die freundlichsten Worte und getrost soviel Wein wie sie wollen. Mein Princip ist auch das, immer die Hauser von unten aufzubauen. Wissen Sie noch, Bartusch, ich habe daruber einmal in der Loge zu den drei Triangeln eine Rede gehalten, als das beste Princip aller zunftigen und unzunftigen Maurerei? Mit der ubrigen Gesellschaft, die sich hoffentlich auch bald verzieht, wird sich der vornehme Herr wenig in Gemeinschaft setzen. Darauf aber mach' ich Sie aufmerksam: Einen gewaltigen Fehler hat er alle koniglichen Gartnermadchen wissen davon zu erzahlen der schon alte Knabe ist sehr verliebt. Melanie liebt Spasse ... und die, hoff' ich, werden nicht in Ernst ausschlagen. Ich will keinen Kastellanposten in Buchau oder Sansregret oder Solitude haben, verstehen Sie, Bartusch! Sagen Sie Melanie Das: Ihr Vater will nicht koniglicher Schlosskastellan werden. Und noch Eins! wenn die Zimmer geoffnet sind, so behalten Sie ...

Die Familienbilder, fiel Bartusch mit Nachdruck ein.

Wohl, sagte Schlurck, die Familienbilder. Denn die Clausel steht in der Verkaufsurkunde: die Familienbilder gehen sammtlich an den Prinzen Egon zuruck.

Damit hatte sich Schlurck seinem treuen Geschaftsbeistand Bartusch empfohlen und in der That raffte Dieser, ein sonst nicht sehr glatter, wenn auch geriebener Weltmann, alle ihm ungewohnten, nur aus alten dienenden Zeiten ihm erinnerlichen Hoflichkeitsformen zusammen, um gegen den Intendanten der koniglichen Schlosser und Garten moglichst unterwurfig zu sein. An diesem Morgen, nach Schlurck's rascher durch irgend ein ihm unbekanntes Erlebniss veranlassten Abreise hatte Herr von Harder die drei Zimmer offnen und mit Unterstutzung des Justizdirectors von Zeisel, der unten in Plessen wohnte, ein Inventar aufnehmen lassen, das mit dem vom Fursten Waldemar vor nunmehr etwa funf Monaten ubergebenen verglichen wurde und stimmte. Das Geschaft war im Laufe des Vormittags beendigt. Die Verpackung sollte morgen vorsichgehen und den Tag darauf wollte Herr von Harder abfahren, als Sauvegarde jenes ungeheueren Transportwagens, der unten noch im Dorfe stand. Man hatte glauben sollen, die unruhige Gesellschaft, die eben das Schloss bewohnte, musste ihm bei dieser wichtigen Staatsaction sehr storend gewesen sein und Bartusch, der eben zu ihm herantrat, als er die alte Brigitte und den greisen Winkler durch seine Herablassung so glucklich gemacht hatte, sagte auch:

Ew. Excellenz werden froh sein, endlich einmal einen ruhigen Augenblick geniessen zu konnen.

Der Intendant lachelte und meinte bedeutungsvoll:

Hm!

Bartusch entschuldigte den verwahrlosten Zustand des Gartens, der einem Kennerblick gewiss sehr misfallen musse.

Hm! Hm!.. Bleiben recht lange aus; war darauf die ganze Antwort.

Bartusch wusste aus Schlurck's grosser Praxis, dass vornehme Menschen selten auf Das Acht haben, womit sie Einer zu unterhalten sucht, und ahnte sogleich, dass Excellenz einen andern Gedankengang verfolgten. Es war, Das sah er wohl, die Cavalcade gemeint, der Dankmar im Walde begegnet war.

Excellenz werden doch den kleinen Abendcirkel durch Ihre Gegenwart verschonern, bemerkte Bartusch unterthanigst.

Abendcirkel? wiederholte der Intendant. Wie gestern so etwas? Hm! Gesellschaft ein Bischen gemischt Was?

Leider! sagte Bartusch, sich dem wandelnden und zuweilen nach der an der Mauer sich hinziehenden Strasse hinausblickenden Cavalier anschliessend. Das bemerk' ich nirgend mehr als in meinen Buchern, wo wir nun diese schreckliche Confusion einer hochst zerrutteten Verlassenschaft zu ordnen haben. Da stehen Jud' und Christ nebeneinander, Civil und Militair, Kaufmann und Handwerker, wer nur was zu geben hatte und sechs Procent von dreieinhalb unterscheiden konnte.

Der Intendant lachelte wieder und meinte:

Recht schlimmer Herr gewesen der Furst Waldemar Durchlaucht; aber viel Bravour im Kriege gehabt hoch gespielt in den Badern aber hochstselige Majestat ihn sehr geliebt bewundernswurdiges Attachement gewesen ....

Und die Damen, nicht wahr, Exzellenz? bemerkte Bartusch lauernd. Auch davon wissen die Bucher in Zahlen zu erzahlen, die in alle Bruche gehen.

Der Intendant erwiderte hierauf blos ein schmunzelndes Lacheln, was indessen einer jener Gesichtszuge war, mit denen er in gewissen Fallen Ermuthigung bezeichnen wollte.

Die Tanzerin Persiani! sagte Bartusch; die Polin Sobolewska die Kunstreiterin La Houppe die drei Wandstablers Dore, Flore, Lore

Ein leichtes Meckern, ziegenartig, verrieth, dass Excellenz sich dieser Namen wohl erinnerten und piquanten Antheil nahmen. Doch schien sie das Gehen zu echauffiren. Herr von Harder nahm den feinen weissen Castorhut ab und strich einige mal sehr behutsam uber seine ausserordentlich glatt anliegende Tour vom glanzendsten pariser Bagnohaar ... ein sehr schones sudeuropaisches Schwarz bezieht man mehr aus Toulon als aus Brest ... Herr von Harder war zwar schon in den Sechzigen, doch hatte er sich Haltung und Wesen eines beiweitem jungern Mannes bewahrt und konnte auf den ersten Blick jeden Prufer zweifelhaft lassen, ob er ihn der noch anspruchsvollen, unternehmenden Generation zurechnen sollte oder der schon entsagenden.

Er fing nun von der "Gesellschaft" an.

Da ist eine Frau von Pfannenstiel ... Wer ist Das? fragte er.

Madame Pfannenstiel? antwortete Bartusch achselzuckend; Wirthschaftsrathin.

Nicht uble Frau ein bischen dumm. Was?

Excellenz wissen in diesem Punkte gewiss das Richtige zu treffen ....

Aber reich?

Leider!

Wie so leider?

Weil sie Geld hat, ist sie hier. Dumme Menschen sind lastig. Mir ware lieber, ihr Mann ware da. Es lasst sich leben mit ihm.

Warum ist der Mann nicht da?

Wagt's nicht. Da er fruher hier wirthschaftete und das Volk geschunden hat, wie seinen armen Fursten, so traut er sich nicht herzukommen.

Ah! ... Madame Schlurck ist eine charmante Frau ... fuhr der Geheimrath fort, der nun gesprachiger wurde.

Bartusch schlug die Augen nieder, aus Grunden, die der Geheimrath nicht zu kennen schien und die auch wir erst spater kennen lernen werden.

Die muntere Blondine ... sehr charmant ....

Frau von Sanger ....

Frau von? ...

Frau von Sanger, die dritte Gemahlin des alten ehemaligen Rentmeisters von Sanger. Sind nach Randhartingen zuruckgereist.

Wohin?

Randhartingen, Excellenz! Dort hinuber zwei Stunden weit rechts beim Ullagrund.

Ah! ... Allerliebste Frau.

Bartusch liess dem Geheimrath Zeit, sich zu besinnen. Er kam, da er eine junge erwahnt hatte, jetzt auf eine altere.

Die magere? sagte er.

Welche, Excellenz?

Die mit der die mit dem die ...

Mit den grossen Zahnen, wenn sie lacht ....

Ah!, Ja!

Frau Pfarrer Stromer.

Keine schone Frau.

Gute Frau. Hat viel Kinder.

Und die starke? Wissen Sie, die kleine runde!

Frau von Reichmeyer, die Schwester des Herrn Lasally ...

Nein, die nicht!

Sie meinen die Justizdirectorin von Zeisel, eine geborene von Nutzholz-Dunkerke.

Nutzholz-Dunkerke? Gute Familie! Apropos. Was will denn der famose Stallmeister Lasally hier?

Der Geheimrath fragte fast unmuthig und nicht ohne besondern Nachdruck.

Es ist des Commerzienraths Schwager, Bruder der Frau von Reichmeyer, wie Sie vielleicht wissen; Reichmeyer hat 50.000 Thaler noch von der grossen Lotterie her zu fordern ....

Lasally hat doch wol schwerlich dabei eingeschossen ... meinte der Geheimrath; sein Stall ist ja, soviel ich weiss, sequestrirt; seine Pferde auf dem Rennen gewinnen nicht mehr. Lasally muss ganz im Misere stekken ....

Weiss ich nicht, antwortete Bartusch diplomatisch die Pferde, die er mitbrachte, reiten sich gut. Dies bemerkte gestern Fraulein Melanie ....

Hat Pferde mitgebracht! Famose Idee! Warum Pferde?

Man glaubte, der Aufenthalt wurde sich in die Lange ziehen, man rechnete auf ein frohliches Beisammenleben. Da sollten Balle gegeben werden, soweit die Jahreszeit und die plessener Musik das Tanzen moglichmachte, da sollte gehupft, gesprungen, gesungen und geritten werden. Jeder versprach seine rosenfarbene Laune mitzubringen und Freunde, soviel deren von vertraglicher Sorte nur aufzutreiben waren. Was ist nun geworden? Einer versteht den Andern nicht und mit Schlurck's Abreise ist Alles wie auseinandergesprengt.

Der Intendant sagte:

Brave Leute Das hier, aber kein Ton! Graf Bensheim, Frau von Sengebusch eingeladen wie war Das moglich! Pure Dissonanz! Haltung Haltung ist viel sehr viel ist Haltung. Feste zu arrangiren, erfodert Kopf und wie gesagt .... Geburt ....

Was Feste arrangiren heisst, sah man am letzten Geburtstage der Konigin, bemerkte Bartusch mit hoflicher Verbeugung. Das arkadische Schaferfest suchte seines Gleichen, Excellenz ....

Recht schon gewesen, ausserte der Intendant geschmeichelt und fast gleichgultig. Ich war wegen der Costums selbst in Dresden wissen Sie um mir die Porzellansammlung anzusehen. Alle Menschen ... sehr hubsch wie von Porzellan gewesen war sehr niedlich und richtig! Alles nach echtem meissner Porzellan. Professor Luders hat Alles sehr richtig gefunden.

Nur eine Stimme daruber! bemerkte Bartusch. An uns gewohnliche Menschen kommt davon nur so ein Blick durchs Gitter und auch der ist verboten; aber Excellenz sollen sich in dem Porzellanball wirklich selbst ubertroffen haben.

Als der Intendant lachelte, verbeugte sich der schlaue Graurock, der es in der Kunst, mit allerlei "Gemenschel", wie er zuweilen verachtlich sagte, umzugehen, weit gebracht hatte. Doch kaum hatte er sich empfohlen, kehrte er, da er Etwas vergessen zu haben schien, zuruck und sagte zu dem Intendanten, der seinen Blick unverwandt in die Gegend schweifen liess, von wo die Cavalcade zuruckkehren musste:

Noch ein Wort, Excellenz. Die Bilder wollt' ich doch gehorsamst erinnert haben

Bilder? Was fur Bilder?

Die Familienbilder! Morgen bei der Verpackung! betonte Bartusch.

Welche Familienbilder? sagte Herr von Harder plotzlich mit Amtsmiene und fast ungehalten.

Bleiben bei der Masse testamentarische Verfugung

Weiss Alles. Schon gut

Durft' ich mir erlauben, diese Stucke an mich zu nehmen und zur weitern Verfugung zuruckzubehalten?

Verfugung? Zuruckzubehalten? Wer verfugt? Ich verfuge!

Bartusch erstaunte uber diese kategorische Antwort, die von einem so bosen Blick begleitet war, dass die ganze freundliche Herablassung des vergangenen Gesprachs wie in Nichts verronnen erschien. Bartusch stand einen Augenblick rathlos, ob er unterwurfig bleiben sollte oder entschieden auftreten. Noch zog er den ersten Ton vor und sagte:

Excellenz kennen des seligen Fursten letzte Bestimmung, dass die Familienbilder von dem Kauf ausgeschlossen sind. Es war das Gewissen, das aus ihm sprach, die Ehre ....

Familienbilder! sagte der Intendant mit grossem Nachdruck, und verrieth durch seine Sicherheit, dass er hier nicht aus sich, sondern nach einer Instruction sprach. Se. Majestat werden den letzten Willen Sr. Durchlaucht wohl zu ehren wissen, ... indessen, mein lieber Herr was reden Sie von Gewissen, von Ehre? Herr ...

Bartusch! erganzte dieser, als der bruske Intendant den Namen suchte.

Bartusch, mein lieber Herr Bartusch! Der Intendant sprach diese Worte mit einem Anflug von Schlauheit, der den starren Zugen etwas hohnisch Lachelndes gab Was sind Familienbilder?

Bilder der Furstin, des Fursten, des Prinzen Egon fiel Bartusch erregter ein.

Haben Sie den Fursten gekannt?

Ich denke wol antwortete Bartusch malitios.

Die Furstin haben Sie nicht gekannt.

Wenn nicht ich, so kennt sie im Dorfe jedes nicht zu kleine Kind.

Kind ... im Dorfe? Ist das eine Autoritat? Eine Autoritat fur einen allerhochsten Specialbefehl, den ich zu vollziehen die Ehre habe? Kannten Sie die geborene Grafin von Bury, welches die Mutter der Furstin gewesen ist? Kannten Sie den k.k. osterreichischen Generalfeldzeugmeister Grafen von Hohenberg, der in zweiter Linie mit dem Fursten von Hohenberg Durchlaucht verwandt war? Familienbilder sind ein sehr allgemeiner Begriff mein lieber Herr Bartusch ein sehr allgemeiner. Man wird die Bilder nach der Residenz nehmen, alle alle alle und Prinz Egon, Prinz Egon wird entscheiden, welche davon zur Familie gehoren oder nicht. Haben sie verstanden, Herr Bartusch? ... Wer verfugt? Ich verfuge! Verstanden?

Mit diesen kurz abgestossenen, kalten, schneidenden, bosen Worten entfernte sich der vornehme impertinente Mann. Bartusch hatte Muhe, ansichzuhalten. Er besass Verstand genug, einzusehen, dass diese Uberlegung nicht aus Herrn von Harder's Kopfe kam, sondern der Wortlaut einer ausdrucklich ihm gegebenen Instruction war. Die Wendung, die so kraftig betont wurde: "Familienbilder sind ein allgemeiner Begriff" entsprach den Begriffen des Intendanten keineswegs.

Das hat ihm Jemand so oft vorgesagt, bis er das schwere Wort behielt und sich Etwas darunter vorstellen konnte! murmelte Bartusch vor sich hin, und in der Uberzeugung, dass es mit den Zimmern der Furstin eine doch sonderbare, seine ganze Neugier spannende Bewandtniss haben musse, lenkte er nachdenklich seinen etwas schlorrenden und schleichenden Schritt dem Tempel zu, wo er mehre von den Damen, die jetzt das Schloss bewohnten, Andere, die es eben besuchten, erblickte, wie sie nickend mit Tuchern in die Ferne wehten. Dieser Gruss galt Melanie und ihren Begleitern, die soeben von ihrem Spazierritt im vollen Trabe zuruckkehrten.

Elftes Capitel

Melanie Schlurck

Das war ein Larmen, ein Lachen, ein Jubeln, als die schone Amazone vom hohen Sattel gehoben wurde und die dampfenden Pferde um sie her im Hofe des Schlosses stampften und wieherten. Reichmeyer's und Lasally's Bediente und Jockeys hielten die Renner am Zugel und fuhrten sie nach den unten am Fusse des Berges gelegenen Stallen zuruck, nicht ohne dazwischengeworfene, den Pferden gespendete Liebkosungen oder Scheltworte, jenachdem die Reiter mit ihren Thieren zufrieden gewesen waren oder nicht.

Die Thiere gingen a merveille! rief Melanie unter fortwahrendem Gelachter, das dem klagenden und trostlosen Commerzienrath galt; man muss nur reiten konnen!

Arme Laura, sagte sie zu dem von Reichmeyer gerittenen Pferde, es streichelnd; du hattest es so gut mit deinem Reiter im Sinn! Er sollte dir deine Gedanken ablauschen und du lauschtest sie ihm ab. Du sprangst, du stutztest vor jedem Ast, du schlugst mit den Ohren hochauf, wenn ein Vogelchen geflogen kam, du schwenktest dich anmuthig nach der rechten Seite hin, wenn auf der linken ein Hund kam und bellte, und alles Das will die gefuhlskalte Geldseele jetzt nicht anerkennen und schilt dich, arme Laura! Fliehe die Commerzienrathe! Diese Menschen verstehen nicht, was sensible Naturen sind.

Die altern Damen, die unten im Tempel gewartet, hatten sich auch inzwischen oben am Schlosse eingefunden und begrussten die ziemlich lange Ausgebliebenen in dem hintern Hofe.

Ohne Spass, sagte der Commerzienrath zu seiner ihn angstlich anblickenden Gemahlin, einer Dame in rauschenden Stoffen, ich habe meine Noth gehabt. Man hat mir bei Gott das wildeste Pferd gegeben. Eugen hatte auch mehr Einsicht haben sollen.

Frau von Reichmeyer warf einen vorwurfsvollen Blick auf ihren Bruder, den Stallmeister Lasally, der sich indessen nur mit Melanie beschaftigte und dieser "Querelen" nicht achtete.

Ging es mir denn besser? sagte der Justizdirector von Zeisel, eine lange, hagere Figur mit grauen Haaren und zugeknopftem blauen Frack mit gelben Knopfen, eine Bureaugestalt voll Hoflichkeit und geschmeidig. Ging es mir denn besser? Mir platzte der Sattelgurt! Denken Sie sich, Frau Justizrathin, mein Malheur, wie ich plotzlich ins Schwanken gerathe und auf meinem Fuchs hin- und hertaumele. Ist mir nur in jungern Jahren passirt! Die Geistesgegenwart des liebenswurdigen Herrn Eugen hat mich gerettet, sonst war' ich, ich kenne Das, vielleicht geschleift worden.

Billigerweise hatte Frau von Zeisel, geborene von Nutzholz-Dunkercke, die sich gleichfalls unter den Begrussenden befand, diesem moglichen und glucklich abgewandten Ungluck ihres Gatten die theilnehmendste Aufmerksamkeit schenken sollen, aber die noch sehr anmuthige und von den runden wohlgenahrten Korperformen noch jugendlicher, als sie war, aussehende kleine Frau nahm wenig Notiz davon und uberliess es der guten Madame Schlurck, die Moglichkeiten eines solchen Unfalls theilnehmend zu durchdenken, wahrend sie mit dem inzwischen herzugetretenen Bartusch sprach und sich uber das betrubende Ereigniss der plotzlichen Abreise des immer so liebenswurdigen und jovialen Justizraths Schlurck nicht trosten konnte.

Eine sehr unbedeutende und nur mit lachelndem Nichtssagen zugaffende Rolle spielte die reiche Madame Pfannenstiel, geborene Drossel, die die fruhere Wirthschaftsinspectorin nicht verleugnen konnte, trotz ihrer dicken goldenen Erbskette und der grossmachtigen Brillantuhr, die sie fast bis unten auf die Hufte ihres schmachtigen Korpers trug.

Melanie war die Seele dieses bunten Kreises, den das Geld hier zusammengewurfelt hatte. Geist, Neigung, hatte sie fruher gesagt, bringen Gleichartiges zusammen. Das Geld kann nur Vermittler des Zufalligen sein. So beschloss sie denn, Geist und Neigung in diese widerstrebenden Elemente zu bringen. Es gelang ihr aber nur theilweise und durch nichts Anderes als durch ihre eigene Personlichkeit.

Wie reizend stand sie da im Schlosshofe! Das lange, enganschliessende Reitkleid war von einem silbergrauen leichten Stoffe und liess die lieblichsten Formen der schonen Gestalt bewundern. Von der Halskrause, die uber dem ganz oben geschlossenen Kleide zierlich gefaltelt lag, bis zu den Huften herab zeigte sich das schonste Ebenmass der aussern Bildung. Die Schultern hoch und gerundet. Wenn sich der holde, liebliche Kopf, mit den braunen brennenden Augen, dem schonen Munde und den weissen Perlenreihen der Zahne lachelnd uber die Schulter wandte, gab der Winkel, der sich dann aus dem Kopf und der Schulter bildete, die reinste Schonheitsform. Halb noch auf den schwarzen, hinten uber Flechten zuruckgekammten Locken, sass ein kirschrothes, silbergesticktes kleines Sammtgewinde, uber dem der Reithut mit blauem Schleier gebunden war. Langst hatte sie diesen Hut weggeschleudert. So hoch Melanie und fast mit dem Wuchse der Pappel aufgeschossen war, so behend liessen doch ihre Bewegungen. Ihr Fuss schien kaum den Boden zu beruhren, so schwebte sie dahin, mit der linken Hand die lange Schleppe des Kleides nach vorn an sich druckend, mir der Rechten die am Griff von blauen Steinen geschmuckte elegante Reitpeitsche in die hohe kraftige Hufte stemmend. Mit innigster Herzlichkeit gab sie ihrer Mutter einen Kuss, worauf sie den Kopf in den Nacken warf und mit komischer Feierlichkeit erklarte:

Ich danke Ihnen, meine Herren, fur Ihre ritterliche Begleitung! Sie haben Noth und Gefahr mit mir getheilt!

Sie haben, als wir im Walde einem scheu gewordenen Einspanner, auf dem zwei Handwerksbursche sich vom Fusswandern auszuruhen schienen, begegneten, die mogliche Gefahr des eigenen Durchgehens Ihrer Rosse muthvoll uberstanden! Sie haben an der Forsterwohnung vor einer alten roth- und weisshaarigen Hexe, die alle Pferde stutzigmachte, hochherzigen Muth bewiesen. Sie haben sich wurdig gezeigt, von mir, der dermaligen Furstin von Hohenberg, heute Abend beim Thee zu meinen Cavalieren und Vasallen geschlagen zu werden. Ich hoffe, dass Keiner meiner Getreuen fehlen wird! Und damit seid Ihr fur jetzt entlassen!

Die Herren applaudirten. Melanie entschlupfte in eines der unten geoffneten Schlossfenster und verschwand. Die Gesellschaft trennte sich vorlaufig mit dem Versprechen, um acht Uhr an den geoffneten Fenstern der Zimmer, die Schlurck fur die Seinigen gewahlt hatte, sich zum Genuss der milden Abendluft und zum Thee zu versammeln. Die Einen begaben sich in den Garten, die Andern ins Schloss, Andere wandten sich hinunter dem Orte zu.

Mit grossem Wohlgefallen hatte diese Scene von fern der Geheimerath Henning von Harder beobachtet. Se. Excellenz standen am offenen Fenster eines der ihm zur Disposition ubergebenen Zimmer der verstorbenen Furstin und kniffen eine goldene Lorgnette so scharf in die Augenhohle, dass ihm auch keine Miene der schonen und verlockenden Melanie Schlurck entgehen konnte. Als sie sprach mit ihrem wohllautenden, vollen, aus der Brust quellenden Organe, bedeutete er seine beiden Bedienten, Ernst und Franz die auf dem Fussteppich sassen und hammerten und packten , einen Augenblick in ihrem Diensteifer innezuhalten. Er verschlang Melanie's Worte und tauschte sich dabei keineswegs in der Voraussetzung, dass sie sich von ihm beobachtet glaubte. Er gehorte zu den Mannern, die sich in ihrer Jugend wol hatten sagen konnen: Du bist glucklich bei den Frauen, weil du eine schone Gestalt hast und eine gewisse Kunst sie geltendzumachen. Sein Haar war einst lockig gewesen, sein Auge nicht ohne Feuer. Er konnte diese Triumphe seiner Jugend nicht vergessen. Daher kam es, dass er an Jahren zunehmend, immer wieder einen neuen Reiz an sich zu entdecken glaubte, der ihm ebenso fesselnd vorkam, wie es fruher seine Jugend gewesen war. Nur schlimm, dass er diesen Reiz nicht in geistigen Dingen, sondern in ausserlichen fand! Geist verleiht dem Aussern des Mannes mit den Jahren einen veranderten Ausdruck, der wol die Frische der ersten Jugend ersetzen kann. Die Liebe des Junglings ist eine andere als die des Mannes und wer wurde so oberflachlich und sinnlich sein, die Poesie und die fesselnde Schwarmerei allein nur dem zwanzigjahrigen Blute zuzuerkennen? Im Gegentheil mischt sich in die erste susse Liebe des Junglings nur zu wild und bitter oft die Gahrung der noch unfertigen Charakterbildung, wahrend eines alteren Mannes Liebe eine Kette reinster Hingebung, uneigennutziger Aufopferung und jener hohern Poesie sein kann, die aus einem gebrochenen wehmuthigen Bewusstsein fliesst. Mit diesen Erscheinungen hatte das noch immer lodernde Feuer des fast sechzigjahrigen Henning von Harder zu Harderstein nichts gemein. Er gehorte zu den Thoren, die im zwanzigsten Jahre ihre Eroberungen auf ihre wirkliche Schonheit fussen konnen, im dreissigsten auf das Gluck dieser Schonheit und den Ruf ihrer Eroberungen, im vierzigsten Jahre aber schon nur noch auf ihre gesellschaftliche Stellung und gewisse jugendliche Reminiscenzen, vom funfzigsten an aber auf die verzweifeltste Eitelkeit, die sich an diesen oder jenen kleinen Rest fruherer Vorzuge klammert, an eine weisse kleine Hand, einen zierlichen kleinen Fuss und ahnliche, in den meisten Fallen auch unleugbare Vollkommenheiten, die aber einen ganzen Menschen nicht mehr ersetzen konnen. Der Geheimrath horte nichts lieber, als dass er eine schongeformte Nase und niedliche kleine Hande hatte. So manche verschmitzte Coquette, die nach seinem durch Pauline von Marschalk erworbenen Reichthum blinzelte, konnte ihn in jugendliche Flammen und wahnsinnige Traume versetzen, wenn sie seinen niedlichen kleinen Fuss lobte. Manche versicherten, dass man auch durch das Lob seiner kleinen Ohren eine Wirkung auf ihn hervorbrachte. Sie waren in der That niedlich, diese Ohren. Kein Spiegel bestritt diese Wahrheit. Warum sollte er nicht sonst noch allerlei Fesselndes besitzen, da er doch dies Eine, die Werkzeuge des Horens, wirklich in einer so unbestrittenen Vollkommenheit besass! Hier nun vollends auf Hohenberg, wo er, zur Entschadigung fur eine lastige Reise, zu der ihn mit sonderbarer Bestimmtheit seine ihn, wie noch viel andere Menschen beherrschende geistreiche Gattin gezwungen hatte, das Zusammentreffen mit einer der gepriesensten Schonheiten der Residenz genoss, hier hielt er einen angenehmen Eindruck auf Melanie Schlurck fur um so leichter, als er einerseits mit nicht ganz kurzsichtigem Auge entdeckt hatte, dass dies eigene Madchen gewohnt war, uber gewohnliche Grenzen hinauszugehen, und andererseits seine gesellschaftliche Stellung die aller ubrigen Besucher des Schlosses beiweitem uberragte. Er stand ja doch, dachte er, dem Landesfursten ausserordentlich nahe, war ja durch unbedingt gehorchende knechtische Umgebung himmelwarts hier erhaben, strahlte ja durch aussere Haltung wie immer so auch hier im Vollglanze seiner mit Orden emaillirten Excellenz und fasste in der That um so rascher eine Flamme fur Melanie, als dies kluge Madchen bereits beim ersten Zusammentreffen seine weisse Hand, den zierlichen Fuss und sogar schon das Profil seiner Nase bewundert hatte. Sie entdeckt, hatte er sich im Stillen gesagt, sie entdeckt gewiss auch noch meine Ohren! Er wiederholte sich diese Hoffnung mit Wohlgefallen, als ihn einer seiner Bedienten darauf aufmerksam machte, dass das Fraulein merkwurdig oft nach Excellenz sich erkundigt hatten, als Excellenz heute fruh mit der Registratur des Nachlasses der Furstin Amanda beschaftigt gewesen waren ....

Nur eine Personlichkeit war ihm bei der schonen Hoffnung eines Erfolgs ein gefahrlicher Nebenbuhler, jener Schwager des Commerzienraths von Reichmeyer, Eugen Lasally. Dieser nicht mehr ganz junge Mann war ein offentlicher Charakter der Residenz. Vollig abweichend von Dem, was christliche Spottsucht uber die Juden einmal festgestellt zu haben glaubt, war Eugen Lasally im Gegentheil eine hochst chevalereske Erscheinung. Nicht gross, von behendem Korperbau, leichten, zarten Gliedern, hatte er sich fruh eine grosse Fertigkeit in Leibesubungen erworben. Er schoss, focht, ritt auf eine Art wie der geubteste junge Dandy der vornehmen Welt. Seine Altern gehorten den ersten judischen Familien an und hatten ihm gern die ubliche artistische Bildung dieser Kreise gegeben, ihn zum Maler, zum Musiker bestimmt. Doch zeigte Eugen fur diese Berufswege nicht die geringste Empfanglichkeit, ebenso wenig wie zum mercantilischen Fache oder zu irgend einem wissenschaftlichen Studium. Als seine Altern starben, ging sein ererbtes Vermogen sehr rasch auf die Lebensweise hin, die er seit seiner ersten Selbstandigkeit ergriffen hatte. Cavalerieoffiziere, junge Stutzer, Adelige waren sein alleiniger Umgang. Durch eine Reihe muthig bestandener Duelle hatte er gelernt, sich in dieser Sphare zu behaupten, und als er durch Spiel und Vergnugungssucht an den Rand des Abgrundes gebracht, von seinem Schwager Reichmeyer nur noch soviel erhielt, um aus einem der ersten Wettrenner fast in Verzweiflung erst ein "Pferdekenner", dann ein Pferdehandler und zuletzt Errichter einer Reitschule zu werden, blieben ihm seine alten Gefahrten getreu. Das Pferd ist auch darin ein so edles Thier, dass es fast Alles adelt, was mit ihm umgeht. Ein Bedienter mag sich hoher dunken als ein Bereiter. Mehr Muth und mannliche Entschlossenheit, mehr Charakterstarke findet sich gewiss bei Letzterm. Eugen Lasally war als Besitzer einer Reitbahn und was damit zusammenhangt sogar Pferdeverleiher, doch nur um so enger mit einer gewissen fashionablen Gesellschaftsclasse im Zusammenhang, und ware nicht sein aristokratischer Tic gewesen, seine Sucht in Allem und Jedem es mit seinen Freunden aufzunehmen, der alte Levi, den er sich aus einem mecklenburgischen Pferdemakler zum ersten Bereiter umgeschaffen hatte, wurde ihn gewiss durch seinen Fleiss und seine Umsicht und kluge Geschaftskenntniss oben erhalten haben. Er war aber im Sinken begriffen. Die Verzweiflung, dass ihm seine Plane nicht gelangen und er von Glaubigern unablassig gehetzt wurde, machte ihn oft zornig und gab ihm einen menschenscheuen finstern Charakter, der zuweilen ins Brutale ausartete. Er war auch gefurchtet wie der schlimmste Gast.

Als auch ihn der Intendant der koniglichen Schlosser und Garten so mismuthig durch die Lorgnette betrachtete und dabei die hochst vernunftige Vermuthung ausserte, dass ihn wol hauptsachlich die Speculation auf Melanie's grosses Vermogen an diese "bunte kleine Schlange" fesselte, sagte eben Eugen zu einem seiner Jockeys, der die Pferde hinubergefuhrt hatte und nun heraufkam, um die Kuche zu besuchen:

Kannst du dich nicht entsinnen, Jack, was mit dem Einspanner im Walde war?

Der Einspanner? wiederholte Jack, angstlich vor dem immer misgestimmten, zum Zorn gereizten Herrn ....

Kannst nicht horen? sagte auch Dieser sogleich aufbrausend. Der Einspanner im Walde es sprang Einer vom Bock herunter ich hab's deutlich gesehen hast du die Augen zugehabt?

Als der peitschenscheue Jack sich noch nicht recht zu besinnen vermochte, sagte Eugen Lasally:

Er ist ein blinder Hess'! Scher' Er sich!

Jack wollte gehen ....

Lasally rief ihn noch einmal zuruck und schwang die Reitgerte.

Jack blieb in einiger Entfernung.

Fuhre die Laura, sagte dieser, in die Schmiede unten! Das Thier hat Etwas. Es quihnt. Die Rackerei mit schlechten Reitern schadet einem guten Pferd. Es wird selbst angstlich, wenn Einer auf ihm Angst hat. Der Schmied soll der Laura Rhabarber geben. Aber mit dem Alten sprich

Mit dem Blinden?

Mit Dem! Der Blinde ist pfiffiger als der Junge, der taub ist.

Jack, zwar argerlich, dass er nicht in die Kuche konnte, wo Melanie's Madchen, Jeannette, die Manieren ihrer Herrin nachahmte und unter der Dienerschaft ebenso belebend und animirend wirkte, wie Melanie in ihrem Kreise, wandte sich jedoch gleich wieder um, sklavisch ergeben, stieg wieder den Schlossberg abwarts und wollte die Laura in die Schmiede bringen.

Lassst die Laura keine Minute aus dem Auge! rief ihm Lasally noch nach.

Wie Jack ging, wandte sich Lasally an Bartusch, der gerade voruber wollte:

Wissen Sie, wen ich im Wald gesehen habe, Bartusch?

Eine alte Hexe, hor' ich ja.

Lieber den Teufel selbst, sagte Eugen Hackert hab' ich gesehen.

Ach! meinte Bartusch mehr komisch als ernst verwundert; was denken Sie?

Ich gebe Ihnen mein Wort! Nehmen Sie's mit der Canaille nicht so leicht!

Wie kame Hackert ...

Ich will beschworen, dass auf einem kleinen Einspanner Hackert sass und als er uns bemerkte, ins Dikkicht sprang ....

Dass dich ! Aber was ware dabei zu furchten?

Zu furchten? Seit dem Abend ... seit dem Vorfall hinterm Zaune ... in der Konigsvorstadt ...

Es war auch arg genug, Herr Lasally!

Arg? Ich begreife Euch nicht! Ihr schont diesen Menschen.

Schonen, Herr Lasally? ...

Es kommt mir vor, als hatte Schlurck Angst vor ihm ....

Herr Lasally!

Ihr werft den Schlingel aus dem Hause und habt eine Zartlichkeit fur ihn ....

Zartlichkeit?

Er muss Euch in Handen haben ....

Uns? In Handen? Weil ihm Schlurck Vertrauen schenkte?

So etwas. Alle denkt Ihr an den Burschen, und Keiner spricht von ihm. Ihr hasst ihn und gebt ihm taglich Beweise von Liebe. Dahinter steckt ein Geheimniss ... ich bin nur zu stolz, auf Dienstboten zu horen.

Dienstboten, Herr Lasally ?

Sagen Sie der Jeannette, sie mochte, wenn sie Abends Punsch macht, unter den Bedienten, Kutschern und Jockeys nicht soviel in Euren Familiengeheimnissen kramen ....

Die Jeannette?

Ich sag' Ihnen soviel, Bartusch, wenn mir Hackert hier in Hohenberg in den Weg kommt ... ich kenne mich selbst nicht. Es ist mir, als ware Das mein boser Feind. Ich bin im Stande und schiess' einmal den Hund nieder.

Herr Stallmeister!

Warum schonen Sie ihn? Warum dulden Sie, dass er zudringlich ist? Was ist er? Was kann er wollen? Was kann er fur Anspruche haben?

Anspruche? Sieh! Sieh! Hat die Jeannette etwas von Anspruchen gesagt?

Ich weiss nichts, was die Jeannette gesagt hat und habe meinen Leuten verboten, bis in die Nacht um die Punschterrine des tollen Madchens zu sitzen und abscheuliche Indiscretionen anzuhoren.

Wirklich die Jeannette?

Lasally antwortete nicht und liess den erschrockenen grauen Actenwurm, Herrn Bartusch, mit der Dose in der Hand, die er ergriffen hatte, um sich zu fassen, stehen ....

Lasally verfiel sogleich wieder in die ihm eigene blasirte Ruhe. Seine Mienen verzogen sich nie, sein blasser, etwas gelber Teint blieb bei der grossten Aufregung fast unverandert. Um elegantere Toilette zu machen, ging er auf das ihm angewiesene Zimmer, das von denen Melanie's und ihrer Mutter entlegener war, als er wunschte.

Melanie's Mutter sass schon oben vor dem Theetopf und erwartete ihre Gaste.

Man konnte die Frau Justizrathin Schlurck nicht im geringsten ehrwurdig nennen, wurde aber auch sehr Unrecht thun, wollte man einen gewissen Werth an ihr unterschatzen. Im Gegentheil besass die Frau des philosophischen Epikuraers Franz Schlurck hochst merkwurdige, hochst anerkennenswerthe Eigenschaften. Ohne eigentliche Bildung hatte sich die gewandte kleine Frau einen seltenen Reichthum von Erfahrungen erworben und eine gesunde naturliche Anlage zur Lenkerin aller ihrer oft treffenden Urtheile gemacht. Ohne ein besonderes religioses Bedurfniss war sie mitleidig, gab gern, unterstutzte Hulflose. Noch mehr, sie erkundigte sich nach den Ursachen der Leiden und half ihnen gern radikal ab. Wer Geld haben wollte, Dem gab sie Lebensmittel, und wer Lebensmittel begehrte, dem gab sie zugleich Arbeit. Eine Wochnerin in elenden Umstanden erregte ihre ganze Theilnahme; doch bediente sie sich dabei keiner Phrase, sondern griff zu, handelte, wirkte, riss die Fenster auf, wo es dunstig war, schalt, strafte, wo sie eigene Vernachlassigung bemerkte. Kinder, die bettelten, schickte sie in die Schule oder zeigte sie ohne Weiteres der Polizei an. Halbes und "Quengeliges", wie sie's nannte, konnte sie nicht leiden. Uberwiegend setzte sie bei den Menschen, wie sie sagte, "leider", das Schlechte voraus. Gute und aufopfernde Thaten mussten ihr erst bewiesen werden, bis sie daran glaubte. In ihrem Hause herrschte neben merkwurdiger Ordnung doch eine sehr grosse Uppigkeit, weniger weil sie selbst ihrer bedurftig war, als aus Rucksicht auf ihren Mann und Melanie, das besonders von diesem verwohnte, aber keineswegs "verquengelte" einzige Schoosskind ihres Gluckes. Denn glucklich schien Alles um sie her zu sein. Sie duldete wenigstens keinen andern Anschein. Gute Laune ging ihr uber Alles. Murrische und melancholische Menschen nannte sie im Geheimen eitel oder schlechterzogen. Sie duldete an ihrem Manne nie das trage schleichende Aufkommen einer griesgramigen Stimmung, von der der alte Bonvivant keineswegs ganz frei war. Sie liess allen seinen Neigungen und Leidenschaften ohne Ausnahme die Zugel schiessen, beforderte sie sogar oder schloss die Augen zu denen, die seinem Alter nicht ziemten. Das waren Erscheinungen, die uns wol misfallen konnen, aber mit ihrer Wahrheitsliebe und ungeschminkten Naturlichkeit nicht im geringsten im Widerspruche lagen. Sie wollte eben nur das Naturliche. Sie war eine Frau, von der man sagen mochte: Sie ist eine Najade; ihr Element ist das reine, frische, klare Quellwasser. Sie badete auch taglich. Und so war ihr auch zugleich geistig jedes "Muffige", wie sie's nannte, verhasst. Ein langer Kampf mit Leidenschaften schien ihr vollig nutzlos. Sie nahm ihren Mann, wie er war; sie nahm Melanie, wie sie war. Nur reinlich, nur sauber, nur frische Wasche und frischer Muth! Das Ubrige war ihr, wie sie's nannte, meistentheils "dummes Zeug". Hannchen Schlurck, aus einer einfachen, aber bemittelten Burgerfamilie, war dabei gar nicht unbelesen, gar nicht ungebildet und vollkommen fahig, in der grossen Welt zu reprasentiren. Schlurck's "Hannchen" war ein Philosoph wie ihr Gatte. Auf den Genuss hielt sie selbst fur sich gar nichts. Sie schenkte Andern Champagner in Stromen ein, trank aber selbst nicht. Und Melanie hatte Ahnlichkeit mit ihr. Die Mutter, verschweigen wir es nicht, die Mutter hatte von ihrer Tochter das Schlimmste vernehmen konnen, sie wurde nur bedauert haben, wenn Melanie dabei "dumm" gehandelt hatte. Ob sie sich dieselbe Freiheit gestattete? Ob sie sich in allen Beziehungen beherrschte? Es ist daruber schwer Etwas zu sagen .... Nur behauptete man, dass Bartusch, das Factotum ihres Mannes, einen grossern Einfluss auf sie hatte als Schlurck selbst, der nach ihrem Sinne nicht immer praktisch war. Das hinderte aber nicht, dass der Justizrath mit vollem Rechte oft laut ruhmen durfte: Er besasse in seinem saubern, klugen, runden, netten Hannchen die vernunftigste und respectabelste Ehefrau von der Welt!

Frau Pfannenstiel, die hier nur "geduldet" wurde "aus Rucksichten", die elegante Frau von Reichmeyer hatten sich bereits eingefunden. Etwas spater kam in sehr gewahlter Toilette auch Frau von Zeisel, eine sehr bestimmt auftretende unruhige, anspruchsvolle und doch gar kleinstadtische Dame. Auch die bescheidene Frau des Pfarrers Guido Stromer stellte sich mit diesem selbst ein. Herr von Zeisel, dem zuviel daran lag, die Gunst des allgewaltigen Administrators zu behalten, schlenkerte neben seiner Gattin her; so lang und weitlaufig er an Gestalt war, hatte er doch etwas Windspielartiges. Auch Herr von Reichmeyer kam mit Briefen und Zeitungen, die man ihm naturlich sehr gern fur sich zu lesen gestattete, um nur seine uble Laune nach dem gewagten Ritte und dem nicht gunstigen Resultat der Massa-Bilanz auf eine Zerstreuung abgeleitet zu sehen, die vielleicht auch die Andern unterhalten konnte.

Dem Pfarrer Guido Stromer hatte es eigentlich sehr befremdlich vorkommen mussen, in denselben Raumen, wo er so oft mit der frommen Furstin Amanda und allen ihren Schutzbefohlenen gebetet und gesungen hatte, jetzt einer sehr weltlichen Gesellschaft beizuwohnen. Allein dieser eigenthumliche Mann schien sich ziemlich leicht in die veranderte Stimmung dieser Atmosphare zu finden. Es waren dieselben hohen Zimmer, die von seinem Gebete sonst widerhallten, es waren dieselben grossen geoffneten Fenster, durch die die balsamische Kuhle des Sommerabends jetzt erquickend hereinstromte, wo sonst die Stickluft der vielen zusammengedrangten Bauern und Bauerinnen die Brust beengte. Aber ihm selbst schien es ganz wohl zu sein, von der Vergangenheit sich erlost zu sehen. Ob er freilich in seiner Unterwurfigkeit und Nachgiebigkeit gegen die veranderten Umstande des Schlosses Hohenberg nicht zu weit ging, mag sein Gewissen entscheiden. Die alte Brigitte z.B., die im Schlosse hin- und herwandelte und sich an die Wande druckte, um von all den neuen Kammerzofen, Kochinnen, Jagern, Jockeys, Bedienten nicht umgerannt zu werden, klagte den Pfarrer Guido Stromer laut genug an, dass er allerdings seinen Sinn geandert hatte. Oft stand er sonst bei ihr still und hatte gefragt nach Diesem und Jenem, von dem er wissen konnte, dass sie der Furstin davon wiedererzahlen wurde; jetzt aber, in gewahlterer Kleidung, mit bunten Tuchern und Westen, rannte Guido Stromer gleich allen andern Weltkindern an ihr voruber und that, als wenn er sie nicht mehr kannte und ihm eine Minute verlorenginge, die er hoffen durfte, in der Nahe dieser neuen Halbbesitzer von Plessen und Hohenberg zu verweilen! Schon in den zwei Jahren, als der Furst allein hier walten durfte (jedoch niemals ernstliche Anstalten dazu traf und nicht selbst erschien), hatte sich Stromers fruhere Gesinnung sehr abgekuhlt, wie die alte Brigitte oft genug der Frau Pfarrerin klagte. Diese, eine sehr einfache und nur in ihrem nachsten Kreise wirkende, mit vielen Kindern geprufte und, man kann wol sagen, von ihnen vollig zerbrockelte und zermurbte Frau, liess sich nicht gern auf Dinge ein, die ihr in Allem stark und sehr selbstbewusst auftretender Mann allein vertheidigen mochte. Stromer gehorte zu einer gewissen Classe von Gelehrten, die man "ewige Studenten" nennen mochte. Entweder war er wirklich ein Genie oder, was fur die Beurtheilung seiner Stimmung wol Dasselbe sagen will, er hielt sich dafur. Pietismus ist solchen Naturen der willkommenste Ableiter eines uberstarken Selbstgefuhls. Der Pietismus lehrt die Welt verachten und setzt sich uber das Urtheil der unausgewahlten Menschen hinweg. Guido Stromer war Pietist, solange die Furstin lebte. Jetzt aber, wo sich die aussern Anlehnungen dieser gottseligen Richtung nicht mehr in dem seiner Eitelkeit schmeichelnden Kreise vorfinden wollten, jetzt brach in dem Manne wirklich die alte Nichtbefriedigung eines sich zu nichts Gewohnlichem berufen dunkenden Gemuths hervor. Es war ihm oft, seine arme Frau litt sehr darunter als musste er beengende Fesseln brechen, als ware diese hausliche Umgebung eines Mannes seiner Art nicht wurdig, als waren ihm dieses Weib, diese funf Kinder nur wie von einem bosen Traume angezaubert worden. Guido Stromer war gerade in dieser vollsten Krisis begriffen. Die Erinnerung alter Zeiten erwachte in dem unglucklichen, unruhigen Manne. Er sah das Leben in neuen ihm bisher fern entruckt gewesenen Erscheinungen wieder so sonderbar lacheln, so eigenthumlich nicken und winken. Die nachsten Anspruche seines Berufs kamen ihm so qualvoll, so geringfugig vor, und obgleich er daheim immer eine gewisse Tobsucht, selbst in seiner fruhern demuthigen Periode gezeigt hatte, so war er doch seit einiger Zeit, wie Alle wussten, formlich aus Rand und Band, warf, die Magde erzahlten's, schon in der Fruhe seine Kleider dahin und dorthin, perorirte laut, wenn ihm nicht Alles gleich nach Wunsch sitzen und sogar der Spiegel Beifall schenken wollte. Er war sich unbewusst ein Vierziger geworden. Er sah, dass ihm die "Harmonie der Seele" zwischen ihm und einer furstlichen Durchlaucht die schone, unersetzliche Zeit von seinem achtundzwanzigsten bis vierzigsten Lebensjahre gekostet hatte. Er hatte nie zuruck, nie vorwarts geblickt. Er hatte sich die grosse Herrschaft, die er auf die Furstin ausubte, mit all den interessanten damit verknupften Anregungen, den Correspondenzen, den Beziehungen zu vornehmen Menschen genugen lassen. Er hatte fast mehr auf dem Schlosse als unter seinem Pfarrdache gelebt. Und nun war die Furstin todt. Der ausgestreute Same brachte keine Fruchte. Er sah, dass er seine Jugend verstreut, verzettelt hatte. Was besass er? Das Gefuhl einer unsaglichen innern Nichtbefriedigung. Oft schlug er sich verzweifelnd an die Stirn. Er rannte im Hause, im Felde, im Walde mit seinem langen gelbblonden, wirren Haar wie ein Besessener umher. Er qualte seine seit Jahren tief verschuchterte Frau, zankte ohne Grund die Kinder. Wie glucklich war anfangs die gequalte Mutter derselben, als die Fremden auf's Schloss kamen! Da wurde ihm anfangs wohl, da schien sein ganzes Wesen elektrisirt. Er bekampfte wohl Schlurck's Neologie, tadelte wol Reichmeyer's Indifferentismus, aber es waren doch Damen da, die ihn ehrten, anerkannten, die Grafin Bensheim machte wieder einmal einen fluchtigen Gegenbesuch auf Hohenberg, Frau von Sengebusch, die liebenswurdige Frau von Sanger, ... alles Das gab wieder eine Sammlung, eine Anregung, einen Reiz und die innere schlummernde "Poesie" wachte auf; vollends, als Melanie zuweilen an seiner Seite rauschte .... In der Art, wie manchmal Guido Stromer jetzt sein hier und da etwas graues gelbblondes Haar mit Selbstironie entschuldigte, wie er noch die rustigste Jugendlichkeit und eine gewisse alte akademische Genialitat aus seinen Gesichtszugen und seinem Benehmen sich selbst hervorschmeichelte, glich er dem Geheimrath von Harder trotz des Unterschiedes der Jahre. Auch ihm war Melanie gefahrlich geworden und seine Gattin fing zu zittern an, was in ihm wol schlummern, in ihm gahren mochte ...

Schon war auch Eugen Lasally eingetreten und hatte sich ziemlich entfernt von der um einen runden Tisch sitzenden und Thee trinkenden Gesellschaft an die offenen Fenster postirt, wo er eine Cigarre rauchte, deren Dampf er in den Garten hinausblies, als endlich die Flugelthur aufging und Melanie eintrat. Der Moment machte den Eindruck des feenhaftesten Schwebens und Rauschens. Sie hatte eine vollig veranderte Toilette gemacht. Etwas blass von dem Ritt, der nach einer momentanen Aufregung hintennach doch immer den Ausdruck der Abspannung und Erschopfung zurucklasst, hatte sie, dieser Erfahrung sich wohl bewusst, ein Kleid von rosafarbenem Krepp gewahlt, das in drei machtigen mit Atlasbandern verzierten Volants wie eine Wellenwoge sie umfloss. Hals und Arme von blendender Weisse waren unbedeckt und liessen nur an den Randern ein gesticktes spitzenreiches Unterkleid in schmalen Streifen hervorschimmern. Dann und wann zog sie in einer sehr anmuthigen, graziosen Bewegung eine Echarpe von weissem Chinakrepp uber Schultern, die oft aus dem weiten Ausschnitt des Kleides verfuhrerisch hervorglitten und den schonen gerundeten Nacken zeigten, den die Echarpe ebenso rasch wieder verbarg. Uber dem vollen zierlich zusammengelegten schwarzen Haar lagen, zuruckgekammt mit goldenem Kamm, die Vorderlocken und liessen die Schlafe so frei erblicken, dass man das vollendete Bild griechischer Schonheit zu sehen glaubte. Die Centifolie, die voll und schwer noch als letzter Schmuck im Haar befestigt war, gebuhrte ihr mit ganzem Rechte, wie ihr jede Blume, jede Frucht gebuhrt hatte, wenn sie ein anderer Paris der grossten Schonheit hatte zuerkennen sollen.

Eugen Lasally warf sogleich die Cigarre, Herr von Reichmeyer die Zeitungen von sich. Der Justizdirector und Guido Stromer stellten die Theetassen auf den Tisch. Sie hatten ihr Erstaunen uber die rasche Metamorphose auszudrucken, deren einzelne Bestandtheile zum Zeichen des hier herrschenden vertraulichen Tones von den Frauen analysirt wurden.

Ich bitte, sagte Melanie, schweigt nun! Lost mir nicht Alles, was da jetzt fertig und angepasst an meiner irdischen Hulle sitzt, gleich in Stoffe und in Ellenwaren auf! Das ist nun mit mir verschmolzen und Eins. Wer mir jetzt von Volants und dergleichen spricht, thut meinem Herzen weh, zu dem sie ... ja, ja seht sie Euch an! sie reichen fast hinauf zu ihm. Nein! Ich sage Euch keine Adressen. Kein Wort von Putzmacherinnen! Wollt Ihr still sein von Mademoiselle Florentine, von Franzchen Heunisch und Luise Eisold! Die Rose durft Ihr besprechen. Von der sag' ich Euch: von wo sie kommt! Auch wissen sollt Ihr, wohin sie geht ... Ich trage sie als Preis fur Den, dem ich heute Abend die Gunst meiner Seele schenke.

Und was muss man thun, um diese Gunst zu erobern? fragte der Pfarrer, der redegewandt nicht ansichhalten konnte und die Aufmerksamkeit davon abzulenken suchte, dass er aus seinem Garten Melanie mit Blumenzusendungen uberhaufte.

Nichts thun, Herr Pfarrer, sagte Melanie ... Nein! Nichts thun! Was muss man sein? Was besitzen? Danach soll gefragt werden und lassen Sie mir nur Zeit, uber das Seltenste und Schonste nachzudenken, wodurch sich ein Mann auszeichnen kann. Aber wir sind noch nicht vollzahlig. Noch fehlt unser alter brummender Hauskater Bartusch und demuthigen Sie sich, meine Herrschaften, noch fehlt der Glanz von Hohenberg, Se. Excellenz, der wirkliche geheime ...

Mit diesen kunstlich gezogenen Worten offnete sich, wie Melanie hinter sich gehort hatte, die Thur und Herr von Harder trat ein. Alles erhob sich. Es war wirklich ein unleugbarer Effect in seinem Auftreten, ein Effect, dem diesmal Niemand widerstehen konnte. Lag die Wirkung nun in dem kleinen silbernen Sterne auf der Brust oder in der gebrannten Perrucke und der hochst gewahlten Toilette; oder lag sie in dem Zuletzterscheinen ... genug die Wirkung war da und Excellenz setzten sich, sehr befriedigt von dem Eindruck, den ein Mann seiner Stellung in einem solchen doch nur mittlern Kreise hervorrief ... Wir werden kunftig sehen, wie Herr von Harder in der grossen Welt doch auch nur klein erschien, hier aber gaben ihm Tournure und selbstgespendete Sorgfalt in der That einen Schimmer von Interesse, der nur bei langerer Dauer sich dann nicht hielt, wenn er nicht kunstlich immer wieder angefacht wurde. Melanie ubernahm dies Amt. Ob aus neckender Spottsucht oder Coquetterie, ist schwer zu sagen. Soviel aber stand von ihr fest, dass sie sonst wirklich nicht zu den guten lieben Frauennaturen gehorte, die, wie z.B. die edle Anna von Harder that, die Schwester Paulinens, in einer Gesellschaft immer gerade den Bescheidensten hervorsuchen. Melanie hing sich an Den, der der Lowe des Cirkels war. Geist besass sie wol genug, um Das herauszufuhlen, was ihr geistig am meisten hatte genugen mussen; aber ihr Herz schlug nicht warm genug, um zu ertragen, dass man durch die Beschaftigung mit einem Bescheidenen selbst in den Hintergrund tritt. Hier war Herr von Harder der wichtigste und effectvollste und ihm widmete sie sich. Ware ein beruhmter Virtuose in diesem Augenblicke eingetreten und hatte wieder den Geheimrath verdunkelt, so wurde sie sich mit Diesem vermittelt haben. Sie war ein Schmetterling, der die Sonne und die leuchtenden Blumen liebt.

Man sprach Viel uber Vieles. Die Menschen sind nie so mechanisch und willenlos, wie da, wo sie sich in starker Anzahl ohne einen Zweck vereinigen. Man glaubt dann in der That unter Wesen zu sein, die ursprunglich niederer, halbthierischer Abstammung, nur durch eine eingelernte und angewohnte Ausbildung sich hoher aufschwingen. Man spricht um zu sprechen. Ein Jeder klammert sich an das Unbedeutendste, um daraus eine Art Friction, die man Geselligkeit, Gesprachigkeit nennt, hervorzubringen. Man ergreift Strohhalme und raisonnirt uber sie, wie uber die Achse der Erde. Ist eine solche Gesellschaft voruber, so kriecht Jeder wieder in das Schneckenhaus seines Interesses zuruck, bleibt Dem Feind, den er scheinbar heute als Freund begrusst hat, und spinnt die wahren geheimen Faden seines Daseins und Charakters so fort, wie er sie einmal anlegte, um sich durch das Labyrinth des Lebens fuhren zu lassen.

Man bedauerte die Muhe, die der Intendant mit dem Transport des furstlichen Mobiliars hatte ...

Fur welches Schloss, fragte der Commerzienrath, ist diese Einrichtung bestimmt?

Mein allergnadigster Konig, antwortete der Befragte, haben daruber noch nichts befohlen.

Mit dieser kurzen Erwiderung war eigentlich dies Thema abgeschnitten. Allein Stromer, der sich seit einigen Tagen wieder in jener feurigen, vulkanischen Stimmung befand, brach bei dieser Veranlassung durch und sprach folgendes Bedeutungsvolle:

Wenn nur Alles zusammenbleibt! Wenn nur Keins vom Andern getrennt wird! Das ist ja ein Leben, ein ganzes Dasein, was in einem solchen durch Jahre hindurch gesammelten Hausrath liegt! Man wurde ja hier einer Blume die Staubfaden entreissen und sie fur echt und vollkommen nicht mehr auszugeben wagen durfen, wenn man dieser Einrichtung irgend etwas entzoge oder sie wol gar theilte! Ja, ich gehe soweit, dass ich das Verwehen des Staubes, des Duftes beklage, den solche gewohnte Spuren eines bedeutenden Lebens und ein solches hat mit der Furstin ausgeathmet zuletzt annehmen! Wie stand da nicht Eines neben dem Andern in gewohnter Symmetrie! Das Bild des Heilandes prangte in einem geoffneten Flugelschrank von ausgelegter altdeutscher Arbeit. Immer schmuckten Blumen diese der Furstin heilige Statte. Wie oft betrachtete sie die Haupter der Blumen, die sich hier so sanft, so allmalig neigten, immer matter, immer matter, und zu den Fussen des Erlosers allmalig welkten, sowie er. Es sind Das da Kronen, sagte sie mir einmal, Diademe sind's und Ritterhelme, die so verganglich vor dem Herrn und Konig der Welt versinken. Und sie duldete nicht immer taglich frische Blumen, sie wollte erst die alten sterben, vergehen sehen, todt und geknickt, wie der Erloser. Sie war so sinnig, die liebe Frau in ihrer stillen Schwarmerei! Und wenn wir auch durch ihren Tod hier Alle, die wir sie umgaben, wie von einem schweren Traume befreit sind, der unsere Sinne gefangen nahm und uns zu sehr, zu sehr von der ublichen Ordnung des Lebens abzog, so ist ihr doch nur das Lob der edelsten Eigenschaften nachzusagen, und wenn ich wagen konnte, durch Ew. Excellenz Mund zu unserer zartfuhlenden Landesmutter zu sprechen, so wurd' ich bitten: Lassen Sie diese sinnige Einrichtung beieinander! Stellen Sie diese Schranke, diese Tische, Stuhle mit den vielen Andenken der Liebe, den gestickten, von frommwirkenden Vereinen ihr gewidmeten Kissen, den eingerahmten Blumenstucken, den gusseisernen, bronzenen, elfenbeinernen kleinen Nippsachen, die treffend gewahlte Bibliothek und besonders die werthvollen Bilder, die das Beste in Stichen wiedergeben, was Overbeck, Wach, Veit geleistet haben, der Gemalde nicht zu gedenken, von denen einige Originale sind und keinen vorubergehenden Werth ansprechen durfen, stellen Sie alles Das in irgend einem Landsitze des erhabenen Konigspaares auf! Man bewahrt auf diese Art ein Gemeinschaftliches, das mir vorkommt wie ein wandelbarer, fernwirkender, geheimnissreicher, elektrischer Leiter. Aus der Liebe geboren, weckt es Liebe. Ich bin gewiss, Niemand wird diese drei Zimmer der Furstin, selbst wenn sie, wie weiland die heilige Krippe von Bethlehem nach Loretto, anderswohin ubersiedelt wurden, ohne innerlichste, tiefste Anregung betreten und von dem Odem unergriffen bleiben, der fruher in ihnen wehte.

So sprach Guido Stromer, den wir bei dieser Gelegenheit schon vollstandiger kennen lernen. Als er diese Worte, die fast eine Rede waren, geendet hatte, blickten naturlich Aller Augen zum Intendanten und erwarteten von ihm eine Erwiderung. Guido Stromer hatte einen Wunsch vom Herzen geschuttet, der etwas Feierliches hatte. Der Geheimrath reprasentirte in dem Augenblicke. Die Einzige jedoch, die den gewaltigen Widerspruch einer so beredt vorgetragenen geistvollen Bitte und eines so unglaublich beschrankten Kopfes, wie Henning von Harder, sogleich ganz ubersah und nachfuhlte, war vielleicht nur Melanie's Mutter. Melanie hatte fur lange Perorationen uberhaupt keinen Sinn. Hannchen Schlurck aber, die Mutter, uberdachte in ihrer ublichen trockenen Weise diese Situation ganz kurz und sprach ihr Resultat leise zur Frau von Reichmeyer, die in ihrer Nahe sass, mit den Worten aus:

Was nutzt der Kuh Muskate!

Herr von Harder schwieg namlich ganz und nickte nur, statt aller Antwort. Er nannte sonst, von seiner Gattin unbelauscht, Ausserungen, wie sie der Pfarrer hier vorgetragen hatte, "schwulstig" und verwies auch ihre Beantwortung meist an seine Frau, die ein Organ dafur hatte. Er belachelte Alles, was ihm zu schwunghaft auftrat. Wusste er doch von seiner Gattin, wie kunstlich oft die Schwingen erst angebunden werden mussen, mit denen die grossen Geister vorgeben, naturlich zu fliegen ...

Melanie ubernahm es daher, das Gesprach fortzufuhren.

Ich ware gerade im Gegentheil dafur, sagte sie, dass eine so werthvolle Einrichtung ganz getheilt und uberallhin zerstreut wurde. Gehet hin in alle Welt und lehrt und prediget! Das kann man auch diesen kleinen Herrlichkeiten der frommen Furstin zurufen. Da kommt ein Briefbeschwerer Dem wieder vor Augen, dessen Briefe oft darunterlagen, eine kleine Stickerei Dem, der dazu Subscriptionen sammelte, und wenn sich dann in Allem, wie Sie versichern, Herr Pfarrer, jenes gewisse Parfum, der schone Duft der Liebe und Andacht wiederfindet, so wirkt Das sogar noch Wunder. Es macht Proselyten, bekehrt Heiden. Es gewinnt, ohne dass ein starres Herz es ahnt, wie ich immer, wenn ich bei der unglucklichen Anna von Harder in Tempelheide die Windharfe im Parke flustern und klagen hore, von Gefuhlen bewegt bin, die ich selbst nicht habe, mir aber aus Andern herausdenke.

Man fand auch diese Auffassung charmant. Der Geheimrath lachelte wieder und dachte bei sich, wozu diese Reden alle! Ich halte mich an den Buchstaben meiner Instruction! Was kann ich von meiner sentimentalen Schwagerin Anna und ihrer Windharfe im Dienste meines Monarchen brauchen?

Stromer aber drohte der Sprecherin mit dem Finger und mit blitzenden exaltirten Augen.

Zu weltlich! zu weltlich! sagte er. Aber Sie mogen in Ihrem Sinn Recht haben! Ich wollte nur in dem meiner verstorbenen Gonnerin mich aussprechen. Wenn man so viele Beweise der Huld empfing, wie die Furstin mir zutheilwerden liess, so ist man verpflichtet, das Gedachtniss der Spenderin in ihrem Geiste aufrechtzuerhalten. Ach! Ich fuhle wohl, wie mit den Menschen auch die Gedanken sterben, die sie zu verwirklichen schienen. Ich bin jetzt uber zwolf Jahre in diesem Orte und habe zehn Jahre lang taglich mindestens einige Stunden hier oben zugebracht. Die Furstin war von einer bewundernswurdigen Offenheit und fand eigentlich eine Art von Genugthuung darin, sieh durch Aufrichtigkeit zu demuthigen. Sie gestand jede Unwissenheit ein. Sie hatte, ich darf es so nennen, ein katholisches Princip, das ich naturlich nicht ganz billigte. War sie von irgend einem Gegenstande lebhaft erfreut, so schenkte sie ihn sogleich weg. Sie wollte ihr Herz an nichts hangen, ausser an die Betrachtung des Ewigen. So gern hatte sie die allgemeine Beichte unserer Kirche in eine Ohrenbeichte verwandelt und sich uber jeden Fehler umstandlich und unter Thranen ausgesprochen. Denn erst dadurch, sagte sie oft, kommt mir die Erleichterung von dem Druck, dass ein Anderer ganz weiss, was ich that. Was sind Sunden, die man nicht bekennt! Sie schrieb viel, zerriss es wieder, liess aber auch Manches stehen. Ich warnte sie oft vor der Gefahr, die mit dem Buchstaben verbunden ist, aber es erleichterte sie, sich schriftlich auszusprechen. Einige solcher Betrachtungen hab' ich ja als Manuscript fur Freunde spater drucken lassen. Sie gefielen naturlich nur da, wo man die rechte Stimmung mitbrachte. Jetzt freilich wurd' ich mich weniger so ganz darin verlieren, da die personliche Beziehung fehlt und nur fur das Personliche sprech' ich ja.

Melanie's Mutter, um der druckenden und allzu personlichen Vortragsweise Stromer's einen Damm zu setzen, sagte mit angenehmem Lacheln offen und ehrlich:

Ja, ja, Herr Pfarrer, tragen Sie nur jetzt den Kopf ein bischen mehr nach oben und lassen Sie die alten Zeiten ruhen! Es sind nun Leute in dies Schloss gekommen, bose, bose Leute, die sich gern freuen, dass es in der Welt hubsch munter und lustig hergeht. Wer nach uns einzieht, kann man freilich nicht wissen. Aber wer's auch sei, Herr Pfarrer, bleiben Sie nur jetzt bei unserm Glauben. Wollen Sie Das? Immer! Wissen Sie, es halt oben, und einmal lebt man nur. Das ist zwar Alles recht dumm geredet, aber gesund ist's, darauf verlassen Sie sich, und Ihre liebe Frau blinkt mir schon zu und meint: Justizrathin, da treffen Sie, was ich seit zwolf Jahren dachte. Nicht wahr?

Alles lachte uber dieses derbe, ehrliche Votum. Melanie sprang auf, die Mutter zu umarmen.

Du bist kostlich, Mama! sagte sie; ja baue du die Brucke, auf der der Herr Pfarrer wieder ins Leben zuruckkehrt. Ein so junger liebenswurdiger Mann! Ich sage Das, Frau Pfarrerin, Ihnen zum Trotz! Ich sollte nur hier wohnen und eine Zeitlang die Furstin von Hohenberg spielen durfen! Wie wollt' ich die Fenster aufreissen und Luft hereinlassen! Wie wollt' ich in die Hutten gehen, wo fruher fur die Heiden gesponnen und genaht wurde, und die Leute lehren, auch noch an viel schlimmern Menschen Geld zu verdienen! Und dann kame Excellenz und zauberten uns hier einen seiner schonen Garten wie in Buchau oder Solitude, wo die herrlichen Fontainen springen, die Wasserfalle rauschen und die Schwane auf den Teichen schwimmen ...

Eines Inspectors Mangold, der des Geheimraths rechte Hand war und nach englischen Studien alle diese Verschonerungen angegeben und lenkte, wurde dabei naturlich nicht gedacht ...

Habe zwei neue Schwane kommen lassen sagte der Intendant aus Island diplomatische Vermittelung mit Danemark seltene Race sehr elegante Thiere allerliebst!

Ich kenne sie ja, sagte Melanie. Im Atelier des Professors Berg wurden sie copirt zu einem reizenden Ledabilde, das Heinrichson entwirft ...

Heinrichson ganz recht! fiel der Intendant ein. Meine Frau protegirt Heinrichson und hat mich veranlasst, ihm die beiden islandischen Schwane aus Island kommen zu lassen, wollt' ich sagen, zu versprechen, ... dass sie ... ich meine, dass sie ihm aus dem koniglichen Ankauf geliehen wurden ...

Das mehrfache Versprechen war fur Diejenigen komisch, die da wussten, dass Frau Geheimrathin von Harder fur den schonen und eleganten Maler Heinrichson wol noch grossere Opfer gebracht hatte, als nur eine Veranlassung, dass zwei schone wilde Schwane ... vom Konig fur ihre Privatinteressen angekauft wurden ...

Lasally kannte dies Verhaltniss und wollte sich einige spottende Bemerkungen daruber erlauben. Doch unterbrach ihn Melanie:

Heinrichson war von dieser Aufmerksamkeit so geruhrt, dass er auch der Freundin der Geheimrathin, Frau von Trompetta, versprochen hat, ein Blatt fur ihr Gethsemane zu malen.

Bitte, sagte der Geheimrath scherzend, bitte Fraulein Melanie, nicht der Frau von Trompetta, sondern mir, mir direct hat er es versprochen. Ich hab' ihm die beiden Schwane, festgebunden naturlich, selbst gebracht, wie sie vom Schiff kamen und war dabei, als er sie zeichnete ... Sie waren schrecklich wild ...

Ganz Recht, fuhr Melanie lachend fort, aber Frau von Trompetta stand doch wahrend dem Acte hinter einer spanischen Wand

Ofenschirm, verbesserte der Geheimrath.

Gut, Ofenschirm ... und gedeckt von diesem Sittlichkeitsfacher unterhandelte Frau von Trompetta mit Heinrichson uber das Gethsemane und schrie entsetzlich uber die bosen Schwane und verwunschte die frivole Malerkunst und eine grosse holzerne Puppe ....

Melanie konnte vor Lachen nicht weiter.

Ja, sagte der Geheimrath, ganz Recht! Die grosse holzerne Puppe sollte namlich den Moment bezeichnen, wo die Lady von den Schwanen beangstigt wird. Die Puppe stellte die Lady vor

Die Leda, corrigirte Melanie Leda, Excellenz!

Ganz Recht! Die Puppe war die Lady und der Schwan, nicht wahr? Der Schwan war eine verkleidete Gottheit ....

Jupiter! rief Melanie, wahrend alle Die, die ein wenig Mythologie verstanden, sich auf die Lippen bissen und die Ubrigen gespannt zuhorchten ....

Ganz Recht, Jupiter ... in einem Travestissement ... es ist nur eine Maskerade ... und mein Franz hielt den einen islandischen Schwan so fest an den Flugeln, dass das wilde grimmige Thier furchtbar tobte und mit den Flugeln ausschlug ....

Und Frau von Trompetta hinter dem Ofenschirme schrie erzahlte Melanie unter fortwahrendem Lachen schrie, als stake sie am Spiess und rief: Excellenz, er beisst! er beisst!

Er biss auch, sagte der Geheimrath. Bei Gott! Er hat Franzen gebissen ... schickte deshalb in die Thierarzneischule ... beinahe hatte ja das wilde Thier die ganze holzerne Lady in Grund und Boden zertreten ....

Leda! Leda! Excellenz; eine allerliebste Nymphe aus dem Alterthum berichtigte Melanie.

Enfin, schloss Baron von Harder, der sehr angenehm ins Feuer gerieth, enfin, Frau von Trompetta fiel uber diese antike Scenerie in Ohnmacht, und meine Frau, die ja dabeistand, wusste nicht, womit wir sie anders trosten sollten, als ....

Ich zeichnete im Nebenzimmer, unterbrach Melanie, und beobachtete den ganzen Vorfall. Die geistreiche Frau Geheimrathin schalt Frau von Trompetta in einem kaum unterdruckten Zornausbruch kindisch und sagte vor allen Malern: O, schamen Sie sich, Trompetta. Sie furchten sich vor Schwanen und reden den ganzen Tag vom Schwanenorden! Das sagte sie und fugte hinzu: Das ist nun da ein Schwan, ein echter islandischer! Und nun machen Sie den Larm! Aber, bei aller Achtung vor der Geheimrathin von Harder, ich hielt diese Vorwurfe fur ungerecht. Ich glaube, Frau von Trompetta fiel in Ohnmacht nicht uber das Beissen der Thiere, sondern uber das Sujet des Herrn Heinrichson, uber die Puppe, uber die Idee des Ganzen. Heinrichson zeichnete lachend und freute sich, je wilder und toller sich das abscheuliche Thier gebehrdete ....

Die Schwane machten Aufsehen, fuhr Herr von Harder fort. Man wollte sie sehen, alle Freundinnen meiner Frau wohnten den Wiederholungen der Action bei, und Frau von Trompetta ... denken Sie sich, Frau von Trompetta gewohnte sich an das Schauspiel und hatte spater selbst darum gebeten, noch einmal dabei sein zu konnen, falls sie von der Estrade in dem Atelier aus zusehen durfte. Aber wie gesagt, das erste mal, aus Furcht, gebissen zu werden, fiel sie in Ohnmacht, sodass meine Frau nichts Anderes wusste, sie wieder ins Leben zuruckzurufen, als dass Heinrichson ein beruhmter Maler, sehr ausgezeichneter Kunstler und Weltmann versprach, meiner Frau zu Gefallen und aus Dank fur die koniglichen Schwane ihr nun auch ein schones Blatt fur das Gethsemane zu machen.

Ah! sagte man allgemein, von der Anekdote vortrefflich unterhalten. Alle lachten, selbst Frau Pfannenstiel. Nur Einem schien dieses Durcheinander von Lachen, Erzahlen und Fragen im hochsten Grad unheimlich, dem Pfarrer Guido Stromer. Die Ausdrucke: Maler, Schwan, Schwanenorden, Leda, Solitude, Gethsemane gingen so bunt an seinem Ohr ubereinander weg, dass ihm schwindelte. Aber die heilige Entrustung, die er sonst bei einer Erzahlung wurde gefuhlt haben, die so ganz und gar nicht in die alten Erinnerungen dieser Raume passte, uberkam ihn zu seinem eigenen Staunen nicht mehr. Zu lachen vermochte er freilich nicht. Fehlten ihm doch die Verbindungsfaden naherer Bekanntschaft mit den Personen und die genauern Details. Aber es war da Etwas in ihm von eigenthumlichen Jugenderinnerungen, die ihn ergriffen und ihn wonnig uberrieselten. Er gedachte, so im Stillen grubelnd, der Zeiten, wo er noch in akademischen Jahren den Trieb hatte, bei einem beruhmten Archaologen Kunstgeschichte zu horen, wo er noch mit aufmerksamer, herzinniger Betrachtung durch die Sale einer Kunstausstellung schreiten und marmorne Gestalten mit Professor Tholuck, den er in Halle spater horte, noch nicht Gotzenbilder nannte! Er strich sich nachdenkend uber die Augen, er, der ausser Melanie der Einzige war, der etwas Genaueres von der Mythe der Leda, die die Unwissenheit des Intendanten mit einer Lady verwechselt hatte, verstand und diese Mythe zu deuten wusste. Als nach dem Lachen eine Pause eingetreten war und Alles nun zu ihm, dem heiligen schweigenden Manne, mit einer gewissen Befangenheit hinblickte, sagte er mit sehr leiser Stimme:

Ich wollte mir nur die einfache Frage erlauben, was es mit dem vorhin mehrerwahnten Gethsemane der Frau von Trompetta fur eine Bewandtniss hat?

Melanie erklarte es ihm, indem sie noch einige Entdeckungen uber die Art, wie Frau von Trompetta ihr Album zu sammeln und einer gewissen gerauschvollen Wohlthatigkeit zu widmen verstand, zu erzahlen wusste.

So! so! war Stromer's ganze Antwort. Er versank in ein stilles Nachdenken und spann Betrachtungen fur sich aus, die ihn auch auf die grosse Ahnlichkeit fuhrten, die zwischen einer von ihm einst bewunderten Leda der dresdener Galerie und der reizenden Melanie bestand. Er blickte nieder, brutend, abwesend und nur unheimlich schoss sein Auge zuweilen einen Blick empor, der forschend uber die Versammlung glitt. Er uberdachte einen andern Entwickelungsweg, den er hatte zurucklegen konnen, wenn die hohe Frau, die ihn an den Pietismus, an sein einfaches Weib, an seine funf Kinder und diese Dorfpfarre fesselte, nicht eine Furstin gewesen ware ....

Nachdem sich, wie immer, wenn ein Gegenstand erschopft ist, um den Theetisch eine gewisse Stille eingestellt hatte und Henning von Harder noch in dem Gefuhl, durch interessante Entdeckungen eine ganze, wenn auch seiner nicht wurdige Gesellschaft angeregt zu haben, sich wiegte, versuchte nun auch der Commerzienrath von Reichmeyer sich geltendzumachen. Er stellte seine Theetasse auf den runden Tisch, auf dem inzwischen schon die grosse Lampe aufgetragen wurde, rausperte sich und bemerkte:

Soeben las ich in der Zeitung die Ankunft des Prinzen Egon von Paris.

Wer kennt den Prinzen Egon? fragte Melanie mit einiger Lebhaftigkeit, ohne jedoch aufzuhoren, sich in einem Fauteuil lang auszustrecken und dabei sorglos und fast abgespannt mit einem Facher von Maraboutfedern zu spielen.

Als Alles schwieg, richtete sie ihren Blick auf den Intendanten und sagte:

Sie vielleicht, Excellenz?

Ich habe nicht die Ehre, Se. Durchlaucht zu kennen, bemerkte Herr von Harder.

Commerzienrath von Reichmeyer theilte daher mit, was er wusste.

Der Prinz, sagte er, kann jetzt etwas uber sechsund-zwanzig Jahre alt sein. Er wurde von seinem zwolften Jahre in Genf erzogen, kam achtzehn Jahre alt nach Deutschland zuruck, um jedoch sogleich die Universitaten von Bonn und Heidelberg zu besuchen. Er versuchte dann ein Jahr in der Nahe seiner Familie zu leben, war aber so wenig mit den Maximen seines Herrn Vaters in Einklang zu bringen, dass er Deutschland wieder verliess, nach der Schweiz zuruckkehrte und auf Reisen theils in Frankreich, theils in England zubrachte. Eben im Begriff nach Nordamerika sich einzuschiffen, traf ihn die Kunde vom Tode des Generalfeldmarschalls. Mit der bestimmten Erklarung, sich den Antritt seines uberschuldeten Vermogens noch vorzubehalten, einer Erklarung, die er an die Curatoren der Masse vorausschickte, ist er nun zuruckgekehrt; indessen hoffen wir Alle, dass er sich von diesem Entschlusse abbringen lasst und durch weise Sparsamkeit von den Besitzungen, die einmal seinen Namen tragen, soviel rettet, als noch zu retten ist.

Melanie nannte Das geschaftliche Ausserlichkeiten. Sie wollte Anderes von dem Prinzen Egon horen. Wie sein Ausseres ware, sein Wuchs, die Farbe seiner Haare, sein Wesen und Benehmen ....

Nach Allem, was man hier und da von dem Prinzen erfahren hat, sagte sie mit trockenem ironischem Humor, muss man wol darauf rechnen, in ihm eine grosse Ahnlichkeit mit Sr. Excellenz zu finden.

Diese Bemerkung fiel naturlich allgemein auf.

Wie so? In der That? Mit Excellenz?

Da wir nicht hoffen konnen, fuhr der Schalk fort, dass der Prinz mit meinem guten Vater, den er zu hassen scheint, weil er sein Herz nicht kennt, verkehrt, so bleibt uns nichts ubrig als uns an Diejenigen zu halten, die ihm ahnlich sehen. Man ruhmte mir schon oft den eleganten Fuss und die kleine weisse Hand des Fursten ....

Uber diese Spitzbuberei brummte die Mutter etwas erschrocken vor sich hin und Alle fuhlten, dass Melanie die Gesellschaft auf Kosten eines Mannes, der den Spott nicht merkte, unterhalten wollte. Harder errothete, er wurde unruhig. Er ruckte mit dem Stuhl und schien plotzlich sprachunfahig.

Auch Eugen Lasally erschrak. Er schien an Melanie's Komodienstreichen keinen Gefallen zu finden und druckte Dies genugsam durch die Scharfe des Tones aus, mit dem er das Wort ergriff und sagte:

Prinz Egon gilt unter den Leuten, die ihn kennen, fur einen halben Gelehrten. Manche seiner Universitatsfreunde nennen ihn uberstudirt. Er soll erst die Rechte getrieben haben, jetzt aber ein Narr sein. Man sagt, er hat drei Handwerke, Tischler, Schlosser und noch eins gelernt, ich weiss nicht, Horndrechsler, Friseur, Kammmacher oder welches andre solide Metier!

Wahrend jetzt besonders Herr und Frau von Zeisel uber diese Ausserung eines kecken jungen Fremdlings erschraken, bestand Melanie sogleich darauf, diese dritte Profession musste die Kammacherei sein ....

Das Haar ist die schonste Zierde des Menschen, rief sie. Ob ein Haar sich gefallig lockt oder schlicht am Scheitel fallt, ob es die Stirn bedeckt oder ihre Flache frei erglanzen lasst, immer ist es der lebendigste Sprecher fur den Charakter, der in dem Kopf unter ihm schlummert. Kammmacher, nicht wahr, Excellenz?

Herrn von Harder war diese Bemerkung allein gewidmet. Sie galt seinem Haar. Aber, im Hause des Gehenkten ist nicht gut von Stricken reden. Der Blick auf seine pariser Bagno-Perrucke, die Franz, sein Bedienter, wie das naturlichste Haar zu krauseln verstand, erschreckte ihn doch. Es war ihm daher nur erwunscht, dass man vom Scherz auf Ernstes zurucklenkte ....

Wir lachen, sagte der innerlich etwas entrustete Justizdirector von Zeisel mit beklommener Stimme, wir lachen uber die wunderlichen Sagen, die man sich von Sr. Durchlaucht, meinem gnadigsten Prinzen Egon erzahlt. Soviel steht allerdings fest, dass Prinz Egon ein ... ein ... ein sehr unglucklicher junger Mann ist. Denn ... erlauben Sie die Bemerkung ... denn denken Sie sich eine Jugend, die allerdings nicht behaglicher, angenehmer sein konnte, als noch die reichen Mittel des Vaters, ich sage, als diese noch ... noch beisammen waren. Aber schon im genfer Pensionat muss er gefuhlt haben, wieviel ... sozusagen ... wieviel Storungen in dem Hauswesen seiner Altern eintraten. Als er, es war gerade Winter und die Furstin in der Residenz, von Genf zuruckkam ... entdeckte er ohne Zweifel die gewaltige, wie soll ich's nennen? allerdings ... die Zerruttung des schon lange gestorten ... oder ist Das zuviel gesagt? ... nein! allerdings des gestorten hauslichen Friedens zwischen den beiden hohen Personen. Wir sahen ihn hier gar nicht. Er bezog sogleich im nachsten Fruhjahr die Universitat. Nach seinen akademischen Studien lebte er mit seiner Mutter einige Wochen auf den Gutern der Familie, uber die sie damals noch ... hm! hm! ... ja noch! ... im obern Gebirge frei ... ja allerdings frei zu schalten hatte. Dann ist er, wie ganz richtig erzahlt wurde, sozusagen verschollen, und was man von ihm erfuhr, war in der That ein wunderbares Durcheinander der seltsamsten Dinge, die er, wie man erzahlt hm! hm! treiben, wenn man diesen Ausdruck brauchen darf treiben soll und unter Anderm allerdings auch die Nachricht uber seinen Entschluss, sich ... wie soll ich's nur nennen? ja allerdings ... sozusagen, sich mechanische Fertigkeiten anzueignen.

Und niemals war er in Hohenberg? fragte man, nach dieser hochst discreten Rede eines taktvollen und feinfuhlenden Beamten, allgemein erstaunt und sah dabei auf Guido Stromer, der noch immer abwesend und wie in Traumen verloren schien.

Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! hiess es, wo waren Sie?

Ei! ich wette, sagte Melanie, Sie sind noch immer bei der Scene mit dem Maler Heinrichson. Ja! Ja! Sie uberlegten, wieviel Genuss Ihrer verstorbenen Freundin, der Frau Furstin, die Bekanntschaft mit dem Album der Frau von Trompetta verschafft haben wurde.

Guido Stromer war allerdings noch bei jener Scene, aber im vollig andern Sinne. Dennoch sammelte er sich und sagte:

Ich leugne nicht, dass ich das Vertrauen der Furstin in seltenem Grade besass, und uberlegte bei mir im Stillen, wie sie wol eine so erpresste Wohlthatigkeit, von der Fraulein Melanie erzahlte, beurtheilt haben wurde. In ihrem Geiste sagte ich mir: Wenn der Kunstler soll mit Gewalt gezwungen werden, in das Gethsemane einen Beitrag zu stiften, so ist ja in der That dieses Album recht ein Thranengarten, wie der Name bedeutet, und Judas der Verrather lauert ja mit dem falschen Kuss der Liebe an seinem Eingang. Frau von Trompetta gleicht da dem heiligen Crispinus, der den Reichen das Leder stahl, um den Armen daraus Schuhe zu machen. Nimmermehr wurde die selige Furstin eine solche Unternehmung, etwa durch Ubernahme von Loosen, unterstutzt haben. Denn es liegt doch wol kein Segen in Dem, was nicht aus reiner Quelle fliesst ....

Nun, Herr Pfarrer, meinte Herr von Reichmeyer, der erst seit seinem letzten Knaben Christ war, wenn das Album mit zweihundert Louisdors verkauft wird und der Betrag, ich will einmal sagen, an das Waisenhaus kame, um den Kindern daraus warme Jacken anzuschaffen; die Jacken halten ebenso warm, ob nun das Album zusammengebetet oder zusammengebettelt wurde.

Stromer horchte auf und betrachtete den witzigen Sprecher mit ernster Miene. Und gleichsam als wurdigte er ihn keiner Antwort, wich er der weitern Debatte mit den leisen Worten aus:

Irr' ich nicht, so hort' ich vorhin den Namen des Prinzen Egon erwahnen?

Melanie, die eine unbehagliche Stimmung in der Gesellschaft nicht wollte aufkommen lassen, bestatigte diese Bemerkung.

Allerdings! sagte sie. Er ist ganz frisch von Paris angekommen. Kennen Sie ihn, Herr Pfarrer?

Geistig sehr wohl, sagte Stromer. Gesehen hab' ich ihn niemals.

Er war auch zu Ihrer Zeit nicht in Hohenberg? bemerkte Herr von Zeisel und fugte bei:

Seit meinem Amtswirken wenigstens ist er abwesend.

Doch! doch! lieber Herr Justizdirector, erzahlte Stromer; Prinz Egon lebte bis in sein vierzehntes Jahr grosstentheils hier in Hohenberg. Mein Amtsvorganger war damals sein Erzieher. Spater verbrachte er, nach vollendeten Universitatsstudien einmal acht Tage hier acht Tage wo Sie eine Inspectionsreise machten und ich, entsinnst du dich, Linchen, lag ja wol krank?

Linchen, seine Frau, nickte. Sie war so schuchtern, kaum ein leises Ja! zu flustern.

Als ich wieder vom Krankenlager erstand, fuhr Stromer fort, erzahlte mir die Furstin, wie wenig sie sich mit ihrem Sohne verstandigen konne. Beide Gemuther, in so vielen Dingen nahe verwandt, trennten sich gerade in den wichtigsten Lebensfragen. Sie liebte den Prinzen, ihr einziges Kind, mit einer Leidenschaft, deren Ausbruche mich oft in Angst versetzten. Nie konnte sie seiner ohne Thranen gedenken. Wenn sie einen Brief von ihm empfing, klopfte ihr das Herz mit horbaren Schlagen. Sie schluchzte, indem sie ihn las, und gestand mir, dass sie sich durch dies Kind oft unglucklicher fuhle, als selbst ein Mutterherz tragen konne. Rudhart, mein Amtsvorganger, hatte dem Prinzen die ersten Grundlagen seiner Bildung gegeben. Es war Dies ein strenger, unfreundlicher Mann, der in der Religion nur eine gegenseitige Ubereinkunft der Menschen sah, sich nicht zu morden und zu bestehlen. Diese Ubereinkunft war ihm durch den Lauf der Zeiten so oder so verbramt, bunt und willkurlich ausgeschmuckt, sodass er Christenthum und Islam ineinanderwarf, wenn nur der ausserste Zweck einer gewissen moralischen Haltung und Erziehung durch diese Religionsformen erzielt wurde. Als dieser Seelsorger, ein sonst sehr achtbarer Mann, unserer Gemeinde entsagte und zu einer deutsch-russischen Familie in Liefland zog er scheint jetzt verschollen , war mit der Furstin schon langere Zeit jene Veranderung vorsichgegangen, die sie bestimmte, nicht nur einen Geistlichen der jungern und neuern Richtung zu wahlen, sondern auch ihren Sohn vorzugsweise nach Genf zu schicken in die Anstalt des Professors Monnard, wo sie gewiss sein durfte, ihn nach ihren Principien erzogen zu sehen. Solange Prinz Egon in diesem Institut verweilte, erhielt die Mutter von ihm zwar etwas kalte, aber doch in religioser Hinsicht beruhigende Briefe. Man konnte oft zweifeln, ob diese Briefe der reine Erguss seines Innern oder nur Schulubungen waren. O Gott, rief sie einst aus, wenn diese Briefe von den Lehrern erst deshalb gelesen wurden, um auch ihren Geist so zu corrigiren wie die Sprachfehler! Wenn Egon nur aus Furcht, seinen Lehrern zu misfallen, so schriebe, wie ich wunschte, dass es ihm aus innerster Seele kame! Als ich sie dann, die treffliche Frau, damit zu beruhigen suchte, wie ja Allem, was dereinst uns innerlich und ureigen werden solle, doch wol erst etwas Ausserliches und anderswoher Entlehntes vorangehen musse, antwortete sie: Wie aber, wenn dies ungern Aufgenommene in Egon's Seele nicht haften bliebe, sich nicht in sein eigenstes Blut verwandelte und von seinem eigenen Bedurfniss nach himmlischer Starke erganzt wurde! Leider trafen diese Befurchtungen ein. Als Prinz Egon, neunzehn Jahre alt, in der Residenz mit der Mutter zusammentraf und die Universitat beziehen wollte, schrieb sie mir, wie kalt, ich wiederhole ihre Worte, wie kalt sie sein Herz gefunden hatte. Eis, sagte sie, gab er mir fur die Glut meiner Liebe. Ich suchte sie damals zu trosten; ich verfiel, ich weiss nicht wie, auf die Wendung, dass vielleicht einmal ein grosses Ungluck ihm heilsam werden konnte. Diesen Gedanken hielt sie, als sie nach Hohenberg zuruckkam, mit auffallender Zahigkeit fest. Immer wieder kam sie darauf zuruck, dass man nur durch Trubsale und Prufungen zur Erkenntniss seines wahren Heils gelange. Und Wahrheit, Wahrheit, Wahrheit! rief sie eines Tages ganz krampfhaft aus und sank erschopft in ihren Sessel zuruck. Die zerrutteten Finanzen des Vaters gaben viel Veranlassung, dem Prinzen fuhlbar zu machen, wie abhangig er doch im Grunde von aussern Umstanden und Bedrangnissen war. Aber der Bruch blieb. Mit dem Vater und der Mutter zerfallen, lebte er auf der Universitat, ich kann wol sagen, wild in den Tag hinein, schrieb oft in einem halben Jahre nur einmal nach Hause; dem Vater ohnehin nie. Zuletzt bezog er die Summen, deren er benothigt war, vom Herrn Justizrath Schlurck, der ihm auch den Tod der Mutter, spater den des Vaters anzeigte. In den letzten Wochen vor ihrem Tode hatte die Furstin die Freude, auf Anlass ihrer immer mehr zunehmenden Krankheit noch einen hingebenden, recht zartlichen Brief von ihrem Sohne zu erhalten. Sie kusste ihn unter Thranen, sagte dann aber, ernst sich aufrichtend und auf ein Bild des Erlosers blickend: Der ist die Wahrheit und das Leben! Sie hatte damals noch ihre letzten Krafte zusammengerafft, um ihr Testament, ein langeres Vermachtniss, an ihren Sohn niederzuschreiben. Ob es in die Hande des Vaters gekommen; ich weiss es nicht. Sie starb, ich wiederhole Brigitten's Erzahlung, mit dem sonderbaren Ausrufe: Das Bild ! Mit diesen, wahrscheinlich auf ein Crucifix sich beziehenden Worten lahmte ein Schlag die Zunge und wenige Augenblicke darauf war sie verschieden.

Auf jenen letzten Ruf der Furstin hin, erganzte der inzwischen leise schleichend eingetretene Bartusch die eine feierliche Stille verbreitende Erzahlung; auf diesen Ruf hin hat der Furst beim Verkauf des Nachlasses seiner Gemahlin auch angeordnet ...

Bartusch stockte, mit einem Blick auf den Geheimrath, der vom Tode nicht gern erzahlen horte.

Was angeordnet? fragte man allgemein.

Ich vermuthe wenigstens, sagte Bartusch, den Geheimrath dreist fixirend; ich vermuthe, dass die letztwillige Erklarung des verstorbenen Fursten, alle Familienbilder auf Hohenberg sollten dem Sohne ubergeben und von dem Verkauf an das konigliche Haus ausgeschlossen bleiben, auf diesen letzten Worten seiner Gemahlin beruht.

Der Geheimrath machte eine unruhige Bewegung.

Herr von Zeisel glaubte ihn zu verstehen und fiel rasch ein:

O, mein Herr Bartusch, es ist diese Anordnung doch wol nur die schuldige Rucksicht eines beruhmten Geschlechts auf seine eigene Ehre oder sozusagen ... den Glanz seines Hauses. Nicht wahr, Eugenie?

Eugenie, seine Gemahlin, bestatigte diese Worte mit einem kurzen vornehmen:

Allerdings!

Sie war eine geborene von Nutzholz-Dunkerke.

Nun! Nur soviel weiss ich, vertheidigte sich Bartusch mit vieler Trockenheit und wollte den ihm von der Justizrathin zugeworfenen Wink nicht verstehen; soviel weiss ich, die Furstin war ohne alles Vermogen. Prinz Egon konnte ein mutterliches Eigenthum nicht beanspruchen. Die Familienbilder und eine aus der Verwaltung des Schuldenwesens fur ihn sich herauswerfende Apanage von jahrlichen sechstausend Thalern bilden in diesem Augenblick seinen ganzen Besitz. Es wird ihm in Deutschland nicht lange behagen, zumal wenn es wahr ist, dass er Bier trinkt, in die Vereine der Handwerker geht, Colonieen stiften will und ahnliche Phantastereien treibt, mit denen man sich bei uns hochstens eine vorubergehende Popularitat erwirbt, aber die vielen Feinde, die sich das Haus Hohenberg so schon zugezogen hat, in den obern Regionen leicht vermehren wurde.

Frau von Reichmeyer, die es fuhlte, dass sie zu lange geschwiegen hatte, um nicht fur beschrankt zu gelten, ergriff diese Gelegenheit zu der Frage:

Woher kommen nur diese Feinde?

Liebe Schwester, sagte Eugen, wer kein Geld hat, hat keine Freunde, und keine Freunde haben ist soviel, wie Feinde haben.

Der Furst, erklarte Herr von Zeisel, setzte leider seine Wurde zu oft aufs Spiel und verdarb es mit denselben Protectoren, denen er es mislich, ja schwer machte, das Wohlwollen, das sie fur ihn fuhlten, immer auch offentlich zu zeigen ...

Nein, nein, seien Sie aufrichtig, fiel Stromer ein. Verschweigen Sie nicht, Herr Justizdirector, wovon wir bei unsern nahern Beziehungen zur Furstin so oft Gelegenheit hatten, uns zu uberzeugen; verschweigen Sie nicht, dass es wirklich eine geheim angelegte sonderbare Mine der Intrigue gegen die Furstin gegeben hat! Sie wissen, wie oft sie uber die Bosheit und Heuchelei der Menschen bei wirklich rathselhaften Veranlassungen klagte. Sollte Ihnen entfallen sein, welche Namen sie nicht selten als die ihrer argsten Feinde bezeichnete? Ich erinnere Sie an eine Dame

Stromer hielt absichtlich inne. Herr von Zeisel wurde unruhig, uberroth, seine Gemahlin erblasste, Beide blickten erschrocken bald auf den heute sehr tapfern, angeregten Pfarrer, bald auf Herrn von Harder, dem seit Erwahnung der Bilder dies Gesprach verdriesslich, ja unehrerbietig erschien.

Genug, sagte Stromer. Die Feinde des furstlichen Hauses mogen verschuldete sein, es sind ihrer aber auch solche, die wol nur dadurch entstanden, dass die Furstin Amanda in ihrer Jugend sehr schon, sehr liebenswurdig und von aller Welt angebetet war ....

Bei diesen Worten erhob sich Herr von Harder. Er ahnte in ihnen eine Beziehung zu seiner Gemahlin. War er auch wenig in die eigenen Lebensbezuge derselben, die erst seit zehn Jahren seine Gattin war, verwachsen, so wusste er doch, nach der ihm von der energischen Frau gegebenen Anweisung, sehr vollkommen, welche Farbe er in dieser, uberhaupt in jeder Gesellschaft halten musste. Sie sagte ihm ja immer: Sei kalt oder warm gegen Diesen oder Jenen! Und ohne dass er die Grunde dafur erfuhr, war er dann eiskalt gegen Den oder in seiner Weise gluhend gegen Jenen. Er wusste vollkommen, dass seine Gattin in altern Tagen, noch wahrend ihrer ersten Verheirathung mit ihm fuhrte sie die zweite Ehe mit der Furstin verfeindet war; er hatte noch neuerdings, wo gerade auf ihre Veranlassung der Ankauf der Hohenberg'schen Einrichtung betrieben wurde und sie sich vor Ablieferung an den Hof die genaueste Untersuchung derselben in der Residenz bedingte, bei Auseinandersetzung der Grunde, die sie scheinbar dazu bestimmt hatten, das lebendigste Auftauchen der alten Erinnerungen Paulinens beobachten konnen, und somit uberstieg das Gesprach das Maass Dessen, was er als Gatte und uberhaupt als Excellenz glaubte hier so ungeahndet mit anhoren zu durfen ....

Melanie aber rief:

Lasst die Todten ruhen! Was qualen wir uns damit, zu erforschen, was die Verstorbenen noch Alles gedacht oder gefuhlt haben mogen! Zurnen Sie nicht, Herr Pfarrer, dass wir so oberflachlich und weltlich sind! Unsere Religion ist die Natur, die Kunst, die Freude! Kommen Sie, wir wollen etwas Musik machen, wenn dieser Tonkasten hier bei guter Laune ist und die Gnade hat, noch einige Klange herzugeben.

Damit offnete sie den Flugel, der noch in diesem Saale von den ehemals hier gehaltenen Betstunden stehengeblieben war. Es war ein altes verbrauchtes Instrument, dessen Klang schon vor Jahren nur soweit ausreichte, leidlich eine Melodie anzugeben oder durch kraftvolles Anschlagen der Dominante einen Bauernchor zu verhindern, nicht immer taumelnd in den Octaven herumzuspringen oder einen Vers um eine Terz hoher zu schliessen als man ihn angefangen hat ....

Melanie schlug eine Polka an. Manche Saite war schon gesprungen, manche sprang jetzt erst. Sie liess sich jedoch nicht irremachen, sondern begleitete die leicht tandelnde Melodie, die sie spielte, mit den entsprechenden Bewegungen ihres Korpers. Zuletzt gab es denn aber doch ein zu klagliches Durcheinandersummen der ungestimmten Tone. Argerlich brach sie ab. Sie konnte aber vollkommen befriedigt sein von dem heitern Erfolge ihrer Improvisation. Man war die feierliche Stimmung los, stand auf, nahm einige kalte Speisen zu sich, die Madame Schlurck nach dem Thee herumreichen liess, und stellte sich in Gruppen an die Fenster, an den Flugel, an das Kanapee der freundlichen Wirthin.

Guido Stromer aber war nicht der Mann, der sich so leicht entthronen liess. Er warf sich mit leichtem Geschick auch auf diese neue Wendung des Abends, lobte Melanie's Spiel, ruhmte die Speisen, erorterte die kleinsten Dinge durch piquante Commentare und entwickelte dabei immer denselben analytischen Geist, der sich in jede Gedankenreihe mit dem Talente, sie auszuspinnen und sinnig zu verknupfen, finden konnte. Herr von Harder mied jedoch den vulkanischen Mann. Ohnehin neckte ihn Melanie und wusste ihn, gleich einem Magnet, der in einer Wasserschussel blecherne Enten und Fische nach allen Seiten zieht, bald in diese bald in jene Ecke zu locken, sodass er nahe daran war, von dem Nimbus seiner ihn umstrahlenden Wurde viel einzubussen und sich wie Einer der Andern unter den Andern zu verlieren. Als er anfing, doch auch zu freundlich zu zerschmelzen, zu geziert, wie Malvolio in Shakspeare's "Was Ihr wollt", nach geschnorkelten Phrasen wie nach Fliegen zu haschen, entwand sich ihm das listige Madchen und ging gerade da, wo er schon zweideutig zu flustern begann, in einen lauten Ton uber, den Alle horen sollten. Man gruppirte sich um sie. Sie neckte Alle. Sie neckte den Commerzienrath mit seinen Staatspapieren, den Justizdirector mit seinen Processen, Eugen Lasally mit seinen Wettrennen, fur die er Pferde und Jockeys hungern und mager werden lassen musse .... So hatte sie es dahin gebracht, dass Alles wieder sass und sich gefallen liess, Rathsel und Charaden zu losen, die sie in schnellster Gewandheit, den anwesenden Personen angepasst, zu erfinden verstand.

Die Uberladung, die das eigentumliche Kennzeichen der Hauslichkeit Schlurck's war, brachte auch fur diesen Abend, wie fur jeden noch eine Collation Champagner. Dieser Wein war bei Schlurck so eingeburgert, dass man wol sagen konnte: er floss bei ihm in Stromen. Es mochte dieser Luxus daher kommen, dass Viele seiner Committenten, Viele der Personen, denen er Hauser, Guter, Geschafte verwaltete, ihn mit Naturalgeschenken dieser Art gern erfreuten. Ein gewisses prahlerisches Wohlleben war leider die tagliche Ordnung im Schlurck'schen Hause und fur so besonnen und klug Melanie's Mutter auch im Praktischen gelten konnte, nach dieser Richtung hin gestattete sie die vollste Freiheit und liebte es, jeden Tag als einen Tag der Freude zu begrussen und zu beschliessen, als ein Fest, wo Abends die Becher blinkten und Morgens wieder Rosen sie frisch umkranzten.

Ja! ja! rief zuletzt der vom Champagner angeregte Stromer, der kein Auge fur Linchen, seine bescheidene Frau, den ganzen Abend uber gehabt hatte, jetzt aber doch einmal zu ihr, der Dulderin, hinuberschritt mit dem Champagnerglase in der Hand; ja, ja, Lina, wie ist die Welt so schon, wenn man mit der Natur auf vertrautem Fusse steht! Da blitzt der Krystall, da lacht die Rebe, da funkeln Diamanten, auch wenn man Krystall und Diamanten nicht selbst besitzt! Im Auge liegt die Welt, im frohlichen Auge der Liebe liegt sie gewiss; Liebe verklart, Liebe besitzt, Liebe verjungt! O wer sie nie gesehen hatte die schaurigen Schatten der Einsamkeit, wer nie erbebt ware vor dem Anblicke des Todes! Da wurden sie fern geblieben sein die dustern Gedanken, mit denen der grubelnde Mensch sich seinen Sonnenschein verhangt, seine Lauben in Grufte verwandelt, seine lachenden Fernsichten in Abgrunde! Ein Kind, ein Kind zu sein unter Blumen und Fruchten! Lina, nichts schleppen als, jenen lieblichen dicken dresdener Jungen des Rubens ahnlich, Trauben, Trauben und Pfirsiche und kleine Kaninchen; o Seligkeit, es ist vielleicht die des Himmels auf Erden. Und wenn wir einst an die Pforte des Paradieses klopfen und sie im Jenseit geniessen wollen, sagt uns Petrus: Ihr Thoren, was sucht Ihr hier oben? Die Seligkeit habt Ihr Euch auf Erden ja entgehen lassen! Steigt nun hinunter in das Zwischenreich, wo nicht die Seligen, nicht die Verdammten wohnen. Ach, ich weiss, was da hauset! Es ist die Reue! Die bittere nagende Reue!

Bravo! rief Melanie uberlaut und sturzte sich mit komischem Affect Stromer'n fast zu Fussen.

Bravo, Priester! sagte sie und sprach damit die allgemeine den Pfarrer bewundernde Stimmung aus. Auf diesen Glauben gib mir deinen Segen!

Stromer'n, dessen allerdings geistreicher, eigenthumlicher und fur deutsche Zustande bezuglicher Natur wir immer naher kommen werden, Stromer'n zitterte das Champagnerglas in der Hand. Einige Tropfen fielen auf Melanie's entblosste Schultern.

Guido! schalt Linchen, seine Gattin.

Mag' es fliessen, rief Melanie, wahrend Alle lachten; er taufte mich auf seinen neuen Glauben! Pfarrer! Sie mussen sich zu uns bekehren. Wollen Sie?

Damit stand sie auf und schuttete ihr Glas in das seinige. Wie eine Hebe so schon, hob sie den gerundeten nackten Arm und liess von oben herab in wohlberechneter Entfernung den Strahl niedergleiten, dass es in Stromer's Glase aufzischte und wie mit tausend Perlen schaumte. Geblendet sass der gluhende Mann da und setzte taumelnd das Glas an die Lippen! ... Ah! rief Alles plotzlich erschrocken. Noch nachtraglich zu den vielen gesprungenen Saiten im alten Pianoforte der Furstin sprang eben noch eine der letzten .... Diese Mahnung wie von Geisterhand brachte Guido Stromer'n zur Besinnung. Es uberrieselte ihn ein Schauer, als er der Tage gedachte, wo er hier betete und von der Sundhaftigkeit der Creatur sprach .... Aber so wirkte noch die warme Beruhrung seiner Kniee durch die vor ihm fast niedergesunkene Melanie in seinen zitternden Nerven nach, dass er nur noch in ihrem Anschauen lebte und mit wonniger Spannung zuhorte, als sie in ihr dunkles Haar greifend rief:

Jetzt zum Abschied fur heute Abend: Wem lass' ich die Rose hier zum Andenken? Ich wollte sie verschenken. Wehe! Sie ist vom Stiel gebrochen! Armes hulfloses Hundertblatt, wer soll nun deine Stutze, dein Stab und Stengel werden? Wer soll dich mitnehmen und an sein Herz oder in sein Stammbuch oder auch nur in eine einfache Cigarrentasche legen und sich dabei sagen: Melanie gedenkt Deiner, gedenke du ihrer!

Alles sah gespannt auf den Pfarrer und Dieser, bebend, schlug die Augenwimpern nieder.

Ich concurrire nicht, sagte Eugen sogleich mit einer spottischen, ernsten Miene uber Melanie's Ubermass von Coquetterie.

Sie ziehen Ihren Einsatz zuruck, Stallmeister, antwortete sie, und wissen nicht, wie Sie gewinnen, ... wenn Sie schweigen! Sie haben heute soviel geschwiegen, Lasally; wussten Sie nur, welchen Respect man vor Ihnen bekommt ....

Melanie sprach diese Worte so scharf, dass sie unwillkurlich belacht werden mussten, zum grossen Arger der Commerzienrathin von Reichmeyer, die ihren Bruder liebte und Melanie's Gefallsucht umsomehr verabscheute, als auch ihr Gatte von den Netzen derselben umstrickt war. Eugen aber war eine viel harmlosere Natur.

Mein Fraulein, sagte er, Sie wissen, dass ich auf Geist keinen Anspruch mache. In meinem Kreise amusirt man sich, wenn man gut reitet, gut schiesst, Gluck bei den Damen hat und die besten Cigarren halt. Um mich grundlich zu bilden und bei einem grossen Genie in die Lehre zu gehen, hab ich einmal angefangen, nicht nur Schiller, sondern auch Goethe zu lesen. Ich las "Wilhelm Meister's Lehrjahre".

Nun, rief Stromer wild. Wie wurde Ihnen da? Ergriff Sie Achtung vor der Bildung?

Bester Herr Pfarrer, antwortete Lasally trocken, als ich las, dass dieser Wilhelm Meister, dieser junge Commis und Ladenschwengel

Entsetzlich! rief Frau von Zeisel, die Etwas auf Autoritaten hielt und auf Erziehung Anspruche machte.

Als ich sah, liess sich Lasally nicht irremachen, dass dieser Wilhelm Meister seine Liebhaberei fur Puppenspielereien einer hubschen Schauspielerin erzahlt, die dabei einschlaft und immer noch von Puppenspielen erzahlt, wahrend Marianne schon in seinen Armen schnarcht, habe ich das Buch weggeworfen und mir vorgenommen, bei Gelehrten nicht in die Lehre zu gehen ... man wird da lacherlich, ohne es zu merken.

Melanie strafte ihn aber fur diese bose, gegen Stromer gerichtete Anmerkung.

Ein Goetheverachter, sagte sie, bekommt meine Rose nicht.

Es wuchs die Spannung, wem sie ihre Gunst zuerkennen wurde.

Dem Witzigsten! hiess es.

Dem Artigsten! .....

Dem besten Reiter! sagte man mit Spott auf den Commerzienrath.

Melanie ging mit der Rose im Kreise umher und wahlte und wahlte ...

Ich suche seltene Vorzuge, sagte sie, irgend etwas Neues, Bedeutendes ... Wer meine Gunst verdient, muss ... Ah Bartusch!

Mich lassen Sie aus dem Spiele! rief Dieser komisch erschreckt und wehrte die Rose ab zum Gelachter der Ubrigen.

Dass Sie heute nicht mit den Fingern rechneten, rief Melanie, nicht an den Nageln kauten und Ihren alten bosen Husten einmal bei sich behielten, verdiente in der That eine Auszeichnung, und wenn ich bedenke, dass Sie heute sogar noch ein hubsches, glattes, sauber rasirtes Kinn haben

Der graue Schleicher, verfolgt von Melanie'n, rief kichernd: Gute Nacht! ergriff schnell einen Leuchter und lief unter allgemeinem Spotte davon.

Die doch etwas verletzten Damen wollten seinem Beispiel folgen und aufbrechen.

Nein! sagte Melanie, ihr misgunstigen Schwestern, wird Frauengunst so verschmaht? So wenig Werth gelegt auf eine Rose, die ein Madchen im Haar getragen? Zur Strafe fur die studirten Herren, deren Gattinnen am meisten mit den Stuhlen rucken, bekommt die Rose der, der die grosste aussere Schonheit besitzt, den kleinsten Fuss und die weisseste Hand .... Herr Justizdirector, strecken Sie Ihren Fuss vor!

Dieser zog seinen furchtbaren Elefantenfuss rasch zuruck. Henning von Harder aber merkte etwas .....

Die Hand des Commerzienrathes wurde geruhmt. Sie war rundlich und wohlgepflegt, aber viel grosser als Harder's. Und seine Gemahlin bedeckte sie; sie wollte der Posse ein Ende machen .....

Harder war entzuckt ..... er zitterte .....

Ich hab's! rief Melanie. Meine Rose ist erobert. Excellenz .... Excellenz hat das Seltenste, was ich je gesehen ....

Was? fragte man erstaunt.

Die kleinsten, zierlichsten Ohren von der Welt! sagte Melanie.

Der Contrast der Wurde, die dieser Mann behauptete, und die allgemeine lautlose, starre Bewunderung seiner Ohren, die er mit geschmeichelter Befangenheit wirklich nun zuliess, war im hochsten Grade lacherlich. Die Ohren fand man rings um die Excellenz herumgehend, in der That so klein, dass Herr von Harder nicht ohne Schuchternheit gestand, dass er diesen Vorzug allerdings schon oft an sich hatte ruhmen horen. Mit einer Bescheidenheit, als wenn er fur eines der grossten Geistestalente nichts konne, da es ihm die Natur einmal gegeben, nahm er dann von der in seinem Anschauen wie selig schwelgenden Melanie die Rose entgegen und richtete an die bestrickende Circe eine so verwirrte Anrede, dass man sich an der Eitelkeit eines alten eingebildeten Galanthomme grundlichst weiden konnte. Schwerlich hatte sie bei dieser Neckerei ein Interesse. Was war ihr der Geheimrath? Was war ihr die Huldigung eines vornehmen Mannes, sie, die die zudringlichen Antrage junger Grafen und Fursten taglich abzulehnen hatte und deren ganzes Jugendleben eigentlich ein ewiges Sichbeherrschen und consequentes "Nein"-Sagen sein musste .... Prinz Ottokar selbst, des Konigs Bruder sogar, hatte sie schon auf Ballen ausgezeichnet ... sie floh nur immer, wich immer nur aus. Was war ihr also die grenzenlose Verwirrung, die sie uber den Geheimrath hervorbrachte, anders als eine Tandelei der "Lieb' im Mussiggang"?

Als sich die ganze Gesellschaft empfohlen und zerstreut hatte, brach Melanie, die Mutter umarmend, in die Worte aus:

Zurne mir nicht, gute Mutter! Wir tanzen solange uber den Blumen des Lebens hin und blicken dabei unvorsichtig nach der Sonne empor, bis wir einmal zerschmettert an einem Abgrunde liegen, den wir in unserer Lust doch ubersahen!

Welch ein Bild! Kind! Das wolle Gott verhuten! antwortete die Mutter besorgt. Was hast du?

Kopfweh fur heute! sagte sie abgespannt. Und nun ... gute Nacht!

Damit kusste sie die Mutter, der sie fur weitere Fragen, Mahnungen, Besorgnisse mit grazioser Handbewegung rasch den Mund zuhielt, und verschwand in ihrem Zimmer, wo Jeannette, ihre hubsche Zofe, sie schon ungeduldig mit einem Licht erwartete ....

... Das Madchen kaute Kaffeebohnen, um an ihrem Athem zu verbergen, wie man unten im Erdgeschoss oben den Herrschaften nachahmte und sich wurdig zeigte, in einem Hause zu dienen, wo nur der Materialismus herrschte ....

Melanie, in Gedanken versunken, merkte nichts von den Kaffeebohnen, nichts von dem gluhenden, punscherregten Gesicht des Madchens. Sie liess sich ruhig entkleiden. Sie duldete ohnehin niemals, dass man sie vor dem Schlafengehen aus ihren Traumen durch Plaudereien weckte, besonders so indiscrete und zweideutige, wie sie Jeannette meist zu verfuhren pflegte.

Zwolftes Capitel

Eine Uberraschung

Melanie's und ihrer Mutter Schlafzimmer wurden von einem grossen Salon getrennt. In diesem pflegten sie sich des Morgens zu begrussen und gemeinschaftlich zu fruhstucken, wenn sie nicht vorzogen, die balsamische Frische der Natur und den Kaffee in dem Garten einzuschlurfen.

Schon lange hatte am nachsten Morgen die Mutter gewartet und sich, als Melanie nicht endlich heiter wie sonst hereinhupfen wollte, erlaubt, leise an die Thur des Schlafzimmers ihrer Tochter anzupochen. Als keine Antwort erfolgte und sie es acht Uhr schlagen horte, klopfte sie um halb neun Uhr wieder ein wenig leise an ...

Komm doch herein! rief drinnen Melanie mit leidender Stimme und die Mutter trat ein.

Wie erschrak sie, als sie ihr Kind noch im Bett fand! Melanie erklarte sich leidend. Sie hatte eine unruhige Nacht gehabt, und fuhlte sich unvermogend schon aufzustehen.

Die Mutter gerieth in nicht geringe Besturzung.

Nein, nein, sagte Melanie, bekummere dich nicht, Mutter! Ich konnte nicht einschlafen. Wie ich so mit muden Augen lag, die sich nicht schliessen wollten, glaubte ich, vielleicht ware die Hitze des Zimmers an dieser Aufregung der Nerven Schuld. Ich stand auf, zog die Vorhange zuruck, dass der helle, volle Mondenschein hereinfiel ...

Da hast du dich erkaltet, sagte die Mutter, als Melanie stockte ...

Sie schuttelte den Kopf.

Was ist es denn? Sprich, mein Kind!

Wie ich das Fenster offnete ..., glaubt' ich unten eine Gestalt zu sehen, die entweder ein Gespenst oder ein Phantom meiner Einbildungskraft war.

Hackert! sagte die Mutter mit blinzelnd zugedruckten Augen und sich abwendend.

Ja Hackert! wiederholte Melanie seufzend. Ob ich sagen soll, dass er in seinem gewohnten nachtlichen Zustande war, weiss ich nicht. Er schien mir wach zu sein. Das Weisse seiner Augen leuchtete mich in der hellen Nacht fast geisterhaft an. Ich schlug entsetzt das Fenster zu. Als ich dann noch einmal hinblickte, war Fritz verschwunden. Ich schlief ein, ward aber so von Traumen geangstigt, dass ich mich jetzt von einem solchen Schlafe mehr erschopft als gestarkt fuhle.

Die Mutter konnte ihr leider Hackert's Nahe bestatigen. Lasally wollte ihn gesehen haben und Bartusch hatte es ihr schon gestern Abend am Theetisch zugeflustert ....

Du hast keinen Geist gesehen! sagte sie seufzend.

So sind wir denn uberall von ihm verfolgt! rief Melanie und warf sich wie verzweifelnd auf eine andere Seite ihres Lagers.

Gutes Kind, begann bekummert die Mutter, beruhige dich! Ach, es ist uber diesen Gegenstand schon soviel von Deinen Altern gejammert worden, dass deine Klagen unsern Schmerz nicht erreichen! Der Vater nahm Hackert aus dem Waisenhause. Alles, was man von seiner Geburt erfahren hatte, war so dunkel und abenteuerlich, dass er unser Mitleiden erregte. Der Vater brauchte einen Arbeiter, den er sich von unten auf selbst erziehen wollte. Er liess ihn unterrichten; er arbeitete unter seiner Aufsicht und hat sich fruh schon von einer solchen geschickten Anstelligkeit bewiesen, dass er mit des Vaters geheimsten Angelegenheiten vertrauter wurde, als selbst Bartusch es ist. Die Folge davon war die grosste Vernachlassigung seiner selbst und eine Vertraulichkeit mit der Familie ...

Schweige! Schweige! rief Melanie mit dem Ausdruck des grossten Schmerzes.

Ich denke mit Entsetzen daran, fuhr die Mutter mit bedeutsamem Ernste fort, dass wir so blind sein konnten, in der Freude unsers glucklichen Aufschwunges, im Genusse der vielen Heiterkeit, die uns auf unserm Lebenswege lachte, das Ernsteste zu ubersehen, das Gefahrlichste, was sich neben uns entwickelte. Dieser Knabe wuchs mit dir auf. Listig wie er war, gewann er bei aller Hasslichkeit, aller Widerwartigkeit seines Aussern, an die wir uns gewohnt hatten die Mutter hob diese Worte besonders scharf hervor unser Aller Vertrauen. Ob wir, um dich aus einer Kindergesellschaft abzuholen, den Bedienten schickten oder Fritz diesen Dienst verrichten liessen, schien uns unglucklichen Menschen einerlei; ja wir zogen seine Dienstwilligkeit vor, da er verlasslicher schien als Alle und fast im Hause wie dein Bruder gehalten wurde. Unselige Vertrautheit, die ihn ermuthigte, Hoffnungen in ihm nahrte und seine Sicherheit bis zum Ubermuth steigerte!

Melanie schwieg eine Weile, stemmte ihr schones Haupt auf eines ihrer Kissen und sagte zu der angstlich sie anblickenden Mutter:

Und doch war die Strafe, die ihr uber ihn nach jener schrecklichen Nacht verhangtet, zu hart! Sie ist die Quelle unausgesetzter Leiden fur uns Alle geworden! Aus dem Hause wie ein Dieb geworfen, vom Vater in einem Zorn, den ich nie an ihm kannte, fast mit Fussen getreten, irrte er wie ein rachsuchtiges Thier umher und droht uns mit Allem, was er in unserm Hause erlebte, erfuhr, entdeckt hat ... droht uns ...

Entdeckt hat? unterbrach sie die Mutter erschrekkend. Was kann er entdeckt haben als den regelmassigen Gang eines grossen ehrenvollen, vom Fleiss und dem Genie des Vaters geleiteten Geschafts? Das Einzige, was man furchten konnte, war der lose freche Mund des fruhverdorbenen jungen Wustlings. Ich zitterte, wenn ich nur daran dachte, wie ...

Die Mutter stockte.

Was dachtest du? sagte Melanie.

Ach, ich will nichts mehr sagen! Lass es gehen!

Mit euerm ewigen Gehenlassen! Dieses stete Vertuschen und Verschweigen! Was nur dachtest du?

Melanie !

Furchtest du, dass er den Menschen erzahlt, wie fruh dieser sozusagen Halbbruder, der mit mir aufwuchs, versucht hat ...

Deine Phantasie zu vergiften! Ja, Melanie, wenn die Welt die Bubenstucke erfuhre

Mutter! rief Melanie hastig auffahrend, als konnte sie doch die zu grundliche Untersuchung dieser Wunde, die sie selbst veranlasste, nicht langer ertragen. Schweige! Schweige! Vergiss nicht, dass dieser Unselige vorgibt, mich zu lieben, mir treu sein will mit unglaublicher Anhanglichkeit und niemals wagen wird ...

Anhanglichkeit, die ich Wahnsinn, Frechheit nenne! unterbrach sie die Mutter, vor Zorn sich rothend.

Lass es gut sein!

Die Mutter schwieg auf diese tonlosen Worte und beruhigte sich allmalig.

Erst erwartete sie, dass Melanie ihr zusprechen sollte. Da die Tochter aber in ihrer traumerischen Lage verblieb und mit keinem trostenden Blicke sich ihrer Pein erbarmte, streichelte die Mutter die heisse Stirn des Kindes und kusste die zarten blauen Aderchen, die sie in Melanie's Augenwinkeln entdeckte.

Weg, weg mit diesen Sorgen, rief sie, sei heiter, Melanie! Noch gestern hast Du alles bezaubert und Dir ja eine ganz neue Eroberung gewonnen. Die gefeierten Ohren des Herrn von Harder haben mehr Wirkung auf ihn gemacht, als wenn Du dem Lieutenant von Aldenhoven gesagt hattest, er gliche dem Adonis. Was willst du mit dieser Eroberung?

Melanie verzog ihre ernsten, schmachtenden und erschopften Mienen zu einem Lacheln, dem ein wehmuthiger Zug beigemischt war. Ohne auf die Frage der Mutter zu antworten, lenkte sie das Gesprach wieder auf Hackert zuruck.

Gern wollt' ich beruhigt sein, sagte sie, beruhigt uber Alles, was uns Hackert Schlimmes etwa anthun konnte, wenn ich ihn nur uberzeugen konnte ....

Wovon? Wovon, Kind? fragte die Mutter erstaunend. Kehrst Du wieder auf diesen unheimlichen Gegenstand zuruck?

Melanie gab anfangs keine Antwort, dann aber sagte Sie:

Ich thue Niemanden gern weh.

Aber ich bitte Dich, Kind, Erklarungen! Erklarungen gegen einen solchen Menschen! Ein halbes Thier ist dieser Hackert ....

Mutter!

Ja Melanie! ... Die Mutter liess sich in ihrer Auffassung nicht storen und hob absichtlich das an Hackert Ungefallige hervor ja, Melanie, es ist ein Mensch von einer Unreife, die mir ein Grauen einflosst. Dies Haar, dieser Gang, diese Magerkeit! Und diese Bosheit, dies verruchte Herz

Du ubertreibst ....

Nein, Kind, Das ist ein Wesen, wie ich mich entsinne, einst in einer Gesellschaft gehort zu haben, zu der mich Frau von Trompetta mitnahm. Wie hiess das Stuck, das der beruhmte Dichter vorlas, das Stuck, wo ein so unfertiger Halbmensch vorkommt, den ein Zauberer mit seinem Geiste zwickt und zwackt und seiner Rohheit Daumenschrauben anlegt?

Der Sturm! Der Sturm, liebe Mutter!

Der Sturm! Und der bose Gast, den der Zauberer auf der wusten Insel findet

Caliban!

Caliban! Das ist's! Ein solcher Caliban ist dieser Fritz, fahig, seine eigenen Geschwister ... zu verzehren, wenn ihn grade Hunger triebe! Ein Halbmensch, ohne Gemuth, ohne Liebe, ohne einen Funken edler Hingebung! Nur sinnlich, nur ein Wesen, das blindlings seinem Instincte folgt ....

Er ist krank ...

Durch sich selbst! Die Zerruttung seiner Nerven, wer verschuldet sie?

Sein Nachtwandeln ist erst uber ihn gekommen, als man ihn so grausam verstiess. Als man ihn vollends mishandelte, als Lasally

Nein, die Wuth, der angeborene Zorn lassen ihn nicht schlafen ....

O Mutter! Ich weiss, was ihn nicht schlafen lasst! Ich lasse mich nicht irremachen. Ich habe nachgedacht uber Fritz. Ich habe uber ihn geweint. Das ist der Mensch, wie er frisch und roh aus der Hand der Natur kommt und sinnlich ohne den Sonnenschein des Geistes aufwachst

Ja! Ja! Sagte Das nicht der Probst Gelbsattel, als der Sturm vorgelesen und Caliban's Charakter erortert wurde?

Mit diesen Betrachtungen, meinte Melanie, schwatzen wir unser Unrecht nicht weg. Wenn ich ihm sagen konnte: Fritz

Melanie, fiel die Mutter ein, Du wirst doch keine Erorterungen mit ihm herbeifuhren, seinem Wahnsinn keine neue Nahrung geben wollen?

Der Schein, Lasally's emporendes Benehmen zu billigen, druckt mich ....

Nimmermehr! Wie geht Das! entgegnete die Mutter besorgt. Die Misshandlung, die ihm Lasally angethan hat, war roh, aber sie brachte gute Folgen. Sind wir nicht seitdem vor seinen Nachstellungen bis jetzt sicher geblieben? Konnten wir sonst einen Schritt vorm Thore, im Park thun, ohne ihn aus den Buschen heraustreten zu sehen? Konnten wir das Theater besuchen, ohne beim Nachhausefahren ihn im Gedrange der Menschen an unserer Seite zu finden? Seit einem Vierteljahre ist es jetzt das erste mal, dass er sich wieder in unsere Nahe wagt. Er wird Lasally und seine Jockeys sehen und sich vor ihren Reitpeitschen zum zweiten male in Acht nehmen ....

Erinnere mich nicht, fuhr Melanie entsetzt auf, an diese brutale Scene! Sie hat mir Eugen, den ich seines ehrlichen und offenen Charakters wegen zu schatzen im Begriffe stand, aufs tiefste entfremdet. Ich gestehe, dass ich an Lasally Gefallen hatte. Gerade, dass er als geborener Israelit nicht eine einzige der Eigenschaften zeigte, die man sonst an diesem Volke tadelt oder lacherlich finden will, hatte mich zu ihm hingezogen. Sein trockener Witz ist ganz anders als der Witz seiner Glaubensgenossen. Er gibt sich fur beschrankter, ununterrichteter als er ist. Er will, wahrend alle seine Glaubensgenossen nach Geist streben, keinen Geist haben und hat ihn. Wie er mich reiten lehrte, that er es mit soviel Bonhommie, soviel Humor, dass ich ihm wahrhaft gut war. Was soll aus mir werden? Eine Konigin? Eine Herzogin? Eine Offiziersfrau? Eine Frau Assessorin? Ah ... Bah! Ich konnte mir denken, der Vater stellt dem Eugen durch meine Mitgift seine Finanzen wieder her, wir bauen eine prachtige Arena, den Tummelplatz der ganzen eleganten Welt, wir verbinden sie mit einer glanzenden Erleuchtung, mit Lauben, mit Treibhausern fur Die, welche nach dem Ritte sich erholen wollen. Mich blendete bei meinem ersten Austreten aus der einfachen burgerlichen Sphare, in der wir bisher gelebt hatten und in der ich erzogen war, der Gedanke, durch die Verbindung mit Lasally konnt' ich die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt fesseln, mit den schonsten Damen, den elegantesten Mannern in Verbindung kommen und mich auf heitere Art durchs Leben tummeln, bis ich freilich durch die grossere Bekanntschaft in dieser Sphare Eugen's, der mich in sie eingefuhrt hatte, ihrer uberdrussig wurde und es bald bemerkte, wie ich denn doch dabei in der Gesellschaft eine beschattete und nur untergeordnete Stellung erhalten wurde. Es war eine Verirrung. Und doch wahrte es lange, bis sich meine Phantasie von Lasally, dem noch vor wenig Jahren angebeteten Antinous aller Damen, dem galanten kuhnen Reiter und gesuchten, bei allen Kunstausstellungen auf ein Dutzend Bildern dargestellten offentlichen Charakter, lossagte. Erst als ich den Abend in unserm Garten vorm Thore, wo Lasally mit mir scheinbar harmlos lustwandelte und ich plotzlich erzurnt ausrufen muss: Gott, da ist schon wieder Hackert uber den Zaun gestiegen! das Bellen der Hunde Eugen's und Hackert's klagliches Geheul horte, als Lasally selbst, wie ein Rasender, seine ganze Kaltblutigkeit aufgebend, nach der Hecke lief und ich ihm nacheilend sehen muss, wie zwei seiner Bereiter den Unglucklichen mit langen Peitschen grausenhaft mishandeln und Lasally, Eugen Lasally selbst, ihn mit der Reitgerte wie ein Rasender gerade uber den Kopf hieb, wahrend die Hunde seine Kleider zerrissen

Rege Dich nicht auf! sagte die Mutter. Lass die Erinnerung, Melanie! Es ist ein Jahr her. Ich habe damals Noth genug um Dich gehabt, weil ich glaubte, Du wurdest von dem Schreck ein hitziges Fieber bekommen.

Ihr verschwiegt mir, dass Hackert auf den Tod lag, sagte Melanie.

Der Vater liess fur ihn sorgen ....

Ich erfuhr spater Alles, fuhr Melanie erregter fort.

Von der Kopfwunde hat Fritz die schlimmsten Folgen davongetragen. Doctor Hammer, der ihn im Spital behandelte und mir zufallig in einer Gesellschaft begegnete, erzahlte mir, dass er Anfalle von Raserei hatte. Wie ein wuthendes Thier schluge er dann um sich, fluche allen Menschen und verfalle zuletzt in eine Erschopfung, die vielleicht eine nie heilbare Nervenschwache zur Folge haben wurde ....

Es ist traurig. Aber was lasst sich thun? sagte die Mutter bestimmt, jedoch ohne Kalte. Und der Vater handelt edel an ihm ....

Doctor Hammer erzahlte zuerst von seinem Nachtwandeln in grosser Gesellschaft vor aller Welt ... Meine Verzweiflung, Das anhoren zu mussen! Ich hatte in die Erde sinken mogen

Schon bei uns hiess es, er wandle bei Nacht!

Nie! sagte Melanie bestimmt.

Woher kannst Du Das so bestimmt versichern?

Nie! sag' ich! wiederholte sie der staunenden Mutter. Sein damaliges Nachtwandeln war etwas Anderes .... Und nun genug davon!

Melanie schwieg und warf sich auf die Seite, den Kopf tiefer in das Kissen wuhlend.

Die Mutter, des Justizraths "gutes Hannchen", gehorte zu den Wesen, denen nichts unbequemer war, als eine allzu tiefe Erforschung von Dingen, die nur auf Unerfreuliches fuhren konnten. Sie war eine durchsichtige, verstandige, scharfblickende Frau. Sie ahnte durch Inspiration rascher Etwas, als manche schwerfallige Untersuchung langsam ergab. Aber sie liebte es, sich uber Das, was ihr moglich, ja wahrscheinlich dunkte, dennoch keine Rechenschaft abzulegen. Sie wollte das Geschick immer nur en profil, nie en face sehen. So liess sie denn auch uber dies sonderbare "Nie" getrost den Schleier fallen. Sie wusste, dass in ihrer unverzeihlichen Sorglosigkeit Melanie neben Hackert aufgewachsen und von dessen zugelloser Fruhentwickelung in bedenkliche Gefahren gerathen war, von denen das aufgeregte, ebenso uber die Liebe fruh nachgrubelnde Madchen noch "zur rechten Zeit" wie der Vater damals sagte, befreit wurde .... Und so alles Unangenehme vertuschend, verwischend, beschwichtigend sprach sie mit heiterm Ton:

Lass Das nun gehen, Kind! Wir hatten einen solchen Caliban nie ins Haus nehmen sollen! Es geschah. Es sollte so sein. Wir hatten Mitleid mit dem ungewissen Schicksal eines vor dem Waisenhause einst ausgesetzten Findlings, hielten ihn hoher, als wir ihn hatten halten sollen, und mussen uns vorwerfen, dass wir nicht strenger wachten, als er anfing auf schlimmen Wegen zu gehen und sich und Andere zu verderben. Geliebt kann er dich nie im Ernste haben; denn seine Auffuhrung bewies es nicht. Es kam spater Alles zu Tage, was er war und wie er auf die Zerstorung seiner Jugend wuthete! Jeannette hat viel gebeichtet. Er verwandelte Tag in Nacht und Nacht in Tag. Am Bureau neben dem Vater schlief er mit offenem Auge. Da musste er in den Nachten wol mit geschlossenen Augen wachen. Die Lection, die ihm Lasally gab, war nicht nach unserm Sinne, sie war grausam; aber sie hat ihm gezeigt, dass wir ihn nicht furchten, mag er auch noch soviel drohen, noch soviel mit seiner Kenntniss der Geheimnisse des Vaters prahlen. Wir boten ihm, wenn er uns nicht mehr belastigen wollte, Geld an; er nahm nicht mehr, als wir ihm fruher schon ausgesetzt hatten, bis er eine Stelle fand. Und doch, sagt man, soll er so trage sein, dass er nicht die geringsten Anstalten trifft, seine Zukunft von der Abhangigkeit, die ihn an den Vater fesselt, zu befreien. Ach! Kind, es war immer eine bose Natur! Bald Verschwender, bald geizig. Bald offen, bald hinterlistig. Und welche masslose Eitelkeit! Ich will nicht davon sprechen, dass er mit seiner abschreckenden Figur, seinem rothen Haar, seinen abgerissenen Stiefeln und seiner unausrottbaren Unreinlichkeit sich einbilden kann, noch einen Eindruck auf Dich zu machen .... Ist es nicht die tollste Eitelkeit, dass er uns hat sagen lassen, er schone den Vater bis zu seinem funfundzwanzigsten Jahre, wo ihm Dieser versprochen hatte, ihm das Geheimniss seiner Geburt zu entdekken?

Der Vater weiss darum, sagte Melanie.

Nicht ein Wort weiss der Vater, sagte ihre Mutter. Er hat einzelne Anzeichen, einzelne kleine Zufalligkeiten entdeckt (z.B. einen zerbrochenen, bei dem Findelkinde gefundenen Ring), die auf ein nicht ganz gewohnliches Herkommen dieses Menschen schliessen lassen; aber die wenigen Worte, die der Vater einmal bei guter Laune daruber fallen liess, haben ihm so den Kopf verwirrt, dass er sich einbildet, sicher ein Baron zu sein. Genug von ihm! Steh' nun auf! Sei heiter! Geniesse das himmlische herrliche Wetter! Sieh! Sieh! Die goldene Sonne!

Damit riss die Mutter die Vorhange auf, der lichte Sonnenschein fiel in das dunkle, plotzlich erhellte Zimmer.

Auf! Auf! Tummle dich, Melanie! ermudete die Mutter nicht zu rufen. Nimm an mir ein Beispiel! Schon war ich im Bade! Schon trank ich Wasser an der frischen Quelle im Garten. Wasser, Sonne, Luft, Licht, Blumen! ... Madchen, weisst du denn nicht mehr, was schon und jung macht, schon und jung

Erhalt! fiel Melanie schmeichelnd ein, wandte sich und reichte der frisch und rosig strahlenden Mutter die Hand.

Indem klopfte es.

Wer klopft?

Eine Stimme wisperte am Schlusselloch:

Darf ich?

Jeannette?

Nein, sagte die Justizrathin; es ist Bartusch.

Stor' ich? rief Bartusch durch das Schlusselloch. Kommen Sie heraus! Es sind merkwurdige Briefe vom Justizrath da.

Vom Vater?

Die Mutter ging hinaus.

Nach einigen Secunden kam sie wieder und rief:

Melanie! Denke dir, wer angekommen ist?

Erschrecke mich nicht! Ich rathe nicht gern. Meine Nerven sind angegriffen ...

Der Prinz Egon!

So? Das wissen wir ja schon.

Prinz Egon von Hohenberg!

Angekommen? In der Residenz?

Nein, hier! Hier auf dem Schlosse.

Sonderbar, wie diese Worte auf Melanie wirkten! Sie kannte den Prinzen nicht und musste eher im Interesse ihrer Familie vor ihm auf der Hut sein, als dabei interessirt, ihn gerade hier zu sehen, wo sie Alle von seinem Eigenthum fast Besitz genommen hatten .... Dennoch sprang sie jetzt aus dem Bette, liess Hackert Hackert sein, kummerte sich nicht mehr um Lasally, nicht um den Intendanten, vergass die Nacht, vergass ihr Kopfweh, vergass ihre Schlaflosigkeit und trieb nur die Mutter an, ihr zur nothdurftigsten Toilette beizustehen. Wie ihre Fusse in die seidenen Pantoffelchen schlupften, die leichten Nachtgewander abgeworfen wurden, wie sie an den Toilettentisch eilte und sich in flinkester Behendigkeit Angesicht und Nacken benetzte, wie sie dazwischen an dem Schellenzug riss, um den Bedienten das Zeichen zum Serviren des Fruhstucks zu geben ... man hatte nicht glauben sollen, dass Dies dasselbe Wesen war, das noch eben wie leblos, ganz in Traumerei und Erinnerung versunken, zwischen den grunseidenen Couverten des Bettes gelegen hatte. Das einzige Wort: Ein Prinz, der Prinz Egon, ist hier auf Hohenberg! hatte sie elektrisirt. Sie herzte die Mutter und trostete sie mit den Worten:

Lass es nun gut sein, sonst muss ich uber mich selbst lachen! Ja! Ja! Wasser! Luft! Sonnenschein! Die Mutter hat Recht.

Damit drangte sie die kleine runde Mama, die schon so frisch, so sauber ausschaute, durch die Thur und hupfte ihr mit den Worten nach:

Nun guten Morgen, Bartusch, was haben Sie? Was schreibt Papa? Wo ist hier ein Prinz? Wer hat den Prinzen? Her mit ihm!

Bartusch war schon ganz in seiner gewohnten Toilette. Einfach, aber sauber. Weisse Halsbinde, weisses Vorhemd, schwarze Weste, grauer Uberrock, weite lichte Beinkleider, Schuhe mit grauen Kamaschen. Er wiederholte die Zeichen, die Stillschweigen bedeuten sollten, mit um so grosserm Nachdruck, als ein Diener in Schlurck's geschmackvoller Livree eintrat und das Fruhstuck beim offenen Fenster auf einem runden Tische auftragen wollte, an dem zwei Sessel standen. Bartusch liess ihn gewahren. Als er gegangen war und einige kleine Befehle, die Melanie's Ungeduld folterten, fur die Wirthschaft mitgenommen hatte, schloss Bartusch wieder behutsam das Fenster und zeigte einen Brief, der diesen Morgen von der Residenz mit einem Expressen angekommen war, viele geschaftliche Anweisungen des Justizraths und unter Anderm auch folgende Stelle enthielt:

"Schliesslich, liebster Bartusch, mach' ich Sie auf ein merkwurdiges Gerucht aufmerksam, das hier zu meiner Kenntniss gelangte. Prinz Egon ist vor einigen Tagen hier angekommen und hat sich, wie man fur gewiss behauptet, in einer Verkleidung nach Hohenberg begeben. Zu welchem Zwecke ist mir unbekannt. Wenn er wirklich streng incognito reist, um uns wahrscheinlich zu belauschen und sich Hohenbergs Zustande anzusehen, wurde Ihnen eine genauere Beschreibung seiner Person, die ich nicht einmal ganz geben kann, wenig nutzen. Doch durfte es immer rathsam sein, wenn Sie sich merken wollten, dass Prinz Egon mir allgemein jetzt als ein ziemlich schlankgewachsener, doch nicht ubergrosser junger Mann von mehr lichtbraunem als blondem Haar geschildert wird. Seine Augen waren braun, seine Hande und Fusse zierlich, was weiss ich von den Schonheiten allen, die er besitzen soll und uber die man am besten thate, erst bei den schonen Frauen in Paris Erkundigungen einzuziehen."

Uberflussige Anmerkung, die wol von Ihnen kommt? unterbrach Melanie den schmunzelnden Vorleser ...

Dieser fuhr fort:

"Das Beste an der Sache ist, dass ich ohne Zweifel den Prinzen Egon auf seiner Incognitoreise gesehen habe. Im Heidekruge, bei dem ehrlichen Manne, dem Volksfreunde Justus, der mich mit seiner Verwendung fur meine schonauer Wahl betrugen und sich selbst wahlen lassen wird, lernt' ich einen jungen Mann kennen, dessen Ausseres vollkommen den mir gemachten Schilderungen entspricht. Er fiel mir im Gesprach sogleich durch geistvolle Wendungen sehr auf, und da er liberale Ansichten aussprach, bin ich uberzeugt, dass es der Prinz war, den die diesseitige Gesandtschaft in Paris sehr oft als einen Communisten bezeichnet hat. Soviel ich aus Champagnernebeln her mich entsinne, hatte dieser Fremde hellbraunes Haar, trug sich mit einem der modernen Bartchen, deren Namen ich nicht kenne, war ohne Stutzerei gutgekleidet und sprach hochst angenehm und fertig. Folgen Sie diesem Signalement. Forschen Sie Egon's Schritten nach. Begierig bin ich, was der Prinz in Hohenberg beabsichtigt. Moglich, dass seine geheime Besichtigung der Familienbesitzungen ihn bestimmen konnte, die Verwaltung derselben noch einmal zu versuchen und sich mit den Glaubigern seines Vaters abzufinden. Sie fuhlen, dass mir mit einem solchen Entschlusse wenig gedient sein kann, denn er wurde meine Administration aufheben, die doch, so Gott will, bei der jetzigen Lage der Dinge einige dreissig Jahre uber mein kuhles Grab noch hinausdauern konnte. Also beobachten Sie ihn und schlagen Sie in unserm Verhalten zu ihm den Weg ein, der Ihnen der nutzlichste scheint. Entdeckt er sich nicht, so war' es am gerathensten, ihn harmlos von selbst aufzusuchen und unter irgend einem Vorwande im Schlosse anstandig zu fesseln, ohne dass man dabei sein Incognito verletzt. Vielleicht hilft dabei meine gute und kluge Melanie ..."

Helfen? Ich? sagte Melanie fast errothend.

"Melanie", fuhr Bartusch zogernd fort; "der ich ubrigens wunschen muss ..."

Die Mutter nahm den Brief, den ihr Bartusch jetzt zum Einsehen hinreichte, zogernd.

Melanie, gespannt und ungeduldig wie sie war, wollte kein Geberdenspiel und sagte, indem sie den goldenen Kaffeeloffel vom Munde absetzte und in die Tasse senkte:

Was soll es denn mit der guten klugen Melanie? Was ist ihr zu wunschen?

Sie kann es horen, meinte die Mutter, die weiter gelesen hatte. Ich sagte ihr ja schon, welche Belastigungen uns bevorstehen, da sich Hackert erlaubt hat, hierher zu folgen. Der Vater warnt uns vor ihm, da er ihn auf dem Heidekruge gesehen hatte und vermuthen musse, er wurde die Dreistigkeit haben, sich hierher zu begeben. Er bedauere, schreibt er, nicht gefragt zu haben, auf welche Veranlassung Hackert im Heidekrug ware ...

Lassen wir Das, sagte Melanie, und bleiben wir beim Prinzen Egon stehen. Was weiss man von ihm? Ist Jemand angekommen, der dem Signalement ahnlich sieht? Schone Kennzeichen sind das! Wer findet sich aus solchen Allgemeinheiten zurecht? Lichtbraunes Haar, zwischen blond und braun in der Mitte spielend ein unglaubliches Phanomen! Und die kleinen Hande und Fusse, der namenlose Bart und die Franzosinnen, die Papa wol hatte auslassen konnen! Er meint die Grafin d'Azimont, von der ich schon gehort habe ....

Bartusch unterbrach sie mit dem Bemerken, es fande sich in dem wider Schlurck's Gewohnheit sehr langen, aber durch die Wichtigkeit der Veranlassung begrundeten Briefe noch ein interessantes Postscriptum.

Wie in einem Frauenzimmerbriefe? sagte Melanie.

Wahrend sie ihr feines von der alten Brigitte jeden Morgen frisch gebackenes Weissbrot zerkrumelte, las Bartusch:

"Nachtraglich noch eine Notiz fur die Erkennung des Prinzen. Soeben war Frau von Trompetta bei mir, um einmal wieder eine ihrer tausend Unterschriften zu sammeln. Sie antwortete mir auf meine Frage, ob sie nichts Genaueres uber die Ausserlichkeit des Prinzen Egon wisse, er ahnele, sie sagte es freilich mit sonderbarer Neckerei, dem jungen schonen Maler Siegbert Wildungen ...."

Siegbert? unterbrach Melanie erstaunend ....

"Siegbert Wildungen, den ich mich entsinne einige mal bei uns zum Thee gesehen zu haben. Und in der That ...."

Sie erfinden da Etwas, Bartusch, sagte Melanie und riss den Brief an sich.

Sie konnte nun selbst weiter lesen:

"In der That entsinne ich mich, dass mein rathselhafter Fremder im Heidekrug, nach dessen naherm Reisezweck, Namen und etwaniger Gesellschaft ich mich leider zu erkundigen vergessen habe, mir den Eindruck einer grossen Ahnlichkeit mit Jemanden machte, den ich erst kurzlich musste gesehen haben. Moglich, dass sich mir die Gesichtszuge des jungen Malers Wildungen von den kleinen Theegesellschaften eingepragt haben. Ich konnte Ihnen von Egon's hiesigem Auftreten mancherlei Wunderliches erzahlen, besonders von seinem Reisebegleiter, einem Franzosen, Namens Louis Armand; doch verspar' ich Das auf Eure Ruckkunft. Behandeln Sie den Prinzen mit Discretion und tragt Alle dazu bei, Kinder, dass der Hass, mit dem er den Namen Franz Schlurck verfolgt, sich mildere und die ungemein wichtige Verstandigung, die ich mit ihm durchfuhren muss, vernunftig ablauft .... In grosser Eile!" ....

Siegbert Wildungen! wiederholte Melanie noch einmal mit einem Ausdruck ihrer Gesichtszuge, der vielleicht sagen sollte: Wie mischt sich dieser reine Name in meine Lust und meinen Frohsinn?

Diese Trompetta! sagte sie zur Mutter. Es ist kein Wort wahr, dass Prinz Egon dem Maler Siegbert Wildungen ahnlich sieht; sie wollte mir nur den Stich geben: Bedenke, wen du schonen solltest! Bedenke, wer dich zu lieben vorgiebt! Der sanfte gute Siegbert!

Die Mutter zog eine Miene und nannte fast verachtlich den jungen Maler geradezu den Ritter Toggenburg aus dem Atelier.

Ich wette, diese verschmitzte Trompetta wollte mir sagen lassen: Melanie, verlieb dich nicht in den Prinzen, nicht in die Excellenz, den Gatten meiner guten Freundin Pauline von Harder, sondern denk' an Siegbert! ... Bei all ihrer Heiligkeit hat sie nichts als Romane im Kopf.

Und, Fraulein Melanie, sagte Bartusch, hier ist noch eine fruhere Stelle des Briefes, die wir ubersehen hatten.

Ich will nun nichts mehr wissen, antwortete das Madchen traumerisch, von der Erwahnung Siegberts erschreckt.

Vorher noch, fuhr Bartusch fort, ohne sich irremachen zu lassen, vorher noch, sagte der Justizrath die Erwahnung des Fritz machte, dass wir die Stelle ubersprangen ....

Welche denn?

"Die Anwesenheit des Prinzen von Hohenberg hinge vielleicht auch mit der Entfuhrung des Mobiliars seiner Mutter zusammen. Die Trompetta hatte erzahlt, er ware daruber bis aufs ausserste entrustet. Frau von Trompetta hatte bemerkt, man beabsichtige bei Hofe vielleicht die schonsten Andenken dieser Einrichtung dem Fraulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz zu verehren, als Anerkennung fur ihre landesrettende Hingebung an das Kriegsheer und die Stiftung des weiblichen Reubundes ...."

Der Vater schriebe Das? rief Melanie lachend; von dieser blonden Magdalena? Das sind satyrische Arabesken!

Sie nahm den Brief, fand die Stelle wirklich und setzte mit nicht ganz scherzhaftem Zorne hinzu:

Soll die Flottwitz vielleicht in die Lage kommen, auch zu dem Prinzen Egon in Beziehungen zu treten? Gebt Acht, Das wird eintreffen! Ihm raubt ein liebloser Vater die theuersten Andenken an seine Mutter. Der alte Furst, der Alles verspielt und vergeudet hat, opfert auch noch die letzte Erinnerung an die Mutter seines Sohnes. Der Hof rettet ihn durch eine Summe auf jene Einrichtung, und statt sie dem Sohne zuruckzugeben, schenkt man das Beste davon meiner blonden Freundin Friederike Wilhelmine, die es darauf anlegt, eine geschichtliche Person zu werden. Das seh' ich vor mir! Der Prinz bittet um die Erlaubniss, bei ihr diese Reliquien noch einmal betrachten zu durfen. Er sieht die Briefbeschwerer und Crucifixe und kusst die Stickereien, und vergisst sich und kusst auch die Hand der Flottwitz, die ihn erobern wird mit Gott fur den Konig, das Vaterland und fur sich! Nein, nein, diese Verschworung ist entdeckt, die Faden sind in unserer Hand und wir benutzen sie so, dass der Prinz Egon nicht der Grafin d'Azimont, nicht der Flottwitz gehort, sondern zu unserer Fahne schwort, und Das gleich. Fort Bartusch, holen Sie ihn nur her! Wo ist der Prinz?

Die Mutter rief lachend:

Gemach! Gemach!

Es ist mein Ernst, sagte Melanie, sprang empor und stampfte mit komischem Zorn so auf, dass die alten verwitterten Dielen von den kleinen Pantoffelchen zitterten.

Nur ruhig! Nur behutsam, bitt' ich, meinte Bartusch, der gewohnt war, sich immer streng an des Justizraths Befehle zu halten. Discretion!

Vor allen Dingen weiss man ja noch gar nicht, bemerkte die Mutter, ob der Prinz Egon wirklich hier schon angekommen ist.

Daruber, sagte Bartusch pfiffig, daruber kann ich Bericht erstatten ....

Rasch! Bartusch; Sie schleichen wieder wie ein Maulwurf!

Muss ich nicht? Mussen meine Morgenrapporte nicht von einer gewissen systematischen Grundlichkeit ...

Nichts von Grundlichkeit! Die Mutter erlasst Ihnen heute Ihre gewohnliche Spionage! Also ...?

Erstens hatt' ich denn zu melden, fing Bartusch behaglich an, dass die alte braune Kuh, die Frau Justizrathin so lieb haben ...

Was? sagte Melanie und warf sich in ein Canapee. Fort doch mit der alten braunen Kuh!

Lass ihn nur, meinte lachelnd die Mutter. Es ist besser, in solchen Dingen nichts zu ubereilen. Du weisst, wieviel dem Vater an der Administration liegen muss ....

Aber die alte braune Kuh! ...

Die vorgestern vom grunen Abhang fiel, ist wiederhergestellt; der blinde Schmied curirte sie ... sagte Bartusch und erfreute dadurch die gutmuthige Justizrathin.

Weiter!

Zweitens, die kranke Frau Mullerin

Bartusch! Ich sterbe ...

Lass doch Kind! Was ist mit der Frau Mullerin?

Sie will nicht aus der Muhle ...

Wirklich nicht?

Sie will da sterben, wo sie gelebt hat.

In dem dumpfen, feuchten Gemauer? Bei dem ewigen Klappern der Rader? Bei dem Schaume, der fast auf ihre Betten spritzt? Wie kann da die Frau je gesund werden?

Hannchen Schlurck war wirklich ausser sich uber diese hartnackigen Gewohnheitsmenschen; aber Bartusch sagte:

Leben in der Muhle und sterben in der Muhle. Doctor Reinick meinte auch: Diesen Leuten ist in solchen Sachen nicht beizukommen.

Melanie konnte uber die Spannung, in der sie Bartusch erhielt, nicht entrusteter sein als ihre Mutter uber Menschen, die an der Schwindsucht leiden und nicht das Geringste fur das Einathmen einer gesunden Luft thun ....

Drittens, der Bauer Sandrart ...

Ach! Ach! schmachtete Melanie, fast verzweifelnd.

Der Bauer Sandrart ist absolut nicht zu bewegen, vor uns die Mutze abzunehmen, wenn wir in den Ullagrund fahren.

Warum nicht? sagte die Mutter aufwallend.

Der Justizdirector meint, es ware nun einmal der reichste, freieste und impertinenteste Mensch im ganzen Furstenthum .... Jetzt, da sein Sohn in der Garde sogar Sergeant geworden ware, kam' ihm Keiner gleich, es ware denn der Furst von Hohenberg selbst ....

Egon, heisst der! Gott sei Dank! Sie lenken ein! Bleiben Sie auf der Fahrte!

Oder der Feldwebel seines Sohnes, der in der dritten Compagnie des Leibregiments steht, unter dem Major von Werdeck ...

Bartusch!

Gegen solchen Trotz und den Stolz der Dummheit vermag keine Drohung Etwas; sagte Bartusch immer ruhig.

Berichten Sie's nur, beschied die Mutter, Herrn von Reichmeyer! Er war uber diesen Sandrart am meisten indignirt ....

Was das Schloss anbetrifft, fuhr Bartusch unerschutterlich fort, so scheinen Herr und Frau Commerzienrath von Reichmeyer sehr angenehm geruht zu haben. Sie sind schon fruh im Felde spazieren gegangen, haben mit Arbeitern herablassend gesprochen und sich die Wirthschaftsgebaude wiederholt angesehen. Man kann daraus schliessen, dass von dieser Seite der Gedanke, Hohenberg anzukaufen noch immer nicht ganz fallen gelassen wird.

Die Mutter nickte ....

Lasally fuhr Bartusch fort ...

Was Der gethan oder nicht gethan, konnen Sie uberschlagen! rief Melanie, aufs Ausserste gereizt.

In der That weiss ich auch nichts Weiteres von Lasally, sagte Bartusch gemuthlich, als dass er noch schlaft und sich gestern Abend uber Ihre Coquetterie bitter beklagt hat. Ein Opfer derselben

Mehr Thatsachen, weniger Betrachtungen!

Ein Opfer derselben, wiederholte Bartusch sehr nachdrucklich, der Pfarrer ...

Guido Stromer ...

Guido Stromer soll gestern Nacht noch Veranlassung zu einer hauslichen Scene gegeben haben. Ob Eifersucht der Gattin, Verzweiflung uber seine seit dem Tode der Furstin nicht mehr besonders gesicherte Lage oder ob die Wirkung des Champagners

Bei diesen Vermuthungen klopfte es. Man wollte die Storung nicht, deshalb sprang Melanie, ihr ungeordnetes Haar zusammenraffend und uber die halboffene Brust zusammenschlagend, an die Thur des Zimmers, um zuzuriegeln. Doch war es nur ihr Madchen Jeannette, die, schon zierlich geputzt, einen grossen Blumenstrauss in der Hand hielt. Das Geschenk kam vom Pfarrer und war als Morgengruss fur Fraulein Melanie Schlurck bestimmt. Jeannette lachelte bei dieser Meldung etwas malicios.

Da sieht man die Ursache des gestrigen Zanks, bemerkte Bartusch, als Jeannette auf spater beschieden wurde und sich mit feiner Miene entfernt hatte; im Entzucken uber den erlebten Abend wurde von ihm beschlossen, heute fruh wieder ein Blumenbouquet hierherzusenden, und dieser Plan gab ohne Zweifel die Veranlassung zu einem Ausbruch langst verhaltener Gefuhle.

Wahrend die Mutter den grossen frischduftenden Strauss zertheilte, um ihn vorlaufig in die kleinen Wasserglaser, die mit dem Fruhstuck gekommen waren, setzen zu konnen und kein weiteres Klingeln erst nothig zu haben, sagte Melanie, die das Geschenk mit aufrichtiger Theilnahme entgegengenommen hatte:

Und wer weiss, kluger Mann, ob diese Blumen nicht heute ganz fruh in der Stille im Pfarrgarten gepfluckt wurden, wahrend die gute treue Gattin und die funf Schreihalse von Kindern noch schliefen! Lasst mir den Pfarrer!

Und die gestrige Scene? fragte die Mutter.

Die stille Frau, die hier sass, als konnte sie nicht Funf zahlen und zu Allem lachelte, sagte Bartusch, hat einen Anfall von Leidenschaft gehabt und sehr geweint. Stromer aber schlug auf die Tische, drohte mit allen moglichen Entschliessungen und die Kinder, aufgeschreckt aus den Betten, in denen sie schon schliefen, warfen sich zwischen die beiden Streiter und suchten Frieden zu stiften, bis die Hunde der Muhle anfingen zu bellen und die Eheleute zur Besinnung auf die geistliche Wurde des Hauses zuruckriefen. Die Frau schwieg, aber, wie sie gesagt haben soll, nur aus Schonung fur die kranke Mullerin.

Ungluckliches Bild der Ehe! seufzte Melanie's Mutter, die zwar aus ihrem eigenen Leben solche Scenen nur von ganz fruh kannte, die Welt aber hinlanglich beobachtet hatte, um dergleichen Nachspiele zu einem heitern gesellschaftlichen Abende, wo der Mann mit der Frau, die Frau mit dem Manne nicht vollkommen zufrieden war, zu verstehen.

Melanie aber, aufgeregt, sagte noch nachdrucklicher:

Lasst mir nur den Pfarrer gehen! Guido Stromer kommt mir vor, wie ein Apfelbaum, dem, nachdem er lange keine Fruchte getragen hat, plotzlich einfallt, im November zu bluhen! Der Mama gesteh' ich's, er hat mir gar nicht misfallen. Er ist nicht schon und schon uber die Jahre hinweg, wo man noch eines angenehmen Eindrucks durch sein Ausseres gewiss ist, und dennoch besitzt er eine Frische, die auf ein nur gehemmtes, nicht erstorbenes Bedurfniss zur Lebensfreude schliessen lasst. Ich denke der Zeit, wo die kleinen Linien, die ich da im Spiegel im Zorn uber Bartusch's mich qualende Grausamkeit schon mit feinen Strichen auf der Stirn und den Schlafen gezeichnet sehe, einmal auch garstige Furchen sein werden, die weder Schminke noch ein Schonheitswasser fortjagen kann! Da war' es vielleicht nur der Verstand, der sie ausloscht. Jung erhalt nur der Geist. In dem Pfarrer schlummert viel.

Das du doch nicht etwa wirst wecken wollen? sagte fast erschrocken die Mutter.

Warum nicht ich? Jeder! antwortete Melanie. Guido Stromer hat grosse schone Augen, die er oft so gewaltig luftet, als sollte man in eine ganz helle Krystallwelt sehen, auf der Alles anders aussieht, wie auf der unsern. Wenn der Mann mich lange und prufend betrachtet, fuhl' ich Etwas von den Vampyren, die schon mit ihren Blicken Andern das Leben aussaugen. Verpflanzt doch nur einmal einen solchen Mann, wie mir Siegbert Wildungen ja von einem lateinischen Schulmeister, dem grossen Winkelmann, erzahlt hat, verpflanzt ihn aus einem Stadtchen in der Priegnitz oder Altmark von seinen Buchern und seinen hauslichen Jammerlichkeiten hinweg nach Rom und zu den Gottern Griechenlands .... Doch wohin verirr' ich mich? Was sind Ihnen, Bartusch, die Gotter Griechenlands! Bellen Sie weiter, alter Cerberus!

Das Gebell der Hunde, fuhr Bartusch fort, indem er an den kleinen Backwerkresten kaute, die sich noch auf den Tellern fanden; das Gebell der Hunde kann indessen auch von mancherlei Abends und uber Nacht angekommenen neuen Besuchern und Durchreisenden des Orts herruhren.

Endlich! Endlich!

Da ist zuvorderst zu erwahnen, sagte Bartusch, dass mitten in der Nacht eine Depesche an den Herrn Intendanten einlief, deren Inhalt sich aus der grossen Eile abnehmen lasst, mit der heute schon in aller Fruhe das Geschaft der Einpackung begonnen hat.

Daher also das fruhe Hammern und Poltern, das mich nicht mehr einschlafen liess? sagte Melanie und trat ans Fenster.

Himmel, rief sie, was soll der geschmacklose Wagen?

Man legte die Gardinen zuruck und entdeckte im innern Hofe einen langen und breiten Transportwagen der Art, wie man sie in grossen Stadten bei Umzugen braucht. Die Pferde waren ausgespannt. Hinten der weitlaufige Raum halb geschlossen. Zu gleicher Zeit sah man auf dem andern Flugel schon die Excellenz mit ihren beiden Bedienten in voller Thatigkeit, Befehle ertheilend, hier und da beim Emballieren zur Behutsamkeit mahnend, sonst aber schon in gewahlter Toilette und die Gelegenheit wahrnehmend, ob der geoffnete Zipfel des Vorhangs an dem schon lange von ihm fixirten Fenster nicht Etwas von seinen weiblichen Bewohnern zeigen wurde. Als er eben grussen wollte, liess die Mutter rasch den Vorhang fallen und Melanie rief lachend und mit komischem Pathos hinter dem schutzenden Versteck:

Bist Du es denn, Mann mit den himmlischen kleinen Ohren? Alp meiner Seele, der mich eine Nacht gekostet hat, die ich auf dem Kalender unserer jungen Liebe als eine verlorene ausstreichen muss! Blinzle nicht so gefahrvoll heruber! Massige das Feuer Deiner Augen, vortrefflicher Don Quixote! Furchtest Du nicht, dass ich, angezogen von dem sussen Lacheln Deines mit so kunstvollen pariser Zahnen geschmuckten Mundes zu Dir hinuberfliege und da das prachtige Buch in dem grunen Sammeteinband mit dem goldenen Schnitte Dir aus der Hand reisse und rufe: Mein! Mein? Ja mein, weil Du es beruhrtest! Schlag es nur auf, Mann! Lachle nur! Es ist die Bibel, das Buch aller Bucher, worin das Hohe Lied Salomonis steht, das ich singen werde zur Geige und Flote, wenn ich komme, um Deine kleinen Ohren mit Rosen zu umkranzen! Da notirt er es in einem langen Buche, vielleicht gerade Nummer sechzig, die eine schnode Anspielung auf Deine Lebensgeschichte enthalt! Aber Bartusch, Mutter, seht nur, es ist ein Staatsdiener, der das Vertrauen seines Fursten verdient, selbst die verwesten Blumen, die da noch in der chinesischen Vase stehen, betrachtet er, ob sie dem Staate verfallen sind oder nicht? Nimm sie! Nimm sie! Es sind ja die vortrefflichsten Strohfaden fur das Haar unserer neuen Ophelia, meiner Freundin Friederike Wilhelmine von Flottwitz, die aus Liebe zum Prinzen Egon, wollt' ich sagen Ottokar, dem Oberbefehlshaber der bewaffneten Macht, bereits narrisch geworden ist ....

Kind! Kind! sagte die Mutter, nimm Dich nur selber in Acht! Das Abentheuer mit dem Incognito bringt Dich um alle Vernunft. Es ist nichts damit; denn Bartusch scheint uns zu foppen und von einem Fremden mit lichtbraunem Haar nichts zu wissen.

Doch! fuhr dieser aus seiner Fassung nicht zu bringende Mann fort; wir haben nunmehro die Wahl zwischen drei fremden Personen, die seit gestern Abend angekommen sind. Denn den Kurier, der wahrscheinlich wegen der hier vermutheten Anwesenheit des Prinzen Egon zur schleunigsten Beschlagnahme der drei Zimmer der Furstin gerathen hat, rechne ich nicht ....

Rechnen Sie ums Himmels willen nicht! rief Melanie ungeduldig. Sagen Sie, wer von den Dreien dem Siegbert Wildungen ahnlich sieht?

Ich kenne den jungen Maler nicht, bemerkte Bartusch; aber eine gewisse Person, die man gestern tief in der Nacht hier ums Schloss hat schleichen sehen und die durch dieselben Hunde, die ich schon aus zwei andern Ursachen bellen liess, verscheucht wurde, kann es nicht sein. Sie hatte rothe Haare ....

Das war Hackert, sagte die Mutter unmuthig ....

Melanie schwieg.

Er muss sich den Garten heraufgeschlichen haben, verschwand auch dorthin, als die Bedienten des Intendanten, die druben in den Zimmern abwechselnd wachen, ihn entdeckten, das Fenster offneten und anrufen wollten. Wo er Obdach gefunden, weiss man nicht; auch Niemand sonst hat ihn irgendwo im Dorfe unten gesehen.

Mutter und Tochter schwiegen ernst.

Dann, fuhr Bartusch, die Pause benutzend, fort, dann ist zu nennen ein alterer Mann, der in der Krone unten angekommen mit einem allerliebsten Knaben. Der Fremde nennt sich Ackermann. Herr Ackermann soll sich geaussert haben, er kame von einer weiten, weiten Reise und hat hier im Dorf Aufsehen gemacht durch das viele Seltsame und Abenteuerliche, das er gestern Abend den Leuten im Wirthshause von Amerika erzahlte. Nun ja! Das fehlte uns noch, dass zu allen Calamitaten, die wir schon auf dieser Herrschaft zu uberstehen haben, sich noch das Auswanderungsfieber gesellte und durch irgend einen gewandten Agenten, Das wird Herr Ackermann sein, die Leute vollends zu ihrer Arbeit keine Lust und Liebe mehr behielten! Ich liess darum schon heute in aller Fruhe genauer nach diesem Herrn Ackermann forschen und erstaune, dass auch er, wie der Letzte und Beste von Allen, uber Die ich zu berichten habe

Endlich der Prinz? unterbrach ihn Melanie mit ausserster Ungeduld.

Nun wol, sagte Bartusch, der Prinz, glaub' ich, ist da. Aber Sie wurden mich ausserordentlich verbinden, wenn sie in dem aussern Antheil, den Sie an diesem Abenteuer nehmen, mein Fraulein, nicht vergassen, wie streng die Vorschriften des Justizraths sind und wieviel moglicherweise darauf ankommen kann, ob und wie wir hier mit dem Erben der furstlich Hohenberg'schen verwickelten Masse zusammentreffen.

Ja, Melanie, sagte nun die Mutter, durch Hackert's Erwahnung streng und ernst gestimmt; lass Bartusch seine ganze Meinung sagen, damit wir wissen, wie wir uns zu verhalten haben .... Des Vaters halbe Existenz beruht auf dieser Administration.

Melanie, befriedigt schon von der Thatsache, dass der vielbesprochene und abenteuerliche Furst nun wenigstens da war, nahm aus einem der Glaser einige Blumen des Pfarrers und schwebte, ihren Duft einathmend und in sorgloser Spannung sich wiegend, im Zimmer leise auf und ab. Die Melodie, die sie dabei trallerte, storte nicht.

Der dritte Fremde, berichtete Bartusch, kam denn also gestern Nachmittag in einem kleinen Einspanner mit einem sehr ermudeten Pferde an.

Gestern Nachmittag? unterbrach Melanie. Mit dem kleinen Wagelchen, das wir im Walde trafen? Wir ritten pfeilschnell voruber. Aber es waren zwei Herren

Einer nur! sagte Bartusch.

Es waren zwei, erklarte Melanie. Einer fasste nach den Zugeln des scheugewordenen Pferdes, die ihm entfallen waren. Der Andere, der Andere in einer blauen Blouse, war gleichfalls im Wagen aufgesprungen und half ihm. Wir ritten zu schnell, um genauer zu beobachten. Mein Schleier flatterte zu sehr im Winde, die Mienen konnt' ich nicht unterscheiden. Auch waren Beide jung und der Eine ... der Eine schien mir viel eleganter, als fur den schlechten Wagen passte ....

Von Zweien weiss ich nicht, sagte Bartusch. Der da unten in der Krone abgestiegen ist, hat in der That lichtbraunes Haar, zarte Hande, modernen Bart und gleicht ganz dem Signalement, das uns der Justizrath vom Prinzen gegeben hat. Bald nach ihm kam auf der andern Strasse von Randhartingen her der Amerikaner, der sich Ackermann nennt, mit einem Knaben. Der wahrscheinliche Prinz hat keinen Namen genannt. Die eingeschlafenen Gewohnheiten des Nachtbuchs in den Gasthausern haben ihn auch nicht aufgefodert, einen zu nennen. Beide, der Braunblonde und der Amerikaner, schienen sich fremd und doch haben sie gemein, dass sie sich mit auffallendem Eifer nach den kleinsten Details des Schlosses und der Familie Hohenberg erkundigten. Und noch mehr, Beide fragten nach dem blinden Schmied im Dorfe ....

Nach Dem fragt ein Jeder, der mit einem eigenen Wagen kommt und sein Pferd beschlagen lassen will.

O nein

Sei doch ruhig! sagte die Mutter ernst; und lass Bartusch reden!

O nein, nahm Dieser wieder seine Ermittelung des Thatbestandes wie ein Jurist auf; nicht wegen der Pferdehufe geschah Das. Der Amerikaner fragte nach dem Schmied Zeck und nach dessen alter Schwester, die im Walde beim Forster Heunisch wohnt. Der Prinz aber, wenn er es ist, machte sich mit demselben alten Schmied Zeck zu schaffen, indem er behauptete, ein Schrein der ihm gehore, ware kurzlich von einem Fuhrmann, der ihm das Frachtstuck aus der Stadt Angerode hatte uberbringen sollen, bei einer Reparatur seines Wagens hier entweder verlorengegangen oder nach allen Anzeichen gestohlen worden. Den Larm wegen jenes Schreins kennen Sie ja! Wie kommt der Prinz zur Kenntniss dieses Vorfalls? Welchen Antheil hat er daran? Ja noch mehr, wie konnte er zu dem alten Zeck sagen: Der Schrein ist gefunden worden, bemuht Euch nicht, mir den Jammer wieder auszumalen, an dem noch Peters krank darniederliegt! Ich reise morgen zuruck und lasse den Schrein mir von Dem zuruckstellen, der ihn gefunden hat, dem Justizrath Schlurck.

Wie, Schlurck? rief Melanie's Mutter und auch Melanie, die von dem ganzen Vorfall nichts wusste, blickte staunend ....

Ich entsinne mich des Morgens, sagte Hannchen Schlurck, wo das Geschrei eines Fuhrmanns das ganze Schloss in Aufruhr brachte. Wir hatten unsern verungluckten Ball gehabt, auf dem nur die Burgerlichen aushielten. Schlurck war trotzdem von der heitersten Laune. Nachdem wir kaum vom ersten Schlaf erwachten, wird es unter unsern Fenstern laut. Ein Fuhrmann hat, um die Hitze zu vermeiden, in der Nacht statt am Tage fahren wollen. Beim Herabfahren vom Berge, dicht an der Schmiede, bricht die Achse und der Wagen schiesst uber ihn her. Erst muss er eine Weile so gelegen haben, bis das Bellen seines Hundes die Leute weckt. Noch war hier oben Alles wach. Der Schmied wird aus dem Schlafe geruttelt. Man packt den Wagen ab. Der Fuhrmann wird in die Schmiede getragen. Man stellt seinen Wagen wieder her. Der arme Mensch kommt zur Besinnung, ladet wieder auf und vermisst einen Schrein, um dessen Wiedererlangung der Mann fast wahnsinnig wird. Er beschwort Alles, was lebt, um sein verlorengegangenes Frachtstuck, klagt den Schmied an, das Schloss, das ganze Dorf. Der Justizdirector wird geweckt, man nimmt ein Protokoll auf, der Fuhrmann reist unverrichteter Sache in Verzweiflung wieder ab, und nun sagt Prinz Egon, wenn er es ist, das geraubte Gut befande sich in den Handen meines Mannes? Wie ist das moglich?

Der Fremde scheint daruber so beruhigt zu sein, fuhr Bartusch ebenfalls erstaunt fort, dass zuvorderst dem alten Zeck ein Stein vom Herzen gefallen ist ....

Der alte Schmied, sagte die Mutter, hat ein unheimliches Aussehen und erinnerte mich, ich muss es wol sagen, oft an Hackert. Doch achtet man ihn allgemein. Gehort er nicht zu den Frommen, wie auch seine Schwester im Walde?

Die Hexe? erganzte Melanie. Als wir gestern beim Forster vorbeiritten, graute uns vor dem Grusse der Alten, die unter den Tannen am Wege sass, wie eine der alten schottlandischen Nornen ....

Wenn diese Leute den Schrein genommen hatten? meinte die Mutter.

Der blinde alte Zeck? bezweifelte Melanie.

Wie kame aber der Vater dazu? Habt Ihr auf seinen Wagen einen solchen grossen Schrein, der ausserdem noch ganz sonderbar ausgesehen haben soll, aufladen sehen?

Nein! war die Antwort.

Und wenn ihn Schlurck auch gefunden und Ursache hatte, es zu verschweigen, da er vielleicht einen irgendwo vermissten Gegenstand entdeckte, wo hatte er ihn finden sollen? Es war zwei Uhr, als sich das Ungluck mit dem Fuhrmann ereignete. Der Schrein ging um zwei Uhr verloren. Schlurck hatte schon lange vor ein Uhr die jungere forttanzende Gesellschaft verlassen, die Justizdirectorin, die sich mit den Adeligen entfernen zu mussen glaubte, fruh nach Hause begleitet und musste langst wieder zuruck sein, da man den Weg hin und her von der Zeisel'schen Wohnung in einer halben Stunde macht ....

Musste zuruck sein! sagte Bartusch mit einem Ernste, dem ein boshaftes Lacheln folgte.

Melanie's Mutter fixirte ihn.

Musste? sagte sie errothend ....

Es trat ein peinlicher Augenblick ein. Offen lagen da plotzlich gewisse geheime Schaden dieser frivolen Familie, die bisher vom absichtlichen Nichtwissenwollen verdeckt waren .... Schlurck verehrte Frau von Zeisel .... Frau von Zeisel war ohne ihren Mann vom Balle gegangen .... man konnte Vermuthungen Raum geben .... man konnte Schlusse ziehen .... man konnte ...

Genug! rief Melanie; weg mit Eurer abscheulichen juristischen Untersuchung! Ist es nicht, als sasse man hier auf dem Armensunderstuhl und musste seine unschuldigsten Erlebnisse zu Protokoll geben! Schamen Sie sich, Bartusch, mit Ihrer grubelnden Weisheit, die doch nichts zu Tage fordern wird, als dass Sie unter Thoren der Thorichtste sind. Ein Schrein eine Justizdirectorin zwei Uhr was ist das Alles? Gehen Sie hinunter in die Krone, richten Sie an den hellbraunen Lockenkopf, der uns hier Fallen legen, auf falsche Fahrten bringen und dem Vater, den er hasst, schlimme, bose Streiche spielen will, den Gruss meiner vortrefflichen Mutter, Johanna Schlurck, geborenen Arnemann, aus, und sagen Sie ihm: Diese noch junge, schlanke, sehr liebenswurdige Johanna Schlurck hatte eine Tochter, die verhaltnissmassig junger, noch schlanker, aber nicht liebenswurdiger ware als die Mama, und sich erkundigen musse, ob ihm gestern im Walde mit seinem storrischen Thiere keine Unannehmlichkeit widerfahren ware? Verstehen Sie? Und die Antwort darauf, fahren Sie fort, die Antwort, wurden die Bewohner des Schlosses lieber von ihm selber horen, falls er geneigt ware, bei uns heute einen Loffel Suppe zu essen. Burgerlich um halb zwei Uhr. Bist du's zufrieden, Mama?

Die Mutter war noch erschuttert davon, dass Bartusch auf die Artigkeit anspielen konnte, die der Justizrath der Frau von Zeisel erwies ....

Einen Korb nehmen wir nicht, fuhr Melanie den Unmuth verscheuchend fort. Das ganze Getriebe von Intriguen zwischen den Hausern Hohenberg und Schlurck, alle diese Feindschaften lass' ich nicht aufkommen. Der Vater soll uns keine Vorschriften machen, die wider die Natur der Frauen gehen. Hier lebe die Galanterie! Sie machen sich sogleich auf den Weg, Bartusch, bei Strafe meiner Ungnade, und knupfen die Verbindung auf feine diplomatische Art an! Lacheln Sie mir aber nicht etwa, wie's im Hamlet heisst, als wollten Sie sagen: Wir wissen recht gut, Sie sind Prinz Egon, aber wir drucken die Augen zu! Oder: Wir scheinen dumm und sind klug! Wir wollen Sie nur nicht kennen! Verstehen Sie? Nicht so! Will der Prinz sich verborgen halten, so nehmen Sie ihn ernst und heilig fur Das, wofur er sich ausgibt, und war' es ein gewohnlicher Kammerjager, der hier oben auf dem Schlosse nur die Ratten und Mause verjagen will ....

Wer weiss, ob Das nicht seine wahre Absicht ist! sagte die Mutter, die sich jetzt erst sammelte.

Nein, ich stifte Frieden zwischen den Hausern Friedland Piccolomini! sagte Melanie und drangte Bartusch zur Thur hinaus, indem sie ihm noch nachrief:

Halb zwei Uhr steht die Suppe auf dem Tisch!

Bartusch zogerte.

Melanie gab ihm kein Gehor mehr. Sie druckte gewaltsam hinter ihm die Thur zu.

Mutter! sagte sie, jetzt gilt es schon sein!

Sie klingelte und rief ihrem Madchen.

Bartusch wollte draussen immer noch zweifeln, klopfte, begehrte Einlass, erinnerte immer noch an das doch nur im Allgemeinen zutreffende Signalement ....

Melanie rief hinaus:

Wir werden bald wissen, woran wir sind. Der Wink der Trompetta soll nicht verloren gehen ....

Leiser und fast fur sich setzte sie hinzu:

Wir werden ihn sehen und uns bald uberzeugen, ob er einem jungen Manne ahnlich sieht, den wir ja wol sehr genau kennen, dem guten Siegbert Wildungen.

Damit denn ging Bartusch. Melanie bedeckte die Mutter mit zartlichen Kussen, umarmte sie, tanzte mit ihr und suchte sie moglichst aufzuheitern. Davon, dass der Geist der Wahrheit, des Ernstes und der heiligen Pflichterfullung bestimmt schien, hier den von uns geschilderten frivolen Lebensprincipien eine tiefe Demuthigung zu bereiten, konnte sie keine Ahnung haben ...

Nicht ohne einen Anflug von Ruhrung liess die ernstgestimmte Mutter die Liebkosungen ihres Kindes geschehen und folgte dann der Auffoderung, gemeinschaftlich zu berathen, wie dieser Mittag angeordnet, vor allen Dingen, welche Gaste noch und welche Kleider gewahlt werden sollten.

Indem Beide mit der inzwischen eingetretenen Jeannette in das Garderobezimmer traten, schritt Bartusch nachdenklich die Anhohe herab dem Wirthshause von Plessen zu, genannt: die Krone.

Ende des ersten Buches.

Zweites Buch

Erstes Capitel

Ackermann, der Amerikaner

Dankmar Wildungen befand sich an jenem Morgen wo ohne Zweifel er selbst fur den Prinzen Egon gehalten wurde, in der That noch am Fusse des Schlosses Hohenberg.

Seit der von dem Fremden in der blauen Blouse empfangenen Beruhigung uber seinen Verlust, einer Versicherung, an deren Zuverlassigkeit er keinen Augenblick zweifelte, war sein Gemuth leicht geworden, der Freude zuganglich und auch der Freude bedurftig. Nach jeder grossen abgenommenen Sorge will ja das erschopfte Herz sich wieder fullen und starken und wie in eine grosse Lucke und Leere sturzt das Leben dann nur mit so ungefesselterer Gewalt. Warum sollte er schon wieder nach der Residenz zuruckkehren, jetzt, wo keine Last mehr auf seinem Gemuthe lag und sich so Manches begeben hatte, dessen nahere Entwickelung seine Neugier spannte?

Zuerst war es Hackert's plotzliches Verschwinden, uber das er doch eine irgend zutreffende Aufklarung wunschen musste. War ihm auch diese Bekanntschaft eine solche, von der er lieber gewollt hatte, er hatte sie nicht gemacht, so peinigte ihn doch jetzt die vollige Ungewissheit uber das, was er von diesem oft aller Theilnahme wurdigen und dann wieder so fremdartig abstossenden, ja niedrig und geringfugig denkenden Menschen halten sollte. Stundlich erwartete er seine Wiederkehr. In dem Gasthause zur Krone glaubte er bestimmt, von ihm erfragt zu werden. Aber vergebens! Jede Spur des abenteuerlichen jungen Mannes war verschwunden.

In noch hoherem Grade als die Enthullung der Hakkert'schen Personlichkeit, fesselte Dankmarn die Aussicht, hier irgendwo, wenn auch unter dem schutzenden Deckmantel der ihm gelobten Unbekanntschaft, dem Prinzen wieder zu begegnen. Er konnte kaum daran zweifeln, dass der von seinem Vater so schmahlich verkurzte Erbe der Hohenbergischen Besitzungen wirklich hierher gekommen war, entweder um einen Act der Pietat, ein Opfer des Herzens, zu vollziehen oder sich ungekannt von dem wahren Zustande dieser Besitzungen zu unterrichten. Die letzte Annahme schien ihm nach langerer Erwagung fast die richtigere und der Natur des Fremden entsprechendere. Denn so edel und mannlich ihm Alles erschien, was der junge ihm an Jahren nur wenig vorangeschrittene Fremde in Worten und Benehmen geaussert hatte, so war doch Dankmar Wildungen schon Kenner der menschlichen Seele genug, um sich zu sagen, dass bei Egon von Hohenberg, wenn er es war, die Krafte des Verstandes das vielleicht verstecktere oder unentwickeltere Gemuth uberwogen. Wie wenig hatte er sich von dem Forster Heunisch auf dem gelben Hirsch uber seine Mutter berichten lassen! Weit mehr dagegen, besonders als sie beide vor die Thur des Wirthshauses gegangen waren und Dankmar ihr lautes Gesprach horen konnte, hatte er der gegenwartigen Verfassung dieser seiner mehr als zweifelhaft gewordenen Besitzungen nachgeforscht. Dankmar griff in solchen Beurtheilungen nicht fehl. Wie sich eine seelenvolle, rein gemuthliche Natur aussert, konnte er durch keinen Vergleich sicherer treffen, als durch den mit seinem theuern, altern Bruder Siegbert, der einen kindlichen Glauben an die Menschen besass und die Jahre, die er vor Dankmarn voraus hatte, nur gewonnen zu haben schien, um immer warmer, immer ergebener und nachsichtiger zu fuhlen, wahrend Dankmar dagegen schon an sich selbst gestehen musste, dass er mit jedem Jahre, an dem sein Alter zunahm, im Gegentheil kalter zu denken lernte. Die Kalte des Fremden schien ihm nicht Kalte des Herzens, sondern gerade auch diese Kalte der Erfahrung, diese Kalte des Unglucks und des innersten Mismuthes.

Aber auch von diesem Fremden sah Dankmar nichts mehr. Zu den Behorden zu gehen, seinen Verlust dort noch einmal anzuregen, schien ihm, nach dem tiefen moralischen Eindruck der Versicherung des angeblichen Egon, nicht mehr nothwendig. In der Schmiede, wo er vorsprach, hatte er einen stumpfsinnigen tauben jungern Gesellen, den Zeck Sohn angetroffen, der keine einzige seiner Fragen beantworten konnte. Mit dem altern, dem Zeck Vater, schien es ihm anfangs, als wurde er, wenn er viel forschen musste, noch schlimmern Stand haben; denn dieser war stockblind. Die Unruhe, die den grossen athletisch gebauten alten Mann ergriff, wie Dankmar sich als Eigenthumer des neulich geraubten Frachtgutes zu erkennen gab, fiel ihm allerdings auf. Allein einem Verdachte gab er keinen Raum und konnte es nicht, da die Aussagen des Blinden mit denen des Fuhrmanns stimmten. Kannte er doch auch hinlanglich diese, man mochte sie geistig halbwuchsige Menschen nennen, aus seiner eigenen juristischen Praxis! Er wusste ja, wie selbst der Unschuldigste vor einem Richter zittert und sich verfarbt, wenn man ihn eines Verbrechens zeiht und mit allen in solchen Fallen ublichen Feierlichkeiten inquirirt. Hatte er nicht Falle erlebt, wo diese beschrankten Menschen, besonders wenn sie in einer gewissen religiosen Dumpfheit lebten, unter den Fragen eines Richters so uber sich in Unklarheit geriethen, dass es ihnen allmalig wurde, als hatten sie in der That, vielleicht in einem unzurechnungsfahigen, von bosen Geistern ihnen angezauberten Zustande, die Verbrechen begangen, deren sie verdachtig erscheinen sollten! Des Menschen Seele ist ein schuchtern Ding, ein zitternd flimmerndes Beben. Nur darin erschien Dankmarn der alte Zeck wunderlich, dass er bei seiner Mittheilung, Zeck mochte sich beruhigen, Justizrath Schlurck hatte den Schrein gefunden, hatte ihn mit sich nach der Hauptstadt genommen, ..... sich verfarbte und stutzte ..... Statt sich zu freuen, dass seine und seines Sohnes Ehrlichkeit nun in das hellste Licht gesetzt war, griff der Alte sich in sein weisses Haar, riss die starren blinden Augen bis zu den dicken weissen Augenbrauen auf und tastete so krampfhaft erregt um sich her, als ware ihm die niederschlagendste Mittheilung von der Welt gemacht worden. Darauf langer zu achten und zu forschen, behielt sich Dankmar vor. Er musste die Natur dieser Menschen erst kennen lernen. Die sonderbar und falsch angebrachten Bibelspruche, die der alte Zeck, wie nach seiner sogleich gemachten Entdeckung Viele in und um Plessen, im Munde fuhrte, deuteten auf seltsame Anomalieen. Statt diesen nachzuforschen, beschaftigte sich Dankmar einstweilen lieber mit einem alten Bekannten, den er hier zu seiner Freude wiederfand.

Es war dies Niemand anders als Bello, der Hund des Fuhrmanns Peters. Er und der kleine bejahrte unansehnliche Spitz kannten sich schon von Angerode her, schon vom Lyceum, das die Gebruder Wildungen dort besucht hatten. Wie Dankmar in die Schmiede trat, wo der Blinde noch mit gewaltigem Arm, wie in mechanischer Gewohnheit, auf gluhende Hufeisen schlug, wahrend der Taube den Blasebalg am Feuer zog, bis sich Beide ablosten und umgekehrt ihr Geschaft verrichteten, sprang das noch immer lahme Thierchen, das lange zottige Haar vom Dampf der Feueresse ganz geschwarzt, zu Dankmar hinauf, winselte, schmiegte sich, blaffte vor Freude, als wollte es sagen: Da ist Einer, der sich meiner erinnert! Ich weiss, du kommst um mich zu holen, du alter Gonner vom Gasthof zum Einhorn in Angerode, wo du als Lyceist zu Mittag speistest, du bringst mir Grusse von meinem Herrn und meiner Frau! ... Und des Thierchens Erregung war so lebenvoll, in dem Grade fast sprechend, dass es Dankmarn, wenn er noch unruhig gewesen ware uber seinen Verlust, so hatte zu Muthe werden mussen, als sprache ihm Jemand: Das Thier will dir ja etwas sagen, es weiss ja, wer der Rauber deines Eigenthums ist und wird ihn dir ohne Zweifel bei erster Begegnung zeigen, verrathen!.. Bald sprang Bello zu ihm, bald gegen den alten Schmied auf, zerrte an Dankmar's Rockschooss, bellte den Blinden an, bis dieser, den Moment wahrnehmend, so gewaltig mit dem Fuss gegen den Storenfried austrat, dass er sich, an seinem wunden Bein getroffen, heulend und winselnd in eine dunkle Ecke der Schmiede verkroch. Ei, wie grob! rief Dankmar. Nennt Ihr das Pflege? Ich denke, Ihr seid ein Arzt fur Thiere?

Nehmt den Bello nur mit!.. hatte darauf der alte Schmied gesagt; er ist geheilt, so weit wie's moglich war, bei seinem strampligen, unruhigen Wesen! Die Bestie ist wie alle Fuhrmannshunde nur auf's Klaffen dressirt; fur Bandage und Kost verlange ich nichts! Ich mag den Hund nicht!

Seitdem hatte Dankmar den fur immer lahmen Bello zu sich genommen, in der Krone ihn saubern und waschen lassen und war von ihm auf seinen kleinen Spaziergangen, trotzdem er klaglich hinken und humpeln musste, schon allwarts treu und munter begleitet worden.

Die schone, liebliche, sonnenhelle Natur war es zuvorderst, die Dankmarn bestimmte, dem magern Gaule des guten dicken Pelikanwirthes einen ganzen Tag Ruhe zu gonnen.

Bring' ich doch Freude mit! sagte er sich. Trost und den Hund fur Peters! Dem Bruder die Beruhigung uber mein eigenes Unheil und, was auch etwas werth ist, die Erzahlung meiner Abenteuer.

Dankmar fuhlte, wenn er die Fenster des kleinen Zimmers, das er in der Krone bewohnte, offnete, so recht jene reine selige Stimmung, die Jeder kennen muss, der einmal von einer grossen Gefahr oder den Ursachen einer grossen Befurchtung befreit wurde und dann zugleich die Musse fand, diese Seligkeit der Erlosung ganz zu geniessen .... Die rebenlaubumkranzten Fenster gingen nach dem schonen Dorfe Plessen hinaus. Jedes Haus hatte da seinen Garten, den die Natur pflegte, wenn auch vielleicht die Menschenhand erlahmt war, seit die Zustande der Herrschaft sich so ins Ungewisse verliefen. Auch ordnen die Geringen sich lieber einer kraftvollen Macht unter, als einem schlaffen und ungeregelten Regimente. Diese Bauern und Hausler waren frei, aber nicht in dem Grade, sich ganz auf eigene Hand unabhangig zu fuhlen. Ihre Abgaben an den Fursten Waldemar waren schon seit lange capitalisirt. Die neue Zeit hatte wol an den vielen kleinen noch ubriggebliebenen Laudemialgefallen rutteln konnen, aber nicht an den einmal bestimmten Abfindungssummen. Da gab es nun Mismuth, Unfriede, Zorn, Gewaltthat genug. Doch wirkliche Widersetzlichkeiten zeigten sich nur in Randhartingen, dem grossten und selbstandigsten Orte im Hohenberg'schen, im Ullagrunde, wo neben einem reichen Bauer, Namens Sandrart, viele Arme wohnten, in Schonau, wo dem Fursten von Hohenberg manche Gerechtsame gehorten und der Haidekruger Justus, noch entschiedener aber Drossel, der Wirth zum Gelben Hirsche, die Leidenschaften in Gahrung hielt. Hier in Plessen merkte der Herrschaftsdirektor von Zeisel nicht so auffallend, wie bedenklich seine Stellung wurde. Plessen hing vom Schlosse und dem Leben auf ihm seit Jahren ab. Und schon seit Jahren fehlte die von oben stromende Befruchtung. Die Menschen liessen recht den Kopf hangen und welkten in ihren Hoffnungen so hin oder verwilderten wie ihre Garten und die kleinen Hecken, die sie trennten. Plessen war sonst so lieblich! Die Ulla floss vom Ullagrund in zwei Armen hernieder, von denen der eine raschere und bewegte die Muhle bewasserte, die, wie wir wissen, die kranke Mullerin nicht verlassen wollte; der andere schlangelte sich hier und da durch den Ort und machte eine Menge kleiner Stege und Brukken nothwendig, die ein Haus mit dem andern gar traulich verbanden. In der Mitte des baum- und buschdurchzogenen Ortes lag ein kleiner Teich, auf dem Enten sich tummelten. Zur Seite, von dustern und verschnittenen Linden beschattet, lag des Pfarrers Wohnung, vor der die Stromer'schen Kinder spielten und baarbeinig, gleich allen andern Kindern des Ortes, mit den Enten um die Wette in der Ulla und dem Teiche wateten. Hoher hinauf lagen dann herrschaftliche Gebaude, vor allen "das Amt", nach alter Bauart, von einem Hofe mit Portal und Einfahrt umschlossen. Dankmar konnte von der Krone bis in die Zimmer der Frau von Zeisel hinuberblicken und bemerkte wol die kleine, sehr geputzte Dame, die unruhig und unbestimmt wie ein lebendiges Fragezeichen an den hohen Fenstern sass und bald an feiner Wasche arbeitete, bald in einem Buche las, bald zum Fenster hinausschaute, bald in einem der Amtswohnung zur Seite liegenden Garten mit einem Korbchen unterm Arm sicher und bewusst auf und ab mehr trippelte als in ruhiger Wurde und zufriedener Stimmung schritt. Zur Linken ging's dann nach dem Schlosse hinauf. In der Mitte zwischen dem Schlossberg und dem "Amt" lag auch jener gewaltige Thurm, von dem Hackert Veranlassung genommen hatte, seine erbauliche Schilderung der Patrimonialgerichtsbarkeit zu entwerfen. Es war ein festes und gutes "Stuck Arbeit" dieser alte Zwinger der Ungebehrdigen und Troster der etwa Reuevollen. Nur lag er sonderbarer Weise etwas einsam, ganz am Ende des Ortes. Denn hinter ihm lagen getrennt nur durch eine vom sonnigsten Himmel uberwolbte fruchtbare Ebene sogleich die blauen Rander der Berge, die dem nach ihnen pilgernden Wanderer, wie Dankmar gehort hatte, die reichste Mannigfaltigkeit von Tannengeschmuckten Grunden, Wildbachen mit kleinen Wasserfallen, schroffen Abhangen und lieblichen Thalern bieten sollten. Auch von Kohlenmeilern, Steinbruchen und besonders einer Sagemuhle wurde gesprochen, die Dankmar besuchen sollte. Die Sagemuhle konnte nicht zu weit sein. Dankmar horte deutlich, wenn die von einem Waldbach getriebenen Rader wahrscheinlich standen und die grossen Sagen wieder frisch gescharft wurden. Es klang das so hell und klingend heruber, dass er anfangs glaubte, in dem Walde da oben lage eine Kirche verborgen und die Glocke riefe jedes Christenherz, sie in ihrem grunen Verstecke aufzusuchen.

Dankmar war eine verstandesklare dialektische Natur; doch wenn auch das Gemuth bei ihm ofters schlummerte, so lebte es doch unter der Decke der Gedanken. Er besass unter Anderm auch die schone Eigenschaft gemuthlicher Naturen, dass er das Anmuthige und Wohlthuende nie fur sich allein empfinden mochte, sondern zugleich auch mit fur Die, die er liebte und die er bei seinem Genusse anwesend wunschte. Er gedachte, als er am Abend seiner Ankunft sogleich noch einen Spaziergang im Orte und seiner nachsten Umgebung machte und die Schonheiten des Eindrucks in vollen Zugen einsog, sogleich seines geliebten, zu fruh geschiedenen herrlichen Vaters, der, wie hier in Plessen jetzt der ihm unbekannte Pfarrer, so in Thalduren still und reichern Looses wurdig gehaust hatte. In den kleinen Kindern, die da im Entenpfuhl wateten, erkannte er sich und Siegbert wieder. Er betrachtete wehmuthig die dunklen, von den Lindenbaumen allzuduster beschatteten Fensterscheiben der Pfarrerwohnung. Der Pfarrer und seine Frau, beide fast festlich geschmuckt, verliessen gerade, als er so in Gedanken und Herzensvergleichen stand, die Wohnung ... wir wissen, dass sie zum Schlosse hinaufgingen. Dankmar trat zuruck, um nicht gesehen zu werden. Er vergegenwartigte, Guido Stromern prufend, sich den doch viel ehrwurdigern Vater und die theuere Mutter, die jetzt daheim einsam in dem Sterbehause zu Angerode ihre Wittwenzeit vertrauerte. Dieses Pfarrerpaar dort ging so stumm, so kalt neben einander! Stumm und kalt? sagte er sich ... und gedachte der Vergangenheit. Ach! Er musste sich gestehen, dass auch seine Altern nicht immer in jungeren Jahren auf einen Ton gestimmt waren .... Eine Thrane stand ihm im Auge, als er der Zeiten sich entsann, die ihm als Kind nicht verstandlich waren, jetzt aber klarer vom Jungling begriffen wurden, der Zeiten, wo der Vater auch oft Noth hatte, sich mit einer schonen, gutherzigen, aber zuweilen anspruchsvollen, aufbrausenden und eigensinnigen Frau zu vermitteln. Spater, als die Mutter an ihrer eigenen Familie, besonders an einem heissgeliebten verschollenen Bruder viel Leids erfuhr, ebnete sich auch in ihrer Brust der etwas schroffe Sinn und manches warmere Wort entquoll den welkeren Lippen, die damals, als sie rosig waren, selten gebebt, selten gezittert hatten und selbst dann nicht gezittert, wenn den Vater der Schmerz daruber verzehrte. Das sind so Stimmungen in den Herzen der Kinder, wo sie die Erde aufwuhlen und die theuern Todten aus der Gruft wecken mochten, um ihnen zu sagen: Was hast du gelitten und wir verstanden es nicht? Was hast du von uns fodern durfen und wir ersetzten dir nichts? Warum lebtet ihr nicht so lange, dass ihr euch ganz verstandet? Warum sieht nun jetzt Einer nicht die Trauer des Andern? .... Bei solchen Erinnerungen kommt naturlich auch in ein sonst so weltliches Gemuth, wie das unsers Dankmar, ein ernster Anflug jener Stimmung, die uns ja auch die unerschutterliche, auf die ewige Gerechtigkeit begrundete Nothwendigkeit des Wiedersehens dieser unserer Lieben wie eine Gewissheit in die Hand giebt, die dem Granit der Berge gleicht.

Von den Gasten, die zum Schlosse gingen, sah Dankmar auch den Justizdirector mit seiner kleinen anspruchsvollen, runden Frau, von der Hackert gesagt hatte, sie kenne Schlurcks schwache Seiten. Dankmar vermied auch dies Paar, indem er um die Mauer ging, die das Amthaus und den dazu gehorigen Garten umschloss. Wie prangten da die Obstbaume in ihrer schweren Last! Wie guckten die schwanken Spitzen der drinnen rankenden Rebengewinde uber den weissen Kalk heruber! Wol, dachte er, muss es diesen kleinen Paschas, die bisher auf den adeligen Herrschaften Justiz ubten, ubel bekommen, wenn sie aus solchen anmuthigen Wohnungen, wo sie die Herren waren, in die Landstadte versetzt werden, wo sie, nach der gewohnlichen Beamtenelle gemessen, auf der allgemeinen Bleiche des Staates nur ein bescheidenes Stuckchen Tuch, vielleicht nicht langer als ihr Ordensbandchen, vorstellen. Naher besichtigte er sich jetzt den gefahrlichen Thurm. Dankmar wunschte Siegberten den Anblick dieses malerisch gelegenen alten Mauerwerks mit seiner herrlichen Fernsicht auf die Ebene und das Gebirge. Mit Lacheln betrachtete er sich diesen Uberrest alter feudaler Zeiten genauer. Der Thurm lag etwas erhoht und war gewissermassen das Wahrzeichen des Ortes. Neben ihm wohnte ohne Zweifel der Buttel, Gerichtsbote und sonstige Amtsgehulfe, der dies wahrscheinlich alles in einer und derselben Person vorstellte. Der Eingang in den Thurm zeigte sich schauerlich genug. Die Thur war mit Eisen beschlagen und das Schloss von einem gewaltigen Umfange. Die untern Fenster deckten holzerne, quer uber die Gevierte genagelte Latten. Ganz oben aber waren die wahrscheinlich dort befindlichen Gefangnisse mit vergitterten kleinen Fenstern versehen, denen fast sammtliche Glasscheiben fehlten. Vogel hatten daselbst ihre traulichsten Nester angebracht und unterhielten sicher die Gefangenen, wie Condorcet sich mit den Spinnen unterhielt. Dankmar musste lachen, wenn er gedachte, dass hier eine gute Leiter und eine Feile, geschickt von einem guten Freunde bei Nacht dirigirt, jeden Gefangenen befreien konnte; denn der Thurm lag ganz frei, ganz ausser dem Orte, in dem offensten Zusammenhange mit der Landstrasse, dem freien Felde und dem Gebirge. Er legte sich, behaglich angemuthet, eine Cigarre rauchend, am Fuss des criminalischen Gemauers nieder, recht in die Mitte unter frischen, duftenden Feldblumen, unter gelbweissen Kamillen, dunkelrothen Klapperrosen, blauen Glockenblumen, Winden und zwischen hochstammige hier und da aufgeschossene wilde Wurzel- und Staudenpflanzen.

Da fuhl' ich's, dachte er im Sinne des Bruders, da fuhl' ich's, was doch zum Ergreifen des Pinsels treiben kann! Wer mochte dies weite Feld, diese Wiesen, diese schlangelnden Bache mit den Thurmspitzen und blitzenden Fenstern der Meyerhofe nicht dauernd festhalten! War' ich ein reicher Mann, trotz meines Bruders historischem Pinsel, nur Landschaften gewann' ich mir! Die andern Maler geben mir alle zu viel aus sich und nur aus sich, der Landschafter giebt nur das, was ich brauche, um mich selber zu erfreuen und mich mit ihm in gleiche aber freie Stimmung zu setzen. Auch ein Genrebild will, dass man gerade diesen Moment und nur diesen, den der Kunstler darstellt, geniesst. Bei jeder Verschiebung der Gruppe hort das Bild schon auf, die Veranlassung gemalt zu werden, zu verdienen. Aber die Landschaft, die bleibt sich immer gleich! Der Beschauende wechselt. Er wechselt nicht in seinen Stimmungen, denn die sei eine und dieselbe durch jedes Landschaftsbild, aber in seinen Gedanken, in seinen Betrachtungen, Anknupfungen, Auslegungen. Konnt' ich dort den Waldesrand auf dem Berge so nun fur ewig mit mir fuhren! Es ware ein Gefuhl damit verbunden, das mir immer und immer gleich bleiben wurde. Das Punktchen da oben am Bergrucken ist fast eine Kappe von dunklerm Grun, die der hellgrun gekleidete Berg sich aufgesetzt hat! Wie mag es unter diesen Tannen da rauschen, singen, flustern! Hatt' ich das nun immer so bei mir, konnt' ich's in einem Bilde so mit mir fuhren, wie gewiss war' ich, dass mir nicht nur diese Vergleichungen, sondern diese ganze selige Stimmung, hier unter dem plessener Gerichtsthurme und am Fusse des Schlosses Hohenberg, nie verloren ginge! Es konnte nun kommen im Leben, was da wolle, ich sahe mein Bild, und immer genoss' ich das wieder, was ich jetzt geniesse ... Ich muss mir den Siegbert einmal hier hinaus plaudern. In dem Atelier, bei dem Theeloffelgeklapper seiner vornehmen Protectricen, in den Salons und Coterien, wo er asthetisirt und sich verduftelt, wird er mir jetzt besinn' ich mich auf sein Aussehen im Pelikan ohnehin ganz blass ... und verschmachtet mir wol gar ... an einer geheimen Liebe?

Wie Dankmar so im versengten Grase und unter den wurzigen Krautern und bescheidenen Blumen, den Kopf auf den Arm gestemmt, in die Gegend blickte, die ihm, dem Unruhigen und Rastlosen, so viel Friede in die Seele goss, verweilte sein Auge, das anfangs nur summenden Kafern und Schmetterlingen, dann und wann einem Landmanne, einem Bauermadchen, einem Wagen nachhangender folgte, auf einem altern Manne und einem Knaben, die beide hinter dem Thurme dahergeschritten kamen und sich wie er in der Gegend umschauten. Es war dies jener Fremde, der Ackermann heissen sollte und sich mit einem bescheidenen Fuhrwerke gleichfalls in der Krone Nachmittags eingefunden hatte. Der zierliche, ausserordentlich behende, schone Knabe, der ihn begleitete, war sein Sohn. Er nannte ihn, wie Dankmar von den Leuten in der Krone schon gehort hatte, mit einem Namen, den Jene offenbar verwalschten. Er wusste von diesem Namen nur erst so viel, dass er dem seinigen zu ahneln schien .... Der Fremde bemerkte Dankmarn nicht, wohl aber sein kleiner Begleiter, der sein grussendes Nicken mit Anmuth und so bescheiden erwiderte, dass er vor Verlegenheit roth wurde. Welch' ein anmuthiges Kind! sagte Dankmar unwillkurlich, als Beide vor ihm auf der Landstrasse der Ebene zuschritten. So behend, so zartlich, so verschamt! Das Bild eines Ganymed!

Vater und Sohn waren fast gleich gekleidet. Leichte Strohhute mit weiten Randern schutzten vor dem Sonnenstrahl. Der Vater trug einen Uberrock von demselben halbwollenen Zeuge, von dem der Sohn ein Jackchen trug. Die Beinkleider waren weit und von einem gestreiften Zeuge. Der Vater hatte die Brust halb offen und hielt nur den Hemdkragen mit einem bunten Foulard zusammen, dessen lange Zipfel uber die weit ausgeschnittene Weste fielen. Der Sohn dagegen trug ein zierlich gefalteltes Chemisett, das oben in eine Art Halskrause endete und seinem Antlitz mit den schonen dunkeln Locken, die uber die Schultern herabrollten, etwas Neckisches, ja Zierliches, Stutzerhaftes gab. In der rechten Hand trug der Knabe ein Stockchen mit einem goldenen kleinen Knopf und fuchtelte damit in der Luft hin und her, wahrend sein linker Arm in dem des Vaters hing, neben dem er grazios und sich ihm fast zartlich anschmiegend einherschritt, fast wie ein Madchen.

Dankmar konnte beide Lustwanderer genau betrachten; denn oft standen sie still, wandten den Blick wieder ruckwarts und sahen sich die Gegend, die sie ebenso wie ihn zu erfreuen schien, grundlichst an. Endlich hielten sie an einem der Wege, die zum Schlosse hinauffuhrten, inne. Sie schienen unschlussig, ob sie ihn einschlagen und auch Hohenberg besichtigen sollten. Der Kleine verrieth durch seine zuredenden Gebehrden, dass ihn die Neugier recht stachelte, zum Schloss hinaufzusteigen. Zu den Gasten, die dort oben ihr Wesen treiben, dachte Dankmar, gehoren sie nicht. Oder ist der Vater vielleicht geneigt, diese Besitzung zu kaufen? Er musste sich sogleich sagen, dass der Fremde trotz unverkennbarer Bildung etwas von einem Landmann hatte. Seine Gesichtszuge waren sehr fein und edel, ja sie hatten sogar etwas, was ihn durch irgend eine ihm unbewusste Ahnlichkeit so machtig ergriff, dass er hatte betheuern mogen, einen solchen Mann einmal als einen hohern Staatsdiener oder einen beruhmten Gelehrten irgendwo schon gesehen zu haben, dann aber fand er wieder, dass der Fremde sich doch nur als ganz schlichter Naturfreund gab, der zuweilen Ahren raufte und sie prufend betrachtete, einen Stein vom Wege aufgriff, in der Sonne funkeln liess und wieder gleichgultig wegwarf, das Stackett, mit dem der zum Schlosse gehorige Baumgarten hier schon umzaunt war, mit dem Fusse ruttelnd prufte und an schadhaften Stellen, um zu zeigen, wie vernachlassigt es war, sogar eine morsche Planke etwas losriss, kurz er war bei allem Anstand der Haltung doch eine derbe, der Natur des Landlebens kundige Personlichkeit, die sicher einem Okonomen oder ahnlichen Geschaftsmanne entsprach. Endlich folgte der Fremde der Uberredung des Knaben und that ihm mit sichtlichem Widerstreben den Gefallen, mit ihm zum Schloss hinaufzusteigen.

Dankmar stand nun auf und ware gern gefolgt. Der Fremde und sein Knabe fesselten ihn. Er beschloss, sich ihnen zuzugesellen, um auch seinerseits das Schloss in Augenschein zu nehmen. Da Schlurck dort oben gewohnt hatte, konnte er vielleicht erfahren, wie der Justizrath zu seinem Schrein gekommen war. Auch die schone Melanie, von der er die Erinnerung hatte, sie schon in der Stadt gesehen zu haben, Melanie Schlurck, von der er so viel Phantasieanregendes vernommen, die er selbst im Walde an sich hatte vorbeisprengen horen genauer nach ihr zu sehen, war er durch Hackert's Flucht und den Zustand seines Pferdes verhindert auch diese konnte er vielleicht hoffen, irgendwo an einem Fenster zu erblicken. Sein Bruder, mehr wusste er nicht, hatte sie im Atelier des Professor Berg, wo sie malte, zuweilen beobachtet. Dass Siegbert, der neuerdings sogar in ihrem Hause war, durch ein Bild wegen ihrer verspottet sein sollte, wusste er nicht. Alle diese Dinge waren wahrend seiner Abwesenheit in Angerode vorgefallen. Er selbst, zu voll von dem, was er dem Bruder zu erzahlen hatte, war noch nicht dazu gekommen, ihn nach seinem eigenen inzwischen Erlebten zu befragen. Von den andern Namen, die Hackert und der Forster Heunisch genannt hatten, kannte er Niemand, selbst Eugen Lasally nicht personlich, obgleich er zuweilen eines seiner Pferde ritt. Die Sphare, in der Lasally lebte, war ihm aus vielem Betrachte widerwartig und auch unzuganglich.

Als er einige Schritte dem Fremden und seinem Knaben nachgegangen war, blieb er stehen. Man wird dich, wenn du dich ihnen anschlossest, fur zudringlich halten! sagte er sich. Und da oben um das Schloss herumschnuppern und der Eitelkeit der dort hausenden Menschen die Folie der Neugier geben, ist doch auch wol deine Sache nicht!

So blieb er unten, blickte noch einmal dem leicht hinaufhupfenden Knaben nach, durchschritt einige Feldwege und kehrte wieder in die Krone zuruck, wo er bestatigt erhielt, dass der Fremde wirklich aus Amerika kame und Ackermann hiesse. Aber dem Namen des Knaben kam er wieder nicht bei. Man hatte ihn offenbar nicht verstanden und sprach ein Wort aus, das ihn mehr an einen indianischen Hauptling, als an einen christlichen Taufnamen erinnerte.

Fruh zur Ruhe sich legend, das stille Einathmen eines landlichen Abends unter Sternengeflimmer und beim vollen goldgelben Julimondenschein sentimentaleren Naturen uberlassend, hatte er die Absicht, am nachsten Mittag, wenn er sonst von Hackert und dem Prinzen nichts erfuhr, mit seinem Einspanner und dem anschmiegsamen Bello sich auf den Ruckweg zu begeben. Kaum hatte er wol am Abend gedacht, dass am folgenden Morgen nicht nur eine nahere Bekanntschaft mit Ackermann und seinem Knaben ihm diesen Entschluss vereiteln, sondern auch eine abenteuerliche Kette von Misverstandnissen aller Art ihn so umstrikken wurde, dass er sich fur's Erste vom Fusse des Schlosses Hohenberg nicht wieder loswinden konnte und der Lage sich aussetzen musste, dort die seltsamsten Dinge zu erleben.

Zweites Capitel

Selmar Ackermann

Als Dankmar zwar in aller Fruhe aber doch wiederum wahrnahm, dass Niemand sich nach ihm erkundigte, der Prinz und Hackert wirklich verschwunden waren, wollte er noch einmal zur Schmiede gehen und vor seiner Abreise von dem alten und jungen Zeck, die ihm doch ein gar sonderbares Paar schienen, prufenden Abschied nehmen.

Bello begleitete ihn. Das kranke und sonst so schweigsame Thier wurde an der Schmiede sogleich wieder unruhig und gerieth in sein schon bezeichnetes, dem alten Schmied so widerwartiges Klaffen und Bellen.

Es schien ihm schon von Ferne ziemlich lebendig unter und vor dem Dache der Schmiede. Da standen Wagen und Pferde, die die Hulfe dieser Dorfvulkaniden in Anspruch nahmen. Bauernbursche, herrschaftliche Stallknechte, auch einer von Lasally's Jokeys, der die "quihnende Laura" eben wieder in die Stalle des Schlosses zuruckfuhrte. Naher gekommen, merkte er, dass die meisten der hier Haltenden ungeduldig waren, larmten und abgefertigt sein wollten. Aber nur der junge Zeck war zugegen und nahm in Ruhe, da er die Fluche nicht horte, eine Arbeit nach der andern vor. Die Larmenden mussten sich gedulden und zerstreuten sich durch Possen, die, seit sie Dankmar horte, nur ausgelassener wurden; denn die Menschen sind geborene Schauspieler und werden, beobachtet, im Guten und Schlimmen nur ruhrsamer.

Bello sprang zwischen diesen Tumult mitten hinein und stoberte einen Fluchtling auf, dem seine Lebhaftigkeit doch bedenklich vorkam. Es war dies der junge Ackermann, der an der Schmiede unter ihrem von zwei Holzsaulen getragenen Vorbau dem Hufbeschlag zugeschaut hatte. Als die Reden der Bauernbursche zu derb wurden sie kamen meist aus dem Ullagrunde, besonders vom reichen Bauer Sandrart wandte er sich schon dem grunen Rasen zu, der rechts vom Hause lag und mit Obstbaumen bepflanzt war. Dort witterte ihn Bello und beangstigte ihn.

Dankmar sah schon langere Zeit, wie der Knabe, der ihm denselben gefalligen Eindruck wie gestern machte, auch einer alten Magd zuschaute, die zwischen den Obstbaumen eine Leine zog, um auf ihr Wasche zu trocknen, und ihr allerhand Antworten abzugewinnen suchte. Doch ein weichliches Ding! sagte er sich. Was nimmt er an der Wasche fur einen unmannlichen Antheil! Wie er die Sacktucher mustert! Ich will glauben, er ist nur neugierig und will die Buchstaben lesen, mit denen sie gezeichnet sind.

Bello hatte es vielleicht eigentlich nur auf die Alte abgesehen und erschreckte nur zufallig auch den Knaben. Dankmar bedeutete ihm Ruhe, trat dem Rasen und den Obstbaumen naher und knupfte mit dem jungen errothenden Amerikaner ein Gesprach an.

Wo ist dein Vater, Kleiner? fragte Dankmar mit einer Stimme, die ihm selber komisch vorkam, denn er suchte ihr den Ausdruck des Holden zu geben, weil sie Holdes anredete ...

Oben bei dem Schmied! war die schuchterne, verlegene Antwort; ich erwarte ihn hier.

In der That war das Feuer in der Esse am Verglimmen. Ein Eisen auf dem Ambos vergluhte. Die Gerathschaften lagen alle so durcheinander, als wenn sie eben Einer im Nu weggeworfen hatte. Der junge Zeck konnte die Arbeit kaum allein zwingen ...

Wie gefiel es dir gestern auf dem Schlosse oben? sagte Dankmar, um sein Gesprach nicht sogleich wieder abzubrechen.

Mir weit besser als dem Vater! sagte der Knabe.

Der hat freilich wol schon Vieles gesehen, was schoner ist, entgegnete Dankmar. Ihr kommt ja weit her?

Von Amerika, sagte der Knabe, und setzte nach einigem Besinnen hinzu: Aus Missouri.

Aus Missouri! Ja, ja! Man erzahlte mir's schon in der Krone, bemerkte Dankmar. Da seid ihr wol nur zum Besuche hier und werdet gewiss wieder ubers Meer zuruckwollen?

Das wissen wir selbst noch nicht, erwiderte der Knabe. Wenn es dem Vater wieder in Deutschland gefallt, bleiben wir; wo nicht, kehren wir nach Columbia am Missouri zuruck, wo wir gewohnt haben.

Nach Columbia! Am Missouri! ..... sagte Dankmar herzlich; so will ich wunschen, dass euch Alles hier erfreuen und befriedigen moge, damit wir nicht nur gute Menschen an Amerika verlieren, sondern deren auch welche von da wieder herubergewinnen.

Der Knabe schlug zerstreut mit seinem Stockchen auf einige hochstehende Grashalme .....

Dankmar fuhlte, dass ein langeres Gesprach mit dem schuchternen und bescheiden die Augen niederschlagenden Kinde es angstigen wurde und brach, wenn auch ungern, seine Unterredung ab. Er konnte nicht umhin, dem Knaben fluchtig die errothenden Wangen zu streicheln, worauf dieser vollends feuerroth wurde und sich geangstigt abwandte.

Dankmar nickte noch einmal und wandte sich links zur Schmiede. Ein Wagen fuhr eben davon. Zwei Pferde, hinten angebunden, hupften ihm, mit neuen Hufeisen beschlagen, lustig nach. Lasally's Jokey war gleichfalls verschwunden. Nur noch ein Reitknecht hielt den Huf eines Gaules, dem der junge Zeck, in Hemdarmeln, ganz schwarz berusst, die Hornhaut vom Hufe abstach. Dankmar sah eine Weile zu. Der junge Zeck grusste fluchtig und eilte sich in der Arbeit, was er nur konnte. Der junge Ackermann hielt sich inzwischen in der Ferne auf dem Rasen und schien sich mit Bello ausgesohnt zu haben. Kaum hatte sich Dankmar wieder nach ihm umgesehen, war auch die letzte Arbeit in der Schmiede verrichtet. Der Knecht bezahlte und eilte mit seinem Pferde davon. Der junge Zeck verschwand in dem innern kohlengeschwarzten Hause.

Dankmar beschloss, sich dem blinden Alten vor seiner Abreise doch noch einmal zu empfehlen. So folgte er in die dunkle leere Werkstatt und sah eine kleine schmale Treppe, die oben in die Wohnung des Schmieds fuhrte. Er trat behutsam auf. Die Nachwirkung des Eindrucks, den der Knabe in seiner Sanftmuth auf ihn gemacht hatte, liess ihn leiser auftreten, als er sonst wurde gegangen sein. Man horte ihn nicht. Wie erstaunte er daher, als er unerwartet oben, eine Thurklinke niederdruckend und in ein niedriges Gemach eintretend, den blinden Zeck eben im Begriffe fand, einen ganzen Tisch voll flimmernder, hellblitzender Goldstucke einzustreichen! Der taube Sohn stand gierig gaffend daneben und der Amerikaner wollte eben gehen ....

Wer da? rief der Blinde mit Heftigkeit, als er sich so plotzlich uberrascht fand. Sein sonst so feines Gehor musste ihn bei dem Fuhlen und Tasten nach den schweren Goldstucken verlassen haben, sonst wurde ihm wol schwerlich das wenn noch so stille Hinaufsteigen Dankmar's entgangen sein ....

Beruhigt Euch! sagte Dankmar. Ich wunsch' Euch alles Gluck, wenn Ihr in der Lotterie gewonnen oder eine Erbschaft gemacht habt. Ich wollt' Euch nur sagen, dass ich aufbreche und wenn Ihr an den Fuhrmann Peters etwas zu bestellen habt

Nichts! Nichts! Was Peters! Herr! polterte der Blinde grob und unhoflich. Seit dem plotzlichen Reichthum schien er auch schon alle Fehler der Reichen bekommen zu haben. Sein Zorn erinnerte Dankmarn an die Bosheit, mit der er heimlich gestern den vorlauten Bello hatte niedertreten wollen. Der Alte hatte sein schon halb lose hangendes Schurzfell rasch abgebunden und es wie zum Schutz auf den Tisch so geschwind gebreitet, dass einige Goldstucke auf die Erde rollten. Der Blinde tastete, der Taube kroch nach den rollenden Friedrichsd'oren mit der Gier einer Katze. Es war ein hasslicher, angstlicher Anblick ....

Dankmar hatte schon die Thur in der Hand und entfernte sich, den feinlachelnden Amerikaner fluchtig grussend, mit den Worten:

Ich sehe, dass ich store. Geniesst Euer Gluck in Frieden! Lebt wohl!

Damit kletterte er getrost die Huhnersteige wieder hinunter zu Bello und dem Knaben, der inzwischen draussen im Vorbau der Schmiede auf einen dreibeinigen Schemel sich niedergesetzt hatte und dem Hund, der sich ihm jetzt nach Entfernung der garstigen Magd, die hinten an einem Ziehbrunnen wusch, traulicher anschmiegte, nach seinem traurigen Schaden sahe ....

Wetter! sagte Dankmar aufgeregt zu dem Knaben, wenn ich gewusst hatte, dass dein Vater oben Geldgeschafte mit dem impertinenten alten Schmied hat, wurde ich mich wol gehutet haben, ihn zu storen ....

Es ist eine Erbschaft, sagte der Knabe, die ihm der Vater aus Amerika mitbringt.

Eine Erbschaft! Und das so aus freier Hand, ohne gerichtliche Vermittlung? Erbschaften sollen nur durch die Behorden gehen. Verstehst du etwas vom Recht?

Der Knabe schuttelte den Kopf.

Dankmar bemerkte mit Wohlgefallen die langen seidnen Wimpern des braunen Auges, die der kleine Amerikaner niederschlug, ohne eine gewisse Pfiffigkeit und Schlauheit verbergen zu konnen, die hinter seiner Scheu verborgen lag.

Ihr wisst von unserm Amtswesen und unsrer Federfuchserei nicht viel? sagte Dankmar, um sich von dem unangenehmen Eindruck, den ihm der oben erlebte Augenblick hinterlassen, zu zerstreuen.

Doch, Herr, antwortete der Knabe und stemmte den einen Fuss wie spielend ruckwarts an ein zerbrochenes Rad; doch! doch! Der Vater hat sich freilich gestern nach dem Schmied und seiner Schwester erkundigt und sich nachschlagen lassen, was man auf dem Amt von ihnen weiss und da er fand, dass es die Richtigen sind, denen er das Geld zu bringen hat, so hat er's ihnen nun wol oben gegeben. Es war uns schwer genug. Um den Leuten Freude zu machen, wechselte er das Papier in pures blankes Gold.

Die Schwester des Schmieds? wiederholte Dankmar, erfreut durch die ermuthigte und gesammelte Antwort und den gutmuthigen Zug des Vaters. Also eine Schwester hat der Schmied? Er ist blind, sein Sohn taub, was muss da wol die Schwester fur ein Gebrechen haben?

Das Alter, hor' ich; sagte der Knabe lachelnd.

Das Alter! .... wiederholte Dankmar.

Die Antwort gefiel ihm. Er schaute ganz betroffen auf, vergrosserte die Augen und hatte fast Brav, mein Junge! gesagt.

Der Knabe aber, seine angenehme Erregung ubersehend, fuhr harmlos fort:

Sie sollte erst in die Schmiede kommen, dass wir ihr hier ihren Antheil auch auszahlten und das schwere Geld loswurden. Aber sie soll seit Jahren ein Gelubde gethan haben, nicht weit vor die Thur zu gehen und so mussen wir ihr's nun wol selbst bringen .....

In diesem Augenblick rief vom Innern der Schmiede her eine starke sonore Stimme:

Selmar!

Dem nun aufspringenden Knaben trat sein Vater entgegen. Wie dieser Dankmarn erblickte, sagte er freundlich:

Sie waren sehr rucksichtsvoll, mein Herr! Wie rasch Sie sich entfernten! Ja, ja! Der Blinde oben ist ausser sich, dass Sie uns da so plotzlich uberrascht haben. Diese Leute wollen um jeden Preis etwas besitzen, es aber um's Himmelswillen Niemanden sehen lassen.

Er kann schon sicher sein, sagte Dankmar, dass ich weder, was ich sah, noch was mir mein kleiner Freund Selmar erzahlte, ausplaudern werde .....

Dankmar benutzte die Gelegenheit, zu bemerken, dass er endlich den Namen des jungen Ackermann erobert hatte.

"Freund Selmar!" "Ausplaudern!" Diese Worte schienen einen Eindruck auf den Vater zu machen. Er warf einen eigenen verlegenen Blick auf sein Kind.

Selmar fasste ihn unterm Arm. Beide schickten sich an die Schmiede zu verlassen.

Sie kommen aus Amerika! sagte Dankmar, sich anschliessend und die fortdauernde Verlegenheit des Vaters nicht bemerkend. Sind die Amerikaner denn auch so wunderlich in Geiz, Habsucht und Verstellung und unsern andern versteckten europaischen Lastern?

Ackermann antwortete im Gehen lachelnd:

Der Amerikaner tragt gern offen zur Schau, was er besitzt, prahlt auch wol ein wenig .... aber die schnode Furcht des Besitzes ist selten. Findet sich dies Laster, so ist es aus Europa mit hinubergebracht.

Wie bei Morton? Nicht wahr? sagte Selmar.

Dem Vater schien Selmar fast mit Dankmarn schon zu vertraut geworden. Er blickte Dankmarn wiederholt an und schien sich zu uberlegen, ob sein Sohn gut gethan hatte, sich dem jungen Fremden schon so weit zu vertrauen, dass er von einem gewissen Morton sprach .....

Morton? wiederholte er und schwieg.

Die Stimmung, die durch diesen wiederholten Namen und das plotzliche Stillschweigen des Vaters zwischen allen Dreien entstand, loste der junge Zeck, den Dankmar jetzt erst hinter ihnen bemerkte.

Dahin wohnt die Tante! sagte er und zeigte dem Walde zu.

Er sah dabei Dankmarn stutzig an und schien fragen zu wollen, ob dieser zu der Partie gehoren durfe .....

Alle Vier waren aber schon auf dem Wege und der Fusssteig von hier nach dem Walde zu gehorte zuletzt Jedem.

Dankmar, der sich nicht irre machen liess, gab wol die Frage nach dem Geizhalse Morton auf, bemerkte aber, zu Ackermann gewandt und innerhalb der Grenze erlaubter Neugier:

Sie sind in Deutschland geboren? Vielleicht schon fruh ausgewandert?

Vor einigen zwanzig Jahren! sagte der Fremde und blickte sich nach Selmar um, der sich eben von ihm getrennt hatte. Diese Trennung galt Bello, auf den der Knabe sich schon soviel Einfluss zutraute, dass er diesen von dem Unmuth beruhigte, der ihn wieder beim Anblick des jungen Zeck befiel.

Ich habe mich in der Union druben viel herumgetummelt, sagte dieser sogenannte Ackermann, bis ich endlich am Missouriflusse in dem Stadtchen Columbia mich niederliess. Mein Weib, das ich aus Deutschland mitgefuhrt hatte, starb vor noch nicht lange und hinterliess mir da den spat gebornen Jungen. He Selmar! Selmar! Lass doch dem Thierchen seine Freude! Der Junge angstigt sich.. Sie wissen wol, in Amerika bellen die Hunde nicht..

Der taube Zeck offnete ein Stacket, durch das man erst zu einer Wiese und dann zum frisch sie anwehenden Walde gelangte. Er blieb, als Selmar und sein Vater passirt waren, stehen und machte eine hamische Miene, indem er in der den Tauben eigenen leisen Art, aber dummdreist, zu Dankmarn sprach:

Wir gehen aufs Jagerhaus!

Dankmar achtete nicht.

Aber auch Ackermann schien Dankmar's weitere Begleitung nicht vorauszusetzen und blieb stehen, wie wenn man sich empfehlen wollte .... Selmar aber hatte den lahmen Bello aufgegriffen und ihn mit den Worten: Armes Thierchen, das Laufen wird dir schwer; ich trage dich! an die Brust gedruckt und war ohne Rucksicht auf den Vater und den Fremden schon ein Stuckchen Weges weiter gegangen.

Kinder und Thiere bringen die Menschen zusammen! dachte Dankmar und schritt uber die Wiese getrost mit zum Wald hinuber.

Vater, sagte Selmar sich umwendend, so machtig wie unser Buffelforst ist ein deutscher Wald doch nicht!

Das wollt' ich meinen, Junge! antwortete der Vater, der sich in Dankmar's Begleitung nun ergab. Hast du das Stacket bemerkt? Kein Jagdgesetz hegt unsern Urwald ein!

Wohl Vater .... aber..

Aber?

Lieblicher ist der deutsche Wald!

Was lieblicher!

Sieh, bei uns unter den riesenhohen Baumen mit dem rothen Holze und den ellenlangen Nadeln, wer kann da lustwandeln? Uberall Stamme, deren Wurzeln hoch aus der Erde herausstehen und quer uber Das hinweglaufen, was ungefahr wie ein Weg aussieht und doch keiner ist! Dazwischen ganze Baume, die wahrend der Uberschwemmung des Missouri ausgerissen wurden und hoch in den Zweigen der andern stecken blieben, wo sie jeden Augenblick niedersturzen konnen; der furchterlichen Steine garnicht zu gedenken, die von uraltem Moos zerfressen uberall umherliegen und die ganze Ordnung so einer friedlichen Baumgruppe storen. Sieh nur, Vater, wie die Sonne so heiter durch das Hellgrun der Buchen schimmert! Bei uns dringt die Sonne garnicht durch oder fallt nur von oben so geheimnissvoll herab, dass man sich nach dem Felde hinaussehnt, wo sie frei scheint. Und auch dort, gesteh's nur, Vater, was hat man als die unabsehbar grosse Prairie, die wie ein grunes Meer ist, endlos, unheimlich und recht melancholisch!

Da sehen Sie es, sagte Ackermann nach dieser gewandten Schilderung, die Dankmarn uberraschte und fast erschrecken liess, dass er den gebildeten Knaben ohne Weiteres mit Du angeredet hatte; da sehen Sie's, Selmar hat es darauf angelegt mich hier zu behalten. Wie gefiel ihm nicht das abscheuliche London, das garstige Hamburg! Gestern auf dem Schlossberge oben bekam er Gefuhle, wie ein junger, unter Klosterruinen erzogener Siegwart! Ein Amerikaner! Ein praktischer Verstandesmensch! Schame dich!

Selmar lachte. Er hatte es schlau angefangen. Erst den Vater durch ein Lob Amerika's gewonnen und dann doch seine Meinung gesagt.

Dankmar horte schweigend zu. Er lachelte mit Wohlgefallen und Uberraschung. Die gebildeten Ausserungen des Knaben, der freundliche Scherz des geistreichen, plotzlich so fein und unterrichtet sich ausdruckenden Vaters erfreute ihn innigst.

Der Traumer trifft dich, Vater, sagte jetzt Selmar, liess den unruhig zappelnden Bello wieder laufen und hupfte zu Ackermann heran, ihn zartlich umfangend.

Wie so mich?

Er trifft dich, Vater! Besinne dich nur auf Gestern! Erst wolltest du nicht hinauf auf's Schloss, weil du wol dachtest, da fallen mir all' die schonen Mahrchen und Geschichten ein, mit denen du und die Mutter mich in der langen truben Regenzeit in Columbia unterhieltest! Weisst du noch die Sagen vom Kynast, vom Falkenstein, vom Kyffhauser und vom Drachenfels? Immer zanktest du, wenn die Mutter von diesen Geschichten anfing, und sagtest: Lass das dumme europaische Zeug! Wenn aber die Mutter doch erzahlte und nicht recht weiter konnte oder eine Sage nicht mehr recht im Zusammenhange wusste, fielst du ein und erzahltest mehr als sie.

Ja, ja! Aber oben ..... was ist oben auf dem Schlosse gewesen?

Verstell' dich nicht! Wie du oben an dem Schlosse warst ... ruhrte dich Alles, der kleine Pavillon im Garten, die Grotte, die kleinen Wasserfalle, die du, um nur spotten zu konnen, kleine Fingerhut-Niagaras nanntest; Und mit der alten Beschliesserin und dem weisshaarigen Gartner, mit dem besonders, hast du gesprochen, als wenn sie Kuno und Kunigunde hiessen und seit tausend Jahren da wohnten ....

Brigitte, heisst die Alte, Kind! Das ist ein ganz romantischer Name! Aber du irrst, mein Junge, die thaten mir's nicht an. Jedes dritte Wort war ein Bibelvers. Das konnen wir in Philadelphia auch haben. Ja! Das war's, was mich ergriff, Kind, die Erinnerung an Philadelphia .....

O du entkommst mir nicht! sagte der liebliche Knabe, immer zartlich und dem Vater so treu ins Auge blickend, dass im Vaterauge wirklich eine Thrane der Ruhrung quoll; gestern hast du beim Anblick des Schlosses oben eher an die Hangematte eines Negers gedacht, als bei den beiden alten Leuten, die es huten, an Philadelphia!

Junge, was soll der Herr da von deinem Geschmack denken? Das alte Rococo-Mobel.. im Commodenstyl! Wie kann uns das an deutsche Sagen erinnern!

Erzahltest du nicht von der alten Geschichte des Hauses Hohenberg? Und von den Grafen Bury, die mit ihm verwandt sein sollten? Und dir gefiel auch das alte Mobel mit seinem geschnorkelten Eisengitter, den vergoldeten Namenszugen und den wunderlichen Fratzen uber den Fenstern! Und wie du erst hineintratest in den Hof.. oben war bunte frohliche Gesellschaft,.. da schautest du in die Fenster so nachdenklich, so feierlich, als wolltest du dir schon die Stelle aussuchen, wo du deine Bucher hinstellen konntest, hier die deutschen, da die englischen und franzosischen, und wie du hinaufblicktest auf die Krone, die uber dem Giebel des Portales schwebte, da dachtest du dir gewiss: da setz' ich meinen durchbrochenen Himmelsglobus hin und betrachte mir von seinem Innern aus in schonen Winternachten die Sterne.

Wenn keine Krahen drin nisten! sagte Ackermann und fuhr nach einer Weile fort: Du bist ein Phantast! Man sieht, dass du von deutschen Altern stammst und deutsche Altern ihre eigne Heimathssehnsucht in dich hineingeseufzt haben. Im Gegentheil! Ich habe Mitleid mit Denen, die sich da oben hinpflanzten und Einsiedler sein wollten. Reuige Menschen zogen oft in die Wuste, aber sie nahmen keinen Spiegel mit, der dazu dienen sollte, sich doch immer noch selbst nicht zu vergessen. Thaten sie es, wie Timon der Menschenhasser, so wollten sie im Spiegel nur ihren Verfall, ihr Elend erblicken. Der Ort da oben kommt mir wie ein Spiegel vor, in dem eine Busserin beschaut, wie sie bei aller Reue sich doch noch immer schon ausnimmt ....

Die Bewohnerin des Schlosses, sagte Dankmar, war die Furstin Amanda von Hohenberg.

Ich weiss es, bemerkte Ackermann ernst und mit auffallender Bestimmtheit.

Sie wurde fromm, fuhr Dankmar fort, als sie sich unglucklich fuhlte und keine irdische Rettung mehr kannte. Ihr Gatte trug einen beruhmten Namen ohne Wurde. Er verschleuderte sein Vermogen. Die Arme liess nichts zuruck, als ein gesegnetes Andenken und einen Sohn, der, wenn ich nicht sehr irre, gelernt hat, irdische Auszeichnungen entbehren.

Dankmar sprach diese Worte mit fester und doch bewegter Stimme. Er hatte eine so tiefe Achtung vor seinem Reisebegleiter in der Blouse gewonnen, dass er glaubte, hier fur ihn einstehen zu mussen, wo seiner unglucklichen Mutter vorgeworfen wurde, sie hatte mit ihrer Frommigkeit es doch wol nur auf die hergebrachte weibliche Eitelkeit, wenn auch in andrer Form, abgesehen gehabt und es ware ihre Reue von Selbstzufriedenheit begleitet gewesen.

Ackermann wandte sich auf diese Worte plotzlich, blieb einen Augenblick stehen und sah Dankmarn mit fragendem Ernste an.

Kennen Sie den Prinzen Egon? sagte er, hochroth ergluhend.

Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar mit einer Erregung, die ihm gleichfalls in die Wangen stieg. Ich verburge mich fur ihn; setzte er entschieden hinzu.

Es kennt ihn hier Niemand, sagte Ackermann, es kannte ihn in der Residenz Niemand, er lebte in Paris; und Sie ... kennen ihn?

Ich kenne ihn! erwiderte Dankmar bestimmt und war fast entschlossen abzubrechen und umzukehren.

Ackermann schwieg, betroffen, wie es schien und seine Anklage bereuend. Er wandte sich wie in tiefes Nachdenken verfallen, zu dem jungen Zeck, der mit schwerem plumpem Gang voranschritt und einmal uber das Andere fur sich uber das Gluck seines Vaters und seiner Tante in sich hinein lachte. Die fur die Letztere bestimmten Goldstucke musste Ackermann in der weiten Brusttasche tragen, denn mit stierer Neugier und einem gewissen vertraulichen Zublinzeln zu dieser Stelle schien der Taube sagen zu wollen: Nicht wahr, da steckt das Geld fur die Tante? Nur zu Dankmarn wandte er sich dann wieder mit mistrauischer Furcht und betrachtete ihn noch angstlicher als gestern schon, wo er sich als Eigenthumer des an ihrer Schmiede verlorenen Schreines zu erkennen gegeben hatte ...

Selmar blieb bei Dankmarn zuruck.

Es scheint, sagte Dankmar, als wenn ihr Beide, du und dein strenger Vater, im Streite waret, wo ihr kunftig leben solltet, hier oder wieder druben, jenseit des Meeres .....

Das eben ist es! sagte der Knabe.

Der Vater muss eine uble Meinung von Europa haben. Ich horte es an der heftigen Anklage gegen die frommelnde Furstin Amanda ...

Er war gestern anders .... Sonderbar..

Kannte er sie?

Die Furstin Amanda? sagte der Knabe erstaunend. Ich glaube: nein!

Ist der Vater reich, so sollte er diese Besitzung kaufen ...... Sie ist zu haben.

Ja zu haben! rief der Knabe lachend und schuttelte den Kopf, als glaubte er, dazu gehorten Millionen.

Dann fuhr er fort:

Nein, nein! Der Vater kampft mit sich, was er mehr lieben soll, die alte oder die neue Welt. Erst zog es ihn mit so grosser Gewalt nach Europa zuruck, er traf alle Einrichtungen, nie wieder zu kommen, liess Haus und Hof in getreuen Handen, die, im Fall er nicht wiederkame, ihm dafur den baaren Betrag einer ansehnlichen Kaufsumme schicken wollen und nun gefallt ihm ja das alte Heimathland nicht mehr! Jede Gegend, die er von fruher sieht, erweckt ihm traurige Erinnerungen und wahrend er so rustig, so gesund und sonst so heiter ist, ruft er hier uberall aus: Ich bin alt geworden, alt! ... und blickt dabei so wehmuthig gen Himmel, ... dass ich weinen mochte!

Selmar weinte ...

Armes Kind! sagte Dankmar, den Knaben trostend. Und dir geht es umgekehrt? Dir gefallt die Heimath deiner Mutter. Dich kann ein Land nicht befriedigen, wo wie in Missouri noch Sklaven dem Boden seine Erzeugnisse abgewinnen. Dich reizt das Gewuhl unserer Stadte, die bunte Mannigfaltigkeit unserer Bestrebungen, die Verschiedenheit der Sprachen, der Luxus, die Pracht der Lebensweise, die schonen Krieger in glanzenden Uniformen nicht so?

Selmar wurde uber und uber roth und lachte plotzlich.

Ei bewahre! sagte er endlich ganz verschamt.

Doch! doch! fuhr Dankmar fort. Das ist's, was dich fesselt! Fur ein so schones Schauspiel, wie bei uns eine Heerschau der buntgeschmuckten Krieger in funkelnden Waffen und bei kriegerischen Klangen, giebst du noch Amerika's ganze Freiheit hin, alles das, was ohne Zweifel die wahre Fessel ist, die den Vater an Amerika kettet; denn aus seinen Ausserungen uber das Schloss dort oben seh' ich, dass er die Wahrheit und das Licht der Vernunft liebt.

O gewiss, Wahrheit und Vernunft liebt der Vater! sagte Selmar mit leuchtenden Augen. Dann fuhr er fort:

Glaubt nur nicht, dass ich kein Herz fur die Grosse der Union habe und die freie Staatsform, in der wir leben, geringschatze. Indessen

Warum stockst du?

Ich will es auch nur aufrichtig sagen, fuhr Selmar mit herzlicher Innigkeit fort. An dieser Lust, die ich empfinde, Europa und Deutschland zu sehen, ist die Mutter Schuld. Sie schlaft druben in amerikanischer Erde! Aber ihre Seele, wenn es Gott gestattet, dass sie zuweilen noch auf Erden weilen darf, wurde am glucklichsten sich fuhlen, durfte sie hier weilen unter den deutschen Eichen. Sie umschwebt uns gewiss uberall, wo wir weilen werden und zogen wir in die Wildnisse Asiens. Aber das reinste und schonste Opfer, das man ihr bringen kann, ware das, wenn wir da lebten, wo ihr Geist auch die Andern noch umschweben kann, die sie hier liebte und verliess, als sie nach Amerika zog .....

Dankmar empfand diese schlicht vorgetragenen, tief empfundenen Worte in ihrer ganzen Wahrheit. Er sah im Geist die Mutter dieses Knaben sich trennen von denen, die ihr hier nachst dem Gatten das Liebste waren und mit halbgebrochenem Herzen in das ferne Land dem noch jetzt schonen, edlen Manne folgen, der da vor ihm herschritt mit eben ergrauendem Haare, noch stolz und mannlich! Er konnte nachfuhlen, wie hier ein Kinderherz fruh getheilt war zwischen dem, was den Vater begluckte und dem, was die Sehnsucht der Mutter war. Vielleicht lebten hier noch viele Menschen, denen Selmar die Zuge der fruhvollendeten Mutter zuruckrufen sollte; vielleicht sollte dieser Knabe ihnen Ersatz fur Das werden, was sie an ihr selbst verloren .....

Um der wehmuthigen Stimmung Selmar's keine neue Nahrung zu geben, lenkte Dankmar das Gesprach darauf hinuber, dass er sagte:

Ich kann mir denken, was die gute Mutter von Europa Alles mag erzahlt haben und wie das fruh in deinem Kopf gezundet hat. Hattest du in New-York gelebt, wurde das Gerausch einer grossen Weltstadt auch nicht den Drang nach der Ferne so machtig in dir haben aufkommen lassen; aber eine solche kleine Niederlassung am Missouri, unter Urwaldern und Prairien! Da mag es melancholisch genug sein und ich kann mir denken, die Sagen vom Kynast und Drachenfels, die dir in der truben Regenzeit erzahlt wurden, kamen nicht vom Vater

Nein! fiel der Knabe ein, die kamen von der Mutter, der guten Mutter. Sie war nur Liebe und Gute.

Wie hiess sie? sagte Dankmar und dachte dabei nur an ihren Vornamen ...

Der Knabe errothete, fast erschreckend. Er that, als hatte er die Frage uberhort und machte sich mit den Strauchern am Wege zu schaffen, von denen er einen kleinen Zweig abbrach.

Dankmar nahm das Nichtbeantworten seiner Frage fur zufallig. Nur dass der Knabe zum Vater hinsprang und er allein blieb, wie Einer, der nicht zu den Andern gehorte und sich doch wol nur als einen Aufdringling betrachten musse, war ihm peinlich. Er blieb stehen und hatte die Fremden vielleicht ohne Abschied gehen lassen, wenn sich nicht Ackermann umgewandt und auf ein kleines Haus in einem grunen Thalgrunde, der abwarts vom Walde nun in die Tiefe ging, aber rings vom Walde noch eingeschlossen blieb, gezeigt hatte mit den Worten:

Da ist das Jagerhaus!

Offenbar wollte er sagen: Sie begleiten uns doch?

Aber Dankmar fuhlte etwas, was ihm zuflusterte: Das Geschaft dieses Mannes im Jagerhause ist wol so eigner Art, dass du nur ein unwillkommener Zeuge sein wurdest. Er sagte daher kurzer und fast schroffer, als er wollte:

Entschuldigen Sie meine Begleitung! Ich konnte dem lockenden Walde nicht widerstehen.

Damit luftete er den Hut und nickte dem Knaben, der nachdenklich und wie eingewurzelt stand, ein freundliches Adieu! zu.

Auch Ackermann schien betroffen, wandte sich aber ...

Lastig war das erneute garstige Bellen des Hundes, der seinen Namen "Bello" von der Schonheit seines Aussern weit weniger, als vom Bellen verdiente. Wahrend Dankmar ihn zur Ruhe bedeutete, gingen die Wanderer schon weiter, ohne sich anfangs nach ihm umzublicken. Nur Selmar, als sie im Grunde waren, that es noch zuweilen, aber wie verstohlen. Dankmar's Augen waren scharf genug, noch einige Zeit zu verfolgen, wie traurig dabei des Knaben Miene schien und dass beide stumm nebeneinandergingen.

Warum folgst du nicht? schienen ihre Augen sagen zu wollen und Dankmar sagte sich selbst: Warum folgst du nicht? .....

Der Weg, der zum Jagerhause fuhrte, erstreckte sich ziemlich lang am Rande des Waldes und der Wiese hin, die rings vom Walde eingeschlossen war und zu abschussig ging, als dass man quer uber sie hatte hinwegschreiten konnen. Dankmar stand an einem alten Eichenbaum und sahe, die Arme verschrankend, dem Amerikaner und seinem Sohne nach.

Was zieht mich euch Beiden nach, sagte er sich, dir du strenger Mann und dir du holder Knabe! Ist es die wunderbare ferne Welt, aus der ihr wiederkehrt und die vielleicht auch einst nur das Land sein wird, wo meine Traume reifen konnen? Warum trennen wir uns, da wir uns kaum begrussten? Warum kann ich nicht gleich tief in deine Seele und dein ganzes Leben greifen, tuchtiger Mann, der du gewiss von deinen eigenen verzweifelten Stunden her Timon den Menschenhasser kennst und den Spiegel kennst, in dem er sich selbst anredete und die Menschen verfluchte? Warum hab' ich nun kein Zeichen, das dir gleich gesagt hatte: Ich fuhle Ehrfurcht vor deinem Antlitz, deinem Auge, deinem leise angegrauten Haar! Wenn ich dich selbst nicht lieben konnte, so lieb' ich dich in deinem Sohn! Ich weiss es schon, du Kraftiger, dass in dir Gedanken leben, die hoher hinaufweisen als die gewohnlichen Wegweiser unserer grauen Theorie! Du hast nachgedacht, du hast gefuhlt, gelebt, geliebt! Ich weiss schon Alles ..... Ein Weib folgte dir und vergass ihre Thranen in deinen Umarmungen und dies Kind ist das Unterpfand dieses Schmerzes, das Denkmal einer Liebe, die sich noch im Tode bewahrte ... und die du selber ehrst, sonst wurdest du nicht dies Europa wiedersehen wollen, dies Land, das dich doch sicher denn du heissest schwerlich so, wie du dich nennst! von seinem Herzen stiess! Wo kann ich dir wieder begegnen, edler Mann? Wo mich an deiner starken Hand fuhren? Nie also, nirgends mehr? Das ware so verloren! Und warum verloren? Weil du die Menschen vielleicht hassest wie Timon? Nein! Weil du mich fur einen gedankenlosen Dieb deiner Zeit haltst, der nichts kann, als fremde Menschen belastigen und zwecklos ausfragen! Ich missfiel dir; du kennst mich nicht! Warum ist nun kein Wort moglich, das mit einem Hauche sagt: Hier ist auch ein Mensch, ringend, wie du einst gerungen hast, ein Mensch ohne Ehrgeiz fur sich, aber voll Ehrgeiz fur das Allgemeine! Das Allgemeine? Ja das Allgemeine! Das nicht Einen, nein Tausende, Hunderttausende Gleichgesinnter braucht! Sind wir beide gleichgesinnt? Warum erkennen wir uns nicht? Die Freimaurer erkennen sich!

Gerechter Gott, und was druckt das aus: ein Freimaurer! Wenig genug, wenn man Lessings Gestandnisse liest. Und doch grussen sie sich geheim, wie mit einem Grusse in der Wildniss! Man ist mit diesem Grusse nicht mehr dunkel uber sich, man hat doch Eins gemein, Eins, das Gefuhl der Bruderlichkeit, so misbraucht es auch wird und so lastig es dem sein muss, der das Zeichen dem erwidern soll, der ihm gleich beim ersten Blicke misfallt. Aber was fuhrt die Manner, die sich gefallen sollten, zusammen? Wer lasst den Geist den Geist erkennen? Was kurzt uns durch einen einzigen Blick den langen Umweg ab, den wir brauchen, um die, die uns gleichgesinnt sind, erst zu erkennen ach, wo anders erkennen wir uns, als ... auf dem Schlachtfelde ..... in den Gefangnissen ... im Grabe!

Dankmar blickte auf. Der Knabe hatte noch einmal zu ihm herubergeschaut wie mit traurigem Vorwurfe ...

Um sich einem Anblick zu entziehen, der ihn zu heftig bewegte, trat Dankmar zuruck und warf sich ins Gras unter einem Haselstrauche, den die dichten Zweige der etwas entfernteren Eiche noch beschatteten ...

Er spann die Gedankenreihe aus, in der wir ihn schon so oft, am meisten nach Schlurck's Ausserungen uber den Reubund, belauscht haben und die, das merken wir nun wol, mit seinem glucklichen Funde in Angerode zusammenhing. Er vergegenwartigte sich die alten Zeiten, wo das Christenthum ganz allein die Stelle solcher neuernden Begriffe vertrat, wie sie jetzt die Menschheit beherrschen. Er sah die damalige Bildung, die christliche, da nicht dem Zufalle preisgegeben, sondern in der Obhut eines gewissen gegliederten Kastengeistes, den sogleich die Verbruderungen, die Herbergen, die Agapen und dann die Monchsorden vertraten. In den Ritterorden erblickte er dann die Beseitigung der Gefahren, die das alleinige Vorrecht des geistlichen Standes an der Verwaltung der Ideen mit sich bringen konnte, wenn es ausschliesslich wurde. Die Orden waren Jedem zuganglich, selbst Ungelehrten und unadlig Gebornen. Wenn er dann die rege Betriebsamkeit eines gemeinschaftlichen Wirkens und die sichere Anlehnung an Gleichgesinnte, die man durch aussere Kennzeichen in der ganzen damaligen christlichen Welt antreffen konnte, bewundern musste, so flosste ihm vollends die feine und durchdachte Gliederung besonders des spateren Jesuitenordens als Form, als kunstmassig angelegter Bund, die grosste Achtung ein ...

Warum geht bei uns Alles so in der Irre! dachte er sich. Warum gruppirt man sich nur in losen Vereinen ohne Form und dauernde Haltung! Warum verschwort man sich nur blindlings mit abenteuerlichen, leicht enthullten Masken ... Wer uns eine Stiftung brachte, die unabhangig von jeder zunachst auf der Tagesordnung stehenden Frage nur die Verstandigung uber sie im Allgemeinen, die Einigung uber die ersten Grundsatze erleichterte! Wer uns etwas ersanne, das wie ein elektrischer Schlag Jeden trafe, der mit uns in einem geistigen Rapport steht und uns dann immerhin so ganz zufallig begegnete! ... Man wurde sich gleich erkennen. Wie wurde man seine Erfahrungen austauschen, wie wurde man sich zu einem geordneten, sicheren System des Handelns rascher vereinigen! So viel Verstand und keine Verstandigung!

Und wenn sich Dankmar dann gestehen musste, dass alle die, die etwas Grosses in dieser materiellen Welt dauernd behaupten wollen, Mittel besitzen mussen, um die Zweifelnden und Lassigen zu ermuntern und das Beispiel der Entbehrung, das so Mancher in seiner Grossherzigkeit giebt, fur die Andern auch nicht gar zu abschreckend zu machen, so gedachte er der Papiere, die er in jenem Schreine gefunden hatte. Eine alte Uberlieferung seiner einst angesehenen Familie hatte sich plotzlich in eine mit Handen zu greifende Wahrheit verwandelt. Die Vergangenheit ragte in die Gegenwart mit Wurzeln herein, die in einem gesitteten Rechtsstaate wirklich noch festen Boden gewinnen, keimen, ausschlagen, bluhen konnten. Er hatte die Mittel in Handen, einer seit zwei Jahrhunderten schwebenden Verhandlung uber ein immer grosser angewachsenes Vermogen von Hausern und Grundbesitzungen eine neue Diversion zu geben, die sich auf die Annahme grundete: Wenn der Staat begonnen hat, jene Verlassenschaft, die Jahrhunderte lang gleichsam herrenlos war, fur sich in Anspruch zu nehmen und den gegenwartigen Nutzniessern zu entziehen, warum kann sich nicht mit den sichersten und festbeglaubigten Urkunden ein Mitkampfer um das gleiche Ziel ihm zur Seite stellen und Alles das, was Jener zur Begrundung seiner Anspruche muhsam und aus Zwangssatzen der Gewalt zusammenstellt, mit weit grosserem Fug und Recht aus verbrieften historischen Thatsachen herleiten?

Wer weiss, fuhr er innerlichst zu erwagen fort, ob in jenem Processe, dessen inneres Getriebe mir bald kein Geheimniss mehr sein soll, nicht Assertionen genug vorkommen, die mir unbewusst uber das, was noch sonst dem eingebildeten Entwickelungsgange dieses Processes einen plotzlichen Umschlag geben konnte, meinen Wettlauf mit dem Staate und jener grossen machtigen, von Schlurck vertheidigten Commune erleichtern?

Und so gewaltig ergriff ihn jetzt die Aufgabe, die er sich gestellt hatte und die er nicht zu seinem Vortheil, sondern in der That zur Durchfuhrung einer grossen socialen Idee losen wollte, dass ihn nun eine namenlose Angst uberfiel, welches Schicksal die in Schlurck's Handen befindlichen Papiere treffen konnte ... Mit dem Entschlusse, jetzt unmittelbar nach der Residenz zuruckzueilen, sprang er auf, warf, um nicht gefesselt zu werden, keinen Blick mehr nach dem grunen Plane und dem Jagerhause zuruck, sondern lief fast mit beflugelter Eile denselben Weg zuruck, den er eben neben dem Knaben so gemuthlich geschlendert war ...

Bello konnte auf seinem lahmen Beine kaum folgen. Dankmar rief, feuerte ihn an und trieb zur Eile .... Da grusste ihn ein freundliches Wort aus dem Busch. Ein Bekannter hielt ihn an, der eben aus einem Seitenwege des Waldes trat und plotzlich, ihn fast erschreckend, vor ihm stand. Es war der Jager Heunisch.

Drittes Capitel

Das Jagerhaus

Heunisch, die Buchse auf dem Rucken, eine sorgfaltig geschlossene Pfeife im Munde, schien so eben nach seiner Wohnung einlenken zu wollen. Er erkannte in Dankmarn sogleich jenen jungen Mann, dem er gestern fruh auf dem Gelben Hirsch, wahrend es so heftig regnete, von alten und jungen Zeiten auf Schloss Hohenberg hatte erzahlen mussen. Seinen freundlichen Gruss erwiderte Dankmar mit den Worten:

Eilen Sie, dass Sie nach Hause kommen! Sie haben Besuch ...

Ich erfuhr es schon in Plessen, sagte der Jager. Wie ich in der Schmiede vorsprach, sagte mir's der alte Zeck. Wenn die Ursula so ins Feuer gerath uber den amerikanischen Besuch, wie ihr blinder Bruder, der wie narrisch herumtastete und herumgrabbelte, so muss es ein sehr naher Freund zu ihr sein.

Oder er bringt Grusse von einem Freunde aus Amerika, bemerkte Dankmar, der es vorzog, das, wie es schien dem Forster unbekannte Geheimniss der Erbschaft zu verschweigen.

Auch moglich, sagte der Jager. Die Zeck's sind alle heimlich.

Heimlich? fragte Dankmar. Was verstehen Sie unter heimlich?

Dankmar hatte sie lieber unheimlich genannt.

Nun! sagte der Jager. Es soll mir nicht einfallen diesen Leuten etwas Schlimmes nachzusagen, sie stehen in bravem Rufe und gehorten fruher auch zu den Frommen, die die hochselige Furstin beschutzt hat. Aber es kommt mir mit ihnen vor wie mit einem zugegrabenen Brunnen oder einem ausgetrockneten Teich. Man kann nicht daruber gehen ohne dass es einem immer ist, als konnte da wieder einmal Wasser zum Vorschein kommen.

Wir nennen das, sagte nun Dankmar, unheimlich. Sie nennen's heimlich. Worin finden Sie denn, dass diese Familie etwas Verstecktes und Unzuverlassiges hat?

Der Jager kratzte sich hinterm Ohre und erbot sich Dankmarn, der eine kaum angerauchte Cigarre mechanisch in der Hand hielt, Feuer anzuschlagen, wenns auch, wie er sagte, eigentlich nicht gestattet ware im Walde Cigarren zu rauchen.

Dann lassen Sie's! sagte Dankmar.

Aber der Jager meinte:

Ach was? Wie lange wird's dauern, so lassen die oben doch all die Stamme hier abhauen, um zu Gelde zu kommen. So ... oder ... so! setzte er lachend hinzu.

Und so rauchte Dankmar die Cigarre an des Jagers geoffnetem Pfeifendeckel an. Den Deckel dann in Erwagung der Waldordnung kraftig zuschlagend und selbst durch einige Zuge sein gelbes Kraut wieder lebhafter anglimmend, fuhr der Jager fort:

Die Zecks in der Schmiede gelten fur ehrliche Leute und sind's auch, aber sie kommen Manchem vor wie Welche, die mit einem Strick am Halse leben. Drossel auf dem Gelben Hirsch sagte noch vor Kurzem, er hatte immer gehort, wenn ein Vornehmer 'mal einen Knecht erschlagt, so kann er sich vom Galgen loskaufen durch eine runde Summe, aber auf den Boden stellt ihm die Justiz auch was Rundes hin, namlich's Rad, damit er immer einen Augenspiegel in der Nahe hat. Ob's wahr ist, weiss ich nicht. Aber der alte Zeck kommt Manchem vor wie Einer, der auf'm Boden auch so sein Rad stehen hat. Von meiner alten Ursula gar nicht zu reden, die die Leute eine Hexe nennen. Aber die Leute sind narrischer als sie.

Wie kommt denn Zeck's Schwester in Ihre Jagerwohnung? fragte Dankmar, den eigentlich der Ruckblick auf Ackermann und Selmar fesselte.

Ei, sie war ja meines Vorgangers Frau! sagte der Jager. Ich habe sie ja mit ubernehmen mussen, als ich vor Jahren hier in den Posten kam! Damals warf sich ja die Alte auch auf die Frommigkeit, um die Furstin zu ruhren. Und so kam's auch. Heunisch, sagte die Furstin, (Gott hab' sie wirklich selig, es konnte Jeder, der die Augen verdrehte, mit ihr machen, was er wollte!) Heunisch, sagte sie, Ihr seid mir gut empfohlen worden und der Furst hat nichts dagegen, dass ich Euch Marzahn's Stelle gebe Marzahn hiess der fruhere Forster, mein Vorganger aber sagte die Furstin Ihr seid jung und rustig damals war ich's mehr als jetzt und die Marzahn bleibt in dem Hause bis an ihr Ende. Sie konnen sich denken, Herr, was ich fur ein Gesicht dazu schnitt! Ich wollte mich just verheirathen und die Ursula Marzahn, hiess es, ist von jeher ein Drache voll Gift und Bosheit gewesen. Ich sagt's auch der Furstin Gott hab' sie selig Durchlaucht, sagt' ich, die Marzahn? ...... Und mehr braucht' ich eigentlich garnicht zu sagen; denn sie musste es gleich fuhlen, dass das so viel hiess, als in einen Thurm geworfen werden, wo unten nichts als Kroten und Schlangen sind. Namlich die dummen Leute hatten der Urschel den Ruf gemacht. Sie kam schon ziemlich bejahrt mit dem ewig betrunkenen Marzahn hier an, mit dem sie anfangs wild gelebt hatte und erst verheirathet wurde, als er den Posten bekam. Der alte Sagemuller im Gebirg, auch der reiche Sandrart, den ich manchmal im Ullagrund besuche ein stattlicher aber grober Bauer haben mir Teufelsdinge erzahlt, wie die Urschel anfangs hier auftrat. Sie war schon fast an die Funfzig und soll fruher bei einem Scharfrichter gedient haben, von dem sie Doctorei mit Vieh, aber auch mit Menschen gelernt hat. Genug, von ihren jungen Jahren weiss man nichts, als dass sie bei dem Doctor Lehmann, so hiess der Scharfrichter, von dem Sie wol gehort haben ...

Ich kann nicht sagen, bemerkte Dankmar lachend ...

Bei dem, der meilenweit immer verschrieben wurde, fuhr Heunisch fort ....

Verschrieben?

Zu den Armensunderfruhstucken, Herr! Nun, bei dem hat sie ja gedient und war dann an den Marzahn, einen ausgedienten Soldaten, gekommen und mit ihm hierher. Wie sie eine Weile im Walde war, kam auch der Bruder nach, der auch mit Vieh Doctorei treibt ....

Dankmar musste zur Bestatigung auf seinen schlechtgeheilten Bello sehen, der sich mit dem Hunde des Jagers zu vertragen schien und ruhig neben diesem aushielt.

Genug, sagte Heunisch; Marzahn starb bald, was kein Wunder war ...

Ich will hoffen, bemerkte Dankmar lachelnd, dass seine Frau, die Ihr wie ein Gespenst schildert, ihm keinen Trank eingeruhrt hat ....

Keinen Trank? sagte Heunisch, der die Redseligkeit selbst war. Trank genug! Er trank den ganzen Tag. Ursula hatte schlimme Tage bei ihm ... sie hat's in Geduld ertragen ... Die Urschel kennen die Menschen gar nicht ...

Ihr musst einen Schatz an ihr haben, dass Ihr so allein mit ihr leben konnt und sie vertheidigt!

Ich sage Ihnen, Herr, die Urschel ist bei alledem treu wie Gold. In jungen Jahren soll sie's arg mit Mannern gehabt haben, aber seit sie alt geworden ist ...

Hoffentlich auch seit sie der schreckliche Doctor Lehmann in der Cur gehabt hat ...

Davon weiss ich nichts. Ich sage Ihnen aber, sie hat an dem Marzahn, der sie schlug und mit Fussen trat, wie ein Kind gehangen ...

Kathchen von Heilbronn unterm Galgen.

Nicht von Heilbronn, Herr; und Ursula! Ursula! Nicht Kathchen!

Ich verstehe! Aber ich kann mir schon denken, Ihr habt die Ursula bei Eurem Forsterposten als Inventarium oder sogenanntes "eisernes Vieh", wie wir Juristen sagen, mit in Kauf nehmen mussen ...

Beinahe so! lachte der Forster. Heunisch, sagte die Furstin, ich weiss, was Ihr sagen wollt, aber die Marzahn ist durch den Tod ihres Mannes erleuchtet geworden und der Erloser ist ihr im rechten Lichte aufgegangen, und was solche schone Sachen mehr sind, die aber bei der Marzahn, wer sie namlich kannte, eigentlich zum Lachen waren. Jetzt will ich Ihnen nur sagen, bester Herr .... Ich wollte namlich heirathen und nahm die Stelle und auch, weil's nicht anders ging, die Marzahn mit. Und wie gesagt, sie war eigentlich bei alledem eine charmante Person! Sie wollte sich auf ein einziges Zimmer einrichten und sie that's auch ganz bescheiden bei alledem!

Bei alledem?

Ja, bei alledem! Ich dachte, sie macht nicht lange ... aber wer starb, war nicht die Alte ... wer starb, war ... Doch was halt' ich Sie da auf, guten Morgen, Herr! Guten Morgen!

Dankmar fand an dem treuherzigen Manne Gefallen und bat ihn, doch fortzufahren ...

Nun, wer starb, war meine Braut, und als ich nach drei Jahren wieder ein nett Madchen kennen lernte wer da wieder starb war wieder meine Braut und Das uberwand' ich seit vierzehn Jahren, und nun bin ich zweiundfunfzig. Man sieht's mir nicht an, gelt? Aber ich bin's. Und die Ursula Marzahn hustet und hustet und achzt und stohnt und ist jetzt dreiundsiebzig Jahre und sie ist bei mir geblieben und ... was die Leute reden ....

Was reden die Leute? fragte Dankmar den Jager, der nun gehen wollte.

Ich sag' immer, der Mensch soll leben, als ging' er grade der Nase lang! sagte Heunisch und steckte die Pfeife ein, die ihm ausgegangen war.

Schlecht und recht, meint Ihr?

Das zuerst und dann nicht links, nicht rechts sehen und sich kummern, was wol Alles an Dem sein mochte ....

Die Wahrheit fliehen, Heunisch? Den Glauben theil' ich nicht .... Was sagen die Leute?

Es ist besser, Herr! Ich hab's auch der Franz geschrieben, die mir einmal Etwas von dem seligen Fursten klagte. Kind, schrieb ich ihr, lass die Nachforschung und thu' deine Arbeit ohne Nachdenken!

Dankmar mochte nicht weiter forschen, erstaunte aber uber des Jagers plotzlich bleicher gewordenes Antlitz.

Ich halt' Euch auf ... sagte er.

Nein, nein, meinte Heunisch; ich plaudere mit Ihnen aus dem namlichen Grund. Ich mag namlich gar nicht in mein Haus, solange die Fremden da sind. Ich drange mich nicht in die Heimlichkeiten der Ursula ....

Ihr habt viel Zartgefuhl, Heunisch ....

Nennen Sie Das so? Es konnte vielleicht auch anders heissen ....

Nichts Schlimmeres aber! Ihr seid die Rucksicht selbst.

Doch! doch! Nennen Sie's nur Furcht ....

Furcht?

Furcht, Das zu wissen, was Eins besser nicht weiss ....

Wie Heunisch diese Worte sprach, stand er nachdenklich und blickte mit starrem Auge bei Seite.

Was ist Ihnen, Heunisch? fragte Dankmar, erschrocken uber des Mannes nachdenklichen Zustand. Es steigen Ihnen unfreundliche Erinnerungen auf?

Ja! ja! Aber lassen Sie nur, bester Herr, sagte Heunisch, fast tonlos. Ich habe an meine erste Braut gedacht und an die zweite ich kann's ja allein hier bedenken an dem alten Doppelbaum, der in zwei Stammen aufschiessen wollte und in beiden verdorrt ist. Gehen Sie nur weiter! Ich mag nicht nach Hause; ich setze mich so lange daher.

Dankmar legte dem bewegten Jager die Hand auf die Schulter und sagte:

Ihr denkt Eurer beiden Verlobten! Beide starben! Beklagenswerther Mann! Und Ihr musstet ein Ungethum neben Euch dulden, das Euch Eure einsamen Tage zu einer ewigen Folter machte. Habt Ihr Das ertragen konnen?

So nicht! So nicht! bester Herr! sagte der Jager. Ihr hortet's ja, der Brunnen ist verschuttet und der Sumpf ist ausgetrocknet. Die Ursula hat mich nie gequalt, niemals, ich musste lugen. Sie hatte einen heftigen, rohen Menschen geheirathet, meinen Vorganger, den Marzahn. Der schlug sie und sie duldete das. Als er starb, es war ein noch junger Kerl, aber er hatte sich dem Trunk ergeben und ging vor der Zeit hin, als er starb, hatte sie sich erlost fuhlen sollen. Aber so verblendet war die Narrheit der Frau, die uber zwanzig Jahre mehr zahlte, als ihr Mann, dass sie ihn wie eine Verruckte beweinte und damit die Furstin ruhrte, dass Die sie wohnen liess, bis ich kam. Von Stund' an hat sie sich auf eine kleine Stube, die dunkelste, beschrankt, die ich gar nicht gemocht hatte, weil sie mir vorkommt, als musst' es drinnen spuken. Sie hat mich gepflegt, wenn ich krank war, die Ursula, mich bedient wie eine Magd, die Ursula, sie hat sollten Sie's glauben, Herr ....

Es ist zum Lachen? Warum lacht Ihr, Heunisch?

Ich kann's gar nicht sagen ....

Wetter, Ihr seid ja verschamt wie ein Madchen ....

Ich mochte nur wissen, ob die Ursula dahintersteckte ....

Hinter welchem Busch denn?

Dass ich sie heirathen sollte, Herr!

Dankmar wollte lachen und konnte nicht.

Mein Seel! Kein Spass! Der Blinde, der sich nach Marzahn's Tode in Plessen angesiedelt hatte, sprach mich darum an, ich sollte die Schwester doch heirathen ....

Hm! Und beide Braute starben Euch vor oder nachher?

Vorher! Ich lachte blos und schlug's aus. Seitdem sprach der Bruder kein langes Wort mehr mit mir, so oft ich in der Schmiede vorsprach. Heute seit Jahren gonnt' er mir einmal wieder die erste Anrede. Aber die Ursula ... nein! nein! die konnte von dem tollen Antrag nichts wissen oder sie hat sich damals ihrer sechszig Jahre geschamt. Sie ist freundlich und gut mit mir geblieben, ob ich sie gleich manchmal recht furchte und ein Grauen vor ihr habe ....

Dankmar voll Theilnahme meinte:

Geht denn doch lieber ins Jagerhaus! Wenn Ihr wie andere Menschen seid, freut Ihr Euch gewiss, wenn um Euch her Alles heiter und glucklich ist. Ursula's Besuch wird sie uberraschen und wenn sie keine Geheimnisse vor Euch hat, theilt sie Euch mit, was sie Frohes erlebt hat, und erfreut Euch selbst.

Nein, nein, ich bleibe noch fort! sagte der Jager, der sich jetzt wieder erholte und seine Pfeife anzundete. Ich will nicht in ihre Karten sehen. Darin liegt's gerade, was ich heimlich nenne. Seitdem mir meine zweite Braut so plotzlich und so schrecklich starb sie glitt im Gebirge aus und brach sich das Genick ....

Um Gottes Willen! unterbrach Dankmar.

Ja, ja, Herr, die erste ...

Die Jungfer Drossel auf dem Gelben Hirsch ...

Ihr erinnert Euch ...

Starb in den Flammen ... Das weiss ich schon! Aber die zweite ...

Des Sagemullers Tochter da oben aus dem Gebirge ...

Verungluckte so entsetzlich?

Brach den Hals!

Armer Mann! Jetzt begreif ich Eure Liebe zur Franz in der Stadt.

Der Forster schwieg eine Weile schmerzbewegt und fuhr dann fort:

Seitdem, Herr, bin ich eigentlich wenig daheim in meinem Hause, wandere immer hier und dort umher und erfahre oft nichts von Dem, was wahrend meiner Abwesenheit im Jagerhause geschieht. Die Ursula ist ganz froh, wenn ich komme, denn ich seh's ihr an, sie hat in der Zeit dann allerlei Jammer und Noth gehabt ... wirklich, Das hat sie ... aber wiedererzahlt wird nicht. Da hab' ich dann schon gesagt: Ursel, du kommst mir vor, als wenn du immer in meiner Abwesenheit die Geister bei dir tractirtest und mit dem Teufel manchmal lustig zu Nacht speistest! Da sagt sie denn wol seufzend: Hast Recht, Junge! Ich habe meine Noth! Aber dann ist sie still, macht ihre Arbeit und ist froh, wenn's mir nur schmeckt. Straf mich Dieser und Jener, ich hatte die Alte in ihren jungen Jahren wirklich geheirathet; denn soll ich's nur gerade heraussagen, so glaub' ich, sie war trotz ihrer Sechzig in mich verliebt, und weiss der Geier, sie war auch noch ganz hubsch und sauber. Nun ist sie elend und hinfallig und wird kindisch. Ihre Gespensterseherei macht mir besonders im Winter arg zu schaffen ....

Dankmar nahm diese letztere Mittheilung fast so scherzend, wie sie der Jager gab, fuhr daher auch in diesem Tone fort und sagte:

Nun denn, so macht, dass Ihr nach Hause kommt! Der Besuch aus Amerika ist kein Gespenst und pruft sie einmal, ob sie aufrichtig ist. Ihr seid ein so ehrlicher und biederer Mann, dass ich Euch unter dem Siegel der Verschwiegenheit verrathe: Der Amerikaner bringt ihr einen Beutel ganz mit Gold gefullt.

Sie spassen? sagte der Jager erstaunt.

Ja, Heunisch. Nach Allem, was Ihr mir von diesen Zeck's und der Ursula erzahlt habt, vom Tode Eurer beiden Braute und den Gespenstern, die diese fromme Witwe sehen will ...

Nun, was stocken Sie, Herr? Was sehen Sie mich so gross an?

Nach alledem mocht' ich doch, dass Euer unbefangener, offener und glaubiger Sinn im Jagerhause nicht misbraucht wurde. Versteht Ihr?

Wieso misbraucht? Ich verstehe nicht ...

Dieser Amerikaner brachte dem blinden Zeck eine Summe Goldes, die einen ganzen Tisch bedeckte

Was? meinte der Jager ... Das mussen ja uber tausend Thaler sein!

Und ebensoviel empfangt jetzt die Schwester. Gebt Acht, sagte Dankmar, ob sie wahr gegen Euch ist und ...

Dankmar stockte.

Nun da bin ich doch curios! Ja, ja, sie sagte mir heute fruh, dass ihr etwas Merkwurdiges bevorsteht ....

Passt Ihr mehr auf, Heunisch! Seid nicht so sorglos!

Hm! Sie hatte die ganze Nacht rumort und mich im Schlafe gestort. Die Hunde bellten. Ich sah den Mond so grusselich durch den grossen Kastanienbaum scheinen, der vor meiner Schlafkammer steht. Es war mir einmal, als hort' ich die Ursula hasslich schreien. Aber es war wol nur ein Traum und ohnedies weiss ich ja, dass sie immer laut redet und ganze Nachte in Bewegung ist. Wie sie mir das Fruhstuck bringt, frag' ich sie: Aber, Urschel, frag' ich sie, was war denn Das die Nacht? Hast ja geschrien! Und gross mich anglotzend, als war' ich ein ganz Anderer als der furstlich Hohenbergische Revierjager Heunisch, sagte sie: Fritze, was hast du fur garstige rothe Haare! Wenn Das deine Grafin sieht! Ei Mutter, sag' ich, ich heisse Leberecht Heunisch und meine Haare schimpf' mir nicht, die haben bei keiner Grafin am Feuer gestanden. Da kicherte sie und meinte, sie hatte in der Nacht das Fenster aufgemacht und hinaus in den Wald gesehen. Da war' ihr verstorbener Bruder, von dem sie oft wie von einem Baron faselt, uber die grune Wiese gegangen, ganz wie er noch in seiner Jugend gewesen ware, lang und schlank und sehr vornehm, aber im Gehen hatt' er geschlafen, sie aber doch artig gegrusst und sich dann still ins Gras niedergelegt unter dem Ebereschenbaum, der auf der Wiese steht. Und sie wiss' es, sie erfuhre nun auch heute was Neues. Na, sagt' ich, Urschel, dann will ich hoffen, dass es was Rechtes ist. Stellen Sie sich aber Eines vor, als ich nachher ausging, um in Plessen auf dem Amt Etwas ins Reine zu bringen, seh' ich hinuber nach dem Ebereschenbaum, den ich lieb habe, weil er im Herbst so prachtige rothe Beeren tragt, die uber die ganze Wiese leuchten, wie Sagemullers Nantchen ihre rothen Ohrbommeln ... Seh' ich ja, dass das Gras wirklich an dem Baume niedergetreten ist, gehe hinuber und finde an dem Baum im Grase die Spur, dass hier ein Mensch gelegen hat und noch ganz frisch, ohne Widerrede erst in der letzten Nacht. Und dass ich mich wirklich nicht tausche, liegen ja drei vollwichtige neue Spitzkugeln im Grase, eingewickelt in dies Papier. Da! Ohne Zweifel war's ein Wilddieb, und nun will ich meiner Alten doch sagen, dass sie diesmal Menschen und keine Geister gesehen hat, und auf der Hut mussen wir sein, so wie so. Sehen Sie! So was passirt im Walde.

Damit wog der Jager die ziemlich schweren, sonderbar geformten, nur fur eine eigens eingerichtete Buchse passenden Kugeln.

Dankmar nahm die Kugeln und wog sie gleichfalls. Sie waren in ein Papier eingewickelt.

Diese Kugeln sind aber sonderbar, sagte Dankmar. Ich mochte fast glauben, dass es keine Kugeln, sondern eher kleine Gewichte sind ....

Es sind Spitzkugeln, ich versichere Sie! sagte der Jager.

Indem betrachtete Dankmar das Papier, in dem das Blei eingewickelt war. Wie erstaunte er, als er in ihm eine Rechnung aus dem Heidekruge erkannte, dieselbe, die auf Zehrung fur zwei Personen und ein Pferd lautete, vom gestrigen Datum ... ein Thaler acht Groschen!

Sonderbar! sagte er und war von einer Ahnung ergriffen; behalten Sie das Papier, lassen Sie mir die Kugeln!

Der Jager besann sich erst und fragte:

Haben Sie denn einen Verdacht?

Als Dankmar betroffen das Papier von allen Seiten betrachtete, fuhr Heunisch fort:

Ich wollte erst die Kugeln aufs Amt tragen; nachher besann ich mich und dachte: du machst dir den Spass und gibst sie der Urschel als Erinnerung an ihren rothhaarigen Fritze!

Lassen Sie mir wenigstens das Papier! wiederholte Dankmar.

Da! Nehmen Sie Beides! sagte der Jager. Sie sind ein feiner Kopf, Das merk' ich wol. Sind Sie einem Strauchdieb auf der Fahrte, so vergessen Sie nicht, diese Kugeln lagen in dem Papier und unter dem Ebereschenbaum schlief Einer die Nacht im Grase. Aber mehr konnen wir nicht bezeugen; denn was die Urschel vor Gericht vorbringen wurde, ware gewiss so graulich, dass die Schreiber davon liefen, auch hat sie's nicht gern mit dem Amt und geht uberhaupt nicht drei Schritte vor die Thur. Also soviel Gold! Nun muss ich doch sehen, ob's die Amerikaner uns wirklich auch gebracht haben und ob sie's mit dem Golde heimlich hat. Einen ganzen Tisch voll? Ist's auch wahr, Sie haben Ihren Spass mit mir. Sie merken schon: ich bin ein bischen leichtglaubig.

Verlassen Sie sich darauf sagte Dankmar.

Und wo soll ich Ihnen denn sagen, ob die Alte mir den Schatz auch anvertraut hat?

Der Jager sprach diese Frage mit einem zogernden Ton, als wunscht' er, Dankmar theilte ihm seinen Namen und die Gelegenheit einer Wiederbegegnung mit.

Dankmar aber unterbrach ihn mit den Worten:

Noch Eins! Sahen Sie Niemanden von meiner Reisegesellschaft?

Ihren Kamerad ... der Sie begleitete ... den in ...

In der Blouse?

Nein, den vorwitzigen Burschen ... im Gelben Hirsch ... den Andern!

Meinen Kutscher? War's Ihr Kutscher? Das hatt' ich wissen sollen! Er sprach Euch nicht angenehm zu Ohre. Er ist vorlaut .... Wer weiss! Wenn er uber die Franz Recht hatte ... Beruhigt Euch! Er verleumdet gern ... Es hat mir die ganze Nacht keine Ruhe gegeben ... Die Franz wird tugendhaft sein ... Wenn die Franz das Kind ist mein Augapfel, meine einzige Lebensfreude! Es ist meines Bruders Kind und die Erbin von dem Bischen, was ich habe ... Wenn die Franz .... Seid doch kein Thor! Niemand hat sie verleumdet! Und wenn auch, der Bursche verdient keinen Glauben. Dem Jager funkelten die Augen. Das Madchen soll zu mir! Sie muss aus der Stadt heraus! sagte er. Hierher in den Wald? Sie war schon einmal da .... Eine Putzmacherin hier unter den Tannen? Bei der Ursula? Ich wette, dass es ihr nicht bei dem guten Onkel gefallen hat .... Das abscheuliche Wort Putzmacherin! Ich denke doch, es hiess so? Ja, sie schneidert und naht und stutzt Hauben und Hute .... Also ...

Und hubsch ist sie ....

Also ...

Und sie arbeitet bald da, bald dort ....

Also! Eine Putzmacherin!

Aber rechtschaffen, Herr! Ein Kind wie ein Engel. Ich nahm sie hierher in den Wald, weil bose, giftige Menschen ihr nachstellten ....

Sie nannten ja den alten Fursten .... Die Durchlaucht wird doch nicht? ...

Herr, wer gibt uns Lohn und Brot? Also: Kusch! Ich nahm sie hier heraus, und sie war so munter anfangs wie da die Eichkatzchen. Aber mit der Ursula ...

Die wurde eifersuchtig ...

Meinen Sie?

Ich denke fast, nach dem Fruhern zu schliessen ...

Unfriede, Jammer und Noth gab's. Die Franz furchtete sich vor der Alten, wurde elend und krank und da gab ich sie in die Stadt zuruck.

Daran thatet Ihr am besten, und ich versichere Euch, Franz Heunisch ist gewiss eine tugendhafte Putzmacherin, die allen ihren Kameradinnen als Muster aufgestellt werden kann.

Sind die so ?

Ich verspreche Euch, Heunisch, mich nach ihr zu erkundigen, und seid gewiss, ich brauche nur zu horchen, was sie fur Umgang und allenfalls was fur einen Liebhaber sie hat, so weiss man schon ...

Keinen Liebhaber! Ich versichere Sie, Herr! Keinen Liebhaber!

Warum nicht, Heunisch? Wenn's der rechte ist? Es gibt tugendhafte Putzmacherinnen, die sich die Manner erst ansehen, ehe sie mit ihnen Landpartien machen. Verlasst Euch darauf! Ihr verdient es, eine brave Nichte zu haben. Auf Wiedersehen, Forster! Eilt jetzt, dass Ihr zur Ursula kommt!

Der Jager, Dankmarn freundlich die Hand schuttelnd, wandte sich um und ging mit beschleunigten Schritten vorwarts, seinem Hause zu. Dankmar aber blieb eine Weile stehen. Er hatte schworen mogen, diese Rechnung betrafe nur ihn, Hackerten und das Ross des Pelikanwirths. Die Speisen waren nicht genau angegeben, sondern in Bausch und Bogen die ganze Zehrung genommen .... Der nachtliche Waldbesucher war doch wol nur Hackert, dessen Spur ihm so ganz entschwunden war .... Unter dem Ebereschenbaum hatte er geschlafen .... Wie kam er zu diesen Kugeln? Wie war es moglich, dass ihn diese Ursula als das verjungte Ebenbild ihres Bruders erkannte? Als einen Verwandten, den sie mit Hoflichkeit wie etwas Vornehmes auszeichnete? ... Alle diese Betrachtungen liefen darauf hinaus, dass ihm, wenn Hakkert in diesem Augenblicke plotzlich aus dem Gebusch getreten ware, das Wiederfinden einen nicht eben sehr erfreulichen Eindruck gemacht hatte. Dazu die verworrenen Reden uber jene Ursula Zeck ... uber das Ungluck, vielleicht ... den gewaltsamen Tod zweier jungen Madchen .... Die Stille des Waldes weckte Dankmar's Phantasie und die unheimlichsten Gestalten umgaukelten den einsamen Wanderer. Erst als er endlich den Weg sich am aussersten Ende lichten sah, wurde ihm freier zu Gemuth, und vollends erlost athmete die Brust erst auf, als er, die ihm jetzt doppelt widerwartige Schmiede vermeidend, durch die Garten von Plessen uber den Muhlbacharm der Ulla in das Wirthshaus zur Krone zuruckkehrte und uberall wieder Sorglosigkeit, wieder Unschuld, wieder ergebene Ruhe aus den Augen der arbeitenden Manner in den Garten und der beschaftigten Frauen und spielenden Kinder ihm entgegenlachte. Es war ihm nach der Waldscene wie dem an Kohlendunst fast Erstickenden, der im Nebel und Dampf eines Zimmers nur noch soviel Kraft besitzt, das Fenster aufzureissen und die Frische der reinen Luft in die sich gewaltsam hebenden Lungen einzuathmen ....

Die uberraschenden Einladungen, die er in der Krone nun vorfand, konnte er nicht ahnen. Es waren deren zwei. Eine ins Schloss und eine zweite, merkwurdig genug ... in den Thurm, an dessen Fusse er gestern im Grase traumend gelegen hatte.

Viertes Capitel

Der Thurm

Als sich Dankmar der Krone naherte, war es ihm auffallend, dass ihm schon in der Ferne die Wirthsleute winkten und ihm anzudeuten schienen, er mochte sein Kommen beschleunigen.

Bello sprang so gut er konnte voraus und nicht wenig erstaunt war Dankmar, schon das Thierchen vom Wirth, der Frau Wirthin, allen Hausknechten und Magden mit einer Art von Feierlichkeit begrusst zu sehen. Wie stieg aber sein Befremden, als man endlich vor ihm selbst die Mutze zog und sich wie vor einem grossen Herrn verneigte! Man zeigte ihm namlich im sonderbarsten Durcheinander zu gleicher Zeit an, dass er aufs Schloss nein! riefen Andere, die sich neugierig dazu gesellten, in den Thurm! ... Was in den Thurm? sagten Jene wieder, ins Schloss geladen sei.

In den Thurm? Aufs Schloss? wiederholte Dankmar befremdet.

Einer suchte dem Andern den Rang abzulaufen und ihm zu erzahlen, wer ihn zu sprechen wunsche. Man konnte dabei kaum begreifen, wie ihm die Erlauterung seiner Einladung in den Thurm weit wunschenswerther war, und immer wieder fingen sie von einem kleinen sehr wichtigen Herrn an, der eigens vom Schlosse heruntergekommen ware, sich mit der grossten Artigkeit nach ihm erkundigt hatte und ihn bate, heute Mittag mit den gnadigen Herrschaften oben zu speisen. Das war der Inhalt der klaren Rede, die sich die Frau Kronenwirthin durch all das Geschwirre endlich angebahnt hatte.

Viel gespannter aber sah Dankmar dabei auf die inzwischen stummen Gruppen der Umstehenden, die ihm von einem auf dem Schlosse gefangenen Taugenichts erzahlten, der in seiner Todesangst bate, man mochte den jungen fremden Herrn im Reitrock aus der Krone zu sich ins Gefangniss fuhren ... ehe er baumeln musse, sagten die Leute lachend.

Dankmar hatte noch keine Veranlassung gefunden, in der Krone seinen Namen zu nennen; aber die Beschreibungen sowol von Seiten der Schlossbewohner, wie von Seiten des Thurmgefangenen, trafen so vollkommen auf ihn zu, dass es gar keiner Frage, ob man sich auch nicht in seiner Person irre, bedurfte, sondern seine eigene Neugier nur zu erwarten hatte, wie sich ein so vielfach begehrter Herr in diesen auf ihn gerichteten Anspruchen benehmen wurde ...

Dankmar fand zunachst in der Einladung, auf dem Schlosse zu speisen, nichts als eine freundliche Aufmerksamkeit gegen einen Fremden, von dem man vielleicht so dachte er erfahren hatte, dass ihm der Justizrath Schlurck durch das Uberbringen seines verlorenen Schreins einen Dienst, den er schon kannte, erwies und dem man fur diese angenehme Entdeckung Gelegenheit zu einem Dank fur die ganze Familie geben wollte. Aber von einem im Schlosse ertappten Diebe zu horen, der ihn sprechen wolle, schien ihm selbst in dem hochstwahrscheinlichen Falle, dass Hakkert der betroffene Verbrecher ware, weit grosserer Aufmerksamkeit werth. Unmuthig gedachte er der Moglichkeit, uber seine Verbindung mit einem ihm selbst, seit Entdeckung der drei Spitzkugeln, gefahrlich scheinenden Menschen vor einer umstandlichen und in kleinlichen Dingen pedantischen Justiz vernommen und wol gar an dem endlichen Beginn seiner Ruckreise verhindert zu werden.

In dieser seiner verlegenen und unmuthigen Stimmung trafen ihn die Worte eines sich sehr hoflich nahenden und von allen Dorfbewohnern mit herabgezogenen Mutzen begrussten Mannes:

Mein Herr, schon einmal war ich in der Krone, und ich wiederhole jetzt den mir von der Frau Justizrathin Schlurck gegebenen Auftrag, Sie ergebenst zu bitten, heut' Mittag oben auf dem Schlosse einen Loffel Suppe einzunehmen ....

Einige Bursche lachten uber die sonderbare Zumuthung, einen so starken kraftigen jungen Mann nur mit einem einzigen Loffel Suppe bewirthen zu wollen.

Bartusch (denn Dies war der Sprecher) fuhr fort:

Es ist elf Uhr, mein Herr! Man speist um Eins. Konnen wir auf die Ehre rechnen?

Dankmar erwiderte leichthin:

Mein Herr, ich bin hier ohne alle Garderobe und hore auch soeben von einem Vorfall auf dem Schlosse von einer sonderbaren Einladung in den Thurm ...

Erfuhren Sie schon den kleinen Spektakel auf dem Schlosse? fragte Bartusch.

Dankmar, von dem Gedanken an Hackert aufs peinlichste beruhrt, konnte seine Verlegenheit nicht ganz bemeistern und sagte stockend:

Ich will hoffen ...

Der Larm hat nicht die geringste Unordnung hervorgerufen, fiel Bartusch sogleich ein. Se. Excellenz der konigliche Intendant Herr von Harder zu Hardenstein liessen einen Fremden verhaften, der sich mit sonderbarer, zudringlicher Neugier in der Nahe der Zimmer aufhielt, deren Inhalt vom verstorbenen Fursten Waldemar von Hohenberg an den Hof abgetreten ist. Seine Diener meinten, der Fremde hatte es geradezu auf einen Diebstahl abgesehen gehabt. Und da der Intendant in Erfullung seiner ihm allerhochsten Orts aufgegebenen Pflichten, wie weltbekannt, sehr streng zu Werke geht, so hat man den Fremden nach einem kurzen Verhor, in dem er sich vorlaufig fur einen harmlosen Wanderer und einen Tischlergesellen ausgab, bis auf Weiteres in den Thurm gesteckt ...

Einen Tischlergesellen? rief Dankmar, von einer Ahnung ergriffen. Ihn in den Thurm?

Ich hore, dass der verdachtige Mensch sich auf Sie berufen hat, fuhr Bartusch mit scharf gespitztem Auge fort. Ohne Sie, mein Herr, zu kennen und zu nennen, bezeichnete er Sie doch als einen wohlwollenden Gonner, der ihn gestern in seinen Wagen aufgenommen und den er in jenen Zimmern oder irgendwo auf dem Schlosse wiederzufinden gehofft hatte ....

Ich gestehe Ihnen jedoch, fuhr Bartusch mit lauerndem Spaherblick fort, seine Aussagen liefen dermassen wirr durcheinander, dass man fast glauben mochte, dieser Fremde ware kein Handwerker, sondern vielleicht der Freund, der Reisebegleiter irgend eines im Incognito ... reisenden ....

Bartusch zog und blinzelte so eigenthumlich, dass Dankmar das Incognito nur auf sich beziehen konnte und daher die Vermuthung des alten Schleichers, in ihm wirklich den Prinzen zu treffen, nun erst recht dadurch bestatigte, dass er betroffen uber die Kuhnheit, ihn zum Mitschuldigen eines jedenfalls auf dem Schlosse fur einen verdachtigen Menschen genommenen Abenteurers zu machen, sagte:

Mein Herr! Wie kommen Sie

Bartusch fuhlte aber sogleich, dass er sich nicht gut ausgedruckt hatte, wenn er uberhaupt das vermeintliche Incognito des in Dankmar vorausgesetzten Prinzen Egon schonen wollte. Er verbesserte sich daher rasch, indem er sagte:

Fraulein Melanie, die, weil wir den Frauen alle Aufregung ersparen wollten, den Arrestanten nicht gesehen, erzahlte gestern vom Zusammentreffen mit Ihnen im Walde. Sie erwahnte dabei eines Begleiters in blauer Blouse, der allerdings derselbe zu sein scheint, den Herr von Harder soeben verhaften liess ....

Blaue Blouse? sagte in schmerzlicher Verwirrung Dankmar, und doch auch von der Moglichkeit ergriffen, dass ihn ein Fremder dupirt hatte. Lichtbraunes Haar ...?

Ein Kinnbart, fugte Bartusch hinzu, wie man ihn nur in Paris zu ziehen pflegt ....

Es ist der Prinz! rief es in Dankmar mit unwiderstehlicher Gewissheit. Seine Sehnsucht, klar zu sehen, dem Prinzen beizustehen, beflugelte sich, jemehr Bartusch ihm lastig wurde ....

Werden wir die Ehre haben? fragte Dieser lauernd.

Ich bin ermudet, entgegnete Dankmar leicht und fast abstossend. Entschuldigen Sie mich! Ich habe fruh schon das Lager verlassen, einen tuchtigen Spaziergang gemacht und bitte mich zu entschuldigen ... ja, ja, entschuldigen Sie mich ...

Aber ....

Mein lieber Herr! Sie sehen ja! Ich bin gar nicht ausgestattet, Besuche bei Damen zu machen. Sowie ich hier bin und stehe ....

Wozu bedurfte es der Formlichkeiten? sagte Bartusch verschmitzt. Ein Mann von Welt wird aus jeder Hulle erkannt, wie ich auch an dem vermeintlichen Tischler sogleich erkannte, dass er wol der Kammerdiener, vielleicht auch der Freund eines Prinzen sein konnte, wenn namlich ... das Incognito ....

Kammerdiener? Freund eines Prinzen? wiederholte Dankmar von einer Ahnung ergriffen. Wie meinen Sie Das?

Wenn namlich ... Bitte recht sehr ... Also ... Konnen wir auf die Ehre rechnen? war die Antwort Bartusch's, der sich nicht, wie man sieht, ganz an Melanie's Vorschriften hielt und grade in jene Zeichensprache uberging, die Hamlet an Rosenkranz und Gyldenstern so sehr tadelte.

Wetter, dachte Dankmar bei sich und wandte sich ab, wenn man dich wol gar selbst fur den Prinzen Egon nahme und den Gefangenen ... fur deinen Vertrauten?

Und indem er noch daruber nachsann, welche Vortheile oder Nachtheile fur ihn oder den wahren Prinzen aus einem solchen Misverstandnisse entstehen konnten, sammelte sich seine juristische Geistesgegenwart zu einer bedachteren Erklarung!

Mein Herr, sagte er kurzweg, richten Sie der Frau Justizrathin meine ergebenste Empfehlung und mein Bedauern aus, diesen Mittag auf die Ehre verzichten zu mussen. Ich hore von einem Gefangenen, der sich auf mich beruft, mich sprechen will. Ich bin Dankmar Wildungen, Referendar am koniglichen Appellhofe, lernte auf meiner Hierherreise einen jungen Handwerker kennen, den ich aus Rucksicht auf die erst staubigen, dann nassen Wege in meinen Wagen nahm. Ist der Gefangene derselbe und beruft sich auf mich, so bin ich es meiner Pflicht als Jurist schuldig, ihn in seiner Haft zu besuchen und ihm meinen Rath und Beistand zu ertheilen. Wenn die freundlichen Bewohner des Schlosses mir aber bis zum Abend ihre wohlwollenden Gesinnungen erhalten wollen und mich nicht noch anderweitige Grunde bis dahin zur Abreise bestimmen, so werd' ich nicht verfehlen, mich bei Ihnen zum Thee einzufinden. Haben Sie die Gute, Dies der Frau Justizrathin anzuzeigen.

Dankmar verbeugte sich leicht, brach rasch ab und ging in die Krone.

Bartusch stand verdutzt. Diese runde Abfertigung! Diese raschen, ihm eingelernt scheinenden Worte! Diese Namenangabe! Dankmar Wildungen! Referendar am koniglichen Appellhofe .... Wildungen! Derselbe Name, der schon in des Justizraths Signalement genannt worden war! Woher kommt Das? dachte er. Wildungen? ... hat der Justizrath vielleicht ... der Justizrath hat ihm wol selbst diese Ahnlichkeit auf dem Heidekruge angedeutet und nun benutzt sie der Prinz ... denn er ist es, jedes Wort ein Furst! ... und nennt sich Dankmar Wildungen. Diese kurze, fast bruske Art, dieses bestimmte, sozusagen grobe Wesen, diese Betroffenheit uber die Verhaftung eines mindestens sehr neugierigen Eindringlings in die innern Raume des Schlosses! ... Bartusch blieb bei der Voraussetzung, dass, wenn einmal der Prinz Egon im Incognito das Schloss Hohenberg zu besuchen sich aufgemacht hatte wofur Schlurck ohne Zweifel die sichersten Beweise hatte der Prinz Niemand anders sein konne als dieser Fremde, der sich nach Mittheilungen, die Schlurck wahrscheinlich schon im Heidekrug selbst erzahlt hatte, ein Geschaft mit einem verlorenen Frachtgute mache und sie Alle irrefuhren wolle. Sehr erbaut von seinem Scharfsinn, unzufrieden nur mit der Erklarung des Fremden, erst am Abend kommen zu wollen, stieg Bartusch, um der in brennender Ungeduld harrenden Melanie Bericht zu erstatten, schon heute zum zweiten male wieder zum Schloss empor.

Dankmar aber wartete jetzt nur noch das allmalige Verlaufen der Leute ab, um sich sogleich zum Justizdirector von Zeisel und von da zum Thurm zu begeben.

Kaum konnte er sich fassen uber den Gedanken, wie ein so ungluckliches Begegniss auf den jungen hochgestellten Mann, der ihm sicher der Prinz Egon von Hohenberg war, hereinbrechen und auf ihn wirken musste. Uberfallen, dachte er sich, vielleicht mishandelt, unter Zulauf der Menschen wie ein Verbrecher durch den Ort gefuhrt!.. Diese Besorgniss milderte jedoch der Wirth, der erzahlte, man hatte den Dieb sogleich auf dem kurzesten Wege, ohne alles Aufsehen, hinter dem Ort in den Thurm gebracht ...

Dankmar begab sich jetzt aufs Amthaus, wo ihm die Dufte der von Zeisel'schen Mittagstischvorbereitungen entgegenwallten und er erfuhr, dass der Justizdirector mit dem Schreiber bereits druben im Thurme ware. Dort angelangt fand Dankmar noch ein Dutzend Neugieriger, die an der geoffneten Verliessthure gafften, als wenn hier Jemand Pranger stehen sollte.

Geht nach Hause, rief er argerlich; die Grutze wird Euch kalt!

Beim Eintritt in den Thurm wusste sich Dankmar nicht gleich zurechtzufinden. Das alte Gebaude sah von aussen kleiner aus, als sich die innere Raumlichkeit darstellte. Der Boden war der reine blosse Sand; unterirdisch schien es also hier keinen Gewahrsam zu geben. Das durch die Thur hereinfallende Licht liess zur Rechten eine schmale holzerne Treppe erkennen, die empor fuhrte. Dankmar bestieg sie und entdeckte sogleich einen der wahrscheinlich Herrn von Harder angehorenden Bedienten; wenigstens war dieser von Bartusch ausgesprochene Name Schuld, dass er beim Anblick des Bedienten sich sogleich der bekannten Uniform jener vielvermogenden Familie der Harder's entsann, deren Haupt der alte neunzigjahrige Chef der ausubenden Justiz des ganzen Landes war. ...

Wir haben Sie schon kommen sehen, sagte der Bediente kurz und ziemlich impertinent, treten Sie nur hier ein!

Eine kleine niedrige Thur offnete sich und in einem grossern Gemache, das die ganze Rundung des Thurmes begriff, von einem Fenster aber nur sparlich erhellt war, fand er den Justizdirector, einen Schreiber und den neben dem Thurm wohnenden Wachter, der eine alte abgeschabte furstlich Hohenberg'sche Livree, hellblau mit roth, und ein gelbes Schild auf der Brust trug ....

Dankmar erfuhr hier, was er schon uber den Schlossvorfall wusste und wiederholte uber den Gefangenen Dasselbe, was er zu Bartusch gesagt hatte. Die Absicht des Gefangenen, im Schloss zu stehlen, wurde von dem Justizdirector zwar nicht entschieden bestritten, aber doch auch gegen den unziemlich larmenden Bedienten in Abrede gestellt.

Er griff erst nach den Bildern herum, sagte dieser; dann hob er sie von der Wand, und wahrend wir auf einen Augenblick uns entfernt hatten, wollte er sie geradezu stehlen. Excellenz verlangen, dass Das streng genommen wird, und er muss doch noch vors Hofgericht in die Stadt!

Herr von Zeisel, den ein Grauen uberfiel, als vom Hofgericht die Rede war, ausserte, dass hier vielleicht nur eine leichtverzeihliche Neugier obgewaltet hatte, mindestens konne er nicht begreifen, was ein reisender Handwerksgesell, den der Anblick schon ausgestatteter Zimmer gefesselt hatte, mit einem alten unansehnlichen Bilde anfangen sollte, wahrend doch viel kostbarere, kleine transportable Sachen in der Nahe gestanden hatten, die man mit einem kuhnen Griff sich hatte aneignen konnen. Ubrigens konne ihm in der That nicht zugemuthet werden, diesen Gefangenen auf derlei geringfugige Aussagen hin der annoch zu Recht bestehenden Ortsjustiz zu entziehen, es musste denn von einem hohen Obergerichte ihm ausdrucklich befohlen werden. Weit bedenklicher scheine ihm allerdings des Gefangenen ganzlicher Mangel an Legitimation und sein trotziges, hartnackiges Ablehnen jeder nahern Erklarung, weshalb er auch durchaus nichts dagegen hatte, dass sich der von ihm mehrfach um Vermittelung ersuchte anwesende Herr zu ihm verfuge und von ihm selbst die Willfahrigkeit zu Gestandnissen zu gewinnen suche.

Dankmarn fielen hier Hackert's Mittheilungen uber die Hohenberg'sche Justizpflege ein. Er verstand vollkommen des mildgesinnten Justizdirektors Absicht, dieser Untersuchung so viel wie moglich uberhoben, noch mehr aber vor einer Verschleppung derselben an die Kreisgerichte gesichert zu sein. Der Harder'sche Bediente murmelte Vielerlei gegen diese Erklarung, aber die Versicherung des Amtsboten und Gefangenwarters, der Inculpat sasse ja nun criminalisch, bewirkte denn doch, dass der Justizdirector, der wie Alle auf dem Lande gegen zwolf Uhr ass, die Sitzung aufhob und Dankmarn bat, ihm um drei Uhr Nachmittag, wo er seinen arztlich befohlenen Ruheschlaf beendigt hatte, gefalligst mitzutheilen, was er von dem storrischen und trotzigen jungen Manne, der sich nur ihm hatte anvertrauen wollen, denken solle. Dem Warter die strengste Obhut anempfehlend, stieg er mit dem Schreiber, der seinen ziemlich leeren Protokollbogen in eine Mappe legte, die baufallige Treppe behutsam hinunter. Der Bediente, Dankmarn mit mistrauischen Blicken musternd, folgte. Der Warter aber winkte dem staunenden Dankmar und fuhrte ihn noch eine Treppe hoher.

Diese brachte ihn erst zu den eigentlichen Gefangnissen, deren der Zahl der kleinen vergitterten Fenster nach zu schliessen, die Dankmar aussen beobachtet hatte, etwa vier oder funf hier sein konnten.

Sind sonst noch Gefangene da? fragte Dankmar beim Hinaufsteigen.

Nein, erwiderte der Wachter, es fallt jetzt im Ganzen nicht viel vor, und was Politische sind, die kommen gleich weiter ins Provinziale!

Jetzt stand Dankmar im zweiten Stock vor einer stark verriegelten Thur, die erst zu einem Vorplatze fuhrte. Hier umgab ihn vollige Finsterniss. Der Vorplatz war nur von der aufgehenden Thur erhellt, die der Wachter gleich ansichzog.

Ich muss Sie mit einschliessen ... sagte der Mann zu Dankmarn, und war dabei nicht ohne Hoflichkeit.

Thut nichts! erwiderte Dankmar.

Sie brauchen nur aus dem Fenster zu rufen: Pfannenstiel! Dann hore ich's schon und komme.

Gut! gut! sagte Dankmar und horte mit pochendem Herzen, wie Pfannenstiel, dessen Namen er fast uberhorte, in der Dunkelheit den Schlussel an ein Schloss setzte und offnete.

Die Thur eines kleinen niedrigen Gemachs ging auf und in der That, vom sparlichen Lichte, das durch die Gitterfenster fiel, beleuchtet, sass an einer Pritsche, den Kopf aufgestutzt, derselbe Fremde da, der sich Dankmarn allerdings nur durch eine Visitenkarte, aber denn doch auch durch seltene Bildung und die feinste Erziehung als Prinz Egon von Hohenberg zu erkennen gegeben hatte.

Da ist der Herr, den Sie sprechen wollen! sagte Pfannenstiel. Und wie ist's nun mit dem Mittagessen? setzte er hinzu.

Gehen Sie in die Krone! sagte Dankmar nach seiner Gewohnheit rasch entschlossen; bestellen Sie das beste Mittagessen, das der Wirth fur zwei anstandige Personen nur auftreiben kann. Um ein Uhr muss es hier sein! Auch eine Flasche Wein! Verstehen Sie?

Damit druckte er dem Meister Pfannenstiel ein Trinkgeld in die Hand.

Dieser, schon an die moglichen Uberbleibsel der Mahlzeit denkend und von dergleichen freigebigen, luxuriosen Inculpaten und Zeugen, die hier selten vorkamen, uberrascht, erbot sich zur punktlichsten Besorgung, ruckte mit aller Beflissenheit einen alten Tisch ans Fenster und fragte, ob wol noch ein Stuhl nothig sei?

Dankmar, mit Gefangnissen vertraut, ergriff die Pritsche, auf der ein alter verfaulender Strohsack lag, warf diesen herunter, ruckte das Holzgestell an den Tisch und sagte:

Das ist gut genug zum Sitzen. Viel Meubel machen's hier zu eng ....

Wie Sie wollen, sagte Pfannenstiel und ganz erstaunt, die beiden jetzt zu Inhaftirenden so curios sicher und vertraut sich begrussen zu sehen der Andere war allerdings anfangs kaum aufgestanden schloss er die Thur wieder ab und polterte draussen so graulich mit seinen Schlossern und Riegeln, dass nach jener Seite hin an ein Entrinnen nicht zu denken war.

Als man das letzte Eisen vorgeschoben horte, sprang der Gefangene von einem Schemel, auf dem er wahrend der Verstandigung zwischen Dankmar und Pfannenstiel, unbeweglich den Kopf in beiden Handen stutzend, gesessen hatte, auf und rief:

O mein Gott! Was sagen Sie nun dazu?

Durchlaucht sehen mich hier, antwortete Dankmar, um von Ihnen Etwas zu vernehmen, das soviel wie eine Aufklarung ist. Ich bin ganz Ohr!

Dankmar war sonst kein Freund von Titulaturen. Er hob die Wurde des Gefangenen nur darum so nachdrucklich hervor, um zu sehen, ob dieser sie wirklich zu behaupten verstand ....

Nichts von Durchlaucht! sagte der Fremde; keine Formlichkeiten, die ich schon draussen in der Freiheit hasse, und die hier in diesem abscheulichen Loche am wenigsten am Platze waren. Ich habe Sie auf unserer Reise schatzen, ja lieben gelernt. Vor allen Dingen! Seien Sie mir Freund, Wildungen!

Damit reichte er Dankmarn erregt die noch von seinem eben Erlebten zitternde Hand.

Dankmar ergriff sie etwas zogernd. Er konnte denn doch nicht umhin, sich zu sagen:

Wunderliche Herablassung eines gefangenen Diebes, der vielleicht wirklich unschuldig, aber denn doch auch vielleicht nichts weniger als der Prinz Egon ist!

Sie haben kein Vertrauen mehr zu mir, Wildungen! sagte der Fremde. Und ich Wahnsinniger verdien' es auch nicht! Wie kann ich mir einbilden, dass Sie meinen Worten trauen konnen! Wie kann ich glauben, dass Sie mich fur Egon Hohenberg halten! Hochstens, dass Sie mich fur keinen Tischler nehmen! Und was das Schlimmste ist, Wildungen! Ich bin ...

Der Gefangene stockte ....

Als ihn Dankmar erwartungsvoll fixirte, sagte er leise:

Ich bin wirklich ein Dieb.

Durchlaucht ...

Ich habe auf dem Schlosse wirklich stehlen wollen ....

Dankmar besann sich bald.

Mein Furst, sagte er, man nennt Das nicht stehlen, was das Antreten einer Erbschaft, das Besitzergreifen von einem Eigenthum ist. Allein ...

Nun? Nicht wahr? Auch dieser Act muss in gesetzlichen Formen geschehen?

Allerdings, sagte Dankmar. Ich kann nicht glauben, dass Sie sich in der That auf dem Schlosse irgend Etwas haben heimlich aneignen wollen.

Der Fremde schwieg und suchte nach Fassung.

Nach einem Augenblick strich er sich mit der Hand durch das lichtbraune Haar, das von dem blassen edeln Angesicht jetzt noch schoner abstach, und sagte:

Weg mit den Grillen! Bedenk' ich es genau, so ist das Ganze ein Abenteuer und ich wunschte, der Wein aus der Krone ware schon da, damit Sie mit mir auf die Befestigung unserer Freundschaft anstossen.

Dankmar konnte sich in diesen Ubergang zur Heiterkeit nicht finden. Es uberfielen ihn plotzlich alle nur moglichen Zweifel an dem Fremden, von dem er sich dupirt zu werden als Etwas dachte, was ihm das Blut in die Wangen trieb ....

Er sah sich um und kam auf die Widerwartigkeit eines solchen Ortes zuruck, in dem sie sich wiederfinden mussten ....

Es ist toll! sagte der Fremde. Aber wie glauben Sie nur, dass ich aus diesem Rattenneste frei werde?

Vor allen Dingen, meinte Dankmar mit bestimmter Betonung, vor allen Dingen musst' ich doch wissen, mit welchem Rechte Sie hierher kamen?

Weil ich stehlen wollte..

Wie? Scherzen Sie?

In der That! Ich bin ein Dieb ....

Ich habe nicht gesagt, Durchlaucht, beweisen Sie, dass Sie der Prinz Egon von Hohenberg sind; aber dass Sie ein Dieb sind, mussen Sie jetzt wirklich beweisen ....

Was soll ich zuerst beweisen? Ich sehe, Sie glauben Beides nicht.

Ohne zu schmeicheln, mocht' ich fast glauben, wenn Sie mir beweisen, dass Sie der Prinz Egon von Hohenberg sind, so hatten Sie kaum nothig, entschuldigend von Ihrem sogenannten Diebstahl zu sprechen ....

Ah! Sie Demokrat! Finden denn die Fursten bei Ihnen noch so ein gutes Vorurtheil?

Dankmar schwieg mit seinem feinen geistreichen Lacheln und erwartete mit einer Art strengen Prufung die Mittheilungen, zu denen sich der Fremde nun anschickte.

Funftes Capitel

Der Dieb

Wohlan! sagte der Gefangene nachdenklich, stutzte das Haupt auf und sah trubsinnig durch das enge Fenster in die schone, sonnenhelle Gegend. Vernehmen Sie, Wildungen, ich bin hier geboren, bin hier erzogen. Da am Rande jener Berge hab' ich kletternd die erste jugendliche Kraft erprobt. Viel ist schon hinweggezogen von neuen Erfahrungen und neuen Eindrucken uber die erste Kinderzeit, aber noch taucht aus ihr in strahlendem Glanze auf ....da das Schloss mit seinem alten geschnorkelten Baustil ...der Hohenberg selbst, an den sich die altesten Erinnerungen unserer Familie knupfen. Wissen Sie, fruher stand auf dem Hohenberg eine Burg, zu der dieser Thurm, der jetzt hier den letzten Sprossen dieses Hauses gefangen halt, als ein ausseres Bollwerk, eine Art Warte, gehorte. Ich habe in der Beschaftigung mit ernsten und nuchternen Lebensaufgaben doch langst abzustreifen gesucht das dammernde, traumerische Gefuhl der Wehmuth, das uns nur einlullt zum sussen Nichtsthun und zur Beschonigung unserer rathlosen Thatkraft ... Aber wie ich da wieder im Walde die alten Wipfel rauschen horte, wie ich am Jagerhause stand, wo ich auf einer grunen Wiese von einem fruheren Soldaten, Namens Marzahn, die Buchse spannen lernte und manchmal das an einen Eichbaum gesteckte bunte Ziel traf, wie ich wieder die Muhle rauschen horte, die ein Ullaarm, aus dem Gebirge niederstromend, in Bewegung setzt und mich an die Regenbogen erinnerte, die die Sonne auf dem gespritzten Wasserstaube malt ... ein Anblick, der mich beim majestatischen Rheinfall in Schaffhausen ausrufen liess: Ruhmt mir nichts von Dem, was ich am Muhlbach auf dem Schlosse meiner Vater fast ebenso schon, fast schoner, kindlich glucklicher, schon gesehen habe! ... wie ich so wieder gedachte des Heimwehs der Kindheit und der Sehnsucht nach einem Lande des Glucks, das ach! es ist nur zu wahr! niemals vor uns, immer nur hinter uns liegt! ... da, Freund ... nein, nein, Sie zweifeln ja! Sie verstehen ja meine Empfindungen noch nicht!

Bei diesem gemuthvollen Ausrufe mussten Dankmar's Bedenklichkeiten schwinden.

Prinz, sagte er, tief erschuttert und innigst uberzeugt, die Augenblicke sind gezahlt; sie sind kostbar, wenn man an die Erlosung von diesem jammervollen Zustande denkt ... Was beginnen wir zu Ihrer Befreiung?

Ich denke nun nicht mehr daran, sagte der Gefangene mit feiner Ironie, in die sich fast ein leiser, artiger Vorwurf mischte. Erst haben Sie Aufklarung begehrt, nun fuhle ich nicht einmal so lebhaft mehr das Bedurfniss, frei zu sein. Jetzt will ich gefangen sein, um reden, mich aussprechen, mich erinnern zu konnen. Ja, ja! So ist der Mensch! Wenn er gesund bluht, ist er vor nichts so besorgt, wie vor einer Krankheit. Da erfasst sie ihn denn und nun findet er bei allem Schmerz des aussern Menschen auch eine Freude fur den innern. Man kehrt auf dem Krankenlager bei sich ein, wird reifer, gelauterter und steht geistig besser vom Lager auf, als man sich niederlegte. Schenken Sie mir jetzt nur ruhig Ihre Gegenwart, Wildungen, horen Sie mir nur still, mit Theilnahme zu und bereiten Sie sich darauf vor, dass ich Ihnen vielleicht ...

Der bewegte Sprecher stockte.

Dankmar schwieg, aber seine Blicke sprachen ihm jede Ermuthigung.

Dass ich Ihnen vielleicht eine Bitte vortragen werde, deren Erfullung Sie nur dann erfreuen kann, wenn Sie mein vergangenes Leben kennen.

Dankmar ausserte schon jetzt fur das Vertrauen des Gefangenen seinen Dank und bat ihn, sich offen mitzutheilen. Er wurde sich ihm in Nichts entziehen.

Der Erzahler fuhr nun fort:

Ich lebte hier in Hohenberg mit jeweiliger Unterbrechung, wo wir unsere andern Guter und die Hauptstadt besuchten, fast bis in mein dreizehntes Jahr. Der Vater, kurz vor meiner Geburt in den Furstenstand erhoben, hatte um dieselbe Zeit ein grosses Vermogen durch einen unerwarteten Tod des Stammhalters der osterreichischen Seitenlinie gewonnen und war von seinem plotzlichen Glucke so gehoben und getragen, dass er nur auf der hohen Flut des Lebens schwamm und sich wenig um seine Hauslichkeit kummerte. Der Vater war Militair und hatte Lust, auch mich im zartesten Kindesalter schon fur diesen Stand zu bestimmen und abzurichten. Die Mutter aber erkannte in dem Plan, mich in eine milltairische Erziehungsanstalt zu schicken, nur den Egoismus eines Weltmannes, der die Erziehung seines Sohnes sich so leicht als moglich machen wollte. Sie trat diesem Plane mit Entschiedenheit entgegen. Das leider sehr tief eingerissene Zerwurfniss der Altern machte eine unter ihrer gemeinschaftlichen Aufsicht genossene Erziehung fast unmoglich. So beschlossen sie mich ganz hierher nach Hohenberg zu versetzen, soviel wie moglich hier zu leben und mich mit Lehrern, Hofmeistern und Aufpassern aller Art so zu umgeben, dass ihr Gewissen beruhigt sein durfte. Meine Mutter liebte damals noch die Welt. Sie war noch nicht in die Krisis getreten, die sie spater zu einer sehr unfruchtbaren und meiner innersten Natur heterogenen Frommigkeit gefuhrt hat. Es lebte damals hier im Orte ein sehr braver Pfarrer, Namens Rudhard. Dieser strenge und doch keineswegs gemuthlose Mann erhielt uber meinen ganzen Bildungsprocess die obere Aufsicht, und noch jetzt er weilt fern an den Ufern des Schwarzen Meeres in Odessa noch jetzt dank' ich ihm fur die spartanische Strenge, mit der ich in jenen Tagen erzogen worden bin. Zwar straubte sich in mir etwas und wollte sich baumen und das oft druckende Joch des Gehorsams abschutteln; aber Dank sei es der damaligen Charakterfestigkeit meiner Mutter, sie widersetzte sich jeder Intrigue, die vom Schlosse aus und sonst gegen den Pfarrer gesponnen wurde. Wie auch die Lehrer, die mir oben beigegeben waren, gegen den unten uber sie wachenden Rudhard polterten, wie sehr auch einer von ihnen, ein Franzose, Namens Sylvestre Rafflard, formlich intriguirte, Rudhard behielt Recht. Auch mein Vater hatte bei aller Zerfahrenheit seines Charakters eine gewisse mannliche Entschlossenheit, die ihn Windbeuteleien sehr leicht als solche erkennen liess, und wenn mich Rudhard's strenge gewaltige Hand nicht gefuhrt hatte, ich ware umsomehr misrathen oder doch in meinen ersten Entwickelungen geradezu gesagt verpfuscht worden, als die Mutter in ihrer Behandlungsweise im hochsten Grade unregelmassig, launenhaft und willkurlich verfuhr. Bald warf sie sich mir mit brennender Liebe an den Hals, kusste mich und benetzte mich mit tausend Thranen, deren Grund ich nicht kannte, bald wieder war sie schroff und behandelte mich mit einer Fremdheit, die fruh mein Herz gegen sie eingenommen hat. Scheiterte ihr in der grossen Welt irgend ein Lieblingsplan, fuhlte sie die Hand irgend einer Intrigue kalt und ertodtend in ihr Herz greifen, so kam ein reitender Bote, um mich augenblicklich in die Stadt zu rufen. Auf Wolkenflugeln sollt' ich dann zu ihr eilen, das Muttergefuhl sollte sie trosten fur allen Kummer, alle Entbehrungen! Und wenn ich ankam, frohlich, uberglucklich, im prachtigen Palais der Altern mich umschauend, fand ich sie schon abgekuhlt, schon getrostet, schon zerstreut durch etwas Neues, dem ihre nie zu befriedigende Sehnsucht nachjagte. Dann blieb ich wol einige Wochen bei den Altern, wurde verwohnt, verhatschelt, war ihnen aber bald so im Wege, wurde so unwillkommener Zeuge der unglucklichsten hauslichen Zerruttung, dass man dann sogleich hundert Grunde hatte, mich wieder nach Hohenberg zu meinem gestrengen Rudhard, den franzosischen und musikalischen Maitres zuruckzuschicken. Zu diesen Maitres! Diesen Erziehungsvirtuosen, die ich spater zu entlarven Gelegenheit hatte! O, durch welches Wirrsal muss sich ein Kindesherz durcharbeiten! Wenn ich daran denke, dass ich dabei immer noch mit Dem, was aus mir wurde, leidlich zufrieden sein darf, so kann man wol sagen: Die Jugend ist eine Pflanze, die wachst und ans Licht muss, auch wenn man unter dem Namen der Erziehung einen schweren Stein auf sie legt!

Sie beurtheilen Ihre Altern streng, sagte Dankmar, und der Gefuhle gedenkend, die ihn gestern uber seine eigene Mutter beschlichen, fugte er hinzu:

Es ist eigentlich ungerecht, Menschen nur deshalb streng zu nehmen, weil sie das Schicksal zufallig unserm Herzen so nahegestellt hat, dass wir sie leichter ergrunden konnen als Andere! Wir sollten da gerade doch duldsamer sein und den Vorsprung nicht benutzen, den uns der nahere Besitz gestattet. Doch vergeben Sie ... ich gedachte eigener Erfahrungen ....

Wohl! Wohl! sagte der Fremde nachdenkend und tiefmelancholisch .... Die Liebenden qualen sich wechselseitig am meisten ... und Keiner wol bereitet sich das Gift des Todes oft willenlos geflissentlicher als Die ... die sich das Leben sind!

Nach einigen Augenblicken schwermuthigen Sinnens fuhr der Fremde fort:

Sie strafen mich, Wildungen, dass ich so streng von meiner Mutter spreche und den Vater vollends nicht schone. Aber werfen Sie einen Blick auf meine Lage, ist diese nicht entsetzlich? Ein tapferer Krieger wird von seinem Monarchen, der ihn liebt und verwohnt, in den erblichen Furstenstand erhoben. In demselben Augenblicke fallen ihm in der Ferne Besitzungen im Werthe einer Million zu. Er veraussert sie und statt die flussigen Gelder auf einheimischen neuen Grund und Boden und dessen Ankauf oder die Verbesserung seiner alten Besitzungen zu verwenden, werden sie in fluchtigen Tandeleien, in luxuriosen Einrichtungen, einem prachtigen Palais, in Pferden, in Marstallen, im Spiel, ja ich muss es sagen, sogar im Trunk vergeudet! Man drangt in ihn, ein Fideicommiss zu stiften fur die Familie und ihre dauernde Anlehnung an einen Besitz, der wol entwerthet, aber nicht ganz veraussert werden kann. Der Staat begunstigt solche Majorate und wunscht sogar ahnliche Bestimmungen, um einen vornehmern Adel zu gewinnen, als das ubliche adelige Gesindel ist, das uns die ganze Frage vom Adel verdorben hat. Man wollte die Ausfuhrung der damaligen Idee von einer kunftigen Pairsschaft durch Majorate anbahnen. Aber nicht nur, dass mit der Zeit jene Capitalien verschwendet und auf eine nutzlose Prachtliebe verwandt waren, die mir in der Residenz allerdings ein sehr schones Palais hinterlassen hat, dessen innere Einrichtung zu sehen Ihnen einmal Freude machen wird ... auch die alten graflich Hohenberg'schen Guter Plessen, Randhartingen, Wiesbach, unsere Antheile an Schonau, Berghubel, sind so durch darauf geborgte Summen uberschuldet, in ihrer Okonomie vernachlassigt, dass ich zweifelhaft bin, ob ich uberhaupt ihre Herrschaft antrete und sie nicht lieber ganz, wie der Lateiner sagt, unter den Spiess stelle, das heisst, wie Sie wissen, sie losschlage. Erwagen Sie diesen Zustand und fragen Sie, ob hier das Gedachtniss eines Sohnes Alles liebend beseitigen und uber die Vergangenheit nur Blumen der Versohnung streuen kann! Nein! Nein! Ich kann nur mit bitterstem Unmuthe diese Gedanken an das Vergangene in mir voruberziehen lassen; ich habe Stunden erlebt, wo ich meine Mutter kalt bemitleidete, aber noch unglucklichere, wo ich meinen Vater bis aufs Blut hasste. Denken Sie sich den einen Zug! Dieser Mann, der meine Mutter mishandelt hat, sie zuletzt in ihrem Nothdurftigsten beschrankte, dieser Mann, der dennoch vor dem jungen Monarchen weinte, als er ihm den Tod meiner Mutter anzeigte, weil ein ernster Blick der Umgebungen des Fursten ihm sagte: Hohenberg, Sie haben da ein Herz brechen helfen! ... dieser Mann verkauft, weil die fruhere Grafin Bury nichts besass und ich keine Anspruche auf ihren Nachlass habe, die Einrichtung ihrer Zimmer, verkauft den stillen Frieden ihrer liebsten frommen Abgeschiedenheit von der Welt, verkauft die Thranen, mit denen sie ihre Polster und Gebetbucher benetzte, verkauft o mein Gott, Wildungen, Ihr wisst nicht, wie weit die Herzlosigkeit dieser vornehmen Stande geht! Wenn ich in Lyon einen armen Seidenarbeiter sterben sah, ja, da gehorte wol schon das Stroh, auf dem er endete, dem reichen Fabrikanten, dem er all sein Hab und Gut verpfandet hatte; aber ein Crucifix, Wildungen, auf das die blassen Lippen ihre letzten Kusse gedruckt hatten, ein Gebetbuch, aus dem seine weinenden Kinder, die zu kurz die Schule besucht hatten, um lesen zu konnen, die letzten Trostungen der Religion stammelnd buchstabirten, ja vielleicht der letzte Stab, Wildungen, der ihn stutzte, der letzte Rock, der seine Blosse deckte und die letzten Schuhe, die er auszog, als er sich auf das Lager warf, auf dem er sterben sollte die waren noch sein, um die bat er den Fabrikherrn fur sein Weib und seine Kinder, verpfandete sie nicht, um der Liebe willen nicht ...um seines Heilandes willen nicht ... ach, mein Freund, vergeben Sie mir, wenn Sie einen Sohn horen, der vor seinem Vater keine Achtung hat.

Erschopft von seiner Aufregung warf sich Egon auf die holzerne Pritsche und schien die Harte dieses Lagers kaum zu fuhlen.

Von tiefster Theilnahme ergriffen beugte sich Dankmar zu ihm herab und bat ihn, seine Empfindungen nicht zu heftig aufzuregen.

O, warum bin ich auch hierher zuruckgekehrt, rief Egon leidenschaftlich, ausgesetzt einer ewigen Verhohnung durch mich selbst! In der Ferne, ja da war ich glucklich! Ich galt fur Den, fur den ich mich gab. Wildungen! Glauben Sie mir's, ohne mich einen Wahnsinnigen zu schelten, ich habe in den Werkstatten von Paris gearbeitet, ich galt fur einen deutschen gebildeten Arbeiter. Niemand wusste etwas von den Schulden meines Vaters; mit Dem, was sie mir ubrigliessen, konnt' ich fleissige Arbeiter belohnen, manche nutzliche Unternehmung befordern, ... selbst leben ... ich war glucklich ....

Setzen Sie dies Leben hier fort! sagte Dankmar innigst theilnehmend und vor Freude bewegt, endlich einmal einen Vornehmen zu finden, der wie jeder andere Mensch sich fuhlte und gab. Man wird sich mit dem Vater aussohnen, der einen solchen Sohn hinterliess. Man wird milder von der Aristokratie denken, sich dem Adel verwandter fuhlen ...

Man wird mich auslachen! unterbrach ihn der junge Furst. Unsere Verhaltnisse bieten keinen Boden fur eine solche Umkehr der Stellungen.

Warum nicht? sagte Dankmar.

Der Fremde schwieg ....

Nach einer Weile fuhr er fort:

Aber horen Sie von dem Vergangenen!

Sich aufrichtend erzahlte er weiter:

Ich hatte kaum das dreizehnte Jahr erreicht und sollte nach des Vaters Wunsche jetzt unmittelbar fur den Kriegerstand gebildet werden. Da kam uber meine Mutter jene Erleuchtung, die denselben bigotten Zustand zur Folge hatte, von dem noch die spasshaften Erzahlungen des Jagers vom "Gelben Hirsch" Ihnen im Gedachtniss sein werden. Sie horen, wie wenig erbaut ich von dieser Erbauung spreche und ich kann Sie versichern, Wildungen, dass ich hier nicht wie der Blinde von der Farbe rede, sondern eine Zeit lang war ich selbst einer der Hellsehenden, Einer der von Angesicht zu Angesicht Schauenden und der Gotterleuchteten.

Dankmar lachelte wie der Erzahler. Er hatte manche, so auch diese Ausserung von ihm anders gewunscht; doch horte er mit Aufmerksamkeit zu.

Wie meiner guten Mutter dieser traurige Zustand anflog, weiss ich nicht. Ich glaube, diese Frommigkeit war damals in der grossen und kleinen Welt eine Sache der Mode. Man betete viel und gern laut, und wissen Sie, Wildungen, fur die Politik war Das sehr gut. Es bewahrte vor Ubereilung in Entwickelungen, fur welche der beschrankte und philisterhafte Sinn unsers Volkes kaum jetzt schon reif ist, wie viel weniger damals ...

Die jammerlichen Staatsmanner jener Zeit, sagte Dankmar, diese Polizeiseelen, Creaturen Metternich's, fanden in der Bigotterie eine Stutze des Absolutismus, eine Art Chinin gegen das Constitutionsfieber.

Wohl! Wohl! sagte der Furst. Genug, ich fur mein Theil hatte einige sehr angenehme Folgen von dieser Sinnesanderung meiner Mutter zu erfahren. Erstens wurd' ich nicht zum Soldaten bestimmt. Im Gegentheil wollte die Mutter jetzt nur noch durch mich Gott ... und durch Gott mir leben. So sagte sie selbst! Sie zog fur immer hierher nach Hohenberg und richtete sich so ein, als wollte sie ihre Tage hier fur immer beschliessen. Anfangs verursachte mir diese Entdekkung einen lahmenden Schrecken. Ich sehnte mich ja hinaus in die Welt, ich wollte Schulen besuchen, wie Andere, wollte die Freundschaften unterhalten, die ich bei meinen kurzen Anwesenheiten in der Residenz im Fluge knupfte. Ich wollte der junge Furst von Hohenberg sein! Aber die Mutter hatte es anders beschlossen. Sie gedachte mich in ihre ausschliessliche Obhut zu nehmen. Rudhard wurde entfernt, weil seine Auffassung des Christenthums der ihrigen nicht entsprach. Man versetzte ihn, ich weiss nicht, ob auf ihren Betrieb oder freiwillig, in andere ostliche Gegenden. Tief betrubt sah ich ihn scheiden, denn so streng er war, die Gediegenheit seines Charakters konnte selbst dem Kinde nicht entgehen. So wenig er meiner Eitelkeit als einem jungen Fursten schmeichelte, so besass ich doch Lernbegierde genug, von seinem reichen Wissen Vortheile zu ziehen. Ja wie Knaben mit ihren Lehrern pflegen, in meiner eitlen Bewunderung stellt' ich ihn wol gar noch hoher als er stand. Seinen Nachfolger wahlte die Mutter auf Empfehlung der pietistischen Kreise in der Residenz. Es war dies ein junger, gewandter Theolog, Namens Guido Stromer. Wenn ich nicht irre, brachte er sich sogleich eine Gattin mit und gewann das Herz meiner Mutter in dem Grade, dass es ihm gelang, einen andern Plan mit mir durchzusetzen, fur den ich ihm eigentlich Dank weiss. In seiner Furcht, meine Erziehung auf dem Schlosse wurde doch einen ewigen Ab- und Zustrom von Hofmeistern und Fachlehrern aller Art zu einer nicht zu andernden Bedingung machen, ausserte er der Mutter die Idee, mich nach Genf in ein Pensionat zu geben. Naturen wie Sylvestre Rafflard gewesen war, blieben ihm gefahrlich. Die Mutter, nicht ahnend, dass er nur in der ihm naturlich sehr wichtigen Gunst seiner Kirchenpatronin die Nebenbuhlerschaften entfernen wollte, ging auf diesen Plan mit Begeisterung ein. Sie hatte Genf selbst gesehen, schwarmte fur den reizenden bergumkranzten Leman, traumte oft von dem Glucke, dort zu wohnen, dort ihre Tage zu schliessen, was ihr bei der Beschrankung ihrer Mittel nicht beschieden sein konnte ... und alle diese Reize erhohte ihr zuletzt noch das Bewusstsein des in dem dortigen Leben und der dortigen Erziehung herrschenden Geistes der strengen Kirchlichkeit. Die Sekte der Momiers war damals neu in der franzosischen Schweiz erst aufgekommen. Sie erkannte in ihnen, nach den Berichten einer von ihr nach Kraften unterstutzten Kirchenzeitung, eine Gemeinde Wiedergeborener, die sich nur an den reinen biblischen Geist des Christenthums hielte. Es wurden Erkundigungen eingezogen uber die Pensionate von Lausanne, von Vevey, von Neufchatel, Genf. Das war ein Geschwirre von Briefen der Pastoren jener herrlichen Gegend, die Alle mit Empfehlungen der christlichen Institute zur Hand waren und dabei die Gelegenheit benutzten, mit einer deutschen Dame von Stande in Rapport zu treten. Denn diese Pfaffen dort, mussen Sie wissen, haben keinen grossern Ehrgeiz, als mit der halben vornehmen Welt Europas in Rapport zu stehen und sich mit den Briefen zu brusten, die sie selbst aus Petersburg, Stockholm und Neuyork erhalten. Damit ist zugleich ein eigenthumlicher Menschenhandel verbunden. Kennen Sie Casanova?

Dankmar verneinte befremdet.

Casanova, sagte der junge Furst, Casanova, den ich im Pensionat des Herrn Monnard mit aller Bequemlichkeit gelesen habe ....

Im Pensionat? sagte Dankmar erstaunt.

Casanova, fuhr Egon ruhig fort, erzahlt von den in Europa zerstreuten italienischen Sangern und Tanzmeistern und plaudert uns deren Memoiren aus; ich versichere Sie, der fromme Menschenhandel mit Bonnen, Gouvernanten, Hauslehrern aus der franzosischen Schweiz ist so organisirt, dass ich eine grosse Ahnlichkeit finde. Sie haben keine Ahnung, welche Dinge in einer franzosisch-schweizerischen Pfarrerswohnung von Yverdun oder Meudon abgemacht werden. Ich konnte Ihnen Furstinnen nennen, die auf europaischen Thronen sitzen und von den Faden einer ehemaligen, glanzend pensionirten, bei Genf in ihren Verbindungen schwelgenden alten Erzieherin gelenkt werden. Sie erfahren in einem frommen Thee in Lausanne mehr Cabinets- und Hofgeheimnisse, wie in Berlin in dem engern Cirkel eines Ministers.

Dankmar fiel lachend ein:

Das hatte ja fast Ahnlichkeit mit dem Einflusse, den zehn Meilen weiter von Lausanne die freiburger Jesuiten uber das ubrige Europa ausuben ....

Die vollkommenste! bestatigte der junge Furst. Sie konnen aber auch in Lausanne die Politik der Jesuiten und in Freiburg die Politik der Momiers studiren. Es ist ganz dieselbe Sache, wie sie auch von Menschen vertreten wird, die sich untereinander vor Brotneid aufzehren mochten. Das ist eine Sucht, dem andern eine Beute abzujagen! Denken Sie sich diese Correspondenz der reformirten Geistlichen mit den hochststehenden Familien! Der Reiz der franzosischen Sprache, die elegante glatte Weltbildung neben der frommen Salbung, die den gutkatholischen Fenelon zum Ideal auch dieser Protestanten gemacht hat, ... genug, die gute Mutter war auf Grund meiner Versendung nach Genf so lebhaft in Verbindung mit den schonsten, durch die Fremdenbesuche an Neuigkeiten ergiebigsten Gegenden der grossen europaischen Route, dass sie sich in ihren Briefen hier auf Hohenberg schon da vortrefflich unterhielt, noch ehe ich abreiste. Wie aber nahm Das erst zu, als ich wirklich in Genf war! Wie wurden da uber mich, uber meine Erziehung, meine Anlagen, meine Irrthumer, meine Tugenden und Gebrechen soviele Anfragen an Geistliche, Professoren, Syndics, Kunstler, am Genfersee domicilirte Freunde und Freundinnen gerichtet und von diesen beantwortet! Nun war ich der einzige Gedanke der Furstin, ja der Angelpunkt und die Achse ihres ganzen Daseins geworden. Welche Briefe liess mich Professor Monnard und sein boshafter erster Lehrer, Sylvestre Rafflard, schreiben ....

Rafflard? unterbrach Dankmar. Sie erwahnten ja seine Anwesenheit in Hohenberg ....

Rafflard war, berichtete der Erzahler, ursprunglich aus Genf, kam nach Deutschland, zu uns als Lehrer der franzosischen Sprache, von da nach Kurland, wo er mit Rudhard wieder zusammentraf und zwar feindselig genug, dann kehrte er nach Genf zuruck, wo ich ihm im Monnard'schen Institute wieder begegnete. Jetzt ist er Jesuit ....

Das ist eine lehrreiche Biographie! sagte Dankmar.

Sie werden noch Manches von Sylvestre Rafflard horen; schaltete der Erzahler ein und fuhr fort:

Wie oft wurden meine Briefe von Monnard und Monsieur Sylvestre ausgestrichen und unter dem einfachen Scheine stilistischer Veranderungen in ihren Thatsachen so umgewandelt, dass weiss erschien, was ich als schwarz hatte melden wollen kurz, mein Freund, ich wurde in geistigen Dingen so methodisch zur Luge und zur Phrase erzogen, so auf eine gewisse herzlose Regelmassigkeit abgerichtet, so nach dem Modell einer gutgearbeiteten genfer Uhr kunstlich zusammenspintisirt, dass ich in meinem achtzehnten Jahre wirklich als ein heilloser Schlingel, voll Verstellung und Einbildung, zur Mutter zuruckkehrte und die Vorwurfe der inzwischen gar duster gewordenen und gramverschleierten Frau im reichsten Masse verdiente.

Naturlich misfiel es hier einem jungen Taugenichts, der statt im Thomas a Kempis im Pensionat heimlich den Casanova las, im hochsten Grade. Ich entfloh, so zu sagen. Als die Mutter mir in die Residenz nachreiste und ich auch mit dem Vater in Handel gerieth, dankte sie Gott, wie ich wenigstens soviel guten Willen zeigte, dass ich mich entschloss, in Bonn, Heidelberg, Gottingen zu studiren. Erlassen Sie mir, Ihnen davon eine Schilderung zu machen! Die akademische Zeit eines jungen deutschen Adeligen, der die Universitat besucht ohne einen andern Zweck als den, einmal dagewesen zu sein, wird fur Sie keiner Schilderung bedurfen. Man geniesst, was das Leben bietet und was der von Hause bezogene Wechsel sich zu verschaffen moglich macht. Durch Unterwurfigkeit und Kriecherei der sogenannten "Philister", ja der beruhmtesten Professoren, lernt man fruh die Niedertrachtigkeit der Menschen kennen und man verlasst die Hochschule, ubersattigt, verdriesslich, reizbar, im Jugendlenz schon ein Misanthrop. Die Mittel flossen meiner Lebenslust gering zu. Der Justizrath Schlurck, derselbe, der im Besitz Ihres verlorenen Schreins ist, derselbe, den wir beobachteten, wie kostbar ihm Pasteten und Champagner schmeckten, die er sich bei solchen Administrationen, wie die Hohen-berg'sche ist, verdient, schickte ein, was die ganz in seinen Handen befindliche Verwaltung der Angelegenheiten meines Vaters zu schicken erlaubte. Der epikuraische Spitzbube war dabei sehr hoflich, sehr devot, aber karg. Ich hasste ihn, vielleicht mit Unrecht. Aber er war der Nachste, der meinen beleidigten aristokratischen Arger, meine gentlemanliken Vorwurfe auffangen musste. Die Mutter sprach oft davon, man musse seinen Feinden vergeben: ich entnahm dieser Wendung ihrer Briefe weiter nichts, als dass ich mich auch wirklich vor Feinden zu huten hatte .... War sie doch selbst seit der fruhesten Zeit, der ich mich entsinnen kann, von den Gespenstern unsichtbarer Gegner verfolgt! Fruh schon pragte sie dem Kinde die Vorstellung einer grossen Verschworung gegen ihr Lebensgluck ein. Sie machte mir Begriffe, als wenn die Welt voll Teufel stake und an der Spitze dieser Holle, sagte sie mir einst, stande eine Frau ... eine Frau, die fruher ihre zartlichste Freundin war, Pauline von Harder, sonderbarerweise wirklich die Gattin jenes Mannes, dessen schlingelhafter, frecher Bediente mich, den Besitzer von Hohenberg, in seinen eigenen Thurm hat werfen lassen!

Pauline von Harder? wiederholte Dankmar und gedachte der Erwahnung derselben auf dem Heidekrug. Er kannte sie nur als eine Schriftstellerin, von der er jedoch nichts gelesen hatte ...

Sie ist mir unbekannt, fuhr der junge Furst fort, wie die meisten erlauchten hoch- und hochwohlgeborenen Haupter unsers Adels, einige Jungere ausgenommen, mit denen ich in Bonn und Gottingen verkehrte. Prufungen zu bestehen und mich um ein Amt zu bewerben, lag nicht in meinem Plane: der Vater, der sich uber seine Verhaltnisse gern in einem volligen Dunkel erhielt, um von ihnen das Bessere annehmen zu durfen, glaubte noch hinlanglich vermogend zu sein, mir eine standesmassige Existenz auch ohne Arbeit und Amt zu sichern. Dies war aber nicht der Fall. Ich fuhlte mich so gezwungen und nach allen Richtungen hin so gehemmt, dass ich vorzog, wieder auf Reisen zu gehen und mich deshalb der Schweiz, Italien und Frankreich zuwandte. Die Beziehung zur Mutter blieb leider unerfreulich. Sie hatte in ihrer Art das Beste im Sinn, aber sie gab es entweder nicht in der richtigen Form, oder mein Herz ist kalt, ich weiss es nicht, ich kam nie mit ihr zu einem warmen offenen Wahrheitstone. Oft empfand ich Hinneigung zu meinem derbnaturlichen Vater. Die Mutter unterbrach aber jedesmal diesen Strom meiner Empfindungen und lenkte ihn wieder auf sich zuruck, wo er jedoch nur kunstlich floss. Ihre trube Auffassung des Lebens entsprach meinem heitern Sinne nicht. Rudhard's Unterricht hatte schon tiefe Wurzeln in meinem Herzen geschlagen und mich gegen allen Schein und die Charlatanerie gestahlt, mit der in Genf die Erziehung betrieben wurde. Ich gewann dort einige Bekanntschaften, die der allgemeinen Pietisterei in der dortigen Lebensweise gegenuber mir reinere Begriffe von Gott und seinem weisen Erziehungsplane der Menschheit einflossten, und wenn ich Ihnen erzahlen sollte, wie es vor funf Jahren etwa uber mich kam, welch ein neuer Geist mich gerade in der franzosischen Schweiz und dem sudlichen Frankreich ergriff .... Sie wurden sagen, die dumpfe, hier auf dem Schlosse wohnende protestantische Ascetik konnte mich nicht erwarmen, selbst wenn sie von der zartlichen Fursorge einer Mutter betrieben wurde! Ach ja, Wildungen! Ich gedenke des Tages, wo ich von Genf zu Fusse wanderte, die Rhone entlang durch Savoyen uber den Jura nach Lyon! O dieser Tag! Diese Welt! Diese Freiheit! Vergebens hatte ich auf Briefe von Schlurck gewartet, vergebens auf eine Mittheilung von meiner Mutter, die wegen meines plotzlichen Entschlusses zu reisen, mit mir boudirte, vom Vater hatt' ich eine langere freundliche Zuschrift, in der er mir nach seiner Weise kurze Verhaltungsmassregeln schrieb, etwa in dem Stile: Junge! Mach Schulden, aber meide die Wucherer und borge immer vier Wochen fruher, ehe du das Geld brauchst, sonst presst dir die Noth die niedertrachtigsten Zinsen ab! Verlieb' dich nie ernstlich und lerne aus der Liebe zu den Weibern die leichteste Methode, sie zu verachten ... und dergleichen epikuraische Satze mehr, die er mit Herzensgute verband ... er war leichtsinnig, doch wohlwollend und nur durch eine unmassige, vom verstorbenen Monarchen geschurte militairische Eitelkeit aus Rand und Band gegangen .... Diesen Brief hatt' ich, aber keinen Wechsel. In der Ungeduld, ihn erwarten, Stunde um Stunde, Minute um Minute zahlen zu sollen, ging ich mit der letzten Baarschaft, zu Fuss, in einer Blouse, wie Sie mich jetzt hier sehen, von Genf nach Lyon .... In der Meinung, nach vierzehn Tagen kehrst du zuruck und findest, was zu erwarten dich so peinigt, schritt ich muthig vorwarts. O, welch eine Erinnerung! Wie lange hielt ich sie fern, Wildungen!

Gedenk' ich dieser himmlischen Maitage, als ich von Genf auswanderte, die grunen Ufer der Rhone entlang, bei jedem Blicke aufwarts die blauen Hohen des Jura, bei jedem Blicke ruckwarts die weissen, unter dem reinsten blauen Himmel ausgebreiteten Schneedecken des Montblanc und Chamounixthales .... Wildungen ... An der kleinen, hoch in den Luften schwebenden Bergveste des Forts de l'Ecluse warf ich noch einmal den Blick in das Genfer und Savoyer Thal zuruck. Lebe wohl, du schone Ebene! Lebe wohl, du theures Land! Es war wie ein Abschied von meinem ganzen Dasein ... Ich setzte mich an dem Fort auf einem Steine nieder und jeder von einem leichten Luftchen bewegte Grashalm ruhrte mein junges, sich damals so arm, so arm fuhlendes Herz. Jede kleine Glockenblume, die mein Fuss hatte zertreten konnen, schien mich mit bittendem Auge anzuflehen: Schone mich! Der Vogel, der von dem Felsen in die Ebene hinunterschoss mit wellenartig wogenden Flugeln, schien mir im Einverstandnisse mit meinem innersten Leben und auf der gewaltigen flachen Felswand, die dem Fort de l'Ecluse gegenuber ausgebreitet liegt und die andere Seite der Schlucht bildet, uber welche ein schmaler Engpass durch diese kleine Festung nach Frankreich fuhrt ... las ich wie auf einer grossen, vom Himmel mir entgegengehaltenen Tafel mein kunftiges Schicksal .... Ich grubelte und forschte, zu erkennen, welche Figuren das Moos und die Baume und die Straucher und die zerbrockelten Risse auf ihr bildeten. War es ein geharnischter Ritter zu Ross? War es der Gott Vulcan, der mit aufgehobenem Hammer vor der Esse stand? Es schien mir ein riesiger Adler mit weit ausgebreiteten majestatischen Flugeln. Ich sprang auf. Wie Ganymed wollt' ich mich von diesem Gottervogel forttragen lassen in alle Himmel und Fernen sehnsuchtigster Ahnung .... Ich kannte kein Bleibens mehr. Hinuber zog es mich uber den kahlen Rucken des Jura, und als ich niederstieg an den gewaltigen Rhonefallen voruber, durch tannenbeschattete Schluchten, an Eisenhammern und Kohlenhutten vorbei ... in die burgundische Ebene, als mich neue Menschen, neue Sitten, neue Erinnerungen der Geschichte begrussten ... wie hab' ich da meinen Hut in die Luft geworfen und allen Baumen zugerufen: Warum habt ihr hier schon gebluht? Warum nicht gewartet auf diesen Maitag und auf mich? Warum liegen eure Flocken schon alle auf der Erde? Und wenn ich einen Pfirsichbaum sahe, der sich verspatet hatte, der noch bluhte, ach, da hatt' ich ihn umarmen mogen wie mich selbst, wie mein Bild, wie meinen Kameraden, so kam ich mir jung, glucklich und wie umgeboren vor! In solcher Stimmung kam ich, die Ufer des Ain entlang wandernd, in Bauerhutten einkehrend, mit Fuhrleuten sprechend, die leichte Kost des Landes geniessend, mit einem Freunde, den ich mir unterwegs erwarb, wie ich Sie erwarb ... in dem schonen Lyon an, wo ich nicht die Villen, nicht die prachtigen italienischen Luxushauser der reichen Kaufleute an den weinbekranzten Ufern des Kanals besuchte, sondern doch was unterhalt' ich Sie mit Empfindungen und Ruckblicken, auf ein Leben, das keinen Werth fur Sie haben wird! ... ach, vielleicht auch keinen mehr fur mich selbst!

Doch, doch! rief Dankmar, fast mit Egon weinend vor Ruhrung. Ich nehme den innigsten Antheil, Prinz!

O fort mit dieser Benennung, Freund! sagte Egon. Prinz! Durchlaucht! Ich habe sie nie geliebt, diese alten Reliquien pedantischer Kanzleisprache, diese geschmacklosen Uberlieferungen italienischer und spanischer Etikette. Und Das jetzt? Jetzt, Wildungen? Der Furst soll sich ehren durch seine Weisheit, der Adel durch seine Tugend und durch die Ehre seiner Thaten und Gesinnung, der Burger durch seinen Beruf, und der einfache Name ist es, der uns der schonste Gruss, die wurdigste Anrede erscheinen sollte. Entwohne sich Einer, wie ich, mein Freund, vier Jahre lang aller Erinnerungen an aussere Lebensstellung, sei Einer eine Zeit lang nur Das, was sein Talent oder wenigstens sein guter Wille aus ihm macht, und man wird die Hohlheit aller aussern Formen fur immer gewahr werden. Wildungen, ich habe das Leben an seiner reinsten Quelle erkannt. Nicht die Schichten, wo man nur Abstractionen geniesst und den Fleiss anderer Hande und die Gedanken anderer Kopfe, nicht diese bieten uns ein Bild des wahren Lebens, sondern da rinnt sein Quell, wo die Arbeit aus rohen Stoffen eine Gestalt hervorzaubert, da stromt sie, wo die ewige Schopfung Gottes von der Hand des Menschen fortgefuhrt wird. Ich wurde durch einen Zufall in Lyon ein Handwerker, kehrte nicht nach Genf zuruck, lebte in und mit dem Volke und liebte seine Leiden und seine Freuden. Was mich dahin fuhrte, welcher Irrthum vielleicht oder welche Tauschung oder welche richtige, hohere Bestimmung ... wie ich veranlasst wurde, die Blouse, die ich auch nur des Staubes wegen in Genf angezogen hatte, in Lyon nicht wieder abzulegen, Das, mein Freund, erzahl' ich Ihnen ...

Egon stockte.

Dankmar schien schon jetzt um Mittheilung zu drangen.

Nein, sagte Egon, den Ausdruck in Dankmar's Mienen wohl verstehend, Das erzahl' ich Ihnen, wenn Sie einmal Abends in der Residenz auf meinen Polstern und Divans sitzen werden und Ihnen unter dem Schimmer eines kostbaren Kronenleuchters, den mein Vater in ein liebliches Gewachshaus hat hangen lassen, wo hundert Spiegel die Blumen und Flammen widerstrahlen, eine Thrane auffallen wird, die sich mit dem Glockenschlage Elf in mein umflortes Auge schleicht.

Egon schlug sanft die Arme unter den schonen mannlichen Kopf und streckte sich auf das harte Holz, auf dem er sass, fast der Lange nach ....

Die Erzahlung hatte ihn erschopft, schon in Dem, was er sagte, und schien ihn noch mehr zu erschuttern in Dem, was er verschwieg.

Dankmar wollte, um den schmerzlichen Eindruck zu verwischen und sich selbst von einer ihn druckenden wehmuthigen Stimmung zu befreien, das Wort ergreifen, als sie Schloss und Riegel rasseln horten. Pfannenstiel, der Wachter des Thurms, brachte ihnen das Essen aus der Krone und mochte bei sich denken, dass ein offenbarer, uberwiesener Spitzbube denn als solchen hatte ihn noch immer mehr draussen der Thatbestand festgestellt wol noch nie hier so gut und behaglich gespeist hatte. Dem jungen Fursten waren der Speisen fast zu viel. Er ass nur einige Loffel von der Suppe, Dankmar gestand von sich einen lebendigern Appetit ein, woruber Pfannenstiel, der auf die Uberbleibsel rechnete, wol nur wenig Freude empfand. Dennoch schien er dem ganzen und dem halben Gefangenen nicht gerade abgeneigt und liess sich auf mancherlei Plaudereien uber das Schloss, seine ehemaligen und auch gegenwartigen Bewohner ein. Es wurde dabei nur das uns Bekannte wiederholt und bestatigt. Neues aber lag in folgender Bemerkung:

Das Gluck ist ungleich vertheilt, sagte Pfannenstiel. Das ist schon so und man muss es sich vom lieben Gott gefallen lassen. Aber schlimm ist's, wenn der Hochmuth die Menschen noch weiter auseinanderbringt, als es das Gold schon thut. Ich habe da oben auch auf dem Schloss eine Schwagerin. Die ist reich geworden, weil mein Bruder, der des Fursten Wirthschaftsinspektor war, zu seinem Vortheil rechnen konnte. O liebe Zeit, sie ist eine simple Wirthstochter hier aus der Gegend und hat eine Zeitlang nicht gewusst, soll sie meinen Bruder nehmen oder den Jager Heunisch dazumal oder mich, der ich Schreiber war im Amt und den Amtsdienerposten nehmen musste, weil ich mir beim grossen Brand auf dem Gelben Hirsch hier da den Daumen verbrannte ... und nun stolzirt sie wie ein kalekutischer Hahn und weiss nicht, ob sie ihren armen Schwager noch kennen und grussen soll. Eine Gans war sie schon immer. Ich glaube nicht, dass sie jetzt schon ihren Namen schreiben kann ....

Die beiden Freunde erinnerten sich der Erzahlung des Forsters im Gelben Hirsch. Der junge Furst wusste aber von diesen Dingen noch mehr, als er auf dem Gelben Hirsch verrathen hatte.

War Das bei dem Brande, sagte er, wo das junge Madchen verungluckte, die Schwester des jetzigen Wirths Drossel?

Vor funfzehn Jahren, ja! sagte der Wachter verwundert; die Tochter auf dem Gelben Hirsch, die Braut vom Jager Heunisch ... Ei, woher weiss Er ... wissen Sie ... woher weiss Er ....

Als Egon kopfschuttelnd uber seine Lage, die einen solchen Mann zweifelhaft machte, wie er ihn anreden sollte, schwieg, sagte Dankmar seinen Appetit unterbrechend:

Mein Freund ist aus hiesiger Gegend. Das sehen Sie doch nun wol, dass Ihr hier keinen Verbrecher vor Euch habt, sondern einen gebildeten jungen Mann, der sich das Schloss und allenfalls auch die Bilder naher besehen hat, weil sie ihm gefielen.

Das wird wol auch herauskommen, ja! ja! entgegnete Pfannenstiel, den Essenden zusehend. Die Bedienten des Herrn von Harder sind gerade so grob, wie ihr Herr stolz ist. Den alten Gartner Winkler hat einer so umgerannt, dass er auf den Tod liegt und als die alte Brigitte daruber klagen wollte sie weiss warum Einer sein Mundwerk hat drohte man ihr, sie solle sich vor Schlimmerem in Acht nehmen. Solche Bengel! Ordnung ist oben keine mehr. Die Weiber tanzen und musiciren. Der alte Schleicher, der Bartusch, kriecht herum wie's bose Gewissen und mochte mir die Knopfe von der Livree abschneiden, weil er denkt, es ist noch Silber darin; so geizig und gierig sind die Menschen, in deren Rachen hinein uns der alte Furst in Gnaden verkauft und verjubelt hat.

Dankmar furchtete, diese Mittheilungen wurden eine Wendung nehmen, die Egon's Wunden aufrisse und beschleunigte die Befriedigung seines Appetits, um nur den geschwatzigen Buttel loszuwerden.

Egon aber schien an dessen Mittheilungen Gefallen zu finden und sagte, ohne seine Theilnahme verbergen zu konnen:

Also die alte Brigitte lebt noch und der alte Winkler!

Kennen Sie denn Die? fragte Pfannenstiel erstaunt. Freilich, wer hat Die hier in der Gegend nicht gekannt! Sie sind wol aus ?

Aus Schonau! sagte der Furst.

Aus Schonau! Ja! Da weiss man's auch. Wenn die selige Furstin die gemeinen Leute einlud sie mussten freilich singen und beten und Manchem konnt's gar nicht schaden theilte die alte Brigitte das Warmbier aus, das immer vor'm letzten Vaterunser den Leuten schon von der Kuche herauf in die Nase kribbelte. Ach du liebe Zeit, es waren curiose Geschichten; aber doch noch besser als jetzt, wo kein Mensch weiss, was nun aus Hohenberg und Plessen und den herrlichen Gutern werden wird ....

Was wunschtet Ihr denn am liebsten, dass daraus wurde? fragte Dankmar, der Egon's Gedanken errieth.

Das ist schwer zu sagen! Ubernimmt der junge Furst das Ganze und befriedigt die Creditores, so stehen wir uns naturlich Alle hier am besten; denn wir bleiben doch, hat erst neulich der alte Winkler gesagt, in der Familie. Er hat Recht, der alte Mann, der's in seiner Kinderei oft noch trifft. Eine Herrschaft, die ein gutes Herz hat, behandelt ihre Angehorigen, als gehorten sie in ihre eigene Familie. Uns hier vom Amte kann's am Ende gleich sein, denn die Gerichtsbarkeit kommt doch wol nunmehro an die Regierung. Aber so ist's und so wird's kommen fur die Andern ist von dem Prinzen Egon nichts zu erwarten.

Warum nicht? fragte Dankmar.

Der verkauft das Ganze, bezahlt die Schulden, nimmt den Rest und geht damit nach Frankreich, wo er ja es ist 'ne Schande! mit einem ganz gewohnlichen Frauenzimmer so gut wie verheirathet sein soll und uberhaupt ein curioser Hanns geworden ist ...

Verheirathet? sagte Dankmar und blickte dabei mit unglaubiger Ironie auf Egon.

Wie ich Ihnen sage! fuhr Pfannenstiel fort. Der Prinz ist hier wie aus der Welt. Sonst wusste man doch, dass er in der Schweiz auf Schulen und am Rhein auf Universitaten war; und man konnte sich bei der Frau Furstin recht insinuiren, wenn man ihr begegnete und ihr sagte: Nun Durchlaucht, lange nicht geschrieben Prinz Egon Durchlaucht? Fruher namlich, als wirklich Briefe von ihm kamen, hatte sie's gern. Dann aber soll er drei Jahre lang nicht geschrieben haben, drei Jahre lang vor ihrem Tode; da hat sie's nicht gern gehort, wenn Einer sagte: Nun Durchlaucht, lange nicht geschrieben Prinz Egon Durchlaucht? Wer Das sagte, musste entweder dumm oder ein rechter Spitzbube sein. Denn Alle wussten, dass er in Frankreich war, sich mit gemeinen Leuten herumtrieb und die Tochter von einem Tischler gerade nicht geheirathet hatte, aber, verlassen Sie sich darauf ... mit ihr lebte ... und Kinder hat ... und ... wie gesagt, ganz verwilderte Geschichten.

Die Thrane unter dem Kronenleuchter, Freund warf Egon Dankmarn anblickend, mit schmerzlichem Lacheln hinein verstehen Sie?

Pfannenstiel sah auf seinen Gefangenen, dessen Bemerkung ihm wunderlich vorkam.

Wie meinen Wie meint Er Thrane unterm Kronenleuchter? ... fragte er, stockend und in dem Glauben, es ware wol mit dem Gefangenen nicht recht richtig.

Herr Pfannenstiel, sagte Egon, um diese ihm peinlichen Mittheilungen abzubrechen; Sie sehen, wir sind gesattigt. Nehmen Sie den Rest und lassen Sie den Herrn noch bei mir. Sie wissen, dass es der Justizdirektor ja gestattet hat.

Pfannenstiel packte die Reste ein und sagte wahrenddem mit einiger Ironie:

Lassen Sie sich nicht durch den Justizdirektor und seinen Doctor irremachen, der schlaft auch ohne den Doctor bis vier Uhr; wenn's Ihnen sonst hier gefallt, bleiben Sie in Gottes Namen. Kuhler ist's als unten in der Krone; es ist wahr. Aber Wetter, da hab' ich ganz vergessen ... Ich soll Ihnen sagen ...

Der Buttel wandte sich an Dankmar.

Mir? Was ist noch?

Es hat Einer instandigst nach Ihnen in der Krone verlangt ....

Ich sehe, ich bin der Vielgesuchte, sagte Dankmar. Wahrscheinlich der Amerikaner mit dem freundlichen Knaben?

Nein, erwiederte der Schliesser, der Herr Ackermann, der prachtige Sachen von Amerika erzahlte, ist abgereist, gerade wie ich das Essen holte. Vielleicht kommt er wieder. Er lobte unsern Boden. Der Knabe lasst Sie noch grussen und hat eine solche Angst um Sie gehabt, dass Sie hier im Thurme waren, dass ich meine Noth hatte, ihm zu erklaren, Sie sitzen hier nur zum Spass ....

Welcher Amerikaner? fragte der Furst.

Dankmar erzahlte ihm in einigen Worten die Bekanntschaft, die er gemacht und setzte hinzu, dass er einige Zeit geglaubt hatte, dieser Fremde konnte vielleicht an eine Ansiedelung, an einen Guterkauf denken ....

Nein, fuhr der Schliesser, der sich inzwischen besonnen hatte, fort, ein Anderer wollte Sie dringend sprechen und wenn ich richtig gehort habe, es soll just kein feiner Herr gewesen sein und wenn mir recht ist, der Wirth sagte, er hatte ... rothe Haare.

Hackert! sagte Dankmar. Wahrscheinlich mein davongelaufener Kutscher, bemerkte er zu Egon hingewandt.

Mit dem Bescheide, dass dessen Nachfrage nicht viel auf sich hatte, entfernte sich endlich Pfannenstiel und liess die beiden Freunde allein, die ihm bei der betroffenen Art, wie sie bei Erwahnung des Rothhaarigen sich anblickten und gleichsam verstohlene Zeichen gaben, doch wieder etwas zweifelhaft vorkommen mussten. Er schien mit gutem Gewissen die Thur zuzuschliessen. So kraftig klangen die Schlussel, als wollte er sagen: Es ist doch besser, dass ihr Beide da festsitzt!

Da sehen Sie nun, begann Egon, als die Schlussel des Warters nicht mehr horbar waren, da sehen Sie, wofur ich hier gelte. Und doch weiss ich nicht, ob ich mich nicht freuen soll, wie schon alle Bande der Anhanglichkeit, die mich bestimmen konnten, die Besitzungen zu behalten, gelost sind. Jener Amerikaner Ackermann nannten Sie ihn? lobte den Boden. Nun wohl! Mir ist er nicht gunstig und tragt keine Fruchte. Man spottet meiner Mutter. Man sehnt sich neuen Zustanden entgegen. Man gibt mich auf. Kann mich Etwas bestimmen, mich hier zu entdecken? Kann ich wunschen, hier erkannt zu sein? Ein unendlich schones poetisches Verhaltniss, das mich in Frankreich fesselte, ist so elend entstellt hierher gedrungen! Eine niedrige Gesinnung wird bei mir vorausgesetzt; bei mir, den Niemand kennt, dessen Zuge Keinem wieder einfallen, hochstens vielleicht dem alten Gartner, wenn ihn die Knechte der ungebetenen Gaste nicht vielleicht gemisshandelt hatten. O dass ich mich entschlosse, diese Wechsler aus dem Tempel meiner Familie auszutreiben! Wurde mir nicht Gehorsam geleistet werden mussen? Konnt' ich nicht die Genugthuung haben, dass ich oben auf dem Schloss erschiene und Allen zuriefe: Noch bin ich Herr an dieser Stelle und ich rathe euch, dass ihr Alle zum Teufel geht!

Zorn hatte Egon ergriffen. Er stand mit leuchtenden Augen da und seine schlanke Figur reichte fast bis zur Decke des niedrigen Gemachs. Er offnete das Fenster und ruttelte an den Staben, die fester sassen, als Dankmar geglaubt hatte.

Und was kann ich anders thun, um hier zu entkommen, als mich zu entdecken? fuhr Egon mit sich steigernder Ungeduld und Dankmar's Schweigen fur Zustimmung nehmend fort. Dieser Harder ist ein koniglicher Hofbeamter, sein Wort hier wirkt allmachtig. Jedes Gutsagen fur mich von Ihrer Seite wird an seinen Befehlen scheitern. O fuhl' ich da nicht jetzt plotzlich die alte feindselige Hand wieder, die schon meine Mutter verfolgte? Es war doch wol keine Grille ihrer erregten Einbildungskraft, dass sie diese Harders fur die Erbfeinde ihres Gluckes erklarte ....

Der Absicht, sich zu entdecken, stimmte Dankmar bei. Er wusste selbst kein anderes Mittel freizukommen, als dass der junge Furst das Gedachtniss der Menschen, die ihn noch als Knaben oder Jungling hier gesehen haben mussten, gleichsam aufruttelte, sie auf Wiedererkennung seiner Zuge lenkte und wenigstens durch dieses aussere Zeugniss erganzte, was ihm an Documenten fehlte.

Nicht Jeder sagte Egon lachelnd nicht Jeder glaubt wie Sie, einer Visitenkarte!

Dankmar erinnerte ihn jetzt an die Mittheilung der Bitte, die er ihm hatte stellen wollen.

Wird sie sich ausfuhren lassen! sagte Egon zweifelnd. Sie sind auf dem Schlosse nicht bekannt ....

Ich werde es heute Abend besuchen. Man lud mich ein, sagte Dankmar.

Was hilft es, sagte der Furst; ich verlange von Ihnen Etwas, das Sie verabscheuen werden.

Sie stocken? ... Haben Sie kein Vertrauen?

Ich verlange von Ihnen Dasselbe.. was ...

Sagen Sie es, Prinz!

Dass Sie sich zu meinem Mitschuldigen machen ...

Noch immer dieser Scherz?

Vergessen Sie nicht, dass ein Dieb zu Ihnen redet!

Wohlan! Redete er nur!

Wenn Sie meine Bitte erfullen wollen, mussen Sie Das ausfuhren, was mir gescheitert ist, Wildungen!

Was Ihnen unbedenklich schien, soll an meinem Gewissen kein Hinderniss finden ....

Dankmar sagte diese Worte klar und frei, fuhlte sich innerlich aber doch beklommen. Er gedachte seines verlorenen Schreins und der Bangigkeit, mit der Siegbert gerufen hatte: Du hast ihn doch nicht aus dem Archive des Tempelhauses entfuhrt und ihn Dir eigenmachtig angeeignet? Er gedachte sogar wieder der Moglichkeit, dass der Fremde nicht der Prinz, sondern nur uber ihn vollstandig unterrichtet war und er durch einen unglaublich gewandten Abenteurer veranlasst werden konnte, einem Andern verbotene Kastanien aus dem Feuer zu holen ....

Der Gefangene sagte:

Sehen Sie! Sie werden nachdenklich ... Ich verlange von Ihnen die rascheste unbelauschte Aneignung eines Bildes!

Eines Bildes? fragte Dankmar erstaunt.

Eines Bildes meiner Mutter ....

Als Act der Pietat?

Nicht die blosse Folge erwachter kindlicher Liebe ....

Ich wurde diese Regung loben; aber warum ein gefahrliches Geheimniss?

Weil mit dem Bilde selbst ein Geheimniss verbunden ist.

Es ist zwei Uhr, sagte Dankmar, auf die Thurmuhr, die eben schlug, deutend. Sie werden noch Zeit haben ...

Ihnen mein ganzes Herz auszuschutten? Wohlan! sagte Egon, nahm wieder auf dem schragen Brett, das vielleicht fur die nachste Nacht seine Lagerstatte werden musste, Platz und fuhr, durch das zwar wenig genossene Mahl doch etwas gestarkt, in seiner Erzahlung fort.

Sechstes Capitel

Das Bild

Als ich in Lyon unterm Volke lebte, erzahlte der Gefangene, empfing ich noch zuweilen, jedoch naturlich vorwurfsvolle Nachrichten von meiner Familie und auch die gewohnten Mittel zu meiner fruhern Existenz. Die Mutter blieb sich in ihren christlichen Ermahnungen gleich. Da aber jeder Brief, den sie schrieb, mit einer Vorahnung ihres Todes anfing und einer darangeknupften Betrachtung endete, so wirkte es nur wenig auf mich, als sie eines Tages mir wieder schrieb, ihre Stunden waren nun gezahlt, sie wurde sterben. Ich sollte eilen, schrieb sie, auf Flugeln der kindlichen Liebe eilen, sie noch einmal zu umarmen und ihr einziges letztes Vermachtniss, das sie in ihrer Durftigkeit mir geben konnte, entgegenzunehmen .... Sollte aber Gottes ewiger Rathschluss sie schon fruher abrufen, ehe ich an ihrem Lager kniete und mit ihr zu Gott betete, so wurd' ich hinter einem Bilde, das ich wol kannte, einem gewissen runden Pastellgemalde aus ihrer Kindheit, das sie selber darstellte, die Worte finden, die sie mir auf die weite Bahn meines Lebens und an der Schwelle ihres eigenen zurufen musse, gewichtige, inhaltschwere Worte.

Dankmar, der jetzt das Geheimniss des Diebstahls erkannte, konnte nicht umhin, den Erzahler zu unterbrechen und unwillig auszurufen:

Aber welch ein Platz! Welche Stelle, einen letzten Willen niederzulegen, der hoffentlich nur in Betrachtungen besteht!

Fur den Fall wichtigerer Mittheilungen doch nicht so ubel gewahlt! sagte der Erzahler. Da die Mutter von meinem Vater die feierliche Zusage empfangen hatte, ein Jahr lang den ganzen Zustand Hohenbergs zu lassen, wie er bei ihrem Tode gefunden wurde, dieselben Wohlthaten zu spenden, dieselben Diener zu unterhalten, an der innern Einrichtung der Zimmer nicht das Mindeste zu verrucken, ja, auf dem Schreibtische die Feder so zu lassen, wie sie sie niedergelegt hatte in dem Augenblick, als die Todtenglocke ihr schlagen wurde; jedes Buch, jedes Glas so zu lassen, wie es sein wurde, wenn ihr Auge brache ....

Ah! Ah! rief Dankmar, Egon unterbrechend. Vergeben Sie mir, dass ich meine Empfindungen ausspreche. Ehre Ihrer Mutter! Aber welche fromme ...

Coquetterie! sagte Egon schmerzlich. Aber dieser Beweis ist nicht so triftig, wie mancher andere, wo Sie die Mutter schon vertheidigen wollten. Hier hatte sie Grund zu solchen gesucht erscheinenden Anordnungen. Denn sie schrieb mir, da sie diese Verfugung vom Fursten bewilligt erhalten hatte, so wurd' ich, selbst wenn ich verspatet ankame, den Lebensschatz da unberuhrt finden, wohin sie ihn aus Furcht vor der Bosheit sundiger Menschen verborgen hatte ....

Aber gibt es denn nicht Vertrauensmenschen? Geistliche? Notare? Advocaten? sagte Dankmar, uber die Letztern selbst lachelnd.

Auch Guido Stromern, dem Pfarrer, schrieb die Mutter, fuhr Egon fort, konne sie dieses Testament nicht anvertrauen, denn man wisse nicht, ob die Furcht des Herrn in ihm dann noch stark bliebe, wenn sie dahin ware. Sie hatte zuviel Baume sich herbstlich farben schon gesehen.. Zuviel wanken und scheitern, und sie glaube nur an einen einzigen ewigen Fruhling, wo das einmal Entblatterte wieder ausschluge und wieder bluhe im Lande der ewigen himmlischen Palmen. Das Bild, das ich wohl kannte, beschrieb sie mir noch einmal und erwahnte das Geheimniss der Offnung. Ein starker Druck auf das Glas und die hintere Wand sprange auf und in einer Kapsel wurde ich den letzten Beweis ihrer Liebe finden, die Enthullung eines Geheimnisses.

Und Sie reisten nicht sogleich ab? fragte Dankmar gespannt und sich in die Grille der sonderbaren und eigenthumlichen Furstin ergebend.

Ich that es nicht, sagte Egon fast mit dem Gefuhl der Beschamung. Verurtheilen Sie mich deshalb nicht! Die Tragheit des Herzens ist wol eine der sieben Todsunden, die nicht vergeben werden konnen. Dennoch war mein Herz damals nicht trage. Es litt, rang, klopfte mit sturmischer Bewegung in andern Verhaltnissen, als in meinen Beziehungen zu einer Mutter. Sagen Sie Dem, der unter einer Brucke zu ertrinken im Begriff ist und mit der letzten Anstrengung seiner Krafte gegen die Wellen rudert, er soll ein wildes Ross anhalten, das uber ihm auf der Brucke sein Theuerstes schleife; er hort wol den Hulferuf, aber kann er mehr, als sich ergeben, die letzte Kraft verlieren und selbst untergehen? So eingewachsen war ich in mein neues Leben, dass ich das Absterben des alten dem Tode uberlassen musste.

Eine Weile hielt Egon inne, dann fuhr er fort:

Als ich den wirklich erfolgten Hingang der Mutter erfuhr, fand ich reichere Musse, um sie zu weinen. Es waren Thranen, die von einem andern Leide noch ubrig waren und mit denen um dieses zusammenflossen .... Ich war mir eines Unrechts bewusst und fuhlte, dass sich das Schicksal wol die Klage der ohne mich sterbenden Mutter gemerkt haben wurde und mich irgend ein Schmerz in Zukunft noch dafur strafen soll. Aber der alte Spruch, dass Niemand uber seine Krafte hinaus Etwas vermag, trocknete mir das nasse Auge und ich selbst sprach mich frei, wenn mich auch irgend eine Nemesis verdammen wird.

Ich kenne, sagte Dankmar, das starkere Gegengewicht nicht, das auf der Wagschale Ihres Herzens die kindliche Pflicht in die Hohe schnellte; aber die geheimnissvolle Andeutung uber das Bild der Furstin musste Sie doch veranlassen, nach ihrem Tode wenigstens aufzubrechen und an Ort und Stelle von diesem und manchem andern Nachlasse der Mutter Besitz zu ergreifen ....

Auch Das versaumte ich, sagte der Gefangene. Schatze konnt' ich keine erwarten, nicht einmal gesammelte Sparpfennige. Meine Mutter, eine geborene von Bury, besass schon anfangs wenig und von einem spatern mutterlichen Vermogen war noch weniger fur mich die Rede. Eher noch hinterliess sie in Folge ihrer unbegrenzten Wohlthatigkeit Verlegenheiten, die mein Vater abzuwickeln hatte. Und da dieser mir vollends schrieb, dass er den Tod der Mutter aufrichtig beweine und sich eine heilige Pflicht daraus mache, ihrer letzten Anordnung zu folgen und Alles ein Jahr lang unverruckt und unverandert in ihrem Sinne bestehen zu lassen, ja immer, immer, mein theurer Sohn, schrieb er, bis dein alter morscher Vater selbst zusammenbricht und du dann uber unsern Grabern zu Gericht sitzen wirst, hoffentlich nicht zu streng, Junge ! Da mir der Vater so geschrieben hatte, liess ich das Bild Bild sein und uberredete mich: Was wird es enthalten? Fromme Ermahnungen und ihren letzten mutterlichen Segen!

Sie haben wol Recht! sagte Dankmar. In der That .... Ich glaube nicht mehr. Dem Charakter der frommen Frau angemessen war eine solche letzte mutterliche Ansprache an ein Herz, das sie nach ihrer Auffassung auf dem Wege der Verdammniss sah. Ein wirkliches Geheimniss konnte sie an einer solchen Stelle nicht niederlegen.

Nicht anders dacht' auch ich damals, sagte Egon, und folgte, unbekummert um die Heimat, in der Fremde meinem Stern. Von Lyon fuhrte mich dieser nach Paris. Die grosse Stadt, die ich zum ersten male sah, ergriff mich gewaltig. Im Gewuhl der sich hier durchkreuzenden Interessen fuhlt' ich mich wie von einem Elemente gehoben, das denn doch starker war als meine bisherige kleine Welt, die ich mir in Lyon aufgebaut hatte. Sowie mir es damals war, muss es einem fruh aus seiner Heimat entfuhrten Menschen sein, dem die Erinnerung an sie vollig entschwunden ist und der, plotzlich in sie zuruckversetzt, an den kleinsten Dingen, einem Laute, einem von ihm beobachteten Kinderspiele sich auf ein altes Dasein erinnert. O, mein Freund, ich wollte, ich hatte damals in Paris diese lockende Musik nicht verstanden. Die Kunst, die Wissenschaft, die Politik, das hohere gesellige Leben fingen an mich plotzlich hinwegzufuhren, wie eine anschwellende Flut, von der Ebbe, wo ich mir auf dem Sande von kleinen Kieselsteinen und Muscheln und Binsen ein Huttchen gebaut hatte. Die grosse Flut kam gewaltig .... Sie verschlang die Hutte und die Muscheln und die Binsen ... und mich warf sie in Strudeln auf und ab, hoch zu allen weissen Schaumkronen der Wogen empor und wieder nieder in die gahnenden Schlunde, wo die Ungethume der See uberrascht entgleitend ihre misgestalteten Formen verbergen ... bis ich betaubt niedersank und erwachte an dem frischen Hugel eines Kirchhofes. Es war wieder nicht der Hugel meiner Mutter, auch nicht der meines Vaters. Es war ein anderer, mir nicht minder heiliger ....

Egon hielt eine Weile inne; dann fuhr er fort:

Fast zwei Jahre waren in Paris so hingegangen. Ich war mehr Franzose geworden als ich noch Deutscher blieb, verfolgte immer noch meine alten populairen Neigungen, wenn auch in anderer Form, bis mich die Nachricht vom Tode meines Vaters und sein letzter Gruss, etwa in diesen Worten traf. Wildungen, wollen Sie eine Probe vom Stile meines Vaters horen?

O, sagte Dankmar, die Sprache des alten beruhmten Kriegers, der mit den Truppen in den kostlichsten Lakonismen sprach, ist gewiss auch in diesem Falle originell gewesen.

Egon hob den Kopf empor, blickte auf die Decke des Gefangnisses und besann sich.

Er schrieb, soviel ich mich aus dem Gedachtniss entsinnen kann, sagte er, ungefahr so: Mein guter Egon, der alte Generalissimus da oben lasst gewiss nachstens bei mir Appell blasen, und deinen Vater kennst du als einen guten Soldaten, der, wenn die Trompete ruft, punktlich auf seinem Posten steht. Da die Reise weit ist, mein Junge, so nehm' ich viel Gepack mit. Mit Dem, was ich zurucklasse, sieh zu, wie du fertig wirst! Du bist wenigstens der Furst Egon von Hohenberg, Das fuhrt dich immer noch gut ins Leben ein, wie mich leidlich heraus. Wenn du Ursache haben wirst, manchmal zu wunschen, dein alter Vater hatte in dieser Welt bessere gute Freunde gefunden, als seine Glaubiger waren, so bemitleide mich! Schlurck sagte mir immer: Durchlaucht, Sie ruiniren sich .... Ich sagte ihm: Canaille, Geld, aber keine Moral! Von dir nicht! Von euch Allen nicht! Schlurck sagte auch: Durchlaucht, Sie ruiniren Ihren Herrn Sohn! Das war richtiger .... Aber darum sag' ich doch: Pass' dem Kerl auf die Finger, Junge! Es bleibt dir noch genug, um bei Hofe manchmal mit vier Pferden aufzufahren, bei einer Schlittenfahrt gute Livreen zu erfinden und die deutschen Weiber mit deinen Franzosinnen zu vergleichen. Da ich mit Freude gehort habe, dass du solid geworden bist, wie mich Graf d'Azimont versichert, dessen junge Frau du verfuhrt hast, da du ferner deine verfluchten Muckerstreiche mit Metierlernen, Hobelfuhren und solche verruckte Angedenken an die Pension und deine selige chere Mere aufgegeben hast .... Gott hab sie selig ... so zweifle ich gar nicht, dass du hier im Lande noch eine gute Partie mit Geld und Gutern machst und unser Wappen ein Bischen neu vergoldest. Von deiner Mutter nochmals zu reden, so nimm mir's nicht ubel, mein Sohn, dass ich in einem Anfall ubler Laune und schlechter Kasse ihre hohenberger Hinterlassenschaft in Bausch und Bogen losgeschlagen habe. Die Harders sind eigentlich zunachst Schuld daran und qualten mich um die Einrichtung. Pauline, die in ihren jungen Tagen, ich will nicht wissen warum, deiner Mutter das Leben nicht gonnte, hat seit ihrem Tode gethan, als wenn sie in Mama ihre letzte Freundin verloren hatte. Kaum hatte Mama die Augen zu, so kam sie und lamentirte um Andenken und verlangte zuletzt ihren ganzen Nachlass, um ihn in ihrem neuen Landhause vor der Stadt aufzustellen. Naturlich kauflich. Du weisst, dass ich vor einem Jahre nichts daran raumen und andern durfte. Als aber das Jahr um war, lieber Junge, kam sie wieder mit dem alten Jammer um die edle Freundin, aber sie ist schlau dies Weib! Was den Nachlass anlangte, uber den wir um dreitausend Thaler schon einig waren, so wollte sie ihn jetzt durch ihren Mann auf Staatskosten fur die koniglichen Lustschlosser ankaufen lassen. Sie wusste es richtig so zu drehen, dass der Hof Wind bekam und in seiner mir immer bewiesenen Gnade gleich das Geld gab, das ich gerade den impertinentesten meiner Manichaer, den Hund, den Pfannenstiel brenne die undankbare Canaille im ewigen Feuer dafur! zu befriedigen dringend brauchte. Siehst du, Junge, so ging das Mobiliar zum Teufel! Jetzt aber noch Eins! Weil ich nicht begreifen konnte, wie das weiland so bose Weib, die Pauline, zu so schrecklicher Zartlichkeit fur unsere Familie kam und mich Schlurck, der uberhaupt mit allen Hunden gehetzt ist, einfach und trocken versicherte, die gute Geheimrathin furchte den geschriebenen Nachlass ihrer ehemaligen Freundin und wolle nur tout bonnement jeden Keim wiederauflebender alter Geschichten dadurch ersticken, dass sie die Macht bekame, auf Hohenberg jeden Winkel zu durchstobern ... so hatt' ich, lobe mich dafur! die Vorsicht, erst alle Schranke offnen und jeden Schnitzel Papier, der sich vorfand, verbrennen zu lassen. Glucklicherweise fand ich nichts als das Geschreibsel von allen Pfaffen der Erde an die Mama, an die sie das Geld verthan hat, und an die Heidenbekehrer und Hottentotten noch dazugenommen. Ich war dabei, als der ganze fromme Gestank im Kamin prasselte, und fast hatten wir Hohenberg damit in Brand gesteckt. Nun mag die Hexe, die Pauline, den Rest durchstobern! Sie wird nichts mehr fur ihren Schnabel mit den falschen Zahnen finden! Die Familienbilder, mein Sohn, versteht sich von selbst, sind von dem Verkauf ausgeschlossen und bleiben dein. Ca commande le nom de la famille ... Also, mein lieber Sohn, nun mach' ich dir Platz in dieser Welt, die gerade nicht schlecht ist, wenn's kein Podagra und keine Wucherer gabe! Thu' mir die Liebe und folge nicht uberall meiner Spur, sie verlor sich manchmal ein Bischen ins Holz, wo der gute Weg aufhort und die Irrlichter zu plankeln anfangen aber duld' aber auch nicht, dass Buben uber mein Grab springen, Hunde darauf u.s.w. durfen! Mit einem Wort, bleib ein Cavalier, wie ich einer war, wenn's auf Bravour ankam, und verstehst du, auf ein honettes Sentiment. Mein Sohn! Meine Orden schickst du an die Herren Souverains zuruck, die meine Brust damit geschmuckt haben. Es sind ihrer eine schwere Menge. Thu' Das mit Anstand und feiner Etiquette! Vielleicht lasst dir Einer oder der Andere so ein Kreuz oder Band auf Abschlag fur kunftige Verdienste gleich um den Hals zuruck und sagt: Ich wusste keinen bessern Erben Ihres Herrn Vaters als den Herrn Sohn! Es fuhrt gut in die Gesellschaft ein und macht sich immer artig, wenn man, wie du, eine Figur danach hat. Die Verdienste kommen schon spater. Sorge nur, ich bitte dich darum, fur meine alten Pferde, fur meine Hunde und auch die Diener! Auch Das noch: Wenn einmal Einer mit zerschossenem Bein kommt und sagt: Unter Ihrem Herrn Vater Durchlaucht hab' ich bei Leipzig den Schuss gekriegt, so lass' ihn, wenn er auch lugt ... denn die Jungens sind Alle todt oder versorgt ... so lass' ihn nicht ohne ein paar Groschen gehen! Horst du? Das eigentlich grosse Denkmal setzt mir der Konig, mein guter Herr! Leb' nun wohl, Egon! Das ist mein letzter Brief. Ich ahne Etwas von einem recht langen Winterquartier unter der Erde. Nimm meinen Segen. Brauchst ihn nicht zu verschmahen. Ein Husar, der ehrlich stirbt, ist doch so gut, wie ein Pfarrer. Adieu, mon fils! Pour jamais! Dein treuer Vater Furst Waldemar von Hohenberg. Postscriptum: Verkauf getrost meinen ganzen Nachlass, aber die Uniformen lass beisammen als Familienstuck! Ich mochte, dass Das aufbewahrt bleibt. Vielleicht wird einer von deinen Jungens Soldat und lacht, wenn erst die neuen Theatersoldaten zugeschnitten sind, lacht als Cadett uber einen alten Generalfeldmarschall von ehemals. Dies entre nous! Zeige den Brief Keinem vom Hofe ... verstehst du? Hute dich vor den Harders und thue Recht und scheue Niemand! Adieu, mon fils!

Als Egon diesen Brief aus dem Gedachtnisse fast wortlich wiederholt hatte, konnten sich Beide, so traurig die Veranlassung war, einer heitern Stimmung nicht erwehren.

Ich fuhle denn doch, sagte Dankmar, wie in diesem martialischen Herrn, den ich gar oft noch habe reiten sehen und dessen feierliches Begrabniss die ganze Stadt in Bewegung brachte, der Kern jener Gesinnung lag, die man die gute alte deutsche nennt .... Was wollte er nur mit dem Postscriptum und dem Verbot des Zeigens bei Hofe?

Es ist das Postscriptum spatern Datums als der Brief selbst, erklarte Egon, und offenbar in grossem Unmuth geschrieben. Die Jugend dieser alten Haudegen fiel in Zeiten, wo die Fackel des Kriegs durch ganz Europa loderte und an eine edlere Bildung auf der Wettbahn der Tapferkeit und des Gluckes nicht zu denken war. Die darauf folgende Friedenszeit hat zwar den wohlerworbenen Kriegsglanz eines gefeierten Namens nicht truben konnen, aber nur zu bald stellte sich heraus, dass die Helden des Feldlagers Sitten nach Hause brachten, die ihrer hohen, Aller Augen zuganglichen Stellung nicht entsprachen. Da sollte denn ausserer Glanz, vornehmer Prunk die innere Leere ersetzen. Im Widerspruch mit einem jungern heranwachsenden Kriegergeschlecht, das aus Buchern und in einer stillen Friedenswarme fur seinen Beruf sich bildete, machten jene alten Helden gerade ihre wilden Sitten, Trunk, Spiel und Galanterie um so zugelloser geltend, als der politische Horizont sich manchmal doch wieder zu umwolken und irgend ein kriegerisches Zeichen am Himmel noch hervorzuzukken schien. Spater, wo die bedenklichen Krisen der europaischen Staaten friedlich verliefen und die alte militairische Tradition sich immer mehr verlor, gewann auch die geistige Richtung beim Militair so die Oberhand, dass man die alten Helden des Lagers, die Ritter vom Schwerte, nur noch aus Pietat schonte und diese, um sich nur zu behaupten, sogar auf Moderichtungen des Tages sich verlegten. Mein Vater soll in seinem Bestreben, sich hoffahig zu erhalten und modern geistreich zu werden, hochst komisch gewesen sein. Wenn er bei der jetzigen jungen Landesmutter zum Thee war, erzahlte man mir in pariser Cirkeln, schenkten ihm die Bedienten, die dafur reichliches Trinkgeld erhielten, statt Thee Rum ein und wahrend die junge Konigin mit Bewunderung sah, welche artigen Sitten der alte Furst Waldemar angenommen hatte, pries er so lange seine Vorliebe fur die von ihr protegirten Massigkeitsvereine, bis er unter irgend einem Vorwande sich still entfernte. Die Zarten, Empfindsamen freuten sich, dass wahrscheinlich das Gefuhl der Wehmuth, das am Hofe sehr cultivirt wurde, auch schon solche derbe Naturen ubermannte. Andere meinten aber, nur der Rum hatte ihn ubermannt, wieder Andere aber, die ihn noch besser kannten, sagten geradezu, er ginge, weil ihm der Rum der jungen Landesmutter zu schwach war, zur Prinzessin Ottokar, wo er eine gewisse scharfere, weisse Sorte Rum vorfand, die er vorzog und die ihm die bereits unterrichteten Bedienten dort feierlich und schweigsam in den Thee gossen. In den Cirkeln der Prinzessin Ottokar war man namlich mit den Anfoderungen der Armee vertrauter als bei der jungen Konigin, ihrer Schwagerin.

O mein Gott! rief Dankmar, der uber diese Anekdote, die Prinz Egon mit lachelndem Schmerze vortrug, nicht lachen konnte; wie wenig verdienen Sie die Vorwurfe, die Sie sich jetzt zu machen scheinen, Prinz, Vorwurfe, dass Sie von solchen zerrutteten Zustanden fernblieben ....

Sie konnen sich denken, fuhr Egon nach einer Pause fort, dass ich nach dem Tode meines Vaters nun doch nicht langer in der Fremde verweilte. Es waren Umstande eingetreten, die mir die Ruckkehr, die jetzt eine Pflicht der Vernunft war, auch zu einer Trostung des Herzens machten. Ich betrat den deutschen Boden und den unserer engern Heimat. Aber ein solches Grauen empfand ich, in das Palais meines Vaters, so schon, so prachtvoll es ist, einzuziehen, dass ich erst in einem entlegenen Gasthofe abstieg und im Grunde nicht recht wusste, was ich nun eigentlich hier beginnen sollte. Es meldeten sich sogleich Haushofmeister, Secretaire, Kammerdiener, Lakaien. Alles huldigte mir. Ich antwortete zerstreut und planlos. Der Einzige, der mich in mein Eigenthum, in die zerruttete Lage meiner mehr als zweifelhaften Besitzungen einfuhren konnte, der Justizrath Schlurck, war nicht zugegen. Ich erfuhr, dass er in Hohenberg war. In Hohenberg, musst' ich mir sagen! Und ich sagt' es nicht ohne Bitterkeit. Da kam mir ein Gedanke: Hohenberg und das Bild meiner Mutter! Du sollst nun handeln, schaffen, wirken: entledige dich zuerst eines Opfers der Liebe, rief es in mir, suche die Grabstatte deiner Mutter und rette dir das Bild, wenn es noch moglich ist, und das wichtige Geheimniss, das es enthalten soll! Meines Vaters Diener erzahlten mir, dass das hohenberger Mobiliar soeben von dem Geheimrath von Harder in Besitz genommen wurde.

Ich erwahnte die Familienbilder. Man sagte mir, sie blieben die unsrigen, aber erst mussten den Bedienten war alles Das so bekannt, wie den Herrschaften selbst auch diese wie alle Gegenstande nach der Residenz gefuhrt werden. Man wusste, dass die Geheimrathin von Harder einen Antheil an dieser Procedur nahm, den sich Niemand erklaren konnte .... Mich ergriff nun ich weiss nicht welche Beklemmung. Die Worte des Vaters, seine Warnung vor den Harders kamen mir so beangstigend in den Sinn, dass ich mich rasch entschloss und theils um Hohenberg in der Stille zu beobachten und mich fur meine kunftigen Plane uber Behalten oder Nichtbehalten vorzubereiten, theils um auf irgend eine Art das Bild meiner Mutter mit dem plotzlich mir selbst geheimnissvollen, vielleicht schon geraubten Einschlusse zu retten, mich auf den Weg machte. Ich that es in einer Verkleidung, die Sie kennen. Ich begegnete auf dem Heidekrug Schlurck, den wahrscheinlich die Nachricht von meiner Ankunft schleunigst zuruckrief. Wir lernten ihn in seinem ganzen Leichtsinn kennen. Ihnen entdeckt' ich mich, Wildungen, weil ich Sie liebgewann und mir denken muss, Sie werden mein ganzes Leben hindurch mein Freund sein und bleiben. Sagen Sie mir's, aber aufrichtig! Irr' ich mich?

Dankmar reichte ihm geruhrt die Hand ....

Diese festhaltend, schloss Egon mit den Worten:

Ich habe es eine Weile bereut, diese Reise unter solchen Umstanden gemacht zu haben, jetzt nicht mehr. Ich wollte erst zum Forster Heunisch, den wir auf dem Gelben Hirsch gesehen hatten, mich dort zu erkennen geben und die Nacht bei ihm bleiben. Ich blieb, um ihn zu erwarten. Ein altes widerliches Weib schreckte mich ab ....

Ursula Marzahn! sagte Dankmar.

Marzahn? bemerkte Egon. Ist das die Frau des wilden Soldaten, der mich schiessen lehrte! Sie muss kindisch sein ....

Was that sie Ihnen? fragte Dankmar erstaunt.

Als ich warten wollte und mich fur einen reisenden Tischler ausgab, sagte sie: Ich kenne dich wohl, du bist ein Tischler und machst Sarge! Geh! Geh! Hier ist Niemand zu begraben! Das schreckte mich doch. Ich musste ihre Art fur wahnsinnig halten. Noch lange rief sie mir nach: Ich kenne dich! Ich fing an mich zu furchten und lief fast. Es war mir als hetzte mich ein boser Geist, so rannte ich durch den Wald vor dieser graulichen Alten, auf die ich mich ... ja! ja! ... ich besinne mich, es war die schon damals alte Frau des jungern, luderlichen Marzahn, schon damals verrufen als ein schlimmes, unfreundliches Weib!

Wo blieben Sie aber diese Nacht? fragte Dankmar theilnehmend.

Da die Alte von den Todten gesprochen hatte, so fuhrte es mich unwillkurlich auf den hiesigen Kirchhof. Da sucht' ich erst das Grab meiner Mutter und fand es in einem einfachen von einem goldenen Kreuz gezierten Mausoleum. Es war Nacht geworden. Auf dem Schlosse oben sah ich erhellte Fenster. Ich horte die Klange eines Flugels durch den stillen Frieden heruber. Es war fremde Gesellschaft in Raumen, die doch noch mir gehoren! Unter dem Scheine einer Besprechung der Glaubiger genoss man die Vorfreuden des kunftigen Alleinbesitzes. Wenn ich in dem Augenblicke, wo Alles der Freude und dem Scherz hingegeben, das Schloss zu betreten wagte, die mir wohlbekannten Zimmer aufsuchte und jetzt gleich mit eigener Hand das Bild rettete, das mir eine sterbende Mutter auf die Seele gebunden hatte? Ich entschloss mich rasch und stieg hinauf. Die angefesselten Hunde bellten nicht, sie schienen den lebhaften Verkehr im Schlosshofe gewohnt. Die Thuren des Gitterwerks standen weit offen, obgleich es langst die zehnte Stunde geschlagen hatte. Den grossen Eingang fand ich aber verschlossen. Nur mein Klingeln hatt' ihn geoffnet. Dazu fehlte mir der Muth, die Fassung. Ich setzte mich, umspielt von einem leisen balsamischen Abendwind, auf die Schwelle eines der innern Fenstervorsprunge. Der Mondschein fiel auf die entgegengesetzte Seite. Ich sass im Schatten und blickte zu den Sternen aufwarts. Hinunter sah ich dann in die dunkeln Gebusche des Gartens, von wo der mir so wohlbekannte kleine Wasserfall herubermurmelte. Ich horte einzelne Worte des oben gefuhrten Gesprachs. Es schien mir fast, als sprache man von mir selbst. Ich horte oft den Namen meiner Mutter und fand diese Umkehr der Dinge, diesen Wechsel des Geschicks so traurig, so jammervoll, so entwurdigend fur mich, dass ich den Muth zur That verlor und meine Gedanken hinausspann bis nach dem Genfersee und der Rhone, wo ich solcher Abende ach!

soviele erlebt habe, soviele, die mir im Angesicht der majestatischen Gebirge und im Rauschen der Wogen hingingen wie jene Gebete, die meine Mutter von mir in einsamer Kammer oder vor dem Altar einer Kirche verlangte .... Endlich ging die Gesellschaft oben auseinander. Noch lachte und neckte sich Alles beim Abschied und dem Herunterkommen von der grossen steinernen Haupttreppe. Man entfernte sich nach vorn, nicht durch den innern Hof. Hier und dort wurde ein Fenster hell und verlosch wieder .... Wie in einem Gasthofe! Man sah, dass uberall die Menschen sich wie hauslich niedergelassen hatten. Endlich wurde Alles still, alle Lichter erloschen, nur in den Zimmern meiner Mutter schien noch der matte Schein des Lampchens zu glimmen. Ich musste annehmen, dass sie bewacht wurden. Dennoch nahm ich meinen Entschluss wieder auf. Ich umging den rechten Flugel des Gebaudes. Ach! hier lag noch der kleine Kieselsand auf dem Boden und knirschte unter meinen Schritten, hier waren noch die Stellen auf ihm eingedruckt, wo sonst einige Orangenbaume in grossen holzernen Gefassen prangten. Einer kleinen Seitenthur naherte ich mich, ich druckte darauf, auch sie war verschlossen. Dann sah ich empor, ob ich nicht wagen konnte, hinaufzuklettern; aber die Stuccaturvorsprunge der Mauer waren zu schwach. Sie wurden mich nicht getragen haben, selbst wenn ich mich mit den Nageln in den Kalk hatte einkratzen wollen. So konnte denn nur eine Leiter helfen und diese zu suchen entfernt' ich mich. Wie ich so vorsichtig, geschutzt von den langen Schatten des Schlosses, in der nachsten Umgebung hin und her spahe, hor' ich ein Knistern auf dem Kieselboden. Aus dem Garten schleicht sich ein Mensch behutsam naher. Es war hell genug, in ihm denselben kecken Burschen zu erkennen, mit dem ich Sie zuerst erblickte, und der uns im Walde so plotzlich verliess.

Hackert? fragte Dankmar.

Derselbe Mensch mit dem rothlichen Haare, sagte der Furst, derselbe mit dem hamisch lauernden Ausdruck der Augen, derselbe, der mich fur einen politischen Spion hielt.

Er wandelte im Traume? sagte Dankmar.

Wie? antwortete der Furst, der diese Frage nicht ganz verstand. Im Traume? Er war in einem vollig bewussten Zustand. Eine Weile stand er lauschend still. Ich druckte mich hinter eine Karyatide, die eine der Fensternischen ziert und folgte dann behutsam und spurte seinem Treiben nach. Er blieb, ringsum spahend, in dem innern Schlosshof. Wie er an einem der Fenster das Merkmal gefunden zu haben schien, das er suchte, blieb er an der entgegengesetzten Wand im vollen Mondscheine stehen und blickte unverwandt wie ein zweiter Ritter Toggenburg auf jenes Fenster. Endlich regte sich etwas an dem von ihm beobachteten Punkte. Vorhange wurden zuruckgeworfen und eine, wie es schien, jugendlich schone weibliche Gestalt im Nachtkleide offnete das Fenster. Kaum hatte sie einen Blick in den Mondschein geworfen, als sie laut und mit Entsetzen jenen Namen rief, den Sie vorhin nannten. Ja!

ja! Hackert war es! Das Fenster wurde von dem lieblichen Wesen, das mich selbst bezauberte, wie in der Eile der Angst zugeworfen, die Vorhange fielen zuruck, der abenteuerliche Mensch lachte grell auf, polterte, larmte, als wollte er sich horbar machen, und sprang pfeifend und singend wie besessen davon. Ich eilte ihm nach. Er hupfte den grossen Fahrweg hinunter. Ich folgte ihm zuletzt mit Muhe. Zuweilen stand er ganz still und sprach laut lachend, sah sich um und wiederholte mit kindischen Gebehrden seinen eigenen Namen. Unten aber wandte er sich dem Walde zu, wohin ich ihm nicht folgen mochte, da ich plotzlich im Dorfe lautes Sprechen horte. Ich folgte diesem Larm. Man schien im Pfarrhause laut zu peroriren. Kinder schrieen. Als ich naher kam, war es still. Da gab ich denn fur diese Nacht mein Vorhaben auf, blieb auf dem Kirchhof und warf mich unter dem Vordache des Mausoleums meiner Mutter zum Schlafe nieder. Erstaunen Sie daruber nicht! Es ist nicht das erste mal, dass ich unter freiem Himmel schlafe ....

Ich wunsche, sagte Dankmar geruhrt, dass in der heiligen Nahe Ihrer Mutter Sie ein Traum beseligt haben moge, worin sie Ihnen die Palme des Friedens und der Versohnung reichte ....

Dieses Gluck wurde mir nicht zutheil! sagte Egon. Ich traumte auf dem harten Boden nur von jenem Bilde, das mich nicht mit der Zartlichkeit einer Mutter, sondern erst todt und kalt, dann immer hasslicher, zuletzt in wilden Fratzen anblickte, bald von Schlangen umringelt war, die es bewachten, bald sich in einen derartig gewohnlichen Gegenstand verwandelte, dass ich im Traume gelacht haben muss. Ein mal war es ein zinnerner Teller, den die alte Brigitte in der Hand hielt! Darauf war ich so ermudet, dass ich ziemlich fest und lange schlief. Als ich erwachte, fiel mein Auge auf den marmornen Sarg, der hinter dem Gitter von einem Engel gehutet, in nicht ubel ersonnener Architektur, vor mir stand. An der Hinterwand las man die mit Gold eingegrabenen Worte: "Kommt zu mir Alle, die Ihr muhselig und beladen seid, ich will Euch erquicken!" Erst sah ich neben dem Kirchhof in einem freundlichen Garten, wo ich in der Nacht das laute, heftige Sprechen vernommen hatte, den Pfarrer, Guido Stromer wahrscheinlich, den ich nicht kenne, von Blumenstrauch zu Blumenstrauch gehen und mit sinnender Uberlegung ein Bouquet zusammensetzen, das er wahrscheinlich nach einer hauslichen Scene zur Versohnung seiner Frau auf den Fruhstucksteller legen wollte .... Fruhstuck! Ich gedachte dabei meiner eigenen Nahrung und besann mich, dass ich ganz prosaischen Hunger hatte. Ich erquickte mich, die Ulla entlang wandernd, in entlegenen Bauernhausern an frischer Milch. Da sah ich plotzlich gegen neun Uhr einen grossen Transportwagen zum Schlosse hinauffahren. Der Gedanke: Noch ist es Zeit! elektrisirte mich. Ich fasste wegen des vielleicht noch zu rettenden Bildes einen letzten Entschluss. Entweder, dacht' ich, kannst du dir noch glucklich durch Gewandtheit dein Eigenthum erobern oder du entdeckst dich dem Geheimrath von Harder und machst diesem Maskenspiel ein Ende, selbst mit Gefahr, seiner Gattin gerade das Bild zu verrathen, an dessen Besitz, wenn sie das Geheimniss kannte, ihr soviel gelegen schien wie mir. Ich komme aufs Schloss, das Durcheinander und Larmen der Diener begunstigt mein Vorhaben. Man tragt einen Tisch nach dem andern, Sessel, Fauteuils, ja selbst das geschmackvolle, gothisch geformte, auseinandergenommene Bett der Mutter in jenen grossen Wagen, bei dem der Geheimrath Wache zu stehen schien, wenn ich anders eine hagere, mit Orden geschmuckte Figur dafur halten muss. Bei einer solchen Demuthigung meines Namens mich zu entdecken ich hatt' es nicht vermocht. Ich betrat das Schloss, erstieg die Treppe ... man sah soviel Menschen durcheinander, dass ich nicht auffiel. Ich gelange in die Zimmer meiner Mutter. Welche Verwustung! Welche Zerstorung! Alles durcheinandergewuhlt, Fetzen Papier auf der Erde, die Wande halb zerschlagen, die Kamine, wahrscheinlich vom Verbrennen der Papiere, mit Russ und Rauch uberzogen. Das war ein Chaos! Ich sehe Leute, die packen und tragen ... ich schreite weiter, als gehort' ich zu ihnen. Im Schlafzimmer der Mutter hangen noch Bilder, mein eigenes Bild als Knabe. Das Bild des Vaters, das Bild der Grossmutter und uber dem Platze, wo das Bett stand, uber einem Crucifix, das unberuhrt hing, sehr hoch, still und schweigsam, ja gespenstisch, das bezeichnete runde Pastellgemalde! Ich suchte nach einem Sessel. Ich ergreife den ersten besten, steige in die Hohe, reiche nach dem Portrait, hab' es in der einen Hand und fahre schon mit der andern uber die Glasflache, als ich mich an den Fussen gepackt fuhle. Der Bediente, den Sie hier sahen, reisst mich hinunter, schleudert das Bild aus meiner Hand, glucklicherweise auf nebenanliegende Betten, ruft Hulfe! Man umringt mich, der Intendant mit grossen dummen Schafsaugen misst mich auf zehn Schritte Entfernung, weil er meine zornfunkelnde Miene furchtete, und befiehlt zitternd und bebend meine Verhaftnahme .... Man packt, halt mich, fuhrt mich den Weg hinunter in diesen Thurm, und nun sagen Sie, was ich anders thun kann ....

Als sich eine Weile ergeben, Prinz! erhob sich Dankmar jetzt mit sorgloser froher Bewegung, und von Ihrem Freunde Alles erwarten, was nur in seinen Kraften steht! Wie Sie ungekannt von hier entkommen konnen, weiss ich noch nicht, aber weder das Geheimniss des Bildes noch Ihr eigenes durfen Sie preisgeben. Nach dieser Behandlung ... nein, konnen Sie sich nicht entdecken! Niemals! Niemals!

Ich fuhle Das, Wildungen!

Sie mussen fur immer auf diesen Tag einen Schleier fallen lassen und das Ubrige ...

Das Ubrige?

Dankmar stockte und sagte dann nachdenklich:

Ist es nicht wunderbar, dass ich mit Ihnen durch das gleiche Schicksal verbunden bin? Scheint es nicht ein Fingerzeig des Zufalls zu sein, der scherzend die ernsten Missionen des Verhangnisses erfullt, wie wir so zusammengefuhrt werden durch eine ahnliche, ja fast gleiche Aufgabe! Wie sich mir an jenen Schrein eine grosse Aufgabe knupft, die ich Ihnen einst ausfuhrlicher entwickeln werde, so verbirgt Ihr Bild ohne Zweifel Thatsachen, die tief in Ihr Leben eingreifen und der Schlussel zu den dunkelsten Verwirrungen werden konnen, die Ihnen noch fur Ihr Leben aufbewahrt scheinen! Bedenken sie diesen verdachtigen Eifer einer Frau, die Ihrer Mutter Freundin war, dann sie hasste und sie nun auch im Tode verfolgt und jede Spur von ihrem Dasein Sie sehen es ja vertilgen mochte.

Was man von dieser Pauline Harder weiss, sagte Egon ergriffen von der Theilnahme des Freundes, ist nur zu sehr geeignet, ihren Schutz fur ebenso allmachtig, wie ihre Verfolgung fur eine Holle auf Erden zu erklaren. Was beherrscht sie nicht? Ich weiss es aus den diplomatischen Kreisen in Paris. Sie regiert durch die verzweigtesten Faden ihrer gesellschaftlichen Beziehungen einen Theil der offentlichen Meinung. Was hat sie nicht schon Alles unternommen! Was nicht gefordert und gehemmt! Wo nur eine Idee ins Leben treten soll, find' ich ihren Namen, als Beschutzerin oder Gegnerin und grade, weil sie Denen eine starke Macht verleiht, die sie aufsuchen, furcht' ich fur Die, die sie vermeiden, umgehen wollen ... Eine Freundin von ihr, die Grafin d'Azimont ...

Egon stockte.

Sie nannten jene Dame, die Ihr Vater in seinem originellen Briefe erwahnte, bemerkte Dankmar.

Der junge Furst schwieg, fast verlegen. Dankmar schonte sein Gefuhl, nahm das Wort und sprach die Vermuthung aus:

Ihre Mutter hat ohne Zweifel Erinnerungen ihres Lebens geschrieben; die grosse Welt furchtet ihren Wahrheitseifer. Das Gerucht von Memoiren der Furstin Amanda wird sich verbreitet haben, und diese, diese werden gesucht, vielleicht Briefe aus alten Zeiten, die manches Geheimniss enthullen. Geben Sie die Eroberung nicht auf!

Aber wie? sagte Egon. Ich bin gefangen und schon in diesem Augenblicke vielleicht ist der Wagen gepackt, schon jetzt rollt er vielleicht der Residenz zu und die genaueste Untersuchung eines vor Enthullungen zitternden Weibes durchstobert jedes kleinste Theilchen seines Inhaltes und wird auch bald entdekken, dass die Ruckwand des Pastellbildes auffallend stark, ja fast einem Kastchen ahnlich ist ...

In der That? bemerkten Sie Das? sagte Dankmar.

Aufs Deutlichste.

Geben wir dann nur Eins nicht auf, rieth Dankmar. Das ist die Zeit! Jede Stunde kann noch einen Gewinn bringen, jede Minute das Schlimmste abwenden. Ich bin auf das Schloss geladen. Ich werde alle Fragen wegen meiner eigenen Angelegenheit fallen lassen, da ich Ihr Zeugniss habe, dass Schlurck meinen Verlust schon mit sich gefuhrt hat. Sie und Ihr Interesse sollen mein einziges Augenmerk sein. Ich werde horchen, ich werde forschen, ich werde mir irgend eine Gelegenheit zu Nutze machen, Ihnen zu dienen; aber Sie mussen sich entschliessen so peinlich der Gedanke ist ...

Wozu? sagte Egon, indem er Dankmar's, die kleine Zelle musternden Blicken folgte; ... Sie meinen, ich muss den Gedanken an Freiheit fur heute aufgeben

Das ist es! sagte Dankmar. Nur um Zeit zu gewinnen, setzte er hinzu. Zeit, sich der einen Sache, der im Augenblick wichtigern, widmen zu konnen. Warum soll ich nicht das Gesprach auf dieses Bild fuhren konnen, es nicht ansehen durfen, warum durch den raschen Druck auf das schutzende Glas den Inhalt nicht zum Vorschein bringen? Denken Sie sich diese Uberraschung! Ich wurde sogleich als Jurist auftreten, ich wurde Beschlag auf diese Papiere legen, ich wurde sie nicht eher aus der Hand lassen, bis ich nicht den Gefangenen aus dem Thurm befreit hatte, dem sie allein gehoren, dem Prinzen Egon von Hohenberg!

Wildungen! rief Egon, sprang auf und warf sich ihm an die Brust, indem er mit sturmischer, Dankmarn fast seltsamer Freude den Bruderkuss auf die Lippen druckte. Wildungen! Sei mein Bruder!

Dankmar, ablehnend, fast erstaunend, ungewohnt solcher Regungen in dieser kuhlen Zeit, wollte scherzend erwidern. Aber Egon litt es nicht und sagte:

Eine Vergleichung mit Posa und Carlos ware lacherlich. Ich habe kein Spanien zu erben! Aber ein Posa bist du, Freund, wie wir, weisst du, schon einmal scherzten. Das Kreuz des Malthesers wurde deinen Mantel zieren, wie den tapfersten Ritter, der fur das Grab des Erlosers focht ...

Dankmar war erst erschrocken uber diese sturmische, ihm doch etwas peinliche Empfindsamkeit, dann aber betroffen uber diese Erinnerung an seine eigensten, geheimsten Ideengange ... dachte er an Siegbert, an Ackermann und den Knaben ... und er hatte sie gern in diesem Bunde gehabt, in diesem Bunde der Freundschaft, der Liebe und des einen Geistes! ...

Eben sagte Dankmar liebevoll und geruhrt:

Egon! Gibt es denn noch Freundschaften in unserer Zeit?

Egon wollte erwidern

Da horten sie draussen den Riegel gehen. Der Schlussel im Schlosse drehte sich und schon auf dem Vorplatz machte sich der Thurmhuter vernehmbar mit den Worten:

Ich komme fruher, als Sie mich rufen.

Wie er die zweite Thur aufgeschlossen hatte und eintrat, reichte er Dankmarn einen Brief hin.

Der sonderbare Mensch, sagte er, der nach Ihnen in der Krone fragte, hatte keine Ruhe und wollte Sie sprechen. Da Sie nicht kamen und ich ihn nicht herauflassen durfte, schrieb er diesen Zettel an Sie und hat ihn mit vier Siegeln zugeklebt, als furcht' er, ich wurde seine Staatsdepesche lesen. Eigentlich lass' ich mich da auf Sachen ein ...

Dankmar nahm den Brief und erstaunte sowol uber die wunderbar schone, wie in Kupfer gestochene Handschrift, wie uber die Adresse, die wortlich lautete: "An den Ritter vom vierblattrigen Kleeblatt."

Dankmar musste auflachen.

Pfannenstiel spahte und fragte:

Ist Das wirklich an Sie?

Er musste wol glauben, hier hinter eine verzweigte Gaunerbande zu kommen, die sich in einer eigenen Spitzbubensprache verstandigte.

Egon las auch die Adresse und sagte:

Aber Das ist ja erstaunlich! Da ist ja der Ritter Posa schon anerkannt und von einem Schreiber von einem Schreiber ... diese kupfergestochene Handschrift kenn' ich

Sie ist von Hackert, der mich nicht nennen will! sagte Dankmar. Jetzt glaub' ich wol, dass er nicht die Peitsche zu fuhren versteht. Das ist ja meisterhaft geschrieben! Er wollte mich nicht mit Namen nennen, der schlaue Fuchs, und so erinnert die Adresse an einige Erorterungen, die ich mit ihm uber das Kreuz auf dem von Schlurck gefundenen Schrein hatte. Bester Pfannenstiel, der Brief ist an mich ... und enthalt hoffentlich kein Gaunerlatein!

Schlurck? sagte Egon und setzte leise hinzu:

Alle Briefe, die ich von der Verwaltung meines Vaters empfing, waren von dieser namlichen Hand geschrieben.

Naturlich, sagte Dankmar ebenso. Hackert war Schlurck's Schreiber ...

Und wahrend noch der junge Furst seinen Erinnerungen uber diesen Gesellen und sein nachtliches Treiben nachhing, eroffnete Dankmar den Brief und las fur sich.

Betroffen fuhr er sich mit der Hand uber die Stirn, las noch einmal, lachte dann, nahm rasch seinen Hut und sagte zu Egon:

Nun keine weitern Erorterungen mehr, Freund! Sie wurden er sah auf Pfannenstiel hier nicht am Platze sein. Noch heute Abend oder morgen fruh horst du mehr von mir. Ergib dich in dein Schicksal! Traume vom Genfersee, von Lyon, von Paris, von der Zukunft und wenn du willst, von der Grafin d'Azimont! Leb wohl!

Und damit entfernte er sich wirklich zum grossen Erstaunen des Schliessers, der noch einige Worte mit dem Gefangenen wechselte, ihm alle Bequemlichkeiten versprach und dem "Ritter vom vierblattrigen Kleeblatt" folgte, den er unten an der Thurmpforte zu finden hoffte. Dankmar war aber schon weit von dannen ... Pfannenstiel schloss die Thur mit gewaltigem Schlussel zu. Er dachte doch wol:

Wir haben einen curiosen Fang gemacht! Das Examen wird unserer Justiz viel Arger und Muhe kosten.

Egon nahm aber den Brief, den ihm Dankmar in seiner eiligen, ihn fast verwirrenden Entfernung zuruckgelassen hatte.

Er las:

"Ew. Wohlgeboren werden heute Abend auf dem Schlosse sein. Sollte die Rede auf mich kommen, Fritz Hackert heiss' ich, so konnen Sie Vieles von mir sagen, was Sie wollen, selbst dass ich Ihnen wie ein Esel erschienen bin. So etwas schadet mir da nichts, weil man meine Ohren kennt und was ich hinter ihnen habe. Aber, wenn Sie ein Mann von Ehre sind und Sie es gern horen, dass ich ausser einem Wesen, das vielleicht kein Mensch ist, keinen Menschen in der Welt so lieb habe, wie ... nicht etwa Ew. Wohlgeboren, sondern Ihren Herrn Bruder, der mich in einem Augenblicke der Verzweiflung mit Menschenliebe erquickte, so beschwor' ich Ew. Wohlgeboren, sprechen Sie von mir auf dem Schlosse nie wie von Ihrem Kutscher! Ich bin ein elender Mensch und kampfe mit allen niedrigen Leidenschaften eines jammerlichen Kerls, der das Gute will, ohne die Organe dafur zu haben, aber ich unterliege wenigstens nicht ganz, wenn ich mich hoher hinauf halte, als wohin mich ein grausames Schicksal geworfen hat. Erniedrigen Sie mich da nicht, wo Sie heute wahrscheinlich sehr hoch stehen werden! Denn ich muss Ihnen im Vertrauen mittheilen, dass man im Orte unten und schon oben auf dem Schlosse anfangt, Sie fur den Prinzen Egon von Hohenberg zu halten, der im Incognito hierher gekommen ware, um sich vom Zustande seiner Guter zu unterrichten .... Vielleicht macht Ihnen dies von mir aus bester Quelle geschopfte Misverstandniss Spass. Ich wunsche, dass Sie Ihren Schrein gefunden haben. Noch einen Rath: Reiten Sie nie mehr mit Pferden von Lasally! Dies unter uns! Ubrigens nochmals: Nicht Kutscher! Ich nenne Sie nicht, wie Sie heissen, sondern wie die Aufschrift lautet, weil es Sie vielleicht unterhalt, das Vorurtheil zu benutzen und auf dem Schlosse einige Stunden lang den Fursten Egon von Hohenberg zu spielen! Etwas vom Teufel haben Ew. Wohlgeboren doch auch im Leibe oder sind wenigstens ein Mensch, der mir vorkommt, als konnte er mit der ganzen Welt Fangball spielen!"

Aus diesen zwar rasch, aber ebenso in der Rechtschreibung sicher wie in der Kalligraphie bewunderungswurdig correcten und gefallig geschriebenen, ihm in den Hauptsachen aber dunklen Worten, ersah Egon sehr wol den Grund, warum Dankmar plotzlich laut auflachte und rasch einen Entschluss fassend, so ausserordentlich muthig und fast drollig aufbrach. Mit dem heitern und erwarmenden Gefuhl, vorlaufig einen wahren Freund gefunden zu haben, ergab er sich nun ruhig in ein Schicksal, das durch die Aussicht, wol gar von Dankmar Wildungen jetzt auf dem Schlosse vertreten zu werden, an wunderbarer Verwickelung und abenteuerlicher Verwirrung noch gewonnen hatte.

Siebentes Capitel

Der Doppelganger

Als Dankmar wieder auf seinem kleinen Zimmer in der Krone war und ihm der Wirth gesagt hatte, es gabe taglich Gelegenheit, Briefe zu befordern, schrieb er aus Rucksicht auf einen nun wahrscheinlich sich etwas verlangernden Aufenthalt an seinen Bruder Siegbert Wildungen:

"Lies den Ariost, theuerster Bruder, und du wirst eine Vorstellung von meinen gegenwartigen Schicksalen haben! Hatte jener fabelnde Sanger den Zug der Argonauten geschildert, die auszogen gen Kolchis, um das goldene Vliess zu holen, ich wette, seine Erfindungen wurden den Abenteuern gleichen, die ich wirklich, ich sage wirklich erlebe. Uber mein goldenes Vliess sei vorlaufig beruhigt! Ich glaube, dass es in sicherer Hand ist. Willst du ein Ubriges thun, so besuche den Justizrath Schlurck und zeig' ihm an, dass er keine Schritte thun mochte, den Eigenthumer des mit einem Kreuz bezeichneten von ihm gefundenen Schreins zu entdecken. Er wurde in der Person deines liebenswurdigen ihm schon bekannten Bruders Dankmar sich ihm bald selbst vorstellen. Auch Peters beruhige und erfreu' ihn mit der Nachricht, dass ich Bello mitbringe, leider nur mit einem solchen Bein, das sich wird heilen lassen, wenn man es noch einmal zerschlagt. Dies Hundeleid, lieber Bruder, ist das einzige Herzeleid dieser Hohenberg'schen Reise! Sonst ruste dich zu einer traulichen Winterabendstimmung, wenn ich anfange dir zu erzahlen, was hier schon Alles hinter mir liegt, noch mehr, was bevorsteht. Am Webstuhl der Zeit sitzen doch immer noch recht alte verschlafene Heidenhexen und spinnen auch noch jetzt unsern uberhellen Tagen traumerische Marchen und unglaubliche Fabeln. Ich sage dir, Horatio, es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als wovon die Zeitungen und die Staatsanwalte sich traumen lassen. Wenn es reif sein und ans Tageslicht kommen wird, dann sagt man vielleicht: es war gewohnlich! Aber im Werden erlebt und mit allen ungewissen, fragwurdigen Umstanden der Schicksalszubereitung aus dem Kessel genossen, hat es etwas von Prospero's Insel. Ich wunschte, du sahest, wie ich in meinem Elemente platschre! Ich werfe mich jetzt eben auf diesen Brief an meinen sanften und vernunftigen Bruder nur, um mich nach allen Regeln des Anstandes zu sammeln vor Beginn eines der lustigsten Tage meines Lebens. Fuge nur getrost hinzu: Er wird das Traurige haben, dass ich nach der ewigen Ordnung aller Dinge ihn dereinst mit vielen truben Stunden werde bezahlen mussen. Aber Das ist hoffentlich das einzige "Aber" an meinem heutigen frohen Glauben. Zahme deine Neugier und erwarte nichts Gewohnliches!

Die Welt war uns wirklich ein zu ernstes Drama geworden, Bruder, hochstens manchmal kunstlich, ach gar, gar zu kunstlich eine derbe Posse, wie sie Policinell mit der Pritsche und mit Prugeln im Kirchweih-Kasten spielt. Heute, lieber Junge, erlebt' ich Dinge, die, wenn du willst, dem Sommernachtstraum angehoren, den du so sehr liebst mit seiner Waldeslust, seinen verzauberten Eselskopfen, seinen herablassenden kritischen Konigswitzen und besonders dem Elfenspuke und ihrem die schmachtende Sehnsucht erweckenden Augenbalsam auch wir verwandeln uns und werden verwandelt, Bruder, und wir wissen wol, Prinz, was wir sind, aber nicht, was wir sein werden ... Hamlet-Ophelia. Meine Gleichnisse erschopfen sich. Du siehst, mein Junge, ich wollte gern in Deiner Sprache reden. Ich wollte gern deinen Dusseldorfer Senf mit seinen Bildern und Gleichnissen treffen. Was wurdest du fur gebeizte Augen machen, wenn dich Das trafe, was ich schon Alles hier sah und sehen werde, und wie wurdest du dir vorkommen? Ich sahe dich, Siegbert, umwunden von Blumen, mit einer Krone auf dem Haupte ... Elfen umtanzen dich und du guter frommer Sterblicher, der so etwas nur gemalt und gedichtet sich denken kann, straubst dich vielleicht gar und sagst zu den neckenden Baumnymphen: Meine Damen! Ich bitte, bitte Sie instandigst, inkommodiren Sie sich nicht! Ich bin der Maler Siegbert Wildungen aus Angerode, der sich jetzt aufs Historienfach geworfen hat und von einem hochloblichen Kunstverein den Ankauf eines Tendenzbildes vielleicht vergebens erwartet; ich bin ein realistisches Wesen geworden; lasst mich, ihr schonen Fraulein mit blauen Kranzen in dem Haar und dem Maassliebchen auf der Brust, lasst mich in Ruhe; unsere Schule traumt dergleichen nur und malt es in die Albums kunstliebender Salondamen, edler Diakonissen und Schwanenjungfrauen. So hor' ich dich, du bloder, schnoder Vernunftling! Aber es wurde dir gar nichts helfen. Die Fraulein von der Wiese im Mondschein wurden dich auslachen, dich kichernd verfolgen: Schaut! Schaut! Der straubt sich und will nicht der Sohn des Konigs Phantasus sein! Der kennt uns nur aus Buchern und Bildern und weiss nicht, dass wir seine Schwestern sind! Ach, ich wette, du schamst dich dann doch, Bruder, in der Kunst immer kuhn und im Leben so bedachtig zu erscheinen, du fangst doch mit den kleinen Creaturchen zu tanzen an im Mondenschein unter den Sternen, die siehst du denn Das auch jetzt des Nachts? so schwer und voll wie Traubengehange auf dich niederlangen, und du nimmst auch das funkelnde Kronlein, das dir in grunen Livreen die Kammerherren der Mondfraulein, die Eidechsen, mit schwanzelnder Hoflichkeit prasentiren! Leider bist du nun aber nicht hier und deine Sommernachtstraum-Rolle muss ich spielen, so gut ich kann, wenn auch nimmer so wurdig, wie du! Und noch Eins: Erzahl' ich dir einst meine Hohenberger Erlebnisse ein Einst, das sich in drei Tagen hochstens erfullen wird , so setz' dich nicht etwa wie ein Criminalrichter hin und ziehe zu Allem die Stirn, wie du sie gerunzelt hast im Pelikan unter dem Apfelbaum, als ich in feierlicher Stunde bei Froschgequak, Johanniswurmleuchten und beim Duft eines erinnerungsreichen Schnittlaucheierkuchens dir meine freie Maurerei im Tempelhause zu Angerode und den Fund der alten Wildungen'schen Recesse und Cessionen erzahlte; jammre mir etwa nicht und lamentire uber gewagte, unglaubliche, ungesetzliche Dinge und stell' dich nicht wieder, als wolltest du eine Anstellung haben als officieller Pinsel, Constablerhutlackirer oder Criminalmaler, der die Verbrecher malt, die man in effigie verbrennt! Ich sehe nicht ein, warum die Komodie der Irrungen nur auf der Buhne gespielt werden soll. Ist der Wald denn nicht wirklicher als eine Tapete? Die Sonne nicht berechtigter als eine Ollampe? Kann ... ich sage kann ... horst du? Kann der Acteur jemals stocken, der seine Rolle frei von der eigenen Leber erfindet und sich dabei, wenn nicht an die Regeln des Aristoteles, doch an sammtliche Regeln des Anstandes und sogar die drei Einheiten des guten Tons halt (Harmonie der Handschuhe, der Cravatte und der Weste), und sich nur Eines als freie Muse ausbedingt, die himmlische, marchengeborene, traumbegluckende, susse Unwahrscheinlichkeit! Siegbert! Siegbert! Ich bestreite es dir mit dem ubereinstimmenden Zeugniss aller Elemente, aller Jahreszeiten, aller Krebs- und Nicht-Krebs-Fischerei-Monate und aller himmlischen Zeichen des Thierkreises ... ich bestreite es mit dem Verdict deiner eigenen funf Sinne, die doch die gewissenhaftesten Geschworenen unsers Urtheils sind ...

Die Welt sieht nicht so aus, wie das hintere Zimmer eines Kaffeehauses, wo es nur Zeitungen, Kellner, Fidibus, Cigarren und klappernde Dominosteine gibt! Ich bestreite dir, dass Coak-Gas das Hellste auf Erden ist und ein Tunnel das Finsterste. Wie ... o wie wunscht' ich, dass ich manchmal du warest ... Wie wunscht' ich, dass du zuweilen spazieren gingest aus deiner kunstlichen, gemachten Phantasterei heraus und vor den Thoren die Romantik erlebtest, die du nur zu malen verstehst! Reisse dich los, Bruder, von der classischen Walpurgisnacht deiner Anschauungen, wo nur theoretische Schemen und Larven dich umtanzen, nur alte Weiber, aufgeputzt mit Phrasen, beim Klitschklatsch der Theeloffel-Imagination, die Zaubereien bewundern, die du mit Hulfe der Bucher-Nekromantik, mit Hulfe der grauen Theorie und des asthetischen Hollenzwanges aus dem Boden der Trompetta'schen, Mauseburg'schen, Harder'schen Salons steigen lassest ... wirf die Fesseln ab, die dich an diese tapezirte Welt des Scheines bindet, sturze dich ins Rauschen der Begebenheit, in die immer offenen Arme der Natur und Geschichte, wo du allein erwarmen und nur etwas Dauerndes wie deinen Molay schaffen kannst, auch wenn ihn der flammende Ketzerrichter des Geschmacks und rothe Kunstvereins-Cardinal Propst Gelbsattel verwirft. Dies schreibt dir dein aufrichtiger Bruder, sonst ein passives Meisterstuck der Schopfung, heut' aber ein activer Stumper im Wettkampf mit dem grossen Michel Angelo des Lebens, genannt: die Gottheit."

Wie Dankmar diesen tollen Brief uberlas, that es ihm doch fast leid, dass eine so scherzhafte Absicht, die ihn anfangs im Schreiben allein geleitet hatte, zuletzt in eine ernste Wendung ubersprang, die seinen Bruder vielleicht verwunden konnte. Er uberlas ihn daher nochmals und voll Besorgniss. Doch liess er ihn, wie er war, schloss ihn, siegelte mit einer Krone, dem Wappen des Kronenwirthes, und legte ihn getrost zum Absenden zurecht. Er hatte ja nur, sagte er sich entschuldigend, auf sein altes Thema spielend angestreift, das ihn im Gesprach mit dem Bruder schon so oft ergriff. Er hatte ihn ja nur wieder aufgefordert, sich freizumachen von einer gewissen mehr gelehrten als naturlichen Begeisterung fur seine Kunst. Siegbert's Geschmack schien ihm zuweilen mehr der Geschmack der Schule als des eignen Bedurfnisses zu sein. Alle Anspielungen Dankmar's auf Meister William und die Elfen, auf Ariost und die Abenteuer, auf Goethe und die Gespenster waren kleine Spottereien auf Siegbert, der sich zur Zeit in dieser vorgezeichneten Richtung des Schaffens noch sehr gefiel. Salonromantiker nannte ihn Dankmar oft, wenn Siegbert in vornehme Gesellschaften geladen wurde und mit Andacht zuhorte den Vorlesungen uber Kunst und Poesie, die in gewissen Kreisen der Gesellschaft Mode waren, besonders als noch die jetzt politisch gestimmte Pauline von Harder in dieser Richtung den Ton angab und Alles um sich versammelte, was in Wissenschaft und Kunst glanzend hervortrat ... Mag er's nehmen, sagte sich Dankmar, wie er's immer genommen hat! Als Anregung zur Selbstprufung oder Gelegenheit, mich eines Bessern zu belehren und ihn um Verzeihung zu bitten.

Mit diesem Briefe, mit den Erzahlungen des Wirths uber Hackert's angstliches Forschen, mit der Nachfrage nach dem Befinden seines Gauls und einem Besuch im Stall, endlich mit der nicht leichten Aufgabe, aus seiner beschrankten Reisetoilette eine Art nonchalanten Reisenegligees herzustellen, verging die Zeit bis zur sechsten Stunde. Endlich setzte er den wohlausgebursteten, von Staub gereinigten weissen Castor auf und musterte sich in dem kleinen Spiegel seines Zimmers, dem hier und da die hintere Metallbekleidung fehlte und der eigentlich nur Fragmente von Dem wiedergab, der sich in ihm erkennen wollte. Diese Fragmente sagten Dankmarn, dass er wirklich an Wuchs fast dem Prinzen gleich war. Er hatte sogar eine gewisse Ahnlichkeit mit ihm, nur dass sein braunliches Haar heller, gelockter, das schlichtere kurzgeschnittene Egon's dunkler war. Sein kleines Stutzbartchen kleidete ihn zierlichst und die klugen Augen funkelten so unternehmend, dass sie wol dem Zuge von Ironie und Schalkheit an den Mundwinkeln entsprachen, der Hackerten bestimmen konnte, mit soviel Respect von dem Manne zu reden, der ihn, ehe er ihn nachtwandelnd im Heidekrug gesehen, so kraftig im Zaume hielt. Gewohnt, sich immer gut zu halten, konnte Dankmar keinen Anstoss nehmen, sich so wie er war auf dem Schlosse zu zeigen. Hatte er doch die Gesellschaft oben nicht selbst gesucht, ihre Einladung nicht erwartet. Sein zerknittertes Halstuch bugelte ihm die Magd frisch auf. Leicht schlang er es um den Hemdkragen, der ihn am meisten beunruhigte, wenn man nicht die Blicke, die er auf seine Handschuhe warf, noch besorgter nennen will. Indessen sagte er sich:

Bin ich oben Dankmar Wildungen, so bin ich auf dem Impromptu einer Reise begriffen. Bin ich Prinz Egon, so hab' ich noch den Vortheil voraus, als Tischlergesell direct aus Lyon oder Paris zu kommen und eine Art von Communisten zu spielen, das heisst, mit einer grossartigen Verachtung des aussern Luxus meine geheimen Plane unterstutzen zu konnen.

Als Dankmar zum Schlosse gegen Abend hinaufstieg, war es ihm unangenehm, dass er merken konnte, er vertriebe fur heute die gewohnten Gaste. Einige Damen schritten an ihm voruber und betrachteten ihn zwar hochst neugierig, aber misgunstig. Dankmar kannte nur zwei, die Eine, die ihm noch die freundlichste war, die Pfarrerin, die duldend und nachgiebig schien, und die Andere, die im vollen Staate befindliche aber zorngluhende Frau Justizdirektorin von Zeisel, die Dankmar's Gruss hochst spottisch erwiderte.

Himmel, dachte Dankmar, du erregst schon Misgunst, statt Theilnahme. Das ist kein guter Anfang! Und noch schlimmer, dass Niemand an mein Incognito glaubt. Hackert hat gelogen. Keiner denkt daran, mich als etwas Geheimnissvolles zu bewundern.

Weiterhin rollte ein Wagelchen von einem knarrenden Hemmschuh gehalten an ihm voruber und gleichfalls den steilen Berg hinunter. Eine Dame mit zwei Herren sassen darin. Alle Drei lorgnettirten ihn. In dem jungern erkannte er den Stallmeister Lasally, von dem er oft einen Gaul gemiethet hatte, ohne indessen mit dem schroffen und etwas unzuganglichen Herrn selbst in Beruhrung zu kommen. Er warf Dankmarn einen entschieden verachtlichen Blick zu und musterte ihn von unten bis oben, sodass sich Dankmar fast beleidigt fuhlte.

Unentschlossen, ob er dem Wagen irgend ein Wort nachrufen sollte, horte er sich von einem andern ausfliegenden Gaste angeredet, von einem Manne, in dem er den Pfarrer erkennen musste. Diesem schien die Abweisung am allerverdriesslichsten zu kommen. Das unheimliche Feuer des Neides glimmte aus seinen Augen, als er dem Gunstling des Abends begegnete ...

Sie sind erwartet, mein Herr, sagte Stromer. Man muss Sie glucklich preisen, mit Fraulein Melanie den Thee trinken zu durfen ...

Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging der erzurnte, fast verwirrte Mann voruber.

Dankmar wusste nicht, wie ihm geschah. Er kannte alle diese Menschen nicht, in die er so plotzlich wie ein brennender Schwarmer hineinfuhr und die er zu ihrem Arger auseinandersprengte! Der Geistliche schien ihm vollends die Besinnung verloren zu haben. In seinem Auge lag etwas Irres. Er ubersah sehr rasch, dass diese Gaste heute sich wie taglich von selbst eingefunden hatten und mit der Bitte begrusst worden waren, sie mochten entschuldigen, dass sie diesmal nicht gebeten wurden, den Abend uber dazubleiben, da ein der Familie Schlurck sehr werther Fremder sie aus mancherlei Rucksichten allein in Anspruch nahme ... Wenn Dem so war, so durfte er darin eine hochst feierliche Vorbereitung erkennen und einen noch nicht sehr weit umgegriffenen Verdacht uber seine Person oder eine Hackert'sche Flunkerei. Als ihm aber dann doch der alte Herr, der ihn eingeladen hatte, auf halbem Wege entgegenkam und ihn versicherte, die Herrschaft wisse ihm fur die Annahme seiner Einladung den grossten Dank, als Dankmar sah, dass man ihn wirklich wie eine Standesperson einholte, konnte er nicht umhin, ganz aufrichtig zu sagen:

Ich bin uberrascht, mein Herr, wie die Reise, die ich zur Wiederauffindung eines mir sehr werthvollen Eigenthums machen musste, mich in eine so freundliche Beruhrung mit der Familie des Mannes fuhrt, dem ich ohnehin schon, wie ich zufallig unterwegs im Heidekrug erfuhr, die Rettung meines Verlustes verdanke.

Bartusch fixirte Dankmarn mit halbzugekniffenem Auge, rausperte sich und bat den Gast, er mochte, er bate sehr darum, des Schreins, von dem auch er schon gehort hatte, keine Erwahnung thun. Die Wiederauffindung desselben ware zufallig mit Umstanden verknupft, die in Madame Schlurck gewisse unangenehme Empfindungen hervorriefen ... Gedanken, die sie doch lieber nicht wecken wollten. Es thate ihm leid, daruber dunkel bleiben zu mussen.

Eine so geheimnissvolle Ausserung musste Dankmar's Neugier eher steigern; doch fugte er sich gern der sonderbaren Bitte, die einen Gegenstand betraf, uber welchen er sich jetzt vollkommen beruhigen zu durfen glaubte.

Auf dem Schlosshofe trafen sie dann den grossen Transportwagen des Intendanten.

Welch ein Ungethum! rief Dankmar. Das ist ja kein Wagen! Das ist ein wandelnder Salon, in dem man tanzen konnte ....

Bartusch erklarte ihm mit lauerndem Blicke die Bestimmung dieses grossen Behalters.

Doch nicht Alles schon gepackt? fragte Dankmar dringend.

Zum grossten Theil, antwortete Bartusch, uberrascht von dieser Frage. Noch heute Abend wird Herr von Harder abreisen. Zwei Gendarmen sind ihm vom Landrath als Begleitung zur Verfugung gestellt ...

Dankmar schuttelte argerlich den Kopf, blieb stehen und offnete die Hinterthur des Wagens.

Derselbe Bediente, den er im Thurm gesehen hatte, sass vollig aufrecht wie ein Wachter auf den sehr geordnet zusammengestellten Mobeln und grinzte ihn boshaft an ...

Lieber Himmel! ausserte sich Dankmar lachend zu Bartusch, zwei Gendarmen? Wie streng wird Das hier genommen! Es scheint, als wenn in Plessen die Justiz viel zu thun hat. Die arme Blouse im Thurm leidet darunter.

Ihr hat, wie mir der arme Mensch erzahlte, ein Bild gefallen, weil es nicht wie die Andern glanzend, sondern nur wie mit buntem Staub gemalt ist. Er wollte sich diese Art zu malen genauer betrachten und Gehen denn die Familienbilder auch schon in die Residenz?

Die letzte Ausserung Dankmar's wurde von ihm so hingeworfen, um ihre Wirkung zu beobachten.

In der That war aber diese Wirkung nicht gering. Bartusch riss die Augen auf, richtete sich in die Hohe und zweifelte keinen Augenblick, dass eine solche Ausserung nur von dem Prinzen selbst oder dem intimsten Vertrauten desselben kommen konnte.

Die Vermuthung, dass der im Thurm Sitzende ein Jager oder Kammerdiener des Prinzen Egon war, stand langst bei ihm fest.

Leider, sagte Bartusch, hat der Vorfall von heute fruh den Geheimrath so alterirt, dass er nun auch sammtliche Bilder sogleich in den Wagen tragen liess!

Sammtliche Bilder? sagte Dankmar, unangenehm betroffen.

Allerding's! fuhr Bartusch lachelnd und fein fort. Ich zweifle indessen nicht, dass sich der Monarch ein Vergnugen daraus machen wird, nicht nur, wie ausdrucklich bedungen ist, alle Familienbilder zuruckzustellen, sondern auch den jungen Prinzen durch manches andere werthvolle Andenken an seine Mutter zu erfreuen. Was die Administration der Masse thun kann, um alle diese Verwickelungen angenehm zu losen, alle diese herrlichen Besitzungen beisammen zu lassen und dem jungen Fursten an ihnen Freude und Gewinn zu sichern, wird gewiss geschehen. Es ist viel von der Vergangenheit gut zu machen, aber bei einigem guten Willen von Seiten Derer, die hier zu fodern haben, und bei Kraft und Ausdauer von Seiten Derer, die wol fur den Augenblick verlieren mussen, lasst sich fur die Zukunft mancherlei wiederherstellen.

Dankmar nickte beifallig. Die wohlgesetzten Worte gefielen ihm an und fur sich schon. Dann aber an die Bilder sich erinnernd, warf er einen schmerzlichen Blick auf den grossen bewachten Wagen, von dem sie sich nun entfernten und unterdruckte den Seufzer nicht, der Bartuschen auszudrucken schien, als wollte er sagen: Sie sprechen gut, aber Ihre Wunsche sind vergebens!

Mag er ihn in diesem Sinne nehmen, sagte sich Dankmar, der trotz der Gendarmen vor der wirklichen Abfahrt des Wagens den Muth nicht verlieren wollte; mag er denken, ich bin der Prinz! Ob ich Dankmar Wildungen oder Egon bin, was thut Das hier!

Still jetzt bei sich uberlegend, was sich nun wol noch wagen und unternehmen liesse, folgte er dem Fuhrer uber die grosse steinerne Treppe, die in den ersten Stock ging. Einige hubsche Madchen betrachteten ihn neugierig und sehr pressirt, einige leichtfertige Bediente mistrauisch. Vom Intendanten entdeckte er nichts, obgleich sein Blick in die Reihe der Zimmer fiel, die Se. Excellenz mit so strenger Consequenz ausgeleert hatten. Er hoffte nicht, dass auch der Geheimrath zu den abgewiesenen gehorte. Diesem noch begegnen zu konnen, schien ihm unerlasslich. Bartusch offnete eine hohe Saalthur. Dankmar durchschritt einige Gemacher, bis er endlich in dem von Melanie eigens zu seinem Empfang vorbereiteten Flugel- und Eckzimmer eintrat.

Die beiden Damen, die sich ihm heute ganz allein widmen wollten, waren schon zugegen ....

Melanie's seit dem Morgen von Stunde zu Stunde gewachsene, durch die abschlagige Mittagsantwort nur gesteigerte Spannung war denn nun endlich gelost. Die Erfullung ihrer Sehnsucht stand vor ihr. Sogleich erkannte sie die in der That treffende Ahnlichkeit dieses Besuchers mit jenem Siegbert Wildungen, der ihr soviel Aufmerksamkeit, Verehrung und Liebe zollte, und sogleich begann sie von diesem Siegbert und brachte Dankmarn durch ihre Schonheit, ihre reizende Toilette und die in ihm geweckte Voraussetzung, der Bruder hatte ihm doch langst von ihr erzahlen sollen, was nicht geschehen war, in eine Verlegenheit, bei der er sich verwickelte und sich nicht sogleich fassen und sammeln konnte. Das traf denn allerdings rasch mit einem schlauen blitzschnell zugespielten Winke Bartusch's zusammen und in glucklichster Uberraschung wisperte Melanie bei einer leichten Wendung des Kopfes der Mutter zu:

Es ist der Prinz!

Dankmar gehorte zu denjenigen jungen Mannern, die fruh unter Frauen und Madchen sich tummelnd dem Reiz des andern Geschlechts, den es so uberwaltigend auf unreife Neulinge ausubt, schon abgestumpft haben. Siegbert floh in seiner ersten Jugend aus Schuchternheit die Frauen und erlag deshalb spater um so mehr ihrem Reiz und fast jeder vertrautern Annaherung. Dankmar dagegen hatte schon als reifender Knabe gebildeten Frauen im Gesprache sozusagen standgehalten, kleine Liebschaften mit jungern gepflegt und erschrak nun nicht mehr zu heftig vor der zauberischen Gewalt des Weibes. Aber diese Melanie blendete ihn doch. Und wie sollte sie's nicht in dem weissen, sich aufbauschenden Kleide, das sie umflutete wie eine leichte Wolke? Zeigte diese ungesuchte und einfache Tracht doch fast nichts als sie selbst! Sie selbst in der plastischen Schonheit ihrer Formen, im Ebenmass ihrer leicht behenden Glieder, im frischen Ton des Incarnats, dem man von Dem, was unverhullt sich zeigte, ahnend ins Verborgene folgte. Melanie besass heute noch mehr Anziehung als je; denn sie hatte warten, sich sehnen, sich vor sich selbst demuthigen mussen. Diese Sehnsucht malte sich in ihren Augen, die feuchter als sonst strahlten. Auf der kleinen, edlen Stirn und an den hohen, frei leuchtenden Schlafen lag ein Ernst, der ihr sonst fremd war. Sie hatte das freie Spiel ihrer Coquetterie schon dadurch verloren, dass sie heute mehr des Gastes als ihrer selbst eingedenk sein musste. Wie malte sie sich nicht den Tag uber aus, was sie Alles vom Prinzen schon wusste und noch im Laufe des Tages erfuhr! Wie verlor sie sich in Moglichkeiten der Zukunft! Wie uberdachte sie die Abenteuer, die schon von dem Prinzen alle erzahlt wurden! Wie naturlich fand sie diesen geheimnissvollen Besuch auf einem Schlosse, das er mit seinem wahren Namen nicht sehen mochte, um nicht vor Denen gedemuthigt zu werden, die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte! Wie hatte sie diese Glaubiger im Laufe des Tages verspottet, wenn sie rechneten und massen, ob sie wol vorziehen sollten, selbst diese Herrschaft anzukaufen oder sich in ihr Deficit ruhig zu ergeben! Wie entschieden hatte sie jeden Besuch fur heute zuruckgewiesen, um dem unglucklichen jungen Fursten die Demuthigung zu ersparen, Menschen zu sehen, zu deren Untergebenen ihn der Leichtsinn seines Vaters gemacht hatte! Bartusch hatte die grosste Muhe gehabt, diese Ablehnungen so hoflich wie moglich einzukleiden ...

Dankmar, seine bedenklichen Handschuhe allmalig ganz unbelauscht ausziehend, begann mit Entschuldigungen uber seine Garderobe, die nur fur eine plotzliche Geschaftsreise eingerichtet ware ...

Als er dafur von den Damen die holdseligste Absolution in Empfang genommen hatte, sagte er:

Meinem Bruder muss ich die bittersten Vorwurfe machen, dass er mich von dem Gluck einer Bekanntschaft niemals unterhalten hat, die er mir vielleicht nicht gonnte. Seit wann kennen Sie ihn?

Seit einigen Wochen, erwiderte Melanie ... unglaubig lachelnd und mit den Augen blinzelnd, als musste sie sich beherrschen, nicht laut in Lachen auszubrechen.

Dann entschuldigt ihn, sagte Dankmar, meine langere Abwesenheit. Finden Sie, dass wir uns ahnlich sehen?

Erstaunlich, sagte die Mutter. Zwar ist mir Herr Wildungen nur aus grossern Gesellschaften, die wir gaben, erinnerlich, allein meinst du nicht, Melanie die Augen ich meine die Augen

Warum nicht gar! sagte Melanie. Es ist eine grosse Ahnlichkeit da, aber der Ausdruck und die Art ist eine vollig andere. Von den Augen zumal, Mutter, darfst du nicht reden. Siegbert's Augen haben einen schonen frommen, leuchtenden Glanz; entsinnst du dich des Bildes von Leidenfrost, auf dem ich und Herr Siegbert verspottet sein sollen? Man erkennt die verklarte Stimmung einer nur zu regen Begeisterung bei ihm, aber die Ihrigen, mein Herr, sind etwas unheimlich, etwas bos; man mochte ihnen kein Vertrauen schenken ....

Dankmar bedankte sich fur eine Ruge, die doch nichts als eine coquette Schmeichelei war. Das Gemalde von Leidenfrost war ihm aber unbekannt. Ein Gemalde, auf dem Melanie und sein Bruder verspottet waren? Sein Bruder verspottet? Verspottet von dem ihm wohlbekannten, Siegbert befreundeten Leidenfrost? Daruber verfiel er in eine wahre, gar nicht erkunstelte Verlegenheit und wusste nicht, was er dazu sagen sollte.

Die Justizrathin, diese Verlegenheit vollkommen durchschauend, nahm das Wort und entschuldigte den so kleinen Cirkel, mit dem man ihn begrusse. Sie hatte ihn anfangs fur menschenscheu gehalten. Man hatte ihn hier und dort allein lustwandeln sehen; zum Schlosse empor hatte er nie blicken mogen ... so ware es gekommen ... dass ...

Sie lieben die Einsamkeit, unterbrach Melanie die ehrliche Mutter, die nicht gut Komodie spielen konnte. Es ist bekannt, Mutter! Herr ... Herr ... Herr Wildungen sind ein Einsiedler.

Dankmar musste sich im Stillen sagen, dass bei ihm gerade das Gegentheil stattfand; doch gelang es seiner Situation mehr als ihm selbst, sich die schwermuthige Miene zu geben, die Melanie's Ausspruch voraussetzte ...

Als er lachelnd verlegen niederblickte, sagte Melanie rasch:

Kennen Sie den Prinzen Egon?

Den Prinzen? Ich kenne ihn ... sagte Dankmar nach einem Moment fast ohne Uberlegung.

Wie, fuhr Melanie elektrisirt auf, Sie kennen Jemanden, den Niemand kennt? Wo ich gefragt habe: Wer ist Prinz Egon? Wie ist er? Wo ist er? Nirgend hab' ich eine klare und deutliche Antwort bekommen. Es ist der Mann der Sage, der Anekdote, der Fiction. Und Sie wollen ihn kennen?

Dankmar fuhlte wol, dass er sich hatte fangen lassen. Aber einmal im Netze, beschloss er, das Netz auch nicht mehr zu zerreissen und lieber von der Moglichkeit, ihn selbst fur Egon zu halten, die Vortheile zu ziehen, die sich ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten wurden.

Es ist zu weitlaufig, sagte er, Ihnen zu erzahlen, wo ich den jungen unglucklichen Erben dieses Furstenthums kennen lernte, aber ich kenne ihn.

Melanie biss sich, um nicht zu lachen, auf die Lippen. Sie errothete und stutzte sinnend das Kinn auf ihre Arme, die sie im Schooss zusammenlegte. Von unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer, das gleichsam zu sagen schien: Ich bin viel auf den Fluren umhergeflattert, ich froher Schmetterling, aber von allen Huldigungen, die ich empfing und als Siegerin zuruckwies, konnte mich keine mehr zur Sklavin machen, als die deinige, du schoner, mannlicher, liebenswurdiger Schalk ....

Wird der Furst in der Residenz wohnen? fragte sie dann, sich allmalig sammelnd.

Er wird in der Residenz wohnen, sagte Dankmar bestimmt.

Also behalt er das herrliche Palais seines Vaters? fuhr die Mutter neugierig und schon ermuthigter fort.

Das Testament bestimmt es so. Er wird sich dem Willen seines Vaters nicht entziehen, sagte Dankmar.

Das Palais soll wunderschon eingerichtet sein, forschte Melanie.

Unter den brennenden Kronenleuchtern, erwiderte der kecke, ubermuthige Dankmar, unter den Blumen und Lichtern, deren Widerschein sich in den Spiegeln des Pavillons bricht, wird er der Vergangenheit gedenken.

Diese Antwort ward von Dankmarn mit absichtlicher Zweideutigkeit gegeben. Das Quiproquo fing an, ihm Vergnugen zu gewahren. Er dachte sogar: Wartet nur, ich will Euch fur Eure Eitelkeit, Eure Genusssucht, Euer irdisches Behagen strafen ....

Melanie sprang auf. Sie konnte kaum zweifeln, den jungen Fursten vor sich zu haben. Rasch, aber ihrer Empfindungen vollig Herr und jetzt sich wol hutend, die sturmische Bewegung ihres Herzens frei zu zeigen, sagte sie mit spottendem Humor:

O liebe Mutter, sieh, hier geht der Tisch auseinander! Man wird eine Einlage machen mussen! Prinz Egon fehlt mit seinem Hobel! Der gute Prinz soll ein Tischler sein ... hoffentlich hat er es so weit gebracht, einen solchen Schaden zu heilen. Er wird hier viel zu thun bekommen. Ich mochte nur wissen, ob er sich bei uns einen Gewerbeschein losen wird ....

Hannchen Schlurck, die Mutter, sah bald zu Melanie strafend, bald zu Dankmarn bittend und hochst verlegen hinuber ....

Dankmar aber fasste sich sehr rasch und bemerkte in volliger Ruhe:

Mein Fraulein, diese Reparatur macht sich besser durch einen Schlosser. Er nimmt zwei eiserne Krammen, macht sie gluhend und schlagt sie, gerade wahrend sie gluhen, hier an den Ecken der Tisch erlaubt es, da er ja nicht immer bedeckt ist so ein, dass sie im Holze selbst abkuhlen. Verstehen Sie? Die Abkuhlung zieht dann die beiden Tischblatter allmalig zusammen. Erkaltend werden die Eisen kleiner.

Melanie lachte laut auf und klatschte in die Hande.

Das ist symbolisch zu verstehen! rief sie. Das ist das Bild einer guten vernunftigen Ehe, liebe Mutter. Die Abkuhlung durch die Vernunft, sagtest du ja immer, ziehe nur um so enger zusammen. Ubrigens, Herr von Wildungen, Das werd' ich dem Maler, meinem Freunde Siegbert Wildungen, erzahlen. Er wird erstaunen, einen Schlosser zum Bruder zu haben. Ha! ha! ha! Ihr klugen Manner!

In dieser Art tandelte sie fort. Ihre Neckereien galten Allem, was man vom Prinzen Egon wusste, und Dankmar erwiderte ruhig aus Absicht und par depit in demselben Doppelsinne. Was er im Thurm erfahren hatte, kam ihm dabei zustatten. Er gab uber Egon's Plane so grundliche Auskunft, wies so entschieden jede Aufklarung uber die Art, wie er dessen Bekanntschaft gemacht hatte, zuruck, dass Melanie allmalig wirklich vorsichtiger wurde. Die Vorstellung, fur diesen bei allem Unglucke doch in der Gesellschaft so hochgestellten jungen Mann von einer Leidenschaft ergriffen zu werden, machte ihr bald das Herz beklommen. Die Folgen waren so unabsehbar, die moglichen Verwickelungen viel ernsterer Natur, als sie den kleinen Tumulten ihrer Gefuhle bisher gestattet hatte.

Sie lud Dankmarn zu einem Spaziergange im Garten ein.

Dies war ein Zeichen fur die Mutter, sie allein zu lassen. Die angstliche Frau, die von Bartusch's Andeutungen uber Schlurck's nachtliche Wanderungen noch nicht ganz die Verstimmung des Morgens verloren hatte, auch in dem Erscheinen des Prinzen auf Hohenberg kein fur die Angelegenheiten ihres jetzt von der Politik zerstreuten Mannes gutes Zeichen erblickte, liess das jugendlich schone, leichtsinnige Paar allein. Bediente brachten auf den Zug einer Schelle fur Melanie einen leichten Uberwurf von blassrother Seide, rings am Rande mit den feinsten schwarzen Spitzen besetzt. Bei der Art, wie sie im Garten diese Mantille trug, hatte man glauben sollen, sie ware mehr bestimmt gewesen, von der Schulter herabzufallen, als sie zu bedecken. Denn Dankmar konnte sie nicht oft genug uber den schonen Bug des Ruckens weiterhinaufziehen helfen und nicht oft genug konnte sie Melanie wieder entgleiten lassen, bis sie sie zuletzt gewaltsam griff und wie einen altdeutschen Radmantel uber die eine Schulter warf und unter der andern sie mit beiden Armen ohne Rucksicht auf die Falten zusammenpresste.

Beim Hinuntersteigen zeigte sie Dankmarn die Zimmer der Furstin, die nun ganz leer waren, wie Dankmar zu seiner grossen Betrubniss bemerkte. Unten spottete er mit wirklichem Zorn uber das Ungethum des Wagens und ereiferte sich gegen den Geheimrath, der aus einem Fenster etwas steif grusste.

Ich halt' ihn jetzt fur meinen Feind! sagte er zu Melanie, die ihm mit neckischer Laune und wunderbar rasch sich entwickelnder Vertraulichkeit den kleinen Roman erzahlte, den sie mit diesem gewissenhaften Manne aus Langerweile angesponnen hatte ...

Denken Sie sich, sagte sie, als sie in den Garten traten und sie beim Hinabsteigen von den kleinen Stufen und hugelartigen Abdachungen sich zuweilen auf Dankmar's Arm stutzte und ihn die Glut ihrer Adern durch die feinen uber die Arme gehenden langen Spitzenhandschuhe unwillkurlich fuhlen liess; denken Sie sich, dass ich entdeckt habe, wie man dieser holzernen Exeellenz beikommen kann, um sie lacheln zu machen! Ich versuchte es mit vielen Huldigungen, aber er blieb ungeruhrt. Endlich bemerkte ich, dass es die gutige Natur freundlicher mit ihm gemeint hatte, als er es verdiente! Trotzdem, dass er Alles in Allem genommen ein Esel ist, hat sie ihm doch nur ganz kleine Ohren an seinen eingebildeten Kopf gesetzt. Auf diese Bemerkung hin ist dieser wichtige Mann im Staate vor mir so klein geworden, dass er jetzt, weil ich ihn nicht erhorend aufhob und in seine naturliche Hohe richtete, mit mir boudirt. Er bildet sich ein, ich ware Mitglied einer Verschworung gegen seine Wurde und Amtsehre, die ihm deshalb sehr schwer zu behaupten wird, weil die Natur nicht gewollt zu haben scheint, dass er etwas Anderes wird als der dumme Sohn eines sehr achtbaren und allgefeierten Vaters. Denken Sie sich, dieser Mensch spricht bei jedem dritten Satz von seinem Papa! Nicht weil er den General en Chef unserer Justiz, der in der That, wie Themis es ganz sein soll, halb blind ist und nur noch Hunde, Katzen, Affen, Raben und ein herrliches Geschopf liebt, das sich Anna, nicht Pauline von Harder nennt, seiner gutmuthigen Eigenschaften wegen kindlich verehrt, sondern weil es ihm selbst, dem Sechziger, ein gar kindlich ruhrendes Aussehen gibt, noch in seinen Jahren von einem Papa zu reden. Wissen Sie denn, bester Wildungen, dass Der, der schon sein will, immer eine hassliche Folie neben sich haben muss und dass die alten Coquetten gar zu gern von ihren Muttern sprechen?

Ich lerne Weltkenntniss von Ihnen, Fraulein Melanie, sagte Dankmar zu dem ihn plaudernd unterhaltenden Madchen. Aber welche Verschworung erwahnten Sie da? Erzahlen Sie doch! Jener Auftrag, den der Geheimrath hier mit brutaler Strenge vollzieht, interessirt mich ....

Melanie, die im Stillen dachte: Das wollt' ich meinen! fuhr fort:

Ich hatte bereits die schonste Toilette zu unserm durch sie verungluckten Diner gemacht und dem Geheimenrath zwei mal seine Morgenvisite abgeschlagen, als ich ihm selbst eine in den Zimmern der Furstin machte. Ich wollte jenes Portrait sehen, von dem es hiess, dass es einem bettelnden Vagabonden bis zum Mitnehmen gefallen hatte ....

Wohnten Sie der Scene bei? fragte Dankmar gespannt.

Nein, antwortete Melanie. Vor rohem Larm flieht eine Furchtsame wie ich bin, und doch bedaur' ich, dass ich nicht in den Hof hinunter sah, als man einen Mann fortschleppte, der doch sehr leicht, wie Bartusch vermuthet, ein verkleideter Kammerdiener des Prinzen Egon sein konnte. Sie werden Das besser wissen, wie ich, denn Sie haben ja mit dem Gefangenen im Thurme ein Tete a Tete gehabt?

Es brannte Dankmarn auf der Zunge, mit seinem Anliegen offen hervorzutreten, sich entweder diesem klugen Madchen ganz zu entdecken oder auf der gewagten Bahn des Misverstandnisses weiter zu gehen. Melanie durfte eine Antwort, eine Aufklarung uber den Gefangenen erwarten. Sie sah ihn forschend an. Dankmar schlug in ganz naturlicher Verwirrung die Augen nieder und sagte nach einer Pause:

Der Gefangene steht allerdings dem Besitzer von Hohenberg sehr nahe ... der Prinz kann wol Ursache haben, jenes Bild vor den Trodlern zu retten. Es ist mindestens das Bild seiner Mutter!

O welche lieblichen Zuge! sagte Melanie mit Innigkeit. Wie hatt' ich das Bild mit Kussen bedecken mogen! Die herrlichen braunen Augen! Die edle Stirn! Der holdselige Mund mit einem Ausdruck stillduldenden Schmerzes. Wissen Sie, wen ich mir so denke, Prinz?

Nun? sagte Dankmar gespannt und die Anrede:

Prinz! vor Erwartung ganz uberhorend.

Prinz? ... wiederholte sich Melanie fast erschrek

kend im Stillen. Sie staunte, dass er diese Anrede so ruhig geschehen liess und nichts erwiderte, als drangend noch einmal: Nun? Nun? Wem sieht das Bild ahnlich?

Ich denke: der Grafin d'Azimont! sagte Melanie mit

gezogenem Tone und wandte sich rasch, als wollte sie in ihm den Eindruck beobachten, den dieser Name auf ihn hervorbringen wurde.

Dankmar kam aber in der That in Verlegenheit. Er

hatte den Namen der Grafin d'Azimont im Thurm nennen horen, wusste auch, dass ein franzosischer Attache einst in der Residenz so hiess und die Grafin jedenfalls eine Schonheit war, weil sie sonst Egon's sonderbare Laufbahn in Frankreich nicht, wie es schien, wurde unterbrochen haben; aber es blieb doch die reinste Naturlichkeit, als er ganz unbefangen fragte:

Was wollen Sie mit der Grafin d'Azimont?

O Sie Schelm! sagte Melanie, den Finger aufhe

bend. Sie wollen den Prinzen Egon kennen und wissen nicht, was mir die Excellenz erzahlte, als sie mit dem grossten Zorn das Bild mir aus der Hand nahmen und es den Dienern gaben, um es in den Wagen zu tragen? Die Excellenz war erschrocken sogar uber ihre eigene Unfreundlichkeit. Excellenz, sagt' ich, ich ware im Stande, Sie an einem Ihrer kleinen Ohrzipfel empfindlich zu kneipen. Wie konnen Sie mich so abscheulich anfahren? Er sprach ein Kauderwalsch durcheinander von gefahrlichen Intriguen und hohern Befehlen und endete dann, um mich auf andere Gedanken zu bringen, damit, dass er sagte, dies Bild der jungen Furstin Amanda erinnere ihn sehr an die Geliebte des Fursten Egon, die Grafin d'Azimont?

Dankmar lachelte, aber bedeutsam ....

Zum Gluck, fuhr Melanie wie eifersuchtig fort, zum Gluck ist diese schone Dame verheirathet. Ich bemerkte Das schon Herrn von Harder. Sie lebt in Paris, setzte er plaudernd hinzu, um mich zu zerstreuen und das alte Vertrauen wieder zu gewinnen. Lebe sie wo sie wolle! Sie verderben mir die Freude an diesem Bilde, sagte ich.

Er misverstand meinen Unmuth, glaubte, ich neckte ihn und liess mich die Folter ausstehen, dass er mir nach Tisch, er nahm Ihre Stelle ein, in einer Fensternische Dinge sagte, wie sie Prinz Egon der Grafin d'Azimont nicht feuriger vortragen kann. Alles Das kommt von Ihrer Grafin, die in Paris vergessen hat, dass sie verheirathet ist! O gehen Sie, Wildungen, mit Ihrer leichtsinnigen Grafin d'Azimont!

Fraulein ...

Ja, ja, Sie .... Schamen Sie sich solcher Verhaltnisse ....

Welcher?

Eine verheirathete Diplomatin! Gewiss ist sie sehr schon, aber auch gewiss sehr intriguant! Gewiss sehr coquett! Ich habe das Schlimmste von der Grafin d'Azimont erfahren .... Und wenn sie nun gar der Furstin Amanda gleicht, kann ich nur noch viel Schlimmeres von ihr denken.

Ich muss gestehen: Sie haben die Phantasie dafur! sagte Dankmar.

Gleichviel! Sie mogen mich nun tadeln oder den Maler des Bildes oder den gutigen Schopfer .... Wenn die Grafin d'Azimont dem Bilde gleicht ... ich tadle sie doch .... Die Nase auf dem Pastellgemalde war nicht schon.

Dankmar musste uber diese Wendung lachen. Melanie boudirte kunstlich .... Er war entzuckt von der Coquette-rie des eifersuchtigen Madchens.

Mit halb kunstlichem, halb naturlichem Arger und von einer Eifersucht gefoltert, als wenn sie alle die Menschen, die sie doch nur dem Namen nach kannte, leibhaftig schon vor sich sahe, hupfte Melanie fort.

Dankmar ihr nach ....

Melanie sprang Stufe von Stufe die Terrassen herab bis zu jenem griechischen Tempel hinunter, der einen so stillen Fernblick in das waldige Gebirge und die unterhaltende Nahe der sich hier kreuzenden Wege erlaubte. Melanie war so geeilt, so hastig an der alten, eben von dem kranken Gartner kommenden und kopfschuttelnd stehenbleibenden Brigitte vorubergeschritten, dass sie auf eine Bank des Pavillons niedersank und Dankmarn das schone Schauspiel ihrer machtigsten Erregung bot. Den Uberwurf hatte sie im raschen Gehen und dem Herabspringen von den Stufen, eine zweite Atalante, um ihn aufzuhalten, unterwegs fallen lassen. Er musste auch, wahrend sie lachte, innehalten und ihn aufheben; jetzt schlug er den Uberwurf uber den Nacken und die wogend sich hebende Brust. Auf der Erde suchte er eine grosse goldene Nadel, die gleichfalls ihrem Haar entfallen war und die zuruckgesteckten Locken gehalten hatte ...

Lassen Sie nur, sagte sie und strich sich die Haare hinters Ohr, wo sie nicht halten wollten, und von der einen Seite nach vorn fallend, ihr einen schwarmerischen Ausdruck gaben ...

Lassen Sie nur! ... Sie mussen mir jetzt sagen, fuhr sie nach einer Weile, wahrend sie Dankmar gluckselig betrachtete, gesammelt fort; Sie mussen mir jetzt sagen, wie die Grafin d'Azimont das Haar tragt. Ich will gar keine kunstliche Frisur mehr tragen, bis ich nicht weiss, wie diese abscheuliche Coquette sie tragt ....

Dankmar war in der That von der Liebenswurdigkeit des Madchens, das sich in den gewagtesten Capricen gefiel, bezaubert ....

Gehen Sie doch, theure Melanie, sagte er unternehmend und sich ihr zur Seite niederlassend; gehen Sie doch mit diesen Erinnerungen. Diese Zeiten sind voruber. Egon hat sich dem Vaterland zuruckgegeben. Er wird es lieben, trotzdem dass es ihn so unfreundlich begrusst. Sie haben Recht, auch der Intendant gehort zu seinen Feinden und wenn Sie versprechen konnten ....

Ich verspreche nichts, sagte Melanie und meinte doch das Gegentheil.

Eben wollte Dankmar sich zu einer Erklarung zusammennehmen, als er aufhorchen musste. Getrappel von Pferden und noch mehr ein Geklirr von Waffen schien an sein Ohr zu dringen. Er stand auf und beugte sich uber die Balustrade des Pavillons. Von Randhartingen her sah er die zwei Gendarmen reiten, die wahrscheinlich den Transport des Mobiliars schutzend begleiten sollten. Die beiden Schnurrbarte grussten militairisch und wandten sich dem grossen Aufgang zum Schlosse zu.

Die gewaltigste Unruhe folterte Dankmarn. Schon sah er alle seine Hoffnungen vernichtet, schon den Preis der Rolle, die er hier, wenn auch ohne Muhe, doch zur Qual seines Wahrheittriebes durchfuhrte, seiner Hand entwunden. Unwillkurlich stand er da wie Jemand, den ein Geheimniss presst, zu dessen Entdeckung er gern von einem prufenden Blick in das Auge Dessen, dem er sich zu vertrauen im Begriffe steht, ermuthigt werden mochte ....

Was haben Sie? fragte Melanie, diesen Zustand nachfuhlend.

Wann reist der Intendant ab? fragte Dankmar entschlossen.

Noch heute Abend!

Er, der Sie liebt, bewundert, ... trennt sich sobald?

Da ich ihn uber Das, was er heute in der Nische zu mir sprach, ausgelacht habe, noch heute Abend ....

Er kann sich trennen? Von Ihnen, Melanie? Von Ihnen, die Sie Alle zu fesseln, Alle zu bezaubern verstehen ....

Er kann's und hofft morgen Abend in der Residenz zu sein ....

Nein, nein, er bleibt! Er bleibt, weil er die Schonheit bewundert, er bleibt, weil er nichts furchtet, als ...

Er furchtet Alles. Wie Sie sehen, diese Gendarmen hat er sich vom nachsten Landrath erbeten, weil er furchtet!

Sie sehen daraus, rief Dankmar, dass die Entfuhrung dieser Angedenken an eine ungluckliche Frau, die man noch im Tode verfolgt, ein Act der Gewaltthat ist! Jenes Bild, das Sie in Handen hatten, das der Gefangene im Thurme sich aneignen wollte, ist mir uber Alles, uber Alles werth und theuer. Es enthalt das wichtigste Geheimniss einer edeln Familie! Wir mussen es besitzen. Sagen Sie ein Mittel, es zuruckzuerhalten!

Ich erstaune! erhob sich Melanie mit verklartem Blick, unendlich erfreut und tiefgefesselt. Sie sind also nicht durch Zufall hier? Sie hatten eine Absicht, verlangen Vertrauen zu Ihnen und erwidern es nicht einmal Denen, die nicht zu Ihren Feinden gehoren, mag auch die Stellung des Fursten Waldemar zu meinem Vater noch so schwierig gewesen sein! Warum sagten Sie nicht sogleich offen

Ich gestehe Ihnen Alles, unterbrach sie Dankmar! Himmlisches, liebenswurdiges Madchen! Melanie, einer Gottin gleich! Wenn ich Ihnen sagen wollte ...

Schweigen Sie jetzt! rief das hochergluhte Madchen rasch und zeigte verstohlen nach dem Eingang des Pavillons hinter sich. Ich will Ihr Vertrauen erwidern; flusterte sie. Nur jetzt nicht, jetzt nicht, Durchlaucht ...! Wir sind nicht allein.

Achtes Capitel

Das Geheimniss der drei Kugeln

Lasally, Herr von Reichmeyer, der unvermeidliche Guido Stromer, Lasally's Schwester und Madame Pfannenstiel traten hinter dem Gebusch hervor und wollten, wie sie Melanie und den Fremden allein erblickten, umkehren, als furchteten sie lastig zu fallen. Sie hatten von ihrer Unterhaltung nichts gehort, wol aber, nach ihrer Ruckkehr von einer Spazierfahrt und im Dorfe sich vereinigend, das schone Paar im Auge behalten und beim Lustwandeln im Garten, der auch von unten her dem Kundigen zuganglich war, so gethan, als wurden sie Denen nur zufallig begegnen, die, wie sie wol sahen, ungestort zu sein wunschten ....

Man that nun, als wollte man sich gegenseitig nicht hindern, und verwickelte sich gerade deshalb absichtlich in ein lastiges Gesprach. Um ja nichts zu sprechen, sprach man. Die Gegend, das Wetter, zuletzt sogar die Zeit und ihre Verwirrung musste den Stoff hergeben, Reden zu wechseln, bei denen man die Absicht, sich nur zu schrauben und auszuhorchen, schlecht verdeckte .... Wer war dieser Fremde? Es peinigte Alle.

Lasally schien in eigenthumlicher Unruhe. Er hielt sich fur einen der bevorzugtesten Verehrer Melanie's der sich Hoffnung machen durfte, sie immerhin nach mancherlei flatterhaften Abirrungen zuletzt doch wol noch zu gewinnen. Die Gelegenheit, seine Schwester hierher zu begleiten, unterstutzte seine Bewerbung. Auch Reichmeyer wunschte, um Eugen's Finanzen geordnet zu sehen, glucklichen Erfolg .... Lasally schien es Ehrenpflicht, sich jetzt an Melanie zu halten. Er storte absichtlich.

Dazu noch die geldstolze Einfalt der Pfannenstiel und das unruhige Geisthaschen des Pfarrers, dem durch Melanie offenbar eine Verzauberung gekommen war, die ihn aus seinem bisherigen Murmelthierschlafe zu einem nochmaligen Lebensversuche Beides Ausdrucke von ihm selbst wecken sollte ...

Melanie, aufgeregt durch das Band des Geheimnisses, das sich eben mit dem bedeutendsten Manne, der ihr je begegnet war, knupfen wollte, litt entsetzlich unter der Pein dieser Storung. Diese Fragen, die da aufgestellt wurden, wie lastig waren sie nicht! Melanie wurde vor Zorn sogar boshaft, gab schnippische Abfertigungen, hatte aber das Ungluck, dadurch die Eitelkeit umsomehr anzustacheln. Froh war sie, als Dankmar wenigstens eine dieser kichernd Zudringlichen mit der Bemerkung abtrumpfte und entfernte, dass er bei dem Namen Pfannenstiel aufhorchte und an den Wachter des Thurms und den Amtsboten gleiches Namens erinnerte. Die Tochter des fruhern, Schwester des jetzigen Wirths vom Gelben Hirsch gestand diese Verwandtschaft mit Errothen ein, sammelte sich aber doch zu einer Antwort, die Dankmarn ein ausseres Interesse an dieser Frau einflosste, was sie schwerlich ahnte ...

Ich besuche meinen Schwager selten, sagte sie, weil er mich an ein Ungluck meiner Familie erinnert.

Sie meinen die ungluckliche Katastrophe jenes Brandes, sagte Dankmar, bei welchem er vor vielen Jahren den Gebrauch seiner rechten Hand verlor?

Welch ein Brand? fragte sogleich die Gesellschaft.

Auf dem Gelben Hirsch, erzahlte der Pfarrer, der nicht gern lange schwieg, brach aus Ursachen, die noch bisjetzt unentdeckt geblieben sind, vor Jahren ein Feuer aus, bei welchem ein junges bluhendes Madchen, die Braut unsers gegenwartigen Forsters, den Tod in den Flammen fand ....

Es war Dies meine Schwester! sagte die Frau des Wirthschaftsraths.

Dankmar besass nicht seines Bruders Siegbert Weichherzigkeit. Dennoch entging ihm nichts, was nur irgend einer gefuhligen Stimmung ahnlich sah. Er bereute in seinem Herzenstakte jetzt die Erwahnung so trauriger Erinnerungen und wurde es ganz in der Ordnung gefunden haben, wenn die inzwischen so wohlhabend gewordene "Hirschentochter" sich verstimmt gefuhlt und entfernt hatte. Die blieb aber und fand sich gar nicht wenig geschmeichelt, plotzlich der Mittelpunkt eines gewissen Interesses geworden zu sein. Sie erzahlte mit der grossten Umstandlichkeit alle einzelnen Vorkommnisse jenes Brandes, die herrlichen Eigenschaften ihrer altern unglucklichen Schwester, die Aufopferung der Manner bei der schrecklichen Gefahr, die Verzweiflung des Forsters, der mit den Frauen kein Gluck haben sollte, denn drei Jahre spater war' ihm eine neue Verlobte im Gebirge von dem jahen Felsrande eines Waldbaches gesturzt und hatte zerschmettert ihren Tod unter den Steinen im fast leeren Flussbette gefunden. Das ware die Tochter des Sagemullers oben in der Ullaschlucht, ein Madchen von zwanzig Jahren gewesen. Sie hatte gerade hier nach Plessen in die Kirche gehen wollen, wo sie zum ersten mal aufgeboten wurde ....

Ich entsinne mich sehr wohl, sagte Guido Stromer, es war ein ruhrender Anblick! Das schone sonntaglich geputzte Madchen hatte sich vielleicht verspatet und horte schon die Glocken rufen, die den Beginn ihres Ehrentages einlauteten. So nahm sie einen kurzern Weg, hupfte das Ufer des Waldbaches entlang von Stein zu Stein, Vorsprung zu Vorsprung, bis sie fehltrat, ausglitt, sich nicht halten konnte und in der einen Hand ein gesticktes Taschentuch, in der andern ihr Gesangbuch festhaltend, zerschmettert in der Tiefe lag. Das letzte Bewusstsein schwand in dem doch noch ziemlich rauschenden Wasser. Noch im Tode hielt sie ihr Taschentuch und das Gesangbuch krampfhaft fest. Am Ausgange des Waldes stand der geschmuckte, stattliche Jager, harrte und harrte, der Gottesdienst begann, man schickt in die Sagemuhle und erst am Abend entdeckten Kohlenbrenner das geschehene Ungluck. Die Furstin, voll Theilnahme und sinnig wie immer, liess oben an der Stelle, wo der Sturz begonnen haben musste, ein einfaches Kreuz mit Erwahnung Dessen errichten, was hier so leidvoll und wie ein schwermuthiges Idyll geschehen war ....

Dankmar's ernstes Nachdenken uber die Erzahlungen nahm die leidenschaftlich aufgeregte Melanie fur eine Erinnerung aus seiner Jugend. Sie horte Dem, was Alle erschutterte, kaum zu und erwachte erst aus ihrem Traumen und dem trunkenen Einathmen der sie so tief anregenden Erscheinung dieses jungen Mannes, als sie einen Namen nennen horte, den sie jetzt nicht erwartet hatte. Lasally war namlich boshaft genug, Melanie grade in dem Augenblick, wo seine Hoffnungen wieder entruckt zu werden schienen in eine ungewissere Zukunft, in dem Augenblick, wo ein unbekannter und ihm nur ausserlich bedeutend erscheinender junger Mann Melanie so machtig fesseln konnte, sie mit Erinnerungen zu qualen, die ihr schmerzlicher waren, als der Wirthschaftsrathin die an ihren Schwager und ihre ungluckliche Schwester. Lasally wollte sie hinabschleudern in das beschamende Gefuhl der Abhangigkeit von mannlicher Grossmuth und so sagte er nach einer Pause, die jene Mittheilung halb vergessener und verschmerzter Unglucksfalle abloste:

Irr' ich nicht, mein Herr, so sah ich Sie gestern im Walde mit einem Kutscher, in dessen Hande Sie wol nur durch einen unglucklichen Zufall konnen gerathen sein. Es war ein magerer blasser Mensch mit rothlichem Haar. Als er uns anreiten sah, entsprang er plotzlich. Ich glaube Ursache zu haben, in ihm einen gewissen Hackert zu vermuthen, der erst Schreiber bei des Frauleins Vater war und nach und nach eine Reihe der verschmitztesten Bosheiten ausgefuhrt hat, die ihn wol bestimmen konnten, vor uns, die wir ihn sehr gut kennen, die Flucht zu ergreifen ....

Melanie schoss auf Lasally einen vernichtenden Blick, der Dankmarn befremdete. Jetzt begriff er fast, warum Hackert ihn gebeten hatte, ihn hier nicht in der Eigenschaft eines Dieners aufzufuhren und so gross war seine Antipathie gegen den kalten Ton der eben gehorten Bemerkung, dass er, trotz des Verdachtes, den ihm die im Walde von Heunisch gefundenen Kugeln einflossten, Hackert in diesem Augenblick zu seinem besten Freunde, ja zu einem Baron und Seigneur hatte machen mogen ...

Sie irren! sagte er, eingedenk des kalligraphischen Hackert'schen Zettels. Ich fuhrte mein kleines Fuhrwerk selbst. Die beiden Gefahrten waren ein Handwerker, dessen Fusswanderung mir leid that, den ich aufnahm und vorhin im Thurm leider unter zweideutigen Inzichten wiedergefunden habe; der Andere, auf den Ihre Beschreibung passt, ist ein junger Mann, den ich im Heidekrug fand, gerade im Begriff, hierher nach Hohenberg zu reisen in Zwecken, die ich nicht kenne. Ich vermuthe, es ist ein Jagdliebhaber.

Herr von Reichmeyer lachte laut auf und Lasally sagte etwas malicios:

Er verliess Ihren Wagen, angezogen wahrscheinlich von einem Wilde, das er zwischen den Schatten der Baume entdeckt zu haben glaubte.

War er bewaffnet? fragte Frau von Reichmeyer sehr besorgt.

Du horst ja, liebe Schwester, sagte Lasally, er war diesmal ein Jager ohne Flinte. Er sprang vom Wagen, aus freier Hand einen Hasen zu schiessen ....

Dankmar, der nicht begreifen konnte, wie man dazu kam, ihn uber Hackert so scharf und beleidigend ins Verhor zu nehmen, fixirte Lasally mit unwilligem, zornfunkelndem Blick.

Melanie, die zwischen diesen Mannern eine Scene furchtete, trat dazwischen und wollte den Streit scherzhaft wenden, indem sie sagte:

Ich bitte! Ich glaube, wir vergassen die Herren bekannt zu machen ... Herr Lasally! Herr Wildungen!

Dankmar, der fuhlte, dass er bei seiner Aussage bleiben musste, wandte sich unmuthig ab und sagte:

Herr Lasally! Warum soll ich von dem jungen Mann nicht annehmen, dass er die Jagd liebt? Er war vielleicht doch bewaffnet. Hier sind noch drei Kugeln, die Herr Hackert im Wagen zuruckliess. Wollen Sie sie ihm zuruckerstatten? Ich bedauere, ihn nicht wiedergesehen zu haben ....

Als Dankmar die Kugeln vorzeigte, erschrak er uber die machtige Wirkung dieser Mittheilung.

Lasally, der sich erhitzt hatte, erblasste. Der Commerzienrath griff nach dem Blei und rief entsetzt:

Es sind dieselben!

Frau von Reichmeyer hielt sich halb ohnmachtig an dem Pfarrer, der wie Dankmar und die Wirthschaftsrathin von Alledem nichts begriff und Melanie, todtenblass, biss die Zahne zusammen, indem sie Lasally mit halb erstickter Stimme zurief:

Es ist emporend!

Dass man Hackerten in diesem Kreise hasste und furchtete, war Dankmarn nun gewiss, wenn er auch die Grunde dafur nicht begreifen konnte und sich im Gegentheil sagen musste, dass Schlurck auf dem Heidekrug sich gegen den Nachtwandler ausserst liebevoll benommen hatte.

Lasally war doch nicht der Mann, sich vor einer Kugel zu furchten, selbst wenn man annehmen wollte, dass Hackert ihm eine zugedacht hatte? Dankmar wusste zu gut, dass der Unbewaffnete eher feig als unternehmend war. Und doch dieser Schreck vor den drei Kugeln? Selbst Melanie, die von Ungeduld und Verzweiflung uber die lastigen Intermezzi gefolterte Melanie, schien diese Furcht zu theilen. Was war es mit den drei Kugeln?

Noch rathselhafter wurde Dankmarn das Geheimniss, als Lasally einen in der Nahe befindlichen Jokkey, der zu seinen mitgebrachten Leuten gehorte, anrief und ihn fragte:

Ist den Pferden nichts? Was lauft Ihr da herum? Warum nicht im Stall? Was hab' ich Euch gestern Nachmittag eingescharft?

Der Reitknecht gab jede nur wunschenswerthe gute Auskunft uber die vier schonen Reitpferde, die Lasally von der Residenz mitgefuhrt hatte.

Herr von Reichmeyer fragte, ob sie Hackert's nicht ansichtig geworden waren?

Die Antwort lautete, dass man ihn allerdings dann und wann am Schlosse hatte umherschleichen, auch mit dem Kammermadchen des Frauleins, Jeannette, sprechen sehen, doch waren sie Alle auf der Hut, ihn bei erster Annaherung niederzuwerfen. Die Pferde waren im sichersten Gewahrsam ....

Die Kugeln beweisen seine schlimme Absicht. Es sind dieselben wie fruher, sagte Reichmeyer.

Warum denn dieselben? Warum denn? rief Melanie. Ich beschwor' Euch, lasst diese Unwurdigkeiten.

Mein Herr! sagte Lasally jetzt zu Dankmarn im entschiedenen aber sehr hoflichen, fast versohnten Tone; mein Herr, ich ehre die gute Meinung, die Sie von einem der abgefeimtesten Bosewichter haben. Sie kennen ihn eben nicht. Wurden Sie die Gefalligkeit haben, mir diese drei Kugeln zu lassen?

Dankmar gerieth nun in Verlegenheit. Er hatte das Eigenthum an diesen Kugeln auf nur vollig aussere Anzeichen hin ja er musste sagen nur auf die Vision der Ursula Marzahn unter dem Ebereschenbaume Hackerten zugeschrieben und nun begrundete sich auf diese willkurliche, wenn auch sehr wahrscheinliche Annahme eine formliche Anklage ...

Er lehnte nun die Herausgabe der Kugeln ab und streckte die Hand, sie wieder an sich zu nehmen. Er bat darum.

Lasally aber verweigerte sie aufs entschiedenste und sagte kategorisch:

Haben Sie keine Sorge fur Ihren Schutzling, mein Herr! Er ist zu feig, von diesen Kugeln einen offenen und ehrlichen Gebrauch zu machen. Wissen Sie aber, wozu diese Kugeln dienen sollten? Ich will es Ihnen sagen. Zum teuflischsten Morde an armen, edlen, unschuldigen Thieren! Wissen Sie, dass ich in einer Nacht drei meiner schonsten Pferde ich bin der Stallmeister Lasally habe mussen niederschiessen lassen, weil sie toll wurden, toll durch eine Ursache, die wir nicht entdecken konnten?

Lasally zitterte. Seine Schwester bat ihn, sich zu beruhigen. Melanie wandte sich ab. Die Ubrigen horten gespannt zu, Dankmar mit einer Theilnahme, die ihn seine eigenen Angelegenheiten und die des Gefangenen im Thurme fur einen Augenblick fast vergessen liess.

Auf einer Partie in den am Wasser gelegenen Fichtenwald, begann Lasally, Sie werden ihn aus der Residenz kennen auf dieser Partie, wo eine Gesellschaft von Damen und Herren im sogenannten Jagdhause von den elegantesten, preiswurdigsten Pferden stieg, um eine Stunde im obern Stock zu fruhstucken, vernachlassigten meine Leute die Aufsicht auf die draussen festgebundenen Pferde. Wir kommen nach einer Stunde herab, wir wollen aufsteigen und finden drei meiner Thiere in der sonderbarsten Aufregung. Sie schleudern mit dem Kopf, schnauben mit den Nustern, schlagen wild aus und Niemand wagt, sie zu besteigen. Wir erkundigen uns, was geschehen ist. Niemand weiss eine Auskunft. Wir glauben, die Thiere scheuen vor irgend einem uns selbst fremden Gegenstande. Wir binden sie los und machen das Ubel arger. Zorn erst uber die Thiere, dann uber meine Leute ergreift mich. Niemand weiss, was den Pferden geschehen ist. Ich besteige endlich mein liebstes Ross, um es zu bandigen. Es wirft mich fast ab, rennt wie rasend davon und wirft sich der Lange nach in den Weg mit dem Kopf gegen eine Eiche bohrend. Die Gefahr fur uns selbst, bei dem Ausschlagen und wilden Toben, wuchs. An ein Besteigen war nicht mehr zu denken. Meine Leute unternahmen, um das Versehen zu bussen, die schwere Aufgabe, die drei Thiere in die Stadt zu geleiten, wahrend die nun plotzlich Unberittenen auf einem in der Nahe gemietheten Leiterwagen bis zu dem Stadthore zuruckfuhren. Schon unterwegs brach sich mein Renner beide Schenkel und blieb fur todt liegen. Mit genauer Noth kamen die beiden ubrigen, auf den Strassen wie rasenden und tobenden und von einem Volkshaufen verfolgten Thiere in den Stall. Die Knechte haben Lebensgefahr uberstanden. Dort, wo wir nun Ruhe hofften, begann von neuem erst der Schrecken. Die Thiere schlugen uber die Stangen, die sie trennten, rissen sich von der Kette los und verwundeten sich in wilder Wuth so heftig, dass ich die Heilung aufgeben musste, selbst von Zorn ubermannt, ein Doppelpistol ergriff und mit einer Ladung in blinder Wuth sie niederschoss. Bei der Obduction entdeckte der Veterinararzt in den Ohren jedes dieser Thiere eine kleine Kugel, die, hinuntergeglitten bis ans Hirn, sie rasend gemacht hatte. Mein erster Gedanke, wer diese teuflische That vollbracht haben konnte, war aus Grunden, die Sie nicht wissen konnen, Hackert. Und nun urtheilen Sie, ob diese drei Spitzkugeln, die, wie Sie sagen, diesem uns hierher nachgeschlichenen, Boses im Schilde fuhrenden Menschen gehoren und vollig jenen andern ahnlich sind, mich nicht mit Schaudern erfullen sollen und bestimmen mussen, meine Thiere zu huten, zugleich aber auch diese Kugeln als gerichtliches Zeugniss in Verwahrsam zu nehmen?

Lasally schwieg, noch zitternd. Er konnte gewiss sein, auch Dankmarn erschuttert zu haben.

Dankmar war erblasst. War es das Entsetzen von einer an den armen edlen Thieren begangenen so ruchlosen Frevelthat, war es die wie ein lahmender Schlag ihn treffende Vorstellung, dass er noch vor zwei Tagen ein Ross aus desselben ihm hier begegnenden Mannes Marstall Hackerten zur Obhut ubergeben hatte, er musste sich an einer ihm grade nahestehenden Marmorvase halten, um nicht seine Empfindungen zu sehr zu verrathen ....

Entsetzlich! sprach er dumpf vor sich hin. Dann aber doch aufgeschreckt von einem Unrecht, das er Hackerten thun konnte, indem er doch nur seiner Vermuthung folgend diese Kugeln als wirklich von ihm herruhrend bezeichnet hatte, fragte er:

Sind Sie aber auch ganz gewiss, dass gerade Hackert Ursache haben kann, sich auf eine so nichtswurdige emporende Art an Ihrem Eigenthum zu rachen?

Als Lasally diese Frage belachelte und die beiden Reichmeyers den uns bekannten Vorfall der Zuchtigung andeutend, diese Ursache verkleinern und geringfugig darstellen wollten, rief Melanie mit gluhender Entrustung, sich stolz erhebend und aufrichtend wie eine Konigin, ein stolzes, wie Glocken tonendes:

Ja! Er hatte sie!

Alles blickte auf Melanie und war von dem Ausdruck ihrer Mienen, die einen nie an ihr gekannten hoheitsvollen Ernst verriethen, so staunend ergriffen, dass unwillkurlich eine feierliche Pause eintrat.

Als Niemand etwas erwiderte, sagte sie, den gespannten Ton fallen lassend und mit gemildertem Ausdruck, fast scherzend:

Und jetzt wunsch' ich, ja befehl' ich: Genug hiervon!

Neuntes Capitel

Die Mitschuldige

Die Sonne war eben mit reinster Klarheit untergegangen, als die Gesellschaft oben am Schlosse ankam. Die Mutter und Bartusch traten ihr entgegen und baten Alle zu einem leichten Nachtimbiss zu bleiben. Melanie unterstutzte diese Bitte. Sie bedurfte eines Ubergangs aus ihrer vielfachen Aufregung zu jener einfach seligen Empfindung zuruck, die sie in dem Augenblicke mit uberstromender Gewalt ergriffen hatte, als ihr Dankmar ein Gestandniss machen wollte. Wie dringend es war, einen Entschluss zu fassen, riefen ihm die bewaffneten Organe des Landfriedens zuruck, die beiden Arme der Gerechtigkeit. Der Wagen war geschlossen. Eine eiserne Stange ging quer uber die hintere Thur hinweg. Die Rettung des Bildes war fur den Augenblick unmoglich.

Dankmar ergab sich vorlaufig mit stummer Resignation in das Unabanderliche. Die letzte Entdekkung uber Hackert und das lastige Gefuhl, bei alledem, dass er diesen unglucklichen Menschen nun hassen musste, Schuld zu sein an seinem Ungluck (denn Lasally behielt die Kugeln), und ihm vielleicht noch gar Unrecht zu thun, alles Das druckte ihn so, dass er wirklich der zartlichen Blicke und zutraulichen Trostungen Melanie's bedurfte, die ihn aufzurichten und zu ermuthigen suchte. Er begriff dabei nicht vollkommen was in ihm vorging. Und als nun gar noch die Excellenz von Harder schon im Reiseanzug vor dem Beginn des Nachtessens sich melden liess und sein bequemer Landau vorfuhr, der ihn aufnehmen und noch heute entfuhren sollte, als Melanie dem Abschied von dieser ihm zum ersten male entgegentretenden Personlichkeit eine heitere, fast ausgelassene Wendung gab, verstand er nicht das Geringste mehr von ihren Absichten.

Die Couverte des gedeckten Tisches wurden complettirt, die Zahl der Messer und Gabeln vermehrt, die nun doch noch a la fortune du pot festgehaltenen Gaste standen rings erwartungsvoll und ihren verschiedenartigen Empfindungen hingegeben sich lehnend an Mobel und Fenstersimse .... Dankmar horte den geheimen Neckereien zwischen Melanie und dem Intendanten befremdet zu und belachelte doch wieder, bei aller innern ernsten Aufregung, die Einbildung eines alten vornehmen Herrn, der in der That zu glauben schien, er hatte auf ein solches Wesen Eindruck gemacht .... Melanie's kunstliches Schmollen hielt die Excellenz fur Verzweiflung uber die Abreise. Lasally und auch Dankmar schuttelten den Kopf uber dies Flustern, dies Blinzeln, dies huldvolle Vertrosten auf die nun bald in der Residenz sich hoffentlich inniger anknupfende Freundschaft .... Melanie nahm den Intendanten bei Seite, zog ihn an eine Gardine des Fensters und scherzte so drollig mit seiner Schwache, so beflissen, so zuthunlich, dass Frau von Reichmeyer ungeduldig wurde, von Unsittlichkeit sprach und mit einem Blick auf ihren gleichfalls eifersuchtigen Gatten laut erklarte, sie furchte, solche Grundsatze steckten an. Endlich brach die Excellenz auf und riss sich aus dem tete a tete am Fenster mit den Worten los:

Sie tauschen mich! Warten Sie, warten Sie!

Sie werden sehen, Excellenz, rief dagegen Melanie, Sie werden sehen, ich tausche nicht ....

Wirklich! sagte der Intendant, Sie wollten

Melanie rief laut:

St! Die Wette gewinnen ...

Damit drangte sie den verklart Leuchtenden formlich aus dem Zimmer ....

Herr von Harder nahm von Melanie's Mutter einen hochst herablassenden, zerstreuten Abschied, von den Ubrigen einen hoher herablassenden, verwirrten, Dankmarn aber, als ein ihm noch nicht vorgestelltes unbekanntes Wesen, ignorirte er ganzlich.

Als der Geheimrath fort war, der Landau und der Transportwagen dahinrollten, das Sabelklappern der Gendarmen verhallte und die Gaste ihre Platze zogernd und um Entschuldigung bittend eingenommen hatten, erklarte Melanie plotzlich, dass sie morgen in aller Fruhe aufbrechen und nach der Residenz zuruckkehren wurde.

Wie? rief man allgemein. Ist das Ernst?

Sie brachte fur ihren plotzlichen Entschluss so viel wohlgeordnete, uberlegte, entschiedene Grunde vor, dass man erstaunt war uber eine bei ihr im Stillen gereifte Erklarung ....

Wenn Melanie mit solcher Sicherheit ein Vorhaben behauptete, war ihre Mutter nicht gewohnt ihr zu widersprechen.

Wohlan! sagte sie. So reisen wir!

Reichmeyer staunte erst, erklarte aber dann auch, dass er sich uberzeugt hatte, ein Ankauf der Herrschaft wurde sich ihm nicht lohnen. Lasally war schon seit lange durch diesen Aufenthalt verstimmt, durch Hakkert's Nahe jetzt vollends beunruhigt, und Bartusch gab den letzten Nachdruck noch dadurch, dass er sagte, die Verabredungen der Glaubiger waren geschlossen, die Verstandigungen ziemlich klar erortert, man wisse, was Jeder zu fodern hatte und wie er sich wolle befriedigen lassen ... es bliebe nun nichts ubrig, als die letztliche Erklarung des inzwischen in der Residenz angekommenen Prinzen Egon ....

Dies leuchtete ein ... Bartusch's Blinzeln auf Dankmarn verstand man nicht.

Melanie uberliess Jedem sich die Grunde zurechtzulegen, die ihn bestimmen konnten, das Schloss schon jetzt zu verlassen ... sie, sagte sie, wurde es morgen in aller Fruhe thun. Sie bat Lasally, dazu die Pferde in Bereitschaft zu halten, denn sie wurde bald fahren, bald reiten. Auch Dankmarn bat sie, ihrem Beispiele zu folgen und sich eines der Pferde des Stallmeisters zu bedienen, sein Wagen konne ja, gefuhrt von einem der Leute Lasally's, folgen ....

Nicht wahr? sagte sie neckisch.

Dankmar gestand zu, was sie nur verlangte.

Die Mutter, fuhr sie fort, schliesst sich uns in der Mitte in unserm neuen Coupe an. Ja, ja, wir werden bald fahren, bald reiten und uns die Ruckreise nicht etwa wie einen bittern Nachgeschmack von vielen hier gehofften und nicht eingetroffenen Freuden bekommen lassen, sondern wie Etwas, das den ganzen Aufenthalt auf dem Schlosse allein aufwiegen und alles Vorangegangene ubertreffen soll ....

Die Einwendungen der Mutter wegen doch allzu grosser Beschleunigung widerlegte sie durch ihre Bereitwilligkeit, ihr die ganze Nacht hindurch packen zu helfen. Ihr Entschluss stunde nun einmal fest und was sich nicht sogleich mitnehmen lasse, konnten die als zuverlassig erprobten Leute schon nachbringen. Auch die Nothwendigkeit, Abschied zu nehmen von Zeisels, von Sangers, von Doctor Reinick, von Bensheims, Sengebuschs und mancher andern Bekanntschaft, liess sie nicht gelten. Allen solchen Bedenklichkeiten abzuhelfen genuge die Visitenkarte.

Und den Einzigen, fuhr sie fort, von dem der Abschied uns schwer geworden ware, unsern theuern Herrn Pfarrer Stromer, den haben wir ja hier und konnen ihm all unser Bedauern gleich ins Angesicht sagen. Ja! Lieber Pfarrer! Sie kommen gewiss recht bald zu uns! Sie mussen Domprediger werden! Schade, dass Sie keine Tochter mehr aus der Propstei heirathen konnen! Propst Gelbsattel hat noch ein halbes Dutzend, aber die Alteste liebt den Candidaten Oleander und die Jungste der funf Andern sind es nicht soviel, Mutter? wurde noch zu alt fur Sie sein, fur einen Mann, der anfangt nur das Schone zu lieben. Zum Gluck besitzen Sie die beste der fur Sie passenden Frauen. Aber kommen Sie! Irgend eine Kanzel findet sich schon .... Ich kenne an dreissig junge Frauen und Madchen, die Alle nicht mehr wissen, wem sie ihre Sunden beichten sollen .... Der Eine ist zu rauh, der Andere zu sanft, der Dritte zu gelehrt, der Vierte zu oberflachlich. Und die abscheuliche Anzuglichkeit dieser Modeprediger! Dieses Schlagen auf die Kanzellehne, dieses Larmen und Poltern uber die verstockten Sunderherzen, diese dustere Lehre vom Blute Christi .... Propst Gelbsattel, der sonst so beliebte letzte Rettungsanker, ist gar nicht mehr zu verstehen seit den Revolutionen. Er weiss nicht, wohin er sich wenden soll, ob zum Volke oder zum Konige. Seine Zeit ist um, sagte er kurzlich in einem Anfalle von Wehmuth, weil er bei Hofe nicht geladen war. Vielleicht werden Sie Propst, Herr Stromer! Kommen Sie! Ich habe Verbindungen und bring' es schon dahin, dass wir Sie irgendwie den Unserigen nennen; Das bin ich Ihnen ja schuldig fur den schonen Blumenstrauss, mit dem Sie mich heute wieder begluckten ....

Als Stromer hocherrothend niederblickte, gedachte Dankmar der Erzahlung Egon's und seiner Vermuthung, der Pfarrer hatte wol die Blumen seiner guten Frau nach einem nachtlichen Zwist als Morgenselam der Versohnung bestimmt. Es machte ihm einen eigenen Eindruck, als er sich so im Irrthum entdeckte und der immer an sich zu denken scheinende und seiner klar bewusst bleibende Pfarrer mit gewahltem hochst sicherm Ausdruck sagte:

So schwindet denn wieder eine Freude hin, die ach! nur allzu kurz einer rosigen Wolke gleich an unserm grade nicht grauen, eher heitern und immer gleichen, aber eben in seiner unermesslichen freundlichen Identitat so lastigen Horizonte aufzog! Wir haben am Ende nichts, was uns bleibt, als Blumen, die Symbole der Begrussung und des Abschieds. Eines und Dasselbe druckt Freude und Trauer aus. Doch ich sehe Sie morgen noch einmal und nehme einen gesammeltern Abschied und hoffentlich nicht fur immer. Erblicken Sie mich auch nicht wieder als Domprediger in Ihrem Sinn, so denk' ich, einen Dom wolbt sich das Auge bald uber sich her und auf der Kanzel des Herzens und in dem Beichtstuhl der Gesinnung treff' ich Sie schon noch im Leben wieder Alle! Alle!

Damit erhob sich der sonderbare Mann, in der That nicht ohne eine gewisse Ruhrung zu hinterlassen. Heilig konnte Dankmar den Eindruck, den des Pfarrers Ergriffensein in ihm hervorrief, nicht gerade nennen. Die Weise eines Pietisten war Das auch nicht mehr: im Gegentheil kam ihm das Feuer seiner Augen unlauter vor, fast weltlich. Fur einen weichen Anempfindler sprach er zu fest und kraftig. Er interessirte ihn, ohne ihn anzuziehen ...

Alle diese Betrachtungen stellte Dankmar nur fluchtig an, denn die ganze Gesellschaft erhob sich. Der formlich als Befehl gegebene Entschluss, sobald abzureisen, erfullte Jeden mit seiner nachsten Aufgabe, die im Raumen und Packen bestand. Man trennte sich in der Erwartung, morgen in fruhester Stunde sich zur Abreise beisammen zu finden ...

Als auch Dankmar unschlussig stand und eben Hannchen Schlurck's Hand gekusst hatte, da ihm die ruhige, klare und lebensfrohe Weise der Frau, die wieder den Champagner wie gewohnliches Getrank hatte einschenken lassen, ganz wohl gefiel, rief ihm Melanie leise zu:

Bleiben Sie doch noch!

Als Lasally noch uber die morgende Equipirung sprach und nun der Knauel der Gesellschaft wieder nicht recht auseinandergehen wollte, streifte sie an Dankmar vorbei und flusterte die Worte:

Gehen Sie lieber! In einer Viertelstunde an der steinernen Vase im untern Garten ...

Dankmar winkte ihr leise bejahend zu, sprach noch einmal laut seine Freude aus, morgen in so angenehmer unterhaltender Gesellschaft seine Ruckreise antreten zu durfen und empfahl sich.

Die noch Gebliebenen flusterten erstaunt hinter ihm her. Er hatte das Talent gehabt, trotzdem dass er wenig sprach, sich doch immer als den Mittelpunkt des Abends zu erhalten und jedem Worte, jeder Bewegung, die von ihm ausging, die allgemeinste und seinem Zweck und Wesen nachspurende Aufmerksamkeit zu sichern. Das Gerucht, das ihn zum Prinzen Egon machte, hatte sich bis zu ihnen noch nicht verbreitet ...

Es schlug vom Dorfe herauf zehn, als Dankmar an die steinerne Vase im untern Garten trat, wo er Melanien erwarten sollte. Es war dieselbe, an die er sich bei der ihn wie ein Schlag treffenden Erzahlung uber Hackert's Frevel hatte lehnen mussen. Wie bewegt war sein Herz! Wie flossen die wunderbarsten Erfahrungen und Eindrucke in seinem Innern zu einem Gefuhle zusammen, das nicht mehr jene behagliche Sorglosigkeit uber ihn ausgoss, die er in dem ersten Anfang des uber ihn verhangten Misverstandnisses empfand! Wie neu war das Alles und wie folgenschwer konnte es werden! Schon sah er sich als gerichtlicher Zeuge in der Nothwendigkeit, seine gegen Hackert ausgesprochene Beschuldigung zurucknehmen oder beweisen zu mussen. Eben so verwickelt konnten sich die Beziehungen zum Fursten gestalten. Und diese bedenkliche Melanie! Was bezweckte sie? Wohin riss sie der Muth, den der von ihm doch nur wenig genahrte Glaube an seine Einerleiheit mit Egon dem jungen, waghalsigen Madchen einflosste? Scheiterte Das, was sie vielleicht unternahm ... musste er es nicht verantworten? Wie erschrak da sein rechtskundiger und bei allem Freimuth an Gesetzmassigkeit gewohnter Sinn! ... Und doch traten alle diese Bedenklichkeiten gegen den allgewaltigen Zauber zuruck, mit dem ihn Melanie in so kurzer Zeit wie seinen Bruder Siegbert umstrickt hatte. Gibt es denn auch ein wonnigeres Gefuhl, als so im Fluge, ohne Anstrengung, ohne lange Werbung, von Frauen zartliche Hingabe zu gewinnen? Noch hatte Dankmar sich keiner Gunst von Melanie ruhmen konnen, aber er fuhlte es dieser zarten Hand, wenn sie ihn fluchtig beruhrte, der Brust, wenn sie in seiner Nahe sich hob, dem Hauch ihres Mundes an, wenn sie ihm leise ein Wort der Vertraulichkeit zuflusterte, dass ein excentrisches Wesen, welches vielleicht Allen gefallen wollte und Keinem sich ergab, ihm den Siegespreis der Liebe bieten konnte ... Dankmar war, sonst vielgeliebt, selbst eher kalt gegen die Frauen. Sie beschaftigten ihn nie so ausschliesslich, wie andere junge Manner, deren ganzes Fuhlen und Denken sich nur um die Liebe spinnt ... Aber Melanie's Herz ... das klopfte schon dicht an seinem eigenen Herzen. Ihre Wange ... er fuhlte es, sie schmiegte sich schon zum Kusse seines Mundes hin ... Er griff in die Luft ... doch wusste er, dass diese Arme sich nicht mehr lange vergebens nach den schonsten und liebenswurdigsten Formen ausstrecken wurden ... So stand er, der junge leidenschaftliche Mann, den wir entschuldigen mussen, eine Weile harrend an der Marmorvase, uberwaltigt von Sehnsucht, zitternd auf den Triumph uber ein liebendes Weib, den Fuss auf den Sockel der Vase, das Haupt in den Arm stutzend und hinaufschauend in den mondscheinumflossenen Flugel des Schlosses, den Melanie bewohnte.

Endlich kam sie.

Unter den Blumen, den Sternen, dem Mondglanz hier in der Stille der Nacht, von keinem Zeugen gestort, als dem platschernd herabhupfenden Wasserfall, wollte Dankmar sie gleich mit dem Entzucken der rasch aufgeloderten Liebe begrussen.

So dacht' er's sich, als er sie die Gartenstufen herniederschweben sah, in eine Mantille von purpurrothem mit weissem Schwan besetzten Sammt gehullt und auf dem vollen schweren Geflecht des Haares ein weisses Schleiergewebe tragend, das hinten herabfiel fast bis in den Nacken ... Doch sprach sie ihn schon aus der Ferne an, redete schon im Herabsteigen fast gleichgultig mit ihm und schnitt durch Vermeidung einer Pause und aller Feierlichkeit die formliche Begrussung ihres schnellgewonnenen Freundes ab, dessen Aufmerksamkeit nun sogleich von der Galanterie abgezogen und von ihrem Plane gefesselt wurde.

Endlich ein freier Augenblick! sagte sie schon auf mindestens zwolf Schritte entfernt; ein Augenblick, wo ich Ihr Vertrauen erwidern darf! Aber nur ein kurzer! Die Zeit drangt. Sie sollen sehen, dass Sie sich in dem Muthe eines narrischen Madchens nicht irrten. Sie erhalten das Ihnen so theure Bild zuruck, irgendwo auf der Reise, wo wir den Train des Herrn von Harder einholen werden. Aber die Mittel, die ich anwenden werde, es zu erobern, durfen Sie mir nie, nie anrechnen. Versprechen Sie mir Das?

Wie Das so klang in der stillen Nacht! Wie die Busche dabei so flusterten! Wie so milchweisse, blauliche Lichter uber die Sprecherin glitten und Alles so magischumflossen, so bebend, so fast ohnmachtig und wie schattenhaft war!

Melanie! rief Dankmar, Sie sind ein Engel! Wenn ich nicht annehmen musste, dass nur der Reiz des Abenteuers Ihren Geist in dieser Angelegenheit beseelt und Ihnen die Flugel des erfindenden Genius an den ebenso schonen wie schelmischen Nacken setzt ... (er wollte ihn kussen; sie wehrte es) ich wurde es wagen, mich Ihnen zu Fussen zu werfen und von Liebe zu sprechen ...

O Sie Boser! sagte Melanie. Wenn die Grafin d'Azimont Das horte ...

Was soll mir diese Frau! war Dankmar im Begriff auszurufen und einzugestehen, dass er selbst ja nimmermehr der Prinz ware. Aber die Vorliebe, mit der Melanie auf diese ertraumte Rivalin zuruckkam, war ihm wie ein Nebel, den er zu verwehen furchtete. Dennoch sagte er:

Melanie, ich bin nicht der Prinz, aber ich bin sein bester Freund auf der Welt. Was Sie thun, thun Sie fur ihn! Sie thun es fur mich; denn Niemanden kann Egon's Gluck mehr am Herzen liegen als mir! Kann Egon hier Egon sein? Kann er den Muth, die Selbstuberwindung haben, sich da zu verrathen, wo man sein und seiner Mutter Andenken mit Fussen tritt? Ich bin der Theil des Prinzen, der noch Vertrauen zu den Menschen hat, der Theil, der nicht verzweifeln will, wenn er noch Geschopfen begegnet, die in Korpern der Engel auch eine uberirdische Seele tragen ...

Melanie schlug ihre machtigen braunen Augen zu ihm empor, dass das volle Licht des Mondes in sie fiel und ihre Schimmer in jenem feuchten Glanze zitterten, der ihnen etwas Verklartes gibt ...

Sie sah ihn fragend und mit zartlicher Innigkeit an. Melanie hatte Das erreicht, wohin vielleicht ihr Ehrgeiz dunkel tastete, vielleicht war es Zufall, dass ein Mann, der ihr ein Furst schien, auch zugleich der erste sein musste, dem gegenuber sie sich klein, ja demuthig vorkam es war ihr, als wenn sie, ein bunter, flatternder, leichtsinniger Schmetterling, die Flamme gefunden hatte, die ihr gewisser Tod werden sollte, ihr Tod wenigstens fur dies leichtsinnige Schmetterlingsdasein ....

Melanie wehrte Dankmar's verlangenden Arm zuruck, aber nur um ihn aus einiger Ferne inniger betrachten zu konnen. Eine Locke seines Haares, die ihm im Sturme seiner aufgeregten Sinne auf die Stirne fiel, streifte sie ruhig zuruck, als hinderte sie ihr die Aussicht in sein Auge und seine Seele.

Lassen Sie! sagte sie sanft.

Melanie! rief Dankmar noch einmal mit gesteigerter Glut der Empfindung und wollte sie ansichziehen ...

Seiner mannlichen Kraft gelang es; aber sie wandte, in seinen Armen liegend, rucklings das Haupt und verweigerte ihm die zartliche Beruhrung der Wangen, nach der er schmachtete. Sie that Dies so entschieden, dass er es liess und sich an einem Bilde begnugte, das den Meissel des Bildhauers herausfoderte ...

Gute Nacht! sagte sie, losgewunden, mit lachelnder Lieblichkeit, und auf Wiedersehen fur Morgen!

Damit war sie fur Dankmar fast einem Traume gleich entschwunden.

Wie er sich nun anschickte, hinunter zu wandern und durch das erste beste Seitenheck auf den grossen Weg zu springen, fuhlte er eine so herausfodernde, ihn riesig durchstromende Kraft in sich, dass er fast laut zu jubeln begann. Alles lachte ja in ihm. Jeder Gefahr, jedem druckenden Gedanken wurde die Volte geschlagen, jeder Bedenklichkeit die Anlehnung aus seinem Innern wegescamotirt. Ja, er hatte sich mit dem Arm gegen die Baume stemmen und sie niederbeugen mogen! Es war ihm, wie dem biblischen Erzvater gewesen sein mochte, als er auf der Heide mit einem unsichtbaren Engel rang. Er hatte den Damon niedergeworfen, so titanisch fuhlte sich seine Muskelkraft. Er lachte uber sein Abenteuer selbst. Selbst des Gefangenen im Thurme, dem er jetzt noch vor dem Gitterfenster hinauf Muth und Trost zuzusprechen beschloss, gedachte er im heitersten Humor und sagte sich:

Ich bin wahr gewesen! Ich war Dankmar Wildungen! Ich habe meine eigene Rolle gespielt und deine Furstenkrone mir nicht aufs Haupt gesetzt. Ich! Ich fuhlte den Druck ihrer Hand! Wie schlug diese warme Brust an der meinen, wie stromte das elektrische Feuer der Beruhrung aus ihren Adern in die meinen, und wenn ihr die Schuppen vom Auge fallen, wer weiss, ob der Wahn siegt oder die Wirklichkeit! Sie liebt nicht Das, was ich scheine, sie liebt Das, was ich bin!

Und in diesem Hoffen und Entzucken, das seine Adern schwellte, seine Sehnen starkte, konnte ihm zuletzt auch nichts Willkommneres geschehen, als der plotzliche Anblick Hackert's ... Er war es, der hinter den Buschen rauschte ... Das schleichende Rascheln um Dankmarn her verrieth ihn schon langst ... Er sah ihn jetzt am Fusse des Weges sich ducken und lauern ... ob auf ihn, ob auf Die, an denen er sich auf dem Schlosse so teuflisch geracht hatte ... er wusste es nicht, musste aber annehmen, dass er auf ein neues Verbrechen sann; denn an dem Rauschen horte er, dass es war, als streifte er mit einer langen Stange an dem Laube der hohen Hecken. Bald sahe er deutlicher; Hackert hielt eine Leiter in der Hand, die er in dem Augenblicke fallen liess, als er Den, der noch so spat den Schlossweg herunterkam, erkannte.

Elender Hallunke! rief Dankmar zornentbrannt schon von Ferne. Morder! Dieb!

Wie Hackert er war es wirklich diesen zornigen Anruf horte, sprang er ins Gebusch.

Er mochte sich diese Begrussung nicht haben traumen lassen.

Dankmar in einer Stimmung, als musste er die langst ihn schon qualende Spannung und Ungewissheit uber Hackert durch irgend eine Probe seiner mannlichen Kraft und ware sie mit der Faust endlich losen, rief:

Steh, Bube! Steh!

Aber Hackert entrann und als ihm Dankmar noch nachrief: Eine Kugel in dein Ohr, Morder! Wo ist mein Pferd, Gauner? ... war er plotzlich ganz verschwunden.

Dankmar fuhlte sich in einer Stimmung, als hatte ihm Liebe und Wein die Zunge gelost und zum Redner gemacht, dem Worte nur ein durftiger Nothbehelf fur Thaten sind. Er schickte Hackerten die tollsten Shakspeare'schen Fluche und lange, kunstvolle Verwunschungen nach, bis er zuletzt uber sich selbst lachte und im steten Hinblick auf die Stelle, wo Hakkert verschwunden war, fast uber die Leiter stolperte, die quer im Wege lag.

Was hat er mit dieser Leiter gewollt? sagte er sich, und daruber sinnend, fiel ihm der Thurm ins Auge, der nun dicht in der Nahe stand. Der Gedanke, mit kurzem Process seinen theuern neuen Freund, den gefangenen jungen Fursten, zu befreien, ergriff ihn so lockend, wie der Kitzel zu dem frohlichsten Abenteuer.

Nun sind wir einmal im Zuge! sagte er sich, lud die

schwere, irgendwo aus einem Bauerhofe entwandte Leiter, an der er mit Vergnugen bemerkte, dass sie fur das Thurmfenster lang genug sein musste, sich auf und schleppte sie an dem einen Ende auf dem Rucken, an dem andern hinter sich her im Grase zu dem kleinen Hugel hin, wo der Thurm vollig unbewacht in der Stille der Nacht wie eine friedliche Warte und Einsiedelei lag. Die Eisenstabe oben aus der Mauer auszuwuhlen, war schwer und doch vielleicht bei der Schadhaftigkeit und Zerbrockelung des Kalkes nicht unmoglich, wenn nur Egon die Messer und Gabeln von ihrem Mittagessen zuruckbehalten hatte.

Sorgfaltig schaute sich Dankmar um. Hackert war

verschwunden, Alles still. Nur Kafer summten im Grase und dann und wann platzte ein humoristischer Froschruf auf vom Felde her, wo es moorige Stellen gab .... Dankmar war so guter Laune, dass er sich zu seinem Unternehmen erst noch eine Cigarre anzundete.

Die Leiter, aufgerichtet an dem Thurm, reichte

vollkommen an das vergitterte Fenster, das zu Egon's Gewahrsam gehorte. Vorsichtig kletterte er, noch einmal sich mit Behutsamkeit umblickend, die Sprossen hinauf. Leider sah er schon auf halber Lange, dass die Eisenstabe dick waren, und als er uber sich hinaufgriff, fuhlte er wol auch, wie fest sie sassen ....

Das Fenster stand auf. Der volle Mondenschein fiel in die dunkle Kammer, die er schon von unten als die rechte erkannte.

Egon! rief er bis hinauf und lauschte.

Keine Antwort.

Er stieg hoher und blickte in das offene Fenster.

Wie gross war sein Erstaunen, als er drinnen nirgend eine Spur des Prinzen entdeckte! Vielleicht hatte er versteckt in einem Winkel schlafen konnen ... er spahte ... er ubersah das ganze kleine Gemach. Er rief einige male mit unterdruckter Stimme:

Egon! Egon!

Es gab keine Antwort.

Um ganz sicher zu sein, zog er ... die Cigarre war in der Aufregung weggeworfen ... noch sein Streichfeuerzeug und machte mit mehren zusammengehaltenen Zundholzchen, um die Wirkung des Scheines zu verstarken, Licht ...

Der hellere Glanz bestatigte ihm nur, was er schon im Mondenscheine gesehen hatte. Der Gefangene war entweder schon befreit oder von selbst entflohen.

Die Empfindungen, mit denen Dankmar nun die Leiter hinabstieg, waren getheilt. Ehe er jedoch nicht alle Umstande genau kannte, wagte er kaum ein Urtheil zu fallen. Wenn ihn Egon schon in der Krone aufgesucht hatte? Beim Schliesser nebenan wagte er nicht zu klopfen und anzufragen. Da im Anbau der Wohnung war Alles so still, so finster und schlafrig. War Egon entflohen, warum die Hascher wecken? Auch druben im Amthause sah man kein Lichtchen mehr. Im Dorfe nichts als Anzeichen des tiefsten Schlafes aller seiner Bewohner. Selbst in der Krone, zu der er langsam und nachdenklich schritt, hatte er Muhe, die Leute, die ihn erwarteten und im Erwarten eingeschlafen waren, zu wecken. Als er horte, dass Niemand, auch nicht Einer, nach ihm gefragt hatte und somit der Gefangene ihm fast spurlos verschwunden war (denn morgen in der Fruhe hatte er wol keine Zeit mehr, ihm nachzuspahen), uberkamen ihn die sonderbarsten und qualendsten Zweifel. Es war ihm fast, als wenn sein Fuss nicht mehr die Erde beruhrte, als wenn er mit seinen guten Absichten, mit all seiner Liebe und Aufopferung, wie ein Getauschter, in der Luft schwebte und wahrhaft komisch erschien er sich, wenn er an seine Figur auf der Leiter dachte, wie er einen Gefangenen befreien wollte, der ihm vielleicht, es war ihm Dies ein hohnischer Gedanke, ein tolles Marchen aufgeheftet und zu einer Posse misbraucht hatte! Die Einsamkeit der Nacht, die Qual der Schlaflosigkeit mehrte den lastigen Reichthum der Vorstellungen, die er sich uber dies plotzliche Verschwinden machen musste. Er sah sich mitten im Zuge von Dingen, die ihm plotzlich nun wie die Neckereien eines bosen Geistes vorkamen ... und wenn ihm nicht Eines sicher geblieben ware, das Gefuhl, mitten in diesem Spuk doch ein wahrhaft Wirkliches gehabt zu haben ... das warme Klopfen eines schonen Madchenherzens an seiner von Lust und Liebe erfullten Brust ... er wurde wie in einem Chaos der unleidlichsten und leersten Eindrucke rathlos umhergetaumelt sein.

An diese eine unleugbare und nicht mehr in Trug zerrinnende Thatsache hielt sich denn auch Dankmar. Sie gab ihm Besinnung, Ruhe, Gefuhl der Sicherheit, Behaglichkeit und Schlaf.

Er schloss aber doch die Augen viel zu spat fur die fruhe Stunde, in welcher er Befehl gegeben hatte, ihn am nachsten Morgen zu wecken.

Zehntes Capitel

Heimwarts

Nach einem ereignissreichen Tage, an welchem sich vielfache Faden fur zukunftige Erlebnisse angesponnen haben, spornt bei tuchtigen Naturen das Erwachen nur zum Muth und zur Entschlossenheit. Alles Das, worauf man in der Fruhe sich vom Abend her mit Staunen besinnt und was einmal nun nicht mehr zu andern ist, tritt jetzt in Form einer Pflicht und einer gewissenhaft durchzufuhrenden Aufgabe vor die Seele zuruck und weit entfernt, zu klagen und sich in Betrachtungen zu verlieren, wie das Alles hatte moglich sein konnen, ruhrt ein entschlossener Geist die ihm zugebotestehenden irdischen Hande, kampft sich durch die Schreckbilder eitler Erwagungen hindurch und beginnt oft von einem solchen schwierigen und aufgabenreichen Tage den Abschnitt eines neuen Lebens.

Dankmar, ein freier Naturmensch, war noch keineswegs ein fertiger abgeschlossener Charakter. Er fuhlte zu oft noch, dass immer wieder neue Erfahrungen an seinen Gesichtspunkten ruttelten, neue Bekanntschaften, neue Thatsachen ihn ganz aus seinem gewohnten Gleichgewichte werfen konnten. Aber bis zu der Einwurzelung hatte er es denn doch schon gebracht, dass er nicht mehr von jedem Eindrucke, der ihm unvorbereitet kam, sogleich willenlos hin und her geschleudert wurde.

Wahrend Siegbert mehr ein Gemuths- und Phantasieleben fuhrte, hatte Dankmar die thatkraftige und verstandige Richtung seines Innern vorzugsweise schon entwickelt und sich in ziemlich sichern Grundzugen seine etwanige kunftige Laufbahn entworfen. Er liebte das Recht, dessen Studium und Praxis er sich zur Lebensaufgabe gewahlt hatte, er liebte es auch an und fur sich selbst. Er hatte schon als Kind einen leidenschaftlichen Trieb zur Gerechtigkeit und konnte Denen, die seinen fur Das, was ihm wahr schien, aufflammenden Eifer misverstanden, heftig, ja gewaltthatig erscheinen. Er scheute schon als Knabe keine Gefahr, wo ihn das Bewusstsein einer richtigen Handlungsweise, einer Ausgleichung fremder Unbill begeisterte. So war er auf der Universitat nicht nur oft in Zweikampfe verwickelt, die er ohne Tollkuhnheit mit besonnenem Muthe bestand, sondern noch weit ofter Zeuge und Vermittler fremder Ehrenhandel und nicht selten Schiedsrichter in Streitfragen, wo er den Ausbruch einer ubereilten Berufung an die Waffen hintertrieb. Sein mannliches Wesen gewann ihm alle Herzen. Bei jedem Anlass, wo verschiedene Ansichten sozusagen grell aufeinander platzten, wahlte man ihn zum Vorsitzer der Debatte. Er hatte uberall die angenehme Genugthuung, dass sich ihm die tuchtigsten Menschen unterordneten, woruber er nicht um seinetwillen, sondern um der Sache selbst willen Freude empfand. Bunten Seifenblasen lief er nicht nach. Er liess das susse Geschaft des Traumens seinem weichern Bruder.

Dennoch verwarf darum Dankmar Siegbert's Richtung noch nicht. Er hielt hier eine mannliche Befruchtung, dort eine weibliche Empfangnahme in allen Geistern fur nothwendig; denn die Geister, sagte er, haben kein Geschlecht. Fur sich selbst aber behielt er Das als Richtschnur, was seinem Wesen entsprach. Er scherzte oft tandelnd ohne gedankenlos zu werden, er spottete ohne zu verwunden. Im Ubrigen hielt er sich in seinem gewohnten Ernste, den er gefallig, leicht, ohne Kopfhangerei zur Schau trug. Unterstutzt von einer sehr edlen Gestalt, die sichtbar die Kraft und Fulle einer unverdorbenen Jugend ansichtrug, hatte er in der Welt grosses Gluck machen mussen, wenn ihn nicht die sparlich zugemessenen Mittel beengt und von einer freien Bewegung in grosseren Kreisen entfernt gehalten hatten. Wie oft rief er nicht mit dem Dichter: Ich bin ein Fisch auf durrem Sand!

Seine einzige Schwache war vielleicht die, dass er auf eine plotzliche Erhebung durch irgend eine hohe Flut hoffte .... In diesem Sinne war er romantischer und aberglaubischer als Siegbert. In diesem Sinne glaubte er an Wunder. Ob diese hohe Flut nun in einer Zeitbewegung oder einem gunstigen Zufalle, in der Liebe oder wol gar in einem personlichen Ungluck bestehen wurde, war ihm fast gleich. Genug er glaubte an die Nothwendigkeit, dass an jeden Menschen einmal vom Schicksal irgend ein Hebel gesetzt wird, der ihn aus der Gewohnlichkeit und dem trage sich fortspinnenden Genuss eigener Hande- und Geistesarbeit herausschleudern musse. Die Das bestreiten, sagte er einmal zu Siegbert, der bei all seiner Romantik in gewissen Dingen "praktisch", ja nuchtern sein konnte; die Das bestreiten, Bruder, haben wahrscheinlich nicht den Muth gehabt, den ihnen vom Schicksal dargebotenen Finger, das zugeworfene Ankertau kuhn zu ergreifen! Wer da zogert und furchtet, man konnte vielleicht mitten in den Wolken von der Hand der Himmlischen plotzlich losgelassen werden oder das Tau konnte reissen, Der versaumt sein besseres Erdenloos durch eigene Schuld. In spatern Jahren, wenn man wie eine Schnecke zu seinem solid erfassten Ziele fortgekrochen ist und vielleicht irgend ein Hauschen zur Unterkunft gegen Regen und Ungemach gefunden hat, spater entsinnt man sich dann sehr wohl, dass man einst an einem Seitenwege gestanden hat, wo uns ein unerklarliches Etwas in der Brust zurief: Lenke hier ja ein! Man steht vielleicht nicht sehr hoch und ubersieht nun doch, dass jener Weg zur eigentlichen Hauptstrasse fuhrte und dass Viele, die ihn wandelten, es weiter brachten als wir. Eine einzige unterlassene Bekanntschaft kann sich so empfindlich rachen! Ein einziges Wort von einem edlen, einflussreichen Menschen, nicht aufgegriffen und befolgt, war so fur immer verloren. Ja ein Besuch, den man den Muth hatte haben sollen, einem freundlichen Gelehrten oder Staatsmanne oder einer schonen Frau zu machen, die in einer Gesellschaft, wenn auch nur drei holde, ermunternde Worte zu uns sprach, konnte fur uns Vortheile, Lebensplane, Lebensrichtungen zeitigen, die sich blode Zaghaftigkeit kaum moglich gedacht hatte. Und in diesem Sinne, sagte er sich immer, greif' ich einmal irgendwo ganz keck zu, wenn ich bemerke, dass an der Wand Etwas, wenn auch nur vom leisesten Schatten einer Schicksalshand spukt und dammert, und wenn ich Gefahren erblicke, wenn ich selbst vor kuhlerm Urtheil gestehen musste, eine Thorheit zu begehen, ich finde mich schon aus ihren Folgen wieder heraus, versinke nicht, kampfe solange ich kann mit den Wogen und bin, wenn ich aus der Betaubung erwache, entweder druben am andern Ufer, wo Gluck und Freude bluhen, oder ich erwache nie mehr aus ihr, und Das ware dann auch gut.

Ein solches geheimnissvolles Schattenspiel an der Wand war Dankmarn nun der Verlauf des ganzen gestrigen Tages. Er hatte, wenn er Siegbert's Wesen folgen wollte, jetzt fliehen mussen. Ein Brief an diese gefahrliche Melanie, der Vorwand plotzlicher Abhaltung, vielleicht die ausdruckliche Berichtigung ihres Misverstandnisses, wenn sie es, wie Dankmar kaum wissen konnte, noch hegte, alles Das ware Siegberten nun sogleich gebieterisch in den Sinn gekommen. Er hatte alle Faden abgerissen und sich wieder in sein Atelier gefluchtet, den Pinsel ergriffen und in Gott und sich vergnugt Leinwand bemalt. Ganz anders der entschlossene feurige Dankmar. Der hielt nun fest, was ihm der Zufall an Drahten von der grossen Weltkomodie in die Hand gespielt hatte. Prinz Egon war nicht mehr zu finden. War es ein Betruger gewesen, so ergab er sich darein und nahm Das, was sich aus unangenehmen Irrthumern als angenehme Wahrheit ergeben hatte, fur ein Ubriges, fur einen reellen Gewinn. Zum Justizdirector von Zeisel konnte er nicht mehr gehen, denn es war zu fruh am Tage. Der Thurm, an dem der Buttel wohnte, lag ihm sogar zu fern. War der Prinz entflohen, so konnte ihm nur damit gedient sein, einen Vorsprung zu gewinnen, den er durch seine Meldung vielleicht verloren hatte. Auch hatte er genug zu thun mit seiner Reiserustung. Schon schlug es funf Uhr und um sechs wollte Melanie vor der Thur der Krone halten, so meldete ein Jockei Lasally's, den dieser geschickt hatte, um den Einspanner des Fremden in Empfang zu nehmen. Dankmar uberwies ihm sein geliehenes Fuhrwerk mit strenger Weisung zur Obhut und Schonung. Auch Bello wurde ihm anempfohlen, den er sorgsam zu huten versprach. Die Rechnung beim Wirthe wurde berichtigt. Er sah dabei mit Schrecken, wie seine zwanzig kleinen Papiere schon zusammengeschmolzen waren, und wenn er vollends gedenken musste, dass diese Summe fast eine bei Hackert gemachte Anleihe war und dass ihn ohne Zweifel in der Residenz die Nachricht empfangen wurde, ein ihm von Lasally's Bereiter, dem alten Levi, anvertrautes stattliches Pferd ware wieder von Hackert auf irgend eine Weise wenn nicht ganz zugrundegerichtet, doch vielleicht gemishandelt zuruckgeschickt worden, so ergriff ihn vor den moglichen kunftigen Verwickelungen fast ein Anflug von Muthlosigkeit.

Melanie aber erschien ihm bei solcher Stimmung wie Ariadne. Sie war ihm die Retterin aus dem Labyrinthe jeder Gefahr. Wie er sie und Lasally und das ihm bestimmte Pferd und einen Reitknecht dahersprengen horte, verschwand jede Besorgniss. Er trat auf die Schwelle des Gasthauses und empfing schon in der Ferne Melanie's freundlichen Morgengruss. Sie nickte ihm alle Traume der vergangenen Nacht zu. Sie sagte ihm nicht durch Worte, sondern durch einen einfachen Blick: Ich bin Dieselbe, die ich gestern war! Ich bin Die, die sich in der Mondnacht deiner Umarmung nur darum entwand, um dir, wenn du willst, fur's Leben zu gehoren! Lasally sprach Einiges uber den Gaul, den er Dankmarn hatte satteln lassen. Dieser, seit fruhen Jahren ein geubter Reiter, fand sich bald auf ihm zurecht und erfreute Melanie nicht wenig durch seine kundige Haltung der Bugel und der Lenkseile. Sie trug einen grauen Hut mit schattiger breiter Krempe, einen blauen Schleier und ein weites, bis oben geschlossenes, gleichfalls blaues Reitkleid. Die Reitgerte hielt sie unter dem linken Arm angepresst, wahrend die linke Hand die Zugel hielt, denn in der Rechten hatte sie ein weisses zierliches Papier, von dem sie Verse ablas, die ihr heute schon in aller Fruhe uberreicht waren. Sie kamen vom Pfarrer, der sie ihr am Fusse des Schlossberges entgegengehalten und einen Abschied genommen hatte, von dem Melanie versicherte, er hatte sie mehr beangstigt als erfreut.

Denn ich bin wol glucklich, sagte sie, Die zu erobern, die mir gefallen, aber geschatzt zu werden, wo man es am wenigsten erwartete, setzt in Verlegenheit!

Am Ende des Dorfes, dicht vor Zeck's Schmiede, hielten drei Reisewagen, die schon die ganze ubrige Gesellschaft aufgenommen hatten. Nach der Abreise Melanie's und ihrer Mutter wollte Niemand mehr auf dem Schlosse zuruckbleiben. Man hatte bis in die tiefe Nacht gepackt und sich mit wenigen Stunden Schlaf begnugt. Diese lebensfrohen, vom Dasein so begunstigten Herrschaften reisten mit allem Comfort des Besitzes. Die Wagen waren elegant und bequem, die Kutscher in Livreen. Recht grossmuthig theilte Melanie's Mutter noch an die Diener des Schlosses Geldspenden und Geschenke aus; karglicher zeigte sich Reichmeyer, der sich zu seinen Zeitungen und Cursen zurucksehnte. Die Wirthschaftsrathin war geradezu geizig. Bartusch, der Hannchen Schlurck gegenuber sass, theilte ausserdem noch an die alte Brigitte manche Befehle aus und verhiess eine baldige Ruckkehr, worauf sie nicht zu erwidern verfehlte, dass sie Alle in Gottes Hand gegeben waren und dass der alte Winkler den Tag des Herrn bald werde anbrechen sehen. Dann wandte die Alte sich zu Dankmarn hin, der eben mit Melanie von der Krone dahersprengte und beantwortete Bartuschens heimlich an sie gerichtete Frage, ob sie nicht glaube, dass dieser Herr der Prinz Egon ware, mit den Worten:

Uber ein Kleines wird man ihn sehen und uber ein Kleines wird man ihn nicht sehen!

Bartusch machte ihr seine Frage deutlicher.

Der Prinz! Der Prinz! sagte er. Kennt Sie ihn nicht mehr?

Die Alte hatte so viel Angst vor diesen fremden Leuten, dass sie Alles, was man sie fragte, nur halb verstand. Da meinte sie denn:

Viele sind berufen, aber Wenige auserwahlt!

Bartusch hatte sie nun lieber sollen stehen lassen. Diese gute Alte war eben durch die lange Gewohnung an kirchliche Ausserungen, durch uberirdische Sehnsucht, zwei Jahre der Furcht und des Schreckens vor einer Zukunft von vielleicht noch einigen Jahren der Entbehrung, in einen solchen Zustand der Verdumpfung gerathen, dass sie nur das allernachste Wirthschaftliche noch begriff und auf Bartusch's erneuertes Drangen, ob sie jenen jungen Mann nicht fur den Prinzen Egon halte, unfahig war, sich zu sammeln und vernunftig zu antworten.

Auch die beiden Zecks standen schon vor der Schmiede und gafften, der Blinde als wenn er sehen, der Taube als wenn er horen konnte. Seit Jahren schon waren sie gewohnt, ihre Sinne gegeneinander auszutauschen, und so kam es fast, dass der Blinde besser sah als der Taube, und der Taube besser zu horen schien als der Blinde. Sie fassten sich Beide an; denn das Pferdegetrappel machte den Stand selbst unter dem Vordache der Schmiede gewagt. Der alte Zeck lachelte, weil er viel zu wissen schien, der junge lachelte, weil er entschieden nichts wusste und einfaltig war. Jener grusste in einem fort und sprach laut die lebhaftesten Reisewunsche aus, dieser nickte Allen zu und bestatigte stumm, was der Vater hastig und von innerer Unruhe getrieben fast in die Luft sprach, denn Niemand horte auf sie; selbst Dankmar nicht, dem diese Menschen seit dem Besuche des Amerikaners und Heunisch's harmlosen Mittheilungen nicht mehr gefielen. Nur Bello kummerte sich um sie und klaffte auf seinem zum Fourgon umgewandelten Einspanner viel unfreundlicher, als sich fur den Abschied und die Ohren der Damen geziemte. Dankmar horte dem Thiere die Freude an, zu seinem Herrn, dem Fuhrmann Peters, zuruckzukommen, von dessen Schicksalen an der Schmiede es mehr zu wissen schien als Peters selbst. Doch suchte er den Larmmacher ernstlich zu beruhigen.

Als sich denn endlich der Zug in Bewegung setzte und die Reitenden noch eine Weile an den Wagenschlagen sich hielten, kam man noch einmal auf den sonderbaren Abschied des Pfarrers zu sprechen, der am Wege oberhalb einer Anhohe stand und mit dem Tuche Allen nachwehte.

Dankmar sagte zu Melanie:

Den haben Sie auf dem Gewissen! Der ist an Ihrem Sonnenstrahl noch einmal wie zu neuem Leben erwacht und kommt mir vor, als wenn er beschlossen hatte, den nachsten Schnee auf diesen Bergen nicht mehr abzuwarten!

So soll er uns willkommen sein! sagte Melanie. Seine Verse verrathen denselben Geist, den Sie ihm auch in seinen Reden werden angemerkt haben. Ich glaube es ist ein Poet.

Etwas viel Gefahrlicheres, sagte Dankmar. Es ist ein Genie; wenigstens glaubt er es zu sein. An Betrachtungsformen der Dinge, an Reflexionen, sie bald so, bald so spielen zu lassen, scheint er in der That uberreich zu sein. Von dieser Gattung Menschen hatt' ich immer eine Ahnung, wie sie wol sein konnten und nun bin ich begierig, ob sich jetzt mit Ihrer Abreise das in Aufruhr und wilde Gahrung gebrachte bedeutende Element in diesem da legen wird und er zuruckkehrt zur gewohnten Ordnung und Resignation seines Lebens, oder ob es ihn nicht mehr ruhen lasst und er noch einmal den Faden seines Lebens, den er fruher mit der Furstin im Pietismus fast versponnen hat, zu einem neuen Gewebe anlegt ....

Ware das ein Doctor, sagte Lasally kurz und mit einer Art trockenen Humors, wie Alles was er sprach; ware Das ein Doctor, von dem liess' ich mich nicht curiren, und wenn mir nichts als ein Finger weh thate.

Es ist wol moglich, sagte Dankmar, dass er Ihnen soviel von dem Wesen einer Entzundung der Hand sprache, soviel geistreiche Wendungen fur die Wichtigkeit der Funfzahl im menschlichen Korper vorbrachte, bis ein ganz prosaischer Chirurg kommen und Ihnen von Ihren funf Fingern den einen kranken abschneiden musste.

Dankmar sagte Das an der Stelle, wo ihm der vermeintliche Egon die Visitenkarte gegeben hatte ....

Daruber zwar geneigt, in Betrachtungen zu versinken, konnt' er doch solchen ernstern Stimmungen nicht nachgeben; denn Melanie duldete keine Pause. Man kennt ja jene Stimmung der glucklich Liebenden, wenn sie ihr Geheimniss unter gleichgultig scheinenden Scherzen zu verbergen suchen und von der innern, ihre Brust mit dem Gefuhl aller Seligkeiten zu sprengen drohenden Macht getrieben, in holdem Muthwillen bald nach diesem, bald nach jenem Gegenstande und Gedanken greifen, deren wirres Durcheinander wol den oberflachlich Blickenden dann tauscht, dem tiefern Forscher und Kenner der Herzen aber sich gar bald verrath!

Wenn auch hier die Forscher und Kenner fehlten, so fehlten doch Die nicht, die Melanie's Natur kannten. Alle wussten, dass der junge Fremde, der auf die Lange ihnen immer hoher wuchs und fur den Bruder eines in Melanie ohne Erhorung verliebten Malers fast zu hoch von ihr verehrt wurde, nicht Das sein sollte, wofur er sich ausgab. Man flusterte staunend vom Prinzen Egon. Hatte man doch auch von einem Diener gehort, dass er einen mit einer Krone gesiegelten Brief zur Post gegeben! War man doch betroffen uber seine genaue Kenntniss aller innern und aussern Beziehungen der furstlich Hohenberg'schen Familie! Nur das Wohlwollen schien ihnen befremdlich, das er ihnen Allen nicht entzog. War es der junge Furst, so hatten sie Alle das Gefuhl, dass er ihnen Etwas schenkte, worauf sie kaum Anspruche machen durften. Und war er freundlich, ihrer finanziellen Anspruche wegen, so lag darin Etwas, was ihn wieder geringer erscheinen liess, als seiner Art zu entsprechen schien. Herr von Reichmeyer fasste ihn schon gering. Er nahm oft Gelegenheit, seine Unzufriedenheit mit Vielem auszusprechen, was sich ihm auf der Reise durch die Herrschaften des Fursten zur Anerkennung oder Ruge darbot, und machte sich in der ganzen vollen Bedeutung geltend, die er dem bedrangten Erben haben musste.

Dankmar, unbekummert, genoss nur den Augenblick.

Er liess ihn nur noch von Melanie erfullen. Sie hatte ihm gesagt, dass sie den Intendanten auf dem Heidekruge einholen wurden und dass bis morgen das Bild in seinen Handen sein wurde .... Mehr bedurfte es nicht ... Er liess Alles geschehen um des Bildes und um des sussen Abenteuers willen. In vollem Zuge genoss er das Gluck des stillen Einverstandnisses mit einem reizenden Weibe. Beseligt empfand er die Macht eines einzigen jener Blicke, die aus Melanie's dunkeln, liebeverheissenden Augen ihn fur tausenderlei gleichgultiges Geplauder, Forschen, Blinzeln, Moquiren entschadigen sollten. Konnte ihm denn entgehen, dass Melanie nur seinetwegen so muthig auf ihrem Rosse aushielt, dass sie nur seinetwegen mit den Leuten am Wege scherzte? Zwar gab sie sich die Miene, von einer brennenden Sehnsucht nach dem Intendanten verzehrt zu werden. Sie fragte Jeden, ob sie nicht den schonen Mann in dem eleganten Reisewagen hinter der grossen Thierbude gesehen hatten und da durch diese Orter noch der Transport des Mobiliars bei Nacht geschehen war, so stellte sie sich untrostlich, von Niemanden Auskunft zu erhalten ....

Hier hat er geschlummert, rief sie, hier haben seine kleinen Ohren sich in die Kissen seines Wagens gedruckt! Hier uber diesen Stein rollten vielleicht die Rader seines Landaus und weckten ihn aus einem Traume, wo ich vielleicht eben vor ihm niederkniete und ihm sagte: Einziger! Nur du! Nur du!

Und wenn die Leute uber eine gefahrene Thierbude, von der sie sprach, erstaunten, hier und da wol auch Jemand von dem ungeheueren Wagen gehort hatte, so sagte sie Andern wieder, es ware eine Hutte, die ihr Geliebter mit sich fuhre, dieselbe Hutte, wo er sie zum ersten male gesehen und die er deshalb mit in sein Schloss nahme, um sie unter eine Glasbedeckung zu stellen ....

Mit solchen Scherzen vergingen die ersten Stunden des Morgens, bis man sich am Gelben Hirsche sammelte und dort ein Fruhstuck einzunehmen beschloss.

Comfortables Geschirr und feine Kuche hatte man bei sich. Eier und Butter gab die Wirthschaft, die von dem Bruder der hier nicht gern verweilenden Wirthschaftsrathin gefuhrt wurde. Zu verwandtschaftlichen Begrussungen blieb hier nicht viel Zeit; denn die so ausserordentlich zahlreiche Gesellschaft drangte und setzte alle Hande des Wirthshauses in Bewegung. Der Bruder der Frau Pfannenstiel war wiederum nicht zugegen. Man sagte ihr, sie konnte ihm vielleicht noch begegnen; er ware in Helldorf, wo die angesehenen Eigenthumer der Gegend sich zu einer Wahlbesprechung unter dem Vorsitz des Heidekrugers Justus versammelt hatten. Die Wirthschaftsrathin wusste, dass ihr Bruder stark Politik trieb und war froh, dass sie sein drittes Wort nicht horte: Schwester, thu' Etwas fur mich! Ich habe ein halbes Dutzend Kinder .... Diese Kinder schmiegten sich denn auch, wahrend die Mutter von der Verlegenheit uber soviel Gaste fast uberwaltigt war, an die Tante, bekamen aber wenig andere Zartlichkeit von ihr erwidert, als dass sie sich das Zerdrucken und Beschmutzen ihres seidenen Kleides verbat. Sie wurde ihnen gern, sagte sie, von den Leckerbissen der Wagenvorrathe abgegeben haben, wenn sie nicht dann jene Beschadigung hatte furchten mussen .... Lenchen lachelte dazu fein, unglaubig und betrachtete sie kaum .... Was ist Blutsverwandtschaft, wenn sie nicht durch den ebenburtigen Geist vermittelt wird!

Unter einem Apfelbaum hinterm Hause nahm die Gesellschaft Platz und breitete ihre Vorrathe aus, wahrend die Dienerschaft auf Kase und Butter aus der Wirthskuche und eine schnelle Revision aller Huhnernester angewiesen war. Frau von Reichmeyer vertheilte Teller, Servietten, Glaser, putzte und reinigte, was ihr nicht sauber schien, wahrend die Justizrathin mit gutmuthigen Entschuldigungen ihre scharfe Kritik wieder kritisirte und Alles zum Besten zu kehren trachtete.

So heiter man schien, so entging es Dankmarn doch nicht, dass er anfing die Gesellschaft zu drucken. Seine Anwesenheit belastigte wol nicht, im Gegentheil musste sie Allen, selbst Lasally, der oft von seiner Anklage gegen Hackert sprach, interessant erscheinen; allein der Hinblick auf ihn wurde doch ein befangener. Bartusch hatte sich entschliessen mussen, Schlurck's Brief mitzutheilen. Er ging heimlich von Einem zum Andern. Man las, man verglich, man zweifelte und glaubte, jenachdem Dankmar in der Laune war, die geheimen Zeichen des Zweifels und des Glaubens, deren Grunde er wol errieth, durch sein Benehmen zu unterstutzen oder zu widerlegen. Hatt' er nicht immer noch annehmen mussen, diese doch hochstrebende, von der grossen Gesellschaft verwohnte Melanie gabe sich seinen Planen vielleicht doch wol nur hin, weil sie in ihm die Eroberung eines Fursten zu haben glaubte, er hatte dem zweifelhaften Schimmer seines Ichs bald ein Ende gemacht und sich offen als das anspruchlose Glied der Gesellschaft zu erkennen gegeben, das er wirklich war.

In dieser Stimmung kam ihm ein Gruss sehr willkommen, den ihm ein an dem Apfelbaume Vorubergehender schenkte. Es war Heunisch, der Jager. Alle kannten ihn. Es befremdete nicht wenig, dass Dankmar, den das seinetwegen stockende Gesprach fast verlegen machte, aufstand, Heunischen, der ins Haus gehen wollte (er kam durch den Garten, vom Felde her) auf die Schulter schlug, ihm freundlich die Hand schuttelte und mit ihm nach der Strasse zu durch das Haus ging. Die Kinder umjubelten den fleissigen Besucher dieser Statte, auf der ihm so Schmerzliches begegnet war. Sie grussten seinen Hund, den sie liebkosten. Sie nahmen dem Onkel, wie sie Heunisch nannten, den Hut und selbst die Flinte ab, die er ihnen heute gab, weil sie nicht geladen war. Das Pulverhorn behielt er.

Dankmar knupfte gleich an Heunisch's Erinnerungen an und wollte von Ackermann, von Selmar, von der Ursula und ihrer Erbschaft horen. Wahrend die Gesellschaft im Garten fruhstuckte, setzte er sich mit Heunisch auf die Bank vor dem Gelben Hirsch, dicht unter eines der Enden des gewaltigen Geweihes, das uber der Thur als Wahrzeichen einer Herberge hing, die man nach der Gesinnung des Herrn Drossel ein demokratisches Widerspiel des "Heidekruges" nennen konnte. Gelb hiess der Hirsch wol deshalb, weil das Haus grell gelb angestrichen war oder ... umgekehrt.

Wir werden begierig sein, wie die Ansichten des lebhaften, unruhigen, in seinen Finanzen zerrutteten Hirschenwirthes in Helldorf mit denen des Heidekrugers uber die Wahl des Justizraths Schlurck zusammentreffen mussen, wollen uns aber einstweilen mit Dem begnugen lassen, was uns unser alter Freund, der gutmuthige Jager, noch aus seinem grunen Reviere erzahlen wird.

Elftes Capitel

Ein Nachhall aus dem Walde

Heunisch, der Forster, war ein so zerstreuter, gutmuthig vergesslicher Mann, dass er nicht errathen konnte, was er eigentlich Dankmarn zu berichten versprochen hatte.

Er fing sogleich, als ihm Lenchen einen Trunk Bier gebracht hatte, den er neben sich auf die Bank stellte, wahrend Dankmar durch Abrucken Platz machte ... er fing sogleich von Dem an, was Dankmar bereits wusste.

Ja, ja, sagte er, hier hab' ich meine erste Braut, das Riekchen Drossel verloren. Da die Scheune ist, wie Sie sehen, neu gebaut und auch das Wohnhaus ist fast neu; doch sind's schon wieder funfzehn Jahre her und Alles sieht schwarz und vergessen aus. Haben Sie denn in der Ullaschlucht das Kreuz gesehen?

Welches Kreuz? fragte Dankmar, selbst zerstreut.

Das Kreuz um Sagemuller's Nantchen! Die Leute weisen ja jeden Fremden dahin und erzahlen ihm mein Elend ...

Dankmar besann sich und bedauerte, sich die Statte nicht angesehen zu haben.

Das Kreuz an dem Wasserstrudel, sagte Heunisch, ist gleich von Hause aus schwarz. Drum halt sich's immer wie neu. Die Frau Furstin liess es setzen. Sie war doch gut ... und eigentlich ist's nicht recht, dass ich ofter hierher gehe als an das Kreuz.

Warum nicht? Hier findet Ihr Trost und Labung.

Nein Herr, sagte Heunisch, oft werf' ich mir's wirklich vor, dass ich lieber hierher gehe und mich gewohnt habe, fast alle drei Tage bei Drossel's zu sein, als auf die Sagemuhle zu, wo ich selten hinkomme und doch weiss ich nicht, wessen Tod mich mehr geschmerzt hat ... Nantchen's oder Riekchen's. Nantchen war schelmisch und behend wie ein Reh; sonst hatte sie mich Riekchen nicht vergessen lassen, die so freundlich hier die Gaste empfing und gleich wenn sie bedient hatte, sich wieder zum Arbeiten hinsetzte, da hinter die Blumen am Fenster. Lieber Gott, ich rede von damals! Damals lag das Fenster hier unten rechts und Blumen waren dahinter gezogen wie eine Laube. Ich sehe sie noch mit ihrem Kamm von Schildpatt und Elfenbein hinterm Goldlack .... Jetzt ist der Flugel ganz abgebrannt und neu angebaut, die Scheune ist neu und der Stall. Der Wind trieb den Brand nach Scheune und Stall und im Hause verbrannte Die nur, die verbrennen sollte.

Verbrennen sollte? fragte Dankmar verwundert. Wer wollte denn, dass sie verbrannte?

Ist's denn nicht Gottes Rathschluss, so wie so, und was uns bestimmt ist, wer kann ihm entgehen! antwortete Heunisch nachdenklich.

Er kam dann auf die Schwester seiner Braut, die er wol erkannt, aber nicht gegrusst hatte ... die Frau Wirthschaftsrathin. Uberhaupt war er erschrocken, da unter dem Apfelbaum so die ganze "Bescherung" vom Schlosse anzutreffen ....

Was sie wol mogen herausgebracht haben uber unser Aller Schicksal, fragte er; denn nehmen Sie mir's nicht ubel, Herr ... Sie gehoren doch wol auch ...

Zu den Glaubigern? sagte Dankmar kopfschuttelnd und gab ihm den Trost, dass sich der Prinz ohne Zweifel noch entschliessen wurde, die Herrschaft beizubehalten, woruber Heunisch grosse Freude bezeugte. Dann aber fuhr Dankmar fort:

Aber Heunisch, Sie sind mir ja noch Eins schuldig ... wissen Sie denn nicht mehr? ...

Ich wollt' Ihnen was erzahlen? Von der Franz in der Stadt? Nicht wahr?

Nein! Nein!

Von den Kugeln unterm Ebereschenbaum?

Erfuhr ich schon ... Nein, nein! ... Ob die Ursula Marzahn ... gestanden hat, dass ihr der Amerikaner ...

Ah Das, Herr! Ja offen und ehrlich hat sie's! sagte Heunisch lachend. Alles hat sie gestanden, das Geld hergezahlt und mir ubergeben, freilich in ihrer Art, accurat so, dass Einer, der sie nicht kennt, lieber nichts davon hatte wissen mogen ...

Wie denn? fragte Dankmar, mehr wegen Ackermann's und des Knaben, als wegen der Ursula gespannt.

Wie ich hinuber kam in mein Haus, erzahlte Heunisch, da begegnete mir schon an der Wiese der fremde stattliche Herr mit dem lieben Jungen. Allerliebstes Kind Das! Nach seinem Geschaft, wenn es doch ein geheimes sein sollte, mochte ich ihn nicht fragen und er sagte selbst weiter nichts davon und grusste blos. Da er denn aber doch in meinem Hause war, so blieb ich stehen und er fing an recht freundlich zu werden und meinte, dass ihm die Alte nicht gefalle. Ei, Herr, sagt' ich, die hat schon Manchem nicht gefallen, kommen Sie aber nur wieder mit zuruck; es hat eben Jeder seine Art. Nein, nein, sagte er und der kleine Bursch schmiegte sich ihm ordentlich furchtsam an, sie hat den tauben Schmied da behalten, mit dem sie sich so wahnwitzig curios verstandlich macht, dass Leute, die horen konnen, besser die Ohren zuhalten und davongehen. Hatte mein Junge Drusen am Hals oder sonst ein Kinderubel, so kam' ich schon wieder; denn die Alte scheint mir zu den Wahrsagerinnen, Kartenlegerinnen, und ums gerade herauszusagen, zu den Hexen zu gehoren!

Das war rundweg gesprochen, Heunisch!

Da ich mich dagegen im Grunde nicht strauben konnte und es geschehen lassen muss, wenn man die Ursula so nimmt, wie sie sich eben gibt, so musst' ich ihn wol ziehen lassen. Nun aber hielt der Amerikaner mich selber auf und fragte die Kreuz und Quer, nach Feld, Wald und Wiese in Hohenberg und wollte Tausenderlei von unserer Okonomie wissen. Endlich kam ich in mein Haus, wo ich denn richtig die Ursula mit der goldenen Bescherung antraf. Sie hatte all ihr Gold, es waren hundert doppelte Friedrichsdore, in der Schurze und rief mich gleich an: Schnappauf, Junge!

Schnappauf Junge? wiederholte Dankmar. Das klingt ja ganz kindlich!

Ich musste gleich die Mutze hinhalten und in die Mutze, die ich hinhielt, schuttete sie's mir, Alles baar und blank und tanzte dabei wie narrisch ....

Tanzte?

Sie hielt's fur Katzengold, sagte sie.

Katzengold? Heunisch, dann musst Ihr's doch wol wiegen lassen.

Wie so?

Sie kann's ja gleich verhext haben.

Ach Spass! Ich sah schon, dass die Friedrichsdore echte Landsvaterwaare sind und uber Nacht nicht wieder Kohlen werden. Nachsten Sonntag sollen die Zeck's bei uns zu Mittag speisen und da wollen sie denn zusammen abmachen, was sie mit dem vielen Gelde beginnen.

Seht! Seht! sagte Dankmar, da werdet Ihr ja einen feierlichen Sonntag haben ....

Ich mag nicht dabei sein; antwortete der Jager.

Wo man vielleicht Wein trinkt?

Der Blinde verdirbt mir den Appetit ....

Ihr sohnt Euch aus ...

Mit einem Habgierigen nicht!

Ist Das so ein Wahrwolf?

Ein Blutsauger, was das Geld anlangt ...

Der blinde Zeck?

Der Mensch ist heimlich, wie ich Ihnen schon gesagt habe ....

Unheimlich ...

Aber man konnte ihn in Ehren grunen und bluhen lassen, was die Arbeit, den Fleiss und die gute Auffuhrung anlangt ....

Und dennoch?

Seine Habgier! Das ist die Plage!

Er scheint doch in leidlichen Umstanden ...

Fur sich bedarf er nichts, aber sein Junge ... den liebt er, wie ein Affe seine Jungen ...

Macht ihm Ehre ...

Wol! Das sag' ich auch. Aber Alles in seinen gehorigen Grenzen ....

Da habt Ihr Recht!

Wie qualt er seine Schwester!

Seine Schwester? Qualen? Erkennt die Ursula einen Meister?

O Herr, Das ist nicht zu sagen! Ich warf ihn schon oft zur Thur hinaus!

Was, glaub' ich, nicht leicht ist. Er hat Arme!

Dass er nicht sehen kann, ist sein einziger Jammer ... aber am Zuschlagen hindert's ihn nicht.

Er sucht wol, wo es etwas zu fischen gibt?

Fur seinen Jungen, fur den er sammelt, fur den er spart und geizt ... denn es ist wol ein elender Mensch, der Sohn, wenn der Alte einmal ...

Die Augen zuthut, kann man nicht sagen ...

Kann man nicht sagen ... Aber doch sieht er mit den Handen, mit den Fussen, mit der Nase, mit den Ohren. Da ist in unserm Forsthause ein Schrank ... Sie hatten uns doch besuchen sollen ...

Das nachste mal, Heunisch!

Den Schrank hab' ich der Ursula gelassen, weil er ihr schon bei Marzahn gehorte. Da hat sie alle ihre Papiere drin und Geldsachen und Quacksalbereien und was weiss ich ...

Ihr seid, bei Gott, nicht neugierig!

Nein, Herr! Vertrauen und Accuratesse! Das war immer mein Wort! Ich lasse die Ursula in ihren Schrank legen, was sie will. Und wenn der Schlussel auf dem Tisch lage ....

Ihr nahmt ihn nicht?

Ich nahm' ihn nicht ....

Aber Zeck? Der ware nicht so rucksichtsvoll?

Auf den Schrank hat er's! Den umschnuffelt er! Da wittert er Gold und Silber und Erbschaften und Verschreibungen ....

Alles fur seinen Sohn?

Fur den Jungen, der einmal blinder als blind ist, wenn der Alte nicht mehr ist.

Doch immer eine vaterliche Fursorge! Etwas Achtbares dabei!

Ei ja! Ich will's gelten lassen. Ich gonn' ihm sein Geld, ich gonn' ihm die Erbschaft, die der feine Herr aus Amerika gebracht hat ... aber ...

Von wem kommt denn die Erbschaft?

Im Vertrauen, glaub' ich von einem verstorbenen Bruder, der hoffentlich ein seligeres Ende genommen hat als er es verdiente ....

Eine seltsame Familie!

Lassen Sie's gut sein, Herr! Ich hab's nie wissen mogen, warum sie seltsam ist und so weiss ich auch nicht, warum Schwester und Bruder an das Gold nicht glauben wollen ....

Das sie doch mit Handen greifen?

Das sie mit Handen greifen! Katzengold, sagt die Ursula ....

Der Bruder war doch etwa ... kein Falschmunzer?

Stille! Stille! Das ist wieder mein vergrabener Brunnen .... Ich war gestern Abend noch an der Schmiede. Der Blinde sitzt vor seinen Goldstucken und klingt Eines an das Andere an, ob es auch echt ist ....

Das nenn' ich Mistrauen!

Ja, ja, Sie lachen, bester Herr! Ich sitze, weiss Gott, recht unter tollen Geschichten und wenn sie mir denn doch zu bunt werden, geh' ich hier hinauf in den Gelben Hirsch. Hier ist's luftig und frei. Ein gesunder Zug in die Brust hinein starkt mir die Lungen hier, und hatt' ich nicht Hunde daheim und ein paar alte Eulen und eine ganze Stube voll Vogel und freilich auch mein Brot im Walde und die Hoffnung, die Franz kommt einmal aus der Stadt fur immer wieder heraus zu mir, ich ginge am liebsten nicht wieder hinein, so schwul wird's mir manchmal, denn die Gespensterseherei der Alten nimmt uberhand ....

Dankmar nahm innigen Antheil an dem guten treuen Menschen und erzahlte ihm auch seinerseits Einiges von der Verlegenheit, in die er durch die bei einem ihrer Gespenster gefundenen Kugeln kame ...

Das Gespenst da, sagte Heunisch rasch, hab' ich seitdem auf dem Strich und bin ihm schon so nahe beigekommen, dass ich ihm ein Halt da! Steh Canaille! hatte zurufen konnen.

Wirklich? fragte Dankmar gespannt und fast in der Hoffnung, der Forster mochte ihm nun ja Hackerten als den Verdachtigen bezeichnen, seinen Begleiter, den er von seinen Anzuglichkeiten auf die schone kleine Franziska schon kannte.

Es kam auch so zum Vorschein. Der Jager sagte:

Da Sie selbst darauf kommen ... will ich auch nicht zuruckhalten ....

Sprecht offen! sagte Dankmar. Wir sind gute Freunde ....

Drum thut mir's leid, dass Sie mit dem ...

Also der Rothhaarige, der mit mir hier auf dem Gelben Hirsch ...

Der Buschklepper, den ich seitdem hier und da herumspuken sehe ... Gestern Nacht hatt' ich mich bei den Holzschlagern verspatet. Die Leute mussen bis in die helle Mondnacht schlagen, um nur fur die Nimmersatts da unterm Apfelbaum aus unsern jungen Pflanzungen, die sich kaum erholen konnen, Silber zu munzen.

Sprechen Sie leiser!

Ach was! Sie konnen's horen! Mit der Frau Wirthschaftsrathin, Herr, konnen Sie doch nicht unter einer Decke stecken ....

Nein! Heunisch, und wenn's eine seidene ware! sagte Dankmar lachend und gespannt.

Nun ja! Es mochte gestern schon stark nach zehn Uhr sein, als ich meinen rothen Burschen uber die Wiese streifen sah, die vom Plessener Thurm her, hinterm Gebusch um den Schlossberg, in den Wald fuhrt. Er rannte mehr als er ging.

Mein rother Begleiter?

Ich denke wol! Ich stelle mich hinter einen Baum, um ihn besser zu beobachten. Er sieht sich uberall um, und Jeder hatte geschworen, der Kerl hat ein boses Gewissen. Endlich ging er langsamer, ich ihm nach. So mocht' ich eine halbe Stunde hinter ihm geschlichen sein, als ich sehe, dass Dies der Weg zum schwarzen Kreuz ist, wo mein Nantchen vom Felsen glitt. Es ist ein gespenstiger Ort, fast wie eine Kirche bei Nacht. Rings uber dem Wildbach stehen gerade hier rundum alte Baume und uralte Felsensteine und sehen so zackig und knorrig in die Flut hinunter, dass ich mir schon manchmal gedacht habe, wenn die alten Aste einmal lebendig wurden und husch! wie Schlangen durcheinander fuhren und dich einmal packten, Heunisch!

Ihr habt Phantasie, Heunisch!

Es presst mir immer die Kehle, wenn ich an den Ort komme und das Kreuz so ernst, gerade als ob es reden wollte, da oben steht und mir vorwirft, dass ich am Ende das Riekchen hier doch lieber gehabt hatte, weil ich immer auf dem Gelben Hirsch bin ....

Ihr seid zu gewissenhaft, Heunisch! Nantchen von der Sagemuhle freut sich im Grabe, wenn Ihr getrostet seid.

Da bin ich denn umgekehrt und hab' den Schelm aus dem Gesicht verloren. Nun hab ich's aber der Ursula erzahlt ... wissen Sie, was Die sagte?

Ich bin begierig ...

Es ist zum Lachen, fuhr Heunisch fort; das schwachsinnige alte Weib liess sich nicht ausreden, dass sie ihren Bruder gesehen hatte. Es ist ja Fritze aus Amerika, sagte sie, der uns das Katzengold gebracht hat und sieh Einer nur nach, unten, im Bach, wo Schon Nantchen stolperte, da liegt noch weit mehr von dem Dreck. Geh hin, Heunisch, da liegt ein ganzer Schatz! Ja Schatz! Mein Schatzchen liegt da! sagt' ich aus Spass und doch betrubt; mein Schatzel war hubsch, aber reich war sie nicht, Urschel! Da schwieg sie und meinte blos: Lass den Fritze nicht hereinkommen, Heunisch! Wir haben nichts mehr fur ihn hier zu suchen, es ist Alles fort, Alles fort. Es braucht auch keinen Tischler zu schicken, um nachzufragen, ob wir nicht den Sarg bestellen wollten. Lass ihn aber auch gehen! Wer auf Geister schiesst, trifft sich. Damit war sie wieder vergnugt und ging in die Kuche und richtete ein gutes Essen an.

Wetter, sagte Dankmar, Das wiederholt noch einmal, Heunisch: Wer auf Geister schiesst, trifft sich, sagte sie?

Eine alte Regel, Herr, die alter ist, als ...

Der Doctor Lehmann am Rabenstein! Wer auf Geister schiesst, trifft sich! Das ist so alt, wie der bethlehemitische Kindermord und die Aussetzung Mosis am Wasser und die Inquisition und die Censur.

Ja, ja! lachte Heunisch. Im Walde lernt man sein Bischen schwarze Kunst. Wer auf Geister schiesst, trifft sich!

Dankmar uberlegte. Er sahe, dass sich Egon's Erzahlung von der bosen Aufnahme, die er im Forsthause fand, nun zusammenschloss mit Dem, was er hier von Heunisch vernahm. Er wollte aber noch genauer forschen. Ohne ihm Etwas von dem Gefangenen im Thurm zu sagen, kam er auf den Tischler zuruck und fragte Heunischen, was die Alte mit dem Tischler gewollt hatte?

Heunisch erzahlte ihm dann Alles, was Dankmar, freilich in anderer Auffassung, schon wusste und bemerkte auch ganz richtig, dass Dies ohne Zweifel jener junge schone Handwerker gewesen ware, den er hier mit im Gelben Hirsch gesehen hatte.

Freilich! freilich! sagte Dankmar. Der war's. Wusste sie nicht mehr von ihm zu sagen?

Heunisch, seine drangendere Neugier nicht bemerkend, sagte ganz ruhig:

Sie hatte genug, als er von sich als einem Tischler sprach. Denn ihre Furcht vorm Tode ist eine Schande. Sie wird auch aus purer Todesfurcht steinalt und uberlebt mich zehn mal. Ich hatte meinen Spass mit ihr und sagte: Urschel, Urschel, der Tischler hat ja nur vorlaufig 's Mass nehmen wollen! Da schluchzte sie, fiel wieder in eine andere Narrheit und meinte: So gross wie seine Mutter brauch' ich's nicht.

So gross wie seine Mutter? fragte Dankmar erstaunt. Wessen Mutter meinte sie?

Das kann ich nicht sagen, Herr, sprach Heunisch; man muss auch Nichts drin suchen. Die halb Verruckten und Geisterseher haben's immer mit zweierlei Menschen zu thun, mit Kindern und mit Muttern. Bei ihrem gespenstischen Bruder kommt sie immer gleich auf Kinder, die er wol kann hinterlassen haben, und beim Tischler kam sie gleich auf seine Mutter. Der fruhere Pfarrer in Plessen wie hiess er doch

Rudhard, erganzte Dankmar.

Ei sieh, woher wissen Sie Das? fragte Heunisch erstaunt, Rudhard ... Richtig! Ganz richtig! Das war ein anderer als der jetzige, der erst ein Augenzwinkerer war und nun ein Schwatzer ist. Der Rudhard sagte einmal: Im Menschen ware Alles, was auf eine Mutter und auf ein Kind ginge, ein gottliches Geheimniss. Ich hab's deutlich behalten, weil's die erste Predigt war, die ich in Plessen horte, und ich kann Ihnen wol im Vertrauen sagen, die letzte seit meiner Confirmationszeit. Der Mann sagte auch: Dass ein Kind Kind sein konne und eine Mutter Mutter sein konne, Das ware so schwer zu begreifen, wie Gottes Wesen selbst und drum haben's auch, wie ich an der Urschel sehe, die Hexen und die Teufel immer mit Kindern und mit Muttern. Das muss wol der Eingang in die Holle sein.

Oder der in den Himmel, Heunisch! sagte Dankmar und schuttelte ihm nun wie zum Abschied die Hand. Ja, ja! In den Himmel! setzte er hinzu. Haltet noch eine Weile unter diesen Menschen aus, die Eurer nicht wurdig sind, bis die Franz kommt, die besser, tugendhafter sein wird, als sie der Hallunk, von dem Ihr mir leider zu wenig erzahlt habt, Euch darstellte.

Heunisch hielt Dankmarn und sah ihn treuherzig mit seinen mannlichen Zugen ohne Falsch und einem guten sorglosen Auge an.

Nicht wahr? Das meinen Sie auch? sagte er bewegt; und nun, bester Herr, wir sind uns immer so angenehm begegnet; wenn ich einmal in die grosse Stadt dahinunter komme und Sie mir erlauben wollen, wieder mit Ihnen ein Bischen zu plaudern ...

Er zogerte, sein Anliegen auszusprechen.

Offenbar wollt' er Dankmar's Namen wissen und Dieser, nach der ihm einwohnenden offenen Weise, unbekummert uber die moglichen Folgen, hielt es fur seine Pflicht, dem Ehrlichen gegenuber ehrlich zu sein und sagte:

Ich heisse Dankmar Wildungen, bin ein Referendar beim Gericht. Wenn Sie den Namen behalten, finden Sie mich wol auf oder fragen Sie nur bei dem Gericht. Dankmar ...

Dankmar Wildungen! wiederholte Heunisch langsam und nachdenkend, als wollt' er sich den Namen des ihm so liebgewordenen jungen Mannes recht einpragen.

Dabei hielt er aber noch immer Dankmar's Hand fest ....

Und als dieser die Wagen vorfahren horte und sich ihm nun langsam entziehen wollte, brach Heunisch gerade mit Etwas hervor, was er noch auf dem Herzen gehabt hatte und was auch vielleicht die Ursache seiner grossen Offenherzigkeit gewesen war ....

Und wenn nun, sagte er fast schlau lachelnd, wenn nun die Zeck's nachsten Sonntag bei mir zu Hirsebrei in Milch und einem Rehbock oder was sonst die Urschel und meine Flinte bescheren wird, kommen und Rath schlagen, wo sie mit den vierhundert Friedrichsdoren denn so viel sind's hin sollen und Heunisch auch ein Wort mitsprechen mochte: Was rathen Sie mir da wol? Wo legt man nun solch Geld jetzt am besten an?

Aha! dachte Dankmar bei sich. Nun kommt der Schlussel zu all den offenbarten Geheimnissen ... Wie schlau ist mein Waldsohn!

Nur nicht in Staatspapieren! war seine rasche Antwort.

Sagte mit heute der Amerikaner auch, meinte Heunisch.

Der Amerikaner? Heute? Haben Sie ihn denn wiedergesehen?

Vor einer Stunde! Er muss des Weges kommen.

Hierher?

Dankmar war ergriffen von Freude und fast musste er sich sagen, von Schreck. Dieser Fremde und sein holder Sohn hatten sich ihm eingepragt wie eine Mahnung immer nur an sein edelstes Selbst. Sie waren sein Gewissen geworden. Und so erschrak er fast uber die Moglichkeit, dass dieser Fremde, mit dem schlichten Namen Ackermann, plotzlich von den Abenteuern Einsicht bekommen konnte, in die er sich hier verwikkelt hatte ...

Der Jager erzahlte ihm, dass er auf seinem kurzern Wege, den er von Plessen eingeschlagen hatte, Ackermann mit seinem Sohne begegnet ware und wenn ihm Recht ware, sahe er sie dort damit zeigte er auf einen Weg, der sich hinter dem Gasthause heraufzog in dem kleinen Wagelchen schon herkommen

Dankmar blickte hinuber.

Ackermann und Selmar sassen in einem leichten Wagen und grussten ihn schon von ferne ... Da aber stand auch schon Lasally mit dem Rosse neben ihm, das er besteigen sollte. Die ganze Gesellschaft drangte, die Wagen fuhren durcheinander, die Pferde stampften, die Bedienten riefen, Heunisch trat zuruck und luftete die Mutze und Dankmar, der nicht mehr wusste, wohin er horen und was Alles sehen sollte, verlor fast die Besinnung ...

Euer Geschaft, sagte er zu Heunisch, indem er fast mechanisch auf sein Ross stieg, also Euer Geschaft, bester Freund ... Ich will Euch sagen, rief er ganz laut, kommt in die Residenz und fragt beim Prinzen Egon, Euerm Herrn. Oder schreibt! Bei uns sollt Ihr die beste Auskunft finden! Ich bin fur Grundbesitz oder Industrie und Das hattet Ihr ja in Plessen oder bei Hohenberg gleich in der Nahe, um immer Euer Auge in die Benutzung des Geldes einsehen zu lassen. Wer weiss, was man jetzt in Hohenberg nicht Alles fur Mittel brauchen kann. Euer Herr gibt Euch die besten Hypotheken! Also kommt nur zu mir! Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon! Oder es macht sich Alles schriftlich, wie Ihr wollt!

Damit sass Dankmar im Sattel. Heunisch trat dankend und fast erschrocken, dass man so laut von dem Gelde gesprochen, zuruck. Einige Wagen fuhren ab. Dankmar's Gaul folgte mechanisch dem stattlichern Renner Lasally's. Dankmar wandte sich um. Selmar grusste noch immer und Ackermann nickte freundlich. Zur Erwiderung zog er sein Taschentuch und schwenkte es in der Luft hin und her, zog auch seinen Hut und liess die winkende Hand Das sagen, was sein Mund in die weite Entfernung nicht mehr hinubertragen konnte. Nun liess er dem Pferd die Zugel schiessen und sprengte der ubrigen Gesellschaft nach, die an ihm schon voruberfuhr.

Zwolftes Capitel

Melanie-Spasse

Als sich Dankmar auf seinem Rosse gesammelt hatte, sah er sich nach Melanie um. Er entdeckte sie nicht. Neben ihm fuhr Herr und Frau von Reichmeyer. Er erkundigte sich nach Melanie. Das reiche Ehepaar stand im Wagen auf, um ruckwarts zu sehen, und zeigte ihm den Wagen der Justizrathin, der noch fern am Gelben Hirsch hielt. Er sah das leere Pferd, das Melanie geritten hatte, von einem der Jockeys gefuhrt, ihm langst voraus. Es schien also wol, dass sie fahren wollte. Endlich entdeckte er sie, wie sie in den Wagen stieg mit veranderter Toilette. Sie hatte sich aus einer Amazone in eine Dame der neuesten Mode verwandelt und trug einen weissen Seidenhut, ein weisses Kleid und einen leichten rothen Krepp de ChineShawl. In dem Augenblick fuhr sie ab, wo Ackermann und Selmar anlangten.

Kommen Sie denn endlich zur Besinnung? rief sie Dankmarn entgegen, als der Wagen schnell ihm nachflog und der Staub sich so verzogen hatte, dass man im langsamern Fahren sprechen konnte.

Dankmar bat um Entschuldigung uber sein langes Gesprach mit dem braven Waidmanne, den er auf dieser Reise sehr liebgewonnen hatte.

Er fugte hinzu, er konne die Zerstreuung um so weniger bereuen, als sie ihm jetzt die volle Uberraschung ihrer plotzlichen Metamorphose gewahre ....

Sie sollten sich zu uns setzen, sagte Melanie mit Vertraulichkeit. Bartusch ruckt und ist uberhaupt der bequemste Reisegesellschafter von der Welt, ein Reisenecessaire in Taschenformat ....

Sie zeigte dabei auch auf die Geldborse, die der kleine schlaulachelnde Mann in der Hand hielt, wahrend er die Ausgaben im Hirsch verrechnete.

Prinz! Hier ist Platz! rief Bartusch, ganz in seine Rechnung verloren.

Wie Dankmar die Worte horte und Melanie ihn uber sie fixirte, ubergoss es ihn purpurroth und wie mit einem Seitensprunge das Pferd vom Wagenschlage ablenkend jagte er, seine Verlegenheit zu verbergen, Lasally nach.

Hast du bemerkt, wie er errothete? sagte Melanie zur Mutter.

Diese wandte sich, noch ganz erschrocken uber Bartusch's Auffoderung zu diesem hinuber und fragte:

War Das mit Absicht, Bartusch?

Nein, sagte Bartusch, die Augenbrauen in die Hohe ziehend, es kam mir zufallig ...

Seither war ich im Zweifel, sagte die Mutter, und kann mir nicht denken, dass sich ein junger Mann, der uns so wenig Ursache hat befreundet zu sein, uns dermassen vertrauensvoll anschliesst. Melanie ist freilich sehr unvorsichtig ...

Mutter! sagte Diese und legte, da Hannchen Schlurck recht zurnend ausschaute, den Arm um ihre Schulter, um sie zu beschwichtigen ... Mutter, zanke mich nur aus!

Ich werde dir nie rathen, sagte die Mutter, dass du Lasally erhorst, aber ich bewundere die Geduld dieses treuen Menschen. Er hatte sicher gehofft, in der Einsamkeit des hohenberger Aufenthaltes wurden seine Wunsche dir nicht misfallen und nun muss er erleben, dass du von dort mit einer doch im Grunde sinnlosen Leidenschaft zuruckkehrst, die dich heute noch narrisch macht ....

Du meinst doch meine Excellenz? fragte Melanie mit Schalkhaftigkeit.

O geh mit dieser Posse! sagte die Mutter, fast verstimmt. Immer freu' ich mich, dass deine Spasse ihre Lacher finden, heute aber wundere ich mich daruber.

Mutter, sagte Melanie, du wirst bitter! Du willst meine Erfolge storen? Das ist ... fast hatt' ich das vierte Gebot verletzt.

Frau Justizrathin ist truben Humors, meinte Bartusch und spielte boshaft genug auf den Eindruck an, den der sonst so heitern und duldsamen Frau die Enthullung einer sonderbaren nachtlichen Wanderung ihres Gemahls gemacht hatte, als Bartusch von dem gefundenen Schrein erzahlte. Ein ernster Blick der nachdenklichen Frau verbot ihm weitere Erorterungen ....

Die lastige Pause, die eintrat, unterbrach Melanie mit Wiederholung der Worte, die sie von Dankmar am Gelben Hirsch gehort hatte:

"Also kommt nur zu mir und Beide gehen wir dann zum Prinzen Egon!"

Es ist deutlich genug! sagte Bartusch.

Und der Jager, meinte die Mutter. Schien er nicht ganz erschuttert, da wir ihm die Muthmassung mittheilten? War es nicht, als wollte er sagen: Nun gingen ihm ja plotzlich die Augen auf und er erkenne, mit wem er sich so oft und so gut unterhalten hatte?

Ich habe, sagte Melanie ernster gestimmt, ich habe diesem Fremden, ob es nun der Prinz oder nicht der Prinz ist, einen Dienst zu leisten versprochen, dessen Ausfuhrung mir viel Uberwindung kostet. Ich leugne nicht, dass er sogleich mein Herz gewann und zum Zeichen, dass ich beim Anblick dieses liebenswurdigen Mannes mehr empfinde, als ich bisher fur irgend Jemand in der Welt empfunden habe, wollen wir morgen in aller Fruhe, gegen sein Wissen, vom Heidekrug weiter reisen, damit wir ... doch wol nicht zu weit gehen. Hab' ich dem Drange genug gethan, ihm mich so weit zu widmen, als ich sehe, dass er Liebe, Hingebung und die Aufopferung eines treuen Herzens nothig hat, so hort mein Spiel auf und es ist dann an ihm, zu zeigen, was er fur soviel Freundschaft mir Ernstes erwidern will ...

Kind, rief die Mutter, denkst du so hoch?

Ich denke gar nicht, liebe Mutter, sagte Melanie ruhig.

Denn wenn ich dachte, wurde Das, was ich heute noch Alles ausfuhren soll, kaum moglich werden. Ich fuhle nur. Nur ein Instinct, ein wunderbarer Reiz ist es, der mich seit dem Augenblicke leitet, dass ich diesen Fremden sah

Nein, verbesserte die Mutter, seit der Vater schrieb, der Prinz ware im Incognito am Fusse des Schlosses, und wir annahmen, die von ihm gegebene Beschreibung passe auf jenen Fremden, der uns vielleicht Alle tauscht

Er tauscht uns nicht, sagte Melanie, er nennt sich Dankmar Wildungen. Ist es der Prinz nicht ... so werden wir ihn um so leichter vergessen konnen.

Ich dagegen hoffe, sagte die Mutter, dass es wirklich der Bruder des blonden Malers ist, den du bei uns eingefuhrt hast. Denn ein Roman mit einem Manne, der zu hoch steht, als dass er dich heirathen konnte, ware bei den mancherlei Sorgen, die so schon unsere Brust drucken, vollends eine Qual ....

Denke nicht an die Zukunft, Mama! sagte Melanie. Das Nachste ist, dass ich bitte, mich auf dem Heidekrug rumoren zu lassen, wie ich will. Morgen fruh mit Sonnenaufgang bin ich vielleicht vor Euch Allen schon auf dem Wege nach Hause und spreche den Fremden nicht mehr ... vielleicht nie mehr.

Was hast du denn nur vor? fragte die Mutter, die jetzt erst die Andeutungen eines Planes verstand, mit gesteigerter Besorgniss.

Einer Antwort ward Melanie dadurch uberhoben, dass Dankmar und Lasally jetzt dicht bei den Schlagen des Wagens ritten, Einer rechts, der Andere links.

Melanie knupfte rasch ein unverfangliches Gesprach an und verlangte zu wissen, was Das fur Fremde waren, denen Dankmar so freudig zugewinkt hatte?

Der Befragte theilte so viel von Beiden mit, als sie interessiren konnte, ohne Dinge zu erwahnen, die vielleicht unbekannt bleiben sollten.

Der Knabe, sagte Melanie nach einigem Nachdenken und stockte ...

Nicht wahr? Ein liebes Kind? fiel Dankmar ein.

Ja, ja, der Knabe schien mir ein verkleidetes Madchen ... sagte Melanie.

Melanie! rief Dankmar sich vergessend und begriff nicht, wie ihn diese Ausserung so erregen, so in allen Adern durchbeben konnte.

Sie erschrecken? Was? Eine neue Rivalin? Eine Rivalin der Grafin d'Azimont wollt' ich sagen. Kommt das Alles von Paris?

Dankmar musste lacheln, weil ihm die Misverstandnisse des gestrigen Abends einfielen. Doch wunschte er sie abzubrechen und sagte:

Wer die Grafin d'Azimont ist, wissen wir; lieber mocht' ich Herrn Lasally veranlassen uns zu erzahlen, welches die schonsten und gewandtesten Amazonen der Residenz sind ....

Man blickte zu Lasally hinuber, der nachdenklich schien.

Horen Sie denn nicht, Lasally, sagte Melanie, wer reitet von den Damen besser als Melanie mit dem abscheulichen Namen Schlurck?

Die Frau Major von Werdeck reitet besser! sagte Dieser kurz und bestimmt.

Man lachte uber seine Offenheit.

Sie sind kurz angebunden! Wie konnen Sie eine Polin mit mir vergleichen ... eine wilde Demokratin!

Demokratin? fragte Dankmar.

Eine Sarmatin, die auf einem Pferde zur Welt gekommen scheint ... sagte Lasally, um sich zu entschuldigen.

Stille! Stille! Es wird immer besser! rief Melanie und wollte von der Frau Major von Werdeck nichts mehr wissen.

Auch die Damen von Wachendorf, die Baronin Spitz und Frau von Landskrona sind in der Zugelfuhrung anzuerkennen, sagte Lasally.

Die Erwahnung so vieler Damen fuhrte auf die Chronik der grossen Welt. Man zeigte sich uber alle hervorragenden Personlichkeiten derselben ziemlich unterrichtet. Dankmar horte Namen, die er mit Siegbert in Verbindung wusste, andere, die ihm ganz fremd waren. Er horte, da sich auch Reichmeyer's in diese Erorterungen mischten, kaum zu und verlor sich in Erinnerungen an Egon und die so schnell gewonnene Freundschaft jenes Gefangenen im Thurm, der nur der junge Furst sein konnte. Als er von seinen Grubeleien erwachte und man noch von den Damen der Residenz sprach, benutzte er die Gelegenheit, sich uber Egon's Vorsicht in Betreff der Harder'schen Familie zu unterrichten und fragte:

Wir haben Herrn von Harder kennen gelernt. Nicht wahr? Es gibt mehre Damen von Harder ... was weiss man von ihnen?

Melanie begann sogleich:

Mit den Harder's bitt' ich vorsichtig umzugehen. Jede Ausserung, die einen Verwandten meiner Excellenz betrifft und fur seinen geliebten Namen ungunstig ausfiele, konnte mein Herz verwunden ...

Melanie! rief die Mutter ...

Lasst mich, sagte sie. Spottet nicht! Sie am wenigsten, Lasally! Ich habe euch eitle und schwankende Manner lange studirt und mir wol die Fahigkeiten erworben, das Echte vom Unechten zu unterscheiden. Meine Excellenz gehort zu den Bessern ihres Geschlechtes. Ich will nicht in Abrede stellen, dass auch Harder von Harderstein Schwachen besitzt, allein wenn er nun auch eitel ware, darf er es nicht sein? Hat er nicht die kleinsten Ohren, die ich je am Kopfe eines Mannes erblickt habe? Ist er nicht schlank gewachsen wie eine Pappel und halt er sich nicht ganz so gerade, wie es seiner Stellung am Hofe angemessen ist? Nein, nein, ihr Manner wisst nicht, worin eigentlich der Zauber liegt, den gewisse Bluten eures Geschlechtes auf uns ausuben. Scheltet mir meinen Geheimenrath nicht!

Nach der Heiterkeit, die diese muthwilligen Scherzreden hervorbrachten, bemerkte die Mutter, ohne Zweifel hatte die Frage ihres Herrn Begleiters den Damen gegolten, die den Namen von Harder fuhrten.

Von Pauline von Harder, sagte Melanie, red' ich nicht. Ich hasse sie. Sie ist die Gemahlin meines Ideals. Aber Anna von Harder kenn' ich. Dieser Dame verdanke ich mehr, als man fur glaublich halten mochte. Ihr Schwager, der Intendant, lehrte mich fuhlen, sie selbst, Anna von Harder, lehrte mich Etwas, was man mir ebenfalls allgemein absprechen will, namlich ... rathen Sie?

Die Mutter sagte lachend:

Singen, mein Kind!

Das ist wirklich das Unmoglichste, was Sie zu leisten gelernt haben, Melanie! fiel Lasally spottend ein.

Sollte Ihnen, mein Herr, wandte sich Melanie zu Dankmar, diese boshafte Ausserung Lasally's unverstandlich sein, so mussen Sie namlich wissen, dass ich, wie man allgemein behauptet, keine Stimme habe. Ich spiele Klavier, Harfe und Guitarre. Aber dennoch fand ich immer, dass wirklich zur Musik nur Mittelmassigkeiten Talent haben, was ich Ihnen durch Lasally's Beispiel beweisen konnte, der ein ganz vorzuglicher Blaser auf dem Cornet a piston, dem Postillonshorne ist. Ich selbst strebte immer nach dem Ruhme, in meiner Art das Beste zu leisten und da mir eine gewohnliche mittelmassige Fahigkeit im Singen nicht genugt, so zog ich es vor, zum Davonlaufen schlecht zu singen. Das hinderte aber doch nicht, dass ich einige Zeitlang die Akademieen der guten Anna von Harder auf Tempelheide unterstutzt habe.

Bis sie dich ersuchte, fiel die Mutter lachend ein, lieber deine andern Talente zu pflegen, als die zweifelhafte Gabe des Gesanges, wie sie dir einmal selbst schrieb.

Mit Gansefussen! Zweifelhaft mit Gansefussen, liebe Mutter! rief Melanie. Die zweifelhafte Gabe des Gesanges waren meine eigenen Worte, mit denen ich mich von Frau von Trompetta und der neuen Jungfrau von Orleans, der Flottwitz, bei ihr einfuhren liess. Die falschen Noten, die ich sang, waren nicht Schuld, dass ich wegblieb, eher noch die vielen heiligen und langweiligen Sachen, die wir auffuhrten ...

Heilige, langweilige Sachen? fragte Dankmar, der das Gesprach von den Nachforschungen uber seine Person und dem Drucke des zunehmenden Misverstandnisses ablenken wollte.

Melanie erklarte ihre Ausserung.

Sie wissen vielleicht nicht, sagte sie, dass Anna von Harder wahrend des Winters in der Stadt und im Sommer auf dem Gute des alten Obertribunalprasidenten in Tempelheide von jungen Dilettanten und Dilettantinnen geistliche Musiken auffuhren lasst? Sie ist nicht fromm, Anna von Harder, aber sie liebt alles Das, was zur Frommigkeit gehort. Diese Akademieen ...

Bitte! bitte! unterbrach Dankmar die Mittheilung des schonen neckenden Madchens, das sich, wie wir horen, auch nothigenfalls selbst persifliren konnte. Sie sagen da ein Wort, das wiederholt zu werden verdient. Nicht selbst fromm sein, aber Alles lieben, was zur Frommigkeit gehort?

Ich weiss es kaum anders auszudrucken ...

Sie bezeichnen damit eine Geistesrichtung, die ziemlich allgemein verbreitet ist und mir sehr gefahrlich erscheint ...

Es ist die der Schwanenjungfrauen und Diakonissen, sagte Melanie. Allein spotten wir nicht! Anna von Harder ist keine Mauseburg, keine Trompetta ...

Sie hat in ihrer Jugend die tiefsten Herzensprufungen bestanden ... erganzte die Mutter.

Und weiss noch jetzt, was ein Herz ist! fiel Melanie ein, sich vielleicht irgend einer vergangenen Scene mit ihr entsinnend.

Aber die Musiken in Tempelheide sind darum doch lacherlich! meinte Lasally.

Wer sagt Das? fragte Melanie.

Hauptmann Thielo sagt's, Rittmeister Konnewitz ... fragen Sie, wen Sie wollen.

Diese competenten Richter! Sie sind komisch, diese Musiken, aber Thielo und Konnewitz sind die ernsthaften Menschen nicht, die sie komisch finden durfen.

Fraulein, Sie uberbieten sich in geistreichen Apercus, fiel Dankmar ein. Sie sagten eben wieder ein Wort, das ich bewundere. Es kann Etwas lacherlich sein, aber nicht Jeder hat das Recht, es lacherlich zu finden. Wie erscheinen denn Ihnen diese Musiken?

Im Grunde, sagte Melanie mit den Augen blinzelnd und schelmisch, im Grunde ganz ebenso wie dem Thielo und Konnewitz ... aber ...

Man wollte dies "Aber" nicht horen. Man wollte wissen, warum Melanie diese Musiken komisch fande.

Nun ... Denken Sie sich nur die ewige alte classische Musik, sagte sie. Nie etwas Weltliches! Ewig und ewig: Heil dir Israel! und Jauchze, Juda! und so Alles durch, was die alten Maestri und die Neuern nur in diesem Stil componirt haben. Mit Trompeten und Pauken in grossen Kirchenraumen macht sich Das prachtig, aber so mit dunnem Klaviergeklimper begleitet und die oft achtstimmigen, ganz labyrinthisch verwickelten Fugen von zimperlichen Choren gesungen ich gebe Ihnen mein Wort, man wird vom Zahlen allein schon confus, wie sehr erst von dem Durcheinander, wo der Eine Juda! der Andere Israel! der Dritte Jerusalem! jauchzt und das kleine quiekende Klavierchen dazwischen summt und summt und summt ... Mir ist manchmal in dem Chaos das Notenblatt vor Schreck aus der Hand gefallen, aber die Andern sturmten fort wie die Makkabaer, und die gute Anna, die das Ganze am Klavier dirigirte, verlor fast die Besinnung, bis wir zuletzt am Finale ankamen und wie ankamen! Der Eine um acht Takte zu fruh, der Andere um zwolf zu spat. Kurz es sind geistliche Charivaris ...

Die aber doch sehr belustigend gewesen sein mussen, sagte Dankmar, uber diese Schilderung lachend; warum haben Sie sie aufgegeben?

Ja! Sie waren drollig, fuhr Melanie fort. Denken Sie sich nur, wenn Sie sie kennen, die dicke kleine Trompetta; denken Sie sich diese Frau mit gluhender Andacht im Chor ihre Altstimmen zusammen halten und die Flottwitz immer wie in hohern Spharen und ihre blonden Tirebouchons wie eine Lowin vom Stamme Juda schuttelnd, als wollte sie die Demokratie radical zu Grunde singen ... Die Herren sind theils junge Assessoren, theils Lieutenants, drei Bruder der Flottwitz allein schon, und der Vierte, der noch in der Cadettenschule ist, wurde sich auch schon angeschlossen haben, aber seine Stimme setzt sich eben ...

Melanie lachte ausgelassen.

Ich habe von diesen Akademieen gehort, besann sich Dankmar. Der alte Prasident soll sie sehr lieben ...

Dankmarn wurde namlich erinnerlich, dass sich Einige seiner juristischen Collegen der besondern Protection dieses ehrwurdigen Greises erfreuten, weil sie gute Stimmen hatten ...

Gewiss liebt er diese Concerte, aber nicht der Musik wegen! sagte Melanie.

Weswegen denn?

Das sollen Sie erfahren und zugleich den Grund, warum ich ausgetreten bin. Ich fuhlte namlich allerdings, dass ich weltliches Kind den anwesenden Damen nicht begeistert genug fur diese Art von Musik vorkam. Ich singe herzlich schlecht, aber Das weiss ich, ich zahle gut. Und eigentlich ist Das bei diesen Motetten und Oratorien die Hauptsache. Die Flottwitz gerieth nun beim Zahlen immer ins Schwanken. Sie zerstreute sich, wenn 38 oder 49 uber einem Pausenzeichen stand und wir blos von Anna von Harder's Blick abhangig waren, um uns wieder bis zu unserm Anfang zurechtzufinden. Die Flottwitz sah namlich bei einer solchen grossen runden Zahl gleich auf die Achselklappen ihrer Bruder und verlor sich in Betrachtungen uber die Zahlen der Regimenter, die auf den Knopfen derselben zu lesen stehen. Wahrhaftig, sie war weit mehr beim 38sten und 49sten Linien-Infanterieregiment, als bei dem Chor der Pharisaer und Schriftgelehrten, den wir mit 38 und 49 Taktpausen als Madchen vom Stamme Benjamin oder Ruben ablosen mussten. Nein, nein, zahlen konnt' ich wirklich ganz allein, und Takt glaub' ich immer zu haben. Aufrichtig, ich sehnte mich nach frischerer, lebendigerer Musik, so gering ich sie auch unterstutzen konnte. Als ich einmal die "Jahreszeiten" zu singen vorschlug, kam ich gar ubel an. Man erklarte die "Jahreszeiten", besonders von Seiten eines widerlichen alten Ausschusses, der sich um die sanfte, treffliche Anna von Harder gruppirt hatte und sie tyrannisirte, fur eine im Grunde frivole Musik, die alle Kennzeichen ihres Ursprungs aus dem Wiener Prater an sich truge. Minder leichtfertig erschien die "Schopfung". Als dann abgestimmt wurde, was man wahlen sollte zum nachsten Winterstudium, blieb ich mit zwei Lieutenants und drei Assessoren fur die "Jahreszeiten" und, in Folge eines Amendements, sogar fur die "Schopfung" in der Minoritat. Der "Tod Jesu" siegte.

Ist doch auch ziemlich modern! warf Dankmar ein, den diese Mittheilungen aus gewissen exclusiven Kreisen der Gesellschaft interessirten ....

Wurde auch nicht gesiegt haben, erzahlte Melanie, wenn nicht die Flottwitz das Wort ergriffen und dem "Tod Jesu", ausser seiner grossern Heiligkeit noch besonders eine militairische Ehrwurdigkeit zuerkannt hatte.

Militairische? fragte Dankmar erstaunt.

Militairische! Der "Tod Jesu", sagte die Flottwitz, ware ein Garnisonkirchen-Oratorium, Graun ware Kapellmeister des grossen Friedrich gewesen und hatte die Marsche fur Trommel und Querpfeife componirt, die noch jetzt ein gewisses glorreiches Kriegsheer taglich spiele und kurz und gut die rein fromme Partei und die Partei der musikalischen Puristen wurde unterstutzt von der jetzt so fanatisch patriotischen des Reubundes. Man machte aus dieser Wahl eine Tendenz- und Zeitfrage. Ich blieb fur den osterreichischen Haydn in der grossdeutschen Minoritat. Die beiden Lieutenants, die Bruder der Flottwitz, die mich aus Galanterie unterstutzt hatten, bekamen von Friederiken Wilhelminen, ihrer Schwester, einen ihrer bekannten durchbohrenden Blicke. Sie behandelte die armen Menschen fast wie Fahnenfluchtlinge, die ihrem Konige den Eid gebrochen hatten. Grosser Gott, sagt' ich, liebes Fraulein von Flottwitz, beruhigen Sie sich, Ihre beide Herren Bruder werden das Vaterland darum noch nicht verrathen, dass ihr Ohr nicht geubt genug scheint, aus dem "Tode Jesu" den alten Dessauer herauszuhoren.

Wie scharf! rief Dankmar lachend.

Melanie fuhr fort:

Loste dieser Verfall fast ohnehin schon das lockere Band

Dem Ihre Schonheit, sagte Dankmar, Ihr Vorzug vor den andern Nachtigallen, noch weniger Festigkeit wird gegeben haben

Spotten Sie nur! erwiderte Melanie. Ich nehme das Compliment doch an. Allerdings behauptete man, besonders der Ausschuss, der so gelb war, wie das alte Notenpapier, das wir absangen, ich machte durch Coquetterie die Basse und Tenore im Zahlen irre. Jetzt frag' ich Sie, kann ich dafur, dass ich so gut zahlen kann? Kann ich dafur, dass man den Wink, den ich immer den Bassen und Tenoren gab, wo sie anzufangen hatten, so misverstand, als wollt' ich ihnen etwas zublinzeln, was ganz ausserhalb des Generalbasses lag? Diese Eselskopfe brachten mich mit meinem Kunsteifer auch leider selbst in dies falsche Licht. Wenn ich nickte und damit blos sagen wollte: Jetzt kommen Sie! Aufgepasst! so wurden die Tenore roth und die Basse verwirrten sich, fragten mich: Wie befehlen Sie, Fraulein? und setzten regelmassig falsch ein, bis endlich eine der giftigsten vom Ausschuss, die Grafin Mauseburg, die sogenannte Chinesische-Missions-Abtissin, rief: Fraulein Melanie, die Direction sitzt hier am Klavier und wird schon angeben, wann die Herren einzufallen haben. Schonen Sie das Feuer Ihrer Augen!

Diese Abtissin! rief man scherzend und unterstutzte dadurch den lustigen Humor, in dem Melanie plaudernd fortfuhr:

Auf diese fanatische Bemerkung schwieg ich und uberliess meine Vertheidigung der guten Anna von Harder, die fur mich das Wort ergriff, meine gute Absicht anerkannte und mein Talent im Zahlen so ausnehmend ruhmte, dass ich froh war, nicht die Tochter eines Kaufmannes zu sein, wie eine solche neben mir stand und sich auf die Lippen biss, aus Furcht, von meinem Lobe etwas abzubekommen. Der Friede war nun zwar hergestellt und das Misverstandniss ausgeglichen, allein mein Entschluss auszutreten stand fest ....

Und der wahre Grund? fragte Dankmar.

Als ich wegen der Menagerie des alten Prasidenten zum dritten male in Ohnmacht fiel

Ja Das ist der Grund! sagte die Justizrathin; ich glaubte anfangs immer, wenn Melanie nach Hause kam, es griff sie das Singen an, wofur wirklich ihre Kehle nicht gebaut ist

Mutter auch du? rief Melanie komisch.

Liebes Kind, Sanitatsrath Drommeldey hat dich untersucht und Alles gesagt, was dir in der Kehle ...

Abscheulich! Was soll diese Anatomie!

Genug, fuhr die Mutter fort, ich glaubte immer, du strengtest dich uber die Gebuhr und gegen dein Vermogen an. Da kam's denn heraus, dass sie formliche Nervenzufalle gehabt hat uber das garstige Gethier, mit dem sich der alte kindische Mann, der Obertribunalprasident, umgibt ....

Nenn' ihn nicht kindisch! rief Melanie. Um Gotteswillen nicht! Ich verehre ihn wie einen Heiligen. Nein! Nein! Mutter! So denk' ich mir die Hohenpriester aus dem Alten Testament.

Und fast wie Siegbert einst zu Hackert bei Tempelheide gesagt hatte, fuhr sie fort:

Dass ein Mann, wie der, der neunzig Jahre zahlt und siebzig Jahre lang die Acten der Erbarmlichkeiten aller der Menschen, die unsern grossen Staat bewohnen, zu sehen bekommt, sich zuletzt den Thieren zuwendet, nimmt mich nicht Wunder. Aber noch mehr, er liebt die Thiere nicht als Thiere, sondern er beobachtet und zahmt sie und hat die erstaunlichsten Beweise, wie bildungsfahig z.B. die mir in den Tod fatalen Katzen sind ...

Ist Das nicht Tollheit? sagte die Mutter.

Dankmar berichtigte gleichfalls diese rasche Auslegung und behauptete, dass man uber diese Dinge wol auch eine tiefere Auffassung haben konne. Die Ubergange der Natur in den Geist waren wunderbar genug. Wer konnte die Grenze bestimmen, wo der Mensch willenlos wurde und einer damonischen Macht seiner Triebe wie ein von ihnen gefesselter Sklave anheimfalle? Dankmar erwahnte ohne Weiteres ... das Nachtwandeln ...

Frau von Reichmeyer, die in ihrem Wagen ganz nahe war und von dem lauten Gesprache Vortheil zog, bat, dies Thema doch ja nicht zu verlassen ... Sie gehorte zu denjenigen Judinnen, von denen man nicht blos sagen konnte, dass sie Christinnen geworden waren, sondern dass sie, wie man es gennant hat, "christelten". Es war langst ihr Wunsch, da sie Stimme besass, an den beruhmten geistlichen Akademieen in Tempelheide theilzunehmen, an Gesangleistungen, fur die sich sogar der Hof interessirte ... diese Vorliebe fur alte Musik spielte ja auch in die ganze eigenthumliche Romantik hinuber, mit der sich der Thron des Staates, in dessen Grenzen wir uns befinden, so bedeutsam umsponnen hatte ...

Sie bat Melanie, den Gegenstand doch ja nicht zu verlassen und aufrichtig zu sagen, was ihr denn eigentlich in Tempelheide so Abschreckendes begegnet ware? ... Melanie aber, weit mehr jetzt von der Erwahnung des Nachtwandelns erschreckt, antwortete nicht.

Dreizehntes Capitel

Natur und Geist

Als Melanie, auf die Alle blickten, zu lange schwieg, ergriff Dankmar das Wort, knupfte wieder an das abgebrochene Thema an und sagte:

Der alte Obertribunalsprasident ist fur seine Liebhabereien ja weltbekannt. Man verdankt ihm werthvolle Versuche uber die Schmiegsamkeit und Bildungsfahigkeit der Thiere: seit Jahren sammelt er an einem Werke uber die Thierseele. Demnach kann ich mir wol denken, wie peinlich es sein muss, auf Tempelheide aus- und einzugehen und unter all den Raben, Kranichen, Kaninchen, Affen, Meerschweinchen, Hunden und Katzen sich durchzuwinden, Thieren, von denen er behauptet, dass sie eine Art Vernunft haben.

Gerade diese Thiervernunft, sagte Melanie, die etwas die heitere Stimmung herzustellen versuchte, ist so peinlich. Ich weiss nicht, ob ich es nicht lieber hatte, in allen diesen Thieren gewohnliches dummes und boses Vieh zu vermuthen, vor welchem man nur einfach sich zu huten hat, als anzunehmen, das Alles sind gezahmte edle Charaktere, die uns, wenn sie nur sprechen konnten, die wunderbarsten Geheimnisse verrathen wurden ...

Nein, nein, sagte die Mutter nun auch lachend und die heitere Stimmung festhaltend, nein, nein, gesteh' es nur ganz einfach, Melanie! Du hast eine Antipathie gegen Thiere, selbst gegen Hunde und Katzen, furchtest dich vor Truthahnen und Enten und schreist auf, wenn dich ein grosser Vogel nur von der Seite ansieht. Wie ich von der Viehwirthschaft auf Tempelheide erfuhr, litt ich's nicht mehr, dass du hinausfuhrst, und so haben deine Gesangsstudien ein vernunftiges und vollig begrundetes Ende genommen.

Aber erklaren Sie mir nur, meine Damen, sagte Lasally, wie verhalten sich denn nur die Katzen zu diesen Concerten?

Frau von Reichmeyer verwies ihrem Bruder seine profanirende Zwischenrede.

O, sagte Melanie, die Katzen sind gerade der Grund, warum der Prasident diese Concerte besonders liebt. Er sitzt nebenan, in seinem grossen Saale, unter seinen rings in Kafigen aufgestellten Thieren und freut sich der angenehmen Wirkung, die auf sie nebenan die Musik hervorbringt. Da ist auch kein Miston, der dieses Concert stort. Er hat es dahin gebracht der alte Herr, dass die geschwatzigen Thiere still sind, wenn sie unsere Akademieen horen, und nur wenn wir gar zu sehr in die Doppelfugen gerathen, hort man manchmal einen Papagai aufkreischen, dass es Einem durch die Glieder fahrt.

Ich will hoffen, sagte Lasally, dass Sie sich ausserdem jedesmal hinreichend mit Esbouquet versehen hatten

Auch daruber erzahlt Melanie wunderbare Dinge, sagte die Mutter; es soll gerade durch die grosse Reinlichkeit der Thiere von dem alten Mann bezweckt werden, dass sie von ihrer gewohnten Art lassen, und Das ist wirklich vernunftig. Die Reinlichkeit veredelt jedes lebende Wesen. Des alten Prasidenten Leute sind angewiesen, in der Haltung der Thiere das Sauberste zu leisten und durch die Sauberkeit bekommt das Vieh etwas Vernunftiges.

Bartusch schuttelte den Kopf und meinte, sie wurden morgen Abend an Tempelheide vorbeifahren. Er wunsche doch, sagte er, es liesse sich ein Umweg machen, so sonderbar war' es Einem, an einen Ort zu denken, wo ein Mensch lebt, der Thiere wie Wesen hoherer Art behandelt ....

Der alte Herr, erklarte Dankmar, unbefangen uber Egon, der schwerlich in Paris soviel vom Leben dieser Residenz hatte erfahren konnen; der alte Herr ist ein ausgezeichneter Jurist und wird wol nie von seinem wichtigen Amte zurucktreten. Er arbeitet fleissiger als mancher Jungere. Man halt ihn fur streng und Viele behaupten, er ist es deshalb, weil er keine Religion hatte. Man will ihn noch nie in einer Kirche gesehen haben und doch erzahlte man mir, dass er der Chef aller Maurerlogen des Landes ist und fur einen tiefen Kenner der maurerischen Geheimnisse gilt ...

Ich sage Ihnen, erganzte Melanie, dass ich diesen alten Mann liebe und bewundere.

Wie seinen Sohn! fiel Lasally spottend ein und wiederholte die Scherze, die er uber die Thierseele des Intendanten in der grossen Welt gehort hatte.

Ich lasse nichts auf meine Excellenz kommen, fiel Melanie ein. Ich gebe Euch allerdings zu, man kann ein sehr geistreicher Vater sein und einen hochst dummen Sohn haben. Beispiele finden sich genug. Es gibt auch Viele, die regelmassig, um diesen Satz zu beweisen, den alten Harder und unsern Intendanten citiren. Ich gebe sogar zu, dass ein Sohn seine eigenen Wege wandelt und von einem Vater aufgegeben wird, wenn er sich in Ausserlichkeiten und Eitelkeiten gefallt. Aber wer sagt Euch denn, dass mein so rasch, so wunderbar gewonnener Freund dumm ist? Im Gegentheil leuchtet aus seinen schwarzen Augen Klugheit und mitunter etwas Pfiffiges. Er geht seinen geraden Weg, weicht nicht rechts, nicht links, thut, was seine Pflicht und Schuldigkeit ist. Ist Das nicht Weisheit? Und hat er nicht vom Vater die Talente geerbt, die den Fursten bestimmten, ihm alle seine kostbaren Schlosser und herrlichen Garten anzuvertrauen? Hat er nicht beim Verpacken des Mobiliars eine Umsicht und praktische Kunde verrathen, die eines Tapeziers wurdig war? Und bei seinen Wanderungen durch den hohenberger Garten bin ich erstaunt gewesen, wie heimisch er in Allem ist, was sich auf Giesskanne und Rechen bezieht. Es ist eine praktische Natur, die vom Vater zwar nicht seinen speculativen Geist erbte, aber seinen Adel, sein Geld, seinen hohen, geachteten Namen und eine gewisse Betriebsamkeit, die sich bei Jenem in der Liebhaberei fur die Seele der Thiere und bei diesem in der Pflege der todten Natur aussert. Beruhren Sie bei der jungen Excellenz irgend einen in ihr Fach einschlagenden Gegenstand und Sie werden erstaunen, dass er Ihnen auf Heller und Pfennig sagen kann, wieviel ein chinesischer Pavillon in einem koniglichen Garten am Rhein oder der Elbe gekostet hat. Ist Das auch nichts? Lasally, Sie schlechter Rechnenmeister! Sehen Sie nur, mit welcher Sorgfalt er seinen Auftrag schon in Hohenberg ausfuhrte. Und hier im Sande glaub' ich nun auch die Spuren seines grossen Mobelwagens zu entdecken. Nennen Sie mir den Cavalier, der seinem Fursten soviel Hingebung zollt und sich auf Staatskosten selbst vor dem Stempel des Lacherlichen nicht scheut, der leider oft den besten und solidesten Bestrebungen in dieser Welt aufgedruckt ist!

Mir fallen da wirklich die Hofmarschalle ein, sagte Dankmar, diese Beamten, die in melancholische Betrachtungen versinken, wie sie's machen sollen, um jahrlich einige hundert Thaler an Ol und Wachslichtern zu ersparen ....

Die denn doch, erganzte Bartusch artig und sich fast verbeugend, irgend einem Kunstler oder Gelehrten zugutekommen, dem man ein Bild abkauft oder eine Dedication durch ein Geschenk vergilt ....

Bartusch wollte eigentlich nur dem vermeintlichen Fursten ein Compliment machen und gab doch dem jungen Demokraten eine bittere Lehre.

Wie es schien, waren, wie es immer nach zu ausgelassenen Scherzen zu gehen pflegt, plotzlich Alle verstimmt. Die Mutter und Lasally uber den viel zu lang ausgesponnenen Scherz mit dem Geheimenrath, Melanie uber den schwerzulosenden Widerspruch zwischen einem Vater, den sie verehren, und einem Sohne, den sie lacherlich finden musste, Dankmar uber eine Wahrheit, die ihm aus dem Munde eines gesinnungslosen politischen Unterwurflings misfiel. Nur Bartusch frohlockte; denn durch seine Bemerkung und Dankmar's Stillschweigen darauf schien er die vermeintliche Wurde ihres Begleiters getroffen zu haben, wahrend dieser gerade an seinen Bruder Siegbert und dessen unverkauftes Gemalde dachte ...

Die andern Wagen waren alle naher gekommen. Man befurchtete einen Regenschauer und foderte die Reiter auf, gleichfalls Platz zu nehmen. Es war uber Mittag, die Reiter waren ermudet, sie stiegen ab, gaben die Pferde den Reitknechten und Bartusch war hoflich genug, sich in den zweiten Wagen zu Reichmeyer's und der Wirthschaftsrathin zu setzen, wahrend Dankmar und Lasally Melanien und ihrer Mutter gegenuber Platz nahmen.

In Helldorf beschloss man, das Mittagsmahl ausfallen zu lassen und erst im Heidekrug zu soupiren. Im besten Wirthshaus zu Helldorf war auch kein Platz zu finden; denn der grosse Saal hallte von einer Versammlung wider, in der mehre Redner laut durcheinander sprachen. Man hatte auf dem Gelben Hirsch schon erfahren, dass hier eine politische Besprechung stattfand. Die Wirthschaftsrathin behauptete, deutlich ihren Bruder zu horen. Man horchte auf und richtig drangen die donnernden Worte an das Ohr der Reisenden: "Wenn man Familie hat, wenn man wie ich sechs Kinder ernahren muss ..." Man klatschte Beifall.

Es ist sein ewiges Lied, sagte sie, und ich mocht' es heute am wenigsten gern horen: wir fahren wol hier weiter?

Dankmar dagegen hatte gern etwas von dieser wahrscheinlich der Schlurck'schen Wahl gewidmeten Besprechung gehort. Er sah durch die Fensterscheiben auch den Heidekruger Justus, dessen gewaltige athletische Formen uber Alle hinwegragten und den man sich auch, seiner Stellung auf einem Musikchore nach zu schliessen, als Prasidenten dieser Vorberathung gewahlt zu haben schien. Viele Bewohner von Helldorf standen an der Thur und den Fenstern und lauschten .... Dabei gingen Magde auf und ab und trugen Bier. Die Einen lachten, die Andern zankten. Alle Leidenschaften waren in Bewegung. Der ganze Ort sah aus wie zur Zeit der Kirchweih.

Dankmar, der eine Erfrischung nahm, konnte an der Thur kaum durch. Er horte drinnen die donnerndsten Schlagworte, horte Parteien sich befehden, horte Personlichkeiten, die Jubel oder Drohungen nachsichzogen ...

Fur Wen entscheidet sich's denn? fragte er die Leute.

Man wusste noch keine Auskunft. Die Zuhorer waren Urwahler. Die eigentlichen Wahler sassen drinnen und larmten die ihnen gegebenen Auftrage aus.

Schlurck wird da schwerlich gewahlt! sagte er sich.

Solchem Tumult ist der feine satirische Philosoph nicht gewachsen. Ein Schlurck kann Alles, nur das Schreien nicht ertragen ....

Er hatte die Absicht, an die Wagen zuruckzugehen und die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, dass eben Herrn Justizraths Schlurck politische Laufbahn hier entschieden wurde. Aber Melanie hatte mit einem andern Gegenstand vollauf zu thun. Bei einer Gruppe Umstehender fragte sie nach dem Wagen des Geheimraths. Man erzahlte ihr, dass der grosse Behalter vor noch nicht vier Stunden hier durchgekommen und allgemein ware angestaunt worden. Die genauere Erkundigung, die sie nach den Gendarmen, den Bedienten einzog, verdrangte in Dankmarn das politische Interesse und erfullte ihn fast mit Ruhrung. Er sah, wie das waghalsige Madchen treu und fest an dem Gedanken hielt, ihm, wie sie versprochen hatte, das geheimnissvolle Bild zu erobern ....

Als man weiter fuhr, betrachtete Dankmar auch Melanien lange mit einem Interesse, dessen eigentliche Natur zu bezeichnen ihm fast schwer wurde. War es die unwiderstehliche Macht ihrer Schonheit, die sich gleich blieb, auch wenn man sich an ihre erste blendende Erscheinung gewohnt hatte? War es ihre in aller Bestimmtheit verrathene Absicht, ihm und nur ihm zu gefallen? War es die Bescheidenheit, mit der sie sich ihm als ein Wesen von massigen Anspruchen auf Geist und hohere Empfanglichkeit gezeigt und sich andern pretentioseren Erscheinungen, von denen sie erzahlte, unterordnete?

War es der neckende humoristische Vortrag ihrer Erzahlungen, der plotzlich einem halb scherzenden, halb ernsten Unmuth Platz gemacht hatte? Wie erstaunte Dankmar, als er sich nach allen diesen Regungen zuletzt auf einem Gefuhle fur Melanie ertappte, das er fast Mitleid hatte nennen mogen ...

Mitleid? Nimmermehr! rief es in ihm. Und doch war es Mitleid. Mitgefuhl fur Etwas, was er in Melanie's Wesen sich kaum selbst bezeichnen konnte, was aber Niemand mehr zu fuhlen schien als sie selbst. Ist es nicht unser Mitgefuhl erregend, ein Wesen zu beobachten, das im vollen Bewusstsein ihres Sieges uber die Manner, doch ein edleres Bedurfniss zu empfinden scheint als die blosse Genugthuung ihrer Eitelkeit, und das dennoch trotz dieses bessern Gefuhles von ihrer leichten, ihr einmal zur andern Natur gewordenen Art nicht lassen kann? Menschen, die unter dem Druck ihres Schicksals leben, konnen wir bemitleiden, ohne dass uns dies Gefuhl gerade fur sie erwarmt. Menschen aber, die unter dem Drucke ihres Charakters leben, bemitleiden wir oft von Herzen oder wir konnen oft nicht sagen, sollen wir sie hassen oder lieben.

Lasally bemuhte sich Anekdoten zum Besten zu geben. Er war stark darin und nicht eben wahlerisch. Als ihm Melanie sagte, sie hatte sie schon zu oft von ihm gehort, begann er vom Residenzleben, den Matadoren der jungen fashionablen Gesellschaft und trug alle seine Mittheilungen so vor, als konnte er sich dem Fremden, von dessen rathselhaftem Charakter er Dasselbe vernommen hatte wie die Andern, dadurch fur die Zukunft empfehlen. War es der junge Furst von Hohenberg, so konnte er sich um so sicherer dunken, da Melanie wol mit einer Leidenschaft fur ihn spielen, aber doch bei ihrem im Ganzen besonnenen Charakter mit ihr nicht Ernst machen konnte. Als es Lasally heute nicht gelingen wollte, durch seine kurze, trockne und nicht unliebenswurdige Art Lachen zu erregen, lenkte er wieder auf das fruher abgebrochene oder steckengebliebene Gesprach ein und sagte:

Aber Fraulein, noch sind Sie uns schuldig, Ihre nahern Beruhrungen mit den Thieren des Prasidenten zu schildern. Wir wissen nun, dass die geistlichen classischen Musiken in Tempelheide aufgefuhrt wurden, um Katzen daran so zu gewohnen, dass sie nicht mitwirkten; aber mussten Sie denn die Menagerie selbst passiren, um in den Saal der Akademie zu gelangen?

Melanie war ernst geworden und antwortete nicht.

Ich denke mir Das allerdings recht gefahrlich, fuhr Lasally fort. Schon wie Sie anfuhren, grusste Sie am Thorweg ein widerlicher Truthahn, der sich wie ein Reactionair nach etwas Rothem an Ihnen umsah, um in Zorn zu gerathen. Nun kamen wol kleine Schafe mit Silberglockchen und wollten Ihnen das Futter aus der Hand fressen, aber dazwischen drangte sich ein Ziegenbock, den der Prasident gewiss zu einem gesinnungsvollen Schneider abrichtet und mustert Ihre Toilette. Die Enten, besonders die Erpel, haben es immer mit den Beinen der Menschen zu thun. Ich hore Sie schreien, Melanie, wie so Einer von diesen Erpeln angewackelt kam und hochst neugierig nach Ihren Schuhen sah. Nun setzte sich wol gar Einer von den Raben des Prasidenten, die seine klugsten Thiere sein sollen, weil sie direct mit dem Galgen verkehren, auf Ihre Schulter und zauste an Ihrem Kopfputze. Nicht wahr? So ging es Ihnen wortlich und ich weiss, Ihre Nerven sind schwacher als die der Flottwitz, die wir auf dem Jockeyclubb gewohnlich die Schwester des Regiments nennen.

Beinahe so, lieber Freund, sagte Melanie verachtlich und schwieg.

Dankmar, um vor der entscheidenden Ankunft im Heidekrug eine bessere Stimmung zu erzeugen, spielte diese Spottereien auf etwas Ernsteres hinuber.

Alles zusammengefasst, sagte er, bleibt der steinalte Chef unserer praktischen Justiz ein merkwurdiger Mensch. Ich halte ihn nach Allem, was ich nun von ihm weiss, fur einen Naturphilosophen. Er gilt bei manchen frommen Beamten, und wir haben deren noch viel, fur einen Neologen, einen Atheisten. Viele beschuldigen ihn, er glaube an die Seelenwanderung und nur die Freimaurer nehmen ihn in Schutz. Ich gehore diesem Bunde selbst nicht an, was ich aber von ihm zu wissen vermuthe, so denk' ich mir, der alte Harder ist ein Priester der Naturreligion und liebt das Geheimmss, nicht weil es Geheimniss, sondern ein Weg zur Offenbarung ist. Dass er an die Perfectibilitat der Thiere glaubt, scheint mir eine Grille; denn was hilft es, einen Hund und eine Katze so zu gewohnen, dass sie sich nebeneinander vertragen

Und in dem Falle nicht accompagniren, fiel Lasally ein, dass Frau von Trompetta Solo singt

Der Naturzustand, fuhr Dankmar fort, ist der, der doch zuletzt allein und einzig uber das Wesen der Thiere entscheidet. Kann man eine ganze Race nicht umformen, nicht aus Lowen (fur Jeden, nicht blos fur den Wachter) Schooshundchen machen, so entscheidet am Ende die Zahmung sehr wenig und beweist uberhaupt nichts fur die Thiere, sondern nur fur die grosse Kraft des Menschen und seines ubermenschlichen gewaltigen Geistes ...

Sie mussen den Prasidenten kennen lernen, sagte Melanie

Aber rasch, erganzte Lasally; es ist bei ihm die hochste Zeit ... Gerade noch eine halbe Minute vorm Abfahren.

Diese eigenthumlichen Menschen, fuhr Dankmar fort, diese Originale, diese Wundermenschen sterben leider fast Alle aus ...

Welche Menschen? fragte Melanie's Mutter, die Dankmar's ernster, wurdiger Erorterung nicht recht gefolgt war.

Die Denker, sagte Dankmar, die Menschen von Eigenthumlichkeit und apartem Forschergeist, die praktischen Philosophen, die Autodidakten, die Sternseher auf eigenem Dachgiebel, die Mathematiker auch in der Form und der Weise ihres ganzen Lebens, die Sonderlinge, mit einem Worte alle Die, welche, ohne eitel zu sein, sich merkwurdig von der Masse unterscheiden ...

Ich verstehe, sagte Lasally. Sie meinen z.B. solche alte Uhrmacher, kleine vertrocknete Mannchen, die alle Vierteljahre in die Hauser kamen und die Wanduhren ausbliesen und vom Staube putzten. Zu meinen Altern, weisst du noch, Schwester, kam immer Einer mit einem ganz kleinen Zopfchen, das er hinten in der Weste versteckt hatte .... Er kam jeden Monat zu uns, als wir noch alte Schlaguhren hatten. Ob das alte Eisoldchen noch lebt?

Der alte Eisold? Ich kenn' ihn wohl, sagte Frau Schlurck.

O, fuhr Dankmar fort, ich kenne das alte Eisoldchen nicht, aber verlassen Sie sich darauf, er ist todt! Alle gehen hin, die noch etwas von der Art des vorigen Jahrhunderts in seiner Blutezeit haben. Vielleicht gelingt mir's durch Ihre Protection, Fraulein, den Prasidenten einmal in Tempelheide zu sprechen. Er ist fur die Juristen sehr unzuganglich und gibt in Tempelheide vollends nur Denen Audienz, die sich ihm im Interesse seiner Studien uber die Thierseele oder mit dem Zeichen der Freimaurer nahen.

Melanie lachelte uber die consequente Art, wie Dankmar seinen Charakter als Rechtsverstandiger festhielt.

Anna von Harder, sagte sie, kann Sie bei ihm einfuhren ...

Zufallig war der Wagen, in welchem Bartusch fuhr, fast dem der Justizrathin dicht zur Seite gekommen. Bartusch griff von den letzten Ausserungen eine auf, die sich auf den alten Uhrmacher Eisold bezog, und rief heruber:

Behute! Der alte Eisold lebt. Brandgasse Nr. 9. im dritten Hofe drei Treppen hoch. Hackert wohnt ja bei ihm ...

Damit fuhren die Wagen wieder hintereinander und in der fruhern Ordnung.

Die Erwahnung Hackert's brachte einen Miston in die Stimmung der jungen Gesellschaft, die im Wagen der Justizrathin sass.

Lasally, der unterwegs immer an seine gerichtliche Untersuchung denken mochte, sagte:

Beim alten Eisold wohnt Hackert? Sieh! Sieh!

Die Justizrathin, die Melanie's Unruhe bemerkte, wollte die Wiederaufnahme dieses Gegenstandes vermeiden und fiel sogleich ein:

Brandgasse Nr. 9. Grosser Gott! Wohnt der alte Mann in den jammervollen Hausern, wo die Armuth und das Elend hausen ......

Ist die Brandgasse nicht eine schmale, enge, alterthumliche Strasse? fragte Dankmar.

In der Altstadt ....

Wo nicht Sonne, nicht Mond scheinen?

Uralte Hauser, die mein Mann administrirt ...

Es sind Hauser ...

Die der Commune gehoren; Hauser, die alle an dem Eingang mit dem Kreuz und dem vierblattrigen Kleeblatt bezeichnet sind ....

Dankmar horchte staunend auf.

Die Stadt zieht aus diesem Elend und Jammer, sagte die Justizrathin, jahrlich bedeutende Summen. Man glaubt es nicht, was Alles auf den Ertrag dieser Hohlen der bittersten Armuth angewiesen ist. Ich versuchte sonst, sie zu durchwandern und mich nach den Leiden dieser hier eingepferchten Bevolkerung zu erkundigen; aber ich verzweifelte bei dem Anblick und hielt ihn auf die Lange nicht aus ... ich konnte zuletzt nicht mehr thun, als mich an die Gesellschaft der Frauen anschliessen, die diesen Armen beizuspringen sich zur Lebensaufgabe gemacht haben und gern wurde ich thatiger im Frauenverein mitgewirkt haben, wenn ich nicht immer von diesen Damen hatte horen mussen: das Christenthum ware solchen Unglucklichen nutzlicher als frische Wasche. Zu dumm fur solche Satze, zog ich mich zuruck und beschrankte mich auf Geldbeitrage.

Diese Hauser gehoren zu der Erbschaft ... sagte Dankmar vor sich hin und verfiel in ernstes Nachdenken.

Lasally erwachte aber aus seinem Grubeln und sagte mit einem Griff in die Tasche:

Beim alten Eisold! Himmel! Jetzt begreif' ich die Form dieser Kugeln. Es sind ja Uhrgewichte ....

Damit zeigte er die bleiernen, kleinen runden Korper, die man anfangs fur Spitzkugeln gehalten hatte und die in der That auch fur Uhrgewichte gelten konnten.

Lasally wunschte weitere Erorterung, Dankmarn drangte die Frage nach dem Verhaltniss des Justizraths zu jenen Hausern in der Brandgasse, von denen man sagte, dass die stadtische Commune von ihnen mit unnachsichtlicher Strenge Abgaben eintreibe .... Melanie aber machte durch ein einziges: "Ich bitte!" und ein Zuruckstossen der von Lasally dargehaltenen Kugeln oder Uhrgewichte der weitern Erorterung ein Ende und brach kurz und entschieden von einem Gegenstande ab, der jede der in diesem Wagen befindlichen Personen anders und entgegengesetzt, aber Keinen in erfreulicher Art aufzuregen schien ...

. .....Mit der flachern Gegend war auch das Wetter unfreundlicher geworden. Es fing an zu regnen. Man schlug hinten wol die Wagen auf, aber nach vorn blieben die Herren ungeschutzt und mussten sich mit Regenschirmen behelfen. Das gab nun eine unerquickliche Fahrt. Man lachte zwar, aber nur um sein Unbehagen nicht zu ernst auszulassen. Melanie und die Mutter hullten sich in Mantel. Jene band sogar einen Schleier uber den Hut und verbarg sich in einer Wagenecke wie eine verhullte Nonne, sich ganz ihren Betrachtungen uberlassend. Nur zuweilen blitzten die grossen braunen Augen zu Dankmarn hinuber, wenn er gerade nachdenklich in den Wald starrte oder zu den immer dichter heranziehenden Wolken aufsah. Die Kutscher peitschten zur Eile ...

Dankmarn waren trotz des stromenden Regens alle Stellen erinnerlich, wo er vor wenig Tagen mit dem jungen Prinzen, fur den er hier selbst gehalten wurde, in nahere Beruhrung gekommen war und seine Gedanken mit einem Manne ausgetauscht hatte, der kein Tischler sein konnte. Was lag da nicht Alles auf seiner belasteten Seele! ... Um sechs Uhr war man im Heidekrug. Er erkannte den lustigen jetzt aber nuchternen und verdriesslichen Hausknecht Dietrich und die ruhrsame unpolitische Liese, deren Rechnung Hackerten noch in schlimme Handel bringen konnte. Aber zu lange konnte er kaum beim Vergangenen verweilen; denn Alles, was ihn an Schlurck, den Heidekruger, die Wahlen und den Wagen, der hier mit seinem wiedergefundenen Verluste, den alten Papieren des Tempelhauses in Angerode, gestanden hatte, erinnerte, verdrangte jetzt die Uberzeugung, dass sie hier wirklich den Geheimrath von Harder eingeholt hatten. Da stand sein Landau, vom Regen triefend, da war der Mobelwagen, die Arche Noah, wie sie jetzt von Melanie genannt wurde; da sah er am Stalle die beiden Gendarmen und die Leute des Intendanten, die von da aus den mit einer eisernen Stange verschlossenen Wagen streng behuteten ..... Wie sich Alles sammelte, uber das Wetter klagte, Zimmer, Speisen verlangte, wie die Hunde an den Ketten rissen, Bello klaffte, Einer da, der Andre dorthin sich verlor, war Das ein Durcheinander zum Einbussen aller Besinnung. Melanie flusterte Dankmarn, als er in das Zimmer trat, das ihm die Liese fur diese Nacht anwies, die kurzen aber bedeutungsvollen Worte zu:

Wie und wo das Bild herkommen soll, weiss ich noch nicht! Aber Sie haben es bis morgen!

Dankmar wollte etwas Verbindliches erwidern. Sie schnitt seine Worte ab und sagte nur:

Lassen Sie, da ich nicht weiss, wie ich Ihnen das Bild zustellen kann, die Nacht uber die Thur Ihres Zimmers offen! Horen Sie?

Damit verschwand sie und uberliess Dankmarn dem Erstaunen uber Etwas, was ihm vollig unmoglich schien. Er offnete das Fenster des kleinen dumpfen Zimmers, um trotz des Regens frische Luft zu gewinnen. Es war ihm nicht lieb, dass er diese Kammer als jene erkannte, in welche man Hackerten gefuhrt hatte, als man ihm nicht sagen wollte, dass er im Schlafe wandelte. Das Heu, das damals von Hackert aus dem Stalle mitgebracht wurde, lag nicht mehr im Zimmer. Dafur war der Heidekrug zu reinlich gehalten. Aber die Erinnerung war da und die erschreckte ihn doch machtig.

Den Abend uber ging es nun verworren genug in diesem Hause und auf dem Hofe zu. Die schone Einheit der Gesellschaft war durch das Wetter und die breite Souverainetat, mit der sich die Excellenz des Wirthshauses und seiner besten Zimmer bemachtigt hatte, gestort. Jeder ass fur sich. Die Damen hatten sich ganz zuruckgezogen. Der Versuch, nachdem der Regen mit Sonnenuntergang aufgehort hatte, das Freie zu gewinnen, den Garten zu besuchen, in den Wald, an den er grenzte, einen Blick zu werfen, scheiterte an den stehenden Wassern und dem feuchten Grase. Dankmar war uberrascht, sich so plotzlich allein zu wissen, kaum noch selbst von Melanie beachtet. Er horte viel Trepp auf, Trepp ab gehen, sah auch den Geheimrath ofters den Kopf zum Fenster hinausstekken, vernahm auch, dass die Bedienten immer in Bewegung waren. Aber so sehr seine Neugierde durch dies Alles gesteigert werden musste, so ergab er sich doch vollig ungewiss in das Unabanderliche und uberliess es der Zukunft, in das Chaos, das auf seine Brust gewalzt war, Licht zu bringen und seine Stimmung in heitere leichtere Gefuhle aufzulosen.

Im Wirthssaale traf er bald mit dem reichen Banquier von Reichmeyer, bald mit dessen Schwager Lasally zusammen. Man berathschlagte uber die vorsichtigste Art, zur sichern Entdeckung der Hakkert'schen Frevel zu gelangen. Dankmar, dessen Besorgniss uber das von ihm an Lasally abzuliefernde Pferd immer mehr stieg, schloss sich ihrer Entrustung mit aller Entschiedenheit an und weigerte sich keineswegs, etwa verlangte gerichtliche Zeugnisse abzulegen. Reichmeyer war uber Hackert weniger unterrichtet als Lasally. Dieser gestand, als Dankmar von dem krankhaften Zustande des Nachtwandelns sprach, dies bedauerliche Ubel des Burschen, wie er ihn nannte, ein, bemerkte aber, die Discretion verbote ihm, uber die wahren Ursachen dieses Zustandes ausfuhrlicher zu sprechen.

Jedenfalls, sagte er, konnen Sie uberzeugt sein, dass Das ein Mensch ist, der alle Fahigkeiten besitzt, Einem uber den Kopf zu wachsen, wenn man ihn nicht zur rechten Zeit mit Fussen tritt. Sie werden doch jedenfalls zugestehen, dass es ein Ungluck ist, wenn Spitzbuben grosse Manner werden? Deshalb ist die Polizei, das Zuchthaus und im Nothfall jede andere eclatante Beschimpfung da, um die ubergrosse Uppigkeit solchen Talenten fur immer zu vertreiben.

Dankmar verstand nicht recht diese gewaltthatigen Ausserungen und fand sie auch zu unbehaglich, um langer uber sie nachzudenken oder gar uber sie zu fragen. Er beschloss die Erinnerung an diese Begegnung, wenn irgend moglich, ganz aus seinem Gedachtniss zu werfen und unterhielt sich mit Lasally uber andere Dinge. Im Ganzen fand er ihn klug und sehr klar, aber von merkwurdig geringem Fond. Es war ein junger Mann, den man zum Gentleman erzogen hatte und der deshalb, weil ihm die Mittel dafur zu fehlen anfingen, in einer verdriesslichen Stimmung war. Es gefiel ihm, dass Lasally etwas Offenes und Aufrichtiges hatte. Als sie Beide im Saale allein waren und einander ihre Cigarren anrauchten, sagte der Stallmeister auch ganz frei heraus:

Sie sind Prinz Egon von Hohenberg! Man weiss es. Warum wollen Sie sich auch vor mir maskiren? Ich stand sonst mit dem Grafen d'Azimont in Verbindung. Er kam vor einigen Jahren aus Paris, ich sollte ihm damals einen Stall completiren und bin daruber noch mit ihm in Verrechnung. Von seinem Verwalter erfuhr ich, dass Sie im Incognito Ihre Guter besuchen wollen, zum grossten Jammer der Grafin, die Sie liebt ...

Dankmar redete ihm diese Ansicht ganz entschieden aus, indem er ihm die Wahrheit gestand, soweit sie hierher gehorte.

Ich bin ein einfacher Jurist, sagte er, Dankmar Wildungen ist mein Name, aber ich bin ein Freund des Prinzen. Ich bemerke, dass man gegen mich vorsichtig, behutsam, ja mistrauisch sich benimmt. Reden Sie doch Jedem den wunderlichen Verdacht aus!

Auch Melanien? fragte Lasally, die Augen halb zudruckend.

Auch ihr, sagte Dankmar. Sie hat mir Theilnahme bewiesen, aber es fangt mich zu verdriessen an, wenn sie mich nicht wegen meiner selbst schatzt, sondern aus einem Misverstandnisse.

Sie selbst lieben sie also schon! sagte Lasally. Und deshalb mocht' ich, Sie waren wirklich der Prinz Egon ....

Man storte Beide in dieser wunderlichen Erklarung. Lasally wurde abgerufen und Dankmar schritt in der verdriesslichsten Stimmung im Wirthszimmer auf und ab. Sein Abenteuer war ihm wie zerstort. Er war mit der Nothwendigkeit, ehrenhaft und aufrichtig zu sein, in eine Collision gerathen, wo diese siegen musste. In diesen gemischten Empfindungen storte ihn nun auch noch der Heidekruger, der von der Helldorfer Wahlbesprechung zuruckkam und sehr uberrascht war, sein Haus so reich an Gasten zu finden. Er erkannte Dankmarn sogleich wieder, horte von ihm die genaue Angabe aller der Personen, in deren Gesellschaft er angekommen war und erwiderte auf die Frage wegen der politischen Versammlung, die Dankmar an ihn richtete, mit einem sonderbaren Gemisch stattlicher Wurde, aber auch ebenso grossen Selbstvertrauens.

Es wird nun doch dahin kommen, dass man mich, nicht den Justizrath wahlt, sagte er. Es ist nicht moglich, sich dem Vertrauen seiner Mitburger zu entziehen. Ich habe mich lange gestraubt, ein so wichtiges Amt, wie das eines Volksvertreters, anzunehmen, allein der grosse Augenblick und die Gefahr, in der sich unser Vaterland befindet, reisst Jeden fort, auch Den, der nur geringe Gaben hat und die, die er vielleicht besitzt, nicht wie ein Gelehrter ausbilden konnte. Das Ministerium schwankt. Es wird sich nicht halten konnen und was an mir ist, wurd' ich der Letzte sein, der es von seinem Falle rettete. Es genugt Keinem; dem Adel nicht, dem es zu frei, dem Pobel nicht, dem es zu gemassigt ist. Die Verwirrung in der Hauptstadt soll grenzenlos sein und umsichtiger, besonnener, ruhiger Vaterlandsfreunde bedarf es mehr denn je. Ich bringe wenigstens meinen guten Willen mit.

So hatte also der Justizrath Recht gehabt? sagte Dankmar, erstaunend uber die gewandte Art des Heidekrugers, sich zu fassen und auch in Worten auszudrucken.

Ich schlug ihn vor, sagte Justus, die Achseln zukkend. Ich nannte Alles, was man zum Lobe eines so gelehrten Mannes sagen kann, der in grossem Ansehen steht. Aber man scheut sich jetzt, von Advocaten zu horen. Man hat kein Vertrauen mehr, seitdem Die, welche am gewandtesten von den Rechten der Menschen sprachen, kein Wort mehr fur die Pflichten hatten. Das Eigenthum ist es, bester Herr, das nicht in Gefahr kommen darf. Man muss nicht zittern durfen vor einem tollen Durcheinanderwuhlen von Mein und Dein. Man muss sich sogar nicht furchten mussen vor Dem, was man uns von den Rechten der Andern schenkt; denn wie bald wurde man wieder von Solchem, was uns nun gehoren soll, doch wieder Andern abzugeben haben!

Sie sind conservativ geworden, sagte Dankmar, und haben als reicher Mann alle Ursache, vor einer zu wilden Gahrung der Kopfe Haus und Hof zu sichern. Aber der Justizrath ware doch unstreitig auch ganz Ihrer Meinung gewesen ....

Der Heidekruger wurde nachdenklich. Er sah voraus, dass seine Stellung dem Justizrath gegenuber recht argerlich war ...

Dankmar erleichterte ihm seine Verlegenheit und meinte: der Justizrath wurde wol zu weit rechts gesessen haben?

Es ist sehr schlimm, sagte der Heidekruger kopfschuttelnd, dass es soweit hat kommen mussen, jeden Menschen gleich links oder rechts unterzubringen. Wenn es nach mir ginge, setzte ich mich auf die ausserste Linke und stimmte rechts! Was sollen denn diese Unterschiede? Wozu denn dieser Zwang, den der Parteigeist schon ausubt, eh' man nur den Saal der Sitzungen betritt? Ich kann den Schwatzern nicht folgen und ich kann auch der Regierung nicht folgen ... sagen Sie mir die Stelle, wo ich mich hinsetzen soll?

Ins Centrum, meinte Dankmar ironisch, und da mussen Sie denn doch noch Minister werden, wie der Justizrath gesagt hat ...

Indem brachte die unpolitische Liese ein Packet neuer frischangekommener Zeitungen, das sie unwirsch vor ihrem begierig daruber herfallenden Herrn hinwarf. Es waren deren eine so reiche Auswahl, dass Dankmar sagte:

Alle neuen Zeitungen? Sie treiben ja die Politik wie Metternich!

Das sollte Sie freuen, bester Herr, erwiderte Justus, die Blatter begierig auseinanderfaltend. Das Licht besserer Erkenntniss, die Verbreitung der Hulfsmittel, um das Wahre von dem Falschen zu unterscheiden, that endlich noth. Wir haben auch fruher in den Zeiten des Druckes, wo unsere Klagen in dem jammerlichen Institut der Provinzialstande ungehort verhallten, nicht die Hande in den Schoos gelegt. Sehen Sie, dass ich mich wohl vorbereitete auf eine bessere Stunde und las, was uns frommen kann, nun sie endlich geschlagen hat.

Damit offnete Justus nicht ohne einige Zaghaftigkeit und geschmeichelte Verschamtheit die Thur eines Nebenzimmers. Es war ein Cabinet, recht traulich und fast wie das Studierzimmer eines Gelehrten anzusehen. Da waren Epheuranken am kleinen Fenster, Vogelbauer hingen mit einigen schon schlummernden Canarienhahnen, ein Stehpult mit einem Drehstuhl davor zeigte Spuren fleissiger Benutzung sowol des Tintenfasses wie der Streusandbuchse. Das Auffallendste aber war eine reiche Bibliothek. Hinter den Glasfenstern eines hohen Bucherschranks las Dankmar in der Abenddammerung an dem Rucken der Bucher: Rotteck's Weltgeschichte, Das Pfennigmagazin, Welcker's Staatslexikon und eine Menge von Schriften, die fruher zu den verbotenen gehorten und meist in Altenburg, Hamburg oder im Auslande erschienen waren ...

Diese verbotenen Bucher, bemerkte Justus, enthielten viel Falsches, allein man musste sie sich anschaffen, um auch das Gute sich anzueignen, das sie mit dem Falschen zugleich brachten. Wahrheitstrieb erschien damals fur unerlaubte Freisinnigkeit. Ich galt viele Jahre fur einen schlimmen Feind des Konigs und wurde von seinen bosen guten Dienern arg verfolgt. Diese Schriften, die ich mir mit List und Gefahr verschaffen musste, lagen alle versteckt und sind erst jetzt gebunden worden. Es war wahrhaft traurig, dass man etwas huten und heimlich schutzen musste, was man nur las, um es sehr bald als Ubertreibung zu vergessen. Doch war auch manches gute Korn unter der Spreu, und Das soll jetzt aufgehen und gute Frucht bringen. Nicht wahr, Herr?

Dankmarn war sonderbar zu Muthe. Er musste den Mann, der sich da so ganz aus eigenen Mitteln emporgerafft, eine Bildung und sogar eine Meinung sich erworben hatte, von ganzem Herzen achten und doch misfiel ihm das Selbstgefuhl des Heidekrugers, sein gewichtiger, feierlicher und dann wieder naiver und gemachter treuherziger Vortrag und mehr noch als Dies seine egoistische Auffassung des Staats. Als der Heidekruger das Kammerchen wieder schloss und nach den Zeitungen griff, um mit grosser Spannung selbst noch in der Dammerung, ehe man Licht brachte, ihren Inhalt zu uberfliegen, musste er sich sagen, dass ja zuletzt der Absolutismus eines Fursten von Gottes Gnaden nicht schlimmer ist als so ein Patriot von Gottes Gnaden, der ganz wie Jener den Staat aus seinem eigenen Ich herleitet. Dennoch gefiel ihm wieder, als dieser Mann, den er fast fur den rechten Urtypus des politisirenden deutschen Michels hatte nehmen mogen, beim Umblattern der Zeitungen sagte:

Diese albernen sogenannten Eingesandts! Ist's denn moglich! Die Gesinnung mocht' ich hingehen lassen, obgleich sie in ubertriebener Unterwurfigkeit nur den Ruckschlag in die alte dumme Zeit zu weit befordern, aber sieht man nicht jeder Unterschrift an, dass sie von Menschen herruhrt, die gleichsam dem Landesfursten sagen mogen: Merkst du dir denn auch meinen Namen? Unterstutzest du mich denn nun auch bei Gelegenheit oder befiehlst den Ministern, meinen Sohn zu befordern? Da flucht ein Rittergutsbesitzer der Umgegend hier uber die Demokraten und unterschreibt sich gross und breit mit seinem ganzen Major ausser Diensten und allen Kreuzen, deren Inhaber und Ritter er ist. Aber wir Alle wissen, dass dieser Herr Vom Busche neulich die Dreistigkeit hatte, an den Konig zu schreiben, seine Tochter musste doch nun wol auch das Pianoforte lernen, er konnte ihr, da er funf Kinder hatte, kein Instrument kaufen, ob sein allergnadigster Furst und Herr nicht die Gnade haben wollte und ihm fur seine treuen Dienste

Ein Pianoforte kaufen? sagte Dankmar, zorngluhend, und setzte hinzu:

Und ich glaube fast, dass der Mann das Pianoforte bekommen wird?

Er hat es schon, sagte Justus. Ja, ja, die Geheimnisse unserer furstlichen Chatoulle gaben das unterhaltendste Buch, das einem hamburger Buchhandler nur konnte verboten werden ...

O, rief Dankmar, musste den Konig nicht Zorn, ja Scham ergreifen, wenn er sahe, worauf er die Behauptung seiner Vorrechte grundet, wenn man solche Adressen schreibt und schreiben lasst! Sind es denn freie, unabhangige Menschen, die da mit sich selbst beschrankendem, lohndienerischem Verstande seiner Gewalt zustimmen? Nein, es sind Die, denen die alte Ordnung der Dinge Vortheile brachte, die sie bei der neuen zu verlieren furchten. Die Demokratie mag viel zugellose Elemente in sich hegen und manchen verdachtigen Anspruchen einen schimmernden Namen geben, aber so auf die Luge gebaut ist sie nicht, wie bei uns die Vertheidigung des alten beschrankten Landeskinder-Gehorsams. Menschen, die nie einen andern Blick in die Zukunft warfen, als der bis zu ihrem nachsten Gehaltstage oder bis zu ihrem Avancement reichte, geben sich plotzlich das Ansehen, politische Gedanken zu haben und wollen den Thron befestigen, indem sie ihn auf ihren eigenen Egoismus bauen! Hatte sich das Regiment bei uns wirklich geandert, auch dieser Major Vom Busche wurde sich verandert haben und sein Pianoforte von dem Tribunen oder Dictator erbetteln, der ihm gerade dem Staatsschatze am nachsten sitzend erscheint ...

Hoffentlich bei Denen ohne Erfolg! sagte der Hei

dekruger etwas spitz.

Und darum, fuhr Dankmar ungehindert fort, dass

solche Zumuthungen, solche Misbrauche nur bei der gegenwartigen Form der Regierung, ihren militairischen Erinnerungen und ihrem patriarchalischen Verwachsensein mit dem Dunkel der isolirten Nationalitat moglich sind, darum soll das Bessere, Vernunftgemassere gefahrlich und verderblich sein? Den Schmarotzern am Tische der Monarchie allein ist es verderblich und darum auch der Monarchie selbst gefahrlich. Konnen sich Throne auf die Lange behaupten, die auf den Egoismus einzelner trager Classen gebaut sind? Wird man nicht endlich einsehen, dass, wie die Schrift sagt, die Luge der Leute Verderben ist und jedes Konigshaus entweder der Republik oder einer radicalen monarchischen Verjungung weichen muss, wenn es, wie einst die Stuarts, selbst eine Partei im Staate vertritt?

Republik? sagte der Heidekruger lachelnd. Bitte! Bitte! Nicht Republik!

Und den Kopf schuttelnd, ergriff er wieder die Zeitungen und blatterte in ihnen; denn es war nun auch Licht gebracht worden und sein Nachtessen wartete ...

Dankmar ging noch einige mal im Saal auf und ab und empfahl sich kurz, um auf sein Zimmer zu steigen ... Lasally, Reichmeyer und einige der Frauen, die ihm begegneten, Alle verfolgten ihn neugierig und fast zuthunlich. Aber er war in einer Stimmung so volligen sich Vereinsamtfuhlens, dass er am liebsten zu Melanie gegangen ware, an ihre Thur gepocht und sich ihr mit ganzer Seele anvertraut hatte. Wo ist auch noch ein Trost fur unbefriedigte Gemuther, wenn sie die Sohne unserer Zeit sind, als allein in der Liebe? Wo ist die Burgschaft noch, dass in den Schrecken der Emporungen und Kriege, in den schaudervollen Gerichten der Reaction und der Rache noch etwas vom Ewigen und Menschlichen sich erhalt, als in der Liebe? Wo werden noch Worte des Lebens gesprochen, wo rinnen noch Thranen der Freude, wo weht noch der Hauch des stillen Einverstandnisses, wo ist noch Liebe, als in der Liebe!

Dankmar lehnte jede Einladung ab. Er warf sich auf das Lager in seinem kleinen Zimmer ...

Es mochte gegen zehn Uhr sein. Er hatte schlafen sollen; denn die Erschopfung dieser Tage hatte seine Nerven bis zur Krankhaftigkeit abgespannt. Schon vor Ubermudung konnt' er nicht schlafen. Er hatte die Fenster geschlossen ... er riss sie wieder auf. Die runde volle Mondscheibe konnte am bewolkten Himmel nicht uberall hervortreten, noch druckte Gewitterschwule die Luft, so feucht schon die Erde war, so frisch es schon heruberduftete von den durchnassten Tannen des Waldes ...

Es war nicht ruhig im Heidekrug. Er horte die Sabel der Gendarmen. Er horte laut lachen und ein Hin und Wiederhuschen auf dem Corridor. Die Thure liess er unverschlossen. Musst' er nicht annehmen, dass ihm Melanie plotzlich wie im Traum erscheinen wollte? Was hatte sie vor? Wie konnte sie sich das Bild aneignen aus einem Raume, der bewacht und verschlossen war? Wird sie den Intendanten uberreden? Seiner Eitelkeit schmeicheln? Ihm unmogliche Versprechungen machen?

Sogar die Eifersucht ergriff ihn, so lacherlich der Gegenstand war.

Unter ihm, im Wirthszimmer, glaubte er jetzt die Diener des Intendanten, die Gendarmen, die Jockeys Lasally's zu horen. Er warf sich nieder auf das Bett, dessen unheimliche Erinnerungen an Hackert er nicht loswerden konnte. Er blieb angekleidet, wie er war ... Nach einer Weile liess sich doch der Schlaf nicht mehr zuruckweisen. Er verfiel in einen halb wachen, halb traumenden Zustand, der ihm eine Zeit lang bleischwer aufs Auge sich senkte ... Dann fuhr er wieder empor. Er musste eine halbe Stunde so gelegen haben. Das Zimmer war hell. Die Wolken hatten sich etwas verzogen und liessen dem Monde Raum, sein goldgelbes, fast zehrendes Licht auszugiessen. War es die Erinnerung an Hackert, an dessen nachtlichen Gang auch am Schlosse, den Egon beobachtet und ihm erzahlt hatte, war es die Erinnerung an Hackert's gespenstisches Hinschreiten uber die Wiese zum Ebereschenbaum, von dem der Jager gesprochen, seine eigene Begegnung mit ihm am Thurm und sein Verschwinden zur Waldschlucht und dem Kreuze hin, wo des Sagemullers Nantchen verungluckt war; waren es alle diese Erinnerungen an das fast dunkle phantasmagorische Leben eines Andern ... oder war es seine eigene nervosen Reizung ... es kam ihm vor, als fuhlte er recht die ziehende, magische Gewalt der Mondstrahlen, das Verzehrtwerden von diesem trockenen, ausgebrannten Himmelskorper, der so geheimnissvoll auf die Erde wirkt, fuhlte er recht das Schwinden in das geisterhafte Licht hin ... Er legte sich und glaubte zu schlafen, schlief und wachte ...

War es Traum? War es wirkliche Erscheinung? ... Er sah die Thur sich leise offnen ... er horte sie knarren ... Tritte schleichen ...

Ach, kam ihm der Gedanke, Das ist Melanie! Er blinzelte einmal auf, lachelte und schloss die Augen wieder ... bleischwer lag eine rathselhafte Gewalt auf seinen Sinnen ... er mochte sich erheben und konnte nicht ... er mochte reden und der Mund war wie krampfhaft geschlossen ... Wie Musik floss es um ihn her ... Er fuhlte jene Schwingungen der Seele, die uns oft sind, wie die Vorahnungen der Seligkeit ... wie der Tod uns nahen mag ... So zerfliessen ... so hinubergehen ... so sterben!

Er tauschte sich aber nicht. Es war ein nachtlicher Besuch, den er zu begrussen, anzureden keine Kraft hatte ...

Nicht aber Melanie war es.

Eine mannliche, edle Gestalt beugte sich auf ihn nieder ... Er sah, er fuhlte sie ... Er lachelte zu ihrem lachelnden, freundlichen Gruss empor.

Der Fremde hatte ein Bild in der Hand ... es war rundoval ... die Farben blass ... Der goldene Rahmen glanzte matt im Mondenschein ... Es war das Bild einer jungen schonen Frau und Der, der es trug, war Ackermann, der Amerikaner. Leise trat der nachtliche Besuch naher, neigte sich uber Dankmar, kusste abwechselnd das Bild, abwechselnd die Stirn des halbwachen Schlafers ... Dann war das Bild verschwunden, aber der Fremde, derselbe, den man Ackermann nannte, des holden Selmar Vater, blieb noch. Nach einer Weile zog er das Portefeuille aus der Brust, neigte sich uber Dankmar und ... Was that er nur? Dankmar horte etwas, wie das Klingen eines Instruments er horte den Schnitt wie eines Messers nein, er fuhlte etwas an sich selbst, das aber nicht schmerzte, nicht verwundete ... Seine muden Augen blinzelten ... Er wollte den Traum nicht storen ... Das Mondlicht that den Sternen der Sehkraft wehe ... Aber die Gestalt war keine Tauschung. Der Amerikaner trat zuruck und betrachtete eine Locke, die er sich eben von Dankmar's Haupte geschnitten, kusste sie und legte sie mit Ruhrung in sein Portefeuille. Das Zimmer wurde dunkler, die Wolken traten vor den Mond ... Die Erscheinung war verschwunden.

Als Dankmar sich aufrichtete, war es ihm fast, als horte er noch die Thur klinken. Alles war still. Alles dunkel, der Mond war dicht verhullt ... er konnte nichts unterscheiden ... Du hast getraumt! sagte er sich, und schon getraumt! ... Und Dankmar glaubte getraumt zu haben, so schwer lag die Ermattung auf ihm, dass er fur Alles, was Wahrheit sein musste, jene susse Gleichgultigkeit empfand, die die gewaltigste Reaction der Natur verrieth. Er sah nach seiner Uhr und glaubte den Zeiger schon auf Eins zu erkennen und doch war es finster ... Er kleidete sich in zwei Minuten vollig aus und warf sich ins Bett, unbekummert um Alles, was ihm noch eben Freude oder Schmerz, Antheil oder Widerwillen eingeflosst hatte ...

Schon stand die Sonne hoch am Himmel, als Dankmar erwachte. Er sprang aus dem Bett und erstaunte, dass seine Uhr bereits uber Sieben zeigte. Seine Toilette machen, nach frischem Wasser klingeln war das Eiligste, was er thun musste.

Du hast dich verspatet, sagte er sich, den lang' entbehrten starkenden Schlaf hat die Natur in dieser Nacht fur sich mit Gewalt eingefodert ... Von elf bis sieben Uhr. Ei, du Schlafer und welch ein Schlaf! Wie bleiern lag es in deinen Gliedern ... du weisst nichts ... nichts ... Himmel, ein ganz neues Leben erquickt deinen muden Korper ... aber die Zeit hast du doch verschlafen ... Das steht fest.

Und so tummelte er sich fort ...

Da fahrt er mit der Burste durch sein Haar. Er steht vorm Spiegel und will sich den gewohnten Scheitel ordnen ... Was ist das? Die Lage der Locken ist nicht die alte ... der gewohnte Strich, der Fall der Haare ist gestort ... Ein Buschel sich rundender Haare fehlte ihm dicht uber den linken Schlafen ...

Er besinnt sich ... auf die Nacht! Auf den Traum! Nein, kein Traum! Wirklichkeit! Hier fehlt das Haar ... die Locke wurde abgeschnitten. Die ermatteten Augen hatten nur nicht die Kraft gehabt, sich langer offen zu halten; die Willenskraft, der Widerstand war von der Ubermudung gelahmt gewesen. Die Locke fehlte. Er sah sich im Zimmer um. Der Gedanke an das Bild ergriff ihn mit Zauberkraft. Es war da gewesen. Ackermann hatte es gekusst, hatte sich uber ihn geneigt mit dem Bilde. Selmar's Vater! Wie war Das? Er ruckte den Tisch, die Stuhle, er warf das Bett auseinander ... noch einmal ... er fasst nach dem Kopfkissen. Da ist ... da fallt etwas in die Betten ... ein harter Gegenstand ... ein rundes Bret ... er wendet es um. Es ist das Bild!

Egon und Melanie hatten das Bild Dankmarn beschrieben, sowie er es fand. Ein weiblicher, schoner Kopf in blassen Pastellfarben ... ein goldener Rahmen gab ihm die Form eines Medaillons ... Hinten ein starkeres Bret ... das Bild viel schwerer, als es seinem Umfange nach sein konnte. Er zweifelte nicht, dass es ein Geheimniss enthielt. Die Feder, die es durch einen Druck auf das Glas offnete, zu suchen, trieb ihn zwar die Neugier. Aber als er einige male vergebens uber das Glas gefahren war, hier druckte, da schuttelte, es von allen Seiten betrachtete und nichts sogleich von der geheimen Offnung entdeckte, war er fast froh nicht in Versuchung zu gerathen und Dinge zu erfahren, die nicht fur ihn bestimmt waren.

Jetzt hatte er rufen mogen: Melanie! Selmar! Er hatte Ackermann sich an die Brust ziehen mogen ohne Erkennungszeichen, ohne Geheimbund, ohne zu wissen, wer er war und was er glaubte und dachte ... Er riss die Thur auf und rief nach dienenden Wesen, der Liese, dem Dietrich. Niemand horte ihn. Doch war Alles in Bewegung. Trepp auf, Trepp ab horte er rennen, toben. Man klopfte, schrie, man drohte. Was war? Was ist? Hatte man das Bild vermisst?

Rasch kehrte er zuruck und verbarg es.

Da tritt die Magd ein und erzahlt ihm in ihrer polternden Art: Es war' ein Ungluck geschehen, man konnte den Intendanten nicht finden. Der Heidekruger ware ausser sich ... alle seine Bucher hulfen ihm nun doch nichts. Ein vornehmer Mann ware auf dem Heidekrug verloren gegangen!

Dankmar bittet, ihm ruhiger zu berichten.

Gestern Abend noch spat, sagte die Liese, erlaubt der gnadige Herr den Gendarmen und Dienern im Saale auf sein Wohl zu trinken und geht dann zu Bett. Die zechen etwas lang und stehen schwer im Kopf auf und gehen zu Bett und es wird Tag und der grosse Wagen fahrt fort, ehe noch der gnadige Herr geweckt ist. Der einzige Diener, der zuruckgeblieben, wartet und wartet, der Herr kommt nicht. Excellenz! Excellenz! heisst es. Man findet die Thur offen, das Bett so gut wie unberuhrt, der Herr muss in der Nacht aufgestanden sein und ist nun nicht da. Man sucht ihn uberall. Er ist nirgend. Ganz gewiss, er hat ein Ungluck erlebt. Diese Zeit! Dies Leben! Wer halt Das auf dem Heidekrug aus!

Aber so fragt die Damen, mit denen ich kam, rief Dankmar erstaunt und uber Melanie's Geheimniss grubelnd ....

Die sind in aller Fruhe fort .... sagte die Magd.

Melanie, Madame Schlurck und die Andern?

Alle fort, schon um funf Uhr. Das Fraulein sagte, Sie wollten mit Ihrem Einspanner allein bleiben und spater fahren. Der steht unten und wartet. Das Hundchen winselt nach Ihnen. Horen Sie's?

Bello kratzte an der Thur. Dankmar offnete. Das Thierchen humpelte freudig an seinem interimistischen Herrn hinauf ....

Aber Ackermann und Selmar? sagte Dankmar.

Wer? fragte die Magd.

Dankmar dachte:

Wahnsinn! Du fragst hier nach Traumgestalten?

Und doch sagte er:

Kam nicht gestern Nacht noch ein stattlicher Herr mit einem Knaben hier an?

Freilich! freilich! sagte die Magd. Es war ja fast zwolf. Sie waren so durchnasst, dass wir Angst hatten, sie wurden uns krank werden .... Aber die sind nun auch schon fort. Eine Stunde spater als die Andern. Und eben vor einer halben Stunde fahrt der grosse Wagen ab, die prachtige Karosse des Geheimraths steht unten, man denkt, er steigt jeden Augenblick ein und nun suchen wir ihn ...

Man horte jetzt draussen auch den Heidekruger larmen und laut sein Befremden aussern.

Excellenz! Excellenz! Herr Geheimerrath! rief man in alle Winkel hinein, und in alle Gruben hinunter, ja in solchen suchte man den geheimen Rath, die man sonst nur fur geheimen Unrath bestimmte

Dankmar, in seinem Taschentuche sorgfaltig das Bild verbergend, stieg die Treppe hinunter, sah sich die Verwirrung eine Weile mit an und erstaunte, dass der Heidekruger, der Staatserretter, der Lafayette und Washington, hier schon den Kopf verlor.

Denken Sie sich, sprach er zu Dankmarn mit leichenblasser Miene, wie mir so etwas begegnen muss! Wie sonderbar kann man Dergleichen auslegen! Ein hoher Beamter des Hofes, Mitglied des Reubundes, eine Stutze der Reaction, Gatte einer einflussreichen Dame, die in unserer Politik eine grosse Rolle spielt, verschwindet spurlos in der Wohnung eines zwar nicht wuhlerischen, aber freigesinnten Gesinnungsmenschen ... o mein Gott! habt Ihr denn uberall geforscht, Alles aufgedeckt? Alle Gruben? Alle Gelegenheiten, wo Jemand in stiller Nacht mit einem Licht verunglucken kann? Was werden die Sanger's, die Vom Busche's und die Sengebusch's sagen!

Dankmar beschwichtigte seine Besorgnisse mit der festen, ungeheuchelten Uberzeugung, dass sich diese Angelegenheit vollig naturlich losen wurde. Da er wusste, dass hier eine Schelmerei Melanien's im Spiele war, zeigte er selbst uber sein naturliches Mitgefuhl hinaus sich fast ausgelassen und lachte, als er sah, wie und wo man die vornehme, aufgeblasene Excellenz Alles suchte ...

Uber Ackermann's Benehmen und mogliche Beziehung zu Melanie oder zum Geheimrath erfuhr er nichts. Hier war ihm ein vollig unlosbares Rathsel. Mit dem letzten Reste der Hackert'schen Anleihe bezahlte er seine Zeche und wollte von dannen fahren unter lautem Jubelgebell seines Hundes. Da trat die Liese heran und Dietrich und Beide wollten Dankmarn die Zugel nicht geben ...

Auf wen wartet Ihr denn noch? sagte Dankmar.

Auf Ihren Kutscher, Herr! ... Hier ist auch noch das Geld von neulich. Wir haben's an den Justizrath noch nicht anbringen konnen ... er mag es ihm selbst geben.

Wer? Welches Geld?

Ei, das Geld aus der schonen Borse! Von der Nacht her, wo Ihr Kutscher das bose Ubel hatte ....

Hackert? Wo ist denn Hackert?

Er kam doch mit Ihnen?

Hackert? Mit mir? Ich kam allein. Hat man den Rothkopf hier gesehen ....

Lichterloh, sagte Dietrich. Der schlaft wol noch auf dem Heuboden? Da muss Eins die Spritze bereithalten ....

Ihr Leute irrt Euch! Ich kam allein. Kein Wort weiss ich von meinem Reisebegleiter von neulich .... Und Ihr saht ihn wirklich?

Dietrich pfiff, als wollte er Hackerten ein Zeichen geben. Die Liese drangte, Dankmar sollte das Geld ansichnehmen.

Dieser weigerte sich aber und erklarte, mit dem unheimlichen Gaste in keiner Verbindung mehr zu stehen.

Dass Hackert auf dem Heidekruge in dieser Nacht gesehen worden, blieb ausgemacht. Die Aussagen der Leute stimmten zu sehr uberein. Alle hatten geglaubt, er ware mit der grossen Gesellschaft zuruckgekehrt. Man suchte nun auch ihn.

Da sich aber keine Spur mehr weder von ihm noch von dem Geheimrathe finden wollte, so fuhr Dankmar von dannen, nicht wenig betroffen und tief erstaunt uber das sonderbare Zusammentreffen so vieler hochst rathselhaft sich durchkreuzenden Thatsachen.

Eine Gewaltthat, Das wusste er, war nicht an dem Geheimrath verubt worden, hochstens ein lustiges Abenteuer, von dem Melanie den Schlussel und dessen eigentlichen Kern, das Bild, er selbst besass. Im Ubrigen gonnte er dem Heidekruger diesen kleinen Kummer als Strafe fur die heuchlerische Art, mit der er anfangs versprochen hatte, Schlurck's Wahl im schonauer Bezirke zu befordern und sich nun selbst vorschob. Der Liese aber sah er die Freude an, ihren "steifen und hochgestapelten" Herrn einmal mit seinem Gesinde wieder auf gleicher Linie stehen zu sehen, wieder von Dem bewegt und erregt, was zu dieses Hauses eigentlicher Ordnung gehorte. Das Geld versprach sie Hackert zuzustellen, wenn er sich noch fande ....

Dankmar fuhr rasch von dannen und konnte wol die Gleise der Wagen und Pferde sehen, die den Langschlafer im Stiche gelassen hatten. Er erreichte sie aber ebenso wenig wie den Wagen, mit dem Ackermann und Selmar, vielleicht auf Nebenwegen, abgefahren sein sollten.

Gegenstande zum Nachdenken hatte er fur die Reise den Tag uber genug! Abenteuerliches begegnete ihm nichts mehr. Er hatte es zu Dem, was ihn Alles schon in Anspruch nahm, kaum noch aufnehmen konnen.

Es wurde schon Nacht, als er sich Tempelheide naherte. Er warf einen Blick auf den Landsitz des alten Prasidenten. Ein Rabe sass auf dem Schornstein und schien fur die sternhelle und monddammernde Nacht das Wunderhaus zu bewachen. Dankmar uberliess es seinem lahmen Begleiter Bello, zu dem steif und ernst dort oben thronenden Vogel verdutzt und wie auf dem Anschlage hinuberzuschauen. Er kummerte sich um nichts mehr, was rechts und links lag. Mit unwiderstehlicher Macht nur trieb es ihn zu der grossen Stadt hin, die schon zu seinen Fussen lag und der Schauplatz neuer Erlebnisse werden sollte.

Wie der Wagen die kleine tempelheider Anhohe hinunterrollte und er zur Allee einlenken wollte, die an den Eisenbahndurchschnitt fuhrte, horte er dasselbe melodische Gesausel wieder aus dem Schlosse, das ihm noch von seiner Ausfahrt erinnerlich war. Er musste stillhalten, so bewegte ihn der harmonische Lufthauch. Es war nachtliche Ruhe um ihn her. Im abgemahten Felde, auf der Wiese zirpten nur die Grillen schon ihre Herbstesvorahnungen. Die Kirche stand feierlich im Mondscheinlichte. Die Baume sauselten und die Lufte klangen von der Harfe zauberhaft belebt in wehmuthigen Accorden. Es war ein sanftes Moll, in dem die Windharfe gestimmt unter den Tannen hing .... Ach, es war ein Accord, der die ganze Stimmung seiner eigenen Seele aussprach. Zartlich hoffend, aber tief wehmuthig ....

Ja, sagte er sich, noch geschehen Wunder! Noch helfen unsichtbare Geister an unsern Werken mit und das Schicksal ist keine leere Fabel.

Anna von Harder, die Lenkerin der musikalischen Akademieen, sah er nicht .... Die Fenster blieben geschlossen ... er hatte doch gern die weibliche Gestalt an ihnen wiedersehen mogen, die an jenem Abende seiner Ausfahrt der Windharfe lauschte ... er hatte ihr doch gern die Gefuhle ubertragen, die diese Tone in ihm selber weckten ....

Sie kam nicht und so musste er selbst sein Herz offnen, selbst diese Tone in seine Brust einlassen und die Geister nahen horen, die ihm sagten:

Wandle nun hin unter dem schutzenden Sterne, den dir die Gottheit unter diesen Millionen Lichtern am Himmel dort aufgestellt hat und den du nicht kennst! Verknupfe dir das Leben zu immer rathselhaftern Knoten, die du einst ungeduldig mit dem Schwerte wirst losen wollen und deren Faden vielleicht plotzlich klar und unverwirrt in deinen Handen liegen, wenn dein Schutzgeist sich dir naht, vielleicht so auf einem Accorde der Freundschaft schwebend, so auf einer kleinen nachtlichen Luftwolke des Zufalles, so auf dem Mondenstrahl, der, wie da hinter den Tannen, so aus dem Auge der Liebe bricht! Gehe hin! Noch muss sich dir viel erfullen, viel begeben! Aber vertraue! Siegbert und Dankmar Wildungen! Euer Genius spricht aus diesem Lufthauche der Aolsharfe im Tannenpark von Tempelheide!

Das mude Pferd zog an; weiter ging es bergab in unfreiwilliger Eile .... Von allen Thurmen der Stadt schlug es Zehn, als Dankmar mit seinem muden Gaule nach einer ereignissreichen Reise von vier Tagen in den Thorweg des Wirthshauses Zum Pelikan wieder einlenkte. Das Bild an sich pressend, des doch wohl auch ihm sichern Schreines gedenkend, musste er sich sagen, dass er mehr zuruckbrachte als er verloren hatte, mehr gefunden als er suchte. Und dennoch war es ihm, als riefe ihm eine Stimme zu: Nun erst beginnt dir der Ernst des Lebens und die Schranken deines Wettlaufes mit dem Schicksal offnen sich!

Vierzehntes Capitel

Neue Menschen

Die vielthorige, in breiter Flache gelegene, laut rauschende Residenz hatte seit einigen Jahren ein neues Viertel gewonnen, das man seiner vielen schonen, von den vornehmsten Herrschaften bewohnten Hauser wegen das diplomatische nannte. Es lag ausserhalb der langst durchbrochenen Ringmauer in einer Gegend, wo es fruher nur Felder gab. Eine rund sich schlangelnde Nebenstrasse lenkte von der staubigen schnurgeraden Hauptallee ab und bot rechts und links zwischen hohen Baumen, Garten und jungen Anlagen ein Gemisch von Villen dar, die ohne nach einem bestimmten Plane angelegt zu sein, doch darin eine harmonische Wirkung ubten, dass sie im Stile und der gefalligen Uberschmuckung der nur aufs Comfortable gerichteten Theile sich fast wechselseitig uberboten. Vor den Villen lagen Garten mit kleinen Springbrunnen oder einfache englische Boulinggreens. Selbst in der gefalligen Form und Verzierung der eisernen Gitter suchten sich die Besitzer oder die reichern Abmiether anderer auf Speculation gebauter Hauser zu ubertreffen.

Ziemlich in der Mitte dieser vom Gewuhle der Stadt entruckten Niederlassung lag ein ganz besonders hervorstechendes, geschmackvoll angelegtes Landhaus. Es war von stattlicher Breite und mit den obern Mansarden gerechnet fast dreistockig. Das obere Dach war in italienischer Weise platt und rings mit einem eisernen Gitter geschmuckt. Zwei Balcone hingen an den Fenstern der Hauptetage, zeltartig uberwolbt mit roth und graugestreiftem Damastzeuge und unter diesen vor der Sonne schutzenden Dachern mit den farbigsten Blumen geschmuckt. Die Einfahrt geschah durch eine gusseiserne Pforte von geschmackvoller Zeichnung. Auf einem gekieselten Wege gelangte man dann zu einem epheu und weinumrankten Uberbau an der rechten Seite des Landhauses, wo die Wagen anfuhren und Strohdecken bis zu den Stufen des Einganges hinaufgelegt waren. Ein Gebusch von Rosenhecken an dem Gitter entlang versteckte den Einblick in den einfachen Vorgarten. Zierlich rankten sich die Rosen durch das eiserne Gitter hindurch, ein Anblick, bei dem mancher sinnige Wanderer stillstehen und freudig oder wehmuthig Italiens gedenken musste .... Die weissen Fenster waren mit langen, gleichfalls roth und graugestreiften Staubgardinen von aussen verdeckt .... Nach hinten lagen auf der einen Seite Stalle, Remisen und ein Wirthschaftsgebaude; nach der andern erstreckte sich ein Anbau bis in den Garten, der umfangreich die sorgsamste Pflege verrieth und in seinen aussersten Grenzen noch von den Treibhausern und der Wohnung des Gartners eingefasst war.

Der nur einstockige hintere Anbau des Hauses endete nach dem Garten zu in einem Salon und einer Veranda. Beide hingen fast zusammen und waren nur durch hohe Glasthuren getrennt. In diesem Salon sahe man Divans, Causeusen und die ganze ubliche Ausstattung einer reichen und, wenigstens nach der Mode gerechnet, geschmackvollen Ausstattung. Die Fenster waren von buntem Glase und warfen blaue und rosige Lichter von magischer Wirkung auf das glatte Getafel dieses gefalligen Gesellschaftsraumes. An den Wanden, die mit eingebrannter Wachsmalerei geziert waren, rankten sich Epheustocke aus weisslackirten Untersatzen empor und versteckten ihre aussersten Spitzen hinter den schweren gelbseidnen Gardinen, die, oben von den Fensterrundungen herab sich senkend, hinter schweren Rosetten zuruckgesteckt waren. Die grunen Zweiglein suchten nach der Sonne, deren Licht ja die Nahrung ihres Lebens ist. Vom Plafond, der gleichfalls mit enkaustischer Malerei glanzend uberzogen und mit Goldleisten eingefasst war, hing ein sehr geschmackvoller Kronenleuchter von Bronce und Krystall herab. An den Wanden sah man zwischen den sechs Fenstern ... drei lagen auf jeder Seite ... Beleuchtungs Glocken, die Abends ihren Schimmer durch ein mattes rothes Glas warfen.

Durch diese Raume nun schritt, von der Garten oder Hofseite herkommend, in Begleitung einer altern Dame stattlichen Aussehens, die Besitzerin dieser comfortablen Wohnung. Es war eine hohe magere Gestalt, in eleganter Morgenkleidung. Die Dame war nicht mehr jung und schien auch auf den Schein Dessen, was sie nicht mehr besass, keinen allzu lebhaften Anspruch zu machen. Sie trug ein weissseidnes Bandeau um das strenge, fruher vielleicht wenn nicht schone, doch interessant gewesene Haupt mit den dunkelumschatteten, scharfstechenden Augen. Der grosse weisse Kaschmir Schlafrock war mit grellstem seidenen Roth gefuttert und gab, wenn er aufschlug, der stolz daher schreitenden Frau fast ein Ansehen, als ware sie fur den Purpur geboren. Sie hatte ein fein battistenes Spitzentuch in der Hand, mit dem sie zuweilen uber die hohe Stirn fuhr, um die Spuren der Hitze oder irgend einer gewaltigen Anstrengung, die sie uberstanden zu haben schien, zu tilgen. Das weissseidene Bandeau, das mit einem Zipfel uber den noch an den schwarzesten Haaren recht reichen Hinterkopf fiel, gab ihrem Blick etwas ungemein Scharfes und Stechendes, fast wie vom Ausdruck eines Raubvogels. Nach vorn war uber dem sonst gewiss ebenholzschwarz gewesenen Haare schon ein leichter Anflug von kunftigem Silber sichtbar. In einem gewellten Scheitel lag dies grauschimmernde Haar uber der Stirn und den Schlafen. Das Bandeau schien die Unentschlossenheit anzudeuten, ob sich die Dame bereit erklaren sollte, vielleicht ganz im grauen Haare, das mancher geistreichen und noch leidenschaftlichen Matrone ausserordentlich schon stehen kann, ihren Stolz zu suchen oder es vorlaufig doch noch so viel wie moglich zu verbergen.

Hinter der Dame und ihrer altern Begleiterin, die etwas gebuckter, etwas hinfalliger, aber doch unter der feinen breitkantigen Spitzenhaube die List und Schlauheit ihrer Augen nicht verbergen konnte, folgte ein Bedienter, der ein silbernes Wasserbecken und ein feines damastenes Handtuch trug. Seine Gebieterin tauchte die schon gepflegten langfingerigen Hande mehrmals in das Wasser, ihre Begleiterin nahm von einer in einer Ecke des Saales stehenden Etagere ein Krystallflacon und spritzte etwas von dessen wohlriechendem Inhalt noch in die silberne Schussel. Dann nahm die Gebieterin das Handtuch, trocknete sich sorgfaltig und schickte den Bedienten mit dem Befehle fort, dass Ernst, sowie er vom Schlosse wieder da ware, unverzuglich zu ihr kommen sollte. Als der Bediente gehen wollte, rief sie ihm noch die Frage nach:

Und Franz mit dem Landau noch immer nicht da?

Vor einer Viertelstunde ist er gekommen, Excellenz! war die Antwort.

Ich will ihn sogleich sprechen!

Excellenz haben bestellt, dass er auf's Schlossamt komme, sowie er steht und geht; bemerkte zogernd der Diener.

Und ich sage, er soll erst zu mir kommen und nicht wie er steht und geht. Er soll sich reinigen und wie es sich gehort anziehen. Wenn ich ihn gesprochen habe, geht er zum Geheimrath.

Der Bediente murmelte angstlich ein "Zu befehlen"!

und ging mit dem Wasserbecken und dem Handtuche uber die Veranda in den Hof zuruck, von wo alle Drei und zwar aus der grossen Wagenremise hergekommen waren.

Pauline von Harder denn in ihrem Hause befinden wir uns warf sich erschopft und missgestimmt auf eines der rings im Uberfluss vorhandenen Polster und sprach zu Charlotte Ludmer, ihrer vieljahrigen Wirthschaftsfuhrerin und innig befreundeten Vertrauten, die eben ein grosses langes Papier auf den Tisch gelegt hatte, mit matter Stimme die Worte:

So haben wir denn wirklich Nichts gefunden und alle Muhe, alle Umsicht und Sorgfalt sind vergebens gewesen!

Ich komme immermehr zu der Uberzeugung, sagte Charlotte Ludmer, die Vertraute, indem sie eine kleine Dose von gedrechseltem Horn aus ihrem Rockschlitz griff und wie ein Mann in aller Form eine Prise nahm, ich komme immermehr zu der Uberzeugung, dass die Sage von den fur die Veroffentlichung bestimmten Denkwurdigkeiten der Furstin Amanda von Hohenberg ein leeres Gerucht ist.

Unsern Untersuchungen nach zu schliessen, sagte die Geheimrathin Pauline von Harder, mochte man glauben, dass du Recht hast, Charlotte. Haben wir wol eine Spalte, eine Ritze unerforscht gelassen! An jeden Boden klopften wir, ob er hohl ist, in jedes Polster fuhr ich mit diesem spitzen Dolche, den mir Rodewald einst in Italien schenkte, und von dem ich nie geahnt hatte, dass ich mit ihm noch nach den Spuren seines Verrathes suchen wurde o Charlotte, wie schmerzliche Erinnerungen weckt mir dies Andenken alter Zeit!

Gieb ihn her, Kind, sagte die Altere und griff nach einem verrosteten Stilet, das die Geheimrathin aus dem Brustschlitz des eleganten Kaschemirschlafrokkes gezogen hatte. Es war ein florentinischer Dolch mit damascirter Arbeit auf den drei Kanten, von zierlich gearbeitetem Griff, eine Schlange vorstellend, die sich so eigenthumlich ringelt, dass die Hand bequem in einer ihrer Windungen ruhen konnte. Der Dolch selbst aber war eine lang aus dem geoffneten Munde herausgestreckte Giftzunge, dreikantig, dunn und vom hartesten Stahl gearbeitet.

Gieb ihn her, Kind, wiederholte die Ludmer, als ihn Pauline zu ernst betrachtete ...

Ha! Es war in Verona, sagte Pauline traumerisch. Wir hatten Romeo's und Julien's Grab gesehen und scherzten daruber, dass der Unverstand der Zeiten einen Futtertrog fur Pferde daraus gemacht hatte oder aus dem alten Futtertroge, wie Rodewald in seiner scharfen und unglaubigen Weise sagte, spater das Grab der Julia! Es ist dreissig Jahre her und noch seh' ich uns wie heute, als ich an seinem Arme, krank damals und elend, hing und wir vom Tode sprachen, der mir damals so moglich bevorstand ... Rodewald stieg langsam mit mir auf einen Hugel vor der Stadt und zeigte mir die grosse im Sonnenglanze hingegossene Ebene. Ergriffen von dem Lichte und dem Sonnenschein, dem Grun und dem duftigen Nebel, dem Violet der fernen Berge und dem blauen Aufblitz einer Ecke vom Lago di Garda, sagte er: Wenn du stirbst, Pauline, so wirst du mir nicht ein Restchen Gift zurucklassen, wie Romeo Julien. Da muss es ein anderes Mittel sein! .... und damit zog er den Dolch, dass ich laut aufschrie und bebend zuruckfuhr. Es war aber nur ein Scherz von ihm, er glaubte an meine Krankheit nicht, er glaubte nicht an meinen Tod und an den seinen noch weniger. Es stand ihm aber so schon, so halb zu spielen und halb zu philosophiren! Ich entriss ihm den Dolch, er lachte und sagte: er hatt' ihn sich bei einem Alterthumler gekauft, wahrend ich in der Santa Maria die Graber betrachtete. Mir Albernen war es Bedurfniss, seine Worte fur Ernst zu nehmen, ich ergriff das todtliche Instrument, verbarg es, gab es ihm nicht zuruck ... Zwei Jahre darauf, in Landeck, hatt' ich es ihm in die Brust stossen mogen und als ich genas, in Ems ... da mir selbst!

Pauline! Pauline! rief die Ludmer und verbarg den Stahl; wie kommst du auf diese alten Dinge zuruck! Konnten wir auch nichts Anderes finden, um staubige Polster zu durchstechen!

Wie ich so in den alten Gerathschaften Amandens wuhlte, fuhr die Geheimrathin fort und stutzte den Kopf auf, der ihr brannte; wehte mich's ganz gespenstig an und es war mir, als lebten sie Alle noch, sie, die Elende, ich selbst noch wie einst und Zeck stand plotzlich vor mir ach, was nicht Alles! Man soll den alten Plunder, mit dem sie noch im Tode auf dem Schlosse coquettiren wird, hinbringen, wohin man will! Es mag in ihm Luge und Verlaumdung wie Gift gegen Ungeziefer verborgen und versteckt liegen ich will nichts mehr wissen nichts, nichts! ich habe dies Leben satt! Leben mit Furcht ist mehr als der Tod.

Damit erhob sich die wild erregte und leidenschaftliche Frau und schritt, heftig und von unstillbarer Unruhe gequalt, im Saale auf und ab.

Die Ludmer nahm aber in aller Ruhe eine Prise und lachte, dass das zahnlose Kinn wackelte.

Hi! Hi! Hi! schallte es durch den Gartensalon.

Was ist? wandte sich Frau von Harder.

Alles Das der Zorn, Taubchen, sagte die Alte, dass unsere Muhe und Plage vergebens war? Nachlass! Nachlass! Schulden hat sie nachgelassen. Das ist ihr Nachlass! Die Geschichte von ihren Papieren war ein Schreckschuss. Wer hatte sie fortnehmen sollen? Ihre Pfaffen? Zeisel liess ja sogleich Alles versiegeln und mit Beschlag belegen. Der Furst wollt' es so und sie hatt' es selber angeordnet. Zwei Jahre stand's unberuhrt. Die Papiere sind verbrannt, wo kann etwas hingekommen sein? Und unten in der Remise ... da haben wir seit heute fruh funf bis jetzt um elf Alles untersucht, wir sind matt und mude davon, wir haben uns, gut gerechnet, sieben mal waschen mussen von all' dem Staub und Moder, und hinter keinem Bild, in keiner Schublade ist Etwas zu finden. Von dieser Seite aus sind wir vor bosem Leumund sicher und du hast alle Aussicht, unter die Heiligen zu kommen, was du doch wol willst! Vergib, dass ich spotte.

Noch vor sechs Jahren, sagte die Geheimrathin ruhiger, hatte uber mich erzahlt werden konnen, was da wollte! Es war eine Zeit, wo man noch die Leidenschaften als die Quelle edler Gefuhle erkannte. Aber jetzt, wo sich Alles verandert hat, wo das junge Herrscherpaar einen neuen Ton in die Gesellschaft einfuhrte, jetzt wo sich Alles dadurch auszuzeichnen sucht, so gewohnlich und unscheinbar wie moglich zu sein und nur den nachsten Pflichten zu leben, jetzt konnt' ich in der wilden Zugellosigkeit der Urtheile und der volligen Schutzlosigkeit des Einzelnen gegen das Gewuhl der Zeit, die Alles, das Beste, rasch verbraucht und als Dunger fur Neues von sich wirft, eine solche Offentlichkeit der Rache nicht ertragen. Und glaubst du nicht, Charlotte, dass sie Alles weiss, von Allem unterrichtet ist? ...

Die Alte schwieg und zuckte bedeutsam die Achseln.

Du hattest sie in deiner Amarantha schonen sollen, sagte die Ludmer. Jedermann rieth auf Amanda, und der Spott war unverkennbar. Nach Allem, was zwischen Euch einst vorging, nach Allem, dessen du dir, als kitzlich und zu heiss zum Anfassen, bewusst warst, hattest du lieber schweigen sollen, und du weisst, was ich uberhaupt davon dachte, als du die Feder ergriffest ...

Die Geheimrathin seufzte.

Das ist vorbei, sagte sie dann. Ja! Ich hatte dir folgen sollen. Ich schrieb, weil Alles schrieb, und da ich nichts erfinden konnte, erzahlt' ich, was ich oder Andere erlebt hatten. Ich streifte mit genauer Noth an Partien vorbei, wo ich mich und Andere zu schonen alle Ursache hatte, und doch reizte mich der Kitzel des Spottes und der Trieb der Vergeltung. Ich fuhlte, dass ich plotzlich in der Feder eine Waffe hatte, die mir damals allmachtig schien. Ja! Amarantha ist Amanda und sie ist es nicht. Ich liess eine Magdalena fromm werden, aber Amanda konnte sich doch wol in allen Sunden Amaranthens nicht wiederfinden. Dennoch nahm man sie fur Amarantha und ich erschrak genug, als ich eines Morgens einen Brief mit dem Postzeichen Plessen empfange und die einfachen, von einer mir wohl erinnerlichen Hand geschriebenen Worte lese:

"Die Furstin Amanda von Hohenberg schreibt keine Romane, aber sie schreibt Bekenntnisse, die Gott richten wird". Damals lacht' ich daruber. Es schien mir die Drohung der Ohnmacht. Ich schwelgte in den Huldigungen, die die Gesellschaft meiner jungen Feder zollte. Aber die Gesellschaft ist nicht mehr die "Gesellschaft", die Furstin ist gestorben, alle Welt erzahlt von Denkwurdigkeiten, an denen sie in ihren letzten Lebensaugenblicken schrieb und Eines, Eines, Charlotte die Zecks lebten auf ihren Gutern hab' ich nicht Ursache zu zittern?

Die alte Freundin blieb in ihrer unerschutterlichen Ruhe und erschopfte sich in einer Menge von Trost und Gleichgultigkeitsgrunden, die alle auf eine sehr leichte und fast kecke Ansicht vom Leben hinausliefen. Pauline hatte diese Ansicht fruher auch getheilt. Dass sie aber jetzt, nicht mehr von ihr getrostet wurde, hing nicht etwa mit einer gesteigerten Innerlichkeit ihres Wesens, mit dem Gefuhl der Reue und Besserung zusammen, sondern mit einer eigenthumlichen Wendung der offentlichen Verhaltnisse, die ihrem Ehrgeize Schranken setzte, an denen sie bis zur Verzweiflung bohrte und ruttelte, ohne sie erschuttern oder hinwegraumen zu konnen. Diese Beziehungen mussen wir genauer anfuhren, da sie zugleich fur einen gewissen Umschwung des Zeitgeistes auch im Allgemeinen bezeichnend genug geworden sind und die Grundlage unsrer fortgesetzten Erzahlung bilden werden.

Funfzehntes Capitel

Die "Gesellschaft" und die "kleinen Cirkel"

Auf dem Throne des Staates, in dessen Residenz wir uns befinden, sitzt ein erst kurzlich an die Regierung gekommenes junges Herrscherpaar. Der fruhere Monarch, ausgezeichnet durch hohe Tugenden der Massigung und Gerechtigkeit, hatte gewissermassen die Zugel der Geistesrichtungen seines Landes sich selbst uberlassen und dadurch moglich gemacht, dass sich in der Familie und Gesellschaft ein von ihm selbst vollig verschiedenes Wesen entwickelte, eine gewisse ihn selbst vollig ignorirende Genialitat oder Starkgeistigkeit, wie man diese leichte Auffassung der Sitten und Uberlieferungen im Gegensatz zu einer auf der andern Seite uberwuchernden Bigotterie nennen konnte.

In dieser Zeit hatte Pauline von Harder geglanzt. Es war die Zeit gewesen, wo sie zwar den Anspruchen ihrer damals noch sehr anziehenden Gestalt, den Anspruchen der schonen Reste einer jugendlichen Epoche noch keineswegs entsagt hatte, aber doch schon nach mancherlei Unterstutzungen des Einflusses greifen musste, den sie auf die Gesellschaft ausuben wollte. Sie war lange zweifelhaft, ob sie, um bedeutend zu bleiben und zu erscheinen, mit den Empfindsamen gehen sollte. Sie sahe, dass diese Partei grossen Einfluss hatte und auf den nicht mehr verheiratheten greisen Landesfursten Alles vermochte. Doch war die Maschine des Staats damals so einfach, der Gang der Geschafte so trocken, die Politik so wenig anregend, dass es fur guten Ton galt, sich nicht um das Offentliche zu bekummern und lieber fur Italien, die Kunst, die Literatur, die Dichter, die Virtuosen und die starken Gefuhle zu schwarmen, als fur die Welt und ihre nachsten Aufgaben. Pauline schlug sich zur frohlichen Partei, zu Denen, die sogar am Schmerz eine eigene Freude hatten, durch unverstandene Stimmungen sich verstandlich machten und in der Zerrissenheit ihre wahre Einheit fanden. Sie hatte fruher gemalt. Da aber die Malerei nicht aufregt und im Gegentheil grosse Ruhe bedingt, so ergriff sie die Feder und warf in zwei Romanen, Amarantha und Nadasdi, eine Menge jener vulkanischen Stoffe aus sich heraus, die sie, wie so viele andere weibliche Naturen damaliger Zeit, so auch in sich vorgefunden haben wollte. Amarantha galt fur ein Bild aus der Wirklichkeit und wurde reissend gelesen. In der That hatte Pauline hier Alles zusammengerafft, was sie nur, ohne zu auffallend indiscret zu erscheinen, von gestorten Eheverhaltnissen, unverstandenen Seelenleiden, zerrissenen Freundschaften in der hohern Gesellschaft beobachtet hatte. Sie hatte einige Grafinnen, Baronessen, Furstinnen in Conflicte ihrer nachsten Herzensinteressen gebracht und dabei die jungen Offiziere und Legationssecretaire die Rollen spielen lassen, die in alten Zeiten die St. Preuxs, die Werthers oder Roquairols spielten. Amarantha war die Heldin dieser Abenteuer, eine eitle aus einer Hand in die andere fliegende und fur jede neue Liaison und jede alte "Rupture" immer die triftigsten Grunde anfuhrende Coquette, die zuletzt, da sie Niemanden mehr gewinnen kann, fromm wird, ins Kloster geht und dort einige komische Wunder thut. Das Ganze war mit Bosheit geschrieben und deshalb gewiss nicht ohne Unterhaltung, denn leider gehort die Malice jetzt auch zu den Musen; Apollo wurde sie in unserm Jahrhundert als die zehnte seines Bundes nicht zuruckweisen durfen. Die Malice erfindet, schafft, sie "macht". Eine Zeitlang wenigstens dauern ihre Werke. Eine Zeitlang fesseln, unterhalten sie, dann zerstiebt ihre Composition und diese zehnte Muse, die eben noch wie ein leichtes duftgewobenes Traumbild lachelnd voruberschwebte, verwandelt sich in ein garstiges altes Hexenweib, mit Krallen an den Fingern und einem giftschaumenden Mund voll unheimlicher Zahne ...

Nach der Dame "Tausendschon", d.h. Amarantha, sollte der Roman "Nadasdi" eine eigene Erfindung der Geheimrathin vorstellen. Doch machte sie mit diesem jungen Magyaren Nadasdi ein klagliches Fiasko. Kein Mensch mochte ihn lesen, so langweilig war die Geschichte eines schwarmerischen und sentimentalen ungarischen Husarenoffiziers, der in ihrem Roman sechsmal uber Briefe, die er erhalt, in Ohnmacht fiel. Man brachte in diesem selben Strudel, genannt die "Gesellschaft", das Wort auf, wenn man sich langweilte, zu sagen: Ich nadasdisire mich. Man liess z.B. in einem offentlichen Blatte das Zeugniss eines Brieftragers abdrucken, der erklarte, Nadasdi ware beim Empfange seiner Briefe niemals ohnmachtig geworden, sondern hatte regelmassig sein Porto bezahlt, ohne die Adresse zu lesen, sich auf sein Kanapee niedergestreckt, turkischen Taback gekaut und seine Lieblingsbeschaftigung ergriffen, zu schlafen, was schon damals seine Kameraden nadasdisiren genannt hatten .... O, an erfinderischer Bosheit fehlt es in der Gesellschaft fur Den gar nicht, der sich in ihr zu weit hervorwagt, mehr Geist als ein Anderer haben will und dann einmal einen Unfall erlebt! Ein Kleiderhandler musste sogar in den Zeitungen Nadasdi Schlafrocke ankundigen, wo nicht nur auf das Langweilige dieses Buches im Allgemeinen, sondern auch auf die Beschreibung eines Phantasie Schlafrocks ihres Helden angespielt war, dem die ungluckliche Dichterin mehr als drei volle Druckseiten ihres Werks gewidmet hatte.

Pauline gab nach dieser Demuthigung die literarische Laufbahn auf und befleissigte sich einer neuen "Lauterung". Sie nannte namlich die Metamorphosen ihrer Beschaftigung "Lauterungen". Sie wollte alle Schlacken unreiner Empfindungen, wie sie in der Vorrede zu Amarantha und Nadasdi gesagt hatte, von sich werfen und sich in einen reinern Ather tauchen. Ist Dinte ein reinerer Ather? hatte zu ihr einmal der Baron Otto von Dystra, der beruhmte Reisende, gesagt. Zwar erwiderte sie diesem Sonderling, dem eben eine schwarze Sklavin gestorben war, die er sich aus Afrika mitgebracht hatte, sie hatte gehofft, allmalig so oft in diesem Ather zu baden, bis sie seinem Geschmacke entsprechen wurde ... allein ihre "Lauterungen" wurden ebenso verspottet, wie Nadasdi, dessen Schlafrock und seine Ohnmachten.

Unentschlossen, wohin sie sich in ihrer Rathlosigkeit wenden sollte, uberraschte sie und alle Welt der Thronwechsel .... Ein junger Herrscher ergriff das Scepter anfangs mit schuchternen Handen, als er aber eine junge liebenswurdige Gattin gefunden hatte und mit ihr einen sehr gewahlten Beirath vom Hofe seiner Schwiegeraltern, als Mitgift, wie man spottete, erhielt, trat er sicherer und selbstandiger auf. Anfangs war nichts so sehr aus der Mode als das junge Konigspaar. Man beachtete es kaum. Man bespottelte seine Neigungen und erklarte beide Theile fur beschrankt. In kurzem aber wendete sich das Blatt. Das Herrscherpaar wurde Mode. Seine Gesinnung fing an den Ton anzugeben. Alles richtete sich nach der neuen Sonne, der es wirklich, so hoch sie stand, zwei Jahre muhseligen Ringens gekostet hatte, durch die Wolken der "Gesellschaft" hindurchzudringen.

Plotzlich kam nun das Einfache, "Seelenvolle", Bescheidene, Beschrankte, Hausliche in die Mode. Das "Geniale" wurde verabschiedet. Man las gerade nicht fromme oder frommelnde Schriften, aber man las unschuldige, reine, seelenlauternde, naive. Die frivolen Sittengemalde der grossen Welt wurden ignorirt. Man "portirte" sich fur das Einfache, Naive, Landliche. Pauline, noch niedergedruckt von ihrem Nadasdi, sah aus einer gewissen Einsamkeit, in der sie sich nach ihrem Falle hielt, dieser Wendung der Dinge mit Ruhe zu. Sie wollte anfangs dieser neuen Mode nicht folgen. Sie hatte manche "Lauterung" durchgemacht; aber bis zur Beschranktheit, sagte sie offentlich, beschrank' ich mich nicht. Sie wollte jetzt Reisen machen und als Touristin wirken, worin schon andere schriftstellernde Damen soviel Muthiges und Leserliches geleistet hatten. Da brachen jedoch die grossen politischen Umwalzungen aus. Das Reisen wurde unmoglich. Sie blieb daheim und gerieth in die grosse Stromung des Tages. Einen Augenblick schwankte sie, ob sie abwarten sollte, woher der Wind kame und wohin er fahren wurde. Sie fand die Heldengrosse der Charlotte Corday ihr nicht ebenburtig, aber die Roland, die hatte der "Gesellschaft" angehort, die Roland war gross in der Gironde gewesen, und sie versuchte es etwas mit der Demokratie. Sie kam aber glucklicherweise zu spat. Die Demokratie hatte schon ausgespielt und kurz vor Thoresschluss konnte sie Niemanden mehr compromittiren. Die sogenannte Reaction gab Paulinen nun Gelegenheit, viel verschlagener zu wirken und mit geringerm Einsatze personlicher Gefahr. Wie fruher nichts unmodischer war, als sich um das junge Furstenpaar und seine kleinen Theezirkel zu kummern, so wurde jetzt gerade der Cultus der Anbetung des Monarchen zu einer Leidenschaft ganzer Stande. Pauline, am Bestande der Monarchie in der That doch auch durch ihren zweiten Gemahl interessirt, durch ihren Gemahl, der ihr jetzt plotzlich werthvoll und rucksichtswurdig erschien, Pauline warf sich nun endlich fast uber Hals und Kopf in das neue Element und leistete in dem Systeme der unbedingten loyalen Hingebung und der conservativen Huldigung weit, weit mehr, als sich von der Gattin eines Hofbeamten von selbst verstand. Sie war eine Hauptanstifterin contrerevolutionairer Schlage, sie half den Reubund begrunden, sie wuhlte bei den Wahlen mit beispiellosen Umtrieben, sie organisirte im Grossen die Brotlosigkeit aller der Kaufleute und Handwerker, die nicht unbedingt so wahlten und stimmten, wie die Vornehmen und Beamten es verlangten ....

Alles Das konnte jedoch nicht genugen, einen so unerschopflichen Ehrgeiz ganz zu befriedigen. Pauline erkannte plotzlich, dass sie da doch im Grunde nur Das that, was jetzt Jeder that, den sein in dieser Weise aufgefasstes Pflichtgefuhl trieb und spornte. Himmel! sagte sie sich eines Tages, was ich da Alles jetzt treibe, was ist denn das anders bei Hofe als meine Schuldigkeit! Wozu nutzt mir denn Das? Hebt mich, fordert mich Das? Welche Belohnung hab' ich denn davon? Pauline dachte in zu grossartigem Stile, als dass ihr dabei eine gemeine Anerkennung ausserer Form und aussern Erfolgs hatte einfallen konnen. Sie hatte vielmehr nur ihre "Stellung", ihre gesellschaftliche Bedeutung im Auge. Stand sie jetzt den Ereignissen nahe? Lenkte, leitete sie die hohe Politik?

Als sie in dem Gartensalon so verzweifelt auf und abging und die leichten Trostgrunde und Zureden der alten muthigern Charlotte Ludmer nicht horen wollte, wurde gerade die junge Flottwitz gemeldet, in dringenden Reubundsangelegenheiten; man wollte weibliche Arbeiten fur verwundete Krieger verkaufen, die Ordnerinnen des weiblichen Reubundes sollten selbst vor den Verkaufsbuden zierlich gekleidet stehen und Kaufer in einen Saal locken, uber dessen Wahl die Flottwitz eben Raths erholen wollte ....

Nein, nein! sagte Pauline. Ich bin nicht zu Hause.

Die Flottwitz wurde abgewiesen ...

Was soll ich mich, rief Pauline erregt aus, was soll ich mich ferner mit diesen albernen Dingen qualen! Mogen Das die Frauen der Offiziere, die Weiber der Beamten und die Verwandten der Hoflieferanten betreiben! Bin ich dazu da, in der Masse unterzugehen? Hab' ich fur all meine monatlange Hingebung auch nur ein Wort der Anerkennung von oben her erhalten? Sie thun ja dort, als verstande sich Das von selbst. Sie halten es ja fur eine gemeine Pflicht, die uns Allen mahnend und schwer genug aufliege und wo wir unsern Dank darin finden sollten, dass man ja nicht selbst guillotinirt wird und noch seinen Adel behalt! Nein! Ich habe diese Demonstrationen satt. Die Flottwitz ist entweder eine Narrin, und dann pass' ich nicht fur sie. Oder sie ist eine durchtriebene Coquette und weiss, wie schmachtend ihr diese Schwarmerei steht, dann pass' ich wieder nicht fur sie; denn dieser ausserlichen eitlen Art, sich in die Offentlichkeit zu stellen, hab' ich langst entsagen mussen. Selbst die Trompetta hat den richtigen Instinct gehabt, sich von Dem, was grosse und massenhafte Demonstration ist, zuruckzuziehen und sich ganz auf Mission und Ahnliches zu beschranken. Sie hat wieder ihre alte kleine Industrie hervorgesucht, wahlt sich kleine bescheidene Zwecke, die sie allein vertritt, lauft, rennt, bettelt, macht sich lacherlich, uberall, und doch wird sie's erreichen, dass man drei Tage lang, wenn es erscheint, von ihrem Gethsemane spricht und dass sie die Ehre hat, in den kleinen Cirkeln des Hofes einen halben Abend lang besprochen zu werden, vielleicht es gar selbst den Herrschaften vorzulegen. Ah! Meine Schwester! Meine Schwester! Ah! Die weiss, wie man jetzt wirkt! Die lebt zuruckgezogen, eine Einsiedlerin! Sie stickt, sie strickt, sie liest Pascal und Fenelon, sie musicirt Bach und Handel und ich schwore, die Konigin hat formlich ein Gelust, sie einmal bei ihrer Windharfe zu sehen und ware glucklich, sie in dem alten Tannenparke von Tempelheide sprechen zu durfen!

Die Schwester Paulinens ist, wie wir wissen, Anna von Harder .... Beide, geborene Freiinnen von Marschalk, leben schon seit Jahren in gespannten Verhaltnissen. Es ist Dies um so auffallender, als auch Beide gegenseitige Schwagerinnen sind: sie heiratheten, freilich zu verschiedenen Zeiten, zwei Bruder. Dennoch fand keine Beziehung zwischen ihnen statt. Ob Anna von Harder wirklich so ein edles Wesen war, wie man nach der einstimmigen Verehrung Derer, die bisher von ihr sprachen, schliessen sollte, mussen wir der kunftigen Erzahlung uberlassen. Man kann nicht sagen, dass sich die Schwestern hassten. Sie lebten nur nicht fureinander, sie hielten sich gegenseitig fur todt, und Anna von Harder pflegte, wenn man sie darum fragte, seufzend und tief erschuttert hinzuzufugen:

O! Wir haben Ursache dazu! ...

Paulinens Ehrgeiz war jetzt der, in einer merkwurdig aufgeregten, alle geistigen Krafte in Anspruch nehmenden Zeit von Wirkung und wahrem Einflusse zu sein. Andern und immer nur Andern die Wege ihrer Interessen zu bahnen, wurde ihr nachgerade zum Uberdruss. Sie war viel genannt, viel geruhmt, aber auch viel geschmaht worden fur Das, was sie kurzlich zu Gunsten der reinen Monarchie eingesetzt hatte. Und dennoch stand sie der eigentlichen Quelle der Ereignisse fern! Sie hatte auf allerhochste Anerkennung, Theilnahme an den innern Vorgangen der Politik gehofft und nichts an jener Stelle gefunden, wo allein die Ereignisse bestimmt wurden, nichts als einen kalten Dank fur ihre warme Hingebung an die "gute Sache". Das war ihr denn doch zu wenig. Die Ministerien wechselten, die Kammern, kaum zusammengetreten, wurden wieder aufgelost, da war nichts zu erfahren, nichts zu eroffnen, nicht einmal ein Salon von Notabilitaten .... Die alten geistigen Namen, die sie sonst fast jeden Abend bei sich versammelt hatte, waren erbleichte Sterne. Maler, Bildhauer, Dichter, Gelehrte wer fragte nach ihnen in einer Zeit, wo nur Stimmen und nur Stimmen Stimmen haben! ... Sie hatte sie auch nicht mehr einladen lassen, die grossen Manner von ehemals. Wer sprach von ihnen? Wer bewunderte ein Gedicht, wer ein Bild, wer eine astronomische Entdeckung? Arme Begrabene! Von den Todten konntet ihr nur auferstehen, wenn ihr die Raserei der politischen Manaden mitmachtet und in den Demonstrationen des patriotischen Clubs eure Wiedergeburt feiertet! Armseliger Anblick eines mit Orden geschmuckten beruhmten Forschers der Wissenschaft ... im patriotischen Club larmend, polternd, erhitzt neben einem Hoflieferanten, der sich durch den gemeinen Muth, die ausubende Polizei zu unterstutzen, ausgezeichnet hatte, neben kleinen, leidenschaftlichen Geistern des Bureaus und der Kaserne, deren ganze Weisheit im Tumulte des patriotischen Zornfeuers aufprasselte! ... Dann kamen die Deputirten an die Reihe der Gunst, Menschen ... welchen die Zeit eine Bedeutung gab. Nur Wenige behielten sie, wenn sie nach dem Puppenspiele wieder in den Kasten der Verborgenheit zuruckgelegt wurden .... In dieser Sphare fuhlte wol Pauline den Puls der Begebenheiten schlagen, aber dicht am Herzen wollte sie sein, da, von woher alle Arterien lebenskraftig stromten. Und dies Herz war nicht einmal in den Ministerien zu suchen, sondern es schlug nur Abends zwischen acht und zwolf Uhr in den sogenannten "kleinen Cirkeln", die sich um das junge Herrscherpaar versammeln durften.

Die kleinen Cirkel waren nicht nur die grosste Auszeichnung des Hofes, sondern auch ein Beweis seines intimsten Vertrauens. Hier trat nur ein, wer der koniglichen Familie die Burgschaft der tiefsten Erkenntniss der Zeit gab. Die kleinen Cirkel regierten das Land, bestimmten die Richtung der auswartigen Politik. Hier legten Gesandte ihre Beichte ab, hier las man die Depeschen, die eben mit Kurieren oder dem Telegraphen eingelaufen waren. Hier trugen beruhmte Gelehrte, die das besondere Vertrauen genossen, bei einer einfachen Tasse Thee ihre Ansichten uber die Zeit vor oder erzahlten, was sie auf Reisen neuerdings beobachtet hatten. Die kleinen Cirkel waren der Alpdruck der Ministerien. Selten, dass Einer von den Mannern, die die Woge des Augenblicks dem Hofe als Minister zuwarf, hier Zutritt erhielt. Es gehorten dazu Eigenschaften, die nicht in der Kunde des Staats und seiner Verhaltnisse allein lagen. Man musste sozusagen auf den Ton des Herrscherpaars, besonders der jungen Konigin, gestimmt sein. Wie Wenige waren Das von den trockenen Bureaukraten, den barschen Kriegern, den verschmitzten Rechtsgelehrten! Und doch fuhlten sie Alle, dass in den kleinen Cirkeln die Parole des "Systems" ausgegeben wurde. Manches, was man hier wunschte, scheiterte vielleicht zum ersten male am Widerstande der Minister, zum zweiten male aber nicht mehr. Es gab tausend geheime Faden, die plotzlich die scheinbar gesichertste Stellung von den kleinen Cirkeln aus umgarnt hatten und sie zum Falle brachten. So allmachtig ist in der Monarchie Das, was von einem Dutzend kluger und treuergebener Menschen Sklaven als Idee des Fursten und seiner nachsten Umgebung treu aufgegriffen und mit heiligem Eifer fortgepflanzt wird!

Zu den Theilnehmern der kleinen Cirkel gehorten ausser dem General Voland von der Hahnenfeder, den man allgemein sozusagen fur einen ideellen Goldmacher und sympathetischen Zauberer hielt, ausser einigen gesturzten Staatsmannern des alten Regiments, einigen vielbelesenen, aber urtheilslosen Gelehrten, die man als Nachschlageworterbucher und Dictionnaires de poche benutzte und wie eine bequeme Lesebibliothek gern immer gleich bei der Hand hatte, mehre Damen: einige fremde Gesandtinnen, einige Frauen vom Hofe, vor allen Dingen die kluge und strenge Oberhofmeisterin Frau Grafin von Altenwyl. Diese, die fruhere Erzieherin der jungen Monarchin, war ihr mit von der Heimat gefolgt ... Pauline von Harder, die Gattin eines der ersten Hofbeamten, die Schwiegertochter des Chefs aller Gerechtigkeit im Lande, eine Marschalk, eine Baronin Ried aus erster Ehe, brannte vor Begier, in diese Cirkel aufgenommen und, wenn Dies nicht, ihnen wenigstens wichtig zu werden. Das konnte sie seit lange um keinen Preis erreichen. Fruher, als man das Herrscherpaar in der tonangebenden Gesellschaft umging und fur beschrankt erklarte vom Standpunkte der Genialitat, fruher suchte sie eine Auszeichnung nicht, an der ihr jetzt Alles lag. Sie hatte sie aber auch schon damals nicht gefunden. Es gehorte eben zum Charakter der Bildung, die in den kleinen Cirkeln waltete, die Stoffe, aus denen Erscheinungen wie Pauline von Harder gefugt waren, gerade nicht zu verachten, wol aber zu furchten, zu vermeiden. Es war ein inneres tiefes Abgeneigtsein, was besonders die junge Monarchin gegen diese Richtung der freien Selbstbestimmung seiner Schicksale und wie die Lieblingswendungen einer schrankenlosen Leidenschaftlichkeit hiessen, beherrschte. Der Monarch liebte die Geschafte und pflegte kleine wissenschaftliche und Sammlerneigungen, seine junge Gattin aber, im Bunde mit der etwas pruden und uber den Monarchen mehr wie uber seine Gemahlin wachenden Altenwyl, hielten einen grossen gewaltigen Schild vor ihn, um nichts an ihn heranzulassen, was irgendwie zu frivol in der Sprache der Zeit redete. Religiose und sittliche Begriffe waren eben hier in einer sehr starken Steigerung auf eine fast schroffe Hohe getrieben, wahrend wiederum eine gewisse kindliche, fast biblische Auffassung ihres schwierigen Lebensberufs diesem hohen Ehepaare das Geprage naiver Einfachheit gab. Wahrend der Adel, die Beamten, das Militair wild tobten und rasten, um sich nicht aus althergebrachten Anspruchen entwurzeln zu lassen, sah das Monarchenpaar dem Kampfe der Zeit mit Schuchternheit zu, rief oft, als ware ihm hier nur eine Gottesprufung beschieden, die innere Stimme des Gewissens in sich wach und ware vielleicht nicht abgeneigt gewesen, gegen ein ertraumtes schaferhaftes Arkadien, wo Wohlthun und Liebe der einzige Beruf ihres Lebens hatte sein konnen, eine Zeitlang vom Throne zu steigen und ihn ... freilich dann auch keinem Nachfolger, sondern immerhin der Republik zu uberlassen, bis man eines Tages sie oder ihre Kinder aus dem Arkadien irgend einer Verbannung glorreich wieder zuruckberufen wurde. Obgleich nun aber ihre Ehe mit Kindern nicht gesegnet war und Prinz Ottokar, ein gewaltiger Kriegesfurst, ihnen folgen sollte, so liessen sie sich doch von diesem zu keinem gefahrlichen Entschlusse drangen, sondern wogen mit vieler Sicherheit Das ab, was zur Zeit noch ihnen, nicht ihm gehorte und was sie, nicht er zu verantworten hatten .... Ihre Hauptkraft lag in dem besonnenen Verstande der Altenwyl und einem gewissen mystischen Glauben an die Inspirationen des vielfach angefeindeten und von den strengen Monarchisten sogar gehassten Generals Voland von der Hahnenfeder.

Fur diesen Kreis war Pauline nun eine formliche Idiosynkrasie. Man wusste zuviel des Zweideutigsten von ihr und ahnte dessen noch mehr, als man wusste oder wissen konnte. Schon eine Frau, die so gewaltig uber einen beschrankten Mann, wie den geduldeten Intendanten der Schlosser und Hofgarten, emporragte, war in jenem Kreise anstossig, denn man liebte zwar das weibliche Ubergewicht sehr, achtete aber ausserlich doch das schicklich Gleichartige in der Ehe und hielt auf Sitte und Gesetz. Von Verhaltnissen, wie sie nicht sein sollten, galten Beispiele sogar schon fur gefahrlich. Man tadelte Paulinen vielleicht niemals, weil man uberhaupt vor fertig ausgesprochenen Urtheilen grosse Scheu hatte, aber der Trieb der Hinneigung fehlte. Pauline existirte naturlich fur den Hof in Allem, was die allgemeineren Rechte der hohern Gesellschaft waren, sie fehlte nie auf der Liste der grossen Einladungen, aber sie nahm diese nicht an, weil sie eben fur die kleinen Cirkel nicht existirte. Sie besuchte nie eine Cour, nie einen Hofball, nie ein Concert, wozu die leidenschaftliche Musikliebhaberei des Konigs oft die Veranlassung gab ... sie wollte nur bei den kleinen Cirkeln sein, und da man sie dort nicht wunschte, so hasste sie eigentlich jene Personen, die es ertragen konnten, sie nicht zu sehen, sie nicht zu kennen! Sie hasste eigentlich in den Personen heimlich sogar dasselbe Princip, dessen Vergotterung sie in ihrer Ubersturzung loyaler Demonstrationen offentlich so angelegentlich betrieben hatte.

Ist es nicht emporend, rief sie nach der Abweisung der Flottwitz, dass ich mich nun zwei Monate lang vergebens angestrengt habe, die Aufmerksamkeit der kleinen Cirkel auch nur obenhin zu erregen? Ich habe Altare gebaut, haushoch mit Blumen bestreut, habe Weihrauch angezundet, dass der ganze Staat wie eine Kirche nach dem Ambra der Liebe und des Vertrauens duftet und mit alledem hab' ich nur meine "Schuldigkeit" gethan! Was stemmt sich mir entgegen? Bei dem Ankauf des Nachlasses der Hohenberg hofft' ich auf eine Annaherung. Ich fuhlte, dass ich Misdeutungen zu vermeiden hatte und Das, was ich besitzen musste, um nicht neue Qualen zu erleben, nicht selbst ankaufen durfte. Ich bringe Hardern, auch gelegentlich die Trompetta dahin, die Damen am Hofe zu interessiren. Ich erlebe erst, dass aus einer von mir eingeleiteten Idee fur mich selbst eine formliche Demuthigung entsteht. Doch ich dachte: Lobt und preist nur die Furstin, um die Verfasserin der "Amarantha" zu kranken! Ich habe doch meinen Plan! Allein der alte Feldmarschall in seiner Beschranktheit glaubte wirklich, mein Vorschlag ware ein Act der Versohnung, sprach daruber in den kleinen Cirkeln in meinem Interesse und der alte, freilich kindische Graf Franken nahm meine Partie und ruhmte schon damals, wie ich von meiner fruhern Art ganz abgelassen hatte ... Und doch ... doch! Da schon keine Antwort aus dem Munde der Konigin! Nicht ein Wort, nichts, nichts, als ein gnadiges Urtheil uber Nadasdi, den sie nicht so schlimm fande, als die Welt sagte. Dafur dann ein freundlicher, die Milde ihres koniglichen Herzens ruhmender Blick der Altenwyl es ist mir Alles erzahlt worden und dabei blieb's und weiter sind wir nicht, weiter kommen wir nicht.

Sind das auch alles Berichte, auf die man sich verlassen kann? sagte die kaltere Ludmer kopfschuttelnd.

Der alte Graf erzahlte ja den Vorfall bei der Werdeck ... Wie kannst du auf die Urtheile dieser wilden Frau horen!

Wild? Weil Sie eine Polin ist, weil sie ein Vaterland hat, das sie liebt, weil sie den Fursten, alle Konige der Erde hasst ...

Pauline!

Ha, ich fuhle die Sussigkeit des Hasses! Ich hasse die Menschen, die sich einbilden unentbehrlich zu sein! Wer gibt Euch denn das Recht, Euch fur so unendlich sicher zu halten, Ihr ...

Pauline! Pauline!

Die alte Gefahrtin und Freundin schalt ernstlich diesen Ausbruch einer sich sogar den hochsten Personen jetzt feindselig zeigenden Gesinnung. Sie tadelte, dass Pauline von Harder den Major von Werdeck in ihren Cirkeln duldete, einen Offizier der Garde, der fur liberal galt, weil seine Gattin, eine geborene Polin, ihn in andern Anschauungen erhielt, als die hier zu Lande in militairischen Kreisen ublich waren ...

Pauline horte auf nichts mehr. Sie hatte mit ihrem Dolche alle Polster des Mobiliars von Hohenberg durchstochen, alle Schranke, alle Schubladen untersucht und nichts von den Denkwurdigkeiten der Furstin Amanda, die diese ihr fur ihren Tod als Antwort auf "Amarantha" angedroht hatte und obgleich, wie man allgemein sagte, wirklich vorhanden, seit zwei Jahren nicht erschienen waren, gefunden ... sie war unglucklich. Ein Schmerz weckt den andern. Die Last ihrer ganzen Stellung fiel ihr aufs Herz und mit einem Jammer, den die Ludmer nicht mehr trosten konnte, stiess sie Klagen aus, die Derjenige kaum verstehen wird, der so glucklich ist, nicht in der Sphare der Hofgunst zu leben.

In diesem Augenblicke trat der Bediente Ernst ein.

Es ist dies derselbe kecke Bursch, dessen Art und Weise wir schon vom Thurme in Plessen her kennen.

Er wollte nur einfach berichten, dass endlich Franz mit dem Landau angekommen ware und sich sogleich melden wurde ...

Als er rasch gehen wollte, hielt ihn die Ludmer zuruck.

Dageblieben! sagte die Alte schnarrend und mit giftigem Blick. Wir haben nun noch miteinander zu reden.

Ja, sagte die Geheimrathin, aus ihrem Unmuth sich gleichfalls zornig aufraffend; Das haben wir! Warum kommt Franz verspatet?

Warum kommt der Landau nach dem Geheimrath? Was ist das Alles? Was sind gestern Nacht auf der Reise fur Dinge vorgefallen? rief die Ludmer schnaubend.

O weh! Jetzt kommt das Examen uber den Heidekrug! dachte Ernst und biss die Lippen zusammen.

Ende des zweiten Buches.

Drittes Buch

Erstes Capitel

Das Examen

Die Geheimrathin Pauline von Harder winkte ...

Ernst, der Bediente, der an der Thur des Gartensalons verlegen harrte, verstand das Zeichen seiner strengen Gebieterin, trat an's Fenster, offnete da ihn die bunten Malereien der Scheiben ungesehen machten und rief hinaus in den Hof ...

Nach einigen Secunden trat noch der Bediente Franz ein ...

Franz sah verstort und uberwacht aus ...

Die Ludmer fixirte ihn mit Habichtsaugen und griff zur Erhohung ihrer geistigen Kraft und zur Unterstutzung ihrer Wurde in die Horndose diesmal mit einer gewissen Feierlichkeit.

Ernst hat uns von einem Bilde gesprochen, begann die Geheimrathin zu Franz gewendet, von einem Bilde, das der verdachtige Gefangene, von dessen Haft im Thurme zu Plessen ich Bericht erhalten habe, hatte von der Wand nehmen wollen. Er entsinnt sich nicht, was es darstellte?

Eine schone junge Frau ... sagte Franz.

Schon? wiederholte die Geheimrathin mit einem eigenen spottischen Tone.

Ganz blass gemalt, sagte Franz und beschrieb ausfuhrlich das uns bekannte Gemalde, indem er von seiner Verlegenheit sich allmalig sammelte.

Die Geheimrathin betrachtete die Ludmer mit den ihr gleichfalls eigenen grossen stechenden Raubvogelaugen. Entsinnst du dich ein solches Bild in der Remise gesehen zu haben? fragte sie erstaunt.

Es sind im Ganzen vierzehn Bilder, sagte die Ludmer. Ja, ja und auch runde sind darunter und Pastellbilder ....

Im Verzeichniss steht Alles genau angegeben, meinte Ernst, und auch dies muss darunter sein.

Die Ludmer sah nach dem Verzeichnisse, das auf einem der kleinen Marmortische lag.

Die Geheimrathin zahlte die angegebenen Bilder und fand zu ihrem Erstaunen ... eins durchstrichen.

Wie kommt der Strich durch diese Nummer? fragte sie mit grosser Strenge.

Die Bedienten sahen auf das Verzeichniss und zuckten die Achseln ...

Sie wussten nichts, als dass Excellenz selbst die Liste bei sich getragen hatte ...

In der Geheimrathin stieg ein Verdacht auf, ein immer lebhafterer, ohne dass sie recht wusste, wo sie ihre Vermuthungen anknupfen sollte.

Hier las sie von einem runden Bilde, in Medaillonform ... ein solches hatte man entwenden wollen ... und nun fehlte es!

Zornig fuhr die Ludmer die Diener an, sie sollten jetzt nur gleich gestehen, wo dies Bild hin ware und warum uberhaupt Franz nun erst mit dem Landau nachkame ....

Die Diener standen verlegen ....

Sie blieben stumm. Die Frauen wussten, dass Beide gewohnt waren, immer nur den Willen ihrer Herrin zu thun und vom Geheimrath keine Notiz zu nehmen ... sie konnten kaum mistrauen.

Es kam aber doch zu einigen Erorterungen.

Die Diener sollten erzahlen, was Alles zuvor auf dem Schlosse sich Verdachtiges ereignet hatte ....

Wie gross war da freilich Paulinens Besturzung, als sie die durch Melanie's Madchen entstandene Plauderei, die Hackert erfahren und Dankmarn gemeldet hatte, nun auch ihrerseits in Erfahrung gebracht zu haben gestanden und der Geheimrathin eroffneten, es ware spater ein verdachtiger Mensch, der mit dem Handwerker im Thurme auffallend vertraut gewesen ware, auf dem Schlosse erschienen, hatte dort bei den Damen ausserordentliches Gluck gemacht, den Geheimrath sogar in seinem Glanze sozusagen ausgestochen und man hatte sich zugeflustert, dieser junge Mann ware kein Anderer als der Prinz Egon von Hohenberg ....

Einen heftigern Schlag konnte Pauline nicht fuhlen. Der Sohn ihrer Todfeindin, ein junger Mann, der ihr aus vielen Grunden selbst verhasst war, erscheint auf dem Schlosse halb unerkannt und in dem wichtigen Augenblicke, wo sie sich jedes von seiner Mutter nachgelassenen Schnitzelchens und Spahnes bemachtigen wollte, um ...

gewisse alte Dinge im Keime zu ersticken! Sie wusste, dass der Prinz von Paris hier angekommen, dann plotzlich sogleich verschwunden war, sie hatte durch Rapporte aus dem hohenbergischen Palais eine Ahnung von Dem, was die Diener erzahlten und dafur als Jeannettens Quelle einen vom Justizrath Schlurck angekommenen Brief erwahnten .... Sie sah ihre gewagtesten Vermuthungen eingetroffen und musste sich auf einem ihrer seidenen Polster erst sammeln, bis sie reden konnte.

Die Ludmer, umsichtiger, weil minder leidenschaftlich als ihre Gebieterin, setzte das Examen fort.

Die Bedienten kamen auf die Vorfalle im Heidekrug ...

Dass dort der Fremde, in dem sie den Prinzen vermutheten, wieder auftauchte, erschien ihnen, sagten sie, auch da im hochsten Grade verdachtig, sie hatten dem Geheimrath es, wie sie sagten, "stechen" wollen, aber ... hier fingen die beiden geschaftigen Livree Sklaven an zu stocken ... zu errothen, sich gegenseitig verlegen anzublicken.

Den Frauen entging davon nichts.

Was habt Ihr? hiess es.

Nichts! war die zogernde Antwort ...

Aber bald sahen die Frauen, dass ihnen gewisse Dinge verschwiegen geblieben waren und dass sie sehr gut gethan hatten, dem spater angekommenen Franz zu verbieten, sich erst auf's Hofamt zum Geheimrath zu begeben.

Was wussten sie? Die Bedienten berichteten ...

Sie wussten, der Geheimrath war gestern Nacht mit dem grossen Mobelwagen angekommen, auf dessen Bock er, wie er sagte aus Vorsicht, bis zum Stadtthore selbst gesessen hatte. Spater nahm er am Thor einen Fiaker ....

Man hatte den Geheimrath Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein beim Thee, nachdem sich der Maler Heinrichson entfernt hatte, uber diese Sorgfalt schon gestern sehr ausgelacht und in der Freude, den moglichen Versteck von Memoiren, die zwei Jahre lang nicht erschienen waren und doch existiren sollten, in der Wagenremise unten ganz sicher zu wissen, ihn sehr anerkannt und gelobt, trotz der lacherlichen Figur, die der ernste Mann auf dem Bock des Mobelwagens gemacht haben musste ...

Jetzt aber erschien seine Aufopferung plotzlich verdachtig.

Man begriff nicht, wie er Franzen hatte, wie dieser sagte, verschweigen konnen, dass er mit dem Transportwagen fahre und als dieser sich verwirrte und sein spateres Eintreffen keineswegs, wie der Intendant, mit irgend einem Ubel der Pferde entschuldigte, musste denn vorlaufig schon diese Wahrheit an den Tag, dass auch Ernst gestand, die Excellenz keineswegs gleich beim Ausfahren auf dem Bocke bemerkt zu haben. Man ware mit dem Transportwagen vorausgefahren, in der festen Meinung, der Landau kame sogleich nach, und als das eine Weile gedauert hatte und man an eine Ecke und sonst sich schlangelnde Wege gekommen ware und sich dem Glauben hingegeben hatte, der Landau wurde schon nachkommen, da ...

Da?

Da ...

Um des Himmelswillen, riefen die Frauen, wo war denn da die Excellenz?

Franz war nun ebenso neugierig wie die Damen und blickte Ernsten an ...

Als Ernst in ausserster Verlegenheit erst schwieg, dann zur Erde blickte und von der Ludmer ein wenig in handgreiflicher Sokratischer Methode an der Schulter geruttelt worden war, sagte Franz endlich:

Wir suchten Excellenz im ganzen Heidekrug und ich hatte schworen mogen, er ware uns gemordet worden. Sein Bett war nicht beruhrt. Wie er am Abend ging und stand, so war er am Morgen verschwunden.

Nun war es an Ernst, zu reden.

Uber und uber roth, schwieg er aber noch immer ...

Pauline pflegte in jungen Jahren bei ahnlichen Fallen an ihren Leuten durch eine kraftig eingesetzte, mit Geschicklichkeit an die Wange applicirte Ohrfeige deren Trieb nach Wahrheit zu unterstutzen. Schon fuhlte Ernst etwas von den Vorbereitungen eines Ruckfalls in diese freundliche Ermunterungsmethode, als er lieber aus eigenem Anreiz der Wahrheit entgegen kam und seine Bereitwilligkeit, Gestandnisse zu machen, durch ein schadenfrohes, boshaftes Lacheln nun schon im Voraus ankundigte.

Aha! Er lacht! Was ist? sagte die Ludmer.

Ernst wandte sich nun wie verschamt um, und meinte ganz einfach:

Es ist eine curiose Geschichte!

Diese Einleitung genugte vollkommen, spannte aber auch die Neugier der Frauen auf's Hochste.

Geheimrath waren wirklich mit uns gefahren auf dem Transportwagen, sagte Ernst schlau; wir hatten ihn nur nicht gesehen.

Nicht gesehen? fragte die Ludmer und ihre Gebieterin erganzte mit ganz gewohnlicher auf die Wurde des Intendanten nicht Rucksicht nehmender Phraseologie:

Wo steckte er denn?

Drin im Wagen, sagte Ernst und platzte mit langstverhaltenem Lachen so hervor, dass die Toilette der Damen fast in Gefahr kam.

In dem Transportwagen drin? riefen die Frauen.

Excellenz sassen im Transportwagen drin und hatten auch drin geschlafen, fuhr Ernst fort. Ja! ja! aus Wachsamkeit ganz inwendig geschlafen! Erst nachdem wir eine Stunde gefahren waren, horten wir immer was so sonderbar rufen. Es war, als spukt' es oder als waren Ratzen in den Mobeln, so sonderbar klopfte es. Erst wusste die Gendarmerie nicht, wo's herkam. Hernach aber merkten wir's, dass es doch von inwendig kam und keine Ratzen waren. Halt! dachten wir, da hat sich Einer drin gefangen, und schon berathschlagten wir, was nun zu thun. Das Klopfen aber horte nicht auf und statt jeder Antwort auf unser: "Wer ist denn da drin?", bekamen wir wieder das Klopfen. Da machten wir denn die Stange los und offneten behutsam, wie wenn Einer Vogel lebendig gefangen hat und die Falle aufmacht. Wer kroch in Lebensgrosse heraus? Excellenz! Von Fragens war naturlich keine Rede; denn Excellenz waren furchtbar ungnadig, winkten mit der Hand und setzten sich vorn auf den Bock, wo sie sehr wenig gesprochen haben, nichts assen und nichts tranken als eine Tasse Kamillenthee in einem Dorfe ... und mir verboten haben ...

Verboten? rief die Geheimrathin mit satirischer, von der Vorstellung des aus dem Kasten kriechenden Gatten zum Lachen hochstgeneigter Miene; verboten, von dieser Aufopferung zu sprechen? Das Abenteuer ist so amusant, was ist da zu verbieten?

Sie betrachtete dabei mistrauisch mit den Augen zwinkernd die Ludmer.

Die Ludmer aber, die nie etwas ganz schwarz sehen konnte, lachte uber die Massen. Das Kinn wackelte ihr vor Entzucken uber den eingeschlossenen Geheimrath und weit entfernt, dem Zusammenhang sothaner Misverstandnisse nachzuspuren, hielt sie sich ganz einfach an das komische Factum, wie der hagere, steife, stolze Herr musste ausgesehen haben, als er aus seiner Falle herausgekrochen gekommen ware.

Falle sagst du, Charlotte? wandte sich die Geheimrathin zu ihr. Falle? Wer hat ihm denn eine Falle gestellt? Wie ist denn der Geheimrath hineingekommen in den Wagen, von dem mir doch gesagt wurde, dass er von Euch und zwei Bewaffneten bewacht war?

Jetzt blickten die Diener wieder scheu zur Erde und verriethen, ohnehin durch die Confrontation verlegen, was ihnen Ferneres vorgestern Abend begegnet war.

Dies kam denn darauf hinaus:

Der Geheimrath hatte die ubrige von Hohenberg nachkommende Gesellschaft, wie sie dachten des Prinzen wegen, mit grosser Spannung im Heidekruge erwartet, ware aber den ganzen Abend uber nur mit Madame Schlurck und Fraulein Tochter zusammengewesen, ware dann zu ihnen in den Hof gekommen, wo es vom Regen fast nicht zum Aushalten gewesen und hatte ihnen gesagt:

Kinder, wir sind hier sicher, ich will nicht, dass ihr des Wagens wegen um einen trocknen Platz kommt! Da geht hinauf und trinkt auf des Konigs Wohl! Damit hatte er ihnen einen Thaler gegeben. Sie waren hinaufgegangen in die Wirthsstube und mussten sich freilich schamen zu gestehen, dass sie auf des Konigs Wohl uber Krafte getrunken hatten, woran die Gendarmen Schuld waren und wie gesagt, des Konigs Wohl. Nach einer halben Stunde waren dann Excellenz gekommen und hatten den Schlussel zu der Eisenstange am Wagen verlangt. Er wollte etwas nachsehen, hatt's geheissen. Sie hatten ihn naturlich begleiten wollen, allein Excellenz hatten es nicht leiden mogen und so hatten sie fur des Konigs Wohl gesessen bis in die Nacht hinein. Nachher war' ihnen aber denn doch der Schlaf gekommen und die Sorge fur den Wagen. Wie gross war' ihr Erstaunen gewesen, als sie den Wagen in der Dunkelheit offen, die Stange aber mit dem Schlussel an einem Ende baumelnd gefunden hatten. In Angst, es mochte der Geheimrath aus Vergesslichkeit hier Gelegenheit zu einem Diebstahl gegeben haben, waren sie rasch bei der Hand gewesen, die Thur wieder zuzuschliessen. Und da hatten sie denn ihren Herrn, der auf einem der Fauteuils wahrscheinlich entschlummert ware, wider Wissen und Willen mit eingekerkert und einen so vornehmen Herrn gezwungen, die ganze Nacht in dieser hochst elenden und bejammernswurdigen Lage zuzubringen.

Pauline hielt beide Hande uber die Stirn und rief halb im Zorn, halb doch von der komischen Situation ihres Gatten amusirt, laut aus, ob denn so etwas moglich, nur denkbar und wirklich glaublich ware!

Dann aber des sicher bei dieser Gelegenheit verloren gegangenen Bildes gedenkend, rief sie:

Was hatte er aber so spat in der Nacht in dem Wagen zu schaffen! Der furchtsame Mann, der nicht allein des Abends oben auf sein Zimmer gehen kann! Der Verschlafene, der wie die Huhner nach Sonnenuntergang kein Auge mehr offen behalt!

Ernst, wie immer lebhaft, und an diese vertrauliche Art, uber den Intendanten zu sprechen, im Hause langst gewohnt, lachte und platzte mit den Worten heraus:

Nun, die Augelchen hat wol an dem Abend das Fraulein wach gehalten.

Das Fraulein ?

Einem solchen Verrathe, der aus einer recht bosen Lust zu schaden hervorging, aus einer absichtlichen Reizung zum Unfrieden, mussten denn freilich jetzt die umstandlichsten Gestandnisse folgen ...

Welches Fraulein? Demoiselle Melanie? Melanie Schlurck? Wie war Das? Was sah man? Was horte man? ...

Wir lassen nun einen Vorhang fallen uber die fernere Entwickelung dieser hauslichen Angeberei, die zu den allerdings wiederkehrenden taglichen Erscheinungen grosser Hauser gehort, zugleich aber zu den widerlichsten Belegen raffinirter Entsittlichung.

Die Diener wurden mit dem Bemerken entlassen, dass sie zwar fur die Vernachlassigung ihrer Pflichten auf dem Heidekrug Strafe verdient hatten, indessen wolle man in Anbetracht ihrer sonst aufrichtigen Gestandnisse Gnade fur Recht ergehen lassen und nur diese Bedingung noch ihnen ernstlich einscharfen, dass sie die Mitwissenschaft der Frauen ihrem Herrn zu verschweigen und sich uberhaupt im ferneren Verlauf dieser Dinge zu erinnern hatten, von wem ihr langeres Verweilen in einem so guten Dienste, mit dem gewohnlich eine kunftige Staatsanstellung als Kastellan eines koniglichen Schlosses verbunden war, abhinge, ob von Excellenz dem Geheimrath oder Excellenz der Geheimrathin ...

Die Diener gingen leise und erleichtert.

Pauline winkte der Ludmer und schlupfte uber einen kleinen Verbindungsgang aus dem Gartensalon in ihre Zimmer.

Diese lagen je nach ihrer Stimmung nach vorn oder hinten.

In dem Zimmer nach vorn empfing sie nahere Bekannte, in dem, das nach hinten lag, dachte und grubelte sie; beide waren durch ihr Schlafzimmer, einen nach beiden Seiten hin offenen Alkoven, getrennt.

Das vordere Boudoir war ungemein geschmackvoll und auch ganz so eingerichtet, als wenn sie immer in ihm verweilte. Ein Schreibtisch von Jacarandenholz, sehr zierlich gearbeitet und mit den reichsten Schnitzereien eingefasst, trug alle jene kleinen Gerathschaften, Briefbeschwerer, Siegel, Statuetten, Visitenkartenhalter, wie man sie bei einer so gewahlten Einrichtung anzutreffen pflegt. Alles lag hier zierlich und wohlgeordnet nebeneinander. Das Zimmer war hellblau. Die Sessel alle mit gelbem Plusch uberzogen. Auch die Vorhange fielen gelb von den im Sommer sonnengeplagten Fenstern herab. Hier sah man eine Bibliothek mit kostbaren Einbanden, eine Etagere mit den "Souvenirs" und Geschenken einer ziemlich langen Lebensperiode, dazwischen Blumen, jedoch nur geruchlose, des Schlafzimmers wegen, das durch einen schweren auch gelbseidnen Vorhang von diesem Zimmer getrennt war.

Das Schlafzimmer hatte kein eignes Fenster und wurde nur durch die Fenster der beiden Zimmer, die es verbanden, geluftet. Das Bett war einfach und verrieth in seiner geringen Aufladung einen abgeharteten fast mannlichen Sinn. Das war kein Bett zum sussen Traumen, sondern zum wirklichen Ausruhen von ernstem Wachen!

Ebenso war das zweite vertrautere Boudoir, das nach hinten hinausging zu dem Winkel, den im Garten der vorgeschobene Anbau des Gartensalons und das Frontgebaude bildeten, sichtlich nicht zum blossen Staate bestimmt. Hier lebte Pauline wie sie war. Zur Rechten lag der Eingang in eine grosse Garderobe, wo in Schranken rings an allen Wanden ihre Kleider hingen. In diesem zweiten Boudoir war Alles grun. Auch der Vorhang, der nach dieser Seite das Schlafzimmer trennte, war grun, von einfacher Seide. Hier lagen Bucher und Schriften wild durcheinander, Papiere zerrissen im Papierkorbe, Siegel und Siegelwachs in reichster Anzahl und von wirklichem Gebrauche zeugend. Im blauen Zimmer mit den gelben Vorhangen sah man wol auch Spuren von Thatigkeit, auch einen Papierkorb, auch Siegelwachs und Petschafte, aber Alles zierlich, lieblich, grazios, wie fur den Gebrauch eines Elfen, einer Sylphide bestimmt. Im hellgrunen Zimmer mit den dunkelgrunen Vorhangen und Mobeln dagegen traf man das wirkliche Leben ihrer starkgeistigen Bewohnerin. Da waren Schubfacher mit geheimen Druckern, Schranke, festverschlossen, und Polster, die wirklich zerlegen und zersessen waren. Hier war Pauline wahr. In dem Vorderboudoir gab sie einen gefalligen Schein. Wohnlich und traulich war es dort ... Man musste glauben, in ihre geheimste innere Werkstatt zu kommen, wenn man durch eine lange Reihe Gemacher endlich durch den allgemeinen Empfangsalon bis in jenes blaue Zimmer gelangte. Da war Alles fesselnd und sinnvoll, gemuthlich und beziehungsreich. Man musste die sinnige Frau, den still waltenden Geist bewundern, der hier wirkte und schaffte und sich mit dem bescheidenen, anspruchlosen Bett begnugte. Aber ... Pauline wohnte nicht hier. Sie wohnte in dem Zimmer Grun in Grun mit dustren Vorhangen, schattig und dunkel und in hundert Spuren die Wildheit ihres Innern verrathend. Hatte sie noch so lieben konnen, wie sie einst liebte und Niemanden leidenschaftlicher, als jenen Heinrich Rodewald, sie wurde auch diesen Raum zu einem Tempel der Liebe erweitert und verschonert haben ... Jetzt trug er keine Spuren mehr davon. Mit ihrer letzten langern "Liaison", dem franzosischen Attache Grafen d'Azimont, hatte sie diesen sie ganz allein erfullenden Anregungen ihres Innern Lebewohl! gesagt und sich uberhaupt, in Rucksicht auf die kleinen Cirkel, einer musterhaften Auffuhrung befleissigt. Man muss gestehen, dass sie Ursache hatte, endlich etwas zu finden, was sie ganz erfullte. Sie hatte zu Vielem entsagt, um nicht Anspruche auf die starkste und umfassendste Befriedigung ihrer nach Thatigkeit schmachtenden Seele zu haben. Das Verhaltniss zu dem Maler Heinrichson war jetzt ein letzter sanfter Abendschimmer der Vergangenheit. Dieser junge, schone, elegante Salonmaler besuchte sie taglich, aber sie gefiel sich darin, vor der Welt die Miene anzunehmen, als wenn er in ihr, der bald Sechzigjahrigen, nur eine Mutter besasse, eine altere, rathende, anregende Freundin ... Wie hatte sie auch sonst von Heinrichson's kleinen Aventuren sprechen und oft zur Trompetta, zur Mauseburg, zur Werdeck, zur Landskrona, zur Spitz sagen konnen: Ach, ich bin recht verstimmt ... Heinrichson hat so viel Ungluck mit einer kleinen Blondine oder einer Brunette, die er liebt! Ich habe das Madchen besucht, ihr einen Shawl geschenkt ... oder einen Hut ... aber sie liebt ihn nicht und macht mich unglucklich!

Die Ludmer folgte Paulinen in das Zimmer Grun in Grun. Aufmerksam horte sie ihrer Gebieterin und Freundin zu, als diese auf eine Ottomane sich werfend, nunmehr ausrief:

Welche Entdeckungen! Welche Enthullungen! Henning im Mobelwagen! Prinz Egon auf Hohenberg! Eine junge Kokette, die so liebenswurdig und geistreich sein soll, dass der Geheimrath ganz aus der Facon gekommen sein muss und seine Grandezza und seine pariser Perrucke einmal vergessen hat! Ein Bild, das uber dem Wirrwarr verloren geht, vielleicht geraubt wird! Wer bringt Licht in dies Dunkel? Wer entwirrt uns eine Intrigue, die doch an den sichtbarsten Faden uns umsponnen halt? Und bei dem Allen, mag es sich entwirren wie es will, wer bringt uns das von Harder hier ausgestrichene Bild zuruck, das vielleicht grade die Denkwurdigkeiten meiner Feindin, die Rache einer Heuchlerin enthalt! Denn ich besinne mich! Die Furstin starb mit dem letzten Ausruf:

das Bild! Und die Familienbilder sollte Prinz Egon behalten ...

Ach! Man verlangt von Hardern, sagte die Ludmer beruhigend, einen genauen und unverhohlenen Bericht.

Was kann uns der helfen? antwortete Pauline, wenn er selbst, wie es scheint, zu Denen gehort, Die irgend eine schlaue Berechnung tauschte. Hat er wohl ein Wort von Prinz Egon's Anwesenheit gesprochen? Er wird uns vielleicht nicht betrugen, gehort aber, wie wir Alle, zu den Betrogenen! Es ist gar zu lacherlich, in einem Mobelwagen verschlossen zu werden und statt im Bett, auf einem Fauteuil in einer ambulanten Remise einzuschlafen. Und gib Acht! Wir werden forschen durfen, so viel wir wollen, wir werden nichts von ihm erfahren, als dass er hatte "gewissenhaft" sein wollen.

Es kommt auf eine Prufung an, sagte die Ludmer, die sich mit Recht von der Furcht Henning von Harder's vor seiner Gattin viel versprechen durfte.

Und Schlurck, fuhr Pauline fort, der sonst so aufmerksame Schlurck, der mir nie etwas verschwieg, was sich auf Egon bezog, er verschweigt mir diese Reise nach Hohenberg! Auch Zeisel hat mich vergessen, weil ich es nicht moglich machen konnte, ihm eine seinem alten Range angemessene Versetzung zu verschaffen. Er soll die Arrestation des neugierigen, sicher verkappten Handwerksburschen ganz oberflachlich betrieben haben. Kurz, ich bin nicht mehr Die, die ich war ... ich existire nicht ... man ignorirt mich, man durchkreuzt mir die besonnensten Plane.. man operirt, dass sie scheitern mussen!

Du unternimmst zuviel, antwortete die Ludmer, und war erfreut beim ruhiger ausstromenden Schmerz der Gebieterin mit Anstand wieder eine Prise nehmen zu durfen. Du wagst dich an die schwierigsten Dinge, ohne dafur eine Anerkennung zu finden. Ich wunschte wol, du hutetest dich vor Schlurck

Vor Schlurck? Wie so?

Seine Spasse sind oft bitter! Seine Mienen haben etwas Sauerliches, als wollte er sagen: ....

Nun? Was sagen?

Die Ludmer stockte ...

Foltre mich nicht! fiel die Geheimrathin ein. Verdachtige mir nicht die besten Freunde!

Die dich benutzen und fallen lassen, wenn sie dich auspressten ....

Schlurck mich benutzen? fragte verdriesslich die Geheimrathin, deren Geschmack zugleich an dem Bilde von der ausgepressten ... Citrone kein Gefallen fand.

Schlurck ist mir verdachtig ... sagte die Ludmer. Ein so boshafter kalter Egoist ....

Ah! Bah! antwortete die Geheimrathin. Das verstehst du nicht. Das ist ein Philosoph und nach dem Abenteuer seiner Tochter mit Harder zu schliessen, hat das Madchen Laune und Geist ... ich muss sie kennen lernen ....

Damit sie dich immermehr umstricken? Immermehr misbrauchen!

Misbrauchen? Wozu? fragte die Geheimrathin ungeduldig.

Der Obercommissair hat mir Alles erklart und auseinandergesetzt ....

Man muss gestehen, sagte die Geheimrathin bitter, deine Verwandtschaft wirkt sehr ungleichartig auf dich. Deiner Nichte weisest du die Thur ... und deinem sogenannten Neveu, der dich beerben wird, der jetzt schon sogar deine Verwandtschaft erbt, ohne je etwas Anderes gewesen zu sein als ein gewandter Intrigant und dein Liebhaber ....

Pauline! Du bist gereizt! sagte die Alte mit argerlichem Tone, aber doch von dem Worte: Liebhaber! angewandt auf ihre alten welken Zuge, ein wenig geschmeichelt ....

Was sagte denn Pax? fragte die Geheimrathin.

Als Obercommissair der Polizei kann Pax klar sehen, antwortete die Ludmer. Er warnt vor Schlurck. Wenn Prinz Egon die Verwaltung seiner Guter ubernimmt, verliert der Justizrath die Halfte seiner Einkunfte. Die andere Halfte kommt von der Administration der alten stadtischen Hauser .... Mit der sieht es gleichfalls nicht besser aus.

Er wird sie behalten!

Denkst du? Jetzt, wo das Ministerium Alles daran setzt, diesen Process zu gewinnen?

Der Hof ist fur die Anspruche der Commune.

Dank deinem Einflusse! Wie schlau weiss ihn dieser Schlurck nicht zu benutzen! Wie zerfloss er in Ruhrung, als du ihm sagtest: Die Konigin misbilligt die Handlungsweise des Ministeriums und bietet Alles auf, der Commune ihre alten Schatze zu erhalten!

Kind! Er lachte daruber! sagte die Geheimrathin. Er lachte uber die Geistesrichtung des Hofes, dass dieser sogar gegen seinen eignen Vortheil gestimmt ist, wenn es sich um eine mittelalterliche Traumerei handelt. Du sprichst von meinem Einflusse! Soll Das Spott sein? Anna! Anna! Meine Schwester! Das ist die Quelle, zu der Schlurck Zugang finden musste! Anna wird entscheiden konnen ....

Warum Anna?

Durch unsern Schwiegervater! Das Obertribunal wird in letzter Instanz Recht geben und behalten. Wer weiss, ob das dringende Verlangen des Hofes, Annen's Bekanntschaft zu machen, nicht mit jenem Process zusammenhangt!

Nimmermehr, sagte die Ludmer, die sich auf die Lange immer mehr als eine kluge, praktische Frau zu erkennen gab, nimmermehr, Herz! Solche Einwirkungen konnen wol den Untergeordneten einfallen, aber die Oberhofmeisterin, die Altenwyl, denkt an solche Plane nicht. Man schatzt Anna, weil sie fur anspruchslos gilt und sich ganz und ausschliesslich der Pflege eines ehrwurdigen Alten widmet. Auch treibt sie alte Musik. Das ist allein schon hinreichend, ihr ein Lustre zu geben, wie man's nun oben einmal liebt. Rechnet man noch die Neugier hinzu, eine Frau kennen zu lernen, die von dir so verschieden sein soll, so ist Alles beisammen, was dort fur sie spricht. An den Process denkt Niemand. Pax meint Das auch.

Ich will es glauben, sagte Pauline, was Anna's Beziehung zum Papa anlangt. Allein der Gegenstand, um den mich Schlurck neuerdings besucht, ist dem Hofe wirklich sehr wichtig. Er wird viel besprochen und auf die Losung ist man allgemein gespannt. Und so wunderlich ist dabei die Stellung der kleinen Cirkel zum Ministerium, dass beide ganz verschiedene Zwecke verfolgen. Die Ministerien wollen die alte Erbschaft fur den Staat und die kleinen Cirkel sind dafur, dass sie der Stadt verbleibt. Das wissen sehr Wenige und Keiner wird es begreifen, der sich nicht in die Natur dieser traumerischen Menschen oben hineingefuhlt hat. Und sind wir doch selbst an der Entscheidung betheiligt? Unser altes Familienhaus in der Stadt ist ein Johanniterlehn. Jahrhunderte lang zahlten die Marschalks eine sehr geringe Abgabe an die Stadt, der die Rechte und Besitzungen ubertragen wurden, als die alten Ritterorden protestantisch wurden und ihre grossen Guter auseinanderfielen an den Ersten Besten, der in Zeiten allgemeiner Verwirrung von ihnen Vortheil zog und Besitz zu ergreifen verstand. Wenn wir nun vom Staate abhangig werden, wurde der Zins ohne Zweifel erhoht. So geringfugig dieser Grund sein mag, der auch uns sollte wunschen lassen, die Sache bliebe beim Alten, so habe ich doch dadurch ein geeignetes Mittel, den intimsten Wunschen der eigentlich einflussreichen und das Ganze regierenden Partei entgegenzukommen, und es ist wiederum eine unbegreifliche Vernachlassigung Schlurck's, dass er mir so lange auch nicht uber den Gang dieser Angelegenheit berichtet hat.

Lange wogte so das Chaos von vielen ungewissen und qualenden Stimmungen und Betrachtungen in der ehrgeizigen, thatendurstenden Frau auf und ab. Was war da nicht Alles, das schattenhaft vor ihr auf und niedergaukelte! Liebe, Hass, Streit, Friede, Staat, Familie, die Welt, ihr Haus, ihr Herz .... Alles war in Aufregung und keine Idee war da, die ihr als Stutze und Anlehnung in dieser Verwirrung hatte dienen konnen.

Sie warf einen Ruckblick auf die Vergangenheit ....

Ach! sagte sie; wo sind die Manner, die uns einst zur Seite standen?

Lass' Das! rief Charlotte Ludmer. Sieh, da geht der Commissionair des Hotel garni am Paradeplatz ... er kommt zu uns ....

Ich will nichts wissen von der Gegenwart, sagte Pauline. O diese Vergangenheit! Diese kraftvollen Arme, die uns einst emporhielten uber diese schaale Welt ....

Ein Bedienter geht uber den Hof und bringt eine Karte, sagte die Ludmer, die von dem grunen Zimmer zuweilen in das gelbe schritt ....

Erst dieser Ried, mein erster Mann! Ich war jung, kindisch. Ich nahm einen reichen Finanzier. Er war alt, dick, unausstehlich, aber in seiner Weise anerkennenswerth, unternehmend, speculativ. Dann Anton.. auch Eduard ... aber Heinrich Rodewald! Welch ein Heros! Welcher Titan an Grosse des Geistes! .... Mit seiner Untreue brach meine Kraft.

Du wirst in den Blattern deines Lebens nachschlagen, sagte die Ludmer spottend, bis du auf Zeck kommst ....

Charlotte!

Denselben Zeck, den Schlurck schon einige Male in deiner Gegenwart so zweideutig genannt hat!

Schlurck? Es ist wahr ...

Wenn Schlurck die Denkwurdigkeiten der Furstin Amanda langst besasse!

Charlotte!

Eben wollte die Ludmer sagen: Warum vermeidet dich seit einiger Zeit der Justizrath? als der Bediente Ernst eintrat und zwei eben abgegebene Gegenstande brachte, eine Karte und einen Brief.

Auf der Karte stand: Justizrath Schlurck wird sich die Ehre geben, binnen einer Viertelstunde, wenn erlaubt, aufzuwarten ...

Triumphirend blickte die Geheimrathin, die viel Neigung fur Schlurck's philosophische Weltanschauung hatte, auf die "auch gar zu kluge", wie sie sie ofters nannte, geheime Vertraute.

Und als sie vollends den vom Commissionair gebrachten Brief entgegengenommen und die Aufschrift gelesen hatte, gerieth sie in ein hochst angenehmes Erstaunen.

Von der d'Azimont! rief sie. Ist es moglich? Aus Paris?

d'Azimont? Kommt der Graf zuruck? fragte die Ludmer gedehnt und gedachte dabei im Nu der Moglichkeit neuer Storungen des sittlichen Verhaltens, das Pauline dem Hofe gegenuber behaupten wollte.

Pauline durchflog das Billet in gespanntester Aufmerksamkeit und liess wahrend des Lesens die Worte hinfallen:

Nein der Graf nicht von ihr Was? krank Wer? Prinz Egon ist krank? Der Arme sie hat sich brouillirt mit dem Grafen? Nein, mit Egon auch? O! -Sieh! Sieh! Sie ist rasend sie verzweifelt sie wird abreisen? sie kommt von Paris Nein, was les' ich denn! Sie ist schon da! Himmel der Brief ist ja von hier

Die d'Azimont ist hier? fragte die Ludmer.

Die d'Azimont! Helene d'Azimont, Egon's Geliebte! Hier?

Sie war dir immer zugethan ... aber ....

Indem fuhr ein Wagen vor. Ohne Zweifel schon der angekundigte Besuch des Justizrathes ...

Unterhalte dich eine Weile mit Schlurck, sagte Pauline rasch, legte das empfangene Billet zurecht und setzte sich zu einer Antwort hin. Schlurck soll nicht gehen, horst du? Der Bediente der d'Azimont soll warten. Ernst soll sich erkundigen, ob Prinz Egon wirklich wieder sichtbar, wirklich krank ist und seit wie lange? Ich vermuthe, er verleugnet sich nur der Armen wegen, mit der er brechen will, der alberne Sohn einer albernen Mutter Franz soll auf's Hofamt sagen, dass ich den Geheimrath um drei Uhr zu sprechen wunsche wir essen um vier ... Um acht heute Gesellschaft ... Wenn Schlurck fort ist, mach' ich Toilette ....

Die Ludmer ging gehorsam nach vorn in's Empfangzimmer und brummte lachend vor sich etwas hin, als wollte sie sagen:

Nun ist ja Alles wieder im besten Zug!

Und in der That schien es wirklich zu gehen. Da war ja mit einem Male Alles wieder wie es sein sollte. Menschen, Briefe, Neuigkeiten, Situationen ... Alles, was Pauline haben musste, um leben zu konnen.

Mit rascher Hand warf sie auf ein zierliches Blatt die Worte:

"Tausendmal gegrusst, liebenswurdige Freundin! Engel, wie schon, dass Sie da sind! Zittern Sie doch nicht um Ergon! Wenn er seiner Mutter gleicht, ist er sanft und wenn er dem Vater gleicht, nur leichtsinnig! Kommen Sie an mein Herz! Haben Sie Thranen zu weinen, in meiner Brust ist eine Stelle, wo Thranen nicht entweiht werden! Kommen Sie! Kommen Sie! Um Eins! Toute a Vous! Um Eins, oder um Sechs, wie Helene will! Ach Helene, wie lieb' ich Sie! Nein dass Sie da sind! Wie uberraschend! Wie Helenisch! Willkommen! Willkommen!"

Rasch gesiegelt, geklingelt, abgegeben. Den Kopf geordnet, das Bandeau uber das Haar gezogen, die langen spitzenbesetzten Zipfel noch einmal zu einer schonen Schleife geknupft, die Falten der Morgenrobe geglattet, ein Batisttuch in die Hand genommen, noch ein Blick in den Spiegel und dann nach vorn geschwebt, durch das Schlafkabinet aus dem Zimmer Grun in Grun in das Zimmer Gelb in Blau. Die Thur geoffnet ... alle unmuthigen Mienen verschmolzen in holdseligstes Lacheln

Schlurck trat ein ...

Zweites Capitel

Was ist Romantik?

Die Ludmer hatte sich entfernt, um noch einmal den Versuch zu machen, ob sich nicht unter den Gerathschaften, die von Hohenberg gekommen waren, doch noch das fehlende Bild fande.

Sie hatte bei ihrer Gebieterin zu oft erlebt, dass diese im sturmischen Eifer ihres Temperamentes etwas zu vermissen glaubte, was sich spater doch so vorfand, ganz wie es sein sollte ....

Wir uberlassen sie ihrer, im heutigen Falle fruchtlosen Arbeit.

Die Geheimrathin und Schlurck sassen sich indessen schon auf bequemen Polstern gegenuber.

Der Schimmer der gelben Decorirung that seine Wirkung. Pauline erschien frischer, als sie heute schon hatte in Folge der gewaltigen Aufregung aussehen konnen.

Wenn man glauben wollte, diese beiden Naturen, die von Ehrgeiz zernagte Pauline und der ruhige Epikuraer, hatten fureinander so gepasst, wie Pauline glaubte, wurde man irren. Sie verstanden sich gegenseitig, aber sie gaben keinen gleichen Accord. Sie schatzten sich, ohne sich zu lieben. Schlurck war dies Feuer denn doch zu zehrend, Paulinen sein Phlegma denn doch zu lahmend. Sie hatte immer sturmen, drangen, wirken mogen, er lachelte nur und glossirte. Er arbeitete nur, um die Mittel zum Genuss zu haben, den sie verschmahte, deshalb vielleicht verschmahte, weil sie ihn besass, ohne ihn erwerben zu mussen.

Schlurck fuhrte auch ihre sehr gunstigen alten Ried'-schen Finanzen, die von denen des minder beguterten Gemahls gesondert verwaltet wurden.

Des Jahres zwei- oder dreimal gab er ihr eine Ubersicht ihrer Einnahmen und gern horte sie ihm zu, auch wenn er dann gelegentlich von andern Dingen sprach.

Heute nun erklarte Pauline sogleich, uber Vieles mit ihm Rucksprache nehmen zu mussen und Schlurck, lachelnd seine Brille abnehmend und die Glaser mit dem einen seiner gelben Glaceehandschuhe, den er auszog, putzend, antwortete:

Ich habe zwar nicht viel Zeit, indessen fangen Sie an! Sie verstehen zu fesseln.

Wollen Sie heute mit mir rechnen? fragte Pauline, um Zeit zu gewinnen, alle ihre Fragen sich erst vorsichtig zurecht zu legen.

Nein, meine Gnadige, erwiderte Schlurck, ich komme nur, um mein Bedauern auszusprechen, dass es mir nicht gelingen wird, die mir vom Reubunde zugedachte Rolle zu spielen. Wollen Sie mich an ein anderes Wahlgebiet verweisen, in der Vorversammlung zu Helldorf ist meine Bewerbung durchgefallen. Mein eigener Lobredner, Justus, der Dorftartuffe, der grosse Mirabeau der gemassigten Dummheit, wird die meisten Stimmen davontragen.

Wahlen sind immer interessant, wie auch fur Die, die nicht in der Lotterie spielen, die Nachricht von grossen da- oder dorthin gefallenen Gewinnen unterhaltend bleibt.

Pauline sprach ihr Bedauern aus und verhiess, anderweitig sorgen zu wollen.

Nein, sagte Schlurck, ich bitte! Lassen Sie mich lieber ganz davon, gnadige Frau! Ich passe in diesen Wirrwarr nicht. Meine Geschafte wachsen mir uber den Kopf, ich musste sie so vernachlassigen, dass ich in meiner Praxis zuruckkame. Was hulfe mir ein Portefeuille, das ich vier Wochen lang verwaltete? Ehe ich mich noch in der Ministerstrasse eingerichtet hatte, musst' ich schon wieder ausziehen und einen Arger hatt' ich vielleicht davon, so empfindlich, dass ich meine Verdauung schwachte. Ich werde recht difficil mit meinem Magen.

Aber wenn Sie sich nun behaupteten, Justizrath! Wenn Sie eine Partei bildeten!

Behaupten kann ich mich schon deshalb nicht, weil ich zu leise spreche, und von Parteibildung ist noch weniger die Rede, da ich zu sehr Advocat bin, um nicht jede Ansicht, die uns Vortheil bringt, vernunftig zu finden. Was soll ich fur eine Partei bilden? Die der aussersten Austernesser ware mir die liebste, und auch bei denen gibt es nicht immer einerlei Meinung. Die Einen ziehen die Austern mit Porter, die Andern mit Rheinwein vor und schon uber die obligate Anwendung der Citrone hab' ich mich mit mehren meiner Collegen zuweilen uberworfen. Nein, nein, keine Politik mehr! Ich habe Falle erlebt, dass einige meiner Austernfreunde, die sich wahlen liessen, plotzlich Gesinnung bekamen. Denken Sie sich, friedliche, ruhige Menschen, die nichts in der Welt mehr kummert, als dass der Kanzleidiener richtig jedes Quartal ihre Gage bringt, diese kommen plotzlich in Unruhe, weil zweifelhafte Falle ihr Gewissen beangstigen. Sie erinnern sich dann, dass sie einmal von einem gewissen Papinian auf der Universitat gehort hatten, der lieber den Kopf verlieren, als eine ungerechte Sentenz fallen wollte, und wirklich, meine Freunde verloren den Kopf. Das Gewissen, die aufgeruttelte alte akademische Erinnerung guillotinirte sie. Sie horten von zwei Parteien, sassen mitten drinnen zwischen Baum und Borke, das Beispiel steckt an, die Wahler drohen auch, was macht nun so ein unglucklicher Appellationsgerichtsrath mit Weib, Kindern und seinen alten Collegienheften? Immer schwebt ihm der kopflose Papinian vor Augen und richtig, er legt sich auch auf den Block, stimmt glorreich, wie es die feierlichen Momente, wo Jahrhunderte auf dich herabsehen, edler Staatsburger, mit sich bringen und ist fur ewige Zeiten geliefert! Ich habe die harmlosesten Menschen aus dem Austernclub verschwinden sehen, denen jetzt kaum etwas Anderes ubrig bleibt, als sich einen Hut mit rothen Federn und eine Buchse zu kaufen, um auf Leben und Tod unter die Freischarler zu gehen.

Pauline lachte und erwahnte einige Namen, denen es freilich so ergangen war ... andere, die sich durch die schamloseste Reue im Reubunde wieder zu rehabilitiren suchten.

Nein, fuhr der Justizrath fort, keine Politik! Ich habe wirklich zuviel in meinem nachsten Beruf zu thun. Das hauft sich unglaublich. Prinz Egon ist nun zuruck und die grosse Hohenbergische Auseinandersetzung nimmt ihren Anfang. Auch dem Process, den ich fur die Commune fuhre, Sie sind selbst daran betheiligt, droht plotzlich eine ganz neue Wendung ...

Ja! fragte Pauline, wie steht es damit? Siegt das Kreuz mit den drei oder mit den vier Blattern? Bei Hofe wird viel davon gesprochen.

Ich wunschte, sagte der Justizrath und ruckte dabei die Brille auf dem Augenknochen zurecht, ich wunschte, wir waren mit dieser Sache uber allen und jeden Klee hinweg, den drei- und den vierblattrigen; den Luzerner Jesuitenklee, den ich dabei wittre, gar nicht zu rechnen. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass sich zu den beiden streitenden Parteien auch noch eine dritte gesellt ...

Eine dritte? Wie ware Das? fragte Pauline gespannt. O reden Sie!

Lassen Sie mich noch davon schweigen, meine Gnadigste, erwiderte Schlurck; nur soviel ahn' ich, dass die Verwickelung den hochsten Grad erreichen kann, so sehr, dass ich zwischen zwei Feuer gerathe und diesen ganzen Gegenstand in andere Hande geben muss.

Sie spannen meine Neugier! sagte Pauline.

Als Schlurck aber schwieg, fuhr sie fort:

Sie wissen doch, dass der Hof an diesem Process Interesse nimmt? So geben Sie mir auch Materialien, auf den alten Grafen Franken oder meinen Mann oder sonst einen Kanal dort wirken zu konnen!

Es ist merkwurdig, antwortete Schlurck, dass die Minister fur eine Entscheidung kampfen, die den kleinen Cirkeln gar nicht lieb ware.

Verstehen Sie diesen Widerspruch?

Ich glaub' ihn zu verstehen, sagte der Justizrath und schuttelte den Kopf.

So klaren Sie mich daruber auf!

Meine Gnadige, sagte Schlurck, wir leben im Zeitalter der Confusionen. Was der Korper begehrt, daruber scheint unser Jahrhundert einig zu sein. Dass der Magen in den materiellen Fragen die Hauptrolle spielt, haben die Proletarier sowol wie die aussersten Austernesser hinlanglich entschieden und man kann von diesem Standpunkte dem Kampfe ruhig zusehen. Es ist ein Kampf der Verdauungsorgane. Siegen Die, die nur Brot haben wollen, d.h. Brot im weitesten Sinne, als da sind: Truffeln, Austern und Seefische (denn Das ist der ganze Sehnsuchtsjammer auch Derer, die nur Brot! Brot! schreien), so werden sich ihrer so viele wieder den Magen verderben, dass Brot, einfaches Brot, eine Delicatesse wird und wir da ankommen, wo wir ausgegangen ...

Das ist die materielle Frage, sagte Pauline, aber auf die Materie folgt ...

Das Herz! sagte Schlurck galant und doch ausweichend. Was das Herz anlangt, meine Gnadigste, so ist das Ihr Capitel! Die Verfasserin der Amarantha wissen Sie, dass ich altbackner Mensch aus dem empfindsamen Zeitalter von Holty und Matthison dies Meisterwerk immer noch nicht gelesen habe?

Sehr Unrecht von Ihnen, Justizrath!

Aber Nadasdi hab' ich gelesen, schaltete Schlurck pfiffig ein und runzelte damit Paulinen die Stirn.

Alte Sunden, sagte sie, langst vergeben!

Nein, meine Beste, bemerkte Schlurck, Nadasdi las ich, weil ihn Alle verurtheilten, Amarantha nicht, denn die priesen Alle. Der gute Advocat nimmt sich immer des Bedrangten an; so zog's mich zu dem schonen Ungar, der mich ganz gut unterhalten hat. Und wissen Sie warum? Weil ich darin eine Frau fand, die sich in nichts als Frau verlaugnen konnte und ganz meisterhaft nach der Natur copirt war, namlich die Verfasserin selbst.

Pauline wollte entgegnen und abbrechen ...

Erlauben Sie, sagte Schlurck. Ich habe eine grosse Bibliothek und gelte fur einen Literaturfreund. Allein ich sammle und steigere meist auf die Werke, die die beruhmten Autoren gern von sich verstecken mochten. Die allgefeierten Schriften belehren mich lange nicht so wie die mislungenen. Und ohne nun sagen zu wollen, Nadasdi ware mislungen

Sie haben keine Zeit, sagten Sie, und spotten so behaglich? bemerkte Pauline und drohte mit dem Finger

Ohne sagen zu wollen, wiederholte Schlurck sehr nachdrucklich, Nadasdi ware mislungen, so fehlt ihm gerade deshalb die kunstlerische Abrundung, weil Sie zuviel von sich selbst gegeben haben. In der Amarantha hor' ich, dass Sie, schlimme Frau, Andere geschildert haben Andere kenn' ich genug die Familie der Andern, ach, die ist so gross! Aber Sie, Sie in Ihrer Unruhe, Ihrer Sehnsucht, Ihrem Bedurfniss nach Anlehnung, Sie hab' ich in Nadasdi gefunden. Ich sah eine Frau, von der ich wusste, warum sie liebt. Sie lieben deshalb, weil Ihnen die mannliche Erganzung Bedurfniss ist und wer mir gesagt hat, Sie waren von einem mannlichen Geiste, dem hab' ich geantwortet:

Nein, diese Frau ist ganz Weib und wenn man's nicht glauben will, so lese man den Nadasdi.

Schlimmes Compliment! antwortete Pauline uberrascht von Schlurck's Artigkeit, hinter der ihr etwas verborgen schien. Sie wollen doch wol nur andeuten, dass wir nichts ohne die Manner vermogen und dass wir, wenn wir einmal selbst etwas schaffen wollen, hochstens einen misrathenen Roman zu Stande bringen?

Vergebung, sagte der Justizrath halb und halb beistimmend und das Bittere seiner Ausserung durch einen Handkuss uberzuckernd, ich wollte nur sagen, warum ich die beruhmten Schriftsteller gern aus den Werken studire, die sie nicht gesammelt haben. Ich komme darauf zuruck, dass uber die Stellung, die das Herz zu unserm Jahrhundert einnimmt, doch wol die Damen entscheiden mogen.

Nun aber der Geist? sagte Pauline. Sie vergessen die Erklarung des Widerspruchs, in dem die kleinen Cirkel uber jene Angelegenheiten befangen sind.

Beste gnadigste Freundin, sagte Schlurck, der Geist ist ein Chamaleon oder einer jener delicaten Fische des Alterthums, der sich in italienischen Seen finden soll und uber dessen Geschmack ich nichts sagen kann, ebensowenig wie uber seine zweckmassigste Zubereitung. Dieser Fisch aber, soviel weiss ich, meine Beste, hatte die curiose Eigenschaft, dass er, gekniffen und gemartert, in hundert Farben spielte. Uber den Magen, uber das Herz ist man einig; man weiss, dass speisen und lieben oder, um mich anstandiger auszudrucken, geliebt werden in dieser Beziehung die befriedigendsten Seligkeiten gewahren, aber der Geist, dessen Nahrung, dessen Befriedigung, daruber rennen sich die Behalter des Geistes, die Kopfe, blutig aneinander. Was im Mittelalter Geist war, nun wohl, das wusste man damals, es war Religion und Scholastik. Was in der Reformation Geist war, das wusste man auch, es war Bibelerklarung und hebraisches Wortgeklaube. Was im vorigen Jahrhundert Geist war, das kannte man unter dem Namen Esprit, Voltaire, Hume. Aber was jetzt Geist ist, gnadige Frau, was jetzt dem Einen tief, dem Andern oberflachlich erscheinen soll, daruber herrscht mehr Anarchie als in der Gesetzgebung uber die Einreden und Verjahrungen. Erstaunen Sie nicht, die kleinen Cirkel halten es geradezu fur geistreicher, der Commune den Sieg in dieser Frage zu gonnen als dem Fiscus.

Fur geistreicher? wiederholte Pauline lachend. Das zu fassen, bin ich zu geistesarm. Romantischer, sagen Sie!

Meine Beste, fuhr Schlurck fort, der an Paulinen oft gemerkt hatte, dass sie sich belehren liess; sehen Sie, das ist etwas, was sich mehr fuhlen als beschreiben lasst. Ich will Ihnen eine Analogie sagen. Wenn ich Caviar esse, den ich sehr liebe, falls er im Rathskeller frisch und hubsch grosskornig angekommen ist ... wenn ich Caviar esse und der grune Romer, mit Rudesheimer gefullt, steht vor mir und man fangt an zu streiten uber Das, was wahrer sei: der Ausspruch eines Weisen oder der eines Narren, so gefallt mir der Narr besser. Ich hore oft feinstilige Autoren verurtheilen, weil sie bestechlich waren und mich prickelt mein Caviar und mein Rudesheimer so, dass ich's laut ausrufe: Bestechlich hin, bestechlich her! Schreibt erst so wie sie! Tischt mir Eure Tugenden in einem Stile auf, der so glanzend ist, wie seine Laster schrieben, und dann mocht' ich manchmal in meine Bibliothek und solchen Schwatzern gleich die ganze Sammlung von zwolf oder zwanzig prachtig eingebundenen Werken dieser angefeindeten Lebemanner an den Kopf werfen! Ich liebe nun den Witz, die Bosheit und die schlagenden Antithesen in der Schreibart, Andere lieben das Bauschige, das Prachtige, das Rauschende, das Stoffene, Andere wieder das Harmlose, Bescheidene, Fromme, Ganseblumige, Veilchene. Aber ...

Sie schildern ja unsere kritische Anarchie, Justizrath! unterbrach Pauline.

Ich schildere unsere ganze Geistesverwirrung. Sie findet sich uberall, auf allen Gebieten. Das Wunderliche erscheint den Leuten wunderbar. Das Seltsame ist ihnen die Regel. Das Aparte sogar soll ihnen das Allgemeine sein. Gesinnung! Ich hore nicht gern davon, weil nachgrade das Verlangen danach unbequem wird. Aber diese geistreichen Empfindler nennen die Gesinnung unschon. Warum? Sie erhitzt! Sie spricht viel! Sie zwingt zur Kameraderie! Sie lauft! Sie rennt! Sie traumt, wenn sie vom Zweikammersystem reden soll, nicht uber den Humboldt'schen Kosmos, nicht uber Goethe's Morphologie der Pflanzen, nicht uber Dante's Paradies und Holle ... wie kann man so geistlos sein und von der Zeit, von Tendenzen, von der Gesinnung reden! Verstehen Sie? ....

O ich merke etwas von den "kleinen Cirkeln", sagte Pauline lachelnd.

Nun nehmen Sie einmal unsern Process, fuhr der feine Ironiker fort. Siehe! Da gab es eine Zeit, die da geheissen ward: die mittlere. Und siehe! Da gab es eine Ritterschaft, die da geheissen ward: die geistliche. Die Einen trugen einen weissen Mantel mit rothem Kreuz und hiessen Templer, und die Andern trugen einen schwarzen Mantel mit weissem Kreuz und hiessen Johanniter. Beide erwarben Schatze, beide legten Comthureien und sozusagen Relais fur die Kreuzzuge an, Stationen, wo nur Tapferkeit, dummer Glaube, alter Wein und baares Geld zu finden war. Man kaufte Guter, baute Burgen, baute Hauser in den Stadten und wusste mit dem Schwerte Das gewaltsam einzutreiben, was nicht mit dem Klingelbeutel von selber kam. Diese Ritter waren halb Soldaten, halb Monche. Sie konnen sich denken, welches ubermuthige Volk! Die Fursten ertrugen's auch nicht gar lange und verbrannten und verbannten die Templer, die schon die uppigsten von Allen waren, wie Sie in der Oper sehen konnen, wenn sie einmal (der Templer und die Judin) wieder gegeben wird. Die Johanniter duckten sich und hielten sich langer ... Das schadet aber Alles nichts. In den Gemuthern, die, wie schon gesagt, das Bauschige, Prachtige, Rauschende, Stoffene lieben, bleiben diese Gestalten der Vorzeit ehrwurdig. Und nun kommt die Reformation, dieses in gewissen Kreisen so wenig geachtete Lichtexperiment, das wie unsere neue Gasbeleuchtung dem Einen nicht hell genug, dem Andern viel zu hell erscheint fur's Sehen und Gesehen werden in Diebsprocessen kommen daruber Beschwerden vor und die reichen Guter dieser Orden fallen da und dorthin, wer sie gerade in der grossen Flut der Religionskriege und Sacularisationen auffischt. Hier unsere Stadt fischte sich siebzehn Hauser, darunter das spatere Wohnhaus der Marschalks, das Sie naher angeht, die Grundgerechtigkeit von Tempelheide und eine Menge anderer Grundrechte, die alle einst dem Johanniterhof von Angerode gehort hatten. Und Das ging so vom Jahre 1550 bis in Zwischenraumen von immer funfzig, sechzig Jahren, wo der erstarkenden Souverainetat unserer alten allmalig avancirenden Markgrafen einfiel, dass herrenloses Gut doch wol eigentlich den Landesherren und nicht den Stadtgemeinden gehore. Jetzt, wo man Geld braucht und unsere Communen, die sich gern, wie man zu sagen pflegt, volksthumlich gebehrden, empfinden lassen mochte, dass sie kein Staat im Staate sind, jetzt hat unser wuhlerischer Finanzminister auch diesen alten Posten wieder aufgewuhlt und verlangt eine Wiederaufnahme dieses alten Handels und zwar mit einer solchen Energie, wie der preussische Friedrich den alten schlesischen Process dadurch revidirte, dass er Schlesien ohne Weiteres gleich in die Tasche steckte.

Ist denn der Betrag erheblich? fragte Pauline.

Doch! sagte Schlurck. Es belauft sich der jahrliche Ertrag dieser alten Gefalle an die Stadtkammerei auf achtzigtausend Thaler, woraus sich ein Capital von zwei Millionen ergeben wurde ...

Und dies sollten die kleinen Cirkel dem Staate nicht gonnen? erwiderte Pauline erstaunt.

Gonnen? wiederholte Schlurck. Das wol! Aber nun denken Sie sich, uber den siebzehn Hausern, von denen nur zwei in der Brandgasse noch die alten in ganz alter Form sind, thront als Wahrzeichen das Kreuz, das Kreuz mit seinen ritterlichen Erinnerungen, in Tempelheide hat die alte Kirche das Kreuz, Tempelheide ... Heidentempel ... Christentempel ... Tempelchristen ... und die alte Stadt, die ist doch so etwas Ehrwurdiges mit ihren drei Schlusseln im Wappen, und die besten Prediger die sind auf diese Gelder angewiesen und es lautet so schon mit den Glocken, wo diese Prediger wohnen und sie ihre Kirchen haben und die Geschichte und die Sage, die webt uber das Ganze so einen undurchsichtigen, feierlichen Matthison'schen Nebelschleier, der sich in der stillen Abenddammerung der Archive an der kundigen Hand des Generals Voland von der Hahnenfeder, der uns durch die Burgverliesse der Jahrhunderte fuhrt, so silbergrau, so patriarchalisch, so mystisch ausnimmt ...

Pauline unterbrach den Justizrath mit lautem Lachen. Horen Sie auf! rief sie, Sie sind prachtig, Justizrath! Ja, ja! Sie haben Recht! So ist's! So ist's! Von solchen Empfindungen werden wir jetzt regiert. Himmel! Von solchen Motiven werden die wichtigsten politischen Schritte geleitet! Aus dieser Dammerung webt sich Voland von der Hahnenfeder seine schwache, haltlose Spinnenwebenpolitik! Darum kein energischer Aufschwung! Darum keine That! Kein Handschuh, kuhn der Zeit hingeworfen! Darum die Unterordnung unter Rom, unter andere alte Furstengeschlechter, nur weil sie fabelhafte Wappenthiere haben und die Tradition der alteren Vergangenheit! O Das ist die romantische Dammerung, in der die Nachteulen fliegen mussen, die das Schloss besuchen durfen.

Nicht wahr! sagte Schlurck mit satirischem Lacheln. Was lasst sich dagegen sagen! Solche Anschauungen kommen aus Dem, was die Herrschaften ihren Geist nennen, wie wir wieder die Anschauungen Voltaire's unsern Geist nennen. Aber wissen Sie, welch ein Sonnenstrahl jetzt, wie das Schwert des Erzengels Michael, dies ganze Helldunkel durchschneiden kann? Will man denn doch die Verjahrung nicht gestatten, will man sich immer darauf berufen, dass alle funfzig Jahre vom alten Zeitgeist gegen den neuen protestirt wurde, so ist es leicht moglich, dass sich ein dritter Bewerber einfindet, der in dem Augenblicke, wo der Staat zwei Millionen Capital in sein grosses Buch einzutragen die Feder ansetzt, dazwischen tritt und sagt:

Halt da! Halbpart! Dies ganze alte Wesen ist mein Eigenthum und Ihr konnt zufrieden sein, wenn ich mich mit der Halfte noch gar begnuge!

Das ist eine Allegorie! rief Pauline. Wie ware diese Einrede moglich?

Keine Allegorie! sagte Schlurck, zog seine goldne Dose und nahm eine Prise; ich habe fast Ursache zu vermuthen, dass dieser Rival, der sich so zu sagen zwischen Furst und Volk, alte und neue Zeit drangt ... der Prinz Egon ist.

Wie? rief Pauline und erhob sich. Prinz Egon? Wie kamen die Hohenbergs zu solchen Anspruchen?

Das ist es eben, sagte Schlurck, was ich erfahren, von Ihnen erfahren mochte, gnadige Frau. Sie sind, Ihre Amarantha beweist es, mit der Geschichte der Hohenbergs sehr vertraut. Sie waren einst die Freundin der Furstin Amanda. Ist von Seiten der Grafen von Bury ein Zusammenhang mit dem alten Tempelhause von Angerode und einem alten Johanniter Hugo von Wildungen denkbar? Was die Hohenbergs selbst anlangt, so kenn' ich deren Geschichte genau und kann versichern, dass ich von dieser Seite nicht begreifen konnte, wie sich Prinz Egon an diesem Processe betheiligen sollte.

Prinz, Egon? Haben Sie denn dafur Beweise? fragte Pauline.

Beweise? wiederholte Schlurck. Ich habe vorlaufig nur einen Verdacht und ein eigenthumliches Corpus delicti, das sich an meine letzte Anwesenheit in Hohenberg knupft ... Ist Ihr Herr Gemahl zuruck?

Seit gestern! Aber reden Sie doch! Erzahlen Sie doch! Sie finden mich ja im lebendigsten Antheil, Schlurck!

Der Justizrath zog seine Uhr und hielt sie an's Ohr ....

Wir haben etwas lange philosophirt! sagte er.

Ich bitte! Bitte! Weg mit der Uhr! Es ist schon spat ... Ich habe ... Sie haben nichts, als mein Freund, mein liebenswurdiger Freund zu sein .... Ah, gnadige Frau .... Kussen Sie mir ein andermal die Hand! Nun wohlan denn, so wollen wir uns beeilen, auf das Gebiet der Thatsachen zu kommen. Die Geheimrathin horte mit lautloser Spannung.

Drittes Capitel

Ein Bundniss

Ein junger Mann, begann Schlurck, der sich Wildungen nannte, erschien vor einigen Tagen am Fusse des Schlosses in Hohenberg, um dort einen Gegenstand zu reclamiren, der nichts mehr und nichts weniger als ein Schrein, eine einfache Kiste ist. Er gibt vor, dass ein Fuhrmann, dem er diesen Schrein anvertraute, ihn verlor. Und in der That bin ich es selbst, der durch Zufall diesen Schrein gefunden hat. Ich liess ihn, um des Eigenthumers sicher zu werden, angezogen von einem merkwurdigen Zeichen auf seinem Deckel, offnen. Er enthalt die beglaubigten Anspruche der Nachkommen einer Familie Wildungen auf gewisse, ihn vom Johanniterorden vor Auflosung des alten Tempelhauses in Angerode, zuerkannte Guter. Diese Guter sind alle die stadtischen Besitzungen, die sich jetzt in den Handen unsrer Commune befinden. Ein alter Comthur, Hugo von Wildungen, trat sie nicht an, weil er katholisch blieb und die Plunderung der Verlassenschaft des protestantisch gewordenen Ordens verabscheuen musste. Spater ertheilte ihm der romische Stuhl einen Dispens. Aus politischen Grunden, um katholische Interessen mitten in protestantischen Landen gefordert zu sehen, durfte er nun den Besitz antreten. Er starb. Die Documente wurden nach Angerode geschickt. Wahrend die Stadt die Verwaltung der demnach der Familie Wildungen gehorenden Besitzungen fur sich antrat, gingen die Documente im alten Tempelhause zu Angerode verloren. Sie sind jetzt gefunden worden. Wo? Wie? Von Wem? weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass Jemand irgendwo im Mondenschein vom Anblick des vierblattrigen Kreuzes so uberrascht wurde, dass er ... Genug, die Documente uber die Anspruche der Familie Wildungen sind da und wer sie besitzt, wer sie mit Eifer in Plessen, wo sie verloren gingen, suchte, ist sonderbar Prinz Egon!

Pauline horte voll Aufmerksamkeit zu, schuttelte den Kopf und meinte:

Ich erfuhr schon, dass Prinz Egon auf dem Heidekruge sich Wildungen nannte ....

Dort sah ich ihn ja selbst!

Sie selbst, Justizrath?

Bei meiner neulichen Ruckkehr von Hohenberg ...

Wildungen! Wildungen! sagte die Geheimrathin nachdenklich und in ihrem Gedachtnisse forschend ...

Es gibt einen Maler dieses Namens, fuhr Schlurck fort, einen Maler, der einen Bruder hat, Namens Dankmar Wildungen, einen jungen Referendar. Ich schickte heute in aller Fruhe, als mir mein Bartusch diese Dinge erzahlte, in die Wohnung dieser jungen Leute. Man fand sie nicht.

Ich schickte zu Prinz Egon. Er ist abwesend gewesen, gehutet gleichsam von einem gewissen Louis Armand gestern Abends zuruckgekommen, elend, krank und hat sich sogleich abgeschlossen und zur Ruhe gelegt. Man vermuthet eine hartnackige Unpasslichkeit, ... Meine Tochter darf kein Wort davon erfahren. Dies wunderliche Madchen hat einen formlichen Roman mit dem Prinzen, falls er es war, gespielt, ich glaube sogar, sie hat eine Leidenschaft fur den jungen Mann gefasst, den ich begierig bin, kennen zu lernen. Ist es der Prinz

Warum sollt' er es nicht sein? rief Pauline bitter. Eine Million wird grade hinreichen seine Verhaltnisse wieder herzustellen ...

Sie ubersturzen die Dinge, gnadige Frau! Wenn Sie nicht wissen, dass die Burys mit dem alten Geschlecht der Wildungen verwandt sind, so kann von einem solchen Gewinn nicht die Rede sein. War' es aber, welche wunderliche Stellung dann fur mich, der ich die Sache der Commune vertheidige und mich doch auch zu sehen hm! hm! zu sehen freuen musste, dass die Schulden des alten Fursten dann plotzlich getilgt sind ...! Ich will noch einmal in die Wohnung der Gebruder Wildungen und horen, ob es wirklich ein echter oder erborgter Dankmar Wildungen war, der mit den Meinigen reiste. Im letzteren Falle ist Prinz Egon Jemand anderes gewesen ...

Aber wer? fragte Pauline.

Ein junger Handwerker, sagte Schlurck ruhig, der im Schlosse Hohenberg ein gewisses Bild stehlen wollte ...

Nein! sagte Pauline lebhaft, das ist nicht moglich ...

Warum nicht, gnadige Frau?

Dieser Verdachtige sitzt bis auf weitre Ordre wir haben schon mit dem Obercommissar Pax Rucksprache genommen er sitzt im Plessener Thurme ...

Und?

Und? Wenn der Prinz sich so compromittirte, dass er sich eine in diesem Grade schimpfliche Behandlung musste gefallen lassen, so konnte er Ihre werthe Familie nicht begleiten, konnte nicht die Liebe Ihrer schonen Tochter die ich nun kennen lernen muss, Justizrath gewinnen ... konnte auf dem Heidekruge nicht das Bild ... doch genug! Es kann kein Prinz Egon im Hohenberg'schen Palais krank liegen, wenn der echte die Folgen eines gewagten Incognitos im Plessener Thurme busst.

Sehr scharfsinnig! antwortete Schlurck, zog aber einen Brief aus der Brusttasche hervor und sagte:

In dem Falle thut mir nur Eines leid ...

Sie stocken? Was?

Frau von Zeisel, die mir ihr besonderes Vertrauen schenkt, schreibt mir soeben und im grossten Zorn auf meine Familie. Man hatte sie und ihren Gatten mishandelt, man hatte vor Fremden ihr, einer NutzholzDunkerke, ein Dementi gegeben und was dergleichen Aufwallungen einer in einem kleinen Orte mit ihrem Ehrgeize eingetrockneten, aber sonst ganz charmanten Dame mehr sind. Das Wichtigste ist, dass Herr von Zeisel, wahrscheinlich von dem Zorn seiner in einer Einladung oder Nichteinladung gekrankten Gattin ermuthigt, den Gefangenen aus dem Thurme langst entlassen hat.

Pauline sprang auf.

Ist Das moglich? rief sie.

Bei Patrimonialrichtern, sagte Schlurck, ist Alles moglich.

Emporend! Dieser Gefangene ...

Dieser Gefangene ware ja durch nichts Erhebliches gravirt gewesen, schreibt die liebe, etwas polternde, aber wie gesagt charmante Frau. Man hatte sich in Plessen nie lange mit fremdem Gesindel aufgehalten und wie sie denn dergleichen sicherheitspolizeiliche, ganz stichhaltige Grunde mehr anfuhrt, die jedoch wol zunachst nichts, als eine Rache dafur zu sein scheinen, dass auf dem Schlosse plotzlich andre Menschen erschienen, die sie verdrangten. Herr von Zeisel greift mit Freuden zu, wo ihm eine Gelegenheit geboten wird, mit den Provinzialgerichten ausser Beruhrung zu bleiben. Also gnadige Frau, dieser Gefangene ist nicht mehr im Thurm.

Pauline brach in die heftigsten Verwunschungen und Drohungen aus. Diese Nichtachtung gegen einen so hohen Beamten wie ihren Gemahl, sagte sie, wurde dem Justizdirector theuer zu stehen kommen!

Schlurck suchte sie im Interesse der ihm sehr werthen Frau von Zeisel zu beschwichtigen. Einem feinen Beobachter konnte kaum entgehen, dass ihn auch vorzugsweise wol nur diese Angelegenheit hergefuhrt hatte. Offenbar bereute Herr von Zeisel die schnelle Ubereilung eines Entschlusses, den er nur auf Antrieb seiner Frau fasste ...

Pauline nannte nun den ganzen gegenwartigen Staatszustand anarchisch und war plotzlich wieder so ultrareactionar, dass sie mit Spitzkugeln und Shrapnels dem Universum drohte.

Auffallend! sagte Schlurck, um die Geheimrathin nur auf andre Gedanken zu lenken, auffallend bleibt es, dass der Bilderdieb mit dem sogenannten Dankmar Wildungen im Einverstandnisse war, denn jener berief sich auf diesen ...

Ein Helfershelfer! Ich wusst' es ja schon! Ein Chaos! Ein Chaos! Es soll diesen Zeisels theuer zu stehen kommen! rief Pauline und zeigte nicht wenig Lust, auch den Justizrath empfinden zu lassen, wie sehr sie sich durch seine Vertheidigung anarchischer Zustande verletzt fuhle.

Sie ging im Zimmer auf und ab, ignorirte den bei ihrer Aufregung so ruhig bleibenden Besuch und hatte ihm bald verachtlich den Rucken gewandt, wenn Schlurck nicht ein Mittel zu finden wusste, sie plotzlich zu zahmen.

Andrerseits bin ich uberrascht, fuhr er namlich mit lauernder Miene fort, wie der wahrscheinliche Prinz Egon soviel mit den Zecks verkehrte.

Die Wirkung dieses Namens war erstaunlich. Pauline erblasste. Krampfhaft hielt sie sich an ihrem Schreibtisch fest und richtete starr ihre Augen auf den spitzen Blick des Justizrathes, der fast gleichgultig und lachelnd, aber tiefforschend hinzufugte:

Uberall sah man ihn, auch bei der Ursula Marzahn im Walde!

Worin der Stachel dieser neuen Erwahnung nun auch liegen mochte, ob Schlurck auf Dinge anspielte, die er kannte oder nur erforschen wollte, Pauline war fast einer Ohnmacht nahe. Ihre Lippen erblassten. Die Augen ubergoss ein eigner verglaster Ausdruck starrer Abwesenheit. Das Weisse trat schreckhaft blendend hervor. Die Hand fuhr uber das Bandeau, riss die Schleife auf und warf es zur Seite.

Wie heiss! sagte sie mit bebender Lippe.

Schlurck meinte boshaft:

Und in solcher Hitze tragt man im Sommer diese Verhullungen? Die Mode! Die Mode! Aber, ich halte Sie auf! Ich habe versprochen, bei Lippi griechischen Wein zu kosten. Ich sehne mich nicht nach dem griechischen Wein, aber nach Lippi's kuhlem Keller. Sie haben hier wirklich sehr heiss, Gnadigste. Leben Sie nun wohl, Excellenz!

Damit stand Schlurck auf, um zu gehen.

Aber Pauline rief:

Wo wollen Sie denn hin? Bleiben Sie doch, Justizrath. Ich habe Sie jetzt nothiger, als Sie glauben. Griechischen Wein ... ich fuhre ihn leider nicht selbst ... aber ein Glas Capwein, Justizrath?

Gnadige Frau, ich danke ... was befehlen Sie noch?

Keinen Befehl, Schlurck! Nur Freundschaft und Theilnahme fur ein ungluckliches Geschopf, das Vertrauen zu Ihrem Herzen hat und es selbst zu dem ihrigen verdient.

Excellenz

Ich beschwore Sie, lassen Sie doch die Formlichkeiten! Ich verachte ja diese Formen, ich sehe in ihnen das Fluchtigste, das Erbarmlichste von der Welt! Ich fuhle Gott sei Dank! mehr innern Werth in mir, als dass ich mich durch einen aussern unterstutzen musste. Ach! Ich bin von einer Gefahr umgeben, Schlurck, die ich mir vielleicht zu lebhaft ausmale! Aber gegen seine Phantasie kann Niemand etwas. Die hangt vom Blute ab und ich weiss nicht, wie ich es machen soll, dass mein Auge nicht zu schwarz sieht

Ein Arzt macht Das, sagte Schlurck. Cremortartari wird auch mein armer Zeisel nehmen mussen, wenn der Intendant von ihm den Gefangenen heraushaben will und den guten Mann in Teufels Kuche bringt.

Wo denken Sie hin, Schlurck! Wenn ich weiss, dass Sie durchaus diesen Vorfall vergessen mochten ...

Gnadigste, Sie konnten die Gute haben, den Geheimrath zu bestimmen, den Zornausbruch einer gebornen Nutzholz Dunkerke ...

Ach, scherzen Sie nicht! Schlurck! Das Vergessen! Das Vergessen!

Wenn es nicht mehr ist als diese Angelegenheit!

Meinen innigsten Dank!

Pauline nahm Platz und fuhr in leidender Aufregung, indem sie den Justizrath zum Bleiben nothigte, fort:

Schlurck, ich hatte ein bewegtes Leben, aber ich sehne mich nach Ruhe. Ich mag die alten Aufregungen nicht mehr, ich habe den Muth nicht mehr, gegen das allgemein Gultige zu trotzen. Ich will mein Leben abschliessen, irgend noch einem guten vernunftigen Gedanken nachleben und vom Vergangnen mich lossagen. Aber ich will mich auch ganz lossagen. Ich will keine Erinnerungen in mir und in Andern und durch Andere noch weniger. Sie kennen die Macht der Antecedentien.

Ja, ja, beste Freundin! sagte Schlurck lachelnd uber die plotzliche Zahmung der wilden Frau; warum sollt' ich die Antecedentien nicht kennen! Sie sind ja nachst der Cholera die verdammteste Krankheit der Zeit und eine ganz unheilbare! Wir sind die Censur der Schriften los, haben aber dafur die Censur der Sitten bekommen. Mit der Pressfreiheit, die vielleicht ein gesunder Zustand sein kann, ist die Krankheit der Antecedentien gekommen. Und wenn Sie wissen wollen, warum ich mich nicht wahlen lassen mag, so ist es auch die Scheu vor einer allzufrechen Analyse meiner Personlichkeit. Ich bin mir leidlicher Soliditat bewusst ....

Aber Sie haben gelebt!

Gelebt! O das ist viel gesagt. Alles, Alles, Frau von Harder!

Ja! Leben! Gelebt haben, Schlurck! Geschleudert gewesen sein hin und her, heute von einem Wahn, morgen von einer Leidenschaft, geschleudert nicht immer durch das Schicksal, das uns unverschuldet traf, sondern auch durch das, was wir uns selber zugezogen und bitter bereuen. Wer kann dafur, dass man fast funfzig Jahre zahlt!

Gnadige Frau!

Ja Schlurck, fast funfzig Jahre! Ich besitze den Heroismus der Wahrheiten, die unleugbar sind.

O Sie sind ein Engel! meinte Schlurck und lachelte im Stillen, da er wusste, dass Frau von Harder hatte sagen mussen: Fast sechszig Jahre! Ja, ja, die Antecedentien! fuhr er fort. Da setzen sich Grunschnabel hin, die nichts erlebten, nichts erleben konnten, weil sie jung, oder wenn alt, zu dumm waren und analysiren Lebenslaufe! Nein, ich gestehe Ihnen, um diesen Preis wunsch' ich mir die alten Conduitenlisten der Behorden zuruck. Die waren doch geheim, selbst die Register der Inquisition, in denen wir Beide vielleicht aufgezeichnet stehen, wir wissen's selbst nicht, selbst die sind mir nicht so zuwider, wie dies offentliche Gerichtsverfahren uber Menschen, die gelebt haben!

Ah, das war eine Ubereinstimmung! Es fehlte nicht viel, dass Pauline den Justizrath umarmt hatte ....

Erkennen Sie daraus meine Verlegenheit, sagte sie nach einer freudigen Pause. Amanda von Hohenberg war meine Feindin. Ja! Horen Sie! Ich sage Alles! Sie hat Denkwurdigkeiten hinterlassen, in denen, wie sie mir selbst einst schrieb, Gott richten wurde. Fur diese fanatische Person war Gott so sichtbar schon auf Erden, dass ich gewartigen kann, eine grosse Storung meiner Ruhe zu erleben, wenn diese Denkwurdigkeiten in unberufene Hande kommen. Zwei Jahre sind voruber. Die Memoiren sind nicht da, sie erschienen nicht. Bei Ihnen wurden sie nicht deponirt, bei Niemandem und dennoch sollen sie vorhanden sein. Alle Welt erwartet sie. Die wahnwitzige Trompetta hat den Hof darauf schon vorbereitet. Jedermann ist gespannt. Sie finden sich aber nicht. Ich weiss es, Egon soll sie veroffentlichen. Egon sollte die Einrichtung ihrer Zimmer so treffen, wie sie sie sterbend verlassen hatte. Das Bild! war ihr letztes Wort. Alles ist nun, was sie schrieb, theils verbrannt, theils unter meinem Verschluss. Alles ist da, nur ein Bild nicht, ein Bild, das man in Hohenberg hat stehlen wollen. Alles ist da, nur die Memoiren sind es nicht und dies Bild. Dies Bild also enthalt die Memoiren. Auf dem Heidekrug ist es entwandt worden. Entweder mit Wissen oder gegen Wissen meines Mannes. Daruber werden wir von ihm selbst bald Aufklarung haben, aber denken Sie sich, wenn Egon diese Denkwurdigkeiten drucken liesse!

Hm! hm! rausperte sich Schlurck. Wenn ich mir's genauer uberlege ... das Geplauder einer alten Rivalin, die sich von der Welt zuruckzog, weil sie vielleicht keine Verehrer mehr fand ... kann das schaden? Was machen Sie sich aus solchen kleinen Nadelstichen? Verbrechen werden Sie gegen keinen andern Gott begangen haben, als gegen den kleinen Gott der Liebe ... Uber die Streiche dieses Kindes lacht man.

Pauline schwieg und sah Schlurck von der Seite mit grossem Mistrauen an, gleichsam um heimlich auszuspahen, ob dies seine wahre Meinung ware. Als er die Brille wieder aufgesetzt hatte, sagte sie:

Nein! Auch lachen soll man nicht mehr uber mich. Ich leide in der Gesellschaft noch zu sehr daran, dass man uber Nadasdi lachte. Ein Buch von mir und ein Buch uber mich ist ein grosser Unterschied.

Die Bilder der Familie, meine gnadigste Freundin, fuhr Schlurck ruhig fort, die Bilder der Familie Hohenberg sollen an den Prinzen Egon zuruck. Sie stehen genau in dem Inventarium verzeichnet, das beim Verkaufe des Mobiliars angefertigt wurde. Ich werde sie vom Geheimrath alle in Anspruch nehmen mussen. Meinen Sie vielleicht ein Bild im Medaillonformat, das Pastellportrait der weiland jungen Furstin?

Suchen Sie es! sagte Pauline. Dies gerade wird fehlen ....

Schlurck blickte nieder und spielte mit dem leichten Stockchen, das er in der Hand trug. Er legte den Perlmutterknopf des Stockes bald an die Lippen, bald klopfte er damit auf die Flache der linken Hand.

Pauline fuhlte sich gefoltert.

Sie wissen etwas von dem Bilde -Justizrath? sagte sie.

Und wenn ich etwas davon wusste? Das Bild ist mein! Es gehort dem Prinzen Egon!

Und Sie waren im Stande, es ihm auszuliefern ... auszuliefern, ehe man es untersuchte? Wenn es eine Kapsel enthielte, unter der die Denkwurdigkeiten verborgen waren ... Schlurck, wurden Sie ihm diese ausliefern? Wurden Sie ruhig mit ansehen, dass mein Ruf, meine Ehre, in die Hande meiner Feinde kame?

Hm! hm! sagte Schlurck, schwieg dann, wiegte das Stockchen hin und her und schien zu uberlegen, wie er diese Chancen der Aufrichtigkeit einer gefahrlichen und einflussreichen Frau mit seinem Vortheil vereinigen sollte. Er ging von dem Grundsatz aus: Gegen schlimme Menschen muss man selber schlimm sein.

Auch Sie sind mein Feind, rief Pauline und sprang bebend vor innerer Erregung auf; ich sehe es, auch Sie!

Nach einer Weile warf sie sich in einen andern Sessel und bedeckte das Antlitz mit beiden Handen.

Schlurck stand auf und zog seine Handschuhe wieder an, als rustete er sich zum Gehen ...

Wir klagen, sagte er, und jammern uber ein Bild! Hatten wir es nur erst! Wissen Sie, wo ich es vermuthe?

Wo?

In den Handen meiner Tochter.

Schlurck?

In den Handen meiner Tochter.

Sie scherzen ....

Lassen Sie mich diese Vermuthung, die sich auf allerhand Plaudereien Bartusch's, die ich fast uberhorte, grundete, genauer untersuchen. Ich hoffe, mich so zu benehmen, dass ich Ihnen nicht misfallen werde.

Pauline richtete noch einmal erstaunt den Kopf auf und fragte nochmals:

In den Handen Ihrer Tochter?

Sie wissen doch, sagte Schlurck, dass ich eine Tochter habe, die ich Melanie nannte, weil mir der Tonfall dieses Namens Das auszudrucken schien, was sie Gott sei Dank!

zu meiner Freude wirklich geworden ist. Sie schwebt vorurtheilsfrei uber die Erde hin und hat dazu von den Gottern die entsprechenden leichten Schwingen bekommen. Ich glaube, dass sie einmal der Sonne zu nahe kommen und sich elend verbrennen kann; aber wenn sie sturzt, wird sie nicht auf's Gemeine fallen. Ich liebe sie doppelt, einmal, weil sie mein Kind ist und zweitens, weil sie Verstand hat.

Sie liebt den Prinzen Egon.. Sie wird die Furstin von Hohenberg! sagte Pauline.

Ich bitte Sie, rief Schlurck, dann nehm' ich mein Wort zuruck und erklare, dass sie keinen Verstand hat Was glauben Sie? Ich wiederhole nur, was mir Bartusch, mein alter Maulwurf und Spurer, heute fruh zugetragen hat. Da mich weit mehr der grosse Process und die Administration beschaftigte, als all diese kleine Romantik; da ich ferner jeden Augenblick zum Prinzen gehen wollte, um uber alles Zukunftige klar zu sehen, so hort' ich nur halb und halb auf dies Tuscheln und Flustern und merkte nur obenhin, dass der Alte von meiner Melanie viel Krauses und Buntes erzahlte. Sie hat viel unterwegs gelacht und, wenn ich aufrichtig sein soll, gestern uber Niemanden mehr

Uber Niemanden mehr- wiederholte Pauline gespannt. Schon wollte sie sagen: Als uber meinen Mann? doch sie besann sich ... der Gedanke des im Mobelwagen eingesperrten Intendanten war ihr denn doch zu demuthigend ... Sie wiederholte:

Als uber wen?

Nun nannte Schlurck, mit einem wohlangebrachten Handkuss, in aller Delikatesse und mit viel Schelmerei wirklich den Geheimrath ...

Die Gewissheit, dass nun also doch Henning von Harder der Dupe irgend einer von weiblicher Hand im Interesse des Prinzen geleiteten Intrigue gewesen war, lag klar vor den Augen der klugen Frau. So wie sich weibliche Schonheit und Liebenswurdigkeit in die Verknupfung der ihr so rathselhaften einzelnen Thatsachen mischte, ging sie nicht mehr irr, denn da hatte sie einen sicher leitenden Faden. Vom weiblichen Herzen wissen Frauen immer wohin es zielt und wofur allein es schlagt und wofur allein es etwas wagt. Ebenso klar war ihr aber auch, dass sie sich auf Schlurck jetzt nur noch halb verlassen konnte. Zu blind hatte sich ihr seine Liebe fur das einzige Kind zu erkennen gegeben. Prinz Egon und Melanie im Bunde waren, das sah sie, unuberwindlich ... Und da in demselben Augenblicke die Ludmer schon mit einem zartduftenden Antworts Briefchen von der d'Azimont kam, worin diese schrieb: "Das erste Wort der Freundschaft, das mich hier begrusst, kommt von Ihnen, Pauline! Von Ihnen! Edles Herz (noble coeur, der Brief war franzosisch), Edles Herz, ich kann nicht um Eins kommen, aber um Sechs ... heut Abend um Sechs umarm' ich Sie" als Pauline diese Zeilen gelesen und von der Ludmer noch leise vernommen hatte, dass all' ihr erneutes Suchen nach dem Bilde vergebens gewesen ware, entwarf sich ihr in solchen Dingen rasch erfindender Geist einen andern Plan, der so lautete:

Mogen Egon und die d'Azimont stehen, wie sie wollen, so gross sind noch ihre Anspruche an diesen jungen Mann, dass eine burgerliche kleine Kokette nicht wagen wird zu ihm aufzublicken, sieht sie erst die vielbewunderte junge Frau, der nach allgemeiner Ubereinkunft in der Gesellschaft der wahre Besitz dieser von Melanie gemachten fluchtigen Landstrassen Eroberung gehort ....

Sie hoffte die d'Azimont noch nach sechs Uhr festzuhalten bis zum Thee, durch sie auf Egon zu wirken, durch sie den Bund zwischen Melanie und Egon zu sprengen. Als einzigen und ausdrucklichen Beweis der Freundschaft verlangte sie jetzt vom Justizrathe nur noch, dass er heut' Abend zur nahern Besprechung dieser Angelegenheiten vor dem Thee wiederkame und zugleich endlich seine bewunderte Tochter Melanie ihr auffuhre.

Ich muss den schonen Bosewicht kennen lernen, sagte sie verschmitzt, den Engel, der es gewagt hat, die alten schlummernden Empfindungen des Geheimraths in Aufruhr zu bringen. Ist hier ein komischer Roman im Gange, so soll er unter meinen Augen fortgespielt werden. Ich bin eifersuchtig, ich will Melanie sehen. Verlass' ich mich darauf, dass sie kommt?

Schlurck erwiderte, er wolle versuchen, seine Tochter zu uberreden.

Nichts uberreden! Sie befehlen! sagte Pauline.

Befehlen? sagte Schlurck und griff verlegen nach seiner Perucke. Nun ja ... wir wollen befehlen.

Und wenn das Bild noch zu retten und nicht in Egon's Handen ist, sagte Pauline, indem sie dem Justizrath lachelnd die Hand hinhielt, wer erhalt es?

Der Prinz das Bild, sagte Schlurck; etwaige Contrebande

Die Denkwurdigkeiten seiner Mutter? ...

Die ... jetzt wurde Schlurck schelmisch ... die trag' ich zum Buchhandler und lasse sie als zweiten Theil des Nadasdi drucken.

Mit dieser humoristischen Wendung wollte er zur Thur

Nein! Nein! So entkommen Sie mir nicht! sagte Pauline in wirklicher Angst. Ein klares Wort, keine Galanterie! Kein Humor! Ich bin uberhaupt keine Frau fur den Humor ....

Haben wir nur erst das Bild! sagte Schlurck drangend.

Justizrath, konnen Sie mich auf dieser Folter zurucklassen ?

Ludmer, setzte sie rasch hinzu, nimm ihm Hut und Stock ab!

Nein, nein, sagte Schlurck fast sich fluchtend, ich muss zu Lippi und griechischen Wein kosten und nachher noch einmal zu den Wildungens, dann zum Prinzen, wohin ich einen gewissen Ackermann bestellt habe, der sich zur Pachtung seiner Guter meldete. Auch die Krankheit der jungen Durchlaucht bekummert mich ... Er ist denn doch der Sohn des alten Fursten, dem ich soviel Beweise ...

Und kein Wort der Beruhigung, der Theilnahme, des Dankes fur mein Vertrauen? unterbrach Pauline mit allem Aufwand von Liebreiz, dessen ihr Auge und ihre Mundwinkel noch fahig waren.

Schlurck kusste ihr wiederholt die magere Hand und sagte:

Bezaubern Sie mich nicht! Ich bin im Geiste noch nicht so alt wie im Kirchenbuch steht!

Ah! Frau von Zeisel sollte nur hier sein! Die sollte nur ihre Bitten mit den meinigen vereinen und gewiss, wir wurden das harte Herz schon erweichen

Es war viel Anmuth in diesen Worten der Geheimrathin.

Schlimme Frau, was sprechen Sie? lachelte Schlurck. In der That, man weiss nicht, soll man Sie furchten oder lieben? Ich will Sie lieben, Frau Geheimrathin! Verlassen Sie sich auf meinen Verstand und beten Sie zu irgend einem der Gotter, zu dem Sie das meiste Vertrauen haben, dass es noch Zeit sein moge, bosen und albernen Dingen der Art, wie Sie sie furchten und wie ich sie selbst niemals habe leiden mogen, mit Klugheit vorzubeugen. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Mein Instinct spricht fur Ihre Interessen! Heilig und gewiss! Auf Wiedersehen, vielleicht heut' Abend ...

Damit ging Schlurck ...

Nein, ganz gewiss! rief ihm Pauline noch nach, blieb dann eine Weile, um die beengte Brust durch einen tiefen Athemzug zu losen, stehen, erwiderte nichts mehr auf die besorgten, fragenden Blicke der Ludmer und winkte nur, die halb tonlosen Worte ausstossend:

Er ist fort ... Auf alle Falle macht man jetzt Toilette!

Damit hob sie den Vorhang ihres Schlafcabinets und schritt aus dem gelben Boudoir durch den Alkoven in das grune und von diesem in ihr Toiletten- und Garderobe zimmer.

Die Ludmer war gleichfalls verstimmt ...

Ihre Nichte hatte ihr ein altes Bettelweib geschickt, um wieder von ihr eine Unterstutzung zu begehren ...

Sie hatte zwar draussen nur die einfachen Worte gesagt:

Ich kenne keine Auguste Ludmer, die sich meine Nichte nennt! ...

Sie hatte die Thur dem Bettelweib von der Nase zugeworfen, aber es alterirte sie doch. Sie musste etwas Melissengeist auf Zucker nehmen, um sich von denselben Aufregungen zu erholen, von denen Pauline von Harder sich nur ein wenig durch die Wahl der Toilette erholte, die sie eben machen wollte ....

Als die Ludmer in das Garderobezimmer, wo ihre Herrin und Freundin noch wahlte, nachkam, sagte diese nur die einzigen Worte:

Da hast Recht, Charlotte! Vor diesem Schlurck hab' ich heute zum ersten Male ein Grauen empfunden. Es ist mir, als hatt' er uber uns Leben und Tod in seiner Hand.

Und das Bild? fragte die Alte.

Hat seine Tochter Melanie durch irgend eine Schlauheit, im Einverstandniss mit Egon, meinem Mann abgelistet ...

Diese Kokette! Wie war Das moglich?

.... Das Heranrollen eines Wagens vor dem offnen

Thore des Hauses, die sichere Anfahrt und die Art der Offnung des Schlages man horte das auf's Deutlichste -verrieth, dass der Geheimrath angekommen war.

Die Bedienten klopften leise an die Garderobe und berichteten:

Excellenz? Excellenz!

Etwas langsam und bedachtig schallten die Fusstritte, mit denen der zum Beichten beschiedene alte Herr in den ersten Stock aufstieg, den er bewohnte ...

Wir werden ja horen! sagte Pauline ruhiger und entschied sich heute aus Rucksicht auf die zwei schonsten weiblichen Wesen, die man sich nebeneinander denken konnte, Melanie Schlurck und Helene d'Azimont, fur einen Stoff von Silbergrau, auf den Abend aber fur ein Costum, das sie seiner malerischen Einfachheit und eines gewissen orientalischen Turbans wegen immer das biblische nannte.

Wir werden Gelegenheit haben, diese von Heinrichson ihr entworfene Toilette spater genauer zu berichten ...

Von Schlurck aber, den wir zum ersten Male in seinem geschaftlichen Tone kennen lernten, mussen wir gestehen, dass er nicht ganz derselbe war, wie wir ihn beim Kredenzen von Jaquesson und Geldermann Deutz kennen lernten. Vielleicht findet er bei dem Italiener Lippi wieder den gewohnten Gleichmuth seiner Stimmung und starkt sich zu den Geschaften, die ihn in das Hotel des Prinzen Egon rufen, von denen das uber Ackermann angedeutete ebensosehr unsere Neugier spannen wird, wie die endliche Aufklarung uber die Personlichkeit der Prinzen Egon, mit dem sich Schlurck, nach Allem, was er uber die Ruckreise seiner Familie von Hohenberg fast Unglaubliches vernommen hatte, jetzt auf die leichteste Art zu verstandigen hoffen durfte.

Viertes Capitel

Die rettende Hand

Das grosse Palais des verstorbenen Fursten Waldemar von Hohenberg lag im lebhaftesten Theile der Residenz. Der Park und die Garten, die sich ihm anschlossen, waren von hohen Mauern umgeben und konnten von entgegengesetzten Hauserreihen nicht beobachtet werden. Es standen theils die Baume des Parkes an den Mauern so hoch, dass sie die innern Parthieen verdeckten, theils lagen in nachster Nahe nur freie Platze. Das Hauptgebaude selbst war alt und in jenem geschweiften Commodenstil gebaut, der die architektonischen Verzierungen der ausgeschweiften Krummungen und Windungen wirklich nach der Form der menschlichen Knochen bestimmte, wie Hogarth fur den Geschmack seiner Zeit in seiner barocken Asthetik ausfuhrt. Die hohen Fenster waren mit jenen bekannten Knaufen und Rundungen versehen, die in Sandstein den knochernen menschlichen Schlusselbeinen und Gelenkpfannen nachgemeisselt schienen. Dazwischen ein Helm oder der Kopf eines sterbenden Kriegers oder ein Medusenhaupt. Im Einzelnen zergliedert mochten diese Ausschmuckungen der Portale, Fenster, Vorsprunge und Friese schwerlich vor der Kritik einer gelauterten Geschmackslehre Stand halten; allein der Totaleffect, das Ensemble war auch hier, wie beim hohenberger Schlosse, der einer gewissen Wurde und vornehmen Stattlichkeit. Auch dies Palais hatte zwei jedoch nur sehr kurz vorgeschobene Seitenflugel mit verschlossenen hohen Eingangen. Der grasbewachsene und etwas verwilderte Vorhof, der durch die Flugel vor der langen Fronte gebildet wurde, war durch Ketten von der Strasse abgesondert. In der mittlern Thur war die grosse Einfahrt eine Facade von sechs dunnen Saulchen, von denen je drei dicht beieinander standen und in der Mitte ein grosses eisernes Becken zur Pechbeleuchtung bei feierlichen Gelegenheiten einschlossen. Das Schwarzen der Saulen hatte man dabei nicht zu furchten, da das ganze Gebaude durch die allmalige Verwitterung des Sandsteins und die in der Stadt neuerdings stark betriebene Steinkohlenfeuerung ein dunkelgraues Ansehen hatte; nur die weissen Vorhange an den grossen Fenstern der ersten Etage und im Parterre einige Blumenstocke gaben ihm den Charakter einer gewissen Wohnlichkeit.

Hatte Furst Waldemar auch die aussere Erscheinung seines Palais nach vorn so gelassen, wie er es damals, als ihm vor etwa dreissig Jahren die grosse Erbschaft zufiel, von einem Seitenverwandten des regierenden Hauses erstand, so hatte er doch im Innern und nach hinten zu auch ausserlich bedeutende Verschonerungen im neuern Stile angebracht. Auf eine harmonische Verbindung dieser Anbauten mit dem Vorgebaude war dabei nicht gesehen worden. Man stellte einen Pavillon dicht hinter das Hauptgebaude und verband ihn mit diesem nur durch einen bedeckten Glasgang. Dicht an diesen Pavillon reihten sich, jedoch ohne Verbindung, die Gewachshauser. Die eine Seite des von einer hohen Mauer eingefriedigten Gartens war hell und freundlich, die andere der hohen Baume des kleinen Parkes wegen etwas duster und bei heftigem Sturme, wenn die Gipfel schwankten und krachten, gar unheimlich. Den Park hatte der alte Furst, dem die schone Natur sehr gleichgultig war, vernachlassigt, und dem Garten wurde es ebenso gegangen sein, wenn ihm sein Pavillon nicht sehr am Herzen gelegen hatte, in dem er kleine Diners und vertraute Soupers gab. Die Jalousieen dieses von ihm mit besonderer Vorliebe gepflegten Gartenhauses waren zwar immer herabgelassen ... doch zeigte er wol einmal seinen Gasten die Aussicht in's Freie, Grund genug, sie dem Pavillon entsprechend zu erhalten. Denn wir konnen annehmen, dass dieser eine ebenso reiche Einrichtung enthielt wie die grossen Gemacher des Hauptgebaudes.

Sogleich, wenn man das Innere des Portals betreten und links an der Loge des Portiers, rechts an der Wohnung des Hauptverwalters des Schlosses und sozusagen Haushofmeisters, Herrn Wandstabler, voruber war, verwandelte sich der ganze Stil des Hauses. Der Treppenaufgang entsprach vielleicht noch dem Charakter des ursprunglichen Baues. Es waren zwei Aufgange, die links oder rechts zu demselben Ziele fuhrten. Aber die kostbaren Teppiche, uber die man schritt, die Marmorstatuen, die auf dem Absatz der Treppen aufgestellt waren, die Form der das Gitter unterbrechenden Karyatiden, die uber den Hauptern grosse vergoldete Laternen trugen, die Frescomalerei der Decke und die getafelten Corridore, die man, oben angelangt, rechts und links sich ausbreiten sah, alle diese Verschonerungen gehorten der neuern Zeit an. Ebenso kostbar war die innere Einrichtung. Die alterthumliche Form der grossen Zimmer war ganz verschwunden unter den Tapeten, Malereien und Stukkaturen im neuern Geschmack. Grosse Gemalde bedeckten die Wande, Tische mit Marmorplatten und vergoldeten oder bronzirten Fussen von Bildhauerarbeit, Consolen mit Statuen aller moglichen Auffassungen der Venus und Amor's und Psyche's, Gemalde, von denen viele ihrer allzusinnlichen Sujets wegen mit grunen Vorhangen bedeckt waren, grosse Kronenleuchter von Krystall, Teppiche, kostbare Ofenschirme, Das waren die Liebhabereien des alten Herrn, der hier uber funfzehn Jahre allein hauste und diese Pracht sich bei Denen, die er schalten und walten liess, blindlings bestellte, ohne Rucksicht auf seine Mittel und ohne Rucksicht auf sein eigenes Verstandniss. Es war ein wilder Krieger, der gleichsam im Felde gute Beute gemacht hatte und ein Halsgeschmeide fortgab, um, wie jener Kroat in Wallenstein's Lager, eine hubsche Mutze dafur zu erhandeln oder der um ein Halsgeschmeide, das gerade so und nicht anders sein sollte, soviel ausgab, als drei, viel werthvollere gekostet hatten. Was er irgend sah, musste er kaufen. Er glaubte, sein Stand brachte Das mit sich und gerade, weil seine Furstenschaft neu war, that er Alles, um an Glanz zu ersetzen, was ihr an Alter fehlte. In's Gelag hinein bestellte er bei Kunstlern, die er bei Hofe hatte ruhmen horen, Arbeiten, und wenn sie in seinen Salen aufgestellt wurden zur Besichtigung der Kunstfreunde und der eleganten Welt, so machte er in dem Falle, dass schone Damen kamen, selbst die Honneurs und war immer bei der Hand, Denen, die ihm besonders gefielen, Aufmerksamkeiten und kostbare Andenken auf eine, oft nicht feine, aber keineswegs verletzende Art aufzuzwingen. Ohne Bildung und geringen Verstandes, war er im hochsten Grade gutmuthig und gefallig. Dieser tapfre alte Herr brachte seine ganze mit Lorbeern geschmuckte Veteranenzeit damit zu, kleine Galanterien zu treiben, von Boudoir zu Boudoir zu fahren, mit seiner Husarenuniform zu kokettiren und so lange des Tages den Heros der Jugendlichkeit und des galanten Ritterthums zu spielen, bis sich Abends wieder der alte Landsknecht in ihm regte und er dem Spiele, dem Glase, ja zuletzt der Bowle verfiel.

Furst Waldemar hatte eine Eigenschaft, die man eine positive Tugend nennen muss. Er war sehr reinlich. Noch jetzt, drei Monate nach seinem Tode, entdeckte man in seinem Palais uberall die Spuren dieses einzigen Verschonerungsmittels, das eigentlich unmittelbar aus ihm selber, seiner angeborenen Natur, kam. Das war noch der alte Soldat, der die Sauberkeit und "Proprete", wie er's nannte, uber Alles schatzte. Er wusste vielleicht selbst nicht einmal, dass er mit diesem schonen Triebe der Reinlichkeit ein ausserordentliches Verjungungsmittel besass und dadurch in der That den Damen gefallig erscheinen konnte. Sein halbweisser, nie gefarbter Bart musste, wie er es nannte, appetitlich sein. Seine Wasche wurde taglich gewechselt. In dem Seitengemache seines Pavillons hatte er ein Bad eingerichtet, voll Eleganz und Geschmack und nicht blos zum Staat oder Amusement seiner Freunde, die die hier aufgehangten indiscreten Bilder und umstehenden kleinen Statuetten belachten, sondern zur wirklichen Starkung seiner einst gewiss sehr schon gewesenen Gestalt. Noch jetzt zeigten sich alle Spuren dieses Cultus der Reinlichkeit. Fur ein so grosses Haus, dem eine weibliche Herrin seit Jahren fehlte, herrschte eine grosse Sauberkeit. Der Staub war uberall gekehrt. Alles, was an Stoffen und Farben leicht von der Sonne litt, war verhangen, die Zimmerteppiche wurden noch immer geluftet und nur sehr dunn war jene Sonnenstaublinie, die sich in jedem halbgeschlossenen, von der Sonne beschienenen Zimmer zeigt. Es war, als wenn noch immer des alten Fursten Geist hier befehlend waltete, als wenn sich noch Alles beeiferte, seinen in diesem Punkte unversohnlichen Zorn zu vermeiden.

Die Dienerschaft des Hauses bestand noch jetzt aus einem Portier, drei Bedienten, einem Koch, einem Kutscher, zwei Reitknechten und dem Kastellan oder Haushofmeister, der, wie schon gesagt, Wandstabler hiess. Das Eigenthumliche aller dieser Menschen war, dass sie, ausser dem pariser Koch, sammtlich dem Militairstande angehort hatten. Es waren ehemalige Soldaten, blessirte, brave, gutempfohlene Unteroffiziere, Sergeanten, Feuerwerker, je nach ihrer Waffengattung. Wandstabler war bei denselben Husaren, deren Uniform der Furst am liebsten trug, Wachtmeister gewesen und hatte ihm im Felde die treuesten Dienste geleistet, ja sogar mit Aufopferung des eignen Lebens einmal das seine beschutzt. Wandstabler war dadurch zum eigentlichen Chef der ganzen Hausverwaltung des Fursten allmalig avancirt. Keineswegs durch sein grosses Rechnungstalent oder seine Ordnungsliebe oder seine nuchterne Aufmerksamkeit im Dienste, sondern lediglich durch die Erinnerung an die alten treuen Dienste und, um es nur hinzuzufugen, noch einen Vorschub, den er in seiner eignen Familie besass. Wandstabler hatte drei Tochter, die, von nicht unangenehmem Aussern, Eine die Andere so in Jahren ablosten, dass immer, wenn die Eine verbluht war, die Andre gleichsam an ihrem Stamme frisch aufschoss. Die drei Demoiselles Wandstabler spielten eine sehr einflussreiche Rolle in der Lebensgeschichte des alten Fursten Waldemar. Sie regierten das Haus und fast Alles, was dem Fursten nach seiner Uberschuldung an eigner freier Disposition ubrig blieb. Die drei Demoiselles Wandstabler waren jetzt sechsunddreissig, dreissig und vierundzwanzig Jahre alt, hiessen Florentine, Doris und Laura, wurden aber der Kurze und Harmonie wegen: Florette, Dorette und Lorette genannt, oder wie sie der Furst nannte: die Flore, die Dore und die Lore. Darin waren sie fast eine einzige Person, dass ihnen die ganze ausubende Gewalt der Hohenberg'schen innern Angelegenheiten gehorte. Wodurch sie diesen Einfluss errangen, wodurch sie ihn behaupteten, ist kein Geheimniss. Der Furst hatte einen Kammerdiener vor der Welt, aber keinen in seinem nahern Bedurfniss. Er hatte nur Bediente, die die aussern grobern Arbeiten verrichteten. Man sagte aber, dass eben die Demoiselles Wandstabler beim alten Fursten die wahren Kammerdienerdienste verrichteten und dass er ohne sie nicht gehen, stehen, essen, trinken u.s.w. konnte. Jede Handreichung von Morgens in der Fruhe den Badern und dem Fruhstuck an bis Abends, wenn er von den Spiel- oder Trinkabenden heimkehrte, leisteten weibliche Hande unter oberer Leitung der Demoiselles Wandstabler.

Der Furst ist dahingegangen ... Wir kennen das Folgende ... Sein Erbe scheint eingezogen und wird jetzt als krank gemeldet, krank nach einem kurzen Ausfluge, den er, man ahnte nur wohin, kurz nach seiner Ankunft aus Paris gemacht hatte. Zitterten uber ein Dutzend Menschen fur ihre Zukunft, als der alte Generalfeldmarschall die Augen schloss, erwarteten sie im bangen Vorgefuhl, was ihnen von einem als wunderlich und launenhaft bekannten jungen Manne bevorstehen wurde, so musste ihnen jetzt, da dieser so plotzlich erkrankte, vollends bange werden uber eine Zukunft, die der Furst beim besten Willen nicht sichern konnte, da er keine Mittel dafur besass. Der alte Wandstabler verlor gleich nach dem Tode des Fursten den schon immer schwachen Kopf. Vormittags nur war er sonst gewohnt, ihn noch einigermassen zu gebrauchen, Nachmittags schlief er und gegen Abend folgte er dem Beispiele seines Herrn und ergab sich allen nur moglichen schlimmen gebrannten Geistern. Er war dick und schwammig, hatte eine furchterliche Rothe im Gesicht und wichste sich seinen martialischen Schnurrbart mit dem besten nur aufzutreibenden ungrischen Firniss. Der Contrast dieser dicken Figur und des schwammigen, schwarzbartigen, weisshaarigen Kopfes zu dem schwarzen Frack und den kurzen, engen Beinkleidern und weissen Strumpfen, die er tragen musste, war sehr barock. Er sollte den Haushofmeister spielen und stand kaum auf der Stufe des Portiers. Wenn ihn nicht seine drei Tochter gehalten hatten, er wurde sich in dieser noblen Stellung nicht haben behaupten konnen. Diese aber dachten statt seiner, ordneten und regierten statt seiner und sowie er eine an ihn gerichtete Frage nach einem brummischen Rauspern nicht beantworten konnte, rief er eine seiner -oren oder -etten zu Hulfe, die Dore, die Flore oder die Lorette und liess den Fall entscheiden ... sie waren alle auf dieselben Dinge abgerichtet und leisteten in jedem das Mogliche.

Seit drei Monaten war Wandstabler nicht aus der Ruhrung herausgekommen. Seine ohnehin sehr leicht thranenden Augen flossen bei jeder noch so leisen Beruhrung an die gefahrlichen Fragezeichen seines kunftigen Schicksals. Der junge Prinz war ihm von fruher nur ziemlich fluchtig erinnerlich. Er ahnte, dass er von seinem Leben nicht vielen Vortheil haben wurde, wusste aber auch, da er nun heftig erkrankt war, dass mit seinem Tode vollends jede Hoffnung schwand. Die Tochter waren nicht minder erschrocken. Den jungen neuen Herrn hatten sie eigentlich kaum noch gesehen, und Anfangs auch noch nicht recht furchten wollen. Alle weiblichen Dienstboten des Hauses, die unter dem alten Fursten trotz ihrer eignen grossen Geltung doch immer jung und gefallig sein mussten, waren zwar rasch abgeschafft worden, aber.. Lorette, die Vierundzwanzigjahrige, hatte eine schone Gestalt, eine gewisse Anmuth, ja sogar die Dreissigjahrige, Dorette Wandstabler, konnte unter gewissen Umstanden sich zutrauen, wenn auch keinen Eindruck, doch sich gefallig, angenehm, beliebt zu machen. Frauen furchten sich vor Mannern nie. Und so hofften Flore, Dore, Lore auch hier schon fertig zu werden.. nun aber wurde der Prinz krank und die Arzte machten die bedenklichsten Mienen.. Sie sprachen vom Nervenfieber.. einer Krankheit mit so tuckischen Moglichkeiten.

In der schonen Wohnung, die Wandstabler im Parterre rechter Hand inne hatte, sassen Dorette und Lorette am Fenster auf einem Tritt und richteten ihr Auge bald auf die Wagen zweier Arzte, die vorm Hause standen, bald auf einen wurdigen hohen, stattlichen Mann, der in Begleitung eines schonen Knaben auf einem Sopha sass und mit ernster, fast trauriger Miene die Bilder an den Wanden musterte.

Es waren dies Ackermann und Selmar.

Sie hatten in der That bei Schlurck in aller Fruhe einen Besuch gemacht, waren von ihm in das Palais des Prinzen beschieden worden, wo er ihnen auf Akkermann's uberraschenden Antrag, die Hohenberg'schen sammtlichen Guter in Pachtung zu nehmen, Bescheid geben wollte.

Nun sassen sie schon eine Stunde und harrten.. und erfuhren, dass Prinz Egon von einer Reise krank zuruckgekehrt war..

Die Arzte waren am Lager des jungen Prinzen, sie erblickten uberall traurige Gesichter, Ackermann sprach nichts und Selmar konnte die Thranen nur mit Muhe unterdrucken.

Zuweilen kam der Haushofmeister Wandstabler in's Zimmer, schuttelte den Kopf, stohnte und sprach die traurigen Worte:

Es kann ihn Niemand sprechen! Niemand! Aber der Herr Justizrath vielleicht ... Der Herr Justizrath!

Er ging dann an einen kleinen Wandschrank, offnete ihn, klapperte mit Schlusseln, die daselbst in aller Ordnung aufgehangt waren, benutzte aber auch regelmassig diese wahrscheinlich zu seinem Amte nicht gehorende stete Revision der Schlussel, um aus einigen Flaschen, die neben den Schlusseln im Wandschranke standen, sich eine kleine Herzstarkung zu holen. Wenn seine jungern Tochter nach der altern Schwester fragten, sagte er, sie ware oben und hore die Befehle der Arzte. Dann sah man einen Bedienten mit Recepten eilen.. ein andermal kamen vornehme Lakaien von da und dort und erkundigten sich nach dem Befinden Sr. Durchlaucht ... Es gewahrte einen schmerzlichen Anblick.

Ackermann hatte die Madchen gefragt, wann der Prinz von seiner Reise zuruckgekommen ware?

Gestern Abend; hatte es geheissen.

Und Sie glauben, dass er in Hohenberg war? hatte Ackermann gefragt und ein kurzes Ja! war die Antwort der beiden etwas stolzen Damen gewesen, die sein Anliegen nicht kannten und ihn nur hier duldeten, weil ihnen der Name Schlurck, auf den er sich berief, nach Umstanden ein Gespenst des Schreckens war.

Dass bei allem Leide diese Frauen doch immer noch Zeit fanden, zu jedem Vorubergehenden hinauszublikken und nach dem Kettengelander hin ihre langen Halse auszustrecken, dass sie uberdies geputzter waren, als ihrem Stande zukam, missfiel Ackermann genug und die zarte Hand seines in eine schmerzliche Beklommenheit versunkenen Knaben ergreifend, sagte er zu den Madchen:

Wer weiss, wann der Justizrath kommt! Erlauben Sie wol, dass wir so lange in den Park gehen, den wir am Palais bemerkt haben? Es wird uns wohlthun, dort an der frischen Luft zu warten.

Die Madchen sahen sich an.

Ist der Pavillon verschlossen? flusterte die Dore.

Da hangt der Schlussel! sagte die Lore.

Gehen Sie dann nur! antwortete kalt die Altere; wenn der Herr Justizrath kommt, werden wir Sie rufen lassen.

Selmar's Vater athmete frei auf, als er die beklemmende Atmosphare dieses Zimmers hinter sich hatte. Es war gross und geraumig, auch kuhl gewesen und doch lag etwas in dem Zimmer, was ihm die Luft verdickte ...

Komm, mein Kind! sagte er draussen und fasste Selmar's Arm, der sich an ihn hing, und wie ein zartliches Paar schritten sie uber die Einfahrt, den etwas dustern Hof, dem Garten zu, wo sie unter den hohen Baumen aufathmeten und sich gegenseitig das Herz auszuschutten begannen.

Wer hatte erwarten konnen, begann der Vater, dass dieser junge kraftige Mann von den Anstrengungen seiner Reise so konnte darniedergeworfen werden! Es mussen doch die Reichen und Vornehmen fur die Bequemlichkeiten, die ihnen das Leben gewahrt, auch wieder viel bussen.

Sollte ihn nicht eher der Kummer ergriffen haben, sagte Selmar, dass er sein Eigenthum unter so betrubenden Verhaltnissen antritt und fremde Menschen da schalten und walten sieht, wo sein Herz gewiss am liebsten verweilt, an der Grabesstatte seiner Mutter?

Wenn er dir ahnelte, Kind, sagte der Vater, gewiss nicht! Du denkst an den Ocean schon gar nicht mehr zuruck und unsere Farm, unsere Rinder, unsere Lammer, unsere Wiesen und Pflanzungen mit der Trauerweide, die am See den kleinen Hugel beschattet, hast du ganz vergessen!

Ach! sagte der Knabe schmeichelnd, verstell dich nicht, Vater! Ich sehe dir's an, dass auch du nicht mehr daran denkst, nach Amerika zuruckzukehren! Der Geist der Mutter ist bei uns. Der lenkt und fuhrt uns und hat uns auch nach Hohenberg begleitet in den Wald, an die Muhle und das rauschende Berggewasser! Wenn ich auch zuruckkehren mochte.. ich sag's nicht.. deinetwegen.

Meinetwegen? fragte der Vater mit sinnendem Ernst. Da irrst du!

Ja deinetwegen, fuhr der Knabe fort. Wie bist du geruhrt von Allem, was du hier wiedersiehst! Gesteh' es nur, du trugst das Land deiner Jugend im Herzen, wie die heimwehkranke Mutter. Sie sprach nicht davon und du sprachst nicht davon! Beide ertruget ihr die wechselseitig aufgelegte Pflicht, Beide entsagtet ihr Dem, was Euch lieb war, mit schwerem Herzen. Und nun du hier bist, kannst du dich nicht mehr losreissen von diesen Hausern und Platzen, wo du schon einmal gelebt hast und glucklich warst ....

Glucklich? sagte der Vater ernst und wiederholte mit wehmuthiger Erinnerung:

O ja, recht glucklich!

Und du wirst es wieder sein! sagte Selmar. Ich sah es dir an, gleich seit wir in Hohenberg waren, das ich so lieb gewann, weil ich dich zum ersten male wieder nach langer Zeit weinen sah. O Vater, wenn du so truben Ernst im Auge hegst, wenn es dir so dunkel in den Hohlen sich schattet und sie bleiben trocken und sie erquicken sich nicht mit dem Thau der Thranen, ach dann muss ich statt deiner weinen und mochte Gott bitten, er gabe dir meine eignen nassen Augen..

Wo weint' ich denn bei Hohenberg? fragte der Vater, fast gleichgultig.

Auf dem Kirchhofe, Vater, sagte Selmar. Wir hatten ja den hasslichen Leuten ihr Geld gezahlt, wir waren im Walde bei der alten Hexe gewesen, wollten nun fort und konnten nicht mehr von dem jungen Freunde, den wir gefunden, Abschied nehmen. Da gingen wir noch zum Lebewohl auf den Kirchhof und du lasest uber einem Grabe: Kommt zu mir Alle, die ihr muhselig und beladen seid, ich will euch erquikken! Und als du nachsahest, wer dort lag, weintest du ...

Weint' ich? fragte Ackermann.

Ja, Vater! Und so schwer trennt' ich mich von dem Grabe, rief Selmar, und nun bist du jetzt uberall ein Anderer. Du nimmst Theil, du bist bewegt, du erzahlst, du erinnerst dich von der Stelle da in Plessen an hundert alte Dinge, und wie du gar von dem Jager am Gelben Hirsch erfuhrst, unser lieber Freund mochte wol mit dem Prinzen Egon verwandt, es vielleicht gar selber sein, wie du im Heidekrug noch so spat aufstandest um ihn zu sprechen, und ganz verstort und doch beseligt wiederkamst, dass du schnell abreisen musstest, um dich nur zu sammeln und deine Freude zu beherrschen, da muss in dir so viel Gluck und Lust der alten Zeit aufgestanden sein, dass du plotzlich wieder Liebe zu Deutschland fasstest und dich entschlossen hast, zu bleiben. Denn, dass du an die Verwaltung der Guter des Prinzen denkst, nur um meine Zukunft zu sichern und wenn diese sich entschieden, mich verlassen und wieder meerwarts ziehen konntest, das glaub' ich nicht, Vater!

Nein, mein Kind, rief Ackermann mit uberschwellendem Gefuhl und druckte Selmar's bewegte Brust an die seine; nein, wie wurd' ich dich je verlassen konnen! Ich will bleiben. Ich bin es einem Gelubde deiner Mutter auf ihrem Sterbebette schuldig, dich in die Verhaltnisse sanft zuruckzufuhren, denen du angehorst, und wenn ich dich dann verliere, wenn du dann nicht mehr mein bist und eine neue Mutter findest ...

Vater! rief Selmar, wie konnte das je geschehen? Wer kann meine wahre Mutter gewesen sein, als Die, die dich liebte? Dir hat sie mich geboren, dir hat sie mich gegeben fur ein ganzes Leben! Die Grossmutter eine neue Mutter fur mich? Nein! Willst du zuruckkehren, ich folge dir! Um meinetwillen steh' von dem Gedanken ab, den du in deiner Liebe jetzt ausfuhren willst, dem, deine reichen Erfahrungen und Kenntnisse hier in Europa zu bewahren. War ich es denn, Vater, der dir den Gedanken einflosste, am Fusse von Hohenberg zu wohnen und Egon's Eigenthum zu verwalten, dies schone Furstenthum vielleicht vor dem Untergange zu retten?

Nein, mein Kind, sagte Ackermann mit einer besondern Feierlichkeit; nein, das kam aus eignem Herzen! Ich will versuchen, noch einmal in der Heimat Anker zu werfen. Ich will dein und mein Wohl begrunden, indem ich mich entschliesse, einem Herrn zu dienen, der es vielleicht nicht verdient.

Nicht verdient? sagte Selmar. Warum sollte es unser Freund nicht verdienen? O, dass er krank ist, dass ich nicht an seinem Lager stehen und seine Wunsche horen kann! Wie wollt' ich ihn pflegen, jeden Trunk musst' er aus meiner Hand nehmen! Ich ware eifersuchtig, wenn ihn ein Andrer mehr lieben sollte als ich!

Kind! Kind! Was sprichst du? sagte der Vater.

Ich sag' es nur, antwortete Selmar mit einem leisen Errothen uber das Feuer, das ihn ergriffen hatte; ich sag' es nur, weil du meintest, er ... verdiene es nicht.

Er ist vornehm, sprach der Vater mit ernstem Tone, er ist vornehm und leichtsinnig.

Nennst du ihn leichtsinnig? war des Knaben verwunderte Frage.

Ich kenn' ihn nicht mehr als du, sagte der Vater, aber seine Auffuhrung verdiente wenig Anerkennung. Statt sich genau nach Allem zu erkundigen, was etwa noch fur die Rettung seines Eigenthums gethan werden konnte, streifte er um das Schloss gedankenlos, besuchte die Schmiede, wo ihn der Eine nicht sehen, der Andre nicht horen konnte, plauderte im Walde mit dem Jager uber Alles, nur nicht uber Das, was ihm zu wissen nothig war. Auf dem Schlosse kann er kaum etwas Andres gewollt haben, als eine leere Neugier befriedigen. Eine Kokette tandelte mit ihm ...

Wirklich, Vater?

Die Tochter desselben Mannes, der an seinem Erbe nicht viel Redlichkeit gezeigt haben mag, konnte ihn so bestricken, dass er nur noch fur sie einen Gedanken hatte

Nur fur sie? fragte Selmar traurig.

O, diese leichtsinnigen Junglinge, sprach Ackermann mit Nachdruck und scharferer Betonung, als fur diese Ausserung naturlich schien; diese jungen Manner sind flatterhaft und jedem Winde preisgegeben! Ihr Gewissen gibt ihnen keine Schwere, dass sie Stand halten konnten. Dieser da war schon in Paris und hat dort schwerlich in der Spreu das gute Korn gesucht, sondern eben nur die vom Wind getriebene leichte Spreu und das Angenehme. Wir wunschen, dass er von seiner Krankheit genesen moge und ist er geheilt, ist er vom Lager wieder erstanden, so will ich hoffen, dass die Welt, in der er lebt und die uns verschlossen ist, ihn nicht zu sehr verderbe!

Selmar schwieg und verfiel in eine grosse Traurigkeit. Nach einer Weile sagte er:

Warum aber konnte das schone Madchen mit ihm tandeln, da sie doch nicht seines Standes ist?

Ackermann belehrte ihn mit sonderbarer, ernster Umstandlichkeit und entgegnete:

Der Leichtsinn, den die meisten Manner fuhlen, ist ja auch vielen Frauen eigen. Dies Madchen ist schon und sie glaubt, sie wird es immer sein. Deshalb versaumt sie, schon jetzt durch Tugend und Zucht edlere Schonheiten zu sammeln, die sie ewig schmucken wurden.

Warum warst du nur in jener Herberge so erregt uber sie? forschte Selmar ....

Wann? fragte der Vater.

Da, als du ihr noch in spater Nacht auf dem Gange begegnetest? Du schienst ihr damals nicht zu zurnen.

Ich war erstaunt, sagte Ackermann. In Begleitung des unheimlichen rothhaarigen Menschen, der sich zu uns gesellte, kamen wir spat in der Nacht an, du legtest dich zum Schlafe, der mich noch floh. War ich von dem stromenden Regen fiebernd durchkaltet oder bewegte mich zu lebhaft der Plan, in der Art einer grossen amerikanischen Niederlassung hier einen landwirthschaftlichen Versuch nach meinem Geschmacke zu wagen, ich konnte nicht schlafen. Was sollt' ich nun von einem Madchen denken, das tief in der Nacht, wahrend Alles in dem grossen Hause ruhte, im leichten Ubergewand uber den Corridor huscht und das Zimmer eben offnen will, wo ich wusste, dass Prinz Egon schlief .... Sie erschrak so heftig, dass sie entfloh .... Seit jenem Augenblicke weiss ich, dass der junge Mann seine Neigungen zu leicht verschenkt und wurde Niemanden beneiden, der sich ruhmt sein Freund zu sein.

Das kann dein Ernst nicht sein, Vater, sagte Selmar und schmiegte sich, schalkhaft lachelnd und in sein grosses, festes und sicheres Auge blickend, zu ihm empor; wie wurdest du nur sonst so lebendig den Gedanken ergriffen haben, des Prinzen Guter zu verwalten, ihn vielleicht vor dem drohenden Zusammensturz seines Erbes zu bewahren, ihn zu schutzen vor schlimmen Haushaltern, die nur von ihm rauben, nicht durch Unterstutzung seines Erwerbes den ihrigen verdienen wollen! Gestern, als wir noch einen Umweg einschlugen, um ein anderes Gut des vornehmen Freundes anzusehen, wie hast du da geschwarmt fur den Gedanken, ihm wieder das Leben zur Freude zu machen!

Hab' ich geschwarmt, Herz? sagte der Vater fast scherzend. Geschwarmt! Geschwarmt! Uber Kartoffelbau nach unserer Art, Ruben, Olpflanzen, Dresch-, Sae-, Egge-Maschinen hab' ich geschwarmt! Uberall sah ich meinen neuen Pflug durch die Erde gehen, sah, wie die Bauern ringsherum staunen werden, wenn ich Taback baue von virginischem Samen, sah Felder mit Runkelruben besaet und die Schornsteine von Laboratorien rauchen, die aus solchem Material noch Werthe erzeugen sollen, das man hier gewohnt ist als unnutz wegzuwerfen. Das war meine Schwarmerei. Nun wohl, ich schwarmte fur die Sache an sich. Dass dieser Plan auch den jungen Mann, dessen Krankheit hoffentlich Gott wenden wird, um ihm Gelegenheit zu geben, noch sehr an Herzensgute und Sittenreinheit zuzunehmen, mit betrifft, ist ein Zufall, der mir nicht viel sagen will. Jetzt aber genug von ihm! Ich mochte ihn noch arger schelten, war' er nicht krank.

Selmar schwieg. Er hatte sich in seiner Vertheidigung erschopft. Das Letzte, was er fur den vermeintlichen Prinzen noch anfuhren konnte, seine bedenkliche Erkrankung, hatte ja der Vater schon vorweggenommen. Er wusste, dass er diesen erzurnen wurde, wenn er einen von ihm fur erledigt erklarten Gegenstand von freien Stucken wieder aufnahm. Er sah zur Erde und schleuderte mit dem schwanken Stockchen, das er in der Hand trug, hier und da einen kleinen Stein zur Seite auf die Beete, die nicht gut gehalten waren .... Die Blumen wuchsen fast wild. Die Hecken trugen Beeren, die uberreif vertrockneten, weil sie nicht abgelesen wurden. Die Blatter der verwelkten Rosen lagen zerstreut unter den grunen stachlichten Stammen. Niemand hatte die Rosen gebrochen, bis sie mit auseinanderfallenden Blattern von selbst niederglitten. Tausende verwelkter Blutenkapseln lagen auf den Wegen und mischten sich mit dem Kieselsand. Es war hier weder die Hand der Liebe, noch die der Furcht sichtbar und Ackermann sagte einige Male mit Recht:

So sieht es aus, wo kein Herr ist!

Einige Male trennten sich unsere harrenden Wanderer, die wol schon zehnmal Park und Garten auf und ab durchmessen hatten. Den Vater fesselte dann ein Baum, den Knaben eine Blume und dadurch geriethen sie zuweilen auseinander. Einmal stand Selmar an dem Pavillon und betrachtete von allen Seiten das geheimnissvolle umfangreiche Gebaude, dessen Fenster mit aussern Jalousieen verdeckt waren. Es waren Marquisen von schiebbaren Holzstaben. An eins dieser Fenster trat Selmar naher heran, hob den holzernen Vorhang ein wenig in die Hohe, sodass die Bretter sich verschoben und einen Blick ins Innere erlaubten.

Ha! Vater, wie schon! rief er plotzlich.

Ackermann kam ruhig naher. Scheinbar ruhig .... Er war es vielleicht nicht. Er sah wenigstens mit angstlicher Spannung bald zur Gartenthur, bald zu den Fenstern des Palais ... Die Krankheit jenes jungen Mannes, in dem er den Prinzen Egon kennen gelernt zu haben glaubte, beschaftigte ihn mehr, als er seinem Sohne verrieth, dessen ubergrosse Freundschaft fur Egon er, wie wir wohl bemerkt haben werden, absichtlich niederhalten wollte.

Wie ihm Selmar, von dem Innern des Pavillons so uberrascht, zurief, kam er dem Fenster, wo Selmar lauschte, naher; aber kaum hatte er in der Meinung etwa einen schonen Saal zu sehen, einen Blick durch die engen Bretter der Jalousieen geworfen, als er sie voll Entrustung zuzog und seinen Unmuth uber Selmar aussprach, den er jetzt neugierig, ja zudringlich nannte .... Es war das Badezimmer des alten Fursten gewesen, das Selmar gesehen hatte, eine bunte, magisch von oben herab beleuchtete Kammer mit Statuen und Gemalden in einem Geschmacke, der das Auge der Sittlichkeit beleidigen musste .... Doch war Selmar so unbefangen, dass er nur an dem Gold und den Farben hing, nur die von einem rothen Kuppelfenster angebrachte magische Dammerung bewunderte und nicht begreifen konnte, wie der Vater so zurnen und schelten konnte ...

In diesem Augenblicke kam ein Bedienter und meldete mit leicht hingeworfener verachtlicher Rede die Ankunft des Justizrathes:

Er hat Sie ja wol bestellt? hiess es.

Gut, gut, mein Freund! sagte Ackermann. Wir kommen schon.

Beide verliessen den Garten; Ackermann mit einem schmerzlichen Ruckblick auf den Pavillon, der ihm einen traurigen kunstlerischen Irrthum, eine anstekkende und gefahrliche Lebensansicht auszudrucken schien.

Funftes Capitel

Eine Scene

Ackermann und Selmar trafen den eben angekommenen Justizrath in dem untern Zimmer, bei den Demoiselles Wandstabler. Verletzend genug fur Ackermann's Gefuhl war auch hier die Uberraschung, dass sie beim Eintreten Schlurck in dem Versuch einer fluchtig scherzenden Umarmung der jungern, der Lorette, Lore oder Laura Wandstabler antrafen ....

Ackermann liess die Thur zu und blieb einstweilen draussen auf der Thorflur stehen. Der Knabe war vor dem Anblick bewahrt geblieben ...

Schlurck kam schmunzelnd, erhitzt, heraus und winkte, nach hoflicher Begrussung, ihm uber die Treppe hinauf zu folgen. Er wurde versuchen, sagte er, ob die Arzte eine mundliche Unterredung zwischen Herrn Ackermann und dem Fursten uber das von ihm gemachte dankenswerthe, den Wunschen aller Glaubiger entsprechende Anerbieten erlaubten.

Ich habe nochmals, sagte Schlurck beim Hinaufsteigen mit prufender und den Amerikaner scharf durchbohrender Miene, nochmals Ihre Offerten durchgelesen und bin vollkommen uberzeugt, dass sie Sr. Durchlaucht genehm sein werden. Sie stellen eine Caution von 10.000 Thalern und ubernehmen die Pachtung sammtlicher Guter des furstlichen Hauses Hohenberg. Sie zahlen jahrlich dreissigtausend Thaler in die Masse, um damit theils die Zinsen der Schuld, theils das Capital derselben allmalig zu tilgen und erbieten sich den Rest Ihrer Einnahme dem Fursten zur Disposition zu stellen, nachdem Ihnen erstens die Verzinsung des Capitals, das Sie selbst in die Okonomie stecken werden, gesichert ist und Sie fur Ihre eigene Muhewaltung eine Summe von wie viel war es? Tausend Thalern erganzte Ackermann.

Bester Freund, sagte Schlurck und blieb auf der Treppe, gerade an einer Statue stehen. Lassen Sie uns erst aufrichtig reden! Tausend Thaler! Was ist Das? Ich dachte heute fruh, ich hatte Sie misverstanden und nun wiederholen Sie diese Bagatelle.

Uberhaupt bin ich mit manchen Punkten noch nicht einverstanden, fuhr er fort. Wie konnen Sie bei so geringer Einnahme bestehen? Sie opfern ja Ihr Interesse dem eines Fremden! Sehen Sie hier! Das ist die Statue des Merkur. Ein bedeutsames Wahrzeichen. Es muss Sie an Ihren Vortheil erinnern. Merkur war der Gott des Handels ....

Und der Diebe! sagte Ackermann scharf einfallend.

Schlurck hob den Kopf, zog die Brille etwas in die Hohe und fixirte mit halb unbewaffnetem Auge, mit dem er in der Nahe besser sah, diesen seltsamen Einfall.

Ganz recht! sagte er und machte ein eigenthumliches Zeichen, das Ackermann als Freimaurerzeichen erkannte, ohne es jedoch zu erwidern.

Schlurck wollte sich uber diesen neuen Generalpachter orientiren, blieb immer noch stehen und wiederholte seine Bemerkung:

Aber ob des Handels oder der Diebe, gleichviel ... Sie opfern ja Ihr Interesse dem eines Fremden! Tausend Thaler!

Das ist meine Sache, sagte Ackermann. Genugen Ihnen meine Zeugnisse, meine Cautionsanerbietungen, meine Vorschlage fur die Creditoren, so hab' ich nur die Absicht, mein Vermogen sicher anzulegen und im Ubrigen durch diese Verwaltung Gelegenheit zu haben, gewisse Grundsatze der Landwirthschaft, die ich auch als Kenner und Theoretiker treibe, praktisch anzuwenden. Die naturliche Beschaffenheit dieser Guter kommt meinen Ideen entgegen. Die Okonomie auf ihnen ist mehr vernachlassigt als irgendwo und doch sind es wieder meist dieselben Fehler, die uberall in Europa gemacht werden. Ich habe mir die Gelegenheit angesehen, die ich an Ort und Stelle gunstig genug gefunden habe, etwas Tuchtiges zu schaffen und wenn ich fast fur gewiss voraussehe, dass Sr. Durchlaucht noch zwanzigtausend Thaler reinen Gewinns ubrig behalten werden, so konnen Sie schon getrost eine so vortheilhafte Anerbietung eingehen.

Schlurck blieb, da man inzwischen weiter gegangen war, oben auf dem Corridor stehen und lehnte sich an das Gitter der Treppe.

Hm! hm! sagte er dehnend. Es ist aber doch nothig, dass wir ganz im Reinen sind, ehe wir den Versuch machen, die Meinung des Prinzen zu horen Die bisherige Verwaltung durch die im Dienste Sr. Durchlaucht Angestellten betragt etwa sechstausend Thaler. Sie war fruher viel grosser. Seit zwei Jahren hab' ich sie auf das Nothigste reducirt. Dies Budget werden Sie ... wovon bestreiten?

Von den Einkunften des Bodens, aber auch von den Renten und Gefallen, die an die Gutsherrschaft gezahlt werden.

Bester Freund, sagte Schlurck, Renten, Gefalle.. die sind meist aufgehoben ...

So wurden sie abgekauft, sagte Ackermann. Dies Capital legt man an und erzielt davon eine Rente, die um so angenehmer ist, als nun durch keine bose Verstimmung mehr das Verhaltniss des Grundherrn zum Bauer getrubt wird ....

Das Capital? sagte Schlurck lachend. Ja, guter Mann, Das, was die Bauern schon eingezahlt haben, ging langst in die Masse!

O! das war hochst ungerecht, das war unverantwortlich! sagte Ackermann.

Wie so? fragte Schlurck und ruckte die Brille wieder empor.

Das war unbillig, wiederholte Ackermann. Sie konnten dulden, dass man so die Rechte des Erben verkurzt? Die Laudemien waren eine jahrliche Rente. Von dieser Rente, von diesen Zinsen durften die Glaubiger nehmen.

Die Ablosungssummen aber sind ein ganzes Capital, das an den Gutern haftet. Sie konnten sozusagen eine Ernte verkaufen, aber nicht den ganzen Boden.

Als Ackermann so laut und in den gewolbten Raumen widerhallend sprach, offnete man die Thur.

Ein Frauenzimmer blickte heraus und schien eben in einen Strom von Scheltworten sich ergehen zu wollen, als sie erschrocken den Justizrath erkannte und ihrer Zunge augenblicklich Stillschweigen gebot.

Wie geht es Sr. Durchlaucht? fragte der Justizrath ruhig und bei sich uber den Wahrheitsfanatismus dieses imposanten Landwirthes lachelnd.

Die Dame antwortete mit grosser Unterwurfigkeit, dass die Arzte im Zimmer waren, Niemanden zuliessen und ihre Befehle nur dem franzosischen Bedienten mittheilten, den Se. Durchlaucht aus Paris mitgebracht hatten.

Wir Alle stehen hier in schmerzlicher Erwartung, sagte sie mit gewahltem, etwas geziertem Tone.

Dabei offnete sie die Thur und schien Schlurck einladen zu wollen, in den Vorsaal einzutreten ...

Es standen da einige fremde Bediente, andere sassen. Der alte Wandstabler ruhte auf einem Polstersessel und wischte sich die Thranen, die auf seinen grauen, heute nicht sehr gewichsten Schnurrbart rollten ... Es waren dies, da er unten schon oft nach den Schlusseln gesehen hatte, Thranen sehr zweideutigen Ursprungs.

Die Sprecherin war Demoiselle Florette Wandstabler, seine Tochter. Sie erzahlte flusternd, dass der Prinz drei Zimmer weiter lage, in der hochseligen Durchlaucht Schlafgemachern ... dass er im Fieber phantasire und nur auf Augenblicke bei Besinnung ware ... Der Unglucksfall errege das allgemeinste Interesse. Alle hohe und hochste Herrschaften schickten stundlich und liessen Nachfrage halten ... Diese beiden Bediente dort gehorten der Grafin d'Azimont, die jede halbe Stunde einen Rapport haben musse.. Diese schone bewunderungswurdige Dame hatte selbst an sein Lager fliehen wollen ... ware schon auf diesem Vorsaale gewesen.. aber die dringendsten Befehle der Arzte hatten gerade sie am meisten entfernt gehalten. Der franzosische Kammerdiener Monsieur Louis hatte sich ihr mit Entschlossenheit entgegen geworfen.. der ware noch strenger, als die Arzte.. und Sie kennen Sanitatsrath Drommeldey! schloss sie.

Selmar, der alle diese Mittheilungen anhorte, fasste krampfhaft die Hand seines Vaters, dem sich eine Thrane ins Auge schlich ...

Schlurck ersuchte jetzt Beide, in ein Seitenzimmer vom Entree links zu treten und einen Augenblick zu verziehen.

Ich sehe doch, sagte er mit scharfer und selbstzufriedener Betonung, dass diese Angelegenheit nicht so rasch wird erledigt werden konnen, wie ich gehofft hatte ...

Er zog halb die Thur zu und flusterte wieder mit Florette Wandstabler.

Als Ackermann und Selmar allein waren, warf sich dieser an den Hals des Vaters und weinte.

Beruhige dich, mein Kind, sprach der Vater geruhrt.

Unser Freund ist jung und von einer ungeschwachten Natur. Die gutige Vorsehung wird ihn schutzen.

Und siehst du nicht, fuhr er dann fort, dass es Menschen genug hier gibt, die auf seinen Zustand lauschen wie auf die Athemzuge des geliebtesten Menschen? Er ist in Sorgfalt und Pflege.

Hatt' er eine Schwester, sagte Selmar, einen Bruder! Hatt' er eine Mutter, einen so zartlichen Vater, wie du! Wir konnten mit ruhigerem Herzen dies grosse, angstliche Gebaude verlassen.

Deswegen sei ohne Sorge! trostete ihn der Vater mit besonderem Nachdruck, dieser feine, mehr schlaue als kluge Herr, der sich in meiner Person sehr zu irren scheint, ist der Vater jenes schonen Madchens, mit dem er in Hohenberg und auf der Reise so leichtsinnig tandelte und die Grafin d'Azimont hortest du doch, eine vornehme und sehr gefeierte Dame aus Paris, diese nimmt vollends einen Antheil an ihm wie an einem Bruder. Sie liebt ihn ja! So denk' ich, wird er von zartlicher Obhut nie verlassen sein ...

Beklemmend war es fur Ackermann, dass auch in diesem hochst elegant eingerichteten Zimmer Vieles enthalten war, was er von Selmar nicht gesehen wunschte ... Auf einem Sockel von grauem Marmor stand in einer Ecke eine Copie der mediceischen Venus von Alabaster. Er konnte nicht hindern, dass Selmar sein Auge auf dies schone Kunstwerk richtete; ja hatte er davon zu sprechen begonnen, so wurde er jetzt auch ruhig geantwortet haben wie uber etwas Harmloses. Es that ihm leid, dass er sich vorhin im Garten von seinem Unwillen hatte fortreissen lassen und gerade das Arge erst vielleicht geweckt hatte dadurch, dass er es durch seine Entrustung als arg hinstellte.

Nach einiger Zeit angstlichen Wartens trat dann Schlurck leise und schleichend wieder ein, nahm Platz und sagte mit verstimmter Miene:

Der Prinz hat das Nervenfieber, eine Krankheit ebenso gefahrlich wie langwierig. Man wird nichts abschliessen konnen, mein Bester ... Lassen wir dies Geschaft. Sie kommen aus Amerika? Darf ich ....?

Ackermann, von gewaltiger Unruhe getrieben, lehnte die dargereichte Dose ab und erwiderte:

Gerade jetzt ist vielleicht noch der einzige gunstige Augenblick! Ein langwieriges Ubel schiebt die Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinaus. Kommen Sie, wir sprechen die Arzte!

Unmoglich, sagte Schlurck und hielt Ackermann zuruck. Wo denken Sie hin? Auch bin ich selbst, aufrichtig gestanden, mit Ihren Vorschlagen nicht ganz einverstanden. Sie bedingen sich nur Tausend Thaler eigenen Gewinnes. Ich finde Das mindestens gesagt auffallend ... Welches Interesse konnen Sie haben, sich solcher Muhe, so vielen Plagen zu unterziehen und dafur einen so geringen Entgelt zu beanspruchen?

Das ist ja meine Sache! wiederholte Ackermann.

Ihre Ausserung uber die Capitalisirung der Laudemien, fuhr Schlurck fort, frappirt mich; denn ich weiss in der That nicht, da ich die ganze Last dieser Uberschuldung auf mir liegen habe, wie ich es mit den laufenden Ausgaben z.B. fur die noch nicht an den Staat ubergegangene Gerichtspflege und etwa ein Dutzend Angestellter des Fursten halten soll. Sie haben ganz Recht, Herr Ackermann, dass es Unrecht war, ein Capital, von dem nur die Rente disponibel hatte sein sollen, zur Masse zu schlagen. Aber ein Familienstatut, ein Majorat existirt nicht. Was thun, um diese Locher all zu stopfen?

Ich will, sagte Ackermann, in ruhiger Auseinandersetzung, ich will noch die sechstausend Thaler fur Gerichtspflege und Amtskosten auf den Ertrag der Guter mit ubernehmen, wenn ich die ganze Verwaltung der Grundrenten mit uberkomme und mir die Ablosungen zur Verfugung und Durchsicht gestellt werden.

Schlurck erhob sich, schuttelte mit dem Kopfe und sagte:

Alles recht schon! Recht schon! Aber man kann Das nicht ubers Knie brechen! Es thut mir leid

Damit deutete er an, dass die Unterhandlung abgebrochen ware.. Offenbar erfullte ihn das sonderbare Drangen dieses Landwirthes mit Mistrauen. Er sah in ihm etwas Andres als einen Okonomen, der nur landwirthschaftliche Versuche anstellen wollte. Die Zumuthung, Einsicht in die Bucher zu bekommen und gleichsam die fruhere Verwaltung zu controliren, war ihm vollends lastig. Er war sich zwar, soweit er sich auf Bartusch verlassen konnte, keiner auffallenden Verstosse bewusst, furchtete aber doch alles Schroffe, Ubereilte, Leidenschaftliche und das Allzuwissbegierige und Unbequeme ohnehin.

Da Ackermann nicht nachgab, so antwortete er, um nur eine Ausflucht zu haben:

Uberdies gesteh' ich Ihnen, wir haben noch andere Anerbietungen, die vielleicht gunstiger sind.

Er wollte gehen und kniff Selmar'n freundlich wie zum Abschied in die Backen.

Ackermann schwieg einen Augenblick, fixirte dann aber noch einmal den offenbar sich unbehaglich fuhlenden Mann und sagte mit vieler Ruhe und Kalte:

Herr Justizrath, wenn ich die Verwaltung der Guter bekame, wurd' ich erkenntlich sein. Ich bot zehntausend Thaler Caution und verlange nichts, gar nichts vom Fursten, um in die Ameliorationen etwas hineinzustecken.. Ich gebe das Alles selbst her, weil ich leidlich vermogend bin. Es ist mir nur um die Gelegenheit zu thun, eine grosse Wirthschaft zu fuhren und den deutschen Landwirthen amerikanische Erfahrungen zu zeigen.. Ich biete Ihnen ein kleines Gratial.. zweihundert Louisd'ors ... Herr Justizrath, wenn wir ins Reine kommen.

Dies gewagte Wort sprach Ackermann ganz ruhig hin und legte nicht den geringsten Accent darauf.

Schlurck aber sah ihn von der Seite an, zog seine Dose, nahm eine Prise und machte eine sehr lange Pause. Dann wandte er den Kopf empor, lachelte, schnellte den Rest des Tabacks aus den Fingern und sagte:

Hm! Hm!

Noch einmal dann den Fremden, der ihn sicher und vertrauend und seines Mannes gewiss anblickte, fixirend, fragte er mit einem Tone, der etwa sagen wollte, als verstunde sich Das von selbst:

Jahrlich?

Es war ein gewagtes Wort dies Jahrlich! Es liess einen tiefen, gefahrlichen Blick auf Schlurck's Lebensphilosophie und die ganze Geschichte seines Berufes werfen ... Er sprach es aus, nicht etwa mit gemeiner schmeichelnder Gewinnsucht, die ihm fremd war. Er sprach es mit dem Tone eines Weltmannes, der gleichsam zum Andern sagen wollte: Die ganze Welt ist eine Komodie, wo Einer den Andern prellt. Was wollen wir Narren sein und die Tugend lieben?.. Der alte Furst hatte ihm ja immer erlaubt, bei Gelegenheiten, wo er den Makler machte, auch an sich zu denken und von den geschriebenen Rechnungen allein war der ungeheure Aufwand, den er machte, nicht zu bestreiten.. Er fand es in der Ordnung, dass er bei einem guten Dienst, den er dem Andern leistete, auch eine Erkenntlichkeit fur sich in Anspruch nehmen durfte ... Aber ... "Jahrlich?".. diese Frage war doch gewagt. Es war ihm eigentlich fremd, so zu feilschen und sein Gewissen in Fallen zu locken. Er liebte es nicht, dass er fodern sollte; er nahm, was man gab. Seine Lebensphilosophie hasste das Moralisiren auch nach dieser Seite hin und wenn man ganz die Wahrheit sagen will, so war er im Grunde doch viel weniger schlecht, als er sich im Allgemeinen schlecht gab. Es war ihm eine solche Bestechungs-Angelegenheit nur der Humor des Lebens, der uns die Langeweile der Alltaglichkeit ausschmuckt. Er hielt sich auch nicht lange bei solchen Verhandlungen auf und hatte vielleicht jetzt, wenn Ackermann die Achseln gezuckt und gesagt hatte: Nein, nur Einmal! Jahrlich ist mir zu viel! gelacht und die tausend Thaler hingenommen, die er brauchen konnte, trotzdem, dass man ihn fur reich erklarte.. Er war nicht reich. Er nahm viel ein und dass er viel einnahm, dazu gehorte gerade, dass man sich uber tausend Thaler, in Gold baar auf den Tisch gelegt, nicht zuviel weitlaufige Scrupel machte ...

Aber schlimm! Tausend Thaler auf einmal waren Schlurck nichts werth, wenn er die Administration dafur auf immer in andere Hande geben sollte. Er behielt zwar die Controle des Generalpachters, er vermittelte zwar die Anspruche der Glaubiger, aber es trat ein neuer Mensch in seine Kreise ein, zwei neue, scharfe Augen sahen in seine Bucher und das fur einmal eintausend Thaler in Gold? Das hatte ihm in diesem Falle lacherlich erscheinen mussen und deshalb wiederholte er noch einmal:

Jahrlich?

Aber nun war es ubel, dass auf Ackermann dies Wort fatal wirkte. Es war dies ein leidenschaftlicher Mann; die ganze Situation peinigte ihn schon lange. Er wollte mit seinem kleinen einfachen Anerbieten nur Schlurck auf den Zahn fuhlen, in welchem Sinne dieser Herr wol des Prinzen Egon Guter verwaltete. Er hatte vielleicht Wunder geglaubt, was er schon dem Gelusten des Unrechts fur einen gewaltigen Koder entgegenhielt. Als aber mit der Frage: Jahrlich? ihm die Zumuthung eines perennirenden Betrugs gegen den Fursten gestellt wurde, ubermannte ihn so der Zorn, dass er gluhend von Unwillen bei Wiederholung des Schlurck'schen "Jahrlich" ausrief:

Nein, Schurke, nie!

Schlurck sank fast in einen Sessel.

Selmar sprang herbei, fasste die Hand des Vaters ...

Dieser liess ihm den Hut, wie zum Aufbewahren, riss die Thur auf, stiess Schlurck zuruck und sprach mit Donnerstimme, dass es Alle draussen horten und ihn fur wahnsinnig halten mussten:

Lasst mich zum Prinzen! Ein lichter Moment wird hinreichen, ihn vor Verrathern zu schutzen!

Er sturmte mit diesen Worten auf die Thur zu, die zu den Zimmern des Fursten fuhrte.

Schlurck sass regungslos. Diese Scene! Diese Zuhorerschaft! Dies plotzliche Erlebniss, das er sich nicht hatte traumen lassen! Das war wie ein Einfallen des Himmels. Wie kam ihm denn Das? Ihm? Hier? Unter solchen Umstanden? Hier bei der ihm wohlbekannten alabasternen Venus von Medicis ... Scenen! Scenen! Sie waren nie seine Sache gewesen. Er konnte geistreich, witzig, liebenswurdig sein; es war ein Mann sogar von Mitgefuhl, von milder Gesinnung, von Wohlthatigkeit; er konnte auch einmal etwas begehen, was gewagt und gefahrlich war. Aber still musst' es dabei sein, die Leidenschaften mussten schweigen, das Tollhaus der "Tugend" sich nicht entleeren, Scenen mussten wegfallen ... Dass er hier jetzt nur schon so auf den "Schurken" antworten musste, so doch hinzuspringen, um den gefahrlichen Mann von der Thur wegzureissen, das war ihm entsetzlich ... Einmal an sich entsetzlich, der Thorheit wegen, die er sich vorwerfen musste, dann aber auch ebenso entsetzlich wegen der Exaltation, die solche Dinge in seinem trage rinnenden Blute hervorriefen ... O, er war einer Ohnmacht nahe.

Sein Schrecken wuchs, als sich die Thur offnete, die Arzte herbeisturzten und zornig nach der Ursache des Larmens fragten ...

Ackermann, noch in der vollen Glut seiner Entrustung, rief:

Meine Herren! Lassen Sie mich den Prinzen sprechen! Er kann davon nicht sterben, wenn ein Freund zu ihm spricht! Es wird ihn erquicken, wenn er sieht, dass es noch Menschen gibt, die ihn lieben und fur ihn leben wollen.

Noch hatte er kaum zum unwilligsten Erstaunen der Arzte, unter denen sich glucklicherweise Sanitatsrath Drommeldey nicht befand, diese Worte geendet, als ein junger Mann aus den Zimmern, deren Thuren nun alle offen standen bis in das dunkle hintere Schlafcabinet, heraustrat. Er war von mittler Statur, blassen gefalligen Mienen; das schwarze Haar lag kurz geschnitten auf dem Scheitel und erhohte den Ausdruck des theilnehmend besorgten freundlichen Antlitzes. Nichts verrieth einen Dienenden.. Schwarzer Frack und schwarze Beinkleider standen ihm wie einem Weltmann, doch war das Halstuch nur lose geknupft und liess durch den umgeschlagenen Hemdkragen in dem Eintretenden eher einen Studenten, als einen Kammerdiener, was er nach Florette Wandstabler sein sollte, erkennen. Die Hande entsprachen nicht ganz dem gefalligen Charakter des Gentlemans, sie waren zu stark im Vergleich zur Proportion der ubrigen Formen und hatten nicht jene Weisse des Gesichts und des Halses, die zu dem schwarzen glanzenden Haare so auffallend abstach. Kinn und Oberlippe waren mit einem schongekrauselten Barte geziert.

Was gibt's hier? fragte der Eintretende mit strengem, fast befehlenden Blick in franzosischer Sprache.

Ackermann zog die Thur an, die der Franzose noch in der Hand hielt und begann im beredtesten Franzosisch wie der gebildetste Weltmann sein Anliegen auseinanderzusetzen.

Mein Herr, rief er sturmisch erregt und ohne viel die Worte zu wahlen; Sie sind ein Freund des Fursten, denn er duldet Sie an seinem Krankenlager. Sagen Sie ihm, dass ein bemittelter und erfahrener Okonom aus Amerika sich anbieten wollte, seine Guter zu verwalten. Sagen Sie ihm, dass dieser Mann dabei nicht das Interesse seiner eignen Bereicherung im Auge hat, sondern die Wohlfahrt des Besitzers. Er erbietet sich eine Caution von zehntausend Thalern sogleich zu zahlen als Burgschaft seiner Treue und Ehrlichkeit. Er erbietet sich, die Halfte seiner reinen Einnahmen auf die Befriedigung der Glaubiger des Fursten, die andere aber zur Befriedigung der Bedurfnisse des Fursten selbst zu verwenden. Beide Summen werden Dank der Erfahrungen, die der fremde Landwirth machte, Dank seines ehrlichen Willens, gross genug sein, um ihren Zwecken zu entsprechen. Der Zuschlag musste mindestens auf zehn Jahre geschehen. Die Capitale, die der fremde Mann auf seine Verbesserungen verwendet, gibt er selber her, unter der Bedingung, dass ihm eine Hypothek auf die Guter und die richtige Verzinsung gestellt wird. Fur sich selbst verlangt er nur die Summe von jahrlich tausend Thalern. Sagen Sie dem Fursten, dass ich mich durch den Augenschein uberzeugt habe, wieviel sich fur seine Besitzungen noch thun lasst. Sagen Sie ihm das sogleich, mein Herr, ehe die Krankheit, die den jungen Prinzen bedroht, weitere Fortschritte macht und einen Zeitverlust verursacht, der in Rucksicht auf die nachstjahrige Ernte nicht wieder eingebracht werden kann. Nennen Sie ihm meinen Stand und Namen! Ich bin ein Deutscher, komme aus Amerika, heisse Ackermann und biete alle Garantieen. Der Justizrath Schlurck ist zugegen, um die Willensmeinung des Prinzen in Empfang zu nehmen und die Urkunden aufzusetzen.

Der Franzose hatte ruhig, aufmerksam und ernst zugehort.

Monsieur, un instant! sagte er und kehrte in die Krankenzimmer zuruck.

Ackermann sah nun in hochster Spannung um sich.

Alles haftete an ihm. Die Bedienten, die Arzte standen starr. Selmar schmiegte sich an den Vater und hielt ihm die eine seiner Hande, in denen man das Blut klopfen fuhlte. Schlurck leichenblass und im hochsten Grade mit sich selber unzufrieden, stand in einiger Entfernung am Fenster des Vorzimmers, klopfte mit seinem Stockchen wie in der Zerstreuung an die Scheiben, Florette Wandstabler schlich sich zu ihm heran und fragte besorgt:

Was haben Sie, Herr Justizrath? Was ist Das nur?

Wer ist der Franzose? fragte Schlurck fast tonlos.

Monsieur Louis, antwortete diese ebenso leise. Sr. Durchlaucht gab gleich nach der Ankunft von Paris Befehl, diesem Franzosen in Allem zu gehorchen. Erst seit gestern wohnen Durchlaucht hier und Monsieur Louis sind erst eingezogen, seitdem Durchlaucht sich fur krank erklarten. Denken Sie sich! Anfangs trug dieser Louis ein Uberhemd wie ein Fuhrmann und wohnte vorm Thore in einem elenden Gasthofe. Jetzt erst, wo er beim Fursten wacht, hat er sich so fein gekleidet. Die Grafin d'Azimont, die heute fruh hier fast in Ohnmacht lag, haben die Arzte und Monsieur Louis mit Gewalt von Sr. Durchlaucht fern gehalten. Wir werden schlimme Dinge erleben, gleichviel, ob der junge Herr lebt oder stirbt ... was ubrigens Gott verhuten moge ...

Schlurck erwiderte auf diesen Bericht nichts, wandte sich auch nicht nach ihr um, sondern sah auf die Strasse hinaus. Er furchtete, wenn er sich wandte, dem zermalmenden Blicke Ackermann's zu begegnen, den er uberdies fur einen jener exaltirten Menschen aus der Schule des Heidekrugers Justus hielt. Alle Storungen der einfachen Lebenslogik waren ihm im hochsten Grade zuwider, vollends aber Phantasterei ... Akkermann stand da wie ein antiker Heros. Das Feuer des Zornes hatte alle seine Zuge gehoben. Das braune lockige Haar, das nur wenig an den Spitzen hier und da schon graute, hatte sich fast aufgerichtet. Die Nasenflugel zitterten. Flammen eines jugendlichen Muthes blitzten aus den Augen und liessen erkennen, dass Ackermann sicher einst in seiner Jugend ein so schoner Jungling war, wie noch jetzt ein imposanter, anziehender Mann.

Theatereffect! brummte Schlurck vor sich hin. Ich wette, es ist ein verdorbener Schauspieler ...

Und doch sagte er sich:

In dem Stuck spielst du eine miserable Rolle!

Die Thur ging wieder auf.

Louis trat herein und sagte mit Ruhe und Anstand auf Franzosisch zu Ackermann:

Entschuldigen Sie, mein Herr, der Prinz ist zu angegriffen, um die Verhandlungen mit Ihnen selbst zu fuhren. Auch verbieten es die Herren Arzte. Er fragt, ob er das Anerbieten, das Sie ihm stellen, mein Herr, die Ehre hat von einem Amerikaner, Namens Ackermann, zu empfangen, der in Begleitung eines kleinen Knaben vor einigen Tagen am Fusse des Schlosses Hohenberg war und dort die Bekanntschaft eines jungen Mannes, Namens Dankmar Wildungen machte?

Ja, mein Herr, sagte Ackermann freudig erregt. Und auf seinen Knaben zeigend, setzte er hinzu:

Der bin ich. Das ist mein Sohn dort! Der Name Dankmar wie sagten Sie?

Dankmar Wildungen! war die Antwort.

Ackermann schien plotzlich uberrascht von diesem Namen, den er in Hohenberg nicht gehort hatte und den sich, wie er glaubte, der Furst selbst gab.

Wildungen! Wildungen! wiederholte er.

Eine neue ihn befremdende Gedankenreihe schien uber ihn zu kommen ...

Der Franzose wiederholte ein wenig dringender, aber artig, ob er jener Herr ware?

Ja, sagte Ackermann, der bin ich; mein Knabe dort ist es auch. Aber Wildungen? Wie kommt dieser Name hieher?

Es genugt, sagte der Franzose, dass Sie Herr Ackermann sind und in Begleitung Ihres Herrn Sohnes vor einigen Tagen in Plessen, am Fusse des Schlosses Hohenberg, sich aufhielten..

Damit entfernte er sich ...

Ackermann stand sinnend, strich sich uber die Stirn und wiederholte:

Wildungen? Dankmar Wildungen? Warum Wildungen!

Schlurck horte alle diese Verhandlungen mit gekniffenem Lacheln an. Waren sie ihm schon an sich peinlich, weil sie die Vorboten grosser Storungen seiner Einkunfte schienen, trubten sie ihm schon an sich den Humor, mit dem er das Leben zu fassen gewohnt war, so musste er im hochsten Grade uberrascht sein, hier Alles bestatigt zu finden, was er von Bartusch und Paulinen uber die seltsamen Abenteuer auf Hohenberg vernommen hatte.. Der junge Prinz war auf Hohenberg gewesen, war unstreitig ein und dieselbe Person mit jenem Dankmar Wildungen, von dem er noch immer nicht mehr wusste, als dass er von ihm etwas erfahren hatte, was er ins tiefste Dunkel gehullt glaubte, den Fund jenes rathselhaften Schreines an der Schmiede im Mondenlicht; er konnte keinen Zusammenhang, kein klares Licht mehr entdecken. Er sah nur noch jenes Kreuz mit den vierblattrigen KleeblattEnden, das ihm in jener Nacht, als er aus dem Justizamte zuruckkam, plotzlich an dem zerbrochenen Wagen eines verwundeten Fuhrmannes in die Augen fiel. Er gedachte des gewaltigen Eindruckes, den ihm da so plotzlich mitten in der Nacht eine Erinnerung an seinen grossen, wichtigen Process uber den Nachlass einer geistlichen Ritterschaft machte, er gedachte der Mittel, die er brauchte, um die Familie Zeck zu uberreden, verschwiegene Zeugen einer Aneignung zu werden, die fast auf einen Raub hinauslief ... er sah sich da von einem Netz umstrickt, in dessen kunstvoller Anlage auch die kleine weisse knocherne Hand und das rothe Haar Fritz Hackert's ihm plotzlich entgegenfuhren, er sah um sich Gestalten, die die Zahne fletschten, horte ihr teuflisches Hohnlachen, fuhlte den Boden unter sich wanken ... und fasste sich erst, als wieder die Thur aufging und Monsieur Louis zu Ackermann sagte:

Mein Herr! Der Prinz lasst Ihnen sagen, Sie waren ihm durch die Erinnerungen an Hohenberg und Dankmar Wildungen zu gut empfohlen, als dass er nicht mit Freuden die Gelegenheit ergreifen sollte, das ungluckliche Schicksal seines Erbes herzlich gern Ihnen anzuvertrauen. Sollte ich sterben, fugte der Furst mit Standhaftigkeit hinzu, so wird die Seitenlinie unsres Hauses gewiss meinen Willen ehren, den ich die Herren Arzte zu bezeugen bitte ... Die Herren Arzte waren anwesend. Der Prinz hat darauf befohlen, dass Herr Schlurck die ganze Verwaltung der Guter Herrn Ackermann ubergibt und an ihr nur noch als Vertreter der Anspruche der noch unbefriedigten Glaubiger betheiligt bleibt. Uber dies Alles wollen Sie, mein Herr, in diesen Tagen gerichtliche Akte nehmen lassen! Die Arzte sind Zeugen und ich selbst bin es, Louis Armand, geburtig von Lyon.

Die wiederzuruckgekehrten Arzte bestatigten diese Ausserung, die Schlurck mit unfreiwilligem Lacheln entgegennahm.

Louis Armand war sogleich wieder in die dunklen Krankenzimmer zuruckgekehrt.

Er wird leben! Der Prinz wird genesen! rief Ackermann und eine Thrane trat in seine Augen, wahrend Selmar die seinen verbarg, um nicht zu sehr zu verrathen, wie der Ausdruck seiner Empfindungen sie schon langst feuchtete ...

Nachdem Schlurck mit einem schweren Seufzer sich noch kurz geaussert hatte, in seinem Bureau wurde Herr Aktuar Bartusch zu jeder Zeit und wenn man wunschte, noch heute die nothigen Aufklarungen ertheilen und auch die Akte aufsetzen, die man gerichtlich niederzulegen hatte, schritten Ackermann und Selmar, Vater und Sohn, langsam und schweigend, aus dem Zimmer. Der Stolz, verklart vom Schmerz der Liebe, ist ein Weiheaugenblick des Menschen, wo er am grossten erscheint, auch ohne ausserlich zu triumphiren. Ackermann war zu grossmuthig, um auf Schlurck verachtlich herabzublicken.

Florette Wandstabler aber trat zu Schlurck heran und flusterte:

Herr Justizrath, ist denn das Alles gut?

Ihr Vater, der phlegmatisch, weinerlich und halb berauscht, dieser Scene stehend beigewohnt hatte, trat gleichfalls, fast hinkend auf seinen eingeschlafenen dunnen Beinen, deren Schuhe und Strumpfe in lacherlichem Contraste zu der ganzen dicken soldatischen Figur und dem Schnurrbarte standen, zu dem Justizrath heran, der bisher ihrer Aller Schutz und Hort gewesen war und druckte Das, was er ungefahr fuhlte, durch einen fragenden, tiefgezogenen Seufzer aus.

Schlurck, sich zum Gehen wendend, sagte draussen unbelauscht von den Dienern, denen durch die franzosische Sprache diese aufgeregte Scene nicht ganz verstandlich geworden war:

Ja! Ja, seufzt nur Leute! Les jours de fete sont passes... franzosisch sprechen kann ich auch ...

Florette fasste draussen seine Hand und meinte noch besorglicher:

Also es ist nicht gut?

Mit einem verzweifelten Versuche, seine alte Heiterkeit wieder zu gewinnen, antwortete Schlurck:

Madchen, macht, dass Ihr Manner kriegt! Dem oben werdet Ihr keine Bader machen und hubsche Schmetterlinge fangen. Maikaferchen fliege! Schlaraffenland ist abgebrannt.

Aber den Franzosen hatt' ich mir ganz anders gedacht, sagte Florette ...

Beisst wol nicht an, der Schwarzkopf? erwiderte Schlurck. Alte Kunstlerin, da mussen jungere Hexen kommen!

Die Lore ist noch recht hubsch ... meinte doch Florette.

Und in der That stand Lore Wandstabler unten und wartete mit Dore, der mittleren Schwester ...

Sie hatten sich, da sie alle mager und schwarz waren, mit grellen Farben geschmuckt.. und standen recht verfanglich da. Sie hatten das Schmiegsame und Hingebende so in der Ubung, dass sie den Justizrath, wenn man sagen will, ebenso gut umstanden, wie schon umarmten ....

Aber er hatte heute keinen Geschmack fur ihre lacertenartige Zartlichkeit.

Katzen, sagte er halb scherzend, halb argerlich, lasst mich heute los! Und uberhaupt ... setzte er hinzu, als sie ihm fur seine Stimmung doch zu schmiegsam wurden.. Ihr seid mir immer zu mager gewesen.

Mit dieser Grobheit liess er die erschrockene Familie Wandstabler in Erstaunen und grosser Bekummerniss zuruck.. so unhold war er ja nie gewesen.

Die Madchen sahen sich fragend an, begleiteten ihn bis an das geoffnete Portal und staunten, welchem ruhigen, nachdenklichen Schlendergang sich heute der Justizrath ergab. Franz Schlurck, der sonst hupfte und immer verrieth, dass die Welt eine Kugel ist, auf der sich Alles dreht und wendet ... schlich heute schnekkenartig.

Wir zweifeln fast, ob unser alter Freund sich jetzt noch beim Italiener Lippi zur griechischen Weinprobe einstellen wird.

Es druckten ihn drei Widerspruche und eine Thatsache.

Erstens: War Prinz Egon jener Dankmar Wildungen vom Heidekrug, der gegen seine Familie und vorzugsweise Melanie so liebenswurdig sich benommen hatte, wie kam er jetzt auf diese offenbare Feindseligkeit?

Zweitens: Welche Bewandtniss hatte es mit den Andeutungen, die er von Bartusch uber die Abenteuer auf dem Heidekruge erhielt und von denen er sich so viel gemerkt hatte, dass er glaubte, ein dem Prinzen werthvolles Bild befande sich noch gegenwartig in den Handen seiner Tochter?

Drittens: Was sollte er auf die leidenschaftliche Caprice bauen, die seine Tochter plotzlich fur jenen Mann gefasst hatte, den sie fur den Prinzen Egon hielt und der von seinem gefundenen Schrein mit dem Kreuze sprechen konnte?

Das waren die Widerspruche.

Die Thatsache aber hiess:

Du hast die Administration des Furstenthums Hohenberg verloren!

Er beeilte seine Schritte, um daheim fur das Chaos der Widerspruche, in dem er sich befand, bei Melanien Licht, fur Das aber, was unumstossliche Gewissheit war, heute einmal wieder seit lange bei der lebensfrohen Philosophie seines guten Hannchens Trost zu suchen.

Sechstes Capitel

Die Bruder

Am Abend vor diesem Auftritte war die Freude gross gewesen, als Dankmar mit dem Einspanner und dem vergnugt bellenden, hin- und herwackelnden, fast tanzenden Bello sich im Pelikan wieder einfand.

Der dicke Wirth er hiess Hitzreuter und Katharine Peters, geborene Bollweiler, waren noch auf.

Peters, der gerade nicht daheim war, hatte einige Tage gelegen, war aber bereits von jener Gefahr fur sein Bein befreit und hatte nur noch gelitten unter der Ungeduld, was sich aus Dankmar's Reise ergeben wurde ... Das langere Ausbleiben Dankmar's storte die guten Leute nicht. Sie hielten es eher fur ein gutes Zeichen. In dieser Ansicht hatte sie auch Siegbert bestarkt, der jeden Tag wol zweimal kam, um etwas Beruhigendes zu vernehmen, vielleicht auch nur eine Botschaft von fremden Fuhrleuten. Von einem Briefe, den er aus Plessen vom Bruder erhalten haben sollte, wusste man im Pelikan noch nichts. Dankmar konnte sich leicht denken, dass das hier so sein wurde wie es in solchen Fallen immer zu geschehen pflegt.. Er selbst kam vielleicht fruher an als sein Brief.

Das Beste, was Dankmar mitbringen konnte, war die Versicherung, dass Peters ausser Sorge sein durfte, da er es uber den Schrein leidlich selber ware. Das verlorne Gut hatte einen Herrn gefunden, bei dem er nach Allem, was sich fur Dankmar jetzt an Melanie anknupfte, in der Hauptsache geborgen war, mochte seine Verwandlung aus einem Prinzen in einen gewohnlichen Sterblichen nun auch gern gesehen werden oder nicht, mochte Schlurck auch noch so von dem Funde selbst interessirt sein; Dankmar traute sich die Kraft zu, Melanie's Unwillen in seinem ersten Ausbruche zu ertragen, ja hoffte, nach dem Grade seiner eignen Liebe, auch sie selbst zu uberwinden und vielleicht dauernd das Interesse zu behaupten, das er doch wol auch durch seine Personlichkeit ihr musste eingeflosst haben. Denn wie bescheiden auch ein Mann denken mag, den Werth, den er im Auge einer Frau haben kann, schatzt er bald ab. Einige wenige Proben ihres Verhaltens gegen ihn genugen, ihn aufzuklaren. Und die Proben, die ihm Melanie gewahrt hatte, waren so ausserordentlich gewesen, dass hier nur Liebe, oder wie er sich mit Schrecken als Menschenkenner gestehen musste, Hass ubrig bleiben konnte.

Den ehrlichen Peters hatte Dankmar gern gesprochen, war's auch nur gewesen, um ihm zu sagen, dass seine Verehrung vor den beiden Zecks auf geringere Erfahrung im Umgang mit Menschen deutete, als er ihm zugetraut hatte ...

Auch die Umstande, die Peters uber den Moment des Verschwindens seines Frachtgutes angefuhrt hatte, waren nach seiner nunmehrigen Ubersicht dieses Vorfalles, so rathselhaft er ihm auch noch immer erscheinen musste, doch hochst ungenau und fast flunkerhaft. Die Scherze, die er sich deshalb noch mit dem guten Peters erlauben wollte, versparte er auf ein andermal, streichelte das Pferd, dem die Fahrt unter seiner sorgsamen Hand durchaus nicht ubel bekommen war, vereinigte sich mit dem Pelikanwirthe uber eine Summe, die er ihn bat, bis auf Morgen schuldig bleiben zu durfen denn schon im Heidekrug hatte er den letzten Thaler gewechselt und ging dann, der etwas verlegenen Kathrine und dem heute schweigsameren Wirth die Hand schuttelnd, Bello noch einmal am Ohr zupfend, sein Bild in ein Tuch gewickelt, zu Fuss in die Stadt.

Es war schon spat. Es zog ihn zu dem geliebten Bruder ... Und doch hatte er noch gern in Lasally's Stalle nachgefragt, wie es mit dem Pferde aussah, das er einem so gefahrlichen Menschen, wie Hackert, ubergeben zu haben schwer bereute. Jetzt begriff er, wie Hackert, der ihm keineswegs unvermogend schien, sich aus Rachsucht an sie hatte andrangen und sogar eine Geldsumme wagen konnen, um nur Gelegenheit zu haben, seinem Feinde zu schaden ... Indessen dachte er, ist hier etwas Widerwartiges vorgefallen, so erfahrst du es zeitig genug und schon im Begriff nach der Ottokarstrasse, in ein neues entlegenes Viertel, wo sich jener Stall befand, einzulenken, schlug er wieder den graden Weg zu seiner Wohnung ein, die in der sogenannten Neustrasse lag.

Auf dieser Richtung lagen zwei Hauser, die fur ihn jetzt eine grosse Bedeutung gewonnen hatten.

Mitten in der Stadt, wo sich das Menschengewuhl, trotzdem dass die Wachter schon die Stunden riefen, nicht ganz verloren hatte, (die Theater waren eben beendet) stand er an einem Hause still, das er langst als die Wohnung des Justizraths Schlurck kannte. Schlurck galt unter den jungen Juristen als ein Beispiel, das man oft anfuhrte, um zu beweisen, wie gut sich ein Advocat stehen konne, der das allgemeine Vertrauen genosse. Er wusste dabei kaum mehr von ihm, als dass er in diesem alten Hause wohnte, mitten in der Stadt, dicht an dem ehrwurdigen Rathhause, umgeben von ganz in der Nahe befindlichen alterthumlichen Kirchen. Nie hatt' er auf dieser belebten Passage sonst stillgestanden. Heute musste er es. Heute erst entdeckte er, dass dies graue Haus in schoner, alterthumlicher Form gebaut war und mindestens zweihundert Jahre alt sein musste. Die untern Fenster waren mit eisernen Gittern geschutzt. Die obern waren hoch und mit Stukkaturen geziert.. An dem Thorweg hing eine grosse blankgeputzte messingne Klingel und auf dem daneben befindlichen Messingschilde las er ganz einfach die kraftig eingravirten Zuge des unmelodischen hasslichen Namens:

"Schlurck". Ihm klang dieser Name wie Musik und wie der Name Melanie selbst, der ganz das Selige und Wonnige seiner Stimmung ausdruckte ... An den Fenstern des zweiten Stocks entdeckte er Licht. Vor wenigen Stunden erst konnte die Reisegesellschaft, die er nicht mehr hatte einholen konnen und auch nicht mogen, angekommen sein.. Dass ihm Melanie nicht zurnte, uber nichts zurnen konnte, bewies sein erobertes Bild. Die Art freilich, wie sie es ihm gegeben hatte oder hatte geben lassen oder wie sie es ihn hatte finden lassen, war und blieb rathselhaft genug.. Er grubelte aber nicht daruber nach. Morgen, dachte er, klart sich das Alles auf. Ich werde sie sehen und wenn sie zurnt, bedeck' ich ihre schonen Hande mit meinen Kussen und flehe um ihre Vergebung ... Von Empfindungen so susser Art war er durchschauert, als er mitten auf der Strasse stand und zu den Fenstern hinaufsah. Er musste den prachtigen Kutschen ausweichen, die an ihm voruberrollten, und doch hatte er gern gelauscht, ob die Schatten, die ihm an den Vorhangen voruberzuhuschen schienen, wol von Melanie kamen? Sie verschwanden zu rasch!.. Vielleicht loscht sie das Licht aus, dachte er, um sich auf's Lager zu werfen und an mich zu denken? setzte er wonnetrunken hinzu.

Wie er noch so stand, bald hier einem Wagen, dort einem Fussganger auswich, entdeckte er uber der Hausthur einen aus Sandstein gehauenen Schild mit einem Wappen, das ihn wahrhaft uberraschen musste. Er traute seinen Augen nicht, als er dasselbe Kreuz, das auf dem Schrein aus Angerode stand, auch auf diesem Schilde wiederfand, mit denselben vier Rundungen an den Enden, wie auf jenem Deckel ...

Wie, dachte er, ist das vielleicht eins jener alten Hauser, die entweder selbst noch aus jenen Zeiten herstammen, oder auf dem Grund und Boden gebaut wurden, der dem protestantisch gewordenen geistlichen Ritterorden gehorte, und ist es wol gar eins von denen, auf die ich nun selbst glaube Anspruche machen zu konnen?

Fast ein leiser Schreck, ein dunkel ahnender leiser Schauer uberlief ihn, wenn er dachte, dass Schlurck vielleicht dochwol zu dem Schrein, den er verloren, in einem andern Verhaltnisse stehen konnte, als dem eines.. "ehrlichen Finders"..

Doch dachte er dieser truben Vorstellung nicht weiter nach, sondern entfernte sich von dem Hause, das ihm nun erst recht bedeutungsvoll erschien, in dem guten Glauben, am folgenden Tage aller seiner Zweifel und Sorgen los und ledig zu werden.

Seine Schritte wandten sich jetzt beschleunigter jener Gegend zu, wo die Wohnungen der Vornehmen an stolzen einsamen Platzen lagen.

Hier war es menschenleer und still. Dann und wann eine Schildwache, die ihm der unruhigen Zeiten und noch oft sich wiederholenden Tumulte wegen ein Werda? zurief ...

Die Laternen warfen ihre Lichter uber kleine mit Rasen besetzte Beete. Springbrunnen platscherten da und dort und bewasserten das Gras, das sonst in diesen freien Raumen, immer schattenlos der Sonne ausgesetzt, bald wurde verdorrt gewesen sein.

Hier lag auch das Palais des Fursten von Hohenberg, einsam, still, dunkel, wie in Trauer gehullt.

Hier hatte er nun anhalten, klingeln, die Stille aufwecken, fragen mogen.. aber kein Licht im ganzen Gebaude.. Alles wie ausgestorben.. Wie er sein in ein Tuch gehulltes Bild an sich druckte und die Geschichte desselben mit dem grossen, stolzen, stummen Palaste da vor sich verglich, kam er sich erst fast uberfeierlich, dann aber doch plotzlich wie ein Thor, ja kindisch vor, schlug sich an die Stirn und rief:

Bist du wahnsinnig? Was ist mit dir? War das Alles in Hohenberg nicht ein Traum, in dem dich tolle Geister geneckt haben?

Diese Abendstille, dieser ruhig blinkende Sternenhorizont fern die rollenden Wagen die platschernden kleinen Quellen es war ihm, als sollt' er das Bild nehmen und es wie einen zwecklosen Ballast in den Kanal werfen, der einige Schritte weiter sich durch dieses einsame Viertel zog.

Dann weckte ihn aber von dieser verzagten Stimmung ein Wagen, der langsam um die Ecke des Palais von der Gegend herbog, wo dies mit einer hohen Gartenmauer begrenzt war.. Der Wagen stand eine Weile still.. fuhr dann langsam an ihm voruber und hielt vor den Ketten, welche das Palais von der Strasse absperrten.

Sollte hier Jemand noch so spat am Abend aussteigen wollen? Sollte es Egon sein?

Dankmar trat naher.

Aus dem niedrigen Wagen blickte ein weiblicher Kopf, der zu den Fenstern hinauf sah ... Vorn sass neben dem Kutscher der Bediente, der keine Miene machte herabzuspringen und den Schlag zu offnen. Dankmar sah nur, dass die Dame einen Strohhut mit dunklem Schleier trug.

Er naherte sich. Die Dame zog sich zuruck ...

Wie er auf dem Trottoir an dem Wagen voruberging, sah er, wie sie sich in die Ecke ihres Coupe's druckte und den Schleier ubergeworfen hatte.

Er ging voruber und wandte sich doch, als der Wagen immer noch still stand.

Du storst hier ein Stelldichein? dachte er endlich und wollte nun gehen.

Die Dame aber, die sich beobachtet fuhlte, gab ohne Zweifel ihren Leuten rasch ein Zeichen und im Nu flog das kleine, elegante Fuhrwerk davon.

Dankmar sah ihm lange nach. Einen Zusammenhang mit dem todtenstillen Palais und dieser nach den Fenstern hinaufforschenden eleganten verschleierten Dame konnte er sich nicht herstellen ....

Aber noch etwas Anderes schien ihm abenteuerlich.

Als er seine Schritte beschleunigend an der einsamen Gartenmauer des Palais entlang ging und bald an ihr voruber war, um in sein Strassenviertel einzulenken, horte er einen wunderschonen, mannlichen Gesang vom Garten her.

Er blieb stehen ....

Der Sanger musste dicht unter den Fenstern des Palais, die nach hinten gingen, seinen Stand haben, so entfernt klangen die Tone und doch war es ihm, als unterschiede er deutlich, dass dies Lied nicht deutsch war. Es quoll aus tiefer Brust und hatte etwas Melancholisches und dabei wieder Scherzendes, wie alle Volkslieder, selbst die der Franzosen. Denn franzosisch schien ihm die Weise.

Nicht lange hatte der Gesang gedauert, als an dem wie ausgestorbenen Palais ein Lichtschimmer sichtbar wurde. Er beobachtete dies Alles durch ein Gitter, mit dem hier, wie an manchen Stellen, die Mauer unterbrochen war ...

Ein Fenster hinterwarts erhellte sich.

Die Baume aber verhinderten ihn, zu sehen, wer es vielleicht offnete oder an ihm erschien hinter den Vorhangen ...

Bald verstummte der Gesang und bald erlosch das Licht.

Es war wieder so still und finster wie vorher ... Zogernd machte sich Dankmar auf den Weg, nun wo moglich noch gespannter auf die Enthullungen des folgenden Tages.

Daheim endlich musste er stark klingeln, bis ihm geoffnet wurde. Es war ein grosses, von vielen Familien bewohntes, neues Haus, wo er seit langerer Zeit schon bei armen Vermiethern wohnte, die ihre ganze Habe in die Ausstattung zweier Zimmer mit zwei "Cabineten" verwandt hatten. Nach vielem Pochen und Klingeln erschien endlich seine Wirthin und sagte schon drinnen im Thorweg:

Sie haben ja Ihren Schlussel mit, Herr Wildungen!

Ich den Schlussel? dachte Dankmar. Aha! Mein Herr Bruder wird gemeint sein. Sieh, sieh, der ware noch nicht daheim?

So war es auch. Als die grosse Hausthur aufging, traute die Wirthin ihren Augen nicht, den jungeren Bruder zu finden und nicht den Maler.

Sind Sie's denn? So spat! rief sie, indem sie die Hausthur wieder zuschloss Kaum angekommen, wieder wie weggeblasen!

Dankmar beschrankte sich auf die einfache Thatsache: Sehen Sie, Frau Schievelbein, nun bin ich wieder da, unter Ihrem Schutz, Ihrer liebenswurdigen Obhut.

Was haben wir auf Sie gepasst, sagte Frau Schievelbein, die eigentlich vor Dankmar immer Furcht hatte und mit Siegberten zutraulicher stand; wir glaubten Wunder, was Ihnen widerfahren ist!

Ja, ja, Frau Schievelbein, sagte Dankmar, Wunder sind mir auch widerfahren! Ist mein Bruder nicht zu Hause? So spat? Wo steckt er noch?

Damit waren sie erst eine Treppe hinauf.

Seit Sie fort sind, Herr Dankmar, sagte Frau Schievelbein, sind Herr Siegbert fast jeden Abend aus

Sollt' er sich furchten, dass Hackert das Geld reclamirt! dachte Dankmar fur sich.

Kein Geld angekommen? sagte er dann laut; kein Brief aus Angerode? Keine Besuche?

Fur Sie nichts, antwortete die Wirthin, die mit einer Nadel etwas den Docht ihrer Lampe heraufzog; ein Brief fur Herrn Siegbert liegt oben.

Aha! Wahrscheinlich der meinige aus Plessen! dachte Dankmar.

Aber Geld wird kommen, fuhr Frau Schievelbein fort, Geld wird viel kommen; wissen Sie's denn noch nicht, das Bild ist ja verkauft!

Das Bild ist verkauft? sagte Dankmar freudig. Gott sei Dank! Wenn's nur wahr ist!

Dass Frau Schievelbein es bestatigte fur ganz wahr und gewiss, konnte Dankmarn auch deswegen lieb sein, weil es ihm Muth gab, sich jetzt an die dritte Treppe zu machen; denn auch die zweite fuhrte noch nicht zum Ziele.

Wer hat es denn gekauft, Frau Schievelbein? fragte Dankmar.

Der Verein, Herr Wildungen, ja, ja, der Herr, der so schlimm sein soll, der Herr Kunst ich kann immer den Namen von dem Herrn nicht behalten.

Aha, Herr Kunstverein, bei dem man einen Vetter haben muss, wenn er ein armes Talent in Nahrung setzen soll!

Derselbe! Fur Dreihundert Thaler hat's der Herr Bruder jetzt rundweg losgeschlagen

Fur Dreihundert Thaler! Arme Seele, die du ein Jahr uber diesem Stoff geschmachtet hast, drei Vorskizzen machtest, einen Carton, doppelte Untermalung, zehn Ubermalungen gewiss, wir leben im Perikleischen Zeitalter.

Dankmar musste einen Augenblick stehen bleiben. Die geringe Summe that ihm doch weh, und die dritte Treppe war noch nicht die letzte. Es gab noch eine vierte und diese fuhrte nicht etwa auf den Boden, sondern wirklich erst in die bescheidene Wohnung der Bruder Wildungen. Freilich konnte Dankmar den Freunden und Bekannten, die bei ihren Besuchen uber die vier Treppen fluchten und wetterten, immer sagen: Ich liebe meinen Bruder Siegbert zu sehr, als dass ich mich von ihm trennen konnte und mein Bruder ist ein Maler und Maler mussen gutes Licht haben! Aber ebenso oft fuhlte er doch selbst, dass hier aus der Nothwendigkeit eine Tugend gemacht wurde und im Stillen machte er schon lange gegen Frau Schievelbein das Complot, ob nicht auch mindestens drei Stiegen hoch irgendwo ein gutes Malerlicht aufzufinden ware. War doch jetzt der Contrast seiner ebengespielten Prinzenrolle zu dieser bescheidenen Existenz im vierten Stock auch gar zu jah und abspringend!

Die vierte Treppe hatte das Gute, dass sie zwar sehr schmal, aber auch sehr kurz war. Dankmar betrat sein Zimmer und das seines Bruders. Siegbert war ausgeflogen und die Wirthin versicherte, er kame seit Dankmar's letzter Abwesenheit fast jede Nacht erst gegen zwolf Uhr nach Hause..

Diese Stunde wartet heute meine bruderliche Liebe nicht ab, ich gehe zu Bette! sagte er. Frau Schievelbein, einen Gruss an Siegbert, wenn Sie ihn heute noch oder morgen fruher als ich sehen. Fur heute gute Nacht!

Damit legte er schlaftrunken das Bild auf seinen Tisch, enthullte es, betrachtete noch einmal die freundlichen, etwas vornehmen Zuge der weiland jungen Furstin Amanda, tastete an dem hintern Holze, das ihm verdachtig genug vorkam, noch etwas hin und her, ohne das Glas heftig zu drucken, sah auf dem Tische des Bruders wirklich seinen Brief aus Plessen, eben frisch angekommen, mit dem Siegel der Krone, entkleidete sich, loschte das Licht, das ihm Frau Schievelbein angezundet hatte, und warf sich auf sein Lager in einem Alkoven, der jedoch auf dem Miethzettel der Frau Schievelbein an der Hausthur als "Cabinet" paradirte. Das angenehme Gefuhl, bei allem Merkwurdigen, das er erlebt hatte, nun doch wieder in seiner eigenen Behausung zu sein und auf einem Bett zu ruhen, das ihm selbst gehorte die Mutter hatte es ihm aus Angerode geschickt erfullte ihn bald mit jenem traulich sichern Behagen, ohne das man sanft und starkend nicht entschlummern kann.

Es war heller, lichter Morgen, als Dankmar erwachte und im Erwachen fast erschrak, erschrak uber Siegbert, der mit seinen reinen, klaren Augen eben uber ihm in die seinen blickte. Siegbert hatte sich uber den Schlafer gebeugt und ihn vielleicht mit dem Athem seiner sorgsamen Liebe aufgeweckt. Seine blonden Locken ringelten sich fast auf Dankmars frische, schlaferquickte Wange herab.

Nun da ist er ja, der Furioso der, sagte Siegbert zum Gruss, er der mir anrath, den Ariost zu lesen, um mich auf seine Abenteuer vorzubereiten! Schone Dinge mussen Das gewesen sein, dass man so alle Liebe vergessen und sich hinsetzen kann, einem armen verlassenen Bruder dermassen bittre Dinge uber die Kunst und seine besten Einbildungen zu schreiben. Wart! Jetzt sollt' ich dir das Bett uber die Ohren ziehen oder hier die Kanne frischen Wassers nehmen, die schon auf dich wartet, und sie dir uber den Pelz giessen!

Damit ergriff Siegbert wirklich das Wasser und jagte damit den Bruder, der sich vor einem solchen unfreiwilligen Bade schutzen wollte, aus dem Bett. Dankmar besann sich jetzt erst auf die bittern Wahrheiten, die er in seiner ubermuthigen Laune dem Bruder geschrieben hatte, um im Scherz ihm diejenige Uberzeugung von seinen artistischen Irrwegen beizubringen, die er im Ernst hatte.

Siegbert hielt in der einen Hand den Brief, in der andern die Kanne und stand in drohender Stellung.

Dankmar mit einer geschickten Seitenwendung griff nach dem Briefe, eroberte ihn wirklich und wollte ihn zum Zeichen seiner Reue zerreissen.

Halt! rief Siegbert. Er hat mich mein ehrliches Porto gekostet. Der Beweis deiner Unbruderlichkeit ist nun mein und ich will mich bemuhen, das Wahre davon herauszufinden und danke dir fur die Anwendung des corpus juris auf die Asthetik. Abscheulicher Verrather du! Doch lassen wir jetzt unsere Fehde und nun gebeichtet, was hast du Alles erlebt? Wo geschwarmt? Was getrieben? Ich sehe dir an, dass du so voller Schnurren, Brummkafer und Schmetterlinge steckst, wie Faust's alter Mantel, als ihn Mephistopheles im zweiten Theil ausschuttelt. Jetzt schuttle dich von selbst, wenn ich dich denn doch nicht schutteln soll!

Lieber Junge, sagte Dankmar, indem er rasch die nothigsten Kleider anzog, das Fenster seines Zimmers aufriss, frische Luft schopfte und sich wusch, lieber Junge, furs Erste gleich' ich Faustens altem Mantel darin, dass mein Magen so schlaff ist, wie ungekramptes Tuch. Was hast du zu fruhstucken? Mit gewohnlichen Schievelbein'-schen Portionen bin ich heut' nicht zu befriedigen.

Das dacht' ich schon, sagte Siegbert, du sollst deine Ankunft nach Gebuhr gefeiert sehen. Ich hoffe, dass du mir die Ehre anthust, heute einmal in der Akademie und nicht in der Aula zu fruhstucken.

Wenn deine Farben nicht zu sehr nach Ol duften, lieber Bruder, sagte Dankmar, du kennst meine Antipathie gegen Eure Mischungen und wenn ich bei Raphael fruhstucken sollte ... ich ... ich dachte, wir blieben doch lieber in der Aula.

Nein, nein, sagte Siegbert, in der Akademie! Verdirb mir meine Freude nicht! Die Farben sind eingetrocknet. Seit drei Tagen hab' ich zu Hause keinen Pinsel beruhrt ....

Damit zog Siegbert seinen Bruder durch dessen Zimmer in das seinige. Sie nannten das Zimmer Dankmar's die Aula und das von Siegbert bewohnte die Akademie. Die Akademie hatte gleichfalls ein "Cabinet."

In der Akademie fand Dankmar in der That eine sehr festliche Zurustung. Der runde Tisch, der vor einem mit Haartuch uberzogenen, mit gelben Knopfen beschlagenen Sopha stand, war zur Halfte mit einer weissen Serviette bedeckt. In der Mitte stand ein Glas mit den frischesten, heute schon vom Fruh-Markte gekommenen Blumen. Daneben der Kaffee und die Milch in einer Maschine, in der sich die Bruder ihre Morgenstarkung selber brauten. Ein weit grosseres Quantum von frischem Weissbrot, als gewohnlich, lag aufgehauft in einem Korbe, von dem zwar hier und da der Lack schon abgesprungen war, welcher Mangel aber durch grosse Reinlichkeit ersetzt wurde. Besonders wohlgefallig waren ausser den beiden Tellern und den blauweissen Tassen heute drei Extraschusseln mit den dazugehorenden Messern, Gabeln und kleinen Theeloffeln. Es war dies erstens ein frisches Stuck ungesalzner Butter, das zierlich auf drei grossen Weinblattern ruhte und durch eine Form mit Sternen und kleinen Sonnen ausgepragt war. Zweitens ein Teller mit einer Serviette, in deren geheimnissvollem Innern wie in einem Neste eine halbe Mandel gekochter Eier sich traulich versteckte und endlich drittens ein Teller voll malerisch geordneter roher Schinkenschnitte, die weiss und roth in angenehmster Abwechslung zwischen Fleisch und Speck den Gaumen unwiderstehlich reizten. Auch hier war zur Verzierung eine Menge von verstreuter Petersilie angebracht.

Diese Strafe fur seinen wilden ubermuthigen Brief war fur Dankmar doch zu grossmuthig. Er umarmte fast den Bruder und sagte:

Siegbert, wie kann ich dein edles Herz jetzt herzlicher anerkennen, als durch meinen Magen'. Mein Appetit sei der Dolmetscher meiner Gefuhle!

Die Bruder setzten sich und begannen mitzutheilen und zu erzahlen.

Wie hab' ich dich erwartet, sagte Siegbert, wie sah' ich dir an jenem Abende, wo du wie im Traume von meiner Seite verschwandest, verzweifelnd nach! Wie hat sich denn Hackert bewahrt? Bist du mit ihm wieder zuruckgekommen?

So war er also nicht da? fragte Dankmar. Hat sich noch nicht sein Geld geholt?

Zu unserer Ehre noch nicht, sagte Siegbert, ich hatte ihm aufrichtig gestehen mussen, dass wir es angegriffen haben. Doch die Schievelbein erzahlte mir schon, dass sie dir den Verkauf meines Bildes mitgetheilt hat. Ja es ist verkauft, Dankmar, und damit ein Stein vom Herzen!

Dreihundert Thaler, sagte Dankmar, ich horte es mit Ingrimm gegen diese Kunstvereinsknauserei! Die Beleuchtung ist allein soviel werth. Bildchen von zwanzig Thalern wollen sie kaufen, damit in ihrer Lotterie viel Gewinne fallen.

Und ist es nicht traurig, sagte Siegbert, dass ich kaum durch mich selbst und meine Arbeit zu diesem Resultate wurde gekommen sein, wenn ich nicht fur das Gethsemane der Frau von Trompetta ein Blatt malte? Und noch schrecklicher! Diese Frau machte von meinem Bilde nicht etwa darum ein so grosses Aufsehen, dass man es seines Werthes wegen ankaufen musse, sondern weil ein Albumsblatt von mir ihr dann erst wichtig werden konnte, wenn ich eine offentliche Anerkennung erhielt und unter die gesuchten Maler versetzt wurde!

Das muss ich sagen, fiel Dankmar ein und zerklopfte ein Ei, das nenn' ich das Gelbe von der Sache! O, o! Welche Lugen! Welche Schandlichkeiten! Frau von Trompetta heisst die Posaune deines Ruhms? Was machst du ihr denn in ihr Gethsemane? Hoffentlich etwas vom Schweisse des Heilands, der sich auf dem Tuche der heiligen Veronika abdruckt! Darunter wurd' ich schreiben: Aus der ewigen Leidensgeschichte des Genius!

Genug! sagte Siegbert. Das Bild ist nun fort und die dreihundert Thaler werden uns Muth geben, so lange zu warten, bis du deine Million gewinnst. Ich hoffe, diese Million wird uns doch recht bald ausgezahlt werden..

Spottest du? sagte Dankmar und schnitt an dem Schinken, der trotz allen guten Willens, trotz symmetrischer Anordnung, trotz der grunen Petersilie etwas zah war. Spottest du und machst Witze, so ledern wie dein Schinken? Mache dich wurdig, meine Abenteuer zu vernehmen, sonst hull' ich mich in ein undurchdringliches Dunkel.

Siegbert suchte aus dem Schinkenteller fur den Bruder weichere Stucke und gerieth durch die Sorge fur Dankmar's leibliches Wohl ganz von Dem ab, was doch seine Neugier reizte. Er rieth ihm ein scharferes Messer zu nehmen, die Stucke kleiner zu schneiden; er hatte doch der Schievelbein gesagt, sie solle ...

Beruhige dich! Beruhige dich! rief Dankmar. Meine Zahne thun das Ubrige und die Eier sind vortrefflich, wenn auch ein Bischen klein. Ich hoffe sie kommen nicht aus der Schievelbein'schen Kanarienhecke. Iss Bruder! Jetzt seh' ich erst, dass du etwas schmal ausschaust! Wie blass! Wie schmachtend! Was ist denn auch Das, bis zwolf Uhr Nachts zu schwarmen? Hat's dir der Mond angethan? Verliebte Kater und verliebte Maler, die an den Hausern hinstreichen! Lernst Mandoline spielen?

Siegbert nahm diesen Scherz nicht auf, sondern blickte ernst.

Viel wichtiger, sagte er darauf mit unbefangener Miene, viel wichtiger als deine Kritik uber meine blassen Wangen ist die Mittheilung, was denn nun aus deinem Wunderschranke geworden und wer der gluckliche Finder ist? Erzahle!

Dankmar hatte noch nicht Lust, sich in diese wichtigen Thatsachen und ihre weitlaufige Mittheilung einzulassen. Er sagte:

Lieber Bruder, das sind so umstandliche Dinge, dass ich sie nicht beim Fruhstuck abmachen kann! Was ich dir von meinen seltsamen Begebenheiten schrieb, ist wahr; aber sie sind verworren, so unglaublich, dass ich wirklich von vorn anfangen und ganz methodisch erzahlen muss. Sage mir vorlaufig zur Beruhigung, was hast du von dem Pferde gehort, das uns jener Strauchdieb in die Lasally'sche Reitbahn zuruckfuhren sollte?

Er hat es abgeliefert, sagte Siegbert. Ich war selbst dort noch am selben Abend und habe seitdem nur die Sorge gehabt, jene hundert Thaler wieder zu vervollstandigen Du nennst den Fremden einen Strauchdieb. Hast du Beweise, dass er diesen Namen verdient?

Ich denke wol, entgegnete Dankmar, und sehr triftige. Indessen bin ich froh, dass sich das Pferd sicher in Lasally's Handen befindet. Ich wunschte, wir hatten ihm das Pfand zuruckgegeben und kamen mit ihm in keine weitere Beruhrung. Leider furcht' ich aber, dass ich gerichtlicher Zeuge gegen ihn werden muss. Gerade Lasally ist es, der diesen Hackert verklagen will und sich dabei auf mich zu berufen gedenkt ...

Siegbert war uber diese Nachricht sehr erstaunt. Er hatte von Hackert ein gutes Vorurtheil gefasst und bedauerte, dass er es nun aufgeben sollte. Um indessen dafur auch gerechte Veranlassung zu haben, fragte er Dankmar nach den Grunden, die Lasally zu einem solchen Verfahren bestimmen konnten.

Dankmar meinte, dass auch diese Grunde in die lange und prachtige Erzahlung gehorten, die er ihm noch heute auftischen wurde.

Am liebsten, sagte er, heut' Abend, wenn ich noch weitere Ergebnisse gewonnen habe! Denn aufrichtig gestanden, ich schame mich fast, vor einer genauen authentischen Bestatigung aller meiner Entdeckungen so sicher und bestimmt von ihnen zu reden. Wie ich gestern Abend hier durch die stillen Strassen schlenderte, kam mir Alles wieder wie ein Traum vor, als hatte mich irgend eine Fee nur necken wollen und mich verzaubert. Aber, Himmel ...

In dem Augenblick sprang er auf. Das Bild fiel ihm ein. Er hatte es gestern in der Ubermudung aller seiner Sinne so gedankenlos auf seinem Tische liegen lassen, dies wunderbar gerettete Bindeglied zwischen ihm und so vielen Menschen, die er noch heute sich eilen wollte, als wirkliche Menschen und keine wesenlosen Schatten zu erkennen ...

Wie er mit dem Portrait, das er noch an der alten Stelle fand, drinnen rumorte, um es wegzulegen, rief Siegbert zu ihm hinein:

Welch' alten Zopf hast du denn da auf einem Trodel erstanden? Oder ist das vielleicht eine Schwiegermutter, die du irgendwo auf der Reise erabenteuert hast? Hubsch muss in diesem Falle die Tochter sein, aber ich wunschte, dass sie einen bessern Maler fande als einst die Mama.

Mein lieber Bruder, sagte Dankmar und legte drinnen das Bild in eine wacklige nicht verschliessbare Kommode; an diesem Zopfe hangt das Schicksal eines Furstenthums. Auch Das ist eine Neuigkeit, die, jetzt schon aufgeklart, lange nicht so uberraschend ist als im Zusammenhange meiner ganzen Geschichte. Sage mir ferner lieber, wie es dir inzwischen ergangen und welche bosen Geister dich verfuhrt haben, Nachts um zwolf Uhr nach Hause zu kommen. Hat dich Leidenfrost wirklich zum Mitglied seines Clubs gemacht, haltst du Reden oder horst du welche?

Manches der Art! antwortete Siegbert, der sich bescheiden musste, seine Neugier uber des Bruders Abenteuer, besonders uber eine etwaige Bekanntschaft mit Melanie Schlurck gezugelt zu sehen. Ja, Freund, ich bin auf dem besten Wege, in Untersuchung gezogen zu werden.

Dankmar erschrak.

Wie? fragte er. Mein besonnener Siegbert macht Thorheiten? Du weisst, ich bin dafur, dass man links, aber nicht linkisch ist! Unser gewohnliches Clubwesen ist das Grab der Freiheit, nicht ihre Wiege.

Befurchte nichts, Dankmar, sagte der Bruder lachelnd, meine Unternehmungen auf diesem Gebiete sind sehr friedlicher Natur! Auch ist Das, was aus meinem nachtlichen Ausbleiben sich noch allenfalls entwickeln konnte, erst im Entstehen begriffen und kann mit deinem Urtheile stehen oder fallen. Vorlaufig sag' ich dir nur, dass ich in diesen Tagen deiner Abwesenheit zwei Menschen gefunden habe, die sich inniger als jemals Andre an mich angeschlossen haben und von denen es mich glucklich machen wurde, wenn sie auch dir gefielen.

Um des vierblattrigen Kleeblatts willen, sei's! sagte Dankmar. Aber auf einem und demselben Stengel mussen wir sitzen, sonst werd' ich auf deine neuen Freunde eifersuchtig. Wer sind sie denn?

Dankmar wurde hier von Frau Schievelbein unterbrochen, die den Augenblick, wo die Bruder mit dem Fruhstuck fertig waren, belauscht zu haben schien. Sie kam, theils ein Urtheil uber ihre Anschaffungen zu vernehmen, theils die Kleider hinzubreiten, die sie geputzt hatte. Auch die Stiefeln gehorten, da sie es so dringend wunschte, ihrem Wirkungskreise an. Sie liess sich diesen Verdienst an ihren beiden Miethsherren nicht nehmen und war in der That sorgsamer, als in diesem delikaten Punkte Frauenhande zu sein pflegen.

Dankmar uberliess Siegberten das Lob ihrer Bemuhungen fur diese Empfangsfeier. Er selbst hielt sich mehr an die burstende Bestimmung seiner Wirthin, schloss mit raschem Besinnen seinen Kleiderschrank, langte die beste Garderobe hervor und ubergab sie Frau Schievelbein zu behutsamster Reinigung. Ihre Klage, dass der Staub aus den Reisekleidern kaum auszutreiben gewesen ware, liess er gelten. Auch auf die gewohnlichen Stiefeln verzichtete er. Er stellte sehr glanzend gefirnisste in die Aula, Alles zur Vorbereitung fur eine gewahlte Toilette.

Du ziehst dich ja an, sagte Siegbert, als Frau Schievelbein mit den Kleidern sich entfernt hatte, als wenn du heute zu einem Fursten gingest?

Das geschieht auch! sagte Dankmar. Verzeihe mir meine Zerstreuung, Bruder! Ich schlage dir vor, heut' unser Mittagessen

Im Pelikan, fiel Siegbert rasch ein, an der Kegelbahn, neben den Johannisbeerhecken!

Nein, nein, erwiderte Dankmar und legte ein Hemde, weisse Wasche und mit Bedacht eine der Saison entsprechende Weste zurecht. Das ist zu entlegen und ich gestehe dir, deine Verehrung vor dem Proletariat und wahrscheinlich auch wieder vor Eierkuchen mit Schnittlauch theil' ich heut' nicht. Wenn ich zwei wichtige Besuche, die ich machen muss, hinter mir haben werde, sehn' ich mich nach einer Flasche Cantenac oder Leoville und will mit dir im Rathskeller, bei Lippi oder lieber bei Gruns speisen im kleinen Cabinet, wo wir abgeschlossen sind, von keinem Hundegebell gestort werden und ich dir mit Ausfuhrlichkeit zwischen Schussel und Schussel erzahlen kann, was ich erlebt habe!

So sicher steuerst du wahrhaftig auf die Million zu? Rathskeller? Lippi? Grun? sagte Siegbert, dem indessen der Vorschlag doch ausserordentlich gefiel. Er war gern bei einem gewahlten, gemuthlich vorbereiteten Genusse und empfand schon die Behaglichkeit, so allein mit dem Bruder eine Mahlzeit zu verzehren, die sie nur bei ausserordentlichen Veranlassungen sich gestatten konnten.

Bist du's zufrieden? fragte Dankmar, immer in seinem Zimmer raumend und fur seine Toilette Dies und Jenes zurechtlegend.

Siegbert, der sich nun gleichfalls anzuziehen begann, antwortete aus seinem Zimmer:

Nichts soll mir lieber sein! Ich gehe jetzt in's Atelier, arbeite fleissig an meinem Albumblatte fur die Trompetta, die damit drangt und jede Stunde gelaufen kommt, meinen Eifer zu controliren. Dann hab' ich ein neues Portrait zu malen. Bis zwei Uhr bin ich so weit, um mit mir hoffentlich zufrieden sein zu konnen. Dann noch ein Besuch bei dem einen meiner Freunde und um drei speisen wir. Bei Gruns wird es dann stiller. Aber das Cabinet mussen wir belegen und nur gleich sagen, dass wir fur das Couvert einen Thaler zahlen, sonst nehmen es Reubundler, Offiziere oder andre Privilegirte in Beschlag.

Willst du das besorgen? fragte Dankmar. Deine Kasse reicht doch?

Sie reicht! erwiderte Siegbert. Die Dreihundert sind schon eingeruckt. Ich verschwieg es der Schievelbein, um erst zu horen, wieviel du davon nothig hast. Wenn du recht mittheilsam bist, nicht flunkerst und mir Gelegenheit zu malerischen Situationen gibst, so kann auf den Leoville auch wol noch ...

Champagner! rief Dankmar von drinnen scherzhaft drohend und von der Gute seines Bruders geruhrt. Welche Excesse! Mensch!

Pst! Ich spreche ja nur von Schaum, weil ich den Barbier hore! sagte Siegbert lachend. Guten Morgen Herr Zipfel. Die Thur ging auf ...

Es war in der That der Barbier, Herr Zipfel, der mit Frau Schievelbein, die die Kleider zuruckbrachte, zugleich eintrat.

Andre Leute bekommen jeden Morgen zum Fruhstuck nass und frisch die neueste Zeitung. Die Bruder hatten aber diese Ausgabe nicht nothig. Die guten Zeitungen lasen sie Nachmittags im Kaffeehause, und fur die laufende Chronik, fur Das, was sie das politische Wetter nannten, genugte jeden Morgen der Besuch des Herrn Zipfel.

Siebentes Capitel

Das politische Wetter

Herr Zipfel war eine seinem ublichen Berufscharakter entsprechende bewegliche Figur. Er liebte die laufende Zeitgeschichte. Wenn er zu Kunden kam, die schon die Morgenzeitung gelesen hatten, so erfuhr er von ihnen, was er Denen mittheilen konnte, die nur die Abendzeitungen gelesen hatten. Manche Irrthumer der Nachmittagspresse war er schon im Stande, durch die Morgenpresse zu berichtigen. Viele Thatsachen aber schopfte er aus Quellen, die nur seinem Scheermesser zuganglich waren. Sein fruhbesuchtes Atelier, seine zeitigen Ausgange uber die Strasse, seine Besuche von Haus zu Haus bei Kunden, die zuweilen den Begebenheiten nahe standen, trugen ihm immer einen reichen Schatz von Notizen ein. Er konnte schon jeden Morgen ungefahr die politische Witterung des Tages angeben. Manches, was den Abend eintraf, sagte er schon am Morgen voraus. Ebenso oft aber irrte er sich auch und mit der Vergrosserung geringfugiger Dinge nahm er es nicht zu genau. Es verschlug ihm wenig, bei einer kleinen Arbeiterstreitigkeit die auf dem Schlachtfelde gebliebenen Flaschen fur Menschen zu nehmen und ohne Weitres von einem Dutzend Todter und einigen Dreissig hochst gefahrlich Verwundeten zu sprechen. Es war nicht gut fur die auswartige Presse, dass Zipfel auch einige ihrer Berichterstatter rasirte. Sie benutzten ihn fur ihre Mittheilungen fleissiger, als die Glaubwurdigkeit jener Zeitungen hatte sollen wunschen lassen.

Nach einer freundlichen Begrussung des so lange erst im Harz abwesend und dann kaum zuruckgekehrt wieder verschwundenen Herrn Referendars Dankmar, machte sich Zipfel daran, erst Siegbert von den Haaren zu befreien, die nicht zu seinem schonen blonddurchsichtigen Barte gehoren sollten.

Auf ein einfaches: Nun, Zipfel, wie steht's? das ihm aus der Aula zugerufen wurde, sagte er, den Schaum schlagend, mit ruhiger Miene, als wenn er von etwas sehr Gleichgultigem sprache:

Der Telegraph spielt!

Zipfel wollte damit sagen: Im Werke ist irgend etwas und in ein paar Stunden wird man's wol erfahren.

Dankmar aber, der sich anzuziehen begann, wollte etwas von einheimischen Dingen erfahren und fragte, ob Alles ruhig ware?

Alles ruhig! sagte Zipfel mit einer Miene, als wollte er ausdrucken: Es ist die Windstille vor dem Sturme! Im Grunde aber hatt' er doch lieber gehabt, es ware schon sogleich irgendwo wieder zu einem "bedauerlichen" Conflicte gekommen.. Mit den letzten sturmischen Aufregungen der Zeit hatte sich die Phantasie ganzer Bewohnerklassen grosser Stadte und des flachen Landes daran gewohnt, jeden Tag mit Gier etwas Neues aufzuschlurfen. Das Bedurfniss nach starken Anregungen dieser Art war so allgemein, dass man die Beruhigung gewiss sehr langweilig gefunden hatte, ware sie nicht fur eine kurze Erholung des Handels und der Gewerbe so dringend nothig gewesen.

Als Zipfel das Messer gescharft und an Siegbert's Kinn gesetzt hatte, sagte er:

Alles ruhig, aber oben wackeln sie doch!

Wackeln sie? fragte Dankmar und trat auf seine leichten Firnissstiefeln auf. Sie meinen die Kopfe der Minister, Zipfel?

Um Gotteswillen, sagte Zipfel, machen Sie mir keine Blutgedanken, mein Messer ist scharf! Die Kopfe oben haben die Gefahr uberstanden. Das ist voruber. Aber die Anstellungen! Die Anstellungen! Die mein' ich, die wackeln schon einmal wieder!

Wer soll denn nun an's Ruder kommen, Zipfel? fragte Dankmar. Ich habe eine Ewigkeit keine Zeitungen gelesen.

Reubund! Reubund! Alles jetzt Reubund! sagte Zipfel. Fix und fertig! In ein Tager Vierzehn stehen wir wieder auf Anno Toback! Die Errungenschaften werden zuruckgenommen! Es ist Alles Schwarmerei gewesen!

Glauben Sie doch Das nicht, liebster Zipfel! sagte Siegbert und wischte sich die Seife von den Wangen, nahm Wasser, Handtuch und reinigte sich. Ein Ministerium aus diesen Elementen kann sich noch nicht halten. Es ware zu offen, zu ehrlich in seinem Wahnsinn. Erst mussen noch einige Lugner kommen, die mit Phrasen um sich werfen und die Brucke fur Das bauen, was dann vielleicht kommen soll. Eher vermuth' ich, dass man einige Beamte und Offiziere wahlen wird, die durch ihr ausseres Auftreten die Regierungsgewalt wieder sollen kraftig und nachdrucklich erscheinen lassen. So erzahlt' es gestern Professor Luders, der das grosse Empfangsbild vom Prinzen Ottokar malt. Ich mag den Mann nicht; aber er sitzt jetzt an der Quelle oder die Quellen sitzen vielmehr ihm.

Zipfel wusch sich die Hande, um zu Dankmar's viel verwilderteren Wangen und seinem kraftigeren Kinn uberzugehen.

Er wiederholte sich dabei im Stillen:

Professor Luders Empfangsbild Prinz Ottokar sitzende Quellen nachdruckliche Regierungsgewalt Beamte und Offiziere ...

Er hatte damit einen ungemein ausgiebigen Stoff, der fur die ganze Krisis und Windstille ausreichte. Es war Logik, Zusammenhang und feine Combination in diesen Kettengliedern. Um sich die Schlussfolge recht einzupragen, ergriff er auch bei Dankmarn Anfangs einen Gegenstand, der ihn weniger zerstreute. Er druckte ihm sein Erstaunen uber den verwilderten Bart aus, behauptete, die Winkel am Munde waren viel zu sehr uberwachsen, auch der Kinnbart hatte sich schon zu hoch uber die Wange hin verloren. Dankmar uberliess seinem Geschmacke, ihn wieder nach der ublichen Mode umzuformen. Wahrend Zipfel fast wie ein Maler mit dem weissen schaumbestrichnen Finger die Conturen am Barte zeichnete, die er mit dem Messer verfolgen wollte, sagte Dankmar:

Zipfel, lassen Sie sich von meinem Bruder nichts aufreden! Der ist wie alle Kunstler ein halber Reactionair! Mit unsern Errungenschaften stehen wir doch zuletzt fester, als die Reubundler glauben. Ich will Ihnen auch sagen warum? Die Revolution hat leider den Staat jetzt noch theurer gemacht, als er sonst schon war

Wirklich! unterbrach Zipfel. Sehen Sie 'mal an! Wirklich theurer? Gestern bekamen wir Alle in meiner Nachbarschaft Zettel zugeschickt, wo Das auch gesagt war und jeder rechtschaffene Burger wurde aufgefodert, bei den Wahlen nur Die zu wahlen, die der Reubund vorschlagen wurde. Sie meinen also wirklich theurer? Horen Sie, da behalten wir die Errungenschaften nicht! Was dem Burger zu theuer ist, Das kauft er sich nicht. Ich rede nicht von mir, aber von den Andern!

Rasiren Sie mich nur erst! sagte Dankmar, ich werde Ihnen hernach meine Ansicht sagen, Zipfel.

Ansicht sagen hernach eine Ansicht!

Das war fur Zipfel eine feierliche Pause. Seine Spannung druckte sich in allen Mienen des kleinen verschrumpften Kopfes aus. Er hatte die uble Gewohnheit, seine "Kunden", um ihnen gut beizukommen, bei der Nase zu fassen und ihnen manchmal durch einen Fehlgriff die Flugel so stark zuzudrucken, dass sie zu ersticken drohten und ihn mit Gewalt zuruckstossen mussten. Auch Dankmarn fasste er heute in seiner Spannung etwas zu kurz und erhielt dadurch trotz aller engern politischen Vertraulichkeit einen gewaltigen Rippenstoss von seinem fast gleichgestimmten Gesinnungsgenossen.

Bitte! sagte Zipfel. Entschuldigen Sie!

Bitte! antwortete Dankmar. Nichts fur ungut!

Damit rasirte Zipfel fort und gerieth fast in Verzweiflung, als Dankmar in aller Ruhe sein Werk im Spiegel musterte und erklarte, er musse heute noch einmal nachrasiren. Er hatte die Haarwurzeln nicht tief genug gefasst ...

Herr Referendar sind recht eigen geworden! meinte Zipfel und schickte sich mit schwerem Herzen an das zu erneuernde Werk.

Und wie schone Stiefel Sie anhaben! setzte er in Besorgniss, eben etwas Ungeeignetes bemerkt zu haben, bedachtig hinzu.

Spritzen Sie nur keinen Schaum auf diese Stiefeln!

Dankmar musste endlich zufrieden sein und die Spuren dieser wiederholten ihm an jedem Morgen sehr fatalen Prozedur sich selbst zu rasiren hatte er nicht die Geduld vertilgend, begann er dann, Herrn Zipfel folgende Auseinandersetzung mit auf den Weg zu geben:

Also, mein bester Herr Zipfel, wenn Ihnen irgend ein Geheimrath oder Major ausser Diensten, den Sie rasiren, sagt, die Revolution hatte den Staat theurer gemacht, so machen sie ihm nur ein Compliment von mir oder von wem Sie wollen und sagen ihm, der Staat wurde nur dadurch theurer, dass die Revolution nicht ganz gesiegt hatte.

Ach! Also noch nicht ganz?

Nicht ganz!

Was Sie sagen! Also Sie meinten ...?

Wenn die alten Machthaber, die sich gegen die vollendete Revolution anstemmten, sich gutwillig gefugt hatten, so ware das Staatmachen jetzt schon wohlfeiler. Aber theurer ist der Staat nur dadurch geworden, dass nun die alte Zeit und die neue zugleich bezahlt sein wollen.

Naturlich! Naturlich! Doppeltes Conto!

Weil nun die Revolution nicht fertig geworden ist und die Fursten und ihre Diener alles Erdenkliche aufgeboten haben, um sie nicht bis zur vollen Reife kommen zu lassen, deshalb kostet der Staat jetzt das Doppelte.

Allerdings! Ganz klar! unterbrach Zipfel und dachte bei sich: Wieder eine Thatsache mehr!.. Das Schlagende in Dankmar's Ausserung entging ihm nicht; doch besann er sich wegen der Ausserung: Die Revolution ist nicht fertig geworden! Bei dieser beschloss er, sich doch erst die Leute anzusehen, wo er eine so gefahrvolle, wenn auch scharfsinnige Bemerkung fallen lassen wollte. Die Revolution ist noch nicht fertig! Bedenkliche Worte!

Nun war aber noch der zweite befruchtende Gedanke zu erledigen, dessen Keim Dankmar in den ergiebigen Boden der Zipfel'schen Empfanglichkeit geworfen hatte. Und lern- und neubegierig wie er war, fragte Zipfel, seine Gerathschaften zusammenbindend:

Aber wie sagen Sie denn, Herr Referendarius, dass justement, weil die ganze Wirthschaft jetzt theurer geworden ist, gerade derowegen die Errungenschaften nicht genommen werden konnen?

Ganz einfach, antwortete Dankmar und schlug sich vor dem Spiegel die Tragbander uber die Brust und burstete darauf sein dichtes helllichtbraunes Haar. Ganz einfach, Zipfel! Wenn der Staat jetzt mehr Geld kostet als sonst, so muss vor allen Dingen das Geld wirklich da sein.

Es muss da sein! Sehr richtig! antwortete Zipfel, Das Geld muss da sein.

Wenn nun das Geld da sein muss, fuhr Dankmar fort, so muss die Regierung Sorge tragen, welches herzunehmen, wo sie's nur irgend finden kann.

Sehr naturlich! erganzte Zipfel. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.

Was nun, sagte Dankmar, fur uns Errungenschaft ist, ist fur Die, die zur Reaction halten, Verlorenschaft gewesen.

Verlorenschaft! Sehr gut! Darum soviele "Eingesandts" in der Zeitung! Verlorne Gegenstande ...

Der Staat aber, der Staat aber

Erlauben Sie, sagte Zipfel und sprang hinzu, Dankmarn hinten die Weste zuzubinden, die er eben angezogen hatte.

Der Staat also

Der Staat nicht zu fest, Zipfel!

Loser! Der Staat also

Der Staat, Zipfel, muss haben und nimmt, wo er etwas findet. Die Revolution hat ihm die bisherige Steuerfreiheit des grossen Grundbesitzes zum Geschenk gemacht, hat ihm die Vermogenssteuer fur die reichen Bankiers prasentirt, die gibt das gefrassige Ungeheuer, der Finanzminister, nicht wieder heraus

Der Finanzminister? Ist der so ... sagte Zipfel erschrocken uber das gewaltige Bild. Ah! Ja so! Sie meinen figurlich! setzte er sich selbstberichtigend hinzu.

Naturlich! Und der Finanzminister, sagte Dankmar, wird von jetzt an immer liberal sein und wenn man den tollsten Reubundler zum Finanzminister nimmt, er wird die grossen Zahlen der Ausgabe sehen, die gierig wie der Rachen eines Haifisches sind und ich gebe Ihnen mein Wort, er stopft alle Rittergutsbesitzer, alle Bankiers, alle Majors ausser Diensten und den ganzen Reubund hinein, um nur Geld zu haben, und dadurch setzen die Herren selbst die Revolution fort und die Errungenschaften bleiben uns sicher.

Bleiben uns sicher! Horen Sie, Das ist fein! So klar hat noch Keiner im Club gesprochen, obgleich.. ich ihn nicht mehr besuche. Es ist jetzt zu gefahrlich ... Ich lasse mir nur rapportiren. Aber schade ... Das muss wirklich unter die Leute kommen. Denn warum? Wirkt so etwas nicht beruhigend? Ich gebe Ihnen mein Wort, dass die Menschen, die in unsre Barbierstube kommen die, zu denen wir gehen, sind wieder anders gesinnt die aber, die zu uns kommen, sind so auf ihr Wahlrecht versessen, wie beim Essen auf ihren eigenen Loffel und wenn er von Blech ist und lange nicht von Silber. Aber ihr eigener Loffel! Ihr eigner! Wahlen Das gehort jetzt zur Reinlichkeit und gehort sich gerade so fur den Familienvater, wie alle zwei Jahre einmal seine Stube weissen lassen. Es vertreibt die Motten! Die Motten im Kopf, die Grillen, die Raupen, den Arger, den Kummer, die Sorgen, die Armuth, Alles, Alles, was Einen druckt und an sich selber wissen Sie pauvre vorkommen lasst. Nur Wahlen! Das erhalt den Anstand, das hebt den ganzen Menschen, das ist wie eine reinliche Weste. Der Rock mag noch so verschabt sein, die Stiefeln geflickt, die Hose zu kurz.. Nur 'ne reinliche Weste. Meinen Sie nicht auch, Herr Referendarius?

Zipfel sagte den Brudern mit dieser Ausserung zugleich eine Schmeichelei. Denn auch Siegbert zog sich heute gewahlter an und legte eben ein schones Gilet fur sich zurecht. Zipfel, mit Dank gegen die "sitzenden Quellen", die demnach auch ihm zu Gebote standen, empfahl sich und uberlegte die vier Stiegen entlang, die er hinabzuhupfen hatte, fur welche von seinen Kunden Siegbert's Mittheilung uber das nachste Ministerium und fur welche Dankmar's Auseinandersetzung uber die Sicherheit der Errungenschaften am besten passen wurde. Er war bei aller Gesinnungstuchtigkeit doch etwas Diplomat und richtete sich nach den Umstanden, wie die ganze Bourgeoisie jener Stadt, die im Herzen von einer weit freiern Auffassung war, als sie seit einiger Zeit anfing, vor den Machthabern und den bedenklichen Umstanden zu heucheln.

Siegbert, ohne Empfindlichkeit, sagte jetzt zu seinem Bruder: Wie kommst du nur dazu, mich fur einen Reactionair zu erklaren? Wirfst du dich nicht so in Toilette, so in's Zeug, dass ich dich eher einen Aristokraten nennen sollte?

Dankmar hatte in der That seinen eleganten Anzug fast vollendet. Noch war der Frack nicht ubergeworfen, aber schon legte er die Manschetten seines Hemdes zurecht und wetterte uber einen an ihnen fehlenden Knopf. Auch ein Paar ganz neue Handschuhe in Paille hatte er noch im Vorrath und schickte sich an, sie wenigstens vorlaufig einmal auf Probe anzuziehen.

Warum mussen denn Glaceehandschuhe, sagte er, aristokratische Gesinnungen verrathen? Du bist ein conservativer Halb-Communist und tragst doch keine Blouse, nicht einmal im Atelier, wo man dich verspottet, weil du kein malerisches Esprit de corps hast und wie die andern dummen und aufgeblasenen Kunstler die neue Zeit verachtest. Ich will hoffen, dass deine beiden Freunde nicht wieder Proletarier aus dem Material dieses Hackert sind?

Der Eine doch! sagte Siegbert.

Bruder, verschone mich! rief Dankmar. An Hackert haben wir von dieser Sorte genug. Ich will, dass man die Vernunft, die Gerechtigkeit und Natur in die Politik einfuhrt, aber ich mag nicht, dass uns im Kampfe zuviel die Handwerker unterstutzen, die da fechten mogen ... auf der Landstrasse.

Wie viel Juristen fochten auf den Barrikaden? sagte Siegbert.

Dankmar schwieg. Die Erinnerung an Hackert hatte ihn verdriesslich gestimmt. Er besorgte auch, das gute Herz seines Bruders liesse sich zu oft von Menschen gefangen nehmen, denen er mit seinem Mitleiden auch wol gar sein Vertrauen schenkte.

Nun wol, sagte er fast bereuend und zur Verstandigung einlenkend, du hast Recht und doch erfullt mich's oft mit Unmuth, wenn ich sehe, wie auch von dieser proletarischen Seite aus der Egoismus die Triebfeder zur Theilnahme an der Politik ist. Diese masslosen Anspruche auf die ungleich vertheilten Guter des Lebens! Diese verruckten Begriffe vom Rechte der Arbeit! Wahrlich diese dumme Diversion unsrer grossen politischen Aufgabe hat uns mehr geschadet als genutzt. Gib diesen Sozialisten ein Phalanstere, eine grosse Kaserne gemeinschaftlicher Familien-Kaninchenwirthschaft und Suppenaustheilung, und sie nehmen den Despotismus, wenn ihnen dieser ein solches baut, lieber als die Volkssouveranitat!

Es fruge sich fast, was besser ist! sagte Siegbert. Deshalb wunsch' ich, du machtest die Bekanntschaft meines Sozialisten. Es ist ein Franzose.

Gar ein Franzose! sagte Dankmar. Und der Andre?

Ist Leidenfrost antwortete Siegbert.

Leidenfrost, fuhr Dankmar erstaunt auf und erinnerte sich nun erst deutlicher, von Melanien diesen Namen gehort zu haben. Apropos! Leidenfrost? Der auf dich ein Spottgemalde gemacht hat? Was ist es nur damit? Ein Spottbild auf dich? Und du ladest nicht deine Pistolen? Ich hoffe, dass du der Freund eines Menschen, der dich verspottet hat, erst geworden bist, nachdem ihr ein paar Kugeln gewechselt habt?

Mit diesen Worten war es Dankmarn wirklich Ernst. Er hatte oft der Ausserung, die er in Hohenberg von einem Bilde des Malers Leidenfrost, das seinen Bruder verspotten sollte, von Melanien selbst gleich bei der ersten Begrussung horte, nachgedacht. Er war so empfindlich uber alles Das, was sich an die Ehre seines Namens knupfte, dass er schon dort uber diese Bemerkung in Verwirrung gerieth und in dem Antheil, der davon seinen Bruder betraf, vergessen hatte, wie sich auch Melanie, er wusste nicht recht wie, als an dem Spotte Leidenfrost's betheiligt darstellte.

Hast du auch schon von dem Scherze gehort? fragte Siegbert, der im Stillen erschrak, dass Melanie vielleicht von diesem Bilde erfahren und dem Bruder davon gesprochen hatte. Man muss einem Maler seine Ideen nicht verkummern, nicht die Rolle der abgeschafften Censur spielen. Frei sei der Genius und erfinde Schopferisches, selbst wenn es auf unsre Kosten geht!

Das konnt' ich denn doch nicht unterschreiben, sagte Dankmar. Ich wurde eine Portraitahnlichkeit uberall da verbitten, wo es sich um kein Portrait handelt.

Und was ist denn auch so Schlimmes geschehen? sagte Siegbert. Du kennst Leidenfrost's humoristischen Griffel.

Er schreibt ebenso witzig wie er zeichnet und dabei hat er eine Auffassung seiner Kunst, dass er sie nur fur eine Erholung seines Geistes erklart und neben der Malerei ein Dutzend andre Kunste und Fertigkeiten treibt. Schon dass er so recht den alten Italienern gleicht und wie Michel Angelo, Leonardo da Vinci, Benvenuto Cellini neben seiner Kunst auch in praktischen Dingen, sogar im Maschinenbau, in der Baukunst, im Kriegswesen nachdenklich und erfinderisch ist, Das allein schon konnte mich versohnen, wenn er mich wirklich verspottet hatte!

Lammsmassige Geduld! rief Dankmar argerlich. Und wenn er etwas erfindet, was noch uber die Zundnadelgewehre hinausschiesst, so wollt' ich ihm nicht rathen, dass er dich verspottet hat.

Er uberraschte uns, erzahlte nun Siegbert ruhig, nach vielem Hin- und Hertasten einmal durch ein Bild von grosser Vollendung: Ein Kunstleratelier. Professor Berg ist unverkennbar als Tizian wiedergegeben. Er unterrichtet in einer schonen Nebenhalle seines Ateliers ein reizendes Madchen, das von den entfernt sitzenden Schulern, vielleicht ohne es zu wissen als Modell benutzt wird. Der Eine malt sie als eine Amazone, der Andere als eine Melusine mit einem Fischleibe, der Dritte als eine Sphinx, nur ich soll Derjenige sein, der in ihr eine Madonna findet und freilich muss ich gestehen, dass ich mich mit meinem frommen Glauben und dem sichern Aufschlag der Augen gen Himmel auf dem Bilde fast ein wenig albern ausnehme.

Und Das beruht auf Wahrheit? fragte Dankmar erstaunt und gespannt.

Gerade deshalb, sagte Siegbert errothend, nehm' ich es auch leichter. Ist schon die Idee an sich gefallig und hochst launig ausgefuhrt, zumal da auch die Schulerin zu merken scheint, dass sich das ganze Atelier sie zum Modell genommen hat, wahrend ihr der Professor recht beflissen eben den Pinsel aus der Hand nimmt, um ihre eigne Leistung, die man nicht sieht, zu verbessern, so seh' ich nicht ein, was ich meine Neigung verbergen und mich schamen soll, eine Madonna in dem Wesen zu finden, das Andern nur als wilde Amazone, kalter Fisch oder gefahrliche Halblowin erscheint. Es gibt kaum eine sinnigere Apotheose der Liebe und so gross meine Ahnlichkeit mit dem verzuckten Maler ist, ich habe sie Leidenfrost nicht nachgetragen.

Der Liebe? wiederholte Dankmar immer erstaunter. Aber was hor' ich denn? Seitdem ich in Angerode war, sind ja mit dir Wunderdinge vorgefallen. Verliebt? Wirklich, was man so nennt verliebt?

Fast mocht' ich uber mich selbst erstaunen, sagte Siegbert, der eigentlich aufathmete, dass von ihm in Hohenberg bei Melanie nicht die Rede gewesen schien und doch daraus ein schlimmes Zeichen fur sich hatte entnehmen mussen. Ich habe mich lange gepruft, wie wol meine Empfindung fur jenes Madchen beschaffen sein moge. Aber seitdem ich sehe, dass ich ihretwegen leiden kann und mich ordentlich freue, durch den Spott eines Andern des eignen Gestandnisses uberhoben zu sein, fuhl' ich auch, dass dies die rechte Stimmung ist, der man trauen darf. Ja, ja, Dankmar, du sproder, kalter Verachter der Frauen, ich bin auf dem Wege, viel Thorheiten zu begehen.

Damit umarmte Siegbert fast den Bruder und verlangte gleichsam durch eine erhohtere Bezeugung seiner Liebe zu ihm die Erlaubniss, sein Herz nun mit Jemand, in dem Dankmar Melanie selbst nicht voraussetzte, theilen zu durfen ...

Dankmar, der in einer fast gleichen Stimmung war, erwiderte nichts, sondern fuhlte stumm die Wonne nach, die seinen Bruder zu erfullen schien. Wirkte doch auch in ihm die reizende Bestrickung durch eine Armida wie ein Opiumrausch! Er sah nur Himmel, Gluck und Seligkeit. Jeder Lufthauch, der durch das geoffnete Fenster uber die hohen Dacher wehte, war ihm wie ein balsamischer Kuss von Melanie's Lippen. Ein Zauber rieselte durch seine Glieder und gab ihnen das Gefuhl einer so atherischen Leichtigkeit, als wenn er in den Luften schwebte. Er hatte schon den Hut ergriffen, setzte ihn vor dem Spiegel auf, aber er sah sich nicht, er sah nur uber seine Schultern sich hinlehnend das schone Madchen, das ihn in ihren Netzen gefangen hielt.

Siegbert hielt dies Schweigen fur Das, was es wol auch zum Theil war, fur das warmste Mitgefuhl und fast eine Bestatigung, dass Dankmar Melanien doch wol nicht in Hohenberg gesehen hatte, und erregt, wie schon den ganzen Morgen, fuhr er, sich selbst zum Ausgehen vollig fertig rustend, fort:

Das kleine Gemalde ist viel belacht und bewundert worden und Prinz Ottokar selbst hat es fur eine Summe von funfhundert Thalern angekauft. Leidenfrost war aber uber dies Gluck seines Spottes trostlos. Ich gestehe, dass ich einige Tage lang mit ihm nicht sprach. Er hatte das Bild in seiner Art so rasch hingeworfen, so keck unter meinen eignen Augen vollendet, dass ich denn doch etwas verstimmt war, wie ich den Spott erkannte. Da ich aber das Modell liebe und dir gestehen will, wie ich dazu kam, zu hoffen und was ich hoffe, so ertrug ich den Spott und dachte: Lacht ihr nur! Wer im Weibe das Schone und Gute findet, gefallt doch den Menschen, wie ihr auch seiner spottet! Kaum auf der Ausstellung, war das Bild unter dem Titel: "Ein Atelier" schon verkauft. Am Tage nach unserer Scene im Pelikan kam Leidenfrost auf der Strasse zu mir, bot mir die Hand und sagte: Wildungen, ich habe miserabel an Ihnen gehandelt! Ich habe ein Madchen portraitirt und Sie mit ihr! Ich soll funfhundert Thaler fur den Fetzen bekommen, aber ich will ihn zerfetzen unter der Bedingung, dass Sie mein Freund bleiben! Leidenfrost, sagt' ich, was fallt Ihnen ein? Ich finde das Bild wunderschon. Es ist ein Gedicht. Der Gedanke ist gut und die Ausfuhrung, wenn auch fluchtig, doch sicher, bestimmt und ganz grazios. Lassen Sie nur die Menschen lachen und streichen Sie Ihre funfhundert Thaler ein! Leidenfrost war aber wahrhaft unglucklich. Er polterte hundert Dinge heraus. Um sich zu beruhigen, sagte er: Sie mussen nun aber das Madchen wirklich heirathen, damit Sie Beide uns Alle auslachen! Oder, rief er dann sogleich wieder, Sie sollen mir danken, dass Sie nun erst gar auseinander kommen; es ist eine Melusine! Eine gefahrliche Sphinx! Sie passt nicht fur Sie! Und so ging es durcheinander fort, bis er endlich mit mir sich so weit geeinigt hatte, dass ich ihm versprach

Siegbert schloss, da sie inzwischen gingen, die Thur zu. Dankmar zog schon draussen auf der Flur seine Handschuhe an. Frau Schievelbein nahm den Schlussel ab und wunschte fur den Tag gute Verrichtung.

Dass ich ihm versprach, sagte Siegbert, indem die Bruder die Treppen hinunter stiegen ... ihm versprach, wiederholte er, als die Uhr schon neun schlug und er im Gehen seine Uhr aufzog

Dankmar zog halb nur zuhorend auch seine Uhr auf und richtete sie nach Siegbert's.

Dass ich ihm versprach, sagte Siegbert, ihm jetzt mehr Freund zu sein als sonst, und von den funfhundert Thalern, die er durch mich eigentlich verdient hatte, von der Summe, die er ein wahres Sunden- und Heidengeld nannte, wahrend ich fur meinen Molay nur dreihundert hatte, wenigstens die Halfte als Vorschuss zu einem neuen Bilde anzunehmen. Ich bedankte mich. Aber nein, sagte er, ich muss Ihnen doch irgend ein Opfer bringen, irgend eine Suhne! Wollen wir uns duelliren? fiel er ein. Auf Kanonen? war meine Antwort. Soll ich mit der neuen Hebemaschine, die ich construire, sagte er, mich zur Probe so oft in die Luft schleudern lassen, bis ich mich in einen unappetitlichen Brei verwandelt habe? Als ich auch dies grossartige Opfer nicht annehmen wollte, sagte er: Verlangen Sie, dass ich mich zur Strafe in meinen chemischen Tincturen vergreife und eine Portion Ather trinke und mit dem Motto: Leichte Lufte heben mich! in's Unendliche verschwebe? Kurz ich lehnte alle seine komischen Opfer ab, bis wir auf unserm Schlendergange in der Wallstrasse vor einem Hause standen, wo wir einen kleinen Schild ausgehangt fanden, mit der Inschrift: Armand Doreur de Paris. Neben dem Schilde hingen in einem grossen Glaskasten eine Menge sehr feingearbeiteter, bronzirter Goldleisten. Da, Leidenfrost! sagt' ich, zur Strafe sollen Sie zwanzig Thaler zahlen und wissen Sie, auf welche Art? Ich weiss es, sagte er: Wir gehen zu Lippi und bestellen zehn Flaschen Champagner, von denen Sie eine trinken, ich muss die ubrigen neun vor meinen Augen von Ihnen zum Fenster ausgegossen sehen und nicht einen Tropfen bekommen. Ist Das keine Strafe? Zu hart! sagte ich. Gut denn, schlug er vor, so trink' ich davon so viel, bis ich nicht stehen kann und dann jagen Sie mich auf die Strasse, dass die Jungen hinter mir herlaufen und ich ein Pietist werden muss, um meinen verlorenen guten Ruf wiederherzustellen. Noch zu stark! sagte ich. Zur Strafe sollen Sie mir hier bei dem aus Paris neuangekommenen Franzosen, der allen Ateliers seine Karte geschickt hat, einen prachtvollen Rahmen zu einem neuen Gemalde schenken, durch das ich mich an Ihnen rachen will. Bravo! rief er und zog mich die Stiege hinauf zu Monsieur Armand Doreur de Paris. Wie wir bei diesem eintreten ...

Hier wurde Siegbert's Erzahlung und Dankmar's gespanntere Aufmerksamkeit unterbrochen.

Ein Offizier ritt eben voruber und hielt, da er Siegbert zu kennen schien, mitten auf der Strasse an.

Siegbert zog artig den Hut und trat zu ihm vom Burgerstiege naher.

Das Bild wird vortrefflich! sagte der Offizier, eine hagere, aber strengmilitairische Erscheinung mit durchdringenden Augen und einem eigenthumlichen Lacheln, das halb grazios, halb sarkastisch erschien.

Ich danke Ihnen, Herr Major, fur die gute Vormeinung! sagte Siegbert. Doch wissen Sie wohl, wie bedenklich es ist, ein Portrait in seiner ersten Anlage zu beurtheilen ....

Ich muss doppelt dankbar sein, sagte der Offizier, da meine Frau nicht genug ruhmen kann, wie anregend sie von Ihnen unterhalten wird..

Bitte, Herr Major!

Wann durfen wir Sie heute erwarten?

Ich wollte eben der gnadigen Frau anzeigen, dass ich heute vielleicht eine Sitzung uberspringen werde und erst morgen fortfahre ....

Wie Sie wunschen, Herr Wildungen! Soll ich Ihnen den Weg ersparen und es meiner Frau selbst anzeigen..?

Sie sind zu gutig, Herr Major!

Meine Schuldigkeit! Guten Morgen, meine Herren!

Damit lenkte der Offizier vom Trottoir zuruck und sprengte mit einer artigen Begrussung, die auch Dankmarn galt, von dannen.

Siegbert war von dieser Unterredung etwas verlegen geworden.

Das muss ich sagen! begann Dankmar. Du bist mir vollig fremd! Du steckst ja in lauter neuen Verhaltnissen! Wer ist denn Das?

Der Major von Werdeck, sagte Siegbert, dessen Frau ich male ....

Frau von Werdeck, fiel Dankmar sich besinnend ein; eine Polin ?

Ganz Recht, antwortete Siegbert, eine geborene Kaminska ....

Eine vortreffliche Reiterin, eine Amazone, die dir scheinbar zu einem Portrait sitzt und sich argert, dass du keine Tete a Tetes aus diesen Sitzungen machst!

Abscheulich! Dankmar! Dankmar!

Die Welt taugt aber nichts, lieber Bruder!

Aber die Menschen taugen noch hie und da etwas. Diese Polin liebt nur Eins, ihr Vaterland..

Hoffentlich nach dem Major von Werdeck ...?

Ich glaube auch ihn nur, wenn er die Gedanken theilt, die durch ihr gluhendes Herz gehen ...

Dankmar besann sich, dass er auf der Ruckreise von Hohenberg noch vorgestern von der Majorin von Werdeck wie von einer Demokratin hatte reden horen ...

Wem verdankst du diese Bekanntschaft? fragte er.

Auch meinem Max Leidenfrost! sagte Siegbert. Er trat mir diese Bestellung eines Portraits ab. Er ist ruhrend in der Art, wie er mich versohnen will. Auch glaub' ich wol, dass Major von Werdeck Anstand nehmen musste, diesen Cyniker, den er ubrigens sehr schatzt, in das Boudoir seiner Frau zu fuhren. So entschloss ich mich, die Bestellung zu ubernehmen und freue mich, hier mehr als ein Portrait zu liefern. Diese leidenschaftliche Frau tragt den Typus ihrer Nationalitat in jeder Fiber ihres Antlitzes. Die Bitterkeit ihrer Ansichten ist so grell, dass ich sie oft ersuchen muss, sich zu massigen, damit sie nicht unschon erscheint. Ich opponire ihr meist nur aus asthetischen Rucksichten..

Dankmar war durch den Anblick jenes Offiziers, der wieder etwas von der fesselnden Ausstromung besass, die ihn sogleich auch fur Ackermann gewonnen hatte, noch theilnehmend beschaftigt. Er verfiel in die Gedankenreihe, wie wol ein Offizier in dem bekanntlich streng genug ihm vorgezeichneten officiellen Ideenkreise sich behaglich fuhlen konne, wenn ein geliebtes Weib ihm den ganzen Schmerz einer durch die Politik zerrissenen Nation und die Hoffnungen, die diese Nation gerade aus der Umwalzung aller Verhaltnisse fur ihre eigene Wiederherstellung schopft, taglich vergegenwartigt und ihn allmalig doch dahin bringen musste, entweder ganz mit seinem Innern oder seiner aussern Stellung zu zerfallen oder gar ein gedankenloser, unzurechnungsfahiger Heuchler zu werden ...

Siegbert, der keine Ahnung von der gewaltigen Krisis hatte, in der sich die Uberzeugungen seines Bruders befanden, liess von diesem Gegenstande ab und kehrte auf die Erzahlung zuruck, die der Major von Werdeck unterbrochen hatte.

Wir konnen kaum zweifeln, dass Louis Armand, der Vergolder, derselbe junge Mann ist, der im Egon'schen Palais der Vermittler der Wunsche Ackermann's und der Bewilligungen des jungen Prinzen gewesen war.

Achtes Capitel

Louis Armand

Als wir, Leidenfrost und ich, fuhr Siegbert im weitern Gange fort, bei dem franzosischen Kunsttischler eintraten, trafen wir zuvorderst den Probst Gelbsattel.. doch du bist zerstreut? Meine Ausfuhrlichkeit langweilt dich?

Nein, nein, fahre fort! sagte Dankmar. Doch will ich nicht hoffen, dass eine der hasslichen und magern Tochter dieses alten Gonners unserer Familie dein Madonnenideal ist!

Gonner unsrer Familie, sagst du? Er war der argste Feind meines Molay.

Es ist ein Schulkamerad des Vaters noch von Schulpforte her ...

Und gerade deshalb sein eifrigster Feind und auch uns misgunstig und hamisch gesinnt! Die Schulkameradschaften! Von einem mislungenen Wettkampf bei einem Exercitium spinnt sich oft ein Faden des Neides und der Misgunst an, der durch das ganze Leben geht! Wie kann ich gute Bilder malen, da er unsern Vater kannte, der neben ihm in ein und dasselbe Tintenfass die Feder tauchte!

Bitter, Siegbert, aber wahr!

Ich bin bitter, weil ich wirklich sagen muss, dass erst Frau von Trompetta den Ankauf meines Bildes durchsetzte! Nicht, damit ich erst etwas fur ihr Gethsemane male, sondern weil ich ihr schon etwas malte, deshalb musst' ich erst durch Ankauf meines Bildes ein geachteter, guter Maler werden!

Argre dich daruber nicht! Die Mysterien des Ruhmes haben schlimmere Dinge zu berichten. Was wollte Gelbsattel bei dem Franzosen?

Gelbsattel kaufte Rahmen zu einigen Bildern, die vom Kunstverein verloost werden sollen. Er war ungemein freundlich, fast kriechend und erkundigte sich nach dir mit einer Umstandlichkeit, die mir fast auffiel.

Nach mir? sagte Dankmar, halb befremdet, halb theilnahmlos.

Fast wie im Verhor musst' ich ihm hunderterlei Fragen beantworten, fuhr Siegbert fort, die ich selbst kaum wusste, und was das Auffallendste war, er schien uber deine Anwesenheit in Angerode auf's Genaueste unterrichtet und gerieth uber die Mutter in Ekstase, die ich seit dem schlimmen Tage, wo er einst in Thalduren uns besucht hatte, nicht vermuthete.

Die Lection, sagte Dankmar, die ihm der gute Vater damals gab, wirkte. Er drohte ihm fur Alles, was ihm der Vater sagte, die furchtbarste Rache und doch wurde er gleich darauf nach Angerode versetzt. Diesen Menschen muss man nur die Zahne weisen und sie werden zahm.

Nach Angerode, sagte Siegbert traurig, wo der Vater starb! Die Rache gelang!

Nun? erinnerte Dankmar, diese Erinnerungen vermeidend, an die Fortsetzung der Erzahlung ...

Du hattest Leidenfrost sehen sollen, fuhr Siegbert fort, wie der den Probst sogleich hechelte, den Kunstverein geisselte! Der kolossale Herr wurde zornroth und warf mit Frivolitat der Genrebilder, satirischen Bambocciaden und ahnlichem Schwulst um sich, wahrend er die Rahmen behandelte und von dem Franzosen immer kurz und treffend, mit Wurde und einem gewissen Stolz bedient wurde. Leidenfrost bestellte zwolf Ellen von der vorzuglichsten Arbeit, die Monsieur Armand in Proben ausgestellt hatte, und als ich lachte und sagte: Sind Sie toll? Was soll ich denn da hineinmalen? Nun was denn sonst, rief er mit einem Seitenblick auf Gelbsattel, was denn sonst als die Idee, die Sie mir eben so vortrefflich geschildert haben, eine Sitzung der Akademie della Crusca! Gelbsattel horchte hoch auf uber ein Bild, an das ich gar nicht gedacht hatte. Sehen Sie, sagte Leidenfrost, zu Ihrem dicken Pralaten, der bei dieser Gelegenheit die Regeln des guten Geschmackes definiren will, brauchen Sie allein drei Quadratellen Leinwand. Der Kerl muss sich in seinem Lehnstuhle hinflegeln, wie eine in Schweinsleder gebundene Ausgabe sammtlicher Werke des Aristoteles! Bis hierher ... Bitte um Entschuldigung, Herr Oberconsistorialrath! ... bis hierher mussen wenigstens seine Beine reichen, bis dahin seine Arme, hier oben streckt er die Hand auf den grunen Tisch und legt sie mit plumper Vollsaftigkeit auf einen grunen Lorbeerkranz, der fur ein Reihe herumgehendes Gedicht von den versammelten Kunstrichtern als Preis bestimmt ist. Der Eine rumpft die Nase, der kratzt sich hinterm Ohr, der rechnet an den Fingern nach, dass in der siebzehnten Stanze Vers drei ein Fuss zu wenig ist, der schlagt schon im Lexikon nach, aber der dicke Pralat, der sich blaht wie ein verdauender Kalekut, der gibt sich das Air, als grubelte er nur dem Geiste des zur Prufung vorgelegten Gedichtes nach, und die Lorbeerblatter mussen unter seiner schweissigen Hand schon anfangen gelb zu werden. Wurde der Kunstverein, schloss Leidenfrost, wol einen solchen Gegenstand ankaufen, Herr Probst? ... Gelbsattel stutzte, fasste sich aber. Der schone Rahmen, sagte er salbungsvoll und sich wohl getroffen fuhlend, der schone Rahmen, mein Bester, den Sie da bestellen, ist vorlaufig eine sehr gute Empfehlung dieser Sitzung der Academia della Crusca, die ich mir sehr treffend und sogar witzig denken kann, vorausgesetzt, dass der Pinsel des Kunstlers edel bleibt und durch Portraitahnlichkeit nicht zum Pasquillanten wird!

Aha! rief Dankmar. Siehst du, wie du die Unbesonnenheit dieses unverbesserlichen Leidenfrost bussen musst?

Lieber Dankmar, sagte Siegbert mit grosser Milde, ich fuhle Das wirklich weniger, als du und als es Leidenfrost fuhlte. Der Probst ging und unser Spotter warf sich voll Unmuth in einen Sessel. Der Franzose, der auffallenderweise recht gelaufig deutsch sprach, fragte, ob dieser Herr der Vorstand hiesiger Katholiken ware? Als wir ihm diesen Irrthum benahmen, sagte er, er hatte Dies geglaubt, weil ein Jesuit, der mit ihm von Paris gereist ware, viel von dem Probst Gelbsattel gesprochen hatte. Ein Jesuit? fragt' ich zweifelnd; gibt sich, namentlich in jetziger Zeit, ein Jesuit so offen? Der Franzose lachelte und erwiderte: Er ware von Brussel bis Hannover mit ihm fast immer in einem Waggon gefahren, aber schon in Aachen ware ihm kein Zweifel gewesen, dass er einen heimlichen Jesuiten neben sich gehabt hatte. Auch wisse er ein Zeichen, mit dem sich die Jesuiten zu erkennen gaben, wenn sie verwandten Brudern oder Affiliirten des Ordens zu begegnen glaubten. Einige Herren, die in Elberfeld eingestiegen waren, hatten dies Zeichen auch sogleich erkannt und sich mit seinem Landsmann vielfach im Geheimen unterhalten, auch ein Geistlicher, der sich in Bielefeld anschloss ... mit diesem ware oft vom Probste Gelbsattel in der Residenz gesprochen worden.

Schone Arsenik-Adern Das, die sich da durch Deutschland schlangeln! sagte Dankmar.

Du kannst denken, fuhr Siegbert fort, wie mich nach solchen Mittheilungen dieser Franzose ansprach. Es ist ein noch ziemlich junger Mann, der Kunsttischlerei und das Vergolden zu gleicher Zeit gelernt hat und es zu einer Vollkommenheit in seinem Fache brachte, die noch bei uns Niemand erreicht. Seine Spiegel- und Gemalderahmen sind von einem bewundernswerthen Geschmack. Er konnte nur Proben auslegen, da ihm die Gewerbeordnung untersagt, anders hier aufzutreten denn als Reisender und Commissionar. Er ubernimmt aber jede Bestellung und wird sie entweder von einem grossen Lager aus, das er in Paris hat, oder durch eine Verbindung mit irgend einer hiesigen Werkstatte ausfuhren. Er wohnt schon deshalb bei einem guten soliden Tischler, Namens Martens ...

Martens? fragte Dankmar ...

Es war ihm, als hatte er diesen Namen irgendwo gehort.

Martens in der Wallstrasse ...

Dankmar horchte auf. Doch fiel ihm nicht ein, dass dies die Adresse war, die auf dem Gelben Hirsch der Forster Heunisch von seiner Nichte, Franzchen Heunisch, gegeben hatte.

Siegbert, der genauer ausfuhren wollte, wie er dazu gekommen, in Dankmar's Abwesenheit sich Leidenfrost und diesem Louis Armand naher anzuschliessen, fuhr fort:

Armand's Fertigkeit in der deutschen Sprache fiel mir auf. Er behauptete, das Deutsche theils von einer halbdeutschen Mutter, theils von einem Beschutzer gelernt zu haben, dem zu Liebe er hierher nach Deutschland gefolgt ware. Vielleicht bliebe er, vielleicht ginge er wieder. Es hinge Das von seinem Freunde und Beschutzer und dessen verwickelten Angelegenheiten ab. Er hatte kein Hehl, mir diesen Protector, wie er ihn nannte, mit Namen zu nennen. Ich war erstaunt, als er eine hochgestellte Person nannte, den jungen Prinzen Egon von Hohenberg.

Wer? fragte Dankmar erstaunt. Den Prinzen Egon?

Von dem er nicht Ruhmens genug wusste, fuhr Siegbert fort, und bei dessen Namen ihm die Thranen in die Augen traten.

Dankmar war jetzt uberzeugt.. dass der Gefangene im Thurm ihn nicht getauscht hatte!

Nun? Nun? drangte er den Bruder fortzufahren. Und der Prinz?

Von ihm erfuhr ich nichts, sagte Siegbert. Aber Louis Armand, der Franzose, interessirte mich. Er sprach Einiges von der Politik und nach wenig Augenblicken entdeckt' ich, dass dies ein pariser Sozialist ist. Leidenfrost, dessen technologische und mathematische Studien ihn mit seiner Malerei verbunden zu einem Genie im alten Sinne des Wortes, einem Albertus Magnus, Paracelsus, ja zum Faust machten, wenn er nicht zu sehr Mephistopheles ware ...

O! O! unterbrach Dankmar. Ich bitt' euch! Das ist ja schon eine Lobhudelei unter euch, wie wenn sich zwei junge Studenten ihre ersten Gedichte vorlesen!

Leidenfrost, fuhr Siegbert unerschuttert fort, erhob sich aus seinem Sessel und nahm an unserm Gesprach den lebhaftesten Antheil. Dieser Franzose nun ist Schuld, dass ich seit einigen Abenden so spat nach Hause komme. Gestern Abend begleiteten wir, Leidenfrost und ich, ihn wirklich an das Palais des Fursten Hohenberg. Er hatte wirklich einen eigenen Schlussel zu einer Seitenpforte, die in den Garten fuhrte, wo wir Abschied von ihm nahmen ...

In den Garten sagst du? fiel Dankmar ein. War das nach zehn Uhr?

Gegen eilf! antwortete Siegbert.

Dankmar gedachte des Sangers von gestern Abend, gedachte Egon's. Die Brust wogte ihm freudig auf. Er fuhlte, dass seine Erinnerungen keine Traume waren, dass sie aufleben sollten in einer neuen reizvollen Wirklichkeit ...

Da Dankmar schwieg, schloss Siegbert seine Erzahlung, die er immer ruhig mit dem Bruder fortschlendernd vorgetragen hatte, mit den Worten:

Nun aber wird es an dir sein, endlich gleichfalls zu berichten. Wir sind am Atelier. Um drei Uhr bei Grun oder jetzt; ich will dir ganz gehoren, wenn du es verlangst.

Dankmar hielt ihn allerdings fest. Es war ihm noch, als ware nicht Alles los und frei in seiner und des Bruders Brust. Er sah zu den Fenstern des eleganten im italienischen Geschmack gebauten Hauses hinauf. Es bestand dies Haus aus zwei Theilen, von denen der eine (beide hatten Plattdacher) fur die beruhmte Malerschule des Professors Berg bestimmt war. Der andre enthielt Wohnungen; sie waren durch eine Terrasse verbunden, die mit Orangen-, Oleanderbaumen und Cactus verziert waren und einen Gang bildeten, uber den Professor Berg zu seinen Schulern aus seiner Wohnung hinubergehen konnte.

Eben ging auch der gefeierte Meister im leichten Uberwurfe aus der Glasthur des Wohnhauses uber diese Verbindungsterrasse in's Atelier. Er hatte ein ernstes, edles Gesicht, das mit langen grauen Locken beschattet war. Freundlich grusste er zu den Brudern hinunter.

Aha! Dein Tizian! sagte Dankmar. Bruder, ich weiss nicht, Leidenfrost ist doch werth, dass man ihn durchprugelt. Wie du Das so ertragst! Hatte der Vater nicht auf dem Todtenbette zu uns gesagt: Wie lieblich, wenn Bruder eintrachtig beieinander wohnen! ich finge einen Heidenlarm mit dir an und zwange dich mit ihm wenigstens zu einem Gang auf gescharfte Rappiere! Wetter, Bruder! Wie kann man harmoniren, wo eine solche unaufgeloste Dissonanz doch immer nebenher brummt!

Hab' ich nicht, sagte Siegbert, durch dies Alles einen reichen Gewinn? Leidenfrost's geniale Natur ist mir naher getreten: er zeigt mir aus Reue ein Gemuth, das er Allen verbirgt. Was hatt' ich nun, wenn ich ihn hassen musste, mich zwange, ihn zu hassen, den wunderlichen, in sich doch auch nicht glucklichen Menschen! Und bei dieser Freundschaft gewann ich noch eine andere, jenen Louis Armand, der mir, fast mocht' ich sagen in reinlicherer, grazioserer Weise die Ideen von dem moglich gesteigerten Glucke des Volkes verwirklicht, als ich sie an unsre schmutzigen, meist rohen und gedankenlosen Handwerker anknupfen konnte. Wir sehen ihn vielleicht heut' Abend, wenn ihn der Furst von Hohenberg nicht in Anspruch nimmt.

Prinz Egon! wiederholte Dankmar mit einem Erstaunen, das der Bruder nur auf den Rang eines Mannes bezog, mit dem ein einfacher Rahmentischler und Vergolder bekannt sein sollte ...

Und von dem Tizian sprichst du, sagte endlich Dankmar, als Siegbert ihm die Hand gab, um in's Haus zu treten ... Von den Sphinxen und Melusinen sprichst du und von deinen Freunden und deinen durch Grossmuth beschamten Feinden.. Aber die Madonna! Diese Vielgestaltige! Wer ist sie denn nun? Dieser weibliche Proteus, Der Jedem anders und dir als eine Heilige erscheint? Ich habe geschwiegen ... Ich wollte dir meine Bescheidenheit zeigen ... Aber du ehrst sie nicht. So werd' ich indiscret und frage: Wer ist sie denn?

Hattest du nur nicht so viel Verstand, Dankmar! sagte Siegbert. Von der Liebe scham' ich mich mit dir zu reden ...

Wirst du nicht roth uber und uber? Ich wette, es ist Berg's Tochter! Der alte Tizian in Venedig hatte ja wol auch eine Tochter, die mit ihres Vaters Schulern ... seine Schule fortpflanzte? Wie? Fraulein Berg ist's?

Du kennst sie also nicht, sagte Siegbert. Und doch glaubt' ich ... in Hohenberg ...

In Hohenberg? fragte Dankmar erstaunt.

Sie ist eine Schulerin Berg's, hat Talent, aber wenig Ausdauer. Seit einigen Tagen ist sie verreist ... du solltest wissen wohin?

Ich?

Zuweilen war ich bei ihr eingeladen. Bis jetzt zog sie mich jedem Andern vor. Was Viele als Koketterie an ihr tadeln, scheint mir ein kunstlerischer Sinn. Konnt' ich sie gewinnen, ich hatte ein Ideal gefunden; denn sie ist vollendet schon ...

Dankmar wurde jetzt von einer Idee ergriffen, die ihn erstarren machte. Er wusste, dass Siegbert heute hier, morgen da, in Soireen und Theegesellschaften gebeten wurde. Dass ihn Melanie Schlurck kannte, schien ihm sowenig auffallend, dass auch nicht ein Gedanke ihm gekommen war, der in seinem Geschmacke an Frauen so wahlerische Bruder mochte sich in die Netze gerade dieser Siegbert's ganzer Natur widersprechenden Erscheinung verloren haben. Aber als er schon von deren Abwesenheit horte, von verreist, von Hohenberg, von Koketterie ... erschrak er furchtbar und wie in dem sichern Gefuhle einer Ahnung, mit der ihm die Schuppen von den Augen fielen, sagte er:

Doch nicht Melanie Schlurck?

Du kennst sie? antwortete Siegbert hochergluhend und fast begeistert. Ja, gerade Die ist Berg's Schulerin und die Madonna. Sahst du sie nicht in Hohenberg? ... Du schweigst! So lass uns abbrechen. Ich sehe du bist verdriesslich, du verurtheilst sie wie Alle Alle oder was hast du?

Nichts! nichts

Du bemitleidest mich du hast einen wehmuthigen Zug um den Mund warum wendest du dich? Was ist dir?

Ich will gehen und die Couverte bei Gruns bestellen ...

Du willst dort mit mir moralisiren! Thu' Das nicht, Dankmar! Lass mir diese Tauschung, diesen Wahn! Ich liebe Melanie Schlurck und wenn ich das Gespott der Welt wurde.

Und sie selbst?

Daruber heut' Mittag! Ich will an mein Olblatt fur das Gethsemane ... Du sollst mir Rath geben! Aber nicht moralisiren! Horst du? Ich liebe wahnsinnig ...

Siegbert hatte keine Ahnung, dass sein kalter, gegen Frauen gleichgultiger Bruder, sein Nebenbuhler sein konnte. Er hatte Dankmar's erkaltete Hand geschuttelt und nichts von dessen Leichenblasse bemerkt. Dankmar war gross in der Kunst der Selbstbeherrschung.. Siegbert trat in das Atelier.

Und doch hatte Dankmarn, als er nun so allein stand mit dieser gewaltigen Thatsache, sein erstes klares Gefuhl, dessen er Herr werden konnte, Thranen abpressen mogen. Nicht an sich dachte er! Der gute kindliche Bruder! rief es in ihm. Der tiefste Schmerz ergriff ihn, zu denken, dass diese reine spiegelklare Natur so von einem entschiedenen Irrthum, von einem Wahne volligster Unmoglichkeit uberhaucht werden konnte! An das sonderbare Schicksal, dass zwei Bruder von einem und demselben Madchen erfullt sein mussten, dachte er gar nicht.. Das war zu oft vorgekommen.. Ihn ruhrte weit mehr der Schmerz um Siegbert, den er, obgleich alter als er selbst, hier schon wieder unpraktisch, traumerisch, zerflossen fand! Wie klar durchschaute er den niezulosenden Widerspruch zwischen Siegbert und Melanie! Wie unmoglich schien ihm fur jemals diese Vereinigung! Wie scharf, treffend, nur fur seine Bruderliebe beleidigend treffend war nun der Spott des kecken Leidenfrost, der diesen Contrast so lebendig aufgefasst und in seiner ganzen Lebendigkeit wiedergegeben hatte! Und wen er noch mehr hasste als Leidenfrost, das war wirklich ... Melanie selbst!

Ein Mann kann gar nicht lieben, sagte er sich, ohne dass ihm ein Weib dazu die Veranlassung gibt und Melanie hat sich einen Scherz erlaubt!

Und als ihm diese Gedankenreihe zu tantenhaft, zu gouvernantenmassig klang, sagte er sich doch: O sie verdient uns Beide nicht! Er uberraschte sich auf dem Gestandniss, dass er sie vielleicht wirklich nicht liebe, nie geliebt hatte, dass sie ihm nur den Eindruck der Sinnlichkeit gemacht hatte. Opium ist Das, was in ihren Blicken liegt, sagte er sich. Ich konnte sie zermalmen, wenn es nicht Leidenfrost auch schon mit ihr in seinem Bilde gethan hatte. Prinz Ottokar hat es gekauft!.. Das versohnt mich jetzt mit Leidenfrost! Das ist die schwerere Schale, die seine Schuld gegen den Bruder aufwiegt!

Und doch trat dann wieder Melanie als Siegerin und im ganzen Zauber ihrer Hingebung vor seine Seele ...

Er musste sich unter einige in der Nahe liegende Baume fluchten, eine Bank suchen um sich zu fassen, um sich zu sammeln ...

Dass fur ihn an Melanie nicht mehr zu denken war, schien ihm dem Bruder gegenuber unerlasslich.

Dass aber auch dieser von seiner Verblendung durch ein Madchen, das er erst jetzt erkannte, da er sie in der Seele eines Andern beurtheilte, geheilt werden musse, erschien ihm ebenso nothwendig ....

In dem Hin und Her dieser Empfindungen und Uberlegungen versank er auf der steinernen Bank unter Kastanienbaumen, umrauscht von dem Larmen des fashionablen Viertels, in dem er sich befand, in Wehmuth und in eine Traurigkeit, die fast alle seine Entschlusse fur den heutigen Tag lahmte.. Sein Anzug kam ihm jetzt lacherlich vor.. Er riss die Handschuhe von den Fingern. Prinz Egon, der Freund des Kunsttischlers Armand, bedurfte dieser Aufmerksamkeit nicht.. und mit Schlurck wollte er ungebundener sprechen.. Melanie, die ihm, wer weiss durch welche Zweideutigkeit, das Bild erworben hatte, wollte er nicht sehen. Er war ausser sich und unglucklich.

Er sass dumpf brutend eine Weile, bis er die Augen aufschlug und auf der entgegengesetzten Seite des Platzes, den die Kastanienbaume beschatteten, eben um die Ecke der dort einmundenden belebten Strasse einen Mann und einen Knaben schreiten sah, der ihm Ackermann und Selmar zu sein schienen. Erfullt vom freudigsten Schreck sprang er auf und mit dem Ruf in seiner Brust: Es gibt noch reine Fluten, in denen des Mannes Seele sich lautern, starken, erquicken kann! eilte er sturmisch nach der Gegend hin, wo die lieben, ihm so theuren Gestalten eben aufgetaucht und wieder verschwunden waren. Sein behender Fuss, hoffte er, wurde sie noch sicher erreichen. Er eilte, als jagte ihn die Reue uber alles Das, was er in diesen Tagen erlebt, begonnen hatte. Jeder rasche Fusstritt war ihm, als musste er mit ihm zu gleicher Zeit abschutteln, was auf ihm Unwurdiges und Zweideutiges lag.

Hinweg! Hinweg mit diesem Ballast! rief es in ihm. Sei Mann! Schuttle deine Mahne! Lebe in der Wuste deiner Uberzeugungen einsam, aber wie ein Lowe!

Aber es war nur der Schmerz, der so in ihm schrie..

Er irrte und irrte.. Ackermann und den Knaben zu finden; ... er hatte ihre Spur verloren! Seine beflugelten Schritte ruhten erst, als er vor dem Hause stand, an welchem er gestern Nacht auf messingner Platte den einfachen Namen Schlurck gelesen hatte ...

... Ob Dankmar eintreten wird? ...

... Dies der Commune gehorende Haus mit dem Kreuze, gebaut auf Grundstucken, die einst dem geistlichen Ritterorden und der Comthurei von Angerode gehort hatten, trug zwar alle Spuren seines alterthumlichen Ursprungs, war aber von innen sehr wohnlich, bequem und in manchen Partien selbst elegant eingerichtet. Die Bogenwolbungen der Decken und die winkligen steinernen hier und da ausgetretenen Treppen waren nicht zu verbergen. Viereckte, abgestumpfte Saulen trugen die Treppenuberbauten. Lange Gange zogen ohne alle Symmetrie, rein nach dem Grundsatze der Bequemlichkeit, durch die Stockwerke und gaben nach allen Richtungen hin in den Zimmern Ausgange, ohne dass diese darum selbst, wie leider bei den neuen Bauten, mit einer Uberzahl von Thuren versehen waren. Fast in allen Zimmern war darauf geachtet, dass sie mindestens eine grosse, vollig thurfreie Wand hatten, an der die Warme sich sammelt und der Rucken des Bewohners traulich und sicher anlehnen kann. Wenn nun auch viele Alkoven etwas Dusteres und kleine einfenstrige Durchgangszimmer etwas Weitlaufiges darboten, wenn die ausgebauten Erker, die Fenster mit breitem Simse, von denen man nur durch im Zimmer angebrachte Tritte eine bequeme Aussicht auf die Strasse haben konnte, mehr altfrankisch, als ehrwurdig erschienen, so hatte doch der lange ungestorte Aufenthalt eines sehr wohlhabenden, Luxus und Comfort liebenden Mannes in diesen Raumen dem Ganzen den Charakter jener Eleganz aufgedruckt, die man in den alten Hausern Nurnbergs oder, noch bezeichnender, Basels und Berns antrifft. Was hier Malereien an den Wanden und moderne gefallige Formen nicht bewirken konnten, wurde durch Sauberkeit und Gediegenheit erreicht. Die Fenster der Treppen sogar hatten Gardinen, die Vorplatze der niedrigen Zimmer waren gebohnt und mit kostbaren Blumenstocken in weissen Porzellantopfen geziert. Die inneren Zimmer waren prachtig tapeziert und wurden durch bunte Vorhange gehoben. Die Mobel entsprachen dem neuesten Geschmack und die reichbesetzten Etageren und Servanten entfalteten einen Uberfluss von Gold, Silber und Porzellan, der nur einer bessern Beleuchtung bedurfte, um dann vielleicht nicht einmal so geschmackvoll zu erscheinen wie jetzt, wo gerade diese Ausserlichkeit dazu gehorte, sie zur Staffage eines Wohlstandes zu machen, den man allenfalls patrizisch nennen mochte.

Schlurck bezahlte eine sehr geringe Miethe fur diese Wohnung, die zum Complex aller der Hauser und Liegenschaften gehorte, die er fur die Commune verwaltete. Dieser Umstand allein hatte ihn aber nicht hier festgehalten, wenn es nicht seine Bequemlichkeit gewesen ware. Seit fast zwanzig Jahren hatte Schlurck hier gehaust und in allen Dingen Gewohnheitsmensch war er auch nicht zu bewegen, Melaniens Bitten um eine moderne Wohnung nachzugeben. Er gestattete ihr lieber hundert andere Dinge, nur in diesem Punkte war er unerschutterlich. Dies Winkelwerk war ihm lieb geworden. Er hatte uber sich Miethbewohner, die ihn nicht storten. Stalle, Remisen, Alles gehorte ihm so, als war' er in seinem Eigenthum. Unten, hinter den vergitterten Fenstern, waren seine Schreibstuben, wo oft zwanzig Federn unaufhorlich kritzelten, immer ein halbes Dutzend junger praxisloser Juristen unter seiner Anleitung arbeitete und die Acten bis zu den Decken in einer Menge Schranken aufgethurmt lagen. Sein eigenes Audienzzimmer lag nach hinten hinaus, war sehr duster, aber traulich, und die Wendeltreppe, die er sich von hier aus in den ersten Stock hinauf hatte bauen lassen, that ihm vielfach erwunschte Dienste. Dazu kamen die hohen, gewolbten Keller fur seine Weine, die er als Kenner kaufte, lagern liess und nach einem gewissen System verbrauchte. Dies ganze Winkelige, Versteckte, Alterthumliche war ihm nothwendig geworden, und oft sagte er zu den Gasten, die er in dem kleinen oder dem grossern Saale oben versammelte:

Wir Menschen mussen uber unsrer Wohnung stehen! Sie muss unsern eignen Gehalt, unser Geprage annehmen! Eine Wohnung, die meinem Nachdenken, meiner Phantasie voraus ist, wird mir unbequem werden und ware sie noch so schon! Was sollen mir Balkone, Plattdacher, Veranden! Ich bin nicht italienisch gestimmt. Eine Wohnung, die ich aus den alten Zeiten heraus mir nachbilde, selbst forme und nach Laune schmucke, wird mein Schneckengehause! Sie krustisirt sich aus meinem eigenen Korper heraus.

Fur Melanie war aber die Wirkung dieser Wohnung verderblich. Sie war durch Bildung und Natur ein Kind ihrer Zeit und litt unter dem Druck dieser ihr nicht gleichmassigen Existenz. Ihr war nie wohl daheim! Sie musste immer hinaus aus diesen Fesseln ihres Geschmacks, musste immer traumen von uppigeren Existenzen und erhielt dadurch die Unruhe und Beweglichkeit, die sie schon zu so mancher Thorheit verleitet hatte. Ihre Phantasie, immer in dem Drange, sich etwas Andres zu schaffen, als was sie besass, war nicht gebunden durch jene Hauslichkeit, die beim Weibe die lebendigste und in manchen Fallen oft einzige Unterstutzung der Tugend ist. Wer sich in seinem gewohnten Dasein gefallt, gerath nicht in die Strudel jener unbefriedigten Gemuther, die das Gluck uberall, nur nicht am eignen Herde suchen.

Ohne nun Dankmar weiter im Auge zu behalten, bemerken wir, dass Melaniens Erwartungen fur den heutigen Tag auf's hochste gespannt waren. Sie durchflog die trotz der Hitze draussen kuhlen Zimmer wie ein gefiederter Genius auf und ab. Einen stillen Platz, wo sie selber waltete, hatte sie nie gehabt. Den kleinen Cultus sinniger Gemuther, die sich irgend ein Zimmer und war' es noch so klein, irgend ein Platzchen und war' es noch so eng, nach ihrem eigenen Gefallen ausschmucken, hatte sie nicht. Sie schrieb ihre Briefe, wo sie einen Tisch fand. Kein Arbeitszimmer, das ihr allein gehorte. Uberall fand sich ein Stuckchen Spur von ihr. Sich einzuspinnen an irgend einem ihr allein angehorenden Orte, war ihr unmoglich. Sie hatte Schranke, wo sie das Ihrige beisammen fand, andre, wo sie Briefe aufbewahrte, sie hatte Nippsachen und Andenken genug; aber sich anzusiedeln an einer und derselben Stelle mit Allem, was ihr theuer war, das verstand sie nicht. Es war ihr eine Epheulaube gebaut worden mit Hangelampen und rankenden Gewachsen in zierlich gebrannten, aufgehangten Topfen, sie hatte darunter einen kunstvoll gebauten Schreibtisch, sie sass aber nie davor. Das war ihr Alles zu eng, viel, viel zu pedantisch. Entweder sass sie in einem der Erker, wenn sie schrieb ... Konnte sie doch da bei jedem Federzug auf die larmende Strasse sehen!.. Oder wenn sie zeichnete und malte, worin sie etwas Fertigkeit errungen hatte, musste die Staffelei heute hier, morgen da stehen. Bald war sie bei der Mutter, bald bei dem Vater und wenn sie Beide genugsam gequalt hatte, rief sie ihr Madchen Jeannette, um sich anzukleiden, oder ging in ein Hinterzimmer, wo sie Buglerinnen, Natherinnen, Putzmacherinnen antraf, die immer fur das grosse Haus und seine verschwenderische Okonomie zu nahen, stricken, zu wirken und zu arbeiten hatten.

Am Abend vorher hatte sie dem Vater schon Einiges von Dem mitgetheilt, was er von dem Hohenberger Aufenthalt wissen sollte. So sehr seine Neugier uber den Prinzen gespannt war, so stand sie doch nur halb Rede. Man ging, ermudet wie man war, fruh zu Bette.. Am Morgen gab es dann Vieles zu ordnen, nachzusehen, zu tadeln. Der Tag sollte wichtig werden. Man nahm die Vorbereitungen auf ihn nicht leicht. Da waren Kleider zerdruckt, andre nicht mehr gefallig. Es gab ein Wahlen, Larmen, Laufen hin und her. Des auch schon in der Fruhe vielbeschaftigten Vaters wurde sie kaum ansichtig. Gegen zehn Uhr bekam sie endlich eine ruhigere Stimmung. Am liebsten hatte sie gewunscht, es hatte schon jetzt am Hause recht wild und stark geklingelt. Jeannette erzahlte ihr, sie hatte einen Bedienten des Geheimrathes von Harder schon auf der Strasse gesehen, die Excellenz ware also angekommen ... Ernst hatte Jeannetten Alles erzahlt, was er so offen nicht einmal der Geheimrathin beichten wollte ... Melanie lachte uber diese uns noch rathselhaften Vorfalle und uberliess ihrem Madchen, den Antheil, den sie daran hatte, nach Belieben zu errathen. Den wahren Schlussel dieses Geheimnisses behielt sie noch selbst.

Um elf Uhr war sie in einfacher aber geschmackvoller Kleidung bereit, Jeden zu empfangen, und kame Kaiser und Furst! Den Gedanken an eine Selbsttauschung uber Egon mochte sie durchaus nicht fassen ... Bekummerter war sie um das Bild. Sie schien mit der Art, wie es Dankmar empfangen haben musste, nicht zufrieden. Oft wenigstens fragte sie Jeannetten, ob man sich wol auf Menschen verlassen konnte, die von einem Manne, wie dem Prinzen, so freundlich gegrusst wurden.. Sie meinte den Amerikaner und seinen Knaben ... Dann kam sie auf diesen Knaben, den sie anfangs und um Dankmarn zu nekken, ein Madchen genannt hatte und ein Sinnen uberfiel sie wirklich, ob nicht jener Knabe ein solches ware und in Beziehungen zu ihrer neuen Eroberung stunde, die sie furchten musse! Etwas, was sie mit dem Vater des Knaben im Heidekrug und mit dem Bilde der Furstin Amanda erfahren hatte, schien sie darauf zu fuhren, sich solche Vermuthungen lebhafter auszumalen.

Es schlug halb zwolf. Noch immer nichts, was sich zur Aufklarung der letzten Tage anmelden wollte ...

In ihrer Ungeduld rannte sie da und dorthin, endlich zu den Madchen, die fur das Haus zu arbeiten pflegten. Es war heute grade nur eine da, ein heiteres junges Madchen von gefalligem Aussern. Sie arbeitete gerade an einem Besatz fur Melanie. Jeannette stand neben ihr und Beide lachten eben, als Melanie eintrat.

Ihr seid sehr lustig! Woruber lacht Ihr? fragte Melanie.

Das Madchen stand ehrerbietig auf und wurde blutroth.

Jeannette, eine Zofe, die sich gegen Melanie oft einen sehr vertrauten Ton gestattete, woran aber diese wol selbst Schuld war, Jeannette antwortete fur die Natherin:

Franzchen ist verliebt, Fraulein, und wie Sie sehen, bis uber die Ohren!

Franzchen, in wen bist du verliebt? sagte Melanie und setzte sich zu ihnen. Erzahle mir wie verliebt du bist!

Jeannette ist eine Spotterin, sagte das Madchen, das man Franzchen nannte. Ein armes Madchen fuhlt leicht etwas, so gut wie Andre, aber sie nimmt sich wol in Acht, es so rasch Liebe zu nennen, wie Die!

Der Tausend! sagte Melanie. Das klingt ja wie aus einem Buch.

O, sagte Jeannette, es muss auch etwas ganz Absonderliches sein, was ihr in's Herz gefahren ist! Seit wir fort sind, ist Franziska Heunisch fast eine Gelehrte geworden.

Also ein Student? fragte Melanie die Nichte unseres guten Heunisch aus dem Walde. Blond? Schwarz? Jura? Medicin? Franzchen! Franzchen! Lass dich mit Studenten nicht ein! Ihre frischen Wangen mussen erst recht welk werden, bis sie heirathen konnen und dann heirathen sie immer erst noch die Tochter ihrer Vorgesetzten.

Es ist kein Student, sagte Franzchen Heunisch verschamt.

Sie sagt's nicht, wer's ist! meinte Jeannette. Und doch ist er gewiss viel hubscher als der alte Furst von Hohenberg, den sie noch ein Jahr vor seinem Tode lieben sollte.

Jeannette lachte zu dieser Ausserung laut auf.

Franzchen aber warf ihr einen ernsten Blick zu und wurde noch rother, diesmal aber vor Unwillen uber Jeannettens lose Zunge.

Was ist Das? fragte Melanie. Verliebt in den alten Fursten Hohenberg?

Fraulein, sagte Franzchen mit einem erneuten verweisenden Blick auf ihr Madchen. Jeannette ist oft recht schlimm ...

Warum denn, sagte die Zofe keck; wissen wir's doch Alle! Armes Taubchen! Die Wandstablers waren nahe daran, ihr recht die Federn auszurupfen.

Melanie drang wiederholt nach Aufklarung. Franzchen schwieg. Die Nadel zitterte in ihren Handen ...

Jeannette aber sagte:

Ach ziere dich nicht, Franzchen! Abenteuer, wo man mit heiler Haut davonkommt, sind immer lustig anzuhoren. Franzchen ist doch die Nichte des Jagers Heunisch, den wir mit seinem grossen Fuchsbart bei Hohenberg ofters gesehen haben. Als noch der alte Furst lebte, empfahl sie Heunisch an die Wandstablers, um im Palais einen guten Posten zu bekommen. Sie kennen doch die Wandstablers, Fraulein?

Melanie sagte, sie hatte von den drei Geschwistern gehort.

Jeannette fuhr fort:

Die Wandstablers liessen mein Franzchen kommen und betrachteten es von allen Seiten, ja untersuchten's, wie Herr Lasally thut, wenn er Pferde kauft. Endlich behielten sie sie im Palais und Franzchen zog heute hinein und morgen lief sie, wie sie ging und stand, davon. Was mit ihr geschehen ist, davon hat nichts in der Zeitung gestanden. Franzchen! Ich hatte dich sehen mogen, wie du in dem goldenen Pavillon an Handen und Fussen gezittert hast, als

Franzchen entrustet hielt Jeannetten den Mund zu.

Und als jene doch reden wollte, sprang sie auf und druckte so gewaltsam auf Jeannettens unsaubere Lippen eine gewisse Handbewegung, dass deren fahles Gesicht kirschroth wurde und sie allenfalls sagen konnte, ihr ware so gut geschehen, als hatte sie eine Ohrfeige bekommen.

Madchen! Madchen! rief Melanie lachend. Du zerdruckst mir die Volants an dem Kleide da! Wollt Ihr wol Beide Ruhe halten!

Franzchen war so zornig, dass ihr die Thranen in die Augen traten.

Fur Melanie waren die Worte: Goldener Pavillon im Hohenbergschen Palais, sehr gefahrlich gewesen. Indessen bekampfte sie sich, warf Jeannetten einen verweisenden Blick zu und sagte, um auf einen andern Gegenstand zu kommen:

Also ein Franzose ist's! Franzchen, wie verstandigst du dich denn mit ihm? Oder geht das Alles durch die Augensprache?

Franzchen schwieg wieder.

Jeannette aber statt ihrer sagte:

Er kann ja deutsch und was er nicht zu sagen weiss, macht er mit ihr figurlich ab. Er wohnt in einem Hause mit ihr und muss es gewiss sehr redlich im Sinn haben, denn er hat ihr noch nichts geschenkt, obgleich er mit lauter Gold umgeht.

Melanie fand an Franzchens verschamter Schweigsamkeit und Entrustung Gefallen. Franzchen war klein, aber sehr zierlich. Ihre Augen hatten etwas Heiliges. Lange dunkle Wimpern lagen schwarmerisch uber den braunen feuchtschimmernden Sternen. Die Haut war, wie Hackert im Gelben Hirsch gesagt hatte, von jenem Wachs, das nicht schon ist, wenn es zu blass ist und an die Bleichsucht erinnert, aber sehr anziehend, wenn mit ihm dunkle und frische Farbe verbunden. Alle Formen dieser kleinen Schonheit waren im lieblichen Ebenmass. Melanie beobachtete Das heute zum ersten male. Kleine Gestalten haben den Nachtheil, dass man uber ihre Bildung zu fluchtig hinwegsieht und erst nach liebender Betrachtung plotzlich ihres Werthes inne wird.

Lass sie selber sprechen, sagte Melanie zu Jeannetten; Franzchen weiss, dass ich gern hore, wenn sie glucklich ist.

Wie bin ich denn glucklich? sagte das junge Kind endlich, hab' ich denn schon ein Recht, so dreist zu sein, wie Jeannette? Er wohnt im Vorderhause und kam einige male hinten in den Hof, wo ich beim Tischler Martens wohne. Er will auf den Namen des alten Martens hier ein Geschaft errichten von Spiegelund Bilderrahmen und hat einige male freundlich mit mir gesprochen. Leider gibt es uberall soviel Plaudertaschen, wie Jeannette ist ... Man hat ihm schon erzahlt, was die bosen Wandstablers mit mir im Sinne hatten ... die noch ohnedies meine Cousinen sind! Was der Franzose damals zu mir sagte, war so schon und gut, wie wenn es ein Pfarrer sprache und wenn ich mich nicht geschamt hatte ...

Nun? fragte Melanie.

Ich hatte ... ich hatte ihm alle meine Sunden beichten konnen! sagte das erregte, gluhende Madchen.

Jeannette brach uber diese Worte in lautes Lachen aus, das ihr aber Melanie verwies.

Das ist viel, Franzchen, sagte Melanie, fur einen Mann, der uns den Hof macht, zuviel. Gleich niederknieen vor ihm und anbeten und seine Sunden beichten! Allein man sieht, dass du recht verliebt sein kannst. Was hat er dir denn so Erbauliches gesagt?

Als die plauderhafte alte Martens, sagte Franzchen, ihm die Schlechtigkeiten der Wandstablers erzahlt hatte, passte er mir am Abend auf, wie ich von der Arbeit nach Hause kam. Er that zwar, als wenn er mit dem alten Martens uber die grossere Tischlerei sprechen wollte, die er auf seinen Gewerbschein betreiben mochte, aber wie er aus dem Hut ein zierliches Rosenbouquet zog und mir in seiner wunderschonen Art zu sprechen sagte: Franchette, so nennt er mich, Franchette, ein Tribut an die Unschuld, ein Geschenk an die Anmuth, die den Stolz der Tugend kennt!.. da wusst' ich doch

Weiter konnte das geruhrte Franzchen nicht sprechen. Ihre Worte erstickten in Thranen..

Kind! Kind! sagte Melanie und griff ihre Hand und fuhr, sie ermunternd, mit den Worten fort, die sie hatte sagen wollen:

Da wusstest du doch, Franzchen, dass der galante Pariser denn das wird es hoffentlich sein nur deinetwegen und nicht wegen des Gewerbscheins geblieben war. Aber fur ein solches Compliment fallt man doch noch vor keinem Mann auf die Kniee und beichtet ihm alle seine Sunden! Es steht ja recht schlimm mit dir!

Jeannette machte Melanien einen gewissen Seitenblick, als wollte sie sagen: der arme Tropf ist narrisch geworden. Und wirklich war Franzchen in einer so gehobenen feierlichen Stimmung, dass ihr auch Melanie's Zureden gar nicht gefallen wollte. Das war nicht der Ton, der ihr wohl that, Das nicht der Geist, der ihr des Gedankens an jenen Mann wurdig schien! Dennoch raffte sie sich zusammen und erzahlte weiter:

Ohne Das zu erwahnen, was die alte Martens ihm gesagt hatte, sprach er ganz zart von den armen Leuten, die wol auch ihren Stolz haben konnten. Er erzahlte von einer Schwester, die ihm gestorben ware, gar jung und sehr unglucklich, unglucklich, nachdem sie ein paar kurze Jahre uberglucklich gewesen ware. Durch die Liebe glucklich! sagte er; denn nicht Gold, nicht Edelstein konnen ein Weib wahrhaft glucklich machen, sondern nur das Gefuhl, geliebt zu werden, und darin waren sie Alle gleich, die Vornehmen und Geringen, die Reichen wie die Armen.

Melanie blickte geruhrt und sich getroffen fuhlend nieder, wahrend sich Jeannette, um ihren Drang, uber diese verliebte Salbung laut zu kichern, zu unterdrukken, auf die Lippen biss und immer so that, als wollte sie sagen:

Das dumme Ding ist verruckt!

Franchette, sagte er, fuhr Franzchen fort, du musst die Welt nehmen wie einen Spiegel, in dem du dich selber betrachtest. Meine Spiegelrahmen machen mich nicht eitel, sondern sagen mir taglich: Sei aufmerksam auf dich selbst! Wo du irgend etwas erfahrst und erlebst, was nicht so beschaffen ist, dir sogleich dein Bild und nur dich, nur dich in voller Reinheit wiederzugeben, da zieh dich zuruck, denn es ist Gefahr da. Und wo du etwas erlebst und erfahrst und du siehst dich zwar im Geiste leidlich dabei, bist aber nicht so gestaltet, wie du dich sonst lieb hast, gewohnt bist, so fliehe wiederum, denn dann hast du dich zwar nicht schon ganz verloren, aber du bist in Gefahr, es doch fur immer zu thun oder eine Gestalt anzunehmen, die nicht mehr deine eigne ist.

Himmel! rief Melanie. Das ist ja ein Pfaff, ein formlicher Jesuit, der dich katholisch machen will und statt in die Ehe, in ein Kloster praktizirt!

Mir recht! sagte Franzchen traumerisch. Aber ich denke Nein! Er sprach wenig Gutes von Denen, die Alles von der Demuth verlangen! Er will den Menschen doch recht stolz. Man soll sich nur vor Denen beugen, sagte er noch an dem Abend, die man nachzuahmen wunscht. Wir konnten uns Gott nicht anders vorstellen, als wie einen hochvollendeten, nachahmungswerthen Menschen und deshalb ware die christliche Religion die beste, weil sie gelehrt hatte, der vollkommenste Mensch ware Gott.

Franzchen! Franzchen! sagte Melanie. Das klingt nun wieder gar wie Ketzerei. Nimm dich doch ja in Acht! Der Teufel nimmt allerlei Gestalten an und in diese franzosische Maske bist du schon so verliebt, dass ich fur meine Falbalas furchte. Mit der Putzmacherei wird es wol aus sein, Franzchen! Er wird sich etabliren, dich heirathen und deine Freundin Melanie, die keinen so schonen Franzosen findet, wird nichts zu thun haben, als sich auf ein hubsches Hochzeitgeschenk zu besinnen.

Behute! antwortete Franzchen, ergluhend und schamgefarbt. Wie konnt' ich daran denken?

Er hat sie ja noch nicht ein einz'ges mal gekusst! fiel Jeannette ein.

Das wird schon noch kommen, meinte Melanie. Wenn die Welt dir jetzt ein Spiegel sein soll, der dir immer sagt, wie weit du bei gewissen Veranlassungen gehen kannst, so erleb' ich, dass du in seinen Augen dich ganz rein und unschuldig erblickst, je naher er dir gekommen ist und jemehr er dich gekusst hat. Er hat gewiss schwarze Augen?

Wie Kirschen! sagte Franzchen verschamt niederblickend.

Da sieh Einer! rief Melanie, wahrend Jeannette ubermassig lachte und doch eigentlich von einem gewissen Neide beruhrt wurde; wie Kirschen! Man sieht, dass Ihr schon im Obstgarten bei den Fruchten seid! Da werdet Ihr bald an dem Beete stehen, wo die verbotenen wachsen! Franzchen! Franzchen! Dein moralischer Franzos gefallt mir. Kann man ihn nicht einmal hierher bestellen, um uns einen Spiegelrahmen zu machen? Versteht sich, nicht von der Sorte, wie deine Augenspiegel sein sollen! Wir haschen ihn dir nicht weg! Einen ordentlichen Rahmen? Was?

Franzchen schien uber die Gefahr, ihren neuen Freund zu verlieren, ganz beruhigt und hielt sich bei den Worten des Frauleins nur an die Moglichkeit, ihm einen Verdienst zuzuweisen.

Ich will es ihm sagen, antwortete sie, wenn ich ihn wiedersehe.

Siehst du ihn denn nicht taglich? fragte Melanie.

Sie hat ihn seit vorgestern nicht gesehen, die Armste! berichtete Jeannette.

O Das ist garstig, sagte Melanie, er vernachlassigt dich schon, nachdem er mit dir eben erst philosophirt hat? Das darf man nicht, oder man ist kalt oder kokett. Auch die Manner sind kokett, Franzchen ...

Franzchen schuttelte den Kopf und sagte:

Hab' ich denn Anspruche auf diesen? Jeannette malt Alles anders aus, als es ist. Er wohnt im Hause, kommt oft zu Martens und ist freundlich gegen mich. Das ist Alles ...

Wenn ein Mann mit einem Madchen so philosophisch gesprochen hat, wie dieser Franzos mit dir vorgestern, sagte Melanie, so ist man ein ganz abscheulicher Mensch, wenn man am folgenden Tag sich nicht wieder sehen lasst. Philosophiren, meine liebe Franziska, ist bei allen Mannern das erste Capitel der Liebe..

Er konnte nicht kommen, entschuldigte ihn Franzchen, die in den Verhaltnissen ihres Freundes doch schon bewanderter war, als sie sich den Schein zu geben wagte; ein vornehmer Herr, den er sehr verehrt, war gestern Abend angekommen. Er kennt ihn von Paris und ist die Nacht wol bei ihm geblieben, da er viel mit ihm zu sprechen hatte.

Ein vornehmer Herr?

Ein vornehmer Herr! bestatigte Franziska mit der grossten Zuversichtlichkeit.

Melanie lachte laut auf.

Franzchen! rief sie, was bist du fur ein armer Tropf! Gesteh' es nur, du bist mit dem philosophischen Spiegelrahmenmacher viel weiter, als du sagen willst und der Bosewicht, der des Nachts nicht nach Hause kommt, macht dir Windbeuteleien vor. Sag' ihm in meinem Namen: Mein lieber Herr ... Wie heisst Er?

Louis!

Louis? Also schon beim Vornamen? Franzchen! Du bist ein rechter Duckmauser! Eine Putzmacherin! Wie kann man auch glauben, dass eine Putzmacherin mit einem Franzosen nicht weiter kommen wird als bis zum ersten Capitel der Liebe, bis zur Philosophie!

Er heisst Louis Armand, sagte Franzchen, geangstigt uber die Art, wie ihr diese beiden Madchen zusetzten.

Also sag' ihm nur! fuhr Melanie fort, die diesen Namen doch schon einmal von Bartusch gehort, aber vergessen hatte; Monsieur Armand, Das sind Flausen! Wer ist Ihr Freund? Ihr vornehmer Freund? Vertheidigen Sie sich, mein Herr! Sie bleiben des Nachts aus! Daran ist eine Nebenbuhlerin, Ihre Untreue, Ihr Wankelmuth Schuld! Schamen Sie sich!

Er hat ihn mir schon genannt, den Freund! sagte Franzchen kopfschuttelnd. Es ist Jemand, den er in Paris kennen gelernt hat und noch in einer andern Stadt, die ich nicht behalten habe. Diesem zu Gefallen ist er nach Deutschland gegangen. Ich wollt' ihn nicht gern nennen, weil ich dabei an meine Cousinen denken muss, aber es ist Niemand anders als der junge Prinz Hohenberg. Nun werden Sie nicht sagen, dass es Flausen waren! Denn nach dem Prinzen Egon konnt' ich mich bei meinen Cousinen leicht erkundigen und Armand wusste ja auch Alles, was ich mit diesen schon vorgehabt hatte!

Kaum hatte Franzchen den Namen des Prinzen Egon ausgesprochen, als Melanie blutroth wurde und von Jeannetten, die ihre rasch aufgeschossene Neigung kannte, scharf fixirt, aufsprang. Das Kleid, an dem Franzchen arbeitete, hatte halb auch auf ihrem Schoosse gelegen. Sie streifte es rasch von sich, ungeduldig und uberrascht den Namen: Prinz Egon! wiederholend.

Der Prinz ist gestern Abend spat von einer Reise zuruckgekehrt? sagte sie.

Armand erwartete ihn mit Ungeduld schon seit einigen Tagen, antwortete Franzchen.

Er war in Hohenberg, auf dem Schlosse seines Vaters und hat auch mit Eurem Onkel, dem Forster Heunisch, gesprochen?

O Das ware ein Gluck fur den Onkel, fiel Franzchen lebhaft ein. So wird er in seinem Amte bleiben! Da er nicht verheirathet ist, der gute Onkel, so hat er mir versprochen, mich zu seiner Erbin zu machen. Doch mag er noch lange leben! Zu jeder Weihnacht schickt er mir einen Dukaten.

Wusste Armand nicht, ob der Prinz in Hohenberg war? wiederholte Melanie mit grosser Dringlichkeit.

Davon hat er nichts gesagt, erwiderte Franzchen. Wo sollt' er aber anders gewesen sein? Ich denk' es mir so. Er ist vor vierzehn Tagen hier von Paris angekommen, hat sich ganz still in einem Gasthofe eingemiethet ... Armand suchte einen Meister seines Gewerbes auf, bei dem er zwei Zimmer miethete, eins zum Wohnen, eins fur seine Muster und Proben ...

Aber warum wohnt er nicht bei dem Prinzen in seinem grossen und prachtigen Palais? fragte Melanie.

Das hab' ich im Scherz ihn auch gefragt. Aber ganz ernst gab er mir die Antwort: Der Prinz ist mein Gonner!

Vielleicht sind wir sogar Freunde! Aber es ist besser, dass Jeder in seiner Sphare bleibt. Die Fursten wohnen in Palasten und die Tischler in Werkstatten!

Und doch blieb er die Nacht dort?

Vielleicht, weil der Prinz spat ankam. Er wird schon wieder in die Wallstrasse No. 14 eine Treppe hoch zuruckkommen.

Melanie machte jetzt ihrem Besuche im Garderobezimmer ein Ende.

Franzchen, sagte sie zum Abschied, dein Franzos ist ein Phrasenmacher! Die philosophischen Schwatzer wollen Alles, nur keine ordentliche, gerichtlich bescheinigte, priesterlich eingesegnete Heirath. Sei auf deiner Hut! Wenn er wieder einen Rosenstrauss aus seinem Hute zieht und nicht wenigstens von Liebe spricht falls du so grossmuthig sein willst, ihm das Heirathen zu schenken so sag' ihm nur, solche verblumte Magister hatten wir in Deutschland genug und uberhaupt bei einer Putzmacherin musse man sich mit Winkelzugen in Acht nehmen. Die wussten sehr bald, was echt und was Flitter ist! Den Besatz da, Kindchen, setz mir etwas hoher! Wenigstens drei Finger breit! Verstehst du? Und nun Adieu und vertragt Euch besser!

Damit liess Melanie die beiden Arbeiterinnen allein. Franzchen wird Jeannetten wahrscheinlich den Vorwurf der Indiscretion machen und diese wahrscheinlich einen neuen Beweis ihrer Plauderhaftigkeit dadurch geben, dass sie ihr uber den Prinzen Egon und seine hohenberger Abenteuer mancherlei zuflustern wird, was sie besser thate, im Interesse ihrer von Sehnsucht und Zartlichkeit fur Dankmar gefolterten Herrin zu verschweigen.

Melanie, haltlos, schwankend, aufgelost, ging in die vorderen Zimmer zuruck. Auf allen Uhren des Hauses sah sie, dass es gegen Eins war. Noch immer kein Lebenszeichen von Dem, was in diesen Tagen sie so gewaltig erregt hatte! Sie litt furchtbar. Sie hatte sich langst darauf gefasst gemacht, dass irgend eine Verwechselung stattgefunden und dennoch kamen immer wieder neue Anzeichen zum Vorschein, dass jener junge Mann, der sich fur den Bruder des Malers Wildungen ausgab, nur Prinz Egon war. Und wenn er es nicht war, so stand er in nachster Beziehung zum Prinzen! Mit Aufopferung jeder Rucksicht hatte sie ihnen Beiden einen Dienst geleistet, fur den sie Anerkennung, Dankbarkeit, Enthusiasmus wenigstens, wenn nicht Liebe verlangen durfte! Hatte ihre ubermuthige Laune auch vielleicht nur die Gelegenheit benutzen wollen, einem eingebildeten lacherlichen alten Herrn einen muthwilligen Streich zu spielen, so war doch das Mitergebniss desselben eine grosse Gefalligkeit fur den Prinzen gewesen. Und von alledem schien nun nichts gewesen zu sein, nichts bot sich zur Wiederanknupfung dar als hochstens eben die ihr sonderbar klingende Mittheilung, die ihr durch einen Diener vom Parterre herauf gemacht wurde, der Herr Justizrath liesse ihr sagen, sie mochte diesen Abend ihre Gegenwart an Niemanden vergeben als an ihn, sie mochte mit ihm zur Geheimrathin von Harder fahren, die sie kennen zu lernen wunsche ...

Im Begriff zur Mutter zu gehen und ihr diese Auffoderung des Vaters mitzutheilen, horte sie in dem Zimmer derselben laut und angelegentlich sprechen. Die Mutter hatte Besuch. Es war die Stimme eines alteren Herrn, die sie kannte, aber nirgend hinzubringen wusste. Fremden Menschen, die mit ihrer gegenwartigen Erregung in keiner Verbindung standen, jetzt zu begegnen, war ihr unmoglich. Sie warf sich ungeduldig auf ein Canape des Nebenzimmers sprang nach einem kurzen Augenblick der Ruhe wieder auf, sah in den Spiegel, sah zum Fenster hinaus, horchte wieder an der Thur, ergriff ein in der Nahe liegendes Buch, las eine Viertelseite, warf es wieder weg und verging fast in der Pein der Ungeduld. Endlich glaubte sie die Stimme des Sprechers zu erkennen. Sie war zu fest, zu feierlich, als dass ihr nicht zuletzt einfallen sollte, wer es war. Sie glaubte sich nicht zu tauschen, wenn sie annahm, dass diese Stimme dem Propste Gelbsattel gehorte. Und obgleich es ihr Religionslehrer und Beichtiger war, so wurde sie sich doch nicht entschlossen haben, in's Zimmer der Mutter einzutreten, wenn nicht plotzlich die Namen Hohenberg, Furstin Amanda, Plessener Pfarrei an ihr Ohr gedrungen waren. Jetzt offnete sie rasch und trat ein.

Propst Gelbsattel hatte schon den Hut in der Hand und wollte sich eben von der Mutter, die eine eifrige Besucherin seiner Predigten war, empfehlen. Seiner Absicht, den Justizrath zu sprechen, kam die Meldung entgegen, dass dieser ihn unten bereits erwarte ....

Propst Gelbsattel war eine hohe stattliche Figur, wohlgenahrt und vom Lampenlicht der Studien seit Jahren schon nicht mehr angedammert. Er hatte ausserlich durch seine imponirende Wurde wol gut zu den Worten Veranlassung geben konnen: Auf diesen Fels will ich meine Kirche bauen! Schon langst hatte sich bei ihm die Gottesgelahrtheit mit dem Studium der Welt so verbunden, dass er mehr einem Hofmanne als einem Geistlichen geglichen hatte, wenn nicht sein noch immer schwarzes glanzendes Haar in einen Scheitel gekammt gewesen ware, dessen beide gleiche Seiten, ziemlich lang uber's Ohr gestrichen, gar heilig niederflossen. Dieses einzige Merkmal schlichter Sitte erinnerte an die fromme Bestimmung seines Berufes. Sonst war er von gewandten, wenngleich immer wurdigen Weltformen, scherzte mit Grazie, ohne ausgelassen zu werden, sprach uber alle Vorkommnisse des Lebens, ohne den Schein ubergrosser Vertraulichkeit anzunehmen. Seine Reden hielten Viele fur mustergultig. Sie waren nach einem immer gleichen Schema gearbeitet und rafften Mancherlei in die Betrachtung der Kanzel, was weniger mit dem Christenthume, als mit einer allgemeinen Lebensphilosophie uberhaupt zusammenhing. Er galt fur biblisch, ohne dass er sich im Orthodoxen zu weit erging. Ein leiser Anflug von Pietismus fehlte nicht, ohne dass er darum die Vernunft herabsetzte. Er hatte so seine eigene Art, allen Parteien zu gefallen. Die Vornehmen und Reichen stromten auch seinen Vortragen, die er wohlweislich nur alle vierzehn Tage hielt, in grosser Hingebung zu. Obgleich er bei der ersten alten Pfarrkirche der Stadt angestellt und uberhaupt der erste Geistliche der Commune war, so kam doch regelmassig auch der Hof zu ihm und gab den Ton an, sich allgemein durch Propst Gelbsattel das christliche Gewissen wecken und ruhren zu lassen.

Aber nicht nur auf der Kanzel war seine Wirksamkeit eine bedeutende, nicht nur durch seine Seelsorge fur die vornehme weibliche Jugend und die Beichtbeflissenen behauptete er einen grossen Einfluss in der Gesellschaft, sondern ebensosehr auch durch seine rege Antheilnahme an fast jeder Frage, die, in welchem Gebiete es auch sei, das allgemeine Interesse der Residenz in Anspruch nahm. Die Stadt selbst bediente sich seiner zum Entwurfe von Addressen; denn man bewunderte die Geschliffenheit und lapidare Wucht seines Stils. Der Hof unternahm nie etwas, was artistisch oder irgendwie geistig in's offentliche Leben treten sollte, ohne Gelbsattel zu Rathe gezogen zu haben. Orden schmuckten seine Brust, wie einen Minister. In der Verwaltung der Schule und des Kirchenwesens hatte er Sitz und Stimme. Seine Gutachten entschieden uber das Schicksal mancher erledigten Professur und ihre neue Besetzung. Ein gelehrtes Werk behauptete er schon lange unter der Feder zu haben, das ihm auch nach einem veroffentlichten Probestuck den Eintritt in die Akademie des Landes, die sogenannte "Societat der hoheren Wissenschaften" gesichert hatte. Aber nicht nur das Wissenschaftliche und Kunstlerische hatte sich diesen hervorragenden Mann zu einer entscheidenden Instanz gewahlt, sondern auch in Communalangelegenheiten aller Art war er heimisch, ja bis zur gelegentlichen Begutachtung von Brunnen- und Kanalanlagen. Die Residenz war seine Vaterstadt. Er hatte ihre Alterthumer durchforscht. Er war wirklich im Stande, uber die fruhere Geschichte derselben kundigst zu sprechen und kannte alle kleinen Heimlichkeiten des Stadtlebens, um auf diesem Gebiete immer etwas Schlagendes, Sach- und Fachgemasses beizubringen. Kurz man mag den vielen Gegnern, die ein so hochgestellter Herr, namentlich auf seinem kirchlichen Gebiete und neuerdings durch die ihm viel zu uppig auf sein Gebiet eingreifende "innere Mission" finden musste, auch in vieler Hinsicht Recht geben, darin wurde man ungerecht sein, wollte man die gewaltige Ruhrsamkeit und praktische Umsicht dieses stolzen Kirchenlichtes irgend verkennen. Um Gelbsattel recht schlagend zu bezeichnen, konnte man sagen, der Propst war auf dem Gebiete der Kirche, was der Heidekruger Justus auf dem der Politik war.. Der grosse Mann!

Als Gelbsattel sein wildes Beichtkind, Melanie, begrusst hatte, war er ausserordentlich freundlich und drohte ihr recht schelmisch mit dem Zeigefinger, dass sie so selten die Johanniskirche besuchte ... Und noch am letzten Sonntage, sagte er, hab' ich uber die Verganglichkeit alles Eiteln gesprochen, mein schones Kind!

Ich war leider, sagte Melanie, an diesem Tage von der Verganglichkeit meiner Schonheit in einem Orte tief uberzeugt, den ich Sie eben habe nennen horen, Herr Propst, in Hohenberg. Kennen Sie Hohenberg?

Denke dir, sagte die Mutter, die Frage unterbrechend.. Guido Stromer! Er macht wirklich wahr, was er beim Abschied ausserte ...

Was ist mit ihm?

Er will in die Stadt versetzt sein.

Und Fraulein Melanie, sagte der Propst, ist gewiss das hupfende Irrlicht, das ihn hierher verlockte. Kann ich zugeben, dass er mir eine so brave Beichtbefohlne raubt und mir wie ein Wolf in meinen Schafstall bricht?

Ein so reicher Hirt! sagte Melanie. Geben Sie ihm getrost ein Paar von Ihren doch verlorenen Seelen ab! Ich versichre Ihnen: Er predigt nicht so gut, als er spricht! Wirklich, gibt es nicht irgendwo eine offne Nachmittagspredigerstelle? Ich will mich, weil ich Guido Stromer lieb habe, mitten unter die alten Spittelfrauen setzen, die wahrscheinlich doch allein seine Gemeinde bilden werden?

Weil Sie ihn lieb haben? rief der Propst mit seiner sonoren Stimme. Da werd' ich eifersuchtig! Wie? Meine vernunftklare, durchsichtige, krystallne Melanie will zu einem Pietisten der alten Schule? Nein, meine kleine Sunderin! Diese Methode, Sie zu bessern, hat sich uberlebt.

Pietist? erwiderte Melanie. Guido Stromer Pietist?

Herr Propst, ich glaube, Sie irren sich! Der Plessner Pfarrer ist nichts weniger als Pietist.

Aha! antwortete schmunzelnd der freundliche Herr, dessen Falten immer glatter wurden; vor Ihnen schwankte der starre Dogmatiker! Haben Sie dochwol nicht unter vier Augen einen Tartuffe, einen "innern Missionar", in ihm erkannt?

Ich berufe mich auf das Zeugniss meiner Mutter, sagte Melanie. Stromer hatte vor uns Allen kein Hehl, dass uber ihn eine ebensolche Revolution gekommen ware wie uber die Staaten. Er hat jetzt entdeckt, dass im Regenbogen wirklich sieben Farben blinken! Ja sogar die Kunst liess er gelten und meinte, die griechischen Gotter waren zu fruh von der Erde verschwunden. Wenigstens vermuth' ich, dass Das seine Gedanken waren, als er von der Leda horte oder, wie Se. Excellenz, Herr von Harder, die Dame nannte, von der Lady, und so lange schwieg und grubelte ...

Gelbsattel lachte uber die Kunstkenntniss des genannten Hofmanns und ausserte dann:

Haben Sie Kunstgeschichte mit dem Stromer getrieben? Machen Sie denn Alles verwirrt? Die Maler und die Seelenhirten? Nein, nein, diesen vertrockneten alten Pietisten, der mit der Furstin Amanda von Morgens bis Abends gebetet hat und sich recht in dem Extreme der Momiers oder wie wir diese Form der Glaubigkeit unter dem Namen der Mucker erlebten, gefiel, diesen sollen Sie mir nicht auf Bilder bringen, die man vom Kunstverein aus Rucksichten ankaufen oder empfehlen muss, schon um die neue, vielgestaltige Melusine in jeder Form ihrer Zaubereien zu haben. Nein, nein, der bleibt in Hohenberg und sorgt dort ein wenig besser fur die Schulen, als er bisher gethan hat. Er schreibt von Zerstreuung, unglucklicher Zerrissenheit und Zweifelsucht. Er soll Seidenzuchter werden, wie andre Pfarrer thun! Brav Maulbeerbaume anpflanzen, Seidenwurmer hegen und Cokons gewinnen! Die Regierung zahlt ja dafur nicht nur die hochsten Preise, sondern theilt auch Denen, die sich in der Seidenzucht auszeichnen, Medaillen aus! Ich kann ihm nicht anders schreiben, als: Guido Stromer! Hubsch Seidenwurmer ziehen! Doch ich eile zum Justizrath, mit dem ich dringende Geschafte habe. Und wenn ich nachstens von der Kanzel spreche, hoffe ich Fraulein Melanie mir vis a vis zu sehen. Ich werde uber jenen Spruch reden, uber den wir uns einmal erzurnt haben, wissen Sie wol noch, Fraulein? Vor wieviel Jahren war Das?

Erzurnt? fiel die Mutter ein, die aufgestanden war, um dem Propste das Geleite zu geben ...

Lassen Sie sich's nur von ihr erzahlen! Dem holden Madchen! Sie weiss es schon! Sie wird ganz roth! Ganz roth! Adieu meine Damen! Ha, ha! Auf Wiedersehen!

Damit kusste der Propst der Mutter die Hand. Die Tochter litt diese Huldigung nicht, sondern kehrte ihm schmollend den Rucken.

Als Gelbsattel hinunter stieg zum Vater, fragte die Mutter, was Das fur ein Streit gewesen ware?

Ach! sagte sie, ich bin wenig in der Laune, an diese alten Thorheiten zu denken. Ich sollte im Confirmationsunterrichte einmal den Spruch hersagen: Wenn dich die bosen Buben locken, so folge ihnen nicht! Alle schnatterten, obgleich sie im Geheimen kicherten, den Spruch nach, nur ich weigerte mich und war durch nichts dahin zu bringen, ihn zu wiederholen. Ich glaube gar, ich ging soweit, ihn fur einen dummen Spruch zu erklaren, da anstandigen Madchen niemals einfallen wurde, bosen Buben nachzugehen, wenn diese auch noch soviel lockten! Daruber gab es denn viel Gelachter von den Madchen und soviel Zorn von Seiten des Propstes, dass wir hart aneinander geriethen und ich meinen Shawl und Hut nahm und davon lief. Hackert, der mich abholen sollte, wartete schon und wie ich vor Arger weinte, meinte der in seiner trockenen Art: Es ware fur junge Madchen doch der beste Spruch in der ganzen Bibel, nur mussten die Pfaffen gleich aufrichtig erklaren, dass unter den bosen Buben Leutnants und Referendare zu verstehen waren! Ich bin damals mit Hackert, der mich in die Stunden bringen sollte, zweimal lieber in's Feld hinausgegangen, nur um nicht wieder in die Lage zu kommen, den garstigen Spruch herzusagen.

Die Mutter gedachte geruhrt, aber auch erschreckt der alten Zeiten! ... Melanie aber horte mit Verzweiflung, dass es nun voll ein Uhr schlug!

Neuntes Capitel

Ein lutherischer Papst

Ehe Propst Gelbsattel mit dem Justizrathe zusammentraf, war dieser schon seit einer halben Stunde sehr mismuthig nach Hause gekommen.

Unterwegs hatte mancher den sonst immer freundlichen Justizrath Franz Schlurck gegrusst, er hatte heute nur kurz und fluchtig erwidert. Die Art, wie ihm ein wildfremder Mann, der sogar von ihm etwas zu wunschen und zu ersuchen hatte, im Hohenberg'schen Palais begegnet war, lag ganz ausserhalb des Kreises der Erfahrungen, die er taglich machte. Er hatte durch die glatte Art, wie sich Menschen, die etwas begehren, gefugig zeigen und von selbst Das aufdrangen, was eine Bestechung sein soll und nur als ein Geschenk geboten und genommen wird, sich eine so heitere, sorglose Auffassung seiner Praxis angewohnt, dass ihm heute zum ersten male, als ihm das furchterliche Wort: Schurke! zugedonnert wurde, das schone Rosenlicht, das ihn immer umfloss, in Nacht verwandelt erschien. Er tappte auf der Strasse hin wie im Finstern. Zwar hatte er noch Geistesgegenwart genug, dem beruhmten Arzte, Sanitatsrath Drommeldey, der ihm begegnete und ihm zurief: Ei, ei, Justizrath, was machen Sie, Sie werden alt! zu antworten: Alt? Nimmermehr! Das Altwerden ist eine dumme Angewohnung! Und der Arzt, der wie alle Sohne Askulap's mehr das Geistreiche, Witzige, Abgerissene, als das Systematische, Schulgerechte liebte, hatte ihn veranlasst, diese paradoxe Ausserung rasch, da er zu Egon musste, den er fur sehr bedenklich erklarte, zu beweisen, aber an Das, was er sagte, glaubte er heute selbst nicht. Er hatte gesagt:

Nie werd' ich alt, Drommeldey! Das Altwerden ist eine dumme Angewohnung! Nichts Anderes! Wir kommen der lahmen und hinfalligwerdenden Natur ja immer auf halbem Wege entgegen! Nehmen Sie schon in der Jugend! Der Knabe qualt sich formlich ab, ein Jungling zu werden! Er raucht Cigarren, dass ihm grun und gelb vor den Augen wird! Er bindet sich Cravatten um den Hals und kraht Alt wie ein Hahn, wahrend er noch den reinsten Kanarienvogelsopran in der Kehle hat! Ist er dann mit Ach und Krach ein Jungling geworden, so qualt er sich schon wieder ein Mann zu sein! Er will heirathen, solid werden, spricht vom Gluck der Ehe und sieht Kinder an der Mutterbrust neben sich und schaukelt schon welche auf den Knieen. Gut! Dann wird er ein Mann! Nun will er gravitatisch erscheinen und spricht von seiner Wurde. Bequemlichkeit wird die Belohnung seiner Anstrengungen, Brot zu verdienen. Auf den Ballen tanzt er nicht mehr. Mit den gesundesten Schenkeln gebehrdet er sich wie ein Casinogast und spielt Whist. Setzt er sich ans Klavier, so konnt' er sonst ganz leidlich singen. Er kann es auch noch; aber aus Bequemlichkeit hebt er nicht mehr die volle Brust, sondern stohnt und achzt und lasst die Flugel hangen. So geht Das fort, bis dann naturlich das Alter wirklich da ist und die Natur frohlockt, ihren Sieg uber den Geist davongetragen zu haben. Nein, nein, Doktor, sagen Sie's allen Ihren Patienten! Das Alter ist nichts als eine dumme Angewohnung.

Das war so fluchtig und schalkhaft von ihm hingesprochen worden und der Arzt hatte daruber gelacht und sich's als Anekdote gemerkt er heilte viele seiner Patienten mit Anekdoten aber Schlurck hielt heute seiner eigenen Laune nicht Stand. Er knickte und sank recht erschopft in seinem kleinen dunklen Arbeitszimmer in einem grunsaffianen Lehnsessel zusammen. Das emporende Wort des Fremden hatte ihn zusammengeruttelt, wie er sich selbst sagte, gleich einem alten Sack Nusse. Das rasselte ohne Halt hin und her. Das larmte wol und war eine Art Widerstand, aber schlaff! schlaff! sagte er sich. Ich konnte ihm nicht an die Kehle fahren, denn ich war ein Esel gewesen mit meinem: Jahrlich? Warum liess ich nicht Bartusch etwas abmachen, wozu mir im Grunde das Geschick fehlt! Und wenn ich auch nicht das wahnsinnige: Jahrlich? geflustert hatte, besass' ich denn die Kraft, ihm den Schurken zuruckzuschleudern? Nein! Der Witz macht schwach, nur Pedanten haben Kraft.

Bartusch hatte seinem Principal eine Menge von Papieren vorzulegen, die er ohne langes Besinnen und Prufen unterschrieb. Er bereitete jenen dann auf den Empfang Ackermann's vor und erzahlte zu Bartusch's grossem Erstaunen in der Hauptsache Das, was er im Palais erlebt hatte. Bartusch sollte ihm alle nur irgend gepruften und sichern Papiere vorlegen und die Berathung mit ihm allein pflegen. Er wunschte des Handels uberhoben zu sein.

Bartusch, stumm und ergeben, merkte gleich, dass der Justizrath nicht in bester Stimmung war und unterliess alles Fragen, punktlich sich merkend, was ihm geheissen war. Sein Uberblick war so kundig, dass es eigentlich keiner Worte bedurfte, wie es mit den Papieren gehalten werden sollte.. Mit fast stummem Nicken und kopfschuttelnd flusterte er dann aber doch:

Unsere Hohenberg'sche Verwaltung hort also auf?

Die Administration hort auf, sagte Schlurck tonlos.

Werden sich wol nun wahlen lassen? setzte Bartusch noch leiser hinzu.

Dass ich ein Thor ware! antwortete Schlurck. Meinen Ruin mit eigener Hand bereiten? Jetzt gilt es arbeiten, fleissig sein! Die Zeit der Allotria ist voruber. Sind die polnischen Pupillengelder eingezahlt?

Auf Heller und Pfennig ... Die beste Aufklarung uber Max Leidenfrost gab Frau von Werdeck ... Die Familienlegate der Kaminski ...

Genug! Wir mussen Revisionen halten, Bartusch! Uns rutteln, tummeln. Viele Adelige mahnen um Erledigung ihrer Angelegenheiten. Die Familienhauser in der Brandgasse zahlen zu wenig der Magistrat wirft uns Saumseligkeit vor ...

Zuviel Armuth, Justizrath!

Das sollen die Staatsokonomen und Philanthropen ausmachen! Die Commune will Geld, Geld, Geld, Bartusch!

Ich lasse pfanden Tag und Nacht!

Setzen Sie Daumenschrauben an! Ich kann die Lage der Menschheit nicht andern. Das ist Gottes Sache. Seine Welt ist ein Chaos. Man tastet im Dunkeln, greift und wurgt. Ich weiss kein Mittel. Die Politiker sollen es andern. Geld! Geld, Bartusch! Die Commune ist in Verzweiflung uber die Johannitererbschaft und die Hartnackigkeit des Ministeriums ... Wenn wir diese Branche meiner Geschafte auch noch verloren ...

Justizrath!

Ich sehe heute schwarz.. gehen Sie Bartusch! Setzen Sie die Legitimation fur den Generalpachter auf!

Aber der Prinz ....

Ist krank ....

Hort' es schon.. bedenklich?

Adieu, Bartusch! Lassen Sie mir etwas Ruhe!

Ich wollte auch nur noch ein Wort fallen lassen uber eine sonderbare Ausserung des Prinzen in Betreff ....

Bartuseh wollte an den Schrein erinnern ....

Schlurck, obgleich er Vieles von ihm aufgeklart wunschte, liess ihn doch nicht zu Worte kommen, sondern seufzte so laut, dass Bartusch vorzog, abzubrechen und ihn sich selbst zu uberlassen.

Es waren die unmuthigsten Gedanken, die Schlurck besturmten, als er allein war und so das Haupt auf die Lehne seines Voltaire-Sessels stutzte. Er rieb die hohe Stirn, um gefalligere zu wecken. Er luftete die Kleider, putzte an den Brillenglasern, es half nichts; er sah, wenn der Prinz genas, eine bedeutende Clientel, die ihm viel Geld eingetragen hatte, vollig genommen und, was ihm noch storender sein musste, die Vergangenheit derselben einer scharfen Prufung ausgesetzt. Auch die Verhandlung mit Paulinen hatte ihn aufgeregt. Dass der Prinz sein Feind war, ahnte er. Er sah trotz der Ruckreise mit seiner Familie deutlich die Spuren davon. Wird er wieder hergestellt, sagte er sich, war' es nicht besser, mich mit seiner Feindin zu verbinden und sie mir zu verpflichten?.. Die Frage nach dem Bilde, die er doch an Herrn von Harder richten musste, war er fast geneigt, schon ganz fallen zu lassen.

In diesen Betrachtungen fiel sein Blick auf den Schrein, der auf der Seite seines Schreibtisches an der Erde stand..

Er erschrak, dass ihm hier eine neue Demuthigung erwachsen konnte, wenn sich Derjenige meldete, dem er gehoren mochte.

Heftig zog er jetzt die Klingel.

Einer seiner Diener erschien und hastig ihm anbefehlend, dass er warten solle, ergriff er die Feder und schrieb:

"Da die vielfach angestellten Bemuhungen, ein auf der Landstrasse zwischen Angerode und der Residenz bei dem Dorfe Plessen gefundenes Frachtstuck an den rechtmassigen Eigenthumer gelangen zu lassen, vergebens gewesen sind, so wird derselbe hierdurch offentlich aufgefordert, sich beim Justizrath Schlurck in der alten Johanniter-Comthurei parterre links in den Fruhstunden bis neun Uhr zu melden."

Nachdem er diese Zeilen mit Goldsand bestreut hatte, ubergab er sie dem Diener und ertheilte den Befehl, sie sofort in die beiden Hauptzeitungen der Stadt einrucken zu lassen. Schliesslich rief er ihm nach, jenes Ersuchen an seine Tochter auszurichten, das wir in Betreff des heutigen Abends und einer Vorstellung bei Frau von Harder schon gehort haben.

Unwillig stiess darauf Schlurck den Deckel von dem Schrein, den er mit seinem blanken Firnissstiefel erreichen konnte ...

Der Deckel flog auf.

Die alten vergilbten Papiere lagen noch wohlgeordnet, wie er sie bei der eigenmachtigen und unverantwortlichen Offnung eines fremden Eigenthums vorgefunden hatte.

Er buckte sich nieder und fing an, in ihnen zu blattern.

Wer weiss, dachte er, welche neue Entwickelungen sich aus diesen wurmstichigen Akten ergeben werden! Ist es nicht, als stiegen Geister aus der Erde und schuttelten sich noch einmal, um den Kampf mit den Lebenden zu beginnen? Wer wird der Kampfer sein, der diese Waffen fuhrt? Wo sind sie gefunden worden, unter welchem alten Hunengrabe? Fast glaub' ich, dem Schilde da fehlt doch wol ein Arm, der ihn fuhrt, dem Rosse da der Reiter:

es sind vielleicht nur alte Manuscripte Dem, der sie entdeckte; nichts Anderes! Dass er dann nie ihre Bedeutung erkennen moge! Ich verlore den zweiten Arm, der mir arbeiten hilft, nachdem ich den ersten gelahmt schon an diesen Ackermann hingeben musste!

Im bittersten Unmuth wuhlte Schlurck unter den Papieren und zerrte fast an den Siegeln.

Er uberlegte, ob es besser ware, dem Besitzer, dessen Anmeldung er jede Secunde erwartete, einfach zu gestehen, er hatte, um den Eigenthumer zu entdecken, die Kiste offnen lassen, oder ob er sie das Schloss war durch ihn verdorben mit einem neuen versehen sollte.

Das Letztere war verdachtiger, als fur ihn, einen Notar, einen Mann der offentlichen Treue, das erste.

Auch auf den Gedanken verfiel er: Wie? Wenn der Eigenthumer durch dich erst belehrt wurde, welchen Gebrauch man von diesen Papieren machen konnte? Wenn du dich anheischig machtest, ihm zu einem grossen Reichthum zu verhelfen und er den Gewinn mit dir theilte?

Indessen erschrak Schlurck vor dem gefahrlichen Scheitern eines solchen Planes und vor der Nothwendigkeit, sich dadurch fur immer das Patronat der Stadt zu verscherzen, fur deren Interessen er nicht nur die alten Hauser und Grundstucke verwaltete, sondern auch in vielerlei anderer Hinsicht fruchtbringend beschaftigt war.

In diese qualenden Betrachtungen vertieft, zog er diejenigen Urkunden hervor, welche unstreitig die wichtigsten der ganzen Sammlung waren.

Es war zuerst diejenige, in welcher der papstliche Stuhl den Ritter Hugo von Wildungen von seinem Ordensgelubde, kein Eigenthum zu haben, freispricht und ihm gestattet, wie es darin hiess: quasi ex pallio sancto ab haereticis et latronibus dilacerato lumbum suum szippliciter adimere et togae suae equestri juxta crucem immaculatam bona fide affigere, d.h. von dem durch Ketzer-und Rauberhand gleichsam zerrissenen heiligen Mantel auch seinen Fetzen demuthsvoll anzunehmen und auf dem Ritterkleide neben dem unbefleckten Kreuze in gutem Glauben zu befestigen.

Diese Urkunde war nothig um zu beweisen, dass Hugo von Wildungen das ihm zuerkannte Theil der grossen Verlassenschaft des Ordens wirklich antreten durfte und sein fruherer Protest auf dieselben Grunde, die er fur ihn angefuhrt hatte, auch aufgehoben werden konnte.

Seine Bereitwilligkeit, die ihm zuerkannten Hauser und Guter von den protestantisch gewordenen und sich auflosenden Brudern anzunehmen, lag hier in dem Fascikel, das auf jene papstliche Urkunde folgte. Fruher kannte man nur seinen Protest. Er war im Rathsarchive der Stadt niedergelegt und war die Hauptkraft des Beweises, dass der nachste Herr an diesen streitigen Gutern die alte Commune war; hier in dem Schrein lag nun des Ritters Zurucknahme jenes Protestes, unstreitig mit dem papstlichen Dispens das wichtigste Document!

Beide alte Blatter hatte der Justizrath in der Hand, als es klopfte.

Rasch stiess er den Deckel des Schreins und diesen selbst zuruck und warf die Urkunden in ein Fach seines Schreibtisches.

Der Eintretende war Propst Gelbsattel ...

Schlurck und Gelbsattel verstanden sich sehr gut ...

Es waren Menschen, die eine ziemlich gleiche Lebensphilosophie hatten, nur dass sie sie anders aussprachen.

Die gesellschaftliche Stellung und die aussere Etikette seines Berufes bestimmte den Einen, vorsichtiger und behutsamer zu sein als der Andere, aber im Grunde kamen sie fast auf die gleichen Prinzipien zuruck und hatten sich gern.

Die kleine pietistische Farbung, die sich Gelbsattel gab, storte Schlurck nicht; denn er war gar nicht in dem Grade Neolog, wie man seiner frivolen Ausserungen wegen schliessen mochte. Er hatte sogar Anfalle von Aberglauben, ja von Mystik. Nur die kleinen hierarchischen Mucken, die Gelbsatteln zuweilen anflogen, seine jeweilige sogar katholische Stimmung mochte Schlurck nicht leiden und zuweilen in der Vertraulichkeit der Loge, deren Bruder sie waren, hatte er ihm oft ganz scherzhaft gesagt: Gelbsattel! Sie sind ein heimlicher Jesuit! Davon abgesehen, vertrugen sie sich sehr gut, billigten fast Alles, was sie wechselseitig mehr durch Andre, als unmittelbar von sich selbst erfuhren und hatten jetzt auch durch den Prozess uber die alte Johannitererbschaft Beruhrungspunkte des gemeinschaftlichen Interesses genug.

In dieser Angelegenheit war es auch, dass Gelbsattel seinen Freund zu sprechen wunschte.

Doch schickte er die zeitgemasse Frage voraus:

Nun Freund, wie ist es? Haben Sie Aussicht in Schonau gewahlt zu werden?

Weder Aussicht, sagte Schlurck etwas erheitert durch diesen immer anregenden Besuch, weder Aussicht noch Absicht.

Sie ergriffen die Gelegenheit doch mit so grosser Lebhaftigkeit.

Beim Dessert, als wir Rosinen kauten und Mandeln knackten und einige Reubundler mir zu viel Champagner eingeschenkt hatten. Die ruhigere Erwagung hat mir gesagt: Schlurck, bleib' vom Feuer! Verbrenn' dich nicht! Es ruinirt deine Praxis und zwingt dich, mehr Charakter zu haben, als fur deine Zufriedenheit brauchbar ist!

Aber Sie haben sich doch beworben und einen einflussreichen Mann wie den Heidekruger fur sich in Schonau werben lassen!

Hab' ich, sagte Schlurck; aber der gerechte Verwalter meiner Angelegenheiten, dieser treue negotiorum gestor, hat sehr ungerecht an mir gehandelt. Er lobte mich und zeigte sich im fremden Lobe so edel, so uneigennutzig, dass man seinen Edelmuth und seine Entsagung bewunderte und ihn, den Edeln und Entsagenden, nun selber wahlen wird. Seine Rede soll ein Meisterstuck baurischer Verschlagenheit gewesen sein, ein Seitenstuck zu des Antonius beruhmter Rede gegen den Brutus am Leichnam des Julius Casar.

Wenn Sie denn durchaus keine Neigung mehr haben, als Bewerber aufzutreten, sagte Gelbsattel lachelnd, so ist wenigstens so viel erfreulich, dass in Justus ein liberal-conservativer Mann gewonnen wird ...

Richtig, sagte Schlurck, das ist so eine Art holzernen Eisens, wie es unsre Zeit braucht. Liberal-conservativ! Es ist mir immer so, wenn ich Das hore, als wenn mir Einer kunstliche Artischocken aus Schweinsohren geformt vorsetzt. Man bewundert den Koch, nicht die Natur, und lasst die Schussel stehen. Ubrigens werden Sie erleben, dass dieser grosse Charakter, der schon funfzehn Jahre lang durch seine Nekkereien die Regierung beschaftigt hat, zuletzt doch in ein Extrem fallt und in dem Falle, dass er Minister des Ackerbaues werden kann, ganz rechts, in dem Falle, dass man ihm irgendwo die Pferde ausspannt, ganz links wird. Verlassen Sie sich darauf! Oder er betrifft sich einmal bei einer unerwarteten kleinlichen Dummheit und verkrumelt sich in's Unbedeutende.

Sie hatten selbst auftreten und sich personlich bewerben sollen, sagte Gelbsattel. Ihre naturliche Art besticht die Menschen. Ein glucklich hingeworfener Scherz wirft den Effect einer ganzen pathetischen Rede um. Man hatte im Wahlcomite des Reubundes so sicher auf Sie gerechnet ...

Machen Sie noch immer diese abgeschmackten Spasse mit? fragte Schlurck, der nun einmal in seine negative Art hineingekommen schien und seine Verdriesslichkeit auspolterte. Ist auch Das nicht Unsinn? Ist da ein Zusammenhang mit der gesunden Vernunft? Sieht man diesen Menschen nicht allen an, dass ihnen die Gesinnung aus dem Magen kommt? Wenn ich der Monarch ware, ich verbote dem Volke ein solches Treiben! Unser Staat muss die Initiative des Verstandes, nicht die der Dummheit haben. Der Konig muss in seiner Bildung viel, viel weiter sein als seine dummen Burger. Kann Das ein gutes Beispiel wekken? Wahrlich, wenn sich das Ministerium auf den reaktionaren Wahnsinn der Beamtenweiber stutzen will, ist es verloren. Die erste kraftige, gesunde Idee eines starken Kopfes blast es im Nu um und wenn es von allen Bajonetten der Welt gestutzt wurde!

Sie sehen sehr schwarz, sagte Gelbsattel schlau lachelnd. Doch theil' ich Ihre Misachtung vor dem Reubunde, von dem ich mich zuruckziehen werde. Es ist in der That nichts daraus geworden als eine grossartig organisirte Gelegenheit zu Ballen und zu Verheirathungen. Unter dem Verwande der Gesinnung drangt sich jeder Familienvater hinzu, der eine Tochter zu vergeben hat und nicht hoffen kann, in eine feinere Ressource oder das grosse Casino aufgenommen zu werden.

Ach, es lebe das Menschliche! fiel Schlurck mit komischem Seufzer lachend und doch argerlich ein. Es lebe die Naivetat der praktischen Bedurfnisse! Sokrates, Christus und ihr Alle, die ihr gestorben seid, um dem Menschen einen erhabnen Gedanken aufzustellen, lehrt, was ihr wollt, der Mensch weiss alle eure Himmel sich immer wieder zur Erde herabzuziehen und seine liebenswurdigsten Armseligkeiten in euren Paradiesen unterzubringen! Geben Sie mir eine Priese von Ihrem Macuba, Gelbsattel!

Gelbsattel zog eine der Schlurck'schen ahnliche Dose hervor. Beide tauschten ihren Taback. Denn Gelbsattel nahm aus Schlurck's Dose. Schlurck aus Gelbsattel's. Beide wollten sich damit ein Zeichen ihrer Freundschaft geben.

Uber diesen Austausch lachelten Beide.

Treiben Sie noch immer so ein bischen Mysticismus? sagte Schlurck. Freund, ich weiss, warum Sie mit dem Reubunde nicht mehr zufrieden sind. Er schien Ihnen anfangs eine gewisse hierarchische Form anzunehmen. Er hatte so etwas von einem offnen Maurerbunde. Was? Und nun hat es sich erwiesen, dass ausser einigen respektablen, aber unzurechnungsfahigen militarischen Elementen und einem horriblen Maximum von beschranktem Unterthanenverstand das absolut Leere in ihm steckt. Gedanken blieben fern. Das ist schlimm fur Euch Jesuiten; denn wo Jesuiten wirken sollen, muss es Gedanken geben.

Gelbsattel lachte wiederholt uber die Jesuiten und nahm diese Bemerkungen im vollen Einverstandnisse harmlos und scherz-ernsthaft auf.

Ja, sagte er, Das mag es sein. Ihre Jesuitenriecherei, die Sie noch aus Ihrer alten Leipziger Schule haben, bester Freund, lass' ich dahingestellt, aber Gedanken mussen die Menschen regieren; die blossen Gefuhle sind mir nur dann nutz, wenn Gedanken sie zu regeln wissen, und das System, das nur aus der rohen Geltendmachung der Interessen entsteht, das veracht' ich vollends. Diese Landrathe und reaktionstollen Subalternen haben wirklich keine Gedanken. Was lasst sich darauf pfropfen? Man hat in lacherlicher Weise fur den Reubund etwas von uns Maurern entlehnt, aber wissen wir selbst schon nicht, was wir von unserer Symbolik Vernunftiges zu halten haben, was soll unter so oberflachlicher Nachahmung entstehen? Sie sprechen von den Jesuiten! Konnen Sie laugnen, Freund, dass in dieser Gesellschaft, mag man nun ihre Tendenz auch noch so sehr verwerfen, doch eine grosse Kunst der Organisation und eine Vitalitat, eine Lebenskraft liegt, die jeden Menschenkenner mit Respekt erfullen muss?

Ohne Widerrede! sagte Schlurck und meinte Dies mit aufrichtiger Ubereinstimmung.

Und ist nicht das Ziel, fuhr Gelbsattel erwarmter und gesteigerter fort, ist nicht das Ziel dieses Ordens in der That das zeitgemasseste, das man sich denken kann, wenn man erwagt, wie die Ubergriffe des Staates gerade erst durch den Sieg des Liberalismus immer gewaltiger, immer nuchterner, roher werden mussen? Und die Kirche! Was erleben wir auf dem Gebiete unsrer Kirche? Die innere Mission sogar unterwuhlt jetzt ihren Bestand, die innere Mission ist unter dem Scheine der Frommigkeit und der Mehrung des Gottesreiches die eigentliche Demagogie der Kirche, die sich liebedienerisch an den Staat lehnt und Das, was bisher fur Kirche gegolten hat, unsre Gemeinden, unsere Beichtstuhle, unsere praktische Seelsorge in die Luft sprengen wird.

Schlurck horte aufmerksam zu ....

Aber ich will auf den Staat zuruckkehren, sagte Gelbsattel immer erhitzter. Nehmen Sie doch nur unsern eignen Fall! Ich gelte fur einen Mann vom conservativsten Wasser und bin es und predige in diesem Geiste. Die altere Zeit, die nun voruber sein soll, erlaubte, dass eine gewisse Kirchlichkeit bei allen offentlichen Angelegenheiten bescheiden mitsprechen durfte. Die Periode ist voruber. Ich mache theoretisch fur die Kirche nichts, gar nichts geltend, als einen gewissen Einfluss auf die Stimmung der Gemuther, aber um diesen zu behalten, kann man da ruhig ertragen, dass in diesem politischen Wirrwarr jede hohere geistige Frage als nebensachlich betrachtet wird und die Ministerien, wenn sie's nicht mit der innern Missionswuhlerei halten, rein nur noch Triebrader der gedankenlosesten Geschaftsroutine werden? Diese ubermassige Verweltlichung erzeugt eine Isolirung der geistigen und geistlichen Interessen, die so nicht fortdauern kann. Das absolut constitutionelle System ist der Tod der Menschheit. Die leersten, erbarmlichsten Dinge werden auf die Ordnung des Tages gesetzt: alles Grosse vergangener Zeiten gilt fur nichts mehr in diesen Kammern, wo Bauern, Pachter, Schreiber, Gastwirthe uber das Staatsleben zu Gerichte sitzen. Was sind wir denn noch? Was gelten wir denn noch? Soll die Geistlichkeit nur Bibeln austheilen, nur Magdalenenstifte besuchen und sich mit dem Kehricht der Menschheit befassen? Nein, mein Freund, mag man von den Jesuiten sagen was man will, sie haben sich die Aufgabe gestellt, die geistige Herrschaft der Kirche aufrecht zu erhalten und den Menschen als Menschen zu retten, ihn nicht im Staate, im Betkammerlein oder irgend einer andern Gemeinschaft mit Gott oder der Welt zu Grunde gehen zu lassen, und wenn der dumme Reubund auf eine solche tiefe Idee sich hatte erbauen konnen, dann ware etwas mit ihm geworden, wahrend er jetzt die Stelle der Heirathsbureaux vertritt und die Politik nur verwirrt, statt vereinfacht.

Schlurck wich von dieser Auffassung unstreitig sehr ab. Doch gehorte es zu seiner Art, dass er jedesmal, wenn er Jemanden von einer Idee recht warm erfasst, ja flammend durchgluht sah, sogleich aufhorte sie zu bekampfen. Denn er wusste, dass ein solcher Kampf dann vergebens ist; ja er scheute sich sogar vor Allem, was zu ernst und zu schwer auftrat, und so begnugte er sich auch hier mit den einfachen Worten:

Sehr wahr! Sehr wahr!

Gelbsattel, nun einmal im Zuge, fuhr, durch die scheinbare Zustimmung ermuthigt, fort:

Welche Anmassung dieses herzlosen, kaufmannischen Ministeriums, das wir jetzt halten und gegen die Demokratie schutzen sollen, der Prozess, den Sie fur die Stadt fuhren! Man macht Anspruche geltend, als handelte es sich um einen alten, durch Boswilligkeit oder Nepotismus unbezahlt gebliebenen Steuerrest! Immer nur der Staat! Immer nur dieses gefrassige Ungethum, das seine tausend Polypenarme, die wiederum mit tausend Saugwarzen bewaffnet sind, uberall hinausstreckt, uberall das Mark jedem Lebenden entzieht und nichts duldet, was nach seiner eignen Verfassung leben mag. Der Hof billigt nicht einmal den Prozess gegen die Commune; aber der Hof ist selbst bei der freundlichsten Gesinnung viel zu schwach, um diese Bankiers und Advokaten, die jetzt das Ruder fuhren, in ihren Unternehmungen zu verhindern. Man hat die Hofkammer zu einem vollstandigen Prozess gegen uns instruirt und ich bin jetzt begierig zu horen, bester Freund, wie diese Dinge stehen.

Schlurck ruckte seine Brille in die Hohe, wie immer, wenn er scharf sehen wollte.

Die zweite Curie der Hofkammer, sagte er, hat uns alle nur erdenklichen scheinbaren Rechtsanspruche zugesandt! Hier liegen sie ...

Er zeigte dabei auf ein Convolut Schriften, das in einem der Schubfacher steckte.

Sie sind, fuhr er fort, der Hauptsache nach schon vor funfzig und aber funfzig Jahren gepruft und wenn nicht unhaltbar gefunden, doch durch dazwischen getretene grossere Ereignisse unbenutzt geblieben. Jetzt will man nun Ernst damit machen und verlangt entweder die reale Uberweisung aller jener Liegenschaften oder eine Art Abkauf in Form einer von der Stadt zu emittirenden Schuldverschreibung im Werthe von zwei Millionen. Man will zwei Millionen Thaler Papierscheine, die man nicht den Standen zu motiviren braucht, mehr in Cours setzen. Das ist das ganze Manover, zu dem die Kammerei-Kasse etwa 50.000 Thaler, um allenfallsige Realisirungen der Scheine bewirken zu konnen, deponiren musste. Was sagen Sie! Ich finde darin nichts als eine arge finanzielle Plusmacherei.

Wurdig der Erfindungsgabe unsres jetzigen Finanzministers, rief Gelbsattel. Wurdig der Theorie vom Staate als einem nimmersatten Vielfrass! Glauben Sie ernstlich, Schlurck, dass eine solche Operation durchgeht, von den Schoffen und Beigeordneten der Stadt gutgeheissen wird? Ich glaube es nicht! Eher wurde man die Liegenschaften selbst abtreten und ermessen Sie, welche Nachtheile dann fur Die damit verbunden sind, die auf den Ertrag derselben angewiesen leben! Sie wurden dies Haus zu verlassen haben, ich selbst wurde in meinen besten Einkunften geschmalert werden und eine Menge der nutzlichsten, stadtischen Einrichtungen geriethe in's Stocken, wenn z.B. nur die Miethen ausblieben, die Sie von den Johanniterhausern zu verwalten haben, die Grundzinse hier und auswarts gar nicht zu rechnen ...

Es ist so schlimm, sagte Schlurck, dass leider der Klager und Richter hier fast in einer Person auftritt. Der Staat klagt und der Staat entscheidet..

Ist der Staat wirklich auch schon in den Richtern? rief Gelbsattel immer erhitzter. Ist es schon soweit, dass auch die Gerechtigkeit nicht mehr eine eigene unabhangige Institution ist? Nein, vom hochsten Gerichtshofe des Landes kann, soll man Das nicht sagen. Und es freut mich, Ihnen mittheilen zu konnen, dass sich der alte Obertribunalsprasident fur diese Angelegenheit interessirt.

Hat sie denn einen Zusammenhang mit der Zoologie? fragte Schlurck lachelnd.

Wie Sie's nehmen! erwiderte Gelbsattel. Einen Zusammenhang mit der Loge hat sie.

Mit der Loge? fragte Schlurck erstaunt. Unser Grossmeister mag im Grade der eleusinischen Geheimnisse stehen, ich kenne sie nicht und hab's in unsrer edlen Kunst nicht weiter gebracht als bis zum ersten gehobenen Isisschleier, aber was dieser Prozess mit der Loge zu thun hat, begreif ich nicht ...

Mit der Loge wol auch zunachst nicht selbst, sagte Gelbsattel. Aber mit ihrer Geschichte, wenigstens mit derjenigen Geschichte der Loge, fur die der alte Herr schwarmt. Sie wissen, dass er zu Denen gehort, die unsre Kunst wirklich aus uraltesten Zeiten herleiten

Ah so! Aus den egyptischen, wo man die Pyramiden zu Ehren der Katzen baute, in denen der alte Narr gottliche Offenbarung erblickt ...

Er sieht in der Maurerei, sagte Gelbsattel, orientalische Tradition, die wir im Abendland der Vermittlung der Kreuzfahrer, besonders aber der Tempelherren, verdanken ....

Haben die Tempelherren auch Katzen verehrt?

Sie haben es nach vielen Zeugnissen! sagte Gelbsattel nickend und ganz ernst.

Horen Sie! rief Schlurck jetzt, indem er lachend und wieder ganz erheitert aufsprang, so soll mir Einer jetzt die grosste Thorheit erzahlen und mir aufbinden, es gabe Menschen, die sie fur Weisheit hielten, ich glaube es! Wenn die Katzen mit unserm Prozess in Verbindung stehen, so nehm' auch ich an Begeisterung fur ihn zu, denn alle Miether der Johannishauser klagen uber das beispiellose Vermehren der Mause und Ratten so sehr, dass Keiner mehr aushalt, wenn ich nicht vierteljahrig einen Kammerjager dort auf die Jagd schicke.

Ja noch mehr, sagte Gelbsattel, ich hege die Vermuthung, dass der Obertribunalsprasident schon aus eigenem Antriebe dem historischen Zusammenhang dieses Prozesses nachforscht! Ein junger Referendar, der in der zweiten Curie der Hofkammer, also in unserm Prozesse arbeitet und zufalligerweise ein Nachkomme des Ritters Hugo von Wildungen ist, dem ursprunglich diese Guter sollen gehort haben, hat sich im alten Tempelhause von Angerode eine eigenmachtige Untersuchung des dort seit undenklichen Zeiten vermauerten Archivs erlaubt, was ohne Zweifel nur im Auftrage der Gerichte geschehen ist.

Schlurck, der sich wieder gesetzt hatte, horchte hoch auf ... Die Brille schob sich noch hoher.

Der neue Pfarrer von Angerode, erzahlte Gelbsattel, hat mir diese Thatsache angezeigt. Man hat der Wittwe des verstorbenen Pfarrers die Nutzniessung der alten Amtswohnung in dem dortigen ehemaligen Tempelhause gelassen und ihr neuerdings auch noch in einem Anbau Raumlichkeiten zugewiesen. Nach einem Jahre hat diese Frau die Amtswohnung zu verlassen und es ist dem Nachfolger ihres Mannes nicht zu verdenken, dass er sich schon jetzt nach der Beschaffenheit seiner kunftigen Wohnung umsah. Man entdeckte dabei, dass der Sohn jener Wittwe, ein junger hier lebender Referendar, ob absichtlich oder zufallig ist unbekannt, das alte Archiv des protestantisch gewordenen Johanniterordens wieder auffand und einen mit Dokumenten gefullten Schrein hieher mitgenommen hat ...

Schlurck, in der grossten Spannung den Worten des Propstes folgend, unterbrach Gelbsatteln mit dem Ausrufe:

Einen Schrein?

Mit dem Zeichen des Kreuzes auf dem Deckel, wie Beobachter versichern ...

Mit einem Worte hier diesen Schrein?

Gelbsattel blickte erstaunt zur Erde nach der dunkeln Gegend hin, wohin Schlurck in der gewaltigsten Aufregung halb mit der Hand, halb mit dem Fusse gezeigt hatte..

Himmel, rief er, das Kreuz auf dem Deckel erkennend, wie kommen Sie zu dem alterthumlichen Fund? Das Zeichen der protestantischen Ritter von Angerode! Die vier Blatter des Kleeblatts an den Flanken des Kreuzes! Ware dies gelbe Papier da auf dem Tisch schon ein Dokument, das zu den Akten unsres Prozesses gehorte?

Schlurck hielt die Hand auf dem Papier, das Gelbsattel eben nehmen wollte ...

Sein erstes Gefuhl bei diesen Mittheilungen war das der Freude. Er sah endlich einen Zusammenhang fur den Ursprung seines Fundes und eine Moglichkeit, seine unredliche Verheimlichung desselben auf einen leicht zu entschuldigenden Weg der Ausrede zuruckzulenken ....

Als der Propst in ihn drang, ihm genauere Auskunft zu geben, wog er ihm langsam die Worte zu:

Gemach! Gemach! Erst sagen Sie mir: Wer ist dieser Wildungen? Gibt es also wirklich einen Bruder des Malers Wildungen? Was ich vor einigen Tagen schon hatte untersuchen sollen, als ich an Bartusch ....

Es gibt deren zwei, unterbrach Gelbsattel mit einem eignen Ausdruck forschender Ungeduld die Vorwurfe, die sich der Justizrath uber seine Sorglosigkeit in so wichtigen Dingen machen wollte ...

Von einem Maler hort' ich, sagte Schlurck. Hat er also wirklich einen Bruder?

Einen jungern, berichtete der Propst, aber einen an Scharfsinn und Unternehmungsgeist dem Alteren weit uberlegenen.

Wie kommen diese Wildungen nach Angerode? fragte Schlurck zerstreut. Er dachte nur an Egon, an den Heidekrug, an seinen Brief, an Melanie ...

Durch ihren Vater, der dort die Stadtpfarrei vor einigen Jahren antrat und seit einigen Monaten nicht mehr lebt, erzahlte Gelbsattel. Dieser Mann ist in meine fruheste Jugendzeit verwickelt. Man konnte uns Freunde nennen, wenn wir uns nicht um eines Madchens Willen uberworfen hatten. Eine gewisse Julie Rodewald war der Zankapfel, der zuletzt zu ihm hinuberflog. Es war ein wunderlicher, gramlicher Mann, den die Ehe mit dem Madchen, das wir Beide liebten, nicht heiter stimmte. Er versauerte und verbauerte in Thalduren, einem thuringschen Gebirgsdorfe, wo man ihn als Pfarrer liess, weil er zu einer bessern Stellung kaum passte. Bald Pietist, bald Rationalist, bot er dem Consistorium kein klares Bild, keinen Henkel, schrieb ich ihm einmal auf seine ewigen Klagen um Verbesserung, um ihn anzufassen. Auf einer Rundreise durch seine Gegend wollt' es die Amtspflicht, dass ich bei ihm vorsprach. Er wurde heftig. Er sagte mir die bittersten Dinge und nannte seine Ehrlichkeit den Henkel, an welchem ihn freilich die Lugner nicht zu fassen wagten. Auf so wildes Reden hin, that man besser, ihm die nachste Vacanz zu geben. Er bekam sie nach Angerode als Stadtpfarrer und starb in den kaltgrundigen alten Zimmern des Tempelhauses sehr bald nach der Ubersiedelung. Von der Universitat und aus Schulpforte her, wo ich, Wildungen, Rodewald und ein gewisser Rudhart Contubernalen waren, weiss ich, dass diese Wildungen von dem Johanniter Hugo von Wildungen stammen und oft sagte er mir, wenn sich gewisse Urkunden fanden, konnte er ein uberreicher Mann sein. Ich gestehe, dass ich spater, da mir die Gegenstande seiner etwaigen Anspruche selbst so wunderbar zur Bedingung meiner eigenen Existenz wurden, mit einem gewissen sonderbaren Mistrauen ihn nach Angerode ziehen sah. Wie nun, wenn sein Sohn, auf Veranlassung des Prozesses, in dem er arbeitet, in Angerode Nachforschungen gehalten hat, die mit Entdeckung eines eingemauerten Archivs endeten? Ich habe sogleich Auftrag gegeben, dort weitere Untersuchungen anzustellen und bin erstaunt, bei Ihnen schon die Spuren dieses unerwarteten Incidenzfalles anzutreffen.

Schlurck lachelte und sagte:

Bester Freund, Sie nehmen mir eine grosse Last vom Herzen. Dieses alte Ding da ist auf nicht ganz ostensible Art in mein Haus gekommen; aber wenn ich dabei etwas verbrach, so entschuldigt mich der Eifer fur unser gemeinschaftliches Interesse. Ich will Ihnen diese Sache erzahlen.

Gelbsattel's Neugier wurde durch eine Unterbrechung gestort ....

Bartusch war eingetreten und flusterte seinem Prinzipal ins Ohr, dass der Amerikaner da ware ...

Rechnen Sie mit ihm, sagte Schlurck. Fuhren Sie ihn oben in ein anstandiges Zimmer! Zahlen Sie seine Caution und stellen Sie ihm Scheine dafur aus soviel er will, ich werde sie unterschreiben. Den Knaben kann ja Melanie unterhalten ...

Bartusch nickte und ging, die Hand voller Papiere ....

Es wahrte einige Sekunden, bis Schlurck den unangenehmen Eindruck dieser Unterbrechung uberwunden hatte. Dann erzahlte er dem aufhorchenden Freunde:

Ich war vor etwa acht Tagen in Hohenberg. Die Theilhaber der furstlichen Masse hatten sich dort versammelt und nach den bittern Betrachtungen des Tages folgten Abends gesellige Trostungen und Erheiterungen, so gut es gehen wollte. Ein kleiner Ball hatte ungewohnlich spat gedauert. Das schone Mondenlicht verfuhrte mich, eine Dame, die ich sehr schatze, nach Hause zu begleiten, und, wie gesagt

Schlurck fuhr sich mit der Hand an den Hinterkopf, wie er pflegte, wenn er eine kunstliche Verlegenheit schildern wollte, strich das wenige dort sauber gelegte Haar glatt und warf die Brille wieder auf seine frivol die Offnungen aufblasende kleine Stumpfnase ...

Nun nun unterbrach Gelbsattel schelmisch diese sonderbare Gebehrdensprache. Sie verweilen ja sehr lange bei der Dame im Mondenschein ....

Nicht im Mondenschein, fuhr Schlurck fort, dafur sind wir nicht mehr romantisch genug; genug, es war uber zwei Uhr, als ich wieder aus dem Dorfe Plessen zum Schloss zuruck will. Komm' ich da an eine Schmiede, die am Fusse des Berges liegt, und sehe, dass einem Guterwagen eben die Achse gebrochen ist. Der Fuhrmann hatte ohne Zweifel der Hitze wegen in der Nacht fahren wollen und war etwas im Schlaf gewesen. Genug, der Arme lag halbtodt unter dem Rade, dessen gebrochene Felgen glucklicherweise nicht mehr von der ganzen Kraft des nicht ubermassig bepackten Wagens gedruckt wurden. Das laute Winseln eines gleichfalls verletzten Hundes, mein eignes Rufen weckte die Leute in der Schmiede. Man trug den Fuhrmann hinein und entleerte etwas den Wagen, um ihn leichter zur Verbesserung des Rades in die Hohe schrauben zu konnen. Bei dieser Gelegenheit entdeckt' ich, als ich eben ubermudet zum Schlosse hinaufsteigen will, einen Gegenstand unter den ausgepackten Sachen, der mich wahrhaft uberraschte.. diesen alten Schrein! Es war das Kreuz mit den vier Kleeblattern in seinen Enden! Unser Prozess im neuen ernsten Beginnen, die Wichtigkeit der daran sich knupfenden Verhaltnisse, Befremden uber diese seltsame Erscheinung des protestantischen Johanniterkreuzes von Angerode, eine Art von Aberglauben uber die Weisheit des Zufalls, alles Das bestimmte mich, die Bewohner der Schmiede zu veranlassen, den Schrein bei Seite zu stellen, wieder aufzupacken und dem Fuhrmann, wenn er sich erholt hatte, das Geschehene a tout prix zu verschweigen. Nachdem ich mich uber den Fund orientirt hatte, konnte man ihn ja unter irgend einem Vorwande dem Besitzer wieder zustellen.

Gingen die Bewohner der Schmiede auf dies riskante Ansinnen ein? fragte der Propst erstaunt, und waren Sie ihrer so gewiss ...

Ich hatte mit einem alten Manne zu thun, der blind ist, sagte Schlurck, und seinem Sohne, der an Taubheit leidet. Meine Amtswurde nahm ich zu Hulfe und wusste ihnen begreiflich zu machen, dass es sich hier um eine wichtige Entdeckung im Interesse des Staates handelte. Sie trugen mir den Schrein an einen verborgenen Ort. Kaum hatt' ich einige Stunden geschlafen, als der alte Schmied sich von dem jungen zu mir hinauffuhren liess und um Gotteswillen bat, ihnen zu erlauben, den Schrein herauszugeben, der Fuhrmann gebehrde sich wie rasend, an dem Schrein lage mehr, als ein Mensch ahnen konne ... denken Sie sich! Je mehr sie baten, desto mistrauischer wurd' ich naturlich und zuletzt bestand ich darauf, dass der Schrein nur noch fur mich existire, und unverrichteter Sache stiegen sie wieder hinunter ...

Gelbsattel schaltete hier erstaunend wieder die Bemerkung ein:

Das brachten Sie mit Ihrem einfachen Befehl zu Wege?

Doch nicht! sagte der Justizrath. Ich ergriff ein mir glucklicherweise zu Gebote stehendes Mittel, den Alten zum Schweigen und unbedingten Gehorsam zu bringen. Ich raunte ihm ein paar Worte zu, die ihn so erschreckten, dass er zu Allem bereit war und mir den Schrein so lange bewahrte, bis ich ihn auf meinen Wagen lud und mit ihm hier ankam.

Ein paar Worte? fragte Gelbsattel erstaunt lachelnd. Sie sind ja ein wahrer Zauberer! Lehren Sie mich doch auch so inhaltsschwere und machtige Worte!

Ich erinnerte die Leute, antwortete der Justizrath, einfach an eine alte Geschichte, in der der Vater eine Rolle gespielt hatte, fur die ihm noch fur den Rest seines Lebens eine gewisse fatale Belohnung gut ist, wenn man ihn entdeckte ....

Sie Allwissender! bemerkte Gelbsattel kopfschuttelnd.

Vielerfahrener! antwortete Schlurck. Ich liess den Schrein hier offnen und fand darin Papiere, die mit unserm Process auf's innigste zusammenhangen. Dass dies jener Gegenstand ist, den man in Angerode vermisst, scheint mir unwiderleglich. Es fragt sich nur, ob die Regierung selbst oder die zweite Curie jene Untersuchung anordnete oder ob der junge Mann, den Sie erwahnen, ganz aus eigenem Antriebe auf diese Entdeckung kam. Jedenfalls hab' ich jetzt das Recht zu sagen, ich hatte einen geraubten Gegenstand bei einem Hehler entdeckt und es fur meine Pflicht gehalten, ihn mir bis auf Weiteres anzueignen.. Werden Sie diese Wendung unterstutzen?

In einer so wichtigen Sache? sagte Gelbsattel. Ohne Widerrede!

Meldet sich jetzt jener Wildungen, fuhr der Justizrath wahrhaft aufathmend und herzerleichtert fort, so verweigern wir ihm noch obenein die Auslieferung. Eine Anfrage in der Zeitung hat meinerseits dann nur den Zweck gehabt, hinter eine unerlaubte Aneignung zu kommen. Wir geben den Inhalt des Schreins zu den Akten ...

Und was glauben Sie, fragte Gelbsattel gespannt, was glauben Sie, dass durch diese hochst wahrscheinlich in bestimmter Absicht verborgen gehaltenen Dokumente bewiesen werden konnte?

Nach fluchtiger Durchsicht, sagte Schlurck ruhig, sprechen sie weder fur uns, noch fur die Regierung. Eher mocht' ich glauben, dass der Auffinder desselben eine personliche Absicht hat. Er erschien bald darauf in Plessen und forschte mit Leidenschaftlichkeit nach der Art, wie jenes Frachtstuck verloren ging. Meine Schmiede scheinen nicht Wort gehalten zu haben; denn zu meinem Erstaunen ausserte er, uber den Verlust selbst beruhigt zu sein. Er wisse, dass ich den Schrein besasse. Auf der andern Seite ist es auffallend, dass Viele behaupten, der Forscher nach dem Schrein ware der Prinz Egon gewesen.

Prinz Egon von Hohenberg? fragte Gelbsattel erstaunt.

Der junge Hohenberg! bestatigte Schlurck.

Wie ware Das? Er soll ja heftig erkrankt sein, erzahlte man.

Die Arzte furchten ein Nervenfieber. Ein Zusammenhang des Prinzen mit jenem Wildungen, den Sie erwahnen, ist mir gewiss, ja ganz fest bewiesen. Welches aber der Zweck dieser Verbindung ist, wie er mit einer Reise jenes Wildungen oder Beider zugleich nach Hohenberg zusammenhangt, welche Rolle darin das erbrochene Archiv von Angerode spielt, Das bin ich zur Stunde unvermogend anzugeben.

Gelbsattel fiel darauf ein:

O, Freund, Ihr Scharfsinn wird binnen kurzem alle diese Dunkelheiten lichten! Doch huten Sie sich vor diesem Dankmar Wildungen! Es ist ein unternehmender verschmitzter Kopf, voll planmassiger Schlauheit und mit einer Federkraft begabt, die ihm fur die schwierigsten Dinge Muth und Ausdauer gibt. Auch gehort er mehr, als seinen Vorgesetzten gefallen will, zu den Demokraten.

Schlurck gedachte nun voll Beschamung uber seine Champagnerverwirrung des Fremden im Heidekrug und fragte:

Er ist klein..

Mittlerer Statur!

Braunes Haar?

Mehr braun als blond. Das ganze Wesen unternehmend und keck.

Er tragt einen Bart auf der Lippe und am Kinn?

Ich sah' ihn langere Zeit nicht mehr. Seit den politischen Kampfen meidet er alle die feinen Cirkel, in die ihn sein Bruder, der Maler Wildungen, ein ungleich geringeres praktisches Talent, obgleich nicht ohne Schwung und Poesie, eingefuhrt hat..

Schlurck schuttelte argerlich den Kopf. Er sah ein, dass er sich, wie er an Bartusch schrieb, "im Champagnernebel" getauscht hatte, als er in Wildungen den Prinzen Egon zu erkennen glaubte und seiner Familie diesen allerdings nicht unbedeutenden jungen Referendar fur eine so wichtige respectwurdige Standesperson angedeutet hatte.

Der Unmuth uber diese Tauschung wuchs, als Melanie von oben die kleine Wendeltreppe halb herabsturmte und ohne Rucksicht auf Gelbsattel oben auf den Stufen in die angstlichen Worte ausbrach:

Vater! Eben will ich dem kleinen Amerikaner, da er so madchenhaft aussieht wie Cherubim, eine Haube aufsetzen, als er mir sagt: Ich mochte ihn schonen, er ware betrubt uber die Krankheit des Prinzen. Ist der Prinz krank? So gefahrlich krank, wie der Knabe sagt? Du warst ja dort? Sorgen die Arzte wirklich um sein Leben?

Allerdings! sagte Schlurck. Doch geht dich Das wenig an. Du bist uber den Prinzen in einem Irrthum ...

Melanie blickte den Vater starr an.

Ich habe eine sehr grosse Thorheit begangen, sprach Schlurck in gewaltiger Verstimmung zu ihr empor. Es war ein junger Referendar, Namens Wildungen, der Euch im Schlosse besuchte! Es ist ein Freund des Prinzen! Es gibt zwei Wildungen, einen Maler ...

Und einen Referendar! fugte Gelbsattel hinaufschmunzelnd hinzu.

Melanie entfernte sich erblassend und ohne zu antworten schwankte sie die engen Stufen hinauf ...

Bald aber horte man, dass oben ein Fenster aufgerissen wurde, das in den Hof fuhrte, und Melanie rief:

Neumann! Anspannen!

Gelbsattel, da es eben von seiner Kirche dumpf zwei Uhr schlug, empfahl sich. Er sagte noch zu Schlurck:

Sie haben viel auf dem Herzen, bester Freund, was Sie mir nicht mittheilen wollen. Ich denke, Sie werden es, wenn es reif ist oder, um es zu werden, meine Mitberathung vielleicht in Anspruch nimmt! Einstweilen hab' ich hier merkwurdige Thatsachen erlebt! Soviel seh' ich wol, dass wir verwickelten Schwierigkeiten entgegen gehen und Manches erfahren werden, was wir in den bisherigen Stadien unserer Angelegenheit nicht fur moglich hielten.

Darin haben Sie recht, Freund, sagte Schlurck, sammelte sich, da es Tischzeit wurde, zu seiner sonst ublichen Heiterkeit und schlug seine Hand in Gelbsattel's mit den Worten:

Sie wissen, dass ich das Altwerden fur eine schlechte Angewohnung halte. Noch heute hab' ich's dem Sanitatsrath Drommeldey gesagt. Aber auch dadurch bleiben wir jung, dass wir vor Schwierigkeiten nicht erschrecken. Immer die gerade Bahn laufen macht krumm und schlafrig. Es ist eine dumme Wahrheit, die nur in der Mathematik gilt, dass der gerade Weg zwischen zwei Punkten der kurzeste ist. Im Leben ist im Gegentheil der gerade Weg immer der langste. Nur was den Geist spornt, in Thatigkeit setzt, zum Aufmerken zwingt, belebt ihn und der Geist ist's doch allein, von dem die Maschine abhangt, oder meinen Sie, dass die Maschine den Geist regiert? Manchmal, wenn ich Appetit habe und mir die Gedanken schwinden, mocht' ich fast das Letztere glauben!

Lieber Freund, sagte Gelbsattel, den Thurdrucker ergreifend, Das machen wir hier zwischen Thur und Angel nicht ab! Nur darum mocht' ich Sie noch bitten, gaben Sie mir wol fur einen Franzosen, der hieher gekommen ist, Herrn Professor Rafflard aus Paris, eine Empfehlung an den Criminaldirektor?

Empfehlung an den Criminaldirektor? sagte Schlurck lachend. Er soll einen honetten Einbruch machen, dann braucht er meine Empfehlung nicht. Wie heisst der Herr?

Gelbsattel erwiderte mit einiger Befangenheit:

Professor Rafflard kommt von Paris, als Agent einer Humanitatsgesellschaft, um sich uber den Zustand der Gefangnisse bei uns zu unterrichten ...

Aha! So ein philanthropischer Salon-Quaker! sagte Schlurck; Einer, dem es dafur um Orden, Titel und Einladungen zu thun ist! Wie viel gute Ideen mussen doch dafur herhalten, dass eitle Menschen auf sie reisen und sich lacherlich machen! Ich denke, Sie sind nicht fur die "innere Mission"?

Professor Rafflard ist sehr gut empfohlen, bemerkte Gelbsattel schon im Gehen, wahrend ihm Schlurck das Geleite durch einen dunkeln Gang gab; er hofft an den Hof zu kommen und dient einem Zwecke, dem sich einige uneigennutzige Gemuther doch auch schon praktisch, ohne Phrasen, ohne Christelei gewidmet haben..

Verbesserung der Gefangnisse! sagte Schlurck. Eine Feile und ein Strick ist fur die Spitzbuben die beste Verbesserung der Gefangnisse. Ich will's ubrigens dem Criminaldirektor sagen ...

Damit trennten sich die Freunde.

Schlurck kehrte nun in sein Bureau zuruck, schloss von innen ab und stieg langsam und nachdenklich in den ersten Stock, um zu lauschen, wie weit Bartusch in seiner Verhandlung mit dem Amerikaner gekommen war..

Er begegnete Melanie, die ihm auf die Frage, ob sie heute mit ihm zur Harder fahren wurde, keine Antwort gab.

Sie hatte sich den Hut aufgesetzt, einen Shawl umgeworfen und sturmte die Treppe hinunter, um sich in den offenen Wagen zu werfen, der eben unten in der Hausflur vorfuhr ...

Wohin befehlen Fraulein? fragte der Bediente, den sie getrieben hatte, jedes andere Geschaft, die Zurustung zum Mittagsmahl und was sonst zu seinen Obliegenheiten gehorte, fahren zu lassen und sich nur in die Livree zu werfen ....

In das Atelier des Professors Berg! rief sie und warf sich in die weissen Kissen des Wagens.

Als ihr Vater vom Fenster nachsah, wie sie erst im Wagen sich die Handschuhe anzog und mit kalter Verachtung der Welt um sich her blickte, dann den Schleier uberwarf und rasch davon fuhr, dachte er bei sich selbst:

Wohin tobst du, um deiner Verzweiflung zu entfliehen? Armes Kind! ... Sie hat sich doch wol eingebildet einen Fursten zu lieben und nun ist es nur ein gewohnlicher Mensch, wie wir Andern auch! Begeh' keine Thorheit, wilde Tochter! Wenn dieser gewohnliche Mensch so viel Verstand hat, wie Gelbsattel an ihm furchtet, so konnte er mich, wenn er dich liebt, zum Schwiegervater eines Millionairs machen ...

Wie er so sinnend stand, brachte Bartusch Papiere zum Unterschreiben und meldete zugleich, dass ihn Lasally zu sprechen wunsche ....

Lasally? sagte Schlurck gezogen. Er wird mich doch nicht zum Anwalt seines albernen Prozesses gegen Hackert, den Ihr mir erzahlt habt, machen wollen? Er soll zu meiner Frau gehen und heute einen Loffel gewarmter Suppe mit uns speisen. Gewarmt! Dahin kommt es auch noch! Melanie wird hoffentlich nicht zu lange bleiben. Die Papiere wollen wir in meinem Zimmer unterschreiben. Muhseliger Tag! Er wiegt schwerer als seit lange einer, und doch gehort er zu denen, die ich in anderm Sinne als Kaiser Titus einen verlornen nenne!

Bartusch ging zur Justizrathin, bei der Lasally schon wartete.

Schlurck stieg mismuthig die Wendeltreppe hinunter in sein Zimmer zum Abschluss der Verhandlung mit Ackermann, die seit lange seine schmerzlichste Erfahrung war. Etwas Halbes war ihm ... Nichts.

Zehntes Capitel

Die Ganzen und die Halben

Eine Werkstatt der zeichnenden Kunste musste so gebaut sein wie die des beruhmten Professors Berg, um neben der Bestimmung, dem Kunstler Gelegenheit zu ungestortem Fleisse zu geben, auch als ein freier Tummelplatz heitrer Laune und scherzhaften Gespraches dienen zu konnen.

Der grosse Anbau seines italienischen Hauses war eine Halle, massiv gebaut, aber doch in Form jener antiken Bauart gehalten, die den Ursprung aller Architektur aus zusammengelegten Blocken durch bunte Malerei, Vergoldung und Zierrath aller Art nicht verbergen will. Schimmerte auch die Decke nicht in goldenen Verzierungen, so wurden ihre Balkengevierte doch durch Farbenschmuck aller Art sehr frisch gehoben. Die Form der Halle war eine dreitheilige. Drei grosse nach Norden gehende Fenster warfen das der Malerei nothige Licht in den gewaltigen Raum, der durch zwei von der halben Decke herabgehende schwere grune Vorhange in zwei kleinere und eine grossere Abtheilung getrennt war. Liess man die wuchtigen Vorhange zufallen, so waren die hinter ihnen beschaftigten Maler voneinander getrennt. Standen sie offen, so gewahrten sie die Moglichkeit einer gemeinschaftlichen Unterhaltung durch das ganze Atelier.

In dem ersten Drittheil sassen einige Schuler und Anfanger, in dem grossen Zwischenraum die selbstandigen jungern Krafte, die sich um Professor Berg scharten, im dritten war dieser selbst beschaftigt.

Die grosse Sudwand, ganz massiv, war in pompejanischem Geschmacke gemalt. Die rothe Farbe hatte in dem bunten Gemisch den Vorrang.

An der Ostwand war der doppelte Eingang, einer von unten her und einer oben von der Altane, die das erste Stockwerk des Hauptgebaudes mit dem Atelier verband. Auf der Halfte der Stiege, die von oben her kam, schloss sich ihr von unten herauf eine andere an, die in einer langen holzernen, mit grauer Olfarbe gestrichenen Brucke endete, die durch das ganze Atelier ziemlich nahe an der Sudwand sich hinzog diese Brucke diente fur grosse Gemalde, welche von dem Fussboden aus nicht gemalt werden konnten. Hier und da liess sie sich auseinandernehmen und auf Rollen nach Belieben vor grosse Cartons oder Olbilder vorrucken. An der Westwand, im engern Atelier des Professors Berg, waren sehr geschmackvolle Frescoverzierungen angebracht. Zwischendurch standen Statuen, meist von einem Blumenetablissement umgeben. Die Teppiche und Wandsophas, die ursprunglich in der ganzen Halle anzutreffen waren, hatten sich nur noch in dem engern Raume des Lehrers in dem eleganten Zustande erhalten, wie ursprunglich dieser ganze kleine Kunsttempel gedacht war. Hier fanden sich noch Stuhle und Polster, die man den Fremden anbieten konnte. An den andern Punkten hatte jugendliche Zwanglosigkeit schon mancherlei Zierrath fur seine Bestimmung untauglich gemacht, zum grossen Arger des mit Uberwachung dieser Raume beauftragten Dieners. Auch die grossen mit Steinkohlen nur heizbaren Ofen hatten sich im Winter schon mit manchem anschwarzenden Protest gegen den Traum eines sich hier nach Italien versetztglaubenden Idealisten geltend gemacht. Die parkettirten Fussboden waren selbst beim Professor nicht recht wieder zu erkennen und trugen alle Merkmale, dass der wahre Kunstler, wenn er einmal in die freie Ausbildung seiner Herrschaft uber Kreide und Farbe gerath, an aussere Eleganz und fashionable Bestimmung nicht mehr denkt.

Siegbert arbeitete im Mittelraum.

Nicht weit von ihm Leidenfrost.. Neben diesem ein junger schoner schlanker Mann, Namens Heinrichson, derselbe, dem zu Gefallen Frau von Harder den Ankauf zweier Schwane aus Island fur die koniglichen Garten veranlasst hatte. Neben ihm stand jener Ofenschirm, hinter welchem Frau von Trompetta die Bewegungen jenes Schwanes, der Jupiter vorstellen sollte, und seine Angriffe auf eine holzerne Figur, die die Leda sein sollte, mit so vieler Angst beobachtet hatte ...

Dann kam ein junger Maler, Namens Reichmeyer, ein Verwandter des Bankiers von Reichmeyer.

Diese vier Maler arbeiteten in der mittlern Halle.

In der Vorhalle standen drei oder vier Schuler.

Der Raum, den Berg allein einnahm, war noch mit einem kleinern, von Tapeten gebildeten oben offenen Cabinet versehen fur die Aufnahme lebender Akte.

Siegbert, Leidenfrost, Heinrichson und Reichmeyer waren in einem Gesprache begriffen, wie man es mit Unterbrechungen, langen Pausen allenfalls bei mechanischgeistiger Production doch fuhren kann. Sie hatten vom Morgen an stark an grossern Arbeiten geschafft und nahmen jetzt gegen Mittag leichtere vor, die wol erlaubten, dass dann und wann ein Scherz die gesammelte Stimmung durchkreuzte, die vielleicht gerade mit etwas vorher schon ernst Bedachtem beschaftigt war.

Siegbert arbeitete an seinem Albumblatt fur Frau von Trompetta.

Die drei andern Maler standen eben hinter ihm und wollten wissen, was er in's Gethsemane "stiften" wurde.

Man sah noch in schwachen Andeutungen eine orientalische Gegend ... Palmen, Felsgestein, Olbaume. Am Boden ein schlafender Christus ... Vor ihm eine noch nicht fertige undeutliche Figur ... Negerknaben mit Fackeln ... In der Ferne ein Kameel mit Dienern.. Andeutungen am Horizont zufolge, die auf Sterne rathen liessen, sollte die Beleuchtung Nacht sein.

Ist das unklare Menschenbild da vielleicht, sagte Max Leidenfrost, eine kleine Figur mit zusammengetrockneten, sogenannten Silen- oder Sokrateszugen, ist Das vielleicht einer von den heiligen drei Konigen, der nach dreissig Jahren einmal wieder nach Jerusalem kommt, um den inzwischen stattlich herangewachsenen Heiland zu sehen? Er scheint sich recht zu verwundern, wie die kleinen Kinder mit der Zeit so aus Krippen herauswachsen konnen..

Siegbert antwortete, indem er mit dem Gummi die Negerknaben etwas corrigiren wollte:

Diese Jungen tragen Fackeln, um in die Nacht eine Art Rembrandt'scher Beleuchtung zu bringen. Die schwarzen Mohrenjungen hatten sich unter den Fakkeln so prachtig ausgenommen ... sie kommen auch nicht fort.

Nein, Nein! sagte Heinrichson und hielt die Hand mit dem Gummi zuruck, nicht zu rasch mit dem Andern und Vertilgen! Ein vernunftiges Motiv muss man nicht so bald aufgeben. Leidenfrost's Idee scheint nicht einmal die rechte zu sein. Ich glaube nicht, dass Sie der Frau von Trompetta humoristische Witze in's Album malen wollen, die sich nicht biblisch rechtfertigen lassen ...

Ware denn Das blos ein Witz, fragte Leidenfrost, wenn einer von den drei Konigen einmal wieder einen Besuch in Galilaa machte? Konnt' er Jesus nicht gesagt haben:

Braver Mann, ich hielt so viel von Ihnen, aber Sie sind auf dem Wege sich in's Ungluck zu sturzen! Sie wollen eine neue Religion stiften und ich komme, weil ich mir etwas Anderes in Ihnen vermuthete, express aus Indien, um Ihnen zu sagen, dass wir dort einige noch recht gute alte Religionen haben! Die beiden Mohrenjungen mit den Fackeln wurden eine treffende Symbolisirung der naheren Aufklarung uber diesen Gegenstand sein ... Lesen Sie die Zendavesta und die Vedas, meine Herren! Selbst Gutzlaff gesteht, dass Confucius kein Confusius war.

Ich vermuthe eher, sagte Reichmeyer, der an Eleganz mit Heinrichson wetteiferte trotz der Atelieruberhemden, die sie trugen; ich vermuthe eher, dass wir einen Abgesandten des Hauptmanns von Capernaum vor uns haben, der Jesus zu seinem Herrn beruft. Der Heiland versichert ihm, dass er das Wunder bereits verrichtet hatte, er moge nur nach Hause gehen und sich schlafen legen ...

Nein, meinte Leidenfrost trocken ohne die Miene zu verziehen, ich kann nimmermehr glauben, dass diese hohe, stattliche Figur, die ich da vor dem Heiland entstehen sehe, ein Unteroffizier oder eine Ordonnanz ist. Ich will dem militairischen Geiste der Juden nicht zu nahe treten, aber so stattlich war doch wol die Rekrutirung ...

Ich glaube, unterbrach Heinrichson diese frivolen Spasse, ich glaube, dass sie gar kein Kriegsheer hatten und dass der Hauptmann von Capernaum ein romischer Centurio war. Die Mohrenjungen sind dann schon eher angebracht. Man konnte annehmen, dass dieser romische Hauptmann aus jener Armee hervorgegangen ist, die schon unter Antonius bei der Cleopatra afrikanische Luxusstudien machte..

Mein Himmel, unterbrach Siegbert, dem des Spottens und Schraubens doch am Ende zu viel wurde, diese fur zwei Maler, die auf einige Ausstellungen schon Heiligenbilder geliefert hatten, charakteristischen Ausserungen, mein Himmel, welche Verwirrung uber die Auslegung einer sehr einfachen und, wie ich fast glaube, nicht genug ansprechenden Idee! Ich will ja nichts Anderes, als hier in einfacher Tusche die Thatsache wiedergeben: Nicodemus kommt zum Herrn bei der Nacht. Hier schlafen unter freiem Himmel die Junger, von denen nur einige sichtbar sind. Christus wachend hat sich erhoben und empfangt den nachtlichen Besuch des vornehmen Pharisaers, der, von innerster Achtung vor dem Religionswerke des Heilands durchdrungen, doch noch nicht den Muth hat, ihn offentlich zu bekennen. Die beiden Mohrenknaben leuchten ihm in den Garten. Hinten steht das aufgezaumte Kameel, auf dem er aus der Stadt gekommen, nur von einigen vertrauten Dienern begleitet. Auch diese wie die Mohrenknaben wollt' ich in ehrerbietiger Andacht erscheinen lassen. Hinten ganz fern sieht man die Zinnen von Jerusalem.

Sehr schon! rief Heinrichson mit einer gewissen gentlemanliken Herablassung. Die Skizze ist wurdig, in Ol ausgefuhrt zu werden. Wie herrlich diese Beleuchtung durch die Sterne und die Fackeln! Schon seh' ich, dass Sie beabsichtigen, das rothe Licht grell auf die schlafenden Junger fallen zu lassen. Es kann ein recht sanftes Leben in das Ganze kommen! Diese Nachtstille, diese schlummernde Pflanzenwelt! Und dabei das heilige Wachen des Glaubens und die feierliche Beherrschung der schlummernden Natur durch die Macht des Geistes! Ich sehe das Blatt schon fertig vor mir und verspreche Ihnen davon eine gute Wirkung ...

Auch Reichmeyer stimmte dem feinen und so ausnehmend wohlwollenden Urtheile Heinrichson's, das Siegbert fast stutzig machte, bei und nannte das Ganze einen "guten Gedanken". Doch tadelte er die Mohrenknaben.. Siegbert hatte selbst schon angedeutet, dass diese Vermuthung auf Abwege fuhren und fur nicht echt judisch gehalten werden konnte. Die Juden hatten niemals solche Sklaven gehabt ...

Ach was! rief Leidenfrost. Welcher Kunstler wird sich denn an solche Niemals! Niemals! kehren? Wir haben auch keine Sklaven und doch Jockeys und wer sich einen Neger halten kann und die Kreuzung der Racen unter seinem Gesinde nicht furchtet, der lasst sich gerade von einem Neger dahin begleiten, wo einheimische Bediente vorlaut und unzuverlassig sind. Bleiben Sie ja bei den Negerknaben, Wildungen! Auch bei dem Kameel! Die alten Italiener waren darin ja so prachtig ungenirt. Auf Paul Veronese's grossen neutestamentarischen Scenen kommen alle die Neger vor, die man in den Hausern der vornehmen Venezianer damals herumlaufen sah, Papageyen und Affen, wie sie einmal zur orientalischen Anschauung gehoren ...

Siegbert, ermuthigt durch diesen Beifall und sonst schon den ganzen Vormittag in aufgeregter Laune, fiel mit den heitern Worten ein:

Die Negerjungen lass' ich schon der Frau von Trompetta wegen. Sie werden ihr die traulichsten Missionsgedanken wecken.

Heinrichson und Reichmeyer lachten uber diesen Einfall.

Leidenfrost trat nun naher, betrachtete noch lange die Skizze und sagte endlich:

Bedenklicher freilich, bester Freund, ist der geistige Ausdruck Ihrer Skizze! Sie wollen doch gewissermassen sagen: Seht da Einen von Denen, die nicht den vollen Muth ihrer Uberzeugung haben! Nicodemus hat einen Anflug von Christi gottlicher Sendung empfangen, er fuhlt, dass dies der verheissene Messias ist und hat doch nur den Muth, bei Nacht zu ihm zu kommen! Ich bin begierig, wie dies Urtheil des Kunstlers herauskommt! Denn urtheilen durfen wir doch? Nimmermehr werd' ich die feigen Pinsel anerkennen, die nur die Thatsache geben wollen und das Urtheil dem Beschauer uberlassen. Der Kunstler soll Partei nehmen, wie es die Alten thaten. Die Alten malten im Glauben. Der Glaube war ihnen Partei. Der Zweifel konnte nichts malen, er sah nur auf Effecte, wie es seit Guido Reni, Carlo Dolce und meinem sonst prachtigen, theatralischen Guercino Mode wurde. Die Neuen haben keinen Glauben und auch keinen rechten Zweifel; gut! sie sollen nur gerecht sein und geschichtlich und wahr. Sie mogen eine Thatsache einfach hinstellen, aber dann doch so gruppirt, dass sie verrathen, sie hatten selbst daruber nachgedacht und empfanden etwas uber ihr Bild, irgend eine warme Uberzeugung. Wie kommt mir nun hier, bester Wildungen, die Erbarmlichkeit dieses Nicodemus zur Anschauung, der nur bei Nacht den Muth hat, ein Christ zu sein? Zeigen Sie mir diese seine Erbarmlichkeit! Diesen Augenspiegel unserer ganzen Gegenwart!

Ich weiss zunachst nicht, antwortete Siegbert, die asthetische Tendenzfrage fast vermeidend, soll ich ihn sehr reich oder recht arm kleiden? Das Erstere wurde im Einklang zu seinen Dienern und den geschmuckten Kameelen stehen, das Letztere aber gerade durch den Contrast mit diesen Umgebungen andeuten, dass er demuthig und voll Reue ist und seines Prunkes sich begeben will. Jesus sagt ihm ohnehin, es konne Niemand selig werden, der nicht in den Schoos seiner Mutter zuruckkehre und von neuem geboren wurde. Arm aber oder reich gekleidet denk' ich doch, dass hier die einfache Thatsache ihre Auslegung in sich selber tragt. Wie sollt' ich hier mein Urtheil anbringen, ohne nicht in Gefahr zu gerathen, den Frieden der Situation zu storen? Sie mochten den Nicodemus mit dem Pinsel gern geisseln, Leidenfrost! Geht Das?

O! rief dieser, prugeln mocht' ich ihn und nicht blos mit dem Pinsel!

O nein! fuhr Wildungen lachend fort, bleiben wir in der Welt meines Tuschkastens! Liegt nicht in des Heilands ernstem Blicke schon die ganze versohnende Kritik seines nachtlichen Besuches? Wird Nicodemus nicht demuthig zur Erde schauen mussen und sich verneigen mit gekreuzten Armen, wie der Andachtige vor dem Crucifix?

Versohnt Das nicht? Und er kommt ja doch! Er folgt ja doch zu irgend einer Stunde dem innern Rufe, wenn auch nur bei Nacht! Er busst doch seinen Fehler dadurch, dass.. er ihn busst! Mehr als das blosse "Doch kommen", "doch dem innern Drange Erliegen" mehr wurde Strafe sein, unmoglich vorauszusetzen in der Absicht des Erlosers. Ich theile wie Sie den Zorn uber die taglich uns begegnenden Menschen, die nicht den Muth ihrer Uberzeugung haben, aber ich gestehe, ich habe mit der schwierigen Lebensstellung eines Pharisaers, wie Nicodemus, soviel Mitleid, dass ich ihn liebe, voll Wehmuth liebe, liebe seiner Schwache wegen. Und gestehen Sie doch, wenn ein reicher Mann und gefeierter Schriftgelehrter zum Herrn kommt, ist's doch wol etwas mehr, als wenn arme Fischer und Handwerker von vornherein sich gleich zu ihm hielten?

Hm! brummte Leidenfrost. Zumal wenn man bedenkt, dass die Tausende von Mussiggangern, die diesem galilaischen Wanderprediger nachliefen, sich manchmal, um satt zu werden, mit funf Broten und zween gebacknen Fischen begnugen mussten ... Gut! Gut, Wildungen! Malen Sie Ihren Nicodemus, zu deutsch: Ihren Herrn von Volksbezwinger so, wie er fur die fromme, weichmuthige Welt passt und im Gethsemane gewiss bei Hofe grossen Effect machen wird.. schon der Fackelbeleuchtung wegen.. Aber, wenn ein Anderer einmal den Gegenstand ergriffe ...

Schweigen Sie endlich! rief Heinrichson nicht ganz im Scherz. Ihre verdammte Ideenfulle, Leidenfrost, macht uns noch Alle confus! Wenn wir einen guten Gedanken zu haben glauben, so setzen Sie immer noch einen Trumpf darauf und bringen uns in Verwirrung ...

Reichmeyer stimmte dieser Bemerkung kraftigst bei und wunschte die Kritik zu allen tausend Teufeln ...

Malt was Ihr wollt! sagte Leidenfrost kurz und bundig und kehrte zu seiner Staffelei zuruck, auf der er architektonische Prospecte angefangen hatte.

Siegbert aber fuhr ungestort und nicht im geringsten zurnend in seiner Bleistiftskizze fort.

Wie kann Euch aber, sagte er, nachdem Alle wieder an ihre Arbeiten gegangen waren, zu den beiden zurnenden Genossen, wie kann Euch eine fremde Auffassung nur irre machen! Ihr wisst, dass ich mit dem Namen des Kunstlers nicht so oft um mich werfe, wie so viele Pfuscher unserer Kunst; aber darin hab' ich mich wirklich doch als Kunstler weg, dass ich nicht von jedes Andern Idee so rasch ergriffen werde, um aus meiner eignen Anschauung, aus dem mir nothwendigen Leben des Gemuths und den Grenzen meiner Phantasie herauszukommen. Ich wunschte gerade, dass Leidenfrost aufrichtig sagte, wie er diesen Stoff behandeln wurde! Was thut Das? Ich musste mir vorkommen, als ware meine Malerei mein Elend und Jammer, wenn ich vor der Ideenwelt der Andern immer gleich erschrake!

Diese Meinung theil' ich nicht, sagte Reichmeyer. Hat man von einer andern Auffassung den Effect erkannt, so bin ich der unglucklichste Mensch, wenn ich bei meiner eignen, die vielleicht nuchterner ist, bleiben muss ...

Diese Empfindung, antwortete Siegbert, haben Sie nicht aus Italien, sondern aus Paris mitgebracht. Sie Glucklicher, Sie hatten die Mittel, auf Reisen zu gehen und wahlen Paris fur Rom und Florenz! Was haben Sie bei Vernet und Delaroche gelernt? Vortreffliche Farbenzusammenstellungen, rasche Pinselfuhrung, aber auch eine knechtische Verehrung vor dem Gotzen Effect, den Ihnen unser guter treuer Eckart der Kunst, Professor Berg, nicht wieder austreiben kann. Ihr seid die wahren Eklektiker der Kunst! Ihr malt die Heiligen, die Griechen, die Fischerknaben, die Betteljungen, die Grenadiere, Alles durcheinander, wenn sie einen brillanten Moment abwerfen, wie Schauspieler, denen jede Rolle, jeder Geschmack recht ist, wenn sie nur Gelegenheit finden, sich darin als Virtuosen zu zeigen.

Die Deutschen malen langweilig, sagte Reichmeyer kurzweg. Jeder denkt, wenn er sich selbst gegeben hat, war' er ein Poet mit dem Pinsel. Das ist eine alte Sage, die von unsern Akademieen und den bezahlten Professoren noch aufrecht erhalten wird. Aber die Geldbeutel der Kaufer glauben nicht mehr daran. Sehen Sie nur zu, lieber Wildungen, was geschehen wurde, wenn man von unsern koniglichen Frescomalern ihre Nibelungensuiten, nach der Elle gemessen, auf den Markt brachte; wer wurde viel dafur geben, auch wenn er die Wande hatte, diese schongezeichneten bunten Tapeten passend aufzukleben!

Drum Dank dem Himmel, antwortete Siegbert, dass noch Moglichkeiten sind, die Kunst von der Liebhaberei des Privatgeschmackes frei zu halten! Sagen Sie nicht, ein Furst, der auf grosse Bauten viel verausgaben kann, folge in ihrer Ausschmuckung doch auch nur den Eingebungen seines Privatgeschmackes! Nein! Wir mogen uber Geschmacksrichtungen streiten, soviel wir wollen, eine Kirche bringt ihren eigenen Geschmack mit sich, ein Konigspalast gleichfalls, eine offene grosse Halle gleichfalls. Jede Anknupfung der Kunst an grosse Institutionen veredelt das verstekkte Geluste der Privatliebhaberei und konnten wir es dahin bringen, dass alle Anknupfungen der Kunste noch, wie in alten Zeiten, grossartige, allgemeine, vom ganzen Staatsleben unterstutzte waren, so wurden wir aller Willkur der Kritik, aller Anarchie der Production uberhoben sein und Das malen, dichten, meisseln, componiren, was die Zeit wirklich will und was sich fur das Allgemeine und die Wurde der Kunst schickt.

Ein wahres Wort! mischte sich jetzt wieder Leidenfrost beistimmend ein. Ja! Wildungen, Sie sind auch so ein Nicodemus, der nur manchmal bei Nacht in den Hof der Wahrheit kommt! Sie wissen das Bessere und handeln nicht immer darnach, von Heinrichson und seinem alten mythologischen Schwane-Kram und Reichmeyer's Melodramen-Malerei ganz zu schweigen! Ich habe Sie gestern mit Champagner gelabt, ich darf Ihnen heute Wermuth reichen. Wenn Ihr wahr sein wollt, gibt es eigentlich keine ideale Malerei mehr, es gibt nur noch Landschaften, Jagdstucke, Portraits und auch die sind schon verdrangt durch die Lichtbildnerei. Die wahre Bestimmung der neuern Malerei ist Zimmerschmuck, und in allen andern Bestimmungen erblick' ich nur Krucken, auf denen sie nothdurftig so dahinhumpelt! Kirchengemalde! Wer baut denn Kirchen aus Kirchendrang? Sind denn Kirchen nothig? Schmelzen nicht alle Gemeinden der positiven Staatskirche so zusammen, dass sie in einem massigen Saale Platz hatten? Und die Dissidenten, die Sektirer, die eigentlich Frommen wollen keine Bilder. Um die paar Kirchen, die der Gustav Adolf-Verein bauen lasst, wird man doch nicht sagen, dass noch das Kirchenbauen an der Zeit ist! Cornelius mit seinem ganzen jungsten Gericht ist eine alte Reliquie von Anno Schwartenleder. Da sind wol mehr Gedanken sichtbar als bei Rubens mit seinen dicken zu Gnaden angenommenen Blondinen und den alten wasserbauchigen Sundern, die von den Teufeln gepiesackt werden; ja, Cornelius hat Kohlrauschen's deutsche Geschichte gelesen und weiss, wer Segestes war und Rubens hat nicht den Kohlrausch gelesen ... aber die ganze Geschichte mit den jungsten Gerichten und den Posaunenengeln und den Zornschalen ist alte Schweinsschwarte. Die Narrenspossen! Und nun Gott Vater, Gott Sohn, Gott der heilige Geist und solches bunte Farben-Gepinsel mehr! Sind denn Ruhmeshallen an der Zeit? Was ist denn Ruhm? Ein Konig setzt sich zu Gericht und sagt, was Ruhm ist! Ich will ein Volk sehen, das seine Kranze durch millionenfache Acclamation austheilt und was erleb' ich, Den, den ein paar Tausend bewundern, wollen ein anderes paar Tausend mit Koth bewerfen! Ehe nicht unsre ganze Gesellschaft geandert ist, ehe nicht die Herrschaft des Volkes entschieden hat, was heutzutage noch die Schultern des Menschen tragen, seine Hirnfasern glauben konnen, ist alle Kunstpflege Spittalsuppe. Der thut fromm und mischt seine Farben statt in Ol in Thranenwasser der Andacht, wie Sanct Fiesole; der malt lange Hunen und ausgereckte Recken, die Cuvier zu Mammuthszusammensetzungen hatte benutzen konnen, zu praadamitischen Zeuglodons; der liebaugelt mit dem allgemeinen Begriff des Schonen und lockt sich ein Situationchen aus einem Gedichtchen oder einem Marleinchen hervor und das Gequangel und Gepimpel wird noch dazu von einem ebenso confusen Geschmacke bezahlt, beliebaugelt ... und doch jammern die Herren, dass diese Sachen nicht das Evangelium sind und die Menschheit ummodeln konnen! Mit den Dichtern und Componisten ist es fast ebenso! Alle leiden daran, dass unsere Zeit erst zu einer neuen Herrschaft grosser Thatsachen im Durchbruch liegt, Alle klammern sich an Vergangenes und machen sich eine kunstliche Bildung, weil fur eine naturliche und zeitgemasse die Anknupfungen fehlen. Oft denk' ich: Kame nur einmal ein rechtes Wetter und ubergosse Alles mit Hagel wie Quadersteine so gross, was jetzt prangt und sich brustet! Auch die Kalmucken nahm' ich zu dem Ende mit Vergnugen an, wenn sie nur Alles kurz und klein hackten wie die Turken in Alexandria, die nichts leben liessen als den Koran.

Unser ganzes Zeitalter ist ja ein solches buchmassiges und schriftgelehrtes, wie es das alexandrinische war ...

Heinrichson war uber diese Humoreske sehr unwillig. Er nannte sie geradezu eine outrirte Barbarei und warf Leidenfrost vor, dass er sich in auffallenden Behauptungen gefalle, die an burschikose Renommisterei grenzten..

Sie wissen nicht recht, Leidenfrost, sagte er mit sei

nem feinen, spitzen Tone, welcher Stimme Ihres Innern Sie folgen sollen! Bei uns Malern sprechen Sie wie ein Maschinenbauer und wenn Sie hinausgehen in die grosse Willing'sche Maschinenfabrik und dort Modelle zeichnen, so werden Sie da gewiss wieder von schonen, idealischen Formen reden und hoffentlich die Lokomotiven mit hasslichen Tintenfassern vergleichen, ja nicht einmal mit diesen, sondern mit plumpen, chemischen Zundfeuerzeugen oder Apothekerbuchsen fur Pferdecuren. Ich wette, dass Sie eben im Begriff sind, einen neuen Hebebaum zu erfinden und wenn er gut ist, wird der Konigshasser die Demuthigung erleben, dass man ihn beim Kolner Dom in Anwendung bringt.

Aha! rief Leidenfrost und pfiff die Marseillaise.

Die Politik, sagte Siegbert zur Vermittlung, die Po

litik, lieber Heinrichson, spielt doch auch sehr in diese Fragen hinein! Sie sind conservativ und haben Ursache dazu. Ein Maler, dem man zu Gefallen echte islandische Schwane vom Konig ankaufen lasst, wurde undankbar genannt werden mussen, wollt' er demokratische Auffassungen theilen. Diese Gene macht ja leider uns Alle so zahm und verpflichtet uns. Dennoch gibt es Demokraten unter uns. Auch Reichmeyer ist Demokrat, solange die Demokratie sich nicht auf communistischen Gelusten ertappen lasst. Leidenfrost schuttet aber das Kind mit dem Bade aus und ist in seinen Irrthumern um so gefahrlicher, als er selbst die Geheimnisse unsrer Kunst kennt und in Weihemomenten noch Glauben genug an sie besitzt, sie in seinem Sinne zu uben. Warum wollen wir in der hereinbrechenden Barbarei des Materialismus die Flucht ergreifen? Warum die Fahne Rafael's und Durer's im Stich lassen und zu den Fabrikarbeitern und Nutzlichkeitslehrern ubergehen! Auch ich fuhle fur die praktischen Bedurfnisse des Volkes und die Nothwendigkeit, Alles zu bekampfen, was die Tyrannei des alten Systems aus der Kunst entlehnt, um sich zu schmukken und scheinbar als Blute der Humanitat darzustellen, aber ...

Nun, rief Leidenfrost, nun? Sie sagen da etwas Entsetzliches, Wildungen! Sie stocken schon! Die Tyrannei entlehnt aus der Kunst, um sich zu schmucken und sich scheinbar als Blute der Humanitat darzustellen.. schlagendes Wort! Bricht diese nichtswurdige Luge aber nicht der Kunst den Hals fur immer?

Nein, sagte Siegbert ruhig, sie beschamt nur die Tyrannei. Die Kunst selbst kann, darf nicht leiden unter ihrer falschen Anwendung. Der Sinn fur das Ideale darf nicht aussterben, die neidische Feindschaft gegen das Schone nicht gehegt und befordert werden. Sagen Sie selbst, Leidenfrost, in unserm neuen Freunde, dem liebenswurdigen Franzosen Louis Armand, liegt nicht bei all seiner Vortrefflichkeit und seiner warmen Empfindung fur die Leiden des Volkes etwas in ihm, was man einen mangelnden sechsten Sinn, den der Schonheit nennen konnte?

Funf Sinne brauchen wir nur! antwortete Leidenfrost trocken.

Reichmeyer fragte noch einmal nach dem Namen des Franzosen, den er eben erwahnt horte..

Louis Armand! wiederholte Siegbert.

Louis Armand aus Paris? Ich kenne einen Vergolder dieses Namens, der dicht an Delaroche's Atelier wohnte.

Heinrichson, dem das Gesprach zu politisch wurde und es darum auf Anderes lenken wollte, sagte:

Gewiss, derselbe, oder ein Agent seines Geschaftes, der sich hier niedergelassen hat. Man ruhmt die Proben seiner Gemalderahmen und hat Vieles bestellt ...

Er hatte in Paris ein bescheidenes, aber gesuchtes Geschaft, erganzte Reichmeyer. Das ganz Landhaus einer vornehmen Dame, der Grafin d'Azimont, sah ich ihn einmal mit Spiegeln auslegen, wo er vielen Beifall erntete. Ich habe einige enkaustische Sachen fur diese Einrichtung gemalt ...

Heinrichson verstand Reichmeyern und merkte die Absicht, dass er ihm behulflich sein wollte, den politischen Faden abzuschneiden, den er nicht verfolgen wollte, da er ein leidenschaftlicher Anhanger des Bestehenden war und nur mit Vornehmen umging.

Ein Handwerker, sagte er, der von Kunstlern lebt, sollte gegen die Kunste dankbarer sein. Ich finde es sehr komisch, Gemalderahmen zu machen, Spiegelpalaste zu zaubern und gegen Gemalde und den Luxus uberhaupt, wahrscheinlich als Sozialist, zu polemisiren. Apropos! Die Grafin d'Azimont..

Tragisch ist Das, bester Heinrichson, unterbrach Siegbert, der, wenn er einmal in Erregung war, von seiner Glut fur die richtige Uberzeugung nichts vergab und nun nicht dulden mochte, dass Heinrichson zu der ihm vollig gleichgultigen Grafin d'Azimont ablenkte. Tragisch find' ich Das, wiederholte er, wenn ein Mann, der in seiner Theorie etwas hasst, in der Praxis davon zu leben gezwungen ist. Erinnern Sie sich, Leidenfrost, wie erschuttert Armand war, als er zufallig auf jenen Spiegelpalast zu sprechen kam. Sagte er nicht, dass er dort den Prinzen Egon kennen gelernt hatte?

Nein, berichtete Leidenfrost, er hat ihn dort nur nach fruherer Bekanntschaft in Lyon wiedergefunden.

Wohl! fuhr Siegbert fort. Aber darin mussen Sie mir Recht geben, dass unserm Armand doch ein gewisser hoherer Sinn fehlt fur das Schone, das Traumerische und Ideale in unserm Sinne. Ich gebe zu, dass man im Schweisse seines Angesichts, vom untersten Schmuze der Arbeit niedergezogen, nicht im Stande ist, sich zu einer reinen und heiteren Auffassung auch der Dinge aufzuschwingen, die zunachst keinen handgreiflichen Nutzen tragen. Aber aus dem Nichtvermogen entstand hier auch das Nichtwollen. Sie verwerfen die Kunst als Ausgeburt des Luxus diese Communisten! Und kann man im Grunde den Ursprung der meisten Kunstwerke in etwas Anderem, als in der Leidenschaft fur den Luxus finden? Solange noch dem Uberflussigen die jammervolle Nichtbefriedigung des Nothwendigen gegenuber existirt, solange ist auch die Kunst zur Gesellschaft schief gestellt. Wer die Kunst selbst anfeindet, weil sie uberhaupt da ist, ist ein Barbar. Wer aber begehrt, dass die Kunst aus andern Beweggrunden da sein solle, als nur in Folge der ungleichen und grausamen Eintheilung der Gesellschaft, dem muss ich Recht geben und halte ihn fur einen um so grosseren Menschenfreund, je mehr er die Kunst selber liebt. Jetzt sind wir die Sklaven der Reichen! Jetzt liegt an jedem Pinselstriche, den wir uber die Leinwand ziehen, der Fluch des Elends der Gesellschaft! Wer sich damit trostet, sich zu den Vornehmen, zu den Beguterten zu halten und in der Bezeichnung eines Reactionars fur sich etwas Ehrenvolles findet, der mag malen, dichten, componiren und von der Gunst der Grossen Tausende verlangen, um seine Schopfungen beim hellsten Lichte in's Leben treten zu sehen. Ich kann nicht zu diesen Glucklichen gehoren. Ich mochte, dass die Kunst etwas Nothwendiges ware und der Staat selbst, der durch die Volkssouveranetat frei gewordene Staat, sie mit in seine Sphare aufnahme. Welch ein Gefuhl, zu schaffen fur eine Nation! Welche Wonne, mit seinem Talent einem grossen, schonen Ganzen zu dienen! Nicht Aufdringling mehr, nicht geduldeter Sklave der Reichen, beschutzter Schwachling, den die Tyrannen in ihre Obhut nehmen mussen; nein, ein Priester des Volkes, berufen und geweiht vom Genius des Vaterlandes! Welche Bilder, welche Gedichte, welche Gesange sollten dann entstehen! Wie wurde die schwache Kraft des Einzelnen wachsen und mit Adlerschwingen emporfliegen! Wie wurde Feindschaft, Isolirung, Geschmacksanarchie weichen und Alles zu Gesammtschopfungen sich vereinigen, da hinfort nicht mehr aus uns die Willkur, sondern die Idee selbst herausbricht und in duftende, bunte Bluten schiesst! Jetzt leben wir versteckt, fast, wie Lessing's Maler sagt, vom Diebstahl der Natur; dann wurden wir geborne Krosusse sein und die Natur zu bereichern scheinen!

Heinrichson schickte sich nach diesen Worten an, zum Zeichen des Aufbruchs seine Pinsel zu reinigen,.. eine lastige Arbeit, mit der die Maler, wenn sie in Ol arbeiteten, ihr vormittagiges Tagewerk beschlossen. Des Nachmittags kamen Wenige in das Atelier, so anziehend auch die Kuhle des Raumes war ...

Reichmeyer aber lobte diesmal zu Heinrichson's Arger Das, was Siegbert gesagt hatte. Nur bedauerte er, dass man selbst in Frankreich, wo doch das nationale Leben am unmittelbarsten in jedem Einzelnen sich wiederfande, es nicht dahin hatte bringen konnen, die von der Regierung selbst beschafften kunstlerischen Bestellungen ohne Neid von den Kunstlern, die leer ausgingen, betrachtet zu sehen. Indessen fugte er hinzu, ist es doch immer erhebend zu beobachten, wie die gewohnlichsten Bauern und Handwerker durch das Museum von Versailles wandern und sich die Heldenthaten der franzosischen Nation von Chlodwig bis zu den Feldzugen in Algier betrachten. Auch die Theater und sogar die Literatur sind in Paris weit mehr Volkssache als bei uns, und Niemand murrt daruber.

Und doch noch Alles zu sehr Spekulation, sagte Siegbert, zu sehr Willkur des Einzelnen!

Mein Freund Wildungen, nahm Leidenfrost in seiner ruhigen kaustischen Weise die Erorterung auf, mein Freund Wildungen will Griechenland wiederherstellen und weiss nicht, was er da erst Alles abschaffen musste. Ich will von unsern zwanzig Grad Reaumur im Winter nicht sprechen. Man hat bei uns die Kirchen gebaut, ohne Rucksicht auf das Klima, rein aus Nachahmung der warmen Gegenden, die die Wiege des Christenthums waren! Aber dies Christenthum selbst ist seinen Planen im Wege. Gerade dieser Religion verdanken wir die ganzliche Unmoglichkeit, die schonen Kunste irgendwie anders in den Staatszweck einzufuhren, als wir sie jetzt haben. Schafft uns erst die Verachtung der Welt, die monchische Isolirung, den Miskredit des absolut Schonen, die Zweideutigkeit alles Formenreizes ab, und hernach wollen wir mit der Menschheit sprechen! Das macht sich aber nicht. Apollo steht auf dieser Wolkenschicht und Christus auf der andern. Die Menschen fallen nicht dort, sondern hier nieder, nicht vor dem schonen griechischen Gotte mit den menschlich vollendeten Gliedern, sondern vor dem ernsten, strengen verhullten Lehrer der Entsagung! Die Tugend und Enthaltsamkeit ist den Menschen so ehrwurdig, dass sie aus Einem, der sie bis zur hochsten Vollendung ubte, Gott selbst gemacht haben. Ehe nicht einmal ein Prophet kommt und die beiden Wolkenglorien verschmilzt, dem Apollo einen Heiligenschein, dem Christus eine Leyer in die Hand gibt, ehe nicht Apollo das Kreuz tragt und Christus wie einst die Ehebrecherin so auch die Musen, die vor ihm knieen mussten, frei spricht, eher wird sich auch in der Kunst und ihrer Stellung zum Leben nichts andern. Wildungen mochte gern olympische Kranze austheilen und zu einem theatralischen Schauspiele ganze Volker einladen wie zu einem alle Jahre einmal stattfindenden Moment des fliessenden Januariusblutes. Die Zeiten dieser Wunder sind voruber! Und wen es anekelt, mit seiner Malerei um die Gunst der Grossen und Reichen zu betteln, Kritiken zu lesen und nach Schultheorieen gefuchst zu werden, der verschonert die jungen Kunste und Gewerbe, die einmal im Charakter unserer Zeit liegen und malt, wenn es nicht anders geht, ... Pfeifenkopfe und Porzellanteller. Das schonste Bild, das ich malen konnte, macht mir nicht soviel Spass, als z.B. die Idee, dem Stallmeister Lasally einen idealen Pferdestall nebst daran stossender Reitschule zu bauen ....

Wenn es meinem Cousin gelingt, eine reiche Frau zu heirathen! fiel Reichmeyer lachend ein, mit einem spottenden Blicke auf Siegbert, der roth wurde, da durch Leidenfrost's outrirte Grillen das im Atelier beliebte Melanie-Thema wieder in Gang kam.

Heinrichson zog sich einen eleganten Frack an und rief:

Leidenfrost profanirt das Atelier! Er zeichnet hier Grundrisse zu Pferdestallen! Seine Phantasieen von Kalmucken und hereinbrechenden Baschkiren sind nun erklarlich. Wie konnen Kunstler so sich von der Unruhe des Tages erschuttern, ja wegreissen lassen! setzte er argerlich hinzu. Proletariat, Communisterei ... welche Worte in einem Atelier, das Sie selbst so schon, so poetisch in Ihrem gefeierten Bilde geschildert haben! Ist Das auch nichts, dass wir Kunstler und Genossen von Ihnen Alle verspottet wurden, dass Sie mich darstellten, wie ich in Fraulein Schlurck eine Sphinx sahe

Reichmeyer warf hinein:

Und ich ein Meerweib mit goldenen Schuppen am Leib

Beide Collegen wurden boshaft, worunter mehr Siegbert als Leidenfrost litt, der jedoch Siegberten durch eine Bemerkung beisprang, die er so obenhin einwarf.

Warum nicht eine Leda! sagte er. Heinrichson hatte dann nicht nothig gehabt, die Auguste Ludmer zu copiren.

Die Wirkung dieses Namens war auf die Maler eine komische. Man lachte und sah zu dem argerlich die Augen niederschlagenden Heinrichson hinuber ... Leidenfrost hatte ein zweideutiges Madchen genannt.

Wissen Sie, wo Auguste Ludmer jetzt wohnt? fuhr Leidenfrost boshaft fort. In der Brandgasse Nr. 9, Zimmer Nr. 17.

Sie sind malicios, sagte Heinrichson, und dennoch loben wir Sie! Solche Gesinnung ist also auch nichts? Kunstleraufopferung, Hingabe aller Eitelkeit, rein der Idee des Schonen wegen, ist Das auch nichts? Oder ist es eine Gesinnung, wurdig der bezahlten Sklaven, die den Reichen die Honneurs machen ... Ich prophezeie Ihnen

Vergessen Sie Ihre Rede nicht, Heinrichson, sagte Leidenfrost, da will Sie eben ein Abgesandter des versammelten Volkes von Athen sprechen! Freier Kunstler, wahrscheinlich sollen Sie fur den delphischen Apoll eine Skizze zu einem geschmackvolleren Dreifuss machen, damit Ihre Prophezeiung besser gedeiht..

Heinrichson wandte sich um.

Ernst, der Bediente der Frau von Harder, stand in glanzender Livree schon langer hinter ihm, hatte mit schlauem Lacheln die Spasse uber die verstossene Nichte der alten Ludmer gehort und richtete den Auftrag aus:

Frau Geheimrathin lassen Herrn Heinrichson ersuchen, heut Abend zum Thee zu kommen. Es wird grosse Gesellschaft sein.

Als Heinrichson bejahend und etwas errothend genickt und Ernst sich kurz und bundig entfernt hatte, rief Leidenfrost:

Tusch! Hurrah! Tatterata! Tusch!

Er blies dabei, als sollte ein ganzes Orchester sein Vivat unterstutzen ...

Bester Freund, setzte er zuletzt spottend hinzu, gilt die Einladung dem Maler oder Ihnen selbst, sozusagen als schonem Modell? Ist Das einfache Anerkennung oder Anerkennung der Anerkennung? Sollen Sie dieser alten Pythia an dem Theekessel der Begeisterung Liebe einflossen? O heiliger Apollo, ich schwore dir, auf diese Verirrung eines Collegen mach' ich keine Satire, denn statt einer Sphinx ware ich da versucht, eine alte Nachteule aus dem Geschlechte der grossen Neuntodter zu malen.

Heinrichson biss sich auf die Lippen. Ausserlich aber nahm er den Spott nicht ubel, sondern antwortete in der ihm eignen feinen und gewandten Art:

Damit wurden Sie die ganze Wahrheit treffen, bester Freund; denn die Eule ist der Vogel der Minerva. Ich lerne Weisheit bei jener Frau. Man sieht Ihnen an, dass Sie nicht zu ihren Protege's gehoren ...

Reichmeyer wandte sich und bemerkte verstimmt:

Gesellschaft bei Harder's? Schade!

Wie so? fragte Heinrichson.

Ich komme da in Verlegenheit ...

Ruhe! Stille! rief Leidenfrost spottend. Apelles und Polygnot schutten ihre Verlegenheiten aus ... Aspasia hatte wol auch Beide zum Thee laden konnen!

Leidenfrost, schweigen Sie! sagte Heinrichson zornig. Was ist? wandte er sich leise zu Reichmeyer.

Ich wollte den Abend zur Geheimrathin, sagte Reichmeyer, da mir die Grafin d'Azimont, der ich heute freilich schon sehr fruh um elf meine Aufwartung machen wollte, um sie als Pariser Gonnerin zu begrussen, sagen liess, sie ware unfahig mich anzunehmen und ersuche mich, wenn ich sie sehen wollte, heute Abend zur Harder zu kommen, falls ich dort eingefuhrt ware. Sie wurde sich dort einige Augenblicke zeigen.

Zweiter Tusch! rief Leidenfrost. Vornehme Verachtung! Sie wurde sich da einige Augenblicke zeigen! Fur Geld sehen lassen! Vielleicht lasst sie beim Voruberschlupfen eine gnadige Bestellung fallen, die Spiegelprinzessin!

Siegbert lachelte still fur sich uber diesen ungeschlachten Gesellen und arbeitete.

Sie irren, sagte Reichmeyer zu Leidenfrost gereizt. Die Grafin weiss sehr wohl, dass ich den Grund ihrer Zuruckgezogenheit verstehe. Sie hat ein Verhaltniss mit dem Prinzen Egon von Hohenberg, der in Paris mit ihr gebrochen hat. Sie ist ihm nachgereist, hat ihn sehr krank gefunden und ist davon wahrscheinlich so erschuttert, dass sie sich vor Niemandem sehen lasst, ausser, wo sie muss ...

Ausser auf der grossen Parade heute bei Heinrichson's Minerva erganzte Leidenfrost. Haltet Euch an sie, Jungen! Sie braucht eine offentliche Demonstration ihres Schmerzes. Wie war's mit einer weinenden Heiligen aus dem Kalender? Oder mit Miniaturen zu einem Gebetbuche, das ihre Augen benetzen werden? Hundert Louisdors fur eine Magdalena, die zur Abwechselung einmal im gelben Duft interessante Thranen weint!

Heinrichson, ohne auf diese impertinenten Zwischenreden weiter zu achten, sagte zu Reichmeyer, er sollte ganz einfach zur Harder kommen, er wurde ihr so willkommen sein wie immer und ihm gewiss den Gefallen thun, auch ihn mit der so vielgeruhmten jungen Halbfranzosin bekannt zu machen ...

Siegbert hatte bei seinem Schweigen besonders da mit stillem Sinnen an Melanie gedacht, als die Rede auf Leidenfrost's Bild kam. Die Erwahnung aber, dass der Prinz Egon krank ware, machte ihn aufmerksamer. Er gedachte der naheren Veranlassung seines Verhaltnisses zu Louis Armand, den er in kurzer Zeit schatzen gelernt hatte..

Reichmeyer hatte sich gleichfalls zum Gehen gerustet:

es schlug schon lange ein Uhr ... Professor Berg kam von seinem abgeschlossenen Fenster her, um zu Tisch zu gehen ... Der lange freundliche Mann mit grauem gelocktem Haare, entblosstem Halse und altdeutschem Hausrocke sprach mit den Malern einige wohlwollende aber gleichgultige Worte, sah auch nicht nach ihren Staffeleien. Er that Dies nur bei den Schulern, die am Eingangsfenster arbeiteten, dort hielt er sich einige Augenblicke auf und stieg, mit dem Taschentuche sich die heisse Stirn trocknend, die Stiege hinauf, die zu dem Altan fuhrte ...

Auch die Schuler gingen.

Heinrichson aber trat zu Leidenfrost heran und sagte:

Was hat nun wol der cynische Spotter gemacht, wahrend andere Menschen ihrem Berufe leben und die Schranken der uberlieferten Ordnung in Ehren halten?

Auch Reichmeyer naherte sich.

Doch vortrefflich! rief Heinrichson mit wahrer und aufrichtiger Begeisterung und Reichmeyer, der kalter und kritischer, auch nicht frei von Neid war, musste gleichfalls mit einstimmen und fragen:

Das haben Sie in der einen Stunde gemacht?

Als nun auch Siegbert hinzutrat, wollte Leidenfrost seine Skizze mit dem Bret, auf dem sie ausgespannt war, rasch wegziehen, aber die Andern duldeten es nicht.

Leidenfrost! sagte Heinrichson; quand meme! Das mussen Sie ausfuhren! Ohne Kreide, ohne Bleistift haben Sie diese Idee so mit dem Tuschpinsel frei hingeworfen und wie gelungen ist sie! Wie viel versprechend fur ein grosses Gemalde! Erschutternd! Wahr! Und durchaus neu!

Ihr lobt mich nur, sagte Leidenfrost, um mich wieder in Eure Kunstspitaler zuruckzukuppeln! Ihr denkt, wenn man mich recht streichelt wegen meiner Tapferkeit, so bleib' ich bei der Bande! Ihr Rauber Ihr!

Er wusch sich bei dieser Gelegenheit die rauhen Hande und nothdurftig das verschrumpfte zwetschenartig getrocknete Gesicht und rustete sich zu gehen.

Siegbert, der heute bis zwei Uhr arbeiten wollte, betrachtete die Skizze, unter der Leidenfrost mit dem Pinsel geschrieben hatte: Die Ganzen und die Halben.

Es war gleichfalls der Besuch des Nicodemus; aber in Leidenfrost'scher Auffassung. Der Entwurf bestand aus drei Gruppen. In der Mitte stiegen von einem Berge Weiber, Manner, Kinder in frommer demuthiger Haltung nieder, aber vertrauensvoll zum Himmel blickend, Palmen schwingend und mit Eifer sich Pergamente zeigend, auf denen sie nachzulesen schienen, was sie soeben uber die alten Verheissungen gehort hatten. Sie kommen von Christus, den man nicht sieht, den man aber gerade Da ahnt, wo die volle Glut der Abendsonne wie eine aufgesprungene Pforte des Himmels erseheint. Auf der ganzen Gegend sollte wol Dammerung, im Vordergrunde schon Nacht sein; die von Christus Heimkehrenden sind wahrscheinlich hinterwarts mit der Glut der untergehenden Sonne beleuchtet ...

In der zweiten Gruppe ganz in dem rechten Winkel des Papiers stehen die Pharisaer. Meist nur die Kopfe sind sichtbar. Sie warten auf die Ankunft der Christusanhanger. Echte Zeloten, boshaft und intolerant. Einige ausgestreckte Arme drohen mit Stricken und Steinen. Die offenen Bekenner der Jesuslehre werden so empfangen werden. Muthvoll und glaubig gehen sie ihrem Schicksale entgegen ...

Der dritte Punkt, der unsre Aufmerksamkeit fast als das Hauptsachlichste des ganzen Bildes in Anspruch nimmt, ist Nicodemus ganz allein. Dadurch, dass er in der Tracht, besonders am Haupte, wie die intoleranten Pharisaer erscheint, erkennen wir sogleich, dass er auch zu den Schriftgelehrten gehort. Die Ruinen eines alten Tempels verbergen ihn. Durch die zerbrochenen Saulen schimmert in der kunftigen Ausfuhrung die Glut der Abendsonne. Ihn selbst umfangt schon Nacht. Mit gesenktem Haupte, fast Thranen im Blick, die rechte Hand an's Herz legend, die linke eine Gesetzesrolle haltend, schreitet er dahin in der Nacht, von woher die Armen und Todesmuthigen schon am Tage kamen. Weder die Pharisaer, noch die Glaubigen konnten ihn sehen, aber sein Emporsteigen lasst keinen Zweifel, dass er dahin will, von wo die scheidenden Sonnenstrahlen kommen..

Siegbert stand sinnend vor der fluchtigen nur andeutenden, aber doch selbst im moglichen Farbeneffect schon erkennbaren Skizze.

Lassen Sie sich nicht irre machen, Wildungen, sagte Leidenfrost jetzt ruhig und fast weich und seinen schlichten grauleinenen Gehrock uberwerfend, es ist zwar Glaube in dem Bilde, aber doch nicht der rechte, weil kein rechter Christus. Die untergehende Sonne kann allenfalls auch die Feuerreligion bedeuten, den Spinozismus oder die Hegelei. Bleiben Sie bei Ihrem Heiland und wie Sie ihn fassten. Den wollen die Menschen naturlich, den wollen sie leibhaftig sehen, seine Nagelmale fassen, die Hand in seine Wunden legen, sonst glauben sie nicht und sonst wirkt es auch nicht.

Sie sagen da das Einzige, erwiderte Siegbert, was ich an dem Entwurfe ausstellen mochte, die fehlende Person Dessen, der die Wahrheit lehrt, mag es nun Christus sein oder Sokrates. Und doch vielleicht ist auch dies geheimnissvolle Ahnen schon! Ich finde das Ganze gut und bedeutend. Welch' ein Ausdruck lasst sich da dem frommen, freudig ruckkehrenden Pilgerzuge geben! Welche Wuth und Blutgier den Pharisaerkopfen, von denen Sie nur die Kopfe, die Hande, die Stricke und die Steine sehen lassen!

Und hier Nicodemus aufsteigend hinter den Ruinen, bedeckt mit dunklem breitblattrigem Feigenlaub. Die Fusse sieht man nicht ... Fast Kniestuck. Man hort ihn schleichen. Und welcher Schmerz im Antlitz! Welche Beklemmung und welche Sehnsucht nach Wahrheit! Ich liess' ihn im Gehen das Alte Testament lesen und sich vorbereiten, ob er den rechten, verheissenen Messias finden wurde. Man ist versohnt mit ihm, man zurnt ihm nicht, man ahnt, dass er einst anstatt zu den Halben, zu den Ganzen gehoren wird und sich einst seines Glaubens wegen steinigen lasst!

Halten Sie inne! rief Leidenfrost. Von Alledem steht noch nichts in der Pinselei! Bleiben Sie bei Ihrer Auffassung!

Besonders wenn Sie, sagte Reichmeyer, um mit einem Witze seinen Abgang effectvoller zu machen, ausser den glaubigen Mohrenknaben und den Bedienten auch das Kameel hinten recht fromm und bekehrt darstellen.

Damit ging Reichmeyer, gefolgt von Heinrichson, der schon gelbe Glaceehandschuhe angezogen hatte ...

Erbarmliche Effecthascher! rief ihnen Leidenfrost mit verbissenem Grimme nach. Was mag Reichmeyer da wieder outrirt haben?

Damit deckte er dessen Staffelei auf. Es war noch immer das Portrait seiner Verwandten, der Frau von Reichmeyer, das er in den Spitzen, der Gewandung, den Blumen und dem Sammetuberzug des Sessels, auf dem sie sass, zierlich ubermalte.

Leider sehr gut gemacht, sagte er. Es ist argerlich, dass man ihm nicht Eins versetzen kann.

Wozu? fiel Siegbert ein. Sein Spott ist lehrreich. Will ich mein Bildchen im Charakter des Gethsemane halten, so muss allerdings das Kameel auch fromm sein. Ich werde es ganz andachtig hinstellen.

Sie sind ein guter Mensch, Wildungen! sagte Leidenfrost und reichte ihm die Hand. Zu gut! Zu gut! Sehen wir uns heute? Meine Maschinenarbeiter, besonders Alberti, Heusruck, Danebrand qualen mich, den Franzosen kennen zu lernen. Die armen Jungen sind von unsern Demokraten zu lappisch an der Nase herumgefuhrt worden. Sie dursten nach Vernunft, Wahrheit und Uneigennutzigkeit.

Seien Sie in dieser Angelegenheit nur behutsam, bester Freund, antwortete Siegbert. Ich wunsche um Alles nicht, dass man uns misversteht. Ehe ich mich mit meinem Bruder nicht ganz verstandigt habe, gehe ich auf diesem Wege nicht weiter. Heute hoff ich ihn mir in dieser Angelegenheit etwas naher zu bringen und auch Armand mit ihm bekannt zu machen. Wo sind Sie denn Abends?

Sind wir nicht zusammen, sagte Leidenfrost, so schlag' ich in meinem Gedachtnisse nach, ob ich nicht Jemanden seit langerer Zeit vernachlassigt habe.

Da wunsch' ich, dass Sie ein Madchen finden mogen, fiel Siegbert lachelnd ein.

Ich mochte Sie wol einmal, sagte Leidenfrost kopfschuttelnd, mit einer Arbeiterfamilie bekannt machen, in die ich durch Willing'sche Maschinenbauer eingefuhrt wurde. Sie wurden staunen uber eine weibliche heroische Natur, die an der Spitze dieses ganzen kleinen Gewuhls von Kummer und kleiner Freude, von Greisen und lallenden Kindern steht. Waren Sie noch nie in den alten von der Stadt verwalteten CommunalFamilienhausern?

Niemals ...

In der Brandgasse ... in dem Hause, wo die Auguste Ludmer Nr. 17 wohnt ...

Wie kam' ich dahin ... die schone Auguste! Die so tief gesunken ist!

Heinrichson's Verdienst!

Lassen Sie Das! Was geht Das uns an?

Louise Eisold ist der Name des Madchens, das ich meine ...

Und das Sie lieben.. in einem solchen Hause?

Lieben! Nein, Wildungen! Ich meine, Sie kommen doch auch noch dahin, sich fur die Frauen zu interessiren, ohne gleich Ihr Herz in Brand zu stecken..

Tandeln Sie mit dem armen Madchen? Das ware noch schlimmer!

Louise Eisold? Nein! Nein! sagte Leidenfrost fortgehend und sich Cigarren aus seinem Portefeuille hervorsuchend. Ich lasse sie in ihrem Element und beobachte nur, wie sich Das doch auch regt, doch auch bewegt, wie Das platschert, zappelt und nach Luft schnappt, gerade wie vielleicht die schone Grafin d'Azimont! Sie werden doch bei der Werdeck, die ich Ihnen zu malen uberliess, nicht sogleich auch an Liebe denken?

Ich bitte Sie, Leidenfrost..

Es ist eine schone unternehmende Frau ... eine Polin! Wenn Sie wussten, sagte Siegbert fast errothend, wie verachtlich mir die Manner sind, die bei jedem weiblichen Wesen sogleich an eine Eroberung denken! Im Gegentheil weckt die Bekanntschaft dieser Frau mir die dringendste Neugier, gerade ihrem Manne naher zu kommen. Sie verachtet unsere politischen Zustande und hasst sie in einem Grade, dass ich nicht begreife, wie ein Offizier in ihrer Nahe sich behaupten kann ohne ein Heuchler oder Tyrann zu sein, was Major von Werdeck doch wol nicht zu sein scheint ... Woher kennen Sie diese Werdecks?

In Werdeck's Innerm, sagte Leidenfrost ausweichend und fast geheimnissvoll zur Erde blickend, gahrt es wie in dem Herzen vieler Edlen, die in Verzweiflung gerathen, ihre bessere Uberzeugung mit den Anforderungen ihrer Stellung in Einklang zu bringen. Schliessen Sie sich dem Manne an, Wildungen!

Seine scharfen Zuge wirken fast abstossend auf mich ... Jede bedeutende Capacitat, die handeln will, muss etwas vom Mephistopheles haben. Wir sind Alle etwas borstig und widerhaarig, die wir eine Meinung behaupten. Ich weiss wohl, wie unangenehm ich durch meine Uberzeugungen wirke. Lieben kann man uns nicht. Aber Major von Werdeck wird noch einst in der Geschichte Epoche machen, wenn er namlich auch von den Halben zu den Ganzen ubergeht!.. Adieu, Freund! Vergessen Sie nicht Ihren Bruder zu sondiren!

Damit hatte sich Leidenfrost eine der Cigarren angezundet, seinen grauen Filzhut uber den Kopf gestulpt und in ruhigem Schlendergange das Atelier verlassen ...

Die Worte: Wenn er von den Halben zu den Ganzen ubergeht! hallten in dem inzwischen leer gewordenen Atelier so nach, dass Siegbert vor ihrem Widerklange fast erschrak. Es lag in Leidenfrost's Betonung etwas, das ihn selber traf und doch verdross ihn der Schein des Geheimnisses, der plotzlich die ihm so liebgewordene Gestalt des talentvollen, mit sich und der Welt fast zerfallenen jungen Kunstlers umschleierte. Zum ersten male sprach in ihm eine Stimme: Folge diesen dunklen Wegen nicht ohne Vorsicht! und dennoch stand er sinnend vor der Skizze, die Leidenfrost vom Nicodemus entworfen hatte. Das schleichende, angstliche Aufsteigen des seines Irrthums sich bewussten Pharisaers zum Tempel der Wahrheit erschutterte ihn tief ... Er sah die ganze Zeit wieder, die ganze Schwere, die auf den Gemuthern lastet, den Widerspruch zwischen der bessern Uberzeugung und der irdischen Rucksicht bei Hunderttausenden ... Nicodemus! seufzte er.

Es wahrte lange, bis er zu seiner eigenen Staffelei zuruckkehrte.

Elftes Capitel

Zwei Besuche

Siegbert war im Atelier allein, er wollte lange arbeiten und gegen drei Uhr zu Gruns gehen, wo er den Bruder zu finden gewiss zu sein glaubte.

Das behagliche Gefuhl, mit dem er den Augenblikken des traulichen Beisammenseins entgegen harrte, war ein wenig gestort worden. Das Gesprach war zu aufregend, zu beunruhigend fur sein innerstes Gefuhl gewesen. Er hatte einen so edlen, sittlichen Takt in allen Dingen ... Man hatte wieder von Melanie gesprochen und wusste doch, dass er sie liebte. Man hatte mit der Einladung zu der vornehmen Frau von Harder so laut geprahlt. Ja selbst dass Leidenfrost, der ihm seit kurzem erst sympathischer wurde, seine eigne Kunst so blindlings verwarf und dabei so streng, ja vielleicht eitel sein konnte, ihm vor den Augen einen Stoff, den er eben behandelte, anders zu gestalten, als er ihn sich gedacht hatte, das Alles war doch fur sein weiches, offnes Herz eine nagende Pein ...

Als er Leidenfrost's Skizze betrachtete und ihre Schonheit wiederholt anerkennen musste, ging er noch weiter und hatte sich gesagt:

Wie, wenn der strenge Freund dich nur erziehen, zum Tieferen und Anschauungsreicheren zwingen wollte? Machst du dir dein Schaffen nicht zu leicht? Denkst du genug uber Das, was zu existiren wurdig ist, nach und stehst du ganz auf der titanischen Hohe der Bildung, mit der man jetzt die grossen Meister schaffen sieht?

Tiefe Bekummerniss, ja Muthlosigkeit hatte ihn uberfallen, als er dieser Gedankenreihe weiter nachdachte. Es war ihm vorgekommen, als hatte er alle Theile der Kunst in seiner Hand und zu den mechanischen Fertigkeiten fehlte ihm doch noch das geistige, sie zusammenhaltende Band. In tiefster Verstimmung hatte er auf seine Skizze zuruckgeblickt und siehe da!.. plotzlich wusste er nicht, wie sie ihn doch wieder so ermuthigend, so neubelebend ansprach ... Es war der Geist der Ruhe, der in ihr waltete, eine Ruhe, die in Leidenfrost's Andeutungen fehlte. Jene regten auf, seine Zeichnung fullte ihn mit lindem Trost, erquickte ihn! Die Gestalt des Heilands, die dort fehlte, ubte gerade hier den Zauber der Erhebung und der wunderbarsten Starkung. Auf's neue tauchte er den Pinsel in die zarten Aquarellfarben und begann mit jener eigenen gebundenen Warme, aus der allein der Kunstler und Dichter Andre Erwarmendes schaffen kann, sein bescheidenes, einfaches und sinniges Werk weiter fortzufuhren.

So in Gedanken, so in stilles, heiliges Schaffen war er verloren, dass er kaum aufsehen mochte, als er Jemanden an die Thur klopfen, dann eintreten horte. Mit zaghaften, knarrenden Tritten nahte sich ein Besuch. Es war jener Franzose, den wir im Vorzimmer des Prinzen Egon gesehen hatten, Louis Armand, der Kunsttischler und Vergolder.

Siegbert erschrak uber Armand's verstorte Miene.

Es war die ihm schon gewohnte und liebgewordene Erscheinung; aber auffallend war ihm schon die aussere elegante Kleidung. Der schwarze Anzug liess die blassen Mienen des scharfgeschnittenen Antlitzes nur noch mehr hervortreten und stand in einem sonderbaren Widerspruche zu dem lose um den Hals geschlungenen, fast vernachlassigten Tuche, dessen aufgezogene Zipfel uber die Brust herabfielen, ohne dass es Armand zu bemerken schien. Tiefer Ernst lag auf seiner Stirn, Schreck in seinen verstorten, dunkeln Augen ...

In Hast und Angstlichkeit, mit der Absicht, sich keine Minute zu lang aufzuhalten, trat Armand auf die Staffeleien zu.

O c'est heureux! sagte er und fuhr dann in langsamer Betonung, aber in gutem gewandtem, sonderbarerweise etwas polnisch accentuirtem Deutsch fort:

Ich furchtete, Sie nicht mehr zu treffen, Herr Wildungen!

Mein bester Armand! sagte Siegbert sich umwendend. Was bringen Sie.. Sie scheinen erregt .... Was ist Ihnen?

Ich bin sehr unglucklich..

In der That! Wie sehen Sie aus! Setzen Sie sich, lieber Armand! Reden Sie!

Wie ich gestern Sie verliess, erzahlte Armand, fand ich den Prinzen zwar zuruck von seiner Reise, aber so krank, dass ich die ganze Nacht bei ihm gewacht habe. Die Arzte erklaren seinen Zustand fur den Anfang eines heftigen Nervenfiebers.

Siegbert hatte an dieser Mittheilung Theil genommen, auch wenn ihm Egon seiner sonderbaren Beziehung zu einem einfachen Tischler wegen nicht liebgeworden ware.

Wie kam Das so plotzlich? fragte er voll Theilnahme. Ein Nervenfieber!

Ein Nervenfieber ist fast so viel wie der Tod.

O machen Sie sich keine trube Vorstellung, Armand! Wie kam Das nur?

Der Prinz hat auf seiner Reise viel erlebt, sagte Armand. Das Wiedersehen seiner Besitzungen, der Grabstatte seiner Mutter hat ihn erschuttert. Er kam schon krank nach Hause zuruck.

Wo ihn vielleicht noch, erganzte Siegbert, die Nachricht von dem Eintreffen einer schonen Frau beunruhigte, der Grafin d'Azimont.

Woher wissen Sie fragte Armand erstaunt.

Hab' ich nicht Recht? Er hat mit ihr in Paris gebrochen und dennoch reist sie ihm nach und wird seinen krankhaften Zustand nur noch gesteigert haben. Ich erfuhr soeben diese Verhaltnisse.

Allerdings! So ist es! Aber ich erstaune, wie Sie Dies erfahren konnten?

Lieber Freund, sagte Siegbert, das liegt in der Natur solcher Liaisons. Diese Verbindungen haben fur manche Seelen, wenn sie verborgen bleiben sollen, nur den halben Reiz. Die Frauen sind es oft selbst, die ihrer naturlichen Scheu ungeachtet diese Verhaltnisse mit Gewalt an das Tageslicht drangen. Wenn ich mich nur einigermassen in dieser Dame orientire, so wird sie, wenn das Verhaltniss nicht aus gegenseitigem Uberdruss sich loste, ihren ehemaligen Freund jetzt so beunruhigen, dass Sie ihn vor ihr schutzen mussen ...

Ich erstaune, rief Armand, Sie sagen Alles, was ich selbst denke. Und deshalb muss ich eilen, zu meinem Kranken zuruckzukehren. Ja! ja! Es thut Noth, dass ich ihn schutze, vor Allen! Allen! Dutzende von Menschen, die ihn bedienen wollen und nicht ein Herz, das ihn mit Entsagung liebt!

Armand erzahlte hierauf in fluchtigen Umrissen Einiges von der ausseren Lage Egon's, wie wir sie schon kennen. Als er sein Erscheinen hier im Atelier dadurch entschuldigte, dass er von Siegberten hatte fur ein langeres Verschwinden Abschied nehmen wollen, kam er auf Ackermann, durch dessen Anerbietung dem Prinzen eine so grosse Wohlthat geschahe und schloss mit einer Bemerkung, die Siegberten uberraschte.

Es ist mir ein so susser und wohllautender Ton gewesen, sagte Armand, in den Fieberphantasieen meines kranken Egon so oft Ihren Namen zu vernehmen..

Meinen Namen? fragte Siegbert.

Wildungen! Den Namen Ihres Bruders..

Dankmar ...

Dankmar Wildungen..

Der Prinz kennt meinen Bruder? So hat er ihn in Hohenberg kennen gelernt.

Der Gedanke an Ihren Bruder beschaftigt ihn auf's lebhafteste. Gestern Abend war er zu ermudet, mir Alles zu sagen, was er auf dem Herzen hatte; das entsetzlichste Kopfweh peinigte ihn und in dem Ausbruch aller der Symptome, die auf seine schnell entstandene Krankheit deuteten, konnte von einer Verstandigung nicht mehr die Rede sein. Nur einmal, heute vor einigen Stunden, als ich ihm die Anerbietungen jenes Herrn Ackermann vorzuschlagen wagte, trat ein lichter Moment ein, indem er deutlich den Namen Ihres Bruders als den bezeichnete, der ihm Ackermann schon genannt und empfohlen hatte, sonst erwahnt' er ihn in seinen Phantasieen bald als einen Gefangenen, spricht von einem Kerker, von Eisenstaben, erwahnt ein Bild und ruft: Da! Da! Verbergt es! Mit einem Worte, es foltern ihn die verwickeltsten Erlebnisse. Gern hort' ich, dass Ihr Herr Bruder beruhigende Aufklarungen gabe. Wie leicht war' es dann, irgend etwas so auszufuhren, dass er in seinen schmerzenfreien lichten Augenblicken davon einen lindernden Trost hatte!

Siegbert versprach moglichst darin das Seinige zu thun.

Louis Armand schied von ihm, nachdem er noch die Versicherung erhalten hatte, Siegbert wurde in der Wallstrasse Nr. 14 bei dem Tischler Martens die Grunde angeben, warum er vielleicht auf lange Zeit von seiner Wohnung keinen Gebrauch machen konne.

Aber Ihr Geschaft, Armand?

Martens soll die Bestellungen annehmen. Ausfuhren kann ich jetzt nichts. Egon bedarf eines Freundes.. ich verlasse sein Bett nicht.. es ist mir, als musste ein Cherub niederschweben, um ihn zu beschutzen.

Sie sind dieser Himmelsbote, Armand! sagte Siegbert und klopfte dem jungen Handwerker auf die Schulter. Tragen Sie mir alle Ihre Wunsche auf! Leidenfrost wollte Sie bei den Arbeitern einfuhren. Man sehnt sich nach Ihren Belehrungen..

O, o! lehnte der junge Mann mit Bescheidenheit ab.

Man ist gespannt auf Sie! Uberall, Armand, wo man Wahrheit und keine Vorspiegelung der Phantasie will. Aber Sie werden nicht zu lange fern bleiben! Befehlen Sie uber mich! Haben Sie irgend noch einen Wunsch?

Louis Armand stand eine Weile traumerisch und hielt in den Schritten ein, die beide junge Manner wahrend dieser Worte schon an die Thur des Ateliers gerichtet hatten.

Endlich sagte er mit einem angenehmen Lacheln und mit halblauter Stimme:

Bestellen Sie, ich bitte, ein freundliches Wort einem kleinen guten Madchen, das bei Martens, dem Tischler, wohnt. Sie heisst Franchette oder Franziska. Es ist eine bescheidene Blume, die zwischen Felsen auf hartem Stein wachst, eine jener unbeschutzten Seelen, die nur durch den Thau des Himmels gedeihen. Vielleicht finden Sie einmal Musse, mir dies kleine Gedicht, das ich auf dies liebe Madchen entwarf, in deutsche Verse zu ubertragen. Ich fuhle mich doch nicht stark genug in Ihrer Sprache, mich im Reim zu versuchen und Franziska wurde meine franzosischen Verse selbst dann nicht verstehen, wenn ich sie ihr ubersetzte.

Siegbert nahm dem bewegten Armand ein Blattchen Papier ab, das er ihm fast zitternd uberreichte.

Ich will es versuchen, sagte Siegbert.

Ein Scherz uber diese Mittheilung, eine Neckerei uber Armand's liebende Galanterie lag ihm ganz fern. Es war ihm etwas Heiliges, da so einfach und still in das Innere eines andern Menschen blicken zu durfen ...

Meine grosste Sorge, sagte Armand, indem ihn Siegbert an die Thur begleitete, ist jetzt das Schicksal meines armen Egon! Ich glaube Ihnen Beweise gegeben zu haben, dass ich die Menschen nur nach ihrem wahren Werthe schatze, aber auf Egon fallt mir noch ein reineres Licht als das der Freiheit von seinem Stande. Ich uberschatze auch seinen menschlichen Werth nicht. Ich habe leider Ursache, ein gewisses Schwanken seines Charakters als eine gefahrliche Klippe zu bezeichnen und kann wohl sagen, dass ich ihn mir ganz gewonnen habe nur durch den Schmerz! Wenn wir uns naher stehen werden, Herr Wildungen, wenn Sie nicht ermuden, einen Mann meines geringen Berufes enger an sich zu ziehen, so werden Sie erfahren, welches das schmerzliche Band ist, das mich in dem fernen Frankreich an einen jungen vornehmen deutschen Herrn fesseln sollte! Ich hatte ihn nie lieben konnen, wenn nicht ein schoner Enthusiasmus fur das Grosse und Erhabene in ihm gelebt hatte und er war so weise, so gerecht, dass er suchte das Grosse und Erhabene auch im Niedrigen zu finden. Er vermisste Menschen, aber er fand sie. Er hat sie dann verloren und hat sie wieder gewonnen.. Es gab Tage, wo ich ihm mochte den Dolch in's Herz stossen und es gab andere, wo ich musste.. kussen seine Hande ... Mag ihn der Himmel uns erhalten, mir und Ihnen; denn ich hoffe viel von seinem Geiste auch fur die gute Sache Ihres Volkes, fur uns Alle.

Die Thranen standen Louis Armand in den Augen, als er diese Worte halbgebrochen und nicht so zusammenhangend, wie wir sie wiedergaben, stammelte.

Siegbert war selbst so ergriffen, dass er nichts zu antworten vermochte, sondern stumm und still von Louis Armand Abschied nahm.

Schuchtern und bescheiden wie er gekommen war, verliess Louis Armand das Atelier.

Siegbert sah ihm nach und kehrte langsam zu seiner Staffelei zuruck.

Er konnte nicht arbeiten ...

Berg's Diener, der die Aufsicht uber die Raumlichkeit hatte, kam, um sie zu schliessen. Siegbert bat, ihm die Schlussel dazulassen. Er wurde noch eine Weile verharren und ihm dann das Schliesseramt abnehmen; er mochte gehen und seiner Mittagsruhe pflegen.

Wie Siegbert allein war, entfaltete er sogleich das Blatt, um die franzosischen Verse zu lesen.

Sie gestalteten sich ihm rascher, als er geglaubt hatte, zu einem deutschen Gedichte.

Doch musste er sich sagen, dass in diesen Versen ein gewisser fur deutsche Verhaltnisse fast zu greller, fast schneidend scharfer Hauch wehte ...

Er konnte begreifen, dass man nur in Paris einer jungen Handwerkerin so eigenthumlich huldigen konne und doch gestand er sich, es ware schon gut, wenn auch die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen auf dieser Hohe edlerer Empfanglichkeit und Charakterstarke sich hielten ... Er wusste jetzt, was ihn eigentlich an Louis Armand fesselte.

Er selbst, doch ein Kunstler von hoherer, selbst gelehrter Bildung, nahm an diesem Handwerker Interesse, nicht weil ihm seine socialistische Theorie gefiel und er seine Traumereien von einer veranderten Gesellschaftsverfassung vollkommen billigen konnte ... ihn zog das dustere, ernste Wesen, die charakterfeste Personlichkeit Armand's an und noch jedesmal, dass er mit ihm zusammentraf, nahm er einen neuen lebendigen Eindruck mit hinweg. So jetzt den, dass Armand auch dichtete!

Louis Armand brachte aber in seinem mit den Worten: Fille du peuple, pauvre mendiante! anfangenden Ne pleurez pas! uberschriebenen Gedicht der Franz Heunisch etwa folgende sonderbare, halb ironische, halb wehmuthige und fur deutsche Handwerkerbildung vollig unpassende Huldigung:

Weine nicht!

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!

Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!

Der Unschuld Krone tragt dein schones Haupt,

Und wenn ein Reicher ihr Geschmeide raubt,

Bist du nicht arm.. Was thut's? Sei klug! Nur

weine nicht!

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!

Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!

Ein Pfaffe ladet dich zum Beichtstuhl ein..

Geh hin! Er kusst dich! Im Marienschein

Bist du nicht arm.. Sei klug und fromm! Nur weine

nicht!

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!

Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!

Die Nachbarin lasst ihre Truhe auf ....

Greif zu! ... Zum Bagno geht dein Lebenslauf;

Und wenn zum Tod .... Was thut's? Nur stolz!

Nur weine nicht!

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!

Du bebst zuruck? Du liebst die Tugend noch?

Sieh da! Du kannst die Perlen fallen sehn

Auf's Kleid der Braut, das deine Finger nahn!

Bist reich! Bist reich! O Gott .... nun weinst ....

nun weinst du doch!

So ungefahr dachte sich Siegbert die Ubertragung dieses epigrammatisch endenden wilden Liedes und verfiel dabei auf den Gedanken, ob wol einer deutschen Nahterin ein solches Gedicht wirklich gefallen konnte, ob sie nicht vorziehen wurde, sich denn doch in schmeichelhafteren Klangen besungen zu sehen und ob nicht die susse Phrase in Deutschland so regiere, dass sie selbst in den untersten Regionen das frische Gefuhl und die wirklichen, nackten Thatsachen uberpinselte ... Er nahm sich ernstlich vor, Armand zu warnen, mit einem solchen Gedichte bei uns die Gunst eines Madchens aus dem Volke erobern zu wollen!

Unfahig zu arbeiten und doch noch in der Kuhle des Ateliers die Stunde abwartend, wo er mit dem Bruder zusammenzutreffen gedachte, nahm er das Wasser, das in verschiedenen antikgeformten gebrannten Krugen, weniger fur die Erquickung als die Reinigung der Maler dastand und begoss die Blumen, die hier und da am zahlreichsten in der eleganten Abtheilung aufgestellt waren. Sie hatten es nothig in der Sonnenhitze.. Der Diener vernachlassigte sie.. Sie wurden verwelkt gewesen sein, wenn ein barmherziger Samariter da des Weges nicht gezogen ware und sich der Sterbenden angenommen hatte.

Das aufregende, bittere Gedicht, die Blumen und Melanie verschmolzen sich in Siegbert's bewegter Brust.

Wie oft hatte nicht die liebliche Gestalt auf diesen bunten Teppichen gesessen und nur mit halbem Ohre den Lehren gelauscht, die ihr der wurdige Professor gab! Die Vorhange waren herabgelassen gewesen ... Sie hatte im Grunde kaum eine andere Beziehung zu den andern Malern gehabt, als dass sie an ihren voruberschwebte und mit holdseligem Lacheln die ihr dargebrachten Grusse erwiderte! Aber auch welches Schweben! Welches holdselige Lacheln! Blieb dann einmal gar durch einen kunstlich vorbereiteten oder naturlichen Zufall der grosse schwere Vorhang beim Lehrer eine kurze Zeit offen ... welche Verwirrung entstand unter den Malern und wie zitterte Siegbert, der nur die Schonheit in Melanie sahe und, dass sie sich deren bewusst war, wie das Erlaubteste entschuldigte.. Und war es denn nur blosse Einbildung, wenn Siegbert annahm, dass er diesem liebenswurdigen Madchen nicht vollig gleichgultig geblieben war? Fur Leidenfrost's kurze, gedrungene, ja hassliche Figur, seine dunkeln, tiefliegenden, strengen Augen, sein sarkastisches Lacheln und vor allen Dingen fur seinen grauleinenen Kittel und plumpen grauen Schlapp-Hut konnte sie keine Sympathie haben. Reichmeyer war ihr ein zweiter Lasally. Heinrichson ihr sicher zu elegant, zu sehr Gentleman und alle Welt wusste, dass er von alten Damen sehr verwohnt war und den Petitmaitre der Salons abgab und noch ofter abgeben musste ... was den schonsten Mann allmalig doch untergrabt und lacherlich macht ... In Siegbert Wildungen aber war, was Melanie oft gefunden hatte, Haltung und Poesie zugleich; er galt fur interessant, seine feuchten verklarten Augen zogen an, er trug sich als Kunstler, ohne ins Barocke zu verfallen ... Konnte Siegbert nicht erhohteren Muth fassen, wenn Melanie fast absichtlich mit ihm Gesprache anknupfte, ihn in die Gesellschaften ihrer Familie einfuhrte, ja einige male sogar plotzlich im Atelier erschienen war, wenn sie wissen musste, dass Alle fort waren und vielleicht nur noch Siegbert arbeitete? Sie hatte dann gewohnlich etwas vergessen oder verloren, rannte an ihre Staffelei, beachtete den Uberraschten gar nicht, bis sie ihn wie zufallig entdeckte und sich vielleicht nur an seiner Verlegenheit weidete und den Triumph genoss, einen Mann bewegt zu sehen, einen Mann in der Rede stocken zu horen! Die Abscheuliche! Und doch hatte sie ihn vielleicht gern und zurnte nicht, als Siegbert einmal in einem solchen Augenblicke der Uberraschung ihre Hand ergriff und sie mit Kussen so lange bedeckte, bis sie ihn mit dem zufallig! ausgezogenen Handschuh schlug und vor seiner sturmischer werdenden Bewerbung lachend davonflog!

An diesen seligen Augenblick kurz vor Melanie's Reise dachte Siegbert und fast dieselbe Glut, wie damals, durchstromte seine Adern. So wirkte nur die Vorstellung jener Scene schon! Wie? Wenn sie sich noch einmal wiederholte?

Ware Dies, dachte er sich, so lag' ich zu ihren Fussen! Ich liesse sie nicht, bis ich sie entweder zu mir nieder- oder sie mich zu sich emporgezogen hatte!

Wie Siegbert noch in diesen Erinnerungen schwelgte, sich ankleidete, mit dem Bleistift an der Ubersetzung arbeitete, dann wieder einmal die Blumen emporrichtete oder sich auf eins der Canapes in Professor Berg's Arbeitsraum warf, geschah ihm das Wunderbare, dass er einen Wagen vorfahren horte, die Thur aufreissen und Melanie hereintreten sah.

Sie war es.. Melanie Schlurck!

Erst glaubte er sie in der weiten Entfernung vom Canape aus nicht zu erkennen. Sie schien eine Andere, als sie eben in seinen Traumen gaukelte. Sie schien hoher, stolzer, strenger, und doch.. es war Melanie! Sie selbst im rauschenden Gewande, sie selbst in dem zierlich leichten Strohhut, eine rothe Echarpe uber den hellen Kleidern.. Melanie wieder mit ihm allein! Und er in einer Stimmung, die fur ihn eine entscheidende werden konnte!

Aber wie erstaunte er, als Melanie entschlossen auf ihn zuschritt und ihn kurz mit den Worten begrusste:

Guten Tag, Wildungen! Da bin ich von der Reise zuruck! Wie geht's Ihnen? Sind Sie allein, Wildungen?

Fraulein.. sagte Siegbert, ubergossen von dem edelsten Purpurroth, dem der mannlichen Verlegenheit. Fraulein.. welche Uberraschung!

Sie haben einen Bruder, fuhr Melanie kurz und entschieden und ohne allen Umschweif fort. Er heisst Dankmar. Nicht so?

Dankmar, Fraulein Dankmar Wildungen ist mein Bruder.

Er war in Hohenberg?

Er war in Hohenberg!

Mit dem Fursten Egon? Er ist ein Freund des Fursten Egon?

Darauf kann ich keine bestimmte Antwort geben; doch hor' ich, dass er dessen Bekanntschaft in Hohenberg machte.

In Hohenberg?

Er sagte mir, seine Reise ware abenteuerlich gewesen. Doch wie und wodurch, hoff' ich heute erst naher von ihm zu erfahren.

Melanie hielt sich an eine der Staffeleien, die jedoch zu schwankend war um Stand zu halten ... Sie musste ihre ganze Kraft aufbieten, nicht zusammenzusinken.

Siegbert begriff ihre Aufregung nicht.

Mit einer Entschiedenheit, die in dieser Form nur dem Weibe eigen ist, es aber auch dann nicht mehr schon erscheinen lasst, sagte jetzt Melanie:

Nun denn, so lassen Sie sich uber diese Reise von Ihrem Bruder erzahlen, was Sie wollen, bedeuten Sie ihm aber im Namen eines Madchens, das nicht ohne Charakter ist, dass ich ihm verbiete, uber Das, was zwischen ihm und mir vorgefallen, auch nur eine Sylbe zu sprechen!

Siegbert stand erstarrt..

Bedeuten Sie ihm ferner, fuhr Melanie fort, dass ich ihm untersage, dem Fursten ein Wort zu erzahlen von der Art, wie er zu dem Bilde gekommen ist, von dem Bilde, von dem Sie werden gehort haben ich sprach soeben den Amerikaner, dem ich im Heidekrug durch Zufall es uberlassen musste; er versicherte mich, dass es in die Hande Dessen gekommen ist, dem ich es zugedacht hatte.

Siegbert erinnerte sich des Bildes, er erinnerte sich der Reden, die vom Prinzen Egon ihm eben Armand erzahlt hatte. Fast sprachlos aber uber Melanie's Kalte und ihren Zorn gegen den Bruder, verwirrt durch das ihm vollig dunkle Chaos dieser Eindrucke, bestatigte er einfach, dass er von einem Bilde wisse.. ja!

Sagen Sie Ihrem Bruder, unterbrach ihn Melanie im gluhenden Zorn, dass ich von einem Manne, den ich Ursache hatte zu verachten, noch soviel billige Rucksicht erwarte, dass er dem Prinzen das Bild einhandigt, ihm aber und jedem Andern zu erzahlen unterlasst, wie er dazu gekommen..

Als sie sich wandte, um zu gehen, besturmte sie Siegbert mit seinen Fragen um Aufklarung. Er versicherte, dass ihm und dem Bruder jeder ihrer Befehle eine heilige Verpflichtung sein wurde.

Sie werden ihn sehen, sagte er, ich schicke ihn sogleich! Wann darf er zu Ihnen kommen, Fraulein?..

Nie! rief Melanie und wandte sich.

Melanie, nie? wiederholte Siegbert und wie von einer rathselhaften Ermuthigung ergriffen, hielt er sie mit mannlicher Entschlossenheit fest ...

Ich lasse Sie nicht! sagte er. Was haben Sie mit meinem Bruder! Er liebt Sie? Gewiss, er liebt Sie! ...

Die Lippen bebten ihm, als er diesen ihm blitzschnell wie das Lachen eines Damons durch den Sinn fahrenden Gedanken aussprach ...

Er liebt Sie? wiederholte er. Wie konnte er Ihnen so nahe sein, ohne Sie anzubeten? Allmachtiger Gott! Was red' ich? Was muss ich reden? Er muss Sie lieben; denn ich, sein Bruder kam ihm ja zuvor und mein armes Herz ist ja nur bestimmt, zu entsagen und mich Denen zu opfern, die mir mein Leben sind!

Als dem jungen Manne dieses furchtbar schmerzliche Gestandniss, diese qualvolle Ahnung in convulsivisch hervorgestossenen Worten von den Lippen gekommen war und er fast ohnmachtig in einen Sessel sank, blieb Melanie eine Weile stehen und sah nicht ganz ohne Mitleid zu Siegbert, dessen leidenschaftlichem Festhalten sie sich entrissen hatte, nieder.

Siegbert Wildungen! sagte sie dann mit ruhiger Kalte. Lassen Sie diese Thorheiten! Ich liebe Sie nicht. Und will auch Ihren Bruder nie mehr sehen ...

Melanie! rief Siegbert und fasste nach dem Herzen, das ein krampfhafter Schmerz durchzuckte..

Die kalte, in ihrem Innersten geknickte und verwundete Melanie fuhr fort:

Sie haben Beide sich ohne Zweifel im Leben Ziele gesetzt, die uber eine fluchtige Madchenliebe hinausgehen werden! Halten Sie mich nicht fur so leichtsinnig, als ich Ihnen scheine! Auch ich habe mir ein Ziel gesetzt. Es liegt nicht da, wohin Sie und Ihr Bruder steuern! Wiederholen Sie Diesem meine Bitte, unterstutzen Sie sie, wenn Sie noch etwas Neigung fur mich haben. Im Ubrigen denken Sie nicht mehr an mich!.. Sie mussen ein Weib lieben, Wildungen, das wirklich eine Madonna ist, nicht Ihrer Phantasie und Ihrer Weltunkenntniss als eine solche erscheint. Ich bin keine Madonna. Und Ihr Bruder den kenn' ich nicht und mag ihn nicht kennen lernen ... nie mehr sehen ...

Du widersprichst dir, Grausame! sagte Siegbert mit bitterstem Schmerz. Ach, mein Bruder sucht keine Madonnen..

Reden Sie nichts fur ihn! Nein! Nichts! Er trifft mich nie, heute nicht, morgen nicht, nie! Leben Sie wohl, Wildungen! Gluhen Sie fur Ihre Kunst, nicht fur Madchenherzen! Wenigstens nicht fur solche, wie das meine ist! Das sag' ich aus Stolz, nicht fur mich, sondern.. fur Sie!

Damit ergriff sie die Thur. Sie hatte das Letzte schon im Gehen gesprochen.. Sie verschwand. Der Wagen rollte dahin!

Siegbert sank auf einen Sessel, neben den Blumen, die er eben erfrischen wollte. Er war sterbender als diese ...

So lag er uber eine halbe Stunde fast bewusstlos ...

Das furchtbare Wort: Ich liebe Sie nicht! ... wuhlte in seiner Brust, wie ein zweischneidiges Schwert!

Dann zog sich die klaffende Wunde etwas zusammen, als er dem letzten Worte des stolzen, schonen, aber marmorkalt gewordenen Madchens nachdachte:

"Das sag' ich aus Stolz, nicht fur mich, sondern fur Sie".

Es sollte dies ein Balsam fur seinen Schmerz sein, aber er mochte ihn nicht nehmen, er wies ihn von sich, er wiederholte sich nur:

"Ich liebe Sie nicht!"

Als sich der tiefgedemuthigte und im innersten Herzen verwundete junge Mann wie aus einem langen dustern Traume aufgerafft, schlug es drei Uhr ...

Er ermannte sich soweit wenigstens, jetzt sich zu erheben, den Hut zu nehmen, die Thur zu verschliessen, den Schlussel abzugeben und wie ohnmachtig durch die Strassen nach jener Promenade zu gehen, wo sich mitten in der Stadt der beruhmte Restaurant "Grun" befand ...

Er traf den Bruder nicht, wohl aber ... einen Brief, den er in dem dennoch von Dankmar bestellten Zimmer still fur sich allein las.

Zwolftes Capitel

Junges Leben, frisches Hoffen

Dankmar's Brief an seinen Bruder Siegbert lautete:

Gute Seele! Ach! Ach! ... Dies Ach! bedeutet erstens: Wir werden keinen Champagner trinken, wir werden keine Truffeln essen! Lass dir ein Beefsteak geben, Herz, so zubereitet, wie du es liebst und hore dann gestarkt in Ruhe an, weshalb ich mein Wort nicht halten kann! Es kommt jetzt das zweite: Ach!

Wie du heute in dein Atelier tratest und mir zwischen Thur und Angel das Gestandniss deiner Liebe zu Melanie Schlurck machtest, hast du wol nicht geahnt, dass du mich mit zwei, dir genauer von mir zu spezificirenden Donnerschlagen zuruckliessest. Donnerschlag eins ... du siehst, ich bin noch immer bei gesunder Logik ... betraf mich allein, Donnerschlag zwei muss aber durchaus dich auch noch treffen.

Dies Gewitter kann ich dir nicht ersparen. Kein Blitzableiter! Keine Vertuschung! Es hangt aber Alles so zusammen:

Beim ersten Gange unsres heutigen dinirenden Excesses wollt' ich dir erzahlen, dass ich die Thorheit gehabt habe, in Hohenberg einen Roman anzuspinnen oder richtiger gesagt, mich zu verlieben.

Beim zweiten, wollt' ich dir sagen, in Wen? oder mit Wem?

Lieber Bruder! Die Gotter haben es gut mit uns im Sinn. Sie wollen, dass wir exemplarische Menschen werden oder wol gar zu jenen Sterblichen gehoren, die sie fruh sterben lassen, damit sie nicht zu vorzuglich werden.

Das liebreizende Wesen, das mich gefesselt hat, ist Melanie.

Einen sehr edlen Charakter wurde es eigentlich verrathen, wenn ich dir Das nicht sagte. Es musste die Olympier zu Thranen ruhren, sahen sie einen Menschen, einen Bruder, einen Referendarius, der entsagt, eines andern Menschen, eines Bruders, eines Malers wegen. Aber glaube mir, die Rolle, so dankbar sie sein mag fur die Ruhrung, fur den Beifall aller Gefuhlvollen, so empfehlend sie sein mag fur den bekannten Monthyon'schen Tugendpreis in Paris, sie gefallt mir nicht! Warum nicht? Weil sie mir nicht stehen wurde! Naturlich muss der Mensch sein, sagte Eva, als Adam neben ihr, von den peinigendsten Gewissensbissen gefoltert, nicht schlafen konnte. Naturlich bin auch ich! Ich zerstore die Ironie des Schicksals und sage dir offen, dass ich auch beim dritten Gange noch von Melanie gesprochen hatte.

Ich liebte sie!

Ist Das erhort, dass ich das Madchen liebe, das mein Bruder liebt?

Es ist erhort!

Beim Dessert, wo wir vielleicht eine neueste frischangekommene Orange aus Messina verzehrt hatten, hatt' ich dir gesagt:

Feindlicher Bruder, die Braut von Messina verlangt ein Opfer! Du oder ich? Und ich hatte das Messer gehoben ... hatt' ich Das? Ja! Und ich hatte mit dem Messer dich gemordet? Nein! Ich hatte die Orange von Messina in zwei Theile zerschnitten!

Vielleicht aber auch nicht! Und vielleicht doch! Wer weiss! ...

Und jetzt kommt der zweite Donnerschlag, der dich mit betrifft!

Ich werde moralisch, Bruder!

Frage: Ist dir deine Liebe mit Melanie Schlurck Ernst? Bist du ein Thor, in einem Wesen eine Madonna zu finden, die aller Welt anders als dir erscheint und mir.. jetzt.. jetzt.. wie eine grungesprenkelte Eidechse. Eine Eidechse, Bruder, denke dir das gefahrliche Thier! Man hat Falle, dass Eidechsen zu den grunen Zweigen hinaufblicken nach den freien Vogeln, die sich sorglos oben auf ihnen wiegen. Denke dir den Aufblick einer Eidechse zu einem Vogel, der nichts Schlimmes ahnt und singt und vielleicht zur Erde hupft, in den Busch, in den Rosenstrauch, auf die blumige Wiese, wo die schone Lazerte haust, und.. verloren ist er.

Soll ich dir ein Stuckchen von dieser unsrer Eidechse erzahlen?

Deinem besten Freunde und einzigen Bruder Dankmar lag sehr viel an einem gewissen hochst rathselhaften Bilde ... Dies Bild soll einen geheimen Druck und an der Ruckwand Papiere besitzen, die irgend einer Person, ich muss sie einen Prinzen nennen, von Interesse sind ... die Eidechse halt mich fur den Prinzen ... und will mir das Bild verschaffen; mir ..., weil ich ein Prinz bin.. zwar arm, aber doch ein Prinz! Zwar verschuldet, aber doch ein Prinz! Verstehst du ... Das Bild liegt irgendwo versteckt, unzuganglich. Wo, fragst du? Ich sage, in einem grossen Mobeltransportwagen, der von Hohenberg nach der Residenz von zwei Gendarmen zwei Bedienten und einer Excellenz, dem Geheimrath von Harder, feierlich geleitet wird ... Melanie verspricht mir, was sag' ich, dem Prinzen, das Bild zu schaffen.. Was thut sie?. Sie spinnt eine Intrigue mit der Excellenz an.. die Excellenz geht in's Netz und ist verliebt, geschmeidig wie ein Aal. Es hat Wolken herabgeregnet.. Alles ist nass und feucht.. Man trifft in einer Herberge, Namens Heidekrug, zusammen.. Die Excellenz verlangt Beweise von Liebe, von Hingebung ... Er schmachtet, sie schmachtet.. Die Eidechse ist liebenswurdig, aber doch zu schlau und zu grausam fur Unsereins.. Sie will das Bild und die Excellenz will einen Beweis ihrer Liebe ... Was erfindet sie?.. Ein Stelldichein!.. Sie soll ihm damit naturlich nichts Anderes gewahren, als nur ein Zeichen Dessen, was sie ihm zu gewahren.. im Stande ware!.. So denkt die Excellenz. Die Eidechse zogert, schlangelt, schwanzelt. Endlich sagt sie: Ja, ich habe dir viel zu sagen, viel Gift in deine kleinen, schonen Ohren zu traufeln! Ich bin unglucklich! Die Excellenz wird jung unter ihrem verjungenden Athem. Sie wagt Alles fur einen zarten elastischen Druck der Eidechse. Da sagt diese: Ich komme, aber ich bin bewacht, du bist bewacht, wir Alle sind bewacht.. wo sehen wir uns? Drinnen ist's zu laut, draussen ist's zu nass! Wo seh' ich dich? Wo sag' ich dir, was ich fuhle, was ich empfinde, wenn ich freie Vogel auf den Zweigen sehe und sie nicht mit einem Satz erschnappen kann? Wo? Wo? Die Excellenz ist zu Allem bereit, und da schlagt die Listige vor: Kein Ort ist sichrer als dein grosser Wagen! Das ist ein Tanzsaal! Das ist ein Gesellschaftszimmer! Dort flust're ich dir die drei Worte zu, die ich noch Keinem sagte, die drei Worte, inhaltsschwer, sie gehen von Munde zu Munde.. Die Excellenz macht Schwierigkeiten. Die Eidechse weiss Alles zu beseitigen, die Gendarmen, die Bedienten, den eisernen Schlagbaum.. Du offnest um elf Uhr den Wagen, komm' ich auch erst um zwolf! Ich gebe dir den Beweis, den du Einziger, verlangst!.. Der Excellenz wird es schwindlig. Der Mann denkt an die drei Worte inhaltsschwer, sie gehen von Munde zu Munde.. Was ahnt er nicht? Was hofft er nicht? Es schlagt elf. Er hat die Wachter entfernt. Die zechen! Die trinken auf Konigs Wohl! Der Wagen wird offen.. Er hatte "nur etwas in ihm zu suchen", legt die Stange an, als schlosse er wieder zu und geht auf sein Zimmer, um sich sogleich heimlich wieder zuruck zu begeben und die drei Worte zu vernehmen, inhaltsschwer. Die Eidechse..

husch.. rasch zur Hand.. kaum verschwand die Excellenz, war sie im Wagen und hatte, was der "Prinz" wollte ... das Bild! Nun entschlupft sie.. aber hui! Da erschrickt sie vor Etwas, das sie nicht ahnte.. Es war vielleicht nur eine Katze, ein grosser Kater, den sie furchtete und vor dem sie Entsetzen uberlief. Die Katzen lieben ja auch die freien Vogel auf grunen Zweigen und haben Brotneid gegen die Eidechsen. Katze oder Iltis ... genug, die Eidechse erschrickt so heftig, dass ihr das Bild entfallt und sie vor der Thur des Prinzen fast die Felsenspalte nicht wiederfindet, wo sie unterkriecht ... Es gab Larm,.. wenigstens trat ein Reisender, ein Amerikaner, wenn nicht von Geburt doch von Gesinnung, auf den Corridor. Er erhebt das Bild, nimmt an den im Mondlicht erkennbaren Zugen ein Interesse, das dem "Prinzen" noch jetzt nicht erklarlich ist, und folgt der Weisung der in der Ferne harrenden Eidechse, die ihm rasch noch zunickt: Da! Dort! Dem schlummernden Prinzen gehort's! Bitte! Wollen Sie? ... Der bringt's dem "Prinzen" und legt's ihm feierlich unter's Kissen, wahrend er schlaft oder nicht schlaft, gleichviel ... Das Bild ist da.. der "Prinz" hat es daheim in der offnen Kommode seiner "Aula" ... Die Eidechse sagte dem Amerikaner: Brav, mein Herr, ich danke Ihnen ... und verschwand.

Und von wem weiss ich das Alles?

Eben jenes Gespenst hat's mir erzahlt, vor dem die Eidechse so erschrak.. ein somnambuler Kater, der sich auf's Mausen versteht und den deshalb auch die schone, buntgeringelte Eidechse nicht leiden kann. Du kennst den somnambulen Kater.. Er heisst Hackert.

Bruderlein! Die Geschichte ist eigentlich aus! Denn das lustige Nachspiel, dass die Excellenz zu spat kommt, sich in dem Mobelwagen hauslich niederlasst, auf die Eidechse und die drei Worte, von Munde zu Munde Stunde zu Stunde vergebens wartet, endlich einschlaft, eingeschlafen und eingeschlossen fortgefahren wird in die Residenz, Das ist nur ein humoristischer Schnorkel des Wortes: Punktum! und das satirische Nachspiel des Dramas bei Mondscheinbeleuchtung. Das Bild ist da, der falsche Prinz ist da, auch die Excellenz soll wieder aufgefunden sein.. aber die Eidechse! Die Eidechse!

Darf ich nun moralisch werden? Darf ich sagen, dass eine solche schone liebenswurdige, aber tollkuhne, listige Natter uns Gebruder Wildungen nicht im Ernst bei den Fittichen fassen darf?

Die drei Worte, inhaltschwer, sie gehen von Munde zu Munde heissen doch wol nur: Ich liebe dich!

Ich liebe dich! Himmlischer Weihegruss reiner Seelen! Glockenaccord der Andacht und Harfenton der reinsten Anbetung! Lass ihn aus deinem Herzen klingen, wo er wurdig widerklingt; nur da nicht, Bruder, wo man uber Melusinen lachen, mit ihnen kosen, mit ihnen im Krystallbache platschern, aber immer auf den sichern seichten Stellen bleiben muss, wo sie uns nicht hinunter ziehen konnen in's ewige Vergessen und man ihnen nimmermehr ausser dem Munde auch das Herz und das Leben geben darf!

Ich bin uber diese schone Eidechse hinaus!.. Ich will mich fassen und trosten.. Aber du? Du, Siegbert? Du, den schon die Bilder wegen ihrer verspotten? Du, der du Madonnen siehst, wo Andre schonflossige, geringelte Fischweiber ... und nun gar dein eigner Bruder eine Eidechse?

Denn Melanie ist die Eidechse! Ach Melanie! Melanie! Ihr Weiber! Wie schmilzt uns bei euerm Namen so sanft und so weich das Herz gleich Schneeflocken, die von dem Fruhlingsveilchen der erste Marzsonnenstrahl hinwegkusst! ... Ach! Wehe! Wehe! Aber der Name Schlurck.. Ha, dies Hinterher ruttelt auf, das mahnt gleich zur Besinnung! Ich dank' euch, ihr Gotter, dass dieser Name Melanie, der so sanft dahingleitet, selbst bei den verliebtesten Menschen, deren Phantasie mit Dampf fahrt, doch durch den Namen Schlurck gebremst werden muss!

Nun konnt' ich wol sagen, Bruder, zum Tandeln fur mich, reicht sie immerhin aus. Ich bin kein Mensch, dem sich viel in der Seele vergiften lasst. Ich habe innerlich zu viel Gegengift.. Rattenpulver heilt Schlangenbisse.. Aber du! Du, mit deinem aetherreinen Auge! Du Sohn des Azurs ... sollst du ihr Azor werden, belachelter, verspotteter Schoosshund ihrer Laune? Nein, ich selber verschmahe sie nun sogar zum Tandeln! Das bin ich dir schuldig, deinem Schmerze, deinem Jammer, deinen Thranen; denn ich weiss, du bist Thor genug, zu weinen, nicht dass du Melanie verlierst, nein daruber, dass Melanie doch eine Eidechse ist!

Zum Lachen ist das Abenteuer mit der Excellenz kostbar..

Preisaufgabe fur ein Seitenstuck zum Froschmausekrieg! ... Ferner, der Besitz des Bildes kann sehr nutzlich sein aber.. uber alles Ubrige mach' einen Strich, so dick, so fest, wie die Eisenstange uber dem Transportwagen war.

Ich scherze, Bruder! Und doch bin ich betrubt, wenigstens nicht so heiter, dass ich bei Gruns mit dir speisen kann! Ich bin unfahig, mich fur den ganzen Tag zu sammeln. Erst deine Entdeckung, dann der Rapport des somnambulen Katers, den du heute Abend wiedersehen sollst. Ich erwarte dich nach neun Uhr in der Brandgasse Nr. 9 im zweiten Hofe, drei Treppen hoch. Adresse: Fritz Hackert. Komm' aber allein, ohne deine neuen Freunde, die erst einen Scheffel Salz mit mir essen mussen, bis sie die meinen werden. Die hundert Thaler kannst du auch mitbringen, wenn du willst! Fritz Hackert, Brandgasse No. 9. Du wirst erstaunen uber diese Annaherung und Aussohnung. Hackert will Bekenntnisse machen, aber nur in deiner Gegenwart, vor dir, von dem er sagte, du hattest den ersten Funken der Liebe in seine Nacht geworfen!

Bis dahin forsche mir nicht nach! Die beiden Donnerschlage haben mich erschuttert und zu jedem Entschlusse fur heute unfahig gemacht.. Ich muss Natur suchen, muss frische Luft athmen. Ich muss im Grase den Namen: Melanie! ausweinen ... Nein! keine Thranen! Nein! Wir brauchen Kraft fur Das, was endlich beginnen soll! Hinweg aus unsrer Bahn, entnervende Frauengunst! Weiss denn ein Weib zu wurdigen, was ihm ein Jungling, der sie liebt, zum Opfer bringt? Ich kehre zuruck zu unsrer grossen Aufgabe, wie ich sie im Tempelhause von Angerode und im Walde bei Hohenberg unter einer alten dreihundertjahrigen Eiche geahnt, ergriffen, mit lebendigem Auge geschaut habe! Denk' an die Taube uber deinen flammenverzehrten Templern! Denk' an das vierblattrige Kleeblatt am Kreuze, das mir ein Symbol geworden ist, einen grossen Gedanken zu suchen auf der platten Wiese des Lebens, wie man ein Vierblatt im Klee sucht und freudig ruft: Ich hab's! Am Abend, Bruder, grusse mich stark und entschieden! Wir sind, denk' ich, einig uber die Eidechse, und fliegen nicht von unsern Baumen zu ihr hinunter, mag sie auch mit Augen wie Rubinen glanzen und ein Bett von eitel Rosen zeigen, auf dem es schon dunken mag, unsterblich sterblich mit ihr zu ruhen! Bei dem Geiste unsres Vaters! Dein ... Bruder!

Nachschrift. Verschliess mir das Bild! Ich geb's Morgen an den Prinzen Egon von Hohenberg ab, dem es gehort.

. ...Als Siegbert diesen Brief gelesen hatte, weinte er wirklich. Aber er weinte nicht aus Schwache um Melanie's Verlust, sondern aus Liebe fur den Bruder.

Dies Wort: Beim Geiste unsres Vaters offnete die Schleusen seiner Seele! Das war ein Zauberwort der Liebe und der kraftigenden Erinnerung! Was hatte er, wenn nicht die starke Hand des Bruders, den er gelobt hatte, zu erziehen und der ihn erzog!

Von dem Augenblicke an, wo er schon aus Melanie's gewitterblitzenden Augen, aus der dunklen Glut ihres Zornes gefuhlt hatte, dass sie wol den Bruder oder der Bruder sie liebe, war sein Entschluss fest, nach einer solchen Blute nicht mehr aufzublicken. Die gab er hin! Mit Schmerz; denn er gehorte zu jenen Mannern, deren Bestimmung es zu sein scheint, gerade die Frauen zu lieben, die am wenigsten fur sie passen. Aber er gab sie schon dahin! .... Nun aber bot der Bruder auch einen Ersatz, eine Heilung dar, die Verachtung des ertraumten Gluckes und ein hoheres Ziel. Er fuhlte das Letztere nicht mit dem Feuer wie Dankmar, er fuhlte die Verachtung nicht so tief, wie Dankmar sie durch die Erzahlung von einem gewagten, zweideutigen Abenteuer ihm.. er sah Das.. absichtlich und gescharft, formlich einatzen wollte, ja es entgegnete seinen scharfen Worten in ihm die Gedankenreihe: Wie kannst du, Undankbarer, Das so heftig tadeln, was doch nur die rasendste Leidenschaft und Liebe fur dich veranlasst haben kann!.. aber der Rest seiner Betrachtungen war der, dass er sich sagte:

Die schone Welt, die du dir aufgerichtet, ist zerstort! Und wo ich nicht die Blute mehr sehe, mag ich keine Frucht.

Er entschloss sich, nur noch ... "unglucklich zu lieben".

Nachdem er sich fur sein langes Fasten durch massige Kost entschadigt hatte, ging er, ruhig und mit gesenktem Haupte schlendernd, erst in die Wallstrasse, um Armand's Auftrag beim Tischler Martens und gelegentlich auch fur Franziska Heunisch auszurichten, dann ging er nach Haus und zahlte sogleich das Geld fur Hackert zurecht, uber den plotzlich so Gunstiges zu vernehmen ihm innigst wohlthat.

Die Wirthin wusste ihm nichts zu melden, als dass der Fuhrmann aus dem Pelikan mit seinem lahmen Hunde dagewesen ware, auch ein anderer ihr ganz fremder Herr von finsterem, strengem Aussehen, der seinen Namen nicht genannt, aber versprochen hatte, wiederzukommen..

Fast antheillos warf er sich, halb entkleidet, auf das Canape, das in Dankmar's Zimmer, in ihrer sogenannten Aula, stand.

Eine Weile that diese Ruhe, dieses Bruten, ihm wohl. Er schlug die hundert Thaler ein, die Hackert heute Abend in einer Wohnung zuruckempfangen sollte, die ihm aus Leidenfrost's Ausserungen uber die beruchtigte Auguste Ludmer, fruher Malermodell, sehr unheimlich vorgekommen sein wurde, wenn er nicht auch einer dort hausenden Proletarierfamilie in wohlthuender Weise erwahnt hatte.

Aber so interessant es ihm war, diese neuen Anregungen, besonders uber Hackert, zu dem er langst wieder Vertrauen gefasst hatte, seitdem er an Lasally das Pferd richtig zuruckgestellt gefunden, empfangen zu haben, diese Gedankenreihe konnte ihn von seinem Kummer nicht loslosen.

Er suchte nach andern Gegenstanden, um aus dem tiefen Unmuth, der ihn umschattete, wieder zum Lichte eines freieren Gedankens zu kommen. Er fiel so auf das Bild, dies vielbesprochene Bild! ... Dankmar hatte ihm ja aufgetragen, es sorgsamer zu verwahren.

Wie er an dem alten Rahmen des blassen Pastellgemaldes mit den Fingern streifte und den alten Staub auf der abgesprungenen Vergoldung tilgte, dann hinten den neuangefugten Boden befuhlte, der etwas einer bedeutenden Familie so Wichtiges verbergen sollte, begriff er kaum, wer es gewesen sein konne, der mit einem Andern auf so gefahrliche Weise hatte sich verstandigen wollen. Durch ein Bild! Er glaubte kaum daran, dass das Bild in seinem Rucken Papiere enthielt ...

Es war weniger Neugier, als die zufallige Absicht, sich irgendwie zu zerstreuen, dass er anfing, einem etwaigen Mechanismus des Bildes nachzuspuren. Der wahre Besitzer, dachte er, wird sich leicht helfen; er weiss entweder das Geheimniss oder er zertrummert den Rahmen. Das Letztere durfte er nicht und ein Geheimniss war nicht zu entdecken ...

Er gab seine Neugier auf und machte den Versuch, irgend eine Beschaftigung vorzunehmen, vielleicht der Mutter zu schreiben, vielleicht etwas zu zeichnen.

In den Zurustungen dazu traf es sich zufallig, dass er auf einem Tische, auf dem er neben sich das Bild gelegt hatte, einen harten Gegenstand, sein Tintenfass, bei Seite stellen wollte, um Papier aus einer, grossen Platz wegnehmenden Mappe zu wahlen. Nicht achtend, zufallig, stellte er das schwere Tintenfass auf das Glas des Bildes. Doch ein starkes Glas! dachte er erschreckend und nahm das Bild, um mit einem fluchtigen Blick die Starke des Glases zu wurdigen. Dies fuhrte ihn zufallig darauf, mit Kraft auf den oberen Rand des Glases zu drucken und im selben Augenblick sprang hinten der Deckel der Kapsel auf. Durch Zufall hatte er das Geheimniss der Offnung selbst gefunden.

Erstaunt uber diese wunderbare Entrathselung des Bildes, zogerte er fast, dem weitern Inhalt der Kapsel nachzuspuren; doch fielen darin enthaltene, zartgeschriebene kleine Briefblatter von selbst heraus.

Die Versuchung, diese kleine gekritzelte, blassgelbe Handschrift zu lesen, war Anfangs nicht gross ...

Auch widerstand ihr Siegbert. Er war ein Gewissensmensch, der selbst die Geschenke des Zufalls zuruckwies, wenn er annehmen konnte, dass sie einem Andern gehorten.

Wer hatte Siegbert ein grosses Verbrechen daraus gemacht, wenn er diese Papiere gelesen hatte? Er wusste so gar nichts vom naheren Zusammenhang dieser Mittheilungen und kannte nicht im mindesten die Bedeutung, die sie dem Prinzen von Hohenberg haben mussten, ja er wusste nicht einmal, von Wem sie kamen ... Darauf hin durchflog er fluchtig wenigstens die ersten Seiten ....

Er fand, dass darin eine Mutter klagt, wie alle Welt sich gegen sie verschworen hatte, wie sie keinen Freund mehr auf Erden fande als Gott, und wie sie nicht wisse, wie Das, was sie einem entfernten Sohne, der seinem Stande, leider auch seiner Erziehung, seiner Bildung entsagt hatte, nach ihrem Tode in die Hande kommen sollte. Jedes bei Gerichten oder Notaren niedergelegte Dokument wurde Aufsehen erregen und von Seiten ihrer Feinde doch errathen werden. Wie oft waren nicht durch scheinbaren Diebstahl Geheimnisse gewaltsam entdeckt worden! Und doch ware, was sie zu sagen hatte, so wichtig, so folgenschwer

Hier brach Siegbert schon ab und liess die Papiere wie gluhende Kohlen fallen.

Nach einigen Augenblicken entschloss er sich, sie wieder zusammenzulegen und das Kastchen zu verschliessen.

Wie er sich eben dazu anschicken wollte und die Blattchen an einander reihte, fiel sein Auge, das nur ganz obenhin und fluchtig auf die Buchstaben sah, auf einen Namen, der ihm im hochsten Grade auffallen musste. Dieser Name hiess: Rodewald. Rodewald war der Familienname seiner Mutter..

Er wagte noch einen Blick und glaubte sich nicht zu tauschen, wenn er annahm, dass hier von seinem Oheim gesprochen wurde, dem Bruder seiner Mutter, einem gewissen Heinrich Rodewald, von dem er viel Gutes und viel Schlimmes in seiner Jugend gehort hatte, viel Wustes und Verworrenes.. Heinrich Rodewald galt als verschollen. Er hatte eine Partie gemacht, von der Siegbert ungefahr so viel wusste, dass sie seinen Verhaltnissen nicht entsprechend gewesen war.. Dann wusste er noch, dass er nach Frankreich gegangen war mehr hatte man von ihm nie erfahren.. Heinrich Rodewald! Der Name stand jetzt fast auf allen diesen Blattern. Er musste sie fallen lassen, sie mit Gewalt von sich thun, um nicht der Verfuhrung zu erliegen, sie im Zusammenhang zu lesen.

Als er sich von dem Tische, der ihn magisch anzog, fast mit Gewalt getrennt hatte, fuhlte er, wie machtig die Versuchung ihn doch gefangen hielt.

Heinrich Rodewald! sagte er sich. Mein Oheim! Der verschollene Bruder meiner Mutter, den sie so liebte, der so schon und so leichtsinnig, so geistreich und so unglucklich gewesen sein soll! Wenn ich hier etwas von ihm erfuhre! Wenn ich meiner Mutter die Freude bereiten konnte, sie auf eine Spur des verlorenen Bruders zu fuhren, eines Menschen, dem Alle die glanzendste Zukunft prophezeiten und der unter schoner Frauen Gunst, unter Frauenanbetung und gerade durch die Frauen zu Grunde gegangen sein soll!

So nur zerstreut war Alles, was er von Heinrich Rodewald wusste.. Noch fiel ihm ein, dass er ganz klein war, als sein Vater einmal gesagt hatte, als von des Onkels Wanderungen die Rede war: Nach Amerika sollte Rodewald ziehen! Da mag er Walder roden! Dies Wortspiel hatte sich ihm tief eingepragt und doch war es aus so fruher Zeit, dass Dankmar nichts davon wusste; denn es war im Hause hergebracht, von dem Oheim wenig zu sprechen und ihn als verschollen zu betrachten. Man sprach von Kriegsdiensten, die er in Spanien genommen hatte oder von der franzosischen Fremdenlegion in Algerien.

Es war nicht ganz Neugier, was Siegbert reizte, es war der erwachte Familiensinn, das wirkliche Interesse fur einen Mann, dem er so nahe verwandt war. Wie bebte er aber zuruck, als er, noch einmal die Papiere ergreifend und sie durchblatternd, auf einer Seite den Namen Thalduren und nicht weit davon auch das Wort Wildungen entdeckte!..

Wieder liess er die Papiere fallen, aber jetzt in der bestimmten Absicht, sie zu lesen.

Warum sollt' ich nicht? sagte er zu sich selbst. Der wunderbarste Zufall fordert mich ja auf, in die Geheimnisse meiner Familie zu dringen. Bin ich nicht sogar gebunden, wenn ich von einem Menschen hore, dessen Schicksal uns bekummert, die, die von ihm wissen, auszuforschen, gleichviel ob sie offen von ihm sprechen wollen oder ob ich sie nur belausche? Wissen ist noch nicht ausplaudern. Wenn ich schweigen kann, wenn ich Das, was ich hier erfahre, tief in mein Innerstes verschliesse und die Gelegenheit ehre, die mich zum Mitwisser fremder Tugend oder fremder Schuld machte, handle ich da gegen meine bessere Uberzeugung? Ich sehe eine Quelle und sollte mich nicht an ihr erquicken, weil eine Mauer zu ubersteigen ware, die nicht mein ist, wahrend ich vor Durst verschmachte? Ich lese diese Papiere. Wer kann mich hindern? Wer sagt mir, dass ich sie nicht lesen darf?

Damit ergriff er einen Stuhl, ruckte ihn an den Tisch, den Tisch dem Fenster zu, legte sich die Papiere zurecht und war eben im Begriff, mit dem ersten Bogen zu beginnen, als es stark und kraftig draussen an der vorderen Thur pochte.

Diese Storung war unwillkommen. Er hatte vergessen zuzuschliessen oder sich verlaugnen zu lassen.

Es klopfte noch einmal und wahrend er rasch die Papiere, die ungeordnet neben ihm lagen, bunt durcheinander wieder in die Kapsel steckte, zudruckte und das Bild bei Seite legte, war schon Jemand in das vordere Zimmer, in die sogenannte "Akademie", eingetreten.

Der Besucher war ein untersetzter Mann, wol schon ein Sechziger, aber fest, gedrungen und fur sein Alter kerngesund. Er hatte eine Mutze auf, die er beim Eintreten abnahm und einen Kopf von harten, strengen Zugen sehen liess. Die Stirn trat etwas hervor, die Nase war nicht fein geformt; sie war kurz und von starken Offnungen, das Auge lag tief in grauuberbuschten Hohlen ...

Das graue Haar musste einst dunkel gewesen sein; noch war es ungemein stark und ging bis tief uber die Stirn herab. Der Mund war ernst, ohne das geringste Zeichen von Sarkasmus oder Satire, aber auch ohne Zeichen irgend eines ublen Willens. Recht duster und streng war der noch wenig ergraute Backenbart. Die Kleidung schlicht, aber sauber. Die Kamaschen an den Fussen gaben dem Fremden sogar ein gewahltes Aussehen, wozu freilich die grauen baumwollenen Handschuhe uber den Fingern nicht passten.

Siegbert hatte diesen Mann noch nie gesehen.

Als er aufgestanden war und sich in das vordere Zimmer begeben hatte, wo er den Fremden empfing, sagte dieser, dass er schon einmal dagewesen ware, um einen der Herren Bruder Wildungen zu sprechen.

Als ihm Siegbert entgegnete, dass er der Altere dieses Namens und Maler ware, nannte auch der Fremde seinen Namen.

Ich heisse schlechtweg Rudhard! sagte er.

Siegbert forderte ihn auf Platz zu nehmen und wartete mit Spannung auf Das, was er von diesem Besuche wurde zu vernehmen haben.

Auch diesen Namen hatte er noch nie gehort.

Ich muss es fur ein grosses Gluck halten, begann Rudhard, dass ich in einer Angelegenheit, die ich schon langst zu einem guten Ende hatte fuhren sollen, nur so kurze Wege einzuschlagen brauche. Ich dachte auf die grossten Schwierigkeiten zu stossen und bin erfreut, dass sich mir Alles wie von selbst in die Hande gibt, den letzten Willen einer verstorbenen hohen Dame zu vollziehen. Sie kannten die Furstin Amanda von Hohenberg?

Siegbert verneinte diese Frage.

So wird sie Ihr Herr Bruder gekannt haben?

Auch fur seinen Bruder bestritt Siegbert eine genauere Bekanntschaft mit einer so vornehmen Frau. Er hatte davon Kenntniss haben mussen.

Dann bin ich erstaunt, sagte Rudhard, wie sie Beide, meine Herren, in eine so geheimnissvolle Angelegenheit verwickelt sein konnen, wie Die ist, welche mich zu Ihnen fuhrt.

Sie spannen meine Neugier, sagte Siegbert und fand in dem Benehmen des Fremden mehr Weltton und Formenglatte, als dem schlichten Aussern und dem strengen Blick der Augen zu entsprechen schien.

Auch wird Ihnen dann mein Name fremd sein, fuhr Rudhard fort, und ich muss es daher fur meine Pflicht halten, von mir selbst zu sprechen ... Ich war in dem furstlich Hohenberg'schen Dorfe Plessen und fur eine ziemliche Anzahl in der Nahe liegender Vorwerke vor Jahren Pfarrer und hatte wie es schien zur Zufriedenheit meiner Gemeinde an diesem Orte eine lange Zeit gewirkt. Beforderung hatt' ich freilich wenig zu hoffen, da mein religioses Glaubensbekenntniss von jenem abwich, durch das allein man damals auf dem kirchlichen Gebiete, leider auch in manchem andern, sein Gluck machen konnte. Zu heucheln war meiner nicht wurdig. So ertrug ich mein bescheidenes, oft durftiges Loos. Ich konnte es, da Gott meine Ehe mit Kindern nicht gesegnet hatte und ich nur fur mein Weib, einige Verwandte und mich zu sorgen brauchte.

Siegbert fuhlte sich von dieser Eroffnung schon an

gezogen. Er gedachte, ohnehin bewegt, seines Vaters und fuhlte die Leiden auch seines gesinnungsgetreuen Charakters um so schmerzlicher nach, als dieser gerade noch die Noth um die Versorgung seiner Kinder gehabt hatte und sich selbst so Vieles entzog, um nur die Seinen glucklich zu sehen.

Er horte, befremdet zugleich von der Ehre, wie er

zu diesen Mittheilungen kame, und mit gelassener, wehmuthiger Aufmerksamkeit zu.

Rudhard fuhr fort:

Mein Loos schien sich zu verbessern, als die Fur

stin Amanda von Hohenberg sich entschloss, ihren dauernden Wohnsitz in Hohenberg, ihrem dicht bei meiner Pfarre gelegenen Stammschlosse, zu nehmen und ich daraus wol eine Erleichterung meiner Lage, wenigstens eine freundlichere Anregung erhoffen durfte. Zu gleicher Zeit wusst' ich, dass sie sich der Erziehung ihres einzigen Kindes, eines Knaben, in dieser Zuruckgezogenheit ausschliesslich zu widmen gedachte. Ich erfuhr, dass sie sich sorgfaltig nach mir erkundigte und die Absicht hegte, mich mit in ihren neuen Lebensplan hineinzuziehen. Alle diese Anzeichen einer neuen bessern Zukunft trubten sich plotzlich, als die Furstin mir gleich in den ersten Gesprachen, die ich mit ihr nach ihrer vollstandigen Einrichtung wechselte, als eine fanatische Anhangerin der neuen frommelnden Richtung entgegentrat. Sie betonte den Erloser, die Gnade, die Rechtfertigung und die Nichtigkeit der guten Werke in einem Grade, der mich mit Befremden erfullte. Eine Weltdame, die sie war, einst, wie ich gehort hatte, vielfach gefeiert, Gattin jenes wilden, beruhmten Kriegers, uber dessen Sitten wie uber seine Tapferkeit nur eine Meinung herrschte, schien es mir unglaublich, dass sie in die Netze der neuen Verlockungen durch eine trube, oft unehrliche Welt- und Lebensauffassung fallen konnte. Ich beging die Thorheit, mit ihr zu streiten. Der Streit war gerade Das, was sie suchte. Aber weit entfernt, mir zu danken, wie ich ihr doch Gelegenheit bot, fur ihre Wahrheit und fur ihren Heiland Zeugniss abzulegen, warf sie Mistrauen, Groll, ja zuletzt Feindschaft auf mich. Zwar erhielt ich die Oberaufsicht uber den jungen Prinzen und begann mein Werk in meiner Weise, allein es verging nicht ein Tag, wo ich uber unsre entgegengesetzten Grundsatze der Erziehung mit der Mutter nicht in Streit gerieth. Wie oft wollt' ich nicht die Zugel meiner Aufsicht in ihre Hand zuruckgeben! Eine gewisse Achtung vor meinen mancherlei zerstreuten Kenntnissen, die Liebe und Anhanglichkeit des Knaben an mich trotz meiner Strenge, endlich aber wol die Verlegenheit, dem Kinde in dieser landlichen Zuruckgezogenheit irgend eine starke Nahrung des Geistes zu bieten, bestimmte sie doch immer wieder auf's neue, mit mir anzuknupfen, Aussohnungen vorzubereiten und Waffenstillstande zu schliessen. Dies dauerte einige Jahre, bis es nothwendig wurde, fachwissenschaftliche Lehrer mit zu Rathe zu ziehen. Statt den Knaben in ein Institut zu geben, wollte die Furstin ihn unter ihren Augen behalten und umgab sich mit fortwahrend wechselnden Sprach- und Musiklehrern und andern Praceptoren, die im Schlosse viel Unheil anrichteten und sich selten langer als einige Monate auf ihren Platzen behaupteten. Ich litt bei diesem Wirrsal am meisten; denn selbst die Kinderseele, fur die ich dabei am meisten furchtete, hielt die wilde Planlosigkeit zur Noth aus. Wie stark ist nicht ein junges Gemuth in seinem ersten Wachsthum!

Wieviel geht nicht in das durstende Herz hinein, wieviel hinaus, ohne ihm zu schaden! War' es nicht so, so musste man die Kinder in einen durchsichtigen Glasschrank setzen und von der ganzen Welt abschliessen!

Ihr Werk ist gesegnet worden, bemerkte Siegbert. Der leider so heftig erkrankte Prinz Egon soll sich in jeder Hinsicht auszeichnen.

Siegbert sprach diese Worte mit einer Betonung, die seine uber diese sonderbar aufrichtigen Mittheilungen zunehmende Verlegenheit deutlich zu erkennen gab.

Daruber fehlt mir ein genaueres Urtheil, fuhr Rudhard ernst fort. Ich habe nur die ersten Keime der Bildung in sein allerdings sehr begabtes Innere pflanzen konnen. Es war ein liebes Kind, trotz Eigensinn und Starrheit und einer uberlebhaften Neigung zu Extremen! Ihn krank zu wissen, den nun herangewachsenen Jungling, ja schon Mann, macht mich traurig.. Nach so vielen Jahren hatt' ich ihn gern freudiger begrusst. Ich bin gewiss, er hatte sich meiner ohne storendes Misbehagen erinnert! Hat mir doch auch die Mutter in ihren letzten Lebensaugenblicken einen Beweis gegeben, dass sie in weiter Ferne meiner noch mit Achtung, ja sozusagen Versohnung gedachte!

Sie schieden also von Hohenberg? fragte Siegbert.

Schon vor langer Zeit, fuhr Rudhard fort. Die Verstimmung zwischen der Furstin und mir war nicht mehr zu heilen. Immer mehr Menschen, immer heftigere Bedurfnisse religioser Schwarmerei drangten sich zwischen sie und mich, und als sie sich entschlossen hatte, gegen mein Bitten und Flehen den Prinzen nach Genf in eine bigotte reformirte Erziehungsanstalt zu schicken, war ich ohne ferneren Halt auf meinem Platze und zog vor, Plessen zu verlassen. Bei der Furstin hatte sich ein Predigtamtscandidat, ein sehr befahigter, aber grundsatzloser Mann, eingenistet. Er wurde, da ich merkte, dass ich in jeder Hinsicht unbequem war, und nun eine andre Pfarre ubernahm, mein Nachfolger. Ich darf, mein Verehrter, bei Ihnen, dem ich ganz fremd bin, kein Interesse ansprechen, wenn ich von meinen ferneren Schicksalen erzahlen wollte, ich uberschlage daher die Blatter meines Lebens bis auf den Augenblick, wo ich

Nein, nein, sagte Siegbert und ergriff treuherzig die Hand des Fremden, kann einem jungen Manne etwas lehrreicher sein, als die Erfahrung des Alters sprechen zu horen! Ich fuhle und lebe das Alles mit Ihnen mit, was Sie erzahlen! Meine Zeit drangt mich nicht und die letzte Aufklarung uber Das, was Sie zu den Brudern Wildungen fuhrte, bleibt mir ja doch wol gewiss.

Rudhard empfand ein sichtliches Wohlgefallen an diesen in so weichen Tonen gesprochenen Worten des jungen angenehmen Mannes. Er blickte auf ein reines Gemuth, wie er es lieben musste. Seine Augen milderten sich der sanften Klarheit des Blickes gegenuber, den Siegbert auf ihn ruhen liess. Doch that er Das nicht, was vielleicht jeder Andere gethan hatte und sprach etwa mit Anerkennung uber die Gesinnung des jungen Mannes, die er doch schatzen musste. Er machte nur eine kurze Pause und fuhr mit einer gewissen Strenge fort:

Ich zog mit meinem krankelnden Weibe an die fernste Grenze unsres Vaterlandes, Russland zu, in einen Ort Namens Schmalelinken. Dort in einer Provinz, wo man klare Begriffe von der Provinzhauptstadt aus beforderte und beschutzte, glaubt' ich, fur die sparliche Saat, die jetzt noch Geistliche in die Herzen der Menschen streuen konnen, hinlanglichen Boden zu finden und fand ihn. Die Nahe einer Rittergutsbesitzung, der angesehenen Familie von Osteggen gehorend, machte mich ganz besonders glucklich. Diese Familie war am begutertsten im benachbarten Kurland, lebte aber lieber als in Russland auf dem bescheidenen Schlosschen Ostegg bei Schmalelinken, wo ich als Pfarrer wirkte. Dieses Gluck dauerte aber nur kurze Zeit. Meine Gattin starb. Ich hatte es verwinden konnen. Aber dem Tiefgebeugten, der gleichsam mit dieser guten Frau auch die Kinder verlor, die sie ihm nicht hatte schenken konnen, der nun ganz allein in der Welt dastand, entzog sich auch der Trost jener Beziehung zu der Osteggen'schen Familie, wo ich zwei jungen liebenswurdigen Madchen, Adele und Helene, Erzieher geworden war. In Plessen war ich von bigotten Deutschen verdrangt worden, in Osteggen verdrangte dagegen mein Erscheinen einen gewissen Rafflard aus der reformirten franzosischen Schweiz. Ich erloste diese Familie formlich von der Sklaverei unter dem Joche dieses Rafflard, eines eiteln, unwissenden Intriguanten und hatte die Genugthuung, dass mein Wirken anerkannt, gewurdigt wurde. Da starb aber mein Weib und meine einzige Anlehnung, die Osteggen'sche Familie, wurde durch die glanzende Heirath Adelens, der altesten Tochter, mit dem Fursten Wasamskoi bestimmt, nach Odessa zu ziehen, wo der Furst am russischen Gouvernement wirkte. Was that ich? Ich entschloss mich, den dringenden Bitten der Familie, der ausdrucklichen und ehrenvollen Anerbietung des Fursten Wasamskoi zu folgen und ging, nahe meinem funfzigsten Lebensjahre, mit nach Odessa. Dort am Ufer des schwarzen Meeres, unter sudlichem Himmelsstrich verlebte ich gluckliche Jahre. Mancher dustre, trube Zug meines Charakters milderte sich. Was fruher hart und starr war, wurde weicher und ebener. Leider verschonten uns herbe Schicksalsschlage nicht. Die alte Baronin Osteggen starb. Vor einigen Monaten ist auch ihr Schwiegersohn, der Furst Wasamskoi, auf einer Reise nach der Krim an einem Fieber dahingegangen. So fiel die Sorge fur die Furstin Adele und ihre drei Kinder auf mich. Ihre jungere Schwester, Helene Osteggen, hatte in Odessa die Bekanntschaft des in Auftragen reisenden franzosischen Attache, Grafen d'Azimont, gemacht und war, nachdem er sie geheirathet, erst nach hier, dieser Stadt, wo er fixirt war, dann nach Paris mit ihm gezogen

Die Grafin d'Azimont? fragte Siegbert gespannt. Irr' ich nicht, so ist die Grafin hier?

Sie ist es, sagte Rudhard mit dustrer Miene, auch ihre altere Schwester, die Furstin Wasamskoi ist hier. Leider gerieth mein jungster Zogling, Helene d'Azimont, so in den Strudel des modernen Weltlebens, dass sie mit der ganzen Familie brach und durch ihre wilde phantastische Lebensweise die Liebe und das Herz der Mutter zu fruhe knickte ... Seit mehren Jahren schon ist jeder Verkehr zwischen den Schwestern Helene und Adele abgebrochen und selbst das unter andern Umstanden sehr erfreuliche Zusammentreffen in dieser grossen Stadt wird keine Aussohnung zu Stande bringen. Ich erwahne da Dinge, die in der grossen Welt leider zu bekannt sind ...

Auf Siegbert's Lippen schwebte die Frage, ob Rudhard wol wisse, welche Beziehung zwischen dem Prinzen Egon und der Grafin d'Azimont stattfande; doch schwieg er, weil er dem Herzen eines Mannes wehe zu thun furchtete, dem ohne Zweifel das Werk seiner Erziehung an der zweiten Tochter der Baronin von Osteggen nicht gelungen war.

Rudhard nahm aber diesen Gegenstand selbst auf und zeigte sich uber die Chronik der Schwester seines treugebliebenen Zoglings, der Furstin Wasamskoi, vollkommen unterrichtet.

Wie schmerzlich muss es mir sein, sagte Rudhard, dass sich die Nachrichten, die wir dann und wann uber die Schwarmereien Helenens empfingen, an meinen plotzlich in Paris wieder auftauchenden Schuler Egon von Hohenberg anknupften! Ich sah, dass auch Egon durch seine Genfer Erziehung in den Strudel gerathen war, in welchem Helene unterging, als sie sich verheirathete an einen Mann, der ihr niemals eine sittliche Anlehnung bieten konnte. Wie tief hab' ich das Conventionelle im Leben unserer vornehmen Stande damals verabscheut, wie bitter beklagt, dass mir unmoglich wurde, dies liebenswurdige, reizende, gutmuthige Kind, Helene Osteggen, nicht von einer, wie man sie nennen musste, glanzenden Partie mit einem nicht mehr jungen, aber reichen und interessanten franzosischen Diplomaten fern zu halten! Legte sich doch selbst der Wunsch des Kaisers in die Wagschale, russische Unterthanen in Paris, an der Quelle der Begebenheiten, in genauester Verbindung eben mit den Lenkern der Begebenheiten zu wissen! Ich begehe keine Indiskretion, indem ich von diesen Dingen spreche; denn ich muss sie Ihnen sagen, weil sie mit Dem zusammenhangen, was mich zu Ihnen und Ihrem Bruder fuhrt.

Ich erstaune uber Das, was ich horen werde, sagte Siegbert und strich sich uber die Stirn, als konnte sie kaum alle diese wunderbaren Beziehungen fassen.

Mein Unmuth, fuhr Rudhard fort, erstreckte sich in dem Grade auf Alles, was mit Helenen zusammenhing, dass ich auch Egon verwarf und Niemanden mehr verwarf als die Mutter Egon's, die Furstin Amanda, die mir so viele bittere Schmerzen in meinem an Freuden nicht reichen Leben verursacht hatte. Was sollte ich dazu sagen, dass ich vor anderthalb Jahren einen Brief von der Furstin Amanda empfing, den sie auf ihrem Todtenbette geschrieben hatte! Einen Brief, der mich erst in Schmalelinken suchte und ein halbes Jahr brauchte, mich am Schwarzen Meere zu finden; einen Brief, dessen Absicht ich versaumt glaubte, als er ankam, ja der selbst rechtzeitig hatte eintreffen konnen und mir keinen Entschluss wurde abgewonnen haben, so erbittert und gram war ich damals dem Andenken an Alles, was mich an Hohenberg erinnerte. Doch lesen Sie selbst diesen Brief und erfahren Sie damit zu gleicher Zeit den Grund, der mich zu Ihnen fuhrte und mich bestimmte, Ihnen einen Uberblick meines Lebens zu geben. Um jedoch Ihre Spannung nicht zu lange hinzuhalten, bemerk' ich, dass mein Besuch mit einem Bilde der Furstin Amanda zusammenhangt, das Sie besitzen.

Mit einem Bilde? fragte Siegbert erstaunt ....

Ist es nicht so? bemerkte Rudhard, der sich in seinem sichern Auftreten nicht storen liess. Sie besitzen ein Bild der Furstin?

Allerdings; aber ....

So bitt' ich! Lesen Sie!

Dreizehntes Capitel

Eine neue Wendung

Rudhard zog ein grosses Portefeuille aus der Brusttasche, schnallte es auf und nahm aus mancherlei Papieren und Dokumenten, die in ihr angehauft lagen, einen zierlichen Brief hervor, der durch seine mit hundert Notizen und Strichen uberkritzelte Adresse einen wunderlichen Anblick bot. Es waren darauf ersichtlich die vielen Postzeichen und Bemerkungen des Hin- und Hersendens nach dem Adressaten in deutscher und russischer Sprache, in blauer, rother, gruner Tinte und wer weiss, setzte Rudhard mit einem leisen Anfluge von Lacheln hinzu, ob nicht noch in unsichtbarer, sympathetischer Tinte, die nur die geheime Polizei zu sehen und zu lesen im Stande ist!

Der Brief selbst, mit schwacher Hand, unsicher, wie von einer Todtkranken geschrieben, lautete:

"Nach Allem, lieber Rudhard, was zwischen uns auf dieser Erde vorgefallen ist, werden Sie erstaunen, wie Sie noch, ehe ich dies Dasein verlasse, von mir einen Abschiedsgruss erhalten konnen! Ja, mein lieber Rudhard, ich stehe an der Pforte der Ewigkeit. Die Stunden sind gezahlt, die mich die Langmuth des Herrn noch athmen lasst und ich frage mich, warum der erlosende Engel noch immer nicht kommen, an mein Lager treten und mir die Augen zudrucken will! Ich frage: Was gibt dir denn der Herr noch zu bedenken? Was sollst du noch in deinem Hause ordnen, ehe du die Heimkehr zu deinem Erloser antrittst? Ich blikke um mich, wo wol noch ein Herz schlagt, das ich betrubte, wo wol noch ein Fehl zu suhnen und zu bussen ist, und der Erinnerungen an Schlimmes und Sundhaftes sind in mir so viele, lieber Rudhard, dass ich noch eine Ewigkeit leben musste, jeden nagenden Gedanken aus meiner Seele zu tilgen. Ach, mein Heiland, muss ich beten, ich ermude, mich so zu schmukken wie du mich haben willst! Nimm mich hin in deine Arme und lass die Gnade mich rein waschen von meinen Sunden!"

Siegbert stockte, geruhrt von diesen innigen Worten.

Ein Wink Rudhard's, ein leichtes Kopfschutteln, foderte ihn auf, fortzufahren. Siegbert las:

"Dennoch nutz' ich jede Frist, die mir die Anfalle der traurigen Krankheit, an der ich sterbe, lassen, es ist dies Ubel jenes schmerzlichste, an dem wir Frauen uns auflosen mussen um doch irgend Etwas abzuthun, was mit meiner schwachen Kraft mir erreichbar scheint, und da bin ich zu einer ernsthaften Betrachtung gekommen, die mich darauf fuhrt, Ihnen zu schreiben."

Sie wird Sie, unterbrach sich Siegbert, um Verzeihung bitten, dass sie Ihnen so weh gethan, Ihren aufrichtigen Sinn verkannt, Sie von Haus und Herd vertrieben hat.

O nein, sagte Rudhard, mit ironischer Miene. Erwarten Sie eine solche Reue von einer Gottbegnadigten nicht! Auch ich erwartete, dass sie vielleicht, alle religiose Parteiung bei Seite setzend, sich auf einen rein menschlichen Standpunkt stellen und mir als Menschen, als ehemaligem Freund, als Erzieher ihres Sohnes in der letzten Stunde ein Wort der Versohnung zurufen wurde. Nein! Davon finden Sie nichts! Im Gegentheil, sie verharrt in ihrem Bewusstsein reinster Gottseligkeit und uberlasst mir nur noch eine Gewissenspflicht, die ich nach einer allgemeinen, rein praktischen und nur klugen Auffassung des Lebens prufen solle. Sie anerkennt in mir den rechtlichen Mann; Das ist Alles!

Aber viel! sagte Siegbert. Viel wenn es ein Auftrag ist, der einen rechtlichen Mann erfodert und unter Hunderten, die sie wahlen konnte, Sie es sind, an den sie in der Sterbestunde dachte, Sie, der Jahre lang ihrem Gedachtnisse entruckt war.

Ich bitte, lesen Sie! sagte Rudhard ruhig und ohne den mindesten Anflug eines geschmeichelten Gefuhls.

"Was aus meinem unglucklichen Egon geworden, fuhr Siegbert fort, wissen Sie vielleicht! Ich weiss, dass es Niemandem unbekannt geblieben ist. Die religiose Weihe, die ich seiner Erziehung geben wollte, hat keinen Widerschein in seiner Seele gefunden. Mit zerrissenem Mutterherzen gesteh' ich Ihnen, dass kein Sohn seiner Mutter geringere Aufmerksamkeit zeigt, kein Sohn die Hoffnungen seiner Altern mehr getauscht hat als dieser Ungluckliche, Tiefverblendete! Dass ihn die innere Haltlosigkeit seiner Seele anekelte und ihn antrieb, nicht seinem Stande gemass zu leben, will ich nicht tadeln. Aber nicht das Gefuhl der Reue ist es, was ihn veranlasste, sich das Kleid des Handwerkers anzuziehen, sondern leere, nichtige Originalitatssucht, der schlimmste von allen Trieben nach Auszeichnung. Ich wenigstens kann nicht daran glauben, dass die Erniedrigungen, die er in Lyon und Paris uber sich verhangte, aus Liebe zum Erloser, aus Geringschatzung des Lebens, aus wirklicher Demuth kamen. Eine Zeit lang hab' ich es geglaubt. Wie ich erfuhr, mein Egon ist von Genf nach Lyon zu Fuss gewandert, wie er mir einst einen guten, edlen Brief von dort schrieb, wie ich horte, ihn ekle die schaale, grosse Welt an, er hatte fast denselben Beruf ergriffen, den Anfangs auch der Heiland von seinem Vater Joseph erlernte, Rudhard lachelte uberkam mich eine Stimmung, die ich nicht schildern kann und doch hab' ich sie geschildert, habe versucht, sie zu schildern und schrieb meinem Sohne einen Ruckblick auf mein Leben mit der Wahrheit, die aufgedeckt ist im Buche des Lebens und zu der es mich drangt mit unwiderstehlicher Erleuchtung. Als ich diese Gestandnisse kurz vor dem Augenblick, wo ich in einer Nacht glaubte, an meinem Ubel sterben zu mussen, vollendet hatte, wusst' ich nicht, wohin damit? Du stirbst und diese Blatter, wer bringt sie dem Sohne und ruft ihm durch sie zu: Folge deinem Rufe! Ube Demuth! Sei was dein Heiland war! Ach, es war Nacht um mich die Wachterin schlief. Da griff ich nach einem alten Bilde, das meine jugendlichen Zuge darstellte, es hing uber meinem Bette. Es hatte ein Geheimniss, ein Kastchen, das auf einen Druck am Glase aufsprang, ein Scherz, den ich in jungen Jahren zu kleinem, verstecktem Krame benutzt hatte. Dort barg ich mein Gebet zu Gott, mein Gestandniss, das ich in einigen schlaflosen und doch entzuckten Nachten niedergeschrieben hatte, und glaubte nun zu sterben."

Siegbert war uber die plotzliche Aufklarung des Bildes so erregt, dass ihm das Lesen der schwierigen Handschrift wunderbar von Statten ging. Er fuhr fort:

"Ich starb nicht. Dies Ubel ist furchterlich, lieber Pfarrer. Es gewahrt augenblickliche Pausen, wo man an Genesung glaubt und dann bricht die Macht der Zerstorung mit Hammerschlagen wieder auf die verwesenden Theile und man glaubt zu sterben, ohne es zu konnen. Moschus und Opium fuhren uber die grasslichen Krisen hinweg. Ich hatte oft Denkwurdigkeiten aus meinem Leben aufgesetzt und wenn ich Bogen vollgeschrieben hatte, sie wieder verbrannt. Sie waren nicht die reine Wahrheit, sie schlupften ohne Reue uber meine grossten Sunden hinweg, ich vernichtete sie, weil ich mir vorkam wie der Pharisaer, der stolz auf seine Brust schlug und sich ruhmte: Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie Die! In jenem Jubelrufe an den Sohn aber war ich wahr gewesen; doch ich schauderte, wenn ich bedachte, was ich geschrieben! Es war Anfangs meine Absicht, jenes Bild zu versiegeln und bei Gerichten niederzulegen. Aber dann ergriff mich's mit furchtbarer Angst. Wie kannst du Das von dir geben? Wie kannst du dir die Moglichkeit nehmen, diese Blatter bei andrer Gesinnung rasch zu ergreifen und zu zerstoren? Nein, du musst sie zur Hand haben, und schon streckte die Hand sich aus, um die Papiere zu vernichten. Da zogerte ich wieder und warf mir vor: Siehst du, dass du zitterst vor der Wahrheit! Siehst du, dass du in Kleidern prangen willst, wie die Gerechten und deine Blosse verdeckst und sie nur Gott gestehen willst! Als ich spater Schlimmes von Egon erfuhr, dacht' ich auch: O wie gut ware dir's, Sohn, der Himmel schuttete eine Schale uber dich aus, eine Schale seines Zornes und du lerntest Demuth durch aussere Dinge, da sie nicht in dir ist!"

Was sagen Sie zu dieser Selbstqual? unterbrach Rudhard den Vorleser.

Siegbert fuhr ohne zu erwidern fort:

"Ich schreibe an diesem Briefe schon den dritten Tag, lieber Pfarrer. Mein Ende naht. Ich fuhle Das an jenem Pochen, das nun schon oft bis an's Herz reicht. Ein Schlag dieses Klopfers, der gut gezielt hat, und ich bin nicht mehr. Ich habe inzwischen Manches angeordnet. Der Furst ehrte meinen Willen und lasst die Verhaltnisse Hohenberg's ein Jahr so geordnet, wie sie sind, wenn ich die Augen schliesse. Auch die Einrichtung meiner Zimmer bleibt. Dem Sohne empfahl ich durch einige Zeilen, die wol die letzten sind, die ich an ihn richtete, wirklich das Bild und sein Geheimniss. Zugleich aber, da meine Gedanken und Gefuhle in einen nimmer auszugleichenden Widerstreit gerathen sind, entschloss ich mich, uber diese Papiere noch Einen zu Rathe zu ziehen, vor dem ich mich nicht scheuen wurde, wenn er sie lase. Ich suchte lange, bis ich ein Wesen fand, das mir wurdig schien. Ich fand zuletzt einige Wurdige. Aber unter den Wurdigen nur Einen, der nutzlich, weltlich und klug genug schien, Sie, Rudhard. Dass Sie leben, weiss ich; denn Ihren Tod wurd' ich in den Kirchenblattern, die ich halte, erfahren haben. Wollen Sie mir das Versprechen geben, nach meinem Hingange, aber ich beschwore Sie, ohne Kenntnissnahme des Fursten! sich das Geheimniss jenes Bildes zu verschaffen und selbst zu prufen, ob Egon diese Blatter lesen darf oder nicht? Ihnen entdeck' ich mich, weil ich weiss, dass Sie schweigen, wenn Sie zu schweigen gelobt haben, reden, wenn Sie zu reden gelobten. Sie werden aus diesen Blattern erkennen, warum ich Christus suchte. Halten Sie sie schadlich fur Ihren Zogling, der nach Allem, was er uber die Verlaugnung seines Standes und den Entschluss, in Frankreich ewig als ein Arbeiter zu leben, schreibt, noch treu an Ihnen und Ihren Principien halt, so vernichten Sie sie! Lassen Sie dann meinen Sohn das Bild und nur ich nehme Ihr heiliges Wort mein Lieblingsbuch, den Thomas a Kempis, darin finden. Das ist meine Bitte! Eilen Sie, um jedem Misbrauch zuvorzukommen! Anliegend ein Wechsel fur Ihre Reise, Ihre Bemuhungen!"

"Wenn Sie mir schon in Ihrer umgehenden Antwort ein aufrichtiges: Ja! Ich vollziehe diesen Auftrag, zukommen lassen!.. bestimm' ich, wie Ihre Muhe noch ferner soll entschadigt werden. Eilen Sie! Einen Anfall wie den der verwichenen Nacht uberleb' ich nicht. Viel duldend, aber freudig im Herrn Amanda Hohenberg."

Diesen Brief, erganzte Rudhard, als Siegbert erschuttert schwieg, erhielt ich erst nach einem halben Jahre und wusste an dem Datum und einer in Odessa gelesenen Zeitungsnotiz, dass sie schon einige Tage nach Absendung desselben gestorben war. Ich gestehe Ihnen, dass mein Eifer, dem Vertrauen der Sterbenden zu entsprechen, nicht gross war.

Sie waren in Odessa!

Der Entfernung wegen nicht. Die Donaudampfschiffe vermitteln das Schwarze Meer mit Deutschland ... Die Summe, die die Furstin anwies, war bedeutend ...

Diese grossartige Anerkennung auf dem Sterbebette! Sie fand in ihrem Gedachtniss keinen Redlicheren als Den, der ihre Ansichten nicht theilte, dem sie Ubles gethan hatte ...

Wohl! Aber es emporte mich wieder, dass sie gerade durch diese Analyse ihres Weges, wie sie zu Christus hatte kommen mussen, sich vor mir rechtfertigen, mich vielleicht in ihrem Sinne bekehren wollte. Ich sah die ganze Frau vor mir! Dieses Gemisch der freundlichsten Eigenschaften mit einer unglaublichen Menge eitler, unpraktischer, confuser Vorstellungen! Ich fuhlte mich so erkaltet durch diese Widerspruche von ihr selbst, die bis zum Rande des Grabes angedauert hatten, dass ich meiner Unentschlossenheit um so mehr nachgab, als ich von Egon gerade damals horte, dass er die communistischen Thorheiten, die er getrieben hatte, aufgab, wol wieder Furst war und zu einer wahrhaft verlorenen Seele, die mir die bittersten Schmerzen schon gekostet hat, zur Grafin d'Azimont in eine jener Beziehungen trat, die sich die verwerfliche Moral der hoheren Stande, wie das Reinste und Edelste erlaubt. Sagen Sie selbst, ob ich tadelnswerth handelte, indem ich den Ablauf des Jahres herankommen liess, ohne mich zu eifrig zu bemuhen?

Ich weiss nicht, entgegnete Siegbert, ob ich an Ihrer Stelle mich beruhigt hatte. Die Gestandnisse der Furstin waren hoffentlich nur fur den Handwerker Egon bestimmt ...

Rechnen Sie noch Dies, fuhr Rudhard fort, dass ich erfuhr, Egon's Vater hatte die ganze Einrichtung des Schlosses Hohenberg unter der Bedingung verkauft, dass von ihr nichts verandert wurde bis zu seinem Tode, dass ich ferner aus den Nachrichten, die wir in Odessa uber die d'Azimont horten, wusste, Egon hatte nicht die Absicht jemals Paris zu verlassen. Furst Wasamskoi wollte eine Reise hierher unternehmen und auf diese spart' ich meine etwa noch mogliche Erfullung der mir zugemutheten Verpflichtung auf. Der Furst erkrankte aber auf einer Dienstreise und starb. Da bedenken Sie denn die Verwirrung, in die eine mir unendlich theure Familie gerieth! Bedenken Sie, wie ich alle meine schwindenden Krafte zusammenraffen musste, um diesen Verzweifelnden Stutze und Stab zu sein! Da gab es zu ordnen, zu rechnen, zu schreiben ... Die Reise hieher und ein langerer Aufenthalt in dieser Stadt wurde der Kinder wegen beschlossen, die hier unterrichtet werden mussen, wenn etwas von tieferer Bildung in diese gutgearteten Seelen kommen soll. Aber es verzogerte sich von Monat zu Monat. Endlich komme ich hier an, hore von Egon's Anwesenheit, von Helene d'Azimont, dass sie seit einigen Tagen hier ist ... Wir richteten uns vor dem Thore in einem dort durch die Gesandtschaft schon bereit gehaltenen Gartenlogis ein und ...

Nun? sagte Siegbert gespannt, als Rudhard stockte.

Nun wollt' ich doch sehen, ob es noch moglich ist, eine vielleicht durch die Gunst des Schicksals selbst verschobene Sache wieder aufzunehmen. Ich besuchte soeben das Palais des Prinzen, hore von seiner Krankheit, lerne einen Franzosen kennen, der mir ein so lebhaftes Interesse fur den Prinzen, fur mich, den er als fruheren Lehrer desselben schon kannte, zu besitzen schien, dass ich mich nicht scheute, ihn in das Geheimniss der Furstin Amanda, so weit thunlich, einblicken zu lassen. Er sprach selbst von dem Bilde und nannte mir Sie und Ihren Bruder als die zufalligen gegenwartigen Besitzer desselben, und da bin ich denn nun, um zu horen, was Sie selbst von allen diesen Dingen halten und was Sie beschlossen haben, wie es damit ferner geschehen soll.

Siegbert erhob sich, ging mit einigen entschlossenen Schritten in das Nebenzimmer und kam mit dem Bilde wieder.

Da ist das Bild! sagte er.

Rudhard angenehm uberrascht, erkannte es sogleich als das der Furstin in jungen Jahren.

Als er aber danach langen wollte, hielt Siegbert seine Hand darauf und Rudhard trat zuruck.

Siegbert sprach nichts und doch lag in seinem Blikke die beredtsamste Vertheidigung seines Vorenthaltes ...

Sie haben Recht, sagte Rudhard. Ich kann keine Anspruche darauf machen. Auch nur der Anblick der Furstin uberrascht mich! Ich sehe die Spuren dieser eigenthumlichen Frau in meinem Gedachtnisse wieder wie lebendig auftauchen. Die Ungluckliche kam schon krank nach Hohenberg und doch ... das schwarmerische, schmerzlichblickende Auge ruhrt mich. Vergib mir, liebe Frau, ich habe einen recht bittern Groll gegen dich im Herzen gehabt, du hast mir viel Leides angethan, vergib mir, dass ich mich deinem Andenken nicht fruher versohnte und deine dargebotene Hand ergriff! Der Tod ist hart, aber er ist nicht die Grenze unseres Lebens. Er soll nicht Alles ausgleichen. Der Tod soll Charakter haben, wie das Leben. Wann der Tod jede That des Lebens ausloschte, stunde schon seit Jahrtausenden die Geschichte still!

Sie klagen sich an, Herr Rudhard, begann Siegbert, indem Sie sich rechtfertigen wollen! Nach meinem Gefuhle haben Sie allerdings das Recht verwirkt, die in diesem Geheimniss enthaltenen Blatter zu lesen! Aber eben wie Sie eintraten fiel mein fluchtiger Blick in diese Papiere, deren ganze Geschichte ich erst von Ihnen erfahre, und ich fuhlte, dass sie Schweres, Bedeutungsvolles enthalten.

Der Geist der Furstin Amanda ruft mir zu, dass diese Blatter ungelesen aufbewahrt bleiben sollten, bis Sie kamen ... Ich wurde Ihnen doch das Bild geben, wenn nur mein Bruder damit ubereinstimmt!

Ihr Bruder? wiederholte Rudhard ... Er bot Siegberten die Hand und betrachtete den jungen Mann voll Theilnahme. Er erkannte in ihm eine jener schwarmerischen Naturen, die ihm nicht ganz sympathisch waren, aber das Ehrenhafte, Wurdevolle und Sanfte seiner Ausserungen gefiel ihm doch so ausserordentlich, dass er eine wahre Liebe zu dem jungen Mann fasste.

Nun wohlan! sagte er. Lassen Sie es von Ihrem Bruder, dessen Anspruche auf das Bild ich nicht kenne, abhangen! Der Prinz wird hoffentlich genesen. Ich durchfliege dann die Blatter und auf den ersten Blick werd' ich sehen, ob ihm diese Gestandnisse einer bis uber's Grab hinausgehenden Wahrheitsmanie oder die Bucher des Thomas a Kempis nutzlicher sind. Zurnen Sie mir deswegen, dass ich die Bitte einer Sterbenden nicht sogleich erfullte?

Ja! sagte Siegbert mit edler Offenherzigkeit, die Rudhard anerkennen musste. Ich ware nicht im Stande gewesen, eine solche Bitte unausgefuhrt zu lassen.

Werden Sie sechzig Jahre, mein junger Freund, antwortete Rudhard, indem er seinen Hut ergriff, sehen Sie erst, was Alles auf unser Urtheil, unsere Willenskraft mit Zumuthungen und Anspruchen einsturmt und Sie werden zahe werden im Erfullen, wie ich es bin! Dieses Schwunges der Phantasie, mich in Odessa von allem mir Theuren loszureissen und eine Grille verkehrter Menschen auszufuhren, war ich nicht fahig. Verkehrt nenn' ich dich, arme Frau! Vergib mir auch dies Wort! Ich mochte nicht in deine Falle gehen, die noch nach funfzehnjahriger Trennung mir gelegt wurde, um mich zu bekehren! Denn Das ist es, lieber Wildungen! Was Sie auch auf fluchtigen Blick in diesen Papieren gefunden haben mogen, sie sind nur fur mich berechnet, fur meine Erleuchtung, fur meine noch im Tode von der Proselytin des Glaubens versuchte Erschutterung der eingebildeten eigenen Vernunft!

Siegbert schwieg uber diese wol zuweitgehende, aber charakteristische Vermuthung eines starren Rationalisten und schloss das Bild in einen Schrank der "Aula".

Nach einigen Worten, die die neuen Bekannten uber die Erklarung Dankmar's und den Ort des baldigen Wiederzusammentreffens gewechselt hatten, sagte Rudhard: Woher stammen Sie denn eigentlich? Der Name Wildungen ist mir so gelaufig! Er erinnert mich Vielleicht an meinen Vater? fiel Siegbert ein. Wildungen! Wildungen! sagte Rudhard. Er war Pfarrer in Thalduren und Angerode. Studirte aber mit mir glaub' ich.. Auf der Universitat schwerlich, sagte Siegbert. Lebt' er noch, musst' er erst ein Funfziger sein. Wohl! Wohl! sagte Rudhard. Wildungen! Sieh! Es war mein Schuler ... Sieh! sieh! mein Zeltgenosse, contubernalis von dem Stifte her, das uns bildete. Im schonen Saalthale bei Naumburg auf der Schulpforte wurden wir erzogen. Ich war Primaner und nach damaliger Sitte hatt' ich jungere Knaben unter meiner Aufsicht. Wildungen! Ich entsinne mich, Otto Wildungen. Otto Wildungen! bestatigte Siegbert bewegt. Er war mein contubernalis, sagte Rudhard. Ich mochte sechs Jahre alter sein als der kleine Quartaner, der meiner Aufsicht anvertraut wurde. Ich hatte deren drei unter meiner Obhut. In meinem alten akademischen Stammbuch hab' ich von ihm einen Denkspruch. Als ich zur Universitat ging, schrieb mir jeder der Kleinen etwas zur Erinnerung, naturlich etwas, was ich ihnen dictirte, lateinisch oder griechisch, anders verewigte man sich damals nicht in den Stammbuchern von Schulpforte, in mein Album.

Siegbert bezeugte eine grosse Neugier, dies Erinnerungsblattchen an die fruheste Jugend seines Vaters zu lesen ...

Und als er gar noch vernommen hatte, dass die beiden andern contubernales des Primaners Rudhard Rodewald und Gelbsattel geheissen hatten, wuchs seine Neugier in dem Grade, dass ihm Rudhard anbot, ihn doch nun gleich zu begleiten und sich die alte Reliquie anzusehen ... Siegbert schlug es aus, da ihm doch die Sammlung fehlte, mit Jemandem, der nicht ganz auf sein Innerstes gestimmt war, jetzt zu lang' allein zu sein. Er liess sich genau von Rudhard die Wohnung der Furstin Wasamskoi beschreiben und versprach, ihm schon morgen uber Das, was sein Bruder wegen des Bildes beschliessen wurde, Bescheid zu geben.

Rudhard ging mit den Worten:

Ich freue mich nun doch, dass ich dem Triebe folgen musste, Etwas zu thun, was die auf mich abgesehene Bekehrungsmethode der Furstin Amanda erleichterte. Ich habe Sie kennen gelernt, einen Sohn meines kleinen Wildungen, der so sinnig und gut war! Und der ruht nun auch schon! Gelbsattel ist ein hochgestellter Papst unsrer Kirche, Rodewald, nach dem Sie mich fragen, scheint verschollen, ich verlor ihn ganz aus dem Gedachtniss. Er war der Jungste von Allen, wild und storrisch, aber der Begabteste! Und Sie sind nun Einer von unsrer jungen Generation! Ein Maler! Neue Begriffe! Neue Lebensanschauungen! Auf eine Welt versetzt, in Zeitwirren, aus denen wir bald erlost sein werden. Wir namlich, die wir sie nicht mehr verstehen! Ich bin nur uber Eins froh, dass die Menschen offner und gerader werden! Das ist noch das Beste von Dem, was uns diese Tage gebracht haben. Das Ubermass von Freimuth hat wenigstens das traurige Untermass von fruher, die Heuchelei und das Kriechen, entfernt. Im Ubrigen find' ich mich nicht mehr in dieser Zeit zurecht ...

Sie kommen freilich aus Russland, sagte Siegbert lachelnd.

Aber nicht aus Sibirien, erganzte Rudhard, schon die Thur ergreifend. In Odessa friert der Verstand nicht ein und wo man das grosse allmachtige Meer sieht, das der menschlichen Damme und Satzungen spottet, da wird man niemals Sklave. Ja, ja! Des Meeres Anblick macht Alles gleich. Aber.. Aber.. es lehrt auch die ewige Grenze des Irdischen, es lehrt uns Demuth und Bescheidenheit. Der stolzeste Segler fahrt zerschmettert an ein verstecktes Felsenriff. Die Menschen, die der Natur und ihren grossen Weihestunden entruckt sind, bilden sich zuviel ein auf ihre Pygmaenkraft. Auf den Bergen wohnt die Freiheit! Hast Recht, edler Schiller! Aber am Meere wohnt die Beschrankung. Leider liegen Paris, Wien und Berlin weder auf Bergen, noch am Meere. Der Dunkel des Flachlandes beherrscht uns. Die Taumerei der nackten Erdscholle, die nur blauen Himmel um und uber sich sieht, Die erfindet die Ideen, die jetzt die Welt erlosen sollen! Ich vertheidige Russland nicht: ich achte die Menschenwurde. Aber ein Land, in dem man schweigen muss, lehrt uns denken. Da, wo man Alles sagen darf, denken die Menschen nicht mehr.

Mit diesen Worten trat Rudhard an die Stiege, bis zu deren Rande ihn Siegbert begleitet hatte.

Siegbert befand sich, als er wieder allein war, in einer eigenen Stimmung. Er hatte Merkwurdiges, Uberraschendes erfahren, aber auch wieder eine Binde mehr vor den Augen. Diese Blatter, die er eben hatte lesen wollen, die ihn so fesselten, so reizten, schlossen sich nun wie ein heiliges Geheimniss ... Er fiel in die Wehmuth uber die Erfahrungen dieses Tages zuruck ... Der Schmerz um Melanie, um den Bruder, um Alles durchzuckte ihn.

Dankmar kam nicht. Bei jedem Gerausch hoffte er, der Bruder wurde eintreten. Er blieb aus ...

Siegbert fuhlte das Leid des Bruders wie sein eignes. Beiden war eine lichte rosige Wolke entflohen! Beiden hatte derselbe Traum von Gluck und Liebe gelachelt! Des Junglings ringende Seele hat ja nur Eins, was ihn ganz erfullen, ganz und voll ergreifen kann: die Liebe! Alles Andre, was sonst in sein Inneres drangt, ist ja noch unreif, unfertig und bedarf tausendfacher Bestatigung durch die Erfahrung und durch die unermessliche Bucherwelt! Nur die Liebe bedarf keines Buches, sie liest die grossten Schatze der Weisheit und der Wahrheit im Auge der Geliebten. Die Liebe bedarf keiner Prufung, sie sieht nur und glaubt ja und vertraut. Die Liebe bedarf der Erfahrung nicht, denn sie liegt vom Anbeginn in unsrem Herzen!

Und diese Zauberkraft war Beiden plotzlich gelahmt! Gelahmt Beiden durch einen einzigen Schlag! Beiden war nichts geblieben als das Bewusstsein ihrer Unfertigkeit und vielleicht nie sich abschliessenden Vollendung! Siegbert fuhlte es an sich, was auch Dankmarn bewegen wurde.

Er sucht, wie du jetzt, sagte er sich, die Faden, die ihn in die alte gewohnte Auffassung seiner Muhen und Pflichten wieder zuruckfuhren sollen! Er sucht, wie du jetzt, das in Kupfer verwandelte Gold seines Gluckes in den Strom des Vergessens zu werfen und steht am Ufer vielleicht in Thranen dem schweren Falle nachhorchend! Er bittet die Baume vielleicht auf einsamer Wanderung, ob sie ihm den Namen der Geliebten nicht mehr zurufen wurden, um ihn zu qualen! Er bittet sie um mildernde Gedanken und Alles sauselt und rauscht doch vielleicht nur das alte susse, verlorne, ertraumte Gluck! Spare mir deinen Duft doch auf, du treuherzige, vertrauliche Blume, spar' ihn mir auf ein kunftiges Gluck, wenn ich es finde! Jetzt entlockt mir dein Gruss nur Thranen! Die Sprache, die du sprichst, darf ich ja nicht mehr verstehen.

So durchbebte es Siegbert von Mitleid um den Bruder und um sich!

Ja, auch um sich! Gibt es denn nicht ein Mitleid auch um sich selbst?

Habt Ihr nie Thranen vergossen, traumte Siegbert, als er sich auf des Bruders hartes Sopha streckte, um Euch selber? Nie geweint um die bittern Schlage des Schicksals, die Euch trafen? Nicht, dass Ihr erlaget, dass Ihr unglucklich waret, schmerzte Euch so tief Ihr hattet Kraft und Muth, das Widerwartigste zu ertragen; aber dass es kam, dass es Euch gerade traf, dass Ihr es sein musstet, denen das Fullhorn Fortunas immer und immer nur stachlichte Fruchte zuwarf dies Mitleid mit Euch selbst war Euch ruhrender als das Ungluck selbst. Lebensfrohe, hoffende, gluckberechtigte Jugend, warum musst du weinen? Stolzes, von Gottern geliebtes, riesenkraftig arbeitendes Genie, warum musst du leiden? Edler, grosser Wille, warum musst du scheitern? Warum du? Warum du? Diese bittre Frage um Etwas, Das deine Kraft langst stolz beantwortet hat, Die ist es, die an deinem Herzen nagt und dein Gemuth verwundet!

...Siegbert war von seinem Kummer fortgerissen und so erfullt von der Vorstellung, dass sein Bruder, der ihn erst um neun Uhr, bei jenem ihm plotzlich sonderbarerweise so nahe geruckten Fritz Hackert in der unheimlich alten, verrufenen Brandgasse sehen wollte, die Zeit bis dahin auf einer einsamen Wanderung vor den Thoren, im Parke, am Schlossteiche, in den Alleen, die zu den Dorfern fuhrten, zubrachte, dass er sich aufraffte und ihn dort suchen wollte.

Es hatte sechs geschlagen. Die Sonne warf freundliche Lichter. Spazierganger suchten wie er die Thore. Er flog nach der Gegend hin, die ihm die stillste und fur den Kummer einladendste schien ...

In einer halben Stunde war er unter jenen Garten und Villen, die wir bei Gelegenheit der Wohnungsangabe Paulinen's von Harder kennen lernten. Hier gab es stille Platze und enge Wege, die hinaus in's Feld fuhrten. Kinder mit Kornblumenkranzen begegneten ihm. Liebende gaben sich hier hinter den Mauern der Garten ihre unbelauschten Stelldicheins. Gelehrte setzten sich mit Buchern auf eine einsame Bank und schopften freie Athemzuge in ihre gebuckte Brust.

Hier siehst du, sagte sich Siegbert, den Bruder unter irgend einem Lindenbaum! Du kennst einen solchen, dicht am Eingang in die Kornfelder! Dort sitzt er gewiss und denkt: Warum ist Siegbert nicht bei dir und wir plaudern uber das Leben, die Tauschungen der Herzen, das allgemeine Ziel der Menschheit und unser eigenes!

So nachdenkend, bemerkte Siegbert kaum, dass er in dieselbe Gegend kam, wo ihm Rudhard gesagt hatte, dass auch die Furstin Wasamskoi wohne ...

Wie erstaunte er, als er an einem Spalier in einem kleinen Vorgarten plotzlich wieder denselben strengen Mann mit einem Buche lesend fand, umgeben aber von zwei wunderschonen Kindern, einem Knaben und einem Madchen ...

Bald spielte der rustige Greis mit den Kindern, bald las er eine Stelle in seinem Buche.

Ein Teller voll Obst stand auf einem grunen Tische neben ihm. Die Kinder naschten und er stellte sich, als sahe er es nicht ...

Wenn eins eine Kirsche ergriffen hatte, fuhr er mit der Hand nach den kleinen Dieben und diese freuten sich jubelnd ihn uberlistet zu haben.

Siegbert, der Das so beobachtete, wollte erst an dem Stacket voruber und wusste nun nicht, ob er sich nicht lieber zuruckziehen sollte. Dem Besinnen uber seinen Entschluss blieb aber nicht viel Zeit; denn Rudhard entdeckte ihn bei einer Wendung, die er, um die Kirschendiebe zu haschen, nehmen musste. Er schien sehr angenehm uberrascht, seinen eben verlassenen Bekannten schon wiederzufinden und lud Siegbert ein, jetzt nur gleich hereinzutreten.. Hier wohne er! Dies waren die jungsten Kinder der Furstin!

Siegberten war es, als wenn er zudringlich erscheinen konnte, als wenn man glauben musste, er hatte absichtlich schon jetzt diese Gegend aufgesucht.. Er war in sichtlicher Verlegenheit.

Aber Rudhard blieb dabei, er musse nun eintreten, sein Zimmer, seine Bucher, seine Sammlungen sehen.

Wir haben uns eingerichtet, sagte er, hier ein paar Jahre zu bleiben!

Wie er aber das fortgesetzte Strauben Siegbert's durch die Worte zu widerlegen suchte: Und mein Stammbuch aus Schulpforte? Wie ist's damit? da konnte Siegbert nicht widerstehen, sondern trat durch die Pforte zur Wohnung der Furstin Wasamskoi ein.

Die von Gusseisen gefertigte Thur drohnte gewaltig, als sie hinter ihm durch ihre Wucht von selbst zufiel.

Vierzehntes Capitel

Olga Wasamskoi

Die kleinen Wasamskoi's hiessen Rurik und Paulowna, sprachen deutsch und glichen sicher mehr ihrer deutschen Mutter, einer gebornen Adele von Osteggen, als ihrem russischen Vater, dem Knas Wasamskoi.

Zutraulich machten sie die Bekanntschaft Siegbert's, von dem ihnen Rudhard, obgleich noch vollig unbekannt mit Siegbert's Talent, doch erzahlte, dass er ein Maler ware und herrliche Bilder machen konne.

Gleich hatten sie ihm ihre eignen Versuche in dieser Kunst mitzutheilen und versprachen ihm Proben zu zeigen.

Siegbert fasste die kleine Paulowna an der Hand, Rurik zog, ja zerrte ihn fast die Treppe hinauf in das Zimmer Rudhard's, den sie Papa nannten.

Dies Zimmer war sehr traulich von der eben sinkenden Sonne beleuchtet und obgleich erst seit kurzem bewohnt, doch schon von Taback ziemlich eingerauchert.

Ich bin kein eleganter Hofmeister, sagte Rudhard, wie der moschusduftende Monsieur Rafflard in Schmalelinken, wo ich keine andere Unterhaltung als mein Weib, die Besuche aus Osteggen und den Taback hatte.

Die Kinder liessen ihm keine Zeit, seine eigene Einrichtung zu zeigen. Alles wussten sie genauer als Rudhard. Sie schleppten Bucher, Zeichnungen, gestickte Polster herbei, um ihren Besuch zu unterhalten. Ja es hatte nicht gefehlt, sie wurden eine altmodische Stutzuhr heruntergeholt haben, um ihm zu zeigen, dass daran in Bronze der Tod immer mit der Hippe aufklopfe, wenn es eine neue Stunde schluge ...

Endlich hatte Rudhard unter Papieren kramend sein altes Stammbuch gefunden und zeigte es Siegberten, den theils die Kinder, theils der anmuthige Blick in den Garten fesselten.

Rudhard schlug in dem kleinen Buche mit altem abgestossenen Maroquinband die vergilbten Blatter auf und zeigte Siegberten eins, wo sein Vater recht mit einer Knabenhand die Worte eingeschrieben hatte:

Nemo ante mortem beatus. In memoriam Ottonis Wildungen Portensis.

Paulowna fragte, wie das hiesse und Rurik konnte schon so viel Latein, dass er auf Rudhard's Aufforderung ubersetzte:

Niemand ist vor dem Tode glucklich. Zur Erinnerung an Otto Wildungen ...

Bei Portensis stockte Rurik. Rudhard musste es erklaren und sagte:

Das heisst Otto Wildungen, ein fleissiger und sehr braver Schuler aus dem beruhmten alten Stifte zur Schulpforte.

Rurik begriff nicht, wie ein einziges Wort Portensis so viel ausdrucken konne und wurde uber die Vortrefflichkeit der alten Romersprache sehr nachdenklich.

Siegbert fuhlte die Wahrheit dieses Spruches aus dem kummervollen Leben des Vaters ergriffen genug nach. Auf einem andern Blatte stand:

Per aspera ad astra. In memoriam Theophili Gelbsattel Portensis.

Rurik ubersetzte wieder streng schulerhaft:

Durch Rauhes zu den Gestirnen. Zur Erinnerung an

Gottlieb Gelbsattel, erganzte Rudhard

Heisst Portensis hier wieder ein fleissiger, braver Schuler aus Schulpforte? fragte Rurik.

Hier heisst es, sagte Rudhard, blos: Ein gut fortgekommener Schuler aus Schulpforte.

Rurik begriff diese neue Feinheit der Sprache nicht und ubersetzte jetzt ohne allen Commentar das dritte Blatt von Heinrich Rodewald, das so lautete:

Nec te vestigia terrent! In memoriam Henrici Rodewald Portensis.

Und nicht dich Spuren schrecken! Was heisst Das? sagte der Knabe.

Rudhard antwortete:

Dieser Spruch ist schwer, mein Sohn, fur einen Knaben zu begreifen und noch unglaublicher, wie man ihn als Knabe schon zum Denkspruch wahlen konnte. Sicher hatte ein Lehrer diesen Spruch erlautert und fur den wilden unternehmenden Rodewald passte er wol. Dich erschrecken nicht, heisst Das, die Folgen deiner und fremder Handlungen! Ein trotziges Wort! Und doch gefallt es mir, wenn es der Muthige und der Tugendhafte sagt.

Siegbert mochte nicht hinzufugen, dass es hier der Tugendhafte nicht gesagt hatte. Dennoch musste er erstaunen, wie im Bruder seiner Mutter schon so fruh sich diese Sicherheit der eigenen moralischen Verantwortlichkeit ausgesprochen hatte: Nec te vestigia terrent! Und Spuren, ob eigne oder fremde, Folgen oder Gefahren, schrecken dich nicht!

Rudhard ergriff die Feder und sagte:

Zu Ihrem Vater aber muss ich ein Kreuz setzen zum Zeichen, dass er dahin ist. Niemand ist vor dem Tode glucklich. Wann fand der Gute sein Gluck?

Siegbert nahm ihm die Feder ab und schrieb in bewegter Stimmung den schmerzlichen Todestag des Vaters hin. Unwillkurlich malte er dann das bei allen Verstorbenen stehende Kreuz so wie es zu ihrer Familiengeschichte gehorte, mit dem vierblattrigen Kleeblatt. Dazu schlug die merkwurdige alte Uhr uber ihnen eben sieben und der Sensenmann schwang richtig siebenmal seine Hippe.

Die Form des Kreuzes fiel Rudhard auf. Doch unterliess es Siegbert ihm weitere Aufklarungen zu geben, weil der kleine Rurik durch die Devise: Niemand ist vor dem Tode glucklich! auf das Auskramen seiner kleinen Weisheit gerieth. Er wusste namlich, dass diese Worte der weise Solon zum reichen Krosus gesagt haben soll, als ihm dieser seine Schatze zeigte. Rudhard ermunterte ihn, diese hubsche Geschichte seiner Schwester Paulowna zu erzahlen. Er wollte ihn vorlaufig los sein.

Indem Rurik sich dazu mit vielfachen Selbstberichtigungen und Wendungen: Nein, so war's, oder so.. in Athem setzte, bemerkte Siegbert, dass sich die Gesellschaft des nicht zu geraumigen Zimmers um eine Person vergrossert hatte.

Ganz leise und von ihm wenigstens unbemerkt war wahrend des Blatterns in dem alten Schulpforter Stammbuche ein junges Madchen von eigenthumlichem Wesen eingetreten und hatte sich ohne Gruss, ohne Antheil zu bezeugen, ohne ein Wort zu sprechen hinter Rudhard gestellt und den Erlauterungen der einzelnen Blatter zugehort.

Sie war alter als Rurik, der etwa zwolf Jahre zahlen mochte.. Paulowna schien deren erst acht zu haben. Dennoch hatte sie etwas, was hinter ihren Jahren zuruck war und plotzlich wieder etwas, was ihnen weit voraus schien. Sie war nicht gross, diese zarte Gestalt, von einer durchsichtigen weissen Haut. Der Kopf war entschieden russischnational. Die Augen mehr langlich als rund, aber sanft mit langen schwarzen Wimpern beschattet; die Lippen voll und schwellend, aber etwas bleich. Die Form des Gesichtes sehr rund, die Nase zart, aber mehr stumpf, als regelmassig schon, die Augen blau, ruhig, tief und klar oder doch nur so unheimlich wie ein zu stiller See, von dem man nicht weiss, wo er das frische Quellwasser, das in ihm rinnt, hernimmt, durch welche unterirdische Schleuse er mit grosseren, unbekannten, geheimnissvollen Gewassern zusammenhangt. Das starke pechschwarze, glanzende Haar war vorn im Scheitel und hing in den Nacken in zwei dick geflochtenen Zopfen herab. Dass dies Madchen noch feine battistene Spitzenpantalons trug, war fast eine Anomalie und doch war bei allem Ernst ihres Wesens, bei aller Reife des Blickes der ganze Eindruck unbestimmt, ja auf Augenblicke vollig kindlich.

Wie Siegbert diese stillgekommene Vermehrung der Gesellschaft bemerkte, sagte Rudhard zur Vorstellung die einfachen kurzen Worte:

Meine liebe Olga! Die Schwester meines guten Rurik, der so gut aus dem Herodot zu erzahlen weiss, den er binnen zwei Jahren hoffentlich im Urtext liest! Der junge Maler, von dem ich der Mutter vorhin erzahlte, Herr Wildungen!

Olga Wasamskoi achtete wenig auf diese etwas formlichen Worte, sondern sah fast todt und kalt in das Stammbuch, das Rudhard eben weggelegt hatte. Sie betrachtete das Kreuz, das Siegbert gezeichnet und schien dabei fast ohne allen Antheil, fast ganz apathisch.

Siegbert, befremdet uber diese Art, hielt Olga mit Recht fur stolz und besann sich, dass sie nach russischem oder franzosischem Sprachgebrauch eine Prinzessin war.

Wir mussen in den Garten gehen, Sie mussen die Mutter dieser guten Kinder kennen lernen, begann nun Rudhard.

Siegbert entschuldigte sich und wies auf seine Kleider.

Olga hob den Blick vom Stammbuche auf, stellte sich ruckwarts an's Fenster und betrachtete Siegbert mit einem Blicke, dessen Ruhe ihm wahrhaft unbegreiflich war. Noch hatte sie kein Wort gesprochen, nicht das mindeste Interesse verrathen und doch setzte sie ihn durch diese Art, ihn zu fixiren, fast in Verlegenheit.

Rudhard lachte aber uber Siegbert's Bedenklichkeiten wegen der Kleidung.

In ein so formliches Haus, sagte er, sind Sie hier nicht gekommen. Unsere Jager und Haiducken liessen wir in Odessa. Wir brachten nur uns selbst mit, Menschen ohne Anspruche, die hier leben wollen, um zu lernen, einsammeln fur die Misjahre, die in Russland genug noch kommen werden. Begleiten Sie uns nur in den Garten! Sie sollen uns noch manchen Rath geben. Ja, ja, wir halten diese Bekanntschaft fest!

Die Kinder hupften voraus. Olga blieb zuruck und folgte Rudhard und Siegberten nur in gemessener Entfernung. Man trat aus dem Hause und bemerkte leider, dass ein Wagen vorgefahren war, der der Furstin wol einen Besuch gebracht hatte. Siegbert entdeckte zur Mehrung seiner Verlegenheit sogar einen Bedienten in Hoflivree.

Wir lustwandeln etwas im Garten, sagte Rudhard, als ihm ein Diener der Furstin gesagt hatte, die Oberhofmeisterin von Altenwyl ware bei der Herrschaft.

Der Diener sprach diese Meldung aus, wie wenn es sich um das Gewohnlichste handelte. Ein seltsamer Gegensatz zu Siegbert's Empfindung, der die hohe Bedeutung dieser Frau Grafin von Altenwyl vollkommen kannte. Man liess nun, um die Seitenfront biegend, die hintere Front des Hauses liegen. Hier gerade in der Nahe eines grunen Rasens und eines Akazienbaumes, dicht an der mit wildem Wein bezogenen Wand des Hauses, sass die Furstin mit weiblichen Handarbeiten beschaftigt auf einem Gartenstuhl vor einem einfachen landlichen Tische, auf dem bunte Wolle zu Stickereien, gemalte Muster, angefangene Teppiche ausgebreitet lagen. Hier hatte die Furstin eben die Grafin von Altenwyl empfangen ...

Die Kinder wurden naturlich herbeigerufen, um der Grafin, einer Freundin der verstorbenen Mutter der Furstin, vorgestellt zu werden ...

Die Kleinen trennten sich ungern von Siegbert, den Rurik und Paulowna schon an der Hand gefasst hatten, um ihm ihre grossen Plane und Anlagen zu zeigen, die sie im Garten anzuwuhlen, denn das war der beste Ausdruck dafur, im Sinne hatten.

Rudhard, der ein schwarzes Sammetkappchen aufsetzte, grusste im Vorubergehen leicht. Siegbert zog den Hut mit schuldiger Ehrerbietung und bemerkte, dass die Furstin noch jung war, klein und zart und von einer Weisse der Haut, die von der Trauer, die sie noch trug, in einer dem Auge sehr wohlthuenden Art abstach.

Als Rudhard und Siegbert allein waren, sagte jener:

Diese Unmasse von Besuchen, die auf uns einsturmen, sind die lastige Seite unsres hiesigen Aufenthaltes. Und das Kennenlernen von Menschen ginge noch, da es lehrreich ist. Aber Jeder will noch mehr, als nur seine Person zeigen oder die unsrige erforschen. Man bietet sich zu hunderterlei Liebesdiensten an, die im Grunde keinen andern Sinn haben, als sich in seiner Macht, seinem Einflusse und leider auch in seinen falschen Lebensauffassungen zu zeigen. Da werden Bedurfnisse geweckt, die uns fruher fremd waren, Meinungen, Unternehmungen sogar werden als sich von selbst verstehend vorausgesetzt, die wir weder kennen noch uns an ihnen zu betheiligen Verlangen tragen. Da hab' ich meine Noth im Widerlegen, im Entfernthalten! Glauben Sie mir, Das, was man die Gesellschaft nennt, ist der anmassendste Tyrann, den man sich nur denken kann! Er nimmt die Menschen gefangen wider ihren Willen und bildet sie, ohne dass sie seine Berechtigung dazu anerkennen wollen.

Der Eindruck dieser grossen Stadt, bemerkte Siegbert, wird um so gefahrlicher sein, als mir die Furstin noch jung scheint und unmoglich zu den schon abgeschlossenen Charakteren gehoren kann.

Sie zahlt doch, sagte Rudhard, schon etwa sechs und dreissig Jahre, wahrend Helene, die Grafin d'Azimont, etwa erst im dreissigsten steht. Sie haben Recht, wenn Sie andeuten, dass dies fur die Frauen gefahrliche Altersstufen sind. Diese und die erste zarteste Entwickelung der Jungfrau! Die Knospe hat eine machtig uberschwengliche Vorstellung von der Seligkeit ihrer kunftigen Blute und lacht ihrer Zukunft mit zitternder Ungeduld entgegen.

Und die schon volle Rose, die dem Entblattern nahe ist, die straubt sich dann auch noch gegen ihren Verfall. Eine Frau in diesen Jahren weiss, dass es nun die Zeit des Abschieds ist, dass Das, was ihr bis dahin nicht gebluht hat, nie mehr bluhen wird, und so erlebt man oft, dass die edelsten und besten Charaktere von diesem Alter wahrhaft beunruhigt werden und in die gefahrlichsten Schwankungen gerathen.

Glauben Sie, dass bei der Grafin d'Azimont dies der Fall war? fragte Siegbert, den die vereinzelten Andeutungen, die er schon uber diese Frau empfangen hatte, doch interessirten..

Helene d'Azimont, sagte Rudhard, war ein liebes sanftes Kind! Als ich sie in Osteggen kennen lernte, schloss sie sich mir mit wahrer Zartlichkeit an, inniger fast, als ihre altere, eben sich verlobende Schwester Adele. Sie war damals dreizehn oder vierzehn Jahre alt. In Odessa versank Helene fast in eine stille Traurigkeit. Sie fand sich in der neuen Welt nicht zurecht, gerieth in ein dumpfes Bruten und wurde trag. Ich wollte sie durch die Bildung anspornen, aber sie trug wahrhaft schwer unter der Last der Dinge, die sie lernen sollte. Da hat man denn gern zugegeben, dass ein von der franzosischen Regierung mit Auftragen fur Konstantinopel reisender Diplomat sie mit sich nahm. Es war ein frohlicher Gesell, nicht mehr jung, dieser Graf d'Azimont, er fand gerade an der rein physischen Schwere des Madchens Interesse, was ich mir aus sinnlichen Grunden wohl erklaren kann. Denn es mag einen eigenen Reiz gewahren, ein solches Traumen durch die Liebe zum Bewusstsein zu bringen und das schlummernde Phlegma zu beleben. Man liess Helene mit banger Besorgniss ziehen. Sie ging schon frohlich, schon fast ausgelassen. D'Azimont hatte sich nicht geirrt. Sein feiner Blick hatte wol herausgefunden, dass ein solches Wesen eigenthumlich beglucken kann. Freilich hat das durch die Sinnlichkeit geweckte Gluck keinen Bestand. Bot ihr der blasirte Mann keinen Halt oder mussten sich die versteckten vulkanischen Elemente gewaltsam Bahn brechen, wir erfuhren, dass sie erst auf die wunderlichsten excentrischen Einfalle gerieth, sich wie eine Verschwenderin gebehrdete und jeder Grille kindisches Gehor gab. Alles Das war nur das Vorspiel Dessen, was dann erfolgte. Der Ehebruch versteckte sich hinter dem Namen der Liaisons. Wir hatten manchen Namen nennen horen, der mit ihr, wie man es nennt, liirt war, bis sogar Egon's mir nur knabenhaft erinnerliche Gestalt in diesem truben Nebel auftauchte, was mir denn, wie Sie wissen, doppelt wehe that ...

Diese Liebe soll aber von seiner Seite nicht mit gleicher Neigung erwidert werden, bemerkte Siegbert.

Doch wohl! sagte Rudhard. Wie ware sie sonst ihm nachgereist! Ihre Schwiegereltern sollen emport sein. Graf d'Azimont droht mit einer Ehescheidung und Enterbung. Es ist Dies ein Umstand, der mir im Interesse der Kinder Adelen's nicht gleichgultig ist. Furst Wasamskoi war nicht reich. Es ware seinen Kindern wol zu wunschen, dass die Tante, die durch d'Azimont's Tod er soll sich physisch ruinirt haben ein grosses Vermogen erwerben kann, es nicht durch ihren Leichtsinn verscherzt. Da sie der Zufall hierher fuhrte, mit uns in eine und dieselbe Stadt, so werd' ich mich durch die gereizte Stimmung, die zwischen den Schwestern herrscht, nicht irre machen lassen, auf irgend eine Art in diese Angelegenheiten einzugreifen. Ich habe dazu die Vollmacht des Herzens und der auf mich vererbten, vaterlichen Sorgfalt des braven Wasamskoi und der Autoritat der alten Baronin von Osteggen, die ein Juwel von einer Mutter war.

Rudhard gerieth uber diese seine eigenen Worte so in Feuer, dass er innehalten musste, um sich zu erholen.

Siegbert fuhlte, wie gross das Vertrauen war, das ihm dieser sonst so besonnene, strenge Mann, dem selbst seine Scherze nicht ganz harmlos entglitten, schenkte. Er wollte, ohnehin gedruckt und fast unfahig nachzudenken noch von innerem Schmerze, es nicht misbrauchen und fing von dem Garten an, der zwar nicht sehr kunstvoll und sorgsam angelegt, doch von manchen Naturreizen verschonert war. Ein Gartner war schon in Thatigkeit, Manches zu verbessern. Es wurde gepflanzt und gesaet, um fur die Zukunft noch mehr Bereicherungen der Gartenzier zu gewinnen.

Unter einem Spalier von Weinreben hinschreitend, das von zwei Seiten her zu einem gewolbten Dache zusammengezogen werden sollte, begann Rudhard von dem Plane, den Kindern eine systematische Erziehung zu geben, in der auch Musik und Malerei nicht fehlen durften ...

Reiten, schiessen, schwimmen konnen wir, sagte er, selbst Olga reitet wie eine Amazone! Heute erst wieder soll sie gegen mein Wissen auf einer Manege tolle Streiche gemacht haben. Aber die Hauptsache muss jetzt kommen, die edlere Bildung.

Siegbert wurde dann von ihm formlich angegangen, ob er nicht den Zeichnenunterricht selbst ubernehmen wollte. Wie er noch daruber nachsann, ob er wol Geduld genug besasse, so tief zu den untern Elementen seiner Kunst hinabzusteigen, wandten die beiden Spazierganger in einen Gang, der sich in einem Blumenrunde endete, das der Mittelpunkt mehrerer strahlenformig hierher gefuhrter Wege war. Noch die Schwierigkeiten solcher Unternehmungen erorternd, trafen sie in dem Blumenrunde an einem hohen Rosenstrauche von weissen Rosen wiederum Olga, die ihnen den Rucken kehrte und sie doch zu erwarten schien ... Sie hatte sie kommen sehen, sich dann an den Rosenstrauch gestellt und beugte die Blumen zu sich herab, als hatte sie in ihren Kelchen etwas zu suchen und zu forschen ...

Wie Rudhard an ihr voruberging, strich er nur leise mit der Hand uber die festangezogenen Scheitel ihres schwarzen Haares und sagte, ohne sich weiter aufzuhalten, nichts als:

Olga, suchst du aus Langerweile Marienwurmchen? Oder Was?

Olga sagte nichts auf dies scharfe, absichtliche Wort, blickte auch nicht um sich.. erst als beide Manner voruber waren, bemerkte Siegbert durch einen Seitenblick, dass sie sich umwandte und ihm nachsah. Kaum begegnete sein Blick dem ihrigen, als sie wahrscheinlich in einem plotzlichen Anfall kindischer Verlegenheit so behend, wie ein fluchtiges Reh, auf und davon rannte ...

Das Fliegen der langen Zopfe bot einen fast komischen Anblick.

Das ist ein eigenes Wesen! sagte Siegbert ...

Eine Traumerin, bemerkte Rudhard lachelnd. Und wenn ich nicht wusste, dass sie an dem traurigen Ubel junger Madchen, der Bleichsucht, litte, wurd' ich fast in Angst gerathen, sie hatte mir zu viel Ahnlichkeit mit ihrer Tante d'Azimont. Nur das schmiegsame, zartliche, liebevolle Wesen Helenen's, ich mochte sagen, ihre deutsche Natur hat sie nicht. Das ist eine Russin! Das Ebenbild ihres Vaters! Eine fast immer ruhige Gemuthlichkeit, ohne die angenehmen Worte dafur zu haben, und plotzlich doch, wenn etwas gerade ihrem Sinne widerstrebt, eine Wildheit, dass man das stille Madchen nicht wieder erkennt. Sie sollten Sie zu Pferde sehen! Wenn es ihr einfallt, sich auf das Dach des Hauses zu setzen, so klettert sie hinauf und ebenso langmuthig und geduldig vollzieht sie wieder Alles, was man ihr auftragt. In Rurik und Paulowna herrscht Uberlegung, in Olga nur der Instinct. Wohin sich noch ihre ganze Art werfen wird, ist jetzt schwer zu sagen. Sie ist in der Entwickelungszeit und muss geschont werden. Von Lernen, festem Einpragen, Nachdenken ist nicht viel die Rede. Was sie weiss, muss sie sich selbst auffinden oder durch eine Art connexer innerer Anschauung gewinnen. Doch hat sie Anlage fur mechanische Fertigkeiten und gern hatt' ich's, wenn Sie das kleine Talent zum Zeichnen, das sie schon verrieth, vervollkommneten. Ein Jahr lang geht Das wol noch ohne Gefahr fur zwei so junge Herzen, wie in Ihnen schlagen ... Nicht wahr?

Siegbert wurde fast roth uber diese Ausserung und konnte jetzt vollends zu keinem Entschlusse kommen. Glucklicherweise schnitten die kleineren Geschwister seine Verlegenheit durch die im vollen Galopp uberbrachte Aufforderung ab, die Herren sollten doch Beide zum Thee kommen.

Sollen kommen? rief Rudhard.

Durften! schrie Rurik.

Mussten! verbesserte Paulowna.

Weder durften, noch mussten, noch sollten! sagte Rudhard. Ihr habt in uns keine Leibeigenen vor Euch und auch Denen wurde man sagen, sie mochten kommen, wenn's ihnen gefallig ware. Verstanden? So wird es wol auch die Mutter ausgerichtet haben.

Sollten! Durften! Mussten! Mochten! rief der humoristische Rurik und fasste mit Paulowna Siegberten an beiden Armen und Beide zogen ihn so fort, dass er fast nur laufend ihnen folgen konnte.

Die Furstin, die sich bei ihrer Annaherung freundlich erhob, begrusste den fremden jungen Mann mit den leisen Worten, die sie in der eigenthumlichen kurlandischen Betonung sprach:

Sie sehen schon da, mein Herr, wie gern Sie aufgenommen sind!

Die Grafin Altenwyl warf einen fluchtigen strengprufenden, aber nicht unfreundlichen Blick auf Siegbert und den nach ihm an die wilde Rebenwand tretenden Rudhard ...

Die Oberhofmeisterin der Konigin, Grafin von Altenwyl, schien im Sitzen eine Gestalt mittleren Wuchses. Sie hatte durch ihre etwas runden Formen und eine leichte Corpulenz etwas frauenhaft Wohlwollendes. Im Auge aber lag viel Zuruckhaltung und ein leiser Anflug von Mistrauen, das wol durch ihre schwierige Stellung entschuldigt war. Sie war in reichen Stoffen, aber durchaus wie unscheinbar gekleidet. Graue Farben waren fast wie absichtlich gewahlt. Der durchbrochene Hut war mit dem unkleidsamsten dunkelbraunen Seidenband durchzogen. Sie wollte einfach, hochst einfach und nur einfach sein.

Wahrend ein Bedienter Thee darbot, konnte Siegbert die Furstin genauer betrachten, als vorhin bei der fluchtigen Begrussung ...

Sie hatte die Zuge ihrer jungsten Kinder, war von mittlerer Gestalt und nicht eben auffallend durch irgend eine hervorstechende Schonheit. Sie schien noch ausserordentlich vom Todesfall ihres Mannes und der Reise angegriffen und sprach mit sehr gedampfter Stimme. Ihre Augen verriethen nicht gerade Geist. Auch ihr Wohlwollen schien mehr eine Art beflissener Geschaftigkeit, als der starke Drang eines vollen, uberquellenden Herzens ...

Man sprach von unbedeutenden Dingen, von dem Residenzleben, dieser Ansiedelung, der Furcht vor dem Winter.. erst die Kinder brachten durch ihre Naivetat Frische, Rudhard durch seine trockenen Bemerkungen Gedanken in das Gesprach.

Die Grafin Altenwyl, dieser von Pauline von Harder so gefurchtete Erzengel Michael mit dem flammenden Huterschwert am Eingang der "kleinen Cirkel", blieb fast immer still, wie eine Frau, die sich nicht auslasst, wo sie sich nicht auf sicherem Terrain weiss. Sie forschte zuweilen fluchtig im Auge Siegbert's, zuweilen warf sie einen Blick auf Rudhard hinuber, dessen Stellung im Hause ihr nicht ganz in der Ordnung zu sein schien. Sie verrieth, dass sie an einen passenden Moment dachte, sich zu empfehlen.

Ein schlimmer Beobachter, wie etwa Leidenfrost oder Pauline von Harder hatte gewiss gesagt: Die da ist das ganze Prinzip unseres Hofes, namlich so viel Null wie moglich zu sein!

Man begriff hier den Schmerz Paulinen's, unmoglich in jene kleinen Cirkel zu dringen, die von so negativen, forschenden und immer nur ablehnenden Naturen, wie diese Altenwyl, gehutet wurden ...

Rudhard brachte sogleich die Malerei und die Kunst auf das Tapet ...

Auch die Furstin Adele malte, Blumen wenigstens und Kafer, wie sie sagte ...

Siegbert's Ausserung, dass sie dann glucklicherweise ganz in derjenigen Malerei sich ube, welche, wie er gehort hatte, in Russland neben dem Portrait und der Landschaft am meisten getrieben wurde ... Genre und Historie waren ja wol von Obenher nicht einmal gern gesehen ... Diese Ausserung war eigentlich in solchem Kreise furchtbar gewagt und von unserm guten jungen Freunde fast ein wenig taktlos ...

Siegbert fuhlte auch sogleich an dem Eindruck, den sie hervorrief, dass er in solcher Umgebung einen gewaltigen Schnitzer gegen die Schicklichkeit begangen hatte.

Dass die Furstin schwieg, dass die Oberhofmeisterin ihn jetzt noch scharfer und strenger mit ihren stummen Blicken examinirte, war ihm begreiflich. Dass aber auch Rudhard etwas die Stirn runzelte und dieser klare, durchgebildete Mann der Anwalt russischer Regierungsmaximen sein konnte, erfullte ihn mit Befremden. Indessen sammelte er sich rasch und lenkte auf einige russische Bilder ein, die er sehr ruhmte, besonders einige gewaltige Stadteprospecte, die in Mondscheinbeleuchtung Alles wiedergaben, was man nur von einem Zweige der Malerei, der freilich zu sehr an die Decorationsmalerei der Panoramen erinnerte, erwarten konne.

Die Oberhofmeisterin wusste auch sogleich den Namen jenes russischen Kunstlers zu nennen, auf den Siegbert anspielte.

Sein hofliches: Ganz recht! erwarmte ein wenig wieder die gestorte reciproque Stimmung ...

Die Altenwyl hatte nun etwas gewusst und glaubte, dass Dies ein richtiger Moment war, der sich zum Abschiednehmen eignete und von ihr eine gute Wirkung zuruckliess.

Schon hatte sie sich erhoben, als der Bediente eintrat und einen eben angefahrenen ferneren Besuch meldete:

Frau Landrathin von Harder! hiess es.

Von Harder? Harder? sagte die Furstin.

Wie die Oberhofmeisterin diesen Namen horte, sagte sie:

Doch nicht Pauline von Harder?

Die Schwiegertochter des Obertribunalprasidenten, eine geborene Marschalk. Meine Mutter hat einst Viel von ihr gesprochen. Ich bin sehr erfreut!

Der Bediente ging nach diesen Worten der Furstin, die sich besonnen hatte.

Die Oberhofmeisterin gerieth in grosse Unruhe.

Ja, ja, sagte sie, beide Harders sind Schwiegertochter aber ich hoffe ... die Landrathin von Harder! hiess es.

O, wenn es jene Harder ware, fuhr die Altenwyl fort, jene Harder, die jetzt in Tempelheide wohnt, nicht die Geheimrathin Pauline von Harder, so ware sie zu lebhaft gespannt. Sie hatte des Schonsten und Gediegensten so Vieles von dieser Anna von Harder gehort, dass sie bleiben musse, um sie endlich einmal von Angesicht zu sehen. Sie wurde mit dieser "Entrerevue" dem Hofe und den kleinen Cirkeln ja die grosste, unverhoffteste Freude machen ...

Die Furstin war wahrhaft glucklich, Veranlassung einer so nutzlichen Begegnung zu sein, bei deren Wiedererzahlung doch am Hofe schon vor der Vorstellung ihrer in Gute gedacht werden musse ...

Siegbert fuhlte wol, dass er nun hatte gehen mussen, aber der Gedanke: Das ist ja sicher die gute liebe Dame, die dir vor noch nicht acht Tagen den Becher mit Wein zur Erquickung in der heissen Sonnenhitze schickte, die Dame, die dich mit Hackert zusammenfuhrte und heut' Abend noch die Veranlassung seiner Erklarungen sein wird ... fesselte ihn.

Er war nun schlau genug, sich den Kindern nothwendig zu machen und sich durch diese zum Bleiben gleichsam nothigen und zwingen zu lassen. Zu dem kleinen Cirkel, der durch das dampfende Theecomfort, den inzwischen gedeckten Tisch, die Bedienung, endlich die Kinder etwas gar Wohnliches und Trauliches bekommen hatte, trat jetzt die angemeldete Dame.

Funfzehntes Capitel

Ein Aolsharfenton

Wurde der Frauen! Du lehrst die ewige Schonheit der Seele und die tiefe Wahrheit eines reinen kindlichen Herzens! Verganglicher Reiz ausserer Formen.. Dauernd verdunkeln dich das fleckenlose reine Gemuth Liebe, Entsagung und das unverdrossene treue Walten der Muhe!

Die Muhe! Ach! Das ist der Schauplatz der kleinen Kammer, wo ein gutes Frauenherz sich ewige Kronen erwirbt. Die Muhe, nicht die Gesinnung allein nur adelt ihre Seele. Die Muhe! Von dem ersten Liebesdienst einer Schwester, gewidmet der Sorge und Pflege ihrer jungeren Bruder und Schwestern, von dem ersten Pflegamte bei einem kranken Vater, einer leidenden Mutter ... welche Stufenleiter edler Muhewaltung und schmerzverklarter Frauenwurde!

Muhe! Diese Freudigkeit des Gebens, des Entsagens, des Opferns! Dies volle, nicht uberstromende, nicht darbende, sondern gerade richtige Mass der erfullten Herzenspflicht! Wo umstrahlt ein edles Weib die reinste Glorie ihrer Bestimmung, als in der engen Klause, wo ein Mutterherz die ersten Pflichten seiner gottlichen Sendung an ihrem Kind erfullt? Hulflos liegt der Saugling in ihrem Arm; die stille Nacht hallt von dem Schmerzensschrei des seit wenig Wochen erst geborenen Kindes; die Ungeduld der Umgebungen, selbst die schnell ermudete Liebe des Vaters weiss nicht zu helfen ... Die Mutter aber harrt aus, vergisst den Schlaf, versucht alle Beschwichtigungen der Schmerzen des noch mit seinem Pflanzenleben ringenden kleinen Wurmes; der Mutter ist dieser Wurm ein Halmchen, das mit dem Sonnenschein der Liebe aufwachsen wird zum Allgemeinen und Ganzen; sie sieht schon Bewusstsein in dieser kleinen unreifen Bildung, sie hort schon eine Sprache in diesen Wehklagen, sie gibt diesem glimmenden Funkchen den ganzen Hauch ihres eignen nach Freude doch so begierigen, aber nun entsagenden jungen Lebens, um ihn anzufachen zu einem flackernden starken Lichte ...

Und wenn es erlischt! Diese Prufung traf Tausende und an keinem Weibe ging in dieser oder anderer Form ganz die Mahnung ihres Berufes voruber ... aber die verklarende Abendsonne des Schmerzes blieb doch nur bei Wenigen im vollen Glanze abgedruckt! Wie bald erkennst du Die heraus aus dem Haufen, die ihr Leid fur die Welt bald begruben und wieder frohlich wurden! Wie schwer Die, die es ewig leben liessen in ihrem Herzen! Sanfte Seelen, die ihr wol noch lachelt, wol noch unter den Menschen wandelt, noch die Pflichten eures Berufes erfullt und doch wie in den Luften schwebt und uns erscheint, wie die Sendboten der Ewigen!

Anna von Harder war eine Gestalt.. mehr gross, als selbst Mittelfigur ...

Die Zuge des Antlitzes waren sicher einst schon, jetzt waren sie verfallen, von Leid durchfurcht; in den Augen lag etwas Bittendes, etwas Wehmuthiges. Dennoch war ein schones Lacheln diesen ernsten Zugen geblieben. Die unversehrten, blendendsten Zahne mit dem ihre Gesundheit bezeugenden leichten gelblichen Schimmer, hoben dann die lachelnden Mienen und liessen sie noch anmuthig erscheinen, wobei sie weit entfernt war von dem Fehler derjenigen Menschen, denen die Natur den schonsten Schmuck, Zahne von Elfenbein, gab, dass sie mehr lachelte, als es in der Welt zu lacheln gibt. Sie brauchte diese Wirkung der Schonheit, die Andere immer brauchen, fast zu selten. Wenn Anna von Harder lachelte, war es, als fuhlte sie sich von der Wirkung ihres schonen Mundes uberrascht und als thate sie es ungern. Sie lachelte aus Milde und Wohlwollen, nie, weil sie wusste, dass es ihr schon stand.

Die edle Frau war auch in Haltung und Toilette nicht von jener Einfachheit, die im Einfachen etwas sucht, wie die Altenwyl, bei der durch ihre grauen und braunen Farben auf schweren Kleiderstoffen ein anspruchsvolles Prinzip ausgedruckt wurde. Sie druckte durch ihr Ausseres nichts aus als ihr einfaches Bedurfniss und ihren naturlichen Geschmack. Nicht einmal mit einer grauen Locke, deren sie die Fulle hatte, that sie schon, wie so manche junge Matrone, die ihr graues Haar so nahe an ihr noch heisses Auge bringt, dass man vor den "Flammen im Schnee" erschrecken mochte. Anna von Harder hatte recht gern noch einen naturlichen schwarzen Scheitel auf der Stirn getragen und versteckte lieber ihre grauen Locken durch den niedergedruckten und innen besetzten Hut!.. Warum seinen Winter zeigen in einer Welt, die des Fruhlings bedarf, um weltglucklich zu sein! Es gibt eine Diskretion des Alters gegen die Jugend, die nur ganz zarten Naturen eigen ist.

Was auch die Altenwyl von einem bescheidenen und doch bedeutenden Eindruck erwartete, sie konnte nicht getauscht sein. Anna von Harder war eine Erscheinung, die eben dadurch wirkte, dass sie von ihrem Effekte keinen Vortheil zog und sich gab in der volligen Unschuld einer reinen Seele.

Sie umarmte die ihr ganz unbekannte und nur durch ihre Mutter nahegeruckte Furstin und druckte sie zartlich an ihr Herz.

Dass ihr eine Thrane in's Auge trat, wahrend die Augen der Altenwyl trocken geblieben waren, als sie die Tochter der Baronin Osteggen sah, die mit ihr einst so viele Briefe gewechselt hatte, wer verdachte es ihr, wenn man wusste, dass sie ihre einzige Tochter durch ein sonderbares Schicksal so gut, wie fur immer, verloren und nie wieder gesehen hatte ...

Mit stummer Ruhrung nahm sie auch die beiden Kinder Olga hatte sich wahrend aller dieser Scenen entfernt und druckte einen Kuss auf ihre Stirnen. Sie hatte ihren Vater nicht gekannt, aber gleichviel, es war ein Vater, der den Kleinen gestorben war!

Von Ihnen weiss ich schon, sagte sie zu Rudhard, ihm die Hand reichend. Die Baronin schrieb Viel von Ihnen. Sie besassen ihr Vertrauen und sind nun wirklich der Vater dieser Kleinen geworden. Nicht wahr? Sie sind Rudhard?

Rudhard dankte fur diese freundliche Bewillkommnung und erzahlte, wie warm die Mutter Adelen's der Landrathin Anna von Harder zu gedenken pflegte.

Eine Vorstellung der andern Personen fand nicht statt, doch kannte Anna sogleich von Ansehen die Oberhofmeisterin, der sie sich ehrerbietig verneigte.

Auf Siegbert aber warf sie einen Blick, als wollte sie sagen:

Ei! Du blonder junger Mann mit dem schuchternen, ehrlichen Antlitz! Wo hab' ich denn dich schon gesehen?

Man hatte nun Manches auszutauschen, was zu gegenseitiger Annaherung diente.. Siegbert war ein wenig auf Kohlen, wie das Gesprach so gar personlich wurde und auf eine Menge Erinnerungen zuruckging, bei denen Anna vertraulich die Hand der Furstin hielt, ihr in's Auge sah und aus ihm die alte Zeit, die Mutter und die Vorstellung von dem Vater dieser Kinder hervorsuchen wollte. Er dankte recht der lustigen Paulowna, die allerhand Spasse mit ihm trieb und ihn wol nicht hatte gehen lassen, wenn er nun auch aufgestanden ware..

Auch Rudhard erzahlte vom Vergangenen, wahrend die Altenwyl schweigsam lauschte und fast lauerte, wie sich Anna von Harder entwickeln wurde, was sich ihr wol abmerken liesse und worin sie wol so eigenthumlich ware, wie man sagte. Und sonderbar! Ihr Eigenthumliches war eben Das, dass sie ganz einfach war und immer nur ein gutiges Ja! und Nein! sagte, wo man vielleicht eine geistreiche Entgegnung hatte anbringen konnen. Zehnmal entfuhr ihr ein beistimmendes herzliches So! Zehnmal ein verwundertes Ach! Ganz einfach, wie jedem naturlichen Menschen, dessen Ohr und Herz dem Herzen Dessen folgt, der mit ihm spricht ...

Vielleicht waren aber auch diese einfachen Zustimmungen ein klein wenig der Ausdruck eines inneren Grubelns, wo sie Siegbert hinbringen sollte ...

Endlich fand sie es ...

Nach einer Pause, wo die Mittheilungen an die gefahrliche Grenze der Erwahnung Paulinen's von Harder und der Grafin d'Azimont angekommen waren und man uber die betrubende Ahnlichkeit in den Verhaltnissen zweier sich entfremdeter Geschwisterpaare mit verlegenem Stocken innehielt, sagte Anna von Harder, die jedoch uber Helene d'Azimont mit Gute sprach, uber ihre Schwester vollig schwieg, halb zu Siegbert, halb zu den Kindern die freundlichen Worte:

Die kleine Paulowna bindet da an den Finger Ringe von Blumenstengeln und weiss doch hoffentlich, dass sie die Hand eines Malers schmuckt?

Siegbert angenehm uberrascht, richtete sich jetzt auf und verbeugte sich, als machte er eigentlich nun erst die Begrussung, die er nicht gewagt hatte.

Sie kennen sagte die Furstin fragend ...

Rudhard horte mit Aufmerksamkeit und sichtlicher Freude, dass Siegbert so bekannt war..

Ich habe damals, erlauterte Anna freundlich, ich habe damals nicht gewusst, als ich dem fleissigen Zeichner in Tempelheide fur das Interesse, das er an unsrer alten Kirche zeigte, in der schrecklichen Hitze einen Becher Weins zur Erfrischung anzubieten wagte, dass ich den gefeierten Maler des Jakob Molay so durftig bewirthet hatte. Frau von Trompetta und Fraulein von Flottwitz machten mir eine Stunde darauf diese angenehme Entdeckung.

Siegbert dankte fur die schmeichelhafte Erinnerung und lehnte das ihm gespendete Lob in aufrichtiger Bescheidenheit ab.

Anmuthig und herzlich erzahlte Anna den uns bekannten Vorfall und verschwieg auch den Raben, verschwieg auch den alten Schwiegervater, ja selbst die vom Bedienten gemeldete Theilung mit einem Landstreicher nicht, wie sie doch wol etwas zu schnell dem um den Becher geangstigten Diener das Urtheil uber Hackert nachsprach.

Siegbert hielt eine Berichtigung und Milderung dieses Urtheils fur zu weitlaufig, sagte aber doch:

Ihn durstete, wie mich. Wir haben uns Beide erquickt ...

Frau von Trompetta, fuhr Anna von Harder fort, wahrend die Altenwyl immer horchte und sich gleichsam wortlich einpragte, was sie von diesen Begegnungen heut in den kleinen Cirkeln berichten konnte, Frau von Trompetta ist glucklich uber das Albumsblatt, das Sie ihr schenken werden. Wer Ihren Molay bewundert hat, kann nur etwas Schones erwarten. Ich freue mich, dass der Kunstverein so klug war, ihn anzukaufen und wurde noch glucklicher sein, wenn ich ihn mit meinen armen drei Loosen gewanne ...

Siegbert wuchs bei diesen Worten ordentlich in den Augen der ganzen Umgebung. Die Furstin fixirte ihn mit erhohtem Interesse. Wahrend er sich wie eine Schnecke in ihr Gehause hatte zuruckziehen mogen, beobachteten ihn die Andern mit ehrfurchtsvollen Blicken, die Altenwyl besonders, die in ihrer Stellung doch angewiesen war, jedem im offentlichen Leben des Staates und der Gesellschaft nur irgend hervortretenden Ereignisse oder Individuum eine gewisse huldvolle Aufmerksamkeit zuzuwenden ...

Die Majestaten, sagte sie auch mit einer herablassenden Wendung ihrer sitzenden Stellung, die Majestaten haben dies Bild mit vielem Wohlgefallen betrachtet und nicht begreifen konnen, warum der Propst, der den Cicerone machte, soviel daran zu makeln fand.. Man wird doch oft ganz irr an diesem Mann!

Ein feiner Kopf konnte aus dieser Ausserung viel entnehmen.

Hatte sie Gelbsattel gehort, er wurde gezittert haben. Denn sie bewies, dass man bei Hofe anfing, gegen ihn eingenommen zu sein.

Solche schlaue Barometermesser fehlten hier aber. Nur Siegbert errothete und sagte achselzuckend:

Der Propst! Ich verkenne die Fehler meines Bildes nicht! Allein die Kritik der Dilettanten ist wirklich unser Kreuz. Wir leiden mehr unter ihr als unter der der wahren Kenner, die doch oft viel strenger sind.

Rudhard hielt sich nicht und schnitt der Oberhofmeisterin, die in der Furcht, fast zu viel gesagt zu haben, wieder durch ein Lob des Propstes das Gleichgewicht herstellen wollte, fast die Rede ab.

Ist das Propst Gelbsattel? sagte er. Mein ehemaliger Schuler, der Zeltgenosse Ihres Vaters! Tadelt das Bild von dem Sohn eines Schulkameraden, jubelt nicht, so etwas begrussen, empfehlen zu konnen? Das ist garstig! Garstig! Es war immer ein schlimmer Patron.

Portensis! erganzte Rurik, fast beleidigend fur alle Schulpfortner.

Siegbert lachte uber die Weisheit des Knaben und die Damen wollten wissen, was dieser neue Charakter des Propsts zu bedeuten hatte?

Rudhard erklarte es. Wahrend Anna von Harder dabei dies Kleeblatt dreier Freunde sehr lieblich fand, erganzte Paulowna, die auch etwas wissen wollte, die Namen Wildungen, Gelbsattel und ...

Bei dem dritten Namen stockte sie ....

Rodewald, sagte Rudhard und lobte das Gedachtniss der Kleinen.

Wer? sagte Anna betroffen ....

Rodewald! wiederholte die Kleine, der Alles bedeutend geworden war, was mit dem lieben neuen Freunde, Siegbert, in Beziehung stand.

Bei dem Namen Rodewald aber erblasste Anna von Harder. Ohne dass Einer in der Gesellschaft begreifen konnte, wie sie diesen Namen sich mehremale wiederholen lassen und fragen konnte, wann und wo Das war? versank sie in eine Stimmung, deren Ernst gegen die durch die Scherze der Kinder angeregte Heiterkeit so abstach, dass Siegbert, der Dies bemerkte, nicht zu sagen wagte, dass dieser Rodewald sein Oheim ware.

Die Altenwyl aber bemerkte die Veranderung nicht und nahm nur Gelegenheit auszurufen:

Schulpforte! O diese alten Stifte! Diese alten Klosterschulen! Die Majestaten lieben diese alten Stifte und Klosterschulen so sehr, dass schon langst eine Rundreise auf ihnen im Werke ist ...

Damit aber kam die Oberhofmeisterin trotz ihrer hohen Stellung bei Rudhard schlimm an. Der wusste eine solche Menge von Misbrauchen in diesen alten Stiften und Klosterschulen aufzudecken, dass er fast pedantisch wurde und die Damen mit Rugen unterhielt, die viel zu streng wissenschaftlich waren.

Die Altenwyl nahm auch Veranlassung, ein einfaches, etwas kaltes: Meinen Sie? fast wegwerfend zu aussern und dann sogleich auf das Album der eben erwahnten Frau von Trompetta uberzugehen. Mit sonderbarer Gelassenheit und nicht ganz ohne Ironie ausserte sie:

Also Frau von Trompetta sammelt wieder ein Album! Weiss man denn schon fur welchen Zweck? Glucklicherweise sind wir in diesem Fruhjahr von Uberschwemmungen verschont geblieben. Ich horte kurzlich, sie will jetzt die armen Weber bedenken!

Arme Weber sind allerdings zeitgemasser! sagte Siegbert etwas ironisch.

O, Sie schlimmer Spotter, rief Anna von Harder, die sich von dem Eindruck, den der Name Rodewald auf sie gemacht, jetzt allmalig gesammelt hatte, Sie durfen mir nichts gegen Frau von Trompetta sagen. Ich furchte, es finden sich der Thranen genug, die man mit dem Ertrage dieses neuen Albums trocknen kann! Nur der Titel, den die gute Trompetta diesmal gewahlt hat, ist etwas zu .. wie soll ich sagen? Sie nennt es Gethsemane.

Gethsemane! sagte Rudhard und schlug die Hande zusammen ...

Ja, bemerkte die Altenwyl, die es merkwurdigerweise auf die Trompetta abgesehen hatte, es ist in der That ....

Ach! fiel Anna durchaus entschuldigend ein. Es ist ihre Idee. Es klingt nur ein wenig doch zu ...

Muckerisch! brach Rudhard rund und kurzweg heraus.

Die Wirkung dieser rationalistischen Derbheit war aber schlimm berechnet.

Muckerisch! riefen die Kinder und machten lustige Wortspiele.

O so nicht! sagte Anna fast verletzt.

Die Altenwyl wandte gleichfalls ihr Haupt entrustet zu dem alten Herrn hinuber, der denn nun auch von der Furstin einen Wink bekam, fast, als wollte sie sagen, es ware vielleicht besser, du gingest in den Garten oder auf dein Zimmer, alter Bar, oder schwiegest ...

Auch dieser Gegenstand konnte also nicht fortgesetzt werden.

Anna von Harder griff, da Siegbert diskret geschwiegen hatte, wieder den Feuertod des Molay auf und sagte zu ihm gewandt:

Sollten Sie glauben, lieber Herr Wildungen, dass dies Sujet sogar meinen guten alten Schwiegerpapa, den neunzigjahrigen Greis, interessirt hat? Ich musste ihm ja Ihre Auffassung wortlich erzahlen. Er nahm grossen Antheil und lobte Alles, was ich ihm mittheilte. Mit einer einzigen Ausnahme! Zurnen Sie mir nicht, wenn ich Ihnen seine Ruge wiederhole?

Siegbert bat um volle Offenheit ... Eine Ausserung von diesem wurdigen Greise konnte ihm nur lehrreich sein ...

Anna, fast in Verlegenheit, dem jungen Manne weh zu thun, begleitete die folgenden Worte mit einem ausserordentlich milden und versohnenden Ausdruck:

Er sprach, sagte sie, von der uber den Rauchwolken des Scheiterhaufens schwebenden Taube, die mir so ausserordentlich als die Idee der hoheren Versohnung und der gerechteren Zukunft gefallen hat.

Die Idee ist einer Sage uber Hussens Feuertod entlehnt erganzte Siegbert.

Gleichviel! Mein alter Papa meinte, fuhr Anna schuchtern und mit grosser Spannung fur die auf jede ihrer kleinsten Ausserungen merkende Altenwyl fort, Papa meinte, man konnte die in Paris verbrannten Templer nicht als Zeugen der christlichen Wahrheit oder irgend eines geistigen Fortschrittes verehren, sie hatten im Gegentheil weit eher ein unheimliches Symbol, eine Eule oder einen Raben, verdient.

Wie so? fragte Rudhard wieder barsch und kurzweg.

Die Templer, fuhr Anna fast erschreckend uber dies rauhe Wie so? fort, die Templer haben nach des alten Herrn Meinung sich sehr in die Geheimnisse jener Lander verloren, wo sie fur die christliche Lehre streiten sollten, ofter aber vorzogen, mit den Einheimischen in friedlichem Verkehr zu leben, wie wol jeder Feind, den man sich in der Ferne gehassig und abscheulich vorstellt, in der Nahe von seinen schlimmen Farben verliert und uns wurdiger erscheinen kann, belehrt, als bekampft zu werden ...

Diese Meinung macht dem alten Mann Ehre! sagte Rudhard. Aber die Templer.. die Templer.. Eulen und Raben?

Ei! Ei! fiel forschend und lachelnd die Oberhofmeisterin ein, es wird Dies doch nicht derselbe Rabe sein, den der alte Herr Prasident immer neben sich sitzen hat und mit dem er sich, wie die Majestaten dem General Voland von der Hahnenfeder noch gestern bei Tafel nicht glauben wollten, uber die schwierigsten juristischen Falle unterhalten soll?

Sie lachelte forschend und Anna errothete fast.

Das gibt ja etwas fur die Kinder, fiel jetzt die schweigsame Furstin, die nichts von solchen ernsten Dingen, mit denen General Voland von der Hahnenfeder den Kopf zu "fasciniren" wusste, kannte, lachend ein. Solche Marchen haben Sie um sich, liebe Landrathin?

Ja, ja, Ihr lieben Kleinen, sagte Frau von Harder, die auf den Scherz einging, wenn Ihr mich besucht, und ich hoffe, dass Dies bald geschieht, werdet Ihr glauben, in der Arche Noah zu kommen, wo noch die Thiere alle fromm und friedlich beisammen wohnten.

Ein Mannlein und ein Fraulein! brummte Rudhard, der unverbesserliche Rationalist, dazwischen.

Ja! Ja! Bei uns werdet Ihr Hunde sehen, die sich mit den Katzen vertragen, Katzen, die nicht naschen, Raben, die nicht stehlen, ja kleine Mause werdet Ihr fangen konnen, mit denen die Katzen spielen, ohne sie zu speisen ...

Und glaubt der alte Herr wirklich an die Seelenwanderung? fragte jetzt die Grafin ungemein neugierig, fast zudringlich.

O gnadige Frau!

Das war Alles, was Anna fast verletzt darauf antwortete.

Die Oberhofmeisterin erschrak. Der General Voland von der Hahnenfeder hatte bei Tafel doch gestern ausdrucklich gesagt, die alte Excellenz schiene ihm an die Seelenwanderung zu glauben, und der beruhmte eingeladene Professor, der Egypten bereist hatte, bekam noch ausdrucklich vom Konige beim ersten Ragout das Wort uber die Pyramiden, sodass General Voland fast eifersuchtig wurde, wie Jemand bei koniglicher Tafel langer als zwischen zwei Schusseln allein reden konne und beim Fisch nicht ruhte, auch das Wort uber die Pyramiden zu ergreifen, uber die er sich, wie uber Alles, zum Staunen der Herrschaften, als Kenner erwies.

Nun, wenn nicht die Seelenwanderung, so mochte man aber doch glauben, Sie wohnten bei einem Hexenmeister? bemerkte Rudhard.

Ja! Bei einem Zauberer! fiel die Furstin verbessernd ein.

Die Kinder wollten von den kleinen Mausen mehr erfahren.

Erzahlen Sie doch! Erzahlen Sie doch!

Ihr lieben Kleinen, sagte Anna fast verlegen, da ist nichts weiter zu erzahlen. Da ist nur zu lernen und zu spielen, wenn Ihr zu uns kommt und hubsch versprecht, unsern Thieren nichts zu geben, was sie etwa naschen sollen. Der alte Grosspapa ist strenge und nur mit seiner Art zu futtern und der Entfernung alles Naschens bringt er es eben dahin, diese Thiere untereinander zu versohnen. Das solltet Ihr sehen, wenn die Stunde der Futterung kommt! Wie da die Huhner krahen, die Enten schnattern, die Eichhornchen springen und an ihren Drahtgitterchen kratzen! Aber Grossvaterchen gibt nur Dem, der geschickt war, und Alle wissen recht gut, ob sie ihr Futter verdienten. Wer etwas verbrochen hat, winselt dann und bittet so demuthig, bis man Mitleid bekommt. Wenn man nun Gnade fur Recht ergehen lasst, dann hupft das wilde Volkchen und ist so lustig und so dankbar, dass es Einem die Hande kussen mochte! Aber die Katze muss immer nur neben dem Hunde essen und die Dohlen bekommen ihre Korner vom blanken Silber, damit sie Silber nicht fur Futter halten und es stehlen ...

Als die Herrschaft uber diese scherzhafte Mittheilung sich sehr unterhalten fuhlte, meinte Rudhard, ob der Herr Tribunalprasident nicht schon versucht hatte, auch in den Gefangnissen solche Zahmungen mit den Verbrechern anzustellen und wohin der Thierbandiger denn eigentlich mit diesen Experimenten hinauswolle?

Die andern Frauen schienen argerlich uber diese Frage, die ihnen ganz unnutz vorkam. Ihnen genugte das Factum. Die Oberhofmeisterin schwelgte im Entzucken uber die Thatsachen, die sie dem auf alles Aparte so begierigen und vom General Voland nur fur Exclusives angeregten Herrscherpaare wurde zu erzahlen haben. Anna von Harder aber nahm Rudhard's Frage auf.

Ganz einfach zielt Grosspapa auf die Ergrundung der Thierseele, sagte sie. Es ist ruhrend anzusehen, wie dieser alte Herr, der ganz ausser seiner Zeit lebt, sich nur mit zwei Dingen in seinen Mussestunden beschaftigt, mit der Freimaurerei und den Untersuchungen uber die seelischen Regungen in der Thierwelt. In diesem Sinne kommt er mir oft allerdings wie ein Zauberer vor. Die Maurerei und ihre Geheimnisse kenn' ich nicht, aber er behauptet, sie hingen gewissermassen mit seinen zoologischen Studien zusammen.

Alles war uber dies Wort erstaunt.

Selbst Rudhard, der sich als Maurer bekannte und gestand, er ware nicht im Stande, hier ein Bindeglied anzugeben ...

Es muss doch eins sein, sagte Anna von Harder. Und wenn ich mich nicht ganz tausche, glaub' ich den Schleier damals etwas geluftet gesehen zu haben, als der gute Greis kopfschuttelnd wegen Ihres Bildes, Herr Wildungen, immer die Worte wiederholte: Keine Taube! Keine Taube! Ein Rabe! Ein Rabe! Die Templer nannte er keine Christen. Ich sollte nur Acht geben, sagte er, an unserer Kirche, die Sie, Herr Wildungen, damals zeichneten, da waren in den Verzierungen der Fenster Vogel und orientalische Thiere sichtbar und die von den Tempelherren an die Johanniter ubergegangenen Hauser, wie sich deren mehre in unsrer Stadt befinden und eins sogar an der Stelle stand, wo spater meine eigene Familie ein Haus besass, alle diese Hauser hatten eine Architekturverzierung, die sich nur auf den Orient, den Tempel Salomonis, die alten geistlichen Ritterschaften, die Geheimnisse der Baugilden zuruckfuhren liesse. Und ich gestehe, ich hore den alten Mann gern sprechen, wenn er nicht von diesen dunkeln Sachen, wohl aber von der gebundenen Thierseele spricht, von den wunderlichen Trieben zu einer eigenthumlichen Moral in den Instincten, von der Vereinzelung oder der Paarung, von der Treue der Thiere und ihrer Innigkeit in geschlechtlichen Beziehungen ebenso wie von ihrer Gedankenlosigkeit. An einem Tage, wo ich uber eine Trennung, die mein Innerstes traf, keinen Trost finden konnte, sprach er von den Zugvogeln und ihrer Wiederkehr, von der Gewohnung der Taube und der traulichen Anhanglichkeit der auch von Shakespeare so innig geschilderten Mauerschwalbe so ruhrend, dass ich recht erkannt habe, wie doch Alles, was wir von Gott sagen und lehren, nicht ausreicht, wenn wir nicht in jedem Dinge sagen und lehren: Er ist die Liebe!

Diese Worte brachten eine grosse, aber nicht gesuchte Wirkung hervor ...

Rudhard hatte die Maurerei wol nur in seiner fruhesten Zeit getrieben und vollends in Russland, wo sie nicht geduldet ist, alle Verbindungsfaden mit ihren verschiedenen Sekten und Auffassungen verloren. In seiner Art witterte er auch in dem Allen, was sich hier so wunderlich zu erkennen gab, nur Mystik, die er hasste ... Er schwieg.

Die Grafin Altenwyl aber war tief ergriffen. Sie hatte eine solche reiche Ernte heute fur den Hof nicht erwartet. Die Thierseele ... die Templer ... die alten Johanniterstifte ... die Zugvogel ... Shakespeare und das Alles verbunden und verquickt durch das Eine: Gott ist die Liebe! Was konnte es heute Befruchtenderes, Anregenderes, Schlagenderes fur die "kleinen Cirkel" und jenen eigenthumlichen Geist der Romantik geben, der die Schicksale dieses Staates und durch ihn einen Theil Deutschlands regierte!

Anfangs versuchte die allgewaltige Dame zu Siegbert's grosster Spannung, das Gesprach auf die schwebende Johanniterverlassenschaftsfrage zu lenken; da aber Niemand daruber unterrichtet schien und Siegbert von seinem Bruder damals im Pelikan doch noch viel zu wenig daruber erfahren hatte, wie sehr er selbst daran betheiligt war, so ging die Oberhofmeisterin, um das Gesprach zu einem endlichen Schlusse zu fuhren, zu einem allgemeinen staatspolitischen Seufzer uber, des Inhalts:

O eine Idee, die die ganze Welt erquickt! Nur ein Wort des Friedens in diesen Hass und diesen Hader! Wer wird dies Evangelium bringen, das allem Kampf der Parteien ein Ende machte und die Erde in einen Wohnplatz von Menschen umwandelt, die nur dem erlaubten Genuss der irdischen Guter und der Bildung ihres Herzens als Vorbereitung kunftiger Seligkeit leben! Sie glauben nicht, meine Liebe, (sie wandte sich an Anna), wie man bei Hofe nach Erlosung von diesem Jammer, der uber unsere Erde verhangt scheint, schmachtet! Wo man auch nur in seinem redlichsten Eifer etwas unternimmt, was jetzt dem Werthe des Ganzen dienen soll, sogleich muss man bei jedem Schritt, den man wagt, um zu einem guten Ziele zu kommen, horen, dass man Andre verletzt hatte! Ach, nicht vor- und nicht ruckwarts ist ein Weg mehr zu finden.

Glauben Sie mir, liebe Frau von Harder, dass die Menschen wol glucklich sind, die die Seele in den Blumen oder in den Thieren suchen! Ach! Auch Sie haben ja viel gelitten.. Liebe!

Frau Grafin! war Alles, was Anna von Harder fast ablehnend und die Augen niederschlagend auf diese etwas zudringliche Freundschaftsanerbietung erwiderte ...

Die Konigin, sagte die Altenwyl, nimmt so vielen Antheil an Ihnen! Gibt es nichts, was Sie der hohen Frau naher fuhren konnte? O sie hat ein treues Herz. Kennte die Nation nur alle diese Menschen da oben!

Gnadigste Grafin! sagte Anna. Mein Leben ist zu durftig fur den Glanz des Hofes. Was soll ich dort! Ich pflege meinen alten Zauberer von Tempelheide, lese ihm aus Buchern, wie er sie liebt, vor, sticke, wenn es mein Auge erlaubt, und treibe etwas Musik. In der Musik hab' ich Alles hinubergeleitet, was in mir noch sich regen, aussprechen, ja auch sich hingeben mochte. In der Musik lach' ich, in der Musik wein' ich. Auf den Tonen Gluck's und Handel's schweb' ich da und dorthin, wo ich am liebsten sein mochte; es sind ferne Lander, ferne Haine und Walder und ich weiss nicht, gehoren sie noch dieser Erde an oder sind es schon Jenseitsahnungen.. Mit meiner Musik bin ich leider egoistisch. Ich fordere sie nur fur mich. Die Trompetta hat mich oft gedrangt, Vorstellungen in geschlossenen Kreisen zu geben. Wir wurden es wagen durfen, mit manchem alteren Werke hervorzutreten, wir kleinen Dilettanten, die wir uns zur classischen Musik verbunden haben. Wir haben einige gute Solistinnen. Die Flottwitz singt edel und rein. Ich straube mich aber dagegen. Ich entziehe damit, ich weiss es, eine Einnahme, eine Unterstutzung guten Zwecken, aber ich kann mich nicht entschliessen, Andere durch unsere Versuche belastigen zu wollen. Ich weiss, ich bin egoistisch. Die Trompetta flammt fur die innere Mission. Dass ich mich den Werken derselben zu wenig widme, werf' ich mir oft bitter vor. Aber ich bin eine Einsiedlerin und trage, trage, liebe Grafin.. Zu nichts zu bringen, am wenigsten zum Hofe ...

Grafin Altenwyl war uber diese bescheidenen Ausserungen etwas verstimmt.

Anna hatte eine Huld, eine Gabe, die sie ihr verschaffen wollte, geradezu zuruckgewiesen. Die Konigin hatte sie kennen lernen wollen und das nahm Anna so auf!

Dennoch liess sich die Altenwyl nichts von ihrer Verstimmung merken, sie lachelte nur und sagte, indem sie sich erhob, um zu gehen, Anna fast in's Ohr:

Sie sind ein Engel!

Nun noch eine halbe Umarmung mit der Furstin, ein freundliches Nicken zu den Kindern, ein fluchtiges Ignoriren der Herren ... und die einflussreiche, kluge, aber vom Geschmack ihrer Umgebung ganz beherrschte Frau war dann endlich verschwunden. Siegbert hatte sich nur noch der fluchtigsten Notiznahme, Rudhard fast gar keiner mehr zu erfreuen gehabt.

Man athmete auf.

Anna, erlost von einem Druck, umarmte jetzt erst noch einmal die Tochter ihrer Freundin..

Was wird die Brust leicht, sagte sie, wenn man nach einer zufalligen Annaherung an diese Hofatmosphare wieder frei athmen kann! Und doch meint es die Frau so gut! Sie, liebe Furstin, Sie mussen am Hofe als milder Stern aufgehen! Sie sind jung und schon! Ihnen wird diese Welt allerdings keinen Trost gewahren, aber doch Zerstreuung. Wenn Sie sich vorstellen lassen, schreiben Sie mir's ja! Ich komme dann, erst Ihre Toilette zu bewundern. Darf ich mich darauf verlassen?

Die Furstin sah lachelnd zu Rudhard hinuber, als wollte sie von ihm eine Ermuthigung zu irgend einer Antwort abwarten.

Sie sind ein treuer, dankbarer Zogling, ausserte Anna sogleich diese Unentschlossenheit bemerkend. Sie horen noch jetzt auf Ihren Lehrer. Und Das durfen Sie! Vertrauen Sie dem erprobten Rudhard recht, wenn er auch Unrecht hatte, mir das Gethsemane der Trompetta gleich so rundweg mit dem garstigen Worte zu verurtheilen ...

Rudhard kehrte sich nicht viel an diese gemuthliche Ruge, sondern meinte in seiner Art:

In dieser Stadt, meine Liebe, muss man auf seiner Hut sein. Wir sind schlichte Naturkinder, kommen aus den Steppen und Haiden des Ostens und wollen uns recht grundlich hier Alles ansehen und erst prufen, was sich uns zum Kaufe anbietet. Das Glanzende wird uns reizen, aber nicht bestechen. Die Wahrheit, die wir fur's Leben eintauschen wollen, muss probehaltig sein ... Und wenn mein Freund da, Herr Wildungen, eine noch so schone Zeichnung in das Gethsemane liefert, ich wittere in dem Album doch Das, was man Muckerei nennt.

Er blieb dabei, wie Justus der Heidekruger bei seinem Refrain uber den Reubund.

Die Kinder lachten uber das komische Wort und die Frauen errotheten uber den doch allzuderben, allzunuchternen Verstandesmenschen, der sich mit Anna, die ihm doch entgegenkam, nicht einmal uber ein Wort versohnen konnte ...

Siegbert fuhlte, dass es nun Zeit wurde, zu gehen. Er furchtete ohnehin schon zu lange verweilt und Erorterungen beigewohnt zu haben, die fur einen ersten Besuch bereits zu vertraut waren ... Die Sonne sank an dem Rand des Horizontes herab ... Er hatte es acht Uhr schlagen horen und gedachte seiner Verpflichtung, sich in der Brandgasse an der bezeichneten Stelle einzufinden.

Die Furstin forderte ihn mit grosserer Warme, als sie bisher gezeigt hatte, auf, sie bald wieder zu besuchen ...

Anna von Harder aber wunschte ihm die Gunst aller Musen und die frohesten Stimmungen.

Sie sprach dies Wort unendlich wohlwollend und gutig.

Es lag Siegberten in dem Abschied von dieser Frau etwas, was ihm zu sagen schien: Wir sehen uns gewiss wieder und werden unsern gegenseitigen Werth noch besser kennen lernen!

Anna blieb. Siegbert trennte sich fast schwer von ihr.

Die Kinder und Rudhard gaben ihm bis draussen das Geleite ...

An dem Spalier der Seitenfront des Hauses, an dem man voruber musste, um in den Vorgarten zu kommen, stand der alte Bediente von Tempelheide mit einem Shawl auf dem Arm und wartete seiner Herrin.. Vor dem Thorweg stand die alte Kutsche, die Hackert so verspottet und eine Karrete genannt hatte ...

Nun, sagte Siegbert zu dem Alten in gelb und blauer Livree es war derselbe, der ihm den Wein gereicht nun, es fehlte doch vor acht Tagen nichts an dem Silberzeug auf dem Tische in Tempelheide?

Der Alte horchte hoch auf und verstand nicht gleich.

Als Sie mir den Wein gebracht hatten! Wissen Sie noch? sagte Siegbert mit Nachdruck, um das Gedachtniss des Alten zu starken.

Ah! jetzt verstand der und sagte:

Nein, nein, Alles ist richtig gewesen! Bitte! bitte!

Siegbert ging nach dieser ihm und Hackerten gewordenen Genugthuung wohlgemuth voruber ... Wie er eben an der Ecke der Seitenfront war, fiel von oben aus einem Fenster eine Hand voll frischester Blumen uber ihn her.. Sie kamen von Jemand, den man nicht sah. Die Kinder riefen: Olga! ohne dass diese sichtbar wurde.. Siegbert raffte sich eine weisse Rose von den Blumen auf und sah empor, um zu danken ... Es war aber Niemand da, den er dankend noch grussen konnte .... An der Pforte versicherte er Rudhard, dass er sich ihm ausserordentlich verpflichtet fuhle fur die Einfuhrung in diesen interessanten Kreis, morgen schon hoffe er mit seinem Bruder verstandigt zu sein, um ihm, wenn es ginge, das Geheimniss des Bildes einzuhandigen. Welches Bildes? fragten die Kinder. Das Ihr bei Herrn Wildungen zeichnen lernen sollt! sagte Rudhard und wahrend die Kinder daruber ihre Freude aussprachen, setzte dieser hinzu: Ich hoffe, dass wir uns auch uber diesen Unterricht verstandigen werden. Siegbert mochte nicht widersprechen. Seine Rose betrachtend, antwortete er lachelnd, um nur der Erorterung auszuweichen: Freundlicher kann man, um wiederzukommen, doch wol nicht gemahnt werden?

Mit diesen Worten zog er die Pforte zu und trat mit beschleunigten Schritten seinen Ruckweg in die Stadt an ...

Vor einem, ungeachtet es erst dammerte, doch glanzend erleuchteten Hause dem der Schwester Anna's hatte er unter vielen glanzenden Wagen, die vor dem gusseisernen Gitter auf der Chaussee warteten, auch einen, der dem Justizrath Schlurck gehorte, leicht heraus erkennen mussen; doch war er zu bewegt, um jetzt auf Dinge zu achten, die um ihn her vorgingen..

Gerade durch die sich muhsam ausweichenden zur grossen Soiree beim Intendanten heranrollenden, eleganten Wagen musste er hindurch ...

Hatte er aufgeblickt, wurd' er bekannte Menschen genug wahrgenommen haben, die alle zu Paulinen's Festabend fuhren ... Auch Melanie!

Er sah aber nicht auf. Er sah auf die weisse Rose, die eben erst frisch gebrochen schien, denn noch war sie feucht von der Abendluft oder durch die erquikkende Hand des Gartners, der die Beete Abends netzte ... Er gedachte der andern Blumen, die er auf dem kleinen Rasen am Hause hatte liegen lassen, er hatte fast umkehren und sie sich noch holen mogen.

Was Blumen! sagte er aber zu sich selbst und raffte sich gewaltsam aus seinen Traumen auf. Es war die hochste Zeit, zur rechten Stunde in die entlegene, verrufene Brandgasse und dort das Haus Nr. 9 zu kommen, wo ihn das Wiedersehen des Bruders und die erneute Bekanntschaft Fritz Hackert's erwartete.

Ende des dritten Buches.

Viertes Buch

Erstes Capitel

Zwei unverstandene Seelen

Nicht hundert Schritte von der bescheidenen landlichen Wohnung der Furstin Adele Wasamskoi entfernt lag die uns schon bekannte reizende Villa der Geheimrathin Pauline von Harder zu Harderstein.

Gegen die stille, gemuthliche Abendunterhaltung, der Siegbert Wildungen wie durch die seltsamste Uberraschung des Zufalls in jenem von Rudhard etwas despotisch beherrschten Kreise beigewohnt hatte, bildete den auffallendsten Gegensatz die Vorbereitung der glanzenden Soiree, die Pauline von Harder in aller Eile noch fur den Abend "improvisirt" hatte ...

Die Geheimrathin verfugte uber einen gewissen Kreis, den sie zu jeder Stunde des Tages, wie es in ihrer raschen Sprache hiess, "zusammentrommeln" konnte.

Ein Besuch wie der der d'Azimont, eine Bekanntschaft wie die der gefeierten allgemein bewunderten Schonheit Melanie Schlurck, musste ihre nothwendige "Staffage" haben und soviel sie auch veranlasst war, beide Frauen nur allein zu geniessen, die kleinen "Etablissements" fehlten in ihren Salen nicht, um mitten im rauschenden Gewuhle sich ungestort allein zu fuhlen und sich "auszusprechen".

Der Eifer, mit dem die Geheimrathin, unterstutzt von der Gesellschaftliebenden und fur ihr Alter sehr zerstreuungssuchtigen alten Charlotte Ludmer, diesen Abend in aller Eile "arrangirt" hatte, wurde noch angespornt durch ein Billet des Justizrathes ...

Franz Schlurck schrieb nicht nur, dass seine Tochter sich hochgeehrt fuhlen musse, in die Nahe einer so vornehmen Dame dringen zu durfen, sondern fugte noch hinzu, dass er im Stande sein wurde ihr recht angenehme Dinge mitzutheilen und sie sich darauf verlassen konnte, schon am morgenden Tage im Besitz des verlorenen Bildes zu sein, dessen Spuren er entdeckt und auch gefunden hatte, dass es mit diesem Bilde eine geheimnissvolle Bewandtniss haben musse. Er fuhle, dass es Zeit zum "Handeln" wurde ...

Dieses Billet kam freilich gerade mitten in eine sehr verdriessliche hausliche Scene hereingebrochen, die sie und die Ludmer mit der Excellenz auffuhrten ...

Die "junge Excellenz" hatte sich in der That erst gegen Mittagszeit eingefunden und verrieth so sehr alle Kennzeichen eines bosen Gewissens, dass die beiden Frauen (denn auch die Ludmer nahm sich von selbst die Freiheiten heraus, die Pauline durch ihre Stellung behaupten durfte) in einen grimmen Zorn geriethen und ihm "kindische Streiche" vorwarfen, uber die er beichten sollte.

Der Geheimrath machte eine sehr verbluffte Miene. Er legte sich aufs Leugnen und blieb bei den Versicherungen seines Diensteifers und der in dem Mobelwagen deshalb absichtlich zugebrachten Nacht mit aller Hartnackigkeit eines Schulknaben, der den alten Satz der Jesuiten: Si fecisti, nega! mit einer solchen Sicherheit durchfuhrt, dass die Lehrer selber an ihm irre werden und von seiner Unschuld aufs vollkommenste uberzeugt sein mussen.

Excellenz gestanden den Verlust des Bildes ein, bekannten sich aber fur vollig "unschuldig" und drohten mit einer Untersuchung, die sie schon auf's Nachdrucklichste gegen den Hohenberg'schen Justizdirector von Zeisel hatten einleiten lassen. Kurt Henning Detlev Harder zu Harderstein vertrostete die Frauen damit, dass sie ohne Zweifel bald sehr klar sehen wurden ... Wie gesagt, da die Geheimrathin den Brief von Schlurck empfing, so liess sie die "Betisen" ihres Gatten so "hingehen" und schenkte ihm nach dem scharfen Verhor, in dessen Klemme er mit Zittern gesteckt hatte, mit dem Bedeuten, er sollte die nahere Unterhandlung mit Herrn von Zeisel ihr nur allein uberlassen Pauline war diese Weisung, die ihrem Gemahl genug auffiel, der Furbitte schuldig, die Schlurck fur seinen Freund von Zeisel am Morgen erhoben hatte endlich die Freiheit.

Bei Tische wurde wenig gesprochen. Pauline hatte der Gedanken zu viele zu verarbeiten und Alles, was Herr von Harder etwa Neues brachte, z.B. das allgemeine Aufsehen, das die Erkrankung des Prinzen Egon machte, die Ankunft der d'Azimont, die Aussicht auf ihre Beziehungen zur Furstin Wasamskoi, die Schwankungen des Ministeriums, die Wahlen, der Reubund, die drohenden Zerwurfnisse zwischen der Stadt und der Regierung und das schlimme Beispiel, das daraus fur die Provinzen entstehen wurde, alle diese Anspielungen, in denen sich Excellenz, die sonst nur von ihren Schlossern und Gartenanlagen, den Dienstvergehen der Castellane und Inspectoren, den Angebereien der Subalternen und ihren Ersparnissen in der Verwaltung ihres "Ressorts" sprachen, heute wahrhaft erschopften, um seine Gemahlin heiter zu stimmen und zu versohnen, diente nur dazu, in ihr Gemuth Stacheln und Dornen zu drucken. Sie sah da ja, dass so Vieles sich ereignete, was ohne sie Bestand hatte, ohne sie sich angelegt hatte und historisch entwickelte!

Ernst und Franz hatten ihr nach Tisch beinahe auch einen unerwarteten Arger bereitet. Denn eben wollte sie sich vor ihrer Toilette noch im grunen Boudoir ein wenig durch leichten Schlummer starken, als diese beide an sie herantraten und um die Erlaubniss baten, heute Nacht den grossen Fortunaball mitmachen zu durfen. Sie schmahte sehr gegen diese Vergnugungssucht ihrer Leute, tadelte den Ort, wo man Bediente ihrer Stellung nicht antreffen sollte und konnte sich erst fur halb und halb einverstanden erklaren, als Franz mit schlauer Miene sagte:

Excellenz, es wird ein grosser Ball. Tausend Billets sind verkauft. Man macht Bekanntschaften. Die Wandstabler's kommen auch ...

Schon oft hatten die Leute der Geheimrathin von diesen drei Geschwistern Wandstablers erzahlt, die sich auf den Volksballen fur die Zuruckhaltung schadlos hielten, die sie bei aller Freiheit doch im Hotel des Fursten von Hohenberg beobachten mussten.

Auf diese Erinnerung hin, sagte Pauline von Harder, wolle sie den Abend noch einmal auf die Sache zuruckkommen ...

Damit legte sie sich ein wenig zur Ruhe, ohne indessen wahre Starkung in einem kurzen Schlafe zu finden. Sie traumte zu lebhaft. Nadasdi, der Held ihres unglucklichen Romans, erschien ihr in dem verhangnissvollen Schlafrock, in dem dieser weichherzige Magyar soviel Thranen vergossen haben sollte! Jedesmal, wenn ein grosses Ereigniss sie beschaftigte, erschien ihr Nadasdi in seinem Schlafrock ... Sie nahm ein kleines homoopathisches Streukugelchen zur Beruhigung und war froh, dass sie auch fur den Abend Herrn Sanitatsrath Drommeldey geladen hatte ... Sie bedurfte, wenn Schlurck nicht etwas sehr Entscheidendes brachte, wirklich der arztlichen Berathung.

Gegen sechs Uhr begann dann die Toilette und heute gewahlter, als seit lange ... Wahrend die Ludmer die oberen Salons hatte offnen, mit frischen Blumen garniren lassen, die Kerzen auf den Kronleuchtern untersuchen, vervollstandigen, die Wandlampen schon am hellen Tage zur Probe anbrennen liess, nebenbei den Thee, das Eis und die Confituren nach der Ordnung des Servirens angab, die ihr fur heute die zweckmassigere schien, schmuckte sich die Geheimrathin mit den frischesten Farben. Sie wahlte heute einen leichten Seidenstoff, weiss und roth gestreift. Ihrem stolzen Semiramishaupte gab sie etwas von ihrer eigenen und Heinrichson's Erfindung, eine Art biblischen Turbans, wie man sich etwa Rebecka denken mochte bei Eliezer's Grusse am Brunnen. Dies weisse Kashemirgewinde, stolz und frei getragen, stand ihr gar stattlich. Das eine Ende des Bundes, mit goldenen Fransen, hing schwer uber die rechte Schulter herab, die naturlich, wie die ganze Buste, sehr stark weiss geschminkt wurde, um durch eine grosse umstandliche "Florgeschichte", die wiederum ganz patriarchalisch, jedoch mehr im Stile der Hagar, als sie mit Ismael in die Wuste zog, um Nacken und Hals geschlungen wurde, blendend hindurchzuschimmern. Die magern Arme hatten sich derselben Prozedur des Puderns zu unterwerfen. Sie waren, ein seltenes Wagniss, heute ganz frei und wurden mit den schwersten Armbandern behangt. Wenn sie mit einer leichten, wellenformig gerundeten Bewegung des rechten Oberarmes ganz wie in Gedanken einmal an das hangende Ende ihres Turbans fuhr und die goldenen Troddeln, schwerer wiegend, hin- und herschwankten, so gab das einen ganz hubschen Effect, den der elegante Maler Heinrichson oft bewundert und erklart hatte, ihn sich fur ein Bild zu merken, das er noch einst von dem Antonius und der Cleopatra malen wollte.

In dieser Tracht, die ihr wirklich viele "Frais" verursachte, namlich die Muhe der Uberlegung und die moralische Muhe einer ihr gar nicht mehr "gelaufigen" Eitelkeit, stieg denn gegen sieben Uhr Frau von Harder in ihre oberen Zimmer ...

Sie durchmusterte sie und fand sie noch nicht geluftet genug. Es war ihr heiss in dem sommerlichen Abend geworden. Der Maraboutfacher musste die Glut ihrer Stirn kuhlen, die leider zu roth, zu roth, ach zu roth war ... Sie hasste eigentlich diese oberen Appartements, der Uberzahl ihrer Spiegel wegen. Welche Verschwendung, sagte sie oft, an dieser verleumderischen indiscreten Composition! Und noch an jedem Spiegel waren zwei Wandleuchter und jeder Wandleuchter mit mindestens drei Kerzen angebohrt! Aber sie musste diese Zimmer und nicht den Gartensalon wahlen; denn hier nur gab es Nischen zu traulichem Zwiegesprach, zeltartig drapirte Alkoven mit Tapetenthuren zu kleinen Cabineten mit Divans, die unter Blumen versteckt waren. In einem dieser Zelte, das spater von einer herabhangenden Ampel matt erleuchtet werden konnte, prufte sie, wie wol ihr Anzug gegen den Hintergrund abstechen wurde ... Pauline war geschmackvoll von Natur und nur durch ihre uppige Phantasie manchmal etwas zu uberladen. Aber darin zeigte sie sich als Virtuosin, dass sie niemals in grosser Gesellschaft erschien, ohne nicht ihre Toilette nach dem Farbenton der Zimmer einzurichten, in welchen sie erscheinen sollte. Sie besann sich regelmassig, wenn sie eingeladen war, in welchem Zimmer die Gesellschaft sie begrussen wurde und wahlte darnach die Farbe ihrer Kleider. Es war ihr schon geschehen, dass sie bei der Trompetta, die einmal nach Vollendung eines Albums, das sie fur arme Uberschwemmte herausgegeben hatte, alle Dichter einlud, deren Beitrage das Album fullten, ein neues wunderschones grunes Kleid nur unter der Bedingung anzog, dass sie der Trompetta erst ein Sopha mit ceriserothem Sammet uberzogen schicken durfte. Die Trompetta hatte namlich nur dunkle Mobel und straubte sich sehr, besonders vor einigen frommen Lyrikern, sich auch auf ceriserothen Sammetmobeln betreffen zu lassen. Die Geheimrathin kam aber nur unter dieser Bedingung, dass sie ihr grunes Kleid auf rothem Sammet zeigen durfte. Si non e vero ... man erzahlte es wenigstens.

Eben noch prufte Pauline den Effect ihres hellen biblischen Costums gegen das dunkelblau mit Gold drapirte Zeltgemach und erfreute sich des wirkungsvollsten Abhubes ihrer Figur von der dunklen Umgebung, als ein Wagen vorfuhr und durch das offenstehende Portal gleich in das Haus einlenkte. Dass eine Dame leicht und behend vom schnell herabgelassenen Tritte herunter und auf die Strohdecken sprang, die unter dem Unterbau des Hauses vor der Eingangspforte ausgelegt waren, sah Pauline nicht; sie sah nur das Einlenken des Wagens in die geoffnete Gartenthur, ahnte aber wer es war, liess sich nicht erst anmelden, wer kam, sondern ging der Kommenden entgegen. Sie war vollkommen darauf vorbereitet, dass sich ihr die Grafin d'Azimont mit einem Strom von Thranen an die Brust warf ...

Welch ein Gegensatz zwischen zwei Geschwisterpaaren! Druben die ruhige, fast phlegmatische Adele Wasamskoi im Kreise ihrer Kinder, geregelt und bevormundet von einem einfachen, strengen, mathematisch geordneten, praktisch burgerlichen deutschen Verstandesmenschen; hier diese wilde leidenschaftliche Halbpariserin, die schon auf der Treppe so laut schluchzte, dass die Ludmer die erstaunten Bedienten entfernen musste! ... Druben die weiche, sanftmuthige Anna von Harder, die ihren Lebensberuf in der Pflege eines wunderlichen Greises, in milden Werken der Liebe und der prunklosen Ausubung der Musik fand und noch in diesem Augenblicke die bescheidene Sorgfalt ihres Herzens gegen ihr fast ganz fremde Menschen walten liess; hier ihre Schwester, im blendendsten Schmuck, ebenso leidenschaftlich, nur ausserlich kalter, wie ihr Besuch, den sie nicht am kleinen Theetisch, am dampfenden Comfort, unter einem Akazienbaum, an einer Wand beschattet von wildem Weine empfing, sondern in das blau- und golddrapirte Zelt fuhrte, auf einen Divan, hinter Camelien und rankenden Gewachsen, die sich um die schweren bronzenen Stabe des Zeltes und die herabhangenden goldenen Quasten ringelten.

Helene d'Azimont war klein und zart. Woher sie schoner war, als ihre altere Schwester, konnte man kaum begreifen, wenn man fast denselben Schnitt des Gesichtes entdeckte. Es war dieselbe Bildung der Formen und doch von unendlich verschiedener Wirkung. Das Ensemble an der Grafin war reizend, die Linien unendlich harmonischer, ihre Verbindung belebt und voll Anmuth. Sie liess sich, obgleich der Furstin ganz ahnlich, doch mit dieser kaum vergleichen. Jede Bewegung der Helene d'Azimont war Leben. Die langen Augenwimpern zitterten, der schone kirschrothe Mund bebte, die wie Emaille glanzenden Zahne zeigten sich unwillkurlich, wenn die Lippen wie vom Schmerze offen standen. Die Form des Halses, des Nackens, die Wolbung der Huften, Alles war zwar klein, zwar zierlich, aber doch schlank und von regelmassiger Harmonie und voll und fleischig, trotz des Kummers, der doch an ihr nagte. Das Auge blau und im Nu so gross geoffnet, dass es unter den schwarzen Wimpern wie eine leuchtende Krystallkugel aufzugehen schien. Die ganze Schwarmerei einer italienischen Sternennacht lag in diesem Auge, wenn es sich offnend starr den Blick festhielt und den Gegenstand, auf den es fiel, fast in sich aufsaugend verzehrte. Das schwarze Haar lag im einfachen Scheitel dicht und glanzend uber der kleinen Stirn. Ware diese Stirn ein wenig grosser gewesen, man hatte das Bild einer religiosen Denkerin, einer entzuckten Schwarmerin gehabt. Da sie aber klein, von dem Scheitel beschattet war, so versinnlichte sie nur das Gemuth, die Leidenschaft, die gleichsam vollige Abwesenheit alles Nachdenkens. Die Liebe schien der Glaube dieser Frau zu sein; die Zartlichkeit das einzige Bekenntniss ihres Herzens.

Wir wissen, dass Helene d'Azimont dreissig Jahre zahlt. Eine gewisse schwellende Rundung ihrer Formen war die einzige Bestatigung dieses Alters. Sonst glaubte man ein Kind vor sich zu haben, eine zum ersten Male ins Leben tretende Jungfrau, voll Vertrauen, Dreistigkeit, angeborener Sicherheit. Wie dies Auge rollte! Wie diese Brust wallte! Pauline konnte sie ohne Hemmniss an die Flordraperie ihres Halses drucken, denn Helene war so einfach gekleidet! Sie war schwarz vom Kopf bis zur Sohle. Man sah, dass es nicht ihre Absicht war, heute bis zur Gesellschaft zu bleiben. Und doch blendete die Weisse ihrer Haut unter den schwarzen Floren wie der schonste Schmuck! Sie trug an dem runden, vollen Arme lange schwarze Florethandschuhe. Um den Hals funkelte wol ein Collier von Brillanten, aber dies schwarze Florchiffu uber dem Flechtenneste und halb dem Scheitel der Haare, dieser Kopfputz mit den einfach in den Nacken herabhangenden Spitzenzipfeln war so wenig auf gesellschaftlichen Reiz berechnet, dass man an die Achtheit der Thranen glauben musste, unter denen sie ausrief:

Da haben Sie mich denn, Pauline! So komm' ich von Paris, so sehen Sie in mir die Verzweifelnde, die Sterbende um einen Sterbenden!

Helene, ist die Gefahr so gross? fragte Pauline halb wie zitternd.

Egon stirbt! Egon wird dieser Erde nicht mehr angehoren!

Ich bitte Sie, Freundin! Ein junger, kraftiger Mann! Wir haben keine Epidemieen. Arzte umstehen sein Lager. Sie selbst

Ich, Pauline? Ich? ... Ihr wisst es ja Alle! Wo ich hinblicke, hat ja die Welt kein Mitleid fur mich, nur lachende boshafte Augen! Die Menschen, die Baume, die Vogel in der Luft lachen! Verstossene, verlorene Helene, ruft mir ja jedes Atom, jedes Staubchen zu, uber das ich ohnmachtig hinschwebe! Zwei Jahre des seligsten Gluckes sind ja vernichtet, geschandet o was sag' ich geschandet! Egon! Was du thust ist wohlgethan. Tritt mich mit deinen Fussen, verstosse mich, morde mein Herz! Nur stirb mir nicht! Lebe! Lebe! Lebe!

Helene lag schluchzend auf dem Sopha ...

Pauline musste sich, selbst wenn sie der kaltesten Fassung fahig war, von einem solchen Ausbruch wildester Verzweiflung erschuttert fuhlen. Sie hatte seit einiger Zeit in einer Welt gelebt, die sich um sie her immer mehr erstarrte; sie hatte fruher in dieser Weise selbst geliebt, selbst empfunden. Aber jetzt nach so vielen Verknocherungen und Versteinerungen ihrer nachsten Lebensbedingungen war ihr diese Scene fast wie Traum aus ihrer fruhesten Jugendzeit. Die funfundzwanzig Jahre, die sie mindestens vor der jungen verzweifelnden Frau voraus hatte, fuhlte sie einen Augenblick nicht; sie konnte das Zittern ihrer Hand nicht unterdrucken, konnte nicht von ihren Lippen wegwischen, dass sie einen Augenblick bebten. Sie dachte an Heinrich Rodewald und ihre Jugend ...

Helene, sagte sie nach einer Pause allmaliger Sammlung, Helene, Sie sehen mich voll geruhrtester Theilnahme, aber auch voll Uberraschung. Ich weiss so wenig von Dem, was Sie betrifft. Ich hoffte dieser Tage durch einen Besuch bei Ihrer Schwester

Schweigen Sie von dieser Schwester! rief Helene, und in die zarte Erscheinung fuhr plotzlich eine so elastische Beweglichkeit, eine so aufschnellende zornige Erregung, dass man die in Liebe zerflossene Weiblichkeit kaum wiedererkannte. Der Mund und das Kinn traten entschlossen hervor und die Augen blitzten von einem wilden, trotzigen Feuer.

Schweigen Sie, rief sie, von dieser Heuchlerin, dieser lieblosen Moralistin! Fur die gluhendsten Schilderungen meines Gluckes, die ich ihr nach Odessa schrieb, hat sie mir im Tone einer Predigt geantwortet. Wenn sie mich tadelte, dass ich fur Belcotti schwarmte, mit Addington tandelte, die Leiden des polnischen Volkes mit dem jungen lithauischen Fluchtling Bardansky verwechselte, o, alle diese Vorwurfe waren gerecht und ich nahm sie mit schwesterlicher Liebe hin. Aber endlich schrieb ich ihr, ich trenne mich von d'Azimont, ich liebe, ich liebe zum ersten male, ich liebe, wie ein Weib lieben soll, ein Weib, das fuhlt, ein Weib, das da ahnt, in ihr ruhe das Geheimniss der Schopfung. Als ich ihr schrieb: Der, den ich liebe, ist ein Gott und seinen Namen nennen die Irdischen Egon Prinz von Hohenberg, und als sie mir auch darauf Moral, ewig Moral und immer Moral predigte, sehen Sie Pauline, ich habe geschworen, wer mir das Kleinod meines Lebens beschmutzt, mir die Sonne verdunkeln will, die ich anbete und mogen alle Priester der Erde sagen, die Anbetung der Sonne ware Heidenthum ... ich konnte den Dolch erheben und jeden Lasterer meiner Religion durchbohren, sei's ein Bruder, sei's eine Schwester und diese Schwester existirt nicht mehr fur mich.

Pauline gedachte der Zeiten, wo sie auch mit Dolchen spielte! Ware sie eine Philosophin geworden, so hatte sie gelachelt; aber sie lachelte nicht. So wild war zwar nicht ihr Hass gegen Anna, wie Helenens Hass gegen die Furstin Wasamskoi, aber sie erwarmte sich daran, doch wieder einmal auf dem Bereiche der Herzensgeltendmachungen etwas Kraftvolles, etwas Titanisches zu erleben. Sie jubelte, jene halb wahnwitzige Sittenlogik anerkannt zu sehen, in der sie fruher selbst gedacht, dann geschrieben hatte und in deren ohnmachtigen letzten Trummern sie sich absterbend verzehrte. O sie stand auf! Sie hielt diese Sprache der Liebe nicht aus, ohne dafur mehr zu haben als blosse einfache Zustimmung! Sie wurde jung, indem sie aufund abschritt und Helene, selig uber Paulinens Erschutterung, umschlang sie und zog sie zu sich unter die Camelien und fuhr, ihre Hand festhaltend, fort:

Nichts von Adelen, Pauline! Sie wohnt hier in der Nahe, ich weiss es. Ich kenne sie nicht. Ich schrieb es soeben schon an d'Azimont nach Paris. Er wird meine Meinung billigen; er ist sehr gut und was an ihm das Beste ist, er liebt, wie ich, den Charakter!

Wie geht es denn Desire? fragte Pauline.

Recht ubel! bemerkte Helene.

Desire d'Azimont war ihr krankelnder Gatte.

Wie lange ist es her, dass wir zum letzten male hier waren? fuhr Helene fort.

Vor drei Jahren; sagte Pauline. Haben sich seine Ubel verschlimmert?

Desire ist recht krank. Man furchtet fur ihn. Seine Corpulenz wird beunruhigend. Die Mutter gibt ihn auf und Sie wissen, bose Augen sehen weiter, als die Augen guter Menschen.

Keine Veranderung in den alten Verhaltnissen?

Nur noch gesteigerter! Die Mama ist formlich eine Megare und foltert mich. Desire's himmlische Gute schutzt mich allein. Sie will die Scheidung vor Desire's Tode und Desire, der Egon wahrhaft liebt

In der That?

O Desire bleibt sich gleich. Desire ist ein Philosoph. Er gefallt sich darin, wie Seneca zu sterben. Ich weiss nicht, ob ich ihn fur grosser halten soll als ...

Warum stocken Sie?

Darf ich denn unbefangen uber Desire sprechen?

Helene!

Sie liebten ihn, Pauline, und waren glucklich, als er mich wahlte. Sie druckten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und nannten mich Schwester!

Ich dachte, mein Kind nannt' ich Sie, Helene!

O Sie sind gut, Pauline! Sie blieben mir die treueste Freundin trotzdem, dass es Ihnen wehe that, das Band, das Sie an den guten Desire fesselte, getrennt zu sehen. Aber wie bewundert man Sie auch Beide in Paris ...

O Helene!

Ja, alle Cirkel sind noch jetzt von Ihnen voll. Balzac hat mir versprochen, uber uns alle einen Roman zu schreiben. Ich verbot es ihm, weil ich nach dem Nadasdi nichts mehr von Ihnen angezeigt fand.

Deshalb? Warum Nadasdi

Ich vermuthete, dass Sie selbst dieses Sujet behandeln wurden. Sie haben so lange geschwiegen? Warum erscheint nichts von Ihnen?

O! ... antwortete Pauline ablehnend.

Wie lieb' ich Alles, was Sie schreiben, fuhr die gute, kritiklose Helene fort, die gar nicht ahnte, welche wunde Stellen sie beruhrte und wie sie eigentlich hinter dem Gegenwartigen zuruck war. In Amarantha erkannt' ich Ihr Herz, in Nadasdi Ihre vorgeschrittene Kunst. Ware ich nicht durch Egon um meine Besinnung gekommen, ich hatte ein Capitel von Nadasdi unter dem Titel: Moeurs hongrois ... ubersetzt. Welche Phantasie haben Sie! Hier dieses Zelt, Ihr Costume, Pauline! Sie sollten in Paris leben. Man wurde Sie aufsuchen wie eine Priesterin des Geschmackes, eine Velleda, eine Druidin der Inspiration. Wir haben es jetzt sehr mit den Velleden und Druidinnen! Ach, was bleibt uns auch nach dem Schmerze noch ubrig als die Weissagung! Auf unsern Trummern wird man uns entweder zerschmettert finden, oder wenn wir uns erheben konnen, so ist es nur in der Mission der Prophetie!

O meine liebe Pauline, was erlebt' ich seitdem! Sahen Sie in Alles hinein bis auf den Grund, wie wurden Sie, wenn Sie's beschreiben wollten, die Menschen ruhren, wahrend denen freilich, deren Herz Sie sicher vertheidigen wurden, es brache!

Pauline war uber alle diese Bemerkungen uberglucklich. Es waren ihr Das nicht die Phraseologieen der neuromantischen Schule, sondern wirkliche Ergusse reinster Aufrichtigkeit und Hingebung, ohne die Idee einer Ironie! Das Lob, das sie so oft fur ihre Feder empfangen hatte, war meist satirisch gemeint gewesen. Sie war weltklug und in einem gewissen Punkte nicht eitel genug, um auf diesem Bereiche Wahres und Falsches nicht sogleich zu unterscheiden. Aber diese Huldigungen der d'Azimont, das wusste sie, die waren ganz naiv und aufrichtig gemeint. Auch die formlich auf den Kopf gestellte Moral der beiden Frauen war zwischen ihnen chose convenue.

Als ich von Odessa kam, sagte Helene, ich unerfahrenes dummes Ding, was wusst' ich von der Welt! Desire gestand mir, dass Ihr Beide Euch geliebt hattet und ich fand Das edel und gut von Ihnen, denn Desire verdient, dass man ihm wohl will. Sie druckten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und die Thranen, die Sie weinten, als Sie die kleine Comtesse d'Azimont zum ersten male sahen, werd' ich Ihnen ewig gedenken. Wie oft fand ich diese Thranen in dem Nadasdi und der Amarantha wieder! Sie entsagten und forderten mein Gluck. Ihre Liebe, Ihre Freundschaft hat mich erst die Welt kennen gelehrt; denn o Himmel, was war ich? Was wusst' ich? Sylvester Rafflard in Osteggen war ebenso ein Ignorant, wie er jetzt ein Bosewicht ist und aus Rache, dass wir ihn, einem deutschen Pedanten zu Liebe, verabschiedeten, mich noch jetzt verfolgt. Er ist der treueste Rathgeber meiner Schwiegermutter geworden, dieser bosen Frau, die trotz ihres Strebens, kanonisirt zu werden, mein Ungluck will.

Rafflard? sagte Pauline. Ich fand den Namen kurzlich in den Blattern angezeigt. Ein Name dieses Klanges, scheint mir, ist ... hier angekommen?

Der Himmel gebe, dass Sie sich irren! rief Helene entsetzt. Ich hass' ihn trotz seiner Freundlichkeit und alle Welt sagt, es ist ein Jesuit.

Ich entsinne mich, Rafflard! Professor Rafflard reist, um die Gefangnisse zu studiren

Das ist er! Rafflard ist hier?

In den Zeitungen las ich, dass er einer Gesellschaft angehort, die es sich zur Aufgabe macht, das Loos der Gefangenen zu mildern ...

Lug und Trug! Es ist ein Jesuit, wie nur irgend einer in der Rue Jean Jaques Rousseau gebacken wird! Er verliess die reformirte Religion nach den schlimmsten Streichen, die er sich in Genf erlaubte und muss durch den boshaftesten Zufall von der Welt der Rathgeber meiner Schwiegermutter werden! Nach Egon's Abreise flog ich dem Geliebten nach und glauben Sie mir, nicht die Gefangenen sind es, die ihn herfuhren. Ich bin es! Ich, die er wie eine Schlange umringelt halt, um mich von Egon loszureissen ...

Die Grafin theilt nicht die Toleranz ihres Sohnes?

Sie betreibt eine Scheidung. Sie will das Vermogen, das nach Desire's liebevoller Anordnung mir allein anheimfallt, sich, der Kirche, dem Beichtstuhl, den Jesuiten erhalten. Rafflard hier! Auch Das noch? O ich bin sehr, sehr unglucklich, Pauline.

Damit flossen Helenens Thranen, wie die eines Kindes, dem alle seine liebsten Hoffnungen von der unerbittlichen Strenge eines Lehrers oder einer weisen Mutter zerstort werden.

Pauline suchte Helenen zu trosten und versprach ihr Rath und Beistand. Nur sammeln Sie sich, sagte sie und vertrauen Sie mir! Wie kommen Sie denn nur zu dieser verzehrenden Flamme, zu dem Prinzen Egon?

Ach! Als wir uns vor drei Jahren wiedersahen, Pauline, begann Helene mit schwacher Stimme, da war ich im Begriff, aus Verzweiflung uber dies Erdenleben irgend eine Thorheit zu begehen. War' ich katholisch, wer weiss, ob ich nicht die Mauern eines Klosters aufgesucht und in der Liebe zum Christ (Helene brauchte diese franzosische Wendung) in der Liebe zum Christ meine unverstandenen Schmerzen gesammelt hatte! O eine so durstende Seele wie die meine und nichts als das schale Wasser des Alltaglichen zur Erquickung! Belcotti, Addington, Bardanski ... ich schame mich! Abscheulich! Es waren Flammchen auf diesem Sumpfe gewesen, den ich Leben nannte. Ich hatte den Einen gern singen, den Andern gern wetten, den Dritten gern raisonniren horen und mit allen gern zu vier Handen die Capricen Chopins und Liszt's gespielt ... Pauline! Das war Alles. Ich kann sagen, ich hatte in diesen Flammen nur die Flugel verbrannt. Sie wuchsen wieder, als ich diese Menschen verachtete. Ich wollte mich Desire widmen. Desire war gut, o gut! Er fuhlte sich krank und sagte mir oft: Helene, werde etwas philosophischer! Wenn ich todt sein werde, kannst du ein neues Leben beginnen! Eine Witwe von dreissig Jahren im Besitz einer Million und mit einem Herzen voll Poesie und unerschopfter Hingebung ist die Konigin der Erde! Ich gelobte ihm, sage zu sein und ich war es, bis meine Stunde schlug. Wir ziehen aufs Land. Desire hatte eine wunderschone Villa am See von Enghien gekauft, sie ausbauen, sie verschonern lassen. Ich lebte nur dieser Villa, auf die mich die Eisenbahn von St.-Germain in zehn Minuten fuhrte. O diese Villa ist so reizend, Pauline! Man sagt, Rousseau habe sie einst bewohnt und dort einige Capitel der neuen Heloise geschrieben. Ach, Sie wissen, wie ich die neue Heloise und Rousseau liebe. Ich war glucklich! An unserm Schlosschen platschert der See von Enghien und die lieblichsten malerischen Partieen sind durch die Eisenbahn recht der Magnet derjenigen Pariser geworden, die idyllische Freuden lieben. Es war im Juni. Ich wohnte erst vier Wochen in meinem kleinen Paradiese, malte, zeichnete, componirte, wollte dichten, ich versuchte Alles, ich las, ich lachte, ich weinte. Desire war glucklich, wenn ein Sterbender noch einige Zeit glucklich sein kann. Ich dachte sogar an Aussohnung mit meiner Familie und schrieb bogenlange Briefe nach Odessa, die ich mit einem Kurier unserer Gesandtschaft uber Constantinopel expedirte. Da ereignete es sich, dass eine muntere Gesellschaft, Handwerker wie es schien, auf dem See an meinem Garten eine Partie machte. Sie kamen vom jenseitigen Ufer und wollten die Runde fahren und die Besitzer der Garten necken, die an den Ufern die Kuhle des Gewassers athmeten. Da schlug das Boot der frohlichen Gesellschaft um, wahrend ich an einem Tische sitze und gedankenvoll auf die schakernde, ubermuthige, junge Welt hinausblicke. Ich schreie, springe auf und sturze die steinernen Stufen hinab, die am See bespult werden von den Wogen, in denen sich unsere angekettete Gondel schaukelt. Ich springe in die Gondel und wie meine Empfindung eine reine, eine naturliche war, so entfuhr mir auch das deutsche Wort: Hilfe!

Sie starke Seele! sagte Pauline bewundernd. Eine jede andere an Ihrer Stelle ware in Ohnmacht gefallen und hatte nichts gethan.

In Ohnmacht gefallen? rief Helene mit flammender, guter, schoner Erregung. In Ohnmacht, wo Menschen ihren Tod in den Wellen finden? Ha! Retten konnt' ich nicht, aber ein junger Mann nahm mir die Verpflichtung ab, das Ausserste zu wagen. Es war ein schoner Jungling, der zur Gesellschaft gehorte, sich in die Wogen sturzte und mit kraftigem Arme ein junges Madchen emporhielt, das er in den Wellen ergriffen hatte. Er schwamm mit seiner glucklich Geretteten an unsern Garten. Ach! Sie konnen denken, Pauline, wie ich glucklich war, als man mir zurief, nur das junge Madchen hatte das Ubergewicht verloren und ware, nach Wasserlinsen haschend, uber den Rand des Nachens gesturzt, mit dem man scherzhafter Weise schaukelte. Meine Diener kommen. Wir tragen das junge Madchen in's Haus, der junge Mann, der mein deutsches Wort: Hilfe! vernommen hatte, sprach deutsch mit mir. Wie erstaunt' ich uber den gebildeten Fremdling! Er war gross und schlank, von schwarmerischem Auge und sprach so geistreich, dass ich auf der Hut sein musste, ihm die richtigen Antworten zu geben. Das Madchen, ein zartes, etwas verbluhtes Kind, eine echte Franzosin, erholte sich bald. Ich gab ihr Kleider, liess ihnen Thee vorsetzen; aber sei es, dass ihr Geliebter deutsch mit mir sprach oder was war es, sie wollte fort. Sie schien mir hektisch, krankhaft aufgeregt und beherrschte den jungen Mann mit einem einzigen Blicke. Gegen Abend fuhr der ganze Train nach Paris auf der Eisenbahn zuruck. Am Tage darauf hatt' ich die Kleider wieder. Der junge Deutsche brachte sie selbst. Vergeben Sie mir, Pauline, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich ihn schon liebte. Ich erfuhr, dass ein wunderliches Incognito ihn umspann, ich luftete das mysteriose Dunkel, in das er sich zu verbergen suchte, ich entdeckte, dass dies jener vielbesprochene, seiner Familie, seinem Stande abtrunnig gewordene Egon von Hohenberg ist. Ein Furst! Solche Uberraschung! Pauline, ich schildere Ihnen die Anstrengungen nicht, deren ich bedurfte, um Egon von seinen communistischen Thorheiten zu heilen. Die Begeisterung fur all das Romantische, was ihn umgab, lieh mir die Kraft, ihn wieder zu uns zuruckzufuhren, denn weil ich seine Hingebung an die Sphare des Volkes schon fand, weil ich ihm Beweise gab, dass ich ihn verstand, ihn begreifen konnte, widersprach er mir nicht, als ich ihn allmalig doch von seinen Kameraden, von armen Handwerkern und Grisetten trennte.

Vortrefflich! Vortrefflich! Wie psychologisch! Sie sind eine Weise geworden, unterbrach die Geheimrathin.

Helene d'Azimont fuhr fort:

Egon wurde mein! Ich durfte ihn mein nennen, denn ich hatte ihn mir erobert. Er kehrte zuruck in die Welt, die fur ihn bestimmt war und wie glanzte er in ihr! Pauline, welch ein Triumph, den Mann zu lieben, der Alle blendete! Wenn er in die Salons trat in seinem edlen Wuchs, mit dem fast lockigen Haar, dem sanften blauen Auge, dem lachelnden Mund, um den ein gewisser Schmerz die ganze Seele verkundete o Pauline, ist es denn moglich, dass Das war! Dass ich ihn zwei ganzer, voller, wie eine gottliche Minute dahingerauschter Jahre mein nennen konnte. Mein, mein und dann dann !

Sie regen sich auf Helene! Lassen Sie Das! Erzahlen Sie nicht! Une rupture! Das sagt ja Alles! Ich kenn' es ...

O, in dieser Form nicht! Pauline, in dieser Form nicht! sagte Helene dumpf. Das war ja nichts, was Menschen ertragen konnen! Das war ja nichts von dem Jammer aller Derer, die schon vor uns am gebrochenen Herzen starben Pauline und wenn ein Messer vor meiner Brust zuckte und Jemand sagte: Ich lass dich leben, aber du hast Das erlebt, so wurde ich antworten: Lass mich sterben; nur nicht das erlebt! Da, da sass ich auf einem Sopha, es war dasselbe, auf dem einst jenes Madchen sich erholt hatte ... sein Arm war um meinen Nacken geschlungen, ich sog die Kusse der Liebe von seinen Lippen ... da tritt ein Handwerker ein, den ich seit einiger Zeit angenommen hatte, um meine Villa schoner zu schmucken. Desire war in Paris. Ich wohnte in Enghien ... Egon in der Nahe. Meine Phantasie hatte ein Spiegelzimmer erfunden, mit dem ich ihn uberraschen wollte. Ach! Egon bewunderte meine Phantasie im Erfinden! O, sagte er oft, Helene, du bist die Gottin des Erfindens! Du bist eine Schopferin, eine Kunstlerin des Lebens! Deine Phantasie ist orientalisch! Man sieht, dass du eine Nachbarin der Cirkassierinnen warst ... O Pauline ... der unglucklichste Zufall fuhrte mich auf einen gewissen Louis Armand, den Bruder jenes Madchens, in deren intriguantem Netze der arme Egon Jahre lang geschmachtet hatte. Louison hiess dies Madchen. Schon von Lyon aus hatte sie den aus der Pension in Genf entflohenen halb unreifen Knaben zu all' den Thorheiten verleitet, die hier und in Paris das Gelachter der grossen Welt machten. Egon wusste nichts von den geheimnissvollen Arbeiten dieses Armand, nichts von den Malereien eines deutschen Malers, Reichmeyer, der mir heute aufwarten wollte und den ich zu Ihnen beschied ... Vergeben Sie mir die Maler haben ja Zutritt bei Ihnen ... ich sehe Niemanden Niemanden Sind Sie nicht bos?

Pauline schaltete ein: Bitte! Er soll mir willkommen sein! und freute sich zugleich uber die Aussicht, dass die Grafin trotz ihrer furchtbaren Aufregung fur den Abend vielleicht nun bleiben wurde ...

Helene fuhr fort:

Einige Tage war Armand nicht gekommen. Unwillig hatt' ich ihm geschrieben und meinen Leuten gesagt, ich wollte ihn selbst sprechen, um ihn fur seine Nachlassigkeit zu zanken. Da tritt er ein, schwarzgekleidet. Egon springt auf: Louis! ruft er. Ich ahne, dass er ihn kennt. Ohne auf Egon zu merken, antwortet der Handwerker: Madame la Comtesse, ... Sie haben Recht, meine Verzogerung zu tadeln, aber Sie werden entschuldigen, dass ein Bruder am Sterbebette seiner Schwester ... seine Pflichten als Arbeiter vergisst. Ich bin im Begriff, sie heute zu begraben und kam selbst nach Enghien, nur um mich auch fur heute noch zu entschuldigen ...

Das ist ja entsetzlich! rief Pauline. Das war Louison? Und Egon?

Egon, fuhr Helene in fieberhafter Aufregung fort, Egon hort diese dumpfen Worte meines Morders, stosst mich zuruck, mich Helene, die sich ermannen und den Storenfried entfernen wollte, ruft: Louison ist todt! und reisst sich von mir los und den Bruder mit sich fort. Meine Leute hielten mich, denn was lag denn mir daran, dass man mich fur eine Rasende hielt! Ich sah, dass Egon nach Paris zuruckwollte, ich ahnete, dass er sich von mir trennen konnte; denn furchtbar war, was er mir von der Macht dieses Armand uber sich geschildert hatte. Ich sah Alles vor mir, hielt ihn krampfhaft mit den Armen, warf mich auf die Schwelle vor die Thur des Hauses und schrie: Tritt mich Egon, ehe du mich verlassest, mich die Lebende um die Todte! Mein Haar war aufgelost, meine eiskalten Hande bebten, meine Zahne klapperten vor Fieberfrost ... Und Egon Egon schritt uber mich hinweg ... schritt uber mich hinweg!

Ha, er flog an den Bahnhof schon war zufallig das zweite Zeichen gegeben worden. Als ich aus meiner Betaubung erwachte, ein Pfiff, er war davon, ich allein. Er hatte mich zuruckgestossen, mich, die ihn liebte und ihn noch liebte, als er sie verliess! Ich fuhr nach Paris, ach! und konnte seine Spur nicht entdekken. Nur auf dem Kirchhofe des Boulevard Montmartre draussen bei den Batignolles wollte man einen jungen Mann bei dem Leichenbegangniss der Louison Armand gesehen haben, der dort die Offnung des Sargdeckels verlangte und die Leiche mit seinen Kussen bedeckte. Man warf dann die Erde uber den Sarg und der junge Mann, sagte man, soll bis in die Nacht auf dem Hugel geweint haben, einige Graber weiter davon hatte der Bruder der Todten gesessen, stumm die Hand auf das Haupt gestutzt. Dann ware der Bruder zu jenem herangetreten und versohnt waren sie Beide von dannen gegangen ...

O, mein Kind! Das ist ja ein Roman! sagte Pauline erschuttert. Das ist ja furchtbar, entsetzlich! Ich sehe Das vor mir! Ein Bild, von dem man zu den Kunstlern reden mochte ...

Und Sie sind parteiisch, Pauline? Denken Sie nicht an mich?

Helene!

Ich erhielt einen Brief von Egon, worin er von mir Abschied nimmt und mir schreibt, er musse mich fliehen und die Mission seiner hoheren Pflichten beginnen. Er reise in die Heimat. Ha! Pauline ... ich ihn ziehen lassen? Nein! Ich sturzte zu Desire, der mein einziger Trost, mein einziger Freund war. Der Gute gab mir Geld und zeichnete mir selbst auf der Landkarte den kurzesten Weg vor, um den Geliebten einzuholen. Ich kam zu spat. Hier bewacht ihn jetzt der Tod und Armand der furchterliche Racher seiner Schwester. Ich habe Egon nicht wieder gesehen und wenn er stirbt, sind meine Stunden gezahlt.

Erschopft von dieser aufregenden Erzahlung sank Helene Grafin d'Azimont in die Kissen des Divans zuruck.

Pauline suchte sie zu trosten. Sie verwies ihr die ubergrosse Heftigkeit und den Sturm ihrer Empfindungen. Sie wurde den Freund damit nur erkalten, sagte sie. Sie schilderte ihr, wie sie ihre Plane mit Besonnenheit anlegen mochte. Sie pries das Gluck, in solchen Dingen von einem guten Gatten nicht behindert zu sein, ja sie wies selbst auf die Moglichkeit hin, dass Rafflard hier zu einer Ausgleichung fuhren konne, da er den jungen Fursten von Genf her kennen musse. Sie bat sie ferner, diesen Schmerz ums Himmelswillen nicht zu sehr zur Schau zu tragen. Sie lebe nicht in Paris. Die Maximen der Gesellschaft hatten seit kurzem einen merkwurdigen Umschwung erlitten. Sie wurde sich und alle ihre Freunde compromittiren, wenn sie diesen Roman hier so fortsetzte, wie sie ihn in Paris begonnen hatte. Der Hof ware in solchen Dingen von einer unglaublichen Empfindlichkeit. Sie konnte sich den abscheulichsten Demuthigungen aussetzen ...

Helene blickte auf und sagte stutzend:

Das Alles sind die Antworten einer Freundin? Einer Dichterin?

Pauline raffte den letzten Rest von Schwarmerei, der ihr zu Gebote stand, zusammen, warf das verloschende Licht ihrer Augen noch einmal empor, dass das Weisse einen blitzenden Schimmer von sich gab, und sagte:

Helene! Ach, ich verstehe Sie ganz. Aber ...

Helene schluchzte.

Pauline hielt sie trostend, aber auch seufzend, an ihrem "mitfuhlenden Herzen".

Zweites Capitel

Begegnungen

Als sich Helene etwas erholt hatte, begann die junge schone Frau mit leidender Stimme:

Ich horte die gute, kluge Freundin, ich schatze Ihren Rath, aber um Egon kann ich Alles dulden. Wie oft schon hat er in Zornausbruchen mich in meiner Liebe gekrankt; ich fuhle die Bitterkeit seiner Worte wohl und jammere, aber lieben muss ich ihn doch.

Machen Sie nur mich zu Ihrer Vertrauten; ich beschwore Sie! Niemanden sonst! sagte Pauline dringend.

Ich versprech' es Ihnen, antwortete Helene. Ach, Sie sind glucklich. Ja! Sie sind Dichterin. Wenn Sie aus allen Adern bluten und Sie die Wunden, die Ihnen die grausame Welt schlug, dem Tode nahe bringen, dann kommt die Muse als Trosterin und Sie konnen sich wenigstens Ihre eigene Grabschrift schreiben. Ich habe keine Kunst, die mich rechtfertigt; kein Talent, das mich trostet. Musik! Ein wenig Musik! Aber nur im Tanze konnt' ich mich eigentlich aussprechen, im rasendsten Tanze. Wie ein indischer Shamane mocht' ich mich so lange um mich selbst drehen, bis ich rasend werde und todt niedersinke ...

Sprechen Sie von der Kunst nicht, liebe Helene,

sagte Pauline und legte die frostelnde Hand auf Helenens heisse Stirn. Die Zeit der Kunst ist voruber. Ich bin die nicht mehr, die Sie vor drei Jahren kannten, Helene. Die starken Gefuhle sind einer frostigen, pruden Analyse erlegen. Nur die Unschuld noch wird bewundert und das Naive gross genannt. Tandelnde Kinder druckt man wie zarte Lammer mit rothen Bandchen und Silberglockchen an's Herz. Die liebenden und aufopfernden Ehegattinnen sind die einzigen, die man von unserm Geschlechte noch anerkennt. Die Politik soll, wie man sagt, eine Art Reinigung der Gemuther geworden sein. Ich weiss Das nicht, aber es ist so; es soll so sein. Man muss sich vor den allgemeinen Thatsachen demuthigen.

Es ist auch in Paris so, sagte Helene. Wenn aber

eine gewisse Stabilitat wieder hergestellt sein wird, wird sich auch diese Verirrung legen.

Sie sagen: "Verirrung?" ... bemerkte Pauline la

chelnd und fuhr fort:

Glauben Sie daran! Sie sind noch jung, Sie vermo

gen noch alle diese Erscheinungen mit einem liebebedurftigen Herzen abzuwarten. Fur uns aber, liebe Helene, lassen Sie uns besonnen sein. Sie werden hier bleiben, bis Egon wiederhergestellt ist. Auch ich nehme an Allem, was die Hohenbergs betrifft, den lebhaftesten Antheil. Sprach Egon niemals von mir, nie von den Harders uberhaupt?

Egon war ein Franzose geworden. Er kannte Deutschland nicht mehr; antwortete Helene.

Liess er sich niemals auf das Leben seiner Mutter ein? bemerkte Pauline lauernd.

Ich weiss von ihr nicht mehr, als was ich von Ihnen erfuhr, sagte Helene aufrichtig und offen. Wer Amarantha bewundert, kann nur erschrecken, dass Egon Amaranthens Sohn sein soll! Lassen Sie! Lassen Sie! Ja! Ja! Man sagte mir Das. Was thut Das? Ich lebte der Gegenwart und Zukunft. Egon selbst sprach ungern vom Vergangenen. Gerade zur Zeit, als seine Mutter starb, waren wir Beide die glucklichsten Geschopfe der Erde.

Sie sind auch darin so gut, Helene, sagte Pauline aufathmend, dass Sie fur Ihre Freunde Partei nehmen und fur Das, was Sie einmal warm und treu ergriffen haben, Farbe halten. Schliessen Sie sich mir an! Ich bin zwar manchen Sturmen preisgegeben gewesen. Aber noch wurzl' ich in festem Boden. Bleiben Sie eine Viertelstunde in der kleinen Gesellschaft, die ich heute um mich habe. Beobachten Sie fluchtig! Sie werden mit der Scharfe Ihrer Intuition bald bemerken, was jetzt die Menschen hier beschaftigt und beschaftigen darf. Versprechen Sie mir, besonnen zu sein? Besonnen um meinetwillen?

Ich verspreche es, sagte Helene und reichte ihre weisse schwarzbeflorte Hand der auf Melanie, die jetzige Rivalin Helenens gespannten Freundin, die schon auf Wagen im gekieselten Fahrwege lauschte und mit Helenen an ein von der Abendsonne beschienenes Fenster der vorderen schon erleuchteten Salons trat.

Sie wissen doch, dass Adele Wasamskoi dort druben wohnt? fragte Pauline.

Und noch ehe sie Helenens Antwort abgewartet hatte, brach sie schon in den lebhaftesten Ausdruck ihres Erstaunens aus, die koniglichen Livreen vor dem Hause zu erblicken ...

Sehen Sie! rief sie. Die Furstin ist eine tugendhafte trauernde Gattin, eine zartliche Mutter! Da steht schon der Wagen der Oberhofmeisterin vor ihrer Einfahrt!

Meine Schwester scheint gefeiert zu sein; sagte Helene verachtlich. Der zweite daneben haltende Wagen scheint ihr ebenfalls Besuch zugefuhrt zu haben.

Was seh' ich! rief Pauline. Das ist ja der alte Rumpelwagen meiner Schwester? Anna mit der Altenwyl zusammen? Ludmer! Ludmer! Wo ist die Ludmer? Anna hat ein Rendezvous mit der Altenwyl!

Die alte Charlotte Ludmer hatte sich schon langst in der Nahe gehalten und bestatigte, was sie schon ausspionirt hatte, dass bei der Furstin druben, so wurde ubertrieben "ein Wagen nach dem andern" vorfuhre, und eben waren Anna von Harder und die Grafin Altenwyl dort zusammen ...

Helene begriff nicht, was Pauline darin so Ausserordentliches finden konnte und horte befremdet zu, als Pauline in die Worte ausbrach:

So mussen sich denn die schonen Geister wirklich schon begegnen! O ich sehe es, wie sie aufeinander lauschen, aneinander sich entzunden und entflammen! Dort die Tugend, da die Tugend und uberall die Tugend! Ha! Ha! Ha! Ludmer, was wettest Du, Anna wird morgen in die kleinen Cirkel eingefuhrt! Was wird die Konigin sie an ihr Herz drucken und ihr eingestehen, wie sehr sie nach dem Umgang mit solchen Naturen geschmachtet hatte! Pfui! Lacherliche Welt! Helene, was sind die Manner zu beneiden! Die Manner konnen Das, was sie verachten, zu sturzen sich verschworen! Sie konnen Stirn gegen Stirn ihren Widerwartigkeiten entgegentreten. Wir Frauen mussen unsere Ideen, wenn wir welche haben, niederkampfen und nach Gebetbuchern greifen, um nur nicht die Thorheit zu begehen, einmal eine That zu versuchen ...

Ich erstaune, sagte Helene, dass man hier so vom Hofe abhangt! Noch vor drei Jahren ...

Alles ist anders geworden, unterbrach die aufgeregte Pauline. Wissen Sie, Helene! Hier treiben die Frauen jetzt nichts mehr als Werke der Liebe, der christlichen Liebe ...

Oeuvres de charite! Wie in Paris! sagte Helene lachelnd.

Wer liest noch ein Buch! fuhr Pauline fort. Wer spricht noch von einem Roman! Verachtet ist jetzt jede Frau, von der man mehr weiss, als dass sie ihre Kinder selbst wascht, selbst anzieht und die Zeit, die ihr sonst ubrig bleibt, mit Kirchenmusik und Colportage von Loosen fur die Ausspielungen der Frauenvereine zubringt. Man nennt Das die innere Mission! Man spricht von Krankenpflege, von Warterinnen in den Hospitalern, von der Armuth und den unehelichen Kindern, von den Skropheln und Kartoffeln, von den Gefangenen und ihrer Besserung ...

Wie Rafflard und meine Schwiegermutter in Paris!

O, es mag vortreffliche gutmuthige Leute darunter geben, die sich gern damit beschaftigen, Charpie zu zupfen und die Warteschulen zu besuchen, aber ich kann es nicht. Ich fuhle mich zu schwach fur diese Tugenden ...

Pauline von Harder konnte nicht ausreden; denn die Thur offnete sich und einige Gaste traten schon herein ...

Es waren zwei. Erstens der Hofmaler Luders, eine schleichende hofliche Figur, ein Mann, der sein schones Talent fruh gelernt hatte an den Meistbietenden loszuschlagen, und Sanitatsrath Drommeldey.

Ganz gegen die Abrede mit Paulinen sturzte Helene gleich auf diesen Letztern zu und fragte nach Egon, den er mit mehren andern Arzten behandelte ...

Drommeldey erwiderte mit einem eigenthumlich gekniffenen, lauschenden Blicke seines scharfen Auges, dass der junge Furst sich durch mancherlei Aufregungen ein Nervenfieber zugezogen hatte, dem er deshalb den glucklichsten Ausgang vorhersage, weil es sogleich im ersten Stadium in ganzer Heftigkeit ausgebrochen ware und den ganzen Organismus ergriffen hatte. Wenn es eine schleichende, unausgesprochene Form angenommen hatte, sagte er, wurde er besorgt sein. Allein eine so gewaltige Erschutterung und der schnelle Ausbruch des Phantasirens erzeugt rasche und gute Krisen. Wir haben ein Nervenfieber, nicht den Typhus.

Phantasirt Egon und was? wollte Helene in ihrer leidenschaftlichen Theilnahme eben fragen; aber Pauline zog sie fort und flusterte ihr zu:

Massigung!

Drommeldey musste sich nun mit Paulinen beschaftigen, mit ihrem Pulse, den er zu aufgeregt fand, mit ihrem Appetit, den sie fur gering erklarte ...

Sie haben keine Badereise gemacht, sagte Drommeldey, Sie grubeln zuviel, Sie nehmen das Leben zu ernst.

Als Pauline diese "Kur durch Leichtsinn" ablehnte, vertiefte sie sich mit Drommeldey in homoopathische Gesprache, die ihr den Genuss verschafften, mit sich selber zu theoretisiren und eine Art von autodidaktischer Quacksalberei zu treiben ...

Sanitatsrath Drommeldey war der gesuchteste Arzt der vornehmen Welt. Er mischte das allopathische Princip mit dem homoopathischen und praktizirte auf diese Art a deux mains. Wer an das Eine nicht glaubte, dem half vielleicht das Andere. Besonders behauptete der kleine, feine, magere, starkgerothete Herr mit den stechenden listigen Augen, dass die Seele des Patienten ein Hauptaugenmerk des sorgenden Arztes sein musse. Er hatte durch dies Zauberwort alle vornehmen Frauen gewonnen. Denn eine verstimmte Seele wollen sie alle haben und mehr durch das Gemuth und seine Anregungen, als durch die Pharmakopoe kurirt werden. Drommeldey fuhrte ein Buch uber seine Patienten, eine formliche Chronik ihres ganzen Lebens. Man kann sich denken, wie ihm die Glaubigen anhingen. Die Malades imaginaires behandelte er homoopathisch und liess sie aus ihren kleinen portativen Apotheken sich die unschadlichsten Dinge selbst dispensiren; die wirklichen Kranken griff er aber mit vielem Geschick allopathisch an. Er galt nicht nur bei Hofe, sondern mit gleicher Autoritat in einem ganzen Bezirk von zwanzig bis dreissig Meilen bei allen Reichen und Vornehmen. Er war fast in jedem Monat einmal auf einer grosseren Reise begriffen. Ihm ganz besonders kamen die Eisenbahnen zu statten, denn sie gaben ihm eine Universalpraxis. Im Ubrigen war er keineswegs so kopfhangerisch, wie man nach seiner Verehrung vor der Homoopathie und der medizinischen Wichtigkeit, die er der Seele zuschrieb, hatte glauben sollen. Er liebte ein Glas herben Ungarweins und stritt oft mit dem Justizrath Schlurck, ob die englischen oder holsteinischen Austern nahrhafter waren. Seine Philosophie war so ziemlich die des vorigen Jahrhunderts. Er liebte Anekdoten von Voltaire, Friedrich dem Grossen und der Kaiserin Katharina. Ein bon mot stand ihm hoher als eine Abhandlung. Sein Wissen wurde besonders von den jungern Arzten sehr bezweifelt; allein darum hatt' er es doch langst zu einem hohern Titel als dem eines Sanitatsrathes was in der medizinischen Welt soviel wie ein Commerzienrath in der bureaukratischen ist gebracht, wenn er nicht als halber Homoopath gewissermassen ausserhalb der offiziellen Medizinalverfassung des Landes stand. Die Homoopathie war noch nicht akademisch vertreten. Er verzichtete auf Ehrenamter, begnugte sich mit seinen Orden und den Dukaten, die ihm von allen Seiten zustromten.

Die Sale fullten sich ... Offiziere, Beamte, Kunstler kamen, manche nicht ohne Ruf. Es kann nicht unsre Absicht sein, sie Alle zu katalogisiren ...

Es war da die stehende Garde der Geheimrathin zugegen. Sie bildete den Stamm ihrer Gesellschaften und konnte recht verletzt werden, wenn sie bei irgend einem grossern Mittage oder Abende fehlte. Alle gehorten sie der Richtung an, die noch bis vor kurzem von Pauline von Harder leidenschaftlich vertreten war. Da es ihr nicht moglich wurde, sich nach der Krisis, in der ihre asthetische Lebensauffassung zu Grunde ging, auf die Werke der Liebe, die Frauenvereine, die Institute der inneren Mission zu werfen, eine "graue Schwester", Diakonissin oder Schwanenjungfrau zu werden, so hatte sie es leidenschaftlich mit der Politik und dem conservativen Systeme. Alle diese Anhanger ihrer Fahne waren Beamte, Adlige, Offiziere, auf's beflissenste damit beschaftigt, die alte Ordnung der Dinge wiederherzustellen und das demokratische Princip zu bekampfen. Einige von ihnen sahen in diesem Princip nur die rohen und gemeinen Strassenausbruche der Demokratie, Andere waren gerechter und gestanden zu, dass die Demokratie das Ungluck hatte, in ihren ersten Bildungsformationen eine Menge Schlacken involviren zu mussen; doch auch das reinere Metall erschien ihnen verderblich und gefahrlich. Der Unschuldigste dieser Conservativen war noch der alte Graf Franken, den nichts in seinem Hochtorysmus beruhrte, an dem Alles abglitt und der erst seit kurzem wieder dauernd die Gnade gehabt hatte, in der Residenz zu wohnen. Viel schroffer schon war der Kammerherr von Ried, ein Schwager Paulinens aus erster Ehe, ein sehr reicher Gutsbesitzer, der zu verarmen furchtete, wenn die progressive Einkommensteuer und die neue Grundzinsgesetzgebung in Kraft blieb. Die Gespenster des Communismus liessen diesen Mann nicht schlafen. Er hatte eine grosse Korn-Ligue gestiftet zwischen allen Grundbesitzern des Landes, um den Ministern und Kammern die Spitze zu bieten, ein Unternehmen, uber das der Hof nicht wusste, sollte er Freude oder Schrecken empfinden. Kammerherr von Ried organisirte Bauernvereine, die die Gesellschaften der Demokraten bei passenden Gelegenheiten uberfielen und Jeden halbtodt prugelten, der sich nicht bereit erklarte, auf der Stelle eine gewisse Landeshymne zu singen. Diese patriotischen Banden wurden fast in der ganzen Monarchie organisirt und von Gendarmen oder eben ausgedienten Soldaten, die zwar den Bauernkittel wieder anzogen, aber nicht viel Lust zum Arbeiten hatten, geleitet. In grossen Stadten wurden von Sackfiedern, Lasttragern, Karrenschiebern solche Kraft-Vereine gebildet. Der Kriegsrath Wisperling, der zugegen war, gehorte zu den schleichenden Naturen, die es verstanden, unter Kanalarbeitern und Schiffsabladern mit einer gefullten Borse Mannschaften zu werben zu solchen loyalen knuttelhaften Demonstrationen. Er mischte sich auf naive, kindliche Weise unter Brukken- und Bauarbeiter, scherzte, spasselte, theilte Viergroschenstucke aus und veranlasste eine Zeit lang jeden Sonnabend spat in der Dunkelheit einen Uberfall der Clubs und einige halbtodt geschlagene Opfer dieser unzurechnungsfahigen Loyalitatswuth. Einige Sendapostel der Enthaltsamkeitsvereine unterstutzten darin diesen sanft flusternden, immer liebevoll lauernden Kriegsrath Wisperling. Dafur, dass er bei seinen Sonnabend-Abends-Werbungen manchmal irre ging und an die unrechten Elemente im Volke kam und furchterlich oft schon selbst geschlagen wurde, hatte ihn das Bedauern, das Lob und manche Gratification seiner Vorgesetzten schadlos gehalten. Er wusste, dass er auf der Liste stand, bei nachstens thatkraftigerem Durchbruch der Reaction fur dieses eigenthumliche Rekrutiren Geheimer Kriegsrath zu werden. Auch einer dieser Sendapostel war zugegen, Baron von Held. Er reiste fur die Ausrottung der sogenannten Alkohol-Vergiftung und gehorte zu den gewandtesten "Colporteuren" der innern Mission, die ja die politische Krankheit der Volker auch scharf genug in's Auge gefasst hat und sie als Teufelswerk auszurotten sucht. Das christliche Werben gibt sich da zum Deckmantel einer ganz weltlichen Industrie, fur eine Menge Bucher, Zeitschriften, Gesellschaften u.s.w. her, warum nicht auch fur das reactionare Wuhlen? Einen der kecksten Agitatoren lernen wir in dem anwesenden Grafen Brenzler kennen. Dieser hatte, um Conflikte herbeizufuhren, sich nicht gescheut, schon an den Strassenecken oft zum Bau von Barrikaden aufzufordern und durch geschickte Manover in solcher Art gleichsam den Feind herauszulocken, um ihn besser auf's Haupt schlagen zu konnen. Graf Brenzler, noch jung, war ein formlicher Flibustier seiner Partei und lag in einem fortwahrenden bald listigen bald offenen Kampfe mit seinen demokratischen Gegnern.

Auch einige politisch sehr fanatische Frauen waren schon zugegen. Sie gehorten zu den wildesten Parteigangern, unter denen man Erscheinungen in neuerer Zeit getroffen hat, die die grausamere Natur der Frauen in ein entsetzliches Licht stellen. Fur die Aussicht, ihre Manner konnten jahrlich hundert Thaler weniger Gehalt beziehen, waren manche vom schonen Geschlecht Furien geworden. Von denen, die um einen bei dem Larm der Aufstande flatternden Kanarienvogel, um einen winselnden Schooshund wuthen konnten, will ich nicht reden; auch die wollen wir bemitleiden, die auf der Strasse von einem betrunkenen Arbeiter ubel angeredet, nach Hause kommen und in Ohnmacht fallen und die Welt mit Feuer und Schwert vertilgt wissen wollen. Aber die Damen waren entsetzlich, die die Besteuerung der Pensionen furchteten, die, die etwas von den Abzugen der hohen Gehalte gehort hatten. Diese glichen Manaden und hatten ruhig neben Karl IX. in der Bartholomausnacht ausgehalten, als dieser mit der Flinte an einem Fenster des Louvre stand und immer schrie:

Tuez! Tuez! Tuez!

Begrussen wir nun Diejenigen in Paulinens Salon, die wir schon einmal nennen horten oder genauer kennen.

Vor allen ist die Excellenz selbst zu nennen. Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein kam mit dem Grosskreuz auf der Brust, sehr gewahlt toilettirt, die Perucke frisch gebrannt und neu gelockt. Seine Haltung verlieh ihm Wurde. Er belachelte Jeden sehr gnadig und war gegen Helene d'Azimont in dem Zelte sogar herzlich. Diese fand ihn, als er in dem blauen Zelte sich neben sie setzte, ausserordentlich vergnugt. Sie gestand ihm, dass ein gewisses Etwas in ihm lage, was man kaum anders nennen konnte als Unternehmungsgeist ...

Finden Sie Das?

Unverkennbar. O! O! Sie haben etwas!

Die Reisen auf die koniglichen Schlosser bekommen mir gut.

Man athmet dort eine so gesunde Luft ...

Das ist es.

Auch die Zeit regt an.

Die Zeit? Wie so, Frau Grafin? Die Zeit ... Ach! abscheulich! Sie thun, als wenn ich ein Greis ware!

Bitte! Ich spreche von der Zeit, nicht vom Alter.

Ach so! ... Werden Sie Papa nicht besuchen?

Papa? Wer ist Papa?

Meinen Papa in Tempelheide ...

Dies Gesprach wurde fur die erschopfte Helene schon zu angreifend. Es war ihr druckend, leidlich heiter sein zu sollen. Sie machte Miene, sich doch zu entfernen, wahrend ausserhalb des Zeltes Pauline empfing. Der Geheimrath hielt sie aber mit Schmeicheleien auf. Er fand sie bewunderungswurdig. Verdrusslich antwortete sie:

Wovon sprachen wir?

Von Papa, Comtesse! Papa!

Nein, nein, nein! Ihr Papa? Es muss Ihr Grossvater sein! Sie sind zu schalkhaft, zu jung, um nur noch einen Vater zu haben. Treibt er immer noch Zoologie, der alte Herr? Gehen Sie zu ihm, Excellenz! Er muss Sie noch zahmen, Sie blicken heut so wild! Und dabei ist nicht einmal Ihre Cravatte fest geschnurt!

Cravatte? Tragt man in Paris Cravatten? Der Graf versprach mir Moden zu schicken ...

Recepte!

Recepte? O!

Ach, Excellenz, fuhr Helene seufzend fort, so lang ich hier bin ... Schicken Sie mir denn auch manchmal, wie sonst, Blumen aus Monplaisir und Sansregret?

Wenn ich sicher bin, nicht durch die Eifersucht eines gewissen

Sprechen Sie von Blumen, Excellenz! Ich will Solitude besuchen ... Sie haben dort Treibhauser. Was gibt es Neues in Solitude?

Ich habe eine neue Methode des Bewasserns erfunden ...

In der That? Erfinden Sie?

Eine Giesskanne, Comtesse, die aus verschiedenen Schlauchen besteht

Eine Feuerspritze ! Excellenz, das ist nichts Neues.

Doch! doch! Comtesse ... Die Majestaten waren entzuckt davon. Die Giesskanne ruht auf zwei Radern; statt des einen Halses gehen zwei Schlauche, etwa in der Lange von erlauben Sie, dass ich Ihnen Das genauer vormache! Hier steht die Giesskanne ...

In dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die das Element des Intendanten der koniglichen Schlosser war, wurde er aber durch seine Gattin gestort, die mit den Malern Heinrichson und Reichmeyer in das blaue Zelt trat und Helenen in Letzterem einen alten Bekannten aus Paris zufuhrte.

Helene empfing den Maler ihrer Villa von Enghien sehr freudig und tiefbewegt. Sie ruckte sogleich so, dass Reichmeyer die eben von Excellenz verlassene Stelle des Divans einnehmen musste. Noch mit dem Worte: Giesskanne! auf den Lippen stand Herr von Harder einige Sekunden schwebend und liess sich dann mit Heinrichson in eine weitere Auseinandersetzung uber diesen Gegenstand ein. Harder gehorte zu jenen Menschen, deren Ideenarmuth es mit sich bringt, dass sie einen einmal gefassten Gedanken nicht wieder fallen lassen konnen. Ganz unbekummert daruber, ob Heinrichson, der besondere Schutzling seiner Gattin, ein Interesse haben konnte, die Construction einer neuen Giessmaschine kennen zu lernen, setzte er diesem doch jene durch den Mechanismus des Denkens einmal in ihm aufgezogene Einrichtung des neuen Bewasserungswerkzeuges auseinander. Heinrichson, der an Alles dachte, nur nicht an die Annehmlichkeit, mit der Excellenz in ein hydraulisches Gesprach verwickelt zu werden, musste ausharren. Mit den Bucken hier und dorthin forschend, die Grafin d'Azimont mit seinen heissen, sprechenden Augen fast verschlingend, dann einmal wieder auch pflichtschuldigst mit einer gewissen Schwarmerei nach dem biblischen Turban Paulinens blickend, unterbrach er die Auseinandersetzungen des Geheimrathes, ohne ihrer im Mindesten zu achten, fortwahrend mit den naselnden Worten: Ah! Sehr wohl! Sehr schon! Sehr praktisch! Aha! ... Und Excellenz waren entzuckt uber die Gelegenheit des Beweises, wie sehr das Vertrauen Sr. Majestat gerechtfertigt war, als man ihm, dem altgewordenen Kammerherrn und ehemaligen Reisemarschall des Hofes, die Intendanz der koniglichen Garten und Schlosser uberliess.

Kaum war Heinrichson hierauf zu Paulinen geschritten und hatte sein Amt angetreten, das eben darin bestand, ihr den ganzen Abend eine gewisse "Assiduitat" zu widmen, das heisst: eine gewisse beflissene Emsigkeit des Aufmerkens und ein scheinbares leidenschaftliches Drangen, immer in ihrer Nahe sein zu durfen, als die unvermeidliche Trompetta mit ihrer ebenso unzertrennlichen Begleiterin, der blonden Friederike Wilhelmine von Flottwitz eintrat.

Man nannte sie die Inseparables, falls sich, wie Heinrichson boshaft hinzusetzte, naturhistorisch nachweisen lasst, dass alte Kakadus sich mit jungen Kanarienvogeln paaren ...

Wie dem sei, die Trompetta brachte Leben in jede Gesellschaft. Die kleine kugelrunde Frau rollte sich bald da, bald dorthin und schied von keinem Cirkel, in dem sie nicht mehrfach jedem Einzelnen a part einen guten Abend gewunscht hatte. Wahrend Helene glucklich war, mit Reichmeyer allein von Paris, vom See zu Enghien und ihrem Spiegelzimmer reden zu durfen, zu dem er einige enkaustische Wachsmalereien geliefert hatte, wusste die Trompetta, die ihrer noch nicht ansichtig geworden war, sogleich eine Fulle von Thatsachen uber die Zeit und die Menschen anzubringen, die Alle anregte und unterhielt. Da sie Jedes im Tone der Liebe und des herzlichsten Antheils vorbrachte, auch jede Verleumdung, auch jede Nachrede eines schlimmen Geruchtes, so war es recht boshaft von Heinrichson, dass er zu Paulinen sagte:

Da hat man schon wieder die gute Dame aus Sheridan's Lasterschule, die nur deshalb die bose Lasterung der Andern tadelt, um wiederholen zu konnen, was uber diese Menschen gelastert wird.

Die Flottwitz aber war sogleich von einigen Militairs umgeben, die mit ihr uber den neuen Achilles, den Prinzen Ottokar sprachen und ihr Manches im Vertrauen mitzutheilen wussten, was sich auf der nachsten Avancementsliste bestatigen wurde. Sie erzahlte dafur ihrerseits, dass im weiblichen Reubunde ware beschlossen worden, fur Weihnachten in jedem Kasernenzimmer der ganzen Monarchie einen Weihnachtsbaum anzuzunden, jedem Krieger fur die bewahrte Treue Apfel, Nusse und einen Pfefferkuchen zu bescheeren, der wahrscheinlich den allgeliebten Prinzen Ottokar darstellen wurde, falls es nicht schicklicher ware, den Konig selbst in dieser Form seinen Landeskindern zum liebevoll fluchtigen Andenken zu ubergeben. Das junge schwarmerische Madchen war so demokratenfeindlich, dass sie mit grosser Begeisterung auch von einigen neuen Verhaftnahmen sprach und die guten Aussichten fur die nachsten Wahlen lobte.

Frau von Trompetta musterte die Anwesenden und fand sogleich heraus, dass sie nur dem politischen Kreise der Geheimrathin angehorten. Pauline hatte sich also noch immer nicht entschliessen konnen, die christlich soziale Richtung der Grafin von Mauseburg einzuschlagen, mit der sie die Trompetta in ihrer Weise schon vor einiger Zeit glaubte liirt, richtiger verkuppelt zu haben. Pauline hatte wirklich einmal schon einen schwachen Versuch in der "Krankenpflege" gemacht, es aber nicht sehr weit bringen konnen in so schweren, den ganzen Menschen und seine Eitelkeit in Versuchung bringenden Aufgaben. Die Trompetta fand also nur politische Elemente ... Ihr war Das ganz gleich, der betriebsamen Frau. Sie platscherte ja wie ein Meerufer-Fisch in beiden Elementen, im Susswasser der sozialen Richtung, wie im Salzwasser der Politik. War sie doch auch schon zu der Erkenntniss gekommen, dass eine Frau, die etwas auf sich halt, in Gemeinzwecken nicht ganz zu Grunde gehen durfe! Sie hatte ihre aparten Liebhabereien. Sie veroffentlichte Bucher, Bildersammlungen, Stikkereien durch wohlthatige Lotterieen. Dies war eine Agitation, die sie ganz auf eigene Hand betrieb und bei der sie sich eine gewisse Selbststandigkeit ihres Namens sicherte. Sie fuhlte sich gehobener, bedeutsamer durch die Bitten der Vereine, doch ihrer eingedenk zu bleiben und fur sie zu wirken. Denn wenn die Trompetta wirkte, so bekam ein Magdalenenstift, eine Diakonissenanstalt, ein Blindenasyl, ein rauhes Haus fur verwahrloste Kinder u.s.w. gleich eine sehr bedeutende Summe. Mit den schweren Liebesdiensten der christlich sozialen Richtung selbst gab sie sich nicht ab. Dazu war sie zu fluchtig, zu eitel, zu vergnugungssuchtig. Und oft sagte sie so laut, dass es ihre intimsten Freundinnen, Pauline von Harder und die Flottwitz, horen konnten: Was thut denn auch die Grafin Mauseburg anders, als dass sie jeden Morgen die Rapporte von einer alten Kammerjungfer und von ein paar alten Nahterinnen anhort, die statt ihrer zu den armen Wochnerinnen, zu den Kranken und Hilflosen gehen und ihr die Thatsachen mittheilen, denen sie durch die disponiblen Fonds der Kassen auf ihrem Sopha eine andere Wendung gibt! Sie notirt sich die Falle in ihren Buchern und setzt daraus die Statistik zusammen, die sie dem grossen Centralausschusse vorlegt!

Besonders wegen der lieben Flottwitz sah die Trompetta heute mit Vergnugen, dass im Salon der Geheimrathin die politischen Elemente uberwogen. Die Flottwitz und die Trompetta gehorten zwar zu den musikalischen Akademieen der feindlichen Schwester in Tempelheide, allein Pauline hatte gerade gern eine Verbindung mit dem jenseitigen Feldlager. Die Trompetta sagte oft zu ihr:

Pauline, brauchen Sie mich bei der guten Anna als versohnenden Parlementar! Aber Pauline schuttelte den Kopf und sagte lachelnd, wie zum Scherz, aber sie meinte es ernstlich: Nein, ma chere, als Spion! Pfui! Pfui! hatte zwar die Trompetta darauf erwidert, aber sie besass ein merkwurdiges Talent, in Form harmloser spielender Berichte gleichsam nur wie beispielsweise und ohne alle Absicht die ganze Chronik der grossen Welt in Umlauf zu bringen. Sie entzweite und verband, wie es kam. Junge Madchen, die ein Herz schon gefunden hatten, mussten sich vor ihr in Acht nehmen. Sie hatte die Leidenschaft, "unpassende Parthieen" zu hintertreiben und blinder Liebe bei Zeiten den "Staar zu stechen". Denen aber, die noch nichts gefunden hatten, hielt sie gern immer ein ganzes Register vortrefflicher Parthieen entgegen, die sie allenfalls "vermitteln" konnte. So der Flottwitz. Friederike Wilhelmine dachte, bei ihrem Verkehr mit Offizieren, nur an das Wohl der Monarchie und die unbefleckte Ehre und Treue des Kriegsheeres, nicht an eine prosaische Heirath; aber die Trompetta schob ihr immer doch diese kleinlichen Gedanken an Liebe und Ehe unter. Die Augen der alteren Freundin kuppelten fortwahrend fur die jungere und noch vorm Eintreten in den Salon der Geheimrathin hatte sie auf der Treppe zur Flottwitz gesagt:

Wenn wir unter den Malern, die bei Paulinen sich versammeln, heute einmal den Siegbert Wildungen wiederfanden! Sie waren zwar schon auf dem Wege nach Tempelheide verletzt, liebe Friederike Wilhelmine, durch seine demokratischen Ausserungen, wie ich durch seine Blasphemieen; allein es ist doch ein hubscher, artiger, recht idealischer Mann ...

Die Flottwitz hatte darauf nichts erwidert, sondern nur noch beim fluchtigen Voruberstreichen an einem von Oleandern versteckten Spiegel ihre langen blonden Tirebouchons geordnet. Aber als zu Aller Erstaunen jetzt ihre Antipathie, Fraulein Melanie Schlurck, mit einem alten Herrn eintrat, warf sie doch der gleichfalls uberraschten Trompetta einen Blick zu, der etwa sagen sollte: Das da ist ja der Gegenstand, fur den dieser junge staatsgefahrliche Kunstler entflammt ist!

In dies Geschwirre und Gesumse rauschte wirklich gegen neun Uhr, als man schon die verschiedenen Sorbette herumreichte, Melanie Schlurck, gefuhrt von ihrem Vater.

Drittes Capitel

Meisterin und Schulerin

Melanie Schlurck hatte sich heute ganz weiss gekleidet und glich Aphroditen, wie sie dem Meeresschaume entstieg. Man konnte ihre Toilette einfach nennen, wenn nicht hinter der ganzlichen Entfernung jedes Prunkes und jedes auffallenden Behanges die Absicht durchschimmerte, sich nur ganz allein, ganz selbst zu geben. Die Taille hielten die einfachsten langen weissseidenen Bander zusammen. Der Nacken war unverhullt. Das Haar in griechischer Einfachheit, ohne den geringsten andern Schmuck, als den naturlichen der in den Nacken zusammengewundenen starken Flechten, die von einigen Locken durchzogen waren. Ein Facher war das Einzige, was wie ein besonderer tandelnder Schmuck erscheinen konnte.

Franz Schlurck trug einen neuen grunen Frack mit goldenen Knopfen. Er liebte das todtengraberische, leichenbittende Schwarz nicht und hatte sich von den Gesetzen der Etikette hinlanglich freigemacht, um in solchen Dingen seinen eigenen Eingebungen zu folgen. Er war wieder ganz frisch, ganz aufgeregt. Die niederdruckenden Erfahrungen des Vormittags waren von dem leichtsinnigen Manne vergessen und die unmittelbare Nahe seines geliebten Kindes elektrisirte ihn immer.

Pauline empfing Melanie mit grosser Auszeichnung.

Machte Melanie schon durch sich selbst den siegreichsten Eindruck, so musste sie der Mittelpunkt des Abends umsomehr werden, als ihr die Geheimrathin entgegenkam, sie mit unbeschreiblicher Holdseligkeit auf die Stirne kusste und sie auf das Hauptsopha des Salons zu sich niederzog, sie mit Liebkosungen und steter Bewunderung ihrer Schonheit fast uberschuttend.

Dieser Moment des Triumphes wurde nur leider zu fruh dadurch abgebrochen, dass die Trompetta in ihrer Wanderung von Person zu Person und der Flottwitz wegen Melanie vermeidend eben ins blaue Zelt gerathen war und dort hinter den Camelien die Grafin d'Azimont entdeckt hatte. Dieser Moment! Dieses laute Gerausch des Staunens! Dieses was konnte man von der Trompetta anders erwarten exaltirte, formliche Geschrei! Helene musste vortreten und ein Gemurmel der Begrussung ging durch den ganzen Saal.

Helene lachelte und sagte, wahrend sie naher kam:

Liebe Frau von Trompetta! Ich sehe, Sie sind wohl! Ich begrusse Sie von Herzen. Aber Begrussung und Abschied in demselben Augenblick! In einem Besuche bei meiner lieben Pauline uberrascht mich diese glanzende Gesellschaft, fur die ich nicht vorbereitet bin.

Damit kam sie voll Grazie auf Paulinen zu, um von ihr fur heute Abschied zu nehmen.

Pauline, die in der linken Hand fast noch den zarten weissen Handschuh der rechten Hand von Melanie fuhlte, gab ihr ihre Rechte und zog sie zu sich nieder und wollte von der fruhen Trennung nichts wissen. Sie hatte ja jetzt ihre bestimmten Absichten mit den beiden Frauen, die sie umgaben. Zwar war sie durch den Eindruck, den Melanie machte fur so schon hatte sie dies vielbesprochene Madchen nicht gehalten! in der Meinung, durch die d'Azimont sie zu "eklipsiren", ganz irr geworden. Doch sah sie eben, dass auch Helene ihren Reiz hatte. Ein so zartes sanftes Auge, wie Helene in schuchternen Momenten aufschlagen konnte, besass Melanie nicht, bei der das Auge im Grunde doch nur schelmisch irrend und fast nichtssagend war. Helene erschien geistig, seelenvoll, Melanie vielleicht nur schon, vielleicht fast kalt, nur eitel. Trotzdem, dass Schlurck Paulinen die Versicherung gegeben hatte, die Gefahr, in die sie durch Egon's Kenntnissnahme von Enthullungen seiner Mutter in der Gesellschaft auf den Rest ihres Lebens gerathen konne, liesse sich noch abwenden, fuhlte sie doch die Nothwendigkeit, sich auf alle Falle mit Egon auf einen sichern Fuss zu stellen und noch glaubte sie mit begrundetem Rechte, dass auf jener Ruckreise Melanie die siegende Rivalin Helenens geworden war. Sie traumte von Vertraulichkeiten zwischen den beiden Reisegefahrten von Hohenberg, von Complotten und allen moglichen bosen Dingen, die Melanie durch Bekanntschaft mit dem Inhalte des Bildes schon uber sie konnte in Erfahrung gebracht oder befordert haben.

Das befremdete Erstaunen des jungen Madchens uber die Grafin d'Azimont entging ihr nicht. Sie konnte nicht ahnen, wie es in ihr rief: Das ist nun die schone Frau von Paris, mit der du einen Mann im Schlossgarten von Hohenberg geneckt hast, der dich tauschte!

Helene nahm an Melanie, die ihr fluchtig vorgestellt wurde, wenig Interesse. Sie war ohne Neid. Sie duldete jeden andern Vorzug. Sie konnte sich freuen, wenn Andere schon und glucklich waren. Diese im Grunde gute Natur gab Helenen etwas ausserordentlich Sicheres und einen gewaltigen Vorsprung vor einem Wesen wie Melanie, das von einer fortwahrenden Unruhe und allen nagenden Bedrangnissen der Gefallsucht gepeinigt wurde. Helene war aus einer vollig andern Form weiblicher Schonheit gepragt. Sie zahlte zehn Jahre mehr als Melanie, aber da sie klein, zart gebaut, von rundlichen Formen war, so that ihr die Zeit nicht so viel Abbruch, wie sie grosseren, schlankeren, spitzeren Formen zu thun pflegt. In Helenen lag der Zauber des rein Weiblichen, den Melanie nicht besass. Diese konnte sinnlich blenden, aber kaum so das Bedurfniss der hoheren Liebe reizen, wie die weichen Formen der d'Azimont.

Melanie ihrerseits fuhlte das mit gewaltigem Eindruck. Sie hatte doch irgend eine geheimnissvolle Beziehung zum Fursten Egon, das wusste sie, wenn sie auch schmerzlich darunter litt, dass der mannliche, herausfordernde, kecke Dankmar der Furst nicht gewesen war. Wie hatte sie diesen mit der d'Azimont geneckt! Purpurglut der Scham und jede Wallung des Zornes uberkam sie, wenn sie daran dachte, dass Dankmar ihr ja immer die reinste Wahrheit gesagt und nur ihre eigene tolle Verblendung, ihre eigene dem Hochsten nachstrebende Verkehrtheit diese Wahrheit nicht hatte horen wollen. Das war nun die d'Azimont, mit der sie den vermeintlichen Prinzen "aufgezogen" hatte! Das jene schone elegante Pariserin, auf die sie einem Schattenbilde, einer Tauschung zu Liebe, Eifersucht gefuhlt hatte! Pauline bemerkte wohl, welchen forschenden Blick sie auf Helenen richtete. Das ist der Blick einer Rivalin! sagte sie sich und beobachtete und verglich Beide von ihrem Standpunkte.

Auf die Strome von Fragen, in denen die Trompetta auf Helenen sich ergoss, antwortete diese lachelnd mit einer ihr sehr angenehm stehenden schmerzlichen Resignation.

Ware sie mager, flusterte Heinrichson Reichmeyern in's Ohr, ich wurde etwas von der Madonna des Murillo in ihr finden. Der Blick ist vollkommen der des Spaniers.

Eine Spanierin, ja! sagte Reichmeyer. Aber es ist noch mehr die heilige Therese, die leidenschaftliche Abtissin der unbeschuhten Karmeliterinnen. Ich glaube, dass sie alle Mysterien der irdischen Liebe kennt, wie die heilige Therese die der himmlischen.

Helene hielt solchen Kritiken und Vergleichungen nicht zu lange Stand. Sie foderte die Trompetta auf, ihr die Stunde zu sagen, wo man sie sprechen konne. Diese antwortete, sie ware zu viel in Bewegung, um eine feste Zeit einhalten zu konnen, aber schon morgen kame sie selbst zu ihr.

Helene nickte grazios und erhob sich dann wirklich, um zu gehen.

Pauline begleitete sie. Wie die Kleine in ihrer einfachen schwarzen Tracht neben der phantastisch aufgeputzten jugendlichen Matrone uber das Parkett schritt, hatte sie den ganzen Zauber reinster und naturlichster Menschlichkeit fur sich. Sie war von Dem, was sie heute Alles erlebt hatte, erschopft. Man sah ihr die Abspannung an. In dem Vorzimmer umarmte Pauline sie noch einmal und sagte:

Helene, Sie sind gross! Sie haben sich wie eine Heldin bewahrt! Sie beherrschten sich. Es wird Aufsehen machen.

Als die Grafin statt aller Antwort die Augen gen Himmel aufschlug, in denen eine Thrane glanzte, druckte sie die Geheimrathin noch einmal an's Herz.

Morgen seh' ich Sie, sagte Pauline, und ich hoffe, Helene, ich bringe Trost und finde Fassung.

Bringen Sie Mitleid! sagte Helene mit leiser Stimme, druckte Paulinen die Hand und ging ruhig uber die glanzend erleuchtete, blumenbesetzte, unter den Teppichen knarrende Stiege hinab.

Ihr Bedienter folgte mit einem Shawl, den sie umschlug, als sie in den Wagen stieg ...

Naturlich wurde im Salon jetzt uber nichts, als uber die Grafin d'Azimont, uber Egon und uber die Furstin Wasamskoi gesprochen ... Ein Kornchen Wahrheit, breitgeschlagen, wie unter der Hand des Goldschlagers, der aus einem Kornchen Metall endlosen Goldschaum fertigt. Da wir die Verhaltnisse genauer kennen, uberlassen wir die Erfindung den Uneingeweihten und beobachten nur Paulinen, die sich frei genug fuhlte, jetzt ganz ihren nachsten Unternehmungen zu leben. Auf einen Blick sah sie sogleich, dass zwischen Melanie und ihrem Manne eine Neckerei stattfand. Melanie hatte ihm einen zu komischen Gruss gegeben und er ihn zu verblufft, fast schmollend erwidert. Melanie erschien ihr sogleich wie die verdachtigste Kokette. Ruhig den linken Arm in die Ecke des Sophas stutzend und sich in die Ruckenkissen uberlehnend, in der rechten Hand mit dem Facher spielend, sah Melanie den Gruppen zu, die sich im Salon gebildet hatten und gab Jedem Gehor, der sich ihr naherte und sie in ein Gesprach zu intriguiren suchte.

Die Trompetta brannte vor Verlangen, Melanie uber ihre Reise auszuforschen; aber seit der letzten Storung in der Singakademie zu Tempelheide musste sie der Flottwitz zu Liebe Farbe halten. Die Flottwitz ignorirte namlich Melanie mit consequenter Verachtung und sprach unausgesetzt und auf das lebhafteste mit dem Grafen Brenzler uber eine neue Art beweglicher Barrikaden, mit welchen die Truppen bei kunftigen Revolutionen gegen etwaige Emporer besser zu operiren lernen mochten; sie sprach so laut, dass sie Melanien sogar etwas von der ihr allgemein gewidmeten Aufmerksamkeit entzog.

Sr. Excellenz der Intendant benutzte diese Pause, trat an die Sophalehne und flusterte zu Melanie halblaut:

Guter Gedanke von meiner Frau, Sie bei uns einzufuhren, Fraulein ...

Bitte Excellenz, beschamen Sie mich nicht. Es ist doch nur Ihr Gedanke gewesen ...

Doch nicht! Bin Ihnen ja bos recht bos Das wissen Sie doch schon ... Sie ...

Excellenz! Bos? Mir? Warum?

Sind recht listig, recht gefahrlich Ja, ja, ich schmolle ...

Wie so? Sie? Welche Ursache hatten Sie?

Werden es schon wissen Sie kleine Abscheuliche!

Sie haben einen Katarrh, Excellenz! War es kalt im Mobelwagen?

O Pfui! Pfui! Sie spotten Recht lieblos! In der That! Recht lieblos!

Ich ohne Liebe? Ich, die deshalb im Heidekrug verzweifelte, weil dort so viel Katzen herumstreichen, die ich nicht leiden kann?

Und bestohlen bin ich auch geworden! Habe einen schonen Auftritt gehabt mit meiner Frau! Fraulein ...

Ich seh' es Excellenz! Die kleinen Ohren gluhen ... Das bedeutet Blutandrang ... Kummer ...

O uber Sie! O! o, Sie sind nicht gekommen! En verite! Sie haben mich gefoppt. Sie sind nicht gekommen!

Excellenz! Welch ein Wort! Gefoppt! Ich versichere Sie! Die Katzen sind ganz allein Schuld Sie schliefen doch recht sanft in der kleinen transportablen Hutte? Die Gotter der Liebe wachten doch uber Sie? O Sie machen mich recht unglucklich, dass Sie sagen konnen, ich hatte Sie gefoppt, Excellenz!

Ah! Bah! Bah! Ich trau' Ihnen nicht mehr. Sie sind schlimm! Recht schlimm!

Und die Menschen nennen mich alle so gut. Nur vor Katzen furcht' ich mich, Excellenz. Und es war so finster und so nass und die Gensdarmen fluchten so laut und Ihre Bedienten tranken so viel aber Sie hatten doch Ihr gesticktes Nachtmutzchen auf, Excellenz, als Sie in das Huttchen schlichen? Was? Ihr Schlafrock steht Ihnen auch gar zu schon! O Hohenberg, Hohenberg! Unvergessliche Stunden, die wir dort erlebten und ich gefoltert wurde von meinem vis a vis, das mich anfangs nicht verstand, nicht verstehen wollte ... denn nur im Mutzchen und im seidenen Schlafrock erschienen Sie anfangs am Fenster!

Hatt' ich ahnen konnen

Dass diese kleinen Ohren mich entzucken wurden! Excellenz Sie sind heute zu liebenswurdig! Gehen Sie! Gehen Sie! Oder ich komme heute doch noch in den Mobelwagen ...

Pauline trat bei diesen boshaften Worten hinzu. Sie hatte die letzten Worte halb und halb verstanden und fragte, durch galante Herablassung ihr Erstaunen mildernd:

Wovon sprechen Sie? Sie flustern mit meinem Gatten?

Ei, ei, die schone Melanie beunruhigt den Frieden meines Hauses! Henning ist von Hohenberg zuruckgekehrt wie ein neugeschaffener Mensch!

Wir sprachen vom Heidekrug, gnadige Frau, sagte Melanie mit einem so zartlichen Blicke auf Harder, dass Pauline lachen musste. Es sind so viel Katzen dort, sagte Excellenz und ich gestehe, vor Katzen hab' ich allen Respekt. Nicht wahr, liebe Flottwitz? Sie wissen, was mich von unsern Maccabaern und dem Stamme Juda verscheucht hat!

Die Trompetta und die Flottwitz waren namlich eben nur so lauschend vorubergegangen; Diese noch ganz erhitzt von den Auseinandersetzungen uber die fliegenden Barrikaden und uberall nur todte und verwundete Insurgenten erblickend, Jene auf eine Gelegenheit lauernd, doch mit der ihr ganz sympathischen Melanie anzubinden.

Ah! rief die Trompetta erlost wie von einer grossen Spannung. Nun schuttete sie ihre ganze Freude und Wonne des Wiedersehens und ihrer Uberraschung aus, wahrend Friederike Wilhelmine ernst und hoheitsvoll lachelte ...

Das war ein Begrussen, ein Fragen, ein Forschen! Aber Melanie kehrte sogleich auf die Worte zuruck, mit denen sie, um den armen Henning von Harder von weiteren Inquisitionen zu erlosen, der Unterhaltung eine andere Wendung hatte geben wollen.

Es ist nur gut, susses Kind, begann darauf erwidernd Frau von Trompetta mit kunstlichem Schmollen, dass Sie Ihr Unrecht einsehen und von selbst auf diesen Gegenstand kommen. Sie haben diesen schonen Concerten fur lange den Todesstoss gegeben, Sie boses Kind!

Wie so? fragte Melanie. Durch meine Antipathie gegen die Thiere oder meine geringen Gesangsmittel?

Pauline wunschte zu wissen, wovon die Rede war.

Frau von Trompetta ergriff, mit aller in diesem Falle wegen Anna's von Harder zu beobachtenden Discretion, das Wort und erzahlte von den musikalischen Akademieen ihrer Schwester, den Zerwurfnissen der verschiedenen Singstimmen und dem Austritte des Frauleins Schlurck ...

Seitdem haben wir erlebt, schloss Frau von Trompetta, dass die Zahl der Tenore und Basse sich auffallend lichtete. Ein Assessor, zwei Referendare und drei Lieutenants sind gleich nach dem Fraulein fortgeblieben. Sie konnen sich denken, welche Lucke Das gibt! Die gute Anna ist in Verzweiflung und unsere Absicht, nun den Paulus von Mendelssohn-Bartholdy zu versuchen, mussen wir geradezu aufgeben.

Melanie stellte die Gefahren, die sie dem Paulus gebracht hatte, ganz in Abrede. Der Assessor ware versetzt worden, die beiden Referendare waren in einem grossen Prozesse beschaftigt, den die Regierung mit der Stadt fuhre und was die drei Lieutenants anlange, so hiesse das gradezu fur Fraulein von Flottwitz das Empfindlichste sagen, da es nur eines Wortes aus ihrem schonen Munde bedurfe, um sie wieder unter die rechtmassige Fahne zuruckzubringen.

Friederike Wilhelmine von Flottwitz entgegnete hierauf mit vieler Ruhe und der vollen Wucht ihres schonen klangvollen Organs:

Es ist besser, Fraulein, die Akademieen bleiben einige Zeit ausgesetzt, bis die Wahlen voruber und die ersten Sitzungen der neuen Kammern so geordnet sind, dass man weiss, ob die gute Sache keine Gefahr zu befurchten hat. Es lebt ja Alles unter dem Druck der ungewissesten Zukunft. Die Demokraten wuhlen mit unerhorter Dreistigkeit.

Der Kriegsrath Wisperling unterbrach die Sprecherin mit den unterthanigsten Worten:

Wie uns Fraulein von Flottwitz eben von ihrem Herrn Bruder erzahlt hat ... Schauderhaft!

Wer kann singen, wollte die Flottwitz fortfahren, wer kann singen, wenn ...

Ihr Herr Bruder? fragte Kammerherr von Ried. Was ist denn Neues? Was ist denn schon wieder schauderhaft?

O es ist unerhort! meinte Wisperling und spannte noch mehr die Neugier des reichen Herrn von Ried, der wieder ein neues Attentat auf die besitzenden Klassen vermuthete.

Man wunschte Aufklarung, was mit dem Bruder des Frauleins geschehen ware.

Mein Bruder Wilhelm Friedrich, begann das Fraulein ...

Der Lieutenant? unterbrach sie Melanie.

Nein der Cadett

Der zweite Cadett?

Der dritte

Ihr funfter Bruder?

Der vierte

Sie meinen doch Friedrich Heinrich Wilhelm

Nein, Wilhelm Friedrich

Ah, der, dem sich jetzt die Stimme setzt? Richtig! Nun?

Wilhelm Friedrich ging gestern uber die rasende Rolandsbrucke. Da trat ein Demokrat geradezu auf ihn ein, schlug ihm vertraulich auf die Schulter und fragte: Nun Herr General! Wie viel kostet denn die Schachtel von Ihrer Sorte?

Ah! rief fast Alles mit hochster Entrustung.

Man trat naher, man bat diesen Vorfall noch einmal zu erzahlen, man war ausser sich. Fraulein von Flottwitz erzahlte ihn noch einmal mit erhohterer Glut, als schon das erste und zweite Mal. Ihre zarte, durchsichtige Haut farbte sich, die hellblauen Augen schienen Funken zu spruhen, ihre blonden Locken strich sie mit einer raschen Handbewegung zuruck und setzte, als sie geendet, hinzu:

Im weiblichen Reubund hat der Vorfall allgemeine Theilnahme gefunden! Welche Verwilderung, wenn die heiligsten Besitzthumer des Vaterlandes, die Burgschaften unserer Kraft und Starke vor dem innern und dem aussern Feinde, nicht mehr sicher sind! Mein Bruder Wilhelm ist von dem Vorfall krank geworden und liegt zu Bett ...

Die Trompetta fugte erganzend hinzu:

Ja! Der emporende Vorfall hat Gelegenheit zu einer sinnigen Demonstration gegeben. Die Baronin von Astern und die Hoflieferantin Herold schlugen im Reubund wie aus einem Munde vor, dem Cadetten von Flottwitz eine Sabeltasche zu sticken, die wir ihm aufbewahren werden, wenn er einst zu den grunen Husaren abgeht.

O Das ist schon! O Das ist charmant! rief wiederum fast Alles einstimmig. Nur eine mannliche Stimme, die bisher nicht vernommen war, legte zum allgemeinen Erstaunen folgenden Widerspruch ein:

Um dem kleinen erschrockenen Cadetten von Flottwitz III. thut mir's leid. Aber wir leben ja nun einmal im gegenseitigen Kriege. Unsere Offiziere verhohnen jeden Bart, jeden grauen Hut; so verhohnen die Barte und grauen Hute wieder unsre kleinen Spielereien. Wenn man die Cadettenhauser aufhobe, wurde man jedenfalls den Federungen unsrer Zeit am besten entsprechen. Alle Achtung fur Ihren kleinen Bruder, (denn ich wunsche, dass er die unverdiente Sabeltasche bei den grunen Husaren einst mit Ehre trage), aber solche Conflikte sind nicht zu vermeiden, wenn der Konig diese kleinen Reprasentanten des alten soldatischen Kastengeistes noch so herumlaufen lasst. Die Zeit der Cadetten in dem alten Sinne ist voruber.

Der Sprecher dieser mit lautlosem Befremden aufgenommenen, bittern Worte war selbst Militar. Eine hagere Figur, mehr gross, als mittel. Sein Haupthaar war in sonderbarem Widerspruch zu der Jugendlichkeit seiner Zuge grau, ebenso der Bart; die starken Augenbrauen jedoch waren ganz schwarz und gaben dem scharfen, habichtartigen Blicke eine Kraft, die niederschmetternd wirkte. Beim Sprechen entdeckte man in dem schonen Munde die weissesten Zahne. Stirn und Schlafe waren edel und klar. Nur um den Mund lag eine gewisse Bitterkeit, die den Zugen des Antlitzes manchmal einen mephistophelischen Ausdruck gab, ohne ihn jedoch unheimlich oder beangstigend erscheinen zu lassen. Er trug eine Infanterieoffiziersuniform, die auf der Brust nach unten zu halb geluftet war und ein Gilet von weissem Piquet sehen liess, und Epaulettes.

Es war dies jener uns schon bekannte Major von Werdeck, ein Offizier, der fruher nur seinem militarischen Berufe und mancherlei Studien gelebt hatte, seit dem neueren Umschwunge der Zeit aber vielfach in politischen Kreisen gesehen wurde und durch manche scharfe Ausserung, die man von einem Manne seiner Stellung nicht erwarten wollte, hier und da schon aufgefallen war. In neuester Zeit war auch er in den Reubund getreten, wie Viele versicherten mit der bestimmten Absicht, ihn zu sprengen. Dies unerhorte Attentat auf einen Verein, der es sich zur Aufgabe gestellt hatte, alle die von dem Throne gegebenen Concessionen zuruckzugeben und gleichsam ihre Ertheilung zu bereuen, hatte ihn fast isolirt. Auffallend genug war es daher, dass er im Salon einer fruher sehr eifrigen Reubundlerin, Pauline von Hader, erschien. Pauline hatte ihn aber ausdrucklich ersucht zu kommen; denn sie war jener Ultra-Partei mude und langst auf den Gedanken gerathen, eine gewisse Opposition gegen das Allgemeine gabe ihr doch wol am Ende mehr Relief als das ewige Huldigen und Anerkennen.

Major von Werdeck kam ohne seine Gemahlin, die, eine geborne Kaminska, zu den lebhaftesten Opponentinnen der Gesellschaft gehorte. Man hatte schon vielfach an dieser Frau Anstoss genommen, ihr aber als einer Polin die extremen Ausserungen hingehen lassen. Dem Gemahl aber, von dem man anfangs erwartete, er wurde ganz in seinem militarischen Bereiche verbleiben und diese hausliche "Wuhlerei" nicht auf sich wirken lassen, galt im Geheimen schon die allgemeinste Entrustung der Kreise, in denen diese beiden Gatten lebten. Es erregte eine offenbar beklemmende Stimmung, als Major von Werdeck hier so unbefangen eingetreten war und sich gleich als Opponent gegen die gemeinschaftliche Empfindung ausserte.

Als ihn Pauline begrusste und ihm gedankt hatte fur die Annahme ihrer Einladung, antwortete er, seine Frau entschuldigend, mit feinem Lacheln, er wurde sich nicht haben entschliessen konnen, heute Abend eine Vorlesung auf der Universitat Major von Werdeck schrieb sich dort alle Vorlesungen nach, die er horte zu versaumen, wenn er auf dem Zettel der Einladungen nicht auch Herrn Justizrath Schlurck bemerkt hatte er grusste diesen er hatte ihn dringend zu sprechen ...

Schlurck verbeugte sich uberrascht ...

Doch bitt' ich, sagte der Major, meine Privatangelegenheiten sollen die Erorterung wichtiger Dinge, z.B. die Cadettenfrage, nicht storen. Sie wollten etwas sagen, Fraulein?

Die Flottwitz bemerkte kuhn und voll Verachtung vor diesem Offizier:

Langst, weiss man es, Herr Major, dass die Demokraten Sie zum kunftigen Generalfeldmarschall auserkoren haben. Die neuesten Schwankungen des Reubundes sind Ihr Werk! Sie haben darauf angetragen, ich weiss nicht, ob im Ernst oder aus Ironie, dass Jeder von dem Bunde der Reue ausgeschlossen wird, der eine Tochter zu verheirathen hat!

Naturlich wurde uber diese Bemerkung, trotz des Abscheus gegen Werdeck, gelachelt ...

Major von Werdeck wahlte sich eben aus einer Schussel von Riz glace aux confitures einige eingemachte Kirschen und erwiderte, ohne aufzublicken, ganz ruhig, aber sehr scharf:

Mein verehrtes, gnadiges Fraulein von Flottwitz! Sie sind bekannt fur eine Schwarmerin! Sie gluhen wirklich fur den Thron, dem Ihre Vater so viele Orden verdanken! Die Andern sind aber leider nicht so uneigennutzig. Die Andern denken grosstentheils nur an ihr irdisches Wohl und wurden auch den Kosacken Weihnachtsbaumchen anstecken, wenn ihnen die Kosacken stilles Familiengluck, eine Pension und gute Schwiegersohne garantiren. Es gibt Menschen, denen unbedingt verboten werden musste, politische Meinungen zu haben oder wenigstens sie zu aussern. Ich rechne mehr Gattungen dazu, als ich in diesem Augenblick aufzahlen darf; aber unbedingt sollten von allen politischen Demonstrationen diejenigen Vater ausgeschlossen werden, die mehr als drei Tochter zu verheirathen haben ...

Diese Bemerkung schien auch gegen politisirende Frauen gerichtet und endete vorlaufig den unerquicklichen Streit.

Werdeck sah sich nach Schlurck um, der ihm freundlich entgegenkam und an ein Fenster tretend Rede stehen wollte ...

In demselben Augenblick aber schlupfte auch der Arm der Geheimrathin unter den des Justizrathes und Schlurck wurde in das turkische Zelt gezogen.

Es hat Zeit! sagte Werdeck und verbeugte sich sehr artig gegen die Wirthin. Er sprach inzwischen mit den Malern und erkundigte sich angelegentlich nach Leidenfrost, der ihm, wie wir wissen, Siegbert Wildungen zum Malen eines Portrats seiner Frau empfohlen hatte ...

Schlurck fuhrte indessen die Geheimrathin in das turkische Zelt und begann:

Meine theuerste Gonnerin! Endlich ein ruhiger Augenblick ...

Ich brenne vor Ungeduld, dass Sie endlich sprechen, sagte Pauline. Welchen trostenden Brief haben Sie mir geschrieben! Was gibt es Gunstiges?

Ihr Scharfsinn hat manches Richtige geahnt; ... sagte Schlurck und spielte mit seiner Dose. Meine Tochter beichtet aber nicht und da Sie das kleine Ding nun heute gesehen haben, was denken Sie selbst aus ihr ergrunden zu konnen?

O dies wunderbare Madchen hat einen Willen! Ich sehe, dass ich da auf Alles verzichten muss ...

Dennoch erfuhr ich soviel, dass wirklich jenes Bild dem Prinzen von Werth ist und von einem jungen Mann, Dankmar Wildungen, der ihm befreundet scheint, ohne Zweifel in seinem Auftrage und durch Melanie's Vermittelung in einen Besitz genommen ist, dem man ihm nicht bestreiten kann. Denn die Familienbilder bleiben den Hohenbergs.

Durch Melanie's Vermittelung? sagte Pauline uberrascht. Gestand sie Ihnen Das? Dankmar Wildungen? Wer ist Das?

Ich durfte sie nicht examiniren, antwortete Schlurck, sich nach seiner Tochter umsehend. Sie ist aufgeregt! Ich konnte nur Aussagen Anderer zusammenstellen, die meiner Frau, die Beobachtungen Bartuschs: genug, wenn Sie noch an dem Bilde hangen

Um Alles in der Welt!

Ihre Freundin, diese liebenswurdige d'Azimont, sichert Ihnen ja Amandens Sohn. Was furchten Sie?

Glauben Sie Das? Sie irren sehr! Egon und Helene haben gebrochen ...

Eine so schone einnehmende Frau wird den Genesenden leicht versohnen. Sie erhalten dann die Denkwurdigkeiten in aller Gute von ihm. Bis dahin verachten Sie die Welt um so mehr, als Sie ja Ihrer politischen Rolle eine neue Diversion geben und zur Opposition zu gehen scheinen! Ich sehe schon, wie die Trompetta und das loyale Wunderkind da diese Beziehung zu dem neuen Catilina, dem Major von Werdeck, verbreiten wird. Die Thur der "kleinen Cirkel" offnet sich, wenn nicht aus Liebe zu Ihnen, doch nun aus Furcht ...

Um so mehr muss die Vergangenheit beseitigt sein antwortete Pauline, des Spottes gar nicht gewahr werdend.

Man mochte glauben, Sie hatten einen Mord begangen.

Wer weiss! sagte Pauline lachelnd.

Schlurck sah Paulinen gross an und zog die goldne Brille in die Hohe. Da er aber an Paulinens Auge abnahm, dass sie, wenn auch gewaltsam, doch scherzte, zog er die Brille wieder herab und langte auf's neue seine Dose aus der Tasche.

Was foltr' ich Sie? sagte er. Sie uberhorten vorhin einen Namen: Dankmar Wildungen. Morgen fruh stellt die Polizei in der Wohnung zweier Bruder Siegbert und Dankmar Wildungen eine Recherche an. Der Obercommissar Pax, der Schutzling Ihrer guten Madame Ludmer, deren Empfanglichkeit fur die neuen Fortschritte der Kochkunst ich immer geschatzt habe, musste mit in unser Geheimniss gezogen werden.

Welches Geheimniss? Wer sind denn diese Wildungen?

Schlurck nahm Anstand, seiner Alliirten das Misverstandniss auseinanderzusetzen, das er durch seinen Geldermann-Deutz zuerst im Heidekrug veranlasst hatte. Er begnugte sich zu wiederholen:

Sie erinnern sich von heute fruh, gnadige Frau, dass ich vom Prinzen Egon wunderliche Dinge uber seinen Antheil an der Johannitererbschaft und Ahnliches sprach. Alle diese Voraussetzungen haben eine andre Wendung bekommen, seitdem sich herausgestellt hat, dass ein gewisser Dankmar Wildungen es gewesen ist, den man in Hohenberg fur den Prinzen Egon nahm. Dankmar Wildungen ist ein Verbundeter des Prinzen. Ihm gelang es, wie Melanie daran betheiligt ist, weiss ich nicht, das Bild der Furstin Amanda sich anzueignen. Er besitzt es ... Wir aber entnehmen es von seinem Zimmer morgen in aller Fruhe ...

Pauline erschrak uber diese Eroffnung, erschrak uber den Schein der Gewaltthat.

Sie furchten das Aufsehen? fragte Schlurck.

Ich glaube, Sie wollen mich verderben, meinte Pauline. In dieser Zeit! Bei solchen Wirren dergleichen extreme Schritte?

Ist Das mein Dank, dass Sie mich fur beschrankt halten? antwortete Schlurck in seiner ganzen Behaglichkeit. Die Recherche hat einen vollig gesetzmassigen Zweck. Dankmar Wildungen hat sich in der Stadt Angerode eine eigenmachtige Gewaltthat erlaubt, eine Aneignung offentlicher Dokumente. Glucklicherweise sind sie in die Hande der Gerichte gefallen; allein, da anzunehmen steht, dass er sich mit Dem, was man wiederfand, nicht begnugte, so werden die Betheiligten Sorge tragen, um so mehr noch eine Haussuchung bei ihm vorzunehmen, als sich des kecken jungen Mannes Spur seit einigen Tagen verloren hat Verstehen Sie nun?

Sehr gut! Man nimmt bei dieser Gelegenheit auch jenes Portrat, wenn es sich findet?

Es findet sich Egon ist seiner Krankheit wegen unzuganglich. Was bei ihm abgegeben wird, geht durch die Hande der Wandstablers ...

Ist jene Angelegenheit, die Grund zu der Recherche abgeben muss, bedeutend genug, um fur sich allein eine so gewaltsame Handlung zu entschuldigen?

Es ist die Angelegenheit wegen der Johannitererbschaft.

Wie kommt aber jener verschmitzte junge Freund des Prinzen in so verwickelte Verhaltnisse?

Das interessirt mich selbst. Vorlaufig frag' ich: Mach' ich es recht?

Sie sind ein Zauberer! antwortete Pauline holdselig und ihre Brust athmete wie erlost und neu belebt.

Das sagen Sie dem schonen eleganten Herrn dort, der eifersuchtig zu uns heruberschielt ...

Schlurck zeigte auf Heinrichson, der die Methode, altere Damen zu verwirren, sehr wohl verstand und nur herubersah, um sich gleichsam eifersuchtig zu zeigen, was er nicht im mindesten war.

Mich aber entschuldigen Sie, liebe Freundin, dass ich mich nun heimlich nach einigen Worten mit dem hochst vernunftigen, aber unbesonnenen Major von Werdeck empfehle und Melanie allein zurucklasse. Der Wagen wartet auf sie. Sie bedarf meiner nicht.

Was haben Sie denn noch? Man servirt ja jetzt den Liebhabern erst gefrorenen Champagner. Sie Vortrefflichster aller Vortrefflichen! Wir bleiben nun erst recht beisammen, horen Sie doch! Die Flottwitz singt!

Lassen Sie mich mit der Flottwitz und mit dem Gesang! Um den Champagner thut es mir leid. Ich muss in die Loge. Propst Gelbsattel will heute einen Fremden einfuhren. Ich habe viel heute erlebt, viel Widerwartiges, viel Storendes. Ich will den Tag fromm beschliessen und recht andachtig heut Nacht zu Tisch gehen. Schade, dass man viel Franzosisch wird parliren mussen! Ich hatte Lust, heute nun nichts mehr anzustrengen als nur noch meine Zahne, was mir leider Muhe genug kostet, da es zwischen Zunge und Gaumen bei mir wie in Herkulanum und Pompeji aussieht. Adieu! In aller Stille! In aller Stille! Ich nehme jetzt schon franzosischen Abschied.

Franzosisch, sagen Sie? Wer ist denn der eingefuhrte Bruder?

Ein gewisser Sylvester Rafflard. Er reist um die Gefangnisse kennen zu lernen. Ein Menschenfreund. Wir werden viel Phrasen zu horen bekommen.

Rafflard? Rafflard?

Kennen Sie ihn?

Rafflard? Wissen Sie, wer Das ist? Ich warne Sie, Das ist ein Jesuit.

Ah!

Ich gebe Ihnen mein Wort. Rafflard? Richtig. Rafflard! Ja, lieber Schlurck, erwerben Sie sich ein Verdienst um die Loge und warnen Sie sie! Es ist ein Jesuit.

Ich danke Ihnen! Nicht wegen der Loge. Warnen? Warnen? Das gesteh' ich Ihnen aufrichtig, der Loge wunscht' ich, es kame einmal wirklich ein recht gescheuter Jesuit uber sie! Jesuiten haben wir genug, aber nur offene, nur sichtbare! Das ist so schlimm. Diese Esel verrathen sich gleich. Aber ein geheimer Jesuit, einer, der da reist, um die Gefangenen und ihr Loos zu o Das ist prachtig! Geheimrathin, der Mann macht mir Appetit, sogar auf seine Phrasen. Woher wissen Sie Das nur? Er wird also uber die Menschenliebe sprechen und dabei wahrscheinlich ganz auf etwas Anderes zielen! Das reizt meinen Verstand! Das unterhalt mich! Warum? Sie denken vielleicht, ich gonne nicht meinen Schurzfell-Collegen einmal ein Abenteuer, das sie belehrt? Fallt mir nicht ein. Es ist ja unterhaltend zu sehen, wie eine Spinne mit Honigfussen die Fliegen fangt! Merci! Merci, Madame! Die Jesuiten sind die einzigen Menschen auf dieser Viehweide, welche man die Erde nennt, die den Namen Mensch verdienen. Woher haben Sie Das?

Ich weiss es.

Dafur kuss' ich Ihnen die Hand und wunsche Ihnen ganz in der Stille einen guten Abend und fur morgen fruh einen heitern glucklichen Tag! Die Polizei besucht die Wildungens um vier Uhr Morgens, nimmt das Bild, Oberkommissar Pax bringt es Ihnen um funf, sechs, wann Sie wollen und ich will wunschen, dass es den Inhalt, den Sie ahnen, noch verschlossen enthalt ...

Mit diesen Worten wollte sich Schlurck aus dem blauen Zelte zuruckziehen, als ihm Werdeck artig entgegentrat und bei Seite zog.

Sie mussten flustern.

Pauline deutete auf den Salon, wo die Flottwitz eben am Piano sang ...

Das enthusiastische Madchen sang sehr ausdrucksvoll mit einer sonoren, vollen Stimme ein neues Lied von der Majestat, das sich funfzehn Componisten bemuht hatten in Musik zu setzen und deren Melodieen sie alle auswendig wusste. Sie wollte die Gesellschaft veranlassen, ihre Meinung uber diejenige Melodie abzugeben, die ihr die gelungenste schien.

Die Geheimrathin horte erst in ihrer gluckseligen Beruhigung theilnehmend zu, unterbrach aber zuletzt doch die an sich so lobliche, aber wenig amusante Absicht der Flottwitz, indem sie ein allgemeines Thema zur Unterhaltung angab und dafur Sorge trug, dass Melanie, Heinrichson und Reichmeyer, dem sie sehr artig war, am meisten in den Vordergrund traten. Es wurde viel erortert, viel Kluges und noch mehr Beschranktes mit Redseligkeit vorgetragen. Pauline war uber die Massen angeregt. Sie hatte eine Fulle von Thatsachen, in denen sie sich plotzlich wieder bewegen konnte. An Melanie, die ihr etwas Gleichartiges zu haben schien, richtete sie die meisten ihrer Apropos und hielt diese dadurch mehr wach, als heute in ihrem Charakter zu liegen schien. Heinrichson und Reichmeyer waren Melanie vom Atelier nicht neu, die politische Debatte erschien ihr zu schroff, der kleine Roman mit dem Geheimrath ermudete sie; es war unter den zwolf bis zwanzig, selbst jungern Mannern nicht Einer, der ihr den Gedanken an den mannlichen, feurigen, thatbewussten Dankmar hatte verscheuchen konnen.

Sie lieben! flusterte ihr Pauline, als sich wieder Gruppen gebildet hatten, fluchtig in's Ohr ...

Melanie errothete.

Sehen Sie! fuhr Pauline fort und Sie lieben erst seit kurzem.

Gnadige Frau, sagte Melanie schalkhaft und doch nicht ohne Ernst; ich mochte wol von Ihnen erfahren, wie ich es mit meinem Herzen halten soll. Wie ein Mann sein muss, um ihn zu lieben, weiss ich. Wie er aber sein muss, um ihn zu heirathen, Das bitt' ich, sagen Sie mir!

Pauline lachelte, sammelte sich einen Augenblick und entgegnete:

Nehmen Sie Den, der Sie entweder ganz zur Sklavin oder ganz zur Herrscherin macht!

Melanie uberlegte sich diese Antwort und fuhr fort:

Sklavin konnt' ich einem Mann gegenuber nur dann sein, wenn ich ihn liebte oder das Gefuhl einer unaussprechlichen, unverletzbaren Schuld in mir truge. Schuld! Schuld! ... Uber Was setzt sich wol ein Liebender Alles hinweg?

Wenn er Sie wahrhaft liebt, uber den Mangel an Schonheit. Wenn er Sie wahrhaft liebt, uber den Mangel an Geist. Aber die Tugend, Melanie, ist wie der Dichter sagt, kein leerer Wahn. Uber die setzen sich nur die Manner hinweg, denen Sie eine Herrscherin sind! Allen diesen Schlussen zufolge durfen Sie also entweder nur einen Bettler heirathen oder einen Fursten. Ein Furst wurde Sie namlich schon gar nicht nehmen, wurde durch Ihre Heirath von der gewohnlichen Ordnung des Herkommens gar nicht abweichen, wenn er Ihnen nicht eben auch Alles vergabe ...

Melanie verfiel in ein ernstes Sinnen. Es war ihr, als riefe in ihr eine teuflische hohnlachende Stimme:

Entweder also Hackert oder Egon! Dazwischen gibt es nichts ...

Pauline sah auf das turkische Zelt, wo noch immer Werdeck und Schlurck flusterten ...

Der Sanitatsrath sprach gerade am lautesten. Er unterhielt die Gesellschaft durch manche Mittheilungen aus den hohern Kreisen, in denen er sich bewegte und die er ohne indiscret zu sein wiederholen konnte. Dem grosseren Theile der Anwesenden hatte aber der Major Werdeck die Unbefangenheit genommen; man glaubte, in keinem reinen Wasser mehr zu sein. Hier stritt man nicht gern, sondern handelte. Die Enragirtesten scharten sich zur Trompetta und Flottwitz und sprachen oft so leise, dass der Geheimrath glaubte, es fehlte wol irgend an etwas und die Bedienten rief. Harder's Anblick war es dann, der Melanie's erschreckte Lebensgeister weder schurte und ihr Gelegenheit gab, eine leidliche Unbefangenheit zu sammeln, um sich mit dem hinterlassenen Eindrucke, dass sie dem Rufe ihrer Liebenswurdigkeit vollkommen entsprache, vielleicht bald zu entfernen. Pauline, die diese Absicht merkte, hielt sie aber fest und schien sie veranlassen zu wollen, nach dem turkischen Zelte zu folgen.

Was hat der Justizrath nur mit dem Major? sagte sie lauschend.

Man horte die abgerissenen Worte aus dem leisen Gesprache:

Kaminska ... Sibirien ... Kloster zum Herzen Jesu ... Frankreich ... Schwester Jagellona ... Vermogensvertheilung ... Certificate ... Leidenfrost ... Depositalgelder ...

Geschaftssachen! sagte Melanie. Der arme Vater ist geplagt! Selbst hieher verfolgt ihn die stundliche Muhe und Sorge!

Pauline wusste aber nicht, dass sie nur das Wort Leidenfrost verscheuchte weil sie durch diesen Namen an ein Bild erinnert wurde, das ihr die schmerzlichsten Empfindungen weckte ...

Melanie ging im Saal auf und ab. Als sie zuruckkehrte, war ihr Vater verschwunden, Werdeck im Gesprache mit Paulinen ...

Sie musste Heinrichson und Reichmeyern Rede stehen, die von ihrer Reise horen wollten, von ihren Planen, die Malerei fortzusetzen, von ihren Aussichten fur die Geselligkeit des Winters ...

Sie antwortete zerstreut, nicht in gewohnter Laune. Es war ihr zu gerauschvoll geworden, sie war nicht mehr der Mittelpunkt des Cirkels, die Zudringlichkeit des Geheimraths verhinderte ihre Triumphe und sie fuhlte plotzlich, dass eine ungeheure Last sie druckte. Es drangte sie mit tausend Stimmen, die innerlich riefen: Fort! Fort!

Sie ergriff die Hand der Geheimrathin.

Gute Nacht, Excellenz! sagte sie.

Keine Formlichkeiten, meine Liebe! Aber Sie wollen wirklich gehen?

Pauline erklarte, sie hatte noch auf ein tete a tete am Schluss des Abends mit ihr gehofft ...

Ich bin noch von der Reise ermudet ... sagte Melanie.

Ich rechnete auf eine vertrauliche Annaherung ...

Sie sind zu gnadig ... Erhalten Sie mir diese Gesinnung!

Nun denn, sagte Pauline und zog das ihr rathselhafte Madchen noch einen Augenblick bei Seite; soviel ich Sie heute kennen gelernt habe, liebe Melanie, gehoren Sie zu den Unruhigen und Strebenden! Sie haben ein Herz und furchten, von ihm getauscht zu werden. Die Philosophie Ihres geistreichen Vaters, den ich so hoch verehre und der mir taglich neue Beweise seiner Anhanglichkeit gibt, hat Ihnen zu fruh schon den Blutenstaub vom Leben gestreift: uberall furchten Sie Illusionen! Furchten Sie nicht zu lange, wagen Sie! Illusionen sind dazu da, dass man sie uberwindet und sich in seinem Charakter starkt. Es hilft nichts, Sie mussen schon einmal sich entschliessen, einem Schmerze die Brust darzureichen, nicht ihm aus dem Wege zu gehen. Vertrauen Sie manchmal einem Freunde, einer Freundin! Wahlen Sie mich dazu! Ich bin so eine alte Wetterfahne, die schon lange im Sturme des Lebens steht und andern Menschen zeigen kann, woher der Wind und die Lufte kommen und die nicht selbst mehr an ihren Sitz gelangt. Ich weiss, wie es in jungen Knospen wogt und sturmt und wie die holden Blatter, die zu schlummern scheinen, im Aufruhr sind! Mein Leben ist Erinnerung. Nutzen Sie manchmal diese stille Arbeit meines Kopfes und Herzens. Sie finden eine Mildthatige, die nicht fur sich, auch fur die Andern sammelte.

Diese ungemein weich und fast lieblich vorgetragenen Worte erschutterten Melanie. Dennoch konnte sie nicht umhin, wahrend Pauline so sprach, einen lachelnden Seitenblick auf den jungen Adonis Heinrichson hinuberzuwerfen. Ach, auch Pauline verstand dies Lacheln und erwiderte es mit einem gewissen schwarmerisch gelassenen Blicke, als wollte sie sagen: Der Schatz der Liebe ist ja unergrundlich! ... Auch der Ludmer erwies Melanie, die ihre Stellung kannte, viel Artigkeit und Pauline konnte, als das junge Madchen endlich verschwunden war, nicht laugnen dass Helene d'Azimont einen grossen Kampf wurde zu bestehen haben, wenn wirklich Melanie entweder unmittelbar mit Egon oder durch jenen rathselhaften Freund, Dankmar Wildungen, mit ihm in Verbindung stand.

Die Gesellschaft loste sich nun auf. Werdeck's Ruckkehr aus dem turkischen Zelte brachte nur Zundstoff zu Hader und Streit. Seine kaustische, scharfe Art verwundete nach allen Seiten und die Flottwitz stritt mit einer Heftigkeit, dass die Grazien flohen. Drommeldey war langst schon zu Egon's Krankenbett ins Hohenberg'sche Palais gefahren, Graf Franken in die "kleinen Cirkel". Graf Brenzler, Baron von Ried hielten nicht mehr Stand gegen die scharfe Logik des Majors. Endlich ging auch dieser, nachdem er Paulinen viel Artiges gesagt und die universale Geschaftsthatigkeit des Justizraths bewundert hatte, der ihm einen Kopf wie ein Repositorium mit tausend Fachern zu haben schien.

Was wollen Sie mit ihm? Doch kein Prozess? fragte Pauline.

Angelegenheiten meiner Frau ...

Wie geht es ihr?

Sie sollten uns besuchen! Sie sollten ihr Bild sehen. Sie lasst sich fur eine alte Gonnerin ihrer Familie in einem polnischen Kloster malen.

Von Ihrem Protege, dem bizarren Leidenfrost?

Von einem jungen talentvollen Maler, Namens Wildungen! Sehen Sie sich ja das Bild an! Es wird vortrefflich! Gute Nacht, liebe Geheimrathin!

Damit ging der Major und liess Paulinen in Erstaunen zuruck, hier wieder den Namen Wildungen zu horen ...

Die Trompetta und die Flottwitz hatten jetzt gern das Feld allein behauptet und noch mit der Geheimrathin uber Wahlen und mancherlei Demonstrationen, besonders uber den "Bazar" zum Besten der verwundeten Krieger, ja schon uber die grosse vorbereitete Weihnachtsbescherung in den Kasernen gesprochen ...

Allein sie sagte ganz kurz und schroff:

Lasst mich heute mit Eurem dummen Zeug in Ruhe! Gute Nacht!

Die beiden Inseparables gingen verdrusslich. Doch hatten sie im Wagen der Trompetta reichlichen Stoff zur Erorterung aller Vorkommnisse dieses Abends. Sie glossirten auch daruber, dass der einzige und letzte von Allen, der zuruckblieb, wirklich der Maler Heinrichson war ...

Heinrichson musste jeden Abend bei solchen Gelegenheiten die Schlusssentenz, gleichsam die Moral des Abends, aussprechen ...

Wie ist Ihnen, Pauline? fragte er auch heute.

Still und bewegt! antwortete sie mit Goethe und reichte dem Freunde die Hand zum Kusse und zum Abschied.

Melanie aber war unten von ihrem Bedienten empfangen und in den Wagen geleitet worden, auf dem Neumann inzwischen wohl geschlafen hatte ...

Es mochte fast zehn Uhr sein.

Die Luft war, man fuhlte es an den geoffneten Fenstern der Villa, linde und mild. Zitternd bebten in ihrem Glanz am dunkelblauen reinen Himmel die Sterne; nur da und dort zog uber sie her ein Nebelschleier, der vielleicht nur der Widerschein von unzahligen unsichtbaren Sternen war.

Noch einen fluchtigen Blick warf Melanie durch den Vorgarten fliehend auf die hellerleuchteten Fenster des oberen Stockes, bewunderte die elegante Einrichtung des Vorbaus, die sorgsame Pflege der Beete ...

Fliehend, sagten wir. Denn der jungen Excellenz, die ihr schon auf der Treppe nachgetrippelt kam und durchaus noch mit ihr sprechen wollte, mochte sie nicht Rede stehen.

Als sie im Wagen sass und dieser langsam durch die andern, die auf ihre Herrschaften warteten, sich durchwand, ergriff sie Mismuth und Schmerz.

Sie hatte die leidenschaftlichsten Eingebungen ihres Ehrgeizes niederzukampfen und fuhlte aus Grunden, die ihr selbst nicht klar waren, einen unaussprechlichen Neid gegen Helene d'Azimont, in der sie etwas entdeckt hatte, was sie selbst nicht besass ... Seelen-Poesie.

Sie musste sich gestehen, dass es Menschen gibt, die um sich her, selbst wenn sie stumm und dem Allgemeinen abgewandt scheinen, einen Zauber verbreiten, mit dem die vergangliche und noch so blendende Wirkung der Schonheit keinen Vergleich aushalt.

Melanie war besonnen genug, sich zu sagen, dass sie sich diesen geheimnissvollen Reiz nicht geben konnte. Sie wurde geliebt von Menschen, die sie nicht wieder lieben konnte. Selbst diese heutige Scene mit Siegbert Wildungen! Dies war nicht jener unternehmende, starke, sie bandigende, sie in Asche verwandelnde Geist! Dem gegenuber war sie nicht Sklavin und auch nicht Furstin! Sklavin an sich nicht, aber auch eine Herrscherin nicht. Sie hatte ihren Sklaven geringschatzen mussen und Das konnte sie wiederum mit Siegbert nicht. Dankmar aber! Dankmar! Das war ein Sehnsuchtston, der durch ihr Inneres wehklagend rief. Wie gewann Dankmar wieder, wenn sie ihn verglich mit den Mannern, die sie eben im Salon der Geheimrathin gesehen hatte! Dieser Reichmeyer, dieser Heinrichson! Wie verachtlich erschien ihr diese Gattung von Salonmenschen, die ihr Gluck durch eine Luge machen und die Petitmaitres vornehmer Launen sind! Selbst Lasally, der sie liebte und dabei offen gestand, dass er durch ihr Vermogen doch nur sich und seine Pferde retten wollte, selbst der war ihr bedeutender und erschien ihr liebenswurdiger ... Lasally log doch nicht! Es war ein blasirter, desparater, murrischer, junger Mann; aber er kam von allen Mannern, die sich ihrem Herzen eingepragt hatten, Dankmarn in der That am nachsten!

In diesem Augenblicke gedachte sie auch Hakkert's ... Kaum hatte sie mit Grauen der Worte sich erinnert, die Pauline sprach, dass den Mangel an Tugend ihr nur ein Bettler verzeihen wurde oder ein Furst, als ihr etwas Entsetzliches geschah ...

Sich allein im Wagen glaubend, rollte sie durch die sternenhelle Nacht, druckte die Augen zu, hullte sich in ihren Shawl und glaubte sich nur von dem kuhlenden Lufthauche belauscht, der durch die herabgelassenen Fenster des geschlossenen Wagens stromte ...

Da fuhlt sie sich plotzlich von einem kraftigen Mannerarme umfangen und ein sturmischer Kuss brennt auf ihren Wangen ...

Der Todesschreck hinderte ihren Aufschrei.

Sie fuhr in dem niedrigen Raume empor ...

Der aber, der sie mit gewaltigem Arme niederdruckte und mit gluhendem Tone das Wort: Melanie! Bist ruhig! flusterte, ... war Hackert.

Sie sah's! Sie fuhlt' es! ... Sie wollte schreien.

Aber halb ohnmachtig, willenlos, elend, zum blassen Tod entsetzt sank sie auf die Kissen des Wagens zuruck, der funkenstiebend, donnernd in die Stadt rollte.

Viertes Capitel

Brandgasse: Nummer Neun

Das Viertel, das zwei Stunden fruher Siegbert Wildungen aufsuchte, ist das alteste in der Stadt.

Die Brandgasse selbst ist so schmal, dass in ihr kaum zwei Wagen sich begegnen konnen, ohne bis dicht an die Hauser auszuweichen. Diese Hauser sind hoch und mit uberhangenden Stockwerken so gebaut, dass sie sich von oben mehr nahern als von unten. Alle diese Hauser, aus altem Sandstein und dicken geschwarzten Eichenbalken gebaut, haben eine ungewohnliche Tiefe und werden meistens noch durch Hofe verlangert, von denen einige neuer sind als die Vorderhauser, da zu verschiedenen Zeiten in diesem alten Stadtviertel Feuersbrunste wutheten. Ungeachtet der Name dieser Strasse daher entstanden sein mochte, dass die Flammen sie ofter heimsuchten als andere; ungeachtet eine allgemeine durchgreifende Zerstorung zum Besten des gesunderen Luftzuges vielleicht fur die Stadt selbst zu wunschen ware, so schreckte man doch bei dem Gedanken zuruck, welche grosse Anzahl armster Familien dabei in Lebensgefahr gerathen wurde, denn keine Strasse war volkreicher als diese Brandgasse.

Der Verlust an Hab' und Gut wurde vielleicht durch die Mildthatigkeit ersetzt worden sein, obgleich doch selbst in diesen dunklen alten Wohnungen mit den Giebeln und Galerien sich mancher stille Sparer versteckt hielt und sich durch weisse Gardinen, Blumenstocke und Vogelkafige an seinen kleinen, mit Blei zusammengelotheten Fensterscheiben als ein Wohlhabender verrieth. Freilich alle Blumen und Vogelkafige vor den kleinen Fenstern in der Gasse selbst und den Hinterhofen konnte man nicht fur ein Zeichen des freundlicheren Lebenslooses halten, denn diejenige Armuth wenigstens, die sich geistig nicht ganz verwahrlost, schmuckt sich gern mit Blumen und gibt selbst einem Vogel im Kafig von ihres Daseins sparlichen Brocken ab.

Mehre der altesten dieser Hauser in der Brandgasse waren mit jenem Angeroder Kreuze der Ritter von St.-Johannes geziert. Doch sah man nur die drei Blatter des Kleeblattes an den Ecken des heiligen Symbols, zum Zeichen, dass diese Bauten noch uber den Zeitpunkt hinausreichten, wo die grossere Anzahl der Ritter dieses Ordens in den Schooss der evangelischen Kirche uberging.

Aber auch diese Hauser gehorten zu jener Verlassenschaft, die man damals dem Ritter Hugo von Wildungen angewiesen, als die unrechtmassigste und dreisteste Besitzergreifung von der Welt durch die allgemeinen Wirren damaliger Zeit zugelassen und stillschweigend anerkannt wurde. Auch diese Hauser wurden von Sehlurck fur die Commune verwaltet und oft genug sah man Bartusch in seinem grauen Rock hier Trepp auf Trepp ab schleichen und die gerichtliche Execution den Miethern androhen, die ihm von den sogenannten Vizewirthen als saumselige Zahler bezeichnet wurden.

Diese Vizewirthe bewohnten oft die unsauberste Spelunke von allen; aber sie zahlten keine Miethe. Nur mussten sie sich als fleissige, zuverlassige Manner in der Hut des Hauses bewahren und die einzelnen Wochengroschen, die sie von den Bewohnern sammelten, punktlich in der grossen Schreiberei des Notars und Administrators Justizraths Schlurck abliefern.

Der Vizewirth des Hauses Brandgasse Nr. 9 war ursprunglich ein Schlosser, dann aber durch seine Frau halb ein Flickschuster, halb durch seine eigene Brauchbarkeit Polizeidiener. Dieser vielseitige Mann hiess Mullrich. Die Flickereien alter Schuhe und Stiefel neue zu liefern ubernahm Mullrich nicht besorgte seine Frau, die diese Arbeiten in Pech und Leder von ihrem ersten seligen Gatten gelernt hatte. Der zweite gab die Schlosserei auf, da er in die Lage kam, dem Staate, dem Gerichts- und Polizeiwesen in treuen Funktionen zu dienen, zu deren ausserer Unterstutzung sein murrisches, brummiges Gebahren ihm sehr zu Statten kam. Die Vergunstigung, Vizewirth in diesem Communalhause der Brandgasse zu sein, verdankte er seiner polizeilichen Stellung; denn was gab es hier nicht in diesen Spelunken, in diesen Hohlen des Jammers und Verbrechens zu beobachten! Der ehemalige Schlosser war ein Dietrich der Polizei geworden.

Seine Freiwohnung bestand aus zwei Stuben, nebst einem Kamin auf einem dunklen Vorplatze, Alles im tiefsten Kellergeschosse des Hauses Brandgasse Nr. 9. Man behauptete, die kinderlosen Mullrichs hatten durchaus nicht nothig gehabt, in einem Souterrain zu wohnen, das bei den Fruhjahrsuberschwemmungen oft unter Wasser gerieth und bei dieser Gelegenheit mit Gluck die hohere Rattenjagd zu betreiben erlaubte; allein man nannte dieses wurdige Ehepaar geizig, eine Meinung, die wir durch das Wohnenbleiben in diesem Freilogis doch kaum bestatigt finden mochten. Ein Freilogis ist fur jeden Stand eine so unschatzbare "Gabe Gottes", dass sich Frau Mullrich, von der wir diesen Ausdruck entlehnen, hatte der Sunden schamen mussen, wenn sie es aufgegeben hatte; zu geschweigen, dass die Einnahme von ihrem Verdienste als Flickschusterin noch durch die gunstige Lage des Ortes und jene Superioritat unterstutzt wurde, die der Vizewirth dieses Hauses nicht nur uber einige leidlich respectable Einwohner des Vorderhauses, sondern uber das ganze Gewimmel von drei grossen Hinterhofen behaupten durfte. Auch in polizeilicher Hinsicht hatte Mullrich durch dies Freilogis, das er im Fruhjahr mit den Uberschwemmungen und dem Hervortreten des Grundwassers und in allen Jahreszeiten mit den Ratten zu theilen hatte, doch so viele Annehmlichkeiten, dass er die Gelegenheit, hinter manche Diebshehlerei zu kommen und sich in seinem Spionirberufe preiswurdig zu bethatigen, nicht gern aufgab. Frau Mullrich war eine Dame, die die emsigste Thatigkeit liebte. Wer weiss, ob sie in einem bessern Quartier hatte auf ihrem Schuster-Dreibein sitzen und zugleich durch ein kleines Schiebfenster, das durch die dunkle Hausflur und durch das Kellerfenster, das auf die nicht viel hellere Strasse ging, soviel ihre Spurkraft Anregendes entdecken konnen. Mullrich ohnehin war den ganzen Tag unterwegs und hatte Gelegenheit genug, auf den schonsten Promenaden, wo es Taschendiebe zu beobachten und Steckbriefe zu vergleichen gab, frische Luft zu schopfen.

In der Regel kam er, wenn es nicht ausserordentliche Fange gab, um acht Uhr Abends nach Hause, verzehrte dann sein Kas und Brot, trank ein hohes Glas des besten, schaumendsten Dunnbieres und legte sich zeitig zur Ruhe, wahrend seine Frau nun erst aufpasste, wer zu spat nach Hause kam und fur das Offnen der Hausthur einen Pfennig oder Dreier zahlen musste. Dem Nachtwachter, der eigentlich dies Privilegium des Hausoffnens fur die Spatlinge beanspruchte, hatte sie glucklich diese nach Jahresschluss selbst bei den Armen nicht unergiebige Quelle des Erwerbes abzuringen gewusst. Einige Diebstahle, befordert durch den gutwillig hergegebenen Hausschlussel des Nachtwachters, hatten ihre desfallsigen Auseinandersetzungen vor dem grauen Bartusch unterstutzt. Rechnet man nun noch hinzu, dass die vermogenden Einwohner des Hauses Brandgasse Nr. 9 und seiner drei Hinterhofe einen Hausschlussel von ihr, fur monatlich drei Groschen, miethen konnten und in der That vierzehn solcher Hausschlussel im Gange waren, so ergab dies eine Summe, die, wenn man einige unvermeidliche Ausfalle dabei mit in Anschlag brachte, sich immer jahrlich auf das stattliche Capital von etwa funfzehn Thalern belief. Die Pfennige aber oder die von Betrunkenen in der Zerstreuung gegriffenen Groschen manchmal freilich auch zinnerne Knopfe! brachten jahrlich mindestens eben soviel ein und da war es wohl zu begreifen, wie Frau Mullrich, vor zwolf, ein Uhr nicht zu Bett ging und des Morgens noch schlief, wahrend ihr Gatte schon "aus den Federn" kroch, Feuer anmachte und Sommers und Winters den Kaffee oder ein dem Kaffee nicht unahnliches Surrogat selbst kochte fur die erste innere Erwarmung des innersten Menschen.

Es war nach sieben Uhr, als Mullrich seinen heutigen Abendimbiss, der nicht aus Kase, sondern einmal zur Abwechselung aus drei geschlagenen oder geruhrten Eiern und Butter und Brot bestand, verzehrte und ruhig die Rapporte seiner Frau anhorte.

Die Pinnen sind all, sagte Frau Mullrich und meinte unter Pinnen gewisse kleine Nagel, die unter die Schuhe geklopft werden.

So? war Mullrichs bedeutungsvolle Antwort. Er wusste, dass es sich um eine finanzielle Erorterung handelte.

Nummer 76 will uns welche verkaufen, das Schock zu funf Pfennige

Der alte Nagelschmiedgesell sieht ja ganz reputirlich aus. Stiehlt denn der Kerl? sagte Mullrich phlegmatisch.

Bewahre! antwortete die Ehehalfte. Er muss sie wol verkaufen. Ist ja sein Lohn! Jeden Sonnabend bringt er einen Sack Nagel mit. Baar Geld hat so ein Meister nicht.

Drum! Drum! meinte Mullrich. Dacht' ich doch neulich, der Nagelschmied bettelte. Vorm Thor sah ich ihn so scheu immer in die Hauser gehen, aus einem heraus und in's andere hinein und die Rocktaschen ganz voll und ganz schwer. Dacht' ich nicht, er holte sich so Brot zusammen? Waren Das die Nagel! ... Funf Pfennige fur's Schock? Nimm sie! Er lasst sie Einem auch fur viere! Wenn du zwei Dutzend Schock nimmst, gibt er noch eine eiserne Kramme zu fur den alten Spiegel, den die Mamsell Nr. 17 dagelassen hat. Das lange Windspiel hat uns doch richtig betrogen. Brennt uns mit 14 Wochen Miethe durch, macht vier Thaler und geht bei Nacht und Nebel davon. Sollen uns an die Sachen halten! Ein alter zerbrochener Spiegel und eine Bettstelle ! Die Betten und das Waschlavoir nimmt sie mit und was sie zum Anziehen hat tragt sie auf dem Leibe. Sie ist nach Hamburg und es ist eine Schande, dass man nun so Was nicht gleich mit dem Telegraphen hinterher melden kann! Wozu sind nur die Dinger!

Frau Mullrich berichtigte hier mehrfache Irrthumer ihres Mannes. Erstens tadelte sie ihn bei dieser Gelegenheit, dass er sich geruhrte Eier fur die Nacht bestellt hatte, was eine zu hitzige Speise ware; dann aber sagte sie:

Eine Kramme noch fur ihren Spiegel? Und die Bettstelle auch behalten? Da konnte Einer dabei bestehen!

Heute gegen Uhrer viere war der alte Graue hier und ich sagt's ihm gleich: Die Mamsell Nr. 17 ist durchgegangen, die Miethe ist nicht gezahlt, macht vier Thaler und der Spiegel und die Bettstelle macht einen Thaler, ist fur Auslagen, die sie mir schuldig geblieben ist, Seife und Licht und zwei Hausschlussel ... bleibt immer vier Thaler!

Zwei Hausschlussel? Wie denn so zwei Hausschlussel?

Ha! Ha! Wie ich von zwei Hausschlusseln sprach, drehte sich der alte Sunder um und wollte sich nicht in dem Spiegel sehen lassen weil er ganz roth wurde.

Roth? Warum denn roth und zwei Hausschlussel?

Ach! Schon vor elf Wochen! Wie ich ihm da gesagt hatte Herr Bartusch, sagte ich, die Mamsell Nr. 17 zahlt keine Miethe, da wurde er dazumal grob, wie immer, und kletterte selbst zu ihr hinauf. Schon zwei Wochen nicht! rief ich ihm nach. Nach einer halben Stunde kam er wieder und mit einer ganz jammerlichen Miene. Armes Madchen! sagt' er. Muss sich von ihrer Hande Arbeit ernahren hat keine Eltern und wie er dann thun kann, als wenn er ein Erbarmen im Leibe hatte wie die ewige Gute kaum ist er damals fort das sind nun elf Wochen kommt die Lange herunter und will noch einen Hausschlussel fur einen Freund. Aha! dachte ich, fur einen Freund! Ich gab ihr den Hausschlussel. Kostet drei Groschen monatlich, Mamsell, sagt' ich. Wird Alles bezahlt werden, und so ging sie schnippisch davon, als wenn sie einen Ehemann gekobert hatte. Und richtig, ich hab' ihn wohl erkannt, wie er dann am nachsten Abend ankam nach zehn Uhr, in einem grossen Mantel

Herr Bartusch! sagte Mullrich erstaunend, uber die "Enthullungen" seiner Frau.

Schleich du nur, dacht' ich, fuhr seine Ehehalfte fort. Wer sind Sie Herr? Wo wollen Sie hier hin? rief ich. Nummer 17! piepte es und rasch in den Hof, wie eine Katze, so genau fand er sich zurecht. Und das dreimal! Nachher ging's ja mit Mann und Maus auf das Schloss von dem alten Fursten und richtig! Mein Mannchen kommt auch nicht wieder und den Hausschlussel hat er bei sich behalten. Die Mamsell zahlt keine Miethe, zahlt keinen Hausschlussel, der Freund ist fort und eines Abends sie auch, bis auf ihr Mobiliar, ihren Spiegel und ihre Bettstelle. An die halten wir uns. Mannchen mag nun sehen, wo er die Miethe kriegt. Wer weiss, wo die Lange steckt! Es hat schon oft einmal geheissen: Hamburg, und hernach war's blos die Hamburger Strasse.

Diese harten Verleumdungen uber Bartusch, den eigentlichen Regenten dieser Hauser, wurden von Passanten unterbrochen, die an dem Schaufenster des Kellergeschosses von der dunklen Hausflur aus sich niederbeugten und in die noch "schummrige" Stube des Vizewirths hinuntersprachen.

Es waren dies zuvorderst Drehorgelspieler, die wegen eines Hausschlussels parlementirten. Sie hatten heute einige Tanzorte mit ihren melodischen Klangen zu bedienen, wo sie lange auszubleiben gedachten ...

Er wurde ihnen leihweise fur einen Dreier und nur fur diese Nacht bewilligt mit vielen Mahnungen, ihn zu schonen, nicht zu verlieren, Mahnungen, die sich mit einem hoflichen Ubergange in zweckentsprechende Drohungen verliefen.

Es war nach sieben. Die Handwerker und Arbeitsleute, die im Hause wohnten, kamen nun von der Arbeit. Kinder, Frauen, Madchen, Manner, rustig und hinfallig, bunt durcheinander ...

Frau Mullrich liess sie Alle mit scharfprufenden Augen die Revue passiren. Bei Jedem, der ihr fremd schien, offnete sie das kleine Schaufenster und sah mit ihrer langen Spitznase hinterher ...

Hat die Klapperfuss wieder einen Neuen? fragte sie, aufmerksam auf einige ihr unbekannte Passanten.

Gemeldet ist keiner, sagte Mullrich und wies auf ein schmuziges Buch, in dem die ganze Bewohnerschaft verzeichnet stand.

Es gehen heute so viel fremde Gesichter aus und ein ...

Bei Nr. 40 ist viel Verkehr ...

Nein, Mannspersonen mein' ich! Mannspersonen! Da geht ja die Klapperfuss! Sieh den Staat! Guten Abend, Madame Klapperfuss! Und die Mamsell Tochter! Mullrich, ich glaube, da ist's schon wieder ...

Nicht richtig! Das ware das Funfte?

Diese Menschen! Den frommen Herrn, der sie neulich uber ihr Sundenleben ermahnen wollte, haben sie fast zur Treppe hinunter geworfen ...

War lange keiner vom Verein da? Die Bibeln sind ja bald all ... Nur noch zwei auf'm Lager ... Der Buchbinder in der Schulstrasse hat erst neulich gefragt: Herr Mullrich, keine neuen englischen Bibeln?

Der Nagelschmiedgesell, dem wir eine anboten, ist recht fromm und will sie behalten ... meinte Frau Mullrich, geschmeichelt von der Artigkeit des geschaftsfreundlichen Buchbinders.

Aber Nr. 25 liess uns doch eine an Zahlungsstatt ... Wir mussen einmal bei dem Verein anklopfen; es ist doch immer ein gutes Geschaft.

Sei vorsichtig, Mullrich! Die durchtriebene Person, die Louise Eisold, hat uns erst neulich gedroht, sie wollte den ganzen Commersch mit den Bibeln anzeigen.

Mullrich schwieg erschrocken.

Zum Verstandniss dieser aphoristischen Abendunterhaltungen des Herrn und der Frau Vizewirthin wollen wir aus der reichen Chronik dieses Hauses nur einige kleine Personal- und Sittennotizen geben.

Die mehrerwahnte Madame Klapperfuss z.B. beherbergte im ersten Hinterhofe auf vier Zimmern eine Anzahl von Gesellen, die sie kasernenartig in "Schlafstelle" hatte. Die Zahl schwankte meist zwischen achtzehn bis zwanzig. Sie schliefen je zwei und zwei in einem Bett und hatten fur Waschwasser, Handtuch, Bett- und Leibwasche und Fruhstuck eine Summe in Bausch und Bogen zu zahlen, die jeden Sonnabend berichtigt werden musste. Madame Klapperfuss verdankte der Pracision, mit der sie dies Schlafstellengeschaft betrieb, die Mittel, sich auf Volksballen und Pikeniks der Vorstadt durch Garderobe und Appetit auszuzeichnen. Ihre Begleiterin vorhin war ihre Tochter Demoiselle Klapperfuss, die von verschiedenen, gerade nicht sehr stabilen, sondern ab- und zugehenden Vatern eine Anzahl Kinder aufzuweisen hatte, die jedoch von der Grossmutter mit ebenso vieler Zartlichkeit behandelt wurden, als waren sie der legitimsten Ehe entsprossen.

Die Vereine zur Bekampfung der Unsittlichkeit des Volkes hatten hier in der Brandgasse Nr. 9 ein weites Feld. Allein die Treppen waren sehr steil, die Thuren sehr eng. Den Missionaren dieser braven Institute geschah zuweilen das Widerwartige, dass die verstockten frechen Sunder sie alle Unannehmlichkeiten der Lokalitat empfinden liessen. Demoiselle Klapperfuss hatte z.B. einen Abgesandten der Kirche, der der am nachsten Sonntag stattfindenden Taufe ihres vierten unehelichen Kindes eine strenge Ruge, ja ein, freilich katholisch klingendes Wort, von Kirchenbusse zuchtigend vorhergehen lassen wollte, jene schnode Abfertigung angedeihen lassen, die Frau Mullrich vorhin andeutete.

Uberhaupt konnten die Vereine ohne Mullrich's Autoritat und Unterstutzung hier nicht viel rein Moralisches und Lehr-Strenges zu Stande bringen. Nur das baare Geld wurde mit Artigkeit und Dank begrusst. Ein- fur allemal lag auch bei Mullrich eine Anzahl Bibeln deponirt, die er jedem sich der geistlichen Erweckung zuganglich Erklarenden ubergeben sollte. Mullrich war zu gewissenhaft, diesen Auftrag unvollzogen zu lassen. Er bot die Bibeln in der That allen diesen Armen und Elenden an. Sie nahmen sie auch, verwertheten sie aber sogleich an der besten Quelle, die sich ihnen in Mullrich selbst darbot. Mullrich behielt das Buch der Bucher gleich an Zahlungsstatt fur Miethe oder verfallenen Versatz denn auch auf Pfander lieh die Frau Vizewirthin in aller Stille oder fur Hausschlussel oder Feuerung, die sie im Winter verkaufte oder Kartoffeln, deren sie grosse Vorrathe anschaffte, und Mullrich hatte dann in der Schulstrasse einen Buchbinder, der die Exemplare unter Verhaltnissen kaufte, bei denen Mullrich nur der Commissionar, der Bevollmachtigte der richtigen Empfanger jener Bibeln war und per Stuck immer zwei Groschen Vortheil zog, was bei einem jahrlichen Umsatze von etwa funfzig Exemplaren immer eine Einnahme war.

Freilich fanden sich denn doch auch manche trostsuchende, leidensmude Seelen, wie jener arme Nagelschmiedgesell, der die Bibel behielt und nicht fur die Miethe angab. Dieser Armste las sich Trost aus ihr, wenn er am Tage mit seinem armen Meister Nagel geschmiedet hatte und mit ihnen Abends und Sonntags fruh in der Stille selbst hausiren gehen musste und seine Kinder gingen mit hausiren und liefen auf die Dorfer barfuss und boten den Leuten Nagel an und ihre Mutter wanderte sonst oft meilenweit mit, um Nagel zu verkaufen; aber mit den letzten Nageln, die sie an einen Schreiner verkauft hatte, ward ihr auch schon der Sarg gezimmert ... sie war todt.

Ach! welche Fulle des Elends! Wieviel korperlicher und sittlicher Jammer ist da zusammengedrangt, Ergebung in sein Loos neben der Verzweiflung, es gewaltsam zu andern. Armuth und Verbrechen und zwischen beiden alle Laster der Sinne. Hundert Nummern waren in diesem Hause allein an Bewohner ausgetheilt und jedes Zimmer bot ein andres Bild des Elendes und Jammers. Da ein Kranker, dort ein Sterbender, hier nebenan das kreischende Lachen einer unsittlichen Dirne oder der tobsuchtige Ausbruch eines Trunkenbolds, der seinem Weibe das Wenige, was sie besassen, in Scherben an den Kopf wirft. Arme Kasemaden, menschliche Infusorien, die sich noch im Tod einander selbst verfolgen, mit Gier verschlucken, einer von des andern Armuth zehren, mit ihr wuchern wollen. Wer das Geheimniss des Lebens studiren will, gehe hieher und beantworte die Frage: Warum sind wir? Was sind wir? Was werden wir?

In dem schmuzigen Buche, das die Bewohner nach ihren Nummern anfuhrt, sind an vielen Namen Kreuze gemalt. Das sind Observaten. Sie kamen aus dem Zuchthause und stehen nun unter polizeilicher Aufsicht. Sie haben einen leidlichen Erwerbszweig ergriffen und vermeiden vielleicht ihre alten Genossen, bis sie von ihnen doch wieder heimgesucht werden. Mancher von diesen sie dann Versuchenden und wieder Verfuhrenden ist nur ein verkappter Verfuhrer. Die Polizei gewann ihn zum Spion.

Wohl Dem, der seine Zunge wahrt und nicht von Wiederaufnahme alter Anschlage spricht oder sie ausfuhrt! In diesem Hause selbst wohnen Spione genug. Mullrich ist der erste unter ihnen. Im dritten Hofe wohnt ein Schreiber Namens Schmelzing ein fruherer Arbeiter bei Schlurck auch er rapportirt an den Oberkommissar Pax. Hutet Euch, ihr Nachbarn! Seht Ihr nicht, wie rasch manchmal einer aus Eurer Mitte verschwindet? Da hupfte noch vor kurzem ein keckes Burschchen die Stufen der engen Treppen hinauf, scherzte mit den Nahterinnen und Fabrikmadchen, die bis unter das Dach wohnen, und heute fuhren ihn die Hascher davon. Ein Bundel Wasche unter'm Arm geht er wol auf zehn Jahre in's Zuchthaus. Wer ahnte, dass er eingebrochen hatte und zu einer Diebsbande gehort? Wer nicht thatig ist erregt Verdacht. Nur thatig, und sammelte man Glasscherben, wie die alte Frau auf Nr. 43, oder ernahrte man sich vom Scheeren der Pudelhunde, was ein alter Mann im zweiten Hinterhofe parterre auf Nr. 67 ausfuhrt, der mit der Brille auf der Nase im Hofe sitzt und die Pudel scheert, deren Wolle er sammt den Flohen an Tapezirer verkauft. Harfenspieler, Tambourinschlager uben sich Morgens Gesange ein, die sie Abends in den Schenken ableiern und die Leierkastenbesitzer .... nein -Leiher sparen, um sich den musikalischen Brotbringer allmalig zu kaufen oder von dem Mechanikus, der ihn verleiht, die Stifte zu einem neuen zeitgemassen Liede sich umsetzen zu lassen. Da taumelt ein Bierhaussanger daher, der in seinen jungen Jahren auf den Buhnen Buffopartieen sang und jetzt so herabgekommen ist, dass er in den Gambrinushallen zur Guitarre mit allerhand Lazzis und in Scenen gesetzten Faxen singt. Ein Violinspieler begleitet ihn, der in seiner Jugend ein Paganini zu werden versprach und durch den Trunk so herab ist, dass er mit jenem Sanger abwechselt und auf der Violine mit Strohfaden, angezundeten Fidibus statt des Bogens spielt. Halb und halb sind beide Improvisatoren geworden und wissen durch geschickt angebrachte Zweideutigkeiten in einer von Tabacksqualm rauchenden Bierhalle ihr Publikum zum wiehernden Lachen zu bringen, wahrend ihre "Zuhalterinnen" in einer Cigarrenaschen-Schale das Honorar ansammeln und ihre Kinder von Tisch zu Tisch Strohblumengeflechte anbieten, die von einer alten Frau auf Nr. 55 gemacht werden. Diese alte Frau wohnt bei Madame Schlimpanzer zur Miethe, von der man nicht weiss, durch welche Talente sie wiederum ihrerseits einen gichtischen ruckenkranken Mann ernahrt. Madame Schlimpanzer und Fraulein Klapperfuss sind sich an Jahren gleich und hassen sich und lieben sich, jenachdem sie sich Nachts auf den letzten Ballen gegenseitig nicht geschadet und in ihren Wirkungskreisen beeintrachtigt haben. Ach, die Polizei weiss hier Alles! Lacht, was Ihr wollt, Sonntags fruh, ihr zwanzig Gesellen bei Mutter Klapperfuss, wenn sie "ihrer Betten wegen" darauf dringt, dass Ihr Euch von Kopf bis zum Fuss grundlich wascht; man weiss doch, dass Eure Vorganger vor einigen Monaten heimlich des Nachts Kugeln gossen und Patronen wickelten! Sie wurden alle eines Sonntags fruh aufgehoben und mit allen ihren Kugelformen und zinnernen alten Loffeln und bleiernen Fensterverlothungen uber die Brandgasse hin in's Profossenamt gefuhrt, von wo aus sie dann in's Zuchthaus wanderten! Welch ein Kommen und Gehen in diesem Chaos! Auch die Geburt und der Tod, die Hebamme und der Leichentrager, sind immer und immer zugleich auf Besuch hier. Der Tod tritt gleich sicher auf. Er nimmt mit fester Hand. Die Geburten sind zaghafter, mit scheuem Gewissen, mit wenig Freude. Manches Kind, eben gekommen, erhalt gleich die Nothtaufe, wozu die Wochnerinnen, da meist die Vater fehlen, den Vizewirth hinaufrufen oder den Alten, der die Pudel scheert, oder den silbergrauen Uhrmacher Eisold vom dritten Hofe, der noch sein Zopfchen tragt und mit philosophischer Ehrwurdigkeit in den Hausern altmodische Uhren reparirt.

Ganze Tragodien spinnen sich da an und enden, ohne dass sie ihren Dichter anders finden, als hochstens bei Jahrmarkten die Bankelsanger. In den Criminalakten stehen die einzelnen Rollen geschrieben. Da heisst's: Aus Brandgasse Nr. 9 ein Observat ... lernte im Zuchthause eine Diebin kennen ... sie hat Kinder aus fruherer Bekanntschaft ... sie schliessen, frei gelassen, auch eine wilde Ehe ... er kehrt die Gassen und reinigt des Nachts Cloaken ... sie verdingt sich zu jeder groben Hanthierung ... die erwachsene Tochter der Frau ... naturlich unehelich ... geht in eine Fabrik ... ein junger Arbeiter, ihr Liebhaber, zieht zu ihnen ... die Mutter gefallt ihm wie die Tochter ...

wild geht das durcheinander ... der Trunk erhitzt den Zorn ... Eifersucht und blinde Wuth ... der Gassenkehrer schlagt den Arbeiter ... die Tochter wurgt fast die Mutter ... Und dieses Gemetzel noch nicht so schlimm, wie die spatere Versohnung ... die Beruhigung bei dieser Verwirrung ... Trinkgelage, lustiges Lachen ... die Tochter verlasst die Fabrik und treibt sich auf den Gassen umher ... der Vater zweischlachtiger Bastarde erhalt seine Arbeiterstellen gekundigt ... dennoch fliessen Mittel ... Woher? ... Heute Morgen wurde das ganze Nest ausgehoben, Jung und Alt davon gefuhrt ... der Gassenkehrer, die Mutter, die Tochter, der Liebhaber ... Die ubrig gebliebenen kleinen Kinder holt die Besserungsanstalt.

Frau Mullrich erzahlte diese tragischen Begegnisse, die in der Brandgasse gang und gabe waren, so leicht, so obenhin, wie wir etwa eine sogenannte Muchler'sche Anekdote von Friedrich dem Grossen erzahlen wurden.

... Mullrich, der Vizewirth, hatte sein Nachtessen beendigt und kehrte auf seinen nachst dem Oberkommissar Pax wichtigsten Vorgesetzten Herrn Bartusch zuruck.

Hat der Alte nicht nach 86 gefragt?

Und das ordentlich und gezankt hat er, warum wir ihm nichts mehr uber 86 meldeten! sagte Frau Mullrich und klagte dann, dass die Tage schon so kurz wurden.

War ja zehnmal da in der Kanzlei und hab's sagen wollen: 86 ist einmal wieder heidi! Wie ich das elfte mal kam, ging ich zum Justizrath selber, der eben von Hohenberg zuruck war und da hiess es: Danke, Mullrich, ich weiss es schon. Er gab mir einen halben Thaler.

Wenn der Bartusch das Herz hatte von dem guten Manne, dem Justizrath! Er war heute ganz wild der Graue.

Warum denn? Gewiss weil Nr. 17 ausgeflogen war. Nicht? Ha, ha! Das wird's sein, der alte Schleicher! Wenn nur 'mal die Justizrathin dahinter kame, die

Pst! Stille! Mullrich! Wess' Brot ich ess' ... Lass ihn auf Nr. 17 gehen und rede von solchen Sachen nicht. Nr. 17 taugte nur nichts, sonst hatte sie ihr Gluck machen konnen, wie die Jule Spiess ...

Jule Spiess! Die Frau Amtsdienerin? Ah! So, wie Nr. 17 hat sich doch die Jule nicht aufgefuhrt ...

Ach! Ach! antwortete Frau Mullrich, die tiefer zu sehen, als ihr Mann, immer das Privilegium hatte. Ach, Ach, das war eine Feine! Die wusste es subtiler anzufassen. Wie oft hab' ich zu Nr. 17 gesagt: Guste, hab' ich gesagt, Sie haben anstandige Verwandte, Sie sind schon, wie ein Bild, Sie haben Freunde, die vornehme Gonner haben: nehmen Sie die Mamsell Jule, die Frau Rathsdienerin Spiess geworden ist, und damit stichelte ich auf den Bartusch, der doch die Jule Spiess zur Rathsdienerin gemacht hat ... durch einen Rathsdiener und Executor, der sich nichts daraus macht, dass Bartusch seiner Frau noch jetzt Jaconnetkleider schenkt.

Da gab Dir aber wol Nr. 17 eine Ohrfeige, die Auguste? Was?

Ihre zerbrochene Kaffeekanne wollte sie mir uber den Kopf giessen. Das ist ein Satan! Und doch war der Alte ganz zornig, als er horte, Nr. 17 ist ausgeflogen und hat uns blos die zerbrochene Kaffeekanne, den Spiegel und die Bettstelle zuruckgelassen.

Ich bin froh, dass sie fort ist; trostete sich Mullrich, der hier noch von einer defekten Kaffeekanne horte; ich bin froh; durch die Person ware noch einmal Feuer ausgekommen. Mit Nr. 86 haben wir so schon unsere Noth, dass der nicht einmal die Hauser ansteckt, wenn er die Nacht auf die Dacher ...

Sei still von Dem, Mullrich. Sei still! Es ist mir immer angstlich mit Dem! unterbrach seine Ehehalfte und schuttelte sich, als frostelte sie's.

Mit diesen vorsorglichen, fast erschrockenen Worten wollte sie uberhaupt dies Gesprach abbrechen, aber der Diensteifer und die Dankbarkeit fur den Justizrath Schlurck war fur den Viezewirth zu anregend. Er fuhr fort:

Ich mochte nur wissen, was die Justizraths mit 86 eigentlich haben. So ein grober, impertinenter, rothkopfiger Schlingel! Schreiben kann er schon! Das ist wahr. Er hat mir manchmal was ins Buch hier geschrieben wie gestochen. Aber seine Krankheit abgerechnet

Er hat's ja nicht mehr. Sei doch still! Sei still!

Mullrich liess sich nicht irre machen und fuhr um so mehr fort, als er wusste, dass seine Gattin sich nur zum Schein gegen Schauerliches stemmte. Sie horte gerade um so lieber von Dingen, die ihr uber den Rucken liefen, je mehr sie sie abzuwehren suchte. Mullrich fuhr fort:

Der Justizrath sagte gerade, er hat die Krankheit noch. Erst neulich hatt' ers gesehen. Und so herzensgut ist der brave Mann, dass er mir sagte: Mullrich, sagte Herr Schlurck, der arme Mensch ist zu bedauern! Er hat fur seinen Stand viel gelernt, weiss Manches und hat Kopf. Er hat mein ganzes Herz gehabt, aber aus dem Hause musst' er! Er stiehlt nicht, er ist ehrlich, Mullrich, sagte er, aber geizig und verschwenderisch, zankisch, boshaft, je nachdem's kommt. Seine Krankheit ist sein Ungluck. Sind die eisernen Stabe auch noch in Ordnung, Mullrich? sagte er. Ja, Herr Justizrath, sagte ich; vier Stangen vor jedem Fenster! Und ganz traurig wurde er, als ich ihm erzahlte, wie wir sie ihm eingesetzt hatten auf Herrn Justizraths Kosten und was er fur eine Miene gemacht hatte, als er eines Abends nach Hause gekommen ware und hatte die Fenster vergittert gefunden. Da weint' er fast, der Herr Justizrath. Ich ging zu ihm hinauf, sagt' ich, Herr Justizrath, ich ging zu ihm hinauf und sagte: Musje Hackert, nehmen Sie's nicht ubel, Musje Hackert, aber Sie sind ja vorgestern ordentlich auf dem Dach herum spazieren gegangen. Ein Freund von Ihnen wunscht Das nicht, dass Sie sich da mal den Hals brechen und hat Ihnen da einen kleinen Denkzettel einmauern lassen, wenn Sie's vielleicht vergessen sollten, dass Das die Fenster sind! Er sah mich grimmig an. Ich hatte aber Muth. Lieber Gott! sagte ich, auf dem Dach ist's kalt, und wenn Sie auch noch so schon klettern konnen, Herr Musje Hakkert, es bricht Einer doch mal den Hals. Was sagte er denn da? fragte mich der Justizrath. Herr Justizrath, sagt' ich, es ist ein recht tuckischer, glup'scher Kerl! Nicht ein Wort hat er gesagt, hat auch nicht gefragt, wer dieser edle Freund ware und nicht ein Wort hat er geantwortet uber's Dachherumklettern und seine Krankheit. Aber wie gesagt, Herr Justizrath war ganz geruhrt und wie gesagt, einen halben Thaler hat er mir geschenkt.

Nun muss es aber doch anders sein, unterbrach Frau Mullrich diese etwas weitschichtige Erzahlung und deckte den Tisch ab, wie auch das Bett, in das sich ihr von den geruhrten Eiern angeregter Gemahl bald zu legen gesonnen war.

Wie so anders?

Wegen der Anfrage von Bartusch. Der hat ja so grimmig uber ihn hergezogen und hat doch gesagt:

Ein Jahr Zuchthaus war' ihm nun gewiss!

Ei was? Zuchthaus?

Es sind schlimme Sachen von ihm herausgekommen, hat Bartusch gesagt.

Von Nr. 86?

Wenn er sich nicht selbst davonmacht, konnt's ihm ubel ankommen und er wollte ihm im Ernst rathen, dass er nun Paschol mache und am liebsten gleich weit!

War ich doch auf dem Criminalamte ... habe doch nichts

gehort ...

Ob er zu Hause ware, frug Bartusch. Nein, sagt' ich. Bis Mittag war Das. Da war ein Herr mit ihm gekommen, ein feiner, eleganter Herr

Mit Nr. 86?

Ich sage Dir, ein ganz feiner, schoner, junger Mann. Wie ein Baron! Die kleine Riekel Eisold hat erzahlt, dass sich der Herr zwei Stunden oben zu ihm hingesetzt hat und immer geschrieben

Curios!

Dem Grauen hab' ich den Mann beschreiben mussen. Er schuttelte dann den Kopf und sagte: Hackert muss fort! Wann glauben Sie wol, dass ich ihn treffe, Frau Mullrich! Das ist schwer zu sagen, Herr Bartusch, sagt' ich. Aber seit die Eisolds oben Waisen sind, hat er den Hausschlussel abgegeben, er wollte eigentlich um neun Uhr jeden Abend zu Hause sein. Ein paar Wochen ging's so, Herr Bartusch, sagt' ich, bis er vor funf bis sechs Tagen gar nicht mehr nach Hause kam und nun erst seit gestern ist er wieder da und so unruhig, dass ich nicht glaube, er kommt vor neun. Es ware nicht das erste mal, dass er die ganze Nacht bis Morgens drei und vier ausbleibt.

Ein Jahr Zuchthaus! wiederholte erstaunt Mullrich, sich ausziehend und die Nachtmutze aufsetzend. Gewiss falsche Schreibereien. Er kann wie in Kupfer gestochen schreiben.

Es soll mich gar nicht wundern, vermuthete seine Gattin, wenn Herr Bartusch noch in der Nacht kommt. Er hatt' es zu eilig gehabt. Klopft es nicht draussen?

In der That hatte es an jener Thur gepocht, die von der Hausflur erst in einen Vorplatz fuhrte, dem ein Kamin das Aussehen einer Kuche gab. Mullrich, eben im Begriff in sein Bett zu steigen, sagte: Mach erst die Thur zu. Ich will schlafen gehen!

Indem pochte es wieder.

Die Frau Vizewirthin lehnte die Thur an, die aus ihrer Schusterwerkstatt in die Schlafkammer fuhrte. Mit den Worten: Es wird wol der arme Nagelschmied mit den Pinnen sein! Er hatt' es mit dem Gelde nothig! ging sie hinaus und stieg die Treppe hinauf, die zu der Hausthurflur fuhrte.

Wie unangenehm uberrascht war aber Herr Mullrich, als er sich eben im Bett behabig dehnte und seine Ruhreier in alter Bequemlichkeit verdauen wollte, als seine Ehehalfte nach einigen Augenblicken rasch die Thur aufriss und mit erschrockener Hast und Eile und hochst ehrerbietig ihm zurief:

Mullrich! Mullrich! Es ist der Herr Oberkommissar!

Funftes Capitel

Die Lauscherin

O weh, dachte Mullrich, das raubt dir die Nachtruhe. Da soll etwas ausgefuhrt werden!

Indem horte er schon die freundlichen und complaisanten Wendungen seiner Frau gegen den Herrn Oberkommissar Pax, den sie zu unterhalten suchte, bis Mullrich sich leidlich angezogen hatte, eintrat und kleinlaut grusste:

Guten Abend, Herr Oberkommissar.

Guten Abend Mullrich!

Es gibt wol noch etwas?

Der Oberkommissar Pax, ein militairisch sicher auftretender Mann, mit starker Bassstimme, sagte:

Mullrich, ja! Aber Sie konnen ein paar Stunden schlafen.

Herr Pax, morgen fruh um funf Uhr hab' ich schon Was ...

Mit Kummerlein die Untersuchung bei der Schievelbein in der Neustrasse? Weiss ich schon. Aber es ist heute Nacht grosses Gartenfest in der Fortuna. Da gibt's allerlei Leute zu beobachten, die mir soeben signalisirt sind. Es hilft nichts. Sie konnen zwei Stunden schlafen. Um zwolf mussen Sie aber in die Fortuna, wo's bis zum Morgen hergeht. Dann machen Sie gleich mit Kummerlein die Recherche bei den beiden Miethsleuten der Schievelbein und dann konnen Sie sich den ganzen Vormittag zur Ruhe legen. Hier sind ein paar Signalements, auf die in der Fortuna gepasst werden soll. Ich werde selbst in der Nahe sein, aber incognito ...

Mullrich nickte etwas verdriesslich und nahm einige dargebotene Papiere an sich, wahrend seine Ehehalfte die Auftrage des Herrn Oberkommissars mit den ergebensten Interjectionen als: Schon! Sehr schon! Sehr wohl! angenehm ausschmuckte.

Der Oberkommissar Pax war der gewandteste Agent der Residenz und ein seltener Glucksjager in dem Gebiete der praktischen Polizei. In jungern Jahren Wachtmeister der Cavalerie, dann in gleicher Eigenschaft bei den Gendarmen, hatte er Veranlassung gehabt, der vor zehn Jahren noch weltlustigen alten Charlotte Ludmer jene Aufmerksamkeit zu erweisen, die Heinrichson jetzt ihrer Gebieterin widmete. Aus ihrem Pflegling und Schutzling war Pax eine Zeit lang der Anbeter der unternehmenden und unbefangenen Frau geworden; jetzt galt der vierzigjahrige, sehr stattliche Mann fur ihren Neffen und kunftigen Erben. Ihr verdankte er seine Anstellung, ihr eine sehr behagliche Existenz, die ihn jedoch nicht hinderte, seinen Obliegenheiten mit seltener Punktlichkeit nachzukommen.

Er war der Ludmer und ihren Gonnern anhanglich und treu. Die Aussicht, einmal die aufgehauften Ersparnisse der gefahrlichen Matrone zu erben, spornte seinen Diensteifer ... Schon hatte ihn Schlurck im Interesse der Geheimrathin unterrichtet, wie er es mit der Haussuchung bei den Wildungens halten sollte.

Aber es gab noch manche andere Gelegenheit, sich seinen Gonnern dienstwillig zu erweisen. Wir haben davon sogleich einen Beweis in der Frage, die er an Frau Mullrich richtete:

Also die Maler-Guste ist ausgeflogen?

Nr. 17 meinen der Herr Oberkommissar? fragte die Alte.

Auguste Ludmer ...

Richtig! Ha! Ha! Die Maler-Guste! Hat sie den Namen? Hier nannten sie die Leute die Brennnessel ... weil ihr Keiner zu nahe kommen durfte. Ja, Herr Oberkommissar, vier Thaler, zehn Groschen und einen alten zerbrochenen Spiegel und einen ...

Sie ist aber nicht nach Hamburg, sie ist hier ... Mullrich ...

Mullrich war etwas schlafrig im Zuhoren.

Ja, Herr Oberkommissar, sagte er apathisch ...

Seine Gemahlin griff helfend seine Antwort auf.

Ja? sagte sie. Die Maler-Guste? Nummer 17? Horst du denn nicht?

Passen Sie in der Fortuna auch auf die MalerGuste ... Sie soll auf ganz neue Sprunge gekommen sein ... bemerkte Herr Pax.

Sie wird doch noch einmal ans Spinnrad mussen! meinte Mullrich, nun sich sammelnd.

Seine Gemahlin schwieg jetzt. Sie kannte den Hass des Oberkommissars gegen ein Madchen, das mit vollem Rechte behaupten konnte, die Nichte der Madame Ludmer zu sein, wahrend der Herr Oberkommissar, der sich den Neffen derselben nannte, nicht die mindeste Verwandtschaft mit jener tollen und wilden MalerGuste in Anspruch nehmen durfte. Fruher, als dies bildschone Madchen den Kunstlern Modell stand und sich eines "soliden" Rufes erfreute, konnte ihr der Oberkommissar wenig anhaben; seitdem sie aber aus mancherlei Ursachen immer mehr gesunken war, hatte er Grund, eine unausgesetzte Hetzjagd auf sie anzustellen, wodurch sie zuletzt veranlasst wurde, in diese dunkle, abgelegene Brandgasse, in diese armseligen Familienhauser zu ziehen, wo es ihr schlecht genug ergangen sein musste, trotzdem, dass sich Bartusch fur ihre noch immer nicht ganz zu Grunde gerichtete Schonheit interessirte.

Auguste Ludmer war durch eigenthumliche Schicksale, die wir noch naher werden kennen lernen, ein Beispiel jener jammervollen Versunkenheit geworden, in die die haltlose Irrfahrt durch unser Leben und seine Bedrangnisse ein ursprunglich nicht schlechtes weibliches Wesen fuhren kann ...

Der Oberkommissar scharfte Mullrich ein, ein "fixes" Auge auf die Maler-Guste zu haben ... sie behielt diesen Namen, obgleich sie schon seit langer Zeit der Kunstlerwelt entruckt war und ihr nur noch in einigen uppigen Bildern angehorte, zu denen sie fruher die Anschauung ihrer schonen Formen geliefert hatte ...

Es war schon vollig dunkel geworden, aber das scharfe Auge des Oberkommissars entdeckte durch das Schaufenster die Beine eines Mannes, mit dem er in ziemlich naher Verbindung stand ...

Ist Das nicht? ... sagte er.

Herr Schmelzing! Soll ich rufen? Herr Schmelzing!

Der Oberkommissar scharfte noch einmal die Signalements dem bewahrten Vizewirthe ein und wandte sich zum Gehen mit den Worten ...

Teufel, steckt doch hier Licht an! Man bricht sich ja den Hals bei Euch!

Frau Mullrich fuhrte den Herrn Oberkommissar an ihrer eigenen pechschwarzen Hand durch die pechschwarze Finsterniss der Treppe, die aus dem Keller aufwarts fuhrte, wahrend ein grinsendes Gesicht von einer sich buckenden Gestalt auf der Hausflur in die Wohnung des Vizewirthes fragend niederschaute ...

Mullrich horte oben den Schreiber Schmelzing dem Herrn Oberkommissar die Honneurs machen.

Beide verschwanden.

Mullrich wollte, als seine Gattin zuruckkehrte, nun seufzend und wehklagend in sein Bett zuruckkehren und holte nur noch seine Brieftasche aus dem Rocke, um die wichtigen Signalements hineinzulegen.

Die verdammte Tanzerei da in der Fortuna! brummte er zornig. Alle Welt schreit uber Noth und Elend und auf so ein Gartenfest gehen sie und jubeln, als wenn es Tresorscheine geregnet hatte. Leg' mir nur den guten Leibrock heraus! Im Staat soll man auch erscheinen, damit man nicht gleich die Zuchthausschlussel bei Unsereinem rasseln hort.

Das Elysium ist bankrott, sagte seine Gemahlin trostend, die Fortuna wird auch nicht lange machen. Wo nur der Hitzreuter wieder das Geld her hat! Das soll ja eine Pracht in der Fortuna sein ... Der Kummerlein erzahlt ja die blauen Wunder davon!

Mullrich schwieg.

Seine Gemahlin war etwas eifersuchtig und horte ungern, dass es in der Fortuna so wild und zugellos herging, ungern, dass dort Alles von Krystall und Bronze, gemalt und von Gaslicht erleuchtet sein sollte ... Mullrichs lustiger College, Kummerlein, hatte ihr schon die verfanglichsten Sachen von der Fortuna erzahlt.

Mullrich wollte schlafen und antwortete nicht.

Die Gemahlin, die zwar von ihrem Gatten voraussetzte, dass er sehr tugendhaft war, von Kummerlein aber oft gehort hatte, dass dieser die vielen delikaten Begegnungen seiner sittenbefordernden Praxis zu manchen unerlaubten Abenteuern und Abirrungen auszubeuten wusste, fragte:

Was ist denn Das fur eine Frau Schievelbein in der Neustrasse?

Wahrend Mullrich nun von einer Vermietherin brummte, von einer Haussuchung bei einem Maler oder Referendar, von Beschlagnahme von Bildern und ahnlichen ihm gegebenen Winken, schlug seine plotzlich etwas gereizte Ehehalfte Licht an und wollte eben die kleinen Laden der Kellerfenster schliessen, als sie auf einen Tritt hinaufsteigend, uberrascht ausserte:

Sieh! sieh! Da steht ja wieder der junge Herr von heute Vormittag auf der Strasse und lauert. Der passt auf 86 oder 87. Ich komme dahinter. 87 ist nicht ganz ohne. Das schlagt die Augen nieder und trubt kein Wasser und dem Riekel hab' ich gleich angesehen, dass die Thur zwischen 86 und 87 aufgewesen ist. Wenn ich doch einmal dahinter kame aber! Du, Mullrich! Du, Mullrich! Schlafst du schon? Schlaft der schon! Schnarcht schon wie ein Ratz! Jetzt kann ich nicht hinauf zu ihr ... Schlaf du und noch Einer! Hor'! Wie er sagt! Die Eier machen ihn immer schlafrig. Er soll auch nicht so starkes Bier haben, wie seit ein paar Tagen. In der Fortuna mag ich ihn gar nicht. Bei dem verdammten Hitzreuter gibt's Punsch und Kuchen. Und so traktirt werden die Polizeidiener da, dass ihnen zu Hause nichts mehr schmeckt. Kummerlein ist verdorben genug ...

Und so fort und fort plauderte Frau Mullrich mit sich selbst, indem sie ihr Dreierlicht ausputzte und sich anschickte, ein paar alte vom Trodel gekaufte Pantoffeln durch hintern Ansatz von Leder wieder in ein paar Schuhe umzuwandeln. Sie setzte fur diese einem ihrer Miethsleute bestimmte Arbeit eine Brille auf, nahm ihr Dreierlicht und stellte es hinter eine Glaskugel, die mit Wasser gefullt war und an einem Riemen auf einer pyramidenformigen Erhohung einer Schusterbank stand. Das Lampenlicht fiel durch diese Kugel rund und klar auf den in einen neuen Schuh zuruckzuverwandelnden alten Pantoffel. Dabei richtete sie durch das halb offengelassene Bret der Fensterlade unverwandt auf den draussen wartenden Herrn den Blick. Dieser stand mit einem leichten Spazierstockchen und schien seine Ungeduld durch ein Liedchen wegzupfeifen, wenn er nicht alle die Menschen musterte, die in der gerauschvollen, menschenuberfullten Strasse an ihm vorubergingen oder in Nr. 9 selbst eintraten. Frau Mullrich achtete schon auf diese letzteren nicht mehr. Erst um 10 Uhr, wenn sie das Haus schloss und die Pfennige bezahlt werden mussten, fing eigentlich ihr grosses Controlegeschaft an.

Heute aber fesselte sie doch von den Passanten ein kleines Paar, dem sie, von ihrem Schemel aufspringend, durch das Fensterchen, das zur Hausflur fuhrte, nachrief:

Heda! Line! Willem!

Ein Knabe von zwolf Jahren in einer Blouse und ein kleines Madchen von etwa acht Jahren wandten sich um und blickten niederwarts zu dem kleinen Schaufenster der gefurchteten Vizewirthin, vor dem man in diesem Hause gern rasch voruberschlupfte.

Da steht er ja vor der Thur ... sagte die Alte.

Wer? fragten die Kinder.

Der Herr, der zu Eurer Louise wollte!

Zu Louisen? fragte Wilhelm und ging etwas nach vorn, um einen solchen Herrn, der zu seiner Schwester Louise wollte, sich erst anzusehen.

Der junge Mann war etwas weiter gegangen und schlenderte in einiger Entfernung auf und ab.

Zu Louisen kommt kein Herr! sagte Wilhelm fast verachtlich zu Frau Mullrich und ging weiter in den Hof.

Linchen! Linchen! rief aber die neugierige Vizewirthin mit verstarkter Stimme und reckte den gelben magern Hals durch das Schaufenster ...

Linchen, wie Madchen, neugieriger, blieb stehen und folgte nicht so rasch dem Bruder.

Linchen komm' mal her! Kennst du den Herrn nicht? rief die Alte.

Linchen blieb unbeweglich.

Er war wol bei Euerm Fritz? Was? Komm doch, Kindchen!

Linchen sagte immer noch nichts.

Er will wol auch zu Eurem Fritz? Was? Ist denn die Kuchenthur bei Euch auf jetzt, die in Fritzens Kammer fuhrt? ...

Linchen war diskret und schwieg, blieb aber doch stehen.

Na, der Herr will wol zu Fritzen. Komm doch ein Bischen naher, Kind! Zeig doch 'mal deinen Korb! Was hast du denn heute schon verdient?

Nun wollte Linchen rasch davonlaufen. Es war dem kleinen achtjahrigen Kinde schon zu oft geschehen, dass die Mullrich ihr den Verdienst an der Thur abgenommen hatte und sich selbst fur kleine Schulden aus Nr. 87 bezahlt machte. Die Kleine furchtete, dass ihr heute dies Schicksal wieder begegnen wurde und lief davon.

Bleibst du Range! kreischte aber die Alte jetzt aus dem Fenster, mit voller Kraft ihrer hektischen Lungen. Ihr lag daran, Bartusch etwas uber Fritz Hackert berichten zu konnen. Bleibst du! Willst du her? Soll ich

Dies Soll ich? begleitete ein rascher Griff nach ihren eigenen Pantoffeln, von denen der des linken Fusses schon drohend zum Schaufenster hinauslangte.

Linchen war wie vor Todesschreck im Hofe still gestanden und wandte sich halb neugierig, halb angstlich um, als sie die Worte aus der Alten Munde ihr nachgekreischt horte:

Willst du her! Hier sind ja zwei Groschen fur den alten Mann. Da! zwei Groschen! Nimm!

Zwei Groschen fur den alten Mann? Das waren freilich verlockende Worte fur das Kind.

Linchen kam etwas naher.

Komm, Linchen! Komm! Bist ja so hubsch gekammt! Macht dir Louischen die Locken? Komm, Hinkelchen. Der alte Mann hat zwei Groschen zu Gute fur die Uhr, die er mir gestern ausgeblasen hat. Da!

Linchen kam nun naher und hielt die Hand hin.

Wahrend die Alte unter ihre Schurze griff, an der sie eine Geldtasche befestigt hatte und mit dem Gelde klapperte, sprach sie auf dem Tritt, der zu dem Fensterchen fuhrte und zu der Hausflur hinaus:

Grossvaterchen hat mir die Uhr ausgeblasen zwei Groschen warte nur, ich suche sie eben Sag' einmal, kennst du den Herrn draussen?

Das Kind sah auf die Strasse und schuttelte den Kopf.

Zwei Groschen, fuhr die Alte immer suchend fort; er hat die Uhr schlagen lassen, sie blieb immer stehen sag's mir, es ist Louischens neuer Liebhaber? Was? Der ist schon! Nicht wahr, der rothe Fritze gibt ihm wol den Hausschlussel von Schmelzing ... Was?

Das Kind langte nach den zwei Groschen und antwortete nichts.

Ja, ja, die Uhr sie ist ein Familienstuck; aber im Keller ist's zu feucht, sagte der Alte mit dem Zopf ... Wo war denn Fritze dieser Tage? Vier Tage nicht zu Hause gewesen ... Klettert er denn noch manchmal bei Nacht? Was?

Linchen Eisold blieb diskret ...

Ich schenke dir zwei Pfennige, Linchen, wenn du mir sagst, wer der Herr ist ...

O Armuth! Was ist dein Loos! Zwei Pfennige! Wer widerstunde da und thate, was nicht gerade Unrecht scheint!

Ich kenn' ihn ja nicht, Frau Mullrichen! sagte das Kind nun beredtsam mit einem durch zwei Pfennige geoffneten Munde. Aber als ich heute das Essen fur Karl'n holte, sagte mir Riekchen, es ware bei Fritzen ein schoner Herr zwei Stunden gewesen und er hatte auch unsere Louise gesehen und am Abend wollt' er wieder kommen, um uns Alle zu besuchen und noch einen andern schonen, jungen Herrn mitbringen. Wie ich's Karl'n sagte, war der recht neugierig und meinte, er halt Nichts von den Herren, die der Fritz Hackert kennt.

Sieh 'mal an! Sagt' er Das? He? Hore Linchen! Wenn der Herr zu Euch kommt und ... Der andere auch; erzahlst mir doch morgen, was sie gesprochen haben. Willst du?

Da schwieg nun Linchen wieder.

Ich wollte dir ja zwei Groschen fur den Grossvater geben! ...

Und zwei Pfennige! sagte das Kind, das seinen Vortheil festhielt.

Und zwei Pfennige Willst du mir morgen Alles sagen, was die Herren oben angegeben haben?

Linchen schwieg.

Noch einen Pfennig geb' ich dir, Linchen! Was? Willst du?

Linchen lachte nun ... aber sie schuttelte doch den Kopf, dass die Alte ungebehrdig wurde und schrie:

Wetter! Range! Mach, dass du fortkommst! Was haltst du mich hier auf?

Mit diesen zornigen Worten schlug die Alte das Fenster zu, horte mit dem Geldklappern auf und stieg den Tritt hinab an ihren Schusterplatz.

Linchen, die sich gefreut hatte, ausser ihrem heutigen Verdienst, ihrem Grossvater noch zwei Groschen zu bringen, blieb traurig stehen.

Was willst du? schrie die Alte, die jetzt fur Bartusch's spaten Abendbesuch schon Klatschgift genug hatte und sah wieder hinaus.

Linchen zogerte noch immer ...

Willst du nun gehen! rief Frau Mullrich und sprang zum Schustersitze, um einen in der Arbeit begriffenen Pantoffel zu holen ...

Was ist denn? Was soll's denn? sagte in diesem kritischen Augenblicke eine energische Stimme auf der Hausflur. Sind wir Ihnen etwas schuldig?

Nein bewahre, Musje Eisold! antwortete die Alte demuthig und schlug rasch das schon geoffnete Fenster zu. Bitte! Bitte!

Frau Mullrich hatte grosse Furcht vor dem jungen stammigen Manne von kaum funfzehn Jahren, der seine Schwester an der Hand fasste und mit ihr in die hintern Hofe ging.

Es war dies der junge Maschinenarbeiter Karl Eisold, der alteste Bruder der mehrerwahnten Louise Eisold, ein hubscher, frischer, aber von seiner schweren Arbeit etwas ermudeter junger Mann.

Frau Mullrich hatte doch einige gute Thatsachen erfahren und war in der grossten Spannung, als in der That zu dem Herrn auf der Strasse sich ein zweiter gesellte, diesem herzlichst, ja uberschwanglich die Hand schuttelte und ihn dann in die Hausflur zog. Ein rasselnder Wagen schien sie zu bestimmen, in dies Obdach zu treten.

Als Frau Mullrich nun gar merkte, dass unter der Hausflur diese schonen, jungen Herren laut zu sprechen anfingen, blies sie rasch ihr Licht hinter der Wasserkugel aus, schlich auf den Fenstertritt und lauschte geduckt, was diese mit Nr. 86 und 87 verkehrenden Menschen da im Dunkeln nun besprechen wurden.

Sechstes Capitel

Nummer Sechs- und Nummer Siebenundachtzig

Als Siegbert Wildungen sich endlich gegen neun Uhr dem Stadttheile genahert hatte, wo er den Bruder erwarten sollte, wurden alle seine gemischten Ruckerinnerungen auf Melanie, Rudhard, Olga Wasamskoi und besonders jenen tiefen Akkord: Anna von Harder durch die Sorge unterbrochen, sich in dieser verworrenen, dunkeln, menschenuberfullten Gegend zurechtzufinden. Die weisse Rose, die er von dem ihm nachgeworfenen Blumenstrausse bei der Furstin Wasamskoi mitgenommen hatte, war in dem Gedrange sogleich vom Stiele gebrochen und noch ehe er sie hatte retten konnen, von den Vorubergehenden zertreten, vom Strassenkoth beschmuzt. Er musste sie aufgeben. Er musste jetzt nur noch nach den Strassenecken sehen, auf denen die Namen derselben kaum noch zu lesen waren, trotz der nicht gesparten Beleuchtung dieses Viertels. Endlich entdeckte er die Brandgasse und zahlte sich das neunte Haus ab. Eben hatte er es gefunden, als er zur Hohe blickend einen Schlag auf die Schulter erhielt.

Er kam von Dankmar, der ihn erwartete.

Um nicht vom Gedrang gestort zu werden, traten sie sogleich in die Hausflur, die ihnen ein gesicherter und ruhiger Begrussungsort schien.

Nun, da bin ich! sagte Siegbert, voll Freude und voll Ruhrung. Abenteuerlicher Mensch! Wohin verlockst du mich? Ich brauchte einen freien Platz, wo ich geschutzt vom Dunkel der Baume dir um den Hals fallen wollte, um mein Herz zu erleichtern, und hier in dem Wagengerassel, in dem Tumult der Menschen, hier auf der Hausflur dieser alten Rauberhohle, was soll ich da?

Ganz gut! Ganz gut! sagte Dankmar lachend und gefasst, aber voll Warme. Ganz gut, dass uns die Umgebungen jede ruhrende Scene abschneiden. Was ich heute fruh fuhlte, als du mit dem Gestandnisse deines Gluckes mir meine eigenen Traume zerstortest, Das hab' ich dir in meinem Briefe gesagt. Ich schrieb dir, weil ich dir nicht mundlich verrathen mochte, dass mir die Trennung von einem so fesselnden Gedanken doch die schmerzlichste Uberwindung kostete! Zu Grun's hatt' ich nicht kommen konnen; es hat mir wirklich diesen ganzen Tag gekostet, mich zu sammeln und zurechtzufinden! ... Die wichtigsten Dinge musst' ich aufschieben und hattest du mich noch vor wenigen Stunden gesehen, wurdest du gesagt haben, ich gehorte jetzt zu den Traumern, wahrend ich doch nicht einmal heute zu den Schlafrigen gehore.

Du hast dich von einer Quelle des Gluckes losgerissen, sagte Siegbert, die mir doch nie geflossen ware. Heute Mittag sprach ich Melanie und wohl sah' ich, dass ich ewig wurde vergebens gehofft haben.

Du sahst sie? Und sprach sie von mir?

Sie sprach von dir.

Nun ...?

Ich entdeckte und erlebte ohne dich heute so Manches, dass ich dir in geeigneter Umgebung ausfuhrlich davon reden muss. Soviel aber beobachtete ich doch fast, dass du nicht nothig gehabt hattest, weil mir jene Quelle nicht rinnen wird, dir sie selbst zu truben.

Zu truben Bruder? Doch! Recht umgewuhlt hab' ich sie! Recht das Unterste zu oberst gebracht! Es muss so sein. Trinke nun daraus, wer mag!

Siegbert seufzte und fuhr, sich im Dunkeln umsehend, fort:

Was thun wir hier? Was sollen wir bei Hackert, den du mich so zu verabscheuen gelehrt hast? Glucklicherweise habe ich sein Geld bei mir!

Pst! sagte Dankmar und sah' sich um, als hatte er bei Erwahnung des Geldes etwas wispern horen.

Dann fuhr er fort:

Ich bin diesem zweideutigen Menschen heute doch naher geruckt und hab' ihn zu meiner Freude in einer guten, mir aus Interesse an der menschlichen Seele doppelt werthen Stunde gefunden. Bei ihm schrieb ich den Brief an dich. Den Nachmittag verwandte ich darauf, Lasally zu bewegen, von einer Klage gegen Hakkert abzustehen, woruber ich diesem heute Abend denn meinen Bericht abstatten wollte. Da ich zugleich die Gelegenheit benutzen mochte, dich in eine ruhrende, deinem Geschmacke entsprechende Familienscene einblicken zu lassen, so beschied' ich dich um neun Uhr selbst hierher. Wir finden im dritten Hof, drei Treppen hoch, Hackert, dem ich leider keine gute Nachricht uber Lasally bringen kann. Hoffentlich fuhlt er sich aber dadurch nicht zu verstimmt, mir sein Leben zu erzahlen, was er mir heute fruh versprochen hat. Also du hast sein Geld bei dir?

Ich hab' es, sagte Siegbert leiser, sah sich um und fasste an seine Brust; denn die verdachtigsten Gestalten drangten sich jetzt durch die enge Hausflur an ihnen voruber: Bettler und Arbeiter der niedrigsten Klassen, die unheimlichsten Figuren ...

Bruder! sagte Siegbert flusternd. Hier scheinen alle Straflinge, die heute Abend entlassen wurden, ihr Quartier zu suchen. Welche Dunste in dieser Strasse! Und hier der Gang fast zum Ersticken so schwul!

Das eben war es, was ich dir zeigen wollte und ich weiss, fur einen Blick in das Innere dieser alten raucherigen Wande wirst du mir dankbar sein. Komm, wir wollen jetzt versuchen, ohne uns den Hals zu brechen, in Hackert's Wohnung zu gelangen.

Damit schritten die beiden jungen Manner einem Abendlichtschimmer zu, der aus dem ersten Hofe noch sparlich auf das ausserste Ende dieses Ganges hereinbrach ...

Frau Mullrich erhob jetzt ihr mumienartig getrocknetes Haupt. Sie hatte zwar sehr viel Worte gehort, sehr viel Namen deutlichst verstanden, musste sich aber doch gestehen, dass diese Unterredung etwas hoch war, etwas zu schwunghaft fur ihren niedrigen Kellerhorizont. Dennoch hatte sie Namen, wie Melanie, Hackert, Grun's, Lasally ganz deutlich behalten, sogar von Geld etwas unwiderruflich vernommen und auf Bartusch's nahere Angabe der Fahrte, auf die er sie bringen konnte, hoffte sie schon, sich noch weiterer Dinge zu entsinnen aus diesem Dialoge, den sie fur sich hoch, naher bezeichnet "studirt" nannte. Sie zundete wieder ihr Dreierlicht an, dessen rasches Ausblasen einen abscheulichen Gestank verbreitet hatte, kehrte zu dem in einen Schuh zu verwandelnden Pantoffel zuruck und dachte: Wenn es nur erst zehn Uhr schlagt, dann hab' ich Alles in der Falle und Keiner kommt heraus oder herein, der hier nicht Stand, Namen und sein Anliegen zu sagen weiss.

Die beiden Bruder hatten nun inzwischen schon glucklich die beiden ersten Hofe hinter sich und tappten im dritten eine schmale, finstere Stiege hinauf, die unmittelbar von dem Hofe in die obern Wohnungen fuhrte. Bei dem ersten Absatz zeigte Dankmar seinem Bruder die hier beobachtete architektonische Einrichtung. Von der Treppe links hinaus ging immer ein langer dunkler Corridor um zwei Schenkel des Vierecks herum, das den Hof bildete und alle Zimmer lagen mit ihren Thuren auf diesen Corridor hinaus, mit den Fenstern in den Hof. Dass und wie die Zimmer numerirt waren, konnte man der Dunkelheit wegen nicht mehr erkennen. Rechts von der Treppe ging eine offene Galerie hinaus um die beiden andern Seiten jenes Vierecks, das den Hof bildete. Hier auf dieser zerbrechlichen Galerie sah man wiederum eine Menge Thuren, die alle zu abgesonderten, meist nur aus einem Zimmer bestehenden Wohnungen fuhrten, deren Fenster grosstentheils auf die Galerie hinausgingen. Dieselbe Einrichtung wiederholte sich auf der zweiten Treppe.

Schade, sagte Dankmar, dass die Furcht vor Diebstahl alle Lumpen, alle Wasche, Betten und Gerathschaften von den Galerien fur den Abend entfernt hat. Am Tage war Das heute ein schones Durcheinander! Jetzt ist Alles angstlich hineingenommen, da hier wol kein Nachbar dem andern traut.

Wie Siegbert nun dem Bruder in den dritten Stock nachkletterte und er an einem dicken, durch das viele Angreifen seifenglatt gewordenen Tau sich mehr schwankend hinaufwinden musste, als sicher gehen konnte, wurde ihm die Erinnerung an einen Menschen, der hier wohnte, in diesen Hohlen des Elends, und ein Packet von hundert Thalerscheinen auf die Strasse hatte werfen konnen, so unglaublich, dass er Dankmar'n daruber flusternd sein Befremden ausdruckte.

Still! wisperte dieser. Nichts von Geld hier gesprochen! Wenn du ihm seine Summe einhandigst, thu' es stillschweigend. Die Nachbarschaft nach links von ihm ist ehrlich, aber die nach rechts soll nichts taugen, obgleich sie sich fur Hackert's Freund ausgibt und die Veranlassung ist, warum er hier wohnt.

Indem waren die Bruder oben. Dies Stockwerk, sahen sie wohl in der Dammerung, war nicht so vollstandig wie die andern. Links von der Treppe lagen wol noch dieselben Zimmer wie unten, aber schon Dachzimmer, rechts ging die Galerie nur halb in den Hof hinaus. Die andere Seite war ein Dach. Die Fenster gingen hier auf diese Galerie alle selbst hinaus und wie sie ihre morschen, durchsichtigen Bretter betraten, fiel Siegberten eine mit einer Zahl bezeichnete Thur auf, die mit zwei mit Eisenstaben vergitterten Fenstern zu einem einzigen Zimmer zu gehoren schien.

Hier ist ja ein Gefangniss, sagte Siegbert.

Nein, antwortete Dankmar leise, das ist Hackert's Wohnung ... Aber, ich sehe kein Licht. Sitzt der im Dunkeln oder halt er nicht Wort?

Indem klopfte Dankmar an diese Thur, die Nr. 86 bezeichnet war, und klinkte am Drucker. Das Zimmer war verschlossen.

Da haben wir eine beschwerliche Wanderung umsonst gemacht! bemerkte Siegbert, dem dieser Schluss eines so aufgeregten Tages fast humoristisch vorkam.

Vielleicht konnte man gleich bei Nr. 87 vorsprechen, flusterte Dankmar und auch ohne Hackert die Scene erleben, die ich dir eigentlich bescheren wollte.

Du machst mich neugierig, sagte Siegbert. Vielleicht offnet sich eine dieser Thuren und wie in "Tausend und eine Nacht" sind wir statt in einer Hohle plotzlich in einem wunderschonen Feenpalast.

Romantiker! sagte Dankmar lachelnd und pochte jetzt so nachdrucklich an Hackert's Thur, dass aus Nr. 85 ein spitznasiger, bebrillter Kopf herausschoss, ein wahres Original zur Carricatur eines Schreibers.

Ah, Herr Schmelzing! grusste ihn Dankmar. Ich store Sie doch nicht schon im Schlafe? Herr Hackert nicht zu Hause?

Herr Schmelzing war eben auch erst wieder nach Hause gekommen, voll vom Herrn Oberkommissar, der ihm sein besonderes Vertrauen schenkte und stand in Hemdarmeln. Rasch fuhr er wieder in sein Zimmer zuruck und kam nach einer Secunde in einer grunen Jacke mit einem grossen grauen befestigten Dintenarmel am rechten Arm heraus. Er hielt ein Licht, das seine Glotzaugen, seine stumpfe kleine Nase, den zahnlosen Mund, die endlose Stirn, das thierische Kinn noch mehr illustrirte.

Ganz gehorsamster Diener, meine Herren Herr Hackert? Ei ich meine doch

Damit druckte Herr Schmelzing auf die Klinke der Thur seines Nachbars.

Nein, sagte er dann erstaunt und uberrascht von diesem spaten Besuche seines Nachbars, Herr Hackert sind nicht zu Hause; kommen manchmal etwas spat. Wunschen Sie vielleicht zu warten, meine Herren! Woher hab' ich die Ehre Ihrer Bekanntschaft, meine Herren?

Die saubere Aufschrift Ihrer Thur, Herr Schmelzing, die ich heut' fruh schon gelesen habe: Herr Schmelzing, Privatschreiber; nicht so?

Schmelzing stand als wenn er diese Worte nicht verstanden hatte.

Dankmar unterstutzte sie durch einen Fingerzeig auf die Thur.

Schmelzing wandte sich nun erst an seine eigene Thur Nr. 85 und las den Zettel, gleichsam als wenn er ihm unbekannt ware.

Ja wol! Privatschreiber! Aber auch Herr Hackert sind ein Meister in diesem Fache. Wunschen Sie vielleicht unsere Dienste im Kalligraphischen? Ich schreibe fur viele der Herren Advocaten auch dichterische Erzeugnisse -Rollen fur die Herren vom Theater wunschen Sie vielleicht einen Auftrag ausgefuhrt?

Wahrend Schmelzing seine Dienste unterwurfigst anbot, hatte sich aber schon die Scene verandert.

Hier und da trieb die Neugier uber das spate Lautsprechen auf der Galerie des dritten Stockes jene Gesichter zum Vorschein, die schon an der Eingangspforte Siegberten so unheimlich erschienen waren. Auch Frauen in Hauben oder aufgelosten Haaren fehlten nicht. Letztere mehr hexen- als lurleiartig. Die angenehmste Vermehrung der Gesellschaft war aber aus Nr. 87 ein kleines Madchen, das wir schon kennen, Linchen Eisold, zu der sich sogleich auch Wilhelm, ihr kleiner Bruder, gesellte. Dieser war schon ziemlich verschlafen und gahnte so laut, dass es fast auf der Galerie ein Echo gab. Jene aber knixte gar anmuthig und sagte gewandt und hoflich, ob die Herren nicht naher treten wollten; Herr Hackert wurde gewiss gleich kommen.

Das ist nun gerade, was ich dir gonnen wollte! flusterte Dankmar und schob Siegberten eine Thur weiter.

Gute Nacht, Herr Schmelzing, rief er dann sehr laut (denn er hatte schon weg, dass Herr Schmelzing wol etwas taub war), entschuldigen Sie die Storung!

Dieser mit halb geoffnetem Munde und dem nachdrucklichsten und hoflichsten: Bitte, keine Ursache! das ihm aber doch vor Neugier zwischen den fahlen Lippen halb stecken blieb, sah den jungen Mannern kopfschuttelnd nach, wie sie unter der Thur Nr. 87 sich buckend verschwanden. Alle Augenblicke machte er sich spater auf der Galerie etwas zu schaffen, um zu horen, was in Nr. 87 vorging, einer Wohnung, die jedoch nur eine kleine Kuche mit einem Fenster auf die Galerie hinausgehend hatte. Des Hauptzimmers Aussicht ging hinterwarts in ganz andere Hofe hinuber.

Der Raum, den Siegbert und Dankmar anfangs in Nr. 87 um sich hatten, war nicht grosser, als dass er fur etwa acht Menschen, die dicht nebeneinander standen, ausgereicht hatte und doch stand hier erstens ein Feuerherd, zweitens ein Kuchenschrank, drittens ein Bett mit einer Menge geringfugiger Gegenstande, die alle Platz haben wollten. Eine Thur links fuhrte zu Hakkert's Zimmer; doch stand zum Zeichen, dass sie ignorirt wurde, ein Besen, ein Zuber, ein Eimer und eine Waschbank davor und eine Thur rechts fuhrte in das grosse Wohnzimmer.

Dies grosse Zimmer war nun allerdings sehr geraumig und musste es sein; denn nicht weniger als acht Menschen waren darauf angewiesen, hier zu wohnen und theilweise auch zu schlafen. Das Zimmer hatte drei Fenster, von welchem zwei geoffnet waren und die kuhlende Abendluft der hintern Aussicht hereinliessen, eins aber war verhangt und durch eine Schirmlampe beleuchtet. Hier war Nacht, an den beiden andern kleinen Fenstern noch leidlicher Tag.

An dem beleuchteten Fenster sass ein alter Mann, der auf einem Tische vor sich zwei oder drei alte Uhren, in der Weise der Schwarzwalder Uhren, aber viel grossere und unformlichere, stehen hatte, in denen er mit einer Fahne von einer Feder die Gange und Triebrader vom Staube rein kehrte und dann und wann die Uhren schlagen liess. Ein kleines Madchen von vielleicht funf Jahren stand hinter ihm auf einem Fussschemelchen und loste ihm einen kleinen weissgelben Zopf auseinander.

Der nach dem uralten, wie abgestorben scheinenden Greise alteste mannliche Bewohner dieses Raumes, ein junger Mann von vielleicht funfzehn Jahren, sass neben ihm und benutzte das ihm zuschimmernde Lampenlicht, um in einem mit mathematischen Zeichnungen ausgestatteten Buche zu lesen. Kaum blickte er zu den Besuchern, die er ungern zu sehen schien, empor.

Auf einem Tisch am zweiten Fenster standen mehrere, wie es schien eben geleerte Napfe, in denen Suppe gewesen schien; denn noch stand ein Rest davon in einer grossen irdenen Schussel in der Mitte des Tisches. Ein Laib groben Brotes mit einigen blankgeputzten Messern lag daneben. Eben streute sich ein winziges Bubchen von vielleicht drei Jahren auf ein Stuck Brot aus einem Salzfasse dicke Korner Salz, um es mit dieser Delikatesse schmackhafter zu machen.

Am dritten Fenster sah man einen grossmachtigen aufgespannten Stickrahmen, der auf zwei Stuhlen lag. Daneben ein Tischchen mit allerhand bunter Wolle, Schachteln mit weisser Baumwolle, Zeichnen- und Stickmuster und kleine violette englische Quadrat-Papiere mit feinen Nahnadeln.

Ausser dem alten Uhrmacher mit dem Zopfe bezeugten alle Anwesenden den eintretenden Herren eine Art Aufmerksamkeit, bei der jedoch die Uberraschung und Schuchternheit die Hoflichkeit milderte. Das freundliche Guten Abend! der Bruder wurde nur von einer einzigen wohltonenden unsichtbaren Stimme erwidert, die hinter einem Bettschirme horbar wurde, der in einer Ecke des Zimmers stand.

Ich wundere mich, lauteten die angenehmen Worte vom Bettschirme her, ich wundere mich, dass Herr Hackert noch nicht zu Hause ist. Er wollte doch prazis um neun Uhr da sein. Es muss doch schon halb zehn geschlagen haben.

Dabei schlug es an einer der drei Uhren, die der alte Eisold reparirte, mit zwei Schlagen ... Bim! Bim!

Es thut uns leid, sagte Dankmar, Sie zu storen, wahrend Sie wahrscheinlich schon Alle an's Schlafengehen denken.

Ich noch nicht, sagte die Unsichtbare und die Gro

ssen auch noch nicht. Grossvater geht zu Bett! Die Kleinen haben auch schon den Sandmann im Auge.

Gewiss bringen Sie da hinten Ihr kleines Hannchen

zur Ruhe.

Ach, das schlaft schon mit den Vogelchen ein, aber

es ist recht unruhig heute, wacht leicht auf und da hab' ich's einwiegen mussen und ihm ein paar Loffel warmer Milch gegeben ...

Darf man denn wol einmal hinter dem Vorhang die

Bescherung sich ansehen? Ich bringe meinen Bruder mit! Der malt gern die kleinen Engelskopfe ...

Nicht Engelskopfe, sagte die Stimme bedenklich.

Kinder soll man nicht Engel nennen, sonst sterben sie ja.

Sind Sie so aberglaubisch, fragte Dankmar, wah

rend die Uhren einen dreifachen Refrain gaben: Bim! Bim! Bim!

Wo der Aberglaube nutzlich ist und wie hier vor

Eitelkeit schutzt ... lautete die Antwort.

Darf ich naher? sagte Dankmar.

Nein, nein! hiess es hinter dem Schirme; dies ist ei

gentlich ein Zimmer ganz fur sich. Der Kreidestrich da gilt fur die Thur. O wenn wir's genau nehmen, haben wir eine zwar recht hohe, aber doch ganz vornehme Wohnung. Freilich geht der Eingang durch die Kuche! Aber wir haben eine Kuche, die auch zugleich Schlafzimmer ist, hier hinter dem Bettschirm ist mein, Grossvaters und meines kleinen Hannchens Schlafzimmer, hinter dem dunkeln Fenster ist Grossvaters Werkstatt, am zweiten Fenster unser Esszimmer, am dritten mein Arbeitszimmer. An der Thur, wo Sie stehen, mussen wir leider unsere Besuche annehmen, das ist unser Besuchzimmer und dabei sind wir so im Uberfluss an Raum, dass wir doch noch an Herrn Hackert und Herrn Schmelzing zwei Zimmer vermiethet haben. Was sagen Sie zu all' dem Reichthum?

Die Uhren schlugen zusammen, als wenn ein Dirigent gerufen hatte:Tutti!

Die Sprecherin kam zum Vorschein. Mit beiden Armen hielt sie die Offnung zwischen der Mauer und dem einen Ende des Schirmes zu; denn Dankmar wollte eben dennoch Siegberten an die Wiege fuhren.

Als sie aber im Dammerlichte bemerkten, dass hier noch zwei Betten und ein sehr weisses und sauberes stand, das wol schon fur die Sprecherin selber aufgedeckt war, zogen sie sich zuruck und beobachteten nun bei halbem Sternen- und halbem Lampenlicht das junge Madchen, das die Mutter aller dieser Kinder schien, aber in Wahrheit nur die altere Schwester war.

Louise Eisold mochte nicht viel uber achtzehn Jahre zahlen. Es war eine blasse, wie verklarte Erscheinung, der man sogleich ansah, dass ihr diese heitere Plauderei nicht ganz naturlich kam. Die Zuge waren von einer in solchem Stande seltenen Feinheit und Regelmassigkeit.

Nase, Kinn, mehr spitz als rund, aber so anmuthig, dass den Lippen mehr Frische, dem Auge mehr unternehmendes Feuer, dem blonden Haare eine etwas dunklere Farbung zu wunschen gewesen ware, um die Wirkung dieser gefalligen Erscheinung noch blendender hervortreten zu lassen. Ein leichtes Kattunkleid, bis oben geschlossen, umgab die im Widerspruch mit dem zarten, wol etwas abgeharmten und erschopften Gesicht stehenden volleren und runden Formen des Korpers. Das volle, hellblonde Haar war in einen einfachen Scheitel gekammt und trug nur den einzigen Schmuck eines schwarzen Sammetbandes, mit dem hinten die Flechten zusammengehalten waren. Dies Band erschien fast wie ein letzter Rest von ausserer Trauer, die in der That diese sieben Kinder erst vor wenigen Monaten abgelegt hatten. Die bose Seuche der Cholera hatte ihnen in Zeit von wenig Stunden Vater und Mutter geraubt, die Enkel des alten Uhrmachers, der demnach eigentlich der Urgrossvater dieser armen Waisen war.

Aber wo werden denn all' die ubrigen Geschwister schlafen? fragte Siegbert, den der Einblick in diese Welt der Entbehrung ruhrte.

Da werden Sie erstaunen, sagte Louise und raumte in Eile die Napfe und die Schussel und Teller vom Tisch, bedeutete auch im Vorbeigehen dem kleinen Heinrich, dass er viel zu viel Brot auf die Nacht asse und sich's gegen ihre Erlaubniss schon wieder selbst genommen hatte ... Es ist nicht wegen des Brots, aber er schneidet sich noch einmal in die Finger, der kleine Nimmersatt! sagte sie, im Gegensatz zu dem Arzte, der sich hier doch wol der Skrophelkrankheit wegen wurde umgekehrt ausgedruckt haben.

Dabei zog Louise Eisold aus einem alten Sopha, das der Thur ziemlich nahe stand, eine untere Schublade hervor und siehe! diese enthielt ein vollstandiges Bett. Dann ergriff sie nacheinander vier Stuhle und stellte sie in der Mitte des Zimmers so auf, dass fur den Besuch nicht mehr viel Raum ubrig blieb. Nun hupfte sie hinter ihren Bettschirm, brachte einen grossen Strohsack geschleppt, bei dessen Transport sie jede Hilfe weil sonst nur etwas konnte irgendwo gestossen werden, sagte sie ablehnte und zwei Breter. Die Breter legte sie auf die vier Stuhle, auf diese Unterlage warf sie den Strohsack, legte eine leinene Decke daruber, ein breites Kopfkissen, eine Decke, und hatte somit wieder fur zwei Personen gesorgt. In der Kuche schlaft, sagte sie, mein altester Bruder dort, der unhofliche Mensch, der uber seinen Buchern Artigkeit und Schlaf vergisst. Hier hinten Grosspapa, ich, Linchen und Hannchen; sind funf. In der Bettlade da Heinrich und Wilhelm; sind sieben. Hier auf den Stuhlen Riekchen, die die mudeste ist mit Wilhelm, dem armen Laufer und daher auch ein Bett fur sich allein hat. Sind unserer acht, wie uns der liebe Gott wunderbar zusammengelassen hat, als Vater und Mutter an der schrecklichen Seuche vor fast einem Jahr hinubergingen.

Der alte Eisold schlug wieder an auf einer seiner Uhren und da er wol halb zuhorte, gab er auch acht Schlage und seufzte ... Sein Zopf war nun ausgelassen ... Riekchen stieg vom Schemel herab und liess offen das ehrwurdige weissgelbe Haar des alten Mannes sehen, der jetzt halbtaumelnd aufstand, von Karl gefuhrt wurde und ohne sich im mindesten um seine Umgebung zu kummern, hinter dem Bettschirm verschwand.

Siegbert gedachte beim Schlagen der Uhr jenes Sensenmannes bei Rudhard und fuhlte an einem Schauer, der ihn uberlief, dass der Tod hier nahe sein musste ...

Dass Ihr Beruf der eines Engels ist, der uber Geschwistern wacht, sagte Dankmar zu Louisen, sehen wir wohl! Aber was treibt denn der fleissige Leser dort, der den Grosspapa zu Bette bringt und die Uhren da an den Riegel henkt und wovon ist Wilhelm so ermudet?

O, antwortete Louise, die Betten auflockernd und ausglattend, schon wieder Engel! Ich kann die Ehre und Gnade, ein Engel zu sein, noch nicht annehmen. Die Engel im Himmel, nicht wahr, Heinerchen (sie zog den kleinen Heinrich aus) das wissen wir schon, die haben hier genug herum zu fliegen mit ihren goldenen Flugelchen und uns auf das nachste Christbaumchen zu vertrosten, das wir uns trotz unserer Armuth doch nicht entgehen lassen. Wir mussen arbeiten. Da sehen Sie meine Tapisserie am Fenster! Aber es ist zu dunkel. Ich nehme, wenn Grossvater zu Bett ist, seine Lampe und sticke noch bis zwolf Uhr. Die Arbeit drangt ... Sie ist fur eine Braut.

Die Vergleichung mit einem Engel hatte ihre Uberlegung so in Anspruch genommen, dass sie Dankmar's eigentliche Frage uberhorte.

Siegbert aber gedachte des Gedichtes, das er fur Louis Armand ubersetzt hatte, und der letzten Strophe:

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!

Juwelen hast du und die Tugend noch!

Kannst deine feuchten Perlen fallen sehn

Auf's Kleid der Braut, das deine Finger nahn!

Bist reich wie sie o Gott, nun weinst du doch!

Wie, dacht' er, wenn dies das Madchen ware, dem Louis Armand das Gedicht gewidmet hatte und Max Leidenfrost, der mich auf sie aufmerksam machte, Nichts von dieser Bekanntschaft wusste! Aber er hatte nicht einmal gewunscht, dass Armand's greller schmerzlicher Seufzer in der Brust dieses in ihrer Entbehrung glucklichen Madchens niedergelegt wurde, das in der unbefangensten Stimmung, als er schon die Frage nach Max Leidenfrost auf den Lippen hatte, fortfuhr:

Der Grossvater, der eigentlich unser Urgrossvater ist, was wir aber nicht sagen, weil ihn die andern Leute schon den Uhrengrossvater nennen ... ja er ist auch wirklich der Pflegevater von all den Uhren, die noch nach dem alten Schlage hier und da von den Leuten gehalten werden. Von Jahr zu Jahr nahmen die alten Wanduhren ab; aber seit kurzem werden sie wieder Mode. Die reichen Herrschaften kaufen sie auf dem Trodel und lassen sie schon aufputzen und so ist's auch dem alten Vaterchen da geschehen, dass sein Zopfchen wieder seit einigen Jahren Mode wird und er manche Kunden hat, denen er alle drei Monate einmal in's Uhrgehause blasen darf und die Rader mit Ol gatter machen. Das bringt Holz und Licht. Die Miethe rechn' ich durch Hackert und Herrn Schmelzing. Essen und Trinken ist die Sorge meiner Hande und dass die nicht klein ist, sehen Sie wol an den acht gesunden Magen, denn auch Grossvaterchen hat noch Gott sei Dank Appetit trotz seiner zwei und achtzig. Kleider, Miethsabgaben, Schulgeld das verdienen die Andern. Karl, der da in dem Buch studirt, ist Maschinenarbeiterlehrling in der Willing'schen Maschinenfabrik. Das Buch da hat er wol aus dem Handwerkerverein von heute mitgebracht. Nicht so, Karl?

Von Herrn Leidenfrost hab' ich's, sagte Karl Eisold etwas artiger als bisher.

Siegbert blickte ihm uber die Schulter in's Buch und fand, dass es ein Lehrbuch der Mechanik mit Abbildungen war.

Herr Leidenfrost besucht uns manchmal Sonntags, sagte Louise zur Erklarung und Ablehnung jeder Voraussetzung einer nahern Bekanntschaft mit studirten Herren.

Siegbert erganzte, dass er ihn kenne, woruber Louise eine aufrichtige Freude empfand, da ihr Bruder Karl sich seines besonderen Schutzes erfreue und Herr Leidenfrost bei Herrn Willing Alles vermoge ...

Nun, unterbrach Dankmar, Sie sind aber noch nicht fertig in Ihrem Staatshaushalt. Miethe, Holz, Licht, Essen, Trinken ist da ... aber ... da bleibt noch Manches ubrig.

Die Kleinen da verdienen auch schon; sagte Louise. Wilhelm und Karoline gehen Vormittags in die Schule, essen dann rasch und von zwei Uhr verdienen sie.

Womit? Wenn wir fragen durfen?

Sie sind in einer Druckerei beschaftigt, die grosse Zeitungen druckt. Bis sechs Uhr legen sie die frisch gedruckten Zeitungen und bis neun Uhr Abends tragen sie sie aus. Im Winter, wenn der Schnee die Posten aufhalt, mussen sie oft noch um elf Uhr herumtrollen, die armen Tropfe, aber was hilft's! Die Kaufleute und die Gelehrten wollen wissen, wie's in der Welt aussieht und wenn sie noch so verschneit ist. Die drei Jungsten endlich verdienen auch ihren Theil ...

Was? riefen die Bruder erschrocken.

Louise lachte und sagte:

Ja! Ja! Riekchen verdient, wenn sie mir Garn wikkelt, Heinrich, wenn er hubsch artig ist und Hannchen, das dreizehn Monate alte kleine Schwesterchen, das ich nach dem Tode der Mutter mit Milch aufziehe, durch sein gutes Gedeihen und frohes Lacheln. Auch Das muss mit arbeiten. In Freude und Sonnenschein gedeiht ja Alles besser. Aber ... Vergeben Sie mir! Herr Hackert! Wo bleibt er nur! Und ich kann Ihnen keinen Stuhl mehr anbieten, ausser den da vom Karl! Steh doch auf, Karl!

Lassen Sie, liebe Louise, sagte Dankmar. Wir sehen, Sie wollen Alle zur Ruhe gehen. Hackert hat nicht Wort gehalten. Wir gehen und wunschen Ihnen eine gesunde, starkende gute Nacht!

Nein, nein, begann Louise mit Angstlichkeit, Das darf ich nicht; ich kann Sie nicht fortlassen. Herr Hakkert kommt sicher sogleich. Sie glauben nicht, wie er sich auf Sie und den Herrn Bruder heute freute. Ach, es ist mir, als wenn ihm ein Ungluck droht, das Sie vielleicht abwenden konnen! Wie Sie heute bei ihm drinnen schrieben und er so ruhig neben Ihnen auf dem alten harten Sopha lag, das wir ihm doch noch hineinstellen konnten, da war ich recht froh, dass ein guter Geist uber ihn gekommen schien ...

Nehmen Sie denn so warmen Antheil an Ihrem Miether? fragte Siegbert.

Sollte es nicht jede Seele, die ein Herz in der Brust hat? war die Antwort. Gibt es unglucklichere Menschen, als die in der Nacht wandeln.

Siegbert sah Dankmarn erstaunt an.

Hackert ist somnambul! sagte Dankmar zum Bruder. Die eisernen Stabe, die dir auffielen, sind nicht ohne Absicht vor seinen Fenstern.

Siegbert konnte sich kaum uber diese Mittheilung zurechtfinden. Er fragte voll innigster Theilnahme, wie lange Hackert an diesem Ubel litte, wann man es zuerst bemerkt hatte, wie und wo? Der lebendige Antheil, den er seit dem Nachmittag in Tempelheide an Hackert nahm und den nur die Mittheilung Dankmar's von heute fruh, Hackert verdiene seine gute Meinung nicht, etwas wankend gemacht hatte, gab sich in so lebhaften Fragen wieder kund, dass Dankmar ihn an die Nothwendigkeit erinnern musste, diese des Schlummers bedurftige grosse und kleine Welt sich nun allein zu uberlassen.

Louise aber widerstand seiner Absicht zu gehen auf's bestimmteste. Sie verrieth dabei einen Antheil an Hackert, der uber das allgemeine Mitleid wegen seines korperlichen Zustandes hinauszugehen schien.

Sie haben Recht, sagte sie, lassen Sie diese schlummern! Aber ich mache Ihnen den Vorschlag, treten Sie in sein Zimmer selbst so lange ein, bis er kommt.

Es ist verschlossen; sagte Dankmar.

Wohl, auch von dieser Seite da ... antwortete Louise.

Sie offnete die Thur und zeigte auf die durch allerhand Kuchengerathschaften verstellte Nebenthur, die zu Hackert's Zimmer fuhrte ...

Allein ich habe den Schlussel zu dieser Nebenthur! fuhr sie fort. Treten Sie hier ein! Ich bringe Licht und Sie warten noch einige Augenblicke.

Die Bruder wurden so von des Madchens bestimmtem Willen geleitet, so von den kleinen Geschwistern, die gahnend aber auch neugierig sie umstanden, gedrangt, dass sie sich gefallen lassen mussten, zu bleiben. Man raumte Alles von der Verbindungsthur fort und schloss sie auf. Louise sagte den Kindern, sie sollten den Herren Gute Nacht! sagen. Dies geschah und einige Sekunden darauf waren die Bruder in Hackert's dunklem vergitterten Zimmer ganz allein ... Louise rief von der Kuche, sie kame sogleich nach mit Licht ...

Karl Eisold, der alteste Bruder, bewegte sich bei allen diesen Unternehmungen seiner Schwester nicht im geringsten. Nur als sie einen zu lebhaften Antheil an Hackert verrieth, schlug er das Buch, in dem er gelesen hatte, fast heftig zu und ging hinter die Tapetenwand. Er schien mit seiner Schwester uber irgend etwas gespannt zu sein ...

Nun, hatt' ich Recht, begann Dankmar, als die Bruder in Hackert's Zimmer in der Dunkelheit allein waren, hatt' ich Recht, dir die Bekanntschaft dieser eigenthumlichen, hauslichen Existenz deines Schutzlings zu verschaffen? Was das Gemalde, das du hier beobachtetest, doppelt anziehend macht, ist die Beziehung auf Hackert, der, sprach ich auch heute in der Fruhe gegen ihn, dein erstes Gefuhl nicht getauscht hat und wol mehr bemitleidenswerth als zu furchten ist. Fast mocht' ich glauben, dass ihn dieses edle Madchen, das sich dem Wohle ihrer Geschwister opfert, liebt ...

Sprich nicht so laut, flusterte Siegbert, hier nebenan horcht der Schreiber Schmelzing ...

Es war so finster in dem, wie Siegbert wohl merkte, engen Zimmer, dass sie ungeduldig das Licht erwarteten, mit dem Louise zuruckkehren wollte ...

Indem fiel ein Lichtschimmer von der Galerie her durch die vergitterten Fenster. Man horte ein Rascheln, wie von Jemanden, der sich an dem Stricke der Treppe hinaufwand; denn mehr sich daran hangend, als mit freiem Tritt auf den schmalen Stufen, konnte man hinauf.

Sollte Dies endlich Hackert sein? flusterte Dankmar. Es ware Zeit. Ich glaube nicht, dass man bis nach zehn Uhr gut in diesen Hausern bleiben kann ...

St! flusterte Dankmar und horchte.

Der Ankommende hustete und bewegte sich sehr schwer. Er hatte ein Mutzchen auf, das ziemlich weit uber den Kopf ging und stutzte sich auf einen Stock, den man vielleicht gut that, in diesen Raumen immer bei sich zu fuhren. Die Laterne, die den Lichtschimmer verbreitete, hielt ein altes Weib, das die Bruder nicht kannten ... Es war die Vizewirthin Frau Mullrich.

Da ist Nr. 86 flusterte die Alte. Herr Hackert muss doch zu Hause sein; die Herren sind nicht wieder gekommen.

Der Mann in der Mutze klopfte an die Thur des Zimmers, in dem Siegbert und Dankmar noch im Dunkeln standen. Sie hielten sich zwischen dem Pfeiler der beiden Fenster, um durch den von der Galerie hereinfallenden Lichtschimmer nicht bemerkt zu werden.

Der Mann in der Mutze klopfte wiederholt.

Ei, ei, rief Frau Mullrich jetzt laut, Herr Hackert nicht zu Hause? Ei, ei! Ei! Ei!

Sie munzte dieses Ei! Ei! auf die beiden Herren, die, wenn Hackert nicht anwesend war, sicher zu Louise Eisold gegangen waren ...

Klopfen Sie doch starker, fuhr sie boshaft fort. Herr Hackert schlafen vielleicht schon.

Ich glaube den alten Storenfried zu kennen, flusterte Dankmar seinem Bruder zu. Irr' ich nicht, so ist es der Geschaftsfuhrer des Justizraths Schlurck, der auch von diesen alten Hausern die Verwaltung besitzt ... Du weisst noch gar nicht, welches Interesse wir an diesen Hausern haben mussen ...

Noch hatte er seine Rede kaum ausgesprochen, als sich beide Bruder von einer weichen Hand ergriffen fuhlten und einen warmen Athem dicht an ihrem Ohre fuhlten ...

Halten Sie sich ruhig! Der Alte ist Hackert's Feind! Er kann nichts Gutes bringen. Wir sagen, er ist nicht zu Hause.

Es war Louise, die leise hereingeschlichen war und ihnen diese Verhaltungsmassregel zuflusterte.

Kommen Sie, Herr Bartusch! Kommen Sie! Die beiden Herren sind bei Fraulein Louise! Ich irrte mich! Herr Hackert sind noch nicht zu Hause!

Diese laut betonten, recht absichtlich hervorgekrachzten, boshaften Worte der Frau Mullrich machten, dass die Bruder das plotzliche Kaltwerden der Hande des Madchens fuhlten, von denen jeder von ihnen eine in der seinen hatte.

Wie? flusterte Dankmar; die Alte ware frech genug, anzunehmen, dass wir ...? Lassen Sie uns sagen, dass wir in Hackert's Zimmer sind!

Nein, nein, bedeutete Louise ...

Aber selbst die beste Absicht Dankmar's, fur ihre Ehre einzutreten, war nicht mehr rasch auszufuhren; denn schon hatte sich Bartusch brummend wieder zum Ausgang der Galerie gewandt und mit einem lauten zweideutigen Husten und Rauspern den Ruckweg angetreten.

Frau Mullrich leuchtete ihm und kicherte so grell und hohnisch, dass es Louisen schauderte.

Wie konnen Sie nur zugeben, sagte Siegbert, als sie wieder im Dunkeln waren, dass diese Menschen sich in der Meinung entfernen, wir waren bei Ihnen?

Louise strich an einem Feuerzeuge und zundete nun ein Talglicht auf einem blechernen Leuchter an ...

Sie sprechen so leise, sagte sie lachelnd, dass ich Sie kaum verstehe.

Werden wir hier nicht belauscht von Schmelzing?

Der ist sehr neugierig und boshaft genug, aber der glucklichste Zufall wollte, dass er schwer hort. Ich bin uberzeugt, er hat sich den alten Kleiderschrank, der hier an der Thur steht, weggeruckt und horcht jetzt. Aber wenn Sie nicht zu laut sprechen, bleibt ihm Alles unverstandlich.

Wahrend sich Siegbert nun in Hackert's Zimmer umsah und eine gewisse Ordnung an dem niedrigen Bett, dem schwarzbezogenen Sopha, dem Schreibtische, einem mit einem Vorhange bedeckten Kleiderriegel, eine Waschbank mit Schussel und Seifennapfchen, ja sogar einen kleinen Spiegel anerkennen musste, tadelte Dankmar wiederholt, dass sich Louise den falschen Schein gegeben hatte, als waren sie bei ihr.

Nehmen Sie doch Das nicht so genau! antwortete Louise. Mir ist die Freude, dass dieser alte Schleicher Hackerten nicht getroffen hat, viel mehr werth als der falsche Schein fur meine Person. Wir Madchen aus den armen Standen sind, was wir sind. Unser ganzes Leben ist dem Verdachte preisgegeben. Nur die, die in Wahrheit etwas zu verbergen haben, ereifern sich, wenn sie einmal in einem falschen Lichte erscheinen. Und dieser Alte weiss wohl, dass ich mehr fur mich habe als den blossen Schein.

Wie so? fragte Siegbert. Kennen Sie ihn?

Ich kenne ihn und er kennt mich. Hackert zog zu uns auf Empfehlung dieses Nachbars, des Schreibers Schmelzing, der viel bei dem Justizrath arbeitete. Auch entsann sich Hackert des alten Grossvaters, der sonst bei Schlurcks gearbeitet hatte, als noch die schone Melanie nicht regierte und alles Altmodische wegjagte und wegraumte. Seitdem ist dieser Bartusch, Bartusch heisst er, oft hier gewesen. Er kennt jeden Winkel dieser Hauser und wuchert und presst der Armuth ihre Thranen in Geld ab. Mich wundert, wie er sich so spat Abends noch in diesen dritten Hof wagt, wo Manche wohnen, die ihm das Schlimmste geschworen haben ...

Weiter liess sie sich in Erorterungen nicht ein, bat sie nun, ihr Gehen zu entschuldigen und ersuchte sie dringend, doch nur noch eine Viertelstunde zu warten. Hackert ware gewiss ohne seine Schuld verspatet. Er kame sicher. Er hatte sich zu lebhaft gefreut auf diesen Abend. Ja sie musse ihnen sogar gestehen, dass sie selbst heute ausgegangen ware und Thee, gute Butter und Braten gekauft hatte, fur den erwarteten hohen Besuch. Ob sie denn in der Kuche nicht den siedenden Kessel mit heissem Wasser bemerkt hatten?

Die Bruder gewannen jetzt erst die volle Ubersicht des Zimmers, in dem sie sich befanden und entdeckten in einer dunkleren Ecke ein Tischchen mit Tassen, einer Theekanne und einem gehauften Teller mit Braten. Daneben ein grosses feines Brot und Butter und Zucker und Messer ...

O sagte Louise, das ist zwar Alles sehr einfach und nicht besser, als es meine armen Altern hinterliessen, die beide in der Willing'schen Fabrik arbeiteten und doch nur wenig erubrigten, um neben dem Nothigen auch fur den Luxus zu sorgen. Fur uns ist eine Theekanne Luxus. Und doch ist sie da und ich wunschte, da sie vielleicht nie gebraucht wurde, sie kame heute noch an die Reihe, eingeweiht zu werden und Sie sassen mit Hackerten bis in die tiefe Nacht. Bis zwolf Uhr kann man aus und ein ... und auch spater noch. St! Horen Sie nichts? Ich glaube, man kommt.

Damit hupfte Louise wie ein raschelndes Mauschen davon ...

Es war aber nur eine List, dass sie Jemanden zu horen glaubte; sie hatte nur die Absicht, die beiden jungen Manner festzuhalten.

Ihr Bruder Karl schien aber damit nicht einverstanden. Er empfing, wie die Bruder horten, Louisen mit Vorwurfen uber ihr Rumoren, ihr Spektakeln, ihre Tollheiten ...

Sie erwiderte gereizt und trumpfte ihn ab.

Denk' an Danebrand! sagte der Bruder mit zorniger, lauter, fast donnernder Stimme ...

Darauf war Alles ruhig ... todtenstill ...

Danebrand? Die Bruder flusterten sich den Namen zu und sahen sich erstaunt an. Danebrand war, wie Siegbert sich erinnerte, der Name eines Maschinenarbeiters ... Ihre Situation kam ihnen, in dem sparlich erleuchteten Zimmer, hinter den Eisenstaben des Fensters, in der Nahe des zornigen jungen Karl Eisold, vor diesem kleinen Tisch mit Esswaaren und der plotzlichen Ruhe nebenan vor, wie die Verzauberung eines Marchens.

Siebentes Capitel

Caliban

Dankmar schwieg verstimmt uber Hackert's nicht gehaltenes Wort.

Siegbert aber hatte, als sie sich auf das verbrauchte, harte Sopha niederliessen, so viel Humor, dass er anfing:

Es scheint, lieber Bruder, als wenn wir jetzt erst an unser Grun'sches Diner kommen! Ich habe Hunger und gestehe dir: Ich bin geneigt, dem Braten da zuzusprechen, auch ohne Thee und ohne Hackert. Aber deine Aufklarungen wurden dabei das bescheidene Mahl wurzen. Bin ich satt, so werd' ich auch dir noch manches Seltsame vorzutischen haben.

Iss, Siegbert! Greif zu! sagte Dankmar. Ich kann mir denken, dass dich der Herzensjammer heute von aller Befriedigung deines thierischen Menschen fern gehalten hat und nun racht sich die verstossene Mutter Natur und kommt von selbst, ohne gerufen zu sein ...

Siegbert begann wirklich das Brot mit einem etwas stumpfen Messer zu "zersabeln" und dem Braten zuzusprechen, zu dem selbst das Salz nicht fehlte ... Mit Butter war er sehr delikat. Er musste die Menschen schon sehr genau kennen, ehe er ihre Butter ass.

Dankmar begleitete seinen Appetit mit der Bemerkung:

Ich muss mir meine Hohenberger Reisebeschreibung auf gunstigere Zeit aufsparen. Wozu nutzt sie auch? Ist doch mit dem Namen Melanie des ganzen Witzes Spitze abgebrochen! Kommen wir darauf fur's Erste nicht zuruck!

Was trieb dich nur heute fruh in diese Spelunke, wo wir, wenn wir's genau nehmen, auf die gemuthlichste Art im Handumdrehen verschwinden konnen? Da nebenan jetzt ganz still ein Riegel vorgeschoben und wir sind in der Falle.

Als ich mich heute fruh von dir entfernte, begann Dankmar, hatte mir der Name deiner Angebeteten einen Schlag vor den Kopf gegeben. Du weisst, was mich drangt und treibt! Du hast hundertmal gehort, dass ich einem Besitze nachjage, der unserer Familie auf die rechtmassigste Weise von der Welt gehort

Auch dieser prachtige Palast hier ist ja wol in gewissem Sinne der unserige? sagte Siegbert spottend.

Spotte nur! Du hast ein Recht darauf! Denn aus Mismuth, eine so wichtige Angelegenheit, wie die der Reclamation meines Schreins, von heute auf morgen zu verschieben, das ist nur moglich, wenn man der Romantik etwas zu tief in die verschwommenen Augen geblickt hat und sich recht grundlich uber die Nothwendigkeit argerte, einem Gedanken so verfuhrerischer Art, wie dem an Melanie, Laufpass geben zu mussen. Ich sass eben am Paradeplatz wie ein recht lacherlicher Herzenskranker

Bruder! Ich kann das Selbstironisiren seiner Gefuhle nicht leiden sagte Siegbert und legte das Messer fort.

Nun iss nur! Schone die Kuche deines Proletariers nicht..! Ich will ernst sein. Wie ich am Paradeplatz endlich mit einem vernunftigen Entschlusse mich erhob und wegen meines Schreines zu Schlurck gehen wollte, glaubt' ich in einer Strasse einen Fremden zu entdecken, der mit seinem Sohne in Hohenberg mich ausserordentlich gefesselt hatte. Ich eile jener Strasse zu und finde im Gedrange zwar den Fremden nicht, sehe aber plotzlich Hackerten. Du musst wissen, dass ich ihn mit der Bezeichnung: Schurke oder Schuft oder einer ahnlichen Liebkosung verlassen hatte.

Und der Androhung einer Klage, die ihm Lasally anhangen wollte ...

Richtig! Wegen Pferdemordes!

Pferdemordes? Du willst mir den Appetit verderben

Wegen drei verdorbener Pferde!..

Da, Bruder, willst du den Rest dieses Bratens? Ich esse nicht mehr.

Dankmar erzahlte aber im Ernst mit kurzen Umrissen diese Begebenheit und Hackert's so gut wie erwiesenen Antheil daran.

Bruder, sagte nun Siegbert wirklich erschreckt. Ich erlebe, die Thur rechts und links geht hier auf und wir werden von Mannern mit langen Messern begrusst. Die Mondsucht ist nur ein reiner Vorwand fur diese eisernen Gitter ...

Doch nicht! Dass Hackert im Monde wandelt, sah ich auf dem Heidekrug mit eignen Augen, es war ein Anblick, der mich und den Vater unserer Melanie tief erschutterte. Genug, die Liebkosungen Schurke und Schuft, mit denen ich Hackerten spater verlassen hatte, hinderten nicht, dass ich ihm heute fruh zurief, wo jener Fremde, Ackermann und sein Knabe, eben verschwunden waren? Erst gab er mir keine Antwort und wollte mich nicht kennen. Ich fing dann von seinem dir ubergebenen Pfande von hundert Thalern an, gratulirte ihm zu dem Sieg uber sein Gelust, auch das vierte Pferd dem Lasally zu morden und gerieth daruber mit ihm in ein anfangs sehr hitziges Gesprach. Er fuhrte mich bei Seite

Bruder! Brauch nicht so aufregende Wendungen! Bei Seite fuhren bei Seite bringen ich mochte gern, mein Appetit kame wieder.

Gedulde dich ein wenig; er kommt ...

Hackert? sagte Siegbert und sprang halb scherzend, halb ernst auf.

Nein, nein, dein Appetit ...

Dankmar freute sich, seinen Bruder trotz Melanie und der Entsagung so scherzend angeregt zu finden.

Ich wandte mich, fuhr er fort, mit dem Pferdemorder in eine entlegenere, stille Gegend der Stadt und da erzahlte er mir, dass er mit jenem Fremden und dem Knaben die Ruckreise von Hohenberg gemacht. Sie hatten ihn freundlich aufgenommen und ihm Gutes gethan. Gutes? fragt' ich. Was meinen Sie damit? Mich milde getragen, wie ich bin und Nachsicht gehabt mit meinen Fehlern.

Siegbert unterbrach und sagte:

Was willst du mehr, ist Das nicht eine Sprache, die sich horen lasst?

Ich kam dann, fuhr Dankmar zustimmend fort, auf die ungluckliche Krankheit des Nachtwandelns. Er wich mir aus. Doch als ich ihm erzahlte, wie ich ihn auf dem Heidekrug selbst in diesem Zustande beobachtet hatte, sagte er: Auf dem Heidekrug musse Magnet in der Erde sein; dort hatte es ihn wieder getroffen, gerade in dem Augenblick, als man mir das Bild brachte. Das Bild? fragt' ich erstaunt. Denn ich muss dir gestehen, dies Bild ist mir auf die seltsamste Weise in die Hand gekommen. Darauf hin ergab sich denn jene Erzahlung, die ich dir im Bilde von der Eidechse und der Katze brieflich niederschrieb. Melanie hat mir einen grossen und anerkennenswerthen Dienst erwiesen, aber dabei so viel Rucksichten geopfert, dass ich ihr statt dankbar, gram wurde. Wenn du meine Hohenberger Abenteuer erfahrst, wirst du klarer sehen und mir vergeben, dass ich aus Liebe zu dir und zu mir selbst beschloss, diesen Gedanken ganz an der Wurzel aus unserem Herzen zu reissen und Hohenberg fur einen Traum zu nehmen ....

Dankmar erwartete eine Antwort, doch schwieg Siegbert und stutzte den Arm auf die harte Holzlehne des Sophas.

Nach Allem, was ich mehr gewaltsam aus Hackert herauslocken musste, als freiwillig erzahlt bekam, fuhr Dankmar fort, hatt' ich mir auch eine eigenthumliche Beziehung Hackert's zu Melanie zusammensetzen mussen. Er war in Schlurck's Hause erzogen. Er ist plotzlich von dort entfernt worden. Man furchtete seine Nahe und sorgte doch fur ihn. Lasally, der um Melanie's Hand wirbt, mishandelt ihn. Er racht sich durch eine scheussliche Gewaltthat an seinen Pferden. Wie ich alle diese Dinge Hackerten vorhalte und mit der etwas groben Logik, die uns Juristen eigen ist, ihm auf den Kopf meine Vermuthungen zuspreche, milderte sich sein trotziger Ton, legte sich fast sogar das struppige rothe Haar und mit weicher Stimme beginnt er: O, wenn Sie in mein Leben sahen! Wenn Sie Ihr Bruder waren, was wollt' ich nicht Alles sagen und meinen Kummer vergessen! Diese Worte ruhrten mich und herzlich sprach ich ihm zu, doch auch mir zu vertrauen. Mit grossem Blicke sah er mich darauf an und schwieg. Wie leben Sie? Wo wohnen Sie? Was sind Sie? fragt' ich. Indem waren wir in unsern Gesprachen in diese Gegend gekommen, und wie von einem guten Gedanken ergriffen, sagte er: Wollen Sie meine Wohnung sehen? Kommen Sie! Ich bin Ihrer Theilnahme nicht ganz unwerth. Ich folgte ihm und er fuhrte mich hierher.

Ich werde eifersuchtig werden, dass du mir einen Freund abwendig machst! sagte Siegbert, die eigne Ruhrung nur hinter Scherz verbergend.

Hier lernt' ich nun diese Schwester, fuhr Dankmar fort, die sechs jungeren Geschwister, Kinder zweier vor einem Jahre an der Cholera gestorbener Altern kennen, den alten Uhrmacher, und so viel Bescheidenes, so viel Einfaches, Gutes, Sittliches, dass ich Hakkerten aufforderte, mir dasselbe Vertrauen zu schenken wie dir. Er lachelte unglaubig und sagte: Sie werden gegen mich zeugen und ein Jahr Zuchthaus ist mir wol gewiss.

Er stellt sein Verbrechen nicht in Abrede?

Leider nein! Ja, im Gegentheil ausserte er: Es ist gut, dass ich dorthin komme. Wer weiss, ob ich Lasally nicht noch einmal selbst umbringe, wie seine Pferde. Meine Fragen um den genaueren Zusammenhang seiner Feindschaft gegen diesen Mann liess er unbeantwortet. Um Zeit zu gewinnen, dass er zu mir Vertrauen fasse, bat ich ihn, auf diesem Tische da am Fenster einen Brief schreiben zu durfen. Er ruckte mir Alles hin und schien ein Wohlgefallen daran zu finden, mir die Ordnung seiner Schreibmaterialien zu zeigen. Wahrend er hier auf dem Sopha ausgestreckt lag und eine Cigarre nach der andern halb anrauchte und dann zerknittert wegwarf, schrieb ich dort den Brief an dich. Als ich ihn zusammengelegt hatte, fing er an: Und war' es vielleicht besser, ich ginge nicht in's Zuchthaus? Muss denn Lasally Recht behalten? Ich antwortete ihm: Hackert, wie konnen Sie glauben, dass ich mit Jemanden zehn Minuten unter einem Dache zubringen, an seinem Tische sitzen und nicht Alles aufbieten wurde, um ein solches Ungluck abzuwenden? Wollen Sie Das? sagte er, immer noch mistrauisch. Es ist nicht um mich, mir mocht' es doch wol am dienlichsten sein, aber diese Menschen hier nebenan lieben mich. Die Louise macht ihren Bruder Karl auf mich zornig. Sie soll einem Andern gehoren. Ich kann sie nie lieben und hasse die Weiber, fliehe wenigstens die guten; aber diese Louise liebt an mir Das, was leidlich und wenigstens besser als mein ubriges Schlimmes ist. Sie will aus mir einen braven Kerl in ihrem Sinne machen, wozu ich Talent hatte, wenn ich wusste, wozu? Ein braver Kerl! Es ist das Langweiligste von der Welt! Fur mich so viel, wie Ihnen vielleicht das Wort: ein guter Burger in's Ohr klingt. Gott verdamm' mich! Ich wunschte, ich ware etwas Rechtes nein, nein, lassen Sie nur! Bezeugen Sie die Kugeln! Ich will in's Zuchthaus. Eine Bahn muss der Mensch haben. Menschen, die unglucklich lieben, sind Narren ... Tollhaus oder Zuchthaus!

Unglucklich lieben? Wen liebt er denn?

Er nannte seinen Gegenstand nicht. Aber was hindert mich, anzunehmen, dass es Melanie ist?

Siegbert horchte unglaubig auf ...

Erkenne auch darin einen Grund zu den bestimmten Ausserungen und Abmahnungen meines Briefes; fuhr Dankmar fort. Diese Melanie ist mit ihm erzogen worden ... Unvorsichtig genug galten Beide so lange fur Geschwister, bis sie eines Tages merkten, dass sie es nicht sind. Wenn ich aus dunklen Andeutungen mir eine Idee zusammensetzen darf, so glaub' ich, dass Hackert nur um Melanie aus dem Hause Schlurck's entfernt wurde und mit seiner verzehrenden, krankhaften Liebe fur seine ehemalige Gespielin der Familie eine Last und Qual ist.

Ich erstaune! Das hebt mir Hackerten! sagte Siegbert.

Melanie aber setzt es herab, antwortete Dankmar. Das wirst du eingestehen?

Ich fuhle so etwas!

Und ich freue mich, dass du meinen Brief nicht mehr fur grausam haltst. Endlich drang ich in Hakkert, mir die volle Wahrheit zu sagen. Ich verspreche ihm, sogleich zu Lasally zu gehen und Alles aufzubieten, ihn von einer weitern Verfolgung dieser Angelegenheit zuruckzubringen. Barmherzigkeit von diesem Schurken? rief er. Sehen Sie das Maal hier an der Stirn! Fuhlen Sie diese Ritze in der Kopfhaut! Denken Sie sich diesen Kopf mit Blut besudelt! Wollen Sie meinen Rucken sehen? Soll ich ihn entblossen? Wollen Sie die Sporen erkennen, die mir der Unmensch und seine Knechte in die Hufte traten?

Um Gotteswillen

Ich erschrak wie du uber die furchtbare Heftigkeit der Erinnerung an eine Brutalitat, die man sich mit dem kranken Menschen erlaubt hatte ... Ich begriff seine Rache. Seine Stimme war so grell, so kreischend geworden, dass Louise, nicht durch diese Thur, sondern von der Galerie hereinsturzte und in allen Mienen eine Besorgniss aussprach, die sich mir sehr bald als eine solche verrieth, die von ahnlichen Wuthausbruchen nicht uberrascht sein konnte, da sie haufig vorkamen. Ich gehe, Hackert, sagt' ich. Massigen Sie sich! Ich spreche mit Lasally. Wann kann ich Sie heute noch sehen? Er schwieg und stutzte den Kopf auf. Drinnen schlugen die Uhren des alten Mechanikers. Bim! Bim! wiederholte er die Schlage und zahlte weit uber zwolf hinaus. Wo ist Riekchen? fragte er wie abwesend. Als ihm Louise sagte: Sie wickelt mir Wolle, frug er: Und Hannchen? Die schlaft! sagte Louise. Kommen Sie doch hinuber! flusterte er dann mit schwacher Stimme und zog mich in das Zimmer, wo wir waren, den Weg, den wir selbst vorhin nahmen. Da sah ich denn diese Armuth, diese Beschrankung und als ich von sechs Geschwistern horte und dass die alle hier des Nachts Platz hatten, sagt' ich zweifelnd, dann komme ich heute Abend um neun Uhr. Das muss ich sehen. Ich bringe den Bruder mit. Ich offnete dann den Brief noch einmal und schrieb dir dieses Rendezvous. Er versprach mir nicht ausdrucklich hier zu sein. Aber Louise winkte, ich sollte nur kommen. Er wurde nicht fehlen. In solchen Stimmungen der Wehmuth kenne sie ihn ...

Und doch hat sich das arme Madchen geirrt! Horst du drinnen die Uhren schlagen? Es ist zehn ... Er ist nicht da ... Hast du denn bei Lasally etwas ausgerichtet?

Leider nein! antwortete Dankmar. Als ich den Brief bei Grun's abgegeben und selbst in der Eile gegessen hatte, ging ich auf die Reitbahn und widmete mich dieser Angelegenheit mit einem Eifer, der mich alle meine wichtigen eigenen Interessen vergessen liess.. Es war zwei Uhr. Ich horte, Lasally ware bei Schlurck's zu Tisch. Anfangs wollt' ich ihn erwarten. Der alte Levi, Lasally's Factotum, erzahlte mir, was ich schon wusste: Die Entdeckung des Urhebers eines an drei Pferden verubten Frevels

Durch Kugeln, die ihnen Hackert in die Ohren gleiten liess? wiederholte Siegbert, was ihm Dankmar erzahlt hatte. Das ist ja entsetzlich!

Siegbert sah das Bild dieser Scene als Maler vor sich. Er stand auf und ging, von seiner Phantasie gefoltert, hin und her ...

Komm! Komm! rief er. Ich kann mich mit Hackert nicht mehr aussohnen. Ich sehe diese gemordeten edlen Thiere immer vor mir! Ich denke mir eine wilde Jagd von Gerippen und Hackert auf diesen Gerippen ... geschleift von ihnen! Komm! Komm!

Beruhige dich! sagte Dankmar. Denke nicht mehr an diese Scene! Mach' es wie ich in Lasally's Reitschule ... Mich amusirten die Reitstudien einiger Hypochonder, die ihren Unterleib erschuttern wollten und einigemale kopfuber ihr Gehirn erschutterten. Junge Stutzer kamen mit silbernen Sporen und den elegantesten Reitgerten; sie setzten sich auf und im Nu war aller Pli, alle Haltung, aller Ubermuth hin; der Mund stand ihnen angstlich offen und zimperlicher waren sie als zwei allerliebste russische Kinder, die sich in Begleitung eines Bedienten auf den Pferden tummelten.

Russische Kinder? fragte Siegbert.

Ein junges Madchen besonders, in Amazonentracht, war so keck, so gewandt, dass sie sich auf einem gar nicht uberzahmen Pferde tummelte und wahrend des Galoppirens auf der Bahn wie eine Kunstreiterin erhob und die halbe Bahn entlang an dem Zugel sich schwenkte und im Stehen sich aufrecht erhalten konnte. Man nannte sie Olga, die Tochter einer Furstin Wasamskoi.

Siegbert voll stillen Erstaunens lachelte bedeutsam ...

Warum lachst du? fragte Dankmar. Mir wurde himmelangst uber das halsbrechende Manover.

Weil ich die Kleine kenne und Rurik, ihren Bruder ... Aber fahre fort!

Ich bin mit meiner Odyssee zu Ende; sagte Dankmar. Die kleine Russin interessirte mich so lange, bis ich merkte, die Kokette konnte sich, um ihre Reitkunste zu zeigen, mir zu Liebe den Hals brechen. Da ging ich wieder in den Stall, wo mich mehre alte Bekannte, Lieutnant Aldenhoven, Rittmeister von Astern und Andre veranlassten, mit ihnen auszureiten. Ich liess bei Levi die Bitte an Lasally zuruck, ihn noch heute sprechen zu konnen und ritt mit den Offizieren. Die Erholung war angenehm, was den Ritt und die Natur, lastig, was die Gesprache betraf. Die politische Reizbarkeit dieser Menschen nimmt in einem Grade zu, dass man mit ihnen nicht mehr verkehren kann. Die Entrustung, die man uber Major Werdeck, der uns heute fruh begegnete und den sie an uns vorbeireitend kaum grussten, weil er fur liberal gilt, ausserte, fuhrte fast zu Conflikten mit mir selbst. Doch beherrschte ich mich, da ich der mich druckenden Sorgen genug habe und keine neuen Verwickelungen wunschen kann. Wir verspateten uns bis gegen acht Uhr. Im Vorbeireiten vor Egon's Palais vernahmen wir leider die Nachricht von der traurigsten Verschlimmerung seiner Krankheit, und von Lasally, den ich in seiner Reitbahn fand, musst' ich denn eben jetzt auch horen, dass er von seinem Vorhaben gegen Hackert nicht abstehen wurde. Die Familie Schlurck, wisse er wohl, wolle alles Aufsehen vermeiden, er wisse wohl, dass sie Hackert schonen mochte, aber er sahe nicht ein, warum er Anstand nahme, dass gewisse Dinge an's Tageslicht kamen. Er war dabei so empfindlich, so gereizt gegen Melanie, dass ich furchten musste, mit ihm selbst mich zu uberwerfen. Seine Bemerkungen uber eine gewisse zweideutige Rolle, die ich in Hohenberg gespielt hatte, streiften nahe an's Verletzende. So kam ich denn her, um Hackerten zu veranlassen, mit Hulfe seiner hundert Thaler diese Gegend rasch zu verlassen oder mir durch ein aufrichtiges Gestandniss aller der Umstande, die sich auf seine Verhaltnisse zur Schlurck'schen Familie beziehen, die Mittel an die Hand zu geben, als Rechtsbeistand fur ihn aufzutreten.

Kaum hatte Dankmar diese, wie das ganze Gesprach gefuhrt wurde, im halblauten Tone gesprochenen Worte beendet, als sich plotzlich von unten her ein lautes, heftiges Larmen vernehmen liess, das von einem Zanke in den vorderen Hofen herzukommen schien.

Die Bruder horchten auf.

Einige abgerissene Worte konnten wol verstanden werden, aber der Zusammenhang des Streites war nicht gut aus dem Larm zu errathen. Soviel vernahm man wol, dass es nur eine einzige Stimme war, die allein das vorherrschende Wort zu fuhren schien und von den Andern mehr beschwichtigt wurde, als in gleicher Heftigkeit erwidert bekam.

Indem riss Louise die Thur auf und rief:

Um's Himmelswillen! Das ist Hackert!

Glauben Sie? Diese schreiende, gellende Stimme?

So tobt er im Zorn! Was ist ihm nur?

Das ist kein Zorn! Das ist Ubermuth! Horen Sie, er lacht! ... Er singt!

Die Bruder und das besorgte Madchen horchten.

Der Larm kam naher. Schon nahmen andere Hausbewohner an ihm Theil. Schon horte man Ausrufungen, wie:

Da hat ihn Einer! Packt ihn fest! Lasst ihn nicht los! So ist's recht! Fallen Sie nicht, Herr Mieths-Frass! Alte, dir geschah' es auch nach Verdienst, wenn er dir deinen Zopf ausrisse! Ha, ha, die Hausschlussel werden wohlfeiler! Setz' Sie doch den Preis herab; ein Hausschlussel kann auch einmal anderswohin, als auf Nr. 17 fuhren. Rutsch! Vorwarts!

Es ist Bartusch! sagte Louise beruhigter.

Nein! Auch Hackert! erganzte Dankmar.

Ja! Hackert, der mit Bartusch in Streit gerathen ist, sagte Louise.

Der Larm kam naher ...

Jetzt war Hackert mit Bartusch, denn dieser zog ihn wirklich hinter sich her, auf der obersten Galerie und die Mullrich mit der Laterne folgte schimpfend und mit ihrem Manne drohend, der leider schlafen musse ...

Schamen Sie sich in nachtschlafender Zeit einen solchen Larmen zu verfuhren, Herr Hackert! sagte Frau Mullrich. Was haben Sie sich denn zu beklagen, wenn Andre ihren Spass haben!

Spass, alter Cerberus? rief Hackert. Lach' du, wenn du deine Pfennige zahlst und recht viel Stiefeln zu flicken bekommst. Aber grinse nicht uber Besuche, die in Nr. 87 auf Nr. 86 warten. Wart', ich will Euch subtrahiren lehren.

Hackert, Sie sind im Rausch schamen Sie sich, wenn ein Freund zu Ihnen kommt lauteten Bartusch's beschwichtigende Worte.

Im Rausche bin ich, Gevatter, rief Hackert. Im Rausche! Lustig, morgen ist Hochzeit! Willst du Pathe sein? Ubermorgen ist Kindtaufe. Du alter Grauschimmel sollst mir zeigen, wo hier Nr. 17 ist. Schurke, was steht hier an der Thur, die ich jetzt aufschliesse? Steht da Nr. 17? Werden hier Besuche empfangen, die nicht mir gelten!

Sie sehen doch, dass Licht in Ihrem Zimmer ist? sagte Bartusch zitternd, wahrend es im ganzen aufgeregten Hause aus allen Fenstern und Thuren scholl:

Nummer Siebzehn! Nummer Siebzehn ist ausgezogen!

Man sah, dass Bartusch's nachtliche Wanderungen zur Maler-Guste kein Geheimniss waren ...

Festgehalten von Hackert, gezerrt am Rockkragen, geschuttelt wie ein Flederwisch, konnte Bartusch hier jetzt vielleicht das Ende seiner Tage erwarten; denn die ganze Bewohnerschaft nicht nur von Brandgasse Nr. 9, sondern auch von den ubrigen nachbarlichen Communalhausern hasste ihn und hatte sich an dem strengen Eintreiber der Miethen, der bei jedem Auszug die Miethe fur den Nachfolger steigerte, oft genug schon thatlich vergriffen.

Bartusch hoffte auf Rettung und Beistand durch die beiden Herren, die bei Louise Eisold warten sollten und ihm nach Dem, was Frau Mullrich von ihrem Gesprach an der Hausthur behalten hatte, nicht unbekannt sein konnten.

Licht in meinem Zimmer?.. sagte Hackert. Licht in Eurem Kopf wurde Euch besser sein! Heut' soll noch ganz anders illuminirt werden meine Haare mussen heut' noch in Feuer aufgehen, wie Ihr's mir langst gedroht habt. Die Laterne her, Cerberus!

Mit diesen der Mullrich zugerufenen Worten schloss Hackert die Thur von der Galerieseite auf und im aufgeregten, vielleicht halbtrunkenen Zustande, trat der uberhitzte, gluhende, exaltirte junge Mensch herein.

Bartusch und die Mullrich blieben im Schimmer der Laterne lieber auf der Galerie.

Louise hatte sich schon vorher entfernt und die Stubenthur rasch verriegelt.

Her, Ratte du! schrie Hackert, als er die beiden Bruder auf dem Sopha sitzend fand, wo ist hier Hochzeit? Ist Das Nr. 17? Kommst her, altes Fell, oder ich zieh's dir uber die Ohren, Maulwurf? Hast falsch gehorcht! Falsch spionirt, Spitzbube? Was?

Draussen aus allen Zimmern wurden diese Worte mit lautem Lachen und Hohn aufgenommen, sodass Bartusch nicht anders konnte, als sich auf's Bitten legen:

Hackert, ich beschwore Sie, so schweigen Sie doch endlich still, sagte er flehentlich. Ist Das der Dank fur die Wohlthaten, die ich Ihnen eben zu erweisen gedachte ... Guten Abend, meine Herren! Ach, lieber Himmel!.. Was seh' ich? Irr' ich nicht, so hatt' ich das Vergnugen

Ja, Herr Bartusch, begann Dankmar, ich bin Ihr Reisegefahrte von Hohenberg. Ich erstaune, Sie in einer solchen Situation wiederzusehen. Dies ist mein Bruder! Wie kommen Sie nur zu dem argerlichen Auftritt?

Bartusch, der bereits in Erfahrung gebracht hatte, dass das wahrend der ganzen Hohenberger Ruckreise auf Dankmar ausgebreitet gewesene Dunkel sich insoweit gelichtet hatte, als er in der That der Eigenthumer jenes Schreines war, uber welchen ihm der Justizrath, der ihn in so subtile Sachen nicht einblicken liess, keine nahere Auskunft gegeben hatte, aber nicht im entferntesten Prinz Egon war; Bartusch, der von Seiten Schlurck's ein Inserat in die Zeitung besorgt hatte, der Eigenthumer jenes Schreins sollte sich melden, hielt es fur durchaus unverfanglich und nutzlich, Dankmarn mit den fur Diesen erfreulichen Worten anzureden:

Jede Stunde haben wir Sie erwartet, Herr Wildungen!

Der Schrein ist in der That vom Justizrath aufgefunden worden und steht ja zu Ihrer Verfugung. Ach, ach! Diese Hohenberger Reise!

Dankmar fiel ein Stein vom Herzen und ein naturliches Gefuhl der Dankbarkeit war es, dass er Hackerten, der ihm etwas zudringlich und unverschamt Cigarren anbot und dabei in der That wie ein Trunkener grussend sich gebehrdete, unsanft abwies und ihm sein Geschrei und Poltern rugend vorhielt.

Entschuldigen Sie nur, Herr Maler, wandte sich Hackert etwas beschamt statt aller Antwort zu Siegbert; Ihr Herr Bruder ist mein Freund nicht und wird mein Freund nicht und in die Schule geh' ich nicht mehr. Excusez! He, Bartusch! Kommen Sie auf den Fortunaball? Was? Alle zusammen, meine Herren? Vier ist vier Mensch ist Thier und auf Vieren mein Plaisir!

O Gott! O Gott! rief die Mullrich, die mit der Laterne in der noch offenen Thur stand. Was soll daraus werden!

Und sich zu den neugierigen Horchern des Hauses zuruckwendend, rief sie:

Was steckt Ihr die Nasen aus der Thur? Ist's das erste mal, dass einer in der Brandgasse Nr. 9 in solchem Zustand nach Hause kommt?

Zustand? Flickschusterin, stell' Sie die Laterne dahin! schnaubte Hackert. Was fur ein Zustand? Ist Das ein Zustand, wenn man nach Hause kommt voll Amusement und solche Ratten springen gleich an Einen heran und grunzen: Oben bei Louise Eisold sitzen zwei Herren? Ist Das ein Zustand, wenn man dann so eine alte Vettel beim Wickel nimmt und den Freund von Nr. 17 und von Mutter Justizrathin mit dazu ?

Hackert! Hackert! Ich beschwore Sie! Was reden Sie! sagte Bartusch, der sich wieder am Rockkragen gepackt fuhlte; undankbarer Mensch! Wissen Sie, dass ich hier bin, Ihnen einen neuen Beweis der langmuthigen Geduld und Liebe dieser Justizrathin zu geben; wissen Sie, dass ich hier bin, um Ihnen ...

Er zog sein Portefeuille ...

Kein Geld! sagte Hackert und warf sich in die Brust. Wir brauchen nichts! Nicht wahr, Maler? Wir haben Freunde, die einen Becher Weins mit uns theilen? Kommen Sie mit auf den Fortunaball, meine Herren! Was?

Siegbert, statt aller Antwort, tief abgestossen von dieser wilden, thierischen Zugellosigkeit, griff in die Seitentasche und uberreichte dem verwahrlosten, ihm eine ganze Classe der zwischen dem Volk und der Bildung schwankenden Mittelschichten grosser Stadte darstellenden jungen Menschen sein Packet mit hundert Thalerscheinen.

Sie haben alle Ursache vergnugt zu sein, bemerkte dabei Siegbert bitter enttauscht. Wem die Hulfsmittel so zustromen ...

Und hier die gewissen drei Thaler, bemerkte Dankmar voll Entrustung. Da die drei Thaler fur den Kutscher!

Dankmar zog die Borse, aus der er drei harte Thaler nahm und auf den Tisch legte.

Sie wissen, was wir bedungen haben, im Walde hinter Tempelheide ...

Hackert stiess die drei Silberthaler von dem Tisch, dass sie auf den Boden hinrollten und katzenartig von der Mullrich unter dem Ausruf: O die Sunde! Die Sunde! aufgesucht wurden.

Geben Sie mir, wenn ich etwas verdient habe, setzte Hackert mit dumpfer Stimme hinzu, geben Sie mir ...

Nun, sagte Dankmar, ist's nicht so?

Geben Sie mir knirschte Hackert und stockte doch ...

Sie waren mein Kutscher, Herr Hackert! Entsinnen Sie sich nicht, drei Thaler Accord

Herr! schrie Hackert und stellte sich vor Dankmar mit einer Miene grimmigsten Zornes.

Nun? antwortete Dankmar, so entschlossen vortretend, dass ihn Siegbert halten musste.

Geben Sie mir ... Papier! sagte Hackert dumpf und fast in sich hinein und wandte sich an's Fenster, an das er trommelte.

Als Dankmar uber diese Ausserung, als eine Frechheit, noch mehr in Zorn gerieth, sagte Bartusch mit gekniffenem Lacheln:

Bitte! Sie wissen also noch nicht, Herr Wildungen, dass unser guter Herr Hackert eine Aversion vor gemunztem Gelde hat? Man sollt's nicht glauben! Alle Welt jammert uber das Papiergeld und achzt und stohnt, dass man kein baares Silber mehr zu sehen und zu horen bekommt. Und fur Herrn Hackert ist das Papiergeld ganz wie erfunden.

Er kann's Silber und Gold nicht vertragen. Aber Papier bekommt ihm. Das hort er gern knistern. Da Hackert'chen, da ist ein Funfzigthalerschein! Justizrath lasst Ihnen etwas sagen, was ich Ihnen nur in's Ohr wiederholen kann ... Komm, Fritzchen! Komm, Fritzchen! Sei doch ruhig und gib dich!

Aus allen diesen abgerissenen Reden stellte sich fast heraus, dass Hackert eigentlich in dieser Umgebung, wie sehr er eben auch gewaltthatig und wild verfahren war, wie ein Kranker behandelt wurde. Er hatte die Hande in den Rocktaschen, die Cigarre, ausgegangen, im Munde und stierte mit weissen Augen auf die Thur, die zu den Eisolds fuhrte und hinter der Louise verschwunden war ...

Sagen Sie's nur laut, begann er dumpf und unheimlich, ich weiss es schon, Bartusch, was der Alte will! Fort soll ich! Was? Von wegen der Reitpeitschen und was damit zusammenhangt! Nicht? Aber das Zuchthaus geht selbst fur die Spitzbuben nicht so rasch auf, wie die ehrlichen Leute meinen. Erst gibt's Vorkammerchen, wo inquirirt, geplaudert und aufgeschrieben wird. Protokoll Nr. 8, Nr. 9 oder Nr. 17, wenn's Ihnen susser klingt Fascikel sechse: Beklagter erzahlt die Grunde, warum ihn der Justizrath aus dem Hause geworfen hat. Was?

Bartusch wandte sich zu Dankmar, der uber diesen Typus absoluter Gemuthlosigkeit starr war, wahrend Siegbert sich in die abgerissene ganze Scene nicht finden konnte und die Mullrich immer noch behauptete, Einen von den drei Thalern .... konne sie nicht finden ...

Sagen Sie selbst, werther Herr, richtete Bartusch das Wort an Dankmar, ob Herr Hackert Recht thut, den Zorn Lasally's und der Reichmeyer'schen Familie abzuwarten? Sie kennen ja das Alles von unsrer Reise her. Er will die menschenfreundliche Absicht nicht nachempfinden, die mich hierher fuhrte, dass man ihm die Mittel gibt liebe Mullrich, haben Sie den Thaler gefunden? Gehen Sie nur jetzt! ... Sie verstehen mich, was ich meine, Herr Wildungen! Nicht wahr?

Vollkommen, sagte Dankmar, und ich stimme ganz dafur, dass Herr Hackert sich bei Zeiten aufmacht und zu allen Teufeln schert.

Menschenfreunde! bemerkte Hackert bitter. Barmherzige Samariter! Edle Seelen, die Jeden verwerfen, der in ihre Modelle nicht passt!

Aber noch bittrer fiel ihm Dankmar in's Wort:

Menschenfreunde? Wenigstens Thierfreunde sind wir! Abscheulicher! Spotten Sie nicht uber Dinge, die Andern heilig sein konnen. Ich finde den Vorschlag des Justizraths edel und lobenswerth und wenn ich Ihnen leider sagen muss, dass es mir nicht gelungen ist, Lasally von seinem Vorhaben abzubringen was bleibt Ihnen anders ubrig als

Dankmar sprach gedampft ... Plotzlich unterbrach ihn Hackert mit einem donnernden:

Ruhe hier!

Und mit diesen Worten sprang Hackert auf Dankmar wie eine Katze zu ...

Die Cigarre schleuderte er von sich.

Die Hande schlug er auf den Tisch, dass die Theetassen klirrten ...

Ruhe hier! schrie Hackert. Das ist meine Wohnung und ich bin Herr hier! Lasally ist ein Hund! Wer sagt Ihnen denn, dass ich vom Hunde einen Knochen haben will! Zuchthaus will ich. Wissen Sie, dass Lasally nicht daran denkt, meinetwegen mit den Gerichten auch nur einen Schreiberbogen a drei Groschen zu wechseln? Herr, es ist nun genug. Nimm deinen Funfzigthalerschein, graue Ratte! Geben Sie mir fur die drei harten Thaler Papier, Herr Prinz von Hohenberg! Ja, ich habe die drei Thaler verdient aber Papier! Papier gibt bessern Fidibus Und wenn Sie wissen wollen, warum ich lieber mein Vermogen immer in Papier bei mir habe? Wenn Einer ins Wasser fallt oder selbst hineinspringt, macht Papier nicht, dass man so schnell untergeht, wie mit Courant. Man behalt noch Zeit, diesem elenden Leben zu fluchen! Adieu!

Voll Unwillen und Abscheu vor einer so katzenartigen Natur, wie Hackert eben offenbarte, sprang Siegbert jetzt auf und drangte zum Gehen.

Komm, sagte er zu dem erschutterten Bruder, wenn irgend etwas davon wahr ist, was du mir von Hakkert's Reue und besserm Gefuhl erzahltest, und an des Bruders Worten zu zweifeln, hab' ich keinen Grund, so ist unter solchen Umstanden doch unsere langere Anwesenheit hier uberflussig ...

Hackert wandte sich dem Fenster zu und sah durch die Gitterstangen auf die Galerie hinaus ...

Dankmar nahm seinen Hut und bemerkte in einer sich selbst bekampfenden Ruhe:

Wird Sie Lasally verklagen?

Nein! sagte Hackert dumpf, aber fest.

Woher wissen Sie Das?

Ich weiss es ... seit einer halben Stunde weiss ich es.

Und nun bin ich Ihnen uberflussig?

Hackert schwieg.

Dankmar fasste sich und sprach voll bitterster Verachtung zu Siegbert:

Ich kann nicht leugnen, lieber Bruder, dass dein eigenes Interesse, das du an diesem starren und lieblosen Manne nahmst, mich verfuhrte, ihm gleichfalls meine Liebe und Theilnahme zuzuwenden. Ich erkenne an, wie Herr Hackert nicht begehrt hat, dass wir uns in seine Angelegenheiten mischen. Wir sind von Lauschern umgeben, wir revoltiren dies ganze Haus; ich sage nichts von der Schuld, die sich Herr Hackert vorzuwerfen hat; der gebietende Herr dieser vier Pfahle mag sich daruber mit seinem Gewissen abfinden. Gelang es ihm, die Gefahr, die ihm drohte, selbst abzuwenden, so kann er von Gluck sagen. Ich finde Das ganz in der Ordnung, dass man nun seine Freude nicht etwa mit einem Geldbeutel am Halse im nachsten Sumpfe, sondern mit geschenkten Tresorscheinen auf dem Fortunaball austobt. Gehen wir, um Herrn Hakkert nicht in seiner Toilette zu storen.

Als Dankmar nun wirklich Bartuschen fortziehen wollte und Hackert unbeweglich zum Fenster hinausstarrte und die Mullrich durch die eingetretene, criminalische Stille veranlasst wurde, lieber den langst gefundenen dritten Thaler auf den Tisch zu legen, als sich einer Untersuchung ihrer Schurzentasche preiszugeben, blieb Bartusch noch stehen. Er machte die Thur zu und gebot der Mullrich, mit der Laterne draussen auf der Galerie ihn zu erwarten.

Hackert, sagte er, die Thur noch einmal andruckend und mit klaglich flehender, weinerlicher Stimme. Fritzchen, ich darf nicht diese Schwelle verlassen, ehe ich nicht Gewissheit habe, dass diese verdrusslichen Storungen der Schlurck'schen Familie aufhoren. Lasally mag ein Amusement darin finden, Ihre eben nicht artige Behandlungsweise seiner Pferde auch deshalb offentlich zu machen, damit eine Familie compromittirt wird, die sich nicht entschliessen kann, ihn als Eidam anzunehmen. Machen Sie ein Ende mit diesen Abscheulichkeiten! Woher wissen Sie, dass Lasally nicht gegen Sie klagen wird?

Wie Bartusch geredet hatte, schlugen bei der Eisold'schen Familie drei Uhren durcheinander elf ...

Hackert horchte gespannt auf und sprach dann die Worte fast fur sich hin:

Neun zehn elf! ... Das Gewicht ist zu schwer ... Alter! Die zweite keucht ja ...! Zuviel Gewicht! ... Eisoldchen! ... Zuviel Gewicht! Nimm eine Kugel heraus!

Die drei Manner schwiegen uber dieses sonderbare Intermezzo ...

Warum hangen Kugeln in den ledernen Beuteln, die deine Gewichte ziehen? fuhr Hackert still fur sich fort. Deine Weiser sagen, was die Rader und der lederne Beutel wollen ... Das Herz ist so ein lederner Beutel, die Rader sind das Gehirn und dann schneide nur Einer auf dem Weiser die Fratzen, die die Welt schon nennt! Ha, ha! Hurrah! Da nicken sie schon wieder die Pferdekopfe! Die dummen Thiere wiehern, als wollten sie mit mir sprechen! Hurrah! Hussah!

Hackert, sprechen Sie vielmehr, fuhr Bartusch heraus, dem es in den entscheidenden Momenten gar nicht an Muth fehlte; was wissen Sie von Lasally?

Vogelchen, liebt die Justizrathin die graue Farbe? sagte Hackert mit unheimlicher gemassigter Stimme. Die Ohren eines Esels liebkosen kann nur Die, der Grau ihre Leibfarbe ist. Aber die Katzen konnen sie Alle nicht leiden. Lass sie nur! Lass die Justizrathin! Sorgt Euch nicht, die Mause nehmen uberhand, aber noch fressen sie Euch nicht! Tanzen wollen sie! Lachen! Fidelbogen streicht den Kummer weg! Wer geht mit auf den Fortunaball und lasst seine Mause im Kopf tanzen?

Diese Worte wurden so gesprochen, als wusste Hackert nicht mehr, wer zugegen war. Er suchte im Zimmer und sah sich die drei gegenwartigen Personen wie Fremde an.

Hackert, ich weiss sehr wohl, sagte Bartusch jetzt angstlicher zuruckweichend, wahrend ihm Hackert fast dicht in die Augen sah, Hackert, ich weiss sehr wohl, dass Sie kleinmuthig im Ungluck sind. Ihr Jubel ist nicht der der Verzweiflung was murmeln Sie da so! Sie wollen uns nur schrecken!

Nein, du schwarmerisches Einmaleins! rief Hackert laut lachend, als hatte er durch seine sonderbaren Geberden wirklich den grauen Aktuar nur angstigen wollen. Es ist keine Verzweiflung. Es ist Gluck. Meine Herren! Sie kennen diesen meinen vaterlichen Freund noch gar nicht. Sehen Sie, mein Haar ist roth, aber echt. Dem seines ist schwarz, aber ...

Er griff nach Bartusch's Perucke.

Hackert! rief Bartusch und hielt seine Perucke fest.

Dankmar schleuderte Hackerten mit den Worten zuruck:

Machen Sie ein Ende mit Herrn Bartusch ... Sie sehen, der Mann meint es besser mit Ihnen, als Sie's verdienen ...

Prinz! antwortete Hackert bedeutsam, stemmte die Arme ein und stellte sich vor ihn; moralisiren Sie nicht! Kommen Sie mit auf den Fortunaball, Durchlaucht! Die Clarinette soll klingen. Zum Teufel mit Euern Pferdegerippen! Was haltet Ihr mir vor, dass Menschen wahnsinnig sein konnen? Soll ich um nikkende und wiehernde Pferdegerippe kummervolle Nachte haben und nicht mehr fuhlen, was eine weiche Hand, eine volle Brust, ein Mund wie der der Gottinnen auf ein armes zerrissenes Herz fur Balsam traufeln kann? Bartusch, stecken Sie Ihre funfzig Thaler ein oder ich mache heute Fidibus fur meine Cigarre daraus. Lasally klagt nicht. Das ist abgemacht. Ich habe bessere Verbindungen als Sie Alle. Und nun Guten Abend, meine Herren! Die funfzig Thaler, Bartusch! Sagen Sie ja dem Alten, dass ich sie nicht genommen hatte! Horen Sie, dass Sie mir keine falschen Quittungen schreiben! Sie verstehen Das!

Sie sind heute toll und Ihr Elend wird im Narrenhaus enden! antwortete Bartusch verbissen und schickte sich an zum Gehen.

Leucht' ihm, Hausdrache! fuhr Hackert fort, indem er die Thur offnete. Haltet den Strick fest, dass er ihm nicht um den Hals geht! Passt auf Nr. 17, Frau Mullrich! Dass er nicht von Ungefahr hineintappt in die Maler-Guste! Wer noch Miethe schuldig ist, heraus, ihr Lammer, der Miethswolf ist da! Zahlt! Zahlt! Aber schlagt ihn nicht todt! Grosses Ungeziefer muss da sein, um das kleine zu vertilgen! Schlaft nicht, Frau Mullrich. Wir mussen heute noch hinaus auf den Fortunaball ...

So wollen wir Sie nicht storen, fiel Dankmar ein, flehentlich gezerrt von Bartusch, der nun ging und sich furchtete, allein zu gehen ...

Sie brechen sich den Hals, bleiben Sie, rief Hackert und hielt Dankmar zuruck, ich fuhre Sie nachher

Ich bitte, ich flehe, meine Herren, kommen Sie jetzt mit mir! winselte Bartusch. Wir regen das ganze Haus auf ...

Hackert hielt aber Siegberten zuruck.

Maler! Noch ein Wort! Sie bleiben, meine Herren!

Es war jetzt den Brudern fast, als hatte Hackert nur vor Bartusch Komodie gespielt und als wollte er ihnen nun erst sein wahres Gesicht allein zeigen ...

Meine Herren, es ist elf Uhr! Kommen Sie! flehte Bartusch dringender.

Frau Mullrich gedachte ihres Gatten, den sie wekken musste. Sie gedachte der spaten Ankommlinge, die moglicherweise vor dem Hause standen und Einlass begehrten und dann auf einmal eindrangen. Es entgingen ihr zuviel Pfennige durch langeres Warten.

Da es im Hause wirklich stiller geworden war, zog sie Bartuschen mit den Worten: Haben Sie doch keine Bange, Herr Bartusch! an die Treppe und gab ihm den Strick in die Hand und leuchtete ihm mit der Laterne an die Fusse, um ihm die erste Stufe zu zeigen ...

Bartusch ging schleichend, auf den Zehenspitzen, von dannen, immer noch in der Hoffnung, die Herren wurden folgen.

Sie wollen wirklich noch so spat auf den verrufenen Fortunaball gehen? begann jetzt Siegbert, der sich mit Betrubniss auch in die Stimmung der sicher lauschenden Louise Eisold versetzte und jetzt, da sie allein waren, von Hackert ein Abwerfen seiner Maske erwartete.

Meine Herren, sagte Hackert und warf sich erschopft aufs Sopha, wahrend die Gebruder Wildungen gespannt erwarteten, was er nun fur eine Miene zeigen wurde. Meine Herren, es stecken zwei Menschen in mir, ein Bettler und ein Konig. Sie kennen nun den Bettler! Kommen Sie mit auf den Fortunaball. Sie sollen den Konig kennen lernen.

Wir gestehen Ihnen Beide, sagte Dankmar, dass uns Ihre Bettlerstimmung von heute fruh mehr Vertrauen abgewann. Ich brachte den Bruder mit, weil ich glaubte, Sie wurden in der warmen Hingebung, die Sie mir heute zeigten, unser Vertrauen zu wurdigen wissen und die Hand, die wir Ihnen schon oft darboten, nicht so ubermuthig von sich stossen!

Sagen Sie mir Das morgen, erwiderte Hackert, und ich weine vielleicht wie ein Kind. Morgen hangen mir vielleicht die Flugel matt und schlaff. Ich jammere um meine Zukunft, ich geize und laure auf Erwerb, ich bin ein Hund, den man mit Fussen treten kann, Notabene morgen! Heute bin ich berauscht nicht von Wein! Ich trinke wenig Wein; nein vom Gluck. Jubeln, jauchzen, lachen mocht' ich, weil ich einen Becher wieder an meinen Lippen fuhlte mit dem kostlichsten Rebenblute des Glucks. Gluck macht mich toll. Sie nicht?

Wir bemitleiden Sie! sagte Dankmar und wollte gehen.

O Ihr habt mich gut bemitleiden! antwortete Hakkert. Euch sang eine Mutter an der Wiege und geregelt gingt Ihr Euren Lebensweg. Wenn ich Dem nachdenken wollte, raucht' ich keine Cigarre, dann lag' ich hier zusammengekrummt auf dem Sopha und achzte und wurde reif, betteln zu gehen, wie neulich in Tempelheide, als ich im Korne lag. Dann geht mir einmal wieder die Pforte des Paradieses auf und ich klirre mit meinen Ketten, verlache meinen Jammer, tummle mich wie ein Mensch und fuhle mich dem Starksten gleich. Ich kann Ihnen heute Nichts von meinem Leben vorwinseln; die nachste Gefahr ist voruber. Lasally wird schweigen und mein Blut ist in Wallung. Kommen Sie mit oder lassen Sie mich allein, bis Sie mich einmal todt oder so lebend wieder sehen, dass Ihre Theilnahme fur mich nicht von der Ubereinstimmung mit Ihrem eigenen Herzen abhangt.

Wahrend dieser Worte war Hackert aufgestanden und hatte sich unter dem Vorhang am Kleiderriegel einen Frack, eine Weste, einen Hut hervorgeholt und zog alle diese Gegenstande ohne Rucksicht auf seinen Besuch rasch und wie elektrisirt an.

Karl! schlafst du schon? rief er dann an die Nebenthur.

Eine feine Frauenstimme fragte mit leidendem Tone:

Was wunschen Sie, Herr Hackert?

Ich lasse das Licht brennen, Fraulein! Loschen Sie es aus. Gute Nacht!

Die Bruder sahen sich an und schuttelten den Kopf.

Sie wandten sich zum Gehen, ohne noch ein Wort zu sprechen. Dieser ungeregelten Natur fuhlten sie sich zu sehr entfremdet ...

Hackert folgte.

Als er aus seiner Thur Nr. 86 trat, kam aus dem auf gleiche Nummer laufenden Zimmer Herr Schmelzing hervorgeschossen und leuchtete.

Schlafst du noch nicht, altes Tintenfass? sagte Hakkert und ging voran, um den Weg zu zeigen.

Bei so lebendiger Conversation! hustete Schmelzing hoflich und schwanzelnd.

Die du hoffentlich nicht stenographirt hast? antwortete Hackert herabsteigend. Geh! Geh! Ich kenne den Weg. Mach' dass du deine Rollen fertig schreibst fur die Hoftragodie! Vergiss die Stichworter nicht! Nimm immer sechs Worte statt drei zum Stichwort, damit du viel Bogen zusammenbringst und die Schauspieler besser lernen! Verwelsche die Fremdworter nicht! Sei nicht gelehrter als die Dichter und verbessere nicht ihre Verse! Horst du?

Schmelzing, ganz frappirt von Hackert's elegantem Aufzug, wunschte den Herren eine hofliche gute Nacht. Die Bruder kletterten in der Dunkelheit den Weg nach, den ihnen der plotzlich wie verwandelte ehemalige Schreiber des Justizraths Schlurck angab. Nach langem Tasten, manchem Anrennen an Gerathschaften, die dem Wege in den Hofen zu nahe lagen, kamen sie an die Thur, die auf die Brandgasse fuhrte.

Hier klopfte Hackert stark und trommelte, sich niederbuckend, an das Fenster der Vizewirthin.

Schon aber kam Frau Mullrich mit dem grossen Hausschlussel.

Aber noch ehe sie aufschloss, sagte sie mit einer schlauen Verbeugung:

Macht drei Pfennige!

Siegbert gab, was er in der Eile griff. Frau Mullrich schloss nun erst auf und die Manner traten auf die Strasse ...

Ob sie ihrer drei zusammenbleiben werden? ...

Wie Frau Mullrich wieder die grosse schwere Thur zuwarf, trat Bartusch hinter der Thur hervor, die aus ihrem Keller auf die Hausflur fuhrte.

Es ist mir unbegreiflich, was mit dem Taugenichts vor sich gegangen ist! sagte er. Er geht auf den Fortunaball!

Wie schade, Herr Bartusch, antwortete die Mullrich, dass Sie nun selbst nicht hin konnen! Sie wollten doch da die Maler-Guste finden.

Reden Sie auch solche Sachen? sagte Bartusch, der grundlich argerlich schien, dass sich wahrend seiner Hohenberger Abwesenheit in der Brandgasse Nr. 9 so viel verandert hatte.

Und doch ist sie gewiss dort, sagte die Mullrich, Alles rennt ja hin schon Sechs hab' ich heute aus unserer hiesigen Armuth allein hinausgelassen mein Mann muss um zwolf auch hinaus und wenn Sie nicht

Lassen Sie mich durch Ihren Mann wissen, ob Nr. 17 dort zu finden war.

Verlassen Sie sich darauf! Aber, wie blass sehen Sie aus!

Der Arger mit diesem bosen Schlingel!

Sagen Sie mir nur was hat er denn in des Heilands Namen bei den Schlurck's fur eine Greuelthat mit

Gute Nacht, Frau Mullrich! war die seufzende Antwort.

Bartusch schnitt jedes weitere Forschen der Frau Mullrich ab, die heute so viel erlebt, so viel gehort und beobachtet hatte, dass sie eines sehr weitlauftigen Commentars bedurft hatte, um trotz ihres Scharfsinns sich alle geheimen Verbindungsfaden dieser Thatsachen zusammenzustricken.

Eben war Bartusch verdrusslich und sogar ohne Trinkgeld auf die Strasse getreten und noch glaubte Frau Mullrich seinen Tritt draussen schallen zu horen, als sie von der eben geschlossenen Thur sich entfernend durch eine weibliche zarte Hand aufgehalten wurde ...

Frau Mullrich war im Finstern. Denn bei dem Zufallen der Thur war ihr durch den Zugwind die Lampe ausgegangen ...

Ei, wer ist fragte sie erschrocken.

Machen Sie auf! wisperte es.

Wer? Wer ist da?

Machen sie auf!

Ach, wohl, Nr. 46, Fraulein Klapperfuss?

Da! da! Machen Sie auf!

Frau Mullrich fuhlte einen Groschen in der Hand.

Auch auf den Fortunaball? Aha! Aha! Nr. 35? Nicht wahr? Madame Hannemann? Schlaft denn auch Ihr Mann fest genug? Hi! Hi! Ei so lassen Sie doch sehen!

Da ist ja der Groschen! Machen Sie nur auf!

Ich will doch erst die Lampe

So enden Sie doch!

Nun! Nun! Nun! Wie hastig! Sie wollen den ersten Walzer nicht versaumen! Sa, Sa, ein Walzer! Wenn der hubsche Feldwebel wartet nicht wahr, Madame Drucker! Um vier kommen Sie doch wieder? Nicht wahr, Madame Schlimpanzer? Ihr Mannchen steht ja wol schon um funf Uhr auf. Verspaten Sie sich nicht, wenn er's nicht weiss, Madame Trubensee! Er frug mich neulich nach dem Feldwebel

Indem ging doch die Thur auf ...

Eine verhullte Gestalt huschte hinaus. Um den Hut hatte sie, um ihn wahrscheinlich unkenntlich zu machen, ein Tuch gebunden. Aber den Mantel!

Der Mantel verrieth sie! Frau Mullrich kannte alle Mantel des Vorderhauses und der drei Hinterhofe.

Ist's die Moglichkeit? Mamsell Nr. 87! rief sie.

Und in der unerschutterlichen, durch den karrirten

Mantel uber alle Zweifel sichern Gewissheit, dass Louise Eisold nur den beiden jungen Herren folgen konne, kroch sie boshaft lachend und den Kopf schuttelnd, in ihre Kellerhohle zuruck, zundete die Lampe wieder an, leuchtete nach der Uhr und bemerkte, dass es die hochste Zeit war, nun ihren Gatten zur Erfullung seiner polizeilichen Pflichten zu wecken. Auf den Anruf: Mannchen, du musst ja auf den Fortunaball! raffte sich dieser aus seinen sussesten Traumen empor, zog sich verschlafen, fast taumelnd die beste seiner Staatslivreen an und horte dabei nur halb, was ihm seine holde Gemahlin uber die mannichfaltigen denkwurdigen Vorfallenheiten dieses Abends erzahlte.

Achtes Capitel

Der Fortunaball

Nachdem sich die Bruder Wildungen vor der Thur der Brandgasse Nr. 9 von Hackert kurz und kalt getrennt hatten und sie in einer andern Richtung den Weg nach ihrer Wohnung einschlugen, begann Dankmar sein Bedauern auszusprechen, dass dieser Abend so ganz anders enden musste, als er ihn sich vorgestellt hatte.

Welche Vorwurfe mach' ich mir, sagte er, in dir wieder das Interesse fur diesen deinen "Proletarier" geweckt zu haben! Gibt es einen erbarmlicheren, jammerlicheren Gesellen! Und um eine solche verwahrloste, unsittliche, tollgewordene Natur fuhr' ich dich in diese Hohlen des Jammers und zeige dir, dass hier nicht blos Elend, sondern auch Luge, Verstellung, Geiz, Schlemmerei, Nichtswurdigkeit und jedes Laster wohnt, wie wir es nur bei den Reichen und Gebildeten vorauszusetzen gewohnt sind.

Siegbert fuhlte, dass ihm Dankmar seine Abneigung gegen die sogenannte "soziale Frage" zu verstehen geben wollte ...

Das Bild des armen Madchens mit ihren Geschwistern war aber doch rein und ungetrubt! sagte er, um sich des Dranges, dem Bruder beistimmen zu mussen, einigermassen zu erwehren.

Ich weiss nicht, antwortete Dankmar. Auch diese Farben werden mir vor den Augen grau. Wir gingen gewiss nicht ohne Grund von der Voraussetzung aus, dass Louise fur diesen Miethsbewohner ein warmes, menschliches Interesse hegt und wenn sie an einer solchen bizarren, krampfhaften und lieblosen Personlichkeit Gefallen findet, so vermiss' ich dabei Alles, was mir diese Empfindung achtbar und ehrenwerth erscheinen lasst.

Wir gingen vielleicht schon darin zu weit, eine solche Beziehung vorauszusetzen, sagte Siegbert. Von Hackert's Seite schien irgend eine Rucksicht auf seine Nachbarin gar nicht angenommen zu werden, und es war mehr sein Ubermuth und seine Spottlust, dass er der Verdachtigung des Madchens durch den alten hamisch schleichenden Bartusch, wie du ihn nennst, die Strafe auferlegte, uns in seinem Zimmer zu finden. Auch hatte ihm dieser eine Mittheilung im Vertrauen zu machen, wodurch mir seine Herbeifuhrung des Alten in ganz anderm Lichte erscheint, als wenn ich annehmen musste, er hatte fur die Ehre seiner Nachbarin eintreten wollen.

Bei alledem bin ich erstaunt, sagte Dankmar, indem sie die Brandgasse verliessen, wie Hackert Lasally's so gewiss sein kann! Wer hat ihm die Versicherung gegeben, dass keine Anklage stattfinden wird? Noch vor wenig Stunden fand ich jenen Mann auf's Ausserste erbittert.

Wenn du eingestehst, dass hier etwas rathselhaft ist, bemerkte Siegbert, so mocht' ich noch, um den fatalen Eindruck der eben erlebten Scene zu mildern, hinzufugen, dass sie uns doch wol nur als eine neue Bestatigung der Wahrheit dienen kann, wie im Grunde jeder Mensch nach seinem eignen Standpunkte beurtheilt werden muss. Wir haben uns uber diesen Hackert in so vielerlei, theilweise sich sogar widersprechende Empfindungen hineinraisonnirt, dass wir gleichsam mit Gewalt verlangen, sein Charakter musse nun auch allen Voraussetzungen, die wir von ihm haben, entsprechen. Wir dachten uns nach den Pramissen des Vormittags am Abend eine ruhrende Scene. Ein unglucklicher Nachtwandler, in Gefahr, fur eine bose, rachsuchtige Handlung, die er langst zu bereuen scheint, bestraft zu werden, wird uns seine Geschichte erzahlen. Man ist auf diesen Empfang vorbereitet.. Da stehen Tassen und siedendes Theewasser, ich esse schon im voraus den fur diese gemuthliche Scene bestimmten Braten und nun kommt der Hauptheld, ein vollig anderer, alle unsere Ideen durch den tollsten Ruckfall in eine uns nicht homogene Natur durchkreuzend! An wem liegt da mehr die Schuld? An unserer Kurzsichtigkeit oder an dem wunderlichen Charakter, dessen rechten Schwerpunkt, dessen eigentlichen Schlussel wir noch nicht entdeckt haben?

Dein milder Sinn ist auf dem bestem Wege, sich diesem Taugenichts unterzuordnen, sagte Dankmar. Dieser Hallunk weiss, dass wir die Absicht hatten, zu ihm zu kommen und benimmt sich wie ein Gentleman, der sich nicht einmal entschuldigt, wenn Andere auf ihn warten

Der Thee und der Braten waren leider nur eine Idee des Madchens

Gut! sagte Dankmar. Ich werfe den Unglucklichen zu jenen immer nur als halbfertig erscheinenden Menschen, die im Ungluck feige winseln und im Glucke sich hochfahrend ubernehmen. Es fehlt ihm die Herrschaft des Geistes uber sich selbst. Es ist der Mensch des thierischen Instinktes. Und ist Hackert nicht eigentlich der Ausdruck des Volkes selbst? Jammervoll genug, dass man eingestehen muss, wir malen uns den Charakter der Massen ganz anders, als sie sind! Nimm den Bauer; wie tuckisch, wie hamisch, wie kurzsichtig, wie verschlagen! Nimm die halbe Bildung; wie eitel, wie prahlerisch, wie lugnerisch, wie falsch! Wir pinseln uns etwas vor vom Volke. Es ist nicht so, wie es die Touristen und Genremaler geben wollen. Die treueste Magd, die ganz Liebe und Hingebung fur ihre Herrschaft scheint, pruhstet wie eine Katze auf, wenn ihr "Weihnachten" zu gering ausfallt. Egoismus regiert Alle und ich stelle mir eigentlich als Politiker die Aufgabe, Hackerten fur das schwankende, unreife, halbfertige, oft grossartige, dann wieder kleinliche, bald herausfordernde, bald feige, bald ruhrende, bald abstossende, bald poetische, bald prosaische, nachtwandelnde, ahnungsvolle und am Tage geistig verschlafene Volk zu nehmen und mir zu sagen: Wie bandigt man das? Wie bessert man das? Doch sprechen wir nicht mehr von ihm.

Die Bruder waren eben im Begriff, am Schlurkk'schen Hause voruber zu gehen, an dem man Alles still und dunkel sah mit Ausnahme eines einzigen kleinen Fensters im dritten Stock ...

Es war vielleicht Melanie's Schlafzimmer ...

Und wenn sie sich tauschten eher mochte es das Zimmer Bartusch's sein, wo auf dessen Ruckkehr eine brennende Lampe wartete sie blieben doch einige Augenblicke voll Wehmuth stehen und gedachten aller Tauschungen ihres heute so mannichfach gepruften Herzens ...

Dann gingen sie seufzend weiter.

Bei alledem, sagte Dankmar nach einer Weile, wahrend sie die schon leeren Strassen durchschritten, ist es mir lieb, von diesem Graurock die Bestatigung jener Angabe uber meinen Schrein zu horen, die ich dem Prinzen Egon verdanke Morgen in aller Fruhe geh' ich doch ich rede von Dingen, die ich dir nun mittheilen sollte, wusste ich nur an der rechten Stelle anzufangen

Bleib bei dem Prinzen Egon, sagte Siegbert. Denn auch ich habe eine Beziehung zu ihm. Sie betrifft das Bild, das du mir zu sorgsamerer Obhut empfohlen hast ...

Das Bild und du? antwortete Dankmar erstaunt.

Wahrend die Bruder uber die stillen Strassen gingen, erzahlte Siegbert seine Beruhrung mit Rudhard, dessen Anliegen und eigenthumliche Anspruche auf jenes Bild, uber das sich Siegbert hutete nach seinen eignen Entdeckungen zu sprechen. Denn da ihm doch daran lag, seinem innern Triebe zu folgen und die Ubergabe des Bildes an Egon's Lehrer und Erzieher wirklich zu vermitteln, so nahm er sich wohl in Acht, seinen in solchen Fragen nicht wie er besonders bedenklichen Bruder darauf aufmerksam zu machen, dass er das Geheimniss wirklich entdeckt, ja sogar Enthullungen uber ihre eigene Familie gefunden hatte. Verrathst du davon etwas, dachte er, so wird Dankmar Anstand nehmen, durch freiwilliges Herausgeben Das wieder gut zu machen, was Rudhard in seinen Anspruchen auf jene Prufung und Mitwissenschaft eigentlich doch wol verscherzt hat.

Vor dem Egon'schen Palais stand ein kleiner Einspanner. Dankmar noch ganz erfullt von der sonderbaren Wendung, die das Schicksal jenes Bildes plotzlich nehmen sollte, fragte den Kutscher, ob er nichts von dem Befinden des jungen Prinzen melden konnte.

Dieser gab die kurze Antwort, er stunde hier nur, um zwei Damen auf den Fortunaball zu fahren ...

Der Blick auf die Wasamskoi'sche Familie, auf die Ankunft der d'Azimont, Alles, was Siegbert uber Rudhard, uber Anna von Harder erzahlen konnte, regte Dankmarn so auf, dass er statt heiter eher verdrusslich wurde.

Welche Last, rief er halb scherzhaft, halb wirklich unwillig aus, welches Bleigewicht bindet uns das Schicksal an die Fusse und hindert uns im eigenen Gehen! Ich wusste nur zwei Dinge, die mich wahrhaft erfreuen und beschaftigen sollten, meine Angeroder Papiere zuruckzufordern und jenen Amerikaner und seinen Knaben aufzusuchen, die, ich weiss es, an mir das warmste Interesse nehmen und von allen diesen Vorsatzen, die meinem Herzen am nachsten liegen, ziehen mich die starken Seile immer neuer Verwickelungen ab! Wie froh bin ich, dass ich in vergangener Nacht so eisern geschlafen habe! Denn die Aussicht, morgen jenen Rudhard zu begrussen, von dem ich des Guten soviel erfuhr, ihm getrost jenes Bild zu uberlassen, an das sich mir das hoffentlich in kurzer Zeit mogliche Wiedersehen des unstreitig achten aber mit den fabelhaftesten Rathseln umsponnenen Prinzen knupfen wird, das Alles lasst mir keine Ruhe und ich sehe, ich werde mich unschlussig und innerlichst gepeinigt auf dem Lager hin- und herwerfen. Wie verwunsch' ich diesen Hackert! Wie ein Irrlicht hat er mich heute von meinem vorgezeichneten Wege verlockt, und wenn ich ihm auch verdanke, dass ich uber die Nacht im Heidekruge einiges Licht erhielt

Sei still, Bruder! unterbrach ihn Siegbert scherzend. Aus dem einen Irrlicht werden hundert! Ich glaube nicht, dass wir dem bunten Schimmer da unten in der neuen Feldstrasse werden ausweichen konnen. Sieh nur, wie die Menschen dort hinstromen und die Wagen fahren! Das ist die Fortuna, bunt erleuchtet mit chinesischen Ballons! Ich erlebe, dass wir mit in den Strudel gerathen, uns am Eingang des Gartens ein Billet kaufen und das venetianische Maskenfest, wie es an allen Strassenecken angekundigt ist, auf eine Viertelstunde naher mit in Augenschein nehmen.

Dankmar konnte in der That nicht umhin, den verlockenden Reiz dieses bunten nachtlichen Prospektes am noch weit entlegenen Ende der neuen Feldstrasse anzuerkennen ...

Diese vergnugungssuchtige Bevolkerung! schmahte er. Sie werfen den Sommer in den Winter und den Winter in den Sommer! Die Politik hatte alle Meinungen gespalten und ein erfinderischer Unternehmer weiss sie alle wieder um bunte Lampen und die Polkaklange der Blechmusik zu versammeln. Pfui! Sieh diese kichernden Madchen, die ihre Larven in den Handen tragen! Wollt Ihr auch auf der Kugel der Fortuna tanzen, Ihr Schmetterlinge! Der Tanz auf einer Kugel ist schwer

Immer rund rund rund! antwortete ein Trupp von einem halben Dutzend "Nahterinnen", die ihre luftigen Rocke hoher gebunden hatten, damit sie nicht den Staub der Strasse fegten ...

Der Umweg zu unserer Frau Schievelbein, die seit einiger Zeit mein Schwarmen gewohnt ist, sagte Siegbert, wird nicht zu gross sein. Sehen wir wenigstens einmal von aussen diesen Tempel der Freude an und finden wir einen Ruheplatz, so schuttest du vielleicht endlich dein Herz aus und erzahlst mir die Hohenberger Reise!

Die Bruder lenkten seitwarts in die neue Feldgasse ein, die sich fast unabsehbar in die Lange zog und am aussersten Ende, dicht beim Thore schon, die besuchtesten Vergnugungsorter der Stadt enthielt.

Die Fortuna war das neueste und grosste Etablissement dieser Art. Der Schein-Besitzer desselben, ein bankrotter Kaufmann, war ein anschlagiger Kopf, der den Charakter der genusssuchtigen Bevolkerung zu treffen wusste und mit bunten Strassenplacaten und den wunderlichsten Namen fur seine Festivitaten die Vergnugungslust immer in Athem erhielt. Seine neue Anlage, die Fortuna, war nach englischem Muster gebaut. Hier fanden sich Garten und Sale, Galerieen, Logen, von denen man in die Sale hinabblickte, Tunnels, Schaukeln, Carrousels, Rutschberge, kurz eine ganze kleine Welt, die, so lange kein anderes Etablissement dieses neue verdrangte, in der Vogue war.

Das fur heute angesagte grosse venetianische Maskenfest im Freien fand trotz der allgemeinen Klage uber die bedrangten Zeiten und die Unsicherheit der Zustande den lebhaftesten Zuspruch. Eine Menge von Wagen standen vor dem Eingang, den helle Gasflammen magisch erleuchteten. Die goldene Kugel, die auf der Fortuna uber dem Eingange schwebte, schimmerte im blendendsten Lichte. Von etwa aussteigenden Charaktermasken war keine Rede. Ein Jeder kam in seiner ublichen Toilette. Nur die Spekulation des Wirthes verband mit dem niedrigen Eintrittspreise noch die Nothwendigkeit, dass sich Jeder eine Maske kaufen musste. Bis zwolf Uhr sollte Jeder maskirt sein, worauf jedoch nur an der zweiten Einlassthur festbestanden wurde. Jeder Unmaskirte musste zuruck oder sich mindestens eine Wange oder eine Nase kaufen. Der Polizei war mit dieser Verordnung wie uberhaupt mit den Fortunaballen sehr gedient. Sie lockte alle Gauner aus ihren Spelunken. Da sie maskirt kommen durften, blieben die, die ihr Signalement furchteten, nicht zuruck. Wenn die Vergnugungslust nicht schon von selbst die Fallen aufstellte, wo die meisten Verdachtigen gefangen wurden, sie hatten mussen vom Staate im Interesse der offentlichen Sicherheit aufgestellt werden. Ohne die Unmoralitat soll leider die Moral nicht bestehen konnen.

Das Gewirre der Wagen vor der Pforte, das Geschwirre der luftigen Vogel, die unter Fortunens goldner Kugel in die bunterleuchteten Garten einzogen, das Schreien der Jungen, die die Wagen offneten, die schmetternden Trompeten und die Paukenwirbel der Ballmusik, alles Das gab so sehr ein den Begriff der Nacht und das Bedurfniss nachtlicher Ruhe verscheuchendes Durcheinander, dass die Bruder fast willenlos mit in die allgemeine Stromung geriethen und an der Kasse ein Billet, in der Garderobe zwei Stirnen und Nasen mit grossen schwarzen Schnurrbarten kauften und beschlossen, sich einen stillen Gartenplatz zu suchen. Der Frack war hier keine Nothwendigkeit und die Glaceehandschuhe mussten schon der druckenden Hitze weichen.

Ah bah! Holen wir unser Grun'sches Diner nach! sagte Dankmar heiter erregt. Was plagen wir uns! Vive la bagatelle! Ich erzahle dir meine Hohenberger Abenteuer.

Siegbert dagegen fuhlte sich in dem Menschenstrom beengt und lachelte etwas zaghaft, was ihm, wie Dankmar ihm sehr glaubwurdig versicherte, unter der gewaltigen Nase mit den schwarzen Pferdehaaren philisterhaft komisch stand.

Eine so neue Gartenanlage konnte naturlich nur sehr durftig sein. Die Beete boten verwelkte Blumen und zertretenes Gras. Wo die Baume hatten schatten sollen, waren leinene Zeltdacher aufgespannt. Aber die schimmernden, grunen, rothen, gelben Ballons gaben aller Durftigkeit ein freundlicheres Ansehen. Eine Grotte von Blumen, berieselt von einem Wasserfall und erleuchtet von einer grossen Sonne aus einigen hundert Lampen, machte in der That einen grandiosen Effekt und verdiente das Staunen, das sich auf den Rembrandtisch erleuchteten Gesichtern, die herumstanden, rings zu erkennen gab. Rechts und links fuhrte der Garten in dunklere Partien, die nicht minder belebt waren und wie man horte, im zweiten Theile des Festes ganz besonders gesucht sein sollten. Geradeaus fuhrten Stufen, die links und rechts von Candelabern erleuchtet waren, zu einem wirklich im Lichte schwimmenden brillanten gewaltigen Tanzsaale, wo sich Hundert von Paaren schon in wildem Galopp tummelten und die rauschendste Blechmusik schmetternd von den Wanden widerhallte.

Hierher also zog es Hackerten! sagte Siegbert, indem er auf den ersten Blick gleich nach ihm suchte. Kein Wunder, dass es ihm hier mehr gefallt als im vergitterten Galeriezimmer des dritten Hofes Brandgasse Nr. 9, neben einer Stube schnarchender Kinder und den gespenstischen Uhrschlagen, die an die schnellverrinnende Zeit und an den Tod erinnern.

Auch Dankmar hatte Hackerten noch nicht gesehen.

Hier und dort fesselte ihn eine Bekanntschaft; da ein Offizier in Civil, hier ein junger Advokat, dort sogar ein junger Gelehrter, der durch die Brille mit zusammengekniffenen Augen lachelnd uber die wilden Massen objektiv philosophirte. Siegbert fand einige Maler, die da behaupteten, Modelle zu suchen. Die Mehrzahl aber gehorte der dienenden und arbeitenden Klasse an. Hier war die Frage vom Proletariat zwar nicht gelost oder widerlegt, aber doch eine Weile suspendirt.

Was dein Franzose Louis Armand wol uber einen solchen Ball sagte? flusterte Dankmar dem Bruder zu. Ich furchte, er sieht in diesen Polkas und Cotillons die blosse Desperation der arbeitenden Klassen.

Siegbert, statt darauf zu antworten, zeigte dem Bruder die geschmackvolle pompejanische Malerei des Saales, die hubsche Einrichtung der Logen, durch die man durch versteckte Hintertreppen gelangte, das wirklich Gefallige und Kunstgerechte, das sich heutiges Tages bis in die gewohnlichsten Bauten erstreckt und den, freilich auch bedenklichen Schonheitssinn der Massen nur entwickeln kann.

Die Hitze war indessen hier trotz der geoffneten Thuren und Fenster so erstickend, dass die Bruder wieder in den Garten zuruckkehrten und sich ernstlich nach einem Platzchen umsahen, wo sie einigermassen ungestort sich unterhalten konnten. Sie fanden ein solches, wenn auch ziemlich entlegen, in jenen unheimlichen dustern Regionen, wo nur die Liebenden sich wohlbefanden. Die Trompeten und Pauken drohnten hier nicht mehr so ohrenerschutternd heruber. Es war ein einfacher Tisch, den sie fanden, mit zwei Stuhlen an einem vielleicht erst vor einigen Monaten eingesetzten Apfelbaum, der vielleicht noch nicht zwei Bluten getragen hatte, aber ein

Stachelbeerstrauch bot doch eine Art Ruckwand und vor allen Dingen man konnte hier sein eigenes Wort verstehen.

Wollte Siegbert eben die Bemerkung machen, es kame ihm hier vor wie an der Kegelbahn im Pelikan, so musste Dankmar's Zustimmung zu dieser Vergleichung um so treffender sein, als die Bruder zu ihrem grossten Erstaunen in dem Kellner, den sie anriefen, ihnen Wein und die Speisekarte zu bringen, Niemanden anders erkannten als den leiblichen Ehegatten der Kathrine Bollweiler aus dem Pelikan, den Angeroder Fuhrmann Peters!

Aber Peters, ist es denn moglich, Sie hier? riefen die Bruder.

Ach, du mein Himmel! war Peters' ganze auf den Lippen ersterbende Antwort.

Sie hier in der kurzen Kellnerjacke? Was ist Das? sagte Dankmar lachend.

Ja! Ja! stammelte Peters. Was ist Das? So heisst's immer auf die zehn Gebote. Und die zehn Gebote hab' ich immer perfekt gekonnt; aber beim Was ist Das? Da hab' ich immer gestockt. Ja, ja! Was ist Das?

Peters, Sie sind melancholisch? Freuen Sie sich denn nicht, dass ich da bin? Sagte Ihnen denn Hitzreuter, der dicke Pelikanwirth, dass Alles in Ordnung ist? Wo waren Sie denn gestern?

Gestern wo ich heute bin!

Sie sind Kellner in der Fortuna geworden! Ist es moglich! Wie hangt Das zusammen? Haben Sie denn den Bello noch erkannt?

Lahm ist lahm und hier soll Einer flink sein ...

Peters Aufwarter auf dem Fortunaball! Aber wo ist denn die Kathrine?

Unten im Tunnel!

Im Tunnel? Peters, ich glaube wir traumen oder den Pelikan hat man hier in die Fortuna verlegt ...

Der Pelikan ist ein Thier, das sich die Brust aufreisst fur seine Jungen, fiel Siegbert ein. Sie haben ja keine Kinder, Peters! Wie kommen Sie ...

Der Pelikan vorm Tempelheider Thor hat sich auch die Brust aufgerissen, aber fur seinen Bruder ... sagte Peters mit einer sonderbaren Melancholie.

Aufklarung, Peters! Das ist uns zu gelehrt! Zuviel Fuhrmannslatein!

Mein Dicker hat das Geld hergeliehen fur einen neuen dummen Streich, den sein Bruder macht erklarte Peters.

Ist Hitzreuter der Bruder des Hitz Ah! Richtig! Sind die Hitzreuter's Bruder?

Das sehen Sie ja! Wo soll das Geld herkommen fur die Fortuna? Der Pelikan hat auf die goldene Kugel da vorn eine Hypothek von funftausend Thalern.

Und auf dieser Kugel rollte auch die Kathrine in den Tunnel und Peters

In die Marqueurjacke! sagte Peters tiefaufseufzend mit einem schmerzzerrissenen Blick zum Sternenhimmel.

Aber das scheint Ihnen nicht zu behagen, Peters? Kein Wort uber Bello? Nichts von dem Schrein? Keine Frage nach Euren ehrlichen Zeck's? Peters, was habt Ihr?

Was ich habe, ist Alles eins; aber Sie haben den Schrein und dafur bin ich auf die Knie gefallen und habe Gott und allen himmlischen Heerscharen gedankt.

Ja, Peters, wir wissen wenigstens, wer den Schrein gefunden hat. Der Justizrath Schlurck hat ihn gefunden und morgen am Tage wird er in unser Palais gefahren.

Hort' ich Alles schon vom Hitzreuter; aber wie der Justizrath ihn hat finden konnen

Ist Euch nicht klar, Peters? Auch mir noch nicht. Aber gesteht nur, eine Achse, die Einem vor der Nase bricht und ein Rad, das Einem auf den Kopf fallt, nimmt die Sinne Ihr hattet sie alle funf verloren.

Mag wol! Ich war elend und mocht's nicht sagen. Es war meine letzte Fahrt.. Angerode seh' ich nicht wieder und Das muss ein Gluck sein. Fortuna ist ja wol die Gluckshexe was?

Richtig verdeutscht! Nicht mehr und nicht weniger. Aber zum Gluck macht man kein so saures Gesicht wie Ihr?

Und Siegbert, der wohl verstand, was den Armen in der Jacke druckte und dem als Maler die Poesie des deutschen Fuhrmannslebens gegenwartig war, setzte zu diesen Worten Dankmar's hinzu:

Ihr waret lieber Fuhrmann geblieben? Das seh' ich, Peters.

Das mocht's wol sein, entgegnete Peters mit einem sichtlichen Ausdruck von verbissenem Kummer. O die liebe Zeit! Ich schame mich! ...

Nach einem aus tiefster Brust gezogenen Seufzer fragte er die Herren, was sie denn nun "schafften"? und zog dabei mit einer Art von stiller Wehmuth langsam und wie verstohlen den Speisezettel aus der Brusttasche.

Dankmar fand dies Bild sehr komisch.

Peters, begann er, wenn Sie diesen Beruf wider Ihren Willen ergriffen haben setzen Sie sich doch! Sagen Sie uns doch

Du mein Himmel, ich setzen? Wie darf ich mich unterstehen und mich hierher setzen?

Seit wann treiben Sie denn dies Ihren Wunschen nichtentsprechende Metier?

Erst seit drei Tagen. Die Fuhren zwischen hier und Angerode horen auf! Die Ausspannung im Pelikan ist nicht mehr der Rede werth; der dicke Hitzreuter hat Das so mit seinem Bruder abgemacht und wenn ich's auch nicht wollte, die Kathrine will's.

Die Kathrine! Die will's? Peters, Ihr ein Fuhrmann, ein Freiherr der Landstrasse, Besitzer einer sechsstrahnigen Peitsche und die Kathrine will's?

Das ist wahr! Freiherr war ich! Wenn ich mit meinen Gaulen auf der Landstrasse fuhr, die Dorfer schon von fern mit meiner Peitsche grusste, wenn der Schmied schielend und prufend auf meine Rader sah und ich mit dem Schellengeklingel der Pferde, die mit ihren ledernen Kummten ordentlich den Kopf schuttelten und Nichts! sagten, ich auch Nichts! sagte und Alles stolz und solid und im besten Geschirr war

Bis einmal eine Achse brach und ein gewisser Schrein gestohlen wurde fuhr Dankmar humoristisch fort.

Ja, Das war meine letzte Fahrt! Ich wusst' es nicht, aber keine Schraube war mehr in Ordnung: am Wagen nicht und im Kopf nicht. Ich wusste nicht, was ich hinfort nun noch im Leben soll und hatt' ich ahnen konnen, dass mir mein Gevatter Hitzreuter diese Jacke anziehen wurde, wer weiss

Aber bester Freund, sagte Dankmar, Ihr Ehrgeiz ist hochst achtungswerth, theilt ihn denn Ihre Frau nicht?

Meine Frau! sagte Peters ergrimmt ... Heute Vormittag wollt' ich Sie ja einmal besuchen ...

Schon! erganzte Siegbert, die Schievelbein sagte mir's! Es thut uns wahrhaft leid Sie haben Kummer und beklagen sich uber Ihr Weib. Was ist Das?

Was ist Das? Immer was ist Das? So heisst's immer hinter den zehn Geboten! Die konnt' ich, aber was ist Das? nicht. Ich komme noch zu Ihnen derohalben ... fur heute, sagen Sie mir, was Sie anschaffen? Der Rindsbraten soll gut sein und vom franzosischen Wein sind alle gangbaren Sorten da. Die Namen kann ich nicht lesen, aber wenn Sie recht deutlich Ihre Worte sagen, behalt' ich sie schon

Wohlan! Eine Chateau Margeaux

Schatten Margo ... wiederholte Peters mit grosser Unsicherheit; und Rindsbraten Was? Nicht wahr?

Gut behalten ... Peters macht sich!

Bleiben Sie aber ja hier damit ich mich zurecht finde! Seit den drei Tagen hier in der Fortuna wird meine Grutze im Kopf immer dunner. Das halt' Einer aus hier in dem Sundenspektakel!

Peters ging, schwerfallig wie seine Gaule.

Dankmar musste herzlich lachen, wahrend Siegbert wahrhaftes Mitleid mit dem armen neubackenen Kellner empfand.

Ich hatte nie gedacht, dass dieser Mensch ein solcher Esel ist, sagte Dankmar und doch bin ich nun fast gewiss, dass ihn die durchtriebenen Zeck's in Plessen gefoppt haben.

Du urtheilst zu scharf! sagte Siegbert. Solche Menschen haben nur den Verstand, der auf ihrer gewohnten, seit Jahren gefahrenen Strasse liegt. Aus ihrem Beruf heraus, sind sie um alle Besinnung. Ich begreife dies ganze Verhaltniss im Pelikan nicht.

Es liegt auf der Hand. Dieser alte Ausspanner Hitzreuter hat Geld und gibt seinem Bruder Luftig die Mittel zu einem Etablissement, das besuchter ist als die Strasse nach Angerode. Ich bin uberzeugt, die Kathrine regiert unten den Tunnel und die Fortuna, wie den Pelikan und benimmt sich dabei geschickter als ihr Mann, dem die Kellnerei eine ungewohnte Sphare ist. Wenn ich die spitzbubischen Zeck's

Wer sind denn die Zeck's?

Nun so hore!

Hier begann denn nun Dankmar endlich die Mittheilung des seinem Bruder versprochenen Reiseberichts. Die Behaglichkeit dazu gab die frohliche Umgebung, der milde Himmel, der Sternenschein, das Flimmern der Lampen, vor allen Dingen aber der Rindsbraten nebst dem "Schatten-Margo", den sich Peters ausdrucklich vom Besten erbeten hatte, weshalb er auch einen halben Thaler mehr kostete, als die Bruder ihn bestellt hatten.

Eine weitre Anknupfung des Gesprachs mit dem stillen Dulder in der Kellnerjacke war nicht moglich; denn schon riefen ihn andre Gaste.

Mit einem schmerzlichen Seufzer und einem traurigen Blick zum bestirnten Himmel empor, folgte Peters den Pflichten seines neuen Berufes, wahrend die Bruder durch den Wein und die trauliche Mittheilung sich jene behagliche Stimmung nachtraglich in der Nacht schufen, die sie sich unter freilich viel comfortableren Verhaltnissen fur den Mittag vergebens getraumt hatten.

Indem wir sie diesem Austausch uns bekannter Thatsachen uberlassen, folgen wir in dem Gewuhl der Menschen, die wir gern fur unsre Charakteristik festhielten, vorlaufig nur zwei ganz bescheiden auftretenden Mannern, die ohne Masken in das Innere der Garten auf ihr wohlbekanntes Antlitz freien Eintritt haben. Es sind Dies Kummerlein und Mullrich, die beiden Diener der Gerechtigkeit.

Neuntes Capitel

Die Signalements

Nun, Das geht ja hoch her! begann Mullrich. Um solchen Heidenspektakel muss Eins aus seiner Nachtruhe heraus! Bekanntes Gesindel wo man hinsieht, und Alles in Sammt und Seide! Gott ist recht langmuthig geworden ...

Kummerlein, Mullrich's College, trug den garstigen und allgemein kenntlichen Dreimaster der Polizeiagenten etwas uber's Ohr, denn der kleinere, spitznasige, scharfaugige Agent liebte Frohlichkeit und Weiber und Musik und verliess diese Festlichkeiten nie, ohne sich vom Wirth und den sogenannten Observaten, den unter Aufsicht stehenden ehemaligen Verbrechern, regaliren zu lassen.

Mullrich, sagte er, Sie werden je alter, je gottesfurchtiger. Das macht Ihr Reichthum ...

Reichthum, Kummerlein? Von meiner fruheren Schlosserei, meinen Sie? Wie so?

Wer wie Sie, zwei, drei Geschafte betreibt, der braucht sich den Kopf nicht zu illuminiren; der ist still lustig fur sich.

Kummerlein, Sie sind noch jung

Ach, Mullrich ... Sie druckt auch nichts als blos Ihr Geldsack!

Meine Frau hat mir erst eine lange Predigt gehalten, eh' sie mir den Dreidecker aufsetzte ich glaube, wenn ich hier oft in die Fortuna musste, sie ware im Stande, meinen Abschied zu fodern ...

Thun Sie Das, Mullrich! Machen Sie armeren Leuten Platz!

Was? Einen Knochen fallen lassen, den man im Munde hat, weil Einem der im Wasser grosser daucht? Nein, Kummerlein! Die Vizewirthschaft wird doch wol am langsten gedauert haben.

Wie so?

Wissen Sie denn nicht, dass die alten Hauser nun all an die Regierung kommen und diese Posten, die ein paar Groschen einbringen, verauktionirt werden, verpachtet oder sonst etwas?

Da bieten Sie denn selbst fur Ihren Keller! Dreihundert Thaler zum Ersten was?

Dreihundert Thaler? Freund, auf die geht eine halbe Million Pfennige Wo denken Sie hin!

Nun ich parire, Mullrich, dass Sie monatlich ... lassen Sie 'mal rechnen ...

Diese Ergusse einer, wie Hegel sagt, rein "auf sich selbst bezogenen Reflexion" unterbrach ein Herr in eleganter feiner Kleidung mit einem grossen Schnurrbarte.

Wir kennen ihn bereits, wurden ihn aber jetzt fur einen reichen Rittergutsbesitzer haben halten mussen, der die Sitten der Hauptstadt studiren wollte, wenn nicht die dicken waschledernen Handschuhe ihm doch etwas mehr Derbes und Militarisches gegeben hatten.

Es war Dies der Oberkommissar Herr Pax.

Bleiben Sie nicht zu lange auf einem Punkt! sagte der imposante Herr. Sehen Sie sich um! Es sind zwar viele von dem Schutzamt hier, wie Sie beobachten werden, aber auch die Zahl der Vigilanden ist gross. Wo man hinsieht, alte Bekannte. Nehmen Sie Ihre Stellung in der reservirten Loge Nr. 18 und beobachten Sie von da aus den Ballsaal ...

Nr. 18! Schon, Herr Oberkommissar!

Haben Sie Ihre Signalements bereits verglichen? Nr. 1 ist nur einfach zu beobachten; Nr. 2 aber sogleich festzunehmen. Es ist Polizei genug da, um auf den Pfiff unterstutzt zu werden. Sehen Sie sich auch die Frauenzimmer recht an! ... Die Maler-Guste nirgend entdeckt?

Nein, Herr Oberkommissar! lautete die unisone Antwort. Auch Kummerlein wusste gleich, wer die Maler-Guste war.

Der Oberkommissar ging, wie ein stiller Beobachter, die Arme auf den Rucken verschrankt, weiter. Er war trotz des lauen Abends bis zum Halse zugeknopft und druckte den Hut bis tief uber die Stirn.

Das ist das Beste, begann der kleine Kummerlein, dass wir auf die Frauenzimmer sehen sollen! Es ist hubsches Volk darunter, die schiefe Male hat doch Augen, die Einem gleich unter die Weste brennen. Guten Abend, Male!

Die schiefe Male lachte, schoss aber in Privatangelegenheiten rasch voruber ...

Kommen Sie, Kummerlein, und lassen Sie uns lieber hier an der Laterne einmal die Signalements vergleichen! sagte der dienstbeflissenere Mullrich. Wie viel haben Sie denn?

Ein ganzes Zuchthaus voll! Meine Brieftasche ist dick wattirt damit ...

Ich habe aber nur zwei.

Die von heute Mittag?

Lesen Sie mir 'mal vor! Weiss der Henker, ich kann immer aus Paxens seiner Schreiberei nicht recht klug werden ... meinte Mullrich.

Halten Sie 'mal meinen Stock! antwortete gravitatisch der mit Schulkenntnissen begabtere Kummerlein.

Die beiden Polizeidiener hatten einen stillen Ort gefunden, wo sie ziemlich unbemerkt die beiden Signalements lesen konnten, die ihnen der Oberkommissar als sehr dringend bezeichnet hatte ...

Ein Franzose ... begann Kummerlein; funf Fuss, acht ... Zoll, schwarzes ... Haar, blasse ... Gesichtsfarbe, Mund ... mittel, Augen ... braun, Nase ... gewohnlich, tragt ... einen ... Schnurrbart, 28 ... Jahre. Spricht gutes ... Deutsch mit ... franzosischem ...

Kummerlein buchstabirte das folgende Wort:

A-c-c-e-n-t.

Franzosischem Azent Richtig. Deutsch mit franzosischem Azent das heisst, man hort's ihm nicht an, dass er kein Franzose ist Oder vielmehr ...

Grade! Man hort's ihm an ...

Aha! Also man muss franzosisch ...

Ein Bischen muss man Konnen Sie franzosisch? Kummerlein?

Kummerlein behauptete, als ehemaliger Klempnergesell in Frankreich gewandert zu sein; er wiederholte aber, dass ja der Franzose deutsch sprache ...

Richtig, sagte Mullrich; aber ... Azent!

Kummerlein war etwas verlegen uber die Auskunft, die er geben sollte und las deshalb kleinlauter im Papiere weiter:

Hier steht's wie er heisst ... Louis ... Armand ... besondere ... Bemerkung: Man hat ihn im ... Umgange mit ... Handwerkern, besonders ... Willing'schen Maschinenarbeitern ... aha! ... zu beobachten

Ah so!

Das ist politisch!

Franzosische Aufwiegelei! Deutsch mit 'nem Azent! Da wollen wir doch aufpassen; denn das Politische

Pst! Stille! bedeutete Mullrich und sah sich rasch um ...

Eine maskirte Gestalt huschte an den beiden Lesern voruber und warf aus einer grunen gemalten Brille uber der gewaltigen Nase einen scharfen Blick auf die beiden in ihren Charakterstudien vertieften Polizeiagenten, indem sie eine Secunde etwas hustend stehen blieb ...

Wunschen Sie etwas? fragte Kummerlein.

Pardon! war die Antwort und die Maske mit der grunen Brille huschte rasch wieder in's Dunkel und verschwand mit ihrem etwas rochelnden Husten hinter den Buschen.

Pardon? riefen die beiden Collegen ...

Pardon? Das war ja

Franzosisch

Mit'm Azent

Kommen Sie doch! sagte Kummerlein, ich glaube, der echappirte auf den Saal zu und uberhaupt sollen wir auf Loge Nr. 18 vigiliren. Eine grune Brille? Merken wir uns Das, Mullrich! Es war ein Franzose!

Mullrich konnte diese Bezeichnung Nr. 18 nicht horen, ohne gleich an die Thuren seines Familienhauses zu denken und bei Nr. 18 fiel ihm Nr. 17 ein.

Indem er sich die Moglichkeit dachte, dass diese abgefeimte Nr. 17, die Maler-Guste, doch wol nicht nach Hamburg gegangen und mit ihrer Schuld an seine Ehegattin leicht auf dem Fortunaball auftauchen konnte, folgte er Kummerlein, der durch das Gedrange dem Saale zu sich Bahn machte und von dem Anblick der Lichter, die aus den Saalfenstern schimmerten und manche Madchen, die ihn lachend grussten, so verblendet war, dass er die Spur der grunen Brille bald aus dem Auge verlor und Mullrichen erinnerte, dass sie ja noch das zweite Signalement zu lesen hatten.

Um auf Nr. 18 zu kommen, durfte man jedoch nicht durch den Tanzsaal, auch nicht durch die eleganten Restaurationszimmer gehen, sondern diese kleine Loge war eigends in dem Bauplane des Unternehmers, des Kaufmanns Hitzreuter, von der Polizeibehorde vorgeschrieben worden. Diese kleine versteckte Loge hatte einen eignen Aufgang vom Tunnel aus und machte eine dauernde Beziehung zwischen der Beobachtung des Tanzsaales und der Beobachtung des Tunnels moglich. "Verbotener Eingang" lautete die Aufschrift der Treppe im Tunnel, die zu dieser Loge fuhrte. Es wurde diese kleine Loge Nr. 18 in der kekken Sprache dieser zweideutigen Sphare die Sternwarte genannt. Hier "vigilirte" man. Von diesem Punkte aus sollten sich heute Mullrich und Kummerlein eine Ubersicht uber den Saal erhalten. Da sie in Amtstracht waren, so hatte der kluge Pax wol nur im Sinn, bei den zweideutigen Besuchern des Fortunaballes die Idee zu erwecken, die Beobachtung ware ganz allein auf die "Sternwarte" beschrankt, wahrend die wahren beobachtenden Fuchse gerade da schlichen und witterten, wo man sie am wenigsten vermuthete.

Das zweite Signalement zu lesen, war es die hochste Zeit.

Im Tunnel wurde man zuvorderst von einem undurchdringlichen Rauche empfangen. Hier standen drei grunbezogene Billards und einige kindische Glucksspiele, die aber gerade um so besuchter waren, je weniger sie Nachdenken kosteten; denn mit den grossen Geistern haben es die kleinen gemein, dass sie, wenn sie spielen, nicht denken wollen.

Hier im Tunnel wurden die feineren Observanzen der oberen Raume nicht beobachtet. Hier sah man den eigentlichen Stamm der Besucher solcher Festlichkeiten, leichtsinnige, meist junge Geschaftsmenschen, die das Vergnugen lieben. Wahrend oben die im Tanze rasten, die vielleicht erst auf dem Wege zum Verbrechen waren, hielten sich hier unten Manche auf, die, dem Arme der Gerechtigkeit schon einmal verfallen, sich zu bessern suchten und einmal gewohnt an Nachtschwarmerei, hier unten einen Schein burgerlicher Soliditat fanden, in dessen Ausstrahlungen sie den Vigilanten bessergeworden erschienen.

Nun so rasch? rief eine Stimme vom Buffet, wo man Getranke verabreichte, den auf die Thur: Verbotener Eingang zuschreitenden scharfsichtigen, spahenden Dreimastern zu.

Sie wandten sich um und traten naher.

Man wich ihnen aus, so besetzt auch das Buffet war. Auf dem Fortunaball fand sich jene Demokratie nicht ein, die im ewigen Hader mit den Dienern der Gerechtigkeit lebte. Mancher scheue, trotzige Blick begrusste sie freilich auch hier; aber Zusammenrottungen, Verhohnungen ausserer Amtszeichen fanden nicht statt, umsoweniger, als sich der Ex-Kaufmann Hitzreuter als einer jener outrirten Royalisten gebehrdete, die bei jeder Gelegenheit sich mit ihrer Gesinnung vordrangten und aus Dankbarkeit, dass man ihm sogar von Seiten des Hofes eine Summe fur seinen Bau geliehen hatte, in den Reubund getreten war und mit diesen Fortunafestlichkeiten zuweilen auch patriotische Zwecke verband, uberall royalistische Embleme anbrachte, die Landesfarben und die Landeszeichen, und in seinen Raumen auf loyale Ordnung sah.

Ei, Frau Peters, sagte Mullrich, wie kommen Sie denn daher?

Es war Kathrine Bollweiler aus Angerode, die Vielgewandte, die Anschlagige.

Ja, sagte die kleine hinter dem Tische Getranke einschenkende und Geld einnehmende Frau, die sich mit unglaublicher Behendigkeit und Naivetat in ihre neue Position zu finden wusste; so sieht man sich wieder, wenn man einmal den Pelikan seit Jahr und Tag nicht besucht hat!

Eben nicht sehr zarte Anmerkungen, die sich Kummerlein uber die geheimen Pelikanzustande hier erlaubte und vielerlei sich daran knupfende Scherze mogen wir um so mehr unterdrucken, als in diesem Augenblicke Peters herantrat und wieder einen "Schatten Margo" verlangte

Oben, oben, Mannchen, oben! rief die Frau etwas ungeduldig.

Es ist ja fur die Thuringer die zweite Fuhre!

Sieh! Sieh! sagte Kathrine. Meine Thuringer Jungen haben Durst. Kommen sie denn nicht einmal hier herunter?

Statt die Antwort abzuwarten, ging Kathrine in die innern Gemacher des Buffets, wo sie diese ausnahmsweise hier unten effectuirte Bestellung besorgte, weil Peters die Garantie haben wollte, fur die beiden jungen Thuringer auch das Beste und Unverfalschteste zu bekommen ...

Kathrine stieg durch eine kleine Nebentreppe selbst in das obere Buffet hinauf. Sie hatte, so zweideutig uns auch die Stellung dieser runden kleinen Frau erscheinen mag, doch ihre Anhanglichkeit an die abenteuergesegneten beiden Pfarrerssohne von Thalduren nicht aufgegeben. Sie gehorte zu den leichten, aber hatschelnden Frauennaturen, die eigentlich etwas unendlich Wohlthuendes im weiblichen Charakter reprasentiren, wie gering auch sonst ihr innerer moralischer Werth erscheinen mag.

Sie sind hier noch nicht lange Kellner? begann Kummerlein, indem er den in seiner Jacke jammerlich dastehenden und auf die zweite Fuhre "SchattenMargo" harrenden Peters betrachtete.

Wie so? fragte Peters nicht ohne Empfindlichkeit.

Weil Sie die Weine am unrechten Fasse zapfen. Hier ist ja der Keller oben, sagte Kummerlein.

Die verkehrte Welt! brummte Peters.

Der ist kurz angebunden! wandte sich Kummerlein zu Mullrich, der eins der immer schon eingeschenkt dastehenden Glaser Bier ergriffen hatte und es mit raschem Zuge leerte, indem er langsam den Beutel zog und noch langsamer aufknopfte.

Kurze Strange, fahrt sich besser! sagte Peters.

Der ist grob wie ein Fuhrmann, antwortete Mullrich.

Und Euer Geldbeutel weit wie ein Bettelsack.

Ein Gelachter der dicht Umstehenden begleitete diesen kurzen epigrammatischen Dialog. Kummerlein, eben im Begriff sich in seiner Wurde zu zeigen und von Mullrich unterstutzt, der einen gewissen strategischen Bogen, den er sehr in der Gewalt hatte, um den rebellischen Kellner zu ziehen anfing, wurde in dem Beginn thatsachlicher Feindseligkeiten von Frau Kathrine unterbrochen, die mit dem Schatten-Margo noch zur rechten Zeit herunter kam, um eine schwierigere Verwickelung durch ihre Holdseligkeit und politische Massigung abzubrechen.

Eben war wenigstens der durch Kathrinen's Zuhalten seiner Borse beschwichtigte Mullrich im Begriff, beilaufig nach den beiden "Thuringern" zu fragen, die vorhin so theilnehmend erwahnt und hier offenbar vor allen Gasten bevorzugt wurden, als Kummerlein seinen Kameraden anstiess und diesen verhinderte, etwas Naheres uber jene beiden jungen Manner zu horen (bei zwei "Thuringern" sollten sie ja zwischen vier und funf eine Recherche vornehmen) ...

Pst! Sehen Sie da! Der Franzose!

In der That stand die grune Brille vor der kleinen Thur, die auf die Sternwarte fuhrte und schien die Inschrift zu lesen.

Die beiden Hascher schlichen naher.

Die grune Brille schien sich erkaltet zu haben. Sie hatte einen rheumatischen Husten. Eben wollte sie die Thur aufklinkend die kleine Treppe besteigen, als die Hascher herantraten und Kummerlein von der eben genommenen Herzstarkung noch resoluter geworden die Maske, weil es in Franzosisch mit deutschem "Azent" nicht recht gehen wollte, einstweilen in Deutsch mit franzosischem "Azent" so anredete:

Erlauben Sie, Musje, da steht geschrieben: hier nix Passage!

Ah Merci! sagte die grune Brille und war mit der Gewandtheit eines Aales den beiden verblufften Agenten plotzlich entschlupft. Nur in der Ferne noch horte man sie husteln.

Verblufft war namlich Mullrich besonders auch daruber, dass Kummerlein franzosisch konnte und Kummerlein wiederum seinerseits erstaunte, dass sein gewagter Versuch, diese fremde Sprache wenigstens in Anklangen zu reden, ihm wirklich so schon gelungen war. Staunend uber diese neuen Entdeckungen, die sie darauf sich gegenseitig machten, verloren sie zwar die Spur des plotzlich wie verschwundenen fluchtigen Fremden, aber sie sagten doch:

Nun, den kriegen wir heute Abend schon! Auch sollen wir ihn ja nur beobachten

Vigiliren! meinte Mullrich und freute sich des auch ihm gelaufigen Fremdwortes.

Mit dem Worte Vigiliren stiegen sie auf die Sternwarte hinauf, indem Mullrich seinen Collegen wiederholt erinnerte, sie hatten nun dringend Nr. 2 zu lesen oder wie Kummerlein sagte, zu collationiren, was ein ihm gelaufiger Ausdruck vom Polizei-Bureau war.

Da es auf der engen Treppe sehr dunkel war, so vertrostete Kummerlein fur dies wissenschaftliche Geschaft auf die brillante Beleuchtung von Nr. 18, in die der ganze Lichtstrom aller Gasflammen des Saales fiel.

Zehntes Capitel

Die grune Brille

Die aalglatt entschlupfte Maske hatte inzwischen den Tunnel verlassen.

Sie bewegte sich, dann und wann von einem eigenthumlichen asthmatischen Husten unterbrochen, mit grosser Behendigkeit, aber auch in jener unsteten Emsigkeit, die gewissen langen Wurmern eigen ist, welche auf einer ebenen Flache bald hier- bald dorthin schiessen und sich umwenden, man weiss nicht warum, und sich alle Augenblicke zu erschrecken scheinen, man weiss nicht wovor.

Die Behauptung, dass diese grune Brille deshalb, weil sie zwei franzosische Worte: Pardon! und Merci! gesprochen, auch sogleich ein Franzose und Monsieur Louis Armand war, kann uns nur ubereilt bedunken.

Noch weniger aber schien das von den Polizeidienern verlesene Signalement zu passen.

Unter der grossen Brille, der Nase und dem gewaltigen Schnurrbarte steckte zwar ein glattes Antlitz, aber dem Haare unter dem feinen Kastorhute ging alle naturliche Frische ab. Es war jedenfalls eine sehr kunstvolle Perucke.

Wir, die wir Louis Armand kennen, und bedauern mussen, dass der junge Franzose, der eben mit so liebevoller Aufopferung an dem Krankenbette seines Freundes und Gonners, des Fursten Egon von Hohenberg, wachte, schon den Sicherheitsbehorden wahrscheinlich als ein communistischer pariser Agent erschien, wir wurden fur Louis Armand gutsagen, dass es ihm unmoglich ware, wie diese grune Brille so unter den Schatten der Baume herumzuschiessen, jede weibliche Erscheinung mit einer Lorgnette zu fixiren und dem zwecklosesten Flaniren sich in einer Weise zu ergeben, die uns uber Zweck und Ziel dieser Personlichkeit vollig im Unklaren lasst.

Besonders schienen es zwei weibliche Gestalten, denen die grune Brille eben eine sehr aufmerksame Verfolgung zugedacht hatte.

Es waren schlanke, gefallige Wesen, die eine sehr sorgfaltige Toilette gemacht hatten und deren Auftreten zwar von ziemlich kecken Manieren, aber auch einer gewissen Wohlhabenheit zeugte.

Der zudringliche Ton der lustig und zweideutig hier herumflatternden Wesen war ihnen nicht eigen, doch forderten auch sie heraus. An Verfolgern fehlte es umsoweniger, als ihre Art, sich aneinander zu hangen und ohne zu verweilen bald da, bald dort zu erscheinen, auffallend genug war.

Zum Tanze schienen sie sich erst spater entschliessen zu wollen.

Die grune Brille hatte die Gewohnheit, jedesmal, wenn sie an diesen, durch weisse zierliche Halbmasken noch unkenntlichen Damen vorbeischoss, ein Compliment hinzuwerfen, das immer mit einem gewissen Kichern aufgenommen wurde; ja als eins seiner rasch hinfallenden franzosischen Worte sogar einmal durch ein: Bon soir, Monsieur! erwidert wurde, ware er ohne Zweifel in ein naheres Gesprach verwikkelt gewesen, wenn nicht zwei elegante Herren unablassig bemuht gewesen waren, ihn von den beiden Weissmasken zu entfernen.

Auch diese durch grosse Schnurrbarte und Nasen unkenntlich gemachten eleganten Herren hielten sich unter den Armen aneinander fest. Sie waren fein gekleidet, in schwarzen Fracks mit weissen Piqueewesten, weissen Handschuhen, weissen Halsbinden. Man musste sie fur gewandte Erscheinungen der Salonwelt halten, hatte ihre Sprechart nicht auf einen geringeren Ursprung hingewiesen.

Wie sich die grune Brille einige mal durch diese beiden Herren gewaltsam von den beiden Weissmasken abgedruckt fuhlte, schlich er diesen vorsichtig nach und horte auf einem Seitenwege an den Hecken hin, dass die eleganten Manner folgende Worte in gemeinstem Dialekt wechselten:

Sie sind's!

Glaubst du?

Die mit der Rose im Haar ist die altere

Doch nicht die alteste

Bewahre! Die mittlere! Sieh! Sie sehen sich um

Wenn sie uns erkennen, werden sie nicht mit uns tanzen.

Glaubst du, dass sie so stolz sind?

Um uns zu heirathen, nicht. Aber so fur einen Ball sind wir ihnen zu gering.

Man kennt uns nicht. Wir haben die feinste Garderobe ...

Die Ludmer hat's gleich bemerkt, dass wir auf fremde Unkosten hergingen ... Sie wollte uns nachsehen, gut, dass wir ausrissen ...

Mein Frack ist mir doch zu eng ...

Bewahre! Nach der Mode muss er eng sein ...

Nun dann trifft sich's gut, dass der Alte so hager wie eine Spinne ist ...

Wenn er uns hier begegnete!

Es ware das erste mal nicht, dass ich ihn in seinen eigenen Kleidern foppte! Aber er ist zu mud von seinen Strapazen.

Vom Mobelwagen!

Den hat die schone Hexe, die Melanie, recht bei der Nase herumgefuhrt. Wie mag der Satan Das angefangen haben, den alten langen Storch in das Nest zu lokken? Wo Weiber Sprenkel legen, bleiben wir Alle sitzen. Weisst du, was ich vorhin fur eine Idee hatte? Wegen Punsch? Richtig! Das lust'ge Ding die Jeannette Von Schlurck's? Die ist hier Wo? Wo? Dann sollt' es amusant werden Wir suchen sie Wo sahst du sie ? Wenn sie's ist ich glaube aber mit Neumann Neumann ist ihr Brautigam Dem plumpen Tolpatsch wird sie hier nicht die Vorderhand geben die Jeannette stiess und stumpfte ihn zurecht, dass er einen ordentlichen Chapeau machen sollte Wenn sie's nur war Ich mochte darauf schworen! Nur ein Bischen fuchswild schien sie Das kann sie sein. Wahrhaftig! Das ist sie wieder Hier schienen die beiden jungen Stutzer, deren Incognito wir sehr leicht erkennen, da wir wissen, dass wir die vortrefflichen Bedienten Franz und Ernst aus dem Hause der Geheimrathin von Harder in der Garderobe der Excellenz vor uns haben, zu bemerken, dass die grune, von ihrem asthmatischen Husten geplagte Brille sie belauscht hatte. Sie verschwanden in einer Gruppe von Neuankommenden und drangten dem Saale zu, wo auch die beiden Weissmasken hin verschwunden waren.

Die grune Brille war scharfsinnig genug, zu errathen, dass sie sich hier unter dienendem Personale bewegte und schnitt unter ihrer Nase und dem Schnurrbarte einige sardonische Gesichter.

Dennoch musste sie gestehen, dass die Weissmasken etwas Grazioses hatten und eine gewisse herausfordernde Leichtfertigkeit, die ihr zu pikant erschien, um die Verfolgung aufzugeben.

Indem sie sich anschickte, gleichfalls dem Saale zuzuschreiten, der eigentlich von der grunen Brille vermieden wurde, horte sie neben sich die Worte flustern:

Komm! Komm! Die Weissmasken sind die Wandstablers die Lore und die Flore! Lass uns fort.

Die grune Brille wandte sich auf den Namen der Wandstablers um.

Ihr schien dieser Name bekannt zu sein.

Die Wandstablers? verhauchte es auf den fahlen Lippen der schleichenden Person, als sie sich umgewandt hatte zu horen, wer ihr diese angenehme Aufklarung gegeben hatte.

Wie erstaunte der hustende Schleicher, als er geradezu das Eleganteste entdeckte, was er bisher auf dem Fortunaball angetroffen hatte!

Zwei leichte, sylphidenartige Gestalten schlupften behend, wie Elfen im Mondschein, vor ihm her. Sie hatten die Tracht der sogenannten Fledermause, aber angewandt vom winterlichen Carneval auf die laue, liebliche Sommernacht.

Die eine grossere weibliche Gestalt war ganz von einem leichten Rosastoff umwallt und hatte eine weisse Kapuze auf. Die andere, ebenfalls mit einer weissen Kapuze, trug die kostbarste Umhullung von demselben leichten Stoffe in Himmelblau.

Die Kapuzen entstanden aus weissen Uberwurfen, die frei und lose bis uber den Kopf gezogen waren und nichts von ihm sehen liessen als die maskirte Vorderseite, deren die grune Brille, so sehr sie sich muhte, nicht ansichtig werden konnte.

Denn die beiden Damen eilten wie auf geflugelten Sohlen und schnitten dadurch jeden Versuch der Mannerwelt, ihnen zu folgen, ab.

Die grune Brille hatte das Wort: Es sind die Wandstablers! nicht vergebens gehort. Sie musste ein zu lebhaftes Interesse an diesem Namen haben und folgte bis in die Dunkelheit, wo ihr die Blaue und die Rothe nicht mehr sichtbar waren.

Etwas erschopft von diesen Anstrengungen setzte sich die grune Brille hustend auf eine zufallig unbesetzte Gartenbank, luftete auch, da es uberall dunkel war, einen Augenblick ihre Maskirung und sammelte wieder Kraft zur Fortsetzung ihrer Anstrengungen, die aus der Absicht, sich nur zu vergnugen, nicht ganz allein hervorzugehen schienen.

Ein leises Luftchen, das uber die Garten und Wiesen herwehte, musste dem Erschopften wohl thun. Die rauschenden Klange aus dem Tanzsaale tonten hierher nur noch matt und verhallend. Man befand sich hier am aussersten Gitter der ganzen Einfassung dieser neuen Anlage. Im Sternenlicht konnte man in nachster Nahe nur eine kleine Wiese, dann aber ein grosses festungartiges Bauwesen erblicken. Die ungeheuren in die Hohe ragenden Schornsteine liessen dort eine grosse Fabrik vermuthen.

Es war hier in der That ganz in der Nahe die grosse Willing'sche Maschinenfabrik, an welcher, um die Glut der Ofen nicht fur das Tagewerk erkalten zu lassen, auch in der Nacht aus den langen Essen heller Schein und gluhende Feuerfunken knisterten.

Wie die grune Brille sich auf der kleinen Bank ruhte, mit der einen Hand ein seidenes ostindisches Taschentuch nach dem Gesicht fuhrte, um sich den Schweiss zu trocknen, mit der andern an der weissen Farbe der frischgestrichenen Bank fuhlte, ob sie nicht etwa noch abfarbte, dann aber eine Bonbonniere hervorzog und einige Pastillen in den Mund steckte, horte sie hinter sich, wo sie Niemanden vermuthete und selbst durch die Wirkung der Pastillen und den aufhorenden Husten unsichtbar war, zwei Manner in einem ernsten, mit der heitern Regsamkeit des Abends in keinem Zusammenhang stehenden Tone sich unterhalten.

Die Manner nahmen mit ihm Rucken gegen Rukken auf einer jenseit des trennenden Gebusches in einem andern Gange stehenden Bank Platz und liessen sich nur dann zuweilen unterbrechen, wenn von einem Vorubergehenden eine Storung stattfand.

Sie sind ein Thor, sagte der Eine ziemlich rauh und hart, dass Sie Ihr junges Leben so unnutz verzetteln und nicht endlich einmal Anstalt machen, fur Ihre Zukunft einen dauernden Grund zu legen. Was soll aus Ihnen werden? Sie haben Talent, Kenntnisse, freilich keine geregelte Erziehung, aber dazu bedurfte es einer nur kurzen Zeit und Sie wurden Vieles nachholen, was Ihnen noch fehlt. Nur mussten Sie dies Traumen und Lungern aufgeben und etwas Solides anfangen. Es ist die hochste Zeit oder Sie sind verloren!

Der Andere antwortete mit einer schwacheren, aber sanften und hochklingenden Stimme:

Ich bin krank. Mein Leben ist verpfuscht. Noch einige Jahre und ich breche mir einmal den Hals durch Zufall oder mit Absicht. Das wird das Ende sein ...

Gehen Sie weg! Sie sind ein Thor! sagte der Andere. Freilich mussen Sie sich ruiniren, wenn Sie heute einmal im Felde schlafen, morgen eine ganze Nacht so durchrasen, wie ich Sie vorhin im Saale bemerkt habe. Sehen Sie! Wie erhitzt Sie sind! Wie Ihre Brust keucht! Wie Ihre Hande gluhen! Sie sind auf dem besten Wege zur Schwindsucht!

Das ist der Tanz nicht, sagte der Andere. Das ist mein Gluck, meine Freude, die an mir zehrt.

Haben Sie Gluck, Sie Freude? Ein Mensch, der im dritten Hofe eines erbarmlichen Hauses wohnt, drei Treppen hoch, links und rechts von Armuth und Elend umgeben? Ich weiss, dass Sie nicht darben. Der Justizrath liebt Sie vaterlich, liebt Sie wie einen Sohn. Und wissen Sie, manchmal kommt es mir vor

Halt! Mir ist schon Vieles vorgekommen ...

Als ware der Justizrath selbst Ihr Vater.

Dass Sie der Teufel hole! Das ware mir nicht lieb! antwortete der Andere rasch.

Warum nicht?

Mein Vater? Sagen Sie Das nicht wieder!

Was ware da? Sie sind ein Waisen-, ein Findelkind! Sie fuhren den Namen Hackert von dem Pathen, den man Ihnen im Waisenhause gab. Es war ein Kaufmann, der dem Waisenhause gerade gegenuber wohnt und nichts dagegen hatte, Ihnen seinen Namen zu geben, weil er vom Waisenhause lebt. Durch welche Teufelei, wenn mich doch der Teufel holen soll, kamen Sie an den Justizrath?

Das weiss ich nicht aber mein Vater! Nein, Das ware eine weinerliche Komodie, wie ich sie einmal fur zehn Silbergroschen im Theater sah. Gehen Sie weg, Herr Oberkommissar! Sie haben Musse Romane zu lesen. Pfui Teufel! Kommen Sie; Das konnte mich rasend machen! Lassen Sie mich tanzen! Horen Sie: Polkatone! Komme doch! Komme doch, holde Schone!

Aha! Ich merke, Sie konnen meine Vermuthung nicht ertragen, weil Sie nun merken, warum Schlurck

Der Andre pfiff.

Sie aus dem Hause geworfen hat.

Lassen Sie mich los! Die Polka fangt an ...

Sie tanzen nicht! Sie sollen vernunftig sein! Wissen wir nicht Alle, dass Sie mit dem schonen, kecken Madchen, mit der Melanie ...

Stille! Erst: Wir? Wer sind die Wir?

Die, die scharfe Augen und nebenbei mit Schlurck, Bartusch und andern Stutzen der Gerechtigkeit mancherlei zu thun haben. Auch Dienstmadchen plaudern Eben sprach ich Jeannetten

Sie ist hier?

Die Schlurck's mussen toll sein. Sie werfen alle Leute zum Hause hinaus und bilden sich ein, wenn man auf den Mund fallt, wachst er Einem zu.

Was ist mit Jeannette ?

Der Kutscher Neumann brachte sie her. Sie wuthet. Ihr Fraulein hat ihr heute Abend vor zwei Stunden den Dienst gekundigt.

Sie tanzt aus Zorn ich aus Freude! Ein andermal umgekehrt. Es werden mir noch manche folgen.

Reden Sie vernunftig! Diese Jeannette ist bos; und wenn Sie Melanie lieben

Meine Schwester?

Wirklich? Glauben Sie's nun?

Nimmermehr!

Oder ob nicht Sie schweigen doch wenigstens. Obgleich Sie viel verruckte Streiche machen, schweigen Sie doch. Ich schatze an Ihnen Ihre Diskretion und Ihre schone Handschrift, Hackert. Jeannette wird aber nicht schweigen. Sie rast, sie droht ... Das Fraulein ware heute Abend von Harder's nach Hause gekommen, hatte getobt und gelarmt, geweint, geschrieen, die Hande gerungen, einen Brief geschrieben

An Lasally ...

Sie scheinen das Alles zu wissen?

Dann? Dann? Fahren Sie fort!

Dann ware sie in's Schlafzimmer gegangen, hatte sich ausgezogen, das Licht eben ausloschen wollen und mit der Lichtputze in der Hand

Kennen Sie keinen Geschwindmaler? Ich wunschte, man konnte das Leben stenographiren.

Mit der Lichtputze in der Hand ihr gesagt: Jeannette, deine Plauderei in Hohenberg, dein Zusammenstecken mit Hackert, deine gottlose Zunge mit den Knechten Lasally's, dein Punschtrinken mit den Bedienten der Geheimrathin, deine angeberischen Schandlichkeiten, dass ich den Prinzen Egon von Hohenberg in einem fremden Abenteurer vermuthet hatte, alles Das macht dein Mass voll. Morgen fruh will ich dich nicht mehr sehen. Damit drangte sie Jeannetten zur Thur hinaus, riegelte zu, loschte das Licht aus ...

Und schlaft und traumt ... von ihrem Bruder? Wo ist der Geschwindmaler?

Bester! Sie spotten doch nur! Aber Jeannette ist viel schlimmer als Sie ... die sagt rein heraus ...

Man schneidet ihr die Zunge aus.

Dann spricht sie in Zeichen, die so deutlich sind, dass ...

Man sie wurgt ...

Sie, glaub' ich, konnten schneiden und wurgen ohne Messer und Stricke, Sie haben den Verstand dazu deshalb komm' ich auf meine Vorschlage zuruck wahlen Sie sich einen Beruf, zu dem Sie Talent haben

Die Jeannette! Die verlasst auch das Haus?

Die Zeit wird immer verwickelter. Sie braucht Kopfe

Blast das Licht aus und schlaft ...

Sie haben das wunderbare Talent einer Handschrift, in der Ihnen der erste Schreibmeister der Akademie nicht gleichkommt ... Schmelzing ist ein Stumper gegen Sie ...

Blast das Licht aus und schlaft ...

Geben Sie mir die Hand! Schlagen Sie ein! Sie werden von Morgen an, im Einverstandniss des Polizeiprasidenten, bei mir ...

Hackert stand wie abwesend, gab die Hand und Pax wollte eben mit seinen Antragen deutlicher hervortreten, als die grune Brille die Worte rufen horte:

Maske vor! Getanzt! Getanzt!

Dieser Ausruf kam nicht von dem Andern, uberhaupt nicht von den beiden Sprechern, sondern aus einem dritten und weiblichen Munde.

Die grune Brille hatte sich leise umgedreht und erblickte mit Erstaunen, dass zwischen die beiden Sprecher eben die blaue und die rothe Maske gefahren waren.

Die Rothe hatte den wenig Widerstrebenden, der auf die Vorschlage des Andern halb schon einging, leidenschaftlich in dem Moment des Handeinschlagens ergriffen und ihn mit den Worten: Getanzt! Getanzt! von der Bank auf- und fortgerissen.

Die kleine Blaue hupfte nach. Mit einem Fluche war der Andere, der stattliche Herr Oberkommissar, aufgestanden, wahrend die drei wie flatternde Vogel davonschwirrten ...

Hackert, denn dieser war der so plotzlich aus den Schlingen des Oberkommissars Pax Entfuhrte, Hakkert wusste nicht, wie ihm geschah ...

Die rothe elegante Dame war ihm vollig unbekannt. Ebenso wenig wusste er, wer die an seiner linken Hand nachhupfende Blaue war.

Rasch durchflog er die Reihe seiner Bekanntschaften. Er hatte deren hier unendlich viele. Denn wir sagten schon, dass er zu den leichtsinnigsten jungen Mannern gehorte und so wenig ihn sein Ausseres, besonders aber das rothliche Haar empfahl, so unfahig er war, dauernde Verbindungen zu schliessen, so konnte es wol ein Act alter Anhanglichkeit sein, dass ihn hier ein schwarmender Nachtvogel entdeckte und zur Erinnerung alter Stunden zum Tanze, in dem er ein kunstvoller Meister war, entfuhrte.

Dennoch kam er von dieser Vermuthung bald zuruck.

Der Anzug war so neu, so elegant, der Kopfputz so geschmackvoll und nach eigner Idee ausgefuhrt, die Ahnlichkeit der beiden Damen so auffallend und wie im Einverstandnis angelegt, dass er hin- und herrieth, aber von seiner Begleiterin immer auf jeden Namen nur ein Kopfschutteln erhalten konnte ...

Es war nicht moglich so rasch in den Saal zu dringen. Er hatte Zeit ein Gesprach anzuknupfen. Er fragte rechts die Rothe, links die Blaue. Mit verstellten Stimmen wichen sie ihm aus und spannten seine Neugier nur immer mehr auf die Folter.

Endlich waren sie im Saale und die rothe Dame, die sich im blendenden Schein des Gaslichtes nur noch anziehender ausnahm und die grosste Begier erregen musste, ihre schwarze Maske geluftet zu sehen, trat mit Hackert zum Tanze an. Aber die blaue, die nun allein stand, blieb jetzt auch nicht ohne Tanzer. Ohne lange Wahl war sie in die Reihen mit hineingerissen und tanzte mit einem ihr vollig unbekannten jungen Militair, der unter seiner Uniform eine feine elegante Piqueweste trug und an dem goldenen Streifen seiner Uniform zeigte, dass er schon einen hoheren Grad erreicht hatte.

Das Gewuhl war zu stark. Man konnte nur einmal herumtanzen und musste dann eine Weile auf frische Lucken warten ...

Hackert aber liess sich nicht hindern, im Tanzen fortzufahren, es war ein gewandter, wilder, allgemein bewunderter Tanzer, wobei er aber statt rother, nur immer blasser wurde ...

Wahrend die blaue Dame so neben dem jungen Militair stand und sich gefallen lassen musste, dass sie trotz ihrer Eleganz hier von Denen zum Tanze aufgefordert wurde, die das Lokal einmal besuchten, horte sie hinter sich die Worte flustern:

Quelle aimable danseuse!

Die Wirkung dieser franzosischen Anrede auf die kleine blaue Dame war unglaublich.

Sie wandte sich um, sah, dass die grune Brille unter dem Barte ihr zulachelte und gerieth daruber so in Verwirrung, dass sie sich von dem jungen, hubschen Soldaten losriss, um Entschuldigung bat und davonsturzte ...

Dieser glaubte, sie ware krank und wollte ihr folgen.

Nein! Nein! antwortete sie und hielt ihn zuruck.

Fast beschamt wurde der junge Krieger, als er glaubte, er hatte wol Unrecht gethan, eine so elegante Dame aufzufordern und traurig zog er sich an die Wand zuruck, um denen Platz zu machen, die ihren Tanzern nicht nach der ersten Tour so sprode davongingen.

Die grune Brille irrte sich durchaus nicht, wenn sie annahm, dass ihrer franzosischen Anrede wegen die Himmelblaue aus dem Saale eilte und ihren Tanzer stehen liess.

Sie benutzte die Wahrnehmung und ging ihr hustelnd nach.

Die kleine Dame sah sich angstlich um und floh formlich.

Mais, ma belle rief die grune Brille und wagte es den Arm der kleinen Dame zu ergreifen.

Dieser zitterte ...

O lassen Sie mich! Ich schame mich! waren die Worte, die an das Ohr der grunen Brille drangen und darauf hin versuchte der Asthmatische ein deutsches Gesprach anzuknupfen, dessen gebrochene Tone auf die kleine Blaue nur noch erschreckender wirkten.

Sind Sie's denn? O Gott, was werden Sie von mir denken? rief sie, als sie Beide mehr in der entlegenen Partie des Gartens waren.

Dass Sie sind ein kleiner Engel eine von den drei Grazien, die verstehen zu tanzen a merveille. Machen Sie doch auf Ihre Maske, kleiner Engel!

Die Blaue schien nach diesen Worten zu begreifen, dass sie sich doch wol geirrt haben mochte und viele Menschen in Frankreich wohnen, die gerade hier in Deutschland anwesend sein konnten, nicht blos der Eine Einzige, von dem sie sich zu ihrem Todesschrekken angeredet glaubte ...

Dennoch vertraute sie noch nicht ganz ihrer Tauschung, sondern sagte mit grosser Naivetat:

Es ist mir nicht im Traum eingefallen, auf diesen Ball zu gehen, aber meine Freundin hat mich uberredet und ihren Bitten konnt' ich's nicht abschlagen

Diese rothe Tanzerin, sagte die grune Brille, hat sehr viel Geist zu Unternehmungen und hat mich entzuckt durch ihre Hardiesse ...

Hardiesse? fragte die Blaue. Ist Das ...

Die grune Brille lachte uber die Verlegenheit des Kindes und sagte:

Sie kleiner Engel haben nicht so viel von Hardiesse ...

Der blaue Domino glaubte, die grune Brille sprache von einem Gegenstande der Garderobe und sagte in aller Unschuld, ob Das eine Mode ware?

Ha! Ha! Hardiesse ist eine grosse Mode aller Damen, sagte der Franzose, fur die, welche besuchen die Balle der grossen Oper. Ich bewundere Ihre Costumes! Es sind Costumes der Phantasie!

Von Flor, berichtigte die Kleine. Es sind Ballkleider, die nicht fur uns gemacht wurden. Wie wir sie werden bezahlen konnen, mag Gott wissen!

Auf diese Ausserung hin musste die grune Brille laut lachen.

Die Naivetat dieser deutschen "Grisette" die sogleich eingestand, dass sie hier mit unbezahlten Kleidern auf dem Balle war, machte die grune Brille soviel Vergnugen, dass sie uberdreist, ja widerlich wurde und auf eine volle Borse deutete.

Mein kleines Herz, sagte der Fremde, komm! Wir werden uns amusiren! Wir wollen eine kleine Loge nehmen und speisen zusammen zu Nacht. Und morgen fruh werd' ich deine Kleider bezahlen ...

Als die Blaue diese Zumuthung horte und nun ihren vollen Irrthum erkannte, schien sie in eine Verzweiflung zu gerathen, die nicht kunstlich war.

Die grune Brille hielt sie aber fur kunstlich, schlang den Arm um die schlanke Hufte der gewaltsam Widerstrebenden und zerrte sie in die dunkleren Bosketts, indem er sich beugte, um das halb weinende Madchen zu kussen ...

Lassen Sie mich! Ich rufe um Hilfe! stohnte das kleine Madchen unter den gewaltsamen Umarmungen des schleichenden Lustlings.

In diesem Augenblicke aber fuhlte er statt eines Kusses, den er auf der rechten Wange erwartete, auf der linken eine gewaltige Ohrfeige.

Der rosa-rothe Domino hatte ihn in dieser vertraulichen Form ihre weissen Handschuhe fuhlen lassen.

Lachend zog die Rosarothe die beangstete kleine Blaue aus des Erschrockenen Armen und verschwand mit ihr hinter den Hecken.

Die grune Brille stand von dieser Storung sehr unangenehm uberrascht da.

Es entging ihr nicht, dass diese Scene Zeugen gefunden hatte. Man umschlich ihn. Er glaubte sogar jenen Oberkommissar zu erkennen, der vorhin mit Hackert gesprochen hatte und der ihn mit sonderbarem Blinzeln betrachtete, wahrend er die rechte Hand in die Brusttasche steckte.

Eine lustig daherkommende Gesellschaft, Arm in Arm verschrankt, befreite die grune Brille zu ihrem Gluck von einer unangenehmen ferneren Beaufsichtigung; denn sie mischte sich, wie zu ihnen gehorend, unter die jubelnden Sanger, die auch seinen erwachenden Husten deckten.

Hurrah! riefen diese, ihre Hute schwenkend und zogen mit kleinen chinesischen Traglampen unter den Baumen voruber. Unter ihnen Madchen, leicht und behend. Hinterher schwerer Tretende in Reitstiefeln, die entweder wirklich ihr ubliches Costume angelassen hatten oder dies nur trugen, um Das zu scheinen, was sie vielleicht nicht waren. Dabei wurden Flaschen, Glaser, Hute geschwenkt und Lieder halb angestimmt, halb wieder mit rauhen Dissonanzen abgebrochen ...

Oberkommissar Pax fragte eine neben ihm stehende gleichfalls sehr zugeknopfte Person:

Ah! guten Abend. Herr Assessor Muller ... Sehen Sie sich auch dies Treiben an? Wer sind diese?

Der Angeredete, der nicht blos zum Vergnugen anwesend war, antwortete:

Der sogenannte Jockeyklub!

Aus der Schlossstrasse doch nicht?

Nein, nein, die wirklichen Jockeys, die sich wie ihre Herren auch zu einem Verein gebildet haben.

Die wusten Bursche Ich kannte Einige von Lasally nicht wahr?

Die mit den kleinen Reitgerten. Eingebildete Schlingel, die sich in ihren kurzen Jacken und Schnuren fur schon halten! In Schnurjacken durften sie naturlich nicht kommen: aber Sporen und Reitgerten haben sie doch an den Fussen. Zu tanzen ist ihnen mit Sporen verboten worden. Deshalb larmen sie hier herum.

Wer mogen nur die eleganten Herren sein, die mit den Wandstablers dort angebunden haben?

Kann ich nicht sagen. Sie sind schon lange mit ihnen im Gesprach ...

Die koketten Madchen wollen heirathen, deshalb tanzen sie nicht und binden lieber solide Verhaltnisse an ...

Mussen sie denn aus dem Hohenberg'schen Palais? fragte der Assessor Muller, der auf der Polizei die ersten Verhore fuhrte und von Hackert, wie wir uns entsinnen werden, auf der Landstrasse in der Blouse des Prinzen Egon vermuthet wurde.

Wenn der Prinz wieder gesund wird, gewiss; sagte Pax. Jede neue Regierung sturzt die Creaturen der alten.

Ich habe die Wandstablers gefragt, der communistische Franzose ist wirklich nur des Prinzen wegen von Paris gekommen ... Wenn der Prinz gesund wird, werden wir schone Sachen erleben. Der Polizeiprasident schuttelte den Kopf uber diese Verbindung ...

Auf Ballen und bei den Arbeitern sieht man den Franzosen noch nicht darin waren die pariser Berichte falsch.

Angekundigt ist Herr Armand im Maschinenbauverein, sagte der unterrichtete Assessor Muller. Ich glaubte, vorhin ihn sogar hier zu entdecken. Aber es ist ein Andrer. Wer mag nur hinter der grunen Brille stecken?

Es scheint ein Madchenjager zu sein. Politik treibt der nicht. Auch passt das Signalement nicht.

Hat man von Nr. 2 noch nichts beobachtet, ein Signalement, das uns durch gesandtschaftliche Vermittelung uber England so dringend anempfohlen wurde?

Von der schwarzen Binde? Noch nichts ...

Sie kommt her, behalten Sie ja das Signalement vor Augen Kummerlein und Mullrich auf der Sternwarte sollen alle Tanzer fixiren

Sechs und funfzig Jahre und noch tanzen, Herr Assessor?

Wer sich so mit Gewalt jung macht? So seine Zuge versteckt? So sich an die Weiber hangt? Friseur Schmidt behauptet, er hatte einen kahlen Schadel ...

Begierig bin ich, fur wen er beim Juwelier Israeli die vielen Ketten und Brochen gekauft hat!

Ein Englander ist's nicht und wenn er zehnmal Murray heisst und amerikanische Piaster ausgibt.

Pst, Herr Assessor! treten Sie gefalligst zur Seite! Es kommt da Einer! Mit Dem hab' ich zu sprechen.

Hackert! sagte der Assessor Muller lachend. Angeln Sie immer noch nach ihm? Der Narr soll in Gute kommen, dass man ihn nicht einmal mit Gewalt holt!

Der Assessor entfernte sich und der Oberkommissar trat auf Hackert zu, der in grosser Aufregung suchend, umsichblickend daherkam.

Nun, sagte Pax, wen suchen Sie denn? Ihre Rothe? Was ist denn Das fur ein Paradiesvogel?

Das frag' ich Sie! So bin ich nie geneckt worden! sagte Hackert athemlos. Mitten im Tanz ist sie von mir fort: dem Soldaten, der mit der Blauen tanzte, ging's ebenso. Der sucht die Blaue, ich die Rothe verdammte Fledermause!

Schonen Sie sich, Hackert! Sie lassen einmal recht wieder die Zugel schiessen. Vor zwei Jahren waren Sie durch Ihre Tanzwuth der Schwindsucht nahe und noch geb' ich nichts auf Ihre Brust ...

Und doch soll ich schreiben immer schreiben das niedertrachtigste Metier, das nur fur die alten Monche einmal gepasst hat, die ihren Bauchen von Herzen die Schwindsucht wunschten!

Und manchmal schliessen Sie sich doch ab, als wollten Sie in's Kloster. Die Welt ist Ihr Schauplatz, aber Sie horen nicht auf die Stimme Ihres wahren Berufes.

Ich hore schon, wenn Sie mir nur nicht wieder einen Vater geben, den ich nicht mag

Und eine Schwester, die Sie heirathen wollen oder schon geheirathet

Pax! Ich wurge Sie ... oder ich rufe nur Ihren Namen noch einmal und alle Observaten schlagen den Oberkommissar nach 12 Uhr selbst todt.

Die Rothe ist Melanie, Hackert ... Das erste Mal war' es nicht, dass Sie Fraulein Schlurck tiefmaskirt auf die Balle fuhrten. Nachts schlief Alles im Hause und Melanie schlupfte mit Ihnen auf einen Tanzsaal, den das Madchen nur sehen wollte, nur horen wollte. Das Abenteuerliche lockte sie ... Nicht wahr?

Hackert schwieg. Der Oberkommissar wusste zuviel von seiner Jugend, als dass er hatte laugnen konnen.

Jeannette, sagte er bitter, Jeannette wird Ihrer Wissbegier viel erzahlen mussen, Herr Pax ...

Da wurd' es freilich schon anders, als die kam, fuhr Pax fort. Das Madchen bekam Begriffe von Schicklichkeit und die Augen der Altern setzten Brillen auf. Aus Liebe wurde ja wol sogar Hass? Nicht? ... Aha! Sie schweigen! Werden Sie vernunftig! Geben Sie Das auf! Schlurck's haben Engelseelen, dass sie Ihnen noch heute wie ihrem Kinde gut sind. Aber Melanie geht hoch hinaus. Jeannette spricht von Fursten. Warum nicht? Sie ist das schonste Madchen in der Monarchie glaub' ich. Aber Sie sollten Ihre Traumereien in den Schornstein hangen oder vielleicht Etwas werden, was sie hebt vor Schlurck's, Ihnen einen Charakter gibt. Verstehen Sie? Dann konnten Sie hintreten und sagen: Melanie, ich bin jetzt ...

Was?

Das findet sich! Raffen Sie sich zusammen kommen Sie morgen mit mir zum Polizeiprasidenten er hat etwas fur Sie Wollen Sie? Schlagen Sie ein!

Eben wollte der Oberkommissar aussprechen, wodurch Hackert's Genie sich eine Bahn brechen konnte, eben reichte dieser mechanisch und traumerisch seine Hand hin, als sie wiederum von der jungen, rothen, eleganten Tanzerin ergriffen und dem drangenden Werber zu seinem grossten eigenen Erstaunen entfuhrt wurde ...

Der blaue Domino hing schon halb widerstrebend am Arme des jungen hubschen Soldaten ...

Der Oberkommissar, von der Keckheit jener Unterbrechungen jetzt selbst unangenehm beruhrt, folgte den zum Saale fliegenden beiden eleganten Tanzerinnen nun mit beschleunigten und, wie zu irgend etwas entschlossenen Schritten.

Elftes Capitel

Der rothe Domino

Welch' ein Gegensatz zu jenem rauschenden Gewuhl der Sinnenlust, der Vergnugungswuth und des gedankenlosen Ubermasses der Freude die dicht daneben befindliche grosse Willing'sche Maschinenfabrik!

Am Tage rauscht es, larmt es und tobt es auch hier.

Da steigen schwarze Wolken aus zehn thurmhohen Schornsteinen, die Eisenhammer drohnen aus den gewaltigen Werkstatten, in den Gluhofen siedet es, der grosse Ventilator, mit dem gegen hundert Schmiedefeuer zu immer lichterloher Gluth geblasen werden, stosst achzende, singende Tone aus und zu dieser Musik der menschlichen Arbeit und des die Materie bewaltigenden Gedankens wiehern die Rosse, die achtspannig die hier gebauten Locomotiven in die entferntesten Gegenden fuhren, um Kunde zu geben von der gewaltigen Thatigkeit vereinter Menschenhande und der gefesselten Naturkrafte.

Aber auch ein schlafender Riese schnarcht nicht wie ein gewohnlicher Mensch.

Die Hammer wurden zwar jetzt um zwolf Uhr in der Nacht nicht geschwungen, die furchtbaren Raspeln drohnten nicht markerschutternd in den Werkstatten, der helle Metallklang der hohlen Cylinder erscholl nicht dazwischen, vielleicht wohllautend fur das abgestumpfte Ohr, und doch war der Riese in seiner gewohnten Thatigkeit nicht ganz erstorben. Er schlummerte nur, um neue Kraft zu sammeln. Auch im Schlummer hielt er seine starke Hand geballt und zuckte zuweilen mit den Augenliedern, als traumt' er von neuen Heldenthaten. Sein Schnarchen war wie das lebendige Athmen gewohnlicher Menschen.

In den Schmelzofen ging die Gluth die ganze Nacht nicht aus. Die langen Schornsteine durften nicht kalt werden. Die grosse Dampfmaschine, die das Geblase zu den Cupolofen der Eisengiesserei trieb, ruhte nicht. In langsam feierlicher Bewegung gingen ihre Hebel und Stempel auf- und abwarts und hielten jene furchtbare Kraft gleichsam in gelindem Athem, die in der Fruhe um sechs Uhr wieder gewaltig ausholen und wie mit vollen Lungen vereint die Kraft von tausend Menschen ersetzen sollte. Die Nachtarbeiter losten sich ab. Bei den Vorrathen der Coaks, der Steinkohlen, der Holzkohlen fanden sich Wachter ebenso wie in der angrenzenden Gasanstalt, durch deren unterirdische Rohren die ganze Fabrik in Winterabenden durch tausend Gasflammen erhellt war und auch im Sommer fur die Nachte die Bewachung erleichtern mussten. In den Schmelzofen und an dem Druckwerk des grossen Ventilators ... uberall kauert sich ein Wachter, der gelinde und langsam das Tagewerk vorbereitet und die gewaltigen Krafte nicht zu volliger Ruhe kommen lasst.

Dicht an einem riesigen Krahnen vorbei, an einem Brunnen, der aus einem grossen viereckigen Thurme, dem grossen Wasserbehalter, fliesst und nur ein Zeichen der vielen Wasserarme ist, die hier unterirdisch in alle Werkstatten fliessen und uberall nur durch einen umgedrehten Hahn jeder einzelnen Thatigkeit dies immer nothwendige Element zufuhren, erhebt sich ein freundliches Gebaude mit grossen, bis zur Erde herabgehenden Fenstern.

Hier im Mittelpunkt des Ganzen ist das Comptoir, wo die Bestellungen angenommen, die Bucher gefuhrt, die Zahlungen geleistet werden.

Durch die grossen Glasfenster kann man von allen Seiten die gewaltige Anlage ubersehen. Hier liegen nur die Gluhofen in der Nahe, nicht die Werkstatten, wo das Eisen seine tausendfachen Formen empfangt und der Larm zu gross gewesen sein wurde, um nicht die Arbeit der Feder, die die Arbeit der Hand und des Dampfes hier zu controliren hatte, zu storen. Hier war der Unternehmer Willing von Technikern und Buchfuhrern umgeben und beherrschte durch eine einfache, freundliche, besonnene, nicht im Mindesten diktatorische oder sich in die Brust werfende und doch machtige Personlichkeit das grosse vulkanische Reich.

Auch in dieser Nacht, wahrend in der Fortuna die Trompete schmetterte und die Pauke ihre Wirbel schlug, war es zwar ruhig auf den vom Sternenlicht matt erhellten grossen Hofen der Fabrik, aber im Innern heute lebendiger als sonst in der Nacht.

In jenem Comptoir, beschienen von dem blutrothen Abglanz der danebenstehenden in Thatigkeit erhaltenen Esse sitzt eine Anzahl Manner in verschiedenen Gruppen zusammen.

Es ist ein Uhr Nachts und zwei Gasflammen brennen noch so rein und hell auf einem grunen Tisch, dass sie die Vorstellung etwaigen baldigen Erloschens nicht erwecken.

Einige Flaschen Wein, von denen zwei geleert, stehen auf dem Tisch, auch Braten, auch Brot, auch feineres Geback, als hatte sich ein Leckermund hierher verirrt.

In einem Nebenzimmer, dem abgeschlossenen Cabinet des Herrn Willing brennt gleichfalls eine Gasflamme uber einem grossen grunbezogenen Stehpult, vor dem eben Herr Willing selbst auf einem emporgeschraubten Drehsessel jetzt sitzt, um sich nicht zu ubermuden.

Er raucht eine Cigarre nach der andern, wahrend er rechnet und von einer Menge vor ihm ausgebreiteter Zeichnungen bald diese, bald jene genauer betrachtet und in ihrem Kostenanschlage zu taxiren scheint.

In dem grossen Raume vorher sitzen an dem grunen Tische bei dem einfachen Nachtimbiss zwei Manner, der Eine junger als der Andre, und sind in einem warmen, angeregten Gesprache begriffen.

Auch der Jungere raucht. Der Altere aber, ein hoher stattlicher Mann, spielt mit einem silbernen Crayon, das er aus einer neben ihm liegenden Brieftasche gezogen zu haben scheint. Noch liegen viele Zeichnungen, auch einige englische Bucher mit eingedruckten Kupfern neben ihm ...

In einem Winkel liegen drei schwarzrussige Feuerarbeiter auf dem Boden und sind vom halben Schlafe befangen. In einer Stunde schon werden sie wohl aufspringen und ihre Kameraden an dem Gluhofen ablosen mussen, dessen Schein lebhaft ihr Lager auf Matratzen erhellt und einen andern dunkeln Winkel des grossen Zimmers, wo auf einem Sopha ein Knabe eingeschlummert liegt, mit dem wie magisch vom Hofe hereinbrechenden Lichte ubergluht.

Am Eingange der grossen Glasthur steht ein einspanniger ziemlich bepackter Wagen mit aufgerichteter Gabel, ohne Pferd.

Der jungere Mann, der eben aus der dritten Flasche einschenkt und von der Cigarre die Asche am Stuhlrande abdruckt, blickt aus einem scharf geschnittenen, sarkastischen, zusammengetrockneten Antlitz mit Augen, die so hell blitzen, dass es uns gar nicht wundern wurde, wenn er nach einer wie es scheint jetzt vollbrachten spaten Arbeit noch auf den Fortunaball ginge. Er strich sich sein struppiges, etwas langes Haar und den grossen, blonden Knebelbart, den er bis zu einer solchen Lange trug, dass er ihn leicht hatte in Knoten schurzen konnen. Es war dies der Maler Max Leidenfrost.

Sein Gegenuber, der noch immer sinnend und nachdenklich seinen silbernen Crayon wiegt und zuweilen nach dem schlummernden Knaben auf dem rotherleuchteten Sopha blickt, ist Ackermann ... Selmar hatte in jenem Winkel dem Schlafe nicht widerstehen konnen.

Das hat lange gedauert! sagte Ackermann. Ich glaubte nicht, dass uns die Garret'sche Hebelsaemaschine so lange aufhalten wurde.

In die hab' ich mich leichter gefunden, sagte Leidenfrost, als in Ihren tollen Cincinnatipflug. Mit dem mussen Sie ja in die Erde hineinschneiden wie mit einem Rasirmesser in frische Butter ...

Es kommt auf den Boden an, sagte Ackermann. Uberall wurde er nicht zu gebrauchen sein, wie denn uberhaupt die Landwirthe darin fehlen, dass sie theoretische Verbesserungen fur uberall anwendbar halten. Der Cincinnatipflug soll mir auf moorigem Grunde vortreffliche Dienste thun, wahrend ich fur kalkige Gegenden mit der Zeichnung 14 besser fortkomme.

Darf ich Ihnen einschenken, Herr Ackermann?

Ich danke! Wenn ich in geistiger Anregung bin, ist mir eigentlich das Element des Wassers lieber ...

Sie sprechen uber die Bestimmung dieser Maschinen, die Ihnen Freund Willing liefern soll, so feierlich, dass auf ihnen ein Segen ruhen muss. Gebe der Himmel, dass Sie sich nicht tauschen!

Leidenfrost schuttete ein Glas hinunter.

Amen! sagte Ackermann.

Mir hat es immer einen wehmuthigen Eindruck gemacht, fuhr Leidenfrost fort, wenn ich eine Maschine fertig sah und mir ihre Anwendung dachte. Sie kommt an den Ort ihrer Bestimmung. Macht sie Menschenhande brotlos, so wird sie betrachtet wie ein ruchloser Eindringling. Mit tausend Fluchen beladen geht sie an ihre Thatigkeit und leider haben wir die Erfahrung gemacht, je geistvoller sie zusammengesetzt ist, je grosser die Vortheile sind, die sie zu versprechen schien, desto mislicher die Enttauschung. Man sollte grosse Werkstatten, sei's nun im Ackerbau oder in der Technologie, von Staatswegen nur deshalb anlegen, damit auf allgemeine Kosten vorher untersucht wird, ob ein solcher theoretischer Traum sich auch der Anwendung lohnt und bewahrt. Ich gestehe Ihnen, wenn ich mir denke, dass alles Das oder nur ein Theil von Dem, was Sie so wahrhaft neu und erfinderisch uns heute hier angegeben haben, sich nicht nach Ihren Wunschen machte, mir Das wahrhaft leid thun wurde. Denn Sie sehen an der spaten Nachtstunde, mit welchem Vergnugen ich Ihren gedankenreichen Angaben gefolgt bin.

Was verlangen Sie da vom Staat! sagte Ackermann. Selbst erforschen auf eigne Gefahr und Kosten, was Andern schadlich oder nutzlich sein konnte? O mein Gott

Geschieht Das nicht wenigstens in Amerika?

Auch da nicht! Das Leben ist uns Menschen gegeben wie ein roher Block, den wir auf eigene Gefahr zu formen und zu gestalten haben! Wer seine Wunsche erreicht, wohl ihm! Wer an ihrer Erfullung scheitert sein Beispiel ist belehrend fur Den, der auf seinen Trummern weiter baut!

Grasslich ist's doch!

Das ist's.

Liess' es sich bessern?

Annahernd.

Warum nicht ganz?

Weil alle unsre Staaten egoistisch sind. Die eingefleischtesten Ich-Staaten sind erst die asiatischen. Nach ihnen kommen die europaischen und ich weiss nicht, ob nicht noch in Asien mehr Garantie des allgemeinen Wohles vorhanden ist! Denn die Dynastieen morden sich da und konnen die Staaten nicht auf die Dauer fur ihr Eigenthum in Anspruch nehmen.

Aber Amerika?

Da ist man wenigstens verschont von dem Glauben, dass die Staaten die Emanationen irdischer Furstenerscheinungen, die nothwendigen Existenzbedingungen noch nothwendigerer Dynastieen sind. Aber jede Gesellschaft, wenn sie auch auf das Interesse der allgemeinsten Wohlfahrt begrundet ware, bekommt auf die Lange ihre Traditionen, ihre besonderen Uberlieferungen, die sich festsetzen, Form und Gestalt gewinnen und Gesetze aufstellen, die mit der Zeit machtiger werden als das allgemeine Bedurfniss. Das schaffende Individuum vollends wird sich immer erst seinen Weg bahnen mussen und durch seine eigenen Unglucksfalle weise werden. Ist's im Moralischen nicht auch so?

Sie haben eine trube Lebensauffassung! bemerkte Leidenfrost.

Ich erheitre sie mir durch die Natur und die Arbeit ...

Ihrem Knaben werden Sie zuviel Philosophie mit auf den Weg geben. Man liebt als Kind die Vater sehr, die zu leiden scheinen, aber sie fordern uns nicht. In's praktische Leben damit! Mir ist's so gegangen. Ich habe nicht gewusst, was Vater und Mutter ist. Ich bin in einem polnischen Nonnenkloster erzogen, obgleich ich gar nicht katholisch bin. Da wurde ich anfangs wol verhatschelt und verzartelt. Dann gab man mich in Warschau in ein Priestercollegium, ich sollte convertiren, Monch werden. Ich brachte mit Nichtsthun, mit Beten, Singen, Lesen, Schreiben, Administriren beim Hochdienst (obgleich ich evangelisch war) bis in mein funfzehntes Jahr zu. Da sollt' ich zu den Weihen vorbereitet werden.. es war in Warschau.. ich entfloh, ward erst Bedienter bei einem reichen russischen Diplomaten, einem gewissen Otto von Dystra, einem geistreichen, buckligen Mann, der mich nur aus Lust an dem Abenteuer und um die Monche um eine Seele zu prellen mitnahm ... dann ...

Otto von Dystra, sagte Ackermann ... er ist jetzt russischer Consul in Amerika?

Sie kennen ihn ...

Von Washington her ...

Nun wohl! Wir reisten damals von Warschau bei Nacht und Nebel davon. Hier angekommen, sagte er: Mein lieber Max, hier hast du hundert Louisd'ors! Zum Monch bist du zu verschmitzt, zum Bedienten zu dumm, lerne etwas und tummle dich! Als Kind schon hatt' ich Heilige geschnitzt und den Erloser aus Brotkrumen gedreht ... ich ging also bei einem Drechsler in die Lehre. Bald macht' ich einiges Aufsehen durch meine Bildhauerarbeiten von Holz.. ich war damals so geschmacklos, sie zu bemalen ... Aber weil die protestantisch- und asthetischgesinnten Leute hier sie nun nicht mehr mochten, glaubt' ich, es lage an meiner Unkenntniss der Farbe.. so wurd' ich Maler.. die Malerei hab' ich dann mit Leidenschaft erfasst ... bin aber doch Alles durcheinander und ich kann wol mit einigem Stolz sagen ... in keinem Dinge, das ich ergreife, ein ganzer Pfuscher. Die Erziehung soll uns das Rustzeug fur gute und schlechte Zeiten geben. Ich besitze durch fremde Gute und Liebe einiges Vermogen ... ich lasse es stehen, wo es steht ... ich will es erst in Anspruch nehmen, wenn diese Hande lahm, diese Fusse mude sind.

Ich danke Ihnen fur diese interessante Biographie! sagte Ackermann voll Theilnahme und gab Leidenfrost die Hand. Sie meinen, dass ich melancholisch bin, weil ich so wenig Wein trinke? Darauf schenken Sie ein und stossen an. Es lebe ... das Leben!

Das Leben! Das bunte Leben! Die Schule des Lebens! sagte Leidenfrost und ergriff die Flasche, um Ackermann's Glas bis an den Rand zu fullen.

Als sie angeklungen hatten, erhob sich Leidenfrost, der sehr aufgeregt war und ging zu Willing hinein, der zu ihm, ohne aufzublicken, lachend sagte:

Da bist du nun schon angekommen! Warst sicher lieber auf dem Fortunaball druben und musst hier Zeichnungen machen und meine Calculs vergleichen bis nach Mitternacht!

Ein wunderlicher Mensch, dieser Amerikaner, sagte Leidenfrost mit gedampfter Stimme; aber so seltsam wie ein Prophet. Er hat mich gefesselt und ich bleibe so lange, bis du zusammengerechnet hast, was alle diese Angaben etwa kosten wurden. Ich will seine Miene sehen, wenn du eine Garantie verlangst ...

War' ich reich, sagte Willing und musst' ich nicht mit fremdem Gelde arbeiten und soviel arbeiten, um nur arbeiten zu lassen, ich konnte mich entschliessen, ihm auch auf Treu und Glauben diese Maschinen auszufuhren. Der Verlust brachte immer noch den reichen Gewinn der Belehrung fur meine Techniker. Wie er in dem Einspanner vorfuhr und mit der ruhigen Haltung eines Ministers fragte, ob ich Zeit hatte, ihm Maschinen zu bauen, und ich Ja! sagte, Zeit genug, wenn es keine Locomotiven und nur kleine Sachen sind! ... Wie er dann sagte: Ob ich ihm den Abend schenken wollte, um seine Plane anzuhoren und ich dann antwortete: Gern, aber ich muss zu meinem besten Zeichner schicken

Leidenfrost wollte eben das ihm gespendete Lob ablehnen, als Ackermann naher trat. Er hatte einen kurzen Gang durch das grosse Zimmer gemacht, einen theilnehmenden Blick auf seinen schlummernden Selmar geworfen und stellte sich, die Hande auf den Rukken gelehnt, an die Eingangsthur, die in das kleine Cabinet des Fabrikanten fuhrte.

Es lauft wol hoch hinauf? sagte er gespannt, als Leidenfrost schwieg und er ein Gesprach nicht zu storen glaubte.

Es ist nicht leicht, sich jeden Anschlag ganz zu vergegenwartigen, antwortete Willing. Wenn Sie noch eine halbe Stunde Zeit haben

Ich raube Ihnen die Nacht. Ich schame mich, Ihnen zudringlich zu erscheinen.

Wenn Sie sagen, dass Sie Eile haben und noch diese Nacht reisen wollen ... Bestellungen, die auf mehr als tausend Thaler gehen, nimmt man auch bei Nacht an.

Wahrend Willing fortrechnete und sich Ackermann und Leidenfrost vom Cabinet entfernten, sagte der vielseitige Maler:

Warum eilen Sie so? Bietet Ihnen die Hauptstadt Ihres Vaterlandes, nach so langer Trennung, nicht mehr Zerstreuung, nicht mehr Gelegenheit, das inzwischen entstandene Neue zu besichtigen? Und wenn Sie nicht fur sich bleiben, bleiben Sie fur Ihren Jungen da!

Ich habe gleich bei meiner Ankunft, sagte Ackermann bewegt, einen fur mich sehr empfindlichen Schmerz angetroffen, die Krankheit eines mir sehr theuren Menschen, des jungen Prinzen Egon kennen Sie ihn?

Er ist seit kurzem von Paris angekommen.. Ich kenne ihn nicht ...

Er liegt am Nervenfieber so heftig darnieder, fuhr Ackermann fort, dass ich die fernere Entwickelung dieses Leidens nicht abwarten mag. Seine Guter gerade sind es, die ich in Pacht genommen habe und auf denen ich meine Erfahrungen geltend zu machen hoffe. Nichts ist unterwuhlender, als von der Pein einer angstlichen Spannung taglich gefoltert zu werden. Gefasst auf das Ausserste, unvermogend zu helfen, geh' ich. Auch weiss ich nicht, ob Sie mich darin verstehen. Wenn Jemand jahrelang von der Heimat abwesend war und er sieht sie in der Absicht wieder, sich nicht blos der Erinnerung gefangen zu geben, sondern auf ihrem Boden auch zu wirken und zu schaffen, so soll man der Erregung des Gemuthes keine zu lange Herrschaft einraumen. Ich brauche meine Vorsatze. Sie sind meine Stutze. Ich brauche meine Lebensauffassungen, wie ich sie mir nun einmal gebildet habe. Sie sind meine feste Anlehnung. Soll ich nun hier all' den Menschen begegnen, die ich von fruher kenne ... ja liebe, achte ... aber ... ich furchte, mich an sie und sie an mich zu verlieren. Such' ich den Einen, so war' es lieblos, nicht auch den Andern zu suchen. That' ich nun Das, so fand' ich kein Ende und von meinen ernsten Aufgaben kam' ich ganz ab. Deshalb hab' ich mich entschlossen, dies Wiedersehen und Wiederbegrussen, dies Erinnern und Gedenken, auf eine Zeit aufzusparen, wo ich mich schon wieder fester in dieser alten Welt eingewurzelt fuhle. Ich will rasch, ohne Zogern, an die Aufgabe gehen, die mir fur's Erste die wichtigste ist.Leidenfrost konnte nicht umhin, diese Absich vollkommen zu billigen und zu erklaren, dass er im gleichen Falle ganz ebenso handeln wurde.

Sie sind also Maler, hor' ich mit Erstaunen, bemerkte Ackermann, als sie sich wieder gesetzt hatten..

Dass Sie aber auch mehr als Okonom sind, glaub' ich gleichfalls errathen zu konnen, antwortete Leidenfrost.

Allerdings, sagte Ackermann; ich bin meines Zeichens ein Stubengelehrter, ein gelernter Jurist, dann Philosoph, Politiker ich habe Vieles, wie Sie, durcheinander studirt, bis ich von allen meinen idealen Flugen auf die alte Muttererde zuruckkam. Allein zu allen Zeiten bin ich doch immer nur sozusagen Eins gewesen. Sie arbeiten aber a deux mains..

Doch nicht! sagte Leidenfrost. Ich war immer Kunstler, wie Sie vielleicht immer Denker. Ich habe, als ich im Kloster unter den Nonnen war, schon Hauser von Pappe gebaut, Kastchen fur die kleinen zierlichen Ostereier, die die Damen vom Herzen Jesu mit Seide umspannen und mit Goldfaden ausschmuckten. Dann gab mich Abtissin Sibylle, damit ich ein Pole und ein Katholik wurde, nach Warschau in ein Monchskloster, wo ich Musik trieb und die alten Gebetbucher abschreiben lernte, wobei ich zuerst mein Zeichnentalent in den bunten geschnorkelten Initialen zu erkennen gab. Bei gewissen geistlichen Passionen, die wir in der Charwoche und zur Weihnachtszeit auffuhrten, war ich Schauspieler. Die Zeit, wo ich Dichter war, uberspring' ich. Es ist die Zeit einer hoffnungslosen Liebe. Auch meine Bedientenrolle bei Otto von Dystra war eine Kunstaufgabe. Ich wollte nur aus Polen entfliehen, unbekannt sein und meine Verzweiflung im Elend ersticken. Der bucklige Baron war ein Sonderling ...

Er ist es noch ... sagte Ackermann.

Er liebte alle moglichen Raritaten, fur die er ein ungeheures Geld verschwendete. Damals hatte er es mit der vor funfzehn Jahren etwa zum ersten male auftauchenden Phrenologie zu thun. Wo er einen interessanten Schadel entdeckte, hatt' er am liebsten den Kopf gleich abgeschlagen und mitgenommen ...

Wie er in Niniveh die alten Tempeltrummer mitnahm.. erganzte Ackermann, der diesen beruhmten Reisenden Otto von Dystra genau zu kennen schien.

Da sich diese Scharfrichterei aber nicht gut ausfuhren liess, fuhr Leidenfrost fort, so formt' ich ihm die Kopfe rasch aus Thon. Er gab mir die hundert Louisdors, um Bildhauer zu werden; ich war bescheiden und wurde erst Drechsler, bis sich der gahrende, brausende Kunstlerdrang nicht mehr halten liess und ich plotzlich Bildhauer, Maler, Architekt, Mechaniker war. Die Maschinenbaukunde vertragt sich vollkommen mit meiner Natur, die in der Kunst nichts Traumerisches, sondern etwas Reelles sieht ... Wir haben zu vielen Dingen zu gleicher Zeit Talent. Der Mensch hat viel mehr, als an jeder Hand nur funf Finger; er sieht sie nur nicht alle.

Das ist wahr; antwortete Ackermann sehr befriedigt von dieser Bemerkung. Es juckt uns oft in Fingern, die wir nicht haben und wenn ich schlechte Musik horte, kribbelte es mir in allen Nerven, bessere zu machen, obgleich ich nur etwas Klavier spiele und auf einer italienischen Reise Guitarre klimperte. Jedoch die mechanische Fertigkeit der funf Finger, das ist etwas Anderes. Das lasst sich doch nur an diesen allein uben und deshalb erstaun' ich, dass Sie Maler und zugleich Techniker sind.

Ich besuche Sie einmal auf Ihren Dorfern und wenn die Maschinen anschlagen und es abwerfen, bau' ich Ihnen noch eine Villa nach meinem Geschmack ...

Ich halte Sie beim Wort! sagte Ackermann erfreut. Allein Eins nimmt mich doch Wunder. Wie machen Sie es bei solcher Vielseitigkeit mit Ihrem Horizonte? Die Anschauung eines Kunstateliers ist doch auch fur's Leben eine andere, als die einer Maschinenfabrik.

Glauben Sie Das nicht! sagte Leidenfrost. Unsere Maler sind nur meist so toll, sich einen ganz kleinen Horizont abzuzirkeln, zu dem sie aufblicken. Den nennen sie das Ideal. Woher kame denn anders die eunuchenhafte Erfindungslosigkeit unserer Schulen, wenn die jungen Bursche, die Leinwand vollklexen, nicht mit Gewalt in eine kleine Treibhauswelt eingepfercht wurden, wo sie immer vom Schonen, vom Schonen sprechen und es nur in ein paar Begriffen finden?

Die Bibel z.B. ist doch ein grosser Begriff ... sagte Ackermann.

O ja! die Begriffswelt dieser Maler ist sogar noch ein klein wenig grosser: denn zur Bibel kommt noch bei ihnen ein deutsches Legendenbuch, ein paar Volksbucher, die Nibelungen, Petiskus' Mythologie voila tout! Ist Das nun wirklich das Leben?

Gut, erwiderte Ackermann, sagen Sie, dass dieser Horizont klein ist, aber er ist rein, er ist edel, ungeschwarzt! Nicht die Weite der Anschauungen ist es, die den Kunstler begluckt, sondern ihre Durchsichtigkeit und Klarheit. Sind Sie nun z.B. in dem Qualm einer Feueresse derselbe Mensch, der Sie mit der Palette in der Hand sein sollten?

Ich heize ja hier nicht die Ofen ... meinte Leidenfrost lachend.

Sie zeichnen hier nur! Aber Sie haben mathematische Anschauungen. Geht denn die trockene Mathematik in den Kopf eines Malers?

Leonardo da Vinci und Albrecht Durer waren grosse Mathematiker und wohl dem Maler, dem man ansieht, dass er weiss, was wage- und lothrecht ist.

Nun wohl! sagte Ackermann und bot Leidenfrost die Hand; ich streite nur, um zu streiten. Ich fuhle mich vollkommen hinein in Das, was Sie denken. Ich habe Deutschland zu einer Zeit verlassen, wo die Romantik alle unsere Anschauungen mit einer Art Heiligenschein umgab. England und Amerika boten mir dagegen so viel Realismus, so viel Ernuchterung, dass ich manchmal den Versuch machte, in meinen alten romantischen Verklarungsdammer wieder zuruckzukommen. Es ist aber wahr, man kann bei gesundem Sinne nicht zu lange in ihm verweilen ...

Indem schlug es bereits ein Uhr an einer im grossen Wasserthurme angebrachten Uhr.

Die Thur, die vom Hofe fuhrte, offnete sich nun und drei russige, kraftige Gestalten traten mit einem sehr fruhen: Guten Morgen! herein, wahrend die Drei, die auf der Matratze geschlafen hatten, sich anschickten, statt der Angekommenen hinauszugehen.

Es war eine Ablosung der Wachen.

Einen Trunk erst! rief Leidenfrost und schenkte den abgehenden Mannern ein.

Diese leerten Jeder ein Glas und empfahlen sich freundlich ohne Kriecherei und unverdrossen.

Nun Alberti, sagte Leidenfrost zu einem der Neuangekommenen, der sich eben etwas zu ruhen ausstreckte, es macht wol verdammt heiss bei den Coaks? Soll morgen viel in die Schmelze?

Funfzehn Centner Roheisen antwortete der Angeredete. Aber ich wette, fuhr er scherzend fort, druben in dem grossen Saale der Fortuna haben sie's fast eben so heiss. Zwei Tausend Menschen sollen da den Spektakel heute mitmachen.

Sind wol aus der Fabrik welche druben? fragte Leidenfrost.

Glaub' ich doch nicht.. sagte Alberti.

Es hat einen Grund setzte lachend der Zweite hinzu.

Nun, Heusruck, welchen denn? fragte Leidenfrost.

Ubermorgen ist erst Zahltag!

Deswegen nur? erwiderte Alberti. Welcher brave Maschinenarbeiter wird solche Narrenspossen mitmachen?

Wer Zeit hat des Abends, geht in den Verein. Die alten Tanz- und Juchhei-Zeiten sind vorbei ...

Das wollt' ich auch meinen ... sagte der Dritte, eine grosse, wunderlich geformte Gestalt, ganz argerlich uber Heusruck's Annahme, dass Maschinenarbeiter auf den Fortunaball gingen. Da mogen Bediente, Pferdeknechte, Schneider, Lohnlakaien und Stiefelputzer hingehen. Selbst die Barbiere sind aufgeklarter und wollen sich von den Friseuren unterscheiden. Wenigstens darf mir keiner an den Hals, der von einer durchtanzten Nacht das Zittern in der Hand hat.

Ei, Danebrand, sagte Leidenfrost, das ist ja loblich! Glatter Bart und moralische Grundsatze! Aber wie kommt's denn, dass Ihr so lange nicht im Verein war't?

Kann ja nicht! antwortete der seltsame Mensch, der zu gross war, um ihn nur breitschulterig und stammig zu nennen, aber bei seinem schlanken Wuchse doch unverhaltnissmassig hohe Schultern hatte. Muss ja so lange fur den Eisold einstehen, bis sein Karl heran ist und die Stelle des Vaters einnehmen kann ...

Braves Haus, das Ihr seid, Danebrand! fiel Leidenfrost ein und wandte sich zu Ackermann, der zuhorte. Dieser gute Danebrand, sagte er so laut, dass Danebrand es horen konnte, ein Schleswiger, wie Sie nach seiner sanften, flotenden Lispelsprache vernommen haben werden, dieser brave Junge mit dem Simsonskorper und dem zarten Stimmchen, das ihm auch in seinen zu hohen Schultern sitzen geblieben scheint, ist die Menschenliebe selbst. Er arbeitet erstens fur sich und Das muss nicht wenig sein, wenn Sie bedenken, dass Freund Danebrand einem schleswigschen Stiere den Appetit streitig macht. Zweitens arbeitet er noch in Gemeinschaft mit einem jungen Lehrling, Namens Eisold, so viel, als fruher zusammen der verstorbene Vater des jungen Eisold allein arbeitete.

Warum thut er Das? fragte Ackermann freundlich zu Danebrand hinuber blickend.

Weil er dem jungen Eisold die Stelle des Vaters offen halten will, bis er sie allein ausfullen kann. Arbeitete er nicht fur den todten Vater mit, so wurde man schon jetzt die Stelle des Verstorbenen besetzen. Das wird vielleicht Eure Schultern schmaler machen, Danebrand! Ihr werdet viel schanzen mussen.

Alberti und Heusruck lachten. Danebrand aber streckte sich auf die Matratze an der Erde und sagte, den riesenhaften, blondhaarigen Kopf zur Ruhe auf die Arme legend, die, wie die ganze Gestalt mit Russ und Dampf geschwarzt waren auch das Gesicht liess sich vor Kohlenschwarze nicht erkennen :

Was wird der Herr von mir denken? Er wird mich fur einen Narren halten, wenn Sie ihm nicht sagen, warum ich Das fur den Karl Eisold thue?

Nun, weil er sechs Geschwister hat! antwortete Leidenfrost, der von den Verhaltnissen dieser Arbeiter wie ihr Freund unterrichtet war.

Liebe Zeit, sagte Danebrand, es gibt der Arbeiter, die an der Cholera gestorben sind und sieben Kinder hinterliessen, die nun betteln mussen, genug ...

Aber es gibt gewiss nur einen Danebrand! sagte Akkermann, den die Bescheidenheit des misgestalteten Feuerarbeiters ruhrte.

O Herr, antwortete dieser mit seinem spitzen schleswigschen Stimmchen, ablehnend, das ist ja ganz naturlich. Das war vor anderthalb Jahren, als ein grosses Dampf-Pochwerk probirt werden sollte. Die Maschine ist schon im Gange und ich weiss es nicht ... Der Dampf steigt aus dem Kessel und das Ding fangt zu arbeiten an, ehe ich mir's versehe. Donner! ich liege unten an den Stempeln und will sie blos nur noch blanker putzen. Jesus! schreien die Leute, Danebrand! Schon neigt sich von oben der furchtbare Hammer von zwanzig Pferdekraft nieder so muss einem Menschen zu Muthe sein, uber dem ein Berg zusammenbricht Alle schreien und nur Einer springt hinzu und reisst das Ventil auf. Zischend fahrt der Dampf heraus wie ein Ungewitter: der Hammer bleibt an der Spitze meiner Haare stehen und der Arbeiter, der das Ventil aufgerissen hatte, war selbst dabei gefallen und hatte sich eine Sehne zerrissen, dass er sechs Wochen nicht gehen konnte. Das war Eisold, der vor soviel Monaten mit seiner Frau an der Cholera gestorben ist. So arbeit' ich nun so lange fur ihn mit, bis sein Karl so weit ist wie der Vater ...

Gott segne Sie fur diese dankbare Aufopferung! sagte Ackermann geruhrt und zu Leidenfrost's Freude, dem der wohlthuende Eindruck, den die Erzahlung auf den Fremden machte, gefiel. Doch war er zu sehr Humorist, um eine Ruhrung zu lange andauern zu lassen. Er wandte die Sache gleich in's Scherzhafte und sagte:

Wetter, wenn der Danebrand sich immer so weiss waschen konnte, wie er's eben gethan hat und sein Barbier ihn rasirte, auf dem Fortunaball liefen ihm alle Madchen nach. Die Wahrheit hat er erzahlt. Der Hammer war eben im Begriff, ihm von den Schultern das grosse Stuck herunterzuklopfen, das er zuviel hat. Aber geflunkert hat er doch! Was Heusruck, Alberti, hat er nicht geflunkert?

Freilich hat er geflunkert, sagte Heusruck. Er hat was ausgelassen ...

Was hat er denn ausgelassen? fragte Ackermann mit freundlicher Theilnahme.

Dass er seit Eisold's zerrissener Sehne in seine Tochter bis uber die Ohren verliebt ist; erganzte Alberti.

Danebrand brummte etwas und warf sich auf die andere Seite.

Ist es nicht wahr, Danebrand? rief Leidenfrost. Jetzt thut er, als wenn er schlafen wollte. Danebrand, ein Glas Wein! Hier auf Louise Eisold! Was! Was? Thut Ihr nicht Bescheid auf Louise Eisold?

Indem hatte Leidenfrost eingeschenkt.

Als Danebrand zogerte, trank Alberti das Glas.

Als es Leidenfrost noch einmal gefullt hatte und Danebrand wieder zogerte, trank es Heusruck ...

Und als Danebrand auch das dritte Glas ausschlug, war Leidenfrosten fast der Muth entsunken, ihn zu fragen, was er gegen Louise Eisold hatte?

Danebrand schien so verdriesslich, so missmuthig uber diese Erinnerung, dass er aufstand und sagte, er musse druben noch etwas am Ofen nachsehen.

Damit ging er hinaus.

Als die Andern der gewaltigen, kolossalen Figur, die aber in den Schultern wirklich etwas von einem Buckligen hatte und mit dem ungeheuren Kopfe tief im Nacken sass, nachsahen, fragte Leidenfrost, was Das denn mit dem Danebrand ware. Er fand' ihn uberhaupt seit einiger Zeit verandert. Liegt ihm sein meerumschlungenes Vaterland am Herzen? Uberarbeitet er sich? Was hat er? fragte Leidenfrost die beiden andern Arbeiter.

Er ist unglucklich aus Liebe, sagte Heusruck lachend.

Das ist nicht zum Lachen; bemerkte Ackermann mit freundlichem Vorwurf.

Wie so denn aus Liebe? fragte Leidenfrost.

Ei, erklarte Alberti, Louise Eisold ist ein feines und sehr gebildetes Madchen, erst neunzehn Jahr alt. Seitdem Danebrand bei den Verbanden, die sie am Fusse ihres Vaters machte, sie sah, hat er den Muth gehabt, um sie anzuhalten. Er ist gar nicht ohne Mittel, hat wohlhabende Bauern zu Eltern und ware langst weiter gewandert, wenn ihn Louise nicht "gefesselt" hatte, wie man zu sagen pflegt. Sie gab ihm kein Versprechen, denn bei Gott, so ein braver Kerl er ist ...

Zum Lieben ist er nicht gegossen sagte Heusruck.

Warum? entgegnete Ackermann. Die Liebe hat seltsame Augen und ein treues Gemuth macht Jeden schon.

Leidenfrost blickte bei dieser Bemerkung nachdenklich nieder und seufzte ...

Es schien auch so eine Zeit lang, fuhr Alberti fort. Sie gingen Sonntags mit einander, wenn die Eltern dabei waren und Danebrand kann ganz charmant sein, trotzdem, dass ein tanzender Bar mehr zum Lachen, als zum Lieben ist. Da starben die Eltern. Nun glaubte Danebrand Louischen die Hand anbieten zu mussen und zu durfen, aber sie schlug's ihm rund ab. Sie bat ihn mit Thranen um Verzeihung, aber es kam dann bald heraus, dass ihr etwas Anderes im Herzen spukt

Ist Das wirklich wahr? fiel Leidenfrost ein; was man von einem Menschen erzahlt, der bei ihr wohnt? Ich war neulich dort, um den Karl Eisold zu sprechen, dem ich Bucher gebe, sich mehr zu bilden ...

O Das nicht! entgegnete Alberti

Wohnt der Schreiber nicht etwa bei ihr? fiel Heusruck ein.

Bei ihr? Nun ja! Er wohnt bei ihnen Allen! Sie haben zwei Zimmer vermiethet, und den Einen, einen schlimmen Burschen wie man sagt, soll sie gern haben und da hat uns noch neulich Einer, der in demselben Hause wohnt, erzahlt, dass es ihr mit dem so geht wie dem Danebrand mit ihr.

Er mag sie nicht? fragte Leidenfrost auf Alberti's freundliche Vertheidigung.

Wahrend sich Heusruck eben anschickte, das Verhaltniss noch anders zu erzahlen, bemerkte Alberti und Leidenfrost, dass Ackermann sich plotzlich umgewandt hatte und in einiger Unruhe schien. Er sah bald auf den Tisch, bald unter den Stuhl, wo er gesessen; er schlug an seine Taschen und schien etwas zu vermissen.

Leidenfrost trat naher.

Suchen Sie etwas? fragte er.

Mein Portefeuille! antwortete Ackermann. Noch vor wenig Minuten sah ich es auf dem Tische

Als ich einschenkte, fehlte es nicht

Es muss sich finden

Mein Himmel; es wird kostbare Papiere enthalten?

Geld, und manches Werthvolle ...

Es fehlt seit Danebrand?

Eben wollten die Arbeiter, erschrocken uber diesen entsetzlichen Verdacht, aufspringen, als aus der dunklen Ecke, wo Selmar schlief, eine zarte Stimme rief:

Vater! Hier!

Es war Selmar selbst, der die Brieftasche emporhielt.

Kind, sagte Ackermann, was machst du fur Streiche.

Ei, warum gebt Ihr nicht Acht? antwortete Selmar und sprang vom Sopha auf. Wahrend Ihr da im warmsten Gesprach waret, hab' ich getraumt, die Locke ware fort und in meiner Angst steh' ich auf, ihr seht und hort nichts, und habe nachgeschaut, ob die Locke noch da ist.

Indem trat Danebrand ein.

Ruhig und still ging er zu seinen Kameraden und legte sich auf das harte Lager.

Es lag eine gewisse Feierlichkeit in diesem Momente der Rechtfertigung eines edlen Menschen ... der erste Verdacht war gleich gegen ihn gerichtet gewesen, er stand in der Moglichkeit eines schlimmen Unternehmens da und wie er nach dem sofort entdeckten Irrthume ruhig durch die Glasthur trat, lag auf ihm, trotz seines schmuzigen Aussehens und seiner misgeformten Gestalt, fast der Schimmer einer Verklarung.

Die beiden Arbeiter fuhlten Dies auch mit wahrem Stolz und Ackermann und Leidenfrost mit Beschamung.

Das Gesprach uber Louise Eisold war ohnedies abgebrochen und Ackermann begann gegen Selmar einige ernstliche Verweise auszusprechen.

Vater, vertheidigte sich dieser, ich weiss ja kaum wie mir Das geschah! Ich lag und traumte von unserer Locke. Bald war sie eine Schlange geworden mit einer funkelnden Krone auf dem Haupte. Bald sah ich ein anderes Ungethum, das Harchen fur Harchen an der schonen Ringellocke zerzauste. In der Angst um unser liebes Angedenken an den armen leidenden Freund wacht' ich auf, tastete noch wie halb traumend nach den Lichtern hin, trug die Brieftasche fort, wie in der Furcht, die Locke konnte uns doch noch gestohlen werden!

Und wahrscheinlich einige Tausend Bankzettel dazu, sagte Leidenfrost scherzend, um wieder die fruhere Heiterkeit herzustellen und des Vaters plotzlichen dustern Ernst zu mildern. Aber in der That, hier hat man nur etwa die Metallgeister zu furchten, nicht die Diebe. Unsere Willing'schen Arbeiter sind die gediegensten von der Welt und sind nicht nur ehrlich aus Instinkt, sondern auch ehrlich mit Bewusstsein, was ich hoher stelle. Der politische Miscredit, in dem sie stehen, zwingt sie dazu, uber ihre Tugenden nachzudenken.

Ackermann war von der Erwahnung der Locke mehr verstimmt als erfreut. Sie erinnerte ihn ja an den vermeintlichen Egon, an dessen Leiden er ein so tiefes Interesse nahm. Er hatte das Portefeuille eingesteckt und sah ungeduldig zu Willing hinuber, der noch immer mit dem Anschlag nicht fertig war. Selmar aber schien ubermassig ermudet. Er schmiegte sich an den Vater so innig an, als wollte er in seinem Arme schlummern.

Eine Studie fur mich! rief Leidenfrost. Lear tragt Cordelien im Arm! Das mocht' ich zeichnen! Halt! Halt!

Damit wollte er ein Blatt aus seiner Mappe nehmen.

Erschein' ich Ihnen so alt? fragte Ackermann mit freundlichem Scherz.

Die langen im Winde flatternden weissen Locken denk' ich mir hinzu Selmar ist Cordelia dazu bedarf es nur eines andern Costumes aber der Ausdruck Ihres Antlitzes, Ihr Auge man mochte glauben ... Aber was habt Ihr? Herr, das Kind schlaft ja nur, ist ja nicht todt lassen Sie's doch gut sein, ich zeichne Sie nicht ... Herr Ackermann!

Der Amerikaner hatte wirklich mit einem Ausdruck dagestanden, wie Lear, indem er von seinem "todten Vogelchen" spricht und die Menschen auffodert, mit ihm zu weinen ...

Nehmen Sie wie Konig Lear eine leichte Flocke, sagte Leidenfrost scherzend, einen Federflaum und halten Sie ihn unter dem Athem des Kindes es schlaft ja nur, Bester!

Ackermann setzte sich erschopft und sprach mit leiser Stimme:

Schon die Vorstellung, ein theures Kind zu verlieren, kann so uberwaltigen.

Selmar aber, im Halbschlafe Leidenfrost's Anspielung auf die Federflocke, wie sie Lear bei Cordelien anwendet, misverstehend, fuhr empor und fragte:

Du hast sie doch? Hast du sie?

Kind! Kind! beruhige dich und mich! sagte Akkermann, Selmar damit zum Schweigen verweisend.

Leidenfrost aber meinte, ob es unbescheiden ware, nach dieser theuren so angstlich bewachten Locke zu fragen?

O, sagte Ackermann mit einer Art Selbstbekampfung, weniger die Locke hat fur uns Werth, als die sonderbare Art, wie ich zu ihr kam. Vor einigen Tagen kehrt' ich unterwegs in einem Wirthshause ein, wo mir die Leute mit sonderbarer Angst von einem jungen Manne sprachen, der sich auf der Reise zu uns gesellt hatte. Der Nachtwandler! riefen sie so deutlich, dass ich ihr Grauen bemerken musste. Bei genauerer Erkundigung hort' ich, dass der junge Mensch, der sich uns zutraulich und doch scheu angeschlossen hatte, an dieser traurigen Krankheit leide. Es liess uns die ganze Nacht keine Ruhe. Als ich gegen Mitternacht Gerausch zu horen glaubte, stand ich, halb angekleidet, auf und finde eine sonderbare Scene. Ein junges, wunderschones Madchen zeigt bald entsetzt auf den in der Ferne stehenden Nachtwandler, den die helle Mondnacht hinausgelockt hatte. Sie lasst ein Bild aus der Hand fallen, zeigt stumm und starr auf eine Thur und verschwindet voll Entsetzen. Ich hebe das Bild auf und gehe auf den Nachtwandler zu, der aber bei voller Besinnung war, mich anlachte, mir die Besorgung des Bildes empfahl und mit einem sonderbaren Ausdruck Gute Nacht wunschend, in sein Zimmer mehr entfloh als mit gutem Gewissen ging. Ich glaubte mich nicht zu tauschen, wenn ich annahm, dass ich hier einen sehr zweideutigen Menschen kennen gelernt hatte, der sich das Ansehen eines Nachtwandlers gab und vielleicht nur damit einen Vorwand fur manchen schlimmen Zweck herauszukehren wusste. Als er spater bis hierher mit uns fuhr, war mein Vertrauen vollends gewichen und froh war ich, als wir von seiner peinlichen Gegenwart befreit waren.

Und die Locke? fragte Leidenfrost. Ich hatte gewunscht, jener Nachtwandler hatte Sie nicht getauscht. Ich hatte gewunscht, er ware wirklich somnambul gewesen. Ich glaube an elektrische Leiter. Von wem nahmen Sie die Locke?

Vom Haupte eines jungen Mannes, der in dem Zimmer schlief, wo ich im Auftrag der erschrockenen Dame das Bild abgab. Es sollte ... Aber, wie sagen Sie, ein elektrischer Leiter?

Sie mussen nun schon Alles berichten. Ich will sehen, ob hier eine magnetische Stromung stattfand ...

Der Lockenraub sollte ... eine Strafe sein fur Menschen, die schlafen, ohne ihre Thur zu verschliessen.

Schade! Schade! Nur eine Strafe? Und dass jener Mensch nicht wirklich nachtwandelte!

Erklaren Sie sich deutlicher! Warum wirklich? Warum nicht Strafe?

Denken Sie sich diesen elektrischen Strom! sagte Leidenfrost. Nacht ... Mondenschein ... eine erschreckte junge Dame ... also Schrecken ... ein Sie uberraschender Auftrag ... also wieder Schrecken ... ein Nachtwandler ... das Ihnen fremde Zimmer ... der Schlafende ... die Locke! Wenn das Alles so zugetroffen hatte, musste die Locke mit Ihnen in einem Rapporte stehen, dass diesem Menschen, dem die Locke gehort, jeder Kuss auf sie angenehme Gefuhle erweckte und ware er hundert Meilen weit von Ihnen entfernt.

Selmar wurde blutroth vor Erstaunen uber diese Auseinandersetzung, die der Vater mit einem lachelnden:

Glauben Sie an so etwas? aufnahm.

Schade! Schade! wiederholte aber Leidenfrost, dass dieser Mensch ein Spitzbube war! Zweifel, Luge, Unglaube, Strafe stort die Kette! Die Berechnungen des Verstandes durfen den Strom der Gefuhle nicht aufhalten.

Nun, lenkte Ackermann mit ernster Miene ein, dann konnte ja noch der Fall eintreten, dass mich vielleicht das Bild selbst furchtbar uberraschte

Auch Das noch? sagte Leidenfrost. Kannten Sie es?

Ich erkannte es. Ich war auf den Tod erschuttert ... Und nicht von Ahnung; nein, es war Gewissheit. Was ich in dem elektrischen Zuge durch die Enttauschung uber den Nachtwandler an Kraft verlor, die Verstandesreflexion, die meine Nervenstromung aufhielt und dampfte, wurde hundertfach ersetzt durch das Staunen uber jenes Bild;

mein ganzer Mensch war ergriffen und so schnitt ich die Locke zur Erinnerung

Zur Erinnerung? Sie sagten vorhin ... Zur Strafe fur den unvorsichtigen Schlafer; Strafe ist Verstandesreflexion, Erinnerung ware besser. Erinnerung ist Gefuhl. Alles gut, Alles gut; aber in die Kette der Uberraschungen kam im Momente des Zweifels eine Verstandesthatigkeit, die die gluhende Nervenstromung aus den vier lebenden Wesen erkaltete

Der falsche Nachtwandler also?

Schade! schade, dass der Nachtwandler ein Betruger war!

Es war kein Betruger! rief in diesem Augenblick eine entfernte Stimme.

Ackermann und Leidenfrost sahen sich um, wahrend Selmar, die Brieftasche an die Brust und die Herzgrube druckend, wirklich wie im magnetischen Schlafe zu liegen schien.

Der Sprecher war Danebrand, der sich aufgerichtet und zugehort hatte.

Wenn Das auf dem Heidekrug war sagte er fragend.

Ja! antwortete Ackermann. Es war auf dem Heidekrug.

Wenn der Nachtwandler Hackert hiess

Er hiess Hackert. Sehr richtig!

So war's ein echter Nachtwandler. Er kann aufgewacht sein, als Sie kamen. Aber es ist ein rechter Nachtwandler ... Das mocht' ich nun wol von Ihnen horen, ob das Nachtwandeln vom Himmel oder von der Holle kommt?

Wahrend noch Ackermann betroffen von dieser Unterbrechung schwieg, sagte Leidenfrost:

Das sollt Ihr gleich horen, Danebrand! Die Nachtwandler treibt der Teufel aus dem Bett und jagt sie auf die Dacher, aber ein Engel vom Himmel kommt und fuhrt sie so, dass sie sich kein Haar krummen. Es mussen denn Menschen so weise sein wollen und den Namen rufen ...

Eben wollte Danebrand aufstehen, naher kommen und sich vollstandiger uber die gespenstige Natur seines glucklicheren Nebenbuhlers unterrichten lassen, als aus seinem Cabinet Willing hereintrat.

Da ist mein Uberschlag, sagte der Fabrikherr auf die in seiner Hand befindlichen Papiere zeigend; so gut sich dergleichen im voraus bestimmen lasst, glaub' ich etwa funftausend Thaler als die Summe bezeichnen zu mussen, die alle diese Gerathschaften kosten wurden.

Ackermann wurde jetzt Geschaftsmann. Er verglich die einzelnen Ansatze, fand sie billig und erbot sich zu einer Anzahlung.

Als Willing bedauerte, diese annehmen zu mussen und Ackermann seinerseits als feste Ablieferungszeit den ersten Januar bedingte, kamen sie zu einer Vorausbezahlung von funfzehnhundert Thalern uberein.

Ackermann nahm Selmarn das Portefeuille aus der Hand, offnete es und legte diese Summe in Papieren auf den Tisch.

Wahrend daruber die Empfangscheine ausgefertigt und uberhaupt Geschafte verhandelt wurden, zog sich Danebrand auf sein Lager zuruck, nicht wenig aufgeregt von den Worten, die Leidenfrost uber die Nachtwandler gesprochen hatte.

Selmar hielt sich jetzt mit Entschlossenheit wach.

Der zarte Knabe fuhlte, dass er nun seinem Geschlechte Ehre machen, an den Wagen, an das Pferd denken musste.

Leidenfrost veranlasste Alberti nach dem Pferde zu sehen, das im grossen Stalle der Fabrik so lange untergebracht war.

Alberti unterzog sich diesem Auftrage mit Freuden.

Wahrend dieser Zurustungen und nach abgeschlossenem Vertrage trat Willing mit Ackermann aus dem kleinen Cabinet heraus und wiederholte dasselbe Befremden, das vorher Leidenfrost uber diese ausserordentliche Beschleunigung des viel zu kurzen Aufenthaltes in der Residenz ausgesprochen hatte.

Ackermann wiederholte dieselben Entschuldigungsgrunde, indem er noch hinzusetzte:

Ich hoffe nach einem Jahre alle die Lebenden lebend zu finden, auf die ich mich freue; hab' ich doch heute sogar einen wirklichen Todten hier lebend zu finden geglaubt. Nicht wahr, Selmar?

Morton meinst du? sagte der Knabe und nannte einen Namen, den wir schon einmal in Plessen an der Zeck'schen Schmiede von ihm gehort haben.

Ja, denken Sie sich, fuhr Ackermann, der sich zur Abreise rustete, fort. Ich nehme in New-York von einem Deutschen Abschied, der sich in Amerika Morton nannte. Ich hatte ihn dann und wann in der Union gesehen und als Sonderling schatzen gelernt, obgleich er ein wunderlicher und abstossender Mensch war. Noch wahrend ich in New-York bin und mich zur Abreise ruste, erfahre ich, dass er sich in einem Anfall von Melancholie, an der er schon immer litt, das Leben nahm. Man fand seine Kleider am Hudson, seine Leiche war ohne Zweifel in's Meer geschwommen. Dass er sich das Leben nehmen wollte, war aus einem Testamente ersichtlich, das sich fur mich vorfand und worin er mir auftragt, seinen Verwandten in Deutschland einige nicht ganz unansehnliche Summen auszuzahlen und seinen jammervollen Tod nicht zu verschweigen, er konnte ihnen als Lehre dienen ...

Das nenn' ich Spleen! sagte Willing, seine Papiere zusammenpackend und verschliessend.

Aber sind wir nicht zu Tod erschrocken, als wir ihn heute auf der Strasse zu sehen glaubten?

Er war es nicht, Vater, sagte Selmar. Die grosse, schwarze Binde am Auge

Kind, die konnte sehr leicht eine spatere Zugabe sein ... doch glaub' ich wol, dass der alte Gramling im kuhlen Meeresgrunde schlummert. Aber ich sage drum, hier wurd' ich jetzt mit Todten und Lebendigen zu thun haben und das spar' ich mir auf, bis ich einmal Zeit habe zu einer vollstandigen Musterung.

Eine grosse, schwarze Binde? sagte Leidenfrost. Das ist doch nicht ein Englander, der wie nannten Sie ihn?

Morton.

Nein, Murray, besinn' ich mich, hiess der Alte, von dem mir Reichmeyer erzahlt. Heut' Nachmittag um sechs Uhr etwa war ein alter hinfalliger Englander mit einem bekannten, zweideutigen Frauenzimmer zu ihm gekommen und hatte verlangt, er sollte ihm diese anstossige Dame ....

Leidenfrost stockte, weil er nach Selmar sich umsah.

Dieser aber hatte die Thur geoffnet, dass der volle Strom der rauschenden Musikklange von dem Fortunaball hereindrang.

Nicht aber diese Musik beschaftigte ihn so sehr, an die er in London sich gewohnt hatte, als das Einspannen des Pferdes, das Alberti aus dem Stalle brachte.

Leidenfrost fuhr also unbekummert fort:

Dieser Murray hatte eine grosse, schwarze Binde uber dem einen Auge

Und? fragte Ackermann gespannt.

Verlangte, Reichmeyer, der ein rascher Portraitmaler ist, sollte ihm morgen in einer einzigen Sitzung, diese mit Gold und Juwelen behangene, grosse, schone, aber sehr bekannte Person als Brustbild malen. Als Reichmeyer erklarte, Das konnte er nicht, hatt' er ihm sechszig Guineen geboten .... und Reichmeyer will nun doch wirklich daran. Er ist ein Luca fa presto.

Da bin ich uber die Auferstehung meines Todten beruhigt, sagte Ackermann. Dieser Murray mit der schwarzen Binde ist mein alter geiziger Morton nicht. Der Arme liegt im feuchten Meeresschooss! Wer weiss, welche Muhlsteine ihn niederzogen!

Eben schuttelten Willing und Ackermann sich zum Abschied die Hande, eben griff Leidenfrost nach seinem grauen Hut, um auf dem Wagelchen mit in die Stadt zuruckzufahren, eben erhoben sich die Arbeiter, um ihre schwarzen Hande darzureichen und Selmar hatte schon die Peitsche ergriffen, die auf das halbe Stundchen der Ruckfahrt Leidenfrost fuhren wollte, als vom Hofe her ein gellender Schrei: Hulfe! Hulfe! ertonte.

Alles sprang erschrocken an die Thur.

Im Sternenlicht sah man eine helle Erscheinung uber die von Kohlenschutt geschwarzten Hofe daher fliegen.

Dem Lichte, das aus den Gasflammen durch die Fenster des Comtoirs auf die nachste Umgebung fiel, naher kommend, entwickelte sich die Hulferufende als ein Weib, das in flatternden Ballkleidern und fast aufgelostem wirren Haare Rettung vor einer Gefahr suchte, die Niemand erblickte.

Die Klange der Musik auf dem Ball schwiegen gerade. Von dorther musste die Schreiende kommen. Wie sie Menschen sah, sturzte sie auf sie zu und wiederholte den Ruf:

Hulfe! Hulfe!

Alberti stand, mit dem Pferde beschaftigt, am nachsten und glaubte sie zu erkennen.

Danebrand! rief er.

Ist Danebrand da? Gott sei gelobt, achzte die Hulfesuchende und flog in die geoffnete Thur.

Ein junges Madchen im sonderbarsten Aufzuge stand vor den Mannern. Uber den armseligsten Anzug, ein nicht gerade verwildertes, aber doch dem Aussern nicht entsprechendes Haar, waren ein glanzendes rothes Ballkleid und eine Florkapuze von gleicher Farbe geworfen. Eine schwarze Maske hielt sie in der linken, in der rechten Hand die Florbehange, die ihr wild vom Kopfe geglitten waren.

Louise Eisold! sagte Danebrand mit erstarrten Lippen.

Dann sich ihr naher wendend, flusterte er mit heftigstem Schreck:

Was wollen Sie?

Danebrand! Ich beschwore Sie um Gottes Willen! Sie schlagen ihn heute todt! Kommen Sie! rief das Madchen, das jetzt auch Willing erkannte.

Louise Eisold! rief der Fabrikherr mit Entrustung.

Ist Das Ihre Armuth, dass Sie den Fortunaball besuchen? Schamen Sie sich!

Verurtheilen Sie mich, Herr Willing! rief das Madchen, verachten Sie mich, nur Hulfe! Hulfe, Danebrand! Hackert's Leben ist in Gefahr. Ich habe Alles gehort. Lasally's Knechte, den Neumann vom Justizrath Schlurck und eine Horde andrer Bosewichter hat diese teuflische Jeannette aufgehetzt. Hackerten soll sie verdanken, dass sie heute um den Dienst beim Justizrath gekommen ist und Neumann wollte sie heirathen, wenn sie bliebe was weiss' ich! Gott, was weiss ich! Aber den Unglucklichen sie schlagen ihn todt. Herr Willing, es ist Alles abgemacht ... Danebrand! Eine von den Wandstablers soll ihn in den dunkeln Garten locken! Jesus! Danebrand! Alberti Sie Herr Heusruck helfen Sie!

Der Fabrikherr war im grossten Zorn.

Welche Zumuthung, elende Dirne! rief er. Dieser brave Danebrand arbeitet fur dich und deine Geschwister! Und du schandest das Andenken deiner Altern, auf diesen Ball zu gehen? Und fur wen soll Danebrand sein Leben einsetzen, fur den Burschen, den du seiner treuen Liebe vorziehst? Weisst du, wem sein Leben gehort? Dem Schwur, den er deinen Altern that, deiner Mutter, als sie im letzten Todesjammer beruhigt auf seine treuen Augen sah! Hinaus Dirne! diese Stelle ist zu rein fur dich und deine Schande!

Mit einem Schrei der Verzweiflung sank Louise zuruck ...

Wo sind die Kleider her, die du tragst? riefWilling, nach ihnen langend und die entfallene Maske mit den Fussen von sich stossend.

Louise antwortete nicht ...

Lumpen unter gestohlnem Flitter! sagte Willing. Ja gestohlen, gestohlen deinen Geschwistern! Elende, wer sorgt fur das lallende Kind neben deinem Lager, wenn du in den Nachten deine Gesundheit im Tanze verrasest? Horst du das Kind um Hulfe schreien der alte Grossvater stirbt vielleicht in diesem Augenblikke ... und wir sollen horen, wenn du Hulfe rufst fur einen jammerlichen Liebhaber? Pfui! Hinweg von diesem Hause!

Furchtbar tobte der Schmerz in des Madchens Brust. Ihr todtenblasses Antlitz zuckte und ihre Hand fasste nach dem Herzen ...

Das Kind schlaft stohnte sie. Gott schutzt es -morden Sie mich nicht! Hackert ist elend. Ich lernte ihn kennen, als er schon einmal fur todt in unsre Wohnung getragen wurde ... Danebrand ich verdien' es nicht um Sie aber retten Sie! Steigen Sie uber den Zaun! Noch eine Minute und es ist zu spat!

Willing wandte sich mit der ganzen Strenge ab, die er behaupten musste, wenn er in einem solchen Arbeiterstaate der Herrscher bleiben wollte.

Von uns hier steigt Niemand uber fremde Zaune! rief er. Hinaus hier!

Danebrand aber ging nun zu Herrn Willing naher heran und sagte:

Herr Willing ... ich habe ... Herr Willing ... ich habe im Buckel einige Knochen zu viel, ... ich will ihr helfen. Was?

Danebrand! rief Louise freudig und sprang wie neubelebt empor von einem Sessel, den ihr die Arbeiter naher geruckt hatten.

Willing sah auf Danebrand, der ihn treuherzig anblickte, voll Zorn ...

Danebrand fuhr getrost fort:

Nicht einmal um dich, Louise! Deine Thorheit zerreisst mir das Herz. Aber unser guter Maler, der hat gesagt, wer in der Nacht wandelt, den treibt der Teufel auf die Dacher, aber ein Engel kommt vom Himmel und halt seine Hand uber ihn, dass er nicht falle ...

Damit griff er langsam und wie verstohlen hinterrucks nach einer eisernen Stange, die in der Nahe stand, und sie plotzlich mit der ganzen Gewalt seiner Muskelkraft uber'm Haupte schwingend, rief er:

Wer will uns was?

Dann aber, wieder wie bittend sprach er:

Herr Willing!

Willing wandte sich ab.

Nun sturzte Danebrand zur Thur hinaus, uber den Hof und rannte wie ein Besessener davon.

Louise folgte ihm, wie ein Blitzstrahl so rasch ihn uberholend, um ihm den Weg zu zeigen ...

Willing schuttelte den Kopf und sagte seine Erschutterung verbergend den Andern Gute Nacht!

Ackermann, Selmar und Leidenfrost, bewegt von der aufregenden, unerwarteten Scene, setzten sich auf den Wagen und fuhren hinaus in die Nacht und mit dem aufrichtigen Wunsche, dass Danebrand's edle Selbstbeherrschung umsomehr von einem glucklichen Erfolge belohnt sein mochte, als das allerdings in ziemlich zweideutigem Lichte hier auftretende Madchen ohne Zweifel durch Zartlichkeit und Mitleid an Hackert gebunden war und nicht so aussah, als wurde sie ihr Herz einem Manne schenken, der nicht noch die Burgschaft einer besseren Entwickelung bot.

Alberti aber und Heusruck legten sich nieder auf die Matratze.

Als sie gesehen hatten, dass Herr Willing, nachdem er noch Geld und Papiere in ein Portefeuille gesteckt, es dann mit sich genommen hatte und in einem entlegenen Wohngebaude das Licht eines kleinen Fensterchens ausgeloscht, sich also zur Ruhe begeben hatte, schlichen sie hurtig, sich auch mit Eisenstangen bewaffnend, ihrem Kameraden an den hintern leicht zu ubersteigenden Zaun der Fortuna nach.

Nicht um den Nachtwandler ist's! sagte Alberti. Aber um den guten Schleswiger war's doch Schade, wenn es zum Kampf kame und er ohne Hulfe bliebe!

Zwolftes Capitel

Jeannette

Louise Eisold hatte Danebrand alle die Zeichen mehrmals wiederholt, die sie ihm geben wollte, wenn die drohende Gefahr wirklich herangekommen ware.

Danebrand kauerte inzwischen, ohne Vorwurf, aber auch ohne ein weiteres Wort zu sprechen, mit seiner Waffe am Rande des Fortunagartens, wo ein niedriger Schuppen leichter zu ersteigen war als das Einfassungsstacket.

Dann flog Louise triumphirend und fast lachend vor Schmerz und doch innerster Befriedigung mit Windeseile an den vorden durch mehre Gasschen abgesperrten Eingang der Fortuna zuruck und reichte unterwegs ihr Costum wiederherstellend an der Kasse die empfangene Contremarke hin.

Sie hatte Hackert, der sie noch immer nicht kannte, nicht wieder aus dem Saale, wo er mit Andern in toller Raserei und mit den kunstfertigsten Schwenkungen und Figuren tanzte, herausbringen konnen. So sehr sie sich dagegen straubte, ihm eine Theilnahme und Liebe zu verrathen, die er selbst nur geringschatzte, hatte sie sich ihm dann doch vielleicht entdeckt. Hackert war ihr freundlich zugethan, hatte ihr oft Beweise von Dankbarkeit und Neigung gegeben, herzte sogar in stillen und ergebenen Momenten ihre kleineren Geschwister, aber im Ubrigen waren seine Gedanken so weit von dem stillen, beschrankten Leben seiner Wirthsfamilie entfernt, dass er sich unter der rothen Dame jede andere seiner fruhern Bekanntschaften dachte, nur nicht seine Wirthin und sittsame Nachbarin.

Als er die blaue Begleiterin am Arme des Soldaten erblickte, mochte er glauben, die ihn neckende rothe Freundin derselben hatte sich entfernt ...

Der junge Militair war ein freundlicher, gefalliger Mann. Er sagte seiner angstlichen und noch immer vor der grunen Brille, die sie wie die Schlange umzirkelte, wie ein Vogelchen zitternden Begleiterin, dass er Heinrich Sandrart heisse, aus dem Ullagrunde bei Plessen und heute zum Sergeanten befordert ware. Die Gewohnheit eines dann bewilligten freien Tages hatte er einmal, nachdem er drei Jahre lang nicht getanzt, zu seinem Vergnugen, nicht zum Trinkgelage mit seinen Kameraden benutzen wollen.

Die kleine Blaue horte mit Interesse zu, konnte sich aber nicht entschliessen, ihre weisse Maske anders, als in der Dunkelheit des Gartens abzunehmen.

Heinrich Sandrart war in den Fragen nach den Ursachen ihrer Angstlichkeit zwar nicht zuruckhaltend, denn der Anblick der schonen Augen und der reizenden Jugendfrische des kleinen Madchens zog ihn nur noch mehr an; allein in dem Verlangen nach Gunstbezeugungen gab er sich so sittsam und wohlerzogen, dass die kleine Blaue ihn zu ihrem Schutze gern am Arme duldete und sich nur mit Angstlichkeit nach der plotzlich verschwundenen Louise Eisold umsah, durch die sie veranlasst worden war, diesen gefahrlichen Boden zu betreten und die sie nun verlassen hatte ...

Im Saale wollte Heinrich Sandrart, die kleine Blaue am Arm, noch einmal versuchen, ob man nicht die rothe Freundin entdecken konnte.

Es war gerade eine Pause im Tanze eingetreten. Man besprengte den Fussboden, um den immer lastiger gewordenen Staub niederzuhalten. Wahrend sich das Orchester selber ruhte, gingen die Paare Arm in Arm in der Runde da spazieren, wo sie der Strahl des wassersprengenden Dieners nicht treffen konnte. Dabei wurden die Spiegel an den Wanden zu fluchtigen Musterungen der derangirten Toiletten benutzt, tafftne Blumen am Haar wieder in Ordnung gebracht, aufgegangene Schleifen auf's neue gebunden. Viele auch verloren sich in den Nebensalen, um Herrn Hitzreuter's vielversprechende Speisekarte auf die Probe zu stellen.

Eben erzahlte Heinrich Sandrart seiner im Saale wieder maskirten Freundin, dass er der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus jenem Ullagrunde bei Plessen im Hohenbergischen ware, einen guten Schulunterricht genossen hatte, die Landwirthschaft aus dem Grunde verstande, lieber aber im Waffendienste bleiben wolle, zumal wenn man unter einem so trefflichen Offizier stande, wie sein Bataillon, das der Major von Werdeck befehlige, als ein Schwarm junger, eleganter Cavaliere ihnen begegnete ...

Sandrart gerieth etwas in Verlegenheit, als er unter ihnen den Leutnant von Aldenhoven, den Rittmeister von Asten, einen Herrn von Thielo, von Konnewitz und viele andre Offiziere in Civil erkannte, von denen wenigstens der Erste, da er zu Werdeck's Bataillon gehorte, ihn genau kannte.

Guten Abend, Sandrart, redete ihn dieser an. Blitz, was hast du da fur einen verschleierten blauen Nachtschmetterling?

Herr Leutnant von Aldenhoven, sagte Sandrart mit einigem gereizten Nachdruck, ich bin heute Sergeant geworden.

Es hatte ihn vor seiner Begleiterin gekrankt, noch mit einem "du" angeredet zu werden, das man selbst als Gefreiter von seinem nachsten Vorgesetzten nicht gern hort, so "vertraulich" es klingen mag.

Ah! gratulire Ihnen! war Aldenhoven's etwas hamische Antwort, der den Stich wohl verstand.

Nun fing aber Rittmeister von Asten, Leutnant von Salza und andre der jungen von Champagnerlaune montirten Cavaliere an, der blauen Begleiterin des Unteroffiziers, die so elegant gekleidet war, zuzumuthen, sie musse die Maske abnehmen. Wer schon sei, verrathe es auch. Sie wollten die kunftige Frau Sergeantin sehen und schon zerrten sie an des armen geangstigten Madchens Maske, als Sandrart seine Schutzbefohlene zuruckriss und sich vor sie stellte, um jede weitere Gewaltthat zu verhindern.

Meine Herren, rief er, aufgereizt, wir sind nicht im Dienst!

Ah! Sandrart, sagte Aldenhoven. Sie sind auch Demokrat und wollen keinen Gehorsam ausser dem Dienst! Bei Major Werdeck nicht anders zu erwarten ...

Es lag in diesen Worten allerdings nur fluchtiger Scherz; auch dass alle andern Militairs lachend sagten:

Was? Ein Demokrat? und dabei den Ton auf Das Wort:

"Gehorsam ausser Dienst" legten, auch das war mehr aus heitrer Laune; allein wenn einmal im menschlichen Gemuthe eine Saite verstimmt ist, so kann sie ohne Gefahr auch nicht einmal im Scherze beruhrt werden. Sandrart rief, als Aldenhoven dennoch nach der Maske seiner Begleiterin greifen wollte, mit festem und gebildetem Tone:

Ich verbiete Ihnen, Herr Leutnant, diese Dame zu demaskiren!

Unter solchen Umstanden musste man wol von Gluck sagen, dass ein zweiter eben voruberziehender Zug diese Verwirrung auf heitre Art loste.

Ein junges ubermuthiges Madchen, das in der einen Hand ein Champagnerglas hielt, griff im Vorubergehen lachend mit der andern nach der Maske der kleinen Blauen und wahrend noch die Offiziere sich auf den kecken Ton Heinrich Sandrart's ansahen und eben entschlossen schienen, mit ihm eine andere Sprache zu reden, machte der Ausruf des Erstaunens: Franzchen Heunisch! der Spannung ein Ende.

Jeannette war es, Melanien's heut' Abend entlassenes Madchen. Sie hatte Franzchen Heunisch's Maske in der Hand und die kleine Blaue, unsers guten und auf die Sittlichkeit seiner Nichte so tief vertrauenden Forsters von Hohenberg ganze Hoffnung, bis hundert Klafter tief unter die Erde beschamt.

Das Errothen, die Verzweiflung Franzchens half da aber nichts. Jeannette fuhrte sie an einem Arm, Sandrart am andern und der lust'ge Zug, mit dem jene gekommen war, sprengte die ganze Gruppe auseinander. Die Offiziere fanden die Kleine allerliebst, schienen aber die Keckheit des Sergeanten nicht weiter beachten zu wollen, da inzwischen schon wieder neue Gegenstande ihre Aufmerksamkeit fesselten. Nur Aldenhoven sah ihm lange nach und sprach mit Thielo und Konnewitz uber das Thema der Disciplin und die "Mannschaften" des Majors Werdeck, die sie "demoralisirt" nannten.

Aber du Duckmauserin! rief jetzt Jeannette, in der der Geist des Tanzes, der Musik und des Zorns wirbelte. Du frommes Mutterlammchen, wie kommst du Sunderin denn hierher?

Franzchen Heunisch machte hundert Gebehrden, um sie zu bewegen, stille zu sein; sie wollte die Maske zuruckhaben, um sich zu verbergen ...

Dummes Zeug! sagte Jeannette; wer kein Gesicht von Tannenzapfen hat, glatt und hubsch ist, wie wir, der soll sich zeigen allen Leuten zur Lust; nicht wahr Ernst?

Ernst von "Geheimraths" bestatigte diese Meinung und erklarte auf ein eifersuchtiges Befragen der Lore Wandstabler, dass er das junge Madchen nicht kenne ...

Die Wandstablers aber, die in die Falle gegangen waren, die beiden Bedienten als Begleiter angenommen hatten und nach mehrmaliger Trennung von ihnen, in der Hoffnung andere Gesellschafter zu finden, doch auf sie zuruckkommen mussten; die Wandstablers kannten Franzchen, ihre Cousine, sehr wohl ... Sie kicherten, ohne sich sogleich dem armen Taubchen, das sie einmal so heftig erschreckt hatten, zuzuwenden.

Die Franz! Die Franz! sagten sie und steckten verwundert die Kopfe zusammen.

Ja, ja, schame dich nur, begann die durchtriebene Jeannette zur Nahterin, die heute fruh noch so schwarmerisch uber die Tugend philosophirt hatte, jetzt kommen wir hinter deine Schliche, du Tugendspiegel! Hier Herr Sergeant, festgehalten! Drinnen steht unser Tisch -runde Tafel Couvert zehn neue Groschen holen Sie nur Ihre Mutterpfennige hervor, Landsmann! Franzchen muss trinken lernen!

Und dabei flusterte sie der Zitternden zu:

Dein Franzose ist ja nicht hier! Sei doch lustig! Ich verrathe nichts.

Franzchen liess Alles willenlos geschehen. Sie hatte in die Erde sinken mogen. Sie konnte nicht Widerstand leisten, dass man sie und Sandrart in die Restauration zog und ihr einen Platz an einem mit Tellern und Glasern besetzten Tische gab, wo sie noch Manchen antraf, der zur Gesellschaft gehorte, unter Andern den Kutscher Neumann, einen murrischen, widerlichen Menschen mit fuchsigem, fast bis in's Auge gezogenen Backenbart, Ringen im Ohr und ein paar ungeschlachten rothen Handen. Sie wusste, dass Jeannette uberall Liebschaften, aber Neumann als wirklichen Verlobten fur die kunftige Ehe hatte.

Hier, Herr Sergeant, Sie rechts, sagte Jeannette und placirte die Neuangekommenen; du hubscher Fratz, links bei deiner Cousine Dore? Oder willst du lieber bei der Lore? Die Flore ist nicht da, obgleich dich Die am liebsten hatte und bei der Durchlaucht dein Gluck wollte, Narrchen; hier hergesetzt und sich ausgesohnt mit den Frauleins Wandstabler!

Und dabei flusterte sie ihr in's Ohr:

Halt' dich tapfer! Die haben schon deinen Franzosen auf dem Strich.

Dieser Wink machte in der That, dass Franzchen aufschreckend etwas wieder von Besinnung und Geistesgegenwart gewann. Wusste sie doch nur zu gut, dass die schlimmen Cousinen das Gluck hatten, jetzt taglich mit Louis Armand in Einem Hause, vielleicht in Einem Zimmer zu sein, und wie die Liebe Jedem, auch dem schwachsten Wesen, eine gewisse Kraft und einen muthigen Aufschwung verleiht, so gewann nun auch Franzchen eine kraftigere Haltung uber sich und warf ihren Cousinen einen dreisten, fast schnippischen Gruss zu, der Franzchens Reiz in den Augen des von seinem Rencontre mit den Offizieren noch sehr bewegten Heinrich Sandrart nur noch mehr hob.

Franziska, stoss an! sagte die mittelste Wandstabler, die Lore, deren magere Gesichtsformen sich durch die Glut des Tanzes und der Atmosphare gefullt, ja ganz angenehm gerundet hatten.

Franzchen stiess mit dem Glase ihrer Cousine an und nippte ein wenig von einem Getranke, das vielleicht ein helles Bier, vielleicht kunstlicher Champagner war, sie wusste es nicht ... bis der Sergeant aus dem Seitenfutter seiner Uniform ein kleines Portemonnaie zog und sich, wie es schien, nicht ohne eine gewisse Uberlegung, entschloss, zwei Papierthaler an eine wirkliche Flasche Champagner zu wagen. Er mochte fuhlen, dass er sein Avancement etwas kostbar feierte ... aber er bestellte echten Champagner!

Die Wirkung dieses Momentes war gross. Alles um den runden Tisch blickte staunend und voll Bewunderung auf diesen jungen militairischen Rothschild! Echter Zwei-Thaler-Champagner! Dies hob oder setzte tief herab, je nachdem der Schwung der Phantasie sich fur das Grosse berufen hielt oder sich keiner solchen Flugel bewusst war. Man schwieg eine Weile und blickte feierlich um sich her, als hatte man fur diese Standeserhohung Zeugen gewunscht.

Die Wandstablers beschlossen jetzt, mit Franzchen, die einen solchen Liebhaber aufweisen konnte, sich auszusohnen.

Dorette, die Jungste, mit der es Franz von "Geheimraths" sehr geschaftig hatte, war blasser, als ihre Schwester, auch etwas verstimmter. Sie hatte Ideen, die hoher hinauf stiegen als die Sphare, in der sie sich hier bewegte und die eigentlich Jeannette so gewaltsam improvisirt hatte.

Guten Abend, Franzchen! sagte sie und reichte ihrer kleinen Cousine jetzt erst die Hand. Muss es denn erst so kommen, dass uns ein solcher Abend wieder einmal zusammenfuhrt?

Ein solcher Abend? fragte Heinrich Sandrart fast

verletzt, der seine zwei Thaler los war, nun aber dafur auch lustig sein wollte. Kann man traulicher und vergnugter beisammen sitzen?

Dabei wollte er Franzchens Hand ergreifen und sie

an sich drucken. Aber die kleine, braunaugige Sprode litt schrecklich, auch uber die Kosten, die sie ihm verursachte, und zog die Hand zuruck.

Fraulein Dorette schmachtet nach stiller Einsam

keit, sagte die nicht ganz ungebildete, aber zugellose Jeannette parodirend, sie liebt! Sie liebt einen Franzosen, stolz und feurig; o seit ich weiss, dass man diesem Franzosen so edle Vorsatze verdanken kann, selbst den Fortunaball nicht zu gering fur Liebende zu finden, biet' ich mich ihm fur die Ruckreise nach Paris als Gouvernante an; ich arme conditionslose Person

Franzchen war in der That von Eifersucht nicht

frei. Sie sah ihre Cousine Dorette starr an und musste sogleich fuhlen, dass diese wirklich bei dem Balle nicht anwesend schien.

Lorette aber, die Mittlere, sagte leise zu ihr:

Du Gluckliche! Herr Louis Armand hor' ich, soll

dir Blumen schenken und ich wette auch Gedichte macht er auf dich. Heute las er Floretten eins vor, das er gewiss auf dich gemacht hat!

Franzchen errothete. Sie wusste wohl von den Blumen, aber nichts von dem Gedichte, das ohne Zweifel ihr gelten sollte und Siegbert Wildungen erst ubersetzt und noch in seinem Portefeuille hatte.

Indem knallte Sandrart's Champagnerkork und in einem der hingestellten Spitzglaser zischte vor ihr der perlende Wein, dessen Gute wir nicht zu bestimmen wagen, da wir uber den Fortunawirth noch nicht wissen, ob er der Ehrlichkeit seines Bruders, des Pelikanwirthes, entsprechen wird ....

Kaum am Rande ihres Glases nippend, fragte sie jetzt Jeannetten, was diese Ubermuthige von conditionslos gesprochen hatte?

Ja, Schatz, sagte diese, Das haben wir uns heute fruh nicht traumen lassen, als wir Falbalas nahten, von der Tugend sprachen und die Fortunaballe kaum dem Namen nach kannten. Melanie kommt um zehn Uhr nach Hause, fordert mich wie vor's Tribunal, halt mir eine lange Predigt Salomonis, will in's Kloster gehen und schickt mich vorlaufig von Morgen fruh an zu allen Teufeln.

Jeannette! Du hast den Dienst verloren? Das ist ja unglaublich sagte Franz voll kindlicher Theilnahme.

Unglaublich? Seit ich dich hier Champagner trinken sehe neben einem so liebenswurdigen Sergeanten, ist Alles moglich. Neumann, erklare du ihr's!

Dieser, die bebuschten Augenbrauen zusammenkneifend, grunzte etwas hin, was etwa soviel sagen sollte, als:

Die Aufklarung wird bald horbar werden. Habt Ihr ihn auf's Korn genommen?

Das sagte er zu einigen jungen Burschen, Lasally'schen Reitknechten, die eben eintraten.

Macht's gnadig! meinte Jeannette flusternd. Er hat's zwar um uns verdient, aber wenn er noch einmal so traktirt wird wie damals, erleben wir, dass ihn das Fraulein aus Mitleid heirathet ....

Wo sie ihn nur gesprochen hat! bemerkte der Bediente Franz flusternd. Ich gab ihr doch noch den Shawl um, die Excellenz war dabei und wir gingen fast bis an den Wagen mit.

Ich fuhr sie sagte Neumann.

Und kaum steigt sie aus, erganzte Jeannette, so kam die Bescheerung. Diese Verrather! schrie sie. Elende Menschen, die sie verkauften, umgaben sie. In Hohenberg hatt' ich sie verrathen. Jeder bilde sich ein, ihr gefallen zu konnen und damit zerriss sie ihre Kleider, weil sie nicht rasch genug vom Leib wollten, und sagte mir auf.

Das Fraulein dir, Jeannette! Ich kann mich noch gar nicht finden ...

Mir! Ja! Ja! Franzchen! Das ware nun ein Platzchen fur dich! Aber du bist ihr nicht mehr tugendhaft genug. Seit heute fruh hast du einen schrecklichen Fehler angenommen. Du bist heimlich, gehst maskirt auf die Balle in Garderobe wie eine Konigin jetzt besinn' ich mich du kamst ja mit einer Rothen. Wer war denn Die?

Ja, stimmten die Wandstablers neugierig ein, wer war die Rothe?

Der junge Soldat schenkte ein, erschrak aber uber die bekannte Erfahrung, dass eine Flasche dieses tukkischen Schaumweines sehr bald consumirt ist.

Man wartete gespannt auf Franzchens Antwort, die sich aber nicht herbeiliess eine Aufklarung zu geben ...

Halt! rief Jeannette. Sie tanzte nur mit Hackert, rannte Dem nur nach, immer nur Dem ... es war Melanie!

Ah ... hiess es bei den Harder'schen Bedienten und sonst herum; die Schlurck!

Alle waren aufgestanden und sahen durch die Glasfenster, die den Saal von der Restauration trennten. Es war ihnen, als wenn sie nun aufstehen und die Rathselhafte verfolgen sollten.

Hackert schreibt schon und tanzt schon ... fugte Jeannette diesem Tumulte boshaft hinzu; es ware nicht das erste mal, dass Schlag zwolf Uhr der Thorweg leise aufknarrt und gewisse Leute in die Redoute gehen. Mach' uns keine Lugen vor, Franzchen! Sage, wer war die Rothe?

Sandrart bot Jeannetten ein Glas mit den Worten:

Luge, mein Fraulein! Das ist Beleidigung! Sie mussen sich mit mir duelliren!

Man setzte sich lachend nieder.

Jeannette nahm das Glas, verneigte ihr niedliches, gerothetes, stumpfnasiges Gesichtchen, den Typus der Verschmitztheit und jener fluchtigen Kammerzofenschonheit, die bei dunkler Beleuchtung mehr verspricht, als sich bei hellerer motivirt findet, und sagte:

Sehr artig, Herr Sergeant!

Mit einem wohlgefalligen, herausfordernden Blick auf den jungen Krieger, der ihr seit den UnterfutterGeheimnissen seiner Uniform doppelt zu gefallen schien, trank sie das Glas.

Franzchen aber mochte den falschen Schein des Leichtsinnes und der Heuchelei nicht langer auf sich sitzen lassen, sondern nahm das Wort:

Wie ich hierher gekommen bin, sagte sie, ist mir wie im Traume geschehen. Es war zehn Uhr. Eben wollt' ich zu Bett gehen und legte die Kleider, die ich von der Putzmacherin auf dem alten Markte, der Florentine, zu besetzen hatte, sauber zusammen. Ich war mude. Da klingelt es heftig im Vorderhause. Die alten Martens schlafen schon. Ich denke, obgleich unser neuer Miether

Der feine gelehrte Franzos; lachte Jeannette.

Ein Franzos? sagte Heinrich Sandrart, angeregt und eifersuchtig.

Nicht jung! Nicht hubsch! Nein, ein Alter mit einer Perrucke!

Jeannette, die bei all ihrem Leichtsinn einige Gutmuthigkeit besass, sagte diese Worte mit Beziehung.

Nicht wahr, ein Alter? Sowie der da!

Damit zeigte sie in den gegenuberstehenden Spiegel ....

Man wandte sich theils um, theils zum Spiegel hin und bemerkte einen schleichenden hustelnden Herrn mit einer grossen Nase und einem dicken schwarzen Schnurrbart, in dem wir die grune Brille wieder erkennen.

Schon lange hatte sie lauernd den runden Tisch umschlichen und lusterne Blicke zu dem demaskirten allerliebsten und rosig strahlenden Franzchen hinuber geworfen. Seine Zudringlichkeiten schienen aber so allgemein gewesen zu sein, dass auch Jeannette schon die grune Brille kannte.

Guten Abend! sagte ein Unisono des ganzen Tisches fast hohnisch zu dem indiskreten Lauscher.

Als dieser erschreckend merkte, dass er Gegenstand der Aufmerksamkeit eines ganzen Tisches wurde, entschlupfte er mit aalglatter Behendigkeit und nahm das allgemeine ihn verfolgende Gelachter fur eine Warnung, sich solchen Gesellschaften sobald nicht wieder zu nahern.

Sandrart schenkte aufs neue die letzten Reste seines Excesses ein und rief:

Also der alte Franzose klingelte ....

Nein, nein, sagte Franzchen Heunisch, nicht der!

Ein Andrer ? fiel der Sergeant ein und ruckte naher und legte ermuthigt den Arm auf die Stuhllehne Franzchens, indem er ihr weingerothet in die braunen brennenden Augen sah.

Genug, genug! unterbrach ihn Jeannette, die schon merkte, dass der Sergeant mit Franzchens Verhaltnissen vollig unbekannt war und vielleicht nicht einmal wusste, wo sie wohnte; es klingelte also Wallstrasse Nr. 14, wo ich kunftig auch wohnen werde ...

Du? fragte Franzchen, erstaunt uber diese scharfbetonten Worte.

Ja, Franzchen, antwortete Jeannette, ich werde Gelegenheit nehmen, so lange bei meiner Freundin Franziska Heunisch, Wallstrasse Nr. 14 zu wohnen, bis meine Angelegenheiten geordnet sind

Diese Erklarung, in scharfen Worten vorgetragen, erregte allgemeines Erstaunen und bei Niemandem mehr als bei Franzchen ...

Dein Zimmer ist klein, schadet nichts ein Bett stellt sich schon noch hin und

Aber Jeannette ...

Mein voller Ernst ... ich spreche mit den Martens Wallstrasse Nr. 14 ...

Franzchen konnte sich nicht fassen, so uberrumpelte sie dieses verschmitzte Madchen, dem sie sich von fruher gewohnt war, gehorsam unterzuordnen.

Aber die Rothe! Die Rothe! hiess es. Wer ist's?

Sandrart merkte sich, mit einem dankbaren Blick auf die wilde Jeannette, die Adresse des Madchens, in das er wie verloren war und dem zu Liebe er, ein wohlhabender Bauernsohn, zu rechnen anfing, ob er wol noch zwei Thaler aus dem Unterfutter hervorziehen sollte ... Die Menschen sprechen vom Verschwenden! Die Gerechtigkeit zwingt uns aber einzugestehen, dass sich alle Dinge in der Welt, selbst die bosen, nicht immer sogleich ganz bose machen.

Ja, sagte Franzchen kleinlaut uber die schreckliche Aussicht, an diese Jeannette in ihrer bisherigen bescheidenen Existenz geknupft zu werden, ja es klingelte. Ich dachte, es ware unser Miether. Ich ziehe mich an und gehe hinunter. Wen find' ich? Eine Freundin, die ich nicht nennen kann. Sie machte sonst Putz mit mir auf dem alten Markt bei der Florentine. Franziska, du musst mit mir auf den Fortunaball gehen, rief sie. Komm nur! Komm nur! Ich weiss, du kannst helfen. Damit zog sie mich durch den Hof, an der Werkstatt vorbei, in mein Kammerchen hinauf, das sehr eng ist, sehr eng, liebe Jeannette

O man richtet sich ein ich will nur bei soliden Leuten wohnen. Wallstrasse Nr. 14, im Hofe zwei Treppen hoch!

Damit sah Jeannette wieder Sandrarten scharf an -dieser nickte gluhend, er hatte schon dem Kellner zugeflustert, eine zweite Flasche zu bringen; Franzchen fuhr fort:

Wie wir oben waren, weinte sie und jammerte. Sie musse auf den Fortunaball, schrie sie. Sie musse wegen eines Menschen da sein, der ...

Wegen Hackert? fragten Einige durcheinander, die am Tische sassen und immer noch an Fraulein Melanie dachten.

Franzchen, Franzchen, halt' dich an die Wahrheit, sagte Jeannette, es war Melanie Neumann weiss es ganz genau! Neumann war im Hofe und fand da etwas nicht in Ordnung. Der Thorweg ging einmal leise von innen auf. Es schlich sich Jemand vom Hofe fort ....

Jeannette! Schame dich! rief Franzchen; das vornehme Fraulein! Abscheulich! Wie kann man so verleumden!

Hm! hm! hm! ... sagte Jeannette mit Bosheit. Sie ist jetzt verschwunden die Rothe, seit sie mich entdeckt hat.

Nein, fuhr Franzchen entrustet fort, meine Freundin heisst Louise und Der, den sie suchte, den kenn' ich nicht. Franzchen, sagte sie, ich bin arm und du bist es, wir haben keine Kleider, um auf den Fortunaball zu gehen. Aber unsre Armuth kommt auch daher, dass Die, die von uns leben, uns nicht bezahlen. Ich wusste, dass du diese kostbaren Kleider fur die Florentine nahst. Ich sah selbst, dass Florentine sie dir zum Besetzen einhandigte, als ich bei ihr war und das aufgeblasene, abscheuliche Weib, die mit fremdem Gelde ein Geschaft etablirt, um die mir nun seit drei Jahren schuldigen funfzehn Thaler mahnte. Sie zahlt nie. Diese Kleider sind fur den Verkauf in ihrem Laden bestimmt. Ich verlange sie von dir! Hier ist Florentinen's Schuldschein und nun Muth, Franziska, mein ist dieser rothe und dein ist dieser blaue Anzug!

Bravo! rief die ganze Gesellschaft, ohnehin entzuckt von der zweiten Flasche, die inzwischen ankam, und klatschte in die Hande. Der Spass, so zu einer Garderobe zu kommen, gefiel allgemein.

Das nenn' ich resolut

So muss man Schulden eintreiben!

Louise soll leben!

Holt die Rothe! Sie muss Champagner trinken!

Sandrart sogar, der sonst gesetzte und ruhige Sergeant, rief in seinem Wirbel und alle Bedenklichkeiten seines sonst sittsamen und vor dem strengen Vater im Ullagrunde sich furchtenden Gewissens hinunterspulend:

So commandirt ein General, wenn er sich in aller Kurze in schwieriger Position zu helfen sucht! Napoleon sagte:

En avant! Und diesem Manover verdanken wir unser liebenswurdiges Franzchen Heunisch Wallstrasse Nr. 14 auf dem Fortunaball! Hurrah!

Jeannette blinzelte dem gebildeten Sergeanten, der eben franzosisch gesprochen hatte und sagte ihm augenzwinkernd, als er ihr einschenken wollte:

Comment vous portez vous, Musje?

Sie konnen sich wol denken, fuhr Franzchen unbekummert um diese ihr ganz ungelaufigen Koketterieen einer doch mechanten Nebenbuhlerin fort, Sie konnen sich wol denken, wie ich mich geweigert habe. Aber es half nichts. Eh' ich mich versah, waren mir diese Kleider uber meine gewohnlichen kattunenen wie Sie Alle sehen konnen -ubergezogen das Haar verdeckte die Kapuze. Sie selbst nahm den rothen Anzug und so huschten wir uber den Hof, nahmen einen Fiaker und hier kauften wir die Masken. So bin ich hergekommen und denke mit Schrecken an Mamsell Florentinen auf dem alten Markt, die wegen ihrer Kleider zur Polizei gehen wird.

Sie soll ihre Schulden bezahlen! sagte Heinrich Sandrart und schlug mit dem Glase auf den Tisch, dass es fast zerbrach, zog wieder sein Portemonnaie und wollte nun auch all' das Essen bezahlen, das immer wahrend des Trinkens und Erzahlens genossen wurde. Jeannette aber litt diese Grossmuth nicht. Sie warf Neumann einen Wink zu, der sich dann in die Brust warf und sich den Wirth der Gesellschaft nannte. Indem er aufstand und etwas langsam berechnete, wahrend der Sergeant schon zahlte, kamen die Jokkeys und flusterten dem Kutscher etwas in's Ohr.

Jetzt dran! sagte er mit brutalem Ton.

Was ist? fragte der junge Soldat ...

Wir wollen die Rothe suchen, sagte Jeannette, die die geheimen Zeichen verstand. Steht auf, Kinder, der Tanz fangt wieder an. Es schlagt drei. Bis funf bleiben wir da, nicht wahr, Franzchen? Siehst du, dass die Welt viel lustiger ist, als du dir's in deinem Hinterhof eingebildet hast, Narrchen. Gieb mir einen Kuss und angstige dich nicht um mein Bett ... ich ziehe nicht zu dir!

Damit wusste die Schlaue es so zu wenden, dass sie zwischen das sich plotzlich erleichtert fuhlende Franzchen und Heinrich Sandrart kam und diesem ihren linken Arm zugeschoben hatte, er wusste nicht wie. Sie hatte Franzchen am rechten Arm. Da es beim Eintritt in den Saal wieder sehr eng wurde, war sie des Sergeanten Tanzerin zu seinem eignen Erstaunen und, wie es schien, unangenehmstem Befremden.

Noch merkte man nicht, dass sich die zum Tanze antretenden Paare lichteten. Der Garten mochte leerer sein, aber hier unter den drei machtigen Kronenleuchtern und oben in den uberfullten Logen ringsum, wo die feinere Gesellschaft tafelte, verrieth nichts die Annaherung des Morgens, der sich mit einer sanften Rothe in Osten schon ankundigte.

Franzchen hatte nach einer Tour in der Runde wieder Sandrart am Arm. Jeannette huschte in den Garten ...

Oben auf der "Sternwarte" liess sich das neuerdings wieder zusammenstromende Gewuhl nun am besten unterscheiden.

Dort sassen Mullrich und Kummerlein auf kleinen Sesseln und schauten schlaftrunken in den Saal hinab.

Zuweilen kam Pax, um Neues, besonders uber Signalement Nr. 2, die schwarze Binde, wie er sie nannte, zu horen. Dann wieder schickte Frau Katharina Peters aus ihren unerschopflichen Bier- und Punschvorrathen eine Starkung hinauf, die ihnen einmal sogar Peters selber bringen musste. Sie wollte durchaus, dass er sich in seine neue Laufbahn fande und sich mit so wichtigen Personen befreunde, die er sehr oft auf ihr antreffen musste.

Was machen denn Ihre Thuringer? sagte Kummerlein etwas spitz. Man sieht ja Herrn Peters jetzt immer nur druben in Loge Nr. 13 unter den Offizieren; sind die Landsleute doch im Garten nicht vergessen?

Peters antwortete gleich lieber gar nicht, um nicht ausfallend zu werden. Soviel konnte er aber doch nicht hinunterschlucken, dass er die Bemerkung hatte verschweigen sollen:

Lieber schon war' mirs, es ginge diese verfluchte Treppe nicht erst in den Tunnel und ich konnte gleich in Nr. 13 von hier hinuber, wo meine Thuringer mit den Offizieren sitzen.

Die Agenten, die um funf Uhr etwas mit Thuringern vorhatten, lehnten sich uber die Brustung und versuchten in Nr. 13 zu sehen. In der That waren Dankmar und Siegbert nach ihrem langen, stillen und traulichen Zwiegesprach, wo der Altere uber die Abenteuer des Jungern fast sprachlos staunen musste, eben, wie sie nach Hause gehen wollten, von den neuankommenden Offizieren und vielen andern Bekannten, zu denen jetzt auch Reichmeyer und Heinrichson gehorte, so zu sagen aufgegriffen und in die Loge Nr. 13, die geraumigste und comfortabelste, zu einem dort veranstalteten Bankett fast gewaltsam entfuhrt worden.

Erst waren sie auf der Gartenbank, trotz des sie umgebenden Geschwirres von Dankmar's Erinnerung an Hohenberg so gefesselt, dass ihnen Stunde auf Stunde verlief. Nun wollten sie, doch leidlich getrostet uber das viele Widerwartige, was sie an diesem Tage und Abende verlebt hatten, sich zur Ruhe begeben und nun zwang sie Heinrichson, der den hochst Gefalligen, hochst Liebenswurdigen machte, zu bleiben und in den scheinbar genialen Ton, den er anstimmte, mit einzustimmen. Sie thaten ihm den Gefallen, aber widerstrebend. Ihre Anwesenheit hatte jedoch in der Loge schon den Erfolg, dass bei der Abstimmung uber die Frage, ob man die hubschesten Madchen aus dem Tanzsaale in die Loge mit hinaufnehmen wollte, die Minoritat zur Majoritat erhoben und mit 15 gegen 13 Stimmen den von Aldenhoven und Heinrichson beantragten Vorschlag eines sabinischen Madchenraubes oder einer Razzia, wie Aldenhoven sagte, zur Niederlage brachten. Das Gesprach beschaftigte sich also mit dem einzigen Thema, das sich hier verhandeln liess:

Frauen und Politik, ohne dass die Ersteren daran

Theil nahmen. Aber es ware doch vielleicht besser gewesen, sie zuzulassen; denn der Streit uber die zweite wurde dann weniger heftig geworden sein. Es flogen die spitzesten Pfeile, wie immer, hin und her. Die politische Aufregung des Tages war so entzundlich, dass es im kleinsten Cirkel die schroffsten Gegensatze gab. Es ging oft unter den jungen Mannern, Juristen, Malern, Offizieren so heftig larmend her, dass Herr Hitzreuter, der Fortunawirth, sich zuweilen in dieser Loge aufmerkend sehen liess. Der allerdings gewandte Mann machte nur in den gewahlteren Kreisen die Honneurs. Gross und stattlich von Figur, mit einem viel pfiffigeren Zuge, als sein in pekuniarer Hinsicht rangirterer Bruder, der Pelikanwirth, trug er durch seine diplomatische Vermittlung, besonders aber durch eine Dose, die er herumreichte, Vieles zur Milderung der sich etwas schroff gegenuberstehenden Ansichten bei. Schon, dass er so uberaus schwarmerisch fur Alles, was zur Landesfarbe und zum "uralt" Bestehenden gehorte, sich aussprach, erzeugte Einigkeit. Denn man musste ein solches Entzucken fur die Reaction doch komisch finden ...

Den Austausch dieser Ansichten schildern wir nicht. Nennt diese Streitenden Sohne der Zeit, nennt sie Dioskuren auf den weissen Lichtrossen der Legitimitat, nennt sie die gefesselten Titanen der Opposition; sie erorterten nur Das, was wir vorziehen, durch die Hebel des Volkes und an ihm selbst zu schildern durch eine allmalige Entwickelung von Personlichkeiten, deren Bedeutung fur den modernen Volksgeist im spateren Verlaufe sichtbarer hervortreten wird.

Es ist aber doch einzig, sagte Kummerlein auf der Sternwarte, wir haben jetzt bald drei Uhr und von der schwarzen Binde sieht man nichts.

Sie haben wol nicht richtig gelesen, erwiderte Mullrich;

steht wirklich was von einer schwarzen Binde auf dem Signalement?

Wie ich gelesen habe ...

Lesen Sie doch lieber noch einmal, Kummerlein!

Kummerlein breitete sein Papier noch einmal auseinander und las wiederholt das Signalement Nr. 2.

Dreizehntes Capitel

Die schwarze Binde

Murray, ein Englander oder Amerikaner, las Kummerlein; mittlerer Figur, schwarze Perrucke, eine seidene schwarze Binde uber dem einen Auge, Mund fast zahnlos, Kleidung: abwechselnd, ganz armlich, bald ganz elegant. Geht etwas gebuckt an einem Bambusrohr mit goldenem Knopfe. Selbst bei armlicher Kleidung sieht man zuweilen goldene Ketten an der Weste und Ringe am Finger. Alter:

etwa sechzig Jahre, obgleich er bei eleganter Kleidung viel junger aussieht. Im Falle zweideutigen Umganges zu verhaften.

Als Kummerlein geendet hatte, musste Mullrich bestatigen, dass Dies er sagte es wenigstens auch ganz ebenso auf seinem Papiere stunde, allein darin kamen sie uberein, dass eine schwarze Binde am Auge ein gutes Gewissen verrathe ...

Denn, sagte Mullrich, einen bunten Hund kennt Jeder. Die den beiden Gerechtigkeitsdienern auf den Lippen schwebenden kleinen Rugen uber Paxen's ubermassige Feinheit und seine Leidenschaft, es einem gewissen grossen Polizeimanne, den sie nannten, gleich zu thun, verhallten im Larmen des Saales. Denn als sie auf ihren Uhren drei anrucken sahen, begann wieder die Musik des Orchesters und das Rauschen des Tanzes.

Die grosse im Saale befindliche Uhr zeigte zwar die Stunde, schlug aber erst von vier Uhr an. Dies war eine eigenthumliche Speculation des Herrn Hitzreuter im Einverstandnisse mit der Kapelle. Schlug es namlich zwolf, eins, zwei, drei, so wurden die Besucher der Fortunaballe, die absichtlich nach der Uhr nicht sahen, doch in ihrem Taumel immer stutzig; sie fuhlten sich gemahnt, zeitiger sich zu entfernen, als dem Besitzer lieb war. Von vier Uhr an aber wunschten Herr Hitzreuter und die Kapelle selbst, dass man ging. Daher wurde das Schlagen von zwolf, eins, zwei, drei verhindert. Mit vier aber fingen die Mahnungen zur Entfernung an und sogar die Angaben der Viertel dienten gewissermassen als leise winkender Kehraus.

Eben wollten sich Mullrich und Kummerlein wieder auf ihrer Sternwarte in die Sessel strecken, die eben nicht sehr bequem waren, und ein bischen "dammern", wie sie den diensterlaubten Halbschlaf nannten, als plotzlich an den Ausgangsthuren ein Drangen entstand ...

Manche Paare hielten im Tanze inne und Mullrich fragte Kummerlein:

Kummerlein, heda! Horen Sie nicht schreien?

Schon aber hatten alle Tanzer, die den Saalthuren nahe standen, sich nach draussen gewandt. Denn ein so lauter Larm, ein solches Rufen und Wehklagen konnte man vom Garten her vernehmen, dass die allgemeinste Neugierde geweckt wurde und diese sich allmalig Allen, auch den in den Logen befindlichen Zechern und Schmausern, mittheilte ...

Mullrich kletterte die enge schmale Treppe hinunter, gefolgt von Kummerlein, dem eine Einmischung in handgreifliche Handel immer unwillkommen war.

Setzen Sie sich nicht aus, rief er Mullrich nach, Sie wissen, dass wir nach Vier eine Recherche haben ...

Mullrich argerte sich uber den Umweg durch den Tunnel, der schon leerer geworden war. Denn Die, welche nicht tanzten, hielten sich nicht bis in den fruhen Morgen auf. Sogar Frau Kathrine war zu Bett gegangen und hatte ihre Functionen einer andern weiblichen Bedienung uberlassen und Peters war oben in den Logen beschaftigt.

Die Polizeidiener fanden im Garten ihr Einschreiten nicht mehr nothig; denn schon hatten sich mehre ihrer Kameraden ihres Incognitos begeben und halfen einen jammerlich zugerichteten Mann daher tragen, fur den um einen Wagen gerufen wurde. Einige jungere Leute gingen schreiend und fluchend neben ihm her, wahrend eine Frauenstimme wehklagte und den Fortunaballen, wenn sie von Mordern uberfallen werden konnten, den Untergang prophezeite.

Man erzahlte dann, dass eine Anzahl junger Leute mit diesem Schwerverwundeten und Halberschlagenen einem Andern aufgelauert hatte, um ihn fur irgend ein Vergehen zu zuchtigen. Auf das Hulfegeschrei einer Frau aber waren uber den Zaun, an dem Holzschuppen rechter Hand man zeigte in dem aufgehenden Tageslichte nach jener Stelle eine Menge Vermummter mit Stangen und Eisen erschienen, hatten jenen Bedrangten befreit, aber den wildesten seiner Gegner auch in dem Grade kampfunfahig gemacht, dass dieser schwerlich wieder aufkommen wurde ...

Den Verwundeten erkannte Mullrich sogleich.

Es war Dies der Kutscher des Justizraths Schlurck, Neumann mit dem Backenbart und den goldnen Ohrringen.

Die wildaufgeregte, schreiende Anklage kam von Jeannetten, die im Augenblick der Gefahr ihre Tandeleien nicht mehr durchfuhrte und sich wohl vergegenwartigte, wie ihre fast dreissig Jahre es ihr zur Pflicht machten, eine so solide Anhanglichkeit, wie die des Neumann, werth zu halten. Sie verwunschte bald die Feigheit der Reitknechte Lasally's, die wohl Jemanden uberfallen, aber sich nicht vertheidigen konnten, wenn sie auf gefasste Gegner stiessen. Sie schwur der Rothen Rache, die Hackerten diesen Schutz hatte herbeizaubern konnen und war im ersten Zorn so heftig uber Franzchen Heunisch, die von ihrem Tanzer gefuhrt wurde, hergefallen, dass diese vorzog, zu fluchten und sich umsomehr bald von Sandrart nach Hause begleiten zu lassen, als Louise Eisold und Hackert verschwunden schienen.

Der Oberkommissar Pax verschaffte sich, wahrend man Neumann mit Wasser besprengte und in den Wagen trug, alle nur zu ermoglichenden naheren Angaben uber die Begebenheit, war aber insofern schon vollig im Klaren, dass er den Angreifern sagte, ihnen ware Recht geschehen. Seine Theilnahme fur Hackert gab sich dabei vollkommen zu erkennen. Und von den sogenannten Vermummten hatte er die Uberzeugung, dass Dies Maschinenarbeiter von Willing's Fabrik gewesen waren, am Zaune gelauscht und die Gewaltthat eben so gewaltthatig verhindert hatten. Auch er sah sich nach Hackert um, der ebenso wie der mehrfach erwahnte und ihm selbst aufgefallene, noch immer nicht demaskirte rothe Domino, verschwunden war.

Als die gleichfalls herbeigeeilten Kapellisten wieder an ihre Notenpulte lachend zuruckkehrten und der Tanz aufs neue nun gerade erst bachanalischer als bisher begann, wollten auch die beiden Polizeidiener Mullrich und Kummerlein wieder auf die Sternwarte. Pax aber rief ihnen nach und fragte wieder bei Seite:

Noch immer nichts von Nr. 2 gesehen?

Nicht ein Haar, Herr Oberkommissar.

Keine schwarze Binde uberm Auge?

Nirgends; aber ein Franzose war da, Herr Oberkommissar. Nichts Verdachtiges an ihm bemerkt, als dass er franzosisch spricht.

Eine grune Brille ?

Ein schwarzer Schnurrbart

Es ist der Franzose nicht, der beobachtet werden sollte und doch hatt' ich gern erfahren, was hinter der grunen Brille steckt ...

Herr Oberkommissar, sagte Kummerlein, der suchte nichts als die Frauenzimmer!

Schien mir auch so, antwortete Pax lachelnd. Als ich ihm einige Male nachgegangen war und ein Gesprach anknupfen wollte, verschwand er. Ganz geheuer ist es mit dieser grunen Brille nicht. Er schlich dem Sergeanten und dem blauen Madchen nach. Aber die schwarze Binde! Man versicherte uns, sie ginge auf den Fortunaball ... Nun gute Nacht! Ich gehe. Sie bleiben wol bis zu Ihrer Recherche?

Es geht nun in Einem hin!

Vergessen Sie nicht, die Gebruder Wildungen aus Thuringen! Drei Treppen bei Frau Schievelbein.

Neustrasse

Was wir finden, geht mit ...

Besonders ein Bild ...

Abzuliefern an?

An Frau Ludmer, Kammerfrau der Geheimrathin von Harder.

Gut! Besorgen Sie das Alles mit der grossten Punktlichkeit! Nun, gute Nacht!

Damit verliess Oberkommissar Pax den Garten der Fortuna und seine getreuen Organe kehrten auf ihren fruheren Standpunkt, die Sternwarte, zuruck ...

Wie sonderbar gleicht aber das Schicksal aus! Was dem Einen Quell der Leiden ist, wird dem Andern zum Quell der Freude! Wenn irgend etwas die Grosse jener unparteiischen Gewalt, die unsichtbar uber unsern Schicksalen thront, vergegenwartigt, so ist es dieser vollkommene Widerspruch in Dem, was dem Einen nutzt und zugleich dem Andern schadet, ein Widerspruch fur uns, der aber fur jene ewige Gewalt die eigentliche Seele ihrer Harmonie sein muss ...

Eine solche Ahnung, nur nicht philosophisch ausgedruckt, lag im Auge des Kellners Peters, der in der grossen Loge bediente und seinen Thuringern, die bei dem Larmen zu spat gekommen waren, mit vertraulicher Miene zuraunte:

Eben ist der Kutscher des Justizraths Schlurck halbtodt vom Platze getragen worden. Vor sechs Wochen kommt der nicht wieder auf, wenn er je wieder eine Leine fuhren kann. Was meinen Sie, wenn ich mich morgen bei dem Justizrath melde blos, dass ich diese gottverdammte Schurze und kurze Jacke ablegen darf?

Freier Phaethon, edler Sonnenlenker, thue Das! rief Siegbert, der sonderbarer Weise von dem Tumulte dieses Festes und Dankmar's Reiseerzahlung mehr gesteigert war als der nachdenkliche Dankmar, den grade in diesem Tumulte Wehmuth und die ernste Mahnung an die Losung einer grossen Aufgabe, die er sich fur eine edlere Welt gestellt hatte, still fur sich uberfiel.

Wirf sie ab, rief Siegbert und strich das blonde Haar aus dem erhitzten, schonen Antlitz, wirf sie ab die Tracht des dienenden Heloten! Werde wieder Freiherr von der Peitsche, Baron vom Sternenaufblick, Ritter zum Schellengeklingel! Schleudere sie hin den Hitzreuters die Speisekarte, die deines edlen Busens nicht wurdig ist, Landsmann! Schatten Margo zu apportiren lasse Denen, die pudelhafter ihre Seele von einem Weibe verkaufen lassen! Pegasus im Joche, schwing' dich in die Lufte und werde wieder, was du eher warst, ehe du wurdest, was du bist!

Peters machte Dankmarn ein Zeichen, als wollte er sagen, dem Bruder Maler hatte wol der Schatten Margo ...

Zu viel Licht gegeben? Nein! antwortete Dankmar zur Ehrenrettung seines Bruders; es ist seine wirkliche Uberzeugung! Wir bemitleiden dich, Peters! Morgen fruh um neun Uhr klingl' ich an Schlurck's Hausthur. Wartet da auf mich! Hort Ihr! Wir bringen dann alle unsere Angelegenheiten in's Reine.

Herr Dankmar, wirklich meinen Sie?

Er ist reich, er kann sich ohne Kutscher nicht behelfen

Dann bring' ich aber den Bello auch mit.

Bring' auch den Bello mit! Gegen vier brechen wir auf. Vier Stunden Schlaf ist genug fur einen so tollen Tag wie den heutigen, auf den drei Nachte gehoren, wenn man die verlornen Ruhestunden wett machen wollte! Wir wollten verdorbenes Volksleben studiren, Schmerzen in uns selber todten! Fur einmal und nicht wieder! Also um neun Uhr

Mit Bello beim Justizrath!

Abgemacht! Wenn du Anwartschaft auf den Posten bekommst, Peters, tragst du mir den Schrein nach Haus? Nicht wahr? Oder wird er zu schwer auf deinen Schultern drucken ...

Nein! Mein Gewissen erleichtern, sagte Peters fast mit verklartem Blick und sah mit Ungeduld auf die Uhr, die nicht fortrucken wollte und trotzdem, dass schon der lichte Sommertag durch die Fenster graute, auf halb vier Uhr stand ...

Die Zahl der tanzenden Paare hatte sich sehr gelichtet. Kummerlein und Mullrich gahnten und schliefen halb und halb wieder auf ihren Stuhlen ein ...

Kaum mochten sie zehn Minuten "gedammert" haben, als bei dem geringeren Toben der Menge es Mullrichen war, als wenn er an der Wand, die die Sternwarte von einer kleinen Loge dicht neben ihr trennte, ein Gesprach horte, das laut, ja zankend war ...

Sich sammelnd und aufrichtend horchte er und horte leider nur den wilden Galopp, den jedoch kaum noch dreissig Paare tanzten. Er hatte sich gern umgebeugt und in die Loge eingesehen, allein der kluge Erbauer des Fortunasaales hatte es so eingerichtet, dass Niemand aus einer Loge in die andere lauschen konnte. Sehr geschmackvolle Stukkaturen und Bronzearbeiten waren an den Verbindungswanden zur Zierde des Saales angebracht. Man hatte sich weit uber die Brustung lehnen mussen, wenn man um die Karyatiden herumsehen wollte, die die Logen von einander trennten. Von der vollends etwas zuruckgebauten "Sternwarte" war dies mit der zunachst anstossenden sehr kleinen Loge durchaus nicht moglich.

Kaum hatte sich Mullrich wieder an die Verbindungswand gelehnt, als er ein jetzt plotzlich gar lautes und aufgeregtes Gesprach zu horen glaubte, jedoch nur von zwei streitenden Personen.

Er weckte Kummerlein und machte, als sich dieser gesammelt hatte, ihm Gebehrden, auf die Wand zu merken.

Was ist denn? fragte dieser.

Horen Sie nur! Hier!

Beide legten ihr Ohr an die Verbindungswand, die die Sternwarte von der kleinen, ganz unbeachteten Loge trennte.

Was sie vernahmen, war ein gramliches Zanken zwischen einem wie es schien alteren Manne und einer jungeren aber heiseren und tiefliegenden Frauenstimme.

Schweig, Maulwurf! sagte die Frauenstimme, was hab' ich von dem Glanz, wenn ich ihn nicht zeigen darf?

Eine fast grunzende, murrische Stimme gramelte irgend etwas dagegen, was man nicht verstehen konnte.

Gold und Juwelen, fuhr die Frauenstimme malicios fort, und in einem Kafig sitzen? Nein, lieber Wasser und Brot, aber Polka tanzen! Ich hab's satt morgen gehst du oder ich.

Die Stimme des Alten murmelte oder brummte wieder etwas Unverstandliches.

Funf Tage, nicht drei! sagte die Frauenstimme, horst du? Funf, nicht drei! Dann thu' ichs! Was sind drei Tage? Oder nimm drei Tage, aber zwischen jedem einen von deinen mageren Tagen dazwischen? Horst du? Nicht drei fette Tage hinter einander

Hintereinander! war die jetzt verstandliche, deutliche, entschiedene Antwort des alten Mannes.

Dann bleiben wir nicht zusammen, fuhr die Frauenstimme zornig fort. Drei Tage im Monate, hast du mir versprochen, mir so zu schenken, dass ich alle meine Vergnugungen und Wunsche befriedigen kann. Nun ja; ich habe gestern prachtige seidne Kleider bekommen, heute Juwelen und Gold und morgen soll ich mein wahres, mein echtes Bild haben, das ich wirklich bin und keine Andere ...

Und gab ich heute nicht schon mehr? sagte jetzt deutlicher und mit gehobener Stimme der Mann, als du begehrtest? Ist dieser tolle Nachtschmaus, wo man sich vor dem anbrechenden Tageslichte schamen muss, nicht eine Zugabe zu den Juwelen und dem Golde? Ich sah uberall in die Logen dieses Saales. Diese kleine, stille, verborgene ist die schonste. Hier sind Spiegel und weiche Polster! Hier duften Blumen und da hangen reizende Bilder! Du hast Fasanen gegessen, Champagner getrunken! Aber du weisst nichts zu wurdigen. Im gierigen Genusse schlingst Du Alles hinunter und hast wie die Heisshungrigen erst dann einen Reiz dazu, wenn du es schon verzehrt hast ...

Nun gut! sagte lachend die Frauenstimme. Diesen Fortunaball schenktest du mir auf den zweiten Tag als Zugabe; aber ich will tanzen, tanzen! Ich trinke hier Champagner, esse Eis und verzehre mich vor Gier, hinunter in den Saal zu durfen. Sieh, Alter! Uberall da unten sind meine Tanzer! Sieh den kleinen mit den feurigen Augenerkennst du mich wohl wenn ich he Junge! He! He!

Willst du bleibst du wol zuruck! Tritt nicht leichtsinnig mit Fussen, was ein Freund liebevoll heute uber dich haufte

Man horte fast, dass die Hand des mannlichen Sprechers die des weiblichen packte und zuruckriss ...

So komm mit! Ich will mit dir tanzen; Alter ... mit dir! Ha, ha, ha, Komm

Lass mich! Schame dich!

So will ich nur einmal an deinem Arme durch den Saal schlendern. Sieh, es ist gleich drei Viertel auf vier. Um vier Uhr hast du den Wagen bestellt. Komm, schlendre mit mir durch den Saal, Brummbar!

Das Alles ist wider die Abrede, antwortete die Mannerstimme. Diese Fortunaballe werden sich oft wiederholen. Es werden andere Feste kommen, wenn die Jahreszeit unfreundlicher wird und man die geselligen Vergnugungen sucht. Du hast dann wieder drei Tage des Glucks und der Verschwendung

Und siebenundzwanzig der Armuth und Langenweile, der schrecklichsten Folter. Nein, Mannchen, such' dir eine andere Narrin fur deine Possen, ich kann arm sein, aber Langeweile haben und nicht nein! nein!

Und nicht lieben, willst du sagen?

Ich sagt' es nicht!

Und doch ist es Das! Nur Manner, die dich kussen, willst du um dich.

Ich will nicht Manner, die mich kussen ...

Du sagtest mir Das vor vierzehn Tagen, als ich dich im Elend, in der verworfensten Schande antraf, die Tochter eines Mannes, dem ich ewig verpflichtet bin. Hattest du mir gesagt, ich muss lieben, muss kussen und leichtsinnig sein, ich kann die Tugend nicht uben, so hatt' ich fur dich gebetet so aber sagtest du ...

Ich habe nicht gelogen.

Nun denn, wenn du die Freude, das Vergnugen, die Pracht und die Tragheit liebst, warum siehst du nach dem kleinen Schwarzkopf mit den feurigen Augen ?

Er tanzt und du nicht! Komm, wenigstens durch den Saal mussen wir schlendern. Es ist gleich vier.

Wir sind ja nicht gebunden. Die Pferde warten ...

Sie sind um vier Uhr bestellt ...

Andre Wagen warten genug unten.. wir bezahlen beide ...

Das kostet zuviel ...

Was kummert dich's, ob's an den drei Tagen deines Gluckes mich etwas mehr kostet oder weniger?

Hier schwieg die Frauenstimme einen Augenblick.

Ihre heiseren Tone waren plotzlich sanfter geworden.

Mullrich machte Zeichen des grossten Erstaunens und der unglaublichsten Uberraschung.

Nun? fragte Kummerlein flusternd ...

Da verwett' ich meinen Kopf ...

Worauf denn?

Das ist Nr. 17!

Wo Nr. 17?

Nr. 17 aus unserm Hause ... Die Maler-Guste ...

Die nach Hamburg wollte?

Die und Hamburg! Horch ... Wart'! Du sollst uns mit dem alten Spiegel und mit der Bettstelle und dem Waschlavoir-St! Stille!

Die altere mannliche Stimme begann wieder:

Sonderbar! sagte sie. Schon die ersten drei Tage sorgst du ja fur mich, Madchen! Bedenkst ja meine Kasse! Sieh! Sieh! Wirst ja hauslich, wirthschaftlich ...

Ha, ha, ha, lachte spottisch das Madchen, bilde dir nichts ein, Mannchen ...

Ich wette, du lernst noch mit der Zeit dich in Manches fugen

Die Zeit wird dir doch zu lang werden, Alter!

Glaub's nicht ...

Wollen wir wetten? Ich wette gern ...

Heute hast du eine Broche, zwei Armbander, Ohrringe bekommen, ich schenkte dir ein Souper im Fortunaball als freiwillige Zugabe. Eine Wette spar' dir auf deine nachsten drei fetten Tage im September.

Die erleb' ich nicht mehr. In den siebenundzwanzig magern lauf' ich dir davon oder sterbe!

Bedenke, im Februar sind es nur funfundzwanzig, wo du dich bezahmen und mit mir Erdapfel essen sollst!

Nie! Nie! Ich gehe nach Hamburg!

Hier sprang Mullrich auf und sagte halblaut fur sich:

Satan! Du bist's! Juwelen und Gold und Fasanen und sich malen lassen und mir lass'st du einen zerbrochenen Spiegel, eine lahme Bettstelle und ein Waschlavoir fur drei Monate Hausschlussel und alles Ubrige? Krote du!

Mit diesem kraftigen Worte, das alle seine Empfindungen und auch das systematische Bestreben, reich zu werden, wie Kummerlein gesagt hatte, ausdruckte, fasste er Kummerlein's Hand, um von diesem einen localkundigen Rath, irgend einen strategischen Angriffsplan auf die Nachbarloge zu horen.

Kummerlein aber winkte ihm mit spahend aufgerissenen Augen und zeigte stumm auf die Wand, wo noch folgende Worte horbar wurden:

Hor' Alter, sagte die Frauenstimme, wenn die drei fetten Tage im September kommen und ich sage an einem davon, wir gehen auf den Fortunaball und du musst tanzen ... so musst du's auch. Das erfordert unser Contract.

So werd' ich tanzen, antwortete der Alte.

Ha, ha! Das lassen wir fur Geld sehen ...

Gelernt hab' ich's ...

Das mocht' ich sehen; aber mit mir nicht! Man lacht uns aus ...

Man lacht dich nicht aus, wenn du schone Kleider tragst, von denen sie Alle wissen, dass ich sie dir schenkte ...

O Das muss lustig sein, dich da unten hinken zu sehen. Komm! Es ruckt auf vier. Thu' mir wenigstens den Gefallen und mach' noch einmal im Saale mit mir die Runde ...

Um funf!

Nein, wir fahren jetzt ...

Warum jetzt schon ...

Was die Stunde kostet, dass der Kutscher halt, dafur ... dafur trink' ich morgen Chokolade.

Madchen, weil du zu sparen anfangst, sagte der Alte lachend, will ich dir den Gefallen thun und einen Gang durch den Saal machen. Glucklicherweise sind die Logen fast leer und von den Tanzern nur noch ein paar Wilde da, die sich nicht zur Ruhe geben wollen! Fuhre mich, Auguste! Ich kann nicht gut sehen. Komm, Auguste!

Auguste! sagte Mullrich triumphirend.

Ich kann nicht gut sehen? fiel Kummerlein ein.

Wer?

Der da!

Nun?

Nichts begriffen?

Es ist die Auguste, die mir fur vier Monate ...

Zum Henker, ja! Aber der Andre ...

Was denn?

Kommen Sie, sagte Kummerlein kopfschuttelnd uber die Beschranktheit seines Collegen. Rasch! Der verdammte Tunnel! Es muss von hier noch eine Treppe gerade in den Saal hinunter gemacht werden. Wir machen einen Capitalfang. Ziehen Sie die Pfeife heraus, wenn Succurs nothig ist ...

Mullrich, der immer nur an Nr. 17 und die ihm schuldigen vier Thaler dachte, folgte verwundert dem klugern, an die schwarze Binde denkenden Kummerlein ...

Gerade aber funf Minuten vor dem vollen Glockenschlag Vier begab sich unten im Saale der Fortuna folgende seltsame Scene:

Es war eben ein sturmischer Galopp, den man den Tarantelstich nannte, beendigt; die nur noch sparlichen Paare traten zuruck und Manches rustete sich, der tiefernsten, sittlicherhabenen Mahnung des durch die grossen Fenster hereinschimmernden Tageslichtes zu folgen und nun still niederblickend heimzugehen. Die Kraft des zustromenden Gases liess in den Kronenleuchtern nach, ein unheimliches, gespenstisches Helldunkel verbreitete sich in dem staubigen Raume. Die vorhin noch so freundlich schimmernden Toiletten wurden plotzlich fahl und erschienen zerknittert, die Gesichter, eben noch prahlerisch, machten sich hasslich, alt, ja als ein Kronenleuchter plotzlich ganz verloschte, war es, als sprache eine Geisterstimme plotzlich ein schauerliches Wort, das dem Feste noch vor der Zeit ein Ende zu machen schien.

In diesem Augenblicke stoben, vor einem seltsamen Anblick, entsetzt, die Tanzer auseinander.

Die wenigen Tanzerinnen, die eben eiligst ihre Shawls und Hute suchten, stiessen ein angstliches unterdrucktes Ach! aus.

Alles sah mit dem Ausdrucke des fragenden, unsichern Erstaunens nach einer Erscheinung hin, die, durch die grosse Hauptthur eintretend, erst Wenigen auffiel, dann Alle in Furcht und Schrecken versetzte.

Ein Tanzer, den Alle kannten, weil er sich als der Gewandteste, Witzigste, Ausgelassenste in ihren Reihen getummelt hatte, kam in zerrissenem Anzuge, verwilderten Kleidern, zerschlagenem Hute uber dem rothlichen Haar, Staub und Gras an den Kleidern und Stiefeln, mit einem jener Lichter, wie man sie unter Glasglocken, die die Flamme schutzen, in offentlichen Garten aufstellt, herein, feierlich schreitend, gespenstisch, mit geschlossenen Augen.

Hinter ihm die rothe Dame, die Allen aufgefallen war und noch immer ihre Maske trug.

Angstlich besorgt folgte sie dem Wandelnden und hielt Alle, die von dem Anblick uberrascht erst lachend, dann entsetzt stillstanden, zuruck, den Finger auf den Mund legend und formlich mit den Handen um Schonung und Mitleid flehend.

Die Musik begann nicht wieder.

Die Tanzer flohen von jeder Seite weg, wo der gespenstische Wanderer mit dem grossen Windlichte daherkam.

Auch zu den wenigen noch besetzten Logen hinauf zischte man und erzwang Ruhe und allgemeine angstliche Aufmerksamkeit.

Ein Nachtwandler! ging es mit flusterndem Grauen durch die Reihen aller Anwesenden, die beklommen den Athem anhielten und nicht wussten, ob sie besturzt sich entfernen oder das Ende dieses Zustandes und seine mogliche Entwickelung abwarten sollten.

Manche waren freilich so frivol gespannt, dass es ihnen das Liebste gewesen ware, der Ungluckliche hatte irgend ein gefahrliches Unternehmen begonnen und eine Thatsache ihnen bestatigt, von der man allgemein wol viel erfahrt, aber selten so gunstige Gelegenheit findet, selbst von ihr etwas in Erfahrung zu bringen.

In diesem Augenblick schlug es voll vier ...

Der Nachtwandler horchte auf und lachelte ...

Er blieb stehen ...

Seine schutzende Begleiterin war in Verzweiflung, weil sie nicht wusste, was sie thun, was unterlassen sollte.

Indem setzt der Nachtwandler seinen grossen Leuchter auf einen Tisch, sieht sich nach der Uhr um, schlagt, als wenn er die acht Klange der Uhr wiederholte, acht mal mit der Hand langsam in die Luft und beugt sich bald nach rechts, bald nach links, als suchte er etwas.

Dabei lachelt er ...

Dann nimmt er den Leuchter und gleichsam, als wenn er sich uber Schlafende beugte, leuchtete er hin ... bald hier, bald dort ...

Die Begleiterin riss sich jetzt die Larve vom Gesicht;

denn die Thranen rannen ihr aus dem Auge ...

Alle starrten nach ihr hin ...

Niemand kannte sie ...

Dies Rathen und Forschen mehrte die Angstlichkeit der Scene ...

Was thut er? Was bedeuten diese Bewegungen der Hande, als wenn er ein Kind schaukelte ...?

So sprachen die stummen Mienen der Umstehenden und forschten leise die weinende Fremde aus.

Diese verstand sehr wohl, dass der Ungluckliche durch das Schlagen der Uhr an den alten Grossvater Eisold in der Brandgasse und an dessen Urenkel, die Kinder, erinnert wurde und dass diese Gebehrde, die er in seinem traumenden Zustande machte, Scenen vorstellte, die sie oft zu ihrer innigen Freude erlebt hatte, wo der Bemitleidenswerthe auf milder, weicher und ihr zugewandter besserer Stimmung Abends kam, zu den schlafenden Kindern auf ihre Lagerstatten niederleuchtete und diesen eine gute von Engeln behutete Nacht wunschte.

Der Nachtwandler hielt das Licht und leuchtete auf den Boden und lachelte und die Flamme des Lichtes fasste bereits sengend seine eigenen zerfetzten Kleider ...

Hackert! rief die Fremde jetzt vor Schreck und der Gefahr des Verbrennens und in ihrem uberwaltigten Gefuhle sturzte sie auf diesen zu, dem aber schon ein muthigerer Zuschauer die Lampe aus der Hand riss und auf den Tisch stellte und ihn selbst auffangen wollte, wie er eben in Louisens Arme sank und sich schaudernd besann auf Das, was ihm eben geschehen war und noch geschah ...

Alles kam naher; Alles wollte fragen, die Pein war furchtbar fur Louise und Hackert, der sich in diesem Aufzuge unter allen diesen Menschen und in seinem Zustande sah ...

Glucklicherweise dauerte diese Folterqual fur Hakkert und Louise nur eine Sekunde.

Denn im Nu erscholl ein gellender markdurchbohrender Pfiff.

Man sah sich um.

Die Polizei umringte eben jenen Mann, der Hackerten mit raschem Entschlusse das Licht aus der Hand gerissen hatte.

Es war Dies ein gebeugter, alterer Mann, sehr fein gekleidet, mit dunkler Perrucke und einer grossen schwarzen Binde uber dem rechten aufstarrenden Auge.

Auch ein junges, allgemein gekanntes Madchen, Namens Auguste Ludmer, wurde mit ihm zugleich verhaftet. Die grosse, bildschone, schlanke Figur war so reich gekleidet, so mit Gold und Edelsteinen geschmuckt, dass Alle starrten. Der Grund dieses uberraschenden Zwischenfalls konnte Niemandem auffallen. Der Mann mit der schwarzen Binde hatte auf Kummerlein's einfache Frage: Sie sind Murray? einfach geantwortet:

Ich bin Murray.

Ruhig hatte er sich in sein Schicksal ergeben, wahrend Auguste Ludmer, genannt die Maler-Guste, sich wie verruckt gebehrdete, halb wuthete, halb lachte und Mullrich mit den Worten anredete:

War Das ein Pfiff auf einem von deinen Hausschlusseln? Pechdraht du! Diebsschlosser!

Das Strauben des schonen, uppig geformten, an die Statuen der Griechinnen aus dem Zeitalter des Alexander erinnernden Madchens half ihr aber nichts. Zwei Agenten, die Mullrich und Kummerlein zu Hulfe gekommen waren, fuhrten sie fort.

Mullrich aber und Kummerlein nahmen den Mann mit der schwarzen Binde, der sich Murray nannte, in die Mitte.

Er ging ruhig lachelnd.

Hackert schlich am Arme des armen Madchens, Louise Eisold, die die entstandene Aufregung benutzte um Hackerten fortzuziehen. Sie ging still und unscheinbar. Sie hatte den seidnen rothen Mantel uber dem Arm, die Maske in der Hand.

Die Tanzer, die Floten, die Geigen, die Posaunen folgten.

Die Gaslichter erloschen.

Der Fortunaball hatte ein Ende.

Vierzehntes Capitel

Eine Morgenstunde

Es war sieben Uhr Morgens, als Justizrath Schlurck mit seinem "guten Hannchen" am Kaffeetische sass und das Fruhstuck verzehrte.

Franz Schlurck war im seidenen, leichten Schlafrock, Johanna Schlurck in einer leichten Morgenrobe, uber dem Haupte eine Dormeuse alten Geschmackes, jedoch neuester Mode. Die Spitzen lagen bis tief uber die Stirn der klugen und besonnenen Frau, die heute den Kaffee lobte, weil ihn Jeannette nicht gemacht hatte. Auch die Aufmerksamkeit des zweiten Madchens, frische Blumen, die gestern Abend geschnitten, aber frisch benetzt heute fruh schon um sechs Uhr auf dem Markte gekauft wurden, neben den Zwieback in einer Vase auf den Kaffeetisch zu stellen, lobte Hannchen Schlurck ausnehmend und stellte dadurch die Ruhe des Justizraths wieder her, die von der Nachricht, Melanie hatte eben der Mutter aus ihrem Schlafzimmer zugerufen, Jeannette ware von ihr verabschiedet, etwas gestort schien.

Auch die Mutter hatte diese Nachricht ungern vernommen. Sie hasste alles Gewaltsame, alles Extreme.

Da aber Melanie einmal darauf bestand, musste diese Anordnung so bleiben wie sie war.

Auf des Justizraths Einrede, dass solch verletztes Volk viel Gift und Galle verspritze, viel klatsche und austruge, erwiderte seine Gattin, die ebenso gedacht, dass man wol, wenn Melanie's Zorn voruberware, Jeannetten diesen oder jenen Beweis freundlicher Gesinnung geben konne, was Schlurck um so naturlicher fand, als er sich auch noch damit trosten zu konnen glaubte, dass Neumann mit der Zeit doch wol die Jeannette heirathen wurde.

Jetzt wartete aber bereits eine andere unangenehme Nachricht. Man hatte Neumann, wie die Frau Justizrathin heute in aller Fruhe schon erfahren, halbtodt von einem nachtlichen Balle heimgebracht und wahrend noch die bedachtige Frau daruber nachsann, ob sie oder Bartusch dies neue unangenehme Ereigniss dem durch solche Bedrangnisse der nachsten Umgebung uberaus leicht zu verstimmenden Gatten vortragen sollte, wollte dieser denn doch ein wenig genauer wissen, woruber die Jeannette nach dreijahrigem Dienst so uber Hals und Kopf aus dem Hause fort musse? Er hoffe, sagte er, dass sie noch auf ihrem Zimmer ware und nur verboten erhalten hatte, zum Serviren des Fruhstucks herunter zu kommen ...

Sie ist boshaft, gefahrlich und fugt sich nicht in Melaniens jetzt recht empfindlichen Charakter! sagte die Mutter.

Ja, ja, setzte Schlurck hinzu, Melanie ist seit kurzem wirblich und wunderlich geworden! Ich glaube, dass es Zeit ist, sie entschliesst sich zu irgend einer Partie. Diese Tandeleien und kleinen Romane stumpfen das Interesse fur ein Madchen ab. Man muss nicht zu lange gefallen wollen und Alle blenden. Das Auftauchen einer hubschen Erscheinung sei wie das kurze Leben eines Schmetterlings! Weibliche Liebenswurdigkeit muss ein Ziel haben, die Ehe. Hernach kann sie sich ja noch einmal entpuppen und sehen, wie es sich in dieser Welt in anderer Form leben lasst. Die Ehe gibt ja erst die wahre Freiheit. Ich wunsche um so mehr ein Ende, als es Zeit ist, auch einmal uber ihre Mitgift nachzudenken, die nicht gross sein wird.

Nicht gross? versetzte die Mutter etwas befremdet. Was verstehst du unter gross?

Ich habe Verluste gehabt, sagte Schlurck verdrusslich, und werde deren noch mehr haben. Die Verwaltung der Hohenbergischen Guter ist in andere Hande ubergegangen, die Administration der Johanniterhauser wird mir auch noch genommen werden

In Folge des Prozesses?

So wie so! Bei der Stadt bleiben diese Guter und Hauser nun schwerlich langer und der Staat wurde ihre Nutzung ganz anders ausbeuten, als wir bisher. Man wird alle die milden Stiftungen, die auf sie angewiesen sind, wie fruher unterstutzen, aber den Ertrag wird man zu erhohen, die Kosten der Verwaltung zu vereinfachen suchen. Brechen damit zwei meiner Hauptstutzen zusammen, so wird die Wendung unseres Gerichtsverfahrens mir nicht einmal mehr den alten Credit als Sachwalter lassen; denn bei Einfuhrung des mundlichen Verfahrens kann es nur den Rednern gelingen, sich einen Namen zu erwerben und ich bin kein Redner. Das Bischen Politik, das ich, angestachelt von den conservativen Vereinen und besonders dem verdammten Reubunde, getrieben habe, hat mich bereits mit allen meinen Arbeiten in Ruckstand gebracht.

Das sind ja traurige Aussichten! Wir wollen uns einschranken ... sagte die Justizrathin seufzend.

Sprich das Wort nicht aus! antwortete Schlurck. Einschranken! So wie mich Mangel oder Sorge begrusst, ist mein Lebensende da. Etwas entbehren, etwas gehabt haben und sich's nun versagen mussen, nein, liebes Kind, Das ware mein Tod!

Du sprichst wie ein Verschwender, Schlurck ...

Der ich doch nicht bin, willst du sagen? Herz, wir haben keine Ubersicht uber Das, was wir besitzen und brauchen. Wir geben aus und geben, weil wir einnehmen. Plotzlich sich nun einrichten mussen, die Reflexion bei sich zu Tische sehen und mit der Weisheit soupiren, das Alles wurde vielleicht ausserlich gehen, aber du wurdest erleben, dass ich innerlich anfinge recht zusammen zu fallen und an einem stillen Herzweh hinzusiechen. Ich wurde lachen, scheinbar heiter sein, aber den Ruck hatt' ich doch weg und eines Tages bliese mich ein kuhler Abendwind von dieser schonen Erde weg.

Franz! Franz! Welche dustere Gedanken!

Frau Schlurck weinte fast.

Sie hatte ihren Franz lieb, als Charakter, als Gemuthsmenschen, wenn auch die Sage ging, dass der vorurtheilslosen Frau Bartusch naher stehen sollte. Weltmann, wie Schlurck war, ignorirte er alle Mysterien und hielt sich an das Offene, an das Nothwendige und Schickliche. Auch ihm war sein Weib so nothig wie er ihr. Er hatte in ihr die mildeste Richterin und die bequemste Freundin. Sie duldete alle seine grossen und kleinen Schwachen, nahm sie fur gegebene Thatsachen und qualte ihn nie mit etwaigen Zumuthungen, sich zu andern, in sich zu gehen oder dergleichen angewandter Moral, die er um so mehr ablehnte, als er oft sagte: Kind, es gibt ein Dutzend moralischer Systeme! Welches ist das rechte? Er liebte im Vollen zu leben, und sie rechnete nie, da sie reichlich von ihm empfing. Sie schonte selbst seine geheimen, kleinen Neigungen, von denen er nicht frei war. Gern hatte sie dabei freilich, dass er sich unter seiner Sphare hielt. Der kleine Roman mit der Justizdirektorin von Zeisel, geborenen Nutzholz-Dunkerke, der sich unter ihren Augen in Hohenberg entsponnen hatte, uberraschte sie unangenehm und doch hatte sie sich auch bereits in diesen gefunden.

Du hast gestern Nachmittag nach Plessen geschrieben? sagte sie, um ihm einen Beweis ihrer Gute zu geben.

Ja, antwortete Schlurck etwas verlegen; ich habe dem Justizdirektor eiligst angezeigt, dass Prinz Egon die Verwaltung der Guter selbst antritt. Ich habe ihm gesagt, er mochte auf seiner Hut sein vor dem neuen Generalpachter, einem gewissen Ackermann, der aus Amerika gekommen ist, um seine Dollars in allerlei agronomischen Experimenten zu verpuffen. Bis er vollig zu Grunde gerichtet ist, wird dieser anmassende Sonderling viel Menschen zusammenhetzen und recht qualen konnen.

Du hast doch Frau von Zeisel gegrusst? sagte die Justizrathin mit mildem und versohntem Ton. Sie ist eine gute und liebe Frau, die uns wol einmal besuchen konnte? Meinst du nicht, Franz?

Schlurck war uber solche Beweise von Gute leicht geruhrt. Schwach, charakterlos wie er war, hatte er wirklich ein weiches Herz und fuhlte nie unzart. Er sah scharf genug, dass ihn seine Frau mit ihrer frivolen Philosophie trosten und erheitern wollte ...

Du bist wehmuthig gestimmt uber unsere finanzielle Lage, sagte er. Noch lasst sie sich aber ertragen. Wir nahmen viel ein, aber leider wir sparten nicht. Dennoch werd' ich Melanie, wenn sie endlich sich verheirathet, funfzehntausend Thaler sogleich baar mitgeben konnen und mich gern verpflichten, meinem Schwiegersohn jede Erleichterung zu gewahren. Viel grosser, liebes Kind, ist namlich nicht mein baares Geld, das durch den Fall der Papiere um die Halfte im Werthe sank. Deine Zukunft, liebes Hannchen, sichert dir eine in dem Londoner "Janus" eingeschriebene Rente und die Gothaer Bank ...

Ich werde sie nie benutzen ... antwortete Madame Schlurck, die sich lange nicht von ihrem Manne mit liebes Hannchen angeredet gehort hatte und auch darin ein ominoses Zeichen sah ...

Nie! Nie! wiederholte sie geruhrt und weinerlich.

Das ware schlimm, Herz! sagte Schlurck jetzt wieder mit seinem gewohnlichen Humor; soll ich London und Gotha reich machen, jahrlich Gelder einzahlen in Kassen, die mir dann nicht einmal solvent wurden? Nein, Kind, den Gefallen thu' ich ihnen nicht ... ich sterbe vor dir.

Frau Schlurck brach diese Gedankenreihe, die zu trub' war und zu dem comfortablen Fruhstuck, der hellen Morgensonne und den Blumen in den Porzellanvasen nicht passte, ab und knupfte eine andere an.

Funfzehntausend Thaler! sagte sie. Wer gibt auch jetzt mehr von seinem baaren Gelde einer Tochter mit? Bei den reichsten Familien erstaunt man uber die geringen Summen, die die Schwiegersohne baar in die Hand bekommen, und so viel weiss ich doch auch, dass der Credit jede baare Summe im Geschaftsverkehr verdoppelt.

Ganz Recht! Machte nur Melanie endlich Anstalten! rief Schlurck halb zufrieden, halb argerlich und sah dabei auf einige alte Papiere, die er unter den Zeitungen neben sich liegen hatte ...

Sie hat heute in aller Fruhe schon geschrieben; antwortete die Mutter und legte die Papiere so, dass ihr alterthumliches Aussehen nicht die schone Symmetrie und die Wasche ihres Fruhstuckstisches storte; um funf Uhr war sie auf und hier in den Zimmern. Um sechs schon musste Johann einen Brief forttragen. Sie sagte mir nicht an wen? Aber Johann zeigte mir die Adresse: An Lasally.

An Lasally! Hm!

Ich glaube fast, dass sie sich entschliesst, dem wirklich treuen Bewerber nun zuzusagen. Zwar in Hohenberg, wo sie sich einbildete, den Prinzen erobert zu haben, hat sie ihn kalt, fast zuruckstossend behandelt, allein Das ist noch kein Beweis. Die Parthie hatte nie deinen Beifall ...

Schlurck zog die Achseln.

Ein junger Mann, sagte er; von sehr reichen Altern, zuruckgekommen, aber im Reichthum erzogen, mismuthig, verstimmt, verlebt, halb bankerutt, ein Israelit ... ich muss gestehen, etwas Seltsameres konnte uns nicht begegnen. Aber aus dem ganzen Leben weiss' ich, nichts kommt so wunderbar wie ein Schwiegersohn. Man traumt von einem Gelehrten und es ist ein Soldat, von einem Pfarrer und es ist ein Schauspieler. Das menschliche Herz!

Die Mutter suchte mancherlei Gunstiges fur Lasal

ly vorzubringen. Er ware langst getauft, ware gutmuthig, gefallig, oft edel denkend, nur etwas verwildert und ohne Erziehung. Auch sie begreife nicht, wie ihnen Das geschehen musste, ihr schones, gefeiertes, liebenswurdiges Kind gerade zu solcher Parthie hergeben zu sollen, aber ein nachdrucklicher Bewerber stellte sich sonderbarer Weise ja nicht ein. Was ware da zu thun? Man wurde Lasally's Finanzen verbessern und dann vielleicht die Gewissheit haben, dass gerade Melanie in dem lebhaften Treiben seines Berufes sich gefallen wurde ...

Schlurck schuttelte unglaubig, verdriesslich den

Kopf.

Sonderbar, sagte er, ich liebe Vieles, was gefahr

lich ist, nur nicht die Offentlichkeit, und auch du bist bescheiden und zuruckhaltend und dies unser Kind nimmt den Lasally vielleicht nur, um immer gesehen zu werden, immer von Mannern umringt zu sein, sich auffallend tragen zu konnen, auf allen Parthieen und Corsos in der ersten Reihe zu stehen, zu Wagen, zu Pferde, wie eine Komodiantin ... ich begreife nicht, welche Geheimnisse in der Natur liegen und manchmal glaub' ich doch, dass es mit den Sternen etwas Eigenes auf sich hat. Wer weiss z.B., ob ich nicht da etwas in der Hand habe, was uns doch von der Nothwendigkeit, aus Melanien die Frau Stallmeisterin Lasally zu machen, vielleicht befreit?

In der Hand? Diese alten Papiere?

Die Sterne bringen mich drauf. Es gibt mondhelle Nachte, Hannchen, in denen die Geister geschaftiger sind als sonst. So konnt' ich fast den Wallenstein parodirend sagen. Du hast mir von der Verwechselung des Prinzen mit einem jungen, hubschen Manne, Namens Dankmar Wildungen, gesprochen; Bartusch erzahlte mir Wunderdinge uber Melanie's Gefallen an diesem Fremden ...

So lange sie ihn fur den Prinzen hielt ... erganzte die Mutter mit achselzuckender Bitterkeit.

Es ware moglich, dass dieser junge Mann in die Lage kommen konnte, mit dem Prinzen Hohenberg nicht zu tauschen.

Wie? fragte die Justizrathin erstaunt ...

In seltsamer Aufregung war Schlurck aufgestanden, die alten vergilbten Papiere in der Hand, die er als die wichtigsten Dokumente aus dem im untern Studirzimmer befindlichen Schrein mit dem Kreuze zu sich hinauf genommen hatte ... Eben wollte er sich anschikken, seiner Frau eine interessante Auseinandersetzung zu machen, als ein Wagen an sein Haus rollte und er durch's Fenster blickte.

Was? rief er. Das ist ja Drommeldey's Wagen. Er steigt aus. Was will denn Drommeldey bei uns so fruh? Ist Jemand im Hause krank?

Die Justizrathin errieth, dass der Sanitatsrath eben kam, um Neumann's ihm gemeldeten Zustand zu untersuchen. Einen nahegelegenen, gewohnlichen Wundarzt hatte man schon in der Nacht gerufen ... Sie verwunschte den unangenehmen Zufall, dass ihr Mann nun doch etwas erfuhr, was man ihm verschweigen wollte. Da er aber diese Absicht sogleich merkte, drang er auf Wahrheit und angstigte sich schon, es mochte Melanien selbst etwas begegnet sein, da sie zu lange ausbliebe. Nun musste ihm seine Frau erzahlen, was die Nacht geschehen war. Es beruhrte ihn das Alles hochst unangenehm. Die Nothwendigkeit, einen andern Diener fur seine Pferde zu dingen, wenn auch nur fur einige Zeit, ja auch einen Kranken im Hause zu haben, das Alles, sagte er, griffe seine Nerven an. Auch von moralischer Seite zeigte er sich heute empfindlicher als sonst. Er fand dies heimliche Auslaufen auf Balle und auf nachtliche Vergnugungen abscheulich und als gar auf Hackert die Rede kam und die Mutter sagte: Neumann ware eigentlich Recht geschehen, da es wieder Hackerten hatte gelten sollen! brach er in heftige Verwunschungen gegen alle Welt und die Seinigen insbesondere aus und polterte sich in diese Stimmung so hinein, dass Madame Schlurck bedacht war, sie rasch auf Hackert allein zu lenken und sagte:

Bartusch ist auch unverrichteter Sache aus der Brandgasse wiedergekommen. Fritz will Lasally's Prozess abwarten und nicht von hier fort gehen.

Diese Worte hatte die eben eintretende Melanie gehort.

Melanie war im weissen Morgenkleide mit einem langen Kragen, der von den reizenden Schultern fiel. Obschon sie ihr Haar bereits geordnet hatte, musste doch etwas Uberwachtes, Gestortes an ihr auffallen. Sie schien sehr erschopft, fast hinfallig, fast leidend. In aller Ruhe bot sie den Anwesenden einen guten Morgen und setzte sich zum Fruhstuck.

Die Altern waren erstaunt. War Das ihre heitre Melanie, die immer so sorgenlos hereinhupfte? War Das der Schalk, der dem Vaterchen um den Hals fiel und ihn herzlich kusste? Sprachlos sahen die Altern auf diese feierliche Umwandlung und horten mit seltsamem Befremden, dass Melanie, den Zwieback sich in ihren Milchkaffee brockend, ganz kurz ausserte:

Lasally lasst den Prozess fallen. Das wird ja nun abgemacht sein.

Schlurck naherte sich auf diese Worte. Sein Unmuth war voruber. Voll Zartlichkeit setzte er sich an die Seite seiner Tochter, fasste ihren Arm, von dem die weissen seidenschnurbesetzten Oberarmel herabglitten und fragte:

Mein Herzblattchen, was hast du denn nur?

Spracht Ihr nicht eben ... sagte sie stockend.

Von Hackert, leider von dem ewigen Thema unsres Hauses, antwortete Schlurck.

Eure Besorgnisse werden nicht mehr nothig sein, fiel Melanie ruhig ein. Weiss der Himmel, es ist eine grosse Plage, die auf uns ruht; aber sie wird ein Ende nehmen. Lasally wird nicht so boshaft sein, diesen Gegenstand offentlich zu machen. Ich habe ihm geschrieben und ihm bei Allem, was ihn noch an uns bindet, gebeten, die Vergangenheit ruhen zu lassen ...

Kind, du hast ihm doch keine Versprechungen gegeben? fragte Schlurck besorgt.

Warum? Werden diese Dinge nicht damit enden mussen, dass ich mich unter einen sichern Schutz und in ein festes Schicksal fluchte? Wessen Schuld ich so hart bussen muss, ... ich weiss nicht, ob es ganz die meine ist!

Diese Worte sprach Melanie mit grosser schmerzlicher Bitterkeit.

Du wirfst mir vor, dass wir Hackert schonen? sagte Schlurck. Ich schone ihn, weil er gefahrlich ist, Schlurck sprach Dies mit einer Miene, die es verrieth, dass er nicht im rechten Ernste sprach; ich schone ihn, weil er in meinem Geschaftsgange manches Durcheinander beobachtet hat.

Melanie lachte hochst bitter auf.

Du bist erregt, sagte die Mutter zu ihr, ungemein besorgt. Schweig, Franz, wir wollen nicht mehr davon sprechen ...

Immer nicht sprechen, rief Melanie; immer nicht die Wunde beruhren! Allmachtiger Gott, was bin ich doch unglucklich!

Damit sturzten ihr die Thranen aus den Augen ... Melanie weinte ... Sie, die die Thranen hasste, vergoss Thranen und ihre Altern ... verstanden diese Thranen.

Nach einer langen, angstlichen Pause sagte der Justizrath:

Die Schuld ist unser! Ich nahm ein Kind aus dem Waisenhause, weil ich Kinder liebe und keins hatte. Ich wahlte ein Findelkind aus Mitleid und erzog es wie mein eignes. Da schenkt mir die Mutter dich! Das Findelkind wird eine Stufe herabgesetzt. Ich erzieh' es fur mein Bureau. Es ist anschlagig, aber voll schlimmer Eigenschaften. Wir achten ihrer nicht, weil wir das Vergnugen lieben und das Leben geniessen wollen. Melanie und Fritz wachsen auf wie Geschwister und sind es nicht. Was dann spater gekommen sein mag, was der schlimme, leidenschaftliche Bursche gethan hat ...

O! Franz! rief die Mutter vorwurfsvoll.

Melanie sah in die Tasse und stutzte das schone Haupt auf den linken Arm; der rechte spielte mit dem Loffel. Schlurck aber seufzte und sprach in sich hinein:

Es ist unsre Schuld ... und unser Kind muss uns vergeben.

Melanie war da gewiss nicht ohne Gefuhl, wo es ihr nachstes eignes Empfinden beruhrte. Sie liebte ihren Vater, sie sturzte auf ihn zu, sie weinte und bedeckte ihn mit ihren Kussen.

Von diesem Augenblicke an schwiegen alle drei und liessen die sonst so stolzen Fittiche hangen ...

Endlich begann die Mutter:

Du wolltest von jenen Papieren sprechen?

Schlurck sammelte sich.

Er hatte gern ein Thema angeregt, das ihn oft beschaftigte, ob nicht eine bessere Entwickelung Hakkert's eine Heirath zwischen ihm und Melanie moglich machte. Er wusste, dass er jedesmal mit Entrustung abgewiesen wurde, er wusste, dass Melanie zitterte, wenn sie nur den Namen Hackert's nennen horte. Er hatte vielfache Forschungen nach seinem wahren Ursprunge angestellt. Er hatte sogar einige Resultate, die er gern erzahlte. Er zeigte gern den zerbrochenen Ring, der bei Hackert in dem Korbe, in dem man ihn am Waisenhause ausgesetzt hatte, gefunden worden war ... er schickte Bartusch oft in das Rathsarchiv, um in den hier gesammelten Registern der Gebornen und Getauften von der Stadt und der nachsten Umgegend zu suchen ... er hatte eine Vermuthung von einer heimlichen Geburt, die einmal unter sonderbaren Umstanden einige Meilen weit von der Stadt vorgekommen war und betrieb langst unter dem Deckmantel der grossten Behutsamkeit Nachforschungen aller Art, selbst in den hochsten Kreisen; ... aber er kannte den Widerstand der Frauen, die einmal glaubten, ein Vorhang musste diese Vergangenheit fur immer bedecken. Er liebte Hackerten, weil er anschlagig, talentvoll und so bizarr war, wie er selbst zuweilen sein konnte. Selbst dass der unerzogne Knabe von Leidenschaft fur das ihm sorglos zur Gespielin gegebene Madchen entbrannt war, fand er menschlich und ganz in seinem Geschmack. Er hatte wohl, als er erfuhr, dass Hackert Melanie als Kind zu den wildesten Streichen, zu Mannertrachten, zu nachtlichen Spaziergangen, Maskeraden uberredet hatte, im wildesten Zornausbruche ihn schon ofters aus dem Hause geworfen und fast mit Fussen getreten. Allein er nahm ihn immer wieder auf. Sah er doch, wie Hackert die Herrschaft im Hause hatte, wie er Melanie und die Mutter tyrannisirte, ja Allen nothwendig war! Spater aber kam Argeres. Da Melanie heranwuchs, durfte er ihn nicht mehr dulden. Aber auch nun ruhrte es ihn, als er horte, dass die damonische, kranke Anlage des Knaben sich bis zum Nachtwandeln da steigerte, als Melanie in wachsender, jungfraulicher, kalterer Uberlegung sich von ihm abwandte, ihn hasste und verabscheute und er dennoch nachtlich an ihre Thur schlich und vor ihrer verriegelten Schwelle auf dem nackten Erdboden schlief, ganze Nachte ihrer Ruckkehr aus Gesellschaften wartete und sich in Sehnsucht um seine Halbschwester verzehrte ... er war gerecht genug, so etwas wie thatsachlich, ohne Einmischung personlichen Mismuthes, zu beurtheilen und hatte sein eignes Lebensgluck hingegeben, wenn er die leichtsinnigste Erziehung von der Welt durch feinere Ausbildung Dessen, der ihm so vielen Kummer machte, hatte wieder berichtigen und zu seiner eigenen Herzenserleichterung schliessen konnen. Vergebens! Die Frauen straubten sich immer dagegen und glaubten, alle diese Schwierigkeiten wurden sich befriedigend losen lassen, bis dann wieder die leidenschaftliche Liebe des verstossenen, kranken, sich mishandelt fuhlenden Pfleglings alle ihre Berechnungen durchkreuzte und Gewaltthatigkeiten veranlasste, wie jener gestrige Uberfall im Wagen war, dessen gluckliches Gelingen an dem Ubermass gesteigerter Lebenskraft und entflammter, toller Freude, die wir bei Hackert beobachteten, wohl sich abnehmen lasst.

Gern hatte Schlurck diese hochst schwierige Angelegenheit in gewohnter Weise zur Sprache gebracht, aber seine Frau duldete es nicht.

Sie drangte nun um Das, was er aus jenen Papieren, die er auf den Tisch hingelegt hatte, fur Melanie's Zukunft entnehmen wollte.

Was ist's mit den Sternen? sagte sie fast frivol; du schlimmer Patron, was soll's mit den Mondnachten?

Schlurck zog seine Brille auf die Stirn und sah in die Papiere ...

Ja, fing er an, wenn sich Alles so fugte, wie man hoffen mochte ... Melanie musste die Frau eines Millionars werden.

Lass Das Vater, sagte Melanie ruhig und gefasst; Eure Millionars kosten gewohnlich ein Leben. Ich ruste mich in aller Duldsamkeit darauf, dass Lasally als Lohn fur meine Bitte meine Hand begehrt und ich gebe sie ihm.

Ich beschwore dich, sagte die Mutter; nur keine Ubereilung!

Ich gebe sie ihm. Lasally ist der einzige Mann, mit dem ich mich uber meine Vergangenheit und Zukunft verstandigen kann. Er hat klare und vorurtheilslose Anschauungen. Er bedarf mich, er liebt mich, Das seh' ich aus seinem Schmerz, dass er mich nicht nehmen konnte, wenn ich kein Vermogen hatte. Nicht alle Manner sind darum nur Spekulanten, weil sie nach Vermogen heirathen. Das macht ihn in meinen Augen nicht geringer.

Aber Herzlieb! sagte Schlurck schmeichlerisch und tatschelnd. Was wird denn aus jenem jungen Mann in Hohenberg! Jener prachtige Dankmar Wildungen! Ich entsinne mich ja seiner ei, ich sah ihn ja auf dem Heidekrug bei Justus dem Gerechten! Er ist ja schon, geistreich, unternehmend; Himmel, ein Gott von einem Mann!

Vater!

Kind! Wenn dieser Mensch mir sagt: Ich liebe Ihre Melanie, so sag' ich: Herr, ich wiege Ihnen das Wort mit einer Million auf! Diese Papiere lagen in dem Schrein, den der tolle Bursch sich anzueignen wusste und den ich auffinden sollte. Weiss er sie zu benutzen, Kinder, so bringen sie ihm alle die Guter und Hauser und Liegenschaften, um die jetzt der grosse Process zwischen dem Staate schwebt und der Stadt ...

Die Frauen waren im hochsten Grade erstaunt und Schlurck setzte ihnen den Zusammenhang auseinander.

Naturlich war die Wirkung eine ausserordentliche. Melanie liebte Dankmar als Personlichkeit, vergab ihm zwar nicht, dass er ein unendlich Geringerer war, als sie vermuthet hatte; vergab ihm nicht, dass sie ihm lacherlich erschienen war; vergab ihm nicht, dass er nicht kam und selbst um Verzeihung bat. Sie hatte ihn, aus Wuth uber sich selbst, mit kaltem Blute "morden" konnen ... sie sagte das so hin zur Mutter, aber ... glaubte sie es selbst? Es war ein Act von Verzweiflung, wenn sie vorzog, Lasally's Gattin zu werden ... Dankmar hatte das Bild empfangen, der Amerikaner hatte ihr es gestern in diesem Hause gesagt, wie punktlich er ihren stummen Auftrag vollzogen, als sie Hackert's Anblick unfahig machte, es selbst in das offene Zimmer Dankmar's hineinzureichen ... Zerrissen von der Vorstellung, nur misbraucht zu sein, nur getauscht von den abscheulichen Mannern, entrustet daruber, dass man ihr gestern nicht zu Fussen sank, Niemand sich zeigte und sie wie eine Gottin anbetete, ewig und ewig der schaudervollen Moglichkeit ausgesetzt, von Hackerten gefoltert zu werden, wollte sie, wenn auch verzweifelnd, selbst das Ausserste wagen, um wenigstens von diesem frei zu werden, und Lasally nun erhoren, wenn er auf die Bedingung bestand ... aber ihre Liebe gehorte Dankmarn.

Der Justizrath liess sich vollstandig uber seine Beziehung zu Dankmar Wildungen aus, auch das Bild kam zur Sprache. Die Art, wie Melanie es gewonnen hatte, verbreitete, da sie nichts verschwieg, sogleich wieder die heiterste Stimmung. Als Melanie dabei nicht umhin konnte, errothend zu gestehen, wie sie sich vielleicht entschliessen konnte, ihren Zorn gegen Dankmar Wildungen zu massigen, wenn ...

Wenn er dir gesteht, dass er dich feurig liebt! unterbrach sie Schlurck. Und dir den Schein des Irrthums ersparte? Den Schein, dich lacherlich gemacht zu haben, als du ihn fur einen Prinzen nahmst?

Das wird er nicht! Er wird mich ewig verspotten, sagte Melanie. Ich werde das Gelachter aller jungen Manner der Residenz werden.

Ah bah! antwortete Schlurck. Es kommt auf einen Versuch an. Wie die Dinge jetzt stehen, sind zwei Falle moglich, entweder dieser Wildungen ist unser Freund oder unser Feind. Ein unternehmender, kecker Mann muss es sein. Kann ich Hand in Hand mit ihm gehen, so wird es einer kurzen Verstandigung zur Freundschaft bedurfen. Dem, der um meine Tochter wirbt, Dem, der eingesteht, dass er mein Sohn werden konnte, geb' ich freudig die Mittel an die Hand, eine Million zu erwerben. Hat er aber Melanien's Freundlichkeit nur misbraucht, gehort er zu dem rathselhaften Complot, das sich mit der Zuruckkunft des Prinzen Egon von Paris gegen mich zusammenzuziehen scheint, so zeig' ich ihm meine Stirn und einen Ernst, den er schon heute fruh kennen gelernt haben wird ...

Man brachte dem Justizrath in diesem Augenblick ein kleines zierliches Billet.

Die Frauen wollten von diesem Kennenlernen seines Ernstes etwas wissen.

Aber Schlurck erbrach das Billet.

Es kam von der Geheimenrathin von Harder und lautete:

"Himmlischer Justizrath! Theuerste Freudesseele! Mit Zittern fuhre ich die Feder und danke Ihnen aus innigstem Herzen fur Ihre Gute! Das Bild ist da und das Geheimniss von mir endlich entdeckt. Ich lese die Memoiren der Furstin Amanda von Hohenberg! Jeder Nerv meines Daseins zittert. Fuhlen Sie es diesen Buchstaben nach, wie ich bebe! Aber auch der Dank meines Herzens ist ohne Schilderung. Sie braver, guter, herrlicher, edler Freund! Um sechs Uhr hatt' ich das Bild! Gott! Welch ein Moment. Das Aussere des Bildes geht zu den ubrigen Gerathschaften, die heute noch, mit Ausnahme der Ihnen und dem Prinzen gehorenden Familienportraits, an den Hof abgeliefert werden. Verschweigen Sie Alles Ihrer Tochter, die hochst, hochst liebenswurdig war, Alles bezaubert hat und ein wahrer Engel, das Idol meiner Zartlichkeit werden soll. Einen Kuss auf diese edle Gotterstirn!

Wann seh' ich Sie? Bester! Bester! Dank! Dank! -Ihre Pauline."

Schlurck, von den Frauen beobachtet, lachelte und runzelte doch wieder die Stirn.

Er fuhlte, wie ernst das Alles wurde, wie furchtbar seine Verantwortlichkeit stieg.

Man drangte in ihn, etwas von diesem Brief zu erfahren, seine Geheimnisse zu durchschauen ...

Er wich aus.

Die Geheimrathin ist von deinem Erscheinen entzuckt! sagte er.

Melanie wollte Das selbst lesen ...

Er bog den Brief um und zeigte ihr die Stelle, die ihr naturlich viel Freude machte.

Und das Ubrige? fragte sie.

Geschaftssachen ...

Frau Justizrathin schuttelte den Kopf und seufzte leise.

Es schien ihr fast, als wenn auch hier das stark pulsirende, aber fluchtige Herz des Gatten mit im Spiele ware. Sie wollte scherzen, aber Bartusch trat ein ...

Bartusch berichtete uber Neumann, der wol ein Vierteljahr liegen konne, wie Drommeldey gesagt hatte, uber Jeannette, die die Nacht bei ihm gewacht und ganz die Kokette verlaugnet hatte und auf diese Art auch wol nicht aus dem Hause kame; zugleich auch uber einen Kutscher, Namens Peters, der sich melde, um fur Neumann einzutreten und unten warte ...

Schlurck's Erstaunen, wie doch auf jeden Verlust sich in diesem grausamen Menschenleben gleich ein Ersatz drange, seine weitern Betrachtungen uber Wiege und Grab und ahnliche Philosopheme, zu denen der sehr aufgeregte Justizrath geneigt war uberzugehen, unterbrach Bartusch durch die trockene Ausserung:

Auch Herr Dankmar Wildungen ist unten. Es ist wirklich der junge Mann von Hohenberg, den wir fur den Prinzen Egon hielten. Er fodert den Schrein mit dem Kreuz und scheint in einer sehr entschiedenen Stimmung zu kommen.

Schlurck musste sich zusammennehmen.

Er wurde blass und die Papiere zitterten in seiner Hand.

Die Frauen baten ihn, sich nicht aufzuregen.

Schalkhaft aber drohte er doch seiner Tochter mit dem Finger und sagte:

Wart', Hanschen, wart'! Wenn er nun sagte: Herr, Sie haben wie gegen einen Spitzbuben gegen mich verfahren! und ich antworte: Spitzbube du selbst! Du hast mir mein Tochterchen gestohlen! Was?

Vater, ich beschwore dich! rief Melanie. Welcher Einfall! Was wurd' er denken uber einen solchen plumpen Antrag ...

Hm! Wenn ich aber nicht plump, sondern fein in meinem Antrage ware und der Trotzkopf sagte: Herr Justizrath, die Welt um Melanie!

Nie sagt' er Das!

So wie ich, sagt er's nicht! Nein, er sagt es schoner, inniger, als meine fahlen Lippen Das malen konnen ...

und ich bote ihm dann die Rechte und sagte: Schlagen Sie ein! Hinfort gehen wir, ausgerustet mit diesen hochwichtigen Papieren da, Hand in Hand, junger Mann!

Melanie fing hier in einer Weise an zu lachen, dass man wohl sah, ein Herzenskrampf musste sich Luft machen.

Sie lachte so anhaltend, so angstlich, dass die Mutter in Sorge gerieth.

Melanie nahm die Blumen, zerzauste sie, tanzte im Zimmer, klatschte mit den Handen und riss, um sich nur helfen zu konnen, das Fenster auf und lehnte, Allen den Rucken kehrend, sich hinaus in die freie frische Luft, deren ihr krankhaft erregter Zustand wirklich bedurfte.

Schlurck, ergriffen von diesem Ausbruche der wahnsinnigsten Liebe, die Melanie fur Dankmar gefasst hatte, liess die wichtigen Papiere in der Zerstreuung liegen und ging gefasst nach jenem hintern Zimmer, von dem die Wendeltreppe hinunter zu seinen Arbeitsraumen fuhrte.

Die Frauen aber und Bartusch, als sie Schlurck's seidenen Schlafrock nicht mehr rauschen horten, folgten ihm behutsam, um von oben zu horchen, was man unten verhandeln wurde.

Funfzehntes Capitel

Der Schrein

Die Lauschenden vernahmen erst das Klaffen eines Hundes, das jedoch nicht aus dem Zimmer des Justizrathes selbst emporscholl, sondern aus dem vor ihm befindlichen und auf die Hausflur hinausgehenden Wartezimmer.

Dann horten sie, dass der Justizrath Etwas zu rukken schien ...

St! sagte Bartusch. Er versteckt den Schrein mit dem Kreuze! Das eigentliche Mark, den Kern, die Blume hab' ich doch wol hier in Handen!

Er zeigte auf die alten Papiere, die er in der Hand hielt. Schlurck hatte sie liegen lassen.

Wieder bellte der Hund. Wieder brummte der Papa etwas Unverstandliches, dann ruckte er an den Stuhlen, schloss das Fenster, stellte die Klingel auf dem Bureau zurecht und schloss nun erst von innen die Thur auf, um aus dem Vorzimmer die Besuche hereinzulassen ...

Ein noch gewaltigeres Klaffen war jetzt vernehmbar.

Bello, zuruck! horte man scharf sprechen und ein lautes Schreien des Hundes liess annehmen, dass sein Besitzer oder sonst Wer ihn vielleicht beim Hals gepackt und in das Vorzimmer zuruckgeworfen hatte.

Das ist das lahme Thierchen! sagte Melanie flusternd;

weisst du, das ihm nachgefahren wurde. Es war nicht sein. Er pflegte es wie ein krankes Kind ...

St! sagte die Mutter. Er spricht!

Ja, er ist's, wisperte Melanie, es war seine Stimme!

Ihr Herz bebte ...

Ruhig, Fraulein! flusterte Bartusch hoflich, dass man horen kann, ... wenn's erlaubt ist.

Bartusch war in dem Grade mit den Angelegenheiten des Hauses vertraut, dass seine Anwesenheit hier eher gewunscht wurde, als hinderte.

Herr Justizrath! erscholl jetzt Dankmar's volle tonende Stimme, wollen Sie erst diesen braven Mann abfertigen, der sich melden will, fur Ihren kranken Kutscher einzutreten?

Das hat Zeit, antwortete Schlurck sehr verbindlich, hochst geschmeidig und liebenswurdig. Was steht zu Diensten, mein Herr! Ich erkenne ja mit Vergnugen in Ihnen den jungen Mann wieder, den ich im Heidekrug so frei und treffend uber die Politik reden horte.

Umsomehr, Herr Justizrath, begann Dankmar mit plotzlich ziemlich starkem Nachdruck, umsomehr muss ich auf's Hochste entrustet sein, dass ich in Ihrer Vorstellung fur nicht viel mehr oder weniger als ein Spitzbube gelte ...

O! Urtheilen Sie nicht so rasch, mein junger Freund

nicht wahr, Herr Dankmar Wildungen? sagte Schlurck sich zusammennehmend.

Dankmar und Siegbert heissen die beiden Bruder, fuhr Dankmar fort, die heute fruh von einem Ball, auf den sie der Zufall verschlagen musste, nach Hause kommen und sich unglucklicherweise von den singenden Vogeln, dem frischen, anmuthigen Anbruch des Tages, dem goldenen Lichte der Morgensonne verlokken liessen, statt um vier, erst um halb sechs Uhr ihre Schwelle zu betreten, die inzwischen von dem schandlichsten Attentate entweiht worden war ...

Ei, ei, ei, ei!

Zwei Hallunken, von denen ich nicht glauben kann, dass sie mit einer gesetzlichen Vollmacht erschienen, untersuchten unterdessen unsere Wohnung, erbrachen unsere Schranke, offneten unsere Commoden und stahlen wie die Raben hinweg, was mit der Angelegenheit, wegen der sie zu kommen vorgaben, nicht in der geringsten Verbindung stehen kann ...

Was Sie in diesem Falle wieder bekommen werden, mein Lieber! Es ist unglaublich, was eine solche gerichtliche Requisition rasch geht. Sie waren gar nicht zu Hause, meine Herren? Sie sahen die Sonne aufgehen?

Schlurck that, als war' er voll innigster Theilnahme und reizte dadurch Dankmarn nur noch mehr.

Ich sturzte, sagte Dankmar, in meinem gerechten Zorn uber dieses Attentat zum Oberkommissar Pax und horte dort zu meinem Erstaunen, dass Sie selbst, Herr Justizrath Schlurck, Sie, den ein glucklicher Zufall zum Finder eines mir zugehorigen Schreins machte, Sie, der Sie mich in den Zeitungen auffordern, mich zu melden, Befehl gegeben haben, gegen mich auf so abscheuliche, ehrverletzende Art einzuschreiten. Mein Herr, wie kommen Sie zu dieser Gewaltthat?

Bitte! Bitte! Nicht zu rasch! Sie verwechseln die Momente ...

Die Momente? Welche Momente? Zum Henker, Herr -Herr Wildungen Ich ich ersuche Sie, leiser zu sprechen, war's auch nur des Hundes draussen wegen, der sich von Ihrem Larm zu einem unaufhorlichen Accompagnement ermuthigt fuhlt ...

Schlurck konnte sich nicht ganz bemeistern. Denn in der That Bello gab keine Ruhe. Das Thier schien ausser sich, kratzte an der Thur und gebehrdete sich so unmanierlich, dass sich Dankmar selbst unterbrach und die Thur offnen wollte, um Peters zu bedeuten, seinen Hund besser in Obacht zu halten ...

Ums Himmelswillen nicht, schrie Schlurck, machen Sie nicht auf! Die Bestie springt herein. Ich furchte sehr, dass ich einen Kutscher, der so zudringliche Hunde hat, nicht brauchen kann.

Und an die Thur gehend, rief er in der Gegend des Schlusselloches:

Gehen Sie, bester Mann, die Stelle ist schon vergeben! O! Herr Justizrath, sagte Dankmar gemassigter, wie kann Das moglich sein? Im Gegentheil, ich ersuche Sie selbst, diesen Kutscher zu nehmen. Er ist brav, sehr ehrlich und Sie haben Etwas an ihm gut zu machen.

Wie so? Was? Ich gutmachen?

Es ist Dies jener arme Fuhrmann, der so unglucklich war, mir den Schrein zu verlieren, den Sie so glucklich waren zu finden. Ich gestehe Ihnen, nach diesem abscheulichen Attentat auf meine Wohnung, von dem wir spater sprechen wollen, bin ich in der That begierig, zu horen, auf welche Art Sie zu meinem Eigenthum gekommen sind?

Eigenthum? sagte Schlurck lachelnd, aber schon mit ganz abgestorbener Stimme.

Die Anwesenheit jenes verungluckten Fuhrmanns von der Plessener Schmiede und des ihm nun plotzlich erinnerlichen Hundes war ihm, verbunden mit dem heftigen Tone des jungen Mannes, fast wie ein Uberfall, und es gereichte ihm sehr zur Beruhigung, als er merkte, dass seine Leute vielleicht oben uber der Wendeltreppe lauschten.

Mein verehrter Herr Wildungen, sagte Schlurck nach einer Pause der Sammlung und wahrend auch Bello schwieg man konnte annehmen, dass sich Peters mit ihm entfernt hatte lassen Sie mich zuvorderst Etwas zu meiner Vertheidigung sagen. Sie kennen den Prozess uber die St.-Johannes-Guter ...

Ich arbeite selbst in ihm, sagte Dankmar.

Weiss ich jetzt. Um so mehr! ... Ich bin der Advokat der Stadt. Man schreibt mir, als ich in Hohenberg bin, auf dem alten Tempelhause in Angerode ware von einem jungen Rechtsgelehrten ein Archiv entdeckt worden mit wichtigen Papieren. Herr Dankmar Wildungen, statt den Behorden davon Anzeige zu machen, eignet sich seinen Fund selber zu, lasst einen Schrein durch einen bereits gerichtlich vernommenen Schlosser erbrechen und reist mit seiner widerrechtlichen Aneignung in die Residenz. Der Schlosser gibt eine Beschreibung des Schreins. Selbst Ihre Mutter, die Witwe des Predigers Wildungen, kann nichts gegen diese Entdeckung den stadtischen Behorden einwenden. Da macht mich der Zufall zum Zeugen jenes Unglucksfalles an der Schmiede zu Plessen. Ich sah einen zusammengesturzten Frachtwagen, dessen lose gepackte Guter abgeladen werden mussen, um den Wagen wieder herstellen zu konnen. Ich finde jenen Schrein, erkenne das genau angegebene Signalement, das Zeichen des Kreuzes mit dem vierblattrigen Kleeblatt, das Sie auch auf diesem Hause erkannt haben werden ich lege Beschlag auf den Schrein, weil ich wusste ...

Gerichtlichen Beschlag?

Eine weitlauftige Prozedur war im Augenblick nicht moglich; denn am Morgen nach dieser Entdekkung fuhr ich von Hohenberg ab ... Verteufelter Hund! Gibt das Thier wol Ruhe?

Dankmar trat an die Thur und rief zum Schlusselloch hinaus:

Peters, gehen Sie zum Teufel mit Ihrer Bestie! Sie stort uns! Der Justizrath wird Sie behalten, er muss es thun. Der Justizrath fuhlt zu edel, um nicht zu begreifen, wie grausam er gegen Sie gehandelt hat. Er fand Ihren Verlust, freute sich des gelungenen Werkes und liess Sie jammern, verzweifeln, blieb taub bei Ihren Klagen; arme Seele, er wird Sie schadlos halten. Gehen Sie auf die Hausflur hinaus und machen Sie dem Geklaff der Satansbestie ein Ende!

Darauf wurde es still.

Der Justizrath blieb in seinem kunstlichen Humor und seiner erzwungenen Selbstbeherrschung.

Das muss ich gestehen! rief er. Sie wissen die Menschen in Angriff zu nehmen. Sie disponiren vortrefflich uber mich! Entschadigung fur die arme verletzte Seele eines Fuhrmanns! Wenn Sie darauf bestehen? Warum nicht? Ei! Sie gefallen mir ... Bravo! Bravo!

Sie aber, Herr Justizrath! sagte Dankmar mit schwacherer und wenn auch scherzender, doch sehr entschiedener Stimme; Sie gefallen mir noch gar nicht. Ich will Ihnen die glucklich bestandene Probe eines polizeilichen Entdeckungstalentes in Plessen an einer gewissen Schmiede verzeihen. Was geschieht nun, da Sie hier ankommen? Schickten Sie zu dem rechtmassigen Besitzer Ihres Fundes? Oder hatten Sie den Namen vergessen, den Sie schon in Hohenberg wollen gewusst haben?

In der That hatt' ich Das! Ich liess Sie in der Zeitung auffordern, sich zu melden ...

Zwolf Stunden vor dem Attentat auf meine Wohnung? Die Anzeige sollte eine Falle sein?

Die Anzeige war in der Fruhe des gestrigen Tages in die Zeitungsbureaux gesandt worden. Inzwischen kamen von Seiten meiner Vollmachtgeber die argsten Anklagen gegen Sie und die erneuerte Nennung Ihres Namens. Sie arbeiteten selbst in diesem Prozess! Sie kannten die Geschichte desselben und eignen sich durch Einbruch die Urkunden des alten Tempelhauses an!

Zum Henker, Herr, dies alte Tempelhaus ist die Wohnung meiner Eltern gewesen. Welches Gericht will mir verwehren, in meinen eignen vier Pfahlen eine hohlklingende Wand zu untersuchen?

Hor' ich da den Juristen sprechen? Unmoglich! Gestehen Sie, dass Sie sich von dem Interesse, das Ihre Person, Ihre Familie an diesen Urkunden nehmen muss, haben verleiten lassen, eine unerlaubte Handlung zu begehen!

Meine Person? Meine Familie? Was wissen Sie

Glauben Sie, dass ich den Inhalt des Schreines nicht kenne?

Sie haben ihn

Wieder offnen lassen, wie billig. War ich als Anwalt der Stadt nicht in meinem Rechte? Sie haben wahrscheinlich noch mehr entwandt ... dies Mehr musste bei Ihnen gesucht werden ...

Dankmar schwieg, weil ihm die furchtbarste Aufregung die Worte raubte.

Der Justizrath setzte ruhig hinzu:

Die in Angerode gelegenen Besitzthumer der protestantisch gewordenen Johanniter sind eine Dependenz der hiesigen St.-Johanniskirche. Der Schrein mit dem Kreuz gehort zu unserm Archiv und wird in unserm Prozess eine Rolle zu spielen haben.

Das hoff' ich! sagte Dankmar mit grossem Nachdruck. Ich begreife nun vollkommen, dass man mir, einem Hulfsarbeiter dieses Prozesses, zugetraut hat, ich hatte mir eigenmachtige Eingriffe in den Gang desselben erlauben wollen ...

So ist es, Herr Referendar ...

Man gibt mir vielleicht Schuld, ich hatte im Interesse des Staates, dem ich diene, gegen die Stadt Etwas unternehmen wollen ...

Sie treffen das Richtige!

Aber Sie haben in den Papieren gelesen?

Geblattert ...

Entdeckten Sie meinen Namen?

Wildungen? Er ist seit dreihundert Jahren oft genug in diesem Prozesse genannt worden.

Fanden Sie nicht Urkunden, die Ihnen auf den ersten Anblick zeigten, dass ich ein sehr begrundetes, personliches Recht fur meine Familie an diesen Akten gefunden habe?

Dass ich ... nicht wusste ... stammelte unentschlossen Schlurck.

Nun, Herr Justizrath, ich hoffe Ihnen noch in Zukunft beweisen zu konnen, dass ich die entschiedenste Absicht hatte, nichts von meinen Entdeckungen zu unterschlagen, sondern sie zu einer ganz neuen Diversion der grossen Streitfrage zwischen dem Fiskus und der Stadt-Kammerei, zwischen dem Fursten und den Burgern, offentlich zu benutzen!

Sie uberraschen mich ...

Ihr Mistrauen, das Mistrauen Ihrer Clienten hat Sie zu weit gefuhrt. Sie haben geglaubt, noch mehr Eroberungen aus dem Archiv von Angerode bei mir anzutreffen

Allerdings ...

Ich fehlte darin, dass ich wusste, Sie haben meinen Schrein gefunden und nicht gestern schon bei Ihnen vorsprach

Es erweckte Verdacht ...

Nun wohlan! So bitt' ich jetzt um zwei Dinge. Erstens

Nehmen Sie doch Platz! Regen Sie sich doch nicht so auf, mein Verehrtester!

Erstens: Die Diener der hier so sonderbar eiligen Hermandad haben sich ein Bild, ein mir und andern Personen sehr theures Bild angeeignet ...

Das zum Angeroder Archiv gehorte?

Die Dummkopfe mussen Das geglaubt haben ...

Oder Ihre Instruction war zu allgemein. Was ist das fur ein Bild?

Ein Bild, das einer Person gehort, die Ihnen selbst sehr theuer sein sollte, dem Prinzen Egon von Hohenberg.

Wie kommen Sie ...

Ich brachte es von Hohenberg ...

Ei! ei! Ein Bild! Geheimrath von Harder wird das vermissen. Sie wissen doch, dass ihm die Verlassenschaft der Furstin Amanda nach der Residenz zu fuhren aufgetragen war. Doch thut Das nichts. Die Familienportraits, wenn es eins derselben war, bin ich beauftragt, dem Prinzen zuruckzustellen.

Der Oberkommissar Pax, bei dem ich eben war, behauptet auch in der That, in dem Bilde eine Reclamation des Geheimraths von Harder entdeckt zu haben und schickte es Diesem zur Recognition ...

Es ist der kurzeste Weg, es in meine Hand und dann in die des leider erkrankten Prinzen Egon von Hohenberg zu bringen.

Aber Sie wissen nicht, dass sich an dieses Bild Geheimnisse knupfen, die das Interesse der ganzen Hohenbergischen Familie betreffen. Sie sind der naturliche Anwalt dieser Interessen ...

Sie uberraschen mich ...

Wenn eine unberufene Hand ...

Geheimnisse? Ein Bild? Furchten Sie doch nichts!

Alles! Alles! Auf dies Bild hat im Auftrage der seligen Furstin Amanda nur Ein Mensch auf Erden die gerechtesten Anspruche, der ehemalige Erzieher des Prinzen Egon, der fruhere Pfarrer Rudhard ...

Pfarrer Rudhard? Ich kenne ihn. Ich weiss, dass er hier ist, mit der Furstin Wasamskoi! Aber ich staune ... Der? Welche Anspruche? Was ist damit?

O Gott! Jede Minute der Verzogerung, jeder Augenblick, wo dies theure Bild in den Handen einer Pauline von Harder ist, kann die Quelle ewigen Leidens fur den Prinzen Egon werden ...

Ich zittere. Bester Freund, wie dank' ich Ihnen! Da soll eiligst Aber geben Sie mir Aufklarung!

Rudhard soll sie Ihnen geben. Schicken Sie sogleich zu Herrn von Harder, fordern Sie alle Familienbilder zuruck! Sie wissen nicht, welcher unsagliche Aufwand von Schalkheit, List und Charakter angewandt wurde, um dahin zu gelangen, wo wir jetzt uns befinden, an der Gefahr, eingestehen zu mussen, dass Alles vergebens war!

So schick' ich sogleich zum Geheimenrath! Warten Sie einen Augenblick!

Schlurck schellte.

Es kam ein Diener seines Bureaus. Er schrieb, wahrend oben die drei Lauscher sich bedeutsam und hoffnungsvoll anlachelten, einige Zeilen an den Geheimenrath, siegelte sie, nachdem er sie Dankmarn hatte lesen lassen. Dieser war, eben so von der verlorenen Nacht, wie von den gewaltigen Eindrucken des Morgens, erschopft und sass fast abgespannt im Sessel ... Schlurck wurde immer freundlicher und zuthunlicher. Seine Geistesgegenwart verliess ihn keinen Augenblick. Als der Diener sich entfernt hatte und Melanie durch die eingetretene Stille und die Erwahnung des Bildes, an dem sie so ernstlich betheiligt war, sich auf eine gemuthlichere und warmere Wendung des Gespraches gefasst machte, begann Schlurck:

Und nun: Ihr gefalliges Zweitens? Sie sprachen doch von

Zweitens, sagte Dankmar, ich wunschte nun zu wissen, wo ich den nur mir gehorenden, in der Wohnung meiner Eltern gefundenen Schrein mit dem Kreuze und seinem wichtigen Inhalte wiederfinde? Wo ist er? Ich muss ihn haben ...

Der Justizrath machte hier eine grosse Pause.

Deutlich horte man, dass er auf die Dose klopfte und sich zu einem vertraulicheren Gesprache rustete.

Bello war still.

Melanie, die Mutter und Bartusch hielten den Athem zuruck.

Lieber Herr Wildungen, sagte Schlurck, erholen Sie sich. Sie haben die Nacht durchwacht. Sie sind erschuttert von den Erlebnissen des Morgens. Ich gestehe, dass ich ungern dem Drangen meiner Clienten nachgab. Sie glauben nicht, wie reizbar uber diese Angelegenheit die ganze Commune ist und wie leidenschaftlich sich einige der eifrigsten und hitzigsten Verfechter ihrer Interessen uber die Angeroder Archiventdeckung und Ihr, laugnen Sie es nicht, eigenmachtiges Verfahren ausgesprochen haben. Sie fruhstuckten noch nicht, lieber Herr Wildungen, darf ich?

Bitte! Bitte!

Ich freue mich wahrhaft, Sie wiederzusehen. Ahnte Das nicht im Heidekrug, als Justus so wohlbehabig sein dummes Juste-Milieu auftischte und der kecke Handwerksgesell am Fenster schnarchte! Ahnte auch nicht, dass Sie meiner Familie so viel Liebenswurdigkeit erwiesen ... O Herr Justizrath! Sie kehren die Rolle um. Ich bin der verpflichtete Theil. Man war sehr liebenswurdig gegen mich. Nein! Meine Frau hat mir nicht genug erzahlen konnen von Ihrer Artigkeit, Ihrer Zuvorkommenheit ... Es ist sehr komisch, ja! Man war hochst charmant gegen mich. Nur Schade, man hielt mich fur den Prinzen Egon. Schlurck lachte uberlaut. Mein altes Faktotum, sagte er und griff in seine Dose, mein alter Bartusch will immer schlau sein und von dem vielen Ohrenspitzen wachsen die Ohren auch manchmal zu hoch und aus einem Fuchs wird ein Esel. Bartusch zuckte oben, als er diese Anzuglichkeit horen musste, mitleidig die Achseln. Sie verwundete ihn nicht im geringsten, so laut sie auch Schlurck hervorhob, um sie ihm anzuhoren zu geben. Schlurck wusste, dass oben gelauscht wurde. Ich hatte schon gestern Ihren Damen meine Aufwartung machen sollen, sagte Dankmar gelassener. Ich bitte, mich bei Ihnen zu entschuldigen. Sie waren sehr gutig gegen gegen den Prinzen Egon. Melanie biss sich auf die Lippen, was ihr immer ein sehr leidenschaftliches Ansehen gab.

Essen Sie heute bei mir! Was? Hm? Was? Wollen Sie? schmunzelte der Vater.

Ich danke ... war Dankmar's kalte Antwort.

Meiner Frau haben Sie's angethan, Herr Wildungen ...

und Melanie ... nun, Das werden Sie besser beurtheilen konnen. Sie haben Menschenkenntniss, Mann!

Worin?

Schlurck blinzelte mit den Augen.

Nun, sagte er mit kunstlichem Lachen, ich versichere Ihnen, meine Frauen sind fast verletzt, dass Sie gestern nicht schon kamen. Ich lebe in zu durftigem Zusammenhange mit den Meinigen Hatt' ich Sie schon gestern wiedergesehen, wie leicht wurde man sich verstandigt haben! Ihr Feuer, Ihre Offenheit, das sind unwiderstehliche Sieger, die sich den Eingang zu jedem Herzen zu bahnen wissen.

Der Justizrath war dem jungen Manne, den er zu seinem Schwiegersohn haben wollte, so nahe geruckt, dass er ihm mit Vertraulichkeit auf die Kniee klopfen konnte.

Dankmar ruckte seinen Sessel zuruck und stand auf.

Herr Schlurck, sagte er, ich bedaure, dass ich nun fur's Erste aufbrechen muss, um meinen Bruder zu beruhigen, der zu Rudhard geeilt ist. Wollen Sie mir nun nicht sagen

Sitzen Sie doch noch! Ei was, zu den Geschaften ist noch immer Zeit. Referendar? Hm! Hm! Ein Bruder? Rudhard? Wie alt sind Sie denn, Herr Wildungen?

Vierundzwanzig Jahre, Herr Schlurck.

Vierundzwanzig Jahre! Horen Sie, da war ich noch nicht halb so weit wie Sie! Das heisst, an Witz und Verstand. Im Avancement freilich Wollen Sie denn die Richtercarriere

Bin noch unentschlossen, wozu ich mich ... doch genug, ich ...

Das geht so. In diesen Zeiten! Ja, ja, Politik, Das ware ein Feld fur Sie! Nur schlimm, dass man zuviel einsetzt, wenn man freimuthig sein will, und die Zeit ist nicht reif fur uns; ein freimuthiger junger Beamter ist bald abgenutzt. Und dem loyalen geht's kaum anders. Man belohnt ihn mit dem Bewusstsein seiner erfullten Pflicht. Der Teufel auch! War' ich jung, ich hielte mich immer links und nur Einmal passt' ich auf den rechten Moment, um nach Rechts zu springen. Wetter! Warum lassen Sie sich denn nicht wahlen? Von vierundzwanzig Jahren kann man jetzt ein Perikles sein und ich glaube, Pitt und Fox waren noch junger, als sie in's Parlament kamen ...

Es gibt bessere Krafte als die meinigen!

Also auch bescheiden! Bravo! Bravo! Wissen Sie, dass ich den Vorfall von heute fruh recht bereue? Aber diese Fanatiker des Egoismus! Was haben sie mich gequalt! In den Ohren lagen sie mir wie die Verzweifelnden. Ja! ja! Sie sollen bei den Gerichten in dieser Sache recusirt werden. Man will Sie entfernt wissen aus der zweiten Abtheilung des Obergerichts. Ja, ja! Das Alles geht vor ... Wissen Sie's schon?

Da ich bald selbst Partei in diesem Prozesse sein werde, so kann ich naturlich fur eine andre nicht mehr arbeiten -ich finde Das in der Ordnung.

Selbst Partei? Wie so? fragte Schlurck gespannt.

Herr Justizrath, ich muss aufbrechen. Wollen Sie mir also nun nicht

Ei, sitzen Sie doch! Ein Glas Champagner? Was? Sie waren auf einem Ball: da will der Magen eine Anregung. Es ist heiss. Dieser Hundstagssommer! Ich klingle na? Ein Glas Madeira? Portwein?

Sie sind zu gutig, Herr Justizrath! Auch meine Nerven laufen nicht zum Feinde uber. Sie bleiben mir treu und sagen: Danke!

O sehr fein! Sehr schlau! O ich wusste es ja! Melanie war entzuckt von Ihnen ... Ja, Sie Tausendsasa! ... Meine Tochter zum ersten Male gesehen?

Zum ersten Male, Herr Schlurck. Ich sprach schon im Heidekrug bedauernd davon, dass ich nicht fruher die Ehre hatte.

Im Heidekrug? War etwas verwirrt im Heidekrug! Ja! Ja! Ich besinne mich. Was war's doch?

Sie erwahnten Egmont ...

Aha! "Freudvoll und leidvoll"?

Nein! "Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war!"

Richtig! Geldermann-Deutz! Reubund! Nun weiss ich Alles ... Was doch Ideen-Association thut! Ja, ja, mein Tochterlein ... Etwas keck, wild, nicht wahr? Sie ist hubsch, sagt man. Sie hat's von der Mutter! Die schlanke Taille ist von mir; ich bin mager, spindeldurr. Aber eine Taille muss sein wie bei einer Wespe. Die Neigung zu compakteren Formen kommt erst in spatern Jahren, junger Mann! Wie sagt Heinrich Heine? "Kolossale Gliedermassen" ... oder wie? Ah! Es gab eine Zeit, wo ich meinen Heine auswendig konnte. Ein gutes Madchen, besser als sie sich gibt, meine Melanie. Haben Sie sie reiten sehen?

Sie wollten im Heidekrug nicht, dass Ich von Fraulein Melanie als einer Amazone sprach.

Ah, ja! Ah, ja! Ich entsinne mich Richtig! ... Nun, wissen Sie ...

Wahrscheinlich dachten Sie an Herrn Lasally ...

Das war's! Sehen Sie, Sie kennen meine Empfindungen ... Ja, dieser Lasally! Das ist auch so ein Thema, wo der Mensch ...

Mein Bruder bewundert Ihr Fraulein Tochter, wie ich es that, wie Alle!

Ihr Herr Bruder? Haben einen Bruder? Ja, ja, ich besinne mich; aber horen Sie, nicht Alle! Wozu Alle? Einer und der Rechte, der die Zugel kurz zu fassen versteht. Das ware mir lieber ... ein Mann! Ein Eroberer! Ein rechter Held!

Herr Lasally! sagte Dankmar boshaft. Der versteht sich auf kurze Zugel.

Als Melanie diese Ausserung horte, war es ihr, als drehte sich ihr das innerste Leben um.

Sie fuhlte einen Schmerz zum Aufschreien.

Mit einem erstickten Ah! liess sie die beiden andern Lauscher stehen und schlich sich halbohnmachtig hinweg.

Dieses letzte Wort war zu grausam gewesen. Schon die kalten Antworten, die Dankmar vorher gab, durchrieselten sie; aber dies letzte: "Herr Lasally! Der versteht sich auf kurze Zugel!" ging uber das Mass Dessen, was ihr Stolz, ihre unleugbare Liebe ertragen konnte, hinaus.

Schlurck horte oben eine Thur gehen und verstand, dass einer der Lauscher sich entfernt hatte ... wer anders, als der wichtigste, ihm wie sein Leben liebste ...

Sie gibt die Partie auf! sagte er zu sich selbst mit Schmerz; hier ist keine Freundschaft moglich, hier ist kein Bundsgenosse fur mich!

Noch einmal versuchte er noch, an Dankmar's Herz zu klopfen. Noch einmal sagte er:

Heirathen Sie nur nicht zu fruh! Ein junger Mann, der eine bedeutende Zukunft erstrebt, darf nicht in die Knauel der Strickstrumpfe gerathen ...

Ich danke Ihnen, Herr Schlurck, antwortete Dankmar kalt, fur diese Rathschlage, die ganz mit meinen eigenen Empfindungen zusammenstimmen. Mein Herz ist glucklicherweise derjenige Muskel meines Korpers, dem ich seit fruhester Jugend, vielleicht durch zeitige Ubung, eine grosse Kraft verlieh. Dieser Muskel besitzt viel Elastizitat und ich habe ihn darin mit einem guten Magen auf eine Linie gestellt, ich fuhl' ihn nicht zu lebhaft.

Ein Weiberfeind?

Geist und Schonheit konnen mich fesseln ... doch nur vorubergehend ... fluchtig.

Und diese Erfahrung machen Sie uberall?

Bis jetzt uberall! Ich habe einen zu kalten Verstand. Ich durchschaue zu bald die Eitelkeit und die Schwache der Frauen, und wenn mich etwas entzuckt hat und ich sehe dann, dass Das, was mich blendete, doch nur ein fluchtiger Schimmer ist und keine Grundsatze, keine Burgschaften fur die Zukunft geboten werden, und ich nun erst selbst, als Mann, ich Schwankender, ich Egoistischer, ich Grausamer, nur auf mich und meine Eitelkeit ohnehin Bedachter ... doch was verschwend' ich die Zeit! Der kleine Klaffer, Bello, mahnt schon wieder, dass wir ein Ende machen ...

Damit stand Dankmar auf und Schlurck wusste nun entschieden, dass er fur Melanie nichts zu hoffen hatte.

Er wurde ernst und nahm sich zusammen und fiel in seinem Zorn erst auf Bello.

Sie haben Recht, das Thier ist unertraglich, sagte er, und schien zu erwarten, dass sich Dankmar empfahl.

Nun sagte aber dieser staunend ... und der Schrein? Die Dokumente?

Schlurck antwortete kalt:

Sind im stadtischen Archiv. Die Papiere werden bei den Akten figuriren.

In der That! Wirklich? O, Das ist seltsam!

Schreiben Sie diese Unannehmlichkeiten dem Ihnen wohlbekannten Gange der Gesetze zu!

Wer hat die Aufsicht des stadtischen Archivs!

Einer unserer gefeiertsten Alterthumler, dem wir die treffliche Abhandlung uber die allmaligen Veranderungen unseres Stadtwappens verdanken ... Propst Gelbsattel!

Dankmar stampfte zornig mit dem Fusse auf.

Er fuhlte sich zu unglucklich uber diese ihm unerwartete Wendung der Dinge.

Er sah den Schrein im Geiste geoffnet, die Dokumente, die fur ihn und seine Familie sprachen, vernichtet. Wer konnte ihn schutzen?

Sie sahen die Papiere nicht? rief er. Wissen nicht, dass ich in der Lage bin, Das, was etwa fehlen sollte, mit Aufopferung meines Blutes zuruckzuverlangen und dass ich beschworen wurde, Die, die etwa gewisse Papiere unterschlagen hatten, gehorten als Schurken und Bosewichter an denselben Pranger, der an der Ecke dieses Rathhauses durch eine eiserne Kette bezeichnet wird?

Ich weiss nichts, was Veranlassung zu so gewaltsamen Reflexionen gabe; antwortete Schlurck kalt.

In furchtbarer Aufregung und wie von dem raschen Entschlusse, zu Gelbsattel zu eilen, getrieben, offnete Dankmar die Thur, ohne ein Wort des Abschieds.

Bello, der langst schon mehre Mal wieder an die Thur des Vorzimmers gekratzt und sich nicht hatte beruhigen lassen, sprang nun wie wuthend in das Zimmer und fasste, ungehindert durch sein lahmes Bein, in grimmiger Verbissenheit die Zipfel von Schlurck's seidenem Schlafrocke, zerrte und kratzte an ihnen herum, dass der geangstete Justizrath im Zorn den in der Thur stehenden und die Mutze bescheiden in der Hand haltenden Peters anfuhr:

Die Bestie fort! Zum Haus hinaus! Zum Haus hinaus! Ihr Gesindel!

Dankmar stutzte, biss die Zahne zusammen und sagte zu dem verdutzten Peters:

Der Schrein ist verloren!

Bello aber, das treue, wachsame Thier, hatte eine andre Fahrte, als dem menschlichen Organe moglich war. Schon zehn Jahre war das kleine Thier ein treuer Wachter auf den Guter-Wagen seines Herrn gewesen. Es schien den Duft von Angerode, ja den Duft des Strohes zu erkennen, mit dem man in Thuringen die Frachtguter verpackt. Winselnd und wie lustig und ausgelassen klaffend war es in eine Nische des dunklen, nur von einem Hoffenster erleuchteten Zimmers gesprungen, hatte eine Tapetenwand fast umgeworfen und Peters schrie schon lachend:

Nichts verloren! Da ist das Kreuz!

Bello, ist's moglich? Rief Dankmar.

Aufgeladen! sagte Peters, der den vorigen ganzen Streit gehort hatte, zu sich selbst, und in demselben Augenblicke schon hatte der treue Fuhrmann sich gebuckt, den Schrein gepackt, und war im Begriff, das gefundene Gut auf die Schulter zu heben.

Das war zuviel fur den Justizrath. Er stand todtenbleich, hatte aber doch noch den Muth, rasch die Hand des Fuhrmanns zu halten ...

Dankmar sprang hinzu, riss den Deckel auf, griff in den Schrein, fuhlte, dass er voller Schriften war, fuhlte die Siegel der Pergamente und im Triumphe fasste er an, schleuderte den Justizrath zuruck und hob den eroberten Schatz auf Peters' markige Schultern.

Schlurck war einer Ohnmacht nahe ....

Er klingelte. Bartusch fuhlte, dass es Zeit war, ihm beizuspringen.

Er gab die allein wichtigen Papiere, die er in den Handen hatte, rasch der Mutter, die von Alledem nichts begriff und nur zu Melanie eilte, um ihr zuzuschreien: Schliess die Papiere ein! ... und stieg polternd die Wendeltreppe hinab ...

Ah! rief der Justizrath und athmete auf. Bartusch, Sie werden eine neue eigenmachtige Handlung des Herrn Wildungen bezeugen. Mein junger Mann, ich warne Sie ernstlich! Sie werden Ihre Vermessenheiten bitter bereuen!

Und Sie Ihre Lugen, Ihre Verstellungen, Ihre Heucheleien, Ihre Sittenlosigkeit! rief Dankmar, als Peters schon vorausschritt und mit der rechten, freien Hand seinen Bello liebkoste.

Welche freche Stirn! antwortete Schlurck, der die verletzenden Erfahrungen von gestern in seinem eignen Hause nicht wieder erleben wollte.

Die Stunde wird schlagen, sagte Dankmar noch im Vorzimmer sich umwendend, fur Vieles, was schlummerte! Die Zeugen gegen Ihr Haus mehren sich! Die, die auf dem Krankenlager liegen, werden genesen! Die, die bei der Nacht wandeln, werden noch auf andre Namen, als den Namen "Fritz Hackert" erwachen. Das geweihte Kreuz auf dieser Truhe wird reinen Handen den Muth zu einem Kampfe geben, dessen Schlachten mehr erschuttern sollen als nur die Ruhe eines gewissenlosen Notars!

Damit ging Dankmar und suchte die Luft der Strasse, um seine furchtbar klopfende Brust zu erleichtern.

Bartusch aber flusterte rasch dem entfarbt und erschopft in seinen Voltaire-Sessel sinkenden Justizrath zu:

Beruhigen Sie sich! Die Papiere, die doch der Rahm an der Sache scheinen, liegen ja oben!

O waren sie mit ihm gegangen! sagte Schlurck vernichtet. Waren sie in dem Schrein geblieben! Ich fuhle mich nicht stark, solche Scenen zu ertragen! Ich bin kein Schurke! Ich bin kein Dieb! Weg von mir Bartusch! Weg! Weg! Ihr Alle seid mein Verderben! Meine Schwache ist mein Elend! Ihr treibt mich auf schlimme Wege, die mir fremd sind. Ihr treibt mich in die Schande! Tragen Sie ihm die Dokumente nach! Fort! Fort!

Nimmermehr! rief Bartusch. Justizrath! Besonnenheit, Muth! Bedenken Sie, was der Propst sagen wurde! Mann! Warum haben Sie Heimlichkeiten vor mir, vor Ihrem treuesten Anhanger, vor Ihrer linken Hand, wenn Ihnen die rechte zu mude wird, ja vor Ihrer rechten, wenn Sie mich schalten liessen und Farbe halten konnten! Justizrath! Justizrath! Wir unterschlagen diese Papiere! Wir vernichten, wir verbrennen sie!

Schlurck schwieg. Er war seiner selbst nicht mehr bewusst. Ein Bild stand vor ihm, das grauenhafteste, das Bild seiner Schande!

In Todesangst griff er nach seiner kalten Stirn und flusterte:

Welche Bahn wandl' ich!

... Ein guter Genius fugte nun aber Folgendes:

Peters offnet schon das Thor und tritt mit dem Schrein auf die Strasse. Dankmar liebkost den auf seinem lahmen Beine tanzelnden Bello und wirft im Gehen einen fluchtigen Blick auf die mit Bildern gezierte Treppe, die hinauffuhrte zu Melanie, zur Tochter eines solchen Vaters, zu ihr, der sussen, himmlischen Melanie; zu ihr, die im Mondenschein in seinem Arme lag! Zu ihr, die ihn noch in diesem Augenblicke wie ein Zauber umstrickte, trotzdem, dass sein sittliches Gefuhl sie verlaugnen musste!

Da hort' er Gerausch, wie von einer leicht von einem Felsen herunter springenden Gazelle.

Er erstarrt ... Es ist Melanie!

Freundlich und holdselig, wie in Hohenberg, ruft sie ihm von den letzten Stufen, von denen sie sich herabbeugte, zu:

Sie boser, undankbarer Mann! Das Bild, das ich Ihnen mit so vieler Muhe erobert habe, liessen Sie sich wieder rauben. Ist Das wahr?

Melanie! sagte Dankmar stammelnd und sprachlos.

Hier, fuhr sie fort, hier, was ich Ihnen jetzt bringe, halten Sie Das fester. Gehort es nicht Ihnen?

Dankmar nahm, was sie ihm darreichte ...

Es waren, auf fluchtigen Blick sah er's, diejenigen Papiere, auf die in seiner Angelegenheit Alles, Alles ankam, die einzigen wichtigen, die entscheidenden Papiere!

Sein Schreck uber die Moglichkeit, ohne sie gegangen zu sein, die Uberraschung, Melanie nun wiederum als eine treue, aufopfernde, hingebende Freundin zu erkennen, wirkten so machtig auf ihn, dass er sich nicht sammeln konnte und in ihrem Anblick verloren dastand ...

Nun, sagte Melanie harmlos, es sind doch die Ihrigen, Wildungen?

Wohl! Wohl! Wie soll ich Ihnen danken! stammelte Dankmar und griff nach ihren Handen, um sie beide zugleich zu kussen.

O! sagte sie, sich leise entziehend; lassen Sie's, sehen Sie diese Hande! Voller Staub! Voller Moder! Es ist meine Schuld nicht, dass Sie mir immer solche tolle Auftrage mit alten Bildern und Papieren geben. Sie! Lassen Sie!

O Melanie, wie tief beschamen Sie mich! rief Dankmar und gab die Hande nicht her, er kusste sie und druckte sie an sein Herz wie ein Verzuckter.

Was wollen Sie denn? fragte sie mit Lippen, die ihr furchtbares Beben durch scherzhafte Laune vergebens zu beherrschen suchten. Grussen Sie Ihren blonden Bruder! Lassen Sie sich nichts von ihm vorreden, was ich ihm fur Sie aufgetragen hatte! Er ist nur eifersuchtig auf mich, weil ich den alten Professor Berg mit den schonen, weissen Locken mehr liebe als ihn und Alle Euch Alle!

Melanie! rief Dankmar, musste Das so kommen? Nach jener Nacht in Hohenberg? Die wenigen Tage sind wie Monden.

Er konnte sich nicht trennen.

Huten Sie die Papiere besser wie das Bild! sagte Melanie. Was wird nun mit dem Portrait, das der schonen d'Azimont ahnlich sieht? Ja, die ist schon. Kennen Sie sie? Die sollten Sie sehen! Die wurde Sie bezaubern ...

Ein, ein Bild nur, das Ihrige, Melanie, lebt in meinem Herzen! rief Dankmar und sah tief in die zitternden, braunen Augen des Madchens.

Die Mutter sagte mir, Sie hatten dem Vater bose Dinge gesagt, fuhr sie fort. Versprechen Sie mir, ihm einige Zeilen zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten? Wollen Sie Das? ... Sie zogern? ... Selbst Das nicht? Wildungen?

Melanie, ich will zu ihm zuruck, ich will ihm zu Fussen fallen, ihm danken ...

Das nicht! Das nicht! Jetzt nicht! Sie schreiben ihm und bitten um Verzeihung? Thun Sie's meinem Kindesherzen zu Liebe! Ja? Weiter nichts! Nur Achtung, Schonung, nur ein Wort der Bitte um Verzeihung!

Ich thue es ... Melanie! rief Dankmar willenlos. Sie gehen? Sie bleiben nicht? Melanie? Sie steigen die Stufen hinauf ... Sie fliehen ... Immer eine Staffel weniger zu meinem Glucke und meine Seele folgt Ihnen? Melanie?

... Dankmar stand noch eine Weile, sich besinnend auf Das, was er erlebt hatte.

Melanie war verschwunden.

Tief erschuttert steckte er nun die wahren Beglaubigungen der Anspruche seiner Familie zu sich und gab Peters, der am Thorwege wartete, ein stummes Zeichen, voranzugehen.

Er folgte schwankend. Er stand still ...

Er wagte aber nicht, noch einmal aufzusehen zu den Fenstern, wo diese Zauberin wohnte, die ihn so machtig uberrascht, so plotzlich auf's neue in den Bann ihrer Liebenswurdigkeit und Schonheit eingeschlossen hatte. Er bedurfte des ganzen Hinblickes auf die grosse Aufgabe, die er sich gestellt hatte, auf die neue und eigenthumliche Anwendung, die er im Interesse seines Vaterlandes und des ringenden Geistes der Freiheit und der Menschheitserlosung von dem gehofften glucklichen Erfolge seiner geltend gemachten Anspruche auf ein grosses Besitzthum versuchen wollte, um sich von diesen rasch aufeinander folgenden Schlagen des Schreckens und der Freude zu einem klaren Bewusstsein und der ihm eignen ruhigen Selbstbeherrschung wieder zu sammeln.

Schlurck aber, der sich muhsam die Wendeltreppe zu den Seinigen hinaufgeschlichen hatte und von der zornfunkelnden Mutter, von dem die Hande entrustet zusammenschlagenden Bartusch, dann von Melanie selbst horen musste, dass sein Kind soeben dem "abscheulichen" jungen Manne die Papiere ubergeben hatte, deren ihm hochstwahrscheinliche Entscheidung ihm auch den zweiten Anhalt seiner heitern, bisher so sorglos gewesenen Existenz rauben musste.. Schlurck zurnte nicht ... nein, er umarmte sein Kind, druckte es wie seinen Rettungsengel an's Herz, war sprachlos, zitterte vor Freude und konnte sich vor Wehmuth nicht mehr fassen ...

Die Mutter wollte verzweifeln, Bartusch wollte zanken ...

Melanie aber sagte:

Seid doch ruhig! Es ist noch nichts verloren ... Seht, der Vater weint!

Ende des vierten Buches.

Funftes Buch

Erstes Capitel

Genesung

Einem regnerischen, unfreundlichen Spatsommer folgte ein milder, klarer, sonniger Herbst.

Die Septembertage ersetzten, was man vom August gehofft hatte, gemassigte Witterung, linde Tage, erquickende Nachte.

Es hatte gesturmt wie im April. Nun war es fast, als ginge noch einmal der Mai uber die Erde und das kalte, steinerne Thor des Winters wurde sich noch lange, lange nicht offnen. Man fuhrte nun doch noch die fast aufgegebenen Reiseplane aus, man fluchtete wieder auf's Land zuruck, man begrusste die Garten, die sich durch all die Regenschauer nur erfrischt hatten und noch aus Florens Blumenhorne reiche, bunte Spenden boten.

Sechs Wochen nach den auf den voranstehenden Blattern geschilderten Ereignissen, an einem Morgen dieser holden Septembertage, schritt eine schlanke, mannliche Gestalt, blass und hinfallig, am Arme eines andern jungen Mannes, durch die Gange eines kleinen Parkes, durch dessen hie und da schon gelbes Laubwerk die Sonne mit der ganzen Warme jenes Strahles brannte, an dem in gesegneteren Gegenden, als die, wo wir uns befinden, die Traube auf den Bergen ihre letzte Glut und Reife empfangt.

Kein Luftchen regte sich. Kafer, die im feuchten August erstarrt schienen, erhoben sich zu neuem Leben. Selbst noch ein dunkelfarbiger Schmetterling hupfte von einer der vollen Blumenglocken der schlanken Malve zur andern; denn in einer Seitenbiegung kam man aus dem kleinen Parke in einen Blumengarten. Hier und da stand ein Obstbaum und verbreitete den vollen wurzigen Duft der reifenden Apfel, den milderen, weicheren von Birnen, ja an der Einfassungsmauer der ganzen Anlage blickte aus dem dunkeln grossblatterigen Grun eines Rebenspaliers sogar manche Traube, die fur eine Pflege und Wartung lohnen und danken wollte, die das Spalier in diesem Jahre nur sparlich empfangen zu haben schien.

Der am Arme des Andern langsam schleichende junge Mann deutete erschopft auf eine verwitterte steinerne Bank, die an der Grenzscheide des Parkes und des Gartens stand.

Hier mochte lange kein ruhiger Freund der Natur, kein so dankbarer Anbeter der Herrlichkeit Gottes in stillergebener Betrachtung verweilt haben.

Die Bank von einer Steinlehne bequem begrenzt, mit einem in diese Lehne gehauenen Wappen im Rukken geziert, war verwittert, vom Regen zerbrockelt, Moos uberschimmelte sie wie eine flache Felswand. In der den Rucken zierenden Krone und ihren durchbrochenen Henkeln, wenn man wie Richard II. bei Shakespeare die Krone einem Eimer vergleichen wollte, stand noch Wasser, das die Luft oder der Stein so rasch aufzusaugen nicht die Kraft gehabt hatte. Der Gefahrte des blassen Spaziergangers war auf diese Unbequemlichkeit gerustet. Er trug ein grosses Polster, das er nicht der Lange nach, sondern so in die Quere auf die Steinbank legte, dass der Ermudete sich auch zugleich durch eine weiche Rucklehne erfreut fand, als er erschopft vom Arme des Gefahrten abliess und auf das Polster niedersank.

Ah, Das thut wohl! sagte der Leidende. Das ist kein Gefuhl des Schmerzes mehr in den schweren Gliedern; Das ist die Lust und Wonne der Genesung!

Und zu seinem Gefahrten sich wendend, setzte er in franzosischer Sprache hinzu:

Aber Louis der Stein ist kalt fur dich und hart ... Wir hatten das Kissen in die Lange legen sollen.

Damit wollte er aufstehen, stemmte sich schon an die Seitenlehne und hob sich muhsam in die Hohe.

Nein, nein, sagte der Andere in derselben fremden Sprache und hielt ihn nieder, wahrend er sich neben ihn setzte; diese Steinbank ist fur Gesunde, wie ich es bin. Ja und die kleine Erhohung uber uns, die Wappenkrone, ist ein Symbol, dass nun bald die Rucksichten der Gesellschaft an die Stelle der Freiheiten des Krankenzimmers treten werden. Lass es nur so!

Der Genesene liess die grossen, noch schweren Augen liebevoll auf seinem Gefahrten ruhen, legte ihm die noch heissen Hande, in denen ein leises Zittern bebte, in die seinen und sagte, die blassen Lippen des schongeformten Mundes massig offnend:

O nie! Nie, mein Freund!

Sieh nur, betonte lebhafter der Andere, wie uns diese Krone auf der Ruckwand trennt!

Es ist noch Regen in ihr, erwiderte der Leidende mit scherzender, aber mehr wehmuthig gemilderter Miene, sie schwimmt fort! Lass sie dahintanzen auf den Wellen des Lebens! Sinkt sie unter, ich lohnte dem Taucher nicht, der sie mir wiederbringt.

Sprich nicht zuviel, Egon! bemerkte sorgend der Gefahrte. Geniesse die linde Luft! Ziehe sie in deine Brust mit tiefem Athem ein! Sie wird dich starken.

Egon gehorchte. Er war in jener gehorsamen Schwache, die dem Genesenden so ruhrend steht ... Der Kranke widerstrebt. Lange wahrt es, bis er sich den Anordnungen Derer fugt, die aus Liebe zu ihm streng sind. Endlich schwindet in seiner gebrochenen Kraft das Bewusstsein, die Macht des Widerstrebens lasst nach, er muss sich gefallen lassen, was besorgt mit ihm geschieht; denn er weiss nicht mehr, was die Welt um ihn her bedeutet, seine Sinne schwinden. Endlich aber bricht der Lichtstrahl des Bewusstseins wieder durch die Nacht des schon drohenden Todes, das Leben fasst mit starkem Arme den Wiedergewonnenen und druckt ihn an's Herz und der Genesende wird ein Kind, ein neugeborenes, schwaches, hulfloses Kind, gehorsam und ergeben, sanft und duldsam, wie umgewandelt, wie neuerschaffen, jedes Gebot vollziehend, jeder Weisung gehorchend und geruhrt ... uber sich selbst!

Egon sah auf die Blumenbeete hinuber. Die Zeit der Rosen und Nelken war hin. Die Dufte hatten nicht mehr die susse Wurze des Juli. Aber es waren noch Farben, die seinem Auge wohlthaten und durch allzu lebhaftes Colorit es nicht reizten. Er sog sich formlich hinein in dies sichere, feste Leben der gesunden Natur. Jeder Luftzug beruhrte ihn wie die magische Gewalt eines Kusses, der alle Lebenskrafte des Menschen elastisch weckt. Die Sinne gewannen Kraft, das Gegenwartige festzuhalten und von ihm auf die Vergangenheit zuruck-, auf die Zukunft hinauszuschliessen ... Welch ein Chaos! Welche unbekannte Lander, uber die erst allmalig wieder ein heimatliches Licht fallt! Was ist da Alles gewesen! Was hat man erlebt oder nur getraumt? Was ist Erinnerung, was nur Phantasie? Die Krafte des Geistes halten diese Thatigkeit noch nicht aus. Ermattet sinken die Schwingen wieder nieder und es ist dem Gedanken, als musst' er sich auf die Flugeldecken eines Kafers setzen und nur, um sich erhalten zu konnen, mit Kafern, nur mit Bienen so fortsummen, als gehorte man, ein Nichts, in's grosse Ganze und konnte nur leben im zitternden Sonnenstrahl.

Es ist mir so, Louis, sagte Egon, als hatt' ich eines Abends mit einem Kopfschmerz, der mir das Bewusstsein raubte, an jenem Fenster dort gestanden er zeigte auf das Palais und dich ein Lied singen horen als Frage, ob ich daheim ware? Du wolltest mich begrussen, wie in Lyon, wenn du von Paris kamst und ich aus Louison's Armen auffuhr, horchend dem fernen Liede und der wohlbekannten Stimme des Bruders! Oder war's nicht das Gondellied, das wir damals auf dem See von Enghien sangen?

Die muthwillige Barcarole! antwortete Louis Armand. Ich glaubte nicht, als ich mir die verborgene kleine Thur dort aufschloss, deine Gestalt erblickte, das Liedchen anstimmte, dich erkannte und zu dir hinaufsprang uber die kleine versteckte Treppe, dass ich dich fast bewusstlos antreffen wurde und Alles wecken musste und die Hulfe grade der Menschen ansprechen, die du von dir entfernen wolltest ...

Sind wir also wirklich doch in meiner Heimat? sagte Egon. Ja, ja, Das ist das Schloss meines Vaters Das ist der Pavillon, uber den ich gesprochen habe wo? zu wem? O Gott ... wie schwer das Erinnern, wenn man sich furchtet vor dem Vergangenen! Louis, mir ist so schwach, dass ich noch am Grabe Louison's zu liegen glaube. Ich suche die Kreuze und Immortellenkranze des Cimetiere Montmartre. Fuhre mich dahin! Es wird mir schwer dies Erinnern!

Mein geliebter Freund, sagte Louis Armand und fasste Egon's Hand. Beruhige dich! Die Todten ziehen Niemanden nach! ... Sie gonnen uns das Gluck dieser Erde, damit wir seine geringe Vollkommenheit erkennen und sehnsuchtsvoller einst dem Tode von selbst in's Auge blicken.

Sie ziehen uns nicht nach ... wiederholte Egon und schwieg eine Weile. Dann fuhr er sich mit streichelnder Hand uber sein leidendes edles Antlitz und hielt lachelnd einige Haare hin, die ihm dabei in der Hand geblieben waren.

Immer mehr, immer mehr! sagte er schmerzlich. Auf der Stirn sieht es herbstlicher aus als unter diesen Baumen und Blumen. Sieh, wieviel Laub wieder in der Hand geblieben! Da! Noch mehr! Noch mehr! Ich sah mich gestern im Spiegel ... Ich habe Mitleid mit mir selbst und konnte um mich weinen.

Ein Nervenfieber, sagte Louis, nimmt viel vom alten Menschen mit und gibt dafur einen neuen wieder. Selbst wenn deine Stirn so hochgewolbt bliebe, wurde sie jetzt erst recht die Stirn eines Denkers scheinen. Allein die gutige Natur nimmt nur die Zeugen deines Leidens mit und gibt dir bald die Begleiter neuer Freuden.

Und wenn sie nicht kamen? fragte Egon lachelnd, doch besorgt um sein Ausseres, das man bisher schon genannt hatte ...

Sie kommen, sie kommen! trostete Louis. Freilich ... wer weiss, ob Alle, die dich lieb haben, auch gerade die Stirn des Denkers an dir lieben.

Louis sprach diese Worte ernst und voll Kummer.

Egon seufzte. Er verstand sie wohl. Sie bezogen sich auf Helene d'Azimont, deren Charakter man nur halb wurde begriffen haben, wenn man hatte glauben konnen, dass diese sturmische, liebegluhende Seele es ertragen hatte, so ganz von Egon's wiedererwachtem Bewusstsein ausgeschlossen zu bleiben ...

In der ersten raschen Entwickelung der mit grosser Regelmassigkeit vorubergegangenen Krankheit hielten die vereinten Anstrengungen der Arzte und des treuen Wachters Louis Armand Helene d'Azimont fern; bald aber, mit den ersten in das freiwillige gesellschaftliche Exil, das sie sich auferlegte, hereinbrechenden Hoffnungsstrahlen ruhte sie nicht langer und bot jede List, jede Berechnung auf, um sich Egon zu nahern, sogar sein Krankenbett zu ersturmen und sich die Sorge fur sein Leben ausschliesslich anzueignen. Das Letztere mislang ihr freilich. Louis hutete den Fieberkranken mit der Treue eines Hundes. Er schlief auf einer Matratze zu seinen Fussen, liess nichts in Egon's Hande kommen, was nicht vorher von ihm untersucht war, und wurde darin von den strengern Arzten unterstutzt ...

Drommeldey, der arztliche Rathgeber der vornehmen Stande, hatte wol sonst eine mildere Ansicht. Man hatte auch Sorge getragen, ihn mit der d'Azimont sogleich bekannt zu machen; allein so ruhrend sie zu bitten verstand, bis zu einem gewissen Zeitraum, der seinen Anordnungen zufolge erst heute eintreten sollte, duldete auch Drommeldey keine Aufregung seines Patienten. So blieb Helenen nichts ubrig, als sich jenem Rafflard anzuvertrauen, dessen Ankunft in dieser Stadt sie mit so vielem Misvergnugen bei Paulinen von Harder vernommen hatte ... Wahrhaft erstaunt musste sie sein, als dieser vertraute Freund ihrer Schwiegermutter sich ihr selbst naherte und ihr die innigste Theilnahme fur ihr Leiden zu erkennen gab. Von einer Prufung seiner Absichten war keine Rede; denn er nahm ihren Schmerz fur vollkommen begrundet hin und weinte selbst uber ihre Thranen. Sie fasste zitternd seine Hand. Rafflard, der geheime Jesuit, kusste die ihrige und sogleich war er mit in das Complot gezogen, das ihre vereinten Geisteskrafte geschmiedet hatten, um Egon nun zuvorderst die Nahe der Geliebten zu verrathen. Rafflard bot ihr darin jeden Vorschub. Man bestach alle Diener des Hauses. Rafflard setzte sich vorzugsweise mit den Wandstabler's in Verbindung und so war denn bald einmal eine Blume auf die grunseidene Decke von Egon's Bett geworfen, die seine Gedanken verwirrte, bald ertonte in den entlegenen Zimmern des Palais der Klang einer Harfe, die Helene mit einiger Virtuositat zu spielen verstand. Egon erfuhr zuletzt von Louis Armand selbst die Anwesenheit jener schonen Frau, aus deren Armen er sich in diesem Fruhjahr auf der reizenden Villa von Enghien gewaltsam losgerissen hatte. Er seufzte. Das Ubermass ihrer Liebe schien ihn nicht zu beglucken. Es kamen Briefe mit einer unverfanglichen, geschaftlichen Aussenseite ... man erbrach sie harmlos; sie waren von Helenen. Als sie die Uberzeugung gewann, dass diese Briefe gelesen wurden, gab sie jeden Morgen ihrem Geliebten das Tagebuch ihrer Sehnsucht und Beobachtung des kalten steinernen Palastes, der ihr so grausam noch den Angebeteten entzog.

Ein solches Blatt uberreichte Louis seinem Freunde auch heute.

Egon nahm es mit gelassener Miene. Er hielt das aus der Enveloppe genommene zierlich duftende Papier mit feinen Arabesken und der gemalten Krone und den silbernen Buchstaben H.d'A. lange in der Hand, ehe er sich entschliessen konnte, es zu lesen.

Wenn ich dem Leben erhalten bleibe, sagte er nach einer Pause ernster Betrachtung, wie soll ich mich mit diesem Verhaltnisse zurecht finden!

Geliebt zu werden, sagte Louis, ist wol nur dann eine Last, wenn man nicht wieder liebt.

Wie soll ich das Gefuhl nennen, das mich an diese Frau fesselte! fuhr Egon fort. Seit dem Tage am See von Enghien, wo Louison ihren Tod, wenn er einmal beschlossen war, glucklicher gefunden hatte als nach meiner Untreue; welche Umwalzungen meines Innern! Ich floh, um meinen Erinnerungen zu entrinnen und sie uberholen mich und lassen mich nicht wieder los. Das sind die Erinnyen der Fabel.

Man muss, sagte Louis mit Fassung und ohne die geringste Zuruckhaltung zu Nutzen seiner eignen Anspruche auf Egon, man muss den Lauf der Natur in seiner Bahn nicht unterbrechen. Mismuth uber eine verkehrte Erziehungsmethode, die angedrohte Rache eines fruhern Lehrers treibt dich von Genf abenteuerlich in die Welt hinaus ...

Glaubst du, unterbrach ihn Egon, dass ich Rafflard's Bosheit furchtete, der sich bei meinem zweiten Aufenthalte erinnerte, dass er wegen meiner und eines heimlich mir zugesteckten Casanova die Anstalt des Herrn Monnard verlassen musste? Deshalb, weil ich ihn an der offnen Tafel des Syndicus Lhardy einen heimlichen Jesuiten genannt hatte, deshalb allein ware mir der Aufenthalt in dem kleingeistigen, beschrankten, spiessburgerlichen Genf unertraglich geworden? Ach nein! Es war der Zug nach einem kraftigen Wettkampfe mit dem Schicksal, der mich auf die Wanderschaft, hinauf zu den blauen Hohen des Jura trieb..

Ich schliesse mich auf der Landstrasse, erganzte Armand, dem Wanderer in der Blouse an, heimkehrend von einem Ankauf von Nussbaumholzern in Poncin, und nehme dich als Zeltkameraden in meine bescheidene Hutte, wo meine Grossaltern, meine Altern, Verwandte, erinnerungsreiche Menschen, eine Schwester mit mir leben! Du ergreifst die Axt, die Sage, ja fuhrst sogar mit deiner zarten Hand den Hobel und ich glaube, dass du der Sohn eines Kaufmanns in Deutschland bist, verfolgt als politischer Verbrecher. Wie hab' ich dich, eingedenk meiner Grossaltern und ihrer Schicksale, verborgen gehalten! Wie gezittert, die feige Politik unsrer Regierungen wurde dir eins der heiligsten Menschenrechte, das Recht des Asyls, versagen! Wie glucklich war ich, dass du wie wir die Einsamkeit liebtest, die kleinen Freuden der Armuth theiltest, so vollendet dich auf franzosische Sitte und Sprache verstandest, dass das argwohnische Auge der Polizei dich nicht entdeckte und dich fur einen Schweizer nahm ...

Und dennoch ...

Nein, nein, klage dich nicht an! Ich habe dich gehasst, Egon, als Franz Rudhard, wie du dich nanntest, die Liebe meiner Schwester, seine eignen Schwure vergessen hatte. Franz Rudhard, so standest du vor meinen Augen! Den rauhen Namen hattest du dir von deinem ersten Erzieher gegeben, den du liebtest..

Franz Rudhard! sagte Egon lachelnd, leise das gebeugte Haupt schuttelnd ...

Louis, der mit den Gebrudern Wildungen wahrend seiner Wacht an dem Krankenlager nur in geringe Beziehung hatte kommen konnen, wusste wol kaum davon, dass Egon's alter Lehrer, von dem er in Lyon den Namen geborgt hatte, ihnen inzwischen wieder so nahe geruckt war.

Der Alte lebt noch in Odessa! fuhr Egon fort. Ich nahm diesen Namen, weil er in meiner Erinnerung mit einem stillen, hauslichen und bescheidenen Frieden der Familie im Zusammenhange stand. Als ich in euer Haus trat ... der verfallene Thorweg ... das niedrige Dach ... die Blumenterrasse ... die Ziege, die eben auf ein Bruchstuck alter Romermauer geklettert war ... und Louison, die ihr nachkletterte und sie mit keckem Griff an den Hornern herunterlenkte ... fort von ihren jungen Kurbissen und Melonen, die sie auf der Mauer pflegte und zog ... der freundliche Gruss des Vaters, der im Hofe arbeitete ... das prufende mistrauische Grussen der alten sarmatischen Grossmutter, der Jagellona, einer gebildeten, noch aus Kosziuszko's Zeiten stammenden Polin.. sie thronte wie eine Zauberin unter dem Dache eines Feigenbaums, der eure Wohnung umwand, auf einer steinernen Erhohung und kloppelte mit der alten Tante, einer Deutschen, ihrer Schwagerin, Teppiche ... von dieser wunderbaren Familie ergriffen, gehalten von deiner Freundschaft, geblendet von Louison, nehm' ich fur die Nacht vorlieb auf einem Sack von Maisstroh als Lager ... es ist ein Sonnabend ... am Sonntag begleit' ich Louison schon in die Kirche ... Sie zeigt mir in der Fruhe den Reliquienschrein der heiligen Martyrer in der Kathedrale ... am Abend holen die Nachbarinnen sie ab und wir wandern nach der Croix-Rousse auf die Chaumiere ... schon am zweiten Sonntag hatt' ich einen Blumenstrauss von ihrem Hut gewonnen ... am dritten lohnte sie mich nicht mehr fur meine Liebe, sondern nur noch fur meinen Fleiss ... wir mussen uns beherrschen, sagte sie, arbeiten, Gluck verdienen ... ich arbeitete, um den ersten Kuss zu verdienen ... ich arbeitete, um drei Kusse zu verdienen ... ich arbeitete ...

Bis du sie ganz gewannst und sie ohne des Priesters Segen dein Weib war, fiel Louis ein.

Beide schwiegen erschuttert ... Ein schwarzer verspateter Schmetterling, den die Knaben am liebsten haschen, obgleich er der Trauermantel heisst, setzte sich eben auf das Papier in Egon's Hand.

Als der bunte Sommervogel zu den Blumen entschwebte, war es ihnen, als hatte sie die verwandelte Seele Louison's begrusst ...

Ich klage dich nicht mehr an, mein Freund, sagte Louis. Du hattest uns getauscht, aber auch dich selbst. Schon als wir von Lyon zur Erweiterung unsres Geschaftes nach Paris zogen und von Jagellona, der Tante, ja den Altern selbst die Grabeshugel zurucklassen mussten, war die Erkenntniss uber dich gekommen, dass dir die Kraft fehlen wurde, diese Rolle langer fortzuspielen ...

Keine Rolle! rief Egon. Nie, nie hab' ich daran gedacht, dass ich jenen arkadischen Schafern von Navarra nachahmen wollte, die sich in Schafer nur verkleideten. Ich war so mit mir einig, als Franz Rudhard in Paris zu wirken, meinen deutschen Beziehungen zu entsagen, dass ich es der Mutter kurz vor ihrem Tode nach Hohenberg schrieb und fur immer von meinem vergangenen Leben mich lossagte.

Eine Schwarmerei, sagte Armand, von der dich die Fahrt auf dem See von Enghien heilte! Jene weichen Arme der Liebe offneten sich, fur die du geboren bist! Damals, als ich noch glaubte, dein Name ware Franz Rudhard, hatt' ich dich morden konnen, dass du die Schwester verliessest, die dir Alles geopfert hatte. Sie hielt mich zuruck, sie hoffte auf deine Wiederkehr. Sie hoffte, bis der Thau der Nachte ausblieb und die Blume keine Thranen mehr hatte. Sie verwelkte. Ich erhalte einen Auftrag fur eine Villa in Enghien, ich soll zu einem Tempel der Freude und des Gluckes den Schmuck, die Vergoldungen und Spiegel zaubern, ich komme in das Boudoir jener Frau, wo Louison einst in deinen Armen sich von dem Ungluck einer Wasserfahrt erholte ...

Schweige, Louis, schweige! rief Egon.

Und Louis, erschreckend uber sich selbst, fiel rasch ein:

Vergebung! Vergebung! Was beginn' ich mit einem Kranken! Der Schmetterling auf diesem Papiere war das Bild der Versohnung und ich hatte dir ja auch nur zu sagen, Egon, dass ich um Egon's willen Franz vergab. Schon als du uns verlassen hattest, ahnten wir deinen hohern gesellschaftlichen Ursprung, aber als ich auf dem frischgeschaufelten Grabe Louison's erfuhr, dass du ein Prinz bist, Sprossling eines vornehmen Hauses, dass du aus Liebe zu dieser Todten, aus Liebe zu dem bescheidenen Leben der Armuth, aus Hingebung an die grosse Sache der Arbeit, deinem Stande, deinen Titeln, allen Vortheilen deiner Geburt drei Jahre entsagen lernen, arbeiten konntest ... o, Egon, und wenn die Grabeshugel der Altern auf den Tod meiner Schwester erst gefolgt waren, statt dass sie ihr vorangegangen, wenn das Herz des zu seiner Sphare zuruckkehrenden Junglings mir das Leben der eignen Geliebten geraubt hatte ... wer weiss, ob ich nicht vergeben hatte um dieses heroischen Entschlusses willen, um eine That, so einzig und gross, dass ich alle eigenen Schmerzen vergass und dein blieb, Egon, um der Sache des Volkes und der Menschheit willen!

Und ich verspreche dir, sagte Egon feierlich, dass diese von Patschouli duftende Verlockung er zeigte dabei auf das noch ungelesene Papier mich nicht aus der Bahn entfernen wird, auf der wir uns wieder begegneten und dein reines Herz meiner elenden Schwache vergeben hat!

Geliebt zu werden ist suss! warf Louis ein, um die Selbstanklage Egon's zu mildern.

Ich sehe rathlos, fuhr Egon fort, auf die schmeichelnden Worte, die ich nun seit acht Tagen von dieser Unbesonnenen erhalte, die mir von dem Herzen Frankreichs hierher nachreist und an eine Trennung unserer Wege nicht zu denken scheint! Ich zittre vor dem Wiedersehen. Es ist etwas in mir, das mir sagt: Louison's Schatten verlangt die Suhne der Trennung von Helenen ...

Nein, nein, fiel Louis ein, Louison's Schatten ist gesuhnt durch unsere Versohnung an ihrem Grabe. Hatte sie geahnt, was du ihr zum Opfer brachtest, wer weiss, ob die Vernunft nicht Trostgrunde geboten hatte, die heilend wirkten. Man soll nicht Liebe von sich stossen; nie! nie! Das Leben ist zu arm daran. Wenn ich nur nicht furchten musste ...

Louis stockte und blickte zufallig auf den Pavillon ...

Egon foderte ihn auf zu reden. Lies diesen Brief! sagte Louis, um noch auszuweichen ... Egon entfaltete das duftende Papier und las, was ihm Helene d'Azimont mit ihrer zierlichen kleinen Hand geschrieben hatte.

Zweites Capitel

Der Pavillon

Helene schrieb Egon in deutscher Sprache:

"Heute, mein geliebter Egon, sind sechs Wochen voruber, als ich vor deinen Fenstern im Wagen hielt, mitten in der Nacht, eben von der Reise gekommen. Ich konnte nichts von dir entdecken als den Schimmer eines Lichts, das vielleicht vor deinem Lager stand, als du schon die Annaherung dieser schrecklichen Krankheit, die dich niederwerfen sollte, fuhltest. O welches rauschende Leben glaubt' ich zu finden, einen belebten Palast, auf- und abschwirrende Diener, hellerleuchtete Fenster, Wagengerassel ... und ich fand ein fast ausgestorbenes Haus, in dem nur mein Egon lebte, nur sein Pulsschlag mir horbar erschien. Wie hab' ich seitdem die Schlage meines Herzens gezahlt! Wie mich mit dem Ohr auf die Erde gelegt, um etwas von dir zu vernehmen! O Gott, Das ertragen zu sollen! Wenn ich zuruck denke und mir noch einmal vorstelle, dass ich in einer Stadt mit dir leben und dich nicht sehen sollte, ich begriffe nicht, was einem Herzen moglich ist, das dulden kann und hofft. Aber nun offnen sich auch die Himmel und die Genien der Liebe reichen mir den Kranz der Bewahrung und des seligsten Lohnes! Egon, ich werde dich wiedersehen, dir in's Auge blicken, den Kuss deiner Lippen fuhlen. Ich zahle die Minuten, ich begreife nicht, wie mich die Vorsehung mit dieser Langmuth ausstattete, ich erkenne mich nicht. Mein geliebter Egon! Wie konntest du fliehen? Fliehen vor einem Herzen, das ohne dich brechen muss? Lass mich leben! Leben in deiner wiedergewonnenen Liebe! Ich habe unter den Erinnerungsblattern an unser Gluck heute das letzte angefangen, eine kleine Zeichnung des Tempels, den ich unserer Liebe auf meiner Villa in Enghien bauen wollte. Alle diese Skizzen, die ich nur mit ungeubter Hand entwerfen konnte, sind mein einziger Trost in dieser Einsamkeit gewesen. Der See, die Terrasse, der alte Eichbaum auf der Hohe des Waldruckens, die grosse Ebene mit dem Bahnhofe, meine kleine Veranda, die du so liebtest und so zierlich schmucken halfst, alle diese Blattchen hab' ich im Vertrauen auf die Macht der Liebe, die auch die Schwingen des Talents kraftiger heben lehrt, als sie von Natur fliegen wurden, mit zitterndem Bleistift hingeworfen. Ich suche einen Maler, der mir wurdig scheint, sie auszufuhren; dann uberrasch' ich dich mit den Erinnerungen an schone Tage. O sie werden wiederkommen! Egon, hast du denn nicht Mitleid mit mir? Nur ein Wort der Erquikkung fur meine zehrende Sehnsucht! O lass mich bald an deinem Herzen ruhen, mein Geliebter, mein einziger, einziger Egon!"

Es war Dies eine Apostrophe, wie sie Egon seit vierzehn Tagen in immer gleichen Lauten der Verzweiflung, der Liebe und der ohne Weiteres vorausgesetzten Wiedervereinigung erhielt. Als er das Papier gelesen hatte, summten ihm im Gedachtniss die Shakespeare'schen Verse:

Wenn Ihr Euch meiner nicht erbarmt, mein Lieber,

Baut' ich an Eurer Thur' ein Weidenhuttchen

Und riefe meiner Seel' im Hause zu,

Schrieb' fromme Lieder der verschmahten Liebe,

Und sange laut sie durch die stille Nacht,

Liess' Eure Namen an die Hugel hallen,

Dass die vertraute Schwatzerin der Luft

Olivia! riefe! O ihr solltet mir

Nicht Ruh' geniessen zwischen Erd' und Himmel,

Bevor Ihr Euch erbarmet!

Beide Freunde schwiegen ... Was ist da zu thun? begann Egon nach langerm schmerzlichem Nachdenken. Nur zu wachen, sagte Louis ernst, dass diese Liebe mannlich bleibt, deine Gedanken nicht verweichlicht, deine Entschlusse nicht lahmt. Ah! sagte Egon, diese Liebe ist doch ein Ungluck. Damit richtete er sich auf.

Das Gesprach hatte ihn nicht erschopft. Die Sprossen auf der Leiter der Gedanken, die er langsam wieder zu erklimmen versuchte, brachen nicht. Er fand sich in seinen Erinnerungen zurecht und aus der wiedergewonnenen Kraft des Geistes theilte sich, starkend, eine Belebung des ganzen Korpers mit. Er fasste Louis' Arm und wandelte zwischen den Blumenbeeten.

Sie kamen in die Gegend jenes Pavillons, dessen Inneres Kunstlerhande fur die lebhafte und bequeme Phantasie des alten Fursten Waldemar, des Generalfeldmarschalls, geschmuckt hatten.

Egon kannte dies Innere und betrachtete nachdenklich die angelehnten grunen Jalousieen. Er besann sich, ob er nicht einst Jemanden eingeladen hatte, sich in diesem Saale, unter Spiegeln, Blumen und kerzenstrahlenden Lustres die Geschichte seiner Liebe erzahlen zu lassen ... noch wollten aber solche Gedanken nicht haften. Nur wie auf fluchtigen Sommerfaden zogen sie an ihm dammernd voruber und streiften sein Gedachtniss ...

Sie traten dem Pavillon naher. Egon besann sich schmerzlich lachelnd auf dessen Bestimmung und offnete leise eine der Jalousieen.

Kaum war Louis, der sich eben, weil die Gartenthur ging, umgewandt hatte, von ihm veranlasst worden, gleichfalls einen Blick auf diese uppige Einrichtung zu werfen, als er die Jalousie auch sogleich fallen liess.

Traum' ich? rief Egon oder sah' ich ...

Louis bemerkte seinen Schrecken und trat naher.

Als auch er die Jalousie fallen liess, schuttelte er den Kopf und schien nicht begreifen zu konnen, warum er noch staunte.

Es war ein Spiegelbild Helenens! sagte Egon.

Wol muss es die Grafin d'Azimont sein, erklarte Louis.

Irgendwo wird sie in dem Pavillon verweilen. Der Spiegel fing sie von dieser Seite her wie ein lebendes Bild auf.

Sie schlief? sagte Egon.

Sie schien zu schlafen ... sie ruhte nur.

Der Spiegel empfangt seinen Reflex von jener Seite her, wo das Badezimmer meines Vaters ... Komm, Louis! Komm!

Damit wollte Egon sturmisch zu jenem Fenster hin, wo die magische rothe Beleuchtung einer Kuppel auf eine zierliche Rotunde fiel, deren Bilder, Statuen, Vasen wir bereits oberflachlich kennen und erst spater grundlicher betrachten werden.

Auch Louis begriff nicht, wie die Grafin dorthin gelangen, dort auf einem Divan in beinahe phantastischer Kleidung schlummern konnte. Er glaubte an den Reflex eines dort aufgehangten Bildes ... Er schickte sich an, dem Prinzen zu folgen, der den Eingang nur vom Hofe aus gewinnen konnte und in sturmischer Eile mit trunkenen Sinnen, wie elektrisirt, das schone verfuhrerische Ziel suchte.

Doch in diesem Augenblick hielt sie Sanitatsrath Drommeldey auf.

Ei, ei, wohin so rasch? rief der Arzt und schlug Egon auf die Schulter.

Dieser wandte sich, unangenehm uberrascht, und hatte sich gern von dem Arzte losgemacht.

Aber der Gehorsam eines Genesenden hinderte ihn. Der Arzt hatte schon den Puls in der Hand und behauptete, dass Egon zu lange im Garten verweilt hatte. Er musste hinauf ...

Nein, nein, sagte Egon, es ist nur eine augenblickliche Aufregung ... und so wollte er zu dem Eingang des Pavillons hin.

Der Arzt hielt ihn aber sehr entschieden zuruck und sagte:

Ich statuire keine Aufregungen. Sie bleiben hubsch an meiner Seite, Durchlaucht!

Damit fasste er Egon's Arm und lenkte in eine Allee des kleinen Parkes ein, die der Thur, die zum Hofe fuhrte, zunachst lag.

Er machte mancherlei Vorschriften und endete damit, dass er sagte:

Unter diesen Baumen ist es zu schwul und unter den Blumen dort lauern noch immer die bosen Geister des Fiebers. Sie mussen sich an frischer reiner Waldluft starken. Ich schreibe Ihnen fur heute Folgendes vor: Nachmittag vier Uhr nehmen Ew. Durchlaucht einen Wagen und fahren mit Herrn Louis und sonst einem Freunde auf das konigliche Schloss Solitude. Dort kommen Sie um punkt dreiviertel auf funf, ich sage punkt dreiviertel funf der Sonne wegen an, steigen aus, durchwandern die noch sonnenwarmen Boskette, einige Gange des Parks und setzen sich auf dem kleinen Hugel, wo man die beruhmte Aussicht auf die Felder und den dort so machtig sich ausdehnenden Fluss geniesst, eine Viertelstunde in der Sonne nieder; dann lassen Sie den Wagen an der Sudpforte vorfahren, sind mit funfzig Schritten wieder auf Ihren Polstern und kommen einige Minuten nach sechs Uhr wieder in Ihrem Zimmer an, wo Sie sich etwas vorlesen lassen, eine Suppe essen und um acht Uhr zu Bett gehen. Wird Das befolgt werden?

Egon hatte nur halb zugehort. Er war zu bewegt, zu elektrisirt von dem Gedanken, dass Helene so in der Nahe war, so auf ihn lauschte, so vielleicht in jenem Pavillon auf seinen Anblick gewartet hatte und daruber entschlummert war ...

Louis aber, der aufmerksam zugehort hatte, antwortete statt seiner:

Punktlich! Herr Sanitatsrath!

Nun begleit' ich Sie auf Ihr Zimmer, sagte Drommeldey, einer kleinen Tisane wegen, die Sie doch noch nehmen sollen und die ich verschreiben muss. Kommen Sie, Durchlaucht! Bald besuch' ich Sie nur, um Ihnen von der Welt zu erzahlen und mir von Ihnen Pariser Anekdoten auszubitten.

Mit feiner weltmannischer Gewandtheit fasste der diesmal allopathisch gestimmte Arzt den traumenden, erschutterten Egon unterm Arm und fuhrte ihn durch den Hof in die vordere Fronte.

Louis aber folgte in einiger Entfernung.

Zum Pavillon zu gehen und sich in den Cabineten zu uberzeugen, ob dort die Grafin d'Azimont wirklich auf einem Divan schlief, wie er in jenem Spiegel gesehen hatte, dazu konnt' er sich nicht uberwinden; aber Doretten Wandstabler, die im Hofe sich tief knixend vor dem Prinzen verbeugte und nicht ohne Gefallsucht zur Feier der Wiedergenesung des jungen schonen Herrn eine gewahlte Toilette gemacht hatte und recht auffallig mit einem ungeheuren Bunde Schlussel klingelte, Doretten Wandstabler hielt er an und sagte energisch:

Sie haben die Grafin d'Azimont in den Pavillon gelassen ...?

Vergeben Sie! sagte Dorette schon etwas trotzig. Der Herr Sanitatsrath haben es selbst befohlen.

Wie? Der Arzt wusste ...?

Sie wollte in den Garten sturzen und den Prinzen ....

Ein Arrangement! sagte Louis vor sich hin, voller Entrustung und die weitern Worte der Beschliesserin uberhorend. Dann fragte er laut:

War die Grafin allein?

Herr Professor begleiteten sie ... Horen Sie ihn nicht husten?

Herr Professor? Wer hustet?

Dorette errothete, dass sie von einem Manne wie von einem gewohnlichen Besucher sprach, den sie doch gegen Louis Armand bisher verheimlicht hatte. Jetzt aber, wo der Arzt selbst fur das Complot gewonnen war, glaubte sie sich nicht mehr so angstlich zuruckhalten zu mussen und erganzte ihre Aussage dahin, dass sie den Professor Rafflard meine.

Louis wollte reden; aber Egon sah sich nach ihm um.

Er folgte dem Prinzen, der nun auf Louis gestutzt, zum ersten male wieder die grosse Treppe bestieg und mit volliger Abwesenheit des Geistes den materialistischen Auseinandersetzungen zuhorte, mit denen Drommeldey gewohnt war, die Psyche seiner Reconvalescenten neu zu beleben und ihnen die letzte Tisane zu verschreiben.

Egon schritt die grosse Treppe empor. In seinen Erinnerungen setzte sich die Vergangenheit Steinchen an Steinchen wieder musivisch zusammen. Die von der Sonne erhellten Zimmer thaten ihm ausserordentlich wohl. Er fuhlte sich so kraftig, dass er, als der Sanitatsrath sich empfohlen und die Nachmittagsfahrt nach dem koniglichen Schlosse Solitude ausdrucklich noch einmal bis auf die kleinsten Punkte eingescharft hatte, Louis fast im Begriff war, zu bitten, er mochte ihn uber den Pavillon, uber Helene aufklaren, ja wenn es nicht Louis gewesen ware, der seine Befehle erst an die Diener uberbrachte, wer weiss, ob er nicht augenblicklich das Wiedersehen mit einem Wesen gefeiert hatte, das durch eine einzige kurze Phantasmagorie seine ganze Einbildungskraft wieder beherrschte.

Es ist die Grafin gewesen, sagte ihm Louis aufrichtig. Sie harrte vielleicht des Augenblickes, wo du im Garten dich zeigen solltest und entschlief oder traumte wachend von dem Gluck, dir nahe zu sein.

Es war nicht ganz wahr, als Egon darauf erwiderte:

Ich kann sie noch nicht sehen. Ich fuhle mich noch nicht stark genug, ihre Freude zu ertragen.

Indem fiel sein Auge auf eine in seinem kunftigen Arbeitszimmer auf einem grossen grun verhangenen Tische aufgestellte kleine Galerie alter Brustbilder mit schwarzen oder verblassten goldnen Rahmen.

Was sollen diese Bilder? fragte er erstaunt.

Schon lange, antwortete Louis, harrt diese kleine Galerie des Augenblicks, wo du in ihnen die letzten Reste des Andenkens an deine Mutter begrussen wurdest, mein Freund ...

Und mit diesem Anblick, mit diesen erlauternden Worten fiel es wie Schuppen von Egon's Geiste.

Gott im Himmel! rief er, diese Bilder ... da ist ... traum' ich? Wach' ich? Ja, ja, Das war's, worauf ich in der Nacht des Fiebers schon einmal fiel ... da, da ist es ja dies runde Pastellgemalde ... Es ist ja das Bild, das vielersehnte Bild meiner Mutter!

Louis erzahlte, was er von der Ubergabe dieses von Egon mit Leidenschaft aufgehobenen und von allen Seiten betrachteten Bildes durch Schlurck wusste. Auch von dem Geheimniss dieses Pastellbildes hatte er ja schon fruher etwas vernommen, war aber uber die ferneren Schicksale desselben im Unklaren geblieben ...

An diesem Bilde, Freund, ist ein Geheimniss! bestatigte Egon, kaum Louis' Worten folgend. Ich fasse nun Alles ich finde mich zurecht Louis sieh, sieh her ... findest du etwas an dem Rahmen dieses Bildes ... es ist schwerer, als es dem aussern Anschein nach sein konnte es muss eine geheime Feder haben ich beschwore dich

erfinde, rathe, hilf! Ich bin fast unvermogend, meine Uberraschung auszubeuten ...

Louis sah mit Beklommenheit, dass Egon aus den Aufregungen nun nicht mehr herauskam. Er bereute fast, dass er es so mit dieser Galerie angeordnet hatte. Nach dem Spaziergange im Garten sollten ihn die Bilder erfreuen. Den Zwischenfall mit dem Pavillon hatte er nicht berechnet. Er bat den Freund, sich in Alles gelassener zu finden und von dem Bilde gleich abzustehen ...

O ich fuhle mich stark, rief Egon. Wo war ich? Gerechter Gott, das Alles verschwamm in Nebel! Ich muss wieder Menschen sehen, ich muss horen, sprechen, anknupfen an das Leben ... Fuhre mich in die Welt, Louis!

Louis sagte mit Zogern, dass er gehofft hatte, ihm heute einige Personen, die schon ofters nach ihm gefragt hatten, vorzufuhren ... es stunden mehre im Vorzimmer ... aber er wage nicht ... in dieser Aufregung, in diesem steten Wechsel der Eindrucke ...

Fuhre sie herein! rief Egon. Wer will mich sprechen? Wer ist da? Ich muss Menschen sehen! Menschen umarmen ...

Damit legte er das so werthvolle, abenteuerliche Bild auf die grune Decke, ging selbst an eine Seitenthur und offnete.

Herein! herein! rief er muthig und kraftvoll. Ich lebe wieder! Kommt! Ich habe das Licht der Sonne empfunden, ich habe den Duft der Blumen eingesogen. Kommt, Menschen! Kommt! Ich bin genesen.

Drittes Capitel

Alte Bekannte

Egon suchte aber die Menschen nur, weil er den Moment, nun wirklich das von ihm mit so vielen Abenteuern gesuchte Bild zu besitzen, nicht ertragen konnte. Das Bild offnen, nach seinem Inhalte forschen, er hatte es jetzt nicht vermocht. Er bedurfte eines Anhaltes an etwas, was ihm erst Beruhigung bot. Er glich in diesem Augenblicke jenen Menschen, die nicht im Stande sind, ein Gefuhl machtig und voll auf sich wirken zu lassen; Menschen, die weinen, wo sie lachen, lachen, wo sie weinen sollten; Menschen, die einen geliebten Freund, das Theuerste auf Erden, das ihnen lange entrissen war, nicht sofort wieder zu sehen vermogen, sondern in einen Winkel fluchten, wenn Alles dem Ersehnten schon in den Armen liegt, ihn herzt und kusst; in dem Winkel still fur sich weinen, weil ihr Herz nicht im Stande ist, eine so furchtbare Erschutterung wie ein der menschlichen Kraft Mogliches zu erleben und das Unglaubliche wie wirklich zu ertragen.

Nur um sich von dem Schrecken, das Bild zu sehen, es wirklich uberschwer zu finden, das Geheimniss seiner Mutter nun, er wusste nicht wie, in Handen zu haben, zu sammeln, riss Egon die Thur auf und rief:

Wer begehrt nach mir?

Der Erste, der eintrat, war ein schlichter gesundblickender, heiterer, frischer Naturmensch. Aus diesem Auge stromte Waldluft, stromte Erkraftigung. Freude und Treuherzigkeit, die sich zwar mit einer gewissen Uberwachung mischte, lachten Egon an und mussten dem kranken, jungen Fursten innig wohlthun.

Wir erkennen an seinem gesunden, vollen Gesicht, dem fuchsblonden Barte und der ruhigen Treuherzigkeit seines zahmen Lowengesichtes den Forster Heunisch aus Hohenberg.

Ich kenne Euch, Heunisch, sagte Egon, als der Forster seinen Namen genannt hatte und die lebendigste Erinnerung ihn an das Bild und was mit ihm zusammenhing jetzt fast folterte; ich hab' Euch gesehen. Bringt mich nur auf die Spur; wo? Wo?

Durchlaucht, vor Allem meinen herzlichsten Gluckwunsch zu Ihrer Genesung! sagte etwas zaghaft der Forster, schlug aber mit waidmannischer Biederkeit seine mit weissen waschledernen Handschuhen zierlich geschmuckte kraftige Hand in die magere des Prinzen.

Jetzt weiss ich, Heunisch, wo wir uns gesehen haben! rief Egon, rieb sich jedoch noch zweifelnd die Stirn ...

Heunisch lachte, kratzte sich hinter'm Ohr und sagte:

Der Tausend! Wohl haben wir uns schon gesehen, Durchlaucht ... aber ... mein Seel', Der sind Sie doch nicht, Durchlaucht, der ich gemeint habe, dass ...

Dass ich ware? Wer denn? Wer bin ich denn?

Sieh! sieh! ... fing Heunisch zu grubeln an und blinzelte mit seinem scharfen Auge unter den langen, weissen Augenwimpern prufend zum Fursten hinuber.

Er trennte sich offenbar von der Vorstellung, die sich auch ihm eingepragt hatte, dass Dankmar Wildungen Prinz Egon gewesen ware, mit grosser Muhe. Noch lag ihm im Ohre, was im Gelben Hirsch der junge, gefallige Mann ihm uber das Anlegen des Zekk'schen Goldes gesagt hatte, und nun fand er einen Andern, den er aber auch zu kennen glaubte.

Halt! sagte er. War' es nur moglich!

Ja, ja, Heunisch ... Ihr seid der Jager

Welcher Jager?

An dem Vormittag ...

Ei wie konnt' ich denn die Dreistigkeit haben, Durchlaucht, zu glauben, dass ...

Ja, ja, habt sie nur ...

Der Handwerksbursche? Im Gelben Hirsch?

Der! Der bin ich

Durchlaucht machen Eins confus!

Der Handwerksbursche bin ich!

Der mich gefragt hat, wo der Weg nach Plessen geht und in der Sagemuhle ubernachten wollte?

Der aber auf dem Kirchhof schlief am Grabe seiner Mutter, die Ihr hier in dem Bilde seht ...

O weh! rief Heunisch und schlug sich mit den Handen an den Kopf und gedachte sogleich seiner gewagten Anekdoten uber die Furstin Amanda.

Damals, sagte Egon, botet Ihr mir von Eurem Imbiss an und heute musst' Ihr nun bei mir vorlieb nehmen. Louis, ein Glas Madeira! Ein Fruhstuck! Allons donc!

Durchlaucht, ich habe gefruhstuckt! sagte Heunisch aufrichtig, ohne verbergen zu konnen, dass ihm ein solcher Empfang neuen Appetit machte.

Louis war schon auf dem Sprunge gewesen, fast noch ehe Egon den Befehl gab, eine solche Idee auszufuhren. Er klingelte und lief selbst; halb Herr, halb Diener. Er wollte, dass man ihm schon auf halbem Wege entgegenkam. Wie froh war er, jetzt bessere Menschen zu sehen, die zu des alten Fursten Verlassenschaft gehorten und denen er seinen Freund zuruckliess, wenn er nach Frankreich wieder heimkehrte! Wie gefiel ihm dieser treuherzige Forster im grunen Leibrock mit goldenen Knopfen und mit den waschledernen Handschuhen! Vor Vergnugen war er nahe daran, fur sich hin ein polnisches Liedchen zu trallern, das er von der alten Jagellona oft hatte summen horen ...

Nun setzt Euch, Heunisch, sagte Egon, nehmt Platz! Ja ich bin der Handwerksbursch vom Gelben Hirsch! Ich wollte Hohenberg sehen, wie die Gauner dort wirthschaften! Legt den Hut ab, Heunisch! Setzt Euch! Man bringt uns zu fruhstucken. So war's bei meiner Mutter auch, wenn der grimmige Marzahn kam. Sacre bleu! Der war schlimm! Der hatte Zahne wie ein wilder Eber, aber er fing sie auch am Messer auf ... aus freier Hand, ein Teufelskerl!

Konnen wir auch, Durchlaucht; aber die Eber kommen nicht mehr.

Aha! So ist gewirthschaftet worden?.. Jetzt, bester Freund, sagt mir doch einmal ...

Hier unterbrach der Forster plotzlich den gluckseligen Egon, der aber schon uber seine eigene Gemuthlichkeit innerlich lachelte und sie den vielen Freuden und Uberraschungen des Morgens zuschrieb.

Durchlaucht, sagte er mit leiser Stimme und zeigte auf die Nebenthur, nehmen Sie's nicht ubel, aber es wartet da draussen noch Jemand ...

Wer denn?

In Egon erwachte die lebendigste Erinnerung an Dankmar. Schon hoffte er, der Forster wurde diesen Namen aussprechen, als er sagte:

Der Herr Pfarrer aus Plessen, Herr Stromer ...

Der Pfarrer aus Plessen? wiederholte Egon und besann sich auch auf diesen. Aha! sagte er vor sich hin. Stromer ... der fromme Stromer?

Na fromm! meinte Heunisch und kratzte sich hinter'm Ohr ...

Der die Blumen band sprach Egon fur sich hin.

Als die selige Furstin eingegangen war zu ihres Herrn Freude, da ...

Als sich der Zank erhoben hatte Abends ...

Einer horte jetzt auf den Andern nicht. Heunisch brach seine einmal aufgezogene Gedankenreihe nicht leicht ab. Das Denken hupft bei solchen Menschen nicht so behend hin und her wie bei den Dialektikern der Bildung und der Luge.

Er sagte, fuhr er fort, ich sollte nur vorerst gehen. Ich wurde doch gleich absolvirt werden und da wolle er lieber nach mir kommen. Und nun, Sapperlot, nun fangen wir hier ordentlich zu fruhstucken an. Was wird der Pfarrer denken!

Die Thuren gingen auf.

Zwei Bediente sprangen hinzu und deckten.

Der alte Wandstabler leitete diese Unternehmung wie eine grosse Staatsaufgabe. Er wackelte vor Seligkeit, dass nun etwas kam, was an die alten Zeiten erinnerte, setzte die Stuhle und warf so schmachtende, thranenverklarte Blicke auf den jungen Fursten, dass diesem himmelangst wurde uber den Umstand wegen eines kleinen Fruhstucks! Das larmende Bedienen hatte er nie geliebt. Doch blieb er bei guter Laune und sagte zu Heunisch:

Der susse Schleicher, der so rasch von Eurem kur

zen Empfang urtheilte, soll nun gerade warten und horen, wie hier die Teller und die Messer und Gabeln und Glaser klingen.

Ach! Durchlaucht, entgegnete Heunisch angstlich

und mit bittender Gebehrde. Ne ... ne! Das nicht! Lassen Sie den Herrn Pfarrer doch lieber auch gleich hereinkommen. Geheimnisse hab' ich Ihnen keine zu erzahlen und der Herr Pfarrer mochte gar meinen, der Forster Heunisch erlaubte sich etwas Despectirliches, wenn Der hier wie in Abraham's Schooss sitzen wollte.

Auf Euer Furwort will ich ihm diese schmeichel

hafte Vergleichung ersparen, sagte Egon und rief:

He, Wandstabler!

Der Haushofmeister und Vater der drei Huldgottin

nen des Hohenberg'schen Palais wusste nicht, wie ihm geschah. Angerufen von der jungen Durchlaucht! Berucksichtigt! Geduldet! Wandstabler gerufen aus seinem eigenen gnadigsten Munde!

Kaum noch hatte er sich umgewandt, die starke,

schnurrbartig gewichste Figur auf dunnen beschuhten Beinchen, um die Befehle zu vernehmen, als Egon schon sagte:

Vier Couverts!

Vier Couverts! keuchte der Haushofmeister und

schnurrte dabei, wie wenn seine Sprachwerkzeuge an einer innern Rolle abliefen, asthmatisch oder zu einem Kropf disponirt. Vier Couverts! Mit dieser Losung schwankte Wandstabler aus der Thur und umarmte fast seine lauernde alteste Tochter, die schon in voller Thatigkeit war, sammtliche Schranke, alle Weisszeugkisten offnete, Glaser, Messer zahlte, doppelt fur jeden Gang, und die Bedienten in Galopp brachte ... Wandstabler! Vier Couverts! ... Mit dem Vollgewicht dieser ersten errungenen Berucksichtigung musste sich der Haushofmeister an der grossen Treppe uber den Strohdecken auf einen der dort befindlichen Wartesessel niedersetzen und seinen glanzendgewichsten Schnurrbart mit einer Thrane anfeuchten, die das in einem ewigen, wie man es in der Volkssprache nannte, "Thran" schwimmende, gedunsene Weinund Liqueurgesicht immer bereit hatte.

Egon aber offnete nun die Thur und liess den zweiten Besuch auch herein. Er war dabei in seinen nun mit ganzer Macht hereingebrochenen Erinnerungen an Dankmar und in seinem mit Gewalt niedergekampften Gelusten nach dem Bilde so ergriffen, dass es ihm war, als sprange ihm der Kopf ...

Hatte Louis ahnen konnen, was Alles jetzt mit wunderbarer Gewalt auf seinen so gutig herablassenden Freund eindrangte, er wurde nicht so schuchtern bei Seite getreten sein und wol das gemuthliche, Wichtigeres verdrangende, weitlauftige Fruhstuck mit den Hohenberger Gasten hintertrieben haben. Er vergass, dass Egon Reconvalescent war, der Schonung bedurfte, und von Egon selbst galt die Erfahrung: Was muthet sich nicht Alles der Mensch an Kraft zu, wenn sein Herz bewegt ist!

Der hofliche und mit vielen Verbeugungen Eintretende war in der That Guido Stromer, der Pfarrer von Plessen.

Guido Stromer mit dem zuruckgestrichenen graublond-gelben Haare, der hohen Stirn, dem aufgerissenen Auge, der zwar hervorspringenden doch etwas stumpfen Nase und dem ganzen unruhigen, gespannten, uberreizten Wesen, war gewahlt gekleidet, trug schwarzen Frack, schwarze Beinkleider, Kamaschen an den Schuhen, eine weisse Piqueeweste und Halsbinde und die feinsten Glaceehandschuhe. Das lange Haar war nicht so sorgfaltig gehalten, wie ohne Zweifel zu Zeiten der Furstin Amanda oder wenn seine Gattin fur die Ordnung dieses schon in's Graue spielenden blondgelben Wulstes sorgte. Es war nur von der hohen, breiten Stirn mit einer leichten genialen Tournure zuruckgestrichen. Man glaubte einen Dichter, einen Kunstler, eine inspirirte Personlichkeit zu sehen, die sich mit Wohlgefallen in die leichte Form der Mode geworfen hatte, ohne indessen den starken Geist ganz unter ihre strengen Gesetze beugen zu konnen. Ein kleines weisses Bandchen, das hinten am Halse vorguckte, verrieth, dass dieser jedenfalls vor einem Spiegel gemachten Toilette doch die letzte weibliche Revision fehlte. Es war eine ubertunchte Eleganz, in welcher Eitelkeit, Dorftournure und wirklich geniale Formverachtung zu einem sonderbaren Gemisch zusammenliefen.

Zwei Boten aus Hohenberg! rief Egon dem Eintretenden entgegen, und auf den durch den Pfarrer nun gedruckten Heunisch deutend setzte er hinzu: der Wald und die Kirche grussen mich!

Und dem Schopfer, der in Beiden wohnt, fiel Guido Stromer sogleich mit der ihm eigenen Geistesgegenwart und Wortfulle ein, danken wir die Genesung unsres geliebten, jungen, uns doppelt neugeschenkten Fursten und Herrn.

Da sich Louis sehr zuruckgezogen hatte, stellte ihn Egon anfangs nicht vor.

Nehmen Sie Platz, Herr Pfarrer, sagte Egon. Wir wollten eben den Gottern ein Opfer bringen, eine Libation des Dankes und hoffentlich auch allenfalls einen Hahn, den man jawol im Alterthum opferte, wenn man von einer Krankheit genas ... nicht wahr?

Stromer erwog den Ton, den Vortrag, sozusagen die Tonart, aus der der junge rathselhafte, nun endlich entschleierte Furst zu ihm sprach und setzte mit seiner leise bedeutsamen Art, in dem Streben, einen Accord zu erzeugen, forschend und fast lauernd ein:

Sokrates befahl einen Hahn zu opfern als er den Todesbecher trank. Er verstand darunter eine andere Genesung, deren bittern Kelch die Gotter uns erspart haben; denn Ew. Durchlaucht leben!

Egon schwieg, erschreckt von der Manier des Pfarrers ... Aber Heunisch, der auch sein Wort darein geben wollte, sagte:

Gotter, Herr Pfarrer? Gotter?

Guido Stromer wandte sich mit gehobenen Nasenflugeln um und sah den Sprecher von oben bis unten an.

Heunisch biss sich auf die Lippen, wie Einer, der zu sich spricht: Herr Gott, was hast du da gesagt!

Egon vermittelte mit freundlicher Bonhommie die beiden ungleichen Gesellschaftsstellungen seiner Gaste und meinte, der Herr Pfarrer konnte sich freuen, ein Beichtkind zu haben, das so fest an dem Gebote hielte: Du sollst nicht andre Gotter haben neben mir!

Beim Beichtkind vollends klappte Heunisch wieder mit den Fingern, als wollte er sagen:

Ach, liebe Zeit, Beichtkind!

Richtig, sagte Egon, diese Ablehnung wohl verstehend. Jetzt besinn' ich mich vom Gelben Hirsch, dass Ihr ja ein recht schlimmer Heide seid, Heunisch! Meine gute Mutter und der Herr Pfarrer waren Euch viel zu heilig.

Heunisch wurde vor Verlegenheit blutroth. Er gedachte der vielen argen Spottreden, die er in Gegenwart des Handwerkers in der Blouse gesprochen hatte. Stromer aber horchte hoch auf und begriff nicht, was "zuvorderst" die Erwahnung des Gelben Hirsches sollte?

Zu schweigen aber und lange eine Antwort schuldig zu bleiben, war seine Sache nicht.

Mein guter Heunisch, sagte er, sein Staunen uber den Gelben Hirsch unterdruckend, hat schon, wie ich einzutreten die Ehre hatte, vernehmen konnen, dass ich der Kirche den Wald an die Seite stelle. Die Gottheit wohnt nicht, predigte ich oft, in Tempeln, von Menschenhanden gemacht. Das Rauschen der Blatter im Waldesgrun ist auch eine Offenbarung. Wohl Dem, der sie versteht! Mein guter Nachbar Heunisch machte sich diese Wahrheit immer zu Nutz. Er gehorte nie zu meinen fleissigeren Kirchenbesuchern.

Heunisch konnte nichts dagegen einwenden, schuttelte aber den Kopf und brummte erst das kostbare, sylbengezahlte, in Tonschwingungen vorgetragene Wort "fleissigeren" nach und sagte dann:

Es ist doch wahr! Sieh! Es ist doch wahr!

Was ist denn wahr? fragte Egon, der zwischen den beiden Mannern nicht klar sah ...

Die Gottheit! Die Gottheit! betonte Heunisch.

Nun, Heunisch, meinte Egon, was haben Sie denn gegen die Gottheit? Sind Sie ein Atheist geworden?

Atheist? Was ist Das, Durchlaucht ... ich meine nur:

Gottheit! Wissen Sie, Herr Pfarrer, vor neun Jahren ... es war Reformationsfest ... vor neun Jahren war ich einmal bei Ihnen in der Kirche und da ging's recht uber die Gottheit her. Wissen Sie? Sie sagten, Herr Pfarrer: Eine Gottheit gab's gar nicht, sondern blos einen allmachtigen Herrn des Himmels und der Erde, der da heisse: Herr, Herr Seligmacher und Friedensfurst! Furstin Durchlaucht ... Lieber Heiland, da steht ihr Bild ... zweimal, dreimal ... das ist sie auch; ja, ja! Tausendmal steht sie da drinnen in unsern Herzen! ... Furstin Durchlaucht nickten Ihnen sehr gnadig aus dem vergitterten Stuhl oben, quer uber's Schiff weg, auf die Kanzel zu, als Sie sagten: Es gabe blos einen Gott, Namens Seligmacher und Friedensfurst, aber keine Gottheit! Wie?

Stromer lachelte.

Anschauungen, die auf einem bestimmten Standpunkte ihre Wahrheit haben! sagte er und nahm nun von den inzwischen aufgetragenen Speisen ein halbes kaltes Rebhuhn auf seinen Teller, wahrend Egon Louis herbeirief und ihm, wahrend er selbst nichts genoss, den vierten Teller anbot und Heunischen selbst vorlegte.

Herr Louis Armand, sagte Egon dabei, ein Freund aus Paris, er versteht hoffentlich sehr gut, was deutsche Rebhuhner sind. Iss, lieber Freund!

Egon machte sehr gefallig den Wirth und schenkte aus Krystallflaschen Madeira ein, ohne selbst davon zu geniessen.

Louis setzte sich zogernd und verbeugte sich vor den beiden Andern.

Ziehen Sie doch Ihre Handschuhe aus, Herr Pfarrer, sagte Egon, nicht merkend, dass der Pfarrer von uberwundenen Standpunkten sprechen wollte, und erzahlen Sie uns, was Sie herfuhrt, und auch Heunisch soll sagen, was ihn gerade jetzt von seinem Walde trieb, wo es: Hab' acht! heisst. Ich hoffe, ein Jeder von Ihnen bringt mir noch einige Nachrichten, wie es in Plessen, Randhartingen, Schonau aussieht.

Stromer merkte hier wirklich, dass man noch nicht mit der Art bekannt war, wie er sich bei Auseinandersetzungen zu ergehen pflegte. Man hatte kein Ohr fur dieses stille Aufschnurren seiner Gedanken, sprach in seine Vorbereitungen zu einer Rede ohne Weiteres hinein und hatte sich eigentlich sagen mussen, dass er in Plessen die Zeisel's, die Sanger's, die Sengebusch's, die Bensheim's und andere Herrschaften schon ganz anders zum Cultus seines Genius abgerichtet hatte.

Ja, ja, ergriff Heunisch das Wort; Das ware nun wol mit Verlaub des Herrn Pfarrers die Hauptsache ...

Hat Schlurck schon die Ernte eingetrieben? fragte Egon mit einer Miene, die sich etwas verdusterte.

Schlurck? sagten beide Gaste einstimmig und blickten verwundert auf.

Sie vergessen Prinz, sagte Louis mit hoflichem und sich vollig unterordnendem Ton, dass sich alle diese Dinge geandert haben.

O, o ! fiel Egon ein und bezog seine ablehnende Ausrufung auf die Rolle, die Louis plotzlich in Gegenwart der Andern wechselte ...

Doch fuhr dieser sogleich fort:

Kurz vor dem vollen Ausbruch Ihrer Krankheit besassen Sie noch die ganze Kraft des Geistes, einen Befehl zu ertheilen, dessen Vollziehung die besten Folgen fur Ihre Besitzungen gehabt hat.

Durchlaucht, sagte Heunisch, wir sind glucklich, dass wir in unserm alten Verhaltnisse bleiben und nicht an die Wucherer und die Juden kommen. Der Herr Ackermann fangt das Ding im Grossen an. Das ist ein Hexenmeister und muss den Teufel im Bunde haben. Entschuldigung, Herr Pfarrer! ...

Allerdings, setzte Stromer hinzu, allerdings hat das Auftreten dieses Herrn Ackermann etwas Zauberhaftes. Dem gemeinen Manne erscheint er in der That wie ein Hexenmeister, der Gebildete muss ihn fur einen Adepten seltener agronomischer Kenntnisse nehmen. Wenn Ackermann in dieser Weise fortfahrt, die Bedingungen des Bodens und die Fortschritte der neuen Landwirthschaftstheorieen zur Grundlage seiner Verwaltung zu machen, wird man uber den Aufschwung, den Ew.

Durchlaucht Besitzungen nehmen werden, allgemein erstaunen.

O, sagte Heunisch, jetzt ist das Alles blos noch das erste Buch der Chronika! Von Neujahr an wird Das ganz anders kommen, wenn Ackermann's Maschinen erst da sind!

Ackermann? Ackermann? sprach Egon vor sich hin. Er besann sich jetzt auf Alles, was in diesem Betracht vor seiner Krankheit geschehen war; und Eins trat so lebendig aus dem Andern wie ein plotzlich entwickeltes Nebelbild hervor, dass ihm schwindelte und er Louis statt seiner reden liess, der, ohne zu thun, als wenn Egon uber diese Veranderung noch nicht vollig unterrichtet ware, die naheren Veranlassungen derselben deutlicher angab.

Da hab' ich mich auch, fuhr Heunisch fort, den die freundliche Aufnahme seines Gutsherrn und der Wein ermunterte, gar nicht lange besonnen und Herrn Akkermann gebeten, die zweihundert Louisdors, die er uns selbst ... die ich fur Jemanden Anders aufzubewahren und gut anzulegen den Auftrag hatte, ihm anzubieten. Er mochte sie nicht nehmen; aber aus Gefalligkeit that er's und die Zinsen legte er gleich von dem Capital zuruck.

So golden geht es jetzt auf meinen Gutern zu? rief Egon mit einem mehr kunstlichen als naturlichen Erstaunen. Denn sein Befremden galt jetzt weit mehr seiner nun vollig geweckten Erinnerung, als diesem einzelnen Falle.

Man spricht, fuhr Stromer fort, von Verbesserungen der Cultur, von Entdeckung neuer, bisher unbekannt gebliebener Braunkohlenlager, von Entwasserungen und Anderem.

In den Wald, sagte Heunisch, muss eine ganz neue Ordnung kommen. Es thut ihm noth, denn noch vor kurzem, als Herr Bartusch schon wieder drei Morgen halbwuchsiges junges Holz schlagen liess, glaubt' ich, dass wir nun bald werden roden, saen und ernten konnen, wo sonst Buchen und Eichen standen.

Trinkt doch, Heunisch, sagte Egon zu dem gegen Stromer gehalten zaghaften und zuruckhaltenden Jager; erzahlt uns, was Euch hergefuhrt hat. Herr Pfarrer, wirklich, Sie kommen dem Geflugel nicht gut bei, wenn Sie Ihre Handschuhe schonen ...

Egon suchte jede Schranke, die ihn von Stromern trennte, wegzuraumen, freilich aber auch jede, die Stromern von Heunisch trennte. Sie sollten sich als seine Angehorigen, Sendboten von seinen Gutern fuhlen. Stromer vermochte nicht, sich ganz naiv und unbefangen in diese Situation hineinzudenken. Er blickte um sich, musterte die Statuen, wog die silbernen Gabeln, mass seine Worte, kurz er wollte den bedeutenden Moment, jetzt mit dem so vielfach abenteuerlich genannten Sohne seiner weiland Gebieterin zusammenzusein, auch in aller Schwere und thatsachlichen Wucht geniessen.

Heunisch merkte, dass er, wenigstens den Pfarrer, storte.

Nachdem er einige Glaser getrunken, beim Geflugel seine Tranchirkunst zuletzt mit den Fingern unterstutzt und sich den Mund abgewischt hatte, sagte er aufstehend:

Durchlaucht, es ist doch zuviel, was sich Unsereins hier herausnimmt. Ich glaubte, Das sollte ein Glaschen auf Ihre Gesundheit werden, und nun wird's ordentlich eine Mahlzeit ... und ich vergesse ganz, dass mir's eigentlich gar nicht appetitlich zu Muthe sein sollte.

Guido Stromer hob die Augen scharf auf den unbefangenen Waldsohn und schien ihn in der Absicht, sich zu entfernen, bestarken zu wollen.

Habt Ihr einen Verlust gehabt? fragte Egon. Ich hoffe, eine gute Sache hat Euch in die Residenz gefuhrt ...

Nein, Durchlaucht! antwortete Heunisch, verbesserte sich aber sogleich und sagte:

Das heisst, wenn ich wegen unsers jungen, schonen Herrn gekommen ware, aber, glauben Sie's nicht, Durchlaucht ...

Was soll ich nicht glauben?

Dass ich wegen Ihrer und von wegen der Nachfrage nach Ihrem Befinden hergekommen bin.

Sehr naiv! bemerkte Guido Stromer halb fur sich mit einem vertraulichen Blinzeln auf Egon und Louis, da Beide lachen mussten.

Nun warum! Es ware doch eine Luge! sagte der ehrliche Forster. Der Herr Pfarrer sind vielleicht deshalb hier, der Justizdirector von Zeisel und die gnadige Frau Justizdirectorin sind bestimmt auch deswegen hier ...

Auch Herr von Zeisel ist hier? fragte Egon lachelnd und seines Verhors, noch mehr seiner Wohnung im Thurme gedenkend.

Wird bald aufzuwarten die Ehre haben! fugte Stromer bei.

Sehen Sie Durchlaucht! fuhr Heunisch fort, dem der Wein etwas in den Kopf gestiegen schien und der deshalb nun ernstlich sich zum Gehen entschloss. Das war ein Stich vom Herrn Pfarrer, der soviel sagen sollte als: Heunisch, macht, dass Ihr Euch Eurer Wege schert!

Heunisch verrieth, dass er, wie alle Naturmenschen, angetrunken, etwas handelsuchtig wurde ...

Bewahre, bester Freund, versicherte ihn Egon. Herr Pfarrer freut sich wie ich, dass ich mich einmal im Schoosse der Meinigen fuhlen kann. Kann ich Euch nur in Etwas dienen, Heunisch? Wie lange bleibt Ihr? Sucht Ihr hier Etwas?

Ich wunscht', es konnte mir Einer helfen! meinte Heunisch und kraute sich in den Haaren. Aber ... Frauenzimmertucke! ...

Eine weibliche Angelegenheit also?

Herr Heunisch, sagte Guido Stromer, der diese Fahrte als die rechte vermuthete. Es ware Zeit, dass Sie dem Junggesellenstande entsagten ...

Wandstabler, der Haushofmeister, leitete inzwischen einen zweiten Gang des Fruhstucks ein, indem er gewissermassen die Honneurs einer Omelette aux confitures machte, die man eben in einer grossen silbernen Schussel hereinbrachte.

Guido Stromer verstummte uber den behaglichen Anblick und sah mit erwarmterem Antheil seinen mit Knochelchen belegten Teller verschwinden und einen neuen an dessen Stelle schweben ...

Heunisch aber hielt seine Gedankenreihe fest und schuttelte den Kopf.

Herr Pfarrer, sagte er, an mir verdienen Sie keine Copulationsgebuhren. Nein, da kommt aus Schonau der reiche Bauer Sandrart zu mir Durchlaucht kennen wol die Namen Ihrer getreuen Unterthanen nicht der reiche Bauer Sandrart aus dem Ullagrunde

Sandrart? sagte Egon. Wohl! Wohl! Er ist aus dem Ullagrund und hat einen Sohn, der hier beim Militair steht und vor sechs Wochen zum Sergeanten avancirte.

Heunisch erstaunte uber diese genaue Kenntniss der

nachsten Beziehungen seiner Bauern, die er hier bei dem jungen, in der Heimat doch wildfremden jungen Fursten antraf.

Aber auch Stromer und Louis Armand fanden die

Antwort uberraschend.

Das muss ich sagen! rief Heunisch. Da wird Segen

uber unser Landchen kommen

Beim Worte: Landchen, warf Stromer dem Jager

einen bedeutenden Blick zu, den Egon wohl verstand, aber Heunisch noch nicht.

Recht so, Heunisch! sagte Egon. Ein Landchen ist

gerade Das, was sich gut ubersehen lasst. Aber den Sandrart kenn' ich durch Zufall.

Und den Sohn auch? bemerkte Heunisch gedehnt,

der noch nicht verstanden hatte, was eigentlich der strafende Blick des machtig kauenden Stromer hatte bedeuten sollen ...

Und den Sohn auch! fuhr Egon fort. Ein lieber, hei

terer Gesell! Ja, ja, der Alte hat Batzen; aber der Junge bringt sie ihm auch gewiss an. Ein Gluck, dass er Soldat sein muss und unter Raison steht.

Heunisch gab das Grubeln uber die blitzenden

Augen des Pfarrers auf und rief voll Verwunderung:

Aber Das muss ich sagen! Grade wie's ist! Nicht um eine Linie vom Schwarzen! Mitten in die Scheibe!

Wahrend selbst Armand aufmerksam war, ob diese Bekanntschaft nicht etwa mit Egon's Ruckreise zusammenhing, und er gespannt wartete, ob der Freund sich uber jene Reise uberhaupt jetzt genauer auslassen wurde, fuhr Heunisch fort:

Kommt der Sandrart zu mir und sagt: Heunisch, sagt er, ich hab' einen Jungen, Ihr kennt ihn..? Ja, sag' ich, Sandrart, er ist jetzt Sergeant, ich kenn' ihn. Sagt' er drauf: Ihr habt in der Stadt eine Nichte? Meiner Geschwister Kind, sag' ich, Franzchen Heunisch, Wallstrasse Nr. 14 im Hofe eine Treppe hoch, links bei Tischler Martens.

Ohne Heunisch zu storen und den Andern aufzufallen, horchte jetzt Louis, dem der Dialekt des Forsters etwas schwer zu verstehen wurde, an dieser Stelle hoch auf. Soviel begriff er, dass hier plotzlich von Franchette Heunisch die Rede war ...

Heunisch fuhr fort:

Nun, Heunisch, sagte Sandrart, ich wunschte, Eure Nichte ware ein Bischen saubrer als sie ist. Das ist eine Mamsell ... Fahr' ich auf und sage: Sandrart, hier steht der Tisch zwischen uns, redet mir nichts Unebenes von meiner Geschwister Kind. Sie macht Putz, das ist wahr, aber darum ist sie die sauberste Person von der Welt, und eine Mamsell werd' ich nie in meine Forsterswohnung nehmen, denn Das ist mein Wille, dass sie mir die Wirthschaft fuhrt, wenn es mit der alten Ursula Marzahn zu Ende geht. Nun, sagte Sandrart tuckisch er kann tuckisch sein! Er hat Geld! nun, Heunisch, sagt' er dann, macht denn nur bald, dass Ihr sie in den Wald hineinnehmt, denn sie lauft jetzt bei Nacht auf die Balle und hat's auf zweierlei Tuch abgesehen. Mein Sohn Heinrich Sandrart, der Sergeant, will sie heirathen.

Der Eindruck dieser Erzahlung auf Louis stieg, ohne dass die Ubrigen seine Aufregung bemerkten.

Franzchen Heunisch, sag' ich, auf die Balle? Franzchen Heunisch zweierlei Tuch? Das ist nicht wahr, antwort' ich und schlage auf den Tisch, dass er knackt und die Ursula ihr altes Lachen kriegt. Sie ist narrisch die Ursula und lacht, wenn sie sich angstigt ...

Psychologisch interessant! bemerkte Guido Stromer etwas ungeduldig uber die breite Art, wie sich dieser Forster eine furstliche Audienz fast nur fur sich selbst nutzbar machte und dabei die Kenntniss von Namen voraussetzte, die dem Prinzen ja vollig unbekannt sein mussten ...

Ich habe Beweise davon, bemerkte Egon, dass Sandrart grob sein kann ...

Heunisch wurde bei aller Aufregung neugierig, antwortete aber nur:

Ja, ja, er kann's! Er hat Geld!

Fahrt nur fort, Heunisch! erwiderte Egon und bemerkte nichts von der Spannung seines franzosischen Freundes.

Mein Sandrart aber argert mich mit seiner Balllauferei und dem zweierlei Tuch so, dass ich mich ganz vergesse und das Franzchen so lobe, dass die alte Ursula immer noch mehr lacht, aber auch nach Feuer, Wasser, Erde ruft, um sich begraben zu lassen. Ich hore nicht auf ihre Hexerei sie meint es gut mit mir die Alte und sage dem Bauer, was ich von Franzchen Heunisch denke und was sie mir werden soll, die Stutze und die Pflege meiner alten Tage. Da sagt' er denn, sein Sohn, der Sergeant, der Herr Sergeant der Alte tragt den Kopf hoher als der Junge die neuen silbernen Litzen der wollte das Franzchen heirathen und er sollte eigentlich bei mir um sie anhalten und ich ihr befehlen, dass sie ihn nimmt. Allein aber Durchlaucht; das war Alles Hohn! Der Alte denkt nicht daran, dass sein Sohn, der Sergeant, so eine Partie macht ...

Aber das Madchen, die Franziska? fragte Egon und flosste dem Pfarrer, der sich inzwischen in gelassener Geduld die Omelette schmecken liess, Bewunderung uber seine Leutseligkeit ein, wahrend Louis Armand mit dem lebendigsten Interesse jedes Wort aus des Jagers Mund aufgriff und seine ihm schmerzlichen Mittheilungen mehr errieth als verstand.

Egon's Frage elektrisirte ihn.

Ja, Das ist's ja, sagte Heunisch. Die Franz will ja den Sergeanten gar nicht. Ich mache mich stanta pe gleich auf den Weg und hierher und sehe die Bescherung. Da krieg' ich einen schonen Spass zu horen. Meine Franz lauft wirklich auf die Balle und halt's mit einem alten Franzosen, der sie besucht ... ja, ja, sollte man's denken, einem so jungen blutjungen Ding lauft ein alter Franzose nach, von dem sie vorgibt, franzosische Lectionen zu nehmen ... Auch Das sagte mir der alte Sandrart schon im Walde und da sagt' ich schon, ich wollte doch hier einmal sehen, wieviel Vokabeln die Mamsell von dem Franzosen schon gelernt hat ... Donnerwetter! ... Vergeben Sie, Herr ...

Diese hofliche Milderung seines Zornes und erschrockene Rucksichtnahme war an Louis gerichtet, der unruhig und bewegt genug die vielen bedauerlichen Nachrichten uber ein junges Madchen gehort hatte, das ihm seines bescheidenen und lieblichen Wesens wegen so theuer geworden war. Seitdem er ihr Siegbert's Ubersetzung seines Gedichtes geschickt, hatte er nichts mehr von ihr vernommen. Und nun diese Entdeckungen uber Soldaten, alte Franzosen, Balle, Heirathen, Vokabeln! Es brannte ihm der Boden unter den Fussen. Er hatte aufspringen und fortsturzen mogen und nur mit Muhe und dem Glauben, er selbst wurde wol jener Franzose sein, bezwang er sich zu der Antwort auf Heunisch's an ihn gerichtete Rede:

Wenn die Tochter Ihrer Schwester franzosisch lernt, so ist es wol nur die Eifersucht des jungen Sergeanten, die in dem Lehrer gleich einen Liebhaber vermuthet.

Das dacht' ich auch, fiel Heunisch seinen Zorn uber das Franzosischlernen aus Rucksicht auf Louis Armand's gebrochenes Deutsch mildernd ein, und sagte dann der Ursula Lebewohl. Ist sie noch zu retten, bring' ich sie mit, du wirst alt, du musst eine Stutze haben. Es war der Ursula recht. Verbrennen und ertrinken, sagte sie, kann man uberall. Gut! Lauft sie nicht auf die Balle, so kann der Sergeant, wenn er ausgedient hat, hier um sie anhalten, als: in meinem Wald. So bin ich hergekommen, und da ich doch einmal da war und ich horte, Durchlaucht sind durch Gottes Schutz am Leben erhalten, so hab' ich's gewagt, auch bei Ew. Durchlaucht anzuklopfen und nun fahr' ich morgen in aller Fruhe in Gottes Namen wieder heim. Das ist's! Und Das war's! Und nun Adieu, Durchlaucht, und kommen Sie bald einmal sechsspannig nach Hohenberg, dass man ein paar Buchsen in die Luft knallen und wieder ordentlichen Staat mit seiner Herrschaft machen kann.

Damit wollte Heunisch gehen. Aber Egon hielt ihn fest und sagte:

Ja! So wollt Ihr fort? Mit der besten Spannung unserer Neugier? Das geht nicht! Erst meldet uns von Franzchen und vom Sergeanten!

Guido Stromer seufzte hier etwas uberlaut. Da er aber die rege Geschaftigkeit der Bedienung bemerkte und einen dritten Gang ahnte, stillte er seine Ungeduld. Wandstabler, der Haushofmeister, eroffnete in der That noch einen dritten Fruhstucksakt, der zwar nur in einer Scene, aus einem Dessert von Obst bestand, allein die Vasen und durchbrochenen Porzellankorbe, in denen die Birnen, Nusse, Weintrauben, malerisch geordnet, dargereicht wurden, fesselten doch seine Neugier. Er glaubte vielleicht auf Spuren von Entbehrung zu stossen, er hatte sich sagen mussen, dass ein Fruhstuck von kalten Rebhuhnern, einer Omelette aux confitures, Obst und etwas Schweizerkase mit Madeira mit den Fruhstucken der Madame Schlurck sich nicht vergleichen liess, allein die Art des Servirens hatte doch etwas fur ihn hochst Imposantes. Der Haushofmeister, der jede Abwechselung gleichsam wie ein Herold mit gerauschvoll stummem Blicke ankundigte, die beiden Bedienten, die seine bedeutsamen Winke und augengeblinzelten Befehle mit stiller Sicherheit ausfuhrten, das Silberzeug, das Porzellan, die Malerei der Teller, das Wappen, die weissen wollenen Handschuhe der Bedienten, die Art des Einschenkens, hinterwarts, unversehens, das Alles erfullte seine Phantasie mit angenehmer Behaglichkeit und hob seinen, die Plessener Pfarrexistenz wie eine Fessel abstreifenden idealen Sinn um so mehr, als er bei der Liebenswurdigkeit, die Egon zeigte, hoffen durfte, mit einem Anliegen, das ihm auf dem Herzen lag, keine Fehlbitte zu thun.

Egon, dem das Arrangement des Fruhstucks, dessen eigentliche Seele, Dorette Wandstabler, hinter den Coulissen waltete, ein eigenthumliches Interesse bot war es doch die erste Benutzung seiner eignen Situation, das erste Festhalten seiner neuen heimatlichen Existenz! Egon ermunterte Heunischen, nun auch noch den Rest zu sagen.

Der ist ganz kurz, antwortete Heunisch. Ich komme an, hore und sehe, dass mein Franzchen die Unschuld ist wie sonst. Mit dem Ball und dem alten Franzosen hat's freilich eine kuriose Ursache, aber sie will ihm den Abschied geben. Und den Heinrich Sandrart mag sie wirklich nicht, obgleich den stattlichen, braven Jungen zu sehen eine Freude ist. Was sie auf dem Herzen hat, weiss ich nicht. Sie weint und in den Wald bei Hohenberg will sie auch nicht. Da hab' ich ihr gesagt: Kannst du's nicht, so lass es: wer weiss, ob die alte Ursula nicht einmal ein brennend Scheit Holz nimmt und zu guter Letzt mein Dach illuminirt und dann verbrennen wir Alle im stillen Wald und das letzte Wild rennt mit hinein in's Feuer, oder wir loschen auch ohnedem wie die Lichtlein aus ... Da wollte sie dann mitgehen. Aber wie sie mir zuviel weinte, mocht' ich's nicht und so gehe ich morgen in der Fruhe allein. Nun aber ... Gott erhalt' Ew. Durchlaucht! Adjes, Herr Franzose! Nichts fur ungut wegen der Vokabeln! Adjes, Herr Pfarrer! Kommen Sie bald nach, sonst schliessen Ihnen die Bauern die Kanzel zu und machen den Ackermann zum Pfarrer. Wer Den sieht, denkt gleich, der muss auch gut predigen konnen ...

Ware Heunisch, der die scharfsten Sinne fur die Thiere, aber nicht die geringste Kenntniss der Menschen hatte, ein besserer Beobachter gewesen; so hatte er sehen mussen, dass der junge Franzose in einer auffallenden Erregung mit ihm zugleich aufstand. Louis musste sich gewaltsam beherrschen, nicht loszubrechen und dem Oheim des jungen Madchens zu gestehen, dass er Franziska Heunisch als ein gutes, ihren Pflichten treuergebenes, engelreines Kind hatte kennen lernen. So aber brach Heunisch rasch ab und liess ihn in der aufgeregtesten Spannung zuruck. Da Stromer Miene machte, sein Alleinsein mit Egon nun grundlich zu seinem Besten auszubeuten, so zog sich Louis Armand in aller Stille zuruck, um sich zum Ausgehen anzukleiden. Es hielt ihn nun nicht langer, er musste seine alte Wohnung, den Tischler Martens, seinen eigenen Wirkungskreis und Franziska Heunisch wiedersehen.

Die Bedienten trugen das Fruhstuck ab. Wandstabler erwartete fernere Befehle und entfernte sich, als er diese nicht empfing, mit der letzten Serviette unterm Arm, geruhrt, fast dankend emporblickend.

Egon war durch einige Tropfen des starken Weines, den er versucht hatte, angeregt und ermudete nicht, nun auf Guido Stromer und die etwas umstandliche Art, wie sich dieser Mann in Scene setzte, einzugehen, ja selbst noch zu wagen, den Gerichtsdirektor von Zeisel zu sprechen, falls dieser sich noch sollte anmelden lassen.

Guido Stromer, gesattigt, vom Weine machtig gehoben, mit rollenden blitzenden Augen, entfesselt wie ein alter Bursch, der mit seinen Universitatsgenossen nach zwanzig Jahren sich zu einer Reminiscenz eines Commersches vereinigt, brannte vor Verlangen, mit dem Anliegen, das ihn hergefuhrt hatte, nun hervorzutreten.

Viertes Capitel

Der Luxus des Geistes

Sie sind schon langer hier? fragte Egon, als der gute Heunisch gegangen war und beide Zuruckgebliebenen an einem Fenster Platz genommen hatten.

Durchlaucht, begann Guido Stromer mit einiger Feierlichkeit und den letzten Wohlgeschmack des Gaumens mit der Zunge uberstreifend, Durchlaucht, ich gestehe, dass die Veranlassung meiner Reise mit der Anhanglichkeit, die ich an Sie, Ihr Haus, Ihre edle Mutter haben sollte, in keinem vollkommenen Einklang zu stehen scheint.

Sie sind wahr, wie Heunisch! sagte Egon. Das freut mich, Herr Pfarrer!

Ich sehe da das Bild der theuren Frau! Ihre herrliche Mutter! fuhr Stromer fort. Mag sie mir vergeben, wenn ich dem Sohne, den ich nun so stattlich, so geistesreif, so anschauungsklar vor mir erblicke, wie ich es vor einer Reihe von Jahren schon aus des Knaben Briefen ahnte, die alte Treue nicht halte und vor ihm nicht im gunstigen Lichte der Dankbarkeit erscheine.

Sie wollen sich doch nicht verandern, Herr Pfarrer? sagte Egon, der nun plotzlich mitten in seine kleinen Regierungssorgen eintrat. Aber freilich, wer verdenkt Ihnen Das? Sie haben Anspruche auf eine bessere Pfarre. Sie sind ubergangen, vielleicht zuruckgesetzt worden. Sie werden nicht erleben, dass ich Ihnen zurne, wenn Sie Ihre Lage verbessern konnen..

Durchlaucht sprechen Das, was ich auf dem Herzen habe, nur zum Theil aus, antwortete Stromer. Ich will von meiner bisherigen Stellung nicht ganz ausscheiden. Ich will mir den sichern Ruckzug auf ein festbegrundetes Leben nicht ganz abschneiden. Ich habe ein Weib. Ich habe funf Kinder. Allein ...

Was mochten Sie?

Wenn Ew. Durchlaucht die Gnade hatten zu gestatten, dass ich meine Pfarre von einem Verweser besorgen lasse, einem jungen, erprobten Candidaten, den ich schon gefunden habe ...

Und Sie selbst?

Ich selbst, Durchlaucht, kann einem welterfahrenen Denker wie Sie wol aufrichtig eingestehen, ich selbst bin in einer eigenthumlichen Krisis befangen. Ich mochte, staunen Sie nicht, ich mochte noch einmal den Versuch wagen, dem Leben eine andre Seite abzugewinnen, als sie sich mir bisher in meinem Wirken am Fusse des Schlosses Hohenberg darbot ...

Sie wollten ...

Ich bin ein Geistlicher, der ...

Stromer stockte. Egon half ihm nach mit den Worten:

Ein Geistlicher von einer sehr strengen Auffassung des Christenthums. Ich weiss Das. Meine gute Mutter schenkte Ihnen ihr ganzes Vertrauen ...

Ich war so glucklich, in meiner fruheren Seelenstimmung mit der edlen Verklarten auf einen Ton zu erklingen. Wir erganzten uns. Wir genugten uns gegenseitig ...

Es war eine Seelenfreundschaft; ich weiss es ...

Die reinste und edelste von der Welt! Diesen Bund schloss die himmlische Liebe.

Und Sie sind mir darum doppelt werth, Herr Pfarrer. Soll ich Sie wirklich missen?

Ein Gestandniss, Durchlaucht! Ich finde, dass ich zu fruh abgeschlossen habe. Ich stehe im Anfange meiner vierziger Lebensjahre und bin in einen so nagenden Zweifel uber meine bisherigen Auffassungen der Welt und der gottlichen Ordnung gerathen, dass ich der unglucklichste Mensch sein wurde, sollt' ich auf meiner Pfarre in der Ergebung in mein fruheres Denken und Glauben zu Grunde gehen.

Doch kein Apostat?

Kein Apostat, Durchlaucht! Ich stehe noch immer auf meinen bessern alten Standpunkten und glaube, dass dieses Leben eine Vorbereitung himmlischer Freuden oder ewiger Verdammniss ist. Christus ist noch mein Mittler. Aber ich fuhle, dass ich nicht durch den rechten Zweifel zum Glauben gekommen bin. Ich fuhle, dass ich zu rasch uberwand. Den Feind umging ich, ich bekampfte ihn nicht. Ich fand das glaubige Gemuth Ihrer verklarten Mutter. Die edle Frau war glucklich in den Anschauungen, die ihr als die letzten, die besten, die dauerndsten nach vielen Irrthumern und Gaukelbildern der Phantasie und des Herzens geblieben waren. Ich nahm diese Anschauungen ungepruft an, weil sie fur eine vortreffliche Frau von unumstosslicher Wahrheit waren. Ich war glucklich, mit einer reinen Seele mich auf einen Accord stimmen zu konnen, und glaubte rein zu klingen, weil ich wie sie klang. Sie starb und die gleichgestimmte Terz fehlt nun. Die Harmonie ist hin und ich bin nicht glucklich.

Guido Stromer sprach diese Worte nicht ohne Bewegung und Egon horte sie voller Theilnahme. Er hatte in der Schweiz Gelegenheit genug gehabt, zu sehen, wie frommelnde Richtungen sich oft weltlich entpuppten, hatte Rafflard's charakterlose Metamorphosen erlebt und hier zeigte sich eine Umwandlung, die eine wirklich reine, eine geistige schien. Stromer's Auge blitzte; es lag ein zehrendes Feuer in den Blikken, die seine Worte begleiteten. Es war unfehlbar doch ein Denker, der mit ihm redete.

Mein Herr Pfarrer, sagte Egon, wenn Sie es vor Ihrer Familie verantworten konnen und einen geschickten, wurdigen Ersatz aufzuweisen haben, so wurde es sehr eigensinnig von mir sein, in Ihre innere Entwickelung eingreifen zu wollen. Ich wunsche, dass Sie recht zur Klarheit uber sich selbst kommen mogen, wenn Ihnen nicht dieser Wunsch im Munde eines jungeren Mannes vorlaut scheinen sollte.

Durchlaucht sind sehr gnadig, sagte Stromer, sichtbar erleichtert von der freundlichen Aufnahme seiner Wunsche bei dem neuen Kirchenpatrone, vor dem er, in Erinnerung alter Irrungen, Beklommenheit genug gefuhlt hatte ...

Sie werden also in der Residenz bleiben wollen? fragte Egon.

Sie selbst haben sich in der Welt getummelt. Sie kennen das Leben vielleicht mehr als ich ... sagte Stromer verlegen.

Sie wollen beobachten? Oder ziehen Sie vor zu reisen?

Zu einer Reise fehlen die Mittel ... Ich werde ohnehin schon Muhe haben, eine doppelte Existenz zu bestreiten. Ich denke also hier zu bleiben. Manches Haus hat sich mir bereits erschlossen. Manche bedeutende und einflussreiche Personlichkeit ist mir zuvorkommend schon entgegengetreten. Ich habe mit Erstaunen bemerkt, dass die Erscheinung eines Menschen, der nur lernen, nur auffassen, richtig beurtheilen will, etwas Neues in der Gesellschaft ist.

Wenigstens Der, sagte Egon, der eine solche Absicht von sich offen eingesteht.

Die Menschen finden es sonderbar, fuhr Stromer ermuthigter fort, dass man nicht mit ihnen streitet und darum doch nicht ganz ihrer Ansicht ist. Ich finde, dass die Sucht, Alles in Parteien zu zerkluften, uns den Kern der Dinge raubt und nur die Schale lasst. Sie bewundern zuviel, sagte man mir schon. Sie geben jedem Irrthum eine zu gefallige Entschuldigung! O welche Unduldsamkeit! Der Geist wirft durch das Prisma des Lebens alle Farben des Regenbogens. Wie kann ich eine Mischung der Strahlen uber die andre setzen?

Guido Stromer sprach diese Worte mit einer gewissen schmiegsamen Grazie.

Da konnen Sie ja der Verkunder eines neuen Evangeliums werden, sagte Egon lachelnd und theilnehmend. Das alte, auch das christliche, ist sehr exclusiv.

Doch nicht! sagte Guido Stromer. Auch die Christuslehre will keine objective Wahrheit. Sie will nur eine personliche Wahrheit. Warum ist der Herr fur uns gestorben? Warum sollen im Leib seines Lebens und Blut seines Todes unsre Herzen leben? Der allmachtige Zauber der ergriffenen Personlichkeit, heisst Das, ist die Gewalt, die selig macht; der todte Buchstabe, die objectiv sein wollende Wahrheit ist es nicht.

O Das ist ja herrlich, Herr Pfarrer! rief Egon in seiner nach allen Seiten hin heute so glucklichen Anregung und dabei immer gespannt das Bild im Auge behaltend, auch manchmal wie auf Helene d'Azimont's Nahe lauschend. Predigen Sie doch ja hier uberall diese Lehre! Sie thut der ganzen Welt so noth, dass ich gern ertrage, wenn Sie sie noch einige Zeit den Bewohnern von Plessen vorenthalten! Wie lange wollen Sie, dass ein Vikar dort fur Sie eintritt?

Gestatten Sie mir ein Jahr, Durchlaucht! sagte Stromer bestimmt.

Sprechen Sie mit dem Justizdirektor daruber! Haben Sie schon Ihren Ersatzmann?

Propst Gelbsattel, in dem ich einen Freund und Forderer gefunden habe, wird mir einige Vorschlage machen. Ein gewisser Oleander, ein sanftes, dichterisches Gemuth, von Rechtglaubigkeit und nicht unerfahren im Schulfach, moglicher Schwiegersohn des Propstes, gefiel mir ...

Gut! Aber Ihre Familie? Ware es nicht besser, wenn Ihnen diese ...

Nachzoge? meinte Stromer gedehnt. Ich kann es nicht wunschen. Ich habe mir eine nicht geringe Aufgabe gestellt und gerade Das, was sie allein losen kann, ist die Freiheit meiner Person. Es mag Manchem bedenklich erscheinen, wie ich so Weib und Kind von mir gleichsam abschuttele, aber ich werde spater, wenn ich mein Ziel erreicht habe, sie um so inniger an ein starker gewordenes Herz ziehen.

Egon nahm keinen Anstand seinen Beifall zu geben, gestattete ohne Weiteres, jenen Oleander zu wahlen und sagte nur noch:

Um dieses Ziel? Welches ist es, Herr Pfarrer?

Stromer gerieth in einige Verlegenheit. Er schien mehr gesagt zu haben, als er wollte. Egon nahm daher Veranlassung, sich noch lebhafter in seine Gedankenreihe zu versetzen und ausserte rasch:

Fast merk' ich etwas. Sie werden vielleicht weder nach Plessen, noch je uberhaupt auf eine Kanzel zuruckkehren wollen? Sie suchen einen ganz neuen, eigenthumlichen Lebensweg. Nicht wahr?

Durchlaucht, dass ich es offen gestehe, fuhr Stromer, nun ganz mit der Sprache herausgehend, fort. Ich kann mich in dieser doppelten Existenz nicht behaupten, wenn ich nicht an eine neue Erwerbsquelle denke. Meine Art zu urtheilen fiel in einigen Salons auf und Propst Gelbsattel war es vorzugsweise, der mich ermuntert hat, die Feder zu ergreifen. Ich werde schreiben ...

Ah! Das war fur Egon eine ganz neue Perspective. Er hatte also einen werdenden Autor vor sich! In diesem Augenblick verstand er Guido Stromer's Weise, seine Sprechart, sein Ausseres, seine hohe Stirn, seine zuruckgestrichenen Haare, die weit geoffneten Augen, dieses eigenthumliche Etwas, das uber des Mannes ganzer Erscheinung lag. Und weit entfernt, ihn wegen dieses Gestandnisses fur geringer zu achten, schenkte er seinem Besuch eine im Gegentheil sich steigernde Hochachtung. Nur eine Art beklommener Scheu kam jetzt doch uber den jungen Fursten, eine gewisse Verlegenheit, ja wenn er ganz aufrichtig sagen wollte, was ihm geschah, so musste er eingestehen, ein gewisses Mistrauen regte sich in ihm, und ein wenig auf dem Stuhle ruckend, gleichsam als wollte er abbrechen, sagte er:

Und nach welchem Gesichtspunkte denken Sie zu wirken?

Die Gahrung des Geistes, sagte Stromer, diese nur so hingeworfene Frage festhaltend, kundigt sich nach allen Richtungen an. Kein Feld des menschlichen Wissens, wo nicht ein alter Glaube neuer Prufung unterworfen ist. Das religiose, mir verwandteste Gebiet ist mit der Weltlichkeit in eine bisher ungeahnte Beziehung getreten. Wie fordern die vielen kirchlichen Regungen nicht selbst die Politik der Staaten heraus, und wie nahe tritt die Religion uberhaupt jetzt wieder dem Leben, dem taglichen Zusammenhange unseres Ichs mit dem Nachsten, dem Naturlichsten, was unsere Existenz bedingt! Weit entfernt, darin eine Entweihung des Gottesgedankens zu finden, sollen wir die Moglichkeit eines neuen Triumphes fur ihn anerkennen. Alles will neugeboren werden, in einem neuen Lichte wandeln, die Taufe des Geistes empfangen, die Feuertaufe der freien Uberzeugung. Nun wohlan! Da mag geirrt, blindlings getastet, das nachste Endliche und Oberflachliche zu schnell als Beantwortung einer tiefen Menschheitsfrage genommen werden; aber es ist doch ein Drang, ein Streben, eine machtig wirkende Wahrheit des Gemuthes da. Ich sehe hier ein Chaos von Principien, ein wildes, sich baumendes Trotzen auf seine Endlichkeit, ein Prahlen sogar mit seiner Verzweiflung an der Unmoglichkeit, uber die Schranken des Diesseits hinauszublicken; allein selbst im Extrem, selbst in der Caricatur muss ein Denker staunen, wie doch der Sinn der Menschheit an Idealitat zugenommen hat. Ich habe hier sogenannte freie Gemeinden besucht, deutschkatholische Zusammenkunfte, ich war unter jungen Philosophen, die etwas wild und zugellos das Nichts ihres Geldbeutels auf das Nichts des grossen Alls bezogen, ich stehe staunend und verwundere mich uber die Vermessenheit der Ohnmacht, und doch hat dies Sehnen und Schmachten der Creatur nach Freiheit und Erkenntniss einen unendlichen Reiz fur mich, einen grosseren, als fruher mein allzuschroffes Verdammen jeder Richtung, die nicht zu meinem nachsten Ziele fuhrte. Man sagte mir, dass meine Analyse dieser Erscheinungen neu sei und deshalb will ich anfangen zu schreiben, so alt ich schon geworden bin.

Und Ihr eigentliches Princip? fragte drangender Egon, den die Zuversichtlichkeit dieses Tones bei der grossen Unsicherheit uber Das, was man jetzt fur Wahrheit nehmen soll, fast erschreckte.

Ich gestehe fast, sagte Stromer, dass ich gegen diese Forderung eines Principes uberhaupt bin. Man soll nicht mehr fragen, was ist Wahrheit? Man soll den Menschen allein nehmen und die Wahrheit individuell nur auf ihn allein beziehen. Gott, diese Fulle der Erscheinungen ist ja so interessant! Wie lieblich ist der Trieb zur Schonheit, wie himmlisch, wie gottlich das Schwelgen in ausserer Form, in der Harmonie der Theile, im Belauschen der Feiermomente der Natur! Andererseits acht' ich, ehr' ich den einsamen Denker, der beim Lampenlichte mit dem grunen Schirm auf dem bloden Auge ein zweiter Faust aus pergamentnen Schriften Erkenntniss sucht. Jede Freude an der Erscheinungswelt, auch wenn sie mich ganz erfullt, ganz entzuckt hat, wie lange dauert sie denn? Da kommen die Humboldt's und zerstoren mir alle Marchen der Schopfungsgeschichte; da losen die Liebig's alles Feste und Majestatische in Wahn und kleine Tauschung auf, und die Mechanik, ist die vollends nicht ein ungeschlachter Riese, der mit der furchtbaren Keule seiner mathematischen Gesetze Alles zertrummert und fast die Erde aus den Angeln ihrer bisherigen Vorstellung uber ihre Krafte gehoben hat? Ja, Durchlaucht, was ist da Wahrheit? Der Mensch ist die einzige Wahrheit, die wir begreifen konnen; der Mensch in seinem Sehnen, Bedurfen, der Mensch in seinem Hass und seiner Liebe, der Mensch in seiner Grosse und seiner Ohnmacht, und wenn der Schriftsteller jetzt einen Beruf hat, so ist es der, die Asthetik der Wahrheit zu lehren, d.h. das Fuhlen und Empfinden, das Zittern und Jauchzen, das Verzweifeln und das Triumphiren des denkenden Ichs. Asthetische Weltanschauung, Durchlaucht, diese wird uns zur Vermittelung der Extreme fuhren. In diesem Sinne hoff' ich, wenn die Feder mir den Dienst nicht versagt, segensreich zu wirken.

Egon, der auf Principien katonisch strenge hielt, ja etwas Stoisches in seinen Uberzeugungen bewahrte, erschrak fast uber diese vague, flimmernde Erklarung, obgleich er nicht im Stande war, sogleich die Gefahr zu erkennen, die aus einer zu uppig wuchernden Beweglichkeit des Geistes fur den Charakter und die Reinheit aller Meinungskampfe entstehen konnte. Dennoch sagte er nicht ohne Ironie:

Da will ich nur nicht wunschen, Herr Pfarrer, dass Sie der Sultan kommen lasst, Ihnen den Sonnenorden umhangt und den Auftrag ertheilt, uber Muhamed's gottliche Sendung zu schreiben!

Guido Stromer war auch sogleich von der Vorstellung des Orients, von dem Sonnenorden und den Anschauungen des west-ostlichen Divans so in seiner beweglichen Phantasie geblendet, dass er nichts erwiderte, sondern die Augen gewaltsam und machtig aufschlug, als wurde ihm eine neue verlockende Gedankenreihe eroffnet, eine Perspective in die Garten von Schiras und Damaskus. Er blickte wie ein von Opium Berauschter und flusterte nur:

Sonnenorden? Muhamed's gottliche Sendung?

Also Schriftsteller! unterbrach Egon sein Traumen, das sich noch im Echo seiner langen Rede zu wiegen schien. O da wunsch' ich von Herzen Gluck! Sieh! Sieh! Wie uberraschend Das ist! Herr Stromer, lassen Sie mich bald von sich horen! Schicken Sie mir das Erste, was Sie veroffentlichen! Wie begierig bin ich! Wie gespannt! Besuchen Sie mich oft und die nahere Einleitung Ihrer Wunsche treffen Sie mit dem Justizdirektor!

Diese Worte waren denn wohl einer Entlassung gleich.

Stromer, fast erstaunt, dass der junge Furst eine solche Mittheilung uber sein kunftiges Wirken sichtlich doch etwas verlegen, ja angstlich aufnahm, verbeugte sich. Es schien uber sein bewegliches Antlitz der Gedanke zu fahren: Der arme junge Mann! Ich hab' ihn in Verlegenheit gesetzt! Ich bin ihm plotzlich zu hoch gewachsen, zu bedeutend uberragte ich ihn!

Stromer ging mit vieler Formlichkeit und dankte fur die ihm widerfahrene Gnade.

Nicht ohne eine gewisse gemachte Empfindsamkeit warf er, als er schon die Thur in der Hand hatte, noch einen Blick auf die in einer Ecke des Zimmers aufgestellten mehrfachen Bilder der Furstin Amanda.

Als sich Egon nach Louis umsah, trat dieser ausgerustet mit Hut und leichtem Stocke herein, um auszugehen.

Es ist gut, sagte er, dass du nicht zugegen warst, lieber Freund. Eben hab' ich mich so albern benommen, dass man von meinen geistigen Kraften bald eine sehr geringe Meinung in Umlauf gesetzt horen wird. Dieser Mann, Geistlicher auf meinen Gutern, erklart mir eben, dass er die Absicht hatte, die Feder zu ergreifen und unsere Literatur zu bereichern. Und statt dies Gestandniss freudig zu begrussen, statt ihn uber die Plane, die er auszuarbeiten gedenkt, zu befragen, gebehrd' ich mich wie ein Mensch, dessen Weisheit einem Schriftsteller gegenuber zu Ende geht.

Oder vielleicht wie ein geborener Aristokrat! sagte Louis und suchte es trotz seiner Aufregung noch uber sich zu gewinnen, den scherzenden Ton beizubehalten. So oft ich mit einem Maler zu einem reichen oder vornehmen Manne kam, merkt' ich immer, dass man die Schaffenden doch angstlich und befangen behandelt. Ein Maler, der mich hier in meinem kleinen Comptoir besuchte, er heisst Leidenfrost, sagte mir, als ich diese Bemerkung machte: Mein guter Freund, Das geschieht, weil zwischen dem Genie und der Prarogative der Abstand so gross ist, dass die Reichen und Vornehmen ihn meist nur durch Insolenz glauben ausfullen zu konnen. Das passt naturlich auf meinen Freund Egon nicht, wohl aber auf viele Vornehme und vielleicht immer auf das Schicksal der Schriftsteller.

Wenn ich aristokratisch erscheine, sagte Egon, so ist nur mein Freund Louis Armand Schuld. Wer heisst dich denn in fremder Gegenwart mir die lacherlichen Ehren meines Standes anthun, mir Lustre geben, sich zum Schemel meiner Wurde machen?

Louis, der eben einen schwarzen Handschuh zuknopfte, sah den jungen Fursten mit einem von unten emporblickenden Auge voll Ruhrung an. Er sagte nichts, aber es lag in seinem fragenden Blick der ganze Schmerz ausgedruckt, dass dies seltene Verhaltniss, das der sonderbarste Zufall und die Laune eines eigenthumlichen Charakters so gefugt hatte, nun wol nicht mehr lange in dieser Form bestehen wurde.

Louis, sagte aber Egon geruhrt, konntest du je an meiner Treue, an meiner ewigen Freundschaft zweifeln?

Louis schwieg und sah zur Erde.

Du bist gerettet, sagte er nach einer Weile, Louison's Schatten moge dich schutzen! Ich bin nun dein Wachter nicht mehr, nicht der Pfleger des jungen Fursten, den Alle verehren, Manche furchten und nur Wenige wahrhaft lieben werden. Ich kehre nun zuruck zu meinem kleinen Comptoir. Ich bin Louis Armand wieder, der Kunsttischler und Vergolder.

Egon druckte ihn geruhrt an's Herz.

Mein Bruder! Mein Freund! sagte der junge Furst. Ich danke dir mein Leben! Wenn ich je vergessen konnte ...

Erinnere dich unserer glucklichen Zeit, sagte Louis bewegt, und habe nie umsonst gelebt im Schoosse des Volkes! Einige Tage noch und du bist in die Herrlichkeit deines Standes so wieder eingefuhrt, dass du davon uberflutet sein wirst. Die Sorge um dein Eigenthum hat dir ein kundiger, braver Mann in Hohenberg abgenommen! Du hast das Bild, dessen Geheimniss dir bald gelost sein wird! Du hast die feurige Liebe wieder, in deren Umarmungen du die Poesie finden wirst, die eher fur dich passt als einst die Lyoner Idylle unter unsern alten Nussbaumen ...

Nein, nein, Louis! Ich wollte, ich hatte mich getauscht und diese Briefe waren von einer fremden Hand geschrieben, nicht von Helenen's.

Wir haben schon gesagt, Freund, unsere Zeit ist nicht darnach, Liebe von sich zu stossen. Lass sie dein Gluck sein, aber auch deine Zierde, dein Stolz, deine Erhebung!

Das kann sie nicht! sagte Egon duster. Eine solche Liebe, Louis, bleibt egoistisch. Sie klammert sich wie die zartliche Umarmung der Schlingpflanze an uns an, will erst nur lieben, nur dienen, nur gehorchen und bald ist uns das Mark der Seele, das Wachsthum unserer Zweige ausgesogen, wir verdorren und sind nur noch der Schatten unserer selbst!

O moge diese Erfahrung nie kommen, mein Egon! sagte Louis besorgt.

Egon schwieg nachdenklich. Dann umarmte er mit stummer Ruhrung noch einmal den bescheidenen Fremdling, mit dem er schon so viel Frohes und Trubes erlebt hatte und der eben von ihm schied mit dem Gefuhle, das er sich wol eingestehen durfte: Ich habe dich vom Tode gerettet! Wer weiss, ob mir noch langer dein Leben gehoren wird.

Egon rief Louis noch nach, ja nicht bei Tisch zu fehlen und durchaus der heutigen Fahrt nach Solitude sich anzuschliessen.

Ich muss noch einen Arm haben, sagte er, der mich stutzt, einen Fuss, der mit mir geht, einen Kopf, der fur mich denkt, Louis! Glaube mir, es wird mir Alles schwer und ich denke, ich bedarf deiner wol fur den ganzen Weg meines Lebens!

Darunter wurd' ich selbst leiden! antwortete Louis kunstlich lachelnd und suchte die schmerzliche Stimmung durch Scherz zu erleichtern. Du siehst, dass ich auch meine Wege habe und recht geheime, was du spater horen sollst. Leb' wohl! Du bist erschopft. Nimm keine Besuche mehr an! Ruhe dich auf diesen weichen Ottomanen des Nebenzimmers aus und traume!

Ich will es versuchen, sagte Egon, als Louis schon die Thur in der Hand hatte. Ich sah an diesem Guido Stromer, dass man des Geistes zuviel in sich fuhlen kann; ich habe das Bedurfniss, jetzt arm daran zu sein. Ich will nicht denken. Ich will vegetiren. Mein Zustand erfordert es.

Eine Weile warf sich Egon, als er allein war, nun auf ein weiches, schwellendes Polster.

Er war furchtbar erschopft.

Stromer's wuhlerische, grubelnde, ziellose, weichliche Dialektik hatte ihm vollends die Nerven angegriffen. Er sank in die Polster, halb ohnmachtig ...

Nach einer Weile fiel sein Blick, der erst langsam wieder Kraft gewann, auf das rathselhafte Bild ... er sehnte sich nach Dankmar Wildungen ...

Aber nur fluchtig ... Er stiess mit Gewalt den Reichthum von Eindrucken, der ihn plotzlich uberstromte, von sich ...

Das war Alles so uberwaltigend, so voll, so machtig! Helene, Dankmar, das wirklich eroberte rathselhafte Bild dort ... das Testament seiner Mutter ...

Er schloss die Augen.

Seine Knabenzeit uberschlich ihn. Dies waren die Zimmer, die ihm einst verschlossen waren. Hierher liess ihn der Vater niemals. Es waren die Zimmer des alten Fursten, die Teppiche, die Statuen ... wie geschmackvoll, wie weich, wie sanft, die Seele einlullend, den Sinnen sich einschmeichelnd!

Seine furstliche Geburt hatte er noch wenig empfunden. In Hohenberg herrschte kein Luxus und vor den Entbehrungen in Lyon und Paris kannte er nur die bescheidene Bequemlichkeit des Pensionats in Genf.

Nur das mit Helenen verlebte Jahr hatte ihn verwohnt und weichlich gemacht und vorbereitet, dies Palais seines Vaters doch schon zu finden ...

Aber es hielt ihn nicht lange in dieser ausgestreckten Lage auf den Polstern, den Blick so auf die Bilder und die Blumen gewandt, die ihm der Aufseher des Gartens, um sich zu empfehlen, in die Zimmer zur Feier der Genesung gestellt hatte.

Er betrachtete die Zuge seiner Mutter und wollte eben auf das Pastellgemalde nun zuschreiten, als ihm das Billet Helenen's zur Erde fiel. Da erschrak er. Er fuhlte, dass er ihr in das Hotel, wo sie wohnte, jetzt endlich ein Wort des Grusses schicken musste. Er offnete, rasch sich ermannend, einen sauber ausgelegten Schrank, zog eine practicable Schreibplatte hervor und warf rasch die Anrede hin:

"Meine gute, liebe Helene!"

In diesem Augenblicke wurde ihm aber der Justizdirektor von Zeisel gemeldet ... und der Referendarius ...

Er sagte, die zweite Meldung uberhorend:

Ein Andermal!

Dann sich besinnend:

Morgen!

Wie der Bediente ging, dachte er, dass doch sein erster Beamter die nachsten Anspruche an ihn hatte und rief:

Ich bitte Herrn von Zeisel heute die Suppe bei mir zu essen, um zwei, weil ich ausfahren muss! Jetzt nicht! Fort! Fort!

Der Bediente meldete aber noch den zweiten Besuch durch die uberreichte Visitenkarte.

Herr Referendarius Dankmar Wildungen! sagte er.

Eine Karte gab den vollen und richtigen Namen.

Da sprang denn Egon freilich von seinem Sessel empor, stiess das Papier rasch in die Schublade des Schreibtisches und ging mit dem Rufe: Das ist etwas Anderes! O! Endlich! Endlich! ... freudig erregt beiden Angemeldeten entgegen.

Funftes Capitel

Verstandigungen

In diesen sechs Wochen hatte Dankmar Wildungen nur der gesetzlichen Einleitung seines grossen Unternehmens gelebt.

Die gewaltsame Untersuchung seiner Wohnung erzeugte einen gerichtlichen Schriftwechsel, dessen Folge allerdings die Auslieferung der Papiere sein musste, die sich Dankmar erlaubt hatte, aus dem von ihm entdeckten Archive im Tempelhause von Angerode sich anzueignen. Doch gab er sie gern hin, nachdem er und Siegbert Tage und Nachte damit zugebracht hatten, Abschriften zu nehmen und diese gerichtlich beglaubigen zu lassen.

Die Angelegenheit wegen des Bildes konnte er nicht weiter verfolgen. Siegbert hutete sich wohl, ihm zu entdecken, dass er in der Ruckwand desselben Schriften gesehen, die Bezug auf ihre eigenen Anverwandten hatten. Er furchtete, das leicht erregte Gemuth des Bruders nur zu neuen Unternehmungen, deren Ende und Gefahr nicht abzusehen war, zu entflammen, und besprach sich mit Rudhard, dem die Verwickelung seiner ihm in dieser Sache noch kurz vorher moglich geschienenen Mission ausserordentlich schmerzhaft war, ein anderes Auskunftsmittel zu finden, das den Verdacht des Prinzen uber die stattgefundene Unterschlagung ablenken sollte ... Denn darin waren sie einig, dass eine verwegene, bose Handlung hier im Spiele war, eine Intrigue, die sie Alle getauscht hatte. Als Schlurck die Bilder ablieferte, wussten sie es mit Louis Armand's Beihulfe wahrend der Krankheit des Prinzen dahin zu bringen, dass Egon, im Fall er das Geheimniss der Offnung des Medaillons entdeckte, sich nicht ganz getauscht fuhlen konnte. Alle diese Unternehmungen aber schwanden vor der Grosse der Aufgabe, die sich Dankmar dadurch stellte, dass er gleichsam dem Staate und der am meisten bei der Johannitererbschaft betheiligten Kirche den Fehdehandschuh hinwarf und fur die einzige freie Personlichkeit einer Familie eine Uberlieferung der Jahrhunderte in Anspruch nahm. Verjahrt konnten seine Anspruche nicht genannt werden. Denn der Staat hatte durch Proteste, die sich von Menschenalter zu Menschenalter wiederholten, diese Entscheidung als eine offene aufrecht erhalten. Er fand keine Narbe, sondern eine Wunde vor. Der Staat, von welchem wir reden, war einer von denen, die sich ohne Umwalzungen in einer ruhigen Entwickelung allmaliger Vergrosserung und leidlich rechtlicher Begriffe gebildet hatten. Hier konnte ein Process vom siebzehnten Jahrhundert her noch unentschieden sein, wie Friedrich der Grosse im Jahre 1740 einen alten Process des Dreissigjahrigen Krieges aufnahm und Schlesien eroberte. Da aber die Berechtigung des Streites zugestanden war und fur die Commune immer nur der Titel des Besitzes gegolten hatte, so war die Mitbewerbung eines Dritten zwar ein unvorhergesehenes, aber vollig begrundetes Ereigniss. Es kam nur darauf an, dass die Unparteilichkeit der Richter die Anspruche der Familie Wildungen auf Grund jener Urkunden anerkannte.

Das Aufsehen, das diese merkwurdige Wendung eines vom grossen Publikum bisher nur gleichgultig beobachteten Streites machte, war nicht gering. Einige nur in der Gesellschaft, nur in kleinem kunstlerischem Kreise bisher genannte Namen kamen plotzlich in Aller Mund. Jedermann sprach von den beiden Sohnen einer armen Predigerwitwe in Angerode, die in der Lage waren, Besitzer eines, wie dies naturlich sogleich geschah, ubertriebenen Vermogens zu werden. Man vergrosserte nicht nur die Summen, um die es sich handelte, sondern auch die Rechtsgrunde, deren schlagende Triftigkeit doch erst zu erweisen war. Man nahm Partei, erst fur das Wunderbare in dieser Sache an sich und gab Denen unbedingt Recht, denen das hier auf dem Spiele stehende Gluck gleichsam aus den Wolken in den Schooss fiel. Bald aber zertheilte sich die erste gunstige Meinung. Bedenken, Zweifel wurden laut und wo die grundliche Prufung schwieg, stellte sich das verletzte Interesse ein. Besonders war es die stadtische Kirche, die in Zorn und Eifer gerieth. Hatte sie schon gefurchtet, in die Botmassigkeit des Staates zu kommen und der patriarchalischen Verwaltung ihrer Pfrunden und Institute entkleidet zu werden, so hatte sie jetzt nicht nur das schone, noch dazu zeitgemass stutzbare Princip der "Selbstregierung" zu verlieren, sondern sah auch der volligen Einbusse ihrer reicheren Dotation entgegen, wenn die Hauser, die alten Grundgerechtsame und Zinse der St.-Johanniterverlassenschaft in die Hande jener Familie kamen. Dem Zorne und Poltern der verletzten Interessen folgte, wie dies immer in solchem Falle zu geschehen pflegt, auch bald das Aufstellen scheinbar parteiloser und doch nur im Interesse der Parteien gemodelter Principien. Der Eine verlangte die Verjahrung, der Andere raumte nur dem Staate und nur ihm als Universalerben jedes verjahrten Rechtes den Besitz ein. Freimuthige Seelen und solche, die am Neuen und Seltenen Gefallen fanden, stellten dem Staate und der Gemeinde die Personlichkeit gegenuber und ihr ewiges unverjahrliches Recht, fanden in dieser materiellen, handgreiflichen und nur mit Geld und Gut auszudruckenden Verhandlung eine hohere Symbolik und erklarten, diese durch zwei Jahrhunderte herrenlos gebliebene, nur dem Starkeren anheim gefallene Hinterlassenschaft eines geistlichen Ritterordens ware ja ein Bild der Verwirrung unserer Zeit uberhaupt, die auch so das Unrecht und die Gewalt in den Alleinbesitz der grossen Verwaltung des Menschheitideales gebracht, uberkommen hatte und sich jetzt entschliessen musse, diesen Alleinbesitz an das ursprungliche Menschenrecht umsomehr wiederherauszugeben, als die an dem unrechtmassig erworbenen Eigenthum haftenden Pflichten des heiligen Streites fur jenes Ideal, das dem Mittelalter das Land war, wo der Erloser wandelte, und der neuen Zeit das Ideal eines hohern Tempels der Freiheit und der Gluckseligkeit ist, von diesen gewaltthatigen und eigenmachtigen Usurpatoren nur zu sehr hintangesetzt wurden.

So ungefahr wurde die erste Nachricht von dem Process der Gebruder Wildungen aufgenommen; denn eine weitere Parteinahme, als fur das erste, blendende Gerucht, war noch nicht moglich. Erst vor vierzehn Tagen hatte Dankmar seine selbstverfasste Schrift eingereicht. Aber nicht nur die Kunde der Thatsache selbst, sondern auch das nicht ungunstige Vor-Urtheil des Gerichtshofes uber die mit grossem Verstande und seltner Rechtskenntniss abgefasste Schrift verbreiteten sich so rasch, dass Dankmar und Siegbert, von dem Andrang der Theilnahme, die sie so plotzlich uber sich hereinbrechen sahen, fast erdruckt wurden. Da wollte Jeder Gluck wunschen, Jeder staunen, guten Rath geben und im gunstigen Falle wol auch Theil haben an dem grossen Erfolg. Wo die Bruder fruher nur durch ihr Talent, ihre liebenswurdige Personlichkeit sich geltend machen konnten, waren sie jetzt so gesucht, so gepriesen, dass sie Noth hatten, sich vor dem allgemeinen Sturme der Liebe und Freundschaft nur selbst zu bewahren. Weise und sich selbst beherrschend, wie diese Junglinge fruh erzogen waren, begnugten sie sich mit den Beziehungen, von denen sie ahnten, dass sie ihnen auch ohne den gehofften Sieg treu bleiben wurden, und beschrankten sich im Ubrigen fast noch mehr auf sich selbst als fruher. Sie mussten Dies schon darum thun, weil der Process bedeutende Geldmittel erforderte, von denen sie kaum voraussahen, woher sie ihnen zufliessen sollten. Vorlaufig glaubten sie bestens das Ihrige zu thun, wenn sie fleissig und redlich arbeiteten, um neben ihrem Unterhalte auch noch die Mittel fur ihren Process zu erubrigen. Siegbert sah sich in der ihm unangenehmen Lage, nachdem das Bild der Majorin Werdeck sehr gefallen hatte, viel zu portraitiren, und Dankmar, der sich in eine andere Abtheilung des Obergerichts hatte versetzen lassen, arbeitete auf Diaten, schrieb auch unter fingirtem Namen juristische Compendien, die nur Erinnerungen seiner eigenen Kenntnisse waren, in Eile geschrieben nichts Neues bringen konnten, aber als gangbare Artikel bezahlt wurden.

Eben erst im Beginn dieser nun neu von ihm angelegten Thatigkeit hatte Dankmar alle seine fruheren Verwickelungen mit Personen und fremden Verhaltnissen von sich abzustreifen gesucht. Er hatte dem Justizrath Schlurck die von Melanie gewunschte Entschuldigung uber das Vorgefallene geschrieben, aber den so heissen Drang, Melanie ganz fur sich zu gewinnen, doch wieder mit jener stoischen Selbstuberwindung, die jungen Gemuthern so leicht moglich wird, bezwungen. Er horte auch, dass sich Melanie mit dem Stallmeister verlobt hatte. Freunde versicherten ihm, dass sie in der Umgegend der Stadt reite, fahre, immer umgeben von einem Schwarm von Verehrern. Er bekampfte sein Herz. Der Ernst seines jungen Lebens erfullte ihn zu sehr und was er immer gesagt hatte, Melanie ware von den Frauen Eine, die man nur liebe, wenn man sie sahe, bestatigte sich vollkommen an ihm selbst. Er wurde gegen Frauen um so schroffer, als bei der ersten Nachricht von der ihm und seinem Bruder lachenden Moglichkeit einer glanzenden Zukunft sogleich ein ihnen widerliches Drangen bemerkbar wurde, gerade das weibliche Geschlecht in ihre Nahe zu bringen. Von mancher Familie, wo die Absicht zu grell hervorstach, zogen sie sich wie in ihren zartesten Fuhlfaden verletzt zuruck.

Wahrend sich Siegbert fast ganz und ausschliesslich auf sein Atelier, die nahere Beziehung zu dem anregungsreichen Leidenfrost und die ihm plotzlich fast seine zweite Hauslichkeit gewordene Familie der Furstin Wasamskoi beschrankte, lebte Dankmar noch zuruckgezogener. Der sonst lebensfrohe, uberall sichtbare junge Mann war ein Einsiedler geworden. Er las, er studirte mehr denn je. Sein kleines Stubchen bei der Frau Schievelbein, die bescheidene kleine Aula, war jetzt fur ihn heimischer und traulicher als die Kaffeehauser, in denen er fruher mehr als in seinen vier Wanden lebte. Stosse von Akten lagen um ihn her. Bucher las er bis in die spate Nacht. Besonders hatte er auf Philosophie und Geschichte sein Augenmerk gerichtet. Sogar die Politik, die er fruher leidenschaftlich trieb, war ihm durch ihre Monotonie, die Unfruchtbarkeit der Debatte und die geringe Bedeutung der meisten elenden, nichtssagenden Personlichkeiten, die sie in den Vordergrund der Tagesgesprache drangte, zum Ekel geworden. Der neue Reichstag sollte nun abgehalten werden, die Wahlen waren im Sinne des schroffsten Gegensatzes der Parteien ausgefallen und als er auch den Heidekruger und Deputirten Justus eines Tages als eben angekommen und bereits als Mittelpunkt einer "Fraction" angegeben fand, musste er auflachen, warf die Zeitung weg und beschloss nur noch solche politische Schriften zu lesen, die von Kopfen herruhrten, die der Menschheit neue Gedanken brachten. Er las Macchiavell, Montesquieu, Hume, die Briefe des Junius, Leibnitz, Herder und vertiefte sich mit ernstem Nachdenken in die neueren staatsokonomischen und socialistischen Schriften, aus denen er sich manche Stelle auszog und manchen befruchtenden Gedanken merkte, wenn er auch fur die Ideen neuer Gesellschaftsformen nicht wie Siegbert gewonnen werden konnte und uberhaupt fern war aller modernen Geniehascherei, aller auf den Universitaten und in den Residenzen jetzt grassirenden Titanenhaftigkeit, allem ubermassigen Anpreisen einer neuen Zeit, die erst ihre Neuheit zu beweisen hatte, aller Anbetung eines vaguen, leeren, wie Kraft sich gebahrenden Schreiens und Tobens, in Schrift und Sprache, in Prosa und Poesie allem gesuchten und manierirten Treiben, in welchem sich talentlose Menschen wie Fauste gebehrden und noch nicht einmal reif sind, bei einem rechten Faust ein Wagner zu sein.

Eine Dankmarn wahrhaft trostliche und erquickliche Aussicht war die der ersten Begrussung des Prinzen Egon von Hohenberg.

Dass sein Gefangener im Thurme von Plessen der Prinz war, unterlag keinem Zweifel mehr, und doch will der Mensch auch das Gewisseste und durch Grunde Erwiesenste zuletzt erst durch ein handgreifliches Erfassen, durch die Beruhrung der Nagelmale, wie bei jenen Jungern des Herrn, bestatigt haben. Die Frage: Wie werd' ich den dort so schnell gewonnenen Freund nun wiederfinden? Wie ist er aus dem Thurm entkommen? Wie verschweig' ich ihm alle die Wirren, die sich an das Bild knupften, das wir gut thun werden, ihm als etwas Unverfangliches und Uberschatztes darzustellen? Diese Fragen gingen immer wieder in das Ende uber: Und wird es wirklich Prinz Egon sein..? Siegbert war einmal bei Louis Armand im Palais gewesen und hatte sich einigermassen mit ihm uber das Bild verstandigt. Sonst war noch keine weitere nahere Annaherung und Nachfrage erfolgt. Es befremdete ihn fast, dass Egon nicht seiner langst selbst gedachte und es war wirklich nur Zufall, dass ihm der Forster Heunisch, eben von Egon kommend, staunend uber seinen Irrthum, begegnete und von einer so weit vorgeschrittenen Genesung des Prinzen, fur den er Dankmarn gehalten, unterrichtete, dass er sich entschloss, sogleich zu ihm zu gehen. Er eilte nach einigem Geplauder mit Heunisch nach Hause, kleidete sich fluchtig so, wie er glaubte, einer so hochgestellten Personlichkeit aufwarten zu mussen und betrat in einer sonderbaren, aber ihm doch wohlthuenden Erwartung und Spannung das Palais des Prinzen ... Wie er hier die stolze Treppe, die Statuen, die bronzenen Candelaber, die Teppiche und Malereien mit dem neben seinem Einspanner einherwandernden Blousenmann und dessen Wiedersehen in dem vergitterten kleinen Thurmgemache zu Plessen verglich, kam ihm eine wahrhaft befremdliche, abenteuerliche, ja durch die schon in ihm verklungenen Erinnerungen an jene romantische Reise elegische Stimmung. So ungleichartig der elektrische Leiter seiner Erinnerungen war, auf diesen steinernen Stufen, wo das Echo seiner Schritte an den marmorirten Wanden widerhallte, war's ihm plotzlich, als schluge die Nachtigall in der Mondnacht im Schlossgarten von Hohenberg, als horte er das Rauschen des Waldes, den er an Selmar's Seite durchwandert war, und als stunde er unter jener Eiche wieder, unter deren gezackten Wipfeln er durch Ackermann veranlasst wurde, uber ein schoneres Walten auf dieser Erde und einen lebendigeren Zusammenhang der guten und reinen Geister zu traumen.

Im Vorzimmer fand er den Justizdirektor von Zeisel, den er vom Thurme her und seinem Verhore sogleich wieder erkannte.

Die lange hagere zerstreute Figur entsann sich seiner offenbar nur dunkel, stellte sich aber als kluger Weltmann, den die lange Abgeschiedenheit und Isolirung des Landlebens in gewissen Hoflichkeitsgesetzen nur noch angstlicher und ubertriebener gemacht hatte, uber Dankmar vollkommen orientirt. Er kam in banglicher Erwartung. Schlurck war seiner fruheren Functionen enthoben, ein neuer Administrator mit grossen Vollmachten hatte das Ruder der Verwaltung ergriffen, die Aussicht, vom Patrimonialverhaltnisse in die allgemeine Landesgerichtsverwaltung in gleichem Rang, gleicher Besoldung wie bisher aufgenommen zu werden, verdusterte sich und er ware gern in seinem fruheren bequemen Verhaltnisse geblieben. Mit grosser Besorgniss dachte er an die Resultate dieser ersten Begegnung mit dem Sohne des alten Fursten, der ihn einst hatte schalten und walten lassen wie er wollte. Seine Frau, die bei Schlurck's seine Ruckkehr erwartete, hatte ihm Muth zugesprochen. Eine Reihe von Vorstellungen und dienstlichen Nachweisungen war wie an der Schnur in seinem Haupte aufgezogen. Er hoffte, dass der junge Furst diese Schnur anziehen, er selbst aber sich bei dieser Vorstellung gut behaupten wurde, selbst einem so sonderbaren Manne wie Egon gegenuber, von dem man so Vieles zu erzahlen, so Unglaubliches zu fabeln wusste!

Brachte den Justizdirektor nun schon Dankmar in Verwirrung und lenkte sein Gedachtniss auf eine Begegnung, die ausserhalb der Administrationsgrundsatze uber das Furstenthum Hohenberg und jener Schnur lagen, so musste er vollends das Gleichgewicht seiner Geltung verlieren, als nach der Meldung beider Namen Egon die Thur aufriss und mit der liebenswurdigsten Freundlichkeit von der Welt rief:

Ist es denn moglich, mein Grossinquisitor und mein Posa, zu gleicher Zeit? Willkommen! Willkommen, Ihr Beide!

Wie der Justizdirektor sah, dass der Prinz dem jungen Manne, der sich Dankmar Wildungen nannte, eine sturmische Umarmung zum Grusse, ihm dann bieder die Hand bot und Dankmar dem freundlichen Empfanger lachend folgte und dabei immer rief: Doch! Doch! Ich glaubte nicht daran! Doch! Doch! ... da schwindelten ihm formlich alle Sinne und er fragte verlegen:

Durchlaucht haben mich schon gesehen? Wo hatt' ich die Gnade gehabt ...

Gibt es denn soviel Verbrecher in meinem Landchen, Justizdirektor, rief Egon, dass Sie unter der Menge nicht eine Physiognomie behalten konnen, die Ihnen den Thurm, aber auch ihre gluckliche Befreiung verdankt?

Und wahrend der Justizdirektor starrte und sich nun umstandlich besinnen konnte, umarmte Egon Dankmarn nochmals und zog ihn auf eine Ottomane neben sich nieder, wahrend der Justizdirektor sich nach einem Stuhle umsehen sollte und umsehen musste, um sich aufrecht zu erhalten.

Wildungen! rief Egon. Ich bin's! Vom Tode erstanden durch jenen Freund, den ich in Lyon fand ... Du entsinnst dich meiner Erzahlung?

Dankmar aber, der nicht gleich in den vertraulichen Ton hinein konnte, sagte:

Wir wissen Alles, Prinz, wir kennen Ihre ganze Geschichte, die Stadt kennt sie, wir wissen, wer Louis Armand ist, und unter dem gewissen Kronenleuchter im Pavillon Ihres Vaters wurd' es sich ergeben, dass ich schon orientirt bin; aber dass Sie im Thurme zu Plessen sassen, als ein Handwerksgesell, den die Bedienten des Geheimraths von Harder fur einen Dieb erklarten ...

Durchlaucht? fragte Herr von Zeisel erstarrt und schlug sich vor den Kopf. Sie wirklich Der, Der ... den ...? Herr von ...

Ja, ja, Herr von Zeisel, ich! Ich! Aber ich habe mich uberzeugt, Sie uben milde Justiz. Sie entlassen die Gefangenen wie Sie sie aufnehmen und geben ihnen nichts mit, als hochstens das Todesurtheil durch ein Nervenfieber, das man von seiner Alteration und der abscheulichen Hitze in dem eisernen Kafig davontragt.

Zeisel konnte sich nur allmalig fassen. Er war sprachlos. Er dachte: O Gott, warum hat deine Frau diesen Fall fur die Schnur nicht vorausgesehen! Du bist auf ein Verhor uber Finanzreductionen gefasst und sollst uber ein exceptionelles Abenteuer Auskunft geben, bei dem du ohnehin noch die Rolle eines bequemen und willkurlichen Rechtsverschleuderers im alten spanischen Komodienstyle spielst!

Sagen Sie mir nun aber um's Himmelswillen, Prinz, fragte Dankmar, wie sind Sie frei gekommen?

Egon ruckte einige Schritte zuruck, liess die Arme von Dankmar's Schulter, die er umschlungen hielt, sinken und sagte:

Kein Wort weiter! Ein undurchdringlicher Schleier falle uber das Vergangene, wenn mein theurer Freund Dankmar Wildungen in diesem Ceremoniel fortfahrt! Wildungen, war denn Das nur ein Traum, dass ich einen herrlichen, lieben Menschen auf dem Heidekruge mit Schlurck reden horte, auf der Landstrasse und im Walde einen herablassenden Gefahrten, einen treuen Troster im Thurme, ein mitfuhlendes Echo meiner Klagen fand, als ich mein Leben erzahlte bis zu dem Augenblick, wo ich versprach, unter leuchtenden Blumen und Flammen einst von einer gewissen elften Stunde zu sprechen, wo mir ein theures Herz brach, ein unvergessliches ... Nein, nein, Wildungen, das Wechselwort der Liebe, das ich dir damals anbot, bleibt! Bleibt? Nicht wahr?

Dankmar konnte zur Antwort auf diese liebenswurdige, herzliche Anrede nichts Anderes thun als geruhrt schweigen und seine Hand in die Hand Egon's von Hohenberg, wie eines Bruders, legen.

Schlagen Sie unsere Hande durch, Justizdirektor, rief Egon, zum Zeichen, dass sie ewig verbunden sind! Sie haben mir diesen Freund gegeben, Sie milder Richter Sie! Sagen Sie mir aber nun doch, warum liessen Sie mich plotzlich frei? Kam ein hoherer Gedanke uber Sie oder ein Befehl? Ich suchte, wie mir angegeben wurde, auf der Stelle das Weite und durfte nicht erst lange fragen, wem ich meine Rettung verdanke.

Durchlaucht, sagte endlich Herr von Zeisel, die gute Laune des Fursten benutzend und sich in dem Falle, auf den er sich jetzt erst besann, zurechtfindend. Durchlaucht, Sie verdanken sie meiner Frau!

Bin ich das Schoosskind der Damen! Ihrer Frau?

Das hangt so zusammen, Durchlaucht! sagte Herr von Zeisel. Frau von Zeisel ist eine sehr charmante Person. Dreizehn Jahre macht sie das Gluck meiner Ehe aus, aber wenn ich wir sind unter uns durch Geduld und Sanftmuth vielerlei kleine Mucken in ihrem lebhaften Temperamente uberwunden habe, so steckt doch ein Ubel unausrottbar in ihrem so hochst soliden Charakter: der Ehrgeiz, Durchlaucht. In wilder Uberrumpelung zwang man mich, den eigenen Herrn und geliebten Erben, den Alle voll Sehnsucht erwarteten, in den Thurm zu werfen. Dies Versteckspiel des tollsten Zufalls, seh' ich nun wohl, ist irgend einem bosen Kobolde, der uns zuweilen im Leben neckt, gelungen. Aber dass Sie frei wurden und Ihr Freund, der Herr da, wahrscheinlich vergebens die Leiter an das Thurmfenster stellte, die wir spater fanden

Wildungen, ist es wahr?

Die Eisenstabe hatten uns doch Muhe gemacht, sagte Dankmar, den Vogel aus seinem Kafig zu befreien. Dass es also leichter geschah, Herr Justizdirektor

War die Folge eines Argers meiner Frau, sagte Herr von Zeisel jovial. Meine Gattin ist eine geborene von Nutzholz-Dunkerke, seelengut, ein braves Weib, aber etwas reizbar im Punkte der Ehre. Zwei Nutzholz-Dunkerke's sind bereits aus Point d'honneur im Duell gefallen. Mein gutes Weib fand sich etwas zuruckgesetzt durch die Behandlung der Frau Justizrathin. Man lud sie an jenem verhangnissvollen Tage nicht mit der Formlichkeit ein, die sie durch ihre Geburt gewohnt ist. Und als vollends Herr von Harder, der mit einem Nutzholz-Dunkerke in die Schule gegangen ist, sich auf dem Schlosse wie der Konig selbst gebehrdete, kaum einem Menschen das Unschuldigste, namlich einen guten Tag gewahrte, und an dem Tage, wo das beklagenswerthe Misverstandniss mit Ew. Durchlaucht vorfiel, die einzige auf's Schloss geladene Hauptperson schien und allen andern Bekannten, die sonst der Frau Justizrathin gut genug waren, fast angedeutet wurde, sie mochten sich heute nicht auf's Schloss incommodiren, da stellte mir meine ahnungsvolle, aber hochst zornige Gattin vor, wie wenig begrundet Ihre Gefangenschaft ware und ...

Bravo, Justizdirektor, rief Egon lachend, ce que veut une femme ...

Ce que veut une femme, Durchlaucht ...

Par depit ...

Par depit... um zu zeigen, dass wir nicht die Untergebenen der jetzigen Schlossbewohner sind und ...

Die Nutzholz-Dunkerke's schon vor einem Jahrhunderte mehr galten als die Harder's ...

Sie treffen es Durchlaucht! Ha! Ha! Par depit wurden Sie in Ermangelung triftiger Indicien freigelassen und nur bedeutet, augenblicklich das Furstlich Hohenbergische Gebiet zu verlassen!

Ein Gluck, dass Herr Pfannenstiel, mein Wachter, ein gutes Herz hatte und mich am Abend noch auf die Sagemuhle fuhrte, wo ich ubernachtete. Von da wollt' ich, obgleich ich mich krank, von der Hitze im Thurm erschopft und ubermudet fuhlte, mich uber Schonau zu Fuss auf die Reise begeben, war aber so angegriffen, fuhlte mich so elend, dass ich auf der Landstrasse einen Bauer ansprach, der mit einem Soldaten an mir voruberfuhr und ubermuthig in seine starken Gaule hieb. Auf Furbitte des Soldaten nahm mich der grobe Bauer, er hiess Sandrart, auf und hinten im Korbe des Wagens streckt' ich mich mud' und matt auf ein Bund Stroh neben den mit Esswaaren uberfullten Kobern. Der Vater fuhr seinen zum Sergeanten beforderten Sohn selbst in die Residenz zuruck, wo dieser bei der Garde steht. Gegen Abend kam ein Regen, der mich bis auf die Haut durchnasste. Schon schlief ich in einer Herberge halb im Fieber. Muhsam schleppt' ich mich am fruhen Morgen wieder auf den Korbwagen und kam halb todt gegen Abend hier am Thore an. Ich stieg ab, dankte dem Bauer und seinem Sohn und schlich mich still in mein vaterliches Haus. Das ganze Abenteuer schien misgluckt und die Folge war, dass ich in ein elendes Nervenfieber verfiel, von dem ich erst seit einigen Tagen zum lichten Bewusstsein zuruckgekehrt bin.

Der Justizdirektor erschopfte sich in Betheuerungen seines innigsten, freudigsten Antheils und fragte, ob man den Bauer Sandrart so glucklich machen konne, ihm zu sagen, wem er so hulfreich sich erwiesen hatte.

Vielleicht besser, sagte Egon, der Grobe erfahrt es nicht. Er hat mir wol zehnmal zugerufen, ich sollte seine Schinken und Eier unberuhrt lassen, auf die ich in der That keinen Appetit hatte ...

Es ist einzig! sagte Herr von Zeisel kunstlich humoristisch. Diese Menschen! Der Schornstein hangt ihnen voller Wurste und Speck, das Geld lacht aus allen Truhen und grob, grob sind sie und so unterdruckerisch ... meine Frau sagte oft, so schlimm konnten die Nutzholz-Dunkerke's nicht im Mittelalter gehaust haben, wie sich solche reiche Freibauern gebehrden. Der Sohn ist ein charmanter Mensch ...

Er wird das Geld seines Vaters unter die Grisetten bringen ...

Es entspannen sich nun zwischen dem Justizdirektor und Egon einige nahere Verstandigungen uber Gegenwart und Zukunft des Furstenthums Hohenberg. Wegen letzterer war Herr von Zeisel hier. Egon versprach in diesen Tagen ihm uber Alles genauere Auskunft zu geben. Vorlaufig ware er umsomehr entschlossen, das vaterliche Erbe wirklich anzutreten und trotz der grossen Schuldenlast nichts zu veraussern, als er ja in dem amerikanischen Agronomen Ackermann einen so geruhmten und alles Vertrauens wurdigen Verwalter gefunden hatte.

Ja, wandte er sich zu Dankmar, jener Amerikaner, von dem du mir im Thurm erzahlt hattest und dessen Namen ich auf meinem Krankenbett im grossten Drang meines Elends wohlbehalten hatte, der erhielt auf sein Ersuchen die Verwaltung meiner Guter.

Ich erfuhr diese angenehme Wendung leider zu spat, sagte Dankmar, und bedauerte, vor der schnellen Abreise des trefflichen Mannes und seines Sohnes nicht noch einmal ihn begrussen zu konnen.

Seines Sohnes? fiel Herr von Zeisel ein und lachelte fein, sogar gereizt. Sie wissen also nicht, dass dieser allerdings sehr ehrenwerthe Okonom, der mit grossen Planen und excentrischen Entwurfen seine Aufgabe angetreten hat, damit anfing, uns in Betreff seiner Umgebung Alle zu tauschen?

Tauschen? Herr von Zeisel, Ackermann scheint mir zu Tauschungen nicht fahig zu sein, sagte Dankmar.

Vergebung fur den Ausdruck! Sie schatzen diesen Mann nicht hoher als ich selbst. Zwar sind die Meinungen uber ihn getheilt. Die Mehrzahl hangt ihm glaubig und voll Verehrung an. Die Minderzahl, die wol an dem Fehler zu strenger Prufung und unglaubiger Zweifelsucht leidet, furchtet, sein leicht entzundetes Gemuth mochte zu sehr jenen Luftgebilden nachjagen, die wie Feuerwerke schon blenden, aber auch im Nu verprasseln ...

Glauben Sie Das nicht, sagte Dankmar erregt. Aus wenigen Worten, die ich mit diesem Okonomen wechselte, weiss ich, dass dieser Edle den Ernst des Lebens tief erfahren hat und nicht umsonst in Amerika die Schule der Selbstbestimmung seiner Schicksale durchmachte ...

Ich wunsche nichts sehnlicher, sagte Herr von Zeisel mit einem furchtsamen Blicke auf Egon, als dass sich alle Versprechungen dieses Amerikaners erfullen mogen ...

Man muss ihm vor allen Dingen Zeit lassen und volle Freiheit gewahren, meinte Egon und sprach dies entschieden.

Volle Freiheit!

Herr von Zeisel war geschlagen und schwieg.

Aber die Tauschung, Herr Justizdirektor, welche ware denn das? fragte Egon.

Das ist spasshaft! war Herrn von Zeisel's einlenkende Antwort. Wir Alle sahen Herrn Ackermann nach Plessen, Randhartingen, Schonau im Ullagrunde auf Sandrart's neuer Anlage wird er wohnen zuruckkehren und besannen uns, dass man diesen Mann, als er fruher sich beobachtend und wahrscheinlich den Boden und die Verhaltnisse erkundschaftend daselbst aufgehalten, gesehen, wie er ein liebes Sohnlein bei sich fuhrte, ein Burschchen mit zierlichem Mutzchen, Handschuhen und leichtem Rockchen. Dies Sohnchen hat er nicht mitgebracht, wohl aber ein Tochterlein ...

Dankmar horte gespannt zu und verwunschte Herrn von Zeisel's humoristisch feinsollende naive Darstellung.

Und nicht etwa ein zweites Kind des Herrn Ackermann, sagte dieser, ist diese holde kleine Begleiterin, sondern ...

Selmar war' es selbst? unterbrach ihn Dankmar im warmsten Antheil.

Selmar! so hiess die Kleine fruher. Nun ist es eine Selma! Entpuppt und umgekleidet! Selma Ackermann, ein allerliebstes Wesen! Sie thut viel, um die etwas rauhe und abstossende Aussenseite ihres Herrn Vaters zu mildern.

Selma! sprach Dankmar vor sich hin und verglich seine Erinnerungen an jene ihm so liebe Begegnung mit dem Eindrucke, den ihm jetzt diese Metamorphose machte. Hatte ihm schon der Knabe ein so grosses Wohlgefallen, eine bruderliche Empfindung erregt, wie musste sich seine Theilnahme fur die nun verwandelte liebliche Erscheinung steigern, wenn er sich jener, ihm immer noch rathselhaften Mondnacht auf dem Heidekruge erinnerte, wo nicht etwa Ackermann als Traum, als ein Bild seiner erregten Phantasie vor ihm mit dem Portrait, das er kusste, erschien, sondern dieser wirklich das Portefeuille offnete, wirklich eine Locke von seinem Haupte schnitt ... denn die Locke fehlte ihm! Und wie er noch so sass, mit Theilnahme von Egon betrachtet, der an seinem Interesse selbst sich interessirte, fiel Dankmar's Blick jetzt eben auch auf das Pastellbild der Furstin Amanda, das er, seitdem es ihm durch ein "Misverstandniss" genommen war, nicht wiedergesehen hatte. Da stand das goldene Vliess seines abenteuerlichen Argonautenruckzuges! Er gedachte der Medea-Melanie! Da der Prinz! Und Selmar Selma!

Der Erlauterungen des Justizdirektors uber diese Metamorphose bedurfte es eigentlich nicht.

Dieser erzahlte etwas von der Nothwendigkeit, ein junges Madchen auf einer so weiten Reise von Amerika uber England nach Deutschland allein schutzen zu sollen, von der raschen Gewohnung an die neue Tracht, von den wunderbar schnell angenommenen Manieren des Knaben, von der Beruhigung, die der Vater gehabt hatte, mit seinem Kinde vor jeder Verlegenheit und Nachstellung in den Gasthausern sicher zu sein, von seiner endlich aber doch nun eingesehenen Pflicht, dass das Kind seinem Geschlechte zuruckgegeben werden musste ...

Fur Dankmar waren alle diese Erlauterungen nicht nothig. Er bedurfte keines Wortes, um zu fuhlen, dass Ackermann sehr weise gehandelt hatte. Aber er bedurfte noch weniger einer Erlauterung, weil sein Gefuhl ihm sagte: Selmar musste sich dir so enthullen! Das war eine Aufklarung, die sich von selbst verstand! Wie konnte Selmar etwas Anderes sein als Selma!

Als Egon des neuen Freundes innere Erregung bemerkte und den Blick beobachtete, den Dankmar voll getheilter Uberraschung auf das plotzlich von ihm entdeckte Bild gerichtet hatte, liess er es sich angelegen sein, durch irgend eine geschickte und nicht verletzende Wendung den Justizdirektor zu entfernen. Es gelang ihm mit aller Gewandtheit. Herr von Zeisel war glucklich, seinem jungen Patrone schon unter so abenteuerlichen Verhaltnissen nutzlich gewesen zu sein. Er bat, ob er denn diese merkwurdige Geschichte und die wahre Aufklarung der plotzlichen Erkrankung, Alles, Alles, was er in dieser gnadigen Audienz gehort hatte, der Welt erzahlen durfe ....

Wenn Sie nicht furchten, sagte Egon mit feiner Betonung, dass man Ihre Justizverwaltung ein wenig zu patriarchalisch nennen wird!

Durchlaucht, rief Herr von Zeisel und druckte Egon's Hand, die er lebhaft ergriff, mit komischem Enthusiasmus an die Brust, Durchlaucht, Sie mogen nun vom Justizrath Schlurck urtheilen was Sie wollen! Dafur hab' ich ihm gestern gedankt, dass er mich in die Komodie schickte, um mir seine Lieblingswahrheit von einem vortrefflichen Schauspieler sagen zu lassen: "Wenn man das Leben auch gar zu ernsthaft nimmt, was ist dann d'ran?"

Amusiren Sie sich noch ferner mit ihm! sagte Egon ubereinstimmend und begleitete den zutraulich sich Empfehlenden an die Thur; ich denke, wir sprechen uns noch und Sie werden im besten Einverstandniss mit meinen ferneren Verwaltungsmaximen nach Plessen zuruckreisen ...

Dies Wort war eigenthumlich, verfanglich fast ... Zeisel stockte ... Aber die Thur ging zu und er musste diese Schlussworte unterwegs uberlegen und so, wie sie gefallen waren, mit sich nehmen.

Dankmar und Egon waren nun allein.

Jener stand vor dem Bilde ...

Ja, da ist es nun! Und ich zittre vor seinem Inhalte, sagte Egon. Hat es auch nichts bis jetzt zu Tage gefordert als unsere Freundschaft, Wildungen, so wollen wir zufrieden sein.

Noch einmal umarmte er den Freund.

Dankmar druckte ihm die Hand und erzahlte alle seine Bemuhungen, des auffallend schweren Bildes habhaft zu werden, verschwieg aber Melanie und jeden Umstand, der in Egon Verdacht erwecken konnte. Rudhard, Siegbert, Louis und er hatten sich das Wort gegeben, um den Prinzen nicht wieder zu beunruhigen, von dem Schicksal dieses Gemaldes nichts zu erzahlen, als dass es durch Dankmar auf dem Schlosse noch rechtzeitig gerettet worden ware und dass Schlurck ohne alles Befremden die andern Familienbilder so freiwillig ubergeben hatte. Er wusste auch, dass man auf den Fall einer Offnung der Hinterwand einen Gegenstand dort finden konnte, der ihn vollkommen beruhigen durfte.

Und das Geheimniss? fragte er.

Fand ich noch nicht! Ich wagte nicht zu jah mein Rathsel zu losen. Ich gehore zu den Menschen, die ihre empfangenen Briefe dreifach geniessen, erst im Empfangen, zuletzt im Lesen, in der Mitte aber in einem langeren Liegenlassen und erst allmaligen Eroffnen.

Dankmar nahm das Gemalde und wandte es von allen Seiten ohne auf das Glas zu drucken.

Es enthalt etwas, ich fuhl' es an der Schwere des Bildes ... sagte er.

Er spielte die Rolle, die ihm die Sorgfalt der Freunde des Prinzen ubertragen hatte. Er stellte sich neugierig, druckte, schuttelte, schob und klopfte an dem Bilde. Endlich siehe da, es sprang auf!

Egon beklommen, mit der ganzen lastenden Schwere seiner Erinnerungen an die Mutter, an seine Erziehung, seine Jugend, griff erstaunt nach dem Inhalt.

Hier am Glase lag der Pfiff, sagte Dankmar so treuherzig, als war' er selbst uberrascht worden, zufallig streift mein Finger uber diese Stelle, ich halte das Bild an ihr fest und es springt auf ...

Egon langte aus der Kapsel ein Buch hervor. Es war schwarz eingebunden, mit in Gold gepresstem Deckel und Rucken und mit Goldschnitt verziert.

Er offnete das Buch und las:

Thomas a Kempis vier Bucher von der Nachfolge Christi ...

Sechstes Capitel

Welt und Zeit

Gute Mutter, sagte Egon nach einer Pause schmerzlichen Lachelns und wehmuthig gen Himmel blickend, ja in seiner bitter getauschten Erwartung sich zu bekampfen suchend; gute Mutter, dieses Testamentes hatt' es nicht bedurft, um mich in deine Nahe zu rufen! Das heisst in der That um Christi Willen leiden und sterben! Dies Bild hatte mich, wenn ich von der Krankheit nicht erstanden ware, mein Leben kosten konnen.

Dankmar schwieg voll tiefen Mitleids uber den getauschten, von bosen Feinden betrogenen Prinzen ...

Wir sind denn also, sagte er nach einer Weile ruhig, da wieder angelangt, Prinz, wo wir im Thurme standen! Ein neuer Moment ist in dein Leben nicht eingetreten. Es bleibt bei den alten Voraussetzungen und so wird es wol auch bei den alten Entschliessungen bleiben mussen. Du fuhlst dich stark durch dich selbst! Lass die Vergangenheit und beherrsche die Zukunft!

Da, wo wir im Thurme standen! wiederholte Egon. Dann bin ich dir noch viel zu beichten schuldig.

Ich ahne, was ich noch erfahren sollte, antwortete Dankmar ablehnend. Dein Leben ist nicht ohne Beobachtung geblieben. Solche Sterne, die einen leuchtenden Namen tragen, schon wenn sie auf die Welt ziehen, verbergen sich niemals ganz, auch wenn die dunkelsten Nebel uber sie fallen.

Worauf deutet diese Schmeichelei, Wildungen? fragte Egon.

Die Erwahnung eines Unglucks ist keine Schmeichelei. Und ein Ungluck nenn' ich, wenn ich so hoch stehe, dass ich mich nicht einmal mit meinen Thranen verbergen kann. Soll ich dir sagen, was ich Alles von dir weiss, ohne dass ich unter den Spiegeln deines Pavillons sass und dich um die elfte Stunde erzahlen horte?

Also die Welt erfindet uber mich? fragte Egon.

Dankmar antwortete, er wolle horen, ob folgende Verhaltnisse Erfindungen waren?

Und nun begann er genau und ausfuhrlich zu erzahlen, was sich in dem offentlichen Gesprach uber den Prinzen schon festgestellt hatte. Er erzahlte ihm seine Geschichte von Lyon an bis zu seiner Ankunft in dieser Residenz. Er nannte ihm Namen und Thatsachen, Louis Armand und Helene d'Azimont, Alles, Alles, selbst dass Louison um die elfte Stunde gestorben war ...

Nichts war der Welt entgangen und wie ein Roman lag es vor Aller Augen.

Als Dankmar geendet hatte, erwiderte Egon nichts. Es hatte ihn tief erschuttert, so offen vor der Welt wie ein aufgeschlagenes Buch dazuliegen und er dankte dem neuen Freunde, dass er aufrichtig und wahr gewesen ...

Da hab' ich nichts an Thatsachen zu erzahlen! sagte er schmerzlich. Die Menschen kennen alle Blatter meines Lebens, was die Summarien anlangt. Die Capitel und die Uberschriften sind richtig ... Die innere Verknupfung aber, der Pragmatismus, ja der Text selbst steht nur in meiner Brust und im Buche des Lebens verzeichnet.

Und doch fuhlt die Welt deinen Pragmatismus nach, sagte Dankmar. Freilich Louis Armand ist und bleibt ein unverstandliches Capitel

Weil er schwieg, weil er an meinem Krankenlager stand! Aber die d'Azimont redete! Die zeugte also schon fur sich in der Sprache ihrer Thranen, in der Beredtsamkeit ihrer Litaneien. Dies Capitel versteht man; denn aus Allem, was ich von dir gehort habe, entnehm' ich die Darstellung der Salons, den blendenden Styl der sogenannten Rechtfertigungen! Rechtfertigungen! Die Thatsachen sind wahr, aber ihre Verknupfung haben Frauenhande gestrickt.

Mein Freund, sagte Dankmar in einem ernsten Tone, der ihm seit einiger Zeit zur andern Natur geworden war; mein Freund, wenn der Mann liebt, verfallt er dem Urtheil Derer, denen die Liebe ihr ganzer Lebensberuf ist. Wir konnen uber Auffassungen unserer Herzensangelegenheiten streiten, wie viel wir wollen; die Frauen lassen sich ihr Urtheil nicht nehmen und bleiben bei dem gemeinsamen Interesse, das sie alle verbindet. Ich habe diesem Urtheil nachgesprochen. Man bricht den Stab uber dich und deinen Glauben und deine Irrthumer. Ganz so wie man urtheilt, gab ich dir den Bericht. Ich halte Das fur das erste Erforderniss eines Freundes, der den Namen verdient.

Und ich danke dir dafur, wie schmerzlich es mir auch ist, mich nicht der Welt nach meiner Auffassung zu zeigen.

Das wirst du fur die Zukunft in deiner Hand haben. Du bist nun hergestellt, die Welt erwartet dich; ich sagte dir offen, wie der Boden aussieht, auf den du trittst. Dies sind die Thatsachen, die man von deinem fruheren Leben glaubt bestatigt zu finden. Willst du sie wahrmachen? Willst du sie gelten lassen oder verandern? Das steht in deiner Macht.

Was urtheilt man uber die d'Azimont? fragte Egon und stutzte den Kopf auf und blatterte in dem Thomas a Kempis mit einer Resignation, als erschien' er sich bestimmt, nur zu leiden und sich zu tauschen.

Man findet sie so liebenswurdig, antwortete Dankmar, dass alle Welt wunscht, sie trennte sich von ihrem Gemahl und Euer Verhaltniss wurde ein legitimes.

Wunscht man Das wirklich? sagte Egon lachelnd.

Noch mehr! Man furchtet, dass Louis Armand diese Vereinigung hindert und dich in Richtungen treiben wird, die mit deinen hiesigen Lebensbedingungen im grellsten Widerspruche stehen.

Furchtet man Das? Wunschen! Furchten!

Ich habe Manner von hoher Stellung folgendermassen reden horen: Dieser Prinz Egon von Hohenberg ist nun gesund und wird bald in die Gesellschaft treten und sich ohne Zweifel an der Losung unserer Wirren betheiligen. Schlimm, wenn er sie vielleicht noch vermehren sollte! Es fehlte uns nur noch, dass ein so hochgestellter junger Adliger mit diesem Namen, mit diesen glorreichen Familienerinnerungen, nachdem schon einige junge Adlige und Fursten uns Verwirrung genug gebracht haben, in Deutschland als Communist auftritt!

Entsinnst du dich denn nicht unserer Gesprache auf der Reise? warf Egon hin.

Die Grafin d'Azimont, fuhr Dankmar nichtachtend fort, wird fur deinen guten Genius gehalten. Man hebt hervor, dass sie eine Aristokratin auch der Gesinnung nach ist. So sehr Eure Beziehung gegen die Grundsatze verstosst, die jetzt in unserer Gesellschaft vertreten werden, so wird man sie doch dulden, anerkennen und ihr Ziel, die eheliche Vereinigung, befordern, wenn sie es durchfuhrt, dich von deinen franzosischen Bahnen zu trennen. Man nennt dich schon ehrgeizig: man behauptet, du strebtest nach Popularitat. Man furchtet, du wurdest durch Aufstellung eines neuen Parteiprincipes die Verwirrung vermehren, die so schon an dem Grundbau und dem Fachwerke unseres Staates mehr ruttelt und ihn dem Sturze naher gebracht hat, als es ausserlich beobachtet werden kann.

Dankmar gab diese Fingerzeige so ruhig, so massvoll, so bei aller Strenge duldsam, dass Egon statt der Antwort auf diese Thatsachen selbst sich nur an Den hielt, der sie ihm mittheilte.

Ich bewundere ... sagte er und stockte.

Was? fragte Dankmar.

Nichts, als dich, dich selbst, Wildungen! Wie verschmitzt du bist! Wie fein zugespitzt du das Alles vortragst! Man glaubt einen Konig der Salons zu horen oder einen Diplomaten.

Statt dieses etwas zweideutigen Lobes, antwortete Dankmar lachelnd, mocht' ich lieber horen, was wol Prinz Egon zur Widerlegung aller dieser nur fraubasenhaften Befurchtungen thun wird?

Vor allen Dingen, mein Freund, sagte Egon, werd' ich mich inniger und warmer denn je an meine Lieben anschliessen. Ich habe einen neuen mir ebenburtigen Freund in dir gewonnen und in Louis Armand besitz' ich etwas, was du mir nicht einmal sein kannst. Ich bin hier so gut wie fremd. Meine Angelegenheiten treff' in der grossten Unordnung. Ackermann erstrebt das Beste, aber ich kenne die Chimarensucht der neuen theoretischen Okonomen aus meinen englischen Studien. Nur die grossen englischen Grundbesitzer sind im Stande, von der alten uberlieferten Weise, die Erde zu bebauen, manchmal abzuweichen und mit Maschinen Versuche anzustellen. Das Zehnte bewahrt sich nicht. Die Einigkeit zwischen Ackermann und Herrn von Zeisel, dem nominellen Verwalter des Ganzen, so zu sagen das alte Ministerium, scheint nicht die grosste zu sein. Schlurck, mir langst verhasst, ist abgeschuttelt, aber er hielt die Anspruche der Glaubiger meines Vaters zuruck: ich furchte, sie werden nun zudringlicher und begehrlicher als je werden. In dieser schwierigen Stellung ist mir eine solche uneigennutzige, zwischen Freund und Diener schwankende Hingebung, wie die meines Louis, Goldes werth, denn der gute Mensch ist ohne Anspruche und fugt sich in jede Rolle und ware es die des Lakaien. Ich kann ihn nicht entbehren, Wildungen. Ich theile seine communistischen Grundsatze nicht, aber ich ehre viele seiner Principien und werde fur sie insoweit zu wirken streben, als ich, wie ich dir schon auf unserer Reise sagte, fur eine grossere Heilighaltung der Arbeit bin.

Wenn ich den Prinzen kenne, hab' ich oft den Leuten gesagt, so ist er ein Aristokrat, wie Ihr es nur selber seid! ...

Dankmar warf diese Bemerkung leicht, doch nicht ohne einen forschenden Blick hin.

Ich bin kein Aristokrat! wallte Egon fast vorwurfsvoll auf. Ich will, dass Gedanken herrschen, nicht Uberlieferungen. Die Politik, wie sie in Frankreich getrieben wird, gefallt mir nicht im mindesten. Aber auch die deutsche ist mir verhasst, die zumal, die hier bisher das Ruder fuhrte. Sass' ich in einer Kammer, ich wurde, wie jetzt die Dinge stehen, zur Opposition gehoren.

Vergib mir, sagte Dankmar, als er bemerkte, dass Egon zu lebhaft wurde und sich uber sein Antlitz eine plotzliche Rothe zog; vergib mir, dass ich die Schonung des erst Genesenden vergessen habe. Diese Dinge sind wichtig, aber aufregend.

Doch nicht! Doch nicht, Wildungen! sagte Egon und bat nur den Freund, ihm zu gestatten, dass er sich auf ein Kanape streckte. Er forderte ihn auf zu rauchen. Er bot ihm turkische Cigarren an und erstaunte selbst, dass Louis Armand Alles so hergerichtet hatte, wie er es zu seinem nachsten Bedurfniss stundlich nur wunschen konnte.

Wie sieht es denn in der Welt aus? sagte er. Sind die Kammern zusammengetreten? Steht das Ministerium noch?

Es wird, sagte Dankmar, die Cigarre ablehnend, mit den Kammern fallen, die sich eben versammeln. Man macht ein neues Ministerium aus der Kammermajoritat. Dies regiert vierzehn Tage. Dann kommen einige Forderungen, die die Krone stellen wird. Das Ministerium wagt sie nicht an die Kammer zu bringen und dankt theilweise ab. Einige, die mehr Muth haben, bleiben und verstarken sich durch Offiziere, Chefprasidenten, Bankiers ... Man wird dies Ministerium das Ministerium der Thaten nennen. Man fordert jetzt, was die Krone anfangs nur wunschte. Die Kammern, doppelt durchwuhlt an sich und vollends noch durch den Arger der abgetretenen Minister, verwerfen diese Forderungen. Sie werden aufgelost; alle Freiheiten werden fur unbestimmte Zeiten suspendirt und man wird regieren, wie es eben geht und so lange es geht, bis der Cirkel durch eine neue Kammerwahl wieder von vorn anfangt oder ein grosses politisches Ereigniss dazwischen tritt. Jede tiefer eingreifende Unternehmung fur den Handel, die Gewerbe, fur das moralische Leben, fur Kunst und Wissenschaft ist dabei suspendirt, wenn nur die Steuern eingehen und die Beamten ihre Besoldung erhalten.

Mir aus der Seele geschildert! rief Egon. Und nur zu wahr, zu wahr! Welch' ein Zustand in diesem gegenwartigen Europa! Die Volker preisgegeben, wie im Mittelalter, den zufalligsten Personlichkeiten! Welch' ein Versteckspiel mit diesen Constitutionen, die nur dazu da sind, eine Uberwucherung von Ehrgeiz in den dilettirenden Staatsmannern zu wecken! Dies Heer von Advokaten, Journalisten, Beamten, Geistlichen, Soldaten, die sich, weil sie einmal gewahlt und genannt wurden, als Volksvertreter, Volksfuhrer, nun sich einbilden, zeitlebens unentbehrlich zu sein, von Ministerportefeuilles traumen und nicht ruhen, bis die Reihe der Schicksalsgunst immer wieder an sie kommt! Das ist wieder das alte Faustrecht in vollkommener Ahnlichkeit, nur dass die Waffen die des dienenden, biegsamen Geistes wurden, die der Feder, des Wortes; es ist der Krieg Aller gegen Alle, den ein furchtbarer, turkischer Despotismus einst beendigen wird, wenn die Guten nicht zusammentreten und selbst die ewigen Guter der Menschheit von den Gefahren befreien, die diese bei solchem Spiele laufen mussen.

Also wo liegt die Schuld? Oben oder Unten?

Uberall!

Und die Besserung?

Daruber denk' ich taglich nach, sagte Dankmar. Bald mocht' ich diesen ganzen Bau zertrummern und ihn neu errichten, bald seh' ich mich nach einem minder radikalen Heilmittel um. Ich finde keins, das in den Verhaltnissen und in den Dingen liegt. Jeden klugen Einfall uberbietet gleich ein noch klugerer. Alles, was Weisheit scheint, ist sogleich schon List. Ich suche einen Ausweg und finde ihn nur in dem Menschen und seiner eigenen freien Beschrankung. Geb' uns Einer die und gesegnet sei sein Name in Ewigkeit!

Amen! Amen! fiel Egon eben so feierlich ein. Der Thomas a Kempis hier neben uns thut schon seine Wirkung. Wir blicken gen Himmel und verlangen Wunder. Die Menschen! Eigene freie Beschrankung! Grosser Gott! Wildungen, ist dir's noch nie klar geworden, dass die Menschen Bestien sind? Nur wer gearbeitet hat und sich dann ausruhen will, ist gutmuthig. Der fleissige Mensch ist ein Kind. Wenn ich Sonntags auf der Chaumiere mit Louison und ihren Freundinnen tanzte, dunkten wir uns Gotter, und alle Die hatten Theil an diesem bescheidenen irdischen Himmel, die ihre sechs Tage Arbeit hinter sich hatten. Die aber, die in die Clubs liefen und Zeitungen lasen, sassen murrisch und tranken mehr Wein, als sie bezahlen konnten. Louis Armand sagt zwar, die Verfassung der Erde musse nur auf die halbe Pflichterfullung begrundet werden, sonst ware dies Dasein eine Holle. Das bestreit' ich ihm und verweis' ihm oft, wenn er statt zu arbeiten Verse macht und Aufsatze uber das Loos der arbeitenden Klassen schreibt und mehr traumt als er sollte.

Ist Das nicht aber auch eine Arbeit, dies nothwendige Traumen? fragte Dankmar, der die Verse: Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! von seinem Bruder kannte.

Die man nicht uberwuchern lassen darf! antwortete Egon. Alles drangt sich jetzt nach geistiger Arbeit und behauptet, die ware eben so schwer und anstrengend wie die materielle. Aber ich frage: Wenn Alle Buch fuhren wollen, wer wird die Werthe erzeugen, die die Feder verrechnet? Nein, Wildungen, sage Denen, die meine Freundschaft fur Louis Armand furchten, ich bin kein Communist! Aber auch die hier ubliche Landespolitik veracht' ich, und wenn mir Gelegenheit geboten wurde, Das zu sagen, was ich denke, wurd' ich allerdings den Adel und seine Aufgabe anders bestimmen, als es diese tragen Drohnen der Gesellschaft thun.

Ich darf nicht fortfahren, bemerkte jetzt Dankmar. Ich sehe, wie dich der Gegenstand ergreift. Glucklich werd' ich sein, mit einem Manne von deiner wunderbaren Lebenserfahrung einen dauernden geistigen Verkehr zu unterhalten. Aber fur heute geh' ich ... Ich bin es dir schuldig.

Du hast mich angeregt, nicht aufgeregt, sagte Egon liebevoll. Du wolltest mir die Aufgabe meines Lebens zeigen und mich auf den Empfang der Welt vorbereiten. Ich danke dir herzlich dafur.

Wann wird Helene d'Azimont erlauben, dass ich dich wiedersehe? fragte Dankmar den Hut ergreifend und eine Menge schoner Dinge uber die Reize dieser Dame, ihre Bildung, ihre Liebenswurdigkeit wiederholend.

Helene? Hat sie etwas zu erlauben? unterbrach ihn Egon ... Heut' um vier Uhr, bitt' ich dich, sei an dieser Stelle! Ich soll auf Schloss Solitude fahren. Begleite mich mit Louis, wenn dir der Handwerker nicht anstossig ist.

O, Freund!, sagte Dankmar, Der, den du liebst, den liebe auch ich. Willst du aber nicht noch einen andern Menschen, der viel besser ist als ich, in unsern Bund aufnehmen? Es ist mein Bruder Siegbert, alter als ich, edler, tuchtiger, schwarmerischer, ganz deiner Liebe werth, und wenn er einmal die Grafin oder dich selbst malt, wirst du sein Talent schatzen lernen.

Dein Bruder! Seid mir Beide willkommen! rief Egon. Oder denkst du wieder: Wenn es Helene erlaubt? Welch' ein Wort war Das? Menschen, spottet meiner nicht, sondern habt Mitleid, dass uns die schwachen Augenblicke in solche Bahnen fuhren!

Paradiesesbahnen! erganzte Dankmar. Ich sah sie fluchtig und war bezaubert ...

Sie ist schon! lauteten Egon's langsam und nachdenklich bestatigenden, empfundenen, aber doch kargen Worte.

Schonheit, wenn sie dauernd zu fesseln im Stande ist, kann nicht ohne Herz sein; sagte Dankmar und erwartete eine Antwort.

Egon schwieg aber. Er umarmte noch einmal den Freund, begleitete ihn mit den Worten: Habt mich lieb! Ich bedarf es! an die Thur und rief ihm, als Dankmar schon ging, noch nach:

Um vier nach Solitude mit dem Bruder!

Dankmar nickte. Als er auf der Strasse im Freien war und den Weg zur Furstin Wasamskoi einschlug, wo sein Bruder seit einiger Zeit fast taglich zu Mittag speiste, sammelte er alle die Eindrucke, die ihn da in so rascher Aufeinanderfolge besturmt hatten.

Von seiner eigenen Angelegenheit hatte er nicht reden konnen und noch nicht mogen.

Er war es also! sagte er sich. Es ist der Freund aus dem Thurme von Plessen, der dich seinen Posa, sich meinen Carlos nannte! Es ist der Egon, um den du mit Melanie Versteck spieltest und dich selbst auf's Spiel setztest! Es ist Egon von Hohenberg, der Furst, der Fluchtling oder Schwarmer, der Aristokrat in seiner modernsten Fassung! Umwoben von Poesie, auf die Hohe der Zeit sich stellend, fuhlend mit dem Volke, fur das Volk und doch ... Aristokrat?

Dankmar gestand sich, dass Egon einer der liebenswurdigsten Menschen war, die er je gesehen hatte, und doch war ihm ein fremdes Element in die Erinnerung an den Thurm von Plessen gedrungen. Er suchte nach einer Formel, die diesen Charakter bezeichnen sollte und fand sie nicht. Schon dass er dem weiteren Nachforschen entsagen und um Frieden zu gewinnen sich ganz an jenen Ackermann und die Vorstellung, wie wohl Selma in weiblicher Verklarung vor ihm stehen wurde, verlieren konnte, schien ihm, als er so zu den Wasamskoi's hinwanderte, ein ernstes mahnendes Zeichen ...

Egon aber, auch in sich etwas erkaltet, erbittert durch die Enttauschung uber das Bild und dass er um ein Phantom so prasselnd wie ein Strohfeuer mit seiner Phantasie hatte vor fremden Menschen auflodern, ja um dieses Nichts, um diese Qual mit der bigotten Lebensauffassung seiner Mutter, Alles, Ehre und Leben, hatte auf's Spiel setzen konnen, Egon, jetzt gluhend nur durchlodert von Helenen d'Azimont, jetzt nur erfullt von der ganzen auf das Herz sturmenden Macht mannlicher Sehnsucht, warf, dem Leben und seiner Vergangenheit wiedergegeben, alle Fragen, alle Skrupel, alle lastigen Empfindungen von sich und schrieb auf das schon angefangene Blattchen:

"Weisst du einen Platz, Helene, wo der ermudete Fluchtling sein Haupt an ein warmes Herz legen kann, o so nenn' ihn mir! Soll ich mit schwankendem Tritt dich selbst aufsuchen, so erwarte mich heute noch nicht, ich bedarf fremder Hande, die mich fuhren. Willst du aber selber kommen, so wirst du das wehmuthige, vom Schmerz halbgebrochene Auge des Freundes finden, wirst Liebe finden, wenn die Menschen lieben konnen, die zum Strome sagen: Fuhre mich wohin du willst, ob zum Tode, ob zum Leben, nur fuhre mich zur Ruhe! Dein Egon!"

Diesen Brief sollte der Bediente, der mit seiner Besorgung beauftragt wurde, erst gegen vier Uhr abgeben, wenn der Wagen vorrollte, der Egon und die Freunde nach dem Lustschlosse des Konigs, Solitude, fahren sollte.

Bis dahin bedurfte Egon ernstlich der endlichen Erholung von den Eindrucken, die fur seinen Zustand schon zu lebhaft auf ihn eingesturmt waren.

Er sank todtmatt auf sein Lager in dem noch dunkeln mit Teppichen belegten Hinterzimmer und verbot jetzt unter allen Bedingungen, ihn durch irgend etwas bis um drei Uhr zu wecken.

Siebentes Capitel

Ein Stillleben

In dem Hinterhofe des Hauses Wallstrasse No. 14 begegnet Dem, der sich daselbst nur eine Weile umsieht, sogleich der freundliche, saubere Sinn des kleinen Mittelstandes.

Den vordern Hof konnte man herrschaftlich nennen .... Da gab es schmuzige Wasserrinnen, lang an den Wanden herabtriefend, einen Pferdestall, ein ewig feuchtes Pflaster. Durch ein Zwischenhauschen, in welchem der alte Tischler Martens seine geraumige und immer von vier bis funf Gesellen in Thatigkeit erhaltene Werkstatt hatte, kam man, wenn man einen grossen mit Latten und Bretern uberfullten Thorweg durchschritt, in einen kleinern Hof, dessen Nebengebaude zwar nur in Holzfachwerk, feuergefahrlich genug, aufgefuhrt dastanden, die aber gar freundlich angestrichen und mit blumenbesetzten Fenstern geziert waren. Das Viereck dieses Raumes war zu klein, um viel Licht aufzufangen. Dafur ruckte Jedes, was hier von armen, meist arbeitenden Leuten wohnte, mit seinem ganzen Leben dicht an's Fenster und hob die wohnliche Traulichkeit dieses kleinburgerlichen Hinterhofes zu einem Hause, das nach vornehin sehr stattlich und eben "herrschaftlich" aussah.

Sowie man aus dem grossen, lehmgedielten Thorwege trat, ging gleich links, an der Tischlerwerkstatt, eine Stiege in die Hohe und fuhrte in die Wohnung des alten Christian Martens. Erst kam ein Breterverschlag fur die Kuche, die eigentlich nur ein eingezaunter Kamin war, dann eine sehr geraumige Stube, wo die alten Tischlersleute wohnten und dann erst eine grosse Kammer, in der Franzchen Heunisch wie eine Taube auf einem Giebel sass.

Die auf dem Fortunaball ihr von Jeannetten gemachte wenig erfreuliche Aussicht, sie als Schlafgenossin in diesen engen Raum aufzunehmen, war glucklicherweise nicht in Erfullung gegangen. Jeannette war bei dem verwundeten Neumann geblieben und hatte sich unter dem Vorwande der Pflege ihres Brautigams im Schlurck'schen Hause gewaltsam festgesetzt. Sie kannte die Nachgiebigkeit der Altern, die sie gern duldeten. Nur Melanie konnte sich vorlaufig noch nicht entschliessen, sie wieder in ihre Nahe zu lassen.

Franzchen Heunisch wohnte allein und war seit einigen Wochen mehr daheim als sonst. Melanie, bei der sie wochentlich oft vier Tage hatte arbeiten mussen, liess sie nicht mehr so oft kommen wie sonst. Seitdem man sagte, Fraulein Schlurck ware mit dem Stallmeister Lasally verlobt, schien sie weniger die Gesellschaften zu besuchen und schrankte sich auf die Toilette ein, die sie schon besass. So blieben dem jungen, uberall gern gesehenen, bescheidenen Kinde nur noch einige wenige Herrschaften, die sie mit ihrer Eitelkeit ernahrten aber auch plagten und wie gewohnlich nichts nach Wunsch bekommen konnten. Am meisten war sie daheim und arbeitete still fur sich an den ihr gegebenen Auftragen.

Friede und Stille umgab sie. Die Thur des Nebenzimmers war fast immer geoffnet; die alte Frau Tischlermeisterin wirthschaftete in der Kuche oder las geistliche Bucher, die Zeitungen, Pfennigmagazine, oder was sonst von Colporteuren wohlfeil in diese kleinen Hutten bescheidener Lebensanspruche getragen wurde und bei dieser Frau eine etwas konfuse Bildung erzeugt hatte. Der alte Meister arbeitete noch rustig in der Werkstatte. In ihrem Kammerchen hatte Franzchen gern das Fenster auf und sass anmuthig wie ein Blumengeist mit ihrem zarten, feinen Kopfchen unter den Levkoyen und dem Goldlack, der in Topfen um sie her stand. In einem kleinen erdgefullten Kasten wurde sogar Kresse gezogen, die sich jetzt im Spatsommer am Bindfaden schon hoch zum Giebel des Fensters hinaufrankte. Ein Kanarienvogel, leider nur in einem holzernen Bauer, (Franzchen's Wunsch ging fur ihren gelben kleinen Bibi sehr auf einen drahtgeflochtenen!) hing fast uber ihr, wenn sie gedankenvoll, halb vegetirend sass und nahte. Manches Hanfkorn fiel von dem hupfenden Bibi auf die zarten Wollbesatze und Puffen und Volants, die sie nahte. Vor ihr stand ein Nahtischchen, das ihr der alte Martens zu monatlichen Abschlagszahlungen einmal auf Weihnachten verehrt hatte in Anerkennung ihrer nun schon uber vier Jahre fleissig gezahlten Miethe und ihres sittlichen lobenswurdigen Verhaltens. Da waren in der aufgezogenen Schublade Kastchen an Kastchen und soviel bunte Seide, soviel weisser, feiner Twist lag vorrathig, dass sie mit Ruhe jeder neuen Bestellung entgegensehen konnte, ob sie nun von Vornehmen kam oder nur darin bestand, dass sie fur Dienstmadchen des Hauses und der Nachbarschaft ein Haubchen zu stutzen oder einen Halskragen zusammenzusetzen ubernahm. Auch einiger Vorrath bunter seidner Bander lag in zierlichen Rollen in jenem Tischchen verborgen. Im Hintergrunde des Zimmers stand ein reinliches Bett auf der einen Seite, auf der andern eine alte geschweifte Kommode und neben einem alten eisernen Windofen, der fur eine Kammer ein grosser Reichthum, fast eine Uberraschung war, stand noch ein Waschtisch, geschmuckt mit kleinen unschuldigen Mitteln zur Pflege einer Schonheit, die eigentlich das frische, klare Quellwasser nur als seinen schonsten kosmetischen Beistand nothig hatte. Aber ein junges Madchen ist nicht so einfach, dass es sich nicht auch den Luxus einiger Seifen, eines guten Zahnpulvers und einiger Hulfsmittel zur Pflege des Haares gestatten sollte.

Das Leben eines solchen kleinen Hofes ist, wenn auch keine Gessner'sche, doch eine Idylle. Unten horte man das Sagen und Hobeln aus der Werkstatt. Gegenuber klopfte ein Schuhmacher auf sein Kniebret; ein armer Flickschneider, der mit kreuzweis geschlossenen Beinen wie ein Turke auf hohem Tisch vor einem offenen Fenster sass, sang sich oder pfiff zuweilen ein schnurriges Lied oder sprach, wahrend er seine Faden wichste, zu andern Fenstern hinuber oder in die Tischlerwerkstatt hinunter. Eine Katze, die einmal irgendwo an einem Fenstersims oder am Dachrande ein equilibristisches Kunststuck versuchte, war ein Ereigniss fur den ganzen Hof. Man lachte, lockte, pfiff dem Thier und benutzte die Unterbrechung, um die Kopfe aus dem Fenster hinauszustecken und sein Zusammenleben manchmal harmonischer zu fuhlen. Zuweilen kamen auch Verkaufer von der lauten, wagenrasselnden Strasse herein und schrien Besen, Sand, Lebensmittel aus, die zuweilen einen lauten Handel zur Folge hatten. Franzchen konnte da von einigen erprobten und resoluten Hausfrauen die Kunst des Feilschens lernen. Oft erschrak sie, wenn die Verkaufer geradezu nur die Halfte ihres Vorschlags geboten erhielten und traurig genug konnte sie sein, wenn die Waare auch wirklich dafur gelassen wurde, noch trauriger, wenn der Verkaufer abzog und beim besten Willen fur so wenige Pfennige seine Waare nicht lassen konnte. Spielleute, die auch hereinzogen, fanden zwar viel Anerkennung und lachenden Dank, aber selten Geld. Kam dagegen eine Frau und sang im Vorderhofe ein geistliches Lied und wurde von den Bedienten, die aus den Hinterfenstern neben den Seifenwassergossen lungerten, ausgespottelt, so durfte sie nur getrost in den Hinterhof gehen. Ein: Wer nur den lieben Gott lasst walten! offnete hier alle Fenster der Armen und Jeder gab der Sangerin, was er noch glaubte entbehren zu konnen.

Eine solche Sangerin hatte eben den Hof verlassen und mit dem letzten Verse des Liedes: Befiehl du deine Wege! Franzchen's ohnehin thranenvolles Gemuth geruhrt ... Es gibt einen Zustand der Seele, wo schon jede leiseste Beruhrung einer wunden Stelle ein Uberfliessen zur Folge hat, wie bei einem ubervollen Gefasse ... Franzchen hatte der Sangerin einige Pfennige gegeben. Sie untersuchte nicht, wie mechanisch und gelaufig schon jener Bettlerin dieser religiose Gesang sein mochte, sie empfand ihn wie eine unmittelbare Eingebung gerade nur zur Losung ihrer eigenen gepressten Stimmung. Wie einige grosse, schwere Thranen auf ein Haubchen fielen, das sie der Frau Meisterin richtete fur den nachsten Sonntagskirchgang zu Propst Gelbsattel Frau Martens liebte erhabene Anregung zog sie die Schublade ihres Nahtischchens noch weiter heraus, hob einen gelbgebeizten kleinen Deckel auf und zog zwei Papiere hervor, die sie neben sich hinlegte. Das eine enthielt, von Siegbert auch in deutschen Lettern niedergeschrieben, seine Ubersetzung des franzosischen Gedichtes von Louis Armand, das andere ein zweites Gedicht, das ihr Heinrich Sandrart, der junge Sergeant, verehrt hatte.

Das franzosische Gedicht hatte sie Anfangs, als eine Huldigung des Mannes, den sie mit so hoher Verehrung liebte, uberrascht, dann aber bei mehrmaligem Lesen war es ihr befremdlich geworden. Sie hatte wochenlang nichts mehr von Louis vernommen, die vielen Bestellungen, die fur seine Bilderrahmen und Spiegelformen einliefen, wurden vorn von dem verschlossenen Comptoir hierher an den Tischler Martens verwiesen und auf eine grosse Schiefertafel fur die Zeit verzeichnet, wo endlich zu hoffen stand, dass Louis Armand aus dem stolzen Palaste seines hohen Gonners zuruckkehren wurde. Wie wuchs da des armen Madchens Verlangen, doch irgend etwas von diesem einschmeichelnden, sanften und so zarten jungen Fremdling zu vernehmen und nun erschrak sie regelmassig, dass ihr sein Gedicht so wenig verstandlich war! Da waren Wendungen, so schrill, so schneidend, dass es ein unschuldiges deutsches Madchen kalt uberlaufen musste und doch entzuckte sie wieder das stolze: "Nur weine nicht", mit dem jeder Vers trotz seines schlimmen und fast hohnischen Inhaltes schloss ...

Heinrich Sandrart dagegen, der seit dem Fortunaball sich an sie geklettet hatte wie mit einer wahren Toggenburg-Treue, der junge Sergeant hatte in seinen Versen sogleich das Beste, das Hochste, das Schmeichelhafteste von ihr gesagt. Er redete sie mit so glanzenden, so wohlthuenden Bezeichnungen an, nannte sie seines Lebens Sonne und seiner Hoffnung Wonne, sprach vom lichten Schimmer ihrer Augen, dem Kelch, aus dem er Liebe wollte saugen, und sah die Jugend und die Tugend in ihr treugepaart und nannte sie einen Edelstein unubertrefflich in seiner Art. Das Alles klang, besonders von Frau Martens schmelzend vorgetragen, gar lieblich und schmiegsam und war bis jetzt das Einzige, was fur Heinrich Sandrart bei ihr sprach. Wie oft hatte sie ihn gebeten, ihr nicht mehr des Abends da, wo sie gearbeitet hatte, aufzupassen und sie nach Hause zu begleiten! Wie zurnte sie ihm, dass er offen und frei mit den alten Martens sprach, seine edelsten Absichten diesen Leuten zu erkennen gab und diese umsomehr fur sich gewann, als er sich in der Eigenschaft eines reichen Bauernsohnes genugend ausweisen konnte! Wie litt sie unter den Vorwurfen der Frau Tischlermeisterin, die ihr wegen ihrer Sprodigkeit gegen den hubschen jungen Sergeanten in gewahlter Sprache gemacht wurden! Dieser kam nie ohne eine Aufmerksamkeit, nie ohne ein kleines Geschenk. Einen Blumenstrauss, eine kleine Nascherei, ein Bildchen fuhrte er fast immer bei sich, wenn er sich sehen liess. Aus den Rockschossen seiner feinen Patentuniform langte er das feinste Obst hervor und hielt sich Abends und Morgens, wo er nur Zeit fand, stundenlang, wenn nicht an Franzchen's Seite selbst, doch bei den alten Martens auf, die gern mit ihm plauderten, weil er gemuthlich und noch uber das Pfennigmagazin hinaus unterrichtet war. Franzchen war nicht etwa kokett oder schnippisch gegen ihn. Gerade, weil sie ihn nicht lieben konnte, war sie einfach und duldsam gegen seine Besuche und fand nichts darin, dass er ihr oft, wahrend sie arbeitete, einen Kuss von der Hand stahl, die im Nahen sich nicht verstecken konnte. Sie trug gern kurze Armel in der guten Jahreszeit, musste nun aber ihr bestes, schones, blaues Kleid tragen, nur um durch lange Armel zu verhindern, dass Heinrich Sandrart stundenlang auf ihre zarten weissen runden Arme blickte, gierig sich mit seinen liebesirren Blicken an der feinen Haut weidete und ehe sie sich's versah in die weichen Formen einen brennenden Kuss druckte. Ihn mit Gewalt von sich zu weisen, hatte sie den Muth nicht. Wer gab ihr ein Recht, an Louis Armand wie an eine Hoffnung zu denken! Hatte er sie nicht in diesen letzten Wochen ganz vernachlassigt? War ihr mehr von ihm noch geblieben, als dass sie manchmal mit zitternder Hand auf die Schiefertafel fur seine kunstvollen Arbeiten Bestellungen schreiben konnte, die nach seinen Thonformen schon einige Gesellen des alten Martens auszufuhren versuchten? Dann kam es wol, dass sie denn doch immer und immer Louis' Gedicht vor sich nahm und es mit Heinrich's verglich und trotz der schonen und freundlichen Wendungen des letzteren an jenen herben und schroffen Worten einen Gefallen fand, uber das sie sich keine andere Rechenschaft geben konnte, als dass ungluckliche Liebe doch wol auch herb und bitter mache.

Zur Vermehrung ihres Leides war nun sogar der Onkel Heunisch angekommen und hatte in rascher Weise mit allen ihren Bedenklichkeiten Kehraus machen wollen. Da wurden im Bunde mit Madame Martens Heinrich's Glucksumstande gepriesen und als sie immer darauf bestand, sie wollte noch nicht heirathen, hiess es, so mochte sie in das Forsthaus nach Hohenberg mitkommen und dem Onkel die Wirthschaft fuhren. Die Ursula straube sich zwar dagegen, aber der Onkel, dem das Heirathen so vergallt worden, musse eine Stutze fur sein Alter haben. Heinrich wurde dann seinen Ernst beweisen konnen. Nahme er seinen Abschied, kame er nach dem Ullagrunde, der nur zwei Stunden vom Forsthause lage und halte er dann noch um die Franziska an, so wurde sich das Ubrige finden. Dann wollte er schon, wenn entweder auch noch die Ursula Marzahn um ihn herumspuke oder schon jenseits wirthschafte, sich allein zurechtfinden, wisse er doch, im Ullagrunde bei dem reichen Bauer Sandrart wohne ein Paar, das ihn lieb hatte und wo er ofter verweilen wurde als auf dem Gelben Hirsch, ginge auch der Weg nach dem Ullagrunde uber einen Ort vorbei, den er gern miede, uber das Kreuz am Strudel und die Sagemuhle.

Franzchen hatte, selbst wenn ihr nicht Louis Armand im Sinne gelegen ware, ein Grauen vor dem Forsthause. Sie war in ihrer Kindheit, als ihre Altern, die sie mit den Wandstabler's verwandt machten, gestorben waren, einige Wochen beim Onkel Heunisch, bei ihrem Vaterbruder, gewesen (ihre Mutter war eine Schwester des Wachtmeisters und Haushofmeisters Wandstabler); allein die Ursula Marzahn hatte diesen Besuch offenbar mit scheelem Auge angesehen und hinter zuthunliche Freundlichkeiten manche schlimme Absicht versteckt. Wie oft hatte sie nicht das kleine Madchen an einen mit schonen gelben Blumen uberwucherten Sumpf gefuhrt und ihr gesagt: Hol' einmal ein Buschel Blumen, Franzchen, ich weiss ein Kunststuck und sage dir, wer dein Mann wird!

War das kleine Kind dann in den Sumpf bis an die Knie gesunken, so lachte sie und wollte sie nicht wieder herausziehen. Weinte sie dann uber ihre beschmuzten Strumpfe, so bot ihr die Alte zwar grosse Brotschnitte mit Zwetschenmuss und ganz feinem weissen Zucker aus ihrem Geheimschranke darauf, aber einmal, dass sie davon gegessen hatte, war sie so elend krank geworden, dass sie die Schnitte mit dem Zwetschenmuss und dem weissen Zucker aus ihrem Geheimschranke nicht wieder nehmen wollte. Heunisch, der sich uberzeugte, dass das Kind in seinem Walde nicht viel lernen und unter der Wunderlichkeit der damals noch rustigen Ursula leiden wurde, nahm sie damals fort und gab sie in die Stadt zu den Wandstabler's, die es freilich so arg mit dem jetzt herangewachsenen Madchen vorhatten, dass es eines Tages aus dem Pavillon, wo der alte Furst badete, mit Schaudern entfloh und sich bei den Tischlermeisters Martens, die ihre Altern gekannt hatten, einmiethete, um hinfort von ihrer Hande Arbeit zu leben. Heunisch sagte nun zwar, die Ursula ware alt und zahm und ganz kindisch, aber es graute ihr doch vor dem Gedanken in das Forsthaus zuruckzukehren, und als der Onkel gar horen musste: In deinem Walde, Onkel, sterb' ich! da brach er lieber vorlaufig von seinen Vorstellungen ab und beschloss betrubten Herzens und unverrichteter Sache, aber mit Hoffnung auf den Sergeanten nach Hause wieder heimzukehren.

Den Hochmuthsteufel, sagte er sich zum Trost, hab' ich ihr doch vertrieben! Dies Zeugniss, das er sich als Belohnung fur seine Reise geben zu durfen glaubte, bezog sich auf den Fortunaball, uber den sich Franzchen, ihrer Freundin Louise Eisold wegen, nicht vollig zu rechtfertigen wagte und es nun auch nicht mehr nothig hatte, da Heinrich Sandrart sie eben dort kennen lernte. Noch mehr Hochmuthsteufel lag Heunischen in einem Luxus, der in seinen Augen sehr uberflussig war, in der Erlernung der franzosischen Sprache. Am Tage nach dem Fortunaball namlich, wo sie im Gewuhl, das nach der gewaltthatigen Scene im Garten entstand, mit Heinrich Sandrart wieder zusammengerieth und endlich nach vier Uhr erst, als Louise den Nachtwandler auffing, mit dieser in einem Wagen nach Hause entkam, den Sandrart bezahlte, war jener Franzose, dessen grune Brille, grosser Schnurrbart, lastiger Husten, auf dem Fortunaballe allgemein aufgefallen war, in ihre Wohnung gekommen und hatte sich als einen Professor Monsieur Sylvester zu erkennen gegeben. Dieser alte Geck war anfangs von einer so auffallenden Zudringlichkeit, dass das junge Madchen ihm verbot, sich wieder bei ihr sehen zu lassen und Madame Martens unterstutzte diese Weisung ihrerseits mit feinstylisirten Drohungen, die er in seinem gebrochenen Deutsch vergebens zu beschwichtigen suchte. Monsieur Sylvester war bejahrt, verbarg diese Thatsache aber durch Perrucke und mancherlei nur in der Nahe sichtbare Toilettenkunste. Er hatte eine sehr glatte, aber fast leblose Haut. Wenn er mit den scharfen grauen Augen blinzelte, sah man an den Schlafen hundert Falten, die sich bis an die Augenwinkel zogen. Die hervorstehenden Zahne waren offenbar nicht acht. Seine feine Kleidung verrieth den Mann von Welt und an einschmeichelnden, gewandten Manieren fehlte es ihm sowenig, dass er es wiederholt wagte, sich bei dem jungen hubschen Madchen, das inzwischen schon von Heinrich Sandrart die ersten Huldigungen empfing, dennoch einzufuhren. Er gab vor, eine Bestellung fur den Vergolder Louis Armand zu haben und liess genau von Franziska, die vor ihm zitterte wie vor einem giftigen Basilisken, seine Adresse aufschreiben: Monsieur Sylvester, Konigsstrasse Nr. 13 im dritten Stock. Er behauptete, bei Armand Auftrage fur eine grosse Herrschaft zu haben. Franziska mochte ihn nicht ansehen, wandte ihm selbst den Rucken, aber sie wurde roth, als Herr Sylvester anfing von Louis Armand zu sprechen und einen langen forschenden Blick auf sie richtete. Ja als er sogar von Armand's Ausserm, seinen Verdiensten und Vorzugen sprach, sogar behauptete, ihn von Ansehen zu kennen und Franzchens Verlegenheit wuchs, hatte sie im Spiegel bemerken konnen, dass er eine eigenthumlich uberraschte pfiffige Miene machte. Als er gegangen war, fand die Frau Tischlermeisterin den gelehrten Mann doch so ubel nicht. Franzchen aber riss das Fenster auf und meinte, er hatte eine Atmosphare hinterlassen, dass sie frische Luft schopfen musse. Dennoch setzte sie sich an ihren Nahtisch und dachte dem Lobe nach, das Herr Sylvester seinem Landsmann Louis Armand gespendet hatte. Der widerliche Mann erschien ihr bei langerm Nachdenken jetzt schon minder abschreckend und eines Abends, als der "Zufall" wollte, dass Sylvester ihr, wie sie gerade von der Arbeit kam, wieder in den Weg trat, war er so artig, so manierlich, so zuvorkommend, dass sie zwar Anfangs im Gehen nicht inne hielt, nicht unter ihrem zierlichen Strohhutchen, dem ein blaues Band sehr gefallig stand, aufblickte, aber doch zuhorte, was er, wenn ihn der asthmatische Husten nicht plagte, so neben ihr, in seinem gebrochenen Deutsch, hinplauderte. Er erwahnte wieder die grossen Talente des jungen Armand, sprach von vielen unverfanglichen Dingen und empfahl sich an der Thur ihres Hauses mit so viel Artigkeit und so wenig aufdringlich, dass sie ihm wenigstens das eine wenn auch kalte Wort: Ich wunsch' Ihnen einen guten Abend gonnte. Mehr hatte sie ihn nicht gesprochen ... Oben in ihrem Stubchen fand sie damals einen Brief von Louis. Er schickte ihr jenes Gedicht und bat sie, seiner zu gedenken, so lange ihn ernste Pflichten fern hielten ... "Derselbe junge Mann, sagte er in dem Briefe, der schon einmal so freundlich war, an den guten Herrn Martens einen Auftrag auszurichten, hat mir das beifolgende Gedicht ubersetzt, das ich Ihnen widme, meine liebe Franziska! Moge es Ihnen den Trost in Ihrer Einsamkeit gewahren, dass wir Parias der Gesellschaft doch einen stillen Bund geschlossen haben, indem wir fur unsere Empfindungen einen gemeinsamen Cultus hegen. Die Reichen und Vornehmen sind nicht so glucklich, sie hassen sich. Wir Armen konnen uns lieben."

Das letzte Wort in diesem Briefe entzuckte Franzchen; aber Paria in der Gesellschaft und Cultus? ... Das waren zwei Worte, die Franziska selbst mit Hulfe mehrer Jahrgange des Pfennigmagazins, der ganzen Belesenheit der Tischlerin und selbst mit einer Anfrage bei dem gegenubersitzenden Schneider nicht entziffern konnte und ihr unverstandlich waren, wie das Gedicht selbst. Sie empfand nun plotzlich das Bedurfniss einer hoheren Bildung. Wer sollte ihr sagen, was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus ist? In ihrer nachsten Gedankenreihe fuhlte sie, dass es gewiss ein grosses Gluck ware, wenn man franzosisch gelernt hatte und sonderbar! Von dem Augenblicke an bildete sich ihr der Gedanke: Herr Sylvester hat sich so lange nicht sehen lassen, ich mochte ihm wol einmal wieder begegnen! Dies geschah zwei Tage spater. Herr Sylvester begegnete ihr nicht nur, sondern er wagte sich sogar noch einmal zur alten Frau Martens an einem Sonntage, wo er vielleicht wusste, dass diese strengen Sittenrichter in die Kirche gegangen waren. Heinrich Sandrart hatte Parade und Franzchen that dem Sergeanten nicht den Gefallen in die grosse Allee zu gehen, wo er stolz mit seiner Gardecompagnie unter Befehl des ihm seit dem Fortunaball nicht besonders gewogenen Lieutenants von Aldenhoven, vor sich einen Flottwitz und hinter sich einen Flottwitz, in dem Bataillon des Majors von Werdeck marschirte ... Vergebens sah sich der Sergeant rechts und links um, ob unter den Zuschauern nicht Franzchens Strohhut mit dem blauen Bande sichtbar wurde.

Vergebens horte er den Lieutenant von Aldenhoven ihm zuraunen: Was gaffen Sie denn, Sandrart? ... Der Zorn trieb ihm das Blut in's Gesicht ... aber Franzchen war zu Hause, kummerte sich nicht um die Parade, nicht um Heinrich Sandrart's goldene Litzen, sie sass unter ihrem gelben kleinen Bibi und knusperte mit ihren weissen Zahnen an den Hanfkornchen, die der Verschwender uber ihr niederfallen liess. Da trat Herr Sylvester ein, sehr elegant, sehr fein, wie ein vornehmer Herr, der sicher heute noch bei einem Minister speiste. Herr Sylvester sagte, er wollte sich erkundigen, wie es mit seiner Bestellung ware, der reiche Herr drangte um die Einrahmung seiner Bilder, die grosse Meisterwerke waren und glanzende Ausstattung verdienten. Franzchen bedauerte Louis' Abwesenheit, erzahlte, dass er sich der Pflege des kranken Fursten Egon widme, den er von Paris kenne und zeigte sich so im Zuge, so angeregt uber Alles, was Louis betraf, dass Herr Sylvester Muth fasste, sich umzusehen und sich sehr beherrschte, nicht wieder in den lusternen Ton zu fallen, den er, hasslich und widerlich genug, nach dem Fortunaball angestimmt hatte. Das Gesprach kam auf die franzosische Sprache und Franzchen erkundigte sich, was ein Paria der Gesellschaft und der Cultus ware? Cultus, sagte Herr Sylvester und lachelte so stark, dass man an seinen eingesetzten Zahnen fast die feinen Drahte und das kunstliche Zahnfleisch sah, Cultus ist die Verehrung, die Liebe ist ein Cultus, meine liebe Franziska, und die Parias sind eine ungluckliche Kaste von Menschen in Indien, die arm, elend, verstossen sind und bleiben, weil sie arm, elend, verstossen geboren wurden und nichts lernen konnen. Sind Das einige Erinnerungen aus den Gesprachen mit Louis Armand? Franzchen errothete und die Folge der weiteren Forschungen und Schmeicheleien des Herrn Sylvester war die, dass sich der feine Mann erbot, ihr franzosischen Unterricht zu geben. Als sie, halb erschrocken, halb doch innerlichst erfreut, Anstand nahm und mit lachelndem Scherz auf ihre leere Kasse deutete, wies Herr Sylvester jede Zumuthung an die Voraussetzung eines materiellen Interesses zuruck und drangte so lange und so artig, so wirklich gefallig in Franziska, dass es dieser vorkam, als wenn sich die grune Brille des Fortunaballes niemals in so abschreckender Gestalt, fast wie eine Schlange, ihr offenbart hatte. Sie fand ihn leidlich und ging auf die Vorschlage ein, bei ihm wochentlich drei Stunden zu nehmen. Sie sagte, sie wollte ihm dafur nahen, was er wunschte; auch Namen zeichnen in Taschentucher oder was er begehre, sie wollte sich ihm dankbar zeigen. Ich will Sie nur gelehrig sehen! sagte Herr Sylvester und schlug vor, die Stunden bei ihm zu nehmen. In der Konigsstrasse Nr. 13? sagte sie, nein, Das geht nicht! Er wiederholte vergesslich: Konigsstrasse? ... Sind Sie ausgezogen! fragte sie. Er schien in Verlegenheit und antwortete: Ja wohl, ja wohl! Konigsstrasse! Franziska meinte nun, die Muhe, zu ihr zu kommen, musse er sich nicht verdriessen lassen, sonst durfte sie den Unterricht nicht nehmen. Er versprach diese Bemuhung, furchtete aber, die Wirthsleute seines Zoglings mochten Einsprache thun. Das soll meine Sorge sein! sagte Franzchen, und richtig, sie wusste den alten Leuten, als sie aus der Kirche kamen und von der Parade noch die Schlussmusik gehort hatten, das Gluck der Bildung und geistigen Vervollkommnung so klar und besonders der Tischlermeisterin anschaulich zu machen, dass die Stunden ihren Anfang nahmen. Zwar hatte Franzchen mit Herrn Sylvester viel auszustehen. Anfangs wollte er durchaus die Verbindungsthur zwischen beiden Zimmern geschlossen wissen, dann, als ihm Franzchen dies abschlug, wurde er nichtsdestoweniger oft hinter den schutzenden Blumen und der rankenden Kresse wieder so unartig wie nach dem Fortunaball. Aber auf ein ernstes: Herr Professor! sammelte er sich und Franzchen lernte so geschwind ihre Vokabeln, ubte sich so fleissig in den Praparationen, dass sie sichtbare Fortschritte machte. Das dauerte vier Wochen, bis Onkel Heunisch kam. Argerlich uber die Weigerung seiner Nichte, den jungen, hubschen und reichen Sandrart zu heirathen, kam er gerade mit einem Besuche des Herrn Sylvester zusammen, mass diesen Mann von oben bis unten und von unten bis oben, liess sich Dies und Jenes erzahlen, horte Heinrich's Klagen, dass Franz zu hoch hinaus wolle, und dass sie mit diesem Sprachmeister in's Gerede komme, und erklarte ihr, als die Stunde vorbei war, dass dies die letzte gewesen ware. Wie? sagte Franzchen entrustet. Heunisch antwortete ruhig: Er dulde diese Ausschweifungen nicht langer! Sie ware armer Altern Kind und musse ihr Brot von anderer Leute Gnade essen ... Punktum! Der alte Kerl durfte hier nicht mehr uber die Schwelle kommen.

Franziska war erst fast ergrimmt. Dann aber fugte sie sich und war zuletzt mit diesem Entschluss umsomehr zufrieden, als sie doch von Louis Armand, dem all ihr Muhen und Lernen galt, vergessen zu sein schien. Louis Armand liess nichts mehr von sich horen. Herr Sylvester kam sehr unregelmassig, blieb oft nur eine Viertelstunde, und nur, wenn Niemand, ausser Franzchen, zu Hause war, konnte sie ihn nicht wieder fort bringen. Er spottete so boshaft, er wusste so viel zweideutige Anekdoten, er blieb so wenig bei der Sache, dass sie in der That das nachste mal zwar mit einer gewissen Befangenheit, aber doch entschlossen erwiderte, dem Onkel seinen Willen zu thun und ihm sagen zu wollen: Herr Sylvester, ich fuhle, dass ich fur meine Verhaltnisse zu viel Zeit auf eine Sprache verwende, zu deren Benutzung mir mein kunftiges Leben keine Gelegenheit bieten wird!

So sass Franzchen an ihrem Fenster, las in der wehmuthigen Stimmung, die das Lied der armen Frau angeregt hatte, die beiden Gedichte wieder durch und nahm das Einerlei ihrer Arbeit vor ...

Der Flickschneider von druben machte manchmal einen Scherz mit ihr.

Bon jour, Mamselle! rief er nach einiger Zeit. Parlez vous francais?

Dabei lachte er, ohne es jedoch so bos mit seinem Spotte zu meinen, wie ihn die alte Martens, die nebenan eben die Zeitung laut buchstabirte, nahm und sich unterbrach mit den Worten:

Portugal ... Dem Heiland sei Dank, dass die Menschen bald nicht mehr solche schandliche Reden hinter uns ehrlichen Leuten werden sagen konnen! ... Schon wieder ein Erdbeben gewesen ... Ich begreife nicht, wie Eins dies so lange hat dulden konnen! ... Funf Hauser sind eingefallen.

Wahrend Franzchen diese harten von einem portugiesischen Erdbeben unterbrochenen Worte uberdachte, verfloss wol eine Viertelstunde und wieder rief der Flickschneider nach einer Viertelstunde uber den Hof:

Habe ja die Floduse so lange nicht gehort. Guter Mond du gehst so stille ... das ist mein Leibstuck, Mamsell!

Frau Martens musste wol nebenan durch's Fenster ihm eine Miene des traurigsten Achselzuckens machen; denn ganz laut horte Franzchen den Seufzer, der mehr jene Gebehrde begleitete, als den Vorfall, dass in Mexiko eine Bergwerksgrube eingesturzt war und dreizehn Indianer verschuttet hatte.

Die Flote aber blies Heinrich Sandrart, wenn der junge Soldat von Franzchen nicht beachtet wurde und wol eine Stunde neben ihr gesessen und kaum ein Wortlein von ihr vernommen hatte. Dann ging er traurig nebenan und langte sich eine Flote her, die er bei der Frau Martens auf der Commode unter den darauf prangenden, grossen bunten und vergoldeten Jahrmarkts-Deckelglasern und einigen lehrreichen Schriften liegen hatte und blies dann so still fur sich, aber zur Freude des ganzen Hinterhofes, einfache Volksmelodieen, wie er sie gerade auswendig konnte oder im Ullagrunde von den Knechten seines reichen Vaters hatte singen und jodeln horen.

Die druckende Schwere des Herzens, die Franzchen durch die halb politischen, halb privaten Seufzer der alten Tischlermeisterin nur noch mehr beangstigte, loste ein Besuch, der rasch und eilig die schmale Treppe fast herauf sturmte. Man horte das Kuchengatter draussen heftig offnen und noch heftiger zufallen.

Ist Franzchen zu Hause? rief eine weibliche Stimme im Eintreten und schon war der Besuch durch die grossere Stube hindurch in Franzchens Kammer getreten.

Es war Louise Eisold.

Achtes Capitel

Volksahnungen

Die Trauerkleidung, in der Louise Eisold uber die Strasse ging, konnte der durch diesen Besuch angenehm uberraschten Franziska nicht auffallen.

War doch in der Nacht, als beide Freundinnen den Fortunaball besucht hatten, zur tiefsten Betrubniss und zu einem ewig nagenden Vorwurfe fur Louisen der alte Urgrossvater mitten unter seinen Urenkeln still entschlummert!

Einmal nur hatte Franziska Louisen seither gesehen. Zwei Tage nach dem Ball kam sie wegen der Kleider, uber deren Benutzung Mademoiselle Florentine, die Putzmacherin, furchtbaren Larm schlug und mit allen Gerichten der Welt drohte. Louise nahm diese Nachricht ruhig auf und wehklagte nur uber den Tod des Alten, der so einsam, so verlassen, so lieblos hatte dahingehen mussen! Die Kinder hatten alle geschlafen, so wie sie sie verlassen hatte, das Jungste hatte sich nicht geregt, die Uhren gingen wie sie aufgezogen waren, sie war leise und still mit der Morgendammerung in ihr Zimmer zuruckgekehrt, selbst Karl, der fruh auf die Arbeit musste, schlief noch gegen funf Uhr. Nur ein Blick auf den Alten zeigte ihr, dass Das kein lebendiger Schlaf mehr war, der so den Korper streckt, so die Zuge des eingeschrumpften trocknen Gesichtes spitz hervortreten lasst! ... Sie fuhlt auf die Stirn, sie fuhlt den Puls, sie betastet die Hande, die Fusse, der alte Mann war entschlummert, vielleicht von einem Lungenschlag getroffen. Mit einem Schrei, der ihrem ohnehin bebenden und gepressten Herzen Luft machte, weckte sie alle Geschwister. Diese fuhren empor. Grossvater ist todt! Alle Kinder schrien und weinten. Nur Louise konnte vor innerm Schauder nicht zu Thranen kommen. Sie verurtheilte sich selbst. Sie sah den Alten sich nach ihr noch einmal umblicken, sie horte ihn rufen, sie glaubte an seinen Uhren zu bemerken, dass er noch einmal aufgestanden war. Sie tauschte sich wol, aber ihre Phantasie malte ihr, dass er Allen vielleicht noch ein Lebewohl sagte, aber sie fehlte, Sie, die die Huterin, der Schutzengel dieser Raume sein sollte! Erst als die Kinder alle auf ihre Arbeit gegangen waren und die ganz Kleinen ihr ihren wahren Kummer nicht ausfragen konnten, machte sie ihrem Herzen durch Thranen Luft ... Und dann die Sorge des Begrabnisses! Glucklicherweise gehorte der Greis zu einer sogenannten Todtenbruderschaft, bei der man sich durch Jahresbeitrage ein anstandiges Begrabniss sichert. Einige schwarzgekleidete Manner nahmen ihr die Sorge der Beerdigung ab. Mit den schwarzen Kleidern angethan, die sie erst vor kurzem nach beendigter Trauer um die Altern abgelegt hatte, folgte sie dem Sarge mit ihren Geschwistern. Jedermann erstaunte, wie sie vor der aufgeschutteten Erde so trostlos weinen konnte. Man glaubte doch, dass ihr eine Last vom Schicksal abgenommen war. Niemand kannte ihren nagenden innern Vorwurf, ihre bittere Reue ... die Vizewirthin Mullrich ausgenommen, die recht hamisch den Kopf schuttelte, als der Sarg durch die schmale Thur auf den vor ihrem Kellerfenster stehenden Leichenwagen gehoben wurde. Ihr Mann, der gerade von der Unternehmung bei der Schievelbein heimkam, hatte wohl gesehen, dass Louise Eisold damals an der untern Ecke der Brandgasse aus einem Fiaker stieg, in dem noch ein andres geputztes Frauenzimmer und ein Soldat sassen ...

Louise, die in allen Dingen entschlossen handelte und Umstande nicht liebte, machte ohne Weiteres die Kammerthur zu, umarmte Franzchen, nahm sich einen Stuhl und setzte, erschopft von ihrem raschen Gange, zu ihrer Freundin sich nieder.

Ich habe mir ein paar Augenblicke abgestohlen, sagte sie, und bin froh, dich zu Hause zu finden. Du wirst nicht gewusst haben, wo ich so lange geblieben bin.

Auch ich hatte viel zu thun, sagte Franziska.

Lass dich nicht storen! Arbeite fort! Was wird Das?

Ein Haubchen fur eine Nachbarin.

Wie hubsch die Spitzen! Kind, ich komme von Florentinen.

Ach!

Ich denke, die Gefahr ist voruber. Ich hab' ihr zum letzten male meine Meinung gesagt und nun sind wir einverstanden.

Gott sei Dank!

Ich sagte ihr: Wenn wir nicht so ehrlich waren, hatte sie's nie zu erfahren brauchen, dass wir mit diesen Kleidern auf dem Fortunaball waren.

Wir hatten sie so gut erhalten!

Aber betrugen wollten wir sie nicht. Die funfzehn Thaler, die sie mir seit Jahren schuldet und die ich doch nie wieder bekomme, wurden den Flitterstaat vollkommen bezahlen, allein was sollen wir damit? Ich gehe sobald auf keinen Ball wieder ... Und du?

Erinnere mich nicht !

Genug, sie nimmt die Kleider wieder, ja kaum hatt' ich sie hingeschickt, so hangen sie schon prachtig wie das Allerneueste in ihrem Magazin und zwei vornehme Damen sah ich, die sie sehr bewunderten, sich Blumen als Besatz bestellten und die Uberwurfe zu formlichen Kapuzen umnahen lassen. Ich sah dem Handel ruhig zu und schuttelte fur mich den Kopf, welch' ein Ausbund die Florentine ist! Du hattest sie reden horen sollen! Das Neuste, das Schonste, Sie werden reizend aussehen, meine Gnadige, wie ein Engel, ach, wie ein Engel ...! Wie die Damen fort waren, lachte sie und machte hinter ihnen eine lange Nase. Auf meiner Rechnung strich sie doch funf Thaler als bezahlt aus!

Funf Thaler!

Sie verkaufte beide Toiletten fur dreissig Thaler.

Und doch funf Thaler fur dich? Das heisst zwei ein halb fur dich und zwei und ein halb ...

Wo denkst du hin!

Ich kann es Louise! Mein Onkel der Forster ist hier, er hat mir einen Louisdor geschenkt. Das sind noch uber funf Thaler.

Meine Rechnung bekam' ich von der Florentine doch nie bezahlt. Lass! Lass! Lass!

Um so mehr! Sieh, da ist das schone Goldstuck!

Franzchen zog ihr Nahkastchen auf, wo neben den beiden Gedichten ihr bescheidenes Geldbeutelchen lag.

Louise wollte aber nichts nehmen ...

Louise, begann Franzchen, was war Das nur in jener Schreckensnacht? Die Lichter erloschten, der Tag schien in den Saal, mich hatte der Sergeant am Arm, du hieltest den Unglucklichen, der dich den ganzen Abend allein beschaftigte und den Alle einen Nachtwandler nannten ... der Vorfall mit der Auguste Ludmer, wie das geputzte Madchen heissen soll, die Polizei, der Mann mit der schwarzen Binde ... ach, ich kann dir nicht sagen, wie mir Das noch heute Alles im Kopf wirbelt und summt! Vorher der Larm im Garten, das Geschrei, das Jammern, die drei schwarzen, berussten Menschen, die mit eisernen Stangen am Zaune lagen, der Grosse, mit den hohen Schultern, einen solchen Buckligen hab' ich mein Lebtag nicht gesehen ... ware Der ausgewachsen, das hatte einen Riesen gegeben ... ein Gluck, dass der liebe Gott auf Den die Hand legte und ihm sagte: Duck' dich! Nein, Louise, es ist mir uber diese Nacht noch heute so wust im Kopf, dass ich ordentlich den Verstand verliere, wenn ich zu lange daran denke.

Liebes Kind, manchmal hab' ich ihn schon verloren und rede wahnwitzig ...

Louise! Was sprichst du?

Mein Elend ist grenzenlos; sagte Louise. Und nicht weinen durfen! Warum nicht weinen? Die Stickereien konnten leiden, wenn sie feucht werden. Ha, ha, Franzchen, Das ist eine schone Welt!

Spotte nicht, Louise! Glaubst du nicht an Gott und eine Bestimmung?

Louise blickte duster und grubelnd vor sich hin. Sie faltete ihre Hande mit den schwarzen Handschuhen und legte sie gedankenvoll in den Schooss. Die beiden Locken, die sie hinterm Ohr trug, glitten herab uber die Brust, die sich mit schwerem Seufzer hob. Die edle Stirn, die feine Nase, die Lippen konnten fur ein Marmorbild gelten. So steinern und starr war ihr Ausdruck. Dann wie von innerer Glut erhitzt, sprang sie auf, riss den mit schwarzem Bande besetzten Strohhut vom Kopfe, eine schwarze seidene Echarpe von den Schultern, warf Beides auf das Bett, gleichgultig, ob die Gegenstande so oder so fielen und stutzte das bleiche Haupt mit dem Arm auf die Lehne des Stuhles, in den sie sich niederwarf.

Louise! sagte Franzchen mit Vorwurf uber diese Heftigkeit, legte ihre Arbeit auf den Tisch, glattete die Echarpe aus und legte sie sauber aufs Bett und daneben den Hut, den sie gerade bog und seine Bander durch die Finger gleiten liess ...

Manchmal, begann Louise nach einer Weile, manchmal bringen mein Wilhelm und Karoline von den Zeitungen, die sie nicht haben verkaufen konnen, einige Blatter mit und ich lese darin, bis sie Morgens wieder in die Druckerei mussen abgeliefert werden. Gestern Abend, Alle schliefen, da schrieb ich mir doch eine Stelle auf, die in einem Winkel der grossen neuen Zeitung: "Das Jahrhundert" stand. "Das verschlossene Jenseits", hiess es da, "entriegelt der Tod Derer, die uns schon vorangingen. Strahlender offnen sich die dunkeln Pforten der Zukunft, wenn uns die abgeschiedenen Geister unserer Lieben winken und heimlich und leise wie im Abendwinde rufen: Ach folge doch nach!" Der Name des Mannes, der unter diesen Worten stand, wird mir ewig theuer bleiben, Guido Stromer!

Damit wiederholte sie noch einmal jene kurze Sentenz, in der wir einen der ersten schriftstellerischen Versuche unsres Guido Stromer kennen lernen.

Die, die gestorben sind, Louise, schalt sie Franziska, rufen dir nicht: Folge nach! Sie sagen dir: Bleibe! Sorge fur die Nachgelassenen! Erziehe sie! Sei ihnen Mutter!

Louise lachelte bitter. Ihr ganzes Wesen verrieth Schmerz und Verzweiflung.

"Heimlich und leise", sagte sie traumerisch, "wie im Abendwinde: Ach! folge doch nach!"

Du denkst an deine Altern, an den alten Grossvater, der dir in der Nacht starb, wo du nicht an seinem Lager stehen konntest ...

Warum ist man leidlich tugendhaft? sagte Louise bitter und horte nicht auf Franzchens Einreden. Warum hat man ein Gewissen? Wie ich dann erst das Kind glucklich und gesund neben meinem Bette schlafend fand, mocht' ich auf die Kniee fallen, so dankt' ich Gott! Jeden Schlafer sah ich an und betete. Die Gardinen zog ich zuruck, damit der erste Sonnenstrahl auf jedes ruhig schlummernde Antlitz fiel! Da steh' ich bei dem alten Mann. Er sieht so bleich, so starr, ich beruhre ihn. Er ist todt! Warum belog ich mich nicht und sagte: Fataler Zufall! Ich las noch eine andere schone Stelle von diesem herrlichen Guido Stromer. Er sagt: "Es lasst sich leider nachweisen, dass nur Die Menschen eine ewige Grosse erschwangen, die auf der Leiter ihrer Thaten selten zurucksehen und in ihr Inneres nie." O, Das ist dunkel! Aber ich verstehe es schon! Man ist und wird nichts, wenn man so dumm ist gut zu sein!

Du verwirrest dich, Louise! Warum liest du solche schreckliche Sachen! Ergib dich deinem Schicksal! trostete Franzchen.

Ich trag' es ja! sagte Louise kopfschuttelnd. Aber manchmal kommt ein Geist uber mich, den ich gar nicht nennen und fassen kann. Da ist's mir, als sollt' ich an einer Saule rutteln, so gross und stark wie sie am Schloss stehen. Ich mochte das Haar aufbinden und uber die Strasse rennen und den Untergang der Welt oder den Anfang einer neuen ausrufen!

Die Last deiner Sorgen druckt dich und du liebst unglucklich, Louise.

Louise erschrak. Dann aber raffte sie sich auf und sprach leiser:

Wer sagt Das?

Ist es dankbar von dem kranken Mann, antwortete Franzchen, dem du soviel Sorgfalt schenktest, dass er dich verlasst? Ich habe dich nicht fragen mogen, Louise! Du bist heimlich und dein Zorn erschreckt mich oft. Ich weiss nicht einmal, ob dieser Hackert es um dich verdient. Im Hause des Justizraths Schlurck ist er nicht gut angeschrieben; das weiss ich von Jeannetten ...

Weil sie ihn gequalt, gefoltert haben, fiel Louise ein. Diesen Menschen behandelten sie erst wie einen Sohn und erzogen ihn. Wer verdenkt es ihm, als diese hoffartige, stolze, kalte Tochter in ihrer ersten Gefallsucht ihn ausfragt, was Liebe ist, dass er's ihr sagt und an seinem eigenen Beispiel betheuert? Sie kommt zum Bewusstsein, tragt den Kopf hoch, darf ihn hoch tragen, aber will nun nichts mehr wahr haben, was sonst zwischen ihnen gegolten hat. Er vergramte sich und wachte die Nachte, wenn sie von den Ballen heimkam; er will ihr nur das Licht vortragen. Sie erinnert sich aber auf Nichts mehr. Sie will nicht horen, dass sie mit ihm Versteck spielte und in ihrer Wildheit Nachts mit ihm durch die Strassen lief in Knabenkleidern. Weil sie jetzt Offiziere, schone Cavaliere zu Dutzenden um sich hat, ist ihr der Mensch, den sie gefragt hat: Fritz, sag mir, was Liebe ist? ein Gegenstand des Abscheues und des Schreckens geworden. Langst hatte man ihn aus dem Hause geworfen, wenn ihn der Vater nicht liebte, als guten Arbeiter, klugen, gewandten Kopf, vielleicht furchtete als verteufelten Pfiffikus, der seine niedertrachtigen Schliche durchschaut! Ha! Hackert hat mehr Witz im kleinen Finger als mancher Professor im Kopf, und wenn man gewollt hatte, ware mehr aus ihm geworden als ein unglucklicher Mensch. Wie schreibt Der schon! Wie kann Der lustig sein! Wie toll sind seine Scherze! Ja, sein Haar ist roth, er ist einer von den Gezeichneten. Sind die alle so schlimm? Du nennst Danebrand, der ihn auf dem Fortunaball herausschlug ...

War Das Danebrand? Der gute Schleswiger, der fur Euch arbeitete? Den du deinen Altern zu heirathen gelobtest, weil er ihnen versprochen hatte, fur Karl so lange die Stelle des Vaters offen zu halten?

Nun, was sagt' ich, dass ich gelesen habe: "Nur Die kommen auf, die auf der Leiter ihrer Thaten selten zurucksehen und in ihr Inneres nie."

Franziska Heunisch vergegenwartigte sich aus ihren eigenen Empfindungen vollkommen diejenigen, die Louise Eisold haben musste. Das Ungluck, einem so unschonen Manne wie Danebrand durch Alternwille und Dankbarkeit gehoren zu sollen, musste sie fur ein junges, gefalliges Madchen als eine grosse Aufgabe anerkennen, doch da sie selbst, freilich unendlich lieblicher und reizender als die ernste, bleiche Louise, in der Lage war, zwischen zwei schonen und gefalligen Mannern mit ihrem Herzen in der Mitte zu stehen, so begriff sie doch nicht, wie das wenig Anziehende in Hackert's ausserer Erscheinung fur Louisen Veranlassung einer unglucklichen Leidenschaft sein konnte. Sie deutete Dies mit grosser Schonung auch ihrer Freundin in den zartesten Worten an.

Franzchen verstand eben Louisen nicht.

Louise Eisold war eine seltene Erscheinung. In diesem Madchen zitterten alle Regungen des neueren Volksbewusstseins. Ihr Herz war von dem Hauche der Zeit bewegt wie eine zitternde Silberpappel. Ach, und nur die weisse Seite der Blatter kam immer zum Vorschein, wenn sie bebten, der Schmerz und eine gewisse todesfreudige Ahnung. Louise Eisold gehorte zu den Armen, fur die recht ein neuer Christus hatte kommen mussen, wie Jesus sagte: Den Armen wird das Evangelium gepredigt! Ihre Seele hatte Schwingen, aber sie stieg mit ihnen nicht empor; sie fuhlte nur die gewaltige Schwungkraft dieser Fittiche, die Luft lag zu schwer auf ihnen, sie konnte, den Vogeln der Wuste gleich, nicht aufwarts. Uber die Sitte, die Religion, den Staat zuckte es in ihr an Gedanken krampfhaft. Sie darbte sich die Pfennige ab, um alle Jahre einige male auf der obersten Galerie das Theater besuchen zu durfen. Wie zehrte sie von dem empfangenen Eindruck! Wie wahlte sie, wenn die Groschen beisammen waren, bis ein solches Stuck gegeben wurde, wo ihre Nerven hoffen durften zu zittern, ihr Herz sich zu dehnen, ihre geheimsten Ahnungen von leidenschaftlich bewegten Kunstlern ausgesprochen zu werden! Schon ihre Altern hatten, da sie gemischter Ehe waren und von der katholischen Pfarrei der Residenz viel Behelligung erfuhren, sich an die deutschkatholische Richtung angeschlossen. Louise Eisold, die nicht einmal in dieser Richtung ihre volle Befriedigung fand, las und horte nur von freien Gemeinden, so war sie auch schon darauf bedacht, ihre Versammlungen aufzusuchen und sich mit ihren Geschwistern in ihre Register einschreiben zu lassen. Sie fand hier etwas, was sie erregte, erschutterte, uber das Gemeine erhob. Sie durfte da nicht nur lieben, sie wurde auch ermuthigt zu hassen. Ja der Hass, Das linderte! Dies volle Ausstromen eines zornentflammten Gemuthes, Das war ihr Bedurfniss! Was sich in Euch langst verwischt hat durch die Bildung, die historische Kritik, die bei Euch langst eine ruhige Reflexion geworden ist, Das war bei Louise Eisold noch in lodernder Flamme. Der Papst, Rom, die Hierarchie und im Politischen die gleichen Traditionen des monarchischen Principes waren ihr im Grunde der Seele so verhasst, wie wir in unserm Egoismus nur Das hassen, was sich unserm nachsten Vortheil entgegenstemmt. Louise Eisold hatte in den Tagen der Revolution in der Nahe der Barrikaden gestanden. Ihr Enthusiasmus veredelte den Rausch gemeinerer Naturen, die sie zum Kampfe anfeuerte. Sie trug Steine, sie rettete Verwundete, sie half, wo ihre durch den Moment dreifach gesteigerte Kraft zur Hulfe ausreichte. Eine theatralische Eitelkeit war ihr dabei fern. Sich in Mannerkleider zu werfen, mit einem befiederten Hute zu kokettiren, die Amazone zu spielen, Das wurde ihr elend erschienen sein. In ihr lebte nur die Sache. Die Liebe zum Volke, dem sie angehorte, hob ihre Brust, sie war die eigenthumliche Verklarung alles Dessen, was unklar, unsicher und doch so tief geahnt und tief gefuhlt in dem modernen Bewusstsein der Volksmassen schlummert.

Da sagte sie nun auch uber Hackert:

Ach, Franz, was ist aussere Schonheit! Und war' ich reizend wie du, war' ich so schon wie Melanie Schlurck, die Kalte, die Hoffartige, ich liebte nur einen Mann von starkem Geist. Was lage mir an Danebrand's Gestalt? Aber er hat nur die korperliche Kraft und ein gutes Herz und das ist Alles.

Und das ist Alles, Louise? Nur ein gutes Herz? fragte Franz, fast geangstet.

Das allein kann ich nicht lieben, Franziska! fuhr Louise bitter fort. Ich weiss es nicht, ob Hackert gutmuthig ist, manchmal zeigt er ein Herz. Aber er ist wahr, er ist wild, struppig, wie sein Haar. Kaum dass er ein Wort redet. Er wirft sich auf's Sopha, springt wieder auf und stampft mit dem Fuss und wettert. Er hat mich kaum beachtet. Als man die Eisenstabe vor sein Fenster schlug, sah er mich zum ersten male an und weinte. Geh' ich noch immer um? fragte er mit zitternder Stimme. Ich erzahlte ihm, wie man ihn noch kurzlich getroffen hatte, am Rande der Galerie, die auf ein Dach fuhrt. Es ist mein ruheloser Geist!

sagte er und schluchzte fast. Er wurde wie ein Kind und erzahlte mir, wie ihm Das gekommen ware und wen er liebe. Und wenn ich sie einst sahe, sagte er, und sie in meinem Arme mir nur eingestehen wollte: Ja Fritz, es ist wahr, du warst es, der mich kussen lehrte! Dann wollt' ich alle Fesseln sprengen. Alle Kronen der Welt aus Himmelshand schlug' ich aus, wenn ich Das nur horte; Licht und Glanz fiele in mein Leben, ich wurde rasen, jubeln und mich in den Strom der Freude werfen. Nehmt mich! Bindet mich! Macht aus mir was Ihr wollt! Ich will falsches Geld munzen, will stehlen, lugen, mit jedem ehrlichen Manne oder auch einem Gauner Freundschaft trinken und endlich einmal etwas ergreifen auf dieser Welt, das mich halt, wenn sie nur sagte: Fritz, ich war die Melanie, die ... Ach, Franziska, dieser Augenblick musste damals gekommen sein, als ich dich auf den Fortunaball holte. Am Morgen war er sanft und demuthig, freundlich gegen gute Menschen, die sein Bestes wollten, und am Abend kam er nach Hause in einer Aufregung, so stolz, so spottisch, so tuckisch, als gehorte die Erde sein. So lange er bei uns wohnte, lebte er wie ein scheues Wild, das vor den Menschen flieht. Er sagte, er fliehe die Hohlen des Verbrechens, er fuhle sich nicht stark, mit seinem Vortheil einen moralischen Zank anzubinden. Er wisse noch nicht, wohin er umschlagen sollte. Wenn man die Menschen hasse, konne man nicht suchen, ihnen durch Tugend zu gefallen. Oft erzahlte er mir von den Ballen, wohin ihn zweideutige Menschen einluden, und Das wusst' ich, dass er einmal nach irgend einer glucklichen Begegnung mit Melanien das Leben von der leichtesten Seite wieder nehmen wurde. Da kommt er an jenem Abend, stosst Liebe und Gute von sich und antwortet fast wie Einer, der auf jede vernunftige Rede unvernunftig genug sagt: Lasst mich, ich muss tanzen! Da hielt es mich nicht. Ich musste ihm folgen und Gott sei gedankt, ich rettete ihm sein Leben.

Ganz gut, gut, sagte Franzchen, aber wie kann man nur so wilde Feinde haben! Sie sagte Das mit Anspielung auf den Uberfall und als wenn Hackert diese Feinde verdiente.

Kluge und ungewohnliche Menschen mussen Feinde haben, antwortete Louise. Sie finden aber auch Freunde.

Danebrand war edel genug, Den zu schutzen, den du liebst, und Hackert war so undankbar, dich zu verlassen ... sagte Franzchen sich erhitzend, da sie die Neigungen ihrer Freundin nicht theilte.

Er hatte Recht, antwortete Louise nach langerem schmerzlichen Sinnen, mein Loos ist geworfen. Am Morgen nach dem Fortunaball, wie ich an der Leiche stand, kam er und sah mich weinen. Er war eben erst gekommen und erfuhr's schon im Hause unten, was geschehen war. Louise, sagte er, ich verlasse Sie! Sie haben mir grosse Freundschaft erwiesen! Sie haben mich heute vielleicht vom Tode gerettet. Aber der Rausch, der mich gestern wahnsinnig machte, ist heute voruber. Ich besinne mich auf meine Pflichten und will den Versuch machen, ein anderes Leben zu beginnen. Ich schwieg; ich fuhlte selbst, dass ich mehr gethan hatte, als mich ihm achtbar erscheinen liess. Franzchen, es gibt Beweise der Liebe, die zu viel sagen, und so war mir's um's Herz. Ich sass auf dem Bett des Todten und weinte. Hackert reichte mir seine Hand und dankte fur alle meine ... Gute, wie er's nannte. Er wollte mir beistehen bei dem Leichenbegangniss. Ich sagte: Ich danke Ihnen, Hackert, ich habe Bruder und Danebrand. Auf den Namen Danebrand sagte Hackert: Ich schame mich dieser Nacht und verdiene Ihre Theilnahme so wenig, dass ich anfangen will, an meine Besserung zu denken. Es hat mir Jemand Verwendung und Thatigkeit versprochen. Ich will sehen, wie lange sich mit den Menschen gehen lasst, ohne sich selbst zuwider zu werden. Ich fragte: Doch um Gottes willen nicht Pax? Doch nicht die Polizei? Er schwieg und sagte: Lassen Sie mir nur meinen Weg! Die Miethe zahl' ich so lange fort, bis sich ein Anderer fur mich gefunden hat. Ich sagte wieder: Hackert, lassen Sie Das! Nein, Louise, Sie sind arm und Ihr Alle bedurft es! antwortete er, gab mir dann Geld, dann die Hand und ging ruhig aus der Thur. Am meisten wusst' ich wohl, dass er sich seines kranken Zustandes wegen, der auf dem Balle sich wieder gezeigt hatte, schamte ... Ich hatte den Todten, Hackert zog in der Stille aus und Danebrand kommt wieder ... weil ich ihm nun doppelt danken muss.

Das ist zu traurig, sagte Franziska und hielt die Hand ihrer bitterlich weinenden Freundin, die ihren neuen Kummer, dass Hackert vielleicht gar in die Hande der Polizei gerathen war, noch einmal aussprach.

Schmelzing, fuhr sie dann fort, Schmelzing zog dann auch aus. Ich war froh, ihn los zu sein, den neugierigen Schleicher, der, obgleich taub, nur horchte. Nach einigen Tagen kam ein Miether, uber den ich anfangs erschrocken bin. Erinnerst du dich vom Fortunaball des Mannes mit der schwarzen Binde?

Den die Polizei festnahm? sagte Franzchen erschrocken.

Mit dem frechen, goldbehangenen Madchen?

Die sind doch nicht ... bei dir eingezogen?

Nur er, antwortete Louise. Er hatte acht Tage gesessen, sagte er, ganz unschuldig, wie er versicherte ...

Louise! Solche Menschen nahm' ich nicht in meine Nahe! rief Franzchen und liess vor Schreck fast den Mund offen, dass die weissen Zahne glanzten.

Es ist ein feiner, artiger alter Mann, sagte Louise rasch, in dem sich die elende Polizei doch wol geirrt hat.

Wenn schon! Aber das Frauenzimmer!

Sie heisst Auguste Ludmer und ist eine Tochter eines ehemaligen Beschliessers im Gefangenhause zu Bielau, sagte Louise. Ein verwildertes Madchen, das fruher in unserm Hause Nr. 17 wohnte und keinen guten Leumund hat. Sie ist schon am Tage nach dem Fortunaball sogleich freigelassen. Was sie mit dem Englander er heisst Murray vorhatte, weiss ich nicht. Er ist entweder geizig oder sparsam; daruber bin ich nicht im Reinen. Als ich ihn an das Madchen erinnerte, seufzte er. Ich erklarte ihm, dass ich wohl ihn, aber diese Person nicht aufnehmen wurde. Er blickte dabei scharf unter seiner Binde hervor und antwortete: Sie haben da zwei Kammern! Seh' ich aus wie ein Mann, der noch auf schlimmen Wegen Frauenliebe sucht? Wenn das Madchen bei mir ist, steh' ich fur ihre Tugend. Er sah mich dabei so fest, so streng an, Franz, dass ich den Blick niederschlug. Es war mir fast, als hort' ich die Worte aus der Bibel: Wer unter Euch sich rein dunkt, werfe den ersten Stein auf sie! Er verlangte, wenn das Madchen zu ihm zuruckkame, dass ich ihr Schmelzing's Kammer gab. Da ich noch keinen rechten Muth dazu hatte, sagte er: Soll die Schmach der Sunde denn ewig sein, ein Verbrechen nie vergessen werden? Franziska, wie mich der Mann darauf angesehen hat, werd' ich in meinem Leben nicht vergessen. Er wurde grosser an Figur. Durch die schwarze Florbinde schimmerte das eine Auge durch, als wollt' er mich durchbohren. Aber nicht voll Wuth war der Blick, sondern voll Schmerz. Wissen Sie, mein Kind, fuhr er fort, dass ich die Polizei nicht habe uberzeugen konnen, warum ich arm leben will und eine von Gold behangene Buhlerin am Arme hatte; wissen Sie, dass ich gezwungen wurde, ein Haus als Wohnung zu wahlen, wo ich unter den Augen einer heimlichen Aufsicht stehe? Man nannte mir dieses. Ich protestirte wegen Augusten, die bei mir bleiben und tugendhaft leben wollte. Man lachte mich aus. Je mehr ich gegen dies Haus sprach, desto kurzer war der Bescheid, ich ware fur einige Zeit ein Observat und musste hier wohnen. Dies Haus ist bewacht. Hier nebenan wohnte noch vor kurzem ein Spion, Namens Schmelzing. So bin ich hergezogen. Nehmen Sie mich also nur, mein Kind, und wenn jenes ungluckliche Madchen kommen sollte, so verstossen Sie sie nicht. Ich muss sie fur verloren halten, aber kame sie zu mir zuruck, so hatte sie viel uberwunden. Sie wurde am Orte ihrer Schande arm und sehr, sehr gering leben mussen.

Und nun? fragte Franzchen fast zitternd uber die Gefahren ihrer Freundin und bei sich uberlegend, ob sie nun wol jemals wagen konnte, sie zu besuchen.

Murray wohnt bei uns, sagte Louise, das Madchen ist aber nicht gekommen.

Und vor einem solchen Nachbar furchtest du dich nicht?

Er ist am Tage nicht viel zu Hause, liest des Nachts, schlaft bis spaten Morgen und lebt still und einsam..

Ich konnte des Nachts nicht ruhig schlafen, meinte Franziska.

Warum? Ich halte ihn fur einen weisen Mann. Er sprach mit solchen Worten, wie sie mich immer erschuttern. Er kennt ganz das Elend der Menschen und weiss, wie nahe das Ungluck an den Rand des Verbrechens fuhrt.

Franziska gedachte jetzt plotzlich der Verse Louis Armand's. Jetzt verstand sie sie schon besser. Jetzt, erregt von der hoheren Begeisterung und thatkraftigen Schwarmerei, die in Louisens Augen lagen, konnte sie nicht umhin, die Worte vor sich laut hin zu sprechen:

Des Volkes Tochter! Arme Bettlerin,

Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht!

Die Nachbarin liess ihre Truhe auf,

Greif zu! Zum Bagno geht dein Lebenslauf

Und wenn zum Tod nur stolz! Und weine nicht.

Was? rief Louise. Was summst du da?

Wie Louise diese Worte horte, horchte sie hoch auf. Erschuttert und ergriffen fragte sie, was Das fur ein Lied ware? Und Franzchen, voll Wehmuth und durch die warme Hingebung der unglucklichen Freundin innerlichst selbst erschuttert, zog ihr Nahkastchen auf und wollte ihr das Gedicht des Handwerkers geben. Sie vergriff sich aber und gab ihr Heinrich's Verse. Louise las davon eine halbe Strophe.

Nein, rief sie, Das ist Wasser, Das sind die Feuerworte nicht! Wo hast du die?

Franzchen sah nach und verbesserte rasch ihren Misgriff, indem sie die rechten Verse aufschlug.

Ah! rief Louise, las und sprang auf; Das sind Worte des Lebens, die vom Himmel kommen!

Und mit zitternder Stimme, bebend vor innerer, das ganze Herz umwuhlender Bewegung, las sie die Verse mit steigendem Affekte auch im Vortrage laut und nachdrucksvoll und steigerte sich in ihrer grenzenlosen Nichtbefriedigung in eine so schwindelnde Hohe der Leidenschaftlichkeit, dass sie vor Wehmuth laut zu schluchzen anfing und gerade die Absicht des Dichters erreichte, der der Proletarierin verbieten wollte, zu weinen, wahrend sie dennoch weinte.

Franziska hatte auf der Zunge einzugestehen, wie sie in den Besitz dieses Gedichtes gekommen ware. Auch sie hatte das Bedurfniss, sich in die theilnehmende Brust einer so gefuhlsstarken Freundin auszuschutten. Diese aber, da eine Thurmuhr gerade laut in der Nahe schlug, sagte:

Franziska, ich muss nun gehen und fur unser Mittagessen sorgen. Seit dem Fortunaball ist mein Karl finster gegen mich. Er hat bei Willing's zuviel Schlimmes uber mich horen mussen! Ach, auch darum muss ich Danebrand freundlich sein! Erzahl' mir, was du auf dem Herzen hast, am nachsten Sonntag. Wir wollen in's Feld gehen. Ich thu's der Kleinen wegen und auch Line und Wilhelm haben am Sonntag keine Zeitungen auszutragen. Ich trage das Kleine. Du nimmst Heinrich und Riekchen an der Hand. Danebrand tragt in einem Ranzen, was wir im Walde verzehren konnen. Oder ist dir Das zu arm, Franzchen? Du bist vornehm! Wie schone Kleider du hast und wie schon du bist!

O Louise, sagte Franzchen errothend, was sprichst du! Ach, ich will schon glucklich sein, mit dir gehen zu konnen.

Willst du? Nachsten Sonntag?

Ich hole dich ab ...

Nein, nein, nicht in unser schlimmes Haus! Wir kommen um zwei Uhr am nachsten Sonntag dich hier abzuholen. Und bringe mit, wen du lieb hast! Den Sergeanten, nicht wahr?

Nein! sagte Franziska entschieden und bestimmt.

Von Dem sind die feurigen Verse nicht! Wo hast du sie her? Willst du mir versprechen, mir sie abzuschreiben?

Ich schreibe sie dir ab!

Ach, Franzchen, sonst las ich solche Flammenworte einmal uber und sie hatten sich mir gleich eingepragt, wie in Erz gebrannt. Jetzt druckt auf meine Gedanken soviel, mein Kopf geht so wirr, dass ich das Leichteste nicht behalten kann. Und dann muss ich's Abends lesen, wenn Alles um mich still ist, die Kinder schlafen, die paar Uhren picken, die ich noch immer aufziehe ich will Die verkaufen, die noch da sind und die dem Grossvater gehorten, die andern haben die Leute zuruckgeholt ... ach, es ist mir oft, als wenn der alte Mann im Zimmer huschelt und kein Weiser ruckt an, ohne dass ich nicht denke: Den hat er mit seiner todten Hand eben geruckt und nun wird er gleich schlagen lassen! Und immer ist's mir, als schlug' es vier. Ich sehe Hackerten die Kinder schlafen bringen und hore nicht, wie der Alte ruft: Louise komm doch und druck' mir nur die muden Augen zu!

Beide Madchen weinten ...

Als Louise aufstand, den Hut und die Echarpe holte und zum Abschied sich rustete, griff Franzchen ganz verstohlen in ihr Tischchen, holte das Goldstuck und wollte es mit bittender Miene, ohne ein Wort zu sagen, in Louisen's schwarze Handschuhe gleiten lassen, deren einen sie in der Aufregung sich ausgezogen hatte und eben wieder anzog. Louise lehnte aber lachelnd diesen Beweis von gerauschloser, mit einem einzigen stummen Blick der Bitte ausgesprochenen Herzensgute ab.

Ich bin glucklich, sagte sie, dass ich dir anzeigen konnte, wir haben die Bosheit der Florentine abgeschuttelt. Es geht jetzt so leidlich! Lieber Himmel, von den Begrabnissgeldern des Alten haben wir ja noch gerade soviel ubrig behalten, als ich an Florentinen verliere. Gott ist in grossen Dingen, wo wir Hulfe von ihm erwarten und denken, es musse durchaus nach unserm Wunsche und Willen gehen, fast immer hart und unerbittlich, und in kleinen Dingen, wo er Verlust durch Gewinn wie durch einen Zufall ausgleicht, ist er wieder so grundgutig, dass wir uns beschamt fuhlen und unsern Kleinmuth bereuen. Bis Sonntag schreibst du mir das gottliche Gedicht ab und wenn du was recht Gescheutes anstellen willst, so bringe Den mit, der es gemacht hat, und war's ein Student!

Mit dieser, unter Thranen hervorblitzenden Schelmerei schied das aufgeregte Madchen. Sie umarmte Franziska und ging ohne viel Rucksicht auf die hinter ihr herbrummende, durch dies Ignoriren verletzte Frau Tischlermeisterin Martens durch deren Zimmer rasch davon. Man horte, wie sie das Gitter der Kuche zufallen liess und unverweilt die Treppe hinuntersprang.

Fur Franzchen hatte dieser Besuch die wohlthatige Folge, dass er ihr Kraft gab, fest auf ihrem Gefuhle zu beharren.

Hatte sie geschwankt, ob sie nicht den Onkel, der so gut war und nichts Unangenehmes im Leben leiden mochte, beim Abschied durch die Bereitwilligkeit erfreuen sollte, Heinrich Sandrart's Bewerbung sich gefallen zu lassen, so war ihr von Louisen's heldenmuthigem Wesen eine wunderbare Kraft zugestromt. Lag nicht in Allem, was dies Madchen ihr erzahlt und von ihren stillen Herzenskampfen mitgetheilt hatte, das volle, grosse, gewaltige Gestandniss, dass sie ein unaussprechliches Bedurfniss einer grossen und feurigen Liebe hatte? Sie vergegenwartigte sich, wie oft ihr diese arme Arbeiterin, die vor einem Ubermass von Pflichten kaum zu sich selber kommen konnte, gestanden hatte, dass in ihr ein nicht zu bewaltigender Drang der Liebe lage! Sie hatte fruher dies Gestandniss nicht fassen konnen, jetzt fuhlte sie den ubermachtig starkenden Hauch einer reinen, dem Herzen befehlenden Willenskraft. Dass Louise jemals dem Danebrand gehoren wurde, glaubte sie nicht. Sie sah in Allem, was der Freundin seit dem Fortunaball geschehen war, nur eine Art Suhne fur das Unrecht, das sie bei ihrem tugendhaften Pflichtgefuhle begangen zu haben glaubte. Aber Das wusste sie auch, ganz wurde sich dies starke Herz niemals unter das Joch der Rucksichten beugen. Das ist nur, sagte sie, eine Zeit der Trauer, die sich Louise auferlegt hat, aber unwahr gegen sich selbst wird sie niemals werden. Die lugt nicht, wie ich nicht lugen will!

So fand sie nach einiger Zeit, wahrend Frau Martens brummte und uber das abscheuliche, "keinem" Menschen "astimirende" unhofliche "Subjekt", die Louise Eisold, polterte, die "die ganze Suppe" mit dem "Sprachmaitre" und Herrn Sandrart und der Reise nach Hohenberg nicht etwa eingebrockt, sondern "eingefadelt" hatte, der Onkel Heimisch.

Neuntes Capitel

Stilles Leid und stille Schuld

Der so gern nur wohlgemuthe Jager Leberecht Heunisch kam in rosenrothester Laune von seinem Prinzen Egon.

Er, der so gewohnt war, nicht viel auf seinen Schultern zu tragen und der selbst von dem Nachsten, was um ihn her sich ereignete, nicht viel sehen und wissen mochte, hatte eine Menge lastiger Drangsale von seinem Gemuthe abgeworfen.

Gleich wie er von seinem genesenen, zum erstenmale ordentlich gesehenen hohen Patrone kam, begegnete ihm Dankmar Wildungen, den er seit dem Abschied vom Gelben Hirsch fur den Prinzen selbst gehalten hatte.

Nun wusste er doch, wo er auch diesen Freund und Gonner hinbringen sollte. Es war ein "Bekannter" des Prinzen! Diese Thatsache nahm ihm, als er Dankmarn rasch eilen sah, um Egon zu begrussen, alle Skrupel. Es lag wieder das helle, goldne, klare Nichts vor seinen Augen; der ganze blaue Himmel schien in seine blauen treuherzigen Augen zuruck und nur Heinrich Sandrart, der Sergeant, und das Franzchen und der alte franzosische Sprachmaitre ... Die waren noch ein paar lastige Wolkchen fur seine Behaglichkeit.

Er war von Egon und von dem frohen Wiedersehen des guten Rathgebers Dankmar in die Kaserne gegangen, um den Sergeanten abzuholen ...

In seiner Patentuniform, wie er sie immer trug, kam der Sergeant mit dem Forster mit, nicht ohne Hoffnung, Franzchen wurde doch wol vielleicht dem Onkel zum Abschied eine fur ihn trostlichere Erklarung geben.

Der junge Krieger hatte eine freundliche Zusprache nothig, denn seit dem Fortunaball geschah Vieles, um seinen sonst so frohlichen leichten Sinn zu kranken.

Sein rundes volles Gesicht, dem ein Bartchen an der Oberlippe und ein damals noch erlaubter demokratischer Kinnbart gar mannlich stand, war seit einiger Zeit nicht aus Liebeskummer allein entfarbt.

Der Lieutnant von Aldenhoven hatte ihm die Ausserung: Wir sind hier nicht im Dienst, Herr Lieutnant! sehr ubel genommen ...

Man fand Heinrich Sandrart schon lange nicht von der ordonnanzmassigen Botmassigkeit, die die Gesetze der Disciplin in ihrer soldatesken Ubertreibung mit sich brachte. Gerade, dass ihn gegen mancherlei Anklagen, die man bis zum Major seines Bataillons gegen ihn vorbrachte, dieser in letzter Instanz in Schutz nahm, ihn entschuldigte, eine brave Haut nannte, die man nicht kopfscheu machen musse, gerade darin lag ein Grund mehr fur einige Offiziere, ihm das offenste Unrecht anzuthun. Man konnte ihm zwar nicht nachsagen, dass er wie einige vorlaute und schon mehrfach bestrafte Krieger von den neuen Ideen angesteckt war, er besuchte keine verbotenen Gesellschaften, er war harmlos, gutmuthig und liebte nur das Vergnugen und die Frauen, man wusste, dass er um einer sproden Liebe halber schmachtete und zog ihn damit auf. Allein schon einige junge Krieger der Garnison waren, ohne zu den absichtlichen Wuhlern zu gehoren, dadurch, dass sie etwas Apartes fur sich in Anspruch nahmen, aus dem Verbande der grossen disciplinarischen Kette, die das ganze Institut der stehenden Heere aufrecht erhalt, herausgeglitten und hatten in den Theorieen jener bald stilleren, bald lauteren Wortfuhrer einen Anhalt fur rein personliche Misstimmungen gefunden. Dem Major von Werdeck sagte man ja etwas Ahnliches nach! Er sollte fruher nie uber Politik nachgedacht, ja sogar so ruhig, so loyal sich immer verhalten haben, dass man ihn anfangs an der Spitze einer Compagnie alter werden liess, als es sein Wunsch sein konnte. Spater erhielt er Beforderung; aber wie lange liess man ihn warten, weil er immer zu den Geduldigen gehort hatte! Plotzlich wurde er verdriesslich. Man wollte ihn in eine entfernte Garnison zur Linie schicken, er schlug die Stellung aus und zog die alte geringere vor. Er las Zeitungen, bildete sich ein Urtheil und machte mit Niemanden Partei. Jedes Ding, jede Frage wollte er gewissenhaft prufen und durch das Prufen kam er vom politischen Kohlerglauben, den man Loyalitat, Treue nannte, zum Zweifel, den man Liberalismus, demokratische Gesinnungslosigkeit schalt. Erst einmal in der Minoritat, ging es dem Major wie jedem rechtschaffenen Manne. Er fand seine Ehre darin, einem eigenen Nachdenken seine Uberzeugungen zu verdanken und sonderte sich immer mehr von den Andersgesinnten ab. Langst wurde er seinen Abschied genommen haben, wenn ihn nicht zwei Dinge daran verhinderten. Einmal galt es von dem Staate, dem er angehorte, fur angenommen und feierlich beschworen, dass ein neuer, volksthumlicher Geist die Seele des Ganzen werden sollte. Anderntheils sagte er sich, dass, wenn auf einem schwierigen, mit Kampf verbundenen Posten Jeder immer sogleich weichen wollte, man sich nicht wundern durfte, wenn das Gute uberall unterliege. Seine Untergebenen hielten mit leidenschaftlicher Vorliebe an ihm fest, so streng er auch sein konnte und so hoch er auch seinerseits die Nothwendigkeit der Disciplin anschlug. Er wiederholte oft den Schiller'schen Spruch: "Ein freies Leben ist ein paar sklavischer Augenblicke wol werth". Dass Soldaten wahlen sollten, dass man den Geist der Parteiung in die geschlossenen Glieder einer Armee verpflanzte, war ihm ein Grauel. Die muthige Art, mit der er kurz und bundig manchem Parteihaupte gegenuber einen solchen Satz aussprach, hatte immer wieder zur Folge, dass die ihn umwuhlende Intrigue sich etwas zuruckzog und vorsichtiger zu Werke ging. Aber seine sogenannte Wiederherstellung in dem Vertrauen seiner Kameraden hatte nicht lange Dauer. Er verstiess nur zubald wieder gegen das System, das nun einmal in diesen Reihen gelten und die Kluft zwischen dem Alten und Neuen immer mehr erweitern sollte. Was man von ihm selbst nicht wusste, setzte man endlich bei der offen zur Schau getragenen Gesinnung seiner Frau uber ihn voraus.

Die Besatzung wurde gerade jetzt viel mit Exerciren gequalt. Schon am fruhen Morgen war der Major auf einer grossen Ebene vor der Stadt gewesen und hatte die schon tausendmal gemachten Manovres wiederholen lassen. Sein schmerzliches: Guten Morgen, Kinder! als Alles vorbei, hatten die Soldaten wohl verstanden. Es war eilf Uhr und Sandrart war schon ubermudet. Dies hinderte ihn aber nicht, sich rasch anzukleiden und mit dem Forster Heunisch, der, auch einst Soldat, die ewige Fuchserei (namentlich "in dieser Zeit"!) nicht begreifen konnte, zu Franzchen zu gehen.

Onkel Heunisch war sehr angeregt. Der freundliche Empfang des jungen Fursten hatte ihm wohlgethan. Auch dem Madeira hatte er lebhaft zugesprochen. Er war etwas zum polternden Zank aufgelegt und wiederholte alle die schlimmen und argerlichklingenden Reden, die er schon mehrmals gegen Franzchen ausgesprochen hatte.

Diese war ruhig und reizte ihn dadurch doch noch etwas mehr als nur zum Scherz. Endlich musste sich sogar Sandrart in's Mittel legen und ihn besanftigen. Brummend setzte sich der Jager in einen Lehnsessel, liess sich, um seinen brennenden Durst zu stillen, von einem Burschen der Werkstatt leichtes Bier kommen, steckte eine Pfeife an, rauchte eine Weile, trank nun und entschlief. Sandrart nahm seine Flote und blies: Ach, wenn du warst mein eigen! Madame Martens klemmte die Brille auf die Nase und studirte mit Wissbegier das neueste Hellerblatt, das sie mit dem Schneider druben zusammenhielt. Dieser nickte, dankbar fur die Flote, heruber. Franzchen nahte und malte sich hinter ihren Blumen aus, wie es wol am nachsten Sonntag sein musste, wenn es ihr recht, recht gefallen sollte ...

Plotzlich liess sie zitternd die Arbeit sinken. Sie hatte Jemanden kommen horen, sie vernahm eine Stimme, die Flote schwieg, der Onkel schnarchte leiser, die alte Martens sprach uber den Hof hinuber. Sie hatte aufschreien mogen, als sie horte, dass drinnen im Zimmer die Alte aus dem Fenster erschrocken rief: Hat mir's doch geschwant! ... Sie sah hinaus ... Eben kam Louis Armand.

Eine Minute darauf war Louis Armand im Zimmer.

In bewegtester Spannung von Freude und Furcht erregt, wartete Franzchen, ob Louis nach ihr fragen und zu ihr eintreten wurde.

Wie peinlich war dem armen Kinde die Anwesenheit Sandrart's! Sie hatte ihn heissen mogen mit seiner Flote zum Kuckuk gehen und nie wieder kommen!

Vor Unruhe, vor Verzweiflung, dass sich dies Wiedersehen so fugen, unter so ihre Neigung in den Schatten stellenden Verhaltnissen begeben musste, konnte sie nicht sitzen bleiben. Sie stand auf, pfluckte unruhig am Fenster welke Blatter von den Blumen und zerknitterte sie in der Hand. Sie nahm die Scheere und bohrte ein wenig in dem Sande der Topfe und raufte einige verwelkte Bluten aus dem Kressenkasten.

Louis Armand sprach von seinem langen Ausbleiben, von seinem genesenen Freunde und Gonner, von den Bestellungen, die er auf der Schiefertafel verzeichnet fand und etwas muhsam, mit Hulfe der gelehrten Frau Tischlermeisterin entzifferte.

Wenn Franzchen an die Moglichkeit seiner Liebe hatte glauben konnen, so wurde sie gefunden haben, dass seine Stimme bewegt war und bei dem Anblick des jungen Soldaten sogar wehmuthig.

Aber wie konnte sie an seine noch ihr erhaltene Theilnahme glauben, da er kein Wort von ihr sprach, sich nicht nach ihr erkundigte!

Endlich mochte sie diesen Zustand nicht mehr aushalten. So sehr ihr Stolz widerstrebte, das liebekranke Herz zwang sie, ein Zeichen ihrer Anwesenheit zu geben. Noch wusste sie nicht, sollte sie thun, als hatte sie an ihrem Bett oder der Kommode etwas zu schaffen und rasch, ganz wie von ungefahr, an der geoffneten Thur voruberschlupfen, oder sollte sie etwas fallen lassen, das etwa soviel sagte, als: Horst du denn gar nicht? Hier ist ja auch Jemand, dem sein Herz wie ein Hammer klopft und der dir am liebsten gleich um den Hals fallen mochte, wenn so etwas in dieser schrecklich anstandigen Welt moglich sein durfte!

Aus vielen Rucksichten und besonders deshalb, weil sie beim Voruberhuschen an der Thur furchten musste, zu ihm hinein zu mussen, gedrangt von ihrem Gefuhl, entschloss sie sich, etwas fallen zu lassen und nun fragte sich nur, was? Die Scheere gab nicht Klang genug, obgleich die auseinanderfallenden beiden Schenkel der Scheere gleich sagen mussten: Das kann nur Franziska sein! ... Ein Nadelkissen mit Sagespahnen gestopft gab keinen Klang. Der Fingerhut war auch zu winzig. Da dachte sie an eine Zwirnrolle. Diese bot den Vortheil, dass sie fiel und gleich weit umher lief. Sie durfte ihr nachspringen und sich beim Suchen bucken, verwickeln. Und wenn sie sich buckte, war sie sogar nicht sicher, in das Nebenzimmer mit Gewalt hineingezogen zu werden.

Die Rolle fiel also und richtig! Man kam.

Aber leider gleich ihrer Zwei.

Louis Armand kam und Heinrich Sandrart.

Das hatte sie nicht bedacht, dass auch der junge Sergeant das Ohr spitzte und auf Alles lauschte, was sich nebenan begab.

Doch war es gut, dass sich Heinrich Sandrart fast am emsigsten buckte und Louis ungehindert war, Franzchen die Hand zu bieten und ihr die Freude auszudrucken, sie wiederzusehen.

Ei! Leben Sie denn auch noch, Herr Armand? fragte sie. Wir glaubten schon, dass Sie nicht mehr an uns denken!

Louis warf einen theilnehmenden Blick auf Sandrart, der die Zwirnrolle zuruckgab und dem beim Suchen das Blut in die Wangen geschossen war.

Es ist viel von Ihnen gesprochen worden, Herr Armand, sagte Sandrart mit einer Art Eifersucht, um sich in das Gesprach mischen zu durfen.

Franzchen wollte schon sagen: Doch mit Ihnen wol nicht? Sie unterdruckte aber die Bemerkung, weil sie ihr selbst zu schnippisch vorkam.

Louis sprach manches Freundliche, aber Unerhebliche, mit grosser Ruhe. Er prufte Franziska, er sah Sandrart an. Endlich erwahnte er den franzosischen Unterricht.

Woher wissen Sie ...

Der schlafende Onkel da im Stuhle erzahlte dem Prinzen Egon Alles, was ihn glucklich und traurig macht.

Franziska sah zu dem schlafenden Forster, den der Madeira uberwunden hatte. Jetzt konnte sie sich denken, was Louis Alles von ihr gehort hatte ...

Haben Sie den Onkel gesprochen? ... sagte sie mit gezogenen Worten und sehr kleinlaut.

Wie heisst denn Ihr Lehrer?

Herr Sylvester.

Sylvester? Das ist ein Vorname!

Ich kenn' ihn nur bei diesem Namen ...

Heinrich Sandrart wollte nun auch gesprachig, launig sein, sich in einem gunstigen Lichte zeigen. Er fing an, Herrn Sylvester zu schildern ...

Doch horte Louis nicht viel darauf. Er war zu bewegt, den niedergeschlagenen Blick des jungen hochergluhenden Madchens zu beobachten. Der Gedanke, dass sie Balle besuchte und vielleicht von ihrer alten sittsamen Bahn gewichen war, druckte ihn peinlich.

Ein naher forschendes Gesprach war nicht moglich. Denn auch der alte Martens kam nun von unten aus der Werkstatt herauf und jetzt gab es ein Begrussen, ein Fragen, ein Erkundigen, ein Dolmetschen und Vermitteln durch Frau Martens, das endlos zu werden schien, aber den festen gesunden Schlaf des Forsters nicht storte.

Auf diesen endlich Rucksicht zu nehmen, schien Louis eine nothwendige Pflicht des Anstandes. Er ergriff seine Schiefertafel und wollte nach vorn gehen.

Frau Martens sprach von den Wirthsleuten im Vorderhause. Wie er es mit seiner "Servirung" halten wolle? Ob er jetzt immer wieder "prasent" bliebe?

Ich denke wol, sagte Louis Armand. Ich bedarf wenig. Mein Zimmer, wo ich die Proben meiner schwachen Talente ausgelegt habe, sieht wie der Eingang zu einem vornehmen Herrn aus. Nebenan hab' ich eine Kammer, ein leichtes Bett, einen Riegel fur meine Kleider und bin zufrieden, wenn mir die Leute vorn taglich nur frisches Wasser bringen.

Wenn Sie etwas rekommandiren, sagte die alte Martens, Herr Armand, so sagen Sie's nur.

Und ihr minder gelehrter Gatte setzte hinzu:

Ich glaubte, unsre Sachen sollten nun recht Hand in Hand gehen.

Mit aller Macht! antwortete Armand. Ich nehme meinen alten Plan mit Freuden wieder auf! Ich bleibe noch in dieser schonen Stadt, die ich nun erst kennen lernen will und gearbeitet muss nun werden nach Wohlgefallen.

Die Tischlermeisterin, die trotz ihrer Pfennigblatter nach beschrankter Leute Art auf einem und demselben Gegenstande lange verweilte, sagte:

Es sind ganz accurate Menschen, die die Appartements vorne logiren. Heute nahm die kleine Frau das Intelligenzzettel von der Hausthur und sagte wie ich gerade vom Markt komme: Gott sei Dank, nun ist Alles vermiethet! Es ist eine reinliche Frau. Ihr Mann war was begleitete er doch, Martens?

Armand konnte die Abneigung des alten Martens, auf ein so weitlaufiges, wenn auch gebildetes Gesprach einzugehen, nur theilen. Franziska bot er die Hand. Diese gab ihm die ihrige. Da ihr das Blut zum Herzen drangte, war die Hand eiskalt. Er druckte sie theilnehmend und sah ihr fragend und forschend in's dunkle Auge, das sie zitternd und bewegt niederschlug. Heinrich Sandrart grusste er leicht. So ging er.

Unglucklich Liebende sehen schwarz. Sie verdachtigen Alles, auch das Unschuldigste. Wer will dem jungen Sergeanten verdenken, wenn wie ein Blitzstrahl in den ohnehin gehauften Zundstoff seines Mistrauens der Gedanke fiel, dass Franzchen diesen Franzosen lieber haben mochte als ihn? Uber diese Vermuthung in Vorwurfen sich Luft zu machen, hatte er kein Recht. So blieb ihm nichts ubrig, als sich noch einmal an Franziska voll Liebe und Theilnahme zu wenden.

Franzchen, sagte er, gehen Sie heut Abend mit dem Onkel und mir in's Theater! Der Hauptmann gibt mir frei bis zehn Uhr. Es wird die Leonore gegeben, ein so schones Stuck fur Soldaten und fur Madchen, die einen Soldaten gern haben konnen ...

Franzchen aber, statt der Antwort, zeigte auf den Onkel, der plotzlich sehr unruhig schlief, kirschroth wurde und sich im Schlafe krummend bewegte ...

Er traumt schwer! sagte Frau Martens, die eben den Tisch zum Mittagessen deckte. Es druckt ihn doch nicht die Alpe?

Wirklich entfuhren dem Forster allerlei Ausrufungen, die einen lebhaften, druckenden Traum verriethen.

Fort! Fort! sagte er. Urschel fort! Urschel, sie soll! ... Feuer! Feuer! Es brennt ! Sie soll ...

Damit riss er sich, unterstutzt von der Tischlermeisterin, die von dem Druck der "Alpen" Schreckliches zu erzahlen wusste, auf und erwachte.

Wird schon gegessen? sagte er rasch orientirt, hab' ich geschlafen?

Damit zog er die Uhr mit einem schonen Horngehause. Schon halb eins! sagte er.

Sandrart stand stumm und still. Er holte rasch seine Dienstmutze. Er hatte sich in seinem Flotenspiel und der Eifersucht auf den jungen, gewandten Franzosen verspatet. In der Angst, schon wieder eine Ruge "zu besehen", wie er's nannte, lief er davon. Franzchen hatte ihm ohnehin schon durch ein Kopfschutteln den Besuch des schonen Soldatenstuckes abgeschlagen.

Die Alte gab ihm das Zeugniss hinterher:

Ein guter, aber "dromerischer" Mensch!

Die Unterhaltung beim Mittagsmahle war eben so sparlich wie das bescheidene Mahl selbst ... Die beiden alten Leute assen wenig, Franzchen fast gar nichts und Heunisch hatte zu gut gefruhstuckt und einen garstigen Traum gehabt.

Seine ersten Worte mussten der Frau Tischlermeisterin und ihrer Bildung eine sehr schmeichelhafte Anerkennung zu Wege bringen.

Immer, sagte er, wenn ich von der Schneidemuhle und vom Feuer traume, schmeckt's mir den ganzen Tag nicht. Dann liegt mir's ordentlich wie ein Alp auf der Brust. Wenn nur die Marzahn nicht einmal das Haus ansteckt! Jede Nacht steht sie auf und leuchtet mir mit der Lampe in alle Winkel. Ich kann von Gluck sagen, dass ich die Hunde zu Hause liess. Erst wollt' ich den Packan und die Jette mitnehmen, die sind die wachsamsten und schlagen gleich an. Ja sie sind Gott sei Dank vernunftiger als die Alte! Seit sie von einem Bruder, der in Amerika gestorben ist, das Geld gekriegt hat, sieht sie alle Nacht Gespenster! Ei, Muttersche, sagt' ich ihr erst vor ein paar Tagen ganz fuchswild: Muttersche, Muttersche, ist sie toll? Ich schiesse 'mal drauf los, wenn sie wieder sagt: Da geht der Herr Baron uber die Wiese und sucht unter der Eberesche seinen Erstgebornen!

Mann! Mann! sagte Madam Martens und ruckte

ihrem Gatten das gekochte Rindfleisch hin zum Zerschneiden; schweigen Sie still, Onkel! So etwas kommt Einem die Nacht vor, dass man nicht schlafen kann!

Sie erzahlte darauf eine lange Gespenstergeschich

te.

Als sie zu Ende war, sagte Heunisch bedenklich,

wenn sie noch so fortmacht, seine Alte, so glaube er doch noch, es gabe Hexen.

Wie sie horte, ich wollte hierher und die Franz

holen da mit ihrem Seidenhaar und dem starren, tuckischen Sinn, kam sie mir in der Nacht, eh' ich fortmachte, an's Bett ...

Jesus! sagte die alte Martens. Da hatt' ich den le

bendigen Tod gehabt!

Die Courage muss man zusammen nehmen! Heu

nisch, sagte sie, wenn er an's Wasser kommt, weiss er, wo das Waisenhaus liegt, dann sagt doch: die Kinder sollten im Waisenhaus nicht so schreien!

Der alte Tischler lachte und schenkte von dem

Dunn-Bier ein, das einer seiner Lehrburschen, die des Gastes wegen nicht mit assen, auf den Tisch stellte.

Was fur Kinder? fragte die alte Martens voll Inter

esse mit dem Beisatze:

Diese Ursula ist wol nicht recht gescheut?

Was fur Kinder! antwortete Heunisch. So muss man da gar nicht fragen! Urschel, sagt' ich, schreien sie denn so die Kinder, dass du nicht schlafen kannst? Ach, sagte sie, ich kann wol schlafen, Heunisch; aber der Baron kommt und sagt: Schwester, was schreien denn die Jungen so? Die Grafin will's nicht horen ...

Die Grafin! fragte wieder verwundert Madame Martens.

Heute ist's eine Grafin, morgen der Baron, dann das Nantchen von der Sagemuhle und auch einmal die Line vom Gelben Hirsch. Das geht Alles da durcheinander und wenn mir's zu bunt wird, ruf' ich: Jette! Das ist mein Windspiel Jette! Eins, zwei die Jette unterm Bett hervor ... angeschlagen ... ihr an die Strumpfe ein Bischen gekitzelt ... Dann schimpft sie uber die Hunde und geht mit allen ihren Dummheiten zu Bett.

Die Tischlermeisterin starrte.

Heunisch, sagte aber ihr Mann und schenkte von dem Bier ein, das dem Onkel nicht munden wollte, dass Sie Das da im Wald so allein aushalten! Und schon die vielen Jahre!

Es erbarmt sich ja Keiner eines so alten Hundes wie ich bin! sagte der Forster mit einem scharfen Seitenblick auf seine Nichte, die kaum horte und fur sich traumte.

Frau Martens besann sich jetzt von ihrem Schreck. Sie wollte das ihr nicht angenehme Thema der Mitreise nach dem Forsthause nicht wieder anregen lassen, sondern setzte auf den Schrecken dieser Erzahlung noch die Schrecken einer ihr bekannten wirklichen Hexengeschichte.

Als sie zu Ende war, konnte Heunisch von seiner Ursula Marzahn desto unbefangener fortfahren:

In der Nacht, eh' ich abreiste, kommt sie mir wieder mit dem Wasser und dem Waisenhaus an. Und weil ich gerade vor Unruhe, wie immer, wenn ich was vorhabe, nicht schlafen konnte, so liess ich sie heute 'mal reden und rief nicht gleich die Jette. Von wem Urschel, sagt' ich, soll ich denn ein Compliment in's Waisenhaus sagen und die Jungens mochten ruhig sein? Von der Grafin! sagte sie und blinzelte mit ihren kohlschwarzen Augen. Und der Baron will wol auch nicht gern das Kindergeschrei? sagt' ich. Da lachte sie. Es konnen viele Menschen das Kinderschreien nicht leiden, meint' ich. Wem muss ich denn sagen, die Kinder sollten nicht so laut schreien? Ich dachte, fuhr ich so im Spass fort, ich sagt' es lieber gleich dem Konig. Was, Alte? Aber Das machte sie nun erst ganz verdreht. Was dabei der Konig sollte, verstand sie nicht und ganz ruhig geworden ging sie fort, wie ein bellender Hund, wenn man einen Stein von der Erde nimmt. Wenn Einer verruckt ist, muss man nur so thun, als wenn er ganz Recht hatte und dann geht er gleich in sich.

Der Tischler glaubte keine Wunder, als die in der Bibel stehen, seine Gemahlin schuttelte aber den Kopf und ermuthigte den Forster, fortzufahren:

Gleich darauf kommt sie wieder und sagt: Heunisch, sagt sie, er muss das Geld mitnehmen. Schon! sagt' ich, Urschel. Wie viel denn? Alles? Alles? Urschel gut!

Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika? warf Frau Martens, die uber diese schon unterrichtet war, dazwischen.

Die Erbschaft von dem Bruder aus Amerika! Das Geld, sagte sie, nimm mit und schlag's nur in eine Windel; und leg' er's auch noch in einen Korb und dann geh' er an die Brucke, wo das Waisenhaus liegt! Gut, sag' ich, Urschel, ich gehe an die Brucke, wo das Waisenhaus liegt. Husch, schrie sie dann, in's Wasser! In's Wasser? Donnerwetter, sagt' ich, Urschel, Geld wirft kein Mensch in's Wasser. Was sollen denn die zweihundert Louisdors in's Wasser? Da schwieg sie, weil ich sie so wieder auf meine Art gefangen hatte.

Martens lachte uber die Klugheit des Jagers, seine Frau tadelte aber die rationelle Auffassung solcher dunkelen Dinge und sie meinte:

Man hat doch schon Exempel statuirt ...

Wo soll ich denn den Korb mit dem Geld hinsetzen, Urschel, fragt' ich, nun? Wol mitten auf die Brucke? Sie schuttelte den Kopf. Dann druben an's Waisenhaus? Da nickte sie. Wo denn? Nun sah sie sich angstlich um und flusterte: Komm, es ist Alles still. Sie sehen's nicht. Hast du den Korb? Pst! Da steht eine Schildwacht. Hier bei der Laterne. So! Da! An dem Brunnen da liegt's! Husch! Mach nun fort! Fort! Fort!

Und das Alles konnen Sie bei nachtschlafender Zeit mit der Frau so zusammen diskuriren? fragte Madame Martens und schuttelte sich.

Also da soll ich das Geld hinlegen, Ursula? sagt' ich, fuhr Heunisch unbekummert um diese Frage fort. Sie nickte. Will's der Baron? Sie meinte: Ja! Will's auch die Grafin? Sie nickte wieder. Gut, Ursula, sagt' ich, ich will mir's uberlegen. Da lachte sie zufrieden, nahm ihr Licht und ging. Und nun rathen Sie 'mal was Neues?

Ach mein Himmel, was denn? erschrak ordentlich Frau Martens, als kame nun etwas Unerhortes.

Wie ich hierher komme, hatt' ich gestern bei einem Kaufmann, der sich gutes Schiessmaterial halt, er heisst Hackert, etwas Vorrath fur den Herbst einkaufen wollen. Such' ich den auf und finde ihn gerade gegenuber dem Waisenhaus. Da ist die Brucke, da steht ein Schilderhaus, da ist die Laterne, da ist der Brunnen. Nun sag' ich doch, die Ursula war vor etwa zwanzig Jahren, ehe sie den Marzahn heirathete, wol einmal einige Zeit in der Stadt, aber seitdem nicht wieder und sie hat's beschrieben, just wie's war, ganz deutlich; es war mir, als sah' ich den Korb dastehen an der Laterne, neben dem Brunnen, mit den Windeln und die zweihundert Louisdors darin und die Kinder schrieen im Waisenhaus ...

Horen Sie auf! winkte die Tischlermeisterin, der es nun eisig uberrieselte. Das Bild von Kindern, die im Waisenhaus vielleicht nach ihren Vatern schrieen, war ihr zu schauerlich.

Bei alledem ist die Ursula, schloss Heunisch, die beste Seele von der Welt. Sie sorgt fur mich armen einsamen Kerl und meinen Nachmittagsschlaf den den hab' ich ihr auch den hab' ich ihr auch ... zu verdanken ... und die Stube halt sie im Winter warm ... und reinlich ist sie auch ... und ihr Schrank ... ihr Schrank, den mag sie ... ihr Schrank ...

Diese Worte brachte Heunisch schon gahnend und wieder halb schlafend hervor. Er hatte wenig gegessen und nur mit bestandigem Gahnen unterbrochen sich und den Tischgenossen durch seine Erzahlung die Zeit vertreiben wollen. Der Rollsessel, auf dem er sass, war ein Grossvaterstuhl, der mit einem Ruck sich vom Tische fortbewegte und ihn in Schlummer sanft in die Nahe des noch nicht gefeuerten Ofens gefuhrt hatte, wenn seine letzte Besinnung ihn nicht auf einen hoflichen Gedanken an den alten Martens gebracht hatte, der auch gern seinen Nachmittagsschlaf hielt. Er erhob sich also rasch, sagte: Gesegnete Mahlzeit! und warf sich ohne viel Umstande in der Kammer auf Franzchens Bett, wo er in einer Minute entschlummert war; der alte Martens, unfahig sich von Gewohnheiten zu trennen, schnarchte im Grossvaterstuhl. Seine Gattin nickte etwas am Fenster, frei-schwebend, auf einem einfachen Stuhl mit hoher Lehne.

Franzchen aber deckte, wahrend Alles schlief, ab. Die Reste kamen in die Werkstatt zu den Lehrjungen.

Den Tisch stellte sie wieder aus der Mitte des Zimmers an die Wand und ihr Bett schutzte sie denn doch vor des Onkels staubigen Stiefeln durch ein altes Tuch, das sie ihm behutsam unterschob. Dann begann sie, die um sie waltende Stille wahrnehmend, einen Gedanken auszufuhren, der einigermassen Das, was sie bedruckte, erleichtern sollte. Sie entschloss sich, an Herrn Sylvester einen Brief zu schreiben.

Zehntes Capitel

Geschichte eines Briefes

Franzchen Heunisch hatte schon drei Tage auf Herrn Sylvester gewartet.

Dieser sonderbare Mann war nicht mehr gekommen.

Die wohluberlegte Erklarung, die sie ihm hatte geben wollen, der in ihrem Sinne artig gewandte Dank war ihr gleichsam auf der Zunge liegen geblieben; sie war ihn nicht los geworden.

Jeden Augenblick konnte Herr Sylvester sich nun wieder sehen lassen. Wie leicht moglich, dass er mit Armand zusammentraf!

Erschrocken uber diese Moglichkeit entschloss sie sich, ihm zu schreiben. Wusste sie auch seine gegenwartige Wohnung nicht, so kannte sie doch genau seine fruhere, Konigsstrasse Nr. 13. Sie hoffte dort schon erfahren zu konnen, wo sie den Brief wurde abzugeben haben.

Einen Brief! Einen Brief schreiben Menschen, die wie Franziska Heunisch in beengten Verhaltnissen leben, nicht so schnell wie Leute, die sich die Welt, in der sie leben, fruh mit dem Gansekiel erweitern. Nicht etwa wegen der Gedanken. Die lagen ganz klar und wohlgeformt schon im Kopfe des jungen, sich immer mehr entwickelnden Madchens. Aber die Schreibmaterialien! Der ganze Umstand dabei! Was fehlte nicht Alles!

Sie nahm rasch ihren Hut, schlug ein leichtes Flortuchelchen um den Hals, klinkte die Thur leise auf und schlich die Treppe hinunter, um eine geschnittene Feder, Oblaten und Papier zu kaufen. Mit diesem Reichthum sprang sie in ihren Hinterhof zuruck, nicht ohne einen Blick zu dem goldnen "Louis Armand, Vergolder" hinaufzuwerfen, nicht ohne einen sonderbaren Schreck, den sie hatte, als neben dem mit Gardinen verhangenen Fenster ihres angebeteten Freundes aus einem andern Fenster ein Kopf rasch sich zuruckzog, bei dem es ihr doch fast war, als hatte sie ausrufen mussen: Himmel, Das ist ja Herr Sylvester!

In der Hausflur blieb sie eine Weile ganz betroffen stehen. Bald entdeckte sie aber in ihrer Erinnerung an diese plotzliche Erscheinung ein verschiedenes Haar und manches andere von Herrn Sylvester Abweichende. Sie musste sich oben sagen: Du bist so lebhaft mit der Vorstellung an deinen Brief beschaftigt, dass du nichts horst und siehst als Die Menschen, die dich armes Kind wie einen Spielball hin- und herwerfen!

Als sie wieder oben war, fand sie Alles so still und schlummernd, wie sie die kleinen Zimmer verlassen. Sie erschrak, dass sie ihr Nahtischchen nicht verschlossen hatte, doch fand sie Alles unversehrt. Sie hatte jenes Gefuhl, das uns in solchen Augenblicken sagt: Ohne Leben war es inzwischen in dem stillen Raume doch wol nicht! Kleine Geister huschten gewiss auf und ab, lasen, was sie nicht sollten, kramten, wo sie nicht durften, legten aber Alles ganz wieder so unversehrt hin, als ware nichts geschehen!

Jetzt wollte sie schreiben und erschrak, dass sie die Tinte vergessen hatte. Es war ein Gefass dafur da, es stand immer in der Ofenrohre, aber es war eingetrocknet ... Sie goss Wasser dazu und ruhrte mit einem Spahn den schwarzen Brei um. Er gab hinlangliche Flussigkeit, um einen kurzen und bundigen Brief zu schreiben.

Als sie fertig war, schloss sie das Geschriebene mit einer von den neugekauften Oblaten. Sie hatte, so oft sie in ihrem Leben schon Briefe geschrieben und mit bunten Oblaten gesiegelt hatte, immer solche Farben fur diesen Zweck gewahlt, wie sie dem Verhaltnisse, an das sie schrieb, zukamen. Frohlichen Menschen und Freunden leichter Art, dem Onkel nach Plessen, siegelte sie mit rothen Oblaten; Treuen, Bestandigen mit blau; an Louis Armand hatte sie gewiss eine grune Oblate, die Farbe der Hoffnung gewahlt. Fur den Professor Sylvester wahlte sie eine gelbe.

Glucklicherweise erwachte jetzt die alte Martens. Franzchen konnte also ihrem Drange sogleich folgen und den fertigen Brief in die Konigsstrasse Nr. 13 tragen. Sie ordnete das Band an ihrem Hute, ihr Haar, sie legte sich einen hubschen gestickten Kragen um den schonen, etwas brauninkarnirten Hals, nahm die weisse Florecharpe gar zierlich uber Schulter und Arme, zog sich ein paar alte, aber sehr gepflegte dunkle Handschuhe an, verbarg den Brief in einem Taschentuche und machte sich mit der Erklarung, sie kame in einer kleinen halben Stunde wieder, auf den Weg. Die Trau Tischlermeisterin hatte es gern, wenn das junge Madchen, dem sie im Ganzen sehr zugethan war, sich nach Tische etwas "Motion" machte. Sie nannte sie "versessener" als sie sein sollte.

Franziska war es als brennte der Boden unter ihr. Sie fuhlte, da sie nun den geliebten Freund wiedergesehen und er sie mit fragendem theilnehmendem Schmerze betrachtet hatte, dass sie Alles aus dem Wege raumen musse, was sie moglicherweise von Louis' Vertrauen trennen konnte. Auch mit Heinrich Sandrart gedachte die kleine Schonheit kurzen Prozess zu machen und uberlegte sich schon den Brief, den sie auch an diesen gleich nach des Onkels Abreise schreiben wollte. Von einer Mitreise nach dem unheimlichen Forsthause, in den engen Wald, wo die gelben Blumen auf dem Sumpfe und die weissen Zuckerkugelchen auf den gestrichenen Zwetschenbroten ihr eine grauenvolle Erinnerung boten, war jetzt, wo ihr Louise Eisold den "Muth des Herzens" eingeflosst hatte, keine Rede.

Franzchen kam in die lange gerauschvolle Konigsstrasse und suchte nach der Hausnummer. Sie fand sie bald. Es war ein grosses stattliches Haus mit vielen Stockwerken und mit einer grossen Anzahl von Fenstern. Ein Hinterhaus war nicht sichtbar. Sie hatte geglaubt, die erste Anfrage schon wurde ihr die Klingel zeigen, wo sie ihr Briefchen abgeben konnte. Unten waren nur Laden, im ersten Stocke wohnten die Besitzer derselben. Im zweiten verwies man sie in den dritten. Niemand kannte einen Professor Sylvester. Niemals hatte ein franzosischer Sprachlehrer dieses Namens hier gewohnt. Der Gedanke, dass sie von diesem zweideutigen Manne, der "grunen Brille", konnte getauscht sein, kam ihr sowenig ein, dass sie, als man ihr im dritten Stocke sogar kurzweg die Thuren vor der Nase zuschlug und ein impertinentes "Wohnt hier nicht" zurief, auch noch uber eine dunkle, schmuzige, steinerne Stiege in den vierten Stock stieg. Hier sah sie schon die Dacher der Nachbarhauser. Sollte Herr Sylvester hier gewohnt haben? Die Klingelschilder, die sie fand, konnte sie in der Dunkelheit kaum lesen. Keins zeigte Den Namen, den sie suchte.

Wie sie voller Betrubniss so stand und sich deutlich zuruckrief, wie ihr Herr Sylvester anfangs dieses Haus, und nur dieses, das sie im Vorubergehen oft darauf angesehen hatte, als seine fruhere Wohnung genannt, war sie unentschlossen, ob sie nun hier doch noch klingeln sollte ...

In dem Augenblick horte sie einen lebhaften Wortwechsel, der hinter einer dieser schon schwarzen, verraucherten Thuren gefuhrt wurde.

Schamen Sie sich, sagte eine alte keifende Stimme; Sie bringen's noch so weit, dass Sie bald Ihr festes Quartier angewiesen kriegen!

Eine andere hellere weibliche Stimme lachte laut auf.

Lachen Sie nur, sagte die altere Stimme wieder, seit dem letzten male, wo Sie gefasst wurden, ist dem Oberkommissar schon die Geduld gerissen. Er lasst das Vogelchen nicht wieder fliegen, wenn er's nun beim Fittich hat!

Nur hohnischer Spott von der Andern war die Antwort.

Wann bekomm' ich meine vier Thaler? Machen Sie ein Ende oder ... Wesen, ich rathe dir!

Verklagen Sie mich! war die Antwort auf diese wilde, dreifach gesteigerte Apostrophe. Die Gerichte werden Ihnen anstreichen, Miethe fur Hausschlussel zu fodern. Haben Sie einen Gewerbschein auf Hausschlussel?

Die Alte dampfte jetzt die Stimme und sprach etwas, was Franzchen nicht verstand.

Mag ihn nicht! sagte ubermuthig lachend die Junge. Wenn ich einen Alten nehmen soll, weiss ich Einen, der viel flotter ist ...

Franzchen wollte auf solche Ausserungen, vor denen ihr sittliches Gefuhl schauderte, gehen, aber die Erwahnung eines Alten fesselte sie doch. Sie dachte, sollte Das wol der franzosische Sprachlehrer sein?

Die Alte sprach wieder etwas leiser ...

Die Junge antwortete mit derselben hohnischen Zuruckweisung wie vorhin:

Dass Bartusch mir nicht hierher kommt! Ich werf' ihn die vier Treppen hinunter, dass er nicht wissen soll, ob er fliegt oder stolpert.

Die Stimme der Alten wurde etwas horbarer.

Was kann Ihnen denn, sagte sie, Gold und Juwelen helfen, wenn Ihnen die Polizei die Sachelchen offentlich abreisst und Ihnen einen Namen als Diebshehlerin anklext! Der Alte, den Sie meinen, wohnt jetzt auch bei uns, hinter den Eisenstangen, wo der Mondsuchtige gewohnt hat. Wir wissen ja, was Pax von ihm halt! Alles passt ihm auf. Schrecklich, jede drei Tage wird angefragt, was Der mit der schwarzen Binde treibt!

Die Stimme der Jungern sprach jetzt schwacher.

Franzchen konnte sie nicht verstehen. Die Erwahnung von dem Manne mit der schwarzen Binde fesselte sie. Es war Der, der bei Louise Eisold eingezogen war!.. In dem Glauben, doch noch vielleicht etwas vom Herrn Sylvester zu horen, blieb sie stehen, unschlussig, ob sie klopfen sollte.

Sie horte wohl, dass beide Frauen fortsprachen, aber sie konnte nichts Deutliches mehr unterscheiden.

Leute dieser Gattung streiten sich oft, dann scheint es plotzlich, als wenn sie sich versohnten, sie lachen sogar und ehe man sich's versieht, bricht wieder die alte Wuth hervor.

So kreischte jetzt eine Stimme auf. Es war die Jungere ...

Meine Ohrringe! schrie sie. Alte, ich bringe dich um.

Nun lachte die Alte. Sie hatte sich ohne Zweifel fur die Schuld, die sie bei der Jungeren beanspruchte, selbst pfanden wollen.

Hinaus! schrie die Jungere. Spitzbubin! Du hast die Perle abgerissen! Flickschusterin, hinaus, Drache! Wo liegt meine Perle?

Nun, nun, sagte die Alte sie beruhigend und angstlich, ich will suchen helfen ...

Nicht unterstanden! Keinen Griff auf die Erde! Stehen geblieben! Die Hande hergezeigt! Schandliches Weib, meine Perle! Wo liegt meine Perle?

Glasperle! Zwei Dreier an Werth! lachte die Alte. Der Plundermatz verkauft welche fur vier Pfennige.

Es dauerte eine Weile, bis wieder gesprochen wurde ... Wahrscheinlich suchte die Jungere auf der Erde, wahrend die Alte tuckisch lachte und sich nicht ruhren durfte, damit sie unter dem Schein zu suchen nichts einsteckte. Wir kennen dies Talent der Frau Mullrich von den drei Thalern her, die sie fur Hackert suchen half.

Da ist sie ja! rief sie aber doch zuletzt. Und nun hab' ich keine Geduld mehr! setzte sie argerlich und giftig polternd, angeschwollen von ihrer bewiesenen Ehrlichkeit hinzu: Dem Grauen schliesst sie die Thur, meine vier Thaler gibt sie mir auch nicht! Sie denkt wol, ich weiss nicht, mit wem sie sich herumzieht? Fur wen sie jetzt thut, als hatte sie niemals auf Nr. 17 bei mir gewohnt? Sie denkt wol, Der mit den Nankingkamaschen wird nicht bald dahinter kommen, dass sie ...

Weiter sprach die Stimme nicht. Ihre nachste Ausserung war ein furchtbares plotzliches Krachzen und Wurgen. Muhsam presste eine am Ersticken nahe Kehle die Worte hervor:

Hulfe! Hulfe! Sie wurgt mich!

Franziska Heimisch wusste nicht, was sie nun thun sollte. Schon war sie im Begriff gewesen zu gehen, schon zitterte sie jetzt vor Angst, ob sie nicht Hulfe rufen sollte, als die Stubenthur von innen aufgestossen wurde und ein junges, schlankes, schongebautes Frauenzimmer eine Alte mit einem einzigen athletischen Wurfe uber die Schwelle schleuderte und scheinbar kalt, aber zorngluhend, sogleich die Thur wieder zuschlug und von Innen mit den Worten verriegelte:

Das ist fur Den mit den Nankingkamaschen!

Dass hier Herr Sylvester nicht wohnen konnte, sah Franzchen nun wohl und wollte entfliehen.

Die Alte aber schrie ihr nach:

Mamsell! Fraulein! Horen Sie! Warten Sie!

Und wahrend sich Franziska nur umsah, hatte die Alte sie schon mit ihren schwarzen Pechkrallen gepackt und uberschuttete sie unter lautem Geschrei mit den Worten:

Sie hat mir eine Rippe zerbrochen Sie mussen's bezeugen Mamsell, Sie haben's gesehen!

Liebe Frau, lassen Sie mich bat Franzchen flehentlich.

Sie hat mich morden wollen Sie haben's gesehen Sie mussen's beschworen!

Bitte, ich bin hier fremd ich suche nur ... ich hatte einen Brief hier

Ich reiss' Ihnen den Brief weg, wenn Sie mir nicht sagen, wer Sie sind!

Franzchen versteckte ihren Brief mit Blitzesschnelle und rief:

Um Gotteswillen, was wollen Sie denn von mir, liebe Frau?

Die Alte packte Franzchen und krachzte:

Bezeugen sollen Sie's, beschworen mussen Sie's, dass sie mich hat wurgen wollen! Die Kehle hat sie mir zugeschnurt mit ihren Diebsfingern! Da sind noch die Krallen in meinem ehrlichen Halse! Wie heissen Sie? Gott! Sie hat mir eine Rippe zerbrochen ... Ich habe den Tod weg ...

Franzchen wurde jetzt mitleidig und schickte sich schon an, ihren Namen zu sagen, als wieder die Alte sie packte und rief:

Wo wohnen Sie? Wer sind Sie? Sagen Sie's oder Mamsell, ich lasse Sie nicht los und sollten die Strassen zusammenlaufen. Ach! Ach! Mir wird schwach ...

Herr Gott! Was ist Ihnen? Soll ich Sie nach Hause fahren lassen? Wohin denn?

Wer sind Sie?

Die angstlichen Fragen der von einem merkwurdigen schauspielerischen Talente der Flickschusterin getauschten Franz, mit wem denn sie die Ehre hatte, beantwortete diese:

Ich bin die Mullrich, Vizewirthin von der Brandgasse Nr. 9. Mein Mann ist von Profession ein Schlosser, von Gewerbeschein ein Schuster, steht aber bei der Polizei als Offiziant und ich bin die Vizewirthin. Diese Morderin heisst Auguste Ludmer! Das bringt sie auf zehn Jahre in's Criminal! Wie heissen Sie, Mamsell?

Wenn es Sie beruhigen kann, ich heisse Franziska Heunisch ...

Franziska Heunisch! Und Ihre Wohnung?

Wallstrasse Nr. 14. Beim Tischler Martens.

Beim Tischler Martens! Ach du mein Heiland ... Das will ich mir merken. Ach ich sterbe ... Da hab' ich doch meine Satisfaction! O, o, diese Creatur! Sie haben's gehort, dass ich Hulfe geschrien habe? Sie haben's gehort?

Leider! Leider!

Sie haben's gesehen, dass sie mich mit Fussen getreten hat ...

Mit Fussen getreten? sagte Franzchen, erschrocken uber die Abweichung von der Wahrheit.

Mit Fussen getreten, geschunden, gekratzt hat sie mich!

Damit heulte die Vizewirthin aufs neue.

Franzchen wollte entgegnen, die Lebhaftigkeit der Phantasie dieser Frau berichtigen, allein der Larm hatte alle Dienstmadchen des Hauses, alle Comptoirdiener der untern Laden zusammengerufen und in der verzweifeltsten Beschamung, sich hier in eine so widerwartige Begebenheit verwickelt zu sehen, gab sie Alles zu, um nur fortzukommen.

Glucklicherweise gelang ihr Dies. Wahrend Frau Mullrich den Umstehenden ihre Schicksale mit diesem "abscheulichen Frauenzimmer oben" ausfuhrlich und ubertrieben erzahlte, fand sie eine gunstige Gelegenheit, davonzuschlupfen .... Die Konigsstrasse ist so lebhaft, dass sie bald unter den Menschen verschwand und von ihrer Verfolgerin, deren Krallen sie noch immer im Nacken fuhlte, nicht mehr entdeckt wurde. Ihren Namen, hoffte sie, wurde sie vergessen haben. Sie entsann sich, dass dies der wachende Hausdrache bei Louise Eisold gewesen war, und bedauerte nur, wie sie nun wol kaum jemals wieder wurde versuchen konnen, jenes Haus zu betreten! Wie schopfte sie mit angstbefreiter Brust Athem, als sie wieder frische Luft und Sonne und Sicherheit um sich hatte!

Anfangs fuhlte Franzchen, erlost von der eben uberstandenen Pein, nur im geringeren Grade die unangenehme Tauschung, die sich Herr Sylvester mit ihr erlaubt hatte. Als sie sich aber wieder ihrer Wohnung naherte, argerte sie es denn doch empfindlich, dass dieser ihr jetzt vollends abscheuliche Mann sich vielleicht einer falschen Adresse bedient hatte. Sie konnte nicht glauben, dass er da gewohnt hatte, wo jener Zank vorgefallen war ...

Das entschlossene zweideutige junge Frauenzimmer hatte sie wohl erkannt! Es war jene schmuckbehangene Auguste Ludmer vom Fortunaball gewesen, die mit dem Glockenschlage vier von den Agenten der Polizei mit jenem alteren Manne verhaftet wurde, den sie nun schon unter dem Namen eines Englanders Murray kannte ... Wie uberlief es sie kalt bei dem Gedanken, dass sie mit solchen Menschen vor Gericht treten sollte, Zeugniss ablegen, ja nur mit ihnen zusammen genannt werden!

In dieser Qual, vor Louis Armand's Augen immer tiefer sich in einen falschen Schein zu stellen, immer mehr sich in ungunstige, ohne ihre Schuld, gegen sie sprechende Beziehungen zu verwickeln, betrat sie die Wallstrasse. Da sah sie wieder ihr Haus, Armand's leuchtendes Schild und jenes Fenster, wo es ihr vor noch nicht viel uber eine Stunde gewesen war, als hatte sie an ihm etwas entdeckt, was Herrn Sylvester's Kopfe so ahnlich geschienen, dass sie im ersten Augenblicke dachte: Da ist Herr Sylvester bei Louis Armand selbst zum Besuche! Sie sprechen uber die Bestellungen fur jene Grafin, uber dich! Louis verurtheilt dich, ohne dich gehort zu haben!

Was thut es, dachte sie, als sie in die Hausflur trat, du klopfst oben bei der Frau an, die so glucklich ist, alle ihre Zimmer nun vermiethet zu haben, du fragst, wer neben Louis Armand jetzt wohne ... Ohne weiter zu zogern, stieg sie die Treppe hinauf. In dem Augenblicke horte sie oben eine Thur zuschliessen. Sie wandte den Kopf, sah hinauf; es war Louis, der eben im Begriff schien auszugehen. Sie zogerte. Sie war so erschrocken, dass sie umwenden wollte. Indem hatte sie aber Louis schon bemerkt.

Ah, Mademoiselle, rief er angenehm uberrascht und uber die ernsten Gesichtszuge, mit denen er seinen Zettel an der Thur, der jede Bestellung wahrend seiner Abwesenheit an den Tischler Martens im Hinterhofe verwies, fluchtig ubersah, flog ein Strahl sanfter Freude. Wie kommen Sie hierher, Mademoiselle?

Franzchen stotterte etwas, sah auf ihren Brief und wusste vor Verlegenheit nicht, welche Ausrede sie finden sollte.

Louis blickte auf den Brief und war erstaunt eine franzosische Adresse zu lesen: A Monsieur Monsieur le Professeur Sylvestre de Paris ...

Die Worte waren ganz orthographisch geschrieben.

Haben Sie Das geschrieben, Franchette? fragte Armand.

Ja, antwortete Franzchen schuchtern. Der Herr ist in dieser Zeit mein Lehrer gewesen. Ich wollte ihm schreiben, dass ich kein Talent fur Sprachen habe und ihn bate, nicht mehr zu kommen.

Nicht mehr zu kommen? Warum, liebe Franchette? Kein Talent?

Franzchen hatte jetzt keine Antwort. Sie blickte verlegen bald auf die Stufen, auf denen sie noch stand, bald uber das Gelander hinuber an die Thur, welche Louis eben verschlossen hatte und die Nebenthur.

Wer wohnt da? fragte sie. Ich sehe eine Karte an der Thur.

Kommen Sie, wir wollen lesen, liebe Franchette!

Franzchen stieg die Treppe nun ganz hinauf und horte, dass Louis schon sagte:

Ein Italianer ist mein neuer Nachbar! Lesen Sie!

Franzchen sah auf die angeheftete Visitenkarte und fand die einfachen Worte:

Signor Barberini.

Signor Barberini! wiederholte sie und sprach fur sich: Der ist es nicht.

Es konnte Louis nicht entgehen, dass Franzchen in Verlegenheit und einer gewissen Aufregung war .... Er wollte zu Egon, um mit ihm zu speisen, da hatte er wohl noch eine halbe Stunde Zeit, um die Gelegenheit zu benutzen, einige Worte mit einem Madchen zu wechseln, zu dem er sich so innig hingezogen fuhlte und das ihm durch diese lange, von ihm nicht verschuldete Trennung auf eine sein Inneres beklemmende Weise entruckt war.

Ohne lange zu zogern, schloss er die Thur seiner Wohnung auf und schlug Franziska vor, einen Augenblick bei ihm einzutreten.

Sie sah ihn mit grossen Augen an, als wollte sie sagen: Ist Das erlaubt? Darf ich Das? Und wenn ich es wagte, weil ich dich liebe, wurd' es mich denn auch bei dir nicht herabsetzen?

So viel Gedanken und Empfindungen in einem einzigen Augenblicke ausgesprochen, mussen einem grossen, braunen, von schwarzen Wimpern beschatteten, mit schwarzen Brauen umrandeten Auge wol einen machtigen Zauber geben. Wie diese beiden kleinen krystallenen Kugeln so zitternd und wie lebendig gewordene Worte auf Louis ruhten, fuhlte sich dieser feurig bewegt, schlug leise seinen Arm uber des Madchens Schulter und sagte:

Meine liebe Freundin! Sechs Wochen Trennung! Sie haben mich vergessen!

In diesem Augenblick stand die Thur schon auf und Franzchen wurde geblendet von dem schonen Anblick. Das elegante, weisstapezirte Zimmer hatte keine andern Mobel als rings an den Wanden einige mit rothem Plusch uberzogene Divans und einige Tabourets von gleichem Zeuge. An den Fenstern hingen weisse grossgeblumte Gardinen mit goldbronzenen Haltern. An den Wanden sah man Spiegel mit goldenen Rahmen und grosse Cartons mit Rahmenmustern in den geschmackvollsten Formen. Auf einem grossen Tische in der Mitte des Zimmers lagen Zeichnungen, Goldleisten und die zierlichsten Holzschnitzereien.

Und dennoch wurde sich Franzchen von dem schonen Anblick nicht haben sogleich blenden lassen und eingetreten seien, wenn sie nicht plotzlich im Nebenzimmer ein gewisses Husten gehort hatte. Dies Husten erinnerte sie schreckhaft an den Professor Sylvester. Er behauptete, sich seit dem Fortunaball einen unausrottbaren Katarrh geholt zu haben, schmahte uber das Klima dieser wilden Gegenden des Nordens und hustete oft so ununterbrochen, dass er, um sich zu erholen, aufstehen und einen Gang durch's Zimmer machen musste. Ganz diesem Husten ahnlich klang es jetzt von der dunnen Wand her, die dies Geschaftszimmer des jungen Franzosen von der Wohnung des Signor Barberini trennte. Daruber betroffen nachgrubelnd folgte sie fast willenlos der Aufforderung ihres ernsten und so liebevoll bittenden Gonners, dass sie zuletzt in seinem Zimmer war, sie wusste nicht wie. Mit welcher Pein sank sie auf eins der zierlichen rothen Tabourets nieder! Wie bebte sie, wenn sie sich dachte, die Thur, die Louis eingeklinkt hatte, konnte aufgehen und irgend Jemand, an dessen guter Meinung von ihr ihr etwas gelegen sein musste, trate ein! Dass Der, an dessen Urtheil ihr selbst am meisten gelegen war, sie selbst hier hatte eintreten lassen, trostete sie und die erste Beklemmung wich bald einem froheren Gefuhle.

Franziska, begann Louis Armand mit bescheidener Zuruckhaltung und ohne den mindesten Anschein, als konnte er die gewagte Situation zu seinem Vortheile benutzen wollen, Franziska, haben Sie meine kleinen Verse erhalten?

Ich wollte Ihnen dafur danken, sagte Franzchen schuchtern, aber ich fand nichts, was Ihrem Geschenk wurdig antwortete.

Das kleine Gedicht ist in der Theilnahme gedacht worden, die ich fur ein weibliches Gemuth empfinde, das sich vom Schicksal auf die grosse Aufgabe angewiesen sieht, unter Entbehrungen die Tugend zu lieben. Ich bin betrubt gewesen, Franziska, dass Sie die Gefahren selbst aufsuchen, denen nicht jedes Herz zu trotzen im Stande ist!

Franzchen schlug errothend die Augen nieder.

Sie besuchen die nachtlichen Balle

Herr Armand ... war Alles, was Franzchen stottern konnte.

Sie haben auf einem Ball, der bis tief in die Nacht wahrte, jenen Landsmann von mir kennen gelernt, der, wenn er Ihnen den Unterricht, den Sie von ihm empfingen, ganz ohne Entschadigung gab, sehr von der Natur meiner Nation abweichen muss.

Ohne Entschadigung? Wie meinen Sie Das, Herr Armand?

Der junge Soldat, den ich heute bei Ihnen traf, ist, ich weiss es, unglucklich, dass er den Platz, den er in Ihrem Herzen sucht, von Herrn Sylvester besetzt findet.

Franzchen hatte uber diese Worte weinen mogen. Sie fuhlte nun, wie sie Louis Armand erscheinen musste. Sie erkannte, wie unvorsichtig sie sich dem Urtheile der Welt ausgesetzt hatte; wer wusste denn, warum sie Herrn Sylvester's Besuche geduldet hatte!

Statt aller Antwort riss sie das Billet auf und gab es Louis zu lesen.

Dieser sah sie voll Zartlichkeit an und lehnte es entschieden ab, in ihre Geheimnisse zu dringen.

Meine liebe Franchette, sagte er mit dem sanften Tone wieder, der dem deutschen Madchen einst so wohlgethan hatte, weil die Deutschen in der Sphare, wo sie lebte, noch nicht jene Weichheit und graziose Zuruckhaltung besitzen, die in Frankreich bei den Arbeitern schon die Folge der grossen gesellschaftlichen Umwalzungen geworden ist. Liebe Franziska, wie darf ich ...

Lesen Sie! sagte Franziska entschieden.

Als Louis zogernd gelesen hatte, sagte er:

Sie lehnen den ferneren Unterricht dankbar ab. Ihre Zeit, Ihre geringen Talente, sagen Sie, verhinderten Sie daran ...

Drinnen hustete es jetzt so stark, dass Franziska hatte aufspringen mogen und sagen: Das ist ja Herr Sylvester!

Wenn Sie der Sprache meines Landes die Ehre anthun wollen, sagte Louis lachelnd, sie zu erlernen, so wurd' ich mich gern zur Fortsetzung des Unterrichts erbieten; allein Sie haben Ursache, den jungen Sergeanten, der Sie auf einem nachtlichen Balle kennen lernte, zu schonen ...

In diesen ruhig gesprochenen Worten lag doch eine Bitterkeit, die Franziska so verwundete, dass sie hatte aufschreien mogen. Mit Leidenschaft fur sich das Wort zu ergreifen, war sie aber nicht im Stande. So blieb ihr nichts ubrig, als zu weinen.

Sie verkennen mich! sagte sie mit erstickter Stimme.

Louis sah zur Erde nieder. Aufzuspringen, sie zu umarmen, ihr zu Fussen zu fallen, wagte er nicht. Was konnte er ihr bieten? Eine Trennung von der Heimat. Ein ungewisses Loos auf fremdem Boden, wo sie allen neuen Lebensbedingungen vielleicht erlegen ware? Ihn selber band es an Egon's kunftigen Lebenslauf. Wusste er, wohin ihn dieser noch einst fuhren konnte! Er traute auch seiner Theilnahme fur das junge Madchen nicht. War es Liebe, war es Mitgefuhl fur ihr Wesen, das er bisher so still und sittsam erkannt hatte? Er gehorte, das hatte er oft schon horen mussen, zu jenen, jetzt so vielfach anzutreffenden Menschen, die in der Reflexion heimischer sind als in der Welt der That. Jede Sphare, auch die unterste, hat ihre Hamlet's aufzuweisen und die franzosische Nation hat sich seit dreissig Jahren vollig verandert.

Da Louis nichts that, die peinliche Situation zu erleichtern, so fuhlte sich Franziska sittlich gezwungen und durch die Wahrheit ermuntert, fur sich das Wort zu ergreifen. Sie erzahlte ihm denn in der Kurze so viel, als nothig war, um die Veranlassung, die sie auf einen der beruchtigten Fortunaballe gefuhrt hatte, in einem fur ihre Moralitat gunstigeren Lichte erscheinen zu lassen. Sie konnte die ganze Wahrheit nicht sagen, daran verhinderte sie die Rucksicht auf Louise Eisold. Aber auch die Umstande, die sie erwahnen zu durfen glaubte, reichten hin, in Louis jeden Verdacht niederzuschlagen. Er reichte ihr in freudiger Bewegung seine Hand und bat sie um Verzeihung.

Warum sind Sie aber nur so streng gegen mich? sagte sie lachelnd, als er die Hand in der seinen hielt.

Louis konnte der Liebenswurdigkeit dieses Blikkes, dieser Frage, dieses Lachelns nicht widerstehen. Ohne sich jedoch fortreissen, von seiner aufwallenden Leidenschaft bewaltigen zu lassen, nahm er Franzchen's Hand, streifte den Armel ihres Kleides etwas zuruck und druckte einen innigen Kuss auf die Stelle, die der Handschuh dort frei liess.

Franzchen wurde es dabei so wunderlich, so selig war ihr zu Muthe, dass sie nun nicht anders als laut lachen konnte. Es war die herzlichste, innigste Freude, die in ihrer Brust uberwallte, und wenn sie nicht eine so hohe Verehrung vor Louis Armand und so angstliche Begriffe von Schicklichkeit gehabt hatte, Das musste sie sich sagen ... eigentlich hatte sie den pedantischen jungen Mann nehmen, sein krauses Haar ihm von der Stirn wegstreichen und diese edle weisse Stirn kussen mogen.

Naturlich geschah Das nicht und auch der selbstqualerische Louis bekampfte sich und legte auf seine Empfindung die Dampfer seiner eigenthumlichen, melancholischen und krankhaften Lebensauffassung, die er mit einer ganzen Schicht unserer arbeitenden Stande von jetzt gemein hat ... Wie Louis Armand gibt es in allen grossen Werkstatten, wo mehr als ein Dutzend Arbeiter zusammen wirken, gewiss immer einen unter ihnen, der eine Art Propheten abgibt. Einer von ihnen trinkt nicht, zankt nicht, spielt nicht, tanzt nicht, sondern liest und schreibt sogar, dichtet oder singt, wird zuweilen ausgelacht, meist aber geliebt und bewundert. Er ist sozusagen der Traumdeuter der Werkstatt, der Hohepriester und Schriftgelehrte, dessen Traumauslegungen aber noch traumerischer sind als die Traume der Andern. In jeder grossen Werkstatt gibt es einen Rabulisten, einen Possenreisser und einen Philosophen.

Ihr Onkel, sagte der selbstqualerische, zuruckhaltende Armand, ist recht unglucklich, dass Sie den jungen Sergeanten foltern, liebe Franchette! Er sagte dem Prinzen, dass dieser junge Krieger der Sohn eines reichen Landmanns ist. Ich fand ihn fein und artig. Auch sein Spiel auf der Flote verrieth mir, dass er ein Herz hat. Und Liebe! Liebe, die sich auch bewahrt in der Demuthigung, dass man sie nicht erhort! Die Welt ist sehr arm an solcher Liebe, die nicht liebt, um wieder geliebt zu werden, liebe Franchette!

Ich mag ihn nicht! war Franzchen's ganze kurze, runde deutsche Antwort. Sie verstand die eigenthumliche leidende und entsagende moderne Philosophie ihres Gonners nicht.

Er ist reich fuhr Dieser, wie ein Stoiker, fort.

Wenn auch!

Der Onkel will eine Beruhigung fur sein Alter. Er freut sich darauf, irgendwo gut aufgenommen und von Herzen geliebt zu sein ...

Ich weiss, es ist recht lieblos von mir ... aber es geht nun doch nicht!

Sie sollen mit ihm in den Wald!

Franzchen schuttelte den Kopf.

Sie bleiben?

Franzchen nickte.

Ah! sagte Louis, dem sich die Brust doch erweiterte, dafur dank' ich Ihnen! Wenn Sie gingen, wusst' ich doch nicht, ob ich noch in Deutschland bliebe.

Bedurft' es mehr, um zu sagen: Franziska, hier schlagt dir ein Herz voll Liebe und ewiger Treue?

Aber theils des Nachbars Husten, theils die eigene Befangenheit und Unentschlossenheit Armand's hinderte, dass es trotz der zartlichsten Wendung des Gesprachs zu einer formlichen Erklarung kam.

Louis hielt Franzchen's Hand, kusste und druckte sie, sah ihr in's Auge voll Gute und wiedergewonnenen Vertrauens, aber einer sturmischen Leidenschaft war seine melancholische krankhafte moderne VolksPhilosophie nicht fahig.

Franzchen hatte so viel Verehrung vor ihrem Freunde, dass sie sich auch eine andere Annaherung an ihn als diese zarte und zuruckhaltende vorlaufig nicht moglich dachte. Er fascinirte sie, wie ein Zauberer ... Durch seine Huldigung hatte sie vorlaufig nur so viel Muth gewonnen, dass sie jetzt sagte:

Sie sollten mir und meiner Freundin Louise einen Gefallen thun ...

Einen Gefallen? Mit Freuden!

Nachsten Sonntag, plauderte Franzchen, um zwei Uhr kommt Louise mit allen ihren Geschwistern und einem ungeschlachten, aber braven Menschen, der sie gern heirathen mochte, und holt mich ab, in's Waldchen zu gehen. Wissen Sie, das ist eine Stunde von hier! Man geht von der Landstrasse ab, uber Wiesen, dem Strome zu ...

An dem das Schloss des Konigs, Solitude, liegt?

Richtig da! Rechts ist die Solitude und links am Flusse das Waldchen. Im Grase lagern sich da die frohen Menschen, durfen an eingemauerten kleinen Herden Feuer machen, scherzen, jagen sich, spielen im Grunen unter den alten Eichen, dass es eine Lust und Freude ist. Gehen Sie mit?

Louis nickte stumm ...

Sie thun's nicht gern! Es ist Ihnen nicht vornehm genug!

O meine gute Franchette! sagte Louis.

Aber Sie geben Ihr "Ja" so betrubt ...

Ach, ich denke an mein Vaterland, ich denke an die kleinen Freuden, die die Armen auch in Lyon und Paris geniessen. Wie hab' ich diese Sonntage geliebt! Die theure Schwester, die nun die Erde deckt, war die Konigin dieser kleinen Feste ...

Wenn es Sie aber traurig macht ....

Nicht traurig! Nicht um die Vergangenheit bin ich geruhrt. Die ist begraben. Es bewegt mich, dass Ihr in diesem Lande gerade so denkt und fuhlt wie wir! Eine Kette ist es doch, die uns Alle umschliesst in Nord und Sud. Ob Ihr nun in dumpfen Hohlen bei der Lampe arbeitet oder wir an den niedergelassenen grossen Fensterladen unserer luftigen Hauser ... Ihr versammelt Euch am Tage der Ruhe zur Freude wie wir. Wir tanzen unter Nussbaumen; Ihr vielleicht unter Eichen; wir verwechseln im Verwechsel-Spiele Ahornbaume, Ihr vielleicht Tannen; Ihr kranzt Euer Haupt mit Kornblumen, wir kranzen uns mit Weinlaub und wildwachsenden Blumen, die bei Euch nur in Treibhausern gedeihen; aber die Freude ist dieselbe, der Trost ist derselbe, die Pause ist dieselbe, wo sich die Arbeit erholt und in ihren Hoffnungen neuen Athem schopft ... Ja, meine Freundin, ich werde kommen.

Franzchen war uber diese dichterische und, wenn wir ironisch sein wollen, wie eine Einleitung zu Proudhon's socialer Lehre vom Eigenthum klingende Erklarung sehr glucklich.

Sie glaubte nun aufstehen zu mussen.

Louis druckte sie mit einer fluchtigen Bewegung seines linken Armes leise an die Brust. Sie widerstrebte nicht, sondern liess die warme klopfende Fulle ihres Busens an seinem Herzen eine Weile ruhen und sah dabei verschamt zur Erde. Louis lehnte sie sanft zuruck und sprach:

Ich danke Ihnen, Francoise, fur das Vertrauen, das Sie mir schenkten und dass ich Sie nun wieder wie sonst verehren kann ach! unterbrach er sich selbst, Sie zu lieben, hatt' ich nie aufgehort! Am Sonntag also im Waldchen!

Franzchen dankte ihm mit einem glanzenden Blick ihrer Augen und stand schon an der Thur. War sie doch selig, dass endlich auch einmal das Wort Liebe gefallen war!

Und die Stunden in meiner Sprache nehmen Sie bei mir! sagte er.

Wenn es Sie erfreut ... antwortete sie ...

Und der Sergeant ... Wissen Sie, Franziska, dass ich Mitleid mit ihm habe? Wenn er uns in den Wald begleitete mit seiner Flote?

Franzchen schuttelte den Kopf ...

Wir werden tanzen wollen ... Es ware doch gut ...

Wir singen, wenn wir tanzen wollen, und Violinen und Harfen hort man unter den Eichen genug ...

Der arme Heinrich Sandrart! bat Armand. Wie gut und trostend ist es dem Krieger, sich unter seine Kameraden, die Burger und Proletarier der Arbeit, mischen zu durfen! Sind diese Proletarier des Mussiggangs nicht unsere Bruder? Lebt in ihrer Seele nicht etwas, was sie von dem schlechten Geiste des Trotzes gegen die ubrige Gesellschaft, den die Offiziere nahren, abzieht und in unsere frohlicheren Reihen zuruckfuhren mochte?

Er wird nicht mitgehen wollen ... antwortete Franzchen, die weder von der Flote, noch von der socialen Stellung Heinrich Sandrart's irgendwie geruhrt war und nur einen lastigen Liebhaber sah, den sie nicht mochte.

Bieten Sie es ihm an, Franziska, wiederholte Louis.

Franzchen blieb aber bei ihrem Sinne. Sie lachte, schuttelte den Kopf, offnete die Thur und hupfte davon. Noch auf der Treppe warf sie einmal den Kopf zuruck, nickte voll Innigkeit und huschte in gluckseligster Stimmung in ihren Hinterhof ... Der Husten des Italieners Signor Barberini verfolgte sie zwar wie das giftige Zischeln einer Schlange, die die Gestalt des Herrn Sylvester oder der grunen Brille annahm, aber nun, da sie sich gerechtfertigt hatte vor Louis Armand, da sie wieder so viel zartliche, sanfte Worte von diesem elegischen Schwarmer vernommen, waren ihr alle Gefahren, alle Beziehungen zu andern anspruchsvollen Menschen gleichgultig, sie zerriss ihren Brief, sagte sich, Er mag kommen oder nicht! Ich habe keine Furcht mehr, ihm mundlich seinen Abschied zu geben! Es war ihr, wie sie einst Melanie Schlurck gesagt hatte, als kame sie von einem Priester, dem sie gebeichtet.

Indem wir Franzchen den letzten Verstandigungen mit ihrem Onkel uberlassen und uns freuen mussen, dass sie durch ein gutiges Schicksal vor mancher dunkeln Gefahr auf dem Forsthause im Plessener Walde bewahrt blieb, begleiten wir den glucklichen Louis Armand zu seinem Gonner und Freunde, dem Prinzen Egon von Hohenberg.

Er fand ihn unruhig und besorgt daruber, dass ihn Louis so lange allein liess.

Eilftes Capitel

Thomas a Kempis

Wie kann ich mich ohne dich zurecht finden, Freund, sagte Egon auf's zuvorkommendste und von einem Halbschlafe gestarkt. Wie diese Menschen, die mich hier umgeben, alle so gierig lauern auf meine Winke! Die kleinste Arbeit vergrossern sie durch die Umstandlichkeit ihrer Art, sie anzufassen; Alles ist bei ihnen spielendes Riesenwerk. Jeder will seine Nothwendigkeit bezeugen und geht laut, statt leise, klappert mit einem Teller, statt ihn ruhig hinzusetzen, fragt zehnmal uber eine Auskunft, die er sich bei gesunder Vernunft selbst geben kann. Der Alte mit dem gewichsten Schnurrbart ist geradezu ein Hanswurst! Es thut mir seines Alters und der Erinnerung an meinen Vater wegen leid, dass ich ihn so lacherlich finden muss. Schon drangte sich die alteste seiner Tochter an mich und will die Befehle uber meine Wasche in Empfang nehmen. Wie ich sagte, ich liebte Dies oder Jenes zur Hand zu haben und mich selber zu bedienen, verspricht sie, in meinem gewohnlichen Zimmer sogleich diese Anordnungen selbst zu treffen. Ich lese etwas aus den Blattern in den aufgehauften Zeitungen. Kaum seh' ich auf, so ist die alteste Schwester mit den beiden jungeren beschaftigt, an den Schubkasten zu poltern und zu ordnen. Ich sehe hin. Sie thun, als merkten sie's nicht. So dienend, so unterwurfig gebehrden sie sich! Die zweite gefallt mir mehr als die jungste. Diese ist zwar hubscher, jene hat jedoch pikantere Augen. Ich habe das Fenster geoffnet, um nicht nach diesen Geschopfen sehen zu mussen. Kaum lehn' ich mich da hinaus, so nimmt das Verbeugen und Grussen kein Ende. Koch und Stallknecht, Kuchenmagd und Kehrfrau, Alle machen sich zehnmal auf der Strasse zu thun, nur um knixen und grussen zu konnen ... Von Vorubergehenden werd' ich angestaunt. Ich schlage das Fenster zu. Da ekeln mich aus den Zeitungen, die ich mir allerdings selbst bestellte, diese dummen politischen Verwickelungen an. Ich bin die Herrschaft der Phrasen so mude, dass ich lieber eine Abhandlung uber den Dunger lesen mochte, als diese Verhandlungen des Ehrgeizes und der Intrigue. Ich werde mich uber Grund und Boden zu unterrichten suchen und dann nach Hohenberg gehen, dort wohnen, dort mit Ackermann Okonomie treiben.

Louis antwortete nicht auf diesen Erguss der Langenweile und des erwachenden Lebensreizes. Er sah auf dem Tisch zwei Gegenstande, die ihm wichtiger schienen als diese polternden Ausbruche der Ungeduld eines Kranken, der, endlich genesen, sich in das Gerausch der Welt zurucksehnt und von Einsamkeit spricht! Er sah den fur die Grafin d'Azimont bestimmten Brief und das schwarze Buchlein von der Nachfolge Christi, das durch seine Mithulfe in das Bild der Mutter gekommen war.

Uber Letzteres sprach sich Egon, wahrend man in dem Zimmer nebenan das Serviren der Mittagstafel horte, umstandlich und weitlauftig aus.

Was ich bis jetzt in diesem wunderlichen Testamente meiner bemitleidenswerthen Mutter gelesen habe, sagte er, misfallt mir durchaus nicht. Dieser alte Monch Thomas a Kempis war ein feiner Kopf und hat etwas Vornehmes, das ihn der Bildung zuganglicher macht, als die gewohnliche ascetische Phraseologie. Er schreibt vortrefflich. Seine Satze sind kurz und in Antithesen gefasst, wie bei Montaigne. Er scheut sich nicht, zuweilen einen alten Heiden zu citiren und weiss ihn zweckmassig mit einer christlichen Vorschrift in Einklang zu bringen. Dabei hat er etwas Weltkluges, ja sogar Etwas, was an den Spruch erinnert: Schicket euch in die Zeit; denn es ist bose Zeit! Oder wol gar an den andern: Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben! Ich lese seine Vorschriften mit Vergnugen. Nicht etwa, dass ich dem Willen meiner Mutter gemass daran denken konnte, nach ihnen zu leben, sie verlangen eine unmogliche Entsagung und monchische Christlichkeit. Aber sie sind ein System, das an sich nichts Geschmackloses hat. Es liegt eine so gefallige Abrundung in dieser Auffassung des Lebens. Sie ist dabei nicht ohne Heiterkeit und muss es sein, da sie den Namen des Heilandes so leicht, so ohne viel Aufhebens bekennt, wie wir etwa in unserer Zeit von der Vernunft oder, wenn man noch richtiger urtheilen will, von einem grossen Genius sprechen, von Schiller und Goethe. Ich kann mir den beispiellosen Erfolg dieses Buches erklaren. Es ist in alle gebildete Sprachen ubersetzt und vieltausendmal gedruckt worden. Es ist so klar, so rein wie die Luft. Es lehrt die Weisheit, die Demuth und die Bescheidenheit. Man erstaunt freilich, dass darin die Unwissenheit gepriesen wird im Gegensatz dunkelhafter und nur die Zweifelsucht regemachender Gelehrsamkeit. Aber man lasst sich diese Polemik gegen die Bildung schon gefallen, da es doch selbst ein so feiner, gebildeter Geist ist, der mit uns spricht. Dieses Buch, richtig aufgefasst, musste kindlich reine Gemuther bilden, besonnene frohe Weltweise voll Demuth und Vertrauen. Leider liegt darin auch ausgesprochen, dass dies Buch ein glanzendes Aushangeschild der Heuchelei und jener vornehmen religiosen Abspannung werden musste, die man Frommigkeit und Erleuchtung nennt. Und zuletzt noch Dies: Der Verfasser dieses Buches war ein Communist, lieber Louis!

Ein Communist? fragte Louis erstaunt.

Wohl! sagte Egon lachelnd. Er gehorte einer jener halbgeistlichen Bruderschaften an, die sich im Mittelalter auch unter den Laien bildeten. Thomas aus Kempen, einer hollandischen Stadt, war selbst ein Monch in einem kolner Convicte, aber man kann ihn umsomehr einen mittelalterlichen Communisten nennen, als er ausserdem zu einem Vereine gehorte, der sich die Bruderschaft vom gemeinsamen Leben nannte.

Vom gemeinsamen Leben? wiederholte Louis noch uberraschter.

Nicht wahr? Das ist ja eure vollkommene Communaute?

Man sollt' es fast glauben, sagte Louis errothend. Aber ich begreife wohl, dass darunter nur das gemeinsame Leben in Gott und dem Heilande zu verstehen ist ...

Das ist's! sagte Egon. Aber wer sich vom Laienstande ihr anschloss, musste doch wol die Anspruche seiner weltlichen Titel und Wurden aufgeben, und wenn man sich in eine Art von Phalanstere begab, das man im Mittelalter Convict oder Kloster nannte, so geschah es doch fast unter solchen Bedingungen, wie Ihr communistischen Ikarier es Euch denkt! Man ass aus einer Schussel, hoffentlich mit mehren Loffeln. Allons donc, Monsieur! Nous sommes servis!

Damit setzte sich der junge Prinz mit Louis zu Tisch.

Er hatte die letzten fur Louis so bedeutsamen Worte sehr heiter ausgesprochen. Egon war kein reiner Anhanger der communistischen Ideen seines Freundes und gerieth jedesmal, wenn dies Thema in Anregung kam, mit ihm in einen oft sehr lebhaften Hader. Auch heute bei Tische wurde diese Saite wieder beruhrt; jedoch viel massiger und mit frohlicheren Tonen als sonst in Paris oder Lyon, wo diese Saite trotz aller Freundschaft oft auch recht brummende Tone von sich gab. Egon hatte, wie wir schon aus seiner Reise mit Dankmar wissen, selbstgewonnene Begriffe vom Staatsleben und der Gesellschaft, und wenn seine Ideen, die er mit vielem Scharfsinn zu entwickeln wusste, auch nahe an gewisse demokratische Lieblingsvorstellungen der Zeit streiften, so war er doch nichts weniger als Communist.

Das Mahl war lange nicht so einfach, als es fur Egon's noch mannichfach zu schonenden Korperzustand hatte sein sollen. Auch eine gewisse ihm eigene Sparsamkeit billigte diese Uberzahl von Schusseln nicht. Er gab sehr ernste Verweise uber die gemachte Auswahl und erklarte rundweg, er wurde kunftig jeden Abend vorher sagen, was er morgen essen wolle ... Wandstabler verneigte sich bis tief zur Erde und schielte zu Louis hinuber, den er auch in diesem Punkte als einen wahren Dorn im furstlichen Fleische, als den Storenfried aller standesmassigen Etikette und gehofften Wiederherstellung der alten herrschaftlichen Zustande betrachtete ... und eigentlich mit Unrecht.

Nach dem Essen ruhte Egon ein wenig aus und Louis las im Thomas a Kempis, der ihm plotzlich bedeutsam geworden war ... Louis hatte es sehr weit im deutschen Sprechen und Verstehen gebracht. Er musste ja seinen Ursprung halb von Deutschland und Polen und nur halb von Frankreich herleiten ... Thaddaus Kaminski war im Jahre 1794 in der polnischen Insurrection bei Maciejowice verwundet worden. Glucklicher als sein Bruder Stanislaus Kaminski, der in Gefangenschaft fiel und nach Sibirien geschleppt wurde, rettete er sich, in der Flucht von seiner Schwester Jagellona unterstutzt, mit Kosciuszko erst nach Deutschland, wo er im Wurttembergischen Pflege und ein Weib fand, eine Deutsche, Namens Anna Oleander. Verfolgt von dem Einflusse Russlands floh Thaddaus Kaminski nach Frankreich und liess sich mit seiner Schwester Jagellona und seinem Weibe in Lyon nieder. Ihr Loos war Armuth. Fruh starb Thaddaus an seiner Wunde. Die Schwester Jagellona heirathete einen Industriellen, bei dem sie gastfreundliche Aufnahme gefunden hatten, Namens Armand. Jagellona war nicht mehr jung, als sie, eine gebildete Polin, der Dankbarkeit dies Opfer brachte und weit unter ihrem Stande sich vermahlte. Die Revolution hatte die Standesunterschiede hier nicht so sehr verwischt wie das Gefuhl der Erkenntlichkeit fur den Schutz und die Pflege, den die armen polnischen Fluchtlinge bei den Lyoner Freunden fanden. Jagellona's Sohn hiess, ihrem in Sibirien schmachtenden Bruder zu Ehren, Stanislaus. Stanislaus Armand heirathete die Mutter unsres Louis, eine Franzosin, und gebar ihrem Gatten diesen Sohn im Jahre 1825, die Tochter Louison ein Jahr spater. Diese aus so kosmopolitischen Mischungen zusammengesetzte Familie galische, germanische, slawische Elemente begegneten sich hier stand unter dem patriarchalischen Einflusse der uralten Polin Jagellona Kaminski und der deutschen, ihren Gatten lange uberlebenden Grosstante Anna Oleander, einer Schwabin aus dem weiland wurttembergischen Gebiete der Grafschaft Mompelgard oder Montbelliard. Die polnische Sprache war in diesem Kreise verschwunden, aber aus Rucksicht auf die Grosstante, die des heldenmuthigen Thaddaus Kaminski wegen tief verehrt wurde, hatte sich neben der franzosischen die deutsche erhalten, die auch Jagellona, wenngleich mit polnischem Accente sprach. Louis Armand, der einzige noch lebende Enkel dieser nun ausgestorbenen Familie, verbesserte sein halbangeborenes Deutsch durch den Umgang mit Egon. Aber mit den deutschen Buchstaben hatte Louis Armand, den neben der Liebe fur Egon auch der Trieb nach Anknupfungen an seinen deutschen und polnischen Ursprung hierhergefuhrt hatte, mit diesem Druck hatte er seine Noth. Diese kleinen gothischen Buchstaben unsrer Schrift, im Geschriebenen und Gedruckten, waren ihm peinlich. Es wurde ihm schwer, in dem frommen Buche weit zu kommen und zu forschen, ob sich wirklich schon damals ein Anklang der modernen Communaute, eine mehr als nur geistige Bruderschaft vom gemeinsamen Leben, darin finden lasse ...

Gegen vier Uhr horte er aus dem Hofe den eleganten Landau des Prinzen an die grosse Aufgangstreppe der untern Flur anrollen und die Bedienten meldeten die beiden andern Theilnehmer nach Solitude, die Bruder Wildungen ...

Louis wollte Egon's Schlummer nicht storen und empfing die Angemeldeten. Siegbert hatte er seit Wochen nicht gesehen, Dankmar war ihm eine ganz neue Erscheinung ...

Das Bild, das aufgeschlagene Buch gaben sogleich eine Anknupfung vertraulicherer Verstandigung. Dankmar hatte schon lange ein Vorurtheil, das er anfangs gegen Louis Armand hegte, abgelegt und freute sich seinerseits schon, wie sehr es ihn befriedigen wurde, wenn Siegbert an dem Fursten soviel Gefallen finden wurde, wie er schon an Louis gefunden hatte..

Siegbert war auffallend gewahlt und fein gekleidet. Beide Bruder gingen in schwarzem Frack, weissen Westen, jenem Costume, das die Mode erfunden hat, um einem Hoheren zu huldigen; weisse Halsbinden, helle Handschuhe fehlten nicht. Ihr guter Takt hatte durchaus nicht die Absicht, in der Vertraulichkeit, die ihnen der junge Furst gestattete, irgend etwas von jenen Rucksichten aus dem Auge zu lassen, die man unter so nahen Verhaltnissen dem geringer in der Welt Gestellten gern erlasst, aber doch immer anerkennt, wenn man sie nicht vergisst ... Dankmar war ohnehin mistrauisch. Er konnte sich noch nicht in Egon's aufrichtige Meinung finden. War hier etwas Zufalliges oder Nothwendiges zu so eigenthumlicher Erscheinung gekommen? Er prufte und legte manchen Dampfer auf Siegbert's gluhende Erwartung.

Denn Siegbert hatte gleich das vollste Vertrauen. Sein gutes Herz ging immer mit ihm durch. Wir kennen ihn genug, um uns zu vergegenwartigen, was Siegbert empfand, als Dankmar zur Furstin Wasamskoi kam und den Bruder aus einem der sonderbaren tetes-a-tetes aufschreckte, die er seit einiger Zeit zwischen der Furstin und der immer reizender sich entwickelnden Olga beobachten musste ... Siegbert Wildungen war seit jenem Abende, wo er zum ersten male im Garten sich der Furstin Adele hatte vorstellen lassen, der tagliche Freund jenes Hauses. Sonderbar genug! Anfangs war die Furstin so kalt, so theilnahmlos gewesen, dass ihr Rudhard daruber sogar einige murrische Vorwurfe gemacht hatte. Spater trat nun das Gegentheil ein und weckte sogar Rudhard's Besorgnisse. Der strenge Richter sah scharf. Gleich am Abend, als Olga die Blumen auf Siegbert niedergeworfen hatte, kam das Kind wie verandert in den Garten zuruck. Sie hatte jene halbe Knabentracht abgeworfen, die sie bisher trug, und verlangte in einer ihr eigenen kurzen und fast schneidenden Art eine neue Garderobe. Alle ihre Kleider waren ihr zu kurz. Sie schame sich so zu gehen, wie sie sich heute in der Reitbahn gezeigt hatte. Sie wolle nicht nur ein langes Reitkleid, wie alle Damen zu Pferde, tragen, sondern auch fur das Haus und die Gesellschaft die Tracht der andern jungen Madchen. Schon hatte sie sich ihre langen Zopfe zu einer sonderbaren, phantastischen Tracht aufgebunden, die das Gelachter ihrer Mutter und den Spott ihrer Geschwister erregte. Sie hatte die Zopfe mehrmals wie Ammonshorner oder Schneckengehause gewunden und sie halb im Nacken, halb hinterm Ohr festgesteckt. Rudhard fand die Idee allerliebst und geschmackvoll, die Mutter aber abscheulich. Mit einem verachtlichen Blicke, den Olga auf die Mutter warf, als wollte sie sagen: Du bist nur neidisch, dass ich so schone Haare habe! wollte sie in's Haus gehen. Die Kinder lachten hinter der Schwester her. Da ergriff diese eine Scheere, die von den weiblichen Handarbeiten der Mutter auf dem Gartentische lag, fasste den einen aufgewundenen Zopf und war schon im Begriff ihn herunterzuschneiden, wenn ihr Rudhard nicht den Arm ergriffen, die Scheere entwunden und die heftige und ubereilte Zerstorung eines so schonen Schmuckes verhindert hatte. Am folgenden Tage mussten Schneider und Modisten kommen und aus Olga ein andres Wesen formen. Rudhard billigte diese Metamorphose vollkommen, nur die Mutter gerieth daruber in eine eigenthumliche Reizbarkeit. Diese sonst passive Frau schien von der plotzlichen Emancipation ihres Kindes zu einem jungen bluhenden Madchen und den dabei vorkommenden Beweisen eines plotzlich gewachsenen Selbstgefuhles so gereizt, dass sie in einen Zustand gerieth, den sie selbst nicht erklaren konnte. Sie wurde unruhig, das Kleinste verdross sie und weder Rudhard's ruhige Beschwichtigung, noch die Anerkennung, die doch ihr Kind bei jedem der zahlreichen Besuche, die sie empfing, erntete, konnte die Mutter zur Selbstbeherrschung bringen. Nur Siegbert's Eintreten in den Familienkreis that ihr wohl ... Dieser hatte mit Rudhard gleich am Morgen nach der Beschlagnahme des Bildes und der Untersuchung ihrer Wohnung mit dem daruber hochlichst erstaunten Manne eine lebhafte Unterhaltung. Man berieth Mittel und Wege, um sich vor ferneren Gewaltthaten dieser Art zu schutzen. Man kam auf bedenkliche Vermuthungen, erwog die Verlegenheit und das Befremden Egon's, wenn das Bild ihm wurde ubergeben werden und Dinge enthielte, die ihn vielleicht nur aufregten und storten. Erst zwei Tage spater kam man zu der Entdeckung, dass das von Schlurck ubergebene Bild die Papiere gar nicht mehr enthielt! Gesteigertes Erstaunen. Hier war ein Geheimniss, eine Intrigue. Rudhard gab sich die grosste Muhe, hinter Entdeckung einer bosen Absicht zu kommen. Er hatte Anzeichen, die ihn auf eine sicher scheinende Erklarung fuhrten. Er gelobte sich, sie streng zu verfolgen. Einstweilen rieth er zum Ersatze durch den Thomas a Kempis .... Der Eifer bei allen diesen Verhandlungen nicht nur, sondern auch die Theilnahme, die Siegbert den kunstlerischen Studien der Mutter und Olga's schenken sollte, veranlasste, dass er taglich im Hause war. Und nun ergab sich dadurch eine neue Spannung in dem Gemuthe der Furstin. Siegbert war ihr nothwendig geworden. Sie lebte zuruckgezogen, nicht aus Princip, sondern aus Bequemlichkeit. Sie wollte ihre Schwester vermeiden, von der sie wusste, dass sie uberall die schlimmsten Dinge von ihrer Bildung, ihrem Verstande, ihrem Herzen sagte. Die Trauer gebot ihr, sich von der Gesellschaft fern zu halten. Rudhard war streng, einsilbig, oft murrisch, pedantisch sogar und durch sein sicheres Auftreten ihr fast unbequem. Siegbert Wildungen aber, der gefeierte junge Kunstler, Das war eine ideale Vermittelung mit der Welt! Wenn er kam, bot er den sussen Reiz der Gewohnheit. Wenn er ging, liess er eine Lucke zuruck. Er war so ruhig bewegt, so still gluhend, so schweigend beredtsam, er wirkte so angenehm; es stromte, wenn er sprach, ein solcher Wohllaut von seinen Lippen; jede Idee, die er ausserte, schmeichelte sich schon durch den Vortrag ein und wenn er eine Meinung aussprach, so verband er die sicherste Mannlichkeit und die Warme der Uberzeugung mit liebevoller Duldung und Schonung der Andersdenkenden. Ganz abweichend von Rudhard, der sogleich verurtheilte, keinen Irrthum anders entschuldigte als durch das verletzte Interesse oder die mangelnde Bildung Derer, die ihn hegten, von Rudhard, der das Gemuth wol einen Edelstein nannte, der aber nur klar und durchsichtig sein musse, nichts Trubes und Unklares enthalten durfe ... Siegbert hatte ihn bei der Furstin vollkommen verdrangt. Rudhard merkte es wohl, war aber ohne Empfindlichkeit daruber. Er wunschte sich Gluck, einen jungen Mann von so heilsamer Wirkung fur diesen kleinen Familienkreis gefunden zu haben und war nur bedacht, dass in Olga keine gefahrliche Regung entstand und in Siegbert nichts, was diese Regung nahrte. Daruber kamen ihm denn nun freilich Zweifel. Nicht, dass etwa Siegbert Veranlassung zur Verletzung der Convenienz gab. Rudhard musste vielmehr sich selbst sagen: Was kann der junge Mann dafur, dass er mit einer fast uberirdischen Anbetung hier still verehrt wird! Siegbert that nichts, als er gab sich selbst. Um seine Herrschaft uber diese beiden Frauengemuther zu entkraften von dem eigenthumlichen Verhaltniss, das sich hier zwischen Mutter und Tochter ergab, hatte Rudhard schon eine besorgte Ahnung um einen Versuch zu machen, ob denn nicht das Eintreten eines andern Elementes in diesen Kreis der drohenden Einseitigkeit dieser Herzen Liebe nannte Rudhard eine Einseitigkeit der Herzen steuern konnte, veranlasste er Siegbert, Freunde einzufuhren, vor allen Dingen seinen Bruder Dankmar. Dankmar wurde eingeladen. Er kam auch. Olga erinnerte sich seiner von der Lasally'schen Reitbahn. Aber es war fast, als hatte sie ihr Ideal in dem lebhaften, feurigen Dankmar nur vorgeahnt und es in Siegbert verschmolzen mit alle Dem, was dem kecken Dankmar doch zu fehlen schien, wiedergefunden. Auch die Mutter fand Dankmarn interessant, unterhielt sich, da uberhaupt ein neuer reger Geist uber sie Alle gekommen war, ausserordentlich lebhaft mit ihm, aber wenn man an die Ausstromungen des Magnetismus im innigeren Verkehr der Gemuther glauben darf, so wirkte Dankmar's feuermagnetische Kraft fast schmerzhaft auf diese lebhaften Naturen, die wiederum selber, um musikalisch zu sprechen, mehr in Dur als in Moll gesetzt waren. Siegbert fuhrte auch Max Leidenfrost ein. Der unterhielt sie Alle, belustigte die Kleinen, interessirte die Grossen; aber es blieb bei den Frauen fur die Phantasie kein Eindruck zuruck, von Reichmeyer und Anderen ganz zu schweigen. Nur Heinrichson hatte etwas Glattes, das fur ihn einnahm. Seine Tournure, sein Witz, seine grosse Welterfahrung blendete. Da aber die Furstin gehort hatte, dass Heinrichson bei ihrer Schwester eingefuhrt war und dieser bei Zeichnungen, die sie in ihrer, wie die Furstin es nannte, koquetten und frivolen Trauer um den Prinzen Egon, entwarf, behulflich war, so lud sie ihn nicht wieder ein. Siegbert blieb demnach das waltende, regierende Princip und da Rudhard im Stillen sich freute, dass bei dieser Neigung in der Furstin doch auch ihr rein sittliches Princip im Spiele war und durch Siegbert's edle, taktvolle Natur nicht gefahrdet wurde, so liess er zur Zeit noch diese Dinge gewahren und versparte sich nur eine Rucksprache mit Siegbert auf gunstige Gelegenheit ... Siegbert war taglich in jenem Gartenhause und arbeitete sogar dort. Die Welt sagte vorlaufig, dass er ein Freund des Predigers Rudhard war. Dankmar aber zog den Bruder taglich auf, nannte ihn Heinrich Frauenlob, den Sanger, den Frauen zu Grabe trugen, den im Venusberge gefangenen Tannhauser und scherzte nicht wenig daruber, als er die Verlegenheit der Furstin und den Arger der kleinen Olga, die ihm selbst hatte gefallen konnen, bemerkte, als es sich darum handelte, ihnen fur heute Nachmittag ihren getreuen Siegbert zu entfuhren. Komisch schien es ihm, als Rudhard den Vermittelungsweg einschlug, beide Bruder wenigstens zum Diner dazubehalten, denn auch dieser Vorschlag hatte fur die beiden Rivalinnen doch immer die Folge, dass Siegbert ihnen nicht ganz gehorte und die Unterhaltungen uber den Prinzen Egon, an dem Rudhard soviel gelegen war, mochten sie vollends nicht leiden. Die Furstin und Olga, Beide unterstutzten Rudhard's Vorschlag nur unter der Bedingung, dass sie erst um dreiviertel auf vier Uhr mit dem Wagen, den sie anspannen lassen wollten, abfahren und von dem Prinzen nicht reden durften, auf dessen Bekanntschaft sich Siegbert fur sie viel zu sehr freute! Sie lehnten diesen Vorschlag ihrer Toilette wegen ab, gossen aber damit nur Ol in's Feuer. Olga war sogar auf die Idee schon eifersuchtig, dass sich die Bruder fur den Prinzen Egon, der ein so abscheulicher Mensch sein sollte, nur uberhaupt prachtig ankleiden wollten. Zu uns, sagte sie, kommt Ihr, wie es Euch gerade einfallt! Wer ist denn dieser Prinz, dass Ihr Euch um seinetwillen in kostbare Kleider werfen wollt, in denen wir Euch nie gesehen haben! In der Art, wie Olga zankte und, als beide Bruder wirklich nicht wenigstens zum Essen blieben, sondern um zwei Uhr sich entfernten, weinte, wahrend die Furstin ihre gleiche Empfindung unter Lacheln und den heftigsten Vorwurfen gegen die Narrheiten Olga's versteckte, sah Dankmar denn doch, dass dies Madchen mit dem bleichen Teint und den schwarzen Flechten trotz ihrer gluhenden Augen noch ein halbes Kind war und liess diese wirren Dinge umsomehr gelten, als sich sein guter Siegbert in dieser traumerischen Existenz zu gefallen schien ... Zu Hause hatten Beide dann noch einen herzlichen lieben Brief von der Mutter gefunden, die uber Dankmar's Projekte erklarte in einer ewig fieberhaften Aufregung zu leben, und so waren sie nach einem bescheidenen Mittagstische bei einem Restaurant an die sorgfaltige Wahl ihrer Kleidung und zuletzt in's Hotel des jungen Prinzen gegangen.

Louis offnete die Thur, weckte Egon von einem

leichten Halbschlummer und fuhrte ihn den Freunden entgegen.

Siegbert und Egon gefielen sich auf die erste Be

grussung und waren bald so vertraut wie alte Bekannte.

Ist der Wagen vorgefahren? hiess es.

Man bejahte.

Also nach dem Schlosse Solitude!

Man rollte durch die Strassen, durch die Platze.

Man kam an die Thore.

In dem Wirrsal der Meinungen, bei dem immer

mehr beengten Gebiete der materiellen Begrundung seines Daseins, ist die wahre Freude unter den Menschen der Civilisation ein seltener Gast geworden. Einige Stunden so glucklicher Anregung, wie sie die eigenthumlich zusammengesetzte Gesellschaft, die da eben im Wagen aus dem grossen Portale des Palais fuhr, zu geniessen hoffte, gehoren zu den Weihemomenten, wie sie dem in seine Pflichten so eingepferchten Menschen des neunzehnten Jahrhunderts selten geboten werden. Ein junger Furst, ein Rechtsgelehrter, ein Kunstler, ein Handwerker sassen hier auf den weissseidenen, grossgeblumten weichen Polstern, Egon und Siegbert im Fond, Dankmar und Louis auf dem Rucksitze. Sie konnten in ihrer Lebensstellung nicht verschiedener sein. Aber Alle fesselte das Band gemeinsamen Vertrauens und jeder Einzelne war froh gestimmt. Egon durch die erfrischende Luft und das Vollgefuhl der Genesung, ja im Stillen, ohne sich es merken zu lassen, auch durch die Spannung auf das Wiedersehen Helenen's, die, er musste es sich leider gestehen, gerade auf das wiedererwachte Gesundheitsgefuhl und die erhohte Glut seiner Phantasie durch ihre hingebende Liebe bezaubernd wirkte. Dankmar erregt von seinem vielleicht sich gunstig wendenden Processe, Siegbert von den gleichen Hoffnungen, die den Bruder belebten und von der angenehmen Befriedigung seines nach Liebe und Anlehnung schmachtenden Gemuthes in der Wasamskoi'schen Familie; Louis endlich sehr glucklich gestimmt, sowol durch die Aussohnung seines Glaubens an das liebreizende Franzchen Heunisch, wie durch die Erinnerung an seine Selbstbeherrschung in der Scene auf seinem Zimmer. Hatte er sich sturmisch erklart gehabt, Hoffnungen geboten, die er sich muhen musste, zu erfullen, er wurde nur mit Beklommenheit an die gluckliche Mittagsstunde zuruckgedacht haben.

Zu gleicher Zeit mit dem Wagen ging ein Bedienter aus dem Portal des Palais, um den kleinen Brief zu der Grafin d'Azimont zu tragen ... Egon verfolgte ihn, so lange er konnte.

Es war ein Donnerstag. Das Wetter so einladend. Die Luft starkend. Die Sonne goldgelb. Der Himmel tiefblau. Einige Wolken in weiter Ferne konnten Regen bringen. Sie waren noch nicht da. Man ahnte das drohende Herannahen des entblatternden Herbstes. Noch hatte ihm aber die Natur den Eintritt nicht gestattet, nicht in den Wald, nicht auf die Wiesenflur.

Anfangs, innerhalb der Stadt, sprach man uber mancherlei Unwesentliches. Es war nothwendig, dass diese vier Genossen erst den Ton der gegenseitigen Stimmung erkannten. Wer ist der Sprecher, der Zweifler, der Schweigende, der Witzige, der Praktische, der z.B. den hinten aufstehenden Bedienten diesen oder jenen Wink gibt, der Geographische, der gern von der Gegend spricht ... Das Alles stellt sich erst im Verlaufe der Unterhaltung zurecht. Von dem Vergangenen wurde noch Dieses und Jenes erortert und bestaunt und belacht ... Dankmar's Verhaltnisse kannte Egon noch nicht klarer und nahm sie, wie sie sich ihm an den beiden strebsamen Brudern von selbst boten. Auch Louis wusste nichts von dem Process, uber den sich Dankmar gern ausgesprochen hatte ... Egon aber war der Redner. Egon fuhrte fast allein das Wort oder bestimmte wenigstens die Gegenstande der Unterhaltung. Dies lag weniger in seinem Naturell, als in seiner Stellung und in dem glucklichen Gefuhle, sich genesen zu wissen, dem Leben wieder gegeben, von Augenblick zu Augenblick sich starker fuhlend.

Draussen vorm Thore, wo man, und zwar nicht zu rasch, unter einer Allee von vollen, schwertragenden hier und da gestutzten Apfelbaumen hinfuhr, kam durch eine zufallige Wendung das Gesprach wieder auf den Thomas a Kempis zuruck.

Bei der Nennung dieses Namens wurde der schuchterne und Wahrheit liebende Siegbert blutroth ... Dankmar spielte mit seinem leichten Stockchen und kniff es zuweilen oben am Knaufe zwischen seine blendenden Zahne. Er konnte ganz meisterhaft die Miene der Gleichgultigkeit annehmen ... Louis dachte schon gar nicht mehr an die Art, wie das beruhmte Buch von der Nachfolge Christi in Egon's Hande gekommen war. Seine Gedanken waren mit der "Bruderschaft vom gemeinsamen Leben" beschaftigt.

Egon hatte in der Allee zwischen den wurzig duftenden Apfelbaumen gesagt:

Vor einigen Stunden las ich in dem Testamente meiner Mutter du weisst, lieber Wildungen, dass ich die Mausgeburt des kreisenden Berges, den Thomas a Kempis, meine und fuhle nun recht, dass Das eine Lecture fur Menschen ist, die nur zu Fuss wanderten, selten uber ihren Klostergarten hinaus kamen und alle ihre Anschauungen durch die vier Wande ihrer Zelle und den an ihnen aufgehangten Heiland regelten. Ware ein solcher Bussprediger rasch im Wagen gefahren, hatte er eine Ahnung von der windschnellen Bewegung einer Eisenbahn gehabt, dies trubsinnige Kleben an den mageren und kahlen Bedingungen des Lebens wurde ihm nie moglich gewesen sein.

Dankmar erinnerte den Prinzen an Das, was er ihm im Plessener Thurm uber die Bigotterie der reformirten Erziehung in der franzosischen Schweiz gesagt hatte. Da waren doch die Gouvernanten, Bonnen, Erzieher, Geistlichen immer unterwegs und durch ganz Europa zerstreut und uberall trugen sie doch die eigentumliche Auffassung ihres Le Bon Dieu, wie sie ihn nennen, mit sich herum ...

Weil dies Heuchler sind, lieber Dankmar! sagte Egon. Ein Thomas a Kempis war ehrlich und liebte die Welt nur in dem dustern Nebelkleide, das er uber das Schone, Frische, Lachende zog. Diese Erzieher aber, die mit wenigen Ausnahmen von ihrer Einseitigkeit ein Geschaft machen, verschliessen absichtlich ihr Auge jedem Dinge, das Farbe hat, und jedem Dinge, das angenehm tont, absichtlich ihr Ohr. O welche Heuchler! Ich erinnere nur an jenen Rafflard, von dem ich dir so oft sprach, Louis ...

Rafflard, wiederholten die beiden Bruder. Doch nicht Sylvester Rafflard? setzte Dankmar hinzu.

Sylvester Rafflard! Ganz recht! sagte Egon.

Der ist hier, fiel Dankmar ein.

Hier? Wieder in Deutschland? Und in welcher Eigenschaft? fragte Egon.

Er bereist die Gefangnisse, sagte Dankmar und verstand den Wink nicht, den ihm Siegbert zuwarf ... Siegbert war namlich durch Rudhard davon unterrichtet, dass Rafflard in manche Verwickelung mit Egon's fruheren und spateren Begegnissen gerathen war. Louis kannte ihn durch Egon als einen Jesuiten und hatte Siegbert schon erzahlt, dass er ihn auf seiner Herreise an der Eisenbahn, die vom Rheine abfuhrt, erkannt hatte. Der Name Sylvester fiel ihm nicht weiter auf.

Er bereist die Gefangnisse? fragte Egon erstaunt und lachte uber die Unverschamtheit eines Mannes, den er zu gut kannte, um ihn nicht auch in dieser Mission als einen Heuchler zu nehmen.

Im Auftrag einer philanthropischen Gesellschaft in Paris, sagte Dankmar, die sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen zum gemeinschaftlichen Zwecke gewahlt hat. Man ruhmt ihn in allen Blattern.

Egon lachte und schuttelte unglaubig den Kopf.

Glaubt doch Das nicht! sagte er. Ich kenne diese Gesellschaft, sie ist sehr ehrenwerth; ich kenne aber auch Rafflard und weiss, dass er von ihr kein Mandat empfing.

Er besucht die Gefangnisse, bestatigte Dankmar. Ich bin ihm selbst begegnet, wie er von unserm Criminaldirektor hochst gewissenhaft umhergefuhrt wurde und sich die sorgfaltigsten Notizen machte, vor denen die Beamten zitterten.

Das muss ich gestehen! sagte Egon lachend. Dieser Rafflard ist aus Meudon im Canton Lausanne geburtig, war erst reformirter Geistlicher, spricht Deutsch und Franzosisch und ubernahm eine Erzieherstelle in unsern ostlichen Provinzen, wo er im Hause einer Baronin von Osteggen sich ziemlich lange zu behaupten wusste.

Siegbert blickte bei Nennung dieses Namens nieder, weil ihn Dankmar spottend ansah.

Von da, fuhr Egon fort, vertrieb ihn mein fruherer Erzieher, ein braver Mann, Namens Rudhard, der jetzt entweder an den Ufern des Schwarzen Meeres lebt oder verschollen ist oder todt ...

Egon's Begleiter wandten sich ab, um zu verbergen, dass sie wohl wussten, wo Rudhard war. Sie wurden gern von ihm gesprochen haben, wenn ihnen nicht bekannt gewesen ware, dass Rudhard wegen der Grafin d'Azimont seinem Zogling zurnte und aus Achtung vor der Wasamskoi'schen Familie eine Wiederanknupfung mit ihm nicht, zu eifrig suchte.

Von Rudhard, fuhr Egon fort, aus der Nahe der Familie Osteggen vertrieben, kam Rafflard wieder zu meiner Mutter nach Hohenberg. Dort zwar freundlich aufgenommen, fand er die Stellung, die er zu erschleichen suchte, besetzt. Der neue Pfarrer Guido Stromer ubte schon einen grossen Einfluss auf die Entschliessungen meiner Mutter und Rafflard's Plane mislangen. Er kehrte in die Schweiz zuruck, benutzte aber von da aus die Bekanntschaft meiner Mutter zu einer sehr lebhaften Correspondenz, deren Endziel die glanzend vorgespiegelte Moglichkeit war, mir am Genfersee eine Erziehung zu geben, die ihres Gleichen suchte. So kam ich in das Institut des Herrn Monnard, bei dem Rafflard Lehrer war, und Rafflard wurde mein Specialerzieher. Wahrend die ausseren Formen der geistigen Appretur, die man mir zu geben trachtete, streng kirchlich blieben, spekulirte Rafflard anders. Er dachte, die reifere Natur eines hoher gestellten Adeligen wirft doch wol mit der Zeit diese kunstliche Hulle eines orthodoxen Mechanismus ab, und weit besser ist es fur deine Zukunft, du wirst der Vertraute, als der Richter deines Zoglings! ... Er buhlte auf die widerlichste Art um meine Freundschaft, hob mich weit uber meinen Bildungsgrad empor, verspottete im vertrauten Umgange Das, was er offentlich vor den andern Mitschulern gelehrt, gutgeheissen, empfohlen hatte. Anfangs glaubt' ich armer befangener, an Gewissensskrupeln leidender Knabe, diese Methode des Professors Rafflard, meines Specialerziehers, sollte mich nur prufen. Ich lachelte uber ihn, ich schauderte, ich erschrak. Aber immer sicherer machte er mich und trug mir vollige Freundschaft an, ein Mann von damals wol fast vierzig Jahren einem Knaben von funfzehn oder sechszehn! Als diese Schandlichkeiten den hochsten Grad erreicht und fast mein sittliches Gefuhl untergraben hatten, wurden sie entdeckt. Man fand einen Band des Casanova in meinem Bett und ich gestand, dass ihn Rafflard mir geliehen. Er wurde sogleich aus der Anstalt entfernt und musste Genf meiden. Von Annecy schrieb er mir einen zartlichen Brief, worin er mir Vorwurfe machte, dass ich die Pflichten der Freundschaft verletzt hatte. Dieser Brief machte mir grossen Kummer, doch wagte ich nicht, ihn zu beantworten. Spater schien Rafflard verschollen. Ich horte, dass er nach Turin gegangen war. Manche behaupteten schon da, er ware katholisch geworden. Ich verliess Genf, studirte in Bonn, Gottingen und fuhrte ein sehr verkehrtes Leben, bis es mich nach dem schonen Genfersee zuruckzog. Ein Vierteljahr mocht' ich in Genf gelebt haben, als nach einer wol vierjahrigen Abwesenheit Rafflard wieder auftauchte. Er behauptete, mit reichen Englandern in Italien als Hauslehrer gereist zu sein, wollte Rom, Neapel und sogar den Berg Athos in Griechenland gesehen haben. Andere behaupteten aber, er hatte in dem Jesuitenstifte zu Turin alle Weihen empfangen und sich einer langen Vorbereitung auf eine kunftige Wirksamkeit unterworfen. Sogleich suchte er mich auf und weinte uber das Vorangegangene ... Es ist die katzenartigste Natur, die ich je in meinem Leben gekannt habe. Denkt Euch, wie gefahrlich ein solcher Mensch ist, wenn er wirklich jenem Bunde dient, woran kaum ein Zweifel! Er spricht vollkommen drei Sprachen, kann uberall wirken, in Deutschland, Frankreich und in Italien. Er kennt alle Lander nach ihren Sitten und geographischen Bedingungen. Die Grunde, warum er aus Monnard's Anstalt entfernt war, kannte man nicht. Es lag zu sehr im Interesse eines solchen in allen Landern bekannten Pensionats, dass uber die inneren Vorgange das grosste Geheimniss obwaltete. So konnte Rafflard wagen, in Genf wieder aufzutreten. Der alte Monnard, ein schwacher, pedantischer Mann, war gestorben. Rafflard lebte wie ein reformirter Heiliger, besuchte alle Kirchen und mischte sich in alle religiose und politische Streitigkeiten des kleinen Freistaates. Doch erregte er uberall Mistrauen und stand so wenig sicher, dass er gleich nach einem Streite, in den ich mit ihm an der Mittagstafel des Syndikus Lhardy verwickelt wurde, sich nicht mehr langer zu behaupten wagte. Ich hatte namlich vor seiner Tartufferie den grossten Abscheu und lehnte alle seine Vertraulichkeiten ab. Als an jener Tafel das Gesprach auf den alten Monnard kam und er die Frechheit hatte, die reine reformirte Gesinnung des Verstorbenen in Zweifel zu ziehen, brach ich mit der Ausserung hervor: Es ist freilich sehr wenig rechtglaubig von dem alten Monnard gewesen, dass er einen Lehrer aus der Anstalt entfernte, der seinen Zoglingen den Casanova zu lesen gab! Ich hatte viel von dem guten Cote d'or des Syndikus getrunken, das rothe Traubenblut war mir in den Kopf gestiegen und so entfuhr mir die Ausserung, die plotzlich auf die ganze zweideutige Erscheinung des Professors Rafflard ein erlauterndes Licht warf. Rafflard schoss mir einen Blick wie ein Basilisk zu und verschwand bald. Ich ging, uberdrussig meiner leeren, nichtssagenden und mannichfach gehemmten Existenz, nach Lyon, kam von da nach Paris und habe Rafflard dann im Hause der Grafin d'Azimont, seiner fruheren Schulerin, wiedergetroffen. Er wurde aber auch von dort entfernt, weil er sich in die Familienangelegenheiten mischte. Nur die alte Grafin d'Azimont, eine hochfahrende und den Jesuiten ganz ergebene Dame, behielt ihn fur sich und intriguirt mit ihm gemeinschaftlich nach allen nur moglichen Richtungen hin. Wenn er hier ist, sollte es mich gar nicht wundern, dass er den Auftrag hat, mich und die Grafin d'Azimont zu beobachten, zu trennen, zu entzweien, sie nach Paris zuruckzufuhren, mich zu umspioniren, mir in meinen Freunden wehzuthun, mir zu schaden wo er kann. Wenn er vorgibt, die Gefangnisse zu studiren, so ist Das eine Maske fur andere Plane. In Paris halt man ihn fur einen Jesuiten und ich kann wohl begreifen, dass dem Orden die Verwickelungen und Wirren im Herzen Europas auf unserer deutschen Erde keineswegs gleichgultig sind!

Als Egon geendet hatte, fuhr der Wagen gerade uber den Einschnitt einer Eisenbahn und bog zur Seite ab, einer Gegend zu, die immer anmuthiger und gefalliger wurde. Es war ein Thal, das sich dem in der Ferne blitzenden Strome zu abwarts senkte und an seinen aussersten Grenzen, uber den Strom hinaus, wieder von der blauen Erhohung eines Bergrandes geschlossen wurde. Links und rechts weideten Heerden auf den gemahten Stoppelfeldern und dem noch uppigen, lachenden Grun der Wiesen, die in ein schimmerndes Birkengeholz sich verloren. Dies Vorgeholz ging zuletzt allmalig in eine dunklere Waldung uber. Der Charakter der Gegend war einfach, aber ausserordentlich belebend und anregend.

Louis fuhlte uber die leichte Art, wie Egon von der d'Azimont sprach, einen tiefen Schmerz ... Siegbert ergriff diese Erzahlung Egon's als Mittel, um sich uber des Prinzen Charakter klarer zu werden. Auch er kannte die Geschichte Louison's und konnte es vor seinem Herzen nicht ganz gerechtfertigt finden, dass Egon etwas leicht uber so schwierige und delikate Beziehungen hinwegging ... Dankmar aber haftete an einer andern Gedankenreihe fest, die sich bei ihm durch die einfachen, vor sich hingesprochenen Worte kundgab:

Diese Jesuiten!

Ja, die Jesuiten! wiederholte Egon und zu Armand sich wendend, sagte er:

Ja Das sind die rechten Bruder vom gemeinsamen Leben, von denen wir heute sprachen, Louis, und zu denen Thomas a Kempis auch gehorte.

Thomas a Kempis ein Jesuit? sagte Louis verwundert und verrieth nun einmal auch ein wenig stark seine historischen Mangel.

Nein, Louis! antwortete Egon lachend. Ich kenne, da ich in Genf viel mit der Kirchengeschichte geplagt wurde, sehr grundlich manche Dinge, die mir spater von geringem Werthe wurden. Thomas a Kempis gehorte zu einer Bruderschaft vom gemeinsamen Leben. Mein guter Louis erklarte ihn darauf frischweg schon fur einen Communisten ...

Lachen mochten die Bruder nicht, weil sie furchteten, den wenig unterrichteten, ihnen aber ehrenwerthen Handwerker zu verletzen.

Es gab, fuhr Egon fort, im Mittelalter eine Menge von halbgeistlichen, halbweltlichen Genossenschaften, die den Monchs- und Ritterorden nachgebildet waren. Sie hatten oft so eigenthumliche Formen, dass sie in den Ruf der Ketzerei kamen. Da waren die Beguinen, die Begharden, die Bruder und Schwestern vom freien Geiste, die Apostelbruder, die Bruder und Schwestern vom gemeinsamen Leben. Sie gehorten Alle der Welt an, vereinigten sich aber zuweilen zu ausschliesslich religiosen Ubungen. Ihr innerer Zusammenhang war der der gegenseitigen Unterstutzung, der Wohlthatigkeit. Manche vereinigten sogar offenbar politische Zwecke mit ihrem nachsten Berufe. Sie unterstutzten die offentliche Sicherheit. Wie es in Deutschland einen Vehmbund gab, der die Gerechtigkeitspflege in bekannter eigner Art forderte, so gab es in Spanien ahnliche Bruderschaften, die dort aus freien Stucken und Fanatismus leider der Inquisition dienten und formlich deren Handlanger waren. Die Gewerke traten zusammen und schutzten sich wechselseitig gegen die Gefahren der Gesellschaft. Die Bauhutten, aus denen der Freimaurerbund entstanden sein soll, hatten kaum einen andern Zweck; denn gerade die Maurer, Zimmerleute, Steinmetzen reisten damals von Ort zu Ort, um bei den grossen Bauten des Mittelalters mitzuwirken, und bedurften einer solchen auf gemeinschaftliche Erkennungszeichen begrundeten Erleichterung einer uberall leicht aufzuschlagenden Heimat. Dieser Trieb zur Vereinigung ging soweit, dass die Kalandsbruder fast nur zur Erheiterung und gesteigerten Geselligkeit zusammentraten und auch bei einer so reinweltlichen Bestimmung vom Papste keine Bestatigung mehr fanden. Es ist dies ganze Wesen der Anfang der Freimaurerei und des Jesuitenordens, der beiden grossten Genossenschaften, die sich in ahnlicher Art in unserer Zeit erhalten haben.

Siegbert bewunderte diese reichen Kenntnisse ...

O, sagte Egon, mein Gedachtniss ist mit vielem alten Wust beschwert und ich freue mich, dass man Gelegenheit findet, so etwas manchmal doch an passender Stelle loszuwerden.

Louis behauptete, dass die Gutergemeinschaft von den Aposteln selbst ware gepredigt worden, musste sich aber gefallen lassen, dass Egon ihm scharf entgegnete.

Mein lieber Freund, sagte er, es ist ein Unterschied, wenn eine kleine christliche Gemeinde, die in der grossen, unermesslichen Romerwelt sich bildete, sich entschliesst, um ein gleiches Interesse und gegenseitige Unterstutzung zu haben, zusammenzutreten und aus einem Topf zu essen, als wenn diese unermessliche Romerwelt selbst damals ihr Eigenthum hatte zusammenbringen und mit Durchfuhrung der langweiligsten Art zu rechnen und zu leben die Besitzquote des Einzelnen verwalten wollen. Wenn Das Communismus sein soll, dass drei arme Familien sich entschliessen, statt auf drei Heerden Feuer zu machen, es nur an einem zu thun, so bin ich sehr fur den Communismus. Und in diesem Sinne bin ich uberzeugt, hatten die Bruder vom gemeinsamen Leben einen sehr respektablen Mittagstisch und Thomas a Kempis war ein Communist, der es sich sehr gut konnte schmecken lassen.

Egon, der immer wieder zu der eigenthumlichen Sicherheit und unvertilgbaren aristokratischen Haltung emporwuchs, die Dankmarn auf der gemeinschaftlichen Reise nach Hohenberg schon aufgefallen war, gab darauf Louis die Hand und bat ihm seinen Spott ab.

Ich liebe das Volk und die Arbeit, sagte nach einer Pause der unterrichtete, denkgewandte Furst. Aber die falschen Lehrer sind, um im biblischen Stile zu bleiben, die wahren Versucher, die ihre Teufelsgestalt ablegen, um uns zuzumuthen, man konnte ganz Jerusalem gewinnen, wenn man niederfallt und sie anbetet oder sich einbildet, Steine konnten in Brot verwandelt werden ... He! Louis, was grubelst du?

Dass ich morgen anfangen werde zu arbeiten! sagte dieser ruhig.

Und ich werde gleichfalls irgend etwas ergreifen, sagte Egon, um das Recht zu haben, so sprechen zu durfen.

Siegbert kannte die Gedankengange seines Bruders und ermunterte ihn, sich doch einem so klaren und unterrichteten Kopfe, wie diesem jungen Fursten Egon gegenuber, der ihnen zu einer immer bedeutenderen Erscheinung heranwuchs, uber seine Idee von einer eigenthumlichen Abkurzung unserer Geisteskampfe auszusprechen.

Mein Bruder, sagte er, beneidet sehr oft die Jesuiten um ihre Organisation. Er behauptet, der Jesuitenorden in seiner Form, aber mit einem edlen Inhalte, konnte die Welt erlosen.

Egon und Louis horchten auf.

Ich meine, sagte Dankmar, dass denn doch aus allen Beispielen, die uns unser Freund Egon da von vergangenen Tagen angefuhrt hat, ein tiefes und altes Bedurfniss der Menschheit sich ergibt, sich von den zufalligen Bedingungen der Existenz, in der ein Jeder leben muss, zu befreien. Wir sind hineingeschleudert in diese Welt ohne Schutz, ohne Fuhrer. Wir mussen ringen, auf eigene Hand unsern Antheil an, ich will nicht sagen Gluck und Lebensfreude, sondern nur an der Moglichkeit zu existiren, zu gewinnen. Wir sind wie hungrige wilde Thiere, fallen ohne Schonung uber die Beute her, die wir erreichen konnen und massigen uns nur durch jenes Quantum von Religion, Sittlichkeit, Gewissenhaftigkeit und gemuthlichem Temperamente, das wir entweder schon bei unserer Geburt mitbekommen haben oder in der Luft, in die wir versetzt wurden, gewinnen konnten. Ein Mensch zu sein, ist das grosse allgemeine Band, das uns umschliesst; aber gewahrt uns dieses Menschenthum irgend einen andern Vortheil als den der Race, den der veredelten Potenz des Thieres? Wo hab' ich denn Bruder, die stolz sind, in mir sich selber wiederzufinden? Wo liegt denn irgend eine Burgschaft, dass wir die grossen Zwecke des Lebens auf die einfachste, sicherste, kurzeste und gluckliche Weise erreichen? Da ist es nicht zu verwundern, dass die Menschen zu allen Zeiten gedacht haben, sie mussten sich durch Verabredung und Gesinnung noch in eine zweite moralische Welt einkaufen, die enger, umgrenzter ist als die grosse sichtbare, aber die Ihrigen auch liebevoller und warmer hegt und beschutzt. Die Religion, das Christenthum vor allen Dingen, sollte einst diese zweite Welt sein, wo wir als Glieder einer unsichtbaren Kirche uns zu lieben haben. Aber die unsichtbare Kirche wurde leider zu fruh eine sichtbare und ihr grosser Bau wurde wieder die Welt selbst, die Niemanden schutzt. Es sonderten sich nun Stiftungen, Kloster, Orden von ihr ab; Confessionen zerbrockelten diesen riesigen Tempel. Er ist Denen nur noch eine Heimat, die irgendwo einen kleinen von verfallenen Saulenschaften eingefriedigten, mit dunklem Gebusch uberwucherten Seitenhof in ihm finden, wo sie in ihrer Weise Christen sind und im Abendschimmer, von Nachtgevogel erschreckt, zu dem Geist, der in diesen Trummern lebte, beten. Der Staat ist kein Bund der Menschheit, die Gesellschaft ist grausam und lieblos, die Fursten behandeln die Volker wie ererbtes Eigenthum, wie ich meinen ererbten Garten behandeln wurde, ich sae und ernte auf ihm und lass' ihn mir wohlgefallen.

Das Leben ist eine grosse Gefahr! Wie schutzt man sich anders vor ihr, als dass man zusammentritt, sich verabredet und durch gemeinschaftliche Kraft die Kraft des Einzelnen starkt? Ein jeder Bund dieser Art sollte die Aufgabe haben, einst der Bund der ganzen Menschheit zu werden. Ich sehe keine Moglichkeit, dass die Hebel der Geschichte, die jetzt im Grossen und Offenen wirken, das Gluck der Erde fordern konnen. Wohin sollen diese Staatenumwalzungen, diese Intriguen der Parteien, diese Leidenschaften fuhren? Nirgends eine Verstandigung uber das Princip des Streites, nirgends eine freie, freudige Unterordnung des Einzelnen unter das Allgemeine. Ich sehe nicht ab, was uns anders retten kann, als gerade mitten in dieser Epoche der breitesten Verallgemeinerung, wo Alles erkaltet auseinanderfallt, das enge, die behaglichste Lebenswarme ausstromende Isoliren.

Das hast du vortrefflich gemacht, Dankmar, sagte Egon, als Dankmar mit seiner begeisterten Rede zu Ende war. Ja, ja, so ist's! Aber da musste ein neuer Messias kommen!

Ein einzelner Mensch kann in unsern Tagen nicht mehr ein Messias sein, sagte Dankmar. Die Ideen sind es, die jetzt als Erloser und Propheten auftreten. Die Menschheit selbst muss sich Messias sein. Die Menschheit als Menschheit ist verloren, sie kann nur durch einen Bund wieder sich selbst gerettet werden.

Einen Geheimbund? fragte der Furst zweifelnd.

Durch einen Geheimbund! sagte Dankmar.

In der Form des Jesuitenordens? rief Egon. Nein, nein! Ich hasse Alles an den Jesuiten, ihr Inneres und ihr Ausseres. Doch sag' uns, was du denkst.

Louis und Siegbert horten mit grosser Spannung.

Dankmar rustete sich seine ganze Meinung zu sagen.

Zwolftes Capitel

Die Ritter vom Geiste

Ich denke, begann Dankmar, dass man etwas erfinden muss, um den grossen Process des Zeitalters abzukurzen. Welche verlorenen Worte! Welche geopferten Anstrengungen! Alles rennt durcheinander, Alles leidet an der schon unmoglichen nachsten Verstandigung! Die Einzigen, die da wissen, was sie wollen, sind die Jesuiten und die Freimaurer. Jene verfolgen in ruhiger Consequenz, unbekummert um die jeweiligen Storungen ihres sichren Friedens, das Ziel, die Menschheit in den Fesseln kirchlicher Abhangigkeit zu erhalten. Diese, ihr schnurgerades Widerspiel, sind nicht ganz so friedfertig und still, wie sie sich das Ansehen geben. Wo sie nur konnen, suchen auch sie ihrem Ziele den Weg zu bahnen und dies Ziel wird wol die Freiheit des Menschen von jeder positiven Bevormundung und die Ausbildung einer reinen Humanitat sein. Ohne Zweifel ist diese letztere Aufgabe eine brave, aber viel zu allgemeine. Wenn man immer und immer von der Menschheit spricht, verliert man den Menschen selbst aus dem Auge, und wenn man sagt, die Besserung der Welt finge damit an, dass man sich selbst bessere, so artet eine solche Lehre nothwendig in Tragheit, Sorglosigkeit, Genusssucht aus, die ja bekanntlich auch langst der zerstorende Schwamm an den unsichtbaren Bauten der Freimaurer ist. Nimmer auch werden wir zu einem Ziele gelangen, das wir uns, ich will nur sagen, etwa uber die Lage Europas willkurlich ausdenken. Wer kann die Burgschaft geben, dass diese oder jene Form der staatlichen, kirchlichen, gesellschaftlichen Gestaltung die allgemein genugende und Jeden begluckende sein werde? Auf eine zukunftige Schopfung hin kann kein Bund zusammentreten, wohl aber bedarf die Zeit einen Bund fur den Geist dieser Schopfung. Der Geist ist dies allgemeine flimmernde Sonnenlicht, das uber unserm Zeitalter unsichrer zittert als jemals uber einer Epoche. Das christliche Zeitalter, die mittlere Zeit, die Reformation wussten, wofur die Herzen ergluhten. Wir aber gehen in der Irre und benutzen die Waffen des Geistes zu jedem Kampf gegen ihn. Der Kampf der Finsterniss gegen das Licht wird mit Waffen des Geistes gefuhrt. Les't nur, was so viele poetische Kopfe fur die politische und kirchliche Abhangigkeit des Menschen geschrieben haben! Die Tobsucht der Massen, die Wuth des Umsturzes wird von Waffen des Geistes unterstutzt. Nichts ist jetzt dienender als der Geist, und die Entscheidung soll nur noch von der Materie kommen! Daruber wird die sittliche Welt zu Grunde gehen; denn die allgemeine Anarchie, das Chaos der Bildungslosigkeit, die Tyrannei der Bildungsverachtung nenn' ich den Untergang der Welt. In einer solchen Gefahr fur die Scheinwahrheit der katholischen Kirche trat einst Ignatius Loyola auf und predigte den nach innen gewandten Kreuzzug, stiftete einen geistlichen Ritterbund fur die innere Mission, machte das Wort, den Glauben zur Waffe; mancher Jesuit unterstutzte seine stumpfen Grunde durch die Scharfe des Dolches. Es war ursprunglich so schlimm mit Gift und Dolch nicht gemeint. Man wollte nur einen Bund des katholischen Geistes gegen die Ketzerei stiften. Wohlan! So stifte man einen Bund des allgemeinen Menschengeistes gegen den Misbrauch der physischen Gewalt! Wo seh' ich nicht die physische Gewalt? Uberall! Das Recht des Besitzes soll das Recht des Eigenthums sein. Der Eine bewaffnet sich mit stehenden Heeren, der Andre mit der Brandfackel des Aufruhrs. Wo seh' ich Menschen, die, ich will nicht sagen, wie die Jesuiten sagen, dass sie glauben, nicht, wie die Freimaurer sagen, Menschen, die sich lieben; nein, wo seh' ich Menschen, die nur denken? Es gibt eine kleine Leiter von Begriffen, die so einfach, so tief in der Menschenbrust begrundet sind, dass sie die einfachste Intelligenz erklimmen kann. Auf diese Begriffe hin reiche sich die Menschheit die Hand, beschwore sie und erklare feierlich, auf diesen Schwur hin, nur noch leben und sterben zu wollen! Ein solcher Bund des freien Geistes nur funfzig Jahre in Wirksamkeit und die Streitfragen werden vereinfacht, die alten, wie Schlinggewachs wuchernden Unbilden werden von selbst verdorrt und zusammengefallen sein.

Egon schwieg nachdenklich.

Louis Armand aber und Siegbert waren ergriffen und schenkten diesem Gedanken ihre volle, laute Zustimmung.

Nur das Eine erlaubte sich Louis zu bemerken:

Werden Sie uns dadurch nicht eine neue Aristokratie stiften? Die Aristokratie des Geistes, die vielleicht nicht so schlimm wie die der Geburt, aber doch sicher eben so lastig werden kann wie schon die des Geldes ist?

Dankmar lehnte diese Befurchtung ab.

Der befreiende, erlosende, verstandigende Geist, sagte er, wird niemals der der Gelehrsamkeit sein. Die Bruder des neuen Bundes beschworen gewisse Begriffe, fur die sie wirken mussen. Diese Begriffe sind einfach wie das Licht der Sonne. Sie sollen keinen andern Beweis fur sich haben, als dass sie erhellen und erwarmen. Sie sollen die Moglichkeit erleichtern, dass gleiche Gesinnungen sich durcheinander starken. Sie sollen dem grossen Kampfe der Zeit den starken unuberwindlichen Phalanx der Ubereinstimmung geben. Sie sollen die Fahne aufstecken, unter der sich die Gleichgesinnten rasch und ohne langes Ergrunden und furchtsames Ausforschen versammeln. Warum erkennen sich denn uberall die Jesuiten? Warum mussen es die Freimaurer? Warum sollen sich nicht auch rasch die Manner von gleicher Denkungsart uber die wahre Aufgabe unsrer Epoche erkennen? Ich weiss, dass sich Luge und Verstellung auch in meinen Bund schleichen wird. Allein unter den Mordern, die Jesuiten gedungen haben, hat der Jesuitenorden bei den glaubig Katholischen selbst nichts gelitten; unter vielen herumziehenden Lumpen und Bettlern leidet die Maurerei an sich ebenfalls nicht: was konnen Verrather da thun, wo es sich nicht um verabredete Unternehmungen, verabredete Thaten, sondern lediglich um eine feste, ihre Aufgabe von selbst begreifende Gesinnung handelt?

Ich ware schon einverstanden, sagte Egon, wenn der Bund, von dem du wirklich sprichst, als ware er schon gestiftet, nur kein Geheimbund ware.

O wohl, lieber Egon, rief Dankmar in hoher Erregung, wohl, er ist schon gestiftet; denn alle Welt sehnt sich nach diesem Bunde. Nur die gesinnungslosen Menschen und die Tyrannen haben nicht das Bedurfniss, sich durch die Ubereinstimmung mit den Gleichgesinnten zu starken. Wer in dieser Welt lebt und denkt, wer da fuhlt, dass er, um sein Theuerstes zu sichern, nicht der materiellen Mittel allein bedurfen mochte, der steht schon an der Pforte meines neuen Tempels und begehrt Einlass. Und Geheimes haben wir nichts, wenn wir auch geheim uns halten wollen. Wir werden einen Ritus der Aufnahme haben, uns aber nur auf Wahrheiten verpflichten, die allgemein bekannt sein durfen. Das Kleinod liegt eine Zeitlang in einem Schrein und wird herausgenommen, offen zur Schau getragen, Allen gezeigt, wenn es Zeit ist. Nachdem es glanzte, geht es in seinen Schrein zuruck. Die Natur jedes polemischen Gedankens, der sich durch Gleichgesinnte starken soll, bedingt die geheime Bewahrung. War das Christenthum nicht anfangs eine Lehre, die bei geschlossenen Thuren bekannt wurde? Wohl uns, wenn unsere Geheimnisse so grosse Zeugnisse fur uns ablegen, dass der Bund immer grosser, immer umfassender wird und endlich alle Menschen aufnimmt. Einer verwilderten Menschheit kann nicht anders geholfen werden, als dass Die, die das Bessere wollen, bei Seite treten und dem grossen Haufen zurufen: Sondere sich ab, wer wie wir fuhlt und denkt!

Und noch Eins, fiel Egon ein, der noch immer unglaubig blieb, uberlegst du wohl, lieber Freund, woher die Jesuiten und, soviel ich weiss, auch die Freimaurer, ihre eigentliche Kraft nehmen? Aus dem Gelde! Freimaurer sind nur wohlhabende Leute und die Jesuiten sind an Gutern so reich ausgestattet und werden noch taglich so reich damit gesegnet, dass die Gedanken dort auch ermunternde und nachhelfende materielle Hebel haben. Diese alten Bruderschaften des Mittelalters waren unglaublich reich. Sie hatten gut entsagen und die christliche Communaute lobpreisen! Die Bruder und Schwestern vom freien Geiste lebten nicht vom Geist allein, sondern ihr Geist war so frei, sich es auch an irdischer Speise nicht fehlen zu lassen. Die Kalandsbruder, die ich nannte, diese mittelalterlichen Freimaurer, die an jedem Kalandstage, dem ersten des Kalenders, monatlich zusammenkamen, um unter religiosen Formen gut zu essen und noch besser zu trinken, hatten Hauser, Liegenschaften, Zollgefalle. Die grosse Elbbrucke in Dresden warf ein Jahrhundert lang den grauen oder Kalandsbrudern auf der dortigen Brudergasse den Bruckenzoll ab. Von den grossen Reichthumern der geistlichen Ritterorden zu schweigen! Die Templer waren so reich, dass sie ihre grosse Aufgabe unter Schwelgereien vergassen und von Philipp von Frankreich, der ihre Guter besitzen wollte, mit Feuer und Schwert vertilgt wurden. Die St.-Johanniter und Deutschherren haben noch einen Uberfluss von Gutern und Liegenschaften und Sinekuren ....

Sinekuren! unterbrach ihn Dankmar lachelnd. Das ist das rechte Wort! Will mein Bund sich erhalten, so haben wir durch diese Parallele wenigstens schon Das gewonnen, dass wir nicht zuviel Geld haben durfen, nicht so viel, um sine cura fur die Hauptsache sein zu durfen.

Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig! sagte Egon.

Gerade so viel, als man fur den Anfang braucht! erwiderte Dankmar lachelnd mit einer eigenthumlichen Bestimmtheit.

Bester Freund, wo kame aber auch das Wenige her? Die Manner von Gesinnung sind arm!

Richtig! Deshalb brauchen wir etwas Geld. Etwas! Nicht viel, aber auch nicht zu wenig!

Egon lachte uber Dankmar's sonderbare finanzielle Ruhe ...

Das ist komisch, sagte er, ein Bund fur die Freiheit, gestutzt auf Actien, escomptirt vielleicht an der Borse?

Das Geld wird sich finden, muss sich finden! behauptete Dankmar.

Fur einen Juristen bist du sehr Idealist! sagte Egon fast gereizt. Geld findet sich niemals, bester Freund! Alles findet sich, aber niemals Geld.

Doch! Doch! Es findet sich! wiederholte Dankmar, und durch den Ton nicht allein, in dem er die Erneuerung dieser Hoffnung vortrug, sondern auch durch eine uberraschende Entdeckung, die die Freunde machten, war dies Gesprach vorlaufig abgebrochen ... Sie waren namlich schon langst in jenen anmuthigen, schattigen Park, in dem das Lustschloss Solitude lag, eingefahren, als sie in der Ferne langsam unter der grossen Hauptallee, die zum Schlosse hinauffuhrte, mehre sechs- und vierspannige konigliche Wagen fahren sahen ... Die Anwesenheit des Hofes auf Solitude hinderte zwar nicht im geringsten die dort erlaubte freie Bewegung des Publikums, aber die sich dem Anstand von selbst darbietenden Rucksichten machten es oft unmoglich, dann die einzelnen schonen Punkte des Schlossgartens so zu geniessen, wie sie es ihrer Lage, frischen Luft und angenehmen Aussicht wegen verdienten ... Egon vollends, der eine Beziehung zum Hofe nicht suchen mochte, gerieth in Verlegenheit und ware gern umgekehrt. Dankmar und Siegbert wagten kaum ihm zuzureden; denn, sagten sie, wer burgt dafur, dass der junge Furst nicht erkannt oder wenigstens mit der hoheren Hofbedienung in ein Gesprach verwickelt wird! Und Dankmar setzte sogar hinzu:

"Wer schutzt dich, wenn du durchaus die Begegnung noch vermeiden willst, vor einem Akte der Herablassung? Die koniglichen jungen Herrschaften machen es sich zur Aufgabe, wo sie konnen, sich in Gesprache und Anreden zu verlieren. Es wird ihnen sehr schwer; denn sie sind schuchtern und beklommen, allein die Oberhofmeisterin von Altenwyl, sagt man, dringt immer darauf und der regierende Furst selbst hat einen Reiz dazu, sich volksthumlich zu machen, seitdem sein Bruder Ottokar so allseitige Huldigungen empfangt. Der altere Bruder ist ohne Zweifel sehr unterrichtet und fur Alles interessirt, aber zuruckhaltend und sogar mistrauisch. Nur der grossere Muth seiner Frau ermuntert ihn. Dann wirft er sich so gewaltsam in den Drang, sich Erfolge zu machen, dass es beangstigend wird und man aus einer solchen Begegnung mit dem Gefuhle scheidet, wie man hier nur zu einem kalten Rechnenexempel der theoretischen Monarchie eine dumme und armselige Zahl abgegeben hat. Ein erwarmtes Gefuhl, eine gesteigerte Hingabe an diese nicht sehr glucklichen, einsam stehenden Menschen bleibt kaum zuruck.

Wie es nun aber bei solchen Bedenklichkeiten zu gehen pflegt, man spricht sie aus und thut doch gerade Das, was man vermeiden wollte.

Die Bedienten hatten den Schlag geoffnet, das grosse gusseiserne Portal des Schlossgartens stand geoffnet, sie traten in die saubergehaltenen Wege und die trotz der vorgeruckten Jahreszeit noch bunt und mannichfach belebten Bosquetts ein.

Siegbert erbot sich zum Fuhrer. Er kannte hier alle verschlungenen Pfade, die an die grosse beruhmte Terrasse fuhrten, und auch die, welche erst die noch geoffneten Treibhauser und einen kleinen See mit Schwanen, eine Voliere mit anmuthigem Gevogel, das eine ausgestopfte Eule umschwirrte, eine andere Umzaunung sehen liess, in welcher einige Rehe hausten, die mit ihren sanften weiblichen Augen durch die Gittersprossen lugten ...

Man entschied sich dafur, den kurzesten Weg zu wahlen. Nach einer der Anmuth des Gartens gespendeten Anerkennung und einigen Vergleichen, die Egon und Louis mit Versailles, besonders aber dem naturlicheren und parkahnlich gepflegten St.-Cloud zogen, kam das Gesprach auf den Hof, die Politik, den Geheimbund zuruck und Egon ergriff die Gelegenheit, sich uber seine kunftige Stellung zu der Gesellschaft und zu diesem Staate selbst, in dem er einen so glanzenden Namen fuhrte, auszusprechen. Dankmar's Verzweiflung an allem Gegebenen schien er, sich auf Louis im Gehen stutzend und in dem gekieselten Sande seine noch etwas muden Fusse nachziehend, nicht zu theilen.

Ich werde nicht ganz zuruckgezogen leben! sagte Egon. Die grosse Sorge um meine ruinirten Besitzungen hat mir einstweilen ihr Pachter, dein amerikanischer Landwirth Ackermann, abgenommen. Ich will sehen, wie lange ich mich mit den Hoffnungen auf eine mogliche Wiederherstellung dieser traurigen Verwustung beruhigen kann. Inzwischen soll mein Hauswesen vereinfacht werden. Es sind zu viel Menschen um mich. Wozu zwei Diener, die da hinter uns schleichen und aufpassen, dass doch Einer von uns ja sein Taschentuch verlieren mochte, nur um sich durch dessen gerauschvolles Aufheben nothwendig zu machen? Wozu die vielen Frauen in meinem Hause? Den alten Haushofmeister pensionirt man. Ich habe acht Pferde und kann mich mit vier begnugen. Mein Mittagstisch war heute uberladen. In allen diesen Dingen hab' ich die einfache Ordnung der Natur kennen gelernt und Louis wird mir beistehen, sie auch hier innerhalb der Grenzen, in denen ich nun einmal leben muss, einzufuhren. Dann will ich suchen Bekanntschaften zu machen, die mir von Nutzen sein mussen, sonst vermeid' ich sie, denn sie kosten nur Zeit. Und zuletzt hab' ich einen Lieblingsplan, den ich aus Paris mitbrachte ...

Egon sah Louis an, der beifallig nickte. Die Andern horten gespannt.

Auch ich will einen Verein stiften, sagte Egon. Aber keinen geheimen, lieber Wildungen, und keinen, der sich auf das Wandelbarste im Menschen, auf die Gesinnung stutzt. Ich denke an einen Verein zum wechselseitigen Schutze der Arbeit. Ich habe nicht umsonst mein Stemmeisen und den Hobel gefuhrt. Ich kenne die Bedurfnisse der Arbeit, ich achte den Handwerker und fuhle mit ihm. Es muss viel, viel geschehen, um ihn besser zu stellen, als dies bisher der Fall war. Aber hoher noch, als der Arbeiter, steht mir die Arbeit selbst. Die wird nicht genug geehrt, die nicht heilig genug gesprochen. Und was anders kann uns von unserm Elend wahrhaft erlosen als die Arbeit? Die Arbeit, bester Dankmar, die in ihre Rechte, in ihre Wurde eingesetzt, und das hohle Treiben der Leidenschaften hort auf. Ich bin streng, ich habe die Theorie nicht der Menschenrechte, sondern der Menschenpflichten. Alles will mit der Geburt Anspruche erworben haben auf ein Utopien von Gluck und Freiheit. Niemand lehrt, dass uns die Geburt darauf anwies, das Recht, ein Mensch zu sein, durch die Arbeit zu verdienen. Ist diese Lehre erst allgemein, dann wird auch die Gelegenheit, die uns wurde, geboren zu werden, als eine Quelle des Gluckes und der Freude erkannt werden. Freilich fuhl' ich, dass ich mit dieser Lehre allein stehen wurde, wenn ich nicht versuchte, mit ihr in die grossen Debatten unserer Zeit mit einzugreifen. Schriftliche Darstellung gelingt mir nicht, die mundliche musste eine Tribune haben. Ich glaube, dass ich, von einem Gegenstande gedrangt, ein Redner sein konnte. Ein ubervolles Herz ist ja das erste Bedurfniss eines Redners, und ich glaube, ein solches ubervolles, zum Sprechen drangendes Herz besitze ich

Die Tribune ist da, sagte Dankmar, als Egon stockte. Lass' dich in eine unserer deutschen Kammern wahlen! In die hiesige!

Dass ich noch mehr in der Welt Gegenstand des Spottes wurde? bemerkte Egon zogernd.

Der Gegenstand des Spottes? wiederholte Siegbert und begriff diese Zaghaftigkeit nicht.

Die Welt kennt meine Geschichte, sagte Egon. Ich bin auf manche Bosheit gerustet, die mir die Gesellschaft in den Weg legen wird.

Siegbert lehnte eine solche Besorgniss ganzlich ab. Man kenne, sagte er, des Prinzen abenteuerlichen Lebenslauf und fande ihn allgemein so interessant, dass man ihn nur mit der grossten Aufmerksamkeit begrussen wurde.

O, sagte Egon, da haben Sie doch die exclusive Gesellschaft noch nicht weg. Ich habe ein Attentat gegen die Aristokratie der Geburt begangen. Schon langst nennt man mich vielleicht einen Communisten. Ich fuhle vollkommen das Lacherliche, das meine Vergangenheit vor der Blasirtheit dieser Stande haben wird ....

Nein, sagte Siegbert mit grosser Warme, Das muss ich unbedingt bestreiten. Ich bewege mich in dieser Sphare und kann wohl sagen, die Zeiten haben sich auch hier gewaltig geandert. Es ist ein Drang auch im Adel entstanden, seine Nothwendigkeit durch ein ideelles Eingreifen in die Zeit zu beweisen. Er hat sich langst entschlossen, die Sprache der Zeit zu reden und die Besten im Adel stellen sich, unabhangig von den Thronen, zwischen Furst und Volk als die Vertreter nicht blos des Dauer-Berechtigten, sondern des nothwendig umzugestaltenden Alten. Ja sogar die grosse Masse der exclusiven Gesellschaft ist von der wilden Zeit so eingeschuchtert, dass man von ihr wohl sagen kann, Noth lehrt sie beten. Man schmachtet formlich in dieser Sphare nach Ideen! Ich kann Ihnen sagen, Prinz, dass Ihr Auftreten in dieser Gesellschaft mit einer Spannung erwartet wird, die Sie kaum ahnen.

Ah! Wie ware Das? antwortete Egon ablehnend und doch nicht ganz ohne eine angenehme Erregung ...

Glauben Sie mir, sagte Siegbert und entfernte sich fast von Dankmarn und Louis, die fur sich langsamer gingen, glauben Sie mir, in dieser Sphare hat sich das Meiste uberlebt. Rathlos tastet das Experiment dahin und dorthin. Die alten Kunste sind ohne Wirkung geblieben und wahrhaft sehnsuchtige Blicke wirft der Hof, der denkende Adel, der besonnene Beamtenkreis auf irgend ein Zauberwort, das da helfen soll in der allgemeinen Noth und Verwirrung. Nein, ich gebe Ihnen mein Wort, man lacht nicht mehr uber einen jungen deutschen Fursten, der in Frankreich die Blouse trug und die Lage der arbeitenden Klassen studirte, indem er selbst arbeitete. Die suffisantesten adeligen Bursche aus dem Jockeyclub fuhlen das allgemeine Leiden ihrer Kaste nach und ziehen den Hut vor Jedem, der ihrer Kaste Ehre macht. Wenn Sie reden, Prinz, wird man horchen. Wenn Sie Unterstutzung und Mitwirkung verlangen, wird man Ihnen mit tausend Armen beispringen, und wenn man Pistolen abschiesst, ich sage Das der Duelle wegen, die Sie als nothwendig anzudeuten scheinen, so wird es vor Freude sein, dass einmal aus der Sphare der exclusiven Gesellschaft ein Gedanke, eine Thatsache sich entwikkelt, wie sie sonst nur von daher zu kommen pflegt, wo man hinter dem Fortschritt gleich das Ubersturzen, hinter der Reform die Revolution furchtet.

Wahrend dieser Ermuthigungen, deren Fortsetzung und weitere Ausfuhrung Egon mit grosser Aufmerksamkeit vernahm, waren Louis und Dankmar etwas langsamer gegangen und zuruckgeblieben ...

Louis Armand ergriff sogleich diese gunstige Gelegenheit, auf Dankmar's Vorschlag von einer Bundsgenossenschaft des Geistes zuruckzukommen und sehr ernst daruber zu sprechen.

Dankmar lehnte diesen Ernst noch ab und sagte, dass solche Gedanken oft nur in der Debatte zu entstehen pflegten und ebenso wieder in der Debatte wie Seifenblasen platzten ...

O Das ware nicht gut! fiel aber Louis ein.

Ich stosse mich, sagte Dankmar, den Egon's Kuhle jetzt gegen sich selber mistrauisch gemacht hatte, ich stosse mich an der Nothwendigkeit, fur einen solchen Geheimbund einen aussern Apparat, den man die Symbolik desselben nennt, zu erfinden. Da hat es der Prinz leichter!

Er knupft an gegebene Zustande an.

Und wird, wie Sie vielleicht nur fur die Gelehrten, so seinerseits nur fur die Besitzenden etwas Gutes stiften! antwortete Louis.

Das furchten Sie? entgegnete Dankmar. Und man vermuthet allgemein, der Prinz und Sie hatten doch eine gleiche Lehre von der Gesellschaft ...

Keineswegs! war Louis' Antwort.

Ich hore es an Allem, was ich nun von ihm uber offentliche Dinge vernommen, dass er zu den Aristokraten gehort, die eigentlich die gefahrlichsten sind, zu jenen namlich, die in ihr Wappen auch einige Symbole neuer Ideen aufnehmen.

Sie sprechen, antwortete Louis, eine Besorgniss aus, die mich selbst bekummert. Er war in Lyon nicht so. Er kam dort an, wie ein Kind, unreif, zwar uberfullt mit Wissen

In der That, ich bewundere seine Gelehrsamkeit.

Glauben Sie mir! Egon ist ein seltener Mensch und berufen, eine grosse Rolle zu spielen.

Sie wollten von Lyon sprechen ...

Nun wohl! Er kam zu uns unreif und doch schon blasirt. Er hatte das Leben zur Halfte schon ausgekostet. Nicht alle Verfuhrungen waren so wie die des Herrn Rafflard von ihm abgeglitten und doch war sein Herz unschuldig. Es war der Zorn uber seine Familie, uber die geringen Mittel, die man ihm fur seine Existenz schickte, der ihn veranlasste, seinem Stande zu entsagen und seine Angehorigen zu reizen, zu verletzen, ich will sagen, zu bestrafen. Ein junger Mensch, der seine Altern bestrafen will! Das trieb ihn in jenes Extrem, dessen Durchfuhrung ihm meine eigenthumlich zusammengesetzte, nicht ungebildete Familie, besonders aber ein sanftes, heitres Madchen, meine Schwester, angenehm und dadurch allein moglich machte. Er hielt lange aus, oder sagen Sie, meine Schwester war so glucklich ihn lange zu fesseln. Wir siedelten nach Paris uber. Meine Spezialitat in vergoldetem Schnitzwerk hatte in der Stadt des Luxus mehr Gelegenheit, sich ergiebig zu machen. So zogen wir nach Paris. Man weiss, wie uns Egon dort verloren ging. Ich glaubte, ihn am Grabe meiner Schwester ganz wiedergefunden zu haben. Aber es war, ich furchte mich es einzugestehen, vielleicht nur eine neue Abspannung, die ihn aus den Armen der schonen Grafin d'Azimont an das Grab Louison's fuhrte. Jetzt, da die Grafin hier ist, da er sich gesund, thatkraftig, unternehmend fuhlt, ist kein Augenmerk zu versaumen, ihn den Ideen zu erhalten, die er einst im Umgang mit den Armen einsog. Ich burge fur seinen besten, seinen redlichsten Willen aber eine Helene d'Azimont, ein Rafflard, die Prarogative seines Standes, die Schmeicheleien seiner Stellung ...

Besorgen Sie nichts, lieber Louis! sagte Dankmar. Dieser Aristokrat ist, trotz der guten Meinung meines Bruders von dem gebesserten Stolze des Adels, so himmelweit von der ublichen Bildung unserer exclusiven Stande entfernt, dass ich glaube, er wird mit seinem Vereine zum Schutz und Schirm der Arbeit bei ihnen allein schon genugsam anstossen. Es kame nur ... auf Etwas an ...

Dankmar regte mit diesen zogernd gesprochenen Worten die Unruhe des Handwerkers nur noch mehr auf.

Worauf? sagte er. Sie sehen, wie ich vor Sehnsucht zittere, dem Volke ein treues Herz zu erhalten!

Dankmar war von der bebenden Stimme, mit der diese Worte gesprochen wurden, geruhrt und bot Louis Armand die Hand.

Edler, lieber Fremdling! sagte er. Wie warm fuhlen Sie fur die gute Sache des Jahrhunderts!

O mein Herr, rief Louis, ich hore Sie schon viel lieber von unsern Pflichten sprechen, als meinen verlornen Egon von unsern Rechten.

Geben Sie ihn nicht auf, Louis! antwortete Dankmar, angenehm erregt von der traulichen Art, wie Egon am Arme seines Bruders sich stutzte und unter den hohen Lindenbaumen vor ihnen schritt. Ich verspreche mir viel von dem Plane, diesen jungen Fursten in unsre Kammer zu bringen. Er hat das Alter. Und uber die Moglichkeit, ihn irgendwo in der Wahl durchzusetzen, hab' ich schon nachgedacht. Die Tribune ist ein sonderbarer Ort! Menschen, die nie eine Meinung hatten, haben auf der Tribune eine Meinung bekommen. Wie man in der Physik das Gewicht der Stoffe nicht auf der Wagschale absolut, sondern nach einer Vergleichung mit andern Werthbestimmungen specifisch ermittelt, so wird Egon uber seine Gesinnung sich erst klar werden den Gesinnungen Andrer gegenuber. Und wie wenig wol auch zu erwarten steht, dass ihn unsre Radikalen fur sich gewinnen, so durfte es doch ebenso lange wahren, bis sich Egon in der ihm vollig fremden, zu Allem schmiegsam ergebenen Kanzleigesinnung des Beamtenthums zurecht fande. Erst auf der Tribune wird sich sein wahrer Werth sichtbar ausscheiden.

Haben Sie schon uber die Moglichkeit einer Wahl nachgedacht? fragte Louis Armand.

Ich erwarte, sagte Dankmar, in diesen Tagen einen Deputirten, dem es gelungen ist, dreimal gewahlt zu werden. Es ist ein einfacher Landwirth, aber ein vielgeruhmter Politikus, Namens Justus. Extreme Richtungen konnen ihn nicht gehoben haben, und so glaub' ich fast gewiss zu sein, dass es nur seiner Empfehlung bedarf, um da, wo er die Wahl ablehnt, Jeden, den er als Ersatzmann vorschlagt, durchzubringen.

Unter diesen Erorterungen hatten sich Louis und Dankmar wieder den beiden Vorausschreitenden genahert und theilten die angenehme Uberraschung, die ihnen jetzt die freundliche Aussicht bot. Welch ein gefalliges Gemalde! ... Sie hatten alle vier jene Terrasse erstiegen, deren Ruckwand dichte gestutzte Bosquets, Grotten und Lauben bildeten, deren Vorderseite ein Gitter, uber das hinweg man unten einen Wiesengrund, uber diesen hinaus aber den Fluss, Wald und Berge sah. Alle Wege des Schlossparks sammelten sich auf diesem kunstlich aufgedammten, aber von der Natur uberholten Berge. Zur Linken fuhrte eine verschlossene Thur auf eine Verlangerung der Terrasse bis unmittelbar an die Fenster des Schlosses, dessen Stil alteren Zeiten angehorte. Diese mit Orangerie geschmuckte Verlangerung, die dem Publikum geschlossen war, blieb der einzige kleine Raum, den sich der Hof fur seine eigene Erholung vorbehielt. Sonst war Schloss und Park Solitude allen Besuchern zuganglich und auch heute ging es auf dieser Terrasse lebhaft genug her. Kinder spielten im Kieselsande. Mussige Soldaten mit ihren Madchen sassen in den Grotten. Manche Gruppe feinerer Gesellschaft lehnte sich an die eiserne Balustrade und genoss das anmuthige hier ausgebreitete Landschaftsbild.

Egon fuhlte sich vom Steigen ermudet und suchte eine Ruhebank. Man fand sie breit genug auch fur seine drei Begleiter. Sie nahmen neben Egon Platz und theilten sich die Punkte mit, die Jedem an der Landschaft lieblich schienen. Louis horte sogleich mit grosser Freude, dass der links, diesseit und jenseit des Flusses liegende Wald der Schauplatz sonntaglicher Freuden des Volks war. Er trennte sich schon im Geist von der Gesellschaft, die hier neben ihm sass, und genoss die fur den nachsten Sonntag gehoffte Frohlichkeit unter jenen Tannen und jungen Eichen, auf einer Wiese, wo er in der Ferne Schaukeln und Kletterstangen unterscheiden konnte. Es sah Franzchen's zierliche Gestalt uber den Rasen hupfen, bewunderte schon die kleinen Erfindungen ihres Geschmackes, die sie an ihrer Sonntagstoilette zum Vorschein bringen wurde und betrubte sich nur uber die von Siegbert ausgesprochene Vermuthung, dass dies schone Wetter nicht mehr lange halten wurde. Siegbert fing von den Wolken an, Louis wollte sich aber auch auf ihre Bildung verstehen. Siegbert zeigte auf einige Nebelschleier im Westen, die gerade uber einem weiss aus dem Grunen hervorschimmernden und in der Sonne blitzenden Meierhof hingen und wollte eben jene kleinen Lammerchen am Himmel Wolfe in Schafskleidern nennen, als seine Hand von zwei lieben jubelnden Kindern gehalten wurde.

Es waren Paulowna und Rurik Wasamskoi.

Siegbert und Dankmar blickten erstaunt, wo die Kinder herkamen.

Das rathet einmal! riefen sie und klatschten jubelnd in die Hande.

Von einer vernunftigen Erzahlung war da keine Rede. Rurik zog Siegberten von der Bank auf und wollte ihm schon eine grosse kostbare von ihm entdeckte Blume zeigen, Paulowna verlangte, dass er mit ihr zu den Rehen ging. Er sollte Brot kaufen; am Eingang des Schlossgartens sasse eine Frau mit weissem Brote. Dabei zogen sie und zerrten ihn und wollten von schoner Aussicht und der Terrasse nichts wissen. Indem grusste Dankmar sehr artig und Siegbert, der sich gelegentlich einmal umsehen konnte, wurde eben gluhendroth.

Egon fand ein junges Madchen, dem ein Gruss von Siegbert galt, sehr anziehend. Sie war klein, aber ausserordentlich zierlich. Ein Bedienter trug ihr Sonnenschirmchen. Sie selbst hatte eine Art Negligeuberwurf an, ein leichtes nankinggelbes Zeug mit einem grossen herabfallenden Kragen von gleichem Stoffe. Wenn der Rock vorn aufschlug, sah man ein weisses Unterkleid mit einem goldnen Gurtel. Die schwarzen eng an die rundgewolbte Stirn gestrichenen Haare waren von einem sehr kleinen durchbrochenen, goldgelben italienischen Strohhut bedeckt. Tandelnd hatte das junge Madchen ein Taschentuch in der Hand und schlug damit in die Luft, wie mit einer Reitgerte. Es war eine Bewegung, die die grosste innere Ungeduld verrieth. Mit einer sehr gefalligen, fast vertraulichen Miene grusste sie Dankmarn. Es war, als wollte sie ein laut hervorbrechendes Lachen unterdrucken, als sie so stolz, so grazios voruberschwebte. Sie warf auch mit einer leichten Bewegung ihr gesticktes Battisttuch so, dass ein Zipfel in den Mund kam und sie auf ihm ihre Erregung gleichsam ausbeissen konnte. Dieser kindische Einfall, verbunden mit dem entschiedenen, fast herausfordernden Wesen, das in der ubrigen Art des Madchens lag, verrath uns, dass es wirklich Olga Wasamskoi war, die vor der Ruhebank dahinschwebte und mit einem Bedienten sogleich verschwand.

Paulowna und Rurik erzahlten, dass die Mutter von dieser Fahrt gar nichts wisse. Dass sie die "Tante" von Harder in Tempelheide hatten besuchen sollen und dass Olga dem neuen Kutscher, der sehr gut und rasch fahren konne, geboten hatte: Rechts um, nach Solitude! ... Dankmar verzog die Lippen und hatte alle kleinen Teufel des Spottes und der Ironie in seinen Mienen, wahrend Siegbert in die grosste Verlegenheit gerieth und schon ahnen konnte, welche schlimme Scene diese eigenmachtige Idee Olga's bei ihrer Mutter zur Folge haben wurde.

Wer ist denn von Euch der Prinz Egon? fragte Paulowna mit ungezwungener Dreistigkeit.

Der bin ich, mein kleiner Engel! sagte Egon und wollte sie auf den Schoos nehmen. Und wer bist du denn? fragte er.

Geh! sagte Rurik und riss die Schwester wieder zu sich heran.

Oho! Das nenn' ich einen sittsamen Bruder, sagte Egon lachend und wollte aufstehen, um Paulowna zu haschen.

Diese zog sich aber zuruck und sagte mehr stolz als naiv:

Mein Vater war auch ein Prinz.

Daran zweifl' ich gar nicht, antwortete Egon lachend. Welche Lander gehorten ihm denn?

Siegbert fuhlte die ganze Pein dieser unerwarteten Begegnung. Wie gern hatte er die Kinder entfernt!

Aber Rurik stellte sich keck vor seine Schwester und meinte:

Er hiess Wasamskoi! Aber Onkel Rudhard sagt, dass du schlimm bist. Und wir mogen dich gar nicht.

Damit rannte aber Rurik, in einiger Entfernung uber seine gelungene Impertinenz laut spottend, davon ... Paulowna flog ihm nach und Siegbert sah wohl ein, dass er Olga ihr ganzes Abenteuer verderben wurde, wenn er nun nicht sogleich aufstunde, ihr nacheilte und den ganzen Ausbruch ihres Jubels uber dieses kuhne Beginnen entgegen nahme. Er sprang geduldig den Kindern nach und holte am Fusse der Terrasse Olga ein, die dort, von den Andern ungesehen, schon auf ihn gewartet hatte und ihn, wie er so verblufft und verlegen herunterkam, mit einem Spott und Frohlocken empfing, das zwar unendlich lieblich und bezaubernd war, ihn aber in nicht geringe Verlegenheit setzte.

Inzwischen konnte sich aber Egon von seinem Erstaunen uber den Namen Wasamskoi und Rudhard kaum erholen.

Dankmar ergriff daher das Wort, bat ihn, sich wieder zu setzen und gab ihm mit kurzen Worten eine Erlauterung.

Dreizehntes Capitel

Der Konig und die Konigin

Mein verehrter Freund, sagte Dankmar; du siehst, wie viel sich wahrend deiner Krankheit um dich her neu begeben hat. Jede Stunde bringt dir eine neue Aufklarung. Helene d'Azimont, das Bild, Rafflard, Ackermann, der Thurm, alles Das tritt wie aus einem Nebelbilde wieder vor deine gestarkten Sinne. So wisse denn auch, dass von den Ufern des Schwarzen Meeres die verwitwete Schwester der Grafin d'Azimont hier angekommen ist mit ihren drei Kindern, diesen beiden vorlauten kleinen Schwatzern da und jener alteren Olga, der mein Bruder, der bei der Furstin die asthetischen Honneurs macht, sogleich wie ein treues Windspiel nachgesprungen ist.

Aber Rudhard? Rudhard? rief Egon und drangte um Aufklarung uber diesen ihm theuern Namen, den er in Lyon einst selbst gefuhrt hatte.

Dass Rudhard in die Familie Osteggen eingetreten war, schien dir nicht unbekannt? sagte Dankmar.

Nein! Er hatte Helenen und ihre Schwester Adele erzogen. Sie kamen durch die Heirath mit dem Fursten Wasamskoi nach Odessa. Helene heirathete den Attache Grafen d'Azimont und ist mit ihrer Familie gespannt. Der Furst Wasamskoi starb. Das weiss ich.

Rudhard begleitete die Familie, um die Kinder besser auszubilden, hieher.

Rudhard hier!

Wir furchteten Alle den zu lebhaften Eindruck, den diese Entdeckung auf dich machen wurde

Um so mehr, als Ihr Alle Rudhard's Urtheil uber mich kennt! Aus dem Munde dieser Kinder hab' ich's ja vernommen!

Egon blickte voll Betrubniss.

Ich kann nicht laugnen, suchte Dankmar die Wahrheit zu mildern, dass Rudhard streng uber dich urtheilt, und unter der Stellung, in welcher du dich zu einer ihm theuern Familie befindest, doppelt leidet. Die Grafin und die Furstin sind so verfeindet, dass sie sich noch bis zur Stunde vermieden haben. Rudhard, ein etwas trockener Pedant, ist unglucklich, dass er dem Zuge seines Herzens nicht folgen kann, wie er mochte. Denn was ich ihm auch von deiner Liebe zu ihm, von deiner Dankbarkeit, von deiner Verehrung vor seinen Grundsatzen erzahlen konnte im Thurme von Plessen hattest du ihn geruhmt, wie er es allerdings verdiente es hat ihn doch nicht bewegen konnen, sich schon jetzt mit dir auszusohnen ....

Es ist ein Spartaner! sagte Egon. Ich kenne diese rauhe Tugend und wenn ich sie einst nicht ertragen konnte, jetzt fuhl' ich, wie ehrwurdig sie ist.

Armand's Augen verriethen neue Hoffnung. Er konnte sich nicht uberwinden, in der Stille, unbemerkt von Egon, Dankmar's Hand zu drucken. So wollte er den Prinzen! Gehoben von sittlicher Wurde! Beherrscht durch sich selbst und ein edles Beispiel!

Hatte sich Egon jetzt aussprechen mogen, er wurde kaum die Fulle seiner Empfindungen haben bewaltigen konnen. Er begann auch zuweilen, wollte von der d'Azimont reden, von ihrer Schwester, von Rudhard, von Vergangenheit und Zukunft; aber er kam uber einen kurz ausgestossenen Seufzer, uber ein schmerzliches Lacheln, uber ein unglaubiges Schutteln des Kopfes nicht hinaus. Nur die kindischen, vorlauten Worte: "Onkel Rudhard sagt, dass du recht schlimm bist! Wir mogen dich nicht!" wiederholte er zuweilen und knupfte, um seinen Unmuth zu verbergen, einige spottende Reden daran, deren Aufrichtigkeit man bezweifeln musste.

Dankmar nahm alle diese Begegnungen leichter und erzahlte manches Drollige von den Kindern und ihrer unveranderlichen russischen Natur. Olga, die Mutter schilderte er sehr treffend und auch von Rudhard konnte er nicht umhin zu sagen:

Bester Freund, die Vergangenheit und Erinnerung verklart Vieles. Mein Bruder, der, wie gesagt, das Factotum des Hauses ist, ruhmt die padagogischen Grundsatze des alten Pfarrers sehr. Aber wie es mir scheint, hat auch er die Erfahrung gemacht, dass sich gegen die Natur nichts ausrichten lasst. Diese Kinder wachsen halbwild auf, biegen sich wie Weidengerten wol so und so, nach seinem Willen, schlagen aber doch immer wieder in die Lage zuruck, die ihnen die bequemste ist. Rudhard hat sich sogar an das Czarenthum akklimatisirt. Ich finde den Fond von Poesie, den ich in dem Erzieher meiner Kinder voraussetzen mochte, nicht sehr reich bei ihm, und wenn du ihn einen Spartaner nennst, so denk' ich ihn mir als Director einer Cadettenanstalt ganz an seinem Platze.

Und doch muss ich ihn sehen! erwiderte Egon. Der Zerfahrenheit meiner spateren Erzieher, der Luge, der Bosheit dieser Heuchler gegenuber, die eine jugendliche Seele verderben konnen, steht er in meiner Erinnerung grossartig da. Ein Erzieher soll immerhin wie ein holzerner Stecken sein, an dem die Blume des kindlichen Gemuthes sich aufrankt. Ich dagegen wurde von Schlingpflanzen umwachsen und mit ihnen emporgezogen zu einem kunstlichen Gedeihen, das mich zwar schneller dem Sonnenlichte naher brachte, aber auch die Kraft der Wurzeln aussog.

Eine Weile hatte Egon in truber Stimmung vor sich hin geblickt und das Haupt auf die Lehne der Bank gestutzt, als eine muntere, helle Stimme ihn anredete:

Was? Durchlaucht? So sitzen Sie hier auf der Terrasse von Solitude? Bewegung! Bewegung!

Egon blickte auf.

Es war der Sanitatsrath Drommeldey, der in seiner immer gewahlten Kleidung, wie ein eben zum Bau gehender Tanzer, vor ihm stand, die Herren neben Egon mit zusammengekniffenen, forschenden Augen prufte und sich uber sein plotzliches Erscheinen an dieser Stelle dahin erklarte, dass er sich richtig hatte uberzeugen wollen, ob sein Reconvalescent auch die arztlichen Vorschriften punktlich befolgte.

Das ist sehr liebenswurdig von Ihnen, Doctor ... sagte Egon und bat ihn, Platz zu nehmen.

Nein! Sie mussen lustwandeln! Sich Bewegung machen, Durchlaucht. Was sitzen Sie da, das Haupt aufgestemmt und suchen sich einen Watteau, einen Claude Lorrain aus diesem Fernblick zusammen! Sehen Sie nur die koniglichen Herrschaften, die machen es anders ... da kommt die ganze Suite her Aber warum eilen Sie denn? Bleiben Sie doch! Hier! hier! Es lauft ja Alles aus dem Parke hierher was wollen wir uns denn entfernen?

In der That hatte sich die Scene eigenthumlich verandert. Alles was nur im Garten von Besuchern zerstreut war, lief aus allen Wegen auf die Terrasse. Auch Paulowna und Rurik mit ihren Bedienten kamen zuruckgerannt, aber ohne Siegbert und Olga. Die uberall sichtbare hintere Facade des Schlosses hatte offenbar allgemein bemerken lassen, dass sich aus den auf die Erde gehenden Fenstern eine Anzahl Offiziere und mit Orden geschmuckter Herren auf die Terrasse begab ... Ihnen folgte das Konigspaar ... Frau von Altenwyl die Oberhofmeisterin, Herr von Harder der Intendant der koniglichen Schlosser und Garten, viele Damen und Herren, die sich durch die kleine Allee von Orangenbaumen gerade dahin begaben, wo das Gitter bereits von einigen Lakaien geoffnet wurde ...

Alles stellte sich in einer Kette theils an den Hekken, theils an dem Gitter auf, um den Zug vorbei zu lassen. Nur Egon mochte nicht bleiben und musste von Drommeldey fast gewaltsam zuruckgehalten werden; wenigstens bewogen ihn nur Ausserungen, wie die: Man hat Sie gesehen, man beobachtet Sie, ich bitte Sie um Alles, was wird man denken? zum Bleiben. Egon stellte sich, als der Hof naher kam, an die eiserne Balustrade ... Drommeldey neben ihn. Etwas entfernter, da sie bei der Absicht gehen zu wollen, einen Vorsprung gewonnen hatten, stellten sich Armand und Dankmar ... Die Bedienten Egon's, die sich immer in einiger Entfernung gehalten hatten, waren richtig im ubergrossten Eifer hinzugesprungen, um ihm sein Taschentuch zu bringen, das er auf der Bank hatte liegen lassen und standen nun gleichfalls neben ihm ...

Das eiserne niedere Gitter der Verbindungsthur der Schlossterrasse mit der allgemeinen fur das Publikum bestimmten Halfte der Terrasse war schon aufgegangen. Die Herrschaften kamen schon naher, grussten die Umstehenden freundlich ... die junge Konigin mit einer ganz besonders beflissenen Huld ... Den Konig schien die Aussicht auf die friedliche Landschaft zu erfreuen. Er lenkte sogleich wieder nach dem Gitter zu, blieb aber stehen, als die Oberhofmeisterin etwas uberlaut sprach ... Die Grafin Altenwyl stellte der Konigin die beiden kleinen Wasamskoi's vor ... Diese beiden Wildfange waren nicht im geringsten blode. Sie selbst erkannten sogleich die alte Dame, die in dem Garten ihrer Mutter sie besucht und sie mit so viel anstandsmassiger Liebe geherzt und gekusst hatte. Da dachten sie, kann uns kein Konig der Welt verwehren, dass wir auf diese Dame zugehen und ihr sagen: Tante, wir sind auch hier! Grafin Altenwyl, die den Bedienten erblickte, sah wohl, dass dies gar sauber gekleidete Madchen und der kleine dreiste Junge in seiner Strohmutze und dem blauen Sammetkittel "hoffahige" Kinder waren. Um sich zu orientiren, rief sie den Bedienten naher und brauchte nur das Eine: Furstin Wasamskoi! zu horen, als sie schon in eine herzliche Bewillkommnung ausbrach und die kleinen Russen der Konigin vorstellte ... Diese schlanke junge Dame, der zu ihrem zweifelhaften Glucke, eine Konigin zu sein, nur das wirkliche Gluck, Kinder zu besitzen, fehlte, beugte sich sogleich gar liebevoll zu den Kleinen herab und kusste ihnen die Stirn. Die Mutter hatte sich ja bereits bei Hofe vorstellen lassen und so war auch der konigliche Gemahl uber die Beziehung dieser improvisirten Kinder-Cour im Freien vollig au fait und hatte heute Anregung, Lust und Laune genug, sogar einige russische Worte mit den kleinen Moskowitern zu wechseln. Die Konigin war besonders glucklich uber diese Idee ihres sonst an naiven Einfallen nicht reichen Gemahls. Sie erkundigte sich daher nur um so herzlicher nach der lieben Mutter und trug den Kindern auf, sie von der Konigin zu grussen, zu grosser Freude des Bedienten, der auf diese Art einigermassen die schlimmen Folgen der eigenmachtig gewagten Spazierfahrt nach Schloss Solitude abzuwenden hoffte.

Inzwischen kamen die koniglichen Herrschaften dem Gitter naher und entdeckten Drommeldey.

Louis und Armand beobachteten in der Ferne mit grosser Spannung die folgende Scene ...

Drommeldey, der bei Hofe wohlbekannte, der fashionable Arzt der grossen Welt, hatte die leichtesten Formen, spielte wie jeder Sohn des Askulap nicht viel mit der Etikette und fand es, sie beobachteten Das deutlich, ganz in der Ordnung, dem Hofe seinen Reconvalescenten, den Prinzen Egon von Hohenberg, vorzustellen ... Wie erstaunten sie, als die ganze Suite naher trat und Egon formlich von ihr umringt war. Der Einzige, der Intendant von Harder, blieb zuruck und wandte ihnen das volle Antlitz zu, auf welchem die glanzendste Genugthuung ausgesprochen lag, dass diese Natur, diese Terrasse, diese Aussicht hier gleichsam doch nur fur sein eigenes Werk gelten durfte! Baume, Blumen, Weg und Steg, das Alles beherrschte die Excellenz mit einem Blick, als waren sie die Bundesgenossen seiner gewaltigen Kraft und die dienenden Stutzen seines auf Thatsachen sich grundenden Einflusses. Die andern Cavaliere, ja, die hatten hier gut zusehen, die mochten sich argern, wie er heute in seinem Lustre glanzte! Wo hatten diese Kammerherren eine Terrasse, eine Aussicht, einen Park wie diesen den koniglichen Herrschaften zum Genusse anzubieten? Henning von Harder hatte dieses Schloss zwar nicht gebaut, diese Orangenbaume nicht gepflanzt, dieses Gitter so zu sagen war alt und die Hecken nicht mehr im neuesten Geschmack, aber es war doch Alles grun, die Luft war doch blau, die Wege waren doch buschig und schon geharkt, die Vogel zwitscherten, die sich senkende Sonne blitzte so golden; nun ... das mache einmal Einer von Euch Kammerherren mir dem Geheimrath und Intendanten von Harder nach! Wenn ein Ball am Hofe ist, nun wohl, dann mag der Intendant der Musik stolz sein! Wenn man auf die Jagd geht, tummle sich der Oberjagermeister! Aber hier, hier herrscht die Excellenz Kurt Henning Detlev von Harder zu Hardenstein! Hier darf ich allein, ich ganz allein die Mucken verjagen und auch die neue freilich von meinem Inspektor Mangold erfundene Methode auseinandersetzen, die Mucken durch feine Luftspritzungen und kaum sichtbare Staubregengusse zu tilgen!

Dankmar, der vom Geheimrath, der ein ungemein kurzes Gedachtniss hatte und jetzt nur ganz in der lauschenden Aufmerksamkeit auf die Herrschaften lebte, nicht wieder erkannt wurde, traute seinen Augen kaum, als die Suite sich plotzlich mit Egon und dem Sanitatsrath Drommeldey nach der Schlossterrasse zuruckbegab.

Was ist Das? raunte ihm Louis zu.

Man entfuhrt ihn formlich! sagte Dankmar.

Sehen Sie, wie freundlich die Konigin mit ihm spricht!

Und die Oberhofmeisterin mit dem Sanitatsrath ...

O mein Herr, sagte Louis Armand, ich ahne ...

Eine Verabredung? Es scheint fast so. Aber was konnte man mit ihm vorhaben?

Dieser Arzt hat ein leichtes Gewissen, sagte Louis. Ich muss ihm dankbar sein fur Egon's Wiederherstellung, aber seit einigen Tagen zeigt er ein Lacheln, so frivol, er gefallt sich in Scherzen, so leicht, er debutirt Anekdoten, so veraltet ... o wenn doch diese Arzte sich nur um uns bekummern wollten, wenn wir krank sind, und uns nicht auch sagen wollten, auf welche Art man gesund sein musse!

Das ist eine Bemerkung, antwortete Dankmar lachend, deren nahere Erorterung uns fur den Arger trosten muss, dass man uns armselige Geschopfe hier so ohne Weiteres allein stehen liess. Ich bin begierig, was uns Egon von dieser sonderbaren Uberraschung erzahlen wird. Einstweilen gehen wir!

Die Suite mit Egon war im Schlosse verschwunden. Paulowna und Rurik sprangen herbei und fassten Dankmar's Hand, um sich von ihm fuhren zu lassen. Dieser gab Egon's Bedienten die Weisung, sie sollten dem Fursten, wenn er wiederkame, als gemeinschaftliches Rendezvous das Ausgangsportal des Gartens bezeichnen.

Als Dankmar und Louis mit den Kindern den Weg einschlugen, wo sie hoffen konnten, Siegbert und Olga wiederzufinden, geschah ihnen eine seltsame Begegnung.

Ein sonderbares Paar, das sich in dem Eifer, die koniglichen Herrschaften zu sehen, verspatet zu haben schien, rannte, man kann wohl sagen wie besessen, auf sie zu ...

Voran, keuchend, gluhend vor Erhitzung, eine elegante dicke kleine Frau mit ceriserothem Shawl. Hinter ihr in gemesseneren, aber doch ebenso beflugelten Schritten ein junges Madchen mit langen blonden Locken und einer von den Landesfarben gemischten Toilette.

Dankmar kannte beide Damen nicht, aber die Kinder sagten, sie hatten unten am Teiche, wo die Schwane waren, schon mit Siegbert und Olga gesprochen und sie kennten sie Beide wohl, da sie auch zur Mutter kamen. Den Namen wussten die Kinder nicht, sprachen aber von einem grossen wunderschonen Buche, das die eine Dame, die so schrecklich lief, einmal mitgebracht und ihnen die darin enthaltenen herrlichen Bilder gezeigt hatte. Es ware ganz in Gold eingebunden gewesen, sagte Rurik und Paulowna fugte noch Sammet und Seide hinzu. Und die herrlichen Bilder! Aber das schonste hatte doch Siegbert gemacht!

Dankmar lachelnd und erfreut uber die schone Parteilichkeit der Liebe, sagte sich:

Sollte Das vielleicht Frau von Trompetta gewesen sein?

Er sah sich noch einmal nach den beiden Damen um. Er konnte noch deutlich bemerken, wie sie an dem von den Lakaien wieder geschlossenen Gitter standen und wahrhaft schmachteten und sich verzweifelnd den Schweiss trockneten und tiefbekummerte Blicke nach dem Schlosse hinuberwarfen. Es schien ihnen zuviel entgangen zu sein! Aber auch zuviel! Sie hatten etwas versaumt, was ihnen unwiederbringlich vorkommen musste.

An den lebhaften Gestikulationen mit Egon's Be

dienten sah Dankmar, wie schrecklich Frau von Trompetta, wenn sie es war, unter dieser Versaumniss litt. Die von der Erhitzung rosig angegluhte Blondine zuckte hoheitsvoller die Achseln und schien sich mit einer gewissen imposanten Ruhe zu ergeben.

Die Kinder zeigten inzwischen auf den Lichtschim

mer, der das Ende einer dunklen hochgewolbten Allee, die sie einschlugen, begrenzte. Dort lage, wie die Dame im rothen Shawl gesagt hatte, der Schwanenteich.

Springt nur vorauf! erinnerte Dankmar die Kinder.

Wir kommen nach!

Louis kam, da die Kinder liefen, als ging' es um die

Wette, auf das wunderlich eben Erlebte zuruck. Dies Zusammentreffen mit dem Hofe schien ihm so gefahrlich, dass er in seiner ohnehin schon angeregten Besorgniss davon die schlimmsten Folgen erwartete.

Dankmar stellte seine Befurchtungen in Abrede.

Ich wette, sagte er, der Furst wird uns, wenn wir noch vor einem Unwetter nach Hause fahren, Unterhaltendes erzahlen.

Unwillkurlich schlugen die beiden Wanderer, um

mehr nach dem drohenden Himmel sehen zu konnen, einen weniger grun beschatteten Seitenweg ein. Jetzt bemerkten sie erst, welche gewaltige Menge von Wagen fern an der Pforte hielt. Die koniglichen Sechsspanner waren hoher hinauf dem Schlosse zugefahren, aber ausser dem ihrigen stand nun noch der des Sanitatsrathes, der der Furstin Wasamskoi und der Frau von Trompetta an der Pforte. Wie einer dieser Kutscher von fern Dankmarn eifrigst grusste, konnte er sich kaum besinnen, warum der betresste Mann in seiner Ehrerbietung so eifrig war. So zerstreut war Dankmar, dass er fast vergessen hatte, wie der Kutscher der Furstin Wasamskoi Niemand anders als sein alter Freund Peters sein konnte. Peters, den er selbst nach dem vergeblichen Versuche bei Schlurck durch seinen Bruder bei der Furstin Wasamskoi empfohlen hatte, Peters erschien ihm heute zum ersten male in seiner geschmacklos uberladenen Livree, und des Bellens eines ihm wohlbekannten Hundes bedurfte es wirklich, um aus jenem geputzten Pagoden seinen alten Freund Peters, den Vertrodler seines Schreins, den unglucklichen Kellner vom Fortunaball herauszufinden.

Ei, Bello! rief Dankmar sich bald orientirend schon in der Ferne, thronst du da oben wie ein gnadiger Pascha von zwei Rossschweifen, an denen du wieder deine Freude hast! Guten Tag, Peters! Guten Tag, Bello! Ihr seid da! Im Staat! So in Gold und Silber und wohlgenahrt, dass Ihr ganz stolz ausseht und Einer vor Euch und Euren Pferden Respekt haben muss.

Peters warf sich in der That ganz behaglich in die Brust.

Machen wir Ihnen denn nun Ehre? sagte er. Sie und der Herr Bruder haben ja fur uns Beide gutgesagt.

Wie ein Kartenkonig haltet Ihr Euch Peters! lachte Dankmar. Und dem Bello, dem fehlt nur noch ein rothes Halsband und man halt ihn fur einen verwunschenen Kammerherrn oder den Schooshund einer hollandischen Millionairin.

Und doch haben wir wieder was Schlimmes begangen!

sagte Peters und schuttelte bedenklich den Kopf, was ihm bei der neuen Tresse seines Halskragens etwas schwer wurde. Das Teufelsmadchen Das!

Wie so denn? Wer denn? Teufelsmadchen? Die kleine Comtesse oder Prinzess, was sie ist die Olga!

Nicht wahr? Das ist ein Geniestreich, dass Ihr hier seid?

Sie mag's verantworten, sagte Peters. Wir sollten nach Tempelheide zu dem alten Methusalem Sie kennen ihn ja

Dem Prasidenten

Und zu Frau von Harder, seiner Schwiegertochter aber kaum bin ich am Pelikan und grusse den alten Hitzreuter, dem die Fortuna seinen Bauch etwas schmaler macht

Und die Kathrine

Nein, die ist ja nun ganz auf der Fortuna geblieben! ... Ja die dreht da die Kugel, dass sie immer im Gange ist

He! Ihr verliert ja die Leine!

Just am Pelikan, heisst's ... Peters, umkehren! Nach Tempelheide umkehren? fragt' ich. Nach Solitude fahren wir. Was? Nach Tempelheide! Da springt ja das Madchen auf und reisst mir von hinten die Peitsche aus der Hand. Ich drehe mich um und die beiden Augenrader, die ich da vor mir sah, werd' ich in meinem Leben nicht vergessen. Nach Solitude also ... Und weil sie mir die Peitsche nicht wiedergab und die Leute in der Vorstadt stillstanden und lachten, musst' ich schon umwenden und hierher machen

Sie wird's verantworten. Gegen Gewalt richtet die Vernunft nichts aus.

Wie steht's denn mit dem Process, Herr Wildungen? fragte Peters, diese Gelegenheit zu einem Schnak benutzend. Alle Leute sprechen davon. Den Herrn Siegbert seh' ich oft bei unserer Herrschaft, aber es schickt sich nicht recht, dass ich vor den Herrschaften bekannt mit ihm thue ...

Louis Armand hatte sich inzwischen an die Eingangsthur, die Dankmar schon uberschritten hatte, auf eine Bank gesetzt und plauderte bald mit der Frau, die dort Lebensmittel feil hielt, theils sah er nach dem Wetter, theils und am nachdenklichsten nach dem Schlosse hinauf.

An meinem Zank mit dem Justizrath Schlurck, sagte Dankmar, habt Ihr wol gemerkt, dass das Alles langsam gehen wird.

Ein paar Millionen ziehen sich schwer, meinte Peters und machte die ubrigen hier haltenden Wagenfuhrer aufmerksam.

Und wenn's auch nur Eine ist, Peters, von dem Bock musst Ihr dann herunter!

Peters schuttelte den Kopf und meinte:

Sie vertrau'n mir nichts mehr an.

Warum nicht? sagte Dankmar. Seit Eurem Ungluck an der Plessener Schmiede hab' ich soviel Abenteuer gehabt, soviel Bekanntschaften gemacht, dass Ihr eigentlich die Veranlassung eines ganz neuen Lebens fur mich geworden seid.

Peters fuchtelte nachdenklich mit der Peitsche ein wenig hin und her und meinte dann nach einigem bedeutsamen Schweigen:

Bello bedankt sich.

Bello? Warum Bello? fragte Dankmar.

In der Bibel steht, sagte Peters: Saul suchte einen verirrten Esel und fand ein Konigreich. Dass der Esel durchging, lag doch wol an dem schlechten Hund, der ihn bewachen sollte.

Das nenn' ich Schriftauslegung, Peters, meinte Dankmar lachend. Wahrhaftig, Ihr war't nicht zum Fortunakellner geboren. Was sagt denn nun Kathrine zu dem schonen Tressenkragen da?

Peters zuckte die Achseln.

Peters! Peters! fiel Dankmar ein. Zwischen Euch und Kathrine, zwischen Bello, zwischen dem alten Pelikan-Hitzreuter und dem Fortuna-Hitzreuter, da steckt mir was dazwischen, was so ist, wie's nicht sein soll.

Peters warf die Lippen nachdenklich auf und liess die Peitsche tanzeln.

Meine Mutter hat in Angerode daruber mehr gehort, als wir damals an der Kegelbahn im Pelikan und dann unten im Tunnel und oben in der Loge Nr. 14 geahnt haben. Ihr spielt Mariage a trois! Schamt Euch!

Was ist Das fur ein Spiel? fragte Peters und hob sich etwas aus seinen Tressen heraus.

Ein Kartenspiel, das bei vornehmen Leuten sehr beliebt ist, erklarte Dankmar. Ihr liegt auf der Landstrasse, die Frau fuhrt im Pelikan die Wirthschaft und im Theater kann man zuweilen ein Stuck sehen, wo ein tonnendicker Kerl in Steifleinen vorkommt, der sehr verliebt sein kann ...

Peters hob sich fast vor Zorn und innerster schmerzlicher Erregung auf seinem Bocke empor und rief:

Der aber Geld hat! Der hergeben kann, wahrend den armen Fuhrmann die Eisenbahnen zu Grunde richten?

Sieh! Sieh! sagte Dankmar, die Wirkung seiner Vermuthung auf den armen Peters wohl bemerkend. Kathrinchen ist also eine rechte Frau Quickly: ich will sagen, die Unruhe selbst ... Lustig, namentlich in Alles schicklich ...

Ja! Ja!

Larm muss um sie her sein ... Trompeten, Pauken ... da ein Zweigroschenstuck, hier ein Thaler ... gewechselt ... gelacht ... Charmante Dienerin Leben und leben lassen ...

Mord und Todtschlag! rief Peters und hieb mit der Peitsche vor Zorn auf die Pferde, als wenn sie und nicht seine Frau die Mucken hatten.

Hab' ich Das damals bei dem Eierkuchen wohl geahnt, dass sie Nachts in die Fortuna lauft und an dem Schenktisch prasidirt! Aber sanftmuthig, Peters! Sanftmuthig! Ihr les't die Bibel! Schickt Euch in die Welt!

Die Bibel! Wegen Saul's Esel meinen Sie? Der ist mir nur noch so in der Erinnerung geblieben, wenn ich manchmal in der Irre ging und nicht wusste, wozu ich noch auf der Welt bin. Thun Sie mir den Gefallen, gewinnen Sie Ihren Process, Herr Wildungen!

Ich thue mein Moglichstes ... Warum aber?

Dann sagen Sie: Peters, ich vergebe dir die Dummheiten, die du noch alle machen wirst. Ich behalte dich fur's Leben und fur die Scheidungsgebuhren verlang' ich nichts ...

Scheidungsgebuhren, Peters?

Herr, an dem Tage, wo Kathrine sagte: Peters, hier ziehst du die grune Marqueurjacke an und steckst die Speisekarte in die Brusttasche, da war's mit uns kopfuber. Ich sagte nichts, aber es war mir doch, als wenn wir wieder am Altar von der Johanniterkirche in Angerode standen und der eine grosse Posaunenengel unter der Orgel blies: Hallelujah! Aus Euch wird im Leben nichts!

Wahrhaftig, Peters?

Ich sage wie David sagt: Sela!

Peters, ich glaube Ihr werdet fromm?

Aus Desperation. Ja, ich lese manchmal Abends die Bibel, ich will's nur gestehen; aber ich verstehe sie zu wenig. Ich will einmal unsern Pastor angehen, der zu Hause Alles lenkt und in's Geschick bringt, den Herrn Rudhard ...

Wenn Ihr Das thut, Peters, musst Ihr mir sagen, was Euch Rudhard geantwortet hat. Ubrigens wenn ich Euch und die Kathrine auseinandersagen soll, zu Der Zimmermannsarbeit bin ich erbotig, auch ohne die Million. Wollt Ihr Euch wirklich von Kathrinen separiren lassen?

Peters schwieg eine Weile und sagte dann feierlich:

Ich bin jetzt beim Buche Chronika in der Bibel. Wenn ich das durch habe und dann das zweite Buch der Konige, dann sprech' ich 'mal mit Ihnen.

Dankmar mochte nicht fortfahren. Die andern Kutscher horchten ... er musste innerlichst lachen, ohne es zeigen zu konnen.

Wie leid that ihm der arme Schelm da auf dem Bock! Seine Melancholie hatte etwas ruhrend Komisches. Er sah in den Wald ganz tiefsinnig hinaus und suchte offenbar in der Religion einen Trost fur sein zerknirschtes Gemuth und eine Ablenkung fur sein von Eifersucht vielleicht zu Gewaltthatigkeiten geneigtes Herz ... Armer treuer Peters ... Dankmar gelobte sich, nur deshalb einmal wieder auf die Fortuna zu gehen, um der Kathrine Bollweiler mit Nachdruck in's Gewissen zu reden.

Dankmar wollte sich eben zu Louis Armand zuruckwenden, der mit einem, wie es schien, hier angestellten Gartner oder Inspektor sprach, als ihm Peters noch einmal zurief.

O, sagte er, sehen Sie sich doch einmal da den Menschen in Nankingkamaschen an!

Welchen Menschen? fragte Dankmar.

Den, der da mit dem Andern spricht ...

Mit meinem Begleiter? Wer ist Das?

Ja, Das mocht' ich wol auch wissen ...

Was fallt Euch denn an ihm auf?

Wie Sie kamen vorhin und wie Sie ausstiegen ...

Da ...

War't Ihr denn da schon hier?

Freilich! Wir standen nur druben da im Walde und passten so lange auf, bis Sie ankommen sollten mit dem Prinzen Egon von Hohenberg ...

Sollten? Sieh! Sieh! Nun ?

Wie Sie ausstiegen, standen die beiden Bedienten des Herrn von Harder an dem Portal ...

Ich kenne sie! Zwei Hallunken ... Was ist mit ihnen?

Wie Sie, alle vier Herren zusammen, ausstiegen, gaben die beiden Schlingel dem Menschen da ein Zeichen, als wollten sie sagen: Es sind die rechten!

Ein Zeichen?

Wie ich's Ihnen erzahle ... Die Frauleins und der kleine drollige Junge, der Rurik, haben's mit angesehen ...

Und dann?

Dann lief der Mensch da ganz eiligst ins Schloss hinauf, als gleichsam, als wenn er sagen wollte: Sie sind nun da!

Wunderlich!

Und nun steht er wieder unten und spricht da mit dem Herrn, der bei Ihnen ist

Es scheint ein Angehoriger des Hofes ...

Es ist ein feiner Mensch und wegen Mancherlei mocht' ich doch wissen, was der Mann eigentlich ist oder was er treibt oder wo ihn Einer hinbringen soll ...

Dankmar's naturliche Regung war die, zu Louis zu gehen und ihm zu sagen: Sie haben Recht! Hier war ein Arrangement! Wir sind in der That hierher gelockt worden! ... Er betrachtete sich den bezeichneten Mann genauer. Er hatte nur durch einen Streifen an der Mutze ein Zeichen, das auf eine Beziehung zum koniglichen Dienst deutete. Sonst war er einfach in einen leichten grunen Uberrock von Sommerzeug gekleidet, in weisser Halsbinde, leichten, weiten, gelben Pantalons und Schuhen mit gelben Nankingkamaschen. Der Ausdruck des Gesichts war ruhig und sehr angenehm. Die Farbe sehr bluhend, sonnenverbrannt und gesund, der starke Bart blond. Das Kopfhaar, wie es schien, etwas sparlicher. Dieser Mann konnte leicht schon vierzig Jahre zahlen und machte einen so wohlthuenden Eindruck, dass es Dankmarn befremdete, ihn mit den schon sattsam genannten Bedienten des Herrn von Harder zusammengenannt zu horen. Er fragte auch deshalb Peters, welches denn die Grunde waren, die ihn bestimmten, sich fur diesen Mann, der hier unstreitig ein Garteninspektor oder etwas Ahnliches vorstellte, zu interessiren?

Mochte nicht Einer glauben, sagte Peters, dass dieser Mann etwas Feines und Anstandiges ist?

Warum sollt' er das Gegentheil sein?

Es sollte mir Leid thun, wenn ich dem Mann Unrecht thate. Ich wundre mich des Todes, Den hier zu sehen.

Ihr irrt Euch vielleicht?

Er ist's! Die beiden Bedienten sind Zeugen genug. Mit denen hat sich dieser Mann noch vor drei Wochen in der Fortuna ganz gemein gemacht ...

Peters, in die Fortuna verirren sich auch respektable Leute!

Mit der Auguste Ludmer und solchen Springerchen?

Auguste Ludmer? Springerchen? Was sind denn Das in der Fuhrmannssprache fur Irrwische?

Dieser respektable Mann kommt auf den Ball mit der wilden Person. Kennen Sie diese Auguste Ludmer nicht?

Inwiefern gehort diese mir unbekannte Auguste Ludmer zu den Springerchen?

Die sagt zu Jedem, der sie ansieht, auch wenn sie ihn nicht kennt: Guten Tag! Wie geht's Ihnen?

Gute Definition! Mir ist's aber, als konnt' es Dem da druben nicht schaden, dass ihn eine lebendig macht. Man mochte glauben, dass Das ein Professor ist. Er demonstrirt da an den Pflanzen ... Spricht wahrscheinlich eben Latein und zeigt auf die Stabchen, die an den Baumen ihre Namen nennen.

Wenn Das ware, Herr Dankmar, und das Frauenzimmer ... Auf der Fortuna hab' ich sie nur zweimal gesehen ... aber hernach bald hier, bald dort ... gestern Abend beim Spazierenfahren ... wieder auf den Anlagen ... Wenn der Mann nicht wissen sollte, wen er am Arme fuhrt !

Dankmar nahm Interesse an dieser Mittheilung und glaubte hier vielleicht ein gutes Werk stiften zu konnen.

Steht's denn mit der Auguste, wie heisst sie? Ludmer ... so schlimm? fragte er.

O, sagte Peters mit einer ablehnenden Bewegung, wer darf den ersten Stein aufheben und Gottes Gnade ist gross!

Peters! Peters! Was fur Spruche!

Langmuthig ist doch der Herr und dunkel sind seine Wege ... Aber wenn Eins so auf die Tanzboden lauft, solchen Heidenlarm schlagt, die Polizei in Trab bringt, nicht arbeitet, singt und jubelt, wie Die ...

Dankmar griff die Gelegenheit auf, vielleicht ein gutes Werk zu stiften.

Ehe noch Peters seinen ferneren Abscheu vor einem Charakter, wie ihn diese Auguste Ludmer zur Schau trug, beendet hatte, war er schon mit drei Schritten am Portal, in der Nahe Armand's und des Mannes mit den gelben Nankingkamaschen.

Ohne sich in seinen Auseinandersetzungen es waren botanische storen zu lassen, luftete dieser Fremde artig sein Mutzchen mit dem farbigen Streifen ... es war ein schlanker, kraftiger Mann, gewiss doch schon hoch in den Vierzigen in der Nahe liessen sich die kleinen Furchen des Antlitzes besser unterscheiden die weissen Zahne, die grossen hellblauen Augen gaben ihm etwas Freundliches und Gefalliges. Er wandte sich in seiner Auseinandersetzung uber die Pflege der Georginen, die gerade die Blumen dieses Monats waren, gleicherweise bald vertraut auch an Dankmar wie an Louis und sprach gerade uber die eigenthumliche Kunst, die Georginen durch Stoffe, die man der Erde, in der sie wachsen, beimische, z.B. Asche, nach Belieben zu farben. Es lag in seinen Ausserungen eine gewisse Kindlichkeit.

Sie sind gewiss der Herr Schlossgartner? fragte Dankmar, ohne sich dabei den geringsten Schein von Indiskretion zu geben.

Wollen Sie mich so nennen, immerhin, sagte der Angeredete und luftete bescheiden seine Mutze. Ich habe nach Titeln nie gestrebt, lebe nun schon dreissig Jahre so mit der Natur zusammen und wenn man mich Herr Garteninspektor ruft, so hor' ich manchmal weniger darauf, als auf meinen einfachen Namen Mangold!

Was? Sie sind der beruhmte Parkologe Mangold? fragte Dankmar erstaunt.

Parkologe? Beruhmt? sagte Mangold. Du lieber Himmel!

Weiss man nicht, dass Sie die rechte Hand des Geheimraths von Harder sind, Alles schaffen, Alles hervorzaubern, wofur er den Namen hergibt und die Anerkennung einkassirt?

Das ist einmal so der Dienstbrauch! Das ist in der grossen Welt so wie in der kleinen; sagte Mangold lachend.

Sie haben am Rhein das Schloss Buchau hergestellt, sagte Dankmar. Sie waren im Gebirge und haben Selkenthal zu einem Paradies umgeschaffen; Alles was in den koniglichen Schlossern Schones und Geschmackvolles sich findet, ist das Werk Ihrer Erfahrungen, die Sie in den Parkanlagen Englands sammelten ...

Ganz Recht! Englands! Da hab' ich meine paar Brocken aufgeschnappt, bin dann erst in die Dienste des alten Prasidenten von Harder getreten, hab' ihm Tempelheide fur ihn und seine wilden und zahmen Mitbewohner, wie eben Tannen sich ziehen lassen, eingerichtet und ging dann durch den Sohn, als er Intendant der koniglichen Schlosser und Garten wurde, in Staatsdienste. Aber wenn ich Ehre und Ruhm geniesse, so weiss ich's nicht. Wo sollte ich Das wissen? Ich lebe nur auf diesen einsamen Schlossern, bald hier, bald da in der Stille. In den Gartenzeitungen ... o ja, die halt' ich mir! ... Da werd' ich genannt und manche Herrschaft hat mich verschrieben, um Schatten und Licht in einen Wald zu bringen aber Das, dacht' ich, geht doch so in der Stille hin und ich bin froh, wenn mich meine Blumen und Baume loben. Komm' ich des Morgens in der ersten Fruhe auf meine Wiesen und der Thau glanzt mich freundlich in der Sonne an, so hab' ich Glanz genug.

Louis Armand hatte nur nicht den Muth, sonst wurd' er diesem einfachen, so still begeisterten Manne die Hand geboten haben.

Dankmar aber, der Das, was er von Peters uber Auguste Ludmer gehort, nun mit dem Eindruck, den er hier empfing, in der That nicht vereinigen konnte, wagte jetzt einige Fragen, die allerdings zudringlich erscheinen konnten:

Bleiben Sie auch den Winter auf Solitude? fragte er.

Nein, sagte Mangold, ich soll ja ganz von hier fort und wieder an den Rhein. Ich bekomme den Titel als Ober-Garteninspektor und werde in Buchau bleiben.

Auf die Gluckwunsche zu seiner Beforderung kam Mangold allmalig in das Gestandniss, dass er erst noch ein Weib nehmen wurde ...

Ich bin nun, sagte er, sieben und vierzig! Ein alter Knabe! Hab' immer in Garten und Schlossern gelebt, fern von den Stadten, fast wie ein Einsiedler. Die Leute lachen, wenn sie einen ledigen Junggesellen von sieben und vierzig Jahren sehen! Aber wie find' ich Bekanntschaft? Amtsrathstochter dunken sich hoch, Gartnerstochter standen mir zu tief. Wo man befehlen soll, muss man nicht schmeicheln mussen. Da war ich neulich bei unserer Excellenz, dem Intendanten, und sehe ein charmantes Madchen uber den Hof gehen. Prachtiger Wuchs, eine Staatsjungfer! Die konnte mir schon gefallen, sagt' ich zur Frau Geheimrathin, als sie mich neckte, dass ich noch immer keine Anstalt machte. Und wie ich in ihrem Garten eine Wasserleitung revidirt hatte und komme zuruck und will mich empfehlen, sagt die alte Dame, die schon viele Jahre bei der Geheimrathin Alles in Allem ist: Mangold, das hubsche Madchen ist meine Nichte! Wenn sie Ihnen gefallt dabei zog ich die Mutze und sagte: Madame Ludmer, die nahm' ich gleich mit nach Buchau, aber man muss sie doch sprechen und rasch musst' es auch gehen, ich habe bis zum siebenundvierzigsten Jahre gewartet und nun aber kein langes Besinnen mehr! Da warf sie einen Blick auf die Geheimrathin, so einen von ihren Blicken, die mehr sagen, als man gleich verstehen kann. Die Geheimrathin zog die Lippen ein Bischen verachtlich und lachte. Das argerte mich fast und ich sagte: Ist sie zu jung fur mich? Nein, nein, sagte die schwarzaugige Alte, die Ludmer. Wenn es Ihr Ernst ist, Mongold, muss man Das nur richtig anfassen zweckmassig arrangiren .... Gut, sagt' ich, arrangiren Sie's. Und da sah ich das Madchen auf einem Ball die Bedienten der Geheimrathin fuhrten mich immer um sie herum ... sie war auch nur wegen meiner da ging auch gleich fort, das war Alles abgemacht vorher besprochen ... ich sah sie wieder ... ich sprach mich dann aus sie lachte zwar, sie war schnode und schnippisch sie wollte von dem Buchau nichts wissen will auch noch nicht heran und spottet und neckt aber sie gefallt mir ... ich schenkte ihr Dies und Jenes ich denke doch, wenn nichts dazwischen kommt und die Tante noch einmal recht vernunftig mit ihr sprache so

Heirathen Sie diese ...

Der Name erstarb Dankmarn auf den Lippen ... Himmel! dachte er wahrend der Erzahlung des unschuldigen immer von den Stadten entfernt lebenden Mannes, welche Intrigue steckt hinter dieser abscheulichen Tauschung! Und eben wollte er offen mit seiner Warnung hervortreten, den einfachen, harmlosen Mann bei Seite nehmen, schildern, welchen Gefahren er seine Ehre aussetze, als Louis, der der Erzahlung nicht den gleichen Antheil gewidmet hatte, weil er unverwandt die Augen auf das Schloss richtete, rief:

Da kommt Egon!

Dankmar wandte sich und erblickte Drommeldey mit Egon und den Bedienten niedersteigen. Auch Siegbert kam mit Olga und den Kindern ... Es war Dankmarn jetzt nicht moglich, das Gesprach mit Mangold fortzusetzen. Nur noch die Worte rief er ihm, als er bei Seite trat, zu:

Konnen Sie mir keinen Gruss an Ihre Braut auftragen?

Braut? So weit ist's noch nicht! Aber ich danke Ihnen, sagte Mangold herzlich. Heut Abend komm' ich noch in die Stadt. Wenn Einer sein letztes Feuer noch einmal zusammennimmt, gibt's einen Brand. Ich gehe gern auf das Cafe Richter. Kennen Sie Das? In der Konigsstrasse?

Gewiss! Gewiss! sagte Dankmar. Ich komme dahin.

In der bestimmten Absicht, Alles aufzubieten, was Mangold uber die Gefahr, in die er sich sorglos begab, aufklaren konnte, trat Dankmar dem Prinzen entgegen, voll Spannung, was dieser uber seine Erlebnisse im Schlosse wurde zu erzahlen haben ...

Es schlug nun eben sechs Uhr vom Schloss Solitude, als sich an der grossen Eingangspforte des Gartens ein Gewirr und Durcheinander von Menschen, Rossen und Wagen verwickelte. Von der aufwartssteigenden verlangerten Allee kamen vom Schlosse herab erst einige zweispannige, dann vierspannige Wagen, zuletzt ein sechsspanniges Gefahrt mit den koniglichen Herrschaften selbst. Alles, was bisher im Park zerstreut gewesen war, lief und drangte sich zu der Hauptpforte, um noch diese Abfahrt mit anzusehen. Auch die kleine runde Dame, die sich hier beinahe schon wieder verspatet hatte, kam spornstreichs von der Terrasse gelaufen, in einiger Entfernung von der jungen Begleiterin mit den blonden Locken, die nur in raschen Schritten ging, nicht lief. Ob die freundliche Verbeugung der jungen Konigin diesen huldigungsbeflissenen Damen vorzugsweise galt, ist schwer zu sagen. Die Damen hielten mitten in ihrer Eile auf und verneigten sich tief mit holdseligen Gebehrden, indem sie mit einer Hand gleichsam eine die andere naher heranziehen und dem Hofe mit der andern sagen wollten: Wir sind Beide da! Endlich waren die Herrschaften abgefahren und die kleine runde Dame, in der Sanitatsrath Drommeldey sogleich Frau von Trompetta erkannte, hatte nun Gelegenheit, die minder bedeutenden Menschenkinder zu betrachten, die sie hier versammelt fand. Drommeldey lobte ihre rasche Beweglichkeit, tadelte sie aber an Fraulein von Flottwitz.

Ihnen, liebe Trompetta, sagte er, kann ein solcher Wettlauf mit sechs Pferden einmal nichts schaden; aber Sie, mein liebes Fraulein, bedurfen Schonung und verlangen keine Amazonenkur.

Die Trompetta sprach nur von ihrem unglucklichen "Guignon" auf der Terrasse ...

Wollten Sie, sagte Drommeldey, die Herrschaften an Ihr Gethsemane erinnern?

Ach, antwortete die Trompetta, es liegt allerdings noch auf dem Nahtische der Konigin! Man blattert darin und kann sich nicht entschliessen, eine Summe daran zu wagen, die mich der Weitlaufigkeiten einer Lotterie uberhebt.

Ich bin fur die Lotterie, Frau von Trompetta, sagte Drommeldey schon im Einsteigen.

Warum sind Sie fur die Lotterie, heidnischer Sanitatsrath? Geben Sie mir doch Ihren Rath! Warum?

Weil Ihnen das Anbringen der Loose von einer vortheilhaften diatetischen Wirksamkeit sein wird. Wenn der Hof das Gethsemane nicht ankauft, ersparen Sie eine Badereise.

Frau von Trompetta hielt den allo-homoopathischen Sanitatsrath fest.

Es ist eine Intrigue gegen mich im Werke sagte sie, ich weiss es die Altenwyl gestehen Sie mir's, Drommeldey!

O behute, kein Mensch intriguirt, als ich, sagte dieser. Beruhigen Sie sich, Frau von Trompetta! Sie haben den Titel Gethsemane ganz in meinem Sinne gewahlt. Es sind in dem Olgarten Thranen geflossen und von der Angst der Junger ist viel daselbst gewehklagt worden. Das Schweisstuch der heiligen Veronika muss Ihre nachste Sammlung heissen. Aus diatetischen Grunden und zur Beruhigung fur Ihre Freunde durfen diese Lotterien und die Muhen des Absatzes der Loose fur Sie nicht aufhoren. Adieu, liebe Missionairin!

Mit diesen fur Frau von Trompetta mannichfach verletzenden Worten fuhr Sanitatsrath Drommeldey, ein kluger Mann, der sich vortrefflich in seine Welt zu schicken wusste und nicht Jeden nach seiner eigenen materialistischen Seelenstimmung behandelte (doch von Frau von Trompetta wusste er, dass ihr der Arger und Streit uber ihre erheuchelte Religiositat von grosserem physischen Nutzen war), mit einer freundlichen Handbewegung zu Prinz Egon, rasch davon.

Frau von Trompetta horte glucklicherweise diesen Spottreden auch schon nur halb zu. Ihre kleinen neugierigen Augen verschlangen den Prinzen Egon und Dankmar Wildungen. Einer von beiden war Prinz Egon und einer Dankmar Wildungen, der Bruder Siegbert Wildungen's ... Das hatte sie schon durch die Bedienten herausgebracht Aber welcher war der Eine und welcher der Andere? Der Furst war Furst, und Dankmar ein Referendar, der seines Processes wegen das allgemeine Gesprach der Stadt, die Aufmerksamkeit aller Mutter und jungen Madchen geworden war ... Friederike Wilhelmine von Flottwitz entschied sich fur Dankmar und hielt Dankmar fur den Prinzen, die Trompetta meinte Dasselbe, druckte Dies aber so aus, dass sie den Prinzen fur Dankmar hielt. Sie flusterten sich, indem sie sehr umstandlich in ihren Wagen stiegen, ihre gegenseitigen Vermuthungen mit lebhaften Gestikulationen zu und befahlen dem Kutscher zu halten, als er eben abfahren wollte und sie Siegbert bemerkten, der mit den Wasamskoi's eben aus der Allee heraustrat. Das war ein Nicken, war ein Grussen und Winken mit der Hand! Die muthigen oder vielleicht nur ungeduldigen Rosse wollten weiter, aber die Trompetta richtete sich im Wagen hoch auf und gerieth so in ein taumelndes Schwanken, dass die Flottwitz sie halten musste. Siegbert, artig wie immer, sprang hinzu, um vielleicht noch einen Befehl zu vernehmen.

Adieu! Adieu! Adieu! rief sie und als Siegbert am Wagenschlage stand, flusterte sie:

Welches ist denn der Prinz?

Und Ihr Herr Bruder? liess sich sogar die Flottwitz herab, zu forschen.

Egon und Dankmar standen nahe genug am Wagen, um naher zu treten. Sie hatten die neugierige Frage fast gehort, den nach ihnen schielenden Blick bemerkt, sie liessen sich vorstellen.

Frau von Trompetta

Prinz Egon von Hohenberg

Fraulein von Flottwitz

Mein Bruder Dankmar

Durchlaucht, o Durchlaucht begann die Trompetta und weinte fast.

Gnadige Frau sagte Egon betroffen.

Ach! Ach! Ach! Ich kannte Ihre Mutter sie war ein Engel; sie war meine Freundin! Wissen Sie denn Das nicht ... Wie liebt' ich sie! Und diese Ahnlichkeit, Durchlaucht! Zum Erstaunen und dem Generalfeldmarschall wie aus den Augen geschnitten! Die koniglichen Herrschaften hatten die Huld, Sie nach Ihrer Genesung zu begrussen! Das Auge der Konigin ...

Arme Trompetta! Die Ungeduld deiner Pferde brach dies ruhrende Waldgesprach gerade an solcher Stelle ab! Die Fuchse waren wie ihre Herrin von den Sechsspannern angesteckt und liefen ihnen ohne Aufhaltens nach, mitten in einem Dankgebete, das die Sammlerin des Gethsemane eben unter den grunen Wipfeln der Eichen fur Egon's Genesung anstimmen wollte und nun kein Wort an Olga Wasamskoi, kein Gruss, keine Frage mehr an Siegbert, und da jener Dankmar und das Alles abgebrochen durch die wilden Rosse!

Es war geschehen, die Pferde zogen an und der argerliche Kutscher liess sie laufen. Von Wilhelminen von Flottwitz blieb ein Blick an Dankmarn hangen, der Manches sagen konnte. Die rasche Wendung war der Wirkung dieses Blickes ausserordentlich gunstig gewesen. Weil er ganz links zur Seite ging, bekam dieser Blick eine Kraft, so zu sagen eine Emaille, die ihm so blendend in die Augen widerblitzte, dass er lachend sagte: Himmel! War denn das Die? Sie? Die? die Retterin des Vaterlandes! Sie ... die Eine, Einzige! Und als Siegbert sagte: Die vielbesprochene Flottwitz! rief er:

"Es blieb an mir nur noch ihr Abschiedsblick,

Ein Sommerfaden an der Trauerweide hangen!"

Die wilden jungen Manner empfahlen sich den jungen Wasamskoi's. Olga, entzuckt von dieser Mannerwelt, schlug den blauen Schleier ihres Hutes so dicht vor ihr Antlitz, dass man nichts von ihr sehen konnte als die zierliche Gestalt. Sie schien mit Siegbert zwar etwas zu schmollen, kehrte Allen den Rucken, beantwortete keine Hoflichkeit Dankmar's, wich jeder Absicht Egon's, sich ihr vorstellen zu lassen, aus, sass aber im Wagen so sicher, so fertig, als ware sie schon neunzehn Jahre, wahrend sie doch nur funfzehn zahlte.

Was hat denn Olga? sagte Dankmar. Sie weinte ja

vorhin ... Sie soll heirathen? Nicht wahr?

O nein, sie weint, dass ich nicht in ihrem Wagen zu

ruckfahre ...

Heilige Thranen der Liebe! spottete Dankmar. Ist

doch auch dein Taschentuch deshalb feucht?

Egon aber, gleichfalls angeregt, scherzte noch mit

Paulowna und Rurik.

Wenn ich auch noch so schlimm bin, sagte er, so hilft das dem Papa Rudhard Alles nichts. Morgen ganz in der Fruhe hol' ich Euch Kinder aus dem Bett und lasse entweder mir oder Euch fur unsere Unarten vom Papa Rudhard die Ruthe geben. Wollt Ihr ihm Das sagen?

Dieser drohende Humor schien den Kindern doch zu bedenklich ... Sie setzten sich zur alteren Schwester. Siegbert half ihnen in den Wagen. Dankmar und Egon zogen, als auch dieser Wagen abfuhr, den Hut und grussten Olga. Diese beugte mit grosser Sicherheit und vornehmer Grazie etwas den Oberkorper und blieb mit zusammengeschlagenen Armen, ein Taschentuch in der Hand, in der Ecke ihres Wagens sitzen. Peters jagte davon.

Nun wollte Egon einsteigen und sah sich nach seinem Freunde um. Louis Armand, der Tischler, stand ganz in der Ferne ... fast eingeschuchtert.

Egon verstand, was ihn druckte. Mit Herzlichkeit ging er auf ihn zu und sprach in franzosischen Worten zu ihm:

Aber, Louis

Louis Armand sah zur Erde und folgte langsam und beklommen seiner Aufforderung, einzusteigen.

Dankmar sah sich noch nach Mangold um. Er war verschwunden. Siegbert schien zerstreut. Er wusste nichts von Dem, was auf der Terrasse vorgefallen war. Die Kinder hatten zwar erzahlt, dass sie den Konig und die Konigin gesprochen, aber Egon's Begegnung mit den hohen Herrschaften war ihm so neu, dass er, als davon nun endlich erorternd und erzahlend die Rede kam, ausrief:

Sagt' ich es nicht, dass die grosse Welt die Zeit nicht erwarten kann, Sie im Vorgrunde zu erblicken?

Egon begann nun zu erzahlen.

Noch einmal sah er kopfschuttelnd auf das Schloss zuruck, das von einigen Sonnenstrahlen, die sich durch die vom Winde heraufgetriebenen Wolken drangen konnten, gluhend erleuchtet war. Die hohen Kronen der Baume der Allee schwankten. Es wehte ein kuhler Zug. Der Abend schien nicht so freundlich den Tag zu enden, wie er begonnen hatte. Egon knopfte seinen Frack zu, liess seinen Mantel uber sich breiten und begann nun folgende Mittheilung:

Was mir soeben widerfahren ist, sagte er kopfschuttelnd, muss ich eine merkwurdige, uberraschende Ehre nennen. Es ist aber eine Ehre gewesen, die eigentlich nicht mir, sondern meinem Namen, der Erinnerung an meinen Vater galt, und in diesem Sinne, gesteh' ich, hat mir das Erlebte auch einen ganz wohlthuenden Eindruck gemacht. Ich bin kein Aristokrat, habe aber gefuhlt, wie ernst, wie bedeutungsvoll der Beruf des Adels ist, wenn er seine Aufgabe nur recht verstehen wollte.

Louis Armand wandte sich und sah nach den sie verfolgenden Wolken.

Ja, ja, Louis! Ich bin nun durch und durch Aristokrat geworden! Ihr sprecht von einer Genossenschaft des Geistes! Ich bin ein Paladin der Tafelrunde geworden. Der Adel ist ja schon ein solcher Bund, wie ihn Dankmar bezweckt, und stellt ihn schon von Natur dar. Wenn man, um vollkommner Mensch zu sein, sich von den Menschen, wie sie gewohnlich sind, abzusondern haben soll, so hat hier die Geschichte eine solche Absonderung schon von selbst erzielt. Richtig verstanden muss der Adel eine Aufforderung sein, sich ganz besonders auszuzeichnen ...

Wo man weiss, fiel Siegbert ein, dass man die Ehre eines gefeierten Namens gleichsam wie ein Fideikommiss zu verwalten hat, wird man sein personliches Verdienst nur in der Beforderung eines gleichsam anvertrauten objektiven Gutes finden. Man wird sich blindlings in Gefahren sturzen, weiss man doch, dass die Gattung, zu der man gehort, erhalten bleibt! Man wird eine Linie der Thaten und Auszeichnungen schon bei seiner Geburt vorfinden, der man nur nachzugehen hat, um zu bedeutenden Zielen zu gelangen. Hatte der Adel das Bewusstsein seines wahren Werthes immer nur darin gefunden, der geborene Vorkampfer der Volksrechte zu sein, wir wurden ein solches geschichtliches Institut segnen, statt ihm fur seine Anmassung und die ausschliessliche Bundesgenossenschaft mit den Unterdruckern zu fluchen.

Gott sei Dank, sagte Dankmar, der ganz erstaunt zugehort hatte, dass dein aristokratischer Rebus diese Pointe hatte! Ich glaubte schon, das beruhmte Fraulein von Flottwitz hatt' es dir mit einem ihrer Blicke links um die Ecke angethan ...

Wer war das blonde Fraulein? fragte Egon.

Das Mitglied einer sehr achtbaren Kriegerfamilie, sagte Dankmar. Die Flottwitz datiren sich auf die ersten ruhmwurdigen Entfaltungen unserer Fahnen zuruck und bevolkern die Cadettenhauser auch schon fur unsere zukunftige Glorie ... Das blonde Fraulein hat den weiblichen Reubund gestiftet und steht an der Spitze der grossen Demonstrationen mit wollenen Sokken und patriotischer Hingebung. Sie ist eine Schwarmerin, wie nur je eine unter dem Drudenbaume sass und in einem Anfalle von landeserrettender Verzukkung ausrief: Mein ist der Tzako, mir gehort er zu! Sie vertritt die Principien der politischen Stabilitat, wie die quecksilberne Frau von Trompetta die der religiosen. Und doch gesteh' ich, in dem Blick des blonden Madchens lagen trotz der siegreichen Reaction noch so viele hohere unbefriedigte Triebe, dass ich wohl einmal an diese weissen zarten Formen anklopfen und fragen mochte: Erlaubst du wohl, dass ich die innere Organisation deines merkwurdigen Gehirnes studire und mich uberzeuge, wie man phrenologisch gebaut sein muss, um die Demokratie so grundlich zu hassen, wie es dies Madchen bis zum Fanatismus treiben soll!

Und Egon fiel ein:

Was sich in dieser Stadt nicht Alles zusammenfindet!

Was hier nicht Alles auf Unsterblichkeit oder das Narrenhaus spekulirt!

Indess theilte er Cigarren aus und gebot dem Kutscher, trotz des sich verdusternden Himmels, langsam zu fahren und begann wieder:

Wie ich mich ruckwarts an das Gitter der Terrasse lehne, treten die koniglichen Herrschaften auf Drommeldey zu, den sie sehr huldvoll grussen. Ew. Majestaten erstaunen, einen Arzt auf der Terrasse von Solitude die reinste Luft der Monarchie schopfen zu sehen, sagte er ... Hier mein Patient, Furst Egon von Hohenberg, ist Schuld, dass ich ein so seltenes Gluck geniesse. Ich musste mich naturlich jetzt tief verbeugen und meine Zuruckgezogenheit entschuldigen. Mit grosser Gute spricht die Konigin von meiner Krankheit, an der jeder Fuhlende theilgenommen. Der Konig erinnert sich allergnadigst, dass ich zuweilen bei landlichen Festen mit ihm spielen durfte und zeigte mir an der Stirn die Narbe eines Steines, von dem er behauptete, dass ich die unschuldige Veranlassung davon gewesen ware. Er begrusste mich herzlich wie einen alten Kameraden und die Konigin ihrerseits war nun erst recht erfreut, den hohen Gemahl so angeregt und von seinen Erinnerungen an die Jugend und die Narbe ergriffen zu sehen. Da ich etwas verlegen und einsylbig antwortete, so glaubte eine alte Hofdame, die der Konigin sehr nahe stand, ich ware vielleicht in der franzosischen Sprache heimischer und wusste es so geschickt einzufadeln, dass plotzlich die Conversation vom Deutschen in's Franzosische ubersprang und mehre Herren, Militairs und Civilisten, Theil nahmen. Dass ich wie das sonderbarste Wunder der Welt betrachtet wurde, sah ich wohl und fuhlte die Nothwendigkeit, mich nicht zu zaghaft, zu schuchtern zu gebehrden. Ich trat mit den Reminiscenzen meiner fruheren, vorgenferischen Zeit mit moglichstem Nachdruck hervor. Dadurch ergab sich wie von selbst, dass sich der Zug in eine halb stehende, halb gehende Bewegung setzte, und wir unter die Orangenbaume zu wandeln kamen. Der Konig, der eine sehr deutsche Gesinnung prononcirte, begann auf's neue in den vaterlandischen Lauten und Alles schien erfreut, zu bemerken, dass der Sohn des alten Generalfeldmarschalls, der so vortrefflich Deutsch, wenn nicht zu sprechen, doch zu fluchen verstand, nicht ganz aus der heimatlichen Art geschlagen war. Unter solchen, mehr oder weniger abgerissenen kurzeren oder langeren Bemerkungen standen wir plotzlich vor den geoffneten grossen Fensterthuren der untern Sale des Schlosses. Mon prince, sagte die Konigin mit vieler Anmuth, finden Sie hier nicht einige Erinnerungen an Ihre Kindheit? Was wiederhol' ich ihre Worte! Sie bedeutete mich, einen Blick in die Sale zu werfen und nachzusehen, ob dort nicht angenehmere Erinnerungen fur mich waren, als die an einen Stein, den ich einmal unglucklicherweise an die Stirn Sr. Majestat geworfen hatte. Ich war befangen, wusste nicht, was sie meinte und trat einem der Sale naher. Die Herrschaften gingen voraus und ich erblickte ein Ameublement von grosstentheils schwarzem gothischem Hausrath, der dem ohnehin der Sonne abgewandten Zimmer etwas ungemein Dusteres gab. Noch besann ich mich, was man meinen mochte, als eine kleine Uhr einen Choral zu spielen begann. Nun besann ich mich. Ich war auf Hohenberg, in den Zimmern meiner Mutter, die Erinnerungen der Knabenzeit tauchten zauberhaft in meinem Gedachtnisse auf, und ich gestehe Euch, war es die Ruckwirkung meiner noch physischen Schwache, war es die Macht der kindlichen Erinnerung, wie die kleine Uhr auf einer schwarzen Console mit weissen Marmorfussen den frommen Choral spielte, dem ich als Knabe oft so neugierig gelauscht hatte, trat mir eine Thrane in die Augen und kaum erblickte man meine Ruhrung, als sich auch die Konigin und alle Damen abwandten, um zu weinen. Der Konig ergriff zuerst gesammelt das Wort und sagte: Mein lieber Furst, es war ein Lieblingswunsch der Konigin, auf einem unserer Schlosser die Einrichtung der Furstin Amanda von Hohenberg, von der man so viel Geschmackvolles und Sinniges gehort hatte, zu besitzen. Jetzt kennt die Konigin aber kein angenehmeres Gefuhl, als dem Sohne, dem schon die frommen Klange dieser Uhr die ganze unersetzbare Seligkeit der Jugendzeit zuruckrufen, die Freude zu bereiten, die Ausschmuckung dieser Zimmer da wieder hin zu verpflanzen, von wo eine allzugrosse Indiskretion und Ubereilung unserer Seits sie vor einiger Zeit entfuhrte, ehe noch der Befehl dazu gegeben war. Die Bewegung, die diese schonen, gar zarten und rucksichtsvollen Worte im Saale hervorriefen, war um so mehr echt, als ich bemerke, dass sie auch auf Euch einen Eindruck machen. Meine Situation, gesteh' ich, war etwas peinlich. Sire, sagt' ich, mich fassend, mein guter Vater war so ein braver Patriot und hat in seiner Weise dem Vaterlande und Ihrem Hause so ruhmwurdige Dienste geleistet, dass es die Gute Ihres Herzens zu sehr in Anspruch nehmen hiesse, wenn ich zugeben wollte, dass Sie die kleinen Schattenseiten seines Charakters, die alle Welt gekannt hat, mit dem Mantel der Liebe bedecken wollten. Wenn dieses Zimmer Ihnen die Erinnerung an einen alten Krieger zuruckruft, der ... Nein, nein! unterbrach die Konigin meine Ablehnung des sinnigen Ruckgeschenkes. Ich wurde mir ewige Vorwurfe machen, Prinz, wenn ich die stille Geisterspraehe, die durch diese scheinbar todten Gerathschaften eine Mutter mit ihrem Sohne reden kann, storen oder unterbrechen wollte. Nein, nein, Prinz, zur Feier Ihrer Genesung gestatten Sie uns, da wir horen, dass Sie Ihre Guter unverandert behalten haben, diese Einrichtung dort wieder aufstellen zu lassen, von wo aus sie ein ubergrosser Eifer, der uns Alle erschreckt hat, zu rasch, zu verletzend fur uns Alle entfernte. Dabei fiel der Blick der Konigin auf eine lange hagere wie angedonnert dastehende Figur ...

Dankmar sagte ganz fur sich:

O weh!

Egon fuhr fort:

Auf einen hagern sterngeschmuckten Mann, der bisher eine ausserordentlich selbstzufriedene Rolle gespielt hatte und wahrscheinlich der Intendant der Schlosser und Garten, mein schlimmer Freund, Herr von Harder, war. Sammtliche Kammerherren und Offiziere bissen sich auf die Lippen. Es that Allen wohl, nach einem Momente der Ruhrung sich durch eine kaum unterdruckte Schadenfreude humoristisch zu erholen. Ich nahm nun die Angelegenheit heiter und leicht, erklarte, wenn man die Gnade haben wollte ...

Pst! rief jetzt Dankmar, unterbrach Egon und blinkte mit den Augen nach etwas, was sich hinter ihnen begab und was er, da er mit Louis ruckwarts sass, leichter sehen konnte.

Was ist? fragte Siegbert und lehnte sich ruckwarts uber den Schlag hinaus.

In demselben Augenblicke schoss ein zweispanniger Wagen im vollen Laufe voruber, mit den bekannten beiden Bedienten Ernst und Franz ... Die Excellenz von Harder! Unmuthig, die schwarzen Augenbrauen tief heruntergezogen, lag sie in dem Wagen, die Arme ubereinandergedruckt.

Auf dem Bocke sass neben dem Kutscher zu Dankmar's Bedauern der Garteninspektor Mangold, der freundlich und heiter seine Mutze zog und die Gesellschaft grusste, wahrend der mit Mangold's geistigen Kalbern pflugende Hofmann Dankmarn, den er in seinem Glucksrausche auf der Terrasse nicht gesehen hatte, jetzt in seinem Misgeschick vollkommen erkannte und den spottischen Gruss, den ihm der Entfuhrer des Bildes, der Mitverschworene Melanie's, mit grosser Beflissenheit zuwarf, mit einem kaum achtenden Griff an seinen Hut erwiderte.

Die Miene eines Hofmannes, der so ganz allein mit einer langen koniglichen Nase in stiller Einsamkeit da voruberfuhr, war in dem Grade komisch, dass Alle herzlich lachten und sich von der peinlichen Stimmung, die denn doch die Erzahlung des jungen Fursten hervorgerufen hatte, befreit fuhlten.

Egon setzte nun noch hinzu:

Nach einigen allgemeinen Bemerkungen bat ich die Majestaten um die Gnade, mich nachstens im Schlosse vorstellen zu durfen und empfahl mich mit Drommeldey, der mich draussen auf der Terrasse erwartete, unter den herzlichsten Gluckwunschen fur meine Genesung. Der Schalk hat mir indessen gestanden, dass dies Abenteuer nicht ganz zufallig war.

Die Bedienten, bestatigte Dankmar etwas bitter, die dort eben vorbeifuhren und der Mann in der Mutze auf dem Bocke, ein Garteninspektor, waren im Einverstandnisse und haben zum Schlosse hinauf das Zeichen unsrer Ankunft gegeben.

Das ist mir, sagte Egon, das einzige Verdriessliche an dem Vorfall, der an und fur sich mir sehr wohl gethan hat.

Warum wollen Sie diese Verabredung verdriesslich nennen? sagte Siegbert, der sein Mildern, Ausgleichen, Versohnen nicht lassen konnte. Ich bin kein begeisterter Monarchist, aber ich finde die Aufmerksamkeit sehr artig und bin uberzeugt, dass dies Abschutteln einer lastigen Acquisition, des Mobiliars Ihrer Mutter, allgemein die Gesellschaft entzucken wird.

Das Gute daran ist besonders auch die Nase der Excellenz von Harder, sagte Dankmar und zundete sich aufs neue die ausgegangene Cigarre an. Die Bedienten, fuhr er fort, waren wol nicht aufgestellt, weil sie den Gefangenen vom Plessener Thurme, sondern mich, den Begleiter von Melanien, kannten. Jetzt erinnere ich mich der langen Halse und Zeichen, die diese Schlingel machten, als wir am Portal hielten ...

Wunderliche Welt! sagte Egon kopfschuttelnd. Was sich da Alles wie ein Schneehaufen zusammengeballt hat und nun so einfach am Sonnenstrahl eines koniglichen Wortes auseinanderschmilzt! Ich werde dich bitten, lieber Louis, dass du Heunisch veranlassest, seine Ruckreise um einen Tag aufzuschieben und die ganze Bescheerung wirklich nach Hohenberg mit zuruckzunehmen.

Louis deutete an, dass er Dies gern besorgen wollte.

Ja, ja, Louis, sagte Egon scherzend, nun sind wir im Netz. Nicht wahr, jetzt werd' ich mich wie Euer Barnave, du kennst die Revolutionsgeschichte besser als ich, fur die schonen Augen meiner Konigin opfern und mit Blondel singen: O Richard, mon roi, si l'Univers t'abandonne Das denkst du doch!

Louis machte eine Bewegung, die allenfalls sagen konnte: Allerdings!

Wenn ich auf Drommeldey horen wollte, sagte Egon, so war dieser konigliche Gnadenakt auch zugleich wirklich ein Aufruf an meine Loyalitat, der etwa soviel heissen wollte: Bester Hohenberg, Sie haben sich in der Welt umgesehen, man beobachtet Sie, man erwartet etwas von Ihnen; wir brauchen Freunde, tummeln Sie sich jetzt, machen Sie keine dummen Streiche, wahlen Sie vernunftigen Umgang, verwirren Sie die Debatte nicht durch neue sogenannte Gesichtspunkte und dergleichen Thorheiten mehr ...

Die Arzte sind Optimisten, sagte Dankmar.

Er gestand mir kurzlich schon am Krankenbett, bestatigte Egon, dass er zum Reubund gehorte und versicherte mich, ich sollte ihn darum nicht fur geschmacklos halten. Er sprach wie einst Schlurck im Heidekrug. Es gabe Zeiten, wo man das Auffallende mitmachen musse, um nicht selbst aufzufallen. Er ist schlau und deutete an, ich sollte mir eine politische Stellung machen. Dass er, als seine List gelungen war, sie sogleich eingestand, beweist eine gewisse Gutmuthigkeit.

Herr Dankmar glaubt eine Candidatur fur den Prinzen Egon von Hohenberg aufstellen zu konnen, fiel Louis Armand ein. Wie nun, wenn der junge Staatsmann auf der Tribune stunde, fur die Rechte der Volker sprechen wollte und in demselben Augenblicke fielen ihm die geruhrt weinenden Augen seiner Konigin ein?

Du regst eine Frage an, lieber Louis, sagte Egon, die durchaus nicht personlich, sondern principiell ist. Ich halte es allerdings fur schwierig, sein Verhaltniss zur freisinnigen Erorterung politischer Zustande mit jenem Masse von Achtung in Einklang zu bringen, das man der Monarchie und allen ihren Traditionen personlich zollen muss. Ist der monarchische Begriff unvollkommen vertreten, hat man es mit schroffen, anmassenden Fursten zu thun, so wird uns der Kampf gegen das Ubermass ihrer Prarogative leichter werden. Schmerzlich aber ist es allerdings, mit liebenswurdigen Personlichkeiten in principiellen Conflikt zu gerathen!

Ein anstandiger Republikaner, bestatigte Dankmar etwas ironisch und meinte es doch ernst, ist allerdings zu bedauern. Man will denn doch nicht dastehen, als hatte man seinen Knigge nicht gelesen. Die Henker sogar haben in der Geschichte, ehe sie die traurige Kunst ihres Schwertes zeigten, gewisse Personen selbst vorher um Entschuldigung gebeten.

Siegbert meinte, Das ware ein sehr grosser Fehler der bevorrechteten Stande, dass sie sich keine Politik ohne Misachtung der Personen denken konnten und wiederum waren unsere Zeitgenoasen gerade noch deshalb fur die Politik unreif, weil sie, wenigstens in dem Staate, in dem sie lebten, die Personen ganz und gar mit dem Principe verwechselten. Nehmen Sie diese Flottwitz, sagte er. Tausende sind wie diese! Sie halten sich an die personliche Erscheinung der Monarchie und wollen wie Wunderglaubige die Kraft ihrer Andacht nur durch die Unmittelbarkeit der Beruhrung starken.

Oder, sagte Dankmar, der trotz einer gewissen Aufregung durch das Interesse fur Mangold und Auguste Ludmer besonders guten Humors war die Flottwitz und die Nase der Excellenz hatten ihn belustigt oder sie starken ihre Andacht durch ein unmittelbares Eingreifen, besonders in die konigliche Chatoulle. Ja, Egon, ich gedenke, von dem Heidekruger Justus, der dreimal gewahlt worden, zwei Chancen fur dich zu gewinnen und bei dieser Gelegenheit ihn zu fragen, ob der pensionirte Major vom Busche, der in seinem Wahlkreise die grossen Adressen fur Furst und Vaterland presste, jetzt auch noch das Geld fur die Noten bekommt, die seine Tochter auf einem vom Konig ihr geschenkten Pianoforte spielt.

Verkehrte Welt! rief Egon nach Erzahlung dieser Anekdote aus. Hier haben wir noch die arkadischen Sitten patriarchalischer Zeiten, dort nagt die Zweifelsucht schon Alles in Millionen zusammenhangloser Atome! Nenne uns Einer das Zauberwort, das neue Menschen schafft, die fur die alte Welt passen, oder eine neue Welt, die die alten Menschen nimmt, wie sie einmal sind! Nichts schickt sich mehr in's Andre. Der Stoff, der Jahrtausende lang die Herzen kittete und band, scheint verbraucht. Die Ecksteine sind verworfen und wo gibt es neue? Das Todesbeil kann kein Leben schaffen. Aus dem Blute der Geopferten steigt die Rache und kein Segen bluht, wo einmal geflucht wurde. Die Menschheit geht nicht die richtige Bahn. Wer greift die Zugel und schleudert das Gefahrt auf die Seite, wo keine Abgrunde drohen? Ich suche eine Formel, eine Lehre, die grosser ist als alle Konige der Welt und vor der die Konige und Bettler zugleich anbeten! Pflicht! Pflicht! Tratest du aus den Wolken und zogest wie eine entschwebende Glorie uber die Erde hin, dass Alle die Hande ausstreckten und riefen: Bleibe bei uns! Verspottet mich nicht Freunde, die Scene mit dem Konigspaare hat mich doch so aufgeregt, dass ich blutige Thranen weinen mochte, wie Alles doch so verkehrt geordnet, so toll verwirrt, so unaufloslich und unentwirrbar ist.

Dankmar warf seine gluhende Cigarre aus dem Wagen, so erschreckte ihn die Art, wie Egon seine Scherze aufnahm ... Er fragte, ob er Egon verletzt, gekrankt hatte.

Nein, sagte dieser bewegt und reichte allen Dreien die Hand; ist es nicht erschutternd, dass wir vier, die wir die Dinge, wie sie jetzt gehen, mit gleicher Aufrichtigkeit hassen, uns doch nicht vereinigen konnen uber den Weg, wohin sie gehen sollen? Da ein Communist, hier ein Radikaler, Freund Siegbert, wie ich schon horte, als wir auf die Terrasse stiegen, ein idealer Sozialist, und ich ...

In diesem Augenblicke ertonte in der Ferne ein greller Pfiff. Der Kutscher hieb so heftig in die Pferde, dass der Ruck, den der Wagen dadurch erhielt, Egon's fernere Rede unmoglich machte.

Die Eisenbahn! riefen die Bedienten fast sich uberneigend.

Man sah in der merklich vorgeschrittenen Dammerung den Rauch einer daherbrausenden Lokomotive. Der Kutscher wollte ihr zuvorkommen und den Durchschnitt der Bahn noch gewinnen ... Aber schon fanden sie die Barriere verschlossen und mussten halten.

Wie sie so stillhielten, kam von der andern Seite mit gleicher Schnelligkeit eine Gesellschaft zu Pferde. Auch sie glaubte noch das Schliessen der Schranken uberholen zu konnen, kam aber ebenfalls zu spat. In der vom dunkeln mit Wolken gemischten Abendroth widerstrahlenden Beleuchtung nahm sich diese Cavalcade, an deren Spitze eine Dame hielt, ausserordentlich malerisch aus. Wenn der Herbst ohnehin so reich an schonen Wolkenmomenten ist, so hatten sich gerade heute dunkelrothe, blaue und gelbe Farben zu einem Hintergrunde gemischt, aus welchem diese Rosse, diese Reiter und diese Amazone sich mit der lebendigsten Wirkung abhoben. Dazu rollte in weiter Ferne ein Donner und ein leichter Blitzschimmer zuckte zuweilen durch das dunkle Gewolk, das jene Reitenden nicht zu achten schienen.

Wie die Amazone in einem schwarzen Sammetrokke mit langherabhangender Schleppe und einem formlichen Mannerhute, der ihr jedoch mehr im Nacken, als auf der Stirn sass, so gewaltsam mit ihren Begleitern heransprengte, dass im Augenblick, als die Schranken geschlossen wurden, die Pferde fast auf die Kruppe zu stehen kamen, erkannten die Bruder Wildungen Melanie Schlurck.

Egon, der von der Schonheit dieser majestatischen und in der grellen Beleuchtung des farbenreichen Abendhimmels doppelt blendenden Erscheinung machtig ergriffen wurde, entdeckte sogleich, dass die Bruder die Reiterin kannten. Dankmar, statt ihm zu sagen wer sie war, fragte, ob er sich nicht einer ahnlichen Scene bei Hohenberg im Walde erinnerte?

Wohl, sagte Egon, das ist Dieselbe, die uns in dem Augenblicke begegnete, als uns von unserm Wagelchen der junge, rothhaarige Fuhrer durchging, Schlurck's Schreiber ...

Und dies ist Schlurck's Tochter, die schone Melanie, wie man sagt die Verlobte jenes jungern Mannes, der ihr zur Seite reitet, des Stallmeisters Lasally. Ich tausche mich nicht, es sind dieselben Herren wie damals. Der Justizdirektor Herr von Zeisel, und der Banquier von Reichmeyer ... die Andern kenn' ich nicht.

Siegbert grusste uber die Barriere hinuber; nicht minder bewegt, wie Dankmar, der beim Anblick des schonen, ihm zu jeder Stunde so liebevoll und freundlich gewesenen Madchens seine gewohnliche Selbstbeherrschung verlor und nicht jede Frage verstand, die Egon an ihn richtete.

Die Lokomotive kommt, sagte Louis, die Dame ist der Barriere zu nahe.

Und Egon, sich auf den Anblick dieses Madchens in jener Mondnacht, wo sie im Nachtkleide zum Fenster seines Schlosses in Hohenberg hinausblickte, von neuem wohlbesinnend, ergriffen von der Moglichkeit, dass das Ross des schonen Madchens scheuen konnte, sprang auf und rief hinuber:

Ich bitte Sie, Fraulein! Reiten Sie zuruck!

Reichmeyer und Zeisel zogen unablassig den Hut und schienen ganz die Meinung des Prinzen zu theilen ...

Melanie lehnte sich von ihrem englischen Sattel ein wenig seitwarts, um die donnernd heranbrausende Lokomotive nicht zu sehen und kehrte ruhig lachelnd und fur die bewiesene Theilnahme sich leicht verbeugend, als sie vorbei war, wieder in ihre alte Stellung zuruck ... Lasally fasste ihre Zugel .... Sie schien es verhindern zu wollen ... In dem Augenblick fuhr der Train mit seinem feurigen Vorspann mit wuchtvoller, centnerschwerer Sicherheit uber die Schienen hin ... Als er vorubergedrohnt war, wurden die Schranken geoffnet ... Egon's Pferde zogen an. Melanie mit einer eigenthumlichen Befriedigung auf Dankmar, Siegbert und den ihr bisher nur in einer Blouse bekannt gewordenen, jetzt endlich, endlich sichtbaren wahren Prinzen Egon herabsehend, sprengte nicht ohne Stolz und mit einem eigenen lachelnden Ausdruck an ihnen voruber ... Die Andern folgten ... ausser Herrn von Zeisel, der am Wagenschlage seiner Herrschaft hielt und um die Befehle der Durchlaucht bat, ihm Gluck wunschend zu der ersten Ausfahrt.

Bei diesem Wetter reiten Sie? fragte Egon. Wir werden einen Sturm haben.

Grillen eines schonen liebenswurdigen Madchens, Durchlaucht! sagte Zeisel etwas verlegen.

Sagen Sie diesem Madchen, dass sie ein Engel ist! Kommen Sie doch morgen mit Heunisch ganz fruh zu mir. Ich habe weitlauftige Auftrage fur Sie! Aber jetzt Adieu! Adieu! Grussen Sie die Amazone! Verspaten Sie sich nicht!

Herr von Zeisel zog den Hut ehrerbietigst und ritt in etwas unfreiwilligem Galopp seiner Gesellschaft nach ...

Egon blieb einen Augenblick aufgerichtet im Wagen ... hielt sich, da die Federn schwankten, an der Rucklehne ... und schaute, trunken vor Interesse.

Vom schwarzdunkelblauen Hintergrunde aus nahmen sich die Reiter wie die Boten des Sturmes aus. Ein Blitzstrahl zuckte uber Melanie hin, eben als sie sich noch einmal umwandte. Der Schimmer erleuchtete blaulichweiss ihre edelgeformten Zuge, in denen Siegbert, leise zum Ohre des Bruders gewandt, etwas Melancholisches, Kummervolles entdeckt haben wollte, das ihr sonst so fremd war ...

Egon konnte, als sie weiter fuhren, nicht begreifen, wie ihm diese Erinnerung jemals hatte schwinden konnen!

War es die Sorge um die Storung durch den narrischen Einfall deines Begleiters, sagte er, oder lebten meine Gedanken nur in Dem, was ich auf dem Schlosse meiner Eltern vorhatte, ich erinnere mich wohl, auch schon damals von dieser blendenden Erscheinung uberrascht gewesen zu sein, allein der Eindruck schwand und erst jetzt erneuert er sich in ganzer Frische. Wie sind diese Formen des Halses und der Brust so regelmassig! Wie vollendet gewolbt ist dieser Rucken, den ich mich nur erinnere, an einer Statue der Venus im Pariser Louvre gesehen zu haben! Und diese Rundungen, die von den freien Schlafen und der klaren Stirn herab sich uber die Wangen zum Kinn ziehen, wie weich! Wie Wachs! In dem Munde liegt ja ein ganzes Compendium jener Mimik, die Frauen von einer nicht zu excentrischen Leidenschaft und einer bewussten Warme ihrer Empfindungen so sehr in der Gewalt haben!

Die Gebruder Wildungen sahen von ihrer eigenen Liebe getroffen wehmuthig zu Boden ...

Wie es zwischen jungen Mannern zu geschehen pflegt, ihre Gesprache beginnen mit dem Universum und horen mit den Frauen auf. Es ist das einzige Thema, wo alle Parteien sich rasch verstandigen und uber den Begriff der Schonheit soviel Nuancen zulassen, wie nie uber einen ideellen andern Gegenstand. Da ist der entgegengesetzteste Geschmack zu vereinigen und es lauft bei den verschiedenartigsten Wesen, die man vergleicht, immer darauf hinaus, dass Dasjenige fur wahrhaft schon erklart wird, was gefallt.

Louis hatte in dieser Unterhaltung, die bei dem raschen Zufahren des Wagens sehr lebhaft gefuhrt werden musste, um sich verstandlich machen zu konnen, die angenehme Genugthuung, dass Egon seine Beispiele lieblicher Erscheinungen aus der Frauenwelt von seinen Erinnerungen aus Lyon hernahm und mit einem dem Bruder Louison's gebotenen Handdrucke sagte:

Louison hatte Alles, um zu gefallen. Augen, die nicht unstat umirrten, Augen, die, wenn sie empfand, stillstanden und Den, den sie ansah, ganz in sich aufnahmen, ja hinuberzogen wie in eine traumerische Vergessenheit aller Dinge! Louison hatte die schonsten Zahne und lachte doch nur selten! Wer die Eitelkeit der Frauen kennt, wird begreifen, was es heisst schone Zahne haben und nicht jedes Wort mit einem Lacheln begleitet sehen. Stieg ihr dann aber auch der Schalk in den Nacken, wie konnte sie ausgelassen sein! Wie schlug sie den Arm um meine Schulter und blies mir, wie ein Kind, dem Staubchen in's Auge geflogen sind, so von der Stirn jede Wolke des Unmuthes! Da konnte sie sich schmiegen, der zarten lieblichen Gestalt Wendungen geben, wie der Knabe einer Weidengerte. Ja, wenn ich oft zurnte und uber Mancherlei schmollte, war's da nicht wie mit der Blume im Topfe, die der Sonne zugewendet bluht? Man dreht den Scherben um, lasst die Blumenkrone in den Schatten sehen und in wenig Stunden langt sie mit ihren Armen doch schon wieder nach der Seite des Lichtes hin! Ich will Louison's Andenken nicht entweihen und von ihrem Kusse sprechen. Aber Das kann ich ihren Zartlichkeiten nachsagen, Louis, dass sie die Eingebungen des Herzens waren. Was das Raffinement des Verstandes, die kalte Leidenschaft, die gemeine Erfindung, die Liebe entweihend, an Mysterien der Hingebung nur ergrubeln kann, das kam unsrer armen Louison wie ein Einfall der Schalkhaftigkeit und Laune. Ich behaupte, jede Zartlichkeit eines Weibes, die nicht der Herzensgute entstammt, ist ein Gift und racht sich durch den Uberdruss. Ich hasse das sturmische, hastige Naschen vom Baume der Erkenntniss. Aber ekel sieht die Asche der vergluhten Leidenschaft aus! Ah, Louison! Du hattest ein Geheimniss, das so Wenige verstehen: Du schwiegst, wenn du liebtest! O wie beredtsam war dies Schweigen! Wie genugte diese ruhige, stille, stundenlange traumerische Umarmung! Dieser einzige Blick, wenn sie zu meinen Fussen sass und nur aufschaute und sagte: Ruhr' dich doch nicht! Ich brauche nur deine Augen zu sehen! Und Das that sie stundenlang, hielt meine Hand und schwieg. Und nun schweigt sie fur ewig!

Die Einfahrt in die lebhafte Vorstadt, der Hinblick auf die eben aufblitzenden Gasflammen der dunkeln innern Stadt brach diese wehmuthige Wendung des Gespraches ab.

Egon ermannte sich, dankte den Brudern Wildungen fur den freundlichen, ihm bereiteten Tag und bat nur entschuldigen zu wollen, dass er mit seinem Freunde Louis die Ruhe suche. Er fuhle sich erschopft, bedurfe fur morgen gestarkter Krafte und dann zu Louis sich wendend, sagte er:

Mit Heunisch wirst du vielleicht noch heute sprechen, nicht wahr?

Lass mir jede Sorge, Freund! antwortete Armand.

Ihm und Zeisel ubertrage das Delogement der wiedereroberten Andenken an meine Mutter! Ich nehme die Sachen nach Hohenberg. Gnaden und Herablassungen dieser Art muss man so nehmen, wie sie geboten sind, sonst angstigt man den Geber und lasst ihn glauben, man fuhle sich durch seine Gute verletzt oder wisse sie nicht zu schatzen.

Es trat eine Pause ein. Man hatte zuviel erlebt, zuviel Eindrucke fuhrte man mit sich heim ...

Der Wagen rollte pfeilschnell ...

Doch sagte Egon, gleichsam um der Bekanntschaft des ihm so wohlthuenden Siegbert die letzte Weihe zu geben:

Sprechen Sie noch heute die Furstin Wasamskoi?

Siegbert bejahte.

Nun, so bereiten Sie mir daselbst fur morgen einen gunstigeren Empfang vor, als ich nach der schlimmen Meinung der Kinder scheine erwarten zu durfen. Jedenfalls muss ich Rudhard sehen, dessen Namen ich so verehre, dass ich mich in Frankreich nach ihm nannte. Sagen Sie ihm Das! Ich habe viel von Dem, was meine Mutter ihn so ubel empfinden liess, wieder gut zu machen und sind auch meine Mittel gering, so gehort er, das weiss ich, zu Den Menschen, die sich auch durch Gesinnung belohnt fuhlen.

Nahe beim Palais des Prinzen stiegen Dankmar und Siegbert aus und mussten versprechen, morgen bei Egon zu speisen.

Wir haben auch wegen der Deputirtenwahl zu reden, sagte der Furst lachelnd.

Wohl, erwiderte Dankmar, diese Angelegenheit kann nicht schnell genug betrieben werden.

Als Louis den Schlag von innen zudruckte, gab ihnen Dankmar, dem Arbeiter wie dem Prinzen, mit gleicher Herzlichkeit die Rechte.

Die Bruder sahen dann dem Wagen nach, wie er rasselnd in das Portal des Palais einfuhr ...

Bist du befriedigt? fragte Dankmar, als sie allein waren.

Vollkommen! erwiderte Siegbert. Dieser Egon besitzt den Stoff zu einer grossen Zukunft!

Was ich thun kann, ihn hochzuhalten, soll geschehen und musst' ich selbst der Schemel dazu sein; sagte Dankmar.

Warum sprachst du nichts von unserm Process? fragte der Bruder.

Bei gunstigerer Gelegenheit. Wir sind ihm noch zu ideell ... Und nun: Guten Abend, Bruder! Du gehst zu ...

Wohin anders als zu meinen Kranken, sagte Siegbert fast wehmuthig. Denn Das sind diese Wasamskoi's! Sie bedurfen meiner um zu leben und ich fuhle, wie qualvoll die Leiden ... eines Magnetiseurs sein mogen.

Die Kleine ist lieblich, voll Charakter, reif zu einem Roman! sagte Dankmar voll Herzlichkeit, die schmerzliche Wehmuth des Bruders wohlverstehend. Warum weinte sie? Gewiss nicht deshalb, weil du nicht mit ihr fuhrst ...

Sie weinte, sagte Siegbert bebend, weil sie glaubt, dass ich die Mutter liebe ...

Richtiger, sagte Dankmar ernst und voll Schmerz, weil diese Mutter dich in Wahrheit liebt!

Siegbert schwieg ...

Beide Bruder standen sich so voll innerstem Antheil gegenuber.

Ich gehe nach Haus, sagte Dankmar, um fur uns zu lesen, zu schreiben, zu arbeiten. Vielleicht auch noch etwas auf das Cafe Richter!

Komm' nicht zu spat!

Die Bruder trennten sich mit innigem Handedruck ...

Hatten sie noch einige Minuten gewartet, so wurden sie noch Louis getroffen haben, der eben rasch, verstort und in grosser Unruhe aus dem Portale trat ...

Was war ihm begegnet?

Nichts, als dass er den Prinzen die Treppe hinauffuhrte und ein Licht aus einer der dienenden Hande nahm, um Egon in ein schon dunkles Zimmer zu begleiten ... Wie er an das letzte kam, dem Egon, um sich auf seine weichen Polster zu werfen, mit rechtem Verlangen schon naher entgegentrat, horte er drinnen den jubelnden Ausruf einer weiblichen Stimme: Egon da bist du! ... Er trat ahnend naher, das Licht erlosch, er horte den feurigen Kuss einer sehnsuchtsvollen, zur rasendsten Ungeduld gesteigerten Begrussung ... er fuhlte eine weiche Hand, die einen elektrischen Schlag auszuspruhen schien, die seine ergreifen und ihn mit einer einzigen Bewegung fast an die Thur zuruckschleudern ... Er trat von selbst zuruck. Die Thur fiel in's Schloss und wurde von innen verriegelt ...

Louis stand eine Sekunde im Dunkeln, besann sich und suchte mit raschem Entschlusse, weil sein beklommenes Herz zu ersticken furchtete, das Freie.

Vergebens sah er sich nach den Brudern um, von denen er nichts mehr entdeckte. Ein ferner Donner rollte und helle Blitze zuckten ... Dennoch langsam und tiefaufseufzend ging er der Wallstrasse zu, um Heunisch's Abreise noch um einen Tag zu verhindern und sich durch einen freundlichen, Franziska dargebrachten Abendgruss fur seine Befurchtungen uber die Aussohnung zwischen Egon und Helene d'Azimont zu trosten.

Vierzehntes Capitel

Wahre innere Mission

Als an demselben Tage Mittags Louise Eisold nach Hause gekommen war und sich in ihrem Hinterhofe auf der Brandgasse die steile Treppe an dem glatten Seile hinaufgeleiert hatte, wenn man einen Ausdruck der Magde am Brunnen auf die Erleichterung des Emporsteigens uber eine so halsbrechende Treppe anwenden will, waren ihre Kleinen uber den Ausgang, der doch eine Stunde gedauert hatte, ungeduldig genug geworden.

Das Jungste, die kleine Johanna, wollte sich von Friederike und Heinrich nicht beschwichtigen lassen, und schon auf der Treppe, wo ihr eine Nachbarin, der sie die Aufsicht ubertragen hatte, sagte, dass Alles gut stande, horte Louise doch den kleinen Schreihals, den sie schon auf der Galerie durch laute Schmeichelworte beruhigte, ehe sie noch eintrat und das nach ihr verlangende Kind auf den Arm nahm.

Das einfache Mahl war schon fruh Morgens zubereitet und stand bei der warmen Asche auf dem Feuerherd. Der Brei fur das weinende Kind war bald gewarmt und mit hundert Liebkosungen und Schmeichelworten, mit hundert scherzenden Anklagen ihrer selbst, auf ihrem Schoosse ihm dargereicht.

Als der letzte Loffel voll verspeist war, that es auf ein paar Strophen vom schwarzen und weissen Schafchen die Auglein zu und schlief ein.

Jetzt kamen Riekchen und Heinrich an die Reihe des Speisens. Der kleine Zweijahrige larmte auch und jammerte. Dem gab Louise es aber schon derber mit Anwendung der Strafrechtsprincipien nicht auf sich, sondern den Kleinen selbst. Aber Heinrich beruhigte sich erst, als er die Loffel klappern horte und Riekchen das Salzfass brachte, das Louise immer zu vergessen pflegte. Nun fehlten freilich noch Linchen und Wilhelm, aber auf diese kleinen Zeitungstrager war nie sicher zu rechnen. Oft blieben sie uber Mittag ganz aus und halfen sich durch Brot und schlechten Kaffee, den sie sich dicht bei der Druckerei in einem Keller geben liessen. Karl, der Alteste, ass draussen in der Willing'schen Maschinenfabrik.

Als Louise gebetet, vorgelegt, Brot geschnitten, sich und die Ihrigen mit der einfachsten Kost gesattigt hatte, deckte sie wieder ab und besorgte die Wiederherstellung der Reinlichkeit in der Kuche. Dann luftete sie das Fenster, um den Essgeruch zu vertreiben. Hannchen schlief, auch Heinrich streckte sich jeden Mittag noch etwas in dem alten Lehnstuhl des seligen Urgrossvaters. Riekchen hatte im Zimmer keine Geduld, sondern kletterte die Stiege hinunter und hupfte in dem Hof und auf der Strasse umher. Louise aber ging an ihren Stickrahmen und eilte sich, das Versaumte nachzuholen. Heute nach der Anregung durch Franziska, durch das Gedicht, durch die Erinnerung an Hackert ging die Arbeit ganz besonders flink. Und die Aussicht auf die Waldpartie am nachsten Sonntag machte ihr die Hande vollends noch einmal so ruhrsam.

Das aussere Leben armer Menschen, die fleissig sind, ist einfach. Eine Viertelstunde in Einem weg das Haupt gebeugt, immer den Rucken gekrummt, dann einmal ein Blick durch die bleigefugten kleinen Fensterscheiben, ein Blick nur, ein ganz kurzer ... Es gibt immer etwas zu sehen. Ein Spatz fliegt an's Fenster, ein Kafer brummt in den paar bescheidenen Lack- und Resedastocken draussen auf einem seit langer Zeit verwitternden Blumengerust. Druben auf dem Dache klettert behend eine Katze und schleicht mit ihren sammetweichen Pfoten behutsam um den grossen Hauslaufknollen herum, der unter einer Dachluke wild hervorgewachsen ist. Bei jedem Blicke, den sich Louise alle Viertelstunden einmal gonnte, blieb immer etwas haften, was sie von der wogenden unruhigen inneren Welt, die in ihr lebte, ein klein wenig trostend und beschwichtigend abzog und sollt' es nur die Freude uber den blauen Himmel sein. Die bosen Wolkchen, die sich von der Terrasse in Solitude sehen liessen, brauchten lange Zeit bis sie in dem kleinen Gevierte von Himmelsluft, das man von diesem Hinterhofe aus uberschauen konnte, gesehen oder auch nur geahnt wurden.

Ein Besuch fand sich hier oben, seit der alte Urgrossvater in das grosse Kunstwerk der Weltenuhr blickte und keine irdischen Zeitmesser mehr zu regieren brauchte, selten ein. Bei Herrn Murray nebenan war es so still, wie es bei Hackert gewesen war. Schmelzing, der fur Dichter, Schauspieler, Advokaten und die Polizei Copiaturen fertigte, war auch nicht mehr da. Der war oft verliebt zu ihr gekommen und hatte sie mit seinen Zartlichkeiten belastigen wollen, ihr aber mit seinen Schreiberarmeln nur ihre Arbeiten "verwuschelt." Einen Gast, der sich auch um die Mittagszeit zuweilen einfand, den grauen Herrn Bartusch, liess sie kalt und um so sproder an, als sie in ihren sparlichen Finanzen Ordnung hielt und sich vor ihm nicht zu demuthigen brauchte. Gestern erst hatte sie ihm gesagt, er mochte sie mit seinen Besuchen, die immer mit soliden Dingen anfingen und mit versuchten garstigen Zumuthungen endeten, verschonen. Ja sie ging sogar in ihrer jeweiligen kleinen Malice so weit, dem alten unverbesserlichen und von seinem Temperamente wahrhaft geplagten Herrn zu sagen, sie wolle die Maler-Guste, die Frau Rathsdienerin Spiess und ahnliche Favoriten Seiner Gestrengen nicht auf sich eifersuchtig machen. Dass sie ihn bei alledem doch nicht ganz ungern kommen sah, lag darin, dass er Manches uber Menschen plauderte, die ihr lieb und werth waren. Von Hackert hatte er ihr zu ihrem Schrecken erzahlt, dass er wirklich beim Oberkommissair Pax arbeitete und vielleicht bald in einem "feurigen" Kragen am Rocke einherstolziren wurde, was sein Haar nur noch angenehmer heben wurde. Schmelzing unterstutze ihn. Wo Das hinaus solle, wisse noch kein Mensch. Erst vor einigen Tagen ware er beim Justizrath mit einem fremden Prediger gewesen, der bei einer russischen Herrschaft lebe und hatte den Justizrath wie ein Staatsprokurator uber eine alte Bildergeschichte formlich zu Protokoll genommen. Uber Melanie, Lasally, uber den Process der jungen Thuringer, die er hier bei Hackert an jenem Abende getroffen, uber alle diese Gegenstande der Tageschronik plauderte Bartusch bei Louisen immer so lange, bis er die Gelegenheit fur gunstig hielt, sich fur seine unterhaltenden Mittheilungen eine Zuthunlichkeit erlauben zu durfen. Damit kam er aber denn doch immer ubel an, sodass ihm Louise zur Erkenntlichkeit nicht einmal ihrerseits Rede stand, wenn er von Danebrand, von Murray, von der Auguste Ludmer, die sie nie genauer gekannt hatte, etwas wissen wollte. In der Ausserung, dass sie doch zu beklagen ware, neben einem so zweideutigen Manne zu wohnen, wie dieser Englander mit der schwarzen Binde ware, musste sie ihm Recht geben, fugte aber hinzu, dass er ihr noch keine Ursache zu irgend einem Verdachte gegeben. Dieser Sonderling ware ein stiller, gedruckter Mann, der von Morgens bis Abends spazieren ginge, viel englische Bucher lese und sich im Zeichnen ube, das ihm, in Zeiten, wo ihm noch nicht die Hand gezittert hatte, sehr gut von Statten gegangen sein musse.

Alle diese Gedankenreihen von gestern und heute durchfliegend, fiel Louisen in einem Glase, das auf der Commode im Eck stand, eine Karte auf.

Sie griff darnach und sah, dass es eine Visitenkarte war, die auf den Namen "Sylvester Rafflard" lautete.

Wo kommt diese Karte her? dachte sie.

Die Karte war so glatt, so frisch, so neu, als hatte sie Jemand eben erst abgegeben.

Sie wird fur Murray sein! dachte sie und wollte ihrer "Riekele" rufen, falls die im Hofe war. Sie von der Strasse zu rufen, war sehr umstandlich und kostete Zeit.

Von der Galerie, dachte sie, werd' ich ja sehen.

Damit ging sie hinaus, die Karte zufallig in der Hand haltend.

Draussen beugte sie sich uber die Brustung der alten baufalligen Galerie, sah Riekchen nicht, horte aber Jemand muhsam die Treppe heraufsteigen. Sie ging einige Schritte vorwarts und erblickte schon Murray's zerknitterten Hut. Ein grosser goldener Siegelring an der weissen zarten Hand des Alten stach sonderbar gegen den Strick ab, an dem sich die zuerst sichtbare Hand hielt.

Ah! sagte der Alte, als er oben war. Das ist steil! Gesegnete Mahlzeit, mein liebes, gutes Kind! Ich weiss schon, was Sie in der Hand haben.

Ich war nicht daheim und finde die Karte. Galt der Besuch Ihnen, Herr Murray?

Das kleine Riekele hat mir's schon unten erzahlt. Wer ist's denn

Damit war er an seiner Thur, holte Athem, schob seine uber einen Draht gezogene Taffetbinde etwas hoher und las gegen das Tageslicht, das etwas sparlich auf die dunkle Galerie fiel, jene Karte.

Dabei fuhr er sich uber die Stirn und hob die schwarze Perrucke etwas hoher.

Wer ist Herr Sylvester Rafflard? sagte er, hielt sich aber mit diesem Forschen nicht auf, sondern schloss schon sein Zimmer auf; Nr. 68 mit den noch immer vergitterten Fenstern.

Kann ich Ihnen etwas helfen, Herr Murray? fragte Louise Eisold. Das Wasser wird nicht frisch sein? Sind Sie mit irgend etwas unzufrieden, so sagen Sie es nur!

Danke! Danke! Mein gutes Kind; antwortete der Alte, immer freundlich und mild. Aber die Miethe ist fallig.

O bitte, Herr Murray ...

Nein, nein, Punktlichkeit in Geld- und Liebessachen. Nicht wahr, liebes Fraulein?

Geben Sie mir nicht zu hohe Titel, Herr Murray! sagte Louise. Nennen Sie mich schlechtweg, wie ich heisse, Louise Eisold.

Darf ich denn Louischen sagen? fragte Murray, den Hut wegstellend und seine Handschuhe, die er schon ausgezogen hatte, hinlegend.

Wenn's Ihnen bequem ist, Herr Murray! plauderte Louise bei noch halb offener Thur.

Gut, Louischen, kommen Sie her, ich muss Ihnen die Miethe zahlen!

Dabei zog Murray eine Schublade, die er inzwischen aufgeschlossen hatte, ganz hervor. Sie war zu Louisens Erstaunen so schwer, dass er Muhe hatte, sie nur herauszubekommen.

Louise mochte nicht naher treten und uber die gebuckten Schultern des Alten hinwegsehen. Aber sie hatte schworen mogen, wenn sie naher trate, musste sie nichts als grosse Geldrollen sehen, so walzte sich Das in der Schublade, und es war ihr auch, als "klingte" etwas wie Gold. Um so auffallender aber der Contrast, als Murray nicht etwa eine grosse Geldrolle, sondern ein kleines ledernes Beutelchen hervorzog, es langsam offnete und in lauter kleiner Scheidemunze zwei Thaler auf den Tisch muhsam zusammenzahlte ...

Louise zahlte nach und fand die Summe richtig. Wie sie sich wandte, bemerkte sie fast erschreckend an den Eisenstaben draussen vor dem Galeriefenster einen inzwischen heraufgeschlichenen Besuch. Es war eine hohe, schlanke, weibliche Figur, die ihr nicht unbekannt schien. Indem sah sie auf Murray und bemerkte die plotzliche Uberraschung durch jenes Frauenzimmer, das man nicht hatte kommen horen, auch bei ihm. Der Besuch blickte lachend durch die Fensterscheiben und das Gitter und schien neugierig zu forschen, ob sie nichts von den Schatzen des eben in Geldgeschaften begriffenen Alten entdecken konnte. Rasch stiess Murray die Commode zu und zog den Schlussel ab.

Das Madchen, das daruber in lautes Gelachter ausbrach und die Thur mit dem Fusse zuruckstossend eintrat, war Auguste Ludmer.

Das ist deine Spelunke, Alter! rief sie. Hier haust du jetzt und hast so schone Nachbarschaft?

Louise erkannte nun vollkommen jenes Madchen, das in diesen Hausern auf Nr. 17 gewohnt hatte und auf dem Fortunaball mit Murray verhaftet worden war. Betroffen wandte sie sich ab, strich ihr Geld mit der hohlen Hand ein und verliess, ohne ein Wort zu sprechen, das Zimmer. Selbst wenn sie es mit ihrer Wurde fur vereinbar hatte halten konnen, zu lauschen, wurde sie sich nicht in der Kuche langer verweilt haben; denn Murray, das sah sie wohl, offnete das zweite Zimmer, das, fruher, durch einen vorgeschobenen Schrank getrennt, Schmelzing bewohnt hatte, und ersuchte Auguste Ludmer dort einzutreten. Louise legte auf ihrem Zimmer die Miethe in ihre kleine Kasse, notirte sie in einem Buchelchen und setzte sich nieder zur Arbeit, tiefergriffen von dem Nachdenken uber die Moglichkeit, wie es weibliche Wesen uber sich vermogen, sich so tief sinken zu lassen wie jene Maler-Guste, deren Nahe ihr unheimlich war und den Alten mit seinem schweren Commodenkasten plotzlich wieder genug verdachtigte. Tugendhafte Frauen fliehen Gesunkene wie jene Auguste, aber sie denken viel uber sie nach und suchen sie nach den ersten heftigsten Anklagen meist mit einem schmerzlichen Gefuhl uber das unsichere jammervolle Frauenloos im Allgemeinen tiefaufseufzend zu entschuldigen.

Da siehst du, Auguste, wie man dich flieht, begann Murray, als er mit dem noch immer lachenden wilden Besuch allein war und die Maler-Guste sich in Schmelzing's ehemaliger Klause umsah.

Papa, rief sie, und warf sich fast der Lange nach auf einen Stuhl hin, dass dieser knackte und wackelte, Papa, die geht auch lieber auf einen Ball, als Sonntag Nachmittags in die Spittelpredigt. Wir haben sie ja in der Fortuna gesehen.

Was bringt dich her, Louise? fragte Murray, nahm einen Stuhl und wollte sich ihr gegenuber setzen.

In quecksilberner Beweglichkeit sprang sie aber sogleich wieder auf und rief:

Erst, Alter, lass mich deinen Palast sehen, wo du deine Schatze vergrabst! Hierher, denkst du, steigen die Spitzbuben nicht nach? Drinnen die Eisenstangen, die haben dich wohl gelockt, oder unterhaltst du dir das Madchen, die sich eben die Hande wascht von deinen schmuzigen Viergroschenstucken?

Ich gewohne mich, siehst du, sagte Murray mit scharfer Betonung, an die angenehme Gelegenheit, hinter Schloss und Riegel zu kommen, wenn man sich mit dir offentlich blicken lasst.

Papa hat Furcht gekriegt. Ha! Ha! Deshalb stand ich immer vergebens an meinem Theetopf in der Konigsstrasse und dachte, dein Alter kommt nicht ...

Ich zu dir? erhob sich Murray ernster. Du weisst doch, was ich dir sagte, als man uns von Gerichtswegen gehen hiess und ermahnte, nunmehr anstandig und sittlich zu leben? Ich suchte eine Wohnung fur uns Beide. Diese war dir zu schlecht und eine bessere ist theurer ...

Geizhals! Ha! Ha! Hier sollt' ich wohnen? Auguste Ludmer, die deine Brillanten trug, in diesem abscheulichen Loche? Heute ist schones Wetter und hier ist's so dunkel, dass man die Hand kaum vor den Augen sieht ...

Das machen die schonen Gardinen ... Siehst du nicht?

Auguste lachte uber diese ironischen Worte und zerrte an einem der roth- und weissgestreiften kattunenen Vorhange.

Nein, Mannchen, sagte sie, so haben wir nicht gewettet. Das sollte ein Bett sein? Das ware ja um sich Beulen zu liegen ...

Aber reinlich.

Kein Sopha

Vier Stuhle

Kein Spiegel ...

Murray mit einer eisernen Ruhe und Gelassenheit, seine zarten Hande sich in ihren Flachen reibend, als wollte er Brotkrumen drehen, immer lachelnd und mild, zeigte auf das Fenster.

Auguste nahm einen kleinen Handspiegel vom Fenster und tanzte, sich darin besehend, im Zimmer herum.

Ha! Ha! lachte sie. Der ist fur dich! Fur Leute, die nur ein Auge haben und ihre Perrucke nicht sehen mogen. Soll ich?

Sie warf ihn in die Hohe, spielte Fangball damit und drohte das kleine Glas zu zerbrechen.

Murray griff darnach und hing es wieder an das Fenster.

Was willst du, Auguste? fragte er dann mit grosser Langmuth und Geduld.

Alter, sagte sie, setzte sich wieder und schlug dabei die Arme und die Beine ubereinander, ich habe mich eben schwer geargert. Ich habe Schulden und kein Geld, sie zu bezahlen. Gib mir Geld!

Murray schuttelte den Kopf.

Alter Geizhals, dein Kopfschutteln hilft dir heute nichts, rief sie, band den Hut ab und warf ihn auf das unbenutzte Bett des Schreibers Schmelzing und rustete sich zu einer grundlichen Belagerung des Alten. Gib mir die Ringe, die Uhr, die Armbander, die mir die Polizei abgenommen hat. Wo sind sie? Meine Kleider? Wo ist mein Baregekleid, das Linonkleid? Ich gehe heute nicht von der Stelle hier, bis ich meine Sachen habe.

Damit stampfte sie auf, stemmte beide Arme in die hohen gewolbten Huften und gab ihrem in der That edelgeformten plastischen Kopfe den Ausdruck des widerwartigsten Hohnes und Stolzes.

Murray erwiderte in aller Ruhe:

Da kannst du lange warten, mein Kind!

Murrkopf! antwortete Auguste, sich noch zahmend.

Bleib' dann nur lieber gleich hier! Sonst nicht! sagte die schwarze Binde.

Auguste farbte sich kirschroth. Sie warf die Arme auf den Rucken und trat mit einer so kecken Geberde auf Murray zu, dass dieser einen Augenblick, wie in seinen Nerven erschreckt, beweglich zuckte.

Auguste, ihren Vortheil wahrnehmend, rief:

Wirst du vernunftig sein oder ...

Oder? wiederholte jetzt der Alte ...

Oder sagte das wilde Frauenzimmer und streckte beide Arme aus, als wollte sie den Alten an der Schulter fassen.

Da aber anderte sich die Stellung. Murray schien sich gefasst zu haben und wahrend die schonen muskulosen Arme des frechen Madchens an seiner Schulter zerrten, zog Murray die Schulter in rascher Bewegung zuruck und packte die beiden niederfallenden Arme des Madchens mit einer kraftigen Wendung so an den Handgelenken und druckte diese mit furchtbarer Gewalt so einwarts, dass die Angreiferin mit einem unwillkurlichen Schrei sich bucken und lang vor ihm auf die Knie sturzen musste.

Da ist dein Platz! sagte Murray zurucktretend, mit bebender und furchtbarer Stimme, und wenn ich mich nicht anders besinne, schliess' ich dich hier ein und lasse nicht Sonne, nicht Mond mehr auf dich scheinen, Elende!

Murray hatte in diesem Augenblick sich wie umgewandelt. Seine Arme verriethen eine jugendliche Kraft. Nichts mehr erinnerte an die Schwache des Alters. Er schien wie gewachsen. Der gekrummte Rukken streckte sich empor. Die Perrucke erhob sich und die schwarze Binde lag nicht mehr auf dem einen Auge, das eben so funkelte wie das andere und nicht den geringsten Fehler zu haben schien.

Auguste erhob sich langsam und achzend und an ihren Handgelenken reibend, mit einer Scheu, als wenn ein Thier im Kafig plotzlich die Kraft der menschlichen Bandigung gefuhlt hatte. Weniger die uberraschende physische Kraft des Fremden, als der Blick seiner Augen war es, der sie zahmte. Verwunschungen murmelnd kehrte sie auf ihren holzernen Sessel zuruck und schwieg und stutzte die Hand in den wie dreieckigen Schooss, der sich ihr mit dem einen ubergeschlagenen Bein bildete.

Du bist so schon, Auguste, begann Murray jetzt ruhiger und setzte sich ihr gegenuber, mit Sanftmuth, wie versohnt. Auguste, du hast kein schlechtes Herz. Wie wurd' ich sonst gehofft haben, den Strahl eines reineren Bewusstseins in deine umnachtete Seele werfen zu konnen? Aber verwildert bist du und wirst in deinen falschen Begriffen, in dem Mangel aller Erziehung zu Grunde gehen! Hasst' ich nicht dieselben Menschen, die du hassest, ich wurde nicht den kleinen Finger ruhren, Madchen, etwas fur dich zu thun, weil ich an dem Erfolg doch verzweifeln musste.

Auguste schwieg, dann warf sie die Lippen etwas auf, blinzelte mit den zugedruckten braunen Augen, schielte von der Seite und sagte schalkhaft und den Ernst des Augenblicks verwischend:

Pah! Gib mir lieber den Ring da an deinen verdammten Fingern, alter Junge! Das ist gar kein Herrenring. Den hast du irgend einer Dame gestohlen, als du noch jung warst und die Tugend nicht so schrecklich lieben musstest, wie jetzt, Alter! Schenk' mir den Ring!

Damit hatte sie schon den Finger Murray's ergriffen.

Doch krummte ihn dieser gleich wieder so gewandt, dass sie loslassen musste.

Wetter! schrie sie und blies auf ihren gequetschten Finger.

Ich wiederhole dir, was ich dir schon einmal sagte, fuhr Murray fort, ich biete dir Gluck und Freude drei Tage im Monat, in den ubrigen Entbehrung; aber an meiner Seite ... hier dies harte Lager, diese dunklen Fenster, diesen kleinen Spiegel, diesen Krug Wasser und an der Lampe dort Arbeit fur mich, fur dich, Arbeit an meiner und deiner Wasche ... sieh, ich konnte dir drinnen Leinwand zeigen, die ich schon kaufte fur meine Hemden, auch fur dich Baumwolle, wenn du stricken wolltest. Schame dich, wie zerrissen sind die Strumpfe, die du tragst ... schame dich ... nur die Handschuhe da an deiner Hand auszubessern bist du schon zu trage!

Auguste wurde uber diese Ruge uber und uber roth und zornig. Die Regung der Scham aber rasch bekampfend und wieder in ihren trotzigen Ton fallend, sagte sie:

Alter Narr! Was krachzst du da? Halte erst dein Wort, so werd' ich Nahterinnen haben! Es war nicht gesagt, dass ich dir die Geschenke zuruckstellen sollte ... Wo sind meine Sachen?

Ich behielt sie, sagte Murray, weil noch der dritte Tag deines Gluckes fehlte, wurde sie aber auch behalten haben am vierten Tage, wenn du nicht siebenundzwanzig Tage an meiner Seite, unter meiner Aufsicht, mit mir entbehrtest und mich erheitertest durch den Anblick deines Fleisses. Ich habe Bucher, ich wurde dir vorlesen. Ich zeichne, ich verstehe manche Kunst in Wachs und Thon ... ich wollte dich schon erfreuen, auch ausser den drei Jubeltagen, die ich dir versprochen hatte.

Auguste schuttelte den Kopf und schob die Lippen wie zum sarkastischen Spott.

Hast mich also betrogen, Alter! sagte sie. Auch um das Bild, das du von mir wolltest malen lassen. Gib mir das Geld, das es kosten sollte. Hab' ich nicht Anspruche darauf? Was kann denn ich dafur, dass sich dieser Pinsel von Maler in deine dumme Windbeutelei nicht einliess und das Bild nicht in einem Tage liefern wollte?

Warum nennen sie dich die Maler-Guste? fragte Murray. Warum drangtest du so um dein Bild? Es war nicht Eitelkeit allein. Du wolltest gemalt werden als du selbst, sagtest du, mit deinen Kleidern, deinen Ringen und Brochen, deinen Spitzen und deinem Shawl? Du wolltest, dass dein Name darunter geschrieben wurde! Ich bot dreissig Louisdors fur die Grille. Aber ... in einem Tage. Sonst nicht! Oder wenn du mir deine siebenundzwanzig Tage der Entbehrung hier in diesem Zimmer schenkest, so bestimmen wir deine nachsten drei fetten Tage fur das Bild ... dann wird es schon. Willst du so?

Bleib' da, Auguste! Lass deine Sachen holen! Ich hole sie selbst.

Auguste Ludmer gab keine Antwort. Starr brutete sie vor sich hin. Dann schuttelte sie den Kopf und sagte:

Ich kann nicht mehr, Alter. Ich kann nicht mehr.

Und gleichsam als druckte sie der zu ernste Gedanke an Das, was Murray Alles anregte, rief sie polternd:

Gib Geld! Ich habe Schulden. Ich werde gequalt, verfolgt, beschimpft. Und ich will nicht mehr so scheinen, wie ich war.

Wie du warst, Auguste? fragte Murray. Wie willst du nicht mehr scheinen? Warum nicht? Bist du weise geworden, ohne mich? Gott sei Dank, sage mir, dass du dich geandert hast, ohne mich!

Gabst du mir dann auf der Stelle hundert Thaler?

Wenn ich Proben sahe ...

Gabst mir meine Kleider, meine Ringe?

Proben! Proben!

Nicht zwanzig ... nicht zehn Thaler?

Nicht einen! Proben!

Murray! schrie Auguste jetzt und sprang wie ein wuthendes Thier auf, in ihrem Zorne nach etwas suchend, das sie an des Alten Schadel zertrummern konnte. Sie sah den Wasserkrug ...

Murray trat ihr aber entgegen, griff nach dem Wasserkrug, entriss ihr diesen in dem Augenblicke, wo sie schon nach ihm langen wollte, hielt ihn mit dem markigen Arme fest, hoch in die Hohe, so hoch, dass es fast schien, als ware der Alte viel grosser als die schlanke Buhlerin, und da sie ihn nicht ergreifen konnte oder sich vor seinen Augen furchtete, sagte er ruhig:

Gib mir eine kleine Probe und geh' und hole mir in diesem Kruge frisches Wasser! Ich setze einen Thaler drauf.

Auguste weinte vor Wuth. Sie riss an ihrem dunklen, glanzenden Haare, das in den kunstvollsten Flechten aufgebunden war. Das war gewunden wie Spitzenarbeit und duftete und strahlte und von dem zornigen Wuhlen der Hand ging dieser Schmuck nun auf und fiel in langen wie durchbrochenen sichelbreiten Flechten uber den entblossten Nacken und die Brust, diese an ihr so schon geformten Theile, die aber schon etwas mager waren in Folge der unregelmassigsten Lebensweise.

Murray betrachtete sie eine Weile, wie sie so erschopft einer Magdalena gleich sich auf das schmale Bett warf. Er betrachtete sie voll Ruhrung und sagte nach einer Weile:

Wenn du mir folgen wolltest, wurdest du wieder schon werden, Auguste!

Diese Bitterkeit verwundete sie tief, ohne sie zu reizen. Sie fuhlte die Wahrheit der Bemerkung und schwieg.

Nach einer Weile blickte sie bittend auf und sagte mit schmeichelnder Stimme:

Murray, gib mir Geld! Gib mir meine neuen Kleider! Du weisst nicht, dass ich Geld und Kleider haben konnte, wenn ich so fortfuhre, wie ich gewesen bin. Ich will mich bessern, aber so nicht, so dumm nicht, wie du es vorhast!

Mein Kind, sagte Murray ernst, ich verkenne die Pein nicht, die dir meine Vorschlage machen. Ich habe aber erlebt, die gewohnliche Art, wie sieh die Menschen bessern sollen, mislingt fast immer. Der Wille allein thut's nicht, die Gelegenheit muss da sein. Die muss den Willen unterstutzen. Ich bin ja ganz aufrichtig gegen dich! Ich bin ein Deutscher ... ich habe lange in England gelebt ... und nenne mich Murray ... weil ich englische Sitten und Manieren angenommen habe und ... meine Verwandten nicht wiedersehen mag ... Ich habe dir gesagt, dass ich in meiner Jugend ... unglucklich war ... und ein Verbrechen beging ... zu dem mich ... Hochmuth ... Dunkel ... und die Gelegenheit ... verleitete ... ein Verbrechen, Auguste ...

Ha! Sag' mir nichts weiter! Warum zittert Ihr? Ihr haltet ja die Hand da immer ... Teufel, was soll Das? Geht weg! Greift doch nicht ...

Auguste glaubte unter dem Rocke des Alten eine blitzende Waffe bemerkt zu haben.

Und Murray wusste kaum selbst, dass er wahrend der wenigen Gestandnisse, die er Augusten machte, schon vor Aufregung in die Rockbrusttasche gegriffen und ganz allmalig ein Terzerol in der Hand hatte, das er bei jeder neuen Thatsache, die er nun nicht mehr sicher bei sich in seinem Herzen wusste, immer mehr hervorzog. Wie er das Terzerol fast schon aus dem Brustlatz hervorblinken sah, besann er sich schmerzlichlachelnd, steckte es ruhig zuruck und bot der erschrockenen Auguste die Hand zur Beruhigung.

Auguste, sagte er, du bist nicht ganz gesunken, dein Herz ist den bessern Empfindungen zuganglich. Als man uns an jenem grauenhaften Morgen auf der Fortuna ergriff und mich fur verdachtig erklaren wollte, weil ich dir glanzende Geschenke machte und selbst arm lebte, furchtete ich, du wurdest die schwache Stunde, die ich dir gegenuber mich beschleichen liess, als ich in dir die Tochter meines Lebensretters, die Nichte jenes Weibes, das ich ...

Murray stockte ...

Sammelt Euch, Vater Murray! sagte Auguste weicher. Ei, habt Euch doch nicht! Ich werde Euch nicht unglucklich machen! Aber undankbar seid Ihr! Papa, komm ... gib mir nun Geld!

Das Pistol, sagte er, dabei lachelnd, ist nicht fur dich gewesen ... es ist ... vielleicht fur mich!

Die Maler-Guste erschrak uber dieses Wort. Ein Erschrecken bei solchen Naturen ist meist mit Zorn uber die Ursache des Schrecks verbunden.

Ach was! sagte sie argerlich. Du hast da schon zehnmal auf mich angesetzt und druckst das Ding auch nur auf mich los, Satan, wenn du glaubst, dir den Kopf zu sprengen. Geh weg mit dem Ding, alter Heuchler! Genug jetzt!

Sie sprang auf. Sie wollte keine Ruhrung, keinen Edelmuth mehr.

Ist Das der Dank? sagte sie polternd. Ich hatte dich in der Hand, Alter! Der Oberkommissar setzte mir Daumschrauben. Ich sollte sagen, was ich von dir wusste! Ob du wirklich ein Englander warest? Wo ich dich kennen gelernt hatte? Ich sagte: Geht! Damals als ich nach Hamburg wollte und mir einen Pass holte, da stand ja der Alte, der den seinigen visiren liess und eine Aufenthaltskarte loste, neben mir und wie ich meinen Namen genannt hatte und die Herren Anstande nahmen und lauter Schandlichkeiten zu mir sagten und lachten und eine vertrauliche Sprache sich mit mir erlaubten und mich auf morgen beschieden, da folgte mir ja der Alte und knupfte ein Gesprach an und fragte mich aus ...

Da sagtest du, ich hatte dir verrathen, dass ich deine Altern, deinen Vater, der Gefangnisswarter in Bielau war, kenne ...

Wo wurd' ich denn Das sagen? Pfui Papa!

Nun! Was sagtest du?

Ich sagte: du hattest mir deine Freundschaft angeboten, wie eben ein Alter einem jungen Madchen seine Freundschaft anbieten kann; du wolltest mir Geschenke machen, aber manchmal musst' ich wieder mit schlechten Zeiten vorlieb nehmen ...

Hoho! Das war schlimm ausgedruckt, wenn auch gut gemeint, Kind! Das heisst doch bei Denen nur, dass ich ein Spitzbube bin, der zuweilen Gluck, zuweilen Malheur hat.

Was ist es denn auch anders, Papa? lachte die Unverbesserliche. Du wirst mir doch nicht weismachen, dass hinter der ganzen Komodie, die du mir vorschlugst, was anders stecken kann als ...

Paschergluck? sagte Murray und schuttelte den Kopf uber die Halsstarrigkeit eines Menschen, der einmal nicht glauben will.

Nein, mein Kind, sagte er zitternd. Du bleibst hartnackig in deinem Irrthum und wie oft sagt' ich dir ...

Halte nur die Hand da fort!

Wie oft sagt' ich dir, als ich deinen Namen auf dem Passbureau horte, ergriff mich Freude. Ich komme vom Meere und du bist das erste Wesen, das mich an meine vielverworrene Vergangenheit erinnert! Wie weh that es mir, als ich an den Mienen der Schreiber sah, wie es mit deinem Rufe steht! Ich erkannte die Zuge deines Vaters in dir wieder, dieses edlen Menschen, den ein rauher und jammervoller Lebensberuf nicht zum herzlosen Sklaven und thierischen gehorsamen Knechte fremder Willkur gemacht hatte. Er sollte mein Morder sein und ward mein Lebensretter ...

Zu seinem Ungluck wol; denn ich entsinne mich als Kind, dass es ihm schlecht genug ging.

Ich glaube Das! Er hatte eine Weisung nicht befolgt, die dahin lautete, mich ohne einen Strick oder ein Messer, ohne einen Tropfen Blut zu ermorden ...

Die Maler-Guste stutzte zu dieser Eroffnung. Diese Beziehung Murray's zu sich und ihren Altern hatte sie nicht erwartet ...

Ja, sagte Murray mit gedampfter Stimme. Ich war ein Verbrecher, Auguste! Jugendlicher Leichtsinn liess mich fehlen. Worin? Ich kann es dir nicht sagen. Ich beging etwas, was nach leichterer Auffassung vielleicht kein Verbrechen, vielleicht Keckheit, nur Leichtsinn und der Beweis einer grossen Kunstfertigkeit und Geschicklichkeit ist. Aber der Staat will sich schutzen und nennt meine That ein Verbrechen. Ich verfiel einem Urtheil, das mich auf zwanzig Jahre in Schmach und Schande warf. Das ist: auf ewig! Ewig! Und doch war ich noch jung! Ich konnte hoffen, den Rest meines Lebens noch irgendwo jenseit des Meeres in Ehren, in gelauterter Busse, hinzubringen. Denn, Auguste ... ich hatte ein Verbrechen begangen, das nur aus dem Hochmuthe kam. Aber es gab Menschen, die meinen Tod wunschten. Menschen, die mich geliebt hatten, weil ich nicht immer so gebuckt schlich, Auguste, wie jetzt. Menschen, die mich geliebt hatten, weil ich Geist, Talent, weltliche Liebenswurdigkeiten aller Art besass. Und da ich sie betrog nein, was sag' ich da sie sich selber betrogen hatten, hassten sie mich. Sie furchteten meine Auferstehung von der Schande, meine Flucht, mein Ausbrechen aus dem Gefangniss, und wollten sich diesen Augenblick in der Zukunft sichern. Sie befahlen sie hatten die Mittel dazu sie befahlen, dass man mir einen gewissen Kerker in Bielau anwies, der so ungesund, so durchgiftet und verpestet war, dass man in kurzer Zeit dahinsiechen, vom Faulfieber verzehrt werden musste. Neun Monate des Jahres stand in diesem Kerker das Wasser eines schmuzigen Flusses und Jeder, der nur einige von diesen Monaten in ihm zugebracht hatte, war dahingestorben. Ich wurde auf rathselhaften mir aber erklarlichen Befehl gerade in dies Verliess geschleppt. Nach drei Wochen schon, wo ich auf einem verfaulten Strohlager ruhen sollte, wo ich es, um es vor der aus den Wanden sickernden Feuchtigkeit zu schutzen, bald hier-, bald dahin breitete, verfiel ich in Krankheit. Man brachte mich in einen gesunderen Gewahrsam. Ich genas, ich hoffte auf Abfuhrung in eine entfernte, gemeinsame Strafanstalt. Aber nein, wieder der Befehl, mich in jenes unterirdische Gemauer zu bringen, dessen einzige trockene Stelle eine Nische in der felsendicken Wand war. Warum man mich nicht in der Strafanstalt arbeiten, mich nicht unter die ubrigen Gefangenen dieser kleinen Festung mich mischen liess, war mir wohl begreiflich. Man wollte meinen Tod! Ich erzahlte mein Leid deinem Vater, der Gefangnissschliesser war, und Schaudern ergriff ihn, als er wohl einsah, dass es Menschen gab, die einen Entehrten, aber Reuevollen, todten wollten, und er kannte diese Menschen mehr als Andre! Er wusste, was sie im Stande waren; er wusste, was sie ja von ihm selbst verlangten ... Hiess doch dein Vater Ludmer! War er doch der Verwandte ... Doch genug! Auguste! Dein Vater war besser als sein trauriges Amt. Er liess mir, ob aus Menschenliebe, ob aus Zorn, dass er Ludmer hiess und nur Gefangene huten musste, weiss ich nicht, die Mittel, die Nische zu erweitern, zu durchbrechen, zu entfliehen. Er sah nicht, wollte nicht sehen, dass ich an meiner Befreiung in den Nachten arbeitete. Furchtbar stieg fur mich die Gefahr. Denn der Kerker stand unter dem Spiegel des Flusses und nur die Nische lag hoher. Ach, zuweilen bei hohem Wasserstande kam die Flut von draussen auch dieser Nische gleich und in einer sturmischen Fruhlingsnacht, wo ich die letzten Steine wegruckte, brach der ganze Strahl des Wassers durch die glucklichgewonnene Offnung! Erschopft von der Arbeit, zum Tode erschreckt von der nun unmittelbar vor meinen Augen schwebenden Gefahr, sank ich nieder; furchtbar stromte die schmuzige Woge durch die Lucke der Mauer. Da stopfte sie sich durch irgend etwas draussen plotzlich von selbst. Ich langte hinaus, soweit ich uber das Wasser noch sehen konnte. Ich fasste etwas Holzernes, einen Gegenstand wie ein sich vorlegendes Bret. Aber das Bret liess sich zuruckdrucken, es schwankte. Es war ein Kahn, den dein Vater hatte herantreiben lassen, als ware er etwa losgerissen durch die Fruhlingssturme. Freude und Furcht wirkten gleich entsetzlich auf mich. Denn wie, wenn ich durch die Offnung hindurch gekommen ware und hatte zwar den Kahn, aber nur in der Entfernung gesehen! Der Abfluss durch die Offnung machte gerade, dass der Kahn zu mir herantrieb ... Ich griff hinaus und druckte das eine Bord des Fahrzeuges fast schon mit letzter Anstrengung so herab zur Offnung, dass eine Weile das Einstromen gestopft war. Dann hielt ich mit dem linken Arme mit Riesenanstrengung das Holz der Planke fest und erweiterte mit der rechten die Offnung ... immer machtiger stromt das Wasser ... aber die Offnung wachst; endlich drange ich mich durch die Ritze ... sie ist weit genug die Schultern durchzulassen ... schon bin ich mit dem Vorderkorper in dem Kahne, die beiden blutenden Hande langen nach der Weitung des Fahrzeuges, ich fasse mit letzter Anstrengung die gegenseitige Planke, liege halb uber der Hohlung und drucke den Kahn in die Wogen nieder ... aber nur muhsam zieh' ich den ohnmachtigen Korper durch die Mauer ... die Huften bleiben in der engen Offnung stecken ... ich brauchte eine halbe Stunde um neue Kraft zu schopfen ... dabei der Sturm, dabei das Brausen des Flusses, das Niederprasseln von Fensterscheiben, die in dem Wetter zertrummern, das Rufen der Wachen und Ablosungen, das Schlagen der Uhren aus dem Stadtchen unterwarts des Flusses, der verzweifelnde Blick auf das Morgengrauen ... ach, ich dachte zu sterben, denn meine Krafte drohten ganzlich zu schwinden. Da versuch' ich eine letzte erneuerte Anstrengung. Der Korper zwangt sich durch, ich sinke der Lange nach in den Boden des krampfhaft von mir festgehaltenen Kahnes, der, befreit vom herunterziehenden Druck meiner Hande, aufschnellt und mich in der Dunkelheit der Nacht von dannen fuhrt. Ich schwamm dem Stadtchen zu, gerieth unter eine Menge kleiner Schifferbarken, die festgebunden in dem Hafen des kleinen Flusses lagen ... Ich war gerettet, durch Gott, aber auch durch den Verstand, den Vorschub, die Gute deines Vaters. Er hatte meine Arbeiten an der Nische wohl bemerkt, er hatte sie wohl verschwiegen; er hatte mich spitze Instrumente auf einzelnen Erholungsgangen finden lassen. Er hatte die Gefahr des Durchbruches uberlegt. Deshalb der Kahn! Ich entfloh und konnte ihm nichts zurucklassen als die Gefahr der Strafe fur ihn selbst. Ich schrieb ihm einige male von Amerika. Ich schickte Geld, erhielt aber nie eine Antwort. Wie wollt' ich ihm danken, jetzt nach meiner Ruckkehr aus Amerika! Ich find' ihn todt, sein Weib todt, nur dich, sein Kind, find' ich wieder. Ich finde dich ohne Schutz, ohne Liebe, ohne Halt im Leben, gesunken, elend, Auguste ...

Murray schwieg. Die Horerin schien geruhrt. Doch diese Stimmung wahrte bei dem abgestumpften Gefuhle des Madchens nicht lange. Bald sagte sie:

So konntet Ihr mir die Mittel geben, bester Murray, dass es mir gut ging. Euer Geld ist nie angekommen.

Nein, Auguste! sagte schmerzbewegt der von seiner Erzahlung mehr als Auguste erschutterte Alte; was sind Mittel? Vergangliche kleine Schutzwehren! Womit hatt' ich die Bresche in der Mauer stopfen sollen, dass der Strom mich nicht uberflutete! Einen rettenden Kahn trieb der Abfluss der Woge heran. Den packt' ich mit diesen Handen, an dem krallt' ich mich ein und von ihm wurd' ich fortgetragen. Denkst du denn, dass ich in Amerika mich dadurch geandert habe, dass ich auf meinen alten Wegen blieb und mir nur vornahm, nicht glanzend leben zu wollen? O, nein! Die alten Wege mussten ganz und fur immer vermieden werden. Eine ganz neue Bahn nur sichert vor den alten Irrwegen. Wer hat die Macht, nach seinem Willen gut zu sein? Wer kann sagen: Ich bekampfe, zahme, fasse mich! Wenige nur. Nur Die Menschen konnen's, die schon gut sind und nur noch ganz weise werden wollen.

Aus Schwarz in Weiss ubersetzen wir uns nicht! Und was ist Grau? Ein jammerlich Mittelding!

Du glaubst, Murray, sagte Auguste, dass ich nicht mehr auf die Balle gehe, nicht mehr Liebhaber annehme, nicht mehr Schulden mache und Champagner trinke, wenn ich mir drei Freudentage durch siebenundzwanzig Fastentage erkaufe?

Das glaub' ich ...

Du willst durch die drei Tage mich nur reizen, dass ich mir die andern gefallen lasse?

Das dacht' ich ...

Und diese drei Tage sollen die prachtigsten von der Welt sein?

Wie sie keine Tanzerin sich besser wunschen kann, Auguste ...

Auguste schwieg eine Weile und schien sich den Vorschlag Murray's, den sie schon oft erwogen hatte, ja sogar schon einmal eingegangen war und beim ersten Neuheitsreize fast durchgefuhrt hatte, noch einmal zu uberlegen. Sie sah sich das Zimmer an, das Bett, den Wasserkrug ... dann aber schuttelte sie den Kopf und erklarte:

Bester, Das haben wir schon Alles gehabt! Hier in Nr. 17 dieses schandlichen Hauses wohnte ich ein paar Monate und wollte arbeiten ... es ging nicht. Ein Alter, hasslich wie du, aber verliebter, besuchte mich und belog mich mit einer Menge Verheissungen, die er nicht wahr machte. Da brannt' ich hier durch und wollte nach Hamburg. Dann kamst du. Ich horte dir gern zu, wenn du von der Besserung sprachst, du klimpertest dabei in der Tasche mit Geld und machtest mir Komplimente, wie ich sie nicht immer hore. Du wolltest meinem Vater dankbar sein. Der Vater ist fruh gestorben, die Mutter nach ihm ... ich horte dich gern von ihm erzahlen und die Tante, die mich erziehen sollte, hasstest du, wie ich ... Da freut' ich mich, in ein Ohr, das geduldig zuhorte, mich recht austoben zu konnen. Ich ging auf deinen Vorschlag aus Zorn ein. Du weisst, wie er schon am Morgen des dritten Tages abgelaufen ist. Ich war erst wuthend auf dich. Ich wollte abwarten, dass du mir deine Geschenke wiederschicktest; sie kamen nicht, du liessest mich einladen, hierherzuziehen und unsere Abrede auszufuhren. Ich lachte dich aus. Da ist denn etwas gekommen, was mich ganz von dir abzog ... Ich war neulich bei der Tante ...

Auguste stockte. Murray horchte.

Bei der Ludmer? sagte Murray, und man sah ihm an, wie ihn dieser Name entflammte.

Das Madchen fuhr fort:

Eines Tages, vor drei Wochen, war ich bei der Tante ...

Du sprachst zur Ludmer von mir, Auguste? Thatst du Das? rief Murray.

Ich spreche zu Niemanden etwas von Dingen, die mir als Geheimniss anvertraut sind, sagte Auguste nicht ohne Stolz.

Was thatest du bei der Tante? forschte Murray sich beruhigend.

Die Maler-Guste schwieg einen Augenblick, dann fing sie leiser und fast lachelnd an:

Hore mir zu, Alter! Ich will dir jetzt auch eine Geschichte erzahlen. Es ist leicht moglich, dass du deine Absicht, meinen Altern im Grabe eine Freude zu machen, indem du mich auf andere Wege fuhrst, noch erreichst, aber horst du, Alter, auf andere Art. Jetzt pass Acht!

Ich lerne gern. Ich weiss, Gott hat viele Wege, uns zu bessern. Sprich! sagte Murray, und sein Auge leuchtete mild und voll Hoffnung.

Wie mein Vater starb, erzahlte Auguste, und bald nach ihm, wie wir von der Festung hierherzogen, meine Mutter, war ich eine Waise von etwa sechs Jahren. Die Leute, die mich weinen sahen, erkundigten sich nach meinen Angehorigen und sie erfuhren denn, dass ich eine Tante hatte, die Schwester meines Vaters, der seinen Dienst der Gnade verdankte, dass diese stolze, vornehm gewordene Person sich einmal seiner erinnerte. Es war die einzige gewesen. Spater aber kam eine Zeit, wo sie besonders wieder freundlich und zuthunlich sein sollte ...

Die Zeit meiner Gefangenschaft ...

Dann zog sie aber wieder ihre Hand zuruck ...

Die Zeit meiner Flucht!

Hier, als ich Vater und Mutter verloren hatte, straubte sie sich mit Gewalt dagegen, etwas fur mich zu thun. Ein altes Kleid gab sie zuweilen her, das fur mich verschnitten wurde. Eine halbe Bettlerin bekam mich in Obhut und Pflege und erhielt dafur nicht mehr als ein Almosen.

Wie hiess diese Frau?

Ah, wir nannten sie nur die alte Lene. Sie ging bei der reichen Frau von Harder ab und zu, bettelte, trodelte.

Murray schien auf einen Namen gewartet zu haben, der offenbar nicht mit der alten Lene ubereinstimmte.

Auguste fuhr fort:

Der Lene gaben sie mich mit wie einen alten ausgetretenen Schuh. Sie sollte sehen, was aus mir noch zurechtzuflicken war. Wenn ich klagte, dass ich hungerte, wenn ich zur Tante lief und weinte, trostete sie mich, sie wurde mich noch einmal an einen schonen Ort schicken, in einen grunen Wald, zu einem Forster und einer andern Tante, die sie immer ... o wie nannte sie sie?

Ursula? rief Murray und legte die Binde hoher auf die Stirn.

Ursula Marzahn! sagte Auguste selbst erstaunt, dass ihr der Name einfiel.

Ursula Marzahn? Und du kamst dorthin? In den Wald? In welchen Wald?

Was weiss ich! Welcher Wald! ... Der Mann der Ursula starb, sie sollte wieder heirathen und der Mann, den sie wollte, mochte sie nicht ...

Sie musste damals schon den Funfzigen nahe sein.

Ich kenne sie nicht.

Du kennst sie nicht ... Nun ... Fahre fort!

Ich will in das Jagerhaus, sagt' ich oft, wenn die alte Lene mich geschlagen hatte und zum Betteln zwang. Die Tante gab mir dann wol einen Groschen, liess mich aber wieder laufen und sorgte nicht fur mich. Einstmals, als man mich aufgegriffen hatte, weil ich, als nun schon zwolfjahriges Kind, mit Schwefelholzern hausiren ging und Auskunft uber Die geben sollte, fur die ich auf den Strassen und in den Hausern so zudringlich bettelte und die alte Lene genannt hatte, wurde diese festgesetzt. Sie hatte eine formliche Gesellschaft von Kindern abgerichtet, die alle fur ihre Rechnung Schwefelholzer, Band oder Blumen verkaufen mussten. Jeden Abend um neun Uhr kamen die Kinder in ihre einsame Lehmhutte vor'm Thore, fast im Felde, wo sie wohnte, brachten ihr das eingenommene Geld, empfingen einen kleinen Antheil und bekamen neue Waare. Wer des Tags nichts eingenommen hatte, bekam keine Vorrathe mehr. Wer Geld unterschlagen hatte, wurde von ihr mit einem Besen gestaupt und jammerlich geschlagen. Sie wohnte so einsam, dass die Nachbarn das Geschrei nicht horen konnten, wenn wir oft wohl an zwanzig Kinder, die da- und dorthin gehorten, mit unseren Korben standen und ihr beim Scheine einer alten Laterne Nachts im Lehmhofe unsre Pfennige vorzahlten. Wie zitterten wir vor der Alten, wenn unsere Ernte nicht reich war, oder wir uns hatten beigehen lassen, etwas zu naschen! Sie wurde aber nun eingesteckt, die Kinder, die sie misbraucht hatte, wurden der scharfern Sorgfalt ihrer Angehorigen, wenn sich welche finden liessen, anempfohlen; ich der Tante Ludmer. Diese vor Zorn, dass ich ihr ein polizeiliches Gerede gemacht hatte, schickte mich, da der Herr von Harder Geheimrath und Aufseher aller koniglichen Garten geworden war, nach Solitude, wo ich beim Gartner arbeiten sollte. Eine Zeitlang gefiel mir's da recht wohl. Ich bekam doch zu essen! Ich wurde grosser, starker und entwikkelte mich. Vom Lernen war keine Rede und Gott sei's geklagt, ich kann kaum meinen Namen schreiben, Alter!

Konnt' ich dir etwas von meiner schonen Handschrift abgeben! sagte Murray und zeigte auf ein Papier, wo er Einiges notirt hatte, was Auguste nicht verstand, auch in ihrer Aufregung nicht erkannt hatte, wenn sie uberhaupt lesen konnte.

Ja, sagte Auguste, du bist ein Tausendkunstler. Und gewiss hast du auch einmal deshalb sitzen sollen, weil du falsche Wechsel machtest? Was?

Etwas Ahnliches, mein Kind! sagte Murray ernst.

Bei dem Schlossgartner, fuhr Auguste fort, blieb ich zwei Jahre. Er trieb auch Landwesen. Das gefiel mir Alles recht wohl. Ich kann es sagen, dass ich in ein solches Geschaft Lust und Geschick habe. Schon auf den Wald, von dem die Tante immer sprach, hatt' ich mich gefreut! Ich kannte das grune Feld nur von den Schlagen her, die wir draussen in der Lehmhutte der alten Lene bekamen, Garten nur von den zusammengemausten Blumen, die wir verkauften. An Solitude denk' ich gern zuruck. Ich war zwei Jahre draussen, freilich nur als gemeine Magd, die das Heu zu mahen, die Kuhe zu melken hatte. Auch die Milch trug' ich in die Stadt, wenn eine altere Magd krank war. Um diese Magd kam ich fort. Sie behauptete, ich hatte genascht und gestohlen, und ich weiss es nicht, ob es wahr ist. Das Naschen glaub' ich wohl, das Stehlen war aber doch sonst meine Sache nicht, und das Lugen ganz und gar nicht. Genascht, Alter? Ja, ja, sie mag Recht haben. Aber am meisten hasste sie mich, weil ich so allmalig bei guter Kost und tuchtiger Arbeit ein schones Ding geworden war und allen Mannern gefiel. Die Bursche stellten mir schon von dreizehn Jahren nach und einige hatt' ich schon fresslieb. Aber curios! Die ganz jungen mocht' ich nicht. Ich war ein Ding von vierzehn Jahren, als ein Inspektor Namens Mangold auf Solitude kam und den ganzen Park wie neu umpflanzte. Da wurden Baume gesagt, Wiesen ausgeschnitten, das Wasser wurde anders geleitet und eine Menge Menschen fanden dabei ihr Unterkommen. Der Gefalligste und Artigste war aber der Inspektor Mangold selbst. Der war nicht mehr ganz jung, aber artig, hoflich und ich kann dir nicht sagen, Alter, was Hoflichkeit auf mich wirkt. Ich habe die schonsten und vornehmsten Jungen spater nicht gemocht, weil sie zu mir kamen, sich auf mein Sopha flegelten, betrunken waren und mich dutzten. Ein schuchterner, manierlicher Mensch aber thut mir's gleich an und wenn er auch arm ist. Der Gartner und alle seine Gehulfen waren grob und derb, Mangold nicht, und in den waren auch alle Madchen verliebt, am meisten aber die Magd, die der Gartner zur Haushalterin und Wirthschafterin genommen hatte. Die passte mir auf! Die verhetzte mich! Denn ich verrieth mich gleich und sagte ganz laut: Den Inspektor nahm' ich, wenn er auch zehnmal einen rothen Bart hat und ich nahm' ihn auch ohne lang Heirathen ... Ich muss lachen ...

Uber die fruh entwickelte Grossmuth deines Herzens? sagte Murray bitter lachelnd.

Das sollst du gleich horen, Papa! Damals kam mir der Inspektor schon wie ein Bild vor. Ich verehrte ihn und hatte ihm eigentlich blos mogen immer die Hand kussen. Und weil ich Das einmal sagte und er, als ich ein paar Blumenstocke richtig gebunden hatte und auf dem Grase kniete, mir auf die zufallig nackten Schultern hinten klopfte und die Wirthschafterin sah's am Fenster, da musst' ich fort. Ach, was hab' ich geweint! Es half nichts ... Ich kam in eine Fabrik, wo ich zur Predigerlehre angehalten und confirmirt wurde. Die Arbeit in der staubigen Fabrik man machte wollene Decken und haarige Filze konnt' ich nicht ertragen. Meine Brust war so an frische Luft gewohnt ... Ich war auch durch die Feldarbeit schwer in den Gliedern, trage und traumte viel. Die Madchen, die mit mir arbeiteten, erzahlten nichts als Possen und Luderlichkeit. Alter, da wurd' ich schlimm! Nicht in Wirklichkeit, sondern in Gedanken! In Gedanken kusst' ich jeden Mann, den ich sah und der mir gefiel. Wenn ich schlief, so kusst' ich das Kopfkissen und druckt' es, weil ich dachte: das ist Der oder Der! Mit der Fabrik war's nichts! So kam ich in einen Dienst bei einem beruhmten Maler. Ich nahm diesen Dienst lieber als andere, weil das Haus dieses Malers er heisst Berg in den schonsten neuen Strassen, unter Garten und Blumen liegt und ganz herrliche Baume in der Nahe hat. Da fand ich aber meinen Untergang, Papa! Ein schoner junger Mann sah mich immer so verliebt, so scharf und schmachtend an, dass ich ihn selber hatte verzehren mogen. Er lernte die Malerei bei meiner Herrschaft. Der junge schone Maler hiess Heinrichson ... ach, Alter, ich sage nichts mehr. Es lag mir schon in den Augen. Die hatten so einen Zug, so eine Sucht ... Die Blume wollte an die Luft und die Teufelsbilder und das schone Haus und der Garten und die jungen Manner und mein Blut, alle hatten mir's angethan und ich lag dem schonen Manne im Arm so unversehens wie Einer fallt und nicht weiss, wie er auf die Erde kommt. Das muss so mit den Schlangen sein, denen die Thiere in den Rachen laufen, als wenn es zur Hochzeit ginge! Ich sah und horte nun, dass es Frauen gab, die sich entschlossen, den Malern fur ihre Bilder, wie sie gewachsen sind, zu sitzen. Wie ich Das horte, Alter, uberlief's mich siedendheiss. Der Professor, ein guter Herr, sah mich auch oft so sonderbar an, als wollt' er sagen: dich hat Gott zu etwas Anderem erschaffen, als mir hier die Stube zu kehren und den Ofen einzuheizen! Aber der Meister sagte mir nie etwas von meinem Wuchs. Nur die Schuler und Heinrichson verlockten mich. Aber von den Andern mocht' ich's nicht horen. Ich schamte mich und lief fort, wenn sie davon anfingen, ich sollte ihnen sitzen. Da lockte mich aber Heinrichson einmal auf sein Zimmer ... die Schlange!

Rege dich nicht auf, Auguste! sagte Murray zu dem Madchen, das zu zittern anfing ...

In Gedanken, fuhr sie fort, in Gedanken war ich langst gefallen. Seit ich an die Maler dachte, die ihre Bilder nach wirklichen Menschen malen, war mir's am hellen Tage, wo ich ging und stand, als hatt' ich keine Kleider mehr an. Ich wurde roth und wusste nicht woruber. Ich bedeckte mich bis zum Hals und kam mir vor, als musst' ich mich schamen. Ich sah mich immer, wie mir Heinrichson einmal zugeflustert hatte, wie er mich so wunderschon malen wolle. Was soll ich sagen? Ich gab ihm doch erst meine Liebe und dann erst meine Scham und Tugend ... Ach, Alter, Das ist ein Teufel!

Er wollte nur deine Schonheit, war herzlos, nachdem er sie gewonnen hatte?

Alter, dem Heinrichson, so toll ich ihn liebte, dem hatt' ich spater manchmal das Herz aus der Brust reissen mogen; aber er hat kein Herz! Er nahm mich vom Professor weg, miethete mir eine Wohnung, besuchte mich taglich, zeichnete, malte mich ...

Nicht allein, Auguste? Es kamen Freunde mit ihm ... ihr schwarmtet, ihr tranket ...

Ja! Ja! Murray! Aber das Kind war von ihm ...

Welches Kind? fragte Murray erschrocken.

Es ist todt, sagte Auguste dumpf. Es starb zu rechter Zeit. Als Heinrichson von mir eine Mappe voll Zeichnungen und ich von ihm das Kind unter'm Herzen hatte, verliess er mich ... nein, Murray, ich war nicht untreu. Er, er schickte nur die Freunde, die mich zeichnen sollten! Er wollte, dass ich Allen gehorte, gemeinsam war ... wie ein Soldat, ein Kunstreiter, ein Trodler mit einem langen Bart, wo sie zusammenschiessen und Jeder fur seinen Thaler ihm ein Stuck vom Leibe abzeichnet. Als ich aber das Kind trug, Alter, so nutzte ich Keinem ... Ha, ha, da war ich die Venus nicht mehr, um die sie einen rothen Purpurmantel schlugen und als ich Mutter war ... hiess es ... meine Schonheit hatte den Rest gekriegt ...

Auguste schluchzte ... Ihre Erzahlung erstickte ihre Thranen.

Murray schonte ihren Kummer, so sehr er sich auch nur auf das Gefuhl der verletzten Eitelkeit zu stutzen schien.

Das Kind starb ... sagte er weich und theilnehmend.

Ha, rief Auguste, aber die Mutter wollte leben, leben, aus Rache um diesen Vater leben! Sie lebte auf! Sie fluchte dem Elenden, der gesagt hatte: Deine Formen nehmen ab! Er nur hatt' es gesagt, weil er zu viel Andere lieben musste und sich nicht theilen konnte. Er nur, der heute bei einer Vornehmen, morgen bei einem Burgermadchen ein Rendezvous hatte! Der Elende! Sein Kind war todt, aber die Mutter lebte!

Lebte! rief Murray. Nennst du Das Leben, dass du nun einen geistigen Tod starbst? Nennst du Das im Sonnenstrahl aufbluhen, dass du nun ein Kind der Nacht wurdest? Den Sonnenstrahl fliehst du, wie er dich auch aufsuchen moge, um dir in's Antlitz zu leuchten und dich an Besinnung und Umkehr zu mahnen! Kehre um, Auguste! Noch stehst du nicht so tief auf der Leiter, die hinunter in den Abgrund fuhrt, dass es sich nicht noch lohnen sollte, wenn du deine letzte sittliche Kraft zusammennahmest und wieder aufwarts stiegest!

Auguste schwieg. Der Gedanke an ihr Kind, an den Anfang ihrer Irrgange, an Heinrichson hatte sie zu heftig erschuttert. Sie stiess sich den alten Tisch, der in ihrer Nahe stand, mit dem Fusse heran und stutzte den Kopf auf, dessen zierlicher, wie zur Festesfreude aufgebundener Haarschmuck in einem seltsamen Abstich war gegen ihre plotzlich leidenden und schlaffen Zuge ...

Nach einer Weile fuhr sie fort:

Papa, hore, ob sich vielleicht noch etwas aus mir machen lasst!

Sprich, Auguste! antwortete Murray voll aufmerkender Theilnahme ...

Die Tante hat in meinem Elend nichts mehr fur mich gethan, sagte Auguste. Wie oft fleht' ich sie fast fussfallig an, mich aus dem Jammer herauszureissen! Sie verbot mir, das glanzende Haus des Geheimrathes zu besuchen, ja sie untersagte mir, mich ferner nur ihre Verwandtschaft zu nennen. Der Geiz, der sie brennt und aufzehrt

Ist sie so geizig, die Ludmer?

Geizig wie du! sagte Auguste ...

Murray lachelte.

Der Geiz und die Sparsamkeit fur den Oberkommissair Pax, den sie ihren Vetter nennt als wenn der mein Bruder ware! machte, dass sie mir jede Unterstutzung entzog. Heinrichson mocht' ich nicht bitten; den hasste ich. So fuhrte mich das Elend soweit, als du mich angetroffen hast. Die Tante drohte schon oft, mich gewaltsam von hier wegbringen zu lassen ...

Ist sie so tugendhaft die Ludmer ...

Haha! Wenn sie wie ihre Herrschaft ist!

Wie Pauline?

Heisst die Pauline?

Die Geheimrathin von Harder ...

Die ist alt und hasslich und nimmt doch noch auf, was ich wegwerfe ...

Was du wegwirfst?

Vor Eurer Ankunft, Papa, war mein Elend am hochsten gestiegen. Ich wollte fort, nachdem ich die Tante so auf's Blut gereizt hatte, dass sie in ihrem Zorn ein Bund Schlussel nach mir warf, die mir fast das Auge ausschlugen.

Sie ist wild!

Da kamst du, Papa ... Dann war es auch mit dir nichts ... Dein Contrakt wurde mir zu schwer und eigentlich ging ich ihn nur ein, weil ich wieder einmal gemalt sein wollte, aber als Auguste Ludmer, als ich selbst, nicht als Venus mit dem rothen Mantel! Aber unsere Sache endete in der Fortuna. Ich musste sitzen, wie du! Was wirst du dann anfangen, sagte ein Herr, der am dritten Tage, dass ich sass, in mein Gefangniss kam, was wirst du dann anfangen, wenn du frei bist?

Am dritten Tage? ein Herr? Doch nicht ein Franzose?

Ein alter Franzose in feinem Rock mit Orden ...

Einer weissen Weste und einem rothen Notizbuche in der Hand ...

Der!

Der dieselbe Frage auch an mich richtete: Murray, was werden Sie dann anfangen, wenn Sie frei sind? sagte er zu mir. Was antwortetest du?

Ich sagte: Mein Herr, ich fange nie etwas an, ich lass' es gehen, wie es Gott gefallt! Da lachelte er und ich sah sogleich den Fuchs

Den Wolf im Schafspelz!

Er wollte meine kunftige Wohnung wissen und schielte mich an, als hatt' er mich zu taxiren ...

Du irrst doch wohl, Auguste. Dieser Mann heisst Murray griff nach der Visitenkarte Sylvester Rafflard und ist ein Abgesandter fremder Vereine, die sich die Verbesserung des Looses der Gefangenen, die Untersuchung der Gefangnisse, den Einfluss auf die kunftigen Schicksale der Verbrecher zur Aufgabe machen. Da ich mich nicht schuldig wusste und traurig war, gab ich ihm wenig Antwort. Ich bin uberrascht, dass er mich heute besuchen wollte. Ich fand seine Karte abgegeben.

Zu mir, sagte Auguste, wird er nicht kommen. Ich war so voll Zorn, dass ich ihn mit allen seinen Redensarten von Besserung zur Thur hinauswerfen lassen wollte und ihm einen Kalbskopf uber den andern nachschimpfte. In dem Zorn wurd' ich eben frei. Die Kleider und Schmucksachen waren mir genommen und unter Lachen und schlechten Witzen gaben mir die Aktuare gute Lehren. Da rannt' ich zur Tante. Man wollte mich abweisen. Ich liess mich nicht storen. Es war mir, als hort' ich die Stimme der Alten in den Zimmern der Geheimrathin. Ich werfe den Bedienten bei Seite, reisse eine Thur nach der andern auf und stehe vor einem wunderschonen Bilde, das ganz frisch, wie eben fertig mit noch halb nassen Farben ich hab' etwas von dem Handwerk gelernt beim Professor Berg auf einer Stellage steht. Das bin ich! sagt' ich mir. Das hat Heinrichson gemalt und in dem Augenblick geht die Thur auf und Heinrichson mit der Geheimrathin tritt herein. Ha, ha, ha! fang' ich an zu lachen. Da zu lachen war Verrucktheit. Ich war auch verruckt. Ich weiss noch jetzt nicht, ob ich in dem Augenblick Vernunft gehabt habe. Ich lachte und schluchzte und redete mit Heinrichson, wie er schon langst nicht mehr da war. Heinrich Heinrichson, rief ich, bin ich Das? Sag's deiner Liebsten, das weisse Thier da, der Vogel auf dem Bilde warst du, du tuckischer, falscher, heuchlerischer Drache! So kannst du lugen, wie dies Thier da! Sieh, wie's mit dem Schnabel klappert, wie der Held den Schonen spielt und die arme Auguste Ludmer schlaft oder macht die Augen zu, um deine Teufelsaugen nicht zu sehen! Beiss mich nicht! sprach ich. Geh! Geh, ich verlange nichts fur mein Kind, geh, es ist todt! Und in dieser Art sprach ich meine rasende Wuth vor dem geleckten Menschen aus; seine zierlich gekrauselten, geolten Locken hatt' ich zerzausen mogen. Aber er war fort. Die Geheimrathin zog die Glocke, alle Glocken im Hause schellten. Die Ludmer kam und schleppte mich fast an den Haaren hinaus. Wahnsinnige, schrie sie mich an, du machst, dass ich dich noch in's Tollhaus stecken lasse!

Schandliche, was willst du hier? Welche Frechheit gegen die Herrschaft, gegen einen fremden, feinen Herrn ... ich war todtblass, stiess sie zuruck und setzte mich auf ein Sopha, um mich zu erholen. Sie wollte mich aufreissen, ich schleuderte sie wieder zuruck, dass sie auf einen Sessel sank und achzte. Du mordest mich noch! stohnte sie. Ich sagte: Ja, das thu' ich. So sass ich wol zehn Minuten. Ich war zu elend, ich konnte nicht mehr sprechen. Immer dacht' ich auch, die Thur geht auf und Heinrich Heinrichson kommt wieder herein und sagt' dir: Auguste, vergib mir! Ich bereue, dass ich die Ursache deiner Leiden bin! Ich denke taglich an dich, wenn ich in meiner Mappe blattere und diese schonen Bilder male! Vergib mir! Du siehst, ein vornehmes Weib liebt mich! Was kann ich fur dich thun? Aber Heinrich Heinrichson kam nicht. Die Tante hatte sich erholt, stellte sich wenigstens so und verlangte, dass ich mit ihr in ihre Wohnung ginge, die in einem Nebengebaude liegt. Ich ging ganz willenlos hinter ihr uber den Hof. Ich sage Das ausdrucklich, weil ich wol mag ausgesehen haben wie das Leiden Christi. Wer mich sah, mag gedacht haben: Die schlagt die Augen nieder und ist sittsam wie ein Grabesengel..

Warum erwahnst du Das? Wer sah dich denn?

Im Zimmer der Alten, fuhr Auguste sinnend fort, hielt sie mir eine letzte Strafpredigt und gab mir zwei Thaler. Ich musste sie nehmen, weil ich nichts zu essen hatte. Vor ihrem Spiegel ordnete ich meine Kleider und ging nun. Ich elendes Geschopf mag doch gedacht haben: Vielleicht sieht Heinrichson dir durch's Fenster nach! Ich will doch nicht, dass er hinter mir herspottet und mich auslacht! Ich that also nun, als war' ich froh und hielt mich recht aufrecht. So kam ich nach Haus. Nach einer Stunde etwa kommt Franz, von der Geheimrathin ein Lakai. Er macht mir einen Vorschlag. Ein Mann in seinen besten Jahren hat mich draussen bei der Tante gesehen und Gefallen an mir gefunden. Ob ich Den heirathen und dann die Gegend verlassen wollte? Habt Ihr irgend einen Gauner bezahlt, rief ich, damit ich nur fortkomme und dem Liebhaber der Geheimrathin nicht die Augen ausreisse? Der Bursch liess sich auf nichts ein, sondern blieb dabei, dass es richtiger Ernst seiner Herrschaft ware, den Mann durfte er nur nicht nennen, ich sollte mit ihm nachster Tage auf einen Fortunaball gehen und da mit ihm anknupfen, aber sittsam sein und gescheut und dann fort von hier. Es war' ein Fremder, der von der Stadt nichts wisse, auch nur dann und wann herein kame ... wenn er mich nahme und ich mit ihm davonzoge, wurde man mir ein Heirathsgeschenk von zweihundert Thalern machen. Ich larmte zwar und polterte und drohte, ich steckte doch noch einmal das ganze Haus der Geheimrathin an; allein, wie der Mensch ist, auf den Fortunaball ging ich doch und sah da meinen Freier. Papa, was meinst du nun wohl, wen sie mir ausgesucht haben? Ich bin begierig ... sagte Murray schaudernd uber das leichte Gewissen dieser ihm wohlbekannt scheinenden vornehmen Menschen. Den besten Engel auf der Erde, sagte Auguste lachend, meinen geliebten Freund von Solitude, der mich einmal gelobt hatte, weil ich Blumen mit Bast an holzerne Stabe zu binden verstand und mir auf die Schultern klopfte, als ich im Grase kniete ... Den Inspektor? Mangold! Ein Kind von siebenundvierzig Jahren! Nun zwar schon ein bischen von der Sonne getrocknet, aber rustig und gut wie immer ... Kannt' er dich? Wo wird Der mich? Lieber Gott! Der Mann kennt Baume wieder, die aus dem Samen gezogen sind, den er gesammelt hat ... aber Menschen! Ich musste ihm in's Gesicht lachen, erst, weil ich den Kopf schutteln musste, dass ich in den steifen Patron hatte verliebt sein konnen, und dann, weil er mir zu possirlich den Hof machte und es wirklich ganz ernst nimmt ...

Aber Auguste! rief Murray. Man hat da einen rechtlichen, der Welt unkundigen Mann getauscht! Du wirst doch nicht ...

Getauscht?

Auguste, getauscht! Man hat ihm falsches Gold fur echtes gegeben! Falschmunzerei! Ha! Ha! Das sind keine zwanzig Jahre Zuchthaus, die Denen bluhen, die schmuzige Seelen fur reine in Cours setzen: Die gehen frei aus! Die durfen nur lachen!

Papa!

Auguste, dass du nur eine Minute diesen redlichen Mann uber dich hast konnen in Zweifel lassen, Das macht dich zur Hehlerin der Falschmunzerei! Darauf stehen zehn Jahre!

Vater, du bist toll! Massige dich, quale mich nicht! Zehn Jahre? Ich habe Mangold gleich ausgelacht, aber jemehr ich lachte, desto mehr war's ihm Ernst, ich sollte sein Weib werden und ihm auf ein herrschaftliches Schloss folgen, wo er kunftig wohnen wurde! Das Schloss lage einsam, er musse nun endlich eine Gefahrtin fur sein Leben haben, das abwarts ginge. Ich habe mich sittsam benommen, weil Das ein Ehrenmann ist. Aber gelacht hab' ich doch und ihn zitternd vor Wonne abgewiesen und wie ein Kind geneckt. Dennoch will er mich. Alle drei Tage kommt er von Solitude und geht mit mir Abends einsam spazieren und spricht von einem Schloss, Namens Buchau, weit von hier, wohin ich ihm folgen soll. Ich habe aber, trotzdem dass mein Arm an seinem bebt, soviel Achtung vor ihm, dass ich ihn durch mein Ja! nicht betrugen will und neulich ...

Nun, Auguste ...

Neulich gestand ich ihm meinen ersten Fehltritt ...

Das war brav! Was sagte er? Nicht wahr, es ist nun vorbei?

Auguste schwieg ...

Murray fuhr fort:

Er sprang auf, er riss sich aus deinen Armen los. Und Das fuhrt dich nun her? Du bist unglucklich, verzweifelst ... weil dich Alle verstossen, Niemand dich mag?

Aus meinen Armen? sagte Auguste und schuttelte den Kopf. Papa, denk' doch nicht zu schlecht von mir! Ich bebe wie im Wind ein Blatt vor dem Manne, ich glaube nicht, dass er mich schon einmal kusste ...

Was aber sagte er, als du ihm gestandest, dass du nicht mehr so bist, wie du aus der Hand Gottes hervorgingest?

Er sprang auf, wie du sagtest, Papa, er weinte sogar ein bischen, schien mir's, und lief dann auch davon. Er sagte mir Abschied auf immer! und ... nach drei Tagen ...

Nach drei Tagen?

Klopft's wieder an meine Thur ...

Die Vergebung kam?

Die Vergebung!

Auguste! Und Dies zerreisst nicht dein Herz im innersten Busen? Du sankest nicht auf deine Knie und strecktest die Hand zum Allmachtigen empor, der seine Himmel offnet und schon wieder einen Strahl seiner Gnade zu dir herabsendet? Er vergab dir? Der edle Mann, der nahe seinem funfzigsten Jahre noch auf Liebe und Unschuld hoffte? ...

Ach, Papa, sagte Auguste in der That schmerzzerrissen. Was soll ich nun thun! Das Eine vergab er mir, aber das Andre ... ach, es ist so Vieles!

Erzahle mir, warum er dir vergab und ich sage dir, ob ein Engel des Himmels auch uber das Andre hinwegkommt! Warum vergab er dir, dass du eine Gefallene warst, Mutter von einem Kinde?

Weil Buchau weit und einsam ware, sagte Auguste und kein Mensch dorthin kame als nur zuweilen der Konig und die Konigin, wenn ihnen die Krone zu schwer wurde ... und unter den alten Eichen, wo der Mensch ganz allein sich selber gehorte und nur vor Gott Rechenschaft abzulegen hatte, da vergasse man Vieles und an rechter Stelle nahme sich jeder Baum, auch wenn er schief und krumm gewachsen ware, angenehm aus, ja an Teichen hatte man es ja gern, wenn die Trauerweiden, die mit ihren langen Hangezweigen hineinlangen, ein bischen gebeugt stunden, und dabei gab er mir die Hand und sagte: Er hatte mich wirklich auch schon als Kind lieb gehabt!

Murray schwieg eine Weile geruhrt, dann erklarte er:

Der Teich ist die Busse und die Weiden sind die Reue ... O mein Kind, ich flehe, lache nun nicht mehr! Spotte die Regungen eines bessern Gefuhles nicht aus deiner Seele hinweg! Wie ging es denn mir, da dein Vater mich dem Leben zuruckgab? Ich trotzte nicht mehr, ich erkannte eine hohere Allmacht und fuhlte die starke Himmelshand sichtbar, als wir auf dem Meere von den Sturmen gepeitscht, in den Wellen hin- und hergeschleudert wurden. Ich war noch verstockt, als ich in Hamburg das Schiff bestieg, verstockt, als ich Land sah, die Dunen der Schelde und des Rheins; aber draussen im grossen Ocean wurd' ich demuthig und was ich in einem Sturme gelobte, wo eine einzige Welle von dem Schiff funfzehn Menschen neben mir fortspulte in den Abgrund, Das hab' ich gehalten, habe gearbeitet, gebetet und auf mich selbst gelauscht. Ich bin kein Frommler. Aber wenn es mir schlecht ging in Amerika, nahm ich zwolf Bibeln von einem Buchbinder, gab meine letzten Kleider auf einen Tag bei ihm dafur zum Versatz und ging mit meinen zwolf Bibeln in die Hauser. Wo eine Dienstmagd am Brunnen wusch, stellte ich mich zu ihr und bot ihr das Buch der Bucher zum Verkauf. Kein Mensch ist so arm, dass er nicht das erste Ersparniss anwendete, sich eine Bibel zu kaufen. In einem Vormittage schon hatte ich bei den Armsten zwolf Bibeln verkauft und mit Vortheil; ich brachte das Geld, bekam meine Kleider und konnte am Nachmittag noch neue zwolf absetzen. Ich machte aber kein Geschaft daraus. Nur immer wenn ich ganz darbte, wenn nichts mir ubrig blieb, als betteln zu mussen, dann half ich mir mit den zwolf Bibeln. O, mein Kind, ich frommle nicht; ich bin nur ein Mensch, der da fuhlt, dass er die Welt nicht hat erschaffen konnen. Wer Das sich sagt, Dem hilft die grosse Hand, die mit dem Erdball wie mit einem Kreisel spielt! Madchen, halte sie fest, diese ersten Schauer innerer Einkehr! Wenn sich ein edles Herz fande, das dich erloste ...

Auguste schien zwar erschuttert, zuckte aber doch schon wieder spottisch mit den Lippen.

Madchen, rief Murray erregt. Trotze nicht ewig so gegen dich selbst!

Auguste wollte nun aufstehen.

Nein, Auguste, du bleibst! Horst meinen Worten! Verfluchtigst die bessere Regung nicht! Gib diesem Hammern in dir, diesem Klopfen deines Gewissens Gehor!

Auguste versuchte aber zu trallern und wollte nun fort.

Nieder! rief jetzt Murray und warf die Binde auf die Stirn.

Herr Gott, was willst du, Papa, antwortete das zitternde Madchen, das gleichsam nur sich selbst entfliehen wollte.

Auguste erschrak vor Murray, furchtete sich nun fast vor ihm. Er hatte ihre beiden Hande ergriffen. Er druckte sie mit Gewalt auf den Stuhl. Sie, von Furcht gepackt, fast zitternd vor Angst, fast auch uber sich selbst, drangte von ihm loszukommen. Er bat, er flehte, sie sollte jetzt eingestehen, dass sie elend, eine Verworfene, eine Sunderin ware. Sie stiess ihn zuruck. Da warf er die Binde ganz von seinen Augen. Flammend und gross brannten zwei machtige Augenkerzen auf sie nieder. Sie hatte schreien mogen.

Lass mich! flehte sie und wollte fort. Den Hut hatte sie schon in der Hand ...

Murray aber schleuderte den Hut und den schwarzen Flor, den er vorm Auge trug, von sich und rief:

Nieder, Auguste! Nieder! wiederholte Murray und schlug seine beiden Augen so voll und so hell auf, dass sie wie zwei Flammen in der Nacht leuchteten.

Was hast du? Was sollen meine Hande? Was thust du?

Falte die Hande! rief Murray fast wie ein Thierbandiger in einem Kafig einen Panther ergreifen und auf die Erde schmettern wurde.

Du zerbrichst sie ... Lass! Lass! stohnte Auguste, aber doch schon gedemuthigt von der machtigen geistigen Gewalt des Alten und auf die Erde sinkend.

Falte die Hande! Bete mir im Geiste nach, was ich laut sprechen werde! Bete! Bete! Auguste!

Auguste liess das Haupt sinken, hielt die Hande, die auf ihren Schooss wie ohnmachtig und leblos niederglitten, so zusammen, wie sie Murray ihr gefaltet hatte und hob die bebenden Lippen, indem ihre Augen starr und wie irr an den Augen Murray's hingen.

Murray sprach:

Nicht zu dir, Herr des Himmels, red' ich! Denn ich kenne dich nicht und meine Augen sind trube. Zu mir selbst will ich sprechen! Zu meinem eigenen, eigensten inneren Geiste! In mich selbst will ich blicken, in mein innerstes Herz. Der Gott, der mich geschaffen hat, wird mir zur Seite stehen und mir deuten, was ich jetzt sehe, jetzt fuhle. Ich fuhle mich elend und ich sagt' es mir nicht! Ich fuhle mich in tiefster jammervollster Trostlosigkeit und ich lachte Derer, die mir Erquickung boten. Wer bin ich, Allmachtiger! Ein Haufen Erde, in dem die Wurmer wuhlen werden, wenn meine Stunde gekommen ist. Ich bin Staub, Asche ... Ein Todtenkopf sieht mich einst an, wenn ich in den Spiegel blicke, und die Lippen, die einst so frevelten, spottelten, sagen mir jetzt schon: Das ist einst dein Bild! Ach, gibt es eine Schonheit, die unverganglicher ware als die eines reinen Herzens? Das fuhl' ich doch, wie ein Kind so lieblich und gehorsam in seiner spielenden Welt lebt, die Freude der Menschen ist, auch Derer, denen es nicht gehort und die es nur sehen, nur wie fremd beobachten! Wie schmuckt Jeden unter uns die Zier einer friedfertigen kindlichen Gesinnung! Wie schon steht uns zu dulden und nicht zu murren wider das Geschick! Der Himmel hat mir nie lacheln wollen. Ich weine d'rob! Ich armes Kind, das ich unter Unglucklichen und Bosen aufwuchs, die Altern nicht kannte und mit ihnen nichts vom Jugendgluck. Aber prufe dich recht, mein Herz! Nahmst du nicht jedes deiner Misgeschicke fur eine Entschuldigung deiner Fehler? Sagtest du dir nicht: Wie kann ich auf die Zufriedenheit mit mir selbst bedacht sein, hab' ich doch keine Freude, als die fluchtige der Selbstvergessenheit? Ach, es wird die Stunde kommen, Auguste, wo du an deinem Ohre die Worte horen wirst: Wie war sie schon und wie verbluhte sie nun! Du wirst horen, dass man Andre preist und Die, die du am meisten verachtetest, weil du ihre Seele kanntest, die werden sich vor dir brusten und sich ruhmen, dass an ihren Blattern der welkende Herbst erst um einige Tage spater erscheint! Ach, dann werd' ich nach ewiger Schonheit suchen und sie nirgend finden, als in Bescheidenheit und treuer Liebe. Treue Liebe! Du sussestes Kleinod des edlen Frauenherzens! Treue Liebe! Du Schmuck der Armen, Du, der einzige Stolz der Geliebten, wie das Kind, selbst ein schwaches und unschones, doch der beste Schmuck seiner Mutter ist! Treue Liebe! Wer bringt mir deinen Hauch, dass ich ihn in meine Seele ziehe, wie einen Duft der Opfer, die dem Herrn angenehm sind, dass ich ihn wieder ausstrome in ein Herz, das noch Hoffnung zu mir fassen kann! Ach, dass der Gute, Edle, Vergebende sein sanftes Auge auf mir ruhen liesse! Dass ich die letzten gesammelten Reste meiner bessern Natur, die ich doch aus mancher stillen Abendstunde kenne, dem schon fruh Geliebten bieten durfte wie die arme Witwe ihr Erspartes mit der Armeren theilt! Weiche nun von mir jede Verstellung! Ich will mein Auge niederschlagen auf der Strasse, ich will Dem, der mich fragt, was mir fehle, sagen: Ich bin krank! Ich will Schmach erleiden, will noch einmal, zum letzten male versuchen, ob eine gutige Hand mich aus diesem Dunkel fuhrt. Und war' es nicht ware auf meiner Stirn das Zeichen vergangener Irrthumer zu tief eingebrannt, nimmt er mich nicht hinuber in die Luft, die lautert, an die Quelle, die reinigt ... auch dann, auch dann, Herr des Himmels, soll mich nicht die Verzweiflung fassen, sondern nur ... und nur die Reue. Ich will, mein Gott, in mich sehen, will den Trost der Menschen suchen, die mit mir beten und die ein gleiches Bedurfniss trieb, mit seinem eigensten Herzen zu sprechen und auf die ernsten Fragen der Seele mit Ernst zu antworten. Dies Beten hort ja nur Gott. Der spottet deiner nicht. Der weint mit dir, der freut sich mit dir! Der ist dein Widerhall! Und horst du den Widerhall, der aus deinem Herzen tont, dies stille Trosten und diese Ruhe gern, dann ist's Der Gott, der in dir wohnt. Dann ist er dir nahe! Glaube ihm! Vertraue ihm! Hoffe auf ihn! Von nun an in Ewigkeit und die Zeit deines vielleicht nur kurzen Lebens noch! Amen!

Wie Murray dies Gebet geendet hatte, ergoss sich Auguste in einen Strom der bittersten Thranen. Sie, die seit lange nur noch vor Ungeduld geweint hatte, weinte vor Reue und dem Gedanken an ihre tiefste Hoffnungslosigkeit.

Murray, der mit gefaltenen Handen vor ihr gestanden hatte, griff nun trostend nach ihrer Hand und zog sie empor. Sie liess willenlos Alles geschehen, was er mit ihr begann. Er ergriff die Binde wieder, reinigte sie vom Staub und legte sie ruhig uber seine Stirn. Dann sagte er:

Wann kommt Mangold?

Heute Abend, aber spat! Er isst immer erst irgendwo zu Nacht ...

In diesem Gebete und der Ubereinstimmung mit Murray's Worten hatte sich die ganze Sehnsucht offenbart, dass Mangold sie von ihrem jetzigen Stande erlosen und an seine reine Brust ziehen mochte.

Du wohnst noch in der Konigsstrasse? sagte Murray.

Neben dem Cafe Richter ...

So komm' ich heute, wenn Mangold kommt ...

Auguste stand ermuthigter und gestarkter von diesen Worten, dieser Aussicht auf Trost und Beistand und guten Einfluss auf jenen Edlen von dem Sessel, auf den sie nach dem Gebete gesunken war, auf, zog ihren Shawl uber, trocknete ihre Thranen und suchte ihr feuchtes Taschentuch zu verbergen ...

Sie wollte gehen, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Murray rief sie aber in der Thur noch zuruck.

Auguste, sagte er, ich habe Vertrauen! Gluck bessert Thorheit, Gluck bestarkt die guten Vorsatze! Man muss nicht Alles vom Ungluck erwarten. Das Ungluck verhartet, verbittert uns. Du bedarfst nun Gluck! Du musst nun nicht darben! Du hast Schulden! Da! Nimm!

Damit hatte er die Schublade aufgezogen und reichte Augusten nach kurzem Suchen ein Papier hin ...

Es war eine Banknote von funfzig Thalern ...

Auguste gab ihm aber das Papier zuruck, schuttelte schweigend den nothdurftig geordneten Kopf und wollte fort. Ihre Augen waren nicht zu dammen. Es flossen die einmal geoffneten Schleusen des Herzens uber. Sie bedurfte der Luft ... sie musste fur sich weinen konnen. Nur weinen ... Nur fort!

Murray drangte ihr nun fast das Papier auf. Sie nahm es aber nicht, sondern ging. An der Treppe blieb sie stehen und wandte sich nur noch, um die tonlosen, erstickten und heiseren Worte zu sprechen:

Unten der Mullrich ... der Wirthin ... schuld' ich vier Thaler. Sie lasst mich vielleicht nicht durch ... wenn ich durch die Hausthur will ...

Murray gab ihr diese vier Thaler ...

Auguste nahm sie, wickelte sie in ihr Tuch und ging ohne aufzublicken, ohne ein weiteres Wort des Abschiedes, ohne eine Phrase, ohne einen Seufzer, still und tiefbewegt von dannen. Sie hatte keine Stimme, kein ausseres Leben mehr. Sie ging wie geisterhaft, wie ihrer selbst nicht bewusst ...

Murray kannte diesen Zustand und nannte ihn fur sich ... den des gebrochenen Rohres.

Der Auftritt hatte auch ihn erschopft. Auch er bedurfte frischer Luft zur Starkung. Es war zu eng um ihn, zu dumpf. Er wollte aus; es durstete ihn. Er sah nach dem Kruge ... er trank ... das Wasser war matt ... Er gedachte des Anerbietens seiner freundlichen Wirthin. Er ging an die Verbindungsthur der Kuche und klopfte ... Louise Eisold wurde horbar.

Durft' ich Sie bitten ... sagte er.

Sogleich! war die Antwort und Louise kam uber die Galerie an seine offne Thur.

Was wunschen Sie, Herr Murray? fragte sie.

Durft' ich Sie bitten ... Haben Sie in Ihrer Kuche frisches Wasser?

Gewiss! sagte sie und sah nach dem Kruge. Aber das Wasser war auch da matt geworden.

Ein Gewitter liegt in der Luft, bemerkte sie. Ich hol' Ihnen frisches ...

Nein, nein, Mademoiselle!

Warum nicht! sagte sie.

Damit ergriff Louise Eisold den Krug und ging, so gefallig sie angezogen war, selbst hinunter, um im ersten Hofe Wasser zu holen.

Murray lehnte sich und sah uber die Galerie und beobachtete das Wetter. Er kehrte in sein Zimmer zuruck.

Er nahm einen alten Regenschirm, setzte den Hut auf, schloss die Thur und zog auf der Galerie alte hellgrune, waschlederne grosse Handschuhe an.

In Gedanken versunken ging ihm dies Alles langsam. Er hatte den linken Handschuh an und wollte eben den rechten anziehen, als Louise mit dem Kruge schon wieder da war. Sie nahm ein Glas aus ihrer Kuche, schwenkte es und schenkte es aus dem Kruge voll.

Wie Murray so dies freundliche Walten eines gewissensreinen, unbescholtenen Madchens sah, wie sie ihm das Glas hinhielt, das reine und klare krystallhelle Wasser im reinen klaren krystallhellen Glase von reiner unbescholtener Hand, dargereicht mit klarem Auge und sittlichem Ernst, da sagte er, als er getrunken und sich gestarkt hatte:

Glucklich, wer ein Gewissen hat, das sich nur manchmal so trubt wie ein eben am Brunnen gefulltes Glas, das von den tausend Tropfen krystallreinen Wassers beschlagen wird!

Damit gab er Louisen, deren traurige Trube bei aller Reinheit diesem Bilde entsprach, das Glas. Sie stellte den Krug zur Erde und wollte ihm das Geleite bis an die Treppe geben ... Wie er nun hinunterstieg und fort war und sie in ihr Zimmer zuruckkehrte, horte Louise im Glase, das sie wegstellen wollte, einen sonderbaren Klang. Der prachtige Ring von Gold und Edelsteinen, den Murray am Finger gehabt hatte, lag auf dem Boden des Glases.

Seltsam! dachte sie in langeren Pausen. Hat er ihn vergessen? Oder soll Das ein Geschenk sein? Wer ist dieser Mann? So arm! So reich! So niedrig! So gross! So schwach! So stark! So kindlich! So weise! So offen, so rathselhaft! Wie gelahmt vor Schreck stand sie und betrachtete das funkelnde Geschmeide ... wunschte aber die Nacht herbei, um es dem wunderbaren Nachbar zuruckzugeben.

Funfzehntes Capitel

Eine Hexenkuche

Der Vorfall zwischen den koniglichen Herrschaften und dem Fursten Egon von Hohenberg auf Schloss Solitude hatte allgemeines Aufsehen erregt. Alle Welt sprach von der ruhrenden Scene, dem Choral und den Thranen der Konigin ... Drommeldey hatte eine Anekdote gewonnen, die mit seinem Wagen die Runde bei all den vornehmen Herrschaften machte, die in chronischen Fallen homoopathische, in acuten allopathische Behandlung verlangten ... Die Trompetta war dem Vorfalle so nahe gewesen, dass sich diese Nahe bald im Munde der Wiedererzahler in wirkliche Anwesenheit verwandelte. Hatte sie doch Ursache, vom Hofe eine Entscheidung uber ihr Gethsemane zu erwarten! Warum sollte sie nicht dabei gewesen sein, als jene zarte Uberraschung eines Sohnes mit den Andenken seiner Mutter vorfiel? Sie gab dem Solituder Vorfalle erst die mystische Abrundung und Beleuchtung, denn sie war es, die bei ihrer grossen Beweglichkeit Hunderte von Urtheilen daruber horte und diese Urtheile in Thatsachen verwandeln konnte. Man pries das Herz des Monarchen, man bewunderte den Takt seiner Gemahlin. Man stritt daruber, welchem Gefuhle die Scene am wohlthuendsten musse gewesen sein, und kam darin uberein, dass die junge Furstin wohl die reinste Freude dabei genossen hatte; denn sie war es, sagte man mit der eigenthumlichen Sentimentalitat jener Regionen, die den Konig glucklich sah! Lauschte man doch von allen Seiten in des Konigs Umgebung auf Momente, wo eine innere Freude aus seinem durch die Zeitverhaltnisse eingeschuchterten Gemuthe drang! Der Konig hat gelacht! Ein solches Wort flog oft mit Blitzesschnelle bei einer Cour durch den Mund von hundert Menschen und die "kleinen Cirkel" endeten dann noch einmal so gut; denn die Hoffnung auf eine Losung der Wirren, die die Krone bedrohten, schimmerte dann doch etwas leuchtender. Man hoffte dann wieder auf energische Befreiung von einem Ministerium, das die Noth des Augenblicks dem Regentenhause aufgedrangt hatte. Es war aus entschieden lastigen Bestandtheilen, aus Kaufleuten, Fabrikanten und ahnlichen "Emporkommlingen" zusammengesetzt. Einige renitente Beamte, besonders aus der Richtersphare, hatten die Verwirrung, die in den hochsten Kreisen herrschte, nur noch vermehrt. Das Vertrauen auf die alte unbedingte Hingebung der Bureaukratie war auch schon bei Hofe untergraben. Man sah sich da wie auf dem sturmenden Meer nach einem rettenden Ufer, einem Leuchtthurm, einem Lootsen um. Das Drangen um die Ehre des Steuerruders war so gross, dass Keiner es besonders kraftig erfassen konnte. Eine allgemeine Rathlosigkeit lahmte den ganzen Staatsorganismus, der neue Formen sich aneignen sollte und noch nicht die Seele fur diese Formen hatte. Der bevorstehende Landtag, weit entfernt, einen Halt, eine rettende Planke fur die Schiffbruchigen zu bieten, war voraussichtlich nur die Veranlassung neuer Verwirrungen, neuer Sturme. Man konnte schon jetzt mit Bestimmtheit prophezeien, dass sich das so nothwendig sich dunkende Ministerium ihm gegenuber nicht wurde behaupten konnen. Und zu militairischem Druck, zu Gewaltmassregeln allein, schamte man sich, jetzt schon zu greifen. Man wollte doch so gern den Schein der Gedankenfreiheit behaupten und manche Idee verwirklicht sehen, die ohne Unterstutzung der Uberzeugungen keine Dauer versprach.

Niemand war von allen diesen Wirren mehr ergriffen als eine vornehme Dame, die wir zwei Tage nach dem im Vorangehenden geschilderten Septemberdonnerstage am Samstag Abend bei trubem und regnerischem Wetter schon um sechs Uhr Abends auf ihrem gelben Sopha bei gedampfter Beleuchtung einer grossen Lampe ausgestreckt, die Fusse mit einem Shawl belegt und melancholisch genug erblicken.

Pauline von Harder befand sich in ihrem ostensiblen Boudoir, dem uns bereits bekannten Zimmer Gelb in Blau. Sie schlug die Arme zusammen und sah auf eine Schreibmappe nieder, die mit einer Feder auf ihrem Schoosse lag. Das Dintenfass war in der Schreibmappe selbst angebracht.

Eine andere Dame, die alte Ludmer, breitete ihr den Shawl auf den Fussen auseinander, damit sie sich des Frostes erwehrte, der sie bei dem truben und plotzlich sehr herbstlichen Wetter uberschauerte. Auch die Ludmer hatte eine Art Schreibanstalt vor sich an dem runden Tische von Mahagony. Auf einem Blattchen notirte sie mit einem Bleistifte.

Wie kalt es ist ... Es ist sechs Uhr und schon finster! seufzte die Geheimrathin.

Der Herbst kommt dies Jahr so fruh ... schnarrte die alte Gesellschafterin.

Der Sommer war zu schon und wie wenig hab' ich ihn genossen.

Die Ludmer antwortete mit einer aufrichtigst zustimmenden Geberde.

Ein Bedienter trat eben ein und liess die Vorhange nieder. Es war Franz.

Bei den Wasamskoi's druben auch schon Licht? sagte Pauline.

Stichdunkel! antwortete Franz.

Hat der alte Herr von druben wieder unser Haus so oft angeglotzt? fragte die Ludmer.

Franz antwortete:

Heut fruh ging er wohl zehnmal voruber und schien Lust zu haben, zu klingeln. Immer besann er sich wieder und wandte sich dann nach der Stadt ...

Sollt' er die kuhle Visite der Furstin gut machen wollen? fragte die Geheimrathin.

Was? sagte die Ludmer, die vielleicht jemand Anders im Sinne hatte. Ach, du meinst den alten Hauslehrer?

Franz wusste darauf keine Antwort und ging mit der Bemerkung, der Alte heisse Rudhard, aus dem Zimmer.

Die Ludmer begann jetzt zu plaudern, zu berichten, zu unterhalten. Sie erzahlte von dem jungen Maler, der fast den ganzen Tag dort druben bei Helenen's Schwester und ihren Kindern wie eingeburgert verweile. Sie erzahlte von dem stadtbekannt gewordenen Rendezvous in Solitude, von grossen Scenen zwischen der Mutter und Tochter ...

Erinnere mich nicht an diesen Tag! sagte Pauline leidend. So sich in seinem eignen Manne prostituirt zu sehen! Gegenstand des Spottes in dem Menschen, der unser naturlicher Schutz, Beistand, unsre Ehre sein sollte! Ich kann mir denken, dass in allen Gesellschaften nur von Henning's stupider Miene gesprochen wird!

Die Ludmer richtete ihre stechenden Augen auf die Geheimrathin und sagte voll tiefster Besorgniss:

Ja, ja! Zu unserm Dienstag-Diner haben der Oberhofmarschall und Graf Franken absagen lassen ...

Es sollte mich gar nicht wundern, wenn wir in eine formliche Ungnade fielen, erwiderte Pauline.

Nur wegen der Solitude? sagte die Ludmer mit scharferem Blicke zu ihrer Freundin und Gebieterin hinuberschielend und ihre Dose anschlagend.

Ich weiss, was du sagen willst, antwortete Pauline. Man erklart mein Haus jetzt fur den Sammelplatz der Opposition.

Man sagt, ich machte Partei ... Lass sie! Lass sie! Das freut, das ermuthigt mich. Siehst du! Ich thue in der That nichts, gar nichts, was diesen Vorwurf verdiente und man kann von einer intelligenten Frau nichts Schmeichelhafteres sagen, als dass sie intriguire, wahrend sie doch nichts thut. Ihre Intelligenz ist schon Intrigue! Null, Null soll man sein, ja noch unter Null und zu Weihnachten nur fur den Frauenverein sticken oder eine Boutike halten. Das ist Alles.

Nichts thut, Beste? sagte die Ludmer und nahm eine Prise. Ist nicht auch Werdeck wieder zum Dienstag eingeladen? Bist du nicht in offener Ausstellung auf dem Kunstverein in Ekstase gerathen uber das Bild seiner Frau, und hast diese Person wieder an dich gezogen, trotzdem, dass sie Jedermann flieht und du seit ihrer Spionage in Bielau ihr mistraust ...

Wie kommst du auf diese Zufalligkeit? In Bielau? Spionage? warf die Geheimrathin ein. Welches Interesse konnte diese Frau, die aus Polen stammt und in mir ganz fremden Verhaltnissen aufwuchs, veranlassen, sich um unsere Vergangenheit zu bekummern?

Kind! Du weisst nicht, wie sie dich Alle umschleichen und belauschen! Dass zum Dienstag die Trompetta, die Flottwitz, Niemand vom Bundesrath gebeten ist, gibt sogleich Gerede. Bist du nicht ein Herz und eine Seele mit der d'Azimont, die die zweifelhaften politischen Gesinnungen des Fursten Egon beherrscht und was ist alles Das gegen ... deine neueste Grille ...

Pauline lachte mit der Uberlegung eines starken Geistes uber einen schwacheren.

Du sprichst, sagte sie, von meinem Ankauf eines gelesenen Journals! Wer allein nennt Das Grille, als eine Natur wie die deinige, die sich um offentliche Dinge nicht kummert!

Ich dachte, wir hatten an unsern geheimen genug sagte die Ludmer scharf und sah auf ihr Papier, wahrend sie den Bleistift probirte und aus einem Futteral, das neben ihr lag, eine Brille zog, die keine Bugelbrille, sondern aus alter Gewohnheit ein einfacher sogenannter Nasenquetscher war.

Pauline schwieg eine Weile und kam dann durch eine leicht erklarliche Ideenassociation auf Heinrichson.

Wie selten sich seit einiger Zeit Heinrichson macht! sagte sie seufzend.

Deine Schuld, gutes Kind! antwortete die Ludmer jetzt durch die Brille naselnd. Wie konntest du in dem Grade jugendliche Leidenschaften verrathen, dass du mit ihm eine Scene spieltest, als das abscheuliche Ding, die Auguste, ihn in unsern Zimmern wie rasend anfiel?

Pauline schwieg eine Weile und stutzte das Haupt auf.

Ich hatte mein Alter vergessen! sagte sie seufzend. Sonst, wenn ich entdeckte, dass meine Freunde treulos waren und nicht Farbe hielten, hob ich Dolche empor. Wo sind diese Zeiten hin!

Heinrichson ist doch aufmerksam und weiss, was du ihm bist und wie du ihm nutzest. Aber mit ihm zu boudiren ...

Um eine Leda!

Du hast es nun! Er nahm die Scene fur Affectation und kommt seltener. Diese Manner wie Heinrichson furchten sich vor Scenen.

Doch ist er ja warmer, zartlicher, als sonst ...

Franz ... hat ganz Recht

Franz! Lassest du nie dies Spioniren, Charlotte! Franz sieht, was er merkt, was wir gesehen wunschen.

Die Visiten Heinrichson's bei der d'Azimont kann Keiner erfinden!

Verleumdung! Heinrichson arbeitet an ihren Erinnerungsblattern. Soll ich mich vor Helenen furchten? Dann ware Treue und Glauben aus der Welt gewichen. Schwelgt sie nicht in dem Entzucken ihrer endlichen Aussohnung mit Egon! Sie lag heute weinend an meiner Brust! Diese Freudenthranen! Dieser Herzensjubel! Die Gluckliche!

Ah! setzte sie nach einigen Augenblicken hinzu, ich will meine Tagebuch-Notizen machen.

Und ich den Speisezettel fur Dienstag, erganzte die Ludmer trocken und schuttelte den Kopf und behielt die Gedanken, von denen sie sah, dass sie keinen Anklang fanden, fur sich.

Sonnabend den 20. September, sagte Pauline halblaut und schrieb seufzend Notizen auf, die sie theils wiederholte, theils nur flusternd fur sich hinsprach ... Elf Uhr ... Besuch Helenen's. Glucklich und entzuckt ... Ruckfahrt von Solitude ... Uberraschung ... Dunkelheit ... Kindliche Hingebung ...

Die Ludmer sprach aber auch gern etwas laut, wenn sie dachte, und schrieb nachdenklich, als wenn ein Feldherr seinen Operationsplan gegen einen gerusteten und kriegskundigen Gegner entwirft, uber das bevorstehende grosse Dienstagsdiner folgende Ideen nieder:

Puree von weissen Ruben mit Filets von Enten und Parmesan-Croutons ...

Egon's Eindruck bei Hofe fuhr wieder ihrerseits Pauline fort ... Mein Lacheln fallt Helenen auf Ich lachle uber mich Warum? Weil ich mir manchmal wie die Sibylle vorkomme, die in einer Hohle sitzt und die Menschen in ihrem Wahne sich durchkreuzen sieht, wahrend ich im Buche ihrer Schicksale lese

Spanische Pasteten von Rebhuhnern, sagte die Ludmer und fugte still fur sich, aber mit Nachdruck hinzu, von Rebhuhnern en Salbicon

Wussten alle Menschen, was ich weiss wussten sie, wie ich auf meinem Dreifuss sitze, der Priesterin von Delphi gleich ich lachle und warte meine Zeit ab

Die Ludmer in der Hoffnung, den Pflegling ihrer Liebe von diesen qualenden Traumereien und Tagebuchsschmerzen abzubringen, flusterte:

Rinderbrust, glace, mit Chalotten ...

Helene furchtet fur die Zukunft ... liess sich Pauline nicht irre machen ... trotzdem dass sie den Augenblick besitzt. Egon will die politische Carriere beginnen. Nichts ist den Frauen gefahrlicher als der Ehrgeiz der Manner. Ein Mann, der den Ruhm liebt, opfert ihm gewohnlich zuerst sich selbst und dann auch Alle, die ihn lieben. Helene furchtet die Umgebungen Egon's und hofft, dass Rafflard sein Versprechen, sie sammtlich zu entfernen, das ganze Nest aufzuheben, wahr macht.

Die Ludmer horte etwas hinuber zu den ihr nicht ganz gleichgultigen Thatsachen, die die Geheimrathin niederschrieb und sagte dann freudiger notirend:

Ganse a la Broche mit farcirten Gurken a la Sauce ...

.. Die Geheimrathin hatte aber trotz ihrer idealen Anschauung gleichfalls nicht unterlassen, auch auf die Ludmer manchmal hinzuhoren und zu prufen, was die erprobte Erfindungsgabe der Freundin zusammensetzte. Sie nahm jetzt das Blattchen und las die schriftstellerischen Produkte der Ludmer. Die Ludmer nahm eine Priese.

Ist Das der erste Gang? fragte Pauline.

Der erste Gang!

Ich vermisse, sagte die Geheimrathin, die gleichfalls gastronomische Phantasieen hatte, eine Kennerin der Tafelfreuden und langst zu der Erkenntniss gekommen war, dass man sich viele und gerade die geistreichsten Menschen dauernd und wahrhaft treu leider nur durch Diners und die sinnige Wahl ihrer Leibgerichte verbindet; ich vermisse, sagte sie, ein Hochepot von Wurzeln a l'Anglaise fur meinen guten Justizrath, der seine Frugalitat immer drollig genug zu beweisen sucht, dass er nach Gemusen verlangt und von guter Hausmannskost spricht.

Ist der Justizrath denn eingeladen?

Schlurck? Ich denke doch? Der Vater und die Tochter! Ich bin sehr undankbar gegen den ehrlichen Menschen und hab' ihm seit seiner edlen Aufopferung fur meine Interessen viel zu wenig Aufmerksamkeit erwiesen.

Er war gestern hier, um dich angelegentlichst zu sprechen ...

Wovon man mir nichts sagte? erwiderte die Geheimrathin entrustet.

Ich mochte nicht ... Der Mann wird alt ... Er zeigte sich angstlich!

Angstlich? Woruber? Ein Schlurck angstlich ... du sprachst ihn also?

Es kamen, sagte er, Anfragen, Vorwurfe wegen der ubereilten Haussuchung bei den Gebrudern Wildungen man setze ihm mannichfach zu, wolle Auskunft uber Dies und Jenes er quengelte mehr, als ich je von dem Manne erwartet hatte

Dann lad' ihn nicht ein! erklarte die Geheimrathin entschieden. Furchtsame Menschen storen unsern Lebensmuth. Man wird nie von Paulinen sagen, dass sie ihre Freunde vernachlassige; aber nur keine Entmuthigung da, wo man Starke erwartet!

Von seiner Tochter sprach Schlurck auch, berichtete die Ludmer.

Sie ist verlobt mit Lasally

Noch nicht formlich ... sagte er. Auch brache sie solche Verhaltnisse ab, wie sie sie anknupfe. Sie ware vorgestern gleichfalls, wie es scheint die ganze Welt, in Solitude gewesen und hatte sich, nach Hause gekommen, so gegen Lasally gebehrdet, dass diese Verbindung jetzt wieder weniger Moglichkeiten fur sich hatte als fruher ...

Sie hat den Prinzen wieder gesehen, Dankmarn, Siegbert Wildungen die alten Leidenschaften regen sich Wir wollen Schlurck und Melanie doch einladen. Vergiss es nicht!

Und Werdeck und die Deputirten?

Werdeck und die Deputirten! Justus vor Allen!

Was? Justus? Den Heide ...

Die Ludmer machte eine Miene, als roche es plotzlich nach Dunger. Sie hatte fur Politik wenig Sinn und schuttelte den Kopf und druckte wieder die Brille, die sie beim Sprechen abgenommen hatte, auf die gequetschte Nase, dass sie im Sprechen einen schrecklich schnuffelnden Ton bekam.

Die Deputirten! naselte sie.

Pauline fuhr abbrechend fort in ihren Notizen:

Egon lasst sich wahlen Dankmar Wildungen macht dabei den Vermittler Helene furchtet diesen Entschluss, furchtet die Wildungen, furchtet Louis Armand's Einfluss furchtet Alles, was sie von Egon trennt Nachrichten aus Paris d'Azimont wird immer kranker Egon spricht viel von der Nothwendigkeit und dem Gluck legitimer Verhaltnisse sie klagt mir's ...

Die Ludmer hatte eben sehr aufmerksam zugehort und fragte, was legitim ware?

Pauline lachelte und sagte:

Legitim, liebe Charlotte, heisst, wenn nicht sittlich, doch gedeckt durch die Sitte. Du guter Egon! Wenn du wusstest, was sich Alles legitim nennt! Du willst fur die legitimen Verhaltnisse auftreten! Armster! Kenntest du die Memoiren deiner ...

Pst! sagte die Ludmer und schrieb satyrisch grinsend und lachend:

Filet von Seezungen a la maitre d'hotel! Ha! Ha! Ha!

Um zwolf Uhr Rafflard's Besuch er soll nun doch kein Jesuit sein seitdem Helene ihn erkannt haben will sie nimmt ihre Verleumdung zuruck Rafflard soll ein Herz haben, das edelste ... ich finde ihn ergeben, gut aus Erschopfung, bose zu sein; aber nicht zuverlassig sein Blick ist nicht offen er sagte: Madame, der grosste Herrscher ist der Schein des Dienens Eine Reminiscenz, die er wol nicht selbst erdacht hat, aber gut befolgt. Seine Absichten sind in Dunkel gehullt er war bei Hofe er verkehrt mit Voland von der Hahnenfeder er verbindet diesen Zauberer mit dem Propste Gelbsattel er ist uberall und nirgends Rafflard will den Bund sprengen, der den Prinzen Egon von Hohenberg umstrickt halt er furchtet viel von einer Annaherung Egon's an jenen Rudhard ... eine Aussohnung, die Helene noch nicht einmal erfahren hat, weil sie Rudhard hasst und Egon sie wahrscheinlich damit zu kranken furchtet ... Louis Armand, Egon's boses Princip Rafflard wird in Egon's Umgebung aufraumen und ihr den Alleinbesitz ihrer Liebe sichern ... sein dunkles Wuhlen ... Pariser Auftrage ... Rafflard scheint mir fahig zu sein, die Rolle selbst eines Banditen ...

Maccaroni a la Bechamelle ... sagte die Ludmer, aber wie in der Zerstreuung, so erschrak sie vor dieser Charakteristik des Herrn Sylvester Rafflard, der die Geheimrathin so interessirte, dass sie im Notiren fortfuhr:

Rafflard hat eine gute franzosische Aussprache und corrigirt Andere ohne zu verletzen ... Er ist rathselhaft. Um ein Uhr eine Zumuthung der Flottwitz abgelehnt ein Besuch der Trompetta nicht angenommen. Buchhandler Schropfer besucht mich auf meinen Wunsch und gibt mir Details uber das politische Journal: "Das Jahrhundert", das ich kaufen will ...

Pauline! unterbrach die Ludmer halb vorwurfsvoll diese letzte Tagebuchnotiz, die die Geheimrathin mit einiger Schalkhaftigkeit aussprach, nur prufend, nur forschend, welchen Eindruck sie auf die Erfinderin ihres nachsten grossen Kuchenzettels machen wurde.

Nun? sagte die Geheimrathin, den Kopf aufrichtend und lachelnd. Schropfer ... das Jahrhundert ... Guido Stromer ...

Pauline!

Die Ludmer dirigirte einen langen schmerzlichen Blick auf ihre Freundin und langjahrige Pflegebefohlene ... und da diese sich nicht irre machen liess, sondern nur sagte: Nun? Nun? so stiess sie uber diesen Ruckfall in die ihr verhasste Literatur einen ihrer tiefsten Seufzer aus und sagte, indem sie notirte, mit betrubtestem Ausdruck und gen Himmel blickend:

Ach! Kalekut Hirschziemer mit Salat Kirschengratin Gelee von Citronen und geschlagener Sahne mit Marasquino und Biscuits!

In diesem feierlichen Augenblicke, den nur das schadenfrohe Lacheln der Geheimrathin etwas profanirte, trat Franz herein und ubergab der Ludmer einen Brief.

Durch das Gartenamt vom Schloss; sagte Jener. Der Geheimrath hatte ihn vergessen. Er ist schon heute fruh abgegeben.

Die Ludmer betrachtete das Siegel und erbrach es. Der Brief war an sie gerichtet.

Die Geheimrathin fragte bei dieser Gelegenheit, wo Excellenz ware?

Im Theater! hiess es.

Franz, dem dann nichts Weiteres geheissen wurde, ging und die Geheimrathin zog naserumpfend den Mund. Im Theater! sagte sie fur sich. Er hat gewiss wieder ein kleines Verhaltniss, das mit irgend einer moralischen Niederlage, wie im Mobelwagen, endigen wird! Die gute Lehre, die ihm Melanie gegeben, hat nicht lange gefruchtet. Eine wirkliche Schauspielerin wird es verstehen, ihm noch eine langere Nase zu drehen als diese Dilettantin in der Komodie.

Indem bemerkte Pauline, dass die Ludmer durch die Lecture des eben empfangenen Briefes in grosse Aufregung versetzt war.

Was hast du? fragte sie, als die Ludmer die Brille abnahm und aus ihren schwarzen Augen einen stechenden, erstaunenden Blick auf sie richtete.

Das sind schone Sachen! sagte die Ludmer. Lies!

Pauline nahm den Brief, dessen Ausseres etwas Unformliches hatte und fast wie ein Dienstrapport aussah.

Von wem ist er denn? fragte sie.

Sieh nur! Das sind schone Sachen!

Pauline sah zuerst auf die Unterschrift! Sie lautete "Mangold, konigl. Garten-Inspektor".

Ist Das wegen fragte sie ...

Wegen Augusten's! sagte die Ludmer und ging schon zornig im Zimmer auf und ab.

Pauline las:

Meine liebe Madame Ludmer! In meiner Jugend hab' ich so unter der Herrschaft meines Blutes gestanden, dass ich auf Vieh und Menschen zuschlug, wenn mir etwas zu tuckisch und nicht nach meinem Willen entgegentrat. Fur jede Beleidigung hatt' ich sogleich mit funf Fingern einen Habedank! zur Hand. Das waren meine jungen Zeiten und aus den Handeln kam ich nicht heraus! Wie ich aber einmal eine Frau, die mich auf jede Weise chikanirte, die Frau meines Lehrherrn, eines Gartners, in einem Zornanfall fast mit Fussen trat und vor der Rache ihres Mannes nicht entfloh, sondern ihn, weil er die bose Frau in Schutz nehmen wollte, mit der Peitsche durchhieb und dabei einem armen unschuldigen Kinde, das in der Nahe stand, ein Auge ausschlug, bin ich in mich gegangen und ein anderer Mensch geworden. Ich fluchtete jetzt und kam durch allerhand Irrwege nach Holland und England, wo ich die Gartnerei im Grossen studirte, die richtige Art der Parkanlagen, besonders aber Ruhe, Selbstbeherrschung und Massigung lernte. Nach meiner fruhern Art glaub' ich wohl, dass ich in Ihrer Nahe, liebe Madame Ludmer, jetzt wieder einem Kinde zufallig ein Auge ausgeschlagen hatte; nach meiner jetzigen Art sag' ich Ihnen aber nur, dass es ein Irrthum von Ihrer Seite ist, liebe Madame Ludmer, wenn Sie geglaubt haben, dass ich zu dem verlornen Rufe Ihrer Nichte, Auguste Ludmer, wie zu einem Brunnen den Deckel hatte abgeben konnen. Ich frage nicht: Wie konnten Sie wagen, Frau, einem ehrlichen, unbescholtenen Manne zuzumuthen, eine Auguste Ludmer zu heirathen? Wie konnten Sie es wagen, auf meine Leichtglaubigkeit, Dummheit und von den Stadten zuruckgezogen lebende lebendige Einfalt hin, mir eine Partie vorzuschlagen, die ewig meine Ehre wurde gebrandmarkt haben? Wie konnten Sie so hinterlistig Veranstaltungen treffen, um mich und meinen guten Namen in diese schandliche Falle zu locken? Ich sage das Alles nicht auf alte Art, weil ich ... moglicherweise ein in der Nahe befindliches Kinderauge furchte. Lassen Sie sich denn also mit der einfachen Nachricht genugen, dass ich jenes schone und in vieler Hinsicht angenehme Madchen vom Grund meiner Seele aus bedaure, dass ich selbst uber einen gewissen Beweis menschlicher Schwache und die Erbarmlichkeit eines gewissen herzlosen grossen Kunstlers in dummer Einfalt hinweggekommen ware, allein die Wahrheiten, die ich sah, als mir ein Ehrenmann, Namens Dankmar Wildlingen, auf dem Cafe Richter gestern die Schuppen von den Augen nahm; diesen Uberfluss der Schande und des Elends kann ich in keinen Wald der Welt mitnehmen, in keinem Sansregret der Welt verbergen, das Laub wurde daruber verderben und die Jahreszeiten konnten mir in Unordnung gerathen. Ich hab' es dem Madchen noch am selben Abend in Ruhe gesagt. Ein alter Verehrer von ihr stand dabei. Eine schwarze Binde an seinem Auge erinnert zwar nicht an Amor, den blinden Gott der Liebe, aber er soll reich sein ... er mag sie trosten! Sie sah mich starr an und lachte.. Da sie nichts erwidern konnte, sagt' ich ihr ein ruhiges Lebewohl und ging wohin ich vor zwanzig Jahren nicht gegangen ware, nicht zu Ihnen sondern nach Hause, in mein Kammerlein und dankte Gott, dass er mich vor ewiger und zeitlicher Gefahr behutet hat. Leben Sie wohl, Madame Ludmer, und suchen Sie sich andre Deckel fur Ihre unsaubern Topfe aus! Es gibt Viele, die so dumm sind wie ich und nicht sehen was darin ist. Aber es gibt nicht zuviel, die, wenn sie einmal gesehen haben, nicht gern dumm bleiben wollen ... Ihr ergebenster u.s.w.

Madame Ludmer war von diesem Briefe sehr geargert. Sie zerknitterte ihn, wie sie den Schreiber hatte zerknittern mogen. Ihre Gebieterin lachte fast und nahm die Sache leichter. Sie begriff nicht, warum ihre Fuhrerin und langjahrige, auch im Dienen nach Rafflard's Theorie herrschende Freundin sich uber diesen Ausbruch einer gereizten Stimmung so aufregen konnte.

Wer ist nur dieser Alte mit der schwarzen Binde? sagte die Ludmer. Mit ihm ist sie arretirt worden Rafflard erzahlte uns, dass er nach einem Besuche im Gefangnisse diesen Englander fur einen der unternehmendsten und schlauesten Bosewichter halte, die jemals die Aufmerksamkeit der Behorden in Anspruch genommen hatten wird sie nicht in Gemeinschaft mit einem solchen Beistand Alles unternehmen, um sich fur diesen Affront, den ihr Mangold anthut, zu rachen? Seit sie in deinem Verehrer einen Menschen erkannte, den sie hasst, hat sie ja angefangen, uns empfindlicher als je zu qualen. Kann es mir recht sein, dass mein Name von ihr im Schmuz herumgezogen wird? Ist nicht selbst vorauszusehen, dass ihre nach Rache gierige Wuth sich allmalig bis in die Erinnerungen ihrer Kindheit zuruckwuhlt und mit Hulfe mannlichen Beistandes bis zu den Tagen ankommt, wo wir in Bielau, wie du weisst ...

Schweige doch! rief Pauline und richtete sich nun gross und lang auf. Welche dustern Phantasieen! Ist es das Wetter, das dich so aufregt oder was? Angstigen dich die Kastanien, die im Regen draussen von den Baumen platzen? Der Brief soll uns nicht gleichgultig sein. Ich erstaune sogar, wieder den Namen Dankmar Wildungen, den jungen Mann, der jetzt soviel Aufsehen erregt, in Angelegenheiten genannt zu sehen, die mich beruhren. Ich wunschte, Stromer beruhigte mich uber diesen wie es scheint gefahrlichen Charakter, der so sonderbar immer in der Nahe von Dingen ist, die sich auf uns beziehen Was Stromer lange bleibt! Es ist bald sieben! Lass diese Grillen! Denke, wie glucklich die Angelegenheit mit den Denkwurdigkeiten Amanden's abgelaufen ist. Wir erwarteten Rache, Verleumdung, Wahrheit sogar. Und was fanden wir? Die machtigste Waffe in der Hand Dessen, der den Muth nicht verliert! Wenn ich einst diese Waffe schwange wenn ich diese Memoiren hingabe und sagte: Da! Les't sie! Ich weiss, es sind Dinge darin, die auch mich vernichten wurden, aber ich hatte die triumphirende Genugthuung, dass in meinen Sturz ich eine allgemeine Verwirrung hineinzoge und Die, die mich gedemuthigt glaubten, vielleicht selbst ihr Haupt nie wieder erheben konnten.

In dem Augenblicke meldete Franz Herrn Guido Stromer ... Doktor Stromer, nicht mehr Pfarrer Stromer.

Soll willkommen sein! sagte Pauline.

Die Ludmer hielt Franz zuruck ...

Noch ein Wort! Franz ... Sie besann sich und wie einen Entschluss fassend sagte sie: Was ist fur Wetter?

Die Baume triefen wie Regenschirme!

Wie nasse, willst du sagen, meinte die Ludmer. Nimm zwei trockne, Franz, du musst sogleich in die Stadt ...

Konnte nicht Ernst ... sagte Franz verdriesslich. Der Doktor ist in einer Droschke gekommen.

Ernst oder Franz, polterte die Alte, die wol einmal, aber nie zwei mal schmeichelte; Einer geht sogleich nach der Konigsstrasse und erkundigt sich, was sie treibt! Ob sie wieder mit dem Manne in der schwarzen Binde gesehen wird, wie damals auf der Fortuna oder ...

Sie geht mit Mangold

Mit Mangold ist's nichts mehr! Franz ... geh' selber zu ihr ... Mangold ist dahintergekommen. Sie ist bosartig gegen Euch! Ernst hat nicht Muth genug. Geh' Franzchen!

Franz, so cajolirt, sagte, er wollte selbst gehen. Die Geheimrathin lobte ihn fur seinen Eifer. Die Ludmer knitterte ihren Brief zusammen, nahm den Bleistift und ihre culinarischen Notizen und entfernte sich durch das Schlafzimmer und das hintere Boudoir, um einige Anstalten fur den Thee zu treffen ... Diejenigen Bedienten, die sich treu erwiesen, hatten es gut in diesem Hause.

Guido Stromer war seit einigen Wochen schon fast der tagliche Hausfreund der Geheimrathin von Harder. Er verdankte seine Einfuhrung dem Justizrath Schlurck und einem artigen Schutzbriefe, mit dem ihn Melanie selbst empfohlen hatte. Melanie hatte gesagt: Hier ist ein Mann, gnadige Frau, der in die Residenz kommt und nach Geist durstet! Er hat die Thorheit, diese Quelle in meiner Nahe zu suchen und schopft und schopft und schopft vergebens. Ich hab' ihm gesagt, ich will ihm den rechten Waldgrund zeigen, wo es in der Tiefe machtig rauscht und siedet und gahrt und siehe! so kommt er zu Ihnen.

Seitdem hatten Guido Stromer's Aufsatze im "Jahrhundert", einer grossen, einflussreichen Zeitung, schon Manchem gefallen. Zwar hatte man ihm fur seine etwas verworrenen Anschauungen erst nur noch das untere Stockwerk, das Feuilleton, eingeraumt, allein fur andre Leser, wie Pauline, war Dies gerade eine Auszeichnung. Man sprach allgemein davon, ob Guido Stromer nicht steigen, in die politischen Spalten avanciren wurde, aber es fehlte ihm noch die Grundlage positiver Thatsachen, wie er's nannte, Kenntnisse, wie Dankmar es genannt haben wurde. Er war reich in Principien, arm in praktischen Fingerzeigen. Zufallig waren unter den Eigenthumern des "Jahrhunderts" Differenzen entstanden, die sich am Besten ausgleichen liessen, wenn irgend eine bedeutende politische Macht etwas daran wagen und das Blatt kaufen wollte. Guido Stromer interessirte Paulinen fur diese Idee. Ein Blatt zu haben, ohne dass man ihr dies Eigenthum, das auf einen andern Namen geschrieben werden musste, nachweisen konnte, jeden Morgen eine Parole austheilen, jeden Abend in der Welt seine sichere Wirkung zu haben, abweisen, annehmen, voraussehen, drohen, belohnen, etwas wissen zu konnen, was Andere nicht wussten ... sie war entzuckt von diesem Plane und hatte dafur nur Stromern, Heinrichson und die Ludmer zu Vertrauten. Heinrichson versprach ihr, uber die kunstlerischen Bestrebungen so viel geheimes Material zu geben, dass sie im Feuilleton unter einem angenommenen Namen selbst als eine feine Kennerin der Kunst auftreten konnte. Sie schwelgte in dem Gedanken, uber die offentliche Meinung eine Herrschaft zu gewinnen, die ihr einen Ersatz fur die "kleinen Cirkel" bieten sollte, von denen sie mit so hartnackiger Consequenz ausgeschlossen blieb.

Guido Stromer trat ein, wie immer mit dem Bewusstsein, in welchem Goethe seinen Tasso sagen lasst: Und wie der Mensch nur sagen kann: Hier bin ich! Dass Freunde seiner schonend sich erfreun; so kann ich auch nur sagen:

Nimm mich hin!

Er idealisirte sich namlich von Tage zu Tage mehr. Der Blick seines Auges wurde immer freier und strahlender, die Art, den Kopf auf seinen Schultern zu heben, wurde beweglicher, sein ganzes Wesen erschien wie elektrisirt und im ganzen Gehaben fast uberreizt. Eine gewisse Pedanterie war dabei freilich nicht zu vertilgen. Die mangelnde feinere Erziehung, die ihm Furstin Amanda, die auf den innern geistigen Kern blickte, vollig nachsah, war durch feinere Wasche und eine wie aus einem Handbuche studirte Eleganz nicht zu verdecken. Die Grazien waren in seiner Nahe, aber sie neckten ihn nur, sie spielten mit ihm Versteckens, sie wohnten nicht in ihm selbst. Dieser feine Kopf ass jetzt an vielen vornehmen Tafeln, aber er wiegte sich so sonderbar in diesen Genussen, athmete so den Duft seiner Einladungen ein und aus, wiederholte so sehr Alles, was ihm begegnete, in der Erzahlung sprach er so gerauschvoll und nachdrucklich, dass das ganze personliche Interesse, das Pauline an diesem so urplotzlich aufgetauchten Autor genommen hatte, dazu gehorte, um durch ihn in ihren Nerven nicht empfindlich gestort und verletzt zu werden.

Meine gnadige Frau, sagte Guido Stromer, gleich im Eintreten, wahrend er Paulinen die Hand kusste, ich komme in Sturm und Regen und muss in weiter Ferne von Ihnen bleiben, denn ich bringe eine Atmosphare mit, die leicht den Katarrh nach sich zieht.

Nun, bester Freund, begrusste ihn Pauline und bat ihn Platz zu nehmen, wo es seiner diatetischen Sorgfalt fur ihre Gesundheit nur beliebe. Was bringen Sie uber das "Jahrhundert"?

Vor allen Dingen die heutige Nummer! sagte Stromer, griff in den neuen schwarzen Frack, dessen Hyper-Modernitat ihm beinahe komisch stand und breitete das von der Druckerei noch nasse Blatt aus, das Pauline gierig ergriff und durchflog.

Im Bureau war ich nicht, fuhr Stromer fort, nachdem Pauline sich etwas orientirt hatte ... denn zu sprechen, wahrend Jemand etwas vielleicht von ihm las, dazu war er zu taktvoll ... Das Bureau ist zu entlegen. Einem kleinen Madchen kauft' ich es an einer Strassenecke ab. Das Kind stand im Regen da wie der zitternde Strauch auf einsamer Heide ... Ich weiss, Ihr Exemplar kommt erst spater.

Schropfer war da! warf Pauline im Lesen und blatternd fast neckisch und wie zur Anregung hinein.

Ah, gnadige Frau, sagte Stromer, ich wusste es, ich hab' ihn selbst gesprochen. Die Sosier sind keine Freunde der Aktienunternehmungen, welche Zeitungen stiften. Auch die kleinen Buchhandler auf der Strasse sollen weggeschnappt werden. Kind! fragt' ich das kleine Madchen, das die Blatter feil bot, liest du denn schon und verstehst du auch, was du verkaufest? Meine Schwester erzahlt es uns manchmal; sagte das Kind. Hast du eine Schwester, kleine Proletarierin? fragt' ich. Welchen Schriftsteller liebt sie denn am liebsten in dem Blatt, das du da verkaufst? ... Stromer hielt inne; denn die Geheimrathin war so vertieft, dass sie sowol sein Bild von dem auf der Haide im Sturme frostelnden Strauche, wie seine Unterredung mit der kleinen Line Eisold uberhort hatte. Er wartete, bis sie sich gesammelt hatte.

Ah, sagte sie dann und blickte zu Stromer, um ihn zum Weiterreden zu ermuntern.

Denken sie sich, gnadige Frau, fuhr dieser fort, wie man populair wird! Und dein Ruhm wird ertonen auf der lauten Gasse! Jesaias wurde mich beneidet haben, wenn er Das gehort hatte. Wohl weiss ich, dass auf der Gasse nicht blos Glocken tonen, sondern auch Schellen klingeln und alte Topfe krachen, die man in Scherben zerwirft, aber auch ein solcher Polterabendruhm klingt einem Ohre suss, das bestimmt schien, nur im Umkreise eines landlichen Nachtwachterhornes seinen Namen bekannt zu wissen.

Im Umkreise eines landlichen Nachtwachterhornes! wiederholte das Bild anerkennend Pauline, indem sie weiter blatterte und nicht ganz bei der Sache war. Wovon sprachen Sie denn?

Diese kleine fliegende Buchhandlerin sagte mir, der liebste Schriftsteller, von dem ihre Schwester sich etwas abschriebe, ware ihnen Guido Stromer! Gnadige Frau, Das so zu horen im Sturme eines nassen Herbstabendes, an einer Strassenecke unter Wagengerassel, wie Macbeth sein Schicksal am Wege von den Hexen zugerufen bekommt. Poesie mitten in der Alltaglichkeit!

Nun erst sammelte sich Pauline von Harder. Sie hatte das Blatt durchflogen, sich uber den Stand der Parteien orientirt, die neuesten telegraphischen Depeschen gelesen, einige kleine durch Stromer besorgte Notizen von eigener Hand gefunden ... nun erst horte sie halb, was Guido Stromer sprach und fragte:

Also was sagte Schropfer? Merkte er unsere Absicht?

Guido Stromer war doch stark betroffen, dass die gnadige Beschutzerin seiner Zwischenreden so wenig Acht gehabt hatte. Er hatte in solchen Fallen die Gewohnheit, den Ton ganz leise einzusetzen und mit gezogener Empfindlichkeit und einem gleichsam nur seinem eigenen Genius genugthuenden gelinden Strafverfahren so wie hier zu wiederholen:

Was.. Herr.. Schropfer.. gesagt ... hat?

Ja, Sie sprachen doch ...

Wohl! sagte Stromer seufzend und gelassen, wie ein angeschmiedeter Prometheus; wohl! Frau von Harder will zur Literatur zuruckkehren, sagte der edle Sosier, sie will vielleicht ein Blatt begrunden! Aber vom "Jahrhundert" war keine Rede.

Ah! Ich habe mir, begann Pauline die Arme ubereinander schlagend und den einen Fuss auf ihr Sopha legend, ich habe mir Mancherlei von den Einrichtungen einer solchen Unternehmung erzahlen lassen, von Druck, Papier, Versendung, Abonnentenzahl und dergleichen mehr. Ich glaube, dass die dreitausend Abnehmer des "Jahrhunderts" ungefahr nach allem Kostenabzuge einem Capitale von 10.000 Thalern gleich kommen.

Hoher nicht? fragte Stromer, der wie alle uberfliegenden und haltlosen Naturen auch in solchen praktischen Verhaltnissen von dem Werthe der eigenen Thatigkeit chimarische Begriffe hatte.

Finden Sie die Summe so unbedeutend?

Das Capital ist bedeutend. Die Rente klein ... antwortete Stromer, und eigentlich mussen wir hinzufugen, dass ihm Capital und Rente neue Begriffe waren, die er nicht ohne einige Genugthuung seinem bisherigen ublichen Sprachgebrauche einverleibt hatte.

Es ist mir nicht um die Rente, sagte Pauline, die in Geldsachen gelaufigere Praxis hatte, sondern um den Einfluss, um die Unterhaltung und manchen nutzlichen Gedanken, der sich wird fordern lassen. Durch wen besorgen wir nur den Kauf? Wer leiht seinen Namen her, um den unsrigen zu decken?

Ich habe an Herrn Schlurck gedacht ... meinte Stromer.

O sehr gut! Schlurck! Er ist ...

Doch zuverlassig?

Wie Gold! Aber ... seit der Hohenberger neuen Generalpacht scheint er mir etwas en decadence.

In der That? Man speist doch bei ihm wie bei einem Lucullus.

Seine verlorene Curatel der Hohenbergischen Guter hat ihm in der grossen Welt geschadet. Es ist erstaunlich, wie ansteckend das Gluck und wie noch anstekkender das Ungluck ist. Beim Glucklichen versucht sich Jeder, den Unglucklichen flieht man. Das soll mich aber nicht veranlassen, diese Thorheit mitzumachen. Ich will Schlurck bestimmen, das "Jahrhundert" fur meine Rechnung anzukaufen ...

Indem trat die Ludmer ein, hinter ihr folgte sehr bald Ernst mit dem Theeservice ... Stromer horte das Klappern von Tassen schon seit Jahren ausserordentlich gern. Es wurde ihm dann immer so behaglich, dass er sogleich anfing, Streckverse uber das Sieden eines Theetopfes, uber das Singen eines gebundenen Wassergeistes und den angenehmen Zusammenhang zwischen einem kalten Septemberabend und einer Tasse braunen Peccothees zu jeanpaulisiren, wobei er nicht furchtete, sich zu wiederholen. Er hatte ahnliche Empfindungen an dieser Statte schon mehrfach ausgesprochen, sprach sie aber heute wieder aus ...

Die Ludmer hatte seit Jahren ein Zeichen, das ihr sagte, ob sie ein tete-a-tete oder eine grossere Gesellschaft der Geheimrathin durch ihre Anwesenheit storte oder nicht. Fand sie das feine battistene Taschentuch Paulinen's in ihrer linken Hand, so durfte sie bleiben; fand sie es in der rechten, so hatte die Gebieterin Ursache, ihre Entfernung zu wunschen. Da sie das Taschentuch heute in der linken bemerkte, so blieb die Ludmer und sorgte fur den Thee, scheinbar dem Gesprache nicht folgend und doch sehr bei ihm interessirt. Denn sie war keine Freundin der literarischen Bestrebungen Paulinen's. Sie fand in dem Umgange mit Schriftstellern nichts ihrer Wurdiges. Sie hatte auch Scharfsinn genug, sich zu vergegenwartigen, dass diese Art von geistiger Thatigkeit zuletzt eine Unsumme von Verlegenheiten bereitet und sie wusste dann, was die nachsten Umgebungen der Geheimrathin zu leiden hatten, wenn die Schwierigkeiten wuchsen und sich alle Ausgange verstopften und die Ruckzuge sich versperrt fanden. Sie bereitete den Thee, schwieg, horte aber mit scharfem Ohr auf jedes Wort, das hier gesprochen wurde.

Man erorterte die Stellung, die kunftig das "Jahrhundert" in den Fragen der Zeit, dem Wirrwarr der Parteien einnehmen sollte. Pauline tadelte die schwankende bisherige Haltung dieses Blattes, das zwar sehr leserliche, aber wenig entschlossene Artikel brachte.

Irgend etwas muss gesagt werden, erklarte sie. Die Artikel mussen auf eine gewisse Pointe zuruckkommen. Jeder Gedanke muss seine eigenthumliche Spitze haben. Werdeck mussen Sie versuchen fur die Artikel uber Militairreform zu gewinnen, Justus, den Heidekruger, fur gutsherrliche und bauerliche Verhaltnisse, Schlurck kennt die Mangel unsres Gerichtsverfahrens, Gelbsattel ist sehr verstimmt, sehr, sehr, der Hof nimmt keine Rucksicht mehr auf die alte Tonangabe, die man ihm in fruheren Zeiten gestattet hatte; das Alles sind Elemente, die Sie gewinnen mussen und woraus man eine Zeitschrift fur Misvergnugte bilden kann. Glauben Sie mir, die wurde grossen Anklang finden!

Stromer nippte an seinem Thee und brockte Zwieback. Wenn er aufrichtig war, musste er sich gestehen, dass er in keiner Weise fur solche Unternehmungen der Mann war. Es fehlte ihm jede Unterordnung unter fremde Denkweise. So sehr er eine Aufgabe daraus machte, alle Menschen in ihrer Art gelten zu lassen, so war es ihm dabei doch nur um eine gewisse Kunst der Charakteristik und den Schein der politischen Milde zu thun. Zu objectiven Wahrheiten vollends wusste er sich nicht zu erheben.

Durft' ich nicht eine Ansicht aussern, gnadige Frau? sagte er jetzt in seiner alten Art, die wir von Hohenberg kennen, in jenem leisen, vorbereitenden, die Aufmerksamkeit erzwingenden Piano.

Sprechen Sie! sagte die Geheimrathin.

Die Ludmer horchte.

Ich gestehe doch aufrichtig, sagte Stromer, dass ich mir eigentlich gedacht habe, ob man nicht in dem "Jahrhundert" jede Parteiung umgehen konnte. Wo man hinhort, wird der Hass gepredigt. Wenn nun einmal Einer aufstunde und das Evangelium der Liebe predigte? Ich verlange Schonung fur jede Ansicht, unter der Bedingung, dass sie sich nur geistig ankundigt.

Ah! Ah! rief Pauline ablehnend. Sie fallen in den Ton zuruck, der meiner guten Freundin, der Furstin Amanda, so sympathisch war! Unsere Zeit verlangt Farbe.

Sagen Sie Das nicht so entschieden, gnadige Frau! Unsere Zeit verlangt den Regenbogen des Friedens ... Und im Regenbogen sind alle Farben vereinigt.

Gelb und Roth herrschen vor. Krieg! Krieg! Bester Pfarrer!

Fur unser Auge, fur unsere dunstige Atmosphare, gelb und roth. Aber an klaren Tagen sieht man mehr das Roth und Grun hervorstechen ...

Ohne eine Partei, ohne eine Gesinnung halt sich keine Zeitung! Nein, nein, Stromer!

O fern sei es von mir, zu sagen, flusterte Stromer erregter, dass ich keine Gesinnung hatte! Das aber eben ist meine Gesinnung, dass ich die Extreme verabscheue. Nur der Willkur und der Gedankenlosigkeit wollen wir den Krieg erklaren, Das aber, was sich in einer Form der Schonheit und einer gewissen individuellen Nothwendigkeit ankundigt, Das mussen wir gelten lassen, wenigstens eine Zeitlang prufen. Vom Berge Sinai kommt der Bote des Herrn, der Gesetzgeber seines Volkes. Wie er aus den Wolken tritt, siehe da! sein Herz ist bekummert. Sein Volk tanzt um ein guldenes Kalb. Der Gott, den ihnen Moses aus den Wolken bringen sollte, zogerte ihnen zu lange. Sie zwingen Aaron, ein guldenes Kalb zu giessen, das sie faute de mieux ihren Gott nennen. Moses, voll Entrustung, nimmt die Tafeln des geschriebenen Gesetzes, das er mit sich herunterbringt, und wirft sie nach dem Gotzenbilde. Die Tafeln zerspringen und alles Volk eilt herbei, die Scherben zu sammeln. Jeder hat nun einen Theil der Wahrheit, Jeder hat nun ein Stuck des Gesetzes und jetzt bedarf es der Massigung, Ruhe, der Verstandigung, um die Scherben wieder aneinander zu setzen und aus den Trummern wieder des Herrn lebendiges Wort zur Auferstehung zu bringen.

O das ist ein Mythe! rief Pauline. Das ist sehr poetisch, Pfarrer! Ein solches Gleichniss an die Spitze des Jahrhunderts gestellt, als Einleitung des neuen Programmes als Ankundigung kann Das Gluck machen; aber ...

Dennoch fuhl' ich, fuhr Stromer fort, dass wir im Vorhofe solcher Allgemeinheiten nicht durfen stehen bleiben. Ja wir mussen uns an die Thatsachen wagen. Aber noch heute nahm ich Veranlassung, zu Gelbsattel zu sagen: Warum streiten wir nur uber die Frage, wer regieren soll? Ist es erhort, dass unsere Zeit den Konigen nur das Regieren uberhaupt zu- oder abspricht und Niemand denkt mehr daran, wie regiert werden soll? Das Schiff fahrt dahin uber die Wogen. Der Mann am Steuerruder lenkt seine Bewegung. Er hat doch ein Ziel! Er hat doch entweder nach Kolchis zu segeln, um das goldene Vliess zu holen oder er tragt schon eine Beute und will zuruck zu der Heimat Strand. Einst gab es Konige, die nicht an's Regieren uberhaupt dachten, sondern nur daran, dass sie gut und gross regierten. Ihr Minister und Volkshaupter streitet uber das Regieren. Wer regiert! Ei, so halte dich nicht auf, du Muckenseiher, ei so tummle dich doch in der Bahn und zanke nicht, wie sie gezogen sein soll! Ich will regieren, sagt der Furst. Regiere nur! Aber rasch, gross, bedeutsam! Was ist Das fur ein Staatenleben, wo es immerdar nur heisst: Wir leben in einer Maschine, wo das Recht des ersten Druckes Dem, das Recht des Gegendruckes Dem gebuhrt! Ist der Staat ein wiederkauend Thier, ein jammerlicher Selbstzweck? Sind die Konige nur da, um Konige zu sein? Mein Seherauge lehrt mich aus meinem Scherben am Fusse des Sinai eine tiefe Wahrheit entrathseln. Ich lese etwas von dem Satze in der ewigen Offenbarung: Die Konige regieren! Aber sie sollen regieren, gut, weise, gross und schaffend! Sie sollen regieren nicht um der Ewigkeit ihres Stammes, sondern um dessen Zeitlichkeit willen! Sie sollen regieren, um die Volker reif zu machen, sich selbst zu regieren! Die Konige sind die einzigen berufenen legitimen Apostel der Republik.

Vortrefflich! rief Pauline und reichte dem geschickten Gedanken-Eskamoteur, diesmal im Style von Hamann, die Hand, dass er sie ergriff und kusste.

So weit ihr Verstand reichte, war ihr Das neu und im Grunde nicht sehr gefahrlich. Es nutzte allen Parteien.

Was sagte Gelbsattel? fragte sie dringend, zum Entsetzen der alten Ludmer, die uber die Art, wie ihre Freundin auf ihre alten Tage da so in der Politik schwamm und platscherte, in Verzweiflung gerieth und sich nur helfen konnte, indem sie an die Zubereitung der Schussel: Filet von Seezungen a la maitre d'hotel dachte.

Er ist verdriesslich, antwortete Stromer, Gelbsattel ist verstimmt, hat hausliches Leid, er mag nichts Neues mehr denken. Der alte Apparat, der so viele Jahre bei ihm gehalten hat, ist ihm zu bequem geworden. Passt eine neue Denkform nicht in diese alten Modelle seiner Dialektik hinein, so weiss er nicht mehr viel mit ihr anzufangen und hat gleich seine Bezeichnungen wie: Unpraktisch! Mystisch! Naturphilosophisch! zur Hand und glaubt die Sache damit abgethan. Wenn ich noch erwahne, dass ihn der beruhmte Process wegen der Johannitererbschaft verdriesslich stimmt, so thu' ich Das mit Bedacht, weil ich dadurch veranlasst werde, noch einer moglichen Verbesserung unseres "Jahrhunderts" zu gedenken. Sie kennen Dankmar Wildungen, gnad'ge Frau?

Nur dem Namen nach! antwortete Pauline gespannt und die Ludmer horchte auf.

Dieser junge Mann, fuhr Stromer fort, interessirt alle Welt. Wo man ihn sieht, zeigt man nach ihm und Viele wetten, dass er den merkwurdigen Process gewinnen wird

In der That?

Schlurck, Gelbsattel, sind nicht umsonst so verstimmt; das Ministerium verfolgt die Schritte der Gebruder Wildungen nicht umsonst mit so scharfem Auge ist doch sogar eine Haussuchung bei ihnen vorgenommen.

Die Ludmer und Pauline schlugen die Augen nieder.

Ich lernte Dankmar, sagte Stromer, in Hohenberg kennen. Man hielt ihn fur den Prinzen Egon und durfte es, wenn Unternehmungslust, Feuer, edle Haltung von dem Wesen einer in der Gesellschaft hervorragenden Erscheinung unzertrennbar sind. Ich nahm schon damals an ihm Interesse und habe kurzlich, vorgestern, an einem offentlichen Orte, auf's neue seinen Scharfsinn, seine hervorstechende Eigenthumlichkeit bewundert.

Vorgestern? fragte Pauline lachelnd. Im Cafe Richter?

Woher wissen Sie

Wir sind allwissend, lieber Stromer.

In der That! Es war acht Uhr. Wildungen sprach lange in einem einsamen entlegenen Zimmer mit einem mir unbekannten Manne ...

Mit rothlichem Bart? In grunen Kleidern?

Wohl! Wohl! Ei!

Fahren Sie fort ...

Ich habe nichts zu sagen, als dass er nach der lebhaften Unterhaltung mit diesem Manne, der sich bieder, doch in grosser Aufregung ihm die Hand schuttelnd, bald entfernte, in die besuchteren Zimmer kam und so angeregt war, so spruhend und lebendig sich uber die Angelegenheiten des Tages ausserte, dass ich die alte Bekanntschaft mit ihm gern erneuerte und ihn veranlasste, sich gleichfalls dem neuen Aufschwunge des "Jahrhunderts" zu widmen.

Mein Freund, rief Pauline entzuckt. Sie werden praktisch!

Die Ludmer sah auf Pauline bedeutungsvoll angstlich hinuber, doch nahm diese keine Notiz.

Was antwortete er? fragte sie.

Es gab erst ein Misverstandniss. Er sagte, dem Jahrhundert leb' ich wohl und mocht' es aus seinen Angeln heben; ich fuhle alle Schmerzen der Zeit und ringe, sie zu heilen. Da kam die Aufklarung, dass nur von der Zeitung die Rede war. Er lachelte, schien aber vollig bereit, ganz einverstanden und theilte mir offen mit, dass er bis zur Erledigung seines Processes sich durch literarische Arbeiten die Existenz fristen musse, ohne darum mit Goethe zu sagen: Wer nie sein Brot in Thranen ass ... ich fand einen Charakter, einen Mann in ihm.

Die Ludmer rumpfte die Nase, als wollte sie sagen: Welch' ein Umgang! Nichts als Lumpen! Die Geheimrathin aber, in dem Zuge, in dem sie nun einmal war und der Tage gedenkend, wo sie einen Heinrich Rodewald liebte, von dem sie oft sagte: Titan, du spielst mit der Weltkugel Fangball! rief: Fahren Sie fort! Fahren Sie fort! Und nun, fuhr Stromer fort, kam ein Vorschlag Wildungen's zur Sprache, uber den ich doch erst die Ansicht meiner verehrten Gonnerin vernehmen muss. Der junge, leidenschaftliche und von allen Verhaltnissen unterrichtete Advokat machte mich darauf aufmerksam, dass der ihm, wie doch auch mir so nahestehende Prinz Egon sicherlich eine bedeutende politische Rolle spielen wurde. Der an drei Orten gewahlte Volksmann Justus hatte sich sogleich erboten, die Wahl des ihm benachbarten Prinzen fur einen der Wahlorte, den er refusiren musse, zu beantragen und man konne gewiss sein, dass nun Prinz Egon von Hohenberg in die Kammer trate. Er ware von einer seltenen politischen Reife, besasse Kenntnisse, ausserordentlich neue und befruchtende Grundgedanken und wenn man ihm noch den Nachdruck gabe, dass er eine Partei bilden durfe, dass er eine Zeitung, immerhin das "Jahrhundert", zur Verfugung bekommen konnte ... Hier brach Stromer ab, denn die Geheimrathin schien in der grossten Aufregung. Schon seitdem Dankmar Wildungen genannt war, fingen ihre Gedankenrader sozusagen zu schnurren an. Die Ludmer hatte dafur ein ausserordentlich feines Ohr. Sie kannte Paulinen, wie sie grubelte und kombinirte, wie sie der Zerstreuung, Anlehnung an lebendige Naturen bedurfte, wie sie ihr Ohr an das Sausen und Brausen der Zeit zu legen liebte. Als aber Egon genannt wurde und sie ihr Lacheln, ihre Spannung, ihr Interesse bemerkte, hatte sie mit irgend einem andern Gegenstande das Gesprach unterbrechen mogen und ware es das Niederwerfen der Tassen gewesen. Eben wollte sie wenigstens in die Verwunderung der Geheimrathin personlich miteinstimmen, als diese in ihrer Unruhe sich von der kalten, nur horchenden, nur ihre Glut dampfenden Horcherin so belastigt fuhlte, dass sie das Taschentuch mit Entschiedenheit aus der linken in die rechte Hand warf und diese rechte Hand weit uber den Tisch streckte. Das war das ominose Zeichen! Ein Signal, dass sich die Ludmer entfernen sollte! Mit welchem Widerstreben ging sie! Mit welchem durchbohrend warnend Blicke! Nun sollte sie gehen! Jetzt! Jetzt, wo vielleicht eine furchtbare Thorheit eingefadelt wurde, eine Quelle bittrer namenloser Reue angebohrt fur eine nur noch kurze Zukunft, jetzt ...

Aber ... sie ging.

Als die Geheimrathin und Stromer allein waren, sagte jene:

Ich freue mich, Stromer, dass Sie so praktisch werden und so ernste Anstalten fur unsre gemeinschaftliche Sache treffen. Allein mit Prinz Egon hat es seine Bedenklichkeiten. Ich schatze sein Verdienst. Nach Dem, was ihm in Solitude begegnete, sind Aller Augen auf ihn gerichtet. Aber ich habe keine Beziehung zu ihm, und wenn eine Beziehung, schwerlich eine gunstige.

Ich war darauf vorbereitet und habe deshalb Sorge getragen, mich genauer zu unterrichten; antwortete Stromer, der die Verfeindung zwischen Pauline und Egon's Mutter kannte und einst in Hohenberg dem Geheimrath von Harder die Ursachen derselben bitter genug angedeutet hatte.

Sie haben mich doch nicht schon genannt? unterbrach Pauline die etwas verlegen stockende Rede.

Gnadigste! Was denken Sie von mir! Ich bin ein Neuling in dieser papiernen Welt, aber nicht in der wirklichen. Vollends weiss ich, dass Sie mit dem Prinzen gespannt sein mussen ...

Mit ihm? Warum mit ihm? Mit seiner Mutter war ich's. Warum mit ihm?

So rasch gehen Sie uber die Empfindungen eines Sohnes hinweg? Ich muss leider der Wahrheit gemass berichten, dass ich mir selbst manchmal, wenn ich hier bei Ihnen sitze, wie ein Mensch vorkomme, der sich als seinen eigenen Antipoden fuhlt. Die Furstin wurdigte mich derselben Theilnahme wie Sie, gnadige Frau und bei allem milden Sinne Amanden's muss ich gestehen

Dass sie mich hasste?

Ich kenne die Veranlassungen nicht und furchte, dass sie die Abneigung auf den Sohn vererbte.

Haben Sie davon Proben?

Da ich vorgestern von Wildungen eine so beachtenswerthe Idee empfing, war ich heute in der Fruhe beim Prinzen. Ich wollte discret sein und war es. Er empfing mich nicht freundlich. Er hat seinen alten Lehrer Rudhard wiedergefunden, druben bei der Furstin Wasamskoi ...

Ich kenne den Alten seine neugierigen Blicke auf mein Fenster belastigen mich genug nun? Nun?

Die Folge dieses Wiedersehens sind Erinnerungen an die alten Zeiten gewesen. Ich konnte den Prinzen nicht in einen irgend warmeren Ton gegen mich bringen. Wie sehr muss mich Das bekummern, wenn ich daran denke, dass mein Urlaub von ihm abhangt, dass er die Wahl eines zeitweiligen Stellvertreters, den ich in einem jungen Manne, Namens Oleander, gefunden zu haben glaube, zu billigen hat! Heute tadelte er die Entfernung von meiner Familie; er verrieth in jedem Worte, dass Rudhard's strenger und unromantischer Rigorismus ihm wieder nahegekommen war. Er fragte dann nach meinem Umgang. Ich nannte aufrichtig Sie, gnad'ge Frau. Ich wollte horen, was sich da fur ein Widerhall von seinem Herzen wurde vernehmen lassen. Ich gestehe Ihnen, es war der rauheste!

Lacheln Sie nicht, gnadige Frau ... er sprach in Drohungen gegen Sie

Fahren Sie nur fort! antwortete Pauline gespannt und sehr ruhig.

Er sagte mir, er wisse, dass Sie ihm eine Feindin waren, seit er auf der Welt ware

Seit er auf der Welt ist? Da hat er Recht! sagte Pauline traumerisch, doch kalt.

Rudhard, fuhr er fort, hatte ihn auf's neue gewarnt ...

Rudhard?

Dem alten Freunde seines Hauses ware es gelungen, schlimme Dinge zu entdecken, die Sie gegen ihn unternommen hatten

Ich gegen Egon?

Wohl verschweige ihm sein vaterlicher Freund und Fuhrer Manches, was ihm auf dem Herzen lage, aber es kame gewiss zum Vorschein, wenn erst zwischen ihm und diesem Edlen Alles klar und rein gelichtet ware noch lagen zuviel der Wolken zwischen ihnen

Helene d'Azimont eine Wolke? Hoffentlich eine rosige Wolke!

Gnadige Frau, ich war nicht im Stande, die Saite langer zu beruhren. Ich ergriff ein auf dem Tische liegendes Exemplar der Nachfolge Christi von Thomas a Kempis. Er sagte mir, dass er dies Buch liebgewonnen hatte, es ware eine Erbschaft seiner Mutter. Ich entgegnete, um ein harmloses Gesprach zu beginnen: Durchlaucht irren wohl! Ich kenne alle Ausgaben dieses lieblichen Buches, die die selige Furstin besass, alle! Dies Exemplar war aber nie in ihrer Bibliothek! Ich glaub' es wohl, sagte er, dass Sie dies nicht kannten. Es befand sich hinter jenem Bilde! Damit zeigte er auf ein Pastellgemalde der seligen Furstin in Medaillonform

Pauline war schon langst erblasst ... ihre Lippen offneten sich und blieben starr und unbeweglich stehen. Dann hauchte sie so hin:

In jenem Bilde ...

Befand sich, behauptete der Furst, fuhr Stromer, dem diese Unruhe und Anderung der Stimmung nicht besonders auffiel, fort, eine Verlassenschaft seiner Mutter, auf die sie ihn kurz vor ihrem Tode aufmerksam gemacht hatte. Er hatte Mittheilungen, Ermahnungen, Denkwurdigkeiten gehofft. Sein ganzes Leben hatte sich auf dieses Bild bezogen. Er hatte seine Ehre, Alles dafur gewagt und jenes Bild hatte dies Buch von der Nachfolge Christi enthalten. Er wollte mich mit Vorwurfen uberhaufen, dass ich das Irrlicht seiner Mutter gewesen ware. Ich drangte auf einen andern Gegenstand. Indem hatt' ich das Exemplar wieder angesehen und musste ihm sagen Durchlaucht

Nun Durchlaucht?

Stromer horchte ...

In dem Augenblicke, als Pauline auf's Ausserste gespannt, auf Stromer's Erzahlung harrte, vernahm man einen rasch anfahrenden Wagen, der auf dem vom Regen knirschenden Kieselsande dicht vor dem Portale zu halten schien.

Sie bekommen Besuch, gnadige Frau? sagte Stromer, sich unterbrechend.

Nein, nein. Was sagten Sie dem Prinzen?

Durchlaucht, sagt' ich, das ist ja ein sonderbarer Vorfall! Diese Ausgabe des Thomas a Kempis ist niemals auch nur beruhrt worden von der Hand der seligen Furstin; denn uberzeugen Sie sich selbst, hier auf dem Titelblatt

Aber Sie bekommen Besuch!

An der aussern Glocke wurde eben ausserordentlich stark geschellt.

Pauline, von Stromer's Erzahlung auf's Ausserste gespannt, jede Unterbrechung verwunschend, war aufgestanden und wollte klingeln, um zu sagen, dass sie Niemanden empfange.

Aber sie war so begierig auf Stromer's Erzahlung, dass sie selbst diese Weisung an ihre Diener nicht ausrichten mochte, sondern nur sagte:

Und? Und? Auf dem Titelblatt?

Uberzeugen Sie sich, Durchlaucht, sagt' ich, fuhr Stromer, der gleichfalls aufgestanden war, fort; unter diesen Arabesken des Titelblattes steht ja ganz in Perlschrift die Jahreszahl des Druckes. Diese elegante Ausgabe des Thomas a Kempis ist ganz in der Art, wie die Furstin solche Einbande liebte. Aber dies Exemplar ist erst ein Jahr nach ihrem Tode im Druck erschienen. Wie ich Das sagte

Indem horte man draussen Thuren gehen.

Wie Sie Das sagten? drangte Pauline.

Trat Rudhard ein ... Egon entliess mich in einer mir allerdings erklarlichen Aufregung; denn wie konnte jenes Buch von der Furstin selbst

Weiter trug Stromer seinen Bericht nicht vor; denn die Thur wurde aufgerissen, die Ludmer, leichenblass, sturzte herein und rief mit erstickter Stimme:

Prinz Egon von Hohenberg lasst sich melden!

Wie? sagte Pauline und hielt die Hand krampfhaft an die Sophalehne.

Er selbst! Er lasst sich nicht abweisen. Er will dich sprechen

Pauline riss sich, wie von einer Natter gebissen auf, sturzte an die Thur und verriegelte sie.

Es war das Werk eines Augenblicks.

Welche Stunde! rief die Ludmer. Ist ein solcher Uberfall erhort? Er ist ausgestiegen, dem meldenden Bedienten auf dem Fusse gefolgt er wartet im Empfangzimmer.

In der Ferne horte man durch die hallenden Zimmer her eine mannliche Stimme sich rauspern und einen kraftigen Schritt auf und abgehen.

Pauline stand eine Weile unschlussig ... Jetzt war der Augenblick da, wo sie einer "Seherin" gleichen konnte. Sie begriff diesen Moment, richtete sich entschlossen empor und fragte:

Warum soll ich den Prinzen Egon von Hohenberg nicht empfangen?

Die Ludmer verstand einen gewissen Hohn in ihren Mienen, wagte aber nicht zu lacheln.

Pauline aber mit triumphirender Miene setzte hinzu:

Wohlan! Er mag kommen!

Schon klopfte Ernst an die verschlossene Thur und bat um Verhaltungsmassregeln ... der Furst liesse sich nicht abweisen.

Wer sagt denn, dass man ihn abweisen soll? rief die Geheimrathin durch's Schlusselloch. Ich bitte Durchlaucht einen Augenblick zu verziehen!

Diese Worte sprach sie mit gemachter Sussigkeit, als sollte Egon sie horen.

Adieu, lieber Stromer, sagte sie dann rasch, zitternd wol, aber gefasst. Auf Morgen! Adieu! Adieu!

Stromer wollte reden, wollte Aufklarung haben, wollte ... wurde aber durch das Schlafzimmer, dann das achte Boudoir, zuletzt durch die Garderobe von der Ludmer fast gewaltsam hinauseskamotirt. Er war, so fortgezerrt, in diesem Augenblicke ganz so uberflussig geworden, wie Augusten's hochfahrende Tante wunschte.

Mit all' seinem Geist, mit all' seinen Seherblicken vom Berge Sinai, mit all' seinen Jeanpaulismen und deutschen Gedankenuberschwenglichkeiten stolperte er im Dunkeln uber mehre Kisten und Koffer, dass er sich fast verletzt hatte ...

Pauline folgte nach einem Moment. Sie gab Befehl, den Empfangssalon durch einige Armleuchter schnell zu erhellen. Mit Blitzesschnelle gab sie ihrer Toilette noch einige kuhne Improvisationen und schritt dann fest und entschlossen durch das Zimmer hindurch, das ihr nun entriegeltes ostensibles Boudoir von dem inzwischen erhellten Empfangszimmer trennte.

Die Ludmer fuhlte, dass es nothwendig war, in der Nahe einer so wichtigen und gefahrvollen Begegnung wenn nicht zu horchen, doch behutsam und auf Alles gefasst zu wachen.

Sechszehntes Capitel

Ein Zauberspiegel

Gnad'ge Frau, begann Furst Egon von Hohenberg und erhob sich von dem Sessel, auf dem er Platz genommen hatte; ich horte, dass Sie wie Jeder, der seine Tagesstunden besser zu verwenden weiss, Abends empfangen! Irr' ich mich?

Pauline bedeutete Egon zuvorderst Platz zu nehmen, setzte sich selbst, nicht ohne einige Befangenheit, in einen der Sessel, die schon fur die bald zu erwartende Feuerung am noch geschlossenen Kamine aufgestellt waren ... Die beiden gemalten Sphinxe auf dem bunten Kaminschirme druckten vollkommen ihre Spannung uber das Rathsel dieses Besuches aus.

Fur Ew. Durchlaucht wurd' ich zu jeder Stunde zu sprechen sein. Ein Endlich! Endlich! Ihnen auszusprechen, musst' es mich wohl drangen.

Endlich? Hatten Sie mich jemals erwarten konnen, gnad'ge Frau? fragte Egon voll Bitterkeit.

Den Freund meiner geliebten Helene? Den Erklarten meiner d'Azimont? fiel Pauline mit kunstlichem Erstaunen ein.

Ha! Aber den Sohn der gehassten Amanda? setzte Egon hinzu und ohne Paulinen's Erwiderung abzuwarten, ruckte er mit seinem Sessel ihr etwas naher und sagte:

Gnadige Frau, es sollte mir lieb sein, wenn ich Ursache fande, mich Ihnen enger anzuschliessen und die grossen Eigenschaften in der Nahe zu bewundern, von deren Lobe die Grafin d'Azimont uberfliesst. Einstweilen stell' ich diese Annaherung freilich auf eine starke Probe. Ich stehe vor Ihnen, gnad'ge Frau, mit dem Ersuchen, mir die Denkwurdigkeiten meiner Mutter auszuliefern.

Pauline war auf diese kalte, kategorische Forderung gefasst, erstaunte aber uber die Hast und das entschlossene Vermeiden aller Praliminarien.

Sie war darauf vorbereitet, dass sie Gegner hatte, die ihren so vorsichtig berechneten Schritten gefolgt waren, der Ablieferung des entleerten Bildes an den Oberkommissair Pax auf der Spur waren und sie entlarven wollten.

Dennoch sagte sie zitternd:

Welche Denkwurdigkeiten, Durchlaucht?

Die Denkwurdigkeiten, gnad'ge Frau, antwortete Egon mit steigernder Erregung und jene heftigste Wallung nicht mehr verbergend, mit der er hergekommen war; die Denkwurdigkeiten der Furstin Amanda von Hohenberg, die sie auf ihrem Sterbebette ihrem Sohne bestimmt und unfahig, in ihrer letzten Lebensstunde weitlaufige gerichtliche Dispositionen zu treffen, spater in einem Bilde verborgen hat, das dem sonderbaren Schicksale verfiel, Ihnen fruher in die Hande zu kommen als mir.

Welches Bild? fragte Pauline nun mit scheinbarer Ruhe, um nur Zeit zu gewinnen.

Egon trug in aller ihm kaum noch moglichen kunstlichen Ruhe die Geschichte jenes Bildes vor, wie sie durch ubereinstimmende Aussagen Dankmar's, Rudhard's, des Oberkommissairs Pax, der Agenten Mullrich und Kummerlein sich ergeben hatte. Es war darin mancher Umstand mehr errathen als bewiesen. Allein die Uberzeugung, dass Pauline von Harder schon durch die ganze Agitation uber den Nachlass seiner Mutter, die Reise des Intendanten nach Hohenberg und was sich Alles spater daran knupfte, ihm ein Eigenthum entzogen hatte, das ihm von Werth sein durfte und sollte, stand bei ihm fest. Er erzahlte auch, wie er durch Stromer's Ausserung uber den Thomas a Kempis mistrauisch geworden und Rudhard seinen Verdacht ausgesprochen hatte. Rudhard hatte dann gestockt. Er aber hatte seinem noch zogernden alten Erzieher die Angelegenheit aus der Hand gewunden und fuhre sie nun gegen dessen Willen, gegen die Anspruche, die Rudhard selbst auf dies Testament seiner Mutter machen wolle, mit kurzem Processe durch.

Lassen wir, schloss er seine Auseinandersetzung, jede weitere Erorterung und geben Sie mir die Denkwurdigkeiten meiner Mutter, deren Raub ich Ihnen verzeihen will!

Pauline schwieg eine Weile, dann sehlug sie die Arme zusammen, legte die Fusse ubereinander und sagte:

Ich habe Sie ausreden lassen, Prinz Egon. Erlauben Sie, dass ich erwidere. Aber versprechen Sie mir, jeden kleinlichen Gesichtspunkt aufzugeben! Ich sage Ihnen, dass ich die Denkwurdigkeiten besitze

In der That!

Sie mussen mir aber ein aufmerksames Ohr leihen.

Wozu? Weshalb ist Das nothig? Warum soll ich ... Sie achten? rief Egon voll Zorn und voll geheimer Freude, die fast die Miene des bittersten Ubermuthes annahm.

Ubermuth war aber fur Paulinen zuviel. Sie erhob sich und schleuderte einen durchbohrenden Blick auf den jungen Mann, der jetzt das Recht zu haben glaubte, sie verachtlich zu behandeln.

Ich kenne diese Denkwurdigkeiten, wiederholte sie mit stolzer Miene, aber wie? wenn ich sie vernichtet hatte?

Wenn Sie mit dieser Moglichkeit nur drohen, Madame ... so existiren sie noch! sagte Egon, und ich schwore Ihnen, ich verlasse Ihr Haus nicht, bis ich nicht weiss, was meine Mutter mir in ihrer letzten Stunde hat berichten, auf meinen Lebensweg zurufen wollen!

Pauline lachelte jetzt verachtlich.

Ich denke nicht an Drohungen, sagte sie, und ich denke nicht an Rechtfertigungen, aber ich will, dass Sie von dieser Frage jeden niedrigen Standpunkt ausschliessen. Deshalb beding' ich, dass Sie mich horen!

So reden Sie! sagte Egon und nahm, ihr gegenuber an dem gemalten Kaminvorsetzer, Platz.

Auch Pauline kehrte in ihre fruhere Stellung auf dem Sessel zuruck. Nach einigen Augenblicken begann sie:

Amanda von Bury, Anna und Pauline von Marschalk waren drei Freundinnen, innigst verbunden seit ihrer fruhesten Kinderzeit. Fast gemeinschaftlich war ihre Erziehung; gemeinschaftlich waren ihre Erholungen. Ich, die Mittlere unter den drei Freundinnen, wurde von Anna und Amanda nur noch inniger geliebt, weil ich plotzlich krankelte und kein langes Leben versprach. Dennoch gelang es einer guten Kur, mich von oft schrecklichen Anfallen eines Brustkrampfes zu befreien und mich bis in mein achtundzwanzigstes Jahr wiederherzustellen, wo ich auf's neue die Anfalle jener Krampfe bekam, von denen man damals glaubte, dass ich sie nicht mehr ein Jahr wurde aushalten konnen. Amanda und Anna verheiratheten sich, spater als ich, die fruher einen Baron von Ried ehelichte. Gerade als Baron von Ried starb, wurde Amanda die Gemahlin jenes beruhmten Kriegers, dem unser Furstenhaus zu ewigem Danke verpflichtet ist. Anna heirathete einen jungen Offizier, der seinen Abschied nahm und eine Landrathsstelle bekleidete, den Sohn des Obertribunalsprasidenten, meinen kunftigen Schwager. Durch diese Heirathen statt uns zu einen, trennten wir uns. Es ist so der Gang aller Jugendfreundschaften. Ich begab mich, als Witwe, wieder leidend, wieder meiner Gesundheit wegen, auf Reisen, meine Begleitung und treue Pflege war der Obhut meiner alteren Dienerin anvertraut, die noch jetzt die Fuhrung meines Hauswesens besorgt. Ich war in der Schweiz, in Frankreich, in Italien. Ich habe ein bewegtes Leben in meine Erinnerungen eingeschlossen und vielfach versucht, das Gluck der Erde, das mir nur fur kurze Zeit zugemessen schien, wahr und an der Quelle rein zu geniessen. Ich reiste selbststandig und war, wenn man mich nach jetzigem Sprachgebrauch und damaliger Sitte nennen will, halb und halb emancipirt. Der Liebe durstete mein ganzes krampfhaft bewegtes Herz entgegen: ich suchte, ich wurde gesucht, fand aber nur ein Band, das mich ganz fesseln konnte, einen, den ich liebte. Der, den ich anbetete, hiess Heinrich Rodewald, ein junger Mann von seltener Pradestination. Zu jeder Kunst besass er die Anlage, zu jeder Wissenschaft die Vorkenntnisse. Genial war seine Auffassung des Lebens. Es kommt so etwas nicht wieder in Eurer jungeren zerstreuten, oberflachlichen Generation! Er hatte erst dem Studium der Rechte obgelegen, war dann in den damaligen heiligen Krieg gezogen, kehrte mit Ehrenzeichen geschmuckt heim und wollte zu den Studien zuruck. Durch einen Glucksfall erwarb er eine kleine Summe, die er auf eine italienische Reise verwenden wollte. Er bedurfte dieser Anregung, um sein durch die Abenteuer des Krieges in Gahrung gerathenes Blut, das nicht am Studirtische ausdauern wollte, einigermassen zu beruhigen, den Tumult seiner Adern einigermassen zu bandigen. Er wollte zur Rechtskunde als Lehrer dieser Wissenschaft zuruckkehren und gedachte in Italien den alten und manchen eben erst entdeckten Quellen der romischen und mittelalterlichen Rechtssatzungen nachzuforschen. Dabei liebte er Malerei und Plastik und schwarmte wie damals Alle ... Ach, Ihr kennt in Eurem politischen Hader und Eurer Zeitungsbildung die majestatischen Klange nicht, die damals durch die Herzen der Jugend tonten Das war ein Ahnen, ein Sehnen, ein Suchen, ein Erfassen! Das war ein Cultus der Musen, ein Forschen nach Wahrheit ... Heinrich Rodewald lebte nur in Goethe, in Dante, Rafael, in Schelling. Er kannte die Alten, studirte die mittlere Epoche und lebte fast in derselben Entwickelung wie Byron. Er dichtete nicht, aber sein Leben war ein Gedicht. O was preis' ich ihn, da ich ihn doch hassen sollte! Ich begegnete Heinrich Rodewald in dem ahnungsreichen, jugendlichen Rheinthale, das zwischen dem Bodensee und Chur den Anfang der Strasse bildet, die durch die Via mala nach Italien hinuber fuhrt. In Ragaz braucht' ich die von Pfaffers an der wilden Tamina hin herabgeleiteten Bader. O mein Prinz, ich schildere Ihnen diese Erinnerungen nicht, weil ich weiss, dass eine Zeit kommen wird, wo sie Ihnen Werth haben durften, ich schildere sie Ihnen, um Ihnen zu zeigen, dass zwischen Ihrem Zorn, Ihrem Mistrauen, Ihrem Hass Herzen, Erinnerungen, vergangene Seligkeiten und uberwundene Qualen zittern und zu schonen sind. Ich will Sie vom Standpunkte der gemeinen Neugier, der Sie mich vielleicht zeihen, auf einen hoheren fuhren. Denken Sie an die Stunde, wo Sie einst Helenen d'Azimont am See von Enghien zum ersten Male entgegentraten oder der Tage, da Louison Armand an den Ufern der Rhone Sie zum ersten Male sah!

Egon machte eine Bewegung ... nicht der Ruhrung, sondern des Unmuthes. Er mochte von Paulinen an Verhaltnisse nicht erinnert werden, zu deren Kenntnissnahme sie ihm nicht wurdig schien: von Jedem vielleicht, von Paulinen nicht.

Pauline, seine Kalte wohl bemerkend, fuhr fort:

Mein Prinz, seit dem Tage, als ich in dem kleinen Abteigarten von Ragaz mit meiner Fuhrerin, Charlotte Ludmer, lustwandelte und der Blumen mich erfreute, die dem steinigen Boden an einem kleinen Springbrunnen entsprossen, als mir Heinrich Rodewald da zum ersten Male entgegentrat, in seiner hohen, mannlichen Schone, in braunen Locken, in edler, freier Stirn, halb noch etwas Militairisches in seinem Wesen, halb der sinnende Gelehrte ... und ein Ton aus seinem Munde drang, ein Organ, ein Klang, ein Hauch, wurdig, die Worte eines Geistes zu tragen, der immer tief, immer lieblich und eigenthumlich in seinen Wendungen war ... werden Sie nicht ungeduldig, Prinz! O, es wird eine Stunde kommen, wo jedes Atom der Erinnerung an Heinrich Rodewald Sie erschuttern wird ...

Ich hore ja! Ich hore ja! sagte Egon ungeduldig; aber was soll mir Heinrich Rodewald? ...

Rodewald, fuhr Pauline scharf und den Ton jetzt desto scharfer auf diesen Namen legend, fort, Rodewald war junger als ich. Unser Verhaltnis war erst Werthschatzung, dann Liebe und als ich Elende von meinen Leiden gefoltert wurde, war ich selbst von der Freundschaft beseligt, die einer Liebe folgte, deren Band durch eine neue Ehe zu heiligen von manchen Vorurtheilen der Welt verhindert wurde. Ich muss mir leider versagen, Ihnen zu schildern, wie ich mit Rodewald stand, als ich nach neun Jahren des innigsten Zusammenhanges mit ihm, der sich auch nach der Ruckkehr aus Italien von Weltvorurtheilen nicht storen liess, in einem tirolischen Badeorte Landeck, die Freude hatte, mit meiner geliebten Amanda, damaligen Grafin Hohenberg, zusammenzutreffen. Welche Frau! Wie sanft und gut! Wie weich und zart! Prinz ... werden Sie nicht ungeduldig, es ist Ihre Mutter ... ich darf wohl hinzufugen, dass die Grafin Hohenberg sehr unglucklich verheirathet war. Ich lasse uber diese Saison von Landeck, uber die Folgen derselben einen Schleier fallen ...

Warum? Erzahlen Sie! Ich kenne das ungluckliche Loos meiner Mutter

Mein Prinz, ich schweige. Sie wissen nichts von dem Allen. Ich will Ihnen nur sagen, dass die Freundschaft zwischen mir und der plotzlich zur Furstin erhobenen Amanda sich nicht erhalten hat. Ich war von meinen Brustkrampfen dem Tode oft nahe und glaubte zu sterben. In Ems erwartete ich mein Ende. Meine Schwester Anna kam, sie kam mit ihrer Tochter, einem Engel von sechszehn Jahren, einer halben Waise (der Vater war soeben gestorben) Rodewald stand mir zur Seite ... man erwartete meine Auflosung. Anna hatte sich nur losgerissen, um mich noch einmal zu sehen. Sie musste zuruck zur Ordnung ihrer Erbschaft. Ich bat sie, mir ihr Kind Selma zur Seite zu lassen. Sie willigte ein. Die Ludmer bedurfte einer Unterstutzung in meiner Pflege. Ich starb aber nicht ... ein Jahr lang glaubt' ich, dass jeden Tag mein Ende nahe. Rodewald und Selma sollten, Das war noch mein letzter Wille, noch meine heiligste Lebensaufgabe, sich dauernd vereinigen ... Selma und Rodewald sollten ...

Egon hob sein Haupt und erstaunte uber die Verwirrung, die sich Paulinen's plotzlich bemachtigte. Sie war schon langst aufgestanden, athmete laut, machte einen Gang durch's Zimmer, ruckte an den Sesseln, warf sich auf ein Canape, druckte den Kopf auf ein Kissen und bat um eine Minute Zeit, sich zu erholen.

Ist Ihnen nicht wohl, gnad'ge Frau? fragte er und wollte klingeln.

Nein, nein, stohnte sie. Ich erhole mich ...

Nach einer Weile fuhr sie fort:

Ich gestehe Ihnen, Furst, dass ich mir damals einbildete, eine Heroine, ein Engel an Kraft und Entsagung zu sein. Ich wollte Selma und Rodewald verbinden, ich wollte, dass sie einig wurden, ich lenkte das Herz des Kindes meiner Nichte mit Gewalt, ich zwang sie, in Heinrich das Alles schon zu finden, was sie vielleicht noch nicht suchte. Ich kann, ich darf Ihnen nicht sagen Ihnen nicht, Prinz was mich bestimmte, von der Welt scheidend die Beruhigung mitzunehmen, dass Rodewald und nur Selma sich liebten, keine Andere, keine Andere ...

Warum mir nicht? Warum Ihr Zorn? Ihr neu entflammter Hass? Wen sollte Rodewald nicht lieben..?

Dringen Sie nicht in mich, Prinz! Ich will nichts erzahlen, nichts aufklaren, ich will Sie nur auf Wege fuhren, wo Sie Achtung und Schonung fur mich lernen sollen, Prinz! Ja, es mag Rache gewesen sein, dass ich Rodewald und Selma wie die Schlange am Baume des Paradieses verband. Aber der Himmel strafte mich! Strafte mich durch seine Gnade! Ich genas, Prinz! Ich genas! Ein kluger und kundiger Arzt lehrte mich eine Diat, die ich nie gekannt hatte. Die Bader von Ems linderten den Reiz meiner Nerven. Ich genas, Prinz! Vollig! Vollig! Die Natur hatte sich gefunden. Und als ich froh in's Leben zuruckkehrte, nun wieder nach Rodewald dem Geliebten suche, ist er entflohen, mir entflohen. Selma war ein Kind. Sie, dacht' ich, wird von ihrer Leidenschaft bald geheilt sein. Aber mein Freund? Wo ist Rodewald? Er war verschollen. Nicht die Liebe zu Selma, die ihn wohl nie innerlichst ergriffen hatte, hatte ihn fortgetrieben von unsern Wohnungen; Uberdruss am ganzen Leben, Ekel, schrieb er mir einst, an Allem, Ekel aber am meisten an dem Weibe, Ekel am Weibe! Vielleicht der Kummer und Unmuth uber Erfahrungen, die Sie einst noch entdecken werden ... aber Selma liebte ihn. Ich Thorin hatte die Knospe ja selbst entblattert! Das Kind lebte nur fur Den, den ich es gelehrt hatte, als einen menschgewordenen Gott zu verehren. Rodewald, aus Motiven, die ich nur ahnen kann, floh mich, floh alle Welt, er war sich selbst zur Last, zur Qual geworden und mit den Worten: Lauterung! Lauterung! nahm er schriftlichen Abschied nach einer Gegend, wo ich ihn nicht mehr sehen sollte und wohin er mit Selma, die nicht mehr von ihm lassen wollte, auf immer verschwunden ist.

Aber meine Mutter? bemerkte Egon und verrieth auf's neue die Ungeduld, auf die Bahn ihrer Denkwurdigkeiten einzulenken.

Ihre Mutter? sagte Pauline vor sich hin und machte eine Miene voll Bitterkeit ...

Dass Ihre Schwester Anna von Harder Sie hassen musste, todtlich hassen muss, erkenn' ich, sagte Egon. Sie haben die Blute des jungen Gefuhls ihrer Tochter vergiftet haben, wie Sie, mir unbegreiflich, sagen, aus Rache die Genugthuung haben wollen, dass Rodewald, durch den Tod von Ihnen getrennt, nur Selma liebt ... Sie haben einer Mutter ihr Kind geraubt ... Selma von Harder? Selma ... Wer erinnerte mich einst an eine Selma ...

Egon konnte sich nicht besinnen, dass man ihm von einer Selma Ackermann gesprochen hatte ...

Pauline fuhr fort:

Meine Schwester hasst mich nicht. Sie gehort zu Denen, die uberwunden haben. Weiss sie doch, dass unter dem Raube ihres Kindes Niemand furchtbarer litt als ich. Ich hatte das Leben wieder und das Licht meines Lebens war ausgeloscht. Was war mir die Welt ohne Rodewald? Er war dahin, fur ewig! Das Gefuhl, das mich ergriff, war nicht das der innern Vernichtung, der zerschmetterten Ohnmacht. Wie konnt' ich auch? Ich war ja gesund! War ja dem Leben wiedergegeben! Ich raste. Ich hatte keine Besinnung mehr. Ich glaubte, im Strudel der Welt meinen innern Schmerz betauben zu konnen. Ich warf mich in diesen Strudel und beging Thorheit uber Thorheit; denn die Menschen sollten sehen, dass ich lachen konnte. Alle Welt kannte den Vorfall mit Selma, meiner Nichte, die ich zu meiner eigenen Morderin erzogen hatte. Anna, Witwe, ihres Kindes beraubt, vermied mich und trauert bis diesen Augenblick. Zehn Jahr mocht' ich so gegen mich selbst gewuthet und die Freude gesucht haben, um nur nicht zu horen, dass man lachte und meine Thranen sah ... als ich endlich ermattet niedersank und Einkehr halten wollte. Amanda, Anna, alle meine Freundinnen hatten schon seit Jahren diese Einkehr begonnen. Ach, sie hatten sich Alle Irrthumer vorzuwerfen, Alle waren sie von der damaligen grossen wogenden Fruhlingszeit ergriffen und das Blut hatte ihnen in den Adern gerollt, wie aus Sympathie mit dem grossen Wachsthum der Zeit und der Geister ... Prinz, ich gestehe Ihnen, dass ich die Art von Lauterungen, die damals Sitte waren, nicht begreifen konnte. Beten, hinter gemalten Glasfenstern knieen, das Orgelspielen lernen, das dies irae vierstimmig singen helfen ... diese Lauterungen waren die Wiederkehr der alten Eitelkeit, nur in andern Formen. Ich wurde bitter uber die Vergangenheit, uber mich, uber Andre. Ich heirathete zum zweiten male. Ich schrieb ... Ich schrieb "Amarantha".

Eine Satyre gegen meine Mutter ...

Sagen Sie nicht, gegen Ihre Mutter! Sagen Sie, eine Satyre nein, auch Das ist nicht das Wort eine Anklageschrift, ein Zorngericht uber die Seelen, die Alle, Alle gesundigt haben und durch Heuchelei die Vergebung des Himmels antizipirten ...

Meine Mutter war schwach, aber sie heuchelte nicht! antwortete Egon.

Sie war schwach, Das ist das Wort, Prinz! Schwach Sie meinen doch wol an Charakter? Aber diese Schwache an Geist gaben diese Busserinnen, diese Cantatensangerinnen fur Starke aus; Das forderte mich heraus. Ich warf ihnen den Handschuh hin, "Amarantha", die Allen galt, nicht nur Ihrer Mutter, auch meiner Schwester, Allen, die empfindsam wurden, weil sie nicht mehr empfinden konnten ...

Egon war zu scharfsichtig, dachte zu klar uber seine Mutter, zu klar uber Das, was er Alles in Genf erlebt hatte, um Paulinen von Harder nicht im Grunde der Seele Recht zu geben. Er sah da eine leichtsinnige, aber stark-begabte, sehr merkwurdige Frau vor sich, die ihm in dieser aufrichtigen Busse, die sie sich durch ihre Gestandnisse auferlegte, sogar schon eine gewisse Achtung abgewann ...

Mein Prinz, fuhr Pauline fort, ich bin zu Ende. Eine andere Zeit ist gekommen, neue Anschauungen haben den Thron der alten umgesturzt. Wer glucklich noch sein will, schliesst sich ab und sehnt sich nach Ruhe. Alle Welt sprach von den hinterlassenen Denkwurdigkeiten Ihrer Mutter ... ich wusste, dass sie mich hasste. Ich mochte nicht, dass der letzte Rest meines Lebens, der an Reue und Verdruss uberreich ist, noch verbittert werde durch die Enthullung und Entweihung des Begrabenen. Zehn Jahre nach Rodewald's Flucht heirathete ich Herrn von Harder, meinen eigenen Schwager. Ich war damals schon vierzig Jahre. Sie sehen, Prinz, wie aufrichtig ich in meiner Biographie bin. Mein Gemahl steht dem Hofe nahe ... es gibt der Rucksichten mancherlei ... ich will Ruhe haben und hasse alle gewaltsamen Erschutterungen ... die Denkwurdigkeiten Ihrer Mutter musst' ich besitzen. Zeitlebens hab' ich immer dienende Hande gefunden, die gern fur mich eintraten ... man hat viel aus Liebe zu mir gethan ... mehr, als ich wollte, mehr, als ich oft mochte, guthiess ... o Gott, es knupft sich viel an meinen Namen, was nicht ganz aus meiner Seele floss!

Pauline wollte das Haupt senken, aber sie musste aufhorchen. Es war ihr, als hustete im Nebenzimmer die Ludmer ...

Wir werden gestort, sagte Egon und fasste sich kurz. Ich bin vollkommen auf dem Standpunkt, gnadige Frau, den Sie mir bezeichnet haben. Ich denke nicht kleinlich von Ihnen. Ich bin nicht befugt, der Richter Ihres Lebens zu sein. Einen schlimmen Gebrauch von diesen Denkwurdigkeiten werd' ich nie machen. Besorgen Sie Das nicht! Nie! Ich verspreche Ihnen ...

Sie glauben also, Amanda hatte mich angeklagt ... unterbrach ihn Pauline erschuttert von dem Wort, das ihr so gekommen war: "Es knupft sich Vieles an meinen Namen, was nicht ganz aus meiner Seele floss!"

O ich ahne es, Frau von Harder, rief Egon mit aufwallender leichter Ruhrung. Sie waren tief beschamt, als Sie diese Blatter lasen und nichts, nichts von einem rachedurstenden Herzen fanden ...

Pauline schwieg ...

Raumen Sie Ihrer Feindin die Gerechtigkeit ein! Sagen Sie, dass meine Mutter grossmuthig war!

Sie war grossmuthig!

Egon wurde ergriffener und sprach still fur sich:

Gute Mutter! Vergib deinem Sohne!

Dann wandt' er sich an Pauline:

Geben Sie die Blatter! Noch diese Nacht will ich sie auf meinem Lager mit Thranen netzen.

Prinz, sagte Pauline jetzt mit entschiedener Wendung, diese Blatter! Ich gebe sie Ihnen nicht.

Wie? Das ware das Ende Ihrer Mittheilungen? rief Egon.

Wenn ich diese Denkwurdigkeiten vernichtet hatte?

Das haben Sie nicht! Nein, nein! Oder doch? Doch? Die grossherzige Liebe meiner Mutter beschamte Sie? Sie vernichteten ein Denkmal Ihrer Scham, Ihres Neides? Sprechen Sie!

Die Blatter existiren. Aber sie sollen, Sie durfen sie nicht lesen!

Welche Ausfluchte!

Ubersturzen Sie sich nicht! Ich meine es gut mit Ihnen, Feuerkopf! Die Blatter lesen Sie nicht!

Geben Sie mir das Testament meiner Mutter!

Sie sind ein Ungestum!

Endigen Sie diese Ausfluchte, diese Verstellungen ... ha, diese Lugen, Madame! rief Egon jetzt knirschend vor Arger uber solche Weitlauftigkeiten. Sie haben mich zahmen, ruhren wollen ...

O mein Gott! stohnte Pauline. Noch denken Sie niedrig von mir! Ich flehe Sie an! Begehren Sie diese Gestandnisse einer Frau nicht, die die Welt verachtete, nur Gott liebte und Niemanden, Niemanden sonst ... nicht einmal Sie!

Nicht ihren Sohn? Nicht mich? Madame! Luge!

Prinz!

In dem Augenblicke ertonte die Glocke des Hauses.

Ha! athmete Pauline auf. Es war ihr, als ware sie ganz verlassen gewesen, ganz der Wildheit dieses jungen Mannes, der keine Rucksichten kannte, uberlassen.

Ich weiche nicht von dieser Stelle, rief Egon, bis ich diesen Spuk, diesen ewigen Eingriff in mein Leben nicht endlich beseitigt habe. Ich bin vor Ihnen gewarnt. Der Vater, die Mutter bezeichneten mir Ihren Namen als den einer Schlange, die sich um mein Leben ringeln wird, um mir das Herzblut auszusaugen.

Pauline horchte eine Weile, wer kam.

Man horte die Thure offnen.

Vielleicht ist es Franz! dachte sie erleichtert. Es war so still, so dunkel draussen. Sie horte die Ludmer nicht. Ihre Diener waren nicht alle zugegen. Es regnete draussen in Stromen. Sie war diesem Ungestumen so preisgegeben ...

Noch sagte sie fest und entschieden zu Egon:

Prinz, wenn Sie diese Blatter lesen, droht Ihnen etwas, was Ihnen nach einem solchen Glauben uber mich wirklich die Holle sein musste ...

Das ware?

Die Qual ... mein Freund zu werden!

Egon lachte bitter auf und bat um Aufklarung einer solchen Moglichkeit, die allerdings, wie er grausam hinzufugte, ihr ... Bedenkliches hatte.

Erlassen Sie mir, sagte Pauline tiefverletzt, aber mit immer mehr sich beherrschender Ruhe, die nahere Auseinandersetzung. Genug, Sie wurden mein Freund werden, ja vielleicht, setzte sie scharf betonend hinzu mein Sklave. Also, wohlan! Prinz! Ich verbrenne die Blatter. Gute Nacht!

Damit erhob sie sich, um zu gehen. Egon aber hielt sie mit gewaltsamem Entschluss an der Hand zuruck, fuhrte sie an's Fenster und riss dies Fenster auf ... es sturmte, es regnete ... die Baume krachten ... Pauline bebte ... sie wollte sich losreissen, sie wollte schreien ... da intonirte vor dem Garten eine jugendliche Mannerstimme ein kurzes Lied.

Horen Sie diesen Gesang? rief Egon in wilder Aufregung.

Pauline, von der Kalte der Nacht durchschauert, sah ihn mit Entsetzen an und rang sich von seinen Handen los.

Es ist das Zeichen eines Wachters! sprach Egon, indem er das Fenster schloss. Meine Freunde, drei an der Zahl, sind entschlossen, in dieser Stunde mit mir die Faden gewaltsam zu zerreissen, die mein Leben umspinnen!

Was bezwecken Sie, Prinz? Um's Himmelswillen! rief Pauline und wollte mit einer raschen Wendung entfliehen.

Egon aber warf sie mit einer Armbewegung zuruck und behielt die Thur im Rucken.

Ich dringe mit meinen Freunden, die hier in dies Fenster steigen, in Ihr Arbeitszimmer und verlasse es nicht fruher, bis wir besitzen, was mein ist. Ein Wink von mir und ich habe die Freunde, die mich unterstutzen, hier zur Seite. In Ihrem geheimsten Zimmer, das ich mir bezeichnen liess, bleiben wir so lange, bis wir diesen unertraglichen Intriguen ein Ende gemacht haben.

Das war fast zuviel. Ein Attentat auf ihre Hauslichkeit. Wer hatte hier die Untersuchung aller ihrer Schranke hindern sollen? Die feigen Bedienten? Wer hatte beispringen sollen in diesen einsamen Gartenhausern? Aber Pauline lachelte jetzt ruhig und sagte:

Wohlan, mein Prinz, so kommen Sie! Wir konnen es auch anders beschliessen. Ich gebe Ihnen die letzten Gestandnisse Ihrer Mutter.

Damit gab sie Egon das Zeichen voranzugehen. Als er offnen wollte, war die Thur verriegelt. Aha! sagte Pauline. Ihr Uberfall stosst doch schon auf Vorsichtsmassregeln. Eine Horcherin hat die Gefahr abwenden wollen und ich bin nicht so verlassen, wie Sie denken! Kommen Sie von dieser Seite, Durchlaucht!

Pauline nahm einen Armleuchter und ging durch eine zweite Thur, durch finstere Zimmer, durch einen Gang ... Egon folgte. Die Ludmer stand auf dem Gange mit Franz und einem Gartner im Dunkeln wie Gespenster, aber rathlose und selbst furchtsame. Doch erschien ihm diese Ludmer wie eine der Dienerinnen Hekate's bei ihren Zauberkunsten, wie eine der Hexen Macbeth's. Es war ihm, als sollte er in seine Zukunft sehen und jenen Zauberspiegel in die Hand nehmen, der ihm die Geschichte seines Hauses offenbarte.

Pauline ignorirte die zu Tode geangstigte Freundin und fuhrte Egon in ihr zweites Boudoir, das geheime. Sie schloss einen Schrank auf und ubergab nach mehrfacher Zogerung und erneuertem Andringen Egon's dem Prinzen endlich die Blatter. Dieser erkannte die Handschrift seiner Mutter, kusste sie und sagte zur Geheimrathin:

Also auf die Gefahr hin ... Ihr Freund zu werden! Gute Nacht!

Die Geheimrathin wiederholte lachelnd:

Auf die fur mich angenehmere Gefahr hin ... sogar mein Sklave zu sein! Gute Nacht!

Der Prinz verschwand. Bald horte man Flustern von Stimmen vor dem Stacket, das Ubersteigen seiner ungeduldigen Freunde, das Bellen angeketteter Hunde, das Sprechen, sich Verstandigen Egon's mit den Freunden, Lachen, Spotten, zuletzt das Rollen seines Wagens im feuchten, knirschenden Kieselsande ...

O, sagte die Ludmer, die erst eintrat, als der Wagen nicht mehr horbar war, welche Scene! Welche Verblendung, Pauline! Welche Gestandnisse! Welche Gefahren! Das Haus war umringt! Wir mussen in die Stadt ziehen. Man konnte uns hier ermorden ...

Lass mich, antwortete Pauline und sank erschopft auf eine Ottomane.

Nach einer Weile fugte sie hinzu:

Nie traf es sich, dass ich Egon sah. Als ich den ersten Blick auf ihn geworfen hatte ... o Gott! Welche Erinnerungen!

Mehr vermochte sie nicht hervorzubringen. Die Ludmer verstand, was sie sagen wollte und versuchte sie auf andre Gedanken zu bringen.

Ich riegelte zu, als ich Franz kommen horte, sagte sie. Er war bei Augusten und hat mir Schreckliches erzahlt. Er kam dort gerade zur rechten Zeit ...

Ehe das Madchen am gebrochenen Herzen starb, aus Verzweiflung, sich von einem Ehrenmanne verschmaht zu sehen? sagte Pauline mit einem Ausdruck, der die ganze Schwere der Gedanken bezeichnete, die auf ihrer Brust lasteten und ihr jetzt wirklich etwas Prophetisches gab.

Ehe sie in's Narrenhaus gebracht wurde! sagte die Ludmer ruhig.

Grosser Gott! rief Pauline theilnehmend. Charlotte, Charlotte! Wie ruhig du Das sagen kannst!

Die Ludmer erzahlte, wie Franz gekommen ware, hatte er schon im Hause gehort, dass vorgestern Abend der Fremde, mit dem Auguste seitdem oft ausgegangen ware, sehr laut und heftig gezankt und dann sich entfernt hatte. Oben hatte Franz den sogenannten Englander mit der schwarzen Binde gefunden, um Augusten, die auf dem Bette lag, beschaftigt. Der Englander ware sehr ergrimmt gegen Franz gewesen. Auguste hatte aber Franzen nicht gekannt. Franz ware so gescheut gewesen, sich fur einen Andern als Den auszugeben, der sie mit Mangold bekannt gemacht hatte. Als Mangold vorgestern gegangen ware, erfuhr Franz, hatte Auguste nicht ein Wort gesagt, sondern in einem todahnlichen Starrkrampfe dagelegen, bis nachsten Morgen. Murray ware nicht von ihrem Bett gewichen. Am Morgen ware sie etwas aufgestanden und hatte in aller Stille das Fenster geoffnet, um sich, ohne einen Laut von sich zu geben, auf den Hof zu werfen. Murray, von dem plotzlichen Gedanken, den Niemand geahnt hatte, uberrascht, hatte sie mit Riesenkraft ergriffen und zuruckgehalten. Dann lag sie, erzahlte Franz, bis zum Abend wieder im Starrkrampfe. Endlich hatte sie Speisen genommen und einige Worte, aber verworren, gesprochen; sie hatte fortgewollt, man hatte sie gehalten. Murray verliess sie keinen Augenblick. Man hatte den Arzt gerufen und dieser eine Beruhigung verschrieben, nach der sie einschlief. Seit heute fruh sprache sie still, aber verwirrt, dann hatte sie geweint, sich gesammelt, aber den ganzen Abend ware sie so gefahrlich irr gewesen, dass man sich hatte entschliessen mussen, sie in das Narrenhaus zu schaffen. Franz ware gerade angekommen, als man einen Wagen holte und Murray sie mit schonen kostbaren Kleidern, die er irgendwo hatte holen lassen, mit Gold und Silber putzte, in einen Fiaker schaffte und sie selbst begleitete. Er hatte ihr gesagt: Es ginge auf den Fortunaball! Da hatte sie gelacht und mit der Zunge geschnalzt, als ging' es zum Tanze. Ihre Kleider musterte sie lachend im Spiegel, alle die Ringe, die Brochen, die Armbander, die sie plotzlich vor Wochen trug, waren zum Vorschein gekommen und so ware sie lachend und als ging' es zum Ball oder zu einer Hochzeit mit Murray in's Irrenhaus gefahren. Franz, schloss die Ludmer, hat mir die Geschichte so erzahlt, dass es mich selbst kalt uberlief ... und nun hier diese Scene noch, dieser Uberfall wie von Raubern und Mordern!

Du bist schauerlich, Charlotte, sagte Pauline entsetzt ... Gute Nacht, Charlotte!

Es ist erst neun Uhr, bemerkte die Ludmer.

Ich gehe zu Bett! Gute Nacht, Charlotte!

Die Ludmer kannte gewisse determinirte Stimmungen ihrer Herrin. Sie versparte alle Erorterungen auf morgen und fragte, ob sie das Kammermadchen rufen sollte.

Pauline schuttelte den Kopf.

Die Ludmer, die jetzt mit einem male die lastige Nichte losgeworden war, mit einem male auch die Spannung zu dem Prinzen Egon sich losen sah, ging ziemlich erleichtert zu Franz zuruck, der ihr das Vorgefallene wiederholt erzahlen sollte ...

Pauline riegelte sich ein, entkleidete sich rasch und warf sich erschopft auf ihr Lager.

Als sie im Dunkeln war, trat ihr im Halbschlafe Egon's Gestalt entgegen. Sie seufzte auf und hatte ihn an's Herz ziehen mogen, weil er ihr Erinnerungen wachrief, die zu ihren theuersten und schmerzlichsten gehorten. Ihr unruhiges Blut liess sie nicht schlafen. Sie musste aufstehen, wieder Licht machen. Zuviel, zuviel der Vergangenheit trat ihr gespenstisch entgegen! Es war ihr, als wenn die alten Brustkrampfe wiederkamen. Rochelnd erhob sie sich, als lage ein Alp auf ihr. Sie wollte klingeln ... unterliess es aber, da sie horte, dass man noch im Hause wachte. Der Geheimrath kam aus dem Theater. Sie horte sogar die Schusseln seines Nachtessens klappern, das man in sein Zimmer oben hinauftrug. Das beruhigte sie wieder. Sie dachte an Schlaf. Aber er floh sie. Bilder aus Italien, aus der Schweiz traten ihr entgegen. Eben lieblich und schon, dann verzerrt und beangstigend. Eine Gestalt schien sie besonders zu angstigen. Sie erinnerte sie durch eine seltsame Gedankenreihe an Wasser, an einen ubergetretenen, hohen Fluss. Hulfe! Hulfe! glaubte sie gerufen zu haben. Dann fuhr sie auf und sah sich um, fand Alles ruhig und legte sich auf eine andere Seite. Aber nun kam ihr Auguste Ludmer vor die Augen. Sie sah sie im Ballstaate mit geschminkten Wangen sie sah Kerzen Kronenleuchter alle Tanzenden waren wahnsinnig der Mann mit der schwarzen Binde, den sie so oft hatte nennen horen, fuhrte Augusten in ihre Nahe, und diese knixte vor ihr und sagte ihr in wahnwitziger Rede: Schone Dame, gib doch meinem Baron seinen Sohn! Es war dann wieder, als ware Mangold Der, der dies Madchen fuhrte ... und ebenso rasch gaukelte ihr ein Bild vor die Augen, wo Auguste zerschmettert auf dem Strassenpflaster lag und Franz mit einem Lichte druber her leuchtete, und als sie nachsahen, war es eine edle reine Gestalt, die wie ein Engel schlummerte, ganz verklart, ganz verandert, und sie sagte sich: Das ist ja Selma, aber mit Engelsflugeln! Ach! Sie schlaft still und ruht sich von einem Leben aus, das ein ewiges Opfer war!

Dazwischen dann horte es Pauline deutlich von den Stadtthurmen heruber zehn, elf schlagen. Aber es schlug schon halb zwolf und sie schlief noch nicht ... Sie stand ungeduldig auf, machte wieder Licht, nahm Brausepulver, wollte lesen und kleidete sich an.

Kaum hatte sie eine Weile in das erste naheliegende Buch geblickt, als es heftig an der Thur schellte, die von der Strasse in den Vorgarten fuhrte. Die Glokke war gross und es schellte machtig. Pauline ging an das Fenster und sah einen Mann an der Thur, der eben zum zweiten Male schellte.

Um zu sehen, ob noch ihre Bedienung wach war, zog sie ihre Glocke.

Lange dumpfe Stille ...

Der Mann, den sie durch eine Ritze ihres halbgeoffneten inneren Fensterladens unterscheiden konnte, schellte zum dritten Male.

Sie zog wieder ihre Glocke.

Endlich regte sich etwas im Hause. Man ging und fragte vom Fenster, was es noch so spat gabe?

Sie horte, dass eine fremdartig klingende, das Deutsche etwas gebrochen mit polnischem Accent sprechende Stimme sagte, hier ware ein Billet vom Prinzen Egon, das man der gnad'gen Frau morgen ganz in der Fruhe beim Erwachen geben sollte.

Wie schlug Paulinen das Herz, als sie diese Worte horte!

Man nahm das Billet durch das Gitter. Der Fremde, der kein Bedienter war, ging ...

Es wird Louis Armand sein! dachte sie ... Sie kannte von Helenen die Umgebungen Egon's. Es wird der Sanger sein, der dem Prinzen durch seinen Gesang verrieth, dass die Freunde wachten!

Sie schellte wiederholt ...

Franz kam.

Eben wurde ein Brief vom Prinzen Egon abgegeben, sagte sie. Ich will ihn sogleich lesen.

Franz kehrte um und nahm Ernsten erstaunt das eben empfangene Billet ab.

Sie erbrach es hastig, wandte sich von den verschlafenen, zurucktretenden Dienern ab und las:

"Gnadige Frau, erst eine Stunde lang hab' ich in den Blattern meiner Mutter gelesen und den Rest uberflogen. Dennoch bin ich schon zu der Uberzeugung gekommen, dass ich Sie morgen in aller Fruhe, um neun Uhr, wenn ich darum bitten darf, sprechen muss. Ich erkenne, was Sie sagten: Die Selige liebte nur Gott und sich. Vergeben Sie mir, dass ich so sturmisch, so wahnsinnig war! Ich fuhle, dass ich des Rathes einer weisen, vom Schicksal gepruften Frau bedarf, einer Frau, die uber den gewohnlichen Standpunkten des Lebens erhaben ist!"

Pauline nickte, als sie geendet hatte, einige Male voll tiefster Genugthuung mit dem Kopfe.

Fuhlst du's nun, Prinz Egon Waldemar von Hohenberg! rief sie, die Bedienten nichtachtend, triumphirend aus. Krummst du dich nun vor Paulinen von Harder, stolzer Jungling, den die Schonheit Helenen's nicht so fesseln wird wie hinfort der alten Pauline Geisteskraft? Zittere nicht, Egon! Ich bedarf deiner, so wie du meiner bedarfst, und wenn du weise bist und mir deine starke Hand zur Stutze fur den Rest meines Lebens leihst, so will ich dir zeigen, dass ich dich mehr liebe, als Helene d'Azimont, mehr, mehr als selbst Amanda, deine eigne Mutter!

Franz stand in der Ferne und harrte noch auf einen Befehl.

Um sieben Uhr wecken! sagte Pauline, erschrekkend, dass sie nicht allein war.

Franz ging.

Pauline aber verriegelte die Thur, las das rasch hingeworfene Billet beseligt noch einmal und noch einmal, entkleidete sich und warf sich heiter, beruhigt, ja lachend auf ihr Lager. Sie entschlief unter der sussen, reizenden Vorstellung eines neu fur sie beginnenden Lebens.

Im Bunde mit Egon und seinen geisteskraftigen Freunden ... was hoffte sie nicht Alles! Was konnte sie nicht Alles wagen und noch vom Schicksal erwarten!

Ende des funften Buches.

Sechstes Buch

Erstes Capitel

Sylvester Rafflard

Helene d'Azimont bewohnte in einem sogenannten Hotel garni das erste Stockwerk.

An Beschrankung nie gewohnt, bedurfte sie nicht nur aus angeborenen Rucksichten ihres Standes, sondern zur Ausdehnung ihrer ganzen uberstromenden Natur grosser Raumlichkeiten. Diener und Wagen hatte sie mitgebracht, aber diesen "Train" jetzt noch weit uber den Bedarf vermehrt. Jede Woche mussten Gartner die Zimmer mit neuen Blumen schmucken. Ihr Empfangsalon war ein kleiner Dahlien-Flor. Was sie bei Wanderungen durch die Magazine, selbst bei einer fluchtigen Voruberfahrt an den glanzenden Schaufenstern der Hauptstrassen nur an Vasen, Porzellan, Kunstwerken, Bronzesachen Gefalliges entdeckte, musste, wenn sie sich davon einen Effect versprach, sogleich, ganz nach Goethe's Theorie vom Besitze des Schonen, angekauft und in ihren Zimmern aufgestellt werden. Wie sie denn in Allem das Weib des unmittelbaren Instinctes schien, die lebendiggewordene Unruhe und Beweglichkeit des nur durch die Liebe aufrechtgehaltenen Frauensinnes, so musste sie, was ihr gefiel, besitzen, was sie dachte, aussprechen, was ihr in den Sinn kam, vollenden. Eine Entsagung ohne sofortigen Ersatz wurde ihr die grosste Qual gewesen sein.

In den sechs Wochen, dass Egon krank war, von Andern gehutet, ihrer Sorge vorenthalten wurde, litt sie unsaglich. Sie hatte das nimmerrastende Bedurfniss der Aufopferung. Sie ware im Stande gewesen, wie eine in Lohn verdingte Krankenwarterin Egon zu pflegen. Der Mann, der sie erfullte, war ihr die ganze Welt. Wie konnte sie leben, ohne seinen Athem zu horen, ohne sich in seinen Augen zu spiegeln, selbst wenn diese vom Fieberwahn umschleiert waren und sie nicht erkannt hatten! Von dem Abend an, wo sie bei ihrer Ankunft in spater Nacht vor Egon's Fenstern hielt und zu ihnen wie eine Verstossene sehnsuchtig hinaufblickte und bitter weinte, ruhte sie nicht, sich dem Freunde bemerklich zu machen. Erst als sie erfuhr, dass er ganz krank, dann vollig bewusstlos war, unterliess sie diese nachtlichen Aufblicke zu seinen Fenstern. Aber Blumen schickte sie, Erkundigungen zog sie ein, setzte sich mit der dienenden Umgebung, mit den Arzten in Verbindung. Sie litt peinliche Tage, in denen sie nur von Paulinen, die durch Amanden's Memoiren wieder Kraft und Fassung errungen hatte, aufrecht erhalten, getrostet wurde. Wie viel Thranen weinte sie an der Brust dieser Freundin, die sich fur mitfuhlend erklarte, aber ihren Schmerz nur studirte, wie der Kunstler an der Armuth vorubergeht, ihr Almosen spendet, aber seiner Phantasie auch die Geberden des Hungers einpragt.

Pauline gab sich ganz auf die "grossen Gefuhle" ihrer jungen Freundin gestimmt; aber Helene mit ihrem uberflutenden, liebesiechen Herzen, war ihr doch nur eine Studie jener Autorschaft, an die sie zuweilen zuruckdachte, seit sie durch Guido Stromer, den vacirenden Pfarrer von Hohenberg, den entpuppten Schmetterling der schonen Phrase und des irren, von Allem geblendeten Idealismus, wieder in literarische Beziehungen kam! Helene, im Jammer um Egon, erkannte Niemanden mehr, der bei Paulinen verkehrte. Ein Blick des Schmerzes und sie wandte sich jeder Begegnung ab. Nur Melanie blieb ihr von dem ersten Abend her in Erinnerung als ein "schones Madchen". Als "schoner Mann" hatte sie Heinrichson fesseln durfen; allein sie erbat sich nur die Unterstutzung seiner kunstgewandten Hand, um Erinnerungsblatter an ihre Egon-Liebe, die sie zeichnete, an ihren egoistischen Egonismus, wie der witzhaschende Heinrichson dies Verhaltniss nannte, zu einer grossern Vollendung zu bringen.

Kummerte sich Helene wahrend dieser Trauerwochen um Niemanden, als wer sie aufsuchte, verschloss sie sich jeder Beziehung zu ihrer Schwester Adele Wasamskoi, die sie ihres kleinen und engen Herzens wegen verachtete, zu Rudhard, der ihr ein lastiger, gefuhlstrockener Pedant war, so musste es auffallen, dass sie Sylvester Rafflard nicht gleich das erste mal, dass er sich bei ihr melden liess, abwies.

Helene glaubte sonst keinen grossern Feind zu haben!

Von Osteggen, dem Gute ihrer Altern, war dieser Rafflard plotzlich entlassen worden; in Genf hatte er Ursache, Egon zu hassen, den er spater zu Paris in ihren Armen wiedersah. Die alte Grafin d'Azimont, Helenen's Schwiegermutter, mit ihrem Ehrgeize und ihrer weltverachtenden Bigoterie, hatte die Wahl ihres Sohnes schon damals gemisbilligt, als Graf Desire am Schwarzen Meere in Helenen eine Protestantin wahlte. Welche Clauseln wurden nicht alle in dem mit Paris uber Berlin und Petersburg verhandelten Ehecontracte erfunden, um den Folgen dieses Misverhaltnisses vorzubeugen! Anfangs nahm die strenge Bewohnerin des Faubourg St.-Germain ihre Tochter mit gnadiger Herablassung auf, bald aber zeigte sich, dass die alte jesuitische Klassizitat der Mutter mit der romantischen Ketzerei der Tochter sich nicht vereinigen liess. Welche Cirkel suchte Helene auf! Welche Menschen fand sie interessant! Wie verworren sah es in ihrem Salon aus! Der "Horreur", den die Mutter durchweg vor der Tochter empfand, steigerte sich, als Helene die Rucksichten auf ihren krankelnden, blasirten, uberbequemen Gatten vollig aus den Augen liess und sich mit ihm sogar auf eine Art Freundschaft, auf den Fuss einer gegenseitigen Schonung und Duldung setzte! Der Graf wurde der Vertraute seiner Gattin. Er musste sorgen, helfen, vermitteln, wenn ihr Herz litt. Und er gab sich dazu mit der ganzen modernen Philosophie, die Sitte und Gesetz auf den Kopf stellt und das Herz zum Gott, dessen Eingebungen zur Offenbarung macht, bereitwilligst her, zum grossen Unmuth der Mutter, die diese neuromantische Ehe mit keinen Kindern gesegnet sah. Durch Zufall war der Neophyt Sylvester Rafflard der alten Grafin nahergekommen und der Vertraute ihrer Wunsche geworden. Die alte Dame hatte immer einen solchen zuverlassigen Hausfreund nothig gehabt und hielt sehr treu zu ihm, falls er sich bewahrte. Seit einer Reihe von dreissig Jahren waren es Jesuiten gewesen, Priester oder Affiliirte, die ihr nahe standen. Der letzte ihrer Vertrauten, Abbe St.-Dor, ein Priester aus dem Convicte der Gesellschaft Jesu in der Rue Jean Jaques Rousseau, starb und empfahl ihr Sylvester Rafflard, einen Genfer, der in Turin glaubig, aber nicht Priester geworden war und sich nur als ein in weltlichen Dingen dienender Bruder zu den ehrwurdigen Vatern hielt, die ihm seine Existenz machten.

Rafflard war nicht mehr jung, aber von einer unverwustlichen Regsamkeit seiner fast thierischgebauten Constitution. Der grosse affenartig gebaute Kopf mit dem gewaltigsten hervorstehenden Unterkiefer sass wie auf dem Nacken eines Stiers. Die Schultern waren breit und rund wie die eines Lasttragers. Die Beine lang und weitausholend, die Arme fast uber die Proportion ausgreifend und mit Handen begabt, die sich wie die ausgespreizten Fusse eines watschelnden Wasservogels machten. Dieser Mensch verband die Giraffe mit dem Rhinoceros. Die ganze Natur Rafflard's war die Sinnlichkeit nicht nur des Magens und des Herzens, sondern auch die Sinnlichkeit der Augen, der Ohren, der Hande, des ganzen Menschen.

Sein Wesen war wie das Schnalzen des Fisches. Er war die Aufdringlichkeit selbst. Seine grossen Hande reichte er Jedem zum Grusse; er umarmte, er kusste Jeden, er floss in einem Strom von salbungsvollen Liebesworten uber und bot Jedem seine Freundschaft an. Er hatte sich von einer gewohnlichen Herkunft allmalig emporgeschwungen durch das Princip, die ganze Menschheit ware zu gewinnen durch die Sussigkeit der Vorstellungen, die das Gegentheil unsrer Existenz in Jedem zu wecken pflege. Er naherte sich den jungen Madchen und sprach mit ihnen von der Ehe; den Frauen und sprach mit ihnen von dem gebundenen Schicksal ihrer unabanderlichen Wahl. Jungen Mannern malte er die sussesten Traume des Glucks aus, den Alten spiegelte er den Glauben vor, man hielte sie noch fur jung. Jedem aber, den er leiden, unbefriedigt sah, nahte er sich mit der Versicherung, er errathe sein verfehltes Geschick, er ahne seine wahre Bestimmung. Die Frauen gewann er durch die theilnehmende Entdeckung, dass ihr Geist gebunden, gefesselt, an Gemeines entwurdigt ware. Die Manner belauschte er in der geheimsten Sehnsucht ihres Ehrgeizes und begluckte die Strebenden mit glanzenden Bekanntschaften, die er in der That wie Visitenkarten aus seiner Westentasche zog. Sylvester Rafflard war der lebendige Versucher. Ewig legte er Denen, die er umstricken wollte, die Schatze ganz Jerusalems zu Fussen und verschenkte sie an Den, der sich ihm ergab. Er bot Alles an, Wurden, Amter, Ehrenzeichen, Geldmittel, Erfolge, schone Frauen, je nachdem er das weltliche Streben einer Geisteskraft oder das traumerische Sehnen einer Phantasie vor sich fand.

Und wenn man fragen wollte, wozu Sylvester Rafflard sich einer so unermudlichen Verfuhrung ergab, so ist nicht erwiesen, dass er geradezu schaden wollte. Er wurde sich in diesem Falle bei seiner unausgesetzten Betriebsamkeit grossen Gefahren ausgesetzt haben. Er wollte nicht einmal verwirren. Er wollte nur existiren, sich behaupten, im grossen Stile existiren. Dazu bedurfte er hundert Beziehungen. Er musste eine Beziehung auf die andre bauen, einen Trumpf gegen den andern ausspielen. Sonst war eigentlich seine geheimste satanische Freude Die, jeden Menschen gleichsam im Zustande der Naturlichkeit zu sehen. Wir wissen, wie Rafflard als Erzieher wirkte, wie es ihn reizte, schon das Gelusten der ersten Knabenzeit zu beobachten. Wir wissen, dass Egon's fruheste Lebensverstimmung, seine Verzweiflung am Dasein, die ihn von Genf nach Lyon, fort von allen Beziehungen seines Standes trieb, eine Folge der Verfuhrung seines eignen Lehrers war. So aber wie Egon wollte Rafflard Jeden auf die Nacktheit seiner naturlichsten Schwache zuruckfuhren! Da, wo der Mensch klein wird, setzte er den Hebel an; da, wo der grosste Mann zuweilen seinen Beruf vergisst, wusst' er ihn sicherlich zu uberraschen und hatte ihn dann auch fur alle seine Plane in der Hand. Im gewohnlichen Verkehr war er liebenswurdig, gefallig und noch immer gern gesehen, wenn man ihm auch seinen asthmatischen Husten vergeben musste. Diesen tuckischen Dampfer seiner guten Laune, diesen Storenfried seiner schleichenden Intriguen hatte ihm ein strafendes Geschick seit einigen Jahren mit auf den Weg gegeben. Dieser Katarrh hatte ihm schon, wie Das in der grossen Welt geht, viele Freunde entfremdet, ja seinen liebsten Freund, den eignen Magen. Der alte Gourmand kaute stundlich Pastillen und verdarb sich damit eine Verdauung, die sonst thierisch war und seiner herkulischen Natur entsprach.

Ein solcher Charakter, ohne Halt, ein reiner Lebensvirtuose, ein Kunstler auf dem schlaffen Tanzseile des gefahrlichsten Egoismus, muss durch innere Nothwendigkeit Jesuit werden. Seine Kenntniss der Zeit und der handelnden Personen uberraschte Die, die ihn zu diesem Schritte ermunterten. Er hatte Verbindungen wie ein zweiter Graf St.-Germain. Selbst wo man ihm die Thur gewiesen hatte, wagte er wiederzukommen. Er wagte, Manchen sogar an Menschen zu empfehlen, die ihn verachteten. Gelehrte Kenntnisse besass er nur oberflachlich. Aber vortrefflich sprach er uber Sachen, die dem Gelehrtesten oft unentwirrbar blieben, uber Lebensverhaltnisse, Sitten-, Staatsbeziehungen. Da ihm Deutschland, die Schweiz, selbst Russland bekannte Terrains waren, so imponirte er in Frankreich. Als Abbe St.-Dor starb, ergriff er mit Freuden die Gelegenheit, seine eigentlich fortwahrend bettelnde Existenz zu sichern, die ihm seit seinem asthmatischen Husten vollends Bedenken erregte. Er hatte schworen mussen, die Ideen St.-Dor's zu verwirklichen. Es waren Dies mancherlei Aufgaben grosserer oder geringerer Bedeutung. Eine derselben lautete: die Heirath zwischen Helene von Osteggen und dem Grafen Desire d'Azimont zu losen, das bedeutende Vermogen des Grafen zum Ruckfall an die Mutter zu bringen und von dieser es somit zuletzt dem Orden zuzuwenden. Dieser Aufgabe unterzog sich Rafflard mit dem ganzen Aufgebot seiner Energie. Es war seine Mission, sein Unterhalt sogar. Die ubrigen Einwirkungen, die er da und dort und bei seiner Sprachengewandtheit auch in fernen Landern auszufuhren hatte, kamen zur Losung dieser Hauptaufgabe erganzend, aber unwesentlicher hinzu. War Rafflard in Paris und Enghien schon thatig, um Helenen und den Grafen zu entzweien, so setzte er nach der Flucht der jungen Frau diese ihm gestellte Aufgabe mit Gewissenhaftigkeit fort. Egon warnte Helenen vor Rafflard schon in Frankreich. Sie glaubte Spuren zu haben, dass Louis Armand damals in Enghien nicht ohne Vermittelung Rafflard's so grausam storend in ihr Gluck eintrat. Sie fuhr schaudernd und ergrimmt auf, als man ihr nach ihrer Ankunft in Deutschland diesen Namen nannte, der in der Residenz anwesend, ohne Zweifel ihr gefolgt war und sie nach allem Vorgefallenen eines Tages zu sprechen wunschen konnte. Wie aber gutmuthige Naturen und eine solche war Helene bis auf einen gewissen Punkt im hochsten Grade einmal sind, sie fassen die Menschen immer nach ihrem augenblicklichen Bedurfniss. Klagen sie mit dem Klagenden, so heisst es: Ich habe mich geirrt, er ist gut, er ist wenigstens besser, als ich dachte! Helene d'Azimont hatte auch noch die Eigenschaft gutmuthiger Charaktere, dass ihr jedes Wiedersehen etwas Verschonerndes bot. Einem Menschen, den man in der Heimat hasste, wird man in der Fremde nicht begegnen, ohne sich zu denken: Wenn er dir hier, unter diesem schonen Himmelsstrich, unter diesen herrlichen Statuen, unter diesen duftenden Gewachsen, die Hand bote, du wurdest sie nicht zuruckweisen! Bringt er nicht Heimatsluft mit? Geht er nicht wieder dahin, wohin du gern einen solchen Gruss aus lebendem Munde ubersenden mochtest! Rafflard benutzte diese Stimmung, die er bei Helenen offen genug vorfand. Er war noch kluger. Er machte gleich reinen Tisch. Er sagte: Grafin, warum hassen wir uns? Er ergriff damit gleichsam das schillernde Gewand, das seine geheimsten Absichten verbarg, und zog die tausend Falten desselben glatt in eine Flache, in die Flache der Aufrichtigkeit und Bonhommie. Er sprach so naturlich, so sich selbst ironisirend, dass Helene schon lachelte. Er verspottete die alte Dame vom Faubourg St.-Germain, er ahmte der Grafin so treffend nach, dass Helene sie vollig wiedererkannte und mit zu lachen anfing. Seine grauen Augen wurden fast kindlich; ja als ihn sein boser Husten uberfiel, griff Helene in die Schubfacher ihres Schreibtisches und bot ihm, mitleidig wie sie war, von der Pate Regnauld aus Orleans an, die er taglich kaute, aber doch kostete, doch als etwas ihm Unbekanntes annahm, nur um dabei uber das schone Paris sentimental werden zu konnen und Helenen zu ruhren. Und vollends umstrickte er Helenen dann durch das offene Vertrauen, das er ihr zeigte, als sie ihm seine Verbindung mit den Jesuiten vorwarf. Er bekannte ganz offen, mit den ehrwurdigen Vatern in Verbindung zu stehen. Sie sind Priester? hatte sie gesagt. Nein, antwortete er, ich gehore zu jenem amphibischen Theile des Bundes, der in- und ausserhalb der Kirche steht. Ich bin zu weltlichen Zwecken affiliirt. Und Sie gestehen mir Das so offen? hatte Helene erstaunt gefragt. Warum sollt' ich denn verhehlen, was Sie wissen, war seine Antwort gewesen; verhehlen, setzte er hinzu, was Sie verschweigen werden! Die Vorsicht, die ich brauche, dass ich in philanthropischen Zwecken, zur Verbesserung der sittlichen Gefangenenpflege, reise, offnet mir viele Thuren: selbst die Thuren der Gefangnisse sind nicht unwichtig. Man entdeckt dort oft Menschen, die gewandt und brauchbar sind. Helene wies ihn mit dieser Moral entsetzt zuruck; aber er hatte ihr damals in franzosischer Sprache gesagt:

Liebe Comtesse! Sie mussen diese Welt betrachten wie ein grosses Chaos, in das die Vernunft, die Philosophie, die tausendfach verzweigte gute Absicht der Menschen Licht und Frieden bringen wollen. Ich habe fruher als Protestant, als Erzieher zu diesem Zwecke der vernunftigen Verstandigung mitzuwirken gesucht und meine Uberzeugung war zuletzt die, dass ich das Ubel zur eignen Qual nur vermehrte. Da lernt' ich Jesuiten kennen und fand eigenthumliche, am Dasein merkwurdig erfreute Menschen. Sie reisten und wandelten da und dort. Hier kannte man sie, dort nicht. Sie hatten Zwecke, deren Nothwendigkeit sie nicht untersuchten, deren Durchfuhrung sie unterhielt und sie im Zusammenhang mit einer grossen geschlossenen Kette kluger Mitverbundener personlich starkte und erheiterte. Ich finde in den Jesuiten die Apostel des reinsten Menschenthums. Was wollen sie denn anders, diese Vielverschmahten, als die Menschen von dem Staate, der sie qualt, von der Kirche, die sie verdustert, etwas lockerer und loser lassen? Was wollen sie herstellen? Nur die grosse, bequeme Ordnung der romischen Religion, die am Ende, wenn man aufrichtig sein will, nichts als ein freundlicher Verkehr zwischen dem Laien und dem Priester und eine Art von Gewissens-Arkadien ist. Arkadien ist uberall, wo es keine Gewissensbisse gibt. Die Jesuiten konnen, was sie bezwecken, kaum sagen. Es sind die eigentlichen Triebkrafte der Welt, die mehr die Freunde des gedruckten Volkes heissen durfen als alle Demagogen im Purpur und in der Blouse. Was ist denn Das gross fur Sklaverei, zum romischen Stuhle zu gehoren? Die leichteste, die lindeste ist's! Eine viel lindere, als der weltlichen Obrigkeit ganz und gar verfallen zu sein, wie Dies nun durchaus der Gang der Geschichte werden soll. Gegen diesen Gang allein stemmen wir uns. Wir wollen nicht Rom retten, sondern den Menschen, der Niemanden, nur Gott gehorche! Wir mussen die absolutistischen Ideen der Konige verfolgen, weil sie den Begriff der Theokratie, d.h. der grossen GottesRepublik der Welt vernichten; aber wir mussen auch die Revolution bekampfen, nicht weil sie den Komgen schadet, sondern weil sie ihnen zuviel nutzt, weil sie immer und immer auf Centralisation dringt, weil sie die Menschen zu Maschinen eines grossen Staatszweckes macht, von dem die Priester, d.h. die Anwalte des reinen Menschenthums ausgeschlossen bleiben. Lieber Himmel, man spricht von Verdummung, die wir beforderten! Wir finden nur, dass die Menschen selbst nicht wissen, was das Salz der Erde ist. Absolute Staatszwecke, ob die der Republiken oder der Monarchieen, sind nicht das Salz der Erde, und wenn wir sagen, von Rom gehen die Adern, dieses Salzlagers aus, so kampfen wir ja nicht fur den Papst, sondern durch den Papst fur die ewige Macht Gottes, die grosser ist als die der irdischen Gewalten. Unser Orden denkt viel uber die Zeit nach. Es gibt in ihm eine rechte und eine linke Seite. Die rechte verdirbt leider viel, was die linke gut gemacht hat. Es ist so schlimm, dass man den Namen Gottes nicht nennen kann, ohne gleich zu sehen, dass die Menschen niederfallen und darunter die Aufforderung zur Bigoterie verstehen. Unsere Bundesgenossin ist leider die fanatische Religiositat, leider die Verfolgung des rationalistischen Lichtes; allein wir verfolgen das Licht nicht um des Lichtes, sondern um des Leuchters willen, auf dem es gemeiniglich steht, und um der Wande willen, die das Licht gemeiniglich erhellen soll. Eine Aufklarung, die uns verderben will, mussen wir verfolgen und wir verfolgen sie nicht um unsertwillen, sondern zu Gunsten der Menschheit, denn alle Aufklarung bringt wieder neue Anmassungen, neue Fesseln. Das ewig sich Gleichbleibende ist Rom. Das mildeste Joch, das nur die Menschen tragen konnen, ist die Theokratie, und ich gebe die Versicherung, wie die Demokratie erst in's Volk griff, als ein romischer Priester, Lamennais, sie im kirchlichen Style populair machte, so wird auch der Socialismus, von dem Sie, liebe Grafin, die Grundprincipien kennen werden, dann erst siegreich fur die jetzige Gesellschaft anbrechen, wenn ein so hohler Commis-Voyageur-Kopf wie der des Herrn Proudhon von Lyon seine Ideen einem Priester abgibt, der uber die Menschheit als Seher, nicht als merkantilischer Buchhalter spricht.

Helene hatte nicht umhin konnen, dieser Ausserung des Jesuiten einigen Beifall zu zollen. Sie war in der Literatur und den Zeitfragen nicht unbewandert. Ihr Salon war in Paris artistisch-literarisch. Ihr Tisch war von aufgeschnittenen und mit Lesezeichen gezierten Schriften nie frei. Weitlaufig liess sie sich aber auf eine Prufung nicht ein und erwiderte auch hier von dem Standpunkte, der ihr naher lag:

Was wollen Sie denn aber in diesem Norden? Was gibt es denn hier fur Sie zu thun?

Rafflard hatte darauf geantwortet:

Wo fande ein Jesuit nicht ein Feld seiner Thatigkeit! Schicken Sie ihn nach Ceylon, nach Tombuktu, er findet Menschen, Priester, Religionen, Staaten. Wo Andere lehren, Andere glauben, hat auch ein Jesuit zu thun. Wir wissen bei jedem Verhaltniss sogleich, wo wir Partei zu ergreifen haben, fur wen, fur was? Deutschland fangt an, wie im Mittelalter, wieder der Schwerpunkt Europas zu werden. Es ist das Land, wo beide Principien, das romische und das protestantische, sich die Wage halten. Die Verwirrung ist gross. Es will sich das protestantische Princip, das im dreissigjahrigen Kriege wenn nicht besiegt, doch erschopft wurde, aufs neue erheben, nicht rein als Princip der Feindschaft gegen das katholische, aber doch in den eigenthumlichsten Versetzungen mit allerhand andern Stoffen. Unsere Obern sind Politiker und denken weiter als die erbarmlichen Minister, die jetzt bei uns und hier auftauchen, morgen versunken sind und vergessen. Die Fragen der Zeit gehen weiter als bis zur Herstellung einiger trugerischen, constitutionellen Scheinformen. Auch die Jagd auf Demokraten erscheint uns in der Rue Jean Jaques Rousseau lacherlich; denn Republiken oder Monarchieen sind uns gleichgultig, wenn doch immer die grosse Frage wegen der Kirche und des Staates, d.h. des freien oder des gebundenen Menschen auftaucht. Unsere Abgesandte greifen hier und da schon in die deutschen Schicksale ein. Von der Schweiz und Belgien aus wird viel gewirkt und geschurt. Hier, im Herzen des Protestantismus, ist vorlaufig wenig Anderes zu thun, als mit gleichgestimmten Bedurfnissen nach Kirchlichkeit anzuknupfen. Wenn auch ketzerische Kirche ist auf irgend einem gewissen Standpunkte Kirche immer Kirche. Wir hatten schon einige Hofprediger in Deutschland, die Jesuiten waren. Ich will nicht sagen, dass auch hier unter ihnen Affiliirte sind, aber kirchliche, wie soll ich sie nennen, kirchliche Hochtories gibt es auch hier, und Mehreren, die ich nicht nennen will, steh' ich ziemlich nahe. Ich habe sie in einem gewissen Trotz gegen den gegenwartigen hiesigen Staat bestarkt. Erst schienen sie zwar erschrocken von der Zumuthung einer offenen Opposition; sie besitzen dafur zuviel Servilismus, angeboren und anerzogen, aber wir gewinnen doch, wenn wir die Kirche uberall in Europa frei erhalten vom Staate und ihm nicht, wie schon in dem absolutistischen durch und durch verweltlichten Russland geschehen, noch gar die Kraft des Prophetenthums, die angemasste Bischofswurde zufuhren. Was hindert uns, nach funfzig Jahren, wenn hier die Zahl der katholischen Kirchen wachst, einen Bischof einzusetzen? Wir konnen alte Gerechtsame, alte Proteste wieder geltend machen. Es mag der protestantische Staat in seinem absolutistischen oder radikalen Gebahren forttaumeln, die in den tiefsten Wurzeln doch noch immer nach Rom hin sich verzweigende Kirche, auch die ketzerische, gibt ihm nichts von ihrer Kraft ab, wenn wir sie isoliren. Wir sind hier an Allem betheiligt, an jeder Frage des Cabinets und des Staatsrathes, an der Gesetzgebung fur die Provinzen, an der Gestaltung der Gesammtform Deutschlands, an der Ubertragung der Lehramter, an der Richtung des Geschmacks und der Wahl der Lekture, ja wir haben hier zwei Katholiken, von denen der Eine die Stutze des Throns, der Andere die ganze Hoffnung der Demokratie ist und uber deren geheimsten, innersten Gedanken noch ein grosses Dunkel schwebt.

Rafflard gab sich vollig unverdeckt. Einer so offenen, auf ihre Diskretion vertrauenden Sprache Wie konnte Helene ihr widerstehen? Sie hatte zwar keine Neigung zu solcher Bewahrung ihrer Geisteskraft wie Pauline, die von dergleichen Enthullungen elektrisirt worden ware, aber die Hingebung Rafflard's glaubte sie doch vollstandig zu erkennen, und da sie eine edle Natur war und Vertrauen zu schatzen wusste, so liess sie den schleichenden Weltmann, der die vertraulichen Manieren eines Beichtigers geltend machte und alle Dinge von dem Zugestandniss einmal nicht zu andernder menschlicher Schwache auffasste, gewahren, nahm ihn ofter an, dankte ihm fur die Bekanntschaften, die er ihr zufuhrte, und hielt seine schonende Sprache uber Egon und ihre Liebe fur den Beweis eines wirklichen Interesses. Und wenn sie nun auch errathen hatte, dass Rafflard nur die Trennung von ihrem Gatten betrieb, was lag ihr daran? Gut und Geld hatten keinen Werth fur Helenen. Einiges mutterliche Vermogen besass sie. Sich um Anderes, was noch fehlen konnte, zu sorgen, lag nicht in ihrer Natur. Wenn sie in ihre Borse griff, hatte es bis jetzt noch an den nothwendigen Mitteln nie gefehlt. Aber sie blickte nicht einmal so weit hinaus! Sie war befriedigt, dass Rafflard einsah, ihre Liebe zu Egon ware eine Nothwendigkeit, eine vom Gott der Gotter, dem allbindenden Eros, vollendete Thatsache. Wenn sie weinte, war Rafflard traurig. Wenn sie hoffte, verklarte sich auch sein Blick. Was sollte sie da grubeln, denken? O Himmel, das Denken, das Vor und Nach war ihr ja das Peinlichste! Nur fuhlen mochte sie, empfinden, verschweben, wie ein Lichtatom in der Sonne ihrer Liebe, und Alles, das Hochste, das Herrschende war ihr der Moment.

So ruckte Egon's Genesung heran. Helene jubelte ihr entgegen wie dem erwachenden Fruhling. Jeder, der ein grunes Blattchen der Hoffnung ihr vom Palais Hohenberg brachte, wurde koniglich belohnt. Die Bedienten, die Wandstabler's alle durften zu ihr geradezu hereintreten, wenn sie nur zu melden hatten, dass der Prinz eine Stunde gut geschlafen, eine Speise mit Appetit verzehrt hatte. Helene fuhr zu den Italienern, um Fruchte, zu den Confiseurs, um Naschereien zu kaufen. Sie war so unkundig der wirklichen Gebrechlichkeit des Menschen, dass sie sich einbildete, Ananas, Trauben, Melonen, alles Das musse erquicken oder die Verdauung starken. Sie ubte in ihrer Weise einen frommen, der Liebe gewidmeten Cultus, der Rafflard, im Geheimen beobachtet, nicht wenig belustigte. Die meeresschaumgeborene Gottin erhorte Helenen's Flehen. Egon genas und sie selbst, die zarte kleine Gestalt mit den weichen runden Formen, den bewegten, langbewimperten Gazellenaugen, dem glanzenden schwarzen Haare, dem anmuthigen Lacheln, erholte sich wieder von der Wachsfarbe des Grams, die ihren zarten Teint uberhaucht hatte, zu dessen ganzer blendenden Weisse.

Es war October. Wohl vierzehn Tage waren hingerauscht in den Wonnen des von Drommeldey und Rafflard allmalig vorbereiteten Wiedersehens. Das Wetter war gleich nach der Partie von Solitude, auf die Helenen's Gluck folgte, rauh, sturmisch, dann regnerisch geworden. Wo weilte man da traulicher als im Arme der Liebe? Wo war es heimischer als hinter geschlossenen Fenstern, in schonen gefalligen Zimmern, in denen schon Abends ein leichtes erwarmendes Feuerchen knisterte? Da wurde gelacht, gescherzt, geschmollt, das Vergangene durchgesprochen. Da wurden Plane ersonnen von kunftigen Vergnugungen, von Reisen, von Villeggiaturen des nachsten Jahres, von Rom, Neapel! Egon und Helene, Helene und Egon! Nur Beide allein auf der Welt, nur selig in der Liebe, nur liebend wie im Paradiese. Die Vergangenheit wurde mit Schleiern bedeckt. Helene sprach von Louison wie von einer todten Schwester, nichts hatte sie verletzt, kein Stachel war zuruckgeblieben, die Gegenwart war ihr Eigenthum: warum nicht Grossmuth uben? Nur kleine Seelen sind ja auch fur das volle uberschwengliche Gluck der Gegenwart so undankbar, dass sie, immer makelnd uber Vergangenes, im Genusse mistrauisch sind und sogar schon uber die Zukunft grameln!

Freilich in diesen Kelch der Freude mischten sich zwei grosse Wermuthstropfen. Der eine hiess: Die Freunde Egon's! Der andre: Der Ehrgeiz des Geliebten! Beide Tropfen flossen aus derselben Schale, die Helene oft in aufgeregter Phantasie wie eine Giftphiole vor sich schweben sah. Diesen Becher wirst du austrinken mussen und sterben! rief es ihr oft wie von Geisterstimmen. Kalt packte sie dann eine Hand mitten in's Herz. Sie musste aufschreien, weinen Egon wusste nicht, was geschah und musste lacheln uber Befurchtungen, die ihm ganz grundlos schienen. Ja, Louis, Dankmar, Siegbert, Rudhard waren seine Freunde, taglich sahen sie ihn, sie waren frohlich, die Jungern mit ihm das Leben geniessend. Den Professor Rafflard hatte Egon abgewiesen. Egon gehorte zu den Menschen, die vielleicht nicht consequent in der Liebe, aber consequent im Hasse waren ... eine starke Art von Menschen, schwer zu behandeln, des Grossten fahig und kluger Fuhrung bedurftig. Rudharden aber hatte er auf's neue liebgewonnen. Er fuhlte, dass er wegen Helenen's nicht wagen konnte, ihn im Kreise der Familie Wasamskoi oft zu besuchen, desto ofter sah er den alten trocknen Verstandesmenschen bei sich und freute sich, wie tief und nachhaltig doch der Grund war, den der ernste Mann einst in seine Seele gelegt hatte. Er war weit ofter mit Rudhard als mit den andern Freunden einverstanden. Auch Siegbert konnte wegen der Furstin Adele, wie Rudhard, nicht anders, als jede Beziehung zu Helene d'Azimont vermeiden. Das war Helenen freilich peinlich genug. Sie sah da immer Menschen mit ihrem Geliebten in Beruhrung, die sie achten musste und doch nicht fur sich hatte. Oft schlug sie gemeinschaftliche Partien vor, man entschuldigte sich durch das Wetter. Sie sprach von Einladungen, von Diners, von Soupers, wie nur sie, sie dergleichen zu veranstalten verstand. Vergebens! Man hatte Abhaltungen. Dankmar vollends, den sie einige male wirklich sah, machte auf sie einen damonischen Eindruck. Das war eine Scharfe im Blick, eine Ironie um die Mundwinkel, eine sichere Art des ideell Exclusiven, dass er sie fast reizte. Sie dachte oft daruber nach: Wie gewinnst du dir diese bedeutenden jungen Manner? Du mochtest wol z.B. von Dankmar wissen, ob seine sprode Schale einen zarteren Kern verbirgt? Sie neckte Egon mit Dankmar's Zuruckhaltung und fragte ihn, ob der schone junge Mann absichtlich von ihr ferngehalten wurde? Sein Process diente zur Entschuldigung und der einzige Grund, warum sich Dankmar zuruckzog, lag doch lediglich nur darin, dass er mit den drei andern Freunden Farbe halten wollte. Sie bauten soviel auf Egon und sahen ihn nun umstrickt von einer entnervenden Liebe! Sie wirkten, sie liefen, sie arbeiteten fur ihn und wenn sie ihn fur die Wahlen, die Kammern, fur ihre idealen Plane plotzlich zu sprechen wunschten, hiess es: Er ist bei der Grafin, oder: Die Grafin ist bei ihm! Das nahm besonders Dankmar, der seine Zeit schatzen lernte, gegen Egon ein und Niemanden mehr als Louis, den Helene deshalb auch geradezu fur ihren Widerdamon und fur Egon's "boses" Princip hielt. Rafflard hatte den Gedanken einer dauernden Vereinigung in ihr Herz gepflanzt und sowenig eigentlich dieser Plan ihrer Natur entsprach, so ungern sie den armen kranken philosophischen Gatten in Paris zu aussersten Entschliessungen veranlassen wollte und lieber auf seinen von den Arzten fur gewiss vorausgesagten Tod wartete, so ergriff sie doch diese Idee ohne alle Rucksicht auf ihre Zukunft eben darum so lebendig, um diesen sogenannten Freunden ihres Freundes als Alleinherrscherin uber Egon zu imponiren und sie durch einen Machtspruch entweder als Untergebene sich zu gewinnen oder sie als Furstin von Hohenberg ganz entfernen zu konnen.

Diese vier Manner waren es, die in Egon diejenige Flamme schurten, auf die Helene wie auf die Gunstbezeugungen der schonsten Frau der Erde eifersuchtig war, die Flamme des Ehrgeizes. Ein Weib, das unter solchen Verhaltnissen liebt wie Helene d'Azimont, wird niemals ertragen konnen, dass sich der Gegenstand ihrer Liebe theilt. Nur die Liebe, die die Sitte heiligt, ertragt im Mann den Aufblick zu einem grossen Berufe und jene getheilte Stimmung, die immer im Gefolge eines Wirkens fur die Welt sein wird. Die sittenreine Liebe erfasst den ganzen Menschen, nicht den sinnlichen nur. Sie wachst mit seinem Wachsthum empor. Sie schmiegt sich wie der Epheu zu den Asten des Baumes hinan und folgt ihm bis in die Krone seiner Triebkraft. Der Ruhm ist wol eine schone Zugabe zu jedem Verhaltnisse zwischen Mann und Weib. Aber der Ruhm will erworben, will behauptet sein und an die stille Werkstatt des Geistes soll da die Liebe nie zur unrichtigen Stunde pochen! Egon war nicht der Mann, der seinen Ideen entsagt hatte, um einer Liebe willen! Er lachelte wol zu Helenen's Befurchtungen und sagte ihr oft: Du furchtest nur mein graues Haar, das sich schon durch mein Fieber lichtete, furchtest die Nachtwachen, denkst an die Staatsmanner, die du kennst, die nach ihrer ersten Rede zehn Jahr junger und nach der minder gutaufgenommenen zweiten zehn Jahr alter wurden! Dazu schuttelte Helene den Kopf. Sie sagte, dass Egon immer schon sein wurde, aber sie musse ihn allein haben! Wie litt sie schon jetzt unter diesen Vorbereitungen zur Wahl in die Kammer! Welche Verhandlungen, welche Zeitverluste, welcher Arger, welche Absorption der Gedanken! Sie wollte Egon nach Italien entfuhren. Er dachte nicht daran, ihr zu folgen. Er gonnte sich nicht einmal die Zeit, in Hohenberg, wie er gewollt, Ackermann zu besuchen, von dem er soviel Treffliches und Beruhigendes erfahren hatte.

Seit einigen Tagen erlebte sie noch vollends, dass Egon, der schon von den vier Mannern genug in Anspruch genommen war, mit Pauline von Harder in eine Beziehung kam, die sie nicht verstand. Rafflard sagte ihr zwar: der Furst ist nun gewahlt, er ist in die Kammer getreten, Pauline von Harder spielt eine neue politische Rolle, es sammeln sich Manner von Ruf und Einfluss in ihrem Salon- Nein, nein, hatte sie ihm geantwortet. Das kann es nicht sein! Sie hassten sich doch! Er nannte sie die Todfeindin seines Hauses und sie beklagte es ewig, dass ich einen Mann liebte, der ihre beste Freundin aus Familieninstinct verfolgen wurde! Nun sind sie einig. Jeden Abend haben sie ein tete-a-tete! Was ist Das? ... Ein tete-a-tete, an dem Heinrichson nicht theilnimmt, doch nicht etwa? hatte Rafflard mit Lachen dazwischen geworfen ...

Er wollte damit sagen, dass Heinrichson viel ofter bei Helenen, als noch bei Paulinen war und der Grafin eine grosse Aufmerksamkeit widmete ...

Helene hatte dagegen nichts eingewendet, als dass sie fluchtig von einem jungen Madchen, einer wahren Schonheit sprach, die seit einiger Zeit von Egon erwahnt wurde als Verschonerung der Cirkel der Geheimrathin ... Melanie Schlurck! Rafflard hatte darauf nichts erwidert als den einfachen Vorschlag: Helene sollte, da die Verhaltnisse doch nun in der That dringend und schwierig wurden, gegen Egon mit offener Sprache heraustreten und von ihm eine Erklarung uber ihre beiderseitige Zukunft verlangen! Helene, gereizt durch die Erinnerung an Melanie Schlurck, fand diesen Rath weise, hatte ihn in der That befolgt und harrte nun an einem Octobermorgen, der sich freundlicher anliess als die bisher vorubergegangenen Wochen, auf den Besuch des Vertrauten, dem sie die Ergebnisse einer gestrigen Unterredung mit Egon mittheilen, vielleicht gar den Auftrag zu einer Scheidung geben wollte zwischen ihr und dem Grafen d'Azimont.

Zweites Capitel

Eine Intrigue

Die liebliche junge Frau lag in einem sehr gefalligen Schlafrock von weissem Kaschmir, bunt gefuttert und mit Borduren besetzt, auf dem Sopha und blatterte in Briefen und Sendungen, die sie von Paris erhalten hatte. Die Herbstsonne hatte sich wieder eingestellt und fiel neubelebend und so erwarmend durch die Fenster, dass man von den Rosetten die Vorhange losen musste, deren gelber Schein dem weissen Teint Helenen's einen zarten orientalischen Uberhauch gab. Auf dem Tische vor ihr stand eine Vase mit Blumen, die sie sehr liebte. Mit Ungeduld blickte sie auf eine Pendule, die uber dem geoffneten Schreibbureau stand und schon auf elf zeigte. Sie erwartete Rafflard. Der Bediente brachte bald diese, bald jene Meldung. Die Modistin wurde an ihr Madchen verwiesen. Concerte, zu denen sie die Billets nahm, ohne sie zu besuchen, wurden rasch bezahlt. So oft sie fuhlte, dass der Zeiger der Pendule doch auch gar zu langsam vorruckte, sprang sie auf, dass die Troddeln und Schnure ihres Schlafrocks klapperten und setzte sich an ein geoffnetes Piano, das in einer Ecke des Zimmers stand und phantasirte in Tanzrhythmen eine Weile auf und ab. Dann fiel ihr ein, dieser oder jener neuen Bekanntschaft rasch ein kleines Billet zu schreiben, einen Roman zu schicken, uber den gesprochen wurde, oder sie jagte die Diener, Dies und Das zu besorgen. Endlich gaben ihr einige Zeilen von Heinrichson eine veranderte Stimmung. Heinrich Heinrichson schrieb ihr, dass er drei der gemeinschaftlich gearbeiteten Bilder in zierlichen, entsprechenden Rahmen mitbringen wurde und schloss seinen Morgengruss mit einigen Worten, die in seinen vielen, an Helenen schon gerichteten Briefen immer Dasselbe sagten, namlich, dass sie schon, gut und liebenswurdig wie ein Engel ware, Huldigungen, die jedesmal eine neue Wendung hatten, seine Weltbildung und Esprit verriethen.

Endlich war Rafflard da.

Eilig, wie bei Helenen immer, trat er ein, nachdem ihn sein Husten schon im Vorzimmer angekundigt hatte. Rafflard war es in seinem langen, plumpen, ungeschlachten, tappigen Wuchse. Die weisse Halsbinde um den Hals, der schwarze Frack, die weisse Weste, die weissen Handschuhe milderten etwas die hartknochige und unedle Physiognomie. Von der Seite aus gesehen, wurde man ihn, wenn er etwas korpulenter gewesen ware, leicht fur einen verkleideten Kapuziner haben halten konnen.

Rafflard kusste Helenen die Hand und uberreichte ihr einen Strauss von frischgeschnittenen Orangenbluten.

O, rief sie, das haben Sie gut getroffen, Professor! Diese Bluten versetzen mich nach Italien. Den nachsten Carnaval feir' ich in Rom.

Mit ? fragte Rafflard gedehnt.

Mit? Mit Egon? Sie haben ihn verleumdet, Professor! Er liebt mich wahr und treu und kann mir jedes Opfer bringen. Wie heiter, wie glucklich schloss gestern die Stunde, als ich mich an ihn schmiegte und die schwierige Aufgabe sich vom beklommenen Herzen trennte ... Aber Alles ist erortert, besprochen, entschieden! Setzen Sie sich, Professor. Trinken Sie Chokolade?

Danke, meine Freundin! Erzahlen Sie, sagte Rafflard und spitzte die Ohren.

Ich schelle ... Cacao?

Meine beste Gonnerin, ich habe heute schon einige Gefangnisse besucht und mir die Morgensuppen der Verbrecher zu kosten erlaubt. Sie konnen sich denken ...

Also Maraschino!

Helenen's Gutmuthigkeit war schon in Bewegung zu schellen. Der Bediente kam. Sie gab ihm einen Wink. Er verstand, was sie sagen wollte. Rafflard lachelte erfreut. Die Verbindung mit Egon war das Werk, das er um jeden Preis zu vollbringen hatte ...

Sie sollen uberrascht werden, sagte Helene; ich will nicht, dass Sie einen schlimmen Tausch gemacht haben, als Sie statt mit der Mama mit mir vorliebnehmen mussten ...

Der Bediente brachte ein Kastchen, das sie offnete. Rafflard war uberrascht. Gerade ein solches Kastchen stellte jeden Morgen die alte Grafin d'Azimont auf ihren Tisch, wenn Rafflard seine erste Visite auf dem Quai d'Orsay machte und sie gemeinschaftlich kleine Pasteten assen. Es befand sich darin ein halbes Dutzend Krystallflaschen mit Likoren, kleinen Glaschen, einem silbernen Teller, Alles sehr zierlich und hochst portativ eingerichtet.

Rafflard hustete jetzt gerade sehr; dann aber kusste er der jungen Grafin die Hand und fand diese Idee, einen Comfort der alten Schwiegermama hierher zu verpflanzen, allerliebst. Der Bediente kredenzte. Rafflard starkte sich an Maraschino und klagte dabei uber den verdammten Geschmack, den er von der Gefangnisssuppe noch im Munde hatte. Die Zunahme seines Hustens erklarte er folgendermassen:

Ich war vorgestern in der benachbarten Festung Bielau in einem Loche, das man vor dreissig Jahren in dieser schon damals doch sehr aufgeklarten Verwaltung ein Gefangniss nannte. Denken Sie sich, meine Gnadige, eine Hohle unter dem Niveau eines ubelriechenden Flusses. Man zeigte mir eine jetzt vermauerte Nische, durch die sich ein gefahrlicher Verbrecher, der verurtheilt war, in einer solchen Cloake zu leben, in den Fluss durchgebrochen hatte. Er soll, da das Wasser auf ihn hereinstromte, ertrunken sein. Die feuchte Atmosphare liegt mir noch auf der Brust. Doch, liebe Helene, erzahlen Sie nur!

Helene nahm auf ihrem Sopha Platz und schickte sich an, dem ehemaligen Lehrer, dessen vertrauter Ton ihr eine angenehme Erinnerung an die Jugendtage von Osteggen war, von dem gestrigen Abend Bericht zu erstatten.

Ich bin ganz Ohr, sagte Rafflard und nippte an seinem Maraschino, den er sehr lobte und dabei still vor sich hin sagte:

Echter Zara!

Mein Entschluss, begann Helene, stand gestern fest. Es hatte mich zu tief verletzt, dass mich vorgestern Egon warten liess, wahrend er zu Paulinen fuhr und dort wie ich hore en petit comite mit ihr und dem schmuzigen Schriftsteller wie heisst er?

Guido Stromer

Zu Nacht ass

Sie vergessen Fraulein Melanie Schlurck.

Helene errothete, dass Rafflard's Chronik doch auch gar zu gewissenhaft war und unterbrach ihn mit aristokratischer Aufwallung:

Was weiss ich, wer sich Alles mit gemeiner Beruhrung an den Prinzen klettet! Genug, ich hatte Ihren Rath und meine eigene Eingebung fur gestern zusammengenommen und beschloss, ihm den ganzen Zustand meiner Seele offen und treu zu enthullen. Vormittag war er in der Kammer-Sitzung ...

Nachmittag in dem volkswirthschaftlichen Ausschuss, in dem er einstimmig als Prasident gewahlt worden ist ...

Erst um acht Uhr kam er nach Hause, wo ich ihn erwartete. Er kam, begleitet von seinen Freunden, die nicht ubel Lust zu haben schienen, zu bleiben. Ich sagte ihm sehr entschieden: Mein lieber Freund, ich bitte dich, sei heute der Meine! Ausserordentlich liebenswurdig kusst' er mir die Hand und entliess die Aufdringlichen, Unausstehliehen, Widerwartigen! Egon war verstimmt. Egon, sagt' ich, du hast Kummer. Ja, antwortete er. Entdecke dich mir! Was hast du seit acht, seit vierzehn Tagen? Du bist mein Egon nicht mehr. Ich weiss es, dass man mir dich rauben will, Egon? Raubt man dich dir selbst?

Sehr fein! unterbrach Rafflard.

Er lachelte ...

Wie billig uber den Ausdruck!

Und reichte mir die Hand ... Ja, Rafflard, glauben Sie mir's, er war dem Weinen nahe.

Egon?

Triumphirend fuhr Helene fort:

Mein Egon sagte: Helene, ich bin nicht glucklich. Denken Sie sich meinen Schmerz uber dies Gestandniss, Rafflard! Ich sank ihm zu Fussen, ich bedeckte seine Hande mit Kussen. Egon, sagt' ich, du leidest! Warum leidest du? Weil du andre Quellen des Glucks suchest als im Arm deiner Geliebten! Warum diese politische Laufbahn? Sich gleichstellen mit dem Pobel? Ich habe der ersten Sitzung beigewohnt, habe dich gesehen unter Bauern, Pachtern, Gastwirthen ... ah, mein Freund, welche Verwirrung!

Ich bin gespannt. Sie sind hier aristokratischer, Helene, als Sie es in Paris waren ... unterbrach der Neophyt.

Er gab mir Recht, Rafflard!

In der That? Egon ist Sozialist, denk' ich?

Er sagte: Helene! Ich fuhle wie du! Ich bin nun acht Tage in der Kammer. Was ist geschehen? Nichts! Man streitet uber die erbarmlichsten Formlichkeiten. Jeder ringt nach Einfluss, nach Geltendmachung seiner geringfugigen Personlichkeit, und so bedeutend manche Intelligenz ist, ich habe gefunden, dass sie in den Schatten tritt gegen Denjenigen, der eine starke Lunge hat und seine Trivialitaten mit einer Stimme, die durchdringt, geltendmachen kann.

Gut! Er kommt zur Erkenntniss

Ich sagte ihm: Egon, du wirst deine Ruhe, deine Heiterkeit preisgeben, wenn du dich nicht von diesen fruchtlosen Kampfen losringst. Seit du Paulinen kennst und dich mit ihrem gefahrlichen, unternehmenden Geiste ausgesohnt hast, ist der Friede deiner Seele gewichen. Er seufzte und sah mich schmerzlich an, mit einem Blicke, Rafflard, so voll Ruhrung und Vernichtung, dass mir die Stimme erstickte und ich alle meine Vorsatze vergass

Aber ...

Was verlangst du von mir, Helene? sagte er nachdenkend. Egon, das Erste, was ich verlange, ist, dass du mich liebst! Und dann, fugte ich lachelnd hinzu, dass du dich entschliessest diese Stadt zu verlassen, mit mir nach Italien zu gehen und dort, wenn mein Bund mit d'Azimont gelost ist, unsere Liebe legitimirst.

Ich hore mit hundert Ohren sagte Rafflard und lauerte auf die entscheidende Antwort des Prinzen, um sie noch heute an den Quai d'Orsay nach Paris zu berichten.

Helene, in volliger Sicherheit sich wiegend und bei Rafflard nur die Theilnahme fur ihr Gluck voraussetzend, fuhr fort:

Egon nahm diese Worte nicht sturmisch, aber auch nicht kalt auf, Rafflard, und ich fand dies ermuthigend fur mich. Es ist doch, meinen Sie nicht, Professor, es ist doch ein Entschluss fur das Leben, den ich von ihm verlangte? Du stellst mir Alternativen? sagte Egon ruhig lachelnd und fugte hinzu: Helene, Das ist doch eigentlich nicht schon von dir und nicht deiner wurdig, nicht Helenisch! Lieber Egon, sagt' ich, ich stelle dir keine Alternativen. Ich werde dich lieben, das weisst du, auch wenn du mich mit Fussen trittst. Leider kennst du meine Schwache. Aber ich will dein eigenes Gluck. Ich ehre dein sittliches Gefuhl, es qualt dich, mich nicht durch die Bande der Ehe an deine theure geliebte Person gekettet zu sehen. Oder willst du die Ehe selbst nicht, lass uns wenigstens nach Italien gehen und unter milderen Voraussetzungen, als die hier ublichen sind, glucklich leben. Dieser Boden kann niemals die Heimat meines Gluckes werden Das fuhl' ich, Egon ... Ich konnte nicht weiter; denn Thranen erstickten meine Stimme ...

Sie sind noch jetzt geruhrt, Helene! Fassen Sie sich! sprach Rafflard in grosster Spannung. Er war Menschenkenner genug, Egon's Antworten keineswegs so beruhigend zu finden, wie sie sich Helene dachte ...

Egon war sehr lieb, sehr gut, Rafflard! Wirklich, er zog mich an sein Herz und sah mir so kindlich in's Auge, so gut, wie in unsern glucklichsten Tagen am See von Enghien. Helene, sagte er, wie ich dich liebe, weisst du! Ich mache mir Vorwurfe, dass mein Herz getheilt ist. Ich bin nicht so sehr Egoist, dass ich dir nicht nachempfande, wie es dich schmerzen muss, mich in so vielen Beziehungen zu wissen, die in keiner Verbindung mit den zarten Faden stehen, in denen dein Herz sich einzuspinnen liebt. Auch meine Beziehung zu Paulinen erfreut dich nicht. Ich bin aus mancherlei Rucksichten verpflichtet, wenn nicht die Freundschaft, doch die Schonung dieser Frau zu wunschen. Sie hat sich mir mit grosser Hingebung anvertraut ...

Sie wird ihn benutzen, so lange er gilt, schaltete Rafflard ein, um Helenen's Befremden uber Das, was sie selbst erzahlte, zu mildern; sie wirft ihn weg, wenn er sich uberlebt hat, was in unserer Zeit und bei der Gattung von Politik, die jetzt auf dem offnen Schauplatze getrieben wird, das Werk eines halben Jahres ist.

Er selbst, fuhr Helene fort, raumte mir die gleiche Bemerkung, die ich machte, gern ein und verwunschte den Einfluss, unter den er so plotzlich gerathen ware. Ich sprach nun von seinen Freunden ... mit Energie, mit Zornesworten flammt' ich auf. Ja Rafflard, ich glaube, dass sie anfangen ihm lastig zu werden.

Rafflard horchte unglaubig ...

Doch! Doch! Er sprach von grosser Verschiedenheit der Ansichten und von chimarischen Auffassungen, die auf dem Boden der gegebenen Verhaltnisse nicht Stand hielten. Er hatte, Sie kennen diese Plane, sich vorgenommen, fast alle seine Leute zu entlassen, sein Hauswesen bis zur Entsagung eines Diogenes zu vereinfachen. Alle diese Plane sind aufgegeben. Er wird seinem Stande gemass leben und sich sogar nicht scheuen, in Hoffnung auf seinen umsichtigen Generalpachter, Ackermann, mit dem Bankier Reichmeyer ein neues Geldgeschaft zu machen ...

Rafflard horte nur und hustete ...

Ich gebe Ihnen mein Wort, Rafflard, er sprach so vernunftig, so klar, so seinem Stande angemessen ...

Und die Heirath? unterbrach der Spaher ...

Freund, ich mochte doch nun auf dies Thema nicht wieder gewaltsam zuruckkommen! Er vermied es nicht. Nein! Aber ich begnugte mich, ihm nur meinen Refrain: Italien! Italien! zu wiederholen. Und da versprach er mir, allen diesen Beziehungen, die ihn hier fesseln, hier zerstreuen, meiner Liebe entziehen, sobald es irgend mit seiner Ehre vereinbar ware, zu entsagen und mit mir uber die Alpen zu ziehen. Ist Das nicht himmlisch?

Rafflard stand auf. Er war mit diesem Ergebniss nicht im Geringsten zufrieden. Er sah, wie leicht die eigenthumliche Natur Helenen's zu tauschen war. Doch hutete er sich wohl, ihren Verdacht zu wecken und seine Zweifel zu laut auszusprechen. Er rausperte sich, hustete und wiederholte nur:

Sehr schon! Sehr schon! Helene wird so glucklich werden, wie sie es verdient. Sehen Sie Italien! Ich wunschte, ich durfte Sie begleiten und Abends auf dem Corso von Florenz spazieren gehen.

Mit einem raschen Ubergang kam Rafflard auf Briefe, die vor Helenen ausgebreitet lagen und Pariser Poststempel trugen. Er wusste schon, dass der Graf todtkrank war. Seine Mutter hatte ihm geschrieben und die dringendste Eile fur die Verbindung Helenen's mit Egon angerathen. So stellte er sich unwissend und fragte, was sie von Paris Neues hatte ...

Desire ist sehr leidend, sagte Helene. Die Arzte wollen ihm kein Jahr mehr geben. Ich lese mit Ruhrung die Scherze, die er mir schreibt. Er ist so gut! Er will mich unterhalten, und hofft, dass ich glucklich bin!

Glucklich? In Italien? Zum Carnaval? Nicht? Desire hort es vielleicht gern, wenn Sie mit ihm von Egon's politischen Planen sprechen?

Rafflard warf diese Worte so lauernd und forschend hin, um ihre Wirkung zu beobachten ...

Nein, nein! rief Helene gequalt. Die Kammer gefallt Egon wirklich nicht. Er wird die lastigen Freunde abschutteln. Wir sehen keinen deutschen Winter mehr. Ich schreib' es Desire. Ich sehe Egon in Italien.

Rafflard zog die Augenbrauen in die Hohe und trat nun, da er Helenen zu befangen, zu beherrscht von Egon's gewaltiger Personlichkeit sah, machtvoll mit der entschiedensten Unglaubigkeit hervor.

Guter Engel! sagte er mit schneidender Scharfe, Sie sind, wie ich Sie immer gekannt habe. Ich habe Ihnen in Osteggen Marchen erzahlt von Menschen, die so gross sind, dass sie in einem Fingerhut wie in einem prachtigen Palaste wohnen konnen, von Riesen wieder, die so gross sind, dass sie uber den Arc de l'Etoile hinweg den Tuilerien guten Tag! sagen konnten ... Sie haben an die Zwerge geglaubt und haben an die Riesen geglaubt. Wissen Sie, dass, so lange Egon in den Handen Paulinen's, Guido Stromer's, Rudhard's, der Gebruder Wildungen und dieses melancholischen Brutus Louis Armand ist, fur Sie keine Hoffnung bluht, kein Gluck, keine sichere Stunde der Zartlichkeit, keine Minute jener phantastischen Idyllen, die jeder empfindenden Frau vom Glucke der Liebe unzertrennlich sind? Egon sagt, die Politik ekle ihn schon an? Ich war einen Augenblick, als ich aus den Gefangnissen kam, auf der Zuhorertribune der Kammer. Wissen Sie, dass Alles gespannt ist auf eine Rede, die Egon heute oder morgen halten wird? Er ist Berichterstatter des volkswirthschaftlichen Ausschusses und wird uber Dinge, die er versteht, seine Meinung sagen. Alles ist Ohr, der Hof wartet mit Sehnsucht, wie sich der von ihm so ausgezeichnete Furst entwickeln wird. Glauben Sie, dass ihn diese Spannung nicht heben, nicht begeistern wird? Er wird Triumpfe ernten und bald von dem Weihrauche der Parteiengunst so betaubt sein, dass er aus diesen Absorptionen nicht mehr herauskann, wenn er auch wollte. Arme Helene!

Helene d'Azimont verzog ihre Mienen, als hatte sie den Schmerz der Kleopatra gefuhlt, als ihr unter Blumen die Schlange in die entblosste Brust stach ...

Sie sind furchtbar! Sie todten mich! hauchte sie fast wie hinsterbend.

Dann aber regte sich plotzlich die Wallung des Stolzes. Ihre leidenschaftliche Natur emporte sich, sie sprang auf.

Ihre Brust wogte, ihre Augen funkelten .... So sanft sie sein konnte, wenn ihr Alles nach Wunsche ging, so glaubig sie sich beschwichtigen liess, so leidenschaftlich konnte ihr Unmuth hervorbrechen, wenn sich ihrem verwohnten Willen nur das geringste Hinderniss entgegenstelle. Hier nun handelte es sich um Etwas, was ihr die Aufgabe ihres Lebens schien. In tobender Ungeduld, die Briefe, Zeitungen zerknitternd, wegwerfend, im Zimmer auf- und abschreitend, brach sie los und rief, fast wie Norma, dies Ideal der modernen starken Frauen, in der Oper:

Bin ich denn der unglucklichen Priesterinnen des Alterthums Eine, die die Flamme am Altare der Liebe in ewiger Glut erhalten sollen und von Dem, der ihre Sehnsucht ist, ihr Leben, ihr Tod, ihr Verbrechen, ihr Alles, betrogen werden? Ich wusste keinen Felsen am Meere, der zu hoch ware, dass ich mich von ihm aus Verzweiflung nicht in die Fluten sturzte! Wehe mir, was hab' ich dieser Liebe nicht geopfert! Losgerissen hab' ich mich vom Sterbebette eines guten Menschen, der in seinen letzten Stunden auf die liebende Sorgfalt meiner pflegenden Hand angewiesen ist; Urtheil, Achtung der Menschen hab' ich in die Schanze geschlagen was sind sie mir denn Alle, die auf der Erde sind ausser dem Einen, den ich liebe, wie meinen Herrn und Gott! Hatte mir der Himmel ein Kind gegeben, ich wurde wissen, wohin ich diese Regungen der Liebe und Zartlichkeit niederlegte, wie an einen Altar! Ich wurde es pflegen, an's Herz drucken, uber seinem Athem wachen und nur in ihm leben, in seinem Lallen, in seinem lachenden Auge ... Nun hab' ich aber auf dieser ganzen Gotteserde nur Egon nur ihn! Egon! Egon! Und Der liebt mich nicht mehr!

Das heftigste Schluchzen unterbrach diese Verzweiflung und erstickte Helenen's Stimme. Die Liebe war starker als ihr Zorn. Ubermannt von ihrer Empfindung warf sie sich auf das Sopha und druckte ihr weinendes Antlitz an die sich feuchtenden Polster ...

Rafflard konnte nichts thun, als sie anfangs sich ruhig dem Ausbruche dieser Empfindungen uberlassen und mit scheinbar schmerzlicher Theilnahme laut seufzend ihrer verzweifelten Stimmung Nahrung geben.

Dann aber erhob er sich und bat sie, ihm zuzuhoren.

Liebe Grafin, sagte er, ich muss Sie jetzt tadeln ...

Mich tadeln? Warum? Mich noch tadeln!

Weil Sie von Egon das Unmogliche begehren! Geben Sie die Ideen von einem Alleinbesitz des Geliebten auf! Aufrichtigst! Sie leiden an einer Uberfulle von Romanenstoff, dem Sie die Huldigung bringen wollen, ihm nachzuleben! Diese abscheulichen Poeten! Warum konnen Sie sich nicht Ideale eigener Art erfinden? Sie, mit Ihrem reichen Geiste, mit Ihrer reichen Phantasie

Ah, unterbrach ihn Helene, ich bin arm. Ich bin nur reich an Liebe.

Und werden reich an Ungluck sein, wenn Sie mir nicht folgen. Was wollt Ihr jungen Frauen mit Eurer Manie, auf italienischen Seen zu schwimmen, in Rom an den Wasserfallen von Frascati sich zu umarmen und ein schwelgendes sybaritisches Leben zu fuhren? Finden Sie sich doch in Egon's Natur, in Egon's Aufgabe! Ist es denn so unmoglich, dass Sie dieser politischen Laufbahn des Geliebten folgen, sich ihr aufmerkend anschliessen? Gehen Sie doch auf seine Plane des Ehrgeizes ein! Geben Sie doch diese ungeheure Sehnsucht nach romantischem Glucke auf! Ich spreche im Tone des Erziehers ...

Als Jesuit! Als kalter Rechnenmeister, der das Herz immer mit dem Verstande in Einklang zu bringen sucht ...

Damit die Rechnung aufgeht und kein ... Bruch entsteht ...

Bruch?

Helene wiederholte dies Wort, als wenn der falsche Rathgeber das Entsetzlichste gesagt hatte.

Bruch! wiederholte sie und zitterte wie vor einem drohenden Messer und ihre Lippen blieben starr und offen ...

Sie selbst, liebe Helene, fuhr Rafflard ruhig fort, Sie selbst arbeiten auf dies Ende hin. Trauen Sie mir, einem Menschenkenner! Egon ist ehrgeizig, verbinden Sie sich mit dieser seiner Leidenschaft. Werden Sie ihm ein Werkzeug, ein Bundesgenosse seiner Zukunft! Ich sprach Gelbsattel, der scharf beobachtet. Er sagte mir, Egon wurde zwar das Ministerium sturzen helfen, aber nicht im Interesse der Demokratie ... er hat mit Guido Stromer gesprochen, der die Fulle conservativer Elemente in Egon bewundere. Gefahrlich nur sind fur Egon's Entwickelung zum Hochsten seine Umgebungen. Entfernen wir diese, so haben wir ihn und sein Schicksal in der Hand. Ich mochte doch wohl wissen, ob die Grafin d'Azimont, Freiin von Osteggen, ich will sagen, wenn es sein muss, geschieden von ihren franzosischen Verhaltnissen, verbunden mit Egon durch das Band der Sitte, der Kirche, nicht im Stande ware, mit einer Egon's Stande geziemenden Laufbahn gleichen Schritt zu halten! Noch kann Egon nicht daran denken, Sie zu opfern, Helene! Noch liebt er sie zu innig. Jetzt ein rascher Entschluss! Legitimiren Sie dies Verhaltniss, geben Sie Italien, Balzac, die Romantik auf, schliessen Sie sich Paulinen und seiner politischen Caprice an und Egon bleibt Ihnen und wer weiss nicht wem Allem gerettet!

Rafflard schwieg lauernd. Sein Husten hatte ihn in der Ekstase verlassen ...

Helene schaute voll Wehmuth. Sie versetzen Berge! sagte sie dann leise und doch schon vor Wonne uber die Moglichkeit einer solchen Wendung ihres Verhaltnisses bebend. Entfernen Sie die lastigen Umgebungen das thut sich auch so! Sitzen diese Menschen nicht wie die Kletten an ihm? Das sind seine Arme, seine Hande! Mit denen wirkt er; die heben ihn, die tragen ihn! Egon weiss sehr wohl, es gibt heute keine Erfolge ohne Faiseurs, ohne Gallopins! Die mussen fur ihn vollbringen, was er nur angibt; die trennen ihn von mir. Wie sind sie zu entfernen? Man muss Scheidekunstler sein! Chemische Dinge erfinden, sagte Rafflard und strich sich die Perrucke uber die Stirn, man muss Dinge erfinden, die Egon plotzlich isoliren er steigt auch ohne diese Menschen.

Wie wollten Sie nur z.B. den einzigen Rudhard entfernen?

Rudhard furcht' ich am wenigsten; sagte Rafflard. Rudhard ist conservativ. Warum sollt' ich nicht wunschen, dass Helene Osteggen sich mit der Schwester durch einen Akt des Anstandes aussohnt?

Helene lachte hierauf bitter und verachtlich, aber doch geschmeichelt von den neuen Moglichkeiten. Mit wiedergewonnener Laune sagte sie:

Die gute Schwester folgte mir vielleicht in der neuen Ehe und liesse sich herab, die Frau eines Malers zu werden.

Diese Beziehung auf Siegbert Wildungen verstand Rafflard sehr wohl. Schmunzelnd sagte er:

Sie sind eifersuchtig auf die gute Adele! Siegbert Wildungen hat etwas, was Sie an den Lago di Como, die Borromaischen Inseln und den Golf von Neapel erinnert! Wenn man es dahin bringen konnte, dass die ganze Wasamskoi'sche Familie mit dem blonden Siegbert uber die Alpen zoge und noch viel fruher in Rom ware, ehe von der Engelsburg die grosse Girandole aufprasselt ...

Helene empfand den bittersten Neid auf dies Gluck.

Sie wollen mich todten, sagte sie. Sie waren Jesuit genug, mich durch dies Gluck einer Andern zu foltern!

Beruhigen Sie sich, Helene, antwortete Rafflard uber diese Frau kopfschuttelnd. Rudhard ist fur diese Art von Poesie zu sehr im alten klassischen Geschmack. Wir wollen schon zufrieden sein, wenn Siegbert und Dankmar von Rudhard sich entfernen und ein Zwiespalt unter den Freunden selber eintritt ...

Sylvester Rafflard dampfte die Stimme und trat mit seinen verschmitzten Absichten deutlicher hervor ...

Rudhard empfangt, sagte er, heute, wo man, wie ich hore, ein kleines Gartenfest bei den Wasamskoi's feiern wird, wenn sich das Wetter halt, vielleicht um diese gegenwartige Stunde schon ein Billet, naturlich anonym, und von einer Hand, die er nie entrathselt, worin er aufmerksam gemacht wird, dass die Gesellschaft erstaune uber Dinge, die unter seinen Augen zwischen einer Mutter, einer Tochter und einem jungen Maler sich ereigneten ...

Boshaft! fiel Helene ein.

Die nachste Folge dieser Mahnung ...

Wirklich Olga und die Mutter? Ist Dem so, Rafflard?

Die nachste Folge dieser Mahnung ...

Das arme Kind ist so unglucklich, den Gegenstand ihrer Neigung sich von dieser Mutter geraubt zu sehen?

Die nachste Folge dieser Mahnung ...

Diese Olga! Ich mochte sie kennen lernen! Meine Nichte! Was ich von dem Kinde hore, interessirt mich ... ich fuhle, dass ich diesem charaktervollen Madchen eine zartliche Mutter sein konnte ...

Die nachste Folge dieser Mahnung ist ohne Zweifel eine Scene zwischen Rudhard und der Furstin oder der Furstin und Olga oder Olga und Siegbert enfin, man wird einsehen, dass man sich Opfer zu bringen hatte ... Siegbert wird sich von Rudhard und den Wasamskoi's zuruckziehen.

Falsch, falsch gerechnet, rief Helene, wenn Olga ihrer Tante gleicht!

Nun, sagte Rafflard, ruhig den ungeschlachten Kopf wiegend, dann entflieht sie! Dann muss ihr Rudhard folgen, der trifft das Madchen ... wo denken Sie wohl Helene? In der neugebauten Kirche zu Schonau, einem Hohenbergischen kleinen Stadtchen, wo Propst Gelbsattel eine grosse leere, weissgetunchte Wand entdeckt hat, die der Kunstverein beschlossen hat, mit einem Freskobilde zu zieren, dessen Ausfuhrung man Siegbert Wildungen ubertragt. Man hat in dem Album der Frau von Trompetta die Skizze des Nikodemus, der bei Nacht zum Herrn kommt, allgemein so schon gefunden, dass Siegbert sein Freskobild ganz nach dieser Zeichnung ausfuhren kann. Diese Arbeit nimmt ihn den ganzen nachsten Sommer in Anspruch. Einstweilen reist er nach Schonau und besichtigt die Lokalitat, bleibt aber, mannichfach gebunden, so lange dort, bis er etwas noch drei oder vier alte im Brande gerettete Bilder restaurirt hat, die bis zum Einweihungstage jener Kirche fertig sein sollen, den man spatestens am Luthertage, Martini, also den 13. November, anzusetzen wunscht ...

Ich erschrecke vor Ihnen, Rafflard, rief Helene erstaunt uber dies Durcheinander, aus dem der Plan, den Bund, der sich um Egon gebildet hatte, zu sprengen, deutlich genug hervorschimmerte.

Dankmar Wildungen zu entfernen, fuhr Rafflard ruhig und in seiner Uberlegenheit sich wiegend fort, ist schwieriger. Sein grosser Process liegt Niemanden schwerer auf dem Herzen als meinem Freunde Gelbsattel. In erster Instanz wird die Zulassigkeit dieses Processes schon heute oder morgen entschieden sein. Wie die Entscheidung auch ausfallen moge, man weiss schon jetzt mit Bestimmtheit, dass die Familientraditionen des kuhnen Waghalses werden angezweifelt werden. Vierundzwanzig Stunden nach Mittheilung der Sentenz sitzt Dankmar Wildungen im Dampfwagen und eilt nach dem Harzgebirge, wo er theils in einem Dorfe Namens Thalduren, theils in der alten Stadt Angerode eine vollstandigere Herstellung seines Stammbaumes versuchen wird. Man kann leicht darauf rechnen, dass diese Untersuchung so lange dauert, um bei seiner guten in Angerode lebenden Mutter gleichfalls noch nach deutscher Sitte wenigstens die Martinsgans verspeisen zu konnen ...

Helene athmete so auf, war so uberrascht, so erregt von diesen Berechnungen, dass sich sogar ein ihr sonst nicht eigener Anflug von Humor einstellte und sie ausrief:

Renegat! Wollen Sie Ihren Spott lassen uber Dinge, die mir heilig sind. Ich bin eine Lutheranerin! Lassen Sie mir die Martinsganse ungerupft!

So ware denn, sagte Rafflard, dem einige kleine Schlage mit einem naheliegenden Facher von Helenen's Hand so wenig wehe thaten, dass er sich vielmehr gekitzelt duckte und mit faunischer Miene zu der schonen Frau aufblickte, so ware denn auch Dankmar Wildungen entfernt. Es fruge sich jetzt nur noch, wie ist der schwierigste von Allen zu beseitigen, Louis Armand?

Das ist unmoglich, sagte Helene. Louis ist an Egon gebunden wie sein Schatten. Egon wurde ruhelos werden, vielleicht kalt, vielleicht lieblos gegen mich, wenn er jemals zu bereuen hatte, diesen Louis aus seiner Nahe entfernt zu haben ...

Wer sagt, dass er ihn entfernen solle?

Louis selbst lasst nicht von ihm. Er kann nicht einmal von Egon gedemuthigt werden. Denn wenn Egon in der Lage ware, ihn wie einen Diener zu behandeln, so gibt sich Louis wie einen Diener. Ich horte, dass Louis hier bleibt, sich eingerichtet hat, Bestellungen annimmt. Dies ist ein Bund, der gerade deshalb, weil er anomal ist und Louis in seiner Sphare bleibt, nicht zu trennen ist.

Will ich denn, sagte Rafflard, einen Bund trennen? Ich will nur vorlaufig fur einige Wochen die Kette dieser Vereinigung sprengen. Wenn ich erreichen konnte, dass Louis nur auf einige Wochen, wie Siegbert und Dankmar Wildungen, aus diesem tollen Freundschaftscirkel fern gehalten wird

In diesem Augenblicke klopfte ein Diener und trat sogleich ein.

Was ist? fragte Helene.

Der Diener meldete, dass ein wunderlicher alter Mann im Vorzimmer stunde und den Herrn Professor zu sprechen wunsche. Er war hierher bestellt ...

Ah, sagte Rafflard. Er nennt sich

Murray!

Gestatten Sie, Grafin, wandte sich Rafflard zu Helenen, gestatten Sie, dass ich druben in Ihrem Zimmer einen Mann empfange, den ich hierher bestellte, weil er zu unsren Planen gehort und meine Zeit dermassen zersplittert ist, dass ich meine Gange zusammenziehen muss. Doch muss ich ihn allein sprechen ...

Druben im gelben Zimmer! sagte die Grafin. Der Diener ging, um Murray in das gelbe Zimmer zu fuhren.

Als sie allein waren, sagte Rafflard:

Helene, dieser Murray gehort zu dem Experiment, den Ring, der sich um Egon zieht, zu sprengen. Benutzen Sie aber diese Zeit und fassen Sie nun auch einen ernsten Entschluss, um sich vor Qualen, wie die sind, die Sie jetzt foltern, in Zukunft zu sichern. Sammeln Sie sich nun zur endlichen Energie gegen Egon!

Wohlan, sagte Helene, ich will versuchen, ob die Liebe denn so ganz Dasjenige, was man sonst Charakter nennt, ausschliesst. Zurucksetzung da, wo man sein ganzes Dasein zur Verfugung hingegeben, Alles geopfert hat, ist der Tod. Ich ertrage diese Halbheit nicht langer. Ist Egon auf diese neue Laufbahn des Ehrgeizes angewiesen, hat Pauline Recht, als sie mir sagte, die alten Zeiten sind voruber, die Gesetze der freien Selbstbestimmung haben nirgends mehr einen Platz, um neben den Gesetzen der Sitte, die in eisernen Tafeln geschrieben waren, mit goldenen Buchstaben zu glanzen, soll es eine Ehe sein, so muss ich dem armen Desire die Hand zum Lebewohl reichen. Was Sie aber auch beginnen, Rafflard, um mich glucklich zu machen, ich kann nichts billigen, was gewaltsam ist oder eine Verantwortlichkeit erfordert. Wollen Sie Zufalligkeiten durch die Gewandtheit Ihrer Erfindung herbeifuhren, so lassen Sie mich nichts von der Maschinerie, die dies Alles kostet, mit ansehen. Es ist demuthigend genug, wenn man das Gluck der Liebe nicht als ein freies Geschenk, sondern als ein zufalliges Zusammentreffen von Umstanden empfangt. Ich kann Ihnen sagen, Rafflard, dass ich sehr unglucklich bin, aber denn doch wirklich Egon behalten will und ihn auf sein Versprechen, in die Ehe zu willigen, noch heute zuruckbringe. Einstweilen werden Sie Toilette machen, sagte Rafflard, ihr die Hand kussend und den nackten runden Arm wiegend, der unter den grossen offenen Armeln des Schlafrockes selbst fur ihn verlockend hervorsah ... Ich will Toilette machen! sagte Helene traurig und muthlos. Rafflard aber hustete sich noch einige Augenblicke aus und ging dann durch einen grossen mit Blumen geschmuckten Salon in das gelbe Zimmer hinuber.

Drittes Capitel

Der Meister des Meisters

Als Murray sich an jenem Samstag Abend, den wir von der Erzahlung der Harder'schen Diener kennen, uberzeugt hatte, dass der traurige Zustand der Tochter seines Wohlthaters, des Gefangenwarters in Bielau, nur durch eine geregelte psychische Behandlung in einem Krankenhause geheilt werden konnte, machte er sich die bittersten Vorwurfe, dass er den Seelenzustand des verzweifelten jungen Madchens zu heftig geweckt, die Ohnmacht ihres Gewissens zu gewaltig aufgeruttelt hatte ... Auch die Reue bedarf der milden Ubergange. Kein menschliches Herz ist wie ein eisengegossenes Gefass, dass es bald eiskaltes, bald siedendheisses Wasser in rascher Abwechslung ertragen kann. Es wird immer springen, wenn man es nicht allmalig erkalten, allmalig erwarmen lasst ... Die Kraft des Gebetes hatte Murray schon oft in wunderbarer Macht kennen gelernt. Wie glucklich fuhlte er sich, als er hoffen konnte, Auguste in einer fernen Gegend mit einem guten Manne zu einem neuen Leben aufbluhen zu sehen! Und wie schmetterte ihn da gleich der Auftritt mit Mangold nieder, zu dem er doch nur schweigen konnte! Er hoffte, der Starrkrampf, der sich damals auf Augusten's Brust gelegt hatte, wurde vorubergehen und ihm Raum geben, sie auch uber diese vernichtende Erfahrung zu einer stillen Ergebung zu fuhren. Umsonst! Das Gefass ihres Geistes war zersprengt. Es lag in Trummern. Der Wahnsinn hatte alle seine Hoffnungen vernichtet.

Auguste kannte Murray nicht mehr als den Freund ihrer Seele wieder; sie behielt nur die Vorstellung seines Alters, seiner scheinbaren Schwache, seiner Freigebigkeit. Sie putzte sich unter den Irren mit jedem Lappen, den sie erhaschen konnte. Stolz, Gefallsucht, Tanzlust, Liebe waren die bosen Geister, die auf dem gesprengten Boden ihres Geistes nun doch das Feld behaupteten. Kein Wort des Zuspruches mehr konnte sie auf andere Gedanken, als die der alten Richtung fuhren. Murray musste es aufgeben, in dies Dunkel noch irgend einen Lichtstrahl werfen zu wollen. Er dachte zwar an manches Heilmittel. Er war bei dem Maler Reichmeyer, um den Versuch einer Sitzung der Kranken zu machen, da Auguste immer von ihrem Bilde phantasirte. Er traf dort einen jungen Gentleman, dessen Name, als er sich entfernt hatte, ihm Heinrichson genannt wurde; Reichmeyer selbst versprach auch, sich den Vorschlag zu uberlegen. Seither geschah aber nichts Weiteres in diesem Versuch, Auguste Ludmer zur Besinnung zu bringen. Murray empfahl sie der Pflege der Arzte, bezahlte ihren Unterhalt und kehrte zu der eigenthumlichen, sich widersprechenden Lebensweise zuruck, die in ihrem innersten Kerne irgend einen bedeutenden Gedanken, eine gefahrvolle und ihm doch unendlich nothwendige Unternehmung zu bergen schien.

Als er an jenem Donnerstage nach Hause gekommen war, schlief schon die Eisold'sche Familie. Am Freitage lehnte er den Ring entschieden ab, den ihm Louise wiedergeben wollte. Am Samstag, als sie wiederkam, wurde er, von innerster Theilnahme um Augusten bewegt, fast zornig uber die erneuerte Ruckgabe. Am Sonntag, als er schon ganz fruh ausgegangen war, um zu sehen, wie Auguste in ihrer neuen Lage die erste Nacht zugebracht hatte, war er weicher gestimmt und bat Louisen seine heftigen Worte ab, die auf nichts Anderes hinaus gingen, als dass er ihr zugerufen hatte: Halten Sie mich denn fur einen Betruger? Ich bin ja reich! Ich habe nur meine Ursachen fur arm zu gelten! Er setzte sich zu seiner Nachbarin und fragte sie, warum sie traurig ware? Sie zeigte auf den Regen, der in Stromen an die Fenster schlug und erzahlte ihm die getauschte Hoffnung auf eine landliche Erholung. Daraus war manches Wort, hinuber und heruber, entstanden. Man hatte Erfahrungen und Ansichten ausgetauscht. Als Louise unter den Theilnehmerinnen der vereitelten Partie auch Franziska Heunisch nannte, war ihm dieser Name aufgefallen und Louise hatte nichts Arges darin gefunden, dass er sich genauer nach den Verhaltnissen dieses Madchens erkundigte. Sie hing mit Heunisch dem Forster, mit dem Jagerhause im Walde von Hohenberg, mit Ursula Marzahn zusammen, und schon einige male hatte er Louisen gefragt, ob sie niemals von diesem gewiss artigen Kinde einen Besuch empfinge. Louise sagte ihm darauf: Wir Menschen, die wir arm sind und arbeiten mussen, konnen mit unseren Freunden wenig Anderes thun, als sie recht von Herzen lieb haben und nur nicht vergessen. Die Zeit und Gelegenheit, eine Freundschaft zu hegen und zu pflegen, findet sich selten. Da muss man wissen, Der oder Die denkt an dich, wenn sie arbeiten und plotzlich sieht man sich dann einmal und gibt sich die Hand, gleich als hatte man sich gestern gesehen, oder man umarmt und kusst sich so herzhaft, dass es gleich fur ein halbes Jahr wieder genug ist. Und so fleissig las das seltsame Madchen in dem seit einiger Zeit sich ganz besonders prachtig entfaltenden Journale: "Das Jahrhundert," das von ihrem Linchen und ihrem Wilhelm colportirt wurde, dass sie von ihrem Lieblingsschriftsteller Guido Stromer sogleich folgende Stelle zu citiren wusste:

O wer kennt die geheimen Wege der wunderbaren Natur, die den kleinen See auf dem Sankt Gotthard doch mit dem grossen Weltmeere verbinden! Wer ahnt den Zusammenhang der Geister, die sich niemals sahen und niemals kannten und die doch an dem gemeinsamen Ziele der Menschenerlosung mitarbeiten!

Murray musste lacheln uber die Anwendung dieser Worte auf Louise Eisold und ihre kleinen Verhaltnisse. Er erfuhr, wie die Literatur, die Zeit und ihre gahrende Richtung in diese bescheidene Wohnung drang und hatte zunachst das innigste Mitleid mit den Kindern, die im stromenden Regen sich gern bis auf die Haut durchnassen liessen, wenn nur ihre Zeitungen trocken blieben!

Einmal schon war er im Begriff gewesen, sich nun selbst bei Franzchen Heunisch einzufuhren. Er suchte ihre Wohnung auf. Da fiel ihm sein abschreckendes Aussere, seine zweideutige Lage ein. Er furchtete, das junge Madchen zu entsetzen und noch mehr sich durch eine zur Schau gestellte Neugier in seinem Zusammenhange mit Dingen zu verrathen, die er tief verschleiern zu wollen schien. Schon stand er an dem Hause, Wallstrasse Nr. 14, schon wollte er die Hausflur betreten, als an ihm ein Mann voruberhuschte, den er sich entsann schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Er konnte sich auf diese langgeschenkelte Kreuzspinne nicht besinnen. Es war allerdings jener philanthropische Besucher des Gefangnisses, in dem er acht Tage lang hatte ausharren mussen, und doch war er es wieder nicht. Er erkundigte sich bei einer Magd, die eben aus dem Hause trat und ihm sagte, dieser Herr ware ein italienischer Sprachlehrer, Namens Barberini, wenig zu Hause und auch im Begriff, binnen einigen Tagen auszuziehen. Um so gespannter war Murray, als er zu Hause ein Billet fand, worin ihm Sylvester Rafflard so hiess jener Philanthrop, der ihn schon einmal hatte besuchen wollen schrieb, er nahme an ihm so viel Interesse, dass er ihn auffordere, ihn morgen, am achten October, in der Wohnung der Grafin d'Azimont, im Hotel garni, am grossen Markte, gegen zwolf Uhr zu besuchen. Aus Neugier, oder richtiger gesagt, aus einem gewissen Fatalismus, der ihn bestimmte, keinem vom Schicksal ihm zugeworfenen Winke aus dem Wege zu gehen, entschloss sich Murray wirklich, das ihm bezeichnete Hotel garni aufzusuchen.

In seiner ruhigen bedachtigen Weise, unter dem Schutze der schwarzen Binde, die ihm erlaubte, von unten herauf scharf zu spahen, folgte er dem Bedienten, der ihn durch den grossen Salon rechts in ein geschmackvoll moblirtes gelbes Zimmer fuhrte. Ein gewisses Vorgefuhl, eine scharfe Menschenkenntniss sagte ihm, dass auf dem Antlitze jenes Philanthropen Etwas gelegen hatte, was ihm eine grosse Behutsamkeit zur Bedingung machen musste. Jedenfalls, sagte er sich, halt dich dieser Menschenfreund fur einen Verbrecher. Deine Lage, das Mistrauen der Polizei, dein Ausseres fuhrte ihn darauf. Will er dich beten lehren, bessern, will er deiner Zukunft den guten Weg der Tugend bahnen? Ich bin begierig!

Wie erstaunte Murray nun, als Sylvester Rafflard eintrat und in der That vollig dem Professor Barberini glich, der so windschnell an ihm vorubergeschlupft war. Weit entfernt, diese Vermuthung, dass beide Personen eine und dieselbe waren, laut auszusprechen, nahm er jetzt nur umsomehr die Miene der grossten Harmlosigkeit an und beschloss sogar, einen gewissen Kretinismus zu zeigen, dem gegenuber die Menschen, die sich etwas dunken oder die etwas mit uns vorhaben, immer am offensten ihr wahres Gesicht zeigen.

Er verbeugte sich hoflich und schuchtern und that fast, als wusste er nicht, in welcher Hand er seinen Hut halten sollte.

Rafflard, durch diese Zaghaftigkeit sogleich ermuntert, bedeutete ihn Platz zu nehmen.

Murray sah sich angstlich nach einem Stuhle um und zogerte.

Ei, so setzt Euch doch! sagte Rafflard mit ziemlich gelaufigem Deutsch und ruckte ihm mit dem langgestreckten Fusse einen Sessel hin, wahrend er selbst ihm gegenuber Platz nahm.

Murray nahm den Sessel, putzte ihn sorgfaltig ab, zog sein karrirtes Taschentuch, schwenkte es aus und breitete es auf das gelbseidene Polster, das er sich Muhe gab ja nicht verunzieren zu wollen.

Ihr kennt mich? fragte Rafflard.

O Herr, sagte Murray ... von da!

Er machte eine Miene, als wenn seine Arme ubereinandergeschlossen waren und deutete das Gefangniss an.

Ihr kennt mich also. Ihr habt mich seitdem nicht wieder gesehen?

Murray schuttelte getrost den Kopf.

Ich war schon einmal bei Euch, Murray ...

Danke, Herr. War nicht zu Hause. Ich weiss es.

Ihr wohnt in einem elenden Kafig. Ich habe Euch eine halbe Stunde suchen mussen.

Danke, Herr!

Ich wollt' Euch Gluck wunschen, dass Ihr so rasch losgekommen seid ...

Danke, Herr!

Das weiss man schon, ein Englander seit Ihr nicht ...

Nein, Herr! Haha!

Ihr seid ein ehrlicher Deutscher und reis't zu Eurem Vergnugen als Gentleman?

Murray lachte fast stumpfsinnig.

Habt Euch gewiss von Euren Geschaften zuruckgezogen und wollt Eure Tage in Ruhe beschliessen?

Murray lachte mit gleichem Ausdruck.

Wie kann man, wenn man Incognito leben will, auf Balle gehen und am Putze seines Frauenzimmers verrathen, dass man viel Gold zu versilbern hat?

Murray that verschamt, als wollte er sagen: Was macht nicht aus dem Menschen die Liebe!

Rafflard hatte so rasch gesprochen, dass er in's Husten gerieth und sich erst ruhen musste.

Recht schlimmer Husten Das! sagte Murray fast mitleidig.

Katarrhalisch! Die Sumpfluft meines Berufes, die mephitischen Ausdunstungen unsrer lieblosen altmodischen Burgverliesse ...

Murray hustete, als lag' es auch ihm auf der Brust.

Auch davon schon viel eingeathmet? fragte Rafflard schlau lauernd.

Murray, sich unschuldig stellend, stohnte:

Das englische Klima!

O das ist gut fur das Asthma feuchte Luft ist gut! Freilich solche Kerker wie hier! Unterirdisch, unter dem Niveau einer Kloake, die man einen Fluss nennt

Murray horchte hoch auf. Wenn sein bedecktes Auge ihn nicht geschutzt hatte, wurde Rafflard gesehen haben, dass er plotzlich erschrocken war.

Es ist unverantwortlich, sagte Rafflard und nahm eine Prise, was er selten that und hier als Beweis seines behaglichen Vertrauens einschaltete, es ist unverantwortlich, dass man die unglucklichen Opfer schlechter Erziehung, die unsre Gefangnisse bevolkern mussen, weil sie der allgemeinen Sicherheit und Ordnung schadlich sind, nach ihrer Entlassung niemals fragt: Was beginnst du nun? Was thust du nun, um dich mit der Gesellschaft, die dich furchtet, auszusohnen? Man stellt die entlassenen Straflinge unter polizeiliche Aufsicht und lauert nur gleichsam auf den Augenblick, sich so rasch wie moglich wieder ihrer bemachtigen zu konnen.

Mit einem aufwallenden Gefuhl der Ubereinstimmung und der innerlichsten Uberzeugung sagte Murray:

O Das ist wahr!

Rafflard erschrak fast vor dem eigenthumlichen edlen Ausdruck, mit dem Murray diese Worte, aus tiefster Seele, sprach. Murray bemerkte Dies und uberhorte fast die Frage, die nun Rafflard an ihn richtete:

Man hat Euch, Murray, unter Aufsicht gestellt?

Rafflard musste diese Frage wiederholen.

Murray zog die Achseln, machte eine komisch verlegene Miene und deutete mit den Handen gleichsam an: Was weiss ich? Das sagt man Einem nicht!

Ich weiss es, Murray, sagte Rafflard, der nun fast gewiss war, einen geheimen, sehr schlauen Verbrecher vor sich zu haben; ich erfuhr es beim Oberkommissar Pax. Ein gewisser Hackert, der bei ihm arbeitet, sagte mir's, als ich nach Euch fragte, dass man Euch fur gefahrlich halt.

Murray zuckte wieder die Achseln mit gleicher Miene, gleicher Zweideutigkeit ...

Es nahte sich jetzt der schwierige Augenblick, wo Rafflard in der Nothwendigkeit war, durch eine geschickte Wendung den Ubergang zu gewinnen, um uber Das, was er mit Murray vorhatte, die Maske zu luften.

Ihr werdet wohl schon gemerkt haben, Meister Murray, sagte er, dass mich reine Menschenliebe, nicht Frommelei oder sonst ein pedantischer Beweggrund in die Gefangnisse fuhrt. Ich suche dort Menschen, die mir nicht einfallt, in Engel verwandeln zu wollen. Ich kenne unsre Natur. Ich weiss, wieviel dazu gehort, um ein praktischer Mensch zu sein, reell, zuverlassig, gehorsam, verschwiegen. Die Tugenden, die den Engel ausmachen, mag vollends einst der Himmel in uns bilden. Fur diese Erde ist schon viel gewonnen, wenn wir z.B. in den gebesserten Verbrechern thatige Menschen wiederbekommen, unschadliche, nutzliche Glieder der Gesellschaft, wie sie einmal ist. Seid Ihr nicht meiner Meinung, Murray?

Murray lachte und meinte:

Herr, wenn Einer herauskommt und gleich etwas zu arbeiten, zu verdienen findet, nimmt er sich wohl in Acht, dass sie ihn sobald wieder bekommen.

Diese Ausdrucksweise ermuthigte Rafflard.

Das ist's, was ich meine, sagte er. Etwas verdienen! Arbeit! Arbeit! Irgend eine Beschaftigung finden, die ihren Mann nahrt! Und da will ich Euch etwas sagen, Murray! Glaubt Ihr, dass ich Euch zum Bussepredigen hergerufen habe?

Die Kirchen sind ja Sonntags offen, antwortete Murray trocken.

Sehr wahr! Und nun, Murray, wenn Ihr mir vertrauen wollt, will ich Euch Gelegenheit geben, etwas zu verdienen.

Danke, Herr! Danke!

Ich bin, begann Rafflard mit schlauer Miene, forschend nach dem Eindruck, den er auf sein Gegenuber hervorbringen wurde, ich bin in ein sehr schwieriges, sehr wichtiges Familienverhaltniss verwickelt. Eine gluckliche Losung desselben wird durch einen abscheulichen, schlimmen Menschen verhindert, der auf jede nur erdenkliche Weise diese Losung zu unterbrechen sucht. Diesen Menschen aus der Nahe der edlen Wesen, die er nur qualt, nur belastigt, zu entfernen, ist mir eine heilige Pflicht. Mit Gewalt ist nichts auszurichten. Aufsehen darf es keins geben und so bin ich von der Nothwendigkeit durchdrungen, die Entfernung dieses schlimmen Menschen auf eine stille, besonnene und doch zum Ziele fuhrende Art zu bewerkstelligen.

Murray mit unverstellter Spannung horchte hoch auf.

Dieser Mensch, fuhr Rafflard fort

Wie heisst er, Herr? sagte Murray rasch mit dem Ausdruck der bereitwilligsten Ergebenheit.

Der Name thut vorlaufig nichts zur Sache

Vielleicht kennt ihn Unsereins

Nein, nein, er ist sehr gefahrlich, aber es ist nicht nothwendig, da auf ihn nicht gewirkt werden kann, dass sein Name genannt wird. Dieser gefahrliche Mensch, sag' ich, hat ein Madchen, das er liebt ... nicht eigentlich eine Braut oder Verlobte ... wohl aber ein Wesen, fur dessen Wohl und Wehe er sich in einem Grade interessirt, den man seinem bosen Charakter kaum zutrauen mochte. Ich bin der festen Uberzeugung, wenn man bewirken konnte ...

Rafflard stockte.

Nun, Herr? ermunterte ihn Murray mit scheinbarer Ungeduld.

Ich bin der Uberzeugung, dass dieser Storenfried die angedeuteten edlen Menschen nicht ferner beunruhigen, bis aufs Blut qualen wird, wenn man jenes Madchen, an dem er leidenschaftlich hangt, plotzlich von hier in aller Stille entfernen konnte ... Versteht Ihr, Murray

Wohl! Wohl!

Ich bin uberzeugt, dass jener schlimme Gesell, auf den nichts wirkt, den keine Drohung von hier fortzubringen im Stande ist, augenblicklich bis an's Ende der Welt reisen wurde, wenn es plotzlich hiesse: Jenes Madchen ist nach Hamburg verschwunden oder man hat seine Spur am Rhein verloren oder man glaubt, dass sie ein gewisser Murray oder ein gewisser Sylvester, wahlt jeden beliebigen Namen, nach London entfuhrte! Man glaubt, dass sie dieser Wagehals mit sich zu Schiffe nach Amerika nimmt! Genug, ein solcher Glaube, begrundet auf ein Unternehmen, das in dieser Weise nicht einmal braucht ausgefuhrt zu werden, nur vier Wochen unterhalten, dies Gerucht nur etwa vier Wochen geschurt, wurde die einzige Art sein, die edle Familie von dem lastigen Storer gerade beim Abschluss einer wichtigen Verhandlung fernzuhalten. Ein solcher Dienst, mit einer gefullten Borse belohnt was sagt Ihr dazu, Murray?

In Murray kochte der Zorn. Alle zuruckgehaltene Glut drang ihm in die Brust. Er war nahe daran, aufzuspringen, den Heuchler an der Brust zu packen und ihn zu schutteln mit den Worten: Elender, wofur haltst du mich? ... In seiner ihm fast die Rede erstikkenden Aufregung konnte er nichts hervorbringen, als die Frage:

Wer ist das Madchen?

Eine unbedeutende, arme Nahterin, sagte Rafflard. Ein Madchen, ohne allen Anhalt, ohne alle Verwandte. Ich kann Euch den Namen sagen und muss es, da Ihr Euch nach ihren Verhaltnissen doch erkundigen werdet. Sie heisst Franziska Heunisch.

Franziska Heunisch?

Kennt Ihr sie?

Nein! Nein!

Aber Murray musste sich bei diesen Worten bekampfen. Gerade dies Madchen war ihm fur gewisse geheime Plane, die er verfolgte, schon langst von Wichtigkeit geworden. Ihr galt die Berechnung eines, wie er schon durchschaute, abscheulichen Planes. Er sollte sie mit Gewalt uberfallen, entfuhren! Und nun galt es die letzte Kraft seiner Verstellung zusammenzuraffen und mit dem Scheine der grossten Ruhe und dienstfertigsten Ergebenheit zu sagen:

Herr! Das ist ein Stuck Arbeit! Ich will's wagen; aber wie greif' ich's an?

Das, Murray, musste eben Eure Sorge sein!

Hm! Hm! simulirte Murray und schlug sich an die Stirn. Meine Fauste, Herr, sind nicht mehr die starksten. Wenn es gelten sollte, Einen zu knebeln und mit verbundenem Munde Abends an den Thoren in einen Wagen zu schleppen ...

Ihr musstet Unterstutzung haben.

Das ware nicht gut, Herr.

Bedenkt, ein schwaches Madchen!

Ein schwaches Madchen! Franziska Heunisch ... Wo wohnt sie?

In der Wallstrasse Nr. 14 im Hinterhofe.

Darf ich mir's aufschreiben?

Ich rathe Euch Das. Merkt Euch jeden Umstand. Sie wohnt bei einem Tischler, hat Verwandte im kleinen Furstenthum Hohenberg, einen Forster des Prinzen von Hohenberg ... sie naht, bald hier, bald dort, bald zu Hause, bald auswarts ... verschwande sie plotzlich, so liesse sich, wenn Ihr Euch auch verborgen hieltet, Murray, die Vermuthung, dass sie nach Hamburg, von da nach England entfuhrt ware, wohl jenem Menschen mittheilen, der sie augenblicklich verfolgen wurde. Man kennt Euren Geschmack, Alter. Auf dem Fortunaball habt Ihr Euch verrathen! Der Kummer, den Ihr empfinden wurdet, die Unannehmlichkeit, diese schone Stadt zu meiden, wurde sich leicht verschmerzen lassen und eine grosse Schuld ladet Ihr nicht auf Euch. In drei Tagen konnt Ihr das Madchen wieder freigeben, wenn sie nur bewacht, an der Ruckkehr, am Schreiben verhindert wird.

Murray hatte das Portefeuille auf seinen Knien und schrieb mit einer Hand, die vor Erregung zitterte.

Als er mit seinen Notizen scheinbar fertig war, fragte Rafflard:

Also Ihr ubernehmt es, Murray?

Ich brauche drei Tage, sagte dieser, um mir doch zu uberlegen, wie so einem Fange beizukommen ist. Madchen sind Forellen.

Rafflard fand dies Bild charmant und so gut gewahlt, dass er von der grossern Bildung, die sich bei dem ihm Anfangs stumpfsinnig erschienenen Murray zu erkennen gab, jetzt nur noch mehr befriedigt wurde. Es lag ihm daran, lieber einen Helfershelfer von Verstand zu finden.

Das ist mir recht, sagte Rafflard, ich brauche ebensoviel Zeit, um die Vorkehrungen zu treffen, dass der Verfolger erst nach Hamburg und von da nach England dirigirt wird.

Teufel, Herr! Wie stellt Ihr das Alles an?

Durch Freunde, die sich gern geneigt zeigen, eine edle Unternehmung zu unterstutzen, sagte Rafflard.

Und wo find' ich Sie wieder, Herr? fragte Murray fast kopfschuttelnd.

Am liebsten sprech' ich Euch hier!

Hier? Furchtet Ihr fur die silbernen Leuchter da nichts, Herr?

Ich denke, Ihr behandelt uns als Gentleman! Besonders wenn wir uns einstweilen gleichfalls als solchen zeigen ...

Damit uberreichte Rafflard Murray ein schon vorbereitetes Papier, in welchem Goldstucke in reicher Anzahl hin- und herrutschten.

Murray nahm sie ohne Bedenken mit kunstlicher Gier und versprach schon morgen um diese Zeit, an dieser Stelle Bericht zu erstatten.

Rafflard schlug ihm auf die Schulter und begleitete ihn durch den Salon, wartete aber wohlweislich, bis Murray die Thurklinke ergriffen hatte und hinaus war. Dann harrte er noch einige Sekunden, um zu lauschen, ob der halbe Bandit auch wirklich ging und die Drohung mit den silbernen Leuchtern nicht wahr machte. Dann aber wandte er sich, um zur Grafin zu gehen; denn der Bediente begegnete ihm und sagte, er hatte eben Herrn Heinrichson angemeldet. Heinrichson musste also im Vorzimmer sein. Unangenehm beruhrt von diesem Namen, aber unendlich befriedigt von dem glucklichen Erfolg des Kaufes, den er an dem Entfuhrer eines jungen Madchens gemacht zu haben glaubte, trat Rafflard wieder zur Grafin ein ...

Murray aber, noch verwirrt von dem Erlebten, stand eine Weile in dem Vorzimmer. Sollte er doch die Maske fallen lassen und mit hohnlachendem Ingrimm uber Sylvester Raffland, den Philanthropen, in ein Strafgericht ausbrechen?

Wie er noch stand, ging ein Herr voruber, um in den Salon zu treten. Er streifte seine Kleider. Murray blickte auf und erkannte Heinrichson, den er bei dem Maler Reichmeyer angetroffen hatte, als er diesen besuchte, um den Versuch zu machen, ob man nicht durch eine Malersitzung die wahnsinnige Auguste heilen konnte, da Auguste unaufhorlich von ihrem Bilde phantasirte ...

Ha! Ha! rief er mit einem wilden Anfalle bitterster Ironie: Sie hier? Gibt es hier auch Modelle, Herr?

Heinrichson wandte sich und sah zu dem Sprecher verachtlich zuruck.

Murray hatte bei Reichmeyer nur seinen Namen erfahren und Heinrichson war gegangen, als er merkte, dass dieser wunderliche alte Mann mit seinem Kunstgenossen allein zu sprechen wunschte. Schon und gefallig wie Heinrichson war, hatte er Murray's Interesse erregt und damals die Frage nach ihm veranlasst.

Sie kennen mich nicht! sagte Murray. Ich habe die Ehre, Herrn Heinrichson eine junge Verwandte wollte ich von Ihnen malen lassen. Sie wollte aber nicht sitzen, als ich Ihren Namen nannte Auguste Ludmer, Herr Heinrichson!

Heinrichson erschrak uber diese Zudringlichkeit und wollte zur Grafin.

Murray hielt ihn fest und sagte ihm mit einem Tone, der sich durch scheinbaren Scherz selber massigte:

Sie sollten sie malen, Herr, wie ich ein Stuck in London gesehen habe, als ich im Theater war. Ein tolles Madchen trat auf, der Einer den Kranz zerrissen hatte, Stroh und Blumen trug sie auf dem Kopf, sang Lieder und war toll ... Malen Sie Das, mein Herr! Auguste Ludmer kann Ihnen dazu im Narrenthurm sitzen. Die Mutter Ihres todten Kindes sitzt im Narrenthurm.

Wovon sprechen Sie denn? Was wollen Sie? stotterte Heinrichson, der zu den Mannern gehorte, deren Muth nur bei solchen Gelegenheiten sich bewahrt, wo ein witziger Einfall die Stelle einer Handlung vertritt. Wo die ernsten Thatsachen des Lebens sprachen, verlor er jedesmal die Gegenwart seines sonst immer schlagfertigen Geistes.

Wer ist der Mann da? fragte er ungeduldig fortdrangend den Bedienten und riss sich los ...

Ich bin Murray, sagte der Alte und hielt ihn nun zum Schrecken des feigen Bedienten gewaltsam fest, Murray, ein Englander! Von Auguste Ludmer sprech' ich, die in allen Ihren Bildern die Menschen entzuckt hat und jetzt im Tollhause sitzt. Herr, wie hiess die Prinzessin, die ich in London sah? Sagen Sie mir, wie das Madchen mit einem Strohkranze um den Kopf, mit Maasliebchen im Haare, geheissen hat?

Ophelia wahrscheinlich! sagte Heinrichson zitternd und riss sich mit letzter Gewalt von dem unheimlichen Manne los, der ihn am Rocke zerrte.

Murray stand und grinzte ihm zornfunkelnd nach.

Der Bediente schien, als Heinrichson zur Grafin eingetreten war, nicht zu wissen, ob er mit diesem kecken Alten hoflich sprechen oder ihn wegen seiner Unverschamtheit zur Thur hinauswerfen sollte. Nur der Gedanke, dass doch Herr Professor Rafflard sich mit ihm so lange unterhalten hatte, massigte seine schlimmen Voraussetzungen ...

Bester Freund, sagte Murray mit einem eigenen Ausdruck von verwirrter Ironie, der den innern Zorn verbergen sollte; bester Freund, ja, ja, das Stuck hattet Ihr in London sehen sollen. Ein Madchen kam darin vor, das sich vernunftig stellte und toll war und ein junger Mensch, schwarz von Kopf bis zur Zehe, der sich toll stellte, der aber ganz vernunftig sprach. Freund, der Mann spielte seine Rolle so naturlich, dass man hatte schworen mogen, er kame geraden Weges vom Irrenhaus. Aber ein Spitzbube war's! Ein echter Spitzbube!

Der Bediente warf argerlich die Thur hinter dem vorlauten, unheimlichen, wie irr redenden Alten zu.

Murray, Athem schopfend, seine Brust an der Luft erweiternd, stieg bedachtig die mit Decken belegte, von Gypsstatuen gezierte Treppe hinunter und uberlegte sich, ob er da wiederkommen wurde oder nicht; ob es besser ware, zu einem bosen Anschlage sein falsches Angesicht zu zeigen oder sein wahres ... Als er auf der Strasse war und das Gewuhl der Menschen sah, die aneinander voruberrannten, Jeder geschaftig im Bewusstsein seiner eigensten Interessen, da uberkam ihn fast die Lust, es mit Sylvester Rafflard auf dem Wege, den dieser eingeschlagen hatte, nun weiter zu versuchen, das ihm gegebene Geld einstweilen zu behalten und Franziska in der That, wenn auch nur scheinbar, zu entfuhren ...

Ubereinstimmung ist der Koder, sagte er sich, mit dem man die Fuchse hervorlockt aus ihren Gruben, wenn man sie fangen will! Diese Welt ist nicht fur die Ehrlichkeit. Jedes Geheimniss hat seinen eigenen Schlussel. Die Weisheit soll die Klugheit zu ihrer Dienerin haben. Jene thront, diese regiert. Nur Die sind ubel daran, die in ewiger Klugheit immer die Sprache der Menschen reden mussen und daruber die Sprache des Himmels vergessen. Das Flammenschwert der Wahrheit, das auf einmal alle Truggespinnste durchschneidet, darf man nie aus der Hand geben. Aber man soll es auch nicht ewig schwingen, man soll es auch nicht brauchen gegen Jeden. Mit diesem Elenden willst du gehen, bis du ihn entlarvt hast!

Der Jesuit aber verliess bald darauf freudestrahlend die Grafin, um den Propst Gelbsattel zu besuchen. Sylvester Rafflard war in einer ewigen Bewegung, wie damals, als er auf dem Fortunaball Franzchen Heunisch umschwirrte, die ihm gefiel und fur seine Huldigungen unbefangen genug schien. Sein ganzes Wuhlen und Schleichen liegt nun am Tage. Er hatte Franziska spater in ihrer bescheidenen Existenz aufgesucht, sich die Muhe gegeben, scheinbar ihre Sprachstudien zu leiten, aber bald dem Plane entsagt, sie fur seine niedrige Sinnlichkeit erobern zu wollen. Dennoch behielt er das schone Madchen im Auge, als er bemerkte, wie werth sie jenem Louis Armand geworden war, der uber den Prinzen Egon eine Herrschaft ubte, die er brechen musste, um eine Verbindung zwischen Egon und Helenen zu Stande zu bringen. Sein Spaheramt, das er auf Louis Armand unter dem Namen eines Italieners, Signor Barberini, ausuben wollte, wurde gestort, da er als Besitzer eines Quartiers, das er nie bewohnte, bald verdachtig werden musste. Er hatte Louis Armand der Polizei als Communisten angezeigt, doch davon noch keinen Erfolg bemerken konnen. Die alte Grafin d'Azimont schrieb Brief auf Brief und hoffte von ihm die baldigste Bestatigung, dass Helene auf eine Scheidung von ihrem Sohne dringe, den sie selbst beerben wollte. So entschloss sich Rafflard zu Gewaltschritten. Dankmar, Siegbert Wildungen schienen ihm schon so gut wie von Egon entfernt. Rudhard, der fur die Kinder seiner Pflegebefohlenen, der Furstin Wasamskoi, auf Helenen's kunftiges Vermogen rechnete, hatte zwar auch das lebhafteste Interesse, diese Scheidung und die neue Heirath mit dem mittellosen Fursten von Hohenberg zu hindern; aber auch fur Rudhard sann der Jesuit auf eine Gelegenheit, ihn unschadlich zu machen. Am liebsten war' er in den Kreis der Furstin Adele selbst eingetreten. Doch nahm man ihn dort nicht an. Er stand der inneren Verwickelung dieser Familie fern und konnte nur durch den Propst Gelbsattel und besonders dessen Tochter erfahren, was sich in jenen Kreisen begab; denn Gelbsattel hatte die alte Schulfreundschaft mit Rudhard, wenn nicht wegen Rudhard, doch wegen einer Furstin, bei der Rudhard so einflussreich war, wieder angeknupft.

Rafflard hatte nun den Trost, dass Egon plotzlich allein stehen wurde; denn Louis Armand durch einen gefahrlichen Anschlag auf Franziska Heunisch mindestens bis London zu jagen, schien ihm nun ein Leichtes.

Er wandte sich der alten Propstei zu, um seinen dortigen Beschutzern noch einmal an's Herz zu legen, dass man uber Alles, was heute Nachmittag auf einer von der Furstin Wasamskoi in ihrem Garten veranstalteten Weinlese sich ereignen wurde, ihm den genauesten Bericht erstatten sollte. Auch hatte der Propst dem Jesuiten schon lange versprochen, ihn mit einigen bedeutenden, tonangebenden, ausserhalb der Partei stehenden Mannern der Residenz naher bekannt zu machen, mit Franz Schlurck, mit Drommeldey, mit Guido Stromer, ja, wenn es irgend ginge, bei zufalliger Begegnung sogar mit dem General Voland von der Hahnenfeder, der schwer zuganglich und stets vom Hofe in Anspruch genommen war. Der Propst hatte ihm gesagt, es musste Dies an irgend einem dritten Orte geschehen, damit es den Schein der Zufalligkeit gewanne. Die Welt ware mistrauisch und das Unschuldigste verfiele der Beurtheilung; die Harmlosigkeit der alten Tage ware voruber und selbst die Loge, dies sonst so friedliche Asyl der reinsten Bruderliebe und der duldsamsten Neutralitat, bote nicht mehr den alten Schutz, wo denkende Menschen sich unbefangen aussprechen und eine gewisse Universalitat der Standpunkte voraussetzen konnten.

So sehen wir einen Menschen mehr aus angeborener Lust am Bosen, als um eigener Vortheile willen die harmlos dahinlebenden, uns liebgewordenen Wesen umwuhlen, und ausser den Gruben, die sich jede lebhafte Empfindung und starke Willenskraft schon durch ihre eigene Leidenschaft grabt, ihnen noch neue Gefahren bereiten, unvorhergesehene, unverschuldete, verderbenschwangere.

Viertes Capitel

Mutter und Tochter

Zur Freude der kleinen Wasamskoi's hielt sich das Wetter und uber Mittag war keine Wolke mehr am Himmel. Das tiefdunkelste Blau uberzog den ganzen Horizont. Die hier und da schon halbentlaubten Baume liess die letzte Fulle der hochgewachsenen Herbstblumen vergessen. Den gelbgewordenen Schmuck der Garten entfernte die geschaftige Hand des Gartners. Man hatte noch Grun, man hatte noch Blumen die Fulle. Niemand konnte glauben, dass es schon zum Winter ging.

Der grosse Garten, der sich an die auch fur den Winter behaltene Wohnung der Furstin Wasamskoi lehnte, war an Blumen nicht minder wie an Obst und allen Fruchten reich. Das grosse Rebenspalier mit seinem gewolbten Dache, unter dem man im Sommer kuhlenden Schatten, ja Schutz vor dem Regen gefunden hatte, kennen wir schon. Der Gartner hatte schon im September die reiche Traubenernte fur reif zum Abnehmen erklart und die Kinder hatten ihn in dieser Meinung unterstutzt, da sie selbst abbrachen, was sie nur erreichen konnten. Die letzte Hand aber anzulegen, verhinderte das darauf eintretende Regenwetter. Nun ist's aber Zeit, die Trauben verderben! hiess es. Da musste man sich entschliessen, einen Tag zur Lese zu bestimmen. Die Kinder hatten soviel von der kunftigen Lese der Trauben, von den Festlichkeiten, dem Geback, dem Feuerwerk horen mussen, dass sie nun auch trotz des Wetters darauf bestanden, dass es Festlichkeiten, Kuchen und Feuerwerk geben sollte. Kein Einwand konnte helfen. Man lud auf einen bestimmten Nachmittag einen Kreis von Freunden des Hauses ein, gleichviel, ob sie drinnen oder draussen dem Jubel der Kinder zusehen wollten. Und nun spannte der Himmel einen sonnigen Baldachin uber diese Freude aus, gab Warme, trocknete die Wege, die Banke, lachte mit der Freude der Menschen.

Die Furstin zeigte heute ein gewisses Anordnungstalent. War doch uberhaupt ihre Bequemlichkeit, ihr Phlegma schon seit einiger Zeit gewichen! Sie nahm sich der Ordnung des Hauses mehr, als sie sonst gewohnt war, an. Veranlassung genug, mit Olga, die von einem gleichen Drange nach Bethatigung beseelt war, fortwahrend dabei in Conflict zu gerathen. Wie lebhaft hatten sie nicht den ganzen Vormittag gestritten uber die Anordnungen, die zu dem kleinen Feste getroffen werden sollten! An der Stelle, wo in schoneren Tagen Abends der Thee getrunken wurde, sollte ein grosses Parquet von Bretern gelegt werden, um die feuchte Erde den Fussen nicht fuhlbar zu machen. Daruber war Mutter und Tochter einig. Nun aber wollte die Furstin ein Zelt geschlagen wissen, das sich von diesem Parquet erheben und die Gaste vor jeder Laune der Witterung schutzen sollte. Olga protestirte gegen das Zelt und berief sich auf das schone Wetter und die erquickende Gewalt der freien Luft. Man stritt, ob das Wetter Bestand haben wurde. Olga behauptete, es fest verburgen zu konnen. Die Mutter fand diese Burgschaft lacherlich, kindisch; sie erhitzten sich daruber bis Rudhard dazwischen kam und oben von seinem Zimmer hinunterrief, der Sensenmann an seiner Uhr, der lange gestockt hatte, ware wieder von selbst in Thatigkeit, das bedeute schones Wetter. Argerlich uber diese Entscheidung entfernte sich die Furstin und sagte, sie wolle Olga nun ganz gewahren lassen. Lass du mich nur! sagte diese ruhig und traf ihre Anstalten. Das Parquet war geschlagen und mit Teppichen belegt. An der einen Seite wurde ein Tisch fur die Erfrischungen, die genommen werden sollten, aufgestellt. Auf der andern liess Olga einen grossen Fruchttisch errichten. Sie hatte schon gestern den ganzen Tag Blumengehange flechten und verbinden lassen. Diese wurden an dem Hause und den nachsten Baumen befestigt und hier und da noch von grunen Staben unterstutzt. So gab das ein freundliches Dach, unter dem sich der grosse Fruchttisch ganz malerisch ausnahm. Sie hatte ihn mit bunten Decken belegt und mit allen in dem Garten gewonnenen Fruchten geziert. In Porzellankorben, in krystallenen Schalen lagen hochaufgethurmt Apfel, Birnen, Zwetschen, im hoheren Centrum Pfirsiche, Aprikosen, und eine Melone bildete den hochsten Mittelpunkt. Dazwischen lagen Weinblatter, mit denen die Gefasse garnirt waren. Man konnte diesen Tisch kaum mit dem Verlangen betrachten, davon zu essen. Man konnte nur wunschen, dass dies schone Ensemble unangeruhrt und ungestort bliebe. Die Mutter wurdigte diese ganze Veranstaltung kaum eines Blickes und war doch so eifersuchtig, dass sie Olga anwies, sich nun um das Weitere, was die Weinlese selbst betraf, nicht zu bekummern. Aber auch da ging es ihrer Autoritat schlimm. Die Furstin verlangte, dass alle gewonnenen Trauben von den Dienern und Magden auf einem grossen Tische, wo Jeder nach Belieben davon nehmen konnte, in der Mitte des Gartens aufgehauft wurden und ruckte nun an diesem Tische und liess ihn da-, dorthin transportiren. Olga fand diese Einrichtung komisch und der Weinlese nicht im mindesten entsprechend. Sie sagte Das in aller Ruhe, reizte aber die Mutter gerade durch diese Ruhe mehr, als durch Heftigkeit. Wie denkst du dir's denn, Olga? fragte Rudhard gelassen. Olga sagte: Es musste sogleich in die Stadt auf den Markt geschickt und ein Dutzend kleiner Handkorbe gekauft werden und ein Dutzend kleiner Gartenmesser von krummer Gestalt; Messer zum Einschnappen. Diese Korbe und diese Messer musste dann die Hausfrau jedem Gaste, der helfen wolle, mit hoflicher Bitte feierlich uberreichen und so musse zu gleicher Zeit von Allen der Wein geschnitten werden. Rudhard konnte auch diesen Vorschlag nur billigen und der Furstin, so peinlich es ihm war, wieder Unrecht geben. Diese kopfschuttelnd rief verdriesslich einem ihrer Diener und schickte ihn in die Stadt, sogleich zwolf kleine langliche Handkorbe und zwolf krumme Messer zu kaufen. Der Diener ging, nachdem er vorher Rudhard einen soeben fur ihn von dem Postboten gebrachten Brief uberreicht hatte.

Rurik und Paulowna hatten, wie Das unter Kindern bei solchen Anlassen immer ist, eine so uberselige Erwartung, dass keine Wirklichkeit ihr hatte gleichkommen konnen. Bei Tisch entspann sich neuer Zwiespalt zwischen Mutter und Tochter. Man ass ausnahmsweise, weil die Gaste um drei Uhr erwartet wurden, sehr fruh. Die Furstin wollte, dass die Kinder sich wie gewohnlich satt assen, damit sie von den spatern Torten, Fruchten und dem Eise nicht zu gierig naschten und ihrer Erziehung Schande machten. Olga verlangte gerade im Gegentheil, dass sie wenig assen und sich nachher desto unschadlicher an den Naschereien erfreuen konnten, die einmal doch nicht unterbleiben wurden. Rudhard horte absichtlich nicht auf den Streit. Er legte mechanisch die Speisen vor. Er schien zerstreut; der Brief, den er empfangen, hatte ihn ubellaunig gestimmt. Fast mechanisch, fast gedankenlos gab er zuletzt doch wieder Olga Recht, woruber die Mutter sich so erzurnte, dass sie aufsprang und weinte. Rudhard folgte ihr und bat sie, sich zu beruhigen. Er verwies Olga dies ewige Streiten und Rechthaben. Worauf Olga, ganz kalt, fast trotzend erwiderte: Ja! Es ist sehr Unrecht, Recht zu haben!

Dieser gereizte Ton zwischen Mutter und Tochter war seit der eigenmachtigen Partie nach Solitude eingerissen. Die Furstin hatte damals nicht Worte genug finden konnen, um ihre Missbilligung uber diesen kekken Einfan zu erkennen zu geben. Nichts von den Erzahlungen der Kinder konnte sie beruhigen. Der Gruss der Konigin war ihr beklemmend, ja compromittirend, wenn sie sich sagen musste, dass diese drei Kinder ohne Aufsicht am Schlosse zu Solitude waren gesehen worden. Olga antwortete keine Sylbe, bis sie plotzlich hinwarf: Hatten wir Siegbert nur nicht getroffen, so wurdest du uns ausgelacht haben. Da wir ihn aber trafen, haben wir ein Verbrechen begangen!.. Es lag in dieser scharfen Entgegnung eine Wahrheit, die auf die Furstin entwaffnend wirkte. Aber ihre Niederlage dauerte nur einen Augenblick. Von Stund' an begann sie fortwahrend an Olga zu tadeln, sie eitel, verkehrt, nachlassig zu schelten, wahrend Olga schwieg und sich nur zuweilen durch irgend ein kurz hingeworfenes scharfes Wort gegen die Anklagen ihrer Mutter zu vertheidigen suchte. Rudhard, zu sehr in Anspruch genommen von der wiederangeknupften Freundschaft fur Egon, von der Entdeckung einer mit dem Bilde der Furstin Amanda vorgenommenen Gewaltthatigkeit, liess diese Storungen des hauslichen Friedens so hingehen und bemerkte sie kaum, da er wenigstens dann, wenn Siegbert kam, eine Art Waffenstillstand fuhlte. Mutter und Tochter schwiegen dann und zeigten sich in dem naturlichen Verhaltnisse, dass die Eine befahl, die Andere gehorchte. Es muss schon eine grosse Verwilderung in den Sitten einer Familie eingerissen sein, wenn man die Verstimmungen, die im innersten Schoosse derselben herrschen, auch vor dem Auge Anderer zeigt. Siegbert gehorte wol schon wie ein Sohn oder ein Bruder zur Wasamskoi'schen Familie, aber Mutter und Tochter fuhlten doch noch eine tiefinnerliche sittliche Veranlassung, sich ihm so zu zeigen, wie es in der Ordnung der Natur und dem feineren Zartgefuhle des Herzens eigentlich begrundet war. Takt ist die einzige erlaubte Nothluge der Tugend.

Die Furstin war ihrer Absicht, zuruckgezogen zu leben, treu geblieben. Sie hatte nur wenige Namen der grossen Welt besucht und sich auf die Menschen beschrankt, die sich so zu sagen selbst bei ihr einfuhrten. Die Oberhofmeisterin konnte nur selten kommen. Anhanglicher war Anna von Harder, die sich oft die Kinder nach Tempelheide citirte und sie an der Thierwelt des alten Schwiegervaters sich ergotzen liess. Es lag so etwas Mutterliches in ihrer ganzen Art, dass die Kinder sie Tante Anna nannten und sich freuten, einmal einen ganzen Sonntag oder wol eine Nacht in jenem kleinen Schlosse und bei dem Tannenparke bleiben zu durfen, in welchem es so viele kleine chinesische, mit Geflugel bevolkerte Pavillons, so viele Stalle und Hurden und bei allem Geblok und Geschnatter so viele melodische Windharfen gab. Anna von Harder hatte versprochen, zur Weinlese zu kommen und kam auch mit einem prachtigen vom Bedienten aus dem alten Wagen nachgetragenen Kranze von Georginen, den sie nach dem Willen der Kinder sich uber die Schulter werfen sollte, aber bescheiden ablehnend auf das Gewinde an den sinnig geordneten Fruchttisch wie eine bescheidene Opferspende zum Feste hangte.

Naturlich fehlte auch die unvermeidliche Frau von Trompetta mit ihrem ebenso unvermeidlichen Inseparable Fraulein von Flottwitz nicht.

Unsere gute Frau von Trompetta war seit einiger Zeit gar verstimmt. Der Hof hatte den Ankauf des Gethsemane abgelehnt und sich nur zu einigen Aktien oder Loosen bereit erklart. Sie war daruber in eine doppelt begrundete Betrubniss verfallen. Einmal schmerzte sie's der nun gehinderten rascheren Beforderung wegen, anderntheils war sie in grosser Besorgniss, nicht mehr in der Gunst des Hofes zu stehen. Die Altenwyl, die strenge Richterin der Sitte, sollte, wie ihr "gesteckt" wurde, in den "kleinen Cirkeln" etwas von der "Ruhmsucht der Wohlthatigkeit" gesagt haben. Man hatte, erfuhr sie, viel Anekdoten von ihren Zwangsmassregeln, um ihre Sammlungen einmal den Kunstlern, ein andermal den Dichtern abpressen zu konnen, erzahlt, und wie gern man das herrliche Werk, dies bunte fromme Gethsemane, bei Hofe besessen hatte, man gab sich doch wieder jener besorgten Rucksicht hin, ob nicht an so hoher Stelle eine Unterstutzung dieser Zwangs- und Ruhmsuchtswohlthatigkeit ein schlimmes Gerede geben und Anstoss erregen konnte. Die Trompetta fand jedoch ihr Ungluck in noch hundert andern Ursachen. Sie sah Feinde, Verleumdungen, sie projektirte einen Fussfall bei der Konigin und wurde vor Kummer und Nachgrubeln uber ihr "Malheur" um einige Linien magerer. Sie mistraute ihren besten Freunden. Von Pauline von Harder, die sie schon langst geringschatzig behandelt hatte, glaubte sie sich zuerst zuruckziehen zu mussen, was ihr bei der plotzlich so wunderbar gestiegenen Bedeutung jener Frau schwer, fast unmoglich wurde. Fur Anna von Harder, die bei Hofe in so hohem Ansehen stand, wurde sie eben deshalb eine unertragliche Plage. Sie ruhte nicht, bis eine Auffuhrung des Judas Maccabaus "innerhalb der Gesellschaft" zur Unterstutzung einer Kleinkinderbewahranstalt angebahnt war. Sie sang geistlich, wo sie nur konnte, und hatte auch fur diesen Weinlesenachmittag einige Oster-Lamentationen aus der romischen Peterskirche mitgebracht. Auch der Flottwitz, ihrem unermudlichen Trabanten, mistraute sie zuweilen und machte ihr Vorwurfe, dass sie seit dem verungluckten Hinterhalt auf der Terrasse von Solitude so oft mit Neigung von jenem Dankmar Wildungen sprache, der doch allgemein durch seine Grundsatze sowol, wie seinen vermessenen Process, als ein Feind des Staates und der Kirche bekannt ware. Sie hatte von Gelbsattel, der durch Rudhard's alte "Zeltkameradschaft" von Schulpforte her gleichfalls bei der Furstin Wasamskoi eingefuhrt war und fur heute Nachmittag mit seiner Gattin und seinen Tochtern erwartet wurde, die ganze Bedeutung der von den Brudern Wildungen erhobenen Anspruche vernommen und war nicht wenig in Verlegenheit, als sie sich gefasst machen musste, ihnen hier Beiden zu begegnen. Vor Siegbert schamte sie sich sogar, ihres Gethsemanes wegen, das der Hof nicht angekauft hatte!

Propst Gelbsattel nahm die Einladung in nicht geringer Spannung an. Hatte er gewusst, dass er seinen scharfen Antagonisten, den demokratischen Maler Max Leidenfrost, gleichfalls finden sollte, wer weiss, ob er gekommen ware! Leidenfrost aber war recht eigentlich gerade die Hauptperson des Festes; denn er hatte versprochen, es durch Kunstfeuerwerkerei, die er meisterhaft verstand, zu verschonern und auf das Brillanteste zu beschliessen. Er war es, der schon am Tage zuvor einen stattlichen kleinen Boller von einigen Arbeitern der Willing'schen Maschinenfabrik, naturlich verdeckt in einem grossen Kasten, hatte in den Garten fahren lassen. Er war es, der mit der Dammerung Heusruck, Alberti und den hochgeschulterten Danebrand erwartete, um mit ihnen gemeinschaftlich unter dem klaren Sternenhimmel des Herbstes Pulver und Arsenik unter den mannichfachsten Formen in Brand zu setzen.

Gegen vier Uhr sass die ganze Gesellschaft beim schonsten Sonnenschein auf dem Gartenparkett in der Runde und schlurfte einen vorzuglichen Mokka. An Sussigkeiten ein Uberfluss. Neben den gebetenen waren Bienen und Kafer die ungebetenen Gaste. Alles athmete Luft und Behagen. Es war ein heiterer Anblick, dieser blaue Himmel, dieser grune Rasen, die vollen Obstbaume, die Blumen, die festlichen Anordnungen, die geschmuckte Gesellschaft. Und die Trompetta fuhrte das Wort! Das war nicht minder lebendig! Auch Anna war sehr angeregt. Die Gute fuhlte sich immer glucklich, wenn sie von den Pflichten in Tempelheide, die sie gern ubte, doch einmal erlost war. Gelbsattel gab manche gewichtige Meinung anzuhoren ... seine Gattin, die Propstin, war freilich stumm. Die drei Tochter aber, sonderbarerweise sitzengebliebene und doch sehr angeregte junge Damen, schossen mitredend auf Alles zu, was nur erortert und beruhrt wurde. Leidenfrost, wie man es erwarten konnte, im Uberrock ohne alle Festestoilette, mit seinem grauen Hut, ohne Handschuhe, hielt sich glossirend zuruckgezogen. Siegbert dagegen machte fast den Wirth, umsomehr, als Rudhard etwas auf dem Herzen hatte und nicht recht aufthauen konnte. Die Flottwitz schien etwas ungeduldig. Dankmar fehlte noch. Sein Bruder entschuldigte ihn durch die vielen Muhen, die ihm der Process koste, wobei er einen fast abbittenden Blick auf den Propst warf, der seinerseits das Wort ergriff und sogleich mitten in jene Stimmungen hineinfuhr, die in ihm diese inzwischen immer mehr vorgeschrittene Angelegenheit wecken musste.

Seine alteste Tochter, Emmy, warf ihm einen verweisenden Blick zu, als er so polterte; er mochte sich massigen, die Umgebungen in Anrechnung bringen ...

Allein, noch erwarmt von dem Besuche Sylvester Rafflard's, der eben bei ihm gewesen war, legte der Propst seinem Redeeifer keinen Zugel an, sondern versetzte alle Anwesende rasch auf den Standpunkt, in dem sich gegenwartig die merkwurdige Johannitererbschafts-Angelegenheit befand.

Funftes Capitel

Gegensatze

Es ist erstaunlich, begann Gelbsattel, wie tief diese Sache in Fleisch und Blut der wichtigsten Interessen eingreift. Ich will von einigen kleinen Stiftungen nicht sprechen, die selbst in dem Falle, dass der Staat den Process gewonne, verloren waren ...

Davon nicht sprechen? unterbrach den Propst sogleich voll Eifers Frau von Trompetta. Von frommen Stiftungen nicht sprechen?

Allerdings, sagte der Propst. Wenigstens solche Stiftungen, die in einem frommen Sinne begrundet wurden

Zu denen du doch, fiel Rudhard ein, nicht etwa die Sonnabendspredigt rechnen wirst, die regelmassig in der kleinen Dreieinigkeitskapelle ein Candidat zur Judenbekehrung halten muss?

Lieber Freund, antwortete Gelbsattel, ich theile vielleicht ganz dein Bedenken gegen diese hundertjahrige Veranstaltung, der es noch nicht gelungen ist, nur einen einzigen Juden zu bekehren, allein es ist die aussere Form eines Stipendiums fur einen jungen Candidaten, der sich auf diese Art homiletisch ubt und unter dem Schirm eines christlichen Zweckes die noch christlichere Wirkung einer Wohlthat geniesst

Bester, sagte Rudhard lachend, das ist sehr hubsch gesagt fur den Candidaten Oleander, der gegenwartig diese Predigten halt und dein Schwiegersohn werden soll; allein nimm mir nicht ubel, diese Art von Uberlieferungen taugt nichts. Geht's nicht mit dem ganzen Christenthum so, dass man es gleichsam fur ein Vermachtniss hinnimmt, das Niemand untersucht und das nur fur den Schild eines vollig heterogenen, ihm untergelegten Begriffes dient?

Anna von Harder blickte bei Erwahnung des Schwiegersohnes theilnehmend auf Emmy Gelbsattel, die sich verfarbte und uber den Namen Oleander in Verlegenheit zu gerathen schien. Anna wollte mit holdem Blicke der altesten Tochter Gelbsattel's, der sich schon viele Partien zerschlagen hatten, zu dieser Gluck wunschen. Aber das nicht mehr junge Madchen erschien ihr plotzlich keine Braut. Sie unterdruckte ihren guten Willen und wagte es, sich in das Gesprach der Manner zu mischen. Wahrend sie den Kindern Fruchte abnahm, die diese ihr verschwenderisch anboten, wagte sie eine bescheidene Ausserung, die sie schuchtern und beklommen genug vortrug.

Ich will die Verstellung nicht in Schutz nehmen, sagte sie, ebensowenig wie eine gleichsam fur gultig erklarte Tauschung, aber ist es nicht wirklich mit dem Glauben so, dass sich das angeborene und durch schmerzliche oder dankbar aufgenommene freudige Lebensschicksale in uns entwickelte glaubige Bedurfniss an die Wahrheiten des Christenthums anschmiegt und ohne viel zu prufen, was sich davon beweisen lasst, soviel als nur beseligend auf uns einwirkt, in sich aufnimmt?

Naturlich! sagte die Trompetta mit verklartem aber stolzem und verachtlichem Blick. So ist es! Nicht anders. Schleiermacher hat Das jeden Sonntag gepredigt.

Und gleichsam, als wollte sie fernere vorwitzige Erorterungen heiliger Fragen abschneiden, setzte sie hinzu:

Wurden denn auch Witwen und Waisen unter der Entscheidung dieses merkwurdigen Rechtsfalles leiden, Herr Propst?

Das zwar nicht unmittelbar, sagte der Gefragte, seine Tasse mit Wurde haltend, allein wo fliessen in dieser Welt aussergewohnliche Hulfsquellen, die nicht irgendwie auch mit den Bedurfnissen der Witwen und Waisen zusammenhingen?

Max Leidenfrost verzog die immer sarkastischen Mienen zu einem entschiedenen Lacheln und platzte hervor:

Nun Das muss ich gestehen, ich wollte eben eine Mucke todtschlagen, als mir einfiel, dass sie vielleicht einen alten Vater zu ernahren hat!

Man lachte wohl uber dieses Gleichniss, aber Propst Gelbsattel, der das Bild von der Academia della Crusca, das Leidenfrost einst bei Louis Armand mit Anspielung auf Gelbsattel's Kunstansichten angegeben, nicht vergessen hatte, warf einen verachtlichen Blick auf den Sprecher, der sich in dem Bewusstsein, die Gesellschaft heute noch als Pyrotechniker unterhalten zu durfen, ganz behaglich auf seinem Gartensessel wiegte und mit den Kindern allerhand Kurzweil trieb, auch Siegberten dadurch neckte, dass er sich stellte, als wenn er nicht wusste, wie man in solcher Gesellschaft Kaffee tranke und Gebackenes asse. Er fasste den Theeloffel manchmal absichtlich verkehrt oder gab sich die Miene, als wollte er sein Getrank in die Untertasse giessen und aus dieser schlurfen, woruber Siegberten, der gleichsam hier fur ihn wie fur ein wildes Thier gut stand, ein Schrecken uberfiel. Leidenfrost machte, als er seine Tasse auf den Tisch zuruck stellte, sogar einmal die Miene, als wenn er den Tassenkopf, wie die Bauern thun, umwenden wollte. Siegbert merkte wohl, dass ihn Leidenfrost nur neckte; aber er dachte sich doch die Moglichkeit, dass ihm der wilde Cyniker wirklich einen solchen Streich vor der Furstin spielen konnte. Dass er ihm seinen Uberrock und den Slowakenhut nicht vorhalten durfte, peinigte ihn schon genug.

Ich habe mich, fuhr Leidenfrost fort, ganz genau nach allen wohlthatigen Dependenzen jener Erbschaft erkundigt. Mein Freund Siegbert ist zu gewissenhaft, Mucken todtzuschlagen, die einen alten Vater ernahren mussen. Er wurde, wenn der Familie Wildungen Das wird, was von Gott und Rechtswegen ihr gebuhrt, sicher Niemanden entgelten lassen, dass das Unrecht fruherer Zeiten ihm Wohlthaten spendete, die das Recht der Gegenwart ihm entzoge. Was ist nun da zum Vorschein gekommen? Nichts, was sein Gewissen beunruhigen konnte. Die alten Hauser werden luxurios verwaltet und verfallen in Trummer. Wo man Familienwohnungen fur die Armuth hatte bauen sollen, duldet man den Fortbestand von Hohlen des Lasters und des Elends, deren Ertrag zu Zwecken verwendet wird, die keine innere Nothwendigkeit haben. Diese Hauser, diese Liegenschaften und Grundzinsen bringen enorme Summen ein. Wozu werden sie verwendet? Zur Herstellung eines Uberflusses neben dem Nothwendigen, fur das schon von anderer Seite gesorgt ist. Grundlichen Besitz wagte die Stadt nie von jener Verlassenschaft zu nehmen. Schulen, Witwen und Waisen sind nicht darauf angewiesen, wohl aber frivole, uberflussige Zwecke, als da sind: Judenbekehrungspredigten, Missionsbeitrage, Bibelgesellschaftsunterstutzungen und dergleichen Frivoles mehr. Das einzige Praktische sind die bedeutenden Vergrosserungen der Emolumente des hohen Rathes der Stadt, der Geistlichkeit, derjenigen Kirchen, uber die der Magistrat das Patronat hat, eine Kutsche fur jeden der vier Syndici, eine Kutsche fur ich bedaure es sagen zu mussen fur die Propstei und damit ich nichts verschweige, allerdings der sehr ehrenwerthe Fond fur diejenigen Geistlichen, die an den drei Hauptkirchen der Stadt angestellt sind und Tochter haben, um deren Ausstattung sie in Verlegenheit sind. Denn jede Pfarrerstochter, die ein drittes Aufgebot nachweist, bekommt eine Aussteuer von tausend Thalern. An dieser philanthropischen Institution versundigen sich allerdings die Gebruder Wildungen sehr, wenn sie den Process gewinnen sollten.

Leidenfrost unterbrach sich hier selbst und bat um Entschuldigung, da ihm der Gartner wegen einiger Vorbereitungen zum Feuerwerk in angemessener Entfernung winkte.

Er erhob sich rasch und ging. Paulowna und Rurik sprangen ihm nach und verliessen die Gesellschaft, die uber die bittern Worte des schroffen Mannes fast erschrocken war. Es wahrte einige Zeit, bis sich eine harmlose Stimmung wiederfand. Man wollte das Thema der Erbschaft verlassen, fing uber zufallige andere Veranlassungen eines lauten Urtheils zu sprechen an, aber die Trompetta konnte sich nicht massigen. Man hatte die ihr heiligsten Dinge, jene Stiftungen, jene Zweckvereine frivol genannt. Da half nichts, sie musste die Hande zusammenschlagen und mit einem Blick hinter dem in den Gangen des Gartens mit den Kindern verschwindenden Leidenfrost her ausrufen:

Grosser Gott! Was man nicht Alles horen muss in dieser Zeit! Die Bibelgesellschaften frivol!

Die Furstin wollte Leidenfrost seiner Sonderbarkeit wegen entschuldigen. Siegbert sprach von seiner gewohnlichen rucksichtslosen Art, aber die Trompetta verlangte von den Mannern ein Urtheil, ein Verdammungsurtheil, eine entrustete Ausserung, eine Indignation, ein Anathem!

Gelbsattel wollte da gar nicht recht mit der Farbe hervor. Er pries die Bibel, nannte sie das Buch aller Bucher, ruhmte die Thatigkeit der Bibelgesellschaften, gab statistische Angaben uber die Zahl der von England herubergekommenen und vertheilten Exemplare ...

Das war aber Alles nichts. Die Trompetta beruhigte sich nicht und forderte dadurch den etwas unwirschen und verdriesslichen Rudhard heraus zu der Ausserung:

Meine gnadige Frau! Die Bibel ist ein herrliches Buch! Sie ist gar kein Buch, sondern ein Stuck von der Geschichte selbst! Sie ist das Leben selbst und wol von Gott eingegeben, wie alle Zeugnisse seiner Grosse, seiner Allmacht, wie alle Wunder, wo man die Zuge seines Athems zu horen glaubt. Allein, beste gnadige Frau, die Bibel will gelesen, will verstanden sein. Ich bin dieser Tage einmal in den Fall gekommen, einem Menschen, der mich fragte, ob er die Bibel lesen solle, zu sagen: Guter Freund, hier habt Ihr ein Buch! Les't darin! Es ist nicht die Bibel, aber besser fur Euch! Es war der Don Quixote.

Grosser Gott! schrie die Trompetta auf und auch Anna von Harder fuhlte sich doch wie von einer kalten Hand ergriffen.

Die Bibel und der Don Quixote! rief man entsetzt.

Alle Tochter des Propstes waren vor Erstaunen sprachlos.

Das ist ganz einfach, sagte Rudhard sehr gelassen. Unser Kutscher verfiel kurzlich in eine Art Trubsinn und fing in sonderbarster Weise an, uber Leben und Sterben zu sprechen. Den Namen Gottes fuhrte er selbst beim Striegeln seiner Pferde im Munde und unterliess alle die herzhaften Fluche, die fruher die Thiere von ihm gehort hatten und an die sie schon gewohnt waren. Sie zogen nun auch viel schlechter. Peters, fragte ich ihn eines Tages, du bist so trubsinnig, was fehlt dir? Herr Pfarrer, antwortete er, schon lange wollt' ich einmal mit Ihnen sprechen und mein Gemuth starken. Was hast du, Peters? fragt' ich. Er erzahlte mir dann eine traurige Geschichte von seinen hauslichen Leiden. Seine Frau ware weltlich gesinnt, lebte unter Spottern und Ehebrechern und es verlange ihn recht die Bibel zu lesen. Warum willst du die Bibel lesen? fragte ich. Um mich vorzubereiten, mich von meiner Frau scheiden zu lassen, sagte er ...

Anna von Harder fand diesen Zug, Rudhard unterbrechend, sehr bedeutungsvoll und nannte eine solche im Volke noch wurzelnde Empfindung eine Seltenheit, da man gerade jetzt auf die leichtsinnigste Art sich verbande und wieder trennte.

Gut, sagte Rudhard, ich hatte auch nichts gegen eine solche Vorbereitung einzuwenden gehabt. Ich erkundigte mich aber genauer nach den Verhaltnissen des Mannes, dem Charakter und der gegenwartigen Handthierung seiner Frau, und da merkt' ich wohl, dass unser guter Peters nur ein Hypochonder war, die unschuldigsten Dinge schwarz sah und auf seinem Kutscherbock Grillen fing. Unter solchen Umstanden hielt ich es fur besser, ihm statt der Bibel eine heitere Lekture anzurathen. Wir kauften ihm eine hubsche Ausgabe des Don Quixote mit schonen Bildern. Er hat sich nun in die Heldenthaten des sinnreichen Junkers von La Mancha so verlesen und lacht auf dem Bocke noch hinterher, wenn ihm plotzlich einfallt, was er Abends in seiner Stallkammer in sich aufgenommen hat, so lustig, dass die Pferde jetzt viel besser ziehen, und ich meine, Das ist ein Resultat, wie wir es durch die Bibel nie gewonnen hatten.

Rudhard endete damit eine Erzahlung, die die Unbefangenen, besonders Siegbert befriedigte, nur vorzugsweise Frau von Trompetta nicht. Sie schuttelte den Kopf und fand hier etwas, was nicht nach dem landesublichen Systeme war.

Der Blick nach dem Kutscher und die Erwahnung des Stallkammerchens hatte die Augen auf den Eingang des Gartens gelenkt, durch den jetzt eben Dankmar Wildungen eintrat.

Dankmar kam in grosser Erregung. Das Erscheinen des anziehenden jungen Mannes, der von Tag zu Tag an Kraft des Willens und edler Mannlichkeit gewann, erregte das allgemeinste Interesse. Man fuhlte, dass der Kreis erst jetzt vollstandig wurde. Die Damen grussten ihn durch eine leichte Erhebung; die Manner standen auf, um ihm die Hand zu reichen, selbst Propst Gelbsattel ubte einen Akt der antiken Heroenzeit; er ehrte sich selbst in seinem Gegner und machte die nahere Bekanntschaft desselben gleichsam so, dass er die Waffen erst zu seiner Begrussung senkte. Er erwahnte sogleich den Vater der Bruder, die alte Zeltkameradschaft von Schulpforte und spielte nekkend auf das zukunftige Gluck der Sohne seines alten "Freundes" an, ohne jedoch die Mutter zu erwahnen, weil ihn dies Thema in Gegenwart seiner Familie zu weit gefuhrt hatte.

Die meiste Achtung zollte Dankmar der Furstin, die ihn gar freundlich begrusste und ihn der neben ihr sitzenden Anna von Harder vorstellte. So sah denn Dankmar endlich auch diese vielbesprochene und ihm selbst so werthvolle Frau zum ersten male in der Nahe! Anna betrachtete den jungen, fur unternehmend und charakterfest bekannten Mann mit Wohlgefallen und konnte wol begreifen, dass die Flottwitz uber und uber errothete, als ein kurzer, fluchtiger, aber sonderbar herausfordernder Blick aus Dankmar's blitzendem Auge statt aller Begrussung zu ihr hinuberstreifte. Die Trompetta fragte, ob er sich erst so spat von seinem Freunde, dem Prinzen Egon, losgerissen hatte?

Ich komme soeben, antwortete Dankmar, den Kaffee, den ihm der Bediente bot, rasch niederschlurfend, von Hause, vor zwei Stunden aber aus der Kammer.

Was ist vorgefallen? fragte man gespannt.

Eine eigentliche Herausstellung der Parteien, antwortete Dankmar, wird sich erst heute Abend in der Berathung eines Paragraphen zur Geschaftsordnung ergeben.

Also eine Abendsitzung? schaltete die Trompetta ein und uberlegte, ob sie einen Versuch machen sollte, sich ihrerseits an das constitutionelle Leben zu gewohnen und ob sie den Abend frei hatte ...

Man will das Beispiel einer grossen Beflissenheit geben, fuhr Dankmar fort. Man will Abendsitzungen halten und Niemand trug auf Zeitersparniss und Fleiss eifriger an als der Furst von Hohenberg.

Im Stillen dachte die Furstin Wasamskoi etwas spottisch: Arme Helene!

Die Gruppen, fuhr Dankmar fort, werden sich erst scheiden bei dem Antrage der Regierung, dass die Minister das Recht haben sollen, zu jeder Stunde, auch nach schon geschlossener Debatte, in der Kammer das Wort zu ergreifen. Es wird sich dabei herausstellen, auf welche Majoritat das Ministerium uberhaupt rechnen kann. Einstweilen hat die Bildung der Ausschusse die Thatigkeit der Kammer allein in Anspruch genommen und bei dieser Gelegenheit war es, dass Egon heut' eine Rede hielt, die einen Sturm von Beifall, die Bewunderung des ganzen Saales, den Jubel aller Tribunen und die hochste Spannung selbst des Ministertisches hervorrief.

Erzahlen Sie davon! hiess es.

Dankmar, voll innigster Theilnahme, rasch und feurig bewegt, fuhr fort:

Der Furst war in den industriellen Ausschuss gewahlt und trug darauf an, ihn aufzulosen und neuzuwahlen. Man opponirte. Er sagte: Ich bin der Berichterstatter des Ausschusses: meine Grunde haben ihn bestimmt, selbst eine Auflosung zu erbitten. Ich referire fur ihn. Die Partei der Linken hatte aber das Ubergewicht in diesem Ausschusse gehabt und widersetzte sich der Neubildung. Daruber nahm denn Egon Veranlassung, von dem Parteigeiste uberhaupt und von der Zerrissenheit der staatsrechtlichen Principien, gegenuber den wahren Bedurfnissen der Volker, in so ergreifender Weise zu sprechen, dass der Ausschuss neu gebildet und durchaus nur von Mannern, die uber diese Gegenstande kompetent sind, zusammengesetzt werden wird.

Brav, rief Rudhard. Ich gebe die Versicherung, dass Egon der Begrunder einer neuen Politik, der der Unparteilichkeit und alleinigen Geltendmachung des wahren Volkswohls sein wird.

Das ware eine echte Errungenschaft! rief innigst Antheil nehmend Anna, die in einer solchen vermittelnden Politik eine Burgschaft des Friedens und der Liebe sah.

Aber die Trompetta, Flottwitz, Gelbsattel verlangten doch noch naheren Aufschluss uber die Parteifarbe und wollten ohne Parteifarbe in der gegenwartigen Zeit nichts gelten lassen. Auch Siegbert blickte den Bruder gespannt an und wollte von ihm horen, wie sich Egon, auf den die jungen Manner so viel Hoffnungen setzten, "gemacht" hatte.

Ich kann, sagte Dankmar, nur berichten, dass Egon sehr gewandt, sehr anziehend sprach. Er vermied jede Verletzung irgend einer Partei. Er bat die Parteien, hohere Gesichtspunkte zu gewinnen. Die Rede floss ihm so gefallig, so gewandt vom Munde, man sah ihm so die lange Beobachtung eines vorzugsweise rednerischen Volks, der Franzosen, an, dass es mir manchmal war, als dachte er Das, was er deutsch sprach, erst franzosisch. Gewisse Schlagworte, gewisse Antithesen brachte er so wohlangelegt vor, dass sie ihm sturmische Unterbrechungen seiner Rede zu Wege brachten.

Dass ich Das versaumte! meinte die Trompetta mit Melancholie und stiller Gewohnung an die Neuzeit.

Man kann sich denken, bemerkte die Furstin etwas verstimmt uber diese lange Apotheose des Freundes ihrer Schwester; man kann sich denken, wie pikant es der Galerie sein muss, sich zu sagen: Dieser Redner trug in Frankreich die Blouse und fuhrte den Hobel eines Tischlers!

Man lachelte uber diese Bemerkung; aber Dankmar nahm sie im Ernste auf und ausserte:

Ja, Durchlaucht, Das ist es auch! Als Egon auftrat, murmelte der ganze Saal vor Spannung. Es war als horte man, wie Jeder den Andern anstiess und flusterte: Das ist der entartete Sohn des beruhmten Kriegers! Das ist der junge Hohenberg, der in Lyon Communist war und als Handwerker auf der Landstrasse "fechten" ging. Denn naturlich! Das Gerucht ubertreibt sogleich. Ein einziger abenteuerlicher Zug wird sogleich die Veranlassung eines Marchens.

Die ungluckliche Amanda! schaltete Anna ein; wenn sie Das sahe! Wenn sie fur soviel grausame Schlage, die das Schicksal nach ihrem Herzen fuhrte, diese Mutterfreude erlebt hatte!

Propst Gelbsattel, der wiederum voll Unmuth sah, dass doch so ausserordentlich viel in der Welt jetzt geschah, ohne sein Zuthun, ohne eine Anfrage bei ihm, ohne ein Gutachten, wie es sonst in den heterogensten Dingen von ihm gefodert wurde, Gelbsattel wunschte etwas von Dem zu horen, was Egon geaussert, besonders uber die Gewerbe geaussert hatte.

Dankmar sagte, dass Dies die Zeitungen heute Abend ausfuhrlich berichten wurden. Egon hatte in der Gewerbspflege seine Vermehrung der Reichthumer einer Nation nachgewiesen; denn die Arbeit schaffe Werthe und Werthe der Arbeit waren Dasselbe, was Werthe des Besitzes, ja moralisch genommen, waren sie noch kostbarer. Die Pflege der Gewerbe konne nur erbluhen in einem freien, in einem machtigen Staate. Wenn unsre Monarchie in Deutschland erstarke, so konnte der Wettkampf mit England gewagt werden ich meine, rief er, jener unblutige Krieg der Arbeit mit der Arbeit, des Fleisses mit dem Fleisse, des Menschenberufes mit dem Menschenberufe eine Stelle, die grossen Beifall hervorrief.

Anna unterbrach Dankmar mit den fast wehmuthigen Worten:

Sie ist auch schon! Ich gestehe, dass der Gedanke, wie in diesem jungen Manne die edle Natur seiner Mutter so hervorbricht, mich unendlich ruhrt.

Von der Verfassung der Gewerbe, fuhr Dankmar fort, sagte Egon, dass man sie durchaus schutzen musse, ohne die veraltete Form dieses Schutzes beizubehalten. Bei Aufhebung des Zunftzwanges, rief er, hat sich der Zeitgeist, der es liebt, sich zu ubersturzen ...

Sagte er Das? fragte schnell die Flottwitz angenehm uberrascht.

Ja, mein Fraulein, antwortete Dankmar bitter, aber doch mit einer Art schalkhafter Galanterie, er sagte Das, kurz vor einem Angriff auf Vermehrung der Armee ...

Halten Sie Das fur mein einziges Princip? fragte das junge Madchen den Kopf mit Grazie erhebend, dass die Locken in ein angenehmes Schaukeln geriethen.

Das nicht, sagte Dankmar, aber ich kann Sie versichern, dass er auch dem Reubund einen recht schneidenden Seitenstich versetzte. Horen Sie nur! Bei Aufhebung des Zunftzwanges, sagte Egon, hat sich der Zeitgeist, der es liebt, sich zu ubersturzen, darin geirrt, dass er das Kind gleich mit dem Bade verschuttete. Das Gute am Zunftzwange hatte schon bleiben sollen. Allein unser damaliger Staat, der Militairstaat, rief er, wie tief stand er! Wie oberflachlich waren seine Neuerungen! Wie verbrecherisch seine Bestrebungen, sich auf Kosten der innern Kraft ausserlich auszudehnen! Er gab die Gewerbe frei, nicht um der Gewerbe willen, sondern um seiner Armee willen! Er sagte: Ruinirt Euch, wenn Ihr mit dem gescheiterten Versuche, glucklich zu werden, mir nur die Patente, die Freiheiten des Gewerbes bezahlt! Dieser schlechte Staat von damals, rief er, derselbe Staat, den die blinde Reue bundlerisch wiederherstellen will ...

Ah, rief die Trompetta. War Das die Stelle?

Das war die Stelle, gnadige Frau! sagte Dankmar.

Aus dem Munde des Sohnes

Eines Generalfeldmarschalls! griff Dankmar die zweite Ruge, die vom Fraulein von Flottwitz kam, auf. Die Galerieen waren ausser sich daruber, nicht etwa vor Zorn, sondern vor Jubel. Der Prasident musste die Glocke ziehen und den Zuhorern alle Zeichen des Antheils und der Misbilligung untersagen

Ah! Das war seine Schuldigkeit! bemerkte die Trompetta, die sich constitutionell zu bilden anfing. Aber, wie weiter?

Dieser schlechte Staat, fuhr Dankmar fort Egon's Worte zu wiederholen, den jetzt die blinde Reue bundlerisch wiederherstellen will, hatte zur Forderung einer unverhaltnissmassigen Kriegsmacht nur die uppige, wuchernde Fortpflanzung der Bevolkerung zum Ziele. Dieser Staat vernichtete die Gewerbe, indem er sie der Willkur preisgab. Er erleichterte das Recht des Ansiedelns, des Meisterwerdens, der Heirathen. Er wollte nur Menschen und raschgewonnene Einnahmen fur den Fiskus. Kurz, Egon schilderte die Nothwendigkeit der ernstesten Erwagungen dieser Verhaltnisse mit so lebhaften Farben, dass man auf seinen Wunsch einging und den Gewerbeausschuss aus den Elementen der Kammer zusammensetzte, die uber die Interessen der Arbeit kompetent sind. Es ergab sich zwar nunmehr, dass die linke Seite bei der Zusammensetzung dieses Ausschusses im Nachtheile war, sie verlor drei Stimmen und hatte die Majoritat nicht mehr, aber man beachtete kaum dies Resultat, so wirkte der Zauber der Personlichkeit des Prinzen und seiner aus der unmittelbaren Anschauung des Volkslebens gewonnenen Uberzeugung nach.

Die Trompetta, Fraulein Wilhelmine, die drei Gelbsattels, selbst Rudhard waren nur froh, dass die linke Seite in der Minoritat geblieben war und bezweifelten jetzt keineswegs die gewaltigen Talente des neuen Staatsmannes. Siegbert sah Dankmarn bedenklich an. Dankmar flusterte ihm zu: Ich habe viel mit dir zu reden. Ich verlange entschieden, dass wir Beide um acht Uhr heute frei sind ... Siegbert nickte ihm zu, dass er sich darauf verlassen konne ... Die Furstin erhob sich und bat die Gesellschaft, ihr behulflich zu sein, nun die Trauben vom Stock zu losen. Einer der Bedienten prasentirte die Korbchen mit den Messern. Die Damen fanden die Idee allerliebst und Alles folgte der Furstin, um das Werk zu beginnen und dem Dienste des Bacchus in holdesten Grenzen zu opfern. In der Ferne ertonte auf ein von Leidenfrost, der sich wieder genahert hatte, gegebenes Zeichen eine sanfte Musik, die irgendwo in einem hintersten Winkel des Gartens versteckt sein musste. Die Furstin war davon auf's Angenehmste uberrascht und als es sich herausstellte, dass dies eine Idee von Leidenfrost selbst war, sohnte man sich mit dem wunderlichen Manne, der sie Alle durch seine Ausserungen verletzt hatte, im Geiste leidlich wieder aus und ging wohlgemuth, unter den sanften Accorden, scherzend und neckend an die spielende Arbeit.

Die Nascherei Paulowna's und Rurik's hatte nun freilich schon fruher dafur gesorgt, dass diese "Weinlese" keine zu lange Zeitdauer in Anspruch nahm. Unter mancherlei Scherzreden und Neckereien war man bald mit der "Ernte" fertig und uberliess den Kindern, den helfenden Dienern und Magden, hie und da die Beeren, die noch versteckt oder schwer zu erreichen waren, vom Stamme zu losen. Man sollte nun die gefullten Korbe bei sich behalten, ihren Inhalt entweder selbst verzehren oder mit sich nehmen. Das war die Antwort, die die Furstin Jedem gab, der einen Ort zu wissen wunschte, wo er seine Beute niederlegen sollte. Die Frauleins Gelbsattel, die sehr lang waren, kamen dabei gut fort. Sie hatten reichlich gesammelt. Die Trompetta, die Lebhafteste, hatte nur geringe Ausbeute. Sie war zu klein, um mit ihrem Messer besonders hoch zu langen und das Anerbieten von Stuhlen, Schemeln und Leitern, die die Diener in Bereitschaft hielten, schien ihr bei ihrem corpulenten Wuchse zu halsbrechend und gefahrlich. Sie irrte von Blatt zu Blatt und klagte wie der Fuchs in der Fabel aufblickend, dass man ihr Alles vorweggeschnitten hatte. Wo ist denn noch eine Traube? Wo? Wo? rief sie. Kinder! Ich sehe nichts! Wilhelmine! Wilhelmine! ... Aber Fraulein Wilhelmine von Flottwitz stand ihr nicht mit gewohnter Treue zur Seite. Sie war fortwahrend mit Dankmar in neckendes Gesprach verwikkelt ... Die Furstin nahm die Lese sehr umstandlich und ernst, fast pedantisch. Siegbert musste ihr den Korb, die Hand, den Schemel halten. Rudhard und Gelbsattel erzahlten sich von einer Weinlese bei Naumburg, die sie einst in lateinischer Sprache hatten mitmachen mussen und lachelten uber die Erinnerung, wie die Portenser, wenn Einer eben sagte: O quam dulcis haec uva est! und eine Traube in den Mund herablassen wollten, sie immer vom Andern geraubt bekamen, wobei sie auf Wildungen ubergingen, der zu Denen gehorte, denen man nur zu oft den Genuss verdarb, wenn er eben sagen wollte: O quam dulcis haec uva est!

Die eigenthumlichste Erregung unter Allen zeigte Olga. Sie hatte den Trieb, gleichsam die Ehre des ganzen Festes zu vertreten, war hier und dort, sprach mit Dem und Jenem, half uberall nach und befahl in der Stille, was die Mutter ihr zu laut zu befehlen schien oder wol gar ganz vergessen hatte. Und bei alledem zog sie sich von Jedem zuruck, blieb allein, hupfte bald da-, bald dorthin und schien nur von Einem Gedanken beseelt, dem, ihren geliebten Freund Siegbert nur einen kleinen Moment fur sich allein zu besitzen. Die Mutter, die Flottwitz, die Frauleins Gelbsattel, Alle machten ihr den Verdruss, dass sie auch an Siegbert zuviel Gefallen fanden und ihn immer nur fur sich behielten, wahrend sie nicht ein Wort von ihm erhaschen konnte und nur zuweilen einen freundlichen Blick, der sie mehr verwundete als erfreute, denn in diesem Blicke lag Das nicht, was sie in seiner Seele suchte. So kam es, dass sie von einer qualenden Unruhe hin- und hergetrieben wurde und nur bei Leidenfrost zuweilen Stand hielt, mit dem sie wenigstens lachen, uber Alle spotten konnte. Sie ging mit dem kleinen, unschonen Mann in den hintersten Theil des Gartens, wo ein Hugel zum Feuerwerk hergerichtet war. In der Mitte stand der Boller. Ringsherum waren Stakete festgepflanzt, an welchen schon am Morgen Leidenfrost seine pulvergefullten Papiere befestigt hatte. Am Fusse des Berges, in einer Laube sassen funf Musikanten, die von Blaseinstrumenten eine weiche, fur Gartenraume zweckmassige Musik auffuhrten. Olga sorgte dafur, dass diese Leute Erfrischungen bekamen. Die Mutter achtete nicht solcher Dinge, die ihr kaum einfielen und die, wenn man sie daran erinnerte, immer Veranlassung gaben zum Streit. Denn sie hatte dann immer dieselbe Sache langst bedacht, aber naturlich ganz anders und viel besser ausfuhren wollen.

Die Gesellschaft wandelte im Garten auf und ab, bald vereint, bald zerstreut. Olga galt fur ein Kind, man nahm wol Notiz von ihr, aber scheute sich nicht, ein Gesprach abzubrechen, wenn sie sich nahte. Sie streifte an den Beeten entlang und schloss sich Niemanden an. Rudhard verbot ihr diese Isolirung und sagte ihr im Vorubergehen, sie musse sich an die Mutter halten.

Wird sie mich denn wollen? fragte sie und warf die grossen Augen sicher und fest auf Rudhard, der ihr keine weitere Antwort darauf gab; denn er blieb im Vorubergehen mit der Propstin nicht stehen, wie sie. Sie sah ihm eine Weile nach und wandte sich dann, gedankenlos hin- und herirrend und Manchem, der mit ihr sprechen wollte, nicht einmal Rede stehend, wieder zu den Musikern. Unter diesen war ein alter Mann mit weissem Barte. Er blies das Waldhorn ...

Ware Das ein Harfner, sagte eine Stimme hinter ihr, als sie an der Laube stand und die Notenblatter der Leute musterte, so wurde man an Mignon und den Alten erinnert werden.

Es war Dankmar, der diese Ahnlichkeit fand, und alle Damen stimmten ein ...

Was wusste Olga vom Harfner und von Mignon! Was hatte sie von dem Gesprach, das die weiterwandelnde Gesellschaft uber Goethe und Wilhelm Meister und die Bekenntnisse einer schonen Seele begann! Sie folgte dem Zuge der Lustwandelnden, kaum theilnehmend am Ausserlichen, noch weniger an dem Gegenstand des Streites, der sich sogleich zwischen Dankmar und der Trompetta ergab uber Goethe, uber Wilhelm Meister, uber die Bekenntnisse einer schonen Seele, uber Alles durcheinander ... Anna von Harder fasste Olga's Arm und liess sich von ihr fuhren. Was verstand noch Olga, stilltraumend wie ein unerschlossner Blumenkelch, von den Worten, die eben die sanfte Frau zu Dankmar's Freude sprach:

Liebe Trompetta, sagte Anna von Harder. Verurtheilen Sie den grossen Dichter seiner Unchristlichkeit wegen nicht! Sagen Sie auch nicht, er ware unwurdig gewesen, durch die ohne Zweifel von ihm wortlich aufgenommenen Gestandnisse des Frauleins von Klettenberg sein schlimmes und wie Sie es nennen, frivoles und unsittliches Buch zu schmucken. Dass Goethe diese glaubensstarke Natur in seine Dicht- und Denkweise eintreten liess, ganz unverbunden, ganz unzusammenhangend mit dem Werke, das er uns geboten hat, beweist nur, wie er doch wol einen tiefen Blick fur alles Ursprungliche im Menschen hatte und uns in den krausen und wilden Erlebnissen des jungen Meister nur das Leben selber geben wollte in seiner Ruckwirkung auf die grosse Mannichfaltigkeit menschlicher Charaktere. Da liess er denn auch jenes Fraulein gelten, nicht um der Frommigkeit, sondern um ihrer Eigenheit willen. Ich fuhle, dass man jenem Buche vom Standpunkte der Erfindung aus viel Schlimmes nachsagen kann, aber Menschen sind es doch, die da durcheinandergehen, Situationen sind es doch des wirklichen Lebens. Man sieht Das ordentlich und erlebt es mit. So passte auch das fromme Fraulein ganz hier herein, diese wunderliche Seele, der ich eigentlich nicht einmal recht zugethan bin.

Was? rief die Trompetta, Sie tadeln die schone Seele? Das Kleinod aller nach innengewandten Herzen seit einem halben Jahrhundert?

Tadeln? sagte Anna sehr ermuthigt, welch' hartes Wort! Ich sage nur, dass ich sie nicht von Herzen lieben kann.

Nun, Das ist wunderbar! erstaunte die Trompetta und bat um Aufklarung, indem sie fast die Hande faltete. Alle waren gespannt.

Ich finde, sagte Anna gesammelt und ruhig, dass dies Fraulein eigentlich recht eigenwillig ist. Sie nimmt sich das so vor, einmal in Gott ihren einzigen Freund zu suchen und weist, fast kalt, fast gleichgultig, alle Zweifel, alle Sorge, alle Lehre der Menschen zuruck. Sie bricht mit ihrem Verlobten, wie er mit ihr bricht. Sie sagt ihm: Magst du mich, so mag ich dich. Magst du mich nicht, so mag ich dich auch nicht. Ich gestehe Ihnen, dass eine solche Ergebenheit in die Wege des Schicksals bis an's Fahrlassige grenzt. Und weil ich doch aus ihrer Erzahlung herausfuhle, dass sie keineswegs in andern Dingen fahrlassig, sondern eifrig, emsig ist, so kann ich mich nicht erwehren, sie sogar fur ein ganz klein wenig trotzig zu halten und ich glaube, ihr alter Onkel schickt ihr seine kleinen Nichtchen deshalb so selten auf ihr einsamgelegenes Schlosschen, nicht weil er furchtet, dass die kleinen Madchen bei ihr herrnhutherisch werden, sondern weil sie ein reizbares und recht apartes altes Jungferchen ist.

Die Manner billigten diese eigenthumlich vorgetragene, fast wie zwischen Zerbrechlichem mit verbundenen Augen behutsam auftretende Auffassung vollkommen und Rudhard wollte sogar noch weiter gehen und wieder von seiner beliebten Muckerei anfangen ...

Nein, nein, sagte Anna mit freundlicher Drohung, weiter nicht! Sie sollen auch gar nicht loben, Herr Pfarrer; ich bin Ihnen doch noch etwas bos mit Ihrem Don-Quixote!

Dankmar bekam von den Andern die Aufklarung uber diese Erwahnung des Don-Quixote ...

Dass ich Recht habe, gnadige Frau, sagte Rudhard, bestatige Ihnen der Anblick da oben!

Die Gesellschaft war namlich wieder an den Anfang des Gartens gekommen, dem zur Seite der Hof mit einem Wirthschaftsgebaude, einer Remise und dem Stalle lag. Uber dem Stalle war ein kleines, zwar langliches, aber niedriges Mansardenfenster. Es war offen. Ein Mann in weisser Piquejacke sass an dem Fensterbret und las mit aufgestutztem Kopfe tief in einem Buche verloren ...

Alle lachten; denn sie waren uberzeugt, dass dies Peters war, der eben den Don-Quixote las ...

Nun, rief Dankmar hinauf, hat Saul den Esel seines Vaters gefunden?

Peters, der die Anspielung auf seine Bibel und die Begegnung im Park von Solitude nicht verstand, fuhr erschrocken auf und wollte sich zuruckziehen ...

Ei, so bleibt doch, Peters! sagte Rudhard hinauf zu dem in grosster Verlegenheit nach dem Kopf greifenden Peters, der nicht wusste, wie man ohne Mutze oder Hut grussen sollte. Mit wem hat es denn jetzt der tolle Junker?

Peters lachte nur mit verklartem, abwesendem Angesicht.

Dankmar wollte etwas von der Kathrine horen ...

Ich wette, sagte Siegbert, als Peters nicht antwortete, er besinnt sich, ob Kathrine eine von den Magden ist, die dem Junker Don-Quixote fur Edelfraulein gelten ...

Kennt Ihr uns denn nicht? sagte Dankmar.

Nun erst besann sich Peters und kam grussend aus seiner Lekture wieder in den Zusammenhang mit der Welt. Alle lachten und mussten dem Pfarrer bestatigen, dass er ein vortreffliches Mittel gefunden hatte, einen eifersuchtigen Mann von seinen Grillen abzubringen. Man kehrte auf das Parquet zuruck und folgte der Aufforderung, von dem Fruchttische zu geniessen, den man nicht genug bewundern konnte.

Olga entzog sich verschamt allen Lobeserhebungen uber Das, was Rudhard heute fur ihre Idee und ihre Schopfung erklarte. Man fand das eigene Madchen allgemein schon, liebenswurdig und sagte, als sie sich entfernt hatte, der Mutter mannichfache Artigkeiten uber ein Kind, das sich seit der kurzen Zeit ihrer Anwesenheit so auffallend entwickelt hatte. Die Furstin nahm diese Freundlichkeiten mit jenem Takte hin, der dem Gebildeten unter allen Umstanden eigen ist und ihn immer Das treffen lasst, was sich nach den allgemeinen Gesetzen in solchen Fallen geziemt oder am Platze ist. Rudhard sah schon tiefer und blickte voll Unmuth zur Erde. Er beschaftigte sich mit den Kleinen; denn die Gesellschaft zerstreute sich theilweise im Garten und fing an, sich in gleichgestimmte Paare aufzulosen, wahrend die Furstin und die Gelbsattel's auf dem Parquet blieben ...

Der Propst und die Trompetta schienen es auf Siegbert abgesehen zu haben. Sie nahmen ihn bei Seite und begannen vom Gethsemane. Der Propst ruhmte die ausgezeichneten Blatter dieses Albums, vorzugsweise aber die Farbenskizze Siegbert's. Einen Vorschlag, den er an sein Lob anknupfen wollte, unterbrach die Trompetta mit dem Jammer uber das Ungluck, das ihr eine Laune des Hofes bereitet hatte. Sie wollte von den Mannern Vorschlage horen, wie sie ihre Sammlung zum Besten eines wohlthatigen Zwekkes veraussern konnte. Es blieb nichts ubrig, als ihr eine Lotterie anzurathen. Sie schlug den Werth des Albums auf den Betrag von tausend Thalern an und zweifelte durchaus nicht, tausend Loose, jedes zu einem Thaler, absetzen zu konnen. Das Album sollte zu dem Zwecke einer Einladung und Ermunterung in den Salen des Kunstvereins aufgelegt werden. Nun aber handelte es sich um die Verwendung des eingegangenen Geldes. Frau von Trompetta hatte damit etwas Zeitgemasses im Sinne. Sie sprach von den im Kampfe gegen die Demokratie hier und da gebliebenen oder verwundeten Kriegern und von deren Angehorigen, fand aber bei Siegbert sowol wie beim Propste lebhaften Widerspruch. Jener erklarte eine solche Verwendung fur eine politische Demonstration, die er nimmermehr unterstutzen, ja gegen die er sowol wie mancher seiner Freunde, die zu dem Album beigetragen hatten, entschieden protestiren wurde. Dieser konnte nicht umhin, Siegbert Recht zu geben. Er lehnte zwar jede Ubereinstimmung mit Siegbert's politischen Motiven ab, meinte aber doch auch, dass die Zeit noch nicht reif ware, in einer solchen Verwendung des Albums jene Harmlosigkeit zu erblicken, die denn doch von den Kunstlern, die diese Idee unterstutzten, vorausgesetzt wurde ... Zu diesem Streit gesellte sich in diesem Augenblicke Leidenfrost, der nach seinen Feuerwerksvorbereitungen sehen wollte. Der Propst wusste es so geschickt zu wenden, dass er mit Siegbert plotzlich abbog und die Trompetta mit Leidenfrost allein liess, bei dem sie, da er sehr praktisch war, noch einige Winke uber ihre Plane zu gewinnen hoffte, so abgeneigt sie ihm seiner Richtung nach auch sein musste. Man kann sich vorstellen, wie komisch diese Unterhaltung ausfiel. Leidenfrost hielt durchweg den Ton der Ironie fest, den die Trompetta, erfullt von ihrem Gegenstande, nicht fuhlte. Er rieth ihr ohne Zweifel die wunderlichsten Wege an und machte die Frau wol nur noch verwirrter, als sie schon war.

Der Propst aber sprach sich so misbilligend uber die Ostentation dieser Frau aus, dass Siegbert Vertrauen gewann und das ihm fur seinen Nicodemus gespendete Lob nicht zuruckwies.

Ich habe eine Idee mit dieser Skizze, sagte der Propst. Ich wunschte wohl, dass Sie Veranlassung fanden, sie in grossern Dimensionen und am liebsten al fresco auszufuhren.

Die Frescomalerei, sagte Siegbert, ist mir noch zu wenig gelaufig. Ich habe darin Ubungen gemacht, wurde aber kaum wagen, sie vor Jemanden sehen zu lassen ...

Und dennoch, fuhr der Propst fort, muss man Wande haben, um sich daran vervollkommnen zu konnen. Ich schlage Ihnen vor, Ihre Skizze in einer Kirche auszufuhren, die im vorigen Jahre theilweise abbrannte und neuerdings wiederhergestellt ist. Die Gemeinde ersucht mich, ihr Vorschlage zu einigen durch Kunstlerhand auszufuhrenden Zierrathen zu geben. Da sie reich ist, da dem Bau noch manche Summe zu Gebote steht, so schlag' ich Ihnen vor, die Gemeinde zu besuchen und sich mit ihr uber diese Idee zu verstandigen.

Siegbert war von dem Vorschlage sehr angenehm uberrascht und fragte nach dem Namen des Ortes.

Das grosse und reiche Dorf Schonau, auf dem Wege von hier nach Hohenberg.

Siegbert lehnte das Anerbieten durchaus nicht ab. Er erklarte sogar, dass ihm nichts erwunschter sein konnte, als die ersten Proben der Technik, die er sich in der Frischmalerei erworben hatte, an einem Orte zu versuchen, wo er die allzustrenge Kritik nicht herausforderte.

Das ist sehr weise gedacht! sagte der Propst. Reisen Sie hin! Beginnen Sie das Werk!

Sie vergessen, Herr Propst, sagte Siegbert, dass diese Unternehmung nur im warmen Sommer begonnen werden kann.

Das ist wahr! besann sich kunstlich der geubte Kunstkenner. Allein man macht vorlaufig seinen Uberschlag, Sie prufen die Ortlichkeit, Sie nehmen mit dem Vorstande der Gemeinde Rucksprache. Auch wusst' ich sogleich eine Veranlassung, sich in Schonau den Leuten werthvoll und angenehm zu erweisen. Man wunscht bei der Einweihung der Kirche, die am Martinstage stattfinden soll, die Wiederherstellung einiger glucklicherweise aus dem Brande geretteter Bilder aus der altdeutschen Schule. Ich entsinne mich, bei fruheren Inspektionsreisen in der Schonauer Kirche zwei vortreffliche Kranach's und einige Bibelscenen gesehen zu haben, die, wenn nicht von Albrecht Durer selbst, doch aus seiner Schule sind. Zu dem neuen frischen Anblick der wiedererrichteten Kirche wunscht man diese Bilder so lebhaft und anmuthig als moglich zu restauriren. Auch dafur, hab' ich gedacht, entschiede sich gewiss Ihre kundige Hand und Sie nahmen die Entschadigungen mit, die man Ihnen dafur bieten wurde.

Siegbert freute sich der wohlwollenden Versohnlichkeit, die aus diesen Anerbietungen des Propstes zu sprechen schien und druckte ihm unverhohlen die angenehme Uberraschung aus, die er uber diese Antrage empfand.

Bester Freund, setzte Gelbsattel mit einem eigenthumlichen kaustischen Ausdrucke hinzu, bis zu dem Tage, wo Ihnen das Obertribunal in letzter Instanz eine Million zu Fussen legt, durfte es noch ziemlich lange hin sein.

Glauben Sie nur nicht, sagte Siegbert, dass ich irgendwie die sanguinischen Hoffnungen meines Bruders theile! Ich darf mich naturlich seinen Unternehmungen nicht entziehen und lasse Das, was eine gewisse Wahrscheinlichkeit fur sich hat, ihm zu Liebe gern fur Gewissheit gelten. Seh' ich doch, dass ihn diese Angelegenheit nicht lassig, sondern im Gegentheil eifrig macht. Sie schlagt in sein Fach, sie nahrt seine Studien. Und ich selbst finde wenigstens Den Gefallen an den Verhandlungen, dass ich mich des Uberblickes der Zeiten erfreue, an vergangene Zustande meiner Familie zuruckdenke und an den grossen Widerspruchen der Verhaltnisse, die unser Leben erfullen, einen personlichen Antheil habe.

Dies Vergnugen wird Ihnen aber viel Geld kosten! warf Gelbsattel etwas bitter hin ...

Das ist wahr, sagte Siegbert, wir mussen schon jetzt Opfer bringen und haben alle Ursache, uns einzuschranken. Sie sehen mich auch deshalb nicht abgeneigt, eine Gelegenheit zu ergreifen, mir meine Kunst ergiebig zu machen. Leider fesseln mich fur den Augenblick so viele Dinge ...

Schutteln Sie doch diese Fesseln ab! sagte der Propst. Ihr jungen Manner lebt in einer glucklichen Zeit! Welche Muhe hatten wir einst, unsre Wunsche auszufuhren, unsre Wirkungskreise zu verandern! Jetzt reist Das hin und her; im Fluge ist man unter andre Verhaltnisse versetzt. Ein junger Geistlicher, Oleander, hort heute von einem Vikariat in Plessen, von der unbesetzten Stelle des einige Zeit beurlaubten Pfarrers Stromer; morgen ist er schon unterwegs und tritt dieses Amt an, das ihm den Weg zu besseren Amtern bahnen soll ...

Oleander? fragte Siegbert, der den Namen schon oft, auch einigemale sonderbarerweise von Louis Armand gehort hatte. Irr' ich nicht ...

Sie werden Manches von ihm gelesen haben ...

Es ist der Verlobte ...

Meiner altesten Tochter? Glauben Sie Das nicht! Wo junge Madchen sind, stellt sich sogleich bei jedem mannlichen Besuche ein solches Vorurtheil ein. Es ist wahr, ich habe diesen Oleander gehoben. Er hat das Sabbathspredigerstipendium in der Dreieinigkeitskapelle, er geniesst manchen Vortheil, der fur seine Jahre und Einsicht unverhaltnissmassig ist; da zeigt er sich auch als Einen der Undankbaren und Vermessenen, die Alles nur sich selbst danken wollen, reisst sich von den behaglichsten Verhaltnissen los und ubernimmt jenes elende Vikariat

Siegbert war fast im Begriff, diese Handlungsweise Oleander's edel und schon zu nennen, als ihr Gesprach durch eine Storung unterbrochen wurde. Sie waren dem Hause wieder naher gekommen, als Siegbert am Gitter des Gartens im Hofe einen jungen Soldaten erblickte, der schuchtern die Thur offnete und sich nach Jemanden, den er zu suchen schien, umsah. Siegbert ging zu dem jungen Soldaten hinuber, um ihn nach seinem Anliegen zu fragen. Dieser trat mit dem schonen Anstande, der einem gebildeten Krieger eigen ist, naher, fasste an seinen Tschako und wunschte Herrn Dankmar Wildungen zu sprechen.

Warten Sie einen Augenblick! sagte Siegbert und empfahl sich dem Propste. Er wollte den Bruder im Garten suchen.

Da trat ihm dieser aus einem schattigen Gange, Fraulein von Flottwitz begleitend, schon entgegen. Er erkannte sogleich den Sergeant Heinrich Sandrart, dessen sich der Major von Werdeck ofters zu Auftragen bediente bei der nahern Beziehung, die zwischen diesem Offizier und den Brudern seit einiger Zeit besonders durch Leidenfrost eingetreten war ...

Heinrich Sandrart, der etwas leidend aussah, uberreichte Dankmarn ein Billet von dem Major. Wahrend dieser las, trat Fraulein Wilhelmine dem Sergeanten naher und fragte:

Garde?

Garde!

Erstes Regiment?

Zweites Regiment!

Dritte Compagnie?

Dritte Compagnie!

Lieutnant von Aldenhoven?

Sandrart musste alle Fragen der unterrichteten, kriegskundigen Offizierstochter fast zustimmend beantworten.

Dankmar trat naher und sagte dem Sergeanten:

Eine Empfehlung an den Major! Sehr erwunscht. Wir wurden die Ehre haben, ihn zu erwarten.

Damit legte Sandrart die Finger an den Tschako und wollte sich entfernen zum Entzucken der Flottwitz, die sich an seiner Haltung und dem Hereinragen auch des Militairischen in dieses Fest nicht genug weiden konnte. Aber schon hatten auch Paulowna und Rurik von einem Soldaten gehort, waren herbeigesprungen und betasteten diesen Krieger, seinen Sabel, die Aufschlage seiner Uniform, die Tressen, wie den Schmuck einer Figur ...

Sie sind Heinrich Sandrart? fragte Dankmar.

Zu dienen, mein Herr!

Es ist schon einige male, dass wir uns sahen; Sie blasen die Flote, sind fleissig, wollen Ihr Fahnrichexamen machen?

Hat Ihnen Das der Major gesagt?

Der Major halt grosse Stucke auf Sie!

Er verdient, dass sein Bataillon fur ihn durch's Feuer geht.

Die Flottwitz hatte etwas auf der Zunge, was sie auszusprechen durch die Kinder verhindert wurde. Olga, die das Gesprach in der Ferne beobachtet hatte, war gleich so wohlwollend gewesen, ein Glas mit Wein fullen zu lassen, es auf ein lackirtes Bret zu stellen, ein Stuck Kuchen hinzuzulegen und den Kindern zum Uberbringen an den hubschen Soldaten zu ubergeben. Diese fassten den Teller Beide zugleich an und trugen ihn behutsam, doch nicht ohne bedeutende Schwankungen und Verschuttungen. Dankmar redete Sandrart zu, zu nehmen und wollte Olga einen freundlichen Blick zuwerfen; doch war Olga schon wieder verschwunden ... Es trieb sie eben wie ein Irrlicht unruhig bald da-, bald dorthin, ruhelos, unstat, wie ihre dunklen Augen selbst hin und wieder gingen ...

Die dritte Compagnie steht in keinem guten Rufe; sagte die Flottwitz.

Wer sagt Das? antwortete Sandrart.

Die ganze Armee!

Sandrart schwieg. Es lag ausserhalb der Disciplin, hier Ansichten auszusprechen.

Ein guter Soldat, fuhr die Flottwitz begeistert fort, soll treu seinem Konige dienen, treu der Fahne, auf die er geschworen hat.

Sandrart ass in steifer Haltung seinen Kuchen, trank seinen Wein und schwieg.

Die Ehre des Kriegers, fuhr das gerothete, jetzt flammende Madchen fort, ist der Gehorsam. Wenn sich die Bande der Disciplin lockern, wird die Kraft eines Heeres gelahmt. Das unsrige hat seine Schlachten nicht dadurch gewonnen, dass ein Jeder dazwischen redet und vom Volke fabelt, sondern dadurch, dass es fur seinen Konig Blut und Leben dahingab und seinem Vorgesetzten selbst dann gehorchte, wenn eine Armee auch nur unter den Waffen steht und zusehen muss, was die Weisheit seines Fursten so oder so beschliesst.

Sandrart schwieg.

Krieger, fuhr das seltene Madchen, die in der That den Namen einer neuen Jungfrau von Orleans verdiente, fort, Krieger, die sich von der Demokratie irre machen lassen in ihrer Pflicht, verdienen den Namen der Tapfern nicht. Sie schanden die glorreiche Uniform, die sie tragen. Sie verletzen ihren Eid, den sie dem Fursten geschworen, und ein Eid ist heilig, heilig wie das Evangelium. Sagen Sie Das der dritten Compagnie, die eine Fahne tragt, die von Kugeln zerfetzt ist in zwanzig Schlachten, eine Fahne, die eine Ahnin des koniglichen Hauses selbst gestickt hat!

Sandrart wischte sich den Mund, trat einen Schritt zuruck und machte seine Honneurs, um zu gehen. Die Kinder gaben ihm bis auf die Strasse das Geleite. Der junge Soldat hatte nichts erwidert, nichts politisirt ... er schwieg.

Dankmar aber musste, als er mit dem Fraulein allein war, in ein lautes Lachen ausbrechen.

Bestes Fraulein, sagte er; in Ihrer Rede war fur meinen verlorenen unglucklichen Standpunkt jedes Wort ein Lustspiel, aber auch fur den tragischen Standpunkt dieses jungen Mannes keine Tragodie!

Wie so? fragte Wilhelmine mit einer Massigung, die im Widerspruche zu ihrer aufwallenden Mahnung an die beruchtigte dritte Compagnie des zweiten Garderegimentes stand.

Sie gingen wieder allein, Beide dem dunkeln Gange zu.

Dies Paar war heute zum ersten male in eine personliche, durch Gesprach verbundene Beziehung gekommen und wunderbar rasch, wie zwei chemische Stoffe, die sich vereinigen, um zu explodiren, hatten sie sich wahrend des Festes gesucht und gefunden. Es gibt Begegnungen, die gleich bei der ersten Begrussung das Facit langst angelegter Beziehungen sind. Dankmar und Fraulein von Flottwitz kannten sich, ohne sich gesprochen zu haben. Sie gewannen sogleich eine Vertraulichkeit, die schnell uber die ersten Vorbereitungen einer Verstandigung hinausging. Da das junge Madchen etwas vorstellte und bedeutete, da sie ein Ziel und Streben hatte, so musste sie dem jungen Manne von Interesse sein. Nichts kurzt ja die Verlegenheiten, die man der unbestimmten Gefuhlswelt und der geheimnissvollen Existenz eines Frauenherzens gegenuber empfindet, so sehr ab, als wenn ein weibliches Wesen doch auch einmal ein wenig mehr ist als nur eine blosse Tabula rasa, die erst die Liebe, die kunftige Begegnung mit dem Manne, der sie wahlt, mit Charakteren beschreibt. Anders wenigstens ist es kaum zu erklaren, wie sich Dankmar und Friederike Wilhelmine so schnell in eine gewisse, Allen auffallende Vertraulichkeit fanden ...

Sie haben, sagte Dankmar, diesen jungen Soldaten wie eine Puppe von Holz behandelt und ich kann Ihnen die Versicherung geben, dass das trotz seines Schweigens ein sehr gebildeter Mensch ist. Er blast die Flote, liebt die Empfindsamkeit, denkt schwarmerisch, macht leidliche Verse, hat Kenntnisse in allen Fachern und ist der Erbe eines sehr bedeutenden Vermogens. Er nahm den Wein und Kuchen mit einem Anstand, den Sie mussen gewurdigt haben. Er hatte gern gesagt: Ich bin kein Bettler, kein Bote, ich bin ein freier Mann und ich schweige auch zu den Ermahnungen des Frauleins nur, weil sie wunderschone blonde Locken, einen reizenden Teint, sprechende dunkelblaue Augen, kirschrothe Lippen und Zahne wie von Elfenbein hat!

Spotten Sie, rief Wilhelmine fast erbebend und warf einen ihrer in der That schmelzenden Blicke ernst und vorwurfsvollzitternd auf Dankmar, den sie ohne Zweifel in Folge der Gesetze von der Polaritat seit der Begegnung an der Terrasse von Solitude fast zu lieben schien ...

Ich spotte nicht, Fraulein! sagte Dankmar mit seinem gewohnten feinen Lacheln. Ich kann mir keine reizendere Form der Bellona denken. Sie haben etwas von einer Hohenpriesterin Ihrer Uberzeugung! Und aufrichtig gestanden, ich gonne unsern Lieutenants, wie sie so kommen und gehen und das Trottoir der Residenz beherrschen, nicht die Poesie, die in Ihrer enthusiastischen Vertheidigung der reactionairen Staatsprincipien liegt!

Es geht mir mit Ihnen fast ebenso, sagte das junge Madchen beklommen, schuchtern und hocherrothend. Ich gonne den Demokraten nicht, dass Sie zu ihnen gehoren.

Dankmar warf die Augen fluchtig in die Runde, ergriff ihre linke Hand, kusste sie rasch und erwiderte:

Bekehren Sie mich, Fraulein!

Wilhelmine zuckte zusammen. Sie liess die Hand in Dankmar's Rechten; er musste fuhlen, dass sie zitterte ...

Ihr Bruder, sagte sie nach einer Weile sich sammelnd und die Hand wieder zuruckziehend, Ihr Bruder schwarmt uber die Gesellschaft und verfolgt bunte Traume, die sich nie verwirklichen werden. Sie aber sind viel schlimmer. Sie haben Ihren Geist wie ein Arsenal mit lauter feindseligen Waffen gegen das Bestehende ausgerustet. In Ihrem Kopfe leben nur Mordgewehre, Dolche, Barrikaden. Jedes Wort, das Sie uber offentliche Dinge sprechen, klingt mir wie Hohn in's innerste Herz. Es ist die Trommel des Aufruhrs, die Sie ruhren, und mich schmerzt es, dass Sie vielleicht in Verbindungen stehen, die Ihnen gefahrlich werden konnen. Was haben Sie mit diesem unglucklichen Werdeck zu thun?

Wir treiben zusammen Schadellehre, sagte Dankmar. Er hat einen prachtigen Kopf, der mich physiognomisch unterhalt und ihn unterhalt wieder mein Kopf. So befuhlen wir uns gegenseitig und sagen uns phrenologische Schmeicheleien.

Weichen Sie mir nicht aus! Ich weiss sehr wohl, wie Sie mit Werdeck bekannt geworden sind.

Wie denn, mein Fraulein?

Sie ritten mit Lasally, Aldenhoven und einigen Offizieren vor mehren Wochen nach Burgheim. Nicht wahr?

Sehr oft thun wir Das.

Eines Tages begegnete Ihnen zu Pferde Werdeck ...

Sehr oft begegnet er uns ...

Er schloss sich Ihnen an. Es gab Unterhaltungen und zwei Parteien. Sie und Werdeck bildeten die Minoritat. Es entstand Bekanntschaft, Verstandigung, Freundschaft ...

Und zuletzt eine Verschworung? Nicht wahr?

Bewahre Sie der Himmel davor! Ich warne Sie vor Werdeck. Erschraken Sie nie vor seinem unheimlichen Auge? Oder fesselt Sie doch nicht die wilde Leidenschaftlichkeit seiner Frau?

Ah! Ich hatte nie geglaubt, dass die Inquisition so schone Dienerinnen hat, wie Sie, Fraulein Wilhelmine ...

Ich habe mehr von Ihnen und Ihren Umgebungen gehort, als ich Ihnen wiederholen mochte ...

Was wissen Sie von mir und jener Frau?

Der Majorin von Werdeck?

Ich hoffe, Sie wissen, dass ich sie noch in meinem Leben nicht gesprochen habe. Mein Bruder malte ihr Bild und ass zuweilen bei den Werdeck's polnische Pirotkis.

Und Leidenfrost? Dieser Aufwiegler der Werkstatten, dieser Fuhrer der Handwerker, dieser cynische Robespierre ...

Steht in einer geheimnissvollen, mir dunkeln Beziehung zu jener Familie, das ist wahr. Aber ich glaube nicht, dass dabei die Politik eine Rolle spielt ...

Die gefahrlichste! Die Verbindung mit Polen soll in jenem Hause unausgesetzt unterhalten werden. Der leidenschaftliche Katholicismus der Majorin ist der Deckmantel ihrer wahren Gesinnung. Man weiss, dass sie Seelenmessen fur Menschen lesen lasst, die in Sibirien gestorben sind. Durch Klosterverbindungen verstandigt man sich mit Denen, die in Krakau und Warschau nur auf den Augenblick harren, um doch wovon unterhalt' ich Sie!

Ich staune, Fraulein! rief Dankmar, dem alle diese Ausserungen ubertrieben und verleumderischen Entstellungen nacherzahlt vorkamen. Welche Chronik!

Trennen Sie sich von diesen Umgebungen! sagte das Fraulein drangend und mit grosser Innigkeit. Uber Allen, die mit Werdeck verkehren, zieht sich eine machtige dunkle Wolke zusammen ... Ihr Process, Herr Wildungen- wussten Sie nur, was man davon spricht!

Ich lausche mit Spannung ...

Wolle der Himmel verhuten, dass Sie jemals diese grossen Reichthumer gewannen! Sie wurden sie nur dazu anwenden, die Revolutionen aller Staaten zu unterstutzen.

Ah so! Nein, mein Fraulein! Ich wurde sie nur dazu anwenden, einmal irgend ein Wesen, das ich liebe, mit allen Reizen des Gluckes zu umzaubern. Ich baute diesem Wesen Villen, hangende Garten, Palaste ... Aber im Ernst, Fraulein, sind diese Gesinnungen der Loyalitat, die Ihre schone Stirn mit einem Heiligenschein umgeben haben, wirklich Ihre innersten Uberzeugungen? Ich weiss es, ich frage fast so dreist, wie man eine Prophetin fragen wurde, ob sie wirklich an den Gott glaube, von dem sie sich ergriffen erklart? Aber wir haben denn doch die Bucher der Geschichte aufgeschlagen vor uns liegen. Sie sind doch auch den Frauen zuganglich und ich weiss es, die Bildung ist Ihnen, mein Fraulein, ein theures Wort. Sagen Sie mir nur um's Himmelswillen, kennen Sie denn Das nicht, was wir Manner Kritik nennen? Es ist Ihnen also unmoglich, die Zeit im Grossen und Ganzen aufzufassen und zu fuhlen, dass Ihr und Ihrer Genossen Wirken und Denken eine reine Selbsttauschung ist?

Fraulein Wilhelmine bat Dankmar, auf einer Bank, die ziemlich am Ende des Gartens unter dem Weinlaubdache stand, Platz zu nehmen. Sie setzten sich ...

Sie sagen, begann sie gesammelt und mit einem Sonnenschirme spielend, dass Ihnen etwas an uns unbegreiflich ist und wir sind in dem gleichen Falle uber Sie und die Ihrigen. Kann man gemeinschaftliche Sache mit Menschen machen, die die Fackel der Emporung anzundend nur Verwirrung wollen, um sich zu bereichern oder zu Ehrenstellen aufzuschwingen! Wie schonungslos hat man zerstort! Forschen Sie den Tonangebern nach! Es sind meist nur ruinirte, zweideutige Mitglieder der Gesellschaft. Kann man Freiheit da finden, wo nur die Rohheit und Sittenlosigkeit das Recht bekommt, glanzende Gewander um sich zu werfen! Sehen Sie die kecken Gebehrden der verworfensten Individuen, die es jetzt wagen, der Sitte und dem Anstande Hohn zu sprechen. Kann man wunschen, dass je die Gesellschaft diesem Pobel preisgegeben wird, diesem Pobel, der in meinen Augen auch unter den Menschen steckt, die ausserlich anstandig gehen. Man wuhlt nur, um seiner jammerlichen, ehrgeizigen und habsuchtigen Leidenschaften willen.

Die Musik spielte in der Ferne. Die Kinder jagten sich. Die Paare wandelten auf und ab. Man mied das von seinen Fruchten befreite Weinlaubdach ...

Dankmar, dem diese Unterhaltung von psychologischem Interesse war und dem die Situation einer Verstandigung zwischen zwei so verzweifelten Gegensatzen, wie sie von ihm und diesem Fraulein vertreten wurden, fesselnd erschien, erwiderte:

Sie sind in diesem Augenblicke viel aufrichtiger gegen mich, als Sie es gegen die Welt sind.

Wie so? fragte Wilhelmine.

Der Welt gegenuber stellen Sie die Hingebung an den Thron und die Interessen der absoluten Monarchie wie etwas Ursprungliches dar, wie eine Art Religion; wahrend Sie doch eben verriethen, dass dies System, wie ich es nennen mochte, nur die Folge einer sehr klug angestellten Reflexion ist.

Welcher Reflexion?

Sie fuhlen, dass mit der Demokratie in der Art, wie sie Ihnen erschienen, nicht gut zu leben ist und verwerfen sie deshalb ohne Weiteres, indem Sie eine Anbetung der Monarchie, eine Vergotterung der Hebel derselben befordern, die das Ubel, das Sie bekampfen wollen, nur arger machen wird.

Man muss dem Throne Kraft geben, den Arm der Fursten starken, die Burgschaften der Ordnung befestigen!

Alles Politik! Alles Reflexion! Durchaus keine Religion, durchaus keine Andacht! rief Dankmar und ruckte seiner Gegnerin naher, indem er einige welke Weinblatter, die auf ihren Nacken gefallen waren, weglas ...

Nennen Sie es Tugend, wenn man sich dahin stellt, wo man die Gefahren der Gesellschaft abgewendet sieht! antwortete das Madchen bestimmt und von Dankmar's Spiel durchrieselt.

O nein, Das nenn' ich Instinkt, Selbsterhaltungstrieb, erwiderte Dankmar und nahm ihr wie spielend den Sonnenschirm aus der Hand. Mein bestes Fraulein, Sie vertheidigen sich nicht gut. Sie mussen so, wie Sie einmal sind, sagen: Ein Demokrat ist das nicht relativ, sondern absolut Verwerflichste, und die Liebe, die ich zum Konige, zu den Prinzen, zu den guten Ministern, zu dem Adel, zur Armee habe, die ist etwas Unerklarliches, die entspringt aus dem Gefuhle, das einst die Christen trieb, das Kreuz zu nehmen und in's gelobte Land zu ziehen. Sie zerstoren mir ja durch Ihre Theorie den ganzen Heiligenschein, den ich um Ihre schonen Locken erblickte.

Wilhelmine sah gedankenvoll empor. Es durchbebte sie etwas von einem Gefuhle, von dem sie sich keine Rechenschaft zu geben wusste. Sie ahnte fast, dass Dankmar fur sich Recht hatte. Sie konnte ihm nur nicht sagen, dass es eins der schmerzlichsten Gefuhle, das die Seelen unserer Zeit zerreisst, genannt werden muss, Menschen, die man liebt und verehrt, in Ansichten gefangen zu sehen, die man selbst nicht theilen kann. Sie hatte sich im Stillen auf Dankmar's Standpunkt gestellt, mit ihm verhandeln, ihn in ihre Gedankensphare hinuber ziehen wollen und nur deshalb fur etwas, was allerdings auch in ihr rein ursprunglich, wie eine visionare Anschauung lag, aussere Grunde des Verstandes gesucht. Sie sagte:

Darf ich denn wagen, mich Ihnen so zu geben, wie ich bin, ohne von dem starkeren Geiste verspottet zu werden? Ich sehe, Ihre Menschenkenntniss fuhlt mir vollkommen die Empfindungen nach, die meine wahren sind. Sagen Sie mir aber Das: Warum ergreift Sie nur nicht auch das Gefuhl, Ihren Konig geehrt und machtig zu sehen, seinen Herrscherblick vielleicht auf Sie selbst niederzulenken, die Fahnen unserer Krieger stolz entfaltet zu schauen, von unsern Schlachten zu lesen und sich glaubig, nichtig, ergeben zu fuhlen in dem grossen, gefeierten, heiligen, aber von Andern geleiteten Ganzen, das man den Staat nennt?

Das will ich Ihnen sagen, mein Fraulein! antwortete Dankmar ernst und voll Antheil. Die Geschichte und das Leben haben mich gelehrt, dass die grossen Ideen nur an der Wiege, als sie geboren wurden, unschuldig und heilig waren. Das Christenthum war unschuldig und heilig, als es in Galilaa gepredigt wurde. Als es heranwuchs, gedieh, erstarkte, musste sich der Denker schon wieder von ihm abwenden. So kann ich in politischen Dingen auch nur die Vasallentreue eines Bayard unschuldig und heilig nennen, und fur die Dichtkunst haben die Empfindungen, die in Ihnen, mein Fraulein, leben, einen grossen, auch mir sehr bedeutenden Werth. Anders aber ist es auch hier mit der erstarkten Idee der Loyalitat, wenn auf ihr Institutionen wurzeln, Systeme. Da seh' ich, dass zuviel Luge, zuviel Egoismus von jenen Institutionen in Schutz genommen wird. Ich sehe, dass sich boser Wille, Unterdruckung, Anmassung zu gut bei jenen Systemen unterbringen lasst und muss deshalb auch das Gute, das ihnen zum Grunde liegen mag, leider zerstoren, der Schlupfwinkel wegen, die das Bose hier im Guten findet. Ich bin nicht blind fur die Fehler der Revolution. Auch sie war an ihrer Wiege in Rousseau's Schriften ein reiner keuscher Gedanke. Man kann nicht reiner und unschuldiger uber den Staat denken, als damals gedacht wurde, als im Enthusiasmus fur Freiheit und Gleichheit aller Menschen die Adeligen Frankreichs ihre Privilegien selbst auf den Altar des Vaterlandes legten. Aber auch die Revolution ist entartet, degenerirt. Nun kann der Denker nur in der Mitte stehen und da seine Hand bieten, wo noch der meiste Rest von der Wiegenunschuld der Ideen ubriggeblieben ist und ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, dass das Zeitalter der Revolution junger als Bayard ist. Die Pflicht der Menschen soll sich an das Gute der Revolutionen anschliessen, von Nichts aber, bei aller Nothwendigkeit der Massigung, des langsamen Fortschreitens, des Abwagens der Ubergange, von Nichts sich entfernter halten, als von dieser rein vegetativen, alles Denken verbannenden, instinktmassigen Verehrung der Institutionen, die das neue Zeitalter anzweifelt. Man kann diese Institutionen noch eine Weile stutzen, man soll es; aber man versundigt sich an Gott, wenn man sie anbetet und z.B. mit einem Soldaten so spricht, wie Sie es eben mit diesem Heinrich Sandrart gethan haben.

Friederike Wilhelmine blieb eine Weile nachdenkend und schwieg. Dann sagte sie rasch und aufseufzend:

Wir verstandigen uns nicht!

Sie erhob sich gerade noch zur rechten Zeit, ehe die ganze Gesellschaft sie Beide in dieser Situation auf der einsamen Bank uberraschte ...

Es war nun fast sieben Uhr und schon ziemlich dunkel. Jeden Augenblick erwartete Leidenfrost seine Unterstutzung zum Losen des Bollers und zum Steigenlassen der Raketen. Die Musiker, die unermudet fortfuhren, sanfte Harmonieen durch die Busche hin aus der Laube zu entsenden, hatten schon Licht. Auch in dem Salon, in den unmittelbar eine Thur des Hauses vom Garten fuhrte, brannten Kerzen. Die Trompetta verlangte von Anna von Harder ein Musikstuck auf dem Klavier. Die Schwester Paulinen's hatte aber ihre Freude meist nur mit den Kindern und dachte daran, heimzukehren nach Tempelheide. Selbst Siegberten, der ihr so sympathisch war, mochte sie in seinem Verkehr mit den jungern weiblichen Anwesenden nicht storen. Man bat, man drangte in sie noch zu bleiben, zu singen, zu spielen, wenigstens jedenfalls die Raketen abzuwarten. Sie konnte sich denn der Bitten nicht erwehren und willigte ein, auch am Piano das Duett zu begleiten, das die Trompetta und Wilhelmine singen wollten. Bald auch erscholl von den zwei kraftigen Stimmen ein Duett aus dem Judas Maccabaus.

Ein krachender Bollerschuss unterbrach diesen Gesang und die Aufmerksamkeit der um den Flugel geschaarten Zuhorer. Zu gleicher Zeit zischte unbekummert um die Cadenzen der Trompetta eine Rakete in die Hohe. Die Musik war abgebrochen. Alles trat in Shawls und Mantillen gehullt hinaus in den schon kuhlen, jetzt vollig dunkel gewordenen Garten. Leidenfrost's drei Gehulfen mussten angekommen sein. Die Kinder rannten uber die Beete, die Damen suchten den gunstigsten Ort, um, sicher vor dem Niederschlag der abgebrannten Praparate, doch von dem Lichteffekte derselben sich nichts entgehen zu lassen. Uberall her in den umliegenden Garten wurde es lebendig. Das Feuerwerk fand Zuschauer, die draussen am Hinterzaune, der schon in's Feld fuhrte, bei besonders gelungenen Effekten Beifall spendeten.

Der erste Bollerschuss und die Rakete war nur ein Signal. Es folgte nach einiger Pause ein zweiter und wieder eine Rakete. Dann ein dritter und jetzt eine Leuchtkugel. Ah! ertonte es in diesem ganzen fashionablen Quartier. Anna von Harder, die Unruhe und Eile hatte, dachte, ob wohl auch druben die Schwester sich an's Fenster stellen und an dem Scherze ihre Freude haben wurde? ...

Leidenfrost legte grosse Ehre ein. Erst spielte in ununterbrochener Folge ein kleines Geplankel von Leuchtkugeln. Es war wie das Spiel eines Equilibristen, der Fangballe wirft und aufgreift, ohne dass einer von der gewandten Hand verfehlt wird. Dann kam ein Pot a feu, der plotzlich einen lebendigen Blumenkorb von Schwarmern vorstellte. Das war ein Zischen, ein Zungeln, Platzen und Knallen in der Luft. Von diesem Momente hatten die Naherstehenden mehr Genuss als die Entfernteren, denen nur die Leuchtkugeln volles Vergnugen gewahrten. Es kamen deren auch wieder neue, nun mit bunten Lichteffekten, die blau und roth in der Hohe sich auflosten; andere entwickelten oben noch einen Schwarmer und angstigten die im Felde Stehenden; denn der zungelnde Auslaufer der gestiegenen Rakete suchte gerade sie auf. Nun brannte Leidenfrost, der mit seinen drei Gesellen und dem einz'gen Lichtchen, das sie auf ihrem dunkeln Berge unterhielten, einen eigenthumlichen Eindruck machte (fast wie Seeleute, die sich heimlich ducken, um einen Brander anzuzunden), einen Tourbillon ab, der wie eine herabfallende Fontaine gestaltet, schnurrend in die Hohe fuhr und einen Feuerregen in unzahligen blinkenden Tropfen niederrieseln liess. Auch Feuerrader machten einen ahnlichen Effekt. Zwei Sonnen, die dicht hintereinander in Rotation kamen, erganzten sich in ihren Strahlen, so dass sie in der Ferne den Eindruck einer einz'gen gewaltigen Sonne machten. Zuletzt brannte das Bouquet in einer fur den kleinen Raum unglaublichen Menge von Schwarmern, Raketen, Leuchtkugeln und Donnerschlagen ab. Nun gab der Boller noch drei kraftige Schlage und die Herrlichkeit war unter einem unaufhorlichen Tuschblasen der Musikanten zu Ende.

Bravo! scholl es von allen Seiten und in der That hatten sich die Feuerwerker mit Ruhm bedeckt. Leidenfrost's mannichfache Talente hatten sich auch hier wieder glorreich bewahrt. Die Furstin dankte ihm und ersuchte ihn, ja dafur zu sorgen, dass seine Genossen noch blieben und sich von einer fur sie bereit gehaltenen Collation nach so kuhner Arbeit starkten. Alle kehrten in den Saal zuruck, wo sie mit Eis und einer grossen silbernen Vase voll gefrornen Champagners, einer von Olga angegebenen Idee, empfangen wurden.

Siegbert, der hier und da fast wie der Wirth oder der Sohn vom Hause nach dem Rechten sah, hatte sich an dem Berge verspatet und besprach mit den Arbeitern das Abbrechen der Zurustungen und den Transport des Bollers, den Danebrand wie ein Spielzeug auf die breiten Schultern hob und erklarte, ihn so nach der Willing'schen Maschinenfabrik zurucktragen zu wollen ...

Wie ist es denn, Herr Wildungen, fragte Alberti bei dieser Gelegenheit, wann kommt denn der Franzos in unsern Verein?

Und Sie selbst und Ihr Herr Bruder ... sagte Heusruck. Wollten Sie uns denn nicht einmal einen Abend schenken?

Schon langst, antwortete Siegbert, langst waren wir gekommen, wenn uns nicht mancherlei Sorgen in Anspruch genommen hatten. Auch gestehen wir Euch, Freunde, wir haben noch mit uns selbst in Zwiespalt gestanden ...

Wir waren Ihnen nicht sauber genug ... sagte Alberti ...

Wo denkt Ihr hin! fiel Siegbert ein. Unser Herz schlagt nur fur die Sache des Volks. Wir hatten immer ein Ohr, um horen zu konnen, was in Eurer Brust fur Zeugnisse uber den hoheren Werth der Menschen und die Moglichkeit einer Fortbildung der arbeitenden Klassen leben. Denen sollten wir nicht trauen? Sollten feige sein und mit unserer Meinung zuruckhalten?

Sie leben unter Fursten und Furstinnen ... liess Heusruck schuchtern fallen.

Und habt Euch doch heute uberzeugen konnen, dass die Schranke zwischen denen und uns und Euch nicht mehr gar zu hoch ist! Nein, Freunde, der Grund, warum Louis Armand, Dankmar und ich zogerten, ist ein anderer. Wir bezweckten ...

Ihr Kohlenbrenner, geht nun zum Teufel! unterbrach Leidenfrost in seiner polternden Art die Siegbert'sche Ergiessung und zundete sich eine Cigarre an. Da habt Ihr Jeder noch eine Cigarre auch Ihr, Danebrand und nun examinirt uns nicht lange! Wir werden schon gackern und Euch rufen, wenn unsere Eier gelegt sind.

Die Arbeiter lachten, nahmen die Cigarren und zundeten sie an Leidenfrost's brennendem Glimmstengel an. Danebrand gebehrdete sich dabei ungeschickt genug. Sie wollten gehen ...

Nein, nein, sagte Siegbert, die Furstin lasst Niemanden von Euch jetzt fort, ehe nicht der Tisch, der in einem vorderen Entreezimmer gedeckt wurde, ganz geleert ist. Das sind unerlassliche Sachen, die von Olga so vorbereitet wurden und nun auch nach ihrem Willen ausgefuhrt werden mussen.

Sie meinen wol die Kleine mit den schwarzen gewundenen Flechten, im weissen Kleid ...

Es ist die Tochter der Furstin ...

Die ist muthig, sagte Heusruck. Sie stand am nachsten, fast mitten unter den Schwarmern. Wenn sie nur nicht bose ist, ich habe sie etwas grob zuruckgeschickt ...

Da hat es gute Wege, sagte Siegbert. Am liebsten hatte sie wol selbst mit Hand angelegt. Aber, Freund, Ihr haltet den Boller mit einer Hand uber den Schultern und raucht mit der andern die Cigarre?

Die Arbeiter lachten uber Danebrand, der wirklich dies possierliche Bild eines so zu sagen die Weltkugel tragenden und zu gleicher Zeit rauchenden Atlas darstellte.

Stellt ihn herab! Ihr bleibt und leert erst den Tisch und die Flaschen!

Na! sagte Danebrand, stehen lassen wir den Boller hier nicht! Artillerie ist jetzt so verlockend wie Baumobst. Die kleine Pfefferbuchse konnte mir uber den Zaun gestohlen werden.

Danebrand, sagte Leidenfrost, nehmt die Buchse mit zum Tisch und was Ihr nicht essen konnt, stopft in den Boller hinein und nehmt die wohlschmeckende Ladung fur morgen mit in die Fabrik!

Topp!

Darauf gingen die Arbeiter ein und sagten, sie wurden sogleich kommen.

Siegbert wandte sich nach vorn.

Wie er rasch dahin sprang und im Dunkel an einer Gruppe von Hangeweiden voruber musste, sah er an einer derselben Olga ganz allein an den Stamm gelehnt. Es war ein kleines Rund, fast abgeschlossen. Die Zweige der Weiden hingen so dicht und tief, dass sie fast um die Stamme herum eine Laube, einen Versteck bildeten. So halb eingehullt stand Olga an einem Baume, lehnte den Kopf traumerisch auf den Arm und den Arm an den Stamm. Siegbert erkannte sie nur an dem weissen Kleide. Vorubereilen, sie in diesem ihn ruhrenden Bedurfniss nach Einsamkeit allein stehen lassen, vermochte er nicht. Er hielt seinen eilenden Schritt an, wandte sich zu dem still nachdenklichen Madchen und sprach mit einem so weichen Tone, wie er nur von seinem geruhrten Herzen und von seinen Lippen kommen konnte:

Olga!

Das traumende Madchen hatte ihn nicht erwartet und hatte uberrascht sein sollen. Sie war es aber nicht. Sie gab ihm die linke Hand hinuber, wahrend der rechte Arm als Stutze des unverwandt ruhenden, vom Sternenlichte milderhellten Hauptes, am Stamme liegen blieb.

Olga! Es ist kalt! Gehen Sie nicht zur Gesellschaft? Man musicirt wieder.

In diesem Augenblick anderte das Madchen ihre Stellung, wandte ihr Antlitz ab und Siegberten war es, als horte er sie schluchzen.

Er ergriff ihre Hand.

Olga, was ist Ihnen? fragte er sanft.

Olga wandte sich und sah ihn mit grossen, thranenerfullten Augen an.

Sie erkalten sich in der Abendluft, Olga! Kommen Sie!

Olga schuttelte das Haupt und lehnte es wieder an den Stamm der Hangeweide.

War das Fest nicht nach Ihrem Wunsch? Es ging Alles so heiter, so wohlgeordnet! Warum sind Sie nicht zufrieden?

Siegbert hatte wieder ihre Hand ergriffen und war so von dem Abende angeregt, dass er Olga leise an seine Brust zog und ihr in's Auge sehen wollte, um ihr Muth zuzusprechen und Freude, Heiterkeit, Theilnahme.

Wie sie aber seinem Herzen so nahe sich fuhlte, schlug Olga die Arme um ihn und legte sich so in die seinigen, dass er sie halten musste, wenn sie nicht zur Erde gleiten sollte.

Unwillkurlich kam es Siegbert uber die Lippen, in sanftem, zartlichem Tone zu sagen:

Olga! Was thust du?

Liebst du mich? fragte Olga zu ihm aufblickend.

Olga! Olga! Lass uns gehen! rief Siegbert durchrieselt von Wonne und Schrecken ...

Nein, ich mag keinen Menschen mehr in der Welt sehen, ausser dir!

Man wird uns vermissen! Olga, komm!

Sie sollen mich in deinen Armen sehen. Lass mich! Lass mich!

Dabei hielt sie sich so fest an Siegbert's Halse, dass dieser, von innerster Empfindung durchbebt, kaum noch wusste, wie er sich ihrer und seiner wehren sollte. Er war zartlich, er musste es sein, er streichelte ihr Haar und druckte einen Kuss auf ihre Stirn, nur um sie zu beruhigen, sie abzulehnen, zur Besinnung zu fuhren. Aber kaum fuhlte Olga die warmen Lippen des angebeteten Freundes auf ihrer kalten Stirn, als sie ihm mit erneuter Wonne in's Auge blickte und durch ihre Zartlichkeit, durch ihr Verlangen nach einer Versicherung auch seiner Liebe ihn verlockte, auch ihre Lippen mit dem warmen, weichen Munde zu beruhren.

Wie ihm Das so geschehen war, besann er sich und hielt mit plotzlich erwachender mannlicher Kraft das liebekranke Madchen von sich zuruck.

Olga, rief er, was thun wir sehen Sie die Mutter!

Er zeigte auf die Thur des Saales, die geoffnet war. Geblendet von dem Lichte eines Armleuchters, den sie in der Hand hielt, stand die Furstin und suchte im Dunkeln Siegbert oder Olga, vielleicht Beide ...

Olga, wie von einer bacchantischen Lust und einer jubelnden Schadenfreude ergriffen, lachte laut, schlang den Arm um Siegbert, zog ihn mit sich und behielt dabei seine rechte Hand, kusste sie und rief:

Du bist mein! Siegbert! Dich lieb' ich!

Siegbert, der sonst so Rucksichtsvolle, sonst sich so Beherrschende, hatte die Besinnung verloren. Er wollte widerstehen und konnte nicht. Er druckte Olga an sein Herz, schlang den Arm um ihren Nacken und hauchte bebend: Meine Olga! So standen sie, geschutzt vom Dunkel, eine Weile. Dann riss sich Olga los und rannte zu dem hellen Hause hin, wie ein flatternder Nachtvogel. Siegbert folgte langsam und sprach vor sich hin: Verhiess dir Das damals die weisse Rose?

Sechstes Capitel

Eine ernste Nacht

Als Siegbert Wildungen wieder bei der Gesellschaft war, sprach er zur eifersuchtig forschenden Furstin Worte, die er nicht bedachte und erwiderte eine Anrede der Trompetta, ohne sie verstanden zu haben. Er ass von dem gefrornen Champagner, ohne zu wissen, was man ihm bot. Er bereute schmerzlich, was geschehen war; umsomehr, als er die Wirkung entdeckte, die diese Scene auf die wie umgewandelte Olga hervorbrachte. Olga trallerte, hupfte, schlug das Piano zu einem Tanze an, sie sang ein kurzes, rasches Volkslied aus der Ukraine, ein Kriegslied der Tscherkessen, sie umschlang Anna von Harder und bestellte hundert Grusse an die Perlhuhner und turkischen Enten, an die Tauben und die Mause sogar und Kaninchen, die zu Tempelheide zusammen in einem Kafig hausten. Ja, als die Gesellschaft aufbrach, als die Wagen vorfuhren, der Propst sich empfahl, die Propstin knixte, die Tochter fur den ubergenussreichen Abend dankten, als die Trompetta mit Umstandlichkeit nach ihrem Shawl rief, die Flottwitz noch zerstreutgefesselt mit Dankmar plauderte, war sie bei Allem behend zugegen, half, schwatzte, lachte, sodass die Mutter mit strengem Blicke ihr verbot, so ausgelassen die Honneurs zu machen und sie in den Schatten zu stellen suchte. Leidenfrost, der inzwischen auch noch, wie er's nannte, von dem "gefrorenen Zeuge" etwas gekostet hatte, erntete noch manchen Lobspruch. Dankmar schuttelte Rudhard's Hand und warf im Vorubergehen noch der Flottwitz die Worte hin: Also, wir zurnen uns doch? Die junge Freundin der Trompetta konnte aber im Augenblick gerade nicht antworten, denn die Trompetta dominirte jedesmal, wenn es die Benutzung ihres Bedienten und ihres Wagens, das Zusammensuchen ihrer Garderobe galt. Siegbert gab dem Propst die Versicherung, er wurde sich seine gefalligen Vorschlage ernstlich uberlegen und mit ihm daruber genauere Rucksprache nehmen. Als er Rudhard die Hand bot, war dieser etwas verstimmt oder wenigstens nachdenklich. Die Furstin aber trat ihm einen Schritt naher und sagte mit klagendem Nachdruck und in langgezogenem Ton:

Sie gehen auch schon?

Gute Nacht! Gute Nacht! unterbrach Olga heiter und mit einer fast triumphirenden Sicherheit, gradezu die Frage der Mutter abschneidend.

Gute Nacht! Gute Nacht!

Was ist denn? Was soll Das? wandte sich die Mutter streng zu der Tochter.

Gute Nacht! Gute Nacht! rief Olga wieder und geleitete den Scheidenden hinaus, noch ehe er der Furstin auf ihren Wunsch, dass er bliebe, Rede stehen konnte ...

Endlich waren Alle verschwunden. Die Wagen fuhren ab und an dem Gitter voruber schritten Leidenfrost, Dankmar, Siegbert, hinter ihnen die drei Willing'schen Arbeiter. Danebrand trug den Boller hoch auf den Schultern ... Olga begleitete die sich entfernenden und die Hute ziehenden Freunde noch das Gitter entlang bis zu der kleinen Estrade, wo einst Rudhard den vorubergehenden Siegbert angehalten hatte. Eine Rose konnte sie dem Freunde nicht nachwerfen. Die Zeit der Rosen war im Garten voruber; aber in ihrem Herzen war es ein ganzer Fruhling, der ihm folgte. Da brachen alle Knospen auf! Da duftete es wie von einem Walde voller Bluten!

Als Olga zuruckkam, fand sie die Mutter in der gereiztesten Stimmung.

Ist es schon an und fur sich eine eigenthumliche Leere, die sich meist nach allen Festen, wo es ganz ohne Zwang und kunstliche Anregung doch niemals ablauft, einzustellen pflegt, so war die Furstin vollends unbefriedigt von sich, von den Andern, von Olga, von Rudhard, von Jedem. Dass Siegbert gehen konnte, sie allein zurucklassend in dem wusten Gefuhlschaos, der Folge solcher kunstlichen Aufregungen, verletzte, ja erbitterte sie. Zuerst mussten die Kinder entfernt und zu Bett gebracht werden. Sie gingen ubermudet und von Allem, was ihnen als Vergnugen geboten war, eher erdruckt als gehoben. Olga's Geschaftigkeit, ihr Aufraumen, ihre Kritik der Personen und Gesprache erklarte die Furstin fur nervenangreifend. Rudhard sprach gar nichts, was ihr ebenso drukkend erschien. Obgleich es erst acht Uhr schlug, wollte sie sich auf ihr Zimmer zuruckziehen und fruh zu Bett gehen. Sie gab Olga nicht undeutlich zu verstehen, dass es ihr lieber ware, wenn sie allein bleiben konnte. Olga griff diese Gelegenheit, sich das eben Vergangene noch einmal zuruckzurufen und noch einmal in seiner ganzen berauschenden Seligkeit durchzukosten, mit Freuden auf. Hatte sie doch nichts Heiligeres vor, als noch einmal in den Garten zu schlupfen, noch einmal jene Stelle aufzusuchen, wo sie an Siegbert's Herzen ruhen, das Haupt auf seine Schulter lehnen durfte und den Kuss seines Mundes fuhlte. An der Hangeweide hatte sie die ganze Nacht durchwachen mogen.

Adele Wasamskoi, die Furstin, ging auf ihr Zimmer. Es war bescheiden eingerichtet, wie die ganze Wohnung, die nirgends einen ursprunglichen Luxus und nirgends auch die Spur verrieth, Das aus eigenen Mitteln hinzuzufugen, was zum Comfort dieser gemietheten Einrichtung schon von vornherein fehlte. Adele warf sich auf ein Kanape, das an einer dunnen Wand stand, die dies Zimmer von dem nebenan befindlichen Schlafkabinet der Furstin trennte. Eine grosse Offnung dieser Wand war mit einer Portiere versehen, die eben aufstand. Verdriesslich liess die Furstin die Portiere fallen, streckte sich ermudet auf das Kanape und ergriff, indem sie eine ihr nachgetragene Lampe sich naher ruckte, eins von den Buchern, die neben ihr auf dem Tische lagen. Es waren dies Bucher, die Rudhard zu wahlen pflegte. Seit Jahren hatte sie Das gelesen, was er empfahl; grosstentheils Reisebeschreibungen, leichte geschichtliche Werke, populaire Denkubungen, Schriften, die der Phantasie keinen Schwung gaben. Sie hatte Goethe's Wilhelm Meister heute nennen horen. Sie kannte dies Buch gar nicht. Sie besass es in der kleinen Bibliothek, die zu der Einrichtung des gemietheten Hauses gehorte. Es standen da Goethe's sammtliche Werke in einer kleinen unschonen Ausgabe in einem Glasschranke des Zimmers, den sie noch nicht einmal geoffnet hatte. Sie that dies heute zum ersten male und suchte von Goethe's Werken den Theil heraus, der Wilhelm Meister's Lehrjahre enthielt. Sie wollte sie kennen lernen. Es qualte, es druckte sie, dass sie in so vielen Dingen nicht au niveau eines gebildeten Gespraches stand und durch ihre gesellschaftliche Wurde, durch das Vorschutzen der Mutterpflichten die Lucken verdekken musste, die sie in sich selber fuhlte. Sie begann die Blatter des ungelesenen Buches, die noch zusammenklebten, aufzuschlagen und durchflog sie.

Aber auch zum Lesen gehort Virtuositat. Adele besass nichts davon. Ein Schriftsteller musste sie sogleich auf der ersten Seite ergreifen, anders konnte sie ihm nicht folgen. Erst ihn gewahren lassen, erst lauschen, wohin er uns wol fuhren wurde, Das ermudete sogleich ihre Spannung, und die Erzahlungen uber Puppenspiele, mit denen jenes so situationsreiche Werk beginnt, widerstanden ihr sogleich. Sie nannte sie, wie einst Lasally auf Hohenberg, kindisch. Sie besass nichts von jener Naivetat, die das Kennzeichen des Genies oder der Bildung ist.

Sie hatte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch gelegt, als es klopfte. Sie gab keine Antwort; denn sie glaubte, einer der Bedienten kame und brachte vielleicht Briefe oder Zeitungen. Ein fluchtiger Blick auf Egon's so viel geruhmte Rede wurde ihrem gedruckten Geiste etwas Spannung geben, hoffte sie. Aber es klopfte wieder. Sie rief: Wer ist da? Und Rudhard war es, der draussen fragte, ob er eintreten durfe?

Kommen Sie doch! Was gibt es denn? sagte sie, erschrocken, dass ihrer vielleicht etwas Unangenehmes harrte.

Rudhard trat mit einer gewissen Feierlichkeit ein, mit Papieren in der Hand.

Meine liebe Adele, sagte er mit so viel Milde, als ihm zu Gebote stand. Ich muss Sie noch heute Abend storen. Ich habe mit Ihnen zu sprechen.

Was ist? Woruber? Nur nichts, was mich aufregt! Bis morgen!

Nein, nein, sagte Rudhard und nahm sich ohne Weiteres einen Stuhl, am Abend fasst man Entschlusse, beschlaft sie des Nachts, pruft sie morgens und fuhrt sie den Tag uber aus.

Was haben Sie denn? Wegen der Kinder?

Ich mochte Ihnen, meine gute Adele, sagte Rudhard ruhig und gemessen, ich mochte Ihnen vorschlagen, dass wir den langeren Aufenthalt in dieser Stadt abbrechen und uns, ehe noch der Winter da ist, beeilen, nach einer sudlichen Stadt zu ziehen.

Adele sah ihren alten Erzieher erstaunt an.

Wie kommen Sie darauf? fragte sie.

Ich stand fruher mit Frau von Osteggen, mit dem Fursten Wasamskoi und seiner Gemahlin so, dass, wenn ich irgend einen Gedanken zum Heile der Familie mit einer gewissen innern Uberzeugung von seiner Nothwendigkeit aussprach, dieser nicht erst lange gepruft, sondern wirklich ausgefuhrt wurde. Lassen Sie uns reisen, Furstin! Morgen lieber als jeden andern Tag! Ich bitte Sie darum.

Adele richtete sich von ihrer liegenden Stellung auf und gab dem vaterlichen Freunde ihr Erstaunen zu erkennen, was ihn zu diesem Entschluss veranlassen konnte.

Bekommt Ihnen das Klima nicht? Bekommt es mir, den Kindern nicht? sagte sie.

Und als Rudhard schwieg, fuhr sie fort:

Sind die Unterrichtsanstalten nicht vorzuglich? Hab' ich nicht guten Umgang? Oder soll ich der Moglichkeit ausweichen, mit Helenen in Beruhrung zu kommen?

Als Rudhard alle diese Fragen verneinte, sagte Adele, sich wieder legend:

Dann bleib' ich auch da und reise nicht mehr.

Rudhard nahm darauf eins von den Papieren, die er in der Hand hielt, und uberreichte es, ohne ein Wort zu sprechen, der erstaunten Furstin.

Diese las in franzosischer Sprache:

"Mein Herr, es ist unverantwortlich, wie Sie der offentlichen Meinung die Blosse geben und durch Ihre Beziehung zu Herrn Wildungen die Moralitat der Ihrer Obhut anvertrauten Familie verdachtigen konnen. Es ist das Gesprach aller Cirkel, dass in Ihrem Hause Mutter und Tochter in der Leidenschaft fur jene genannte Personlichkeit wetteifern. Erkennen Sie hierin die Warnung eines Freundes!"

Wer hat Das geschrieben? fragte Adele und erhob sich mit leidenschaftlicher Gebehrde.

Eine Person, sagte Rudhard in aller Ruhe, seine Aufregung unterdruckend, eine Person, die in der Lage ist, ihre erbarmliche Insinuation durch Motive zu heiligen, die leider auf unwiderruflichen Thatsachen beruhen.

Wie? rief Adele mit dem Ausbruche des ganzen Zornes, dessen phlegmatische Naturen in aussersten Fallen fahig sind. Wie? auf diese jammerliche Anonymitat hin wollen Sie mich aus meinem Frieden, meiner Ruhe storen? Erkennen Sie nicht die Bosheit Helenen's aus diesen Zeilen? Von wem konnen sie anders kommen?

Mein gutes Kind, sagte Rudhard, der die alten eingeraumten Rechte seiner Vormundschaft nicht aufgab; mein gutes Kind, es ist eine Eigenheit des menschlichen Charakters, dass wir Alles, was uns zu thun oder zu lassen unangenehm ist, dadurch in seiner mahnenden Nothwendigkeit herabstimmen wollen, dass wir die Motive Derer, die uns zum Guten auffordern, verdachtigen. Lassen Sie, liebe Adele, die Worte kommen, von wem sie wollen. Lassen Sie einen Teufel oder einen Engel diesen Brief geschrieben haben, er soll uns mahnen an die Wahrheit.

Die Wahrheit ist darum nicht verschleiert, wenn es hier auch ihr Verkundiger ist. Handeln wir nun so, dass wir uns selbst uberwinden und eine besonnene, uns ehrende Entschliessung fassen.

Wahrheit, sagen Sie? rief Adele. Warum sagen Sie mir Dinge, Rudhard, die mich emporen mussen? Wahrheit ware dieses abscheuliche Wort von der Mutter und Tochter? Wie konnte Olga wagen

Olga?

Auf keine andere Thatsache werd' ich Rede stehen. Wird Wildungen von Olga geliebt? Haben Sie dafur Beweise?

Ich rede von Olga nicht ....

Nicht von Olga? Sie konnten kommen, nur mich zu qualen? Sie konnten sagen, wir mussen reisen, und denken nicht an die Gefahren, denen hochstens meine Kinder ausgesetzt sind?

Rudhard schwieg. Das war eine so kuhne Parade der gereizten jungen Frau, dass ihm seine Waffe fast aus der Hand flog und er anfangs nichts erwidern konnte, als ein kopfschuttelndes:

Hm! hm! hm!

Machen Sie Vorschlage, Olga in ein Institut, in eine Pension zu geben! sagte Adele, ohne ihre gewaltigen, fast horbaren Herzschlage bekampfen zu konnen.

Rudhard stand auf. Sein ganzer innerer Mensch war ergriffen, erschuttert. Er sah eine Mutter, so beherrscht von Leidenschaft, dass sie ihr eigenes Kind aus Eifersucht von sich entfernen wollte. Heftig schritt er auf das Fenster zu, als furchtete er, dass es offen stunde. Er luftete die Portiere und sagte:

Adele, hier die Eingangsthur Ihres Schlafkabinets ist wol nicht verschlossen?

Es ist Alles verschlossen, lassen Sie, lassen Sie! antwortete Adele ungeduldig.

Wenn man uns horte, belauschte, wenn Olga

Welche Schonung? fuhr Adele mit gesteigerter Ungeduld fort. Ich werd' es ihr in's Gesicht sagen, dass sie die schlechteste franzosische Aussprache von der Welt hat, dass man englisch lernen muss, dass es in Brussel Institute gibt, in denen die Tochter eines Reichskanzlers noch Fortschritte machen konnen ...

Adele! Adele! rief Rudhard und hielt ihr den andern Brief entgegen. Olga ist sechszehn Jahre, reif fur das Leben, reif fur jede Zukunft, die Frauen nur erwarten konnen, und hier ist ein Brief des Barons Otto von Dystra! Verheirathen Sie Ihr Kind, aber verpflanzen Sie einen Baum nicht mehr unter die kleinen Gestrauche.

Adele nahm den Brief jenes Otto von Dystra, den Rudhard erwahnt hatte, und durchflog ihn. Wenn Rudhard nicht in unruhigster Bewegung auf- und abgeschritten ware, hatte er ein Gerausch hinter dem Vorhange horen mussen. Es war Olga, die in einem Drange, den sie fruher nie gekannt hatte, heute, wo ihr das unaussprechlichste Gluck vom Himmel gespendet war, nicht ohne einen Nachtgruss von der Mutter scheiden wollte. Sie wusste selbst nicht, war es Neckerei, Ubermuth oder Grossmuth, was sie trieb, an das auf den Corridor gehende Pfortchen des Schlafkabinets zu klopfen. Sie hatte den Drucker erfasst und die Thur offen gefunden. Da sie Gesprach horte, wollte sie sich zuruckziehen. Wie sie aber ihren Namen nennen horte, den ihr oft genannten und von Odessa her noch in ihr Ohr tonenden Namen Otto von Dystra vernahm, hielt sie den Athem an und blieb stehen. Da es, wahrend die Mutter den Brief las, wieder ruhig wurde, ware sie fast durch den Vorhang geradezu eingetreten. Nur Rudhard's heftiges Auf- und Abgehen sagte ihr, dass sie doch wol storen wurde.

Die Mutter begann jetzt:

Nun gut! Nun gut! So ist es ja in der Ordnung! Der Plan ist ja alt und hat immer meine vollste Billigung gehabt. Der Furst hatte nur unser Bestes im Auge. Die merkwurdigsten Umstande vereinigten sich, Olga's Hand einst fur den Baron von Dystra zu bestimmen. Er wird von Amerika kommen. Sie ist entwickelt genug, um sich ihm zu verloben. Ich war wenig alter, als ich dem Fursten nach Odessa folgte.

Rudhard blieb stehen. Olga lauschte mit Herzschlagen, die ihr eigenes Ohr vernahm.

Finden Sie diese Partie so unangenehm? fragte Adele, als Rudhard unentschlossen blieb.

Otto von Dystra ist ein merkwurdiger seltener Mensch, aber den Funfzigen nahe; verwachsen, ein Sonderling ... sagte Rudhard.

Sie kennen ihn nicht personlich, antwortete die Mutter. Es ist der Mann der ewigen Jugend. Reich, ein Jugendfreund des Fursten, treu, ausharrend, edel. Die Verbindung mit unserer Familie war ein Lieblingswunsch meines Mannes. Wasamskoi starb beruhigt, als in seinen letzten Augenblicken ein Brief aus Washington kam und ihm Dystra schrieb: Freund, meine Fahrten zur See und zu Lande sind zu Ende, ich lege meine Stelle als Botschafter des Kaisers bei den Vereinigten Staaten nieder, ich komme nach Europa und biete den Deinen an, was ich besitze. Ist deine Schwester oder irgend eine alte Tante oder sonst wer geneigt, einen Philosophen zu heirathen, so hoff' ich, die truben Bilder, die du von der Zukunft hast, zu verscheuchen und durch meinen Tod einmal den Deinigen geben zu konnen, was, wenn ich unvermahlt sterbe, leider meiner Familie gehort.

Eine Vernunft-, eine Geldheirath! fuhr Rudhard, da Adele stockte, mit fester Stimme fort. Sie wissen, in dem Falle, dass wir vor den Thorheiten der d'Azimont geschutzt bleiben, in dem Falle, dass Ihre Kinder einst die Erben Ihrer Tante werden, dass sich die zerrutteten Vermogensverhaltnisse des Hauses Wasamskoi auch ohne eine Verbindung mit dem Baron Dystra wiederherstellen konnen.

Sie glauben, dass Helene von dem Prinzen Egon lassen, durch eine Scheidung von d'Azimont, die schon im Werke sein soll, uns die Hoffnung auf ihre Reichthumer nicht nehmen wird? Ha! Ha!

Ich zweifle sehr daran, sagte Rudhard fest, ich zweifle, dass Egon, der sich taglich mehr wiederfindet, taglich sein Inneres kraftiger entwickelt und einen Wall reinster Sittlichkeit gegen die alten Thorheiten aufrichtet, sich jemals zu solchen excentrischen Schritten, wie eine Heirath zwischen ihm und Helene sein wurde, herbeilasst ...

In diesem Falle hatten wir Aussichten ... Gut! Aber sie reichen weit hinaus!

So weit, Adele, wie der Furst selbst sah. Ihre und die Jugend-Existenz Ihrer Kinder ist gesichert. Sie werden niemals glanzend leben konnen, das ist wahr. Sie haben es aber nicht nothig, da Sie nicht glanzend erzogen wurden. Was Sie zur Unterhaltung Ihrer Wurde, zur Ehre Ihres Standes bedurfen, das besitzen Sie. Der Furst wollte nur die entferntere Zukunft seines Hauses, seinen Namen, das spatere Loos seiner Kinder gesichert sehen. Er war nie reich. Die Familie verarmte vollends und fuhlte nur zu tief, wie mislich es ist, von den Launen des Kaisers abzuhangen und von den Wechselfallen des Geschickes. Er wollte in jenem alten russischen Bojaren-Stolze der Selbststandigkeit seiner Familie eine Stutze geben und hoffte auf zwei Moglichkeiten, entweder die Erbschaft von der reichen Grafin d'Azimont oder die Verheirathung seiner Kinder. Baron Otto von Dystra ist sein Freund gewesen. Ein unruhiger Charakter, der zweimal die Welt umschiffte und von der Regierung zu ihren grossen uberseeischen Missionen benutzt wurde. Es ist wahr, er soll Schatze besitzen, die er langst schon dem Fursten zur Verfugung stellte. Der Furst schlug sie fur sich aus, nahm aber die mir immer nur frivol erscheinenden Anerbietungen des Barons, sein unruhiges wechselvolles Leben mit einem Mitgliede seiner Familie und war's mit Olga oder Paulowna beschliessen zu durfen, erst eben so scherzend, eben so frivol entgegen, bis aus ihnen ernstlichere Versicherungen entstanden und Baron Otto von Dystra jetzt in der That unterwegs ist, sein leichtsinnig verpfandetes Wort zu losen. Dieser Brief, den ich heute aus London empfing, kundigt seine Ankunft so plotzlich an, dass wir ihn binnen drei Tagen erwarten durfen.

Olga fuhlte etwas wie einen kalten Griff in ihr Herz.

Die Mutter blieb bei der Vortrefflichkeit dieses Arrangements stehen, lobte die weise Sorgfalt des Fursten, pries die Umstande Dystra's, nannte ihn, trotz seiner barocken Gestalt, einen Philosophen, ohne angeben zu konnen, worin seine Philosophie bestande, behauptete, dass der Furst nur Ehrenmanner zu Freunden gehabt haben konne und schloss damit, dass auf diese Art Olga's Zukunft ja vortrefflich bestimmt ware und es keiner Boswilligkeit ferner einfallen konne, sich in die innern Angelegenheiten ihres Hauses zu mischen.

Und Alles, Alles Das, Adele, weil ... rief Rudhard, seinen Zorn unterbrechend.

Sein Gefuhl, die Rucksicht ubermannte ihn.

Weil? fragte die Furstin mit einer Sicherheit, die ihm verrieth, dass ihr Charakter jetzt erst, in ihrem vierunddreissigsten Jahre, in seine Entwickelung getreten war.

Weil Sie selbst es sind, brach Rudhard hervor, Sie selbst, die Wildungen lieben und in Olga die glucklichere Nebenbuhlerin furchten!

Rudhard glaubte in der Furstin eine gewaltige Bewegung hervorgerufen, irgend den Ausbruch eines gewaltigen Zornes, eines langst gegen seine Bevormundung verhaltenen stillen Ingrimmes geweckt zu haben. Nichts von alledem. Die Furstin rumpfte die Nase und sprach mit einer wegwerfenden Miene:

Wie zart und rucksichtsvoll Sie sind!

Sag' ich etwa die Unwahrheit? fuhr Rudhard, durch diese Antwort sich steigernd fort. Muss ich mir nicht die bittersten Vorwurfe machen, dass ich in blindem Vertrauen auf Ihre Selbstbeherrschung einen Freund der Kinder, einen theilnehmenden gebildeten jungen Mann in dies Haus einfuhrte, der, ohne selbst die geringste Veranlassung zu geben, in die jungen Gefuhle eines Kindes den ersten Funken wirft und auch in der Asche eines Mutterherzens noch die letzten Funken zur Flamme entzundet.

Diese Worte entrusteten die Furstin.

Es ist genug! rief sie sich erhebend. Es ist genug, Rudhard. Ich habe das Joch Ihrer Weisheit so lange getragen, dass ich selber dumm daruber wurde! Ich habe Sie denken lassen und gethan, Jahre lang gethan, was Sie mir als gut und recht zu thun anempfahlen. Aber ich fuhle, dass ich gegen Andere zuruckgeblieben bin, dass ich verkurzt wurde um meine Freiheit, um mein wahres Lebensgluck. Diese Zeit ist aus. Von der Botmassigkeit, in der ich unter Ihnen stand, jetzt in eine Sklaverei kommen zu sollen, bei der ich unter meiner eigenen Tochter stehen wurde, Das ist zu viel, Das vermag ich nicht zu ertragen.

Ich wurde gehen, sagte Rudhard, wenn ich dem Fursten nicht geschworen hatte, uber die Kinder zu wachen, bis mein Auge bricht.

Qualt Ihr mich, rief Adele, foltert Ihr mich, so wahl' ich den aussersten Fall

Furstin!

So bleiben Sie und ich gehe!

Die Mutter von ihren Kindern? ... Adele!

Rudhard's Stimme zitterte. Er musste einen Sitz suchen, um sich aufrecht zu erhalten.

Adele aber fuhr fort:

Versteh' ich denn jetzt, was meine Schwester bestimmen konnte, entehrende Fesseln zu brechen? Fass' ich's denn jetzt, was es heisst, das Leben hingehen lassen, ohne seine Bluten zu brechen, ohne seine Fruchte zu geniessen? Du kalter Mann, du schiltst das Herz, dass es liebt? Hab' ich denn je geliebt? Hab' ich denn je die Wonne empfunden, in eines Mannes Ferne vom Schauer der Sehnsucht, in seiner Nahe vom Schauer der zartlichsten Freundschaft ergriffen zu werden? Ich habe den Fursten geheirathet, weil es so beschlossen wurde. Ich achtete ihn, ich verehrte ihn. Ich war die treue Pflegerin seiner gemessenen Lebensjahre. Mein Leben verstrich wie der Traum einer verpuppten Raupe. Ich ahnte eine schone Welt, ich fand sie in den mutterlichen Pflichten. Ich habe mich nie gestraubt sie zu vollziehen. Ich lebte ihnen bis diese Stunde. Aber wenn sich ein Kind in das eigene Herz der Mutter krallt, wenn es uber uns hinweghupfen, uber uns hinwegtandeln, uber uns hinweglachen, lieben will und die Jugend wie ein trotziges Vorrecht ubt, dann komm' ich mir vor wie ein Mensch, den man lebendig begraben will, und ich schuttle mich, ich springe auf, ich lasse mich nicht in die Erde werfen, ich sage: Ich liebe! Ich liebe Siegbert Wildungen und das Schicksal ist gutig, Gott ist liebevoll wie unser Herz, ich weiss es, ich werde durch ihn nicht unglucklich sein.

Hier unterbrach ein gellendes Lachen die Worte der Furstin.

Rudhard wandte sich und sah hinter dem halbgeoffneten Vorhange Olga stehen, wie wahnsinnig, mit geisterhaftem Blicke.

Du hier? Was willst du? herrschte die Mutter zornentbrannt.

Mutter! rief das Madchen halb ohnmachtig mit schmelzendem Ausdruck und wollte sich in die Arme der Furstin werfen.

Hinweg! schrie diese im hochsten Ausbruch ihres Schreckens und ihres Zornes.

Olga, so zuruckgewiesen, blieb stehen, sah die Mutter mit zitternden Lippen, funkelnden Augen lange wie eine Irrsinnige an, dann lachte sie plotzlich, klatschte in die Hande und rief: Gute Nacht! Gute Nacht! lachte wieder und sturzte mit dem convulsivischen Ausbruch ihrer Gefuhle schluchzend, aber auch triumphirend hinter dem Vorhange davon.

Die Furstin folgte ihr, sah, dass das Cabinet auf den Corridor hin nicht verschlossen gewesen war und warf sich halb ohnmachtig und erschopft auf ihr Kanape.

Rudhard nahm die Briefe und kampfte einen Augenblick mit sich, ob er dem Starrkrampf, in den die Furstin gefallen schien, eine mildere Losung geben sollte. Er war aber zu entrustet, zu streng dazu. Auch uberwaltigte ihn die Trauer, dass alle Erziehung, alle Lehre nicht ausreicht, in gewissen aussersten Krisen des Lebens die Eingebungen des Naturells zu unterdrucken. Er sagte nichts, als ein einfaches:

Sammeln Sie sich, Adele! Prufen Sie ernst, was Sie bewegt. Todten Sie Ihr Kind nicht! Es gibt einen moralischen Tod, den ich bei Olga mehr furchte, als den physischen. Ich finde Sie morgen anders als ich Sie jetzt verlasse. Das weiss ich, Das hoff' ich.

Damit ging Rudhard und uberlegte, als er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg, ernstlich, was nun zu thun sei. Als der Sensenmann an seiner Uhr zehnmal anschlug, stand es ihm nach langerer Prufung fest, dass hier nur Siegbert Wildungen selber helfen konnte. Er war uberzeugt, dass es nur einer kurzen Aufforderung bedurfen wurde, um diesen edlen jungen Mann zu bewegen, sich auf einige Zeit nicht nur von diesem Hause, sondern auch aus der Stadt und ihrem nachsten Umkreise ganz zu entfernen.

Adele aber uberlegte, wie viel von Dem, was Olga moglicherweise belauscht hatte, hinreichen wurde, ihre Wunsche zu erleichtern oder zu erschweren. Goethe's Wilhelm Meister nahm sie nicht wieder vor. Sie sah durch ihr Fenster hinuber in die dunklen Garten. Im Hause der Geheimrathin von Harder war es hell und belebt. Sie mochte nicht langer hinsehen; es war ihr Alles peinlich, Alles zu eng, um sich zu klein! Erst in den heftigen Vorwurfen, mit denen sie ihr Kammermadchen wegen der nicht geschlossenen Thur uberschuttete, fand sie sich zurecht und warf sich erschopft, in verdriesslichster Misstimmung von der Welt, schmerzzerrissen, auf ihr einsames Lager.

Diese Nacht, einer uns werthen Familie so ernst und bedeutsam, sollte auch dem Kreise der Freunde, deren Schicksalen wir folgen, mit verhangnissvollen Sternen aufgehen.

Versetzen wir uns in das innerste Gewuhl der grossen Stadt, an die Stelle ihrer reichsten historischen Erinnerungen. Da, wo die alte Johanniskirche und die Propstei, wo die Dreieinigkeitskapelle und die von Schlurck bewohnte Johanniterkomthurei und das Rathhaus liegen, befindet sich auch der sogenannte Rathskeller, einer der beliebtesten Besuchsorter, ein von der gewahltesten Gesellschaft gepflegtes, alterthumliches Local. Dicht an dem Rathhause selbst gelegen, waren seine oberen Raumlichkeiten zur Aufbewahrung der im Laufe der Zeiten flutartig emporgewachsenen Registraturen und Akten bestimmt und standen durch einen Hof mit dem ehrwurdigen alten Rathhause selbst in nachster Verbindung. Das untere Geschoss hatte seit den altesten Tagen der Rathskellermeister in Besitz. Es waren dies grosse, feuerfeste Gewolbe, zu denen man durch eine niederwarts gehende Treppe von der Strasse herabstieg und die nach jenem Verbindungshofe mit dem Rathhause wieder ihren Ausgang hatten. Der Rathskeller war immer nur den tuchtigsten und empfohlensten Kufern anvertraut worden. Es war eine Pachtung, die man vom Rathe nicht meistbietend, sondern nach einer Prufung erstand. Die gewaltigen Vorrathe aus alter Zeit, die man mehr der Curiositat als der Nutzniessung wegen gesammelt hatte, standen unter der Pflege dieses Rathskellermeisters, wahrend der ubrige Theil seines Geschaftes auf eigene Rechnung ging.

Der gegenwartige Rathskeller war eins der beliebtesten Stelldicheins der Stadt geworden. Man fand nicht nur an den vorzuglich gehaltenen Weinen seinen Gefallen, sondern auch an der ausserordentlich gemuthlichen Einrichtung dieser vielen kleinen Souterrains. Wenn man von der Strasse etwa acht Stufen niedergestiegen war, betrat man einen langen Gang, der auch den ganzen Tag schon durch Gaslicht erleuchtet und an den Wanden nicht ohne Geschmack in Fresko bemalt war. Links und rechts gingen schwere eichene, grosstentheils neue Thuren zu kleinen, fensterlosen, grunangestrichenen Cabineten, die alle von einer Gasflamme erhellt waren. Diese durch dicke Grundmauern getrennten Cabinete waren gross und klein, je nachdem man moglichst allein oder in grosserer Gesellschaft sein wollte. Klingeln fuhrten auf den Gang hinaus und setzten jeden noch so isolirten Besucher mit den Kellnern, die im Schurzfelle als Kufer auftraten, in Verbindung. Mit der Kellerei war eine sehr gut unterhaltene Speisewirthschaft verbunden.

Dieser Rathskeller war eins der altesten Gebaude der Stadt. Man setzte es auf die Zeiten des vierzehnten Jahrhunderts zuruck und mancher Alterthumler betrachtete voll Theilnahme seinen Giebel oder liess sich den innern Bau zeigen, der verfallen war, unwegsam durch die hier aufgeschichteten Papiervorrathe, alten Schranke, Pulte, Stuhle, aber durch seine Bauart und die Behandlung des Balkengefuges noch mannichfaches Interesse bot. Ursprunglich gehorte dies Haus denselben Templern, die in Tempelheide einen Hof hielten. Es war das Professhaus des Ordens gewesen, der in Deutschland sich langer erhielt als irgendwo und, wie wir wissen, auf Befehl des Papstes in den St.-Johanniterorden, ohne weitere Anfechtungen zu bestehen, uberging. Bis zur Reformation gehorte dies Professhaus den Johannitern, und nach ihr, als diese norddeutschen geistlichen Ritter protestantisch wurden, rechnete man es gleichfalls zu jenen Besitzungen, die bei der Theilung der unglaublich ausgedehnten Guter des Ordens dem Ritter Hugo von Wildungen uberwiesen wurden. Noch jetzt sah man das alte dreiblatterige Kleeblatt an den vier Enden des Kreuzes am hochsten Giebel des Rathskellers und fand es auch sonst auf sinnige Weise hier und da so zu architektonischer Verzierung benutzt, dass der kreuzliebende Don Eusebio in Calderon's Andacht zum Kreuze daruber seine freudigsten Schauer wurde empfunden haben.

Es war nach sieben Uhr und schon dunkel, als in dem Verbindungshofe des Rathhauses und des Rathskellergebaudes zwei Manner standen, die einen Dritten zu erwarten schienen. Der Eine war eine hohe stattliche Gestalt mit dickem Backenbart und einem tief uber die Stirn gedruckten Hute. Der Andere klein und schmachtig und wie von Hektik gebeugt, kurzathmend und klapperdurr.

Zum Henker mit Ihrer Schwerhorigkeit, sagte der Starke und Stattliche zu dem Schmachtigen, der ihn schon einige Dutzendmale mit seinem Wie? Wie sagten Sie? geplagt hatte.

Und sich dicht an das Ohr des Fragenden lehnend, rief er hinein:

Haben Sie ihm punkt Sieben gesagt?

Punkt Sieben, Herr Oberkommissair!

Der Oberkommissair Pax zog seine Uhr und liess sie repetiren. Es war sieben Uhr. Der Erwartete kam noch immer nicht. Ungeduldig ging der Harrende auf und ab. Hier lagen alte Balken, da standen Tonnen, die zur Kellerei gehorten. In mancher Ecke hing noch eine eiserne Kette oder ein Ring, der fruher zu den in den Rathhaushofen ublichen Executionen benutzt wurde. Der Oberkommissair spielte ungeduldig mit einem dieser Ringe und sah zu den Fenstern des Rathhauses hinauf, die nach dieser Seite hin vergittert waren. Ein menschliches Wesen liess sich sonst nicht blicken. Abgelegen und still lag dieser Hof, nur zuganglich den Leuten des Rathskellermeisters und den Subalternen des Rathhauses, wenn sie in den Fall kamen, aus den Verschlagen des alten Professhauses Akten oder zu feierlichen grossen Sitzungen Stuhle und Tische holen zu mussen. Eine andere Thur zu dem alten Gebaude als die, zu der man auf einer halben Leiter hinaufstieg, war nicht sichtbar. Ohne Zweifel hatte hier fruher eine grossere Steintreppe gestanden, war baufallig geworden, abgerissen und nun durch eine holzerne Nothtreppe ersetzt, die in der That mehr den Namen einer Leiter verdiente.

Kommen Sie, Schmelzing, rief der Oberkommissair, wir bleiben einstweilen beim Rathsdiener Spiess oder wir schliessen auf und gehen immer hinein.

Der zu einem Rathe in diesem Falle Aufgeforderte war in der That der ehemalige Schreiber Schmelzing, der schon lange in mancherlei Relationen zur Polizei gestanden hatte, seitdem aber Hackert's Talente von Pax erkannt und fur die offentliche Sicherheit gewonnen waren, sich gleichfalls dem Oberkommissair offener zur freien Verfugung gestellt hatte. Er war mannichfach zu verwenden. Schrieb er auch nicht so kunstvoll wie Hackert, der in der Kalligraphie ein Kunstler war, so war seine Feder doch rascher, sein Auge geubter im Entrathseln schwieriger Handschriften und seine Kenntniss des Kanzleistyles zuverlassiger als bei Hackert, dem oft einfiel, seine eigenen Wege zu gehen und in die von dem Oberkommissair verlangten Berichte seine eigenen Ideen einfliessen zu lassen. Die heutige Expedition war eine von denen, denen Schmelzing sich gern unterzog, da sie besonders gut bezahlt wurden und ohne ein besonderes Vertrauen der Behorde nicht gut ausgefuhrt werden konnten. Leider storte ihn seine Harthorigkeit, die wir schon von Nr. 87 her in der Brandgasse Nr. 9 kennen und auch jetzt gab er keine andere Antwort, als dass er ausserte:

Frau Rathsdienerin Spiess? Eine schone Frau!

Ungeduldig hatte der Oberkommissair mit einem grossen Schlussel, den er aus der Brusttasche zog, sich an die Treppe begeben und auf ihr die Thur des alten Professhauses aufgeschlossen und Schmelzing aufgefordert, nach ihm einzutreten, als man eilende Fusstritte horte. Pax hielt die Thur noch zu und sah sich um. Es war der Erwartete.

Sie kommen so spat, Hackert! Haben Sie's nicht finden konnen?

Da bin ich jetzt, sagte Hackert. Was soll's nun? ... Die Fasser hier kenn' ich ... auch die Ratten, die sich hier im Hofe jagen, sind alte Freunde ...

Finden Sie sich hier zurecht? fragte Pax voll Antheil fur seinen Schutzling, der in gewahlter Kleidung, leicht, heiter und sorglos schien.

Wenn Schlurck oben auf dem Amt zu thun hatte, sagte Hackert, sprang' ich kleiner Bursch' hier auf dem Hof herum, zupfte das Gras aus und band alte Stricke an die Halseisen und kugelte die Tonnen herum, bis die Rathsdiener kamen und mir Ruhe geboten. Hier hab' ich leider zu fruh Wein trinken lernen. Als zehnjahriger Junge hab' ich da in der Ecke oft betaubt gelegen und schlief meine ersten Rauschchen aus, die freilich mehr vom Dunst in den Kellern kamen, als ...

Sie waren von jeher ein Taugenichts, unterbrach Pax lachend. Machen Sie sich nicht besser wie Sie sind!

Hackert schuttelte den Kopf.

O ich sass hier oft ganz allein im Hofe, fuhr er, sich umsehend, fort, und freute mich uber die Schwalben, die da oben in den alten rothbraunen Fenstern nisteten. Sehen Sie nur da, Fratzen von Fuchsen, Wolfen, Kranichen, die die alten Steinmetzen hinein gehauen haben. Die schienen mir alle lebendig zu werden, auch ohne Rausch. Da kam denn manchmal der alte Rathskellermeister heraus und kannte mich als Schlurck's Pflegesohn und Schreiberjungen. Da hiess es denn: Fritz komm! Willst einmal Wein kosten? Ich schmunzelte blos und sagte gar nichts. Aber der Alte ging und kam mit einem grunen Romer angewackelt voll vom altesten Niersteiner. Ich hatte bei Schlurck's fruh Wein getrunken, aber der Niersteiner aus dem Rathskeller brachte mich gleich fertig.

Dem Alten quollen die Augen uber vor Lachen, wenn er sah, dass ich das Glas hinuntergoss und gleich darauf Augen machte wie ein angestochenes Kalb. Er wollte, ich sollte nun gleich tanzen und ich tanzte auch, und wurde so verwirrt, dass ich umfiel. Da lachte er aus Leibeskraften und ging in den Keller zuruck. Noch ist's mir, als hort' ich das alte Schurzfell rascheln, wenn er so klatsch! klatsch! klatsch! wieder in die Verliesse hinunter stieg. Er ist nun todt. Seitdem bin ich nicht wieder da gewesen. Und was soll's nun hier?

Die drei Diener der offentlichen Sicherheit waren wahrend dieser Unterhaltungen in dem innern Raum des alten Professhauses angekommen. Aufgeschreckte Ratten huschten an ihnen im Dunkeln voruber. Pax zog eine kleine Handleuchte aus der Tasche, zundete sie durch ein Streichholzchen an, das er behutsam ausloschte und der vielen Papiere wegen, die hier schon herum lagen, nicht etwa hinter sich fortwarf.

Schmelzing war hier bereits bekannt. Hackert kam zum ersten male.

Das sieht da aus! rief er, hier war ich nie!

Er erblickte zunachst eine grosse gewolbte Halle, die jedoch ihre Wirkung durch die vielen Schranke und Repositorien verlor, die hier aufgerichtet standen. Schrank an Schrank, Kiste an Kiste, angefullt mit Papieren. Dazwischen waren Tische, Stuhle, Leitern zusammengeschichtet. Beim weitern Fortschreiten sah man eine steinerne Wendeltreppe, die aufwarts ging und auf allen ihren Stufen dieselbe Unordnung verrieth. Links und rechts standen Thuren auf, die in Gemacher fuhrten, die seit langer Zeit ohne irgend eine Bestimmung schienen. Es kam nun ein Treppchen, das aufwarts und sogleich eins, das wieder niederwarts fuhrte. Endlich hielt der Oberkommissair an, setzte seine kleine Handlaterne auf einen Sims und bedeutete seine Begleiter, ihr Ohr naher zu halten, da er leise sprechen musse.

Hackert, sagte er, ich habe Sie deshalb herbestellt, damit Sie Schmelzing unterstutzen.

Worin?

Im Horen! sagte Pax.. Ich habe ihm schon alle seine verdammten Gehorgange untersuchen lassen. Sie waren zwar seit Jahren nicht ausgefegt worden, wie alte Schornsteine; aber schreien muss man doch, wenn er etwas authentisch in seinen Hirnkasten aufnehmen soll.

Was gibt's denn hier in der Dunkelheit zu horen? fragte Hackert erstaunt.

Die Regierung, sagte Pax, ist einer Menge gefahrlicher Umtriebe auf die Spur gekommen. Fremde Emissaire sind von Paris und Amerika eingetroffen. Man hat die genauesten Anzeichen einer sich ausbildenden neuen revolutionairen Bewegung. Die Nothwendigkeit, wachsam zu sein, liegt auf der Hand und unsere Krafte reichen kaum aus, uberall aufzumerken und aufmerken zu lassen, was im Stillen angesponnen wird ... hier nun befinden wir uns

Uber dem Rathskeller! unterbrach ihn Hackert.

Einer Lokalitat, setzte Pax hinzu, die ihrer eigenthumlichen Bauart wegen von einer gewissen feineren Revolutionspartei sehr gesucht ist.

Es herrscht hier das Zellensystem! sagte Hackert trocken.

Pax lachelte uber diese Anspielung auf die pennsylvanischen Gefangnisse.

Allerdings, bemerkte er, hat diese Lokalitat das Einladende, dass sich kleine Gesellschaften hier vollig abschliessen und berathen konnen ...

Dicke Eichenthuren, Mauern so breit wie Kirchenfundamente da soll Schmelzing etwas horen? Herr Oberkommissair, die Posaunen von Jericho muss er sich an's Ohr setzen, um durch solche Wande eine Verschworung zu entdecken.

Sie verstehen sich auf Akustik, seh' ich, sagte Pax. Erfahren Sie denn, dass hier drei der gesuchtesten Trinkstuben unter uns mit einer Vorrichtung fur Schwerhorende versehen sind.

Hackert erstaunte und Schmelzing, der ahnte, wovon die Rede war, bestatigte, was der Oberkommissair ihm eben gesagt zu haben schien.

Ist in die Decke unter uns ein Schallrohr eingemauert? fragte Hackert unglaubig.

Das nicht, sagte Pax verschmitzt. Aber diese alten Baumeister waren nicht dumm. Jene drei Zellen sind der Art, dass man hier im ersten Stock jedes darin gesprochene Wort horen kann.

Das ist ein Wunder! Wie ware Das? fragte Hackert.

Ich kann es Ihnen nicht an Ort und Stelle beschreiben, sagte Pax, denn dort, wo das Wunder stattfindet, mussen wir schweigen. Die Einrichtung ist sehr eigenthumlich. Die in jenen Zellen Sitzenden glauben von dichten Wanden und Eichenthuren verschlossen und geschutzt zu sein und sind es auch ...

Also keine Hohlwande?

Keine Hohlwande! Wohl aber wolbt sich die Decke in Bogen der Art empor, dass sie oben sich in der Figur eines Kreuzes vereinigen. Dies Kreuz, an den Ecken in Form eines dreiblattrigen Kleeblattes, ist eine Offnung, die unfehlbar keinen andern Zweck als zum Luftzuge hatte ...

Sagen Sie Das nicht, fiel Hackert ein. Die geistlichen Ritter, die hier hausten, waren halbe Pfaffen, aber sie verstanden Kunste, wie die ganzen Pfaffen. Das waren Gefangnisse oder Bussestuben, durch das Kreuz sprachen die Engel mit den Gefangenen und Bussenden oder die Profossmeister, wie es gerade kam. Ich entsinne mich, mein alter Rathskellermeister hat mir Mordgeschichten von seinen Trinkstuben erzahlt. Der musst' es wissen. Ich sag' Ihnen, in seinem Schurzfell und der sehwarzen Sammetkappe sah der Alte aus, als wenn er den geistlichen Rittern hier schon vor funfhundert Jahren Niersteiner kredenzt hatte.

Genug, fuhr Pax fort, Sie werden sich uberzeugen, Hackert, dass der Schall der unten gesprochenen Worte durch die Wolbung in das enge Kreuz hinauf dringt wie durch die klugste akustische Vorrichtung. Man vernimmt hier oben jedes Wort und ich kann Ihnen sagen, dass ich mich vollkommen auf Schmelzing verlassen wurde, wenn er nicht zu furchtsam ware, hier oben allein zu bleiben und freilich auch, wenn nicht gerade jetzt sich Menschen dort unten versammelten, bei denen man zwei Zeugen haben muss, um ihrer gefahrlichen Verabredungen gewiss zu sein.

Aber bester Herr Kommissair, begann nun Hackert, der plotzlich uber eine ihm gestellte Zumuthung dieser Art, die erste in diesem Fache der praktischen Polizei, fast uberrascht schien; glauben Sie denn, dass sich da Menschen hinsetzen und dicht unter dem Schallloche verfangliche Reden fuhren werden?

Ich wunschte, sagte Pax, Sie hatten einmal von unten aus eine dieser Trinkstuben des Rathskellers gesehen. Sie treten ein und sind in einem kleinen abgeschlossenen Zimmer. Eine schwere mit Eisen beschlagene Eichenthur fallt hinter Ihnen zu. Die mit gruner Olfarbe bestrichenen Wande sind gemuthlich einladend. Man sieht wohl dies Kreuz in der Decke, das mit weissem gegipsten Stukkaturrande zierlich gearbeitet ist; aber dicht daran hin ist die Rohre der Gasbeleuchtung geleitet. Die Gasflamme, gedeckt von einem Schirme, geht gerade so empor, dass ihr Dunst durch das hohle Kreuz seinen Abzug findet. Diese Einrichtung ist so willkommen, scheint so sinnreich und unerlasslich nothwendig, dass Niemand die Ahnung hat, es konnte durch die Wolbung Das, was unten gesprochen wird, oben hinauf geleitet werden.

Also sein Ohr darf Schmelzing nicht daruber halten, sonst wurd' er sich seine schonsten Haare verbrennen? fragte Hackert lachend.

Allerdings dringt genug von dem heissen Dunst herauf, erklarte Pax. Allein das Zwischengebalk des Kellers und des ersten Stockes ist doch wohl zwei Fuss auseinander. Ich entdeckte diese sinnreiche Vorrichtung, wie ich mir einmal die Trinkstuben des Rathskellers ansah. Ich fand den Ton unten so hohl, so schallend und stellte, ohne dass der jetzige Rathskellermeister eine Ahnung davon hat, Versuche an, die selbst mit dem harthorigen Schmelzing ergiebig waren.

Das glaub' ich, sagte Hackert. Diese Vorrichtung ist eine Schalltrompete. Husch!

Schmelzing erschrak. Hackert hatte sich den Scherz gemacht, ihn durch einen Schreckensausruf zu angstigen.

Lassen Sie Hackert! sagte er angstlich. Ich versichre Sie. Es spukt hier!

Wirklich? antwortete Hackert, haben Sie einen alten Ritter gesehen, Schmelzing, der vielleicht mit dem Finger drohte: Will der vermaledeite Horcher da vom Fussboden weg!

Das erste Mal, flusterte Schmelzing, schloss ich die Thur nicht zu. Da war Alles still. Ich blieb eine halbe Stunde. Es wurde nicht viel Besonderes gesprochen. Das zweite Mal schloss ich hinter mir zu, weil die Thur aufgeht, wenn man sie nicht zuschliesst und einem Kufer, der zufallig in den Hof kommt, doch die offene Thur auffallen konnte. Da sah ich etwas ...

Ja, sagte Pax lachend, er sah etwas und horte nichts. Es waren gerade zwei sehr gefahrliche Personlichkeiten in der einen Trinkstube, wo ich schon Minister und Geheimrathe angetroffen habe, der bekannte Major Werdeck und noch einige Geheime, und er horte nichts, will aber etwas gesehen haben.

Ein Skelett, sagte Hackert. Sich selbst hat er irgendwo in einem Spiegel gesehen, der vielleicht vom Pfandhaus sich hierher verirrt hat.

Schmelzing sah sich um. Die Stille des Orts war in der That geheimnissvoll und Hackert bewunderte Schmelzing's Muth, auch nur einmal hier ausgehalten zu haben.

Was sah er denn? fragte er den Oberkommissair.

Es war ihm, antwortete dieser, als hatte Einer die Thur hinter ihm aufgeschlossen. Dann hatt' er es rascheln horen. Auch ein Lichtstrahl war' in der Ferne sichtbar geworden und zuletzt hatt' er einen kleinen Mann im grauen Rocke an sich voruber schleichen sehen.

Die aufgeschlossene Thur, sagte Hackert lachend Schmelzingen in's Ohr, war der Wind, das Rascheln kam von den Mausen und Ratten. Der Lichtstrahl kam aus dem Hofe von irgend einem ehrbaren Rathskufer und das graue Mannlein sah die gesteigerte Angst ...

Schmelzing schuttelte mit dem Kopf und protestirte entschieden gegen diese naturliche Auslegung Seitens eines Menschen, von dem er wusste, dass auch er nicht recht geheuer war ... Er blieb dabei, es ware Jemand in dem Gebaude mit ihm zusammen gewesen, aber er hatte ihn auch fortgehen sehen und deutlich gehort, wie er wieder zuschloss. Es ware ein Mann mittlerer Statur gewesen. Er, Schmelzing, hatte seine eigene Laterne gleich beim ersten Rascheln ausgeloscht und beim Schein der kleinen Leuchte des unheimlichen Besuchers sich uberzeugen konnen, dass er ganz grau war. Freilich hatte er ihn nur am Ende eines Corridors gesehen. In der Nahe hatte er unfehlbar den Tod gehabt.

Nun wohl! sagte Hackert scherzend und doch grubelnd, das ist der Geist von einem alten Pfaffen der Johanniter, der keine Ruhe hat. Schmelzing, der wahlt Sie am Ende, um ihn zu erlosen.

Machen Sie nur keine Scherze, Hackert! sagte der Schreiber. Was ich sah, sah ich. Ich beschwore, dass Alles wirklich war.

Genug, unterbrach Pax die Streitenden. Ich habe Eile, Schmelzing furchtet sich allein zu sein; auch vor Ihnen Hackert furchtet er sich eigentlich. Aber durch wen soll ich ihn unterstutzen lassen? Mullrich und Kummerlein waren fruher handfeste Metallarbeiter, sind aber jetzt, da es ihnen gut geht, Hasenfusse. Furchten Sie sich, Hackert, hier mit Schmelzing allein zu bleiben?

Nicht vor zehn Teufeln, sagte Hackert, furcht' ich mich hier. Wo sind die Kreuze, die uns beschutzen werden?

Ehe ich Sie dorthin fuhre, bemerkte Pax, sprechen Sie mit Schmelzing Alles ab! Denn dort an dem Fussboden durfen Sie nichts mehr zusammen reden. Es wurde zu gefahrlich sein und uns die ganze Unternehmung verderben.

Geben Sie Acht! sagte Hackert, wir verstandigen uns schon.

Damit fing er ein sonderbares Gebehrdenspiel an, schnalzte mit den Fingern, zupfte bald am linken bald am rechten Ohre, tippte auf die Nase und machte die sonderbarsten Gestikulationen.

Was treiben Sie denn fur Narrenspossen? fragte Pax.

Nichts Narrenspossen! antwortete Hackert. Ich spreche mit Schmelzing.

Und Schmelzing bestatigte dem Oberkommissair, dass er sich, ehe seine Gehorkanale polizeilich gereinigt wurden, oft der furchterlichsten Melancholie ergeben hatte und vollkommen des Glaubens gewesen ware, er wurde einmal ganz taub werden. Da hatte ihn denn schon Hackert als guter Nachbar getrostet und ihn von den vielen tausend Kunsten, die er verstunde, auch die Kunst der Zeichensprache gelehrt. So konnten sie Stundenlang zusammensitzen und sich, ohne den Mund zu offnen, auf das Lebhafteste unterhalten.

Das trifft sich vortrefflich! fiel Pax erfreut von den Talenten seines Lieblings ein. Und wenn Sie vollends noch Wein vorrathig finden, so kann Ihnen die Zeit nicht lang werden, falls das graue Mannchen die Flaschen nicht ausgetrunken hat.

Wein? sagte Hackert erstaunt.

Wir wollen sehen, bestatigte Schmelzing. Der Herr Oberkommissair gab mir das zweitemal einen Korb Wein mit, den ich in der Dunkelheit herein trug, um fur oftere Besuche nicht ohne Erquickung zu sein.

Ja, sagte Hackert. Schmelzing und Wein! Nun weiss ich! Beim ersten Glase schon haben sich ihm alle Graber der Vorzeit geoffnet.

Schmelzing schuttelte den Kopf und blieb fest dabei, dass er wirklich hier oben einen nachtlichen Besuch empfangen hatte.

Der Oberkommissair bemerkte jetzt, dass es ihm besonders lieb ware, die Ausserungen des Majors Werdeck zu horen. Er wisse aus bestimmtester Quelle, dass er mit einigen Freunden heute Abend im Rathskeller soupiren wurde. Er hatte auf die elegante feinere Trinkstube Beschlag gelegt. Wer die Gaste waren, wisse er noch nicht. Aber er zweifle nicht, dass es dieselben Personen sein wurden, auf die die offentliche Sicherheitspflege schon langst ihr Augenmerk gerichtet hatte.

Damit zog er Hackerten und Schmelzing vorwarts und bedeutete sie, leise aufzutreten.

Sie kamen alle Drei jetzt auf einen steinernen Fussboden. Anfangs war es um sie her dunkel. Bald aber zeigten sich auf den steinernen Vliesen lichte Stellen.

Sehen Sie da, flusterte Pax, den Widerschein der Gasflammen! Aber nun kein Wort mehr!

Zugleich bemerkten sie den Schwefelgeruch des Gases.

Schmelzing bedeutete Hackerten, nur auf den Zehen aufzutreten.

Sie waren an einem der Lichtschimmer. Es bildete sich hier ein Kreuz mit drei Kleeblattern an den vier Enden. Geisterhaft, wie aus Licht gewoben, schwebte das Kreuz im Dunkeln. Ebenso an einer andern und noch an einer dritten Stelle.

Mit dem Auge zu nahe kommen durfte man dem Schimmer nicht und an ein Hinunterblicken war nicht zu denken. Wie Irrwische schwebten die heiligen Zeichen in der Nacht auf dem grossen steinernen Estrich, der eine Speisehalle gewesen zu sein schien. Indem winkte Schmelzing sehr lebhaft. Die beiden Andern schlichen naher. Schmelzing zeigte auf einen Korb und machte Gebehrden der angenehmsten Uberraschung.

Noch Alles da, wie es war? fragte Hackert durch die Zeichensprache der Taubstummen.

Schmelzing zog eine Flasche nach der andern in die Hohe und winkte, dass sie schwer waren.

Also, flusterte Hackert dem Oberkommissair in's Ohr, die Geister haben hier oben inzwischen keinen Durst gehabt.

Pax bedeutete ihn ernstlich zu schweigen. Er zeigte ihm mit besonderm Nachdruck das Lichtkreuz, das in der Mitte flammte, und winkte ihm, dort am meisten Acht zu geben. Schmelzing trug den Korb an das mittlere Kreuz und erbot sich, dem Oberkommissair das Geleite zu geben, damit er hinter ihm wieder zuschliessen konne. Pax nickte dazu. Schmelzing folgte ihm mit der kleinen Laterne und liess Hackerten mit dem Bedeuten, er wurde sogleich wiederkommen, im Dunkeln allein.

Als sich Pax und Schmelzing entfernt hatten, warf sich Hackert in der Nahe des mittleren Kreuzes auf die Erde. Er fuhlte, dass er auf etwas Weiches fiel. Schmelzing's Mantel schien es ihm, den er an seinem groben Tuche und einem abgeschabten Halskragen erkannte.

Aha! dachte er, der Spion hat sich hier schon ganz hauslich eingerichtet!

Und nun erst ergab er sich einem genaueren Nachdenken uber die sonderbare Situation, in die er hier so plotzlich, er wusste nicht wie, versetzt worden war.

Siebentes Capitel

Die flammenden Kreuze

Wir haben in Fritz Hackert einen Menschen des Instinktes kennen gelernt. Unbekannter Herkunft stehen uns seine Schicksale vor Augen seit der Aufnahme in das Haus des Justizrathes Schlurck und seinen jugendlichen Verirrungen mit Melanie bis zu dem Augenblick, wo wir ihn am Schlusse des Fortunaballes in einem erneuerten Anfall seiner Krankheit verliessen. In dem ersten Momente, wo uns Hackert personlich bekannt wurde, in Tempelheide, wo er im Kornfelde lag und den Becher Weins mit Siegbert theilte, erkannten wir in ihm eine nicht ungewohnliche Natur, die aber damals vollig zerfahren, mit sich selbst zerfallen war, innerlich und ausserlich verdustert und heruntergekommen. Spater fielen uns lichtere Momente auf sein widerspruchsvolles Wesen und wir werden uns wol gesagt haben, dass dies Individuum durch Krankheit, geringe aussere und meist durch sich selbst gewonnene Erziehung, endlich durch sein angeborenes Naturell dem Urstoff des Menschen naher stand als die meisten andern Menschen, die man eher vermittelte Naturen nennen mochte. In Hackert lag noch unmittelbar das ganze Chaos des Guten und Bosen, wie es aus der Hand des Schopfers in uns so geheimnissvoll gepflanzt scheint. Wohin seine Entwickelung ihn fuhren wird, ob zum Schlimmen oder zum Guten, wird uns schwer werden, schon vorauszusagen. Wir sahen ihn in den Beziehungen zu Melanie von einem Sensualismus, der nur durch den uppigen Ton des Schlurck'schen Hauses und die epikuraische Weltauffassung des Justizraths entschuldigt werden kann. Melanie war ihm wol so ziemlich gleichartig, nur dass sie die Vorzuge einer gefalligeren Bildung vor dem fruh verwahrlosten und durch die Farbe seines Haares entstellten Spielgenossen voraus hatte. Einen Beweis fur ihre wirkliche aus dem Herzen fliessende Gute ist uns Melanie noch schuldig geblieben. Was sie uns an freundlichen Gesinnungen und wohlwollenden Gedanken offenbarte, floss aus ihrer Leidenschaft, aber auch diese kam nicht rein aus dem Herzen, sondern aus der Eitelkeit und dem Drange nach Auszeichnung ... In Hackert schlummerte der Ehrgeiz. Zu seinem Glucke unbewusst. Hatte ihn der Gedanke des Ruhms, der Auszeichnung erfasst, er hatte nur auf schlimme Bahnen gerathen konnen, auf solche Bahnen, an deren Beginn wir ihn eben jetzt erblicken.

Muth und Zaghaftigkeit waren in diesem Naturmenschen auf eigene Art gemischt. Wenn wir sagen, dass etwas Weibliches in ihm lag, eine grosse Empfanglichkeit und das Bedurfniss einer Liebe, wie sie ihm nach seinem bessern Sinne selten zu Theil wurde, so wird man sich der Losung des psychologischen Rathsels, das er darbietet, schon eher nahern. Ein Mannweib, wenn es denkbar ware, brachte wol ahnliche Mischungen, die an Thierisches erinnern, an den Muth und die Furcht des Lowen zugleich, zum Vorschein. Hackert hatte oft grossartige Regungen und verfiel sogleich wieder, bei der geringsten Verletzung, in die niedrigsten. Wir haben gesehen, wie er der Rache fahig war! Man hatte ihn furchtbar entwurdigt, hatte ihn durch jene Zuchtigung wie ein Thier mit Fussen getreten, aber statt offen seinem Gegner gegenuber zu treten, todtete er ihm durch die raffinirteste Grausamkeit sein Eigenthum. Ihn zu verdammen steht Jedem frei. Wer wird ihn beschonigen wollen? Aber wer wird auch so weichlich gestimmt sein, nur Die Menschen menschlich zu finden, die nach den Regeln des Katechismus entweder gut oder bose sind, fur den Himmel oder die Holle passen, nur Liebe oder Abscheu erregen? Wir Menschen sind nicht so kurz zu nehmen, wie wir in einem polizeilichen Signalement oder in lebensunwahrer Dichtkunst angegeben werden. Die Mehrzahl der Lebenden sind Hackerte, Individuen, schwierig unterzuordnen unsrer Liebe und doch auch nicht hassenswerth. Die reine gelauterte Vortrefflichkeit gibt es ebensowenig, wie es eine abstrakte Schlechtigkeit nicht so nackt gibt, wie man ihr in den Kriminalgefangnissen zu begegnen glaubt. Wir sprechen immer von Menschen, die wir lieben und achten, und immer von Menschen, die wir hassen. Aber zwischen Beiden gibt es Millionen, die sich aus unsrer Liebe und unsrem Hasse sehr wenig machen, die so sein wollen wie sie sind, und die man gelten lassen muss, weil ihnen die Welt so gut gehort wie uns. Unsre Massstabe von Verstand, Herz, Gemuth passen in den seltensten Fallen auf die Menschen. Dieser Hackert konnte demuthig werden bis zum Kleinmuthigen, ja bis zum Uberschlag in eine weiche und klagende Hingebung, und der geringste Erfolg, wie wir an dem Abend gesehen haben, als er Melanie in ihrem Wagen uberfiel, schnellte ihn zum Ausbruch des Trotzes und zur widerlichsten Prahlerei empor. In jener Nacht, als er den Brudern Wildungen ihre ublichen moralischen Voraussetzungen uber den Haufen stiess, strafte ihn freilich das Geschick. Eben noch jubelnd von Lust, drohte ihm zum zweiten male ein Uberfall, eine noch schimpflichere Mishandlung. Damals gerettet durch die sorgsame Liebe des jungen Madchens, dem sein zerrissenes Gemuth, seine Bizarrerie imponirte, fluchtete er sich in einen Versteck und verfiel vor Zorn und Jammer uber sein Loos in Krampfe, Zuckungen und ein stilles Schluchzen, das erst aufhorte, als er, vom genossenen Weine ubermannt, halb und halb entschlief. Und in diesem Halbschlafe trieb ihn sein unruhiger kranker Geist empor und fuhrte ihn als Schlafwandler in den Tanzsaal zum allgemeinen Entsetzen. Damals kam ihm die Ideenverbindung der regen Phantasie von selbst auf Louise Eisold, die neben ihm war und ihn stutzte. Er sah die Kinder im Geist. Er lehnte sich uber ihre Lagerstatten, um ihnen: Gute Nacht! zu sagen. Er sah den Alten, griff nach ihm und fuhlte ihn kalt. Er sah, dass er starb. Die Uhr schlug in dem Augenblicke vier. Er erwachte und sank in die Arme jenes seltsamen Madchens, das in ihm gerade den kranken Genius liebte.

Wie Hackert damals von Sandrart, Louisen und Franzchen nach Hause gefuhrt wurde, in der Fruhe noch zu Bett ging, dann aufstand, sich auf Alles besann und tief, tief uber sich schauderte, da hatte er gedacht: Du musst dich in ein festes Lebensjoch schmieden! Du musst irgend etwas beginnen, was diese bosen Geister deines Innern, diesen ewigen Aufruhr deines Damons zur Ruhe bringt! Mit Gewalt zwang er sich, den Vorschlagen des Oberkommissairs Pax Gehor zu geben. Und ohne zu prufen, was doch wol Alles dieser neue Beruf ihm auferlegen konnte, ohne irgend zu uberdenken, welches die Bedeutung seiner neuen Thatigkeit werden musste, schleuderte er sich mit Gewalt in diesen Beruf, nur um von dem gefahrvollen wilden Vegetiren freizukommen. Er hatte Melanie versprochen, wenn sie bei Lasally die Einstellung seiner Klage gegen ihn durchsetzen wurde, sie und Alle in Ruhe zu lassen. Zu Louise Eisold zog ihn nur Wehmuth, nur Schmerz, nur Reue. Er wurde feig, unmannlich, wenn er sich die Moglichkeit dachte, ein so edles, tugendhaftes Madchen zu lieben, er floh sie wie die Tugend. Und weil er auch schon langst das grobe Laster verabscheute, so warf er sich nun zum ersten male wieder in die Arbeit. Er kannte keine andre Arbeit als die mit der Feder. Bei Schlurck war er ausserordentlich geschaftskundig geworden, hatte eine Schlauheit, Pfiffigkeit, eine Gewandtheit im Auffassen, einen Reichthum von Detailkenntnissen sich erworben, die der Oberkommissair Pax sehr zu schatzen wusste und gern darauf einging, fur grobere Arbeiten eher den Schreiber Schmelzing zu beschaftigen. So hatte Hackert seither hingebrutet in Bureauthatigkeit. Er hatte die Genugthuung, dass ihm diese Lebensweise fur die Beruhigung seiner Nerven besser gedieh als das planlose Umherdammern in Busch und Feld, auf Kreuzweg und hinter Hecken und das Verfolgen seiner leidenschaftlichen Eingebungen. Bald dachte er fruher: Du musst sparen! Es kommt eine Zeit, wo Schlurck dir nichts mehr gibt oder du nichts mehr von ihm nimmst! Es kommt eine Zeit, wo du verhungern kannst! Da wurde er geizig, schmuzig geizig. Dann warf er wieder das Geld fort, das er ohnehin in baarem Metall nicht leiden mochte, weil er, wie er sagte, physische Schmerzen davon hatte. Da geschah es ihm wol, dass er so frech war, einen Funfthalerschein als Fidibus zu einer Cigarre zu verbrennen. In solchen Krisen war er krank und stand in der Nacht auf, unruhig, gequalt und erschreckte die Menschen durch sein Nervenleiden, das ihn zum Nachtwandler machte. Seitdem er bei Pax arbeitete, in der einzigen Thatigkeit, die ihm zuletzt doch nur allein moglich machte, sich einen Beruf zu bilden, war sein Wesen ruhiger geworden. Er schlenderte so hin und schlief ruhig. Er dampfte seine Uberreizung ab und sah nicht mehr rechts, nicht mehr links und war auf dem Wege, ein consequenter Menschenhasser zu werden, ein Peiniger, ein Tyrann aller Lebendigen.

Heute zum ersten male kam ihm nun eine Zumuthung, wie sie ihm der Oberkommissair noch nicht gestellt hatte. Anfangs zog ihn die Art, wie er in diese Situation gerieth, an. Das kam so eigenthumlich, so geheimnissvoll. Die Erinnerungen an die Kinderzeit thaten ihm wohl. Der Spott uber Schmelzing, der Scherz uber den Spuk, das Alles stimmte ihn anfangs launig. Wie er nun aber hier auf dem Estrich hingestreckt so allein kauerte, wie da drei gespenstische Kreuze, flimmernd und flackernd, so auf dem Boden wie Irrlichter ihn umtanzten, wie er sich sagte: Was sollst du hier? Horchen? Lauschen? Da uberfiel ihn die Uberlegung und sie stimmte eigentlich nicht mit Dem, was ihm genehm war. So Manches war schon vorgekommen, was ihm der Oberkommissair ubertragen hatte und was ihm bedenklich schien. Er hatte sich Dem unterzogen, ohne lange zu prufen. Diese Horcherrolle aber machte ihm Kopfschutteln; dennoch hatte sich sein Menschenhass schon so entwickelt, dass ihm etwa eine Verhinderung der Pax'schen Absichten nicht im geringsten einfiel.

So lag Hackert eine Weile und horchte, ob nicht Schmelzing zuruckkame. Er hatte das Aufschliessen der Thur und das Zuschliessen gehort, aber Schmelzing kam nicht wieder. Wie? fuhr er auf, hat man dich eingeschlossen und dir das Geschaft des Lauschers allein ubertragen? Noch eine Weile geduldete er sich. In dem Augenblicke glaubte er etwas knistern zu horen. Er lag ganz im Dunkeln und hatte kaum den Ruckweg finden konnen. Zornig sprang er auf. Wie seine Natur war, hatte er sogleich die schlimmste Vorstellung. Er sah sich gefangen, betrogen, irgendwie verrathen. Die verzerrtesten Moglichkeiten tanzten vor seiner im Nu entzundeten Phantasie. Er wollte Larm machen, durch die Kreuze hindurch um Hulfe rufen. Jetzt zaghaft und sogleich kleinmuthig, gab er nicht nur sich, sondern sogleich auch Die, die ihm vertraut hatten, auf. Da horte er etwas in der Ferne knarren. Es musste die Thur sein, die aufgeschlossen wurde. Die Erzahlung von dem grauen Manne kam zur Mehrung seiner Aufregung noch hinzu. Er horchte. Er glaubte Tritte zu vernehmen. Ein Lichtschimmer fiel durch irgend eine Scheibe in der Vorhalle. Er hielt den Athem an und rustete sich auf jede Gefahr. Da kamen die Fusstritte naher, der Lichtstrahl beleuchtete die Wande. Hackert stand auf dem Sprunge, dem verdachtigen Ankommling jedenfalls sogleich die Laterne zu entreissen ... Es war aber Schmelzing, der in der einen Hand mit der Laterne, in der andern mit einem grossen Papiere, in das etwas eingewickelt schien, naher schlich. Seine Phantasie hatte ihn von der Moglichkeit, dass der harthorige College wiederkam, ganz entfernt gehabt. Schmelzing kam und nickte Hackerten zu, ihm das Papier abzunehmen. Es war Brot und Fleisch. Schmelzing war noch auf die Strasse gegangen und hatte Vorrathe eingekauft, wofur ihn Hackert loben musste. Behaglich kauerten sie sich nun zur Erde nieder an dem mittleren Gasflammenkreuz, zogen Messer hervor und zerschnitten sich den reichlichen Proviant. Leider hatte Schmelzing vergessen, fur ein Glas zu sorgen. Da zog er ein holzernes Pennal aus der Tasche, nahm die Federn und Bleistifte heraus und verwandelte dies Pennal in zwei Trinkbecher, einen grossen und einen kleinen. Den kleinen nahm Schmelzing, der nicht viel vertragen konnte, den grosseren Hackert. Mit der Fingersprache sagte Hackert, so hatten die Humpen der alten Ritter ausgesehen, nur waren sie grosser gewesen. Die beiden Schreiber stiessen mit ihren Trinkpennalen an und unterhielten sich, obgleich stumm, auf die heiterste Art. Endlich horten sie Gerausch. Die Thur der Trinkstube unter ihnen ging auf. Manner traten ein, ein lautes Gesprach begann, jedes Wort schallte in der Wolbung so wieder, wie es unten gesprochen wurde. Die beiden lauschenden Schreiber spitzten die Ohren ...

Unsre Freunde aber, Dankmar, Siegbert und Leidenfrost hatten, als sie von dem Feste der Weinlese bei der Furstin Wasamskoi kamen, am Thore sich von den Arbeitern getrennt, die an der Stadtmauer entlang in die Willing'sche Fabrik zuruckkehren wollten.

Sie schritten, die kleinen Einzelheiten des Nachmittags wiederholend und Manches, was ihnen, den stillbewegten Siegbert ausgenommen, spasshaft erschienen war, belachend, dem alterthumlichen Viertel der Stadt zu. Am Rathskeller wollte sie Louis Armand erwarten. Dass auch Major Werdeck kommen wurde, war der Inhalt des von Sandrart uberbrachten Billets gewesen. Der Major hatte hinzugefugt, dass er zur Erorterung der langstersehnten Wunsche ganz fur den Rathskeller ware, dessen kleine abgeschlossenen vielgesuchten Zellen der gemuthlichen Unterhaltung sehr entgegen kamen: er hatte schon die beste, in der selbst General Voland von der Hahnenfeder, der Alterthumler, nicht verschmahe, sich zuweilen einen Trunk Lacrima Christi zu gonnen, fur sie mit Beschlag belegt.

Die Freunde hatten diesen Abend bestimmt, um sich uber die grosse Aufgabe der Zeit, die sie Alle beschaftigte, in ihrem Sinne grundlich auszusprechen und diejenige Rolle zu bezeichnen, die sie entschlossen sein wollten, in dem allgemeinen Kampfe der Interessen und Ideen zu ubernehmen.

Werdeck war durch Leidenfrost mit Siegbert und Dankmar bekannt geworden. Schon ofters waren sie hie und da zusammengetroffen und hatten wechselseitiges Vertrauen gewonnen. Zwar lag in Werdeck's scharfhervortretenden Zugen Manches, was beim ersten Begegnen einschuchtern konnte, doch uberwanden die sich Annahernden die erste Scheu; hatte doch auch Dankmar lange damit zu thun gehabt, sich mit Leidenfrost zu befreunden, der von der Malerei immer mehr abkam und in neuester Zeit sogar angefangen hatte, sich auf Strategie zu legen. Es war in der That kein Scherz, wenn Siegbert erzahlte, dass Leidenfrost auf einer bescheidenen Erkerstube, die er bewohnte, eine Menge strategischer Werke, die ihm Werdeck geliehen, aufgeschlagen vor sich liegen hatte und auf einem Tische mit kleingeschnittenen Schwefelholzchen den grossen und kleinen Krieg studirte. Er fand ihn oft in die Stellungen seiner Schwefelholzer so versunken und machte mit ihm die beruhmtesten Schlachten Alexander's des Grossen, Casar's, Eugen's von Savoyen und Friedrich's des Grossen so tapfer durch, dass man die Entzundung der Holzer befurchten konnte. Die Schwefelholzer waren je nach ihrer Nationalitat und ihrer Truppengattung bunt bezeichnet. Leidenfrost konnte sich in seinen taktischen Studien so verlieren, dass er unter seinen Tausenden von Schwefelholzern wie ein Schachspieler sass und irgend einen neuen unbekannten Sprung erfinden zu wollen schien. Er hatte Siegbert ersucht, ihn nicht wegen dieses Unsinns dem Major zu verrathen. Der Zunftgeist, sagte er, ist uberall derselbe und wie wir Niemanden einraumen wollen, dass man Maler sein konne ohne Hande, so begreift auch ein Taktiker nicht, wie man ohne Epaulettes sich uber Kriegfuhrung orientiren kann, was doch nachgerade eine unerlassliche Bedingung eines jedes gebildeten Mannes unsrer Zeit werden und bald so nothwendig fur die Erziehung sein wird wie das Turnen.

Etwas besorgt waren die Freunde uber den Eindruck, den Werdeck und Louis Armand gegenseitig auf sich machen wurden. An dem Stande dieses in der ganzen Residenz schon bekannten und durch seine Beziehung zum Prinzen Egon wohlgewurdigten franzosischen Kunsttischlers nahm der Major keinen Anstoss. Er hatte, einmal vom Wirbelwinde der Zeit gefasst, sich die ungeheure Abweichung von seiner vorgeschriebenen Lebensweise zu Schulden kommen lassen, seinen Kriegerstand zu vergessen und erst durch die Ideen sich mit den Menschen zu vermitteln. So lag ihm auch nun nichts mehr an einer solchen Begegnung mit einem wirklichen Manne aus dem Volke. Bedenklicher hatte es ihm freilich scheinen konnen, dass der neue Genosse der schon mehrfach angeknupften Unterhaltungen ein Franzose war. Werdeck besass aber nicht die Nationalvorurtheile, die uns von unsern Erziehern mitgegeben werden und in unser Blut ubergegangen sind. Seine Frau hatte ihn fruh uber diese Voraussetzungen hinweggebracht. Eine starke, leidenschaftliche, vom Hasse getragene Seele, wie sie war, lebte sie nicht in der Welt, die ihres Gatten nachste Lebensbedingung war. Religiose und nationale Elemente fuhrten sie in jene eigenthumliche Schwarmerei hinuber, die sich aus der Schule Adam Mickiewicz's in Paris mit Flugeln emporschwang, die ihr die Martyrerschaft als das schonste Ziel der Tugend zu erstreben lehrte. In der Minoritat zu leben, mit dieser zu dulden, mit dieser zu hoffen, war dieser Frau eine Geistes-Seligkeit, und wenn auch Werdeck auf's entschiedenste die nationale Berechtigung der Polen verwarf, seiner Frau ihre katholischen Traumereien liess, ohne aufzuhoren, sie sogar deshalb zu belacheln, den Hauch der neuen Zeit hatte er in jeder andern Beziehung in seinem Gemuthe alles Starre und Eisige aufthauen lassen und sah mit Ruhe einer ihm drohenden Katastrophe entgegen. Louis Armand sagte dagegen, die Militairs wurden doch nie die wahre Freiheit der Volker befordern. Sie wollten nur steigen, nur herrschen, glanzen. Louis behauptete von Werdeck gehort zu haben, dass er hypochondrisch, verstimmt, langst mit seinen Standesgenossen zerfallen ware und sich nur darin gefiele, den Hof durch liberale Gesinnungen zu argern. Dennoch fugte er hinzu, hatte er von Heinrich Sandrart, dem Sergeanten, der dann und wann noch zu den alten Martens kame, erfahren, die dritte Compagnie wenigstens liesse ihr Leben fur den Major und daraus liesse sich die Macht einer bedeutenden und gemuthvollen Personlichkeit doch schon theilweise erkennen. Wenn ich ihm kein Anstoss bin, hatte Louis erklart, so komm' ich gern und bin gewiss, von einem so ausgezeichneten Manne viel lernen zu konnen.

Louis harrte schon in der Nahe des Rathskellers. Die Freunde schuttelten ihm die Hand. Alle Drei hatten ihn nur noch inniger in ihr Herz eingeschlossen, als bisher. Louis war nach all' den Anspruchen, die Egon's Freundschaft auf ihn gemacht hatte, jetzt mit erneutem Eifer an seine Arbeit gegangen und hatte Talente entwickelt, die jedem Einsichtsvollen Achtung abgewannen. Mit Genugthuung sah man, wie unausgesetzt theilnehmend er dem offentlichen Leben seines neuen Aufenthaltsortes folgte, wie gespannt er die Entwickelung Egon's uberwachte und jeden Einfluss, den ihm dieser nur gestattete, darauf verwandte, ihn seinen fruheren Gesinnungen treu zu erhalten. Freilich hatte er den Freunden eingestehen mussen, dass seit einiger Zeit mit Egon eine Veranderung vor sich gegangen war. Er hatte ihnen genau den Tag, die Stunde bezeichnet, seitdem ihm vorkame, als hatte Egon ein neues, fremdes Element in sich aufgenommen. Es war dies jener Abend, an welchem die Freunde einer Aufforderung Egon's gefolgt waren, ihm in einer gewagten, aber von seiner wildesten Erregung fur nothwendig erklarten Unternehmung beizustehen. Rudhard hatte dem jungen Fursten die Verwechselung mit dem Thomas a Kempis eingestanden, er hatte von Pax, von Schlurck selbst in der Hauptsache erfahren, was mit dem Bilde vor sich gegangen war. Dass Pauline von Harder die Denkwurdigkeiten der Furstin Amanda besass, stand ihnen Allen fest. Wozu sich neuen Unterschlagungen, einer volligen Vernichtung derselben aussetzen? Nein, hatte Egon gerufen, die Nacht birgt uns in ihr schutzendes Dunkel! Wohlan, ich gehe zu jener Elenden, ich verlasse nicht ihr Haus, nicht ihr geheimstes Zimmer, bis diese Umtriebe entlarvt, die entwandten Schatze zuruckerobert sind. Louis und die Bruder Wildungen sollten Egon sein kuhnes Werk auszufuhren unterstutzen. Rudhard widerrieth, aber die jungen Leute fuhlten sich von dem Abenteuer zu sehr gereizt. Sie folgten Egon und standen schon in Begriff, gewaltsam in das einsame Haus zu dringen und der gefahrlichen Frau das geraubte Gut zu entwinden, als sich der uns bekannte mildere Ausweg gefunden hatte. Aber Egon's seither mannichfach geandertes Wesen konnte nicht geleugnet werden. Man hatte vermuthet, dass die aristokratische Gesinnung der Grafin d'Azimont sicher versuchen wurde, Einfluss auf den Prinzen zu gewinnen. Dies hatte Louis in Abrede gestellt. Eher gestand er zu, dass Rudhard's politische Ansichten, die den ihrigen vollig entgegengesetzt waren, wohl einmal einen bedenklichen Einfluss auf Egon gewinnen konnten. In der Hauptsache aber gestand er dabei, dass seit dem September-Sonntage eine auffallende Veranderung mit dem Fursten vorgegangen ware. Er hatte ihn damals an diesem regnerischen Sonntage, selbst verstimmt, besucht, um sich aufzuheitern, hatte Egon aber in eine Trauer, eine Abwesenheit versunken gesehen, die ihn wahrhaft erschreckt hatte. Auf genauere Fragen hatt' er nicht Rede gestanden und nur zuletzt eingeraumt, dass ihn die endlich von Pauline von Harder abgerungenen Mittheilungen seiner Mutter mit tiefster Trauer uber die Vergangenheit erfullten. Wie man aber, fugte Louis Armand hinzu, wie man aus Trauer leichtsinnig, aus Schmerz verschwenderisch werden kann, begreif' ich nicht. Die Freunde hatten Louis um Aufklarung dieses Widerspruchs gebeten und Louis hatte ihnen gesagt: Alle guten Vorsatze, die Egon fur sein Hauswesen gefasst, sind plotzlich verschwunden. Jede Mahnung an die Ersparnisse, die er sich auferlegte, wies er ab. Menschen, die ihm verhasst waren, die er nicht mehr um sich leiden mochte, behielt er. Als ich ihn nach der Ursache dieses Widerspruchs fragte, sagte er scheinbar scherzend, aber doch voll Ernst: Bester Freund, die Rucksicht auf Ahnen ist kein leerer Wahn! Mein Vater hat Das so geordnet. Ich will es so lassen. Und nun statt irgend etwas von Dem, was er sich vorgenommen, wahrzumachen, erlebt' ich, dass er den Bankier von Reichmeyer zu sich kommen liess, sich erst mit ihm uber dessen Anspruche verstandigte und sogleich ein neues bedeutendes Anlehen schloss ...

Daruber waren die Freunde erstaunt genug und begriffen nun, wie Egon plotzlich einige neue glanzende Equipagen zeigte, seinen Stall von Lasally und dem pferdekundigen Levi neu erganzen liess, die Zahl seiner Bedienten vermehrte und ihnen allen eine Livree vorschrieb, die er selbst zeichnete. Alles Das in einem Zeitraum von vierzehn Tagen, mitten in der raschen, ihm von Justus, dem Volksmanne, erwirkten Nachwahl, mitten in den Vorbereitungen des Zusammentrittes der Stande.

Auch die Beziehung zu Pauline von Harder, zu Guido Stromer, zu der Zeitung "Das Jahrhundert" war zur Sprache gekommen. Niemand begriff, wie nun sich Egon jener Frau so eng anschliessen konnte. Alle Welt wusste bereits, was sie der Mutter des Fursten und ihm selbst schon angethan hatte, und dennoch dieses enge Band! Uber Guido Stromer hatte Dankmar selbst schon vor einigen Tagen zu Egon gesagt: Lieber Freund diese traulichen Bezeichnungen dauerten naturlich noch fort Lieber Freund, du duldest da einen sehr zweideutigen Mann in deiner Nahe! Dieser Stromer ist Pfarrer, Vater, Gatte und schleudert sich hier mit Gewalt in eine Laufbahn, bei der er Wurde und Alles daran gibt! Ich streite ihm die bedeutendsten Gaben nicht ab. Er hat unfehlbar einen reichen, cultivirten Geist und viel Beruf, Dinge, die in der Menschenbrust schlummern, auszusprechen. Allein wenn mir jemals die verkehrte Anwendung des Genies in einem recht grellen Beispiele vorgekommen ist, so ist es bei diesem Guido Stromer. Ein Gelehrter, ein Stubenmensch, ohne Weltton, ohne Lebensauffassung, wird plotzlich, wie soll ich's nennen, wild! Es fallt ihm ein, dass er schwarmen konne, und wie schwarmt er? Die Seinigen lasst er daheim, seine Pfarre verwaltet ein gewisser Oleander und hier taumelt er im Irrgarten der Ideen von einer Luge zur andern. Das sind die gefahrlichsten Reprasentanten des Geistes, die, alles Charakters baar, nur nach ihren personlichen Stimmungen sich bald fur Dies, bald fur Jenes erklaren. Weiss er nicht jeder Auffassung eine gefallige Form zu geben? Erfullt er nicht die innere Leere seines Charakters dadurch, dass er mit Haut und Haar in jede fremde Natur hineinspringt und aus ihr, sie lobpreisend, hervorkokettirt? Gib diesem Menschen irgend eine positive Frage zu vermitteln, irgend eine reelle Aufgabe des Lebens durchzufuhren, er wird sie verfahren und wenn er sie nicht ehrlos mit Fussen tritt, sich dabei wenigstens wie ein Schulknabe entwurdigen! Unfahig, irgend eine geschlossene Production hervorzubringen, raisonnirt er nur und lasst die Wahrheit in der Sonne ihre Lichter brechen, wie die Facetten eines Diamanten. Dabei ist er der plumpsten Schmeichelei zuganglich. Wer seinen Styl lobt, dem gibt er alle seine Ideen preis. Wer vollends sagt, dass seine stumpfe Nase griechisch, seine geschlitzten Augen kaukasisch, seine Hande ebenso zart und weiss, wie sie roth sind, waren, dem stellt er alle seine Eingebungen, das ganze Arsenal seines Verstandes zur Verfugung. Er wird roth, wenn man seine Manschetten lobt. Kurz er ist ein Mann, der aus der Concentration eines gediegenen und achtbaren Stubendenkers heraus ist und in seiner jetzigen Zerfahrenheit noch viel Unheil in der Welt anrichten wird. Anstossig ist schon die geringe Achtung, in die er sich versetzt durch sein leicht entzundliches Herz und die Narrheit, mit der er sich in jede Frau, die einmal seine jeanpaulisirende Schreibweise lobte, verliebt stellt.

Egon hatte damals uber diese Schilderung gelacht und von Melanie Schlurck gesprochen, die sich Stromer's zudringlicher Huldigung nicht erwehren konne, wahrend er doch glaube, dass dieser wildgewordene Pedant selbst den Frauleins Wandstabler nachliefe, wenn diese ihn zufallig einmal in einem Beugungswinkel, wenn auch nur von 175 Graden, ansahen.

Egon erzahlte dann auch, dass er die liebenswurdige Tochter des Justizraths Schlurck zuweilen bei Paulinen trafe und verlangte von Dankmar eine genauere Angabe der eigenthumlichen Beziehungen, in denen er zu diesem bildschonen Wesen gestanden hatte. Dankmar wich mit seiner Antwort entschieden aus und berief sich auf Das, was Egon von der Hohenberger Reise schon wusste. Auf die Frage, die er dafur an Egon richtete, ob er ihm nicht eine Parallele zwischen Melanie und Helene ziehen konne, wollte seinerseits wieder der Prinz nicht antworten. Man scherzte, man lachte, man war uber die Maassen vertraut gegen einander und doch hatte sich zwischen Egon und die Freunde etwas gedrangt, wofur sie keinen Namen anzugeben hatten ...

Die vier Gefahrten stiegen nun die Stufen hinunter, die in den Rathskeller fuhrten. Wie die in einem Gewichte gehende Thur hinter ihnen zufiel, sahen sie am Ende des Ganges zwei elegante Damen in eine Thur huschen.

Kommen auch Damen in den Rathskeller? fragte Dankmar erstaunt und wandte sich zu dem Kufer, der sie schon erwartet hatte und in das vom Major bestellte Kabinet fuhrte.

Es sind wol Fremde! sagte der Angeredete lachend. Ein Herr mit zwei Damen will dort Champagner trinken.

Wohl bekomm's Ihnen! sagte Leidenfrost. Woruber werden wir uns denn einigen?

Sie waren in der grunen, gaserleuchteten Trinkzelle und stellten die kraftigen neu gebeizten Eichenstuhle um einen runden Tisch. Der Major war noch nicht da. Der Kellner aber sagte, dass er des Majors Geschmack kenne Rudesheimer.

Bringen Sie Rudesheimer! antwortete Dankmar, und so viel Beefsteaks, wie Sie fertig haben.

Das ist vernunftig, sagte Leidenfrost, denn ich esse deren mindestens zwei. Die Leckereien bei der guten Moskowiterin haben mir so den Magen verdorben, dass ich mich nur mit Beefsteaks wieder herstellen kann.

Sie sind ja so einsylbig, Louis? fragte Siegbert. Was haben Sie?

Ich war bis jetzt in der Kammer, antwortete Louis Armand.

In der Abendsitzung? Nun, wie war es? rief man einstimmig.

Die Regierung verlangt eine Abanderung der Geschaftsordnung. Das Ministerium will zu jeder Zeit die Erlaubniss haben, vor, wahrend und nach der Debatte seine Meinungen zu aussern ...

Emporend! unterbrach Dankmar. Als wenn das Ministerium die Kammer bei sich zu Gaste hatte und nicht die Kammer das Ministerium! Aber der Antrag geht nicht durch.

Das Ministerium machte die aussersten Anstrengungen.

Das glaub' ich wohl, erganzte Leidenfrost und trommelte auf den Tisch, der ihm so glatt, so eben schien, dass er vielleicht an seine Schwefelholzer dachte; eine Debatte kann da im besten Abschluss sein, die Halben, die Furchtsamen sogar sind vielleicht fur die populaire Auffassung gewonnen, man will abstimmen und plotzlich erheben sich die Herren Minister und bringen wieder neue Materialien an, sollten sie auch nur in einer Drohung gegen Die bestehen, die von ihnen abhangig sind und gegen sie stimmen wollten.

Die Minister haben ja aus diesem Gegenstand eine Kabinetsfrage gemacht, erganzte Dankmar.

Das lasst sich leicht erklaren, sagte Leidenfrost. Sie wissen, dass sie unhaltbar sind und ergreifen die erste Gelegenheit, sich aus allen Schwierigkeiten mit guter Manier herauszuziehen.

Es hiess nun: Sprach Egon nichts?

Louis erzahlte, dass Justus, der eine Partei in der Kammer zu vertreten scheine, Egon veranlassen wollte, diese Debatte kurz durch einige treffende Worte zu beenden. Er hatte Das deutlich von der Galerie herab an Justus' Benehmen, seiner Unterhaltung und Gestikulation erkannt. Befremdet aber hatte es ihn, wie Justus selbst, dass Egon ihm Auseinandersetzungen machte, die nicht mit der Majoritat ubereinzustimmen schienen.

Man behauptete erstaunt, dass sich Louis wol geirrt hatte und war der festen Meinung, Egon hatte nur nicht sprechen wollen, wurde aber mit der Majoritat stimmen. Louis konnte nichts erwidern, denn er erzahlte, in Mitte der heftigsten Debatte ware er gegangen, da er um halb acht Uhr bei dem Rendezvous nicht fehlen wollte. Die Sitzung konnte sich so, wie sie angefangen, bis in die Nacht hinziehen ...

Indem trat der Major von Werdeck ein. Er kam in seiner Uniform, die ein Mantel verhullte, grusste sehr freundlich, bot Louis Armand, der ihm vorgestellt wurde, leutselig die Hand und fragte, ob er es mit der Wahl dieses kleinen Closetts recht getroffen hatte?

Man fand dies kleine grune, blendendhelle Kabinet allerliebst und kundigte dem Major an, dass man schon in seinem Sinne gehandelt zu haben glaubte, als man Rudesheimer bestellte.

Wohl, sagte er, die Traube vom Thurm des alten Bromsers gehort in diese Kellerhohle. Er soll uns die Zunge losen und die Flammen der Mittheilung schuren. Wissen Sie schon, dass das Ministerium diese Nacht nicht uberlebt?

Wir horten eben, dass es aus einer Frage der Geschaftsordnung eine Kabinetsfrage gemacht hat, sagte Dankmar.

Es ist ein Coup der Verzweiflung, meinte Werdeck. Die Herren nehmen den ersten besten Strick von unten und warten nicht erst, bis die seidene Schnur von oben kommt. Hanf oder Seide, es thut hier denselben Dienst.

Der Kellner brachte die Beefsteaks. Man setzte sich um den runden Tisch. Louis, voll Spannung und schuchtern, doch bald von Werdeck's feinem weltmannischen Tone ermuntert. Der Major wandte sich vorzugsweise an ihn, bewunderte seine Fertigkeit, sich deutsch auszudrucken, pries die politische Haltung seines Freundes, des Prinzen Egon, der unstreitig der Volkssache grosse Dienste leisten wurde, und dafur sei das Vaterland eigentlich ihm verbunden. Denn man wisse Alles, was Egon und Louis zusammen erlebt hatten.

Louis wagte so viel Zugestandnisse kaum anzunehmen. Er erwiderte, und wenn diese Zeit in ihrer Verwirrung nichts zu Stande gebracht hatte, als dass die Stande einmal ein wenig durcheinander geruttelt worden, so ware Das schon ein Resultat.

Siegbert thaute ein wenig auf. Bewegt von dem Vorfalle mit Olga, vorwurfsvoll uber sich selbst und ernst gestimmt, hatte er zuweilen empor geblickt und seine Gedanken, wie manche mathematische Denker pflegen, an der Decke gesammelt. Da fiel ihm auf, dass hinter dem Blechschirm, der die Gasflamme umgab, die Wolbung dieses Raumes in dem ihm und dem Bruder so wichtigen Kreuze zusammenlief. Mit einem Winke machte er den Bruder auf das Kreuz aufmerksam ...

Wohl! sagte Dankmar, Das weisst du nicht, dass wir hier auf eignem Grund und Boden sind? Dies kleine Luftloch fuhrt durch die dicke Zwischenmauer in das Rathhausarchiv, in die Aktensammlungen unserer wohlloblichen Gegnerin, der ehrsamen und tugendbelobten Stadt. Wir wollen, wenn wir auf dies Kreuz blicken, denken: in hoc signo vincemus!

In diesem Kreuze werden wir siegen! wiederholte der unterrichtete Werdeck. Wie ist es denn mit Ihrem Process?

Man zundete sich Cigarren an, stellte die Glaser, Leidenfrost fullte sie.

Wir erwarten in diesen Tagen die Entscheidung erster Instanz, sagte Dankmar. Dass wir durchfallen weiss ich schon. Nur die Entscheidungsgrunde sind mir noch unbekannt.

Ich will sie Ihnen sagen, Wildungen, fiel Leidenfrost ein. Man wird Ihnen erwidern:

Schickt denn das Beinhaus und die Gruft

Uns die Begrabenen zuruck? Sonst, wenn

Ein Mann gestorben, war es aus mit ihm:

Jetzt steigen sie mit zwanzig Todeswunden

An ihrem Kopfe wieder aus dem Grab

Und treiben uns von uns'ren Stuhlen.

Das hort' ich einmal im Theater, sagte Werdeck. Ist Das eine Reminiscenz Ihres Schauspielerlebens, Leidenfrost? Heute hatten Sie den Propst Gelbsattel so horen konnen, sagte Leidenfrost ausweichend, ehe Sie kamen, Dankmar. Er sass da, wie Macbeth, als er Banquo's Geist an seiner Tafel erblickt und ein andermal wurd' er wehmuthig. Es war mir, als hort' ich:

Du Geist des alten Ritters Wildungen!

Du kommst in so fragwurdiger Gestalt!

Lass mich in Kummer nicht vergehen! Nein, sag:

Warum dein fromm Gebein, verwahrt im Tode,

Die Leinen hat zersprengt? Warum die Gruft,

Worin wir ruhig eingemau'rt dich sahen,

Geoffnet ihre schweren Marmorkiefern,

Dich wieder auszuwerfen? Was bedeutet's,

Dass, todter Leichnam, du, in vollem Stahl

Auf's neu des Mondes Dammerschein besuchst,

Die Nacht entstellend; dass wir Narren der Natur

So furchtbarlich uns schutteln mit Gedanken,

Die uns're Seele nicht erreichen kann?

Bravo! rief man allgemein. Zum grossten Erstaunen Louis Armand's, der diese Art deutschen Humors beim grunen Romerglase noch nicht kannte, hatte Leidenfrost wirklich so gesprochen und fast gespielt, als wenn er einen Geist im Mondenlichte vor sich herschreiten gesehen hatte.

Dankmar erzahlte nun zuvorderst vielerlei von den Schwierigkeiten, von den unglaublichen Chikanen, die seinem Processe in den Weg gelegt wurden. Schlurck fuhrte die Sache des Magistrats mit dem ganzen Aufwande seines beruhmten Scharfsinnes. Die Regierung hatte einen nicht minder gewandten Rechtsgelehrten fur ihre Anspruche beauftragt. Dankmar sagte, er hatte Analogieen in dem bekannten Wallenstein'schen Processe gefunden, der von Menschenalter zu Menschenalter verschleppt wurde und jetzt in Bohmen in vollem Gange und endlicher Entscheidung ware und die Ruckgabe der den Erben Wallenstein's ungerechterweise entzogenen Guter zur Folge haben wurde.

Soll ich Ihnen aufrichtig sagen, mein verehrter Freund, begann Werdeck, was mir an Ihrem schon so beruhmt gewordenen Processe nicht in den Sinn will?

Sagen Sie es offen, Herr Major! antwortete Dankmar.

Ich verkenne nicht das Gewicht Ihrer Anspruche. Ich fuhle, wie ausserordentlich gunstig Ihnen der Umstand sein wird, dass die furstliche Gewalt gleich in den ersten funfzig Jahren gegen die Besitzergreifung der Johanniterguter durch die Communen protestirte und diesen Process nie ganz hat einschlummern lassen, ja selbst Vergleiche und gutliches Abfinden ausschlug. Freilich, sagte mir kurzlich ein Rechtsgelehrter, es fruge sich, ob ein Dritter von einer die Verjahrung hintertreibenden protestation eines Zweiten Vortheil ziehen konne ...

Das ist allerdings die Hauptfrage! sagte Dankmar. Allein auch hier werd' ich meinen Mann stehen ...

Meinen Mann stehen! Den Ausdruck hab' ich nur horen wollen! sagte Werdeck.

Wieso diesen Ausdruck? sagte Dankmar, und die Andern horten voll Theilnahme.

Sehen Sie, mein Theuerster, sagte Werdeck, es liegt etwas Kuhnes, etwas Tapferes in Ihrem Process und doch findet er nicht bei Jedem die Sympathie, die Sie wol voraussetzen mochten. Man lasst Ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren; aber ... kein Mensch wunscht eigentlich, dass Sie Ihren Process gewinnen.

Siegberten war es, als wenn ihm ein Stein vom Herzen fiel. Er hatte langst dasselbe Gefuhl gehabt.

Ja, sagte er und reichte Dankmarn bewegt die Hand, ja Bruder, Das ist das Gefuhl, was auch mir vom ersten Tage an, wo du in der Freude deiner Entdeckung mir dein Unternehmen ankundigtest, die Lust an ihm benahm. Es schnurte mir die Brust zu, mit dir daruber zu sprechen und ich sollte doch deine Freude theilen. Ich konnte nicht! Ich sollte deine Hoffnungen unterstutzen. Der eigene Muth des Herzens reichte nicht aus dafur.

Wir wollen, rief eine Stimme in mir, diese Reichthumer fur uns, wir wollen sie zu personlichem Zwekke. Wir wuhlen in Akten und alten Erinnerungen und entziehen allgemeinen Zwecken, sie mogen auch Misbrauche befordert haben, Mittel, die, wenn sie z.B. der Staat gewinnt oder wenn die Stadt sich in der Lage sieht, diese Fonds besser zu verwenden, doch gegebenen und umfassenden Schopfungen zu Gute kommen. Man wunscht uns in die Augen Gluck zu Aussichten, von denen hinter unserem Rucken Niemand will, dass sie sich verwirklichen.

Ihr Herr Bruder sagt' es, bemerkte Werdeck. Und ich versichere Ihnen, es ist fast die allgemeine Stimme.

Dankmar schrak fast zusammen. Es liegt etwas Furchtbares in diesem Drucke, der auf unser Gemuth lastet, wenn man so plotzlich uber unser innerstes Wollen und eigenstes Schaffen ein Urtheil hort, das sich fur das allgemeine der Welt ausgibt. Man hat in der Stille sein Werk gezeitigt, man hat es den nachsten Freunden und Theilnehmenden enthullt, es gehort nun dem Allgemeinen an. Die Urtheile fliessen anfangs sparlich. Sie sind wohlwollend, sie scheinen befriedigt. Da geht es plotzlich wie ein Vorhang auf. Das Werk, das vergessen, unbeachtet geblieben schien, hat Alle im Stillen interessirt und nun bricht ein Larm, ein Durcheinander von Meinungen, Ansichten, Widerlegungen auf uns ein, dass man erschrocken fast die Besinnung verliert und sich vorkommt wie uberfallen von einer heimlichen Verschworung.

In dieser peinlichen Lage war Dankmar, als ihm Max Leidenfrost beisprang, den grunen Romer auf den Tisch schlug, das lange Haar zuruckstrich und ausrief:

Das unterschreib' ich nicht! Wer wird sich denn erstens an die Menschen kehren, was die sagen und die meinen! Konnen Unbilden durch die Jahrhunderte jemals gerecht werden? Wenn wir zugeben, dass Jahre die moralischen Fragen zudecken, beseitigen, entfernen, dann ist ja unser ganzer Kampf um die grossen Ideen des Weltalls nichts, und an die elektrische Stromung der Offenbarung, die wie durch den Raum auch durch die Zeit gehen soll, kann dann schon kein Mensch mehr glauben. Das Erbrecht ist eine der wunderbarsten Stromungen der Zeiten. Wollen wir's, weil es mit Unrecht verbunden ware, abschaffen, so gebt etwas Neues dafur! Aber etwas Vernunftiges, Coharirendes! Cohasion muss sein. Zusammenhang ist Leben! Bis jetzt bin ich noch der Meinung, dass man mit der Aufhebung des Erbrechtes die ganze Menschheit aus ihren sittlichen Fugen bringt. Das sag' ich trotz meiner Schwefelholzer, mit denen ich Taktik studire, um unseren Aristokraten eine Schlacht aus freier Hand zu liefern, mit einer Armee, die sich finden muss.

Man lachte, weil man Leidenfrost's strategischen Selbstunterricht kannte. Louis Armand aber meinte, das Erbrecht ware doch der eigentliche Grund aller Leiden der Menschheit. Ihm verdanke man die Aufhaufungen der Kapitalien, ihm die ungerechte Vertheilung der Lebensguter, ihm den Fluch, der auf ganzen Generationen lage. Das Erbrecht ware ein fortlaufender Protest gegen das Gluck der Menschheit.

Wohlan! rief Dankmar, sich sammelnd. Da waren wir ja gerade bei unserm Gegenstand. Heute wollten wir uns uber den Feldzugsplan jedes aufgeklarten und ehrlichen Mannes in dieser Zeit unterrichten, sogar Verabredungen fur irgend eine gemeinschaftliche Unternehmung treffen und nun ist meine eigene und meines Bruders personliche Angelegenheit formlich ein Symbol der Frage unseres Jahrhunderts, wie sie einmal ungelost dasteht. Es ist unwiderleglich; um das Recht der Person, um die nachwirkende Kraft der Vergangenheit handelt sich Alles. Ist der Staat etwas Allgemeines, das aus dem Wohle jedes Einzelnen und dem Wohle von Familien, Geschlechtern, Gruppen und Sippen oder nur aus lauter sich selbst bestimmenden Individuen zusammengesetzt ist, die nur lose zusammenhangen und sich nicht gegenseitig bedingen? Wenn mein Process unpopulair ist, wie Sie sagen, Herr Major, und wie ich es selber fuhle, seitdem Siegbert's Takt mich irre macht, so sollte Vieles unpopulair sein, was sich von der Vergangenheit als reines Personeninteresse forterbt ...

Die Monarchie und der Adel vor Allem, brach Leidenfrost hervor. Ob der alte Ritter Wildungen seine Erbschaft antrat oder nicht, bleibt sich doch wol gleich, sogut wie Einer zufallig seine Krone verliert und darum ihr Recht nicht aufzugeben braucht. Beweist man Jemanden, dass ein Recht schadlich ist und der Verlust seiner Krone ein Gluck fur die Volker, gut, so ist sein Personenrecht todtgeschlagen; aber wer beweist Ihnen, dass Ihre Million, die Sie beanspruchen durfen, ein Nachtheil fur den Gegner ist? Ich will gerade, dass dies Ihr lebendiges Beispiel den Aristokraten und Monarchen zeige, was sie an sich selber nicht glauben wollen, dass das fortwirkende Recht der Vererbung allerdings seine Grenzen haben sollte.

Ah, sagte Louis, da geben Sie doch schon von dem Erbrechte etwas heraus! Sie wollen nur eine Consequenz ziehen, nur eine Lektion geben.

Nur vernunftig, nur poetisch beschranke man das Erbrecht! fuhr Leidenfrost fort. Es muss durch Ideen, nicht durch willkurliche Taxen oder Klugheitsregeln beschrankt werden. Wer eine Million erbt, muss dem Staat nachweisen, dass er diesen oder jenen allgemeinen Gebrauch von seinem Vermogen anstellt. Er behalt dabei nach dem Willen des Erblassers den Genuss. Ruhm aber ist auch Genuss; Dankbarkeit, Ehre, Achtung ist auch Genuss. Nur nicht das Erbrecht vollig aufheben! Das hiesse jedes Band der Liebe, Zartlichkeit, der Hoffnung aus dem Leben nehmen, zu geschweigen, dass uns kein Schneider mehr einen Rock borgen wurde, wenn er immer beim Massnehmen auf unser Gesicht sahe, ob wir nicht etwa den hippokratischen Zug haben und einen Tag nach dem ersten Sonntag, wo wir den neuen Rock tragen, seine Rechnung durch den Tod quittiren.

Man sieht aus den Widerspruchen, in denen Ihre Gedanken noch mit sich selbst befangen scheinen, lieber Leidenfrost, sagte Dankmar, wie schwierig diese Fragen sind, und wenn wir geschellt haben, die Trummer unsrer Beefsteaks beseitigt sehen und eine Erganzung des Rudesheimers vor uns steht, so wollen wir uns an unsre heutige Aufgabe machen, umsomehr, als der Willing'sche Maschinenbauer- und der Handwerkerverein, die tuchtigsten und massgebendsten Mustervereine im ganzen Staate, uns drangen, ihnen eine Parole zu geben.

Louis hatte die Schelle gezogen. Der Kellner kam, raumte ab, erganzte was fehlte und entfernte sich.

Mein Process, begann jetzt Dankmar, der Werdeck's und der Freunde Interesse an diesen Erorterungen nicht zu schuren brauchte, da sie ihm Alle in dem eifrigsten Streben, sich klar zu werden, entgegen kamen, mein Process ist denn nun also ein Bild unsrer Zeit geworden. In Ihrem Sinne, Leidenfrost, zieh' ich gleichsam die humoristische Consequenz aller Thorheiten unsrer Epoche. Ich sage gleichsam den uberlieferten Halb- und Scheinrechten: Da ist ja nun auch ein Recht, das dreihundert Jahre alt ist, wie Eure Gewalt. Ich will es haben und fort mit Denen, die von meinem Rechte Vortheil genossen! Steht auf! Ich setze mich mit meinem Bruder dahin, wo Ihr sitzt! Wir wollen fur uns allein, was durch den Lauf der Zeiten allgemeiner wurde! Der Major Werdeck sagt, dass diese Sprache unpopulair ist und ich stelle mich auf seine Seite. Ich weiss, nicht nur die Schlurck's und Gelbsattel's sind gegen mich ergrimmt, sondern viel achtbare Menschen und wenn sie einen Titel in den alten Papieren, hier uber uns in dem Archive vielleicht, finden konnten, die alle unsre Hoffnungen zu Schanden machten, sie thaten es nicht mehr wie gern. Deshalb hab' ich mich entschlossen, auch nicht personlich zu erben.

Was heisst Das? fragte man. Nicht personlich?

Mein Bruder ist schon davon unterrichtet, er kann es erklaren! sagte Dankmar und fullte rundum die Glaser.

Dankmar hat einen kuhnen und grossen Gedanken, erganzte Siegbert, dessen Ausfuhrung welthistorisch sein konnte, wenn es noch moglich ware, dass ein Einzelner etwas Welthistorisches durch seinen einfachen Willen hervorriefe.

Einfacher Wille? berichtete der Bruder. Vergiss nicht, dass ich von mir und dir eine Million in Handen habe. Geld ersetzt den Glorienschein der alten Propheten.

Sie machen uns neugierig, sagte Werdeck. Was projektiren Sie denn?

Dankmar weiss, dass ich mich in den Gedanken des Reichthums nicht finden kann. Fur unsre gute Mutter ist leidlich gesorgt. Der Bruder und ich, wir Beide werden uns schon im Leben zu behaupten wissen. Aber ...

Ihr wollt den Process aufgeben? fragte Leidenfrost.

Das nicht, antwortete Siegbert. Nur eine andre Wendung soll er erhalten. Warum sprichst du dich nicht selber daruber aus, Dankmar? Deine abenteuerliche Chimare, die Erbschaft nicht fur uns, sondern fur den Templer- und Johanniterorden, der in alter Weise nicht mehr existirt, zu verwenden, musst du mit eigenen Worten wahrscheinlich machen. Du verstehst zu uberreden.

Naturlich erregte die Erwahnung eines Ordens grosse Spannung.

Eh' ich spreche, sagte Dankmar, thu' mir jetzt Jeder von Euch den Gefallen und sage mir erst, was er fur die Pflicht des ehrlichen Mannes in diesen schwierigen Tagen halt! Da werdet Ihr sehen, dass guter Rath theuer ist und meine Vorschlage vielleicht noch das Billigste sind. Indessen lass' ich Euch die Vorhand. Wisst Ihr Besseres, wohlan, so folg' ich Eurem Plane. Soll zugeschlagen werden? Soll nur zugeschaut werden? Soll die Flamme der Emporung lodern? Soll das Blut ...

Bruder! rief Siegbert. Was sprichst du? Sind wir hier sicher?

Diese Wande sind elephantendick, sagte Leidenfrost. Nur der Akustik dieses Kreuzes da oben trau' ich nicht ...

Man blickte hinauf zur Gasflamme.

Wie ruhig da die Flamme emporzungelt! sagte Dankmar. Oben konnte uns hochstens eine Ratte belauschen und kame sie der Offnung zu nahe, wurde sie sich die Nase verbrennen. Wir haben hier kein andres Ohr als unser eignes. Siegbert, sage du, was dir jetzt die Pflicht eines ehrlichen Mannes scheint, aber drucke dich so aus, dass wir den Arbeitern, dem Handwerker, dem Bauer wie dem Dichter und Denker davon eine Anweisung zum Handeln, zum Glauben und Hoffen geben konnen.

Es entspann sich zwischen diesen funf Mannern jetzt eine Erorterung von den eigenthumlichsten Folgen und einem Ernste, der uns zur Pflicht macht, jede ihrer Ausserungen auf das Gewissenhafteste zu berichten.

Achtes Capitel

Die neuen Templer

Siegbert zuerst lehnte jede Gewalttatigkeit ab. Er laugnete nicht, dass ihm der ganze status quo unserer Verfassungen, politisch und gesellschaftlich, misfalle und das Meiste davon uberlebt scheine ... Aber, sagte er: Ich kann mir unser Leben nur so denken wie einen Garten, den der Gartner im Marz zum Fruhling und Sommer vorbereitet. Der Schnee ist geschmolzen, mildere Lufte wehen aus Westen, wenn auch noch sturmartig, doch nicht mehr schneidend. Schon bricht neben dem Laube, das noch nicht ganz von dem letzten Herbste abgefallen ist, der kleine grune Keim des neuen Wachsthums an den Zweigspitzen der Straucher und Baume hervor. Der Gartner schont aber weder das Alte, noch das keimende Neue. Er hat die Sage in der Hand und klettert mitten in die Baumkrone und tilgt, was ihm uberflussig und der gesunden Triebkraft hinderlich scheint. Da liegt der Boden voller Aste und nicht blos voll alter, schon verdorrter, sondern auch manches vorwitzige Fruhlingsreis musste schon mit. Unsere Gartensage ist die Debatte und das Gesetz. Ich verwerfe jede Gewaltthat. Der Mensch ist immer ein wildes Thier. Er mag nur einmal Blut vergiessen, so edel, so grossherzig, wie nur je ein Timoleon Tyrannenmorder war, das geleckte, gekostete Blut macht ihn sogleich wild. Es fliesst sogleich mehr, als sollte. Ausrotten konnen wir nur das Todte, d.h. es aus dem Wege schaffen; ausrotten konnen wir nur das falsche Wachsthum, d.h. es im Keime ersticken. Ich bin dafur, den Menschen zu predigen: Glaubt doch nicht, dass die Geschichte morgen aufhort! Die grossten Ideen haben Jahrhunderte gebraucht, um sich geltend zu machen. Warum soll denn in so kurzer Zeit Alles fertig werden, was wir jetzt fur nothig denken? Wir wollen fest im Auge behalten das edlere Ziel und nichts thun, nichts Anderes befordern, als was zu jenem Ziele fuhrt. Mussen wir einmal der noch zu starken Gewalt nachgeben, so thue man es ja! Das zweite Mal schon wird es nicht mehr nothig sein. Wenn ich unsern Feldzug fur einen unermesslich langen halte, so geh' ich auch viel weiter als Die, die sich fur liberal halten. Ich bin nicht blos fur die Einschrankung der furstlichen Gewalt, ich bin sogar fur die Republik, ich bin fur die sociale Anderung unseres Gesellschaftslebens. Ich sage nicht, dass diese Anderung wirklich eintreten wird; ich sage nur, dass ich sie mir moglich denke und so lange unter der Republik nichts Wildes, Thierisches, Unsittliches gelehrt wird, sie fur anstrebsam halte. So bin ich freisinniger als manche Uberhitzte, die sich mit weniger Anderungen begnugen, wenn sie nur gleich Morgen eingefuhrt sind. Arbeitet! wurde ich den Arbeitern sagen.

Bildet Euch und die Eurigen! Starkt Euch in einer freien Gesinnung! Macht Euch klar uber Euren Lebensberuf! Stiftet Vereine, aus denen Ihr Alles entfernt halten musst, was einer Verschworung gleich sieht! Wenn Euch Einer auffordern will, fur morgen ein Gut mit Gewalt zu erringen, so sagt: Wir warten bis uber acht Tage! Da kommt es von selbst und viel grosser und besser als morgen! Nur nicht geistig die Hande in den Schooss legen. Denken, sich bilden, stark und gewissenhaft im Kampf der Meinungen, keine Gelegenheit abweisend, die Gesinnung offen zur Schau zu tragen! So kommt das Gute von selbst. Das ist meine Lehre.

Bester Freund, polterte Leidenfrost sogleich auf. Diese Lehre ist zum Auslachen! Damit soll Einer in die Willing'sche Maschinenfabrik kommen? Solche himmlische Gute ware selbst fur Willing, den die Umstande zwingen, vorsichtig und behutsam zu sein, zu schmachtend. Mein lieber Wildungen, Ihr Gleichniss von den Garten im Marz passt nicht. Denn so stumm und dumm, wie die Baume im Marz dastehen und sich die Schneiderei des Gartners gefallen lassen mussen, stehen die Ideen und Interessen des Augenblicks nicht da. Die schlagen Purzelbaume unter der Hand. Das ist ein grosses Stiergefecht, wie es jetzt hergeht. Die grossen Buffel wollen Farbe sehen, um Muth zu bekommen. Roth ist die Losung! Ohne Muth und unmittelbare Entschlossenheit kommt nichts mehr zu Stande. Die Menschen mussen selbst Geschichte machen, sonst geschieht nichts. Die Gesinnung allein reicht nicht aus. Sollen sich die Vater von ihren Enkeln verspotten lassen? Nichts racht sich in der Geschichte mehr als der versaumte Augenblick. Wer die Krisis unbenutzt vorubergehen lasst, holt sie niemals wieder ein. Und haben wir nicht der Falle genug erlebt, dass die Machthaber der Welt vollkommen wissen, welche Halfter sie den storrischen Volkern uberwerfen sollen? Aus dem politischen Hader wurde die Debatte in das Religiose hinubergespielt und ganze Epochen sind daruber eingeschlafen. Die Jesuiten, die Armeen regierten die Welt. Sie haben die Hand immer am Griff des Dolches oder Schwertes. Warum sollen wir sie in den Schooss legen? Gesetzt auch, wir wollten uns mit frommem Glauben auf bessere Zeiten und mit dem endlichen Siege der Gesinnung begnugen, es wurde nichts helfen. Die Stunde hat ihre dringende Mahnung. Wir wollen traumen und die Posaune ruft uns vom Lager auf. Es brennt da, wo wir sitzen, uber und unter uns. Es mussen Entschlusse gefasst werden. Ich gesteh', ich hasse Alles, was unlogisch ist. Ich hasse auch verkehrte Theorieen und gaben sie sich noch so sehr das Ansehen der Volksbegluckung. Man will damit nur dem Muthe und der Ehrlichkeit aus dem Wege gehen. Die Frage unserer Zeit ist sehr einfach. Wer sie schwierig macht, meint es nicht redlich. Schwierig nenn' ich die gewohnliche ordinaire Communisterei. Solche Satze hinstellen, die ihre Unmoglichkeit in sich selber tragen, heisst die Menschen nur verwirren. Man zeigt ihnen hundert Spatzen auf dem Dache, wahrend einer in der Hand viel vortheilhafter ist.

Die Communisterei ist von Stubenhockern ausgegangen, die unterleibskrank sind. Ruhren und tummeln muss man sich und die Welt fur kein Schlaraffenland halten. Gebratene Tauben in die Luft gemalt, sind geschmacklos. Wir leben in einem wilden Chaos, in das nie, nie volles Licht kommen wird. Arkadien ist vor der Schopfung gewesen und mag nach der Schopfung kommen. Hier auf Erden gibt es nur Reibung, Larm, Zorn, Leidenschaft, Drangen, Stossen. Das Einzige, was wir erreichen, ist: Leidliches Gluck! Das leidliche Gluck muss man am Zipfel festhalten, wenn's an uns vorubergeht. Es kommt nicht alle Tage. Was du der Stunde ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit dir mehr zuruck, sagt der Dichter. Wollen Sie Ihre Million gut anwenden, Wildungen, so lassen Sie dafur Waffen kaufen, Pulver und Blei. Die Trommel wirbt an. Major Werdeck wird Generalissimus und wenn wir Alle erliegen, wenn unsere Glieder entweder im Felde oder auf dem Henkerplatze erbleichen, so ist doch Muth und Poesie dagewesen und der moralische Sieg unwiderleglich.

Allgemein war man der Ansicht, dass Leidenfrost in seiner gewohnten Weise hier ubertrieben hatte und es schwerlich mit einer so blanken Rebellionstheorie ehrlich meine. Und dennoch blieb er dabei.

Worauf anders, sagte er, soll man denn hinauskommen, wenn man sieht, wie wenig uns die Debatte weiterbringt! Was hatten wir durch einige thatsachliche Erhebungen des Volkes nicht sogleich gewonnen! Und wie kommen wir immer wieder zuruck, je milder die Miene des gereizten und gleich wieder schlummernden Lowen ist! Aber noch mehr, halten Sie mich fur keinen Phantasten oder fur keinen plumpen und gedankenlosen Radikalen! Tod! Der Tod! O, Gott, der Tod ist jetzt unsere einzige Loosung. Ich versichere Sie, wenn man im Volke lebt wie ich, so bemerkt man eine tiefe Sehnsucht nach dem Tode in den Gemuthern Aller. Gehen Sie Sonntags Nachmittags vor die Thore: Kein Spaziergang ist so besucht, wie es die Kirchhofe sind. Es ist eine Lust am Opfertode in den Menschen dieses Zeitalters, die an die christliche Martyrerzeit erinnert. Man hat entweder zuviel Gefallene feierlich bestattet, zu sehr geehrt, gepriesen oder woran liegt diese Geringschatzung des Lebens? Ehemals war eine Hinrichtung mit dem Schwerte ein grauenvolles Schauspiel, von dem man Jahre lang sprach: jetzt hat man an die Stelle des Schwertes Pulver und Blei gesetzt und die Hinrichtungen folgen sich wie die Amputationen in einem grossen Lazareth. Man erzahlte sonst Wunder davon, wenn einer grossartig und gefasst in den Tod ging. Jetzt knirschen sie alle die Zahne und gehen muthiger als Egmont oder der feige Kleist'sche Prinz von Homburg aus dem Leben. Haben die Menschen zuviel Trauerspiele gelesen oder woran liegt es, dass wir nach so verweichlichten Zeiten plotzlich eine so spartanische bekommen? Bietet das Leben so wenig Freude? Hat man vergessen, dass wir vor zehn Jahren noch ein Buch nach dem andern erscheinen sahen, worin bedeutende Kopfe die personliche Fortdauer nach dem Tode leugneten? Wie kommt es, dass man nun so gern stirbt, so gern sein Leben an eine Idee setzt, so muthvoll auf Die blickt, die uns ihre Theilnahme wohl nicht versagen werden, wenn wir fallen, sei es im Kampf, sei es von der Hand des ungrossmuthigen Siegers? Der Zug zum Tode ist wehmuthig genug jetzt in unserm Leben da. Die Geschichte will ihn, die Geschichte hat uns die Cholera nicht umsonst gebracht, diesen grauenvollen Tod, der Niemanden schont, Niemanden achtet, Jeden wie ein Dieb in der Nacht uberfallen kann. Unentrathselt ist noch, wie diese Pest aus Asien mit dem erwachenden Fieber der Revolutionen zugleich kam. Ich vergleiche diese Zeit mit dem Mittelalter, wo die Menschen hinstarben, den Kornahren gleich, die der Schnitter niederwirft. Damals ruckten die Menschen naher zusammen, schlossen Bundsgenossenschaften, Bruderschaften und gingen in grauen Kleidern, demuthig, pilgernd durch die Welt und bestreuten das Haupt mit Asche. Es war ein Zug der Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man starb gern. Nach funfhundert Jahren ist es nun wieder so. Wir aber wollen dem Tode zu Liebe keine Flagellanten, keine Geisselbruderschaften und Weltverachtungsgilden stiften, sondern dies armselige Leben getrost hingeben in den Kampf fur Recht und Unrecht. Es werden bald genug uppige, feige Zeiten kommen, die Das, was wir in diesen starken versaumten, nicht einholen. Also nichts in die Lange ziehen! Nichts auf die Zukunft verschieben! Fordern, sagen was man will und fur Recht halt, und dann als Mann dafur einstehen und sterben.

Eine tiefe Stille folgte diesen zuletzt mit Ernst gesprochenen Worten. Werdeck stutzte sein Haupt und konnte nicht umhin, Das, was Leidenfrost von der Tapferkeit und Todesverachtung unserer Tage fast mit erstickten Thranen sprach, zu bestatigen.

Ja, es ist ein anderer Geist, sagte er sinnend, uber uns Alle gekommen. Ich sehe Das am Leben des Kriegers. Wie schonte man sich sonst, wie vermied man die Gefahr! Was mislich und schwer auszufuhren war, muthete man Niemanden zu. Jetzt drangen sich zehn heran, wo man nur Einen begehrt. Niemand verzieht die Miene, wo es eine That gilt. Man scherzt, man schlagt sein Leben muthwillig in die Schanze, es ist, als gehorte man schon einer doppelten Welt an, der irdischen und einer himmlischen ...

Und woher kommt diese Erscheinung? rief Siegbert begeistert. Von der Bildung kommt sie. Die Bildung hat Platz gegriffen bis in die untersten Schichten. Die Frage vom Proletariat hat nicht feige, sondern tapfer gemacht. Eine Idee, eine Idee der Diskussion hat die Herzen gehoben. Man fuhlt sich als Glied der Gesellschaftskette, man fuhlt sich als Hebelkraft der Geschichte. Das Vereinsleben, die Ahnungen besserer Institutionen haben Wunder gewirkt. Wer klammert sich noch angstlich an sein armseliges Ich, wo es etwas Allgemeines gilt? Stirbt man, so hat man sich fur eine Idee hingegeben. Glaubt Ihr denn, dass es ohne Wirkung fur die untern Klassen ist, wenn sie geschichtliche Thatsachen erfahren und von alten Zeiten horen, wie es damals war und wie jetzt und wie jede That im Buche der Geschichte verzeichnet steht? Allein grausam ware es, wenn wir diese Folge der umsichgreifenden Bildung misbrauchen und auf das voller und machtig schlagende Herz hin eine wirkliche Sehnsucht zum Tode statuiren wollten! Man verachte das Leben, aber man jage Niemanden in den Tod, ehe man ihn nicht theilnehmen liess an einer moglichen Verbesserung des Lebens! O diese Sehnsucht zum Tode kann in eine blutige Grausamkeit umschlagen! Schon jetzt ist es grauenhaft, wie kalt man hinopfert, wie forcirt man sich in den militairischen und Beamtenkreisen, ja auf den Thronen als Brutusse gebehrdet, die ihre eigenen Sohne ruhig auf den Block liefern. Wenn dieser zweideutige Heroismus uberhand nahme! Wenn man vor dem Blute nicht mehr schauderte und es lieb gewanne, nicht blos selbst zu sterben, sondern auch sterben zu sehen ... Nein, nein, Leidenfrost, lassen Sie uns versuchen, eine mildere Formel zu finden, die das grosse Rathsel unserer Zeit lose und die Menschenlebenfordernde Sphinx zum Sprunge in den Abgrund bringt!

Louis Armand ergriff nach dieser ernsten Rede das Wort und stellte sich, seine Einmischung, seine Theilnahme an diesem Gesprache hochgebildeter Manner entschuldigend, auf Siegbert's Seite, ohne jedoch die drohende Stellung eines bewaffneten Widerstandes nach Leidenfrost's Meinung ganz uberflussig zu finden. Es ist schlimm genug, sagte er, dass derselbe Arm, der kaum stark genug ist, seine Arbeit zu verrichten, nun auch noch die Waffe fuhren soll, und dass dasselbe Leben, das so arm an Freude ist, sich auch noch hinzugeben hat gegen die Tyrannen. Ich nenne Tyrannen Die Menschen und Die Stande, die von der uberlieferten Ordnung der Dinge unverhaltnissmassige Vortheile fur sich und die nachsten Ihrigen ziehen. Unsere Civilisation hat uns einen Raubstaat geschaffen. Das hochste Recht, der Gipfel des Rechts, die Consequenz des Rechtes ist zum grossten Unrecht geworden. Dass ein Vater seinen Kindern die Fruchte seines Fleisses hinterlasst, gehort ohne Zweifel zu den ewigen Menschenrechten. Dass sich dieses Recht aber in ununterbrochener Aufeinanderfolge in allen Zeiten wiederholen darf, ist der Fluch der Gesellschaft geworden. Die Konige denken nicht daran, dass sich das Erbrecht einmal modifizirt, die Adeligen denken es nicht, die Reichen nicht. Die Konige hat man aber gezwungen, ihr Erbrecht zu modifiziren durch die Constitutionen; die Adeligen gleichfalls durch die Aufhebung der Leibeigenschaft; die Reichen zwingt Niemand ihr Erbrecht zu modifiziren! Was ist die Einkommensteuer? Eine Luge! Eine Illusion! Sie gibt ein kleines Procent in die Staatskasse und erleichtert dadurch nur mittelbar die Lage Derer, die gegen die sich aufhaufenden Reichthumer nichts gegenuber zu stellen haben als die sich aufhaufende Armuth. Die Riesen, die sonst die Welt unsicher machten und Menschen frassen, sind ausgerottet, wenn sie jemals lebten. Aber die viel grosseren Riesen, die Capitale, sind da und Niemand kann ihre Existenz leugnen. Sie sind die wahren wilden Ungethume, die die Gesellschaft unserer Zeit unsicher machen, die ihre Mitglieder in Hohlen locken, wo die Gebeine der Geopferten modern. Ich weiss, dass es eine gleichmassige Vertheilung der Guter nicht geben kann. Ich bin kein so thorichter Communist, dass ich glaubte, mit der numerischen Anzahl der Menschen liesse sich in die numerische Anzahl der Werthe dividiren und was da herauskame, ware Das, was jedem Einzelnen gebuhre. Allein der Krieg des Zufalles gegen die milde Fursorge, die wir doch als Gottes Weltplan anerkennen mussen, darf nicht fortdauern. Der Staat darf keine Ausbeute Derer bleiben, die seinen Sprungfedern nahe stehen und die elastische Kraft derselben nur benutzen, sich selbst zu heben. Die Staatsmanner mussen Erfindungen machen, die auf anderen Gebieten liegen als die Ideen, mit denen Richelieu und Mazarin ihre Zeit regierten. Machen Sie mich, meine Herren, mit diesen Arbeitern, Ihren Freunden, bekannt! Ich will sie nicht lehren, ubermuthige Forderungen zu stellen. Ich kenne die verderbliche Macht der Phrase. Ich habe mich uberzeugt, dass in Paris der Tragste und Genusssuchtigste am meisten jammert und kunstliche Thranen in den communistischen Clubs vergiesst. Ich stelle neben das Recht der Arbeit auch die Pflicht der Arbeit, aber ich glaube, dass die Lage der hiesigen Arbeiter dieselbe ist wie die der unsrigen. Sie leiden am Kapital. Sie dienen nur dem Unternehmer. Sie sind dem Jammer der ungeschutzten Production ausgesetzt.

Sie erzeugen Werthe, ohne sie absetzen zu konnen. Sie konnen nicht von heute auf morgen denken, da sie in ewiger Ungewissheit uber ihr Loos zittern mussen. Der Staat denkt an Alles, nur nicht an sie. Er beachtet sie nur, wenn sie als Rekruten in das Heer zu treten haben oder wenn man furchtet, dass sie sich zu Emeuten zusammenschaaren. Die social-demokratische Lehre will, dass der Staat des Mittelalters aufhore und auf der Basis der Menschen, die arbeiten, neu erbaut werde. Es sind vielfache Vorschlage gemacht worden, diese Forderungen zu verwirklichen; sie scheiterten, weil man glaubte, an die Stelle der fruheren Isolirung die Allgemeinheit setzen zu mussen. Man irrte sich, meine Herren! Die Allgemeinheit muss die vernunftige Isolirung mit in sich aufnehmen konnen. Die Isolirung liegt einmal im Menschen. Der Mensch wird immer darauf hinauskommen, eine Familie zu begrunden. Allein dieser Isolirungstrieb darf nicht uberwuchern. Der Staat darf nicht dafur da sein, nur die Familie allein zu garantiren, er muss Institutionen bieten, die die Familien und die Allgemeinheit ausgleichen. Weist er diese Forderung als utopistisch zuruck, wohlan, so ergreift die Flinte und sterbt eher auf der Barrikade, als dass ihr langer duldet eine Existenz, die nur den Rechnenmeistern, den Borsenmaklern, den Vornehmen zu gehoren scheint! In Rom, weiss ich, war es einst mit dem Volke ebenso. Es ruhte nicht, bis es gehort wurde und die Macht der Patricier wurde gebrochen. Es ist Dies dieselbe Frage, die im Grossen sich jetzt wiederholt. Wir zertrummern die Ordnung, die wir vorfinden, um aus unsren Interessen heraus neue Institutionen zu grunden. Bricht nun vollends etwas Neues an, stiftet man eine Republik und man benutzt sie doch nur wieder fur die alten Regierungsmaximen, fur die alten Borsenmakler, fur die alten Kapitalisten, wohlan, so mussen diese ewigen Feinde der Menschheit in Ketten gelegt und unschadlich gemacht werden, bis man sich verstandigt hat, ob dies Alles nicht auch anders gestaltet werden konne. Diese Kammern sitzen auch hier und sprechen uber links und rechts, uber die Geschaftsordnung, uber erbliche, nicht erbliche Pairs, uber die Rechte der Krone, der Stande, der Wahler, aber Niemand denkt daran, den Staat von unten herauf neu zu bauen. Darum, weil die Nationalwerkstatten in Paris scheiterten, soll das Recht der Arbeit widerlegt sein? Darum, weil ein Experiment misgluckt, soll man ein anderes nicht versuchen? Die Armuth, das Elend, die Verzweiflung der Massen ist da, also auch die noch immer nicht geloste Aufgabe der Zeit. Ich furchte eine Revolution der Massen, wie noch keine da war. Man beeile sich, ihren Graueln, die nicht ausbleiben werden, bei Zeiten vorzubeugen! Man organisire die Arbeiter zu Vereinen, stelle erleuchtete Kopfe an deren Spitze und lasse sie mit jedem Nachdruck, den die Wichtigkeit der Angelegenheit nur fordert, den Menschen gegenuber, die jetzt den Staat machen, nicht mehr allein, nicht mehr hulflos, nicht mehr in dumpfer Verzweiflung; Das ist die Meinung eines Arbeiters, der die Lage seiner Bruder kennt!

Louis Armand hatte diesen Vortrag, unterstutzt von Siegbert's Nachhulfe, in ausreichendem Deutsch lebendig und erwarmt beendet und Dankmar gab ihm das Zeugniss, dass er auf Egon grossen Einfluss musste gewonnen haben, stimmte er doch fast wortlich mit manchen zufalligen Bemerkungen des Prinzen zusammen, nur dass dieser wie Dankmar hinzusetzte, leider noch immer zu glauben scheine, wie mit dieser Auffassung auch mancherlei Mittelalterliches getrost bestehen konnte.

Leidenfrost murmelte und brummte. Er meinte, seine Arbeiter waren keine Philosophen. Die wollten arbeiten, auch manchmal hungern, nur sollte Recht und Gerechtigkeit in der Welt herrschen! Die Communisten im Handwerkervereine waren Nascher, Faullenzer, Larmmacher. Er nannte mehre. Doch unterbrach er sich selbst, da er Louis Armand's Ausserungen wegen einer gewissen sentimentalen Wehmuth seines Vortrages achten musste. Auch Werdeck, an den nun die Reihe kam, sprach seine Zustimmung zu Vielem aus, was dieser ihm immer mehr gefallende junge Franzose gesprochen hatte.

Der Major der Garde, ein Adeliger, Herr von Werdeck, in einer solchen Debatte mit einem Advokaten, einem Techniker (so wollte sich Leidenfrost bezeichnet wissen) einem Maler und einem Handwerker ... Das ist allerdings das Bild einer aufgeregten Zeit! Die offentlichen Angelegenheiten hatten Alle ergriffen. Jede Schranke war wenigstens fur einige Zeit gefallen. Man kehrte zwar bald in seine alten Lebensstellungen zuruck, aber Mancher behauptete sich doch noch auf dem vorgeruckten Standpunkte und verbrannte wol gar die Schiffe, die ihn zu seiner fruheren Existenz zuruckfuhren konnten. Werdeck fuhlte und sagte dies selbst. Er begann:

Meine Herren, dass ich mich in Ihrem Kreise befinde, ist fur mich eine Veranlassung, personlich zu werden; denn wenn irgend Jemand ein verlorener Posten ist, so bin ich es. Sie, meine Herren, konnen sich kaum so in der Nothwendigkeit, einen bestimmten Entschluss zu fassen, befinden, wie ich. Sie lehnen sich an gleiche Gesinnungen Ihrer Freunde, Ihrer Standesgenossen an. Ich dagegen stehe mit meinen Auffassungen ganz allein. Ich fuhle vollkommen, wie sehr meine Stellung exceptionell ist. Es ist ein gehassiger Anstoss, den ich nach allen Seiten gebe. Vor einigen Monaten fiel es nicht auf, dass ein Offizier Politik trieb. Man hatte das Heer aufgegeben, gedemuthigt, man wollte es dem allgemeinen Burgergeiste unterordnen und sah es gern, wenn der Offizier auf diese Calamitat einging, gute Miene zum bosen Spiel machte und sich der allgemeinen Debatte anschloss. Der Hof gewann dadurch die Beruhigung, dass die Zugestandnisse, die man gegeben hatte, auf einer innern Nothwendigkeit beruhten. Wenn der Adel, wenn der Offizierstand politisirte, dachte man, so merke man nicht, was oben die Angst des Gewissens sprach. Ja man hat uns sogar aufgefordert, uns an der Debatte zu betheiligen. Man hat es gewunscht, dass wir uns hier und dorthin wahlen liessen und nicht nur unsere Fachkenntniss geltend machten, sondern auch unseren disciplinarischen Geist verbreiteten und vor allen Dingen dem alten Stock- oder Zopf-Soldaten bewiesen, wie wenig sein Kastengeist noch fur diese Zeit ausreiche. Bald anderte sich Das. Die Ausschweifungen jener Demokratie, die man die einfache Strassenherrschaft nennen musste, machten das demokratische Princip selbst verdachtig. Manche zogen sich zuruck, um nicht mit dem Pobel in Beruhrung zu kommen; Andere, weil sie sahen, dass die Politik der Fursten bereits eine andere war als selbst vorlaufig noch die der Ministerien. Es galt nun fur guten Ton, als Offizier sich von allen offentlichen Kundgebungen fern zu halten, hochstens in den Ton der Reaction mit einzustimmen, der zuerst von den Gutsbesitzern, Landrathen, den Pensionairs angeschlagen wurde. Auch ich zog mich zuruck und folgte dem Beispiele fast jedes hoheren Militairs und trat in den Reubund. Meine Herren, der Mensch muss sich immer am Gegentheil seines Wesens prufen; noch klarer aber wird er sich, wenn er die scheinbar gleichartigen Elemente, die sich an seine Natur ansetzen wollen, nicht ertragen kann. Ich entdeckte jetzt erst in den Berathungen des Reubundes meinen Unterschied von den gewohnlichen Personlichkeiten. Ich sah uberall Egoismus und Furcht. Ich sah Menschen, die sich mit Leidenschaft auf die Principien der Stabilitat warfen, nur um sich und den Ihrigen ihre zeitlichen Vortheile zu erhalten. Die einzigen Doktrinaire darunter waren Adelige, die aber zuletzt auch fur die Besteuerung ihres Grundbesitzes furchteten. Besonders verletzten mich die ausrangirten alten Offiziere, die in der Angst, ein Pensionsgesetz konnte ihnen die Belohnung fur Das, was sie mit Gott fur Konig und Vaterland gethan zu haben glaubten, verkurzen, sich zu den seltsamsten Demonstrationen hergaben. Ich widersprach. Erst ausfuhrlicher, dann immer kurzer und kurzer, zuletzt in Epigrammen. Ich schied aus. Wenn ich nun dem Beispiele aller meiner Waffengefahrten folgen wollte, so musste ich die ganze Gahrung der in mir aufgeregten Begriffe gewaltsam niederschlagen und mich mit einem blinden Demokratenhass darauf beschranken, nichts sehnlicher, als einmal ein allgemeines Blutbad abzuwarten, wo die Spitzkugeln und Bayonette Alles durchbohren und aufspiessen sollten, was nur irgendwie in einer Beziehung zu dem negativen Principe unserer Zeit steht. Ich gehore zu diesen Bauchschlitzern nicht. Ich habe meine eigne Idee uber den Adel sogar. Ich glaube, dass der Adel nur darum vorhanden ist, dass er erblich, traditionell jene Vorzuglichkeit des Berufes fur das allgemeine Wohl empfangt, die bei Dem, fur dessen Erziehung Eltern nichts thun konnen, eine aus ihm selbst geborne zufallige, oft auch ausbleibende Vocation ist. Ich erkenne in meinem ziemlich alten Adel die Mission nicht eines Genusses, sondern einer Aufgabe. Ist dies schon Thorheit in den Augen meiner aristokratischen Waffengefahrten, so wachst sie zum Verbrechen, da ich mir eine Vermittelung mit den Ideen des Jahrhunderts moglich denke. Ich laugne nicht, der Krieger ist in einer verzweifelten Lage. Man hat uns einen Eid abgenommen, der nach jesuitischer Moral wol gelost werden konnte, ja es ist immerhin moglich, dass ein Einzelner sich durch eine tiefere moralische Betrachtung von den Banden einer mathematischen Eidesformel loszulosen vermag; allein es ist mit solchen Verpflichtungen, wie mit jenen Verpflichtungen der Ehre, die zum Duell fuhren. Man verwirft das Duell und kann sich ihm doch nicht entziehen. Der Fahneneid ist einmal geschworen, geschworen unter andern Verhaltnissen, wie sie jetzt stattfinden. Ich wurde ihn so, wie ich ihn geschworen, nicht wiederholen. Aber er ist geschworen. Nun kann man sagen: Tritt aus den Reihen der Krieger, die nur den Landesherrn als Befehlshaber anerkennen, aus! Dies ist aber fur Den, der den Beruf des Militairs einmal gewahlt hat, gerade so, als wenn ein Prediger die Kanzel nicht mehr besteigen soll, auf der er anders predigt, als das Consistorium will. Der, der sich als Christ fuhlt, wird sich aufs Ausserste strauben, aus der Gemeinde auszutreten. Der Lebenslauf, den man wahlt, kann mit Jemandes ganzer Natur zusammenfallen. Ich bin ein Krieger. Ich bin kaum etwas Anderes. Ich habe fruher wenig Avancement gehabt, die Friedenszeit war Schuld daran. Warum soll ich das Feld raumen? Warum soll ich nicht hoffen, die politische Debatte dringe so weit durch, dass unser Eid modifizirt wird und man uns von der Einseitigkeit unseres Gelobnisses freispricht? Auch drangt es mich, das Beispiel einer Gesinnung zu geben, wie sie sich leider in unseren Reihen so sparlich nur gesaet findet. Ach, meine Herren, welche Geistlosigkeit, welche blinde Leidenschaft, welche bruske Impertinenz, welch brutales Nichtdenkenwollen in meiner taglichen Nahe! Tritt irgend ein unabhangiger, junger Mann von freiem Urtheil in den Dienst, entdeckt man irgend einen Unteroffizier, der eine Broschure, eine Zeitung liest, erhalt man einen Reservisten, der sich wohl gar schon compromittirt hat, wie wird er empfangen! Da stellt sich der alte Oberst in dem Kasernenhofe hin und halt eine Rede im Bauernstyl vom Siebenjahrigen Kriege und weckt den rohen, gewaltsamen Sinn der Menge zur rohesten und ungeschlachtesten Kundgebung durch Schimpfreden, Kraftworte und Polissonerieen, die aus dem Munde oft weisshaariger alter Krieger kommen! Die jungeren Offiziere greifen diesen Ton auf und setzen ihn in ihrer kleinen Sphare fort. Da hab' ich einen Sergeanten, Heinrich Sandrart. Vermogender Leute Kind, hatte er etwas Lockeres und klapperte gern mit seinen Mutterpfennigen, liess sich auf Ballen sehen und war verliebt ...

Louis schlug die Augen nieder.

Dieser junge Mann ist nicht Demokrat, fuhr Werdeck fort, aber meine Leutenants machen ihn dazu. Raucht er eine Cigarre, so fragen sie ihn, ob er Das im Klub gelernt hatte. Blast er die Flote in der Kaserne, so lasst man ihm sagen, er sollte sich Das aufsparen, bis er wieder in seinem Dorfe ware. Der junge Mann dauert mich. Er liebt unglucklich ...

Louis gerieth in grossere Spannung.

Genug, brach aber der Major ab, solche und ahnliche Falle beweisen, wie sehr man schon eine gewisse traumerische Selbststandigkeit an dem Krieger als unzulassig verfolgt; wie nun erst, wenn er einmal ein Wort entgegnet oder wol gar sich einfallen lasst, wie es Manche schon in meinem Bataillon thaten, dass sie sich Staatsburger nennen, die nur momentan unter den Waffen standen! Ob es jemals moglich werden durfte, die Armeen auf demokratische Grundlagen zu organisiren, dass daruber die unerlassliche Disciplin nicht zu Grunde ginge; ob es jemals moglich werden durfte, den Adelsgeist, der hier und da sein Gutes hat, dem grossen Zwecke eines Volksheeres dienstbar zu machen, Das mocht' ich wol wissen. Ich gestehe, dass ich ein Grauen empfinde vor dem Tage, der fruher oder spater kommen wird, wo wir Soldaten in der Lage sein werden, gegen den Geist der Zeit einzuschreiten und gegen bessere Uberzeugung mit der Waffe aufraumen zu mussen. Ich laugne gar nicht, dass ein von jeder schwankenden Meinung der Zeit herumgezerrtes Heer, ein Heer, das etwa einem Parlamente verpflichtet ware und nicht wusste, wer ihm Befehle zu geben hat, sich bald auflosen wurde. Ich weiss aber auch, dass Heere, die starr und beharrlich bei einem veralteten Principe festhielten, wie Karten vom Sturme umgeblasen wurden; denn mogen unsre alten Obersten noch soviel in den Kasernenhofen fluchen, mogen sich die Leutenants noch sosehr bei den vom Reubunde herausgegebenen Zeitungen in den Kaffeehausern Muths erholen, mogen die jungen avancementssuchtigen Referendare und Assessoren, die bei der Volkswehr in kritischen Momenten als Offiziere eintreten, noch so bramarbasiren, ich sehe doch, dass der Unterbau morsch ist. Die Gesinnung des gemeinen Soldaten steht nicht so fest, wie sich die Offiziere den Anschein geben, sie uberall vorzufinden. Das Reglement des Schiessens reicht aus. Die Attake wird schon schwieriger sein und fur einen Feldzug voll Muhen und Entbehrungen glaub' ich bei unsren Armeen ohne grosse neue volksthumliche Begriffe nicht einstehen zu konnen.

Leidenfrost pries die Krieger, die es in zweifelhaften Momenten mit dem Volke hielten.

Sagen Sie Das nicht, alter Freund, bemerkte der Major. Ich habe die Art, wie in Frankreich die Regimenter schwanken, nie billigen konnen und immer eine moralische Abneigung empfunden, wenn es hiess: Die Linie ging uber! Glauben Sie mir, Leidenfrost, Sie haben von dem in unserer Epoche liegenden Zuge zum Tode so ruhrend gesprochen, dass ich innerlichst davon bewegt war und erst jetzt begreife, warum eine Kugel vor den Kopf eine Wohlthat sein kann. Allein nicht blos dieser Zug, der mir vorkommt, als sollt' ich sagen: Unsre Zeit ist gleich einem Standbilde von Marmor, dessen Augen ohne Augensterne sind ... nicht nur, dass diese todten Augen uns ruhren, ruhrend ist auch in dieser Zeit der Jammer der Pflicht. Die Pflicht, meine Herren, ist die Thrane im Auge des Kriegers. Es liegt etwas Majestatisches in dieser Fessel durch ein gegebenes Wort. Lassen Sie mich wieder ein Bild brauchen. Diese schweren Pflichterfullungen erinnern mich an jene sterbenden Gladiatoren, die hingesunken, erschopft und todesmatt an der Erde liegen, noch einmal die Arme stutzen, um sich zu erheben und doch schon den Kopf sterbend sinken lassen, freie Menschen, die gefangen in der Lage waren, gegen ihren Willen ihre eignen Landsleute, die in gleichem kunstlichen und beklagenswerthen Ingrimm ihnen gegenuberstanden, bekampfen zu mussen, eine Zeitlang, der Ehre wegen, standhalten und dann gern sterben, um ein Leben voller Schande und Sklaverei loszuwerden fur ewig.

Der Major schwieg. Der sonst so scharfe Ausdruck seiner Gesichtszuge hatte sich verloren. Die hochgezogenen schwarzen Augenbrauen senkten sich mit dem Blicke, der kummervoll auf der runden Tafel des Tisches ruhte. Die rechte Hand hielt mechanisch den grunen Romer, ohne dass ihn Werdeck zur Lippe fuhrte. Ein tiefer Schmerz hatte den sonst so elastischen Korper und dessen lebhafte Bewegungen gelahmt.

Leidenfrost reichte dem Major die Hand uber den Tisch. Es lag etwas so Schmerzliches in dieser Begrussung, dass es Allen auffiel und dem Major Veranlassung wurde, in seiner geruhrten Stimmung mit den Worten hervorzubrechen:

Dass ich hier unter Ihnen bin, meine Herren ... Ich dank' es nicht dem Geist, sondern dem Herzen! Maximilian Leidenfrost sollte den wunderbaren Roman erzahlen, der mich an ihn fesselt! Sie wissen sicher, welche abenteuerliche Bahn seine Jugend durchlief! Er ist ein Soldatenkind und fuhrt den Namen Leidenfrost nur aus Gefalligkeit. Leidenfrost. Leiden im Froste! Wo gab es grimmigere Leiden im Froste als 1812! Ein hulfloses kleines Kind, ein Madchen, liegt in den Armen eines sterbenden Wanderers, der aus Sibirien entfloh und die Freiheit und die Erlosung von seinen Leiden auf den Schlachtfeldern fand, in deren Schrecken er sich auf seiner Flucht verirrte. Unter Leichen, unter Eis und blutgetranktem Schnee verschmachtet der Vater jenes Madchens und die Kleine ist dem Tode nahe, als ein voruberziehender, halberfrorener, fliehender deutscher Soldat das hulflose Schreien des Kindes hort und es aus den Armen des todten Vaters nimmt. Er eignet sich die wenigen Habseligkeiten des Todten zum Besten des Kindes an und tragt den verschmachtenden Wurm mit sich durch Russlands Schneefelder und Eissteppen. Er gedachte eines Knaben, den er selbst daheim bei seinem jungen Weibe eben vor seinem Ausrucken unter Napoleon's Fahnen zuruckgelassen hatte. Dieser arme Soldat war ein Deutscher und hiess Bruning. Sein Knabe hiess Maximilian, nach seinem Konig; es war ein Baier. Seinen Pflegling aber, den er aus Russland hinweg auf den Armen trug, nannten entweder Er oder Andere Josephine Leidenfrost. Wenigstens tauchten beide Kinder, Max Bruning und Josephine Leidenfrost, unter diesem Namen in einem polnischen Kloster zum Herzen Jesu auf. Vielleicht hatten die Nonnen dem Findling diesen sinnreichen Namen gegeben. Der verwundete Baier konnte nur bis Gnesen kommen. Dort brach seine Kraft zusammen; er verfiel dem Typhus, sein Pflegekind, die kleine Tochter des sibirischen Fluchtlings, eines Polen, wurde dem Kloster ubergeben. Da suchte den erkrankten Soldaten im Fruhjahr 1813 sein Weib auf, dag zu Fuss, elend und arm, ihren Knaben in einem Tuche, das sie uber die Schultern band, tragend, durch Franken, Thuringen und Sachsen nach Gnesen wanderte, wo sie wusste, dass ihr Gatte Bruning krank darniederlag. Das treue Weib findet den Mann im Fieberwahnsinn, sie pflegt ihn, erkrankt selbst, stirbt und ihr genesener Gatte ... begrabt sie. Seinen Knaben Max gibt er zu Josephinen in das Kloster zum Herzen Jesu und er selbst tritt unter die neuentfaltete preussische Kriegsfahne, folgt der Proklamation von Kalisch; ich habe nie wieder von diesem ehrlichen Bruning etwas vernommen. Es ist der Vater unsers Max da.

Der Major schwieg eine Weile. Die Andern blickten theilnehmend erstaunt auf den Maler, der mit gestemmten Handen den Kopf hielt und in seinen Romer blickte, wie auf den Grund eines rathselhaften Sees oder wie man am Rhein auf die Stellen blickt, wo die Sage von verschutteten Horten erzahlt ...

Der Major fuhr fort:

Max, das Soldatenkind da, und Josephine, die Polin, galten fur Geschwister, ohne es zu sein. Sie liebten sich wie sich Kinder lieben, die zusammen lernen und spielen, und die Nonnen flossten Beiden die ganze Schwarmerei in die jungen Herzen, die sie, der Welt entsagend, nur in ihren Traumen oder in ihrer Hingebung an Christus und die Heiligen aussprechen konnten. Es war leicht erklarlich, dass man Max als Katholiken erzog, ebenso, dass man auch ihn Leidenfrost nannte, weil die Nonnen auf ihren vielleicht von ihnen erfundenen Namen stolz waren. Max Leidenfrost wurde zuletzt ein gefahrliches Element unter den Nonnen. Man fuhrte ihn nach Warschau in ein Monchskloster. Entfuhren hatt' ich sagen sollen. Denn die Trennung von seiner Schwester soll List und Hinterhalt genug nothig gemacht haben. Dort im Warschauer Kloster erzahlt die Chronik viel Streiche von dem ketzerischen Knaben Max Bruning, genannt Leidenfrost, Streiche, die nicht in die Legende der Heiligen kommen werden. Josephine blieb bei den Nonnen, bis Sibylla, die Abtissin, eine herrliche, verstandige Dame, den geringen Beruf des Madchens fur die geistliche Welt erkannte und sie nach Warschau zu hohen Verwandten schickte. Abtissin Sibylla gehorte dem altpolnischen Adel an. Josephine und Max sahen sich wieder und die Liebe des jungen Halbnovizen fur seine Namensschwester wuchs. Ich will die Abenteuer nicht ausmalen, die der romantische Sinn der zusammenerzogenen, fur Geschwister geltenden jungen Leute ...

Der Major unterbrach sich:

Hab' ich nicht Recht, Max?

Leidenfrost hob den Kopf und schuttelte ihn lachelnd:

Ich bin stumm gewesen und hore nur! sagte er.

Es war mir doch, bemerkte der Major zur Flamme emporsehend, als hort' ich ... doch ich bin bewegt und meine Phantasie uberhort vielleicht, dass ich selbst der Sprecher bin. Genug, Josephine ist jetzt das Weib des Majors Werdeck, aber welche Kampfe hat es gekostet, bis ich sie mir errang! Ich lernte sie vor zwolf Jahren in Warschau kennen, hangend und bangend in Liebe um ihren theuren Max, der, um nicht Priester zu werden, vor zehn Jahren entflohen war, verkleidet als Bedienter eines russischen Vornehmen, Otto's von Dystra. Welch' ein Verkehr hatte sich zwischen ihnen entsponnen! Max lernte vom Kleinsten auf und rang nach ausserer Bewahrung eines innern Genius, der in ihm rauschte, ohne dass er ihn bandigen konnte. Was hatte er bei den Monchen gelernt? Nichts als nur schreiben, aber zierlich, malerisch schon! Eine Kunstlernatur lebte in ihm, ihm unverstandlich. Er konnte kaum noch richtiges Deutsch, er musste in Allem von vorn beginnen und vergriff sich in den Mitteln, seinen Geist zur Hohe zu bringen. Statt Maler Anstreicher, statt Bildhauer Drechsler! ... Josephine galt in dem Hause, wo sie lebte, fur eine Waise, ohne Lebensanspruche. Sie liebte Max und empfing seine Briefe, die sie beantwortete, wie Heloise die Briefe des Abalard beantwortete. Max raffte sich immer gewaltiger empor. Immer bedeutsamer wurde sein Talent. Er war Kunstler, Maler; er konnte stolz sein, Josephinen einst seine Hand zu bieten. Da sah ich dies reizende Madchen in Warschau, wie ich als Hauptmann dort in einem militairischen Auftrag anwesend bin. Ich liebe Josephinen sogleich, trag' ihr meine Hand an und trotzdem, dass durch die Papiere, die Bruning in Russland dem todten Vater abnahm, des Madchens wahrer Name, ihre adlige Herkunft allmalig entdeckt wird, schlagt sie meine Bewerbung aus und reist nach dieser Hauptstadt, um den inzwischen hier zur Geltung, zur selbststandigen Freiheit gereiften Bruder zum Gatten zu nehmen ... da ...

Der Major stockte und unterbrach sich mit den Worten:

Bin ich ein Thor, dass ich diese Erzahlung begann? Was fuhrt mich darauf!

Die Freunde druckten ihren Dank, ihre grosste Spannung aus. Louis Armand, der sich seines halbpolnischen Ursprungs erinnerte, schien besonders bewegt ...

Aber der Major sagte:

Nur der Trieb, Ihnen zu sagen, warum ich gern mit Ihnen lebe, gern in Ihrem Kreise bin, meine Herren, offnete mir die Zunge zu dieser Geschwatzigkeit ...

O wohl! lachte Leidenfrost auf. Mit den sogenannten Verstandesmenschen, wofur der Major gilt, geht gewohnlich die ganze Logik durch und reisst der Verstand alle Strange, wenn die einmal aufthauen und ihr Herz zeigen wollen. Die Geschichte ist ganz einfach. Josephine kommt hierher. Der Hauptmann von Werdeck besturmt sie mit seiner Liebe. Ich sehe sie, sie sieht mich wieder. Nach sechs Jahren! Abalard und Heloise! Lacht nicht, Kinder, es ist zum Weinen! Betrachtet mich! Was? Nicht wahr? Ich bin hasslich. Diese Citrone, die ich hier fasse, ist mein Gesicht! Diese Locher sind meine Augen! Diese getrocknete Zwetsche ist meine Nase! Ideal und Wirklichkeit! Josephine sieht mich wieder, entsetzt sich, erwacht von ihrem Jugendtraum und heirathet den Hauptmann von Werdeck, den sie liebt wie einen Gatten; mich liebt sie noch jetzt ... wie einen Bruder.

Als Max Leidenfrost diese Erzahlung lachend, aber mit unterdruckten Thranen zum Besten gegeben hatte, waren Alle stumm, von Schmerz und ruhrender Theilnahme ergriffen.

Genug! Genug! fiel er aber selber ein. Vorwarts jetzt! Dankmar, sagen Sie jetzt Ihren Plan!

Dankmar konnte sich nicht sogleich aus dem Staunen uber dies eigenthumliche Verhaltniss zwischen drei edlen Menschen emporraffen und schwieg.

Da ergriff Leidenfrost den Romer und sagte:

Dir, holder Genius meines Lebens, dieses Glas! Dir, Josephine, um die ich rang und arbeitete! Dir, zu deren Ruhm und Preis ich mein Leben aus dem Gemeinen und Zufalligen emporrichtete! Du warst der Stern meiner Nachte, die Sonne meiner lichteren Tage! Um dich darbt' ich, um dich dient' ich! Und als ich ein Herrscher zu sein glaubte und meine Krone mit dir zu theilen wagte, da weintest du und verhulltest dich! Lebewohl, Josephine! rief ich und sturzte mich wie ein Wahnsinniger in's Leben; ich trat meine Kunst mit Fussen. Ich wurde ein Verrather an mir selbst. Die Verzweiflung peitschte mich wie mit Furiengeisseln. Ich ein Scheusal? Eine Abirrung der menschlichen Formen? Ich, ein Plastiker, unschon? Da trieb es mich auf die Buhne. Schauspieler wurd' ich, heute, um mich zu schminken und schon zu sein, morgen, um mir einen Buckel uberzuschnallen, Gesichter zu schneiden, rothe Haare aufzukleben und vor den Spiegel zu treten und zu sagen: Jetzt bin ich erst hasslich! Jetzt erst entsetzen sich die Engel vor dir! Das bist du nicht selbst! Du bist ein Adonis, ein Gott gegen diese Fratze! Und so trieb ich's fort; bis ich wiederkehrte, mich besann, mich ergab, ergab als Menschenfeind. Ich fand die Geliebte, die Schwester ernst, vornehm, aber wieder gut. Sie war nicht die alte Josephine mehr; sie war jetzt nach entdeckten Familienpapieren Jagellona ...

Jagellona? unterbrach Louis Armand.

Jagellona von Werdeck, Franzos! fuhr Leidenfrost fort. Jagellona, die Polin, die Adlige, wie es die Gesellschaft verlangte! Aber sie hat noch ein Herz, noch Liebe. Sie liebt Ideen, Menschen, die Ideen tragen und verkorpern, sie liebt Polen und die Freiheit. Jagellona ist meine Josephine nicht mehr; aber Werdeck wurde mein Freund

Dein Bruder, Max! sagte Werdeck und reichte dem Sprecher tiefgeruhrt die Hand. Im Geiste bliebst du meinem Weib ihr alter Max!

Im Geiste ist Alles moglich! sagte Leidenfrost. Stosst an ... auf Jagellona!

Siegbert, der des Ruhmlichsten genug von der Majorin zu erzahlen pflegte, stiess mit Enthusiasmus an. Dankmar mit Vorwurfen, die er sich selbst uber seine Zuruckgezogenheit von der Gesellschaft machte, Louis mit der Frage auf den Lippen, wie denn wol der fernere Name dieser Jagellona heissen mochte ...

Da machte Leidenfrost gleichsam einen Strich uber diese ganze Unterbrechung und sagte entschieden:

Und nun kein Wort mehr davon! Ihr kennt jetzt die Tragodie, die ich in meinem Herzen spiele ... besser hoffentlich, als ich einmal sechs Monate lang fruher in Wirklichkeit auf den Bretern spielte. Jetzt zur Sache! Dankmar Wildungen! Unsre Stimmung ist hinlanglich feierlich! Reden Sie!

Dankmar entschloss sich nun, in den angeregten Gegenstand einzulenken und sprach:

Sie haben, Herr Major, in Ihren fruheren Ausserungen das tiefe Weh dieser Tage ausgesprochen! Sie haben an Ihrem Beispiele gezeigt, wie lang die Bahn gemessen ist, die unser redlicher Wille durchlaufen muss, wenn er sich in eine That umsetzen will! Hundert Grunde, etwas zu thun, tausend, etwas zu unterlassen. Das Ideal ahnen wir, aber Nebel umgeben die Sonne. Auf dem Wege zur Wahrheit hundert Lugen und Lugen nicht einmal, die wir verachten durften, nein, wir sollen uns mit ihnen abfinden, sollen selbst lugen, um von ihnen ehrlich loszukommen! Wir Alle hier sind Demokraten. Das Wort ist alt. Seine Geschichte lehrreich. Die Moral dieser Geschichte abschreckend. Ich gebe zu, dass die Chronisten dieser Geschichte meistens Aristokraten waren, wenn auch nur Aristokraten der Bildung und Gelehrsamkeit.

Aber unverkennbar ist es, dass zu allen Zeiten sich in ein lauteres, reines Princip unlautere Elemente mischten. Konnten wir diese von unserer Debatte ausscheiden! Das demokratische Princip galt bisher nur fur kleinere Staaten, jetzt erst ist es ein Weltdogma geworden, ein geschichtlicher Hebel. Da ist es fast so gross, so heilig zu erachten, wie eine Religion. Eine Religion muss unendlich einfach sein. Die Offenbarung gibt die Geschichte. Drei Satze genugen. Das Ubrige thut der Geist, die Gesinnung, die Hoffnung. Wir haben vier Meinungen gehort. Alle wurzelten sie in einem Stamme und waren so verschieden, und stritten wir noch langer daruber, so wurde statt Einigung, Veruneinigung kommen. Der Eine empfiehlt eine augenblickliche That, der Eine will nur die Gefahr des Experimentes wagen, der Dritte lieber mit dem Alten untergehen, nur um nicht das bedenkliche Neue zu versuchen. So werden wir uns nie vereinigen. So werden wir immer nur die Reprasentanten des Chaos sein, das jetzt in den Gemuthern gahrt und allen erleuchtenden und erwarmenden Lichtstrahlen unzuganglich scheint, weil jede Subjektivitat leidenschaftlich, reizbar, eigensinnig ist. Freunde, wir mussen unsre Lehre vereinfachen, aber die einfache Lehre kraftvoller durchsetzen! Wir mussen es aufgeben, positive Schopfungen hervorzurufen, und uns begnugen, nur den Geist, in dem sie erwachsen sollen, zu befordern. Keine Theorie! Aber fur den Geist der Theorie das Leben! Hort mir zu, Freunde! Die Stunde ist heilig! Stosst auf eine Idee an! Ich wunsche, dass es so, wie in unsern Glasern auch in unsern Herzen widerklingen moge!

Man stiess mit Dankmar, dessen Augen leuchteten, feierlich an. Vom Rathsthurm schlug es zehn. Als die Glaser gesenkt waren, begann Dankmar mit fester Stimme von der Notwendigkeit zu sprechen, uber den Bund der Freimaurer hinaus einen neuen zu stiften, einen Bund, den er den der Ritter vom Geiste nannte.

Neuntes Capitel

Die Stiftung des Bundes

Kaum hatten die beiden Schreiber, Schmelzing und Hackert, auf dem Estrich kauernd, die Gesellschaft, ehe noch Werdeck kam, unter sich in die kleine Trinkstube eintreten horen, als sich auch der Letztere sogleich von einigen Stimmen an ihm bekannte Menschen erinnert fuhlte. Noch wusste er nicht deutlich zu unterscheiden, wo er das eine oder das andere Organ hinbringen sollte. Die Worte, die unten gesprochen wurden, bekamen durch die Wolbung und die Resonanz etwas Schnurrendes, ja Unangenehmes. Man musste etwas von der Kreuzesform zuruckbleiben, um nicht durch das Schnarren der Stimmen verletzt zu werden. Fur Schmelzing's Ohr waren diese Tone gerade so, wie er sie haben musste. Er hielt sich so dicht an dem flammenden Kreuze, dass ihn Hackert einige male zuruckzog und ihm durch die Fingersprache sagte:

Sie werden sich Ihre paar Haare noch vollends abbrennen, Schmelzing!

Schmelzing zeigte boshaft auf Hackert's rothes Haar, dem das Sengen nicht viel schaden konnte, zog dann ein Portefeuille und legte es sich zum Notiren der unten gesprochenen Worte formlich zurecht.

Hackert sah diese Zurustung mit Gleichgultigkeit. Er war ein Mensch des Augenblicks. Weil die Stimmen ihm im Ohre wehthaten, so gonnte er ihnen, dass Schmelzing ihr lautes Lachen und Scherzen aufschrieb. Ruhig streckte er sich am obern Ende des Kreuzes hin, wahrend Schmelzing am untern kauerte und bald horchte, bald schrieb, bald das Brot und den Wein zurechtlegte fur ein geordnetes, spater einzunehmendes Souper; denn, deutete er Hackerten an, diese Sitzung da unten wurde gewiss lange wahren, es schiene heute ein Hauptschlag berathen zu werden.

Hackert rieth hin und her, wer die Sprecher sein mochten; endlich vernahm er in dem Durcheinander, bei dem der ihm unbekannte Leidenfrost am meisten horbar war, eine sanftere, mildere Stimme. Es war Siegbert's. Unwillkurlich kam es Hackerten, als musste er nun durch das Kreuz sehen. Schon hielt er den Kopf hin, als er vor der Hitze der Flamme erschreckt zuruckfuhr.

Das ist Siegbert Wildungen! dachte er sich. Mein wackrer Freund, der so liebevoll fur mich gesinnt gewesen und den ich an jenem Abend vor dem Fortunaball so niedertrachtig krankte, dass ich ihn fur immer vermeiden muss!

Und nun erkannte er auch Dankmar's Stimme.

Jetzt erst schwebte ihm klar und deutlich vor, welche Rolle er hier spielte. Menschen, die ihm fremd, zu belauschen und neue Entdeckungen im Gebiete des bunten Lebens zu machen, ware ihm vielleicht sonst eine Unterhaltung gewesen. Als er aber die Stimmen befreundeter Menschen horte; als er sich erinnerte, wie freimuthig Dankmar auf der Fahrt vom Heidekrug nach Hohenberg gegen den verkleideten Prinzen Egon sich geaussert hatte; als er sich vorstellte, in wieviel gefahrliche Dinge schon Dankmar verwickelt war und wie er sich doch gleichfalls an jenem verhangnissvollen Abend geneigt gezeigt hatte, ihm zur Aussohnung und Verstandigung die Hand zu reichen, da befiel ihn uber die Moglichkeit, ihre Ausserungen konnten ihnen Gefahr bringen, eine unbeschreibliche Angst. Er lauschte nochmals. Er glaubte, sich getauscht zu haben. Aber es blieb unwiderleglich, dass die Bruder Wildungen unter ihm waren. Als man allgemein Guten Abend! rief und einen Neuangekommenen begrusste, hoffte er, das Gesprach wurde sich in Allgemeinheiten verlieren. Er machte deshalb Schmelzing ein Zeichen, als wollte er sagen: Es sind wol die Rechten nicht? Dieser aber bemerkte, dass gerade der Neuangekommene der Rechte ware. Hackert mochte ihn jetzt nicht storen, sondern lieber auch seine Schreibtafel ergreifen, damit sie hernach ihre Notizen vergleichen konnten ...

Hackert, um Verdacht zu vermeiden, befolgte diese Weisung. Er zog eine pergamentne Schreibtafel und stellte sich, als wenn er ausserordentlich begierig ware, zu erfahren, was gesprochen wurde. In der That war er es auch. Noch immer hoffte er auf Allgemeinheiten und personliche Gegenstande. Als er aber den Accent eines Franzosen horte, den Staat, die Zeit, die Willing'schen Maschinenarbeiter nennen horte, stand es ihm in der That fest, dass die Polizei ausserordentlich gut unterrichtet war und wohl Ursache haben konnte, Gesinnungen dieser Art zu uberwachen.

Zugleich aber kampfte gegen die offenbare Uberzeugung, dass es sich hier um ein gefahrliches Staatskomplott handelte, alles Das an, was er von Siegbert's mildem und Dankmar's besonnenem Charakter wusste. Unmoglich konnten sie gewaltthatigen Unternehmungen Vorschub leisten; aber wenn sie sich hatten hinreissen lassen, wenn sie der Uberredung eines ehrgeizigen Kriegers, eines franzosischen Emissairs hier Gehor gaben? Hackert war von der Vorstellung der Gefahr, in der die unten versammelte Gesellschaft schwebte, so ergriffen, von Theilnahme fur die Bruder Wildungen so bewegt, dass er beschloss, Alles aufzubieten, um Schmelzing zu verwirren und fur den Fall, dass wirklich Ernstes unten besprochen wurde, ihn in irgend einer Weise unschadlich zu machen.

Zunachst fing er an, Schmelzingen an die Pennalhalften zu mahnen. Er gab ihm die grossere und fullte sie mit dem etwas sauerlichen Haut-Sauterne, den die Polizei fur diese Expedition auf Rechnung der "geheimen Fonds" setzte. Schmelzing lehnte die langere Halfte ab und wollte nur aus seinem kleinern Fingerhute trinken. Dem Essen, das Hackert vorzulegen anfing, sprach er eher zu, dabei aber unaufhorlich winkend, kein Gerausch zu machen und seine Aufmerksamkeit nicht zu storen.

Hackert liess sich aber nicht beirren. Er dachte, ich muss dich bei deinen schwachen Seiten fassen. Die nachste Schwache des schleichenden, tuckischen Schreibers war seine Eitelkeit. Hackert musterte den Mantel, auf dem er lag und gab ihn Schmelzingen, da er zu kostbar ware, als Fussdecke benutzt zu werden. Das horte Schmelzing schon gern. Dann lobte er seine Halsbinde und fragte ihn, wo er seine Halsbinden jetzt waschen liesse. Schmelzing antwortete auf alle diese Fragen mit der Fingersprache. Es bot einen eigenthumlichen Anblick, diese zwei Menschen am Boden kauernd zu sehen, zwischen ihnen ein flammendes Kreuz, oben Alles todtenstill, und sie Beide doch sprechend, die Finger reckend, die Arme bewegend, bald an die Brust, bald an's Kinn, bald an die Nase, die Ohren, die Haare fassend. Sie hatten sich in mussigen Stunden Beide eine solche Fertigkeit in dieser Art der Mittheilung und des Gedankenaustausches angeeignet, dass sie sich nicht nur uber aussere, sinnlich in's Auge fallende Gegenstande verstandigten, sondern so auch uber Ansichten und Empfindungen.

Wissen Sie wohl, Schmelzing, sagte Hackert mit der Fingersprache, wahrend er mit Herzklopfen horte, dass eben Dankmar die Frage beantragte, welchen Entschluss man fur die nachste Zeit fassen musste; wissen Sie wohl, was man von Menschen denken muss, die ihr Gehor verlieren?

Lassen Sie mich jetzt zufrieden! antwortete Schmelzing mit der Zeichensprache, horchte und schrieb emsig.

Nein, im Ernst, Schmelzing! Lassen Sie doch unten die dummen Kerle ihren Rudesheimer trinken! Ich geb' Ihnen mein Wort, es hat etwas auf sich mit dem Gehor.

Schweigen Sie, Hackert!

Das Gehor, Schmelzing, ist der niedrigste, schlechteste und erbarmlichste Sinn des Menschen! Manner von Geist verlieren immer erst das Gehor.

Wirklich?

Wissen Sie denn, Schmelzing, dass der Mensch eigentlich stufenweise abstirbt?

Sprechen Sie hier nicht von Sterben, Hackert! Ich verbitte mir Das.

Wie alt sind Sie, Schmelzing! Neunundzwanzig, nicht wahr?

Schmelzing konnte nicht umhin, etwas zu schmunzeln. Er hatte sicher schon sein Vierzigstes auf dem Rucken.

Vom dreissigsten Jahre an sterben wir allmalig ab und zwar an unsern funf Sinnen.

Zum Donnerwetter! Seien Sie still, Hackert!

Hackert horte, dass Siegbert eben einen langen politischen Vortrag hielt und ununterbrochen redete. Er liess sich nun nicht storen, sondern wandte die ganze Kraft seiner Fingerberedtsamkeit an, um Schmelzing vom Nachschreiben abzuhalten.

Gemeine Menschen, sagte er, sterben von oben herab, edle Charaktere von unten herauf.

Wie so? fragte Schmelzing, der dabei an seine Fusse dachte, die ihm beim Sitzen oft einschliefen oder kalt wurden.

Was sehen Sie denn auf Ihre Fusse, Schmelzing? Ich rede ja von Ihrem Gehor.

Lassen Sie mich in Ruhe!

Das Gehor ist wirklich das Gemeinste am Menschen. Nur bei den Dummen ist der Gehorsinn am scharfsten ausgebildet.

Wie so?

Je furchtsamer ein Thier ist, desto besser hort es. Alle feigen Thiere, Hasen, Rehe, Maulwurfe horen gut.

Wirklich?

Ein geistreicher Mensch lebt in sich und hort darum so wenig. Plato und Aristoteles, kann ich Ihnen die Versicherung geben, Schmelzing, waren schon in ihrem dreissigsten Lebensjahre stocktaub, und wenn Sie's nicht wissen, wer Plato und Aristoteles waren, so sag' ich's Ihnen, das waren die beiden weisesten von den sieben Weisen Griechenlands!

Sie wollen mir etwas weismachen, Hackert.

Ich gebe Ihnen mein Wort! Erst kommt das Gehor, dann ...

Halt! halt! fingerte Schmelzing mit Zorn und zeigte nach unten.

Hackert horchte hin; es war von den Willing'schen Maschinenarbeitern und dem Handwerkervereine die Rede.

Jetzt erst recht gab Hackert keine Ruhe.

Gut zu horen, fuhr er fort, ist gemein; dann kommt gut sehen, das ist weniger gemein, aber noch immer gemein; dann kommt gut fuhlen. Das ist Mittelsorte. Dann steigt's aber in's Feine. Erst gut zu schmecken. Dann aber das Feinste, Schmelzing ...

Gut zu riechen? fragte Schmelzing erstaunt.

Der feine Mann hat seinen scharfsten Sinn in der Nase.

Gehen Sie weg!

Glauben Sie Das nicht? Sie wissen also nicht, dass alle Weisen Griechenlands am starksten in dem Organe der Nase waren?

Ich meine doch, dass erst der Geschmack kommt, sagte Schmelzing, von diesen Auseinandersetzungen aus Eitelkeit interessirt.

Ach, wie irren Sie sich, Schmelzing! Geschmack ist fein, aber Geruch viel feiner.

Ich rieche sehr fein.

Wirklich?

Sehr fein!

Riechen Sie z.B., ob Das hier Kohlen- oder Theergas ist; ich meine das Gas, das von den drei Kreuzen kommt.

Dafur kann ich nicht Chemie genug, sagte Schmelzing. Aber ich rieche, dass hier viel Mause und wenig Katzen sind ...

Sehen Sie einmal an, das riech' ich nicht, Schmelzing, sagte Hackert immer trocken und in der Miene ruhig. Plato soll in seinen letzten Lebensjahren seine kunftige Verwesung schon voraus gerochen haben. An sich selbst, Schmelzing!

Ach, schweigen Sie von Verwesung, Hackert!

Sie haben gut reden! Sie haben den feineren Stufengang der Sinne, Schmelzing, und ich furchte sehr, ich habe nur den gemeinen.

Sie machen Possen!

Im Ernst, Sehmelzing. Ich sterbe umgekehrt ab. Ich rieche schon jetzt gar nichts. Mein Geschmack ist durftig. Der Wein z.B. mundet mir keineswegs und doch seh' ich an der Etikette, dass es der feinste ist, den der Polizeiminister kaum besser hat. Mein Gefuhl ist leidlich. Aber sehen kann ich durch ein eichen Bret und horen ist meine Leibpassion. Ich hore z.B. jetzt eben ...

Was horen Sie?

Horen Sie nicht die Thur knarren?

Machen Sie mir keine Angst! Lassen Sie Das!

Es ist moglich, dass ich mich tausche. Wissen Sie was, Schmelzing, ich will mich hinlegen und schlafen.

Hier sprang Schmelzing auf. Hackert hatte die Bezeichnung des Schlafens so eigenthumlich dargestellt, dass Schmelzing an die alte Nachbarschaft und das fruhere Nachtwandeln Hackert's dachte, von dem dieser behauptete, jetzt ganzlich geheilt zu sein ...

Es fehlte nicht viel, so hatte Schmelzing nun laut gesprochen. Der Dialog uber die feine und die grobe Stufenleiter der Sinne ging durch die Zeichensprache sehr leicht zu versinnlichen. Die beiden Sprecher hatten immer nur nothig, auf die betreffenden Organe zu zeigen. Diese Andeutung aber, dass Hackert hier schlafen wolle und wohl gar in seinen alten Zustand verfallen konnte, diese Moglichkeit, verbunden mit so scharfem Gehore, dass er eine Thur wollte knarren gehort haben, war Schmelzingen zuviel. Hatte er nicht das Gerausch gefurchtet, er hatte Hackerten sein Holzpennal an den Kopf geworfen oder einen Tintenstecher, den er schon aus der Tasche zog.

Hackert liess in seinen Angriffen auf Schmelzing's Ruhe nach, denn Siegbert hatte aufgehort zu reden. Das Durcheinander von Stimmen, das herauftonte, brachte jetzt nicht ein einziges gefahrliches Wort. Schmelzing war ausser sich vor Zorn, als er auf seine leeren Blatter blickte.

Es wurde unten ruhiger. Eine Stimme sprach, die Hackert nicht kannte. Es war dies die Stimme von Leidenfrost. Anfangs dachte er, der mag reden, soviel er will! Plotzlich nahmen Leidenfrost's Ausserungen aber einen Charakter an, der Schmelzingen bestimmte unwillkurlich auszurufen:

Herr Gott! Nun kommt's!

In der That war Das die Rede eines vollstandigen Demagogen.

Ja, dachte Hackert, Das wird nun arg! Es sind in der That die unvorsichtigsten Menschen von der Welt da unten. Wie kann Siegbert Wildungen ableugnen, dass er in Gemeinschaft eines solchen Aufruhrers politische Berathungen gepflogen hat!

Und nun entschloss er sich rasch, Schmelzingen auf's neue in Verwirrung zu bringen.

Die erste Schwache des Schreibers, sein Ehrgeiz, war schon ergiebig gewesen. Er entschloss sich, mit einer neuen anzubinden. Schmelzing war verliebt. Hackert wusste Das nicht nur im Allgemeinen, sondern hatte sogar an mancher Zudringlichkeit gegen Louise Eisold beobachtet, dass er einen Eindruck seiner hagern, gespenstischen Figur auf das junge, ihn verachtende Madchen fur moglich hielt. Ihm, Hackerten, war der Gedanke an Louisen etwas Heiliges. Er liebte sie nicht, er furchtete sich vor ihr; er entfloh sogar in allen seinen Gedanken der Erinnerung an dies edle, sittenreine Madchen. Sein Athem stockte, seine Brust beklemmte sich, wenn er ihrer gedachte, ihrer, die er verlassen, die er nie wieder aufgesucht hatte, auch im Geiste geflohen war! Aber nun musste er ihr Andenken heraufbeschworen. Wachrufen in der gemeinen Seele dieses durren Schmelzing! Er besann sich, ob er denn nicht irgend ein anderes Madchen wisse, dessen Namen er entweihen durfte, um Schmelzing's Phantasie zu verwirren. Er fand keine. Da horte er, dass der Sprecher unten die Barrikaden erwahnte, und ohne lange Besinnung machte er einen Griff an seinen linken Ringfinger und zeigte auf denselben Finger an Schmelzing's Hand.

Schmelzing wollte nicht horen.

Hackert wiederholte das Zeichen.

Wo haben Sie denn Ihren Ring, Schmelzing? sagte er.

Zum Donnerwetter! Welchen Ring?

Den Ring von Louise Eisold!

Ich einen Ring von Louise Eisold?

Wie Sie auszogen

Wie wir auszogen?

Den Ring, den sie Ihnen zum Abschied an den Finger steckte?

Mir einen Ring? Sie schlafen wol?

Schlaf' ich? Traum' ich vielleicht?

Hackert, seien Sie still! In meinem Leben nehm' ich Sie nicht wieder hier mit ...

Was wollen Sie denn? Ich weiss doch, dass Sie da an der linken Hand immer einen Ring trugen und Louise hat mir selbst gesagt, dass sie Ihnen noch einen Ring geben wollte. War's der nicht?

Mir einen Ring geben? Sie verwechseln sich wol mit sich selbst!

Halten Sie mich fur eitel? Die Louise hat Nachsicht mit mir gehabt, weil ich Ihr Freund bin.

Lassen Sie mich in Ruhe!

Aber ich habe ja die Haare selbst gesehen, die sie fur Sie abschnitt. Kostliche braune Haare, Schmelzing. Sie gab sie zum Haarflechter und es sollt' ein Ring fur Sie werden. Hernach zogen Sie aus und erkundigten sich nicht mehr nach einem Madchen, das Sie uberraschen wollte! Sie staunen, Schmelzing? Sehen Sie, dass Sie doch zu kurz kommen mit Ihrem schlechten Gesicht und Gehor. Plato hatte auch kein Gluck in der Liebe; denn er war kurzsichtig.

Man nennt Das die Platonische Liebe. Man muss ein scharfes Auge haben, um in's Herz zu sehen, und wenn Eins laut seufzt und man ist stocktaub und hort's nicht, so war man freilich ein Esel. Vergeben Sie mir meine Freimuthigkeit.

Hackert, Sie machen mich ganz confus.

Aber wonach riecht Das hier? rief Hackert plotzlich sich aufrichtend.

Schmelzing zog mit der Nase die Luft ein ...

Eau de Cologne, Schmelzing! sagte Hackert. Hier sind Frauenzimmer in der Nahe.

Die Wirkung dieser rasch gesprochenen Worte auf Schmelzing war elektrisch. Im Nu verlor er wirklich alle Besinnung. Hatte schon der Wein, die Erwahnung Louisen's, der Ring mit den Haaren, die Platonische Liebe ihn in eine Steigerung seiner Empfindungen versetzt, so uberfiel ihn bei der Vorstellung von Eau de Cologne und von in der Nahe befindlichen Frauenzimmern ein formlicher Schwindel. Hackert in aller Ruhe, trocken und kaustisch, blieb bei seiner Vorstellung von einem feinen Parfum, stand auf und behauptete, der Duft kame von dem zweiten Kreuze her. Er blieb stehen. Fortgehen wollte er nicht. Schmelzing bekam sonst zu viel Gelegenheit nachzuschreiben. So setzte er sich dicht wieder in seine Nahe, umschlang Schmelzing, zog ihn an seine Brust und flusterte ihm ohne Zeichensprache in's Ohr:

O Schmelzing, was sind doch die Weiber fur paradiesische Teufel! Eau de Cologne! Die kunftige Seligkeit schlagt man um sie in die Schanze! Aber man muss sich recht umarmen, sich richtig kussen, Schmelzing! Die Meisten wissen gar nicht, was in den Lippen fur Geheimnisse schlummern. Sie haben gute Lippen, Schmelzing! Nicht lachen! Nur nicht lachen hier! Da hort alle elastische Kraft auf! Ernsthaft, Schmelzing! Und nun den Mund voller genommen! Luft gepumpt, dass die Segel schwellen! Schmelzing, Sie mussen wunderschon lieben konnen! Wenn ich Louise ware und ich neigte mich so zu Ihnen und Sie fuhlten mich hier dicht am Herzen und ich sagte: Schmelzing! Schmelzing! Gottlicher Schmelzing!

Der verwitterte alte Schreiber zerfloss in der That bei diesen von Gebehrden unterstutzten Schilderungen seines Collegen in vollige Besinnungslosigkeit. Das Portefeuille, der Bleistift waren ihm entfallen. Er horte nicht mehr, er kicherte nur noch und meckerte. Dennoch musste Hackert furchten, dass er sich besinnen und ihn mit Gewalt von sich stossen wurde. In dem Augenblick kam seiner Keckheit ein weibliches Lachen zu Hulfe, das wirklich von der Seite des linken Kreuzes her emporschallte. Es klang ganz dumpf, ganz fern, aber Hackert horte deutlich, dass weibliche Stimmen in der Nahe scherzen mussten ...

Horen Sie, Schmelzing, rief er. Horen Sie! Weiber! Eau de Cologne, wie Sie's gleich gerochen haben! Kommen Sie! Kriechen Sie mir nach! Kriechen Sie!

Schmelzing konnte sich in der That nicht mehr aufrechthalten. Seine Sinne waren so verwirrt, Hackert hatte so beredtsam alle schlummernden Geister seiner Sehnsucht geweckt, dass ihm war wie einem Taumelnden. Er kroch auf allen Vieren hinter Hackert her an den linken Flammenschein. Anfangs horte er nichts von dem Lachen, das Hackert vernommen haben wollte. Wie er aber so dicht an der linken Kreuzesoffnung war, wie vorhin an der mittleren, machte die Wolbung, dass man Ohrenzeuge einer, wie es schien, sehr heitern Scene war. Man horte Glaser klingen, das Lachen von Frauenstimmen und eine mannliche, etwas pathetische Stimme, die sich in phantastischen Huldigungen zu ergehen schien.

O verdammt! flusterte Hackert, dass man nicht hinunterblicken kann. Nachst dem Genusse, selbst zu lieben, gibt es ja keinen grossern, als Andre sich lieben zu sehen. Wie viel Frauenzimmer sind Das wohl?

Schmelzing bedeutete Hackerten zu schweigen. Ihr Rutschen, ihr Plaudern, sagte er, wurde sie noch verrathen. Er fing wieder in der Zeichensprache zu gestikuliren an und lauschte so gierig auf die Scene, die in diesem Gemache aufgefuhrt zu werden schien, dass er die Politik, die Demokratie, die Arbeitervereine vergessen hatte. Hackert's mephistophelische Natur war im vollsten Gange. Er bediente sich aller nur moglichen Einfalle und Schnurren, um Schmelzing zu betauben. Die ganze Ungebundenheit seiner wilden Phantasie tobte sich aus.

Schmelzing schnalzte mit der Zunge, wie ein Hecht, der vom Trockenen in frisches Wasser kommt. Sein ganzes Wesen schwanzelte. Hackert sagte, aufregend genug, mit der Fingersprache, in der bekanntlich die Neapolitaner noch mehr sagen, als man mit der Sprache sich zu sagen getraut:

Ich wette, es sind sechs Madchen, Schmelzing, und nur Ein Mann!

Gehen Sie weg, sechs Madchen?

Ich unterscheide wenigstens vier Stimmen. Es ist ein Herr, der nicht zu den jungsten gehort. Zwei sitzen ihm auf dem Schooss. Eine, Schmelzing, legt sich ihm eben quer uber die Schulter und eine hat sich einen Fussschemel heran geruckt und legt den Kopf auf seine linke Kniescheibe ...

Das sehen Sie Alles, Hackert?

Ich hor' es ja, alter Freund! Es sind Tanzerinnen! Sie stehen jetzt auf und wollen ihm eine Polka vortanzen. Sie rucken die Stuhle zuruck. Platz gemacht! Sie treten an. Ha! Wie sie die Kleider fassen! Sehen Sie, Schmelzing, nein sehen Sie diese Fusse! Sehen Sie die weissen Strumpfchen! Die hat rothe Strumpfbander mit einer emaillirten Schnalle! Sehen Sie denn die Schnalle nicht? Ich sehe die Schnalle, wie sie blinkt, Schmelzing!

Sie sind verruckt, Hackert! Wo sehen Sie denn die Schnalle? rief Schmelzing und verbrannte sich fast die Nase.

Jetzt nehmen sie die Champagnerglaser und tanzen an ihm voruber, fuhr Hackert fort. Jedes mal, wenn Eine vor ihm vorbei kommt, muss er rasch trinken. Dann kommt die Andere, die Blaue! Dann die Dritte, die Rothe! Jetzt die Vierte, die Weisse! Jetzt die Funfte ...

Halten Sie ein! Es sind nur Drei!

Woraus merken Sie Das?

Sie sprechen ja so deutlich, dass man ihre Stimmen unterscheiden kann. Die Eine spricht ein Bischen tief.

Das lieb' ich, Schmelzing. Je tiefer die Stimme, desto mehr Feuer. Der Mann muss zweiten Tenor, die Frau zweiten Sopran sprechen, Das ist das wahre Duett der Liebe, Schmelzing. Sie Ihrerseits sprechen ganz in der rechten Mittelhohe, Schmelzing!

Sie machen mich noch toll, Hackert!

Schmelzing musste sich mit Gewalt losreissen. Hakkert wuhlte zu grausam seine Phantasie in Grund und Boden um. Er lag erschopft. Hackert lehnte sich zu dem Lichtschimmer hin. Beide horchten.

Es schienen ein Herr und nur zwei Damen zu sein, die unten vollig unbelauscht zu sein glaubten. Das Klingen der Glaser hatte aufgehort, das Lachen sich gemassigt. Man konnte die Worte der Unterhaltung deutlicher vernehmen.

Diese lautete eben:

Aphroditische Wesen, sagte die mannliche Stimme, lasset uns zum letzten male noch von dem Schaum opfern, dem die Gottin entstiegen ist, deren wurdige Priesterinnen Ihr Euch nennen durft! Steige auf, cyprische Welle! Lodre, brodle, schaume!

Ein Gerausch verrieth, dass ein Champagnerkork aufflog.

Zwei Madchenstimmen schrieen vor kunstlichem Schreck ...

Die Glaser her! fuhr die mannliche Stimme fort, das Gluck verrauscht! Kurz ist der Augenblick der Freude!

Mit Brotrinde umgeruhrt, sagte das eine Frauenzimmer, so dauert's langer.

Kunstlich! Kunstlich! Allzukunstlich, Diotima! sagte die mannliche Stimme.

Diotima? fragte das Frauenzimmer. Ich heisse ...

Man horte nicht recht den Namen, den sie sprach.

Pst! rief Hackert. Sie heisst ... haben Sie's gehort?

Schmelzing nickte, als wollte er sagen, er verstunde Alles.

Nein, Diotima, sagte wieder die pathetische Stimme.

Was soll mir des Brotes Rinde! Was soll mir der kunstliche Perlenflor! Die Natur verschmaht die Nachhulfe der Kunst. Oder bist du mehr fur die Kunst, du schlanke Aspasia?

Spasia? sagte Schmelzing. Das war deutlich.

Aspasia? wiederholte die andere Stimme. Ich heisse ...

Man verstand wieder den Namen nicht.

Wie? bedeutete Hackert seinen Collegen.

Spasia! wiederholte dieser kichernd.

Aspasia! Madchen! Es sind die Namen, die Ihr in den Sternen fuhren werdet; Plato's Freundinnen hiessen Aspasia und Diotima.

Plato's! fiel Hackert zu Schmelzing ein. Verstehen Sie?

Das ist ein Gelehrter da unten. Plato hatte kein Gluck in der Liebe, obgleich er kurzsichtig und harthorig war und sehr fruh eine Brille trug.

St! winkte Schmelzing.

Trinkt, Madchen! rief der Redner unten. Trinkt aus des Spitzglases unschoner Form! Krystallene Schalen von gewobenem Glase, rothlich angehaucht, sind des Schaumweins wurdigere Pokale! Trinkt oder thut wie ich!

Ah! riefen die Madchen. Sie verschutten ja ...

Das kostliche Nass auf des Hauses geheiligten Estrich?

So musst du den Gottern opfern, Diotima!

Mit Erlaubniss, antwortete Diotima, zum Aufscheuern ist Champagner doch wol zu kostbar.

Opfre! schrie der Sprecher in der Trunkenheit.

Diotima straubte sich.

Opfre!

Aspasia schien dem bacchischen Priester das Glas wegzunehmen. Dann sagte sie mit gurgelndem trinkenden Tone: Da! Nicht auf die Erde!

Die versteht's! sagte Schmelzing, der fur die Barrikaden und Arbeitervereine nun kein Ohr mehr hatte.

O hatt' ich Rosen, hatt' ich Kranze, rief der Sprecher unten, konnt' ich mich schmucken wie Apollo! Und Ihr, Freundinnen, im griechischen Gewand, Ihr schrittet mir zur Seite, wie Priesterinnen! Ha, konnte ich dieses dumpfe Kellerloch umzaubern zu einer Tempelhalle! Rufen mocht' ich wie Faust nach dem Tranke der Hexe, damit ich losgebunden, frei, erfahre, was das Leben sei.

Schmelzing zeigte nach dem Kopfe.

Zu viel? fragte Hackert.

Zu wenig! antwortete Schmelzing schuttelnd.

Er hat entweder oder ist! sagte Hackert bestatigend.

Aber da oben, da oben, seht Ihr's? rief die exaltirte Stimme plotzlich.

Rasch fuhren die beiden Lauscher zuruck. Unwillkurlich kam ihnen diese Bewegung. Im ersten Augenblick glaubten sie sich gesehen. Aber die Stimme sprach:

Seht Ihr's da oben, das Kreuz in der Mauer? Bist du schon wieder da, nazarenische Mahnung? Spukst du denn uberall, trauriges Memento mori? Hinweg von Griechenlands Gottersohnen jagst du mich? Nein! Mit Rosen, nicht mit Dornen erlost man die Menschheit. Kusst mich, Madchen! Nach Korinth! Nach Korinth! Die Trummer des Altars, den Paulus zertrummerte, den Altar des unbekannten Gottes helft mir suchen! Es lebe der unbekannte Gott von Korinth!

Schmelzing machte wiederholte Zeichen des Wahnsinns, den er bei dem Sprecher unten voraussetzte. Hackert aber sagte, dass er ihn fur irgend einen verdorbenen, vielleicht abgesetzten Geistlichen halte, der hierher gekommen ware, um beim Ministerium sich auszuklagen und in der Desperation sich mit diesen Damen in den Rathskeller verirrt hatte, um im Champagner seinen Zorn zu ertranken. Die Madchen schienen ihn zum Besten zu haben, sie lachten und neckten ihn, trotz der Zartlichkeiten, die sie ihm gestatteten.

Plotzlich schwieg der Sprecher. Die Gefahrtinnen fragten ihn, ob er seinen Text zu Ende hatte. Er antwortete nicht. Sie stiessen mit ihm an. Es klang hohl wider, aber er antwortete nicht. Sie plauderten vom Wetter, vom Putz, vom Theater. Er antwortete einsylbig. Sie erwahnten den Prinzen Egon, ihre grosse Freude, dass im Hause und der Verwaltung desselben nicht nur Alles beim Alten bliebe, sondern diese noch vergrossert, noch erweitert wurde. Alles wurde prachtiger, herrlicher, glanzender!

Im Hause des Prinzen Egon? fragte Hackert.

Er ist wol eingeschlafen, sagte Schmelzing, der nur auf die Orgie selbst Acht hatte.

Nein, nein, er brummt bald: Danke, Diotima! bald: Danke, Aspasia! berichtete Hackert.

Er scheint nichts vertragen zu konnen, er wird einschlafen ...

Und die Madchen plundern ihn aus? Das geschieht schon so

Aber im Rathskeller!

Seltsam! Es ist ein Fremder oder ein Gelehrter, der eigentlich mit diesen Damen noch lieber in die Halle des Gambrinus gegangen ware. Wer sind sie nur?

Er klirrt mit einer vollen Borse.

Die ganze Geschichte kommt mir lateinisch vor. Es ist als wenn ein schweinsledernes altes Buch auf einer modernen Damentoilette lage!

St! St!

Die Madchen beklagen sich uber ihres Freundes schlechten Humor. Der Kellner wird bezahlt und scheint zu gehen.

O, o, horte man jetzt den Sprecher wieder, seht, seht das Kreuz! Als wir eintraten, hatt' ich es nicht bemerkt. Seit mein Auge darauf gefallen, ist der Blick verdunkelt.

Aspasia, Diotima

Nenn' uns Dorette und Florette!

Was? rief Hackert nach diesen laut und argerlich gesprochenen Worten. Sind Das die ...

Lasst mir den Traum, Euch fur Wesen zu halten, rief der Redner, fur Wesen, die fruher lebten, ehe man die Pariser Moden erfand. Du bist schon, Aspasia, und bildsam. Diotima ist lieblich und hat einen Anflug von Seele. Ihr solltet Euch bilden, Kinder! Es schlummern Ideale in Euch!

Du bist gerade wie unser Alter, sagte die Eine, wahrscheinlich die mit dem Seelenanflug ...

Wie so?

Dem gehen auch beim ersten Glas die Augen uber ...

Gingen mir die Augen uber, Madchen? fragte der immer verstimmter werdende Enthusiast. Saht Ihr Perlen nicht blos im Glase? Wo saht Ihr Perlen, ihr schlanken Bacchantinnen? In meinem Auge? Als ich zum Kreuze aufblickte?

Stummes Wahrzeichen, das du uber uns schwebst, welche Freuden schliesst der Himmel ein, an dessen Pforte du gezeichnet stehst? Senke dich nicht herab, auf mich, todtes Holz! Soll ich's tragen zur Schadelstatte? Soll ich dir die Last abnehmen, Erloser? Kommt, kommt, Madchen!

Das Haus fallt zusammen, hier ist's entsetzlich. Die Decke bricht! Die Bogen wanken! Hulfe! Hulfe! Kommt, kommt!

Schmelzing zitterte an allen Gliedern. Hackert horchte.

Die Madchen wollten so nicht fort. Sie glaubten ihren Freund verletzt zu haben. Sie nannten ihn mit mehr Ehrerbietung. Sie verwunschten, dass sie seiner Einladung gefolgt waren und sich zu einem Abend verstanden hatten, der nun verdorben ware.

Seid Ihr von den thorichten Jungfrauen? fragte der melancholische Sprecher. Was geht Euch denn meine Kreuzesfurcht an? Haltet Eure Lampen hell, Madchen! Der Brautigam sammelt sich. Denkt Ihr, dass Euch ein Mann liebt, dessen Seele leer und hohl wie ein Tanzsaal ohne Tanzer ist? Ich zieh' Euch ja nicht hinunter in den Abgrund meines Herzens! Ihr bleibt ja oben, wo die Sonne scheint und grune Straucher stehen. Kommt an die Luft! Unter die Sterne! Hangt Euch an meinen Arm. Es scheint still draussen. Man wird mich nicht kennen. Rasch hinausgehuscht! Klinkt die Thur auf! Niemand da? Niemand? Leb' wohl, du dustres Galilaa da oben! Gekreuzigter! Lass mich Arkadien suchen und weinet mit mir.

Damit verschwanden die Sprecher. Erst Alles still. Man horte den Kellner brummen, die Flaschen und Glaser wurden weggenommen und im Nu erlosch auch das flammende Kreuz. Der Kellner hatte den Hahn der Gasflamme umgedreht.

Hackert und Schmelzing lagen nun im Dunkeln und ganz betaubt. Diesen melancholischen Ausgang einer leichtfertigen Scene hatten sie nicht erwartet. Hackert hatte eine Ahnung, was sie wohl bedeuten konnte, Schmelzing verstand sie nicht. Er war so abgekuhlt, so getauscht in seiner Spannung, so voll Arger, dass er fast zum lauten Verwunschen dieser Storung fortgerissen wurde und zu dem mittleren Kreuze zuruckschlich. Hackert, grubelnd uber Den, der unten mit den Frauleins Wandstabler eine solche Scene der Lust und Reue, ja die Monologe eines gefallenen Luzifers hatte auffuhren konnen, kroch nach. Der, der eben am mittleren Kreuze sprach, war der Major von Werdeck. Man vernahm Ausdrucke wie: Todesverachtung! Sein Leben in die Schanze schlagen! Fast wuthend, dass ihm der ganze Abend mislungen war, ergriff Schmelzing seinen Bleistift und fing blindlings zu notiren an. Jetzt ergriff es Hackerten, als musste er einen aussersten Entschluss wagen. Die Worte jenes ubersattigten und vielleicht von Reue gequalten Mannes hatten eine eigenthumliche Wirkung in ihm hervorgebracht. Er war plotzlich zum Scherze nicht mehr aufgelegt. Es hatte etwas auch in sein Innerstes hineingegriffen, das er nicht gut entrathseln konnte. Ubersattigung kannte er wohl. Der unterirdische Sprecher hatte etwas davon angedeutet und doch war noch ein anderer Geist in seinen Worten gewesen, den er nicht zu fassen vermochte. Ungeduldig uber das Nachdenken, in das ihn die Scene versetzte, verstimmt uber das Scheitern seiner Storungen eines abscheulichen Spionengeschaftes war er nahe daran, Schmelzing von hinten zu packen. Wie, wenn ich ihm die Gurgel zudruckte und ihn von der Zelle fortschleppte? dachte er und erhob sich und schritt jetzt auf und ab, ohne sich um Schmelzing's wuthende Winke zu bekummern.

Bei diesen Wanderungen, die wiederum bewirkten, dass Schmelzing nicht aufhorchen konnte, kam Hakkert an das rechts liegende dritte Lichtkreuz, wo ebenfalls gesprochen wurde. Er horte uberrascht hin und vernahm eine gebrochene franzosische Aussprache, wie an dem Mittelkreuz. Andere Stimmen mischten sich in den Vortrag des prononcirteren Franzosen. Eine gewichtige Bassstimme stimmte in die Ausserungen des Franzosen mit ein, wahrend eine andre opponirte. Der Schall mochte ihn verfuhren, die Gesellschaft fur zahlreicher zu halten, als sie war. Deutlich horte er das Klappern eines Degens, musste also annehmen, dass auch ein Offizier in der Nahe dieses dritten Kreuzes war. Bald unterschied er das Thema, das besprochen wurde. Es war ein politisches. Er horte den Namen der Jesuiten nennen. Man bat mehrfach den Franzosen, sich offen uber diese Gesellschaft auszusprechen. Man versicherte ihn, dass er sich unter Freunden befande, unter den aufrichtigsten Verehrern einer Politik, die nicht auf Kleinliches und Geringes, sondern auf Weltplane lossteuere. Als die Bassstimme mit priesterlicher Salbung sagte: Dies ist der beruhmte General, der mit dem Jahrhundert Fangball spielt, gleich dem Eskamoteur des Zaubertisches, der vielgefurchtete sogenannte Jesuitenfreund ... als Hackert diese Worte uberlegte, fur seinen Fall erwog, kehrte er zu Schmelzing zuruck und machte ihm Gestikulationen, die nichts Anderes sagen wollten als:

Esel! Esel, die wir sind! Hier liegen wir und vergeuden die Zeit! Da ist die Stelle, wo Pax unsre Ohren hinbeordert hat. Ein Franzose, nicht wahr?

Ja wohl! nickte Schmelzing.

Ein Offizier?

Naturlich!

Donner! Hier sind ja die Rechten! Hier sitzen die Mordbrenner! Ich bin starr, was ich gehort habe ... Konigsmord!

Allmacht'ger Gott!

Schmelzing! Hier ist's ja! Stimmen so heiser wie die Banditen! Sie horen hier jedes Wort! Kommen Sie einmal her!

Damit zog Hackert den erstaunten Schmelzing empor.

Dieser, der ein Misverstandniss fur nicht unmoglich hielt, folgte. Als er den Franzosen husten und naseln, den Degen des Generals klappern horte, war ihm kein Zweifel mehr. Die Phrase, die eben ausgesprochen wurde: Wir leben nun einmal im Zeitalter der Revolutionen! zog ihn wie auf's Commando sogleich zur Erde nieder. Und wie ein Stenograph sich nicht erst lange besinnen darf, sondern mechanisch die Hand dem Ohre sogleich folgen lasst, so schrieb auch schon Schmelzing, wahrend er sich noch niederliess. An den Wein und den Essproviant, den Hackert in seine Nahe ruckte, dachte er nicht; so emsig holte er das Versaumte nach und schrieb und schrieb und blickte nicht mehr auf, denn sein Pergament fullte sich, Streifen auf Streifen. Er schrieb wie athemlos.

Wahrend Schmelzing die gemuthliche Unterredung des Propstes Gelbsattel mit dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Emissair einer philanthropischen Gesellschaft, Herrn Sylvester Rafflard, die man in einer vollig abgeschlossenen Trinkzelle des vielgesuchten alterthumlichen Rathskellers veranstaltet hatte, Wort fur Wort fur die Polizei niederschrieb und nun nicht im Mindesten mehr von Hackert in seinem Amtseifer gestort wurde, wandte dieser ihm den Rucken und horte, endlich freiathmend, die ihm nun allein vernehmbare Erzahlung, die nach einem lebhaften Zusammenklang der Glaser eben der Offizier unter seinen Freunden vortrug und in welcher ihn anfangs nichts interessirte, nichts ihm verfanglich schien. Er horte gleichgultig bis auf die Stelle, wo ein Verhaltniss erwahnt wurde, das dem seinigen zu Melanie Schlurck ausserordentlich ahnlich sah. Als er horte, dass dort unten von einem vermeintlichen Bruder eines Madchens die Rede war, das dieser durch Bildung, Eifer und Anstrengung sich erobern wollte, entfuhr ihm so laut jener unten vom Major gehorte Seufzer, dass sich Schmelzing umwandte und ihm drohte. Die Erzahlung brach aber ab oder wurde leiser, weil wehmuthig. Er horte nichts von dem ferneren Ungluck Leidenfrost's. Er war in ein dusteres, trubes Sinnen verfallen. Erst als Dankmar seine Stimme erhob und wieder kraftig uber die Zeit und die Menschen im Allgemeinen zu reden begann, verstand Hackert deutlich, was verhandelt wurde.

Dankmar's Rede konnte er sich naturlich nur in den Hauptideen merken. Wortlich aber lautete sie, wenn wir wieder zu der Gesellschaft zuruckkehren wollen, wie folgt.

Zehntes Capitel

Dankmar's Weiherede

Das Erbe der Gebruder Wildungen, sprach Dankmar, erscheint also im Lichte der offentlichen Meinung als ein ungerechter Ruckgriff in den Lauf der Zeiten! Und doch ist es ein sprechender Beweis fur den Kampf der Interessen, wie sie sich befehden, vernichten. Auch wir berufen uns auf dasselbe Siegel, von dem der Staat und die Kirche, das Allgemeine und die Gemeinde ihre Rechte herschreiben. Wir zeigen an einem grellen Beispiele, dass sich Gesetze und Rechte wie eine "ewige Krankheit" forterben.

Ob wir gewinnen, ob wir verlieren, die Zukunft wird es zeigen. Man wird Lucken in meinen Beweisfuhrungen entdecken, man wird Papiere finden, man sucht sie wenigstens, die unsere Anspruche entkraften sollen. Gesucht nur oder gefunden, ich schwinge mich auf einen hoheren Standpunkt und will in dem Wettkampfe, den die berechtigten Gewalten aus ererbter Autoritat taglich auffuhren, einen neuen Mitstreiter auftreten lassen, eine Wiederherstellung jenes Ordens, von dem unsre Erbschaft im Grunde herruhrt.

Wenn ich mich in der Geschichte umsehe und eine Macht vermisse, die das Individuum gegen das Allgemeine in Schutz nimmt, so muss ich beklagen, dass jene Idee der geistlichen Ritterorden an dem freilich begrundeten Mistrauen der weltlichen und geistlichen Gewalt scheiterte. Philipp der Schone von Frankreich liess Hunderte von Tempelherren foltern, verbrennen. Man sagt, weil er sie um ihre Schatze beneidete. Treffender ist der Grund, wenn man sagt, weil er eine Ritterschaft furchtete, die das heilige Grab nicht mehr behaupten konnte, sich nur noch auf Rhodus und spater Malta hielt und in Frankreich allein uber dreissigtausend in jedem Augenblick marschfertige Reisige zu gebieten hatte. Neben einer solchen von sich selbst abhangenden Wehrkraft konnte die konigliche Gewalt nicht bestehen. Jeden Wink des Papstes konnte der Konig gewartig sein von diesen machtigen Tempelherren ausgefuhrt zu sehen. Aber auch die Geistlichkeit furchtete die Tempelherren. Sie hatten im Oriente Duldung gelernt. Statt die Sarazenen zu vernichten, lernten die Templer das Menschliche, Gleichartige, Bruderliche an ihnen schatzen. Tempelherr und Emir schlossen Freundschaftsbunde und sogar die Religionen naherten sich. Diese Ritter hatten die Welt gesehen, ihr geistliches Kleid moderte nicht mit ihnen in der Klosterzelle, ihr Skapulier war das Schwert, sie tummelten sich durch das Leben mit Thatkraft und Selbstgefuhl. Frei waren sie von dem Plagedienst der Observanzen. Sie konnten Messe lesen lassen auch in Gegenden, wo ein Fluch der Kirche die Glocken zu schwingen verbot und die Sakramente nicht verabreicht wurden. Sie waren auch der Geistlichkeit, der sie damit grossen Eintrag thaten, zu frei, zu weltlich, zu weltmannisch und zu vorurtheilslos.

Die Templer wurden vernichtet. Die St.-Johannesritter setzten die Mission derselben fort. Leider fand man sie nur in der Eroberung des heiligen Grabes, in dem Kampfe mit den Turken. Dieser zuletzt unwahr gewordene Zweck bot kaum einen anstandigen Deckmantel fur den behaglichen Genuss der reichen Guter des Ordens. Wohlleben, Uppigkeit nahmen uberhand. Nur die Malteser behielten ihren Beruf noch, als bewaffnete Missionaire zu wirken. Der Gedanke, Mittler zu sein zwischen Kirche, Staat, Gemeinde kam zu keiner Ausbildung mehr. Nur die Vehme, die heilige, unterirdische, war die letzte Erganzung des wilden, rechtlosen, verworrenen damaligen Lebens gewesen. Die Gerichte der rothen Erde vertraten die Gerechtigkeit, die keinen weltlichen Hof mehr zu finden schien. Die geistlichen Ritterorden verfielen. Sie, die den Tempel von Jerusalem bewachen sollten, wussten nicht, dass man einen neuen Tempel im eigenen Herzen, einen Tempel der Menschheit grunden, den ausbauen, den bewachen musste. Sie, die auf Johannes den Taufer verpflichtet wurden, d.h. auf den Geist, nicht auf den Buchstaben des Christenthumes, sie schoben fur den Prediger in der Wuste, der vor Christus schon christlich dachte und lehrte, Johannes den Junger unter und kamen nun immer weiter von ihrem Ursprunge, ihrer ersten Bedeutung ab.

Die geistlichen Ritterorden, die der Papst immer und immer wieder bis auf die neuesten Tage erwecken wollte, hatten sich uberlebt. In einer neuen hoheren Verklarung mussten sie neu geboren werden und dies geschah fur die papstlichen Interessen in der geistlichen Ritterschaft des Ignazius von Loyola. Die Jesuiten sind nicht weltlich, nicht geistlich allein, sie haben die Kloster verlassen und tummeln sich auf offnem Felde unter den Lebendigen. Es sind die neuen geistlichen Ritter der romischen Hierarchie. Sie haben Schild und Lanze mit dem letzten Ritter, dem Don Quixote von la Mancha, in die Raritatenkammer geworfen und kampfen mit den Waffen des Geistes fur die alte Welt im Gegensatz zur neuen. Die Philipp's von Frankreich, ohne oder mit der Moglichkeit, die Schonen beigenannt zu werden, wiederholen sich uberall und zu allen Zeiten in Europa. In Portugal, Frankreich, Russland vertrieb man die Jesuiten als eine geistbewaffnete Heeresmacht, die im Organismus des modernen, nur dem Fursten gehorenden Staates keinen Platz gewinnen durfe, wie die Templer nicht in Frankreich Platz greifen sollten. Man wurde nur blind urtheilen, wenn man glaubte, dass Pombal und Choiseul die Jesuiten verfolgten aus Begeisterung fur das Licht der Aufklarung. Nein! Die despotischen Alleinherrscher waren es, die ihre Macht nicht getheilt sehen wollten. Sie wollten sich auch sogar der Freunde entledigen, wenn sie ihnen mit der Zeit als Zweideutige oder zu Machtige erschienen. Da, wo die Jesuiten den Machthabern eine verlorene Gewalt erwerben sollten, sind sie ihnen immer willkommen gewesen; Da aber, wo sie eine errungene Gewalt nun auch zu theilen wunschen, wird man immer geneigt sein, sie wieder zu entfernen.

Ich sprach von dem Tempel, den man in Jerusalem suchte und den man uberall hatte finden konnen. Eine Vorstellung dieser Art war es, die die Freimaurerei entstehen liess. Wie ein Neugeadelter hat diese Gesellschaft gesucht, ihre Ahnen sich aus der Vergangenheit weither zu verschreiben und sich Vorfahren beizulegen, die nie daran dachten, die Geheimnisse des Schurzfelles zu kennen. Diese Gesellschaft hat das Gluck gehabt, in einer Zeit, wo Ungeschmack und Unpoesie die Welt regierte, sich einen gewissen Nimbus organischer Naturlichkeit zulegen zu konnen und nicht dem Fluche aller kunstlichen Mysterien, der Lacherlichkeit vor Laien, anheimzufallen. Ihre Ceremonien erscheinen Vielen ehrwurdig. Das will etwas sagen in einer Zeit, die jede neue Religions- oder Sektenstiftung nicht nur sogleich mit der Polizei, sondern auch mit dem Witze verfolgt. Die Freimaurer haben das Gluck gehabt, weder der Polizei noch dem Witze zu erliegen und mancher denkende Kopf sogar hat versucht, aus den Spielereien ihres Ceremoniels abstrakte Wahrheiten, wenigstens der guten Sitte, zu entwickeln. Die moralische Dehnkraft dieses weltlichen Ordens ist aber sehr gering. Sie geht uber einen gewissen anstandigen Egoismus nicht hinaus. Anstandigen Egoismus nenn' ich Den, der seinem Jahrhundert nichts Anderes als Wohlthatigkeiten spendet. Eine rustige polemische Kraft liegt in der Freimaurerei nirgends. Nur da, wo hinter der Maurerei Carbonarismus steckte, hat man von Martyrern dieses Ordens gehort. Die Freimaurer haben, als Thatprincip, hochstens eine entschiedene Antipathie gegen die Jesuiten. Eben so ist es umgekehrt. Sie bekampfen sich gegenseitig. Mit Recht, denn sie sind die entgegengesetzten Pole eines und desselben elektrischen Stabes. Dass die Freimaurer sich erhalten konnten, trotzdem, dass sie von der Vollendung und Besserung der Menschheit sprachen, verurtheilt sie allein schon im Auge des leidenschaftlichen Menschenfreundes, der da weiss, wie ein wahres Streben nach diesem Ziele sie sehr bald wurde vernichtet haben. Oder soll uns diese Thatsache doch ermuthigen, an die Moglichkeit einer geheimen Verbruderung, die nur geistige Zwecke verfolgt, noch glauben zu konnen?

Die Gefahr, einen neuen Geheimbund zu stiften, ist nicht gering. Wenn ich den Gedanken der Templer und der Ritter vom heiligen Johannes, dem Johannes der Wuste, dem Taufer, wieder aufnehme und den Bund der Ritter vom Geiste beantrage, so kenn' ich die gewaltigen Schwierigkeiten. Allein diese Schwierigkeiten sind zu beseitigen, wenn nur der Gedanke klar und es bewiesen ist, dass eine solche Bundesgenossenschaft der gleichen Geistesstimmung wunschenswerth, nothwendig erscheint. Eine Wahrheit, die einmal erkannt ist, bricht sich in jeder noch so schwierigen Form ihre Bahn. Welchen Ausweg soll uns unser jetziger Kampf bringen? Ich sehe Interessen, ich sehe Theorieen. Jene sind ebenso leidenschaftlich wie diese. Die Interessen und die Theorieen, beide beanspruchen ein ursprungliches Recht. Was lasst sich dagegen einwenden? Soll Blutvergiessen entscheiden? Ich bin nicht fur das Blut. Ich weiss wohl, die Geschichte ist aus dem Blute erwachsen. Aber der moralische Mensch kann, darf nicht sagen: Ich will diese oder jene Wahrheit dadurch beweisen, dass ich ihr diese oder jene Menschen zum Opfer bringe! Kein Einzelner kann Das sagen, was eine Gemeinde, ein Staat, ein Volk sagen darf. Solche Stimmungen der Gewalt hangen auch von der grosseren oder geringeren Entzundlichkeit der historischen Krisen ab. Der Denker, der sittliche Mensch, der sich nur auf sich und die Menschheit bezogen fuhlt, kann nicht Blut predigen, nicht fordern, dass aus der Vernichtung des Lebens Leben spriesse. Die Interessen der Existenz sind berechtigt. Die Menschen, die uns die Trager der Irrthumer scheinen, leben wie wir. Allen droht einst das Mass der ewigen Vergeltung. Was erlaubt uns wol, vorzugreifen und die Geschichte mit Gewalt zu bestimmen? Mag's ein Attila, ein Napoleon thun! Mag's ein Timoleon oder ein Ravaillac thun! Der Pranger, das Blutgericht, vielleicht eine Ehrensaule wird's ihm lohnen. Sein Name wird bleiben mit goldenen oder mit schwarzen Buchstaben. Das ist die ewige Personlichkeit, die nicht aussterben wird! Aber wenn man zu uns kommt in unsre Denkerwuste und fragt: Was sollen wir thun, um in's Himmelreich zu kommen? Was sollen wir thun, um unsern Beruf als Menschen und Staatsburger zu erfullen? Durfen wir da sagen: Dies und Das ist richtig, Dies und Das ist nothwendig, ergreift diesen Stab oder diese Fahne? Man sagt es alle Tage, man lehrt und predigt so an allen Strassenecken, aber wir kommen nicht weiter damit. Die Theorieen bleiben unpraktisch und die Interessen regieren doch die Welt.

Wenn mich Einer fragt, was soziale Wahrheit ist, ich weiss es nicht. Ich kann den moglichen communistischen Staat nicht beweisen. Und doch will ich auch nicht rathen, dass man im gemeinsamen Verkehr des Ideen- und Vorsatzaustausches sich mit Allgemeinheiten begnuge, wie die Freimaurer! Bilde dich selbst, dann bildest du die Welt! Bessere dich selbst, dann wird die Welt besser! Das sind Trivialitaten, gefahrliche Gemeinplatze sogar und ganz ohnmachtige den Jesuiten gegenuber! Die wissen Alles in nachster Nahe zu fassen, die erblicken uberall die Moglichkeit einer Anwendung ihrer Principien, die treten sogleich in medias res und haben Gift, Dolch, Strang, Bibel, Himmel und Holle, Dialektik und Weisheit sogar zur Hand und wissen sie anzuwenden. Das jesuitische Gegengift, das die Freimaurer bieten, ist laues Wasser. Man wascht damit seine Hande wie in lauester Unschuld und bleibt ein aparter selbstzufriedener Egoist.

Ich sehe, die Menschheit ist zersprengt, nicht nur den Interessen, auch schon dem Geiste nach. Wir haben eine Religion, die christliche, die in ihrer eigentlichen Bedeutung nur noch Wenige bindet. Man sieht sich in den Kirchen, man befolgt den Ritus seiner Confession, man erklart sich auch leidenschaftlich fur den Namen des Heilandes, doch legt sich Jeder die Bedeutung desselben anders aus und eigentliche Christen gibt es gar nicht mehr. Also gerade diese Auslegung ist das Wichtigste, um diese Auslegung streitet man sich und vergoss um sie sogar Blut. Im Staate sehen wir uns erst dann, wenn uns der Kampf zusammenfuhrt. Wir rufen immer erst mit der Trommel, mit dem Larmsignal der Gefahr, wo schon die gute Sache halb verloren ist. Da ist es fur die Gleichgesinnten zu spat! Da sind gleich Tausende, die gerade fur den Kampf nicht abkommen konnen, Tausende, die uns missverstanden, Abertausende, die in einer Lage sind, heucheln zu mussen. Das ist der wahre Jammer der Zeit, diese Luge, diese Zaghaftigkeit, dieser Scheindienst der Wahrheit, eine Folge der volligen Nichtorganisation der Geisteskampfe. Erst auf dem blutigen Schlachtfelde erkennen wir Den, der neben uns im verschlossenen Visir kampfte. Und Den, der mit der Fahne in der Hand niedersank oder der die Bresche des feindlichen Lagers siegreich sturmte, Den hat man sonst vielleicht fur seinen Gegner gehalten!

Ich will einen geheimen, keinen heimlichen Orden stiften. Die Gesellschaften, aus deren Schoosse die Verschworungen und Revolten hervorzugehen pflegen, sind heimliche Gesellschaften. Die Jesuiten- und Freimaurerbunde sind geheime, nicht heimliche. Ihr Ritus bringt es wol mit sich, dass sie nicht Jeden zulassen, der auf ihre Symbole nicht vereidigt ist, aber ihr Wirken, so versteckt es ist, ist nicht eigentlich heimlich, auch ihre Symbolik ist es nicht. Sie sind geheim, ohne unzuganglich zu sein. Ich will gar nicht unmoglich machen, dass man von Diesem oder Jenem sage: Er ist Einer von den Rittern und Reisigen vom Geiste! Nur durfen, wenn die Genossen einen Convent halten, nicht Fremde, nicht Laien zugegen sein. Das Dunkel soll auch anziehen und schutzen.

Jeder Geheimbund braucht erstens einen Gedanken, zweitens Symbole, drittens Hulfsmittel.

Die Ritter vom Geiste sind die neuen Templer. Sie haben den Tempel zu schutzen und zu bewachen, den die Menschheit zur Ehre Gottes auf Erden zu erbauen hat. Ihre Waffe ist der Geist. Ihr Leben ist die innere Mission eines Kreuzzuges gegen die Feinde dieses Gottestempels. Der Geist als Lehre ist die Wissenschaft. Der Geist als Glaube ist die Gesinnung. Den Geist, der dem Verstande entstammt, kann Niemand bannen, Niemand zum einheitlichen Gedanken eines Bundes machen wollen. Der Geist aber, der dem Herzen entstammt, ist der Wecker zu den edelsten Verpflichtungen. Die Religion hat nun Formen, um unsre sittlichen Verpflichtungen, der Staat Formen, um unsre politischen schon von vornherein gefangen zu nehmen. Die Religion des Geistes sollte keinen solchen bindenden Cultus haben durfen? Ich sage, gebt dem Geiste einen Cultus und in hundert Jahren ist die Welt weiter, als wohin wir sie bei der jetzigen Verworrenheit der Zustande erst nach einem halben Jahrtausend werden kommen sehen. Religion, das Bindende, das Gleichgesellende, liegt in unsrer Epoche. Uberall zeigt sich ihr Bedurfniss. Nur befriedigt es nicht auf dem alten Wege! Nur nicht innerhalb des alten Zwanges und der alten Dogmen! Man binde sich auf den Glauben unsrer Freiheit, auf den Glauben des Geistes, auf die gleiche Gesinnung! Aus solcher Grundlage, aus so geackertem, gesaetem Boden muss eine gute Frucht hervorgehen.

Ritter vom Geiste sind Mitglieder eines geheimen Bundes, den ich lieber Bruder vom Geiste nennen wurde, wenn ich nicht streitbare gewaffnete Bruder begehrte. Ich will einen Bund von Mannern, die ihr Leben, ihre nachsten und entfernten Pflichten nur auf ein Ziel beziehen, den endlichen Sieg von Wahrheiten, die leider noch immer in Frage stehen, noch immer von Willkur beanstandet werden. Dieser Bund soll den Kampf der Zeit nicht aufheben zu wollen sich anmassen, wol aber der Aufgabe vertrauen, diesen Kampf abzukurzen. Man hat den Reubund lacherlich gefunden. Und doch ist sein Einfluss nicht gering. Er wird nicht ruhen, bis er mindestens die Wahlen in seinen Handen hat. Lasst uns einen grosseren, einen Treubund stiften dem Geiste! Die Wahrheiten liegen auf der Hand; aber Tausende entziehen sich ihnen! Die Blatter der Geschichte sind aufgeschlagen. Man will sie nicht lesen. Wir wissen, wohin die Menschheit steuert, und stecken falsche Flaggen, falsche Leuchtflammen auf. Oder sollte es so schwer sein, das Wesen der Gesinnung auf einige grosse Wahrheiten zu abstrahiren, die feststehen, wie den Volkern Jahrhunderte lang die Wahrheiten der Bibel feststanden? Es mogen nur wenige Satze sein. Aber einige Tausend Menschen in allen Theilen der Erde auf diese wenigen Satze in Eid und Pflicht genommen, macht, dass gewisse Gebaude umsturzen wie Aschenhaufen, zerreisst dichte Vorhange wie Spinneweben, lockert die Luge von selber ohne Handanruhren. Jetzt gewinnt man plotzlich Menschen, die sonst ruhten, fur die Arbeit des Geistes. Jetzt sieht man Kampfer, die kampfen mussen aus Ehrgefuhl! Jetzt wird es heissen: Nicht mehr beten fur die gute Sache sollt Ihr, sondern auch arbeiten fur sie!

Die Ritter vom Geiste streiten, sichtbar und unsichtbar, allein fur die Gesinnung, fur nichts also, was sich als positive Schopfung ankundigt. Dass es Republikaner, Freigeister, Monarchisten sein sollen, sag' ich nicht, ebensowenig was sie sonst sind. Sie haben nur zu schworen, dass sie Alles thun werden, was in ihren Kraften liegt, um z.B. der Monarchie, wo sie herrscht, diejenigen Bedingungen vorzuschreiben, die es moglich machen, sie der Republik vorzuziehen. Es liegt in der Natur einer Zeit, die mehr aufzuraumen, als zu bauen hat, dass ihre Wahrheiten mehr negativ als positiv sind. Die Ritter vom Geiste werden sich klarer uber Das sein, wozu sie sich nicht verwenden lassen, als uber Das, was sie von selber wollen. Die Gewissenscollisionen, der Fluch unsrer Zeit, mussen seltner werden. Ein Geistesbruder, der in seiner Uberzeugung gebunden ist, wird sich nicht zu Dingen hergeben, die seinem Schwure widersprechen. Er wird fur das Opfer, das er zu bringen hat, vom Orden schadlos gehalten. Die Apostasieen, die Verfolgungen, in denen die Apostaten gehassiger sind als Alle, werden gebrandmarkt und seltener werden. Man wird nicht mehr eine Meinung fur sein Haus und eine fur den Staat, eine fur sein Gewissen und eine fur seinen Erwerb haben. Die Anlehnung an Gleichgesinnte macht stark. Das Vorbild edler Manner reizt zur Nachfolge und eine unreine, niedrige Seele, die sich des glanzenden Schildes der hohen und reinen Gesinnung bedient, wird nicht mehr Bestand haben und Verwirrung unter die Kampfenden bringen konnen.

Wie der Tempel der Menschheit beschaffen sein muss, um Raum fur den Glauben reiner Herzen, fur Freiheit und Gluck des irdischen Lebens zu gewahren, kann man mit dem Griffel des Malers nicht anschaulich machen. Aber der Architekt kann uns schon soviel sagen, er wisse, was Harmonie, was Ebenmass ist, er wisse, was in den Grundbau und was in die Kuppel gehort. Die freie Presse ist vom Fundamente, wahrend das Recht der Arbeit in die Kuppel gehort. Nicht was wir bauen, wissen wir; nur wie wir zu bauen haben, ist uns klar nach ewigen und in der Brust eingeschriebenen Gesetzen. Der Tugendbund unter Napoleon wurde nicht gestiftet, um Deutschland diese oder jene Verfassungsform zu geben, nicht um den fremden Eroberer vom Boden des Vaterlandes zu verjagen, sondern nur um diejenige Gesinnung zu erzeugen, die von selbst auf die Vaterlandsliebe, die politische Tugend und jene unausgesprochnen Zwecke fuhrte. Wohlan! Auch die Ritter vom Geiste kampfen nur fur die endliche Vernichtung des von der Theorie langst verworfenen und in der Praxis formlich unvertilgbar scheinenden Alten. Dieser Bund soll aufraumen und das rasch.

Der Katechismus der Grundwahrheiten des neunzehnten Jahrhunderts ist so gross nicht. Man hat uber des deutschen Volkes Grundrechte sich geeinigt, man hat einst in Frankreich die Menschenrechte zusammengefasst, als die Revolution dort noch gehalten und eine historische Offenbarung war. Die Grundrechte aller Volker sind den Rittern vom Geiste Grundpflichten. In schwierigen Dilemmen, die eine Tagesfrage wohl veranlassen konnte, wurde unbedingter Gehorsam gegen die Vorschriften des hochsten Ordens-Kapitels unerlasslich sein.

Ein Orden muss nicht nur Organisation, sondern auch Symbole haben. Wohl weiss ich, dass kunstliche Grillen ein historisches Wachsthum nicht ersetzen. Dennoch war Alles in dieser Art historisch Gewordene das erste mal auch nur ein begeisterter Einfall. Als Jesus bei Tische sass und zum letzten male mit den Seinen zur Nacht speiste, ergriff er das Brot und den Wein und setzte diese beiden ihm naheliegenden Zufalligkeiten als Erinnerungssymbole seines Wirkens und seines Lebens ein, die heilig geblieben sind. Er sah sein Ende in der Nahe, er gab das Brot zum Gedachtniss seines Lebens, den Wein zum Gedachtniss seines Todes. Das Kreuz am Mantel der Templer, so einfach, liess diese bald erkennen. Die Devisen des Mittelalters, die oft ein ganzes Geschlecht durch alle Menschenalter begleiteten, waren Eingebungen des Augenblicks. Ein Wappen entstand zufallig und den Zufall heiligte die Gewohnheit. Die Freimaurerei ist kunstlich ersonnen. Lessing hat bewiesen, dass ihre Symbolik durch einen Wortwitz entstanden ist (Masonie statt Massenie) man hat eine Symbolik sich hier sogar, wie man zu sagen pflegt, aus den Fingern gesogen und sie hat sich erhalten. Ich will die Symbolik, die ich mir fur die Ritter vom Geiste ersonnen habe, nicht heute schon ausfuhrlicher erortern, nichts anfuhren von der Stufenfolge der Grade und Amter, die ich den alten Templern nachzubilden gedachte; ich will nur noch, da es zu spat wird, von dem dritten Punkte sprechen, von den Mitteln.

Ohne aussere Mittel furcht' ich, kann auch dieser Orden nicht bestehen. Wohlthatigkeit, Unterstutzung der um ihrer Uberzeugung Willen Leidenden gehort ganz eigentlich zu seiner Aufgabe. Die Gefahren, in die sich der muthige Volkstribun, der gewissenhafte und uberzeugungstreue Beamte sturzt, sollen verringert werden. Der Jungling soll nicht mehr zittern, einen Weg einzuschlagen, der ihm vielleicht unmoglich macht, die Wahl seines Herzens an sein Leben zu ketten, einen greisen Vater, eine hinterlassene Mutter zu ernahren. Mit Freuden bieten wir Beide, Siegbert und ich, die Reichthumer, die uns vielleicht zufallen durften, zu diesem grossen Zwecke dar. Es ist leider nicht eine einzige hohere Wahrheit in der Welt nachzuweisen, die ganz ohne irdische Beihulfe zum Siege gelangte. Auch die Apostel lehrten: Schicket Euch in die Zeit, denn es ist bose Zeit! Als Mohammed anfangs eine entsagende Gotteslehre predigte, sammelte er wenig uber ein Dutzend Bekenner um sich. Als er sie mit irdischen Elementen mischte und sie auf die Stammesinteressen der arabischen Hauptlinge bezog, wuchs sein Anhang von Tag zu Tag um Tausende und Abertausende. Vom zweideutigen Siege der Reformation ganz zu schweigen! Der Orden der Ritterschaft vom Geiste kann die Guter dieses Lebens nicht entbehren. Der Gegner muss mit derselben Waffe, die ihn so stark macht, besiegt werden. Gleichviel, ob wir dem Orden eine harmlosere oder strengere Symbolik geben, ob wir an die Jesuiten oder die Freimaurer anknupfen: der Staat wird uns verfolgen, er wird Alles aufbieten, uns mit Stumpf und Stiel auszurotten. Wie vermeidet man da wenigstens das Ubermass der Gefahr? Wie parirt man wenigstens den Stoss des Gegners? Wir sind funf Bekenner; schliesst sich Egon von Hohenberg uns an, so sind wir sechs. Sechs brave Menschen haben sechs brave Freunde! Mit zwolf Aposteln halt sich eine Lehre. Kann uns das Kreuz dort uber uns erschrecken? Ermuthigen soll es uns! Ich scheine Euch fortgerissen von meinem Gefuhl, aber ich sage Euch: der Tod schreckte mich niemals, wenn ich ihn mit einem Freunde erlitte. Die Templer starben in Masse und sangen freudig, vielstimmig, todesmuthig aus den Flammen. Schon als Knabe trostete mich Friedrich von Baden, der neben meinem geliebten Konradin auf Neapels Blutbuhne stand. Sie starben im Bunde, als Freunde, als Bruder. Doch denk' ich ... bis zum Tode wird es nicht kommen und was die Gefangenschaft betrifft, so ware einer der ersten Paragraphen unsres Ordens Der, dass wir Die, die um den Orden leiden, zu befreien haben. Gelingt es auch nicht immer, so ginge doch Niemand in den Kerker, ohne dass die Aussicht auf eine rettende Hand, wie die Apostel die Hoffnung auf Engel, ihn begleitete. Eine Nebelgestalt in weissem Geistergewande, die Hoffnung wenigstens, wurde mit ihm durch die geoffneten eisernen Pforten schlupfen und traulich ihn trosten, wenn er uber die Folgen seiner redlich erfullten Ordenspflichten muthlos verzweifelte und ihn nur das Eine emporhalten konnte:

Die Ritter vom Geiste werden dich nicht verlassen, du wirst sie horen, ihre Nahe empfinden; sie wachen uber dich!

Dankmar endete mit diesen Worten und es trat eine lautlose feierliche Stille ein.

Elftes Capitel

Das Gespenst

Hackert lag und horchte wie betaubt. Ergriff ihn schon die begeisterte Einsetzung einer grossen Thatsache an sich, hatte sein kuhler, verneinender Sinn gehofft, man wurde nun widersprechen, alle diese Vorschlage fur unmoglich erklaren, so beunruhigte ihn noch mehr, dass dies nicht geschah, dass Niemand zweifelte, Niemand widersprach. Schon begann man die nahern praktischen Moglichkeiten dieser Idee zu erwagen, als sich Hackert, der fast traumend, lauschend und stierend dalag, von Schmelzing's Hand beruhrt fuhlte.

Was haben Sie? Wie sehen Sie denn aus? fuhr Hackert erschrocken auf.

Angstlich, mit halbgeoffnetem Munde, starrte Schmelzing in den dunklen Hintergrund und fragte lauschend:

Haben Sie nichts gehort?

Sie horen Gespenster, die hinter dem Gelbsiegellack da im Korbe stecken! Sie sind uberhitzt, trunken, Schmelzing! Scheren Sie sich zum Henker!

Schmelzing zeigte die lange Pergamenttafel, die er vollgeschrieben hatte. Er liess sie auseinanderfallen, wie Leporello Don Juan's Register.

Sind Ihre Spitzbuben fort? fragte Hackert. Furchten Sie sich jetzt, dass wir gehen werden?

Indem horte aber auch Hackert in der Ferne das Knistern eines Fussgangers auf den steinernen Fussboden.

Schmelzing bedeutete ihn zu schweigen.

Kommen Sie! winkte Hackert. Wir wollen sehen, was Das ist.

Um's Himmelswillen nicht, ich bleibe hier, flusterte Schmelzing.

Indem erlosch blitzartig auch das flammende rechte Kreuz, an dem Schmelzing die Gesprache nachgeschrieben hatte, sodass jetzt nur noch das mittlere leuchtete. Man sprach unten lebhaft durcheinander und brauchte die Ausdrucke "Geheimbund" und "Bundesglieder" so oft, dass Hackert in Besorgniss gerieth, Schmelzing wurde wieder anfangen, an der richtigen Stelle zu lauschen, wahrend er doch jetzt glaubte, auf seinem Pergamente die wichtigsten Geheimnisse dunkelschleichender Intriguen notirt zu haben.

Ich schreie laut auf, sagte Hackert, wenn Sie nicht kommen und mit mir dem Gespenst nachstellen!

Schmelzing legte ihm die Hand auf den Mund und flusterte:

Gehen Sie! Ich bleibe hier.

Bester Freund, Sie haben die Umtriebe eines Offiziers, eines franzosischen Emissairs und wie es mir schien, einer dritten hohen Person in der Tasche; nun kommen Sie und machen Sie mir auch eine Unterhaltung. Ich spreche gern mit Geistern. Wir wollen das Gespenst anreden.

Nicht um hundert Thaler, sagte Schmelzing.

Jetzt fiel von einem obern Fenster, das in diese Halle fuhrte, sogar noch ein Lichtschimmer.

Schmelzing zuckte zusammen ...

Es steigt hinauf, zeigte Hackert, da! Ich wette, das ist einer von den ruhelosen alten Johannitern, die durch den grossen Wildungen'schen Process aus dem Grabe getrieben wurden und nicht anders erlost werden konnen als durch einen ledigen Junggesellen von vierzig Jahren, der eine weisse Halsbinde tragen muss und eine gelbe Weste mit acht Knopfen. Erlauben Sie, Schmelzing! Eins, zwei, drei ...

Damit zahlte Hackert zu Schmelzing's Entsetzen dessen Westenknopfe.

Schmelzing riss sich von ihm los.

Da! Da! rief Hackert. Eben sah ich das graue Mannchen! Da oben an dem Fenster. Es steigt in's Archiv hinauf. Sehen Sie doch, Schmelzing! Es steht still und grusst Sie! Schmelzing, der alte Ritter kennt Sie! Er hat eine Nachtmutze auf und schwenkt sie ganz ehrerbietig vor Ihnen! Danken Sie doch!

Schmelzing wusste nicht, wie ihm geschah. Er sah nichts mehr. Selbst der Lichtschimmer in der Ferne war verschwunden. In demselben Augenblicke erlosch im Nu neben ihnen die dritte Flamme. Die Gesellschaft unten schien sich gleichfalls entfernt zu haben. Es schlug ein Viertel auf zwolf Uhr vom Rathhause. Alles war dunkel und gespenstisch still um sie her.

Unwillkurlich fasste Schmelzing Hackert's Hand und flusterte winselnd:

Nun wird's schon! Alles finster! Wo haben Sie die Laterne?

Kommen Sie nur! Wir haben ja Streichzundholzer!

Was machen wir, dass wir davonkommen? Wir mussen hier ubernachten.

Nein! Hier ist die Laterne!

Hackert zog Schmelzingen, als wollte er die Laterne ihm in die Hand geben. In Wahrheit aber fuhrte er ihn nur an die Treppe, die sie herabgestiegen waren.

Wo sind Sie? Sie lassen mich ja allein, Hackert!

Gerade aus!

Ich falle.

Es ist die Treppe! Steigen Sie doch!

Die Laterne!

Hier! Hier!

Hackert besass auch in der Sehkraft etwas von Katzennatur. Er konnte sich im Dunkeln orientiren. Es war ihm ein Leichtes, den Weg zuruck zu finden, wahrend Schmelzing taumelte, uberall anstiess und nur von Hackert's leitender Hand zurechtgefuhrt werden konnte.

Oben auf der Treppe sagte Hackert:

Ich steige jetzt hoher, Schmelzing! Folgen Sie?

Nicht um funfzig Thaler!

Sie lassen sich ja schon handeln! Vorhin nicht um hundert? Kommen Sie!

Nimmermehr. Ich beschwore Sie, Hackert! Hakkertchen, fuhren Sie mich an die Thur.

Wenn Sie zartlich sein konnen, Schmelzing, bin ich jedes Opfers fur Sie fahig. Hier geht der Weg! Da! Den Fuss ausgestreckt! So! Die Stufen abwarts! Finden Sie sich zurecht?

Ja, Hackert!

Hier ist ja die Vorhalle. Bei Licht waren Sie so muthig. Sie mussen schreckliche Sachen aufgeschrieben haben.

Das hab' ich!

Pax wird sich freuen

Und wie!

Halt!

Was ist?

Horten Sie nicht oben knarren?

Eine Thur ...

Das ist ein Ritter, der einmal gefanglich eingeschlossen war, weil er eine Nonne liebte, die blond war. Diese geistlichen Ritter durften keine Nonnen lieben, die blond waren.

Kommen Sie! Ich hore Eisen ...

Wenn es zwolf schlagt, hort man den Ritter an der Kette klirren und die blonde Nonne achzen, weil die auch noch nicht erlost ist. Sie wartet auf einen Jungling, der durch Zufall dreimal: Kommen Sie! sagt! Wenn er zum dritten male hier uber dem Rathskeller sagt: Kommen Sie! dann geschieht etwas.

Der ungluckliche Schmelzing musste nun, er wollte oder wollte nicht, verstummen. Selbst sein wiederholtes: Kommen Sie! konnte ja nur Unheil bringen. Er zerrte Hackerten, der ihn vollig verwirrte, mit Gewalt vorwarts.

Sie werden noch in das Grab der Nonne fallen, die hier enthauptet worden ist, flusterte Hackert. Hier sind alle Leichensteine jetzt aufgedeckt. Nehmen Sie sich in Acht.

Schmelzing furchtete sich aber nicht mehr. Er sah die offenstehende Thur, die uber die kleine Holztreppe in den Hof fuhrte. Dass er sie, als er den Oberkommissair begleitet hatte, selbst verschlossen und nun offen fand, entsetzte ihn freilich, allein er fuhlte die Nachtluft, sah den Himmel wieder und war schon im Begriff, die Holztreppe hinabzusteigen.

Jetzt, sagte Hackert, irren Sie sich, Schmelzing, wenn Sie glauben, dass ich eine nachtliche Visitation dieser Registraturen irgend einem Geiste oder Menschen gestatte! Im Hause ist Jemand. Der Lichtschimmer konnte Tauschung sein, das Knistern auf dem Sandsteine konnte von den Ratten kommen, deren ich grauliche gesehen habe aus Schonung fur Sie schwieg ich uber die Augen dieser Ratten, Schmelzing aber diese Thur steht offen. Ich muss wissen, wer hier nachtliche archivalische Studien macht.

Lassen Sie Das, bedeutete Schmelzing, der jetzt an der Luft in dem stillen Rathhaushofe neuen Muth geschopft hatte. Lassen Sie Das! Man wurde immer in die Lage kommen konnen, sagen zu mussen, was man hier wollte. Die Entdeckungen, die ich machte, sind zu wichtig

Hackert hatte aber schon seine Stiefeln ausgezogen und sie unter den Arm genommen.

Was thun Sie? sagte Schmelzing erschrocken.

Leben Sie wohl, Schmelzing! antwortete Hackert. Ich will die blonde Nonne, wenn es geht, selbst erlosen und zu dem Ritter dreimal sagen: Kommen Sie!

Schmelzing's Bitten half nichts. Hackert ersuchte ihn, hier wenigstens an der Thur Wache zu stehen. Er war dann schon unterwegs, gleichviel ob Schmelzing blieb oder nicht.

Auf den Socken schlich er sich den Weg zuruck, bestieg wieder die Stufen, die emporfuhrten und sah sich bei jedem Absatze der Treppe um, ob er nirgends Lichtschimmer entdeckte.

Im ersten Stock sah Hackert nichts. Auch im zweiten nichts.

Im dritten uber sich horte er das Knarren einer Thur.

Er schlich vorsichtiger ...

Als er oben im dritten Stockwerk war, spahte er nach dem Lichtschimmer. Er entdeckte nichts. Er musste sich in Acht nehmen, weiter zu schreiten. Bei irgend einem Fehltritt konnte er von den verwahrlosten Brustungen herabsturzen. Er tastete sich weiter und prufte erst jeden Schritt mit einem Fusse, ehe er ihn mit beiden machte.

Er war auf einem Gange.

Nun horte er husteln. Dies Husteln schien ihm bekannt zu sein ...

In dem Augenblick musste der nachtliche Besucher dieser Raume wol seine Laterne anders stellen. Die Seite des Lichtschimmers fiel auf den Gang, auf dem sich Hackert befand. Hackert fand sich dadurch zurecht. Er kannte diese Raume, die er oft im Auftrage Schlurck's und in Begleitung des stadtischen Archivars, der ein sehr vertrauter Freund des Justizraths war, besucht hatte. Hier zur Linken ging es in die Aktensammlung uber vormundschaftliche Angelegenheiten ...

Wie er naher kam und von einer dunklen Stelle aus in ein kleines Gemach sehen konnte, erkannte er auf den ersten Blick seinen gramlichen alten Gegner im Schlurck'-schen Hause, den vertrauten Rathgeber der ganzen Familie des Justizraths, Bartusch ... Der nachtliche Forscher im Archiv wandte ihm zwar, in Papieren blatternd, den Rucken, aber an seinem grauen Rock erkannte er den alten Schleicher sogleich.

Bartusch blatterte eifrig in Akten, die er bald aus einem geoffneten Schranke herausnahm, bald wieder zurucklegte ...

Anfangs glaubte Hackert, ganz erfullt noch von Dankmar's Vortrag, tief ergriffen von der hohen Bedeutung, die er jetzt den Anspruchen der Wildungen'schen Familie beimessen durfte, dass Bartusch, in Schlurck's Auftrage, vielleicht Papiere suchte, die auf einen fur den Justizrath so wichtigen Process Bezug hatten.

Dann aber sagte er sich: Warum besucht er diese alte Registratur bei Nacht? Was ware dabei Geheimes und Angstliches zu beobachten?

Er bewunderte den Muth Bartusch's, der sicher hier, der Schmelzing'schen Erzahlung zufolge, schon zum zweiten male erschien.

Sollte er, dachte er sich, sollte er die Absicht haben, Dokumente zu vernichten? Was sucht er so eifrig? Was schuttelt er so den Kopf? Ist es nicht das rechte Papier, was er eben so emsig durchlas?

Bartusch ging an einen andern Schrank, an dem er ein Bund Schlussel probirte.

Diese Schlussel gab ihm der stadtische Archivar! sagte sich Hackert. Oder er stahl sie ihm. Halt die Rathsdienerin Spiess vielleicht? Oder sie verabredeten sich Beide, dass er sie sich selbst nahm, und der Archivar so that, als sahe er es nicht. Wenn Schlurck's Champagner stromt, fliessen alle Bedenklichkeiten mit ihm. Man ist ja ehrlich, man wird ja nur betrogen! Schnode Welt! Die Blinden gelten alle fur gut und sind meist die durchtriebensten.

Die Laterne war hinterwarts auf einem Fussschemel stehen geblieben.

Noch besann sich Hackert auf seine eigenen Erinnerungen an die Angelegenheiten der Hauser und Liegenschaften, die Schlurck verwaltete, und malte sich fur gewiss aus, dass dieser nachtliche Besuch mit dem Johanniter-Processe in Zusammenhang stand, sann und grubelte hin und her, ob er den Gebrudern Wildungen hier nicht auf's neue von Nutzen sein konnte, als er erstaunte, auf dem Schranke die Jahreszahl 1825 geschrieben zu sehen. Was konnte ein so junges Datum mit jenem Processe zu thun haben!

Auch besann er sich, dass er sich sonst hier immer nach vormundschaftlichen Papieren umgesehen hatte.

1825!

Es war ihm immer gewesen, als musste dies sein Geburtsjahr sein! Obgleich er in den Angaben seines Alters bald diese, bald jene Zahl nannte, liebte er doch die Zahl: 1825! Er kannte nichts von seiner Geburt, von seinen Eltern, nichts von seiner Heimat. Allein soviel konnte er berechnen, dass er, wenn er etwa sechs bis acht Jahre alt war, als er aus dem Waisenhause zu Schlurck gekommen, wol um das Jahr 1825 geboren sein musste.

Nicht, dass er annahm, Bartusch suche nach Papieren, die ihn betrafen. Aber etwas machtig Verfuhrerisches lag darin, dass er gerade sein vermeintliches Geburtsjahr, 1825, uber dem Schranke erblickte. Sein Entschluss stand so wie so fest ...

Bartusch hatte ein Papier in der Hand. Er uberflog es und laut entfuhr ihm ein Ah! Das ist es! Er las noch einmal, nickte dann mehrmals und wollte selbstzufrieden eben den Schrank zuschliessen. Vorher steckte er das Papier in die linke Brusttasche. Eben schlug das Schloss in dem Schrank wieder zu, als er sich plotzlich im Dunkeln fand. Bartusch zuckte erschrocken auf. Im Nu hatte ihn eine kraftige Hand umklammert. Todesschreck schnurte dem Alten die Kehle zu. Er wollte schreien. Der Ton erstickte ihm. Er fuhlte eine Hand, die ihm das Halstuch fast morderisch zusammen wurgte. Aus seiner Brusttasche wurde von einem Unsichtbaren das eben gefundene Papier entrissen. Halb ohnmachtig, unvermogend zu schreien, lag Bartusch rucklings auf der Erde. Der Gedanke an die Erzahlung der Bibel von einem nachtlich auf dem Wege mit Jakob ringenden Engel mochte ihm in der grauenhaften Einsamkeit eingefallen sein. Kannte er die Erzahlung nicht, so war dieser ungeahnte Uberfall nicht minder schauerlich und gespenstisch genug fur ihn ...

Schmelzing harrte inzwischen unten in der That noch seines Kameraden. Er furchtete sich, durch die mehreren Hofe und Durchgange, die noch bis zur Schildwacht am Eingange des Rathhauses zu durchwandern waren, allein zu gehen. Es schlug halb zwolf Uhr. An eins der leeren Weinfasser lehnte er sich, um Luft zu schopfen. Jeden Augenblick erwartete er irgend einen Schrei im Innern des unheimlichen Hauses, irgend einen Hulferuf zu horen. So stand er zitternd, bis Hackert plotzlich am Rande der Treppe erschien.

Pst, Schmelzing! Wo sind Sie?

Hier!

Leben Sie denn noch? Ha! Die Nonnen!

Herr Gott!

Die Ritter! Die Geister! Fort! fort! Kommen Sie! Die blonde Nonne hatte wirklich keinen Kopf!

Hackert!

Sie kommt uns nach! Eilen Sie! Schmelzing, die Polizei erlebt mehr als gewohnliche andere Menschen. Grauenvoll!

Damit zog Hackert den taumelnden, von der Luft und dem Wein und dem Schrecken an Hand und Fuss zitternden Schmelzing vorwarts. Die Hofe, die sie im Flug durchschritten, widerhallten. Durch einige Durchgange mussten sie an den Wanden sich streifend. Da und dort ein mattes flackerndes Lampchen. Sie kamen an die offene Thur des Rathhauses, die immer von einer Feuerwache in der Flur, von einer Militairwache am Eingange besetzt war. Die Feuerwachter kannten die beiden neuen Polizeiagenten hinlanglich und liessen sie um so mehr passiren, als sie uberdies noch eine geheime Parole sagen konnten.

Nach einer halben Stunde kam ein graues Mannchen durch den Hof geschlichen, wandte sich achzend und stohnend nicht durch den Thorweg auf die Strasse, sondern schlich sich in eine offene Thur, wo eine Stiege zu einem Fenster fuhrte, in dem noch Licht brannte. Dort wohnte der Rathsdiener Spiess, der eine hubsche junge Frau hatte, die an Abenden, wo ihr Mann zu Pfandungen und gerichtlichen Executionen in der nachsten Umgegend reiste und zuweilen eine Nacht ausblieb, immer langer Licht zu haben pflegte als gewohnlich.

Bartusch, der das geheimnissvolle Wort der Polizei nicht kannte, ware schwerlich an der Feuer- und Thorwache hindurch gekommen. Wir glauben, dass er mit dem Glockenschlag zwolf sich anschicken wird, einen beruhigenden Thee zu trinken, den ihm die Rathsdienerin gewiss mit grosster Gefalligkeit kochen wird, da sie und ihr Gemahl diesem guten vielvermogenden Herrn Bartusch einen solchen Posten und hier in dem ehrwurdigen alten Rathhause die bequemste freie Wohnung verdankten.

Zwolftes Capitel

Der Sechste im Bunde

Am Morgen nach diesem ereignissreichen Tage und der ihm folgenden ernsten Nacht finden wir die Bruder Wildungen in einem Gesprach auf dem Sopha der "Akademie".

Die Akademie, wissen wir, ist Siegbert's, die Aula ist Dankmar's Wohnzimmer.

Sie waren trotzdem, dass sie so spat zur Ruhe gegangen waren, fruh erwacht. Trotz des Weines, trotz der Reden, trotz der gewaltigsten Aufregung des Geistes fuhlten sich die kraftigen jungen Manner nicht angegriffen ...

Nur Siegbert konnte sein inneres Leid nicht verbergen ...

Bist du unzufrieden mit mir, sagte Dankmar, dass ich mich gestern von dem traulichen Beisammensein so erregen liess und so offen mit meinen Traumereien hervortrat? Sage mir nichts Weises daruber! Du kennst meinen Unmuth, wenn ich mich des Morgens besinne, dass ich am Abend zu viel sprach, zu exaltirt und zu offenherzig war.

Mein schlimmster moralischer ...

Siegbert stellte eben der Katze der Frau Schievelbein den Rest ihrer Milch an die Erde und erganzte:

Katzenjammer!

Katzenjammer! Was ist Das nur! fuhr Dankmar fort. Gebrochene Wehmuth! Reue, die bei mir die Morgenstunde mehr im Munde hat als Gold!

Er legte die Cigarre fort, die ihm nicht schmecken wollte, und spitzte sich Federn zum Arbeiten.

Siegbert sprach ihm Muth zu. Er sagte, dass er sich fast gefurchtet hatte, als Dankmar mit seinem kuhnen Plane so offen hervorgetreten ware. Allein die Wirkung ware auf Alle doch die machtigste gewesen.

Und, setzte er hinzu, es sind doch Das nur gemeine Naturen, die bei nuchterner Stimmung die Entschliessungen nicht wahr haben wollen, die sie in aufgeregten Augenblicken fassten. Nur Die Menschen sind gross und bedeutend, bei denen sich der Morgen erfullend an den prophetischen Abend knupft.

Man vereinigte sich nun daruber, dass die Freunde es aufrichtig gemeint hatten in ihrer Zustimmung zu Dankmar's Planen. Selbst Leidenfrost, der ihnen so plotzlich und ruhrend als Max Bruning Enthullte, ware ergriffen gewesen und hatte die blanke Revolutionsidee preisgegeben, von der man ohnehin nicht wisse, ob er sie im Ernste oder humoristisch verstehen wollte. Des edeln Werdeck's Augen hatten geglanzt wie zwei funkelnde Sterne ... jetzt in warmer, nicht mehr in kalter Winternacht, setzte Siegbert hinzu. Diese Natur, sonst so verschlossen, ware durch die Erinnerung und die Ahnung endlich aufgethaut gewesen und der Handedruck, den er den Freunden gegeben, als sie auf der Strasse schieden, hatte etwas Krampfhaftes, ja tragisch Bedeutendes gehabt. Nur von Louis Armand mussten sie sich eingestehen, dass es ihm schwer wurde, sich von den unmittelbaren Aufforderungen der politischen Sachlage zu trennen und jetzt mehr fur die Zukunft wirken zu sollen als fur die ihm der dringendsten Beihulfe bedurftig erscheinende Gegenwart. Auch war' er nach der Erzahlung uber Jagellona Werdeck plotzlich sonderbar zerstreut gewesen ...

Aber du! Aber du! unterbrach Dankmar. Du kamst ja schon verstimmt und mit Gespensteraugen in die Sitzung ...

Verstimmt nicht; nachdenkend!

Du hast etwas mit Olga gehabt?

Siegbert schwieg.

Wer sah es dem Madchen nicht an? Diese Frohlichkeit, als wir schieden! Ihr kamt zum Gesang der Trompetta und der Flottwitz als Nachzugler aus dem dunkeln Garten. Ich sah dir an, dass du zittertest. Olga gluhte dagegen und hatte lieber selbst tanzen mogen, als Tanze spielen. Wie sie auf das Klavier schlug, merkt' ich, dass sie die gewaltigste Aufregung zu beherrschen suchte.

Die Situationen sind doch immer unser Fluch!

Aha! Die Raketen waren zerplatzt, die Leuchtkugeln flimmerten noch vor den Augen. Es wurde still. Das Herbstlaub raschelte an den Baumen. Die Sterne funkelten.

Zwei Herzen liegen aneinander und jubeln: Himmlischer, Sternengewaltiger, sieh herab auf deine kleinen Kinder! Wir wollen uns lieben wie die Lammerchen, weil deine Erde so schon ist!

Siegbert nickte mit schmerzlichem Ausdruck.

Wenn es dich trosten kann, sagte Dankmar, so sag' ich dir, dass ich fast deinem Beispiele gefolgt ware. Die blonde Reubundlerin ist doch eine schwarmerische Natur! Es hatte nicht viel gefehlt, so hatte ich sie im Voruberflug an mein Herz gezogen, ihr einen demokratischen Kuss gestohlen und ausgerufen: Soll uns denn unser politischer Glaube trennen? Ist Das das moderne Schicksal liebender Herzen, sich fliehen zu mussen wie die Capulet's die Montagues flohen?

Deine selbstgefallige Vergleichung mit Romeo trostet mich nicht, sagte Siegbert nachdenklich. Du verrathst, dass mich nur eine Erregung der Sinne treiben konnte, Olga in die Arme zu schliessen und ihre Lippen zu beruhren ...

Sinne! Sinne! Lieber Bruder, was sind die Sinne! Todte Diener! Elende Sklaven! Der Vollmachtgeber ist die Seele. Ich wenigstens fuhle wirklich etwas fur meine Reubundlerin. Ihr Auge ist feucht wie der See. Es zieht herab. Ihre Locken kann ich mir freier denken, hangender, weniger nach dem Lockenholz aufgerollt. Aber ihre Zahne sind ohne Widerrede schon. Die Lippen kirschroth ...

Dankmar! unterbrach Siegbert. Du wirst ein solches Madchen unglucklich machen. Ich hab' es wohl bemerkt, wie lange Faden ihre Augen zu dir hinuber spannen! Fast verzehrt, fast lechzend nach Liebe! Du kommst mir wie einer der Religionsstifter vor! Alle zogen erst die Frauen an. Aber sie waren gewissenhafter als du und entsagten ...

Ihr Wuchs ist untadelhaft

Horst du nicht?

Aufrichtig! betheuerte Dankmar. Sie zieht mich an und gerade deshalb, weil sie mein vollkommenstes Gegenbild ist. Sie hat etwas zerflossen Weibliches, wie ich es liebe. Die schonsten Weiber, Melanie an der Spitze, machen mir keinen dauernden Effekt. Ich war von Melanie auch nur geblendet. Ich bedurfte ihrer. Ich weidete mich an ihrer Haltlosigkeit, ihrer eitlen Hingebung. Ich war auf Augenblicke entzuckt und habe mich doch so von ihr getrennt, dass ich sie mit der grossten Ruhe ihrem Ziele, den Prinzen Egon nun wirklich noch zu erobern, zusteuern sehe.

In der That? Ware Das jetzt ... schaltete Siegbert voll Schmerz und doch uberraschtem Antheil ein.

Melanie ist, seit wir ihr an dem Eisenbahndurchschnitt begegneten, sehr oft bei Pauline von Harder. Egon spricht mit Warme von ihr ...

Und Helene d'Azimont?

Bahnt ihrem Gewissen eine Brucke, um von der Verzweiflung uber Egon sich zu neuem Leben wieder in eines Malers Armen zu sammeln ...

Eines Malers? Heinrichson's? unterbrach Siegbert entrustet, stand auf und liess zuvorderst die Katze hinaus ...

Du phantasirst! rief er dann schmerzergriffen uber die Voraussetzung, dass menschliche Herzen solcher Lugen, solcher Irrthumer und Wandelungen fahig sein sollten.

Mein guter Bruder! sagte Dankmar. Psychologie und etwas Schadellehre! Die langlichen, schlanken Formen des Ledamalers kennst du ...

Er ware gewissenlos genug ...

Die runden Formen der d'Azimont bedeuten Das, was die Menschen Gemuth nennen und was ich Leidenschaft und excentrische Gegensatze nenne. Bei einer gewissen Klasse von vornehmen Frauen ohnehin siegen erst Die, die ihnen ebenburtig sind. Bei der ersten Furche auf der Stirn wahlen sie einen beruhmten Musiker zum Freunde, bei der zweiten einen beruhmten Maler, und wenn es abwarts geht, findet sich wol noch irgendwo ein flammender Naturpoet, der fur seine lyrischen Vokale einen Consonanten braucht. Guido Stromer mein' ich z.B. konnte noch bei Paulinen von Harder Gluck machen und Heinrichson's Nachfolger werden.

Abscheulich! Abscheulich! rief Siegbert, mehr von den bizarren, menschenfeindlichen Ansichten des Bruders entrustet, als an die Moglichkeit solcher Verbindungen glaubend.

Und Adele Wasamskoi, fuhr Dankmar unbarmherzig fort, liebt die Furstin nicht auch einen Maler? Warum sollte Helene d'Azimont nicht an Heinrich Heinrichson Ersatz fur Egon

Siegbert hielt dem grausamen Spotter den Mund zu. Er konnte seine Anschuldigung nicht vollenden.

Abscheulicher! sprach er dann voll ernsten Unwillens. Wie spielst du mit Frauenherzen! Irren diese schwachen Wesen, so sind sie bemitleidenswert und die meiste Schuld trifft uns. Dass Egon Helenen nicht mehr liebt, ist wol gewiss. Es ist ein schmerzlicher Beweis der Umkehr seines Charakters. Diese Hingebung, diese Liebe Helenen's war ein Wunderwerk, eine Fabel, unglaublich und doch wahr. Lauschte sie nicht seinem Athemzuge, betete sie ihn nicht an? Was soll ein Weib beginnen, das nun einmal im Manne lebt und sich von der Seele des Geliebten dann ausgeschlossen sieht, nur angewiesen auf einen Pflichttheil der Achtung und offentlichen Schonung! Kann man Helenen verdenken, dass sie Egon statt zu lieben, wird hassen lernen?

Und dass sie dem Prinzen einen beruhmten Maler gegenuberstellt? sagte Dankmar.

Das ist nicht wahr! Verleumdung! Heinrichson zeichnet mit ihr die Erinnerungen an der See von Enghien, er ubermalt ihre schwachen Leistungen, zu denen sie die Liebe spornte, ohne dass sie die Kraft besass, Das, was ihr in voller Seligkeit der Erinnerung vorschwebte, zu vollenden. Er ist einschmeichelnd, das ist wahr, ist verfuhrerisch, charakterlos. Ich zweifle nicht, dass er sich von seiner brillantesten Seite zeigt, sie mit Artigkeiten uberhauft, sie durch eine scheinbare Zuruckhaltung verwirrt und durch seinen trockenen, zuweilen geistreichen Witz unterhalt ...

Nun ... nun ... und dem Allen widerstande ein beleidigtes Frauenherz und benutzte es nicht, um dem Treulosen zu zeigen: Sieh! Da weckt' ich doch noch neue Flammen!

Siegbert schauderte und blickte fast vernichtet zur Erde. Es war ein zu greller Schatten gewesen, den Dankmar da auf die Menschenseele fallen liess.

Lieber Bruder, sagte Dankmar ruhig und ergriff Siegbert's Hand. Ich wunsche, dass ich mich immer tauschte, wo du anders und glaubiger siehst. Du siehst die Dinge schon und warum sollt' ich nicht wunschen, dass die Menschen gut, ihre Thaten schon sind! Aber kannst du leugnen, dass dich die Furstin Wasamskoi liebt, dass sie zittert, in deiner Nahe zu sein, dass sie Augen nur hat fur dich, dass sie in Zorn gerath, wenn Olga dich eine Weile anblickt? Und du selbst, Siegbert, bist du frei von der Einwirkung dieses eigenthumlichen Verhaltnisses? Es macht dich unlustig zur Arbeit! Du tandelst deine Zeit so hin! Du beginnst nichts Neues mehr, vollendest nichts Altes! Gestehe nur, dass es in deinem Innern bewegt und bunt genug aussieht.

Siegbert ging im Zimmer auf und ab. Er fuhlte nur zu tief die Wahrheit dieser Vorwurfe und widersprach ihnen nicht.

Du hast Recht! sagte er leise und mit feuchten Augen und setzte sich neben den Bruder, das Haupt auf die alte Sophalehne stutzend. Du hast Recht! ... Rathe mir!

Liebst du die Furstin? fragte Dankmar.

Siegbert antwortete nicht ... schuttelte aber zuletzt entschieden sein ernstes Haupt.

Und Olga?

Siegbert schwieg wiederum und blickte zur Erde nieder.

Du hast vielleicht, fuhr Dankmar, um die druckende Stimmung zu erleichtern, scherzend fort, du hast vielleicht ein Gefuhl wie ich gestern. Der Gegensatz reizt, die Ungleichartigkeit der Naturen stachelt?

Sage mir lieber, unterbrach Siegbert, was du empfindest, seit du weisst, dass der Knabe, der deinen so hochverehrten Ackermann begleitete, kein Knabe, sondern ein Madchen ist?

Dankmar sah betroffen auf.

Du bist scharf, erwiderte er nach einer Weile. Ich glaube, wenn ich mich im Spiegel untersuchte, ich wurde finden, dass ich errothete. Bin ich roth geworden?

Blass und marmorgelbgraukalt wie immer, sagte Siegbert vorwurfsvoll.

Dann lugt mein Gesicht! antwortete Dankmar. Ich kann mich an meine Freunde im Ullagrunde nie ohne tiefste Erregung gemahnt sehen. Ich sage gemahnt! Denn, wenn ich ihrer gedenke, ist's nicht Erinnerung nur, sondern wie Vorwurf.

Selma und Olga! sagte Siegbert. Was darf man fur so beginnende, noch im grunen Kleide versteckte Knospen fuhlen?

Ehrfurcht! sagte Dankmar. Heilige Scheu! Oft versink' ich in ein stilles Grubeln. Ich bin dann im Walde von Hohenberg, in der Ferne rauscht die Muhle, der Specht hackt im Baume, die Vogel singen, ich schreite mit Selma durch die junge Eichenschonung. Sie spricht ebenso heiter, so klar, so nachdenkend wie damals, als ich nicht wusste, welch' ein Zauber mich zu ihr zog. Wie mag als Madchen sein? Ich traume davon. Wenn ich gearbeitet habe und aufblicke, steht sie vor mir in leichtem weissen Kleide. Sie ist immer um mich. Ich scherze schwesterlich mit ihr. Weisst du unser kleines Schwesterlein? Die holde Mechtild! Wie liebten wir sie! Wie herzten wir das liebe Kind und weinten, als es im Sarge lag mit Blumen bestreut! Selma ist mir wie Mechtild. Und wenn ich ihrer gedenke, so senken sich alle Spitzen meines Wesens, wie man die Waffen senkt, wenn man sich gefangen gibt. Ich denke dann an Nichts mehr von Dem, was mich so foltert und qualt. Unser Streithandel, die Weltlage, die Zeitfragen, die Stiftung des Ordens ... was ist das Alles, wenn ich an Selma denke! Sie kommt dann und nimmt mir Schild und Speer aus der Hand, sie legt das Schwert unter Blumen, entwaffnet mich ganz und sitzt dann auf meinem Schooss und herzt mich und kusst mich, ohne dass die Kusse mich erregen oder mir etwas Anderes bedeuten als eins ihrer traulich gesprochenen Worte. Selma! Wenn ich sie sehen konnte!

Du liebst sie, Bruder! sagte Siegbert in seine Nahe ruckend. Wie kannst du von den Lippen Wilhelminen's von Flottwitz sprechen!

Aber! schaltete Dankmar rasch ein. Selma ist ein Kind, wie es Olga ist. Genug! Wir wollen vernunftig sein.

Er stand auf und wollte, seine Gefuhle, wie er immer that, abschuttelnd, in die "Aula" gehen, als der Postbote eintrat und einen Brief brachte. Er kam von der Mutter. Siegbert las die sonst so feste Handschrift, die ihm heute schwankend schien. Die Mutter wird leidend sein! bemerkte Dankmar erschreckend.

Das verhute Gott! sagte Siegbert und durchflog die Zeilen.

Sie klagte in der That. Auch ihr wollte der Aufenthalt in den grossen kalten Raumen des alten Tempelhauses nicht bekommen. Sie sprach von der Ruckkehr alter Leiden und beangstigte ihre Sohne so lebhaft, dass Siegbert sich die bittersten Vorwurfe machte.

Was haben Eltern von ihren Kindern, sagte er, wenn diese selbststandig geworden! Jedes Band ist da wie abgeschnitten! Der flugge Vogel ist aus dem Neste und denkt nicht mehr daran, zu den trauernden Alten zuruckzukehren.

Dankmar, nicht minder bewegt, kleidete sich an und beruhigte den Bruder, dass es leicht moglich werden konnte, er musse noch in diesem Herbste nach Angerode.

Ob ich nicht sogleich lieber selbst ginge? sagte Siegbert und wiederholte einige Stellen aus dem Briefe der Mutter, die ihm ganz besonders bedenklich schienen. Du weisst, dass sie nicht zu Denen gehort, die von sich selbst viel Aufhebens machen.

Sie beschlossen bei dieser Gelegenheit, die Mutter, wenn das Trauerjahr im Pfarrhause voruber ware, zu sich in die Residenz zu nehmen, wobei sie sich freilich nicht verschweigen konnten, dass sie ungern ihren Bitten nachgeben und den Aufenthalt innerhalb ihrer gewohnten kleinen Lebensbeziehungen vorziehen wurde.

Auch Siegbert hatte sich angekleidet. Beide Bruder waren im Begriff auszugehen. Siegbert gedachte das Atelier zu besuchen und heute dort langer zu arbeiten, als er schon seit geraumer Zeit gewohnt war. Dankmar dagegen wollte aufs Gericht, um zu horen, ob der richterliche Senat die, wie er schon wusste, ihm ungunstige Entscheidung des Referenten bestatigt hatte. Es lag ihm daran, die genauere Ausfuhrung des Urtheils zu horen und sich vorbereiten zu konnen, in zweiter Instanz neue Materialien zu sammeln.

Wie sie aus dem Hause traten, sahen sie Louis Armand hastig die Strasse daher kommen. Schon in der Ferne zog er ein Zeitungsblatt aus der Rocktasche und hielt es in die Hohe.

Louis brachte die neueste Nummer des "Jahrhunderts", das seit einiger Zeit auch in einer Morgenausgabe erschien.

Egon fing er stammelnd an, ohne weiter sprechen zu konnen Egon

Die Bruder staunten uber seine Erregung.

Das Ministerium hat abgedankt. Es hatte eine Differenz von funfzehn Stimmen gegen sich.

Aber der Furst? fragte Siegbert.

Stimmte mit der Minoritat, sagte Louis.

Ministeriell?

Mehr als ministeriell! Lesen Sie seine Motivirung!

Man trat in die offene Flur des nachsten Hauses, breitete die Zeitung auseinander und las:

"Furst Hohenberg. Meine Herren, Sie wollen in dies Haus eine Ordnung einfuhren, die eine Tyrannei ist und allen Gesetzen des Anstandes widerspricht. Ich billige vollkommen, wenn Sie sagen, in diesem Hause waren Sie die Herren und die Herren Minister nur Ihre Gaste; ich theile durchaus nicht die Ansicht der Herren Minister, denen dies Verhaltniss umzukehren beliebt. Allein, wer sich vorgesetzt hat, nur seinen eigensten Uberzeugungen zu folgen, wird unfahig sein, sich in dieser Frage auf irgend einen Parteistandpunkt zu stellen. Die Minister haben Thatsachen zu vertreten, wahrend Sie nur Meinungen. Ein Minister kann in jedem Augenblick in der Lage sein, einen neuen Brennstoff in die Debatte zu werfen ...

Eine Stimme. Ol in's Feuer!

Furst Hohenberg. Wohl! Mein Herr! Ol in's Feuer! Dass es lodere, dass es flamme, dass die Wahrheit heller erkannt werde! Und wenn hier ein Minister des Absolutismus oder ein Minister in der Blouse stunde, er musste das Recht haben, die furchtbare und leider meist unwiderstehliche Kraft der ihm anvertrauten Thatsachen zu vertreten, zu geschweigen, meine Herren, dass die einfachsten Gesetze des Anstandes Demjenigen, den man bei sich eingeladen hat, das letzte Wort zuzugestehen. Ich stimme gegen den Antrag der Commission. (Bewegung. Bravo. Zischen.)"

Es ist acht Uhr, sagte Dankmar, nach einem Augenblick des Erstaunens rasch auflodernd, wollen wir Egon besuchen?

Ich muss es thun, sagte Louis; ich hab' ihm versprochen, Bericht zu erstatten von unserm gestrigen Abend, an dem er Antheil zu nehmen schien, als ich ihm davon erzahlte. Wenn ihn irgend ein Gedanke ergreifen kann, so sollte es dieser hochherzige! Egon ist ja schon ein Ritter vom Geiste ... denn Sie sehen, wie er sich vom Buchstaben der Partei lossagt.

Dieser Buchstabe, bemerkte Dankmar auf eine so zweifelnde, schmerzliche Wendung, ist leider in Ubergangskrisen, wie wir sie jetzt erleben, der Geist selbst. Wer nicht die Kraft hat, selbst eine Partei zu bilden, muss sich bezwingen, die Zahl Derer, die ihm am verwandtesten denken, durch seine Zustimmung zu vergrossern. Die edelste Aufgabe meines Bundes wird auch die sein, die Kunst zu lehren und zu uben, Majoritaten zu bilden. Wir wollen zu Egon gehen.

Als die Freunde eine Seitengasse einschlugen, bestatigte Louis auf's neue, wieviel Sorgen ihm der hochgestellte Freund mache. Seit vierzehn Tagen schiene er an einem tiefen Kummer zu leiden und ware nicht mehr der Alte. Leider hatte diese Verstimmung zur Folge, dass er alle seine alten Plane aufgabe und nur noch dem Ehrgeize lebe. Louis erzahlte von Wiederherstellung eines verwitterten Wappens uber seinem Palais, eine Unternehmung, die Siegbert noch mit den Worten entschuldigte: Warum soll er das Wappen vermodern lassen? Entweder musste die steinerne Tafel ganz abgenommen oder restaurirt werden. Aber man horte von Vermehrung der Bedienung, von neuen Livreen nach englischem Schnitte, von einer verschwenderischen Anwendung des Hohenberg'schen Wappens auf Briefcouverten, Buchern, Tellern, Pferdegeschirren u.s.w. Unsre Freunde gestanden sich, dass die sonst so demuthigen Blicke der Diener impertinent geworden waren. Die Wandstabler's, die sich schon anschickten, das Haus zu verlassen, rumpften die Nase, als wollten sie sagen: Unsre Zeit bricht wieder an! Die Art der Anmeldung bei Egon ware umstandlich, complizirt, erkaltend, noch ehe man ihn sahe. Er erweise sich herzlich nach wie vor, aber er ware zerstreut ... oder ein Kummer drucke ihn, den Niemand errathen konne ...

Man war bei dem Thema uber Helene d'Azimont angekommen und schwieg. Der Weg zum Palais war noch nicht zuruckgelegt. So knupfte man an den gestrigen Abend an und Louis Armand sprach nun aus, was er gestern zuruckgehalten hatte.

Also nur der Geist soll triumphiren? sagte er. Nur der Gedanke soll uns frei machen? Wir sollen uns also die Hand reichen uber Lander und Volker hinweg? Anfangs, meine Freunde, furchtete ich, die Idee der Ritter vom Geiste wurde auf jene Sekte hinauskommen, die sich in Paris unter dem Namen der neuen Templer begrundet hat. Ich war Zeuge einer Sitzung dieser neuen Templer. Es sind Affen alter Ceremonien, schwache eitle Copieen der Freimaurer. Sie scheinen keinen andern Zweck zu haben, als sich, wie auf der Maskerade, im Costume des Mittelalters zu brusten, gut zu essen, sich mit grossen fabelhaften Titeln zu beladen, und alle diese Narrheiten entschuldigen und beschonigen sie dann mit einigen Phrasen uber Menschenliebe, Wohlthatigkeit, den ewigen Frieden, die Fraternitat der Nationen und die Ehrwurdigkeit aller Religionen! Mit Egon war ich bei einer dieser Sitzungen zugegen und schon damals sagte er:

Das Streben, auf die uberlieferte Ordnung, in der wir geboren werden, gleichsam eine neue zu pfropfen, die Ordnung einer eigenen Wahl, ist gewiss ehrenwerth, aber wie musste es doch grossartiger und heroischer ausgefuhrt werden!

Sagte er Das? Ich kenne die Statuten dieser neuen Pariser Templer, schaltete Dankmar ein.

Egon rief damals aus, fuhr Louis Armand fort: Welche Affen, welche Komodianten! Ich sehe mit klaren Augen die alten Templer auf dem geweihten Boden Palastina's mit den Sarazenen im Kampfe, Hugo des Payens schwingt sein tapfres Schwert, ich sehe Tausende hinsiechen an der Pest, ich sehe den Sturm auf Ptolomais und den Tod der letzten Ritter, die das Castell des Tempels vertheidigen, der Grossmeister stirbt an einem vergifteten Pfeile ich sehe Jakob von Molay in den Flammen, Hunderte ihm vorangehen, Hunderte folgen und nun da ... diese Advokaten, Borsenmakler, Banquiers, Quacksalber, Polizeiagenten, die setzen sich da in weissen Manteln mit dem rothen Kreuz in befiederten Barets hin und essen Austern und Pasteten zum Zweck des allgemeinen Weltfriedens, der Bruderliebe und der Gleichartigkeit aller Religionen ... pfui, welche Gemeinplatze und welche Possenreisser!

Siegbert sah unwillkurlich zu Dankmar hinuber und lachelte.

Beruhige dich, lieber Bruder! erwiderte dieser. Das gemeinschaftliche Essen ist ausdrucklich aus unsern Statuten verbannt. Die Ritter vom Geiste werden sogar in Betreff des Trinkens massiger sein mussen, als wir es gestern Abend waren. Ich spure Kopfweh. Doch glaub' ich fast, es kommt von der Nahe des Palais da, das ich gar nicht mehr mit den alten frohen Empfindungen sehen kann, mit denen ich es sonst begrusste. Sonst schien es mir die hassliche Raupenhulle eines Schmetterlings zu sein, jetzt gehort es zu dem Besitzer so organisch, so fast nothwendig hinzu, wie das Haus zur Schnecke.

Schon seit einigen Tagen begrussten die Diener ihres Herrn Freunde nicht mehr mit der Furcht und Ehrerbietung wie sonst. Dankmar flusterte den beiden Begleitern zu, dass es gut ware, wol auch solche ausseren Zeichen zu beachten und sie bei Egon zur Sprache zu bringen. Nur Dorette Wandstabler, die Alteste, war besonnen und wusste sich zu beherrschen. Sie unterliess, als sie den Ankommenden auf der Treppe begegnete, nicht im geringsten die Beweise aussrer Achtung. Louis erhielt sogar von ihr im Vorbeigehen zugeflustert, es ware soeben vom Hofe ein Brief in Rosa-Umschlag angekommen. Ein Brief in Rosa-Umschlag, wisse sie noch vom alten Fursten her, kame aus dem Cabinet des Konigs.

Ein Brief vom Konig? bemerkte Louis und sah die Bruder fragend an.

Man wird seinen Rath begehren! sagte Siegbert.

Und Dankmar setzte hinzu:

Man wird ihm das Ministerium anbieten.

Indem hatte sie ein neuer Kammerdiener schon gemeldet und kam mit dem Bescheide, dass Sr. Durchlaucht sie bate, eine Viertelstunde zu warten. Er zoge sich an. Sr. Majestat hatten ihn um zehn Uhr auf's Schloss beordert.

Die Freunde betrachteten sich bedeutungsvoll und harrten im Vorzimmer. Sie sprachen nichts. Es war ihnen, als waren sie im Begriff, von einer geliebten Person fur ewig Abschied zu nehmen. Diese Bilder, Statuen, Vasen, die hier ringsum standen, hatten ihnen fruher nur fluchtigen Eindruck gemacht. Es war ihnen immer gewesen, als wenn diese Gegenstande weit unter ihnen standen. Heute blickte sie Alles vornehm und fast verachtend an. Eine alabasterne Tanzerin, auf einem Saulenpiedestal von Marmor, schien ihnen zu sagen: Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier? Der Geist des alten Generalfeldmarschalls spukte um sie her und wies ihnen mit ihrer nicht hierhergehorenden Gesinnung fast die Thur.

Endlich wurden sie vorgelassen ...

Sie trafen Egon in gewahltester Toilette. Sein Haar war frisirt, der Kinnbart mit grosser Sorgfalt behandelt. Es lag etwas Imponirendes in dieser schonen jugendlichen Gestalt, deren mit der Krankheit sehr hochgewordene Stirn recht den Denker verrieth. Die Augen waren ein wenig eingefallen, blitzten aber aus den tiefern schattigen Hohlen nur um so feuriger, voll Geist und Anregung hervor. Um den Mund lag unverkennbarer Muth und schnelle Entschlossenheit ausgepragt, doch milderte ein gefalliges Lacheln den allzustrengen Ernst der Zuge. Auf dem Frack glanzte zum erstenmale der Stern des Grosskreuzes vom Verdienstorden, das ihm der Konig bei seiner ersten Vorstellung am Hofe, vor etwa zwolf Tagen, selbst mit den huldvollen Worten uberreicht hatte: Er hatte sammtliche einheimische Orden des grossen Helden, seines Vaters, bei Seite gelegt, und hoffe, sie mit der Zeit einen nach dem andern dem Sohne wieder einhandigen zu konnen. Es war dies eine Artigkeit gewesen, durch die Egon zu Nichts verpflichtet wurde. Sie galt seinem Stande und gehorte fast zur Etikette einer solchen Prasentation.

Ich bin zum Konig gerufen, sagte Egon und begrusste die Freunde wie sonst durch den alten Handschlag. Was habt Ihr beschlossen? Ich hore nichts mehr von Euren Planen! Ihr feiert Weinlesen, seht Schwarmer prasseln, macht schonen Madchen den Hof, wahrend ich Armer den Dunst unsrer schlechten Olbeleuchtung in der Kammer einathmen muss. Siegbert, wie geht es der kleinen Olga? Ihr Glucklichen! Sie und du, Dankmar ... was seid Ihr beneidenswerth! Die eine Halfte der schonen Welt spekulirt auf Eure Million und die andere trostet sich, wenn es nichts damit ist, doch wenigstens mit zwei liebenswurdigen Mannern kokettirt zu haben! Und Louis hat auch seine stillen Freuden und sieht lyrisch aus! Ich wette, er wetteifert schon wieder mit Beranger und Lamartine. Ihr seid nicht aufrichtig, Alle, Alle seid Ihr's nicht!

Vor dem neuen Minister des Innern, bemerkte Dankmar, wird man bald keine Geheimnisse mehr haben.

Egon blickte auf Dankmar mit einem eigenthumlichen, sichern, lachelnden Blick.

Glaubst du, sagte er nach einer Pause, glaubst du, lieber Freund, dass ich deshalb, weil ich gestern Abend einmal meiner eigenen Grille folgte, nun auch gleich die Grillen des Hofes wahrmachen werde?

Es ist gefahrlich, eigene Grillen zu haben, bemerkte Dankmar mit kalter Ruhe. Wenn man sich von seinen Freunden trennt, werden die Feinde der Freunde immer glauben, einen Verbundeten zu haben.

Und sie werden sich tauschen in diesem Glauben, lieber Dankmar, sagte Egon ruhig. Ich glaube in der That, dass man die Absicht hat, mir heute um zehn Uhr im Schlosse ein Portefeuille anzubieten. Ich werde ein Programm stellen. Erlaubt man mir nach diesem Programm zu regieren, so werd' ich das Portefeuille annehmen!

Die Lage des Hofes, erwiderte Dankmar, ist nicht von der Art, ein Programm, wie du es mit Ehren nur stellen kannst, annehmen zu konnen.

Dies Wort verletzte Egon sichtlich. Doch behielt er seine Mienen in der Gewalt und fragte Siegbert und Louis, ob sie gemeinschaftlich fruhstucken wollten?

Ich habe, sagte er launig, den Keller meines Vaters revidirt und gefunden, dass da unten viel Poesie versteckt lag. Wie ich die Etiketten las: Alicante, Xeres, Marsala, welche Vorstellungen weckt Das! Man fuhlt sich in die Gegenden versetzt, wo diese gekelterten Trauben einst am Stocke hingen, man sieht das Ultramarin des sudlichen Himmels, man hort die Woge des Meeres an den hohen steinigten Ufern branden und streckt sich unter Palmen- und Olivenbaumen hin und traumt dolce far niente.

Damit klingelte Egon und bestellte ein Fruhstuck.

Unten im Pavillon, sagte er. Aber rasch! rasch! Bringt, was Ihr zur Hand habt und Alicante und Xeres!

Der Kammerdiener flog.

Ich kann mir denken, sagte Egon, dass Euch meine gestrige Abstimmung uberrascht hat. Ich kann mir aber nicht helfen. Ich muss so reden, wie ich fuhle. Tretet nur einmal in eine dieser Vorberathungen der Parteien, hort diese blinde, tolle, sich ubersturzende Hast der Menschen, die die Parole austheilen, ich wette, Ihr haltet es mit aller Eurer Uberzeugung von der Notwendigkeit, Partei halten zu mussen, nicht drei Tage aus. Ich hielt es vierzehn Tage aus. Aus der Partei der Linken bin ich ausgetreten.

Und welcher Seite des Centrums schliessest du dich an? fragte Dankmar.

An keine.

Nicht einmal an den Club Justus? sagte Dankmar immer erregter.

An diesen am wenigsten, antwortete Egon. Was soll ich dasitzen und dies Durcheinander der Intriguen horen! Alles soll Taktik und immer Taktik sein, an die Thatsachen denkt Niemand. Sie sitzen und zahlen Stimmen. Immer ist Einer unterwegs, der bald zu der, bald zu jener kleinen Fraktion lauft und ein Compromiss beantragt: gebt uns acht Stimmen fur Das, so geben wir Euch acht Stimmen fur Das ... o pfui, ich habe diese Methode Politik zu treiben satt. Es ist ein kleiner Schacher, kein grosser Handelsgeist, der dort herrscht. Ich will von heute an stimmen, wie ich denke.

Die Freunde konnten diesen Entschluss eigentlich doch nur billigen, befurchteten aber, dass sich Egon isoliren wurde.

Nein, sagte Egon, es gibt Manner genug in der Kammer, die unter dem Druck der vorlauten Intrigue seufzen. Sie Alle sehnen sich nach Befreiung. Sie werden sich mit Freuden unter dem Banner schaaren, das irgend ein Retter der gesunden Vernunft aufsteckt. Ob ich dieser Retter sein werde, weiss ich nicht! Will man sich mir anschliessen, wohlan, da ist meine Hand! Aufsuchen werd' ich Niemand!

Aristokratisch oder bequem? fragte Dankmar mit feinem Lacheln.

Egon schien an dieser Alternative keinen Anstoss zu nehmen. Im Gegentheil sagte er:

Entsinnst du dich unsres ersten Gespraches im Walde hinter dem Heidekrug?

Wohl! sagte Dankmar. Damals trugst du eine Blouse.

Allerdings wurde ich jetzt dieselben Ansichten, von einem Fursten in gesterntem Fracke vorgetragen, vorsichtiger auffassen. Du protegirst die Zeitung: das Jahrhundert. Man nennt den Ton derselben doctrinair. Die Doctrinaire sind die Aristokraten der Idee.

Beruhige dich, Freund, erwiderte Egon, ich werde auch nicht mit den Professoren stimmen. In einer Zeit des Handelns ist Niemand uberflussiger als Der, der ewig nur rath und lehrt. Aber kommt! Kommt! Es ist bald neun Uhr! Wir gehen in den Pavillon!

Durch mehre Zimmer, Cabinete, einen Corridor und dann eine kleine Wendeltreppe herab fuhrte Egon die Freunde nach jenem geheimnissvollen Pavillon seines Vaters. Niemals hatte er gern von diesem Orte gesprochen, die Freunde niemals veranlasst, ihn zu besuchen. Heute sprach er von ihm wie von einer seiner gewohnlichen Retraiten. Die Freunde folgten ihm in einer eigenen beklommenen Stimmung. Sie fuhlten, es war zwischen ihnen und dem jungen Fursten nicht mehr wie sonst. Die Unbefangenheit fehlte, der Duft des Verhaltnisses war verflogen. Sie fuhlten, dass er ihnen nicht wehthun, sie in ihren Grundsatzen nicht verletzen wollte, und nichts verletzte sie doch mehr, als gerade, dass sie sahen, wie er ihnen auswich und durch Artigkeiten und Scherze den tiefern Bruch zwischen ihnen zu verdecken suchte. Siegbert hatte noch den meisten Glauben, oder er fuhlte in Dem, was ihn sonst druckte, nicht den Zwang dieser Scenen, denen er doch nur halb beiwohnte. Seine Phantasie weilte bei Olga, bei der Vorstellung, wie er ihr nun heute begegnen, ihr in's Auge sehen sollte! Louis war erschuttert. Dankmar verstimmt. Er stand sogar einige male auf der Wanderung nach dem Pavillon still, als ob er sich besanne, zu folgen und nicht besser thate, sich heimlich zu entfernen.

Sie hatten die kleine Wendeltreppe hinter sich. Ein Bedienter, der an ihrem Fusse harrte, stiess zwei Thorflugel auf, die in ein Vestibul fuhrten, das rings mit Blumen geschmuckt war. Zwei Victorien von Bronze hielten den Eintretenden Kranze entgegen. Der Fussboden war mit bunten, dichtwollenen Teppichen belegt. Hinter den Victorien rauschte ein Vorhang auf von schwerem, rothem Sammet. Man befand sich in einer Rotunde. Rings an den Wanden Spiegel mit Goldleisten und neben ihnen Candelaber. An den Wanden eine einzige Ottomane rundum, unterbrochen nur von den Eingangen in kleine durch Vorhange unterschiedene Cabinete.

Als sie uber die schweren Teppiche hinschritten, sagte Egon:

Ich entsinne mich, dass Ihr zum ersten male hier seid! Seht da die Erfindungsgabe meines Vaters! Von der rechten Seite hier bis zur Linken ziehen sich kleine allerliebste Gemacher. Uber jedem ist in Wachsmalerei angegeben, wozu die Bestimmung der Gemacher dienen soll. Hier uber dem Vorhang der erschopfte Mars. Amor nimmt ihm die Waffen ab. Es ist das Entree eines Badezimmers, das sich hier nebenan befindet. Die badende Nymphe macht es kenntlich. Daneben sitzt Pan und blast auf seiner Flote, wahrend Tritonen aus Hornern Wasserstrahlen spritzen. Ich weiss nicht, welche Tandeleien fur das dritte Cabinet bestimmt waren. Uber jenes vierte seht Ihr Hebe mit der Kanne und einem Teller schweben. Wahrscheinlich ist in der Kanne Nektar und auf der Schale Ambrosia. Soviel weiss ich, dass in diesem vierten Cabinet vortrefflich gespeist worden ist und sich die Ambrosia als die Praxis eines guten Pariser Kochs zu erkennen gab. In dem funften waltete die Nachmittagsruhe. Es ist das Cabinet der turkischen Pfeifen. Der talentvolle Kunstler, der diese Medaillons uber die Thuren malte, muss in Verlegenheit gewesen sein, die turkischen Pfeifen in den Kreis seiner mythologischen Allegorieen einzufuhren und doch hat er sich sehr artig geholfen. Seht die drei schonen Madchen, die uber einem todten von Flammenglut umgebenen Knaben weinen und die Hande ausstrekken. Sie verwandeln sich eben in Pappeln und die Thranen, die ihnen entfallen, flimmern von dem gelben Schein des Knaben gelb ...

Recht geschickt! sagte Siegbert. Der gelbe Knabe ist der soeben von der Sonne herabgesturzte Phaethon. Die Schwestern beweinen seinen Fall und verwandeln sich in Pappeln. Ihre Thranen, die in dem gelben Scheine des versengten von der Lichtmaterie des Sonnenballs gedorrten Phaethon gelb erscheinen, sind der Bernstein.

Richtig, fuhr Egon fort und diese Sage vom Ursprung des Bernsteins passt in der That fur ein Cabinet mit turkischen Pfeifen, deren Spitzen von Bernstein sind. Ich kenne den Maler nicht.

Es ist unser herrlicher Berg selbst, sagte Siegbert, der diese Wachsmalereien fertigte. Sie sind beruhmt.

Ich bekomme Ehrfurcht vor dem Geschmack meines Vaters, des alten Haudegens. Seht da, das sechste Cabinet hat als Medaillon eine Nymphe, die sich im Wasser spiegelt und sich dabei selber kopirt, mit einer Stecknadel namlich auf einem grossen Feigenblatt, das ihr ein Satyr hinreicht. Seht den Satyr mit dem Feigenzweig! Wie zierlich und schalkhaft die ritzende Nadel auf dem Blatt! In diesem Cabinet sind Bildersammlungen, die ich Euch nicht zeigen mag. Und hier im siebenten und letzten Cabinet befindet sich sogar eine Bibliothek verbotener Bucher. Mein loyaler Papa war ein eifriger Sammler in diesem Fache der Literatur, das der Maler in jenem Medaillon kenntlich machte: Ein Faun sitzt und lehrt Amor schreiben. Der kleine Junge weint, weil die Feder vielleicht kritzelt oder ihm die Muhe zu sauer wird. Der Faun liest behaglich, was Amor geschrieben hat. Die beiden Tauben, die sich uber dem Busch, wo die Schulscene passirt, schnabeln, drucken das Thema der hier gesammelten wilden Literatur aus.

Inzwischen waren die Diener gekommen und hatten in das vierte Cabinet silberne Schusseln, Korbe, Servirbreter, Flaschen getragen. Der Kammerdiener schlug den Vorhang zuruck. Egon forderte die Freunde auf einzutreten.

Ein zierliches, behagliches Gemach umfing sie. Die kleine gedeckte Tafel in der Mitte widerstrahlte von Krystall und Silberzeug. Die nach aussen zu unscheinbaren Fenster waren durch ein zweites Fenster verdeckt, das von innen vorgebogen werden konnte, ein Fenster von mattgeschliffenem Milchglase mit eingefugten Lithophanieen. Die Sessel waren ausserordentlich bequem mit Lehnen von blau- und weissgestreiften Gurten. Von derselben Farbe waren ringsum Ottomanen. Ein Gemalde an der Wand erwies sich alsbald als Flotenuhr und spielte mit reingestimmtem Glokkenton die Gnadenarie aus Robert dem Teufel. Der einfachere Charakter dieses kleinen Cabinets entsprach seiner Bestimmung; denn in einem Esszimmer sollen die Sinne des Auges nicht durch eine uberladene Staffage zerstreut werden.

Egon machte den Wirth mit gewohnter Freundlichkeit.

Drei galonnirte Diener, schon in Bereitschaft mit nach Hofe zu fahren, servirten in weissen Handschuhen. Es war ein Ton in das Hauswesen gekommen, gegen den Egon fruher selbst protestirt hatte und der sich nun seit etwa vierzehn Tagen von selbst verstand.

Seine Gaste assen nur wenig. Sie machten sich Vorwurfe, ihn jetzt, wo er seine Gedanken zusammenzufassen hatte, noch aufzuhalten. Dankmar fragte ihn sogar, ob er das Programm schon fertig hatte ...

Seit Jahren denk' ich daruber nach und schrieb es in zehn Minuten nieder! erwiderte Egon.

Und darf man nicht einen der Paragraphen erfahren?

Ich werde dem Hofe Bedingungen stellen, die er niemals eingehen kann. Denn leider haben diese bedrangten Machthaber schon eine solche Furcht, von der Sprache unsrer Tage abzuweichen, dass sie eher die Richtung, die sie selber furchten, an's Ruder bringen als etwas Neues zu versuchen.

Dies vortreffliche Dejeuner, bemerkte Dankmar sarkastisch, ist wenigstens Burgschaft, dass du keine so spartanischen Vorschlage machen wirst, wie ich zuweilen deinen Ideen abgelauscht habe. Welche Rolle wird denn in diesem Programm die vielbesprochene Arbeit spielen?

Dieselbe Arbeit, sagte Egon mit ruhigem Ernst, die ich immer pries, wird auch in meinem Programm die Hauptrolle haben. Ich kenne nur den Staat der Pflichten. Einer Zeit gegenuber, die nur ewig von den Rechten der Menschheit traumt, muss man es offen aussprechen, dass die Pflichten es sind, deren gewissenhafte Erfullung allein die Rechte gewahrleistet. Wenn Alles von seinen Rechten spricht, wo bleiben die Pflichten? Nur da, wo Jeder bereit ist, zu geben, was er geben muss, nur da kann ein freudiges Empfangen und ein reichliches ermoglicht werden. Das, was uns uberliefert ist, ist des Menschen erste Lebensbedingung. Ich bin der Thor nicht, der da auftreten und das Unrecht deshalb vertheidigen wird, weil es uberliefert ist. Dem Unrecht als solchem dien' ich nicht. Aber auch in dem uberlieferten Unrecht liegt eine Menschenpflicht und ein Menschenrecht. Die Tradition ist die Aufgabe, die wir friedlich losen sollen. Die Tradition ist das Chaos, das wir zu lichten, der Knoten, den wir zu entwirren haben. Wer darf auftreten und mit dem Schwerte alle diese Schwierigkeiten durchhauen? Ich verlange, dass man das Leben reformirt nach einer uberlieferten Gestaltung, d.h. die Methode des neuen Lebens muss das Leben selber sein. Ich werde Jedem, der trotzig von seinem Rechte spricht, auch eine Pflicht entgegenhalten, dem Armen, wie dem Reichen, dem Niedrigen und dem Vornehmen.

Ich furchte, bemerkte Dankmar unerschutterlich, dass diese Grundsatze dem Hofe und den kleinen Cirkeln, die am Ende doch Alles regieren, zu allgemein sein werden. Man wird ganz einfach den Verfassungsentwurf der fruhern radikalen Ministerien nehmen und dich fragen, was du mit ihm zu thun gedenkst?

Ich bin auch darauf gefasst, sagte Egon. Ich nehme diesen Verfassungsentwurf nicht an. Ich erklare, ihn nicht vertheidigen zu konnen. Ich habe die Vorstellung von einer andern Urkunde unsres gesellschaftlichen Paktes. Von unten herauf, vom Zweck der gesitteten Gesellschaft aus, muss der Aufbau vollendet werden.

Damit wirst du den kleinen Cirkeln nicht gelegen kommen, bemerkte Dankmar fast erschrocken uber diese Kuhnheit. Diese wollen nur einen uberlieferten historischen Staat, der in die traurige Lage gekommen ist, zu den schon berechtigten Gewalten eine neue Berechtigung, das Volk, mit hinzuzulassen. Man streitet dort nur uber das Mass von Freiheiten, das man an die neuen sturmischen Dranger abzulassen gedenkt. Wenn du von der Uberflussigkeit z.B. einer ersten Kammer sprachest, wurdest du sogleich bemerken, dass alle Hofdamen, die Euer Gesprach belauschen durften, die Nase rumpfen werden.

Ich bin fur eine erste Kammer, sagte Egon.

In der That? bemerkten erstaunt die Freunde.

Jede Frage verlangt eine doppelte Erwagung. Prometheus und Epimetheus, Das ist eine alte Wahrheit. Aber ich verwerfe das nur geschichtliche Element, das die erste Kammer bilden soll. Ich verlange von der Gesetzgebung zwei Instanzen. Die eine soll die der Interessen, die andere die der allgemeinen Freiheit sein. Um ein Beispiel zu geben, wurd' ich gleichsam in die erste Kammer die Meister, in die zweite die Gesellen bringen. Unser ganzes Wirken ist aus den Faktoren des Besitzes und Erwerbes, des Stabilen und des Strebsamen zusammengesetzt. Ich verachte die Stabilitat der Beamtenwelt, des Geldsackes, selbst die der Geburt einzelner vornehmer Geschlechter. Ich erkenne nur die Arbeit als das Princip des Staates an, schliesse das Kapital als arbeitende Potenz, eine Luge, vollig aus, anerkenne nirgendwo die todte Hand, auch die todte Hand des Besitzes nicht, ich anerkenne nur die lebendige, individuelle Arbeit. Meine erste Kammer besteht aus den Bevollmachtigten der positiven Interessen der einzelnen Arbeitsbranchen des Lebens, meine zweite aus den Bevollmachtigten gleichsam des arbeitgebenden Publikums. In der ersten wird gleichsam der Zunftzwang, in der zweiten die Gewerbfreiheit sitzen. Ich lasse nicht nach Standen, Stadten, Census und ahnlichen Unterscheidungen wahlen, sondern in die erste Kammer nach den speziellen Thatigkeitsbranchen des Lebens, in die zweite nach dem offentlichen Bedurfniss. Es ist moglich, dass in meiner zweiten Kammer Fursten und Grafen, in meiner ersten Blousenmanner sitzen.

Das kommt auf Eins heraus, fiel Dankmar lachelnd ein. Man wurde diese Einrichtung allenfalls bei Hofe und in Petersburg als einen Druckfehler entschuldigen konnen ...

Doch nicht, lieber Freund, sagte Egon, sich bekampfend. Das Wahlprincip der zweiten Kammer fass' ich numerisch. Das Publikum ist unbeschrankt. Nur einige Modificationen mit Ansiedlung und Burgerrecht, sonst ist jedes Staatsglied Wahler. In die erste Kammer setz' ich Die, die die Trager des Staates sind, die fleissigen Hande. Erschrickt der Hof vor Pairs, die keine Glaceehandschuhe tragen, so ist die Zeit dieser Ideen noch nicht gekommen und ich ziehe mich gern zuruck, um das Chaos zu beobachten, bis unsre Zeit gekommen ist.

Louis und Siegbert waren von diesen Auseinandersetzungen uberrascht und freuten sich der noch immer so stark in ihrem hochgestellten, nun zu so glanzender Laufbahn berufenen Freunde nachwirkenden alten volksthumlichen Einflusse.

Dankmar aber ausserte sich entschieden zweifelnd und bemerkte:

Ich habe, mein verehrter Freund, seit ich dich kennen lernte und du mir einst sagtest, unter diesen Spiegeln und Kronenleuchtern wurd' ich einmal noch in dein tiefstes Innere blicken, nie anders von dir gedacht als bedeutend und gross. Etwas Gewohnliches wirst du niemals bieten. Allein ich furchte sehr, dass sich bei dir eine alte Erfahrung bestatigt. Die Richtung der Zeit ist wie der reissende Strom eines Flusses, der aus einer seeartigen Breite plotzlich in engere Ufer tritt. Man wird fortgerissen. Die Zeit lasst sich durch einen Einzelnen nur in den seltensten Fallen bestimmen. Diese Begriffe von Links und Rechts, von Liberal und Conservativ sind in der That furchtbar einseitig, und jeder geistreiche Kopf, der positiv denkt und nicht von einer blossen Manie der Neuerung getrieben wird, leidet unter der gegenseitigen Ausschliesslichkeit dieser Antithesen; allein diese Antithesen sind einmal die grossten Tyrannen unsrer Zeit. Man glaubt, sie beherrscht, ihre Klippen vermieden zu haben, und scheitert an ihnen. Die Umstande zwangen uns immer wieder in die alten Schattirungen: Schwarz oder Weiss! Licht oder Schatten! Und sieh! Wenn ich mir dachte ...

Dankmar sprach nicht weiter; denn sie wurden unterbrochen. Einer der Bedienten brachte dem jungen Fursten, den die Ausserung Dankmar's von dem Blick in die Vergangenheit unter den Spiegeln und Leuchtern dieses Pavillons ernster gestimmt hatte, ein zierliches Billet. Uber der Methode, Briefe auf silbernen Tellern zu uberreichen, hatte Egon fruher selbst gelacht. Heute fand diese Abgabe ganz in dieser komischen Form statt.

Egon erbrach das Billet und schien zerstreut, verstimmt.

Die Grafin sind selbst da! sagte der Bediente.

Nein! Nein! rief Egon. Ich bin unter meinen Freunden.

Ich sagte es ...

Ich fahre zum Konig.

Eben deshalb, sagte die Grafin.

O Gott! O Gott! schrie Egon auf. Er begleitete diesen Ruf mit Gebehrden wie ein wildes verwundetes Thier.

Er sprang auf und warf das Billet den Freunden hin, dass sie es lesen sollten.

Entschuldigt mich! sagte er. Lebt wohl!

Damit verschwand er, noch die Serviette in der Hand, die er zornig zerknitterte und unterwegs mitten in der grossen Rotunde von sich warf.

Die plotzlich verlassenen Freunde ahnten, dass ihn die Grafin d'Azimont abgerufen hatte.

Siegbert, dem das Billet am nachsten lag, nahm Anstand, es zu lesen.

Auch Louis meinte, er konnte nichts horen, was von dieser Hand kame.

Dankmar fand es wenigstens nicht erlaubt, das Briefchen liegen zu lassen.

Warum wollen wir einen letzten Beweis von Freundschaft, den wir noch von Egon empfingen, nicht ehrend entgegen nehmen? sagte er.

Die drei Freunde schwiegen erschuttert. Sie traten in die grosse Rotunde. Das von oben herabfallende Licht erhellte den Raum hinlanglich, um die kleinen zarten Schriftzuge lesen zu konnen. Sie lauteten:

"Ich sterbe! Du wuhlst den Dolch in meiner Brust! Zertritt mich ganz! Sage mir nur, dass ich mich unter den Huf deiner Pferde werfe. Dann ist's doch aus! Aus! O Gott, schenke mir Wahnsinn! Tod oder Wahnsinn! Egon, ich beschwore dich ... sei Mensch! Entsetzlicher! Foltre mich nicht! Lass mich sterben! Morde mich! Nur Entschiedenheit! Erlosung, Licht, mindestens die Freiheit des Todes!"

Die drei Freunde sahen sich entsetzt an.

Sie fuhlten, dass Dies der Verzweiflungsschrei einer Frau war, die ihr Alles an Egon gesetzt hatte und wahrscheinlich fuhlte, dass sie ihm von keinem Werthe mehr war.

Die Genugthuung fur Louis Armand hatte damit vollstandig erreicht sein konnen, wenn sein fuhlendes Herz eines so kalten Triumphes fahig gewesen ware.

Arme Louison, sprach er, du hast nicht gewollt, dass der Genius der Liebe so dein Andenken racht!

Und doch, sagte Siegbert, den diese Worte der Schwester Adelen's tief in's Herz schnitten, doch ist Egon vielleicht unglucklicher als Helene! Ein Weib geliebt haben und heraussein aus dem magnetischen Rapport, der in ihr noch voll und gluhend nachwirkt, wahrend man selbst erkaltet, ubersattigt ist ... Das ist Qual! Man will nicht verwunden, man will nicht lugen ... Man hat ein Herz und darf ihm nicht folgen ... Armer Egon! Der Schmerz, mit dem er aufstand, war furchtbar, fast wahnsinnig.

Kommt! Kommt! sagte Dankmar. Die Luft dieses Pavillons, der Staub dieser Teppiche, das Lachen dieser Bilder, das Alles ist erstickend. An die frische Luft! Ich kann nicht mehr Athem schopfen.

An der kleinen Treppe, die hinauf zu Egon fuhrte, fuhrte auch eine Thur gleich in den Hof. Dieser eilten sie zu und sogen die starkende Oktoberluft wie Balsam ein. Es trieb sie fort, als brennte der Fussboden unter ihnen. Sturmende Gespenster schienen sie zu jagen. Sie sahen sich nicht um, sie flohen fast.

Auf der Strasse rief ihnen eine Stimme nach.

Sie wandten sich um.

Es war Rudhard, an dem sie vorubergeschritten waren, ohne ihn zu sehen.

Nachdenklich, ruhig, stand er am Portal des Palais, auf einen Stock sich lehnend.

Er winkte Siegbert.

Siegbert bat die Freunde, einen Augenblick zu warten.

Als Siegbert sich Rudhard nahte, erschrak er fast uber des alten Mannes ernstes, gemessenes Antlitz.

Ich wollte zu Egon, sagte Rudhard. Ich horte, dass er nicht allein ist. Er fahrt zum Konig. Er fliegt einem glanzenden Gestirne zu. Lieber Wildungen ... ein Wort ...

Siegbert ahnte etwas aus den Mienen des Greises.

Glauben Sie, dass ich Sie in mein Herz geschlossen habe, Siegbert? fragte Rudhard mit einem nach Bestimmtheit ringenden, bewegten Tone.

Rudhard! antwortete Siegbert und ergriff seine Hand.

Ahnen Sie nichts, was ich Ihnen sagen muss ... muss, mit widerstrebendem Herzen?

Rudhard liess seine Augen, die wie immer klar und ruhig waren, eine Weile fragend auf Siegbert ruhen.

Siegbert's Blick fullte sich mit Thranen.

Ich weiss es, Rudhard, sagte er nach einigen Augenblicken der Sammlung. Ich habe einen Auftrag zu einer kunstlerischen Aufgabe empfangen, die mich vorlaufig auf einige Wochen von hier entfernen wird. Sagen Sie den Damen Ihres Hauses, den lieben Kindern, ein herzliches Lebewohl!

Rudhard druckte die Hand des jungen Mannes und sprach nur das Einzige:

Ich danke Ihnen dafur, Wildungen! Es war Ihrer wurdig. Wir sehen uns wieder.

Siegbert wandte sich und Rudhard ging langsam zum Palais des Fursten.

Als Siegbert zu seinen Begleitern zuruck wollte, waren sie etwas vorausgegangen. Er konnte so noch Zeit finden, sich zu sammeln und die Thranen zu dammen, die fast ubermachtig in seine Augen schossen.

Louis und Dankmar standen an einer Strassenecke, wo sie sich zu trennen hatten. Siegbert uberraschte die Freunde durch den Entschluss, nach Schonau zu gehen und den kunstlerischen Vorschlag Gelbsattel's, den er erzahlte, fur den Sommer schon jetzt in Angriff zu nehmen. Auch Dankmar, der ihn fragend fixirte, sprach von der Moglichkeit, dass ihn die Entscheidung der ersten Instanz seines Processes zwingen wurde, nach Angerode zu reisen.

Dann wunscht' ich vorlaufig, dass wir den Process verloren hatten, sagte Siegbert. Der Mutter wegen mein ganzes Herz fliegt ihr zu.

Louis, erschreckend, dass beide Bruder entschlossen waren, die Residenz zu verlassen, hoffte, sie wenigstens noch zu sehen, ehe sie reisten.

Siegbert wollte sich eben seinem Atelier, Dankmar dem Gerichtshofe, Louis seiner Werkstatte zuwenden, als ein Wagen an ihnen voruberrasselte und sie aus dem Schlage gegrusst wurden.

Es war Egon, der mit zwei Bedienten in voller Gala zum Konig fuhr.

Es schlug zehn von den Kirchthurmen.

Die Freunde trennten sich. Egon, der sich von einer Scene mit der Grafin losgerissen haben musste, hatte furchtbar ernst ausgesehen.

Dreizehntes Capitel

Eine Entscheidung

Es war gegen zehn Uhr Abends.

Die Lampe brannte duster in einem Zimmer, dessen

grunseidene Fenstervorhange tief herabgelassen waren. Im Kamin gluhte noch etwas die eben verkohlende Asche. Draussen jagten Carrossen. Die Theater sind beendet. Die grossen Gesellschaften fullen sich. Auch Volksmassen tummelten sich noch. Man horte an dem lebhaften Sprechen der Vorubergehenden, das von unten herauf scholl, wie die Gemuther erregt waren. Auch der Schritt wandernder Militair-Patrouillen war dem Ohre horbar, das horen wollte und konnte.

Helene d'Azimont, die zu diesen nicht gehorte, lag

ausgestreckt auf einer Chaise-longue, die in die Nahe des Kamins geruckt war. Das Zimmer war fast uberhitzt. Sie fror. Eingehullt in einen grossen Shawl konnte sie sich nicht erwarmen. Ihre Hande frostelten. So zitterte das Kinn, dass sie laut stammelte. Diener und Kammermadchen hatte sie abgewiesen. Sie wollte keine Hulfe, sie erwartete den Tod.

Schon seit dem Morgen um halb elf Uhr lag sie so.

Sie war nach Hause gekommen, aus dem Wagen

mehr gesunken, als gestiegen und hatte sich gleich auf ihr Bett geworfen. Die Madchen entkleideten sie, was auf ihren stummen Wink geschah. Man wollte zum Arzte schicken. Sie hatte es heftig ablehnend untersagt.

Wer an der Thur lauschte, horte sie oft laut schluchzen. Dann lachte sie wie wahnsinnig, dann weinte sie wieder.

Von einer Nahrung, die sie zu sich nahm, war keine Rede. Sie schuttelte nur, todtenblass, ihr entstelltes, von Thranen fast ungleich gefarbtes Antlitz.

Meldungen, sogar diejenigen, die Besuche von Rafflard, von Heinrichson ankundigten, wurden abgelehnt. Sie lag halb erstarrt. Ihr Kopf wuhlte sich in ein Kissen, das von Thranen schon durchnasst war. Nur auf vieles Zureden ihrer Madchen erhob sie sich und liess sich auf die Chaise-longue fuhren, die man an den Kamin ruckte. Gegen Abend heizte man.

Um sechs Uhr etwa begehrte die Grafin einige Loffel Suppe. Sie ass nicht den vierten Theil eines Tellers und stiess den Rest zuruck. Die Arme hingen herab vom Korper, willenlos, schlaff. Die Augen sahen starr oder schlossen sich vor Erschopfung. Oft griff sie plotzlich nach dem Herzen. Man hatte alle Bander an ihren Kleidern aufknupfen mussen. Jeder Druck machte ihr Beengung. So streckte sie sich wie leblos.

Gegen Acht wurde sie horbar. Sie klingelte. Sie machte eine Miene, etwas zu begehren. Sprechen konnte sie nicht. Die Hand streckte sich nach einem kleinen Tisch am Fenster hinuber und deutete auf die dort gesammelten Zeitungen. Man wollte sie bringen. Sie schuttelte den Kopf und deutete hinaus auf den Eingang ihrer Wohnung. Man verstand sie jetzt erst. Sie wollte die Zeitung von diesem Abend haben. Man ging hinaus, sie zu holen.

Sie war noch nicht angekommen.

Ein tiefer Seufzer war ihre Antwort.

Endlich kam das ersehnte Blatt.

Sie erhob sich geisterhaft. Krampfhaft schlug sie das noch nasse Papier auf und durchflog es.

Bald entdeckte sie die mit grossen Lettern gedruckte Stelle, die sie suchte. Sie lautete:

"Die Krisis ist noch nicht beendigt. Furst Egon von Hohenberg hat ein Programm vorgelegt, das die vollstandige Billigung des Hofes erhielt. Die Frage ist nur die, ob der Furst sein Ministerium wird vervollstandigen konnen. Die Nachricht einiger Blatter, dass er einige jungere Beamte und Offiziere als Collegen vorgeschlagen hatte, ist eine Verleumdung. Vorlaufige Liste: Conseilprasident und Minister des Innern: Furst Egon von Hohenberg. Auswartige Angelegenheiten: General Voland von der Hahnenfeder. Krieg: General Arnheim. Cultus: Propst Gelbsattel. Handel und Gewerbe: Justus. Konigliches Haus: Geheimrath von Harder."

Helene warf die Zeitung hin, als war' es ihr lieber, sie fiele gleich in die Flamme des Kamins. Sie sah nicht, dass der Bediente sie aufhob. Sie horte auch nicht, ob er ging oder blieb.

Ein sanfter Thranenstrom entfloss ihren Augen. Eine unendliche Ruhrung schien sie uber ihre eigenen Schmerzen zu ergreifen. Erst erquickten sie diese rinnenden Perlenbache, die aus den heissen fieberhaften Augen flossen. Dann aber gerieth sie doch wieder in lautes Schluchzen und wieder der Brustkrampf stellte sich ein. Sie musste husten, als wenn sie ersticken wollte. Das Blut, das sie zuweilen in ihren Tuchern erblickte, schien ihr eine Erleichterung.

Rafflard und Heinrichson liessen sich zum zweiten male melden. Sie nahm sie wieder nicht an.

Gegen neun Uhr kam ein Billet von Paulinen.

Ohne Hast, ergeben und schmerzlich, offnete sie es.

Pauline schrieb:

"Helene, was hor' ich! Sie sind unglucklich uber die glanzende Laufbahn unsres Freundes! Eben sitzt Egon an meinem Schreibtisch und redigirt eine genauere Erlauterung seines meisterhaften Programms. Zwei Worte, die er fallen liess, verriethen mir, dass Sie eine Scene hatten. Warum Das, Helene? Warum fliehen Sie mich? Warum schliessen Sie sich nicht unsern grossen, bedeutungsvollen Planen an? Egon liebt Sie, Helene! Aber stellen Sie sich nicht in den Weg, der zu seinem Ruhme fuhrt! ..."

Egon liebt mich! rief Helene und zerriss, kurz den Rest dieses Billets uberfliegend, es in hundert Stucke, die sie zornig in den Kamin warf. Er liebt mich? Und kann mich mit Fussen treten, mich fast an den Haaren schleifen, wenn ich ihm sage: Vernachlassige mich nicht! Waren die zwei Worte, die er fallen liess, vielleicht die, dass ich auf der Erde vor ihm lag und ihn um den Tod bat? Waren die zwei Worte vielleicht die, dass ich sagte: So will ich dein Weib sein! War es die kalte, herzzerschneidende Antwort: Helene, ich muss zum Konig! Beschame mich nicht mit einem Geschenk, fur das ich dir wurdig zu danken keine Zeit habe!

Ein krankhaftes Lachen befiel sie bei diesem Selbstgesprach. Sie sprang auf. Sie wollte nun Menschen sehen. Sie rief nun nach Rafflard, nach Heinrichson. Es war aber nach zehn Uhr. Zu spat, um sie noch entbieten zu konnen! Sie durchschritt die Zimmer, riss die Fenster auf, wollte ausgehen, zog an den Klingeln, die Diener und Madchen standen hinter ihr, sie wusste nicht, was sie ihnen befehlen sollte.

Lasst uns allein! rief sie endlich den Dienern. Entkleidet mich! stohnte sie den Madchen.

Langsam schritt sie in ihr Zimmer zuruck, liess mit sich geschehen, was man beginnen wollte und sank in's Bett, bewusstlos, ohne Schlaf und ohne Wachen. Immer horchte das Ohr, ob nicht doch noch Egon kame, und wenn auch nach Mitternacht! Erst gegen Morgen ergab sich das gequalte Gemuth den Forderungen des erschopften Korpers. Sie entschlief ...

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Helene erwachte.

Rafflard und Heinrichson hatten sich schon in aller Fruhe nach ihrem Befinden erkundigen lassen. Von Egon fand sie keine Anfragen vor.

Sie liess sich langsam ankleiden. Sie fuhlte sich vom Schlafe nicht gestarkt. Die Ruckerinnerung an die gestrigen Erlebnisse war ihr grauenhaft.

Um elf Uhr kam Drommeldey, der ihr Aussehen, ihren Puls bedenklich fand.

Er war nicht ohne Neugier, der Sanitatsrath. Er kannte die eigenthumlichen Verhaltnisse dieser gestorten Liebe; noch mehr, da er ein vornehmer Frauenarzt war, verstand er sich auf die Pathologie der "brechenden Verhaltnisse". Er erklarte sie fur einen jener Seelenzustande, bei denen man vorzugsweise dem gastrischen Ruckschlage vorbeugen musse. Er billigte die Diat der Grafin und schied von ihr mit den Worten:

Verehrte, huten Sie sich zwar vor dem Ubermass der Gefuhle! Aber dennoch gesteh' ich, dass ich mehr fur das volle Ausbluten des Herzens bin, als fur die gewaltsame Unterdruckung. Ich weiss nicht, was Sie so storen, so bewegen kann. Aber wenn Sie Kummer haben, meine Gnadigste, so nehmen Sie nur den Kelch des Schicksals gleich ganz, trinken Sie den bittern Schierling hinunter bis zum letzten Tropfen! In der Wahrheit gegen sich selbst liegt die Genesung. Nur nicht fliehen vor dem Schmerz! Nur nicht dem Fatalen aus dem Wege gehen! Beileibe nicht! Das gibt geistige Blutzersetzungen und erzeugt unterlaufene Seelenzustande, die sehr entzundlich werden konnen. Fur heute aber thun Sie mir den Gefallen, lassen Sie anspannen und geniessen Sie die starkende, erfrischende Luft nicht nur, sondern auch die viel trostreichere und erquickendere Abwechselung der Gegenstande, die sich Ihnen bei einer raschen Spazierfahrt darbieten werden. Versprechen Sie mir Das?

Die Grafin versprach es nicht nur, sondern erfullte auch des Sanitatsraths Begehren, sogleich anspannen zu lassen. Er wollte sie ausfahren sehen.

Ich bin noch nicht angekleidet.

Sie mussen einen Mantel nehmen! Es ist oktoberfrisch ...

Dabei zog Drommeldey sein Portefeuille und gab ihr aus der kleinen portativen Apotheke, die er bei sich fuhrte, einige Streukugelchen. Er erklarte also die Krankheit der Grafin fur eine von denen, bei welcher die Homoopathie zulassig war.

Drommeldey, ein sehr kluger Weltmann, ruhrte die Streukugelchen selbst in einem Glase Wasser ein und plauderte dabei von Politik, Ministerium, Egon's glanzenden Talenten, Paulinen von Harder, vom "Jahrhundert", Allem durcheinander. Charakteristisch war, dass er bemerkte, man nenne das Ministerium Egon schon das Blousen-Ministerium und erwarte, dass er seine vier bis funf Inseparables zu Ministern mache. Die gestern angegebene Liste des "Jahrhunderts" hatte sich schon zerschlagen und man wette noch, dass der Kunsttischler Louis Armand, der ohnehin Heimatsrechte haben solle, das Portefeuille der offentlichen Arbeiten erhalte.

Wahrend Helene in seiner Gegenwart leichte Toilette machte und uber alle diese Ausserungen des vorsichtig lauschenden Asklepiaden schmerzlich lachelte, sagte er:

Apropos, was haben Sie denn mit der Trompetta? Ist sie Ihnen bos?

Moglich! sagte Helene. Ich habe alle Menschen vernachlassigt. Sie gehort wol zu Denen, die Dergleichen nicht verzeihen.

Gestern, als sie in einer Gesellschaft vom Ministerium Hohenberg reden horte, fuhr sie entrustet auf und sagte:

Wenn sich der Hof so mit der Demokratie und Immoralitat verbundet, brech' ich mit ihm. Ich widme mein Album der deutschen Flotte.

Welches Album? fragte Helene, die vielleicht schon oft vom Gethsemane gehort, aber fur nichts Sinn hatte, was nicht mit dem geliebten Egon zusammenhing.

Drommeldey erklarte ihr diese Sammlung und schloss damit, dass die Trompetta sich nun aus Opposition gegen die ihr und dem Reubunde bewiesene Feindseligkeit des Hofes entschlossen hatte, das Gethsemane zum Besten eines Schiffes der deutschen Flotte zu verloosen und demselben Zwecke so viel fernere Betriebsamkeit zu widmen, dass sie ganz fur sich allein ein Fahrzeug vom Stapel laufen zu lassen sich entschlossen hatte. Sie studire jetzt Marine und wurde sich nachstens entscheiden, ob sie die fernere Aufgabe ihres Lebens in der Begrundung eines Kanonenbootes oder eines Kutters oder einer einfachen schwimmenden Batterie finden solle.

Mit diesen absichtlichen Scherzen geleitete Sanitatsrath Drommeldey Helenen an den Wagen und gab dem Kutscher eine genaue Anweisung des Weges, welchen er eine Stunde lang im Park oder sonst vor den Thoren einschlagen sollte.

Helene war, als sie mit schwankenden Schritten durch ihre Zimmer ging, an der Treppe einem alten gebuckten Manne begegnet, der, eine schwarze Binde um die Augen, an der Wand stehen blieb und sie in ihren Gewandern voruber rauschen liess. Als einer der Bedienten vom Wagenschlage zuruckkehrte, fragte der Alte, der sich an einer Fussburste sorgfaltig die Stiefeln reinigte, ob er den Professor Rafflard sprechen konne.

Er ist im Augenblick nicht da.

Ich hab' ihn in seiner Wohnung gesucht und mochte ihn hier erwarten.

Der Bediente besann sich, dass Dies jener Fremde, Namens Murray, war, mit dem der vertraute Rathgeber sich vorgestern so lange unterhalten hatte und den er beauftragt war, mit Vorsicht zu behandeln.

Professor Rafflard, sagte er, kann jeden Augenblick wieder kommen. Setzen Sie sich, wenn Sie ihn erwarten wollen.

Eine Weile hatte Murray, still in sich versunken, auf einen Stuhl im Vorzimmer sich niedergelassen, als es draussen klingelte und der nebenan in die Bedientenstube gegangene Diener offnete.

Die Grafin zu sprechen?

Sie ist in diesem Augenblick ausgefahren.

Wohin?

In den Park, um sich zu erholen. Der Arzt brachte sie selbst in den Wagen.

In den Park! wiederholte der Sprecher, der sich, als er einige Schritte vorwarts that, als Heinrichson erwies. Er war in weissen Glacehandschuhen und einem kalksteinfarbigen, gelbweissen, leichten Paletot uber seinem Frack.

Halb unter der Thur stehend, konnte er Murray nicht sehen.

Als er sich besann, ob er nicht der Grafin im Park sollte zu begegnen suchen, stand plotzlich Murray vor ihm.

Herr! rief Heinrichson erschreckend, hier schon wieder jenen unheimlichen Mahner an eine alte verdriessliche Geschichte zu finden. Was wollen Sie?

Sie ist nun todt.

Wer ist todt?

Ophelia! Ich sah das Stuck in London. Sie war toll. Aber in den Bach sprang sie nicht. Sie fiel von ungefahr aus dem Fenster. Sie hatten es sehen sollen, Bester. Jesabel starb so. Es hatte ein Bild gegeben.

Heinrichson machte es heute so wie vorgestern. Er liess Murray reden und entzog sich einer weiteren Erorterung durch die Flucht. Dieser geistreiche Kunstler gehorte zu den Menschen, die, wenn man ihnen eine Beleidigung sagt, behaupten, dass sie taub sind. Er war verschwunden wie gekommen.

Murray setzte sich achzend. Er hatte die Worte in gewaltiger Aufregung gesprochen und sich doch beherrschen mussen. Der Bediente sah ihn staunend an.

Kennen Sie den Herrn? fragte er.

Der grosse Kunstler Heinrichson! sagte Murray.

Wer ist denn aus dem Fenster gesprungen?

Eine Gliederpuppe, die er malen wollte, sagte Murray seufzend. Habt doch schon so ein Ding bei den Malern gesehen?

Freilich. Ich trage ja oft Billets zu dem Herrn. Da sitzt immer eine grosse Puppe mit Kleidern behangt. Daran studirt er ...

Den Faltenwurf, mein Sohn! Eine solche Puppe hatte er einmal vor Jahren. Sie war schon! Augen im Kopf wie lebendig und Gliedmassen, schlank, wie ein englischer Renner. Die Puppe hat ihm mit einem male nicht mehr gefallen. Da wurde sie erst traurig, dann wild und zuletzt toll. Sie tanzte so lange, bis sie sich im Wirbel drehte, an ein Fenster kam und husch! im Grase lag sie mit ihren schonen gelenken Gliedern! Morgen fruh begrab' ich das arme Ding.

Der Bediente schuttelte den Kopf und deutete fur sich nach der Stirn, als wollte er sagen, bei Dem ist es wol nicht richtig! Wie er sich in sein Zimmer zuruckgezogen hatte, das durch eine Glasthur vom Vorzimmer getrennt war, horte er, wie Murray ofters tief aufseufzte und sich die Augen trocknete. Dann sang der Alte zuweilen vor sich hin ein Liedchen oder trommelte an den Fensterscheiben, in deren Nahe er sass. Dem Diener war es jedesmal unheimlich, wenn es klingelte und er zum Offnen hinaus musste.

Zuletzt horte er endlich zu seiner Beruhigung den bekannten Husten des Professors Rafflard, der sich schon auf der Treppe ankundigte. Sogleich ging er ihm entgegen, offnete und zeigte auf Murray, der ihn erwartete.

Ah! Sind Sie endlich da! Was hab' ich Sie erwartet!

Wo ist die Grafin?

Ausgefahren, Herr Professor!

Kommen Sie, mein Bester! Kommen Sie! Jean, wir gehen in das gelbe Zimmer. Man soll uns nicht storen. Horst du, Jean? Kommen Sie, Murray! Gehen Sie voran.

Rafflard offnete lang ausschreitend und liess Murray, der sogleich ehrerbietig aufgestanden war, vorangehen.

Rechts! Rechts! sagte Rafflard. Ihr wisst doch noch? So! Hier herein!

Damit folgte Rafflard, druckte die Thur des gelben Zimmers fest hinter sich zu, legte den Hut ab und setzte sich erschopft.

Was bringen Sie? Wie steht es? Was habt Ihr heraus? fragte er und zog eine Schachtel voll Brustpastillen, erwartungsvoll, was ihm der demuthige und sich uberall umblickende Murray wurde mitzutheilen haben.

Ei Herr, ich denke ja, begann Murray verlegen, ich denke ja, es wird sich so schicken, wie Sie's wunschen.

In der That, Murray? Ihr verdient Euch den warmsten Dank der rechtschaffenen Familie, von der ich schon gesprochen habe. Erzahlt! Wie weit seid Ihr?

Wie ich von Ihnen ging, Herr ... Darf ich denn ...

Erzahlt! Alles!Alles!

Da ging ich sogleich in meine Wohnung ...

Brandgasse Nr. 9.

Nein, in eine neue, die ich mir gleich nach unsrer Unterredung neben der alten miethete ...

Ihr seid schlau ... Wo ist Das?

In der Wallstrasse Nr. 13.

Wallstrasse ...

Eine Treppe hoch ... vorn heraus ... ein Sprachlehrer, Signor Barberini war eben ausgezogen.

Signor Bar ...

Es soll, sagte man mir, ein Herr gewesen sein von langer Statur, mit schwarzer Perrucke und einer verdammt kleinen Nase, aber einem Kinn wie ein Pavian ...

Ei, ei! ... Ein Italiener!

Und Spitzbube! Nicht zwei Stunden des Tages soll man ihn in seinem Zimmer gesehen haben, nie hat er dort geschlafen. Fast glaub' ich, dass er nur dort wohnte, um seinen Nachbar zu belauschen.

Ich verstehe ... Aber, wie kommt Ihr ...

Gerade zu dieser Wohnung? Das will ich Euch sagen, Herr! Ihr hattet von Franzchen Heunisch gesprochen und sagtet mir, wo sie wohne ...

Richtig.

Im Hause bemerkt' ich denn auch bald, dass der junge Mann, der seiner Familie so vielen Kummer macht, ein Soldat ist, Namens Heinrich Sandrart.

Wer?

Es ist ein Sergeant. Er liebt Franzchen; er ist wie die Taube, sie ist wie der Geyer. Sie mag ihn nicht ...

Nein! Nein! Das

Ich versichere Sie, Herr! Er kommt trotz alledem zu dem Tischler Martens und blast die Flote. Sie bringen den an's Ende der Welt, wenn Franziska Heunisch entfuhrt wird ...

Aber

Ohne Rathgeber, fuhr Murray in seiner trockenen, ruhigen Weise fort, ohne Rathgeber und Vertraute kommt man in grossen Wagstucken nicht weiter!

Aber

Ich vertraute mich meinem Nachbar.

In der Brandgasse?..

Nein, in der Wallstrasse. Es ist ein Landsmann von Ihnen.

Louis Armand! Ein Pariser, Kunsttischler, Vergolder ...

Freund des Prinzen Egon ...

Ich hoffe, Freund, Ihr habt keine dummen Streiche gemacht!

Euern Landsmann wollt' ich zum Vertrauten wahlen.

Seid Ihr toll?

Vorgestern Nachmittag wollt' ich meinem Nachbar erst die Aufwartung machen. Er stand unten in der Werkstatt im Hinterhofe. Oben war sein Comptoir verschlossen. Ein Anschlag verweist in den Hinterhof.

Also ...

Konnt' ich mich ihm vorgestern noch nicht anvertrauen ...

Zum Henker! Was wollt Ihr Euch denn diesem Armand anvertrauen?

Ich schatze den Mann seit lange.

Ihr kanntet ihn ja nicht!

Louise Eisold, meine Nachbarin, lehrte mich ihn kennen.

Aber Freund, Ihr verwickelt die ganze Angelegenheit

Nein! Ihr musst wissen, Herr, dass ich nach vielen wilden Dingen, die schwer auf meinem Gewissen lasten, zuweilen trubsinnig bin, schwarzsichtig. Da ist's mir eine Freude geworden, neben der Louise Eisold zu wohnen. Sie furchtet sich zwar vor mir, das narrische Ding; aber singen hor' ich sie doch gern, und wie sie einmal ein Lied sang, das mir ausnehmend gefiel, ging ich zu ihr und klopfte an. Das sind acht Tage her ...

Wozu soll Das?

Ich klopfte bei ihr an und sagte: Louise, seit dem Tage, wo Ihr mir das Glas Wasser vom Brunnen holtet, sprachen wir uns nicht. Ich habe seitdem viel Leids erlebt. Ich kam in dies Land, um hier zu sterben. Ich habe eine ernste Pflicht vor meinem Tode zu erfullen, einer von elenden, nichtswurdigen Menschen mit Fussen getretenen Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, dann will ich mein zweites Auge zuthun, das erste hab' ich schon daran gewohnt, nichts mehr von der Welt zu sehen ...

Rafflard ruckte mit seinem Stuhle ungeduldig hin und her und riss zornig seine Augen auf ...

Ihr singt so schon, sagt' ich dem Madchen, fuhr Murray in ungestorter Ruhe fort. Ihr singt so schon, mein gutes Kind, und ich muss Euch danken, dass Ihr meine Hoffnung damit aufrichtet. Was ist Das fur ein Lied, das Ihr eben sangt? Da nannte sie einen Franzosen, Louis Armand, der es gedichtet hat ...

Rafflard horchte beruhigter. Diese Mittheilung schien ihm nicht ganz ungehorig zu sein.

Ich bat um die Strophen, fuhr Murray fort, und sie gefielen mir. Das waren Worte, wie sie im Herzen des fuhlenden Freundes der Armen widerklingen mussen. Louise Eisold hatte sich selbst dazu eine Weise erfunden. Es war Schwung darin, Rhythmus, Harmonie ...

Wetter! sprang Rafflard auf und stand wie starr uber diese gebildeten Worte. Treibt Ihr Musik? fragte er tonlos. Was ist Das?

Murray besann sich, stockte eine Weile und sagte dann:

Eh' ich meinen Altern davon lief, hatten sie viel auf mich gewandt. Ich strich die Violine und verstand mich besonders auf die Doppelgriffe ...

Ha! Ha! lachte Rafflard, der den Doppelsinn auffasste, den Murray mit schlauer Miene absichtlich in die musikalische Terminologie legte, und sich beruhigte ...

Seitdem, fuhr Murray fort, schatz' ich Louis Armand und wunschte, ihn kennen zu lernen. Die Gelegenheit fand sich. Das Vertrauen, das Ihr mir geschenkt habt, Herr, fuhrte mich dem Franzchen Heunisch in die Nahe. Gestern fruh macht' ich des Dichters personliche Bekanntschaft.

Und ...

Es war nach zehn Uhr. Er kam verstimmt nach Hause. Ich horte ihn von dem Zimmer aus, das ich mir fur acht Tage gemiethet hatte. Ich ging zu ihm und fand einen jungen, gefalligen Mann ...

Wozu gefallig?

Erst sprach ich von seinem Gedicht, von Louise Eisold, ihren Geschwistern und was sich so ergibt aus der kleinen Welt, in der diese Menschen leben. Dann kam auch Heinrich Sandrart ...

Was wollt Ihr denn mit ...

Der junge Mann, der seine Eltern so bekummert?

Ich bin auf der Folter ...

Louis Armand gestand es ja ein.

Gestand es ein? Was?

Dass Heinrich Sandrart Franzchen liebt. Und als ich ihm den Wunsch der Eltern oder Verwandten aussprach, durch eine Entfernung Franzchen's auch Heinrich Sandrart zur Vernunft zu bringen, erbot er sich, mir um so mehr die Hand zu reichen, als eben an ihn ein Brief von dem Onkel des jungen Madchens angekommen war ...

Welcher Onkel?

Den Ihr kennt! Ihr kennt ja die Verwandten? Herr!

Murray! Murray! Ihr habt kluger sein wollen, als ich ...

Herr, sagte Murray, ich habe Gewalt vermeiden wollen.

In Teufels Namen, wenn Sie einem Banditen sagen: Stich Den und Den nieder und der Bezeichnete ist eben im Begriff, sich selbst an den nachsten Baum aufzuknupfen, wird der Bandit ein Esel sein und erst noch einen uberflussigen Mord auf seine Seele laden? Der Onkel schreibt an Louis: Veranlassen Sie Franzchen zu mir zu kommen! Ich bin nicht wohl! Die Ursula Marzahn will sterben. Franzchen soll nur diesen Winter bei mir bleiben ... Die Ursula Marzahn, Herr, darf nicht sterben! Wissen Sie, Herr, sie darf nicht! Kennen Sie die Ursula, Herr?

Damit war Murray aufgesprungen und hatte sich dicht vor Rafflard hingestellt, der nicht wusste, wie ihm geschah. Er sah die Aufregung des Alten und musste ihn, aus Furcht, ihr Gesprach durfte zu laut werden, gewahren lassen.

Murray besann sich und nahm wieder Platz.

Nach einer Weile, wahrenddem Rafflard nicht mehr wusste, was er aus seinem Gegenuber machen sollte, fuhr dieser fort:

Ist einmal Franziska im Hohenberger Walde, so nimmt Sandrart, dem es schon langst in seiner bunten Jacke zu eng ist, den Abschied und der Zweck, den Ihr wollt, ist erreicht. Nicht so, Herr?

Rafflard erhob sich jetzt und warf seine Zuckerdose argerlich auf den Tisch.

Welch' ein Thor Ihr seid, Alter! rief er. Welche alberne, kindische Geschichte Ihr erfunden habt! Wer hat Euch denn gerathen, weise zu sein, nachzudenken, Finessen zu machen! Wenn Leute Eures Schlages diplomatisch werden wollen, kommt nur Verkehrtes an den Tag. Sie soll fort! Heute noch! Und Der, der Ihr folgen soll, Der, den sie liebt und der sie wieder liebt, ist nicht der Soldat da, sondern ...

Ha! Ha! Ich weiss es, rief Murray rasch, der, der sie liebt, ist ein Sprachlehrer, Namens Sylvester ...

Rafflard wandte sich, um nicht sein Erschrecken zu verrathen.

Herr Sylvester! fuhr Murray fort. Ja! Ja! Sie hat ihn auf dem Fortunaballe kennen gelernt. Er hat ihr Sprachunterricht geben und sie verfuhren wollen. Herr, dieser Sylvester ist es! Eine lange Figur, schwarze Perrucke, auch die verdammt kleine Nase, auch das Kinn des Pavians ... wie ich sehr vermuthe, der Doppelganger des Signor Barberini, Herr ... Meinen Sie nicht? Es ist Der?

Rafflard, ohne sich umzuwenden und von Murray auf den Spiegel gewiesen, sagte leise und zitternd:

Auch Der nicht!

Zum Henker! So sagen Sie's, wer es ist! donnerte Murray.

Dieser selbe Louis Armand ist's! Habt Ihr, Wahnsinniger, denn nicht bemerkt, dass nur er, er es ist, den Franziska liebt? Habt Ihr Euch in Eurer tollen Weisheit so hinter's Licht fuhren lassen, dass Ihr nicht merktet, dass er sie vergottert und sie bis an's Ende der Welt aufsuchen wurde, wenn es hiesse, sie ist in Hamburg, in London ... wo weiss ich, Ihr alter Sunder Ihr!

Murray blieb auf diese Worte in einer eigenthumlichen Stellung sitzen. Er hatte das linke Bein uber das rechte gelegt und hielt es mit beiden Handen, unruhig an ihm ruttelnd, fest. Es schien, als musste er durch diese Bewegung eine grosse innere Unruhe im Zaume halten ...

Dieser Louis Armand ist es, fuhr Rafflard fort, dessen communistische Traumereien hiesigen achtbaren Familien, mit denen er in Verbindung steht, die grossten Gefahren drohen. Wenn etwas ihn entfernen kann, etwas ihn in die Welt jagt, um sich zu andern, zu bessern, Menschen kennen zu lernen, so ist es die Unruhe uber das Loos jenes Madchens, das er zu heirathen entschlossen ist. Es ist ein Werk der Sittlichkeit, der Erziehung, der Besserung, das Ihr fordern solltet, Murray, und so verkehrt habt Ihr es angefasst!

Nun denn, sagte Murray ruhig. Warum wart Ihr nicht gleich gegen mich offen, Herr? Was erhalt' ich, wenn ich heute Abend mit Franziska Heunisch nach dem Walde von Hohenberg abreise und morgen fruh Louis Armand es ist, der uns dorthin folgt?

Das ist nichts, sagte Rafflard. Auf Monate muss er entfernt bleiben. Entfuhrt das Madchen, wohin Ihr wollt! Louis Armand muss weit weg avisirt werden.

Wie aber, wenn Louis Armand den ganzen Winter aus freien Stucken auf dem Schlosse Hohenberg bliebe?

Rafflard horchte auf ...

Murray zog seine Brieftasche, offnete sie langsam und nahm ein Billet heraus, das er dem, jeder seiner Bewegungen erstaunt folgenden spinnenbeinigen Professor mit den Worten uberreichte:

Der Bravo lauerte hinter einem Baume, an dem sich sein Opfer eben selbst erhangt!

Von wem ist das Billet? fragte Rafflard befremdet wieder uber das Wort Bravo ...

Louis Armand empfing es gestern Abend um die zehnte Stunde.

Rafflard las:

"Mein theurer Louis, soeben komm' ich vom Schloss. Der Konig und seine ganze Familie haben mir ein Vertrauen bewiesen, das ich ehren muss. Mein Programm ist angenommen. Es kommt nur noch darauf an, Manner zu finden, die sich in meine Ideen einzuleben vermogen und meine Collegen werden. Sind diejenigen Namen, die selbst eine Politik vertreten mochten, zu stolz, sich meinen Ansichten zu fugen, so befiehlt der Monarch einigen Bureauchefs, sich meinen Befehlen unterzuordnen. Jetzt, Louis, hab' ich eine Bitte! Die Geschafte des Staates werden mich so in Anspruch nehmen, dass ich mich meinen eignen Angelegenheiten vollig entziehen muss. Erweise mir die Gefalligkeit und reise in meinem Auftrage nach Hohenberg! Es ware mir lieb, wenn du schon morgen gingest. Ich muss wissen, wie es dort aussieht, was der neue Generalpachter beginnt, ich habe Ursache, auf die Wiederherstellung meiner ausseren Verhaltnisse den grossten Werth zu legen. Sollte ich bei der Uberfulle der Zumuthungen, die mir jetzt werden gestellt werden, dich, meinen theuersten Gefahrten und Bruder, nicht mehr sehen konnen, so entnimm vom Banquier von Reichmeyer Alles, was du zur Bestreitung dieser Reise bedarfst. Beaufsichtige den Zustand meines ganzen kleinen Furstenthums, den ich nicht langer vernachlassigen will! Nimm dir Zeit dazu und sorge, dass fur das bevorstehende Fruhjahr Alles so in Angriff genommen wird, als es nothig ist, um mit Ackermann einverstanden zu bleiben. Lebe wohl, Louis! Der unsichtbare Genius, der uns verbunden, schutze dich und mich! Dein Egon!"

Rafflard's Mienen verklarten sich sonnenhell. Einen solchen Einblick in die innersten Angelegenheiten seines ihm so feindseligen Zoglings hatte er nicht erwartet!

Wo habt Ihr das Billet her, Murray? fragte er und hustete sich aus. Das Bucken beim Lesen hatte ihn angegriffen.

Von Louis selbst! sagte Murray in seinen fruheren dumpfen brutenden Ton zuruckfallend.

So vertraut seid Ihr mit ihm?

Ea war zehn Uhr Abends, als dieser Brief ankam. Ich hatte drei Stunden mit ihm allein gesessen ...

Drei Stunden ...

Ich hatte ihn traurig gefunden; denn er nahm Abschied von einem Freunde, Namens Siegbert Wildungen, der nach einem Dorfe Schonau reist .

Schonau? In der That! rief Sylvester mit grosser Befriedigung ...

Er nahm Abschied von einem anderen Freunde, Namens Dankmar Wildungen, der einen wichtigen Process in erster Instanz verloren hat und nach Angerode in Thuringen reist, um sich neue Hulfsmittel zu einem grossen Unternehmen zu holen und eine kranke Mutter zu sehen ...

Murray! Du bist ein Freudenbote!

Er nahm Abschied von einem Geistlichen, Namens Rudhard, der in diesen Tagen die Residenz mit der ganzen Wasamskoi'schen Familie, die Furstin ausgenommen, verlassen will!

Rafflard stand auf. Dieses naturliche Losen der Kette, die sich um Egon geschlungen hatte, erwartete er nicht ...

Ich fand Louis Armand, fuhr Murray fort, gestort, unglucklich, in Thranen. Ich wollte ihn zerstreuen, trosten. Ich bin unglucklich mit meinen Trostungen. Als es zehn Uhr schlug, kam dieser Brief ...

Er wird gehen?

Er ist schon fort. Morgen, wenn ich eine Todte begraben habe, folg' ich ihm mit Franziska Heunisch ...

Ihr mit dem Madchen?

Warum nicht?

Euch vertraut er sein Theuerstes?

Mir nicht, warum nicht mir?

Murray! Ha! Ha! Murray, wodurch habt Ihr ihn so bezaubert?

Durch die Wahrheit!

Welche Wahrheit?

Die Wahrheit meines Lebens, mit der ich in drei Stunden ihn zu zerstreuen suchte.

Ha! ha! Und da glaubt er Euch? Das ist lustig, Murray! Ha! ha! Aber Ihr wollt das Madchen nun in den Wald fuhren zu Louis Armand? Alterchen, wie war' es doch, wenn man lieber einen Ort ausfindig machte, wo der allerliebste kleine Engel nur Euch und zuweilen mich sahe! Wenn man mit dem Nutzen im Allgemeinen hier noch einen Vortheil fur sich im Besondern verbande. Murray, wenn man das schone Madchen irgendwo versteckte, knebelte ... Ihr wisst zu bezaubern. Wodurch habt Ihr diesen Armand gewonnen?

Noch mehr! Durch die Wahrheit uber Euch, Rafflard, habe ich ihn ganz gewonnen!

Rafflard richtete sich auf, wie vom Donner geruhrt. Das war ein Wort, das ihm die lusternen Lippen erstarren machte.

Durch die Wahrheit, die ich Euch verschwiegen habe, Elender!

Murray!

Rafflard!

Seid Ihr toll? rief Rafflard, dem es war wie ein plotzlicher Uberfall.

Barberini! Sylvester! Jesuit!

Wahnsinniger! stohnte Rafflard und sprang an die Thur.

Murray ihm zuvor. Beide rangen um den Ausgang ...

Durch die Wahrheit, donnerte Murray und packte den langen Feigling fest im Genick, durch sie hab' ich einen Edlen gewonnen, der schauderte, als er erfuhr, dass ich zu Eurem verbrecherischen Antrage nur schwieg, weil ich ihn horen, ganz horen, Euch ganz entlarven und Die, die er betraf, warnen wollte.

Lugner! krachzte Rafflard und wollte die Thur gewinnen.

Ich log mich als Sunder, sagte Murray ihn zuruckschleudernd, als elenden Helfershelfer Eurer tuckischen Plane, weil ich das erste mal, dass ich den Namen Franziska Heunisch horte, zitterte, denn ich habe Ursache, Menschen, die mit dem Geheimnisse meines Lebens zusammenhangen, zu schonen, zu schutzen, wie ein Engel zu bewahren. Du Teufel, glaubst, dass ich der Holle entstammt bin wie du! Was Heinrich Sandrart! Was die gemiethete Wohnung! Nichts von Allem ist wahr, als dass dein Nebenbuhler dir von selber weicht! Aber auch das Opfer, das du ihm nicht gonntest, ist die entrissen. Ich werde Franziska schutzen. Diese Tucke ist dir mislungen, Elender!

Rafflard war auf seinen Stuhl zuruckgesunken, todtenbleich. Murray hatte sein Terzerol gezogen. Rafflard verzog keine Miene. Seine Geistesgegenwart war erschuttert, aber sie verliess ihn nicht ganz. Aus den letzten Worten Murray's entnahm er, dass er bei ihm nur ein Attentat auf die Tugend eines jungen reizenden Madchens voraussetzte. Er ergriff rasch den Gedanken, sich durch Humor zu helfen. Frech zog er eine Borse hervor und sagte, sie in die Luft werfend, lachend:

Murray, Das war dir bestimmt! Nimm! Ich erkenne, du gehorst zu Denen, die sich huten, ruckfallig zu werden. Es ist nie gut. Ihr habt Recht! Ja, ja, Alter! Ich habe den Fehler, verliebt zu sein in Madchen mit wachsernen Augenlidern und schwarzen, langen Wimpern. Es ist eine Narrheit, der zu Liebe ich sogar Komodie spiele und den Sprachmeister mache, franzosischen und italienischen Unterricht gebe! Ha! ha! Alter, nimm! Wir wollen uns versohnen ... im Geiste der Liebe!

Murray stiess die Borse zuruck. Sein Scharfsinn sagte ihm jetzt, dass er sich in der Voraussetzung eines Attentats auf die Unschuld Franziska's mochte geirrt und die Ursache der Rafflard'schen Antrage vielleicht noch eine ganz andere ware. Er wollte forschen und massigte sich ...

Dankt Gott, sagte er, dem Gott, dessen Namen Ihr in meinem Kerker und dem des Madchens, das ich morgen begrabe, unnutzlich fuhrtet ...

Das schone Madchen, mit dem Ihr auf dem Fortunaballe ergriffen wurdet ... lenkte Rafflard ein, erleichtert, dass er auf einen andern Gegenstand kommen durfte ...

Ist todt ... sagte Murray, der bei diesem Gedanken alle Vortheile seines Sieges uber den Elenden aufgab.

Wie kam Das, Alterchen?

Wohl so, wie es manchem Madchen von wachsernen Augenlidern und langen Wimpern gegangen ware, wenn Ihr eine schonere Nase hattet und ein menschlicheres Kinn!

Ich wunschte, Murray, versuchte Rafflard zu scherzen, Ihr nahmet lieber das Geld und liesset etwas mehr von meiner Schonheit gelten. Ihr macht Euch bitter bezahlt ...

Bessert Euch und belugt die Welt nicht mehr! sagte Murray, legte die fruher empfangenen Dukaten auf den Tisch und wandte sich zum Gehen, da er in dem Nebenzimmer Gerausch, Thurenschlagen, rasches Laufen horte.

Rafflard, aufathmend, begleitete ihn mit aller Freundlichkeit, schlug ihn auf die Schulter zur Versohnung und liess ihn aus dem gelben Zimmer mit den Worten:

Alterchen, wir bleiben doch Freunde! Die Philosophie verbindet uns. Auf Wiedersehen, wenn Ihr aus Hohenberg zuruckkommt. Ihr seid in das kleine Ding verliebt und eifersuchtig auf mich! Verstellt Euch nicht! Fuhrt sie in den Wald! Lebt glucklicher mit ihr als mit den Damen, unter deren Ruf Ihr leidet und die Euch sterben, wenn sie Euch Geld gekostet haben. Auf Wiedersehen, Murray! Lebt wohl, alter Freund!

Der lange, zudringliche Mann entliess Murray scheinbar wie seinen besten Freund.

Murray ging und seufzte uber die verwilderte Phantasie eines Schurken, der nicht im Stande war, irgend noch ein Verhaltniss rein und sittlich aufzufassen.

Das Entzucken, in dem Rafflard uber die freie Bahn, die sich nun zwischen ihm, Egon und Helene d'Azimont eroffnete, sollte aber nicht lange wahren. Er sollte bald kennen lernen, dass Egon einer jener Menschen war, die uber jede Berechnung hinauswachsen. Kein Massstab passt auf Individuen so flugschneller Entwickelung.

Wie der Jesuit die Bedienten nach der Grafin fragte, wie man ihm sagte, sie ware zwar soeben von ihrer Spazierfahrt zuruckgekommen, hatte aber vom Fursten Egon einen Brief erhalten und sich eingeschlossen, wusste er, ohnehin noch erschuttert, nicht, was er thun sollte. Seit zwei Tagen hatte er sie nicht gesprochen. Alle seine Plane gingen so gunstig vorwarts. Er hatte der alten Grafin nach Paris die besten Versicherungen schreiben konnen, dass er sich ihrem Auftrage, eine Scheidung zwischen ihrem Sohne und Helenen zu befordern, mit dem gunstigsten Erfolge unterzoge. Helene hatte er seit vorgestern fruh nicht gesehen. Er hoffte, sie mit der Aussicht, dass der Bund, der sich um Egon gebildet hatte, zersprengt, zerstreut, entfernt war, auf's angenehmste zu uberraschen, und nun horte er, dass sie weine, krank ware, ihn abweise und sich schon wieder eingeschlossen hatte!

Eine langere Ungewissheit ertrug er nicht. Er naherte sich der verschlossenen Thur und lauschte. Es war ihm, als horte er weinen.

Um des Himmels Willen, dachte er, was hat die Grafin vor! Was ist geschehen?

Er offnete leise das Metallplattchen uber dem Schlusselloch. Die Bedienten, denen der Zustand ihrer sonst so gutmuthigen und freundlichen Herrin Besorgnisse einflosste, unterstutzten ihn in seinem Beginnen.

Er konnte Helenen nicht sehen. Der Schlussel, der von innen steckte, verhinderte es.

Aber deutlich horte er, dass sie weinte und mit den Zahnen klapperte wie eine Fieberkranke.

Jetzt hielt er sich nicht langer. Er klopfte.

Helene antwortete nicht.

Er klopfte starker und rief durch das Schlusselloch:

Beste, theuerste Freundin, was beginnen Sie! Lassen Sie mich hinein, Ihr warmster, aufrichtigster Freund muss Sie sprechen! Es sind Wunderdinge geschehen. Offnen Sie, Grafin!

In der That horte er die Grafin gehen. Sie erhob sich. Er horte ihr Kleid rauschen. Sie schloss auf.

Wie er eintrat, sah er eine Jammergestalt. Die Wangen der schonen Frau waren wie grau. Die Augen erloschen. Die Hande schlaff herabhangend. Er fasste die Rechte, sie zu kussen. Sie war eiskalt.

Aber, was ist Das? rief er. Grafin! Ich komme, um Ihnen zu sagen, dass von morgen, vielleicht schon von heute an der Furst von allen seinen Umgebungen ganzlich verlassen ist. Er wird Minister. Das ist wahr. Aber die Stunden der Musse, der Erholung, deren er nur zu sehr bedarf, werden unverkurzt Ihnen gehoren. Wieweit sind Sie?

Statt aller Antwort gab Helene dem Sprecher einen Brief.

Es war dieselbe Handschrift wie die, die er eben an Louis gerichtet gesehen hatte. Egon schrieb an die Grafin eine Entscheidung ihres Schicksals.

Vierzehntes Capitel

Zum Lebewohl

Der schmerzliche Accord, der durch unsre ernster tonende Erzahlung fahrt, lautete:

"O es ist wol eine der herbsten Entbehrungen, Helene, die sich der Mensch auferlegen kann, wenn er sich dem Arme der Liebe entwindet. Ich habe lange gerungen, mich von den grauen und dustren Vorstellungen, die mein Gemuth umschatteten, zu befreien. Ich kann nicht anders; ich bin den finstern Machten der Uberlegung verfallen und was ich auch beginne, mich wiederaufzuschwingen zu einem grossen, vorurtheilslosen, freien Blicke uber das Leben hin, ich kann es nicht. Ich erfulle mein Schicksal.

Was mich zu dir fuhrte, geliebte Helene, hab' ich oft dankend gestammelt. Es war nicht deine Schonheit allein, nicht die Gute deines Herzens, die sorgsame Liebe und Sorgfalt, ja leidenschaftliche Vergotterung Dessen, was du einmal in das Heiligthum deines Herzens eingeschlossen hattest, es war ebensoviel von meinem eignen innern Drange, gerade Das, was ich in dir fand, gerade Das zu besitzen. Ich Armster hatte der Liebe so wenig gefunden im Leben! Liebe ist das behagliche Gluck der reinsten Menschlichkeit. Liebe ist das stille Ausruhen an einem Platze, wo es allen Sinnen, den innern und aussern, wohlergeht. So glucklich war ich zwei mal! In Lyon und in Enghien!

In Paris verlor ich Louison. Ich verlor diese Liebe an Paris selbst. Es gehort zur Liebe ein schlummernder Mensch, der wenig bedarf, wenig begehrt, viel traumen kann. Ein solcher war ich nicht mehr, als ich die grosse Weltstadt sah, das Gewuhl der Menschen, die von Interessen und Meinungen durcheinander gejagt werden. Louison's liebliche Gestalt reichte bis zu den Phantasieen nicht mehr hinauf, die mich in der grossen Weltstadt zu umgaukeln anfingen. Und doch wollt' ich entsagen, wollte nicht sein und scheinen was ich war, wollte mich verbergen, lernen, mich bilden. Ich mochte den Begriffen, denen ich in Lyon Treue geschworen hatte, nicht entsagen. Da fand ich Alles, was ich vermisste, in deiner Liebe! Du hast mich geliebt, Helene, wie die Mutter, die sich vom Gatten abwenden muss, ihr Kind anbetet und in reinen Flammen ihre ganze Seele zu lautern glaubt! Du fingst an, dich selbst zu lieben, dir selber zu gefallen, als du deine ganze Kraft der Aufopferung mir dahingabst! Aber auch damals, theures Wesen, warst du mir nur der Widerschein eines innern Bildes, die Befriedigung eines von mir selbst gefuhlten Bedurfnisses, ein Gedanke, eine Stufe der Entwickelung, ein Standpunkt zur Anschauung des Lebens. Ach, dass es so ist! Aber wer kann es leugnen? Ich war glucklich, bei dir von einem Irrthume, einer Grille auszuruhen. Du nahmst mich ohne Anspruche. Du wolltest nicht, dass ich glanzte, meinen Ruf wiederherstellte. Du liebtest nur mich, die Person, mein Lachen, mein Weinen, mein Hoffen, mein Klagen, den Menschen, den schwachen, traumenden, bequemen Menschen, der mit der Welt grollte, mit den Seinigen gebrochen hatte und uber eine Zukunft philosophirte, die er sich nach den Stimmungen des Augenblicks wechselnd und immer anders ausmalte. Die Flamme brannte und nahm den Docht, wo sie ihn fand. Das Zufalligste machte uns glucklich und Unterhaltung fanden wir in uns selbst.

Eine schmerzliche Reue trennte uns. Du weisst, Helene, wie ich mich plotzlich aufgeschreckt fuhlte. Ich konnte so, wie sonst, nicht zuruckkehren zu dir! Ich hatte Louis Armand wiedergesehen und fand in ihm noch alle die Keime der Gedanken wieder, die ich in mir selbst erstickt hatte. Ich gab dich nicht auf, Helene! Das weisst du wohl. Ich floh nicht vor dir, sondern vor mir selbst. Ich floh vor dem Bilde der Tragheit, der zwecklosen Traumerei, das mir von mir selber vorschwebte. Ich floh vor den Jahren, um die ich den Schopfer betrogen zu haben glaubte. Unschlussig uber mich selbst kam ich hier an. Louis dachte fur mich, handelte fur mich. Ich folgte seinen weiseren Anordnungen. Die Reise nach Hohenberg, die Krankheit ist dir bekannt, auch unser Wiedersehen, Helene! Frage den Gott der Liebe, ob es falsche Schwure waren, die ich in der Seligkeit dieses Wiedersehens gelobte ... sie waren nicht untreu gemeint. Aber ich fuhle es, die Art, in der ich allein noch, was ich damals verhiess, ausfuhren kann, wird dir nimmer genugen.

Ich habe angefangen, Alles, was ich seit Genf, seit den deutschen Universitaten, seit Lyon und Paris uber die Gesellschaft und das Staatsleben gedacht habe, jetzt in ein System zu bringen. Ich muss den Anfang eines mannlichen Berufes machen. Ich bedarf jetzt einer unendlichen Freundschaft, kann aber nur sie, nicht die Liebe, erwidern. Ich fuhle mich zur Liebe, zur Hingabe ebenso zerstreut, matt, ohnmachtig, wie gluhend ich die uneigennutzige, blindeste, treueste Freundschaft bedarf. Es ist mir jetzt, als wenn Manner, die etwas Grosses wollen, nicht in der Weise, wie es die Dichter besingen, lieben konnen. Werf' ich dir vor, dass du es verschmahst, von meinen Almosen zu leben, von den Blicken zu zehren, die ich in Sturmeseile einen Augenblick innehaltend dir fluchtig zuwerfe? Warst du selber ehrgeizig, du begnugtest dich mit ihnen. Aber du bist es nicht. Du willst nur Liebe, das Gluck des stillen, ungestorten Besitzes. Du bist eine Lebensdichterin! Ich bin, wenn ich in allen meinen Hoffnungen und Entwurfen einst scheitern werde, hochstens so glucklich, der Gegenstand eines Dichters zu werden, der mich mit einem Gebet fur meine Seele, mit einer Entschuldigung fur die Welt, in seiner Darstellung einschaufelt.

Du hast dies Leiden gefuhlt, Helene, und mir gestern, als ich so grausam, so kalt war, wieder von dem Worte gesprochen, das du schon einmal fallen liessest, du wolltest mein Weib werden! Helene, dass ein Wort, worin fur ein Weib ihre ganze Kraft, ihre ganze Allmacht liegt, hier wie ein Almosen klang, das nicht einmal du gabst, sondern du nahmst! Mein Weib! Helene, du mein Weib! Dass ich verneinend so auffuhr, dass ich so wild sturmte, was war es denn, als dass ich dich fur zu hochhalte, um mit dem Bettelpfennig der Ehe die Schuld abzutragen, die du an meiner Liebe zu fordern hast! Soll die Berechtigung der Ehe harren und warten, bis ich geneigt sein kann, gedrungen mich fuhle, die starre Form zu beleben und zu beweisen, dass die Ehe nicht das abfallende Saamenkorn der Blute, sondern die Blute in ihrer vollsten Schone und reichsten Entfaltung sein soll? In dem Augenblick, Helene, als du von der Ehe sprachst, da sah ich dich mit einem Blatt Papier und einer Feder in der Hand. Schreibe, dass du mich lieben willst oder kraft dieses Blattes mach' ich dir das Leben zur Holle! So klang es mir in's Ohr. Musst' ich nicht fliehen?

Ich bin nun Minister eines grossen Staates. Ein Beruf von unsterblicher Bedeutung! Ich habe volle Gelegenheit, mich zu tummeln und werde wenig Abende von Tagen red' ich nicht wenig Nachte ganz mein nennen konnen. Traumen, Helene, wird von dir der erschopfte Geist. Im Traume von dir werd' ich Erquickung finden. Diese Furcht vor Dem, was mich binden, mich von meinen Geisteszielen entfernen konnte, geht so weit, dass ich auch von Louis Armand fur diesen Winter Abschied genommen habe. Er geht nach meinem vaterlichen Schlosse Hohenberg.

Auch die jungen Wildungen, die Beide die Residenz verlassen, lass' ich gern ziehen. Alle Drei sind mir theuer geworden, aber ihre Idealitat und traumerische Unbestimmtheit druckt mich. Sie stellen mir Zumuthungen auf den Grund von Voraussetzungen, in denen sie sich irren. Ich habe die Blouse getragen, habe den Hobel gefuhrt, es war keine Grille. Aber, wer sagt denn, dass ich darum die Ordnung der Welt auskehren will? Ich habe mir das Leben selber gestalten wollen: ich mochte vom Schicksal keine Gunst, die ich mir nicht erworben. Allein Das, was mir personlich zu Nutzen kommt, wird doch nie eine Verbindlichkeit fur Andre werden sollen? Ich bin froh, auch von dieser Seite frei zu sein und von einem der fatalsten Ubel nicht gepeinigt zu werden, der Behinderung durch freundschaftsberechtigte Rathgeber, vor Denen man Alles vorher erortern und nachher rechtfertigen soll. Fuhl' aus diesen Worten nichts Kaltes, nichts Liebloses heraus! Die Menschheit kann halbe Personlichkeiten nicht mehr brauchen. Man muss sich ganz einsetzen und fur seine Wahrheiten oder Irrthumer allein aufkommen, sagte auch die Welt: dieser Mensch ist ein Damon.

Ich schreibe dir diese Worte nach einer schlaflosen Nacht in fruhester Morgenstunde. Es ist ein Abschied, Helene! Ich kann, ich darf dich vor einem langen Zeitraume nicht wiedersehen. Kehre nach Paris zuruck! Such' einen stillen Ort an einem italianischen See! Bete fur mich! Knie an einem Kreuz im Thale und bitte Gott, den Wanderer da oben auf hohem Felsenriff zu behuten!

Ich kann dich in meinem jetzigen Leben vergib mir den kalten Ausdruck nicht unterbringen. Versprich mir, ruhig zu scheiden. Versprich mir, wie Einem, der zum Tode geht, ihn durch deine Liebe nicht mehr zu erweichen und zu verhindern, dass er gefasst und seinen Henkern zum Trotze ohne Thranen sterben kann! Ich bitte dich darum, Helene! Es kommt eine Zeit, ich ahn' es, wo ich wieder Liebe bedarf. Dann werd' ich am Wege liegen, verwundet, verschmachtet und hort' ich dann den Ton deiner Stimme, sah' ich dann den Saum deines Kleides, wie wollt' ich die Samariterin segnen! Jetzt lass mich ziehen! Dank fur deine Liebe, Helene! Lebe wohl! Lebe glucklicher, als du durch mich geworden warst. Bekampfe deinen Schmerz durch deinen Stolz! Gehore dem Leben, das du so hold verschonern kannst! Verlass diese Stadt! Es kommt eine ernste Zeit! Was du auch von mir horst, verzweifle nicht ganz an mir! Lebe wohl! Nicht auf ewig! Aber fur jetzt Lebe wohl!"

Als Rafflard sah, dass die Grafin entschlossen war, diesem seltsamen Briefe Gehor zu geben, als er sah, dass sie ausgerungen, ihre Rechnung nach tausend Thranen abgeschlossen hatte, wagte er nichts mehr von den alten Planen vorzubringen. Er sah seine Hoffnungen vernichtet!

Sie werden reisen? fragte er tonlos.

Morgen in der Fruhe ...

Wohin, meine Gnadigste?

Ich weiss es nicht. Schreiben Sie nach Paris. Ich werde von mir horen lassen, wenn ich weiss, wo ich bleiben soll.

Aber allein wollen Sie ?

Allein! sagte Helene. Ich werde versuchen, mich zu retten!

Indem trat der Diener ein und meldete ein junges Madchen, das draussen stunde und sich nicht genannt hatte, aber die gnadige Frau zu sprechen wunsche.

Jetzt nicht! Jetzt nicht! sagte Rafflard vorlaut. Und dann sich zur Grafin wendend:

Das Ministerium ist nicht vollstandig. Man sagt jeden Augenblick, der ganze Plan konnte scheitern ...

An solche Trummer kann ich mich nicht mehr klammern, antwortete Helene gefasster und sich zum Bedienten wendend sprach sie:

Was will das junge Madchen? Wer ist sie?

Und in selbem Augenblick ergriff sie der Gedanke an Melanie Schlurck. Von ihr wusste sie, dass Egon sie bei Paulinen sah. Melanie hatte sich in Egon's Phantasie eingeschmeichelt. Er hatte sogar gewagt, von diesem schonen Madchen in ihrer Gegenwart zu scherzen. Sie war zu stolz gewesen, der Eifersucht Raum zu geben. Sie hatte nur Paulinen vermieden, die ihr zweideutig vorkam. Pauline, die tragt Egon jene Freundschaft an, hatte sie sich gesagt, die er bedarf! Das ist nichts als Bewunderung, nichts als Sklaverei, nichts als Stolz, ihn nur zu haben, zu besitzen, zu benutzen, um sich zu heben! Oft grubelte sie, was Egon nur an Paulinen bande! Einmal hatte Egon gesagt: Ein Geheimniss! Welches? hatte sie gefragt. Ach, Helene! war Egon's Antwort. Das elendeste und jammervollste! Da mochte sie nicht langer forschen, aber ihre Eifersucht auf Melanie wuchs. Jeden Abend, horte sie von Heinrichson, der nicht mehr zur Geheimrathin ging, dass Melanie noch bis elf, zwolf Uhr bei der Geheimrathin, die keine grossen Gesellschaften mehr gab, mit Egon zusammentraf. Und nun dachte sie: Die da jetzt zu mir kommt, ist Melanie! Auch sie ist geopfert, auch sie ist elend! Sie kommt, um ihre Thranen mit den meinen zu mischen!

In dem Augenblick trat aber ein kleines, verschleiertes Madchen, das dem Diener gefolgt war, ohne Zogern herein und sturzte auf die Grafin zu, sie zu umarmen.

Wer sind Sie? fragte diese erschreckend und trat ablehnend zuruck.

Es war nicht Melanie; aber es war ein Madchen, das weinte.

Warum weinen Sie? Kann ich Ihnen helfen?

Das junge elegant gekleidete Kind, in schwarzer Seide, weissem Hute und feinem turkischen Shawl schlug den Schleier zuruck.

Die Grafin kannte sie nicht. Auch Rafflard nicht.

Wer sind Sie, mein Kind? Sie sind unglucklich! Was haben Sie?

Rafflard winkte dem Diener zu gehen. Das junge, schone, blasse Madchen mit seelenvollen Augen, vergeistigtem hoheitsvollen Blicke sammelte sich und sprach:

Ich heisse Olga!

Sie kusste die Hande der Grafin ...

Olga? sagte Helene erstaunt. Olga? Sie sind ...

Das Madchen hielt die Grafin umschlungen und antwortete nicht.

Sie sind Olga Wasamskoi, Adelen's Kind

Ma chere tante! sagte Olga schluchzend und liebkoste sie.

Der Augenblick brach Helenen's ganzes Herz. Sie weinte mit dem Kinde.

Engel! Himmlisches Kind, rief Helene, was fuhrt dich zu mir, zu deiner Tante, die du lieben willst? Was ist dir?

Olga schwieg ...

Du suchst Hulfe? Olga! Liebst du mich? Liebst du deine Tante?

Olga sah bittend und zutraulich in die Augen Helenen's.

Man verfolgt dich? Die eigne Mutter ha, ich verstehe ich weiss es Siegbert Wildungen ...

Olga verhullte ihr Angesicht an Helenen's Herzen. Der Hut entglitt ihr. Rafflard hob ihn auf. Helene war so geruhrt, dass sie mehr uber die Thranen des Kindes, als uber sich selbst weinte.

Rafflard, erschreckend uber diese Annaherung und diese neue Gefahr fur das Vermogen des Grafen und die Besorgnisse seiner Mutter, ergriff das Wort und sagte heuchlerisch:

Rudhard, Ihr Erzieher, mein Fraulein, hat die Absicht, eine Reise mit Ihnen zu machen?

Als Olga diese Frage mit stummer Gebehrde bejahte, sagte Helene mit uberquellendem Gefuhl und in ihrem eignen Schmerz die Grosse des fremden Leids ermessend:

Arme, liebevolle Olga! Ich weiss Alles, Alles! Olga, du liebst Siegbert Wildungen die eigene Mutter gonnt dir das Gluck deines jungen Herzens nicht du sollst fort mit den Geschwistern fort Rudhard soll Euch entfuhren, damit der Mutter allein das Gluck deines Lebens bleibt ...

Olga bejahte Alles und schluchzte.

Ha! rief Helene begeistert. Du bleibst zuruck, ich schutze dich, du bleibst!

Helene sprach diese Erklarung mit der ganzen Entschiedenheit, deren ihr Herz in leidenschaftlichen Aufwallungen fahig war.

Nicht bleiben, Tante! sagte Olga. Ich darf nicht! Fort! Fort! Er ist da

Wer ist da?

Wer, wer, mein Kind? sagte Rafflard, schmeichelnd, zudringlich, angstlich, als Olga schwieg.

Otto von Dystra! sagte Olga tonlos.

Wahrend Rafflard hin und her combinirte und im Geiste sich schon vergegenwartigte, dass der alte Plan, einst das Vermogen des Grafen d'Azimont an die Kinder der Familie Wasamskoi zu bringen, jetzt durch eine merkwurdige Wendung des Geschickes und die entstehende Liebe Helenen's zu diesem Kinde in vollster Entwickelung war und alle seine Hoffnungen fur die alte Grafin d'Azimont scheiterten, besann sich Helene und sagte rasch:

Otto von Dystra! Was soll er? Aus Amerika! Der Sonderling? Er ist verwachsen der Freund des Fursten ein Asop ein Narr was soll's?

Olga hauchte die Erklarung hin, dass die Mutter verlange, sie musse sich mit Otto von Dystra verloben.

Helene starrte.

Gestern Abend fuhr er vor, sagte Olga. Heute sollten wir entweder mit Rudhard reisen oder ich soll mich erklaren, dass ich mich mit diesem Ungeheuer verbinde ...

Das war genug, um Helene d'Azimont zu elektrisiren. Die heldenmuthige, liebesstarke, verlassene Frau, die in Olga ihr ganzes Ebenbild gefunden hatte, rief:

Und du?

Ich floh zu dir!

Olga! Warum zu mir?

Das Madchen schwieg. Dann sagte sie durch Thranen lachelnd, zuversichtlich, treuherzig:

Weil du lieben kannst!

Wie Olga diese Worte fest und sicher gesprochen hatte, sturzten auf's neue die Thranen aus Helenen's Augen. Sie umarmte sturmisch das junge Madchen, riss ihr den Hut fort, den sie in der Hand hatte, nahm ihr den Shawl ab und sprach in ausserster Exaltation:

Noch heute reisen wir! Du bist mein, mein Kind, meine Olga! Wir Beide sind verbunden durch den Schmerz der Liebe! Gehen Sie, Rafflard, besorgen Sie unsre Passe. Schicken Sie sie uns nach. Wir reisen so, wie wir hier sind! Fort! Fort! Fort! In die Welt! Wir mussen uns retten, Madchen, vor diesem Elend des Lebens, vor dem Frost des Winters, der sich auch an die Herzen ansetzt! Auch Siegbert hatte den Muth nicht, dich sein zu nennen! Entblattert sich dir schon so fruh der schone Glaube an diese Mannerseelen? Ha! Du bist von meinem Blute, Madchen! Dein Herz schlagt wie meines! Fort! Fort! Wir bedurfen andre, sudliche Luft! Nach Italien! In diesem Norden erfrieren wir.

Damit drangte sie Rafflard, der vernichtet dastand, hinaus.

Rafflard stand noch unschlussig und wollte verdriesslich werden.

Aber Grafin! Was beginnen Sie? Welche neue Verirrung?

Rafflard! rief Helene. Kein Wort der Entgegnung! Ich hasse Egon! Ich bleibe meinem Gatten treu! Desire d'Azimont ist ein Engel! Olga ist meine Seele! Olga jetzt mein Leben! Olga, in dir find' ich mein Gluck, meinen Reichthum, meine Zukunft, mein Alles! Ein Kind, ein Kind gewonnen durch den Schmerz des gleichen Schickals. Olga! Lass uns die Welt sehen und unser Leid verbergen! Ich, ohne Hoffnung fur das ganze Leben, Du fur Siegbert Wildungen aufbluhend in meiner Pflege, wenn er dich verdient! Ich, deine Mutter! Dein Schutz gegen Rudhard, gegen Dystra und wenn Sie wagen, Rafflard, wenn Sie wagen, Adelen zu sagen, wohin ihr Kind sich fluchtete ...

Grafin! Was denken Sie?

Postpferde! rief Helene und Rafflard war hinaus.

Er uberlegte, was zu thun. Sollte er vor's Thor eilen und die Furstin von der Gefahr, ihr Kind zu verlieren, unterrichten?

Wahrend er so auf der Treppe stand, kam Heinrichson ...

Sie kommen gerade recht, sagte er diesem.

Wozu?

Die Grafin will nach Italien und noch heute.

Heinrichson stand wie vom Blitz getroffen.

Das ist eine Trennung! sagte Rafflard bitter.

Nein, antwortete Heinrichson lachelnd, ein Wiedersehen. Ich selbst wollte der Grafin sagen, dass ich in einigen Tagen nach Rom zu reisen gedenke ... Sie weiss es ... ich sprach immer davon ...

Rafflard stand voll Erstaunens. Er uberblickte, dass Heinrichson die Grafin liebte. Anzunehmen, dass die Grafin schon von ihm fur die Idee einer italianischen Begegnung gewonnen war, hatte er keinen, auch nicht den mindesten Grund. Aber dennoch erstarrt, ergriff er die Gelegenheit, die ihm von der Grafin gegebenen Auftrage abzuschutteln.

Leisten Sie ihr fur diese schnelle und ubereilte Abreise hulfreiche Hand! sagte er zornig. Ich fur meinen Theil bin zu beschaftigt, um ihren Auftragen nach Wunsch zu genugen.

Heinrichson in gluckseligster Geschaftigkeit ging zur Grafin, Rafflard hustete noch lange die Strasse entlang.

Unten uberfiel ihn die verdriesslichste Stimmung, wie nun all' seine klugberechneten Plane umsonst gewesen und die Menschen mit ihren Leidenschaften weit uber alle Schlingen und Netze des Verstandes hinauswachsen.

Diese Familienbeziehungen erschienen ihm gering, armselig. Er spitzte im Geist schon die Feder, um auf den Quai d'Orsay in Paris einen epigrammatischen Brief zu schreiben, dessen Thema so lauten sollte:

In der Komodie der Liebenden darf man nur mit seinem Herzen, nicht mit seinem Verstande mitspielen.

Verdriesslich uber Das, was er sich Alles seither an grosserer Geltendmachung seiner Mission hatte entgehen lassen, wie er Zeit, Muhe, List, eigene kleine Unterhaltungen den Interessen einer vornehmen Familiencoterie geopfert hatte, uberfiel ihn sein alter rheumatischer Husten so heftig, dass er an der nachsten Strassenecke stillstand, in einen Fiaker stieg und mit den dem Kutscher zugerufenen Worten davonfuhr:

An's Komodienhaus bei der katholischen Kirche! Zum General Voland von der Hahnenfeder!

... Noch in der Nacht gegen ein Uhr rollte ein Wagen mit Helene d'Azimont, Olga Wasamskoi, einem Madchen und einem Diener zum Thore hinaus. Es war das, das nach dem Suden fuhrte.

Ende des sechsten Buches.

Siebentes Buch

Erstes Capitel

Die ersten Winterschauer

Der Vorwinter war da. An die Fenster desselben Eckzimmers im Schlosse Hohenberg, wo die uns bekannten Sommergaste ihre frohlichen Abendgesellschaften gehalten hatten, schlug jetzt der Regen eines murrischen, nasskalten Herbstes. Der Sturmwind ruttelte die schlechtverwahrten Jalousieen und machte sich pfeifend auch durch die Ritzen der Fenster Bahn, auf deren innerem Simse sogar sich die hellen Regentropfen sammelten. Der Blick in den Garten fand die Baume entlaubt, die Wege unsauber, regenglatt. Hier und da krachte ein Zweig, der dem plotzlichen Stosse des Nordwest nicht widerstehen konnte. Der Blick, selbst am Tage, ging nur bis zum Dorfe Plessen hinunter, das mit seinem Kirchthurme wie im magischen Nebel schwamm. Von Wald, Berg und Flur waren selbst dem scharfsten Auge nur einige matte, graugrune Umrisse ersichtlich.

Dennoch war es in dem hohen Eckzimmer, wo in der Mitte noch das Piano stand, auf dem Melanie damals die Tanzanklange gespielt hatte, nicht ganz ungemuthlich. Ein alterthumlich geformter Ofen von Gusseisen, in Form einer Pyramide, verbreitete die Behaglichkeit der ersten winterlichen Zimmerwarme. Der alte Winkler trug das Holz herein, Brigitte warf es von der Mitte des Ofens hinunter gerade durch die mit einer Jahreszahl versehene eiserne Denktafel der Pyramide, die nur die Thur des Ofens war. Der Alte schleppte schon den zweiten Korb herein und packte ihn sorgsam in der Nahe des Ofens unter das Kanape. Waren doch er und die alte Brigitte jetzt die einzigen Diener des Hauses, die einzigen Wachter des Schlosses, alt und mude, wie konnten sie zu oft diese Treppen steigen, zu oft durch diese Zimmer die schweren Trachten Holz schleppen! Da musste eine Tracht fur zwei Tage ausreichen. Freilich mochten sie gern in der Nahe ihrer Gaste sein. Sie hatten so gern gehort, wie es denn nun werden sollte in Zukunft mit den hochfurstlichen Besitzungen! Ob sich denn keine junge Furstin einstellen und, da doch einmal das Alter geht und das Junge kommt, mit einem lustigen Gefolge hier im nachsten Sommer wohnen wurde? Ob Sr. durchlauchtigsten Gnaden, von dem der diplomatische Herr von Zeisel nicht zu verbreiten wagte, dass er diesen Sommer im Incognito ihn in den Thurm gesperrt hatte, nicht einmal selbst kommen und das Erbe seiner Vater betrachten wurde? Das zuruckgekehrte Mobiliar der seligen Furstin gab fast Hoffnung dazu. Das hatten Heunisch und Herr von Zeisel im Triumph heimbegleitet und mit einer Art Stolz blickten die Sessel, die Divans, die Gebetpulte, die Tische und Schranke wieder in den Zimmern um sich, die sie zu schmucken hatten. Aber die weiteren Schicksale, die ihnen und dem Schlosse bevorstanden, waren den beiden alten Leuten denn doch fur die kurze Zeit ihres Lebens noch zu sehr verschleiert.

Nun freilich hatte sich das Seltsame ereignet, dass ein alter Mann und ein junger sich durch einen Brief des Fursten als rechtmassige Bewohner des Schlosses auswiesen und von dem Gerichtsdirektor Herrn von Zeisel mit grosser Aufmerksamkeit empfangen wurden. Wer waren diese beiden neuen Ankommlinge? Vornehme Glaubiger gewiss nicht! Sie gingen so einfach, so schlicht, dass Winkler manchmal das Grussen vergass, was wohl auch an den immer schwacher werdenden funf Sinnen der alten Haut lag, die noch immer vergebens auf die Beforderung durch den vornehmen Herrn wartete, der einmal zu ihr so gnadig geaussert hatte: Gut geharkt! Schoner Strich! Kenne Das! Die Brigitte war sogar verstimmt, dass diese Herren, die nur der Alte und der Junge hiessen, auch nicht einen einzigen Dienstboten mitgebracht hatten. Nicht wegen der Arbeit. Denn die Gaste waren sehr anspruchslos, sondern nur wegen der Nachfrage und der Unterhaltung. So lange die alte Brigitte denken konnte, dass hier in den Tagen des Glanzes auf Hohenberg Besuche ein- und ausgingen, hatte es eine reiche Chronik von Geschichten und unterhaltenden Thatsachen gegeben. Diese zwei Menschen aber kamen ganz nuchtern, ganz unbekannt, sprachen nichts, befahlen nichts, baten nur und nahmen mit der einfachsten Kost vorlieb.

Da sass der Eine auf dem Kanape und ersuchte die alte Brigitte sehr hoflich um Licht.

Und Ihr Abendbrot, Herr? fragte sie rasch.

Der Angeredete war schwarz gekleidet und hatte uber dem einen Auge eine Binde von gleicher Farbe.

Hoflich sagte er:

Wie gestern, liebes Mutterchen. Thee trink' ich und etwas Brot, wenn man es haben kann.

Aber die Frau Directorin lasst sich's nicht nehmen, Ihnen vorzusetzen, was Sie wunschen. Befehlen doch die Herrschaften etwas Braten, Schinken! Wir haben ja Alles oder wenn Sie's befehlen, muss es da sein.

Danke fur mich, Mutterchen. Freilich mein junger Freund und Begleiter ...

Murray, denn er war es, sah eben auf den Alten, der das Holz unter das Ende des Kanapes packte, auf dem er sass. Er wollte helfen.

Brigitte litt es nicht und sprach von Schinken, Hammelkeulen und ahnlichen Mysterien ihrer Gnaden der Frau Gerichtsdirektorin von Zeisel ...

Murray, der das Feuer in der Ofenpyramide behaglich knistern horte, brach ihre Mittheilungen ab mit den Worten:

Licht, Mutterchen! Und die Hammelskeule immerhin, wenn mein Reisegefahrte kommt. Es ist dunkel. Ich hoffe, dass er bald da sein wird.

In der That ging es auf sechs Uhr und schon war es stichdunkel. Murray besann sich, wie lange er schon so gesessen und still vor sich hin getraumt hatte. Es war so finster, dass das offene Zugloch der grossen Pyramide leuchten musste. So schritt er, als seine Bedienung gegangen war, auf den Flugel zu, der in der Mitte des grossen Zimmers stand. Er offnete ihn und schlug die Tasten an.

Wir kennen diese Tasten. Es war ein altes, dunnes Instrument, das mehr wie eine Cither klang. Ohnehin war es verstimmt und was fehlte nicht an Saiten! Dennoch hatte sich Murray seit den drei Tagen, dass sie hier auf Hohenberg eingekehrt waren, schon oft an den nothdurftigen Tonen erfreut. Und da ein langerer Aufenthalt vorauszusehen war, hatte Murray sogar eine Stimmschraube sich in der Dorfschmiede wollen, wenn auch roh nur und plump, anfertigen lassen, um damit die Wirbel der Saiten fassen und sie besser anziehen zu konnen. Als man ihm freilich den Namen des Schmieds Zeck nannte, hatte er den Plan wieder aufgegeben. Der Name der Zeck's schien ihn zu sehr zu befremden. Er spielte nun auch so auf dem verstimmten Instrumente; auch so schien ihn zu erfreuen, Reminiscenzen an eine alte Kunstfertigkeit herauf zu beschworen, die freilich aus den steifgewordenen Fingern etwas verschwunden schien.

Brigitte brachte langsam und vorsichtig eine grosse Astrallampe mit einem Gazeschirm, die sie schon gestern ihren Gasten angekundigt hatte, als sie ihnen Lichter gab. Es war die Zimmerlampe der seligen Furstin, lange nicht gebraucht und so altmodisch, dass ...

Sie ausgehen wird! bemerkte Murray.

Versuchen Sie's einmal damit, meinte die Alte. Wenn sie nicht brennen sollte, so liegt's am Docht ...

In dem die Motten sitzen werden? Seht, seht, da geht sie schon aus! sagte Murray geduldig lachelnd.

In der That erlosch die Lampe mit unfreundlichem Duft. Murray wunschte die Leuchter von gestern. Brigitte schuttelte den Kopf, trat an die Thur, die nicht ganz geschlossen war, und sprach hinaus:

Na ja, Zeck! Die Lampe hier muss er auch in die Kur nehmen ...

Murray horte kaum diese Worte, als er Brigitte festhielt, die Thur zuwarf und fragte:

Wer ist da draussen?

Der alte Zeck und der Junge, sagte Brigitte, die sich auf Alles verstehen, Pferde und Vieh und Ofen und Lampen.

Was sollen Die? sagte Murray in peinlichster Ungeduld und die Thur zuhaltend.

Der junge Herr hat sie ja bestellt wegen dem Klavier!

O, sagt den Leuten nur, dass es keine Noth damit hatte! Lasst sie nicht kommen! Nein! nein! Schickt die Leute fort! Holt den Leuchter, alles Andre, was ich nicht bestimmt bestelle, lasst gut sein. Hort Ihr, liebe Frau! Geht rasch, ich kann im Dunkeln bleiben.

Murray sprach diese Worte in einer Aufregung, als stunde ihm die unangenehmste, gefahrlichste Begegnung bevor. Er drangte Brigitten von sich, protestirte jetzt lebhafter gegen den Duft der ausgegangenen Lampe und riegelte die Thur zu, als Brigitte brummend hinausging.

Murray uberzeugte sich an schweren, plumpen Schritten, die er draussen horte, dass die Zeck's sich gleichfalls entfernten und schob den Riegel nun wieder zuruck und gab die Thur frei.

Erschopft warf er sich auf das Kanape. Tief holte er Athem, wie nach einer grossen Anstrengung. So sass er nachdenklich, erschuttert, eine Weile. Dann ging er an eins der Fenster, die auf den Garten sehen liessen, und druckte die Stirn an die Scheiben. So bewegt schien er, dass er kaum merkte, wie die Tropfen von aussen an das Glas schlugen und wie der Sturm die Baume und Straucher peitschte. Die Dorfhunde heulten in der Ferne. Es war doch einsam, schauerlich hier oben. Es sah nach den Sternen. Kein einz'ger war in dem dicken Nachtnebel sichtbar. Er suchte so lange, bis er erstaunt war, sich umsehend, die beiden Lichter schon anzutreffen, die ihm Brigitte, ohne dass er es merkte, hereingetragen hatte. Da er ihr den Rucken kehrte und auf ihr Rauspern und Fragen nicht antwortete, war sie wieder gegangen, umsomehr, als sie in das Amtsgebaude hinunter musste, um sich von Frau von Zeisel, gebornen Nutzholz-Dunkerke, die bewussten animalischen Vorrathe auszubitten.

Murray wandte sich jetzt einem Tische zu, den er an einem andern Fenster des grossen Zimmers fur sich hergerichtet hatte. Hier lagen Papiere, Zeichnenmaterialien, feine kleine Instrumente durcheinander. Er setzte sich, nahm einen grunen Schirm, der auf dem Tische lag, noch uber die Binde und setzte sich zur Arbeit, die keine andere war, als dass er auf eine Kupferplatte Buchstaben atzte. Das Licht der beiden Talgkerzen war wol zu schwach fur seine Arbeit. Einige kleine Glaser, die am Fenster standen, verriethen, dass Murray sonst mit allen Hulfsmitteln der Kupferstecherkunst ausgerustet war. Er stellte die Lichter dicht vor die Platte, uber die er sich mit seiner Atznadel beugte; er wollte arbeiten. Doch musst' er bald aufhoren. Das Licht war zu flackernd, zu duster. Er schuttelte den Kopf und gab sein Werk, an dem er den Tag uber gearbeitet hatte, fur jetzt auf.

Indem horte er kommen. Rasch warf er einen grosseren Papierbogen uber die Kupfertafel und erhob sich.

Ich bin es, Murray, rief draussen im Vorzimmer eine Stimme, die er sogleich als die Louis Armand's erkannte.

Da Louis nicht eintrat, ging ihm Murray mit Licht entgegen.

Hinausleuchtend begrusste er den Ankommling mit den Worten:

So spat? Und in diesem Wetter? Himmel, wie sind Sie durchnasst!

Das bin ich! sagte Louis und schwenkte den nassen Hut im Vorzimmer und trat heftig mit den Fussen, sich schuttelnd, auf.

Sie mussen sich umkleiden, Freund!

Ich fuhl' es wohl; ich bin nass bis auf die Haut. Ein Wetter wie in den Ardennen, wo ich einmal einen Vetter auf einem Eisenhammer besuchen wollte. Nur die Wolfe fehlen.

Die werden sich hier mit dem Schnee auch einstellen, sagte Murray. Aber kommen Sie doch an den Ofen! Trocknen Sie sich!

Ich will nur ein Hemd und Kleider aus meinem Koffer nehmen.

Murray leuchtete und geleitete seinen neuen jungen Freund an den warmen Ofen.

Darf ich, Papa? fragte Louis Armand und deutete auf seine Absicht hin, sich ganz frisch umzukleiden.

Ich helfe, versteht sich! antwortete Murray. Die Wasche muss gewarmt sein. Geben Sie her, ich halte sie gegen diese Pyramide, die unser Heiligthum werden wird, als waren wir Agyptier. Die hatten Kuhlung von ihren Pyramiden, wir Warme. Grund genug zur Verehrung.

Louis kleidete sich in wenig Augenblicken um und wurde schon begonnen haben, Murray's Verlangen nach Mittheilung seiner Erlebnisse im Walde zu befriedigen, wenn nicht Brigitte jetzt in punktlicher Aufmerksamkeit mit dem Thee und dem Zubehor erschienen ware. Der alte Winkler trug das Kohlenbecken und die heisse Kanne, sie selbst die Theebuchse, Brot, Butter und zwar nicht den ganzen Hammelsbraten der Frau von Zeisel, wohl aber eine ansehnliche Anzahl von glatt ihr entschnittenen Scheiben.

O Das ist angenehm, sagte Louis, dem es ganz wohl und behaglich in seinen erwarmten Kleidern wurde und der sich sagen konnte, dass er im Auftrage des Fursten hier fast wie in seinem Eigenthum wohnen durfte. Danke, danke, Mutterchen! Wie behaglich, wie gastfrei! Das soll uns gut schmecken.

Murray, der hier von Louis Armand's Flugeln geschutzte Gast, wurde freudig in dieses Lob mit eingestimmt haben, wenn nicht Brigitte mit einem Blick auf Louis wieder von den Zeck's angefangen hatte, die wegen dem eisernen Ding das er bestellt hatte, doch nun wieder draussen warteten ...

Ja, sagte Louis, die Stimmschraube glaubt der Alte liefern zu konnen.

Nein, nein, fuhr Murray wie vorhin auf, ich sagte's schon. Es ist gut so. Ich spiele zu wenig!

Murray gerieth wieder in Aufregung.

Der Alte meinte, er verstunde mich vollkommen. Ich musst' es ihm handgreiflich beschreiben, da er blind ist; sagte Louis.

Ist er blind? fiel Murray mit einiger Bewegung ein.

Der Vater ist blind, antwortete Louis, und der Sohn taub.

Und nun lehnte Murray entschieden den Dienst ab.

Heute nicht! Genug von der Sache! Guten Abend, Frau Brigitte. Morgen! Morgen! Gebt ihm die Lampe! Lasst die von ihm repariren, er kann es, es ist ein Tausendkunstler oder vielleicht kann er's. Guten Abend!

Damit drangte Murray die Alte hinaus und schob noch den Riegel vor. Dann knupfte er, seine Aufregung zu verbergen, sogleich seine Bemerkungen an Louis' Appetit an und forderte ihn auf, Platz zu nehmen auf dem Kanape neben ihm und zu erzahlen, wie er nun im Forsthause Alles angetroffen.

Den Einen drangte es ebenso zu reden, wie den Andern zu horen. Das Feuer im Ofen prasselte, das Wasser in der Maschine zischte, draussen regnete es. Der Gegensatz weckte die gemuthlichste Behaglichkeit.

Zweites Capitel

Morton

Nun zuerst einen Gruss von Franzchen, begann Louis Armand und nochmals tausend Dank fur die freundliche und sorgsame Art, wie Ihr sie hierherbegleitet habt! Sie hat mir gestanden ...

Hundertmal, dass sie Euch liebt! schaltete Murray scherzend ein.

Nein! Dass sie Euch furchtete ...

Mich!

Anfangs!

Nun?

Ich hatt' es kaum gedacht, fuhr Louis fort. Als ich ihr sagte: Franzchen, wir haben Feinde, die uns Boses wollen, nehmen Sie die Bitte des Onkels an, gehen Sie auf diesen Winter zu ihm. Ich werde in Ihrer Nahe sein; denn ich muss nach Hohenberg und wie sie gleich freudig einstimmte: Darf ich denn mit Ihnen reisen? Da hatt' ich ihr von Ihnen das Beste und Schonste gesagt ...

Weil sie selbst nicht daran glaubten, so fehlte wol die Wirkung?

Louis nahm die Tasse Thee, die ihm Murray entgegenhielt, stellte sie auf den Tisch und legte sanft die Hand uber Murray's Schulter.

Ich nicht daran glauben, Papa? sagte er. Weiss ich doch nur wenige Augenblicke meines Lebens, die mir so denkwurdig bleiben werden wie der, wo ein ganz fremder Herr zu mir tritt und sagte: Lieben Sie Franziska Heunisch?

Haha! Sie sagten nicht Ja! Sie waren nicht aufrichtig oder Ihr Gefuhl schwankte, wahrend das arme Herz des Kindes wie ein Anker felsenfest im Meere stand.

Ich sagte leider nicht mehr, als dass ich Franziska mit meinem Leben schutzen und dass ich sie nur Dem abtreten wurde, von dem ich uberzeugt ware, dass er sie glucklicher machen wurde, als ich noch bis jetzt im Stande ware ...

Haben Sie ihr Das so wortlich wiedererzahlt? Ein Madchen hort das einfache Wort Liebe viel tausendmal lieber als die prachtigsten Umschreibungen desselben.

Franziska kennt mich, fuhr Louis fort. Sie vertraute mir sogleich, als ich ihr sagte: Freundin, Ihre Ruhe ist bedroht. Glauben Sie Feinde zu haben? Und als ich die Andeutungen wiederholte, die ich von Ihnen gehort hatte, erschrak sie heftig und wiederholte Namen ...

Die ich Ihnen doch nicht genannt hatte? bemerkte Murray.

Sie waren geheimnissvoller, als ich wunschen musste. Aber ich vertraute Ihnen. Ich glaubte Ihnen, dass die Nachstellungen, die der Eine verweigern wurde, bei einem Andern leichteres Gehor finden konnten und gesteh' ich's nur, da ich selbst nach diesem Schlosse sollte ...

So glaubten Sie meinem Marchen und haben sich mit Ihrem guten Herzen fangen lassen.

Louis nahm eben einen Imbiss, den ihm Murray, der selbst sehr wenig genoss, zurecht gemacht hatte ...

Sie haben mir kein Marchen erzahlt, sagte Louis Armand ernst und blickte in das eine, unruhige, offene Auge, das Murray niederschlug und nicht wollte prufen lassen. Wenn Sie mir eine Reihe von grossen Verdiensten aufgezahlt hatten, o ja! Dann wurd' ich gezweifelt haben. Aber Sie haben nur Schlimmes von sich gesagt.

Was Sie Franziska wiederholten? Nun begreif' ich freilich, dass das Madchen in mir nur den Besucher des Fortunaballes finden wollte und recht scheu, recht in den Tod erschrocken war, als ich sie in dem Wagelchen abholte, um mit ihr hierher zu reisen ...

Das hat sie mir erzahlt, sagte Louis, aber auch hinzugefugt ... dass Sie Thranen im Auge hatten ...

Ich kam vom Kirchhof ...

Wo Sie jenes Madchen bestatteten, das Franzchen in jener Nacht an Ihrem Arme gesehen ...

Die!

Sie sprachen stundenlang kein Wort und seufzten nur ...

Grabesstimmung.

Und dann fingen Sie von der Natur an, die nun scheidet, von den Blattern, die schon gefallen waren und vom Tode, der uns Allen Ruhe geben wird.

Verhaltene Predigten. Wir mochten Alle am liebsten Fursten oder Priester sein.

Ist's nicht so?

Schon recht! Ich war bewegt! Ich ganz allein stand an dem Grabe einer Unglucklichen! Ach! Ich ganz allein! Der Kirchhof, wie war der noch neu, noch ohne Baume und Blumen! Wie frostig wehte der Wind daruber und fand nicht einmal Halme zum Niederbeugen. Die Graber ohne Schmuck. Die Todten der offentlichen Krankenpflege ... wer feiert ihr Angedenken? Wer sieht ihnen mit Liebe in die gelbe Grube nach? Ein Handwerker lag da im Todtenhaus ... fern sind seine Altern, die vielleicht gar nicht wissen, dass er schon nicht mehr unter den Lebenden. Sie sagen nur: Wie lang er nicht schreibt! Was ist ihm nur! Da liegt er. Da ein Dienstbote da ein Verungluckter, der nicht einmal in die Erde, nein, zu den jungen Arzten dort kommt, die ihn zerstuckeln und prapariren werden! Welche Muhe hat es mir gekostet, meine arme Todte aus ihren Handen zu retten! Wie war sie schon noch auf der Bahre! Die Messer der Arzte zuckten recht nach diesen Formen! Das blutschwarze Mahl an der Stirn, auf die sie beim Sturze aus dem Fenster gefallen war, entstellte sie nicht. Ich strich eine Locke daruber her; nun war's verdeckt. Aus dem Todtenhause trugen sie den Sarg. Ich folgte allein und betete ein Vaterunser. Dann drei Handvoll Erde, die Spaten thaten das Ubrige. Adieu!

Murray blickte nieder.

Der Lebenslauf von Tausenden! sagte Louis bewegt und sein Nachtmahl eine Weile leise zuruckschiebend. Ein schones Madchen, arm, ohne Freunde, verfuhrt, wahnsinnig ... wer sieht auf all' die Opfer, die auf unsrem Lebenswege liegen! Das Alles geht so still vor sich hinter Mauern und verschlossenen Thuren. Wer sucht das eigentliche Mysterium des Lebens auf den Kirchhofen!

Sich aufraffend fuhr aber Murray fort:

War es nicht gut, dass ich trauerte? Franziska hatte sich sonst vor einem Manne entsetzt, der vor ihren Augen in's Gefangniss gefuhrt wurde. Eine Thrane wirkt soviel?

Nein! Nein! sagte Louis. Ich hatte sie vorbereitet auf einen jener Philosophen, die die Weihe des Geistes nicht durch die Wissenschaft und ihr Studium, sondern durch das Leben empfangen haben! Ich hatte ihr gesagt, dass Sie Grunde hatten, diese Umgebung des Schlosses Hohenberg zu besuchen und ein Geheimniss sogar an sie und ihren Namen Sie kette ...

Ein Geheimniss, das ich ihr leider nicht auf unsrer Reise erzahlen konnte, sagte Murray, aber Geheimnisse, die man nicht nennt, knupfen gerade nicht aneinander. Ich sah es ihr an, dass sie frohlockte, hier endlich Sie wiederzusehen. Sie waren schneller gereist, als wir. Wie findet sie sich denn nun in dem Walde zurecht?

Louis erzahlte.

Der Forster, sagte er, ruhrte mich gestern, wie liebevoll er sie empfing. Er fuhr sie selbst in seine Wohnung, die nicht zu weit von uns entfernt ist. Dort angekommen, zeigt' er ihr das Stubchen, das er ihr eingerichtet. Es ist so still und traurig hinauszusehen in den entlaubten Forst, aber so lebendig im Zimmer, als war' der Wald hier so lange einquartiert bis zum Fruhjahr. Da singen Vogel in Kafigen, da stehen grosse Blumen in Topfen, da hangen Hirschgeweihe an den Wanden und wenn es recht still ist und der Sturm einmal nachlasst, hort man die Thurmuhr von Plessen nach dem Jagerhause deutlich hinuberschlagen und das ist ja gerade, als sprachen wir miteinander so weit zusammen.

Und Ursula Marzahn? fragte Murray mit forschendem Blick.

Liegt krank im Bett.

Bedenklich?

Der Onkel gibt sie auf. Ich horte sie achzen in einer obern Kammer uber Franzchen. Ich wollte auf einen Arzt dringen. Da hilft nichts, sagte Heunisch. Sie hat ihre Krauter, ihren Thee, den sie sich selbst bereitet. Sie studirte bei Doctor Lehmann, sagte er. Sie nimmt nichts und will nur Ruhe haben.

Murray stand auf. Die Nachricht schien ihn zu angstigen ...

Was haben Sie? Sie sind bewegt? fragte Louis.

Und wie! Und wie! rief Murray. Hangt doch diese Frau mit meinem Geheimniss zusammen, ohne dass ich mich ihr entdecken mochte ... Wenn sie aber sturbe ...

Sie ist die Schwester des blinden Schmieds ...

Ich weiss es, die Tante des Tauben! Erwahnen Sie diese Menschen nicht wieder! Die Zeit ist noch nicht gunstig, um mich in das Andenken dieser beiden Geschwister zuruckzurufen.

Ich verhehle Ihnen nicht, sagte Louis, dass der Ruf dieser Geschwister kein guter ist. Franziska hat mir anvertraut, dass sie vor Ursula Marzahn Grauen empfande und dem blinden Schmied weicht Jeder aus ...

Murray schwieg nachdenklich.

Neuerdings haben sie, fuhr Louis fort, aus Amerika eine Erbschaft empfangen von einem dort verstorbenen Bruder ...

Haben sie? sagte Murray lebhaft ...

Und sonderbar, der diese Erbschaft uberbrachte, erzahlte mir der Forster, ist jener Ackermann, der nun diese Besitzungen Egon's in Pacht genommen und uber dessen Anstalten ich die Urtheile einziehen soll ...

Wer? sagte Murray und blieb erstarrt stehen.

Wer brachte das Geld? fragte er dringender.

Der jetzige Generalpachter druben ... Ackermann! Ich selbst uberbrachte ihm Egon's Genehmigung zu seinem Anerbieten, kurz ehe des Fursten Krankheit in ein gefahrliches Stadium uberschlug ...

Ackermann! Ackermann! wiederholte Murray.

Befremdet Sie dieser Name? fragte Louis.

Ich kenne ihn nicht, sagte Murray, und dennoch erfahre ich nun von Ihnen Dinge, die mich bestimmen, hier wie ein Einsiedler zu leben. Ich komme auf Das, mein Freund, was ich Ihnen vor acht Tagen sagte, zuruck. Ich nannte mich damals einen Schatten, der uber die Erde, in der er einst als Mensch lebte, fehlte und busste, noch einmal hinstreift und keine Anspruche mehr auf eigenes Gluck, ja nicht einmal mehr auf das Gluck der richtigen Beurtheilung macht. Ich gestand Ihnen, dass ich einst der sittlichen Welt entruckt war, durch den Drang des Ehrgeizes entruckt, von Liebe geblendet. Das Verbrechen, das ich beging, soll ich es Ihnen nennen?

Nein, nein, sagte Louis. Schliessen Sie in Ihr Herz ein, was Sie gebusst haben! Sie sind ein Weiser, den ich hoch verehre. Ich will nicht wissen, wie Sie es geworden sind.

Wissen Sie wol, sagte Murray, dass das Bedurfniss der Beichte ein tiefes Mysterium ist?

Ich bin Katholik! antwortete Louis.

Das sagt Alles! Es ist eine der festesten Stutzen des alten romischen Glaubens. Es ist eine Stutze, die sich auf die menschliche Natur grundet. Das Geheimniss der Beichte ist die Zauberformel, die den Laien an den Priester bindet, die Burgschaft einer uber alle menschlichen Umgangsformen hinausgehenden Vertraulichkeit, eine Ehe der Herzen. Das Bedurfniss der Beichte ist der Wahrheitsdrang des Menschen, ja oft die einzige Ermuthigung zur Tugend. Nur wer sich in einem Andern darlegen kann, in einem Andern ausruhen mag, fuhlt wahre Reue und, ist der Andre edel und gut, ein sanfter Priester auch ohne Priesterrock und Weihe, wahre Ruhe.

Ich kenne, sagte Louis, zwei Priester, die wurdiger waren als ich, Sie zu horen.

Wer waren diese?

Louis nannte die Bruder Siegbert und Dankmar Wildungen und freute sich innerlichst, mit kraftiger Betonung dieser Namen gleichsam Zeugniss fur den grossen Werth dieser beiden Menschen abzulegen.

Ich kenne sie nicht, sagte Murray. Ich darf die Kette der guten Menschen, denen ich mich vertraute, nicht zu weit ausdehnen. Ich darf aber auch nicht langer schweigen. Ich bedarf einer Unterstutzung der letzten Absichten, die mich noch an dies Leben knupfen. Ich darf nicht langer so hinschleichen und suchen und muss es wagen endlich einmal aus mir herauszutreten. Wissen Sie, dass das Bedurfniss der Beichte mich schon oft trieb, jenem Manne mich anzuvertrauen, der den Geschwistern Zeck eine Erbschaft aus Amerika brachte?

Er ist in der Nahe! Vertrauen Sie sich ihm, Murray.

Wie kommt er zu dem Namen Ackermann?

Ware dies nicht sein rechter?

Murray schwieg und uberlegte ... Er gedachte seines eigenen amerikanischen Namens Morton. Ackermann hatte anders geheissen.

Nein, nein, sagte er endlich, auch fur ihn darf ich nichts als Murray sein. Auch ihm muss ich verborgen bleiben ... und doch ... und doch ...

Louis stand auf und ergriff Murray's Hand.

Sie leiden, sagte er. Hab' ich etwas, das Ihnen wurdig scheint, Ihr Vertrauter zu werden, so mistrauen Sie wenigstens nicht meiner Jugend. Ich kann verschwiegen sein und verstehe die Irrgange der Herzen. Wer dem Volke nahe lebt, lernt mit Schmerz die wunderbaren Verwandtschaften kennen zwischen Gut und Bos, Muth und Verbrechen, Grosse und sittlichem Elend.

Recht! sagte Murray, als Louis zogerte, die Gegensatze so schnell auszusprechen. Recht! Ich darf kein Schatten bleiben. Ich muss einen Korper haben. Ich brauche einen Freund, der mich unterstutzt, um noch einmal aufzuleben. Sie stehen den Menschen, bei denen ich zuerst zu fragen, zuerst zu suchen und zu forschen habe, am nachsten. Horen Sie also, Sie mussen horen, Sie, Sie und schaudern Sie vor mir!

Louis ging an die verriegelte Thur, offnete und sah in's Vorzimmer. Es war Alles still. Er kehrte zuruck und schuttelte den Kopf, als furchtete er nicht das Mindeste, was er hier horen sollte.

Als er sich gesetzt hatte, wandte sich Murray an den Tisch, an dem er zu arbeiten versucht hatte. Er hob das Papier ab, nahm die Kupferplatte, die es bedeckt hatte, hielt die Platte gegen Louis hin und zeigte sie ihm.

Sie sind ein Kunstler! sagte Louis. Schon gestern sah ich's an den Zeichnungen auf dem Tisch.

Lesen Sie! sagte Murray ruhig.

Louis betrachtete die Platte.

Es ist verkehrte Schrift! sagte er. Ich will versuchen, sie zu lesen.

Er buchstabirte:

"Louis Armand, Kunsttischler und Vergolder".

Ich wollte Sie uberraschen, sagte Murray zu Louis, der von dieser Aufmerksamkeit angenehm beruhrt war; ich wollte Ihnen ein Geschenk machen und hoffe, diese Visitenkarten auch noch zur Ausfuhrung zu bringen. Sie sehen daraus mit wenig Worten, dass ich eigentlich ein Kupferstecher bin.

Louis betrachtete die Platte mit grossem Wohlgefallen und freute sich der Verwandtschaft des Arbeiterberufes.

Murray aber mit jenem sichern Gefuhle der Anlehnung, das uns in dieser Welt zu selten zu Theil wird, mit jenem anschmiegsamen Behagen an eine vollig interesselose und doch tief wohlwollende und rein hingegebene Natur, fuhr fort:

Ich bin der Sohn gewohnlicher Eltern. Es gibt aber gewohnliche Menschen, die alle Keime besserer Entwickelung in sich tragen. So war es bei dem Ehepaar, das mir, einem Bruder und einer Schwester das Leben gab. Nun geht Das aber so, das Bedeutende kommt, wo es seine wahre Richtung, gesund und ungehindert aufwachsend, nicht findet, verkehrt zur Welt. Der innere Gehalt kann die aussre Form nicht verklaren, nicht veredeln. So wuchert das Bedeutende in Misgestaltung auf und es kommen statt guter, ungeschlachte Dinge zum Vorschein. Meine Eltern, rohe Menschen, wenn man's so nehmen will, gingen in Selbstplage, Verschwendung, wenn sie etwas besassen, Schulden, wenn sie darbten, verworrenen sittlichen Begriffen zu Grunde. Ihr wirres Wesen vererbte sich zumeist auf die Schwester, die alteste von uns Dreien, die wie ein wildes Gewachs aufschoss und keine andre Schranke ihrer Begierden hatte als die immer erneute Begierde selbst. Sie hatte gute Keime, Hingebung, Aufopferung, Grossherzigkeit, aber da sie nur ihrem Instinkte folgte, so ergriff sie, um diesen Regungen zu genugen, jedes Mittel und war im Lasterhaften fast tugendhaft, in der Regellosigkeit wahrhaft strebsam und treu, in der Verachtung jeder Rucksicht grossartig wie einer jener Verbrecher, die die Geschichte zu Helden machte, weil ihnen irgend ein grosses verbotenes Wagniss gelang ... Doch ich store Ihr Abendessen mit diesen Reflexionen! unterbrach sich Murray.

Nein, nein, ich geniesse schon! sagte Louis, bediente sich wieder ein wenig der Vorrathe, die vor ihnen standen und horte einer Auseinandersetzung zu, die er gerade sehr lehrreich nannte. Murray erschien ihm wie ein Weiser. So ruhig, so klar blickte dieser seltsame Mann auf die Vergangenheit zuruck, so tief waren die Gange angelegt, die er sich durch das Menschenherz zu bahnen wusste. Er musste viel gelitten, viel beobachtet haben.

Diese Schwester, fuhr Murray fort, war naturlich (denn ich spreche von den gewohnlichsten Menschen) nur ein Dienstbote und dennoch, trotzdem, dass sie ohne Bildung und Form war, gibt sie mir Anlass, sowie ich vorhin andeutete, uber sie nachzudenken. Der altere Bruder war roh, von gewaltiger Muskelkraft, gewinnsuchtig, heimtuckisch und nicht ohne Anschlagigkeit zu mancherlei Fertigkeiten. Er wahlte das Handwerk des Vaters und wurde Schmied, wie mein Vater war.

Louis' Blick fiel zufallig auf das Fenster und sah durch Regen und Nebel einen kleinen gluhenden Schein in der Ferne und ein gewaltiges klingendes Aufpochen der Hammer wie im Takte ... Es kam von der Zeck'schen Schmiede.

Ohne naher anzugeben, dass der blinde Zeck sein Bruder war, folgte Murray dem Blicke Louis' und erkannte, was ihn fesselte. Er musste einen Augenblick schweigen, so ergriff ihn die Vorstellung, dass der Schlag des Hammers, den sein Bruder schwang, seine Erzahlung von ihm begleitete, und anregend genug ist eine Schmiede, so in der Herbstnacht gluhend, so fernhin horbar und an ihrem Scheine durch den Nebel leuchtend!

In einer Schmiede, fuhr Murray fort, verkehrt viel Volks und zu allen Zeiten hatten die Sohne Vulkans ihr apartes Wesen. Ein Hauptkunde meines Vaters, der dicht an dem Thore der Stadt sein Geschaft trieb, war ein beruhmter Pferdearzt, der aus nicht seltener Liebhaberei auch das Amt eines Scharfrichters nicht weit vom Thore bekleidete. Zu diesem zog meine Schwester Ursula und lebte eine Reihe von Jahren mit ihm, bis sie einen Soldaten kennen lernte, den sie spater geheirathet hat, als er eine Forstersstelle beim alten Fursten von Hohenberg erhielt. Fruh schon entfernte ich mich von den Meinigen und hatte das Gluck in gute Hande zu gerathen. Anfangs war ich Uhrmacher bei einem franzosischen Schweizer aus La Chaud de Fonds, einem wunderlichen Kauze, der mir viel von der Philosophie Rousseau's und Voltaire's beibrachte, das lange in mir sitzen blieb, aber auch sein Franzosisch blieb sitzen. Ich lernte von ihm denken und sprechen; aber mit dem Parliren und dem leichten Philosophiren meines Schweizers begannen auch meine Irrthumer. Die Zusammensetzung der Uhren machte mir keine Freude mehr. Ich bemerkte, dass ich ein Talent besass, auf den Gehausen Chiffern einzukratzen, sogar falsche, denn diese Uhren sollten oft fur Breguets gelten und waren keine. Da blieb ich auf dem Wege zu der Kunst, von der ich Ihnen hier eine Probe zeigte. Ich wurde Kupferstecher und vervollkommnete mich bis zum Kunstler. Ein Auftrag fuhrte mich nach England. Ich sollte dorthin einen hohen Polizeibeamten begleiten, der falschen, in England angefertigten Tresorscheinen unsres Staates nachzuspuren hatte. Wir entdeckten die Quelle des Betrugs, ernteten grosse Anerkennung und konnten ehrenvoll zuruckreisen. Ich blieb aber in England und fuhrte ein wildes, genusssuchtiges Leben. Schon war ich uber dreissig Jahre, aber von vorteilhaftem Aussern. Sie lacheln, Freund? Verurtheilen Sie meine Eitelkeit nicht zu rasch! Ich besitze Toilettenkunste, um die mich Schauspieler beneiden konnten.

Wissen Sie, sagte Louis, dass Sie mir oft vorkommen wie ein jugendlicher Held, der nur die aussern Formen des Alters angenommen hat? Ich wette, unter dieser dunklen Perrucke steckt ein Haar, das nicht ein einziges graues zahlt.

Wollen wir es untersuchen? sagte Murray und nahm die schwarze Binde und seine Tour ab.

Louis erschrak, ein kurzgeschornes, dickes, volles, aber ganz weisses Haar zu sehen ...

Nicht wahr, ich bin eitel? sagte Murray lachelnd. Der Adonis weiss sich herzustellen.

Louis sah dies weisse Haar und den plotzlich geanderten ehrwurdigen Kopf eines kraftigen Greises nicht ohne Ruhrung. Doch musste er hinzufugen:

Ich nenne Sie doch keinen Greis! Ich sehe weisses Haar, aber ein viel jugendlicheres Antlitz, viel mehr Kraft, als unter der abscheulichen Binde, die Sie nicht einmal nothig haben, da ich nicht die geringste Verletzung an diesem Auge bemerke.

Doch! Doch! sagte Murray. Ich sehe schlecht an dieser Stelle. Eine Explosion hat hier die Sehnerven dieses Auges geschwacht. Dieselbe Explosion, die meinem Bruder ganz das Augenlicht raubte!

Louis staunte und sah nicht ohne eine Art von Grauen, das ihn durchrieselte, wie Murray wieder die Tour auf den Kopf druckte, die Binde wieder aufsetzte und unwillkurlich mit dieser Bewegung auch den Rucken wieder krummte und zusammensank.

Murray indessen fuhr fort:

Von London kam ich als vollendeter Gentleman zuruck. Ich sprach fertig zwei fremde Sprachen und hatte mir durch die grossartigen Eindrucke des Auslandes Anschauungen erworben, die mich fur die Heimat hier weit uber meinen Stand erhoben. Seit fruhester Kindheit litt ich an einer grenzenlosen Eitelkeit. Nichts lieber trug ich als kostbare Ringe an den Fingern, Uhren, Ketten auf der Weste, Sporen, Reitgerten. Ich hatte in England das Spiel liebgewonnen und mit ihm Einnahmen gemacht. In vollendeter Fertigkeit des Pharo kam ich nach Deutschland zuruck und schlenderte wie ein Gentleman mit voller Borse durch die Bader, deren Saison gerade in Flor war. Mein Hochmuth litt nicht, dass ich mich als den ehemaligen Kupferstecher Zeck zu erkennen gab. Ich nannte mich Baron Grimm und wusste mich durch Toilette, einnehmende Gestalt, Fortune im Spiel, Succes in der grossen Gesellschaft so zu behaupten, dass ich mehre Jahre lang in meinem Incognito verharrte und die glucklichsten Eroberungen machte. Mein Spiel am grunen Tisch war ehrlich, Alles, Alles an mir war damals ehrlich, kuhn, unternehmend, nur mein Name war eine Luge. In derselben Residenz, wo wir uns kennen lernten, junger Freund, setzt' ich das Gluck fort, das ich in den Badern bei den Frauen gemacht hatte. Ich war kein gewohnlicher Stutzer. Gerade weil ich mir mein Leben selbst bestimmte, wandte ich allen Fleiss auf die Moglichkeit, es auch geistig behaupten zu konnen. Ich las sogar, nahm Unterricht in allen Wissensfachern und bildete mich mit Leidenschaft fur Jemand aus, der ich nicht war. Bildung zu erwerben, mein lieber Freund, soll eine Religion, ein Cultus sein. Ich trieb diesen Cultus. Kann es aber etwas Blasphemischeres geben als die Entweihung, die ich mit den Wissenschaften trieb? Ich lernte, ja lief in offentliche Vorlesungen, ich brachte die Nachte mit Lecture zu. Aber nicht etwa um der Bildung selbst willen, sondern um eine Luge moglich zu machen, eine Verstellung durchzufuhren, den falschen Namen, die erlogene Existenz eines Barons Grimm. Ich las, nicht um zu wissen, was ein Autor wollte, sondern um sagen zu konnen, dass ich Das kannte, was Andre der Sache selbst wegen lasen. Aus Ehrgeiz fullte ich mich mit Thatsachen, die ich nicht um ihrer selbst willen liebte. Dies ist jene Bildung, mein Freund, die uns niemals Segen bringt. Ein einziges Buch, tief aufgenommen, dem Verfasser nachgefuhlt und nachgelebt, stiftet in unsrer Brust grossre Umwalzungen als ganze Bibliotheken, die man nur aus Eitelkeit und ohne sittlichen Halt durchliest. Mein Gluck bei den Frauen war nicht gering. Besonders gelang es mir, das Interesse einer Dame zu gewinnen, die ... Horen Sie nicht Gerausch? unterbrach sich Murray.

Die Thur ging draussen ...

Man horchte. Es war die alte Brigitte, die sich meldete, ob sie das Theegeschirr wegnehmen durfe.

Lasst Das nur, Mutterchen! sagte Louis. Wann geht Ihr zu Bett? Gewiss fallen Euch schon die Augen zu. Sorgt Euch nicht um diese Gegenstande! Das Feuer brennt. Holz ist da. Habt gute Nacht und wunscht nur, dass wir morgen besseres Wetter haben.

Die Alte schlief schon halb zu all' diesen Ermunterungen, antwortete nichts und ging staunend uber Gaste, die sich selbst bedienten.

Louis rief ihr noch nach, dass man, wenn es so fortfuhre zu regnen und zu sturmen, morgen fur ein Wagelchen sorgen mochte. Er wurde Vormittags in den Ullagrund fahren, zum Herrn Ackermann.

Die Alte rieb sich die Augen, raffte sich auf und wandte sich mit den Worten:

Dass ich's fast vergessen habe! Herr Oleander fahrt nach dem Ullagrund. Jeden Morgen um elf Uhr. Wollen Sie nicht mit ihm?

Wer ist Herr Oleander? fragte Louis doppelt interessirt. Der Name Oleander fiel ihm auf, wie kurzlich der der Jagellona.

Der Herr Pfarrverweser, der unten bei der Frau Pfarrerin wohnt, erklarte Brigitte ...

Nun wohl, sagte Louis traumerisch, so bittet Herrn Oleander in meinem Namen, das er mich mit sich nimmt, wenn er in den Ullagrund fahrt.

Oleander! setzte er dann wieder leise hinzu ...

Herr Oleander gibt dem Fraulein im Ullagrunde Lektionen! sagte die Alte.

Schon! Und damit waren die beiden schnell sich vertrauenden Freunde wieder allein.

Sie werden Ackermann morgen sehen ... sagte Murray.

Begleiten Sie mich!

Unmoglich! Wie bin ich eingeengt! seufzte Murray. Wie sehr bedarf ich eines Freundes, der meine letzten Pflichten mir erleichtert und mich dann allein zu Grabe geleitet, sowie ich jenes Madchen!

Nicht so, Papa! sagte Louis. Keine Trauer! Die Erzahlung erleichtert Ihren Kummer! Fahren Sie fort, wenn ich Ihres Vertrauens wurdig bin! Die vornehme Dame also ...

Murray druckte Louis die Hand und fuhr fort:

Ich lebte in der grossen Welt und verstand mich trefflich auf ihren Ton. Ehrgeiz und Liebe sind die beiden Haupthebel aller Ruhrigkeit in dieser Sphare. Ich lernte Verhaltnisse von unglaublicher Zerruttung kennen und verstand mich vortrefflich auf die Philosophie, mit der Untreue und Leichtsinn sich hier zu entschuldigen wissen. Eine Dame, die ich nie nennen werde, lernt' ich kennen. Sie fand an meiner Personlichkeit Gefallen. Sie war nicht mehr jung, niemals schon. Sie hatte ein Verhaltniss mit einem Rechtsgelehrten, einer, wie ich fur bestimmt weiss, sehr energischen Personlichkeit gehabt. Dieser war ihr untreu geworden aus Grunden, die ich wohl begreifen kann. Sie gehorte zu den Frauen, die fruh alle Bande der gewohnten Ordnung abgeworfen und sich ihr Leben selbst zu bestimmen gesucht hatten. Sie reiste als junge Witwe fur sich, sie nahm das Leben umsomehr nach ihrer bequemsten Art, als sich eine zerfallene Stimmung ihrer bemachtigt hatte uber ein Korperleiden, das mehr auf Einbildung, als in der Wirklichkeit beruhte. Jener Freund hatte lange in ihrer Nahe geduldet und jenes elende Joch der Abhangigkeit von einem Wesen, dem die achte Weiblichkeit fehlte, mit sich hingeschleppt. Da lernte er in einem Badeorte eine sehr ungluckliche Frau kennen, die Freundin seiner Geliebten. Sie war junger, lieblicher, reizender, duldender, weiblicher. Was man von ihr weiss, was sie selbst an Spuren ihres Daseins hinterlassen hat ...

Murray blickte sich um und schuttelte den Kopf, wie uber etwas Wunderbares, das ihn freilich diese Erinnerung an Amanda bedunken musste, hier, in diesen ihren Zimmern, auf ihrem Schlosse! Murray war uber Alles, was sich uns allmalig entschleiert, unterrichtet ...

Louis bemerkte seine Erregung und dies Erstaunen.

Was fallt Ihnen hier so auf? fragte er.

Murray, der sich vorgenommen hatte, nur uber sich selbst nichts zu verschweigen, erwiderte:

Ich glaubte, es rauschte etwas an der Decke, an den Wanden. Es ist nur der Wind, der sich meldet, dass er auch zuhorcht. Lass mich nur reden, du wilder Mahner draussen! Ich entweihe diese Raume nicht.

Louis wusste nicht, worauf diese Worte gingen und horte nur.

Ein verlassenes Weib, fuhr Murray fort, denkt, wenn sie einen ungebandigten Charakter hat, erst an Rache, dann versinkt die Rache in eine Art von innerer Vernichtung, dann die Vernichtung in neue Hoffnung. Das dreissigste Lebensjahr ist uberschritten. Der Vorhang der Anspruche auf Huldigung wird bald fur immer fallen.

Noch einmal rafft sich das durch Entbehrung nur gesteigerte Bedurfniss der Liebe empor und blindlings sturzt die Sehnsucht eines unbefriedigten Herzens Dem in die Arme, der, ich muss so grausam sein und Dies sagen, am nachsten steht. Der Zufall wollte, dass ich in dem Bade Ems, das jene Dame regelmassig besuchte, ihr nahe stand. Mein gewandtes Wesen, der Schein von Esprit, den ich mir zu geben wusste, meine anscheinend glanzende Situation, in die ich vom Spielen gekommen war, fuhrte mich, den Baron Grimm, den suddeutschen Adligen, in die vertrautere Beziehung zu einer Eroberung, die ich mit leichter Muhe machte. Eine Zwischenhandlerin, die Alles rasch zum Ziele fuhrte, war die Begleiterin meiner neuen Freundin. Ich erfuhr ihre fruheren Lebensverhaltnisse, ihren Jammer uber eine erlittene Untreue, ihren Hass gegen eine Jugendfreundin, die ihr das stolzeste Herz der Erde entrissen hatte und wie es zu geschehen pflegt, mein lieber Freund, die Frauen werden mit den Jahren in einigen Punkten besser, in andern schlimmer. Schlimmer wurde bei meiner in der Welt hochgestellten, adligen Gonnerin der Stolz, die Weltverachtung, das Bedurfniss der Intrigue; besser ihre innere Erkenntniss des Wenigen, was sie am Ende einem Manne zu bieten hatte. Wie einst bei dem verloren gegangenen ersten Freunde die Rede von einem Ehebunde war, den man, der geistigen Vorzuge jenes Mannes wegen, keine Mesalliance nennen konnte, war nun auch bei Baron Grimm von einer dauernden Verbindung die Rede. Baron Grimm war so tollkuhn, mit seiner Eroberung offen in der Gesellschaft zu prahlen. Er liebte sie sogar, da sie doch von vielen starken und bedeutenden Eigenschaften gehoben wurde. Sie war zartlich, aufmerksam; alles Gute der Frauennatur kam in der Hingebung an den Mann ihrer Wahl zum Vorschein, wahrend sie Jedes, was ausser dieser Wahl lag, mit Geringschatzung behandelte. Ach, mein Freund, Das ist das Tragische an einer Schuld, dass man sie liebgewinnt und es fur tugendhaft halt, sie bis auf's Ausserste durchzufuhren. Ich war geruhrt von jener Frau und mochte ihr durch Entdeckung meines Standes nicht wehe thun. Ich hatte von meinen Gutern sprechen mussen und wurde doch taglich mittelloser. Da ich bei meiner Geliebten war, konnt' ich nicht mehr in den Spielgesellschaften sein. Sie besass Vermogen, grosses Vermogen, durch ihren ersten Mann; aber ich war zu stolz, ihre Mittel in Anspruch zu nehmen. Woher aber meine versiegte Kasse neu fullen? Woher den Muth nehmen, meine tollkuhne Rolle durchzufuhren? Entdeckung furchtete ich noch nicht. Jener Polizeibeamte, den ich nach London begleitet hatte, war gestorben. Meine Eltern lebten nicht mehr. Ursula stand auswarts in Diensten, nur den einzigen Bruder hatt' ich einmal gesehen, wie er vor der Schmiede unsres Vaters stand und ich vor ihm zum Thore hinausritt. Ich gab dem Pferde die Sporen und ritt dem Hochgericht zu, unter dem Ursula einst in Diensten stand ...

Wie lange waren Sie in England gewesen? unterbrach Louis, da es Murray schauderte ...

Fast acht Jahre, sagte Murray. Ich hatte mich sehr verandert und dennoch erkannte mich vielleicht mein Bruder. Er sah mir nach. Ich bin uberzeugt, jetzt, wo er blind ist, noch jetzt wurde er mich am Tone meiner Stimme erkennen.

Louis blickte um sich. Es war so einsam, so schauerlich still auf dem Schlosse. Der Regen schoss in tausend Tropfen unaufhorlich an die Fenster, der Sturm sauste. Das Feuer druben in der Schmiede war erloschen. Der Gedanke, dass sie nicht allein waren, ergriff Louis so, dass er einen der Leuchter nahm, in das Vorzimmer ging, dies durchsuchte und es nach dem Corridor zu, auf dem er Alles dunkel und still fand, abschloss.

Als er zuruckkehrte, sagte Murray:

Ich danke Ihnen, mein Freund, fur Ihre Vorsicht; denn Sie ahnen wohl, dass ich mich der dunkelsten Stelle meines Lebens nahere.

Louis setzte sich und stutzte trauernd uber Das, was ihm Murray jetzt sagen wollte, den Kopf auf die Lehne des Kanapes.

Ja, mein Sohn! fuhr Murray fort. Das waren sechs schlimme Monate, die ich nicht aus meinem Dasein ausloschen kann! Sie brennen auf der Seele, wie die Buchstaben, die man dem Leibe einazt. Oft hab' ich gedacht und damals ganz gewiss, was ich that, ware nur ein Wagniss, kein Verbrechen. Wer hat denn den Staat berechtigt, sagte ich mir, den Werth der Dinge zu bestimmen? Wer hat ihm denn nach der sittlichen Ordnung der Dinge allein zugestanden, dass er lugen darf? Denn Luge ist es doch, dem Papiere einen Nennwerth zu geben, dem nur eine conventionelle Thatsache als Realisation zum Grunde liegt? Verstehen Sie, wovon ich rede, Louis?

O, sagte dieser mit lachelndem Schmerz und grosser Aufregung, nur zu gut verstehe ich! Sie haben Das gethan, was der verzweifelnde Arbeiter jeden Tag thun mochte, wenn er das Werk seines Fleisses vor sich stehen sieht, es zur Ausstellung in einem Gewolbe tragt, wochen-, monate-, jahrelang wartet, bis es sich verwerthet! Sie haben Das gethan, was die Noth in verzweifelten Momenten hundertmal erfunden hat, wo man Stucke Papier nahm und darauf schrieb: Das sind funf Sous! Diese nimmt der Backer und gibt mir Brot! Mag sie mein Schuldner einlosen!

O, mein Freund, unterbrach ihn Murray. Entweihen Sie nicht eine Frage der Armuth und der Arbeit mit meinem frivolen Beginnen! Ich habe Geld gemacht, nur weil ich es zu machen verstand! Wohl begreif' ich, wovon Sie sprechen. Wohl versteh' ich die Verzweiflung des Arbeiters, der einen Werth in Handen hat, den er durch seinen Fleiss erschuf und der den Ausdruck fur diesen Werth erst bekommt, wenn das Werk verkauft wird. Auch ich sage, die Gesellschaft hat hier ein Recht der Selbsthulfe.

In der That, hat sie Das? fragte Louis begeistert.

Sie hat es, aber unter gesetzlichen Bedingungen! antwortete Murray. Geld ist Das, was gilt. Was kann, was soll mehr gelten als die Arbeit? Die Arbeit ist schon Geld. Die Arbeit, vollendet, ist sogleich Geld. Dass sie warten muss, bis sie durch Zufall Geld wird, ist der schaudervollste emporendste Mord der Menschheit, den leider taglich unsere Gesetzgeber veruben. Fluch der Gesellschaft, die das Geld nur zum Ausdruck des Bedurfnisses und der Fahigkeit, Bedurfnisse zu befriedigen, gemacht hat! Adam Smith hat den alten Glauben gesturzt, dass Geld Geld ist, das heisst Metall, Gold, Silber. Adam Smith hat das Geld als Waare verworfen und gesagt: Geld ist der Credit, das Tauschmittel des Verkehrs, die Abkurzung des Verkehrs, das Triebrad der Cirkulation. Aber dieser Grundsatz eines handeltreibenden Volkes mochte fur das verflossene Jahrhundert ausreichen. Unser Jahrhundert soll sagen: Geld ist Arbeit. Nicht auf Bergwerke soll man Geld aufnehmen, sondern auf ein Magazin der Arbeit. Der Staat muss das Geld zum Ausdruck der moralischen Lebensthatigkeit und des Fleisses machen. Ehe wir nicht dahin kommen, ehe wir nicht frei werden von den Tyrannen, die das Geld immer und immer wieder zur Waare, zum sich aufhaufenden Nennwerth fur Nichts machen, ehe wir nicht mit dem Geldmachen auch das Geldtilgen unter die Garantie des Staates stellen, eher hort auch das Elend der Menschheit, das Unrecht und der Fluch unsres Daseins nicht auf.

Louis war so von diesem Ausbruch einer tiefen Uberzeugung und dem Gefuhl der Ubereinstimmung hingerissen, dass er in seiner sudlichen Glut aufsprang, durch das Zimmer schritt und dem bewegten Sprecher die Hand schuttelte mit den Worten:

Murray, verurtheilen Sie sich nicht! Sie sind kein Verbrecher! Mordeten Sie? Was thaten Sie? Ihre Schuld ist gebusst.

Murray, Louis' Hand zurucklehnend, erwiderte:

Ach, verwechseln Sie diese Ergebnisse meiner spateren Betrachtungen nicht mit dem unreinen Geiste, aus dem ich damals mir sagte: Warum sollst du nicht Das thun durfen, was sich der Staat erlaubt? Ich philosophirte damals wie jetzt, aber, ich Elender, wo waren denn die Werthe von Fleiss und Arbeit, denen ich die gesellschaftliche Benennung: "Geld" gab? Darf ich mein Haupt in die reine Sphare erheben, in der Sie leben, Louis, wenn Sie uber das Wohl der tugendhaften Menschen nachdenken?

Nein! sagte Louis, der seine alte Gedankenreihe noch nicht aufgeben mochte, hat denn der Staat das Recht, willkurlich Nennwerth auf Nennwerth zu schaffen und grosstentheils nur zu frivolen Zwecken anzuwenden, zu Krieg, zum Glanz, zum Beamtenluxus?

Kommen Sie heraus aus Ihrem Himmel! sprach Murray. Hier ist ein Unwurdiger, der diese Rechtfertigung nicht verdient. Ich weiss es, der Staat hat gegen das Verbrechen, das ich meine, kein Naturrecht, kein Recht, dem es gelange, die Grunde irgend eines alten romischen Rechtslehrers zu entkraften, er hat nur ein fiskalisches, ein Recht der Nothwehr. Allein man braucht nur in sein Inneres zu greifen und den kategorischen Imperativ des Herzens zu fragen. Der sagt: Mogen die Menschen nicht errothen, die an dem grossen Pragstempel der Munze stehen und in's Gelag hinaus Geld schlagen und noch dazu aus Papier, Der, der dem Staate diese gedankenlose Fabrikation nachmacht, ist ebenso unmoralisch wie oft der Staat. Der Staat sagt: der Werth, den ich hier benenne, ist das offentliche Vertrauen! Gestattet es das offentliche Vertrauen, dass man auf seinen Werth hin Geld macht, wohlan! Das grosse Sundenregister der offentlichen Anleihen und des Papiergeldemittirens wird sich einst furchtbar rachen; aber der Einzelne, der nicht einmal die Chimare jenes Vertrauens, den Credit, den Glauben auf Ruhe und Frieden und allgemeinen Wohlstand fur sich hat und nur zu seinem Gelusten Geld schlagt, ist ein Elender und Das war ich, Louis, entschuldigen Sie mich nicht!

Louis bekampfte seine Aufregung, setzte sich und sah voll Theilnahme milde und liebevoll auf Murray, der so strenges Gericht uber sich hielt.

Als sich Murray von dem Zittern, das seine Stimme befallen hatte, erst allmalig erholte, fragte ihn Louis, ob er denn im Stande gewesen ware, so eine schwierige Aufgabe allein durchzufuhren?

Jemand half mir, sagte Murray und wollte ihn nicht nennen.

Aber Louis sagte:

Ihr Bruder half! Sie sprachen von einer Explosion, die ihn blendete. Sollte sie nicht von Ihren gemeinschaftlichen Arbeiten herruhren?

Murray schwieg eine Weile, dann fuhr er gesammelt fort:

Ich muss Ihnen die volle Wahrheit sagen, Louis, denn nur wenn Sie Alles wissen, konnen Sie mir so helfen, wie es mich fur den Rest meines Lebens beruhigen soll. Ich habe viel zu vollenden, viel zu wagen. Ihren Beistand will ich mir durch Aufrichtigkeit verdienen.

Louis gelobte nochmals jede Hulfe und vor Allem die heiligste Verschwiegenheit.

Drittes Capitel

Der Falschmunzer

Es war an einem sturmischen Oktoberabend, wie der heutige, erzahlte Murray. Nur spater schon. Die Nacht war schon angebrochen. Ich wohnte in demselben Hause wie jene Frau, die mich liebte. Wir waren im Begriff, die Stadt nachstens zu verlassen und uns nach Italien zu begeben. Den Grund sollen Sie bald erfahren. Sechs Monate lang hatt' ich in aller Stille schon ein Verbrechen getrieben, zu dem mich wahnsinniger Ehrgeiz verleitet, frivole Philosophie ermuntert hatte. Im obern Stockwerke hatt' ich eine Kammer, in die ich Niemanden einliess als meinen Bruder, den ich selbst aufsuchte und, da er in zerrutteten Umstanden lebte, fur meinen Anschlag leicht gewonnen hatte. Er baute in jener Kammer einen Schmelzofen, fertigte eine Pragmaschine fur die von mir gemachten Stempel und fand sich zu gewissen Zeiten Nachts bei mir ein, wenn ich aus nicht ganz werthlosen Mischungen Goldstucke schlug. Mit kleinerer Munze befasste ich mich nicht. Mein Talent zum Kupferstecher machte mir nebenbei die Fabrikation des Papiergeldes zu einer leichten, wenn auch langsam auszufuhrenden Aufgabe. Der Mensch ist im Grunde ein Thier. Seine edelsten Gaben benutzt er zum Ungebuhrlichen. Ich freute mich der gelungenen Beweise meines Talentes und lachte zu den Besorgnissen meines Bruders, dem ich niemals von dem falschen Gelde gab. Es waren ansehnliche Summen, die ich selbst in der grossen Welt in Umlauf setzte.

Betruger haben Sie betrogen, sagte Louis, Verschwender haben Sie getauscht, Dieben mit ihrer eignen Munze gezahlt

Das entschuldigt nichts, sagte Murray, hielt eine Weile schmerzlich lachelnd inne und fuhr dann fort:

In jener Nacht sollte uns eine Mischung gelingen, auf die ich besondern Werth legte. Sie war aber fur die kleinen Hulfswerkzeuge, die uns in der Kammer zu Gebote standen, zu stark und endete mit einer Explosion, die den Ofen zertrummerte und eine so gewaltige Lohe aufsteigen liess, dass man eine Feuersbrunst befurchten musste. Der Zufall wollte, dass in demselben Augenblicke, wo ich an diesem einen Auge, mein Bruder aber an beiden geblendet wurde, zwei andere eigenthumliche Momente eintraten. Meine Freundin war seit einiger Zeit schon in einem aufgeregten krankhaften Zustande. Sie wachte Nachte lang. Sie nicht nur, sondern auch ein schon langst gegen mich obwaltender Verdacht, organisirt durch einen in das Haus gezogenen spahenden Polizeibeamten, kamen fast zu gleicher Zeit an die Stelle, wo auffallend genug das furchterliche Ungluck geschehen war. Mein Bruder, alle Gefahr vergessend, hatte im Moment der Explosion geschrieen. Wie ein vom Blitz Gestreifter taumelte er hin und her, wahrend die Thur aufgerissen wurde und meine erschreckte Freundin, die zu einem an einer versteckten Treppe befindlichen Cabinet meiner Wohnung einen eignen Schlussel hatte, mit ihrer Kammerfrau hereinsturzte. Sie hatte die nicht zu bewaltigende Flamme in dem zum Hof hinausgehenden Kammerchen in der Nacht sogleich aufschlagen sehen, hatte schreien horen und war heraufgesturmt, ob ich in Gefahr ware. Sie entdeckt die Verwirrung, in der ich mich befinde, ihre Begleiterin wirft Kleider auf die Flamme, um sie zu ersticken, aber diese werden im Nu von der furchtbaren intensiven Hitze verzehrt. Der Anblick der auf der Erde liegenden zerstreuten Goldstucke, die geheimnissvollen Geratschaften, der wimmernde Bruder, der mit Wasser seine Augen kuhlen will und wie ein Kind weint, da er nichts mehr unterscheiden, das Nachste nicht sehen kann, mein eigener Augenschmerz, dazu die beiden Frauen und das inzwischen eintretende Pochen von herzustromenden Menschen an der Hauptthur, das Klingeln, der Ruf im Hofe:

Feuer! Feuer! ... Ich begreife nicht, dass mich nicht augenblicklich Raserei packte. Ich verlor aber die Besinnung nicht. Mit furchtbarer Bestimmtheit drangt' ich die Frauen zuruck und stiess den Bruder ihnen nach. Alle Drei gingen durch das Cabinet und die kleine Lauftreppe in die Wohnung der Freundin. Ich band ihnen den Bruder auf die Seele. Nun raumte ich rasch in der Kammer auf, liess den Ofen ausbrennen und ruckte Alles, was die Flamme hatte ergreifen konnen, aus ihrer Nahe fort. Dann offnete ich und stellte mich heiter, uberrascht, als ich das ganze Haus versammelt sah, das mir Hulfe anbot. Man brachte nassen Sand. Diese Gefahr ging voruber. Ich selbst aber wurde sogleich verhaftet. Meine Wohnung wurde untersucht. Man fand alles Das bei mir, was man langst geahnt hatte.

Und Ihr Bruder? sagte Louis.

Der arme Geblendete! fuhr Murray, den die Erinnerung an diese Schrecken weiss wie die Wand bleichte, fort. In die Wohnung meiner Freundin einzudringen wagte man nicht. Da man sich meiner versichert hatte, fand der Ungluckliche Zeit, am Morgen mit einem Miethswagen aus dem Hause geschafft zu werden. Sein erstes Gefuhl war Das, Hulfe bei dem Manne zu suchen, bei welchem unsre Schwester diente, dem langjahrigen Freunde unsrer Eltern, einem wirklich vorzuglichen Thierarzte, dem Scharfrichter Lehmann. Dort gab er vor, in seiner Schmiede sich durch zu nahe Beruhrung der Glutausstromung des Herdes und einen Fall geblendet zu haben. Er blieb bei der Schwester, der er sich ganz vertraute. Man suchte ihn, den man fur meinen Mitschuldigen hielt, in der Schmiede und fand ihn nicht. Seine Frau lebte nicht mehr. Sein Knabe, ein geistesschwaches Kind, konnte keine Auskunft geben, ich im Kerker verweigerte sie nicht minder. So galt er fur entflohen, wurde mit Steckbriefen verfolgt und kein Mensch dachte daran, ihn an einem so unheimlichen Orte, wie die Scharfrichterei vorm Thore war, aufzusuchen. Er hatte in der That das beste Asyl getroffen und konnte meinem ganzen unglucklichen Processe in Ruhe zuwarten.

Murray schwieg eine Weile, um sich zu erholen und sich uber den Eindruck, den diese Erzahlung auf Louis machte, zu sammeln.

In Louis' Brust stockte der Athem. Sein Herz war beklommen. Seine Hand fuhlte sich ihm selber eisig an.

Meine nachsten spateren Schicksale, sagte Murray, will ich ubergehen. Ich wurde zu einer zwanzigjahrigen Kerkerhaft verurtheilt. Ich habe alle Ursache, anzunehmen, dass ich die Dame, die einen Baron Grimm zu lieben glaubte, durch die Maske, die ich gezwungen war nun abzuwerfen, offentlich nur wenig compromittirt hatte. Ich galt fur leichtsinnig und wankelmuthig in meinen Neigungen. Man wusste wenig davon, wie eng schon das Band war, das mich mit ihr verbunden hielt, da sie zufallig auch unter mir in einem und demselben Hause wohnte. Das Geheimniss erhoht den Reiz solcher Verbindungen. Allein um so peinlicher musst' es jener Frau sein, stundlich gerade von mir selbst eine Entdeckung zu furchten. Ich hatte mich mit ihr durch ein Band verbunden, das der grenzenloseste Leichtsinn geschlossen hatte. Gewandt und gefallig, wie ich war, hatt' ich bei ihr keinen Widerstand gefunden und ich muss es Ihnen sagen, darf es als das eigentliche Ziel meiner Beichte nicht verschweigen ... sie trug damals, als der Roman des Barons Grimm ein so schreckliches Ende nahm, unter dem Herzen ...

Murray stockte. Seine Stimme war bewegt.

Louis verstand, was er sagen wollte.

Sie wird Ihnen keinen Hass genahrt haben, wenn sie unter ihrem Herzen ein Pfand der Liebe trug, sagte Louis.

Doch, mein Freund! fiel Murray ein. Um so grosser war dieser Hass! Ich verdiente ihn. Meine Tauschung war zu elend. Deshalb zurn' ich ihr auch nicht; zurn' ihr nicht, wenn sie der bosen Frau, die in ihrer nachsten Umgebung lebt, gestattete, einen Mordplan gegen mich anzulegen. Ich will Ihr Herz nicht betruben, Louis, indem ich Ihnen die Rache schildere, deren zwei verletzte und gedemuthigte, wilde, vor Verzweiflung rasende Frauen fahig sind ...

O sagen Sie mir Alles!

Nein, nein! Genuge Ihnen, dass ich Gelegenheit fand, einem Angriffe auf mein Leben zu entgehen. Ich entfloh ...

Das gelang Ihnen?

Mit fremder Hulfe ...

Vielleicht durch die Frauen! Sie irren sich vielleicht! Vielleicht gaben sie die Mittel her, Ihre Flucht zu erleichtern.

Nein, mein Freund! Wie leid thut es mir, diese gute Meinung, die Sie von Frauenherzen hegen, nicht bestatigen zu konnen. Ich entfloh durch den Beistand eines mitleidigen Mannes ...

Wie segn' ich ihn!

Haben Sie Mitleid mit mir? Gonnten Sie mir wirklich nach solchen Verirrungen die Freiheit?

Sie haben die Freiheit, dacht' ich, zu benutzen verstanden!

Das lehrte mich nicht die Freiheit selbst, nicht der Dank gegen die Gottheit, die an mir ein Wunder vollzog, als sie mich unter den schwierigsten Verhaltnissen einen tiefen Kerker durchbrechen und entfliehen liess. Erst auf dem Meere, als ich nach Amerika floh, kamen mir stillere Gedanken und der Trotz auf meine Kraft und das Gefallen an meiner Wildheit nahmen ab. Ich betrat den Boden der neuen Welt mit ernsten Vorsatzen. Ich nahm, da ich englischer Sitte vollkommen machtig war, einen englischen Namen an

Murray

Morton nannt' ich mich.

Morton? Und wovon ernahrten Sie sich?

Von derselben Kunst, die ich misbraucht hatte. Ich wurde wieder Kupferstecher.

Und jeder Versuchung widerstanden Sie?

Du horst mich, Herr! Ich kann wol sagen jeder!

Reichte der Erwerb hin, Ihre verwohnten Anspruche zu befriedigen?

Das war's, mein Freund! Ich gab diese verwohnten Anspruche auf. Ich habe gefunden, dass wir ausserordentlich glucklich sein konnen, wenn wir plotzlich mitten in unserm Leben einmal innehalten, stillstehen, Alles andern, zuruckgehen konnen. Was macht uns so unglucklich, was treibt uns so von Extrem zu Extrem, als diese athemlose Begier, ein Leben so wie es nun einmal, ich mochte sagen in Schluss gekommen, zu Ende zu bringen? Ja, wir wachsen anfangs empor. Wir kommen von Jahr zu Jahr vielleicht in gunstigere Lagen. Aber wehe uns, wenn wir diesem Zuge des Schicksals, dieser freundlichen Gunst der Gestirne immer nachgeben! Das Bett, einmal erweitert zum Genuss, will immer gefullt sein. Eine Existenz, einmal bequem und behaglich angelegt, wird unsre Qual, unsre Folter, unsre Verlockung zur Sunde werden. Der Emporkommling, der nicht mehr zuruckkann, wird fast immer scheitern. Verwirren sich seine Begriffe von Recht und Tugend nicht in dem Drange des Erwerbs, so sinkt er erschopft am Ende seiner Tage zusammen. Der Zwang, jenes bequeme Bett seiner Existenz immer gleich weit auszufullen, hat ihm jede Freude des Lebens geraubt.

Jetzt versteh' ich, sagte Louis, warum so viele Handwerker in Paris zwanzig Jahre fleissig sind und dann auf's Land ziehen, um weniger arbeiten und sichrer geniessen zu konnen.

Das nenn' ich einen Epikuraismus, antwortete Murray, den ich niemals empfehlen werde. Man soll nicht fruher aufhoren zu arbeiten, ehe nicht die Hande und der Muth erlahmen. Nein! Ich richtete mich in NewYork sogleich arm und bescheiden ein. Die Anmassungen des Barons Grimm lagen hinter mir. Man nannte mich den Diogenes in der Tonne und wollte Geiz darin finden, dass ich so wenig ausgab und so viel verdiente

Thaten Sie Das?

Ja, mein Freund! In Amerika ist jede praktische Kunstfertigkeit hochgeehrt. Ich erwarb deshalb viel, weil ich wenig brauchen wollte. Ich habe ein nicht unansehnliches Vermogen gesammelt, noch reicher aber bin ich an innern Erfahrungen geworden. Ich verschloss mich auf der neuen Erde den Menschen nicht. Ich prufte die Charaktere und unterrichtete mich uber die Einrichtungen. Die Gewissensbisse, die an mir nagten, fuhrten mich auf das Bedurfniss der Versohnung. Glauben Sie nicht, dass ich ein bigotter Christ wurde, aber ich gestehe Ihnen, dass ich eines Mittlers bedurfte. Der Mittler Jesus, den uns das Christenthum bietet, sprach zu mir wie ein verborgener Freund. Er sagte mir nichts von Dem, was man wol so gewohnlich in den Kirchen hort, er sagte mir: Du bist ein Mensch und hast gesundigt! Deine Bahn war gestort, aber vielleicht fuhrte dich die Storung auf den rechten Weg, den du nie gefunden hattest, wenn du ohne Innerlichkeit, als leidlich guter Mensch, so fortgegangen warest.

Sie schlossen sich einer Sekte an? fragte Louis, dem mit dieser religiosen Wendung des Gespraches eine neue Verklarung auf Murray fiel, ohne dass er sich freilich hatte eingestehen konnen, dass er ihm deshalb lieber geworden ware. Er hing, wie jeder junge Mann, an seinem irdischen Berufe und an der reinen Weltlichkeit unsrer nachsten grossen Bestimmungen und mistraute sogar dem Einflusse der religiosen Betrachtung auf die Energie, die er von dem Menschen der Jetztzeit verlangte.

Ich schloss mich keiner Sekte an, sagte Murray, sondern beobachtete nur. Wiedergeboren im Geiste kann man nur in sich selber werden. Was ich innerlich gelitten, verschuldet, mir vorzuwerfen und abzubussen hatte, eignete sich Das fur die Mittheilung? Ich dachte mir jedesmal, wenn ich die Sekten in ihren Cirkeln beten horte: Wenn Ihr wahrhaft gottselig seid, muss Euch der Kampf um den innern Frieden leichter geworden sein als mir! Ich betete fur mich. Auch hab' ich nie hinaufbeten konnen zu einem grossen Wesen, das ausser mir ware. Das hatte mich nicht erquickt und erfullt. Wie kann mich etwas erquicken, das nicht aus mir selber stromte? Die Macht des Gebetes liegt in der Ruhe, die nach ihm auf unser Inneres sich breitet. Ich betete, ich kann wol sagen, zu mir selbst. Ich betete zu dem tiefen Geheimniss, das in meiner Brust schlummert und mir alles Das entgegenhalt, was gut und schon und unsre Pflicht ist! Das Bose lag klar vor meinem Blick. Ich verschonerte es nicht, ich entschuldigte es nicht durch bunte Farben. Ich sah es in seiner ganzen verworfenen, abschreckenden Gestalt und entrann dieser Gestalt, zu reineren Genien mich fluchtend, die mir ihre rettende Hand boten. Aber was ich auch that, um mich zu lautern, nichts ware mir gelungen, wenn ich nicht die Freuden einer bescheidenen Lebensweise gesucht und an Entbehrung mich gewohnt hatte. Mein einz'ger Luxus waren Reisen in das Innere der Staaten, die mir unendlich lehrreich wurden und unter Andern auch die Freude bereiteten, den Mann kennen zu lernen, der meinen Geschwistern die Kunde meines Todes brachte ...

Wie ist es nur mit diesem Tode? fragte Louis, ergriffen von der weichen und sanften Stimme, in der Murray seine religiosen Empfindungen ausgesprochen hatte.

Wenn, mein junger Freund, fuhr Murray fort, die Aussohnung des innern Menschen mit sich selbst und die Wiedergeburt im Geiste darin liegt, dass man jede Kluft zwischen seinem Schicksal und seiner Ergebung in dies Schicksal ausfullt, so muss ich Ihnen gestehen, dass es zwei Dinge gab, die beim erwachenden Gluck meiner Seele dennoch die Freudigkeit derselben storten. Der eine Gedanke, der mich peinigte, war die Flucht vor dem Loose, das mich in Europa heimgesucht hatte. Der andre die Erinnerung an meinen Sohn ...

Wissen Sie nichts von Ihrem Kinde? Es ist ein Sohn? fragte Louis theilnehmend.

Es ist ein Sohn ...

Und keine genauere Kunde von ihm?

Nicht mehr, als was ich Ihnen erzahlen werde. Jene beiden Gedanken folterten mich ...

Auch der Ihrer Flucht? Wie ware Das? Wie konnte Sie der Gedanke an Ihre Rettung foltern?

Murray schwieg eine Weile, dann sagte er:

Sie stehen, ein reiner, unbescholtner, in sich friedlicher Jungling, auf dem Standpunkte nicht, der der meinige werden musste. Ich habe dem Herrn gedankt, als ich mir sagen konnte: diese Flucht rettete dein Inneres! In dem Kerker hattest du mit der Kette geklirrt und dir in ungebehrdigem Zorne den Schadel an der Wand eingerannt. Erst durch die Flucht fandest du die Stimmung, in dir einzukehren und uber dich den Stab zu brechen ...

Um so mehr!

Wie ich aber Frieden mit mir selber hatte, wissen Sie, was mich peinigte..?

Doch nicht der Vorwurf, dass Sie dem ungerechten Akte dieser weltlichen Gerechtigkeit nicht genugt haben?

Murray schwieg und wurde nachdenklicher.

Sie antworten nicht? War' es moglich, dass Sie die Absicht hatten

Mich den richterlichen Behorden hier selbst wieder auszuliefern? fragte Murray lachelnd und richtete sein Auge lange auf Louis, der diese Verirrung des von ihm so hoch geschatzten Mannes nicht zu begreifen im Stande war.

Nein, nein, sagte er. Das ist keine lebenskraftige Tugend mehr! Das ist monchische Selbstqual! Das ist Hypochondrie!

Haben Sie keine Sorge, mein Freund, sagte Murray, dass ich die Thorheit besitze, in diesem Punkte blindlings einem Gefuhle zu folgen. Wie wenig reif dieser Gedanke bei mir ist ...

Er zog sein Terzerol und fuhr fort:

Beweise Ihnen diese Waffe, mit der ich im Stande ware, meinem Leben ein Ende zu machen, wenn ich so unglucklich sein sollte, erkannt zu werden. Und doch hass' ich Selbstmord! Und mochte Christ sein! Sie sehen, dass ich noch nicht zur rechten Erleuchtung gekommen bin!

Louis erwiderte nichts. Der Anblick der Waffe machte ihn vollends irr. Er konnte bei Murray eher Alles, als eine gewaltsame Beendigung seines Lebens durch eigne Hand voraussetzen. Mit seinen religiosen Grundsatzen schien diese Drohung nicht ubereinzustimmen ...

Murray verstand sogleich, was seine letzten Worte bestatigend in Louis' Seele vorging.

Nicht wahr, sagte er, wie wenig entsprechen solche Entschlusse dem Bilde, das Sie vielleicht von mir gewonnen haben! Ich spreche von Selbstmord! Erkennen Sie daraus, wie wenig ich in mir selber schon reif und klar geworden bin! Ein vollig unbestimmtes Tasten im Dunkeln verwirrt mich noch, wenn ich an diese Gefahren denke. Soll ich sie aufsuchen? Soll ich sie fliehen? Eine Stimme in meinem Innern sagt: Kehre am Schluss deines Lebens in den Anfang zuruck und dulde, was du dulden musst

Louis sprang auf und unterbrach Murray auf das Heftigste.

Sprechen Sie Das nicht aus! rief er. Sagen Sie nicht, dass man verpflichtet ware, dieser irdischen Gerechtigkeit Wort zu halten! Wenn irgendwo ist hier das Recht der Nothwehr an seiner Stelle. Sie wurden diese Gerechtigkeit beschamen, wenn Sie in den Kerker zuruckzukehren wunschten.

Nein, mein Freund, ich wurde noch mehr thun, sagte Murray, ich wurde sie veranlassen, grossmuthig zu sein; ich wurde die Aufmerksamkeit des Publikums auf mich ziehen, belobt, geruhmt, gepriesen werden kann ich Das wollen? Musst' ich Das gerade nicht verachten? Nein, mein Freund, nicht sich selbst angeben, sondern angegeben werden, fortgeschleppt von der Gerechtigkeit, die sich der Beute freut, Das, Das, konnte leicht mein Schicksal sein ...

Louis wehrte gewaltsam diese melancholischen Ausserungen fast mit den Handen ab. Es war ihm, als trate einer der alten Martyrer aus den Nebeln der Geschichte und drangte sich an den Holzblock, nur um fur Christus zu sterben und seinen Heiland bald zu sehen.

Nun, nun, sagte Murray und streckte ihm das Terzerol entgegen. Sie merken da, dass ich noch ziemlich weltlich gesinnt bin, wenigstens so lange fugte er mit gedampfter Stimme hinzu bis ich meinen Sohn gefunden habe.

Sprechen Sie davon, Murray! Das ist trostlicher fur mich.

Ich sehe aus Ihrem Eifer Ihre Liebe. Nun wohlan! Der zweite mich peinigende Gedanke ist mein Sohn. Ich weiss, ich ahne es, dass er im Elend lebt, verworfen, verkummert. Wenn er lebt! Ich hatte keine Ruhe uber diesen Gedanken. Ich weiss, dass ihn seine Mutter verstiess, weiss, dass sie ihn, wenn er noch lebt, hassen wird, wie sie den Vater hasste. Es gibt unblutige Morderhande! Man kann todten o mein Freund man kann todten mit Gift und Dolch, das ist alt! Man kann todten mit scheinbarer Liebe, ubertriebener Pflege, durch tausend Mittel der Bosheit, die langsam, aber sicher treffen. Auch Das ist erwiesen, wenn auch meist im Dunkel begraben und nur fur das jenseitige Gericht reifend! Aber ein noch langsamerer Tod durch Unterlassungen, ein sittlicher Mord durch Nichterziehung, Verwilderung, Elend ... sehen Sie, Freund, das Alles steht klar vor mir, stand vor mir, seit ich mein Elend begriff, und meine Ruhe, meinen Frieden stort dies Bild so, dass ich mir verworfen vorkomme, wenn ich die naturliche Pflicht, die mir die Ordnung der Natur aufgegeben, aus jammerlicher Feigheit um mein eignes Loos hintansetzte und von dieser Erde scheiden wollte, ohne mich noch wenigstens einmal umzublicken, wo wol das Kind ist, das sich so jammervoll durch sundige Eltern in's Leben stehlen musste.

Louis war von diesen mit hoher Weihe ausgesprochenen Worten erschuttert.

Ja, sagte er, Murray's Hand ergreifend, das ist ein Gefuhl, hochzuehren, heilig und edel! Diesem Gefuhle widmen Sie Ihr Dasein, aber ihm schonen Sie es auch! Denken Sie an Ihren Sohn! Suchen wir ihn! Retten wir ihn, wenn er noch lebt und durch die unnaturliche Wuth einer betrogenen Mutter wol zu den Ausgesetzten und Verdammten dieser Erde gehort!

Das war meine Aufgabe, fuhr Murray fort. Ich raffte mein Vermogen zusammen, nahm Abschied von den Wenigen, die mich kannten, und schrieb jenem Manne, den ich einst auf seiner Farm am Missouri kennen lernte und von dem ich wusste, dass er zum Continente zuruckkehrte, er sollte meinen Verwandten, die ich ihm bezeichnete, einiges Geld uberbringen und sagen, dass ich todt ware. Als mir einfiel, dass ich grossen Gefahren entgegen ging, liess ich den Verdacht entstehen, als lebt' ich wirklich nicht mehr ...

Heunisch sagte mir, bemerkte Louis, dass die Ursula und der Schmied von einem todten Bruder geerbt hatten.

Tausend Dollars ein Jedes.

So wird es sein ...

Ich komme nach Deutschland. Was beginnen? Leb' ich noch, entdeck' ich mich den Meinigen, so setz' ich mich der Gefahr aus, erkannt, ergriffen zu werden und meine Muhen um den Sohn waren vergebens.

Ja, Murray, schliessen Sie sich ein! Lesen Sie! Arbeiten Sie! Denken Sie! Ich will fur Sie handeln. Ich!

Murray war geruhrt ...

Was wissen Sie von Ihrem Kinde, wo wollen Sie hoffen es wiederzufinden?

Funf Monate nach meiner Verhaftnahme, erzahlte Murray, erfuhr ich durch einen Besuch meiner Schwester, der mir als Abschied gestattet wurde, weil ich mein Urtheil erfahren hatte, dass meine Freundin einige Wochen nach jenem verhangnissvollen Abende die Stadt verliess und ihr schrieb, sie sollte in einen nahegelegenen Ort sich begeben, um dort eine Mittheilung zu empfangen. Meine Schwester stellte sich ein, traf aber nur jene altere Vertraute, die ihr erklarte, in vier Monaten etwa wurde ihre Gebieterin von einem Kinde genesen, das mir elendem Menschen angehore. Sie wurde diese Erlosungsstunde von dem qualvollsten Zustande in einem Dorfe, das ihr naher bezeichnet wurde, abwarten und bis dahin sich in Verborgenheit halten. An dem Tage, wo sie die Anzeige der bevorstehenden Geburt empfangen wurde, sollte sie kommen und das Kind abholen. Man wollte ihr ein fur allemal eine nicht unbedeutende Summe zahlen, wenn sie das Kind als das ihre annahme und einen Schwur leistete, nie mehr im Leben von diesem Vorfalle und Verhaltnisse Erwahnung zu thun. Wenn sie es versprache, so konnte sie gewiss sein, dass die hohen und einflussreichen Verwandten der Dame Alles aufbieten wurden, das Loos ihres gefangenen Bruders, dieses ruchlosen Abenteurers und Betrugers, zu mildern. Meine Schwester Ursula, noch entsetzt von dem Anblick des blinden alteren Bruders, voll Theilnahme auch fur mich, mehr noch aber gereizt durch den Gewinn versprach, das zu erwartende Kind zu sich zu nehmen und fur dessen Schicksal zu sorgen. Acht Tage vor meiner Verurtheilung hatte die Entbindung von einem Knaben stattgefunden. Meine Schwester hatte dreitausend Thaler empfangen, klagte aber, dass sie schon dem blinden Bruder davon die Halfte abgeben sollte. Dieser war noch immer an dem schrecklichen Orte, wo meine Schwester in Diensten stand. Freilich hatte sie jetzt diesen Platz zu verlieren. Ihr Herr hatte meines Bruders Verbrechen erfahren und wurde nicht gelitten haben, dass sie mit dem Kinde bei ihm geblieben ware. Wo ist denn nun das Kind? fragt' ich damals und wohin willst du dich mit ihm wenden? Meine Schwester hatte zu allen Zeiten etwas Verwirrtes und Seltsames. Statt auf meine Frage zu antworten, antwortete sie darauf selbst mit Fragen. Nach Allem, was mir Franziska Heunisch von ihr erzahlte, wundert es mich nicht, dass sie in ihren alten Tagen das Wesen einer Hexe angenommen hat. Wenn's nur erst uber den grunen Klee ist! sagte sie damals. Was sie damit meinte? fragte ich. Ist das Kind schwachlich? Ist es krank? Wie wird es genahrt? In diesem Augenblick, erfullt von der ganzen gewaltsamen Theilnahme fur ein Wesen, das mir noch fur die Zukunft einen gewissen Zusammenhang mit dem Leben gab, trat der Gefangnisswarter ein. Die Frist der Unterredung war abgelaufen. Ursula musste fort. Besorg' Alles gut! sagt' ich noch und druckte ihr die Hand, nicht voll Ruhrung, sondern voll Ingrimm. Sie ging, antwortete auf meine Fragen nicht mehr und das ist Alles, was ich von meinem Kinde weiss und als Beruhigung mit hinuber nahm in die neue Welt.

Louis erwiderte, dass hier ja Anhalt genug zum weitern Forschen gegeben ware.

Das wohl, sagte Murray, aber ich ahne nichts Gutes von dem Ergebniss. Eine Nachfrage bei jenen Frauen

Leben sie noch? fragte Louis rasch.

Sie leben noch! sagte Murray. Sie leben in Gluck und Freude! Ich will sie nicht storen in der Ruhe ihrer Herzen, wenn diese Herzen ruhig sind.

Ah, sagte Louis, doch nur, weil es gefahrlich ist, den Verdacht solcher Tigerinnen zu wecken. Denn sonst

Ich will keine Rache, erklarte Murray. Hatt' ich auch ein Recht dazu? Kaum zur Strafe fur Das, was mir wirklich Schlimmes von ihnen widerfuhr. Bei ihnen wagt' ich nicht zu forschen ... so ging' ich ... schaudervoll zu sagen ... wo ich zuerst um das Schicksal eines so elend auf die Welt gekommenen Wesens nachfragte ...

Am Hochgericht!

Entsetzliches Gefuhl, mit dem ich die Anhohe hinaufstieg, die zur Schadelstatte der Verbrecher fuhrt! Wie tief ritzten die Dornen, die ich mir selbst auf's Haupt setzte, in's Fleisch! Wie blutete ich unter dem Druck des Martyrerthums der Reue, zu dem ich mich freiwillig darbot! Ich klopfte an die Pforte der unheimlichen Wohnung auf der Hohe und fragte nach dem Doctor Lehmann, so nannte man sonst den Pachter. Er war todt. Sein Nachfolger wusste nichts von Ursula Marzahn, nichts von Jakob Zeck. Ich ging den Berg hinunter, als wenn feurige Flammen unter mir aus dem Boden schlugen. Ach, ich nahm es fur eine gute Vorbedeutung, dass man hier nichts von dem Vergangenen wusste. Eine neue Generation hatte die alte verdrangt. Die Vogel sangen in der Luft, die Ernte stand so voll und hoch und reif. Ich setzte mich in's Korn unter blaue Blumen und dankte Gott, dass ich nichts erfahren hatte.

Murray schwieg eine Weile, um sich zu erholen. Dann fuhr er fort:

Ich suchte den Wachter meines Gefangnisses auf ...

Den furchteten Sie nicht?

Er hatte mich entfliehen lassen ...

Der Brave!

Weil er seine Pflicht verletzte, brav?

Wir vereinigen uns nicht, Murray ... sagte Louis kopfschuttelnd.

In diesem Falle doch, wenn ich Ihnen sage, dass dieser Gefangenwarter mir entdeckte, warum ich nicht in das Zuchthaus kam, sondern zu einsamer Haft begnadigt wurde.

Murray erzahlte die Umstande, die wir wissen.

O diese Teufel in Frauengestalt! rief Louis. Sagen Sie mir, wer sie sind?

Murray, auf diese Worte nicht achtend, fuhr fort:

Auch hier hatte der Tod schon den Posten abgelost. Ich entdeckte eine Tochter jenes braven Mannes, jenes Madchen ...

Das Sie allein zu Grabe begleiteten?

Murray nickte.

O glauben Sie mir, rief Louis, was Sie fur Herbststurm gehalten haben, als Sie an der aufgeschutteten Erde des Friedhofes standen, Das waren die Chore der Engel, die ein Requiem der armen Seele sangen und ein Hosiannah Ihnen.

Murray lehnte dies Lob ab und fuhr in seinen Angaben fort:

Von jenem Madchen hort' ich zum ersten male, dass eine Ursula, die sich Marzahn nennt, mit jenen Frauen noch in einem gewissen Zusammenhange steht. Nach diesem Namen forschend, hort' ich, dass Marzahn der Name eines verstorbenen Forsters in Furstlich Hohenbergischen Diensten war, dessen gegenwartiger Nachfolger Heunisch ist. Den Namen Franziska Heunisch hort' ich zuerst bei meiner Nachbarin Louise Eisold, dann von jenen Feinden dieses jungen Madchens, die mich veranlassen wollten, sie zu entfuhren. In dem Drange, den Beziehungen meiner Verwandten auf die harmloseste Art naher zu kommen, ging ich scheinbar auf die mir gemachten Vorschlage ein

Von Wem kamen sie? sagte Louis. Wie oft versprachen Sie mir diese Aufklarung!

Lassen Sie mich schweigen, sagte Murray. Sie wurden sie strafen wollen und mir nur Verfolgungen zuziehen, die ich jetzt noch nicht wunschen kann. Genug, ich wusste nun von Franziska, von den Martens, Ihnen und Ihrem gutmuthigen Nebenbuhler Heinrich Sandrart, dass Ursula Marzahn und ihr Bruder Jakob Zeck beim Furstlich Hohenbergischen Dorfe Plessen wohnen. Ich folgte Ihnen. Ich schutzte Ihre Freundin. Und da bin ich nun und weiss nicht, wie ich, ohne von den Todten leibhaft aufzustehen, nach dem Schicksal jenes Kindes forschen soll, das in allen meinen Anfragen nach der etwaigen Umgebung dieser Menschen nie genannt wurde. Wie ich jenes Madchen auf dem Wege des Lasters fand, wer weiss, ob ich meinen Sohn nicht als Verbrecher finde!

Dann ware Ihnen besser, Sie entdeckten ihn nie, bemerkte Louis ...

O! O! Ich glaube an die Moglichkeit moralischer Besserung; nur kommt es auf die richtigen Mittel an. Ein Verbrecher gleicht einer erstarrten Schlange, die man an seinem Busen aufwarmen muss ...

Um sich zum Dank von ihr verwunden zu lassen?

Ich wahlte kein gutes Bild. Nehmen Sie den Verbrecher sich selber nah, entziehen Sie ihm die Moglichkeit des Fehlens, erwarmen Sie ihn durch Liebe und Vertraulichkeit, erheben Sie ihn dadurch, dass Sie zu ihm niedersteigen ... ich will nicht sagen, dass Alle dem Besseren zu gewinnen sind: Mancher ist es: warum sollt' ich ihn nicht suchen?

Ich helf' Ihnen, schloss Louis und horchte. Es schlug zehn Uhr vom Kirchthurme im Dorfe. Es war kalt geworden. Man hatte vergessen, im Ofen nachzulegen. Murray frostelte wie ein Fiebernder.

Sie sind krank? Sie regten sich auf? Was haben Sie? sagte Louis Armand.

Das erste Gefuhl einer Frau, die Mutter wird, antwortete Murray lachelnd, ist Fieberfrost. Mein Gestandniss hab' ich abgeschuttelt. Sie werden es pflegen und schutzen. Aber es uberrieselt mich doch ...

Besprechen wir morgen, sagte Louis, die Mittel, um bei der Schwester und bei dem blinden Bruder nachzuforschen, welches Schicksal einem Kinde geworden ist, das ihnen einst der Zufall anvertraute.

Keine Ubereilung! rief Murray.

Wir haben ja Zeit, sagte Louis. Sie arbeiten hier in der Stille. Ich soll noch einige Tage bleiben und wer weiss, ob meine Abwesenheit von der Stadt ... nicht wohl gar ... Er stockte voll Betrubniss.

Gewunscht wird? fragte Murray.

Als Louis schwieg, sagte der Alte:

Louis Armand, Sie mussen morgen meine Aufrichtigkeit vergelten und mir sagen, ob auch Sie Kummer haben?

Louis gab Murray den einen Leuchter, wahrend er selbst den andern ergriff und sagte ruhig ausweichend:

Gute Nacht fur heute! Sie suchen einen Sohn, edler Mann! Nehmen Sie vorlaufig mich an seiner Statt. Sie haben mich tief erschuttert und das Gefuhl der Wehmuth, das seit einiger Zeit uber mich und einige Freunde gekommen ist, vollends aufgelockert bis zum tiefsten Lebensernst. Es gibt denn doch nur wenig Wahrheiten, die uns so aus der Luft zufliegen und gleich unsern innersten Menschen befriedigen konnen. Aus der eignen Brust heraus mussen wir weise werden, aus dem Bedurfniss unsrer eignen Seele zum Guten kommen. Dank! Dank Ihnen fur Ihr Vertrauen! Sie haben es nicht verschwendet. Der Fremdling ist Ihr Freund, Ihr Schuler, Ihr Sohn!

Murray lachelte milde. Er sah sich dann im Zimmer noch etwas mistrauend um, leuchtete an das Fenster, bemerkte, dass der Sturm etwas nachgelassen, schloss die Fenster, bedeckte seine kleine Werkstatt, schloss den Flugel und konnte sich nicht so rasch von dem Zimmer trennen.

Ist es mir doch, sagte er schon im Gehen, als wenn diese Wande zu viel erfahren hatten! Oder ergreift mich ein Bangen in der Nahe meines Bruders? Ich glaube, er wurde mich trotz seiner Blindheit erkennen, wenn er meinen Athemzug horte

Traume der Aufregung, Murray! Beruhigen Sie sich! Ihr Geheimniss schlummert in meinem Herzen!

Murray druckte Louis die Hand und folgte in das Vorzimmer, wo Louis schlief. Er selbst ging uber den Corridor in ein entgegengesetztes Gemach, das er gerade aufschloss, als die Kirchthurmuhr schon ein Viertel auf elf Uhr schlug, eine Stunde, wo auf dem Lande, auch im Sommer, wie vielmehr jetzt, Alles im tiefsten Schlummer liegt.

Der Morgen brach an, wie der Abend endete. Das Wetter hatte sich noch nicht aufgeklart. Derselbe nebelgraue, feuchte Himmel. Louis hatte ihn so gern gewunscht seiner Stimmung gemass. Er hatte nach Dem, was er gestern von einem der seltsamsten Menschen, denen er im Leben bisher begegnet war, gehort, die neuen, gewaltigen Eindrucke so gern in Luft und Natur hinaustragen mogen, um sich der ihn druckenden Schwere dieser geistigen Last etwas entbunden zu fuhlen. Der Himmel bot sich aber nicht zu dieser Hulfe an. Er blieb verstimmt und verstimmend, verschlossen dem Blicke, der so gern zu seinem Blau emporgeschaut hatte.

Der junge Arbeiter, der hier zu einer unfreiwilligen Musse verdammt war, sprang aus dem Bett und bekleidete sich. Er fuhlte das lebendigste Bedurfniss, Murray freundlich zu begrussen und ihm durch seinen eignen unbefangenen Sinn die Angst zu nehmen, die uns doch befallt, wenn wir, verfuhrt von einer gunstigen Situation, aus uns zu gewagt heraustraten und mehr uber uns enthullten, als wir sonst dem Blicke der Menschen zu verrathen gewohnt sind. Hier war nun vollends noch die Last eines Verbrechens, das Gestandniss einer unter allen Umstanden bedenklichen Schuld abgeschuttelt worden und Louis fuhlte zart genug, um die Lucke, die in Murray's Gemuth entstanden sein musste, durch freundlichste Begrussung wieder auszufullen.

Er ging uber den Corridor, klopfte bei ihm an, trat leise ein und fand ihn gleichfalls schon angekleidet, ruhig auf seinem Bette sitzend und lesend.

Ich lebte bisher so wenig in der wirklichen Welt, sagte Murray, dass ich mich immer an Bucher gehalten habe und in der That sind richtig gewahlte Schriften ein Ersatz fur das Leben. Geschichte, Naturkunde, leichtfassliche Philosophie sind Gegenstande, uber die ich mir schon seit dem Baron Grimm nicht gern eine wichtige Erscheinung entgehen lasse. Diese alte Gewohnheit ist mir im bessern Sinne geblieben.

So hab' ich wenigstens die Beruhigung, sagte Louis, auf den Vorrath von Buchern, die Murray mitgebracht hatte, blickend, dass Sie in der Zeit, wo ich suchen werde, die Verhaltnisse Ihrer Geschwister genauer zu erforschen, wenigstens eine Beschaftigung haben.

Ich werde verstimmte Musik machen, lesen, eine Visitenkarte fur Ihr Geschaft stechen und mich so nutzlich als moglich zu machen suchen.

Damit gingen Beide gemeinschaftlich in das Eckzimmer hinuber, fast auf dem Fusse von Brigitten gefolgt, die das Fruhstuck mit klappernden Tassen brachte. Winkler tappte hinter ihr her, um einzuheizen.

Es wurde von einem Wagen des Herrn Ackermann aus dem Ullagrunde gesprochen, der den Candidaten Oleander zum Fraulein Selma taglich abhole, das Stunden bei ihm nahme, der Wagen wurde heute hier erst vorfahren und dann wie immer am Pfarrhaus halten.

Wie weit ist's in den Ullagrund? fragte Louis, auf's Neue betroffen uber den Namen Oleander (der der Name jener Deutschen war, die Thaddaus Kaminski auf seiner Flucht aus Polen ehelichte und mit nach Frankreich nahm) ...

Eine Stunde zu fahren, zwei zum Gehen! hiess es.

Wann fahrt Herr Oleander zuruck?

Gegen Abend erst ...

Ich muss sehen, wie ich selbst zuruckkomme. Rechnen Sie auf ein Mittagessen fur mich nicht. Aber mein wurdiger Begleiter bleibt daheim und lassen Sie ihm nichts abgehen ...

Es wurden die darauf folgenden Auseinandersetzungen und Ablehnungen noch langer gedauert haben, wenn nicht ein Klopfen draussen an der Vorthur sie abgeschnitten hatte.

Herr Justizdirektor von Zeisel war es, der seinen Morgengruss schon in aller Fruhe selbst bestellen wollte und sich die Ehre ausbat, morgen beide Herren bei sich zu Tische zu sehen. Louis blickte dabei auf Murray, der sich entschuldigte, aber die Grunde widerlegte, warum auch sein junger Freund Anstand zu nehmen schien, die Einladung anzunehmen. Frau von Zeisel erhielt spater durch ihren Gemahl die Versicherung, dass sie auf die Vermehrung ihres Tisches wenigstens durch ein Couvert rechnen durfte. Auch Herrn Oleander wurde man finden und wenn die Einladung Erfolg hatte, auch Hernn Ackermann und Tochter ... Herr von Zeisel, der das freundschaftliche Verhaltniss zwischen dem Fursten Egon und Louis Armand kannte, unterliess nicht, diesen kritischen Besuch auf jede Art zu ehren. Er uberreichte Louis ein Packet der neuesten Zeitungen und erbot sich zu jeder Gefalligkeit, die er ihm nur unter den traurigen Umstanden dieser ublen Jahreszeit erweisen konnte. Louis dankte und bat nur, ihn wegen Fortsetzung dieser Zeitungen ofters in Anspruch nehmen zu durfen.

Das kann ich mir denken, sagte Herr von Zeisel, wie sehr es Sie interessiren muss, diese glanzende Laufbahn, in die sich Sr. Durchlaucht plotzlich geworfen haben, zu verfolgen. Ich freue mich wahrhaft, dass die schonen Versicherungen, die Justus in den nahegelegenen Wahlkreisen fur seinen Schutzling gegeben, so schnell in Erfullung kommen. Dennoch herrscht bei Allen, die fur die allgemein hier herrschende Liebe zu Sr. Durchlaucht einen sichern Ausdruck haben und wissen, warum sie ihn verehren, eine Art Bedauern uber diese Nachricht. Denn der Beruf eines Ministers gehort in diesen Tagen nicht zu den beneidenswerthen.

Murray schwieg aus Absicht, Louis aus Schuchternheit und bescheidener Einhaltung seiner Sphare.

Uber Ackermann, seine Plane, seine Vorbereitungen zu sprechen, war Herr von Zeisel zu sehr Diplomat. Er lebte mit dem neuen Generalpachter fast auf gespanntem Fusse, was jedoch eine Einladung nicht ausschloss. Er ruhmte sogar ausdrucklich Alles, was man sich von der zukunftigen Neugestaltung der wirthschaftlichen Verhaltnisse des Furstenthums versprechen durfte. Sein ganzes Wesen war rucksichtsvoll und zeigte Takt.

Als Herr von Zeisel gegangen war, hatte Louis nicht mehr viel Zeit, die Neugier, was wol die Blatter enthalten wurden, zu befriedigen. Er sah einige Nummern des "Jahrhunderts" durch, die er schon kannte. Die neuen Nummern entfaltete er kaum, als schon unten der Peitschenschlag des kleinen Einspanners horbar wurde, der ihn nach dem Ullagrund abholen sollte. Er uberliess die Zeitungen Murray, der dafur ein geringes Interesse hatte, und nahm von ihm fur den Lauf des Tages herzlichen Abschied.

Sorgen Sie doch nicht, rief ihm zum Troste Murray noch nach, dass mir die Zeit lang werden wird! Nehmen Sie ja einen Mantel! Das Wagelchen ist nur halb geschlossen! Auf Wiedersehen!

Unten halfen Brigitte und der Gartner Louis einsteigen. Der Kutscher schien ein Bauerbursche. Er sass schon durchnasst auf seinem Bock und war nicht wenig erstaunt, heute nach Herrn Ackermann's Wohnung statt des jeden Morgen von ihm abgeholten Herrn Candidaten Oleander noch einen andern Besucher mitzunehmen.

Langsam fuhr der kleine Wagen den schlupfrigen Weg hinunter, bog dann um den Thurm, an dem Herrschaftsgebaude vorbei, in das schmale, kaum fahrbare Ortchen ein. Wie hatte sich's hier gegen den Sommer geandert! Wo war das Grun der Baume hin! Wo der Sonnenschein, wo die funkelnden Diamanten in dem Wasserstaub der Muhle! Wo die Blumen an den Staketen und Einfriedigungen! Wo die muntre Entenschaar auf dem Teiche! Wo die frohlichen Kinder! Ein grauer Regen hullte die ganze Natur ein. Man ahnte kaum, dass in der Nahe das Gebirge sich emporhob und auf diesen verschleierten Matten einst die Glocken der Heerden gelautet hatten. Der kleine Wagen hielt vor der dustern Pfarrwohnung Guido Stromer's.

Viertes Capitel

Der Ullagrund

Es war Louis Armand ein eignes Gefuhl, sich zu denken, dass dies niedere Haus die Wohnung jenes Guido Stromer war, dem er, ohne ihn genauer zu kennen, doch hier und da schon beim Fursten oder seit einigen Wochen in der Zeitung "Das Jahrhundert" begegnet war. Er wusste von ihm, dass er vom Fursten auf ein Jahr Urlaub erhalten hatte, um dem Triebe seines Genius zu folgen, wie Egon einmal von ihm gesagt hatte. Er wusste, dass sein Weib, die Kinder daheim geblieben waren und dass statt Stromer's die Pflichten seines Amtes ein Vikar verrichtete, dessen Name ihn an seine eigne Herkunft erinnerte.

Louis warf uber das Fussleder hinweg einen Blick in das Pfarrhaus. Er sah an den kleinen Fenstern Kinder, die neugierig auf den Wagen schauten. Irrte er sich nicht, so stand auch eine Frau lauschend hinter der Gardine. Die Rouleaux waren halb niedergelassen. Blumentopfe standen inwendig auf den Fensterbretern. Die Linden, die das Haus im Sommer beschatteten, waren entlaubt. Der ganze Eindruck war der der Einsamkeit, der oden verlassenen Traurigkeit, die in einem wehmuthigen Widerspruche stand zu dem Vater dieser Kinder, dem Gatten dieses Weibes, der jetzt vielleicht noch, von den Anstrengungen einer vornehmen Abendgesellschaft ermudet, im Bette lag oder fur die grosse Welt wirkte in der rauschenden Hauptstadt!

Die Thur des Hauses ging auf und ein langer, schlankaufgeschossener junger Mann trat heraus, in einem grauen verschlissenen Mantel, eine Brille vor den Augen, einen alten rothen Regenschirm in der Hand. Einige Bucher steckte er eben in die Brusttasche des Mantels, als er rasch von den zwei Stufen, die vor der Hausthure die Schwelle bildeten, mehr herabstolperte als schritt, um unter dem Regen hinweg bald in den Wagen zu kommen. Der Knecht offnete das Deckleder, Louis ruckte zur Rechten und grusste mit der Entschuldigung, dass er sich dieses Wagens mit ihm zugleich bediene, um zu Herrn Akkermann zu fahren.

Herr Oleander musste sich sehr bucken, um unter dem Schirmdach der kleinen Halbchaise Platz zu finden. Errothend sagte er einen guten Morgen und bemerkte lachelnd, dass er schon erfahren, mit wem er die Ehre hatte.

Damit brach er sogleich ab und murmelte nur noch einige unverstandliche Worte uber das schlimme Wetter. Der Knecht gab dem Pferde die Peitsche und weiter ging es langsam durch den Plessener Koth an der Schmiede voruber, in welcher es heute still war. Diese Werkstatt mit Dem, was Louis gestern Abend Alles erfahren hatte, in Verbindung zu bringen, machte auf ihn einen eigenen Eindruck. Auch gedachte er des Forsterhauses, des einsamen Franzchen's, der alten Ursula. Am Abend hoffte er bei Heunisch vorzusprechen ... Einstweilen beschaftigte ihn der Dialekt des Herrn Oleander, der wirklich an die etwas breite Art der deutschen Aussprache erinnerte, die in seinem grosselterlichen Hause geherrscht hatte.

War Louis ein leicht eingeschuchterter junger Mann, der nicht gern mit seinen Empfindungen und Meinungen von selbst hervortrat, so war dies Herr Oleander noch in weit hoherem Grade. Dieser Begleiter blieb immer hoflich, wenn es sich einmal um den bessern Sitz, um das Ablaufen des Regens, um das Losgehen des Fussleders handelte, aber sonst kam auch keine Sylbe aus seinem Munde, die nur irgendwie auf das Bestreben gedeutet hatte, seinen Nebenmann zu unterhalten, seine nahere Bekanntschaft zu machen, nach dem wahren Zweck seiner Anwesenheit in dieser unfreundlichen Jahreszeit zu fragen.

Auch Louis mochte nicht der Erste sein, ihn in ein Gesprach zu verwickeln oder gar nach seiner Herkunft zu fragen. Er dachte an seinen Stand, an den Unterschied seiner Bildung, an die Bildung eines Gelehrten. Er wagte nicht, irgendwie zu verrathen, dass er, ein Tischler, von manchen hoheren Dingen Kunde besass. Da Oleander nichts sprach, sondern in sich versunken dasass und in die oden Felder blickte oder den Krahen nachsah, die trage auf- und abschwebten, so folgte er dem Beispiel seines Nebenmannes und versank vorlaufig wie er in Traumerei. Es gestaltete sich ihm in Hinblick auf die ode Natur ein franzosisches Gedicht, das ihm spater so von Siegbert ubertragen wurde:

Du grauer Nebel, spinnst du Leichentucher?

Singst, heis'rer Vogel, du ein Todtenlied?

Erschrickt das Auge, das im Buch der Bucher

Die letzten Blatter aufgeschlagen sieht?

Sie fallen nieder, die Natur haucht leise

Ihr letzt' Geheimniss aus und will sich ruh'n;

Da hebt sich schuchtern unter'm Wintereise

Der grune Halm der Frage: Was kommt nun?

Kommt wieder Lenz und prangen alle Bluten

Auf Feldern nur, im grunen Gartenhag?

Begrussen wir mit den geschwung'nen Huten

Nicht endlich auch der Freiheit Fruhlingstag?

Bleibt Alles so im alten Weh' und Kummer,

Sowie die Sterne geh'n am Himmelszelt?

Derselbe Tag? Derselbe nacht'ge Schlummer?

Nicht endlich, endlich auch die neue Welt?

Was will ich denn? Nur dann und wann ein

Lacheln

Auch in den Seelen wie des Maien Luft!

Ein Zephyr Menschenliebe! Nur ein Facheln

Der Hoffnung in die kranke Menschenbrust!

O muntrer Quell, du frohe Wiesenblume,

Zieht frohe Augen zu Euch niederwarts!

Zum Blutenast, zum Sternenheiligthume

Blick' angstend und entsagend nicht das Herz!

Wie musst' es schon auf dieser Erde werden,

Umfing' einst die Natur zu gleicher Zeit

Auch dieses Lebens nackteste Beschwerden

Mit ihrer Liebe buntem Feierkleid!

O Zauberland, wo auch die Herzen sprossen,

Das Leben selbst in solchen Farben lacht,

Die wie ein Regenbogen ausgegossen ...

Bleibst du der Traum nur einer Winternacht?

Die Dohle krachzt die Nebel hullen Alles

In der Verzweiflung graues Einerlei.

Die Todtenglocke lautet dumpfen Schalles

Und ruft den Hoffenden: Vorbei! Vorbei!

Der Stein bleibt Stein Nie wird die Welle fliessen

Zum Berg hinan Was kann im Eise ruh'n?

Gott lasst uns wol die alten Blumen spriessen,

Doch seine Wunder soll'n wir selber thun!

Herr Oleander war durchaus bei all' seiner Schweigsamkeit nicht unfreundlich. Er blieb in seiner wohlwollenden Miene wahrend der ganzen Fahrt. Oft ruckte er zur Seite, als wenn er moglicherweise seinen Begleiter storte oder ihm unbequem sasse. Dann starrte er wieder auf die kahlen Felder hinaus und schien eine innere Geistesarbeit zu verrichten, wie Louis. Dichtete er vielleicht auch wie dieser? Auffallend genug, dass er zu den wenigen Worten, die er auf der Fahrt sprach, die Veranlassung von der Natur hernahm und immer etwas Eigenthumliches zu verfolgen schien oder beobachtete. So sprach er von den Dohlen, die sich noch die vergessenen Korner aus den durchweichten Ackern suchten, von der unschonen Form der entblatterten Weiden, die wie abgehauene Stumpfe, oben dicker als unten, an einem Graben standen, von der immer grunen Tannenwand der Berge, von der er sagte, dass sie den Kindern zu Liebe fur die Weihnachtszeit grun bliebe. Wie Louis von dieser Ausserung Veranlassung nehmen wollte, nach den Kindern des Pfarrers zu fragen, fur den er vicarirte, gab Oleander eine fluchtige Antwort und sah wieder hinaus in die graue Weite.

Endlich kam das kleine Gefahrt dem Ullagrunde naher, an dessen Einfahrt Ackermann ein Haus bewohnte, das der reiche Bauer Sandrart in einem Anfall von Prachtliebe fur sich erbaut hatte, aber immer noch nicht bewohnen mochte, weil er sich schwer von seinem gewohnten Giebeldache trennte. Das Bauerhaus war einige hundert Schritte weiter und tiefer schon hinein in die Schlucht gelegen, die von einem kleinen durch sie hinrieselnden Flusschen der Ullagrund genannt wurde. Das stattliche zweistockige, massive Haus, das Sandrart an den neuen Pachter des Fursten vermiethet hatte, lag noch mehr der Ebene zu und hoher. Es war umgeben mit Wirthschaftsgebauden, einem grossen Hofe und eingefriedigten Obstgarten. Uberall sah man noch die Spuren einer neuen Anlage, die indessen einen sehr geeigneten Platz getroffen hatte.

Ackermann's Wohnhaus lag vom Wege zuruckgebaut und wurde erst erreicht, wenn man einen gewaltigen Hof mit Stallen und Scheunen hinter sich hatte. Trotz des Regens, trotz der dem Ackerbau keinerlei Beschaftigung darbietenden Jahreszeit, war es in diesen Raumen nicht still. Man horte dreschen, hammern, sagen. Ackermann hatte sich schon jetzt auf seinem Pachthof die Menschen gemiethet, die er erst mit dem Fruhjahre in eine neue grossartige Thatigkeit einfuhren wollte. Er prufte schon jetzt Den, den er brauchen konnte und gewohnte diese Menschen, jede Jahreszeit auf nutzliche Weise zu verwenden. Am untern Ende des ganzen Hofes, wo die Ulla floss, wurde trotz des Regens sogar gebaut. Ein ganz neues Haus stand dort fast bis zum Dache aufgerichtet. Drinnen horte man das Hammern und Sagen von Zimmerleuten ...

Dies wird die amerikanische Muhle! sagte Oleander, der Louis' neugieriges Hinausblicken nach diesem Baue bemerkte.

Auf Louis' Fragen, wann sie begonnen wurde, wann sie beendigt sein wurde, wie ein solches Werk eingerichtet ware, gab Oleander den kurzen aber artigen Bescheid:

Sie mussen sie sich ansehen.

Es schien, als wenn eine amerikanische Muhle nicht zu den Begriffen gehorte, von denen Herr Oleander ein vollstandiges Bild lange mit sich herumtragen konnte.

Das Wohnhaus, noch nicht mit Kalk uberworfen, stand etwas hoher als der Vorhof. Es war zweistockig und bot in seinen Fenstern einen freundlichen Anblick. Links und rechts war es von Baumen eingeschlossen, die jetzt kahl, doch seine Wirkung lebendiger hervorgehoben. Der Eingang war von der Seite, an einem ganz von Gebuschen umgebenen Brunnen voruber. Schon stand von weissen, neugezimmerten Latten ein Dach um die steinernen Stufen, die in die Hausthur fuhrten. Dieser Eingang sollte also kunftig von einer Laube uberschattet werden.

Louis war ausgestiegen und unter dem schutzenden grossen rothen Regenschirm der Frau Pfarrerin von Plessen neben Oleander uber den gekieselten Boden hingeschritten. Erst jetzt besann er sich auf Das, was er Ackermann zu sagen hatte. Er beschloss, sich so einzufuhren, als wollte er eine zufallige Anwesenheit auf dem Schlosse Hohenberg zugleich benutzen, um dem Fursten von seinem neuen Pachter einen Gruss und manches nutzliche Versprechen fur die Zukunft zu uberbringen. Um ein weiteres Erforschen der Absichten des Pachters war er unbesorgt. Schon der erste Blick auf diese wachsende Niederlassung zeigte ihm ja, wie ernst Ackermann seinen Beruf ergriffen hatte.

Eine hinzugesprungene Magd nahm mit freundlichem: Guten Morgen, Herr Candidat! Oleander's rothen, durchnassten Regenschirm in Empfang und spannte ihn, mit neugierigem Blick den zweiten Ankommling musternd, in der grossen reinlichen Kuche aus, die sich gleich zur Linken, dicht am Eingang befand.

Herr Ackermann zu sprechen? fragte Louis.

Indem offnete sich im Gange eine hintere Thur und ein junges Madchen huschte, Oleander grussend, rasch in eine entgegengesetzte hinuber.

Louis bemerkte, dass Oleander, der seinen Mantel auszog, errothete.

Es gibt auch wenig Eindrucke, die so lieblich sind, als ein junges Madchen in einer Toilette, die fur das Zimmer berechnet ist, rasch durch ein Haus oder einige Sprunge uber die Strasse hupfen zu sehen ...

Louis zweifelte nicht, dass dies Selma gewesen war.

Er erinnerte sich wohl des Knaben, den Ackermann damals, als er ihm die Pachtung zugestand, bei sich hatte.

Oleander, ohne sich um seinen uberbescheidenen Begleiter weiter zu kummern, ging mit einigen Buchern, die er aus dem Mantel genommen, in das Zimmer, in welches eben jenes junge Madchen hinubergeschlupft war. Louis aber wurde von der Magd in das entgegengesetzte Zimmer gewiesen.

Er klopfte an.

Beim Eintreten in die warme behagliche Stube fand er Ackermann auf dem Sopha liegend, eine Cigarre im Munde, eine Zeitung in der Hand, vor sich deren noch eine grossere Anzahl und eine Menge Bucher.

Kaum hatte noch Louis ein Wort gesprochen, als ihn Ackermann schon erkannte und vom Sopha sich erhebend ihm die Hand zum Grusse bot.

Seien Sie uns willkommen, Herr Louis Armand! sagte er. Was fuhrt Sie in dieser traurigen Jahreszeit zu uns Einsiedlern? Gewiss schickt Sie der Prinz, dem meine Briefe zu kurz und oberflachlich sind?

Kennen Sie mich noch? fragte Louis.

Ich vergesse kein Antlitz, das ich mir einmal einpragte, so leicht. Und wie sollt' ich das Ihrige vergessen, der mir die Botschaft brachte, wie ich fur das Wohl und Wehe des Fursten sorgen darf!

Louis wollte von Zufalligkeiten, die ihn herfuhrten, reden, aber Ackermann unterbrach ihn mit der aufrichtigen Erklarung, dass er es ganz in der Ordnung fande, wenn man einmal bei ihm Visitation halte.

Verstehen Sie sich auf die Landwirthschaft? fragte er.

Louis verneinte.

Aber Das begreifen Sie doch, sagte Ackermann, dass die Intelligenz auf diesen Fluren und Triften noch nicht gewaltet hat. Hier gab es Schwierigkeiten und Vorurtheile genug zu uberwinden. Die Lehre von der Vermehrung der Bodenkraft kennt man hier nur aus den oberflachlichsten Anwendungen der Dungtheorie. Die, die hier wirthschaften wollten, waren noch nicht einmal uber die Sicherheit der hier erzielbaren Fruchte einig. Und wie liess man den Unarten der Natur freien Spielraum! Was standen sich die Unkrauter so gut im Furstenthum Hohenberg! Nein, es kommt jetzt darauf an, durch passenden Fruchtwechsel dem Boden die nothige Ruhe zu gewahren, Stroh und hauptsachlich Futterkrauter auch als Dungmittel zu gewinnen, damit durch das Medium der Thierernahrung dem Boden wieder Kraft zugefuhrt wird. Man experimentirte hier fortwahrend mit der Agrikulturchemie, mit mineralischem Dunger, dem ich seine Kraft gar nicht abspreche; aber ist einmal der Viehstand eine unerlassliche, eigentlich druckende Nothwendigkeit der Landwirthschaft, so muss man daraus auch seine Vortheile zu ziehen und ihn der Landwirthschaft wieder ergiebig zu machen wissen. Es kommt nur auf gute Race der Zucht an, die ich mir denn auch aus Kent, aus Durham in England verschrieben habe. Uber die neuen Schaafe und kurzgehornten Rinder sollen unsre Bauern erstaunen. Ein paar Exemplare, die schon da sind, sehen sie an wie Abgesandte der Holle. Aber ich will auch deutsche Rosse aus Jutland, Zugochsen aus dem sachsischen Voigtlande kommen lassen, denen sich meine Nachbarn, Herr Sandrart an der Spitze, schon verwandter fuhlen werden. Freilich geht es mit einer solchen Besserung des Viehstandes langsam. Da lass' ich mir denn die gute Gottesgabe der peruanischen Vogel oder den Guano einstweilen als Ersatz zur Dungung kommen. Haben Sie nicht, wenn der Nebel nicht hinderte, Leute im Felde arbeiten sehen? Die sind mit der Drainage beschaftigt. Sie legen thonerne Rohren im Erdreich, um der Entwasserung Kanale zu bahnen, die ihr hier fehlten. Alle Hohenbergischen Wiesen waren sauer, d.h. sumpfig, ohne Abzugskanale der Uberfeuchtigkeit, ohne Einlass der Luft, die den Wurzeln Kraftigung gibt. Die Englander wissen, was entsumpfen ist! O mein junger Freund, Sie sind ein geborner Franzose, das deutsche Volk steckt geistig und physisch so noch in seinen Sumpfen, wie damals, als die alten Germanen die Herrschaft uber ihr Vaterland erst den Auerochsen streitig machen mussten. Aber auch die Sumpfe sind hier nicht zu etwas Anderem benutzt als noch zum Tummelplatz der Irrwische und der Teufelsfurcht auf ihnen. Sind die Sumpfe nun einmal doch trotz gesunder Luft unausrottbar, so versuche man's mit dem Feuer! Man steche sie als Torf ab und wenn ich erst von der Willing'schen Fabrik meinen Brosofsky'schen Torfstecher habe, so sollen Sie sehen, dass wir einen schonen Handel mit der Hauptstadt eroffnen werden. Ist hier der Lehmboden benutzt? Findet sich hier wol nur der Versuch einer Ziegelei? Dieses Haus hier ist mit Muhe und Kosten aus fernher entbotenem Material erbaut. Wozu Das? Wir brennen die Ziegel selbst und verkaufen, was wir an Uberfluss haben. Allein damit noch nicht genug. Wir Okonomen werden die Hand auch Euch Industriellen zum gemeinsamen Wirken reichen mussen. Landwirthschaftliche Gewerbe durfen nicht fehlen; denn wo nicht Alles Hand in Hand geht, wo nicht jeder Anbau seine mehrfache Nutzung, auch die Menschenkraft, auch die sich oft ergebende Musse und die Ruhezeit benutzt wird, bleibt ein Capital todt liegen. Gegen Kartoffelbrennerei straub' ich mich, obgleich der Mehrbedarf von Kartoffeln sich dadurch so lebhaft aufdrangt, dass sie als Hackfruchte dem Boden eine gute Ausrodung garantiren. Aber ich denke doch die Rube vorzuziehen und werde Zucker fabriziren. Die Methode ist vereinfacht worden, der Apparat nicht mehr allzu kostspielig. Und welches Futtermaterial gewinn' ich nicht! Wie kann ich den Arbeiter im Winter so behaglich beschaftigen! Sehen die Leute hier, was Maschinen so treu verrichten helfen, die Abneigung gegen sie wird sich legen, sie werden mir dann jene Unterstutzung gewahren, die ich leider jetzt noch nicht allzubereitwillig antreffe.

Angenehm unterhalten von dieser offenen, sachkundigen Auseinandersetzung sagte Louis:

Ich finde auch eine amerikanische Muhle im Bau begriffen.

Zum Entsetzen aller Muller der Umgegend, fuhr Ackermann wohlwollend und in seinem schonen Organe fort. Das ist nun nicht anders. Feindschaft des Zunftwesens folgt uberall den Fortschritten des menschlichen Geistes. Es thut mir leid um die Herren in ihren blaugrauen Mehlrocken ... glucklicherweise sind alle Muller der Gegend reich. Nun mogen sie von ihren Zinsen leben oder die Preise, die meine Muhle stellt, auch an ihr schwarzes Preiscourantbret schreiben. Bis zum Fruhjahr sind wir mit dem Muhlenbau fertig. Sie sollen diese erfindungsreiche Construction sehen, wo derselbe Umschwung der Rader das Getreide sichtet, es aufschuttet, zermalmt, das Mehl siebt und von der Kleie scheidet. Man wird das Brot hier kunftig wohlfeiler essen und man braucht diese Erleichterung, denn die Ortschaften ringsum sind arm, alle Handthierung ist heruntergekommen und je tiefer hinein Sie in die Berge gehen, je elender fristen die Einzler in baufalligen Hutten ihr Dasein, das doch ohne Brot nicht sein kann.

Der Prinz wird eine Freude haben, von allen den Dingen zu horen, sagte Louis mit aufrichtigem Herzen, Egon darin wohl kennend.

Umsomehr wird er es, fiel Ackermann ein, als ich aus den Zeitungen hier sehe, dass er ja ganz auf die hohe See der Politik hinaussegelt. Er ist Minister geworden. Glauben Sie, dass ihm dieser Wirkungskreis Freude machen wird?

Egon gehort zu den Naturen, die in der Arbeit ihren Genuss finden, antwortete Louis.

Ackermann horte diese Bemerkung mit sichtlichem Wohlgefallen.

Erzahlen Sie mir von Ihrem Gonner, sagte er, ruckte Louis einen Stuhl zurecht und offnete den Deckel einer Havanakiste, um ihm Cigarren anzubieten.

Louis nahm zogernd.

Eine chemische Zundmaschine, deren Hahn Ackermann nur drehte, gab im Nu Feuer und ohne sich von der fremdartigen, neuen Umgebung nun noch beengen zu lassen, theilte Louis so viel von seinen personlichen Beziehungen zu Egon mit, als er nur irgend glaubte davon erzahlen zu durfen. Die Beziehungen zu seiner Schwester und zu Helenen verschwieg er.

Ackermann horte sehr aufmerksam zu und bestatigte das Ergebniss dieser Mittheilungen mit den Worten:

Ja! Ja! Der Furst ist keine gewohnliche Natur! Wie hatt' ich sonst mich entschliessen konnen, in seinen zerrutteten Vermogenszustand meine Hand zu stekken! Er machte mir einen bedeutenden, und ich kann wohl sagen, wohlthuenden Eindruck, so sprode ich mich auch anfangs gegen ihn erwies.

Sie kennen ihn genauer? fragte Louis, erstaunt, dass ihm Egon niemals davon gesprochen hatte ...

Wohl, sagte Ackermann, von jenem Incognito her, das er im Sommer beobachtete, um sich hier den Zustand seiner Guter anzusehen.

Louis fand in dieser Ausserung nichts, was ihn bestimmen konnte, irgendwie zu ahnen, wie Ackermann den Prinzen mit Dankmar verwechselte. Egon war in Hohenberg gewesen, Egon hatte Ackermann selbst in seiner Gegenwart geruhmt, ohne sich auf den Ursprung seiner Bekanntschaft mit ihm weiter einzulassen.

Ich bin durch diese fur seine Jugend uberraschende Laufbahn als Staatsmann umsomehr befriedigt, sagte Ackermann, als ich die Gefahren zu kennen glaube, in die ein hochgestellter junger Adliger nur zu leicht gerath, wenn seinem Geiste nicht die rechte Nahrung geboten wird. Ich fand ihn nahe daran, der Spielball koketter Frauen zu werden. Ein Portefeuille rettet gewiss aus jedem Strickknauel und wenn es verwickelt ware, wie der gordische Knoten.

Louis errothete fast. Er gedachte Helenen's ...

Wohl muss ich sagen, fuhr Ackermann fort, dass ich selten ein schoneres Frauenbild gesehen habe, als Melanie Schlurck. Welche hohe Vollendung der Formen! Man glaubt jene Statue lebendig zu sehen, um die Pygmalion so unglucklich wurde, als sie nur von Marmor war! Ja noch richtiger mocht' ich dies Madchen jener Armida vergleichen, die die ernsthaftesten Menschen bezauberte und Weise gezwungen hat, sich in ihrer Gegenwart fur dumm zu erklaren. Dauert dieser Roman noch?

Leider konnte Louis nicht sagen: Nein! Es war ihm nur zu bekannt, dass Melanie Schlurck einen grossen Einfluss auf Egon seit seiner ihm und aller Welt rathselhaften Verbindung mit Paulinen von Harder gewonnen hatte. Schon seit Wochen war Egon ja gegen ihn der Alte nicht mehr. Seine Aufrichtigkeit hatte zu stocken angefangen. Dennoch wusste er, dass er bei Paulinen wie von seinen Erschopfungen sich ausruhte, bei ihr sich in seiner naturlichen Art heiter und unbefangen gehen liess und von Melanie's immer gleicher Laune und ihrer kleinen liebenswurdigen Gefallsucht hochst angenehm unterhalten wurde. Dass Akkermann von einem alteren Verhaltnisse sprach, Louis nur von einem jungern wusste, kam in dem Druck der Thatsache selbst, die schwer genug auf Louis lastete, nicht zur Sprache. Auch die folgende Bemerkung Ackermann's, dass es dem Prinzen unter diesen Umstanden viel Selbstuberwindung gekostet haben musse, die Verwaltung seiner Guter ganz von dem Vater des schonen Madchens zu trennen, kam nicht zu genauerer Erorterung; denn Louis wusste, wie weit der Terrorismus gehen konnte, mit dem sich Egon selber zugelte und sich bis zum Herzlosen auch darin bandigen konnte, dass er Melanien liebte und ihrem Vater dennoch darum nicht den geringsten Vortheil bot ... Das war ganz in Egon's Art.

Ackermann konnte sich von den Nachforschungen uber Egon nicht so bald trennen. Der Gedanke an den jungen Prinzen, den er so genau zu kennen glaubte, schien ihm von solchem Werthe, dass er Louis nach allen Umstanden seines jetzigen Lebens fast ausforschte.

Als Louis seine Neugier befriedigt und ihm besonders von Egon's politischer Entwickelung erzahlt hatte, ergriff Ackermann die Zeitung, die er bei Louis' Eintreten gelesen und sagte:

Nach Dem, was ich von Ihnen und von ihm selbst weiss, uberfallt mich da oft ein sonderbarer Zweifel, wenn ich seine Ausserungen in der Kammer lese. Ich finde ihn ausserordentlich schroff.

Er ist von seinen Uberzeugungen erwarmt ...

Er; aber diese Uberzeugungen sind fur Andere von einer, ich mochte sagen puritanischen Kalte. Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, dass es in Frankreich eine politische Partei gab, die der Doctrinare ...

Ihre Politik compromittirte das Konigthum.

Egon ist nicht viel besser ...

Er hasste jedoch immer die Politik der Professoren ...

Es ist gar nicht gesagt, dass die Doctrinare Professoren sein mussen; auch Kaufleute und Advokaten konnen es sein, wenn sie an bestimmten Doctrinen zu fest kleben und sie um jeden Preis geltend machen wollen. Die Politik der jetzigen Ubergangszustande unserer Staaten ist keine Wissenschaft, sondern eine Kunst. Wer dem Geiste der Massen mit einer Lehre und sei es welche es wolle, entgegentritt, findet Widerspruch von allen Seiten. Ich furchte sehr, dass sich Egon ausser seinen politischen Gegnern, die an und fur sich schon durch die Parteien und deren Interessen gegeben sind, auch noch die Theoretiker auf den Hals ladet. Kennen Sie diese Rede? Ich finde sie bereits zu excentrisch fur ein so junges Ministerium.

Ackermann zeigte auf eine Stelle der Zeitung, die er Louis hinhielt. Es war wieder das "Jahrhundert." Man sah, dass diese Zeitung hier uberall auf bestimmte Veranlassung gehalten wurde.

Louis las den Tag der Sitzung. Es war einige Tage nach seiner Abreise, dass Egon die folgenden Worte, die Louis laut vorlas, gesprochen hatte:

"Denn, meine Herren, woran leidet unsere Zeit? An dem Mangel einer sichern und festen Lehre uber den Staat? Glauben Sie Das nicht! Sie leidet unter dem Mangel an Geduld und Prufung. Sie leidet unter dem Mangel der Unterordnung und des bescheidenen Bewusstseins seiner nachsten Pflichten. Wo Sie hinblikken, werden Sie arbeitende Kopfe und feiernde Hande finden. Ein Jeder bildet sich ein, wenn nur die theoretische Formel, das mathematische Gesetz unserer Existenz gefunden ware, wurde diese sich sogleich darnach andern ohne unser Dazuthun. Die Gesellschaft ist, sagt man, krank, meine Herren. Sie ist es, ich laugne es nicht. Aber die Heilung liegt in uns, nicht in den Geheimmitteln der bisher gerufenen Arzte. Woran fehlt es uberall? An der wahren Diat der Geister. Enthaltsam, nuchtern, streng gegen sich selbst zu sein, wem fallt Das noch ein? Luxus ist die Vorstellung des Reichen und des Armen. Die Phantasie gaukelt sich in den kuhnsten Idealen von Erdengluck und suchen will Niemand das Erdengluck, nur finden wollen es Alle. O, meine Herren, diese Welt kommt mir vor wie das Spiel der Kinder, wo Alle Feldherren, keiner Soldat sein will. Vergeben Sie mir, dass ich mich an Sie selbst wende, an Sie, die hier versammelten Gesetzgeber eines grossen Staates. Ich ehre das Recht des Volkes, sich die Bevollmachtigten seiner Wunsche zu wahlen. Aber gestehen Sie, auf jeden von Ihnen kommt, ehe er gewahlt wurde, eine solche Fulle der Aufregung, an Jeden knupfen sich so viel Leidenschaften des Ehrgeizes und der Streitsucht, dass man ernstlich fur eine Gesellschaft furchten muss, die so durchwuhlt wird vom Unbestimmtesten, so in fieberhafter Hast auf Ihre Entscheidungen wartet, so nur vielleicht wartet, bis ein Jeder von Ihnen sich als Personlichkeit und Trager des ihm geschenkten Vertrauens wurdig zeigt. Ich ehre Ihr Recht der Prufung, aber fragen Sie Ihr innerstes Herz, ob Sie hier Alle auf diesen Sesseln sitzen in dem Bestreben, das Staatsleben zu vereinfachen und nur die Thatsachen geltend machen zu wollen, die ... (Murren. Unterbrechung.)"

Lesen Sie nur weiter! sagte Ackermann.

Louis las, indem sich seine Zuge verdusterten.

"Eine Stimme. Sie sprechen fur den Absolutismus.

Der Ministerprasident. Ich nehme das Wort auf, das Sie mir zurufen. Was nennen Sie Absolutismus? Glauben Sie, dass ich eine der Freiheiten verkummern will, die diese Zeiten dem Volke gegeben? (Neue Unterbrechung.)

Eine Stimme. Das durfte nicht wohl moglich sein.

Der Ministerprasident. Ich verachte den Absolu

tismus fruherer Zeiten, den diese Tage niedergeworfen haben. Es ist ein gefalltes Ungethum, das vom Schwerte des Zeitgeistes St.-Georg getroffen zu Boden liegt. Der Absolutismus der Polizeigewalt und der patriarchalischen Despotie wird nie wieder sein Haupt erheben durfen. Aber ich frage Sie auf Ihr Gewissen, ob Sie den Staat, wie ihn einmal die Geschichte nicht als Zufallsprodukt der Privilegien, sondern als Naturprodukt der Gesellschaft, der Existenz, des Lebenmussens, meine Herren, des Lebenmussens uberliefert hat, ob Sie, sag' ich, diesen Staat jemals fur etwas nur Relatives halten konnen?

Eine Stimme. Sophistik!

Der Ministerprasident. Sophistik? Sagen Sie

Logik, mein Herr! Wer ist ehrlich mit dem Wohle der Menschheit meint, kann keinen Staat und war' es den kleinsten, zufalligsten, fur etwas Relatives halten, fur ein zufalliges Ergebniss ewig schwankender Bestimmungen. Das Absolute im Staate ist die Gesellschaft! Das Absolute ist der gegebene Mensch! Dieser Absolutismus soll das Ruder aller Politik sein oder die Politiker werden Verrather am allgemeinen Wohle, Friedensbrecher, Rebellen nicht gegen den Fursten und die Krone allein. Nein, Rebellen gegen den Armen, der leben soll und nicht leben kann, Rebellen gegen das grosse Rathsel unsers Daseins, das man zu losen haben wird nicht in den Lehrstuben der Doktrin, nicht in den Bureaux der Beamtenwelt, nicht in den Palasten, sondern in den Hutten, in den Werkstatten, in den Kranken- und Siechhausern, ja auf den Friedhofen, meine Herren, unter den Grabern. Denn der Tod ist das geloste Rathsel dieses Lebens! (Rauschender Beifall von allen Seiten des Hauses.)"

Da sehen Sie nun, unterbrach Ackermann den erschutterten Louis, da sehen Sie nun, wie die Phrase die Menschen regiert!

Ah, unterbrach Louis, hier ist mehr als Phrase.

Nennen Sie es lieber, antwortete Ackermann lachelnd, ein Einlenken auf die ubliche Heerstrasse der Rhetorik! Ich gestehe, in Allem, was ich von dem Fursten in diesen Berichten nun seit acht Tagen gelesen habe, bewundern zu mussen, wie er es versteht, die Schlagworte der Zeit in Augenblicken der Gefahr zu Hulfe zu rufen. Aber ich sehe doch, er eskamotirt sie.

Wie verstehen Sie das? fragte Louis besorgt.

Er ficht mit den Waffen seiner Gegner. Er entwindet ihnen die Rappiere, die sie gegen ihn brauchen wollten und schlagt vortreffliche Paraden. Noch bin ich nicht klar, ob er wirklich ein Taschenspieler der Begriffe ist. Nur ehrlich sein! Nur aufrichtig, Prinz! Er soll sagen, ich bin ein Absolutist! Ich bin beauftragt von der Monarchie, ihre schwankende Sache zu fuhren! Was windet er sich so durch die Doctrin von Arbeit und Thatigkeit und Existenz ...

O mein Herr, unterbrach Louis den skeptischen Agronomen, der in diesem Augenblicke an die hohe Stellung seines Patrons nicht dachte, diese Doctrin ist sehr heilig und fur den Fursten unendlich wichtiger als die Spitzfindigkeiten der Advokaten.

Die lieb' ich nun erst gar nicht, die veracht' ich wie unser lieber Furst! Aber Sie sehen aus dieser kleinen Probe seiner schwierigen Stellung Sie werden die Sitzungen mit Aufmerksamkeit verfolgen Mein Exemplar steht Ihnen immer zu Diensten lesen Sie und Sie werden bald merken, dass sich Egon mit dieser Theorie von der Entsagung und der Pflichterfullung der Menschen in eine Sackgasse verliert, in der ich fur ihn sehr viel Ungluck erblicke. Es ist von Genf her etwas Calvinistisches in ihm stecken geblieben, er ist trotz der schonen Melanie ein Puritaner und ich wollte, ich durfte ihm einmal recht den Text lesen ...

Ackermann fiel in einen so warmen, vertrauten, doch liebevollen Ton uber Egon, dass Louis nicht umhin konnte, ihn zu fragen, was er ihm dann wohl sagen wurde?

O, sagte Ackermann, Sie sind sein Freund, er hat Ursache, Sie zu lieben; denn durch das wunderbare Labyrinth seiner Jugend haben Sie ihn treu gefuhrt. Lehnen Sie dies Lob nicht ab! Egon ist eine merkwurdige Erscheinung. Ja, ja! So jung! So reif! So weltklar! Ich sah es gleich an seinen Augen, dass in denen ein Geheimniss schlummert. Wenn Sie ihn von mir grussen und ihm Versicherungen geben wollen uber Das, was ich Ihnen Alles noch von der Praxis meiner Plane zeigen werde, so sagen Sie nur, in der Politik verirre er sich! Ihm, das sah' ich schon, waren Kammerauflosungen, Verfolgungen, Einkerkerungen ein Leichtes! Er wird bald alle Mittel verschossen haben, um auf friedliche Art zur Herrschaft seiner Theorieen zu kommen! Er soll sich, sagen Sie es ihm, er solle sich vor den gewaltsamen Mitteln in Acht nehmen; die sind zweischneidig, treffen ihn selbst. Und unsre Zeit will keine Lehre, keine Doctrin, wenigstens sieht die seine so aschgrau aus, wie da die ganze Flur draussen. Sehen Sie hinaus, wie der Regen tropfelt! Der ganze Himmel ein grosses Sackleinen! Langweilige Raben fliegen mit matten Flugeln trage uber die entlaubten Baume hin! Sagen Sie doch Egon, ob er vergessen hatte, dass das Alles grun werden muss und dass es im Walde, wo er mit Selma einst wandelte, viel frohlicher aussieht! Es ist gar nicht moglich, in unsrer Zeit das Evangelium der Pflichten zu predigen. Es ist grausam sogar, den Menschen allein auf die Arbeit zu verweisen. Wer arbeitete denn nicht gern? Nur die Belohnung fehlt, nur der Genuss fehlt. Und von dem soll er nur machen, dass er sich in den Grenzen halt! Ich sage, man schlage der Menschheit das Capitel von der achten Freude auf, das doch irgendwo in unsern Herzen geschrieben stehen wird. Egon ware sehr gut, eine Quakerkolonie zu grunden. Da mag er sein Evangelium der Pflichten, seine Theorie der Arbeit lehren. Der Adel und die Beamten werden so viel, als sie von seiner Lehre brauchen konnen, auspressen und ihn dann als einen politischen narrischen Ascetiker bei Seite werfen. Er blast zu rauh, dieser Boreas! Er soll sich den Sonnenschein zu Hulfe nehmen! Er soll Freude verbreiten, erlaubte, unschuldige Freude. Besass' ich seine Gabe der Rede, durch Scherz entwaffnete ich meine Gegner und machte alle moglichen Gesichter, nur nicht die eines Schulmeisters.

Louis lachelte uber die gute Laune des Generalpachters, den er ersichtlich durch seinen Besuch erfreut hatte. Er begriff wohl, wie man hier in so einsamer Welt aus den innersten Geistes- und Gemuthsquellen schopfen musse, um sich wach und froh zu erhalten. Er fuhlte auch bald heraus, dass Ackermann eine sehr feine, gebildete Intelligenz war und auf einem hohern Standpunkte, als dem eines exclusiven Landwirthes stand. Dabei erwarmte ihn seine Hingebung an Egon, von dem er so menschlich, so treu und theilnehmend sprach, ganz so, wie es Egon einst liebte einst! sagte er sich und verfiel in trubes Sinnen, warum das Alles im Grunde doch so viel anders war, als es Ackermann bekannt sein konnte.

Ackermann sagte nun noch:

Es versteht sich von selbst, lieber Herr Armand, dass Sie uber Mittag unser Gast sind. Wir essen schon um zwolf Uhr. Bis dahin zeig' ich Ihnen meine kleinen Vorbereitungen, die erst in Gang kommen werden, wenn zu Weihnachten und Neujahr meine Maschinen eintreffen ...

Ich soll Ihnen, unterbrach ihn Louis, von Herrn Leidenfrost viel Grusse sagen ...

Dem wackren Techniker!

Ihre Maschinen sind in Arbeit und werden zur bestimmten Zeit fertig werden.

Fur diese Nachricht dank' ich Ihnen! Hoffentlich wird man nicht erst die Dreschmaschinen und dann die Saemaschinen machen, wie es einem Bekannten von mir in Amerika ging, der zum Fruhjahr Alles bekam, was er im Herbste brauchte und im Herbst, was er im Fruhjahr hatte haben mussen.

Louis lachte uber eine Bemerkung, die Ackermann mit den Worten erganzte:

Glucklicherweise traf diese Nachlassigkeit einen Mann, der gewohnt ist, die Pferde manchmal hinter den Wagen zu spannen, den Baron Otto von Dystra, von dem ich gestern mit der angenehmsten Uberraschung gelesen habe, dass er seinen Plan, einmal Europa wieder zu besuchen, bald nach mir ausgefuhrt hat.

Louis hatte vom Baron Otto von Dystra noch nichts gehort und nahm keine Veranlassung, langer bei Erwahnung dieses Namens zu verweilen. Er kehrte auf Leidenfrost zuruck und sprach voll Theilnahme uber das umfangreiche Streben dieses vielseitigen jungen Mannes.

O, sagte Ackermann, Das ist eine der Naturen, die mir am verwandtesten sind. Reger Geist, fern von jeder Grubelei, fern von jedem sentimentalen Despotismus. Denn Das sag' ich Ihnen, lieber Freund, Niemand ist despotischer als die blos Gefuhlvollen und kein Mensch ist meist herzlicher als der, der fur einen Verstandesmenschen gilt.

Der Verstandesmensch ist gleich bei der Hand, wo Hulfe noththut. Der Gefuhlvolle betet, wunscht uns das Beste hienieden und im Jenseits und geht, abscheulicher als der Pharisaer, an dem von Morderhand getroffenen Wandrer voruber, uber den er nachher eine Elegie schreibt. Das rechte Herz, glauben Sie mir, ist nur da, wo der Verstand klar ist. So ein Gefuhlvoller der sinkt gleich in Ohnmacht und ruft um Hulfe. Hat er sich einmal aufrecht erhalten, ist er einmal rasch herbeigesprungen und hat Jemanden aufgehoben, o welch' ein Aufhebens weiss er dann auch zu machen! Wie spiegelt er sich in der Glorie seiner That! Wie bescheiden lachelt er auf seine stillen und nun doch plotzlich ans Tageslicht gekommenen Verdienste herab! Ich halte es mit den Verstandigen, die auch darin Verstand zeigen, dass sie weit weniger sprechen, als ich heute thue. Kommen Sie! Kommen Sie! Sie sollen jetzt etwas von meiner Niederlassung sehen.

Mit dieser lakonischen Wendung hatte Ackermann ein leichtes Kappchen ergriffen und forderte Louis auf, ihm in den Hof zu folgen. Die Magd brachte draussen einen Schirm und erhielt im Vorubergehen die Weisung, dass sie sich doch wol schon auf ein Couvert mehr eingerichtet hatte? Die Magd nickte resolut, als wollte sie sagen: Was denken Sie, Herr Akkermann! Alles besorgt! Sie sagte aber:

So politisch werd' ich doch sein!

Diese Ausserung muss uns auffallen; denn sie war gerade jene unpolitische Liese, dieselbe Magd, die beim Heidekruger Justus unter den Weltstudien ihres Herrn so viel gelitten hatte und jetzt in diesen neuen Dienst getreten war, wahrend Justus in der Residenz eine grosse politische Rolle spielte und den Chef einer "Fraction" machte.

Rasch eilten die Manner uber den Kieselboden und das nasse Hofpflaster hin.

Louis uberzeugte sich jetzt erst, wie jugendlich das Aussehen des Generalpachters war, wie hoch und schlank sein Wuchs, wie fein sein ganzes Wesen! Er musste sich sagen, dass Ackermann sicher einst eine der schonsten mannlichen Erscheinungen war. Sein Auge hatte etwas Durchdringendes, seine Stirn glanzte edel und hell, die Nase und der Mund waren von grosser Feinheit. Sein ganzes Wesen hatte etwas unendlich Harmonisches. Oft erinnerte er ihn an Personen, die ihm im Leben schon werth geworden waren. Rudhard kannte er zu wenig, aber doch fuhlte er heraus, dass Ackermann ihm zwar an Verstand gleich kam, aber mehr Poesie um sich verbreitete. Auch an Murray, dessen Name ihm oft auf die Zunge kam, ohne dass er wagen konnte, ihn auszusprechen, erinnerte er ihn. Ihre Ansichten hatten zuweilen etwas sehr Ahnliches. Doch war Murray von Melancholie umdustert und erweckte nicht die klare, erwarmende Behaglichkeit, die Ackermann ausstromte. Man sah diesem Manne an, dass er viel erlebt, viel gerungen hatte. Trotz seiner Freundlichkeit gegen Louis, die fast eine herablassende war, thronte ein hoher Ernst auf seiner Stirn. Nur milderte er ihn durch seine Gefalligkeit und den biedern Ton.

Wie unermudet zeigte er sich, seinen Besuch von Allem zu unterrichten, was, wenn nicht diesen, doch den Fursten interessiren konnte! Er knupfte an jeden Raum, den er ihm in den Wirthschaftsgebauden offnete, lehrreiche Auseinandersetzungen. Schon erblickte Louis im Geiste die ruhrigen Hande, die einst hier wirken und arbeiten sollten. Die Maschinen sah er schon in voller Thatigkeit. Auch in die Muhle fuhrte ihn Ackermann. Hier wurde von Zimmerleuten rege gearbeitet, auch den Schlag des Hammers auf Eisen horte er und nicht wenig war er erstaunt, als er den blinden Zeck erblickte, der mit seinem Sohne gemeinschaftlich auf einem kleinen in den Boden eingerammten gluhenden Heerde die Klammern und Haken noch nachtraglich erweichte, die in diesen oder jenen Balken getrieben werden sollten.

Ackermann zeigte auf das arbeitende Paar und sagte:

Es ist eine merkwurdige Sicherheit, mit der der Blinde bei den schwersten Aufgaben verfahrt. Wie ich hierherkam, hatt' ich ihm von einem in Amerika verstorbenen Verwandten, uber den ich eigentlich nach seinem Wunsche schweigen sollte, eine kleine Erbschaft zu bringen. Diese Leute macht ein kleiner Besitz gleich wunderlich! Wie ich mich hier niederliess, bot er mir das Geld an, um sich an meinen Unternehmungen zu betheiligen. Er verhiess mir sogar noch das, was ich einer in der Nahe wohnenden Schwester ausgezahlt hatte ...

Ursula Marzahn sagte Louis.

Sie kennen die Frau?

Sie wohnt im Forsthause ...

Ganz recht. Ich habe sie einmal in meinem Leben gesehen und muss leider gestehen, dass sie zu den Menschen gehort, von denen man sagt, sie hatten den bosen Blick. Aus der Art, wie sie das Geld in Empfang nahm, erkannt' ich, dass sie geisteskrank ist und bewunderte die Geduld des Jagers, der eine beschrankte gutmuthige Natur zu sein scheint und eine solche Person nun schon so viele Jahre um sich duldet

Seine Nichte ist jetzt aus der Stadt zu ihm gezogen

Viel Aufopferung Das! Ich gestehe, dass es mir unheimlich wurde in dem baufalligen, einsamen Hause. Sehen Sie nur, wie sicher der Alte arbeitet! Ich begreife diese Augen nicht! Sie sind klar wie sehende und doch umhullt sie undurchdringliche Nacht. Er hat etwas von der Geschicklichkeit seines Verwandten, der ein grosser Kunstler war

Louis wagte nicht zu forschen. Er sah, dass Ackermann im Begriff war, uber Murray zu sprechen. Um seine Unruhe nicht zu verrathen, wandte er sich zu einigen Zimmerleuten, die eine gewaltige Holzschraube von der Hohe eines ganzen Stockwerkes probirten. Ackermann ging zu den beiden Zeck's hinuber, die ihn ehrerbietig grussten. Es drangte Louis naher zu treten und zu horen, wie sich Murray's Bruder, den er nur zu Bestellung der Stimmschraube ganz fluchtig gesprochen, aussern wurde.

Ich sehe, sagte Ackermann, Ihr seid Beide hier. Habt Ihr denn Leute gefunden, die in der Schmiede arbeiten?

Zwei, Herr, sagte Zeck und hielt ein gluhendes Eisen seinem Sohne hin, das dieser mit der Zange nahm und an dem Balken, wohin es gehorte, behutsam einsetzte, wahrend der Blinde folgte und mit dem Hammer zuschlug, richtig die Stelle treffend, wo die Kraft seines Armes nothig war ...

Zwei, Herr! wiederholte er. Im Fruhjahr haben wir ihrer noch mehr.

Nur gewandte Arbeiter, sagte Ackermann, mit denen Ihr Ehre einlegt! Wir haben viel zu schaffen. Unsre Wagen machen wir uns selbst. Es soll schon rustig bei uns hergehen.

Der Alte verzog die Miene zu einem sonderbaren Lachen, das aber ein offenbares Wohlgefallen an der Arbeit und sicher auch die Hoffnung auf Gewinn ausdruckte. Zugleich lag Neugier in dieser Miene. Denn Zeck hatte wohl gehort, dass Ackermann nicht allein kam.

Dies ist der Besuch vom Schlosse, sagte Ackermann, nach dem herangetretenen Louis hinsprechend, er freut sich, wie wacker es Euch von der Hand geht.

Zeck riss die Augen auf und nickte nach der Seite hin, wo er sich Louis dachte, dem der Anblick dieses Blinden in einem fur sein Gefuhl erschutternden Zusammenhang mit den ihm bekannten Thatsachen stand.

Wir kennen uns, sagte Louis und um nur uber die mogliche Erwahnung seines im Schlosse gebliebenen Begleiters rasch hinwegzukommen, bemerkte er:

Drum fand ich es in Eurer Schmiede nicht zu lebhaft ...

So, Herr? sagte Zeck; ja, es sind zwei Arbeiter eingetreten.

Der Eine versteht sich auf feine Sachen und kann als Klempner arbeiten. Aber sie sind faul. Die Schraube an dem Klavier konnen Sie uns schon anvertrauen.

Sind Sie musikalisch? fragte Ackermann.

Louis war es im Gesang, aber nicht auf dem Klavier. Er konnte die Wahrheit nicht umgehen und musste einraumen, dass ihn noch ein Freund begleitet hatte, der kranklich ware, zuruckgezogen auf seinem Zimmer lebe und sich mit Musik unterhalte.

Zeck horchte gespannt und bemerkte zu Louis' Erstaunen, dass der Blinde in seiner neugierigen, dreinlachenden Weise sagte:

Die Brigitte sagt, dass der Herr ja auch etwas vom Fach ist: Er hat's mit Kupfer, wie wir mit Eisen.

Mit Kupfer? fragte Ackermann sorglos.

Louis, der Murray's Einfall, ihm eine Visitenkarte zu stechen, ebenso sehr verwunschte, wie die Plauderhaftigkeit ihrer Bedienung, bemerkte, dass sein Begleiter chemische Experimente mache und zuweilen auf Kupferplatten atze.

Als Ackermann sich zum Gehen wandte, bemerkte er:

Ein Verwandter dieses Blinden nannte sich schon in England Morton und war ein Kupferstecher. Wie er dazu kam, hat mir Keiner von ihnen klar machen wollen. Es sind versteckte unheimliche Menschen.

Auch Morton? frug Louis, ohne an dem Namen Morton statt Murray Anstoss zu nehmen.

Morton war ein Sonderling, sagte Ackermann. Ich lernte ihn auf eigene Art kennen. Er reiste einmal mit einem nicht minder eigenthumlichen Manne, dem Diplomaten Otto von Dystra, durch die Vereinigten Staaten, fast immer zu Fuss, viel rustiger, als ich ihn in nicht gar langer Zeit darauf in Newyork wieder antraf. Die beiden Wanderer kamen an den Missouri, wo ich meine Niederlassung unter Englandern hatte. Sie horten meine verstorbene Frau in der Farm ein deutsches Lied singen. Sie hatte eine helle zum Herzen dringende Stimme. So klopften sie an mein Thor und blieben lange genug, um die Sangerin schatzen zu lernen. Otto von Dystra wohnte als russischer Consul in Newyork. Er war ein Tourist von Profession, hatte die halbe Welt gesehen und war der eigenthumlichste Bequemlichkeitsphilosoph, der mir jemals vorgekommen.

Bequemlichkeitsphilosoph? unterbrach Louis die freundliche Mittheilung. Verstehen Sie darunter einen Epikuraer?

Ja! Einen Epikuraer des Geistes, sagte Ackermann. Es gibt Epikuraer der Sinne. Ein solcher soll z.B. der Justizrath Schlurck sein, der fruher hier schaltete. Es gibt aber auch Epikuraer des Geistes. Unter ihnen versteh' ich Menschen, die auf Alles nach Wohlgefallen dilettiren, die jede Wahrheit zu schatzen wissen, ohne sich fur eine zu erklaren, Manner des Studiums und eines unermudlichen Wissenstriebes, Reisende, denen es nirgends Ruhe lasst, Verschonerer der Natur, mit einem Worte Menschen, die glucklicherweise so reich sein mussen wie Otto von Dystra, um sich so durch die Welt tummeln zu konnen, wie er es liebt.

Und ein solcher Komet passt in die russischen Bahnen? fragte Louis erstaunt.

Fur Petersburg schwerlich, sagte Ackermann. Aber Russland hat die weise Art, seine Diplomatie nach den Landern einzurichten, in denen sie wirken soll. Die deutschen Gesandten des Zaren sind oft halbe Gelehrte, seine italianischen Gesandten sind Kunstliebhaber, die franzosischen sind Liebhaber der Intrigue, die englischen sind Wettrenner und Dandies. In Nordamerika lasst sich der Zar durch halbe Republikaner vertreten, die in den Ton und die Denkweise jener Lander wenigstens einzugehen verstehen. Dem reichen Kurlander Otto von Dystra hat man vergebens grosse Summen geboten, die eigentliche Botschafterstelle in Washington anzunehmen. Er begnugte sich mit dem Consulat in Newyork, weil es ihm Gelegenheit zu Menschenstudien bot, die ihm die liebsten sind. Dass er jetzt in Europa, in unsrer Nahe ist, uberrascht mich. Ich versaumte von ihm Abschied zu nehmen. In Europa kann der Zar diese Personlichkeit zu keinem seiner Zwecke mehr brauchen, umsoweniger, als er abschreckend hasslich ist.

Wie wurde wol Murray mit diesem Manne bekannt? fragte Louis.

Murray? sagte Ackermann und verbesserte: Morton!

Morton! wiederholte Louis.

Morton war ein Kupferstecher und hatte fur Otto von Dystra Karten gestochen. Dies wurde die Veranlassung gemeinschaftlicher Reisen. Zwei wunderliche Gegensatze! Otto von Dystra, klein, verwachsen, ganz Epikuraer, Morton ganz Stoiker. Von seinem fruhern Leben hab' ich aus diesem alten Zeck nicht viel herausbringen konnen. Er war tiefsinnig, religios, hypochondrisch. Ich glaube, dass ihn die Sekte der Shakers, deren Religionsubungen er zuweilen beiwohnte, verwirrt gemacht hat. Dystra nahm Morton so wie er sich gab und liess ihn als eine Curiositat gelten. Einige Male, dass ich in Neuyork war, entdeckt' ich sogar, dass Morton wohlhabend genannt werden konnte. Er hatte ein ausgebreitetes Geschaft auch mit Metallbuchstaben, die er neu bei uns einfuhrte. Ich erinnere mich noch der schonen Uberraschung, die er mir durch eine Kiste Metallbuchstaben machte, als meine Frau starb. Da haben Sie, schrieb er, in vierfacher Anzahl das deutsche Alphabet! Setzen Sie daraus ein Wort der Erinnerung an Ihr gutes Weib zusammen! Die Buchstaben, die in dem Worte: "Dulderin" vorkommen, schick' ich Ihnen doppelt. Sie werden sie brauchen konnen in Ihrer Inschrift, die Sie an dem metallenen Kreuze mit kleinen Schrauben, die ich gleichfalls beilege, befestigen mussen.

Ackermann schwieg eine Weile. Auch Louis war durch einen Zug, der seinem neuen Freunde und Vertrauten so ahnlich sah, geruhrt ...

Morton, schloss Ackermann, schrieb mir, als ich ihm auf diese Sendung dankte und anzeigte, ich wurde nun nach Europa, wenn nicht fur immer, doch fur einige Zeit zuruckkehren, ich mochte mich einigen Auftragen fur Deutschland unterziehen. Er wies mir die kleinen Summen an, die ich seinen Verwandten bringen sollte und empfahl sich, mit einem sonderbaren Ausdruck, meinem Andenken und meiner Gerechtigkeit. Als ich in Newyork nach ihm suchte, hiess es, er ware spurlos verschwunden. Sein Besitzthum hatte er verkauft und wahrscheinlich einer milden Stiftung ubermacht. Ihn selbst suchte man uberall vergebens. Die Entdeckung von Kleidern, die ihm gehorten, an einer Uferstelle des Hudson lasst fast vermuthen, dass er in einem Anfalle von Hypochondrie sich das Leben genommen hat.

Ackermann und Louis waren wahrend dieser Mittheilungen wieder zu dem Wohnhause zuruckgekehrt. Louis, vertieft in die Moglichkeit, dass sich Ackermann und Morton begegneten. Er merkte kaum, dass ihnen ein Kind entgegengesprungen war und gerufen hatte:

Selma's Stunde ist aus! Zum Essen, Onkel!

Ackermann bemerkte, dass diese Kleine dem Pfarrer von Plessen Herrn Guido Stromer gehorte und von ihm und Selma auf langere Zeit in den Ullagrund genommen wurde. Ware sie lange genug da, so kame ein andres von den Kindern an die Reihe und Alle mussten ihn Onkel nennen, damit die armen Kleinen, die einen Vater hatten und doch auch wieder keinen, an Menschenliebe nicht irre wurden. Von Oleander bemerkte Ackermann, dass er seiner Tochter taglich Stunden gabe und ihn als einen sinnigen, vielleicht zu bescheidenen und traumerischen Menschen schatzen musse.

Die kleine Hedwig, so hiess Stromer's zweite Tochter, die gerade jetzt an der Reihe war, im Ullagrunde weilen zu durfen, zog den Onkel in das Haus und in die Thur, die neben der zu Ackermann's Zimmer fuhrenden lag. Geoffnet bot sie den Anblick eines zwar niedrigen, aber traulichen Wohnzimmers. Alle Mobel, von Kirschbaumholz, waren neu und stachen mit ihrem blassen Glanze gegen die dunkle Farbung der Wande angenehm ab. Ein grosser Flugel stand aufgeschlagen. In der Mitte des Zimmers war ein runder Tisch gefallig gedeckt. Im Ofen prasselte ein belebendes Feuer. Am Fenster stand ein Nahtischchen fur Selma. Uber ihm hing ein Bucherbord mit zwei Reihen englischer und deutschen Classiker. Im Eck stand ein Fachwerk mit bronzenen und glasernen Nippsachen. Es schienen langgesammelte Andenken. Manches war ohne Zweifel vom Transport zerbrochen, stand aber doch wie eine heilige Reliquie, wohlgeordnet, unter allerhand kleinen scherzhaften Spielereien.

Oleander, der am Bucherborde in einem Goldschnittbandchen blatterte, grusste die Ankommenden.

Da steht ja schon die Suppe! sagte Ackermann. Wo ist Selma?

Sie zieht ein schon'res Kleid an! verrieth Hedwig Stromer.

In dem Augenblick offnete sich das Nebenzimmer und Selma, hocherrothet, sich gegen Louis leicht verneigend und um Entschuldigung bittend ob der Verzogerung, trat herein und gab, sogleich einen Stuhl ergreifend, das Zeichen, dass man sich zu Tische setzte.

Funftes Capitel

Deutsche Liebe, deutsches Leben

Selma's Errothen hatte ohne Zweifel seinen Grund darin, dass sie sich des Besuchers sehr wohl von jenem Tage erinnerte, wo ihr Vater mit dem Justizrathe Schlurck so heftig aneinander gerieth und Louis mit der vom Vater so sehnlich erwarteten Botschaft eintrat, der todtkranke junge Furst genehmige die Antrage des Amerikaners. Damals war sie Selmar, der Knabe. Heute sah sie Louis als Madchen und so wohlbekannt ihr auch der geringe Stand dieses Besuches war, so wusste sie doch, wieviel der Furst auf Louis hielt. Vor aller Welt war sie mit leichter Muhe in die neuen, ihr eigentlich gebuhrenden Kleider geschlupft. Bei Louis ahnte sie zuerst, was sie wol fuhlen wurde, wenn sie einmal, wie sie doch hoffte, dem ihr so theuer gewordenen Fursten Egon selbst begegnen sollte.

Da Louis aus Bescheidenheit, Oleander aus Gewohnheit schwieg, so musste sich wol Selma zusammenraffen, um das Gesprach zu fuhren. Sie legte mit grosser Geschicklichkeit vor. Louis beobachtete ihr Wesen, ihre innere und aussere Erscheinung, mit grossem Gefallen. Sie war zierlich gewachsen, schlank und behend. Das kastanienbraune Haar trug sie noch kurzgeschnitten. Es war noch von der Knabentracht her nicht langer gewachsen. Die lockige Biegung, in der es auf den weissen Nacken fiel, machte einen sehr einnehmenden Eindruck. Das Kleid, das sie rasch angezogen hatte, war blau. Uber den obern Theil desselben fiel ein reicher gestickter Kragen. Ein blaues geripptes Band umschloss die Taille und kreuzte sich unter einer emaillirten Schnalle. Von Fischbein und engem Geschnur war keine Spur. Man hatte in dem weiten und vollkommenen Kleide den reinen Ausdruck ihrer naturlichen Formen. Das dunkelblaue Auge, die weissen Zahne, ein schongeschnittener Mund waren die Zierde des lieblichen Antlitzes. Besonders anmuthig machte sie ihr Lacheln. Um den Mund spielte dann eine Schalkhaftigkeit, die Jeden bestricken musste.

O, sagte Selma, als die Suppe von einer zweiten Magd abgetragen wurde, es ist nur gut, dass ich dem Fursten einmal durch Sie, Herr Armand, ein ernstes Wort sagen lassen darf. Ich bin ihm nicht mehr gut.

Warum, mein Fraulein?

Als er in Hohenberg war, sagte Selma, und ich mit ihm zum Forsthause durch den Wald ging, wie sprach er da so warm und theilnehmend von Amerika! Ich albernes Kind tappte recht wie die Fliege in die Milch, so sussen Zucker streute er auf Amerika! Aber was hab' ich nun erst vor kurzem lesen mussen! In der Kammer, wo sie sich im Zank und dem Allesbesserwissen uben, hat er so abscheulich uber Amerika gesprochen, so abscheulich!

In der That? sagte Louis erstaunt.

Haben Sie's denn nicht in der Zeitung gelesen? sagte Selma und schob dem Vater das inzwischen hereingebrachte Rindfleisch zum Tranchiren hin und machte es ihm dazu mit Messer, Gabel und dem Wegraumen aller hindernden Gegenstande bequem; haben Sie's denn nicht in der Zeitung gelesen, wie schlimm er es nun mit uns meint?

Ich bin seit acht Tagen von der Residenz entfernt.

Ich weiss es auswendig, ob es gleich so klingt, dass ich es lieber gleich hatte vergessen sollen. "Ihr beruft Euch auf Amerika", sagte er, "einen Staat, den ich verehre, wie ich etwa eine solide Handelsfirma verehre. Ich habe die grosste Achtung vor der Geschaftskenntniss und der Zahlungsfahigkeit eines Londoner oder Hamburger Hauses, allein werd' ich das Haus Rothschild fragen, was es von dem Schienenbau der Eisenbahnen halt, zu denen es das Geld vorstreckt? Werd' ich Hope in Amsterdam fragen, ob Schelling oder Hegel der philosophischen Welt naher stehen? Lassen Sie Amerika uber Alles entscheiden, was in sein Bereich gehort; aber uber Europa, uber dies nun einmal so und nicht anders geformte Gewachs der Geschichte, lasst Europa zu Gericht sitzen!"

Fraulein, ich bewundre Ihr Gedachtniss! sagte Oleander erstaunt. So grundlich haben Sie bis jetzt noch keine historische Thatsache behalten.

Und doch ist auch dieser Satz eine Thatsache, fiel Ackermann ein. Der Furst hat Recht. Nur sollt' er vorsichtiger sein mit den Dingen, die er von den Kaufleuten nicht voraussetzt. Die Kaufleute sind sehr empfindlich und fur einen Staatsmann scheinen mir Scherze uber das Haus Rothschild gewagt.

Nein! Nein! fiel Selma ein. Den Fursten hab' ich aus diesen kalten Worten nicht wieder erkannt. So bitter sprach er im Walde nicht! Und du, Vaterchen, gesteh' es nur ein, dass du selber sagtest: Wie inconsequent! Er verspottet die Banquiers und borgt doch von ihnen!

Ackermann warf Selma einen verweisenden Blick zu.

Louis sprach offen seine Vermuthung aus, dass Akkermann wol von des Fursten Anleihe bei dem Hause Reichmeyer gehort hatte ...

Leider! sagte Ackermann. Ich hatte nicht gewunscht, dass sich der Furst die Schwierigkeiten seiner Lage vermehrte.

Er setzte dabei offen die ganze Mislichkeit der Lage Egon's auseinander. Er erzahlte, wie entmuthigend die Resultate waren, die er aus den Buchern bei dem Justizdirektor entnommen. Er hatte Verwirrung uber Verwirrung angetroffen und konnte fur nichts gutsagen, wenn der Furst immer wieder auf's neue die Schuldenlast vermehrte. Sonst hatt' er geglaubt, in zehn Jahren Einnahme und Ausgabe, Soll und Haben, auszugleichen ...

Ei, sagte Selma spottend, als Louis schwieg, Das seh' ich nicht ein! Der Furst will leben wie ein Furst. Seit er bei Hofe geliebt und verehrt wird, seit ihn die vornehmen Damen verziehen, hat er sich glanzende Livreen, neue Wagen und Pferde anschaffen mussen. Ist es denn wahr, dass er so eitel ist und auf jeden Teller sein E. mit der Krone malen lasst?

Alles Das sprach Selma mit der kindlichsten Unbefangenheit. Man sah, sie glaubte mit dem Fursten sich etwas erlauben zu durfen. Er hatte ihr in ihrem Glauben so nahe gestanden, sich ihr so zutraulich angeschmiegt. Warum sollte sie nicht so weit gehen, sogar zu sagen:

Hatt' ich ihn nur hier! Wie wurd' ich ihn auslachen mit seinen bunten Tellern, die mir fur die kleine Hedwig da zum Buchstabirenlernen am passendsten scheinen!

Oleander betrachtete die Eifernde mit Wohlgefallen, Louis nicht ohne Verlegenheit, denn er fuhlte sich selbst in Egon beschamt.

Herr Oleander kam nun ein wenig mehr aus seiner Einsilbigkeit heraus.

Da wir wissen, dass dieser junge Gottesgelehrte es verschmahte, auf den Grund einer Heirath mit dem altesten Fraulein Gelbsattel befordert zu werden und es vorzog, dies stille und wenig eintragliche Vikariat auf dem Lande zu ubernehmen, so empfinden wir schon eine gewisse Hochachtung vor ihm. Louis bemerkte bald, dass der junge Gelehrte, den er seines Namens wegen noch immer nicht zu befragen wagte, die liebliche Selma in sein Herz eingeschlossen hatte. Die Art, wie der Herr Candidat Selma bei Tische kleine Aufmerksamkeiten erwies, verrieth Dies. Er konnte ihn jetzt erst recht von seinem vollig zugewandten Antlitz betrachten. Oleander war sehr gross und mager. Den Kopf trug er etwas ubergebeugt. Seine Zuge waren starkknochig, verriethen aber Geist. Das Haar hing schlicht und wol zu wenig gepflegt herab. Das Auge verrieth eine stille ernste Ruhe, stand aber oft wie nach innen gekehrt und schien einen abwesenden, traumenden Sinn zu verrathen. Es war gerothet wie von starkem Blutandrang oder von Nachtlekture. Sein ganzes Wesen hatte etwas, das Louis sehr an seinen geliebten Siegbert erinnerte. Doch fehlte Oleandern dessen aufmerksamer, theilnehmender, Jedem liebevoll zugewandter Sinn. Oleander schien mehr ein Egoist des Gemuthes, eine jener unschuldigen Naturen zu sein, die wie der Vogel auf den Zweigen unbekummert um Andre ihr Dasein hinleben. Er gestand sich, er hatte ihn wol einmal mogen predigen horen. In manchen franzosischen Werken erinnerte er sich, junge lebensunerfahrene Geistliche so geschildert gesehen zu haben, wie er hier wirklich einen protestantischen fand. Von den katholischen musste er sich sagen, dass die Dichter, besonders Lamartine, diese Gattung Dorf-Vikare zu sehr verschonerten und die idyllische Natur der Schweiz oder Sudfrankreichs, in denen sie leben und wirken sollten, auf ihr eigenes Wesen ubertrugen. Louis Armand erinnerte sich, bei allen katholischen Geistlichen einen Trieb zur Weltlichkeit und Geselligkeit gefunden zu haben, der diesem traumerischen Oleander ganzlich zu fehlen schien.

So hatte er die Einladung, die ihm hochst dringend gestern Abend und heute fruh die Gemahlin des Herrn von Zeisel an Herrn Ackermann und Fraulein Selma fur morgen aufgetragen, ganz vergessen. Erst als Louis zufallig von der erneuten Nachfrage nach den Buchern der Verwaltung auf Herrn von Zeisel kam und seine Freude ausdruckte, dass doch, wie die Einladung auf morgen beweise, zwischen dem neuen Generalpachter und dem alten Verwalter keine Spannung obwalte und Ackermann und Selma gefragt hatten, welche Einladung? erst da besann sich Oleander auf den ihm gegebenen dringenden Auftrag.

Und Das konnten Sie vergessen, Freund? lachte Ackermann; eine so uberraschende Einladung! Die erste, seit wir Nachbarn und freilich auch die unwillkommenen Gegner der Frau Justizdirektorin sind? Was sagst du dazu, Selma?

Ich uberlege schon meine Toilette, antwortete Selma mit der grossten Offenherzigkeit. Einer so strengen Richterin der Mode, wie Frau von Zeisel, wag' ich mich noch nicht auszusetzen. Es ist gewiss, wir finden dort, zu Ehren des Herrn Louis Armand, Alles zusammen, was sich nur an Honoratioren auf drei Meilen in der Runde auftreiben lasst.

Es ist gut, dass du sagst zu Ehren des Herrn Louis Armand, sonst wurd' ich nicht hingehen! bemerkte der Vater.

Um's Himmelswillen, fiel Oleander ein. Thun Sie mir Das nicht an! Wie dank' ich Ihnen, Herr Armand, dass Sie mich an diesen Auftrag erinnert haben. Sie kennen Frau von Zeisel nicht. Ich versichere Sie, dass sie seit Ihrer Ankunft nicht schlaft und uber die Vorbereitungen zu dem morgenden Diner Alles, Alles vergisst, hochstens ihren Stammbaum nicht.

Oleander thaute, wie Louis sah, allmalig auf.

Ich habe mir in mein Taschentuch, sagte er, vor ihren Augen drei Knoten machen mussen, das Tuch in meinen Hut gelegt und nun will der Zufall, dass ich wegen des Regens die Mutze nehme und obenein ein neues Taschentuch. Wenn ich Das nun vergessen hatte! Sie hatte mich nachsten Sonntag in meiner Predigt irre gemacht durch die rollenden Augen, die sie Einem zuwerfen kann! Dank! Dank Ihnen!

Man musste lachen. Ackermann gab sich darein, zu kommen.

Nach Tische, sagte Selma, konnen wir ja einmal das Schloss besuchen. Noch niemals waren wir in den Zimmern und immer versprichst Du es, Vater. Jetzt ware die beste Gelegenheit!

Ackermann antwortete darauf nicht. Es schien ihm nicht lieb zu sein, an dies Versprechen erinnert zu werden. Um von dem Gegenstande abzukommen, gab er Louis Veranlassung, wieder von sich selbst, von seiner Heimat, seiner Jugend zu sprechen. Auch nach seiner Schwester fragte Ackermann jetzt und erzahlte, was er von Egon's Beziehung zu ihr wusste, mit absichtlich hervorgehobenem Nachdruck. Louis erschrak uber diese Fragen und auffallend war ihm, dass sich Ackermann mit der Erwahnung seiner Schwester nicht beruhigte, sondern auch von Helene d'Azimont und zuletzt von Melanie sprach und wie absichtlich er hervorhob, dass Egon's Charakter den Frauen gegenuber leichtsinnig ware und von einem sittlichen Standpunkte aus keine Rechtfertigung finden konnte.

Die Wirkung dieser fur Louis peinlichen Erorterungen auf Selma fiel ihm auf. Das Blut stieg dem holden Madchen in die Wangen. Sie wurde unruhig. Sie plauderte mit dem Kinde, ohne dass sie darum aufhorte, dem Gesprache der Manner zuzuhorchen. Oleandern, den die Mittheilungen interessirten, zog sie sogleich von ihnen ab und verwickelte ihn in ein andres Gesprach. Erst als Ackermann merkte, dass seine, wie es schien, absichtliche Erorterung dieser Herzenschronik des jungen Fursten von Selma nicht mehr beachtet wurde, brach er ab und ging auf gleichgultige Dinge uber.

Seid Ihr fertig, rief jetzt Selma, fertig mit diesen Verleumdungen? Freilich der Tod Ihrer guten Louison ist keine Verleumdung. Sie wissen wohl, wo sie ruht und woran sie starb, die Gute! Aber Helene und Melanie! Das Alles mag in Wahrheit viel anders aussehen, als die Justizdirektorin es Dir neulich aufgeheftet hat! In der Zeitung steht, Helene d'Azimont ist abgereist und Melanie

Nun, Selma? fragte Ackermann lachelnd, aber mit scharfem Blicke.

Melanie ist schon! sagte das gepeinigte Madchen. Ich sah sie hier zu Pferde ... wie eine Konigin ... o so schon!

Louis freute sich der Bemerkung, dass Helenen's Abreise in der Zeitung bestatigt war. Er hatte davon gehort, es nicht glauben mogen, nun schien es doch gewiss, dass Egon wenigstens von dieser Seite frei war.

Die Zeitungen brachten Ackermann jetzt auf den Wildungen'schen Prozess, der ihn gleichfalls zu interessiren schien. Lebhafte Freude empfand er uber die Mittheilung, dass Louis diese beiden Bruder Wildungen kannte. Er fragte nach der Mutter der Bruder und horte voll Bedauern, dass sie krank sei und Dankmar nach Angerode auch deshalb gereist war, um sie aus der Pfarrwohnung, die kalt und ungesund sein sollte, in eine behaglichere uberzusiedeln. Als Louis das Tempelhaus von Angerode erwahnte, sagte Ackermann fast vor sich hin mit eignem aber auffallendem Ausdruck:

Das Tempelhaus von Angerode!

Kennen Sie es? fragte Oleander.

O wohl kenn' ich es aus meiner Jugend, bestatigte Ackermann; bin ich doch selbst ein Thuringer und nicht weit von der guldenen Aue geboren! Wohl kenn' ich das stolze Gebaude von rothen aus dem Harz gebrochenen Sandsteinen! Die Fenster, immer zu zwei und zwei, dicht beisammen, verbunden durch einen Pfeiler, den ein Thier oder ein Engel oder ein Heiliger ziert. Die Fronte ist in Form eines Giebels gebaut, der immer spitzer und spitzer zugeht. Hinter dem Tempelhause die St.-Johanniskirche. Zur Seite ein altes Convikt

Dort fand Dankmar Wildungen die Papiere, die die Anspruche seiner Familie verburgen, erganzte Louis.

Ich kenne diese Anspruche, sagte Ackermann. Die Familie Wildungen ist eine der altesten in Thuringen. Sie stammt von einem Grafengeschlechte, deren Ahnen ihr Grab bei den Sarazenen fanden. Hugo von Wildungen war ein Mann von ernster Strenge, nicht verweichlicht durch den weltlichen Sinn, der die Auflosung der Johanniter in Thuringen, die weithin Besitzungen hatten, zu einem leichten Spiele der Reformation machte. Ich kenne die Familientradition der Wildungen. Den Jungsten sah ich nie. Den Altesten hab' ich oft als kleinen Buben auf meinen Knieen geschaukelt. Ist er Maler geworden, der kleine blonde Siegbert?

Louis wurde nicht mude, von den Brudern zu berichten und bat zuletzt, ob er ihnen von Herrn Ackermann nicht eine ausfuhrlichere Kunde bringen durfe?

Der Name Ackermann wird im Gedachtniss dieser Kinder nicht leben, sagte Selma's Vater. Sagen Sie ihnen nichts von mir, war' es auch nur, um zu verhindern, an die Vergangenheit zu denken. Der Ruckblick auf ihre Jugend kann diesen Junglingen nicht in die schone violette Farbung getaucht sein, in welcher die thuringischen Berge am Horizonte sich malen. Ach, sie hatten einen Vater, den alles Misgeschick verfolgte, eine Mutter, die erst uber die Brucke der Kinderliebe ganz zum Herzen des Gatten sich neigte. Um so glucklicher, wenn sie einer marchenhaften Zukunft zusteuern und sich mit entschlossner Hand ihr eignes Lebensloos zu ziehen wagen aus einer hochgestellten Urne! Sagen Sie ihnen nichts von mir!

Bewegt stand Ackermann auf. Das kleine fur die landlichen Entbehrungen sehr gewahlt gewesene Mahl war voruber. Man wandte sich in das offenstehende Zimmer Ackermann's, wo die Zurustungen mit Tassen und Kannen schon in aller Stille von den Magdehanden hergerichtet waren.

Ackermann bot seinen Gasten Cigarren, ohne jetzt selbst zu rauchen.

Selma, sagte er, zeige Herrn Armand, wie wir am Missouri und an der kleinen deutschen Ulla unsre Feste feiern, damals als die Mutter lebte und jetzt, wo wir von ihrem Andenken zehren ...

Selma setzte sich an den Flugel und praludirte einige Takte, wahrend der Tisch abgedeckt wurde und die kleine Hedwig, die schon lesen konnte, fragte, welche Noten sie ihr suchen sollte.

Beethoven! bat Oleander.

Fallen Ihnen da die besten Reime ein? fragte Akkermann.

Gedanken, nicht Reime, sagte Oleander. Und dann mit den Gedanken auch die Reime.

Und mit dem Beethoven, rief Selma vom andern Zimmer herein, wirkt bei Herrn Oleander auch die Digestion auf die Phantasie.

Wie? die Verdauung? sagte Ackermann. Schamen Sie sich! Sind Sie da noch ein wahrer Dichter?

O, bemerkte Oleander errothend, leider hab' ich neulich Selma gestehen mussen, dass ich die prosaische Bemerkung gemacht habe, wie ich unmittelbar nach Tisch die grosste Elastizitat des Geistes habe und Bilder, Anschauungen, Gedanken plotzlich finde, die ich sogar in nachtlicher Stille vergebens suchte. Fraulein Selma hat daruber einen Spottvers gemacht. Sagen Sie ihn!

Statt aller Antwort schlug aber Selma mit gewaltiger Kraft die ersten Accorde der Sonate pathetique an und schnitt damit die weiteren Erorterungen ab. Akkermann lehnte sich ein wenig in die Sophaecke, Oleander, seinen Kaffee trinkend, folgte dem fertigen und gewandten Spiele des jungen Madchens, das der Musik zu bedurfen schien, um sich von namenlosen Empfindungen, die sie beschlichen hatten, zu befreien.

Wahrend noch Selma in dem Adagio begriffen war und mit grosser Reinheit die ersten Laufe, perlenden Thautropfen gleich, wie aus ihren Fingern gleiten liess, uberdachte Louis Armand die Situation, in der er sich befand. Er konnte sich nicht verschweigen, dass in diesem kleinen einsamen Kreise ein Element waltete, das ihm neu und fremdartig war. Die sinnige kleine Welt des hoheren Burgerlebens, verbunden mit den freien und grossartigen Anschauungen eines fremden Welttheils, verbreitete hier eine Atmosphare, die um so wohlthuender auf ihn wirkte, als er uberall im Gesprache auf die Grenze der reinsten Sittlichkeit gestossen war. Er hatte so viel Ungewohnliches, Abnormes seit einer Reihe von Jahren erlebt, dass ihm diese Lebenskunst, die hier nach dem Tumult einer grossen Reise schon so rasch einen kleinen Tempel der Hauslichkeit aufbauen konnte, etwas Ehrwurdiges hatte und er sich nur untergeordnet und aufnehmend fuhlen musste. Es gibt auch kaum etwas Gefalligeres, als einen feingebildeten, weltklugen Vater, der sich ganz der Erziehung eines einzigen geliebten Kindes widmet, in der Tochter die hingeschiedene Mutter ehrt und fur sich zuerst all' die milde Liebe und sittliche Unschuld eines solchen sich entwickelnden jungen Wesens einathmet. Wie bewegt lauschte Ackermann dem unbewusst gefuhlvollen Spiele Selma's! Klar erkannte man bei Selma die Absicht, mit ihrem Spiele nur den Beweis ihres Talentes, ihrer Fortschritte, ihrer guten von der Mutter gelegten Grundlage zu geben, sie sentimentalisirte nicht mit der Musik, sie gab eine Ubung, die ihrer Bildung entsprach, sie spielte Denen zu Liebe, die sie horten und doch war ihr Spiel voll Seele und Schmelz.

Zum Gesange, zu dem sie Oleander aufforderte, konnte sie sich nicht entschliessen. Dafur suchte sie noch einige andre Meisterwerke hervor und wusste sie alle mit gleicher Correktheit wiederzugeben. Zuletzt klagte sie, dass sie Kopfweh hatte und that sogar gegen die beiden Stunden, die sie heute noch bei Oleander zu nehmen hatte, Einspruch.

Lass es mit einer bewenden! sagte der Vater. Ich fuhre indessen unsern Gast noch einmal in das Gehoft meines Nachbars. Um drei Uhr mogen Sie dann mit unserm guten Oleander zuruckfahren, der, wenn wir morgen bei Zeisel's sind, dann bis ubermorgen von uns verschont ist und einige seiner lyrischen Winterschauer dichten kann.

Oleander setzte auch mit Selma, die sich mit leichter Verbeugung Louis empfahl, in ihrem Zimmer den gewohnten Unterricht fort, den er ihr nun schon seit zwei Monaten in Geschichte, Erdkunde, Geschmackslehre, Literatur ertheilte. Louis verstand die Andeutungen, die uber den Vikar gefallen waren, hinlanglich, um sich zu entnehmen, dass er in ihm einen Genossen zu begrussen hatte, einen Priester der dichtenden Muse. Nun begriff er erst, warum Oleander auf der Herfahrt tief in sich gekehrt war und an einzelnen fluchtigen Erscheinungen ein so lebhaftes Gefallen fand. Er gedachte des bitteren Gedichtes, das er heute fruh selbst fluchtig entworfen und hielt es mit Recht anziehend, dass zwei ohne Zweifel im Geschmack sowie in der Bildung vollig entgegengesetzte Fahigkeiten unbewusst sich mit derselben Geistesubung beschaftigten, die Louis einen Akt des hoheren Cultus im Menschen zu nennen pflegte. Wohl hatt' er gewunscht zu wissen, was wol wahrend dem, dass er an dem Fruhling der Welt verzweifelte und von den Blumen eigentlich geringschatzend sprach, in diesem deutschen Gemuthe entstanden sein mochte? Er war zu bescheiden, darnach zu fragen, hoffte aber, auf der Ruckfahrt sich diesem einfachen und harmlosen Manne, der ihm nichts Druckendes hatte, doch noch zu nahern.

Es hatte zwei Uhr geschlagen. Ackermann fragte die in der Kuche waltende unpolitische Liese, ob fur die Leute gesorgt gewesen ware. Diese erwiderte:

Wir hatten heute nur acht druben zu speisen. Wenn's nicht hoher kommt, Herr Ackermann, verlier' ich den Kopf nicht. Auf dem Heidekrug hatt' ich in der Erntezeit oft dreissig Napfe zu fullen.

Ackermann, der leider wieder den Regenschirm ergreifen musste, erklarte Louis, dass er sich dies gewandte Madchen vom Heidekruge herubergenommen hatte, wo die Leute nicht bleiben wollten, seitdem Herr Justus uberstudirt ware.

Es ist nun einmal die Art des gemeinen Mannes, sagte er, dass ihm da nur wohl ist, wo er auf sein Wirken, und wenn es noch so klein ist, ein Auge gerichtet sieht. Als dieser Justus, von dem ich in den Zeitungen sehe, dass er keine geringe Rolle in der Politik spielt, noch Okonom war und auf die Hande seiner Arbeiter sah, hing ihm Alles an. Jetzt, wo er seinen Leuten grossere Freiheit, als bisher, lassen muss, sollte man glauben, sie gefielen sich in ihr. Nein! Sie wollen dienen, ohne Verantwortung dienen, sie wollen untergeordnet bleiben, und haben ihm von dem Tage gekundigt, dass er in die Kammer trat und auf Monate Abschied nahm. Ein gewisser Drossel wirthschaftet nun bei ihm.

Links vom Hause sich auf einen Weg abwendend, der durch ein Staket in's Freie fuhrte, sagte Ackermann als Vorbereitung zu dem nun folgenden Besuch:

Ich will Sie zu meinem Nachbar fuhren, der gewohnt ist, dass ich taglich einmal bei ihm vorspreche. Ein rechter Dorfmagnat Das! Wenn Justus gescheit ware, ging' er wie dieser nicht uber seine Sphare hinaus und genosse sein Wohlbefinden mit Behagen. Horen Sie da das wohlgefallige Brullen seiner Kuhe aus den Stallen! Seine Schafe liefern eine solide deutsche Wolle! Dies ist einer der Menschen, die sich bei Lebzeiten in ihrem Besitz nicht taxiren lassen. Ihre Zinsen fallen immer wieder zum Capital; denn sie brauchen nichts und schaffen buchstablich nur fur die kommende Generation der Ihrigen, die ihnen noch dazu alle diese Vorsicht und Liebe durch den Eigensinn verderben, der sich solcher wohlhabenden Kinder doch in aller Stille bemachtigt.

Louis ahnte sogleich, dass ihn Ackermann zu dem Vater des Sergeanten Heinrich Sandrart fuhrte. Er wusste, dass dieser Ackermann's Nachbar war und zu den Beguterten gehorte. Schon machte er sich gefasst, Verwunschungen uber den Soldaten, uber Franzchen, vielleicht uber sich selbst zu horen.

Der Regen war nur noch feuchter Nebel, der Alles einhullte. Der Boden tief durchweicht. Um eine trokkene Stelle zu finden, musste man bald da, bald dorthin springen. Von Bequemlichkeit, Schonheitssinn, von einem gedammten Wege, von einer gefalligen Allee oder Hecke, sagte Ackermann, ist bei unsern Bauern nicht die Rede. Nur der unmittelbare Ausdruck des Nutzens hat fur sie Werth. Ist Das bei Ihnen auch so?

Nein, musste Louis erwidern, im Suden verrath der armste Huttenbewohner eine erlaubte Gefallsucht. Er schmuckt sein Hauschen und wenn es mit einigen Blumenstocken ware.

Es ist wahr, sagte Ackermann, ich war in Italien! Schon im sudlichen Deutschland und der Schweiz trachtet man nach dem Gefalligen, wahrend hier Alles auf den reichsten Erwerb von Schinken, Speck, Wursten, Kartoffeln, Korn und baarem klingenden Gelde hinauslauft.

Indem waren sie bei dem Gehoft des Bauern Sandrart angekommen. Ein grosses Holzthor musste in ganzer Weite geoffnet werden, um in den Hof zu kommen. An Scheunen und Stallen ein Uberfluss. Hunde von allen Racen schossen aus kleinen holzernen Hutten. Ihr Gebell war aber eine frohe Begrussung, denn mit Ackermann waren sie Alle befreundet. Die niedrige Eingangsthur des bescheidenen Hauses, dessen einziger Schmuck grell angestrichene rothgrune Fensterladen waren, hatte eine Klingel, die beim Offnen durch das ganze Haus drohnte.

Sandrart schlaft doch nicht? fragte Ackermann eine alte Magd.

Sie schuttelte den Kopf, neugierig auf einen Fremden lugend, den heute Herr Ackermann mitbrachte.

Ackermann offnete eine Thur, aus der der Qualm des uberheizten grunen Kachelofens ihnen entgegenstromte. Die Decke des Zimmers war niedrig. Die Wande hingen voll geringer Kupferstiche und bunter Farbenklexereien.

Hinterm Ofen sich ausdorrend sass der alte Sandrart in einem Sorgenstuhl und erhob sich. Eine kleine stammige Gestalt in kurzer Jacke mit grossen silbernen Knopfen. Dem runden, ziemlich ebenmassigen Antlitz konnte man seine gewohnliche Physiognomie nicht entnehmen, da der Alte verdriesslich schien und gleich voll Zorn auf einen Brief wies, den er heute empfangen.

Zuerst, bester Nachbar, sagte Ackermann mit spielender, ironischer Leichtigkeit, zuerst stell' ich Euch einen Besuch aus der Residenz vor, Herrn Louis Armand.

Sandrart wusste nichts von diesem Namen und nickte murrisch verlegen ...

O mein Sohn, fing er sogleich an, mein Sohn, mein Sohn, Herr Nachbar!

Schon wieder Kummer uber Euern Sohn? Schon wieder Schlimmes von ihm?

Louis horchte mit grosser Spannung und setzte sich auf einen der gepolsterten kattunuberzogenen Stuhle, die in dem Zimmer standen.

Ich wette, es ist wegen der Heirath Eures Sohnes, Nachbar. Ich hab' es immer gerathen, Nachbar, lasst ihn freien, wen sein Herz begehrt!

Die nicht! Die nicht! sagte der Alte; und wenn sie sich auch dicht hier schon an die Hausthur hergepflanzt hat!

An die Hausthur schon? sagte Ackermann sich umblickend. Da seh' ich nur Eure wilden Hunde, denen es bald zu kalt werden wird.

Druben im Forsthause ist sie ja!

Im Forsthause?

Sie haben ja nicht geruht, bis sie nur noch einen Sprung in meinen Waizenkasten hat.

Sie mussen wissen, Herr Armand, sagte Ackermann immer launig und scherzend, Vater Sandrart's Waizenkasten ist sein Geldkasten. Ich mochte doch wohl wissen, wo er steht, Nachbar, der Waizenkasten!

Sandrart lachte pfiffig in sich hinein. Wenn man von seinem Gelde sprach, wurde er immer launig, aus einer Art von Schabernack. Heute fiel er aber bald wieder in seinen grimmigen Ton zuruck.

So viel weiss ich, druben in's Forsthaus kommt der Waizenkasten nicht. Ich hab's auch heute dem Heunisch gesagt ...

Waren Sie druben? fragte Louis angeregt.

Das fehlte noch! antwortete der Bauer hochfahrend. Ich Dem nachlaufen? Hier ist er gewesen, der Heunisch und hat wieder von der Geschichte angefangen. Ich leid's nicht. Heinrich soll sich nach seinem Stand umsehen und mir ein Madchen bringen, die mehr versteht als Staatshauben.

Ackermann war einigermassen uber diese Verwicklungen unterrichtet.

Ist das Madchen im Forsthause? fragte er. Franziska Heunisch, die Nichte des Forsters! Aber Alter, hort doch! Franzchen Heunisch, wie Das hubsch klingt! Franzchen! Das musst' Euch ja sein, wie wenn ein Katzchen um Euch ware und Euch streichelte! Denkt nur, wenn so eine weiche Hand da uber Euren Bart fahrt, wie gut Euch Das thate. Ist sie schmuck? Sie kennen sie ja, Herr Armand! Wollen Sie nicht ein gutes Wort fur diese Verbindung einlegen?

Louis war in Verlegenheit ... Doch lobte er Franzchens Schonheit.

Ah, glatt hin, glatt her! sagte der Alte. Ich habe sie ja gesehen vor drei Monaten. Eine Mamsell passt nicht fur die Diele draussen. Soll ich mit einem Jager in Freundschaft kommen?

Das ist wahr, sagte Ackermann, ein Lohndiener des Fursten und Ihr ein Freiherr vom Ullagrunde. Nein, Das ware nicht nach der Ordnung. Aber, Nachbar, die Ordnung konnt' Euch am Ende eine Tochter in's Haus bringen, die wol Batzen, aber garstig rauhe Hande hat, mit Euch zankt, Euer Leibgericht nicht kochen will, und warum? Weil ihr selbst die Klosse im Magen drucken.

Sandrart lachte.

Ich ging' einmal von der Ordnung ab ...

Der Bauer schuttelte den Kopf.

Jetzt erst recht nicht, sagte er; wo ich keine Ruhe vor ihr haben soll, wo sie schon angezogen kommt und sich in der Nachbarschaft will sehen lassen. Jetzt grade nicht!

Aber, Nachbar, wie ist mir denn, so viel ich weiss, ist das Madchen Eurem Sohne nicht einmal zugethan. Jeder Brief, den ich Euch vorlesen muss, erzahlt von seinem Kummer, dass es Franzchen mit ihm nicht mehr mag wie sonst.

Heimtuckerei! sagte Sandrart. Sie wird wol Gott danken, wenn sie meine Permission kriegt. Mit dem Forster! Mit denen da in dem Forsthaus verwandt? Mit dem Blinden in der Schmiede?

Die haben Geld!

Wer weiss, wie gewonnen! Landlauferisches Volk! Wenn mir der Heinrich so kame ... wozu hab' ich denn das Haus aufgerichtet, das Ihr bewohnt, Nachbar? Wozu liess ich ihn, den Jungen, denn was lernen, lesen, schreiben, rechnen; er blast Flote ... er wird Soldat ... das musst' er ... nimmt seinen Abschied, er bringt mir ein Madchen zu aus Randhartingen oder Schonau, wo die fettesten Bauern sitzen. Will ich sie doch hier nicht in dies alte Haus fuhren, obgleich es vor zehn Jahren erst renovirt ist, ich lege den Bau da oben an und nun, fur wen? fur die da im Forsthause? Nein!

Dies Nein hatte etwas im Ton, das man nur mit fletschenden Zahnen hervorbringen konnte. Der Alte war gewiss fern von aller ursprunglichen Bosheit, aber im Punkte seines Stolzes und seines Eigennutzes kannte er nichts, was seine Empfindung milderte.

Vorlaufig hoff' ich, sagte Ackermann, dass Euer Sohn General wird und seinen Abschied erst auf dem Felde der Ehre nimmt. Das von wegen des Hauses.

Nun, sagte Sandrart beschwichtigend, fur drei Jahre, Nachbar, ist's ja Euer! Wenn er eine brachte der Heinz, die mir gefallt, muss sie erst noch ...

Hier hinter dem grunen Kachelofen mit Euch schmoren, unterbrach ihn Ackermann. Ich sag' Euch, Nachbar, gebt Euren Eigenwillen auf! Der Heinz thut einmal nicht, was Euch gefallt. Was habt Ihr ihn Flote blasen lassen! Wer Flote blast, Alter, setzt sich hier nicht im Winter unter Eure Lerchen da im Bauer, die bei jedem Sonnenblick denken: draussen ist Fruhling und stossen sich den Kopf, weil sie singen wollen! Der sucht die Lerchen draussen auf dem Feld! Rechnet doch auf Kinder nicht, die sich verlieben und im Kummer Flote blasen konnen! Seid froh, wenn ihn nicht das Auswanderungsfieber befallt ...

Das ware? sagte der Alte zum Tod erschrocken.

Nun?

Ein Vagabund!

Oho!

Ja so, Nachbar! Vergebt! Das hatt' ich ganz vergessen ... Ihr war't auch draussen. Aber ... lest mir den Brief, wenn Ihr die Gute haben wollt!

Ackermann nahm das Papier, das der Bauer in Handen hatte, warf einen verstohlnen Blick auf den mannichfach bewegten Louis und las ein Schreiben vor, in welchem zuvorderst nur von Schinken, Wursten, Butter und Kase die Rede war. Der Feldwebel liess danken, drei Unteroffiziere dankten, Alle versorgte der Bauer aus dem Ullagrunde mit Lebensmitteln. "Vater, hiess es aber nun weiter, Vater, ich muss Sie recht um Gottes Willen bitten, seien Sie christlich mit der Franziska, die nun jetzt doch zu ihrem Onkel nach Plessen ist! Sie hat von mir in Gute Abschied genommen und mir gesagt: Sandrart, wenn ich im Fruhjahr noch lebe und Sie kommen zu Ihrem Vater, so will ich Ihnen recht gut werden, wie eine Schwester. Ich weiss nun auch, dass sie gern einen Andern mochte lieber leiden, aber ich habe doch von Martens, die grussen lassen, auf Ehre und Seligkeit gehort, dass es bei dem nur guter Wille ist und Freundschaft, aber keine reelle Absicht. Sagen Sie ja in das Forsterhaus hinein, dass ich Franziska grusse und ihr wunsche, dass ihr die Zeit nicht sollte lang werden bis zum Fruhjahr und dass ich keinen Ball in diesem Winter besuche. Lieber Vater, ich habe dieser Tage ein grosses Malheur konnen haben. Ich muss es Ihnen doch auch schreiben, was es war. Es war wieder, wo ich Ihnen schon ofters geklagt habe, von wegen meinem Lieutenant. Ich hatte, weil die Franziska nun abgereist ist, die Flote mitgenommen in die Kaserne und Alle horen gern, wenn ich manchmal des Abends blase. So blas' ich vorgestern Abend um funf Uhr, wie's schummrig ist, und da kommt der Lieutenant hereingesturzt und der Portepeefahnrich auch und sie fluchen ein Donnerwetter uber das andre, weil ich hatte ein demokratisches Lied geblasen. Das war aber nur die Melodie gewesen, die ich ...

Ackermann meinte, hier ware etwas verwischt.

Blus! sagte der Bauer; blus blus heisst es wol.

Blus?

Blus! Blus! wiederholte der Alte. Nun? setzte er drangend hinzu.

Allein, fuhr Ackermann fort zu lesen, was ist es meine Schuld gewesen, dass die Soldaten nun Alle laut ein Lied sangen, das auf diese Melodie gar nicht gesetzt ist? Der Lieutenant schimpfte uns einen Strauchbuben und Demokraten uber den andern, worauf ich argerlich wurde und ihm etwas sagte, was er sagte, dass ich es ihm schon einmal gesagt haben sollte. Ich sagte aber nichts, als: Herr Lieutenant, wir sind jetzt nicht im Dienst! Da wurde er fast toll, zog die Plempe und schrie, dass ich ein Landesverrather und alle Tage wol capabel ware, dem Konig meinen Eid zu brechen! Und eher wollt' er mich niederstechen, wobei ihm der Portepeefahnrich, Sie kennen ihn ja, es ist der kleine blonde, er heisst von Flottwitz, den Arm hielt, dass er nicht so schandlich konnte ausfuhren, was er drohte. Aber eine Rede hielt er nun, dass er schon langst wisse, was die dritte Compagnie zum Abschaum in der Armee mache und dass wir die Cocarde verlieren sollten und solche niedertrachtige Sachen mehr, bis er dann sagte, dass er alles Dieses aufschreiben und mich wegen meiner Rebellion auf acht Tage in Mittelarrest bringen wurde. Das nahm auch seinen Fortgang. Beim Appell wurde ich vorgerufen und mein guter Major, der Herr Major von Werdeck, fur den das Bataillon sein Leben in die Schanze schlagt, sagte mir: Horen Sie, Sandrart, ist es wahr, Sandrart, sagte er, dass Sie ein demokratisches Lied geblasen haben? Herr Major, sagt' ich, ich habe eine Melodie geblasen, auf die die Soldaten einen Vers sungen, der darauf passte wie die Faust aufs Auge. Was blusen Sie? fragte der Major. "Wenn ich in stiller Mitternacht", sagte ich. Und was sungen die Soldaten? "Was ist des Deutschen Vaterland?" Darauf kehrte sich mein braver Major zu unserm Lieutenant um, sagte gar nichts, sondern nahm seinen Tschako ab. Das war prachtig! Auf unserm Tschako haben wir jetzt namlich zwei Cocarden, die von unserm Landesvater und die vom deutschen Vaterland. Da sagte er gar nichts, sondern zeigte blos auf die kleine Cocarde, dass die noch galte und er ging dann seiner Wege. Der Lieutenant warf mir aber einen giftigen Blick zu und wird mir's wol noch gedenken. Lieber Vater, es ist hier nicht Alles so, wie es sein sollte. Unser Furst Egon ist Minister geworden. Ich sah ihn heute fruh in die Kammer fahren. Er sah schon recht blass aus. Den werden sie bald murbe kriegen! Adie, lieber Vater! Sie brauchen mir vor Weihnachten nichts mehr zu schicken, seien Sie nur freundlich mit Franziska und grussen Sie sie von mir, auch Herrn Armand, der jetzt auf dem Schlosse ist, aber bald wiederkommen wird. Er ist Franziska zugethan und sie hat ihn gern, das weiss Gott! Leben Sie wohl, lieber Vater, und bleiben Sie noch lange am Leben! Dies wunscht Ihr Sie aufrichtig liebender Sohn Heinrich Sandrart, Sergeant in der dritten Compagnie, Leibregiment."

Der Eindruck dieses Briefes war auf jeden der drei Anwesenden ein andrer.

Ackermann schien erst an den naiven Wendungen und dem gutmuthigen Charakter des jungen Bauernsohnes den lebhaftesten Gefallen zu haben, stockte aber am Schluss bei der Stelle uber die Nachricht von Egon's schwieriger Stellung und seinem bedenklichen Aussehen.

Auch Louis horte die Mittheilung voll Besorgniss, war aber von dem glaubigen, vertrauenden Tone seines Nebenbuhlers beschamt, wahrend er sich vorwurfsvoll sagte: Wie unwahr bist Du! Wie grausam und wie thoricht! Der Bauer aber, der eben, als der Brief zu Ende ging, sich anschicken wollte, auf die verdammte demokratische Richtung seines Sohnes loszuwettern, erschrak uber den Schluss, bei welchem Ackermann im Lesen auf Louis Armand deutete, so sehr, dass er in Verlegenheit gerieth, jetzt erst zu begreifen, wen er vor sich hatte! Den bekannten Freund des Prinzen! Den Abgesandten desselben Egon, den er auf der Landstrasse einst zu sich genommen hatte, in seinem Wagen in die Stadt fuhrte und fur einen Landstreicher hielt und so behandelte! Er hatte Ackermann oft genug davon erzahlt, mit Beklommenheit sich von Heunisch und Herrn von Zeisel berichten lassen, was Se. Durchlaucht selbst uber diesen Vorfall gemunkelt hatten und nun war dies jener im ganzen kleinen Furstenthume bekannte Freund und Gefahrte der sonderbaren Jugendschicksale des Fursten, der, wie Alle einstimmig versicherten, ein einfacher Tischlergesell sein sollte. Vor Erstaunen blieb ihm der Mund offen. In seiner Verlegenheit hatt' er gern dem Franzosen einen Beweis seiner Achtung, auch gern einen Einblick in seine gute Lage geben mogen.

Er sprach von einem Staatszimmer, das er hatte sollen aufschliessen lassen und ausserte sogar etwas von Wein, den er doch im Keller hatte.

Da kommt es heraus! sagte Ackermann, der wieder zu seiner Laune zuruckkehrte. Nun schamt er sich, dass er uns so barbeissig empfangen hat! Am besten, Nachbar, konnt Ihr es dadurch gut machen, dass Ihr diesen freundlichen Herrn ersucht, bei dem Franzel, das ich nun auch kennen lernen muss, ein gutes Wort fur Euern Sohn einzulegen, damit der arme Flotenblaser, der fur den Konig nicht zu taugen scheint, erhort wird, seinen Abschied nimmt und hier zum Vater herzieht. Eine Probe ihrer Liebe soll die sein, dass sie noch drei Jahre mit Euren heissen Kachelofen, in deren Nahe eine luftliebende Lunge umkommen kann, vorlieb nimmt.

Ne! sagte der alte Bauer wieder mit demselben Ausdruck bestimmter, ruhiger und kalter Malice. So nicht!

Eigensinniges Volk, das Ihr seid! polterte Ackermann und brach nun auf. Kommen Sie, Freund, es ist hier zu heiss.

Der Bauer begleitete mit vieler Umstandlichkeit und dem Drange, sich eigentlich jetzt erst recht lebhaft mit dem jungen Franzosen zu verstandigen, seinen Besuch vor die Thur und uber den Hof. Es regnete nicht mehr. Der Weg war nur zu schlecht, sonst hatt' er Louis gern ausfuhrlicher uber seinen Sohn, ob er ihn kenne, wo er ihn gesehen hatte, wie er ihn gesehen hatte, ausgefragt. Den Fursten, den er auf seinem Leiterwagen gar schnode behandelt haben musste, wagte er nicht zu erwahnen.

Louis Armand war in der eignen Lage, von Heinrich Sandrart mit Interesse sprechen zu mussen. Er raumte ihm all' die vortrefflichen Eigenschaften von Herzen ein, die er an dem jungen Nebenbuhler kannte und trotz seiner getheilten Empfindung zugestehen musste.

Als Ackermann mit Louis allein war und zu seinem Wohnhause die Schritte zurucklenkte, verwunschte er den Eigennutz dieser besitzenden Klasse auf dem Lande und fand alle Fehler des deutschen Charakters in unserm Bauernstande wieder. Man sprache, sagte er, vom Egoismus der Fursten und des Adels, diese Bauern waren die argsten Verbundeten jenes auf Vorrechte und ein gieriges Mein! oder Dein! begrundeten stabilen Prinzipes.

In der weiteren Ausfuhrung dieser Thatsache und ihrer Vergleichung mit den Verhaltnissen andrer Lander, besonders dem freien Blicke der amerikanischen Farmer kehrten sie zu dem Wohnhause zuruck, wo schon der Knecht mit dem Einspanner harrte. Selma und Oleander waren noch nicht sichtbar. Ackermann horchte an der Thur, wo die Lection gehalten wurde und ersuchte Louis, da sie noch nicht zu Ende schien, noch so lange bei ihm einzutreten.

Louis fand dadurch Gelegenheit, die Eindrucke dieses Besuches noch einmal zusammenzufassen, fur die freundliche Aufnahme zu danken und Ackermann den glucklichsten Fortgang seiner Unternehmungen zu wunschen.

Empfehlen Sie mich dem Fursten, sagte Ackermann, indem er Louis' Hand ergriff, sagen Sie ihm, dass ich mich bemuhen werde, das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Zu Neujahr treffen die Hulfsmittel meiner kunftigen Thatigkeit ein. Sehen Sie, der elende und geringe Sinn, den Sie bei jenem Bauer, meinem Nachbar, gefunden haben, ist er nicht eine Folge der elenden und geringen Hulfsmittel, mit welchen man bisher der Natur ihre Geheimnisse, die sie ungern hergibt, zu entlocken suchte? Da wo der Mensch und immer nur der Mensch allein, hochstens mit einem dummen Stiere, einem geduldigen Pferd der grossen allgewaltigen Natur gegenubersteht und sie sich allerdings in gewissem Sinne dienstbar macht, da wachst auch der Dunkel, der Hochmuth, wenn nun wirklich diese kleinen Handgriffe gelingen und sich ihre Ertragnisse in Geld verwandeln, das man nicht zu benutzen versteht. Sagen Sie dem Fursten ... doch ich spreche Sie ja morgen noch! Wie lange denken Sie zu bleiben?

Wenn Egon leidet, sagte Louis, wenn ich hore, dass ihn sein politisches System vielleicht zu gewaltsamen Schritten treibt, so hab' ich einen Drang, bei ihm zu sein, der mich in wenig Tagen von hier entfernen wird.

Bleiben Sie in seiner Nahe, schloss Ackermann mit einem eignen Tone der Ruhrung. Schutzen Sie ihn vor der Welt, auch vor sich selbst. Ich furchte, er kam zu jung auf einen Platz, der gereifte Manner erfordert. Ich furchte, die traurige Ideenlosigkeit des Momentes, die schwierige Lage des Hofes und die Rathlosigkeit, mit der sich die privilegirten Stande nach Geistern umsehen, die fur sie mit einer leidlichen Theorie in die Schranken treten, hat hier etwas zu Stande gebracht, was weder jene zu ihrem, noch ihn zu seinem Ziele fuhrt. Entweder zerfallt jene Gesellschaft mit Egon oder Egon mit sich selbst das Letztere

Ware entsetzlich! fiel Louis ein.

Wenn Sie Ihren Freund und Gonner recht in Gefahr wissen, in geistiger Gefahr, wollen Sie mir es dann schreiben? sagte Ackermann. Versprechen Sie mir Das?

Ich versprech' es Ihnen! antwortete Louis uberrascht ...

Ich verstehe mehr als den Feldbau, fuhr Ackermann fort. Ich kenne das Leben und die Wissenschaft war einst mein Beruf.

Wie ist es nur moglich, musste ihn Louis, den diese Bemerkung schon lange brannte, jetzt fragen, wie ist es nur moglich, dass ein Mann von Ihrer Weltbildung, die ihn recht eigentlich auf den Verkehr der grossen Stadte anzuweisen scheint, sich durch dies einfache Landleben befriedigt fuhlen kann! Sie stehen geistig so hoch und mussen hier so niedrig steigen. Es umgeben Sie Menschen, die unbedingt keine andre Sprache verstehen als die der Beschranktheit und Selbstgenugsamkeit.

O mein junger Freund, antwortete Ackermann, schon seit einer Reihe von Jahren hab' ich mir dies Leben der Beschrankung und Einsamkeit anfangs als eine Lauterung, die mir schwer wurde, dann als eine Pflicht, die mir Vergnugen machte, auferlegt. Was ist diese Welt? Ich habe sie durchgekostet bis zur Hefe. Ich bin in den Irrthumern des ringenden Ehrgeizes, der ungebandigten Herzensregungen aufgewachsen. Ich habe mich auf seidene Polster gestreckt und aus goldenen Bechern die Lust des Lebens getrunken. Ich war nie vermogend, aber ich besass angeboren das Talent des Reichthums. Ich konnte Denen, die besassen, meine Phantasie leihen und ihnen sagen, was den Genuss steigere und veredle. Ich lag wie auf Rosenblattern und uber mir herab hingen die vollen braunen Trauben. Ich durfte nur zugreifen. Freilich war ich dabei ein Sklave. Ich hatte die Freiheit des Herzens nicht. Fur Gluck und Annehmlichkeit, die mich umgaben, fur Liebe sogar, die mich mit weichen Sammethanden pflegte, musste ich doch die Kette dieser Liebe, die meinem Ideale nicht entsprach, hart empfinden. Wissen Sie, was eines der klaglichsten Loose des gebildeten Menschen ist? Empfindungen heucheln zu mussen, die man nicht hat, erkenntlich sein mussen fur eine Hingebung, deren Grunde uns verdachtig scheinen. Ich war jung, strebsam, ehrgeizig. Ich hatte eine Phantasie wie Sardanapal. Ich konnte mir die glanzendste Welt, in der ich leben mochte, zaubern. Da fand ich sie! Ein Weib, das mich liebte, schuttete die Freuden der Bequemlichkeit auf mich herab. Ich reiste mit ihr. Sie liebte mich, ich erwiederte wenigstens ausserlich ihre Hingebung und musste mir sagen, weil ich besser, weil ich edler in meinen Regungen war, als sie selbst in ihren angebornen, ehrgeizigen, unwahren, so hielt ich sie in ihrer sittlichen Haltung empor und diente ihr als Stamm und Anlehnung.

Allein es war eine Sklaverei. Lieben sollen, wo man nicht liebt! Schon finden mussen, was uns nicht gefallt! O mein Freund, ich erkenne in dem Freunde des Fursten Egon, so bescheiden und anspruchlos Sie auch sind, doch ein Auge, das auf die Tiefe des Herzens geht und sage Ihnen, ich verachtete mich. Ein junger Mann, geliebt von einer alteren Frau, die fur ihn sorgt, ihn nur fur sich und nur fur sich in Beschlag nimmt, ist in neunzig bei hundert Fallen tief, tief verachtlich. Ich klirrte mit meiner glanzenden Kette. Ich riss mich heimlich zuweilen los. Ich fand Wesen, die mich bemitleideten, weibliche Wesen, die schoner, lieblicher, edler als meine Herrin waren. Ich genoss kurze Triumphe meiner Freiheit und musste doch zu meinem Joch zuruckkehren, denn ein eigner Zufall wollte, dass meine Gebieterin von der festen Vorstellung beherrscht war, dass sie fruh sterben wurde. Ich kann Ihnen den ganzen Roman meines Herzens nicht erzahlen. Nur andeuten wollt' ich, was mir dies Leben da in den Stadten und unter den civilisirten Menschen zum Ekel vergallte. Ich fand ein kindlich reines Gemuth, das mich liebte, die Mutter meiner Selma. Es war eine einfache Weiblichkeit, die nichts zu bieten hatte als sich selbst. Wie fuhlt' ich mich veredelt von ihrer reinen Ursprunglichkeit! Da lag noch Alles unentweiht in der jugendlichen Brust, nichts vergeudet, nichts angegriffen von Dem, was zu ihren edelsten Schatzen gehorte. Ich fuhlte wohl, dass bei diesem jungen Kinde, das durch eine sonderbare Fugung von meiner fruheren Geliebten systematisch dahin erzogen wurde, mich liebenswerth zu finden und ihr Grauen vor mir zu besiegen, ich fuhlte wohl, dass eine bedeutende, ihre Umgebungen umgestaltende Entwickelung bei Selma's Mutter nie eintreten wurde, aber gerade, dass ich ihr so viel von dem Meinen zu geben hatte und dass es nur das Gute war, was ich aus meinem Wesen ausscheiden musste zu ihrem Dienste, das hob mich wieder sittlich empor und bestarkte mich in meinem Entschluss, mir eine grosse, starke, lebenerschutternde Lauterung aufzulegen. Ich ging nach Amerika. Da hab' ich am Missouri einsam gelebt und mir die Reste der besseren Bestimmung noch wohlweise und sorglich einmal zusammengelegt. Es gab ein Ganzes! Es war nichts Halbes mehr, was mich erfullte. Ich lebte einem Berufe, der mir anfangs schwer wurde, dann mich aber unterhielt, mich sogar begutert werden liess. Ich sah wohl, dass Selma's Mutter durch die Trennung litt. Da hatt' ich eine geistige Aufgabe zu losen, einen Mollton durch unser Leben durchzufuhren. Auch dieser Schmerz dessen Ursache ich sogleich doch nicht aufheben konnte, wirkte milde und gut. Ich verwies auf zukunftige Hoffnung und versprach Ruckkehr nach Europa. Die Gute erlebte sie nicht. So musst' ich ihrem Kinde, Selma, mein Wort halten. Ich kehrte ungern zuruck. Aber wenn ich diese Ehrenschuld, die ich abzutragen hatte, gern bezahlen soll, so musst' es so kommen, wie jetzt! Ich bin ein Ascetiker der Weltlichkeit! Ich bin ein Egoist der Universalitat! Ich weiss nicht, ob ich Ihnen verstandlich bin. Ich will nur sagen, dass ich in meinem kleinen Dasein das ganze All wiederzuspiegeln suche und nichts thue, nichts im Geringsten und Kleinsten ergreife, ohne mir zu sagen: Das muss so sein! Das ist gut so! Die alte Zeit, wo mir Alles nur provisorisch war, wo ich immer rannte, hoffte, mich und Andre vertrostete, liegt hinter mir. Was ich beginne, ist nutzlich, und was ich sehe und erlebe, ist gut. Ich will nichts mehr vom Uberfliegenden. Da jenen Strauch an diesem Fenster zu beobachten, wie lange ihn der Schnee decken wird und wann er sein erstes grunes Keimchen schiessen wird, Das ist mir eine Wonne, und auf solche Freuden beschrank' ich mich. So sehen Sie denn, dass ich mit Bauern baurisch, mit Handwerkern handwerksmassig, mit Dichtern dichterisch empfinden und reden kann, ohne verdriesslich zu werden und wie in jungen Zeiten etwa mein Schicksal zu beklagen.

So sprach Ackermann ...

Hatte ihn Pauline von Harder reden horen, den geliebten Heinrich Rodewald, sie wurde doch vor Wehmuth und Wonne gezittert haben, ob er sie gleich anklagte. Sie besass die Fahigkeit, auch diese Grosse seiner Worte zu verstehen ...

Louis Armand musste wahrend dieser ihn ehrenden Gestandnisse eines solchen Mannes an Murray denken. Es war derselbe Geist der Reue, der beide Manner ergriffen hatte, hervorgegangen aus unahnlichen Zustanden. Er hatte gern gewunscht zu wissen, ob in Ackermann die religiose Farbung seiner Gefuhle auch so stark war, wie bei dem ehemaligen, in sich gekehrten, leichtsinnigen Verbrecher. Deshalb warf er das Wort hin:

Die strebende Jugend, die nicht ruhen kann, muss Sie um diese Lauterung beneiden. Sollte man diese Weisheit, zu der Sie sich aufgeschwungen haben, nicht Religion nennen?

Es ist meine Religion, erwiderte Ackermann, mich gebunden zu fuhlen. Fruher war die Ungebundenheit meine Religion. Ich bin noch rustig, ich fuhle die Kraft in mir, mit Vielen in der grossen Welt einen Wettlauf zu beginnen. Ich wurde mich aber verachten, wenn ich ihn antrate. Religion ist das als eine Lebensnothwendigkeit tiefempfundene Gefuhl der Abhangigkeit. Freilich die meisten Religiosen machen aus der tiefempfundenen Thatsache ein tiefempfundenes Bedurfniss dieser Thatsache. Das kann ich nicht! Diese Religiositat, die an sich schon das Bedurfniss der Schranke hat, das Bedurfniss der Gebundenheit, ist Schwarmerei und mit Schwarmerei ist Gefahr verbunden. Diese Art von Religiosen spricht von Lauterungen und lautert sich meist nur durch Das, was ihnen grossres Wohlgefallen verursacht. Ich kannte eine Frau, die sich fur die Sunden ihrer Jugend dadurch lautern wollte, dass sie die Feder ergriff und schrieb. Lieber Himmel, die Zeit der Blute war voruber. Sie hatte gut sich lautern durch etwas, was ihr einen neuen Lebensreiz bot. Ich kannte Andre, die sich lauterten, indem sie aus unsrer Kirche in die Ihrige ubertraten. Die Wollust des Geistes spielt mit der der Sinne geheimnissvoll zusammen.

Eine Lauterung kann ich nur da finden, wo man sich in etwas, seiner Natur und Neigung Widersprechendes, aber objectiv als gut und vollkommen Anerkanntes hineinlebt und in der Pflichterfullung eine susse Freude geniesst.

Bei diesen Worten offnete sich die Thur. Selma und Oleander traten ein. Dieser, um fur heute Abschied zu nehmen, Jene, um zu fragen, ob es nun fur morgen bestimmt dabei bliebe, dass sie im Plessener Amtshause zu Tische waren?

Warum nicht? sagte Ackermann. Gewiss, gewiss! Sagen Sie der Justizdirectorin zu, dass wir kommen.

Damit begleitete er die Scheidenden an den Wagen, der ihm gehorte. Die kleine Hedwig musste auf Selma's Verlangen Grusse an die Mutter und Geschwister bestellen. Louis bat Selma, sie mochte sich der rauhen Luft nicht aussetzen und in das Haus zurucktreten. Sie war erhitzt. Ihre Farben gluhten wie vom Pinsel des Malers aufgesetzt. Louis nahm noch einmal den vollen Eindruck ihrer Anmuth hin, dankend fur die freundliche Aufnahme, versicherte, dass er Egon auf ihren Wunsch die Lection lesen wurde fur seine Urtheile uber Amerika und fuhr dann mit dem wieder schweigsam gewordenen Oleander, begleitet auch noch von einem zuthunlichen Nachnicken der etwas dreisten Magd aus dem Heidekruge, uber den Hof auf die Strasse hinaus, die sie heute fruh gekommen waren.

Sechstes Capitel

Waldeinsamkeit im Winter

Regnerische Herbsttage enden oft mit einem Abend, wo sich der Himmel aufklart und ein rother Streifen am westlichen Horizont die scharfe, gereinigte Luft verkundet, die nun bald den ganzen Winter bringen wird.

Ein solcher rother Streifen lag weit uber die Ebene hin, die sich vom Ullagrunde immer mehr niedersenkte und nur noch bei Plessen und Hohenberg einmal in die Hohe stieg.

Louis konnte dem Drange nicht Einhalt thun, sich uber diesen Empfang und diese beiden Wesen, Vater und Tochter, mit voller Theilnahme auszusprechen. Er sagte, wenn Selma in dem Geiste ihres Vaters reife, musste sie ein weibliches Ideal werden.

Es war nicht ganz der Widerschein des Abendhimmels, dass Oleander's Wange bei diesen Worten dunkel ergluhte.

Da Sie Dichter sind, sagte Louis, haben Sie in Ihrer Schulerin eine Muse, die Sie zu manchem Verse begeistern wird. Darf ich Sie nicht bitten, mir einmal einige Mittheilungen Ihres Talentes zu machen?

Besuchen Sie mich in einer Abendstunde, sagte Oleander. Am Tage hab' ich oft in der Fruhe die Plessener Schule zu besuchen, an zwei Wochentagen ist Religionsunterricht, dann fahr' ich auf den Ullagrund, finde Abends heimgekehrt noch manche amtliche Pflicht, Samstags bereit' ich mich auf meine Predigt vor, so kann ich nur des spaten Abends mich mit dem Niederschreiben der Verse beschaftigen, die mir freilich schon den ganzen Tag wie mouches volantes vor den Augen tanzen.

Suchen oder finden Sie Ihre Ideen? fragte Louis, dem es lehrreich war, in die Werkstatt einer Kunst zu blicken, die er mehr als Naturalist und nur des Tendenzzweckes wegen trieb. Man hatte ihm auch schon den Unsinn beweisen wollen, dass die Tendenz mit der Poesie unvereinbar ware oder die Schwingen des Talentes nicht in reine Spharen tragen konne.

Ich suche die Ausfuhrung, antwortete Oleander, aber ich finde die Veranlassung. Beim Ausfuhren muss der Verstand helfen. Das Finden ist zufallige Anregung. Ich mochte diesen Zustand mit dem Blick in den Nachthimmel vergleichen, wo plotzlich von den Sternen uns ein Lichtglanz abzufallen scheint. Die besten Gedichte mussen solche Sternschnuppen sein.

Aber im August und November, sagte Louis nicht ohne Feinheit, fallen die Sternschnuppen mit einer gewissen Regelmassigkeit. Dann muss es Gedichte geben, man mag wollen oder nicht. Ist nicht die Liebe eine solche ewige August- und Novembernacht des Dichters?

Oleander, der eine tiefe Neigung fur Selma gefasst zu haben schien, schwieg fast verlegen.

Nach einer Weile wiederholte er seine fruhere Aufforderung:

Wenn Sie noch eine Weile bei uns bleiben, kommen Sie einmal des Abends auf mein Stubchen. Ich will Ihnen dann etwas von meinen Versen lesen. Das Beste wird wol vorlaufig daran sein, dass ich sie alle sehr zierlich in ein Buch eintrage, das ich fruher fur gelehrte Zwecke bestimmte. Da steht immer eine lateinische Phrase auf dem Anfang des Blattes und hinterher folgen meine deutschen Reimereien.

Das erinnert mich, sagte Louis, an jenen jungen Monch, den die Bruder seines Klosters zum Vorsteher der Bucherei gemacht hatten. Er sass unter all' den heiligen Werken und sollte sie durch Abschriften noch vermehren. Am Fenster vor den bunten Scheiben stand ein Lindenbaum, dessen Zweige schattig und kuhlend in die Bucherei fielen. Da stand sein Tisch, da am Fenster sollte er schreiben. Nun aber kamen die jungen, hubschen Madchen am Kloster voruber und Alle grussten den jungen Schreiber. Wie gern hatt' er sie aufgehalten! Wie gern mit ihnen geplaudert! Von seiner Liebe durfte der Arme ja nicht sprechen und doch plauderte er so gern mit der Jugend und der Schonheit. So suchte er sie anfangs mit dem Lindenbaum zu fesseln und pries ihn als so kuhl und schattig. Setzt Euch doch! Aber sie gingen bald wieder fort, die jungen Madchen. Dann pries er den Gesang der Vogel in dem Baume. Aber sie zwitscherten nicht gerade dann immer, wenn die hubschen Madchen kamen.

Da nahm er die alten Legendenbucher mit den bunten kostbaren Buchstaben und den herrlichen Heiligen auf Pergament gemalt. Jede, die nun kam und voruber wollte, fragte er: wer ihr Schutzpatron ware und Jeder schenkte er, wenn sie mit ihm geplaudert hatte und auch wol an einer Bank unter dem Fenster hinaufgestiegen war und ihm einen Kuss gegeben hatte, ein schones Bild ihres Schutzpatrons. Bald hatte der Gluckliche einen solchen Zulauf von allen Schonen der Umgegend, dass er die ganze Bucherei zerschnitt, bis die Klosterbruder dahinter kamen und er seine Liebe zu den schonen Madchen und seine Misachtung der Wissenschaft durch lange, lange Leiden theuer bezahlen musste.

Die Geschichte kenn' ich, sagte Oleander. Sie endet besonders gut mit dem naiven Gestandnisse des verliebten Bibliothekars, dass ja in der Bibel alle Bucher der Welt enthalten waren. Ja, ja, um die Poesie mochte der Dichter auch alle Weisheit der Welt hingeben, alle Sprachen und alle andern Kunste.

Nach einem langern Gesprach, in welchem sich Louis Armand wohlweislich hutete, seine eigenen Verse zu erwahnen, fragte er Oleander, wo er herstamme, ob nicht seine Geburt auf das sudliche Deutschland verweise.

Wohl! sagte Oleander. Ich bin auf der schwabischen Alb geboren ...

Louis war nicht Geograph genug, um die schwabische Alb sogleich im Konigreich Wurttemberg unterzubringen. Er liess also nur so obenhin die Bemerkung fallen, dass auch er von einer Deutschen herstamme, Namens Anna Oleander ...

Und nun hatte er die Freude zu vernehmen, dass Oleander sogleich mit der Frage einfiel, ob er jene Oleander meine, die den fluchtigen Polen Thaddaus Kaminski heirathete und mit ihm nach Frankreich zog?

Dieselbe! sagte Louis Armand. Es sind meine Grosseltern ...

Diese Entdeckung brachte die Gefahrten inniger zusammen. Zwar war die Verwandtschaft sehr entfernt, aber sie bot doch Gelegenheit zum Austausch mancher Frage, mancher wohlthuenden Antwort. Louis Armand fuhlte sich heimischer und Oleandern bot diese seltsame uberraschende Begegnung einen solchen Fernblick in fremdes Leben, fremde Sitte, dass er sich bei seinem naiven Sinne kaum fassen, kaum beruhigen konnte.

Als Louis endlich den Wunsch ausserte, ob man nicht hier auf kurzerem Wege nach dem Forsthause einlenken konnte, wollte Oleander, da es nur einen Fusssteig dorthin gab, aussteigen und ihn begleiten. Louis lehnte diese Gefalligkeit ab und begnugte sich mit des Vikars genauerer Beschreibung. Es hiess, dieser Weg fuhre an der Sagemuhle voruber, dann an das sogenannte schwarze Kreuz und von da in wenig Hundert Schritten auf das Jagerhaus.

Louis stieg aus. Oleander gab ihm herzlich, noch immer uberrascht von der entfernten Verwandtschaft, die Hand. Der Knecht schlug anfangs eine Erkenntlichkeit, die ihm Louis anbot, aus, dann nahm er sie, gab aber Louis dafur noch den Rath, sich von der Sagemuhle an, immer oben auf dem Felsenwege, nicht unten an dem Waldbach zu halten. Nur gerade auf das schwarze Kreuz zu! sagte er und dann bergab. Da wird's trockner sein bis zum Jagerhaus.

Louis horte, wie er schon auf dem Seitenwege wandelte, noch in der Ferne das Knallen der Peitsche und den Widerhall des rasch dahinrollenden kleinen Wagens.

Es war schon dunkel, als er sich der Bergwand naherte. Es trieb ihn mit einer unerklarlichen Sehnsucht zu Franziska. Mit Gewalt drangte er die neugeweckte Theilnahme fur Heinrich Sandrart zuruck.

Warum soll ich es nicht wagen, sprach er zu sich, endlich das entscheidende Wort zu sprechen, das schon so oft auf meinen Lippen lag! Kann ich es langer vor ihr und dem Onkel verbergen! Ich werde in Deutschland bleiben, diesem Boden, der meine mutterliche Heimat ist. Wie fuhl' ich mich in dies neue Leben so wunderbar schnell hinein! Wie traulich sprechen mich alle diese Menschen an! Wie wecken sie in mir das Tiefste und mildern meine Leidenschaften, statt sie aufzuregen!

Wohl mahnte den jungen Mann der Ruf seiner sozialen Bestrebungen. Doch seit dem Abend, wo Dankmar den Bund der Ritter vom Geiste begrundet und die Aufgabe jedes gesinnungsvollen Menschen als nicht zu unmittelbar, nicht zu dringend herausfordernd dargestellt hatte, war eine grosse Beruhigung uber ihn gekommen.

Er fuhlte, wie sonst, lebhaft fur die Sache des Volkes, aber es trieb ihn nicht mehr so gewaltsam, gleichsam den ersten besten Stein, der ihm nahe lag, zu heben und auf die Feinde des Erdengluckes zu schleudern. Wie sehnte er sich nach Siegbert und Dankmar, denen jetzt sein Herz mehr gehorte, als Egon, der so Vieles that, sich seine Freunde zu entfremden! In der Ausmalung seiner nachsten Aufgabe, fur Murray bei Zeck oder der Ursula Nachforschungen anzustellen nach dem Kinde jener kalten vornehmen Dame und dann nach einem offnen Bekenntnisse seiner Liebe von Franziska fur den Winter Abschied zu nehmen und in die Residenz zuruckzukehren, schritt er rustig vorwarts und achtete des Dunkels nicht, das sich inzwischen ganz uber die stille, trauernde Gegend herabgesenkt hatte.

Er war im Wald. Das Grun der Tannen verscheuchte hier die Vorstellung vom herangenahten Winter. Am Fusse der entlaubten Baume, die hier und da noch zwischen den Tannen standen, grunte unbekummert vor dem Herbste das immergrune Moos. Der Weg war viel fester als im Felde. Wo man dort einsank, wurde man hier durch die weitgestreckten, aus dem Boden hervorstehenden Wurzeln der Baume oder durch das zusammengeballte Laub im Gehen erleichtert. Frohlich pfiff Louis leichte Liedchen vor sich hin und suchte mit seinem spahenden Auge in der Ferne irgend ein Licht, oder mit dem scharfen Ohre irgend einen Schall, wenigstens von den Radern der Sagemuhle.

Bald horte er das Bellen eines Hundes, bald auch das Rauschen des Waldbaches, der die Sagemuhle trieb. Es war so finster geworden, dass er diese einsame Niederlassung erst erblickte, als er dicht an ihr voruberging. Sie lag tief. Die Dacher waren breit und gedruckt. Ohne Zweifel wurden geschnittene Dielen unter ihnen aufbewahrt. Da lagen Blocke vom Regen durchfeuchtet, die frischgesagten Breter schimmerten durch die Dammerung. Doch schwieg die Muhle. Alles schien hier wie ausgestorben. Nur weniges kaum horbares Leben deutete auf Bewohner.

Louis fand hier die beiden Wege, von denen Ackermann's Knecht gesprochen hatte. Der eine ging an dem Waldbache entlang, der andre stieg aufwarts und folgte immer dem bald hoheren, bald sich senkenden Felsufer dieses Baches.

Louis ging den letzteren. Er war trockner, aber beschwerlich und nicht ganz ohne Gefahr. Steine lagen links und rechts im Wege und leicht konnte man bei einem Fehltritt ausgleiten und in den Waldbach sturzen. Sich in die Verspatung ergebend, schritt er langsam vorwarts und suchte das schwarze Kreuz auf, von dem Oleander und der Knecht gesprochen hatten.

Er fand es endlich. Eine Inschrift, die darauf zu lesen war, konnte er nicht mehr erkennen. Er rieth auf einen Unglucksfall, der sich hier einst ereignet haben musste und nahm das Kreuz umsomehr fur eine Warnung vorsichtig zu sein, als gerade hier unter dem Vorsprunge, auf dem das Zeichen errichtet war, der Waldbach ein tieferes Bett gewonnen zu haben schien und wild im Strudel rauschte und schaumte.

Wie er noch so stand und dem Winde lauschte, der die Baume schuttelte, war ihm, als horte er einen Schrei aus weitester Ferne von der Luft herubergetragen. Im ersten Augenblick bebte er zusammen. Es war ein einziger schreckhaft hervorgestossener Ton, den er nicht von den krachenden Zweigen, nicht von einem Vogel herleiten konnte. Es war ein Ton aus menschlicher Brust.

Wie er entsetzt lauschte, ob sich der Ruf wiederholen wurde, und nichts horte als nur den Wind, nur das Rauschen des Waldbaches, glaubte er doch, dass er sich geirrt hatte und setzte beruhigter seine Wanderung fort.

Sie war jetzt nicht mehr so schwierig. Von dem Kreuze fuhrte ein gepflegterer Weg abwarts. Rustig schritt er vorwarts und hatte die Freude, deutlich von Plessen heruber die Kirchthurmuhr funf schlagen zu horen. Nun wusste er, dass er in der Nahe des Jagerhauses war. Schon glaubte er sich zurecht zu finden. Die jenseitige Wand des Waldbaches war eine schroffe mit Baumen besetzte Anhohe, das diesseitige Ufer fuhrte zuweilen schon durch Weideplatze, grune Moos- und Grasstellen. Zuletzt stand er an einer kleinen Brucke von Erlenholz. Der Waldbach schweifte links ab nach Plessen zu. Er kannte diese Biegung und nahm keinen Anstand uber die kleine Brucke hinuber zu schreiten und sich von dem Flusschen ganz zu trennen.

Ein bestimmter fester Glaube fuhrte ihn den Weg, den er fur den richtigen und den zum Forsthause leitenden erkannte. Um so entsetzlicher musste es fur ihn sein, als er nach einigen Minuten raschen Fortwanderns wieder jenen Ton horte, der ihn schon oben an dem schwarzen Kreuze erschreckt hatte. Jetzt war es sicher kein sich biegender Ast, kein Vogel mehr. Es war eine menschliche Stimme, die einen erstickten Entsetzensschrei horen liess. Es ist Franziska! sagte sich seine aufgeregte Phantasie. Sie ruft um Hulfe! Und ohne die Gefahr zu achten, dass er in der Dunkelheit gegen einen Baum anrennen konnte, sturzte er in die Nacht hinaus, vertrauend, er wurde zum Ziele kommen. Er rannte gegen Gestrauche und hielt einen Ast in der Hand. Er brach ihn, so stark er war, mit gewaltiger Kraft von seinem Stamme los, um eine Waffe zu haben. So sturmte er fort und rief mit einer Lowenstimme: Franchette! Franchette! dass es im Walde schauerlich widerhallte.

Endlich lichtete sich der Weg. Da lag die Wiese! Da lag das Jagerhaus! Ein Lichtchen brannte an Franziska's Fenster. Quer uber das sumpfige Grun hinweg! Franchette! Franchette! Die Hunde bellten im Forsthause. Franzchen lebte. Sie offnete das Fenster.

Louis! Ach, Gott! Sind Sie's!

In demselben Augenblicke fiel in der Ferne ein Schuss.

Das ist der Onkel! sagte sie, als sie todtenbleich draussen schon an der Thur in Louis' Armen lag.

Was ist geschehen?

Kommen Sie! Kommen Sie! sagte Franziska und zog Louis in das Jagerhaus, einen entsetzten Blick auf die Treppe hinwerfend, an der sie voruberhuschte.

Wie sie mit Louis im Zimmer war, wo ein Lampchen brannte, riegelte sie die Thur zu und fiel erschopft auf einen Lehnstuhl, der in der Nahe des Fensters stand. Das Fenster war noch offen und wurde von Louis sogleich geschlossen.

Ich kann in dem Hause nicht bleiben, begann Franzchen, als sie sich gesammelt hatte. Alle Gespenster aus der fruhern Zeit, dass ich hier war, stehen wieder vor mir. Ich muss fort.

Was war Das nur, Franziska? Sie riefen um Hulfe? War hier ein Uberfall?

Rief ich um Hulfe? Ich weiss es nicht.

Wer war hier? Ich bitte Sie! Und jener Schuss?

Franzchen antwortete nicht, sondern blickte sich nur scheu um und horchte nach oben hinauf.

Als sie Louis instandiger um Aufklarung bat, lachelte Franzchen und fragte: Hab' ich so laut gerufen?

In der Stille des Waldes hort' ich es uber tausend Schritte weit.

Das trostet mich etwas und beruhigt mich fur die Zukunft nein, nein, ich kann nicht bleiben! Ich furchte mich zu Tode. Und doch geschah hier eigentlich gar nichts.

Was haben Sie, liebe Franziska! Was war Ihnen?

Franziska erzahlte nun mit gedampfter Stimme, immer nach oben blickend, dass sie seit ihrer Anwesenheit im Forsthause die alte Ursula nicht erblickt hatte. Wie sie aber vorhin allein gewesen, verlassen von dem Onkel, der auf der Jagd pirsche, ware die Alte, die sie im Bette geglaubt hatte, herabgeschritten feierlich mit einem Lichte in der Hand, lang und hager, wie ein Gespenst. Mit hohlen Augen ware sie eingetreten, an jenen Schrank gegangen, hatte den aufschliessen wollen, dann aber ware sie herangetreten, das Licht gegen sie haltend. Ohne zu sprechen, ohne sie zu begrussen, ware sie dicht an sie herangeschlichen, dass sie im ersten Schreck hatte glauben mussen, sie beabsichtige ihr, und wenn nur durch Anhauchen, ein Leids zuzufugen. Da hatte sie, wie sie dicht an ihrem Munde gewesen ware, aufschreien mussen, wie in Todesgefahr. Die Alte ware nun zuruckgegangen, hatte sich an die Thur gestellt und ein lautes Lachen aufgeschlagen. So hatte sie wahrend einiger furchterlichen Minuten gestanden, dann ware sie noch einmal gekommen, in derselben geraden Linie auf sie zu, mit derselben starren Miene, wieder das Licht gegen sie hinhaltend, um sie zu erkennen. In der Angst ihres Herzens hatte sie Hulfe rufen mussen, da ware in der Ferne ihr Name von Louis gerufen worden, die Alte hatte wieder wie eine Irre gelacht und dann sie verlassen, um nach oben auf ihre Kammer zuruckzukehren.

Franziska verstarkte den angstlichen Eindruck, den auch Louis von diesem Vorfalle empfing, durch die Erinnerungen an ihre Jugend, die sie ihm erzahlte. Sie behauptete, dass sie glaube, die Alte moge in diesem Hause Niemand dulden und hatte trotz ihrer Jahre eine Art Eifersucht auf Jeden, der ihr die alleinige Herrschaft uber den bequemen Onkel, der sie einst hatte heirathen sollen, streitig machen wurde.

Louis fand es gerathener, dass Franziska wol in der Nahe, aber nun nicht selbst im Jagerhause langer bliebe. Er schlug ihr vor, morgen mit Ackermann zu sprechen und diesen einsichtsvollen, freundlichen Mann zu bewegen, sie in sein Haus zu nehmen. Freilich, setzte er, als Franziska freudig einstimmte, hinzu:

Sie werden, liebe Freundin, dort in der Nahe des alten Sandrart sein, der nicht Ihr Gonner ist!

Und ich bin nicht seine Gonnerin, sagte Franziska, die von ihrer beklommenen Stimmung aufzuathmen begann. Erwahnen Sie doch diesen Namen nicht!

Franziska, Sie wissen, dass Heinrich vermogend ist und Ihnen eine glanzende Zukunft bieten kann!

Ich mag ihn nicht! Es ist schlimm, wenn ein Mann zu wenig Herz hat, aber noch schlimmer lasst's ihm, hat er zu viel.

Wie beschamt steh' ich vor Ihnen da, Franziska! Sie kennen die Freundschaft

Der Onkel kommt! sprach Franziska und sprang zur Thur hinaus.

Louis verwunschte die Storung. Er hatte sich erklaren wollen. Er hatte endlich das entscheidende Wort der Liebe auf den Lippen. Die Reflexionen waren von ihm gewichen. Die Einsamkeit des Waldes, die Nahe des bluhenden Madchens, ihre Freude, ihn zu sehen, von ihm aus einer peinlichen Lage befreit zu werden, die sanfte Hand, die, kalt geworden von dem nach dem Herzen gedrangten Blute, sich in der seinen erwarmte ... Das Alles sprach ihm so viel Muth und Ermunterung zu, dass er endlich ein festes und sicheres Verstandniss zwischen sich und dem Madchen begrunden wollte. Wieder vergebens! Jeder Andere hatte kuhn mit einer einzigen Umarmung diesem peinlichen Zustande ein Ende gemacht. Das konnte Louis Armand nicht. Dafur war er zu sehr ein Hamlet des Herzens, die Blasse des Gedankens krankelte seine Empfindungen an. Er konnte in Dingen, die eine so grosse Lebensanderung wurden nach sich gezogen haben, wie diese Erklarung seiner Liebe fur Franzchen Heunisch, nicht aus einer gewissen Pedanterei, einer zaghaften Scheu heraus, wie im Grunde so viele junge Manner, die, wie uns die Leserinnen bestatigen werden, schon lange nicht mehr den "Muth der Erklarung" haben.

Heunisch hatte, da der Wind nicht nach seiner Richtung stand, von dem Schrei nichts gehort und war nicht wenig erstaunt, als ihm Louis den Vorfall erzahlte und daran die nothwendige Uberzeugung knupfte, dass der Forster seine Nichte aus dem Hause geben sollte. Der Vorschlag mit Ackermann gefiel ihm, der Nahe Sandrart's wegen, sehr wohl, obgleich er diesen Grund nicht aussprach.

Die Ursula, dacht' ich mir gleich, sagte unser alter Freund in seinem sorglosen bequemen Tone, die Ursula hat nur eine verstellte Krankheit. Sie ist tuckisch, weil sie Niemanden im Hause leiden mag. Das ist nun ein Kreuz, das man tragen muss. Glucklicherweise ist Liebe damit verbunden. Sie meint es gut.

Louis zweifelte.

Gegen mich gewiss! fuhr der Jager fort. Sie hat mich ordentlich in Pacht genommen. Ich bin ihr Herzblatt, ihre Augenweide. Es ist wahr, sie hat oft einen Blick, als wollte sie damit die Ratten vergiften, aber mich blinzelt sie an wie eine verliebte Katze. Urschel, Urschel, ich muss doch noch ein Ende machen und dich in die Kirche fuhren!

Wissen Sie nichts vom fruhern Leben dieser Frau? forschte Louis und gedachte seines im Schlosse harrenden Murray ...

Heunisch plauderte was wir wissen, vom Doktor Lehmann, vom blinden Schmied, ja sogar von der Erbschaft und schloss:

Sie kurirt jede Rose und jeden steifen Hals renkt sie ein.

Louis sah wohl, dass von diesem Virtuosen im Vertrauen, diesem starken Geiste der Denkmudigkeit nichts uber die fruhern Verhaltnisse der Ursula fur seinen guten Murray zu gewinnen war. Heunisch stopfte sich eine Pfeife, hing sein Gewehr an die Wand, legte die Jagdtasche ab und sagte nur immer vor sich hin:

Ja, ja, Franzchen! Ich habe nichts dawider. Sie nehmen dich auch! Das Fraulein nimmt dich auch! Der Ackermann ist ein guter Herr! Es ist mir auch so recht. Da sprech' ich im Ullagrund vor und gehe nicht so oft auf den gelben Hirsch. Und wenn Sandrart, der Alte, grob bleibt wie heute, so stopf' ich mir immer bei Ackermann die Pfeife und rauche ihm hinter seinem Zaun gerade auf die Nase.

Dabei lachte Heunisch und machte sich's bequem und sah sich nach seiner Suppe um, die ihm Franzchen lange nicht so gut zubereitete wie die Ursula, die sich nicht mehr wollte sehen lassen und eigentlich so trotzte, dass Heunisch's Bequemlichkeit darunter litt.

Louis warf Franzchen beim Gehen einen liebevollen Blick zu und flusterte:

Morgen Nachmittag komm' ich in Wind und Wetter und bringe den Bescheid von Herrn Ackermann. Rusten Sie sich, dass Sie mir dann gleich folgen konnen!

Franzchen dankte mit innigem Blick.

Als Louis dem Forster die Hand gegeben hatte, rief ihm dieser nach:

Nehmen Sie den Weg rechts an der Wiese herum und dann links, von der Eiche abwarts. Sie sollten auch einen Stock bei sich tragen. Ich halte Herrn Akkermann's neue Geschichten sehr hoch, aber sie ziehen allerhand Gesindel in die Gegend. Der Justizdirektor hat mir von einem Brief gesprochen, den er aus der Residenz bekommen. Es soll nicht recht geheuer sein. Die beiden Gesellen, die die Zeck's angenommen haben, gefallen mir nicht. Da! In der Ecke steht ein alter Ziegenhainer! Oder wollen Sie einen Hirschfanger?

Louis dankte und meinte, der Baumstamm, den er draussen hatte liegen lassen, thate Dienste genug, wenn's Noth am Mann ware.

Franzchen, zitternd und aufgeregt, bat den Hirschfanger zu nehmen.

Nein, nein, sagte Louis. Der Ast draussen genugt.

Damit verliess er das unheimliche Haus mit dem tiefsten Mitgefuhl fur die in ihm zuruckbleibende Franziska, die bei aller Bangigkeit ihres Herzens nicht aufhorte, zu ihm aufzublicken wie zu einem verklarten Heiligen, der uber den gemeinen und geringen Bedingungen dieses Lebens stand.

Louis kam unangefochten im Schlosse an. Nichts hatte ihn im Walde gestort. Fast seiner selbstspottend warf er am Fusse des Hohenberges den schutzenden Ast von sich.

Das gemeinschaftliche Wohnzimmer sah Louis, den Berg emporsteigend, hell durch die Nacht schimmern. Es schlug sieben Uhr, als er bei Murray eintrat.

Unwillkurlich musste er die Thur auflassen, die er in der Hand hielt.

Himmel, rief er, was machen Sie, Murray? Hier ist ja eine Hitze zum Ersticken.

Ich habe so stark geheizt, sagte Murray, um mir einen alten Schlussel, den mir Brigitte gab, so zu feilen und zu schmelzen, dass ich ihn zum Umdrehen der Wirbel des Klaviers brauchen kann. Es will nicht gehen und ich mochte doch Wohllaut im Ohre haben.

Kommen Sie heraus, ich beschwore Sie, sagte Louis, das ist von dem gluhenden Ofen eine Hitze, die Ihnen fur den ganzen Winter einen Katarrh zuzieht!

Murray offnete die Fenster und kam, da Louis wirklich nicht eintreten mochte, in's Vorzimmer.

Sie mussen Ihrer Liebe zur Musik und der Nothwendigkeit, sich in Ihrer Einsamkeit zu unterhalten, ein Opfer bringen und mir erlauben, diese Arbeit unten in der Schmiede verrichten zu lassen. Umsomehr, als ich nach meinen heutigen Entdeckungen auch kein andres Mittel weiss, Ihre Nachforschung anzustellen, als zuvorderst bei den Zeck's im Dorfe.

Louis gab einen Bericht uber seine reichen Erlebnisse ...

Murray folgte mit Theilnahme und verweilte mit grosser Ruhrung bei Dem, was Louis uber Ackermann erzahlte.

Ja, ja, sagte er. Das ist Ackermann selbst, der in Amerika einen andern Namen fuhrte und nicht weiss, was mich zu ihm zog und wen ich in ihm, was er in mir wiederfand!

Zu horen, dass Otto von Dystra in Europa war, machte ihm keine Besorgniss, eher Freude ...

Ackermann hat Recht, sagte er, wenn er diesen Sonderling einen Epikuraer des Geistes nennt. Ich kenne keinen Gerichtshof der Welt, wo man leichteren Stand hatte als vor diesem Asop. Er kommt mir wie eines jener Asyle vor, in welchen die Verbrecher vor der Hand der Gerechtigkeit gesichert waren.

Erschreckend wirkte auf Murray, was Louis aus dem Jagerhause erzahlte.

Ich erkenne, sagte er, die damonische Natur meiner Schwester. Sie war die Alteste von uns. Was sie gab, druckte mehr als es erfreute. Sie hatte schwarze Augen, ganz beschattet von dichten Brauen und hielt mit Niemanden Freundschaft, da Alles schon vor ihrem Blicke floh. Dennoch besass sie gute Eigenschaften. Sie war gefallig, dienstergeben, treu bis zur Last. Sollten alle diese Keime besserer Regung in kalte Versteinerung ubergegangen sein? Jetzt scheint sie geistesschwach zu sein. Wenn sie das Gedachtniss verloren hatte!

Indem kam Brigitte mit dem Thee. Sie hatte vom Justizdirektor hundert Empfehlungen auszurichten und auf's neue zu mahnen, dass die Herren die morgende Einladung nicht vergessen mochten. Nachdem sie die Fenster mit Erlaubniss geschlossen und sich wegen des Nichtabholens des Geschirrs entschuldigt hatte, ging sie und liess nur noch die neuesten Zeitungen zuruck.

Louis hatte wenig Appetit. Er war zu aufgeregt und bewegt dafur. Murray genoss ein geringes Mass und nahm sich vor, seinen jungen Freund zu veranlassen, fruh das Bett zu suchen. Wahrend Murray in den Zeitungen blatterte, schrieb sich Louis das Gedicht auf, das ihm unterwegs eingefallen war.

Als Murray ein Licht ergriff und sich zur Ruhe begab, deutete er auf eine Stelle der Zeitungen und ging mit dem Bemerken, dass sie Louis interessiren wurde, fur heute zur Ruhe.

Es war freilich eine Mittheilung, die insofern recht zur Unzeit kam, als sie Louis, der ohnehin schon von so vielen Dingen erfullt war, noch vollends erschutterte und in der That nicht schlafen liess.

Sie lautete am Ende der Zeitung mit grossen Buchstaben:

"Heut' Mittag um zwei Uhr ist die bisherige Volksvertretung vom Ministerium aufgelost worden. Die neuen Wahlen sind auf den ersten November angeordnet. Die Stadt ist unruhig. Einige Volksauflaufe sind mit dem Bajonnet auseinandergetrieben. Man furchtet fur den Abend. Das Militair ist in den Kasernen consignirt. Eben werden uber den Schlossplatz Kanonen gefahren."

Siebentes Capitel

Ein Land Diner mit Honoratioren

Am Vormittage des folgenden Tages herrschte im Amtshause, der Wohnung des Justizdirektors von Zeisel, eine erhebliche Unruhe. Frau von Zeisel, geb. Nutzholz Dunkerke, war vollkommen uberzeugt von der Nothwendigkeit, den, wie man allgemein wusste, vertrautesten Freund des Fursten, trotz seines geringen Standes, irgendwie feiern zu mussen. Sie trostete sich bei ihren Anordnungen damit, dass Louis Armand doch wol nur ein verkapptes Mitglied der hohern Gesellschaft ware und ebenso auf wunderlich versteckten Wegen ginge, wie sie ja den Fursten Egon selbst hatten kennen lernen. Jeder Blick auf den Thurm, der in schrager Richtung dem Amthause gegenuber stand, feuerte ihre kleine rundliche Figur zur lebendigern Sorge an, um heute dem jungen Freunde des Fursten einen Eindruck fur die Residenz mitzugeben, der auf die gute Meinung von der Hingebung ihres Mannes eine dauernde Nachwirkung uben sollte.

Was gehort nicht dazu, mit beschrankten Hulfsmitteln auf den gebahnten Strassen taglicher kleiner Ordnung plotzlich ein solches ausserordentliches Mittagsmahl herzustellen!

Jetzt in der Morgenfruhe, wo man ohne Lauscher war, konnte man sich in der ganzen Verwirrung solcher Zurustungen noch gehen lassen. Das war ein Laufen und Rennen! Die Thuren schlugen zu und klappten auf. Frau von Zeisel rannte ohne Toilette mit aufgewickelten falschen Locken bald hier-, bald dorthin und machte eine Bewegung, die ofter wiederholt sicher ihr Embonpoint gemildert hatte. Was gab es da zu befehlen, zu klagen, zu verzweifeln! Welche Tone drangen schneidend durch das stattliche Amtsgebaude, unbekummert um die Justizkanzlei, die Kammerkanzlei und alle die ehrwurdigen Zwecke dieser Amtswohnung, die heute fur Frau von Zeisel nicht vorhanden waren! Herr von Zeisel kam nicht zu einem einzigen vernunftigen Avis, den er an einen Ortsschulzen hatte aufschreiben konnen und doch hatte er gestern von der Regierung einen wichtigen Brief erhalten. Und die Kammer war entlassen! Neue Wahlen sollten angeordnet werden! Ein Oppositionsblatt sprach von einem neuen aus der Willkur der Majestat fliessenden Wahlgesetze! Wenn nach diesem gewahlt werden sollte, welche neue Muhen, welche Weitlauftigkeiten, um die Wahlkorper zu bilden, die Stimmberechtigten auszuscheiden, die Wahlenden und Wahlbaren zu prufen! Und nun dies Diner!

Pfannenstiel, der Gerichtsbote und Amtsvoigt, der mit einigen Akten hinter dem Schreibpulte des Justizdirektors stand, hatte tiefes Mitleid mit seinem Vorgesetzten.

Das auch heute noch, sagte er antheilnehmend, wo die Frau von Zeisel so nicht weiss, wo ihr der Kopf steht!

Ja, Pfannenstiel, ich weiss nicht, was ich unterschreibe. Alle Buchstaben laufen mir durcheinander.

Eine Magd kam und wollte wissen, wie viel Flaschen Wein wol herausgestellt werden sollten.

Wieviel meinte meine Frau?

Sechs, sagte die Magd.

Kathrinchen! Hat meine Frau sechs gesagt?

Pfannenstiel erganzte, dass die gnadige Frau wol hatte sechszehn gemeint.

Sechs! hiess es.

Herr von Zeisel rausperte sich in grosser Verlegenheit, legte die Feder auf das Pult, schlug den Schlafrock uber die langen Gliedmassen und begab sich, ohne ein Wort weiter zu sagen, zur Thur hinaus, um mit seiner Frau uber diesen Gegenstand eine nothgedrungene freie Conferenz zu halten.

Wer kommt denn Alles? fragte inzwischen Pfannenstiel.

Die Magd klagte, dass sie keine Besinnung hatte. Diese Aufgabe ware zu gross! Die Justizdirektorin kame nicht mehr aus dem Zanken heraus. Sie selbst wisse nicht mehr, was ein Teller und was eine Schussel ware.

Wenn wir nur Alle dafur ordentlich avancirten! meinte Pfannenstiel mit verzeihlichem Egoismus. Wir haben nun Alles aus erster Hand! Der Furst ist Minister! Ich schreib' an ihn, dass er sich des Thurms da und meiner Hoflichkeit erinnert und mir ein gutes Fortkommen fur's Alter gibt.

Indem brach Frau von Zeisel herein:

Mein Mann!

Er sucht Sie, gnadige Frau.

Ich kann nicht mehr. Diese Menschen, von denen man umgeben ist! Das ganze Jahr ertragt man den hulflosen Zustand, weil man nachsichtig ist, seinen Arger verschluckt; nun kommt es einmal darauf an, nun soll man einmal seinem Stande gemass sich der Welt zeigen, nun verrath sich's, was ein Haus ohne Bedienung ist!

Christoph nimmt sich doch ganz gut aus in der Livree, meinte Pfannenstiel und suchte die auf den Ledersessel ihres Mannes niedergesunkene Dame zu trosten.

Aber wer sagt ihm, dass er schon jetzt damit in die Kuche kommt, jetzt schon mit der Livree die Wande abschabt!

Er hat sie seit drei Jahren nicht getragen und freut sich, dass er starker geworden ist.

Drum dehnt er sich so aus und reckt sich, dass alle Nahte platzen!

Die Magd, die durch das ganze Haus den Justizdirektor gerufen hatte, kam mit dem endlich Gefundenen zuruck.

Kind, sagte er mit angstlicher Miene, sechs ...

Acht! gab die Gemahlin gleich zu. Ich suche dich uberall! Ich war im Keller und du bestimmst nichts, du sorgst fur nichts, du bist fur nichts, du denkst an nichts. Die rothen oder die gelben? So sag' doch! Vier rothe, zwei gelbe

Aber Herzchen, wir sind

Achtzehn

Neunzehn!

Der Alte mit der schwarzen Binde kommt nicht

Also siebzehn

Was rechnest du denn!

Aber die Frau Pfarrerin Stromer! Pfannenstiel, hier, schreiben Sie einmal auf!

Pfannenstiel setzte sich zum Schreiben.

Erstens, dictirte Frau von Zeisel, Herr Louis Armand

Der Schreinergesell! erganzte Pfannenstiel.

Der Stand, bemerkte Frau von Zeisel empfindlich, der Stand ist hier nicht nothig. Wir waren nie stolz.

Die rechte Hand des Fursten und Sekretair des Premierministers! bemerkte Herr von Zeisel und schnitt damit alle weiteren Erorterungen ab. Zweitens

Herr Ackermann! bemerkte der Amtsvoigt kraftiglich.

Nun, nun, sagte Frau von Zeisel pikirt, der Name brennt Ihm ja recht auf der Zunge. Wer weiss, wie bald die Komodie zu Ende ist. Der Furst wird bald erkennen, dass er es mit einem Projektenmacher zu thun hat! Den neuesten Briefen des Justizrathes nach zu urtheilen, wird die Welt binnen Kurzem von Dingen uberrascht werden ...

Drittens, sagte der Justizdirektor

Lass mich! unterbrach ihn seine Frau Zweitens -Nummer Zwei, Frau von Zeisel, sagte Pfannenstiel, der sich in die Umstande zu fugen wusste. Nummer Drei, Herr von Zeisel.

Nummer Vier, Herr Ackermann! sagte jetzt der Justizdirektor selbst.

Nummer Vier, Herr Oleander! unterbrach determinirt seine Gemahlin. Wer ist dieser Ackermann? Kann er sich einen Studierten nennen? Wer weiss, wo er herkommt und wo er noch hinfahrt!

Nummer Funf, die Frau Pfarrerin Stromer! bemerkte der Justizdirektor und um nur Ackermann ganz hinten zu bringen, setzte er hinzu:

Nummer Sechs, Herr Doktor Reinick aus Randhartingen.

Nummer Sieben, Herr Ackermann! bemerkte aber der unermudliche Amtsvoigt wieder, dem einmal dieser Name so werthvoll und bedeutend war wie allen Bewohnern des kleinen Furstenthums.

Nein! schalt Frau von Zeisel fast zornig.

Nummer Sieben, verbesserte ihr Gemahl, Herr Apotheker und Spezereihandler Sonntag aus Randhartingen

Nummer Acht, fuhr seine Gattin fort, Herr Aktuar Weisse aus Plessen ...

Nebenan hustete Jemand, der unstreitig Herr Weisse war und sich gleichsam fur die Ehre, der Achte zu sein, bedanken wollte.

Nummer neun, Ihr Herr Schwager, bemerkte der Justizdirektor verbindlich zu Pfannenstiel, Herr Drossel vom Gelben Hirsch die Frau nebst Lenchen ist auf dem Heidekrug.

Also Fraulein Emmeline Drossel und Fraulein Alwine Drossel setzte seine Gattin hinzu, als wollte sie sagen:

Unsre Herablassung!

Pfannenstiel verbeugte sich und bemerkte nur in den Bart hinein:

Macht Zehn und Elf oder eigentlich das Doppelte, denn Drossel speist und isst fur Zwei auf die heutige Zeitung hin vielleicht ...

Dann Zwolf unterbrach Herr von Zeisel, um seine Frau nicht durch einen vielleicht dreifach gesteigerten Appetit des gefurchteten Radikalen zu erschrecken.

Jetzt glaubte aber der Schwager des Wirths vom Gelben Hirsch in der That sagen zu durfen:

Zwolftens, Herr Ackermann.

Aber wieder schnitt ihm die Justizdirektorin den Namen ab, indem sie fast gleichzeitig diktirte:

Zwolftens und dreizehntens, Herr und Frau Rentmeister von Sanger aus Randhartingen

Vierzehntens, Herr A

Herr Anverwandter, Okonom aus Randhartingen, sagte Frau von Zeisel. Mit seinem Besuche aus Schonau wie heisst er doch? Dem Ortsvorstand Marx

Macht funfzehntens

Und vielleicht noch dem Herrn Maler bemerkte Herr von Zeisel.

Welchem Herrn Maler?

Den Marx mit nach Randhartingen gebracht hat, um Herrn Anverwandter zu malen zum Weihnachtsgeschenk fur seine Tochter

Ich las den Brief so fluchtig ... ich besinne mich ...

Also funfzehntens, Herr Marx, sechszehntens, der Herr Maler aus Schonau, recapitulirte Pfannenstiel und glaubte nun fur ganz bestimmt endlich sagen zu konnen:

Siebzehntens, Herr Ack

Aber auch hier beugte der besonnene Herr von Zeisel vor und bemerkte:

Siebzehntens, Fraulein Ackermann Achtzehntens

Dies Auskunftmittel war sehr fein ... Nun verstand sich von selbst, dass der achtzehnte Herr Ackermann war. Denn es war auch wirklich der Letzte.

Jetzt begann die Erorterung der Weinvorrathe.

Zwolf Herren, sechs Damen, sagte Frau von Zeisel, seufzend uber die Nothwendigkeit, einmal so unebenburtige Menschen, nicht die Adligen der Umgegend, bei sich zu Tisch zu sehen.

Acht Flaschen auf den Tisch, liebes Kind, erorterte ihr Gemahl.

Und zwei in Reserve! bemerkte die vortreffliche Wirthin.

Hier rausperte sich Herr von Zeisel und sah Pfannenstiel an, als hofft' er von diesem Succurs.

Acht auf den Tisch, fiel dieser ein, und acht unter'n Tisch! Macht sechszehn. Wie ich gesagt habe.

Sechszehn? rief Frau von Zeisel. Das ware ja ein Trinkgelag!

Frau Justizdirektorin, wenn die Manner lustig werden und fur meinen Schwager, der die Ehre hat, geladen zu sein und weil's wieder unruhig in der Hauptstadt ist

Nur wegen der Wirthschaftsrathin Pfannenstiel und Frau Justizrathin Schlurck fiel Frau von Zeisel berichtigend ein.

Dero- oder Derowegen! Wenn Drossel auf die Politik und die neuen Wahlen und die geladenen Kanonen kommt, ladet Der zwei Flaschen mehr fur sich allein.

Ich will hoffen, bemerkte Frau von Zeisel, dass er uns mit seinen demokratischen Reden verschonen und sich erinnern wird, bei wem er dinirt. Es hat lange genug gedauert, bis wir uns entschlossen haben ...

Den wahren Grund der Entschliessung, der darin bestand, dass Emmeline und Alwine Drossel, die altesten Madchen vom gelben Hirsch, viel hasslicher als die jungere Lenchen waren und nur als Folie ihrer eignen Reize gebeten wurden, verschwieg Frau von Zeisel, die sich nun erhob, um sechszehn Flaschen, theils Roth theils Gelbsiegel, aus dem Keller zu holen. Schlurck hatte dafur gesorgt, dass sein guter Freund und seine gefallige Freundin in ihren kleinen Weinvorrathen anstandig ausgestattet waren. Schlurck hatte mit Melanie gemein, dass er gern schenkte und sich von allen seinen Bekannten die Geburtstage merkte.

Nach dieser wirthschaftlichen Erorterung erbat sich Pfannenstiel nur noch einige Augenblicke zu einer amtlichen Wahrnehmung.

Ich habe, sagte er, Ihre gestrige Weisung, auf alle verdachtigen Personen der Umgegend zu wachen, auch dem Forster Heunisch mitgetheilt, Herr Justizdirektor. Bis jetzt ist uns nichts aufgestossen ausser den zwei Arbeitern, die vorgestern mit einem Bauerwagen hier eintrafen und in der Krone abstiegen, um bei Herrn Ackermann's neuen Anlagen Arbeit zu suchen. Ich fragte sie nach ihren Papieren. Sie hatten ganz schone, neue Passe und gaben sich der Eine fur einen Schlosser, der Andre fur einen Klempner an. Genauer besehen, kamen sie mir sonderbar vor. Beides alte Knaben schon. Der Eine, der Schlosser, war sicher schon an die Funfzig. Ihre Hande glatt, eher wie zum Spazierengehen als zum Arbeiten. Der alte Zeck nahm sie, weil er Arbeit vollauf hat. Heute fruh aber hor' ich, schmalte und tobte er, dass sie wenig von rechter Feuerarbeit verstehen, faul und unbeholfen sind und besser thaten, weiter zu ziehen. Da haben sie ganz volle, schwere Beutel gezogen und ihr Handgeld zuruckzahlen wollen. Zeck aber hat's nicht nehmen wollen, sondern gesagt: Bis Samstag sollten sie's in allerhand kleinen Arbeiten abverdienen. Das rief er mir heute zu, als er nach dem Ullagrund ging mit seinem Jungen. Er bat mich, ein Auge auf die beiden alten Kerle zu haben. Ich ging auch zu ihnen in die Schmiede und fand, dass sie in Verlegenheit waren, als ich eintrat. Bis Sonntag, sagt' ich ihnen, konnt ihr noch dableiben! Dann trollt euch! Wir gestatten hier keinen Aufenthalt! Dazu zogen sie eine Miene, dass ich fast grimmig wurde. Heunisch rief mir einen guten Morgen zu. Er ging gerade voruber und wollte auf's Schloss. So kam ich von den beiden Gaunern ab. Ich will sie scharf im Auge behalten.

Thut Das! Thut Das! Pfannenstiel, sagte der Justizdirektor zerstreut. Gebe der Himmel, dass das heutige Diner in Ehren uberstanden ist. Es ist eilf Uhr. Ich muss mich nun wol anziehen.

Damit uberliess Herr von Zeisel den Staat, die Wahlen, die Krisis, die offentliche Sicherheit dem Gerichtsboten und Amtsvoigte, der in seine Thurmwohnung ging, um sich nun doch auch etwas festmassig anzukleiden. Der Gedanke: alles Das um einen auslandischen Tischlergesellen! liess ihn manchmal erstaunt genug dabei den Kopf schutteln.

Der Mittag kam heran und gleich nach zwolf Uhr gerieth ganz Plessen in Bewegung. Die am entferntesten wohnten, kamen fruher als die naher Wohnenden. Doktor Reinick war einer der Ersten. Er besuchte einige Patienten und Genesene. Leider musste er statt in Plessen in Randhartingen wohnen, weil der Spezereihandler und Apotheker Sonntag dort ein Gut bewirthschaftete und deshalb nicht in Plessen wohnen konnte. Auch Herr Sonntag fuhr in einem kothbespritzten Einspanner vor. Der Wirth in der Krone sah es in seinem Hofe einmal wieder recht lebendig werden. Drossel aber, der Hirschwirth, jagte mit seinem Einspanner wie im Schuss beim Kronenwirth vorbei. Seine beiden altesten Tochter sassen neben ihm. Aber hier und da rief er, von der Krone an langsamer fahrend, diesem oder jenem bekannten Bauer zu: Neue Wahlen! Was sagt ihr? Neue Wahlen! Unser Furst! Neue Wahlen! Kanonen! Wir erleben etwas! Justus hat geschrieben. Heut' Abend kommt mehr. Es sieht unten schlimm aus! Schlimm! Hurrah!

Er schickte seinen Einspanner, aus Brotneid, nicht in die Krone, sondern auf einem beschwerlichen, morastigen Wege durch den Wald in die Sagemuhle. Der Sagemuller war sein Freund. Sie hatten beide das eigne Schicksal erlebt, dass vor Jahren ihre Schwestern, die den Forster Heunisch heirathen sollten, durch ungluckliche Zufalle um's Leben kamen.

Herr Rentmeister von Sanger, ein ehemaliger Offizier und alter Kamerad aus dem Husarenregimente, das nach dem Generalfeldmarschall das Furstlich Hohenbergische hiess, fuhr mit seiner Frau Gemahlin in einem Zweispanner. Sie stiegen am Amthause aus und liessen, ein Vorrecht alter Zeiten benutzend, ihre Kalesche dem Schlosse zufahren, wo sich leere Remisen und Stalle genug fanden.

Louis Armand im schwarzen Frack, ein leichtes Tuch nicht steif, sondern leicht um den Hals geschlagen, in Stiefeln, die er sich selbst geputzt hatte und unbekummert mit schwarzen Handschuhen, begegnete dem Wagen und schloss aus seinem Aussehen auf eine gewahltere Gesellschaft. Er hatte den Vormittag mit Briefen in die Heimat, an Martens zugebracht, auch Franzchen ein paar freundliche Worte geschrieben, die Heunisch mitnahm, der gekommen war, nochmals den ihm immer mehr gefallenden Plan zu besprechen, dass seine Nichte zu dem Generalpachter kommen konnte ... Murray hatte ihm viel Vergnugen gewunscht und ihn getrostet, dass er sich schon zu unterhalten wissen wurde ...

Wer die Einsamkeit nicht liebt, hatte er gesagt, ist nur ein halber Mensch. Wer nicht einsam sein kann, ist auch nicht versohnt mit sich. Die Verbrecher furchten sich vor nichts so sehr als vor der Einsamkeit. Es ist ihre furchterlichste Strafe. Dennoch muss sie, wie jede Strafe, massig angewandt werden. Einsamkeit soll bessern, nicht abstumpfen. Sie soll anfangs nicht gleich ganz gegeben werden, sondern nur nach und nach. Dann wird sie zu einer heilenden Strafe. Man gewinnt die Einsamkeit lieb und spricht mit ihr und versohnt sich mit seinem Schatten.

Am Eingange des Amtshauses begegnete Louis seinem entfernten Verwandten, dem Vikar Oleander und der Frau Pfarrerin. Jener kam einfach, diese mit angstlichem, armlichem Putz. Sie grusste Louis als war' es Egon selbst gewesen. Die Armste war eine durchweg eingeschuchterte Natur, lebte nur in ihren Kindern und der ausseren Sorge fur ihren Gatten, der ihr auf so uberraschende, seltsame Art plotzlich entschwunden war. Gewiss war es eine Frau, die in ihrer Sphare erkannt sein wollte, um bei aller Einfachheit nicht ohne Werth zu erscheinen. Was konnte sie dafur, dass sie von einem Manne gewahlt, als Gattin heimgefuhrt war und ihm nun nicht mehr genugte? Unter ihren Kindern fand sie sich in ihrem ewigen Mutterrechte. Ach und im Grunde, murrte sie denn uber ihr Loos? Liess sie es sich nicht genugen, so einfach und freudenleer es war? Wenn eine Frau von geringen Fahigkeiten und ohne ausseres Verdienst durch den Misgriff eines Mannes zu Rechten kommt, die sie anspruchsvoll geltend zu machen sucht, so wird man dem Worte: Er hat mich doch nun einmal genommen! wenig Uberredung und Bindekraft beimessen konnen. Wenn aber ein so zu einer gewissen Haltung gekommenes Wesen doch wie eine niedrig wachsende Schlingpflanze nur an dem festen Stamme ihres Rechtes sich hinzieht und nur dahin sich ausdehnt, wo er ihr und ihren Kindern warmer von der Sonne beschienen dunkt, wer mochte da nicht duldend herabblicken und dem bescheidenen Dasein jede Freude wunschen?

Zu den Gasten, die ein grosses aufgeputztes Zimmer empfing, gesellten sich bald auch Ackermann und Selma.

Es lag eine eigne Ironie in den Zugen des geistreichen Mannes, wie er so mit seinem lieblichen Kinde in diesen geputzten Kreis landlicher Bedeutsamkeit eintrat. Freundlich neigte er sein Haupt mit der offnen freien Stirn nach allen Seiten und Selma bot Jedem die Hand, der ihr nahe stand, nur Louis nicht, den sie zu vermeiden schien und nur fluchtig grusste.

Oleander, der fur Ausserlichkeiten sonst keinen Sinn hatte, pries ihren Anzug, zum Erstaunen der in einem blau- und rothschillernden Seidenkleide die Honneurs machenden Frau Justizdirektorin, die sein Entzucken verspottend, ihm sagte:

Herr Vikar, Sie bewundern und wissen sicher nicht, worin eigentlich der wahre Reiz dieser geschmackvollen Toilette besteht!

O stellen Sie mich nicht auf die Probe! antwortete Oleander. Ich analysire Ihnen sonst das schone himmelblaue Kleid so, dass ich unten die Besatze abtrete.

Oleander verlor sich im Anschauen. Er folgte Selma, wie sie den Damen sich naherte und deren Bekanntschaft erneuerte, mit strahlendem Blick.

Louis aber benutzte den Umstand, dass man noch auf den letzten Randhartinger Wagen wartete, um Akkermann bei Seite zu nehmen. Ohnehin von allen Anwesenden mit der grossten Neugier betrachtet, kam ihm die Gelegenheit, sich zuruckzuziehen und den vielen Fragen auszuweichen, sehr erwunscht. Er stellte sich, da zwei Zimmer geoffnet waren, in das Nebenzimmer zu Ackermann und trug ihm sein Gesuch wegen Franzchens vor ...

Diesem kam der Antrag ganz erwunscht. Erst heute, bei den Vorbereitungen zu dieser Einladung, hatten sie ein Wesen vermisst, das seiner Tochter naher stunde als eine gewohnliche Dienerin.

Mit Freuden! sagte er. Wenn Sie fur das junge Madchen burgen! Doch warum werden Sie nicht, da eine Liebe wie die des jungen Sandrart beweist, dass sie deren wurdig ist! Schon um den Alten ein wenig zu argern, nehmen wir das Kind.

Selma trat hinzu und erfuhr, woruber es sich hier handelte.

Nun, sagte sie, da ist ja all' mein Wunschen heute erfullt! Wie sehr hab' ich mich der Rucksichten, ein Madchen zu sein, entwohnt! Wie verlassen bin ich, wenn ich einmal glanzen und den Menschen gefallen will!

Sie kusste den Vater. Die kastanienbraunen sich ringelnden Haare hingen auf den Nacken herab und das Auge, das sich emporrichten musste, bekam dadurch einen Aufschlag von durchdringender Kraft und schwarmerischer Milde.

Daruber sind wir nun einig! sagte Ackermann. Die Grunde, warum Sie sie vom Forsthause entfernen wollen, erzahlen Sie mir ein andermal. Wenn sie ein leichtes Gepack hat und bis funf Uhr etwa zur Hand ist, bis wohin ich hier mancherlei Geschafte abzumachen habe und Selma bis dahin bei der Pfarrerin bleibt, nehmen wir diese Pflegebefohlne sogleich heute mit uns.

Indem rasselte endlich der ersehnte, verspatete letzte Wagen vor. Die Justizdirektorin hatte schon vor Ungeduld und der Angst, ihre Speisen mochten verbrennen, keine zusammenhangende Antwort mehr geben konnen, sondern war von Gast zu Gast gewandert und hatte zu Jedem uber die Unschicklichkeit der Verspatungen gesprochen. Herr von Zeisel hatte Muhe, sie nur zu beruhigen. Endlich kam ein grosser Vierspanner, aus dem drei Manner stiegen. Herr Anverwandter, ein reicher Gutsbesitzer in Randhartingen, der Ortsvorstand Marx aus Schonau und ein Dritter, den Niemand kannte.

Louis stand gerade im politischen Gesprach mit dem sehr lebhaften, aufgeregten Okonomen vom gelben Hirsch, Herrn Drossel, als die Thur aufging, der starke Herr Anverwandter eintrat, nach ihm Herr Marx und der Dritte, der von allen Anwesenden wenig Notiz nahm, sondern mit scharfem Blicke sich gleich Louis hervorsuchte ...

Louis wandte sich und erschrak, Siegbert Wildungen zu sehen.

Die Frage: Wie ist Das moglich! ging in der Umarmung verloren.

Die Anwesenden nahmen das lebhafteste Interesse an dieser Begrussung und waren, als sie den Namen horten, gleich davon unterrichtet, dass auch dieser junge Maler zu dem engeren Freundeskreise des Fursten gehorte, dieser Wildungen, der in den vielbesprochenen Johanniterprozess verwickelt war, dessen Kunde schon uberall hin gedrungen schien.

Siegbert, auf dem die Blicke der Frauen mit Wohlgefallen ruhten, erzahlte mit wenigen Worten, dass er in dem vier Meilen von hier gelegenen Ortchen Schonau das freundlichste Entgegenkommen gefunden hatte. Herr Marx hatte ihn aufgefordert, mit ihm nach Randhartingen zu fahren und Herrn Anverwandter zum Geschenk fur seine Frau, die Herrn Anverwandter's Schwester ware, zu malen. Er hatte diesen Antrag angenommen, um, flusterte er Louis mit gedampfterer Stimme zu, in seine Nahe zu kommen, da er vermuthet hatte, dass er sich noch auf dem Hohenberg befande.

Eine weitere Auseinandersetzung war nicht moglich, da eben die Aufforderung zu Tische erfolgte. Paarweise schritt man uber einen steingepflasterten Corridor nach einem sehr schon gelegenen Eckzimmer, das an freundlicheren Tagen eine herrliche Aussicht in die Ebene bieten musste. Siegbert wurde dabei von der Justizdirektorin wie im Traum entfuhrt, Louis wagte Niemanden die Hand zu bieten. Ackermann gab ihm seinen eigenen Arm; denn Selma, auf die es der Vater fur Louis abgesehen hatte, war schon von dem Hauptmann und Rentmeister von Sanger entfuhrt, der trotz seiner Jahre die Frauen liebte, wie sein alter Chef, und schon die dritte Gemahlin hatte. Frau von Sanger, eine hubsche, lebhafte Blondine, schien nicht zufrieden, dass sie mit dem einfachen Doktor Reinick vorlieb nehmen musste.

Auf dem Corridor sagte Ackermann zu Louis:

Wer ist der junge Mann, der mit Herrn Anverwandter kam?

Horten Sie ihn nicht nennen? sagte Louis. Derselbe Siegbert Wildungen, von dem Sie gestern erzahlten, dass Sie ihn als Kind auf den Armen trugen.

Ackermann war von dieser Mittheilung so erschuttert, dass er den Arm sinken liess und sprachlos neben Louis in das helle heitere Esszimmer trat. Starr blieb er hinter dem entferntesten Stuhle stehen und richtete den Blick auf Siegbert, der seinerseits auch ihn, dessen Kopf ihm so wohlgefiel, fluchtig fixirte.

Frau von Zeisel duldete aber nicht, dass schon Alles Platz nahm; denn gestern Abend schon war ihre Sorge gewesen, mit Oleander, den sie deshalb vom Whistspiele dispensirte, grundlichst zu uberlegen, wie jeder Gast placirt sein sollte. Der Aktuar Weisse hatte in sauberster Canzleihandschrift alle Zettel geschrieben, die auf den etwas altmodischen Glasern lagen und Jedes Namen in einer auf Psychologie und die Schule der Hoflichkeit begrundeten Ordnung moglichst orthographisch wiedergaben. Fur Siegbert lag ursprunglich neben einem der Fraulein Drossel ein leerer Zettel und Frau von Zeisel hatte Herrn Ackermann neben sich trotz der Rivalitat. Gleich aber wusste die kleine Frau diesen Irrthum zu eskamotiren und vertauschte die Zettel so, dass Siegbert Wildungen, der blonde Maler mit den blauen Augen, den frischen Lippen und den weissen Zahnen, die bei seinem geistreichen Lacheln so freundlich hervortraten, an ihre Seite, Ackermann aber zu den Gelben Hirschtochtern in die Nahe des ultrademokratischen, aber wie man sagte, auch ultrafinanzzerrutteten Okonomen Drossel kam.

Endlich sass die Gesellschaft zu grosser Beruhigung des Herrn von Zeisel, dem einige gelinde Schweisstropfen schon auf der Stirn standen. Er gab heute ein Diner der Herablassung, ein Diner der Rucksichten, als Stellvertreter des Fursten, dem Freunde des Fursten zu Ehre. Es war nur der einzige Adlige, Herr von Sanger, zugegen und auch dieser nur als furstlicher Rentmeister. Dennoch setzte ihn selbst diese Aufgabe, wo er doch nur gnadig, nur herablassend zu sein brauchte, in Verlegenheit. Er hatte dabei den Takt, Louis Armand neben sich zur Rechten zu setzen und ihm die Unterhaltung der Frau Pfarrerin zuzuweisen.

Frau von Sanger war eine sehr heitre, eine sehr kokette Frau. Sie zeichnete sich durch schone Gesichtsfarbe aus und erweckte durch ihre Lebendigkeit eine grosse Vorstellung von dem ihr innewohnenden Temperament. Sie pflegte mit der Justizdirektorin in Kleidung, Lebensweise und Neigung zu wetteifern und hatte eigentlich, seitdem Frau von Zeisel Gefallen an Oleander fand, in der ganzen Gegend Niemanden ihres Attachements Wurdigeren gefunden, als geradezu Selma's Vater, der wohl im Stande war, noch auf mittlere Frauen einen lebhaften Eindruck zu machen. Nun aber war ein junger Franzose, Louis Armand, und ein hubscher Maler, Siegbert Wildungen, in den meist philisterhaften und bequemen Kreis getreten. Da ihrem Stolze denn doch Louis' Stand zu geringfugig erschien, so ergrimmte sie nicht wenig uber ihre Rivalin, die den andern neuen Ankommling so ohne Weiteres schon in Beschlag nahm. Ihr Gatte entfaltete inzwischen gegen Selma jene Liebenswurdigkeit der alten Herren, die in gewissen Schranken sich haltend den Frauen immer gefallt und von den jungen Mannern nur zu selten zum Muster genommen wird.

Frau von Zeisel hatte ein zwischen der Malerei und der Kuche getheiltes Herz. Ihre Blicke schossen bald auf ihren Nachbar, bald auf die Schusseln, die die Magde hereintrugen. Sie erntete alle Anerkennung. Man begrusste jede neue Speise mit einem Blicke auf die prasidirende Wirthin, die zwar die Wurde des Standes im Allgemeinen vortrefflich behauptete, zuweilen aber doch, besonders wenn es sich um Erganzung der leergewordenen Flaschen handelte, sich hinreissen liess, Winke zu geben, ja sogar selbst einmal fast aufstand, wofur Herr von Zeisel aber den Muth hatte, sie mit einem ernsten Blicke zu bestrafen.

Ackermann beobachtete voll Ruhrung die Freundschaftsblicke, die Siegbert und Louis zuweilen uber den Tisch wechselten. Er war unstreitig der schweigsamste am Tisch. Selma plauderte mehr, als ihm lieb war. Das junge Madchen, die Blume der Tafel und der eigentliche Mittelpunkt der Gesellschaft, schien nur zu sprechen, um eine innere Aufregung zu verbergen. Oft warf sie einen verstohlenen Blick zu Louis und einen ganz fluchtigen zu Siegbert hinuber, der seinerseits von dem Reize dieses frischen Kindes traumerisch gefesselt war.

Oleander, der Vikar, stand naturlich zuerst auf und brachte einen Toast auf den Fursten. Er nannte Egon von Hohenberg Einen, der auf der Menschheit Hohen ebenso scharfblickend empor, wie niederwarts zu schauen verstunde. Er hat, schloss er in gebundener Rede, er hat des Lebens tiefste Wurzeln aufgesucht, das innere Sein und der Erscheinung Flucht mit Denkerblick erspaht; den Thron der Wolken fand sein Alpenstab und was ihm schon das Schicksal selber gab, er nahm es nur als seines Wanderns Lohn!

Der Beifall war einstimmig. Nur Drossel brachte sogleich, bitter genug, die neuen Wahlen und die geladenen Kanonen auf das Tapet. Es war ein Miston, den Louis und Siegbert, sich gegenseitig bedeutsam ansehend, wohl in der ganzen Dissonanz zu dem Akkord, den Oleander's Worte hervorgerufen hatten, fuhlten. Ihre Freundschaft fur Egon gab dem Rentmeister Recht, als er Drosseln drohte, den Rand zu halten. Freilich liess der alte Herr auch sogleich eine Anzahl grimmigster Verwunschungen uber die Demokratie aufprasseln, die nun endlich in dem Sohne des alten Generalfeldmarschalls ihren rechten Bandiger fande. Er richtete dabei mit einer gewissen Absichtlichkeit, die dem amerikanischgesinnten Ackermann nicht entgehen konnte, ein formliches Pelotonfeuer gegen die Republikaner, die er mit Stumpf und Stiel ausgerottet verlangte. Auch der Apotheker Sonntag, der Aktuar Weisse und der Ortsvorstand Marx waren ganz derselben Meinung und konnten die Gefahr, die dem Staate durch seine neuen demokratischen Grundlagen drohe, nicht bedenklich genug schildern. Herr Anverwandter war zu sehr Fettmasse, um eine Meinung uber das Princip der Bewegung zu haben. Herr von Zeisel lavirte. Er meinte, die Politik des Fursten lage wohl noch nicht ganz offen da. Heut' Abend war' er vorlaufig auf die Zeitung gespannt ...

Nicht offen? rief Drossel. Wer mit dieser gemassigten Kammer nicht regieren kann, wem selbst solche Moderirte, wie Justus, zu liberal sind, der kann nur mit einer Beamten Kammer regieren oder wird als Absolutist enden, falls sich solche Komodien noch auffuhren lassen.

Ja, Herr, rief der Rentmeister, nach Pulver und Blei sollen Sie noch Ihre Puppen tanzen sehen ... Dabei vergoss vorlaufig Herr von Sanger schon mehr von dem Rebenblute, als Frau von Zeisel lieb war.

Es ist doch gut, sagte der Arzt Reinick, ein kleiner Mann von schlichtem Aussehen und verstandiger Massigung im Ton und seiner ganzen Haltung, es ist doch gut, dass es dabei ausser Todten manche Verwundete geben wird, die man durch unsre Kunst wiederherstellen kann. Man muss auch wieder an die Arzte denken.

Diese scherzhafte Wendung gefiel Siegbert, der schon in Randhartingen mit dem Doktor Reinick Bekanntschaft gemacht hatte.

Drossel aber stellte gegen die Kanonen gleich auch Kanonen. Er meinte, dass Salpeter uberall in der Erde lage, Blei auch und Schiessen ware jetzt ein Kinderspiel. Die gefullten Blechbuchsen, die man Kartatschen nenne wollte er eben sagen

Herr Drossel! unterbrach ihn aber Frau von Zeisel. Ich bitte mir aus! Hier werden keine Schlachten geliefert und keine Revolutionen gemacht. Essen Sie meine Cotelettes und bewundern Sie meine jungen Gemuse, die ich auch in Blechbuchsen verwahre.

Man musste uber den Ubergang lachen. Frau von Zeisel verrieth, dass sie nicht ohne Verstand war. Ihre eigentliche Absicht merkte aber doch nur ihr Gatte. Er sah, wie die Aufregung des Gelben Hirschwirthes, den man als Mittelpunkt der noch nicht niedergeworfenen Demokratie der ganzen Gegend schonen musste, sich in der Entleerung der in seiner Nahe stehenden Flaschen vorzugsweise zu erkennen gab. Er rechnete, dass, wenn Das so fortginge und sich die Manner hier politische Scharmutzel lieferten, mehr Blut fliessen wurde, als durch die Adern der disponiblen sechszehn Flaschen rann. Frau von Zeisel begann auch bereits, gewisse auf diese Beobachtung hindeutende Blicke des Herrn von Zeisel zwar mit Ingrimm, aber doch mit weltkundigem Takte zu verstehen. Glucklicherweise zeigte sich Siegbert Wildungen, der Nachbar der Wirthin, von einer mannichfach liebenswurdigen, hoflichen, aufmerksamen Seite und erzahlte ihr von seiner Absicht, in der That den dicken Herrn Anverwandter zu malen und sich langere Zeit in der Gegend zu halten, so viel Fesselndes, dass sie mit einem rasch verklingenden Seufzer die Kellerschlussel wirklich hinterrucks durch den Stuhl der Bedienung zureichte und den Weinvorrath auf Gnade und Ungnade in fremde Hande gab.

Man brachte einen Toast auf die Wirthin, den Wirth, die Damen, die Gaste, ja auch auf Louis Armand, den Freund und Genossen des Fursten. Diese Aufmerksamkeit hatte Oleander gehabt, der Alles, was poetisch war, lebhaft ergriff und jenen Muth besass, unter Schaalheit und Philisterei sich an das Bedeutendere zu halten, mocht' es erst auch wunderlich erscheinen. Er erlebte aber damit den eigenthumlichen Fall wie Jeder, der an das Edle im Menschen glaubt, dass das Poetische immer verstanden, immer freudig aufgenommen wird, selbst unter nuchtern Scheinenden und rein materiell Gestimmten. Er sagte hier einige schone Worte uber Egon's allbekanntes, vergangnes Leben und Jeder verstand sie und Jeder fuhlte, wie sie diesen einfachen Fremdling verklarten und hoben.

Louis Armand aber, der schon langst bemerkt hatte, dass man sich des Justizdirektors wegen Zwang auferlegte, offen und frei die Verehrung vor Ackermann auszusprechen, Louis erhob sich mit raschem Entschluss, lehnte den Einfluss, den man ihm auf den Fursten zuschrieb, bescheiden ab und sagte:

Denen wollen wir Dank sagen, die dem Fursten die Hand geboten haben, festzustehen auf dem Boden seiner Vater! Es lebe Herr Ackermann!

Dieser Toast, so kurz, so einfach, so naturlich, druckte doch Aller Stimmung aus und die langverhaltene Empfindung machte sich in dem freudigsten Jubel Bahn, der nur noch von Drossel, der gleich hinzusetzte: Der Republikaner hoch! unmelodisch genug uberschrieen wurde.

Ackermann hielt sich an den herzlichen Gruss, der ihm in den Glasern widerklang, die Reinick, Oleander, Sonntag, Anverwandter ihm entgegenhielten und sagte, dem Justizdirektor die Hand bietend, die dieser auch geruhrt ergriff und schuttelte:

Lassen Sie den Fruhling leben, meine Freunde! Lassen Sie die Hoffnung leben! Der Winter ruttelt schon an der Thur, ein schlimmer Gast, der uns noch eine lange Prufungszeit bringen wird! Wenn aber dann der Schnee auf diesen Hohen schmelzen wird, wenn die Lerche steigend singt, die Erde, zerschnitten vom Pfluge, Fruhlingsodem ausstromen wird, dann wollen wir Alle zusammenwirken und im Glucke eines Mannes, den wir lieben, unser eignes finden. Auf treue, gute, frohliche Nachbarschaft!

Das war wieder ein Wort, so recht alle Herzen entzundend; denn nun bekam Jeder doch auch etwas fur sich! So sind die Menschen. Erst allenfalls Einer, dann aber auch gleich Alle. Die Glaser klangen, die Hande wurden geschuttelt. Als man dann sass und sich von den angeregten schonen Gefuhlen sammelte, um wieder zur Tafelfreude zuruckzukehren, kam noch ein Glas als Nachzugler zu Ackermann hinuber. Selma hielt es hin, mit schalkhaftem, lachelndem Blick. Dem Kinde glanzte eine Thrane im Auge, die der Vater durch einen Scherz nicht entfernen konnte. Auch er war geruhrt und druckte die Hand der holden Tochter uber den Tisch hinuber.

Wie vorauszusehen war, musste zuletzt auch der Gegenstand beruhrt werden, den damals alle Welt an den Namen Wildungen anknupfte. Gleich bei Siegbert's Eintreten hatte man geflustert, ob dies jener Wildungen ware, der ... ja, ja! hatte es geheissen und mit um so gespannterem Interesse betrachtete ihn jedes Mitglied der Tischgesellschaft.

Herr von Zeisel war es, der das Eis dieser Spannung brach und mit den beziehungsreichen spurend belauschten Worten Siegberten sein Glas entgegenhielt:

Zwar hat sich Vieles in unserm Hohenberg geandert! Alte Irrthumer sind erkannt worden und neue Hulfe ist gefunden. Aber man soll Niemanden verleugnen, der uns Freund ist, wenn er auch irrte. Der Justizrath Schlurck mag der Zukunft des Furstenthums nicht gewachsen gewesen sein. Dennoch schatz' ich ihn als meinen Freund. Ich wunsch' ihm die reichsten Belohnungen fur seinen allbewunderten, vielgeruhmten Scharfsinn. Nur in einem Gegenstande soll er unterliegen, in einem Punkte die Waffen strekken mussen, in einem eine schmahliche Niederlage erleiden Herr Siegbert Wildungen, ich meine in Ihrem Prozess!

Da war der Damm weggerissen. Alle Blicke, alle Fragen der Neugier hatten nun eine freie Stromung. Jeder sah nun in Siegbert Wildungen den kunftigen Krosus und Louis besann sich durch die Rothe, die den Freund uberflog, sogleich auf die Ausserungen, die noch vor kurzem uber diesen Gegenstand Siegbert im alten Rathskeller der Residenz gethan hatte.

Mit warmerem Interesse aber, als alle Ubrigen, liessen Selma und Ackermann ihre Blicke auf Siegbert ruhen und bald wussten es Alle, dass Ackermann in jungern Jahren den Fremden wollte auf den Armen getragen haben.

Wo Das? rief Siegbert erstaunt.

In Thalduren!

Kannten Sie meinen Vater?

Vater und Mutter!

Ich entsinne mich nicht, Ihren Namen

Wie geht es der Mutter?

Sie krankelt ...

Siegbert begriff nicht, wie ihm wurde, als er Ackermann in's Auge sah. Es stiegen ihm Empfindungen auf, denen er keinen Namen geben konnte. Ganz verloren in die Zuge Ackermann's und Selma's horte er nicht, dass man ihn um Auskunft uber den Stand seines Prozesses bat.

Erst Frau von Zeisel musste ihn erinnern, dass man mit ihm sprach.

Er sagte nun:

In erster Instanz hat mein Bruder, der diese Angelegenheit mit Eifer verfolgt, unsre Anspruche, von denen er so fest uberzeugt ist, nicht behaupten konnen. Wir haben verloren. Jetzt ist der Bruder in Angerode, wo wir schon einmal uber diese alte Streitfrage Dokumente fanden. Es handelt sich um die genauere Feststellung unsres Stammbaumes. Mein Bruder schreibt mir, dass es ihm gelungen ist, Thatsachen, die ein neues Licht verbreiten, aufzufinden. Schon ist die Appellation im Gange.

Wissen Sie, sagte Oleander, dass Propst Gelbsattel, dem ich die hiesige Vikarstelle verdanke, einer der heftigsten Gegner Ihrer Anspruche ist?

Nicht blos der Propst, sagte Siegbert. Ich furchte, dass wir alle Welt zu Gegnern haben.

Diese bescheidene selbstlose Ausserung bestritt man. Drossel meinte, so musse es mit allem Unrecht gehen, das durch Verjahrung Recht geworden ware. Er verwunschte dabei die Pfaffen, die Tyrannen, die Advokaten, die Menschenschinder, die verthierten Soldlinge, die Staatsanleihen, Alles durcheinander. Der Apotheker war sehr fur den Satz: Jeder ist sich selbst der Nachste! Frau von Zeisel bedauerte unendlich, dass es der schonen Melanie nicht mehr moglich sein wurde, fast alle Tage ein andres Kleid anzuziehen, allein darum gonne sie doch Herrn Siegbert Wildungen ein Vermogen, das sicher einem Halbdutzend grosser Ritterguter gleichkame.

Die Erwahnung Melanie's, der Ubergang auf ihre Anwesenheit in Hohenberg, die Nachfrage wegen ihrer wieder abgebrochenen Verlobung mit dem Stallmeister Lasally, der hier durch sein murrisches Benehmen Alle verletzt hatte, die lachelnden Mienen uber Melanie und den Fursten, alles Das war ein Durcheinander, das fur Niemand chaotischer und unbehaglicher wurde als fur Selma. Siegbert, Louis, Alle wurden ihr in diesem Augenblicke verhasst. Es kreischte um sie her wie von Dissonanzen. Das war Alles unaufgelost widerlich. Wahrhaft frei fuhlte sie sich von einem lastigen Drucke, als man in diesem Tumult aufstand und sie sich an den Vater hangen konnte, dem sie zuflusterte:

Fort! Fort! Vater! Hier ist es erstickend! Die Brust zerspringt mir!

Ackermann kusste ihre brennende Stirn und sagte in mildem Tone:

Gewohne dich, Kind, an Rechnungen, die nicht aufgehen! Ich fuhle dir das Peinliche solcher Dinge, die du alle nur halb verstehst, wohl nach. Das Leben ist so! Es ist aus Gegensatzen und unvermittelten Widerspruchen zusammengesetzt. Wenn man so sieht, dass Alles anders ist, als man es gern haben will, mochte man verzweifeln und in die Wildniss fliehen.

Nach den gesegneten Mahlzeiten, die man nun, weingerothet, speisenduftend, gegenseitig sich noch wunschte, wurde Kaffee gereicht und manches vertrautere Wort gesprochen. Frau von Sanger rechnete darauf, jetzt auch von dem jungen Maler einige Vortheile der Unterhaltung zu ziehen und war nicht wenig verstimmt, als dieser nur mit Louis allein zu sprechen Lust zeigte. Sie ging ohne Zwang Beiden nach und duldete nicht, dass sie sich isolirten. Zu ihrem Verdrusse horte sie hier, dass Siegbert nicht einmal mit ihnen nach Randhartingen zuruckfahren, sondern die Nacht, wie schon zwischen ihm und Louis verabredet war, auf dem Schlosse bleiben wurde. Fur morgen erst versprach er ihr seine Aufwartung zu machen.

Himmel, sagte sie, man ist hier so verlassen von Menschen, die uns einmal uber das Gewohnliche hinwegfuhren, dass Sie sich nicht wundern durfen, wenn ich Ihnen gestehe, ich dulde Ihr Hierbleiben nicht.

Nein, nein! sagte Siegbert lachelnd. Ich muss mich vor dem Reize, Sie zu erobern, bewahren.

Keine Eroberung! erwiederte die hubsche junge Frau. Nur Nachstenpflicht! Haben Sie sich einmal verschlagen in eine Gegend, wo nur Wilde wohnen, so mussen Sie sich Denen widmen, die Sie zahmen sollen ...

Siegbert konnte die pikante kleine vertrauliche Unterhaltung nicht fortsetzen, denn Ackermann, der auf ein Kanape sich niedergelassen hatte, richtete einen so bedeutungsvollen, theilnehmenden Blick zu ihm hinuber, dass er sich losmachte und zu ihm entschlupfte.

Frau von Sanger erfuhr von Louis, dass Beide, er und Siegbert, die Absicht hatten, gemeinschaftlich nach dem Forsthause zu wandern. Das Wetter ware schon. Gegen funf Uhr wollten sie wieder zuruck sein. Siegbert wurde dann auf dem Schlosse uber Nacht bleiben und am Morgen eine Gelegenheit suchen, nach Randhartingen zuruckzukommen.

Dies war genug, um Frau von Sanger zu bestimmen, Siegbert nachzuspringen und ihm zu sagen, dass er ihren Wagen, der in der Schlossremise stunde, hier behalten und mit ihm morgen nachkommen solle. Sie wurde mit ihrem Manne in dem grossen Wagen des Herrn Anverwandter fahren. Und ehe noch Siegbert ablehnen, danken konnte, war sie schon ihre langen aufgegangenen Locken schuttelnd zu den Mannern hinuber, um diese Anordnung kurz- und rundweg anzuzeigen, es ihren Kutscher wissen zu lassen und sich dann die Locken vor'm Spiegel als Scheitel zu ordnen.

Siegbert erfuhr bei Ackermann, dass Selma schon zu den Kindern des Pfarrers hinuber ware, wo sie bliebe, bis er einige Geschafte geordnet und auch vielleicht die neue Begleiterin aus dem Forsthause in Empfang genommen hatte. Einer weitern Nachfrage uber seine Beziehungen zu Siegbert's Eltern wich er sonderbarerweise jetzt aus. Er war einsylbig, nachdenklich geworden. Fast schien es, als bereute er die Hingebung, die er uber Tisch verrathen. Siegbert fand, dass dies Antlitz, das ihn seiner mannlich schonen Formen wegen so gefesselt hatte, auch den Ausdruck eines tiefen Ernstes annehmen konnte und erschrak fast vor dem Anflug von Kalte, der ihm plotzlich aus Ackermann's Benehmen entgegen wehte.

Louis flusterte ihm zu, sie wollten gehen und von der Gesellschaft ohne viel Aufsehens scheiden. Doch gelang ihnen dieser Ruckzug nicht ganz. Die Justizdirektorin und ihr Gatte wenigstens sahen scharf genug, um sie nicht so entschlupfen zu lassen. Louis gab das Versprechen baldigster Wiederkehr und Siegbert gelobte, so lange er in Randhartingen an Herrn Anverwandter male und Sie sehen, fugte er auf den starken Herrn deutend, es gehort Farbe dazu wenigstens einen Tag um den andern sich in Plessen sehen zu lassen. Fur heute Abend schon zur Whistpartie wiederzukehren, musste er ablehnen, da er sich ganz dem Wiedersehen Louis Armand's widmen wollte.

So gelang es denn den Freunden, davon zu kommen. Wie sie allein waren, Jeder sich mit einem Paletot gegen die Novemberluft, die sich schon rauh genug ankundigte, gerustet hatte und nun sogleich auf dem nachsten Wege dem Forsthause zuschritten, reichten sie sich nochmals die Hand, um ihre Freude uber dies gluckliche Zusammentreffen auszudrucken. Und die Worte entfuhren ihnen Beiden fast wie im Zusammenklang: Gott sei Dank! Dies Diner ware uberstanden.

Achtes Capitel

Die beiden Gesellen

Ich dachte gleich, sagte Siegbert auf der Wanderung durch das Dorf nach dem Walde zu, dass Sie noch in Plessen sind, lieber Louis! Hier also weilte mein Bruder und erlebte Dinge, die so verhangnissvoll fur uns Alle wurden! Ist das also da das Schloss?

Bleiben Sie langer hier! Geniessen Sie die Gegend, die viele Schonheiten bietet!

Ich denke in acht bis zehn Tagen druben fertig zu werden und lasse mich oft hier sehen. Wie lange bleiben Sie noch?

Louis gedachte des einsamen verlassenen Murray und ihrer gemeinsamen so schwierigen Forschungen. Der Blick nach dem Eckfenster that ihm um so mehr leid, als er nicht wagen konnte, Siegbert mit Murray bekannt zu machen, der Fragen und Erorterungen wegen, die davon die Folge gewesen waren.

Ich denke freilich schon in einigen Tagen zuruckzukehren. Was sagen Sie zu den neuesten politischen Nachrichten?

Seit wir so plotzlich auseinander kamen, hat jeder Tag eine neue Uberraschung gebracht. Egon tritt wie ein Dictator auf. Wenn ich auch die Kraft liebe, so ist es doch bedenklich, dass sich nur die conservative Partei uber diese Auflosung der Volksvertretung gefreut hat.

Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ich vor Begier brenne, ihn zu sehen und zu sprechen.

Ich will wunschen, dass Sie ihm gelegen kommen. Als ich einen Tag nach Ihnen reiste, konnt' ich ihn nicht sprechen. Er tragt wie ein Atlas so schwer auf seinen Schultern.

Ich wunschte, er hatte unserm Abende im Rathshause beigewohnt; ich glaube, an dieser Verwirrung der Interessen hatte ihn ein Uberdruss ergriffen, wie uns.

Glauben Sie? Egon ist ein Mensch der Thatsachen. Er wurde uns Ideologen nennen und unsre Chimaren verspottet haben.

Und doch schleicht sich die Erinnerung an jenen Abend in jede freie Lucke des Nachdenkens und fullt sie sogleich ganz. Ich denke immer daran und hefte im Geiste schon jedem Menschen, der mir gefallt, das Kreuz unsres Bundes auf die Schulter.

Auch mir geht es so, sagte Siegbert uberrascht von der gleichen Erfahrung. Ich riss mich von der Residenz mit einem heroischen Entschlusse los. Ich musste es thun, aus Grunden, die ich wol verschweigen soll ...

Louis bat, ohne Sorge zu sein. Und wenn er auch vor ihm Geheimnisse hatte, er ware darum von seiner Freundschaft nicht weniger uberzeugt.

Ich kam nach Schonau, fuhr Siegbert fort, besuchte dort die Manner, an die mich der plotzlich so auffallend entgegenkommende Propst empfohlen hatte. Man bot mir in der That eine ansehnliche Summe fur ein Frescobild in einer neu ausgebauten freundlichen Kirche und billigte meine Plane fur den zu behandelnden Gegenstand. Nachdem fing ich fur die Einweihung der Kirche an, einige alte Gemalde von achtbarem Werthe wiederherzustellen und lernte in dieser Zeit manche tuchtige Personlichkeit kennen. Sonderbar, dass ich Alle in einer gleichen Stimmung fand wie wir. Alle waren auf's lebhafteste an der Zeit und ihren Entwickelungen betheiligt, Wenige aber konnten sich mit dem Parteigeiste, wie er nun einmal geworden, ganz befreunden. Fast Alle warten auf einen politischen Messias, die Einen in Gestalt eines Napoleon, die Andern in Gestalt eines Washington. Ich gestehe, dass das Vertrauen auf Egon nicht gering ist. Man hat ihn schon so oft die Verachtung vor dem bisherigen Laufe der Dinge auf der Tribune aussprechen horen, dass Jedermann glaubt, er wurde einen vollig neuen Staat aufbauen. Mit Ungeduld erwartet man das Wahlgesetz, das er, wie man vermuthet, oktroyiren wird. Und doch bemitleidet man ihn, da er mit denselben Steinen, die er eben abgetragen, doch wieder wird bauen mussen. Mir nun, dem Maler, glaubt Jedermann sagen zu mussen, dass die Kunste in solcher Zeit keine Freistatt mehr genossen und ergeht sich in Anklagen gegen die Welt, die unwillkurlich mir doch den Plan meines Bruders als eine grosse, in der Zeit schlummernde Idee darstellen.

O gewiss, sagte Louis. Ich gestehe Ihnen, bin ich zerstreut durch Manches, was mir seitdem begegnete, oder ist es die Folge jenes Abends, meine Gesichtskreise haben sich erweitert. Ich fuhle mich hoher gestellt in dem Standpunkt, von dem aus ich die Schwierigkeiten des Augenblicks beurtheile. Und ich wiederhole Ihnen, ich habe eine Neigung, Genossen fur die Ritterschaft des Geistes zu gewinnen, die unwiderstehlich ist.

Das ist auch mein Fall. Und ich sollte meinen, der Drang, Proselyten zu finden, ist das beste Kennzeichen einer in uns lebendig gewordenen Wahrheit.

Ich sehe, fuhr Louis fort, so viele Menschen, die ausserhalb der Tagesdebatte stehen. Warum sollen sie nur stumm reflectiren? Warum soll ihr Geist, ihre Gesinnung daliegen wie das todte Pfund in der Erde? Sie brauchen ja nicht Hand anzulegen, irgend in den Gang der Geschichte einzugreifen ... nein! Es genugt schon, dass Gesinnung an Gesinnung sich kette und der Geist selbst aneinander sich entzunde. Unter den Gasten, die Sie heute sahen, wurd' ich wenige fur wurdig halten, zu Rittern vom Geiste geschlagen zu werden, aber die, die ich meine, wurde das vierblattrige Kleeblatt, das Symbol des seltenen Fundes, wohl zieren.

Hat Ihnen das Symbol gefallen? fragte Siegbert, der sich erinnerte, dass auf dem Heimwege vom Rathskeller davon gesprochen wurde.

Ich dachte mir, sagte Louis, als Ihr Bruder von dem Kreuze und seinen Enden sprach, wie meine Schwester mit ihren Freundinnen spazieren ging. Man wandelt frohlich und an der Abendsonne sich ergotzend uber den grunen Wiesenplan und das Auge sucht unter den Tausend Dreiblattern nach einem Vierblatt. Man findet es, man jubelt, man ruft die Genossen. Ein Vierblatt! Jeder will es sehen, Jeder bewundert das Spiel der Natur und Jeder wunscht Dem, der das Vierblatt gefunden, Gluck; denn ein vierblattriges Kleeblatt bedeutet Gluck.

Und wem mochten Sie die vier Punkte auf die Schultern drucken von Denen, die dort heute zusammengewurfelt waren?

Zuerst dem edlen Vater des schonen Madchens

Ackermann! Entsinn' ich mich doch vergebens, in meiner Kindheit je von einem Manne dieses Namens gehort zu haben!

Ich fand, dass er gestern, als ich Ihrer erwahnte, mit grosserer Herzlichkeit der Ihrigen gedachte, als heute, wo er sich Zwang anzulegen schien

Er wies meine Freundlichkeit eben fast zuruck

Auch dafur muss er irgend einen Grund haben; denn dies ist ein Charakter, der niemals eine Laune uber sich Herr werden lasst

Entsinnen Sie sich, dass ich schon an jenem Abende ausserte, wie wenig wahren Antheil wir Bruder fur unsern Prozess voraussetzen durfen ...

Grubeln Sie daruber nicht! Wusste er, welche Gedanken Ihr Bruder mit dieser Erbschaft verbindet, wie gross er die an ihn gestellte Mahnung der Zeit auffasst, wie er mit diesen Hulfsmitteln den in Trummer zerfallnen Tempel der Menschheit wieder aufbauen will

Er wurde uns Phantasten nennen! Ihn erinnert das vierblattrige Kleeblatt vielleicht nur an die Okonomie

Den Vater eines solchen Madchens?

Selma! Ein Kopf, den ich wol lieber malte, als die Stierphysiognomie druben in Randhartingen ...

Auch auf den Pfarrvikar Oleander mocht' ich rechnen und vielleicht den Arzt Reinick, der so wenig und so milde und so klar sprach.

Auch mir pragten sich in Schonau, einem kleinen aber sehr wohlhabenden Orte, viel ernste und ein inneres Leben verrathende Physiognomieen ein. Nur schade, dass man sie aus der Masse solcher Kopfe, wie jener Drossel, erst ausscheiden muss.

Es ist erstaunlich, sagte Louis, dass ich einen Republikaner, wie diesen exaltirten Mann, noch vor kurzer Zeit als eine grosse Stutze meiner Vorstellungen uber die umzuandernde Gesellschaft angesehen hatte, und doch glaub' ich gewiss zu sein, dass man mit ihm zwar das Alte zerstoren, aber Neues nicht aufbauen konnte. Er wurde vor allen Dingen darnach trachten, in der allgemeinen Verwirrung erst seiner Verbindlichkeiten, von denen ich hore, dass deren viele auf ihm lasten, ledig zu werden und nachher ein ebenso gewaltsamer Despot werden, wie die Despoten waren, die er sturzte. Mein Vaterland gibt ja fur diese traurige Thatsache taglich die Beweise. Die eine Partei verdrangt die andere und bedient sich, um sich zu behaupten, derselben gewaltsamen Mittel, die die fruhere Partei so gehassig machte. Und Alle berufen sich, mich ubergluht es vor Zorn, wenn ich daran denke, Alle berufen sich auf die Nothwendigkeit der Ordnung, die Herrschaft der Gesetze, den Zwang der Disciplin. Diese Elenden! Nur deshalb wollen sie Gehorsam, um den Staat fur sich ausbeuten zu konnen und Mittel zu sammeln, ihren vorauszusehenden Sturz auf die Lange minder schmerzlich zu ertragen.

Bei diesen Worten lenkten Louis und Siegbert in den Wald ein und gingen denselben Weg, auf welchem im Sommer, an einem Vormittage, als das goldne Sonnenlicht durch die grunen Zweige schimmerte, vom Jagerhause zuruckkehrend, durch Ackermann angeregt, Dankmar so lebhaft von der Nothwendigkeit eines Erkennungszeichens Gleichgesinnter uberzeugt war und uber seinen Bund der Ritter vom Geiste nachdachte.

Es ging ein scharfer, kalter Wind. Das welke Laub wurde wirbelweise erfasst und fortgeschleudert. Geknickte Zweige lagen am Wege oder hingen noch halb, oft gefahrlich, an den Stammen.

Louis erzahlte nochmals ausfuhrlicher sein Vorhaben mit Franziska Heunisch, die Siegbert dem Namen nach schon kannte. Hatte er doch das ihr bestimmte Gedicht:

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! ubersetzt. Er fragte Louis, ob er von ihr wie von seiner Geliebten sprechen durfe?

Louis schuttelte den Kopf.

Dies verlegene Schweigen erinnerte Siegbert so lebhaft an Das, was in seiner eignen Brust verschlossen lebte, dass er truben Blickes uber die welken Blatter hinausschaute und nach einer Weile, wie fur sich selber, sagte:

Die erschlossene Knospe ist das Gestandniss der Liebe! Nicht zu spat komm' es, aber auch nicht zu fruh!

Und wieder nach einer Weile sagte er:

Wissen Sie, dass Helene d'Azimont nach Italien ist?

Ich erfuhr es.

Aber erstaunen werden Sie, wer sie begleitet ... Die junge Tochter der Furstin Wasamskoi ... Olga ...

Louis schwieg. Er hatte von Egon gehort, dass Siegbert Wildungen im Hause der Schwester Helenen's geliebt wurde ...

Was denken Sie von einer solchen Schule des jungen Madchens? sagte Siegbert bewegt. Ich laugne nicht, dass Olga, von den ersten Regungen ihres jungen Herzens irre gefuhrt, mir Beweise mehr kindlicher, als denkend empfindender Liebe gegeben hat ...

Die Eifersucht auf die Mutter hatte die Flamme genahrt ... sagte Louis zuruckhaltend.

Auch Das ist der Welt bekannt? rief Siegbert mit schmerzlicher Erregung. Alle, Alle sahen es. Nur ich Thor war verblendet und wiegte mich, dem tragen, schlummernden Goldkafer gleich, in dem Kelche der Blumen. Wie bereu' ich diese glucklichen Tage! Wie viel qualvolle Stunden werden ihnen folgen!

Unerklarlich ist, wie Olga entfliehen konnte!

Doch nicht! sagte Siegbert. Rudhard hatte mit Gewalt beschlossen, mit ihr und den andern Kindern zu reisen. Noch hor' ich, dass ein von ihrem Vater ihr bestimmter Verlobter eingetroffen sein soll. Es blieb ihr nur die Wahl, entweder mit Rudhard zu reisen oder sich mit Otto von Dystra zu verloben.

Otto von Dystra? sagte Louis uberrascht. Ein russischer Diplomat? Aus Amerika?

Ganz recht.

Ein Freund Ackermann's, ein Bekannter ...

Fast hatte Louis Murray's Namen, den er doch verschweigen wollte, ausgesprochen.

Wie sie Alle bestatigen werden, fuhr Siegbert fort, ein Mann, der nicht ohne Bedeutung sein soll.

Ein Sonderling! Unstat Reisender! Uberdies hasslich ...

Menschen von Geist sind nicht hasslich.

Einer solchen Verbindung konnten Sie das Wort reden?

Rudhard verschwieg mir nichts von den Wunderlichkeiten dieses Mannes; doch musste er ihn einen Philosophen nennen und gestand mir, dass grade eine solche Natur im Stande sein wurde, Olga's Erziehung zu vollenden.

Nein! Nein! Abscheuliche Sklaverei! Erziehung in der Ehe! Philosophie, wo das Herz glucklich sein will! Wie lob' ich das entschlossene Madchen, dass es den Muth hatte, zu entfliehen und das Herz zu retten, in dem Siegbert Wildungen's Bild lebt!

Sie brauchen fast dieselben Worte, lieber Louis, sagte Siegbert lachelnd, wie sie selbst ...

Sie schreibt Ihnen?

Aus der ersten Stadt, wo sie rastete. Es sind die lyrischen Ergusse eines schwarmerischen Madchens, das durch die Welt reist, um sie mit ihren Idealen zu vergleichen. Ich wurde diese Wendung mit Freuden verfolgen, wenn nicht auch Helene von Olga mit leidenschaftlicher Liebe angebetet wurde. O nur Helene weiss zu lieben, schreibt sie mir. Helene ist die Liebe selbst. Die himmlische, die in diese abscheuliche Erde nicht passt! Egon ist einer von diesen herzlosen Gottern der Erde, die Menschenopfer verlangen. Er ist kein Teufel und kein uberirdischer Gott, er ist nicht ganz bose und nicht ganz gut, nur er selbst ist er, der Schatten seines Schattens, das Echo seines Echos, einer der herzlosen Damonen, die Alles wegzuspotteln, wegzulacheln wissen und an Wahrheit erst glauben, wenn einmal ein betrogenes Weib den Dolch erhebt und sie fur die Luge ihres Geistes den Stahl einer wirklichen Rache empfinden lasst!

Ums Himmelswillen, rief Louis lachend, Das ist ja ein Plagiat! Das sind Worte, die Olga Helenen nachschreibt und Helene hat sie von der Phadra oder sonst einer wilden Heroine aus dem Theatre Francais!

Ich wurde lachen, wie Sie, Louis, bemerkte Siegbert, wenn nicht diese Stylubungen eine neue Wendung erhielten durch den Trost, den Helene d'Azimont finden wird, suchen muss. Leidenfrost schreibt mir, dass der Maler Heinrichson, Sie kennen den schonen, allen Frauen gefahrlichen Mann, nach Rom ginge, wie man sagte, um sich dort mit Grafin Helene d'Azimont ein Zusammentreffen zu geben.

Verlaumdung! rief Louis. Befurchten Sie Das nicht! Die Grafin war leichtsinnig, als sie keinen Mann gefunden, der der Liebe einer Frau wurdig war. Sie fand aber Egon. Trotz der Schmerzen, die mit diesem ihrem Glucke andern Menschen bereitet wurden, versichre ich Sie, dass nach der Liebe eines solchen Mannes Helene nicht im Stande ist, Gefallen zu finden an einem so glatten Dandy, einer solchen geleckten Eleganz.

Sie irren sich, Louis! Heinrichson besitzt Esprit. Er weiss mit den Worten Fangball zu spielen und besitzt jene blasirte Kalte, die, mit Geist und schoner Figur verbunden, allen Weibern gefallt. Dazu ist er Maler. Ich erkenne an mir selbst, wieviel wir bei dem Glukke, das wir in der Welt machen abscheulich; ich spreche wie ein Don Juan

Fahren Sie fort! Ich kenne die Maler. Ich war in Paris taglich mit ihnen in Verbindung. Ich weiss, was sie ihrer Kunst zu verdanken haben.

Nun gut. Auch diesem Heinrichson fliessen alle Vortheile seines Talentes zu. Dabei kann man nicht umhin, sein Talent anzuerkennen. Er fuhrt einen geschmeidigen, anmuthigen, farbengrellen Pinsel. Es ist Lust und Leben in Dem, was er auf die Leinwand wirft. Was er auch malt, blenden, fesseln wird es immer. Befriedigen freilich kann es nur Die, die von Effekten gepackt sein wollen. Ich weiss nicht, ob Heinrichson in Rom bei den Kunstgenossen Gluck machen wird. In Paris wurde er's. Fur Rom furcht' ich, dass man ihn oberflachlich und frivol nennt. Er wird sich aber Anerkennung verschaffen durch Witz, Satyre. Man wird Angst vor ihm haben, weil er treffende Urtheile schleudern kann. Genug, mein Freund, nehmen Sie noch ein seltnes Sprachtalent, Conversationston im Salon, vortreffliche Toilette, vornehme Empfehlungen hinzu und ich versichre Sie, er wird Helenen fesseln, fur Egon entschadigen, eine Verbindung mit der Grafin anknupfen und Olga, dies junge, noch reine Gemuth, Olga, dieser Engel, soll jetzt schon Zeuge solcher elenden modernen Verirrungen werden, soll ...

Sie sehen zu weit! unterbrach Louis den trostbedurftigen Siegbert, der seine lebendigste Liebe fur Olga nicht verbergen konnte. Ich kann nicht glauben, dass ein Weib, das einen Egon liebte und von ihm wieder geliebt wurde, so sehr das Bedurfniss eines zartlichen Verhaltnisses verrathen konnte, um diesen Tausch einzugehen.

O, rief Siegbert, in mir erhebt sich Alles, Alles, um diesen Verdacht zu bekampfen. Jede Fiber meines Herzens spricht fur die Unmoglichkeit solcher Gesinnungslosigkeit des Herzens am Weibe uberhaupt, und doch klingen mir die Worte im Ohre, die Dankmar einmal zu mir sprach: O Das sind die Frauen, die mit ihrem Herzen Alles moglich machen konnen, wie mit Handschuhen, die man wascht, farbt, umkehrt, wie mit Polypen, die man aufschneidet, herumwendet und die dennoch leben, auch wenn der Bauch ihr Rucken, der Rucken ihr Bauch geworden!

Bitter, sehr bitter und gewiss oft wahr! rief Louis erschreckend. Aber geben Sie diese trube Vorstellung auf! Hoffen Sie auf eine schonre Entwickelung des jungen Madchens, das Ihnen so theuer ist! Oder treten Sie mit Entschiedenheit bei der Furstin auf ...

Bei der Furstin? wiederholte Siegbert in einem Tone, der Louis bestimmte, fragender, als er sich sonst erlaubt hatte, auf seinen Freund zu blicken.

Weshalb hab' ich mich wol entschlossen, sagte Siegbert, das geistlose Gesicht jenes reichen Gutsbesitzers in Randhartingen zu malen? Wissen Sie, dass ich von Schonau geflohen bin! Die Furstin liess mich einen Besuch in dem kleinen Orte erwarten.

Himmel! rief Louis erschreckend.

Wohl wusste sie uber diesen Entschluss, fuhr Siegbert fort, den Mantel einer glaublichen Entschuldigung zu werfen. Sie sprach von einer Verwandten ihrer Mutter, die in der Nahe wohne, von Otto von Dystra's Verlangen, mich kennen zu lernen, doch mit den Vorwurfen, die sie mir uber meine Flucht machte, verglichen, glaub' ich fast, sie will sich selbst uberzeugen, ob ich wirklich in Schonau bin oder nicht gar mit Olga und Helenen irgendwo schwarme ...

So wunsch' ich, sagte Louis lachend, sie kommt nach Schonau, findet Sie nicht und reist, wie es sich gebuhrt, ihrer Tochter nach Italien nach, einem Aufenthalt, an den sie nicht glauben will.

Das Seltsamste, schreibt mir uber diese Dinge mein Bruder Dankmar, das Seltsamste ist dabei, dass in diesen Frauenkopfen von den Lebenspflichten des Mannes so gut wie gar keine Vorstellung existirt. Der Weltbau kann in Trummer gehen, wenn nur noch Platz zu ihrem Glucke ubrig bleibt. So unersattlich sind diese Leidenschaften in der grossen Welt, dass man zuletzt wirklich mit Wonne vor einem beschrankten Madchen stehen bleibt, das noch Sternblumchen zerzupft und dabei fragt: Liebt er mich, liebt er mich nicht?

Mit diesen Worten schwenkten die beiden Freunde an der Eiche rechts zur Wiese hin, an deren Rande das Forsthaus vor ihnen lag. Es war schon dunkel geworden. Doch sah man unten kein Licht. Die Hunde bellten der Annaherung der Fremden entgegen.

Heunisch wird zu Hause sein! sagte Louis und beschleunigte die Schritte.

Ich bin begierig, diese stille Liebe kennen zu lernen, sprach Siegbert erwartungsvoll und verschob seine Mittheilungen aus Dankmar's und Leidenfrost's Briefen auf den Abend, wo er mit Louis im Schlosse allein zu sein hoffte.

Wir sind allein! bestatigte Louis, nicht ohne Verlegenheit, wie er es mit Murray halten wurde.

Franzchen hatte die Ankommenden trotz der Dammerung erkannt und kam ihnen unter der Hausthur fragend entgegen.

Siegbert freute sich an dem zarten, bluhenden Madchen und dem romantischen Aufenthalte. Der Wald, die Wiese, das Jagerhaus, die liebliche Bewohnerin schienen ihm zusammenzupassen wie ein Marchen von Grimm.

Fur ein Bild sehr romantisch, sagte Louis. In der Wirklichkeit ist es aber besser, dass Franzchen in den Ullagrund zieht. Herr Ackermann ist einverstanden und erwartet Sie schon jetzt, schon fur heute. Er ist in Plessen und nimmt Sie sogleich mit.

Franziska sprach so laut ihre Freude aus, dass Heunisch, der eben mit der Pfeife aus der Hausthur trat, schon unter der Thur horte, dass der neue Pachter eingewilligt hatte. Er dachte dabei mit Spekulation an den alten Sandrart und hatte seine vollkommenste Freude an diesem Ausgang.

Jetzt aber rasch! sagte Louis. Das Nothigste trag' ich selbst und das Ubrige schaffen Sie nach, Herr Heunisch!

Da liegt schon vorlaufig ein Bundel, warten Sie, ich lege meine Pfeife weg

Bleiben Sie nur, bedeutete ihn Louis, Das trag' ich selbst, da ist keine Hulfe nothig.

Damit hob er den Bundel auf, der mit der nothigen Wasche versehen war.

Franziska sagte:

Wir wechseln ab. Nur fort! Adieu Onkel! Behute Sie Gott und kommen Sie gleich morgen!

Heunisch hatte nicht das geringste Mistrauen in dies Verhaltniss zwischen Franziska und dem jungen Fremdling, der sich ihrer Angelegenheiten so theilnehmend annahm. Er sagte:

Die Katze kriegt doch noch ein Pfotchen? Sieh, wie sie sich anschmiegt! Komm, Mutz, gib dein Patschchen! Der fremde Herr macht sie confus. Ja, Herr, so wohnen wir hier im Walde ... sehen Sie sich um! Schiessen Sie gern? Aber Franzchen, doch noch ein Licht! Ei, willst mich im Dunkeln lassen? Ein Licht, dass der Herr da sieht, wie's bei einem alten Jagersmann sich wohnen lasst. Den Eilf Ender da an der Wand schoss ich selbsten ...

Louis machte Licht mit einem Streichfeuerzeuge, das er nach seinen praktischen Gewohnheiten immer bei sich fuhrte.

Ich gehe nicht mehr in die Kuche, flusterte ihm Franzchen zu, kommen Sie nur!

Siegbert sprach einiges romantische Durcheinander vom freien Jagerleben und vom lust'gen Waldrevier. Er betrachtete die Bilder, die Vogelkafige, den Eilf Ender und die Rehbockhorner uber der Thur, die Buchsen an der Wand, Franzchen, das mit ihrem Bundel stand, wie er sich Goethe's Dorothea gedacht haben wurde, nur war sie kleiner, aber lieblicher und wohl frischer, wie jene Emigrantin gewesen sein mag.

Es gelang Heunischen nicht, den Auszug noch langer hinzuhalten. Man verliess das Haus. Er begleitete die Scheidenden noch die Wiese entlang. Er hatte so ein dringendes Verlangen, so eine Freude uber die Nachricht der Erlaubniss des Generalpachters, Franzchen in die Nahe des alten Sandrart zu bringen, dass er uber diesen Abschied ordentlichen Jubel empfand und versicherte, ihr morgen alle ihre andern Habseligkeiten nachzubringen.

Was ist Das fur ein Vogel? fragte Siegbert, sich plotzlich umdrehend.

Der so lacht? meinte Heunisch und lachte selbst. Eine Lachtaube ist es nicht, Herr.

Franzchen zog Louis, der den Bundel trug, mit Gewalt weg.

Louis hatte aber auch ein grelles, thierisches Auflachen gehort und blieb stehen.

Das ist die Urschel! meinte Heunisch und konnte nicht anders, als selbst uber die Alte lachen, die ihrer Rivalin, ihrem Storenfried, der nun abzog, einen Spott nach ihrer Art nachsandte.

Meine alte Haushalterin, setzte er fur Siegbert, der uber diese Bosheit hier in Gottes stiller Natur erstarrt war, hinzu. Meine alte Ursula Marzahn! So wie ich sagte:

Franzchen kommt! kroch sie oben auf ihre Kammer und legte sich in's Bett. Nun sie hort: Franzchen geht! kichert sie hinter uns her. Alte! schweig! rief Heunisch jetzt hinauf und klatschte, wie man etwa einem Thier thut, das man verscheuchen will, einige Male in die Hande. Da horte das boshafte Lachen auf ...

An der Eiche, unter der einst Dankmar von dem Bunde der Guten und Denkenden zuerst getraumt hatte, nahm Heunisch Abschied, nach der Art dieser Leute umstandlich, ohne fertig werden zu konnen und die Ruhrung durch tausend Kleinigkeiten verdeckend. Franzchen erhielt darauf von Siegbert den Arm angeboten. Warum sollte sie ihn nicht annehmen! War sie doch in einer Stimmung, als hatte sie sich jetzt allen Menschen an den Hals werfen und rufen sollen: Ich lebe wieder! Ich bin gerettet!

Louis regte eine Aufklarung Siegbert's an. Man erzahlte ihm, was diese Freude begrundete. Da sah er wohl, ein wie gluckliches Wesen er am Arme fuhrte. Franzchen trat behend wie ein Reh und hing ihm wie im Tanz so leicht am Arme. Sie hatte, da es kalt war, ein Mantelchen uber und einen Strohhut mit rothem Bande, der die Blasse ihres Gesichts noch zarter hervorhob. Sie erzahlte, wie sie die Nacht in Angsten zugebracht hatte und heute fruh, wahrend Heunisch aus war, hatte sie jeden Augenblick erwarten konnen, die bose Frau wurde die Treppe heruntergeschlorrt kommen und sie wieder so durchbohrend und hexenartig ansehen wie gestern.

So und ahnlich plaudernd und dabei uberrasch vorwartsschreitend kamen sie mit dem funften Glockenschlage in Plessen richtig an. Es war die hochste Zeit, denn vor dem Pfarrhause sahen sie schon den kleinen Wagen Ackermann's und bei dem Licht in der Stube harrende Figuren am Fenster. Naher kommend unterschied Louis Ackermann, Oleander und Selma. Am Amthause war schon Alles still.

Eintretend in das Pfarrhaus und in die Wohnstube gleich linker Hand ubergab Louis, der den Bundel auf die Hausflur geworfen hatte, Ackermann und Selma die neue Schutzbefohlne. Ackermann verrieth durch einen fluchtig musternden Blick, dass ihm das Madchen gefalle und Selma bot ihr freundlichst die Hand.

Da hab' ich ja, sagte sie, was ich wunschte! Wir wollen frohlich zusammenleben und uns schon gut vertragen.

O Fraulein ... stammelte Franziska.

Und so prachtigen Putz machen Sie! Wie schon ist das Band am Hute aufgesteckt! Ich verstehe gar nichts von diesen Dingen, auf die die Leute so streng sehen. Heute am Tisch bin ich so gemustert worden, dass ich immer dachte: Wartet, das nachste Mal sollt Ihr sehen, dass ich die neueste Mode trage. Ich dachte an Sie, liebe Franziska.

Wie sind Sie gutig!

Ich gestatte Euch, Eure Toilettengesprache im Wagen fortzusetzen, wahrend ich vielleicht schlafe, bemerkte Ackermann. Es wird zu finster. Gute Nacht, Frau Pfarrerin.

Grosser Stromer! Dein Weib wischte sich erst die Hand ab, ehe sie die ihr von Ackermann gebotene annehmen konnte. Die Kuche, die Magde, die Huhner, die Eier, das Futtern, das Waschen, das Putzen ... und die Kinder! Die Kinder! Die Kinder!

Oleander sagte, dass morgen zeitig eingeholt werden musste, was heute versaumt ware.

Selma antwortete nichts darauf. Sie schien zerstreut und noch nicht frei von den beklemmenden Gefuhlen, die sie heute in Louis' Nahe druckten. Siegberten, der einige freundliche Worte mit Ackermann gewechselt und von diesem eine herzliche Einladung zum Besuche im Ullagrunde erhalten hatte, verneigte sie sich fluchtig, aber mit einem jener wohlwollenden Blicke, die nur so im Voruberstreifen hingeworfen an Frauen immer bezaubern mussen. Leidenfrost hatte einmal zu Siegbert diese Blicke, die auch Melanie sehr in der Gewalt hatte, wenn sie durch das Berg'sche Atelier schwebte, pantheistische genannt und seine Bezeichnung so erklart: Die Frauen wollen gewissermassen mit diesen Blicken sagen: Freund, auch du bist liebenswurdig und ich wurde dich gern nehmen, wenn ich nicht schon schwarmerisch liebte und bei unsern dustern monotheistischen Ideen nur Einen Gott und keinen Andern neben ihm haben durfte!

Louis reichte dem Knecht das Packchen hinauf, das er neben sich legte. Im Wagen war es ziemlich eng; denn statt der kleinen Hedwig, die Ackermann zuruckgebracht hatte, ging heute der mittelste Knabe mit, Waldemar, dessen Pathe der alte Furst Waldemar von Hohenberg gewesen war. Alle zwei, drei Tage wechselte Selma unter den Kindern der Frau Pfarrerin ab, die noch an dem Wagenschlage stand und fur die Liebe dieser guten Menschen dankte. Ackermann, der noch immer in einer gedruckten, nachdenklichen Stimmung blieb, schien froh, als sich endlich sein Gaul in Bewegung setzte. Franzchen reichte voll Innigkeit und freudigen Dankes Louis noch die Hand, wahrend der Wagen schon rollte.

Louis und Siegbert mussten, da sie ihre Hute in dem Pfarrhause gelassen, wieder zuruck eintreten und Oleander mochte sie nun nicht weglassen.

Sie wissen, was Sie mir gestern versprochen haben, sagte er zu Louis.

Louis, dem es peinlich war, Murray aus seiner einsamen Ruhe aufzuschrecken, dachte sehr lebhaft daran, ob nicht Siegbert, er und Oleander den Abend zusammen zubringen konnten.

Herr Oleander wollte die Gute haben, mir von seinen Gedichten vorzulesen ... bemerkte er mit fragendem Blicke nach Siegbert hin.

Dieser erwiderte sogleich:

Ein Dichter dem andern! Wissen Sie, Herr Oleander, dass Louis die artigsten franzosischen Verse macht und ich sie zu ubersetzen versuche?

Diese Nachricht erfreute den schwabischen Vikar so, dass er nicht ruhte und die Freunde durchaus bei sich zu behalten erklarte.

Frau Pfarrerin, Sie schicken uns einen Thee auf mein Zimmer, heizen ein und das gleich! Erst hab' ich noch einen kleinen Gang. Dann kommen Sie hinauf oder gehen Sie sogleich selbst und machen Sie sich's oben bequem!

Louis sagte, er zoge vor, erst auf das Schloss zu gehen und Sorge zu tragen fur das Nachtlager seines Freundes. Siegbert bat, keine Umstande zu machen. Louis, der nur gern ein Wort mit Murray sprechen, den armen Verlassenen, Einsamen begrussen wollte, hielt Siegberten zuruck und ging mit Oleander, der eine Kranke, die Mullerin in der Muhle, besuchen wollte, hinaus in die inzwischen vollstandig herabgesunkene Nacht.

Wie trieb es Louis hinauf zu Murray! Es lastete auf ihm wie eine Schuld der Lieblosigkeit. Er hatte ein Fest genossen, einen Freund gefunden, das Gluck gehabt, Franziska glucklich zu machen und da oben sitzt in stiller Verlassenheit der freudlose, nur in sein Inneres blickende, wehmuthige, gewissenskranke Alte, der dies Erdenleben nur noch fur eine letzte Prufung ansah und alles Trauerbringende fur seine Bestimmung! Es trieb Louis, als hatte er ihm um den Hals fallen und diesen ganzen reichen, glucklichen Tag abbitten mussen.

Auf dem Emporwege begegnete ihm Brigitte, mit der er rasch besprach, dass sie noch ein Zimmer zu offnen, noch ein Bett zuzurichten hatte. Und ob das Fuhrwerk der Frau von Sanger die Nacht uber versorgt ware? Alles Das fragte und bestellte er rasch hintereinander. Die Alte nickte und gab auf Jedes ihren hoflichen Bescheid. Nur eine Bemerkung war ihm peinlich. Der Amtsvoigt Pfannenstiel ware bei ihr gewesen und hatte nach dem alten Herrn oben gefragt, ware auch selbst zu ihm gegangen und hatte ihn ersucht, der Ordnung wegen, seinen Namen und seinen Stand aufzuschreiben.

So! So! sagte Louis und wollte seine Besorgniss verbergen. Das ist ja Alles in der Ordnung. Vergesst das Bett nicht!

Nun erst hatte er recht Eile, zu Murray zu kommen.

Er fand diesen wirklich in einiger Bewegung und begrusste ihn sogleich mit den heftigsten Vorwurfen gegen sich selbst.

Ich lasse Sie allein! Verurtheilen Sie mich! Ich bin ohne Aufmerksamkeit fur meine Freunde! Vergeben Sie mir!

Beruhigen Sie sich, lieber Louis, sagte Murray mit weicher Gelassenheit. Ich bin nie in Verlegenheit, mich mit mir selbst zu beschaftigen. Nur wenn ich grade sagen soll, was ich treibe, beunruhigt mich's. So vorhin, wo ich der Ortspolizei uber Sie und mich, der Ordnung wegen, einen Nachtzettel habe ausfertigen mussen ...

Uber Sie und mich? Wenn auch ich verdachtig erscheine, beruhigt mich diese Nachfrage. So sollte nur eine Formlichkeit erfullt werden.

Besorgten Sie, dass mein Erscheinen auf diesem Schlosse und meine Zuruckgezogenheit auffallt? Horten Sie etwas daruber?

Man bedauerte, dass Sie nicht zu dem Diner kamen. Niemand verlangte, dass ich von Ihnen mehr sagte, als dass Sie ein alterer Freund und Gonner meiner heute uber Gebuhr gefeierten Person sind.

Louis theilte nun Murray in gedrangter Kurze seine Erfahrungen mit. Ackermann's Benehmen in dieser Gesellschaft schien Murray recht ein sprechender Beweis fur den Charakter, den er in ihm schon am Missouri erkannt hatte.

Ich sehe die Ironie auf seinem Antlitz! sagte er. Denn Sie mussen wissen, dass mir Ackermann oft erschien wie ein den hochsten Standen angehorender Fluchtling. Sein Incognito war sozusagen wie das eines Fursten. Bei jeder Luftung seines Rockes glaubte man einen Stern auf der Brust zu sehen ...

Louis erzahlte von den Huldigungen, die man dem Fursten Egon dargebracht hatte, verweilte aber am langsten bei der uberraschenden Begegnung mit Siegbert Wildungen. Das, was Murray am meisten interessiren musste, Franzchen's Ubersiedlung aus dem Forsthause, schien er ganz zu vergessen ...

Endlich kam auch Louis auf diese und konnte nicht umhin, von Murray's Schwester eine Schilderung zu machen, die Niemanden mehr bekummerte als diesen selbst.

Ist sie, sagte er, wie ich fast fur gewiss annehmen muss, in einem kindischen Zustande, denkt ihr Geist nur an das Nachste, wie soll ich von der Vergangenheit etwas erfahren konnen! Was hoffen Sie uberhaupt von meinen Absichten, lieber Louis? Ich sitze hier still in diesem Eckzimmer, lese, gravire, klimpere auch auf dem verstimmten Flugel ... wird der Zufall mir Das, was ich suche, in den Schooss werfen?

Ich fuhle Ihren Vorwurf, Murray

Keinen Vorwurf, junger Freund! Wenn ich mir zum Neide auch manchmal eine Tugend, die uns zum Guten spornen kann, denken muss, so kann ich wohl sagen: Wie beneid' ich Sie um diesen frischen sorglosen Genuss Ihrer kleinen anregenden Begegnisse! Wie frisch, wie herbstlich angerothet sehen Sie aus! Wie heiter scheint Sie all' dies Einblicken in fremde Herzen und fremde Interessen zu ergreifen! Und Sie lieben, Freund! Sie sahen einem jungen Madchen in's Auge! Wie konnt' ich da verlangen, dass Sie auf die Busse denken, die ich mir fur alte Sunden auferlegte. Vergeben Sie, dass ich Sie Ihren Fuss in meine finstern Kreise setzen liess!

Murray! Murray! Was reden Sie? Ich Ihnen vergeben? Vergeben, dass Sie mich in das innerste Getriebe Ihrer gelauterten Seele haben blicken lassen? Ach, ich lauer, trager Freund! Morgen versprech' ich Ihnen, dass wir Hand anlegen und zu einem Ziele kommen. Ich bin nicht so leichtsinnig gewesen, nur an mich zu denken. Ich habe uberlegt ...

Mit Vorsicht?

Ich denke, wir knupfen an das verstimmte Instrument an. Ich gehe und lade Ihren blinden Bruder ein mit seinem Sohne, der nicht hort ...

Aber sieht ...

Das ist schlimm! Ich mochte, Zeck trate hier ein Sie sitzen in einer Ecke und beachten unser Gesprach Ich beginne von Zeck's Verhaltnissen und lenke immer mehr auf den Punkt hin, wo ich etwa mich stellen konnte, als wenn ich von Ursula Marzahn Dinge gehort hatte, die ich von ihm bestatigt wunschte ...

Dies System macht einem Inquirenten Ehre! sagte Murray lachelnd. Aber ich furchte die Gegenwart eines Solchen, der mich sehen kann ...

Ich will etwas ausdenken, den Sohn zu entfernen und nur den Alten im Zimmer zu behalten ... er ist trotz seiner Blendung von einer bewunderungswurdigen Geschicklichkeit und wird an dem Instrumente bald erkennen, was wir wunschen

Wohlan! Es gibt keinen andern Weg! Und wissen Sie, dass ich das Nachste, Beste wahlen muss aus einem mir plotzlich doch aufgestiegenen, sonderbaren angstlichen Gefuhle ...

Furchten Sie etwas?

Wenn ich den Gedanken an meine Sicherheit Furcht nennen soll, so furcht' ich wirklich ...

Weil man nach unsrem Namen fragte?

Nein, weil man mich beobachtet. Sehen Sie dort zum Garten hinuber, hinter den Buschen!

Louis stand betroffen auf und wollte an das Fenster, auf das Murray deutete.

Murray hielt ihn aber mit den Worten zuruck:

Nein! Nicht so! Erst nehmen Sie das Licht und stellen Sie es an ein andres Fenster! Dann werden die Lauscher glauben, dass wir dort stehen, und da hervortreten, wo wir sie sehen konnen, ohne gesehen zu werden.

Ich bin erstaunt! ... sagte Louis, stellte das Licht gegen ein andres Fenster und folgte Murray hinter eine Gardine.

Sehen Sie hinter den entlaubten Buschen jene beiden Manner?

Nicht deutlich. Es ist zu finster ...

Warten Sie eine Weile, bis sich Ihr Auge an die Dunkelheit gewohnt hat. Sehen Sie nur starr in die Nacht hinaus!

Ich erblicke etwas

Die Busche bewegen sich

Ich erblicke zwei Manner ... in niedergedruckten Huten

Die sich vorbeugen

Und die Fenster fixiren! Das sind Landstreicher! Seien Sie unbesorgt! Ich habe schon gestern von Heunisch gehort, dass Anzeige gekommen ist, man mochte alle Fremden streng bewachen

Schon gestern umschlichen diese beiden Manner das Schloss

Lassen Sie! Ich gehe hinunter ...

Um's Himmelswillen! Setzen Sie sich keiner Gefahr aus!

Die Manner entfernen sich. Ich folge ihnen ...

Nein, nein! Lassen Sie!

Sie sind verschwunden ...

Genug, ich will nicht, dass Sie ihnen folgen. Bleiben Sie da!

Das kann ich nicht, Murray ...

Louis bat den Alten nun um Vergebung, dass er ihn heute Abend wieder allein lasse. Er wolle mit Siegbert bei Oleander den Abend zubringen.

O gewiss! Thun Sie Das! sagte Murray. Wenn drei so reine Flammen ineinander flackern, Das muss ein behagliches Licht geben! Gehen Sie! Aber erst nach einer Weile.

Murray fesselte Louis durch die Wiederholung Dessen, was sie fur morgen versuchen wollten. Dann kam Brigitte, ordnete das Bett, gab auf die Frage nach zwei Mannern im Garten die Antwort, dass sie nichts gesehen hatte und es vielleicht der Kutscher und der Bediente der Frau von Sanger waren; kurz, Murray war endlich beruhigt und gestattete Louis hinunter zu gehen in die Schmiede, um seinen Bruder fur morgen zu bestellen. Er wunschte Louis jede nur mogliche Anregung durch einen mit einem Kunstler und einem Dichter zugebrachten Abend.

Louis sah sich unten nach allen Richtungen um, die beiden Manner zu entdecken. Er fand sie nicht. In der Schmiede war Alles wie ausgestorben. Das Handwerkszeug lag umher. Die Kohlen waren vergluht auf dem Herde. Louis rief. Niemand antwortete. Eine Treppe, bemerkte er in der Dunkelheit, ging von der Werkstatt empor. Er rief hinauf. Die Stimme eines alten Weibes liess sich horen.

Ist denn Niemand hier? fragte Louis laut hinauf.

Niemand hier! wiederholte es fast echoartig.

Alles fort?

Alles fort!

Wie ausgestorben und ausgeflogen?

Jetzt horte er Holzpantoffeln.

Eine kleine gebuckte Alte kam mit einer Laterne ...

Du mein Gott, larmte sie, sind die beiden Taugenichtse fort

Der alte Zeck und sein Sohn? fragte Louis erstaunt uber dieses Pradikat, das im Munde eines wie es schien hier dienenden Wesens etwas vermessen war.

Nein, hiess es, die beiden Gesellen!

Hier ist Niemand. Wo ist der Meister und sein Sohn?

Dieses Volk!

Wetter! rief Louis. Ich frage nach Denen, die ihr nicht Volk nennen werdet. Sind sie im Ullagrund?

Die beiden alten Schlingel?

Die krumme Alte kam aus dem Zorn uber die unerlaubte Abwesenheit der beiden Gesellen nicht heraus. Sie wetterte uber diese unzuverlassigen Spitzbuben, die jedoch morgen, Gott sei Dank! mit dem letzten Wochentage das Weitere zu suchen hatten.

Louis zweifelte kaum daran, dass die beiden so heftig vermaledeiten Gesellen die Spaher im Garten waren und beschloss ernstlich auf seiner Hut zu sein.

Als er den alten und jungen Zeck zu morgen fruh zehn Uhr, falls er nicht im Ullagrunde arbeitete, auf das Schloss bestellt hatte, konnte er nicht umhin, die Alte zu fragen, ob sie schon lange bei dem Meister diene. Sie sagte:

Funfzehn Jahre!

Es drangte ihn, sie weiter auszufragen; doch furchtete er, dem mistrauischen Blinden, der gewiss jedes seiner Worte wiedererzahlt bekam, damit Verdacht zu erwecken. Er wiederholte daher nur einfach seine Bestellung und verliess die Schmiede, wahrend die Alte sich nicht beruhigen konnte, wo die beiden Gesellen, wie sie sagte, ein Ende genommen hatten.

Louis beflugelte jetzt seinen Schritt, um an das Pfarrhaus zu kommen. Wie erstaunte er, als er in der Ferne deutlich wieder jene beiden Gestalten entdeckte, aber nicht allein, sondern mit einem Manne in Amtskleidung im Gesprach begriffen! Sie trugen kurze Jakken und waren ohne Zweifel die beiden unfleissigen Arbeiter. Den Mann in der Amtskleidung hatte er bei dem Diner heute auf dem Corridor gesehen. Er folgte den Dreien, die ruhig und wie im vertraulichsten Gesprach nebeneinander schlenderten. Sie schlugen den Weg zum Amthause ein. Jetzt wandten sie sich, blieben eine Weile stehen, zeigten auf das Schloss hinauf und traten dann wieder ihre Wanderung zum Amthause an, wo sie zuletzt durch einen Vorbau Louis' weiteren Blicken entzogen waren.

Er war dabei uber das Pfarrhaus schon hinausgekommen.

Nachdenklich musste er stehen bleiben und sich zu erklaren suchen, was er von diesem Vorfalle denken sollte. Die Furcht vor Dieben gab er auf. Da ihm nichts beifallen wollte, was ihm ganz wahrscheinlich dunkte, so glaubte er zuletzt sich beruhigen zu konnen und voraussetzen zu mussen, dass diese Arbeiter in das Amtshaus waren gerufen worden zu irgend einer mit dem Schlosse in Verbindung stehenden Reparatur oder einer sonstigen Dienstleistung.

Er kehrte zum Pfarrhause zuruck und sah in das nicht geschlossene, matt erleuchtete Fenster. Es war eine Scene, die ihn fesselte. Zwei Kinder sassen um einen runden Tisch und hatten grosse Zeitungen vor sich aufgeschlagen, aus denen Siegbert sie vorlesen liess. Die Mutter, das jungste schlummernde Kind im Schoosse, mit einem Strickstrumpf in der Hand, sah bald auf diesen, bald auf das Kind, bald auf Siegbert, der seine Freude an dem gelaufigen Lesen der Kinder hatte und ihnen das Gelesene zu erklaren schien. Sie lachelte vor Vergnugen uber die Fertigkeiten, besonders Hedwig's, die alle von Siegbert ihr vorgelegten Fragen gewandt beantwortete. Dazu das matte Licht einer kleinen Lampe, die lautpickende, bis draussen horbare Wanduhr, die Stille im Dorfe ... Louis mochte sich kaum entschliessen, die einfache, friedliche Scene zu storen. Aber der Hund, der unterm Tisch lag, witterte ihn und schlug an. Da musste er in die Hausthur und seinen guten Abend sagen.

Ich bin lange geblieben ...

Oleander ist auch noch nicht da, bemerkte die Pfarrerin. Die Mullerin hat ein zehrendes Siechthum und bittet immer den Guten, ihr Abends ein Capitel aus der Bibel vorzulesen. Heut' sind es mehr geworden, sagte sie. Er bleibt lange ...

Inzwischen haben mir die Kleinen aus dem "Jahrhundert" die Werke ihres Papas vorgelesen, sagte Siegbert und zeigte auf die grossen Blatter, die uber den Tisch ausgebreitet lagen ...

Wir bekommen sie vom Justizdirektor, sagte die Pfarrerin. Sie sind immer schon langst gelesen. Wenn sie die Reihe herum sind, bekommen wir sie auch noch und die Kinder freuen sich immer, wenn da steht: Guido Stromer.

Hier ist noch etwas vom Vater, rief Hedwig und zeigte auf ein Gedicht ...

Oleander bleibt lange aus. Das Theewasser steht schon oben, bemerkte die Pfarrerin.

Lies dem Herrn Louis Armand auch etwas vor, Hedwig, bemerkte Siegbert. Du hast einen Vater, den alle Menschen hochverehren, weil ihm Gott die herrlichsten Gaben verliehen.

Einen leisen Seufzer, der durch das Zimmer fuhr, horten Louis und Siegbert nicht. Er kam von der Pfarrerin ...

Hedwig las: "An Diotima" ...

Wer ist Diotima? fragte sie ...

Diotima? sagte Siegbert und blickte auf die Zeitung, die in ihrem Feuilleton ein Gedicht auf Diotima enthielt mit der Unterschrift: Guido Stromer.

Diotima, sagte er, mein Kind, Diotima und Aspasia waren Freundinnen beruhmter Weltweisen des Alterthums und werden noch jetzt als Bezeichnung schoner, sehr edler Frauen gebraucht. Diotima heisst auf Deutsch: die Gottesfurchtige.

Die Uhr hatte einen singenden Ton bei ihren Pendelschwingungen. Es raschelte fast geheimnissvoll im Zimmer ...

Hedwig las: "An Diotima: Windest du Rosen in's Haar dir, Gottliche, wahle die weissen! Denn in den weissen noch gluht zart ein beschamendes Roth".

Der Hund schlug an und schnupperte ...

Liebt der Vater die weissen Rosen? fragte Siegbert, dem diese Distichen nicht fur Kinder geeignet vorkamen und der Olga's gedenken musste.

Wir haben im Sommer mehr weisse als rothe im Garten, sagte Hedwig.

Der Kirchhof, fiel seufzend die Mutter ein, liegt dicht an unserm Garten ...

Siegbert machte Louis eine Miene, ob sie nicht hinaufgehen wollten?

Aber Hedwig hielt ihn zuruck und rief:

Da ist noch ein Gedicht an die andere gute Dame:

Aspasia! Soll ich es lesen?

Die Pfarrerin blickte auf ihr schlummerndes Kind. Ach, es lag ein unendliches Weh in ihren Augen, so druckend, so schwer, wie diese Schwule im Zimmer ...

Ohne die Erlaubniss abzuwarten, las Hedwig: "An Aspasia: Dir, der Schwester, das Roth! Die Centifolie pranget wie in Kohlen die Glut schoner im glanzenden Schwarz".

Die Uhr schrillte, wie immer, wenn sie eben schlagen wollte ...

Oleander kam nun und erloste Siegbert, der von Guido Stromer's excentrischem Leben mehr wusste als hier Alle, erloste ihn von der Pein, die Kinder das Lob entziffern zu horen, das der "seinem Genius folgende" Vater wol schwerlich hier an die alten Freundinnen des Sokrates gerichtet hatte ...

Ach, in die leise Wehmuth, die auf diesem Nebelbilde des Lebens ruhte, kam noch Oleander's Wort:

Die Mullerin ist eben entschlafen ...

Die Pfarrerin erschrak.

Reinick war von der Tafel gleich zu ihr gegangen, sagte Oleander, und blieb bis jetzt ...

Indem rollte auch der Wagen des treuen Arztes am Hause voruber ...

Ihre Augen sind zu, sagte Oleander. Ihr Ohr horte noch lange, was ich las und sprach. Dann hielt sie mir die Hand so hin, dass ich sie fasste. Sie starb, wie ein Licht erlischt. Und dabei hielt die Muhle nicht still. Die und der Muller waren seit Jahren an das Sterben der Mullerin gewohnt. Das Muhlrad rundum und sie stirbt. Ich hatte nicht einmal gemocht, dass es schwieg. Wir fahren so hin. Leben, Tod, Tod, Leben ... Eins lehnt sich an's Andre ... Und es ist trostlich so. Genug. Es ist vorbei. Kommen Sie nun hinauf, lieben Freunde!

Louis und Siegbert folgten bewegt dem Vikar, der hinausschritt auf die Treppe zu und auf ihr voranging. Die Pfarrerin leuchtete ...

Oben ist Licht! sagte sie tonlos ...

Oben ist Licht! wiederholte Oleander, sinnig das Wort deutend auf die Entschlafene ...

Die drei guten, sanften Menschen stiegen hinauf ...

Die Pfarrerin aber weinte noch lange um die Nachbarin? Von dem Engel, der im Zimmer unsichtbar stand und uber diese Gedichte auf Aspasia und Diotima, vorgetragen von den eignen Kindern, gewidmet zweien unwurdigen Frauen, weinte, bemerkte sie wol nichts. Dieser Engel hielt ihr wol nicht das Buch entgegen, wo sie hatte gezeichnet sehen konnen Oleander den Pfarrverweser an dem Sterbebett der Mullerin und Den, dessen Dienst und hohen Beruf er vertrat, vielleicht im selben Augenblick in einem Salon unter hellen Kerzen Geist zerzupfend, Ideen wie Brillanten in den Augen schoner Weiber sich brechen lassend, vielleicht schmachtend zwischen Melanie und Pauline und Egon, vielleicht gar unter dem gespenstisch warnenden, finster drohenden flammenden Kreuze wieder, wie damals ... die gute Frau sah die Himmlischen bewahrten uns vor zu ferntragenden Augen nur den Tod der Mullerin, horte nur das ferne Verrollen des Wagens, der den treuen Arzt nach Randhartingen zuruckbrachte, horte nur das Rauschen der Muhle, das wie ein Sterbelied ihr erklang und ermahnte die Kinder, zu Bett zu gehen und mit ihrem gewohnten Abendsegen und in Liebe zu ihrem Vater einzuschlafen ...

Oben aber brachten drei edle Menschen bis gegen Mitternacht im glucklichsten Gesprache uber die Fragen zu: Was ist Poesie? Was wahre Kunst? Was Tugend? Was Pflicht? Was Leben? Was Tod und Unsterblichkeit? Mit dem Aufgang des Mondes, lange nach zehn Uhr, stiegen Louis und Siegbert unbehindert zum Schlosse empor und ruhten von einem schonen dankenswerthen Tage aus.

Neuntes Capitel

Die Stimmschraube

In der Zeck'schen Schmiede standen schon am fruhen Morgen drei Arbeiter beschaftigt.

Der junge Zeck und die beiden neuen Gesellen, die jedoch, da sie den gehegten Erwartungen nicht entsprachen, hier heute zum letzten Male arbeiteten ...

Es waren in der That zwei alte Bursche, von denen man nur der Blindheit des alten Zeck und seiner uberhauften Arbeiten wegen begreifen konnte, wie er sie in seine Werkstatt hatte aufnehmen konnen. Ohne Zweifel trieb ihn nur eine rastlose Gewinnsucht, die ihn wiederum nicht fur ihn selbst, sondern fur das kunftige Schicksal seines beschrankten, unanstelligen Sohnes zur Thatigkeit spornte. Er machte sich anheischig, Ackermann auch Schlosser- und Klempnerarbeiten zu liefern und wurde, wenn er die Krafte hatte auftreiben konnen, sich zu allen Geschaften, die nur mit dem Feuer zusammenhingen, erboten haben. Es war eine Gier nach Besitz in ihm, die den Alten gefahrlich erscheinen liess.

Die beiden fahrenden Arbeiter hatten bei ihm vorgesprochen und erhielten fur Ackermann's amerikanische Muhle genug zu hammern und zu feilen. Aber gleich nach dem ersten Tage merkte Zeck, dass ihnen die Arbeit nicht flink von der Hand ging und dass sie lieber plauderten, assen, tranken und recht im Wandern und Fechten steifgewordene Vagabunden waren. Er hatte mit Dem, was sie fertigten, bei Ackermann wenig Ehre eingelegt und von diesem sich mussen sagen lassen:

Alter, ich lobe Euern Eifer zum Arbeiten und Geldverdienen, allein ich kann Euch die unangenehme Erklarung nicht ersparen, dass mit dem Monat Marz, wenn nur erst die Lufte ein wenig milder werden, allerhand neue Schmiede, neue Schlosser und Spengler hier eintreffen werden, die ich mir, naturlich auf einige Wochen nur, verschrieben habe. Der erste Grundsatz eines Geschaftsmannes muss sein, sich nicht aus Rucksicht auf Diesen oder Jenen, den man zu kranken sich furchtet, mangelhafter Arbeit auszusetzen.

Ach, Herr, hatte Zeck darauf kurz und gefasst erwidert, ich bin ja blind! Aber wenn Sie Pferde kaufen ...

So versprech' ich Euch, Zeck, dass Niemand anders an ihren Huf kommt als Ihr oder Euer Sohn.

Mit diesem Troste aufrecht erhalten, aber doch innigst ergrimmt, hatte Zeck den beiden Arbeitern erklart, dass er zwei so alte faule Schlingel nicht langer beschaftigen konne ...

Der Schlosser raspelte an einigen alten Krammen, die kleiner werden sollten. Der Klempner nietete einige Blechstucke zu einem kleinen Dache zusammen. Der junge Zeck schmiedete Hufeisen und kehrte den beiden Andern, die er ohnehin nicht horen konnte, oft den Rucken.

Der Schlosser sagte zum Spengler, dem er heimlich aus einer Flasche zu trinken gab:

Gott sei Dank! heut' Abend haben die Narrenspossen ein Ende

Mich bringt Keiner mehr zu so einer Commission -erwiderte der Andre und trank ...

Ich habe immer gedacht, fuhr der Schlosser fort, Handwerk hat einen goldnen Boden. Aber meiner ist eingeschlagen. Ich konnte keinen Schlussel mehr zu Stande bringen.

Das ist gut fur Ihre Ehrlichkeit!

Der junge Zeck merkte, dass beide Arbeiter die Lippen bewegten und roch wol auch den Duft des Getranks ...

Faullenzer! unterbrach er sie. Denkt Ihr, dass Ihr heute nichts mehr zu schaffen braucht, weil's Gott sei Dank der letzte Tag ist? Nicht einen Groschen zahlt Euch der Alte aus, ihr Taugenichtse!

Schone Complimente! bemerkte der Klempner.

Manchmal, sagte der Schlosser und raspelte, hab' ich doch schon gedacht: Du nimmst einen Hammer und klopfst Dem oder dem Alten ein bischen auf den Schadel. Verloren ware doch nichts an ihnen.

Man muss es tragen, weil's Dienstsache ist

Ja, waren die Diaten nicht ...

In diesem Augenblick kam der alte Zeck die Stiege herunter. Er blieb ohne fehlzutreten eine Weile an der untersten Stufe stehen, als wollt' er sich erst in der Werkstatt zurechtfinden und horen, ob Jeder an seiner Arbeit ware. Dann ging er an den Blasebalg und schurte das Feuer, das ihm matt vorzukommen schien.

Die Mullerin ist gestorben, sagte er vor sich hin. Gott hab' sie selig ...

Seinem Sohne diese Nachricht mitzutheilen, war im Larm des Klopfens, Feilens und beim Brausen des Blasebalgs nicht moglich ...

Um zehn Uhr auf's Schloss! sagte er wieder nach einer Weile vor sich hin.

Was brummt der Alte? flusterte der Spengler.

Er sagte etwas vom Schloss meinte der Andre.

Anneliese! schrie der Alte plotzlich wie mit einer Stierstimme, dass die beiden Arbeiter, die etwas schwachnervig waren, zusammenschraken. Besonders bekam der Spengler das Zittern ...

Anneliese! wiederholte der Blinde.

Nach einer Weile kam die alte Magd halb auf die Stiege herab und kreischte:

Meister!

Um zehn Uhr? fragte der Blinde.

Um zehn! bestatigte Anneliese und wiederholte die Erzahlung der Einladung und Bestellung noch einmal.

Die beiden Arbeiter horchten auf. Der Blinde merkte Das am Ruhen ihrer Instrumente.

Nun, schrie er sie an, schlafen Euch die Arme ein?

Scheert Euch zum Teufel, antwortete der Schlosser; Ihr seid ein Grobian! Und wenn Ihr uns in Gold auszahltet, bei Euch bliebe kein ehrlicher Arbeiter.

Die Worte: Ehrlicher Arbeiter und in Gold auszahlen machten einen eignen Eindruck auf den Blinden. Sonst schon hatte er bei solchen Zankereien gesucht, den beiden Arbeitern nahezukommen und sie mit dem Schurhaken, den er mechanisch rasch zu ergreifen wusste, niederzuschlagen. Es war ein angstlicher Anblick gewesen, wenn der wilde Blinde wuthschaumend herumtastete und die Andern vor ihm flohen. Heute aber machte ihn das Wort vom In Goldauszahlen stutzig. Er wetterte nur mit Schimpfreden, die von der zankischen Anneliese unterstutzt wurden, bis ihr der Blinde andeutete, sie sollte nun auch an die Arbeit gehen.

Eine Zeitlang ging es in der Schmiede zwar gerauschvoll genug, aber still in der Unterhaltung so fort.

Um acht Uhr sprach ein Jager mit Pfeife und Buchse auf dem Rucken vor. Es war Heunisch, der den alten Zeck um einen Karren bat, um Franzchens Sachen nach dem Ullagrund zu fahren. Er verlangte auch, dass der junge Zeck den Karren ziehen sollte.

Das hatte beim Alten durchaus keinen Anstand; doch musste ihm Heunisch erst erzahlen, wie diese Anderung so rasch gekommen war.

Wahrend Der das umstandlich und in seiner Weise vortrug, machten sich die Arbeiter einige Male bedeutende Gebehrden, sodass Heunisch, der sie misverstand, nachdrucklich seine Erzahlung damit schloss:

Naturlich geh' ich mit dem Jungen mit und stopfe nicht blos meine Pfeife dabei, sondern auch meine Buchse. Es soll jetzt Gaunervolk hier herum lungern.

Der Schlosser lachte vor sich hin.

Warum lacht Er? fragte Heunisch. Ich rathe Ihm nicht zu lachen, wenn ich Ihm morgen noch im Walde begegnen sollte!

Der Blinde nahm den aufgeregten Jager und ging mit ihm vor die Thur der Schmiede.

Wie gesagt, meinte jetzt der Schlosser wieder, wenn die Diaten nicht waren

Ich muss sagen, fiel der Andre ein und wischte sich den Schweiss von der Stirn, eine solche Commission ubernehm' ich nicht wieder eine Kugel in den Leib macht allen Diaten ein Ende!

Der grimmige Kerl konnte uns den Spass versalzen. Vom Forsthause konnen wir nicht ein Wort berichten. Vorgestern Abend, den Versuch werd' ich mein Lebtag nicht vergessen. Ich wunschte nur, ich hatte die bleierne Pille, die der Kerl mir zu kosten geben wollte, aus dem Eichbaum, in den sie fuhr, mitnehmen konnen. Die sollten sie mir zu Hause schon versilbern!

Wenn der Jager heut' Nachmittag fort ist, bemerkte der Spengler, und wir um Mittag aus unserm Dienst treten und doch noch einen Versuch machten, in's Forsthaus zu kommen ...

Wir mussen Pfannenstiel fragen, sagte der Schlosser und winkte zum Schweigen; denn der alte Zeck kam zuruck und zwar allein.

Bis gegen neun Uhr wurde so fortgearbeitet ...

Der Spengler hatte da den Muth, den Blinden zu fragen:

Wisst Ihr denn, Meister, was es auf dem Schlosse zu arbeiten gibt?

Das geht Euch nichts an!

Vielleicht ist's Schlosserarbeit, meinte der Andre, der vorhin verrathen hatte, dass er mit dem Gerichtsdiener Pfannenstiel vertraut war.

Der Blinde wusste schon, dass das Anfertigen einer Stimmschraube fur ein Fortepiano von ihm verlangt wurde und sprach daruber lauernd und listig, um sich Raths zu holen.

Als der Schlosser sich auf einen solchen Drucker, wie er's nannte, besonnen hatte, fragte der Spengler:

Spielt der Alte mit der schwarzen Binde auf dem Clavier oder der Franzose?

Mit der schwarzen Binde? wiederholte Zeck. Welcher Alte? Wer? Schwarze Binde? Wer ist da blind?

Der mit dem Franzosen hier angekommen und oben logirt. Er heisst, wie heisst er doch?

Der Schlosser sagte:

Es ist ein Englander, Namens Murray, blind ist er nicht, aber fuhlt ihm auf den Zahn, Meister! Der hat den Teufel im Leibe und seine Augen scheinen mir gesunder als die Eurigen.

Woher kennt Ihr denn die Leute, die da oben wohnen?

Man kommt in der Welt herum! sagte der Spengler.

Der Blinde forschte nicht weiter. Er riss nur die Augen gross auf, als wollte er um jeden Preis sehen. Es kam ihm vor, als hatte in diesen Ausserungen seiner Gesellen ein Ton gelegen, der ihm befremdlich vorkommen sollte. Nach einer Weile wiederholte er:

Ihr seid in der Welt herumgekommen? Warum tragt der denn oben eine schwarze Binde?

Was wissen wir's? Fragt ihn! meinte der Spengler. Aber der konnte Euch ja wiederfragen: Warum seid Ihr denn blind, Meister?

Lumpenvolk! schrie Zeck jetzt zornig und hob die Schurstange, dass jene bei Seite sprangen. Warum ich blind bin? Weil Ihr's nicht seid! Ihr Faullenzer! Habt Ihr je einmal im Leben einen Zoll tiefer in's Feuer gesehen, als Ihr solltet? Euch haben die Funken wenig um die Nase getanzt, Ihr Landstreicher Ihr! Weil ich fleissig war, bin ich blind.

Der junge Zeck lachte uber die furchtsame Art, wie die Gesellen retirirten und fast rucklings uber altes Eisen fielen.

Indem rief aber eine Stimme an der Thur:

Hoho! Meister! Seid Ihr auf der Jagd? Wollt Ihr wol Ruhe geben!

Es war Pfannenstiel, der vom alten Zeck immer mit einer Art Beklommenheit empfangen und begrusst wurde.

Guten Morgen, Herr Amtsvoigt! sagte der Blinde, der die Stimme sogleich erkannte. Die Hallunken gehen heute, sonst erlebt' ich vor Arger nicht die nachste Lichtmess und Lichtmess ist mein Geburtstag.

Kommt Ihr einmal heraus, rief Pfannenstiel den Arbeitern, ich hab' Euch etwas zu berichten.

Damit liessen die Arbeiter Alles liegen und gingen vor die Schmiede zu dem Amtsvoigt.

Zeck sah das Alles im Geiste vor sich und war nicht wenig erstaunt daruber. Jetzt hatt' er seinem Sohne mogen in's Ohr schreien: Was ist Das? Was geschieht da? Was kann ich Alles nicht sehen? Und er sah wiederum doch deutlich vor sich, wie dieser dumm zuglotzte und immer auf sein Hufeisen zuschlug. Eine unbeschreibliche Ungeduld fasste den Blinden. Er folgte Pfannenstiel und horte, dass dieser immer weiter abseits mit den Arbeitern trat, sodass er voller Zorn und Arger ihnen nachrief:

Gott verdamm' mich! Ich zahle keinen Groschen Lohn, wenn bis heute Mittag nicht die Krammen fertig sind und das Dach. Schlag' das Wetter drein, Herr Amtsvoigt, haltet mir das Volk nicht noch vom Arbeiten ab!

Die beiden Arbeiter kehrten zuruck. Pfannenstiel entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen ...

Diese Stille, dies Schweigen hatte fur den Blinden etwas furchtbar Peinliches. Er rannte umher wie ein taumelnder Stier. Er verlor selbst die Kenntniss des Ortes, in dem er sich befand. Der Sohn, bei alledem halb lachend, weil sich der Alte stiess, musste ihn zurechtfuhren und ihn dadurch zur Besinnung bringen, dass er ihm den Strick des Blasebalgs in die Hand druckte. Erst diesen anziehend, fand sich der Blinde zurecht und dachte den fremden und rathselhaften Eindrucken nach, die ihn umgaben. Seit Jahren war er gewohnt, alles Fremde von sich fern zu halten. Nichts durfte in seiner Nahe festen Fuss fassen, Keiner mit den Dingen, die ihn betrafen, vertraut werden. Anfangs hatte er alle Monate eine neue Magd, erst spater behielt er die Anneliese auf Empfehlung, ja dringendes Verlangen seiner Schwester Ursula, die die Veranlassung gewesen war, dass er in Plessen wohnte. Sie hatte ihn mit in das Forsthaus gebracht und dann, als seine Unruhe, sein Arbeitseifer sich nicht dort zurechtfanden, nach Marzahn's Tode von der Furstin Amanda die Mittel und Erlaubniss erhalten fur die Schmiede, die Zeck anlegte. Seit Jahren hatte er emsig nach Kraften seinen Pflichten obgelegen und den einen Gedanken als sein Lebensziel verfolgt, seinem Jungen Geld, Geld, baares Geld zu hinterlassen, und seit dem Tage, dass ihm von Ackermann im Auftrag eines Verwandten, Namens Morton, nun viel Geld gebracht wurde, hatte er keine Ruhe mehr. Er schlief schlechter. Er war von Traumen gequalt, er sprach vom Sterben und ging doch nicht mehr wie sonst, unter der Furstin Amanda, in die Kirche. An seiner Schwester Ursula hatte er vollends keinen Halt mehr. Seit einiger Zeit war diese sonst so verschmitzte und scharfdenkende Schwester schwachsinnig geworden. Sein Mistrauen kannte keine Grenzen. Es ging so weit, dass er oft Tage lang glaubte, nicht allein zu sein, sondern belauscht, beobachtet zu werden. So fern ihm der Gedanke lag, in Murray seinen wiedergekehrten, ohnehin todtgeglaubten Bruder zu vermuthen, so beunruhigten ihn doch schon die wenigen Worte, die seine verdachtigen Gesellen von jenem Fremden auf dem Schlosse gesprochen hatten. Am liebsten hatte er, wenn Alles um ihn her lustig, larmend war. Sonntags ging er auf die Kegelbahn, in die Schenke, horte Tanzmusik und freute sich des Wirrwarrs, Larmens und Jubelns. Er machte nichts davon mit, seit Jahren nicht, litt auch nicht, dass sein Sohn von seiner Seite wich. Er wusste, dass Der zu alle Dem, was Andern gut stand, unanstellig war. Aber das Larmen und Toben, das laute Lachen und Singen ubertaubte, ergotzte ihn. Er wusste dann, dass er unter Menschen war, die nicht lauerten und von seiner Blindheit keine Vortheile zogen.

Gepeinigt von dem Schweigen seiner Gesellen, wie vorhin von ihrem Reden, horte er endlich, dass die zehnte Stunde nahe war. Anneliese deutete es ihm durch ein Fruhstuck an, zu dem er wenig Appetit verspurte. Dennoch starkte er sich wider Willen. Schon die Hast, etwas zu greifen, etwas Ausserliches sein zu nennen, that ihm wohl. Das gierige Schlingen seines Sohnes war ihm trostlich. Er sollte ihn begleiten. Sie nahmen leichte Handwerkszeuge und machten sich auf den Weg.

Das Wetter war rauh und kalt. In der vergangenen Nacht hatte es schon gefroren. Der Weg zum Schlosse hinauf war jetzt so hart, wie noch vor Kurzem schlupfrig und glatt. Oben schon kam Brigitte und sprach von der Abreise des lieben Herrn, der die Nacht da geschlafen hatte und von der grossen Freundschaft der beiden jungen Manner fur einander, was ihr vollig unwahrscheinlich mache, dass Herr Louis nichts als ein simpler Tischlergesell ware. Auch Herr Oleander ware schon oben gewesen und hatte dem feinen Herrn Abschied gesagt und ihn tausendmal gebeten, bald wieder zu kommen.

Zeck nahm das Alles mit dem Lachen auf, das sich in den Mienen, wenn sie neugierig sind, festsetzt, ohne dass das innere Herz an Lachen denkt. Der Junge fuhrte ihn. Doch war es nicht nothig, der Blinde fand sich im Schlosse so sicher zurecht wie in seiner Schmiede. Hatte er doch allen Abendconventikeln der Furstin beigewohnt! Kannte er doch das grosse Zimmer, wo das Pianoforte stand, wo man Gesangbuchverse sang, ein Gebet horte und zuletzt Warmbier, oft sogar noch wollene Winterstrumpfe bekam!

Auf dem Corridor trat ihnen aber Louis Armand entgegen. Der Blinde kannte die Stimme des jungen Mannes von der amerikanischen Muhle her.

Nun, sagte Louis, jetzt sollt Ihr einmal etwas Feineres zu schmieden bekommen! Falls es Euch moglich ist, auch an solche Arbeiten zu gehen. Aber Ihr seid geschickt. Man weiss es. Kommt!

Vater und Sohn wollten vorschreiten. Da hielt Louis, mit rascher Wendung, den Jungsten zuruck mit den Worten:

Aber, mein Bester, schamt Ihr Euch nicht? Putzt man sich die Stiefeln so schlecht, wenn es friert? Das geht nicht! Bleibt draussen! Wir wollen uns dem Vater schon verstandlich machen.

Der Alte zankte uber die Unsauberkeit des Sohnes und gab ihm einen tuchtigen Tritt in die Seite, auf die Stiefeln zeigend, an denen der gestrige Koth festgetrocknet war.

Der Junge glotzte verdutzt auf seine Fusse und verstand erst durch die handgreifliche Sprache des Vaters, was an ihm getadelt wurde. Der Ullagrunder Lehm lag fingerdick auf diesen Stiefeln und gab ihnen eine Kruste, die die Warmehaltigkeit des Leders noch unterstutzte.

Der Junge blieb im Corridor. Louis fuhrte den Alten erst durch sein Schlafzimmer und dann in das Eckzimmer, wo Murray in ziemlicher Entfernung von dem Instrumente an einem Fenster sass.

Louis pochte das Herz. Er konnte sich die Empfindung seines Gefahrten denken, wie er den blinden Bruder, den er nach seinem Sohne fragen wollte, eintreten sah. Sie hatten sich verabredet, zu thun, als wenn Murray nicht zugegen war. Ein Blick auf Murray uberzeugte ihn, wie tief auch er es empfand, den Bruder wiederzusehen, der durch ihn das Augenlicht verlor.

Seht, sagte Louis doch, was red' ich ich sage: Seht! Ihr bewegt Euch so sicher, Meister, dass man versucht wird, Euch fur keinen Blinden zu halten.

Zeck erwiederte darauf nichts.

Da er sich denken konnte, dass er am Klavier stand, fasste er es an.

Hier, sagte Louis, dacht' ich, um die Saiten anziehen zu konnen Ihr kennt doch so einen Kasten, der Musik macht?

Zeck nickte.

Diese eisernen Stabe, fuhlt Ihr sie

Zeck nickte wieder.

Diese kleinen eisernen Stabe halten die Saiten, die man scharfer anziehen muss, wenn sie nachlassen. Um aber die Stabe rundumzubekommen, muss man einen Schraubstock haben mit einem Griff und einer Hohlung, die hinlanglich lang ist, um die Stabe fassen zu konnen ... versteht Ihr?

Ganz wohl!

Konnt Ihr so ein Eisen schmieden?

Gebt mir nur die Weite, Herr! Die Weite der Stabe!

Das ist sie! Grade wie dieser Faden! Eine solche Offnung! Und so lang, wie etwa ein halbes Fingerglied muss die Weite sein.

Gut, gut

Wann haben wir das Eisen?

Bis heute Abend! Ich will gleich dran gehen

Damit wollte sich Zeck zur Thur wenden ...

Wie Bescheid Ihr wisset! War't Ihr schon ofters in diesem Zimmer? begann jetzt Louis, ihn aufhaltend

Herr! Da ist der Ofen! Nicht wahr? lachte Zeck.

Ganz recht

Da steht ein Kanape

Ganz recht

Da sass die Furstin

Der Lehnsessel steht noch da

Da ist ein Fenster in den Hof, dort zwei in den Garten

Als wenn Ihr durch sie sehen konntet, so trefft Ihr's

Da sass Herr Stromer hier standen und sassen wir ...

Wer?

Die geladen waren zum Beten hier wurde gesungen und gebetet, Herr!

Und Ihr kam't gerne dazu?

Da am Fenster war immer mein Stand ... dort ... ich kann noch den Stuhl zeigen

Damit schritt der Blinde geradezu gegen das Fenster, wo auf dem Stuhle, den er, der Frage nach dem Beten ausweichend, zeigen wollte, Murray sass.

Oho! rief Zeck. Da steht ein Tisch, der stand sonst nicht hier.

Er war auf den Tisch gestossen, an dem Murray arbeitete. Aber Murray, der sich geschutzt glaubte, erschrak nicht wenig, als sein Bruder dabei auf die Kupferplatte stiess, an der er geatzt hatte. Der Blinde fuhr uber das Metall hinweg und sagte erschreckend:

In der Muhle, Herr, erzahltet Ihr von einem Kupferstecher! Ist das der Tisch des Kupferstechers? Ich fuhlte eine Platte

Louis besann sich auf Das, was er von seinem Begleiter in der amerikanischen Muhle gesagt hatte.

Eine Liebhaberei meines Freundes, erklarte er, der dort am Fenster sitzt und das Schicksal Eures Sohnes theilt, etwas schwer zu horen.

Zeck starrte nach dem Fenster. Der Gedanke, nicht allein mit Louis zu sein, war ihm peinlich. Er suchte wieder die Thur ...

Setzt Euch doch ein wenig, Meister! sagte Louis. Ich bin ein Abgesandter Sr. Durchlaucht. Ich soll hier nach dem Wohl und Wehe aller Menschen fragen. Geht es Euch gut?

Zeck sah nur nach der Kupferplatte ...

Versteht Ihr Etwas von der Kunst in Kupfer zu stechen?

Zeck richtete die Augen auf Louis und setzte sich mechanisch in den Sessel, den ihm Louis hinruckte ...

Mein Freund da hat sich die Augen verdorben beim Atzen einer Platte. Es ist ihm gegangen wie wol Euch, als Ihr blind wurdet. Wovon kam Das?

Vom Feuer, Herr! Ein Eisen, dem Auge zu nahe gebracht

In der Schmiede habt Ihr Euch vergluht

In der Schmiede.

Diese Unterredung machte Zeck allmalig sichrer. Uber die ersten Wendungen war er nicht wenig erschrocken gewesen ...

Wie lange lebt Ihr schon in Plessen, Meister? fragte Louis im vertraulichsten Tone.

Sechzehn Jahre, Herr!

Immer glucklich, immer zufrieden?

Bis auf die Augen, Herr!

Es gaben diese Worte einen tiefen Schmerz in Murray's Innere. Er musste zum Fenster blicken, um seiner Bewegung Herr zu werden.

Und den tauben Sohn! sagte Louis. Habt Ihr nur den einen Sohn?

Nur einen, Herr.

Er muss dreissig Jahre sein es ist ein alter Knabe

Zwei und dreissig

Habt Ihr immer in Plessen gelebt?

Vordem ein funf Jahre im Jagerhause

Bei Eurer Schwester?

Kennt Ihr Die, Herr?

Ursula Marzahn! Ich kenne eine Nichte des Forsters Heunisch

Zeck nickte und wiederholte:

Ursula Marzahn ist meine Schwester.

Wie kann man's aber funf Jahre in dem Walde aushalten, wenn man ein Schmied ist?

Ich war blind.

War't Ihr denn schon blind, als Ihr in das Jagerhaus kamt?

An beiden Augen.

Da hattet Ihr schon fruher eine Schmiede und war't Gesell und fruh verheirathet schon vor drei und dreissig Jahren ich rechne Das an Eurem Sohne

Ich bin vierzig Jahre Meister

Und seid einige Sechzig alt

Mein Kopf muss weiss sein!

Schneeweiss, wie's eben dort im Gebirge wird. Es schneit sieh, sieh, es schneit!

Zeck wollte nun gehen. Er hatte in den fernern Nachfragen kein Arg gefunden.

Bleibt doch! Ich wollte Euch noch etwas fragen, Meister.

Zeck horchte auf ...

Ihr hattet einen jungern Bruder ...

Zeck blieb bei dieser Frage zwar ohne sichtliche Verlegenheit, hielt sich aber doch starr und regungslos.

Er war Kupferstecher, wie der Mann da, der nicht gut horen kann

Zeck antwortete wieder nicht.

Er wanderte nach Amerika aus weil er musste! Musste! Nicht wahr, Zeck?

Zeck blieb starr und sprach jetzt noch weniger eine Sylbe.

Er ist todt. Herr Ackermann ... brachte Euch von ihm, als einem Verwandten, eine Erbschaft. Wie ist's denn mit dem Sohne, den Euch der Bruder zuruckliess, als er nach Amerika musste?

Zeck kniff die Stirnfalten zusammen und meinte forschend und stotternd:

Kommt Das von Herrn Ackermann?

Von wem es kommt, ist gleichgultig, alter Freund! Wie ist es mit dem Sohne Eures Bruders?

Im ersten Augenblick hatte sich auf dem Antlitz des blinden Schmieds Schrecken widergespiegelt. Bald aber hellte es sich auf. Ein habsuchtiger Gedanke schoss durch die Seele des Geangsteten. Er stellte sich vor, dass sein Bruder Schatze hinterlassen, die er seinem Sohn bestimmt hatte, Schatze, die ihm und seiner erbenlosen Schwester anheimfallen wurden, wenn Murray's Sohn nicht mehr nachzuweisen ware. Ehe dieser Gedanke ganz in ihm zurechtgelegt war, hatte ihn Louis wol schon dreimal nach dem Sohne seines Bruders gefragt.

Ungeduldig wiederholte Louis noch einmal:

Wo ist der Sohn Eures Bruders?

Todt! sagte jetzt der Schmied mit grosser Bestimmtheit.

Fur Murray, der gespannt am Fenster horchte, kam dies Wort nicht unerwartet. Es erschutterte ihn auch nicht zu heftig, aber unwillkurlich musste er doch ein Gerausch mit dem Stuhle machen, auf dem er sass, und Zeck's Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Der Knabe ist todt! fuhr Louis fort. Da er Eurer Pflege anvertraut war, werdet Ihr Beweise fur seinen Tod beizubringen haben.

Nicht meiner Pflege, Herr ich nicht ich nicht

Eure Schwester! Ihr wurde das Kind anvertraut, Euch Beiden gemeinschaftlich

Woher wissen Sie Das?

Ihr wohntet damals an einem Orte, den die Menschen fliehen ... nicht wahr Zeck?

In der grossten Unruhe suchte sich der Blinde aufstehend von dieser Prufung loszuwinden, aber der zur Gewissheit bei ihm gewordene Gedanke, dass die fur seinen Brudersohn bestimmten Schatze ihm, seinem eigenen Sohne, anheimfallen sollten, reizte ihn doch, zu bleiben. Er half sich durch eine wiederholte Berufung auf seine Blindheit.

Ihr war't blind, Zeck, ich weiss es Ihr war't beim Doktor Lehmann, dass er Euch heilen sollte

Das war ich. Ja, Herr

Und Eure Schwester verbarg Euch ...

Was sagten Sie?

Vor dem Licht des Tages, das Euch wehe that, verbarg sie Euch. Geblendete Augen verlangen eine dunkle Umgebung

Das ist's.

Aber das Kind, das Ihr von einer Dame, die ich nicht kenne, als das Eurige anvertraut erhieltet, mit dreitausend Thalern ...

Der Blinde wurde immer unruhiger.

Nicht wahr? Mit dreitausend Thalern?

Zeck antwortete nicht, sondern sah nur starr auf Louis und die Gegend an dem Fenster, wo ein ihm unbekannter Kupferstecher zuhorte.

Ist er wirklich todt, der Sohn Eures Bruders, der sich einige Jahre hindurch Baron Grimm nannte?

Bei Erwahnung dieses Namens schwanden dem Blinden alle Krafte. Er suchte seinen Sessel.

Louis schob ihm seinen Sessel hin. Er musste ihm Zeit lassen sich zu sammeln.

Endlich besann sich der Schmied auf eine Auskunft, die er in diesen Worten zusammenfasste:

Herr ich sollt' Euch eine Schraube machen, um die Saiten da anzuziehen Ihr seid aber selbst wie so ein Ding und schraubt Einen, dass die Finger knacken. Wenn Euch Herr Ackermann oder wer sonst aufgetragen hat, das Erbtheil von meinem verstorbenen Bruder an seinen Jungen auszuzahlen, so sag' ich Euch: Der ist todt wie sein Vater und das Erbtheil muss nun von Rechtswegen ...

Und die Beweise, die Papiere uber jenen Tod?

Zeck besann sich auf den Ausweg, den er schon einmal einschlagen wollte:

Fragt die Ursula! Sie hat alle Papiere.

Gut, sagte Louis, ich sehe, dass Ihr nicht wisst, wie und wo das Euch anvertraute Kind gestorben ist. Ihr seid und war't ein Blinder, schon damals, als das Kind geboren wurde. Ihr habt es nie gesehen. Wohlan, lasst Eure Schwester reden. Heute Nachmittag ist sie im Forsthause allein. Ich werde Euch zu ihr fuhren ...

Mein Sohn, Herr, fuhrt mich.

Euer Sohn fuhrt Euch! Wohlan, dann konnen wir zu gleichen Paaren sein. Da mein Freund, der nicht hort, wie Euer Sohn, er soll mich begleiten. Wir steigen in die Kammer der Ursula oder rufen sie herunter und ich denke, Ihr, Zeck, werdet es verstehen, ihr Gedachtniss ein wenig zu kitzeln. Ich hore, dass sie gegen andre Hande unempfindlich ist. Seid Ihr's zufrieden?

Zeck sagte, dass sein Sohn den Forster mit dem Karren zu begleiten hatte, der Franziska's Sachen in den Ullagrund bringen sollte.

Nun so hol' ich Euch an der Schmiede allein ab ... Ihr werdet Euch doch von mir fuhren lassen?

Um zwei? Dann kann ich die Schraube nicht fertig liefern zum Abend ...

Die eilt nicht, Zeck! Mich aber eilt's mit dieser Sache. Heut' Nachmittag! Jetzt kommt, ich fuhre Euch hinaus zu Eurem Sohne. Er muss mit dem Forster in den Ullagrund, damit wir die Ursula allein treffen.

Zeck bot zogernd die Hand, die rauh wie Leder war und schwarz gefarbt. An der Thur hielt er noch einmal inne und fragte mit verschmitzter Neugier:

Herr, darf man fragen, ist es was Ordentliches, was unser Friedrich hinterlassen?

Ihr meint, weil Ihr Euch fur Euren Sohn darauf freut ...

Ach!

Sagt's nur heraus!

Ein blinder Vater ein tauber Sohn die haben mehr Noth, ehrlich durchzukommen, als Leute, die sehen und horen konnen

Das ist wahr! sagte Louis, beruhigt Euch, Zeck, das Erbrecht wird seinen vollkommenen Fortgang haben.

Indem horchte Zeck auf, als er eben aus der Thur treten wollte.

Was horcht Ihr so?

Reiten da nicht welche unten uber die Landstrasse?

Konnt Ihr so gut horen?

Ich hore, dass Eisen dabei klappert

Losgegangne Hufeisen Ihr werdet zu thun bekommen.

Das ist Sabelklappern

Louis sah zum Fenster hinuber und bemerkte, unten auf der Landstrasse um den Berg herum schwenkten zwei scharfzutrabende militairische Reiter.

Es sind zwei Landdragoner! sagte er. In der Hauptstadt war es unruhig ...

Ich hort' es gleich

Scharfes Ohr! Ihr konnt dem Himmel danken, dass er gleich wiedergibt, wenn er genommen hat. Um zwei Uhr ...

Zeck nickte und ergriff die Hand seines Sohnes, bis zu dem sie auf dem Corridor angekommen waren. Der starrte den Landdragonern nach, die in das Amtshaus ritten, nahm dann seinen Vater und fuhrte ihn die grosse breite Stiege hinunter ...

Louis, zuruckkehrend, fand Murray sehr erschuttert.

Uber die erste Ruhrung, den durch ihn geblendeten Bruder zu sehen, sollte er doch wol bald hinwegkommen, da er die eingewurzelte Bosheit erkannte. Doch sagte er, alle Reue hulfe dem Frevelnden nichts, seine bose That behielte ihre Folgen und nur der Tugendhafte ware sicher, hochstens mittelbar Schlimmes zu veranlassen. Denn schlimm sind wir Alle! Wer weiss, fuhr er fort, was ich Alles in Folge meines damaligen Fehltrittes noch anrichte, als willenlose Ursache! Nehmt den Tod meines Kindes. Bin ich nicht sein Morder? Diese Gedankenreihe erschutterte ihn mehr als das wirkliche Nichtmehrvorhandensein des Kindes. Denn ein Wesen, das er nie gesehen, dessen Ursprung sich auf Sunde und Reue zuruckzog, ein Wesen, dessen Schicksale ihm nur, wenn es erwachsen und misrathen war, Gewissensbisse verursachten, konnte sich seinem Herzen doch nicht so tief als eine Nothwendigkeit eingepflanzt haben. Im Gegentheil durfte er freier athmen und Gott danken, dass er ihm eine Veranlassung zu neuer grosser Schuld fruh hinweggenommen hatte. Was aber Murray ebenso erschutterte, war der unverkennbar bose Sinn des Bruders, die ungebesserte Luge, die Verstocktheit, die Geldgier. Und auch fur diese musste sich Murray nach seinem Sinn verantwortlich machen.

Ach, sagte er zu Louis, konnte ich bittrer gestraft werden als durch den Anblick eines Menschen, der durch mich das Licht der Augen verlor! Ware dieser Elende denn ich kann ihn in nichts beschonigen war' er sehend geblieben, so hatte ihn die Kraft seiner Sinne wol seinen eigenen Weg gefuhrt. Er hatte nicht nothig gehabt, Andre fur sich denken, Andre ihn fuhren zu lassen! Was konnte da noch aus ihm Gutes werden, wo er nun genothigt war, meiner Schwester zu folgen und ihr eine Last wurde! Sie stiess ihn aus dem Forsterhause, gab ihm vielleicht von ihrem Pflegegeld so viel, um sich die Schmiede anzulegen mit seinem damals schon erwachsenen Sohn. Wer nicht sieht, ist mistrauisch. Der Verlust keines Sinnes macht so bitter wie der Verlust des Auges. Man findet wol Blinde, die heiter und getrostet sind uber die ewige Nacht, die sie umgibt, aber dann sind sie leichtsinnig und ruhren uns nicht mehr, sondern erschrekken uns.

Louis hielt sich nicht an diese Reflexionen, wie sie Murray auszuspinnen liebte, sondern an die Thatsache:

Lebt das Kind, lebt es nicht mehr?

Ich mache Fortschritte in der Menschenkenntniss, sagte er. Ich glaube gewiss zu sein, dass dieser geizige, habsuchtige Mann, der leider Ihr Bruder ist, Murray, nicht im entferntesten von dem Tode Ihres Sohnes uberzeugt ist. Er will nur die schmuzige Hand ausstrecken nach der vermeintlichen Erbschaft. Er sollte nichts wissen von diesem Kinde? Er sollte es ganz der Sorge seiner Schwester uberlassen haben? Eines ware eine gluckliche Auskunft aus diesem Dunkel. Wenn sie eintrafe, Murray!

Welche, mein Freund?

Dass die Mutter dieses Knaben, Ihre einstige Freundin, in alten Tagen den Fehltritt ihrer Jugend bereut und sich des Schicksals Ihres Sohnes wieder angenommen hatte!

O Das ware eine Erzahlung aus "Tausend und Einer Nacht" sagte Murray lachelnd. An solche Marchen muss man nicht glauben in Der Welt, in die es einst der Baron Grimm gewagt hat, sich einzudrangen ...

Den Rest des Vormittages brachte Louis nun noch damit zu, Geschaftsbriefe nach der Residenz zu schreiben, in denen er seine bevorstehende Ruckkehr von Hohenberg ankundigte. Kurz vor dem einfachen Mahle, das ihnen Brigitte zubereitet hatte, durchflog er die Zeitungen, in denen Egon's schwierige Stellung nicht verschwiegen war. Der Furst hatte sich auf eine bedenkliche Art von allen Parteien isolirt, sich dabei zwar sehr hoch gestellt, aber auf eine Hohe hin, wo ein schneidender Zugwind wehte. Der Hof schien dem jungen Staatsmann volle Gewalt gegeben zu haben. Er stellte ihm alle Mittel zu Gebote, die das constitutionelle Wesen im Vorrath hat, um von einer Verstandigung mit dem Publikum an die andre zu appelliren. Man konnte sich noch der Hoffnung hingeben, dass die Wahlen die thatkraftige neue Administration unterstutzen wurden. Viele aber bezweifelten diese Hoffnung und fanden es fur rathsamer, dass das Ministerium sogleich aus eigener Machtvollkommenheit einen neuen Wahlmodus oktroyirte. Dennoch blieb dieser Erlass, den man schon in den neuesten Nummern erwartete, aus, ein Beweis, dass Furst Egon seine Hulfsmittel nicht zu rasch verbrauchen wollte. Auch liessen die mit vielem Geiste geschriebenen Artikel des "Jahrhunderts" ahnen, dass das Ministerium erst die offentliche Meinung fur seine Auffassung der Staatsaufgabe theoretisch und praktisch gewinnen wollte, bis es mit Gesetzen hervortrat, die auf diese Theorie und Praxis begrundet waren. Der Adel, die Beamten, das Militair, ja sogar ein grosser Theil der Wissenschaft und Kunst schwarmten schon fur die neue Regierung. Sie verhiess Kraft. Sie verhiess Erlosung von einer Anarchie, die nicht mehr ausrottbar schien. Die Politik wurde von den Strassen verbannt; auch aus den Clubs fing Egon schon an, sie auszutreiben. Louis las mit beklommenem Gefuhle, dass die Arbeitervereine ihre Statuten einreichen mussten und mehre geschlossene Gesellschaften nach jenem tumultuarischen Abend bereits verboten waren. Egon hatte sich in einer Zuschrift an seinen Wahlbezirk der Worte bedient: "Wo zwei Gewalten regieren wollen, kann der Staat nicht bestehen. Die Gewalt soll eine getheilte sein. Diese Lehre ist alt und ich finde sie schon dadurch bewahrt, dass jede Verantwortung gemildert wird, wenn mehre Schultern sie zu tragen haben. Aber die Theile der Theilung mussen gleichartig sein. Unterordnen mussen sie sich konnen der grossen, untheilbaren Idee des Volkswohles, des Thatbestandes. Wo zwei gleichberechtigte Gewalten gegeneinander auftreten, steht die Maschine still. Ich erkenne im Staate nichts an, was hoher ist als das Volkswohl. Auch der Monarch ist in meinem Systeme der Diener des Volkswohles. Er vertritt die naturliche Ordnung des Lebens, das Mass, die Grenze aller ehrgeizigen Bestrebungen. Er ist ein Theil der grossen Einheit des Volkswohles. Reicht ihm die Hande, ihr wackern Burger! Seid die Zweiten im Bunde! Die ausfuhrende Gewalt, die das Ministerium vertritt, ist die dritte Gewalt! Aber eine Gewalt der Volksversammlungen, der Clubs, der Kasernenverschworungen, der Pressanarchie werd' ich nimmermehr anerkennen. Ich erinnere Sie an das Wort eines grossen Dichters, des Briten Shakespeare, der den Jammer des romischen Staates nach den Erfahrungen des britischen in dem Schmerzrufe schilderte:

Mein Herz, es weint,

Zu seh'n, wie wenn zwei Machte sich erheben

Und keine herrscht, Verderben, ungesaumt

Dringt in die Lucke zwischen Beid' und sturzt

Die Eine durch die Andre."

Nach dem bescheidenen, in schweigsamer Spannung hingebrachten Mittagsmahle schickte sich Louis an, zur Schmiede hinabzugehen. Er hatte mit Murray verabredet, dass dieser auf einem kurzern Wege zum Walde hinunter steigen und sie beim Eingange in das dunkle Tannengeholz, das den Anfang bildete, erwarten sollte. Murray war es einverstanden und besorgte nur, dass sein Bruder nicht Wort halten und doch wol mit seinem Sohne kommen wurde, der fur Das, was sie im Forsthause vorhatten, ein lastiger Zeuge sein wurde. Louis aber versprach sich den glucklichsten Ausgang.

Zehntes Capitel

Der geheime Schrank

Louis Armand fand den blinden Schmied schon in Bereitschaft und erfuhr, dass Heunisch mit dem jungen Zeck unterwegs ware nach dem Ullagrunde.

Der Gedanke, Geld, wohl viel Geld erben zu durfen, hatte dem Alten alle Sorgen aus dem Sinne geschlagen. Er sagte sogar lachend:

Die Ursula wird Augen machen, wenn sie heute Kaffeebesuch bekommt. Vielleicht denkt sie, sie sollte Euch wahrsagen.

Thut sie Das?

Nachmittags, wenn sie Kaffee trinkt, hat schon Mancher bei ihr vorgesprochen. Karten legt sie gern in der Dammerung, nie Vormittags. Vormittags bespricht sie blos die Rose und die Drusen.

Es ist eine Zauberin! Ich erfuhr es schon! sagte Louis.

Eine Hexe nennen sie sie; meinte der Blinde. Sie weiss viel, Das ist wahr. Alles aber auch nicht. Nicht wahr, Anneliese?

Die kleine garstige Person, bei der Louis gestern die Bestellung gemacht, begleitete sie vor die Thur.

Lasst Ihr die Schmiede so allein? Wo sind Eure Gesellen? fragte Louis.

Die Taugenichtse sind abgelohnt. Sie verstanden nichts, assen Faullenzerbrot.

Damit lehnte Zeck die Thur der Schmiede an, scharfte Anneliesen Aufmerksamkeit ein und verbot, dass die beiden entlassenen Gesellen noch einmal in die Werkstatt kamen.

So schritt er vorwarts.

Louis musste staunen, wie sicher Zeck ging. Die Erbschaft hatte ihn vollig in Schwung gebracht. Alle Sorge hatte ihn verlassen. Er lachte vor sich hin und schlug sich auf das Schurzfell, das er, so hinderlich es war, vorbehalten hatte. Auch in eine Ritze des Obertheils vor der Brust griff er und versicherte sich eines starken Hammers, den er zu sich gesteckt hatte. Er that wie ein Mann, der sich vor keiner Gefahr scheut, wenn er seine Waffen bei sich hat.

Es ging ein scharfer Wind, der vom Walde her das abgefallne Laub ihnen entgegentrieb. Links die kleine Buchenschonung liessen sie liegen, sie gingen gerade auf das Tannengeholz zu, wo Louis Murray schon wartend fand.

Murray stand in einem alten grauen Mantel, gebuckt, fast gespenstisch.

Er winkte Louis, so zu thun, als wenn er nicht zugegen ware.

Still gingen sie an Murray voruber, still folgte dieser.

Den Kupferstecher, sagte Zeck, habt Ihr daheimgelassen, Herr? Nicht wahr?

Er ist nicht nothig, sagte Louis und winkte Murray, der die Worte horte er ist nicht nothig, hab' ich mir uberlegt. Doch kommt er vielleicht spater nach oder ging schon voraus.

Zeck musste jetzt von der Taubheit seines Sohnes Manches erzahlen und suchte uberhaupt seiner innern Freude durch Gesprachigkeit einen Ausdruck zu geben. Er blieb dabei, dass der junge Baron Grimm, wie er Murray's Sohn lachend nannte, todt ware, schien es auch nicht anders zu wissen und verliess sich ganzlich auf die Aussagen seiner Schwester, von denen er freilich seinem Begleiter gleich sagen zu mussen glaubte, dass er eben nicht auf viel Vernunft bei ihr rechnen durfe. Sie hatte die Jahre, um schwach zu sein. Und was bei ihrer Narrheit nicht von den Jahren kame, das hatte der einsame Wald gethan.

Und wol der Doktor Lehmann; setzte Louis hinzu.

Ja, musste Zeck bestatigen, da hat sie Bucher gelesen, die Manchem schon den Rest gaben, Wunder-, Krauterund Heilbucher.

Und die rechten Heilinstrumente, die Richtmesser, die Schwerter, die Rader ...

St! ... Zeck winkte mit der Hand und meinte, Louis mochte davon nicht reden.

Murray folgte in einiger Entfernung und horte Alles, was Zeck, der aus Gewohnung seines Sohnes wegen immer sehr grell sprach, durcheinanderschwatzte. Der Gedanke, wie gierig die Habsucht sich in diesem thierischen Menschen zeichne, erfullte ihn mit Schmerz. Er musste dabei vorsichtig folgen und immer berechnen, wann Zeck still stand. Hatte er dann nicht auch im Gehen eingehalten, so wurde ihn das raschelnde Laub verrathen haben. Jedesmal, wenn er das Stillstehen nicht gut berechnet hatte und einen Schritt weiter ging, fuhr Zeck auf und sah sich um. Da Murray aber gleich still stand, war dem Verdachte, er mochte mit Louis nicht allein sein, keine Nahrung gegeben. An Louis bewunderte Murray die treue Hingebung, dies eifrige, herzliche Bemuhen, ihn fur die Vernachlassigung dieser Tage, von der nicht er, sondern Louis sprach, schadlos zu halten. Wenn er ihm nahe genug war, druckte er ihm die Hand zum innigsten Danke dafur.

Die sehr naheliegende Erorterung, wer die Mutter des gestorbenen Knaben gewesen, kam nicht zur Sprache. Louis schonte das Geheimniss Murray's und Zeck selbst schien den Namen der Mutter nicht zu kennen. Die Schwester wuchs Louis an Bedeutung durch die Hartnackigkeit, mit der sie den Schmied von der Kenntniss ihn nur mittelbar beruhrender Dinge ausgeschlossen hatte. Auch sagte Zeck: Das ist wahr, wer's der Urschel einmal im Guten angethan hat, fur den geht sie durch's Feuer! Der Satans- Marzahn war hoch hinaus und hatte sie bald um den Jungen meines Bruders sitzen lassen ...

Wieso sitzen lassen? fragte Louis, blieb stehen und winkte Murray naher zu kommen.

Zeck stand still und wandte sich erstaunt, da er im Laube noch Fusstritte rascheln horte.

Der Wind geht! sagte Louis, als er das Staunen des Schmieds bemerkte. Warum sitzen lassen? Wie alt wurde das Kind?

Es wurde, wenn ich's sagen soll, bemerkte Zeck sich umsehend und erst allmalig beruhigend, es wurde

In dem Augenblicke musste Murray, der sich durch den Aufenthalt am geheizten Ofen der frischen Luft entwohnt hatte, unglucklicherweise husten.

Wer ist da? rief Zeck mit einer heftig erschrockenen Gebehrde und griff sogleich nach dem Hammer in seinem obern Schurzfell

Ah! Sieh da! Mein Freund ist nachgekommen! rief Louis, sich sogleich fassend ...

So so sagte der Blinde, riss die Augen auf und drehte sich wie Einer, der seinen Rucken nicht sicher glaubt.

Stosst Euch nicht an den Baumen! Kommt vorwarts, Meister! bedeutete Louis. Also wie alt wurde das Kind Eures Bruders, von dem ihr mir sagen musst, warum er sich Baron Grimm nannte?

Herr Ackermann wird's wissen meinte Zeck und ging nur zogernd vorwarts.

Herr Ackermann? sagte Louis. Ich habe von ganz andrer Seite her den Auftrag, mich nach dem Sohne Eures Bruders zu erkundigen, der sich eine Zeitlang Baron Grimm nannte; aber ich weiss nicht, wie er diesen Namen fuhren konnte

Ihr wisst nicht sagte der Blinde zweifelnd.

Ich weiss nur, dass er todt ist und seinem Sohn eine Erbschaft hinterliess ... wie alt wurde das Kind?

Zeck war durch den Dritten eingeschuchtert. Er antwortete nur vor sich herbrummend und meinte zuletzt:

Wir mussen am Forsthause sein Lasst's Euch von der Ursula selbst sagen, aber die Erbschaft kommt doch wohl ist sie gross?

Sie standen an der Wiese, die durch den Nachtfrost ihre Frische verloren hatte und in das welke, fahle Wintergrau uberging.

Wir kommen zum Kaffee, sagte Louis scherzend, um Zeck wieder mehr Muth zu machen, der Schornstein raucht. Wenn sie nur den Satz nicht verschuttet, dass wir noch unser Schicksal horen konnen.

Der Blinde antwortete nicht. Er war so mistrauisch geworden, dass er sich immer nach Murray umwandte und wol gar zu glauben schien, er befande sich auf einem falschen Wege, man hatte ihn irre gefuhrt.

Warum wollte Marzahn Eure Schwester nicht heirathen? fragte Louis dringend.

Murray'n brannte es auf der Zunge zu sagen:

Hielt der Soldat vielleicht das Kind fur das Kind Ursula's?

Er musste sich gewaltsam zuruckhalten, diese Vermuthung auszusprechen. Louis verstand seine Aufregung und wiederholte seine Frage. Allein Zeck antwortete nicht mehr, sondern verwies auf seine Schwester, indem er Louis nochmals darauf aufmerksam machte, dass er auf eine gesetzte, vernunftige Unterhaltung bei ihr nicht rechnen durfe, sondern sehen musse, wie er Alles, was er zu wissen wunsche, von ihr herausbekame.

Vielleicht hat sie ihre gute Laune, sagte er, und wenn sie Kaffee kocht, ist sie nicht schlimm, nur manchmal grob.

Mit diesem Troste naherte man sich dem Hause, dessen Inneres durch das Gebell der Hunde lebendig wurde. An die Moglichkeit, dass Ursula Murray erkennen konnte, dachte man fur den Fall nicht, dass sich dieser bescheiden zuruckhielt. Murray zog die Binde fast uber das ganze Gesicht und hielt sich gebuckter und alter als je.

Als Louis offnen wollte, ging die Thur nur am Schlosse auf, nicht ganz in der Angel. Sie war durch eine Kette gehemmt. Aber sie klingelte.

Alles Dies war Louis neu. Fur Franzchen hatte die Alte die Kette und die Klingel abgenommen. Entweder gonnte sie dem Madchen geringere Sicherheit oder sie wollte in ihrer Zuruckgezogenheit oben nicht an den Verkehr des Hauses erinnert werden.

Wer da? rief eine heisere Stimme von oben herab.

Zeck ruttelte am Drucker der Pforte und schlug dann mit dem Hammer dreimal an die holzerne Fullung.

Nun, nun! hiess es oben, wo der Schmied erkannt wurde. Was soll's denn? Willst du sehen, Jakob, ob wir noch nicht im Kehrichtfass liegen?

Sie ist vernunftig! flusterte der Blinde.

Gott sei Dank! sagte Louis und wartete mit Spannung auf das Erscheinen der Frau, von der ihm Franziska so viel Schlimmes erzahlt hatte und von der er durch Murray und Zeck zu viel wusste, um nicht dem Verdachte Raum zu geben, dass sie im Stande gewesen ware, Franziska aus diesem Hause auch durch irgend eine Frevelthat zu entfernen.

Die Alte stand auf der Hausflur, offnete aber die Thur nicht. Louis sah eine grosse hagere Gestalt zwischen der Thurspalte erscheinen mit rothumwundenen Kopfe und scharfen spitzen Gesichtszugen, dunklen habichtsartigen Augen. Der Mund hatte nur noch vorn einige Zahne, die nicht aufeinander schlossen. Der Blick war unheimlich, menschenfeindlich, schielend ohne eigentlich falsch zu sein. Ein rothgelbes ostindisches Tuch war uber die Brust geschlagen, der kattunene Rock schien sauber und war heute zur Feier der Wiedereinsetzung in die alten Rechte wohl neugewaschen aus dem Schranke genommen.

Mach' auf, Urschel! sagte der Blinde. Kriegst Besuch! Hast noch Kaffee ubrig?

Die Alte antwortete nicht, sondern spahte mit stechenden Augen durch die Thur.

Louis, der fast hatte annehmen sollen, dass sie ihn doch wohl schon von oben beobachtet hatte, grusste freundlich. Murray trat auf die Seite, sodass er noch nicht gesehen werden konnte.

Mach' auf, mach' auf! sagte der ungeduldige Blinde. Kriegst einen schonen Gruss aus Amerika, Urschel!

Wieder so einen, wie im Sommer ... Kling! Kling! Mach' auf!

Die Alte stierte hinaus und schien ihres Bruders tauben Sohn zu suchen. Ihr Blick war der einer Irren. Louis fuhlte, wie grauenhaft es Franziska hatte sein mussen, mit einem solchen Weibe unter einem Dache allein zu sein. Er verstand den Entsetzensschrei, den Franziska vorgestern ausstossen musste.

Mach' auf! Alte Hexe! rief der Blinde, der jetzt vor Ungeduld und Gewinnsucht zornig wurde. Hast wol den Teufel zum Besuch bei dir? Oder was lass'st du mich und die Herren da stehen ... Sollst Spass erleben. Mach' auf!

Die Alte sah noch einen Augenblick und schuttelte den Kopf. Dann hatte sie vielleicht die Thur uneroffnet zugeschlagen, wenn nicht Zeck, diesen Fall voraussehend, sich gleich anfangs mit dem Fusse dagegengestemmt hatte.

Hol' dich der Satan! schrie er; willst du aufmachen?

Es ist moglich, flusterte Louis, dass sie mich des Franzchen's wegen nicht sehen mag. Oder fehlt ihr Euer Sohn?

Kennst du den Herrn? rief der Blinde. Willst du aufmachen!

Ursula kam wieder und stellte sich wieder spahend an die Thurspalte, im Vertrauen auf die Kette, die jeden Besuch, den sie nicht mochte, absperrte.

Sollst uns Karten legen, schmeichelte jetzt der Blinde, Bube und Dame ... Horst du? Urschel, mach' auf!

Louis fasste sich ein Herz und beschloss eine List zu wagen. Er setzte voraus, dass sie ihn noch nicht gesehen.

Wir kommen vom Fursten Egon von Hohenberg, sagte er, dem dieser Wald, das Haus gehort. Dies ist ein alter Stallmeister. Wir haben zwei Pferde, die an der Huffaule leiden. Wir wissen, dass Ihr alle Krankheiten der Thiere versteht. Sagt uns ein Mittel, das gut ist gegen die Huffaule! Der Furst wird's bezahlen.

Damit zog er die Borse und klimperte.

Die Alte lachte hamisch, kniff die Augen zusammen und sprach, den Oberleib vorstreckend, als wollte sie Louis bis in's innerste Herz sehen:

Schiesst sie todt!

Dann wollte sie die Hausthur zuschlagen.

Darauf war aber der Blinde in andrer Art jetzt schon vorbereitet. Mit dem linken Fusse seines herkulischen Korpers die Thur zuruckstemmend, hieb er mit dem rasch hervorgezogenen Hammer so heftig auf die strammgezogene Kette, dass diese klirrend auseinandersprang und die Thur krachend an die innere Wand flog.

Die Alte schrie wie ein getroffener Vogel und fluchtete sich. Eben sicher, keck und hohnisch wurde sie plotzlich uber die Massen furchtsam, wimmerte und druckte sich an den Ofen des Zimmers, in das sie hineinfluchtete, wie ein gutgezogener Hund, der sich vor seinem Herrn mit bosem Gewissen furchtet.

Louis und Murray folgten entsetzt dem sie zornig verfolgenden Blinden, der nach der Gegend hin, wo er die Schwester vermuthete, drohend den Hammer schwang und ihr alle moglichen Verwunschungen und Plagen androhte fur den tuckischen Tag, den sie heut' einmal wieder zu haben schiene.

Wenn ich komme! larmte er. Bin ich ein Strauchdieb? Komm' ich mit Buschkleppern? Satan du! Ruhr' dich oder ich treff dich!

Von Murray's Brust loste sich ein gepresster Seufzer. Dicht an der Thur glitt er auf einen Sessel. Er war gewiss, dass ihn diese irrsinnige Alte nicht wieder erkennen wurde. Es war seine Schwester! Dieselbe Ursula, die Abschied von ihm genommen, als er in seinen Todeskerker gefuhrt wurde! Dieselbe Ursula, der er die Pflege eines Kindes ubertrug, das ihn an seine schuldvolle Vergangenheit, wie den Verbrecher der Ring an den Pranger fesselte!

Hier komm her, herrschte der Blinde, hier mach' Mores! Hopp! Dahin! Wo bist du? Gib die Hand, Urschel!

Er langte nach ihr. Sie jammerte aber, der Schmied wolle ihr etwas zu Leide thun ...

Louis warf einen traurigen Blick auf Murray, der so viel sagen sollte, als: Hier ist schwer, auf begrundete Thatsachen kommen! Hier gilt es, Geduld haben.

Mach' den Herren dein Compliment! sagte der Blinde. Das ist der Herr Stallmeister, das ein Cavalier vom Fursten. Wirst doch wissen, wie Doktor Lehmann die Huffaule kurirte? Du hast ja Doktor Lehmann's Bucher. Hol' sie! Da im Schrank liegen sie ...

Die Alte fasste jetzt etwas Muth und wagte sich vor.

Wo ist der Schlussel?

Sie schuttelte den Kopf.

Wo ist der Schlussel?

Louis merkte, dass ihm Ursula winkte. Er trat naher. Sie flusterte ihm in's Ohr:

Ich geb' ihm meinen Schlussel nicht, wenn er allein kommt. Wie das Geld aus Amerika kam, kam er auch allein. Da mach' ich nicht auf. Sein Junge muss Zeuge sein.

Was sagt sie da? fragte Zeck.

Bleibt da, sagte Louis entschlossen und fuhrte Zeck an das Fenster der schon dunkelnden kleinen Stube zuruck. Bleibt ruhig! Eure Schwester wird uns Alles sagen.

Herr, fuhr Ursula fort. Er hat nichts Gutes vor, wenn er allein kommt. Er ist schon ofters allein durch den Wald geschlichen ...

Kommt er denn jetzt allein, gute Frau? sagte Louis. Wir sind ja unsrer zwei mit ihm und Eure Freunde.

Aber Ihr hort's ja, er will den Schlussel haben!

Murray merkte aus diesen Worten bald, dass Ursula noch so viel klare Gedanken hatte, um vor Jakob Zeck's Habgier sich sicher zu stellen. Er gedachte seines Geldes, das ohne Zweifel Veranlassung dieses Mistrauens war.

Louis folgte mit grosser Geistesgegenwart der gleichen Betrachtung und sagte:

Das ist recht, Frau Marzahn, dass Ihr Euer Geld verschliesst. Ihr musst reich sein. Aber gabt Ihr denn die dreitausend Thaler, die Ihr einst fur das Kind Eures Bruders, der in Amerika gestorben ist, empfangen habt, nicht auf Zinsen?

Ursula stierte ihn auf diese Worte mit grossen Augen an.

Ach, Herr, sagte der Blinde, die dreitausend Thaler legte sie bei Marzahn's Leber an. Das Geld zehrte all der Durst weg.

Die Alte verstand diese Bemerkung, lachte und erhob sich jetzt, ihren Gasten etwas vorzusetzen.

Ihr Herren, sagte sie, wollt Ihr trinken?

Da, sagte Zeck, nun hat sie's! So ging's fruher! Juchhei! Flotte Wirthschaft! Die und dreitausend Thaler! An Die hat sie's hinausgeworfen, die ihr sagten, dass sie hubsch war. Zehn haben sie heirathen wollen und Jeder zog sie nur aus, bis sie nichts hatte und ihren armen blinden Bruder hatte sie verhungern sehen konnen ...

Wollt Ihr trinken, Jungen? fragte Ursula wieder mit schelmischer Lusternheit.

Louis schuttelte den Kopf. Er empfand ein Grauen vor dem Gedanken, von einer solchen Frau sich etwas zum Genusse vorsetzen zu lassen.

Danke! sagte er kraftig und setzte mit Entschlossenheit den Hebel an die Erinnerung der Alten, indem er fortfuhr:

Marzahn war so durstig und doch wollt' er nicht ein Ende machen und heirathen. Warum, Frau Ursula, wollt' er denn nicht heirathen?

Aber die Antwort auf diese Frage blieb aus. Die Ideenverwirrung der Alten war so eigenthumlich, dass sie kichernd zu Louis sagte:

Bist schmuck! Hast doch auch schon ein Madchen?

Der Blinde lachte laut auf und machte den plumpen Scherz:

Hei! So war's recht! Ja! Es ist ein Freier fur Dich, Ursula! Der Dreizehnte, wenn Du willst! Herr, sie ware im Stande, noch mit Euch Hochzeit zu machen. Fasst ihr einmal an's Kinn! Ich wette, sie hat mehr Haare am Kinn als Ihr unter der Nase!

Ich kann mir denken, fuhr Louis den Scherz nicht beachtend fort, ich kann mir denken, dass Eure Freier, Frau Ursula, gefragt haben: Wem gehort denn der kleine hubsche Junge da? Ist das Euer eigner lieber kleiner Taugenichts?

Das ist's! sagte Zeck.

Sie horten dann, fuhr Louis fort, das ist meines Bruders Kind. Was wollt Ihr? sagtet Ihr. Es gehort dem Bruder ...

Sie glaubten's aber nicht, fiel Zeck ein.

Ursula horte nur zu, wie wenn etwas ihr Wildfremdes besprochen wurde.

Und zu sagen, von wem das Kind kame, wer die Mutter ware, Das war durch einen Schwur verboten?

Und durch das Geld, das sie durchgebracht hat! setzte Zeck grimmig hinzu.

Da war's dann Euer Sohn

Doktor Lehmann's Sohn! lachte Zeck.

Murray schauderte, weil ihm von Wort zu Wort das Verhaltniss ganz klar wurde.

Und Marzahn war der schlimmste Eurer Freier? fuhr Louis mit einer fur Murray bewunderungswurdigen Kunst der Inquisition fort. Der wollte nichts wissen von Doktor Lehmann's Sohn!

O Das ware der Teufel, sagte Zeck. Der verspielte ihr Geld und nannte sie dann, wie man Weiber nicht nennen soll, wenn sie's auch sind

Wegen dieses Kindes?

Nein Herr, da war's ja schon todt, als Marzahn an die Reihe kam. Es war ein andrer der Vierte, der Funfte ...

Wie alt wurde er denn, der kleine Wurm?

Ich denke, ein anderthalb Jahre nicht wahr, Urschel? Du nahmst es ja in die Stadt, als ich krank lag. Mir war schlecht damals, Herr. Als ich wieder Besinnung fasste, war Paul gestorben. Urschel, Du hast ja den Todtenschein von Paul. Gib ihn mal her! Die Herren brauchen ihn. Paul soll erben. Wieviel denn, Herr?

Wol an zehntausend Thaler! sagte Louis frischweg, um aus den halben Thatsachen herauszukommen.

Zeck starrte. Seine Augen rissen sich gross auf.

Hort sie wol ein Wort von Allem, was wir sprechen? rief er zornig. Gib den Todtenschein vom Paul! Paul Zeck! Horst Du nicht?

Ursula band sich ihr Tuch vor'm Spiegel fester und nahm dabei eine Nadel in den Mund.

Den Todtenschein vom kleinen Baron! wiederholte Zeck, ihr in's Ohr schreiend.

Ursula steckte ruhig die Nadel in das Kopftuch.

Warum lacht Ihr, Frau Marzahn? Ist der kleine Baron wirklich todt? fragte Louis.

Murray sah gespannt ...

Die Schwester zeigte auf die dunkle Wiese unter dem kahlen Ebereschenbaum.

Murray musste aufstehen, weil er in der Nahe des Fensters sass und sich gern zuruckgezogen hielt.

Wo ist der kleine Baron? wiederholte Louis.

Ursula that, als suchte sie den kleinen Baron auf der Wiese und lachte dabei.

Sie ist verruckt! sagte Zeck. Im Sommer sagte sie einmal zu mir: Jakob, sagte sie, ich habe den Baron gesehen; sie meinte unsern Bruder, und zeigte auf einen Baum, der da auf der Wiese stehen muss. Da hatte sie ihn im Mondschein gesehen.

Louis und Murray fuhlten, dass hier schwer, ja unmoglich eine vernunftige Auskunft zu finden war. Sie konnten daher nichts dagegen haben, dass der Blinde den Hammer nahm und an einen kleinen Schrank, der neben einer alten Uhr an der Wand hing, mit furchtbarer Gewalt einen Schlag verfuhrte.

Ursula sprang jetzt hinzu und schrie.

Geld hat sie nicht! sagte Zeck wuthend und auf den Schrank schlagend; das gibt sie alles an die Manner. Dem Heunisch, dem Faullenzer, stopft sie's ein, seit Jahren, dass sie wie toll in seinen rothen Bart verliebt ist. Aber Papiere sind da. Den Todtenschein vom Paul muss sie haben!

Ursula schrie und rang mit dem Bruder; doch schon war der kleine Schrank aufgesprungen und Papiere, Bucher, Flaschen, Buchsen fielen wirr durch einander herunter.

Es war ein trauriger Anblick, zu sehen, wie Ursula mit dem Blinden rang, um ihn von der Zerstorung und der Durchsuchung dieser Gegenstande abzuhalten.

Murray erfasste ein Grauen. Er erkannte einige dieser Buchsen und Glaser. Sie stammten aus seiner fruheren Kupferstecherwerkstatt her und enthielten atzende Gifte.

Ruhrt nichts an! schrie Zeck. Es ist Gift! Die Hexe will den Schein nicht geben! Sie will sagen, der Paul lebt noch!

Dabei wuhlte die schmutzige Hand in dem Schrank und trat Alles, was ihr vorkam, mit Fussen.

Zuruck! donnerte Louis jetzt und schleuderte den zum Thier entfesselten, habsuchtigen Blinden mit jugendlicher Kraft bei Seite. Zuruck! Nicht einen Fetzen hier angeruhrt, nichts hier zerstort!

Ich fasste aber ein Buch! sagte Zeck fast zur Erde taumelnd. In dem Buche liegt der Schein. Es ist ein Doktorbuch. Ich habe den Schein ja nie selbst gesehen, aber vor zwei und zwanzig Jahren hat sie ihn mir vorgelesen ...

Was ist das fur ein Buch? sagte Louis, sich mit Ruhe und Fassung zu Ursula wendend und Eins nach dem Andern vornehmend.

Als die Alte das Buch sah ... es war ein Gesangbuch mit goldnem Schnitt ... fing sie plotzlich an zu zittern ...

Was habt Ihr? fragte Louis.

Ursula stohnte, ja schluchzte fast ...

Alle starrten vor Befremden ... Die Alte nahm das Halstuch ab und trocknete sich damit die Augen ... Das Gesangbuch hullte sie dann in das Tuch ...

Murray hielt sich immer still und stutzte den Kopf auf ...

Warum weint Ihr, Ursula? fragte Louis entsetzt.

Statt der Antwort machte die Alte Tone, als ahmte sie Kirchenglocken nach.

Zeck schwieg erschrocken und wandte sich ab ...

Das ist ein Gesangbuch, mit dem man Sonntags in der Fruhe in die Kirche geht, sagte Louis.

Die Alte nickte und fuhr rasch fort:

Es ist gleich neun der Pfarrer wartet schon ha ha da, den Strauss hatte sie in der Hand

Louis griff nach einem verwitterten, ganz vermoderten alten Blumenstrauss, den Ursula in der Hand hielt ...

Ha! schrie Ursula auf. Da! Da! Da liegt sie! Unten! Ha, ha, ha!

Wer? fragte Louis wiederholt.

Statt zu antworten, trat Ursula scheu an Louis heran und flusterte, indem sie hinterwarts, etwa nach der Richtung der Sagemuhle hinzeigte:

Da! Da!

Wovon sprecht Ihr denn, Frau? Besinnt Euch?

Sie sang wieder Glockentone und setzte sich dabei, weil ihr schwach wurde ... Zeck schwieg erstarrt.

Louis behielt das Gesangbuch und den Blumenstrauss zuruck, sah aber, dass ihm Murray einen Wink gab, den Bruder zu beobachten. Dieser hatte seit dem Gesangbuch, dem Glockenton, der Erinnerung an einen Sturz vom Felsen alle Besinnung verloren. Er stand wie ein taumelnder, bewusstloser Stier, den die Axt des Fleischers vor die Stirn getroffen hat und der noch nicht vollig ohne Leben ist. Nur krampfhaft streckte er die Hand hinaus, als wollte er diese hier unvermuthet getroffenen Gegenstande, die Louis betrachtet hatte, fassen. So blieb die Hand ihm wie hangen.

Murray wagte den Gedanken, dass hier eine Schuld, eine Mitschuld an irgend einer Unthat vorlage, nicht auszusprechen. Wusste er doch nicht, worauf sich diese Andeutungen, diese Reliquien bezogen! Aber Erstaunen musste es ihm verursachen, dass der Schmied ruhig geschehen liess, wie Louis im Schranke weiter suchte und forschte.

Ich finde nichts, sagte Louis. Da ein Kamm von Schildpatt mit weissem Elfenbein verziert

Bruder und Schwester erwiderten nichts.

Ein schoner Kamm! sagte Louis. Trugt Ihr den fruher, liebe Frau?

Ursula schuttelte sich und meinte jetzt:

Er brennt ja.

Der Kamm brennt? Wie kann der Kamm brennen? fragte Louis.

Murray horchte hoch auf.

Fragt Den da, sagte Ursula und zeigte auf den Blinden, der in der That den Kamm so von sich weghielt, als stunde er in Flammen. Sein Athem keuchte. Er kam jetzt in Bewegung und suchte das Fenster.

Ursula kam dem zum Tod erschrocknen, uber diesen Inhalt des Schrankes entsetzten Blinden zuvor, riss das Fenster auf und rief:

Ihr erstickt, Leute! Macht fort! Fort! Der Kamm brennt! Die Stube brennt! Die Gardine! Linchen brennt! Jakob! Jakob!

Weiter konnte Ursula nicht. Jakob Zeck, der wuthende Blinde, warf sich auf sie, wie man auf einen brennenden Gegenstand das erste Beste wirft, um die Flamme zu ersticken. Er warf die Alte zu Boden, trat sie. Murray hielt sich nicht langer. Er sprang auf, fasste den Blinden ruckwarts und schleuderte ihn mit einer Kraft zuruck, uber die Louis erstaunen musste.

Louis steckte den Kamm zu sich, dann schloss er das Fenster, ohne darauf zu achten, dass es ihm war, als horte er in der Ferne Pferdegetrappel. Er erstaunte uber Murray, der im Begriff schien, sein Incognito aufzugeben und mit dem Terzerol in der Hand dastand. Der Anblick dieser Papiere, die vielleicht uber seinen Sohn Auskunft geben konnten, ergriff Murray so gewaltig, dass er den auf dem Boden wuhlenden Bruder fast mit Fussen stiess und sich der Papiere, die er zusammenraffen konnte, schnell bemachtigte. Zeck, der im Ringen mit ihm bemerkte, dass es nicht Louis war, der ihn niedergeworfen, erhob sich und hielt seinen Hammer empor.

In der Linken das Gesangbuch, in der Rechten seinen Hammer, rief er, die Besinnung verlierend:

Morder! Diebe! Ursula, lass die Hunde los!

Die Papiere heraus! donnerte Murray. Ihr seid Morder! Ursula sprich! Wer verbrannte? Wer sturzte vom Felsen?

In dem Augenblicke nahte sich aber der wuthende Zeck mit seinem Hammer, holte aus und wurde in seinem Irrthum Louis, der ihm zunachst stand, unfehlbar todtlich getroffen haben, wenn nicht Murray ihn mit der Linken in der Rechten hatte er das Terzerol ergriffen hatte.

Halt' ihn! Halt ihn! schrie Ursula. Er weiss es! Nantchen's Gesangbuch! Wo ist das Gesangbuch! Linchen's Kamm! Ha, ha! Jakob, nun ist's doch all' eins! Nun holen sie uns doch! Sag's Jakob! Oder soll ich's sagen?

Murray liess die Hand sinken. Aber nur einen Augenblick. Der Blinde hatte die Stelle gemerkt, wo die Schwester stand. Er horte, dass sie Angaben machte, die auf geheime Verbrechen schliessen liessen. Er hob den Hammer, um durch einen tuckischen Seitenschlag der Schwester im Nu den Mund fur ewig zu schliessen. Murray blitzschnell folgte der Bewegung und schoss, ohne zu uberlegen, sein Terzerol ab.

Der Schmied sank getroffen. Ursula schrie auf. Louis, der in den Papieren des Schrankes suchte, wandte sich und sah das Entsetzliche, das eben geschehen war

Erkennst Du mich? rief Murray nun dem zurucktaumelnden und zur Erde sinkenden Blinden zu, erkennst Du mich? Die Stimme Deines Bruders spricht zu Dir! Ursula, hat die Macht des Wahnsinns Deine Sinne ganz geblendet? Der sieht nicht und erkennt mich, Du siehst und weisst nicht, wer mit Dir spricht?

Der Schmied achzte. Ursula riss gespenstisch die Augen auf ...

Erkennst Du mich, Jakob? So drohnten die Mauern in unsrer Werkstatt, wie jetzt, als Du die Erde zum letzten Male sahst. Horst Du mich, den Auferstandenen? Euern Bruder Friedrich?

Der Blinde antwortete nicht ... er achzte.

Ursula hielt sich am Ofen fest und erkannte den Bruder noch nicht wieder. Gross starrten ihre Augen auf ihn herab. Sie sah den Niedergesunkenen, ohne das Geschehene fassen zu konnen.

Rettet Euch, Murray! Ihr seid verloren! rief Louis jetzt, der gleich nach dem Schusse an's Fenster getreten war und die beiden Dragoner hatte heransprengen sehen. In der Ferne horte er Stimmen. Die Hunde bellten und rissen wie wuthend an ihren Ketten ...

Murray, was habt Ihr gethan? rief Louis.

Euch und der Schwester, der Unglucklichen, das Leben gerettet ... Dieser Elende! Falschmunzer! Morder! sagte Murray und sank entkraftet, keiner Gefahr achtend in seinen Sessel.

Was bedeuten diese Bewaffneten? Ist es auf Euch abgesehen? Ich beschwore Euch! Flieht! Das Dunkel wird Euch schutzen! rief Louis.

Statt aller Antwort erhob sich Murray noch einmal und trat dicht vor Ursula mit den Worten, die er ihr donnernd zurief:

Ursula, habt Ihr Paul ermordet?

Die Alte schuttelte den Kopf.

Ist das Kind todt? Verbrannt? Vom Felsen gesturzt?

Ein Augenblick Zeit war noch ubrig; schon standen die Dragoner an der Thur draussen und larmten. Menschen liefen quer uber die Wiese heruber.

Ist Paul Zeck todt? wiederholte Murray.

Die Alte schuttelte den Kopf.

Ah! sagte Murray. So hab' ich noch Pflichten und sollte noch leben! Nein, Freund, dieser Uberfall gilt mir! Man ahnt, wer ich bin. Sehen Sie, ich erkenne die beiden Hascher, die mich schon einmal verhafteten. Wohlan! Wohlan! Nach dem Tode dieses Elenden dort, zu dessen Richter mich Gott bestellte, bedarf ich einen Ort der letzten Sammlung! Leben Sie wohl, Louis, und wenn Sie aus diesen Papieren erfahren konnten

Murray! musste Louis mit uberstromendem Gefuhle rufen und sich schmerzzerrissen an des unglucklichen Mannes Brust werfen.

Murray kusste ihm die Stirn. Eine Thrane quoll aus seinem Auge.

Nur kurz war dieser Augenblick; denn schon war Murray ergriffen und die Scene verwandelte sich in eine brutale Verhaftnahme, wie sie ohne alle Rucksicht auf die obwaltenden Umstande nur stattfinden konnte. Da ein Verwundeter, dort ein Schrank erbrochen, der gesuchte zweideutige Englander, mit einem Mordgewehr in solcher Situation gefunden ... Louis hatte alle Kraft zusammenzunehmen, der Gewalt dieser ihn selbst im sonderbarsten Lichte darstellenden Scene nicht zu erliegen.

Schont diesen Mann! rief er und drangte die beiden Gesellen, die bei Zeck gearbeitet hatten, zuruck. Wer seid Ihr, dass Ihr wagen durft, hier einzudringen?

Bei Mordern und Dieben ist Jeder zur Hulfe berufen, sagte der Eine. Ubrigens sind wir Diener der Gerechtigkeit ...

Es waren Mullrich und Kummerlein, die Polizeidiener. Pfannenstiel bestatigte, dass Beide mit dem Auftrage hierherkamen, diesem Manne mit der schwarzen Binde, der sich Murray nenne und fur einen Englander ausgabe, in seinen Unternehmungen um das Schloss Hohenberg herum aufzupassen. Schlimmeres konne man wol nicht antreffen, als hier den Vorfall im Forsthause. Herr Louis Armand wurde von seiner Zeugenaussage viel Umstande haben ...

Sie wird sehr einfach sein, sagte Louis. Dieser edle Mann hat mir und jener Frau das Leben gerettet.

Den Hammer sah ich in des Blinden Hand, bemerkte Pfannenstiel. Das ist richtig. Die Umstande kann man nicht genau genug aufnehmen ...

Indem wurde Murray zwischen die beiden Dragonerpferde genommen und gefangen fortgefuhrt.

Louis umarmte ihn noch einmal mit Thranen.

Die Umstehenden machten eine eigne zwischen Spott und Erstaunen gehaltene Miene, als Murray noch die Worte sprach:

Mein Freund, trauern Sie nicht! Sie kennen meine Lehre, meinen Glauben! Ich dulde gern, denn ich weiss, wofur ich dulde! Geh' es Ihnen wohl! Sie haben in ein Leben, in Verhaltnisse geblickt, uber die man nur zu rasch ein Kreuz schlagt und sagt: Da ist nichts zu andern! Holen Sie sich das Bewusstsein aus ihnen, ein reiner, mit Ihrem Innersten einiger Mensch zu sein! Gottes Geist erleuchte Sie! Wirken Sie Gutes! Und wollen Sie meiner gedenken, so gedenken Sie, dass der Zweck unsrer Reise erreicht ist. Wir wissen, dass Paul lebt! Die letzten Antworten Ursula's waren erleuchtet. Dafur dank' ich Gott und Ihnen.

So schied Murray und schritt zwischen den Pferden und den Sporen der Reiter voll Demuth hin.

Mullrich und Kummerlein, die ihre Pramie verdient hatten, folgten mit spottischem Blicke auf Louis Armand, den nur die Beziehung zum Fursten und Premierminister schutzte.

Pfannenstiel half diesem, den bewusstlosen Blinden in eine Nebenkammer auf ein Bett bringen. Ursula sass am Ofen und schien von Allem, was sie umgab, nichts mehr zu bemerken ...

Dann folgte Pfannenstiel den Ubrigen und versprach, einen reitenden Boten nach Randhartingen zu schicken, um den Doktor Reinick zu holen.

Wie Louis mit dem achzenden Blinden und Ursula allein war, befiel ihn erst eine Furcht, die er vorher nicht kannte ...

Ursula liess es ruhig geschehen, dass er die zerstreuten Papiere, das Gesangbuch, den Kamm, den Blumenstrauss zusammenraffte und zu sich steckte. Vor den Glasern entsetzte er sich und mochte sie nicht untersuchen ...

Ursula sass in der Kammer neben dem Bruder, dem nur ein kundiger Arzt helfen konnte. Sie liess das Haupt hangen und schien selbst, hochbetagt wie sie war, ihrem Ende nahe. Sie versprach, Louis' Weisungen zu folgen, holte auch Wasser, sprach auch von Umschlagen, die sie machen wollte, that eigentlich vernunftiger als vorher und doch war es nur mechanische, fast gedankenlose Bewegung.

Da Louis Heunisch's Ruckkehr nicht abwarten konnte, ging er zuletzt still, ohne dass es Ursula merkte, aus dem verhangnissvollen Hause. Mit welchen Gefuhlen! Die Wahnwitzige blieb mit dem Bewusstlosen, Sterbenden allein zuruck.

Es war Schnee gefallen. Ein Leichentuch deckte die Erde. Wohin Louis blickte, die weissen Schimmer des Winters ...

Plessen fand er in grosser Bewegung. Die Arrestation, die Verwundung des Schmieds, die Entpuppung der beiden Gesellen in der Schmiede hatte Alles in Aufregung gebracht ...

Auf dem Schlosse fand Louis die Sachen des schon weiter gefuhrten Murray mit Beschlag belegt ...

Der Justizdirektor empfing Louis in dem Eckzimmer an dem noch offen stehenden Klavier und bedauerte diese Vorfalle, die zu erleben, zu beobachten, zu untersuchen, zu erortern, ganz gegen seine Natur ging ...

Herr von Zeisel musste mit dem Aktuar Weisse ein Protokoll aufnehmen. Louis unterschrieb es und erzahlte Alles, was er glaubte uber Murray mittheilen zu mussen. Er verschwieg, dass Murray Zeck's und der Ursula Bruder war. Er schilderte seine Bekanntschaft mit Murray als die harmloseste, gestand zu, dass jener Alte aus Mistrauen und Lebensuberdruss ein Pistol bei sich fuhrte und berief sich als Ursache des Streites zwischen ihm und dem blinden Schmied auf eine Familienangelegenheit, die er erst spater den Gerichten glaubte mittheilen zu durfen ...

Herr von Zeisel blieb gutig und wohlwollend, fand es auch in der Ordnung, dass Louis vorzog, schon morgen in die Residenz zuruckzukehren. Er selbst wusste uber Murray nichts, als dass hohern Orts zwei Polizeiagenten waren aus der Residenz geschickt worden, um einen gewissen Murray, der an diesen und jenen Dingen zu erkennen ware, zu beobachten und im Falle zweideutigen Benehmens, besonders aber im Falle einer Beziehung zu dem Schmiede Zeck und dem Forsterhause, sogleich festzunehmen und in die Residenz zu senden ...

Louis musste uber diesen Zusatz sehr erstaunen und ahnte, dass sich die alten gewaltigen Machte gegen den aus Amerika zuruckgekehrten verhassten Vater des verschollenen Paul Zeck deutlich genug regten.

Er hatte eine schlaflose Nacht ...

Am fruhesten Morgen weckte er die alte Brigitte und Winkler, gab ihnen Trinkgelder, die nicht seiner eignen Lage, wohl aber dem Orte, den er bewohnt hatte, angemessen waren und entfernte sich, ohne Abschied von Oleander zu nehmen, mit einer schon am Abend bestellten Gelegenheit in der Stille von Hohenberg. Nur an Franziska liess er zur Besorgung einige geschriebene liebevolle Worte zuruck ...

Mit banger Wehmuth uber unsre Erdenschicksale, uber fremdes in der Irre gehendes Hoffen und sein eignes so Viel verfehlendes Streben, zog es ihn jetzt dahin, wohin man den unglucklichen Murray gefuhrt hatte.

Eilftes Capitel

Unterm Schnee

Die weisse Decke des Winters blieb und wuchs. Der Winter erstarrte Alles, was in der Natur noch zu leben, irgend noch zu wachen versuchte. Die wenigen zuruckgebliebenen Vogel fluchteten den Wohnungen der Menschen naher, doch auch diese hatten sich strenger verschlossen und schienen armer an Liebe, sparsamer mindestens mit ihren freundlichen Gaben, selbstbekummerter in sich zuruckgezogen. Der Schnee lag so hoch, dass man die Dorfer aus ihren Decken kaum heraus erkennen konnte. Nur wo irgend ein warmer Hauch, aus der Kuche, aus den Schornsteinen, ja, da wir auf dem Lande sind, aus dem dampfenden Dunger entstieg, offneten sich einzelne Falten des grossen weissen Gewandes und verriethen, dass unter ihm etwas Lebendiges ruhte. Bald gesellte sich zum Schnee der Frost, der ihn ballte und so kittete, dass er unter dem Fusstritt und dem Wagendrucke knisterte. Die Geleise, die in der vom Wind verwehten Schneedecke auf der Landstrasse und im Walde nicht bleiben wollten, froren nun fest. So kalt es war, so kam man nun doch eher zum Vorschein, weil man feste Wege fand. Da standen denn die Baume mit grossen weissen Harnischen gepanzert, die ihnen im Schneegestober angeweht und dann gefroren waren. Die kleinsten Zweige hatten unter der Lupe betrachtet millionenfach wunderbare Krystallisationen geboten. Wie glanzten diese zarten Kandirungen an der blutroth aufsteigenden Sonne, deren Strahlen nur Morgens, Mittags und Abends die Kraft hatten, durch den Nebel hindurchzudringen! Da wo sonst tiefe Abgrunde und Klufte waren, hatte sie das Schneegestober ausgefullt und trugerische Bahnen geschaffen, die nur unter dem pfeilschnellen Fluge des Wildes nicht nachliessen. Man sah die Spuren des fluchtigen Wildes. Viele Jagdliebhaber, die fur Wochen und Monate eine Licenz zum Schiessen losten, verfolgten sie auf Umwegen. Auch die Klingeln der Schlitten belebten die erstorbene Gegend, wie der Knall der Buchsen. Wer sich jetzt gegenseitig besuchte, durfte voraussetzen, freundlicher als sonst aufgenommen zu werden.

Noch ehe die Erde zu harten Schollen gefroren war, hatte sie zu ewiger Ruhe zwei Entseelte aufgenommen. Die Mullerin und acht Tage spater den blinden Jakob Zeck. Der Schuss war dem Schmied unter dem Schlusselbein eingedrungen. Die Sorgfalt Reinick's vermochte nichts gegen den Brand.

Zwei so rasch unter solchen Umstanden sich folgende Begrabnisse regten die Umwohner genugsam auf und laut genug wurden jene Todtengerichte gehalten, die jedem Sterbenden folgen, wenn auch nicht so feierlich wie einst in Agypten, und bei den Meisten auch nur in Gedanken. Der Vikar Oleander aber hielt sie in Worten an den offenen Gruben und achtete des Schnees und der Kalte nicht. Hatten doch auch die Menschen noch gewusst, Blumen aufzutreiben, warum sollte er mit Worten geizen! Sein schones Talent, den Augenblick und die Situation selbst reden zu lassen, bewahrte sich auch hier und Viele sagten, dass er am Grabe des blinden Zeck fast noch ruhrender gesprochen als an dem der Mullerin. Hier klapperte ja die Muhle fort, es fehlte dem Gatten Niemand! Da aber stand ein Sohn, der sich, fur so beschrankt er sonst galt, im Verlust seines (ihn fuhrenden) Vaters wie ein Verzweifelnder gebehrdete und sich mit wildem Schmerze auf den Sarg warf, um ihn nicht schliessen zu lassen! Da stand Heunisch, dem der plotzlich weisser gewordene Schnurrbart rings vom Athem und der Kalte vollends gereift war! Er hatte Louis nicht mehr gesprochen und von Ursula, die zum Tode geknickt schien, nur verworrene Aufklarungen erhalten. Da stand Franziska Heunisch, die mit Selma eben ein trauliches Stillleben beginnen wollte, als sie dieser Fall beinahe wieder auseinanderriss! Doch hoffte Heunisch, die Marzahn wurde es noch bis zum Marz bringen. Auch zwang ihn die Jagd, viel Menschen zum Treiben und Transport des Wildes ohnehin immer um sich zu haben und oft kam er nun drei, vier Tage lang nicht mehr nach Hause. Da stand Herr von Zeisel, der nur bedauerte, wie unklar sich dieser ganze Vorfall anlasse und wieviel es Correspondenzen kosten wurde, die Gerichte der Residenz mit den Ergebnissen der hiesigen Untersuchung in Einklang zu bringen! Da stand auch noch Siegbert Wildungen, den Louis' plotzliches Verschwinden schmerzlich genug, weil mit solchen Umstanden verbunden, uberraschte. Alle horten sie Oleander's Betrachtungen mit Ruhrung zu. Er verschwieg nicht, dass dieser Todte wenig Freunde gehabt und Allen eher kalt, als warm erschienen sei. Er hatte die Liebe, die er nicht gesucht, auch nur bei Wenigen gefunden. So kam der junge Redner auf die Verstockung des Herzens, die hier eine Folge des leiblichen Gebrechens mochte gewesen sein und sprach mit grosser Offenheit daruber, dass Die, die auch geistig taub sind, die geistig nicht sehen wollen, auch an ihrem noch besseren Theile einbussen. Auch an Louis' Mittheilung, dass dieser Blinde seinen Tod sich selbst zuzuschreiben hatte wegen eines bosen Anfalls von Jahzorn und schlimmer Tucke, fest und unerschutterlich sich haltend, verschwieg Oleander zur Warnung kein Fehl des Dahingegangenen und goss erst zuletzt das milde Licht der himmlischen Gnade, deren wir Alle bedurften, uber seinen weihevollen Vortrag. Dem Sohne, sagte er dann, zu ihm sich wendend die Umstehenden beruhrten den Tauben, um ihm zu sagen, der Pfarrer sprache mit ihm kann ich nichts sagen, da ihm das Ohr fur menschliche Rede verschlossen ist! Blicke hin und hore die Sprache, die du siehst! Diese Erde er zeigte auf die Grube und jener Himmel er zeigte empor sind Eines, so wir reinen Herzens sind er legte dabei die Hand an die Brust.

Der Taube verstand ihn und weinte. Er war in den Dreissigen und jetzt hulfloser wie ein Kind.

Als man vom Kirchhof heimging, horte Siegbert noch ausfuhrlicher, was sich Alles im Walde zugetragen hatte. Heunisch und Zeisel erzahlten, auch Pfannenstiel trat naher. Allen fiel auf, dass aus dem kleinen Schranke der ganze Inhalt fehlte, den Heunisch freilich selbst nie gesehen hatte. Das gewaltsame Aufschlagen mit dem Hammer schien Allen erwiesen und Niemand bezweifelte, dass der Blinde sein Schicksal verdient hatte. Einen genaueren Zusammenhang ahnte nur Ackermann wegen der von ihm aus Amerika gebrachten Summen. Was man aber von dem Englander Murray, von Louis' Urtheil und von der Schwester denken sollte, war auch ihm rathselhaft.

Wie dem auch sei, sagte Herr von Zeisel zu Ackermann, es ehrt Herrn Oleander, dass er die gleiche Theilnahme der reichen Mullerin und dem, wenn nicht armen, doch wenig geachteten Schmied bewies. Ich denke an Stromer setzte er mit einem Seitenblick auf die einsam wandelnde Pfarrerin, die nicht zuhorte, leise hinzu ich denke an Stromer, dem alle diese Vorkommnisse gering und seiner nicht wurdig erschienen und bei allem Geiste, den ihm Niemand absprechen wird, keine fesselnden Worte abgewannen.

Es fehlte ihm wol das Herz! sagte Ackermann.

Ich mochte auch Das nicht sagen, bemerkte Herr von Zeisel. Er schreibt doch in den Blattern mit grosser Empfindung. Die Briefe an die Seinigen sind oft kurz und zerfahren, oft aber auch voll Ruhrung ...

Vielleicht uber sich selbst, bemerkte Ackermann. Nenne man Das doch nicht Herz, wenn ein Mensch leicht in Thranen zerfliessen kann! Ich habe Frauen gekannt, die viel weinten und die doch nur ihre Nervenschwache hatten fur ihr Gemuth ausgeben sollen. Stromer ist voll Ruhrung uber sich selbst. Er weint daruber, dass er weinen kann. Er bewundert sich, wenn er voll Wehmuth einen Kirchhof oder den erwachenden Fruhling betrachtet. O diese eitle Selbstbespiegelung! Ich erkenne das Herz nur bei den Menschen an, die im Stande sind, aus andern Menschen herauszuempfinden und in ihnen wie in sich selbst zu leben.

Oleander, der einestheils zu zartfuhlend war, um sich auf Kosten seines Vorgangers ruhmen zu horen, andrerseits die Gewohnheit hatte, nach dem Ernste gern in einem scherzenden Tone sich wieder mit der naiven, ihm eigenthumlichen Auffassung zu vermitteln, bemerkte:

Ich will gleich sehen, wer unter uns Herz hat! Da seh' ich Damen in Pelzwerk und Manteln kommen ...

Meine Frau, sagte Herr von Zeisel, Frau von Sanger und Fraulein Selma Ackermann.

Ich sehe schlecht, fuhr Oleander fort, wo geht Fraulein Selma?

Rechts, sagte Herr von Zeisel.

Links, fuhr Ackermann fort, geht Siegbert Wildungen.

Ihr irrt! Rechts Frau von Sanger bemerkte Oleander ...

Nein, nein, links geht Frau von Sanger! bestatigten Alle.

Da meinte denn Oleander:

Seht! Ihr Alle habt kein Herz! Wie konnt Ihr sagen: es gehe einer rechts fur Euch, da er doch links fur sich geht? Nach Herrn Ackermann's richtiger Theorie vom Herzen muss man Den, der uns begegnet, auch von der Seite aus kommend darstellen, die ihm selbst die linke, ihm selbst die rechte ist!

Der Widerspruch und der Scherz, den diese Bemerkung hervorrief, wurde von den Damen abgeschnitten, die uber die Kalte, uber das lange Ausbleiben der Herren klagten. Frau von Zeisel warf auf Siegbert so schmollende Blicke, dass er sich wiederholt fur seinen erst heute, acht Tage nach dem Diner wiederholten Besuch entschuldigte. Er erklarte, dass er sich noch nicht von dieser uberraschenden Veranderung hatte erholen konnen: so widersprache Alles, was er zu finden hoffte, Dem, was er wirklich fande.

Frau von Sanger fuhrte das Wort und schilderte den Fleiss und die in Anspruch genommene Musse des jungen Malers mit einer Lebendigkeit, die Niemanden verdriesslicher war als der Justizdirektorin. Sah sie sich doch auch von Oleander, der mit Selma und Franziska allein ging, verlassen!

Oben im Amtshause widmete man Allen, die das Begrabniss des unter so eigenthumlichen Umstanden dahingegangenen blinden Zeck herbeigezogen hatte, noch einen solennen Nachmittagskaffee, dann trennte sich Heunisch, der als Leidtragender vom Justizdirektor mit freundlicher Herablassung eingeladen war, von Franziska und trostete sich mit den Zerstreuungen, die jetzt die Jagd, der Verkauf, die Ablieferung des geringen Wildprets mit sich fuhren wurde. Selma hatte Franziska schon so liebgewonnen und an sich herangezogen, dass sie sich gern mit ihr isolirte und sonderbarerweise von allen Anwesenden Niemanden lieber den Rucken kehrte als Siegbert. Dieser fuhlte diese Zurucksetzung und bemerkte auch, dass Ackermann gegen ihn befangen war. Auf einem Schlitten fuhren die Ullagrunder fruher von dannen; doch wiederholte Ackermann die Einladung an Siegbert. Wenn er noch in der Gegend bliebe, wurde er ihnen doch einen Besuch schenken? Der innige Handedruck, mit dem er schied, stand in Widerspruch zu seinem Benehmen. Selma aber, die in ihrem Pelzkragen, ihrem Muff und dem blauen Schleier auf dem Sammthute recht "vollkommen", wie Frau von Zeisel sagte, oder "unternehmend", wie es Frau von Sanger nannte, aussah, verharrte in ihrem Gleichmuthe und verwundete fast den von den Frauen etwas verwohnten jungen Mann. Als der Schlitten fortgefahren, beklagte sich Siegbert bei Oleander.

Dieser stand an einem entlegenen Fenster und erwiderte:

Ich mochte behaupten, dass Selma selbst nicht weiss, warum sie Ihnen so sein muss, wie sie ist.

Bemerkten Sie denn auch die fast absichtliche Kalte?

Absichtliches bemerkte ich nichts, aber dass sie vor Ihnen Scheu hat, eine unbewusste, ihr selbst nicht klare, erkenn' ich wohl.

Wie ist Das moglich? Was weiss sie Schlimmes von mir? Dass sich diese beiden verheiratheten Frauen mir theilnehmend zuwenden und dabei wenig Vorsicht zeigen, ist Das meine Schuld?

Ich glaube kaum, dass Selma so urtheilt, so nur beobachtet. Sie beobachtet gar nicht und urtheilt noch weniger.

Sie sprechen ihr da die Bildung ab, die Sie doch selbst an ihr vollenden wollen?

Die Bildung? Ist Beobachtung und Urtheil allein Bildung? Bildung ist nur gesteigerte Empfanglichkeit. Selma verbindet Bildung mit Dem, was die Bildung nur zu oft verdrangt, mit dem Instinkt der Natur. Es ist ein Wesen, das ich naturwuchsig nennen mochte. Sie verstellt sich nie, wenigstens nicht mit Bewusstsein. Was sie ist, ist sie. Sie erschrickt, wo sich Andre bekampfen. Sie liebt und hasst nicht einmal. Sie fuhlt sich nur angezogen oder fuhlt sich nur abgestossen.

Wenn ich auf eine so reine Natur abstossend wirke, muss ich mich bekummern.

O, Das ist nicht gesagt, Wildungen! Der Vater, den Sie immer mehr schatzen wurden, wenn Sie ihn recht erkennen wollten, halt auf magnetische Beziehungen im Menschen. Es ist moglich, dass grade das Gleichartige abstossend wirkt. Wer weiss, welche Verwandtschaft grade Schuld ist, dass Sie auf Selma's Nerven einen Druck ausuben! Bin ich nicht in der gleichen Lage?

Siegbert stockte. Er gedachte des Bruders und der herzlichen Theilnahme, mit der Dankmar ihm einst von Selma Ackermann gesprochen. Wie gern hatte er sich Selma durch die Erinnerung an seinen Bruder empfohlen! Aber dafur, dass ihr Vater ihn einst auf seinen Knieen wollte geschaukelt haben, dafur, behauptete er, ware man zu sprode gegen ihn, zoge sich zu sehr zuruck und so hatte er keinen Muth, seine personlichen Beziehungen zu erwahnen und durch die Erinnerung an den Bruder diesen Menschen naher zu treten, die ihm ohnehin viel zu streng zu urtheilen schienen, als dass er gewagt hatte, auf Dankmar's in Hohenberg gespielte Rolle zuruckzukommen.

Oleander's Liebe fur Selma war ersichtlich. Siegbert sagte fast scherzend:

Und Sie, Oleander? Nach Allem, was ich zu beobachten glaube, liebt Selma ihren Lehrer.

Oleander fast erschreckend, konnte nicht antworten, denn Frau von Sanger trat zwischen sie und forderte Siegbert auf, seine gelehrten Gesprache fur ein ander Mal auszusetzen.

Mein guter Mann, sagte sie, treibt zur Ruckfahrt. Er hat es nicht uber sich gewinnen konnen, Ihre Rede zu horen, Herr Vikar. Er liebt die Kirchhofe nicht, auf die er bisher nur immer seine Frauen schickte. Ich bin die dritte. Er wird auch mir Erlaubniss geben, noch vor ihm dort hinzugehen.

Welche Melancholie, gnadige Frau! bemerkte der Vikar.

Ach, dieser Winter! Diese kalte Luft! Diese ode Einsamkeit! Diese treulosen Freunde, die, wie Herr Wildungen, so einmal in dies elende Landleben hereinschneien und dann gleich taglich vom Abreisen sprechen!

Ja, lieber Oleander! sagte Siegbert. Mein Bild in Randhartingen ist fast vollendet. Am dreizehnten will ich in Schonau sein, wo die Kirche eingeweiht wird. Ich denke dann zuruckzureisen ...

In Schonau sehen wir uns noch, bemerkte Oleander. Ich wohne dem Feste bei ...

Ist es nicht furchterlich, mit so viel kaltem Blute vom Abreisen zu sprechen, bemerkte die junge, frische, liebenswurdige Frau, die in der That eine grosse Neigung fur Siegbert gefasst zu haben schien und sie unter Scherzen zu verbergen suchte. Warum nur sich, dem Vergnugen, der Residenz leben? Wir verderben Ihnen freilich die kunstlerischen Anschauungen! Ihre Phantasie leidet hier, Ihr Schonheitssinn verdirbt beim Anblick ...

Der schonsten Blondine, die ich kenne, bemerkte Siegbert, nur um frei zu kommen. Nein, gnadige Frau, ich leide, weil ein geliebter Bruder nicht schreibt, weil mich Verhaltnisse verwickeltester Art, allgemeine und personliche Interessen, mit Gewalt in die mir verhasste Residenz zurucktreiben ... wie gerne wurd' ich ...

Herr von Sanger hatte sich erhoben und stutzte sich auf seinen alten Kruckstock. War es einmal so weit mit ihm gekommen, so durfte nicht zu lange gezaudert und geplaudert werden.

Vorwarts! kommandirte er mit militairischem Brummbasstone, hinter dem aber die gutmuthigste Bequemlichkeit versteckt war. Vorwarts! Madame! Monsieur! Das gibt einen Winter 1812! Ich fuhl' es! Mein Rheumatismus bekommt historische Erinnerungen ...

Und als man ihm seinen grossen Pelz umwarf, sagte er:

In einer solchen Schur jagte Napoleon an uns vorbei, als es ruckwarts ging ... Adieu, Frau von Zeisel! Schone Hebe, was muss Ihnen so wohl sein in Ihrem heissen Blute!

Mit ahnlichen derben Spassen ging er voran. Siegbert und Frau von Sanger folgten. Der Bediente trug Mantel und Pelze.

Siegbert war nicht in dem Grade abstract, dass er fur die kleinen Koketterieen einer hubschen Frau unempfindlich geblieben ware. Aber sein Innerstes wurde nicht davon beruhrt. Es gibt sogar eine Art von Courtoisie im Umgang mit gefallsuchtigen Frauen, wo man in die Lage kommen kann, um nicht zu verletzen, rucksichtsvoll zu sein. Dankmar wenigstens hatte einmal zu Siegbert gesagt: "Der Henker hole unsre Gutmuthigkeit! Hatt' ich nur all' die Zartlichkeiten wieder heraus, die sich Einer Anstands halber mit Gewalt auferlegt, um dem holdesten Geschlechte nicht wehe zu thun! Schon die verdammte Gewissenhaftigkeit bei ubereilt bewilligten Stelldicheins! Diese zarte Schonung, Besuche zu wiederholen, wo uns schon der erste Muhe machte, der erste Uberwindung kostete! Wir sind zu gut, zu vornehm, Bruder! Wir zahlen immer gleich mit blanker Silbermunze, wo ein paar Kupferheller vollkommen genug waren."

Wenn man Briefe mit ungeduldiger Sehnsucht erwartet, geniesst man Das, was inzwischen das Leben noch so Angenehmes bietet, nur halb. Beziehungen zu dem Arzte Reinick, die reiche Bequemlichkeit bei Herrn Anverwandter, der Humor des alten Hauptmanns und Rentmeisters, die nur zu sehr entgegenkommende Liebenswurdigkeit seiner nicht vollig oberflachlichen jungen Gattin, alles Das unterhielt wol Siegbert, wahrend er malte; aber dass ihm Briefe fehlten, machte nichts gut. Endlich schrieb ihm der nach Schonau zuruckgekehrte Ortsvorstand Marx, dass er sich beeilen mochte, zu dem Kirchenfeste zu kommen, auch ware Manches fur ihn inzwischen angelangt ...

Da nahm er denn eiligst Abschied und vorlaufig fur den ganzen Winter. Er liess aus Gutmuthigkeit Fruhlingsverheissungen fur Frau von Sanger zuruck. Sie glaubte ihnen nicht. Er erlebte wirklich, am Abend vor seiner Abreise (Oleandern hoffte er in Schonau zu finden), dass die hubsche Frau erst scherzend von ihm Abschied nehmen wollte, dann aber im Lachen weinte und zuletzt in wirklichen Thranen so zerfloss, dass er sie angstlich an seine Brust ziehen und durch jene Zartlichkeiten trosten musste, uber die Siegbert nicht so leichtsinnig dachte wie Dankmar, der sie Anstandszartlichkeiten nannte. Er machte sich die Herzlichkeiten, die wirklich nur allein im Stande waren, den Schmerz der schonen Frau zu mildern, noch lange zum bittersten Vorwurfe und fand es fast gerechtfertigt, dass ein reines unentweihtes Wesen, wie Selma Ackermann, vor ihm einen tiefgewurzelten Widerwillen verrieth. Dieser Widerwille qualte ihn. Nicht, dass er seine Eitelkeit verletzte. Seit Oleander's tiefer Bemerkung spornte ihn diese Thatsache, in sein Inneres zu blicken und er zitterte fast bei dem Gedanken, in Schonau ohne Zweifel Briefe von der Furstin Wasamskoi zu treffen!

Er fand deren genug und die bittersten Klagen, dass er nicht schriebe. Es verstand sich von selbst, dass diese Briefe die wahre Empfindung Adelens nur zwischen den Zeilen errathen liessen und nur plauderten, nur mittheilten. Von Olga sprach sie mit Entrustung und gab sie und ihr Schicksal fur immer auf. Erfreulicher lautete, dass Rudhard mit den Kindern zuruckgekehrt war und wieder in ihrem Hause die Penaten hutete, wie Otto von Dystra es genannt haben sollte. Von diesem Letzteren erzahlte Adele meist Barockes und erschreckte Siegbert durch die Bemerkung, dass sie vermuthe, er wurde Olga nachreisen und Helenen fur den unverantwortlichen Eingriff in mutterliche Autoritat ernstlich zur Rede stellen. Sie wohne noch vor'm Thore, erzahlte sie, gegenuber der jetzt allgefeierten Pauline von Harder, die sich darin gefalle, den Staat, den Prinzen Egon und wer weiss wen Alles zu regieren. Genauere Angaben uber die fur Siegbert so hochwichtigen politischen Fragen fehlten, doch fand er im Grunde in allen Zeitungen mehr, als er zu wissen wunschen konnte. Ja in unmittelbarster Nahe sah er die Agitation der neuen Wahlen, die wiederum so auszufallen schienen wie die fruheren; denn noch war der Premierminister mit seinem neuen Wahlgesetz nicht hervorgetreten ...

In einem Briefe, den er dann auch glucklicherweise von seinem Bruder vorfand, war daruber ausfuhrlicher geschrieben. So sehr ihn dieser Fund erfreute, so lag doch in dem Tone dieser kurzen Zeilen Dankmar's etwas, was er nicht verstand. Dankmar war von Angerode wieder in der Residenz, sprach von den gunstigeren Aussichten des Prozesses, gab Mittheilungen uber die fortschreitende Entwickelung seiner Bundesideen, hatte aber auch Wendungen wie diese gebraucht: "Mit betrubtem Herzen kam ich gestern hier an und suchte fur das schmerzlich Erlebte mich dadurch zu trosten, dass ich mich mit erneuter Hoffnung in den Strudel der Thatsachen warf". Und an einer andern Stelle: "Beeile deine Ruckreise nicht! Sahen wir uns mit den noch blutenden Wunden wieder, unser Schmerz wurde endlos sein! Ach, Siegbert, ich kann mir denken, was du empfandest, als du auch diesen Besitz aus unserm Lebensbuche streichen musstest". Endlich hiess es: "Die Trauerbotschaft schrieb ich dir deshalb durch Einschluss an Leidenfrost, weil ich dachte: Entweder du bist schon zuruck, dann gibt er dir den Brief selbst, oder du bist noch in Randhartingen, dann legt er ihn an Herrn Ackermann bei, mit dem er in geschaftlicher Verbindung steht."

Welche Trauerbotschaft! rief Siegbert ausser sich und durchflog den Brief noch einmal. Ein Brief ist verloren gegangen oder liegt bei Ackermann!

Sein erstes Gefuhl war an die Mutter.

Sie ist todt! sagte er. Ich Unglucklicher! Was kann dieser Brief so Jammervolles enthalten? Starb sie, wahrend du tandeltest? Was sollst du thun?

Er durchlas wohl zehnmal den kurzen fluchtigen Brief des Bruders, dessen Ton vollkommen auf die Moglichkeit passte, dass er ihm in dem verlornen das Erschutterndste, das Herbste mitgetheilt hatte ...

Zu seinem Trost kam wenigstens Oleander mit der Botschaft nach Schonau, dass Ackermann einen Brief fur ihn wirklich empfangen hatte, den Jener in der Voraussetzung, Siegbert kehre nach Randhartingen wieder zuruck, deshalb nicht mitschickte, weil Siegbert, wie man wohlwollend und gutig gesagt hatte, ihn selbst im Ullagrunde abholen sollte.

Sie sehen, wie warm Ackermann fur Sie empfindet, schloss Oleander. Freilich, hatt' er ahnen konnen, was diese Zeilen vielleicht enthalten ...

Siegbert war in einer Stimmung, die ihm unmoglich machte, irgend eine der vielen freundlichen Einladungen anzunehmen. Am liebsten war' er gleich nach der Residenz zuruckgereist und doch war diese Entfernung dreimal weiter als die nach dem Ullagrunde. Er wusste nicht, was er vorziehen sollte! Der Gedanke, dass seine Mutter gestorben, stand ihm so fest, dass seine Augen nicht mehr trocken wurden. Er ass nicht, er lag zusammengekrummt und weinte.

In der neuausgebauten Kirche, die am folgenden Morgen trotz der Kalte dicht mit Menschen uberfullt war, hingen die von ihm wiederhergestellten Bilder. Der Geistliche des Ortes predigte. Nach der Predigt sollte ein grosses Festmahl sein. Von diesem schloss sich Siegbert und ihm zu Liebe auch Oleander aus. In die Kirche aber ging er mit zerknirschtem Herzen. Glucklicherweise war die Predigt trocken und loste ihn nicht so auf in Wehmuth, wie der Ton der Orgel und der Gesang der Gemeine. Seit des Vaters Tode hatte er keine Kirche mehr besucht und nun er zum ersten male wieder unter Andachtigen mit einem rathselhaften dunklen Schicksal sass, fuhlte er, nur ihr Tod, sonst konnte nichts eingetroffen, nichts Anderes geschehen sein ...

Da sein Zustand Niemanden entgehen konnte, so billigte man mit dem grossten Bedauern, dass er gleich nach der Feierlichkeit und einem kleinen ihm von der Ortsbehorde gewidmeten Fruhstuck sich in den Schlitten setzte, mit dem Oleander gestern gekommen war. Auch die schnelle Entfernung des jungen Vikars, der ihn durchaus begleiten wollte, that Allen leid. Gegen Mittag, wahrend es wieder zu schneien anfing, fuhren sie ab.

Wahrend der durch den frischgefallenen Schnee beschwerlichen Fahrt erzahlte Oleander, um Siegbert zu zerstreuen, von seiner Jugend, seinen bisherigen Lebensschicksalen. Wie er der Sohn armer Eltern im Wurtem-bergischen ware, die Beide nicht mehr lebten, wie er sich muhsam hatte emporarbeiten mussen und das Meiste schwerer und steiler gefunden hatte, als er anfangs dachte. Er ware durch eine Hauslehrerstelle nach dem Norden gekommen. Auf der Universitat hatte ihn anfangs auch jene Theologie am meisten angezogen, die die modische, von der Regierung beschutzte war. Doch hatt' er sich ihr abwenden mussen, da ihm sein poetischer Sinn dabei verkummerte. Diesen hatten schon fruh Lehrer und Freunde gepflegt und befordert, aber er ware dabei so glucklich gewesen, niemals Uberschatzer und ebensowenig Unterschatzer zu finden. Am nachhaltigsten hatte auf ihn ein Freund gewirkt, der musikkundig war und seinen Versen Klange unterlegte. Da hatt' er bald erkannt, was die Seele ergreife und befriedige. Ach, schloss er, wir sind in Todeserinnerungen! Auch Der ist hin! Sein ganzes Leben war Harmonie. Er verklang so in das grosse All', das doch wohl das irdische Nichts ist! Oft hor' ich ihn in den Luften um mich her sauseln! Je einsamer, desto naher. Wenn ich allein bin, hor' ich den Ton seiner Geige oder er summt am Klavier eine Melodie. Und was ich dichte, das muss gleich so sein, als sang' es mir mein Wilhelm! So verkling' ich in ihm und er klingt in mir.

Siegbert konnte sich zu dem Leide, das er erwartete, nicht feierlicher vorbereiten. Seine Augen weinten; aber den Trost, der sie trocknen konnte, fuhlte er schon sich nahen bei des Gefahrten sanften Worten.

Der Vikar erzahlte dann, wie er in der Residenz und auf dem Lande lange als Hauslehrer hatte wirken mussen, wie er zur Heimat hatte zuruck wollen, dann sich aber einer Begunstigung seines verlassenen Schicksals zu erfreuen gehabt hatte, als er mit Propst Gelbsattel bekannt wurde. Er gab ihm das Zeugniss eines geistreichen, umsichtigen, anregungsfahigen, nur zu ehrgeizigen Mannes, musste aber zu seinem Kummer gestehen, dass den Ausschlag fur ihn nicht die Anerkennung seines etwaigen Verdienstes, sondern der Glaube gegeben hatte, er interessire sich fur eine der Tochter des Propstes. Bekannt mit dem Sohne desselben, sagte er, kam ich in sein Haus und war auf seine Schwestern prufend aufmerksam. Ich habe in mir den stillen Vorwurf, dass man vielleicht glaubt, wenn dies Vikariat fur Guido Stromer voruber ist, wurd' ich zuruckkehren und mich um die alteste Tochter des Propstes bewerben. Und wie weit bin ich davon entfernt!

Siegbert kannte diese jungen Damen von der Weinlese bei Adele Wasamskoi und verglich sie mit Selma. Der Schmerz macht aufrichtig und lehrt uns, jede formelle Rucksicht leichter fahren zu lassen. Er konnte nicht umhin, mit kurzen Worten geringschatzig von den Gelbsattels zu sprechen und sie gegen Selma gehalten mit den Krahen zu vergleichen, die man eben auf den Feldern krachzen horte.

Oleander winkte Siegbert, auf den Knecht Rucksicht zu nehmen, der sie fuhr. Dieser hatte sich aber seinen Mantel so dicht uber die Ohren gezogen, dass Siegbert voraussetzen konnte, von ihm nicht verstanden zu werden, wenn er mit leiserer Stimme fortfuhr:

Wie wurde Ihr Gemuth leiden, wenn Sie in die Lage kamen, mit solchen in Glanz und Anspruchen auferzogenen Madchen in Verbindung zu kommen oder wol gar ihnen verdanken zu mussen, dass Sie Beforderung erhielten! Ich kenne diese Madchen. Sie sind wie jetzt die meisten. Entfernt von jeder Idealitat und nur der raffinirtesten Geselligkeit hingegeben. Theater, Putz, Balle sind die Gegenstande ihres Gesprachs. Welch' ein Engel dagegen Selma! Wie lieblich die jungfrauliche Erscheinung! Wie klug dies Auge und wie traumerisch zuweilen jene Blicke, die sie nicht beobachtet glaubt. Wer so zu scherzen weiss wie Selma, kann auch tief ernst sein. Sie hat eine Abneigung gegen mich und ich weiss nicht, gerade darin find' ich einen Reiz, einen Werth mehr. Ich fuhle, dass ich den Glauben eines reinen, unschuldigen Madchens nicht mehr verdiene und ich bin gewiss, jemehr ich vielleicht ihr zu gefallen suchte, desto mehr misfiel ich ihr. Und doch

Oleander schuttelte traurig den Kopf; denn Siegbert verrieth wohl, dass Selma Oleandern nicht liebte.

Ich vermuthe fast, sagte Oleander mit Traurigkeit, dass sie irgend ein ihr theuer gewordenes Bild im Herzen tragt. Irgend ein Mann muss ihr einst begegnet sein, dem sie mit traumerischer Innigkeit nachhangt.

Siegbert horchte auf ... Die Andeutungen seines Bruders hatte er nie fur Ernst gehalten.

Was zweifle ich noch daran? Hat mir's denn der Vater nicht selbst bestatigt?

Wer konnte Das sein? fragte Siegbert gespannt.

Oleander fuhr fort:

Kurzlich nach dem Mahle im Plessener Amtshaus sprach der Vater in einer abendlichen Dammerungsstunde mit mir daruber, dass ihm Selma Sorgen mache. Dem jungen, von Louis Armand in sein Haus empfohlenen Madchen, hatte sie sich mit einer Leidenschaft angeschlossen, die ihm verrathe, dass ihr das Bedurfniss der Hingebung mit machtiger Gewalt innewohne. Er gerieth in eine so weiche, wehmuthige Stimmung, dass ich den Muth hatte, von meiner Liebe zu sprechen. Er reichte mir die Hand und dankte fur meine Aufrichtigkeit. Geben Sie die Stunden bis zum Fruhjahr, sagte er, dann kehren Sie doch wohl in einen andern Lebensberuf von Ihrem Vikariat zuruck! Bekampfen Sie sich bis dahin! Ich glaube nicht, dass Sie Hoffnung haben.

Siegbert schwieg.

Selma, fuhr Oleander mit leiser Stimme, da ihm der Knecht aufmerksam zu werden schien, und wehmuthig fort, Selma hat sich, wenn ich die Andeutungen des Vaters recht verstehe, in eine Neigung verloren, die eine ungluckliche ist. Sie liebt, sagte mir Akkermann, wo sie nicht lieben darf. Entsetzlich! setzte er mit fast heftiger Betonung hinzu und erhob sich in einer Aufregung, die mich verhindert hat, seither wieder auf diesen Gegenstand anders zuruckzukommen, als in meinen einsamen Stunden, wo ich Selma Verse widme, die ich ihr nicht geben darf.

Siegbert empfand die tiefste Theilnahme und musste Oleander's Hand drucken. Er fuhlte, dass diese Hand sehr gross, sehr mager, sehr knochern war. Er kam jetzt erst darauf, ihn nach dem Eindrucke zu betrachten, den er ausserlich wohl auf ein junges Madchen machen durfte. Er hatte ihn ganz nur nach dem Geiste beurtheilt. Nun sah er wohl, dass dieser edle Mann in einer unscheinbaren Hulle wohnte. Wie lang und hager war Oleander! Wie starkknochig das Gesicht! Wie erinnerlich wurde ihm seine nachlassige Haftung, seine Kleidung sogar wie unordentlich war sie stets! Das lange Haar hing ihm schlicht unter der Mutze herab, die er tief uber die klaren, durchsichtig glanzenden, fast zu offen am Tage liegenden Augen gezogen hatte. Den Hut hatte er vor sich auf den hohen, spitzen Knieen. Der Mantel war so abgetragen, als hatt' er ihn schon auf der Schule benutzt. Alle diese Betrachtungen, an die sich Erinnerungen an Leidenfrost knupften, erfullten ihn mit Ruhrung und dennoch wunschte er, irgend einen Einfluss auf Selma zu besitzen, um ihr zu sagen: Sieh, Madchen, Das ist deine Aufgabe, diesen Edelstein zu schleifen, seinen Werth von der gunstigsten Seite an die Sonne zu bringen! Lass ihn an dir auch fur die ausseren Formen der Gesellschaft sich bilden! Fuhre ihn sanft und liebevoll, wenn es muss mit erlaubtem stachellosem Scherze, auf die Erkenntniss Dessen, was ihm mangelt! Bilde einen Menschen aus ihm, wie die Menschen eben sein sollen und lass dir's von ihm danken, dass du, seine Gottheit, sein zweiter Schopfer wurdest!

Er dachte nicht daran, dass Dankmar mit Selma einst sich wirklich begegnen sollte und ernstlich von ihrem Bilde befangen war ...

Das Schneegestober hatte so zugenommen, dass der Schlitten erst gegen Abend sieben Uhr in Plessen eintraf. Es war eine grosse Aufopferung Oleander's, den neugewonnenen Freund, der inzwischen wieder in den stummen Schmerz der Erwartung eines bevorstehenden Unglucks verfallen war, noch bei solchem Wetter in den Ullagrund zu begleiten. Vor neun Uhr konnte man kaum dort, vor elf nicht zuruck sein. Oleander gab indessen im Pfarrhause, wo man erstaunt war uber seine fruhe Ruckkehr, eine Anweisung, in seinem Zimmer noch ein Bett aufzuschlagen.

Ich muss Sie bei mir haben, Wildungen, sagte er, Sie mogen nun erfahren, was der Himmel Ihnen auch bescheert ...

Siegbert gestand, wenn er den Tod seiner Mutter erfuhre, konnte er nicht bei Ackermann's bleiben. Die Frohlichen wurden unter seinem Jammer leiden, wahrend Oleander sich schon fruh gewohnt hatte, auch den Schmerz der Trostlosen zu dulden.

Ich glaube nicht, Wildungen, sagte Oleander, dass Sie auf etwas so Schlimmes gefasst zu sein brauchen; allein wenn ich rathe, dann lieber mit mir zuruck zu fahren, so ist es deshalb, weil der Tod einer Mutter bei Selma Ackermann einen Kummer zuruckruft, den der Vater noch oft bei ihr zu beschwichtigen hat.

Die Pfarrerin war erstaunt uber den Entschluss, so spat noch in den Ullagrund zu fahren. Sie lud die Manner ein, hereinzukommen, sich wenigstens zu erwarmen, zu starken durch irgend einen Nachtimbis. Doch zogen Beide auf Zureden des Knechtes vor, jetzt im Zuge zu bleiben und bald ging das ermudete dampfende Ross im Schnee mit seinem Glocklein weiter.

Bald nach acht Uhr entdeckten sie Licht in dem gefahrlichen Dunkel des bahnlosen verschneiten Weges. Es kam von Ackermann's Hause, wo der Vater, Selma und Franzchen still beisammen sassen im Scheine einer kleinen Cylinderlampe. Selma hakelte eine Weihnachtsgabe fur Oleander, Franzchen strickte, der Vater las in den Zeitungen und klagte uber deren Inhalt, den er mit Bitterkeit auf Egon, als den Verschulder all' dieser Verirrungen, schob.

Es ist der doktrinare Dunkel, sagte er eben halb fur sich, der ihn ergriffen hat! Es sind die Schulreminiscenzen aus Genf, mit denen schon Guizot die Franzosen so unglucklich machte! Wer sagte nur diesem jungen unreifen Manne, der einen Staat zu regieren sich erdreistet, dass er es machen musse wie alle diese Staatsthoren, eine Lehre, ein System, eine Theorie aufzustellen! Dies ungluckliche Europa! Wenn man es von der reinen blauen klaren Hohe Amerikas aus betrachtet, kommt es uns vor, wie ein Nebelball, dessen erstickenden Dunstkreis einige Lichter sparlich erhellen. Welch' ein Gewuhl von Unsinn und Verbrechen! Ehe nicht Europa sein Staatsleben vereinfacht und den Begriff des Staates sozusagen ganz aufhebt, Alles, was ein personliches Interesse am Staatskram hat, abschafft, kommt kein Friede uber diesen im Verscheiden begriffenen Erdtheil.

Indem klingelte das Glockchen des Schlittens. Das Gefahrt gehorte wieder Ackermann. Man kannte schon das Glockchen. Man kannte die Art des Knechtes, mit der Peitsche zu knallen. Die Hunde schon verriethen, dass es Martin war, der zuruckkam.

Ist Oleander in Schonau geblieben? Ist er nach Randhartingen zu Wildungen?

So vermuthete man durcheinander, bis die Botschaft kam, Martin ware es wirklich.

Oleander und Siegbert stiegen vor dem Hause aus, warfen ihre Hullen ab und traten in das warme, trauliche Zimmer.

Das sonst so behagliche Gefuhl, eine Familie des Abends spat im Winter zu uberraschen, wo schone Tochter im Hauskleide bei weiblichen Arbeiten sich einfach und gemuthlich dem Blicke darbieten, konnte diesmal in Siegbert nicht aufkommen.

Oleander erzahlte sogleich, da Siegbert schwieg, was sie herbrachte, was sie bekummerte ...

Grosser Gott, sagte Ackermann, hatt' ich Das ahnen konnen!

Damit offnete er ein Schreibepult und gab Siegberten den Brief, den er durch Einlage von Leidenfrost empfangen hatte.

Ihre Mutter, Wildungen, ware todt? Karoline? ... Ich weiss, dass sie Karoline heisst!

Siegbert bemerkte nichts um sich her. Er riss den Brief auf, begann einige Zeilen zu lesen und liess ihn sogleich fallen, weil ein Thranenstrom aus seinen Augen sturzte. Er sank auf einen Sessel und legte den Kopf auf die Arme, die er uber den Tisch kreuzte.

Ackermann trat an's Fenster, schlug die Gardinen zuruck und sah in die Schneenacht, die keine Sterne glanzen liess.

Selma weinte. Franzchen zog sie an sich, um sie zu trosten; doch war sie zu ergriffen. Sie schluchzte, wie Siegbert, sie verliess das Zimmer.

Oleander stand ruhig und faltete die Hande.

Ackermann wandte sich dann und sagte mit bewegter Stimme zu seinem Neffen, dem er sich noch nicht enthullen mochte:

Muss Sie Das zu mir fuhren? Sammeln Sie sich, junger Freund! Sehen Sie diese Winternatur! Die Erde ist ein einziger Grabeshugel. Entbehren, Scheiden, Verlieren ist unser Loos. Nehmen Sie's wie etwas Erwartetes, Gewusstes! Es musste so sein.

Siegbert gab ihm die Hand, ohne dass er zu ihm aufblicken konnte. Die einzigen Worte, die er sprach, waren:

Mein armer Bruder!

Ackermann fand diesen Gedanken an den Bruder wahr und naturlich.

Lieben Sie den Bruder so, sagte er, dass Sie seiner gedenken, wie er hat leiden mussen, dieses Todes Zeuge zu sein? Und dennoch ist es ein Trost, dass Ihre Mutter einen ihrer Sohne um sich hatte ... als sie dem Gatten folgte ...

Ackermann konnte nicht weiter sprechen. Er musste sich wieder zum Fenster wenden.

Oleander erbot sich, um sogleich den ganzen Kelch zu schlurfen, Dankmar's Brief zu lesen.

Siegbert gab dazu die stumme Erlaubniss.

"Mein guter Siegbert", schrieb Dankmar, "wenn ich so lange schwieg, that ich es aus bruderlicher Liebe! Ich sagte dir, dass die Mutter krank ist. Ich schilderte ihre Leiden geringer und mache mir jetzt Vorwurfe daruber. Fasse dein Herz zusammen, Siegbert: Unsre Mutter ist nicht mehr. Diese Nacht entschlief sie sanft nach heftigen Leiden, die mir das Herz zerrissen. Wie ich nach Angerode kam, fand ich sie schon auf ihrem letzten Lager. Sie hatte uns nicht betruben, nicht in unserm Lebensgange storen wollen! Du kennst ihr starkes Herz, das wir oft anklagten, weil es nicht so weich zu schlagen schien wie das des Vaters. Ihr starker Sinn war nur die Kraft des hochherzigsten Charakters. Wie ich kam und sie auf dem Lager sah, wollt' ich dich rufen. Sie erhob sich und wollt' es nicht. Mein Siegbert, sagte sie, steht vor mir ... so lehnte sie sich zuruck und ich wagte nicht, ihrem befehlenden Worte zu widersprechen. O Bruder, nun brachen zehn jammervolle Tage an. Jeden begrusst' ich mit der Hoffnung, ein Lichtstrahl wurde in diese Nacht des Elends und der Leiden fallen. Vergebens, kein Wort des Arztes lautete trostend. Ich wachte an ihrem Lager. Sie verbot es, wenn sie mich erkannte und Tag von Nacht noch unterscheiden konnte. An den Ort wollte sie getragen sein, wo der Vater starb. Da lag sie, ein Bild des Jammers! Keine Nahrung, keinen Schlaf mehr, der sie erquickte. Die Brust hob sich von ihren schweren Athemzugen, oft erhob sie sich wie eine Hulferufende, da ihr der Athem stockte. In meinen Armen erholte sie sich und sprach mit der langsamen, feierlichen Rede einer Fieberkranken: Ich sehe meines Siegbert's Augen! Du standest vor ihr, als wenn sie dich mit Handen fassen konnte. Das Fieber verwirrte ihre Begriffe die innere Glut, von der sie unaufhorlich sprach, theilte sich ihrem Hirne mit. Ein Licht! Ein Licht! rief sie in einer Nacht und sah, als man ihr eine Kerze entgegenhielt Nachbarinnen, Freundinnen, Arzte unterstutzten mich so unverwandt sah sie in die Flamme, dass ich den Gedanken fasste, wenn sie genesen sollte ich hoffte noch immer musste sie erblinden. Aber mit der Heftigkeit, deren sie in jungern Jahren fahig war, rief sie: Nein! und immer blickte sie in das Licht, ganz dicht mit den Augen fast in die Flamme hinein, als kuhlten sich die heissen Wimpern sogar an der Flamme, als ware Licht fur ihr Auge Thau. Oft auch rief sie: Heinrich! worunter sie ihren Bruder, den Oheim Rodewald, den Verschollenen verstand. Dann sank sie zuruck und zog die Decken so uber sich, dass die Fusse entblosst waren. Wollte man sie bedecken, so geriethen die abwehrenden Hande in ein grauenhaftes Nervenzucken ... ach, Bruder, ich habe an der Schwelle der Mysterien unsres Daseins gestanden. In deinen Armen starb der Vater, in meinen die Mutter ... So hingehen! So in Schmerzen aus der zusammenbrechenden Hulle des Korpers scheiden! ... Und der innere Vorwurf, der mich nagte, dass ich der Mutter den Witwensitz in dem Tempelhause mit Gewalt erhalten wollte! Sind wir denn nicht alle wie Morder aneinander? Einer dem Andern die Schuld seiner Leiden, ja seines Todes? O diese nagenden Gedanken, als ich an dem Krankenlager sass und sie mir, die treue, aufopferungsfreudige Mutter, zuweilen sagte, als wollte sie sich entschuldigen: Dankmar, es wahrt so lange! Mein Korper ist so fest! Er bricht so schwer zusammen! Ach, Siegbert ... nun musst' ich niederknieen und die Hand der Guten kussen! Wie bat ich um Verzeihung fur so vielen Kummer, ja fur unsre Unkindlichkeit, die am weichen Vater mehr hing als an der starken, gesinnungsvollen Mutter! Auch von dem Archiv sprach sie, von dem Kreuze und unsern Hoffnungen! Mit dem Auge einer Seherin sagte sie von diesen: Ihr werdet den Segen ernten, aber hutet ihn! Dann sprach sie oft stundenlang nicht und versank in ein dumpfes Bruten. Ihr Geist schien dabei nicht zu schlummern. Sie blickte in's Jenseits voraus. So kam es mir vor, wenn sie regungslos nur stohnte und nachher, als sie ausgerungen hatte, als sie mit dem letzten Reste ihrer Kraft sich zum Sterben fast zurechtlegte, da dacht' ich doch, sie schlummre nur. Sie schlummerte halb von dem Opium des Arztes, halb starb sie. Immer drei Athemzuge des Schlafes und dann ein fehlender des Todes, ein stockender, der ausblieb. Ich glaubte nicht, dass Das der Hingang von dieser Erde war. Ich hatte keinen Abschied genommen, ich hatte nichts mehr gehort von ihrem letzten Willen und nun sagte der Arzt, sie entschlummre! Sollt' ich sie wecken? Sollt' ich sie aus diesem sanften Entschweben wachrufen? Ich konnte nicht. Ich faltete nur die Hande und sah auf das verklarte Antlitz mit dem Glauben an eine geheimnissvolle Verbindung zwischen Hier und Dort. In der Nacht brach das Auge noch einmal auf. Es war nur die galvanische Zuckung des Stosses zum Herzen. Es war kein Blick des Lebens und Bewusstseins mehr. Sie war hinuber .... Und nun, Bruder, wenn du diese Zeilen empfangst, ruht sie in der winterlichen Erde. Lass dich von nichts aufschrecken, was dich jetzt gebunden halt! Dieser Tod war unvermeidlich. Diese Liebe konnte uns nicht bleiben. Lass uns gefasst auf unserm Pfade weiter schreiten und denken: Ein unsichtbarer Genius mehr, der uns beschutzt! Schreibe mir, komme nicht selbst! Sei gefasst! Ich reise nach drei Tagen zuruck und will denken: Das Leben ist Pflicht! Inniger und treuer verbunden denn je dein Dankmar."

Oleander hatte diesen Brief mit deutlicher und starker Stimme vorgetragen und hatte sich nicht von dem Weinen Siegbert's, nicht von Ackermann's abgewandtem Schmerze, von Selma nicht unterbrechen lassen, die wahrend des Vorlesens zuruckkam und den mannlichen und gefuhlvollen Worten des Briefschreibers noch lauschen konnte.

Man staunte, als Siegbert erklarte, er bate, ein andres Pferd anspannen zu lassen. Er wollte noch mit Oleander nach Plessen zuruck. Man erwartete, dass Beide blieben. Oleander entschuldigte sich, dass er morgen ganz in der Fruhe eine Schulrevision hatte. Siegbert's Wunsch, mit ihm allein zu sein, schien naturlich ...

Ackermann bestellte einen Andern seiner Leute, ein andres Pferd und entliess den innerlich aufgelosten, wie zerschmetterten Siegbert mit wiederholtem freundlichen Zuspruch und einer Umarmung, die Siegberten aufrichtete.

Selma gab ihm zitternd eine Hand, deren Kalte verrieth, wie gewaltsam ihr Blut zum Herzen stromte. Auch Franzchen gab Siegbert die Hand und leuchtete Beiden zum Schlitten.

Als Siegbert mit Oleander allein war, liess er seinen Gefuhlen freien Lauf. Im Ackermann'schen Hause, bei aller Liebe und Theilnahme, wurde er sich gehemmt gefuhlt haben ...

Es war elf Uhr, als sie in Plessen ankamen und Siegbert in das einstweilen zugerichtete Bett stieg. Oleander las ihm noch einige Gedichte vor, die er uber den Verlust seines Freundes, des Komponisten, den er Wilhelm genannt, vor einigen Jahren gedichtet hatte.

Ackermann aber entliess seine bewegten Madchen mit dem Gestandniss, dass ihn dieser Vorfall auf das Heftigste erschuttert hatte. Als er allein war, entschlupften ihm diese Worte:

So viel edle, gute Menschen so viel, so viel und Egon! Egon!

Seine Stirn verfinsterte sich. Er nahm sein Portefeuille, schlug es auf, sah ein Papier an, in welchem eine braune Locke eingeschlagen war ...

Es war die Locke, die er einst von Dankmar's Stirne schnitt ...

In dem Glauben, es ware eine Locke von Egon, betrachtete er sie, schuttelte sein Haupt, verbarg sie wieder und loschte das Licht, um sich mit den schmerzlich wiederholten Worten: Egon! Egon! trauernd und tiefgebeugt zur Ruhe zu begeben ...

Zwolftes Capitel

Sankt Nikolaus

Eines der Gedichte, das Oleander Siegbert zu trostender Erhebung vorgelesen, hatte gelautet:

Die Sommernacht

Lebe! Lebe! spricht die Sonne.

Aber wenn sich nacht'ge Schatten

Senken auf die Wiesenmatten,

Fuhl' ich: Auch im Tod ist Wonne.

Wenn die Sterne niederfunkeln,

Sieh die muden Augen schliessen,

Nebel durch die Thaler fliessen,

Und die Erde schlaft im Dunkeln

Wenn der Thau den Plan befeuchtet,

Murmelnd alle Quellen gehen,

Und die Blatter leiser wehen,

Das Johanniswurmchen leuchtet

Wenn aus tiefem Thalesgrunde

Eine Uhr mit fernen Schlagen

Unserm wachen Ohr entgegen

Ruft die mitternacht'ge Stunde

O dann kommt uns doch ein Traumen,

Weht ein Lauschen, spricht ein Rauschen,

Und wir fuhlen, Geister tauschen

Nun mit uns in diesen Raumen!

Fuhlen, wie die Theuren, Sussen,

Die uns ruh'n im Schooss der Erden,

Wieder scheinen wach zu werden,

Wie sie kommen, wie sie grussen!

Wie sie lacheln! Sie erscheinen,

Leicht von Silberflor getragen!

Und ihr Grussen will uns sagen:

Armer Freund, du sollst nicht weinen!

Trau der Nacht, denn nur ein falbes,

Nur ein Zwielicht gibt die Sonne.

Hoher ist der Schopfung Wonne

Und dies Leben nur ein halbes!

Siegbert schrieb dem Bruder ... Nachdem er seine schmerzlichsten Empfindungen ausgesprochen hatte, verblieb er, Dankmar's Zureden auf dem Zimmer des ihm geistig und gemuthlich verwandten Oleander ... Dankmar schien vielbeschaftigt. Er schrieb ihm herzlich, aber kurz. Die Anfrage wegen Selma's und Ackermann's, die Aufforderung, sich ihnen recht zu widmen, war unterstrichen, aber karg an sich. Doch kam Siegbert nicht so oft nach dem Ullagrunde, weil er wiederum auch nach der jungst ihm bewiesenen Theilnahme fur sein personliches Leid bemerken musste, dass Ackermann gegen ihn zuruckhaltend war. Selma empfing ihn freudiger und inniger, der Vater mit Befangenheit ...

An der Ausfuhrung seines ersten Gedankens, unverweilt zum Bruder zu reisen, hinderten ihn Oleander, Zeisel's und manche durch die Jagd dem entlegenen Plessen naher gefuhrte Umwohner, von denen wir nur den Grafen Bensheim und den Freiherrn von Sengebusch nennen wollen. Diese veranlassten kleine kunstlerische Auftrage fur die bevorstehende Weihnachtszeit, sodass sich Goethe's Wort bestatigte, wie bald ein bedeutender, seinem Lebenszweck mit Ernst entsprechender Mensch einem Kreise nutzlich, ja nothwendig werden und mit ihm verwachsen kann. Siegbert fand auch hier sowol auf dem Schlosse Bensheim wie bei Herrn von Sengebusch, der hinter Randhartingen wohnte, Frauen, strebsame, ansprechende und der Beobachtung vollkommen wurdige. Doch stiess ihn leider fast immer die politische Atmosphare dieser Beziehungen ab. Er horte nur engherzige, furchtsame, zornige Ausserungen uber offentliche Dinge und nicht etwa zwischendurch gestreut, sondern als das tagliche geistige Brot dieser Menschen. Wenn die Herren von Zeisel, von Sanger, Graf Bensheim, Herr von Sengebusch zusammen waren, ausserte sich ein Fanatismus, dem Siegbert nicht zu widersprechen wagte, da alle ruhige Erorterung unmoglich war. Da wurden die Zeiten und die Menschen verurtheilt, die jungsten Staatsmanner Rauber genannt, Landverderber, die Demokraten verlangte man fur vogelfrei zu erklaren und oft sagte Graf Bensheim: Todtschiessen musste man sie alle wie die tollen Hunde! Das Peinlichste war fur Siegbert, dass auch die Frauen diesen Grimm theilten, ja schurten. Ihnen war der Verlust des Adels, mit dem man in dem ersten Stadium der Revolution gedroht hatte, ebenso verletzend wie die Besteuerungsfrage des Grundeigenthums in ihren taglichen Haushalt eingreifend und sie in einen nicht zu beruhigenden Zorn versetzend. Die Offiziere der "fliegenden Kolonnen" und der kleinen hie und dahin versetzten Garnisonen waren ihnen die willkommensten Gaste. Siegbert konnte bei seinem jeweiligen Zusammentreffen aller dieser reaktionaren Elemente die Gefahr ermessen, der bei uns die bessere Begrundung der Zukunft noch zu lange ausgesetzt ist.

Betrubend war fur ihn, dass Oleander keines politischen Urtheils fahig war und wenn er einmal eine Stimmung uber die Zeitereignisse zu erkennen gab, vollkommen mit diesen ultraconservativen Gesinnungen ubereinzustimmen schien. Als ihm Siegbert daruber sein Erstaunen ausdruckte, war seinerseits Oleander noch viel mehr verwundert, wie Siegbert, ein Kunstler, dem kunstfeindlichen, pietatlosen Geiste der Zeit zu huldigen vermochte!

Siegbert verschwieg nicht, dass er der machtigen Einwirkung und uberzeugenden Beredtsamkeit seines Bruders Dankmar vorzugsweise die Berichtigung seiner Urtheile verdankte, dass er durch Louis Armand und Max Leidenfrost mit den Arbeitern, ja durch Egon selbst mit einer edleren Theorie uber die Gesellschaft, als diese Adligen lehrten, bekannt geworden ware und misbilligte den Eigendunkel derjenigen schaffenden Talente, die nicht ertragen konnten, dass sich der Lauf der Dinge nach den nachsten Interessen ihres Berufes nicht richtete. Uberhaupt, sagte er, ware ihm das Herleiten einer Meinung aus seinem personlichen Vortheil gradezu ein Grauel und diese Frauen, die die Freiheit hassten, weil ihre Manner in die Lage kommen konnten, pensionirt oder in ihren Pensionen besteuert oder in ihren Abgaben an den Staat gesteigert zu werden, diese waren ihm gradezu dem Geiste nach Megaren und bose Unholde, mochten sie auch ausserlich noch so reizend und im Ubrigen sanft und gefallig sein.

Sie ubersehen, sagte Oleander, der uber die Glut, die in Siegbert's Wangen fuhr, erstaunte, sich aber doch freute, dass es ein Thema gab, woruber der Freund seinen Kummer auf Augenblicke vergass, Sie ubersehen, dass dem zarten Sinne der Frauen doch auch wol das rohe und unheimliche Auftreten der Demokratie, besonders in der communistischen Gestalt, als eine tiefe Verletzung der Sitte erscheinen muss. Wenn Sie sagen, der beschrankte, nur physische Lebenstrieb der Frauen verrathe sich in der conservativen Gesinnung vorzugsweise als Egoismus, so mocht' ich grade an diesem Instinkte doch auch den feinen Takt anerkannt wunschen, dass er die Frauen sehr bald erkennen, woher den tobsuchtigen Neuerern ihr Bedurfniss des Tobens kommt. Wenn man immer Demokraten sahe wie Sie! Woher kommt es aber, dass diese Lehre grade so viel Gesindel entfesselt hat, grade Die, welche weder fur die Kirche noch den Staat, noch die Schule, noch die Gesellschaft ein Interesse haben? In allen diesen hier auf sechs oder acht Meilen in der Runde liegenden kleinen Ortschaften sollen, wie man mich durch Beispiele versichert, grade die den Ton der Auflehnung angegeben haben, die in zerrutteten Verhaltnissen lebten und von einem Umschwunge der Eigenthumsfrage zu gewinnen hoffen durften. Denken Sie sich diese tiefe Verletzung des Frauensinnes durch die Eigenthumsfrage! Es ist nicht die Furcht vor dem materiellen Verluste allein, der die der zeitlichen Guter sich vorzugsweise annehmenden Hausfrauen so bedenklich bedrohte; es ist noch weit mehr des Weibes stille Ahnung, dass mit der Verwirrung der Eigenthumsfrage seine eigne sittliche Existenz in Frage gestellt ist. Die Gemeinschaft der Guter wurde alle Bande des sittlichen Herkommens auch in gesellschaftlicher Hinsicht sprengen. Sie wissen, dass Goethe sagte, den Frauen musse vor Allen an einem honetten Hergang aller Fragen in der Gesellschaft gelegen sein.

Siegbert hatte an diesen Ausserungen wenigstens die Freude, dass der Vikar nicht blindlings dem konservativen Dunkel der Vornehmen nachsprach, denen er seither hier begegnet war. Er fand doch, dass er nach einem tieferen Prinzipe fur die Meinung trachtete, die bei Jenen so nackt und baar zu Tage lag. Dennoch widersprach er auf das Lebhafteste.

Ich kann, sagte er, nicht zugeben, dass diese Bewegung immer und uberall auf den Kommunismus hinaus lauft. Warum nennen Sie das Ausserste? Mussen auch Sie nicht darunter leiden, dass man Ihre Auffassung der Religion sogleich Pietismus, ja bei Manchem Jesuitismus nennt, und doch sind Sie und die Ihnen Gleichgesinnten von diesem Extrem hoffentlich weit entfernt! Die kommunistische Regung wird uberall bald unterdruckt sein, wo sich kraftige Hande finden, die die Zugel der Bewegung in die Hand nehmen und nicht dulden, dass diese Zugel, wie bei einem durchgehenden Pferde, auf der Strasse nachschleppen. Oft scheint es mir, als wollte man recht mit Gewalt der Bewegung die fatale Physiognomie aufpragen, als ginge sie nur von den Lumpen aus. Man schuf Burgergarden und um sie lacherlich zu machen, uniformirte man sie nicht. Niemand dachte daran, sie zu schmucken. Aber unsre Soldaten, wenn sie im Bauernkittel als Rekruten vom Lande kommen, sehen sie vertrauenerweckender aus als die Freischarler? Wer soll das Wort ergreifen, wenn die Wurdigen hinter'm Berge halten und sich zu vornehm dunken, mit dem Pobel zu verkehren? Da kommen denn meist Die hervor, die ohnehin schon in einer steten Unruhe leben, einer geistigen Unruhe, einer gesellschaftlichen Verlegenheit. Die Bankeruttirer sind nicht alle verschuldete Schuldner. Mancher von ihnen verlor nur deshalb, weil sein Geist reger ist als der des Philisters, der nichts wagt und deshalb immer gewinnt. Kurz die Bewegung geht nur dadurch in den Sumpf, weil man ihr Irrlichter voran tanzen lasst, nicht helle Kerzen, nicht die Lampen der klugen Jungfrauen aus dem Evangelium.

In Dem, was Oleander hierauf erwiderte, zeigte sich, dass er tief in den alten romantischen Anschauungen steckte, die bei ihm eine religiose Farbung gewonnen hatten. Gegen Ackermann's amerikanische Theorie verhielt er sich wie gegen etwas ihm vollig Antipathisches. Gegen Siegbert's Lehre von einer kraftigen Theilnahme am Staate wandte er Alles ein, was man nur von der Aristokratie des Geistes daruber zu horen bekommen hat. Siegbert, der schon so weit fur die Ideen seines Bruders gewonnen war, dass er die gegenwartige Art Politik zu treiben allerdings als unfruchtbar und gefahrbringend erkannt hatte, Siegbert hoffte, Oleander wurde ihm auf halbem Wege in der Bundestheorie Dankmar's entgegenkommen, aber er irrte sich. Oleander wich dem grossen Heereszug der Massen und dem Getummel der grossen Landstrassen ganzlich aus und blieb wenigstens fur Deutschland dabei, dass wir ein Familienvolk waren und bei einer gewaltsamen ubereilten Storung unsrer uberlieferten Ordnung nur Gefahr liefen, unser Bestes, unsre geistigen alten Errungenschaften zu verlieren.

Nun, flammte Siegbert auf, dann frag' ich nur, Oleander, ob Sie diese Gesinnung, die ich an Ihnen ehren- und anerkennen will, in dem conservativen Glaubensbekenntnisse dieser Grafin Bensheim und ihrer Nichten, in dem Zorne des Herrn von Sengebusch, in dem Ingrimm der Lieutenants wiederfinden, die hier die fliegenden Kolonnen befehligen? Leihen Sie da nicht vielmehr Ihre schone Idealitat einem ganz stumpfsinnigen, rohen, egoistischen Dunkel und dem materiellsten Hochmuthe? Ist Das Politik, was Herr von Sanger spricht? Ist Das nicht die reinste Gedankenlosigkeit?

Oleander raumte dies ein, nannte aber den Royalismus eine politische Religion. Wie in der Religion der Eine sich mehr an das Symbol, der Andre mehr an die innere geoffenbarte Wahrheit halte, so war' es auch in der Politik. Der Glaube, hier und da, ware die Grenze des uns Moglichen und geistig Erreichbaren ...

O mein Freund, sagte er ruhig, prufen Sie doch! Was ist das Ungluck aller unsrer Staaten? Kein andres, als dass sie keine politische Religion mehr haben. Verstehen Sie mich recht! Ich meine hier nichts, was etwa mit Staatsreligion oder Religion uberhaupt zusammenhangt. Ich preise nur die Zeiten glucklich, wo die mangelhaften Verfassungen und die unvermeidlichen Ausbruche verwirrender Leidenschaften gemildert, ertraglich gemacht wurden durch jene politische Religiositat, die in unbedingtem Royalismus bestand. Soweit ich den Fursten Egon zu verstehen glaube, so will er fur den bei Seite geworfenen alten Royalismus eine neue politische Religion, d.h. eine moralische Bindekraft des Staates, ein heiliges Joch der Selbstbeherrschung kunstlich schaffen.

Aber wie alle Vernunft, wenn sie noch so geistreich und weise ist, die Symbolreligionen nicht ersetzen kann, so gibt es auch fur die geoffenbarte politische Religion des Royalismus, die ihre weiseren und ihre einfaltigeren Bekenner hat, keinen kunstlichen Ersatz; denn die Pflichtenlehre, die der Furst aufstellt, ist eine Chimare, an der er scheitern wird. Die Pflichtenlehre, ohne Symbolik, kann wol eine philosophische Sekte zusammenbringen, Auserwahlte, Gleichgesinnte, aber nicht die dem Zufall preisgegebenen grossen Massen, die der Natur, der pflichtwiderstrebenden Natur, folgen. Statt des Royalismus kann hochstens die Nationalitat eine bindende politische Volksreligion werden, wie in Amerika, vielleicht sogar, wenn es besser regiert wurde, in Frankreich.

Und Deutschland? unterbrach Siegbert.

Nun wohl! sagte Oleander. Geben Sie uns nur ein Deutschland! Entfernen Sie mit einem Schlage alle Fursten! Schaffen Sie aus Deutschland eine Republik. Vielleicht, dass dann Thuiskon der Heilige des Volkes wurde und vom Tempel des Wodan unsre Offenbarungen kamen ... ich habe im Politischen nichts dagegen; allein schaffen Sie uns durch einen Zauberschlag diese friedlich geordnete, gluckliche auf Vaterlandsliebe und nur auf Vaterlandsliebe begrundete Republik!

Mit diesem Freiherrn von Sengebusch und den Lieutenants der fliegenden Kolonnen? sagte Siegbert.

Mit der Proletarierpolitik, mit den Kommunisten, den konstitutionellen Taschenspielern, den Portefeuille-jagenden Advokaten? parodirte Oleander und Beide brachen ab, weil sie in der That noch nicht einmal uber das nachste Prinzip einig waren. Wie Siegbert verlangte, fur die edlere Demokratie sollte man ihre Auswuchse dulden, so verlangte Oleander, fur die edlere Monarchie sollte man auch den vulgaren Royalismus der Beamten, Soldaten und Adligen dulden.

Die Wahlen schurten diesen Streit immer auf's Neue an. Die Agitation war trotz der Jahreszeit, die die Verbindungen erschwerte, uberall sichtbar. Die Demokratie blieb im entschiedensten Ubergewicht und versprach eine Kammer, noch radikaler als die aufgeloste. Selbst Gemassigte wie Justus hatten Muhe, gewahlt zu werden. Drossel, der Wirth zum Gelben Hirsch, lief ihm fast den Vorrang ab in dem Distrikte, wo er selber wohnte; doch hatte Justus uber drei Wahlkreise zu gebieten und musste sich begnugen, diesmal nur zweimal gewahlt zu werden. Dem Ministerium aber trat er seine zweite Wahl nicht wieder ab; lieber noch Drosseln, wenn er diesen nicht fur die Aufsicht uber seine Besitzungen gebraucht hatte. Egon musste Befehl geben, ihn, den Minister, anderswo durchzubringen. Er hatte in seinem "Jahrhundert" die konstitutionellen Neunweisen, wie es dort hiess, lacherlich machen lassen und deutlich auf jene eingebildeten Biedermanner hingewiesen, die so glucklich waren, die objektive Wahrheit auch immer da zu finden, wo sie mit der Befriedigung ihrer subjektiven Eitelkeit zusammentrafe. Die ministerielle Presse wurde mit Geist geleitet.

Siegbert verstand, was ihm Dankmar, der naturlich Egon nicht mehr sah, uber dessen rastlosen Eifer schrieb. Er widmet sich ganz seiner thorichten Aufgabe, schrieb Dankmar, er opfert ihr Tage und Nachte, redigirt Noten und Artikel und will das Recht haben, Feinde und Freunde zu bruskiren. Von uns, als Freunden, sprech' ich nicht. Ich suchte keine Beziehung mehr zu ihm. Louis ist so gut wie aus seinem Umgange verbannt. Aber von jenen Freunden sprech' ich, denen er doch dient. Bei Hofe wird er noch angebetet. Die Prinzen mussen sich aber schon gefallen lassen, dass er ihre Urtheile ignorirt. Die Lieblinge des Hofes verletzt er schonungslos. Von dem General Voland von der Hahnenfeder, dessen Einfluss beim Konige weltbekannt ist, hat er geaussert: Er besasse die Beweise in der Hand, dass er es mit der Hierarchie halte. Verdachtige Personlichkeiten, z.B. jener Franzose Rafflard, wurden ausgewiesen. Besonders scharf bewacht er die Clubs und die Gesellschaften, auch die aristokratischen, und manche heftige Scene ist schon vorgekommen, wenn er zuweilen die sogenannten kleinen Cirkel uberrascht und sich Nachrichten uber die auswartige Politik erbittet: er hore, die "kleinen Cirkel" hatten eine Depesche bekommen, die bei ihm ausbliebe. Allein bei alledem erkennt man in ihm den Retter der Monarchie und ist gefasst darauf, die nachste Kammer wieder zu entlassen und nach Egon's Theorie ein Zweikammersystem zu oktroyiren, eine Kammer der Interessen der Arbeitenden und eine Kammer der Interessen der Arbeitgebenden. Man versichert, dass Egon dabei alt wird und sehr hinfallig aussieht. Allgemein heisst es, er hatte die Absicht, Melanie Schlurck zur Furstin von Hohenberg zu erheben. Es wurde dies die merkwurdigste Folge sein, die nur einem konsequenten Streben geboten werden konnte. Melanie hielt mich einst fur den Fursten Egon und verliebte sich in mein Incognito. Als sie enttauscht wurde, behielt sie das Wappen im Auge und wird es erobern. Man sagt, Pauline von Harder, die jetzt Alles in Allem ist und um zehn Jahre junger geworden sein soll, bediene sich der schonen Melanie, um mit Egon in desto festerer Verbindung zu bleiben; sie verhindere, sagt man, das ehrgeizige schone Madchen, sich ihm unbedingt zu widmen und lehre sie die Koketterie, die sie fruher in ihrem eignen Leben selbst nicht beobachtet hat. Egon, ermudet vom Tageslarm, erschopft von der Arbeit, ruht bei Pauline von Harder, der Feindin seiner Mutter, der Vernichterin ihrer Memoiren, seit ihrer wunderbaren Aussohnung, jeden Abend wie ihr leiblicher Sohn aus und findet Melanie nur bei der Harder, da dann freilich immer schon, immer reizend, immer liebenswurdig. Lasally ist abgefunden. Schlurck, der Vater, der, wie mir Werdeck nach einem Geschaftsbesuche bei ihm sagte, sehr altern und in seinen Finanzen zuruckkommen soll besonders seitdem sein Faktotum Bartusch fortwahrend krankelt und Geister sieht Schlurck kann sich mit Egon nicht aussohnen trotz der Tochter. Es liegt in Egon's puritanischer, mit Sinnlichkeit verbundener Strenge eine unbesiegbare Antipathie gegen Schlurck's Genusstheorie und unverbesserlichen Indifferentismus. Grade was ihm an Melanie so bequem ist, ist ihm am Vater verhasst. Auch ist die Frage seiner Finanzen zu wichtig, als dass er nicht in Ackermann das unbedingteste Vertrauen setzen sollte, zumal da Louis Armand uber ihn Wunderdinge berichtet hat.

Sodann schrieb noch Dankmar, der Bruder mochte Erkundigungen einziehen uber den wahren Zusammenhang einer sonderbaren Begebenheit, die sich mit Louis, dem blinden Schmied Zeck, der tollen Ursula Marzahn und einem alten Gauner, Namens Murray, im Walde bei Plessen zugetragen hatte. Louis hatte davon nur dunkel gesprochen und doch hatte er von diesem Vorfall Sonderbares vernommen. Endlich schloss der Brief mit den kurzen lakonischen Worten: "Hast du nichts aus Rom gehort? Und warum so einsylbig uber Selma?"

Von Rom horte Siegbert genug durch die Furstin Wasamskoi, die eine unermudliche Correspondenz fuhrte. Selma sah er zu fluchtig und besorgte fast, dass der Bruder voraussetze, Selma ware ihm selbst nicht gleichgultig. Es ware dies derselbe Irrthum gewesen, in den auch Frau von Sanger verfiel, die naturlich uber Siegbert's langeres Verweilen in der Gegend sehr glucklich war. Anfangs musste Siegbert gestehen, dass sie eher betroffen schien uber sein Bleiben als erfreut. Er ausserte dies gegen Oleander, der ihn langst mit dieser Frau neckte und ihn mit Scherzen, die eigentlich nicht in seiner Natur lagen, aufzuheitern suchte.

Oleander erwiderte darauf, dass er fast glauben mochte, jeder ganz ausgekostete Schmerz hinterlasse eine so volle susse Sattigung des Gemuthes, dass man nicht gern vernehme, der Schmerz ware umsonst gewesen.

Diese junge schone Frau, sagte er, die nicht ganz so oberflachlich ist, wie sie mir alle neben Selma erscheinen auch das kleine Franzchen hat etwas Sinniges und ein innerlich beschauliches Leben diese einschmeichelnde Frau von Sanger hat sicher heftig darunter gelitten, als Sie von ihr schieden ...

Und nun komm' ich wieder, erganzte Siegbert mit einiger Bitterkeit, entdecke sie druben bei Zeisel's, sie fallt aus den Wolken. Sie noch hier? In Trauer? Was fehlt Ihnen? Ihre Mutter starb! Sie Unglucklicher! Sie Armer! Aber Sie bleiben bei uns! Sieh! Sieh! Wie lange? O Das ist schon! Und warum ihr Schreck? Das liebesieche Herz hat schon einen der jungen Krieger gewahlt, die bei Freiherrn von Sengebusch im Quartier liegen.

O, o! sagte Oleander erschreckend. Sie verleumden!

Geben Sie Acht, wenn wir morgen beim Grafen Bensheim zu Tisch sein werden! Ich bin ein Traumer, wie Sie, aber meine Kunst zwingt mich doch, die Physiognomieen zu studiren.

In der That musste Oleander Siegbert Recht darin geben, dass Frau von Sanger schon wieder mit einem der Offiziere intriguirt war, die die Cirkel der Umgegend seit der ungesetzlichen Selbsthulfe der Landbewohner belebten. Er fand sie verlegen, errothend uber Siegbert's Eintreten, errothend, wenn dieser mit ihr sprach, er fand den Offizier gegen Siegbert, in dem er ohnehin den Demokraten voraussetzte, ganz besonders gereizt und von der taglichen Gewohnheit, mit Waffen umzugehen, einen sehr unedlen Gebrauch machend. Oleander konnte nicht widersprechen, als Siegbert in Bezug auf einige nahe an Herausforderung streifende Ausserungen zu ihm sagte:

Erkennen Sie daraus eines der Motive, das freie Gemuther treiben kann, den ganzen Ton dieser privilegirten Klassen widerlich zu finden? Was kann aus solchen brutalen Gesinnungen entstehen? Die hoher gestellten Offiziere verbergen freilich, dass sie diese Art und Weise billigen, allein im Stillen haben sie fast alle ihre Freude daran. Die Zahl derjenigen Offiziere, die ich mir denke wie Max von Schenkendorf, wie Theodor Korner, wie Scharnhorst, ist sehr gering. Konnen Sie den Demokraten verdenken, dass man diesem Corpsgeiste grade eine Niederlage, wie einer andern Armee einst bei Jena, gonnt! Und ich weiss nicht, ob ich mich tausche. Ich glaube in der That, dass diese Gesinnung, vor den Feind gefuhrt, vor einen nationalen, von Hochgefuhl durchdrungenen Feind, sich nicht lange uber die ersten Vorpostengefechte hinaus bewahrt und dass im Kriege nur die Armee unuberwindlich ist, die auch im Frieden von ernster und bescheidner Mannlichkeit durchdrungen wird.

Siegbert war so erfullt von der Trauer um seine Mutter, so sanft auch im Geiste hinubergezogen in die Ferne, wo unter schonerem Himmelsstriche Olga lebte, dass ihm jede weitere Beachtung durch Frau von Sanger lastig gewesen ware. Und dennoch erlebte er, dass die leichtsinnige junge Frau ihm einen Zettel in die Hand druckte, worin sie bat: "Morgen Nachmittag um drei Uhr; ich beschwore Sie. Henriette." Siegbert sagte Oleandern nichts von dieser Aufforderung, nichts von diesem Ruckfall in die alte Gesinnung. Er hatte im ersten Augenblicke einen formlichen Widerwillen gegen die unbesonnene Frau. Dann stand es wenigstens fest bei ihm, dass er nicht nach Randhartingen fuhr, nicht der Aufforderung Folge leistete. Am andern Tage kam aber die Dankmar'sche Wahrheit von den "verdammten Anstandszartlichkeiten"! Er fuhr doch nach Randhartingen und fand Henriete von Sanger in Thranen. Sie war allein. Ihr Mann in Geschaften uber Land. Sie erzahlte ihr ganzes Leben, wie sie wegen Armuth diese ungluckliche Heirath hatte schliessen mussen und nun ihr Dasein, ihre Jugend, ihr Gluck rein an Nichts hinauswurfe. Sie gestand ein, dass sich jener junge Krieger um ihre Gunst bewurbe, sie zu einer Scheidung veranlassen, entfuhren wolle und ahnliche excentrische Dinge, die Siegbert um so mehr erkalteten, als er horen konnte, sie wurde ihren Himmel nur in ihm, in seinen reinen blauen Augen, finden. Die Thranen, die dabei flossen, waren schwerlich ganz unecht. Sie kamen aus dem wirklichsten Bedurfniss dieser Frau, die sich durch das Gestandniss ihrer Schwache erleichtert fuhlte und vollends gestarkt durch Siegbert's Zuspruch, da er das Meiste von Dem, was sie ausserte, ernst nahm und ihr viel Gutes und Mildes sagte. Unstreitig hatte sie das Bedurfniss der Scenen. Sie wollte von Siegbert wenigstens das Zugestandniss ihrer verfehlten Bestimmung, eines hoheren, bedeutenderen Berufes und war zuletzt vollkommen befriedigt, als Siegbert, doch rucksichtsvoll und weich geworden, trostend von ihr schied. Es war weder von einer Flucht mit ihm oder dem Offizier oder einer Scheidung oder sonst einer gewaltsamen Unternehmung noch die Rede. Sie blieb ruhig die Frau Hauptmann und Rentmeister von Sanger, lebte aber in diesen kleinen ungeduldigen Wirbeln und Strudeln der Leidenschaft und Selbstaufregung so lange fort, bis die junge Generation auch sie uberholen wird und auch sie im Arzte oder Geistlichen ihre letzten Troster findet.

Mit dem Beginn des Dezembers wollte denn Siegbert endlich aufbrechen und in die Residenz zuruckkehren. Einige Arbeiten, die er begonnen, waren vollendet, auch an ausserem Ertragniss war dieser Landaufenthalt nicht unergiebig gewesen. Das Wetter hatte sich gemildert. Dem Frost war Regen gefolgt. Die Wege waren zwar vollends jetzt nicht einladend, aber die mildere Luft that wohl. Am achten Dezember wollte er nun ganz bestimmt reisen ...

Es war am sechsten, am Nikolaustage, als Abends Siegbert und Oleander in der Wohnstube der Pfarrerin sassen und sich mit den Kindern unterhielten. Hedwig und Waldemar zeichneten Figuren mit Siegbert; das Kleinste spielte, das Vierte war im Ullagrunde ...

Oleander sass verstimmt und in sich versunken da. Ein Buch war vor ihm aufgeschlagen. Er las zuweilen, lehnte sich dann wieder zuruck, schlug die Arme ubereinander oder stutzte das Haupt auf ...

Siegbert verstand seinen Kummer. Oleander lebte nur seiner Dichtung, seinem Amte und dem Schmerz, dass ihm nicht gelingen konnte, von Selma Ackermann irgend ein Zeichen der Gunst zu gewinnen. Siegbert war nicht wieder im Ullagrunde gewesen. Er hatte inzwischen versucht, dem Vikar eine grossre Aufmerksamkeit auf sein Ausseres beizubringen. Er selbst, gewohnt, den Leib fur einen Tempel der Seele zu halten, trug sich, ohne auf Eleganz Anspruch zu machen, geschmackvoll. Oleander gewann nun schon etwas von dieser gewissenhaften Sorgfalt der korperlichen Pflege. Auch wurden seine desfallsigen Bemuhungen, wie er selbst erzahlte, scherzend im Ullagrunde anerkannt. Eine gunstigere Wendung seiner Hoffnungen gestaltete sich aber darum noch immer nicht. Die Gleichgultigkeit Selma's war so auffallend, dass, wenn sie wirklich ein andres Bild im Herzen trug, Siegbert wol Recht hatte, sich nach einer letzten fluchtigen Begegnung in Plessen, wo wieder des Bruders nicht gedacht wurde, zu sagen:

Wie lieblich ist die Treue eines unschuldigen Herzens! Wie scheint an Selma Alles sprode, so gewidmet und aufbewahrt nur fur den Einen, dem ihr ganzes Leben gehort! Wie fern, wie abwesend dieser Blick des Auges! Wie erschrickt sie, wenn man sie anredet und sie nicht sogleich die an sie gerichteten Worte versteht, weil sie zerstreut war! Das ist die fromme Andacht der Liebe, die ihrem Heiligsten jeden Gedanken, jeden unbewachten Augenblick des Selbstgespraches der Seele widmet! Ob wol Olga so lieben konnte, ob sie wol so liebt oder, aufgewuhlt in ihrer kindlichen Fruhreife, erschreckt, beunruhigt, wildgehetzt von fremden Leidenschaften, schon ausser sich lebt, statt sinnig in sich zuruckgezogen!

Oleander las in einer Schrift der neuen philosophischen Schule, der kritischen oder chemischen, wie er sie nannte. Chemisch deshalb, sagte er zu Siegbert, weil diese Philosophen des absoluten Nichts die Liebigs der unsichtbaren Welt sind. Wie die chemische Retorte Urstoff auf Urstoff entdeckt und diesen immer wieder auf's Neue zerlegt, so hat der philosophische, gemuthlose Verstand der neuesten Schule Alles durch die Kritik bis zum vollkommensten Nichts aufgelost und ich staune hier eben uber den Dunkel, mit welchem in diesem Buche alle Beweise fur die Unsterblichkeit der Seele widerlegt werden und der Verfasser nun auch glaubt, die Unsterblichkeit der Seele selbst widerlegt zu haben.

Siegbert schwieg. Er kannte diese Schriften. Leidenfrost liebte sie und empfahl sie mit Eifer und doch widerstanden sie auch ihm, obgleich er Oleandern in seiner Entrustung nicht Recht geben mochte.

Warum mussen wir nur, fuhr Oleander, wahrend Siegbert den Kindern, die schwiegen, vorzeichnete, aber ernst zuhorte, warum mussen wir nur an so viel Renommisterei im Geistigen leiden, an so viel gemuthloser, affektirter Prahlerei! Wie diese Philosophie sich berufen dunkt! Wie sie aufraumt! Wie sie durch den Erfolg ihrer kritischen Operationen immer ubermuthiger wird und sich doch dieser Freude uber das absolute Nichts schamen sollte! Diese Menschen lachen uber den Unsterblichkeitsglauben, sie bemitleiden den vulgaren Wahn unsrer romantischen Physiologie! Wenn sie noch die Achseln zuckten und sagten: Die Materie bedingt den Geist und mit dem Zusammenfallen der Materie hort dies Denken und Bewusstsein leider auf! Nein, sie fuhlen sich so froh, so stolz, so gehoben durch die Thatsache des kunftigen Nichts, dass ich vor einer Zukunft schaudere, wo diese Lehre in den jungen Gemuthern aller Orten Raum gefunden hat! Denn die Jugend lauft Dem nach, der den Sabel auf der Strasse klappern lasst und die Mutze recht verachtungsvoll uber einem Ohre tragt.

Siegbert ausserte ein Wort, das er auf eine ahnliche Erwiderung von ihm selbst einst von Leidenfrost gehort hatte.

Nun wohl! sagte er. Ist denn aber dieser Stolz so verachtlich? Man hat die Unsterblichkeit der Seele deshalb gelehrt, weil sie zur Tugend nothig ware. Ist es denn aber kein Fortschritt, wenn die Tugend um ihrer selbstwillen geubt und an kunftige Belohnung nicht mehr gedacht wird?

O, rief Oleander, wenn sie nur tugendhaft waren! Wenn sie nur wirklich die Bescheidenheit verklarte! Wenn sie nur aus der Erkenntniss ihrer eignen leersten Zwecklosigkeit und der mit dem letzten Athemzuge eintretenden Vernichtung die Aufforderung zur Demuth schopften! Nein, ich kenne von Tubingen, von Halle, Berlin, Wien her eine Menge dieser neuen Philosophen der Kritik und des Chemismus! Diese jungen Arzte der neuen Schule, wie verachtlich und frivol sprechen sie von dem Korper! Er ist ihnen eine Uhr. Wo wir fruher gottliche Immanenz sahen, wo wir ein Geheimniss in den Nerven ahnten, sehen sie nur den Mechanismus des Blutumlaufes und seiner Storungen. Das Mikroskop hat sie ubermuthig gemacht, wie Laplace ubermuthig durch das Teleskop wurde. Dieser Franzos behauptete alle Sterne gesehen zu haben, aber nirgends auf ihnen Gott. Dieser Bemitleidenswerthe erhob sein Teleskop zum Gott und die neue Naturphilosophie macht aus dem Mikroskop den Schopfer. Es ist der Dunkel der Gelehrsamkeit, der Herzlosigkeit, des eingebildeten Studiums. Und darin erkenn' ich Gottes Finger! Unsre Welt wird immer elender und erbarmlicher, unsre Schaffenskraft in geistigen Dingen immer geringer und gemeiner werden. Ein solcher Atomismus, der nicht an die jenseitige Bestimmung des Menschengeschlechts glaubt, kann auch fur das diesseitige Leben nichts schaffen. Warum erleben wir, dass diese Hande, wo sie Staat, Kirche, Gesellschaft beruhren, nichts hervorzubringen vermogen? Warum sind sie von der Poesie verlassen und mussen auch deren ewige Berechtigung laugnen? Warum haben sie noch nichts gefertigt, als kritische Analysen und da, wo sie schaffen wollten, hohle Phraseologie!

Siegbert fuhlte sein Herz vielen dieser Ausrufungen vertraut und doch erschreckte ihn, dass Oleander solche Thatsachen nur benutzte, um sich dahin zuruckzuziehen, wo der unbedingte Glaube waltete. Er sagte:

Lieber, ich folge Ihnen gern, wenn Sie sagen, dass die neue Schule etwas Bruskes, Herzloses und Unschopferisches hat. Ich habe sogar einen Freund, Namens Leidenfrost, der in der absoluten Verneinung jeder Zukunftshoffnung seine Menschenwurde findet und grade durch sie fur die Tugend, fur die Todesverachtung ein erhebendes Prinzip zu haben behauptet. Aber ich kann mit dieser Meinung nicht gehen. Ich denke, wie es hundert verschiedene Sittengesetze gegeben hat, die alle die Probe der Kritik nicht bestanden und der innere kategorische Imperativ des Herzens: Ube die Tugend! doch unlaugbar ist, so ist auch trotz der Unwissenschaftlichkeit aller Beweise fur das Dasein Gottes oder die Unsterblichkeit der Seele der kategorische Demonstrativ, wie ich ihn nennen mochte, dieser Thatsachen in unsrer Brust nicht auszurotten. Ich glaube nicht daran, dass diese Erde mit ihren Menschenbewohnern nur eine Stufenfolge der Schopfung ist, die in sich selbst abstirbt und dass wir nur der Dunger immer neuer Schopfungen sind. Welches die Form unsrer Verklarung sein wird, das weiss ich nicht. Ich denke, Gott wird schon eine Wesenkette neuen Lebens wissen, in der wir, wenn auch in Substanzen, die wir nicht ahnen konnen, uns als Fortsetzung unsres hiesigen Lebens erkennen. Wer kennt die Geisterringe, die das All umschliessen! Aber, mein Freund, mit diesem Zugestandniss ist Gefahr verbunden. Ich kann mit Denen nicht gehen, die sich nun gleich rechts wenden und dann sagen: So bleibt uns nur der Glaube! Ich gehe mit Denen nicht, die links das absolute Nichts wollen. Wo gibt es also einen Mittelweg?

Es gibt keinen Mittelweg! sagte Oleander und fugte scherzend hinzu:

Gott oder Satan!

Sie lacheln selbst, Oleander! fiel Siegbert ein. Und doch sind Sie auf dieser aussersten Alternative. Ich glaube an den Mittelweg. Ich glaube an die Moglichkeit, dass wir das Alte kritisch uberwinden und fur den Geist, der uns diese Uberwindung lehrte, doch auch eine Symbolik erfinden, auch eine Religion stiften. Ich will Gebundenheit des Gefuhls und auch ein Maass des Gedankens. Ich will, dass man sich im Staate und in der Religion gebunden fuhlt, gebunden durch die ewige Schranke, die wir nicht uberspringen konnen. Aber diese Gebundenheit muss keine traditionellen Formen mehr haben, in der Religion nicht die christliche Theologie mehr, in der Politik nicht mehr das feudale Staatsrecht. O mein Freund, ich weiss wohl, dass die Weltwirkung Christi kein Genius mehr heraufzubeschworen vermag, kein Wettkampf eines Martyrers vermag noch mit Christus in die Schranken zu treten, es fehlt uns Symbol, Religion, Form, Kirche und Staat fur Das, was unsre Meinung ist; aber hoffen wir doch, verzagen wir nicht; auch die neue Religion, die neue Politik wird ihre Formen finden. Nicht umsonst ist uns von Christus die kunftige Herrschaft des Geistes verheissen worden.

Oleander schwieg und wollte in seinem Buche weiterlesen, als man einen Wagen rollen horte. Er fuhr rasch von der Gegend des Amtshauses herunter und die Frau Pfarrerin, die mit weiblichen Arbeiten beschaftigt am Tische sass, behauptete, es musste Herr Ackermann sein. Der Wagen hielt vor dem Pfarrhause. Die Kinder sprangen hinaus. Es war Ackermann, Selma, Franzchen und die kleine Clara Stromer, die mit einem Korbe in's Haus traten.

Guten Abend, ihr Kinder. Guten Abend, Herr Oleander! Guten Abend, Herr Wildungen! So still hier? Kein Jubel? Keine blechernen Trompeten? Keine Trommeln?

Und schon hatte Selma den Korb, den Franzchen trug, aufgedeckt und trommelte auf einem kleinen Tambourin, und Clara, die in das Geheimniss eingeweiht war, zog Hedwig und Waldemar heran, um ihnen die ubrigen Herrlichkeiten zu zeigen.

Es ist St.-Niklastag, sagte Oleander, glucklich durch den unerwarteten Besuch.

Siegbert besann sich auf diesen Tag, an dem er in seiner Kindheit immer schon eine Vorfreude der Weihnacht genossen und erinnerte sich seines guten Vaters, der in einem nach aussen gekehrten rauhen Pelzschlafrocke und verhullten Kopfe den Niklas spielte. Zu Denen, die solche alte Sitten und Unsitten aus zartlicher Schonung der "lieben Kleinen" verwarfen, gehorte er nicht. Siegbert gedachte wehmuthig der Angst, die die Mutter hatte, wenn sie beteten und sich nicht recht klar werden konnten, ob sie sich wirklich zu furchten oder nur so zu stellen hatten; denn der Vater war ja wol sogleich erkannt.

Selma erzahlte den staunenden und uber die kleinen Geschenke jubelnden Kindern, sie hatte alle diese Sachen vom heiligen Nikolaus bekommen und fragte dann:

War er denn noch nicht da? Er sagte doch, er wollte heute alle Kinder besuchen und sehen, ob sie geschickt waren und beten konnten? Auch den grossen Kindern da, Herrn Siegbert und Oleander, drohte er mit der Ruthe! Gott sei Dank, er kommt wol nicht.

Indem pochte es aber draussen an der Hausthur donnernd.

Die Kinder horchten erschrocken auf ...

Als Ackermann, der mit vaterlicher Freundlichkeit auf den Scherz einging, bemerkte, ob Das wol der Niklas ware, und das Pochen sich wiederholte, wollten sie sich verstecken.

Wer geht hinaus und offnet?

Die Frau Pfarrerin hatte keinen Muth; der rathselhafte Ankommling klopfte so stark, dass sie zitterte.

Oleander, der gespannt war, was da kommen sollte, ging und offnete.

Sogleich horte man auf dem Vorplatz eine gewaltige Klingel schellen und eine hohle rauhe Stimme rufen:

Sind hier Kinder?

Wie die Kinder dies bezugliche Wort horten, wollten sie sich hinter der Mutter verstecken.

Oleander erschrak selbst uber den mit Ackermanns einverstandenen, ihm aber nicht erkennbaren Besuch.

Die Thur ging auf und eine tief in Pelzwerk gehullte und wol mit einem gebrannten Korke schwarzbemalte Figur trat herein. Der Kopf war von Damenshawls wie mit einem Turban uberwunden. In der Hand trug der Wilde eine grosse Ruthe aus Besenreisern und in der andern einen Sack. Die lange Stange hatte er draussen stehen lassen.

Ernst blickte sich der unheimliche Gast im Zimmer um. Selma, um seinen Scherz zu unterstutzen, schrie und lief sich zu verstecken.

Du schon wieder da? sagte der Niklas und rannte ihr mit der Ruthe nach, um ihr auf die Finger zu klopfen.

Die Kinder wagten kaum hinter der Mutter hervorzukriechen. Nur Waldemar war etwas kecker und wollte den Niklas am Pelze zupfen.

Da hatt' er einen Schlag auf die Finger weg.

Zugleich warf aber der schlimme Heilige doch aus seinem Sacke Nusse, Apfel, Lebkuchen in Fulle. Das lockte die Kinder, aber so wie sie etwas erhaschen wollten, setzten sie sich der grossen drohenden Ruthe aus ...

Der Kleinste, Oskar, weinte. Hedwig nahm sich seiner an und suchte den Zorn des Niklas durch ein Gebet zu beschwichtigen, das sie rasch herstammelte.

Da sagte der Niklas mit einer rauhen, Siegbert und Oleander und der Frau Pfarrerin vollig unbekannten Stimme:

Seid ruhig, ihr Kleinen! Ich weiss, dass ihr beten konnt und geschickt seid! Auf die grossen Kinder ist es abgesehen. Hier! Da versteckt sich ein rechtes altes Kind, das sich in der Welt herumtummelt, die Schule und das Elternhaus schwanzt ... Wart', Gesell! Sag' deine Lection her!

Damit hatte der Niklas Siegberten so eingeschlossen, dass dieser in der That vor der Ruthe sich nicht bergen konnte.

Siegberten war es, als sollt' er trotz der Verstellung die Stimme kennen. In der Eile rieth er hin und her. Aber der Niklas liess ihm nicht Zeit zu fragen, sondern verlangte einen Spruch.

Siegbert warf den ersten besten Schulvers hin.

Der Niklas sagte:

Siehst du, trivialer Schulschwanzer, Besseres kannst du nicht? Treibst dich herum, jagst Nebelbildern nach und vernachlassigst die Olfarbe! Schame dich, Portraitklexer!

Jetzt gewann Siegbert einen Pass, dem seltsamen Niklas zu entwischen, der nun Oleandern vornahm.

Oleander unterstutzte die Vermuthung der Frau Pfarrerin und der Kinder, dass dies wol gar der Vater ware, Guido Stromer selbst, der die Seinigen zur Weihnachtszeit uberraschen wollte. Ach wie schlug der verlassenen Frau das Herz! Sollte er's sein? Guido? Aber seine Stimme ist nicht so rauh! Dieser Humor nicht im Mindesten von seiner Art! Aber vielleicht hat sich sein Wesen in der Stadt geandert? Er ist frohlicher geworden? Kinder, seid artig, betet, es ist der Vater!

Der Niklas verfolgte Oleandern, dessen lange Figur sich beim Entschlupfen komisch genug ausnahm und wirklich von Selma nicht ohne Spott belacht wurde. Siegbert selbst musste lachen, wie der lange lyrische Vikar sich duckte und zur Freude der Kinder seine Angst ubertrieb, wahrend er doch wirklich beklommen war.

Du Stellvertreter des Stellvertreters des Herrn, sagte der Niklas, was kannst du sagen? Liest du auch Alles aus Buchern ab, wie deine Kollegen? Bist du auch so ein Hasenfuss, der die Privat-Seelsorge der Weiblein Nachmittags mit ihnen beim Kaffee pflegt und lieber Whist spielt, als im heiligen Augustinus liest?

Oleander schwang sich hinter Siegbert her und schutzte diesen vor, um sich vor der Ruthe zu retten. Mit einer Anspielung auf Siegbert's Trauer sagte er nun rasch:

Nicht allzu grosse Lust im Glucke!

Nicht allzu grossen Schmerz im Leide!

Dann lacht nach jeglichem Geschicke

Der Hoffnung wieder grun die Weide!

Das geht allenfalls! sagte der Niklas. Etwas sentimental zwar! Etwas Freude mit schwarzem Krepp! Aber es sind landliche Anschauungen! Die grune Weide ist die Hauptsache! Oder du denkst wol, Niklas ware ein Bauer oder ein Viehzuchter? Wart'! Wart'! Aus Schonung fur die Waise da er zeigte auf Siegbert will ich deinen Spruch gelten lassen; da hast du einen Lebkuchen, einen Reiter zu Pferde und noch einen, ein Wickelkind! Lass dir's recht viel Kindtaufen bedeuten!

Der Niklas jagte nun noch Ackermann, Selma, Franzchen mit denen er jedoch im Einverstandnisse war auch die Frau Pfarrerin, die nur immer dabei blieb: Das ist Herr von Zeisel nein! Das ist der Doktor Reinick! Nein! Das ist Himmel, wer ist's nur? Die sonst so stille Frau war ganz alarmirt. Ihre wahren Gedanken, die sie mit den Kindern theilte, dass es der Vater ware, wagte sie der Tauschung wegen nicht auszusprechen.

Zu Ackermann sagte der Vermummte:

Uber's Jahr komm' ich wieder und wehe dir, Taschenspieler, wenn du mir nicht aus diesem Apfel, der sechs Korner enthalt, sechshundert Apfel gewonnen hast!

Zu Selma:

Wart', dass ich dich nicht mitnehme auf mein Pferd und dich in Hoschen Pagendienste verrichten lasse bei der Konigin Saba von Arabien.

Und zu Franzchen:

Louise Eisold lasst dich grussen und um ein neues Lied nach der Melodie: "Des Volkes Tochter, arme Bettlerin" bitten. Aber ich werde Euch anstreichen, so zu lugen, ihr verdammten schonen Proletarierinnen ihr! Singen vom Elend und naschen am liebsten Lebkuchen!

Siegbert konnte nicht errathen, wer der Vermummte war; denn die Stimme blieb verstellt und sein Spiel wurde fast kunstlerisch behandelt.

Als Niklas noch der Pfarrerin und den Kindern einige leichte Ruthenstreiche versetzt, dabei immer geklingelt und mit seinem Sack gerasselt hatte, fasste er zuletzt das unterste Ende desselben, schuttete die ganze Bescheerung auf den Fussboden und wahrend Jung und Alt danach haschte, sich drangte, stiess, war er verschwunden.

Jetzt erst war das Gelachter und die Freude gross. Siegbert sollte rathen und besann sich nicht. Sein Bruder konnte es nicht gewesen sein. Er wurde die Stimme erkannt haben ... Indem brachte ein Hausknecht aus der Krone die Botschaft, ein fremder Herr ware angekommen, der ihn zu sprechen wunschte; er zeigte auf einen Zettel, auf dem "Leidenfrost" geschrieben stand.

Jetzt hatte Siegbert die Aufklarung.

Hat er den Weg als Heiliger gefunden, der uns prugelte, sagte er lachend, so kann er es jetzt auch als reuiger Sunder, um uns abzubitten. Der Tolle soll nur zu uns kommen. Ich komme nicht zu ihm und wenn er in hundert Kronen wohnte.

Leidenfrost war es wirklich, der dann in einem abgetragenen Sammetkittel kam. Er grusste wie ein vollig Fremder und fuhrte seine Rolle des Nichtwissens, des Erstaunens, der vollkommensten Nichtbetheiligung eben so gut durch wie vorhin seinen Niklas, den er durchaus nicht wahrhaben wollte.

Ich ein Niklas? sagte er befremdet mit einer vollig andern Stimme. Ich so frech, Sie hier Alle mit Ruthen zu peitschen? Wie konnt' ich daran denken! Ich habe das Gluck, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen, Herr Oleander und Frau Pfarrerin, in Folge des angenehmen Auftrags, in dieser unangenehmen Jahreszeit die von Herrn Ackermann bestellten Maschinen durch Dick und Dunn hierher zu begleiten. Gewisse innere Stimmen sagen zwar, ich hatte diesen Auftrag mit besondrer Vorliebe fur den Fluchtling Siegbert Wildungen ubernommen, den wieder zu sehen mein Herz labt und der trotzdem, dass er eine Mutter verloren hat, doch schon wieder, wenn nicht lachen, doch lacheln kann. O lachelte die Sonne so durch Wolken und trocknete die Wege! Vergeben Sie meine Fussbekleidung! Ich versichre Sie, dass diese Stiefeln wirklich von Leder sind.

Die Pfarrerin bot Thee oder jedes ihr sonst in der Eile mogliche Nachtessen an, aber man schlug die Einladung aus und wollte in den Ullagrund zuruck. Leidenfrost begleitete die Ruckfahrenden, versprach aber morgen nach erster Auseinandersetzung der bereits in den Wirthschaftshausern Ackermann's untergebrachten Maschinen, sich in Plessen sehen zu lassen. Ackermann kehrte diese Anordnung um und lud die Pfarrerin, die Kinder, Oleander und Siegbert liebevollst und herzlichst fur morgen zu Tisch.

Nun wohl sagte Leidenfrost; dann sorgen Sie nur fur ein kleines Kammerchen zum Rauchen und zu stillem Zwiegesprach mit dem neugierigen Siegbert. Wir haben Viel und nichts Geringes zu berichten.

Wie lange bleiben Sie, Leidenfrost? fragte Siegbert.

Bis ubermorgen!

Dann reisen wir zusammen zuruck.

Wenn Sie keinen Anstand nehmen, sich dabei von den beiden Maschinenarbeitern Alberti und Heusruck begleiten zu lassen

So sind wir vier und bilden ein vierblattriges Kleeblatt!

Diese Bemerkung betonte Siegbert mit einigem Nachdruck, den Leidenfrost verstand und dazu bedeutsam lachelte. Diese Mienen reizten Siegbert so, dass er die Zeit bis zum morgenden Mittag kaum erwarten konnte und bis in die Nacht Oleandern, der in Leidenfrost nun auch den Unsterblichkeitslaugner gleich personlich kennen gelernt hatte, mit Schilderungen uber das Leben und die Talente dieses Sonderlings, fur seinen humoristischen Freund erst langsam gewinnen musste.

Dreizehntes Capitel

Der Hackselschneider

In Ackermann's grosstem Zimmer war eine Familientafel hergerichtet. Selma und Franzchen hatten vollauf zu thun, den wirthschaftlichen Verpflichtungen heute wurdig zu entsprechen. Eine Hausfrau, die Frau Pfarrerin, sollte heute ihrer Hande Werk, ihre Anordnungen, ihre Wirthschaftlichkeit prufen.

Heute kam fur Franzchen der Onkel von der Jagd recht unerwunscht, obgleich er Wildpret brachte. Er musste sich's auch gefallen lassen, dass sie ihm sagte:

Onkelchen, heute haben wir grossen Besuch, heute gibt's viel zu schaffen.

Nun, sagte Heunisch, ich wollte mich ein bischen ruhen. Dann sprech' ich einmal bei dem Alten vor. Ich hore ja, zu Weihnachten wird der Heinrich heruberkommen und ein paar Tage auf Urlaub hier zubringen.

So? sagte Franzchen gleichgultig und half der brummenden Liese den Grunkohl verlesen.

Ich sprach neulich den Alten auf dem Amt, wo die Papierschreiberei kein Ende nehmen will ...

Franzchen horte gar nicht ...

Wegen der Teufelsgeschichte in meinen vier Pfahlen die Alte soll auf's Amt und will nicht So hab' ich um jedes Und und Aber eine Scheererei

Guten Morgen, Herr Heunisch! klang eine zarte Stimme.

Es war Selma, die in der Wirthschaft schaltete und rasch an dem in der warmen Kuche sitzenden Forstmann voruberging.

Guten Morgen, Fraulein wie behend geht Ihnen das Alles von der Hand!

Da war heute aber kein Stillstand, keine Gelegenheit zum "Schnacken". Heunisch wurde bald da, bald dort incommodirt, sodass er zuletzt merkte, er incommodire selbst und beschloss, den Alten nebenan zu besuchen.

Hast ihn denn noch immer nicht gesprochen? fragte Heunisch seine Nichte.

Heute wird's geschehen mussen, sagte Franzchen seufzend. Ich muss ihn um Eier bitten und wenn er's gut meint, auch noch um drei Huhner dazu. Wir sind noch zu wenig eingerichtet. Die Liese muss die Hasen spicken. Da will ich einmal selbst mein Gluck versuchen.

Wetter! Nun bin ich begierig, sagte Heunisch. Nun gehe ich voraus und recognoscire das Terrain. Komm' gleich nach! O da bin ich kurios. Adjes, Liese! Der Hase ist nicht zu jung und nicht zu alt ... grade, wie's am Feuer sein soll.

Die Liese achtete heute nur auf ihre Topfe und Pfannen und Spicknadeln und horte kaum, was um sie gesprochen wurde ...

Heunisch ging und stoberte wirklich den alten Brummbar auf dem Hackselboden auf, wo er meist selbst angriff und fur seine acht stattlichen Rosse Hacksel schnitt.

Der Jager hatte eine Lockpfeife, die der Bauer schon kannte. Er pfiff an den Scheunen, da er schon den regelmassigen Schnitt vom Hackselboden horte.

Guten Morgen! hiess es oben rundweg, als Heunisch in den untern Heuschober eingetreten war. Soll's was?

Zum Wetter, ist das ein Willkommen?

Ich schneide Hacksel ...

Hor' ich ...

Gibt's was Neues?

Euer Nachbar hat die Maschinen gekriegt

Wohl bekomm's ihm!

Auch eine Hackselmaschine

Gleichfalls!

Die eisernen Dinger sehen so klug aus wie Puterhahne, die sich in die Brust werfen! Wenn ich sie so klappen und stohnen hore, ist's mir fast, als waren sie lebendig.

Meine alte Hackselbank da schlaft auch nicht

Ritsch! Ratsch! sagte Heunisch und ahmte das Schneiden nach, argerlich, dass dieser Dialog so ganz par distance vom Boden herab und von unten hinauf geschrieen wurde. Ihr seid fleissig, Sandrart ... Werdet Ihr Euch denn die Maschinen nicht einmal ansehen?

Nein.

Sie sind possierlich.

Glaub's.

Der Nachbar macht Euch Alle todt.

Wir wollen's erleben.

Hort doch auf! Zum Donnerwetter! Seht doch ein bischen 'runter! Was sagt Ihr denn zur Franziska?

Franziska? Was ist Das? Auch so eine eiserne Bestie?

Ritsch! Ratsch! Der Bauer schnitt ruhig seinen Hacksel weiter.

Seid Ihr toll, ich meine meine Nichte Sie ist ja beim Nachbar. Ihr seid kein freundlicher Nachbar ...

Ich sehe nicht in andrer Leute Topfe.

Indem mehrte sich die Scene. Franzchen's inzwischen erfolgte Ankunft hatte Heunisch am Gebell der Hunde und dem Knarren des Torwegs errathen.

Ja! sagte eben eine alte Weiberstimme hinter Heunisch, der dabei durch die Bodenluke sah, von welcher eine Leiter in die Scheune herabfuhrte. Ja, aber andre Leute sehen in unsre! He, Sandrart!

Wie so, Jungfer Rosine? fragte Heunisch sich umwendend.

Die Regentin des Sandrart'schen Bauernhofes berichtete, dass die Mamsell von druben da ware und um ein Dutzend Eier bate und wenn's moglich ware, auch um drei Huhner.

Oben war Alles still; auch die Hackselbank schwieg.

Ein Dutzend Eier wollen sie druben und wenn's moglich ware, drei Huhner! wiederholte Jungfer Rosine kreischend, weil sie glaubte, der Alte oben hatte den Wunsch nicht verstanden.

Ein Dutzend Eier, Sandrart, und wenn's moglich ware, drei Huhner! wiederholte Heunisch.

Ich hore schon! schrie der Bauer ...

An seiner Stimme merkte man seinen Zorn und den geschmeichelten Ubermuth.

Rosine, die die abschlagige Antwort voraus wusste, grinzte verschmitzt und wollte schon mit den Holzschuhen davonklappen.

Indem hupfte Franzchen herein, im wollenen Kleidchen, ein Mantelchen ubergeworfen, zwei Korbe in der Hand, erwartungsvoll, nicht ohne Hoffnung ...

Nun, rief sie in die Scheune tretend, ist der Herr Nachbar so gutig?

Die Mamsell! betonte Rosine die Leiter hinauf.

Sandrart, statt aller Antwort, fing wieder an Hacksel zu schneiden.

Die Mamsell! schrie Rosine.

Wer? Welche Mamsell? rief der Bauer. Das Fraulein Mamsell?

Rosine antwortete hohnisch:

Die Kammerjungfer!

Meine Nichte, wenn Ihr's wissen wollt erganzte Heunisch mit Nachdruck und stieg eine Sprosse an der Leiter hoher, indem er mit der Flinte auf die Bodendecke klopfte.

So? rief der Bauer. Kompliment an den Nachbar! Es geht auf Weihnachten. Mein Sohn kommt. Wir brauchen da das Unsrige. Vielleicht legen seine Maschinen Eier.

Franzchen begriff so viel Grobheit nicht.

Und unsre Huhner, fuhr die Magd fort, sind unsre Kinder ... die wurgen wir nicht unnutz ...

Alte Gluckhenne! polterte der Jager und stiess mit dem einen Fuss ruckwarts, wenn die Huhner nicht mehr legen, macht Ihr Euch auch nicht Suppe davon? He! Sandrart? He! Euer Nachbar hat Gaste! Ihr werdet doch nicht so ungefallig sein? Der Teufel nein! Soll's denn immer heissen: Grob wie Bauernvolk?

Sandrart kehrte sich an diese Wendungen nicht, blieb ungefallig, verweigerte Huhner und Eier und schnitt wieder Hacksel.

Der gereizte Jager affte ihm nach:

Ritsch! Ratsch! Schneid' Er Hacksel in Teufels Namen! Geb' Er Antwort, Alter!

Sandrart schnitt Hacksel und die Rosine ging lachend aus der Scheune.

Franzchen konnte nicht umhin, zu dem Onkel, der wieder eine Sprosse niedriger gestiegen war, zu sagen:

Sehen Sie da, Onkel, wie thoricht Sie handeln, mich zu einem Verhaltnisse zu zwingen, wo ich das unglucklichste Wesen von der Welt ware. So achtet man mich! So verlangen Sie, dass das Kind Ihres Bruders beschimpft wird?

Und fast weinend, aus Jammer uber das Mittagsessen, wollte sie schon mit ihren Korben gehen und die traurige Nachricht, dass sie leer komme, heimtragen.

Heunisch aber, gedenkend, wie nothwendig heute vorerst die Eier waren, wie ferner sein Hase, den er zur Tafel geliefert hatte, doch nicht das einzige Fleisch sein durfte, das Herr Ackermann seinen Gasten vorsetzte, hielt sie zuruck und rief laut, dass der Alte oben, der ruhig seinen Hacksel fortschnitt, es horen musste:

Ware der Heinrich hier, Franziska, der Heinrich, der dich liebt, der Heinrich Sandrart, Sergeant bei der dritten Compagnie Leibregiment, der zoge die Plempe und ging' in die Speisekammer und schluge alle hundert Schock Eier, die da liegen, in einen gelben Brei zusammen und im Huhnerstall dreht' er allen Huhnern die Halse um!

Dies Kraftwort, unterstutzt durch das Pochen der Flinte am Heuboden, bewirkte, dass der Alte oben zwar nicht antwortete, aber doch mit Hackselschneiden innehielt und sich die Moglichkeit einer solchen von seinem Sohne vorausgesetzten Eierverwustung still uberlegte.

Abscheulich! fuhr Franzchen weinerlich fort. Wir brauchen die Huhner zu einem Ragout. Selma hat das Dutzend Huhner, das sie sich erst druben angeschafft haben, zu lieb und will keines schlachten lassen und hier gackert's von Morgen bis Abend, dass man sich die Ohren zuhalten mochte.

Ich mochte nun gleich, fuhr der Jager zornig fort, ich mochte nun gleich hier die Leiter nehmen und sie zusammenrutteln, dass der Alte mit sammt der Hackselbank durch die Decke fiele!

Er that Das auch, selbst auf Gefahr, in eigner Person herunterzufallen.

Nein, nein, wir mussen uns auf's Bitten verlegen, flusterte Franzchen. Ich kann so nicht zuruckkommen. Wir mussen gute Worte geben. Haltet einmal die Leiter, Onkel! Halt sie auch fest?

Heunisch, erfreut von dieser vielleicht folgenreichen Wendung, sprang herab.

Franzchen stieg einige Stufen empor und rief zur Offnung hinauf:

Herr Nachbar

Heunisch dachte: Nun woll' er sehen, was kommen wurde.

Keine Antwort auf den zarten, schmeichelnden Gruss.

Thu' ihm schon! flusterte der Onkel, der wohl einsah, dass dies der einzige Weg der Eroberung war.

Ihr habt so viel tausend Eier, sagte sie wir wissens und hundert Huhner im mindesten ein Kompliment von Herrn Ackermann guten Tag, Herr Sandrart

Der Alte, statt aller Antwort, ohne sich an die Bitte zu kehren, ohne sich nach dem niedlichen Kopfchen, das schon durch die Luke hindurchsah, umzuwenden, fing wieder an, Hacksel zu schneiden.

Franzchen stieg nieder und schluchzte fast vor Zorn und beleidigtem Stolz. Sie hatte dem alten "Ekel", wie sie ihn mit stadtischem putzmacherischen Ausdruck nannte, geschmeichelt, sie war ihm fast, aus der Ferne wenigstens, um den Bart gegangen und nun stand der oben in seiner kurzen Jacke und seiner Pelzmutze und schnitt Hacksel und horte nicht und lachte in sich hinein voll Ubermuth.

Wart', Franzchen, flusterte der Jager. Ich hab' jetzt einen andern Gedanken! Wir wollen's anders machen. Du kriegst die Eier und die Huhner auch.

Damit hielt er Franzchen, die schon gehen wollte, zuruck, und begann nun laut und vernehmlich, dass es der Alte horte:

Franzchen, lass gut sein! Der Heinrich kommt zu Weihnachten der Heinrich, der

Ach geht mit dem Heinrich! sagte Franziska in naturlichster Regung.

Willst du wohl! flusterte Heunisch und nun wieder laut: Was? Heinrich Sandrart! Nicht wahr? Das ist ein schmucker Junge! Da soll Kuchen gebacken werden! Darum spart er die Eier! Aber was macht sich denn so ein Sergeant aus Kuchen! Der ... der hat Hoflichkeit, du weisst, ich sagt's ja damals gleich nach der Parade ...

Ach was, Parade! Ich will hinuber! unterbrach Franziska, die auf des Onkels List nicht eingehen mochte.

Pst! flusterte dieser, hielt sie fest und fuhr laut fort:

Musjoh, sagt' ich auf der Parade, Heinrich, was bist du gewachsen! Als ich dich im Walde attrapirte und du mir einmal die Brombeeren maustest, die ich selber gern esse, was warst du ein winziger Knirps und nun, wo du Andre fuchtelst, bist du ein rechter Sappermenter! Ja, wie du die Rekruten zurecht setzest! Nicht wahr, Franzchen, wir haben's gesehen, wie der Rekruten zustutzt?

Der alte Bauer horte schon lange zu hackseln auf und horchte.

Franzchen, die die Wirkung merkte, widersprach nicht mehr, sondern liess den Onkel seine Spasse fortsetzen.

Der Major von Werdeck ritt vorbei und sagte Heunisch flusterte: Wenn's auch nicht wahr ist Sandrart, sagte er, Sandrart! Er ist ein ganzer Kerl! Sein Konig kann sich auf ihn verlassen! Er hat die sauberste Uniform, die nettsten Handschuhe und das beste Lederzeug

Das Lob schallte im ganzen Heuboden nach. Der Jager nahm den Mund so voll, dass der Bauer oben wirklich Antheil nahm und auch laut sagte:

Ho! Ho!

Wie so hoho? sagte Heunisch und stieg auf die Leiter. Wie so hoho? Was will Er da oben mit Hoho? Was weiss Er? Er Hackselschneider? Was weiss Er vom Konig und wen der lieb hat? Schneid' Er Hacksel!

Alles erlogen! rief der Bauer schon lachend.

Warum erlogen? polterte Heunisch und stieg noch hoher, dass sein Kopf bald durch die Bodenluke kam. Was erlogen? Der Major liebt den Heinrich und sagt des Tages zehnmal zu ihm: Sandrart, Er gefallt mir!

Ho! Ho! Der Major sagt "Sie" zum Heinrich ...

Ach, das weiss ich ja! polterte Heunisch; was wollt Ihr denn! Er oder Sie! Wollt Ihr grober Bauer mir, einem Jager, der Soldat war, sagen, wie ein Major zu einem Freiwilligen sagt! Was wisst Ihr denn da an der Hackselbank! Alter Grobian! Heinrich ist ein Freiwilliger. Er ist mit mir Arm in Arm gegangen, wie er vom Appell kam und in einen Weinkeller sind wir gegangen und ich habe zu ihm gesagt: Junge, was hast du fur einen Schnurrbart gekriegt, hab' ich gesagt, und er hat gelacht und gesagt:

Er wurd' ihm noch ganz anders wachsen, wenn er erst Feldwebel wurde und Feldwebel muss er werden und er wird's und der Konig will's

Ne ne! hiess es jetzt oben, mit einer Stimme, wie wenn man den Bauer gekitzelt hatte.

Warum will's der Konig nicht? schrie der Jager und war mit dem Kopfe durch die Bodenluke.

Ne! Ne! sagte Sandrart fast kichernd.

Antwort! Warum will der Konig so einen Feldwebel nicht? Was?

Der Bauer lachte.

Diese Stimmung rasch benutzend, sagte Heunisch polternd:

Hier will der Nachbar ein Dutzend Eier haben Aber ich wette hundert, er wird Feldwebel!

Er warf dies so hin, als unterbrache diese Storung nur die wichtige Unterhaltung uber das fernere Avancement des Sohnes.

Er wird nicht Feldwebel, er soll es nicht! schmunzelte der Bauer. Er kommt nach Hause ...

Er soll's nicht wenn ich Euch aber nun beweise, dass der Major gesagt hat ... Donner, so lass mir meine Beine in Ruhe, Franziska! Mit deiner Bettelei!

Rose! rief der Alte jetzt oben aus dem schmalen Fenster in den Hof! Ein Dutzend Eier fur den Nachbar!

Ich sage aber, fuhr Heunisch fort, wahrend Franzchen gluckselig in den Hof lief und der dort lauernden Rosine wiederholte, was sie eben zu ihrem Erstaunen aus dem Luftloch des Hackselbodens vernommen hatte, ich sage aber, der Heinrich muss Soldat bleiben. Heinrich, sagt' ich ihm, dein Konig will's und die Flotenblaserei ist nichts fur einen Soldaten, der du bleiben sollst dein Lebenlang bis zum General!

Ach! Ach! sagte der Alte oben ablehnend und die Finte merkend und wollte wieder Hacksel schneiden.

Nein, fuhr Heunisch, der die Stufen der Leiter nun ganz hinaufklomm, polternd fort, nein! Er blast die Flote! Er blast sie wie der beste Hautboist nur die Flote blasen kann! Er hat was gelernt das muss wahr sein und es ist wahr allein aber einem Feldwebel, denk' ich denn doch auch, einem Feldwebel steht es wie jedem andern Menschen, wenn er sagen kann: Mein Vater hat was an mich gewandt, mein Vater ist reich, mein Vater kann's thun wir haben hundert Huhner im Stall und schenken weg, was wir nicht brauchen, wie die Kastanien, und wir bleiben Soldat!

Sandrart, der Bauer, lachte jetzt ubermassig und rief:

Ne! Ne!

Hier will Euer Nachbar drei Huhner, bemerkte Heunisch, wie gleichgultig und das Wort so hinfallen lassend ... Warum soll Heinrich nicht Soldat bleiben! Sein Konig will's! Ich weiss es, der Konig hat schon manchmal gefragt: Wer ist der schone junge Mann, der bei der Parade immer so gerade marschirt und die beste Uniform hat ... Dass dich der Teufel, Franz, da unten mit deinen Eiern und den verfluchten Huhnern!

Rose!

Sandrart! rief's von unten.

Die schwarze legt nicht mehr

Die bunte

Die schwarze, sag' ich und die bunte und die gesprenkelte auch nicht

O, o die gesprenkelte

Ich sage, sie legt nicht Donnerwetter! Die schwarze, die bunte und die gesprenkelte schickt sie herum und lasst guten Appetit wunschen und ein Kompliment. Aber mein Sohn gehort mir und nicht dem Konig.

Franzchen folgte mit Jubel der zornigen Rosine in den Huhnerstall. In einem Korbe hatte sie die Eier, in den andern kamen die drei Huhner.

Also warum? kam der Bauer jetzt von der Hackselbank an die Dachluke, sodass sich Heunisch etwas zuruckzog. Mir soll Eins kommen und sagen: Der Heinrich soll immer Soldat bleiben! Er hat seinem Konig gedient und nun gut damit. Jetzt soll er wieder seinem Vater dienen.

Will's sein Vater? A la banne heure! Das ist was Andres! Dann sagt' ich aber auch, fuhr Heunisch fort und wollte nun gleich auch seinen andern Vortheil wahrnehmen ...

Was habt Ihr gesagt?

Dann sagt' ich aber auch gleich: Heinrich, nun heirathest du.

Das kann er!

Das kannst du, Junge! sagt' ich im Weinkeller und er wollte nicht, dass ich bezahlte. Ich hatte, straf' mich Gott, ich hatte meinen Lederbeutel schon in der Hand, aber der Junge wollte nicht und ich sagte: Das kannst du!

Das kann er!

Und weil du doch einmal die Franziska Heunisch, dem alten Jager seine Nichte, gern hast

Wen?

Und weil sie dich wieder gern hat

Was?

Jetzt legte sich Franziska, die in dem Korb die verdutzten Huhner festhielt und dem Onkel ihren Triumph zeigen wollte, in's Mittel und wollte mitsprechen.

Heunisch hielt sie aber zuruck, legte ruckwarts die Hand auf ihren Mund und fuhr fort:

Und weil dein Vater alt ist und sich zur Ruhe setzt, und dein Madchen in der Nahe ist, sich auf Wirthschaft versteht, keine Stadtmamsell ist, von Eiern und Huhnern Was versteht

Nichts, nichts da! fiel Sandrart ein und ging von der Luke an die Hackselbank.

Da, Franzchen, steig' auf die Leiter, gib dem alten Schwiegerpapa dein Patschchen, so sammetweiche Handchen hat er sein Lebtag nicht in seiner alten Lederhaut gehabt komm', Kind da, Alter, hier dankt Eins fur die Huhner und fur die Eier!

Heunisch zog Franzchen wider Willen auf die Leiter empor und fasste ihre Hand, um sie dem Alten hinzuhalten ...

Da kam aber der Bauer mit raschem Schritt so dahergefahren, dass Heunisch selbst erschrak ...

Nun? rief er. Ausgesohnt?

Oben hiess es mit zorniger Stimme:

Kopf weg!

Und krachend fiel die Bodenklappe uber der Leiter so zu, dass diese zitterte und bebte und Heunischen fast der Hut ware eingeschlagen worden. Der Bauer machte kurzen Prozess.

Franzchen hupfte aber schon frohlich zu Ackermann's hinuber und achtete Heunisch's nicht, der nun wirklich zornig wurde, an der Klappe stiess und ruttelte, mit der Flinte drohte und dem Bauer einige Dutzend reeller Donnerwetter an den gierigen Hals wunschte.

Wart! Dir kommt's doch noch einmal uber's Dach! Du grober, impertinenter Kerl!

Sandrart schnitt wieder Hacksel und Heunisch musste von dannen gehen, zornig auch uber Franzchen und die ganze Wirthschaft bei Ackermann, die ihm deutlich genug zu verstehen gegeben hatte, dass er ihr, wenn er jetzt wieder kame, heute nur im Wege ware.

Argerlich brummend, stopfte er sich die Pfeife und ging, da es zu regnen aufgehort hatte, in den Wald zuruck zu seiner lieben Ursula, seiner theuern Einzigen, die es in der Welt doch nur allein "gut mit ihm meinte".

Vierzehntes Capitel

Berichte aus der Residenz

Die Eierspeisen, der Hase, die als Ragout bereiteten Huhner schmeckten der zahlreichen, muntern Gesellschaft vortrefflich. Leidenfrost, der Ackermann's und Selma's Bekanntschaft mit Vergnugen erneuerte und viel uber deren Knabentracht scherzte, brachte seine Begleiter Alberti und Heusruck mit, die am Tische, wie die Andern, Antheil nehmen sollten und es auch ihres Betragens wegen verdienten.

Erinnern Sie sich noch des Hunen Danebrand? sagte Leidenfrost zu Ackermann. Wie er der Louise Eisold zu Gefallen auf dem Fortunaball eine kleine Schlacht lieferte, deren Folgen glucklicherweise damals mit dem liebevollen Mantel der "Anarchie" zugedeckt wurden?

Franzchen errothete und wagte nicht die entfernteste Frage nach Louise Eisold.

Was ist aus dem Hackert geworden? fragte Ackermann, der sich des Vorfalls wohl entsann und auch der Begleitung jenes ihm damals nicht willkommenen Gesellschafters vom Heidekruge her.

Polizeiagent vorlaufig! sagte Leidenfrost. Die rechte Hand des unternehmenden Pax, der in Entdeckung von Demagogen und Jesuiten seines Gleichen sucht. Nur hor' ich, dass die Entdeckung der Erstern vom Hofe gern gesehen, die der Letztern aber fur ubereilten Amtseifer erklart wird.

Jener Hackert erschien mir damals weit mehr ein Gegenstand, als ein Werkzeug der Polizei, bemerkte Ackermann.

Jetzt nachtwandelt er durch die Clubs, fiel Leidenfrost ein. Pax hat ihn zum Aufseher aller Vereine gemacht. Ich furchte, dass ihn einmal vor den Schlagen, die er da ernten kann, weder Louise Eisold noch Danebrand rettet.

Man kam von diesen Gesprachen ab und nahm Veranlassung, uber die politische Lage des Augenblicks im Allgemeinen zu sprechen.

Leidenfrost hatte kein Hehl, dass die Revolution ihm jetzt erst in ihre rechte Entwickelung zu treten schiene.

Wenn wir so forttaumeln, wie jetzt, sagte er, kommt ein tolleres Hagelwetter, als wir's schon hatten. Wir befinden uns hier leider auf Furstlich Hohenbergischem Boden, sonst wurd' ich offen meine Meinung sagen.

Ackermann forderte den Gast auf, sich keinen Zwang anzulegen. Wenn er in seinen Ansichten zu weit ginge, wurde er an diesem Tische nicht nur ein Centrum, sondern sogar er warf einen lachelnden Blick auf Oleander eine ausserste Rechte finden.

Leidenfrost schoss einen prufenden Blick auf den Vikar, der die Antwort nicht schuldig blieb, sondern entgegnete:

Ich halte mich fur unfahig uber Politik zu streiten, da ich zu wenig von ihr verstehe. Dennoch glaub' ich, dass jeder Staatsmann, der jetzt an's Ruder kommt, die Verpflichtung hat, die Devise; Eile mit Weile! zu seinem Motto zu wahlen.

Von Seiner Durchlaucht, begann Leidenfrost mit sichtbarer Ironie, von Seiner Durchlaucht einen so praktischen, bescheidenen, aber doch zu gewohnlichen Gemeinplatz vorauszusetzen, heisst den hohen Genius verkennen. Dieser Staatsmann, den zwar einige Caricaturen mit einer Ruthe, die Fibel in der Hand, als gewohnlichen Schulmeister darstellen, ist vielmehr ein neuer Johannes, der uns auffordert, in die Wuste zu ziehen und von Heuschrecken zu leben. Ich will nicht sagen, dass er uns selbst das Beispiel der Enthaltsamkeit gibt. Seiner Durchlaucht lieben die Welt und ihre Freuden. Aber dem Volke gonnt er nicht mehr oder weniger als eine Art Fastenkost, besonders in geistigen Dingen. Es ist der Priessnitz unsres Staates. Er muthet uns eine Wasserkur zu, Enthaltsamkeit und geistige Diat. Die neuen Wahlen haben aber gezeigt, wie entzundlich noch unsre Zustande sind. Wir werden neue Douchen bekommen, kalte Ubergusse, ok-troyirte Gesetze. Ich sehe unsren Staat schon so frisch und gesund wie einen Hecht im Wasser zappeln.

Konnen Sie bestreiten, fiel Oleander ein, dass es ein Gluck ware, wenn die Sucht, Politik zu treiben, auf ein gewisses Mass zuruckgefuhrt wurde und man die Politik Denen uberliesse, die die nachste Veranlassung dazu haben?

Aha! war Alles, was Leidenfrost unartig genug darauf erwiderte. Er sprach dies Wort mit grosser Bitterkeit und verletzte fast die gemuthliche Stimmung der kleinen Tafel.

Einer Aufforderung, weiter vom Zustande der Dinge in der Residenz zu sprechen, genugte er nicht, sondern verwies auf die Zukunft, die Vieles zur Reife bringen wurde.

Siegbert erstaunte, den alten kaustischen Freund so uberreizt zu finden. Er schloss daraus, wie es wol in der Residenz aussehen mochte und hatte nicht den Muth, nach seinem Bruder zu forschen, fast aus Besorgniss, Leidenfrost mochte mit ihm zu vertraut geworden sein. Uberhaupt brachte er bei Ackermann nie die Rede auf seinen Bruder. Er hatte die Rolle, die er diesen Sommer auf dem Schlosse spielte, nie gebilligt und mochte die Abneigung, die Selma gegen seinen sittlichen Werth verrieth, nicht vermehren. Es wurde ihm nie von Herzen wohl im Ullagrunde.

Ackermann, besonnen und gewiegt wie immer, loste die Spannung mit den Worten:

Stossen Sie an auf das schone Prinzip, das Egon ausgesprochen hat und in dem wir uns, wenn auch mit sonst abweichenden Meinungen, gewiss Alle vereinigen werden: Auf die heiligen, den Menschen wahrhaft freimachenden, seinen Geist wahrhaft lauternden Pflichten und Rechte der Arbeit!

Alberti und Heusruck waren es besonders, denen Ackermann sein Glas entgegenhielt. Sie standen auf und stiessen bescheiden an. Auch Leidenfrost beherrschte sich, zumal da er sah, dass die liebliche Selma bei des Vaters, ihr selbst uberraschend klingenden Worten aufstand, ein Wasserglas ergriff, sich von dem neben ihr sitzenden Siegbert Wein ausbat und mit anstiess. Sie sagte in frohlicher Laune:

Das gilt auch uns! Auch wir wollen Rechte im Staat, erobert durch unsre Wirksamkeit in der Kuche! Wenn Ihnen aber diese Omelettes ganz besonders schmecken und ein noch spater im dritten Akte unsres Dramas auftretendes Huhnerragout Ihren Beifall finden wird, so gebuhrt die Anerkennung fur diese Leistungen in der Kochkunst der List und Verschlagenheit unsres Franzchens, die heute Eier und Huhner vom Nachbar nicht ohne Muhe gewonnen hat!

Selma erzahlte hierauf zum Ergotzen der Tafel, wie der Onkel Heunisch und Franziska vom alten Sandrart diese Vorrathe eroberten ...

Bei Erwahnung des Majors von Werdeck warf Leidenfrost einen bedeutungsvollen Blick zu Siegbert hinuber. Dieser errieth sogleich, worauf dieser Wink zielte und fragte Leidenfrost, was es denn sonst fur Neuigkeiten uber die gemeinschaftlichen Bekannten gabe?

Unter diesen, antwortete Leidenfrost etwas zuruckhaltend, hat sich gar Vielerlei ereignet. Frau von Trompetta, unsre Gonnerin, hat sich entschlossen, gegen den Hof in eine gewisse, aus unerhorter grenzenloser Liebe schmollende Opposition zu treten und die Lotterie, in der das Gethsemane ausgespielt werden soll

Siegbert erklarte Ackermann und Oleandern, was sie unter dem Gethsemane zu verstehen hatten

Soweit auszudehnen, fuhr Leidenfrost fort, dass auch noch andre Gegenstande dabei zur Verloosung kamen und sich eine Einnahme beschaffen liesse, gross genug, um ein Kanonenboot fur die deutsche Flotte zu kaufen. Sie ist von der Landesfarbe zu der des gemeinsamen Vaterlandes ubergegangen und tragt schwarz, roth, gold. Dies hat einen Bruch mit Fraulein Wilhelmine von Flottwitz veranlasst. Ihre Farben, ihre Gesinnungen harmoniren nicht mehr, zur grossen Freude der meisten Gesellschaften, die dadurch vor gewissen makkabaischen Duetten bewahrt bleiben. Die Flottwitz, die leider taglich blonder wird, setzt ihre Bekehrungsversuche mit Ihrem Bruder Dankmar fort, der jedoch bei seinen Studien uber romisches und germanisches Erbrecht zu wenig Zeit hat, sich in die Separatgeschichte der einzelnen Truppentheile unsrer Armeen und die tiefe Bedeutung der Achselklappen und der Patrontaschen zu verlieren. Der Reubund hat sich in zwei Fraktionen gespalten. Die eine mit der Bundeskasse, die andre ohne Bundeskasse. Ausserlich heisst es: Der Eine will die neue Verfassung beschworen, weil es der Konig und das Vaterland verlangten, der Andre will aber dem Konig noch eine grossre Reue zeigen und den Schwur auf dieses "Blatt Papier" als unverbindlich darstellen, woruber naturlich in den "kleinen Cirkeln" viel Thranen der Ruhrung und Verlegenheit vergossen werden, zumal da sich so viele Gelehrte, fromme Offiziere und mystische Beamte bereit erklart haben, zu beweisen, dass Eide fur die Fursten doch immer nur unter Umstanden heilig sind; aber wie gesagt, die Spaltung beruht auf Kassendefizits und einer, wie wenigstens Freund Werdeck versichert, tief eingerissenen Differenz uber die zweckmassigere Einrichtung einer Brautpaar-Aussteuerkasse verbunden mit einem stillschweigenden Heirathsbureau. Der Bruch wurde unheilbar, als die eine Frau Meisterin vom Stuhl fur ein neues gelbseidnes, die andre fur ein violettes die Aufmerksamkeit der Loge ausschliesslich in Anspruch nahm. Seitdem hat man neben dem alten einfachen Reubund nun noch einen Bund der doppelt Bereuenden. Vom Propst Gelbsattel, lieber Wildungen, soll ich Sie grussen. Er ist entzuckt, dass Sie die Schonauer so entzuckt haben. Er verfallt immer mehr mit dem Staate der Gegenwart, auch mit dem Staate des Fursten Egon. Die Unabhangigkeit der Kirche vom Staate und die Abhangigkeit der Schule von der Kirche ist in dem Grade jetzt sein Steckenpferd, dass es eine ganz harmlos hingeworfene und unschuldige Phrase geworden ist, von ihm zu sagen, er hielte es mit den Jesuiten. Der General Voland von der Hahnenfeder, der im Stillen doch die wahre aussere und innere Politik unsres Staates leitet, und wie Viele behaupten, vom Papste die Mission hatte, ihn durch Uberanstrengung seiner Krafte zu ruiniren, wofur man ihm, da er ohnehin dunklen Ursprungs ist, einen Platz unter den Heiligen des Kalenders zugesichert hat, ist sehr mit Gelbsattel intim, doch sollen sie in dem Verhaltnisse zu einander stehen, wie Hegel zu seinem besten Schuler. Gelbsattel, hat General Voland gesagt, Gelbsattel ist der Einzige, der mich verstanden hat, aber auch Gelbsattel hat mich misverstanden ... Otto von Dystra, bei dem ich die Ehre hatte, den gelehrten General kennen zu lernen ...

Otto von Dystra? horchte Ackermann auf.

Ein amerikanischer Republikaner, der uber Sibirien zur Freiheit kam, bemerkte Leidenfrost.

Ganz recht, sagte Ackermann, Republikaner, Monarchist, je nachdem er geschlafen hat ...

Eine sonderbare Charakteristik! bemerkte Siegbert, Olga's gedenkend und mit Spannung ...

Otto von Dystra, fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt fort, ist sehr begierig, Ihre Bekanntschaft zu machen ...

Meine Bekanntschaft? fragte Siegbert. Woher kennen Sie ihn denn?

Ich ihn? Er mich? sagte Leidenfrost, sich komisch verwundert stellend. Wissen Sie nicht, dass Otto von Dystra Alles aufsucht, was beruhmt ist? Bin ich nicht der beruhmte Leidenfrost? Der Techniker? Der Mathematiker? Der Maler? Der Michel Angelo in Taschenformat? Oder vergessen Sie, Freund, dass ich einst seine Kleider und Schuhe putzte und ihn in phrenologischen Studien unterstutzte?

Ackermann erinnerte sich der Gesprache in jener Nacht auf der Willing'schen Maschinenfabrik ...

Er suchte ja auch Sie sogleich auf, fuhr Leidenfrost zu Siegbert gewandt fort, und nicht etwa weil die Furstin Wasamskoi von Ihnen an den Rand des Grabes gebracht wird

Leidenfrost! drohte Siegbert empfindlich.

Selma blickte erstaunt zur Seite und hatte unwillkurlich das Gefuhl, als musste sie von Siegbert abrukken. Sie konnte es, da die etwas plumpe Bedienung der Magde mit den Saucen nicht besonders vorsichtig umging.

Nein, deswegen nicht, fuhr Leidenfrost einlenkend fort, sondern aus Interesse fur den Maler des Jakob Molay

Ackermann bemerkte, dass er Otto von Dystra als einen Freund jedes Talentes kenne und erzahlte Manches von seinen seltsamen Neigungen, um von der Hohe seines Reichthums und seiner exclusiven Stellung zur wahren Menschlichkeit herabzusteigen. Er fuhrte auch an, dass er ihn bei einer Fusswanderung am Missouri, in Begleitung eines talentvollen Kupferstechers, Namens Morton, hatte kennen lernen.

Wie sehr er Siegbert Wildungen schatzt, erganzte Leidenfrost mit einem eigenthumlichen sarkastischen Ausdrucke, beweist, dass er Ihnen hier durch mich schon einige Zeilen ubersendet ...

Leidenfrost zog einen Brief aus der Brusttasche und uberreichte ihn Siegbert, der fassungslos vor Erstaunen den Brief betrachtete, die franzosische Aufschrift las und ihn erbrechen wollte.

Bitte, sagte Leidenfrost hastig, lesen Sie ihn fur sich! Er ist zu lang! Es liegt eine dicke Schreibubung aus Rom darin! Wenigstens sagte mir Otto von Dystra, dass Ihnen Olga Wasamskoi wahrscheinlich zeigen wolle, welche Fortschritte sie zu Rom in der Kalligraphie mache ...

Siegbert sass auf gluhenden Kohlen. Ein Brief aus Rom! Ein Brief von Olga! Ubersandt durch ihren gezwungenen Verlobten, den seltsamgeschilderten Baron von Dystra! Er steckte den Brief uneroffnet ein, trug aber durch die gewaltige Aufregung, die sich in seinen Mienen aussprach, viel dazu bei, die angstliche Beklemmung, die Selma vor einem so fortwahrend mit Frauen in zweideutiger Verbindung genannten Manne empfand, noch zu vermehren. Es liegt einmal in reinen und stolzen Madchenseelen die Abneigung vor Mannern, die ihr Geschlecht zu tief erkannt haben, begrundet. Sie wusste nicht, wie unrecht sie dem guten Siegbert that, der im Grunde wenig dafur konnte, dass er, wie Dankmar sagte, eine Art Meister Frauenlob war.

Leidenfrost blieb im Zuge seiner Mittheilungen ...

Heinrichson, sagte er, ist in Rom und malt Grotten und Nymphen. Reichmeyer portraitirt und spekulirte auf ein Tableau unsrer Deputirtenkammer, kurz ehe sie aufgelost wurde. Der Zorn daruber hat ihn fast demokratisch gemacht. Sein Onkel, der Banquier, hofft durch Egon zu einer Staatsanleihe befordert zu werden. Frau von Reichmeyer, Reichmeyer's Schwester (in diesen Familien heirathet sich immer die Verwandtschaft uberzwerg) hat sich deshalb auch entschlossen, mit einer philanthropischen Idee dem Hofe zu Gefallen zu leben und die innere Mission zu befordern, so wenig es ihrem Patschoulicharakter zusagt, sich an die Betten der Aussatzigen zu begeben und in die funften Etagen zu den Armen steigen zu mussen. Doch hat sie nun einmal damit angefangen und sich vorlaufig die Branche der Kindergarten erwahlt, die sie protegirt. Ich sah Frau von Reichmeyer bereits durch die Thurritze eines solchen Kindergartens (im Zimmer) die kleinen Kinder spielen lehren. Beneiden Sie mich um diesen idyllischen Anblick, Wildungen! Die Blasirtheit jetzt unter Kinderwindeln! Sie wissen gar nicht, was Ihnen Alles seither entgangen ist.

Die Frau Pfarrerin wagte sich mit einigen Vertheidigungsworten der Kindergarten hervor, wollte aber eigentlich die Rede nur auf ihren Mann bringen, den sie auch fur ihre gute Meinung von den Kindergarten als Autoritat anfuhrte.

Es lebe Jean Paul! sagte Leidenfrost einsilbig.

Was soll Jean Paul? fragte man erstaunt.

Ich denke mir, meinte Oleander, dass Herr Leidenfrost sagen will, Jean Paul ware die Veranlassung einer zu grossen Verhimmelung der Kinderseelen? Ware dies der Fall, dann hatte Jean Paul auch zuviel fur die Blumen gethan.

Fur die Redeblumen gewiss! bestatigte Leidenfrost und gab die Beziehung auf Guido Stromer zu erkennen. Herrlicher, gottlicher Jean Paul! Du durftest aus deinem Fullhorn die Blumen fruhlingsweise werfen, du wusstest sie zu binden und zu ordnen und was daneben fiel, als uberflussig, du hattest es doch selbst gezogen, was du schenktest! Aber was soll uns die wuchernde Uberfulle des Geistes, die nur der Form, nicht dem Inhalte der Wahrheit dient! Seht diese Geistreichen! Wie sie sich recken und dehnen, um wunderbare Figuren zu Stande zu bringen und der grade, schlanke Wuchs der Uberzeugung fehlt! Diese Menschen sind unser Ungluck. All' ihr Geist befruchtet nichts, schafft nichts, gestaltet nichts. Nicht einmal ein Gedicht kommt zu Stande mit ihren an Alles und Jedes sich anpinselnden Wahrnehmungen. Nein, ich lobe mir die Einfaltigen eher, die wissen, was sie wollen, als die Geistreichen, die im Grunde nur afterreden und wenn's hoch kommt, der Luge dienend jede Meinung vertheidigen, wie zuletzt Burke, Gentz und Friedrich Schlegel thaten.

Die Frau Pfarrerin konnte naturlich nicht ahnen, dass dieser Angriff ihrem Manne galt, der, wie Leidenfrost flusterte, den Titel als Hofrath zu erhaschen strebte; Ackermann, Oleander und Siegbert verstanden ihn sehr wohl und Siegbert winkte Leidenfrost, sich zu massigen.

Warum? sagte dieser. Von den Einfaltigen zu reden, wissen Sie denn, Wildungen, was aus Sr. Excellenz dem Herrn Geheimrath von Harder geworden ist?

Ich las es in den Zeitungen mit Erstaunen, bemerkte Siegbert. Intendant des koniglichen Theaters!

Nicht wahr, mein Freund! sagte Leidenfrost scharf betonend. Auch ein Ritter vom Geiste! Und die Ritter vom Geiste mussen ohne Zweifel ihre Don Quixotes haben!

Ackermann fragte mit forschender Miene:

Welcher Herr von Harder ist das?

Der weiland Intendant der koniglichen Garten, Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein. Er verlor die konigliche Gnade, sintemalen er allzu dienstbeflissen das Mobiliar der Furstin Amanda von Hohenberg zu Staatszwecken verwandte, um, wie man nun allgemein weiss, gewisse Denkwurdigkeiten der Furstin, die sich in ihm vorfanden, zu unterdrukken, zu vernichten, zu ecrasiren, zu annulliren, was weiss ich

Weiss man Das? fragte Siegbert erstaunt.

Welche Denkwurdigkeiten? bemerkte Ackermann aufhorchend.

Dieselben Denkwurdigkeiten, sagte Leidenfrost, die die eigenthumliche Wirkung gehabt haben sollen, den Fursten Egon mit der schlimmsten Feindin seiner Mutter, Pauline von Harder, zu ewigem Trutz und Schutz auszusohnen.

Ackermann horte mit einem Interesse zu, das nur bei der heitren Stimmung, in die Leidenfrosten's weitre Erzahlung die Gesellschaft versetzte, unbemerkt bleiben konnte.

Dieser ubertriebene Diensteifer, sagte der humoristische Berichterstatter, verjagte den Geheimenrath aus dem Paradiese der koniglichen Garten und nicht eher ruhte das Flammenschwert des Erzengels der Etikette und Courtoisie, bis der Geheimrath sich hinter eine vom Prinzen Ottokar protegirte Tanzerin fluchtete, auf dem Theater ihr ein Armband uberreichen wollte, dabei in eine Versenkung fiel und fur das Armband als bestallter Macen der dramatischen Kunst und Literatur wieder herausgezogen wurde. Frau von Harder, die mit Egon und Melanie Schlurck Politik im grossen Style treibt, dankt Apoll und den neun Musen, dass ihr Gemahl eine so angemessene Beschaftigung gefunden hat und nun nur noch die Kunste und die Literatur verwustet. Die Schauspieler und Sanger jubeln wohl, denn sie haben einen Chef, der nichts von ihrem Berufe versteht und wie unsre Kunstzustande sind, ist den Hofkomodianten dieses Regiment grade das allerwillkommenste. Die Dichter verzweifeln wohl, allein die freien Entrees sind so zweckmassig an einige kritische Tonangeber vertheilt, dass auch die Literatur in den Jubel der Kunst mit einstimmt und vor einigen Wochen die neue Ara der Buhne unter den Ausspizien des Herrn von Harder begonnen hat. Und wissen Sie denn, Wildungen, dass ich an diesem Aufschwunge betheiligt bin?

Man horchte auf.

Se. Excellenz haben mich, auf Rath der Maler, die sonst die Salons seiner Frau besuchten, auf Rath der Frau von Werdeck sogar sie bat mich spater unter Thranen um Verzeihung wegen dieser Erinnerung auf Berichte uber das Wasamskoische Feuerwerk als malereigewandten Mechaniker und Techniker sogleich beschieden, mit ihm uber eine neue Struktur der Versenkungen zu philosophiren und ich gestehe Ihnen, Wildungen, dass ich bereits einen solchen Schatz von Anekdoten uber die dramaturgischen Kenntnisse Sr. Excellenz des Herrn von Harder gesammelt habe, dass ich im Stande bin, jede stille Pause unsrer kunftigen Lebenslaufbahn mit ihnen zu wurzen. Aber nun schweig' ich, meine Herrschaften! Ein fortgesetztes Rechthaben verspottet sich selbst. Ich fuhle, dass ich zu sehr den Schein bekomme, mehr Vernunft haben zu wollen als Andre und ich weiss, dass man dann erst recht ein Narr ist, wenn man die Weisheit felbst sein will.

Leidenfrost wollte nun aufhoren. Aber Alle drangten um Anekdoten uber Herrn von Harder. Leidenfrost verweigerte sie und erklarte jetzt zu schweigen.

Ackermann fand ein Interesse daran, wenigstens bei Melanie zu verweilen, grade als sollte Selma horen, wie wenig Egon ihre Liebe verdiene ...

Wirklich? knupfte er an, hat die Tochter des Justizraths so glanzende Hoffnungen, die Liebe eines Fursten zu besitzen?

Leidenfrost zuckte die Achseln und sagte nur:

Ich weiss nichts. Man erzahlt zwei Ausserungen, die jedoch nicht stenographisch niedergeschrieben und durch korperliche Eide nicht bewiesen sind. Egon soll gesagt haben: Fahrt wohl, ihr Melusinen! Ich habe die Frauen erkannt, die erst Gottinnen schienen und zuletzt nur Fische sind! Die zweite ...

Leidenfrost stockte. Er war zartfuhlend genug, zu beobachten, dass der Einblick in die grosse Welt und ihre wilde, tolle, zugellose Philosophie hierher nicht gehorte.

Allein Ackermann schien fast beflissen, diesen Gegenstand, in dem er selbst tiefbewandert war, nicht fallen zu lassen und bemerkte mit Scharfe:

Nur heraus! Jene erste Ausserung kam wahrscheinlich damals vom Fursten, als er horte, dass Helene d'Azimont in Rom sich bald durch Vergnugungen und neue Wildheiten getrostet hat ...

Wissen Sie?

Man hort dergleichen. Hab' ich nicht Recht?

In der That ausserte sich der Furst mit diesen Worten, als er die Verleumdung vernahm, Helene d'Azimont hatte in dem Maler Heinrichson fur ihn Ersatz gefunden

Ja! sagte Siegbert. Die Welt lugt! Das ist Verleumdung!

Ganz recht, antwortete Leidenfrost, ich glaube es selbst nicht; denn Andre behaupten: Olga Wasamskoi liebe Heinrichson ...

Siegbert wollte aufspringen. Das Messer zitterte in seiner Hand. Er liess es fallen, er konnte sich selbst nicht halten. So gab er das Zeichen zum Aufbruch und erloste Selma, deren Herz wallte und wogte, wie ein dem Sturme naher See, von der peinlichen Dunkelheit aller dieser personlichen Anspielungen.

Ohne dass irgend Jemand Anderes als der Vater ihre Unruhe bemerkte, stellte sie die Stuhle zuruck wie in einem Zustande volliger Besinnungslosigkeit.

Aber der Vater, der ihre Neigung ersticken wollte, liess nicht nach ...

Die zweite Ausserung! drangte er, als es zum Kaffee ging und man sich die Hande reichte.

Ist die der schonen Melanie, bemerkte Leidenfrost mehr zu Siegbert hingewandt. Sie sagte zu Ihrem Bruder Dankmar, als sie ihm in einer Gesellschaft begegnete: Was Sie auch von mir horen werden, Dankmar Wildungen, beurtheilen Sie mich nicht fruher, ehe ich nicht wenigstens einen einzigen Augenblick mit Ihnen hatte, wie sonst Stunden!

O das sagt ja Alles! fiel Ackermann lachend ein. Da mussen wir uns tummeln, des Fursten Vertrauen zu verdienen und die Felder und Garten zum Fruhling und zur Hochzeit schmucken. Warum auch nicht? Diese Welt der Adligen, wie bunt geht sie durcheinander! Wo ist da viel Sitte, viel Gesetz? Dann und wann eine Ausnahme, dann und wann ein treues Leben. Aber im Ubrigen ein Chaos von gebrochenen Herzen, gebrochenen Schwuren, wilden Leidenschaften! Da werden Frauen verkauft, Gattinnen erkauft, Scheidungen kommen und gehen, Kinder aus dreierlei Verhaltnissen nennen sich Geschwister, jede Grille wird durch den Besitz ausgefuhrt, Verschwendung, Leidenschaft o ich sage Ihnen, wer einmal in diese Sphare gerieth und von ihren Schwingungen selbst hinund hergeschleudert wurde, den erfullt ein solcher Zorn uber dies Gewuhl, dass er wie Simson die Saulen dieser Palaste fassen und sich sammt den Tanzern und Musikanten unter den Trummern begraben mochte!

Selma verliess das Zimmer. Oleander fragte Leidenfrost nach des Propstes Familie, die er aber zu wenig kannte. Ackermann bestellte bei Franzchen mit aufgeregten Worten den Kaffee und bot den Maschinenarbeitern, mit denen er sich, wol um sich zu dampfen, in technologische Unterhaltung einliess, Cigarren an. Siegbert aber suchte einen einsamen Winkel zu gewinnen, eroffnete Otto von Dystra's Brief und las mit Erstaunen:

"Geehrter Herr!

Ein unbekannter Verehrer erlaubt sich, Ihnen den einliegenden, aus Rom an Jemanden gerichteten Brief mit-zutheilen, mit der Bitte, ihn zu prufen und bei Ihrer Ruckkehr das desfalls Nothwendige genauer zu berathen. Ich bemerke vorlaufig nur, dass ich zu den Menschen gehore, die das Herz fur einen leicht zerbrechlichen Krystall, nicht fur einen Gummiball halten. Mit Hochachtung Otto von Dystra."

Erstaunt uber diese Zuschrift fand Siegbert dann den Brief von Olga, der nicht an ihn, sondern an Rudhard gerichtet war. Etwas abgekuhlt von seinem heissen Drang steckte er ihn wieder ein, wenn auch die Spannung und Neugier dieselbe blieb.

Selma kehrte zuruck und musste, da sie der Vater heute mit Gewalt tyrannisirte, Musik machen. Leidenfrost flusterte Siegbert zu, dass er morgen hier noch zu thun hatte, aber schon den Abend kommen wollte, um sich uber Vieles, was sie naher betrafe, zu unterhalten. Ubermorgen fruh wollten sie dann die Reise gemeinschaftlich mit den Arbeitern zuruck antreten. Siegbert war einverstanden und versprach mit ihnen zu gehen.

Die Frau Pfarrerin beeilte die Ruckfahrt ihrer Kinder wegen. Diesmal blieb wieder Hedwig zuruck. Das Jungste hatte sie nicht mitgenommen. Siegbert und Oleander mussten sich zur Trennung entschliessen.

Ackermann versprach, noch morgen mit Selma Leidenfrost und die Arbeiter bis Plessen zu begleiten, wodurch denn der Abschied von Siegbert verschoben wurde.

Als Leidenfrost Diesen an den Wagen begleitete, flusterte er auf den Vikar deutend:

Auf Den werden Sie doch nicht fur unser vierblattriges Kleeblatt rechnen?

Doch! sagte Siegbert ernst und fest. Es sahe gefahrvoll aus um die Ritterschaft des Geistes, wenn solche Gesinnungen nicht gewonnen wurden! Leidenfrost, Sie waren heute ein Kaktus! Lassen Sie auch die Sinnpflanze gelten.

Und wirkt denn mein Bruder? fragte Siegbert dann noch beim Einsteigen.

Vieles und Grosses! antwortete Leidenfrost.

Fast erschreckend war diese Antwort. Siegbert erkannte eine Gefahr. Es war ihm, als schluge plotzlich ein elektrischer Strahl aus den Wolken. Er brannte vor Verlangen, dass der nachste Tag voruber, zwei Nachte vergangen waren und sie Alle auf den ernsteren Schauplatz ihrer Lebensprufungen zuruckkehrten.

Zwei Tage darauf verliessen Siegbert und Leidenfrost mit den beiden Arbeitern die Gegend. Man gab ihnen noch das Geleite bis zum Gelben Hirsch und schied dort voll Herzlichkeit und Hoffnung auf eine sie Alle wieder vereinende Zukunft.

Funfzehntes Capitel

Des Sohnes Locke

Diese strebsamen jungen Manner! Wie geistesfrisch! Wie beneidenswerth in ihrer Jugend und Sorglosigkeit! sagte Ackermann, als er mit Selma allein von Plessen nach dem Ullagrunde zuruckfuhr.

Selma schwieg und blickte durch die truben Fenster des kleinen Wagens in die ode von Nebeln verschleierte Gegend. Noch vor einigen Stunden waren sie zu Funf diese Strasse rasch dahin gerasselt. Nun waren sie allein.

Der Eine, fuhr Ackermann fort, ist fast zu scharf und lauft Gefahr mit Hinneigung zu den Arbeitenden auch deren Art und Sitte anzunehmen. Dem Siegbert Wildungen wunscht' ich, die vornehmen Stande ruckten etwas aus seiner Nahe und uberliessen ihn jener Ursprunglichkeit und Kernnatur, die mir in dem viel zu wenig von ihnen erwahnten und doch sie alle zu beherrschen scheinenden jungern Bruder Dankmar zu liegen scheint. Wie dem auch sei, es ist wahr; Oleander ist Denen gegenuber nur ein halber Mann.

Selma war in der Stimmung, Oleander zu vertheidigen.

Er wirkt doch wohlthuend, sagte sie. Es ist doch Liebe und Herz in ihm! Jener Leidenfrost, magst du seine Kenntnisse noch so ruhmen, stosst ab und Siegbert ist flatterhaft, eitel, verwohnt, versteckt, ganz und gar nicht anziehend.

Welche Beschuldigung!

Wie bald hatte er den Kummer um seine Mutter vergessen!

Mein gutes Kind! Das, was dem Leben des Mannes abgebluht ist, mag es noch am Aste hangen oder schon abfallen ein kurzer Schmerz und die Wunde ist geheilt. Wir sterben nicht Alle so, wie uns deine Mutter starb, in dem vollen Bedurfniss, dass sie noch lebe. Was ist diesen jungen Mannern die in Angerode einsam lebende Mutter gewesen!

Du sprichst warmer von ihr, als dieser Sohn, der mir kaum das schone Erinnerungsblatt zu verdienen schien, das ihm Oleander noch aufgeschrieben ...

Wie ungerecht! Wie streng! Nein, nein, Selma! Lies mir jene Worte vor, die du dir entlehnt hast! Du hast Oleander glucklich gemacht durch diese Theilnahme, diesen Vorzug, den du ihm schenktest.

Selma zog ein Papier aus ihrem Kleide, entfaltete es und las, soweit die Bewegungen des Gefahrtes es erlaubten, mit sichrer Stimme:

O Mensch! Das Wiederseh'n! Ein hehres Wort!

Was lauschest du nicht seinem Wunderklange

Und horchst der heil'gen Stille um dich her?

Und redest du und klingt dein Mund voll Wohllaut,

Warum nur fragst du nicht: Was spricht aus dir?

Was hauchte dir Musik in deine Kehle

Und lehrt dich reden, jauchzen, singen? Thranen

Und Klange sind es, die in's Jenseits fuhren;

Denn was sind Thranen und was ist Musik!

Ach! Hemme deinen Fuss und horche nur

Dem stillen Gottesfrieden der Natur!

Wie feierlich beredtsam dieser Plan,

Der zu den blauen Bergen grun sich zieht,

Erst Wiesengrun, dann dunkler Tannengrun,

Dem Aug' ein wie erquickendes Gemisch!

Doch fuhrt des Ohres Pforte mehr zur Seele;

Das Echo spricht mit ihr, des Waldhorns Klang,

Der in den tiefen Tannengrund getragen,

Zuruck uns zwiefach, dreifach grusst, vom Wald,

Vom Fels, von Wem wol weiss ich noch! ... Natur,

Ach, du dir selber plaudernde! Geschwatz'ge,

Im Zwiegesprach belauschte Einsamkeit!

Die Ruh' hort Ruhe! Nur das Herz darf schlagen,

Ein Vogelchen aus fernem Walde rufen,

Die kleine Quelle murmelnd dich umplaudern ...

Dann horst du sie, die stillen Geisterzungen,

Die zu dir flustern: Mensch! du bist unsterblich,

Siehst Die ja wieder, die du scheiden sah'st!

Willst immer zweifeln? Immer nur gedenken

Der Schauer, da ein liebend Auge brach,

Der Schrecken, als ein theurer Athem stockte,

Fuhlst ewig nur des Todes kalte Hand?

Von Grabern bann' hinweg den Zweifelblick!

Such' dir dein kunftig' Wiedersehn, die Hoffnung,

Bei Athmenden und Lebenden! Und spricht

Die Quelle dir, der Vogel nicht vernehmbar,

Kannst du den Tag, die Sonne nicht versteh'n,

So lass die Sterne reden, schlage dir

Die Blatter des gestirnten Himmels auf,

Das grosse Buch mit gold'nen Riesenlettern!

Da strahlt ein Licht, das selbst die dunkle Nacht

Dem Zweifel und dem Schmerze angefacht!

Ein weihevolles Herz, sagte Ackermann geruhrt, eine gewisse Mystik der Naturanschauung, die uber das Rathselhafte sich doch nie zum Dunkeln und Unklaren verliert! Ich nehme meinen Tadel zuruck ... Siegbert verdient nicht, sagte Selma, dass ihm Oleander seine Poesie widmete. Wohl, fuhr Ackermann mit gescharftem Blicke auf Selma fort, ich hore dich gern so reden. Warum bezeugst du aber dem sinnigen Dichter nicht grossere Theilnahme? Er ist mit ganzer Seele dein Lehrer: Seit Siegbert's Freundschaft hat er an Ausserlichkeit gewonnen: Das Ubrige kann eine treue weibliche Hand noch vollenden. Warum zeigst du ihm so oft, Selma, dass dich seine Liebe verletzt?

Selma ergluhte.

Es war das erste mal, dass der Vater zu ihr ein solches Wort sprach: Liebe!

Sie zitterte fast, erstarrte und legte das Blatt mit eiskalt ersterbender Hand auf die Brust.

Da sie keine Antwort auch nur zu denken, geschweige zu sprechen wusste, so sah sie den Vater mit einem bittenden Blicke an, der wohl so viel heissen konnte, als:

Vater, warum thust du mir Das und wirfst mich mit dem Wort in solche Schrecken?

Selma, sprach der Vater, ich muss diese Saite, die Gott auch auf deine Seele zur Harmonie gezogen hat, beruhren; denn seit einiger Zeit fuhl' ich, dass zwischen uns ein Geheimniss waltet ...

Selma blickte nieder und druckte sich in die Wagenecke, um ihre innere Glut zu verbergen ...

Ich will dich nicht tadeln, fuhr der Vater ihre Hand ergreifend fort, dass du bei einer Natur, wie der des Vikars, unterscheidest, was an ihm allgemein menschlich liebens-werth und was es personlich ist. Es ist nun einmal auch Dies ein Zug des Geistes, dass wir in den Stufenfolgen unsrer Verehrung gewissenhaft unterscheiden. Oleander kann dir heilig und theuer wie ein Bruder sein und doch vermochtest du ihn nicht so zu lieben, wie ein Madchen liebt. Aber, Selma, wenn es auch in der Natur des Weibes begrundet sein mag, Das, was am Manne liebenswerth erscheint, aus Allem eher als nur und einzig aus seiner sittlichen Gediegenheit herzuleiten, so hute dich doch, einem gefahrlichen Irrthume, von dem ich weiss oder schmerzlich ahne, dass er dich beschlichen hat, zu sehr nachzugeben

Vater, sagte Selma vor Schmerz auffahrend.

Was verwundet dich? Dass ich von deinem Irrthum spreche?

Nein, dass du von Etwas nur redest, was ich aus deinem Munde eher horen soll, ehe ich mir selbst davon gesprochen!

Es ist meine Pflicht, Kind, deine Gefuhle zu regeln. Ich verehre und liebe diese heilige Scheu des Madchens, zum ersten male das geweihte Zauberwort der Liebe zu vernehmen oder wohl gar es auszusprechen. Allein, da du ohne Mutter, ohne dir bekannte Verwandte bist und nur deinen Vater als einzigen erprobten Freund deines Herzens kennst

Ach, rief Selma und warf sich an die Brust des bewegten Mannes, der sie mit seinen Armen sanft an sich zog

Mein Kind, sagte Ackermann strenger. Ich sehe, dass sich dir eine Gestalt, ein Jungling mit unwiderstehlicher Gewalt eingepragt hat. Der, den du zuerst hier im Grase an dem Thurme dort liegen sahst, der, der aus den Blumen aufsprang uns freundlich zu grussen, der, der uns theilnehmend nachblickte, als wir zum Schlosse hinaufwanderten; der, den du am Morgen bei der Schmiede wiedersahst, der, der mit dir scherzte, dich vor dem bellenden Hunde schutzte, mit dir uber Amerika plauderte, dann uns begleitete in den kuhlen Wald, wo du nicht ertragen mochtest, dass er sich an dem Eichbaum von uns trennte ... Du liebst ja Egon, einen Fursten.

Selma zuckte vor Schmerz auf. Es war ihr, als durchbohrte sie ein Messer und es thate ihr wohl, zu sterben. Doch hauchte sie das Wort, wie zur Entschuldigung:

Nenn' es nicht Liebe!

Es ist Liebe! Du ungluckliches, unsrer Verhaltnisse unkundiges Kind! Er war unbekannt, in guter Absicht auf seinem vaterlichen Erbe, als wir ihn damals sahen. Du fandest ein kindliches Wohlgefallen an ihm, er an dir. Spater sah ich, wie der Gruss, den er vom Pferde herab dir auf dem Gelben Hirsch zuwarf, als die grosse Gesellschaft eben abfuhr, wie sein Gruss und Blick dich durchbohrten. Deine Hast, ihn auf dem Heidekrug wiederzusehen! Seine Krankheit in der Residenz, sein Wohlwollen, als er uns sogleich die Pachtubernahme gestattete, alles Das fesselte dich ... was lasst sich gegen einen magnetischen Einfluss thun, den du selbst auf die Locke, die ich ihm im Scherze raubte, ubertrugst ...

Hast du ihn nicht selbst verehrt wie keinen andern fremden Menschen der Erde? sagte Selma.

Hatt' ich Das?

Wer betrachtete die Locke, dies Kleinod, dies Angedenken an den damals so Lieben, so Theuren, so Guten, zartlicher? Wir hatten einen Wettkampf unsrer Liebe und du bist ermattet, du bist enttauscht, du bist hoffnungsloser als ich ...

Selma! Ich rede ernstlich mit dem Kinde der Fremde. Vertheidige ihn nicht gegen mich und nicht gegen dich! Es ist ein Furst! Uns weit, weit entfremdet! Und willst du das Leben eines frivolen jungen Weltmannes entschuldigen, der mit liebenswurdigen Formen und grossen Fahigkeiten des Geistes eine unlaugbare Verderbtheit des Herzens verbindet? Schaudert dich nicht vor den Untiefen der Laster, in die du leider schon hast einblicken durfen?

Selma wandte sich ab und weinte.

Wenn es wahr ist, sagte Ackermann, dass Egon eine einfache Burgerliche, wie Melanie Schlurck, heirathen konnte, so entstand in dir vielleicht der Gedanke: Er ist nicht stolz, ohne Vorurtheile, er ist edel, er konnte auch dich lieben! Aber ich beschwore dich, Kind, gib diese Traumereien auf! Vertheidige ihn nicht! Lass ihn hinfahren in seiner regellosen Kometenbahn! Reine Naturen wurden sich nur in seiner Nahe versengen. Und war' es ein Engel und die Tugend selbst, Selma, hore ein Wort deines Vaters, ein ernstes, du darfst ihn nicht lieben!

Selma richtete das traurige Auge fragend und erstaunt zum Vater.

Ich darf ihn nicht lieben?

Nie! Nie! wiederholte dieser. Du darfst ihn nicht lieben! Und nun genug!

Selma war von Ackermann erzogen, wie man Kinder erziehen soll. Er verlangte Gehorsam. Keine Furcht, aber Gehorsam. Und doch folgte sie nur da, wo sie uberzeugt war. Ihr kluges, fragendes Aufblikken bei diesem unbedingten: Nie! Nie! des Vaters durfte diesen nicht befremden; doch wider seine Gewohnheit blieb er ihr die Grunde seines unbedingten Wortes schuldig, wiederholte es noch einmal und warf Selma in einen Zustand der Zerrissenheit, der sie um so unglucklicher machte, als sie sah, dass auch der Vater litt und in jene melancholische Stimmung verfiel, die sie sonst sogleich bemuht war, an ihm zu verscheuchen. Heute zum ersten Male stand ihr kein Scherz zu Gebote. Sie lehnte sich in die Ecke und weinte der Vater sah auf die durchnassten, oden, traurigen Felder der Wagen fuhr so hin mit diesem Winter starb Selma Alles; denn warum sollte sie nicht lieben, auch ohne Hoffnung, jemals zu besitzen?

Die Weihnachtszeit kam heran und brachte kleine Weihnachtsfreuden. Ein Tannenbaum flimmerte den Pfar-rerskindern; aber die Hoffnung, der Vater kame selbst, erfullte sich nicht. Neujahr brachte wieder Frost. Es war Winter und blieb Winter, auch in den Gemuthern. Ackermann las und schrieb viel. Selma nahm ihren Unterricht fort. Oleander dichtete, duldete, hoffte. Franzchen erfuhr selten etwas von Louis. Heinrich Sandrart hatte zu Weihnachten nicht kommen konnen, da der politischen drohenden Sturme wegen keine Beurlaubungen gegeben wurden. Er schrieb ofters an Heunisch, der im Fruhjahr sicher die Auflosung der immer kranken Ursula erwartete und von dem weitern Verlauf der sonderbaren Vorfalle, die in seinem Hause stattgefunden hatten, nichts mehr erfuhr. Der junge Zeck qualte sich, das Geschaft seines Vaters fortzufuhren. Es gelang ihm nur mit Muhe.

In's Amthaus, nach dem Ullagrunde und Randhartingen brachte Oleander zuweilen Briefe von Siegbert und Louis mit, Briefe, die immer inhaltreich, immer anregend waren, doch auch viel Trubes und Besorgliches fur die allgemeinen Zustande enthielten. Frau von Sanger trostete sich, dass die "fliegenden Kolonnen" eher nun verstarkt wurden, als aufhoren sollten. Graf Bensheim, Herr von Sengebusch erwarteten bevorstehende grosse Ereignisse. Herr von Zeisel beobachtete im Stillen Ackermann's grossartige Zurustungen zum erwachenden Fruhjahr. Sie sahen sich selten, da seine Frau ihre Abneigung gegen Menschen, die ihren Einfluss und den Justizrath Schlurck verdrangt hatten, nicht bemeistern konnte. Und in der That lebt man im Winter nirgends abgeschlossener als auf dem Lande. Die Bewohner zweier Dorfer, die sich ganz in der Nahe liegen, beruhren sich monatelang nicht. Erst der Fruhling fuhrt Alles wieder zusammen und wie nach einer langen Entfernung begrussen sich dann die naheliegenden Nachbarn und wunschen sich gegenseitig Gluck zum uberstandenen Winter und freuen sich, einander wieder wohlbehalten und leidlich unverandert anzutreffen.

Die offentlichen Verhaltnisse hatten sich bis zum Unglaublichen umgeworfen. Die grosse Flut einer ziellosen Bewegung, die alle Damme, alle Ufer gebrochen hatte, war zwar in ihrer verheerenden Wirkung gehemmt, aber nicht zuruckgelenkt in ein felsenstarkes Bett oder einen mit Klugheit gebauten Kanal. Diese grossen, trube aufgewuhlten Gewasser stauten. Ein kleiner Abzugsweg und aufs Neue mussten sie mit verheerender Gewalt fortsturzen. Furst Egon von Hohenberg hatte, ein neuer Perseus, die Chimara der Revolution bandigen wollen. Anfangs glaubte er es durch ein vernichtendes Zauberwort zu konnen, durch eine ideelle Losung des geheimnissvollen Sphinxrathsels; allein bald hatte er, wie alle ubrigen Gegner der Zeit, zu Feuer und Schwert greifen mussen. Aus der Doktrin, die seine Unternehmungen anfangs hochst ehrenwerth erscheinen liess, musste er bald hinausrukken auf das Feld der gewohnlichen Praxis; denn nur die Ideen, die eine Zeit lang im Volke schon herrschten, konnen sich unangegriffen auch von obenher behaupten. Egon brachte etwas Neues und wurde sogleich misverstanden. Die Handlanger, die ihn unterstutzten, wurden fur den Meister verantwortlich. Ihnen zu Liebe, um nicht isolirt zu stehen, musste Egon den Riss seines Gebaudes andern, nachgiebig sich zeigen nach allen Richtungen hin, in der ublichen, uberlieferten Sprache reden und, von den gemeinsamen Gegnern gezwungen, Strebungen zu befreundeten machen, die ihm sonst nicht waren genehm gewesen. Die Erschopfung der offentlichen Meinung, die allgemeine Sehnsucht nach Ruhe und Verstandigung kam seiner Stellung zu Hulfe. Leider war er verblendet genug, den ausbleibenden Widerstand fur einen Sieg zu halten. Er entliess auch diese vor Weihnachten gewahlte neue Kammer und gab aus der koniglichen Machtvollkommenheit im Februar ein neues Wahlgesetz. Im Allgemeinen lagen diesem seine Ideen von der Anerkennung der positiven Interessen zum Grunde. Im Besondern aber hatte die Gewohnung der Macht, die Bundesgenossenschaft mit dem Royalismus, dem Adel, der Bureaukratie ihn gezwungen, eine Menge anderweitiger Modalitaten in seine Wahlberechtigungen aufzunehmen. Hatte er die Gewalt nicht schon lieb gewonnen, er hatte vor dieser, unter der Hand ihm eskamotirten Veranderung seiner liebsten Vorsatze erschrecken und diese Region fliehen mussen, wo man mit dem Scheine des Herrschens der grosste Sklave ist. Allein, es ging ihm wie Allen auf einem solchen oder ahnlichen Platze. Er nahm allmalig den Glauben an, dass er unentbehrlich, nie zu ersetzen ware. Er fragte oft: Wer nach ihm kommen konnte? Er glaubte dem Staate eine Verlegenheit zu ersparen, indem er an einer Stelle blieb, deren Rucksichten ihn selbst ganzlich ummodelten. Erfullte ihn zuweilen der Unmuth uber das Mislingende auch zu bitter, so durft' er dem Gedanken an ein Zuruckziehen schon um Derentwillen nicht nachgeben, die sich darin gefielen, mit ihm die Macht zu theilen, ihm schmeichelten und sich dafur wieder von den Andern schmeicheln liessen. Denn kleine Erhohungen werden meist immer durch tiefe Erniedrigungen erkauft.

Furst Egon war wie alle Staatsmanner von einer mit der Zeit immer mehr sich einwurzelnden uberreizten Empfindlichkeit. Er sah viel altes Schlimmes, von dem er mit reinstem Bewusstsein sagen konnte: Du hast ihm jetzt abgeholfen! Die Erfolge, die er taglich im Kleinen erlebte, ubertrug er auf das Ganze und Grosse und war ein Fanatiker in dem Glauben an seine Unfehlbarkeit. Die neuen Kammern waren, gegen seine ursprungliche Absicht, nichts als Vertreter der Geld- und Vermogensinteressen geworden. Sie gehorchten ihm in allen Hauptfragen, wahrend ihr Widerspruch in kleinen ihnen nur den Schein gab, als besassen sie das freieste Urtheil auch fur die grossen und als ware ihr Gehorsam Uberzeugung. Schon redete Egon nicht mehr in seiner alten Sprache. Schon hatte er den gewohnlichen Styl des von ihm vertretenen Staates angenommen und setzte als das erste Anfangsgesetz desselben: Es muss Alles geschehen um der Monarchie als solcher Willen! Das Volksinteresse war ein Annex des furstlichen. Was in diese Anschauung nicht passte, wurde entfernt, unterdruckt, verfolgt, bestraft. Selbst diejenigen gemassigten Liberalen, die der Monarchie die aufrichtigste Nothwendigkeit einraumten, aber ihr nicht mehr uberlassen wollten, als zur Starkung eines Begriffes nothwendig war, selbst diese wurden von ihm als "Doktrinare" abgelehnt, von jenem Tiersparti zu geschweigen, dem burgerlich-materiellen, an dessen Spitze Justus stand. Diesem gab er die ganze Scharfe seiner Satyre zu fuhlen und nannte sein innerstes Princip die Eitelkeit. "Geht in Eure Comtoirstuben und rechnet, sagte er einst in einem Artikel des "Jahrhunderts", der von ihm inspirirt sein sollte, geht an Euren Pflug und ackert, nehmt die Elle in die Hand und messet Leinwand, was drangt Ihr Euch in die Hallen der Rathhauser und an die Stufen des Capitols? Wahrlich, Ihr musst den Staatszweck platt treten bis zum Gemeinen, nur damit Ihr auf ihm lustwandeln, gerade Ihr in ihm behaglich wohnen konnt!"

Am entschiedensten aber trat Furst Egon der Demokratie, den republikanischen und sozialen "Irrlehren" entgegen. Er hatte sie an der Quelle kennen gelernt und besass nun die vollkommenste Fertigkeit, sie auf ihre oft komischen Ursprunge zuruck zu verfolgen. Er erklarte sie fur die Folge zweier Veranlassungen, einmal der Tragheit und sodann des uberwuchernden merkantilen Princips. Ackermann las einst mit grossem, wenn auch getheiltem Interesse die Worte, die er in der Kammer sprach:

"Ein Fluch der modernen Gesellschaft ist die gewaltige Verehrung, die der Gott Merkur gefunden hat. Merkur beschutzt die Handelnden und die Diebe. Ich habe alle Ehrfurcht vor der grossen und respektablen Zunft der Kaufleute, ich finde aber, dass sie viel zu tolerant ist und viel zu viel Gaunerei neben sich duldet. Die Kramerei ist eine Gaunerei. Meine Herren, ich fordre Sie auf, mit mir durch die Strassen der Stadte zu gehen. Sehen Sie, Haus fur Haus ein Laden! Laden fur Laden, trage, auf Kundschaft wartende Verkaufer, die die Sonne angaffen und traumen! Meine Herren, der kleine Zwischenhandel steht zur Consumtion in keinem Verhaltnisse. Wo Alles handeln will, wird Niemand mehr arbeiten wollen, und ich fordre Sie auf, geben Sie Gesetze gegen den Kleinhandel! Er vertheuert die Lebensmittel, die der Arbeiter braucht, er schlagt das Procent der Tragheit auf das kleine Kapital der Arbeit, dem es entzogen wird; er erschafft die Phantasieen des Kommunismus, der aus Zorn uber den Kleinhandel von einem Grosshandel traumt, den die Gesellschaft, der Staat selbst ubernehmen musse; er erzeugt endlich eine Menge lungernder, trager Schwatzer, die man die Lazzaronis der Boutiken nennen muss".

Solche scharfe Lichter, die Egon aus seiner Kenntniss des Volkslebens auf die Debatte fallen lassen konnte, hoben oft wochenlang seine Erscheinung auch in den Augen Derer, die sich nicht verschweigen konnten, dass Egon vom Hofe verzogen wurde und wol langst ein Ultra-Aristokrat war. Egon bestritt, dass wir im Zeitalter der nothwendigen Revolution leben und nach einer unbekannten, neuen, Alle begluckenden Weltidee steuern mussten. Er bestritt die politischen Martyrerschaften. Er nannte sie Plagiate, unerlaubten Nachdruck der grossen ruhmvollen Zeitalter. Er sagte: "Die Martyrer in vergangenen Jahrhunderten waren bewunderungswurdig, weil sie die vergangne Geschichte nicht kannten und nur fur ihre eigne Rechnung, ihre eigne Erleuchtung starben. Die neuen Martyrer aber haben alle vom Glanz der alten gehort und bilden sich ein, eine Zeit wurde kommen, die auch ihnen Anerkennung brachte. Sie ahmen die Huss und Galilai nach, ohne mit ihnen irgend etwas gemein zu haben als die Leiden, die Jene fanden und die Diese nur tollkuhn und eitel suchen". Unter solchen Umstanden konnte es nicht befremden, dass man von Verschworungen und neuen drohenden Unruhen sprach. Egon erfreute sich einer guten Polizei und fugsamer Richter. Er verfolgte, kerkerte ein, verbannte, ganz wie jeder andre Politiker auch, der den Widerspruch unbequem findet und fur jede Eingebung seines unduldsamen Zornes sogleich das Motiv des gefahrdeten Gemeinwohls zur Hand hat. Ackermann nahm, trotzdem, dass er Selma's wegen nicht mehr laut uber Egon sprach, doch im Stillen an allen diesen Verwickelungen grossen Antheil und verrieth selbst in der tiefen Abneigung, die er gegen Egon zu fassen schien, das fast personliche Interesse, das er fur ihn hegte. Mit dem beginnenden Fruhjahr setzte er nun vollends alle inzwischen gesammelten Krafte fur Egon's aussere Wohlfahrt in Thatigkeit. Seine Pflugund Saemaschinen erregten den Neid und das Staunen der Umgebung. Er hatte trotz der Maschinen eine grosse Anzahl auch von Feldarbeitern gedungen und sein Pachthof war so lebendig geworden, dass er schon wie eine kleine Kolonie auszusehen anfing.

Der Winter war streng gewesen und die Wonne des Fruhlings von den Menschen endlich wohlverdient. Er kam mit dem Marz auf den feuchten Schwingen milder Sudwestwinde. Der Schnee schmolz, die Rander der kleinen Bache verloren die Spuren des Eises, das sie noch vor Kurzem ganz gefesselt hielt. Die kaltdurchnasste Erde erwarmte die Sonne und die gewaltigen Furchen, die der Pflug schnitt, offneten die Poren der Eisrinde, dass es war, als wenn das Centralfeuer von unten herauf nachhalf und den Sonnenstrahlen die unterirdische Flammenhand bot. Dieser frische Fruhlingserdgeruch! Diese Kraft des Bodens, die den Menschen selber starkt und die Fabel vom Antaus verstehen lehrt! Im Walde brach das Eis der kleinen Seen, in deren Rohricht bald die Storche nach dem zum Leben erwachenden kleinen Gethier suchen sollten. Das ganz braun und schwarz gewordene Laub vom vorigen Herbst vermengte sich schon mit der Erde und dungte zu neuem kraftigeren Wuchse. Das Gras wucherte, Schlusselblumen, Schaafgarbe, Distelkraut erfreuten das Auge des nach jedem Fortschritt der Vegetation sehnsuchtig lugenden Wanderers. Von Tag zu Tag nahm ein gewisses Lustre der Buchen- und Eichenwaldung zu und wurde gruner und immer gruner. Die Weiden, die langs der Ulla standen, schlugen mit jugendlicher Triebkraft aus. Zwar kopfte man sie, der frischen Gerten wegen, die man gewinnen wollte, aber auch von diesen kam eine dankenswerthe Belebung in den erwachten Fruhling. Die Bauernknaben schnitten aus der Schaale der jungen Weidenruthen Pfeifen und ein Ton weckte mehrere, die Pfeife die Stimme und die Menschenstimme die Stimmen des Feldes und Waldes. Schon jodelte ein ungeduldiger Hirtenknabe um die Wette mit der Lerche, die aus ihrem rathselhaften Winterverstecke plotzlich wie ein Wunder da war und sich mit ihrem Gesang in die reine Blaue des Himmels so stolz und froh emporwirbelte. Lange Zuge von Kranichen und Schneegansen flogen vom Suden weiter hinauf nach Norden. Gluckliche Reise, ihr fluchtigen Gaste! Grusset das Meer, grusset die Klippen Islands, wenn ihr sie erreicht und die danischen Jager auf den Inseln jenseits der Eider euch passiren lassen! Zieht ihr denn Alle voruber? Nein, die Storche bleiben bei uns und suchen sich die alten Giebel, suchen sich die alten Nester auf und klappern den Kindern von neuen Bruderchen und Schwesterchen die heimlichen Marchen zu.

Selma hatte einen gedruckten, ernsten Winter durchlebt und nur in Franzchen's heitrer Laune einen Trost gefunden. Dies junge Kind widmete sich ihr mit zartlichster Verehrung und fuhlte sich durch den veredelnden Umgang selbst so gehoben, dass sie sich von keiner Entbehrung beengt, durch keinen langen einsamen Winterabend in ihrem Lebensgenuss verkurzt fuhlte. Wie theilte sie aber auch Selma's Freude, als der Fruhling kam! Selma hatte nur die Erinnerungen, wie das Alles wird und wachst in dem fernen Welttheile. Sie erstaunte nun, Alles hier so wiederzufinden, wie es auch dort ist und dennoch schien Alles anders, eigenthumlicher und ihr, wie sie sich im Stillen gestand, werthvoller. Franzchen erklarte ihr, was sie, die Stadterin, die arme Stubensitzerin, nur irgend von der Natur wusste. Selma fand aber bald, dass sie keiner Fuhrerin durch den deutschen Fruhling bedurfte. Sie verstand ihn wie einen alten Bekannten und was sie nicht benennen konnte, dafur gab die Worte der Vater, der mit dem Erwachen der Natur selbst wie neubelebt erschien und sich in seiner grossartigen Okonomie still und ruhig wie ein Gartner bewegte. Selma sah das Entstehen einer grossen Gemuse- und Blumenanlage hinter dem Wohnhause. Da sprossten Veilchen, Krokus, Schneeglockchen. Da wuchs Schnittlauch, Kerbel, Salat. Da gackerten die Huhner, denen recht der Kamm gewachsen war und legten Eier hier und dorthin. Es war eine lustige Jagd fur Selma und Franziska, immer zu suchen, wo die Hennen ein stilles Platzchen gefunden hatten. Und dabei schmuckte sich der Fliederbaum um das Wohnhaus, die Laube bezog sich mit grunen Knospenaugen, die Straucher im Garten schienen horbar zu wachsen ... der Ullagrund so lauschig abwarts geneigt, die Ulla so munter und geschwatzig, der Wald, die Hohe, der Blick nach Plessen, das Schloss von Hohenberg, Alles so verzaubert, so belebt, so neu, wo war der Winter geblieben? War Das nicht Alles fast wieder so, wie Selma und der Vater es im Sommer fanden und er ihr gesagt hatte, als sie am Kirchhofe die Inschrift auf dem Grabe der Furstin Amanda gelesen hatten: Kind, wir wollen hier bleiben, wollen hier unsre Hutten bauen!

Auch der April mit seinen kleinen Launen und winterlichen Ruckfallen war fast voruber, als Ackermann eines Tages durch den Justizdirektor von Zeisel mit der Nachricht uberrascht wurde, Furst Egon wollte, um sich von den Anstrengungen des Winters zu erholen, einige Tage auf seinem vaterlichen Schlosse zubringen. Mit dieser Mittheilung gerieth der sonst so ruhige, sich selbst beherrschende Mann in namenlose Aufregung. Sie wuchs, als er sah, wie die Nachricht auf Selma wirkte. Ohne auf das Thema, das im December bei der Heimkehr von Plessen zum ersten und letzten Male beruhrt worden war, zuruckzukommen, konnte er doch nicht umhin, bei Tisch daruber zu sagen:

Ich habe die Ahnung, dass diese Begegnung mit dem Fursten keine gute Wendung nimmt. Das freundliche Bild des Mannes, der einst mit uns nach dem Forsthause wanderte, ist verwischt. Welche Entwickelung einer gewaltsamen, eingebildeten Natur! Diese Verfolgungen, von denen die Zeitungen das Unglaublichste melden! Dieser Terrorismus! Ich kann Adlige gelten lassen, die innerhalb ihrer Vorurtheile willkurlich und anmassend regieren, Beamte, Militairs, Hofmanner sind mir erklarlich; aber mit Geist, mit Bewusstsein, mit Theorie so die gewonnenen Resultate der Zeit mit Fussen treten und den alten feudalen Staat wieder anzubahnen doch Ihr versteht das nicht, Kinder! Deutlicher wird es Euch sein, wenn ich Euch sage: Alle Vereine hat der Furst aufgehoben, alle geschlossenen Gesellschaften hat er aufgelost, die beiden braven Arbeiter, die die Maschinen hierher begleiteten, ich las es eben in der Zeitung, sind festgesetzt, Leidenfrost ist in eine Untersuchung verwickelt und neue Verhaftungen, neue Ausweisungen stehen bevor ...

Franziska erschrak, da sie sich der Sphare, in der diese Verfolgungen stattfanden, naher fuhlte als Selma, die fur Leidenfrost wenig Theimahme empfinden konnte und nur die beiden guten, bescheidenen Arbeiter bedauerte. Glaubigen weiblichen Naturen sind satyrische Erscheinungen wie Leidenfrost antipathisch. Alle beklagen die beiden jungen Arbeiter ...

Ich finde, fuhr Ackermann fort, dass viel von fremden Agenten gesprochen wird. Wenn wir erlebten, dass selbst Louis Armand ...

Selma winkte dem Vater. Sie wusste, dass Franzchen den freundlichen und gefalligen Freund trotz seiner sparlichen Briefe liebte. Ackermann ahnte es und schwieg nun lieber.

Zwei Tage darauf aber fand er Franzchen weinend. Als er sie um die Ursache ihrer Thranen fragte, suchte sie auszuweichen und uberliess Selma die Antwort.

Louis Armand hatte, durch Einschluss an Oleander, an Franziska deutsch geschrieben oder so schreiben lassen:

"Liebe Freundin! Ein dustres Ungewitter zieht uber mich und meine Freunde zusammen. Was vorauszusehen war, Trennung unsrer Wege von denen des Fursten, traf schon gleich nach meiner Ruckkehr von Hohenberg ein. Wir sahen uns selten, zuletzt vermieden wir uns. Was aber nicht vorauszusehen war, ein offener Bruch, offene Feindschaft zwischen Menschen, die sich liebten, zu lieben vorgaben, auch Das ist eingetroffen und irgend ein gewaltsamer Zusammenstoss scheint so unvermeidlich, dass ich Ihnen schreibe und Sie bitte: Liebe Franziska, Sie kennen die innige herzliche Verehrung, die ich fur Sie hege und die nur mit meinem Leben erloschen wird. Was mir auch geschehen moge, was Sie auch von mir horen durften, rechnen Sie auf meine treue Anhanglichkeit! Ach, ich fuhle nun wohl, was mich gehindert hat, Ihnen Alles zu sagen, was in meinem Herzen fur Sie schlummerte und was erst jetzt, wo ich so grossen Gefahren ausgesetzt bin, ganz erwacht ist! Jetzt, an der Grenze meiner Freiheit, sag' ich Ihnen, geliebte Franziska, dass ich in Ihnen so viel Gute und Reinheit der Seele gefunden habe, wie nur in meiner vergessenen, von Egon gemordeten Schwester. Ist Das nicht grausam, jetzt so zu sprechen! Jetzt, geliebte Franziska, wo ich Denen, die mich lieben, nur Kummer bereiten kann? Vergeben Sie mir! Werden Sie wirklich die Gattin des guten, Ihrer Liebe wurdigen, reichen Heinrich Sandrart, dann vergessen Sie meiner. Ich gedenke Ihrer ewig und werde nie zurnen, wenn Ihr Herz seinen hohern Pflichten folgt. Ich schreibe das Alles aus meiner innersten Seele, die Feder fuhrt Siegbert Wildungen, der Treueste, der mich nicht verlassen hat, wie Egon. Egon handelt entsetzlich an uns. Er behauptet, der Freundschaft genugt zu haben. Er behauptet, dass er in Warnungen sich erschopft hatte. Egon droht uns! Egon droht seinen Freunden! Der Furst ist Furst und ich bin ein Bettler. Aber ich glaube jetzt Rechte gefunden zu haben auf den deutschen Boden. Ich fuhle die Verwandtschaft mit Oleander, ja sogar mit einer Heldenseele, Jagellona von Werdeck, ich bin kein Fremdling mehr in diesen Landen. Doch, was unterhalt' ich, qual' ich Sie mit Dingen, theure Franziska, die diesen Winter mich ausser Athem und Besinnung brachten! Ich kann nur einen kurzen Gruss vielleicht einen ewigen Abschied senden. Die Zeit, die Stimmung, die Ruhe fehlen, um meiner minder gewandten Feder Raum zu lassen, in meiner unsichern Muttersprache dasselbe zu sagen. Die deutsche Sprache ist jetzt fast meine Muttersprache. Vergessen Sie mich, wenn es sein muss! In grosser Bedrangniss Ihr Louis Armand".

Ackermann sah mit tiefstem Antheil Franziska's Verzweiflung.

Was ist ihm geschehen? Was kann ihm drohen? rief sie.

Selma, die selbst weinte, suchte zu trosten.

Aber Heunisch, der Jager, der eben dazu kam, storte allen Trost.

Er rief Franziska bei Seite und sagte:

Ursula Marzahn stirbt diese Nacht. Sie geht hin ... aber hab' ich mich vor ihr im Leben nicht gefurchtet, im Tod ist sie mir wie ein Gespenst. Sie sagt Dinge am letzten Sonntag als die Glocken lauteten ... Franziska, habe deinen alten Onkel lieb! Komm' mit auf drei Tage, bis sie zur Ruhe ist!

Ackermann bedauerte das bevorstehende Leid, musste aber gestehen, dass der Onkel etwas Billiges verlangte. Er redete Franziska zu, zu gehen. Heunisch nahm sie sogleich und fuhrte sie, indem er ein Bundelchen trug und ihre Thranen fur Antheil an seinem Verluste hielt, jenen Fusspfad an der Sagemuhle und dem schwarzen Kreuz voruber, von dem er sagte:

Seit die Ursula fast wie vernunftig gesprochen, furcht' ich mich vor dem Kreuz da!

Selma musste wenig Stunden nach Franziska's Entfernung sagen:

Es ist gut, dass sie einige Tage entfernt ist!

Sie zeigte dem Vater das neueste Zeitungsblatt ...

Es enthielt die Nachricht, dass ein Apostel der kommunistischen Irrlehren, der diesen Winter uber, aller Warnungen ungeachtet, besonders im Kreise der Willing'schen Maschinenarbeiter fur seine staatsgefahrlichen Theorieen gewirkt hatte, ein Franzose, Namens Louis Armand, vermittelst Zwangspass aus den diesseitigen Staaten entfernt worden ware.

O bitt're Welt! rief Ackermann. O gold'ne Jugend, an die sich der Rost des Lebens setzt! Traum des Gluckes, warum lost dich der Tod nicht ab, warum das Erwachen zu dem jammervollen Gestandnisse: Wir Alle sind Menschen!

Und dann erlauterte er Selma den Begriff eines Zwangspasses. Entfernt? sagte er. Louis Armand! Der Freund Egon's! Verbunden mit ihm durch einen Grabeshugel! Trennt so die Welt? Wirft sie immer wieder die Holle zwischen die Seelen? Ist Wahrheit des Geistes da, wo Luge der Herzen? Armer, kindlicher Fremdling! Wie ehrtest du dein Volk durch ihm sonst fremde Bescheidenheit, Treue und deinen sittlichen Werth! Selma! Erkennst du jetzt, warum ich die Natur so liebe und in ihrem Leben mich ausruhe von meinem Leben?

Selma aber sah, horte nicht. Ihr Auge stierte auf eine andre Stelle derselben Zeitung.

Vater, lies! rief sie mit fieberhafter Erregung ...

Ackermann nahm und las das Blatt. Die Stelle lautete:

"Bekanntmachung.

Der wegen politischer Umtriebe verfolgte Referendar Dankmar Wildungen hat sich der ihm bevorstehenden Untersuchung durch die Flucht entzogen. Alle Sicherheitsbehorden des In- und Auslandes werden aufgefordert, zu seiner Verhaftnahme behulflich zu sein. Es folgt das Signalement."

Es ist Siegbert's Bruder! sagte Ackermann. Die guten Geister sind von Egon gewichen.

Ackermann verfiel in tiefste Traurigkeit. Er schien unfahig, heute noch in seinem sonst so freudig ergriffenen Berufe zu wirken.

Selma ehrte seinen Schmerz. Siegbert's Gestalt trat ihr durch den ihr unbekannten, wenig besprochenen Bruder verklarter entgegen. Oleander, der zum Unterrichte kam, war selbst so erschuttert, dass er sich nicht sammeln konnte. Er ging bewegt und liess die vor Kummer Schweigenden ohne Abschied zuruck. Er hatte so gern dem reinsten Genusse des Fruhlings gelebt! Liebe und Freundschaft waren seine ewigen Sterne und nun schienen sie duster umschleiert. So traurig hatten ihm die Lerchen nie gesungen.

Der Abend kommt. Die grosse rothe Feuerglut des Himmels erlischt. Dunkelblaue Wolken ziehen nachtlich herauf. Der Tag so linde. Am Abend weht ein kuhlerer Lufthauch. Die Arbeiter feiern, ziehen heim, hier und dorthin, auf Dorfer, Gehofte. Im Hofe wird's still. Nur fern beim alten Sandrart hort man noch ein Rollen von Tausenden von Erdapfeln, die man aus den Wintergruben ausgrabt und aufschuttet. Man hat sich verspatet, man schuttet sie auf Breter, die sie abschussig in den Bauernhof rollen lassen, noch spat Abends. Es wird ganz dunkel. Auch diese Arbeit ist gethan. Alles nun still. Ackermann ruht auf dem Sopha. Selma spricht zuweilen ein Wort der Theilnahme fur Franziska, die bei einer Sterbenden, die sie nicht liebte, im Hause wachen musse. Eine Uhr pickt. Alles leise, Alles still und traurig ...

Da bellt ein Hund lauter als sonst, bald bellen noch mehr; zuletzt alle. Es wird lebendig draussen ...

Wer kommt noch so spat?

Herr Ackermann zu Hause? sagte eine Stimme draussen.

Als die Magd antwortet, heisst es:

Braucht man auf dem Hofe hier nicht noch Arbeiter? Ich hore, man hat viel Arbeiter gesucht. Braucht Herr Ackermann noch ein paar gesunde Hande?

Welche Stimme! rief Selma ...

Ackermann war schon aufgestanden. Schon die ersten Worte klangen ihm so bekannt und durch den Sinn doch so fremd ...

Wer ist Das? sagte er.

Wir haben Arbeiter genug, spricht die Magd, und schicken taglich fort.

Ei, so fragt an! Bin ich darum so weit gewandert?

Selma hatte ein Gefuhl, als sollte sie aufschreien. Sie fasste den Drucker der Nebenthur, als musste sie fliehen.

Das ist der Furst! ruft Ackermann ausser sich und reisst die Thur auf, die zur Hausflur fuhrte.

Im Dunkeln, beleuchtet von einer kleinen Kuchenlampe der fruheren Magd vom Heidekrug, stand in einer Blouse mit grauweissem Hute ein junger Mann. Wie er den Hut zog, die braunen Locken ihm uber die Stirn fielen, er naher trat, er grusste, bebte das Wort auf Ackermann's Lippen:

Kommen Sie!

Die Magd, die den Fremden nicht wieder erkannte, sagte:

Das ist Herr Ackermann!

Wohl! Wohl! spricht der Ankommling. Ich kenne Herrn Ackermann. Darf ich eintreten?

Ackermann sprachlos (denn er glaubte den Fursten zu sehen) tritt zuruck und stellt das Licht, das er ergriffen hatte, zitternd auf den Tisch.

Ein unterdrucktes Ach! wie von einer Entfliehenden im Nebenzimmer ...

Wie die Thur des Corridors sich schliesst, sagt der Eintretende:

Sie kennen mich nicht. Erinnern Sie sich jenes Wanderers, der im Walde bei Hohenberg letzten Sommer mit Ihnen und Ihrem Sohne Selmar sprach?

Wohl! Wohl! sagt Ackermann bebend.

Ich bin in der Lage, Sie um eine Freundlichkeit, eine Aufopferung zu ersuchen. Ich verehrte Sie immer. Seit Louis Armand von Ihnen sprach, seit mein Bruder Siegbert Wildungen Sie den bedeutendsten, den edelsten aller Menschen nennt

Siegbert Ihr Bruder?

Mein Bruder! Ich bin der Fluchtling Dankmar Wildungen, den eine zum jammerlichsten Egoismus entpuppte Politik zwingt, sich zu verbergen. Ich kann nicht aus dem Lande fliehen, weil mich an dies Land Vaterlandsgefuhl und eine grosse Aufgabe bindet. Darf ich bei Ihnen bleiben? Wollen Sie mich in Ihrem neuen grossartigen Verkehr im Geheimen als Arbeiter dulden, bis bessere Zeiten kommen?

Ackermann, sprachlos, ergriff sein Portefeuille, riss es auf, holte ein Papier hervor, entknitterte es, nahm die Locke und hielt sie gegen Dankmar's Haar.

Diese Locke schnitten Sie mir in einer rathselhaften Nacht vom Haupte, sagte Dankmar. Ich traumte, ich wachte. Ich sah Sie geheimnissvoll mir nahen und so lieb hatt' ich Sie, so verehrt' ich in Ihnen den hoheren Genius, dass ich still die Augen geschlossen hielt und mit mir geschehen liess, was geschah.

Allmacht'ger Gott, Sie galten damals

Fur den Prinzen Egon! Ich erwies ihm die Liebe, ihm durch Tauschung andrer leichtsinniger Menschen einen grossen Dienst zu leisten. O beim Himmel! Seine Tauschung hat er langer durchgefuhrt, als ich!

Ackermann's Gefuhle waren in diesem Augenblicke zu gewaltsam, von Jammer und von Freude zugleich zu heftig besturmt. Dennoch uberwog, aus Liebe fur Selma, die Freude. Eben wollte er jubelnd rufen: Selma! Selma! Wo bist du? Da stand sein Kind schon an der Thur, weinend, lachend, an dem Rahmen der Thur sich haltend, zitternd, bewusstlos ...

Selma! rief Dankmar, sturzte auf das bebende, vom Entzucken uber ihren Irrthum, ihre Tauschung bewaltigte Madchen und schloss sie, kaum wissend, was er that, ungehindert durch des Vaters Nahe, nur folgend dem sturmischen Ausbruch seiner Gefuhle, voll Seligkeit in seine liebenden Arme.

Ende des siebenten Buches.

Achtes Buch

Erstes Capitel

Paul Zeck

Die Entdeckung, die Fritz Hackert in jener abenteuerlichen Nacht uber den Gewolben des Rathskellers gemacht hatte, bestand aus einem Dokumente. Es war eine Taufakte, aufgenommen in einer nahegelegenen, zu den Sprengeln der Stadt gehorenden Dorfkirche und lautete:

"Am 8. Mai 1825 nach unsers Herrn Geburt empfing durch den Unterzeichneten der in der Nahe bei dem Gehoftbauer Rieding von Ursula Zeck, einer fremden Dienstmagd, geborne uneheliche Sohn in der wegen dabei obwaltender Umstande und der Kranklichkeit des Kindes unerlasslich gewordenen Nothtaufe den Namen: Paul Franz. Solches wird nach dem im Kirchenbuche eingetragenen Berichte hiermit abschriftlich bestatigt.

Lattorf, Pfarrer in Seehausen."

Hackert betrachtete diesen Schein von allen Seiten und argerte sich, dass er in dem Glauben, Bartusch suche etwas auf seine eigne Geburt sich Beziehendes, irregefuhrt war. Als Belohnung fur sein Abenteuer blieb ihm nur der Schreck, den er unfehlbar dem Graurock eingeflosst hatte und nach dessen Wirkung er sich bei aller Vorsicht, mit der er sich gegen Schlurck und seine Angehorigen seit einiger Zeit benahm, am folgenden Morgen zu erkundigen beschloss.

Das ihm werthlos scheinende Dokument verschloss er mit den Worten:

Armer Paul Franz Zeck, zur Noth getauft, zur Noth geboren, wohl langst gestorben! Ich wette, dass Bartusch dein Vater ist! Die angebliche Ursula Zeck wollte den Vater nicht eingestehen. Brave Dienstmagd Das! Vielleicht wurde ihr die Wahl schwer zwischen Bartusch und einigen andern Junglingen, die jetzt auch graue Rocke tragen und in stiller Ruhe des Gewissens nicht ahnen, dass ihnen dereinst auf dem allgemeinen Offenbarungsgrundschlamm, wenn alle Wasser der Luge abgelaufen sein werden, Paul Franz Zeck entgegenhupft, ihre Knie umklammert und sie mit dem sussen Vaternamen begrusst.

Im Grunde argerlich uber seine misrathene Entdekkung schlief er ein.

Am folgenden Morgen erst besann er sich auf den Zusammenhang des ganzen Abends. Er lachte uber Schmelzing, lachte aber auch uber sich selbst. Das Interesse, das er der Verhandlung zwischen den funf Mannern unter ihnen geschenkt hatte, kam ihm jetzt sehr wenig begrundet vor. Er hatte, als seine Freunde und Gonner, Siegbert und Dankmar Wildungen, politische Reden hielten, nur dem Instinkte nachgeben mussen, einen bosen Horcher zu entfernen. Auch dass ein Offizier in der Lage war, uber Ansichten belauscht zu werden, die mit seiner Stellung in einem gefahrlichen Widerspruche standen, ergriff ihn, aber nur, wie wenn er einen sich Ertrankenden gesehen hatte, bei dem man, ob er nun zu leben verdiene oder nicht, doch unwillkurlich an Rettung denkt. Er hatte auch mit Theilnahme und ergriffen von mancher Wahrheit zugehort, allein bald wieder vergessen war die erste Erschutterung und von dem Abenteuer mit Bartusch vollends jede ernste Erwagung zuruckgedrangt.

Jetzt, indem er sich ankleidete und nach seiner Gewohnheit unordentlich und wild hier- und dorthin die Kleider, die Strumpfe, die Stiefeln hinwarf, musste er in seiner menschenfeindlichen Weise vor sich hin diese Worte ausstossen:

Welche Traumer waren Das! Mich hat Gott verdammt, des Nachts auf die Dacher zu klettern, wenn Vollmond im Kalender steht, aber Die spazieren am hellen lichten Tage auf ihnen herum und sehen die Schornsteine fur Pyramiden an! Den Geist wollen sie zum bessern Durchbruch bringen! Gebt ihm holzerne Krucken, dann kann er auf der Welt, wie sie ist, wohl stehen und gehen! Geld, Guter, Anstellungen, Titel, Ehren, Das sind die Krucken, an denen der Geist allein sich aufrecht halt in dieser verdammten Hetzjagd zwischen Katzen und Hunden in Menschenform! Nehmt Euch in Acht, dass Eure goldnen Redensarten sich nicht in Kohlen zu Scheiterhaufen verwandeln!

Hackert war besorgt, dass Schmelzing doch wol Manches erhorcht haben mochte und beschloss, seinen ganzen Einfluss auf ihren Vorgesetzten, den Oberkommissair Pax, anzuwenden, um seine etwaigen Aussagen in Frage zu stellen.

Was er nur bei dem dritten Kreuze, sagte er sich, mag nachgekritzelt haben! Ich will nicht wunschen, dass Menschen in die Lage kamen, durch Schreibfehler eines unsichtbaren Stenographen an den Galgen zu kommen, aber lieb ware mir's doch, wenn Pax von der beschriebenen Eselshaut Schmelzing's allen Ministern eine Gansehaut lase. Es ist so behaglich, auch die Machtigen sich furchten zu sehen.

Hackert wohnte neben der Barbierstube des Herrn Zipfel, den wir als politischunterrichteten Raseur der Bruder Wildungen bereits fruher haben kennen lernen. Es ist nur annaherungsweise zu vermuthen, dass Pax diese Wohnung fur seinen Liebling Hackert gerade deshalb ausgemacht hatte, um ihn in die Nahe eines sehr lebhaften Verkehrs mit den Meinungen und Ansichten des Tages und des untern Volks zu bringen. Die Barbierstuben haben sich noch aus Romerund Griechenzeiten her die Bestimmung zu erhalten gewusst, das Bureau der Tagesneuigkeiten zu sein. Herr Zipfel war in der Lage, seiner auswartigen Kunden wegen, den Mantel nach dem Winde hangen zu mussen, in seiner Barbierstube aber ging es ungehindert demokratisch zu. Hackert wurde jeden Morgen, ganz wie es Pax gewollt hatte, durch die verworrenen lauten Gesprache, Verwunschungen, Drohungen aufgeweckt, die dicht hinter der Breterwand, an der sein Bett stand, durcheinanderschwirrten, denn die Frequenz bei Herrn Zipfel war gross. Ein Kunde wartete auf den andern.

Am Morgen nach den Scenen in und uber dem Rathskeller wurden die Geruchte von einem neuen "demokratischen" Ministerium, dem des Fursten Egon von Hohenberg, bei Herrn Zipfel so laut besprochen, so lebhaft ausserte sich in dem aufgewuhlten Volke Hoffnung und Mistrauen, dass Hackert nicht einmal der nahern Details bedurfte, die ihm Frau Zipfel mit dem Fruhstucke vorsetzte, um ihn vollstandiger uber die Lage des Morgens zu unterrichten. Er steckte sich eine Cigarre an und hatte fast den Nothtaufschein des Paul Zeck dazu genommen, wenn ihm das Papier daran nicht zu gelb und wurmzerfressen gewesen ware. Neben seinem dampfenden Kaffee blies er die Tabackswolken vor sich hin und streckte sich auf den mit rothgewurfeltem, ein wenig lange nicht gewaschenem Kattun uberzogenen holzharten Sopha wie ein Pascha.

Ha, ha, dachte er, wenn der Dutzbruder des Wildungen Minister wird und der franzosische Tischlergesell, den ich auf der Liste langst als verdachtig stehen habe, Minister der offentlichen Arbeiten, dann wird Schmelzing mit seiner entdeckten Verschworung wenig Finderlohn kriegen. Der heimtuckische Bursch! Wie er nach Louise Eisold schleckerte

Dabei seufzte der Pascha doch und stutzte das Haupt auf.

Ware sie nur hubscher! sagte er in seiner gewohnlichen Frivolitat und sein Gefuhl wegspottend. Wer Melanie -sieh! sieh! Geistesschwester! Oder wie sagten sie unter uns? Arbeiten, sich tummeln, sich aufraffen, Etwas werden, vorstellen und dann vor sie hintreten: So nimm mich, so bin ich deiner werth! Und dann doch: Wie hiess es? Mit einer Zwetsche als Nase? Oder wie daguerreotypirte sich der Schwatzer, dem Jagellona sagte, was Melanie mir wurde gesagt haben: Fritz, deine Haare brennen, dein weisser Teint hat zu viel Sommersprossen und was du mir bringst und war' es ein ganzes Modemagazin voll Liebe, ist aus deiner Hand nichts Neues mehr fur mich! Liebe, was ist Liebe! Dummes, verschlissenes altes Zeug! Nur Das reizt die Weiber, zu sehen, wie dieselbe Liebe, dieselbe althergebrachte langweilige Hingebung wol bei Dem sich ausnehmen mochte oder bei Dem oder bei Dem.. Dem mocht' ich ansehen, Dem abfuhlen, wie er lieben konnte, Der mit seinen tiefen Augen, Der mit seinem schwarzen Bartchen, Der mit seinen kleinen gefirnissten Glanzstiefelchen! Ha, ha! Oder flattern sie nur deshalb hin und her, weil sie wissen, dass ihre Gefuhle Eintagsblumen sind, Pilze in einer Sommernacht aufgeschossen, das Gluck, das sie zu gewahren sich das Ansehn geben, eine Sternschnuppe, von der man zu bald inne wird, dass sie nur optische Tauschung war! Geizhalse sind's mit ihrem Herzen, Wucherinnen ... Melanie, wie seh' ich dich flattern und wirbeln, wie schwirrst du hin und her und fliehst ... wen? ... dich nur selbst, deinen innern Tod, deinen tiefsten Menschenhass... gegen dich selbst und ... mich! Ein Kreuz druber, ein Leichenstein, so gross, wie ihn ... drei todte Pferdekopfe brauchen. Ja, ja, Louise! Singst du vom Haideblumchen, vom zertretenen Weg und richtest dich nur auf, wenn ein Thautropfen einer hubschen gereimten Redensart auf dich fallt, die du aus Leihbibliotheken dir abschreibst! Armer, stickender Phantast, warum bist du nicht schoner, nicht leichtsinniger, nicht untreuer! Verriethen deine Formen, dass du auf sie eitel warest und das Privilegium zu haben glaubtest, Dutzendweis betrugen zu durfen, wie wurden sich die Dutzende an dich herandrangen und sterben wollen von den grausamen Dolchen deiner schonen Augen! Den guten Geist hast du! Wer nur den Geist umarmen, herzen, kussen konnte! Aber was hast du schmale Brust, was bist du mager, dunnhaarig und wie wasserblau sind deine verstandesklaren, nicht romisch-, sondern deutschkatholischen Augen!

Wahrend Hackert mit mephistophelischem Reiz so noch fur sich hinmurmelte und jene Blasen warf, die oft zu teuflischer Lust selbst in Besseren aufsteigen, ohne dass wir sie im Grunde fur unsre wahren Gedanken halten konnen, horte er hinter der Breterwand laut lachen. Es klingelte. Einige Kunden des Herrn Zipfel brachen tumultuarisch herein.

Nein, rief eine Stimme, erst unser buckliger Herkules! Da, setzt Euch! Euer Bart ist die Nacht vor Kummer um einen Zoll gewachsen.

Ha, ha, ha! lachte ein Andrer und Der, der eben gesprochen hatte, sagte wieder:

Ein guter Vorschmack fur kunftige Zeiten! Herr Zipfel, geben Sie uns Waschwasser. Ich komme mir vor, als war' ich meiner am ganzen Leibe nicht mehr sicher.

Was haben Sie denn gehabt? Wo kommen Sie denn her, meine Herren! erscholl Zipfel's Stimme und deutlich konnte man das Platschern des Wassers horen, das er aus einem Kruge in die Schussel goss.

Vom Profossamt! Wir haben die Nacht sitzen mussen! Alle Drei, wie wir hier stehen, lagen wir auf zwei Pritschen, die wir zusammenruckten, um uns vor dem menschlichen und thierischen Gesindel zu schutzen, das in einer solchen Warteanstalt sich guten Tag sagt.

Warteanstalt? Wie so Warteanstalt? Und Gesindel?

Im Profossamt, diese Nacht, wir alle Drei! Alberti, ich und da unser stammig Hochland.

Vierzig bis funfzig Fledermause fanden sich bei'm Kehraus mit ein, aber auch Nachteulen, Zipfel, Schuhus, die mit einem Halloh empfangen wurden

Meine Herren, ich verstehe immer noch nicht ...

Einer der Kunden des Herrn Zipfel erzahlte jetzt, sie hatten gestern Abend einen Boller aus der Willing'schen Fabrik bei einem landlichen Feuerwerke benutzt und ihn des Abends langs der Stadtmauer mit sich wieder zurucknehmen wollen. Der da, sie zeigten wol auf Danebrand, trug ihn frank und frei auf den Schultern. Da hatte sie an einem Thore die Wache angehalten. Ihre Aussagen wegen ihrer Pulvervorrathe und ihres Bollers waren verdachtig erschienen. Man hatte sie arretirt, auf's Profossamt gebracht und erst heute Morgen waren sie von dem Assessor Muller mit einem Verweise entlassen worden. Der Boller steht noch auf der Thorwache, sagte der Erzahler. Erst heut' Abend soll er in einem verschlossenen Kasten abgeholt werden.

Hackert hatte unwillkurlich wahrend dieser Erzahlung nach seinem Verzeichniss verdachtiger Arbeiter gegriffen und sah neben Alberti, Heusruck, auch Danebrand ...

Er gedachte Danebrand's Hulfe in jener verhangnissvollen Nacht. Die beiden andern jungen Manner, die ihn gleichfalls gegen die Knechte Lasally's geschutzt hatten, spotteten uber Danebrand's Ruhe, der bei ihren Verwunschungen der Regierung, ihren jugendlichen Drohreden und der Erklarung, im Maschinenbauverein auf Genugthuung anzutragen, still und gelassen blieb und nur horbar wurde, als man den Unterhaltungsstoffsammelnden Herrn Zipfel bezahlte.

Hier ist Ihr Zilbergroschen! sagte Danebrand in seiner feinen Kustenaussprache und ging mit den lachenden Gesellen aus dem Laden des mit Thatsachen befruchteten Barbiers von dannen.

Frau Zipfel, die eben den Kaffee ihres Miethers abraumte und ein instructives Gesprach anknupfen wollte, bekam von Hackert nur kurze, schnode Antwort. Er gehorte zu den Naturen, die immer nach der Regung hin, die ihr Inneres empfangt, ganz hinuberfallen und indem sie an einer Stelle heilen und gutmachen wollen, nicht wissen, dass sie inzwischen schon an einer andern Stelle verletzen. Er wollte die wusten Reden der Arbeiter nicht denunciren, aber der Frau Zipfel gab er fast einen Fusstritt. Wenn Hackerten Unmuth uberfiel, so machte er ihm physischen Schmerz, fur den er sich am Nachsten rachte. Wenn er sich selbst zuchtigen mochte, zuchtigte er Andre. Religion und Grausamkeit sind seit Jahrtausenden verwandt.

Hier ist Ihr Zilbergroschen! wiederholte er spottend. Ja, gute Louise, ich weiss, schon diese Aussprache ist eine Qual fur dich! Du hast nichts in dir, was nur sauseln und das St. weich aussprechen horen will. Dir soll es donnern, durch alle Wolken wettern, im Sturme willst du lieben und im Blitze kussest du und ein Gewitter macht dich auch vielleicht schon.

Louisen hatt' er die Anwesenheit bei der Stiftung des Bundes der Ritter vom Geiste gewunscht, ihr hatte er die Wucht der Worte, ihr den Schwung der Ahnungen gegonnt, die ihm ... lacherlich vorkamen.

Ihr Geisteskreuzfahrer! sagte er. Was wisst Ihr von unserm Lebensfluch? Wisst Ihr, in welchen Banden wir liegen? Was ist Nachtwandeln? Wer treibt uns aus uns selbst hinaus, wahrend unsre Sinne schlafen und lasst uns Handlungen begehen, von denen unser Bewusstsein nichts weiss? Es gibt keinen Geist. Materie ist Alles. Atome, die sich durcheinanderwirbeln, kopfubern, auffressen, die bilden die Welt. Ihre Friktion, ihr Flimmern, ihr Zittern und Tanzen und Jagen, ist das Leben. Die Lust der Bewegung ist das Leben, der Stillstand ist Schmerz und Tod. Wir summen und brummen und schnurren so hin, wie die Kafer! Ein Platzregen und Alles hat ein Ende ...

Und trotz dieser Abspannung konnte Hackert laut lachen, als Zipfel eben zu einem Kunden nebenan sagte:

Nun, wissen Sie's schon? Es ist richtig! Die Willing'schen Arbeiter Alles fertig! Gestern Abend eine Kanone heimlich mit sich gefahren um die Stadtmauer herum ... Artillerie in solchen Handen ... es wird gut werden!

Und als sich Hackert angekleidet hatte und selbst zu Zipfel hinuberging, um sich seine Bartharchen, die nur dunn und sparlich von der Natur gesaet waren, abnehmen zu lassen, fragte ihn Zipfel:

Ja, Herr Hackert, Sie haben's wol schon gehort von den Willing'schen Arbeitern?

Nichts hab' ich gehort! sagte Hackert mit der Selbstbeherrschung, die ihm immer zu Gebote stand. Was ist?

Ihnen darf man's eigentlich nicht stecken, bemerkte Zipfel und strich, um Zeit zu gewinnen, seine Messer.

Was nicht? Warum mir nicht?

Wer der Polizei so nahe steht, wie

Wegen Herrn Pax? sagte Hackert ruhig. Das ist meiner Mutter Stiefvetter. Er sorgt fur mich, wie ein Vormund. Dessentwegen ...

Ihrer Mutter Stiefvetter?

Verwandtschaft dreizehnten Grades.

Zipfel hatte eine Thatsache mehr. Er musste sich aussprechen, damit das Gefass nicht uberfloss.

Ja! sagte er, die Willing'schen Arbeiter sind ja gestern Nacht mit drei Kanonen um die Stadtmauer gezogen. Und wissen Sie, wo sie die hernehmen? Da heisst's immer, es werden Gasrohren gegossen. Schone Gasrohren! Pure Kanonenlaufe! Nichts als Kanonenlaufe! Auf Lafetten gelegt, sind die Geschutze fertig. Sagen Sie aber nichts dem Herrn Stiefvetter!

Hackert wunschte, als die Prozedur des Barbierens voruber war, Einiges uber die Ministerkrisis zu wissen.

Heute wird's reif, aber fertig ist's noch nicht! sagte Zipfel diplomatisch, nahm sein Rasirzeug, band es zusammen, setzte den Hut auf und erklarte, Hackerten begleiten zu wollen. Er kame nun erst an die rechten Quellen ... Wir uberlassen ihn seinen Studien, die ihn auch zu den Gebrudern Wildungen fuhrten, deren Begegnisse am Morgen nach jener Nacht im Rathskeller wir kennen.

Hackert schlug seinen Weg zu Schmelzing ein, den er schon im Begriff fand, seine Bleistiftnotizen in's Reine zu schreiben.

Schmelzing wohnte in seinem neuen Logis besser als Hackert. Er besass nicht die cynische Verachtung alles Luxus wie dieser, der gerade in seiner Unfahigkeit, ohne Bedienung ordentlich und sauber zu erscheinen, etwas Vornehmes hatte. Schmelzing glanzte sich selbst seine Stiefeln, burstete sich selbst seinen Rock, nahte ihn auch zuweilen und war fur seine Verhaltnisse so glatt geschniegelt wie seine Handschrift. Aber heute fand ihn Hackert doch noch in Unordnung. Diese verwirrte Nacht hatte den geriebenen, seiner mit subtilstem Egoismus pflegenden alten Jungling gelinde ausser Fassung gebracht. Er empfing seinen Kollegen heute fast mit unartikulirten Vorwurfen und erklarte, nie wieder mit ihm gemeinschaftlich "operiren" zu konnen.

Was wollen Sie denn? fragte Hackert den Jammernden.

Ihre Narrenspossen haben mich fast um den Verstand gebracht. Die Frauen sind meine schwache Seite, und ich muss Sie in der That bitten, wenn wir in Amtsgeschaften sind, nie, nie wieder auf das andre Geschlecht zuruckzukommen.

Aber Sie undankbarer Zuruckgekommener! rief Hakkert und zeigte auf eine lang ausgebreitete Pergamenttafel voller Notizen, Sie haben ja die beste Verschworung von der Welt auf dem Leder! Was hab' ich denn? An dem einen Kreuz, wo die beiden Damen, die nach Eau de Cologne

Schweigen Sie jetzt, Hackert!

Die Eine, die Schwarze, die er Aspasia nannte wissen Sie, Schmelzing, die mit

Ich bringe Sie um!

Sie bringen sich selbst um, wenn Sie Ihre weisse Halsbinde so kokett schnuren. Wollen Sie sich Blut in die Wangen lugen? Blasser Teint steht Ihnen viel interessanter.

Was wird Pax sagen! Ich hoffte einmal auf seine Empfehlung als Kammerstenograph!

Aber, mein wurdigster Kanzleirath, was bleibt mir denn erst ubrig? Ich habe mit einem Gespenst gesprochen! Bei Verschworungen statuirt die Polizei keine Gespenster! Fur Gespenster gibt es keine Diaten! Schone Halsbinde, Schmelzing! Wo lassen Sie waschen? Ihre Wascherin ...

Schmelzing, aufkichernd, brach dies Thema ab und verlangte eine Mittheilung uber die sonderbare Erscheinung des grauen Mannes. Hackert gab ihm nach einigen damonologischen Neckereien zuletzt eine rationalistische Losung. Er sprach geradezu von Dieben und von der Nothwendigkeit, diese der Stadt so wichtigen Raume unter eine bessere Aufsicht zu stellen. Er schloss seine Mittheilung damit, dass er nicht mehr in das Archiv mitginge und blickte nun auf Schmelzing's Errungenschaft, seine beschriebene Eselshaut ...

Sie stenographiren nach der suddeutschen Methode? sagte er. Ich war noch nie in Schwaben und finde mich nicht in Ihrem Gewimmel zurecht ...

Indem klopfte es stark und mit dem Klopfen zugleich trat in Eile der Oberkommissar Pax ein.

Schmelzing hatte fast den Armel seines Fracks zerrissen, den er eben anziehen wollte, wahrend er auch schon nach einem Stuhle griff. Hackert nahm die Cigarre aus dem Munde, die Hande aus den Beinkleidertaschen ... sonst aber blieb er unerschrocken und phlegmatisch. Es sollte nun Bericht erstattet werden.

Zweites Capitel

Dammerungen

Aber meine Herren, begann Pax, was ist Das? Ich erwartete Sie langst! Eine so wichtige Mission! Wo sind Ihre Aufzeichnungen! Was haben Sie fur Resultate?

Schmelzing zeigte mit grosser Verlegenheit auf das von ihm beschriebene Pergament und sah hulfeflehend Hackerten an, der mit aller Ruhe das Wort ergriff:

Denken Sie sich! Wir fanden ja statt nur eines zuletzt drei Kreuze erhellt, Herr Oberkommissar! Uber jeder der drei Zellen wurden Dinge gesprochen, die des Anhorens werth waren.

Der Oberkommissar schien sehr erfreut.

In der einen sassen zwei griechische Damen, sagte Hackert, und ein ... ein lateinischer Herr

Ich weiss, sagte Pax lachelnd. Die eine Zelle war von dem phantastischen Pfarrer Guido Stromer besetzt, der hier jetzt in Begleitung zweier Frauleins Wandstabler die Wildheit austobt, von der kein Mensch begreift, wie er Jahre lang auf seinem Dorfe sie hat bandigen konnen. Es wird nothig sein, den Mann zu warnen.

Waren es wirklich die Wandstablers? sagte Hakkert erstaunt. Ja, fragen Sie Schmelzing, dieser Herr hat sich, soweit es mit Gefahr, die Augenlieder zu verbrennen, zu horen moglich war, so in wissenschaftliche Untersuchungen uber die Liebe ergangen, dass Schmelzing in seinen edelsten Grundsatzen wankend wurde und sich selbst gern ins Turkische ubersetzt hatte, wenn ...

Ich will nicht hoffen, unterbrach Pax, dass Sie dies Stelldichein eines unbesonnenen Mannes, den der Genuss des Residenzlebens um Vernunft und Vorsicht zu bringen scheint, gestort hat, an der Hauptstelle Acht zu geben?

Nein, fuhr Hackert als Wortfuhrer fort, Schmelzing verachtet den sogenannten Pantheismus, den Propst Gelbsattel an Schlurck's Tische proklamirte, wenn der Champagner kam. Ich beredete ihn, weiter entfernt beim dritten Kreuze Platz zu nehmen.

Beim dritten Kreuze? rief Pax, der Bildung seines Schutzlings sich freuend, aber doch betroffen. Da, wo General Voland von der Hahnenfeder sass, den man wohl erkannt hat, trotz seines Mantels, in den er sich wie in eine Kapuze hullte ...

Es war ein Franzose mit ihm! sagte Schmelzing rasch, um sich zu rechtfertigen.

Und Propst Gelbsattel, dessen helltonende DessertStimme ich kenne, verlangte dem General zu Ehren Lacryma Christi ... erganzte Hackert.

Ein Franzose, bestatigte Pax. Sollte es wirklich Sylvester Rafflard gewesen sein? Ubrigens, darauf kommt wenig an. Ich hoffe, dass der Irrthum bald entdeckt wurde und aha, da liegen Schmelzing's Scripturen. Haben Sie Acht gegeben, was besonders der Major Werdeck ausserte?

O vollkommen, sagte Hackert, die Frage entschlossen auf sich beziehend. Ich postirte mich uber der mittleren Zelle, wo sich etwa funf Gaste zu unterhalten schienen

Sie ganz allein? Sind Das Ihre Aufzeichnungen, Hakkert? Sehr unleserlich! Hackert, sehr unleserlich!

Hackert hatte seine Brieftasche hervorgezogen, in der allerlei verworrenes Durcheinander verzeichnet stand.

Die Herren sprachen sehr rasch, entschuldigte sich Schmelzing stotternd, und der Franzose wurde vollends von einem so hektischen Husten ofters unterbrochen

Hektischen Husten? Der junge Louis Armand?

Ich meine, der Professor

Der Professor? Welcher Professor?

An dem dritten Kreuz

Sie haben doch nicht

Schmelzing hat Alles, was die drei Herren unter dem dritten Kreuz uber die Jesuiten und ihren zukunftigen Einfluss auf Deutschland sagten, hier aufgeschrieben ...

Aber mein Gott Wer will denn etwas von den Jesuiten wissen! Was haben Sie denn gemacht! Die funf! Was hat denn zum Teufel der Major Werdeck gesagt? Hackert!

Erlauben Sie, Herr Oberkommissar, sagte Hackert. Bei den funfen war ich und habe nur wenig nachgeschrieben, weil ich bessere Ohren und besseres Gedachtniss habe als Schmelzing, dem ich die drei Jesuiten liess, als die wichtigsten.

Pax gerieth in den aussersten Zorn. Er lief im kleinen Zimmer auf und ab, fluchte und wetterte und erklarte, dass ihm mundliche Berichte nichts helfen konnten. Und als Hackert gar anfing, zu erklaren, jene funf hatten sich Charaden aufgegeben, sich in geisthaschenden Betrachtungen uber die Blume der Weine, die sie tranken, zu uberbieten gesucht, Frauentugenden analysirt, Universitatsanekdoten so breit erzahlt, wie sie Melanie Schlurck immer vom Tisch des Justizraths verjagt hatten, fuhr Pax auf:

Hackert, Sie belugen mich!

Herr Oberkommissar, ich verbitte mir, warf sich Hackert in die Brust. Schmelzing, haben Sie nicht gehort, dass man von dem Geiste der Weine und immer uber und durch die Blume sprach?

Schmelzing hatte von dem Worte Geist eine Erinnerung und behauptete, dies gefahrliche Wort sehr oft gehort zu haben.

Pax fixirte Hackerten auf's Scharfste.

Ich versichre Sie, wiederholte Hackert, dass wir Beide nur gehort haben, wie man von Geistern so viel sprach, dass wir Gespensterfurcht bekamen. Was, Schmelzing? Nicht wahr? Der Geist muss regieren, sagten sie und setzten alle Konige ab. Das thaten sie. Einen Thron bauten sie von Gedanken und behingen ihn mit Spinneweben und unsichtbaren Staubfadchen. Die Armeen schafften sie ab und wollten nur noch Schilderhauser, die nicht grosser waren, als hohle Krebs- oder Nussschaalen. Polizei durfe es gar nicht mehr geben, weil die Diebe nicht zu stehlen brauchten, da Allen Alles gehorte

Das ist Kommunismus, sagte Pax, der sich uber diese wichtige Zeitfrage zur Noth durch kleine konfiscirte Schriftchen orientirt hatte. Und Schmelzing sperrte staunend den Mund auf, froh, dass Hackert die Verantwortlichkeit dieses Dienstversehens nun allein trug.

Fahren Sie fort! sagte Pax.

Sie machten Alles gemeinschaftlich, diese funf, zuletzt, ich versichre Sie's, zuletzt auch die Rechnung. Niemand bezahlte fur sich, sondern die verschiedenen Geschmacke wurden in einen zusammengezogen, dann mit funf dividirt und auf jeden kam, einschliesslich mehrerer Beefsteaks, ein Thaler und funf und zwanzig Silbergroschen.

Pax stampfte mit dem Fuss auf und schleuderte Hakkert's Brieftasche von sich.

Aber ich versichere Sie, Herr Oberkommissar, die Parole hiess: Geist! Hier Hackert griff in seine Brieftasche hier steht's ja. Der Eine sagte: Geist ist der Herrscher des Weltalls und der Meister des Teufels und die Dampfkraft in der Lokomotive: Mensch genannt. Erst greift der Mensch als Wickel-, Windel-, Fallhutkind um sich und begreift, was er fasst, begreift seine Beulen und versteht, was ihm ansteht, als Essgegenstand. Aneignung durch den Mund ist die erste Kritik der reiferen Vernunft. Dann ... Hackert improvisirte so fort ... dann trennt das Kind Eins vom Andern, das Naschbare vom Unnaschbaren und theilt es und urtheilt. Uber das Urtheilen machte man Wortwitze, wie ich sie bei Schlurck horte, wenn Universitats-Professoren gebeten waren und an einer Ganseleberpastete durch die Zunge die Urbestandtheile herausschmecken wollten. Ein beruhmter Professor, den Schlurck auf Handen trug, weil er immer sagte: Alles was ist, ist vernunftig, der alte Herr nahm einmal von diesen Ur-Theilen so viel auf einmal in sich auf, dass er am folgenden Morgen an einer Indigestion verstorben war, woruber Schlurck sagte: Das erste Ist, das doch unvernunftig war! Dann hiess es unter dem mittleren Kreuz: Es gabe einen wahren Geist und einen falschen, echte Moral und falsche und das innere Gesetz, darin fand ich Gefahrliches, das innere Gesetz stunde uber dem aussern. Man bezeichnete grade nicht die Polizei als die Gegnerin des inneren Gesetzes, allein sie sagten, sie wollten einen Liebesbund schliessen, wo Alle sich mit geistigen Waffen schlagen sollten und in Harnisch gerathen nicht mehr aus personlichem Interesse, nicht mehr aus personlicher Leidenschaft, sondern nur aus Uberzeugung und um des innern Denkens willen. Ich rufe Schmelzing zum Zeugen. Diese funf Menschen waren mit der ganzen Welt zerfallen und wussten nichts zu loben, nichts, gar nichts, als hochstens des Rathskellermeisters Weinkarte.

Pax durchflog, wahrend Hackert in dieser Weise flunkerte, das Pergament Schmelzing's und dessen Abschrift. Er fand hier in der That reellere Dinge, wirkliche Namen, Zustande, Beziehungen ...

Kommen Sie zum Prasidenten, sagte er endlich. Ich sehe doch, es sind wichtige Namen da genannt worden und so gewagt es sein kann, hochstehende, bei Hofe verehrte Manner, wie den General Voland von der Hahnenfeder und den Propst Gelbsattel in ihren geheimen Ausserungen zu belauschen, so weiss man doch nicht, welches Ende unsre Ministerkrisis nimmt. Der General hat es abgelehnt, mit dem Fursten von Hohenberg ein Ministerium zu bilden. Professor Rafflard ist uns langst schon verdachtig. Der Prasident wird zornig sein, dass wir uber Werdeck nichts Genaueres fischten, nichts uber diesen gefahrlichen Leidenfrost; ich hoffe aber, diese Notizen machen es gut. Ich nehme sie mit. Kommen Sie um zehn Uhr zum Prasidenten, Schmelzing, damit Sie Alles dechiffriren!

Schmelzing war gluckselig. Er hatte unfehlbar einen Sieg uber Hackert errungen, Diesem die verfehlte Expedition zugeschoben, Brauchbares durch Zufall entdeckt. Doch nahm Pax auch von Hackert, seinem jungstgeworbenen geheimen Agenten, mit Schonung und sichtlichem Wohlwollen Abschied. Er bot beiden Schreibern Geld an, das sie nahmen. Er forderte sie streng auf, jede nahere Beziehung zur Polizei noch fur einige Zeit zu verbergen, es wurde bald die Zeit kommen, wo sie vorwarts rucken konnten und, wenn sie wollten, Dienstabzeichen tragen durften. Noch diktirte er ihnen einige Namen zu den Listen verdachtiger Personen, die sie schon bei sich fuhrten; es befand sich der eines Englanders Namens Murray darunter. Schliesslich gab er ihnen verschiedene Eintrittskarten an offentliche Orte, besonders in Ausstellungen, in Museen, Konzerte, auch eine immerwahrende Gastkarte in die grossen und kleinen Versammlungen des Reubundes, weniger um verdachtige, dort nicht fallende Ausserungen zu uberwachen, als sich in derjenigen Gesinnung zu starken, die allein der Stachel und Sporn ware, ihrem Berufe mit Eifer und Hingebung zu folgen und besonders eine innere Scheu des Angebens uberwinden zu lernen.

Fax verliess sie. Schmelzing war froh, so gut davongekommen zu sein und konnte nicht begreifen, wie Hakkert, der doch auch gefehlt hatte, losbrach:

Die ewige Angeberei! Hol' die der Teufel! Ich hatte geglaubt, Pax wurde uns da anstellen, wo man erfahrt, wo heimlich gespielt, wo der beste Punsch gebraut wird und die hubschesten Madchen ohne Erlaubniss zu lieben wagen. Das Departement der offentlichen Tugend, dacht' ich, wurde Ihnen, Schmelzing, anvertraut werden, dass auf dem Trottoir uns die elegantesten Damen im Vorubergehen zuflusterten: Guten Tag, Schmelzing! Kennen Sie mich um Gotteswillen hier nicht, Schmelzing! Himmlischer, susser Schmelzing, unter dessen Kontrole ich stehe, der bei mir ausund eingehen darf, bei Tag und bei Nacht Susser, himmlischer Schmelzing mit der weissen Halsbinde

Schmelzing lachte hellauf vor Wonne uber diese zuletzt in die ihnen gelaufige Fingersprache ubergehenden Tollheiten. Er hatte seinen Hut genommen, drangte Hackerten zur Thur hinaus, schloss seinen Kafig zu und bat nur, unaufhorlich kichernd, ihn mit dem "andern Geschlecht" nicht zu furchtbar aufzuregen. Er musse zum Prasidenten, sich sammeln ...

Unten auf der Strasse trennten sie sich.

Hackert war unflathig genug, ihm fast ... die Zunge nachzustrecken. Er schob die Hande in die Beinkleidertaschen, rannte die nachste rauchende Person mit einem Pardon! an, bat um Feuer! und schlenderte, wie ein Tagedieb, den lebhafteren Gassen zu. Er wollte erst Siegbert besuchen, um ihn zu warnen, fuhrte aber diese gute Regung nicht aus, da sie ihm jetzt unnothig schien. Nun wollt' er zu dem alten grauen Hause, das Schlurck bewohnte, wollte sich erkundigen, wie es um Bartusch stunde, wollte einmal den Versuch machen, Schlurck selbst zu begrussen, dem er seit seiner Untersuchung in Sachen des Bildes der Furstin Amanda von Hohenberg imponirte. Er war voll Ubermuth und Trotz.

Als er nun wirklich vor dem alten, mit dem Kreuze bezeichneten Hause stand, blickte er schielend zu den Fenstern auf, hinter denen Melanie wohnte. Wie rannen da alle seine chaotischen, nicht guten, nicht vollig bosen Empfindungen in dem einen starken machtigen Strom zusammen: Vergangenheit! Seit jener Nacht, wo ihm Melanie im Wagen versprochen hatte, Lasally von einer Untersuchung abzubringen, mit der der ergrimmte Freier ihn bedrohte, hatte er seinerseits das Versprechen geben mussen, auch nun fur ewig von ihr zu lassen und ihre Bahnen nicht mehr mit seinen schreckhaften Erinnerungen an Kindergluck zu durchkreuzen. Hackert, hatte ihm Melanie damals gesagt, du weisst sehr wohl, dass ich uber meine Zukunft eine ernste Betrachtung anzustellen habe und mich nicht blindlings an den ersten besten der Vielen, die mir huldigen, verschenken kann. Und Hackert schwur damals, was Melanie begehrte. Berauscht von Liebkosungen, die er ungrossmuthig ertrotzte, war er nach Hause geschwankt, hatte die Bruder Wildungen, Louise Eisold, Bartusch im frechsten Ubermuthe verhohnt, war auf den Fortunaball gerast, hatte seiner ganzen verlornen Natur den Zugel schiessen lassen, bis ihn der Fluch seines Daseins, wie er sein Traumwandeln nannte, im Augenblicke der Erschopfung strafte und ihn zum jammervollen Spott der Menschen auf's Neue mitten im Gluckstaumel niederwarf. Um zu vergessen, war er den Anerbietungen des Oberkommissars gefolgt. Die feige Verzweiflung, die ihn zuweilen erfassen konnte, hatte ihm den Muth gegeben, bis dahin Alles zu thun, was man von ihm verlangte. Nun kamen wohl schon lichtere Augenblicke uber ihn. Mitten in der wusten Lebensart, die er nun, wo er doppelt Geld hatte, am wenigsten liess, uberkam ihn wohl ein Gefuhl verzweifelnder Wehmuth. Da setzte er sich in Trinkstuben hin, warf einen Papierschein auf den Tisch, nahm das Geld nicht auf, das er wieder heraus bekam: er hasse das schmuzige Metall, sagte er, es mache ihm Krampfe in den Fingern. Er trank, kam durch die Aufregung, die der Wein mehrte, in einen Zustand verbissener Wuth, verletzte Jeden, der sich ihm nahen wollte und hatte doch meist die Kraft nicht, die Folgen, die seine entfesselte Wildheit nach sich zog, auszukampfen. Man warf ihn da, wo er wie ein Konig eingetreten war, wie einen Bettler zur Thur hinaus. Und es sprang ihm Niemand bei. Es schloss sich ihm Niemand an. Niemand fasste zu seinem Wesen Vertrauen. Er konnte dann stundenlang sitzen, das Haupt aufgestemmt und ergrimmte Glossen hinund herschleudernd. Man kannte ihn schon und belustigte sich an ihm. Seine Grundanschauung war die, Jeden fur irgendwie schlecht zu halten. Wenn er ganz mit sich in Verfall gerieth, ging er vor die Thore, setzte sich an die Spielplatze der Kinder, sah deren Treiben zu und wollte sich auch schon aus Dem die Eitelkeit, die Gewaltthat, den Eigennutz fruh herausmarzen. Wie Timon dann Alle verwunschend, Alle hassend, rannte er in die Felder, in die Vorstadtgassen und endete gewohnlich damit, dass er sich zuletzt zu den Verworfensten ihres Geschlechtes fluchtete, mit diesen tobte, fluchte, philosophirte, grade als wenn er aus dem Schlamm erst heraus nach Licht und Poesie rang. In dieser Sphare hielt man ihn fur verruckt.

Dem Schlurck'schen Hause lag ein Cafe gegenuber. In diesem sass er schon seit seinem Bruch mit der Familie oft Tage lang und belastigte des Justizraths Fenster durch freche Blicke. Auch heute wollte er schon in aller Fruhe in das Cafe eintreten und den unerquicklichen Dunst und Staub, den eine Herberge am fruhen Morgen darbietet, einathmen, als er Jeannetten aus dem Schlurck'schen Hause treten sah. Sie hatte einen der herbstlichen Jahreszeit entsprechenden Mantel um und sah fast ergrimmt, fast bissig, jedenfalls sehr finster aus. Trotz dieser Witterung, die er gleich spurte, wagte sich Hackert an seine Feindin, grusste sie und stellte, die Cigarre halb aus dem Munde nehmend, mit dem Hut auf einem Ohr, sich ihr dicht in den Weg. Zwei Menschen Das, die Gott nur zu Radern fur fremden Willen geschaffen zu haben scheint, zu ohnmachtigen Werkzeugen fremder Kraft, und grade die wollen erst recht selber im Leben regieren, wollen grade im Dienen herrschen und herrschen wirklich!

Nachtvogel! war Hackert's Gruss und Tagedieb! Jeannetten's Antwort.

Blas' er seinen Qualm nicht ehrlichen Leuten in's Gesicht!

Mamsell hat Angst um ihre glatte Haut! Herbst wird's? Tragen Sie doch einen Schleier! Ihr Teint springt auf trotz Gold-Cream, der Ihnen da von der Nacht noch an der Nase glanzt!

Jeannette besann sich, ob sie so fortfahren sollte. Eine Stimme sagte ihr: Die Feinde deiner Feinde sollten deine Freunde sein! Und so begann sie:

Hackert, die Zeiten, wo Sie im Hause waren, sind nicht mehr.

Hackert war nicht sentimental. Am wenigsten liebte er die gefuhlvollen Kammerzofen. Sie weinen ja? sagte er. Thranen wie Zwetschen so dick, Thranen, wie Rossapfel von Ihrem himmlischen Herrn Lasally! Lumpenvolk!

Denken Sie doch nicht mehr an den Abend in der Fortuna, Hackert, lenkte die Kammerzofe ein. Neumann hat's bitter empfunden. Sie hatten mich durch Ihre schandliche Plauderei wegen dem falschen Prinzen um meinen Platz gebracht. Sie hatten den Zorn sehen sollen, wie Melanie nach Hause kam von Frau von Harder gleich mir aufgesagt Und wir wissen doch, Hackert wir wissen doch

Schnurr du und noch ein Spinnrad! affte Hackert das rasche Plaudern der Zofe nach. Bist ja im Haus geblieben, edles Wesen! Der susse Bartusch und die Wassernixe, die Frau Justizrathin, warfen dich ja nicht zum Tempel hinaus, liessen dich ja bei Neumann, seinen Ohrringen und seinem Backenbart! Schlurck kann ja auch nicht den Geruch von jedem Frauenzimmer um ihn her vertragen -So sind Sie geblieben. Was stort denn nun jetzt da drinnen die schone Landschaft?

Jeannette zog Hackerten vorwarts in eine minder belebte kleine Seitengasse. Hier begann sie eine Mittheilung uber Schlurck's neuerdings erlebte Unglucksfalle. Die Verwaltung der Hohenbergischen Guter ware ihm genommen, die Administration der stadtischen Hauser ware vom Magistrat neu untersucht worden und es hiesse, sie kame auch aus Schlurck's Handen. Schlurck lasse die Flugel schrecklich hangen und gestehe ein ... denken Sie sich, Hackert! ... dass er alt wurde! Die Justizrathin ware wasserscheu ... das wollte viel sagen ... Und Bartusch ...

Nun?

Heut' Morgen in aller Fruhe klingelt's und in einem Fiaker bringen sie den Alten auch todtkrank und elend ... Wer weiss, welche Gosse uber ihn ausgeschuttet wurde!

Hackert forschte ...

Es musste zu Drommeldey geschickt werden, der gleich beim Eintreten sagte: Bartusch, Sie schauen ja aus, als hatten Sie Geister gesehen! Kurz und gut ... Ich sage Ihnen Hackert, wo ist die schone Zeit hin, als wir in Hohenberg waren! Die Lust! Die Seligkeit damals in dem Schloss!

So? Ich schlief auf der Wiese unter den Froschen ... Wer freilich bei Ihnen ...

Hackert! ... Ich sage Ihnen, Melanie ist nicht mehr zum Erkennen

Wie so? Sie hat ja nun doch den rechten Prinzen Egon!

Sie wissen's also auch? Alle Leute sagen's. Ich mag sie nicht fragen sie ist mir nicht wieder grun geworden. Von Hohenberg will sie nichts wissen ... immer ernst immer nachdenklich immer Musik jetzt und Lekture und melancholisch ...

Und nun begannen diese Menschen eine Kritik der Verhaltnisse Schlurck's, des Prinzen, der bekannten Armuth des Letzteren, bis Hackert mit den Worten einfiel:

Ich sehe unsern Alten noch mit der Prise in der Hand in Lasally's Cirkus die Honneurs machen und mit ein paar alten steifen Mahren das Gnadenbrot um die Wette essen. Wie geht's denn Sr. getauften Lordschaft?

Jeannette sprach in gemessensten Ausdrucken von Lasally, seinem ehrenwerthen vielverkannten Charakter, woruber sie fast den Faden ihrer Mittheilung verlor. Dazu das Drangen in der engen Gasse, die Aufregung der Menschen, das Gewuhl eines naheliegenden Fruhmarktes. An einer Strassenecke lasen die Leute angeschlagen, dass Furst Egon von Hohenberg Minister geworden. Hackert griff diese Nachricht auf.

Horen Sie doch! Prinz Egon Minister!

Jeannette verwunderte sich, hielt eine solche Beforderung fur eine Degradation, einen wirklichen Beweis der Armuth des Prinzen ...

O weh! sagte sie. Und heute, heute muss der Justizrath zehntausend Thaler an Lasally zahlen ... Das Alles an einem Tage!

Hackert erstaunte uber die Zahlung an Lasally. Er kannte Schlurck's Geldverhaltnisse besser als selbst die Justizrathin. Was fur zehntausend Thaler? fragte er.

Jeannette berichtete von einer schrecklichen Scene, wo Lasally sich und Allen den Tod gewunscht hatte. Er ware ruinirt, er hatte auf diese Heirath gehofft, er hatte sich lacherlich gemacht durch seine Langmuth; er hatte den letzten Beweis seiner Geduld in der Sache gegen Hackert gegeben ...

Ja, Fritz, sagte Jeannette, er will Sie doch noch an den Galgen bringen. Neumann sagt, Sie waren's auch werth ... man musste Sie eigentlich auf ein wildes Pferd binden und dann ...

Doch wol das Pferd peitschen und nicht mich wieder? fiel Hackert grimmig ein. Ich rath' Euch Gutes! Ich hab' eine Wuth auf Pferde und Lasally's rath' ich die Hufeisen verkehrt anzunageln, dass ich nicht weiss, wohin er mit ihnen ausreitet Lasally's mein' ich.

Jeannette schauderte vor dem jungen Mann, den sie jetzt bos, doch tuckisch nannte. Seine Augen zuckten. Seine Gesichtsmuskeln bewegten sich krampfhaft. Jeannette sagte ihm rasch, dass Schlurck keinen Kutscher mehr halten konne und ihr selbst gerathen hatte, zu Lasally zu gehen, bei dem fur Neumann zu sprechen. Lasally wurde sich jetzt sehr grossartig einrichten, wurde Leute brauchen. Eben ginge sie zu ihm, um ihm die Dienste ihres Verlobten anzubieten ... Sie wisse zwar ... Damit unterbrach sie sich selbst, denn Hackert ging fast taumelnd, fast abwesend neben ihr her. Sie sprach schon nichts mehr, er schwieg. So durchschritten sie fast die ganze Stadt, zum Schrecken der Zofe, die sich in der einsamen Thorgegend vor Hackert's plotzlicher Traumerei, wahrscheinlich der Erinnerung an seinen Lasally zugefugten Frevel, furchtete. Zuletzt standen Beide vor dem Eingang in die Reitbahn Lasally's. Hackert erschrak, als er aufblickte. Jeannette hatte langst gefurchtet, dass sich Hackert einer gefahrlichen Gegend nahte. Aber er sammelte sich und murmelte zum Abschied so hin, sie wurde Lasally in einer turkischen Kleidung finden, eine gelbe Meerschaumspitze im Munde, einen turkischen Fez auf dem Kopf, rothe Hosen an, gelbe Stiefeln, Schlafrock von Sammet mit Schnuren. Wie ein Pascha wurde er sie empfangen und sie wurde ihm die gelben Stiefeln kussen durfen, seine Hande, seine Ohrzipfel und todt und kalt wurde der Pascha sagen: Dein kunftiger Mann ist ein Schafskopf, doch soll er die Stelle haben, setzen Sie sich, Fraulein! Parlez vous francais?

Jeannette lachte, huschte davon. Scheu entfernte sich Hackert von einem Ort, der ihn an ein Verbrechen erinnerte. Er floh fast. Als er sich in Sicherheit glaubte, sah er um sich. Er war erschopft. Da stand ein Brunnen, der hier in der Vorstadt in landlicher Weise mit einem Wassertroge fur die Ausspannungen, die voruberziehenden Viehheerden versehen war. Die Baume hier und dort auf dem grossen Vorstadtplatze waren entlaubt, die Luft schnitt kalt und frostelnd genug. Herbstlich sah's auch in Hackert's Innern aus. Fehler, Irrthumer, begangene Frevel vergibt sich die Jugend sehr bald. Aber um so gewaltsamer, je weniger sie davon merkt, nagt an ihr die zu fruhe Erkenntniss. Dass diese Person, diese Jeannette, nun zu einem Don Juan ging und fur ihren Brautigam um eine Anstellung bat, durchschaute er zu offen mit allen Folgen. Die verbitterte Auffassung der Menschen uberzieht das ganze Leben mit aschgrauen Farben und worin anders wurzelt die verzweifelte Freudlosigkeit des verdorbenen Grossstadters, seine Wuth nach Anderung seiner Lage, seine in der Gefahr dann doch wieder elende Gesinnungslosigkeit, als in diesem zeitigen Erkennen aller Endlichkeit unsrer Natur, in dem hohnischen Schlechtnehmen und Schlechtdeuten jeder fremden menschlichen Regung und Unternehmung? Hackert sah Alles vergiftet von Selbstsucht. Die Kinder auf der Strasse schienen ihm schlecht, die Thiere, die Huhner, die Ganse um ihn her, die nach dem Futter aus den Kornwagen, den Resten der Pferdemahlzeiten haschten, schienen ihm bewusst erbarmlich; ja selbst dem Wasser in dem Trog, auf dessen Rande er sass die Beine baumelnd, sah er mit mistrauischer Bitterkeit nach, als war' es das ewige Symbol der treulosesten, dahin rinnenden Fluchtigkeit. So zog er die Liste der Verdachtigen aus seiner Brusttasche und sammelte sich erst in dem Bewusstsein, in diesem Chaos doch nun auch etwas, wenigstens ein Polizeiagent zu sein.

Aus dieser gewiss wenig trostlichen Betrachtung weckte ihn plotzlich ein lautes Wagenrasseln. Er blickte auf. Ein Larmen, Rufen, Johlen, Peitschenknallen. Er sah einen Reisewagen, der langsam von der Gegend des Thores daherrollte und von vier Postpferden im Schritt gezogen wurde. Der Postillon blies und klatschte, wenn er absetzte, lustig mit der Peitsche. Mancher Hieb fiel auf die allzunah herandrangenden neugierigen, lachenden Menschen, die sich mehrten, je naher der Wagen in die belebten Gassen kam. Hackert stand auf, um die Ursache dieses Auflaufs kennen zu lernen. Das Blasen des Postillons, das langsame Fahren eines grossen vierspannigen Reisewagens konnte allein nicht die Veranlassung dieses Larms, dieses Drangens und Spottens sein. Er bemerkte auch bald die seltsamste Unterbrechung der gewohnlichen langweiligen Strassenerscheinungen. Der Postillon ritt, selbst lachend, auf dem Sattelpferde, auf dem Bock sass an einer Kette ein als Kutscher gekleideter Affe, der aus einem Korbe Apfel und Nusse unter die Menge warf. Hinten auf dem Bocke standen zwei Mohren in rothen goldbetressten Livreen. Im Wagenschlage waren zwei Papageyen und einige kleine Makis und Meerkatzen, die an Kettchen zum offnen Schlagfenster hinaus und hinein schlupften, so weit sie Freiheit hatten. Ein kleiner Herr in mittleren Jahren, schwarzem Barte, hochgerothetem Antlitz, in einem reichbesetzten Schnurrock und einem rothen Sammtbarett sass ganz allein in dem Fond des Wagens. Er schien sich theils an den Capriolen der Thiere, die ihn umgaben, zu belustigen, theils an der Neugier der Menschen, die er dadurch reizte, dass er ganz neue kleine Silberstucke zum Kutschenschlage hinauswarf. Einige zierliche Windhunde bellten gleichfalls aus dem Wagenfenster und wollten sogar nachspringen. Der sonderbare kleine Reisende hielt sie an einer grunen Leine fest und uberliess das Apportiren dem Strassenvolk, dem naturlich nicht einfiel, ihm die Silbermunzen zuruckzugeben. Diese tolle Karavane hielt, als sie dicht bei Hackert in der Nahe vieler Marktwagen und Wirthshausschilder stand, still. Der kleine possenhafte Herr lehnte sich aus dem Wagenschlage und fragte mit heller, schriller Stimme hinaus:

Welches denn jetzt der beste Gasthof in der Residenz ware?

Diese Vorstadter wussten wohl Antwort zu geben, aber sie nannten ein Dutzend Konige und Lander durcheinander. Hackert sah auf dem Kutschenschlage in der Ferne ein adliges Wappen und die Buchstaben O.v.D.

Der Wirrwarr der Thiere, die Mohren und die jubelnde Strassenjugend zogen ihn an, er trat naher und fragte nach des Herrn Begehr.

Welches ist jetzt das erste Hotel der Stadt? sagte mit sonderbarem fremden Accent der kleine breitschultrige Cavalier.

Die Stadt London! antwortete Hackert mit mehr Ehrerbietung, als ihm sonst eigen war.

Also wie vor funfzehn Jahren! Und der zweitbeste? Doch nicht die goldne Eule?

Jetzt die Stadt Rom! sagte Hackert.

C'est la meme chose! Also ist Stadt Rom das beste Hotel; denn, mein Herr, das eine ist wirklich gut und das andre bemuht sich nur, den guten Ruf aufrecht zu erhalten. Alte Wande, neue Tapeten. Ich ziehe die goldne Eule vor. Ich danke Ihnen! Schwager, also in die Stadt Rom!

Damit fuhr der Wagen des sonderbaren Dialektikers voruber und jetzt so schnell, so im verhangten Galopp, dass die Menschenmenge nicht mehr folgen und ihm nur ein lautes Halloh nachschreien konnte. Man zeigte sich lachend die Apfel, die Nusse, die kleinen Silbermunzen, die man erobert hatte und zerstreute sich in der Voraus setzung, man wurde an den Strassenecken bald die Ankundigung eines angekommenen beruhmten Taschenspielers oder einer Menagerie oder einer Kunstreitergesellschaft lesen.

Lieber O.v.D.! sagte sich Hackert, als er allein zur innern Stadt zuruckschlenderte, du bist bei allem Witz ein Narr und deine Thiere, die wie Menschen gekleidet sind, haben so viel Verwandtschaft mit dir selbst, dass ich auch ein Narr ware, wenn ich mich noch langer hier an Lasally's Reitbahn um drei todte Pferde angstigen wollte.

Die Tollheit eines Andern hatte Hackert's Grubelei geheilt. Und es war die hochste Zeit, dass er sich auf dem Profossamte sehen liess. Im Vorubergehen an der Stadt London fragte er, ob nicht ein Reisender mit Mohren und Affen eben angekommen ware? Er fragte grade deshalb dort, weil er sich sagte, die Menschen waren ja alle inconsequent und fuhrten in jeder folgenden Minute grade Das aus, was sie sich in der vorhergegangenen widerrathen hatten. Um so mehr war er uberrascht, dass in der Stadt London Niemand etwas von einem solchen Fremden wusste, in der Stadt Rom ihm aber unter Lachen und Verwundern wirklich gesagt werden konnte, der angekommene vornehme Sonderling hiesse ganz einfach: Baron Otto von Dystra, kurlandischer Gutsbesitzer.

Doch einmal Einer, der Consequenz hat! sagte sich Hackert erstaunt und verwunschte die dumme neugierige Stadtjugend, die an dem Portal der Stadt Rom sich anhaufte, um die Affen, die Papageyen, die Windspiele und die beiden Mohren zu sehen, die schon unter der Kellnerschaft hin und her liefen und von der Lebendigkeit ihres Herrn selbst Trepp auf Trepp ab eskamotirt schienen.

Aber Koketterie konnte Hackert dem neuen Ankommling doch anhangen. Er will Aufsehen machen, der Hanswurst! sagte er sich und behielt als unverbesserlicher Misanthrop Recht. Mit schlottrigem Gang, einen Gassenhauer pfeifend, wandte er sich dann dem Profosshause zu.

Drittes Capitel

Ein Rundblick

Vierzehn Tage etwa lebte Hackert in dieser dammernden Stimmung so fort, ohne ein besonderes Ereigniss. Die grosse Politik, die bewegt genug war, kummerte ihn nicht. Die kleinen Auftrage, die ihm Pax ertheilte, fuhrte er mit der ihm eignen lassigen Gedankenlosigkeit aus oder hatte seine Freude daran, andrer Leute Plane zu durchkreuzen, mit seiner Menschenverachtung andern Unternehmungen in die Zugel zu fallen. Pax schenkte ihm, da er unendlich anschlagiger und scharfsinniger wie Schmelzing war, alles Vertrauen und veranlasste ihn auch, da er zufallig nach aussen hin einen Auftrag zu besorgen hatte, sich ofters auf der Polizei und in den Gerichtshausern sehen zu lassen, als ihm sonst lieb war.

Eines Abends geschah es, dass Hackert auch die Ankunft jenes von zwei Landjagern und zwei Polizeidienern geleiteten Murray auf dem Profossamte beobachten konnte. Er erinnerte sich, den Namen auf seiner Liste zu haben. Der Untersuchungsrichter Muller, derselbe, fur den einst Hackert den Prinzen Egon gehalten hatte, als er in der Blouse neben ihm und Dankmar im sommerlichen Walde schritt, empfing den gebuckten alten Mann mit der schwarzen Binde im vertraulichsten Tone, den Murray durch Nicken erwiderte. Es ist so gebrauchlich in den Kriminalgefangnissen, dass sich eine schadenfrohe Cordialitat zwischen Inquisiten und Richter festsetzt, wo weder der Hohn fur die Gerechtigkeit wurdig, noch die Vertraulichkeit fur die Besserung herzlich wirken kann, sondern jener nur erbittert, diese im Schlimmen bestarkt.

Bald wiedergesehen! Angenehme Reise gemacht! God dam! In No.4 Mullrich! Mylord Murray werden sich bald zurechtfinden.

Mullrich und Kummerlein schauten nicht wenig stolz um sich und wussten Wunderdinge von ihrer heldenmuthigen Fahrt zu erzahlen. Sie bedauerten nur, dass Pax nicht anwesend war und ihnen sogleich die Diaten anwies, die sie redlich verdient hatten.

Muller nahm das Protokoll uber die Ereignisse in Hohenberg und dem Forsthause auf und bemerkte:

So sind wir doch nicht vergebens veranlasst worden, ein Auge auf diesen versteckten, zweideutigen Menschen zu haben.

Hackert horte die Erzahlung der Gerichtsdiener und dachte sich lebhaft in die Gegend hinuber, die er seit dem Sommer so wohl kannte. Er erfuhr den Tod jenes Schmieds, an dessen Werkstatte er zuweilen vorbeigestreift war, ohne seinen Namen zu erfahren, er sah das Forsthaus wieder, dem gegenuber er unter dem Ebereschenbaume im Grase geschlafen hatte. Den Namen Zeck horte er in dieser Verbindung zum ersten Male und war erstaunt, in ihm den Namen wiederzufinden, der auf dem Bartuschen abgenommenen Geburtsscheine stand. Doch mochte er sich nicht mit Fragen dazwischen drangen, sondern hielt sich, da Assessor Muller ihm noch in Paxens Namen einige Auftrage zu geben hatte, in bescheidener Ferne von dem Pulte, wo die Landjager und Gerichtsdiener ihre vorlaufigen Aussagen niederlegten.

Hackert sah zum Fenster hinaus in den dustern Hof des unheimlichen Gebaudes, uber welchen hin man den ruhig ergebenen Murray in No. 4 abgefuhrt hatte. Er sah in ihm schon einen Verbrecher, einen Morder vielleicht und trommelte leise an die bekritzelten Scheiben, an denen schon Mancher gedankenlos wie er gestanden haben mochte und sich in Glas zu verewigen gedachte.

Die Diener der Gerechtigkeit hatten soeben ihre Aussagen beendet, als man auf dem Vorsaal dieser geraumigen Halle lautes Sprechen vernahm. Die Thur wurde aufgerissen und ein junger Mann sturzte mit dem Rufe herein:

Wo ist er? Haben Sie ihn schon abgefuhrt? Ich beschwore Sie ...

Aha! riefen die Gerichtsdiener. Da, Herr Assessor! Das ist der Herr, von dem Sie aufgeschrieben haben ...

Was wunschen Sie, Herr Louis Armand? fragte der Assessor Muller den Eingetretenen ruhig und kalt.

Mein Herr, durchbrach dieser mit etwas fremdartigem Accent jede weitre Bedenklichkeit, Sie haben soeben den Englander Murray eingebracht als einen ehrlosen Verbrecher ...

Einer Todtung uberwiesen, deren Zeuge Sie waren! sagte Muller.

Sie sehen mich hier, mein Herr, fuhr Louis Armand in leidenschaftlicher Erregung fort, Sie sehen mich hier, die lautre Wahrheit uber diesen Vorfall niederzulegen und nichts vom wahren Sachverhalte zu verschweigen. Ich bitte Sie, kann ich Murray nicht sehen?

Sie erleichtern uns, bemerkte lachelnd der Assessor, durch Ihre personliche Gegenwart die Untersuchung eines sonderbaren Falles. Haben Sie die Gute, uns Ihre Adresse zu nennen! Sie sollen zu rechter Zeit vorgefordert werden. Murray jetzt zu sehen ist nicht moglich.

Ich beschwore Sie, sagte Louis voll schmerzlicher Theilnahme, leiten Sie die Untersuchung schnell ein! Jede Minute, die ein Unschuldiger schmachtet, muss einem gerechten Richter zur Pein werden.

Sie wohnen vielleicht noch Wallstrasse No.13? sagte Muller ruhig und schlau. Sie werden Ihre Citation rechtzeitig empfangen!

Als Louis Armand, erstaunt uber die Kenntniss seiner Wohnung, schon gehen wollte, wandte er sich noch einmal und wagte die Frage:

Sagen Sie mir nur, mein Herr, wenn ich es erfahren darf, wie ist es moglich gewesen, dass dieser harmlose, brave Murray von verkleideten Agenten der offentlichen Sicherheit verfolgt, in einer allerdings schrecklich geendeten Privatangelegenheit uberrascht werden konnte?

Herr Armand, sagte der Untersuchungsrichter, ich bin eigentlich nicht befugt, Ihnen auf diese Frage eine Antwort zu geben. Allein, wenn Sie das Resultat bedenken, eine von diesen Agenten gestorte Mordscene, so werden Sie wohl einsehen, wie begrundet die Spurkraft war, die den Oberkommissair Pax bestimmte, gerade dieser Fahrte zu folgen und eine verdachtige Personlichkeit, die Sie, mein Herr, getauscht zu haben scheint, grundlichst zu beobachten.

Louis Armand uberlegte diese Antwort mit nachdenklichem Ernst und entfernte sich langsam, tiefaufseufzend uber die unlaugbare Kraft der empfangenen Widerlegung.

Als er hinaus war, sagte der Assessor ziemlich laut:

Wenn man ihn nicht des Premierministers wegen schonen musste ...

Die Polizeidiener und Gensd'armen entfernten sich. Muller schloss sein Bureau und ertheilte Hackerten, der fern am Fenster mit abgewandtem und nur etwas seitwarts lugendem Antlitz die Scene beobachtet hatte, noch einige Auftrage. Dann liess er auch ihn hinaustreten und schloss den Saal.

Louis Armand, sagte sich Hackert, als er allein war, ist auch Einer von den Rittern vom Geiste, die vielleicht schon auf dem Wege sind, irgend eine grosse weltverbessernde Thorheit zu begehen! Wer weiss, ob dieser Alte mit der schwarzen Binde mit dem geheim gesponnenen Menschenbegluckungsplane nicht auch zusammenhangt und mein Versuch, gutmuthig zu sein, als ich sie nicht entdeckte, an ihrer eignen Dummheit scheitert.

Und so kitzelte ihn jetzt wirklich die Lust, doch irgendwo an geeigneter Stelle seine neuliche Entdekkung uber eine geheime Verschworung auszusprechen, dass es des ganzen Gegengewichtes der Betheiligung der Gebruder Wildungen bedurfte, um ihn von diesem Vorhaben abzubringen. Er war in seiner schlimmsten Stimmung. Er hatte heute Mittag Melanie neben Paulinen von Harder zu Wagen gesehen, vornehm und stolz auf der Promenade an ihm voruberfahrend. Der jungstgefallene Schnee war zwar auf dem Steinpflaster geschmolzen, aber in den Baumen war er fest geblieben. Gegen dieses frische Weiss der Baume hob sich Melanie wie die Burgschaft des ewigen Fruhlings. Dass sie ihn sehen, sich abwenden, verachtlich nach einer andern Richtung blicken konnte, erregte ihn so, dass es einen Tag bedurfte, um ihn wieder in das Gleichgewicht seines gewohnten ruhigen Phlegmas zu versetzen. Statt nun irgendwie dem Vorfall im Profossamte weiter nachzugrubeln oder an den Geburtsschein zu denken, wo der Name Zeck mit dem im Verhor ausgesprochenen gleichlautend war, ging er mismuthig wie fast jeden Abend nach der Anlage vor's Thor, wo Pauline von Harder auch fur den Winter wohnte. Da nur das Portal zu sehen, da nur den Lichtschimmer zu beobachten, hinter dem Melanie sich bewegte, war ihm wenigstens eine Zerstreuung und zu Abenteuern reizende Unterhaltung.

Heute kamen ihm in jener Gegend die beiden kleinen Eisolds mit ihren Zeitungen in den Weg ...

Das Jahrhundert! Extrablatt! Das Jahrhundert! schrieen sie.

Hackert trat hinzu und kaufte das Extrablatt.

Machst gute Geschafte, Line? fragte er.

Guten Abend, Herr Hackert! sagten die Kinder und gaben ihm ein von Regen und Schnee nasses Exemplar.

Habt ja da noch einen ganzen Bettel! Wieviel Nummern sind das?

Dreissig Stuck.

Das Stuck einen Groschen? sagte Hackert. Da habt Ihr Eure ganze Auflage bezahlt. Nehmt!

Er gab den staunenden Kindern einen Papierthaler.

Ei, sagten sie, so kommen wir noch zum Punsch nach Hause.

Zum Punsch? Wetter, wird bei Euch Punsch getrunken?

Louise macht Punsch Karl kommt nach Sieben aus der Fabrik ... Gehen Sie mit in die Brandgasse, Herr Hackert?

Wie kommt Ihr denn zu Punsch? Hat Danebrand Geld vom Meere bekommen?

Nein, sagte Linchen, die viel rascher antwortete als der altere Wilhelm, der noch immer den Papierthaler staunend betrachtete, Danebrand soll's nicht wissen, aber es gibt Kuchen zu Punsch ... Der fremde Herr brachte Citronen und Zucker und Rum schon gestern gestern wollte Louise nicht

Der fremde Herr? sagte Hackert erstaunt und mit dem bittersten Ausdruck. Ein fremder Herr? Citronen und Zucker und Rum? Und Danebrand darf's nicht wissen ... Ha! Ha!

Die Kinder erschraken uber dies grelle Lachen. Line wurde roth, weil sie Etwas, was ihr nicht im Mindesten spottisch schien, unrecht berichtet zu haben glaubte.

Was du nur so dumm bist, fiel Wilhelm ernsthafter ein. Danebrand's Geburtstag ist ja heute und er soll's nicht vorher wissen ...

So, so! Und der fremde Herr?

Er war erst zweimal da. Karl weiss, wie er heisst.

Und Louise hoffentlich auch, meinte Hackert ...

Gewiss, sagte Wilhelm. Der Herr will uns Alle mitnehmen ...

Mitnehmen? Alle?

Linchen lachte.

Warum lachst du denn, Line?

Der Herr will die Louise heirathen! sagte Linchen fast verschmitzt und nicht ohne Eitelkeit.

Die Louise? Punsch? Naturlich und zu Danebrand's Geburtstag? Da, guter Danebrand, trink! Stoss an! Hat er Geld, der Fremde?

Eine ganze Borse voll.

Ha! Ha! lachte Hackert. Man denkt, die Menschen sterben mit Denen, die wir kannten, aus, und immer neue kommen. Kinder, betrinkt Euch nicht im Punsch, damit Euch nicht zu bald die Augen zufallen! Thut's dem armen Danebrand zu Liebe! Schlaft nicht zu fruh. Wer wohnt denn jetzt in meiner Stube?

Keiner, aber die Stube wird doch bezahlt

Doch bezahlt?

Und die andre auch ...

Von wem denn?

Von dem alten Mann, der verreist ist. Er hat ein boses Auge Herr Murray!

Murray?

Der will nicht die Louise heirathen der Andre, er hat einen rothen Bart.

Einen rothen Bart! Aber sagtet Ihr nicht Murray?

Der Alte mit der schwarzen Binde heisst Murray. Kommen Sie auch, Herr Hackert? fragte Linchen und fasste Hackert's Hand.

Kind! Schmieg' dich nicht so an die Paletots, auch wenn's friert! Grusse Louisen und sag' ihr, der Alte mit der schwarzen Binde ... nein, sag' ihr nichts. Wenn er die Miethe bezahlt hat ... Hat er sie bezahlt?

Auf ein Vierteljahr im Voraus.

So hat die Bescheerung Zeit bis Weihnachten. Ihr schwimmt obenauf! Macht, dass Ihr nach Hause kommt! Die Pfannenkuchen werden kalt und sagt dem Danebrand nicht etwa, dass er ein Esel ist. Das wurde sich nicht schicken, wenn's auch wahr ware. Gute Nacht, Kinder! Sagt Louisen: Nicht zu viel Citrone an den Punsch! Hort Ihr, Citrone macht Kopfschmerzen!

Die Kinder gaben Hackerten die Hand, dankten noch fur die rasche Beendigung ihres Abendgeschaftes und liefen im Regen und Schnee unter den blendenden Gaslaternen hurtig uber die nassen Pflastersteine nach einer festlichen Aussicht, wie ihnen eine solche mit wahrer Paradieseswonne wohl noch nie geboten war.

Punsch!

Wie sie laufen in's Teufels-Elend! rief Hackert hinter ihnen her und schleuderte zornig das Packet Zeitungen in den ersten besten Strassenwinkel. Louise Eisold, die ihm bisher wie das Bild der reinsten Tugend erschienen war, Louise Eisold, die ihm immer gewesen war wie einem vorubergehenden Zweifler eine offene Kirche, Louise Eisold, wo er immer gedacht hatte, die Kirche steht ja da, sie ist ja gleich in der Nahe, wenn die Erleuchtung uber dich kommt, sieh im Vorubergehen blinzelnd hinein und warte die Zeit ab, wo du dich fur wurdig haltst, ihre Schwelle zu betreten! ... Und nun ... Punsch und ein Mann mit rothem Bart! Hackert hatte oft, wenn ihm zu wehmuthig, zu einsam und verlassen zu Muthe war, auf dem Sprunge gestanden, sich zu Louisen zu fluchten. Im Neu- und Vollmond fast immer. Kam der unheimliche Damon und siedelte sich in seinen Nerven an und trieb ihn, Nachts aufzustehen ohne Bewusstsein, ohne Huter als Gottes Huld, so riefen tausend innere Stimmen in ihm nach jenem Madchen, das so viel warme, liebevolle Freundschaft ihm gewidmet hatte und das er floh, weil sie ihm zu tugendhaft und zu wenig schon war. Und nun ... Ha! Die Gourmandise der Kleinen schien ihm schon die kitzelnde Satanspfote zu sein, die sich auch nach Brandgasse No. 9, dritter Hof zwei Treppen hoch, ausgestreckt hatte. Das schleckert, das kichert! sagte er sich. Diesem Rindvieh, dem Danebrand, drehen sie eine Nase und der Rothbartige nimmt gleich das ganze Nest aus und zieht sich auch die flugge junge Brut fur die Zukunft auf! ... Und nun schmetterte eine Trompete von einem Tanzsalon heruber. Geputzte Madchen, lockre Bursche schlupften uber den Koth. Hackert folgte und durchraste die Nacht bis zum Morgen.

Als er hohlaugig, gliedermatt nach Hause wankte, schlug es funf Uhr. Er warf sich auf sein Lager, schlief bis gegen elf Uhr, ungestort von der lebhaften Frequenz in Herrn Zipfels "Atelier". Erst nach elf Uhr pochte Frau Zipfel den Nachtschwarmer aus dem Schlafe.

Herr Hackert! Herr Hackert! rief's durch's Schlusselloch.

Zum Henker, lassen Sie mich schlafen!

Es ist zu wichtig! Stehen Sie auf!

Hackert entschloss sich, nach langem Bitten aufzustehen; er schlorrte an die Thur, um sie zu offnen.

Wie staunte er, als er einen feingallonirten Bedienten mit reichen Achselschnuren und Wappenknopfen vor sich sah, der ihm ein Billet uberreichte mit den Worten:

Von Madame Ludmer.

Madame Ludmer! Wer ist Madame Ludmer? Sie irren sich!

Herr Privatschreiber Hackert? bemerkte der Bediente, in dem wir den Bedienten Ernst der Frau Geheimrathin von Harder erkennen.

Mein Name Das! Ob ich Privatschreiber bin, muss ich den Wohnungsanzeiger befragen.

Mit diesen Worten nahm Hackert und erbrach das an ihn gerichtete Billet, in dem er folgende Zeilen fand:

"Mein sehr geehrter Herr, der Herr Oberkommissair Pax haben fur die Zeit seiner langern Abwesenheit von hier die Frau Geheimrathin von Harder versichert, dass Sie sein ganzes Vertrauen besitzen und sich jedem Ihnen gegebenen Auftrage so unterziehen wurden, als wenn sie ihn selbst gegeben. Haben Sie die Gute, zum Behuf einer kleinen Kommission sich heute Abend etwa um sieben Uhr im Hause der Frau Geheimrathin von Harder einzufinden und nach der Unterzeichneten zu fragen, die sich ein Vergnugen daraus machen wird, Ihnen das Nahere in dieser Angelegenheit auseinanderzusetzen. Ihre ergebenste Charlotte Ludmer."

Die Alte hatte diesen Brief sicher nicht ohne Hulfe der Verfasserin von Amarantha und Nadasdi geschrieben ...

Befremdet nickte Hackert, dass er kommen wurde.

Der Bediente ging und weidete sich an dem Wohlgefallen, mit dem Frau Zipfel seine reiche Livree bewunderte.

Hackert, den die Aussicht, mit Menschen zusammenzukommen, die in so naher Beziehung zu Melanien standen, in grosse Spannung versetzte, zog sich fast bewusstlos, wuthend jetzt uber die verlorene Nacht, an. Wie hatte er jetzt frisch, lebendig, geweckt sein mogen! Die Aussicht fur den Abend elektrisirte ihn. Er nahm sich vor, schwarzen Kaffee so stark zu trinken, wie er ihm bei Schlurck gemacht wurde, wenn er des Nachts aufbleiben und bei wichtigen Revisionen bis in den fruhen Morgen arbeiten sollte ...

Das Billet der Madame Ludmer fuhrt uns in die lange nicht betretene Salonsphare zuruck ... Pauline von Harder erlebte bereits seit langer als vier Wochen das Gluck, nach dem sie so lange wie nach einer schon zu entschwindenden drohenden Hoffnung geschmachtet hatte. Ihre Cirkel, glanzender denn je, waren fast jeden Abend wieder geoffnet und der Mittelpunkt der tonangebenden, nun sogar die Welt bewegenden Gesellschaft. Sie war nicht in die "kleinen Cirkel" gedrungen, aber die "kleinen Cirkel" mussten sich vor ihr beugen. Ha, sie hatte die Achse der Welt am Drehgriff! Sie hatte eine Zeitschrift begrundet, die man das deutsche Journal des Debats nannte. Sie hatte sich die ganze hohere geistige Agitation zur Verfugung gestellt und beherrschte die offentliche Meinung um so nachdrucklicher, als sich der in bewunderungswurdigem Fluge emporgestiegene junge Adler, Furst Egon von Hohenberg, auffallend genug nur bei ihr ausruhte, nur bei ihr die Schwingen senkte, nur bei der Feindin seiner Mutter Frieden und Erholung von seinen kuhnen Flugen zu finden schien.

Man wollte das Geheimniss dieser sonderbaren "Allianz" oder dieses warmen Nestchens, wie Pauline sagte, in mancherlei Dingen finden, konnte aber nichts mit volliger Gewissheit als Beweis seiner Behauptungen anfuhren. Die Einen sagten: Es ware die alte Erfahrung von der Anziehungskraft der Gegensatze, wahrend Andre ganz einfach das einflussreiche Organ der Geheimrathin, "Das Jahrhundert", als den Wegweiser bezeichneten, der den jungen Numa zu dieser schon bejahrten Egeria fuhrte. Man spurte in der Amarantha und dem Nadasdi, den beiden von Frau von Harder herausgegebenen Romanen, ob sich in ihnen politische Blicke fanden und gerade weil sich deren keine entdecken liessen, stieg der Glaube an die politische Sehergabe dieser jedenfalls bedeutenden Frau um so hoher. Eine noch menschlichere und jedenfalls physiologischere Auffassung der "Allianz" zwischen Pauline und Egon lag darin, dass man an Paulinen eine grosse Uneigennutzigkeit in Betreff ihrer weiblichen Umgebungen ruhmte. Sie war immer von den schonsten Erscheinungen der Madchen- und Frauenwelt umringt. Man fand darin einen gewissen Zug von Hochherzigkeit; denn nichts ist in dieser Sphare seltner als die Neigung, sich zur Folie fremder Anmuth zu machen. Allgemein erklarte man einen Bruch zwischen Frau von Trompetta und der Geheimrathin daher, dass jene nicht so sehr an den geanderten politischen Ansichten ihrer Freundin Anstoss nahm war sie doch vollends seit dem vom Hofe nicht angekauften Gethsemane in die Opposition gegangen und wirkte mit Trotz fur die deutsche Flotte sondern aus der der kleinen runden, gar nicht anspruchslosen Frau fatalen Zumuthung, sich mit einer Menge junger hubscher Madchen und Frauen in einem und demselben Salon bewegen zu sollen. Von Pauline von Harder war bekannt, dass sie nur noch eine elegante, phantastische Toilette liebte, mit Heinrichson, dem nach Verkauf seiner Leda nach Rom verschollenen Maler, gleichsam die Grenzlinie ihrer Herzenswallfahrt bezeichnete und jetzt nur noch den Gedanken, den Systemen, den Begebenheiten lebte. Sie gefiel sich, das entdeckten sogar die Spotter schon, in der Vorstellung einer geheimen Rathgeberin eines der merkwurdigsten jungen Genies, das plotzlich an dem politischen Horizonte aufblitzte. Nur daruber stritt man: Sucht Egon wirklich ihren Verstand oder ihre Intrigue oder sucht er nur die schonen Frauen, die Paulinen umgeben, diese schalkhafte kleine Grafin von Wachendorf mit den hochgezogenen schwarzen Augenbrauen, die wie zwei musikalische Fermatenzeichen aussahen, diese schlanke Baronin von Spitz, die mit einem englischen Profil eine franzosische Lebhaftigkeit verband und eine Offenheit des Blickes besass, die jeden noch so gefassten Weltmann bei ihrer ersten Frage aus dem Gleichgewicht bringen konnte, oder fesselte ihn die einer altdeutschen Madonna ahnliche Frau von Landskrona, die nicht viel Geist besitzen sollte, aber mit ihrem etwas rothlichblonden Haare und ihrer blendendweissen Haut und der fast zu starkgeformten Brust den Reiz einer Rubens'schen Schonheit darstellte? Auch Fraulein von Flottwitz war Paulinen, seit so schroffe Oppositionsmanner wie Major von Werdeck, nicht mehr bei ihr angetroffen wurden, treu geblieben und konnte fur Die, welche mehr dem Aschenblond zugethan sind, noch anmuthig wirken. Alle uberstrahlte aber die reizende Melanie Schlurck, zwar eine Burgerliche, aber eine Ausnahme von der Regel, die sich von selbst verstand. Hier entschied die kunstlerische Hand der Natur. Hier entschieden Witz und Laune. Die Lucken, die hier der fehlende Adel liess, konnten nicht bemerkt werden; denn Melanie raumte sie selber nicht ein. Sie war stolz wie eine Grafin. Nie kam ihr bei, vor den schwarzen Augenbrauenfermaten der Grafin von Wachendorf, nie vor dem englischen Profil der Baronin Spitz, vor dem altdeutschen Madonnenblick der Frau von Landskrona zu erschrecken; was sollte sie gar erst vor Titeln und Namen zittern? Wenn sie durch die Flugelthur rauschte, wehte es einher, wie wenn eine Konigin kam und man musste es Paulinen zum Ruhme nachsagen, sie stutzte, sie hob diesen Eindruck, sie liess Melanie nie ohne Umgebung, sie wusste ihren Schutzling zu placiren. Sie war gegen Alle nur tolerant, gegen Melanie zuvorkommend. Ihr Kuss auf die kleine Stirn des Madchens, ein sanfter Strich auf ihr glanzendes Haar gab ihr die Weihe, doch in diesen Raumen die Erste zu sein. Und Das, was Pauline etwa unterlassen hatte, erganzte Egon, der Furst, der Premierminister, der grosse Staatsmann, der zwar niemals lange in diesen Gesellschaften blieb, wenn sie allgemein waren, bald verschwand man sagte, ohne sich indessen aus dem Hause zu entfernen dieser und jener Schonheit artig war, aber nur uber Melanie hin jene traumerisch sinnenden Blicke entsandte, in denen so viel verschwiegene Huldigung, so viel verborgene Traulichkeit schlummert. Er sprach mit der schonen Baronin von Spitz oft lebhafter, mit der verschamten Frau von Landskrona oft langer als mit Melanie. Aber jedes scharfe Auge errieth, dass er nicht nothig hatte, sich an Melanie erst im Salon anzuschmiegen. Er sah sie viel ofter in dem kleinern Kreise der Geheimrathin, und ohne Zweifel viel vertraulicher.

Wie sich die uns bereits bekannten grossen politischen Wagnisse des Prinzen Egon von Hohenberg in diesem Hause seiner Freundin ausnahmen, wie sie hier widerhallten, kann man sich vorstellen. Das war ein Larmen, ein Fahren, ein Treppauf, Treppab, ein Thurenschlagen, ein Klingeln, ein Geschwirr ... Es ging jetzt so lebhaft in der Villa her, dass man den Entschluss des Geheimraths, seine eigne nicht minder unruhig gewordene Existenz ganz in das in der innern Stadt gelegene alte Wohnhaus der Marschalks zu verpflanzen, billigen musste. Herr von Harder war der Intendant des koniglichen Hoftheaters geworden. Se. Excellenz hatten sich dadurch einem ganz neuen Studium zu widmen, bei dem sie moglichst wunschen mussten ungestort zu sein. Er, der die Einsamkeit der koniglichen Garten bisher geliebt hatte und nur begleitet vom Inspektor Mangold zuweilen hier und dort die Schlosskastellane und Hofgartner uberraschte, auch er war jetzt in den Strom der lebendigsten und rauschendsten Thatigkeit geworfen. Dichter, Kunstler, das Publikum nahmen ihn in Anspruch. Und was musst' er studiren, lesen, prufen, denken! Und auch fur Paulinen ware dieser an sich unter andern Verhaltnissen ihr ganz angenehme, aber jetzt storende, gemeine Verkehr von Nachfragenden, Bittenden, Widersetzlichen und was sonst zur Buhnenpraxis gehort, unertraglich gewesen. Jetzt liess sie ihren Gemahl gern in die Stadt ziehen, wo er ungestort, wie er sagte, "Dichterstucke" lesen und junge Schauspielerinnen und Sangerinnen "prufen" konnte.

Befreit von der Nahe eines beschrankten und zuweilen eigensinnigen Mannes, erfasst von dem Wirbelwinde der Begebenheiten, denen sie sich nicht ohne Grund einbilden konnte, eine Form mit aufdrucken zu helfen, hatte Pauline von Harder jetzt alle Ursache gehabt, sich nach ihren Bedurfnissen glucklich zu fuhlen, wenn nicht immer noch ihr Herz, das sich nicht ganz zur Ruhe geben wollte, peinliche Erfahrungen gemacht hatte. Dieser Heinrichson, wie undankbar, wie treulos! Sie verlangte so wenig von dem bei allen Weltdamen beliebten, witzigen, in der Kunstwelt geachteten Manne! Er sollte ihr nichts als eine Art von beflissener Aufmerksamkeit widmen! Er konnte neben ihr vielleicht eine Grisette lieben; ein Verhaltniss wie mit jener Auguste Ludmer war ihr im hochsten Grade gleichgultig; allein sich einer Dame aus der grossen Welt geopfert sehen, wie ihr das mit der "an ihrem Busen genahrten" wie sie es nannte, treulosen Helene d'Azimont geschah, Das erschutterte sie tief. Von dem Tage an, wo Heinrichson, uneingedenk der vielen Freundlichkeiten, die sie ihm gewidmet, ihrer Protektion, der Beforderung seiner Gemalde, ja der kritischen Abhandlungen, die sie ihm fur einige Kunstblatter schrieb, sie zu vernachlassigen schien und immer und immer nur bei Helene d'Azimont angetroffen wurde, die ihrerseits in ihrer Liebe zu Egon ihr nicht mehr wahr und uberzeugend erschien, sondern nur noch die Stimmungen der verletzten Eitelkeit, die Verzweiflung uber den Bruch fur Liebe auszugeben schien: seitdem hatte sie mit Anstrengung ihrem Herzen Schweigen gebieten mussen und im Vollgenuss der ubrigen Freuden, die ihr, wie sie sagte, "das Schicksal schenkte", im Vollgenuss der ausstromenden Wirksamkeit, des weltbewegenden Einflusses, den sie uben konnte, sich entschlossen, fur den Freund, den der sonderbarste Zufall ihr schenkte, fur Egon nun auch nur rein mutterlich zu empfinden. Der Kampf war gewaltig genug! Als Heinrichson seine Leda verkauft hatte und ihr eines Tages sagte: Pauline, ich verlasse Sie! und sie die Frage, ob er nach Italien ginge, mit Ja! beantwortet hatte, fuhren noch tausend spitze Messer, wie sie spaterhin der Ludmer erzahlte, in das Herz der "funfzigjahrigen", aller Zartlichkeit langst entruckten Frau. Gehen Sie, hatte sie gesagt, gehen Sie, Heinrichson, nehmen Sie mit dem Reste vorlieb, den Egon stehen liess! Widersprechen Sie nicht! Sie folgen Helene! Ich kenne Das. Ich kenne diese Verzweiflung einer Frau, die erst Mitleid, dann Trost, dann Rache will! Helene wird Egon noch oft zeigen, dass man sie nicht ungestraft verlasst und dass man um ihretwillen noch Alles vergessen kann, auch Ihnen, Heinrichson, wird sie es zeigen! Auch Ihr Roman wird mit dieser Liebes- und Gefuhlsschwelgerin einst voruber sein! Huten Sie sich nur, Ihr Auge auf das schone Kind zu werfen, das im verblendeten Wahne mit Helenen ihrer Mutter entflohen ist! Sie finden nicht sobald eine Pauline wieder, die nur weint, wenn ihr Geliebter treulos scheidet! Sie konnten einmal doch noch bei irgend einer verrathenen Frau jenen Dolch finden, den alle Ihre Bonmots nicht pariren! ... Noch mehr aber, als diese fluchtigeren Schmerzen druckte die Geheimrathin die seit einiger Zeit sonderbarerweise Alles schwarzsehende Laune der Charlotte Ludmer. Sie, die sonst immer zur Heiterkeit stachelte, keine Gefahr anerkannte, jedes Wagniss ebnete, sie sah jetzt Gespenster und erschreckte ihre langjahrige Freundin mit Visionen. Gespenster und Visionen waren die Worte der Geheimrathin. Die Ludmer sprach von Wirklichkeiten und schilderte die Aussicht noch manches heraufsteigenden Verdrusses mit einer Umstandlichkeit, dass ihr Pauline einmal sagte: Ich weiss es, Charlotte, du magst nicht leiden, dass ich wieder an die Offentlichkeit appellirte! Du warst die hartnackigste Gegnerin meiner kurzen, schriftstellerischen Laufbahn! Du hast Freude empfunden uber jede Bitterkeit, die ich auf ihr erfahren musste! Du gonntest mir die Demuthigungen der Kritik, als Nadasdi erschien und hast erreicht, dass ich mehr deinen Wunschen, als diesen Impertinenzen nachgab und die Feder niederlegte. Gegen den Ankauf des "Jahrhunderts" hast du alle erdenklichen Grunde vorgebracht und kannst noch jetzt z.B. diesen Stromer nicht sehen, weil du glaubst, ein allerdings im Leben unbeholfener, komischer, eitler, unerzogener Mann, den aber, wenn er schreibt, Alle bewundern, hatte mich zu diesem Ankaufe veranlasst. Die Beziehung zu Egon, so uberraschend und unerwartet, misbilligst du, auch meine Theilnahme fur Melanie, die mich erheitert und fur die ich fuhle, wie fur eine Tochter ja, Charlotte, je alter ich werde, desto schonre Keime entdeck' ich in meinem Herzen. Lass sie mich doch pflegen! Mit den Jahren sollen ja aus uns Engel wachsen, sagte Stromer neulich. Glaube doch nicht, dass meine gesellschaftliche Stellung darunter leidet, dass ich mich an den grossen Fragen der Zeit betheilige! Weisst du wohl, Charlotte, dass du immer aristokratischer warst als ich und mir hundertmal die Etikette vorhieltest, wo meine verschmachtende Seele nur nach Freiheit rief?

Die Ludmer hatte bei dieser Erorterung zur Antwort gegriesgramelt und "gebrummkatert". Sie war offenbar tiefverstimmt, die gute Frau. Sie sah zuviel neue Menschen im Hause. Diese weltbewegenden Abende griffen sie an. Die Entfernung des Geheimraths, mit dem sie gern plauderte wie mit Ihresgleichen, that ihr zu leid. Der gute Geheimrath! Die besten muntersten Bedienten des Hauses nahm er mit sich in die Stadt. Sie hatte weit lieber gehabt, die Geheimrathin hatte sich an der "Komodie" betheiligt und ware, wie manche Intendantin, die Regentin des Hoftheaters geworden. Da hatte sie doch fur ihre alten Tage eine Zerstreuung, eine Erholung gehabt. Sie lachte gern, sie sah gern tanzen, liebte lustige, rauschende Musik und wer weiss, ob sie nicht fur die okonomischen Ersparnisse der Verwaltung neue Gesichtspunkte uber Sammt- und Seidenstoffe, Brennholz und Beleuchtung hatte aufstellen konnen. Alle diese Neigungen theilte nun die grosse Semiramis, Pauline nicht. Die wollte die Welt umformen! Die wollte mit dem Hebel ihres Einflusses die Erde aus dem Gleichgewichte bringen! Die Verachter des Nadasdi sollten sagen: Welch' ein Weib! Die Oberhofmeisterin von Altenwyl, diese "Cerberus" der "kleinen Cirkel" sollte eingestehen, dass in Pauline von Harder eine grosse, wenn nicht "immense", doch endlos "extensive Seele" verborgen lage und der Hof selbst sollte fuhlen, dass er nichts ware, wenn nicht ein Verstand wie der ihrige fur sein Wohl dachte und wachte. Sie war zu tief gekrankt, zu oft zuruckgesetzt, zu sehr in ihrem innersten Sein von jener romantischsentimentalen Richtung, in der die Konigin lebte, verletzt worden, dass sie ihr jetzt nicht hatte zeigen mogen, was denn doch noch in einer solchen "verlornen Seele" wie die ihrige, lebe, gluhe und wirke. Pauline las mit Gier alles Jungste und Neueste; den Kosmos, die Zeitbrochuren, die Schriften uber Physiologie, Phrenologie, Alles was nur auf-ogie endete, die Schriften uber Volkswohl, Gewerbe, sogar uber Freihandel. In solchem Bildungsdrange waren ihr die Klagen der Ludmer lastig. Sie bat sie, ihre Nerven zu schonen. Sie uberliess ihr zu thun und zu lassen was sie wolle. Sie berief sich auf das Bild, welches die Memoiren der Furstin Amanda an ihren Sohn enthalten hatte, um zu beweisen, dass sie wohl wisse, wann es Zeit zum Handeln ware; fur jetzt verfolge Charlotte nur Schatten und gefalle sich in Traumereien.

So war Pauline von Harder gestimmt an jenem Tage, fur dessen Abend die Ludmer Fritz Hackert zu sich berufen hatte. Sie hatte wieder Entdeckungen gemacht, uber die sie um jeden Preis erst mit ihrer Gebieterin Rucksprache nehmen wollte; aber diese horche Dem, was sie erzahlte, nur halb zu; denn sie glaubte Egon's Wagen zu horen. Er war es auch. Es war die Livree des jungen Fursten, die sie mit ihm gemeinschaftlich verbessert, neu gemodelt, neu gezeichnet hatte. Aber der Wagen fuhr ja an ihrem Hause voruber und hielt ... druben bei der noch immer in Buchsenschussweite von ihr entfernt wohnenden Furstin Wasamskoi? ... Sie erschrak daruber nicht. Ist Das der Besuch, sagte sie, den Egon schon langst bei der grillenhaften Frau macht, die sich seit der Flucht ihrer Tochter und der Ankunft ihres abenteuerlichen Schwiegersohnes vor Niemanden mehr sehen lasst? In der That kehrte auch Egon's Wagen sogleich zuruck. Die Furstin Wasamskoi hatte ihn nicht angenommen oder war nicht zu Hause oder war bei Tische, wie sie eigentlich selbst. Es waren eigenthumliche Diners, die Pauline seit einiger Zeit veranstaltete. Sie bestanden aus einer kleinen gedeckten Tafel mit zwei Couverts in ihrem gelben ostensiblen Boudoir. Ein Nebentisch diente zum Anrichten. Eine grosse weissbrennende, geschliffene Krystalllampe stand auf der kleinen gedeckten Tafel, deren Glaser, damastne Decken, Porzellanteller und silberne Bestecks einen traulichen Anblick boten. Die im weissen Porzellanofen prasselnde Flamme, die Decken im Zimmer, die gleichmassig schlagende Stutzuhr, alles Das erhohte die Stimmung und um nichts zu vergessen, was den Beiden, die hier zu essen pflegten, den Genuss werthmachen konnte, erwahnen wir noch den im Eiskuhler schon frierenden Champagner ... So fast taglich, so auch heute ... Die Ludmer entfernte sich und erhielt den Auftrag, dass sie die am Abend erwartete Gesellschaft in den grossen Salen empfangen sollte. Schritte hallten. Der ohne Anmeldung eintretende Furst Egon kusste Paulinen die Hand und warf sich ohne Weiteres sogleich auf die weichen gelbseidenen Kissen des Sophas. Er benahm sich als war' er zu Hause und Pauline war glucklich, den Allgefeierten bei sich zu haben, ihn hegen, ihn pflegen zu konnen wie seine Mutter.

Viertes Capitel

Der neue Lykurg

Sie waren bei der Furstin Wasamskoi, Egon? begann Pauline und lauschte behutsam auf die Stimmung ihres geliebten jungen Freundes, der in schwarzem Frack und weisser Halsbinde zwar erschopft, fast leidend, aber mit der ihm eignen Wurde und Haltung an seiner gewohnten Stelle sass und sich langsam die Handschuhe auszog.

Ich hielt es fur meine Pflicht, einmal wenigstens meine Karte abzugeben, sagte er mit fast tonloser Stimme, heiser, angegriffen. Rudhard ist so aufmerksam gegen mich, besucht mich, wenn er nur eine Minute erubrigen kann

Sind Das aber auch immer die Minuten, die grade Sie frei haben? Belastigt Sie der Mann nicht?

Die Geheimrathin strich mit der Hand des Fursten Stirn. Sie erschrak uber seine Abspannung.

Ich hore Rudhard gern. Es gibt mir Muth, meinen weiland Lehrer, den ich so hochachte, mit mir in Ubereinstimmung zu wissen.

Die Geheimrathin wagte, um den Fursten zu zerstreuen, an personliche Angelegenheiten zu erinnern, ob Olga geschrieben hatte, ob Helene wirklich in Italien ware, ob Heinrichson sich ihnen schon angeschlossen hatte ... Rudhard sprache daruber nicht, sagte Egon und erwahnte Dystra, der Aufsehen mache durch seine Sonderbarkeiten. Es ware ein sittlicher Polytheist, ein Ideen-Gourmand, wie er sie nicht leiden konne diese Allesschmecker und Nichtsverdauer. Baren, Affen und Hunde sind, wie ich hore, ihm lieber als die Menschen. Er sollte die Bekanntschaft Ihres Schwiegerpapas suchen, den die Menschen in seiner juristischen Praxis so anwiderten, dass er zuletzt weniger daran verzweifelte, Hunde und Katzen auszusohnen, als die Leidenschaften unsrer Race.

Kommen Sie zu Tisch, Egon! sagte die Geheimrathin, erschreckend uber die tonlose, fast krachzende, trockne Stimme des Staatsmannes, der heute viel geredet zu haben schien. Sie sind ermudet! Starken Sie sich an meinen kleinen Mahlzeiten, die Sie noch diesen Winter liebgewinnen sollen. Wenn Sie erschopft sind von der Politik, Egon, wenn das Ceremoniell des Hofes, ja Ihres eignen Hauses Ihnen selbst die Freuden der Tafel verleidet, so kommen Sie zu mir! Pauline servirt ihrem Freunde eine kleine, verschwiegene, stille, trauliche Existenz! Die Ludmer ist eine Kunstlerin in der Sphare Vatel's: Harder's einz'ge Region, in der man sich auf einige Kenntnisse von ihm verlassen kann, ist sein Keller ... kommen Sie, Egon!

Die Bedienten brachten Austern, Caviar, gerostete Brotschnitte ...

Als sie gingen, sagte Egon lachelnd und sich am Tische, wo er Paulinen gegenuber Platz genommen, mit lassen Handen selbst bedienend:

Mais a deux? Wer versprach denn ?

Ich schrieb Melanie und lud sie ein, sagte Pauline, ohne im Mindesten die Mienen zu einem Lacheln oder einem Spotte zu verziehen, sondern wie im Drange des aufrichtigsten Bedauerns, dass ihr die Losung einer sehr ernsten Aufgabe nicht gelungen; ich schrieb Melanie und lud sie ein. Sie wird erst den Abend kommen. Zu diesem Diner nicht, die Grunde soll ich mundlich horen.

Ohne sprode zu sein, weiss sie doch gut zu rechnen, sagte Egon lachelnd. Sie furchtet die Vertraulichkeit eines solchen kleinen Mahles a la Regence.

Die Bedienten hinderten eine weitre Erorterung dieses Themas. Sie schenkten Madeira ein und boten dem sonderbaren, sich hier gegenuber sitzenden Paare davon in zierlichen kleinen geschliffenen Glasern.

Nachdem kam eine fast uberkraftige Suppe und uberhaupt ein so ausgesuchtes, gewahltes Diner, dass wir die einzelnen Gange ebenso wie die Unterbrechungen durch die Diener mit Stillschweigen ubergehen konnen. Das Gesprach, das sich in den Zwischenpausen frei ergehen konnte, kam etwa auf folgende Ausserungen hinaus:

Ich habe daruber nachgedacht, sagte Egon mit traumerischem Sinnen, worin ich eigentlich den Zauber dieses reizenden Madchens finden soll. Der Glanz ihrer Schonheit scheint dauerhaft, er wird nicht zu bald erblinden. Aber selbst eine ewige Schonheit ware in dem Falle etwas Vorubergehendes, wenn die Schonheit nur ihrer Schonheit allein bewusst ware. Ich finde Das so liebenswurdig an Melanie, dass sie sich mit einer Leichtigkeit gibt, als ware sie nur lachend, nur grazios, nur munter. Sie macht kein steifes Wesen von ihrer Schonheit. Zuletzt ein gewisser gutmuthiger Zug, eine gewisse ...

Nennen Sie's nur grade zu, sagte Pauline, wie es ist. Melanie gefallt Ihnen deshalb so sehr, Egon, weil sie bequem ist.

Bequem? Ja, theure Pauline, fast glaub' ich, dass Sie das rechte Wort sagen. Wenn man so wie ich Jahre lang die Liebe behandelt hat wie die erste Aufgabe unsres Lebens, wenn man Frauen gefunden hat, die, indem sie Liebe gewahrten, unsern ganzen Menschen dafur in Anspruch nahmen und verbrauchten, so lernt man ein Wesen schatzen, das keine Gefuhlswuhlerin ist, keine Gedankengrublerin, keine heimliche, versteckte, sondern eine offne, gutmuthig ihre Schwachen eingestehende Kokette. Ich weiss wahrlich, das Kapital, das am Ende ein Weib zu vergeben hat, ist sehr klein und allen Frauen liegt daran, dass sich die Sage von der unendlichen Grosse ihrer Schatze erhalt. Man lobt und preist die Dichter, die Frauenliebe als etwas Unendliches und einem im tiefsten Grunde des Meeres zu suchenden Schatze nur Vergleichbares darstellen. Lieber Himmel, Das ist eine Verabredung unter diesen Phantasten! Die Angelegenheit, um die es sich zwischen Mannern und Frauen handelt, ist eine so ausserordentlich einfache und ich gestehe Ihnen, ich bewundere und schatze grade die Naturlichkeit, die diese Wahrheit eingesteht.

Pauline lachelte und betrachtete sich jetzt erst genauer ihr Tete-a-Tete. Egon war seit vierzehn Tagen Staatsminister, dirigirender Chef des Landes; er hatte die Kammern entlassen und grosse energische Grundsatze ausgesprochen. Er sass nun da so einfach vor ihr, derselbe Mann, der alle Gedanken in Anspruch nahm, alle Leidenschaften beschaftigte. Er ass an ihrem kleinen Tisch, erholte sich bei ihr von seiner auch ausserlich schon sichtbaren Erschopfung! Wie fuhlte sie Das nach! Wie machte sie diese Erholung glucklich! Egon war hoch, schlank, wie immer, seine Gesichtszuge edel und fein, seine Haltung furstlich, seine Kleidung zwar noch durch keinen Stern geziert, aber doch wie die eines Hofmannes. Wie blass aber die Mienen des Antlitzes! Wie hoch die Stirn, der oben und zu beiden Seiten Morgens die Haare in Buscheln entfielen! Wie zuckten die Lippen so spottisch! Wie krampfhaft gereizt waren seine Bewegungen, wenn er nach einer Schussel griff! Wie bitter der Humor, wenn er den kleinen Schnurrbart mit der Serviette reinigend und ein Glas Eremitage an die Lippen bringend, sagte:

Ah, Pauline! Dieser susse Genuss, doch wenigstens etwas zu wissen, was fest steht und gewiss bleibt! Dieser feurige Burgunder ist die einzige feste Thatsache, die ich seit lange unter den Handen gehabt habe. Was hab' ich Schwankendes gesehen und was gleitet mir nicht alle Tage flussig und unhaltbar durch die Finger! Diese vierzehn Tage, wie reich an Hoffnungen, wie gesegnet an Tauschungen! Sehen Sie, auch Das ist an Melanie schon. Man weiss, was man an ihr besitzt. Sie ist eitel und gesteht es. Sie will gefallen und sagt es. Sie verrath uns, dass sie sich mir nur unter grossen Bedingungen ergeben konne. Auch diese Offenheit lernt man schatzen, wenn man wie ich in der Lage ist, nichts, nichts mehr muhelos aufzufinden! O Gott, Pauline, wie oft mocht' ich schon in diesen vierzehn Tagen mit dem Kopf an die Wand rennen! Nichts ist muhelos, die einfachste Erorterung nicht! Bei Gott, es verstehen mich nur drei oder vier Menschen, der Konig, die Konigin, Sie und Melanie

Waren Sie heute mit dem Hofe zufrieden? Mit dem Monarchen immer, mit seinen Umgebungen niemals. Diese Menschen fragen nach jedem Begriff, was er bedeute, nach jeder Massregel, was sie nutzen oder schaden konne. Dem Monarchen sagt' ich: Ich ehre die Monarchie. Der Furstin: Ich ehre die Sitte nun verstehen mich doch diese Beide, in allen Fragen wissen sie, dass ich ihr Bestes will. Aber die Andern!

Die Sitte? bemerkte Pauline lachelnd und befahl den Bedienten, jetzt schon den Champagner zu offnen. Als eingeschenkt war und die Diener sich entfernt hatten, sagte Egon:

Warum zweifeln Sie an meiner Sittlichkeit?

Pauline schwieg, warf unglaubig die Lippen auf, Egon aber fuhr fort:

Ist Das unsittlich, dass ich hier Ihnen gegenuber mein Mittagsmahl nehme und mich glucklich fuhle, irgendwo einen Ort zu haben, wo ich mich ausruhen darf und wo man mir die Ruhe gonnt?

Pauline reichte ihm fast geruhrt die Hand uber den Tisch ...

Geben Sie mir nicht die Hand, Pauline! sagte Egon, sie sanft zurucklehnend. Ich verdiene es vielleicht nicht um Sie, denn gestern Abend, als in den kleinen Cirkeln von Ihnen die Rede war

Von mir?

Und nicht in den freundlichsten Andeutungen

In der That?

Was erwarteten Sie wol von mir?

Dass Sie mich vertheidigten.

Ich that es, aber mit Waffen, die Sie vielleicht misbilligen.

Nennen Sie sie!

Ich nehme Anstand ...

Ich muss Alles horen, was man in den kleinen Cirkeln von mir gesprochen hat. Also?

Nun denn, Pauline! Ich nannte Sie alt. Ich sagte ferner, Sie hatten das edle Bedurfniss, sich mit dem Sohne einer Mutter, mit der Sie verfeindet waren, auszusohnen und ich schatzte an Ihnen diese Reue und liebte, da ich keine Mutter mehr besasse, Sie als die Stellvertreterin derselben. Nicht wahr, Das war eine sehr liebevolle Impertinenz?

Paulinen zuckten in der That die Nerven. Sie war denn doch von einer so heroischen Aufrichtigkeit zu sehr uberrascht. Sie stand allerdings schon an dem Scheidewege, sich eine Matrone zu nennen. Aber hindrangen musste man sie darauf so schroff nicht, so jah und abschussig nicht.

Sind Sie mir bose? fragte Egon.

Die Geheimrathin fasste sich erst allmalig, biss sich die Lippen und sagte dann lachelnd:

Warum sollt' ich? Sie haben Recht, ich bin alt. Im Ubrigen glaub' ich, dass Sie ganz gut thun, den Jargon dieser kleinen Cirkel zu sprechen, wenn Sie doch einmal an ihnen Theil nehmen mussen und Jemanden dort nutzen wollen.

Ich muss, um Doppelpolitik zu hintertreiben.

Dann wunscht' ich aber doch, fuhr Pauline noch etwas gereizt fort, die Grafin Altenwyl kame einmal auf Melanie Schlurck zu sprechen und fruge den tugendhaften jungen Premier, den Abgott aller pietistischen Hofdamen, wie er verantworte, seit dem Tage, wo er eine beruhmte junge Kokette auf dem Wege nach Solitude zu Pferde gesehen, sich sogleich in sie zu verlieben und bei der chere Maman Pauline von Harder, taglich nach einem Rendezvous, nach einem Tete-a-Tete mit ihr zu schmachten?

Die Bedienten brachten eben ein aus den vollendetsten Herbstfruchten bestehendes Dessert. Als sie fort waren, sagte Egon, eine Melone pfeffernd:

Bitt're Wahrheit! Unser Magen verdaut das Susseste nicht, wenn wir es nicht durch die Vernunft unterstutzen. Ich gebe Ihnen das heilige Versprechen, dass ich auch in Betreff Melanie's auf jenem Tugendpfade bleiben werde, den Sie belacheln, Freundin! Der Verhaltnisse, Sie wissen, was das Wort bezeichnet, bin ich uberdrussig. Ich habe mit einer Grisette wie in der Ehe gelebt und habe Lust, Liebe, Leid im reichsten Maasse genossen. Ich hatte dann eine zweite Ehe. Ich bedarf, ich seh' es wohl, der Frauen ...

Pauline drohte ihm schalkhaft; denn Egon that, als ware sie seine dritte Ehe.

In der That, fuhr er fort, wenn ich meinen kleinen Roman mit Melanie fortsetzen sollte, wurd' ich in die Lage kommen konnen, sie zu heirathen

Prinz, welche Thorheit! rief Pauline und sprang auf. Furst Egon von Hohenberg wird Melanie Schlurck, die Tochter eines in seinen Vermogensverhaltnissen, wie es scheint, zerrutteten Advokaten, die ehemalige Verlobte eines Stallmeisters nicht zur Furstin erheben!

Furst von Hohenberg! sagte Egon bitter. Wiederholen Sie dies Wort, seit wir die Denkwurdigkeiten meiner Mutter lasen, noch mit so wurdevollem Nachdruck?

Welche Sorge! entgegnete Pauline mit einem eignen Anflug von triumphirender Uberlegenheit. Sie sind trotz der puritanischen Busse, die sich Ihre Mutter glaubte auferlegen zu mussen, der Sohn des Fursten Waldemar von Hohenberg und werden den Glanz Ihres Namens nicht erloschen lassen

Doch! Doch! Pauline! erwiderte Egon sehr ernst und trube. Wenn ich Minister bleibe und mir Melanie sich als Bedurfniss so erhalt, wie sie es zu meinem Entsetzen schon geworden ist, so werd' ich sie heirathen mussen.

Unglaublich!

Dann gut! Ich will Melanie nicht mehr sehen, nur Sie, Pauline, nur mit Ihnen will ich reden, mit Ihnen debattiren, diniren; aber diese jungen Schonheiten, die Sie um sich versammeln, diese reizenden Gestalten entfernen Sie! Ich kann mich nicht mehr an diese vorubergehenden Irrthumer, an die eitlen Naivetaten, an die sentimentalen Koketterieen preisgeben oder ich wahle ein Weib und Sie haben Recht, ich habe allerdings Ursache, eine aus den hochsten Standen zu suchen.

Man raumte die Tische hinweg. Egon nahm auf dem Sopha Platz und stutzte das Haupt auf.

Sie sind heute wieder einmal ein Grillenfanger, begann Pauline von Harder und fuhr dem jungen Fursten durch die Locken, von denen sie bemerkte, sie wurden ihm immer lichter werden, wenn er so seinem Trubsinn nachgabe und dem Beispiele einer Mutter folge, die ihm ihr selbstqualerisches Temperament vererbt zu haben schiene.

Ach, sagte Egon, welch' ein druckendes Gefuhl bleibt es doch, so an sich selbst nicht mehr glauben zu durfen und sich als ein Andrer zu wissen, als der man von den Menschen genommen wird! Seit ich die Denkwurdigkeiten meiner Mutter las, ist mein Innerstes zerstort. Diese verblendete, von der Leidenschaft der Wahrheit bis zur Grausamkeit hingerissene Frau! Um Busse zu thun, um ihre Reue zu bekennen, um ihren Sohn zur Nachfolge Christi, zur Demuth zu bewegen, muthet sie ihm fur sein ganzes Leben eine Luge zu, einen Betrug gegen sich selbst und die Welt!

Man brachte den Kaffee. Pauline winkte den Bedienten, die an rasches Serviren gewohnt waren, sich zu entfernen.

Lassen Sie diese Erinnerungen! sagte die nachst der Ludmer einzige Mitwisserin des Geheimnisses, dass Egon nicht der Sohn des Feldmarschalls von Hohenberg war. Es gibt nur ein Wesen, das in die Geschichte der Verirrungen Ihrer Mutter eingeweiht ist

Verirrungen! griff Egon traumerisch das Wort auf. Als ich die Denkwurdigkeiten meiner Mutter las, fuhlt' ich, sie kommen, so grausam sie fur mich sind, doch von einer andern Welt als der, wo wir irren. Pauline, ich hatte Sie damals todten konnen, weil Sie sich mit so verschlagner List diesen Besitz aneigneten

Erlaubte Selbsthulfe, Prinz!

Nein, fuhr Egon gesteigerter fort, ich segnete Sie schon nachher selbst in meinem Schmerz. Ich war zu Thranen geruhrt, als Blatt fur Blatt diese Gestandnisse aufflogen und ich in den Grund eines das Unmogliche suchenden, verzweifelnd ringenden Herzens blickte. Ach, als ich heute die Altenwyl in bequemer Behaglichkeit so albern religios sich gebehrden sah, so sicher in ihrem Christenthum, wie eine Predigthorerin im bequemen Kirchenstuhl, als man mir zumuthete, die Erbschaft der Johanniter getrost der Stadt zu uberlassen und den vom vorigen Ministerium begonnenen Prozess zu Gunsten einer pietistisch-jesuitischen Coterie die ich klar durchschaue fallen zu lassen, wie ging mir da beim Anhoren dieses Nebelns und Schwebelns kindisch bornirter Gemuthsgrunde das Bild meiner Mutter auf! Wer ist unter Euch, der mich einer Sunde ziehe, so konnte sie sagen solchen absolut Tugendhaften gegenuber! Sie, die sich, um sich ganz verachtet zu machen, sich ganz zu entkleiden, ganz zu staupen und zu demuthigen, selbst anklagte, sie, die keine gleissnerische Falte in ihrem Leben dulden wollte und in mir dieselbe Demuth, dieselbe Entsagung und Gottergebung durch irgend einen grossen Entschluss wirken wollte! Ich hatte sie gekrankt von Kindesbeinen an ...

Aber, Egon! So entschuldigen Sie diese Mutter? rief Pauline. Sie konnte Jedem ihren Fehltritt, der mich damals namenlos unglucklich machte, beichten, warum Ihnen? Sie hat Ihre Ruhe vergiftet, sie hat Ihnen den Glauben an sich selbst genommen ...

Denken Sie sich in diese Verirrung nicht hinein! unterbrach Egon. Sie verstehen diesen Trieb nach Wahrheit und diese Auffoderung zur Demuth nicht!

Ich finde in der Manie der Wahrheit keine Tugend mehr.

Sie wollte mit keiner Luge aus der Welt gehen! Sie wollte ganz zerknirscht sein, ganz gedemuthigt vor den Menschen und vor mir, dem sie die Grenze des Selbstgefuhls wies! Einmal flammte noch die Angst in ihr auf. Sie schrieb an Rudhard, er sollte ihre Gestandnisse prufen ...

Ihren Namen, den Namen Ihres Vaters schanden!

Nein! Nein! Pauline! Wenn die Todte Das sahe! Ich sitze auf den schwellenden Polstern ihrer Feindin!

Was ist Ihnen, Prinz?

Als ich diese Denkwurdigkeiten, die unter Thranen geschrieben wurden, las, dankte ich dem Zufall, dass sie Rudhard, der Anspruche darauf machte, nicht erst gelesen. Sie allein kennen sie. Sie allein, Pauline, wissen, dass die junge Grafin Hohenberg ihre erste Freiheit von einem brutalen, rohen, sinnlichen, gewohnlichen Gatten, dem beruhmten Krieger, zu einer Badereise benutzt und in dem Jubel einer endlich einmal erlosten Existenz, in dieser Freiheit von vier Wochen so schwach war, den Schmeicheleien eines liebenswurdigen jungen Mannes nachzugeben, den auch eine Kette band, auch ein Schicksal druckte ...

Sie sind so grausam wie Ihre Mutter!

Vergeben Sie, Pauline, ich muss es mir oft vorfuhren, um es von einer Mutter verstehen zu konnen. Ich mochte von Heinrich Rodewald, meinem wahren Vater, eine gute Vorstellung haben. Die Mutter schildert ihn wie einen Gott. Aber die Erinnerung mag verschonert haben. Ist es doch ein Fruhlingshauch, der uber diesen Blattern weht! Welche Seligkeit, wie sie ihre Freiheit in der Landecker Badereise schildert! Die erste Freiheit! Der erste Strahl des erwachenden Selbstbewusstseins! Sonst Nacht, sonst Nebel, Qual taglich, Pflicht stundlich, nur Sklaverei! Und nun dieser erste Lichtstrahl! Und wen verklart er? Einen Rodewald! Sagen Sie, verdiente er dies Entzucken?

Sie sind sein Ebenbild!

Besass er seltnen Geist?

Mehr den Geist der Entwickelung als den der Synthese.

Mehr Denker also als dichterisch. Die Frauen lieben die Analyse. Ach, ich sehe Das! Pauline von Ried ist krank, elend, sie badet, um zu genesen. Ihr Freund und Verehrer begleitet indessen stundlich Paulinen's Jugendfreundin, findet Gefallen an der reizenden jungen Frau, die in Wonne schwelgt uber einen Kieselstein aus dem Bache, uber eine Blume, einen Kafer. Sie denkt, das Alles ware der Zauber einer Badereise; da musse man einsaugen fur das ganze Leben, jeden Grashalm geniessen, jedes Vogelchen bewundern, aus allen Schnuren und Bandern die trunkene Seele erlosen. Und dieser junge Schwarmer sagt ihr, dass er von Pauline von Ried sich trennen musse, um zu leben, sie quale ihn, sie morde ihn ...

Ha! Wie verwandt sind Sie ihm! Ja, ja, Das ist die Sprache eines Don Juan, der kein andres Mittel, Amanda von Hohenberg zu bethoren, wusste, als Das, mich herabzusetzen!

Egon lachelte und sprach fast in sich hinein: Heinrich Rodewald ist wie ich. Er konnte also das Gluck nicht ertragen! Ha, ha, Euer Gluck! Das Gluck, Euch und Eure Liebe zu besitzen. Und Amanda, die glaubt, die liebt zum ersten Male, die jubelt, einen Mann gefunden zu haben, der ihr eine edlere Vorstellung von unserm Geschlechte einflosst als jener rohe, mit Orden behangene Landsknecht! Sie beschliessen eine Trennung von dem damaligen Grafen von Hohenberg. Rodewald, ein Gelehrter, schien ihr der reinsten Gegenliebe wurdig. Sie scheidet von dem Badeorte, voll edelster Vorsatze

Falsch, heimtuckisch gegen ihre Freundin

Aber wahr gegen meinen Vater und wahr gegen den Grafen, ihren Gatten. Amanda kommt nach Hohenberg -eben im Begriff, dem General ihre ganze Schuld einzugestehen, den Beistand eines Rechtsfreundes zu einer legitimen Trennung anzurufen, das Band, das sie an Rodewald knupfte, kirchlich einsegnen zu lassen ... fallt dem zerrutteten Finanzwesen des grossen Kriegers jene halbe Million der osterreichischen ausgestorbenen Linie unsres Hauses zu! Sie stockt nun. Nicht aus Gefallen am Glanze fur sich, sondern aus Erwagung, Rucksicht, aus Liebe zu dem Kinde, das sie unter'm Herzen tragt. Verlorne Stunden bei guten Vorsatzen sind verlorne Tage, verlorne Tage da verlorne Jahre. Mistrauen gegen Rodewald ergreift sie. Sie sieht ihn wieder. Wieder fasst sie neues Vertrauen. Wieder will sie sich dem General entdecken, wieder von ihm die Einwilligung zu einer Trennung begehren, will wieder wahr sein, tugendhaft, wenigstens bereuend, da erhebt der Monarch seinen Liebling in den Furstenstand. Furst Waldemar von Hohenberg! Das Kind, das sie unter'm Herzen tragt, nun ein Furst: reich und ein Furst! Ein Kampf der Rucksichten! Gegensatz auf Gegensatz! Die Mutterliebe streitet mit der Liebe zu Rodewald, die Furcht, die Besorgniss ubermannen sie. Die Entschliessung verzogert sich. Der Augenblick des Gestandnisses wird verschoben, verschoben die Moglichkeit einer Ehrenrettung vor der Welt und endlich ganz versaumt. Die Furstin Amanda, damals noch weltlich, noch flatternd wie ein Schmetterling, denkt an die Zukunft ihres Kindes, traumt, dass es eine glanzende, gluckliche sein konnte, und auch Rodewald ... nicht wahr, er ist an seine Kette zuruckgekehrt?

Nein, Sie Grausamer! unterbrach Pauline den vor sich hinstarrenden und diese Gestandnisse nur kurz so ausstossenden Egon. Nein, zuruckgekehrt an ein Sterbebett! Ich war dem Tode nahe ... Ich erfuhr von Rodewald's Untreue, aber ich glaubte nicht. Ich wollte nicht glauben. Noch jetzt, Egon, wenn nicht Heinrich's Auge, seine Stirn, sein Gang, sein eigenstes Wesen sich in Ihnen abspiegelte ...

In der That? bemerkte Egon seufzend und richtete das Haupt zu Paulinen auf, indem er sagte:

Wie bin ich doch gefangen, Pauline! Der stolze, ehrgeizige, weltsturmende, weltschirmende Egon hat eine Meisterin uber sich, die ihm, wie Sie einmal sagten, die Holle werden konnte!

Sie sind der Sohn Ihres Vaters!

Bastard von Hohenberg! Wie mich Das schuttelte! Wie mich Das eingeengt hat! Wie bin ich sogleich stolzer, eitler geworden, als in meiner Natur liegen durfte. Ich hatte sogleich einen stillen Mahner in mir, den ich nicht anders betauben konnte als durch Luxus und adlige Anmassung. Die Wahrheit der Legitimitat, die in der Form, im Zugestandnisse liegt, hab' ich erst jetzt verstanden, jetzt erst gewurdigt. Ja, die Thatsachen entscheiden, nicht die Untersuchungen. Von dem Tage an, wo ich erfahren musste, dass ich nicht des Fursten echter Sohn bin, hab' ich den Fursten, meinen scheinbaren Vater, angefangen beinahe hochzuehren, beinahe liebzugewinnen, bin den Spuren seiner rohen Bildung fast mit Interesse gefolgt: Ich war Furst mit Leib und Seele, des Fursten echter Sohn im Geiste. Wie rathselhaft ist doch Alles im menschlichen Gemuth!

Wenn diese Gestandnisse Ihrer Mutter, sagte Pauline, bewirkt haben, dass Sie Ihres Standes und Berufes eingedenk wurden, unpassende Freunde und Genossen aus Ihrem Umgange entfernten, Ihre Stellung behaupteten, so haben Sie mehr erreicht, als Amanda beabsichtigte

Ich bin reif in ein Kloster zu gehen oder den Propheten zu spielen und die Welt in Flammen zu setzen um meines Glaubens willen ...

Geben Sie mir die Hand, Egon! Seien Sie besonnen! Was verdank' ich Ihnen nicht? Sie erquicken mein verschmachtendes Gemuth, Sie stillen noch einmal den Durst eines verzweifelnden Gefuhles der Nichtbefriedigung! Wie leb' ich mit Ihnen! Wie folg' ich Ihrer grossen, bewunderungswurdigen Bahn! Wie sonn' ich mich in Ihrem Glanze! Diese Leidenschaften, die mich sonst daruber unglucklich gemacht haben wurden, dass ich in Ihnen die Zuge Heinrich Rodewald's wiederfand, schlummern nun ... Wie konnen Sie von einer Holle reden!

Egon schwieg, blickte nieder und sagte zuletzt traumend:

Wo mag mein Vater jetzt weilen? Lebt er wol noch? Wer ist das junge Madchen gewesen, das Sie, Pauline von Ried, ihm selber gaben, um zu verhindern, dass er zur verhassten Amanda zuruckkehrte? ...

Wie treu Ihr Gedachtniss ist, Egon! Sie mussen diese Blatter oft lesen!

Ja, Pauline, sagte Egon geruhrt, ich lese sie oft, sie sind ein Gedicht. Sie sind die Bekenntnisse einer wirklich schonen Seele. Ein junges, unerzogenes Madchen, dumpf hinlebend, verheirathet, weil sie schon war, ohne Vermogen, ohne viel Bildung, ohne viel Lebensanspruche, nun gequalt und die Qual ihres Looses fur das allgemeine Frauenloos nehmend ... Da endlich jene Reise nach Landeck! Die Stelle, wo die Mutter mir schreibt, dass sie von Heinrich Rodewald zum ersten Male auf den Schlag der Nachtigall ware aufmerksam gemacht worden, les' ich taglich; denn ich kann sie auswendig. "Philomele scheidet nun, sagte Heinrich und auch wir werden uns trennen! Unbekanntes Land, das uns die Sangerin des Haines birgt, bis sie wiederkehrt! Ach, wir kennen unsre Heimat, wir kennen das Land unsres Winters, aber wir werden uns nicht wiedersehen." Pauline, diese Denkwurdigkeiten ... ich lese sie oft; sie starken, sie erheben mich. Ich begreife jetzt, warum sich meine Mutter zuletzt in die Fluten einer ungewohnlichen Andacht warf. Sie wollte nicht blos die Sunde, sie wollte auch das nur einmal bluhende Lebensgluck vergessen. Sie wollte vergessen, wie die Erde so schon ist! Und gestehen Sie, waren Sie nicht erstaunt, dass ich nicht beschamt sage, als Sie auch nicht ein Wort der Anklage, nicht eines des vernichtenden Vorwurfes fur Sie in jenen Papieren entdeckten?

Pauline schwieg finster; denn fremde Gute druckt ... Uber die Losung des Knotens, fuhr Egon fort, fand ich nichts als die Worte: "Pauline erkrankte aufs Neue. In dem Glauben, sie wurde ihrem Ubel erliegen, in der Voraussetzung, mein Geliebtester wurde schonungsvoll und edel meine Schwache verzeihen und sich zu mir, der Treulosen, die dem Reichthum und Glanz ihres Kindes zu Liebe ihren Schwur brach und Alle, Alle betrog, in Vergebung zuruckkehren, gewann sie eine junge, liebenswurdige, kindliche Anverwandte und bestimmte sie zu Rodewald's kunftiger Gattin. Ich habe nichts mehr von Beiden, die sich wirklich verheiratheten und diese Lander verliessen, gehort, nichts mehr horen mogen, ich wandte mich bald, da ich an dem Fursten den gehofften Halt verlor, zu dem einzigen Hort des Lebens, dem Troster aller Leiden, unserm Herrn und Heiland, der mir Gnade widerfahren liess, aber auch stundlich zuruft: Demuth und Kreuz auf Erden ist allein Erhohung zum Himmel!"

Pauline runzelte die dustren Augenbrauen. Dies ernste Gesprach kam ihr zu unerwartet. Es weckte zuviel der schmerzlichsten Erinnerungen aus vergangnen Tagen. Sie wollte der Gegenwart leben, den Augenblick geniessen. Sie hasste alle Ruck- und alle Vorblicke, sie floh die Reflexion und behauptete, Egon hatte eine verdriessliche Erfahrung gehabt und ware nicht aufrichtig gegen sie.

Sie haben ein Rencontre mit dem Herrn Voland gehabt, sagte sie. Ich weiss es, dass Sie ihn ungern in den "kleinen Cirkeln" sehen und ihm nicht verzeihen konnen, dass er das von Ihnen ihm dargebotene Portefeuille ausschlug. Die Beamten intriguiren? Die Provinzialprafekten? Nicht?

Egon schwieg. Er wollte nicht antworten. Er weilte in den Erinnerungen seiner Mutter. Man brachte ihm hierher Briefe, Zeitungen. Er sah sie noch nicht an. Pauline kannte seine ernste Natur und musste ihn schonen, um ihn nicht zu erzurnen. Sie las in den Blattern. Dann und wann liess sie eine Bemerkung fallen, eine Notiz laut werden. Egon antwortete einsylbig. Erst als Pauline leise ging, aus einem Kastchen an ihrem Schreibtisch eine Cigarre mit Grazie hervorzog, sie uber dem Cylinder der Lampe behutsam anzundete und mit wirklicher Anmuth sie dem Traumenden entgegenhielt, lachelte er, stand auf, nahm die dargebotene Licenz, sich es hier so bequem wie in seinem Hause zu machen, entgegen und wurde mit der ersten Wolke, die er hinausblies in das erwarmte, behagliche stille Gemach von dem Drucke, der auf seinem Herzen lastete, befreit.

Was bringen die Blatter? sagte er. Was fragten Sie mich vorhin uber General Voland? Oder von Rochus vom Westen, dem Gesandten? Oder dem Prasidenten von Flottwitz? Sprachen Sie nicht?

Er war zur Gegenwart zuruckgekehrt.

Funftes Capitel

Die Hintertreppen

Die Geheimrathin fragte zuvorderst, wie der beruhmte General sich zu ihm stelle.

Egon antwortete:

Ich weiss jetzt, warum General Voland von der Hahnenfeder sich scheute, in mein Ministerium einzutreten. Ich habe Entdeckungen gemacht, die mich bestimmen werden, den Hof vor diesem unklaren Charakter zu warnen. Entsinnen Sie sich jenes Professors Rafflard, der sich an Helenen so geflissentlich anschloss?

Die Geheimrathin bemerkte, dass sie von Helenen selbst erfahren hatte, dieser Rafflard ware ein Jesuit.

Helene, sagte Egon, war leichtglaubig, ein Spielball jeder Schmeichelei. Sie hatte von Rafflard Beweise seiner Intriguen genugsam in Paris erfahren. Sie wusste, dass ich alle Ursache zu haben glaubte, mich von ihm gehasst zu wissen. Dennoch nahm sie ihn auf. Und warum? Weil er ihr sagte, sie hatte die zartesten Hande und das weichste Herz. Helene ist das Opfer dieser Unfahigkeit, irgend einem freundlichen Worte zu widerstehen. Ich finde Das unter allen Umstanden liebenswurdig, aber nicht unter jedem Umstande charakterfest.

Rafflard soll in Verzweiflung uber Helenen's Abreise sein, bemerkte Pauline. Der gute d'Azimont schrieb mir, dass seine Mutter dem Jesuiten den Auftrag gegeben hatte, zu Gunsten seines Vermogens, das der Mutter und durch sie anderweitigen frommen Stiftungen anheimfallen solle, eine Scheidung zwischen ihm und Helenen zu veranlassen.

Deshalb dieser Eifer, mich mit Helenen zu versohnen! Deshalb diese Leidenschaft, die mich zu einer Ehe zwingen wollte! Ich werde Helenen nie vergessen. Wo mir etwas Sanftes, Zartliches, Weiches, Hingebendes Bedurfniss ist, werd' ich an Helene d'Azimont denken. Aber sie hatte den Fehler aller Frauen, fur Liebe einen ganzen Menschen zu verlangen und nur da praktischen Charakter zu zeigen, wo man ihr nicht huldigte.

Egon gerieth immer in Feuer, wenn er gegen Helenen sprechen und weibliche Schwachen analysiren konnte ...

Sie sind blasirt, Egon, sagte die Geheimrathin lachelnd. Und seit ich weiss, dass Ihnen Rafflard so fruh den Casanova zu lesen gab ...

Pauline hatte ein Bedurfniss, diese peinliche Unterhaltung heitrer zu modeln. Sie verschmahte dazu selbst ein frivoles Mittel nicht. Und Egon sagte:

Rafflard legte den Grund meiner ersten Leiden. Er pflanzte fruh in die Seele des Knaben verbotene Vorstellungen und lehrte mich Ekel und Uberdruss an den Freuden, die Andre beglucken. Diesem Schandlichen jetzt sagen zu durfen: Sie verlassen dies Land binnen dreimalvierundzwanzig Stunden, gewahrt mir eine grosse Genugthuung!

In der That? Wollen Sie Das?

Er kann Helenen folgen nach Turin, Rom, Paris, wohin er will. Ich habe die sprechendsten Beweise, unwiderlegliche Anzeigen, dass er hier im Interesse der Hierarchie zu wirken suchte und Sie wurden erstaunt sein, wenn Sie wussten, wer ihm Vertrauen geschenkt hat.

Rafflard bewegte sich zuletzt in den hochsten Cirkeln ...

Es fehlte wenig, dass er in die "kleinen" kam und eine Vorlesung uber isolirte Gefangnisse hielt.

Diese wunderliche Hofromantik kommt noch einst in die Lage, Heilige anzubeten, auf deren Reversseite sich Lovelace prasentirt. Wie komisch ist doch dies Jagen nach dem Aparten, Exclusiven! Glauben Sie aber, dass General Voland

Ich glaube nicht, dass dieser kluge Mann irgendwie sich an untergeordnete Emissaire preisgibt, aber ich weiss, dass das Terrain fur den Jesuitismus bei haltlosen, in allen Widerspruchen der Zeit hin- und herschwankenden Naturen gar nicht so ungunstig ist. Selbst aus dem Schoosse der Freimaurerei, die sonst eine geschworne Feindin Loyola's ist, hat sich wieder ein papstliches Autoritatswesen entwickelt, ganz wie im vorigen Jahrhundert ...

Jetzt versteh' ich den Artikel, den Stromer vorgestern im "Jahrhundert" lieferte.

Er verfasste ihn nach meinen Angaben und ich beobachtete die Wirkung desselben in den "kleinen Cirkeln".

O erzahlen Sie!

Als ich eintrat, fuhlte ich an einer gewissen Stille in dem kleinen traulichen Zimmer, dass ich selbst eben der Gegenstand des Gespraches gewesen war. General Voland steckte eben eine Zeitung ein, die er ohne Zweifel vorgelesen und glossirt hatte. Prinz Ottokar, ein Gegner des Generals, stand auf und sagte mit lautem Nachdruck, indem er mir die Hand reichte: Prinz Hohenberg, Sie haben Recht, dass Sie unklare Schleicher abfertigen lassen! Als er gegangen war, sprach ich mich auf's Entschiedenste gegen die geheimen Gesellschaften aus ...

Zitterte da die Altenwyl nicht fur unsern geliebten Reubund?

Wohl! Man kam wieder mit all dem romantischen Geflimmer, dem ich nun- und nimmermehr das Wort reden werde. Dies Liebaugeln mit dem Mittelalter hat den modernen Staat in seiner monarchischkonservativen Form fast zur Unmoglichkeit discreditirt. Ich liess die Altenwyl, die gutgeschulten Kammerherren, einige gottselige Prasidenten, die Hofmagier und Zeichendeuter alle reden, was sie wollten uber diese Nothwendigkeit des Anschlusses gleichgestimmter Gemuther und was sonst fur die Geschichte der Kreuzzuge und des Peter von Amiens Brauchbares vorgebracht wurde, und war zuletzt so frei, den General Voland uber seine Meinung wegen der Jesuiten zu fragen. Die Konigin, etwas gereizt, warf sogleich die Ausserung dazwischen, dass der General katholisch ware. Der Konig in seinem scheuen Zartgefuhl, in seiner Befangenheit vor allen extremen Meinungen brach diese Debatte durch ein Album ab, dessen Blatter er mir vorlegte. Es waren ...

Doch nicht die Zeichnungen des Gethsemane? fragte Pauline.

O nein, sagte Egon lachend. Frau von Trompetta ist ja seit ihrer Sammlung fur die deutsche Flotte so in Ungnade gefallen, dass Frau von Altenwyl sie kurzlich schon eine der gefahrlichsten Hochverratherinnen nannte, die man nur ihrer frommen Verwandten wegen schonen wurde.

Pauline musste uber diese Anschuldigung der Frau von Trompetta in Lachen ausbrechen.

Nein, fuhr Egon fort, jenes Album war eine Siegelund Wappensammlung, die General Voland seit Jahren geordnet hat ...

Man sieht, dass wir im Frieden leben und uns nur zum Schein manchmal auf den Krieg berufen!

Ich mag etwas Ahnliches in meinen Mienen geaussert haben; denn mein Interesse an diesen bunten Malereien war sehr gering. Die Konigin hob viele der in den Wappen enthaltenen Wahlspruche hervor. Besonders gefielen ihr die provenzalischen, die General Arnheim gut ubersetzen konnte. Ich litt, zu sehen, welchen Ideen und Beschaftigungen man bei Hofe in dieser Zeit nachgeht. Man betrachtet Siegel und treibt Wappenkunde! Man lasst sich erzahlen, wie die Alten Glas brannten und wodurch besonders das gluhende Rubin der gemalten Fensterscheiben gewonnen wird! Man sammelt Autographen und liest die Schriften uber "innre Mission", die zu Hamburg in der "Agentur des rauhen Hauses" erscheinen. Der Konig, gegangelt von den Frauen, hat die Liebhaberei des Allwissens und schlagt, da seine eignen grossen Kenntnisse doch immer noch nicht ausreichen, die noch grossern des Generals Voland auf. Ruhig gibt dieser seine Antworten, immer positiv, immer wie sich von selbst verstehend. Wir andern Menschen machen doch zuweilen einen Fehler, wir wissen doch zuweilen auch so gut wie nichts, allein der General ist unerschutterlich. Er ist ein Orakel und die Konigin wurde, wenn er behauptete, er zahle wie Graf St.-Germain bereits hundert Jahre, es unbedingt glauben und diesen Glauben dem Gemahl zu einem Beichtartikel, zu einer unumstosslichen Thatsache machen. Da ich Beweise in Handen habe, dass General Voland mit Rafflard und einem andern Krypto-Jesuiten vertrauten Verkehr getrieben, so zitterte ich vor Ungeduld und hatte diese Wappen, diese Siegel, diese Autographen, diese Miniaturen vom Tische hinunterwerfen mogen, allein ich musste mich beherrschen. Die Rede kam auf die verschiedenen Formen des heiligen Kreuzes. Die Kenntnisse des Generals waren unerschopflich. Er beschrieb zu grosser Ruhrung der Altenwyl die Form des Kreuzes, wie sie von der heiligen Helena aus Jerusalem zuerst uberbracht war. Er verfolgte die Geschichte dieser Formationen mit der Grundlichkeit eines Cuvier, der uber die Erdrinde und ihre Revolutionen spricht. Er nahm einen Bleistift und malte das Kreuz nach allen seinen abend- und morgenlandischen Metamorphosen. Die Kreuzzuge, die Ritterorden, die Klostergeschichte, bei allen brachte er das ecce signum in andrer Form und erlauterte die Symbolik, alle Veranderungen und Ausschmuckungen jener ursprunglichen beiden geschalten Holzstamme, an die ich von Herzen glaube, mit wahrer Salbung und einer Ruhrung fur die Gemeinde, als wenn es sich um die Leidensgeschichte der Menschheit handelte. Ungeduldig beschleunigte ich diese Orgelei und sprach plotzlich von dem protestantischen Johanniterkreuze, das sich in unsern Gegenden fande, nicht aber in dem alten Magistratsgebaude, nicht in den kleinen Zellen des Rathskellers, deren obere Wolbungen noch mit dem alten Kreuze geschmuckt waren, dessen Enden in dem Drei-Kleeblatt ausliefen ...

Pauline fragte erstaunt, was es mit dieser von Egon so scharf hervorgehobenen Anspielung fur eine Bewandniss hatte?

Sie hatten des Generals fragenden, starren Blick sehen sollen, fuhr Egon fort, als ich eine Ortlichkeit erwahnte, an welcher er jungst mit Rafflard Ansichten uber den Weltlauf austauschte, die ich wortlich vor mir liegen habe! Sein Auge hob sich. Die grosse breite Stirn verlor alle mystischen Runzeln. Der dunne sparliche Bart auf der Oberlippe schien mir zu zittern. Welch' ein Gluck fur ihn, dass die Konigin diese Erwahnung des Rathhauses zur Veranlassung nahm, auf den Prozess der Gebruder Wildungen zu kommen und mir Vorwurfe machte, dass ich diesen Prozess vom abgetretenen Ministerium wieder aufgenommen hatte

Pauline schaltete hier die Bemerkung ein:

Aufrichtig, Egon! Man ist allgemein daruber erstaunt. Man weiss, dass Ihnen die Wildungen befreundet sind.

Egon zuckte die Achseln.

Ich habe mir, sagte er, vom Justizrath Schlurck, der die Sache der Stadt fuhrt, die Akten dieses Prozesses kommen lassen und kann mich von den Anspruchen, die Dankmar Wildungen so leidenschaftlich und im unbesonnensten Eifer geltendmachen will, nicht uberzeugen. Noch weniger aber kann ich jetzt, wo ich auch den protestantischen Kirchenpapst, Propst Gelbsattel, durchschaut habe

Pauline erfuhr von Egon unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass Gelbsattel, Voland und Rafflard in einem Austausch eigenthumlicher Ideen von der Polizei belauscht worden waren

Noch weniger, fuhr Egon fort, kann ich jetzt ruhig zusehen, dass diese oppositionellen Elemente ihre Kraft aus dem Eigenthum des Staates selber schopfen. Es thut mir leid, Melanie's Vater zum zweiten Male kranken und verkurzen zu mussen, aber seine Deduktionen fur die Anspruche der Kommune genugen mir nicht. Die zweite Instanz wird von unserm Staatsanwalte mit Eifer betrieben und vor der Revision dieses Prozesses beim Obertribunal ist mir dann, wenn auch diese zweite Instanz zu unsern Gunsten spricht, nicht mehr bange.

Die Bedienten meldeten, dass die Ludmer oben in den Salons bereits empfange und dringend bate, sie abzulosen ...

Pauline wunschte aber das Ende der Verhandlung in den "kleinen Cirkeln" zu horen ...

Egon stand auf und sagte:

Das Ende besteht in der gesteigerten Erkenntniss, dass ich einen ausserordentlich schweren Stand habe. Auf der einen Seite eine tollkuhne Demokratie, auf der andern Seite eine gefahrliche Romantik, die ohne Thatkraft ist. Mit meiner nuchternen Genfer Doktrin zwischen Beiden stehend, bin ich fast wie im Traume in die Lage gekommen, einen grossen Staat von der Gefahr atomistischer Auflosung zu retten. Ich habe keinen andern Bundsgenossen, als die materielle Existenz der Gesellschaft und die gesunde Vernunft der guten Burger. Jeder, der Demagoge, wie der Monarchist, ist angesteckt von Traumereien, die im Staate etwas Andres suchen als die Garantie der Ordnung, der guten Sitten und jener leidvoll-freudvollen Existenz, wie Klarchen in Egmont singt. Ja! Ich bin auch ein solcher Egmont zwischen den Alba's und den Vansen's unsrer Zeit und mein Klarchen will ich jetzt in Ihrem Salon suchen. Kommen Sie, verehrte Freundin, vergeben Sie meine Launen! Eine halbe Stunde unter Ihren Damen und dann zur Arbeit bis nach Mitternacht!

Pauline mochte noch nicht folgen. Bewegung einer Art Ruhrung, des tiefsten Interesses und noch eine Menge Fragen hielten sie zuruck. Sie erwahnte noch einmal die Erbschaft, an der Egon's Freunde betheiligt waren und fragte nach diesen, nach Louis Armand, der von Hohenberg zuruckgekehrt ware, nach den Nachrichten, die er uber Ackermann eingeholt hatte ...

Es sind die gunstigsten, sagte Egon. Ich sprach Louis nur einige Minuten. Er ist fruher gekommen, als ich wunschte. Auch Dankmar Wildungen, mein Doppelganger, ist da, in tiefer Trauer. Er hat seine Mutter verloren. So gern ich ihn schonen wollte, musste ich ihm sagen, dass ich gegen seine Interessen auftreten wurde. Er lachelte mit Bitterkeit. Ich finde diesen Freund gereizt uber meine politische Entwickelung, von Louis nicht zu reden, den ich sogar warnen muss, sich von signalisirten Personlichkeiten fern zu halten. Glauben Sie mir, Pauline, ich bedarf meiner ganzen gesammelten Kraft, um den Rucksichten nach allen Seiten hin nicht zu erliegen. Diese Freunde, die ich liebgewann, weichen in ihren Meinungen von mir ab. Sie verstehen eine Position nicht, die ihre bestimmten Pflichten hat. Mit einer so nachgiebigen Natur wie Siegbert Wildungen wurd' ich mich verstandigen. Mit Dankmar, seinem Bruder, nie. Ich bot ihm eine Stellung in meinem Kabinet. Er hat sie ausgeschlagen und mir aufrichtig, weil ich ihn um Aufrichtigkeit bat, die Misbilligung meines ganzen Systems ausgesprochen. Ich habe ihm nur mit einem Seufzer antworten konnen und ihn vielleicht fur immer entlassen. Louis vollends ist ein Schwarmer. Er muss nach Frankreich zuruck. Die Erinnerungen, die sich an ihn knupfen, hemmen meine Bahn und Gott ist mein Zeuge, ich will etwas Fruchtbringendes, Festes, Grosses, mag ich nun mit meinem Werke stehen oder selber mit seinen Trummern fallen.

Eben hatte Egon diese mit feierlichem Ernst und

mit dem ganzen Nachdruck eines sich selbst vertrauenden starken Willens gesprochenen Worte beendet, als es draussen an der Thur rauschte, raschelte, klopfte.

Herein! rief Pauline, die schon merkte, wer die

"Fledermaus" war ...

Es war Melanie, die muthwillig hereinsprang und

mit einer Neckerei den jungen Fursten begrusste.

Ist es erlaubt, sagte sie, ihre sich bauschenden

Kleider hinterwarts zuruckstreifend, die schone Frau von Spitz so lange warten zu lassen, bis Durchlaucht die Staatsgeschafte in ihren blauen Augen vergessen?

In braunen Augen nur vergess' ich meine Pflichten,

Melanie! erwiderte Egon und wollte die schlanke Hufte umfassen und das schone Madchen an sich ziehen.

Himmel! sagte Melanie. Da fallt ein durchlauchtig

stes Haar auf meine Schulter. Helfen Sie mir es suchen, Geheimrathin! Ich sammle diesen Herbst, um der Grafin Wachendorf einen geheimen Brochenschmuck daraus flechten zu lassen.

Melanie! seufzte Egon. Spotten Sie nicht uber

einen Menschen, der seit drei Wochen taglich nur funf Stunden geschlafen hat!

Aber nicht Opium nimmt! Horen Sie, Prinz! Man erzahlt Das! Um Gotteswillen nicht!

Melanie sprach diese Bitte mit wirklicher Theilnahme und ging auf Egon, dem sie entflohen war, freundlich zu.

Wie bemitleid' ich Sie! sagte sie fast traulich zu ihm.

War' ich so jung und schon, wie Sie! warf Pauline dazwischen und hielt ihre Hand fest, so wurd' ich Mitleiden mit diesen umflorten muden Augenlidern haben und sie kussen.

Ein solches Wort konnte nur moglich sein bei einer schon weitgediehenen Vertraulichkeit.

Wenn Sie die Augen schliessen wollen! sagte Melanie, beruhr' ich sie mit meinen Handschuhen. Ich horte immer, das Handschuhleder der Frauen magnetisirt.

Egon schloss die Augen. Melanie naherte sich leise und hauchte die Lider mit ihrem Athem an. Egon merkte die Nahe des schonen Mundes. Er wollte Melanie im trunknen Taumel haschen, aber sie entfloh ihm. Er ergriff seinen Hut um sie zu verfolgen. So huschten Beide fort und erst auf der Emporstiege nahmen sie einen gemessenen, vernunftigen Schritt ...

Pauline aber machte etwas Toilette. Sie gestand sich, dass sie ein grosses Gluck genoss. Ein junger, liebenswurdiger, von aller Welt bewunderter Mann war ihr seit der Entdeckung, dass er nicht den Fursten Waldemar von Hohenberg, sondern einen Unbekannten, Namens Heinrich Rodewald, zum wahren Vater hatte, zugethan wie ein Sohn, zuweilen wie ein Gefangener. Sie schloss ihn wirklich in ihr Herz, das jener enthusiastischen Einseitigkeit, die man nach Rudhard's Theorie Liebe nennt, im hochsten Grade fahig war. Sie schloss ihn da mit aller Vorliebe um so inniger ein, als sie, wie wir gesehen haben, fast spielend, wie im Scherz durch Egon uber die wichtigsten Ereignisse des Staates in Kenntniss gesetzt wurde und sich endlich in jenem Zusammenhange mit ihrer Epoche fuhlte, den sie so lange vergebens erstrebt hatte. Es war ein hoher triumphirender Stolz, mit dem sie ihre Gemacher verliess, um hinaufzusteigen in ihre wie es schien heute mehr als je gefullten, jetzt gegen fruher sehr veranderten Salons, die wir diesmal nur vom Standpunkte eines nur mittelbar zu ihnen Eingeladenen von der Hintertreppe aus belauschen wollen ...

Ein Theil der Gesellschaft war schon versammelt, als Fritz Hackert, der an ihn ergangenen Aufforderung gemass, sich in dem Hotel der Geheimrathin von Harder einstellte ...

Schon hielten einige Wagen vor der Thur. Er erkannte die Livree des Fursten und einiger andrer vornehmen Besucher, die einstweilen von der Ludmer empfangen wurden ...

Als er eine Hintertreppe emporgestiegen und in einen mit Decken belegten und von Glaskugeln mit milchweissem Lichte erleuchteten Korridor getreten war, gab man ihm den Bescheid, dass er erwartet wurde, sich aber einige Zeit gedulden musse, bis Madame Ludmer zu sprechen ware. Man wies ihn in derselben Etage, wo die Gesellschaft sich versammelte, in ein hinteres Zimmer und stellte ihm ein Wachslicht hin mit dem Ersuchen, sich die Zeit nicht lang werden zu lassen.

Es kommt uberhaupt darauf an, sagte er zu dem Bedienten ziemlich vorwitzig, ob ich Zeit habe.

Der Bediente beobachtete den Anzug des kuhnen Sprechers. Hackert hatte eine gewahltere Toilette gemacht und einmal an sein struppiges Haar, dem er keine Sorgfalt widmen mochte, weil er es der Farbe wegen hasste, sorgsamlichst die Burste gebracht. Der schwarze Frack, den er trug, war etwas eng geworden, die Weste von verschossenem gelben Pique; sie hatte fruher dem Justizrath Schlurck gehort, von dem er uberhaupt, seiner Stellung zu ihm gemass, die abgelegten Kleider trug. Seine Handschuhe waren von weissem, frischgewaschenem Baumwollengespinnst. Da es draussen empfindliche Novemberkalte gab, so fror ihn in seinem leichten Staatsanzuge. Glucklicherweise fand sich ein Ofen. Er setzte sich an die ausstromende Warme desselben, gerade einem Spiegel gegenuber, in dem sich wiederfindend Hackert vor sich her brummte:

Gerade wie ein Junge, der eingesegnet wird und das erste Mal das Abendmahl nimmt! Wenn die Dame, die mich sprechen will, noch hubsch ist, so furcht' ich, halt sie mich meines Hemdkragens wegen fur einen unschuldigen Jungling und wird roth statt meiner. Wenn ich den Hemdkragen aufstellte! So! Jetzt das schwarze Tuch breiter gelegt Ha! Nun hab' ich das Ansehen eines jungen Englanders aus einer Pension! Hackert, Hackert! Du haltst dich fur schon und die Sorgfalt deiner Toilette wird sich rachen!

Es wahrte geraume Zeit, ehe die Stille um ihn her durch irgend etwas Bemerkenswerthes unterbrochen wurde. Er horte zuweilen einen Wagen rollen, zuweilen die Hausthur gehen und Etwas die grosse Treppe, wie er sagte, heraufknackern. Im Ubrigen war es still. Die zuruckgelegte Gardine zeigte den Hof und einen Blick in den kahlen, winterlichen Garten. Er sah Remisen, einen Stall und fand es in der Ordnung, dass in dieser Einsamkeit auch einige gewaltige Hunde klafften.

Bei Alledem, sagte er sich, bin ich begierig, was man von mir will. Ich wette, es ist ein silberner Loffel gestohlen worden und die Herrschaft hier will, dass ich mit Klugheit entdecke, welcher von den Bedienten der Thater ist. Der impertinente Schlingel, der mir hier nichts als ein Wachslicht vorsetzte, ahnt vielleicht sein Schicksal nicht.

In diesem Augenblick horte er nebenan, in einem Zimmer, das gleichfalls nach dem Hofe hinausging und allerdings hintertreppenartig genug aussah, einige Worte, die ungefahr so lauteten:

Wohin, wohin, werthester Herr Justizrath?

Lassen Sie mich, Beste! Ich kenne diese kleine Retraite

Bleiben Sie in dem turkischen Zelt! Spielen Sie, Justizrath?

Danke! Danke! Ich warte hier, bis Se. Durchlaucht kommen. Ein paar Worte mit ihm, dann ist mein Geschaft abgemacht.

Wie Sie wollen, Justizrath! Ich schicke Ihnen den Thee hier herein! Aber, Himmel! Sie sind ein Einsiedler geworden, menschenscheu so zu sagen! Was ist Das nur?

Die Stimme, die diese Worte sprach, gehorte irgend einer alten in ihrem Organe verwahrlosten Frau.

Sie war krachzend und unmelodisch. Hackert kannte sie nicht. Aber Schlurck's Stimme war ihm sogleich gegenwartig. Es erregte ihn nicht wenig, dem Manne wieder nahe zu sein, den er eine so lange, gluckliche Jugendzeit hindurch gewohnt war wie seinen Vater zu betrachten und der ihn erst dann in Uberwallung des Zornes aus dem Hause entfernte, als er sich ihm gegenuber ruhmte, dass eine Jugendliebe nicht ohne Erwiderung geblieben war.

Es wurde Alles still nebenan. In den vordern Zimmern, die zur Allee hinausgingen, merkte man die belebte Gesellschaft, der der Justizrath offenbar entfliehen wollte. Nebenan nur hustete und rausperte sich zuweilen derselbe Mann, der nicht ahnen mochte, dass ihm sein ehemaliger Pflegesohn, der Schreiber Fritz Hackert, so nahe war.

Hackert konnte dem Reize, sich dem Justizrathe bemerkbar zu machen, auf die Lange nicht widerstehen. Er fing gleichfalls an zu husten und trallerte leise. Er glaubte jetzt damit Eindruck machen zu konnen, dass man ihn in ein so vornehmes Haus beschieden hatte und stand, da der Justizrath ganz allein zu sein schien, mehrmals auf dem Sprunge, zu ihm einzutreten. Nur der Gedanke, dass jeden Augenblick nun doch wol die Dame kommen konnte, die ihn zu sprechen verlangt hatte, hinderte ihn an der Ausfuhrung. Endlich als diese sogenannte Madame Ludmer in ihrer Rucksichtslosigkeit auch zu weit ging und immer noch nicht kam und zuletzt gar Kuchen und Wein mit der Bitte schickte, nicht ungeduldig zu werden, fasste er sich ein Herz und entschloss sich, den Justizrath zu uberraschen und war' es auch nur, dass er so thate, als hatte er sich in den Zimmern geirrt und gleich wieder zuruckprallte ... Er offnete die Thur. Ein Lichtstrahl fiel ihm entgegen aus einem bunten Gemache, das ohne Zweifel jenes obengenannte turkische Zelt war. Zwischen seinem Zimmer und jenem geoffneten Zelte lag noch ein einfenstriger Verbindungsraum, unerhellt. Ein Sopha stand hier gegen die Wand so gestellt, dass Hackert den darauf Sitzenden zwar bemerken, aber auch thun konnte, als sah' er ihn nicht, wahrend er selbst halb unbemerkt blieb.

Schlurck blieb ruhig sitzen. Er glaubte, ein Bedienter sahe nach dem turkischen Zelte und liess Hackerten ruhig gewahren, der auf den Zehen nach vorne schlich und dem lauten Gesprach der vorderen Sale folgen zu wollen schien. Ein Seitenblick zeigte ihm Schlurck's Perrucke, seine goldne Brille, seinen blauen Frack mit den gelben Knopfen. Hackert ging so weit vorwarts, dass er schon im turkischen Zelte stand und sich grell genug in der Beleuchtung desselben, von dem kleinen Zimmer aus gesehen, abschnitt. Nun richtete Schlurck doch den Kopf empor, erkannte Hackert und von dem Gedanken ergriffen, der bose Damon wage sich in diese Zimmer, um Melanie zu beunruhigen, sprang er auf, war mit zwei Schritten in dem turkischen Zelte, fasste Hackerten am Arm und riss ihn gewaltsam zuruck.

Gemach, Herr Justizrath! rief Hackert. Was unterstehen Sie sich?

Was soll Das hier? Hackert! Welche Dreistigkeit!

Nun, nun ereifern Sie sich nicht, Herr Justizrath ... stor' ich Sie in Ihren Betrachtungen?

Was soll Das? Wie kommen Sie hieher, Hackert? Entfernen Sie sich! Augenblicklich!

Hackert lachte hohnisch und sagte dem Justizrath, dass ihn hieher eine Einladung beschieden hatte und er nachgrade gestehen musse, dass ihm die Zeit lang wurde.

Da er sich bei dieser Erlauterung zuruckzog und Miene machte, wieder in sein Zimmer zuruckzutreten, polterte der Justizrath, der gegen keinen Menschen in der Welt personlichen Muth hatte, nur gegen Hackert, jetzt aber schon etwas besanftigt war:

Eine Einladung? Von wem?

Von Madame Ludmer!

So! so! Hackert, hier vorn ist Gesellschaft. Warten Sie da, wo man Ihnen Platz angewiesen hat.

Danke fur die Auskunft, Herr Justizrath! Guten Abend, Herr Justizrath!

Damit wollte der Schreiber hohnisch und die weissen Zahne weisend langsam sich zuruckziehen. Still und voll genoss er die Wonne, sich hier gezeigt zu haben. Er zog die Thur nach sich, ohne sie zu schliessen.

Da sie aufblieb und sich der Justizrath wieder ruckwarts an die Wand auf sein Sopha gesetzt hatte, wie Jemand, dem Gesellschaft zum Ekel ist und der nur auf eine Veranlassung wartet, nach irgend einem vollzogenen Geschafte sich zu entfernen, trat eine unheimliche Pause ein. Hackert regte sich nicht. Schlurck stutzte den Kopf auf und durchbohrte mit den Augen seine Brillenglaser.

Das kleine Zimmer war nicht sehr erwarmt. Schlurck musste niesen.

Helf Gott! rief Hackert nebenan von dem Ofen aus, wo er sich warmte.

Schlurck blieb das Danke! schuldig, stand aber nach einer Weile auf und kam in Hackert's Wartezimmer.

Wie geht es Ihnen denn, Hackert? begann er jetzt mit einer Gute, die ihm eigentlich angeboren war, die er aber meist hinter aussrer Kalte und negativen philosophischen Maximen versteckte.

Danke, Herr Justizrath. Sie sehen, ich stehe auf Wartegeld.

Sie sind ja bei der Polizei eingetreten, fuhr Schlurck in kunstlich barschem Tone fort.

Steht Das im Amtsblatt? fragte Hackert.

Ich hab' es von Pax. Der Oberkommissar ist unser bester Polizist. Es macht ihm Ehre, dass er sich fahige Menschen aussucht und jungen anschlagigen Kopfen den Vorzug gibt.

Danke! sagte Hackert mit einer kalten trocknen Malice.

Sie horen nicht gern, Hackert, dass Sie bei der Polizei sind. Es geht Jedem so. Anfangs hat man Gewissensskrupel. Spater treten die Erfolge ein, die sich belohnen und der Wetteifer mit den Kollegen thut das Ubrige. Man gewinnt in solchen Fallen selbst sein Elend lieb.

Gelecktes Blut macht wilder ...

Pax benutzt Sie zu geheimen Auftragen. Auf solchem Wege kann man jetzt Carriere machen, aber stellen Sie Ihre Bedingungen ja immer vor den Coups, die Sie ausfuhren, nie nachher! Horen Sie! Auch muss man Grundsatze haben

Den Grundsatz, keine zu haben.

Das ist Dasselbe, Hackert! Ich prophezeie Ihnen eine glanzende Laufbahn, wenn Sie sich an Pax anschmiegen, nie mehr anerkannt wissen wollen, als was Sie zu seiner Zufriedenheit ausfuhren und uberhaupt sich mit Verstand unterordnen. Bei diesen Menschen, die selbst wieder einem Hoheren dienen, muss man nur nicht verrathen, dass man sie in Handen hat oder dass sie mit Dingen prahlen, die eigentlich den Subalternen gelungen sind. Sie haben sich lange von Bartusch kein Geld geholt. Bekommen Sie einen bestimmten Gehalt, Hackert?

Hackert nickte.

Kann man fragen, wieviel?

Zweihundert Thaler fix und fur's Ubrige Gratificationen.

Prisengelder so zu sagen! fiel Schlurck lachend ein und fuhr dann mit der Behaglichkeit, die er immer fuhlte, wenn er sah, dass es jedem Menschen in der Welt leidlich gut und flott ging, fort:

Hackert, da gratulir' ich! Ihre Anschlagigkeit wird Ihnen den Weg bahnen. Sie haben bei mir etwas gelernt und wenn Sie auch nichts mit auf die Welt bekamen, als ein paar Windeln in dem Korb, mit dem Sie vor's Waisenhaus gestellt wurden, Witz und Raffinement hat Ihnen die gutigere Mutter Natur geschenkt.

Wenigstens hab' ich ihr auch schon manches Lehrgeld dafur zahlen mussen! antwortete Hackert bitter.

Sind Sie immer wohl? Gesund, Hackert?

Hackert schlug bei dieser Ablenkung die Augen nieder.

Kein Ruckfall mehr in das alte Ubel?

Hackert schwieg. Jedem Andern wurde er mit einer Insolenz geantwortet haben. Schlurck's im Grunde weichliches Gemuth aber kannte er und fuhlte die Theilnahme aus der barschen und ausserlich feindseligen strengen Art, mit der der Justizrath ihn examinirte, hinlanglich heraus. So antwortete er ihm denn auch nach einigem Besinnen:

Manchmal find' ich meinen Stubenschlussel anderwarts, als wo ich ihn des Abends hingelegt habe. Das ist Alles, was ich von dem Zustand jetzt grade weiss.

Sie wohnen bei einem Barbier, Namens Zipfel?

Sollt' ich einmal Ungluck haben, so ist Verband in der Nahe ...

Schlurck fing von seinen Unterstutzungen, von Hakkert's Stolz, von Bartusch an ...

Gestern besuchte er die Frau Gerichtsdienerin Spiess im Rathhause. Er geht recht klapperbeinig. Was ist ihm nur?

Schlurck meinte geheimnissvoll lachelnd, das kame davon, dass er Geister gesehen hatte ...

Hat Bartusch Geister gesehen? fragte Hackert.

Ich erlebe, dass er noch fromm wird! fuhr Schlurck kopfschuttelnd und frivol fort. Zur Spiess geht er vielleicht, um zu beten ...

Hackert lachte und stellte die Vermuthung auf, dass Bartusch sich manchmal der Gefahr aussetze, von Treppen zu fallen, mit Wassergeschirren begossen zu werden und ahnliches Ungluck zu erleben. Auch Schlurck lachte nun herzlicher. Beide aneinandergewohnte Menschen fanden sich durch Frivolitat wieder. Sinnenmenschen geht's nicht anders. Sie finden sich nicht, wenn sie die Feierkleider der Seele anziehen, immer aber, wenn sie sich im Negligee belauschen.

Hackert, sagte Schlurck und kam ihm zutraulicher entgegen; ich habe Sie manchmal recht nothig

Warum dutzen Sie mich denn nicht mehr, Herr Justizrath? Sie wissen doch

Ich weiss, dass ich dich immer gern gehabt habe, Junge, und ein solches Ende unsrer Freundschaft nicht voraussah. Seit du aus dem Hause bist

Herr Justizrath, Sie sehen recht traurig aus ...

In der That zitterte Schlurck's Stimme und seine Brillenglaser liefen vom umflorten Auge an. Er musste die Glaser abnehmen. Hackert'chen, ich bin der Alte nicht mehr, sagte er, die Glaser mit seinem ostindischen Taschentuche putzend, ich habe zuviel auf Einmal erfahren mussen. Es ist doch wohl, dass ich mich in diese Zeit nicht recht schicken kann ...

Alle Geschafte gehen schlecht ...

Das wollte weniger sagen, Kind, obgleich auch der Trieb, Neues zu beginnen, gehort nur der Jugend. Unser Fleiss im Alter ist an die einmal gezogenen Gleise gebunden. Ach, und die Welt ist so verkehrt, die Menschen rennen so toll an Einem voruber, es ist kein Frieden, keine Gemuthlichkeit mehr in den Auffassungen! Drommeldey ist der einzige Philosoph, der noch ubrig geblieben ist von der alten Zeit und auch Der fangt an, von Systemen und einem fertigen Glauben zu reden ...

Sie wollten ja immer nach Kissingen, Herr Justizrath

Unterleib meinst du? Hypochondrie? Kissingen-ja, ja! Bist doch ein guter Junge!

Die Verdauung ...

Nicht die Verdauung! Ich bin nicht krank, ich verdaue! Nur and're Freude hab' ich nicht mehr viel. Die Menschen sind so verteufelt ernst geworden, so albernklug, so dummgescheut, so vielseitigeinseitig und die Frauen, wo ist noch eine Frau, die lachen, scherzen kann, die Humor hat, die uber dumme Dinge wegsieht und alle klugen versteht?

Melanie!

Meinst du? Ich glaube fast, meine Melanie ist die letzte, die das Leben zu verschonern weiss. Ach Hakkert, wenn wir fruher zusammensassen, die Rittergutsbesitzer kamen, brachten Capitalien, die Bauern hatten Prozesse, da gab's Mundel mit grossen vormundschaftlichen Depositen, es war eine andre Zeit. Man arbeitete mit Lust, man spritzte die Feder aus und ging dann zu einem Freunde, um zu diniren, Anekdoten zu horen, etwas Musik, etwas Frauenanmuth zu geniessen. Man lachte, man sprach von einem alten boshaften Schriftsteller. Man kusste den Damen die Hande, flusterte ihnen eine Huldigung in's Ohr, horte dafur wieder die Beichte der schonen Sunderinnen ... freilich, Hackert, man war junger ...

Ich denke aber, Herr Justizrath, Sie wollten nie alt werden?

Wollt' ich Das? Das war Prahlerei, den Arzten gegenuber. Drommeldey vergriff sich manchmal in seiner Apotheke. Er kam eben von einer hysterischen Dame und hatte mit der uber den Nervenather gesprochen, und zerstreut wie er ist, kam er dann bei mir auch mit dem Nervenather. Da hab' ich so manchmal eine kraft'ge Renommage dazwischen geworfen und von noch feineren Dingen als den Nerven geprahlt, vom freien menschlichen Willen, stolz sich hebend in der Atmosphare von Sauerkraut und Pokelfleisch ...

Es werden wieder bessre Zeiten kommen, die Sie aufheitern, Herr Justizrath

Meinst du, Junge? Leichte, frohliche Menschen, gesunde Zeiten? Glaub's nicht, Kind du denkst, Pax und seine Genossen konnten die Unruhe ausfegen wie alten Sauerteig? Unserm Jahrhundert ist gar nicht mehr beizukommen und wenn Ihr noch so viel Demokraten einsteckt! Die Freude, die Lust ist gewichen, die Poesie des Lebens ist hin! Eine schone Phrase! Himmel, was hab' ich fruher an einer schonen Phrase geschlurft! Wie Melonensaft floss mir Das um den Mund, wenn ich so ein Kapitel von Rochefoucauld oder Chesterfield las ... Du kennst die kleinen Bucher, die ich zuweilen zwischen der Mehlspeise und dem Fisch von dir aus meiner Bibliothek holen liess, um meinen Gasten einen Satz aus der ...

Philosophie der Bagatelle, wie Sie's nannten

Philosophie der Bagatelle! Nannt' ich's so? Sieh, ich bin selbst Schuld daran, dass du uns Allen uber den Kopf gewachsen bist. Wenn ich ernst sein wollte und fragte mich:

Wer hat die Verantwortung fur Alles, was den Frieden unsres Hauses, unsre Freundschaft storte

Lassen Sie Das doch, Herr Justizrath!

Wie liebt' ich dich, Fritz! Wie schmiegsam, gewandt warst du! Welche Handschrift! Welche Auffassung, wenn ich dir einen Brief zu schreiben uberliess!

Ich nahm alle Menschen fur schlecht. Da hatt' ich's kurz.

Ja, ich, ich lehrte dich auch diesen Cynismus. Bist ein Cyniker, Junge! Eine respektable Philosophie des Alterthums! Suchst nichts im Ausseren! Du hattest, was Du begehrtest. Wie frohlich ging es bei uns her! Wir haben noch Champagner, Fritz. Er schmeckt uns aber nicht mehr. Bartusch gramelt, meine Frau gramelt, Melanie gramelt, Alle mochten gern des Teufels und fromm werden und konnen's doch nicht der Durchbruch fehlt! Du mein Himmel, wenn der Unsinn des Jahrhunderts und die langweilige Ernsthaftigkeit unsrer Epoche sich auch in meine alte Komthurei einschliche

Oder Sie gar die Komthurei verlassen mussten?

Meinst du? Auch dieser Prozess ist mit an meiner Verstimmung Schuld. Mit dem Schrein in Hohenberg fing das Trauerspiel an. Nicht, dass ich furchtete, den Prozess zu verlieren. Nein, auch die zweite Instanz spricht fur die Kommune und das Recht des Besitzes. Aber es sind dabei Dinge vorgekommen, die mich aufgeregt, erschuttert haben, Dinge, wo ich mit mir selbst in Widerspruch gerieth und zuweilen nasse Augen hatte. Es ist nicht gut, weich zu werden.

Sie weinen doch sonst manchmal recht gern, Herr Justizrath!

Das ist's eben! sagte Schlurck lachelnd, fast wehmuthig. Es kommt jetzt zu oft. Du weisst, wie ich mich gegen Ruhrungen straube. Diese Ruhrungen sind die eigentlichen heimlichen Kalendermacher; Ruhrungen, mein Sohn, sind die Leichentucher, an denen man so ganz sanft und ruhig allmalig unsern Sarg in die Grube lasst! Ruhrungen weichen den ganzen Menschen auf, als war' er von Lehm gebacken und der Fruhling kame so uber Einen und versetzte uns sanft und lind in einen auseinandergehenden dunnen Brei, den man das himmlische Leben nennt. Sonst wurde bei uns gelacht, gescherzt jetzt

Wo Sie Schwiegervater einer Durchlaucht werden konnen

Schwiegervater einer

Besser konnten Sie sich doch dafur nicht revanchiren, dass Ihnen die Administration genommen wurde ...

Der Justizrath besann sich. Er fuhlte sogleich, wie dreist und vorlaut diese Worte waren. Es fiel ihm plotzlich ein, dass im Grunde doch Hackert an Allem Schuld war, was ihn jetzt druckte. Er hatte Lasally, den Verlobten seiner Tochter, mit einem Darlehn von zehntausend Thalern entschadigen mussen, das gewissermassen a fond perdu geradezu gesagt als Abfindungssumme gegeben war. Er hatte diese Summe nur mit grosser Muhe in der jetzigen schwierigen Geldklemme aufgetrieben. Er sah ein Verhaltniss zwischen Melanie und dem Fursten Egon entstehen, das ihm weit weniger willkommen war, als wenn etwa Melanie und Dankmar Wildungen sich vereinigt hatten, wie ihm damals vorschwebte, als sein Verstand, sein juristischer Scharfsinn, seine ungemeine Rechtsgewandtheit noch nicht dem bekannten Prozesse die Wendung gegeben hatte, die der Kommune gunstig war. Er hatte Moglichkeiten gesehen, Dankmar Wildungen gewinnen zu lassen. Er hatte Melanie's Liebe zu Dankmar wohl errathen, wohl erwogen, welche Zukunft er sich und ihnen zaubern konnte. Dankmar hatte aber Melanie verschmaht, sich fur immer ihr entfremdet, sie nur als eine vorubergehende Episode seines Lebens betrachtet. Vermogen war dem Justizrath lieber als jeder Titel. Was lag ihm an dem armen Prinzen Egon, den er gleich bei seinem ersten politischen Auftreten fur einen Narren und Phantasten erklarte! Konnte er mehr erwarten, als dass Melanie zuletzt, wie dies in solchen Fallen zu geschehen pflegt, schwach genug sein wurde, auch nur mit einer "Liaison" zwischen ihr und dem Fursten sich zufrieden zu geben! Sein Scharfblick ahnte diesen Ausgang, der ihn bekummerte, sogar der Moral wegen. Seine Melanie eine Furstenmaitresse! Er schauderte. Und nun dieser abenteuerliche, verschuldete, arme Egon! Er wusste, dass seine Guter nur noch geringen Werth hatten, dass sie einem Projektenmacher, fur den er Ackermann hielt, uberlassen waren; er wusste, dass Egon, in plotzlicher aristokratischer Anwandlung, neue Schulden, ganz wie sein Vater gemacht hatte. Er wusste, wie tiefer sich mit dem Bankier von Reichmeyer eingelassen. Was bluhte da seiner ehrgeizigen Tochter? Von der strengen puritanischen Natur Egon's, der im Stande war, Melanie wirklich zu heirathen, hatte er keinen Begriff. Ein junger offenbar im Banne der Phantasie und der Sinne stehender Furst schien ihm unmoglich die Anwandlungen einer stoischen Selbstkasteiung haben zu konnen, von denen wir wissen, dass sie Egon wirklich besass. Egon und Schlurck waren zwei diametral entgegengesetzte Charaktere, beide voll Phantasie, beide den Frauen ergeben und beide doch so vollig anders, wie Sud und Nord, wie Flamme und Eisblume.

Der Justizrath fuhr sich uber die Stirn, die sich ihm plotzlich runzelte. Hackert's Dreistigkeit, ihn an diese Moglichkeiten und Familienverhaltnisse zu erinnern, war ihm peinlich. Er wollte sich anfangs rasch entfernen und brach auch das Gesprach ab, indem er vorschutzte, zur Gesellschaft zu mussen. Dennoch blieb er in der Thur stehen und wandte sich noch einmal mit den Worten zuruck:

Wirst doch nicht glauben, Hackert, dass Charlotte Ludmer, die dich herbestellt hat, eine hubsche junge Kammerzofe ist? Du Teufelskerl! Warum lauft nur bei dir Alles auf die Weiber hinaus?

Ich denke mir, es ist der alte Drache, der mit Ihnen vorhin sprach.

So hast du von der Kehle doch auf die Visage geschlossen? Ich denke mir immer, dass die alten Hexen, die Fausten in Griechenland begegnet sind, wohin ihn mein gottlicher Goethe reisen lasst, so aussahen wie diese Ludmer, und im Vertrauen gesagt, ihre Gebieterin, die Geheimrathin, geht auch schon stark in das Geschlecht der einaugigen Phorkystochter uber. Ich bin nicht neugierig. Was will die Alte von dir?

Soll ich erst horen.

Willst du wissen, was es sein wird?

Ein gestohlner Loffel, den ich bei den Pfandleihern aufsuchen soll.

Glaub' ich nicht. Hier im Hause weiss man die geheime Polizei besser zu schatzen. Ich denke, die Alte wird die Frage an dich richten, ob es im alten Rathsarchive hier wirklich Gespenster gibt?

Gespenster? fragte Hackert erstaunt und fuhlte sich so sonderbar getroffen, dass er Schlurck gross ansah.

Ja, ja! sagte Schlurck, ohne Hackert's Befremden besonders zu bemerken. Diese Menschen sind prosaisch. Sie erfahren von Geistern und rufen nicht den Pfarrer, sondern gleich die Polizei.

Aber ich verstehe nicht

Die Alte hatte mir einen Auftrag gegeben, in den von unserm Stadtarchive aufbewahrten Kirchenregistern einer kleinen zu unserm Weichbilde gehorenden Ortschaft irgend ein Dokument, zu irgend einem namenlosen Zwecke, zu suchen. Ich ubertrug diese Aufgabe, mit der einige delikate Rucksichten verbunden waren, dem im Suchen und Spioniren kundigen alten Maulwurfe

Bartusch! erganzte Hackert gespannt.

Bartusch besucht den genannten Ort, findet den rechten Schrank, das rechte Papier und behauptet, eine Geisterhand hatte es ihm fortgerissen

Das rechte Papier? fragte Hackert.

Ja, so zu sagen, ein alter verfallener Pfandzettel! Genug, es spukt im Archiv und ich wette, die Alte ist ein Rationalist, wie alle Sunder, ehe sie auf dem Todbett liegen. Sie wird wissen wollen, ob die Polizei an Archivgespenster glaubt.

Dass im Rathskeller Geister sind, lernt' ich schon fruh an den Weinfassern des alten Kellermeisters kennen

Wie so?

Wissen Sie nicht mehr, als ich so klein war

Junge, ruhr' mich nicht! Ich weiss, du willst mich daran erinnern, dass ich dich oft mit in den Rathskeller nahm, wenn die Sitzungen des hochedlen Magistrates zu trocken wurden. Hackert, ich wunschte, ich hatte dir als kleinem Anfanger von acht Jahren mehr Prugel und weniger Niernsteiner zu kosten gegeben. Ich habe den Pestalozzi immer so affektirt und die Natur wirklich immer im Naturlichen gefunden. Aber thu' mir den Gefallen, gib der Alten nicht nach und sag' ihr etwa, im Archiv hausten zuweilen Ratten und Diebe. Sag' ihr, es gabe Geister! Horst du! Diese Menschen sollen und mussen an Geister glauben. Ich selbst glaube dran.

Das ist ja etwas ganz Neues, Herr Justizrath, sagte Hackert, dem die Bartuschen entrissene Urkunde uber den Taufakt des Paul Zeck plotzlich an Bedeutung gewann. Seit wann glauben Sie denn an Geister?

Seitdem meine Frau nicht mehr in unserm guten Leitwasser, sondern im Jordan baden will, Hackert. Etwas muss der Mensch haben, an das er sich halt und das ausser ihm liegt. Mogen sie in die Kirchen rennen die alten Sunder und falsche Gesangbuchverse singen: Nr. 814, wenn der Kuster und die Orgel Nr. 514 meint! Mogen sie zu Jesu halten, den ich herzlich lieb habe, weil er so tolerant war. Ich will auch etwas uber mir anerkennen: Ratten, Mause, Geister, was man will. Und mit den Geistern hat es etwas auf sich. Voltaire hatte nur noch ein Jahr langer leben sollen und ich wette, er hatte nicht nur an die Ratten von Ferney, sondern auch an Gespenster geglaubt. Alle grossen Manner nehmen Geister an. Also ...

Hackert wusste nicht, ob der Justizrath im Ernst oder Scherz sprach. So durcheinander pflegte er bei Tisch zu plaudern.

Nicht wahr, mein Ende ist nahe, Fritz? sagte der Epikuraer. Ich werde glaubig, aber es muss pikant, neu, schauerlich sein, was ich glaube. Ich schliesse jetzt ofters mein Schrankchen, auf das du immer so neugierig warst, auf, binde mein Schurzfell ofters um, als sonst und bin ein fleissiger Maurer. Wir haben zwei Sekten in der Maurerei, eine vernunftaufgeklarte und eine mystische. Ich habe mich an die mystische, an die dunkle angeschlossen ... Ja, ja, lach' du nur! Ich hab' in meinen jungen Tagen auch gelacht, wenn ich las, dass Epikuraer in ihren alten die Beichtvater riefen und die Zauberer. Die Beichtvater mogen zu Madame Schlurck gehen. Ich mochte Zauberer rufen, Schatzgraber, Todtenbeschworer. Wenn ich nicht noch gar Jesuit werde! Warst du klug, Hackert, sagt' ich dir ein paar Jesuiten, die gut zahlen ...

Ich kenne zwei ... Propst Gelbsattel und General Voland von der Hahnenfeder.

Junge, bist du toll? Das wisst Ihr schon auf der geheimen Polizei? Ihr seid doch mit dem Teufel im Bunde! Aber verurtheile die Leute nicht nach dem gemeinen Standpunkte eines Oberkommissars, Hackert! Jesuiten, mein Sohn, sind die einzigen praktischen Menschen der Jetztzeit. Du hast Verstand, Umsicht, du kannst Carriere machen. Affiliire dich! Sie brauchen Krafte, Intelligenz und Niemand ist ihnen willkommner, als wer zugleich im Dienste dieses dummen Zwangsstaates steht, dem sie seit drei Jahrhunderten Feindschaft geschworen haben. Denke nicht, dass ich ein Jesuit geworden bin. Aber werde bei Zeiten katholisch, mein Sohn! Nur das Aparte kann einen Mann von Verstand befriedigen und war' es auch die Glorie des Unverstandes! Mit den Beinen oben, Kopf unten! Warum nicht? Nur nicht wie die Schuster und Schneider! Nur nicht wie die dummen Gelehrten, die Staatsmanner, die ehrlichen Leute, die tugendhaften Weiber! Nur nicht die Sonne Sonne nennen! Ich bitte dich, Hackert, wenn die Alte von der Polizei spricht, sprich ihr von Geistern. Lasst uns die Furcht und die Gespenster leben! Das ist noch die letzte Poesie, die uns ubrig bleibt und der Tod ist furchterlich. Guten Abend, Hackert'chen! Halt dich brav! Guten Abend!

Hackerten war es doch wirblich geworden bei diesem tollen Humor des Justizrathes, der plotzlich wieder seine ganze alte mephistophelische Farbung bekommen hatte. So kannte er ihn. So sass der Justizrath sonst beim Champagner bis in die Nacht und warf die lustigsten Raketen bunt durch alle Weise und Philosophen und Spotter, die mit ihm zechten! Wenn ein geistreicher Mann sich ausspannt aus der gewohnlichen Maschine des Denkens, dem gewohnlichen Karren der gesunden Vernunft, so kommen wunderliche Sprunge zum Vorschein. Schlurck polterte Alles durcheinander, war an demselben Abend katholisch, dann ein Botokude, dann wieder Grieche und ebenso rasch streitsuchtiger, verstandesscharfer Calvinist. In der Politik ohnehin fand er jede Partei gut oder dumm, je nach Laune oder innerer Regung. Hackert hatte sich eigentlich nach dieser Alles ironisirenden Art seines Pflegevaters gebildet, horte ihm mit Lust zu und sah ihn nun ungern zur Gesellschaft zuruckkehren.

Noch einmal wandte sich der Justizrath nach ihm um und sagte zu einem Menschen, der ihm schon viel Kummer bereitet hatte und der ihm dennoch lieb war:

Fritz! Ich habe immer gedacht, ich kame doch noch dahinter, welchem leichtsinnigen vornehmen Patron du dein Leben verdankst und wer die Rabenmutter ist, die dich in einem Waschkorbe vor das Waisenhaus stellte!

Sie wissen gewiss langst, antwortete Hackert, dass es ein Schneider vom Hofe war, der grade rothe Livreen nahte, in denen sich meine Mutter versah und sie mir an die Haare hexen liess ...

Nein, nein

Sie wollen mir nur aus Schonung verschweigen, dass meine Sucht bei nachtschlafender Zeit herumzutappen wie ein Wachender, von einer armen bettelnden Frau kommt, die des Nachts fur die Reinlichkeit

Nichts da! Nichts da, Junge! Du stammst von einem hohen Hause

Wo drei Balken einsam stehen, auf dem Rad die Raben krahen

Was? Wo?

Von da her, wo kein Gras im Grunen wachst und die drei Pferde, die ich umbrachte, in klappernden Knochengerusten wiehern: Hackert's Vater handelte mit rothen Hahnen!

Ah bah! Dummes Zeug! Hackert, wenn du einmal sicher bist, dass grade meine Leute in der Kirche sind, Sonntags, wenn Gelbsattel predigt oder du sonst glaubst, dass du mich allein triffst, komm' zu mir! Ich muss dir noch das Bettzeug geben, in dem du im bewussten Korbe lagst und ein Stuck von einem zerbrochnen goldnen Ring, auf dem ein Buchstabe eingegraben war

Z. nicht wahr? Hinter'm Z. steckt nichts, Herr Justizrath!

Z. sagte Schlurck erstaunt. Nicht Z. mein Junge! Wenn es wirklich Z. ware?

Warum nicht Z.? fragte Hackert.

Ein R. ist es und ich wette, vor dem R. stand ein v., als warst du

Von Adel sogar? Justizrath, gute Nacht! Sie wollen mich um drei Thaler bringen, die ich heute aus Cavaliervergnugen noch springen lasse oder Sie erleben, dass ich Ihnen jetzt vor Hochmuth vorn in die Gesellschaft folge

Schlurck nahm den Scherz fur moglichen Ernst und erschrak.

Bei Leibe nicht! Gute Nacht, Junge! Brauchst du Geld, sag' mir's. Und endlich! Einen Sonntag Morgen, wenn sie in der Johanniskirche am Bret Gesangbuch Nr. 514 singen sollen und die alten Weiber, die trube Brillen haben, Nr. 814 singen und es doch geht, doch zusammenklingt zu Gottes Herrlichkeit dann komm' zu mir, Junge, und lass dir den halben Ring zeigen. Z. nicht. Ich glaube v.R. Ein V. gewiss! Verlass dich drauf!

Damit musste sich Schlurck entfernen. Denn eben schlug man auf dem Vorplatz eine Thur zu und deutlich horte man, dass Jemand nebenan in's Wartezimmer kam. Zugleich horte man vom turkischen Zelt den Frauenruf: Justizrath! Hier sind Se. Durchlaucht! Justizrath, wo stecken Sie denn? Es war die Geheimrathin. Im Nu war die Thur, die zum Zelte fuhrte, geschlossen und zu gleicher Zeit trat die Ludmer ein, auf die in der That die vom Justizrath citirten Worte seines Lieblingsdichters Wolfgang Goethe passten:

Welche von Phorkys' Tochtern bist du?

Denn ich vergleiche dich diesem Geschlechte!

Bist du vielleicht der graugebornen

Eines Auges und eines Zahnes

Wechselsweis theilhaftigen

Grajen Eine gekommen?

Die Alte, geschmackvoll gekleidet, liess sich erschopft auf einen Sessel nieder und bat um Entschuldigung wegen ihres langen Ausbleibens. Sie begann dem geheimen Polizeiagenten Hackert, dem Schutzbefohlnen des so anerkannt gewandten Polizeioberkommissars Pax, ihres zufallig abwesenden "Neffen", jetzt ein geheimes dringendes Anliegen vorzutragen.

Sechstes Capitel

Geisterfurcht

Herr Pax, fing Charlotte Ludmer mit schmunzelnder Freundlichkeit an, Herr Pax ist verreist

Ihr Herr Neveu In Amtsgeschaften, antwortete Hackert, die Alte musternd ...

Und wird bald zuruckkehren?

Unbestimmt, Madame ...

Vortrefflicher Staatsdiener, Pax! Ja, mein Neveu

Hat glucklichen Griff

Die Alte lachte uber den humoristischen Agenten. So liebte sie die Menschen. Nur lustig, lustig! Sie liebte den Spass, fast ebenso sehr wie den Schnupftaback. Ihre Dose fuhr aus dem Rockschlitz hin und her. Sie nahm eben eine Prise ...

Pax, fuhr sie fort, hat fur die Zeit seiner Abwesenheit mir gerathen, etwaige Auftrage Ihnen zu ertheilen, Herr Hackert

Schmeichelhaftes Vertrauen

Ich vermuthe daher, dass Sie uber die Angelegenheit unterrichtet sind, die mich mit meinem Neveu

Hackert dachte an die vom Justizrath gegebenen Andeutungen uber den entwendeten und im Auftrage der Ludmer gesuchten Taufschein des Paul Zeck er glaubte daher mit einiger Bestimmtheit, um die alte Dame sicherer zu machen, mit Ja! antworten zu durfen:

Ich meine in der bewussten Angelegenheit wiederholte die Ludmer.

Vollkommen! sagte Hackert mit der ihm eigenen Dreistigkeit.

Man hat diesen zweideutigen Mann eingebracht, einer der dazu verwandten Gerichtsdiener, Herr Kummerlein war bereits Aber haben Sie denn nicht getrunken? Bischof: nach einem Recept von mir selbst. Bischof! Trinken Sie doch!

Bitte Ihr Auftrag, Madame!

Es ist wahr, ich nahm Ihre Geduld schon zu lange in Anspruch. Also, mein Bester, von diesem Kummerlein erfuhr ich denn vorlaufig Alles, was sich bei seiner Verhaftnahme am Hohenberg zutrug

Hackert, sich schnell orientirend, verstand jetzt, dass nicht von Paul Zeck, sondern von jenem Manne mit der schwarzen Augenbinde die Rede war ...

Er ist eingebracht, der falsche Englander sagte er forschend.

Auf unsre Veranstaltung! Ich weiss, dass dieser zweideutige Mann erst mit einem jungen vom Fursten Egon protegirten Handwerker sich auf dem Schlosse verborgen hielt, dann mit einem blinden Schmied, Namens Zeck

Hackert staunte, dass nun doch Zeck genannt wurde. Doch milderte er sein Befremden.

Zeck oder ahnlich! Genug, ich weiss, dass jener Murray mit Louis Armand von der Schmiede mit dem blinden Zeck an das Forsthaus ging, dort mit der alten Haushalterin des Jagers Heunisch, Ursula Marzahn, der Schwester des Blinden, in Wortwechsel gerieth und den blinden Bruder todtlich verwundete

Mit einem Messer erganzte Hackert, als wusste er Alles.

Mit einem Pistol

Die kleinen Details sind unerheblich; verbesserte sich Hackert. Es wird eine sehr scharfe Untersuchung geben die Macht der Gesetze ist zuruckgekehrt.

Hm! Hm! sagte die Alte und nahm eine Prise. Untersuchung? Hm hm

Dies Wort war Das, woran sie Anstoss nahm. Der Reubundsausdruck: die ruckkehrende Macht der Gesetze, sonst ihr so gelaufig, schien der Alten nicht angenehm.

Wohl! sagte sie, gewisser Zeitungsartikel sich entsinnend. Es ist ein Trost, endlich wieder die Richter in ihren "Funktionen" zu wissen; allein betrubend bleibt es doch immer, wenn bei solchen Vorfallen Familienangelegenheiten zur Sprache kommen sollten, von denen man wunschen mochte, dass sie geschont bleiben

Der Oberkommissar ist in dieser Hinsicht von einer allgemein anerkannten Diskretion ... Die Zeck's konnen ...

Bitte!

Hackert tastete etwas zu kuhn in seinen luftigen Voraussetzungen herum.

Ich bin erst seit Kurzem im Vertrauen des Oberkommissars sagte er, sich verbessernd.

Kennen Sie die Fortunaballe, die man hier in der Nahe der Willing'schen Maschinenfabrik gibt? begann die Alte forschend.

Hackert nickte.

Dort wurde jener Murray zuerst festgenommen. Er war einer der letzten Schwarmer auf jenen unsittlichen Ballen und fuhrte eine Person am Arm, der er kurz vorher mehrere Tage lang Geschenke uber Geschenke gemacht haben sollte

Hackert horte fast nur halb hin. Die Erinnerung an Die, die auf den Fortunaballen die Letzten sind, uberfiel ihn duster.

Jenes Madchen ist eine Verwandte zu mir fuhr die Alte fort eine Auguste Ludmer

Sie war schon, liebte die Musik, den Tanz und Alles, was Freude macht.

Sie wissen ...

Sie ist todt. Auguste Ludmer wurde toll und sturzte sich aus dem Fenster eines Narrenhauses.

Wissen Sie diese Geschichte?

Die Drehorgeln spielen sie.

Die Alte nahm eine Prise. Hackert's rasche Antworten echauffirten ihren so behende nicht denkenden Geist. Hackert kam ihr durch eine Artigkeit zu Hulfe.

Ich horte immer, sagte er, dass bejahrtere Leute wie dieser Murray, im letzten Aufflackern ihrer Liebe, ehe sie ganz erlischt, gefahrlich sind und die oberflachliche und treulose Jugend ubertreffen. Pax ist auch der Meinung.

Er trug diese Worte bezuglich vor. Die Alte schmunzelte und musste unwillkurlich sagen:

Herr Hackert! Mein Bischof! Warum trinken Sie nicht?

Er macht mir zu viel Feuer, sagte Hackert so kokett, so durchtrieben listig, dass die Ludmer ihre Dose versteckte, sich gerade aufrichtete und ein Benehmen annahm, als wollte sie an die Zeiten erinnern, wo man sie zu den gefahrlichen Schonen rechnete und sie junge Soldaten in die Carriere bringen konnte ... Um sich zu sammeln, nahm sie etwas Kuchen vom Teller und steckte kleine Brocken in den zahnlosen Mund. Wahrend sie durch die Bewegung der beiden Kinnladen fast Ahnlichkeit mit einem Exemplar aus der wiederkauenden Race empfing, fuhr sie fort, uber ihre Verdachtgrunde gegen Murray wegen gewisser Ausserungen uber die Verwandten der Auguste Ludmer ausfuhrlich sich zu ergehen.

Endlich, sagte sie, reist er in eine Gegend, wo Menschen wohnen, zu denen ihn irgend eine auffallende Absicht ziehen muss ...

Pax schickte ihm zwei Aufpasser nach ...

Sie wissen Das.

Der Vorfall im Forsthause, das ich sehr gut kenne, bestatigt, wie gegrundet Ihre Warnung war.

Sie kennen das Forsthaus?

Einen Wald kenn' ich, der es umgibt, eine Wiese, an deren Rande es liegt, einen Ebereschenbaum in seiner Nahe ...

Ursula Zeck kennen Sie nicht?

Hackerten brannte es nun auf den Lippen zu sagen:

Schon wieder Zeck? Die Mutter Paul Zeck's, der im Jahre 1825 in der Kirche zu Seehausen vom Pfarrer Lattorf die Nothtaufe erhielt? Doch beherrschte er sich und suchte durch seine harmlosen Ausserungen aus der alten Dame noch mehr Gestandnisse zu lokken. Diese ruckte den Stuhl, auf dem Hackert sass, mit ihrem kleinen, beweglichen Kanapee etwas naher, blickte an die Thur und uberzeugte sich, dass die grosse Gesellschaft in den vordern Salen ganz sich selber lebte. Es wurde laut gesprochen, gelacht, musicirt. Sie waren unbelauscht ...

Ist es nicht moglich, Herr Hackert, begann sie, dass Sie den Gefangenen sprechen?

Schwierig ...

Der Oberkommissar wurde es konnen

Kaum anders als in Gegenwart des Untersuchungsrichters

Gott! wie ist das Alles so weitlauftig!

Inzwischen beginnen die Verhore

Wirklich? Schon die Verhore?

Sie furchten, dass hinter Murray's angenommenem englischen Namen ein Deutscher steckt, der Ihnen nicht gleichgultig ist ...

Das ist es ...

Sein Interesse fur Auguste Ludmer schien Ihnen verdachtig ...

er geht nach Hohenberg, hat ein Anliegen im Forsthause, vielleicht eine Anfrage an Ursula Zeck ... vielleicht ist es der Vater eines Kindes, das Ursula Zeck einst geboren, ohne ihn zu nennen ...

Die Ludmer sprang fast auf bei diesen tollkuhnen Worten, riss die weissen unheimlichen Augenwimpern bis hoch an die Stirn und fragte:

Wie kommen Sie zu diesem Verdacht?

Ich stelle nur Vermuthungen auf, sagte Hackert ruhig und scharf die alte Dame beobachtend. Ich ube mich in der Kunst des Inquirirens, in der ich kein Neuling bin. Wer weiss, was Murray im Forsthause wollte! Vielleicht ist es ein Bruder der alten Ursula ...

Das war fur die Ludmer fast zu viel. Sie hielt die Dose krampfhaft in der Hand, wollte aufstehen, setzte sich wieder und gerieth in eine Unruhe, die Hackerten bewies, dass hier irgend ein interessantes Geheimniss auf dem Spiele stande, vielleicht eines, wonach diese Alte die Mutter jenes Paul Zeck war und es nicht sein wollte.

Um ihr aber kein Mistrauen einzuflossen, sagte er mit ruhiger Miene:

Warum fragen Sie nicht bei dem Franzosen an? Bei Louis Armand, der so viel Theilnahme fur Murray zu haben scheint, vielleicht in seine Plane eingeweiht ist, vielleicht nicht ganz zufallig die Veranlassung war, dass Murray ihn begleitete, mit ihm das Forsthaus besuchte ... Wer weiss Das?

Die Ludmer lehnte sich ganz entschieden dagegen auf, irgendwie noch den Kreis ihrer Vertrauten zu erweitern. Auch war ihr Alles, was sie von Louis Armand wusste, zuwider.

Aber die Aufgabe? drangte Hackert, als sie zogerte ...

Wurden Sie sich wol der Aufgabe unterziehen, flusterte die Ludmer endlich mit gedampfter, heiserer Stimme, indem ihr zahnloser Mund susssauerlich und verfuhrerisch schmunzelte; wurden Sie wol auf irgend eine Art vor der gerichtlichen, wie Sie wissen, langsamen Prozedur, zu erfahren suchen konnen, welches Geheimniss hinter diesem Murray steckt ... ob es ein wirklicher Englander ist ... welche Absicht ihn hierherfuhrte ... welches sein Interesse an Auguste Ludmer, meiner Nichte, war ... warum er nach Hohenberg reiste ... was ihn in das Forsthaus fuhrte, in Begleitung des Blinden ... welches seine Beziehung zu Louis Armand, vielleicht gar zu den Brudern Wildungen und all' den Mannern ist, die nicht werden ertragen konnen, dass Prinz Egon sich Paulinen von Harder, meiner Gebieterin und ich kann wohl sagen, meiner Pflegetochter, anschliesst ... warum ist Murray mit einem Pistol bewaffnet? Warum das Attentat auf einen unglucklichen Blinden? Warum hat man Murray hier im Hotel garni bei Helene d'Azimont gesehen, bei der schonen Grafin, von der Sie gehort haben werden, dass sie mit dem Prinzen Egon liirt war? Warum schloss sich Murray mit dem Jesuiten Rafflard ein, der sich zu allen nur erdenklichen Intriguen hergeben soll und sich auch wol nicht wird gescheut haben, gegen die Geheimrathin, aus Rache fur den Bruch mit Helene d'Azimont und dem Prinzen, irgend eine Schlechtigkeit zu unternehmen, kurz, Herr Hakkert, die Welt ist so bose, so bose, und es ist nothwendig, dass man weiss, wer unsre Freunde und Feinde sind!

Die Last war abgeschuttelt. Die lauernde, grubelnde Umsicht der Alten stand nach diesen Worten in schwefelgelber Glorie da. So hatte diese Frau im Stillen uber ihre geliebte Pauline gewacht! So hatte sie beobachtet, zusammengereimt und schweigend die Scharfe ihrer durchbohrenden Augen geubt! Pauline tandelte und phantasirte so hin. Die Ludmer wachte und lieh ihr den Verstand, der der klugen Geheimrathin, wenn sie das Eine ganz beschaftigte, fur das Andere ganz fehlte. Sie hatte immer die Katastrophe erwartet, die jetzt hereinzubrechen schien. Bartusch's Anzeige, dass ihm der Taufschein Paul Zeck's, den sie haben wollte, um ihn zu vernichten, von einer wunderbaren unsichtbaren Gewalt geraubt worden war, hatte sie schon stutzig gemacht. Von Paul Zeck wusste sie nur so viel, dass er todt war. Die Ursula hatte diese Versicherung gegeben, hatte sich dann verheirathet und war ihr verschollen. Nun geschah so viel Rathselhaftes, die Scene, die im Forsthause von Kummerlein und Mullrich uberrascht wurde, war so verworren, dass die Ludmer ein andres Licht begehrte, als das die Gerichte aufstecken konnten, und wenn es das rechte Licht war, das sie furchtete, wollte sie es fruher wissen! Pauline schien ihr allmachtig. Pauline konnte nach ihrer Vorstellung, unterstutzt von dem Ministerprasidenten und dem des Obertribunals, ihrem Schwiegervater, Alles zu Stande bringen, was bei Andern an dem Vorbau der neuen "Justizunabhangigkeit" scheiterte. Deshalb wollte sie, ehe sie Paulinens Ruhe aufschreckte, rasch und sicher wissen, wer hinter jenem rathselhaften Fremden verborgen war.

Hackert besass eine Art von Vertraulichkeit, die jeden Gebildeten und feiner Erzogenen beleidigt haben wurde. Bei der Ludmer war sie ganz am Platze. Sie kicherte, als er ihre Hand fasste und dies alte knocherne Geripp streichelte. Aber so wohl ihr der Kitzel that, sie liess sich mit der Frage, wer jener Murray denn nun sein sollte, nicht fangen, sondern sagte:

Sie schlimmer, junger Mann! Sie sind ein Rechter! ... Wo hab' ich Sie nur schon einmal gesehen ... Sie ahneln recht ...

Warum vertrauen Sie nicht, Madame? bemerkte Hackert wieder mit einer schmachtenden Miene.

Ich begreife, warum Pax so grosse Stucke auf Sie halt! Ihre Handschrift soll wie in Kupfer gestochen

Sie unterbrach sich bei diesen Worten der Schmeichelei selbst und stockte uber das Bild, das sie vom Kupferstechen brauchte.

Worauf soll ich forschen? erinnerte sie Hackert und rief sie aus ihren Traumen wach. Und nun flusterte sie:

Sehen Sie, ob dieser Mann am Auge, das er verbirgt, wirklich einen Fehler hat oder ob er nur die Binde tragt, um seine Zuge zu verstellen?

Hackert nickte.

Beobachten Sie das Haar, ob es schwarz wie die Perrucke, oder ob es mehr rothlichblond, wie das Ihrige ...

Blondrothlich ... warf Hackert bitter ein.

Nein, nein, so foncirt war es nicht

Legen Sie sich keinen Zwang an! Ich kenne mich, Madame. Aber ich furchte, das wahre Haar jenes Mannes wird weiss sein ...

Ich weiss nicht, ob Sie dem scheinbaren Alter trauen durfen. Ich hore von gebuckter Haltung. Wer weiss, ob dieser Rucken sich nicht erheben kann und dann etwa eine Statur herauskommt

Wie die meinige! sagte Hackert, da die Ludmer nach einem ungefahren Masse suchte.

Wie die Ihrige, ganz recht, Herr Hackert!

Kein besonderes Merkmal?

Ohrlocher, an denen vor Jahren, vielleicht als Kind, Ringe getragen wurden ...

Keine Narbe? Kein Maal?

Vielleicht statt der Augenbrauen ein kahler Fleck moglich, dass die Binde

Doch kein Feuerarbeiter gewesen? Kein Soldat? Offizier? Madame, ich wette, Sie vermuthen einen Deserteur, der Ihrer Fahne durchging ...

Ha, ha! Nein! Spielen Sie auf Ihre eigne schone Handschrift an! Forschen Sie, ob er Uhrmacher, Kupferstecher oder dergleichen ...

Ah so! Civil! Und der Charakter, die Art und Weise sich zu geben ...

Keck, frech, ubermuthig

Seines Siegs gewiss?

Brutal! Arrogant! Dunkelhaft! Eitel!

Wenn er erhort wurde?

Aufgeblasen! Spieler! Lugner! Ein Mensch, der die Verstellungskunst auf den hochsten Gipfel getrieben hat.

Hackert war uberzeugt, dass die Ludmer einen ehemaligen Verehrer furchtete ...

Lassen Sie etwas Geld fallen, klimpern Sie mit Gold und Silber, er kann dem Klange nicht widerstehen ... Da, Herr Hackert, nehmen Sie!

Bitte, sagte Hackert und lehnte das Geld, das die Ludmer aus dem Brusttuche nahm, ab ... Bitte! Bitte!

So ein paar Dukaten, wie diese, sagte die Alte aufdrangend, werden machen, dass er die Ohren spitzt. Beobachten Sie die Wirkung, wenn Sie von Geld sprechen, von Munzen, vom uberhandnehmenden Papiergelde ...

Sie haben einen ehemaligen Falschmunzer im Auge.

Die Ludmer erschrak. Sie war zu weit gegangen ...

Nein, nein, um Gotteswillen nicht, rief sie. Das nicht! Aber Sie werden ihn schon aus seiner Verstellung herauslocken. Sie haben Verstand, Herr Hackert. Sie verdienen das Vertrauen des Oberkommissars. Nehmen Sie! Nehmen Sie!

Hackert sah die eingewickelten Dukaten. Er steckte sie zu sich und versicherte, dass er Alles aufbieten wurde, dieser Person sich zu nahern.

Sowie Sie Etwas erfahren haben sagte die Ludmer im Aufstehen so freundlich und grazios, dass die drei ihr noch erhaltenen Zahne sich in volliger anmuthigster Isolirung darboten ...

Hab' ich die Ehre aufzuwarten ...

Schon hatte Hackert den Hut in der Hand, schon hatte er eine Verbeugung versucht, die ihm nicht recht stehen wollte, schon wollte er einen Handkuss versuchen, als die entgegengesetzte Thur, die zu dem turkischen Zelte fuhrte, rasch geoffnet wurde und eine hohe stolze Dame im Turban mit herabhangenden Perlenschnuren sturmend eintrat, um den in diesem Zimmer befindlichen Klingelzug zu ergreifen und den Bedienten zu schellen, die es vielleicht in der rauschenden Gesellschaft irgendwo fehlen liessen. Es war die Geheimrathin selbst. Wie sie aus dem hellen Lichtmeere ihrer Salons in dieses stille, nur dammernd erhellte Kabinet trat, wie sie hier Menschen sah, die sie nicht erwartete und mit dem ersten Blick auf Hackert fiel, schrak sie bebend zuruck ...

Und Hackert ging in diesem Augenblick ...

Um Gotteswillen, was ist denn hier? Was war denn Das fur ein Mensch? sagte die Geheimrathin als sie sogleich zu ihrem Troste die Ludmer entdeckt hatte. Allmachtiger Gott! Ja, du bist's. Du bist hier. Ich wollte nach dem Eise schellen! Ich fuhle den Schreck in allen Gliedern ...

Mein Himmel, wie kann man aber so erschrecken

Aber dieser grinzende, abscheuliche Kopf? Dacht' ich doch zu meinem Entsetzen, Wer vor mir stunde

Das rothliche Haar? ...

Die Figur, die Gesichtszuge eine grassliche Ahnlichkeit! ... Wie wird mir? Es ist, als hort' ich die Explosion

Die Ludmer hielt die Freundin, beruhigte sie und rief dann zur Thur hinaus nach den Bedienten ...

Mit was fur Menschen du dich ziehest! stohnte Pauline fast keuchend. Wer war denn Das?

Ein Agent der geheimen Polizei, sagte die Ludmer nicht ohne Stolz.

Aber was ist denn wieder im Werke? Was hast du denn vor?

Komm', Taubchen! Komm'! sagte die Alte mit kunstlichem Scherz und zog ihre Gebieterin, ihre Freundin, ihr Kind durch das Zwischenkabinet in das turkische Zelt. Komm' in deine Sphare! Lass mir die meine! Du weisst, ich krame gern!

Erst unter den lachenden, rauschenden, streitenden, neckenden Eindrucken ihrer heut' uberfullten Salons sammelte sich Pauline von Harder, die einen von den Todten Erstandenen, eine der grauenhaftesten Erinnerungen ihres Lebens gesehen zu haben glaubte ... Die Ludmer sorgte fur die Bedienung ... Hackert ging, von den Bedienten wegen seiner langen Entrevue mit der allmachtigen Frau Ludmer (auch "Hausdrache" genannt), mit vieler Rucksicht behandelt ... Es war kalt ... Er hatte einen Paletot unten hangen, den ihm Franz selber anziehen half ... Vor'm Hause suchte er unter den Wagen den des Justizraths Schlurck, in den er einst vor diesem eisernen Portal so listig eingeschlupft war ... Er fand ihn nicht und besann sich, dass Schlurck seine Equipage abgeschafft hatte ...

So wird sie der Prinz Egon nach Hause fahren! dachte er ...

Er wandte noch einen Blick auf die hellen Fenster zuruck, dann ging er der Stadt zu, heute fur seine trage und gleichgultig gestimmte Natur fast uberfullt mit Anregungen und den merkwurdigsten Thatsachen ... Die Geheimrathin aber hatte fur den Abend alle Fassung verloren und benahm sich so verwirrt, so beangstigt, dass Schlurck hatte sagen konnen, auch sie hatte wol Gespenster gesehen. Er sagte es aber nicht. Er war schon langst nach seiner geheimnissvollen Unterredung mit dem Premierminister aus dem turkischen Zelte blass und ernst hervorgetreten, hatte einen wehmuthigen, von Melanien mitten unter Scherzen wohlaufgefassten, wohlverstandenen Blick auf sie geworfen und war in einem gemietheten Fiaker in aller Stille nach Hause gefahren ... Melanie folgte ihm eine Stunde spater, nicht im Wagen des Prinzen Egon, sondern in dem der Geheimrathin, den diese ihrer jungen Freundin fur diese Abende regelmassig zu Gebote stellte.

Siebentes Capitel

Zerbrochene Ringe

Louis Armand, der mit Murray und dessen polizeilicher Eskorte fast zu gleicher Zeit in der Residenz angekommen war, ging vom Profosshaus voll Betrubniss zwar, doch nicht ganz ohne Hoffnung fur Murray's ferneres Schicksal in seine bescheidenen Zimmer zuruck, die sich inzwischen nach seinem Wunsche durch das von Rafflard innegehabte noch vermehrten. In der Werkstatt fand er alle seine Anordnungen befolgt. Diejenigen Gesellen, welchen er, unterbrochen zwar von den vielen in sein Leben eingreifenden Begebenheiten, doch mit grundlichster Anleitung seine Art zu arbeiten mitgetheilt hatte, waren in der Befriedigung seiner strengen Anspruche vorgeschritten. Er fand, dass man die Modelle zu Holzarbeiten, die er aus Thon geformt zuruckgelassen, wohlgelungen in Holz nachgeahmt hatte und freute sich, dass sein auf Martens' Namen gehendes Geschaft inzwischen einen unerwarteten Aufschwung genommen hatte. Waren auch die Zeiten fur Kunsttischlerei und Modellirarbeit, einen Luxuszweig der Gewerbe, nicht eben gunstig, stockten ohnehin bei dem politischen Drucke, der auf den Gemuthern lastete, alle Industrieen, so waren doch die Leistungen, die Louis Armand in seinem Fache aus Paris mitbrachte, zu auffallend gewesen, als dass sie ihm nicht eine reichliche Nachfrage dennoch hatten zuwenden sollen.

Frau Martens war "kurios", wie sie sagte, wie Franzchen lebe, ob sie nicht grussen lasse, ob der alte Sandrart nichts dem jungen sagen lasse, ob Heunisch "allegro" ware. Louis war so rasch, so ubereilt von Hohenberg abgereist, dass er alle diese Fragen nur unvollstandig beantworten konnte. Hochlichst verwundert war Frau Martens, dass Franzchen nicht bei'm Onkel, sondern mit dessen "Permission" im Hause eines dem alten Sandrart so nahewohnenden Okonomen, des Generalpachters der Furstlich Hohenbergischen Besitzungen, lebte. Sie malte sich das Verhaltniss in grossartigsten Umrissen aus und freute sich, dem jungen Sergeanten, der ein treufleissiger Besucher der alten Leute geblieben war, eine so neue Mittheilung stecken zu konnen. Ei, sagte sie, in der Kuche ist sie nicht perfekt, aber einen Bofflamoth, einen Bissteck und einen Amuleth kann sie machen. Von einem Verhaltnisse zwischen Louis selbst und diesem des Boeuf a la mode, des Beafsteaks und der Omeletten kundigen Franzchen war nicht die Rede. Der sonderbare kleine platonische Roman, der sich zwischen Louis und Franziska angesponnen hatte, war von Frau Martens und ihrer Brille vollig unbeachtet geblieben. Die halbwuchsige Gelehrte bemerkte in Liebessachen nur das Auffallende, das Hochromantische, durchschlagend Tragische und in Holzschnitten Darstellbare, ja selbst dem jungen Sandrart "schwante" nur etwas und einige Tage spater, als Louis in der Werkstatt stand, nahte er sich Diesem ganz zutraulich mit der Frage nach Heunisch, seinem Vater, nach Franzchen, dem ganzen Ullagrund und wunschte zu wissen, wie er Alle verlassen hatte.

Louis war tief verdustert. Er war bei Egon gewesen und hatte ihn nur zwischen Thur und Angel sprechen konnen. Was hatte er gehort: Da bist du schon? Louis du bist zuruck! Was hat dich heimgejagt? Dein Geschaft? Deine Bestellungen? Sieh! Sieh! Du fandest Alles vortrefflich du schriebst mir, dass Ackermann ein Tausendkunstler ist Gott gebe seinen Segen nun willkommen, Louis ah, Louis wo nehm' ich Tage her, die mehr Stunden zahlen als vierundzwanzig! Wann werd' ich dich ordentlich sprechen konnen? Siehst du, Das hab' ich von Eurer politischen Laufbahn nun bin ich mitten im Gewuhl vergib die Eile, Louis Und mit diesen Worten hatte sich Egon an Sollizitanten wenden mussen, deren in aller Morgenfruhe schon ein Dutzend im Zimmer standen. Louis war gegangen, einen Pfeil im Herzen ... Das ist aus, dachte er, daruber mach' denn ein Kreuz!

Erschuttert noch und tiefverletzt stand Louis in der Werkstatt und grubelte uber ein Gedicht, das zur Noth seine Stimmung ausdrucken sollte. Er gedachte Oleander's, Siegbert's, Murray's und Ackermann's Alle diese edlen Manner hatten den Gedanken an Egon verdrangt und doch hing er an dem Jugendfreund wie an seinem Bruder. Er versuchte zum ersten Male in der Sprache seiner Vorfahren, in der deutschen, zu dichten und wagte, angeweht von Oleander's milderen Anschauungen und doch noch nicht ganz befreit von der bittern Scharfe seiner franzosischen Reminiscenzen, ein Gedicht in dieser fast an die lateinische katholische Poesie des Mittelalters erinnernden Fassung:

Welt, wie bist du weit und gross!

Alle Riegel sind gesprengt,

Alle Pforten ausgehangt!

Wie sich's walzt und wie sich's drangt!

Und was birgt wohl noch dein Schoos?

Wolken, weilt! Wie folg' ich euch?

Stehe, Zeit, wie halt' ich dich?

Raum, du gahnst so furchterlich!

Wo im Chaos rett' ich mich?

Bin ich nur der Feder gleich?

Wie dereinst bei'm Weltgericht

Hor' ich der Verdammten Chor.

Jeder drangt zum Richterohr,

Tragt nur sich, sein Ruhmen vor,

Seine Furcht, sein Hoffen spricht!

Herzen ohne Harmonie

Durcheinander. Jedes' Brust

Hallt das Echo eigner Lust

Seiner Sprache nur bewusst,

Seiner eig'nen Melodie.

Tausend Uhren Mitternacht

Weisend und die Pendel doch

Ungleich schwankend, tief und hoch,

Keinen hat der Kaiser noch

In den gleichen Takt gebracht!

Gern hatt' ich zum Wald hinaus

Mich in Einsamkeit gebannt,

Hatte an der Quelle Rand

Einen stillen grunen Stand

Mir gesucht, ein friedlich Haus.

Gerne hatt' ich mich gestellt

An den Busch der Nachtigall,

An ein Lerchennest im Thal,

Fliehend jeden Widerhall

Dieser Zeit und dieser Welt!

Doch ich muss, ein treuer Thurm,

Wachen an dem Meeresrand

Bleiben fest im alten Stand,

Wenn umspuhlt vom Wogenbrand,

Wenn umdonnert auch vom Sturm.

Die Entscheidung soll ich sehn,

Wenn zerkracht der Wolkenball!

In der dumpfen Donner Schall

In dem allgemeinen Fall

Muss ich sinken oder stehn.

Ein solches Gedicht, vom Augenblick geschaffen, blieb in Louis fest, wenn er es auch spater erst niederschrieb.

Er hatte die wilde Stimmung seiner fruheren Auffassungen noch nicht ganz dampfen konnen, in der Form aber schon jene Naturlichkeit und Einfachheit, die er dem Beispiele Oleander's verdankte, sich anzueignen versucht.

Wie er noch so stand, dichtete, arbeitete, trat der junge Sandrart in die Werkstatt und begab sich sogleich an den Winkel, wo vor dem Fenster, nicht fern vom grossen eisernen Ofen, dessen Rohren durch die ganze Werkstatt sich zogen, Louis' gewohnlicher Platz war. Er hatte von Madame Martens rasch "avertirt" bekommen, dass Herr Louis Armand wieder "ritour" ware und naherte sich ihm mit der Scheu, die Jedermann fuhlen musste, der Louis' tieferes Streben mit der Zeit aus seiner einfachen, fast schuchternen Art sich zu geben, erkannt hatte. Alles, was er schon von der Alten gehort, musste ihm Louis wiederholen und vernahm es so aufmerksam, so uberrascht, als hatt' es ihm Louis zum ersten Male erzahlt.

Mein Vater erwartet mich zu Weihnachten, sagte er, aber ich werde keinen Urlaub bekommen; die dritte Kompagnie wird kurz gehalten. Aldenhoven ist Kapitain geworden. Wir werden gefuchtelt.

Wie geht es dem Major? fragte Louis.

Der Sergeant erzahlte von dem immer offner hervortretenden Bruch in der Armee selbst. Werdeck, soweit sich Das aus seiner Sphare beobachten liesse, ware duster und mismuthig, doch hatte er ihm kurzlich erst gesagt: Sandrart, Ihr kennt einen jungen Mann, Namens Louis Armand! Haltet Euch an ihn und seine Freunde! Sandrart wiederholte diese Worte mit Schuchternheit.

Wenn Sie wollen, Sergeant, sagte Louis und reichte ihm die Hand, ohne irgend eine Misstimmung wegen Franziska's zu verrathen.

Der junge Krieger klagte uber die Verwahrlosung des innern Menschen unter den Waffen. Man exercire, stehe Wache, putze seine Montur und Armatur und im Ubrigen hiess' es: Bete oder faullenze!

Es ist bei uns in Frankreich nicht anders, sagte Armand. Der Soldat soll immer eine Maschine sein, soll immer nur der Disciplin leben. Wer dann seine Zeit ausgedient hat, kommt nach Hause, hat sein Handwerk verlernt oder die Arbeit am Pfluge ist ihm zu gering geworden.

Es ist ein Gluck, dass es ehrliche Madchen gibt ...

Wieso Madchen und ehrliche?

Wer heirathen will, muss doch wieder an die Hobelbank oder auf's Feld zuruck; um die Madchen holt man ein, was man fur sich beinah verlernt hat.

Das Gesprach war von den Gesellen belauscht worden. Man lachte und Louis liess sich eine so heitre Storung schon gefallen. Er setzte das Gesprach fort, von dem er nicht ahnte, dass es ihm spater als "Soldatenverfuhrung" ausgelegt werden sollte. Sandrart erzahlte von den Schmeicheleien, mit denen man das Selbstbewusstsein des Heeres, das nur durch Schlachten gehoben werden konnte, heben wolle und nur einschlafere. Er erzahlte von den Marchen, mit denen man die Krieger erschrecke, von einer neuen Revolution, wo nicht das Kind im Mutterleibe geschont werden sollte. Die Rothen wollten den Konig, die Prinzen und Prinzessinnen morden und kein Soldat sollte ungespiesst bleiben ...

Die Gesellen lachten ...

Aber es kommt immer nicht, fuhr der aufgeregte Sergeant fort. Wir stehen des Morgens auf und gehen des Abends zu Bett mit dem Gedanken: Nun wird's losbrechen! Und kommt dann ein kleiner Allarm oder eine Schlagerei im Wirthshause oder eine Strassenrottirung, so konnen Sie sich daraus erklaren, warum unsre Mannschaften gleich so fuchswild und erbittert zuschlagen. Die Leute sind gereizt und denken: Nun geht's an's Leben!

Trauriger Zustand, wenn in einem und demselben Staate zwei Krafte so gegeneinander wuthen, bemerkte Louis ruhig; es ist aber uberall so. Der Adel und die Bureaukratie haben sich die Armeen apartgenommen und dressiren sie nach ihrem Gefallen. Leider hat man da ein so gutes Feld fur seine Intrigue! Die Fahne, der ihr geschworne Eid, der erlaubte Stolz des Kriegers, die Erinnerungen seines Truppenkorpers, die Achtung vor dem Souveran, das Alles sind Begriffe, an die sich fur ein schwarmerisches Gemuth so vortrefflich anknupfen lasst! Man fanatisirt diese Menschen durch ein Verbrechen, das man die Sunde gegen den heiligen Geist nennt.

Man wunschte Erklarung dieser Sunde ...

Es ist die Sunde, sprach Louis so laut, dass Alle horten, die Sunde, die irgend eine richtige Thatsache, eine Wahrheit, die in der Menschenbrust wie mit ehernen Buchstaben eingegraben steht, zu einem falschen Zwecke benutzt. Wer vollends von seiner irrthumlichen Anwendung einer Wahrheit selbst uberzeugt ist, kann kaum Vergebung erwarten.

Die Gesellen horchten und blinkten sich zu. Manche hielten Louis fur etwas viel Hoheres, als wofur er sich ausgab.

Ich verstehe wohl, sagte Sandrart, der sich auf einige Bretter gesetzt hatte, ich verstehe, dass Sie den Spektakel mit dem Fahneneid meinen ...

Ich halte jeden Eid fur heilig! bemerkte Louis.

Und nun sprudelte der Sergeant, den ein Arger mit seinem Kapitan gereizt zu haben schien, Alles hervor, was fur und wider den Fahneneid den Soldaten offen und heimlich jetzt zugesteckt zu werden pflegte. Tag ein Tag aus, fuhr Sandrart fort, kommen Leute in die Kasernen oder auf den Exercierplatz und predigen uns den heiligen Eid. Der Eine lasst Kaffee aus einem Keller in der Nahe holen, der Andre verschenkt wollene Strumpfe ... die Leute trinken den Kaffee, nehmen die wollenen Strumpfe ... und immer heisst's dabei: Was wir geschworen haben, halten wir. Aber ...

Ein Eid ist heilig! erwiderte Louis. Ich tadle die Soldaten nicht, die ihn leisten, sondern die, die ihn abnehmen. Es muss dahin kommen, dass der Soldat nicht in die Lage versetzt wird, einen einseitigen und in die Gesellschaft den Brand des Aufruhrs schleudernden Eid zu schworen.

Er soll schworen, die offentliche Ordnung des Vaterlandes im Innern und seine Grosse und Ehre nach Aussen zu ver-theidigen. Die gesetzlichen Organe dieser Ordnung und Ehre haben sich geandert. Es sind nicht mehr die Fursten, sondern die Vertreter der Volker.

Wir brauchen keine Fursten mehr! rief es aus einer Ecke.

Wir brauchen keine Soldaten mehr! aus einer andern.

Louis wandte sich eben, um ein lautes St! auszusprechen, als der alte Martens in seiner blauen Schurze und wollenen gestrickten Uberjacke hereintrat und dieser larmend und sturmisch gewordenen Unterhaltung ohnehin ein Ende machte. Er litt niemals, dass in seiner Werkstatt uber Politik gesprochen wurde.

Auch der Sergeant, der alle diese Gesellen kannte, wusste das Verbot und nahm den verwildert gewordenen Gegenstand nicht wieder auf. Er sprach von Franziska und klagte, dass er zu Weihnachten keinen Urlaub bekommen wurde. Der Feldwebel sahe lieber, dass er sich seine Bescheerung schicken liesse, um sie mit ihm theilen zu konnen ...

Und der Major?

Der Major wer weiss, wie lange der noch Majort. Das ist Einer, der nachstens sagen wird: Der Eid druckt mich!

Marsch in die Kaserne! rief der alte Martens dazwischen. Dien' Er seinem Konig und lob' er Gott den Herrn, Amen!

Die Gesellen lachten nun erst recht. Sandrart liess sich nicht storen. Er war zu bewegt. Er hatte seit der einfachen Begegnung mit den Offizieren auf dem Fortunaball und in dem Worte: Gehorsam ausser Dienst jenen nagenden Qualgeist in sich, der bei den untern Standen mehr Unruhe und Schaden im Gemuthe stiftet als bei der Bildung. Das prickelte, das hetzte ihn. Immer derselbe Refrain, immer dieselbe wunde Stelle, die nicht heilen wollte und die taglich beruhrt wurde ... Endlich ging er. Als er Louis die Hand gab und fragte, ob er bald in den Ullagrund schriebe, rief eine Stimme ihm nach: Sergeant! Gartenstrasse Nr. 14 alle Abend um acht Uhr ist Verein kommen Sie und bringen Sie Kameraden mit, die das Herz auf dem rechten Fleck haben!

Wer sagt Das? Wer verfuhrt hier die Soldaten? rief der alte Meister und rannte zu dem Sprecher hinuber, einem kleinen, dicken, wohlgenahrten Arbeiter, dem Advokaten der Werkstatt.

Sandrart hielt den zornigen Alten auf und beruhigte ihn. Aber der Meister tobte jetzt seine patriotische, alte, deutsche Gesinnung aus nach dem Thema: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gotte, was Gottes ist! Er machte sein Recht als Meister und Werkstattbesitzer mit ein Dutzend Hammerschlagen auf den Werktischplatten geltend. Sandrart ging. Die Rebellen schwiegen. Auch Louis schwieg. Da aber manche Anzuglichkeit des alten Mannes ihm selbst gelten sollte und er sich schwer beherrschte, so zog er vor, eine Weile auf sein Zimmer zu gehen und dem Alten Zeit zu lassen, sich inzwischen grundlichst auszutoben, was auch geschah, diesmal sogar mit Fremdwortern aus dem Lexikon seiner gebildeten Ehehalfte.

Eine Woche ging so hin. Louis lebte zuruckgezogen. Er suchte nur Dankmar auf und fand ihn nicht. Zum Major Werdeck wagte er sich nicht. Uber Murray's Schicksal wurde ihm keinerlei Beruhigung. Der Drang, ihm zu helfen, die im Forsthause vorgekommenen Dinge in einem Lichte darzustellen, wo alle Schuld nur auf ihn falle, war so machtig in ihm, dass er anfangs an Egon's Beistand dachte. Allein war Das noch sein Egon? Er war's im Tone, in der Behandlung noch gewesen; er hatte ihn nicht lieblos empfangen, ihm taglich sein Haus angeboten. Aber eine Kluft hatte sich zwischen Beiden aufgethan, weiter, als der naturliche Abstand der Geburt. Die Romantik war voruber, das praktische Leben hatte begonnen. Louis entschuldigte Egon, klagte sich an, zieh sich selbst der Eitelkeit, dass er von dem Freunde Egon, der einst in Lyon seine Schwester liebte und mit ihr wie mit seinem Weibe lebte, jemals die spater entdeckte Furstenwurde nicht trennte. Er fand es naturlich, dass Alles so kam, wie es jetzt gekommen; aber ihm lastig fallen, eine Audienz erbitten, ihm schreiben, eine Bitte vorlegen ... dazu war er zu stolz, zu verletzt, zu eingeschuchtert. Dann fiel ihm bei, ob nicht Dankmar Wildungen als Jurist helfen konnte und eben so schmeichelte sich ihm die Vorstellung ein, ob er nicht wagen sollte, den mehrfach genannten Otto von Dystra aufzusuchen und ihm die Lage eines Mannes vorzustellen, der aus einem fernen Welttheile ihm nicht unbekannt sein sollte.

Es war wieder Mittag. Die Arbeiter zerstreuten sich. Als sich Louis nach einem bescheidenen Mahle in einer nahgelegenen Wirthschaft in der Voraussetzung, vielleicht nun heute endlich Dankmar Wildungen und den von Murray erwahnten Gonner, Otto von Dystra, aufzusuchen, besser anzog und in seinen Gerathschaften ordnete, fielen ihm die Gegenstande auf, die er im Forsthause damals an sich genommen hatte. Es war ein Gesangbuch, ein Blumenstrauss und ein zierlicher Madchenkamm. Er hatte diese Dinge an sich genommen, weil die von Ursula daran geknupften Reden ihm so auffallend klangen, dass er glaubte, vielleicht enthielten sie Thatsachen, die sich auf Murray's Sohn bezogen ...

Der Kamm war von Schildpatt und zeigte mit Elfenbein ausgelegt die Buchstaben H.D. Das Gesangbuch fuhrte auf bestimmte Namen. Es war in schwarzes Leder gebunden und enthielt auf dem Deckel die Notiz uber die Geburt und die Verlobung eines jungen Madchens, von dem Louis wusste, dass es eines Sonntags an der Sagemuhle verungluckte. Heunisch, sagte er sich, hat sicher diese Gegenstande, auch den Blumenstrauss, den sie grade trug, aufbewahrt und die Alte sie eingeschlossen, um durch ihren steten Anblick ihn nicht zu traurig zu stimmen. Das Gesangbuch, der Kamm, der welke Blumenstrauss wurden Louis fast unter der Hand zu Tonen und Klangen und Reimen eines Gedichtes ...

Wie er den welken Strauss, der krampfhaft zusammengeballt schien, auseinanderfaltete, horte er ein Klingen, wie von einem fallenden metallnen Gegenstande. Am Boden sah er einen zerbrochenen Goldreif blinken. Er hob ihn auf. Sicher hatte dieser Ring in dem Gewirr des welken, heuartig gewordenen Blumenstrausses schon lange versteckt gelegen. Der Verlobungsring des unglucklichen Madchens! dachte er. Wo ist nur die zweite Halfte? Er suchte und fand sie nicht. Wer weiss, dachte er, durch welchen Zufall dieser Ring zerbrach! Die Treue hat ihr Heunisch wirklich gehalten ... Louis wollte den Ring mit den ubrigen Gegenstanden bei Seite legen, als ihm doch noch einfiel, nach einer moglichen Gravirung innen zu sehen. Er erstaunte, nicht die Buchstaben zu finden, die auf Heunisch's Geschichte passten. Er las in dem Ringe P. und die ersten Zuge eines kleinen v., die ohne Zweifel auf einen adligen Namen schliessen liessen. Auch sah er jetzt, dass er keinen Trau- oder Verlobungsring, sondern einen einfachen goldnen Reifen, dessen Kopf durch einen Stein verziert gewesen sein musste, vor sich hatte. Die adlige Bezeichnung des Ringes liess ihm als wahrscheinlich erkennen, dass er einen Theil jenes Ringes vor sich hatte, von dem ihm Murray einst erzahlt hatte. Und so steckte er dies Fragment behutsam zu sich und gedachte, ihn dem unglucklichen Gefangenen bei erster Gelegenheit, wo er hoffte, ihn sprechen zu durfen, zu ubergeben. Die ubrigen Gegenstande verschloss er wieder.

Mit einem alten Mantel, den er uber seinen gewahlten Anzug warf, ging Louis aus, um auf's Neue zu versuchen, Dankmar Wildungen zu treffen. Wie gross war seine Freude, als er grade beim Eintritt in das von den Freunden bewohnte Haus den Gesuchten die Stiege herabkommen sah! War' es Siegbert gewesen, so hatt' er ihn umarmt. Dankmarn schuttelte er die Hand und freute sich der herzlichen Erwiderung.

Seit wann sind Sie zuruck?

Uber eine Woche.

Wir verfehlten uns. Auch ich fragte nach Ihnen. Wie geht es meinem Bruder? Er sehreibt so selten.

Ich verliess ihn wohlauf, heiter und frohlich ...

Heiter? Empfing er

Es erfolgte jetzt die Verstandigung wegen der Trauer. Dankmar sprach uber das erlebte Leid. Es waren Worte, die in Kurze die schmerzliche Thatsache zusammenfassten. Er wunschte, dass Siegbert, wenn er auf dem Lande Zerstreuung hatte, nicht in die Residenz kame, die ihm wenig Trost bieten wurde.

Einen Tag bin ich hier und dieses Chaos von Anmassung und Luge!

Ich halte Sie auf!

Kommen Sie zu mir, Armand ... Gegessen ist auch bei mir schon. Aber einen Kaffee konnen wir noch brauen! Frau Schievelbein, Mokka, Java, Cheribon! Was sich findet! Aber schwarzen! Denn, Louis, wir trauern.

Damit schloss Dankmar die Thur der bescheidenen, noch warmen Wohnung auf, ruckte Bucher, Skripturen vom Tisch und rief noch einmal der Wirthin, die aus ihrem Mittagsschlafe schwer zu wecken war. Wahrend er selbst die Vorbereitungen zu einem Kaffee in seiner blechernen Maschine machte, Spiritus anzundete und endlich von der gahnenden Wirthin unterstutzt wurde, einmal hauslich und gemuthlich einen Nachmittag nicht im Kaffeehause, sondern daheim zuzubringen, sprach er vom Tode seiner Mutter, vom Leben uberhaupt, vom Geheimniss der Weltschopfung, vom Gegensatz zwischen Materie und Geist, Himmel, Holle, Erde, Lampendocht, Spiritus, Filtrirmaschinen und schloss seine aus Schmerz und Scherz gemischte Plauderei mit der Bemerkung:

Ja, lieber Armand, seit wir unter dem Kreuze in dem Rathskeller sassen, ist Manches geschehen; aber was ich auch erlebte und das Schlimmste ist allerdings der Leichenstein-Strich uber ein theures Dasein, das ich noch fur viel Gluck aufgespart glaubte, Alles hat mich gelehrt: Wenn man die Grenze des Daseins fuhlt, wenn man sieht, wie Alles endet und enden muss, ohne Ausnahme, dann, mein Freund, nimmt man das Schwerste im Leben leichter und setzt mit grossrer Lust sein Leben auch an das Traurigste. Ich bin nicht etwa entmuthigt, wie Sie mich hier sehen. Aber ergrimmter bin ich, entschlossner, gleichgultiger um diese schonen Fratzen, die uns locken und schmeicheln wollen mit Worten: Ach, wie suss ist dies Leben! Schick' dich in diese Lugen! Dulde diese Irrthumer! Lass diese Narren regieren! Lass diese Welt gehen, wie sie geht! Der Tod meiner Mutter war so voll Uberredung fur mich, an ein Jenseits zu glauben. Ihre Gesichtszuge waren verklarter, nachdenklicher, strenger als je im Leben. Man konnte glauben, der im Schauen begriffene Geist liesse noch Spuren auf dem theuren Antlitz zuruck. Wie ich sie in die Grube senken sah, wie Alles um mich her Tod und doch Unsterblichkeit auf dem Friedhofe flusterte, da empfand ich Liebe fur die Geschiedenen, Hass fur die Lebenden. Vermessene Thoren, rief es in mir, die Ihr Euch einbildet, das Leben beherrschen zu konnen! Wer seid Ihr denn, Ihr zufallig Reichen, Ihr angemasst Machtigen, Ihr eingebildet Weisen! Hier ist Alles gleich, hier unter diesen welken Trauerpappeln ist die ganze Komodie aus und da druben jagt, hetzt Ihr Euch mit Euern Leidenschaften und sinnlichen Interessen durcheinander! Glauben Sie mir, Louis, man muss das Leben verachten, um dem Leben eine grosse That zu hinterlassen. Ich wurde mich nicht mehr bedenken, mein Haupt zu opfern, wenn ich glaubte das Rechte getroffen zu haben, um einer gottlichen Wahrheit in unserm Leben ihre Geltung zu verschaffen.

Louis war von der Aufregung, in der er seinen Freund und Gonner wiederfand, erschuttert ... Wie geht es mit Ihren Hoffnungen auf ... Er stockte, das Wort: die Erbschaft, auszusprechen ... Ich bin im Begriff, sie auch in zweiter Instanz zu verlieren, sagte Dankmar und habe dann nur noch das Urtheil vom Obertribunal revidiren zu lassen. Meine Hoffnung, der Welt zeigen zu konnen, wie wir mit ererbten Rechten verfahren sollen, wird sich nicht erfullen. Indessen setz' ich Alles daran, wie ein Flugelross bis an die Stelle zu steigen, wo es immerhin todt niedersinken moge. Sie konnen sich denken, welche Entbehrungen ich leide. Die Kosten des Prozesses wachsen in's Unglaubliche. Das kleine Vermogen, das sich nun noch von der Mutter aus uns ergeben wird, ging theils im Begrabniss, theils in der Ordnung ihres Nachlasses schon hin. Den Rest werfen wir in jenen Abgrund, der uns keine Ergebnisse bringen wird, ich mag auch noch so viel in diesen Buchern studiren! Jetzt vollends, wo meine Hoffnung, dass mindestens der eine Concurrent, der Staat, die Ungehorigkeit seiner Anspruche einsehen wurde, sich betrogen sieht und durch Egon ein neues Leben in diese Angelegenheit kommt ...

Durch Egon? Wissen Sie Das ...

Von ihm selbst.

Sie sprachen ihn?

Kurzlich auf der Staatskanzlei, wo ich mir eine Audienz vom Premierminister erbat. Zum Menschen Egon geh' ich nicht.

Sie geben ihn auf?

In meinem Sinne, ja!

Wie war er gegen Sie? Kalt, zuruckhaltend?

Im Gegentheil; er war offen und suchte die inzwischen durch seine Massnahmen so weit gerissene Kluft zwischen uns durch entgegenkommende Freundlichkeit zu verbergen ...

Sie machten dieselbe Erfahrung wie ich ...

Mein Freund, sagte Dankmar, geben Sie diese Anknupfung auf! Ich denke mit Wehmuth zuruck, wie ich Egon fand, wie er mir die Freundschaft auf offnen Handen entgegentrug, wie er mir den Brudernamen aufdrangte. Dennoch muss ich gegen ihn gerecht sein. Ich entsinne mich, dass wir mehr in ihn hineingelegt haben, als wozu wir berechtigt waren. Wir horten ihm zu und fuhlten da schon die innere Trennung. Da wir ihn aber lieb hatten, wollten wir nicht sehen. Nun ist die chemische Probe gekommen. Wer verdenkt ihm, dass er uns entgegnet: Ihr habt mich wie Eure Puppe behandelt, mit Euern Ideen mich ausgeputzt! Die Zeit des Scherzes ist voruber.

Louis wollte dies Misverstandniss nicht gelten lassen und behauptete, ein fremdartiger Einfluss hatte sich des so hoch gestiegenen Freundes plotzlich bemachtigt und ihn von ihren Anschauungen hinweggerissen ...

Nein, nein, sagte Dankmar. Das ist in der Ordnung und nicht weiter zu beklagen. Der Damon, der die Welt regiert Gott ist es nicht; der steht noch uber diesem Damon gibt fur seine Schlachten dem Menschen die ihm gebuhrende Stellung. Der Eine hier, der Andre dort. Wir haben nichts zu thun, als nach unsrer Fahne zu blicken und in den Kampf zu gehen, wenn unser Signal uns ruft. Es ist ganz in der Ordnung, dass auch Egon den ihm von dem vorigen kaufmannischen Ministerium hinterlassenen Prozess fortfuhrt, ganz in der Ordnung, dass ich ihn verliere. Sie glauben nicht, was uns der Mensch als eine willenlose Maschine, als ein anorganisches Produkt erscheint, wenn man es abbluhen und sterben sieht. Wir sind nicht frei. Wir glauben es zu sein und freuen uns nur des Quecksilbers, freier Wille genannt, das doch allein mechanisch in uns hin- und herrollt und uns alle unsre Bewegungen gibt!

Bei allen diesen Bemerkungen, die Dankmar unmuthig und ungeregelt ausstiess, unterzog er sich einer grundlichen, von Frau Schievelbein unterstutzten Vorbereitung zu einem gemuthlichen Kaffee. Es gibt gar nichts Traulicheres, als wenn im kalten Novembersturm, auf engem, gut erwarmtem Zimmer junge Manner die kleinen Konsequenzen ihrer Garconwirthschaft ziehen, den Frauen in ihre Vorrechte greifen, Haushalter spielen, Kaffee filtriren und ihn mit Cigarrendampf und guten Einfallen, in eine Sophaecke gedruckt, behaglich niederschlurfen.

Nun, sagte Dankmar lachelnd, als die Wirthin Tassen zurechtgestellt und erklart hatte, sie wurde bald das heisse Wasser bringen, nun, wie ist es, Louis, haben Sie fur das vierblattrige Kleeblatt geworben? Ist das Korn von jener Nacht aufgegangen? Fanden Sie Menschen, die wurdig sind, in die kampfende Bruderschaft vom Geiste zu treten?

Louis war auf Mittheilungen uber Dankmar's grosses Unternehmen gefasst, nicht aber darauf, Bericht zu erstatten, was er selbst dafur gethan. Er erschrak fast und gerieth in Verlegenheit, ob er gleich an Murray, Oleander, Ackermann dachte.

Freund, fuhr Dankmar, als er sein Zogern bemerkte, fort, wir mussen vorlaufig mit den Blicken werben! Das ist das Prufzeichen der Wahrheit unsrer Ideen, dass wir vorlaufig Menschen finden, die uns wurdig scheinen, sich dem grossen, innern Kreuzzuge anzuschliessen. Sonst lernten wir Menschen kennen, die an uns vorubergingen und von uns vergessen wurden, auch wenn wir ihnen schmerzlich nachsahen. Jetzt haben wir etwas, was uns solche Begegnungen werther macht. Einen edlen Menschen finden ist jetzt fur uns eine Eroberung. Wir sollen es mit ihm machen wie Entdeckungsreisende, wenn sie Inseln im Meere finden, die Niemand kannte. Sie pflanzen das Zeichen ihrer Nation auf, nehmen feierlich im Geiste von ihnen Besitz und reisen weiter. Oder wie man Zugvogeln eine Kette umhangt und sie fliegen lasst, wohin sie wollen, in der Hoffnung, sie wurden irgendwo uber tausend Meilen durch jenes Symbol doch einen Menschen erfreuen, der da sagt: Seht, diesem Reiher hing ein Araber, ein Hindu eine kleine Kette, einen Ring um mit seinem Zeichen und dies Zeichen lautet: Ich grusse dich, Bruder, Mensch, Freund in dem grossen Geist, ob er nun Gott, oder Allah oder Lama oder Jehova heisst. So sollen wir jeder uns verwandten edlen Intelligenz unsichtbar das Zeichen der Ritterschaft vom Geiste aufheften und dann ihn wandeln lassen seiner Wege. Sie fuhren schon zusammen zu einem Ziele!

Dankmar sprach diese Bemerkung mehr im halben Scherz, doch blickte der Ernst und die sichre Absicht durch, diese Werbungen wahr zu machen ...

Louis nahm keinen Anstand, ihm zu erklaren, dass es auch ihm so ginge. Er wisse nun immer, was er mit den Menschen, die er im Leben sahe, beginnen sollte. So mussten einst die Apostel gewandelt sein und sich sogleich die Seelen herausgefunden haben, denen sie die Botschaft vom Menschensohne bringen wollten. Fruher hatte er gepruft, ohne Zweck; er hatte die werthvollen Menschen vergessen oder sich ihrer nur mit jener freudigen Wehmuth erinnert, die wol den Schiffer ergreifen musse, wenn auf dem Weltmeer ein Segel an ihm voruberfahre. Ein Salutschuss und dann ewige Trennung! Jetzt aber halte er im Geiste Jeden fest und mochte ihn dauernd zu dem grossen Werke der Befreiung verbinden. Und wohl musse er eingestehen, dass ihm auf dieser kleinen Reise schon Wurdigste begegnet waren.

Nennen Sie sie nicht! sagte Dankmar. Es soll unserm Bunde zur Forderung dienen, dass wir nicht wissen, wer zu ihm gehort. Jeder soll werben, Jeder soll an gewissen grossen Bundestagen Beweise dafur bringen, dass er Ritter vom Geiste gerustet und gewappnet gefunden hat, aber die Erkennung sei eine zufallige! Keine Register! Keine Namen!

Louis hatte aber grade recht auf dem Herzen, von Oleander, Ackermann und besonders von Murray zu reden und Dankmar sah ihm seinen Drang dazu an.

Nicht wahr, sagte er, Ackermann scheint Ihnen wurdig?

Im vollsten Masse!

Ein Grossmeister unsres Ordens! Treu, fest, wohlwollend, unabhangig. Ja, Louis, unabhangig! Das hab' ich gefunden, das ist der einzige Standpunkt, auf dem man denkt, klar denkt und fur die Menschheit etwas in die Schanze schlagt. Doch hab' ich auch Viele gefunden, die edel sind und gern mochten, wenn sie konnten. Da sollt' ich helfen konnen! Da sollte mein Erbe, ausgehend von den geistlichen Rittern, den geistigen Rittern wieder zufliessen! Darum mocht' ich Schatze gewinnen, um die Schwachen zu ermuntern, Witwen, Waisen, die ihren Beschutzer verloren, zu trosten, Unmoglichscheinendes moglich zu machen. Darum will ich Geld zu unserm Ringe! Darum mein Muhen und Sorgen um den Kitt unsres Gebaudes!

Louis entgegnete, dass die Manner, die er gefunden, auch ohne die Ermunterung und Schadloshaltung durch irdische Mittel sich der Ritterschaft des Geistes widmen, Helm und Harnisch anthun wurden fur den Kreuzzug der Idee ...

Um so besser, sagte Dankmar. Aber nennen Sie Niemanden! Sammeln Sie, werben Sie im Stillen! Ich bin so glucklich gewesen, dass ich wohl schon von zwanzig edlen Mannern sagen kann: Sie sind die Unsrigen.

Louis staunte ...

Von Leidenfrost und Werdeck hab' ich brieflich gleiche Ergebnisse. Noch haben wir uns nicht konstituirt, noch fehlt uns die Symbolik, uber die ich in nachtlichen Stunden gruble, wie einst Muhammed mag gegrubelt haben, was er von Zoroaster, Christus, Sokrates brauchen konne; noch sind mir nicht die Engel der rechten Erleuchtung erschienen und schon finden wir segensreiche Wirkungen. Lesen Sie nicht schon von vielen Orten her, dass die gefangenen Volksfreunde Mittel finden, zu entfliehen? Mancher, der das Schicksal einer Untersuchung nicht ahnt, wird bei Zeiten gewarnt. Jene Beamte, die kurzlich ihre Amter niederlegten, weil sie mit ihrer Abhangigkeit in Widerspruch geriethen, wurden schon von uns unterstutzt. Es finden sich Liebesgaben, die wie Wasser aus einem Felsen springen. Moses' Zauberstab wirkt Wunder. Es sind Herzen versohnt worden, unbekannte Freunde zusammengefuhrt, Warnungen, Rathschlage empfangt man von unbekannter Hand und schon setzen die Vertrauten an die Spitze ihrer Briefe vier Punkte, die das vierblattrige Kleeblatt der seltenen Freundschaft bezeichnen. Alles regt sich schon, ein neuer Fruhling des Geistes, ein Hoffnungslenz der Gesinnung beginnt; nur Siegbert schlummert noch. Nicht wahr, den fanden Sie wohl tief unter Traumen wandelnd? Glauben Sie, dass uns auch Siegbert Mannschaften zufuhren wird?

Louis staunend uber diese Schilderung konnte nichts versichern, bezweifelte es aber fast, da er sah, wie Dankmar gewirkt hatte und wie Der gluhte vor innerer Befriedigung.

Siegbert wird uns Frauen nennen, die er gewinnen mochte, sagte Dankmar lachelnd. Er hatte dabei auf dem Herzen, nach Selma zu fragen ...

Schon lange lag ihm ein Wort uber Selma auf den Lippen. Er wagte es nicht auszusprechen. Er war von der beklemmenden Vorstellung gedruckt: Wie, wenn sich Das, was Du mit Melanie erlebtest, bei Selma wiederholte?! Siegbert ist liebenswurdig. Er wird von Ackermann mit Zuvorkommenheit aufgenommen werden. Selma wird ihn sehen, ihn lieben. Und Siegbert? Kann sein Herz in Wahrheit bei Olga weilen, jenseits der Alpen? Kann er einer solchen Phantasie nachjagen? Auch die Furstin Wasamskoi, obgleich sie in unsrer Abwesenheit fast taglich hier anfragen liess, wann wir zuruckkamen, kann Die ihn fur's Leben fesseln? Nein, nein, das Schicksal spielt unserm Herzen zum zweiten Male eine Prufung zu. Siegbert und Selma finden sich und dieses Band darf ich nicht losen, wie ich die Irrung zwischen Siegbert und Melanie loste!

Und so fest stand diese Vorstellung bei Dankmar, dass er in der That nicht den Muth hatte, nach Selma zu fragen und auch aus Furcht, von ihr zu horen, Louis' Mittheilungen uber des Bruders Lebensweise rasch unterbrach und ihn nach seinen eignen Angelegenheiten fragte. Da hatte denn Louis die Erzahlung uber Murray und die Bitte um Dankmar's Rath und Beistand schon eingeleitet, als man die Treppe herauf Mannerschritte horte.

Frau Schievelbein, die eben das heisse Wasser in einem summenden Theekessel bringen wollte, offnete und ein Herr im grauen Militarmantel trat auf den Vorplatz, gefolgt von einem andern, der sich Schnee und Regen aus einem dicken langzottigen Tuffelrocke abschuttelte ...

Die Kommenden waren Major Werdeck und sein Freund Max Leidenfrost.

Achtes Capitel

Das Wachsen des Bundes

Wann kommen wir All' uns wieder entgegen,

Im Blitz und Donner oder im Regen?

rief Leidenfrost, als er Louis erblickte und sich der Major uber das gluckliche Zusammentreffen der vier im Geiste Verbundenen innigst zu freuen schien.

Wenn der Wirrwarr hoher steigt

Und wer Sieger ist, sich zeigt!

antwortete Dankmar, auch die Macbethhexen parodirend, ruckte Stuhle heran, nahm dem Major den Mantel ab und schuttelte den Freunden, die er noch nicht gesehen, die Hande.

Graulieschen! sagte Leidenfrost zur Frau Schievelbein, Graulieschen, was brau'st du da fur ein namenloses Werk?

Erlauben Sie, sagte die Alte, um so empfindlicher uber diese Anrede eines Mannes, dessen "Komplimente" sie kannte, als sie wegen eines hohen Offiziers ihrer Toilette eingedenk wurde, erlauben Sie, ich heisse Eulalia und Das wird Kaffee, wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Leidenfrost.

Eulalia! Menschenhass und Reue! fuhr Leidenfrost im pathetischen Tone fort. Kommt Einer da wol heraus aus seinen theatralischen Reminiscenzen? Ich studire gerade Goethe's Faust ein und komme aus dem Arrangement der Hexenkuche.

Frau Eulalia Schievelbein brummte auf's Neue uber sothane Anspielungen, beeiferte sich aber, die comfortabelste Erweiterung ihrer Arrangements moglich zu machen und suchte darin wirklich zu hexen.

Wir erfuhren, dass Sie wieder da sind, Wildungen, begann Werdeck. Und in Trauer! Wir kommen, um Sie theilnehmend zu begrussen ... Ihr Verlust ...

Nur keinen Grabsermon! fiel Leidenfrost ein. Ich hab' ihm Alles geschrieben, was ich uber die nothwendige Futterung der Wurmer denke und uber die Seelenwanderung. Die Citronen, die die Leidtragenden in der Hand halten, werden am besten in aller Stille mit nach Hause genommen, wo sie zum Punsch verwendbar sind. Dankmar, wenn Siegbert da ware, wurde ich anstandig condoliren. Da Sie es sind, denk' ich nur wieder:

Sie hatte auch gelegner scheiden konnen es hatte

Sich bess're Zeit fur solches Weh gefunden.

Das wohl! sagte Dankmar und setzte nach einer Weile hinzu: Aber Sie sind ja schon im besten Zuge Ihrer theatralischen Carriere, mengen Macbeth und Faust zusammen wie Kaffee und Sahne bedienen Sie sich, meine Herren!

Das Beispiel meines Chefs, der asthetisch solchen Milchkaffee liebt, sagte Leidenfrost, die Cigarrenbuchse hervorziehend, steckt mich an! Herr von Harder, mein gegenwartiger Schiffspatron, steuert immer Nord-Nordost, wenn die Boussole der Literatur, Kunst und gesunden Vernunft Sud-Sudwest zeigt. Schiller und Goethe ist ihm ein- und derselbe verschwommene, allgemein klassische, kassenverderbliche Begriff, nur dass er wenigstens aus den asthetischen Anfragen der Hofdamen herausfuhlt, dass in der grauen Nebelgegend, Schiller genannt, etwas mehr Sittlichkeit herrscht, als in der grauen Nebelgegend Goethe und umgekehrt, dort mehr Zeitgeist, als hier. Es ist prachtig. Auch Faust und Macbeth, die er beide einmal gesehen haben muss, in Wien, Munchen oder Vaduz, rinnen ihm in demselben Hexenkessel zusammen. Heute auf der Probe des Faust erschien die Excellenz in selbstpersonlichster Person und wollte sich um das Arrangement der Hexenkuche Verdienste erwerben. Wo kommen denn die Konige her, die dem Faust erscheinen, fragte er mich mit dramaturgischem Vorstudium und die Kunstler lauschten, sich auf die Lippen beissend, in demuthiger Entfernung. Welche Konige, Excellenz? fragt' ich dienst-untergebenst. Nun, ich denke, ich habe Das schon einmal gesehen, sieben oder acht Konige, die wie heisst der TeufelMephistopheles, Excellenz? Mephistopheles, ganz recht durch einen Spiegel vor dem Doktor Faust erscheinen lasst ich hab's in Wien gesehen macht sich sehr gut es ist gleichsam, sozusagen, der ganze genealogische, der ganze genealogische Sie meinen, Excellenz, der ganze kunftige genealogische Kalender von England, Schottland, Irland Ganz recht, von Irland Excellenz irren sich, sagte der tollkuhne, oppositionswuthige Regisseur, der vortrat, Sie verwechseln Faust mit Macbeth dies kuhne Wort der feindseligen gegen die Intendanz verschwornen Regie entrustete den Geheimrath und veranlasste ihn, einen vielsagenden Blick zu mir hinuberzuwerfen, ob ich ihn nicht aus Irland durch allerhand kleine Seitenwege doch dahin fuhren konnte, dass er diesem impertinenten Allesbesserwisser, den er nachstens ohnehin absetzen wollte, gegenuber Recht behielt der Spiegel, sagt' ich, ist hier zur Rechten, Excellenz. Ich glaube, dass Sie auf Veranlassung des Spiegels ... Ein kleines Kind kommt vor, fiel Herr von Harder determinirt ein, ich weiss es aus Wien, ein kleines Kind kommt vor mit einem Spiegel, der Spiegel da ist zu gross und uberhaupt, seien wir vorsichtig mit diesem kleinen Kinde es ist gekront, ich weiss es sehr gut es ist gekront und bedeutet die fruchtbare Dynastie von England Sehr wahr! Aber bemerkte der uber meinen Beistand erschrockene Regisseur ... Die Dynastieen von England, sagt' ich, sind sehr fruchtbar, Herr Dobereiner; aber was ware daran Gefahr ... Ja, sagte Excellenz, ich muss Ihnen bemerken, dass die jungen koniglichen Herrschaften nicht gern an ihre liebsten Hoffnungen, an die Tauschung ihrer liebsten Traume Excellenz wunschten die Descendenz-anspielung, das gekronte Kind, fortzulassen? ... Er: Herr Dobereiner, streichen Sie das Kind weg es ist fur die Herrschaften storend! Der Regisseur: Aber Kindermord? Ich: Excellenz konnen ja auch die ganze Genealogie wegstreichen und blos den grossen Spiegel nehmen lassen, worin Faust blos das Bild Gretchens sieht, nachdem er den Hexentrank zu sich genommen Er: Ganz Recht, ganz Recht, Hexentrank! Aber, es mussen drei Hexen sein ich weiss, es waren in Wien drei Hexen Ja wohl, Excellenz, es sind drei Hexen, allein man nimmt doch gewohnlich nur eine; sie kommt aus dem Schornstein durch eine Flugmaschine, die ich anbringen werde und fur die beiden andern Hexen nehmen wir vier oder funf Meerkatzen, die den Brei kochen, die bekannten breiten Bettelsuppen hm, hm, rausperte sich der Intendant und warf dann einen Blick auf den Regisseur mit den Worten: Herr Dobereiner, geht Das? Es ist sogar vorgeschrieben, Excellenz, sagte dieser mit Entsetzen nach der Uhr sehende und seine Suppe und Hausfrau bedenkende Mann, seufzend vor Ungeduld. Meerkatzen? bemerkte der Intendant plotzlich und verfiel in ein nachdenkliches Grubeln; wie machen Sie denn Meerkatzen? Excellenz, sagte der geplagte Mann, dort die funf kleinen Jungen vom Ballet werden in zusammengenahte Felle gesteckt und machen ihre Sache Abends ganz charmant! ... Excellenz: Ja, aber, bester Freund, Meerkatzen! Meerkatzen, Das ist leicht gesagt. Ich weiss sehr wohl, das sind Affen. Ich bin dafur, dass Alles vollkommen ist und die Kunst soll fortschreiten. Da ist hier der Maler Heinrichson gewesen.

Er ist jetzt in Italien! Der hat die Lady gemalt wissen Sie, die Lady, die mit Apollo oder so einem Gott unter einer Decke spielte wissen Sie, es war eine Muse Wir verstehen Excellenz vollkommen Also diese Lady hatte ein Verhaltniss, wo Apollo immer in Gestalt eines Schwanes zu ihr kam dummes Zeug das aber gemalt macht sich's ... und diesen Schwan, den liess ich aus Danemark kommen ... Und so mein' ich fast, auch die Meerkatzen mussten doch eigentlich ... Nun erinnerte ich ihn, da ich seine tiefen Absichten verstand, an seinen Vater und dessen kleine Menagerie in Tempelheide nein, sagte er, mein Papa halt keine Meerkatzen Meerkatzen sind Affen nicht wahr, Affen? Affen, Excellenz! ... Nein, Papa liebt die Affen nicht, der gute alte Herr hat die Manie, Thiere zu bilden, aber die Affen mag er nicht, weil ich habe den alten Papa Das sehr oft sagen horen, weil ... weil ... Excellenz stockten; ich erganzte: Weil die Affen an sich die Karrikaturen der Menschen waren und nur den tollgewordenen Verstand der Thiere bezeichneten? Richtig, brav, Leidenfrost; aber ich habe eine andere Auskunft. Da ist der Baron von Dystra angekommen, ein kurioser Heiliger, der einige Mohren und unter Andern auch Meerkatzen aus ich weiss nicht welchem Welttheile von Australien mitgebracht hat. Zu dem will ich doch wegen dieser Scene gehen. Ich denke mir doch interessant, wenn wir Um Gotteswillen, Excellenz, rief Dobereiner, doch keine naturlichen Meerkatzen auf die Buhne bringen? Der Intendant stand still und sah forschend auf mich. Er hatte sich in der That im Stillen gedacht, dass eine Hexenkuche mit naturlichen Meerkatzen viel Aufsehen erregen, und da er sehr ehrgeizig ist, vielleicht in der Kunstgeschichte ihm einen Namen erwerben wurde. Ich konnte aber doch, um die unglucklichen Schauspieler zu erlosen, nicht anders, als sagen: O auf dem Tanzsaale oben, Excellenz, lassen Sie diese Jungen nur die Kapriolen der Meerkatzen des Herrn von Dystra beobachten und jedenfalls die in der Garderobe fur diesen Zweck vorhandenen Kostumes nach diesen gewiss hochst echten australischen Meerkatzen korrigiren, respektive ganz neu anfertigen ... Vortrefflich, sagte der Intendant, schob die Vorstellung des Faust, obgleich schon alle Billets vergriffen sind, wieder auf zwei Tage hinaus und begab sich ohne Zweifel direkt zum Herrn Baron von Dystra mit dem erhebenden und gewiss in der Konigs- und den Prinzenlogen zur vollsten Anerkennung kommenden Bewusstsein, dass er aus Goethe's Faust das in ihm gar nicht vorkommende gekronte Kind meuchlings weggemolcht hatte, dagegen aber die Hexenkuche mit treuen, fast lebendigen, jedenfalls der Natur abgelauschten Meerkatzen neu bereicherte.

Diese mit dramatischem Talente vorgetragene Erzahlung des humoristischen Malers versetzte die kleine Gesellschaft in heitre Stimmung. Man rauchte, man schlurfte den braunen Trank und tauschte seine Erlebnisse aus. Auch Louis musste erzahlen und wurde von Werdeck besonders dazu aufgefordert, da der von ihm im Forsthause erlebte Vorfall in den Zeitungen, die zu jener Zeit, um ihre plotzlich vergrosserten Spalten zu fullen, Alles und Jedes aufrafften, schon berichtet und verkehrt genug entstellt war.

Louis fand dadurch Gelegenheit, uber Murray zu sprechen und sein Interesse an dessen unglucklichem Schicksale durch eine Schilderung seines Charakters zu begrunden. Er vermied dabei naturlich jede Andeutung uber dieses Mannes wahre Geschichte. Fur Dankmar war seine Erzahlung besonders auch deshalb unterhaltend, weil er die Lokalitat dieses Vorfalles kannte, durch den blinden Schmied und seine Beihulfe zur Unterschlagung des Schreins selbst in die grosste Verlegenheit gekommen war und vor jener Ursula Marzahn nach Heunisch's Mittheilungen selbst Grauen genug empfunden hatte. Freilich fugte er hinzu, dass hier zu helfen schwierig sein wurde und dass kaum etwas Andres moglich ware, als den Gang der Untersuchung abzuwarten. Bedenklich bliebe unter allen Umstanden der Besitz eines Terzerols, die jahe, vielleicht ubereilte Anwendung dieser Waffe, die zu einer vollgultigen Zeugenaussage unzurechnungsfahige Verstandesschwache jener Frau, die ihm so hexenartig erscheine, dass, setzte Dankmar hinzu, Herr von Harder sie eigentlich noch fur den neueinstudirten Faust auch benutzen musste, wenn dann nur nicht wiederum eine neue Storung des Repertoirs wurde einzutreten haben.

Da Louis zuletzt jenes Otto von Dystra Erwahnung gethan und bemerkt hatte, ob ein Mann, der Murray so nahe stunde und einflussreich scheine, nicht auch in das Interesse einer Verwendung fur den Gefangenen gezogen werden sollte, schloss Dankmar seine klare und rechtskundige Darstellung dieses Falles mit den Worten:

Ich billige vollkommen, dass man diesem die Noth seines Freundes anzeigt. Wer die Freundschaft eines so vortrefflichen Menschen, wie Sie Murray schildern, besitzt, muss fur edlere Dinge als die Kapriolen von Meerkatzen Sinn haben. Ich will Sie, da Sie es wunschen, noch heute Abend zu diesem Manne begleiten.

Louis dankte erfreut. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Auch die Andern lobten ihn fur seinen warmen Antheil und fanden es freundlich von Dankmar, dass er sich diesem Ersuchen nicht entzog.

Da Louis diese Last etwas erleichtert fand, horte er jetzt mit um so grosserer Aufmerksamkeit den Erorterungen zu, die sich uber die gemeinsame Angelegenheit ihrer Ordensstiftung erhoben. Der Gegenstand war zu wichtig, zu bedeutungsvoll, als dass er ihm nicht mit Freuden diesen Nachmittag hatte opfern sollen.

Wir haben uns, begann Dankmar, nach jenem Abend plotzlich getrennt, sind da- und dorthin auseinandergestoben, aber der Funke begleitete uns und zundete. Auch am Sterbebett meiner theuersten Angehorigen beschaftigte mich unser grosses Ziel und von Ihnen Allen Siegbert ausgenommen hor' ich, dass Sie gewirkt haben. Meine Hoffnung, dem Bunde unser Erbe zuzufuhren, wird immer schwankender, ich gebe sie auf. Dennoch, ob wir gleich noch nicht eine Form gefunden haben, die uns zusammenhalt, obgleich noch kein Eid uns bindet, keine Symbolik in Bucher oder mundliche Tradition niedergelegt ist, wirkt doch schon der Geist im Stillen und die Liebe sehnt sich machtig, die Ihrigen zu umfangen. Ich weiss, Leidenfrost und Sie, bester Major, haben Wurdige gefunden. Die Namen nennen wir nicht. Wir wissen nicht, wir glauben nur. Und dass Ihr Vertrauen sich nicht tauschte, beweist z.B. dieser Brief, den ich gestern empfing. Er ist ohne Namen. Lesen Sie diese Worte.

Damit zog Dankmar einen Brief aus dem Portefeuille, das er auf der Brust trug, entfaltete ihn und zeigte ihn am Tisch rundum. Er lautete, eingefuhrt mit den vier Kleeblattpunkten:

**** "Sie verlieren die zweite Instanz Ihres Prozesses! Dieser Tage erhalten Sie das Erkenntniss. Wagen Sie den Versuch der letzten Entscheidung bei'm Obertribunal! Der alte Nestor unsres Justizwesens, der greise Herr von Harder, interessirt sich fur diesen Gegenstand. Die Stadt rustet sich bereits, die Moglichkeit zu erwagen, wenn sie den Prozess verlore. Der Rath hat in geheimer Sitzung diskutirt, ob fur diesen Fall nicht die Verausgabung von zwei Millionen Stadtkammerscheinen erlaubt werden durfte."

Man freute sich uber diese Mittheilung. Sie kam jedenfalls von einer wohlwollenden Personlichkeit, die Dankmar vielleicht nicht einmal kannte. Man prufte die Handschrift und Niemand wusste, wo er sie hinbringen sollte.

So wachst denn unsre Saat, fuhr Dankmar fort, und die Ernte wird immer grosser werden. Ich gewinne Meinungsgenossen, diese schon Andre und so dehnen sich die Glieder einer Kette aus, die wir nicht mehr ganz ubersehen konnen. Wer weiss, ob diese Worte nicht von einem Manne kommen, der uns durch Sie, Major, oder durch Leidenfrost gewonnen wurde.

Leidenfrost bemerkte, dass er werbe, aber schwerlich so gluckliche Erfolge haben wurde wie die Andern. Dennoch hatte auch er schon Zeichen empfangen, dass man ihn als einen Bundsgenossen kenne; auch er musse einen Brief vorlegen, den er mit demselben Symbole der vier Kleeblatter erhalten hatte und offenbar ware er von einer andern Hand als der, die an Dankmar geschrieben.

Der Brief, den er hervorzog und mittheilte, lautete:

**** "Werben Sie fur unsre grosse Sache, aber suchen Sie nur Manner zu gewinnen, die in der Gesellschaft Ihnen gleich- oder uber Ihnen stehen! Sie sind in der Rangordnung Ihres Verdienstes vielleicht ein Konig, nichtsdestoweniger werden Sie einraumen, dass in Ihrer gesellschaftlichen Situation Sie noch hoch emporzublicken haben. Vertrauen Sie die Sache des Bundes, die Kennzeichen, den Namen der Betheiligten Keinem, der unter Ihnen steht, keinem Handwerker, keinem Mitgliede der Arbeitervereine, am wenigsten jenen Kunstlern, mit denen Sie seit einiger Zeit verkehren. Schauspieler haben noch immer von ihrer alten gesellschaftlichen Lebensstellung soviel an sich haften, sind noch so beengt und eingeschuchtert von dem alten Vorurtheile, das ihren Stand verfolgte, dass Sie in dieser Sphare bei jedem Worte des Vertrauens, das Sie schenken, voraussetzen mussen, man bruste sich mit ihm. Nur die Schauspieler, die eine un-bestrittne Meisterschaft besitzen und wie wenige sind Deren! ruhmen sich ihrer Protektionen nicht; auch sind zuviel unter ihnen Freimaurer, vor denen wir uns aus Grunden zu huten haben. Wenn Sie den Grundsatz festgehalten hatten, dass der Gesell nur einen Meister gewinnen soll, nie der Meister Gesellen, so wurd' ich nicht nothig haben, Sie auf's Ernstlichste zu warnen. Sie stehen auf der Liste der von den Behorden Beaufsichtigten. Ihre Reden in den Arbeitervereinen mussen Sie einstellen. In dieser Weise wirken Sie nichts und entziehen der guten Sache Ihre frische Kraft, deren Misbrauch auf der Breterwelt hoffentlich nur ein vorubergehender sein wird."

Leidenfrost trug diesen Brief so komisch vor, dass er trotz seines ernsten Inhaltes Lacheln erregte. Alle Drei seiner Bundesgenossen gestanden zu, dass er eine wenn auch einseitige, doch gute Lektion bekommen hatte. Man rieth, von wem dieser Brief kommen konnte. Wer weiss, ob nicht von Jagellona Kaminska! sagte Dankmar und verrieth damit, dass der Major seiner Frau wol geplaudert hatte. Leidenfrost errothete fast und Werdeck lehnte jeden Verdacht der Indiskretion ab. Louis Armand aber erschrak so heftig uber diesen Namen, den Dankmar nannte, dass er sich nicht langer halten konnte, sondern seine Vermuthung aussprach, wohl gar mit dieser Polin verwandt zu sein. Die Genealogie des jungen Franzosen wurde erortert, die Familientradition bis auf ihre ersten Ursprunge verfolgt und zu allgemeinster Uberraschung stellte sich uber allen Zweifel heraus, dass die Majorin von Werdeck die Tochter jenes Stanislaus Kaminski war, der 1794 nach der Schlacht von Maciejowice von den Russen gefangen, nach Sibirien geschleppt wurde und auf einem Fluchtversuche im Jahre 1812 um's Leben kam. Ein Enkel des glucklicheren Thaddaus Kaminski war Louis Armand. Voll Liebenswurdigkeit umarmte der Major seinen Anverwandten und drang in Louis, ihn seiner Gattin vorstellen zu durfen. Nur aus Schonung fur Leidenfrost brach man diese Erkennungen ab, die den Blick wie auf einen wunderbaren Baum eroffneten, dessen Aste und Zweige, wenn auch vom Blitze gespalten, doch sich zu nahen wussten und in inniger, neuer Verschlingung auf dem uralten Stamm die heiligen Schauer weckten, die wir vor dem geheimnissvollen Walten in Zeit und Raum empfinden.

Wer nun auch dieser strenge Warner sein moge, lenkte Dankmar ein, die Schutzgeister der Todten oder der Lebendigen, die schon aus allen Zeiten und Zonen uber uns zu wachen scheinen, sie haben einen Satz ausgesprochen, den ich denke in unser Ordensbuch aufzunehmen. Kein Meister soll Gesellen, sondern Gesellen sollen immer nur Meister werben! Darin find' ich, ubertragen auf alle Gesellschaftsstufen, eine grosse Burgschaft richtiger und zuverlassiger Wahl. Wie gern kommt der Untergeordnete Dem entgegen, von dem er Beweise der Gunst und Herablassung erwarten kann! Im Gebiete der Materie, der physischen Kraft, mag das starkere Prinzip die schwacheren Atome an sich ziehen. Da, wo der Geist walten soll, mussen wir es, wie dereinst in Galilaa Fischer, dahin bringen, dass den Fischern Schriftgelehrte folgen. Ich denke, wir erheben diesen Satz zu einer Ordensregel: Jeder, der in diesen Bund eintritt, muss von Einem vorgeschlagen sein, der nach dem gesellschaftlichen Maassstabe unter ihm steht.

Dieser Satz war neu und sehr ernst. Leidenfrost machte auch gleich seine gewohnten Schwierigkeiten und sprach vom Staatskalender, von der vierzehnstufigen russischen Dienstordnung, allein Werdeck, der in der Einschachtelung der hohern und geringern Grade aufgewachsen war und vom Zusammenhang seiner Gattin mit Louis Armand, von den Schicksalen, die dieser uber die Kaminski'sche Familie erzahlt hatte, noch uberrascht war, bestatigte allmalig auch Dankmar's Ausserung uber die grosse und immer tauschende Konvenienz der Geringern gegen Hohere im weitesten Umfange.

Was hulfe es uns, sagte er, unser Kapitel mit Theilnehmern und Ordensrittern zu uberladen? Die neuen Templer wurden keinen Raum finden, der sie Alle aufnahme! Wir mussen das Gewinnen von Novizen schwerer machen als das Anwerben von Rekruten. Wir brauchen ein ganzes Leben, einen ganzen Menschen, dem wir das Handgeld zahlen, nicht blos einen herablassenden Handschlag und einige gewinnende Vertraulichkeiten. Unter mir kenn' ich genug, die mir folgen wurden; aber diese sollen mich gewinnen, sich selbst mir nahern. Ich mochte mich an den Obersten von Neidhard wagen, einen Mann ohne Vorurtheile, an den General von Rauten, einen tiefsinnigen Denker, dem ich nur das Einzige vorwerfe, dass er dem General Voland von der Hahnenfeder zu nahe steht ...

Dem Krypto-Jesuiten? sagten fast Alle einstimmig.

Merkwurdig, fuhr Werdeck fort, wenn uber einen Charakter ein so allgemeines Urtheil feststeht, so muss Etwas wahr an dem Gerucht sein, das ihn verfolgt. Und doch ist Poesie und Schwung in diesem General, der dem Konige so nahe steht und seine jugendliche Einbildungskraft gefangen halt. Er strebt in Allem nach dem Aussergewohnlichen und gleicht doch einer kalten metallenen Mauer, von der man immer abgleitet. General Rauten vertraut ihm wie einem Evangelium. Was Voland sagt, ist ihm der Ausspruch eines Sehers. Er vergleicht ihn oft mit den Augurn, die Roms Schicksal aus dem Fluge der Vogel oder dem Appetit gewisser Huhner weissagten ...

Vertrauen Sie sich diesem General nicht, Major, sagte Dankmar; er wurde Voland zu gewinnen suchen und wir wurden plotzlich, ohne es zu wissen, von den Jesuiten regiert, wie es so oft die Freimaurer wurden, die nicht ahnten, welcher Wolf in ihren Schaafstall eingebrochen war und friedlich mit ihnen aus einer Krippe frass.

Werdeck fand sich aus der Idee, General Voland zu gewinnen, nicht leicht heraus. Man sah, dass ihn gerade das im militairischen Stande noch bewahrte allgemeine menschliche und hohere Ideelle an Voland fesselte. Inzwischen erklarte Louis, dass er, der auf einer so tiefen Gesellschaftsstufe stunde, offenbar das glucklichste Feld der Wirksamkeit hatte, dennoch wurde er grosse Vorsicht anwenden. Voll Sehnsucht dachte er an Oleander. Ihm wollte er suchen brieflich immer naher zu rucken.

Und was denken Sie zu thun, Leidenfrost? fragte Dankmar.

Sie wissen, lieber Wildungen, sagte Leidenfrost, ich gehore zu Denen, die eigentlich an eine Klarung unsrer Zeit erst dann glauben wollen, wenn sie einmal recht tuchtig umgeruttelt worden. Indessen will ich an Ihren Geistesbarrikaden bauen helfen und meine schonen strategischen Kenntnisse, die ich mir Abends mit Schwefelholzchen, die meine Truppen vorstellen, erworben habe, in die Schanze schlagen. Ist man mir auf den Fersen, so wird es von Nutzen sein, dass ich mit drei meiner tuchtigsten Arbeiter nach Plessen zu reisen habe, um dem Generalpachter Ackermann die von ihm bestellten Maschinen zu uberbringen, die den grossen Richelieu und Sully, Prinz Egon genannt, aus seinen Schulden retten sollen. Vergeben Sie, Armand, dass ich einen Mann, dem ich nicht mehr uber den Weg traue, Ihnen zu Gefallen mit den grossten Staatsmannern der Franzosen vergleiche ...

Louis musste einraumen, dass der Plan, Egon zum Vertrauten einer so schwarmerischen Einwirkung auf die Zeit zu machen, wohl unter den jetzigen Verhaltnissen aufzugeben sei ...

Um von Egon abzubrechen, fragte Dankmar den Major, ob denn auch er noch nicht die Einwirkungen der weitern Ausbreitung der Idee von der kampfenden Geistesbruderschaft erfahren hatte?

Allerdings, sagte dieser lachelnd und zog zum Erstaunen der Andern gleichfalls einen Brief hervor.

Es ist, sagte er, hier schon wie mit jener Kugel, von der Wallenstein spricht: Einmal aus dem Laufe wie heisst die Stelle, Leidenfrost?

Sie mag heissen wie sie will, Major, sagte dieser,

sie passt nicht mehr, wenn man in der Armee meine neue unverbesserliche Zundnadeltheorie einfuhrte. Bringen Sie mich nicht auf Theatercitate! Sonst erleben Sie meine Unterhaltungen mit dem Geheimrath uber die Armatur des Dreissigjahrigen Krieges und das Kommisbrot fur Wallenstein's Lager ...

O ein andermal! Wir halten Sie bei'm Worte, Lei

denfrost! Gelegenheit durch Lachen sich aufzuheitern werden wir noch oft genug finden.

Der Brief, Major! drangte Dankmar.

Der Major gab Dankmarn einen Brief, der so laute

te:

**** "Bereiten Sie sich auf eine Katastrophe vor!

Ihre Gesinnung ist der Armee ein Grauel! Ein Offizier, von Adel, in unmittelbarer Nahe des Hofes, bei einer bevorzugten Truppengattung, aufgewachsen in dem esprit de corps unbedingter Hingabe an die Interessen des alten Feudalstaates, neigen Sie sich zu den Anschauungen der Neuzeit, verlangen militairische Reformen, verspotten ehrwurdige Institutionen, bezweifeln die nachhaltige Schlagfertigkeit der jetzigen Heereseinrichtung und aussern sich offentlich uber die Stellung des Kriegers, die Sie in der Mitte zwischen Disciplinar- und Staatsburgerpflichten unglucklich nennen! Da man weiss, dass Sie fur offne Rugen Ihrer Gesinnung die ubliche Genugthuung fordern wurden und es die kleinen in den Kafes und auf der Wachtparade schimpfenden und bramarbasirenden Junker vorziehen, ihr Blut nur auf dem Felde der Ehre zu verspritzen, so ist fast anzunehmen, dass die Briefe, die auswartige Fluchtlinge an hiesige Demokraten, in denen Ihrer als eines Bundesgenossen und schlagfertigen Verschworers Erwahnung gethan wird, geschrieben haben, unechte, untergeschobene sind. Ordnen Sie Ihre Papiere! Entfernen Sie Alles, was Sie irgendwie belasten durfte! Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Sie wegen gewisser vorgefundener Briefe binnen Kurzem vor ein Militairgericht gestellt werden."

Die Besturzung, die dieser Brief bei den Freunden hervorrief, war nicht gering. Man begriff nicht, wie der Major dabei so ruhig bleiben und sagen konnte:

Anfangs hielt ich diese anonyme, mit unserm Zeichen versehene Mittheilung fur einen Scherz. Seit ich aber finde, dass Alles, was man in dieser Form auch Ihnen mittheilte, auf vernunftigen Grundlagen beruht und von einem wirklichen Wohlwollen eingegeben ist, seh' ich diese Warnung schon ernster an. Indessen bin ich durch nichts beunruhigt. Die einzige Konspiration, in die ich mich eingelassen habe, ist die unsrige. Sie beruht auf Ideen und entbehrt jeder Form. Ich erkenne schon lange die geheimen Spuren eines mir immer naherruckenden tiefangelegten Planes, der von jenen ungluckselig verblendeten Reubundlern ausgeht, deren Gesinnung uberall dahin verzweigt ist, wo aus einer offentlichen Kasse ein Gehalt gezahlt wird oder durch die neue Umwalzung irgend ein altes Recht verloren ging. Weil ich erklart habe, dass man vor dem Geist der Zeit nicht erschrecken, ihn zum Durchbruch kommen lassen und dann erst aus diesem Geist selbst regeln, dann erst mit wahrer Liebe zur Freiheit die Freiheit lenken musse, bin ich verhasst, verfolgt und es soll mich nicht wundern, wenn man irgend etwas ersanne, um mir, wenn nicht meine Ehre, doch diesen Rock, den ich im Dienste des Vaterlandes zu tragen glaube und auf den ich stolzer bin, als diese kindischen Alten und diese jungen Greise auf ihre Schnure und Achselbander, vom Leibe zu ziehen. Wehe aber Denen, die sich in ihren Intriguen nicht vorgesehen haben! Ich bin durch die Disciplin nicht entmannt. Ich fuhle etwas von jenem selbststandigen Soldatengeiste in mir, der mit dem Degen in der Faust sein Recht vertheidigt und im Grunde nur so lange dient, als er dienen will und muss. Die Krieger im Mittelalter waren Manner, selbststandig, frei, sie dienten um Lohn und konnten scheiden von ihren Verpflichtungen, wenn sie kein Geld mehr nahmen. Diese neuen Armeen, die das Kabinetsinteresse geschaffen hat, sind die wahren Plagen der Menschheit. Ungluckliche bedrangte Zeiten schufen sie. Sie mussten da sein, um einige neuere Staaten zu erretten, einige Volker von ihren fremden Unterjochern zu befreien. Damals waren es bewaffnete Volker, bewaffnete Burger. Mussten diese Armeen nun bleiben? Musste der Begriff der allgemeinen Volkswehr fur ewige Zeiten festgehalten und nur zum Besten der Kabinete ausgebeutet werden? Diese Armeen sind die gefahrlichsten Storungen unsrer Ordnung und ehe sich nicht alle Volker Europas daruber verstandigen, was Krieger sein sollen, wozu man Armeen unterhalt, ehe nicht, da friedliche Verstandigung hieruber kaum moglich ist, dies ganze furchtbar gespannte Verhaltniss einmal von selbst zusammenbricht, eher kommt nicht Friede Freiheit, Gluck auf diese Erde. Ich bin ein Atom in dieser Betrachtung. Aber den Muth, der Dummheit der Masse gegenuber mit Hussen's o sancta simplicitas! auf einem Scheiterhaufen immerhin in furchtbarster Minoritat zu stehn, den hab' ich und sehe den Intriguen dieser Menschen, die ihr Lebtag nur den Weibern, dem Spiel, der Trivialitat nachjagten, getrost entgegen.

Werdeck war von dieser Erklarung so aufgeregt, dass er, obgleich von seiner Ruhe sprechend, doch mit gluhendem Antlitz in dem kleinen Zimmer auf und nieder ging ...

Ich fuhle, fuhr er, als die Freunde besorgt schwiegen, ich fuhle, was an diesem meinem Aufenthalt unter Ihnen, meine Herren, fur meine Position bedenklich ist! Man halt mir jenen Corpsgeist entgegen, der mir es unbedingt verbieten solle, Andre aufzusuchen als Meinesgleichen.

Wie die Jesuiten in Freiburg erzogen werden, chinesisch abgeschlossen, so sollen wir Offiziere leben! Warum denn? Warum denn mit gebrochenem Herzen unter der Fahne stehen? Ich bin vom Adel, meine Vorfahren bedeckten die Schlachtfelder vieler Campagnen, soll ich die Erbschaft der alten Vorurtheile ubernehmen und diese tolle Einbildung meiner Standesgenossen dadurch unterstutzen, dass ich meinen Verstand a priori gefangen gebe und die Anmassungen vertheidige, die immer auf Rechnung der Ordnung und wieder der Ordnung und des gottlichen Rechtes gehen? Nein, ich weiss es leider, ich bin ein weisser Rabe in der Armee und nie auch werd' ich dazu kommen, ein revolutionarer Offizier wie Cromwell oder Napoleon zu sein, aber dies fuhl' ich, wenn ich von der Glorie des Kriegerstandes traume, denk' ich eher an Cromwell und Napoleon als an unsre Wachtparadengenerale, die loyale Adressen unterschreiben, jeden Civilisten spiessen wollen und sich mit Frau und Kind bei allen konservativen Demonstrationen nur wie fur ihren Schlafrock und ihre Pantoffeln betheiligt haben.

Dieser Erguss eines gereizten Wahrheitsdranges wurde auf eigenthumliche Art unterbrochen. Der Brieftrager kam und brachte Dankmar Wildungen eine couvertirte Einladung zum nachsten ReubundBalle.

Wie kommt der Glanz in unsre Hutte? sagte Leidenfrost.

"Eingefuhrt durch den Vorstand," bemerkte Louis, die Karte von allen Seiten betrachtend.

Dankmar aber sagte halb staunend, halb lachend:

Sonderbar, das ist bereits die zweite Einladung. Vor vierzehn Tagen erhielt ich die erste, die ich nicht benutzen konnte. Und auch diese wird liegen bleiben.

Man rechnet auf Ihre Erbschaft, sagte Werdeck. Wenn diese in die Bundeskasse flosse, Freund! Sie durften Ordensstatuten schreiben, welche Sie wollen, nur eine Aussteuerkasse, nur eine Rentenanstalt damit verbunden ... o das Geld! das Geld!

So viel ist klar, bemerkte Dankmar und schloss die gegenseitigen Mittheilungen, wir sind schon von einem rathselhaften Gespinnst bedenklich umwoben. Unser Schicksal haben wir nicht mehr frei in unsern Handen. Beobachtet wurden wir langst, aber jetzt merken wir sogar die thatigen Eingriffe in unsre Entschliessungen. Aufforderung genug zur Vorsicht! Unsre Bundesidee wollen wir sich von selber fortpflanzen lassen, noch ohne Form und Verabredung, bis die Zeit da ist, einmal einen Tag, irgendwo im Auslande oder an einem sonst verschwiegenen Orte auszuschreiben und da zu sehen, wer sich findet, wer sich schon auf uns bekennt. Konnt' ich an einem solchen Bundestage sagen: Hier habt Ihr die elastischen Springfedern, die leider auch der Gedanke bedarf, um sich oben zu erhalten! Hier habt Ihr Mittel, um dulden zu konnen, verfolgt zu werden und Die zu trosten, die um unsertwillen leiden! Hier leg' ich die Erbschaft der alten Templer den neuen zu Fussen, die erworbenen Guter des alten Kreuzes den Bekennern des neuen

Bitte! rief Leidenfrost, nicht so viel Wind! Das Papiergeld fliegt davon. Es ging mir jungst so mit zwei Thalerscheinen, als ich auf der neuen Brucke stand und in meinem Portemonnaie einen Dreier fur einen Armen suchte. Ehe der Bugel zuklappte, schwammen die Vogel schon den Strom der Vergessenheit hinunter.

Dankmar, der sich nicht storen liess, fuhr aber fort:

Wenn ich mir dachte: Man grundete Schulen fur freie Religionsbekenntnisse, stiftete Stipendien auf Universitaten fur bestimmte Aufgaben unabhangiger Wissenschaftlichkeit, arbeitete den Jesuiten entgegen, die sich uberall Kirchen kaufen konnen, um zu predigen, wahrend die ganze deutsch-katholische Bewegung gescheitert ist an der Armuth ihrer Bekenner! Keine Kirche that sich auf. Kein grosser gefeierter Theolog konnte sichergestellt werden. Keine neubegrundete Schule konnte Freiunterricht gewahren, wahrend alle alten Institutionen, die sich uberlebt haben, gleichsam ihre durren Arme ausstrecken und nur um des Mammons willen, den sie in vollen Truhen besitzen, die Massen an sich ziehen!

Werdeck schuttelte Dankmarn die Hand.

Verzagen wir nicht! Es kommt ein Geistesfruhling!

Ergriffen schlugen Alle ein.

Gedenken wir des Funften im Bunde, Siegbert's! sagte Leidenfrost. Wir Alle sind zu sturmisch! Louis Armand und Siegbert sind unsre sanften Johannesjunger! Ihre Wege sind die der Liebe! Sie wirken vielleicht mehr als wir!

Damit gingen die Freunde. Werdeck zu seiner Gattin, um ihr den neuen Verwandten anzukundigen und sie auf seinen Besuch vorzubereiten, Leidenfrost in die Willing'sche Anstalt, um dort den Tag seiner Abreise zu vernehmen. Dankmar und Louis wollten forschen, wo Otto von Dystra wohne. Leidenfrost konnte es ihnen schon sagen: In der Stadt Rom.

Louis und Dankmar gingen in die Stadt Rom.

Neuntes Capitel

Die Stadt Rom

Auf einem seidnen Kanape, den Kopf in ein Ruckenkissen gelehnt, ein grosses Kupferwerk durchblatternd, lag ein nicht mehr junger Mann wie ein Taschenmesser zusammengeklappt. Der fast haarlose Kopf war von einer eigenthumlichen spitz zulaufenden Bildung. Die hohe Stirn, die freien Schlafe leuchteten fast chinesenhaft, dagegen war die Pflege des Bartes turkisch. Die Augen zwinkerten aus mehr ovallanglichen als runden Hohlen und lagen tief versenkt. Um den Mund, der zuweilen aus einer Bernsteinspitze eine Cigarre wieder neu anblies, erkannte man trotz des reichen gefarbten Bartwuchses die zuckenden Schlanglein der Ironie und Satyre, die sich zuweilen in grosse Falten verwandelten, wenn der Sonderling das Buch fortlegen, die Cigarre aus dem Munde nehmen und uber irgend etwas, was ihm plotzlich einzufallen schien, laut lachen musste. Ein dunkelblausammetner Schlafrock mit gelben Schnuren besetzt hullte die kleine Figur des kahlkopfigen Schwarz-Bartlings behaglich ein und vermehrte den orientalischen Typus, der noch durch die Vorhange des Zimmers und den mit gewirkten Teppichen bedeckten Fussboden erhoht wurde.

Das grosse von dem die behaglichste Siesta geniessenden Manne durchblatterte Kupferwerk waren die Abbildungen der in Niniveh ausgegrabenen Denkmaler. So sehr ihn diese abenteuerlichen Steinmassen, diese kolossalen Thier- und Gotzen-Steinbilder zu interessiren schienen, so frisch und rege musste doch auch noch ein andrer in ihm nachwirkender Gegenstand ihn ergreifen. Dieser war komischer Art, zum Lachen reizend, zum lautesten Lachen ...

Vor ihm, der zusammengekauerten, mit einem turkischen Fez auf dem Haupt bedeckten Gestalt, stand auf einem runden Tische eine, wie es schien, langst ausgetrunkene Chokoladentasse und eine Karaffe frischen Wassers, die ebenfalls fast ganz geleert war. Der weisse Porzellanofen verbreitete eine angenehme Warme und die Grosse der Fenster bewirkte, dass trotz der Vorhange und der unfreundlichen dustren November-Witterung das Zimmer noch leidlich hell war, obgleich es schon weit uber Mittag schien.

Der kleine Bewohner dieser behaglichen, durch Treibhausblumen geschmuckten Raumlichkeit klingelte nun. Ein Schellenzug hing grade uber seinem etwas zu vollkommenen Rucken.

Ein Neger in phantastischem, doch warmem Anzuge trat ein. Er hatte eng anliegende, rothe Unterkleider, die bis zu den Fussen gingen. Die Fusse waren mit gelben Stiefeln bedeckt. Doch uber den warmen Unterkleidern hing eine griechische kurze Jacke und noch ein eben solches sehr weites, aber kurzes Beinkleid. Die Jacke und das zweite Beinkleid reich mit Goldtressen geschmuckt. Um den Hals hing dem Schwarzen ein stark vergoldeter Reifen, der doch wohl inwendig weich gefuttert war und eine Cravatte von Metall vorstellen konnte.

Nun, Spartakus, wurde der Neger von seinem im Lachen sich endlich beruhigenden Herrn angeredet, ist Alles bereit, wenn meine Gaste kommen und mit mir speisen werden?

Spartakus nickte.

Noch immer traurig? sagte der Andre. Siehst du nicht, dass ich lachen muss?

Damit lachte sein Herr und rief den Diener naher.

Zerstreue dich, Spartakus, sagte er und zeigte ihm einige von den Bildern in dem grossen Kupferwerke. Siehe, so bauten die Menschen ihre Kirchen, als noch der gute Prophet Jesus nicht auf Erden war

Spartakus verneigte sich bei dem heiligen Namen.

Damals, Spartakus, als man so baute, war vom Taufen noch nicht die Rede. Die Menschen waren blinde Heiden, wie es du und deine Alten in Angora waren. Aber Priester hatten sie doch und in einer solchen Zelle, wie du da siehst, zahlten sie vielleicht, was der Klingelbeutel eingebracht hatte, der sicher auch bei jenen Gotzendienern, wie hier, herumging.

Spartakus nickte stumm zu diesen in englischer Sprache geausserten kirchlich archaologischen Bemerkungen.

Ist Cicero noch nicht zuruck? fragte der Freund der babylonischen Baukunst.

Spartakus schuttelte den Kopf.

Du bist sprachlos, armer Spartakus! Du hast unsre treuen Reisegefahrten verloren. Die Papageyen sind fort, die Affen und die Meerkatzen nun auch. Wer weiss, ob ich nicht auch ...

Spartakus warf sich Otto von Dystra denn dies war der humoristische, kleine Cigarrenraucher, der Turke im Schlafrock auf dies gezogene: "Ob ich nicht auch" mit leidenschaftlicher Gebehrde zu Fussen ...

Wetter, was soll Das? rief Dystra und brachte mit gespitztem Munde einen Laut, etwa wie: Huit! hervor, den man mit dem Klange einer kraftig geschwungenen Peitsche vergleichen konnte.

Die Wirkung war elektrisch. Spartakus sprang nach diesem Huit! auf, als ware er wirklich von einer Peitsche getroffen worden.

Da aqua fresca Huit!

Spartakus hatte die leere Caraffe von seinem Herrn bezeichnet erhalten, ergriff sie und sprang hinaus wie ein Hund, der zum Apportiren dressirt ist.

Wie er die Thur zum Vorzimmer offnete, stand draussen ein Mann in einem mit Pelz verbramten grunen Schnurrock, eine Mutze in der Hand ...

Spartakus wollte ihn nicht einlassen ...

Ein kraftig gepfiffenes wiederholtes Huit! aber unterbrach wieder seine dienstfertige Zuruckweisung und der Fremde, der es fur Dystra nicht war, trat ein.

Willkommen! Willkommen! sagte Dystra mit freudiger Begrussung und reichte dem Eintretenden, einem schlankgewachsenen, nicht mehr jungen Manne mit kraftigem rothem Bartwuchse die zarte, fast weiblich weiche Hand. Willkommen, Inspektor! Meine Vorzimmerteufel haben doch sonst kein so schlechtes Gedachtniss ...

Es muss wol der Andre sein, sagte der Eintretende, den ich in Buchau gesehen habe ... wie soll man diese beiden geputzten Schornsteinfeger nur unterscheiden ?

Der Eine, sagte Dystra und nothigte den Besucher sogleich zum Sitzen, der Eine ist so alt wie der Andre, gleicher Wuchs, gleiches Haar, gleiche Nustern und Zahne haben sie auch. Aber der Andre, den Sie von Buchau kennen, hat ein Mahl wie eine Erbse gross am Kinn, eine sogenannte Kichererbse und der zu Liebe nannt' ich ihn Cicero ...

Cicero! Ganz Recht! Ich glaubte, Sie hatten ihm diesen Namen seiner stummen Beredtsamkeit wegen gegeben.

Englisch macht Cicero seinem Namen Ehre, aber das Deutsche will sich ihm nicht recht abgurgeln. In Deutschland mag er seinem Namen durch die Kichererbse Ehre machen, von der Markus Tullius den Beinamen empfing. Der Schlingel da heisst Spartakus. Ich gab ihm diesen Freiheitsnamen, als ich ihn von einem Pflanzer in Charlestown loskaufte. Spartakus und Cicero sind Bruder, Kinder eines Kammerdieners bei Sr. Majestat dem Kaiser irgend eines Negerstammes in Angora. Wenn diese Majestat gern einen neuen Rock anziehen will, verkauft sie regelmassig die Kinder ihrer Lakaien wie junge Katzen. So kamen Beide nach Charlestown, wurden da getauft, gingen zehn Jahre bei der Peitsche in die Schule und wurden von mir angekauft, weil ich ein sehr tyrannischer Herr bin. Ich dachte mir, Lakaienkinder, die die Launen einer afrikanischen Majestat kennen, werden sich mit Geduld in die meinen finden. Statt der Peitsche brauch' ich aber nur den Laut davon zu geben und habe dieselbe Wirkung. Wie geht es Ihnen, Inspektor? Ich freue mich, dass Sie so bald Wort hielten! Bringen Sie mir die Moglichkeit, dass ich die alte Ruine an dem malerischen Strome ankaufen kann?

Herr Baron, wirklich, das alte Steingeroll? Was wollen Sie mit einem so unwirthbaren Boden?

Ich bin kein Okonom, Mangold. Ich komme zum ersten Male wieder nach langerer Trennung auf diese deutschen Fluren und bin vom Anblick der liebenswurdigen feudalen Erinnerungen so hingerissen, dass ich mir eine solche Ritterburg rein als mittelalterlicher Dilettant ausbauen mochte. Ich denke mir es reizend, in einem mittelalterlichen Gebaude mit allem Comfort und den Gedanken der neuen Zeit zu wohnen. Ein Kapitel von Voltaire, gelesen auf einem Burgsoller, Caviar und Austern verzehrt in einem Ahnensaal! Die Zeiten entwickeln sich spiralformig. Gehen, Kommen, Altes, Neues. Ich finde die Lage jener alten zerstorten Burg reizend. Der Blick uber den Strom, zu den fernen blauen Bergen hin weckt allein schon jenen Frieden, den man nicht so leicht unter andern geographischen Bedingungen erwerben kann. Nein, nein, es ist mein fester Ernst, ich kaufe diesen Felsen, diese Zerstorung, diese Steinmassen, und bitte Sie, den Inspektor der koniglichen Garten, den Aufseher des koniglichen Schlosses Buchau, Ihren ganzen Einfluss anzuwenden, dass ich jenen Punkt in Deutschlands ausserstem Westen erobere.

Ich verspreche Ihnen, mein Moglichstes zu thun, Herr Baron.

Wie kommen Sie so rasch wieder in die Residenz zuruck, Mangold?

Sie erinnern sich, dass ich, als Sie Buchau besahen und den nahegelegenen Tempelstein erstehen wollten, um ihn auszubauen Sie erinnern sich, dass ich sagte: Ich folge Ihnen bald, ich bin gezwungen, die Residenz, die ich kaum vor vierzehn Tagen verlassen, schon wieder zu sehen ...

Dystra verfiel jetzt wieder in jenes Lachen, das schon vorhin seine archaologischen Studien uber die alten Bauten von Niniveh unterbrochen hatte ...

Mangold (es war jener Inspektor des Gartenschlosses Solitude, der Auguste Ludmer von der Residenz entfernen sollte, nach Buchau versetzt und wirklich dorthin abgegangen war) Mangold fragte lachelnd nach der Ursache seines Humors.

Sie wissen, Inspektor, sagte Dystra, dass ich Ihnen schon in Buchau, als Sie von Ihrem fruhern Chef, dem Geheimrath von Harder erzahlten, bemerkte, ich glaubte gewiss zu sein, dass dieser Harder ein ehemaliger Bekannter von mir ist, als ich noch hier studirte und leider zu sehr nur mit dem talentlosen Theile der exclusiven Gesellschaft zusammenkam. Richtig, es ist derselbe. Heute fruh, vor wenigen Stunden, hatt' ich die Uberraschung seines Besuches. Er umarmte mich mit Formlichkeit und ruckte mit der Bitte heraus, ich mochte ihm meine Affen und Meerkatzen, die ich von Amerika mitgebracht, leihen, um Goethe's Faust zweckmassiger in Scene zu setzen.

Er ist Intendant des koniglichen Theaters geworden und hat mich in dieser Eigenschaft per Expressen zum dritten Male auffordern lassen, hieherzukommen. Ich musste willfahren ...

In dieser Eigenschaft? Sollten Sie vielleicht die Gartenscene in Faust arrangiren?

Bitte, ich unterbrach Sie, Herr Baron ...

Sie mussen wissen, ich habe dieses Gethier aus Amerika mitgebracht, nur um es zu verschenken. Es ist mir personlich zur Last. Ich dachte: du hast eine Menge Freunde und Bekannte, die sich inzwischen verheiratheten und vielleicht keine Kinder haben. Da verschenkst du Papageyen. Einige Madchen blieben unvermahlt, wurden alt und sehnen sich nach Gegenstanden ihrer Zartlichkeit. Fur diese bracht' ich einige Exemplare einer vorzuglichen Sorte Windspiel-Pinscher mit, die in Boston durch eine Uber-Kreuzbegattung sehr gut gezogen werden. Die Affen und Meerkatzen hofft' ich bei einigen alten Junggesellen, die sich selber rasiren und bei diesem edlen Geschafte stundenlang zubringend ohne Unterhaltung sind, loszuwerden. Die Papageyen bin ich los. Die Boston'schen Windspiel-Pinscher gleichfalls. Aber meine Affen und Meerkatzen blieben mir auf dem Halse. Wo ich hinhorchte, um sie an Kindesstatt auszusetzen, hort' ich: Bester Freund, das Ablosungsgesetz! Personalsteuer! Unsre Grundgefalle! Die Laudemien! Einschrankungen! Verringerung des Hausstandes! Drei Stallknechte entlassen! Genug die verdammten Meerkatzen blieben mir; da half Ihr ehemaliger Chef aus der Noth. Er wollte diese verteufelten Thiere nur haben, damit sie das Ballet als Modell studirt. Ich habe ihm aber klar und deutlich bewiesen, dass die dramatische Kunst in einer solchen Entwickelung uberall in Europa, Asien und Afrika begriffen ware, dass sie ohne ein Hulfs- und Erganzungspersonal von lebendem Geflugel und vierbeinigem Gethier nicht bestehen konne. Er wurde sich ein Verdienst erwerben, wenn er die Zauberflote, die hoffentlich in Deutschland noch nicht vergessen ist, mit einer wirklichen Menagerie neu in Scene setzte. Diese Idee schien ihm im hochsten Grade einleuchtend. Ich schilderte ihm, welches Aufsehen er machen wurde, wenn er die unsterbliche Zauberflote Mozart's neu ausstattete mit Dekorationen, neuen Kostumes, Wasserfallen (da ich den Niagara kenne, wurd' ich ihn unterstutzen) mit Feuergluten, besonders aber mit wirklichen lebenden Thieren, hochstens die Schlange ausgenommen, die dies herrliche agyptische Freimaurermarchen eroffnet ...

Excellenz sind Freimaurer

O ich sage Ihnen, Mangold, es erschien ihm im hochsten Grade plausibel. Die Bewegungen einer sterbenden Schlange, sagt' ich ihm, wurden sowol meine beiden Bedienten, wie ich selbst, der ich solchen Scenen genugsam beiwohnte, ihm hochst anschaulich vormachen. Dann bewies ich ihm, wie die Thiere, die das Glockenspiel bandigt, wie die Bestien, die den Papageno erschrecken, wie die Gestalten, die dem Tamino zurufen: Zuruck! durch ihre Naturlichkeit den Reiz des Abends nur vermehren wurden. Genug, es ist beschlossen, dass ich meine Affen und Meerkatzen fur immer los bin. Die Kosten fur deren dauerndes Engagement beim koniglichen Hoftheater ich nannte ihm alle alten Stucke, wo sie konnten angebracht werden hofft er aus Ersparungen bei Dichterhonoraren zu bestreiten. Ich hoffe, die deutsche Literatur leidet nicht darunter, sonst nahm' ich die Thiere, die Cicero eben in den Dekorationsspeicher des koniglichen Theaters gefahren hat, gern wieder zuruck, so unausstehlich mir auch nachgrade ihre Capriolen und ihre menschenahnlichen Vertraulichkeiten wurden.

Ein lautes Schluchzen im Vorzimmer unterbrach

diese von dem kleinen im Vorzimmer gravitatisch auf und abschreitenden Mann launig vorgetragene Erzahlung.

Mein Himmel, was ist denn Das wieder? rief der

Tourist, der sich gern einen Weltspazierganger nannte;

heulen diese schwarzen Kaiserlakaiensohne um

meinen verringerten Hofstaat?

Damit offnete er, pfiff sein: Huit! und fragte auf

Englisch: Was gibt es da? Cicero, was plagt dich wieder? Kommt dir wieder was vom bosen Geiste vor, den ihr schwarzen Engel in Angora als weiss angebetet habt?

Obgleich Cicero der Beredtsame hatte sein sollen, so war es doch Spartakus, der das Wort ergriff und mit untermischtem Schluchzen die Worte vorbrachte:

Popo fort Wauwau fort Zickzick fort Prinzess Pom-padour fort Alles fort

Um diese Kameraden macht Ihr den Larm? Ihr Narren! Hol' Euch der weisse Geist und noch ein aschgrauer! Die ganze Stadt Rom hier wird uber Euer Heidenthum zusammenlaufen Schamt Euch

Nicht die Thiere kneipen uns, sagte der beredte Spartakus mit der goldnen Ringcravatte (Cicero trug eine silberne), nein, Massa! Du sagst auch: Spartakus fort! Cicero fort!

Ah, Das ist Euer Kummer? Ihr denkt, ich nahm Euch nur mit, um Euch an meine alten Freunde zu verschenken, wie meine Papageyen und Boston'schen Windspiel-Pinscher?

Spartakus und Cicero schluchzten bejahend und verriethen, dass Das ihr ganzer Kummer ware.

Hat Euch vielleicht der Geheimrath von Harder scharf in's Auge genommen?

Ja, Massa! sagte Cicero.

O Das ist einzig, wandte sich Dystra zu Mangold. Die Zauberflote scheint Ihrem Chef zu Kopf zu steigen. Es ist ihm etwas von einem Mohren Namens Monostatos eingefallen. Geben Sie Acht, er hat es in seinem wuthenden Grundlichkeitseifer auf meinen Cicero abgesehen, um die Vorstellung vollkommen zu machen. Nein, nein, Ihr schwarzen Krauskopfe, ich hatte zwar so etwas im Sinne, dich Cicero an die Furstin Wasamskoi, dich Spartakus an Comtesse Olga zu verschenken, allein da Ihr doch so dumme Teufel seid und die Menschen liebt, die Euch nur ein moralisches Huit! mit der Zungenpeitsche geben, so will ich Mitleid haben und Euch so lange bei mir behalten, als wir Alle zusammen das Klima von Buchau hinterm Rheine vertragen konnen.

Wie die beiden Neger diese Trostesworte horten, stiessen sie ein heulendes Freudengeschrei aus, kussten Dystra's Hande und wollten sich vor ihm niederwerfen, was er aber mit den Worten verhinderte:

Gut! Gut! Es ist schon abgemacht! Sorgt fur unser Diner und betrinkt Euch erst, nachdem Ihr servirt habt, hort Ihr?

Mit diesen Worten schloss Dystra die Thur und konnte nicht anders, als Mangolden Recht geben, der uber diese Scene seine Freude ausserte ...

Welche Dankbarkeit! sagte Mangold. Welche Hingebung und Liebe! Sie wurden lange bei uns suchen durfen, bis Sie so viel Anhanglichkeit fanden.

Diese Treue steht hoch und niedrig, wie man es nimmt, antwortete Dystra. Es ist die magnetische Gewohnung dieser Menschen an meine Personlichkeit und nicht nur die moralische Personlichkeit, sondern gradezu die physische. Wir ignoriren in der That den Korper zu sehr, wir achten ihn zu gering und sind darum auch im Geiste zuruckgeblieben. Wenn man die Menschheit immer nur dem Geiste nachjagen sieht, so kommt sie aus der Bahn ihrer Natur und verirrt sich aus lauter intellectuellem Drange oft in's Grausame und Unnaturliche. Mir ist dieser ganze Wirrwarr in Europa ein unnaturlicher, dem innersten Menschenthum entruckter. Wir haben uns zu sehr auf die Potenzirung unsrer Empfindungen verlassen, sind in den feinen Sonnenstaubchen der idealischen Welt zu sehr verloren! Niemand will irren, Jeder will wahr sein und Alles lugt. Ich suche Menschen, die das Geheimniss des Daseins in sich selber suchen, in der Entwickelung der Natur, die ihnen die Geburt einmal mitgab, ich finde sie nicht. Ein Gespinnst von Ideologie, das hier Alle in Kirche, Staat, Gesellschaft beherrscht, umwickelt die Handlungen dieser ganzen Generation, die in himmlischen Leibern schon auf Erden wandeln will und in Zorn und Wuth gerath, wenn sie an die Bedingungen ihres Daseins, die Luther doch den alten Madensack nannte, erinnert wird. Aber was wollte denn mein alter Freund der Intendant? Ich staune, wie gehanselt und genarrt ich diesen ehemaligen unanstelligen Mann verliess und was fur ein grosses Thier ich in ihm wiederfinde! Diesem Manne ubertragt die unverbesserliche Etikette des Hofes die Fursorge fur ein geistiges Institut! Das erinnert mich an die russischen Generale, die man in Moskau zu Direktoren der schonen Kunste und Wissenschaften macht.

Ich habe, berichtete Mangold, zehn Jahre mit diesem Manne gemeinschaftlich die Gartenkultur der koniglichen Lustschlosser gepflegt und ihn als einen zwar beschrankten und in der Erziehung vernachlassigten, aber dennoch ehrgeizigen und in seiner Art wirklich thatigen Menschen kennen gelernt. Da er das Grosse nicht fassen und ubersehen kann, halt er sich an das Kleine und zieht alle Gegenstande seiner Amtssorge in diese geringe Sphare herab, in der er vermittelst seiner adligen und Hofwurde doch gross erscheint. Als gehorsamst Untergebener liess ich ihn walten und schalten und that doch Das, was gethan werden musste. Meine Ideen wurden, wenn er sie mir gegenuber auch bestritt, andern Menschen gegenuber die seinigen und regelmassig geschah es, dass er sie dann auch mir gegenuber als seine Befehle ertheilte, indem er entweder seine fruher abweichende Ansicht vergessen hatte oder sich seines klugen Handgriffes schon bewusst war. Denn ohne Schlauheit ist er nicht und von der Vorstellung, dass alle Menschen im Grunde schlecht sind und gegen ihn konspiriren konnten, entlehnte er noch die ganze Thatkraft, deren er fahig ist. Ich spreche scharf uber ihn, weil man mir in seiner Umgebung ubel mitspielte. Ich dankte meinem Schicksal, von ihm frei zu sein. Da lasst er mich durch einen Expressen von Buchau holen, bezahlt die Eisenbahn, alle Kosten der Reise und bietet mir an ... Was denken Sie wol?

Dass Sie ihm seine eignen Gewachshauser vor dem Winterfrost schutzen sollen?

Nein, Herr Baron! Ich mochte meinen Posten, dem ich vorstehe, aufgeben und mich von ihm in seiner neuen Verwaltung anstellen lassen.

Horen Sie, sagte Dystra, Das erinnert an die Anhanglichkeit meiner Mohren! Darin find' ich Naturwarme, Liebe, Geistesinstinkt!

Wenn es Das ware! Nein! Er gestand mir offen, dass er sich nicht ganz sicher in seiner Sphare fuhle. Er hatte einen Sachkundigen sich empfehlen lassen. Der aber ware ein Spotter, lache oft sonderbar und blinzle den Andern zu, die mit ihm in einem Komplotte zu stehen schienen. Das Kunstwesen lerne sich! Weg mit diesen Intriguanten! Ich brauche nur ehrliche Menschen um mich, Menschen, die nicht hinter meinem Rucken Verschworungen machen! Ich bin die Hauptsache an dieser Kunstanstalt! Sie kenn' ich, Mangold, Sie sind treu und brav. Bleiben Sie bei mir. Ich brauche unter diesem geriebenen Volke Einen, der es mit dem Chef wahrhaft gut meint, und Das sehen Sie doch selbst, der Chef muss der Chef sein, der Chef ist immer das Ganze, der Chef ist die Anstalt selbst!

Und was thaten Sie auf diese Bitte, die charakteristisch ist?

Ich schlug sie ab.

Sie sind hartherzig, Mangold!

Ich kehre nach Buchau zuruck. Diese adlige Familie, der ich Treue und Anhanglichkeit genug bewies wie ein Hund, hat mich auch mishandelt wie einen Hund.

Sie sind erregt, Mangold?

Mit Fussen hat sie mich getreten im Herzen fuhlbar o, Herr Baron ich sagte schon, ich bin ein Mensch ohne Raffinement und passe nur nach Buchau. Kaufen Sie sich den Tempelstein! Auf dem koniglichen Gartenamt hort' ich, dass kein Geld da ist, jetzt Ruinen auszubauen. Sie bekommen den Felsen, bekommen die Steine, die Wiesen am Berg, auch die Ruinen der alten Tempelabtei, die noch Jeden feierlich stimmten wir leben da ruhig als Nachbarn und Sie erzahlen von Ihren Reisen, den tausend Denkwurdigkeiten, die Sie gesehen ...

Darf ich nicht wissen, Mangold, warum Sie die Menschen fliehen ... ich habe die grosse Schwache, an Andern praktische Psychologie zu treiben. Im gewohnlichen Leben nennt man Das neugierig sein.

Ich fliehe nur die schlimmen vielleicht finden sich gute, die wir mitnehmen

Mangold sagte diese Worte mit einem vertraulich blinzelnden Auge, sodass Dystra lachte und sagte:

Mangold, Sie sind mindestens vierzig Jahre, aber ich sage Ihnen, Schwab, Sie sind verliebt! So kann nur ein Verliebter blinzeln.

Mangold strich seinen rothen Bart und die wasserblauen, klaren Augen leuchteten vor innerer Bewegung.

Sie sind ein gereister und kluger Herr, rathen Sie mir, Herr Baron sagte er und erzahlte ihm nun zuvorderst die Anknupfung seines Verhaltnisses mit Auguste Ludmer und das Ende desselben. Otto von Dystra horte theilnehmend zu und fand die Intrigue, ihn zur Entfernung einer lastigen Anverwandten zu benutzen, abscheulich, seine Leichtglaubigkeit aber, wie er ihm offen gestand, komisch. Uber das Gewissen, das sich Mangold wegen Augusten's Selbstmord machte, trostete er ihn mit den Worten:

So ist nun einmal unser Leben, dass Einer des Andern unbewusster Morder wird! Die grosste Liebe kann sich zur Veranlassung wechselseitigen Verderbens werden. Daruber, dass man zum Werkzeuge der Vorsehung gewahlt wurde, hat der Mensch sich kein Gewissen zu machen.

Da ich nun doch einmal hier war, fuhr Mangold fort, so fuhrte mich's wieder den Spuren des unglucklichen Madchens nach. So hort' ich auf einem einsamen Kirchhofe, dass sie hier eingescharrt wurde und ein alter Mann den Sarg begleitet hatte. Mit einer schwarzen Binde? fragt' ich. Ganz recht, hiess es. So war es Derselbe, den ich an jenem Abende bei ihr traf und mit dem sie fruher gegangen war. Dass er ihrem Sarge hatte folgen konnen, uberraschte mich doch. Ich beschloss, den Mann aufzusuchen. Auf nahere Erkundigungen hort' ich, dass er Murray hiess und ein Englander sein sollte ...

Wie nannten Sie ihn? fragte Dystra aufmerksam.

Murray, wiederholte Mangold und fuhr, da Otto von Dystra nichts weiter zu erinnern fand, fort:

Ich glaubte, ein so leichtsinniger alter Mann, der an ein ungluckliches Wesen dieser Art Ringe und Armspangen verschwendete, wurde im Glanz und Wohlleben, wenigstens anstandig wohnen. Wie erstaunt' ich, als ich ihn aufsuchte und mich in die dunkelsten und entlegensten Gassen verlor. Endlich Brandgasse Nr. 9 fand ich in einem Hinterhofe uber drei schwindelerregenden Treppen, mitten in Armuth und Elend, seine Wohnung, aber ihn selber nicht. Er war verreist. Diese Auskunft gab mir seine Vermietherin, bei der er zwei elende Kammerchen auf einer offnen Gallerie hinter Eisenstaben bewohnte. Das Madchen wusste wenig mehr von Master Murray, als dass er ein Geizhals sein musste, der in Anfallen von Grossmuth schone Geschenke mache. Sie zeigte mir einen kostbaren Ring, den sie von ihm fur ein Glas Wasser bekommen hatte ...

Das ist Diogenes in der Tonne! sagte Dystra. Er zieht ein Glas Wasser allen Capweinen vor. Man kommt zuletzt dahin.

Freilich auch, fuhr Mangold mit einer Art schamhafter Verlegenheit fort, freilich auch dargebracht von so weissen, zarten Handen, mit so freundlicher Miene, unter so ruhrenden Umgebungen! Dies Madchen, Louise Eisold ist ihr Name ...

Teufel! sagte Dystra; Sie sind sehr verliebter Natur, Inspektor! Und die neue Bekanntschaft schlug ein, sie geht mit nach Buchau und wir sind vom Fruhjahr an zu Drei Nachbarn?

Das ist noch weit im Felde!

Neue Schwierigkeiten?

Das Madchen lachte mich aus, als ich ihr gleich nach dem dritten Worte sagte: Ich mochte sie heirathen ...

Sie hielt Sie mit Recht fur einen Don Juan.

Mangold seufzte und verrieth, dass er noch nicht am Ziele seiner Wunsche war. Leider, sagte er, ist schon Einer da, der die Hand auf sie gelegt hat ...

Lassen Sie sich nur nicht wieder wie bei der Auguste

Nein! Das hatt' ich gleich weg, ich gefiel ihr besser als der ...

Mangold nahm Anstand, Danebrand's Wuchs zu erwahnen. Der Baron war eine Miniaturausgabe von dem Schleswiger Kanonentrager. Er unterbrach sich:

Eins, sagte sie, gefallt mir an Ihnen!

O die Kokette!

Ihr Amt, sagte sie, Ihr Wohnort, fern von hier, weit weg, in der schonen Gottesnatur weg von diesen elenden Menschen, von diesen Dachkammern, diesen Katzen und Nachteulen die aber doch noch besser als die Menschen sind ...

Sprach sie so? Haben Sie in Buchau auch eine Leihbibliothek, Mangold! Viel Bucher werden Sie fur die Dame nothig haben.

Wirklich! Manchmal wie ein Buch! Sogar in Redensarten, die sich reimen

Mangold, Mangold, vorsichtig! Die Emancipation der Frauen fing bei den Grisetten an und scheint jetzt bei ihnen wieder aufzuhoren ...

Vorsichtig Herr Baron? Diesmal bin ich's. Sie sollten sie sehen, unter ihren kleinen Geschwistern funf, sechs Geschwister ... wie wir vorgestern Abend Alle Punsch tranken ... da ...

Was? Schon Punsch? Und doch noch Tugend?

Herr Baron, wenn ich wo sage: hier gefallt's mir, dann muss es lustig hergehen. Ich legte gleich Hut und Stock ab, die Geldborse heraus, Kaffee, Kuchen, Alles herbei! ... was konnte sie machen? Die Kinder sprangen ja deckenhoch. Sie hungern ja halb. Ich nahm Besitz von der Familie, als war's schon meine eigne. Sie weinte fast, erst vor Zorn, dann vor Scham und zuletzt vor Kummer und Liebe zu den Kindern. Die leckten und schleckten! Ich pfiff ihnen Liedchen. Das jungste nahm ich auf den Schooss und kusst' es mit meinem garstigen rothen Bart und kusst' es ganz wund. Aber es strampelte und zauste mich und ich gefiel dem Wurmchen. Die Louise weinte und bat mich zuletzt flehentlich, ich sollte gehen; es kame Einer, den sie selbst nicht mochte, der sie aber liebe und den sie wurde nehmen mussen. Da ging' ich und am Morgen war ich doch wieder da und sass wieder bei ihr am Nahtisch, sie mocht' es leiden oder nicht und die Taschen hatt' ich wieder voll Apfel, voll Nusse, voll Birnen. Da wurde denn ausgetheilt, gesprungen, gesungen. Danebrand, so heisst mein Nebenbuhler, kam gar nicht. Ich will ihn in der Willing'schen Maschinenfabrik besuchen und ihm aufrichtig meine Vorstellung machen. Er wird in sich gehen, er ist ... er hat ... Kurz, Baron, ich bring's schon dahin, dass ich ein gesundes, gutes, frisches, saubres, gescheutes Madchen heimfuhre und gleich das ganze Nest mit Kindern auch ausnehme und in Buchau Alles lebendig damit mache. Halten Sie sich nur dran! Das Gartenamt schlagt Ihnen den Tempelstein zu. Man braucht Geld, um die Erinnerung an Herrn von Harder's Verwaltung zuzudecken! Dann bauen Sie aus und was die Frau Liebste anlangt, mein' ich fast, es ware nun auch fur Sie Zeit, Herr Baron ...

Dystra schwieg. Der Jubel des Mannes ruhrte ihn.

Nichts fur ungut, Herr Baron ...

Es ware Zeit! sagte Dystra. Er nahm den Fez ab. Sehen Sie nur meinen chinesischen Kopf, den die Jahre geschoren haben, vielleicht auch ein wenig der Sonnenstich von Nubien und Abyssinien ...

Cicero trat bei diesem Akte der Selbsterkenntniss, den Otto von Dystra vor dem Spiegel ausfuhrte, besturzt ein und meldete mit Staunen und Befangenheit, dass es erst vier Uhr und einer der Gaste schon da ware.

Es war der Pfarrer Rudhard, der dem Schwarzen folgte.

Erschrecken Sie nicht, Baron sagte Rudhard, der in schwarzem Frack und noch weisserem gebleichten Haar, als wir fruher an ihm sahen, eintrat erschrekken Sie nicht, Baron! Ich weiss, Sie diniren um funf

Bester Pfarrer, ich habe noch keine Toilette gemacht ...

Thun Sie Das in meiner Gegenwart! Legen Sie sich keinen Zwang an! Ich komme fruher, weil ich Sie

Er sah auf den Inspektor, der schon im Begriff gewesen war, sich zu empfehlen ...

Adieu, Herr Baron, sagte Mangold.

Stor' ich? war Rudhard's hofliche Entschuldigung.

Wir waren schon nahe daran, grade den Pfarrer zu brauchen, bemerkte Dystra mit Beziehung auf den heirathswuthigen Mangold ...

Nein, nein, sagte Mangold, so weit sind wir noch nicht. Aber Sie sollen's bald erfahren. Noch einige Tage bleib' ich. Wegen dem Tempelstein konnen Sie getrost oben anfragen. Und nun Adieu, Herr Baron!

Damit empfahl sich der gute Mangold bis auf Weiteres und liess den ihm so wohlwollend gesinnten Baron mit Rudhard und Cicero allein.

Schon gut, schon gut, Cicero, bemerkte Dystra, beruhige dich nur! Noch eine Stunde ist Zeit. Liegen da meine Kleider? Gut! Jetzt geh!

Cicero ging erleichtert. Die beiden Manner, die uns an die fern in Italien unter Goldorangen schwarmende Olga Wasamskoi erinnern und die ganze Verwickelung einer zu tragischen Konflikten reifen Familie zuruckrufen, standen sich allein gegenuber. Otto von Dystra schlug die grossen Kupferwerke zu, raumte den Tisch in Ordnung, trug Rudhard selbst einen Sessel zu und verrieth, dass er doch nicht moderner Philosoph genug war, um uber Das, was zwischen diesem ehrwurdigen, ruhigen, gefassten Besucher und ihm jetzt zu verhandeln sein musste, ganz ohne Erregung zu bleiben.

Zehntes Capitel

Helenen's Schule

Was bringen Sie, Rudhard? begann Otto von Dystra. Nachrichten von meiner kleinen entflohenen Braut? Einen Gruss von der Furstin? Sie sehen so trube und bedenklich aus? Oder sind Sie unzufrieden, dass ich Sie mit meinen alten Jugendfreunden, dem General Voland von der Hahnenfeder und dem Ritter Rochus vom Westen heute zugleich zu Tische einlud?

Im Gegentheil, sagte Rudhard in seiner gemesse

nen, immer ernsten Weise. Man hort so viel von diesen beiden Mannern, dass ich mich freue, sie einmal von Angesicht zu sehen. Die Furstin empfiehlt sich Ihnen; aber ... von Olga erhielt ich heute diesen Brief.

Lesen Sie ihn vor! sagte Dystra, indem er Anstalten

machte, sich anzukleiden und durch die Lekture Rudharden Veranlassung geben wollte, sich zu stellen, als bemerkte er seine Toilette nicht. Lesen Sie selbst, Pfarrer!

Rudhard las, indem er sich dicht an's Fenster stell

te:

"Guter Papa Rudhard! Tante Helene hat mir ge

sagt, dass die Wahrheit uber Alles ginge; ich sollte dir ganz so schreiben, wie mir's um's Herz ware und keine weitlauftigen Umschweife machen. Sie meinte: Die Luge ware der Leute Verderben und da du mir Das auch gesagt hast und es in der Bibel steht, so will ich auch nicht lugen und Euch nun sagen, dass ich unglucklich bin, weil ich Keinen von Euch wahrhaft vermisse, Keinen mit Sehnsucht entbehre, Paulowna und Rurik ausgenommen."

Brava! unterbrach, die schwarzen Pantalons anziehend, Dystra den bekummerten Vorleser, der nach einer Weile so fortfuhr:

"Die Tante ist mein Schutzengel geworden, mein Erloser, meine Priesterin. Wir haben Beide viel geweint und da unsre Thranen sich ineinander mischten, so fuhlten wir, wie Georges Sand sagt, die Annaherung eines Engels, der "

Wer sagt Das, unterbrach Dystra, die Tragbander uberschlagend, wer? Georges Sand?

Eine Lekture, die ich ihr niemals gestattet habe ...

O Rudhard! Sie hatten sie ihr gonnen sollen, wenigstens der Mutter. Da die Tochter die Mutter hasst, die Mutter auf die Tochter eifersuchtig ist, so wurde Olga auch die Lekture der Mutter verachtet und Paul und Virginie viel schoner gefunden haben als Lelia und Consuelo. Aber ich schwelge in diesem bizarren neunzehnten Jahrhundert! Fahren Sie fort! Weiter! Weiter!

Rudhard fuhr fort:

"So fuhlten wir die Annaherung jenes Engels, der in einer krystallenen Schaale die Thranen der Menschen sammelt und damit das Paradies bewassert, wo sie sich in silbernen Thau und in goldne Freuden verwandeln."

Sehr schon gesagt, unterbrach der kleine Elegant, der sich sehr rasch und gewandt adonisirte. Ich liebe alle Phrasen, die uns irgendwie einen Trost gewahren. Krystall, Gold Silber ist ein Service, das immer wohlthut. Da Olga eine Russin ist, fehlt nur noch Platina.

"Die Tante reiste mit einem gebrochenen Herzen", las Rudhard.

Auf der Reise ist ein gebrochenes Herz viel weniger gefahrlich als eine gebrochene Achse ... erganzte Dystra.

"Sie fand zuletzt einen Trost, den einzigen, der sie am Leben liess. Es war der Hass. La haine dans l'amour, c'est un mystere."

Schreibt sie Das wirklich, Pfarrer?

Wortlich!

Ohne orthographische Fehler? Georges Sand hat ein Drama uber den Hass in der Liebe geschrieben. Vortreffliche Lekture! Ah, meine Braut wird Muhe brauchen, bis sie an Layard's Alterthumern von Niniveh und Humboldt's Kosmos Gefallen findet.

Rudhard musste innehalten. Der Schmerz uberwaltigte ihn. Tieferschuttert war er von diesen romantischen Verirrungen eines jungen seiner Pflege anbefohlengewesenen Madchens. So war ihm einst schon Helene geistig entschlupft, als sie den Grafen d'Azimont heirathete! So hatte ihn Olga verlassen! So drohte jetzt sogar die kaltblutigere, phlegmatische Adele sich ihre eigne Welt aufzubauen! Und er, er war verantwortlich fur diese Seelen!

Dystra, der die Kennerschaft des Menschen fur sein Lieblingsstudium erklarte, hatte etwas auf der Zunge von der Einseitigkeit des Verstandes und den Gefahren der Poesielosigkeit, aber er verschwieg es, dem alten Manne zu Liebe, der sich eingebildet hatte, mit Vernunfttheorieen liesse sich das menschliche Herz leiten, mit Geschichte, Logik, Realien eine weibliche Seele fesseln, das Romantische liesse sich durch einen Witz entfernen, das Dammernde, Unbestimmte im Menschenherzen durch mechanische Beschaftigungen ersticken ...

Fahren Sie nur fort, Rudhard, sagte er ironisch. Es ist sehr unterhaltend.

Rudhard, der wohl fuhlte, dass er eine Selbstkritik vortrug, las:

"Dieselbe Empfindung in der Brust, die man Liebe nennt, kann sich in Hass verwandeln. Die Tante sagte es und ich glaube es, denn nur Auge in Auge todtet man den Basilisk."

Sieh! Wie war Das? rief Dystra laut auflachend. Auge in Auge? Basilisk? Ist Das eine naturgeschichtliche Re-miniscenz aus Odessa?

Sie meint wohl, sagte Rudhard mit wehmuthiger Trauer, dass man einem Schmerze scharf in's Auge blicken musse, um ihn langsam zu todten. Ich habe wenigstens diese Theorie immer gepredigt.

Da hatte sie das Gleichniss von der Homoopathie nehmen sollen! bemerkte Dystra und setzte lachend hinzu:

Aber Basilisken todten! Todten durch Menschenblicke! Und gleich Basilisken! Welche Aussicht fur meine kunftige Ehe! Meine Braut spricht so wild wie Eine jener Indianerinnen, die sich in Amerika mit der gefahrlichen Liebkosung von Schlangen auf offentlichen Markten sehen lassen ...

"Helene", fuhr Rudhard fort, hasst jetzt den Prinzen Egon; Das allein kann sie fur seine Treulosigkeit trosten. Sie hasst ihn, wie der Martyrer die Sunde hasst, die er uberwunden hat. Sie verachtet diesen Egon wie die Schlange die Haut liegen lasst, deren sie sich jahrlich entkleidet!"

Dystra hielt im Zuknopfen seiner weissen Weste vor Lachen inne. Bravissima, rief er, doch etwas Naturgeschichte dabei! Bester Pfarrer, Ihr Zogling wendet seine Kenntnisse doch mit Vortheil an! O und sie hat Recht: Sie lehrt die Moral aller Weltdamen! Ich fand Das in Petersburg, in Moskau, in Wien, Madrid ganz so, ja sogar die reiche weibliche Handelsaristokratie von Newyork hasst, wo sie aufgehort hat zu lieben und geliebt zu werden. Das ist ganz in der Ordnung. Ich bin begierig, ob noch mehr aus der Naturgeschichte kommt. Basilisken, Schlangen haben wir schon. Jetzt fehlen nur noch die Hyanen!

"Ich bin fruh angeleitet und gelehrt worden", fuhr Rudhard fort, dass man Wesen wie Tante Helene hassen soll; allein nun liebe ich sie und Die, die ich geliebt habe, konnt' ich hassen, Die, die ich verehrt habe, wie Gott und seine Heiligen ..."

Dieu et ses saints? sagte Dystra. Das ist eine katholische Reminiscenz! Die Tante wird noch ihr Heil in der katholischen Kirche suchen, obgleich dies jetzt schon fast zu fruh ist. Diese Art Damen wird erst dann katholisch, wenn naturgemass die Huldigungen der Manner aufhoren und man durch den Ubertritt zur andern Kirche sich einen Verkehr mit Beichtvatern oktroyirt, der nicht ausbleiben kann und um so angenehmer ist, als diese katholischen Geistlichen das Bequeme haben, dass sie unverheirathet sind und vor allen Familienzerruttungen sicherstellen. Also die Menschen, die sie liebte, wie Gott und seine Heiligen, die hasst sie jetzt? Nicht wahr?

"Die hass' ich jetzt. Ja Euch! Euch Alle! Meinen lieben Rurik ausgenommen und die gute Paulowna, die ich herzlich lieb behalte und oft im Geiste kusse, weil ich glaube, ich belauschte sie an ihrem Schlummerbettchen. Nur wenn wir schlummern, sind wir gut."

Doch noch etwas Paul und Virginie neben der Lelia!

"Du aber, Papa Rudhard, hast nie geliebt! Dein Herz ist kalt wie Marmorstein. Du liebst nur Bucher und nicht die Menschen. Du hast niemals ein menschliches Herz brechen, nie Augen von Thranen erblinden sehen. Du meinst, der Mensch konnte Alles uber sich gewinnen und hast auch einst Tante Helenen gesagt, sie sollte immerhin nur Desire zu lieben versuchen ..."

Wer ist Desire?

Graf d'Azimont!

Ah so! Sie glaubt also nicht an die Macht der Gewohnung? Schlimm fur Otto von Dystra!

"Du hast gelehrt, der Mensch, der gut ware, konnte Alles, was er nur wolle. Die ungluckliche Helene! Sie liebt den Mann nicht, der ihr Gatte wurde und nun verlangst du, dass auch ich einem Manne mich vermahle, den ich nicht lieben kann?"

Aber, meine gnadigste Comtesse, lernen Sie mich doch erst kennen! warf Dystra dazwischen und trat seinen Frack anziehend, sich musternd vor den Spiegel. Bin ich nicht der fashionabelste Elegant? Konnen Fracks besser sitzen, als an einem solchen Oberkorper, wie der meinige? Meine liebe Olga, Sie verletzen mich und meine kleinen Fusse, die so klein sind, dass die Fimissstiefeln nicht einmal meinen Antinous-Kopf widerspiegeln!

"Nie werd' ich diesen Baron von Dystra lieben, den ich nicht kenne und von dem mein Vater bestimmt hat, dass ich ihn heirathen soll. Alle die Romane, welche ich unterwegs gelesen habe, fangen damit an, dass ein Madchen ist gezwungen worden, Den zu heirathen, welchen sie nicht liebt, und dann ist Das der Anfang ihres Unglucks gewesen. Kann ich den Baron von Dystra lieben, der schon zu alt und ..."

Nicht gestockt!

"zu ..."

Vorwarts!

"zu hasslich ist? Wie er angekommen, hab' ich einen Schrei ausgestossen ..."

En deed! Das ist beleidigend! rief Dystra mit unerschutterlichem Humor. Wissen Sie wohl, Mademoiselle, dass ich stark vermuthe, Sie haben sich nur vor dem Mohren gefurchtet, der mich anmeldete?

Ganz Recht, sagte Rudhard, dem diese kindliche Protestation doch zuletzt ein Lacheln abnothigte, sie gesteht dies selbst ein. "Ein Mann will mich lieben, der sich mit Mohren, Affen und Hunden umgibt, weil er glaubt, dass ich eine Narrin bin, so dumm, wie Feodorowna Lapuschin in Odessa, die den Titularrath Kryloff heirathete, weil er ihr von Petersburg die ganze Krongarde, alle Offiziere und den Kaiser selbst, in bleiernen Figuren schenkte! Ich werde mich niemals so unglucklich machen lassen wie die Tante, die, weil sie lieben muss, jetzt das Schicksal hat, von einem Manne nach dem andern betrogen zu werden "

Dystra bat hier Rudhard innezuhalten; er furchtete vor Lachen zu ersticken. Diese Feodorowna Lapuschin, die den Titularrath Kryloff heirathete, weil er ihr das Petersburger Offiziercorps in Bleifiguren schenkte diese Helene d'Azimont, die sich deshalb von allen Mannern betrogen sieht, weil sie lieben "musse" nein, sagte Dystra, das ist naive Tollheit oder tolle Naivetat! Ich liebe Olga! Ich muss diese Unterhaltung fur den ganzen Rest meines Lebens besitzen. Ich werde keinen Arzt mehr nothig haben. Die Komik meiner Frau wird mir das Leben versussen. Wer will mir ein Madchen streitig machen, das ich in Gold fasse und der ich alle Launen bewillige, alle, selbst wenn sie mich ruiniren!

Rudhard fuhr bekummert fort:

"Ich will den Mann, den ich liebe, nicht anders als ewig lieben. Denn Liebe ist das susseste und herrlichste Gefuhl auf Erden. Sie ist fur unser Herz Das, was die Sonne fur die Erde. Nur wo die Sonne ihre Strahlen entsendet ..."

Lance ses rayons ... ubersetzte Dystra, um die Reminiscenz anzudeuten ...

"Nur da spriessen Blumen auf, und unsre Gefuhle sind Blumen."

Doch hubsch, Rudhard! Ich finde die Stelle besser, auch wenn es Plagiate sind.

"Ich bitte dich, Papa Rudhard, sage Das auch meiner Mutter, die mich nie geliebt hat und ein Herz besitzt, so kalt wie das Eis in Sibirien."

Sie hat's immer mit den Bildern! Dies ist weniger gut gewahlt. Es ist in Gronland kalter.

"Ich bin ein ungluckliches Kind, weil ich meine Mutter nicht kann so lieben, wie es die Pflicht eines Kindes ist. Sie hat schon gegen die Tante gehabt ein kaltes Herz. Niemals hat sie die Tante vertheidigt und doch war Helene unglucklich, als sie Desire mit sich fort von Odessa nahm. Sie muss noch jetzt die Thranen auf ihren Wangen brennen fuhlen, so zartlich war der Abschied der Tante von der Mutter, aber die Mutter kann nicht lieben. Sie hat wenig geweint, als der Vater starb."

O, Das ist entsetzlich! Das ist abscheulich! rief Dystra jetzt ernst ...

"Der Vater war ein Engel. Wir Kinder haben den Vater mehr geliebt, als Menschen durfen, die da wissen, dass es einen Gott gibt."

Phrase! Abscheuliche Phrase! rief Dystra, vor liebevoller Erinnerung an seinen Freund, den Fursten Alexei, fast zornig ...

"Ich liebe meinen Vater, auch wenn dieser Vater mein Ungluck wollte, dass ich die Gattin eines Menschen werden soll, den ich nicht kenne. Er meinte es gut fur mich. Er glaubte, dass wir darben wurden. Dieser Otto von Dystra ist sehr reich. Und ha! wie eitel! Seine Mohren sollten uns gleich sagen, dass er aus dem Lande kame, wo das Gold wachst."

Die Stelle ist dumm. Abscheuliche Schwatzerin du! Oder richtiger gesagt, sie beweist, dass sie mich doch noch lieben lernen wird. Die Liebe der Frauen fangt immer damit an, es fur Eitelkeit auszulegen, wenn die Manner verlangen, dass sie von ihnen erhort werden. Nur wo man kunftig doch lieben wird, macht man die Frais eines solchen hohnischen Ha! Sie denkt doch schon an die kunftige Livree ihrer Dienerschaft.

"Er gedachte uns reich zu machen, weil wir arm sind und er nicht wusste, wie gut Tante Helene sein kann, die mir gesagt hat, dass Alles, was sie besitzt, einst mein Eigenthum sein wurde, wenn sie in ein Kloster ginge "

Da lautet's schon! Das Kloster ist da! Waldkapelle, stiller Murmelbach! Bussende Magdalena ... Todtenkopf und vielleicht doch noch ... selbst im Kloster eine Strickleiter! Verdammte kleine Hexe Capulet!

"Den guten Vater lieb' ich, weil er dachte: So mach' ich die Meinigen, die ich so jung verliess, glucklich! Er liebte seinen Jugendfreund und beurtheilte ihn nach seinem Herzen."

Daruber sagt sie also kein Wort, dass ich ein Thor bin und aus reiner Gutmuthigkeit dem krankelnden Freunde verspreche, mein fahrendes, abenteuerliches Leben aufzugeben, mein Vermogen in Ruhe zu geniessen und es, meinen Verwandten ein Schnippchen schlagend, mit Einer seiner Tochter zu theilen? Diese Olga musste es doch nun sein, die mir diese Dummheit moglich machte! Sie ist sechszehn Jahre. Von siebzehn konnte sie mein Weib werden. Auf Paulowna kann ich doch nicht mehr warten. Wahrlich, es ist verletzend! Parbleu, so beurtheilt zu werden! So beim besten Willen en coquin behandelt! Diese kleine Amazone! Wenn man Das so liest, so vorgelesen bekommt, denkt man sie sich bei alle Dem allerliebst. Es ist die neuromantische Emancipationstheorie, aber ein gutes Herz liegt doch zum Grunde. Diese Liebe zum Vater ruhrt mich. Wasamskoi war ein Pedant, aber ein edler Mensch. Wenn Adele, seine Gattin, so kalt und indifferent fuhlte, wie Olga beschreibt, thut er mir leid, der brave, gute Alexei! Ich konnte die Frau hassen und gestehe Ihnen, ich bin ganz portirt fur meinen kleinen italianischen Deserteur ...

Trotz dieses abscheulichen Briefes? sagte Rudhard, geruhrt von Dystra's gutmuthigem Humor, fur den ihm eigentlich das Verstandniss fehlte.

Trotz dieses Briefes, an dem mich nur Wunder nimmt, dass sie meinen glucklicheren Nebenbuhler, den Maler Siegbert Wildungen nicht erwahnt.

Es kommt noch! erganzte Rudhard diesen Einwand, der den Beweis gab, dass man im Hause der Furstin so aufrichtig gewesen war, die Existenz Siegbert's nicht zu verschweigen. Aber wol nur Rudhard war es gewesen, der Siegbert in Beziehung auf Olga erwahnt hatte. Die Furstin ware dieser Selbstuberwindung nicht fahig gewesen.

Ich will den Kelch zu Ende schlurfen, sagte Dystra ernster und setzte sich.

"Der gute Vater umschwebt mich oft wie im Traume", las Rudhard, "und sagt zu mir: Olga, vergib, ich glaubte, du warst herzlos wie deine Mutter! Du wurdest Den zum Gatten wahlen, den du nicht kennst, nicht liebst."

Gegen die Mutter ist Das ein wirklicher Hass! bemerkte Dystra kopfschuttelnd.

"Und ich sage ihm im Traume: Lass mich Den wahlen, Vater, den meine Seele liebt! Und sein Bild verdustert sich vor Gram, dass sein hinterlassenes Weib, die Witwe Alexei Wasamskoi's, den Jungling lieben kann, den sein Kind liebt! O Rudhard, sage Das meiner Mutter! Sage ihr, dass es einen Gott im Himmel gibt, der sie strafen wird! Der Herr richtet die Schuldigen. Was ist mehr eine Todsunde, die Niemand vergeben kann, als wenn ..."

Les sept peches capitaux! unterbrach Dystra. Nun springt sie in Eugene Sue uber!

"Als wenn eine Mutter ihrem eignen Kinde ihr Kleinod raubt! Ich weiss es, mein Treuer flieht sie, wie ich sie geflohen bin! Sein Segen folgt mir, seine Liebe begleitet mich. Ich will mich bilden, ich will an den heiligen Quellen Italiens schopfen, dass ich mich erfulle mit der hohen Wissenschaft der Kunst, die er liebt, um seiner wurdig zu sein. Ich lese Bucher der Poesie, aber auch Schriften der Prosa und verweile bei Allem, was zu wissen merkwurdig ist. Ich zeichne mir die schonen Gebaude ab und erkundige mich nach Allem, was in einer Stadt lehrreich zu sehen ist. Auch frag' ich alle Menschen an jedem Ort, ob sie gut und glucklich leben konnen und welche Fruchte bei ihnen wachsen ..."

Was? rief Dystra. Das noch einmal! Sie fragt Jeden, welche Fruchte bei ihm zu Lande wachsen? Das Madchen gibt entweder eine Narrin oder ein Ideal.

"Von Italien aus, Papa, schreib' ich dir wieder. Wir reisen nun uber die Alpen. Wir sind immer allein. Nur die Bedienten und die beiden Madchen. Tante will gar keine andre Gesellschaft. Nur uber die Alpen wird es uns recht einsam vorkommen. Aber wir haben Muth und wenn er uns manchmal entsinkt, umarmen wir uns und sind wieder neugestarkt. Leb' wohl, Papa! Denke zuweilen uber mein Gluck nach! Gruss' unser liebes Gartchen, das jetzt schon recht welk und kahl aussehen wird! Grusse den garstigen Sensenmann auf deinem Zimmer, der uns ewig zugerufen hat: Du musst sterben, deine Stunden sind gezahlt! Aber noch leben wir. Erst Neapel sehen und dann sterben! Deine Olga Wasamskoi."

Kein Postcript? bemerkte Dystra kopfschuttelnd und satyrisch.

Wohl, sagte Rudhard und las, wahrend Dystra einschaltete: Doch ein Frauenzimmer!

"Wenn ich sage, dass ich dich hasse, Papa, so brauchst du Das nicht so ernst zu nehmen. Es ist keine Gefahr dabei. Aber dem Baron und der Mutter verschweige nichts. So lange sie mein Herz bedrohen, kehr' ich nie zuruck und sollt' ich betteln gehen und vor den Hausern singen. Das sage ihnen!"

Oder Kunstreiterin werden oder auf dem Seile tanzen oder an dem ersten besten Pariser Lion in einer Mondnacht in Fraskati zu Grunde gehen!

Dystra's schmerzlicher Ton und seine ernste Miene bestatigte, was Rudhard fuhlte, dass hier in der Erziehung ein Versehen begangen war.

Rudhard uberreichte Dystra den Brief und legte ihn, da dieser ihn nicht nehmen wollte, auf den Tisch.

Was ist da zu thun?

Ich habe, begann Rudhard, das Buch der Wahrheit vor Ihnen aufgeschlagen, gleich als Sie kamen. Ich sagte Ihnen von Siegbert Wildungen, von der Mutter, von Olga's schnellentzundetem Kinderherzen. Helene hat alle Dem, was in dieser leidenschaftlichen Natur schlummert, den modischen, tagesublichen Ausdruck gegeben, das Kind, statt zuruckzufuhren zu uns, wie eine Puppe, an der sie ihre Gefuhlstandeleien auslassen kann, mit sich hinweggenommen, meine dringende Aufforderung zur Ruckkehr mir so beantwortet! Den ubersandten Wechsel schickte Olga gleichfalls zuruck. Sie sehen den offnen Thatbestand. Was lasst sich thun? Fassen Sie die Entschlusse, die Ihnen die rechten scheinen!

Mein naturliches Gefuhl, sagte Dystra, der sich inzwischen angekleidet hatte, fordert mich auf, entweder unmittelbar diesen Fluchtlingen nachzureisen oder Alles auf sich beruhen zu lassen und die weitere Entwickelung abzuwarten. Ich gestehe, dass ich erst jenen Siegbert Wildungen kennen lernen muss, der hier so viel heillose Verwirrung angerichtet hat.

Es ist ein liebenswurdiger, nur zu weicher Schwarmer sagte Rudhard.

Ein edler Mensch, wenn er sich freiwillig zuruckzog. Ich achte Das und ehre es. Mesalliancen existiren ubrigens fur mich nicht

Baron

Ich sage nicht, Rudhard, dass ich aus diesen Konflikten heraustrete ...

Der Wunsch des Fursten ...

Meines guten Alexei ... aber selbst wenn ich den andern Ausweg ergriffe und seine Witwe heirathete, wie eine Stimme mir zuruft ... ich kame ja in dieselbe Position. Der blonde Maler verrennt mir ja nach allen Seiten den Weg.

Ich kann nicht den Gedanken, den Sie eben ausgesprochen, Baron, befordern helfen, aber was die Stimmung Adelens anlangt, so hoff' ich auf Besinnung. Ich meine, es war nur eine falsche Form, in der bei ihr ein mutterliches Gefuhl der Fursorge zum Vorschein kam.

Zu kunstlich erklart, Pfarrer!

Wirklich? Doch scheint mir uber die Mutter ein eignes Wesen gekommen. Sie ist zuruckgezogen, liest, schreibt, beschaftigt sich nur mit sich allein.

Das heisst, sie liebt, bester Freund! Das ist der Fruhling, der oft noch nach dem Spatsommer kommt.

Es ist eine stille, sinnige Verklarung in der Furstin! Ich finde Adelen innerlicher, warmer. Sie schliesst sich von oberflachlichen Menschen ab und sucht nur tuchtige Naturen, wie Anna von Harder und ahnliche rein weibliche, edle Erscheinungen.

Das ist die Trauer der Verlassenen, das Schlummern der Wintersaat, die im Fruhling gleich am machtigsten aufschiesst.

Sie ist mutterlicher denn je gegen Rurik und Paulowna.

Achtungswerth, aber bedenklich ... Unverdorbene Frauen wollen das Gluck der Liebe durch Gute des Herzens verdienen.

Rath' ich Ihnen denn eine Anderung zu treffen? sagte Rudhard fast empfindlich.

Geben Sie mir die Hand, bester Pfarrer! fiel Dystra ein. Zurnen Sie mir nicht! Ich trete da in psychologische Konflikte, die ich nicht erwartet habe! Weil ich auf Alles dilettire, liebe ich uberall das Bedeutende und Eigenthumliche. Aber ich gestehe, ich liebe es mehr als Beobachter. Ergriffen mitten inne stehen, selbst da eine handelnde und leidende Figur in leidenschaftlichen Scenen abgeben, ich gestehe Ihnen, Das ist etwas, was ein Tourist, ein fluchtiger, civilisirter Beduine, ein Mann, der den Vorwurf, unschon zu sein, von seinen breiten Schultern nicht abschuttelt, nicht brauchen kann. Es handelt sich um den Wunsch eines sterbenden Freundes, um ein Gelobniss, das ich selbst verrichtete, vor allen Dingen um mein Geld, um die bessre Existenz der Furstin, um die Erziehung und kunftige Versorgung der Kinder. Das sind philanthropische Ideen, die ganz in mein Fach schlagen und fur die wir nur suchen mussen, eine moglichst anstandige, aber auch hochst bequeme Form zu erfinden. Stoff zu einem Roman will ich unter keiner Bedingung abgeben. Horen Sie! Dagegen straubt sich meine ganze innre und aussre Natur und ich gestehe Ihnen sogar, ein Rest von Eitelkeit, den ich mir von manchen fruhern glucklichen Aventuren erhalten habe, wo man mich liebte quand meme!

Bekummert reichte Rudhard dem Baron, der diese Worte mit liebenswurdiger, schalkhafter, aber doch ernster Freimuthigkeit gesprochen hatte, die Hand und schwieg.

Die Verstandigung wird schon kommen! sagte der kleine Kosmopolit. Blicken Sie heiter! Wir wollen gut diniren es schlagt funf zwei alte Freunde von mir hochangesehene, wichtige Springfedern der Maschine ...

Spartakus trat ein und uberreichte Visitenkarten von zwei Herren, die den Baron von Dystra bei etwa gelegner Zeit zu sprechen wunschten.

Die eine war gestochen, die andre geschrieben.

"Dankmar Wildungen", "Louis Armand" las Dystra fur sich und bedauerte, die Herren jetzt nicht empfangen zu konnen ... Er wollte, da ihm der Name Wildungen auffiel, selbst in's Vorzimmer. Aber die Fremden schienen sich schon eine Antwort gegeben zu haben; denn als sie einen Offizier in Generalsuniform und bald darauf einen Herrn in Civil mit vielen Orden von den Schwarzen empfangen sahen, waren sie nach Abgabe ihrer Karten verschwunden ...

Rudhard wurde den beiden vornehmen Grossen als ein Geistlicher aus Odessa vorgestellt. Die Nebenthur offnete sich. Ein erleuchtetes Zimmer bot ein geschmackvoll servirtes Diner, das nicht ganz so heiter von Statten ging, wie es der Wirth wunschte. Seine beiden Jugendfreunde, General Voland von der Hahnenfeder und Ritter Rochus vom Westen, waren, obgleich Beide in ihrer Art auch wahre Ritter vom Geiste, doch unter sich nicht auf gleichen Ton gestimmt und Rudhard litt unter dem Druck seiner hauslichen Angelegenheiten. Der General fuhrte zwar fast allein die Conversation, allein sie knupfte nur an Amerika, an die bedienenden Schwarzen, an die Pyramiden, an die Bauten von Niniveh an. Erst am Schluss der Tafel horchte Rudhard auf, als Dystra zufallig wieder die Visitenkarten in die Hand nahm und die Gesellschaft fragte, ob ihnen diese Namen bekannt waren?

Wie, sagte der General, diese beiden merkwurdigen, alle Welt interessirenden Charaktere?

Und ehe noch Dystra Rudhard an den Namen Wildungen erinnerte, der ihn nun erst selbst uberraschte, hatte Spartakus angezeigt, dass jene Herren wieder draussen waren, um zu erfahren, wann sie Massa aufwarten durften?

General Voland hatte schon die Karten, als Sammler, zu sich gesteckt ...

Ja, sagte Ritter Rochus, ein feiner, geschliffener Weltmann, die Gebruder Wildungen sind die Lowen des Tages Und Louis Armand ... O, Das ist ja der intimste Freund des Premierministers

Darauf hin war Otto von Dystra schon aufgesprungen, um selbst hinauszugehen ...

Soll ich sie zum Dessert, zum Kaffee eintreten lassen? fragte er, der Zustimmung fast gewiss ...

Rudhard wollte Einwendungen machen und von Louis Armand's Stande sprechen, aber schon hatte der Baron das bedeutsame Schweigen seiner diplomatischen Gaste fur Zustimmung genommen, schon war er hinaus und sprach durch die geoffnete Thur in das Vorzimmer, wo Rudhard Dankmar's Stimme nicht horen konnte, ohne nicht aufzustehen und ihn an der Schwelle zu begrussen. In einem Hotel sind die Raumlichkeiten beschrankt. Dankmar und Louis waren schon veranlasst, einzutreten, wahrend noch der General und der Ritter uberrascht, verlegen von den Stuhlen aufstanden. Man wird Dankmar's Erstaunen, Louis Armand's Schrecken ermessen, als in leichter weltmannischer Weise der kleine Baron die Namen: General Voland und Ritter Rochus nannte. Diese selbst waren nicht wenig begierig auf die eigenthumliche Situation, die sich hier fur sie ergab. Seltsames mussten sie ohnehin schon bei Dystra erwarten. Rudhard's freundliche Bewillkommnung loste einstweilen die wirklich angstliche Spannung.

Elftes Capitel

Voland von der Hahnenfeder

Drangt der Gegenstand, meine Herren, der Sie zu mir fuhrt und mir das Vergnugen Ihrer Bekanntschaft gewahrt? begann Otto von Dystra mit wohlwollendster Bonhommie und mit einem Blicke andeutend, dass die Zahl der Tassen vermehrt wurde.

Er nothigte die Gesellschaft in sein Wohnzimmer zuruck, als Dankmar mit raschem Blick sich orientirend Louis Armand zugeblinkt und gesagt hatte, es drange nicht und auch ein ander Mal fande sich Gelegenheit zu ihrer Erorterung. Die in Livreen gesteckte Bedienung des Hotels leuchtete zum Nebenzimmer voran. Man nahm Platz, Dystra theilte Cigarren aus ... Hier wurde ein Nachmittag unter andern Verhaltnissen gefeiert, als in der Neustrasse, drei Treppen hoch, bei Eulalia Schievelbein.

General Voland hat erklart, dass Sie Beide, meine Herren, beruhmt und interessant sind, sagte Dystra. Ich kann das Letztere erst als Physiognomiker unterscheiden. Warum Sie beruhmt sind, gesteh' ich armer hier in Europa uber Nacht aufgeschossener Pilz nicht zu wissen aber General Voland hat Ihre Visitenkarten eskamotirt und von gewohnlichen Menschen thut man Das nicht.

Es klang wie eine damonische Satyre, als der General erklarte:

Herr Dankmar Wildungen ist auf dem Wege, der hiesigen Stadtkommune ein bis zwei Millionen durch einen hochst romantischen Prozess abzugewinnen und Herr Louis Armand ist jener junge Franzose, der mit unserm jetzigen Chefminister, dem Fursten Egon, durch die engsten Bande der Freundschaft verbunden ist.

Ritter Rochus hatte sich die Lippen abbeissen mogen, wenn er seine meist falschen Zahne nicht zu scheuen gehabt hatte und behutsam in ihnen stocherte ...

Rudhard, der die Verhaltnisse kannte, musste uber die Erklarung des Generals lacheln, die Louis in Verlegenheit setzte zur grossen Befriedigung des Ritters, der schon die Feder spitzte, um seinem Hofe diese merkwurdige Begegnung in seinem gewahlten, nur etwas schwulstigen Style zu schreiben.

Dankmar erzahlte zum lebendigsten Antheil Rudhard's auf dessen Nachfragen in aller Kurze den Verlust seiner Mutter, sein Erstaunen uber Siegbert's langes Schweigen, die Ergebnisse seines Aufenthalts in Schonau und Randhartingen, so weit sie ihm bekannt waren und Dystra dachte: Siegbert! Das ist dein Nebenbuhler! Und diese Angelegenheit fuhrt die jungen Manner zu mir!

Inzwischen wurde Louis schon vom General Voland und dem Ritter Rochus in ein Gesprach verwikkelt, bei dem es ohne Ironie uber den verlegenen, bescheidenen Arbeiter nicht ablief. Dystra, laut vor sich hinbrummend: Romantisch? Romantisch? Prozesse sind nie romantisch! sorgte fur die Bedienung. Dankmar fand Gelegenheit, den besternten Herrn und den General, zwei Lichter der Welt, zu mustern.

Ritter Rochus vom Westen war in jungen Jahren ein Gelehrter gewesen, dann in die diplomatische Laufbahn gekommen, jedoch immer nur als Attache benutzt worden. Er schrieb Berichte sowol fur die Zeitungen, die seine Regierung subventionirte, wie fur den Premierminister selbst, besonders aber die Gemahlin desselben, deren Neigung zu scharfen Personlichkeiten und zur Medisance er kannte. Er uberwachte seine Chefs in Paris, in London, in Konstantinopel und Athen. Bei diesen verschiedenen Stellungen hatte er Otto von Dystra kennen gelernt, der vor seiner Bildung, seinen antiquarischen und philosophischen Studien die grosste Hochachtung empfand. Damals war es leicht, sich einen Anstrich von Frei-muth zu geben. Der Chevalier vom Westen galt fur geistreich, fein und witzig. Er imponirte selbst in Florenz den Alterthumsforschern, in Stambul den reisenden Orientalisten, in Paris trieb er Sanskrit und liess griechische Handschriften wieder neu aufkratzen, trotz Letronne und Villoison. Schrieb er ein politisches Memoire, so wurde es in allen Salons seiner Hauptstadt bewundert und von dem Gemahl der geistreichen Frau, die ihn protegirte, an alle Legationen gleichfalls zur Bewunderung ubersandt. Das wahrte bis zur Revolution. Die alten adligen Reprasentanten in der Diplomatie wurden damals gesturzt. Ritter Rochus vom Westen wurde erst in's Ministerium berufen, dann, als er den verschiedenen Phasen der Revolution bald zum Opfer fiel, zu einer grossen Legation beordert. Hier machte er sich mit Meisterschaft geltend. Er hasste den Staat, zu dem er als Wachter gestellt wurde, ohne grade den Staat, den er selbst vertrat, besonders zu lieben. Er hatte Philosoph genug sein mussen, die Erbarmlichkeit der Zumuthungen, die ihm der Gang der Ereignisse stellte, zu verachten, allein es flossen ihm ausserordentliche Summen zu, die ihm eine glanzende Stellung gaben und sein naturlicher Hang zur Intrigue fand eine Nahrung, die ihn immer in Athem erhielt. Seine Studien waren zum grossten Theil abspringend und oberflachlich gewesen. Zu ihnen zuruckzukehren war ihm um so weniger Bedurfniss, als ein angeborner, gutgeschulter Geist ihn auch der Nothwendigkeit zu uberheben schien, nur todte Materialien zu sammeln. Dieser scharfe Kopf ubersah die Zeit vollkommen. Er war vollkommen uberzeugt, dass die Welt ein grosses Chaos erwarte und dass der ganze Wirrwarr des Tages eigentlich leer und erbarmlich zu nennen sei. Apres nous le deluge! war seine stehende Redensart. Er erklarte hundert Mal des Tages, dass ihn ein Grauen uberfiele, wenn er dachte, dass die Schlauche des Aolus sich einst entladen und uber die Welt hin die Sturme der demokratischen Bewegung blasen wurden, und so weit ging er schon vor Dystra, ja vor Voland sogar, dass er die Berechtigung dieser Bewegung anerkannte und welthistorisch auf demselben Standpunkte sich befand, den er in Folge seiner Stellung bekampfte. Diese Intelligenz schrieb dennoch Depeschen und Cirkularnoten in dem Style, wie ihn Metternich und Gentz eingefuhrt hatten. Sie nannte die Revolution eine Hydra, die Revolutionare die Sendboten der Holle und im Stillen konnte es dem Ritter dennoch kommen, als wenn Niemand bemitleidenswerther ware als grade die Fursten, die angestammte Liebe und Treue verlangten, naiv durch die Stadte reisten, vom guten Geist der Unterthanen redeten, Verweise ertheilten, Beamte, Magistrate bruskirten und nach seiner innersten Idee doch in einem wahrhaft babylonischen Irrthume und blinden Wahne lebten. Vollig abweichend von General Voland war er Neolog, las lieber Volney und Payne, als Burke und Haller, und hatte dabei in seinem ganzen Wesen das Kleinliche, Verzartelte, Pedantische, Leichtverletzbare der alten Garcons in volligem Gegensatze zu dem Garcon Otto von Dystra, den die Natur verwahrlost hatte, der seiner selbst spottete und die Bequemlichkeit nur liebte, um sich fur Entbehrungen schadlos zu halten, die er eben so gut auch ertragen konnte.

Die tiefe Luge in diesem Chevalier Rochus vom Westen wich von der Luge in dem General Voland ausserordentlich ab. General Voland von der Hahnenfeder glaubte an positive Moglichkeiten. Seine Phantasie war so schopferisch, dass er sogar die Wiederbelebung des Todten fur moglich hielt. Er lebte in einem ewigen Flammenschein und hatte immer Dunkel um sich, wie ein nachtlicher Adept, der uber den Stein der Weisen brutet. Er suchte eine Tinktur des Lebens auf fur die Geschichte, fur die Menschheit selbst. Er glaubte an Formeln, die wie ein Ecce homo, ein Bild des Gekreuzigten, auf Verdammte wirkten. Er war ein romantischer Spatling der Wollner'schen Periode und wurde Geister citirt haben wie Bischofswerder, wenn nicht der Fluch der Lacherlichkeit auf einer solchen Nachahmung gelegen hatte, die er origineller gestaltet hatte; denn er hatte sicher gesagt, wir wissen, dass Das Luge ist, was wir sehen, aber unser Schauer, unsre Erwartung, unser Zittern uber das Mogliche ist keine Luge und die Dammerung ist die eigentliche Poesie des Geistes. Auch ihm ging die Zeit in ganz andrem Lichte auf, als man auf der Rednerbuhne und Ministerbank der Kammern sagen durfte. Auch ihm war der Glaube der absoluten Monarchie an ihre Unfehlbarkeit eben so rococo, wie das konstitutionelle Wesen der Neuzeit platt und unromantisch; er wuhlte in den Offenbarungen seines Jahrhunderts und lag immer mit dem Ohre auf der Erde, um den Maulwurf des Weltgeistes zu horen, immer auszuspuren, wo er die Wunschelruthe des Schatzgrabers hinlegen sollte. Eine kurze Zeit hatte man ihn einmal in die Lage gebracht, handeln zu sollen, Entschlusse fur den nachsten schwierigen Augenblick zu fassen. Da war erst eine entsetzliche Angst, ein Zittern und Zagen uber ihn gekommen. Das Regieren in alter Form, bureaukratisch, war ihm sonst eine Geschmacklosigkeit gewesen. Aber was sollte er an die Stelle setzen? Es ergriff ihn, da er nicht Rath wusste und sich tief des alten Materials der Regierungskunst schamte, plotzlich die Idee von einem allgemeinen Weltbrand. Tod, Vernichtung, Volkerkampf und aus ihm erst ein Neues, wie ein Damon, der sich aus dem Brande erhebt, jenem Typhon gleich in Calderon's wunderthatigem Magus. Grossartigkeit der verworrenen Anschauungen liess sich dem General nicht absprechen. Auch bezweifelte man eine gewisse Gute des Herzens nicht und fand das Teuflische, das ihm Viele imputirten, nur in seinem Namen, d.h. seinem Rufe. Er wirkte auf die Vogel der Unbedeutendheit wie der Blick der Schlange. Sie zitterten vor ihm und sturzten todt auf seine ausgestreckte Zunge.

Merkwurdig, wie solche so Ungeheures in sich schliessende Naturen so ruhig dasitzen, so plaudern, so erst Austern essen, dann Kaffee trinken konnen! Dankmar betrachtete darauf den General und den Ritter scharf genug. Der Erste war uber funfzig Jahre alt und eher von hoher als mittler Statur, ohne jedoch durch seine Grosse aufzufallen. Sein Wuchs war breitschulterig, der Kopf von bedeutendem Umfang. Ein struppiges, fast negerartiges Haar bedeckte seinen Schadel, der sich durch eine sehr breite, Verstand und Combination verrathende Stirn auszeichnete. Die Nase, die Backenknochen kraftig. Uber der Oberlippe stand ein kleiner Bart, der mit dem hie und da etwas grauen Haupthaare durch seine penetrante Schwarze im Widerspruche stand und ohne Zweifel mit dem besten militarischen Hulfsmittel gefarbt war. Die Hautfarbe des Gesichts war eher grau als weiss. Ein gelblicher Schimmer fuhr uber die fast erstarrten und todten Zuge, die sich immer gleich blieben, immer eine scheinbare innere Regungslosigkeit bezeichneten, in Wahrheit aber nur von der grossartigsten Selbstbeherrschung und einer wuhlenden, lauernden Beobachtung herruhrten. Die Augen, die aus kleinen Hohlen funkelnde Blitze schossen, widersprachen der kirchhofahnlichen Ruhe dieses Antlitzes. Der Mund bewegte sich, wenn der General sprach, nur massig. Es schien ihm unbequem, dass die Lippen die Reserve dieser Gesichtszuge storen sollten. Selbst wenn der General etwas Heitres ausserte, bewegten sich die Flachen um die Mundwinkel nicht im Mindesten in jene mephistophelischen Falten hinuber, die oft die gutmuthigsten Menschen satyrischer erscheinen lassen, als ihr Herz denkt. Man kann nicht sagen, dass der General nur etwas Unheimliches hatte. Im Gegentheil flosste sein beobachtendes Wesen Vertrauen ein, er war zuvorkommend, ohne zudringlich zu erscheinen; er wollte gewinnen und gewann oft. Nur in den Augen lag eine unheimliche Glut und das hochaufgebaumte wirre Haar gab ihm etwas Angstliches. Er bewegte sich in der Uniform, die neu und sehr geschmackvoll war, mit etwas beklommener Haltung. Man sah ihm an, dass er nur durch Zufall, nicht aus besondrer Leidenschaft Militar war und dass er sich im Frack, den er auf seinen vielen offnen und geheimen Missionen trug, freier bewegte. In burgerlicher Kleidung musste General Voland noch einen bedeutenderen Eindruck machen.

Dankmar, Louis und Rudhard wussten, dass der General, der zufalligerweise Katholik war, in dem Rufe stand, der Hierarchie Vorschub zu leisten und eine grosse Vorliebe fur das Mittelalter zu hegen. Er war der Erzieher des jungen Konigs gewesen und hatte wohl verstanden, ihm jene traumerische Richtung und jene Neigung zu aparten Liebhabereien einzuflossen, durch welche man Zeitlebens einen einmal auf so hohe Herrschaften errungenen Einfluss auch dauernd behaupten kann. Der Konig sammelte schon als Kind Kafer und Schmetterlinge, als Jungling Siegel und Wappen, als Furst Munzen, Waffen, Urkunden, Manuscripte, Glasmalereien. Gab es keine politischen Meinungen auszutauschen, so tauschte man alte Siegel und Gemalde aus. Jedes Ministerium, das mit Verzweiflung seine Massnahmen von dem Spiritus familiaris der "kleinen Cirkel" durchkreuzt sah, war in seinen Vorwurfen und Anklagen dadurch widerlegt, dass der General Voland mit dem Konige ja nur uber wissenschaftliche und kunstlerische Zwecke korrespondire. Schon oft war es geschehen, dass eine Berechnung des Generals nicht zutraf, seine politischen Rathschlage Mistrauen erregten; eine streng lutherische Partei, die immer daran Anstoss nahm, dass man einen Katholiken so nahe an die Person des Monarchen herantreten liess, unterliess niemals, jede Blosse, die sich der allweise und allberechnende Rathgeber doch oft genug gab, schonungslos aufzudecken (und in fruheren Jahren that dies Niemand rucksichtsloser als Propst Gelbsattel), allein der General war nicht zu entfernen; denn wer durfte dem Fursten zumuthen, seine kleinen Neigungen und harmlosen Studien aufzugeben? Voland reiste auch wohl, wenn ihm irgend eine Berechnung misgluckt war, auf irgend einen ausserordentlichen Botschafterposten oder mit einem militarischen Auftrag, den man ihm nach Aussen hin gab, allein wer konnte hindern, dass er ein altes Breviarium fand mit schonen Miniaturen, das er der Konigin schickte oder an den Konig selbst ein paar alterthumliche eiserne Sporen, deren der Konig nicht genug sammeln konnte? So erhielt sich immer der vertraulichste Verkehr. General Voland war niemals abgenutzt und bei allen seinen gescheiterten Planen und Rathschlagen immer neu, immer interessant, immer dem Hofe nach tiefster Neigung willkommen.

Ritter Rochus vom Westen, eine glatte Salonfigur, mit reizbar beweglichen Mienen, stechenden Augen verschwand neben dem General, der seit einiger Zeit uber den allgemeinen Weltbrand grubelte. Man konnte beide beruhmte Manner so unterscheiden: Jeder glaubte an den Untergang aller Dinge; aber Voland durch Feuer und Ritter Rochus durch Wasser. Der mystische Krieger war in dieser Art Vulkanist, der skeptische Diplomat Neptunist. Apres moi l'enfer! sagte der Eine. Apres moi le deluge! der Andre.

Die genauere Angabe, in wiefern Dankmar hoffen konne, von der Stadt eine so gewaltige Summe, wie Voland eben gesagt, zu gewinnen, fuhrte den General gleich mitten auf ein Terrain, wo er heimisch war und wo ihm Niemand gleichkommen konnte. Er hatte die genaueste Kenntniss uber den Dystra so uberraschenden Wildungen'schen Prozess und schien sogar die Akten zu kennen, ohne dies jedoch einzugestehen. Er besass die Gabe einer fliessenden Darstellung und war mit einem milden wohltonenden Organe ausgestattet. Man horte ihn gern reden. Er sprach ohne Leidenschaft, immer anregend und aus der Fulle der Thatsachen heraus, die ihm wie Keinem zu Gebote standen. Er sprach sogleich uber die Templerei und die Johanniter wie ein Eingeweihter und veranlasste seinen Jugendfreund Otto von Dystra, mit dem er zusammen in der Schweiz (nicht bei den Jesuiten, sondern in Hofwyl bei Fellenberg) erzogen war, zu der Frage:

So ware wol auch bei dem koniglichen Schlosse Buchau im Westen die alte Ruine, der Tempelstein genannt, im Zusammenhang mit ...

Der Tempelstein ist eine alte Kommende des im Jahre 1310 in Deutschland de jure, aber nicht de facto aufgehobenen Tempelherrenordens, begann der General sogleich im sichersten Vollgefuhl der Thatsachen. Jener Tempelstein diente mehr der ritterlichen Bestimmung des Ordens, wahrend die an seinem Rukken gelegenen Trummer einer Abtei angehorten, an die sich die kirchliche Bestimmung desselben schloss. Der Tempelstein lieferte die zahlreichsten Contingente nach dem gelobten Lande und entsprach in dem im Ganzen schon damals geistig tragen westlichen Theile Deutschlands noch am Meisten der Bestimmung der Tempelhofe, namlich nur Werbeplatze zu sein fur die Kreuzzuge. Da sollte die Trommel mit der Predigt, das Exercitium auf dem Waffenplatz mit der Messe abwechseln ...

Der Ritter Rochus lachte uber die beginnende Salbung des Vortrags und die Fahrte der Ideen, in die hier der General gerieth ...

Ganz so wie manche fromme Generale es jetzt bei Euch hier halten wollen, bemerkte Otto von Dystra zu nicht geringem Erstaunen des fein lachelnden Dankmar, der entweder bei ihrem sonst so freundlichen Wirthe eine offenbare satyrische Absicht auf den General voraussetzte oder annehmen musste, dass Otto von Dystra die gegenwartige ideelle Stellung seines Jugendfreundes nicht kannte ...

Vom Beten, bemerkte Rudhard, mag damals doch wol nicht viel geworden sein, soviel Breviere die Ritter auch in ihrem Sattelzeuge versteckt haben mochten. Die Templer sind als ubermuthige Kumpane im ganzen Mittelalter verschrieen gewesen und das Sprichwort ging uberall: Er trinkt, wie ein Templer!

Diese rationell-kritische Bemerkung streifte naturlich den Duft sehr von den Erinnerungen ab, auf die General Voland mit besondrer Vorliebe einging.

Ausnahmen! sagte er, den dunkelschwarzen Kaffee schlurfend. Spaterer Verfall! Unter den Johannitern schlummerte leider der grosse welthistorische Zweck dieses Ordens immer mehr ein und zur Zeit der Reformation waren seine Besitzungen nur eine Beute der Habgier und Gewissenlosigkeit von Seiten der untreuen Ritter selbst. Ihr Ahn, Hugo von Wildungen nur, blieb mannhaft und stat ...

Wir sind hier in der Stadt Rom, bemerkte Dystra, der die Genealogie der Wildungen'schen Anspruche nun kannte. Stocken Sie nicht, Voland! Man darf hier Das scheinen, was man ist.

Die Weine des Hotels schienen auf ein gewisses Neglige der Verhaltnisse und Ausserungen gewirkt zu haben.

Doch nicht Jesuit? sagte Rudhard gereizt. Ich gonne unsern Freunden Dankmar und Siegbert alle Schatze dieser alten Verlassenschaft aus dumpfen und geistesunfreien Zeiten, aber im Grunde stammen Ihre Anspruche von der jesuitischen Pfiffigkeit her, dass Rom sagte: Hugo von Wildungen hat mannhaft und stat gehandelt, wie der Herr General sagen, allein die Klugheit gebeut, in partibus infidelium, unter den Ketzern, festen Fuss zu behalten. Wir dispensiren ihn von dem Ordensgelubde personlichen Nichtsbesitzes und gestatten ihm, sein Theil zu nehmen, wie die andern Rauber auch.

Ritter Rochus, der im Cigarrendampf sich etwas unbehaglich fuhlte, horchte auf. Dieser Erguss sprach seine Ansicht aus, er kam ihm nur etwas zu scharf stylisirt vor. Er war solcher Derbheiten im Urtheilen entwohnt und hatte sie fruher nur als Gelehrter oder in Korrespondenzen an Zeitschriften gekannt.

Ich bezweifle, sagte General Voland mit der ihm eignen Ruhe, dass diese Licenz des papstlichen Stuhles eine jesuitische Einflusterung war.

Ich bezweifle es nicht, sagte Rudhard mit Nachdruck;

aber der General erwiderte:

Mein Grund ist der, dass jene Licenz des Komthurs Hugo von Wildungen aus dem Jahre 1539 stammt, die Bulle aber, die den Orden der Jesuiten bestatigte, vom Jahre 1540 herruhrt, dem 27. September 1540.

Dankmar staunte theils uber die Bekanntschaft mit seinen Angelegenheiten, theils uber des Generals vielseitigste Kenntnisse, und Dystra musste uber diese treffende Widerlegung lachen. Er bat den Pfarrer, sich mit dem General, der sehr wenig gegessen hatte, an dem Brete mit Dessertweinen zu versohnen, das eben Spartakus voll kleiner geschliffener Glaser servirte und damit den ganzen Beifall des Ritters Rochus fand, der uber Weine und Sussigkeiten so scharfsinnig sprechen konnte wie ein Philolog uber verschiedene Lesarten.

Rudhard war aber in seinem Fahrwasser. In solchen Ideengangen gab er sich nicht zufrieden und stiess mit Niemand gleich versohnt an. Er behauptete, es hatte Jesuiten gegeben, lange vor der formlichen Anerkennung des Ordens. Der Jesuitengeist, sagte er sogar mit Paradoxie, ist alter als Loyola. Hildebrand und Innocenz waren schon Jesuiten ...

Wenn Sie es so meinen, Herr Pfarrer, bemerkte der Chevalier vom Westen, so haben Sie Recht. Geben Sie nach, Herr General! Bei einem Glase so vortrefflichen Curacao kann man die Jesuiten nur deshalb leben lassen, weil sie sich um die Bodenkultur Amerikas verdient machten.

Der General war aber in seinem Vortheil. Siegreich wie ein Worterbuch, majestatisch wie ein Conversations-Lexikon, ausserte er Folgendes:

Loyola nahm die Idee der geistlichen Ritterorden wieder auf, aber in andrer Gestalt. Er wollte mit den Waffen des Geistes kampfen. Der Geist jener Zeiten war der Glaube. Loyola, selbst Soldat, von unbestrittner Tapferkeit, ist ich theile seinen Fanatismus sonst nicht, ob ich gleich Katholik bin Loyola ist deshalb ein so merkwurdiger Mensch, weil er im Stande war, als Krieger die Macht der geistigen Waffen anzuerkennen. Es verrath viel Einsicht, dass er fuhlte, wie sehr das Ritterthum der Waffen im Abnehmen war. Er ahnte schon das Schicksal des Don Quixote, den Cervantes zum letzten Ritter des Mittelalters machte, und zog fur sich ganz allein nach dem gelobten Lande, um die Turken nicht mit dem Schwerte, sondern durch den Glauben zu bekehren. Er war ein Kreuzfahrer auf eigne Hand. Als er sich naturlich uberzeugt hatte, dass es ihm unmoglich war, einen Turken zu bekehren (aus Rucksicht auf unsre Bedienung, sagen Sie wol nicht: Einen Mohren weiss zu waschen? schaltete der Chevalier unruhig ein und setzte seinen Curacao auf den Tisch zuruck), kehrte Ignaz nach Europa zuruck und beschloss, das Kreuz unter den Christen selbst zu predigen.

Die inzwischen eingetretene Reformation bot ihm fur diese eigenthumliche Auffassung der Kreuzzuge spater haben die Freimaurer sehr geistlos dieses nach innen gewandte Tempelbauen und Tempelpflegen nachgeafft bot ihm, sag'ich ...

Rudhard biss sich auf die Lippen und rausperte sich.

Ich sage, fuhr der General fort, spater bot ihm die Reformation ein gunstiges Schlachtfeld und wiederum ehrte es den Krieger, dass er geistige Waffen vorzog

Gift und Dolch! schaltete Rudhard heftig ein.

Voland liess sich nicht aus seiner Ruhe bringen.

Nennen Sie Das Gift und Dolch, sagte er, dass Ignaz, ein drei und dreissig Jahre alter Soldat, in Barcelona sich in eine kleine Knabenschule setzte, unter Kindern ein Fibelschutz wurde und lateinisch lernen wollte? Ignaz zog nach Alcala und Salamanca als alter bemooster Bursch, in der einen Hand den heiligen Augustinus, in der andern seinen alten Hieber, der ihm noch manche schlimme Handel zuzog und manchen Ruckfall in die alte Landsknechtssitte zu verantworten gab. Uberall zog der alte lateinische Knabe ein consilium abeundi und wanderte mit ein paar Commilitonen nach Paris, wo er endlich mit den Wissenschaften Ernst machen musste und in seinen harten, des Denkens ungewohnten Kopf wenigstens so viel Logik und Scholastik hineinbrachte, dass man ihm bei den Jakobinern die Magisterwurde ertheilte.

Bei den Jakobinern? bemerkte der Ritter Rochus kunstlich erschreckend. Er war aus seinen Depeschen und Zeitungsnachrichten her gewohnt, mit diesem Namen jede Debatte abzuschliessen. Bei den Jakobinern, General? Schlimme Vorbedeutung!

Ignaz, fuhr aber Voland unbekummert fort, Ignaz behielt seinen Zweck, einen neuen geistlichen Ritterorden, einen Orden des damaligen Geistes, zu stiften, im Auge, fand jedoch uble Aufnahme bei den bequemen Professoren der Sorbonne, die lieber in Ruhe ihre Pfrunden verzehrten und die Ketzer mit Traktaten widerlegen wollten. Man drohte ihm oft mit Ruthenstreichen. Dennoch fand er Anhanger. Nicht viel. Ihrer funf bis sechs ...

Funf bis sechs? fuhr fast unwillkurlich Dankmar auf, der gespannt zuhorte und den bekannten Thatsachen, die er von dieser Seite aus sonst nie beurtheilt hatte, ein neues Licht abgewann.

Nicht mehr, HerrWildungen! erzahlte der General. Mit diesen wenigen Mannern verabredete sich der alte lateinische Haudegen zu einem Bunde, der spater so allmachtig wuchs. Sie gingen aus Paris in ein entlegenes Kloster, stiegen dort in unterirdische Kapellen, nahmen das Abendmahl und schwuren, entweder nach Jerusalem zu wallfahrten oder nach Rom, um sich dem heiligen Vater zu Fussen zu werfen und ihre Dienste ihm anzubieten.

Sie zogen die kurzere Reise nach Rom vor, bemerkte Rudhard nicht ohne Bitterkeit.

Nicht ohne anderswo erst jene Anerkennung zu verdienen, sagte Voland, die sie spater in Rom allerdings fanden. Sie gingen nach Venedig und andern Stadten Oberitaliens, wo sie predigten, eine Art innerer Mission trieben und von Visionen sprachen, die ihnen geworden waren. Man hat diese Visionen fur Lugen erklart. Ich glaube wohl, dass sich die jungen spanischen und franzosischen Schwarmer selbst belogen. Aber ich weiss nicht, ob es nicht aufrichtiger, jedenfalls poetischer ist zu sagen:

Ich sah die Mutter Gottes und horte ihre Worte, die mir Ermunterung zusprachen, mich im Dulden starkten, mich mit der kunftigen Martyrerkrone trosteten, oder, wie dies bei den Freimaurern der Fall ist, mit geheimnissvollem Grauen und eleusinischen Enthullungen zu locken und das Nichtssagende, oft Triviale in ein Gewand allegorischer Bedeutsamkeit zu hullen. Das Auge sieht den Himmel offen! So spricht der Mensch vermoge seiner hohern Inspiration und seiner Ahnung eines grossen Jenseits. Aber das Auge sieht einen Vorhang offen, eine Gardine, einen Lappen offen welche Thorheit!

Diese Ausserung verrieth eine innere gluhende Schwarmerei, die sich hinter Kalte und weltmannischer Glatte verbarg.

Wie kommen Sie zu dieser Polemik gegen die Freimaurer? fragte der Ritter Rochus. Die Freimaurer haben sich in jungster wilder Zeit ausserordentlich bewahrt!

Und ich furchte fast, sagte der Wirth, der seine kurzen Beine ubereinanderschlug und in einer Sophaecke fast verschwand, Rudhard ist selbst ein Freimaurer ...

Ich muss in diesem Falle um Entschuldigung bitten, bemerkte angeregt der General. Ich bewege mich auf diesem ganzen Gebiete religioser Wirren und Streitfragen nur als Dilettant und Geschichtsfreund. Allein das Kapitel von den geheimen Gesellschaften fuhrt unwillkurlich auf Vergleiche und ich weiss den Orden der Jesuiten mit keiner andern historischen Erscheinung in Analogie zu bringen, als dass ich ihn an die alten geistlichen Ritterorden anknupfte und endlich andeutete, wie der letzte Versuch, die Templerei wieder in Schwung zu bringen, eben die Freimaurerei ist. Lassen Sie uns alle Ausartungen des Jesuitenordens bei Seite stellen, vergleichen Sie, was dieser Orden, der, als ihn der Papst bestatigte, zehn, sage zehn Mitglieder zahlte und was die Freimaurerei bewirkte?

Ich bin, nahm Rudhard jetzt das Wort, kein leidenschaftlicher Maurer. In Russland sind alle geheimen Gesellschaften verboten und mit Recht. Die Menschheit soll in offner Form leben und ihr Licht da leuchten lassen, wo es die Finsterniss bedarf. Sie horen daraus nochmals, dass ich kein leidenschaftlicher Maurer bin. Aber Sie sind ungerecht, Herr General! Die Jesuiten hatten in ihrer Art trefflich gewirkt. Der Kreuzzug gegen die Ketzer war mit Blut, Scheiterhaufen, Folterqualen bezeichnet. Ganze Lander fielen in die Nacht des Irrthums, in die Fallstricke Roms zuruck. Die Ruckbekehrung hat z.B. Bohmen zu einem dustern tuckischen Czechenlande gemacht, wahrend es ein freiblickendes, edles Hussitenvolk sein konnte. Der jesuitische Geist pflanzte sich in die Kirchenverbesserung uber. Pfaffenthum uberall! Nirgend ein freier Lichtstrahl mehr und keine Tugend ausser im christlichen Gewande der Demuth. Da trat die Freimaurerei auf. Sie kam von England, dem Lande der klaren Begriffe. Ich will nicht leugnen, dass sie eine Frucht jenes Freigeistes war, der damals von England sich auf den Kontinent verpflanzte. Man wollte die Lehren von Bolingbroke und Locke zu einer neuen Religion erheben, man fand eine Symbolik, die man von aussern Zufalligkeiten hernahm, von einer Art von Ressource oder Casino und ubertrug in ein heitres geselliges Zusammenleben allegorische Wahrheiten. Wir sind in der That an Bruderliebe nicht so gesegnet in unserm Dasein, dass wir nicht eine systematische Beforderung derselben gern begrussen sollten. Ich verwerfe jeden alten Ursprung der Maurerei. Es ist Thorheit, sie an die Tempelherren anzuknupfen. Es ist sehr fraglich, ob die Baugilden des Mittelalters irgend etwas mit ihr gemein haben. Allein wenn sie auch nur aus dem veredelten Prinzipe der Geselligkeit entspringt und sich mit affektirtem Ernste spielende Formen gab, die sie selbst bei ihrer ersten Stiftung belachelte und die nur spater wie Geheimnisse erfasst und fortgepflanzt wurden, so hat sie Segensreiches gewirkt. Ich will von den gespendeten Wohlthaten und beforderten Humanitatszwecken nicht reden. Ich will nur darauf hindeuten, was sie in der Geschichte der Kultur und der freien Geistesentwickelung gewesen ist ....

Ja, rief Ritter Rochus vom Westen plotzlich wie elektrisirt und von Eifersucht gegen den General angeregt. Ja, ich bin sicher kein Maurer. Aber bester General, die Logik, die gesunde Vernunft hat die Maconnerie befordert. Sie hat den Menschen als Menschen erfasst und ihn vom Gangelbande der Konfession und der Vorurtheile der Stande befreien helfen. Sie arbeitete allerdings der franzosischen Revolution, aber der guten und lobenswerthen Phase ihrer Entwikkelung vor. Sie hat das Gemeingefuhl der Geister gestarkt, die die Aufklarung fordern wollten und ohne die Unterstutzung der Logen allein gestanden hatten und bald verzweifelt waren. Die Logen waren eine Erganzung der historischen Gesellschaft, wie sie einmal geworden ist und ohne blutigen Umsturz, den wir verabscheuen, nicht geandert werden kann. Sind die grossten Geister der Literatur ohne den Zusammenhang mit den Logen zu denken? Lessing, Herder, Wieland, Goethe waren Logenbruder. Der hohe Geist, der in ihnen wirkt, pflanzte sich durch die geheime Verbruderung gleichgestimmter Seelen rascher fort als auf der freien Arena des Marktgewuhles, wo die Kritik und der Neid der Schulen ihr Wirken begeiferte ...

Der General blickte lachelnd auf den Ritter, in dem sich der alte, vorurtheilslose Gelehrte regte. Alle staunten, Niemand mehr als Dankmar, der, ein einfacher Referendar, so in die Lage kam, einen beruhmten Diplomaten einmal frisch von der Leber weg reden zu horen. Man sah die Wirkung der Tafel, der Naturlichkeit des Wirthes. Die Reserve war aufgehoben. Es regte sich in dem Gesandten "wie der Wein im Fasse, wenn die Reben bluhen."

Er vergass, welche Thatsachen er in der Welt zu vertheidigen hatte und welche Grundsatze ihm bezahlt wurden.

Dystra hielt es seiner Wirthspflicht fur angemessen, den Ernst dieser Unterhaltung, die fur Louis und Dankmar grade in den Gegensatzen so spannend war, etwas zu mildern und sagte:

Ich versichre Sie, meine Herren, wenn ich den Tempelstein accaparire ich hoffe, Freund Voland, Sie verwenden Ihren Einfluss, dass mir dies Vorhaben gelingt so werd' ich dort weder einen Jesuitensitz noch eine Freimaurerloge etabliren, sondern auf die alten Zeiten zuruckkehren und mich an das Sprichwort halten, das Rudhard vorhin erwahnte: Er trinkt wie ein Templer!

Man lachelte ...

Diese alten Templer waren viel vernunftigere Personen als Eure Loyoliten und Eure Salomonischen Meister vom Stuhle! fuhr Dystra fort. Sie liebten die Freude, den Wein, den Gesang, die Weiber! Sie bauten sich Werbeplatze fur den Sarazenenkrieg, exercirten die Mannschaften und blieben zuletzt zu Hause! Sie wahlten sich die besten Aussichten zu ihren Burgen und Abteien. Sie hatten Geschmack fur naturliche Veduten. Die Sunden, die sie als Ritter begingen, konnten sie sich als Priester gleich selbst wieder vergeben. Ich finde, dass die Wiederherstellung dieses Ordens im uralten Sinne mir eine liebe Aufgabe auf dem Tempelstein sein konnte. Ich baue die Ruine aus, trotz Rheinstein und Stolzenfels. Die Erker, Thurmchen, gezackten Mauern behalt' ich bei. Der Burggarten mit Springbrunnen, die Altanen, Soller, das Alles waren sehr amusante Ideen des Mittelalters. Nur in dem Burgverliesse wurde ich vorziehen, meinen Champagner kuhl und petillant zu erhalten. Die steinernen Fussboden wurd' ich mit warmern Parquets vertauschen. Die Ofen wurd' ich mir in neuester Konstruktion ausbitten und vielleicht, um mich ganz mit dem Mittelalter zu befreunden, eine Petersburger Luftheizung versuchen. Hinten auf der Abtei mach' ich eine bequeme Neusiedelei mit englischem Comfort. Eine Bibliothek soll da sein fur Sie Alle! Alle Kirchenvater, alle Streitschriften der Jesuiten; aber auch alle Werke Voltaire's, Hume's, Locke's und wiederum alle Predigten Bossuet's. Ich wette, Freund Voland liest da nicht einmal die Kirchenvater! Ebensowenig, wie ich Ihnen gestehe, lieber Rochus, dass ich die Maurerreden in den deutschen Klassikern ... immer ubersprungen habe.

Mit einem ganz naturlichen Instinkt, lieber Dystra, nahm der General den Gegenstand wieder auf. Sie haben wahrscheinlich immer gefuhlt, dass diese Maurerreden in der That Dasjenige, was wir an Herder und Goethe bewundern, nicht ausdrucken. Wahrlich, durch diese Reden ist Das nicht hindurchgegangen, was an unsern deutschen Klassikern so gross, so befruchtend war. Ich will nicht von der romantischen Schule sprechen und den Nachdruck darauf legen, dass man sich Tieck, Schlegel, Brentano, Novalis, Schenkendorf nicht als Maurer denken kann. Aber auch Jean Paul, Herder, Goethe! Jean Paul, der Herrliche, Geistesreiche, trug in Alles seine bedeutsame, kindliche Auslegung hinein. Herder ist nur befruchtend und anregend gewesen in den Bestrebungen, die ihn uns als den Erwecker der verstummten Volkerstimmen zeigen. Goethe vollends als Maurer hat sich im Grosskophtha selbst persiflirt, wie er sich im zweiten Theil des Faust als Minister persiflirte. Der grosse allgewaltige Olympier, den wir in ihm bewundern, hat mit der Loge nichts gemein. Man zeigte mir einmal in Weimar Goethe's Schurzfell; es hat mich nicht erbaut.

Ebensowenig, bemerkte Rudhard, wie mich der Franziskanerstrick erbauen wurde, den Zacharias Werner in Wien trug.

Diese Entgegnungen waren wieder herausfordernd. Der General warf einen scharfen Blick auf den Ritter, der sich inzwischen besonnen zu haben schien und seiner offentlichen Funktionen eingedenk wurde. Rochus von Westen, der mit Voltaire'schem Esprit Zacharias Werner'sche Zeitauffassung vertreten musste, schwieg ... Sehen Sie, wandte sich Dystra jetzt zu Louis Armand, Das sind die Gegensatze, die uns dies sonderbare Deutschland so verworren erscheinen lassen! Ich bin durch die halbe Welt gereist, habe die Pyramiden Agyptens und die heissen Fontainen in Island gesehen, uberall streitet man sich, aber nirgends so viel wie in Deutschland und nirgends spukt noch das tolle Ritterund Monchswesen wie bei uns, wahrend unsre ganze Tournierfahigkeit jetzt kaum noch darin besteht, dass wir im Lesekasino ... wissen Sie, Rochus, worin wir uns im Kasino als die letzten Ritter erscheinen mussen? Man horchte gespannt ... Unser letztes Ritterthum besteht in dem Rest der Kunst des Ringelstechens, vermoge dessen wir die Journale, die wir gelesen haben, wieder an die Haken hangen, von wo wir sie herabgenommen. Meine Ahnen konnen nicht kunstlicher in den Karroussels nach dem Ring gestochen haben, wie ich jedesmal angeln muss, um die Times wieder an ihren Riegel Nr. l zu hangen. Wahrend man diesem Einfall applaudirte, fragte Dystra Louis: Sie sind aus Lyon geburtig? Aus Lyon, mein Herr!

Sie sprechen vortrefflich deutsch.

Es ist die Sprache meiner nachsten Verwandten.

Louis litt unter der Vorstellung, dass Otto von Dystra vielleicht nicht wusste, dass er die Ehre seiner Einladung einem in der Gesellschaft so tiefstehenden Arbeiter hatte zu Theil werden lassen. Rudhard, Dankmar, selbst Voland furchteten dieselbe Aufklarung. Sie wussten wohl, dass Dystra keine Vorurtheile hegte, dennoch wurde er seiner Gaste wegen sich vielleicht betroffen gezeigt haben. Deshalb ergriff Dankmar sogleich das Wort und lenkte das Gesprach auf Egon, den Beschutzer Armand's, hinuber.

Als dieser Name ausgesprochen wurde, wandte General Voland seine durchdringenden Augen zu Dankmar und horte mit Spannung, was uber den jetzt die Geschicke des Landes lenkenden jungen Fursten wurde gesprochen werden. Rudhard ertheilte aber dem neuen Premierminister sogleich die entschiedensten Lobspruche. Er besitze ganz jene zahe Ausdauer, sagte er, ohne welche man jetzt nicht Politik treiben konne. Er hatte der Hydra der Revolution auf den Nacken getreten, er werde es bandigen, das Ungethum, das in seinen Verheissungen die Sprache der Engel rede, in Wahrheit aber eine blutige Wolfsnatur ware.

O wie stimmten die beiden vornehmen Gaste bei! Wie uberschuttete man Rudhard mit Dank, mit Bewunderung! Aber gerade in dem Ubermaass lag der Mangel an Aufrichtigkeit ... Man stockte sogleich. Man liess Rudhard reden, preisen. Man schwieg, bis General Voland zu Louis sagte:

In Lyon machten Sie des Fursten Bekanntschaft? Wie schon dies Lyon! Wie eigenthumliche historische Luft weht in jenen sudlichen Abdachungen, die von da mit den grossen Stromen sich zum Meere hinuntersenken! Lyon ist eine der altesten Stadte Frankreichs. Der Zusammenfluss der Saone und der Rhone bietet dem Auge ein gefalliges Schauspiel. Noch sind hier die Uberbleibsel der alten romischen Niederlassungen sichtbar. Mancher romische Kaiser hat in Lyon gewohnt, manches christliche Martyrerblut ist dort geflossen, wofur denn freilich diese Stadt die Ehre geniesst, von sich ruhmen zu durfen, dass sie die erste christliche Kirche Galliens aufzuweisen hat. Ich kenne nur zwei Empfindungen, die mich bei Wanderungen und Reisen ganz erfullen konnen. Die eine ist Die: historische Luft zu athmen. Wo genosse man diese Wonne in grosseren Zugen als im Suden Europas? Wie ich in Lyon war, sah ich Konigreiche vor mir wieder neu erstehen, die nun mit dem Schutt der Vergessenheit bedeckt sind. Ich sah das Arelatische Reich, das hier bluhte, ich sah Burgund, dessen Kraft an den Morgensternen der Schweizer bei Murten zersplitterte 1476 Wie weht da ein Geist der Kraft, der Auferstehung, der Verjungung! Wie sieht das Auge reisige Geschwader herniederkommen von den Bergen und Alles drangt sich dem Mittelpunkte der grossen Weltbegebenheiten zu, dem Mittellandischen Meere, um das herum doch eigentlich allein nur wahre Geschichte gemacht wird! Das zweite nicht minder erhabene Gefuhl hab' ich beim Anblick jener Uranfange des Christenthums, die uns aus alten Mauern und Kapellen noch entgegentreten. Die grossen Munster, die aus der Blutezeit der Kirche herruhren, machen mir lange nicht den Eindruck, als wenn ich jene kleinen, oft ganz versteckt liegenden, niedrigen Kapellen und Kirchen mit Kreuzgangen sehe, die noch fast das Ansehn alter Kastelle haben und sozusagen die cyklopische Zeit der Kirchenbaukunst bedeuten. So empfand ich in Mailand bei jener entlegenen Kirche, die einst der heilige Ambrosius vor dem Kaiser Theodosius schloss und ihm nicht gestattete, fruher den heiligen Boden zu betreten, ehe er sich nicht von dem in Thessalonich vergossenen Martyrerblute gesuhnt hatte. Wie jung war damals die Christuslehre! Wie neu und frisch der Eindruck einer Begebenheit, die in die alte erstorbene Welt der Heiden wie ein junges Reis hinein sich rankte und bald lebenskraftig die ganze gebildete Welt der Erde mit grunem Laube umzog! Auch in Pavia, Genua, vor allen Stadten aber in Rom folgt man mit Wonneschauern diesen allerersten Fusstapfen der Kirche und kann sich mit etwas Phantasie aus schwarzen, niedrigen, byzantinisch gerundeten Bauten die ganze Vergangenheit zusammensetzen, die wir kaum kennen wurden, wenn nicht irgendwo doch ein sinniger Monch in einem Kloster die Erzahlungen durchreisender Pilger als Schreib- und Stylubung verzeichnet hatte.

Wahrlich, fiel Otto von Dystra, des Ritters ironisches Niederblicken bemerkend, lachend ein, ich muss sagen, Voland, Ihre poetische Spurkraft hat sich merkwurdig ausgebildet. Fur einen Offizier ist so viel Studium heterogener Dinge aller Ehren werth! Aber es ist wahr, Sie schmachteten schon in Hofwyl unter dem Druck der rationellen Erziehung Fellenberg's und sehnten sich zu jenen jungen Fursten und Grafen hin, die in Freiburg erzogen wurden ...

Das nicht, Dystra, sagte der General, der auch im Padagogischen sattelfest war. Aber ich fand fruh heraus, dass Fellenberg uns Alle tauschte. Fellenberg gab sich die Miene, zwischen Pestalozzi und den bestehenden Kastenanspruchen der Gesellschaft hindurchsegeln zu konnen und wollte gleichsam Jeden fur seinen von dem Zufall ihm vorgezeichneten Stand erziehen. Ich will nicht sagen, dass ich schon damals die Einsicht besass, diesen Widerspruch zu durchschauen, aber ich fand, dass die Jesuiten in Freiburg mit mehr Wahrheit, mit mehr Gleichheit in besserem Sinne erziehen. Sie stellten die Stande gleich und gaben dem Furstensohne, wie dem kunftigen Priester dieselbe Erziehung ...

Das ist ja grade das Gewagte, Herr General, erlaubte sich Dankmar dem in allen Standpunkten seiner Zeitgenossen dilettirend Herumtastenden zu bemerken. Wir erhalten aus jener Gegend her Priester, die wie Fursten regieren wollen und Fursten, die wie Pfaffen denken ...

Sehr wahr, sehr wahr, bemerkte Dystra. Schelten Sie mir nur unsern alten Fellenberg nicht, Voland! Sie machen unsrer Schweizererziehung auch durch Ihren Appetit keine Ehre! Sie scheinen von Nichts zu leben. Sie lassen mir jede gute Schussel, jedes Glas aus Kuche und Keller der "Stadt Rom" vorubergehen. Die alten Monche tranken Wein, wenn sie auch noch so fromm waren.

Otto von Dystra war vollig unbekannt damit, dass der General der Mann der Fabel hiess. Er verstand des Ritters halb verlegenes, halb schadenfrohes Lacheln nicht, verstand nichts von der eigenthumlichen Ruhe, mit der Dankmar seine Cigarre rauchte und gewissermassen Louis Armand ermunterte, nur auszuharren und sich nicht einschuchtern zu lassen. Er ahnte nicht, dass Ritter Rochus vom Westen, medisant, anekdotenhaschend, negativ wie er war, sich auf die Lippen biss, um die Bemerkung zu unterdrucken: Wissen Sie denn nicht, dass General Voland in dem Rufe steht, wie der Graf St.-Germain durchaus nichts zu geniessen und nur von einem himmlischen Manna zu leben, das er zuweilen aus einer in seiner Uniform verborgenen Dose nimmt?

Der Ritter trennte sich gewaltsam von dem Gelust, diesen Gedanken auszusprechen und fragte den Baron, wie lange er in Europa bleiben wurde und ob er nicht Kalifornien gesehen hatte? Kalifornien war dem General so gleichgultig, wie z.B. Rudharden die Kirche San Ambrogio in Mailand. Aber dem Ritter Rochus war Kalifornien die eigentliche wahre Errungenschaft des Zeitgeistes.

Otto von Dystra sprach von dem Versuche, in Deutschland zu leben, wenn er hoffen durfte, sein Vermogen aus Russland herauszuziehen und gewisse Familienfragen auf deutschem Boden zu losen.

Dankmar wollte etwas von den Schwierigkeiten solcher russischen Prozeduren bemerken und fand bei den hochgestellten Herren, die sich zum Gehen rusteten, eine Beistimmung, die ihn uberraschte. Rudhard aber nahm Veranlassung, wiederum die strenge, gegliederte Ordnung des russischen Militairstaates und den unromantischen, aber begluckenden Absolutismus zu preisen. Die Diplomaten nickten, suchten nun aber doch davonzukommen. Eben im Begriff, die Hute zu ergreifen und sich zu empfehlen, horte man draussen auf der Strasse plotzlichen Larm. Man stutzte. Die Bedienten hatten schon lange nach den Fenstern gesehen und durch ihre Bewegungen die Aufmerksamkeit der Herrschaften auf die Vorgange lenken wollen, die sie in den Strassen beobachteten. Erst ein Murmeln, dann ein Sausen, immer horbarer anwachsend und an den Hausern des Platzes, an welchem die Stadt Rom gelegen war, widerhallend. Ein Rauschen und Brausen. Das Getummel wuchs. Man horte rufen, man horte schreien, die Gesellschaft, statt sich aufzulosen, eilte an die Fenster. Der Platz wimmelte von Menschen ...

Was ist Das?

Man drangt sich an jenes Haus

Ein Auflauf

Wer wohnt dort?

Bediente aus dem Hotel waren von den Vorgangen unterrichtet. Sie sagten, dort an dem umstandenen Hause pflegten Maschinenarbeiter ihre Versammlungen zu halten. Ihr Verein ware heute aufgehoben, weil man wieder drohende Reden gehalten. Die Polizei uberwache die Sitzungen und schlosse sie jedesmal, wenn etwas Anstossiges gesprochen wurde. Heute hatte man nicht auseinandergehen wollen ...

Indem kam schon eine Kolonne Militair und trieb erst die neugierigen Massen auseinander, dann ruckte sie auf das Haus selbst zu. Die Agenten der Polizei waren in voller Thatigkeit und soweit die nur matte Erleuchtung des Platzes die Ubersicht gestattete, sah man, dass unter Geschrei, Pfeifen, Larmen, zahlreiche Verhaftungen vorgenommen wurden ...

Das ist so schon das dritte Mal! berichtete der Bediente und Voland sagte mit einem eignen sardonischen Lacheln:

Man gewohnt sich an dies Chaos. Es stort Niemanden mehr in seiner Abendruhe.

Der Ritter Rochus vom Westen aber zitterte. Er hatte in einem solchen Sturm vor wenigen Monaten sein Portefeuille verloren. Er wusste an Beispielen, dass man dabei auch sein Leben verlieren konnte, trotz der Privatverehrung von Voltaire und Bolingbroke.

Abscheulich, sagte Dystra, einen Staat in solchem ewigen Kriege gegen sich selber zu wissen! Horen Sie nur das Pfeifen, dies Hohnen, das Zertrummern der Fensterscheiben! Die Trommel wirbelt. Es kann nicht lange wahren, so hort man eine Salve und wir sehen Todte und Verwundete ...

Ritter Rochus gerieth ausser sich. Meinen Sie? rief er und trippelte hin und her ...

Das ist modernes Staatsleben! sagte Voland fast triumphirend.

Im Mittelalter war es nicht besser! rief Rochus argerlich

Ehe man Macchiavelli kannte! warf Rudhard dazwischen.

Allerdings, sagte Voland, den Militairmantel uberwerfend, allerdings in kleinen Staaten. Man hat gezahlt, dass in Pisa allein vom Jahre 132O bis 152O uber dreihundert Aufstande vorgekommen sind ...

Ha! schrie Ritter Rochus. Es trommelt!

Eine Salve krachte. Verzweiflungsruf, eine allgemeine rasende Flucht. Der Platz leer. Ein paar Verwundete, ein Todter, den man der Polizei ubergab. Die Ruhe schien auf dem Platze hergestellt. Exaltirte Kopfe rannten durch die Strassen und riefen: Waffen!

Die Thoren! sagte Dankmar. Waffen! Sie wissen nicht, was Das fur ein Anachronismus ist! Die Zeit der panischen Begeisterung und die der panischen Furcht ist auf lange voruber. Die Regierungen gewinnen da nur an Kraft, wo sich die Demokratie einbildet, mit dem alten Apparate, Waffen und Barrikaden, noch kampfen zu konnen ...

Und ist es nicht ein Gluck, dass sie an Kraft gewinnen? sagte Rudhard streng.

Mein Bester! Die Ruhe der Welt dankt Ihnen fur Ihren Zogling! rief der Ritter Rochus und schuttelte Rudhard's Hand. Das Ministerium Hohenberg bezeichnet eine Epoche der Geschichte. Nur Ruhe!

Wie wurden Sie diese Verwirrung losen, General? sagte Dystra, indem er einen schwachen Versuch machte, seine Gaste wieder zum Sitzen zu bringen Sie stehen uber dem Momente, Sie haben die Jahrhunderte vor Augen, was erwarten Sie von dieser Zeit?

Eine Droschke! rief der Ritter, wenn mein Wagen nicht da ist!

Die Bedienten sagten, er ware in's Thor des Hotels gefahren, weil man draussen Barrikaden furchtete ... Jetzt ware alle Gefahr voruber.

O sehr gut! Sehr gut! Guten Abend, Baron!

Dankmar und Louis, obgleich im hochsten Grade aufgeregt von dem Vorfall vor dem Wirthshause, wo sich der Maschinenarbeiterverein versammelte, angstlich ohnedies um die Verwundeten und den Todten, horchten gespannt, was der General antworten wurde, allein dieser lehnte freundlichst ein langeres Bleiben ab. Er berief sich auf seine gemessene Zeit, seine Berufspflichten, seine besetzten Abende. Sein Abschied, sein Dank fur die Bewirthung war einfach und wohlwollend. Er sagte Dankmarn und Louis gleich Verbindliches, bewahrte aber bei aller Freundlichkeit einen so eigenthumlichen Ernst, dass man unwillkurlich staunend hinter ihm hersagen musste: Er sagt fast Alles, was er weiss und von Dem, was er nicht weiss, muss man doch noch glauben, dass er es nur verschweige! Der General schloss sich dem Ritter an.

Rudhard, der das Anliegen Louis' und Dankmar's bei Dystra nicht storen wollte, ging mit den Worten:

Baron, Sie sind ein Neuling in Europa! Sie werden Ihre Jugendfreunde kaum wieder erkannt haben.

Dystra lachte und sagte:

Der General hatte Priester werden sollen. Ich sagte es ihm schon bei Fellenberg.

Wer weiss, ob er es nicht ist! meinte Rudhard. Russland hat ganz Recht, dass es die Freimaurer und die Jesuiten verbannt. Ich mochte dem General Voland nicht das Schicksal dieses Staates anvertraut wissen und finde es ganz in der Ordnung, dass Egon vor einem Manne, der sich des Wirrwarrs zu freuen scheint, auf der Hut ist.

Es ist kein Jesuit, eher ist es Ritter Rochus, der die Jesuiten bestreitet, sagte Dystra. Glauben Sie mir! Ich fange an, Europa zu begreifen! Mein alter Kamerad von Hofwyl lebt nur zum Schein vom Geiste; er isst nicht, er trinkt nicht. Dieser Mann scheint eine Abstraction geworden zu sein. Aber ich wette, dass er eben einige Beafsteaks gegessen hatte, ehe er zu mir kam. Jetzt geht er schlafen und um zehn Uhr ist er bei Hofe, um bis ein Uhr nach Mitternacht mit dem Konige Gold zu kochen. Mein alter Freund aus Athen und Stambul, der Ritter Rochus, fahrt jetzt nach Hause und chiffrirt unsre ganze Unterhaltung nach seiner Hauptstadt, wo sie nicht die Minister, wohl aber deren Frauen allenfalls interessiren konnte.

Rudhard ging mit einigen Fragen nach Siegbert kopfschuttelnd. Dystra, aufhorchend wegen Olga's, doch sich zuruckhaltend, begleitete ihn ...

Als der Baron zuruckkehrte, zog er Louis und Dankmar zu sich auf das Sopha nieder und horte nun von ihnen mit Erstaunen, dass jener Murray, von dem ihm schon Mangold so Sonderbares erzahlt hatte, der ihm wohlbekannte Morton aus New-York war. Er hielt Morton fur verschollen, fur todt. Er erklarte sich mit Freuden bereit, seine Bemuhungen mit denen der Freunde zu verbinden, um Murray, dessen deutscher Ursprung ihm kein Geheimniss war, aus einer so gefahrlichen Lage und jedenfalls einem, wie es ihm vorkam, vorgefassten Misverstandnisse uber seine Person zu erlosen. Er erklarte sich bereit, jede nur irgend verlangte Caution zu hinterlegen, damit Murray auf freien Fuss gestellt wurde. Die Verabredung, morgen in der Fruhe gemeinschaftlich auf das Profossamt zu gehen und sich fur den Gefangenen zu verburgen, war ihm ganz genehm. Er trennte sich von seinen neuen Bekannten mit der Bitte, ihm ferner ihr Vertrauen zu schenken und ihm zu gestatten, ihre Zeit zuweilen in Anspruch zu nehmen.

Dankmar fand an dem offnen, gentlemannlichen Benehmen des von der Natur vernachlassigten und doch durchaus nicht ungefalligen Barons grosse Freude und schlug in die dargebotene Rechte herzlich ein. Louis aber zog seine Hand zuruck und sagte, um endlich ein ihn peinigendes Gefuhl los zu werden, in franzosischer Sprache, sicher und fest:

Herr Baron, wir sind Ihrer Einladung gefolgt, sind geblieben, wir wussten nicht wie. Ich fur mein Theil mit grossem Widerstreben. Verzeihen Sie mir meine Dreistigkeit! Sie hat mich wahrend des ganzen Abends genug gefoltert. Ihre Gute haben Sie einem Manne gewidmet, der darauf nach den Regeln der Gesellschaft keine Anspruche hat. Sie haben diesen beiden grossen Staatsmannern durch meine Schuld eine Unannehmlichkeit zugefugt. Ich bin ein einfacher Handwerker.

Ein Handwerker?

Dystra blickte wirklich erschrocken auf.

Glauben Sie Das nicht, fiel Dankmar ein, mein Freund Louis Armand ist ein Philosoph, ein Dichter. Aus Laune der Natur und des Zufalls lernte er das Handwerk eines Tischlers, das er indessen zu einer Kunst erhoben hat und alle Welt weiss, dass ihn Bande der innigsten Freundschaft an Furst Egon festhalten ...

Mein Herr, antwortete Dystra, der sich rasch gesammelt hatte, wenn Sie nur der Freund des Herrn Wildungen sind, so brauchten Sie nicht einmal eine Merkwurdigkeit zu sein, die den General Voland interessirte, ich wurde Sie schon mit offnen Armen aufgenommen haben. Der Ritter Rochus, seien Sie versichert, schreibt in diesem Augenblicke an die Furstin ...: "Das neue Ministerium lasst zwar auf der Strasse die Emeute bekampfen, aber in den Salons ist die Emeute siegreich. Ich habe bei einem Diner Veranlassung gehabt, zum Nachtisch mit einem Handwerker Kaffee zu trinken. Es ist dies der bekannte "Ouvrier", der in keinem modernen Ministerium fehlen darf und dem auch hier das Portefeuille der offentlichen Bauten oder der Gewerbe wurde ubertragen werden, wenn er nicht zufallig ein Auslander ware." Bei Alledem morgen auf Wiedersehen!

Auf Wiedersehen! widerholte Dankmar lachend.

Die Freunde schieden.

Dystra aber, innerlichst bewegt, aufgeregt sogar durch diesen Abend, "revoltirt" durch das Gesprach, durch die Scene auf dem Platze, durch den Gedanken an die Familie Wasamskoi und den ihm durch den Bruder nun schon so naheruckenden Nebenbuhler Siegbert Wildungen, an das Schicksal Murray's, sprach, den Arm aufstutzend, vor sich hin:

Du bist doch ein Neuling in dieser modernen Welt, Dystra! Du hast viel versaumt, viel nachzuholen oder viel zu vermeiden! Bau' dir den Tempelstein aus und vergrabe dich dort als Einsiedler! Kosmopoliten sucht jetzt Niemand. Mit dieser Welt werden bald Baschkiren und Mongolen reden mussen! Noch trinkt Asien Opium oder Stutenmilch; aber bald werden wir das furchtbare Pferdegetrappel von den Steppen des Ostens horen. Bis nach Chalons kommen sie wieder, diese Hunnenzuge, bis nach Chalons, wo der Champagner wachst! Da muss es sich entscheiden, ob das neue Weltalter von der Natur, der ewig wiederkehrenden, oder dem Geiste, dem endlich durchgerungenen, siegend wird bestimmt werden!

Die beiden Schwarzen wunschten ein Urtheil uber das Diner zu horen und eine Ansicht uber die Scene auf dem Markte. Dystra merkte Das an den Fragezeichen, die auf ihren glanzenden Gesichtsfratzen standen, als sie so leise heranschlichen ...

Alles gut gewesen, bis auf den Todten draussen! Lasst anspannen! Hut und Stock! Ich will noch fur einige Akte in die grosse Oper fahren. Begleitet mich!

Spartakus und Cicero eilten, die Befehle ihres Herrn zu vollziehen. Er hatte ja dem Intendanten versprochen, sich von ihm sagen zu lassen, wie seine ihn umgebende artistische Verschworung die Idee von der Mitwirkung lebendiger Meerkatzen im Faust und der neuen Scenirung der Zauberflote durch eine entsprechende Menagerie aufgenommen hatte!

Dystra bedurfte heute dieser Anknupfung an Herrn von Harder, um wieder zu seinem gewohnten Humor zuruckzukommen und glucklicherweise hatte der Vorfall auf dem Platze am Hotel de Rome die Vorstellung in der grossen Oper nicht gestort. Die Zeit war eisern geworden. Die Nerven gewohnten sich schon.

Zwolftes Capitel

Zwei Todte

Seit vierzehn Tagen hatte Hackert vergebens versucht, den gefangenen Murray zu sprechen und sich der von Madame Ludmer ihm gegebenen Auftrage zu entledigen. Assessor Muller war streng. Er anerkannte Hakkerten nicht offiziell, da er ihm nur eine Privatbeziehung zum Oberkommissar Pax einraumen konnte. Pax kehrte noch immer nicht zuruck. Ohne dessen Vermittelung litt das Untersuchungsamt keine Konfrontation mit einem Manne, der allerdings durch seine ruhige und ergebene Haltung, seine gebildeten Antworten, seine Auslegung des Vorfalles im Plessener Walde die Justiz fast schon entwaffnete. Die uber den Schmied Zeck eingezogenen Nachrichten lauteten alle ungunstig. Herr von Zeisel stellte Murray schon um Louis Armand's und des Prinzen Willen im gunstigsten Lichte dar. Die Ludmer erfuhr diese Wendung. Ungeduldiger, immer dringender wurde ihr Ersuchen an Hackert. Da aber Pax nicht zuruckkehrte, konnte von dieser Seite ihrer geangsteten Wissbegier nicht geholfen werden.

Wie sich heute, an einem Sonntage, Hackert dem Profosshause naherte, bemerkte er Menschen, die zahlreicher als sonst durch die Thur des alterthumlichen Gebaudes aus- und eingingen.

Eine offentliche Gerichtssitzung, dachte er, oder was gibt's da?

Indem lauteten die Glocken; er besann sich, dass Sonntag war. Und dennoch diese Bewegung?

Wie er das Profosshaus betrat und in eine grosse steinerne Halle zur Linken eintrat, bemerkte er, dass sich die Menschen um einen dort aufgestellten Gegenstand versammelten.

Es ist gestern Abend geschossen worden, sagte er sich. Wahrscheinlich einer von Denen, die dabei blaue Bohnen gegessen haben!

In der That war es der Leichnam eines jungen Handwerkers, der gestern, wie er horte, bei der Sprengung des Maschinenbauervereins entweder zufallig oder als ein Opfer seiner Widersetzlichkeit gefallen war.

Viele Andre, horte er, waren verhaftet, noch Einige verwundet worden ...

Wie er noch so in der Ferne mit einer Miene voll Gleichmuth und achselzuckend zu der Gruppe hinblickte, die ab- und zugehend ihre Theilnahme nicht auszusprechen wagte, da Schildwachen und Polizeidiener genug in der Nahe standen, sieht er mit angstlichem vorsichtig behendem Schritt Louise Eisold uber den Marktplatz schreiten, an dem das Profosshaus liegt. Sie hat vier ihrer Geschwister an der Hand, Wilhelm und Karoline, die Zeitungstrager, und die noch kleineren, Friederike und Heinrich ...

Wie Louise in das gewolbte Portal des Profosshauses tritt, wendet sie sich fragend nach der Halle und sieht die Gruppe der Neugierigen ...

Ein so junges Blut! heisst es.

Sie hort Das ... Sie tritt naher ...

Die Geschwister wollen sie der Menschen wegen zuruckhalten. Sie reisst sich von ihnen los, drangt sich heran, beugt den Kopf uber die Tragbahre, halt sich wie schwindelnd an einem der ihr nahestehenden Menschen, blickt noch einmal auf die Leiche und stosst einen Schrei des Entsetzens aus.

Karl! rufen die Kinder und brechen in ein herzzerreissendes Weinen aus.

Karl! ruft Louise und fasst die Leiche, um sie emporzurichten; die Halle war niedrig, sparlich durch kleine runde Fenster erleuchtet, vom truben Wetter fast duster ... Sie halt den Kopf des Todten wie gegen das Licht, streift an den Kleidern entlang, sieht die Zuge des kalten Angesichts noch einmal prufend durch und hat von dem an der Brust geronnenen Blute die Merkmale seiner todtlichen Wunde in der Hand ... Der Todte war Karl Eisold, ihr Bruder. Sie musste es so hinnehmen. Es war so. Gott hatte Das gegeben. Gott oder Wer? Es war so. Ihr Bruder Karl war todt.

Die Theilnahme der Umstehenden zeigte sich freilich als die innigste; aber was half Das? Louise lag uber die Leiche hingestreckt und betrachtete sie stier. Dann redete sie wie im Wahnsinn mit dem Todten, als wenn er lebte, als wenn er selbst Auskunft geben konnte.

Karl horst du nicht? Karl!

Sie schluchzte nun wenigstens und sprach doch wieder. Erst schien sie selber leblos.

Der Todte kalt und stumm. Das Blut quoll noch ein wenig aus der Wunde. Es war in grosseren Massen die Nacht uber auf eine Strohmatte gerieselt, die man unter die Bahre gelegt hatte. Das blasse Antlitz des sechzehnjahrigen Junglings war milde und wie verklart. Er schien zu schlafen. Das blonde Haar hing schlicht, blutdurchronnen uber die Stirn. Die Mutze, die er zu tragen pflegte, mit einer kleinen schwarzroth-goldnen Cokarde, lag neben ihm. Der graue Tuchrock mit weissen Metallknopfen war von Blut und Schmuz besudelt. Es war da nichts mehr zu andern. Karl Eisold war das Opfer jener ersten energischen That des neuen Ministeriums gewesen.

Hackert, hinter einem von den kurzen Gewolbepfeilern der Halle verborgen, beobachtete mit sich verdusternden Blicken die herzzerreissende Scene. Er hatte den jungen Arbeiter so gut gekannt. Wie rustig war er, wie ernst und streng in seinem Berufe! Wie streng gegen ihn, den tragen Tagedieb! Er sah ihn, wie er zeitiger aufstand als alle Andern, die in jenem Hause beisammen wohnten! Er horte ihn nebenan in der Kuche sich schon waschen, wahrend er im Bett sich noch walzte und zum Fruhschlummer sich auf die andre Seite warf! Er sah ihn an seinem Gitterfenster auf der Galerie vorbeigehen in die Willing'sche Maschinenfabrik ... Er sah ihn nach Hause kommen, Abends, ermudet, nur nach seinem Nachtessen fragend, das mit Ernst und schweigsam verzehrend und dann bald zur Ruhe gehen ... Dies gegen zwanzig Millionen Seelen im Staate ganz unbedeutende, uberflussige Leben war nun beendet. Und doch war der Jungling die Hoffnung, die Stutze einer Familie gewesen. Auf ihn bauten diese armen, verlassenen, elternlosen Kinder ihre Hoffnung. Eine kleine Rauchwolke war's. Nun verzogen! Hackert musste sich unwurdig fuhlen, die wahre Trauer um diesen Jungling auszusprechen; doch grollte er mit dem Schicksal und erschrak fast vor der Majestat des Todes.

An Louise war es herzzerreissend zu sehen, wie die Phantasie des Madchens sich in den schrecklichen Moment nicht finden konnte. Mullrich, ihr Vizewirth, der Polizeidiener, stand daneben und erzahlte den Leuten, dass sie gestern Abend im Hause herumgesucht und gefragt hatte, dass sie eine jammervolle Nacht ausgestanden und am fruhen Morgen schon wieder gesucht, schon in die Willing'sche Fabrik geschickt hatte wo aber am Sonntag Niemand arbeitete Er hatt' ihr gerathen, hier in's Profossamt zu gehen. Bei dem Kommentar ihres Leids aus diesem Munde schwieg Louise und sah den Bruder starr an, als wenn sie sagen wollte: Das ist unser Loos! Nicht Eures, nicht das Loos der Reichen und Vornehmen, es ist das Loos der Armen und Verfolgten!

Kummerlein, der neben Mullrich stand, erzahlte den Vorfall von gestern Abend und berichtete, dass noch einige Verwundete und Viele gefangen waren.

Auch der grosse Breitschultrige, sagte er mit Beziehung, wisst Ihr Mullrich, damals vom Fortunaball, der den Hackert heraushieb? Er war erst vor vierzehn Tagen entlassen ...

Danebrand! sagte sich Hackert in seinem Versteck. Er kampfte mit sich, ob er naher treten sollte ... Zum ersten Male fuhlte er, dass er unwurdig war, sich dem heiligen Ungluck zu nahern.

Louise, die auf der Leiche lag, sah nicht, dass die schluchzenden Kinder von den Umstehenden Gaben der Liebe empfingen, horte nicht, dass Danebrand sass ...

Der Verein sollte geschlossen werden, erzahlte Kummerlein, da ging's wieder her wie gewohnlich. Larmen, Toben, Schreien. Einem von uns griffen sie an den Sabel. Da pfiffen wir. Es kam Hulfe. Da sie den Aufruhrern gegenuber zu schwach war, wuchs ihnen der Kamm. Sie warfen die Gensdarmen zum Hause hinaus. Nun aber: fliegende Kolonne! Vor'm Hause ein Geschrei, Reden, Winkelzuge, Fluchen, Hohngelachter. Drei Mal Auseinander! Nichts Auseinander. Ratsch! Zwolfe brannten los. Der Arme da war nicht der Schlimmste. Er liess die Andern rasonniren und stemmte nur die Hande in die Hosentaschen und sah an der Thur zu. Die Radelsfuhrer rissen gleich beim ersten Trommelschlag aus. Der hat nun in's Gras gebissen ...

Louise richtete den Kopf auf und sah sich im Kreise um. Alle redeten ihr zu, sich zu fassen, nach Hause zu gehen und sich in das Unabanderliche zu finden. Und wie sie so die sanften und gutgemeinten Worte horte, fragte sie mit leiser Stimme den Mann, der eben so laut gesprochen:

Wo ist Danebrand?

Wo Danebrand ware? wiederholten die Umstehenden fast einstimmig. Die geringen Leute sind dem Schmerz so aufmerksam, dem Leid so hulfreich ...

Danebrand! meinte Kummerlein. Den haben sie bei den Ohren festgehalten, meine Beste! Er sah den armen Jungen da fallen, rannte grade auf ihn zu, hob ihn auf die Schulter und wollte fort damit. Da tritt die Kolonne gegen ihn an und streckt ihm die Bayonnete entgegen. Er legt die Leiche Der war gleich todt legt sie auf die Erde, brullt wie ein Stier und packt zwei, drei Gewehre und will sich Luft machen. Sie traten ihn aber doch nieder und haben ihm dann mit Schnupftuchern die Arme gebunden und fortgefuhrt. Wie er gebunden war, gab er nach.

Hackert wusste, dass Danebrand fur Karl Eisold arbeiten half und sich dem Wohle dieser unglucklichen Familie ganz gewidmet hatte. Gern war' er nun doch fortgeschlichen ...

Aber jetzt grade schien Louise von der starren Betaubung des ersten Schreckens freigelassen. Sie brach in ein lautes Lachen und Weinen aus und rief:

Haben sie dich gemordet, Karl? Dich nun auch, wie so Viele, die in den zwei Jahren hingingen? Bist auch gefallen, wie schon die Tausend?

Mamsell! sagte Mullrich, gehen Sie nach Hause!

Lugt Ihr Menschen? fuhr sie fort, versteckt Ihr Euch hinter Eurer Furcht! Ihr Alle zittert und bebt vor dem Fluch, der uber uns gekommen ist! Was haben wir Armen?

Geht, geht, Mamsell! drangte Kummerlein ...

Die Halle fullte sich von Menschen ...

Die Kinder und die Alten, fuhr Louise mit bitterster, aus ihrem Innersten hervorbrechender Wehklage fort, die Kinder und die Alten holt die Krankheit, die uns Arme dahinrafft, die Jungen, unsre Bruder und Sohne, trifft die Kugel ...

Lasst's jetzt gut sein! sagte Mullrich. Geht Kinder, geht nach Hause!

Die Halle fullte sich immer mehr ... Hinaus da! riefen schon einige Polizeidiener. Zuruck da! hier gibt's nichts!

Aber die Leute drangten ... Louise schluchzte mit den Kindern laut und wollte sich von der Leiche des Bruders nicht trennen.

Klag' ich Euch denn allein an? sagte sie und lachte fast wie im Irrsinn. Ich, ich hab' ihn ja gemordet, Ihr nicht! Ich bin Schuld an deinem Tod, Karl! Karl! Ich bin Schuld!

Sie sank dabei so schwer nieder, dass die Leute sie aufgriffen und forttragen wollten ...

Ich habe den Grossvater umgebracht, stohnte sie und murmelte nun Worte fort, die Niemand verstand.

Hackert horte Alles hinter seinem entlegenen Pfeiler. Er verstand sie in der Halle von den hundert versammelten Menschen ganz allein. Auch fiel ihm der Mann mit rothem Barte und das Wort vom Punsch ein. Er konnte sich denken, dass Karl, der sittenstreng war und Danebrand liebte, diese Bekanntschaft nicht billigte. Vielleicht war er gestern deswegen nicht nach Hause gegangen, vielleicht deswegen nur in den Verein gegangen, den er seiner Jugend wegen und als Lehrling sonst nicht besucht hatte. Hackert, hinter dem Pfeiler schielend, sah das Anschwellen der Menge ...

Louise gab dem Drangen der Polizeidiener, sich zu entfernen, nicht nach. Erst als der Assessor Muller erschien, die Wache herausrief und mit dem Bayonnet die Halle raumen zu lassen drohte, zogen sich die Neugierigen und offnen Tadler der Gewaltscene zuruck. Kummerlein musste einen Fiaker fur die Geschwister holen, die, um alles Aufsehen und alle Aufwiegelei, wie der Assessor sagte, zu vermeiden, sich im Wagen entfernen sollten.

Die Leiche wird heut Abend in das Todtenhaus auf den neuen Kirchhof gefahren! hiess es. Und nun fort! Fort hier! Keinen Auflauf!

Somit gingen auch allmalig die Menschen ...

Die Geschwister, die sich plotzlich in der Halle fast allein sahen, zogen die Schwester von der Leiche fort ...

Muller sprach von Leichenbeschau, Begrabniss, Bekleidung, neuem Kirchhof, ungestortem Besuche daselbst, Armenrecht, Armenbehorde ... Louise erwiderte mit den ihr so liebgewordenen Versen Louis Armands:

Des Volkes Tochter, arme Bettlerin!

Du bist nicht arm, was auch dein Elend spricht ...

Gehen Sie jetzt! Da fahrt der Wagen vor! Geben Sie keinen Anlass zum Zusammenlauf! Fort Kinder, in den Wagen!

Auf die Strasse will ich, rief Louise, auf dem Markt will ich ausschreien: Rache! Rache! Ihr habt meinen Bruder gemordet! Was that er Euch?

Man wollte das Madchen mit Gewalt hinausfuhren. Ein Fiaker wartete. Das aus der Halle getriebene Volk mehrte sich nun draussen zu dichten Haufen am Eingang ...

Lasst mich! schrie Louise und warf sich wieder auf den Bruder. Karl! Nicht einmal eine arme Hutte haben wir, in die wir dich tragen durfen, wo du drei Tage bei uns bleibst, bis sie dich unter die Erde holen! Aber an deinem Grabe sollen sie zittern; da sollen sie's horen, die Feigen, die dich gemordet haben! An die Mauer sollen sie dich nicht werfen, wie einen todten Hund. An deine Grube sollen die Freunde treten, die freie Gemeinde soll singen, der Prediger reden und die Frauen werden Blumen bringen! Lasst mich, Schandliche! Wer gibt mir meinen Bruder wieder! Karl, ich lasse dich nicht!

Schon drangten vom Volke Muthigere herein, um das jammernde Madchen, das da Allen das unverstandene Weh der Nichtbefriedigung im Volke austobte, vor der Polizei zu schutzen, die sie mit Gewalt entfernen wollte. Die Wache im hintern Hofe trat in's Gewehr und entsandte eine Verstarkung zur Thorbesatzung. Louise aber schleuderte ihren Zorn heraus.

Und wenn Ihr Euch rustet mit Kanonen und Mordfackeln gegen Weiber und arme Kinder! rief sie. Euer Tag wird hereinbrechen! Eure Haare sind gezahlt, nicht blos von Gott, auch von uns! Hetzt uns nur, jagt uns nur wie das Wild! Stort uns nur in unserm reinen Glauben! Euer Glanz wird duster werden, wie Sturmgewitter! Eure kostbaren Gewander werden Euch wie Spinnweben zerrissen werden und Euer Purpur wird Euch von den Schultern fallen! Auch unser Gott ist langmuthig, aber sein Gericht wird schrecklich sein, Ihr Tyrannen, Meineidigen, Gottesleugner!

Eben warf man krachend die Thorflugel zu, um die zustromende Menge zuruckzuhalten. Louise wurde von den Handen der Polizei ergriffen. Aber Riesenkraft fuhlend, wand sie sich los, nahm die Geschwister mit Gewalt unter ihren Schutz und fluchtete sich zu der Saule hin, hinter der eben Hackert hervortrat.

Hackert! rief sie schaudernd ...

Das Gefuhl, einem Madchen, das ihn so hoch verehrte, beizuspringen, hatte den fast kalten Beobachter hervorgetrieben. Die Aufwallung eines edlen Zorns kannte Hackert nicht, aber eine Vernunftreflexion, Mahnung zur Besonnenheit, stand ihm vollkommen zu Gebote.

Was ist denn? sagte er ruhig, die Hande aus den Taschen ziehend und wandte sich, da er Louisen's vorwurfsvollen Blick nicht ertragen konnte, zu den Polizeidienern und Soldaten. Lasst doch die Arme sich ausjammern! Injurien von Unzurechnungsfahigen steckt man nach Landrecht Theil 3, Titel so und so, geduldig ein! Ja, liebe Louise, das ist Malheur. Der arme Karl! Fassen Sie sich! Ich wunschte, ich konnte ihn mit einer Rede aufwecken; aber Sie wissen wohl, ich kann schlecht trosten. Guten Tag Riekchen! Guten Tag Wilhelm! Ja, Das ist schlimm! Es ist nun aber. Fasst Euch! Kommt! Hier! Geht hier heraus! Hier ist eine Seitenthur! Kommen Sie, Louise! Wenn Eins helfen konnte! Aber es ist so. Man verwindet's wieder. Was ist Leben? Nichts, als dass man weiss, dass man lebt. Wenn der Karl wusste, dass er nicht lebt, und nichts Besseres hatte, Das ware schrecklich; aber in Dem ist Nacht, da ist's dunkel. Sie glauben ja, Louise, an's Paradies; es lautet jetzt eben von allen Kirchen ganz feierlich. Hier auf Erden ist der Himmel und die Holle beisammen, dacht' ich mir. Aber die Glocken draussen singen dem guten Karl ein besser Grablied. Kommt, Kinder, der Gang da! So! Die Droschke fahrt uns schon nach. Ich fuhre mit Ihnen, liebe Louise, wenn ich ein Troster ware ...

Und so sprach Hackert blasirt durcheinander fort und Louise schwieg und die Kinder fassten ihn bei der Hand und sie waren von dem Schauplatz des Jammers entfernt, sie wussten nicht wie. Und fur Louise ... fur sie lag in Hackert's Art doch ein Trost. Er wiederholte ihren Schmerz nicht, er unterstutzte ihre Verzweiflung nicht durch gleiches Entflammen. Und grade dadurch bot er eine wirkliche Anlehnung. Louise mochte nicht nach seiner Lage fragen. Sie konnte es auch nicht, da ihr dazu die Sammlung fehlte. Der Wagen war an eine entgegengesetzte Thur des weitlaufigen Gebaudes gefahren, wo sie jetzt das Gebaude verlassen mussten, die Menschen hatten sich verlaufen ...

Seht, Ihr Kinder, sagte Hackert ruhig mit gewagter Wirkung, als Louise einstieg, Euch trostet schon die Gelegenheit, einmal fahren zu konnen! Das muss Euch erst geschehen, wenn Euer Karl todt ist! Brandgasse Nr.9!

Hackert bezahlte den Kutscher, die funf waren untergebracht, der Wagen fuhr fort. Louise sah nicht mehr zu dem Polizeiagenten auf. Die Kinder schluchzten noch, aber schon nur noch deshalb, weil die Schwester weinte. Das Fahren war ihnen in der That ... ein Trost!

Hackert, der die schwache Menschennatur so traurig gut kannte, kehrte in die Halle zuruck, die inzwischen leer geworden war. Der Thorweg blieb geschlossen. Es sah duster, fast furchterregend in der Halle aus. Er trat an die Tragbahre, auf die blutige Strohmatte. Unwillkurlich war's ihm, als sollte er zu dem blassen, wachsgelben Antlitz sagen: Karl, stehen Sie auf! Es schlagt funf Uhr! Grossvater hustet schon, wie er immer thut, wenn der Hahn kraht und die Uhren aufgezogen werden sollen ... Er kannte den grauen Rock mit weissen Knopfen, die schwarze losgeknopfte Halsbinde, die Mutze mit der kleinen Cokarde ... Die Kugel war durch die Gegend der oberen Rippen gefahren ...

Stumm und nachdenklich sah Hackert auf das arme Opfer politischer Aufregungen, die seinem Sinne fremd waren. Es war eine andre Welt, in der Karl Eisold gelebt hatte, eine andre, in der sich Hackert tummelte. Wie die Sonntagsglocken draussen so dumpf lauteten, war's ihm, als flusterte ihm eine Stimme zu:

Fehlt dir Elenden nicht die Liebe? Du bist nicht einmal werth, so wie Der zu sterben! Es gibt ein Jenseits, wo die Rollen sich umtauschen und dieser Jungling im weissen Gewande mit der Martyrerpalme in die Hallen der Seligen tritt! Was ist diese Welt? Was sind diese Anmassungen? Was sind diese Hauser, diese Bayonnete dort, diese Eisenstabe vor den Fenstern? Hore die Glocken! Sie mahnen dich an eine andre Welt!

Es uberkam Hackerten wirklich ein geistiger Zustand wie der seiner physischen Krankheit. Er wandelte wie im Traum. Er fuhlte, dass er wachte, aber er war seiner nicht machtig. Er verliess die blutige Strohdecke, die einsame Halle, das Profosshaus. Er dachte nicht mehr an den Assessor, nicht an sein Anliegen, endlich Murray zu sprechen. Er irrte so uber die Strassen hin. Erst im Gewuhle der lebhaftesten Stadttheile kam er zu sich und musste sich's von den Augen wegwischen, so stand's ihm wie ein Bild vor ihnen. Der graue Novemberhimmel tropfelte. Es fror ihn. Er sah sich um, wo er war. Er stand grade vor des Justizraths Wohnung. Die Glocken lauteten in nahen und fernen Stadttheilen. Die hinter dem alten Tempelhause gelegene Johanniskirche war schon lebendig vom brausenden Orgelstrom ...

Da gedachte er der neulichen Aufforderung seines Pflegevaters, ihn zu besuchen, wenn Sonntags in der Kirche gepredigt wurde.

Er schellte also an dem Hause seiner Jugend. Es offnete sich. Er trat ein. Niemand da. Er klopfte an die Geschaftsthuren. Sie waren verschlossen. Er ging an die hintere Thur, wo Schlurck arbeitete. Auch sie verschlossen ...

O, sagte er sich, wenn du nur nicht irgend Einem begegnetest, der dich aus deinem Traume risse! Nur Bartusch, nur Jeannette nicht! Nur nicht Menschen! Nur nicht Erinnerungen von sonst! War's Melanie! ... Ganz wohl that ihm, dass Alles so ode und einsam in dem Hause war. Die Treppen zu ersteigen wagte er nicht. Er sah die alten bekannten Bilder, die auf den Wanden der Treppen hingen. Er horte Niemanden. Dass die Hausthur aufgegangen war auf sein Schellen, war wie von Geisterhand geschehen.

Aber zuletzt war es doch Jeannette, die die Treppe herunterrief:

Wer ist da?

Hackert stand zur Halfte oben und fragte nach dem Justizrath.

Staunen, Verwundern, Zogern

Er hat mich bestellt Wie geht's? Was sagte der Stallmeister?

Neumann ist bei Lasally ich zieh' auch zu ihm, Fritz! Hier wird's still ode die Justizrathin ist in der Kirche Melanie liest den ganzen Tag Bucher und spielt Harfe wieder und Klavier Horen Sie da da spielt sie ...

Melanie, die im Klavierspielen sonst so Trage, spielte ein traumerisches Adagio. Auch sie schien die Predigt in der Kirche durch die Wahl des Musikstucks zu ehren ...

Er hat Sie bestellt? sagte Jeannette staunend. Hakkert, ist's auch wahr? Haben Sie doch nichts Schlimmes im Sinn ?

Hackert lauschte den Tonen und blinzelte nur mit den grauen Augen

Bartusch ist auch in der Kirche und die Justizrathin Hackert, soll ich Sie wirklich melden?

Hackert nickte.

Man horte einen Schlafrock rauschen. Er kam von oben her. Es war der Justizrath, der rasch, scheinbar in grosser Aufregung, mit Papieren in der Hand, von einer Corridorthur oben in die von Jeannetten geoffnete eintreten wollte.

Herr Justizrath

Was ist? rief Schlurck auffahrend, fast wild ...

Hackert ist da ...

Wer? Was? rief Schlurck und blickte um sich wie irrsinnig und sah den auf der Treppe stehenden Pflegesohn ...

Was wollen Sie? fuhr er mit plotzlich leichenblasser Miene den ihn auf seine eigne Aufforderung Besuchenden an und doch erstarb ihm das Wort auf der Zunge. Er war von Hackert's Begegnung an dieser Stelle, um diese Stunde so betroffen, wie damals, als er ihn auf dem Heidekrug um Mitternacht hatte schlafwandeln sehen ...

Hackert, befremdet uber diese Aufnahme, mit dem ihm immer gegenwartigen Zorne auflodernd, liess die tonlosen Worte fallen:

Es ist ja Sonntag Vormittag, Herr Justizrath! Die Glocken lauten ja! Aus der Johanniskirche hort man die Orgel ...

Schlurck besann sich auf seine eigne Aufforderung und suchte sich zu fassen. Er schien zu bereuen, dass er sich auf einem so heftigen Erschrecken uber Hakkert's Anwesenheit hatte ertappen lassen ...

Ich store Sie! Ein ander Mal! sagte Hackert und wollte gehen ...

Nun aber schien uber den Justizrath eine neue Gedankenreihe zu kommen. Er ruckte die goldne Brille in die Hohe, strich sich die sparlichen grauen Haare und sagte:

Nein, nein, ich besinne mich ja! Ja wohl, ja wohl! Jeannette geh' Sie! Was lauert Sie! Fort! Aber dass Sie Melanie nichts sagt! Hort Sie?

Jeannette hielt diese Aufregung des Justizrathes fur vollig in der Ordnung. Sie wusste, wie gewagt es von Hackert war, in diesem Hause zu erscheinen. Sie wandte sich nach den Zimmern, die zum Hofe hinaus lagen ...

Dass du auch grade heute begann Schlurck und schien wiederum zu uberlegen, ob er Hackert in die Zimmer lassen sollte oder nicht. Melanie spielte am Klavier. Das beruhigte ihn wenigstens ... es klang so wehmuthig, so schmelzend, so sanft aus den vordern Zimmern her ...

Ich wollte nur wegen des Rings, von dem Sie neulich sprachen, sagte Hackert, als der Justizrath ihm zuwinkte, leise aufzutreten, und ihn auf die Thurschwelle nothigte.

Welcher Ring? Ah so! Ja! ja! Das kann ja geschehen. Komm, mein Sohn! Leise! Leise! Sie spielt ...

Alle diese Worte sprach Schlurck durcheinander wie Jemand, der seiner selbst nicht bewusst war ...

Was ist ihm nur? dachte Hackert und trat in die ihn so traulich begrussenden Raume ... hier auf gebohnte Fussboden, dort auf bunte Teppiche. Er sah die uberwinternden Blumenstocke, die Porzellananhaufungen hinter Glasschranken, die Gemalde, die Vasen in den kleinen niedrigen, aber kostbar austapezierten Zimmern. Ein Papagey in einem grossen Messingbauer kreischte auf, als wenn er Hackerten erkannte ...

Schlurck ging voran. Sein Auftreten war schwankend. Er hielt sich zuweilen und blieb wieder stehen, sah Hackerten an und ruckte die Brille hin und her ...

Sind Sie krank, Herr Justizrath?

Schlurck horte nicht, sondern brummte nur vor sich hin:

Der Ring! Warum auch grade heute ... was sagst du Hackert? Nein, nein, rede nicht! Sei still! Sie konnte horen ...

Damit waren sie an jenes Zimmer gekommen, von wo aus eine Wendeltreppe in die untere Arbeitsstube des Justizraths fuhrte. Beide Gemacher gehorten ihm selbst an. Er schien in der Meinung zu sein, den Ring in dem obern Zimmer zu finden ...

Er schloss einen Schrank auf und suchte uberall, indem seine Hande zitterten ...

Hackert kannte seinen Pflegevater hinlanglich, um sich zu sagen, dass eine solche Aufregung nur mit einem seltsamen, ganz unerhorten Vorgange in Verbindung stehen konnte. Noch vor wenig Tagen war ihm Schlurck so nicht entstellt, so todtenbleich, so abgefallen nicht erschienen. Er erklarte auch, sich entfernen zu wollen und ein ander Mal wieder zu kommen ...

Nein, nein, Hackertchen, sagte der Justizrath, es liegt so viel auf mir. Deine Stelle ist noch immer nicht wurdig besetzt. Der Ring! Ich entsinne mich doch ... ein rothes Etui war's, worin ich ihn aufbewahrte ... ich gratulire, wenn du deinen Stammbaum entdeckst. Ich habe mir Muhe genug gegeben, dir einen bessern Vater zu verschaffen, als ich bin, Fritz ...

Und wahrend der Justizrath noch so plaudernd und seine Erregung bergend suchte und suchte, hielt er plotzlich inne, sah Hackerten mit einer Miene fast des Mitleids an, schlug sich an die Stirn und liess die Worte fallen:

Nein aber, dass grade Du ...

Ich? Was ist?

Eben so rasch wollte Schlurck den Eindruck seiner Worte verwischen.

Warum ich?

Nichts! Nichts!

Sie finden den Ring nicht! Er liegt unten ...

Unten? Nein!

In dem Depositenschrank ...

Was weisst du? fuhr Schlurck auf.

Ein rothes Etui! Im Fach Nr. 13 links liegt ein rothes Etui!

Du irrst, du irrst! lenkte ungeduldig, fast zitternd der Justizrath ein, wuhlte noch einige Augenblicke in dem Sekretar, erklarte das Etui nicht finden zu konnen und wollte eben zuschliessen und Hackerten wieder zurucklassen nach vorn, als er horte, dass Melanie mit dem Klavierspiele aufgehort hatte. Thuren gingen. Schlurck's Unruhe verrieth, dass er annahm, seine Tochter suchte ihn vielleicht und konnte den ihr so todtlich verhassten Hackert hier finden ...

Er winkte fast mechanisch dem Besuch, naher an die Wendeltreppe zu treten, hielt ihn dort aber zuruck und bedeutete ihn zu schweigen. Er flusterte, er wollte selbst hinuntergehen, um unten nach dem Etui zu suchen ...

Sonntags pflegte dies untere Kabinet durch die vorgelegten und geschlossenen Fensterladen dunkel zu sein. Heut' war es hell. Um so auffallender musst' es Hackerten erscheinen, dass der Justizrath ein weiteres Nachfolgen auf der Wendeltreppe entschieden verbot ...

Bleibst da! Bleibst da! sagte er fast schnarrend und heftig.

Ich kann ja unten gehen, wenn ich doch ...

Bleibst da! Bleibst da!

Hackert begriff nicht, was hier vorging. Unten horte er den Justizrath rumoren. Er selbst blieb erst oben, dann auf der viertel, zuletzt auf der halben Treppe. Schon entdeckte er eine sonderbare Unordnung in dem Kabinet, eine Verwirrung, die sonst nie in ihm herrschte. Papiere mit Siegeln lagen auf der Erde. Die Schubladen sonst verschlossener eichner Schranke waren aufgezogen, ein Sessel umgesturzt, die Fensterladen nur leise angelehnt, Geld klimperte, wie wenn es auf der Erde lage und der nach dem rothen Etui Suchende daruber stolperte. Endlich schien Schlurck das Kastchen gefunden zu haben, sah sich um und bemerkte, dass Hackert gefolgt war. Er erstarrte daruber.

Bleibst oben! rief er tonlos. Verdammter ...

Und wie Schlurck eben so fluchend hinaufstieg, horte man ganz in der Nahe Thuren gehen und Kleider rauschen. Jemand schien den Justizrath zu suchen. Vielleicht Melanie. Unwillkurlich trat Hackert trotz des Verbotes niedriger und war mit seinem Kopf schon in ebner Linie mit der ersten Stufe der Treppe, so hurtig, so behend, dass ihn die etwa eintretende Melanie nicht sehen konnte. Und im selben Augenblick erscholl ihre Stimme:

Papa!

Schlurck konnte nicht hindern, dass Hackert nun mit zwei Sprungen unten war.

Papa! rief es wieder von oben.

Ich kann ja hier unten gehen, sagte Hackert und wollte durch jene Thur sich entfernen, durch welche damals der Justizrath dem draussen larmenden Bello des Fuhrmanns Peters Ruhe gebot. Er wusste, dass der Schlussel von innen stak.

Doch fehlte dieser Schlussel und Schlurck stand da, rathlos, wie vom Donner geruhrt, wohl lachelnd, aber wie in wahnsinniger Verlegenheit.

Zum Gluck horte man Melanie nicht wieder, aber die Unordnung, die hier unten herrschte, war doch nicht mehr zu verbergen. Durch die nichtgeschlossenen Fensterladen brach ein Lichtschimmer, hell genug, um den ohnehin an das Dunkel inzwischen schon gewohnten Augen Dinge zu zeigen, die befremdlich genug waren ...

Aber, zum Teufel, Justizrath, brach Hackert aus. Hier mochte man ja meinen, hier ist Einer eingebrochen!

Wie? Was? stotterte Schlurck und versuchte, aufathmend, dass wenigstens Melanie fernblieb, einige Scherze in seiner alten Art ...

Hier ist der Ring, sagte er zu dem damonisch aufblickenden Hackert und stiess zu gleicher Zeit, wahrend er diesem ein Etui reichte, einige Schlussel und eine eiserne Stange hinterrucks von sich. Siehst du? Dieses zerbrochene Stuck ... Komm jetzt hinauf!

Lassen Sie doch noch! Ihr Fensterladen ist ja offen ...

Hackert trat an's Fenster und hatte durch eine zerbrochne Scheibe nur nothig, den Laden zuruckzustossen. Da sah man denn den Zustand des Zimmers. Nur eines einzigen Uberblicks bedurfte es fur den gewandten jungen Spurkopf, die Situation zu ubersehen. Der furchtbarste Verdacht wurde ihm zur augenblicklichen Gewissheit. Schlurck wollte die Miene annehmen, als war' er an diesem stillen Sonntagsmorgen durch Einbruch beraubt worden. Das stand ihm im Nu fest. Und eben so rasch schoss ihm wie mit einem Tigersprunge der Gedanke durch den Kopf: Warst du nicht hier unten, dem Justizrath gegenuber, nun selbst gewesen, so hattest du in die Lage kommen konnen, fur den Dieb zu gelten! Und darum hergelockt an einem Sonntag Vormittag? Darum die Versuchung mit dem Ring? Darum ...

Er riss das Etui an sich mit krampfhafter Wuth, sprang auf Schlurck zu, dass dieser zurucktaumelte und rief:

Schlurck!

Was ist?

Ein durchbohrender, tief in alle Falten der Seele wie mit tausend Pfeilen zugleich zielender Blick aus Hackert's starren Augen auf den Justizrath ...

Aber zu sagen wagte er doch nicht, was er dachte ...

Schlurck aber verstand ihn sogleich, bebte und meinte nur:

Welche Unordnung! Hilf mir aufraumen, Fritz! So, so! Wie mude bin ich! Schon fruhmorgens! Hilf doch! Aber denke nur nicht, ich ware gewissenlos. Ich habe viele Clienten verloren! Da lagen sonst Tausende, jetzt sind's Papierschnitzel. Hast den Ring! Sieh nach! v.R.v.R. Weiter nichts, aber viel gesagt! Prinzessin von Rudolstadt, von Russland ... ho! ho! Junge! Siehst du, hier hast du oft genug gesessen und die Feder gekaut. Die Welt, mein Sohn, ist ein Dudelsack, bei dem der Wind die Hauptsache ist. Nur Luft, nur Wind, dann pfeift sich's und tanzt sich's! Hast den Ring? Adieu, mein Sohn! Adieu! Musst oben gehen! Leise! Leise! Hier fehlt der Schlussel! Leise! Leise!

Und dies "Leise!" war's, was Hackert nicht ertragen konnte. Er hatte sich in Alles gefunden, jeden Verdacht niedergeschlagen, er hatte mit Schlurck Mitleid haben konnen, sich selbst uberwunden, aber jetzt: leise? Immer leise? Ewig leise?

Und doch sagte er noch nichts, sondern hielt an sich und lugte nur zu den Schranken und sprach:

Justizrath, ich weiss noch Alles! Da lagen die Mundelgelder der minorennen Grafen Werdenbach; da lag eine Erbschaft, die so viel Prozesse kostete; ist sie nun entschieden? Da weiss ich, in Nr. 9, die angesammelten Zinsen und Kapitalien der polnischen Abtissin Sybille im Kloster zum Herzen Jesu, die fur die Nachkommen eines gewissen Kaminski ausgesetzt waren, der nach Frankreich floh ...

Recht! Recht, mein Junge! Warst ein Genie! Kennst Alles: Jetzt aber leise! Leise!

Leise! Zum Teufel! wandte sich Hackert. Vor wem hab' ich mich denn zu furchten?

Fritz, misbrauche meine Gutmuthigkeit nicht!

Gutmuthigkeit, dass ich hierhergelockt wurde, wahrend hier Alles vorbereitet wird, zum Schein, als war' ich's, der hier gestohlen ...

Hackert! stiess Schlurck halb ohnmachtig heraus. Seine Lippen bebten, sein Auge blickte starr. Er musste das Gelander der Wendeltreppe fassen, um sich zu halten. Er begriff jetzt doch erst ganz, was in Hakkert's Seele vorging. Von dem Gedanken: der Ungluckliche glaubt, ich wollte ihn zum Verdachtigen eines Verbrechens machen, das vielleicht in seiner eignen Brust noch schlummerte und vielleicht eben erst halb ausgefuhrt war, war er bis zur Ohnmacht uberrascht und uberwaltigt ...

In dem Augenblick ging oben eine Thur. Gewander rauschten. Melanie rief ... Vaterchen! Sie war an der Treppe. Sie kam. Hackert springt in eine Ecke des Zimmers, wo jener Schirm stand, hinter welchem einst Dankmar's Schrein mit dem Kreuze gestanden.

Melanie beugte den Kopf uber das Gelander der Treppe ... ein paar Sprunge ... sie war unten ...

Schlurck wie todt taumelte in einen Sessel.

Dreizehntes Capitel

Auferstehung

Wie dumpf und stickig das hier ist! sagte Melanie, als sie beim Vater unten war und sich staunend umblickte. Und eine Scheibe zerbrochen! Ei welche Nachlassigkeit! Du arbeitest, Vater?

Schlurck hatte sich in der Vernichtung, die ihn auf den Sessel geworfen, wenigstens das Ansehen gegeben, als lase er in den durcheinander geworfenen Akten.

Hackert blieb in seinem Versteck unbeweglich.

Die Kirche dauert lang, sagte Melanie etwas aufraumend, und ich glaube fast, die Mutter wird noch Besuche machen.

Schlurck nickte. Er hatte sich noch immer nicht sammeln konnen.

Vaterchen, es ist recht lange her, dass wir uns nicht im Stillen gesprochen haben!

Schlurck seufzte und schauderte grade uber die Todtenstille im Zimmer.

Warum sind wir nur seit geraumer Zeit so unglucklich! Mit diesem letzten Sommer sind alle unsre Freuden abgebluht.

Schlurck sammelte sich, griff mechanisch nach der goldnen Dose und stotterte, sich zu kunstlichem Humor zwingend, den Vers:

Des Lebens Mai bluht einmal und nicht wieder

Hackert hatte dazwischen springen und rufen mogen, dass dies Wort auf Melanie nicht passe. Ihr schien ein ewiger Mai zu bluhen. Wol ruhte auf der edlen Stirn eine Wolke von Melancholie, wol schienen die Formen des Antlitzes etwas herabgezogen, etwas in jenes Oval gesenkt, das den Kummer der Seele verrath; aber ein geminderter Schonheitsglanz war darum doch nicht sichtbar. Es war die alte sylphidische Gestalt, es waren die gewolbten Schultern, der stolze Nacken, das reiche, kunstvoll verschlungene dunkle Haar, die vollen Arme, die unter einem leichten Hauspelzuberwurfe in schoner Rundung hervorschimmerten und sich uber den Sessel des Vaters lehnten ... Hackert hielt den Athem an.

Darf ich dir eine Neugier verrathen, Vaterchen? begann Melanie. Was hast du kurzlich mit dem Fursten bei der Geheimrathin in dem turkischen Zelt verhandelt?

Schlurck's erster Gedanke war nun, zu erwidern, sie wollten hinaufgehen. Doch hinderte ihn die Angst vor Hackert. Er kannte ihn genug, um sich zu sagen, dass seine tuckische Natur zu schonen war. Aber nicht nur Furcht vor dem versteckten Lauscher, sondern auch Mitleid bestimmte ihn, nicht vom Hinaufgehen zu reden. Er malte sich Alles aus, was in Hackert's Innern vorgehen musste und gleichviel, welches der Grund seiner vorherigen Aufregung gewesen war, gleichviel welches Verbrechen der zerstorten, jetzt leidlich wiederhergestellten Ordnung des Zimmers zum Grunde lag, die Vorstellung war ihm fremd gewesen, Hackert zu sich zu locken und ihn in der Art, wie der Mistrauische es andeutete, verdachtig zu machen! Er litt ernstlich ebenso unter dieser Vorstellung, wie er ohnehin halb verzweifelnd sich schon vor Schaam fuhlen musste. Und so sagte er nur:

Ah! Bah! Lass diese Sachen! Erzahl' mir heitre Geschichten! Was hat dich denn plotzlich so musikalisch gemacht? Ich habe dich abonnirt auf die Symphoniesoireen. Siehst du! Wo sind nur die Billete? Hier, hier ...

Er suchte ...

Das ist sehr schon von dir, sagte Melanie. Aber jetzt weiche mir nicht aus, Vaterchen, sondern sprich: Was hattest du so lange mit dem Fursten?

Frag' ihn Das selbst! sagte Schlurck und fasste das Kinn seiner Tochter, es noch zitternd emporhebend.

Nein, Vater, antwortete Melanie ernst und unter dem Pelz die Arme zusammenschlagend; nein, ich frage den Fursten nie nach solchen Dingen, die er mir nicht selbst erzahlt. Ich habe gefunden, dass dies ein Mann ist, der seine eigne und hochst wunderliche Behandlung erfordert.

Unter andern Umstanden hatte Schlurck zu dem Lacheln seiner Tochter selbst mitgelachelt. Diesmal standen ihm seine Mienen, die er zu einer feinen Anerkennung der Philosophie seines Kindes verzog, mehr schmerzlich als erfreulich.

Melanie wiederholte ihre Bitte und Schlurck, fast die Gelegenheit ergreifend, vor der anwesenden, so gefahrlichen, so tief ihn durchschauenden dritten Person eine Rechtfertigung zu versuchen, antwortete:

Mein gutes Kind! Ich war kurzlich unten in meinem Keller, dem einzigen Orte, wo wir Manner uns sorglos der Gefahr aussetzen, den Schnupfen zu bekommen. Wie ich auf den Gestellen die umgelegten Sorgenbrecher sah, schlanke, lange, kleine, kurze, die geschmacklosen Boxbeutel aus Wurzburg und was sonst dort zur Ansprache an Herz und Gemuth ausgelegt ist, uberfiel mich recht der Kummer, dass der alte Rapport zwischen mir und meinen Zoglingen da unten hin ist. Wie behaglich wahlt' ich sonst aus, was die Tafel schmucken, die Gaste erfreuen sollte! Wie schwelgte ich in den langen spanischen und portugiesischen Etiketten, die unsre Leute beim Serviren meiner Kostbarkeiten den Gasten gravitatisch zuflustern mussten! Jetzt sagen alle diese Herrlichkeiten: Don Ranudo de Colibrados! Zu meiner Zeit war Das ein beliebtes Theaterstuck, Kind, in dem ein pauvrer Edelmann vorkam, der auf seine Wurde hielt, aber sich die Locher seiner Kleider mit Tinte verschmierte. Liebes Kind, auf meine Wurde fuhl' ich leider, werd' ich in unsrer jetzigen Lage nicht viel halten konnen. Die Emporkommlinge haben nichts von der Grandezza des gebornen Adels. Ich nun vollends, meine gute Melanie, bin zum Komodianten in einem Grade untauglich, dass ich im Stande ware, aus der einfachsten und leichtesten Rolle zu fallen. Deine Mutter hatte wol allerdings das Talent, alle Welt glauben zu machen, dass wir nur in Folge unsrer veredelten Grundsatze, in Folge unsrer geistlichen Umkehr und Einkehr uns einzuschranken anfingen. Sie konnte die Rolle einer aus himmlischen Rucksichten sich beschrankenden irdischen Gluckseligkeit vortrefflich durchfuhren. Ich kann Das nicht. Ich war fruher in meinen guten Zeiten wahr, prahlte nie, sondern gab und freute mich des blauen Sonnenscheins; jetzt, wo mir soviel verloren gegangen ist, wo die Papiere im Werthe sanken, meine Administrationen neu geordnet werden und wohl ganz eingehen durften ...

Vergiss dein letztes Opfer nicht, warf Melanie trube den Kopf aufstutzend dazwischen, Lasally!

Es kam Eins um's Andre, Kind! Genug ... Nein, grade diese Summe in jetziger Zeit so baar auf den Tisch gelegt, ohne deshalb Anleihen machen zu durfen, die du deines Credits wegen vermeiden musstest ...

Zehntausend Thaler sollten eine Bagatelle fur mich sein ...

Und sind es nicht, wenn sie plotzlich da sein mussten ...

Da sein mussten! Ah! Ja, ja! Ich fand es in der Ordnung, dass sich dies Verhaltniss so loste. Es ist ja erbarmlich, einen Bewerber seiner Tochter dulden, der von der Voraussetzung grossen Vermogens ausgeht und ihm hernach sagen: Da hast du nun mein Kind! Das ist ein Kapital! Im Ubrigen findest du reinen Tisch! Ich verurtheile Lasally nicht, dass er die Summe forderte. Er ist Philosoph wie ich. Er gehort einer andern Sekte an als ich; aber System war immer in seinen Demonstrationen. Sie waren ruhig, kalt bis zum Prugelnswerthen, aber in seiner Voraussetzung, dass ich reich ware, hatte er Recht, sich nur mit jener Anleihe, wie er es nennt und ein Paar von deinen getragenen langen Handschuhen abfinden zu lassen ...

Hackert empfand eben ein Gelust, als hatte er in der Ottokarstrasse mogen Feuer anlegen ...

Genug, lenkte Schlurck, der sich vor seinem Pflegekind in diesen Dingen um so weniger Zwang auferlegte, als er sich rechtfertigen musste, wieder seufzend ein, genug ich besitze das Talent nicht, mit dem Gefuhl der Beengung Komodie zu spielen. Nur aus der Fulle heraus kann ich frohlich sein. Wohl gibt es einen Ausweg, den grosse Geister in solchen Fallen oft mit Geschick eingeschlagen haben. Es gibt bewunderungswurdige Genies des Schuldenmachens. Auch zu diesen gehor' ich nicht. Die Elasticitat, die zum Lugen gehort, kann ich mir nicht geben. Ich kann nicht bei Juden und Wucherern herumfahren, grosse Manieren, augenblickliche Verlegenheiten affectiren, ich kann Das nicht. Ich habe zeitlebens auf meine guten Eigenschaften gehalten und meine schlechten nie verdeckt. Ging' es nach mir, Herzlieb, ich spielte jetzt die Rolle des Parasiten, dem seine Gonner gekundigt haben, ich ginge in Lumpen uber die Gasse ...

Vater! unterbrach Melanie den schmerzlichen, von Thranen untermischten Humor des leichtsinnigen, so schlaff und doch wehmuthig haltlosen Justizrathes.

Gut, gut, gut! sagte er beschwichtigend. Ich thu' es nicht, ich weiss, dass die Rucksicht auf Euch mir den Ubergang von der Schule Epikur's zur cynischen verbietet. Da ich also konsequent sein soll, was that ich neulich bei der Geheimrathin? Geh weg, der Furst wird dir davon nicht gesprochen haben!

Nein, nein, Vater!

Aber Kind, du willst geheimnissvoll gegen deinen Vater sein!

In Schlurck's Blicken die Brille lag vor ihm oder wurde in gewaltiger Aufregung mechanisch mit seinem ostindischen Taschentuche geputzt spielten die kleinen Schlangen der Frivolitat mit den Merkmalen der Trauer durcheinander. Er zupfte Melanie fluchtig am Ohr und da sie schwieg, sagte er, trotz Hackert, der athemlos lauschte:

Wirst doch mit deinem Vater nicht schakern?

Schlurck wusste, wie Hackert zu Melanie stand. Tief durchschaut von einem jungen leichtsinnigen Manne, den er im Grunde liebte wie seinen Sohn, wollt' er ihn wieder, wie sonst, in die ganze Lage seines Hauses einblicken lassen. Er wusste, wie Menschen nie so verwildert und gewissenlos sind, dass sie nicht dem Gefuhle der Grossmuth noch zuganglich blieben. Er ahnte, dass Hackert von ihm in Gute scheiden, sich mit ihm aussohnen, ihn, komme was da wolle, nimmer verderben wurde, wenn er ihn Zeuge dieser Gestandnisse bleiben liess. Jetzt hinaufgehen Das hatte den Lauscher gefahrlich gemacht.

Melanie begann mit schmerzlichem Ausdruck:

Papa, dies Verhaltnis ist ein narrisches Buch, in dem Vielerlei zu lesen ist und doch weiss man nicht, was der Verfasser eigentlich will.

Schlurck ergriff die Dose und horchte auf. Seine Blicke waren auf den dunklen Winkel gerichtet, wo Hackert mit einer Zuruckhaltung, die den Justizrath ermuthigte, lauschte ...

Ich sah diesen Egon zum ersten Male auf einem Ritt nach Solitude. Neben ihm sassen die beiden Wildungen ... Dankmar Wildungen ...

Der Vater seufzte. Melanie schlug die Augen nieder.

Es hatte Dankmarn herabdrucken sollen, ein Geringerer neben einem Vornehmen zu sitzen. Und ich hatte den Abend doch nur Augen fur ihn!

Fur den Abscheulichen, sagte Schlurck, der in diesem Raume, dort auf deinem Sessel einst sass und ...

Er brach ab, um Melanie nicht zu verwunden und nicht zu viel zu verrathen. Die Liebe fur Dankmar war bei Melanie das heilige Kleinod, die wunderbare Reliquie, die im Schreine ihres Herzens, wenn auch mit hundert Gehausen umschlossen, unentweiht ruhen geblieben. Die Sommertage von Hohenberg und Plessen konnte ihr kein Glanz uberblenden. Keine Furstenhuldigung, keine Anbetung des wirklichen Egon konnte jenem magischen Zauber gleichkommen, der diesen Erinnerungen geblieben war. Mit Dankmar hatte Melanie ihres eigensten Wesens sich entkleiden konnen, wie es der so heiss Geliebte nur von ihr fordern mochte! Der Vater kannte diesen Schmerz, kannte diese Anbetung, diese feste, unausrottbare Wurzel eines einmal empfangenen Eindrucks. Er sagte einmal: Mit diesem Dankmar bricht die Poesie meiner Tochter zusammen! Er wusste nicht recht, was er damit bezeichnete. Die Schonheit, die Anmuth, die Wirkung, auch der Leichtsinn, auch die Tandelei, jede fluchtigste Neigung blieb ihr; aber das Eine, das letzte allein machtige Wort des Lebens lag doch nur in jener ihr erst den innern Halt gebenden Liebe, die wie auf verborgenem Meeresgrunde gebettet war und fur diese Erde nun nicht mehr sein sollte! Damals nach den poetischen Tagen von Hohenberg hatte Schlurck Nachte daran gesetzt, Dankmarn fur seinen sproden Ubermuth in jener Fruhstunde zu zuchtigen. Er hatte mit einem Fleissaufwande, der ihn alle seine andern Angelegenheiten vernachlassigen liess, daran gearbeitet, dass Dankmar den Prozess mit der Stadt in beiden Instanzen fast so gut wie schon verloren hatte. Und dennoch, ihm gegenuber Sieger zu bleiben, schmerzte ihn fast um Melanie, die Dankmarn ihre stille, geheimnissvolle Liebe bewahrte und um einen Augenblick wie jenen, als sie in der Mondnacht an der Marmorvase im Hohenbergischen Garten von Dankmar's Arm ergriffen eine Weile an seinem Herzen ruhte, mit Freuden all' die Huldigungen hingegeben hatte, die ihr jetzt von einem wirklichen Fursten so uberraschend zu Theil wurden.

Sie erzahlte:

Bei der Geheimrathin sah ich den Fursten einige Tage nach dieser Begegnung auf dem Solituder Wege. Ich erkannte ihn kaum wieder. Er war sehr artig, sehr zuvorkommend. Als ich ihm dann auf's Neue begegnete, schien er sich uber mich orientirt zu haben. Er beklagte die Misverhaltnisse, die ihn von dir getrennt hatten. Er erwahnte Dankmar Wildungen, Hohenberg und lachte uber meine Tauschungen mehr, als mein Stolz ertragen mochte. Sein Selbstvertrauen, mich um meiner Eitelkeit willen schneller erobern zu konnen, reizte mich. Ich war ablehnend, sprode sogar bis zur ungnadigen Ruge der Geheimrathin, die mich fast zu benutzen scheint als ein Mittel, ihre Hauslichkeit dem plotzlich so ergebenen Prinzen behaglicher zu machen ...

Die Verbindung des Fursten mit Pauline von Harder war genugsam schon im Schlurck'schen Hause ihrer Seltsamkeit wegen besprochen worden. Schlurck ermunterte durch sein Schweigen zum weitern Bericht ... Er prufte dabei still fur sich, wie das Alles auf den nicht zu entfernenden Lauscher wirken musste.

Als ich Egon sah, seinen Bruch mit jener Grafin Helene aus Paris erfuhr, sein Bedurfniss, wie die Geheimrathin es nannte, mich jeden Abend bei ihr zu finden, beobachtete, entstanden bei mir Reflexionen, deren Ernst mich mogen recht langweilig gemacht haben, Vaterchen! Sie legte den Arm uber den Nakken des Justizraths ...

Lasally wurde entfernt und ich begann mit Egon von Hohenberg zu philosophiren. Ich wollte ihn nie anders sehen als in Gegenwart der Geheimrathin. Ich duldete von ihm nie eine Wildheit. Mag es nun sein, dass die meisten Frauen in der Ablehnung von Zartlichkeiten es versehen oder ...

Melanie stockte fast errothend. Der Vater ergriff ihre Hand und half nach.

O, sagte er, kein Oder! Das nur allein ist's! Die gewohnliche Sprodigkeit der Frauen ist ja gleich abkuhlend wie Eis. Ich glaube, dass mein Kind tugendhaft ohne Pedanterie war ...

Das Lachen, in das Melanie ausbrach, dauerte nur kurz und war recht listig ... Hackert spitzte die Ohren ... Drei frivole Menschen, die sich hier so bald verstanden! ... Melanie fuhr ernster fort:

Dieser Egon ist ein wunderlicher Heiliger und nach meinem Gefuhl durch und durch unliebenswurdig. Die wahnsinnige Liebe einer Grisette und die noch tollere einer Grafin haben ihn so verhatschelt, so verzartelt, dass in ihm jede Fahigkeit eines leidenschaftlichen Aufflammens fast erstorben ist. Das ist ein Pedant, Vater, ein langweiliger, phrasenhafter, durch und durch von sich eingenommener Mensch, dem ich versucht bin, jeden Abend eine Douche zu geben aus allen Fontainen des Witzes, wenn ich ihn besasse, oder sogar aus allen Wasser-Karaffinen der Geheimrathin, die man ihm in einer Stunde dreimal fullen muss. Aber ich halte an mich, ich schone Se. Durchlaucht und langweile mich an den qualenden Gesprachen uber Politik und Parteiwesen, die dort bis in die Nacht gefuhrt werden ...

Schlurck lachelte ein wenig ...

Wenn Ritter Rochus vom Westen, sagte er, auf die Dose klopfend, uns eine Summe zahlte, dass du Egon's langweilige Gesprache ihm mittheiltest, ich glaube, wir wurden sie durch Dich nicht einmal verdienen konnen ...

Nein! Ich behielte nichts. Ironie, Schalkheit, Scherz sind dem Fursten ganzlich fremd. Er fasst Alles im Ernste auf, geht an Jedes mit einer umstandlichen, systematischen Vorbereitung und ist dabei von einer Grausamkeit auch gegen sich selbst, dass er sich um alle Freuden des Lebens bringt und billigerweise in einem Kloster und zwar in einem von der strengsten Regel endigen musste.

Schlurck warf nur dazwischen:

Die Ehe wird doch nicht ein solches Kloster sein? Da wurden seine Geisselhiebe immer gleich zwei Menschen treffen.

Melanie seufzte ... und lachte doch auch. Sie lachte so schalkhaft, so aus ihrer innersten schadenfrohen Schlauheit heraus, so sich auf den Vater mit ubermuthigem Triumphe lehnend, dass sie in diesem Augenblicke eine hinreissende Liebenswurdigkeit entfaltete.

Was hast du nur? fragte der Justizrath, der sich in diesem Augenblicke sagte: Hackert hat hundert solcher Scenen beigewohnt! Er war mein Sohn, Melanie's Bruder, sah, horte Alles, er kann diese Gestandnisse nicht misbrauchen!

Warum lachst Du? wiederholte Schlurck ...

Papa! sagte Melanie. Ich habe dir oft meine kunftigen Manner geschildert. Lasally war eigentlich das Modell. Manner ohne Vorurtheile, die mich lieben um meiner selbst willen! Furst Egon von Hohenberg ist keiner von Denen, die auf dies Modell passen.

Er wird dich ... Schlurck unterbrach sich selbst. Er wollte sagen: Er wird dich zu seiner Geliebten machen wollen! ... Er besass bei aller Leichtigkeit seiner Den-kungsart die Kraft nicht, diese vernichtenden Worte auszusprechen.

Melanie verstand aber schon vollkommen, was er sagen wollte. Sie schwieg. Nach einer Weile schuttelte sie das Haupt und flusterte:

So nicht!

Wie nicht?

Traumerisch wiederholte Melanie:

So nicht!

Und als Schlurck unglaubig uber die Idee, der Furst konnte Melanie zur legitimen Gemahlin erheben, aufschaute, die Brille, die er sich wieder aufgesetzt hatte, auf die Stirn zog und sein Kind mit den wasserglanzenden Augen fixirte, brach Melanie in eine Wehmuth aus, die ihn zum Tod erschreckte ...

Was hast du? rief er und hielt das plotzlich umgewandelte Madchen, das sich auf die Kante des Schreibtisches beugte und ihr Antlitz unter den gekreuzten Armen verbarg ... Noch verstand er nicht recht, was sie bewegte.

Unmoglich! sagte er hastig. Wie kann dieser Kalte, Feindselige eine solche Aussicht im Ernste bieten! Ich war an jenem Abend mit ihm allein. Ich bat ihn um einige vertrauliche Worte. Er war die Sprodigkeit, die Feindseligkeit selbst. Voll Mistrauen begrusste er mich. Wie so gern hatt' ich das Gesprach sogleich auf dich gelenkt, seine Gesinnungen uber dich erforscht! Vergebens, er wich mir aus und blieb bei dem Schlurck, der seinem Vater diente, den er im Heidekrug hatte in einer Nacht Champagner trinken, Truffeln essen sehen. Ich sagte ihm: Durchlaucht, Sie irren sich, wenn Sie glauben, dass ich in der Verwaltung Ihrer Guter leichtsinnig verfuhr. Schreiben Sie die heillose Verschleuderung nur Ihrem Vater zu! Mein Vater war brav! fuhr er auf. Durchlaucht, ich denke nicht daran, ihn herabzusetzen. Mein Vater war der edelste der Menschen, er wurde betrogen, getauscht, hintergangen von aller Welt und von Keinem mehr als Denen, die ihm am nachsten standen! Einen solchen Zornausbruch zu bestreiten, war unmoglich. Ich musste mildere Saiten aufziehen. Ich musste ihm sagen: Durchlaucht, die Administration Ihrer Guter war die Hauptaufgabe meiner geschaftlichen Thatigkeit! Ich habe um ihretwillen meine Praxis vernachlassigt. Die Glaubiger schenkten mir ihr ganzes Vertrauen. Ich war fast der Minister dieser kleinen Besitzungen, deren schwierige finanzielle Verwickelung ich in einer Reihe von Jahren zu losen hoffte. Nun ist Das hin! Abgeschnitten mit einem Scheerenschnitt! Ein Fremdling erntet die Vorbereitungen meines Fleisses! Geben Sie mir diese Administration zuruck! Der Furst uberlegt sich den Antrag eine Weile, eine dustre Wolke lagert sich auf seiner Stirn, er schuttelt das strenge, kalte, blasse Haupt. Nein! sagt' er. Nun dann, sagt' ich, Durchlaucht, dann ein Andres! Sie sind Minister. Lassen Sie den Prozess des Staates wegen der Johannitererbschaft fallen! Ich komme an den Rand des Abgrundes, gestand ich ihm, wenn mir auch diese Hulfsquellen versiegen. Melanie, dasselbe Wort braucht' ich! Einem Menschen zum ersten Male dieses Wort! Dieses Gestandniss der elendesten Situation, in der sich meine Angelegenheiten befinden, ihm!

Und? warf Melanie gespannt ein, um den in stiere Abwesenheit und traumerisches Bruten versinkenden Vater aufzurichten. Schlurck erschrak fast uber dieses Und?

Er schlug mir auch diese Bitte ab. Kalt wunschte er mir einen guten Abend! Kalt entliess er mich! O, Melanie, wie es da in mir gahrte! Ach, verdammt! Nicht zu einer grossen und edlen Handlung gahrte es. Wo hatt' ich die Kraft dazu! Aber an das Ausserste ... an den Tod dacht' ich

Vater! Vater!

Melanie war hier aufgesprungen. Sie warf sich, erschuttert von der Andeutung ... vielleicht eines Selbstmordes ... uber den Unglucklichen, der nicht arm sein konnte. Sie streichelte seine Wange, liebkoste sie, lachte unter Thranen ...

Nein, nein, so nicht! sprach sie zartlich. So nicht, Vater! Ich ergrunde diesen Egon nicht. Die Grausamkeit gegen dich und seine Liebe zu mir! Nach jener Seene im turkischen Zelt kam er blass und kalt in den Saal zuruck und wurdigte mich keines Blickes. Am folgenden Tage liess er die Worte fallen: Ihr habt so recht Eure Faden um mich gesponnen und wisst Euch Alle im Preise zu halten! Daraus entnahm ich, dass ihn Euer Gesprach verstimmt hatte. Und nun bitt' ich, Vater, um Eines! Es ist hier ein Ziel zu erreichen, das uns wenigstens vor der Welt nicht gering erscheinen darf. Aber es gehort Weisheit und Selbstbeherrschung dazu! Jede Andeutung eines personlichen Vortheils, den wir etwa suchten, jede Gier der Eroberung, jedes marktende und schachernde Selbstgefuhl ware hier ein heisser Stein, auf dem alle Moglichkeiten in Dampf auseinander zischten ...

Welche Moglichkeiten?

Dass ich den Mann, der mich einst tyrannisiren, qualen, morden wurde, wirklich fande, aber ich musste ihn doch wol nehmen, weil er ein Furst ist.

Schlurck erhob sich. Er begriff nicht ganz den Zusammenhang dieser verworrenen Kombination.

Wie ist Das? fragte er, sich an seinen Sessel lehnend. Dich morden?

Egon von Hohenberg liebt mich, Vater! sagte Melanie ruhig. Ich verrathe ihm, dass ich meinen Werth zu hoch halte, um ihn ohne Bedingung zu erhoren. Er sinnt uber die Moglichkeit einer Ehe. Zu werben um ebenburtige Geschlechter ist er zu trage, zu lebensduster geworden. Er hasst die Frauen sogar, vollends, da sich ihm jetzt Alle, Alle aufdrangen. Auch Pauline von Harder hat Angst vor der Anknupfung neuer Verbindungen, die ihr den angebeteten Mann entfuhren. Als er dir so rundweg alle deine Bitten abschlug, war es erst der Zorn uber eine Konspiration, der ihn so reden liess; dann aber auch, ich ahn' es, ein edleres Gefuhl. Er denkt, an mir gutzumachen, was er gegen dich seinem sonderbaren Pflichtgefuhl, seiner staatsmannischen Wurde schuldig zu sein glaubte.

Eine solche Idee wurde Schlurck unter andern Verhaltnissen nach seiner, etwas Grosses und Stoisches nicht begreifenden Philosophie fur Narrheit erklart haben. Jetzt war er zu zerknirscht glucklich dafur. Er athmete auf, wie wenn tausend Lasten von seiner gequalten Brust fielen. Und nur das Eine noch presste ihm die unendliche Wonne zuruck:

Aber warum sollte dich Egon denn tyrannisiren, dich so mit Fussen von sich stossen, dass dir nichts bliebe, als der in solchem Falle erbarmliche Titel einer Furstin?

Es war todtenstill im dustern Gemach ... Hackert wusste, was Melanie sagen wollte ... Als Melanie eine Weile schwieg und dann in heisse Thranen ausbrach ... ahnte es Schlurck.

Vaterzorn gegen Hackert brach so furchtbar jetzt in Schlurck hervor, wie damals, als er den aufgenommenen, wie einen Sohn behandelten und so fruh verwilderten Findling fast mit Fussen trat und aus dem Hause warf. Es wallte in ihm auf wie siedende Glut. Er fuhlte die Kraft, in den Winkel zu springen und den Lauscher, der so fruh die Ehre seines geliebten Kindes zerstort hatte, zu erwurgen; aber ein Blick auf die zerbrochene Scheibe, auf die unter den Schrank gestossene Brechstange, die Besinnung uber die That, die er an diesem Sonntagvormittage wollte zu einem scheinbaren Ausbruch kommen lassen Simulation eines Einbruchs in sein Comptoir lahmte seine Kraft. Er konnte nichts, als sich uber Melanie beugen, ihr Haupt erheben, ihre Stirn kussen, mit ihr weinen ... Da schellte es am Hause. Melanie erhob sich. Rasch gefasst sagte sie zum Vater: Papa, nur noch einige Wochen Muth und Selbstbeherrschung! So war sie geschwind wie eine Gazelle auf die Wendeltreppe gesprungen und hinauf zum oberen Zimmer verschwand sie ... Noch vergeblich nach Fassung ringend wandte sich Schlurck, als er Hackerten schon vor sich stehen sah. Er erwartete von dem Elenden, der den Werth seines Kindes so tief herabgesetzt, ein Verbrechen an ihr begangen hatte, ein hohnisches, boshaftes, teuflisches Grinsen. Er fand dies aber nicht. Ruhig schlug Hakkert die Arme unter und eher furchtsam, nicht drohend war sein Blick. Dieser Blick ermuthigte doch den von den innersten Qualen zerrissenen Mann und stachelte ihn zu der Anrede: Bube! Hast du nun Alles gehort, was ich dir danke? Hackert fuhr nicht auf. Er sah sich nur ruhig im Zimmer um ... Einen Fursten als Schwiegersohn, sagte er dann mit der ihm eignen heiseren, kalten Tonlosigkeit. Ist Das so wenig? Aber es ist wahr. Sie hatten mich lieber im Waisenhause lassen sollen, Justizrath! Ich will gehen. Durch diese Thur kann ich's nicht. Das Schloss ist ja prachtig verdorben. Na! Ich will mich oben durchschleichen. Ich denke, Sie schicken heute noch nicht auf die Polizei, um den Einbruch anzuzeigen. Sonst, Schlurck, legen Sie sich keinen Zwang an! Ich glaube, dass Sie nur sich, nicht mich in's Ungluck bringen wollten. Vom nachsten Sonntag an will ich jeden Morgen daran denken, dass ich fur mein Alibi Zeugen habe. Sonst konnen Sie thun, was Sie wollen! Es ist wahr, ich habe nichts in Ihrer Schule getaugt, Justizrath! In Ihrer! Ihrer! Aber Eins kennt auch Melanie an mir, ich bin diskret. Ja, Schlurck! Ihre verdammte Dose da, aus der Sie bei jedem Besuche eine Prise nahmen und Witze niesten. Ich naschte aus derselben Dose und war zu jung mit meiner Nase, ich musste nur Dummheiten niesen. Ihr gabt mir Wein statt Milch. Juchhei am Morgen. Juchhei am Abend. Des Nachts lief ich sogar im Schlafe um und konnte aus dem Jubel nicht mehr herauskommen. Melanie kam einst mit mir von einem Kinderball. Sie war grade vierzehn Jahre! Ich hatte getanzt, dass ich trotz meiner Haare der Abgott der Kinder war! Das vierzehnjahrige Kind ... Genug! Justizrath, weinen Sie nur nicht! Sonst thaten Sie's ja nur, wenn Ihr Geburtstag war und Melanie Ihnen ein Paar Hauspantoffeln gestickt hatte! Oder bei Ihren Jugenderinnerungen weinten Sie ... Jetzt ... sammeln Sie sich! Versuchen Sie's noch zu guter Letzt, ein Herz von Stahl zu haben! Adieu, Justizrath! Alibi oder nicht ... Lassen Sie unterwegs, was Gefahr bringt. Ich mochte nicht, dass Sie auf Ihre alten Tage ... Justizrath, lieber keine Seide mehr spinnen, als ... Wolle! Wir sehen uns wieder, wo's der Teufel bescheert; nur nicht in ... Bielau!

Schlurck blickte nieder, wollte Hackert's dargereichte Hand nicht nehmen und sagte nur:

Hast den Ring?

Ich hab' ihn; antwortete Hackert fast hohnlachelnd und triumphirend. Dann schlich er wie eine Katze uber die Wendeltreppe und durch die Zimmer, die er wie seine Tasche kannte, zum Hause hinaus.

Schlurck folgte vernichtet. Er sann daruber nach, wie er bis zu einer Entscheidung uber Melanie's seltsame Andeutung den Zustand seiner Angelegenheiten verdecken sollte. Zum zweiten Male verdankte er seinem geliebten Kinde einen grossen moralischen Sieg uber sich selbst! Vor Hackert hatte er niemals Furcht gehabt ...

Hackert schwankte seiner kaum selbst bewusst durch die Strassen. Er war nicht im Stande, zum Profosshause zuruckzukehren. Es war ihm, als sprachen Stimmen mit ihm aus der Luft. Was ihn sonst von ahnlichen bewegten Regungen auf frivole Stimmungen gebracht hatte, verfehlte heute seine Wirkung. Wie malte er sich aus, was er erlebt hatte! Erst den blutigen Tod, die Trauer, dann ein Verbrechen, erstickt wol nur im ersten Keime, dann Melanie und ihre Gestandnisse! Wie einsam, wie jammervoll sah es in allen diesen Herzen aus! Zum ersten Male kam es ihm, dass er sich selbst fast ohne Schuld, ohne Reue erschien. Ein junger Lebensmuth konnte sich uber Das, was Melanie beklagte, keine Vorwurfe machen. Es ruhrte ihn, aber es peinigte ihn nicht.

So bracht' er den Tag bis zum Abend hin, wo in den Strassen die Zeitungen ausgeboten wurden, die die Geschichte vom gestern gesprengten Maschinenarbeiterverein erzahlten. Am Schloss des Konigs standen die kleinen "fliegenden Buchhandler", unter ihnen trotz der Trauer, trotz ihres hauslichen Leids, Wilhelm und Karoline, die eignen Geschwister des Getodteten. Sie riefen ihres eignen Bruders Tod aus ...

Und Hackert kaufte ihnen ihre Blatter ab und horte, dass sie eigentlich deshalb weinten, weil sie heute zum letzten Mal die Zeitungen auf der Strasse verkaufen durften.

Und Euer guter armer Bruder Karl? Darauf sagten sie nichts, als weinend die Worte:

In der heutigen Zeitung steht Alles ... Es ist aber die letzte ...

Und indem verkauften sie ihr Leid. Dass die Regierung den Strassenverkauf der Zeitungen heute zum letzten Male gestattete, war ihnen fast grosserer Kummer ...

Hackert wollte bitter werden. Er fand im Menschen Etwas, was vom Uranfange an zum Schlimmen zieht. Er sagte sich, dass die Lage, in der wir uns der Materie gegenuber befinden, unsre Tugenden und unsre Laster bedinge. Der Mann mit dem rothen Barte! spottete er. O! O, Louise!

So leicht bizarre Ausserungen bei Hackert den Ubergang zu seinem genusssuchtigen, gedankenlosen Leichtsinn bezeichneten, heute verlockten sie ihn nicht recht. Er ergab sich nur der Verachtung aller Lebensverhaltnisse und beschloss, am Montag zu Assessor Muller zu gehen und ihn zum letzten Male, da Madame Ludmer ihm wiederholt geschrieben hatte, um Einlass bei Murray zu bitten.

Wie er am Montage in der Fruhe an das Profosshaus kam, ging eben eine Gruppe von Menschen aus dem Hause tretend an ihm voruber. Die Menschen schienen ihm bekannt. Der, welcher ihm am meisten auffiel, war Murray selbst; er erkannte ihn an der schwarzen Binde. Die Ubrigen waren Dankmar Wildungen, der von Melanie so Heissgeliebte; jener wunderliche, verwachsene Fremde, den er in die Stadt hatte einfahren sehen und ein ihm Unbekannter, wir kennen ihn, Louis Armand. Louis hatte den gebuckten, lachelnden Gefangenen unter'm Arme gefasst und fuhrte ihn wie im Triumph. Auch Otto von Dystra schien den Befreiten wie einen langst Bekannten zu begrussen und Dankmar betrachtete ihn so forschend, dass er Hackerten ubersah, obgleich dieser dicht an ihm stehen blieb und verwundert den Vieren nachsah. Am Portal des Profosshauses erfuhr er, dass man auf eine personliche Burgschaft jenes Herrn im Schnurrock und die Niederlegung einer grossen Summe eingewilligt hatte, Murray wahrend seiner Untersuchung, die sich ohnehin schon zu seinen Gunsten gewandt hatte, auf freien Fuss zu stellen ...

Zu spat gekommen! sagte er und gedachte des ublen Eindrucks, den er mit diesem so gescheiterten Auftrage bei der Verwandten seines Vorgesetzten Pax machen wurde. Diese Entdeckung war ihm nicht gleichgultig; ja, als er lauernd jenen Vieren folgte und Murray's Ruhe, die Freundschaft und Zuvorkommenheit jener Ehrenmanner fur den Verdachtigen beobachtete, witterte er schnuppernd die Fahrte neuer Lugen und Laster. Doch zu nahe wagte er sich den ruhig Dahinschreitenden nicht. Es war ihm, als konnte sich Dankmar wenden und ihm ein Wort zurufen wie einst auf dem Hohenberg. Wenn er dich einen elenden Spion hiesse, was konntest du erwidern?

Die Moglichkeit mehrte doch seine Pein. Louisen's Jammer an der Leiche ihres Bruders, die sittliche Gefahr des Justizraths, Melanie's Thranen hatten sein Inneres nicht erweicht, aber ein wenig erhellt. Er wurde Andern ein Licht, wie sollte es in ihm selber dunkel bleiben! Er sah sich wenigstens wie im Spiegel und war aus der brutenden Ruhe seiner Unmittelbarkeit aufgeschreckt. Da uberfiel ihn eine solche Angst, dass er jener Frau, die ihm so viel Vertrauen geschenkt hatte und beunruhigt einmal uber das andre in seine Wohnung schickte, ob Herr Hackert nicht sogleich zur Geheimrathin von Harder kommen wollte, keine Anzeige von Murray's Freiheit zu machen wagte, ihm aber nachschlich und ausserhalb des Gefangnisses, in das ihn die Richter nicht hatten einlassen wollen, sich ihm irgendwie zu nahern suchte.

Am Mittwoch fruh fand das Begrabniss des Karl Eisold statt unter Umstanden, die die ganze Bevolkerung in Bewegung setzten und Veranlassung wurden, dass Hackert den Privatauftrag erhielt, die am Grabe gehaltenen Reden zu uberwachen. Die Sicherheitsbehorde hatte keinen feierlichen Leichenzug dulden wollen und deshalb sogleich den Todten auf den neuen Kirchhof schaffen lassen, wo er bis zum Begrabniss im Leichenhause beigesetzt blieb. Die Arbeiter der Willing'schen Fabrik aber hatten den Todten bei Nacht aus jenem Hause mit Gewalt entfernt und ordneten ein Begrabniss an, das durch die ganze Stadt gehen sollte. Es war eine eigenmachtige Handlung, die spater einer strengen Untersuchung verfiel. Ein Ministerrath verbot das offentliche Begrabniss, bis bei Hofe jene religiose Scheu vor Allem, was Leben und Sterben beruhrte, entschied und man von dorther wunschte, es sollte dem Drange jener Menschen, diesen Todesfall in ihrer Weise aufzufassen, kein Hinderniss gesetzt werden. So fand denn jenes Begrabniss unter Vortragung von Insignien aller Art und mit Begleitung einer Trauermusik unter dem Zustrom von Tausenden Statt. Alle Maschinenarbeiter folgten. Sogar einige elegante Trauerkutschen schlossen sich an. Am Grabe wurden Reden gehalten, Chorale gesungen. Man bemerkte uberall die Zeichen einer an diesem Trauergeprange sich aussprechenden Demonstration der erzurnten Gemuther.

O, rief ein junger Redner, der auf die feuchte gelbe Erde der Grube trat, das Haupt entblosste und die zukkenden Mienen seines blassen Antlitzes kaum vor innerer krampfhafter Erregung bemeistern konnte. O, so kommen sie denn immer naher die Boten des Sturmes, der bald uns Alle wie Staub aufwirbeln und durcheinander treiben wird! Noch eine kurze Ruhe und die Zornschaalen der Prophezeiung werden ausgegossen werden! Bis dahin, Bruder, wankt und verzagt nicht! Der Tod halt seine Ernte. Wie ein Schnitter fahrt er dahin und maht mit seiner Sichel schonungslos und grausam! An das Leben muss sich nun schon Niemand mehr klammern. Die Zeiten sind voruber, wo ein Jeder sich hutete, unter den Dachern der Hauser zu gehen, um nicht von einem fallenden Ziegel erschlagen zu werden. Die Zeiten sind voruber, wo man seines Leibes und Lebens schonte und pflegte und sich vornahm, gebessert, reich an Tugenden und gesammelt vor den Thron des ewigen Richters zu treten. Jetzt geht es im Fluge. Das Leben ist nichts. Die Kugeln werden Niemanden schonen. Eine Leiche? Hunderte werden wir begraben sehen, Tausende! Die Wuth der Menschen, die es ahnen, dass ihre Stunde schlug, ist grenzenlos. Nicht mehr Konige und Konige bekampfen sich, nein, alle Monarchen, alle Reichen, alle Grossen werden Frieden unter einander schliessen und die Armeen sind nur noch da, um Schlachten den Brudern zu liefern. Unsre Platze und Strassen, unsre Stuben und Kammern werden die Schlachtfelder werden, wo kunftig die grossen Feldherren ihre Lorbeern sammeln. Tod ist nichts mehr, Bruder! Wo wir hinblicken, krachen die Flinten der Executionen. Die Diplomaten schreiben die Bluturtheile auf ihren seidnen Polstern, ihre Chokolade schlurfend. Die Maschinen dieser Menschen vollfuhren es und jeder Soldat sieht auf seine Buchse, sein Pulverhorn, druckt los; was geht ihn die Kugel und ihr Ziel an! O Bruder, verzagt nicht! Zittert nicht, dass Ihr Euch erscheint wie zusammengetriebenes Wild in einem Walde. Alle Wege sind umstellt. Unser Denken, unser Fuhlen, unser Reden ist ein Verbrechen! Wir storen den Staat, wenn wir uns versammeln. Wir sollen nur arbeiten. Hort Ihr, nur arbeiten! Arbeite und iss dein Brod im Schweisse deines Angesichtes, Das ist der Fluch, mit dem du in die Welt getreten bist! Aber die Stunde wird schlagen mit ehernem Glockenschlag, furchtbar drohnen wird sie durch alle Lande die Sonntagsfruhe der Erlosung ...

Weiter konnte der Redner nicht sprechen. Denn eine Anzahl der Polizeidiener, die in der Nahe stand, trat auf den Hugel und zog mit larmender Unterbrechung den jungen Mann von ihm herunter.

Dies wurde das Signal eines allgemeinen Tumultes, der mit der Ruhe des Friedhofes und mit dem Schmerz der auf dem Sande knieenden Louise und ihrer Geschwister in schreiendem Widerspruche stand. Man entriss den Haschern ihre Waffen, man tobte, schrie, stiess Verwunschungen aus. Die Hascher liessen ihre Nothpfeifen ertonen, um von der Wache eines nahegelegenen Thores Hulfe zu bekommen. Die Wachter der offentlichen Ordnung waren so bedrangt, dass ihnen fast nichts ubrig blieb, als sich an den durch diese Scenen entweihten Sarg zu fluchten, der auf den Brettern uber der Grube stand und eben hinabgelassen werden sollte.

In diesem Tumult riefeine donnernde Stimme:

Ruhe! Friede am Grabe! Achtung vor den Todten!

Es war Leidenfrost, dessen Autoritat unter diesen Menschen Wunder wirkte. Seine gewohnlich nur polternde Art hatte ihn ganz verlassen. Der Augenblick begeisterte ihn. Er war nur bei der Sache und ganz von ihr durchgluht.

Wenn mein Wort unter Euch etwas gilt, rief er, so steht von Aufruhr und Emporung ab! Ehret den Schmerz der Leidtragenden, die dort auf dem kalten Boden verhindert sind, ihre Andacht zu verrichten! Schreckt den Schlummer des gebrochenen Auges nicht auf! Wir kommen so nicht fort, wie Ihr meint, wir nutzen uns nichts und Denen nicht, die nach uns kommen werden! Glaubt doch nicht, dass Ihr allein dasteht mit Eurem Kummer um diese Zeit! Gebt dies weichliche Jammern um Eure Lage auf und erschliesst Euern Geist einer hohern Betrachtung. Es arbeiten mehr, als Ihr denkt, wenn auch nicht mit Schwielen in der Hand. Aber es denken auch mehr und hoffen auch mehr. Ihr seid nicht die Einzigen und seid nicht verlassen! Ihr fahrt nicht wie dieser Jungling in die Grube und dungt nur die Erde! Haltet Schritt mit dem Allgemeinen! Folgt nicht dem nachsten Gelust Eures Zornes, sondern glaubt an den im Stillen arbeitenden Weltgeist, der uns mit Schopfungen uberraschen wird, von denen Ihr keine Ahnung habt. Eine Ordnung in diesem Leben muss sein! Sie beruht nicht auf der Vertheilung der Guter, die nur Mord und Brand erzeugen wurde, sie beruht auf dem geanderten Begriffe vom Staat. Dahin arbeitet! Nicht zur Auflosung, sondern zur neuen Bildung hin! Gehorchen wollen wir, dienen, uns beherrschen, Das ist das Ziel, das wir nur im Siege des Geistes, nicht dem Siege der Materie finden konnen. Die rechte Freiheit und die rechte Begrenzung! Darin liegt Gluck, darin die Burgschaft neuen Friedens. Die Romer wussten, was sie wollten; die ersten Christen wussten, was sie wollten; wir wissen noch nicht, was wir wollen. Deshalb entwaffnet die materielle Kraft, die Euern Forderungen gegenuber steht, entwaffnet sie nicht durch die schwache, sogleich besiegte Faust, sondern durch den milden Sonnenschein des Geistes und der Verstandigung. Der Sonnenschein blies dem Wanderer den Mantel ab, den der Sturm nicht abblasen konnte. Gebt Ruhe, Friede den Todten! Scheidet von diesem Grabe mit der Hoffnung auf einen neuen Fruhling und werfe Jeder eine Handvoll Erde dem edlen Junglinge nach, als Zeichen, dass wir Erde werden, wie er und uns versohnen wollen mit unserm Loose, das uns diese Welt gab als einen Schauplatz der Entsagung und eine dunkle Kammer rathselvoller Hoffnung!

Diese wie ein Strom hervorquellenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Einer nach dem Andern trat an die Grube und warf eine Handvoll Erde uber den Sarg. Louise und die Kinder schutteten Blumen. Die Frauen vieler Arbeiter umringten die Weinenden und fuhrten sie an das Thor des Friedhofes zuruck, wo einer der schonsten Wagen, dem ein zweiter, in welchem Mangold sass, folgte, sie aufnahm. Die verstarkte Thorwache machte Spalier. Die Arbeiter gingen ruhig auseinander. Leidenfrost erhielt den Handschlag Dankmar's und jenes kleinen mit dem Offizier der Wache sich unterhaltenden Fremden, in dem Hakkert wieder den vornehmen Reisenden erkannte, den er in die Stadt Rom gewiesen hatte.

Als der Kirchhof von dem Menschengewuhl sich entleerte und nur noch die Todtengraber thatig waren und das Grab zuschutteten, bemerkte Hackert in einiger Entfernung einen einsamen, zuruckgebliebenen Wanderer. Es war Murray, der Alte mit der schwarzen Binde. Er sah, dass er die Hande uber den Rucken zusammenschlug und von Grab zu Grab trat trotz der Kalte, trotz der schon schneidenden trocknen Winterluft. Er hatte ihn schon vorher im Auge gehabt und nur im Tumult nach der ersten Grabrede verloren. Jetzt schlich er sich ihm nach. Jetzt spornte ihn Neugier und die Eitelkeit, sich das Haus einer Geheimrathin verbindlich zu machen ... Doch immer stand der Alte, wenn er dicht an ihn heran kam, an einer Grabschrift und las sie, was ihm schwer zu werden schien, da er sich nur eines Auges bedienen konnte.

Hackert fuhlte, dass er uber den Tod, uber diese Grabschriften mit ihm reden musste, wenn er ihn ansprechen wollte. Dazu konnte er sich trotz der auch in ihm durch die Grabesscene hervorgerufenen Erschutterung nicht entschliessen. Religiose Empfindungen waren ihm fremd.

Murray las unter dem feuchten, modernden Blatterabfall hinschreitend zuweilen die Grabschriften halblaut.

Derselbe Mann, den er als zweideutigen Gauner im Gefangnisse besuchen sollte, der ihm als hochfahrend, anmassend, frech bezeichnet war, sprach, indem er bei einer entblatterten Trauerweide stand und er ihm von ferne zuhorte:

"Sanfter Schlaf halte dich umfangen bis zum Tage des Wiedersehens."

Es war eine Grabschrift auf ein junges Madchen ...

Hackert blickte zu Murray hinuber, der weiterging und sprach vor sich hin:

Es ist kein Englander! Das hor' ich doch wol schon ...

Murray stand vor einem Kreuze und las wieder halblaut:

"Seit ich entbehre, glaub' ich."

Murray stand nachdenklich, uberlegte offenbar diese Worte und ging wieder weiter.

Hackert vergegenwartigte sich die Kennzeichen, die ihm die Ludmer genannt hatte.

Das Haar ist nicht echt, sagte er sich und las nun selbst die Inschrift, die Murray vor ihm gelesen hatte ...

Murray war inzwischen weiter gegangen und flusterte vor einem andern Denkstein die Inschrift lesend.

Hackert bemerkte, dass sich das Haar verschob und unter ihm ein helleres sichtbar wurde. Er ist's! sagte er sich.

Indem murmelte Murray vor einem Kreuze von Gusseisen:

Anbetung Ihm, der die grosse Sonne

Mit Sonnen und Erden und Monden umgab,

Der Geister erschuf,

Ihre Seligkeit ordnete,

Die Ahren hebt, der dem Tode ruft,

Zum Ziele durch Einoden fuhrt und den Wandrer

labt,

Anbetung Ihm!

Finden Sie nicht, sagte nun Murray, sich selbst zu dem nahegetretenen jungen Manne wendend, der wie er an den Grabern Interesse zu nehmen schien, finden Sie nicht, dass alle diese Denksteine sich recht an den Tod anklammern wie an den einzigen Enthuller des grossen Lebensrathsels? Es ist doch schlimm damit. Man glaubt erst, wenn man an die Schwelle unsres Daseins tritt und in der Stille, die um einen Sterbenden waltet, es doch so gar sonderbar rascheln und flustern hort, grade wie Sie immer so hinter mir her raschelten, ohne dass ich Sie sah.

Hackert konnte nicht recht antworten. Er bemerkte, wahrend Murray sprach, die Ohrlocher, von denen ihm die Ludmer gesagt hatte. Sie waren verwachsen, aber unverkennbar.

Murray ging ohne die Antwort abzuwarten weiter und sprach, halb lesend, an einem kleinen sehr geschmackvollen Denkmal von Marmor:

Ein Kind von drei Jahren? Der kurze Traum eines Schmetterlings! Sehen Sie die Idee des Kunstlers! Ein Kind mit einem Schmetterling! Wie es furchtet, dass eben der Schmetterling von der erhobenen linken Hand fliegen will! Es will ihn haschen! Knabe, die Seele entfliegt dir nicht! Troste dich! Aber nach musst du ihm!

Hackert bemerkte, dass Murray fast keine Augenbrauen hatte. Und damit er doch nicht zu lange schwieg, ausserte er kalt:

Ganz hubsch!

Haben Sie die Reden an dem Grabe gehort? fragte Murray den ihm sonderbar nun sich anschliessenden jungen Mann mit den magern Gliedern, dem durchglasten Auge, dem blassen Gesicht, dem rothen Haar, in einfacher Tracht mit schabigem Paletot ...

In zu grosser Entfernung! sagte Hackert.

Die Scene war ein Bild unsrer Zeit, fuhr Murray fort. Noch Kampf am offnen Grabe! Der besanftigende Redner fand gute Wendungen, aber die Wechsel, die er ausstellte, haben zu lange Sicht. Da werden die Zinsen so gross wie das Kapital.

Hackert, in der sichern Uberzeugung, dass die Vermuthung jener Frau uber diesen Mann vollkommen zutrafe, konnte naturlich solche Art, sich zu aussern, solche stille Ergebung und philosophirende Ruhe nicht begreifen. Von einer Verstellung, ihm gegenuber, konnte doch wol kaum die Rede sein. Er musste sich gestehen, dass er hier ja ein ganz kindlichgestimmtes, frommes, ergebenes Gemuth vor sich hatte, von dem Schlimmes zu denken er sich schamen musste ...

Murray wanderte immer so fort. Hackert folgte ihm und horte forschend zu, wenn er sprach oder Grabschriften las. Manche schrieb sich Murray auf.

Er zog sein Portefeuille und merkte sich manchen Gedanken, manches trostende Bild.

Hackert wurde davon fast ergriffen. Er horte keinen Frommler sprechen, keinen phrasenhaft Glaubigen, sondern einen Mann, der das Leben und die Welt als ein Geheimniss nahm und deshalb, weil er mit zu diesem Geheimniss der Welt gehorte, ein hoheres Walten, eine Harmonie des uns nur unharmonisch klingenden Lebensspieles voraussetzte.

Und doch verliess Hackerten noch immer nicht die schlimme Vorstellung, die ihm die Ludmer eingeflosst hatte. Er sah, dass Murray schon schrieb und bemerkte dies, ihm uber die Schulter schielend ...

Ich bin ein Kupferstecher, antwortete Murray in aller Ruhe und steckte den Bleistift durch die Locher, die sein Portefeuille zusammenhielten.

Auch diese freiwillig eingestandene Beschaftigung passte ...

Murray schien von dem heftig brausenden Novemberwind, der die Blatter aufwirbelte, nichts zu fuhlen. Hier und da hatte sich noch ein Blumenstock von den vielen, die hier auf den Rasenhugeln welkten, frischer erhalten. Er verweilte dann bei ihm und lobte seinen Widerstand gegen den Sturm.

Halt aus! Halt aus! sagte er. Aber noch zwei Tage, so musst du dich auch ergeben!

Dann wandte er sich an Hackert mit den freundlichen Worten:

Glauben Sie denn an ein Wiedersehen nach dem Tode, junger Mann?

Hackert war betroffen, fasste sich rasch und schuttelte entschieden den Kopf.

Ich kann Sie nicht widerlegen, mein Lieber, nahm Murray sein Bekenntniss entgegen; allein denken Sie sich doch einmal, als ware die Menschheit vielleicht ein Baum oder ein grosses Wachsthum, will ich sagen, das immer steigt, immer neu ansetzt, immer drangt und drangt und irgend etwas werden will was, weiss ich nicht. Aber es ist ein Geheimniss damit. Ich glaube, unser physisches Leben ist der Durchgang eines grossen rathselhaften Naturtriebes, eines Dranges zur Unsterblichkeit. Sehen Sie, es ist mir fast, als wenn diese Erde, deren beste Produkte wir doch sind, etwas aufhat, ein Thema, namlich das, uns so vollkommen hinzustellen als nur moglich, moglicher Weise unsterblich. Die Erde kann Das nun nicht vollbringen. Da sinkt Einer hin, da und dort. Meinen Sie nun wirklich, dass der ungluckliche Knabe, der so mit sechszehn Jahren sterben musste, nun rein ausgeblasen ist? Hier ist er's. Das, was in ihm irdisch war, ist hin. Aber wenn Einer so stirbt an einem ererbten Ubel, an der Schwindsucht, an unverschuldeten Fehlern der Organisation, bei einem Eisenbahnungluck kommt da der schwachen Erde, die uns so gibt, wie sie eben kann, nicht vielleicht doch ein hoherer Geist zu Hulfe und nimmt Die in seine rettenden Arme, die die Erde nicht fertig bringen konnte und fuhrt uns in andern Verhaltnissen, andern Bedingungen fort und hinuber in andere Substanzen?

Hackert horte ruhig zu.

Ich philosophire stumperhaft, sagte Murray. Was kann man auch anders, als sich hier der Natur gefangen geben und sagen: Da hast du mich mit gefesselter Vernunft! Liefre mich dem Tode aus auf Gnade oder Ungnade! Wenn man aber doch ein Bild fur diese Hoffnungen haben mochte, so mein' ich immer, man nimmt getrost die christlichen Bilder und uberantwortet sich einem liebenden Vater, einer allwaltenden Fursorge und sagt: Durch Christus, durch seine Lehre ist dafur gesorgt, dass wir nicht zu Staub verwehen! Es sammelt uns schon Jemand irgendwie in dem Schoosse Gottes.

Alsdann sprach Murray ein altes Lied, von dem er sagte, dass man es zu seiner Zeit gesungen hatte. Es war Salis' schones Lied: "Das Grab ist tief und stille." Murray sprach alle Verse ohne Pathos, ohne Ubertreibung, melodisch und weich. Als er mit dem Verse geschlossen hatte:

Das arme Herz, hienieden

Von manchem Sturm bewegt,

Erlangt den wahren Frieden

Nur, wenn es nicht mehr schlagt

war es Hackerten doch, als wuhlte eine Geisterhand sonderbar sein Inneres um. Thranen, die, wie er oft gesagt hatte, nicht in sein Herz waren gesaet worden, meldeten sich freilich nicht, leise quillend und unwillkurlich, aber er musste doch zu Murray sagen: Sie sind ein Priester von der Art, wie wir keine haben! So war's mir schon recht. Jeder musste eigentlich seinen eignen ...

Hackert stockte; aber Murray verstand und fuhr rasch fort:

Seinen eignen Erloser finden ...

So etwas! sagte Hackert; wenigstens Einen, der ihn hinausfuhrte in die Natur und ihn durch Milde bekehrte!

Junger Mann, sagte Murray ... Suchen Sie nur die Einsamkeit, dann ist der Priester immer bei Ihnen.

Hackert dachte an den schonen Julitag, wo er zu Tempelheide im Korne unter den blauen Blumen lag und sich an Siegbert anschliessen wollte, aber nicht konnte, da es noch viel zu wild in ihm damals tobte ...

Indem fesselte Murray eine neue Inschrift. Er zog sein Portefeuille, um sie aufzuschreiben. Indem er es aufschlug, klang etwas auf dem Grabstein, vor dem er stand. Etwas Metallenes war ihm entfallen.

Hackert hob es auf.

Es war ein halber goldner Ring ...

Wie Murray diesen halben goldnen Ring, den ihm Louis Armand nach dem Wiedersehen und dem Erortern des im Schranke der Jagerwohnung Gefundenen gegeben hatte, von Hackert empfing und wieder in das Portefeuille legen wollte, sah er in dem jungen Manne eine seltsame Bewegung.

Was ist Ihnen? fragte Murray.

Unwillkurlich griff Hackert in seine eigne Rocktasche und zeigte mehr wie zu spielendem Zufall die andre von Schlurck empfangene Halfte eines Ringes.

Murray erst scherzend, hielt seine Halfte an diese, sagte aber nun plotzlich erschreckend, wahrend seine Hand zitterte:

Gott! Sie passen ja!

Hackert, wirklich nicht minder bewegt, blickte in den innern Rand. Wie er die Buchstaben P.v.R. deutlich zusammengefugt erblickte, musste er sich an einem Kreuze halten, so erschutterte seine schwachen Nerven dies Zusammentreffen ...

Und Murray rief mit schon ersterbender Stimme:

Was ist Das? Woher haben Sie die Halfte dieses Ringes?

Dabei streifte er mit der Hand die Binde zuruck, sein Hut entfiel, die Binde entfiel, die Gestalt hob sich ...

Ich bin ein Findelkind, sagte Hackert. Wie man mich an der Thur des Waisenhauses dieser Stadt aussetzte, fand sich in dem Korbe, in dem ich schlief, die Halfte dieses Ringes ...

Und Murray sank schon halb auf einen Leichenstein, halb hielt er Hackert's Arm, bohrte seine Augen in die des jungen Mannes, hob die Lippen, als wollte er sprechen, wischte die Augen, als wollten sie weinen, lachte, griff nach seiner Stirn, betrachtete den Ring

Paul? rief er endlich.

Nicht Paul ... sagte Hackert ...

Gutiger Heiland, nicht Paul Zeck ... stammelte Murray erblassend.

Paul Zeck? Paul Zeck? ... rief Hackert sich besinnend.

Und schon wuhlte er in den Papieren seines Portefeuille.

Der Schein, den Hackert in jener Nacht Bartuschen abgenommen, zitterte in Murray's Handen ...

Dann sammelte sich Der aber und sprach, indem er krampfhaft Hackert's Hand ergriff:

Diesen Ring gab ich einst meiner Schwester Ursula Zeck. Paul Zeck ist nicht ihr Kind; es ist mein Sohn und der Sohn dieser Frau, deren Name P.v.R. lautete. Es sind jetzt drei Falle! Entweder: Paul Zeck ist durch Naturgesetze todt, oder Ursula Zeck hat ihn ermordet, oder sie setzte Paul Zeck am Waisenhause dieser Stadt aus und machte den Ursprung des Kindes kenntlich durch die Halfte dieses Ringes, die andre wurde bei ihr gefunden ...

Hackert blickte bald auf die Ringtheile, bald auf Murray und sagte dann leise:

Ihr Sohn? Sie? Und ich? Ja, ich bin ja dieser ausgesetzte, erst im Waisenhause erzogene Findling ...

Es war das erste reine Gefuhl der gebrochenen Eiseskalte des Herzens, das erste Herzensbeben dieses jungen Mannes, indem er diese Worte sprechen musste.

Murray betrachtete den Sprecher, die Gestalt, die Zuge des Antlitzes ... Auch das Haar ging ihm plotzlich wie in Flammen auf ... Ha! sagte er. Daher! Daher! Von jener Nacht! Lichterlohes Haar! Du bist's! Bist mein Sohn?

...Die Todtengraber uberraschten eine Gruppe. Sie wollten das Thor schliessen, das auf zwei Schritte in der Nahe war. Unwissentlich hatten der Vater und der Sohn diesen Weg genommen ... Sie halfen Hackerten, der sich bald sammelte, den ohnmachtigen Mann, der seinen Sohn gefunden und seine Freude nicht auszujubeln wagte, an das Thor fuhren, wo noch Miethwagen hielten ...

Die beiden verspateten Theilnehmer des Leichenzuges fuhren, wie Hackert dem Fiaker zugerufen, nach der Brandgasse Nr. 9, wo Murray ja noch wohnte ...

Die Todtengraber fanden die Scene, die Ausrufungen, die Umarmungen seltsam. An der Stelle, wo alles Das vorfiel, fand sich nichts zur Aufklarung, kein Leichenstein, kein Denkmal, nur ein Blattchen Papier, auf dem mit Bleistift eine der Grabschriften ihres Friedhofes in der Nahe aufgeschrieben stand. Sie lautete:

"Den Lebenden ist Nacht. Den Todten bricht,

Den Schlummernden ein neuer Morgen an."

Vierzehntes Capitel

Wolken

Der umsichtige, thatige Oberkommissar Pax sass eines Morgens bald nach dem Begrabniss des Karl Eisold noch im Schlafrock und blatterte in gemischten Papieren. Sieht es bei alten von Frauen verwohnten Junggesellen ohnehin schon in ihrer Behausung behaglich und mit pedantischer Ordnungsliebe gepflegt aus, so hat ein hochgestellter Diener der offentlichen Sicherheit vollends Gelegenheit, sich eine comfortable Existenz zu begrunden. Herr Pax schlupfte uber Teppiche, lehnte die Arme auf Stickereien, den Rucken an schwellende Kissen, die ihm von seinen Verehrern, den reichen Burgern der Stadt, Sollicitanten und selbst dann und wann Contravenienten zum Geschenke gemacht wurden. Da waren die Glasschranke voll Porzellan, voll Gold und Silber. Kostbare Blumentopfe beschatteten die Fenster, die mit Ampeln und hangenden Rankengewachsen geziert waren. Selbst ein Papagey, vor Allen aber Schoosshunde und Katzen fehlten nicht, wie bei einer alten Jungfrau, die ihren reichen Schatz an Liebe zuletzt doch mit irgend Jemand in der Welt theilen muss. Charlotte Ludmer hatte den ehemaligen derbauftretenden Wachtmeister doch zum verweichlichten Junggesellen erzogen, und die halbe Stadt wusste, wann Herr Pax seinen Geburtstag feierte. Die guten Burger erdruckten ihn dann mit Uberraschungen, von denen ihn die Naturalgeschenke trotz seines guten Appetits oft in Verlegenheit setzten, da sie zur Verkostigung fur Monate ausreichen konnten. Eben trug ihm eine junge Haushalterin in silbernem Service den Kaffee herein, als ihn Hackert freundlich begrusste und ihm Gluck wunschte zu den wahrscheinlich sehr reichen Fangen, die er auf seiner Rundreise gemacht hatte.

Pax lachelte mit dem Bewusstsein eines Mannes, der das Wohl des Staates an seinen Fingern hat und, wenn er nicht Acht gabe, das ganze Gewebe der offentlichen Ordnung fallen lassen konnte ...

Er ruckte einen kostbaren Fauteuil seinem Protege zu und fragte ihn, ob er schon gefruhstuckt hatte. Die Sahne war schaumend. Das Weissbrot war das zarteste. Der Mocca vom schonsten Rothschwarz. Die Haushalterin allerliebst. Doch lehnte Hackert ab.

Schmelzing hat mir schon gestern Abend mancherlei erzahlt, sagte der Oberkommissar. Was haben denn inzwischen Sie erlebt?

Hackert zog seine Liste verdachtiger Personen und die Notizen noch verdachtigerer Zustande hervor und bat den Oberkommissar, ihm nur auf den Zahn zu fuhlen. Er wurde ihm dann eine reiche Ernte mittheilen konnen.

Das ist ja charmant. Die Zeiten sind schlimm! Die Umtriebe wachsen immer gefahrlicher. Setzen Sie sich, Hackert. Wirklich? Haben Sie schon gefruhstuckt?

Damit wollte der freundliche Herr, der wie Mancher erst im Schlafrock Gemuth hatte, an einem kostbar gestickten Schellenzuge klingeln und hatte schon den krystallnen Ring in der Hand ...

Hackert lehnte ab ...

Wie Sie wollen! sagte der freundliche Wirth und lenkte zu den Geschaften ein. Schmelzing erzahlt mir ja Wunderdinge von dem Karl Eisold'schen Begrabniss. Er hat alle Namen aufgeschrieben, die er erkannte

Ich sah Schmelzing nicht

Er war zugegen. Es ist erstaunlich, was sich fur Menschen kompromittirt haben. Der Staatsanwalt wird zu thun bekommen.

Es ist viel gesprochen worden, sagte Hackert ruhig, aber Aufregendes?

Hackert, entgegnete Pax herablassend, aber doch drohend. Sie haben keine Neigung fur politische Fragen. Sie sind Schmelzing uberlegen in der Auffassung, aber Schmelzing beobachtet scharfer ...

Ohne horen und sehen zu konnen?

Pax lachelte und schlurfte seinen Mocca, den er stark trank, da es ihm an Bewegung nicht fehlte ...

Sie wissen doch, sagte er, dass es in der Gaunersprache der Revolutionars ein Auf- und Abwiegeln gibt. Nichts ist gefahrlicher als das Abwiegeln. Da werden die Leidenschaften zuruckgedrangt und brechen nur um so gefahrlicher in unbewachten Augenblicken hervor ...

Aha! sagte Hackert ruhig.

Leidenfrost soll in dieser Art am Grabe abgewiegelt haben.

Er ist, berichtete Hackert, mit einer Sendung von Maschinen auf die Guter unsres Premierministers, um sie dem dortigen Generalpachter Ackermann zuzufuhren. Zwei Arbeiter, Heusruck und Alberti, begleiten ihn ...

Der dritte im Bunde, Danebrand, soll sitzen ...

Man beschuldigt ihn, den Karl Eisold durch eine Heldenthat haben rachen zu wollen, die an die bekannte Geschichte von Arnold von Winkelried erinnert. Kennen Sie diese Geschichte, Herr Oberkommissar?

Der ehemalige Wachtmeister schien die Geschichte der Schweiz nicht studirt zu haben, ob er gleich mit ihr in naher Verbindung stand und einen lebhaften Briefwechsel uber das "Treiben" der Fluchtlinge daselbst unterhielt.

Die Geliebte Danebrand's hat einen andern Verehrer gefunden, fuhr Hackert fort; einen Inspektor auf dem koniglichen Schlosse Buchau. Es ist derselbe Mann, der jene Auguste Ludmer heirathen wollte ...

Apropos, Hackert, unterbrach Pax die unangenehme Erinnerung an seine Pseudo-Schwester, ich habe ein Briefchen von der Familie des Geheimraths von Harder vorgefunden. Man dankt mir sehr fur Ihre Empfehlung; aber Sie haben sich einem Auftrage nicht unterzogen, den man Ihnen daselbst ertheilte

In Betreff jenes zweideutigen, falschen Englanders

Ganz Recht! Das Briefchen ist schon einige Tage alt. Dieser Mensch ...

Den man auf Caution freigelassen hat ...

Etwas voreilig Assessor Muller liess sich von hohen Personen imponiren

Die Identitat des Individuums, das jene charmante Dame, Madame Ludmer, zu erkennen wunscht, passte nicht auf diesen Murray es sind vollig verschiedene Personen ... auch wollte mich Muller in keiner Beziehung zur Justiz anerkennen.

Hm! Ich meine denn doch, der Fall war wichtig. Ich habe in Hohenberg diesen Mann mit grossem Aufwand beobachten lassen und seine Gefangennehmung ist mit einem Verbrechen verbunden gewesen.

Gegen alles Das hat ein ehemaliger Diplomat, Baron von Dystra, durch sein Zeugniss und eine enorme Kaution den Beweis besseren Sachverhalts gefuhrt.

Hab' ich gehort und beauftrage Sie auch, diesen Dystra in's Auge zu fassen. Alles, nachgrade Alles wird verdachtig!

Einstweilen weiss ich, dass dieser Sonderling sich beim koniglichen Schlosse Buchau ankaufen will und eine gewunschte Parzelle dazu erhalten hat. Er interessirt sich fur das Ungluck der Eisold'schen Familie und hat Louisen vorgeschlagen, sie mochte in seinem Auftrage mit ihren Geschwistern nach Buchau gehen und ihm dort Vorbereitungen treffen, dem Bau, den er auf der Ruine Tempelstein fur den Sommer vorbereitet, mit Bequemlichkeit anwohnen zu konnen.

Sie sind gut unterrichtet sagte Pax. Doch find' ich darin nichts Staatsgefahrliches wenn nicht diese Nahe von Demokraten bei einem koniglichen Schlosse ...

Ich meine, sagte Hackert mit bittrer Ironie, es ist sehr nutzlich, dass eine neue Tochter Jephtha's, eine Jeanne d'Arc der Arbeiter, von hier entfernt wird

Pax schwieg bedeutungsvoll. Er stellte sich, als verstunde er die geschichtlichen Anspielungen seines Volontairs, der eigentlich mit ihm wie die Katze mit der Maus spielte.

Das Madchen wird schon dieser Tage gehen, erzahlte Hackert. Mangold ist voraus und Baron von Dystra hat den Tempelstein gekauft. Er wird ihn im Fruhjahr ausbauen lassen. Einstweilen sammelt er Handschriften, was bedenklich ist ...

Wie so?

Er sammelt Handschriften! wiederholte Hackert trocken. Ich furchte, er wird einmal einen gewissen Brief des Majors Werdeck finden und dann einen Brief von Schmelzing's Hand mit ihm zusammenlegen und einen Kenner fragen, ob beide Hande Ahnlichkeit miteinander haben oder nicht.

Hackert hatte diese Worte ruhig hingeworfen.

Pax aber blickte gross auf und schien uberrascht ...

Was ist Das? Schmelzing, Werdeck?

Ich wollte nur bemerken, sagte Hackert ruhig und sehr einfach, dass Schmelzing zwar ein durchtriebener Spitzbube ist und die Kunst, falsche Handschriften nachzuahmen, aus dem Grunde versteht, aber er soll sein Geschaft vorsichtiger betreiben und nicht Aldenhoven, Lieutenant Flottwitz, Major Turk und ahnliche Mitglieder des Reubundes zu oft besuchen

Hackert! Hackert! sagte Pax erstaunt. Sie haben Katzenaugen! Ist gegen den Major von Werdeck Was ist denn?

Hackert schwieg ...

Werdeck ist ein eid- und pflichtvergessner Offizier, fuhr Pax heraus. Er hat einen Umgang, den ein Mann in seiner Stellung nie haben darf Dankmar Wildungen, Louis Armand, Leidenfrost Diese Menschen! Was ist Das fur ein Brief?

Es circulirt, erzahlte Hackert, seit einigen Tagen unter den Offizieren ein aufgefangener Brief, den man zuerst bei einer Parade, als die Parole ausgetheilt wurde, mit Erstaunen herumreichte. Diesen Brief soll der Major Werdeck an einen im Auslande lebenden Fluchtling geschrieben haben. Er bietet ihm darin die Ergebenheit einer grossen Partei in der Armee an und wunscht die genauere Angabe der Zeit, wann man hoffen konne, loszuschlagen. Eine Untersuchung wird spater folgen. Vorlaufig ist dem Major von Werdeck der Degen abgefordert worden ...

Ist es moglich! Aber Schmelzing?

Einige Reubundler leiden an dem Wahn, sich periodisch fur Dichter zu halten. Schmelzing schrieb ihnen holprige Verse ab, aber gestern fand ich bei Schmelzing ein Billet des Majors, das unverfanglich und echt und irgend Jemandem, der es von dem Major empfangen hat, entwendet war. Schmelzing entriss mir den Fetzen, dem ich ansah, dass er ihn durch Fliesspapier durchgezeichnet hatte, um sich in des Majors Handschrift einzuuben ...

Hackert! Sie sind ein Hauptfanger! rief Pax und stand aus seinem schwellenden Kissen auf. Aber auf diesem Gebiete lassen Sie weitres Forschen! Die Armee wird schon Grund haben, Werdeck zu uberwachen. Les' ich doch in diesen Papieren, dass der Kommunist Louis Armand, den der Furst Hohenberg jetzt ganzlich von sich entfernt halt, sogar mit Werdeck's Familie verkehrt, Zutritt in seinem Hause hat

Er ist verwandt mit der Frau des Majors.

Und mit einem Pfarrvikar in Plessen bei Hohenberg, Namens Oleander ... Das schwarze Kabinet in der Post uberwacht die Korrespondenz, die an Louis Armand eintrifft. Diese Verfugung soll von hoher Stelle ausgehen. Man traut selbst Egon, dem gegenwartigen Premierminister, nicht und kann der Besorgniss noch immer nicht entledigt werden, dass Furst Hohenberg auf ein doppeltes Spiel setzt! Da ist an Louis Armand ein Brief aus Plessen gekommen, worin jener Pfarrvikar ihm sozusagen politische Aufsatze schreibt. Selbst von einem Bunde ist darin die Rede ...

Hackert gedachte des Bundes der Ritter vom Geiste, brach rasch ab und bemerkte auf Veranlassung des Pfarrvikars:

Guido Stromer steht auch auf meiner Liste. Streichen wir ihn nicht? Er soll den Titel eines Hofraths von einem kleinen Fursten an der Donau erhalten haben. Der Minister dieses Fursten ist von Frau von Harder darum angegangen worden. Auf der Strasse sieht man den Hofrath Stromer in seinem neuen kostbaren Biberpelze nun wie einen Narren. Jedes Madchen macht ihn stutzig. Die Augen verdreht er wie ein Kalb und uber die einfachsten Dinge soll er einen Schwall von Worten giessen, wie ein Uberspannter ...

In der Provinz wird Guido Stromer bewundert, sagte Pax. Seine Aufsatze im "Jahrhundert" liest alle Welt. Jedermann will wissen, ob man ihm nichts von Guido Stromer erzahlen konne besonders die Damen

O erzahlen Sie ihnen doch, sagte Hackert, der in der That uber Alles unterrichtet schien, dass dieser Hochfliegende die Seinen daheim in einem armseligen Dorfe sitzen hat, sein Amt von Oleander verwalten lasst und hier eine prachtige Wohnung bezog, die fur ihn zwei Damen Wandstablers gemiethet haben Sie kennen sie

Die Wandstablers ... vom Fursten?

Die Dore ist im Palais geblieben die Lore aber und Flore haben ein Stockwerk fur sich allein gemiethet. Kostlich meublirt vermiethen sie es nun scheinbar an Hofrath Stromer, dem seine Ideen mit Gold aufgewogen werden. Er hat drei mit Sammttapeten geschmuckte Zimmer der beiden Damen gemiethet und wohnt bei ihnen, man sagt, mit unverschlossener Verbindungsthure. Sie mussen ihm jeden Morgen den Kaffee in idealischer Tracht bringen, bald griechisch, bald orientalisch. Das Gefass ist von Silber und es ist schon vorgekommen, dass er sich des Morgens an der Wellenlinie einer neuen Milchkanne gestossen und aus beleidigtem Schonheitsgefuhl lieber kein Fruhstuck genossen hat. Die beiden Wandstablers mussen dann vor ihm knieen und mit einem eignen Tonfall bitten: Trink, Guido! Dann halt er seinen rothen Pantoffel uber den Nacken der Flora, legt sie in eine Attitude, wunscht sich Bildhauer herbei und mochte die Gruppe ausgehauen haben

O, rief Pax, der sich vor Lachen kaum halten konnte und etwas Sardanapalisches in sich selber aufgeregt fuhlte, Das ist ja auch prugelnswerth woher wissen Sie denn diese Tollheiten?

Die Leute sind sehr unvorsichtig, sagte Hackert. Sie wechseln alle acht Tage mit ihren Dienstboten. Der schwarmerische Ex-Geistliche will nur Ideale zur Umgebung haben und doch sind die Wandstablers eifersuchtig. So gibt es ewig Zank, unaufhorlich Abschied, folglich Geschichten. Wenn dieser grosse Mann sich nicht bei Zeiten besinnt, kann es noch dahin kommen, dass ihn die beiden Demoiselles jeden Abend gemeinschaftlich durchwalken, wahrend Hunderttausende bewundernd seine Artikel lesen.

Pax hatte an diesen Schilderungen, die Hackert mit aller Anschaulichkeit fortsetzte, seinen Spass. Er musste nun aber in seinen Dienst und sich ankleiden. Er lobte Hackerten fur seine eben so reichhaltigen wie amusanten Mittheilungen. Er hatte Stoff, nun wieder seinen Vorgesetzten zu unterhalten. Dieser unterhielt dann wieder seinen Vorgesetzten. Dieser wieder den seinen und so fehlt es in einem geordneten Staatswesen nicht an harmonischem Zusammenhang und prachtig schliessenden Kettengliedern. Geld lehnte Hackert heute wieder ab. Er sagte, er hatte dessen noch hinlanglich ...

Hackert's heit're Laune, die acht Tage lang von dem wundarztlich Zipfel'schen Ehepaar bewundert wurde, schien nur einigermassen getrubt, als er nach Hause zuruckkehrte und die Frau Wirthin etwas schmollend von durchnassten Fussboden anfing. Durchnasst waren die Fussboden in Hackert's Zimmer durch nasse Tucher, die er sich Abends wieder um sein Bett legen musste ... Sein Vater hatte ihn nach den Eisenstaben der fruher von ihm bewohnten Zimmer gefragt und mit Schaudern und Wehmuth von seiner Mondsucht gehort ... O, hatte er ihm seufzend gesagt, mein Sohn, auch daruber sollst du Aufschluss haben, wenn es Zeit ist, dir Die zu nennen, die dir das Leben gab! Ich bin Schuld auch an diesem grauenvollen Ubel! Und als der Sohn daruber erstaunte, hatte Zeck erklart: Dunkel und tief ist das Reich der Natur. Wie ich dich so wiederfinde, mein Sohn, bist du wie unmittelbar erst aus der Hand der Schopfung hervorgegangen. Du bist noch wie ein Kind vor Angst und Gelust. Ein Zauberer wurde dich erziehen mit Hulfe eines reinen Lichtwesens, das unter Musik aus den Wolken steigen und dich sanftigen musste. Ach, deine Eltern sind dein Schicksal! Wo anders her kann es kommen, dass dich ein schlimmer Geist der Unruhe mitten im Schlafe befallt und dich dir selber unbewusst von deiner Schlummerstatte treibt, woher anders, als dass deine Mutter in jener Nacht, als sie dich unter dem Herzen trug, von einem Entsetzen ergriffen war einem Entsetzen doch genug ! ... Hackert hatte auch nicht forschen mogen. Er ehrte den Wunsch seines Vaters, ihm mit allen seinen Enthullungen Zeit zu lassen. Und einstweilen hatte der wunderliche Alte mit dem Sohne fast einen ahnlichen Pakt eingegangen, wie mit Auguste Ludmer, die er nach seinem festen Glauben zu einem Engel umgewandelt hatte, wenn ihm nicht Mangold und die Intrigue seiner Feinde den Rettungsplan zerstort hatten. Auch so, sagte er sich oft zum Troste, auch in diesem Irrsinn, der sie dahin raffte, war sie reiner denn vordem. Was ist Irrsinn? Wer deutet dies Dunkel? Auguste kam ihm immer nur wie im weissen reinen Gewande vor die Seele, nicht als die verworfene Sunderin. Grade dass ihr der Himmel den irdischen Verstand nahm, machte ihm in der Erinnerung den Eindruck, als hatte sie eben die Sprache des Urgeistes schon reiner verstanden als die vernunftklaren Menschen.

An Paul, seinem Sohne, entdeckte Zeck freilich bald alle moralischen Fehle und schauderte vor seinem geistigen Tod. Er hatte gefurchtet, in seinem Kinde, wenn es noch lebte, vielleicht einen gemeinen Verbrecher zu finden. Das war Hackert nicht. Er hatte aber, wie Zeck sagte, an seiner Seele tiefen Schaden gelitten und bewies ihm dies, als Hackert ihm gestand, in welchem Incognito, vor aller Welt verborgen, er lebte. Ein Spion, hatte er ihm gesagt, allmachtiger Gott! Ein Spion ist nach meinem Begriffe eines der elendesten Geschopfe der Welt! Du bist in diese Bahn gerathen aus sittlichem tiefstem Verfall. Du liebtest nur sinnlich. Dieser Schlurck hat durch seinen Leichtsinn und seine Schwache, die er Herzensgute nannte und die es wohl auch ist denn, ewiger Gott, schaltete Zeck ein die Geheimnisse der Seele sind unergrundlich! durch diese Mischung von Gut und Bose hat er dich um dein wahres geistiges Wachsthum gebracht. Deine Seele, mein Sohn, kommt mir vor wie jenes Tuch, das einst dem Apostel Petrus in der Stadt Joppe vor den Augen vom Himmel nieder gelassen wurde. Darin sah er allerlei Gethier der Erde, schlimmes Gewurm, aber auch Vogel des Himmels. Und er horte eine Stimme, die sprach zu ihm: Stehe auf, Petre, schlachte und iss! Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn es ist nie Gemeines noch Unreines in meinen Mund gegangen. Aber die Stimme antwortete Petro zum andern Male vom Himmel: Was Gott gereinigt hat, Das soll dir nicht gemein sein. Das geschah aber dreimal und als Petrus vom Geiste getrieben war, eben der Stimme zu folgen, da ward Alles in dem Tuche wieder hinauf gen Himmel gezogen.

Hackert hatte diese und ahnliche Reden seines Vaters, die er von einem Andern nicht ohne Lachen wurde haben vernehmen konnen, ruhig und befremdet hingenommen. Er fuhlte, dass grade sein Herz ein solches Tuch voll unheimlicher wimmelnder Unruhe und angstlichsten unreinen Lebens war. Murray aber nahm ihn noch, wie er war und ohne dass er einzuraumen brauchte, er sollte sich verachten oder hassen. Der Vater beschloss, ihn gewahren zu lassen, so lange er wollte und wie er wollte. Fahre in deinem Leben so fort, sagte er. Verlange Geld von mir! Ich bin nicht reich und wurde die grosse Burgschaft des edlen Otto von Dystra nicht sogleich haben leisten konnen, aber ich habe so viel, um leidlich auszukommen. Und versprich mir, jeden Morgen aufrichtig zu erzahlen, was du am Tage vorher gethan, wofur du Geld ausgegeben, was du mit Pax verhandelt hast! Ich werde dich uber Nichts tadeln, ich versichre dich, mein Sohn, uber Nichts. Ich werde auch Nichts verrathen. Aber die Nothwendigkeit, dich auszusprechen, wird dir lehrreich sein. Du wirst dadurch, dass du nicht Alles in dir ersterben, ersticken lassest, dein Herz zum Gegenstande deiner langeren Betrachtung wahlen und dir selbst in's Auge sehen. Wo ein Geist der Spiegel des andern ist, findet sich der Eingang zur Wahrheit ... Und fur seinen angstlichen Zustand des traumenden Wandelns und Aufstehens gab ihm der Vater den einfachen und praktischen Rath, sein Lager mit jenen Tuchern zu umlegen, die Frau Zipfel so argerten. Lachelnd und milde sagte der Vater: Sieh, Fritz ich nenne dich so lieber, als Paul sieh, Fritz, da erschrickt sogleich der nackte Fuss und es bedarf der eisernen Riegel und Stangen nicht, die ja an ein Gefangniss erinnern.

Unmuthig uber die Neugier seiner Wirthsleute ging Hackert eben in die Brandgasse zu seinem Vater. Er hatte, ihm gegenuber, ein Beichtbedurfniss bekommen, das seine ganze Seele erweiterte und leichter athmend machte. Er reflectirte zuweilen schon ohne Spott. Er urtheilte objectiv nach ublichen Voraussetzungen. Murray konnte erwarten, dass er sich bald von selbst von seiner gegenwartigen Bahn abwenden und ganz an seinem warmen Vaterherzen vielleicht aufthauen wurde.

In der That war Louise Eisold im Begriff, in den dem Schlosse Buchau nahe gelegenen Ort gleiches Namens zu reisen und ihre Geschwister mitzunehmen. Es drangte sie fort von hier und selbst der rauhe Winter schreckte sie nicht. Sie hatte Hackert wiedergesehen, ihn weicher, sanfter gefunden von seinem Verhaltniss zu Murray erfuhr sie nicht die volle Wahrheit ihre Neigung fur den damonischen Jungling war trotz seiner Beziehung zu Pax gestiegen. Da sie aber sah, dass nur Mitleid, nicht Liebe fur sie in diesem Herzen schlug, nahm sie den Vorschlag Otto von Dystra's an, der sie besuchte, die Kinder kleiden, reichlich ausstatten liess, ihr Mittel, soviel sie nur wunschte, zu Gebote stellte. Auch Dankmar Wildungen gehorte zu Denen, die ihr zusprachen, nach Buchau zu reisen. An eine Erfullung der Wunsche des innigst betrubten Mangold dachte sie nicht. Auch sass ja noch der gute Danebrand ...

Dankmar und Hackert trafen nicht zusammen. Jenen machte die zweite verlorne Instanz seines Prozesses menschenfeindlich und duster. Er bedurfte recht der endlichen Ankunft seines Bruders Siegbert, um von seiner eisigen Verstimmung aufzuthauen. War auch die erste Stunde ihres endlichen Wiedersehens durch das Andenken an die verstorbene Mutter getrubt, so heiterte sich doch Dankmar's Stirn auf, als Siegbert von Plessen, von Randhartingen und vor Allem vom Ullagrunde erzahlte. Seine Angst, der Bruder mochte von Selma liebend befangen sein, hatte sich gemildert, seit ihm Dystra den Brief zeigte, den Siegbert ihm uber Olga und die Furstin schrieb. Es leuchtete aus ihm unverkennbar das Interesse fur Olga, den naiven, leider in eine gefahrliche Schule gerathenen schonen Fluchtling hervor. Dankmar fragte nach Selma und horte das Erfreulichste; der Zusatz, dass Selma ihm, dem Erzahler, abgeneigt ware, machte ihn lachen und er gestand dem Bruder, dass in all seine innere Finsterniss der Gedanke an diese Begegnung mit Ackermann und dem Knaben Selmar ihm doch wie ein mildes Sternenlicht flosse. Erstaunen erregte ihm freilich anfangs die Mittheilung, dass Ackermann und Selma nie lange von ihm gesprochen hatten, ihn vielleicht gar nicht grundlicher kannten. Dann aber besann er sich und sagte lachend: Himmel, das ist ja naturlich! Sie halten mich fur den Fursten Egon!

Es versteht sich von selbst, dass Dankmar kein Recht zu haben glaubte, irgendwie Selma, die ihm als Ackermann's Tochter vollig Fremde, an sich zu erinnern. Auch Siegbert schrieb wol nach Hohenberg, aber nur an Oleander, mit dem sich ein inniger und gedankenreicher, wie wir sahen, leider schon bewachter Briefwechsel entspann. Louis Armand, der fast nur in seiner Werkstatt zu treffen war, tauschte mit Oleander nicht nur Gedichte und asthetische Ansichten, sondern auch die Freude, ihn in den Kreis der Ideen eintreten zu sehen, der die Freunde verband. Je langer Oleander die Geistesleere und eitle Gesinnung der Vornehmen beobachtete, mit denen ihn die Winterzeit zusammenfuhrte, je mehr er sich an Ackermann's klarer und ruhiger Objectivitat starkte und erhob, desto bekehrter fuhlte er sich zu jenen Ansichten, die er fruher mehr mit Grunden des Gemuths, ja wie er sich gestand, auch mit dem Vorurtheile eines gewissen Gelehrtenstolzes bekampft hatte.

Wahrend Dankmar ungetheilt strebsam arbeitete, wollte Siegbert auch wieder bei Professor Berg seinen alten Platz im Atelier einnehmen, wurde aber freilich durch die Beziehung zu Otto von Dystra, zu Rudhard und vor Allem zur Furstin Wasamskoi in seinem Schaffen oft gestort ...

Die Furstin Adele Wasamskoi hatte in der That mehr durch den Gegendruck ihres Kindes, das ihr plotzlich unter der Hand so jungfraulich sich entwikkelte, als durch eigne bewusste Gefuhlswarme fur Siegbert Wildungen eine leidenschaftliche Neigung gefasst. Im ersten Augenblick der Abreise Siegbert's gerieth sie in Verzweiflung. Sie glaubte, diese Abreise stunde im Zusammenhange mit Olga's Flucht. Als sie aber gewiss war, dass Olga bei ihrer Schwester, Siegbert auf dem Lande war, kampfte sie mit dem Plan, ihn zu uberraschen. Ihre Briefe, in denen freilich ihr Stolz und ihr Schicklichkeitsgefuhl sich nichts vergab, waren voll Neckereien, sie werde ihm folgen, sein Treiben untersuchen, seine neuen Bekanntschaften prufen. Dann aber zerstreute sie Otto von Dystra's Ankunft und das Studium dieses sonderbaren Charakters. Das innerste Wesen dieses Mannes war, schien es, die Universalitat. Ein echter Sohn des neunzehnten Jahrhunderts begrusste er jede nur irgendwie uber das Gewohnliche hervorragende Lebensausserung wie ein Phanomen, das sein ganzes Interesse in Anspruch nahm. Mit Leidenfrost, den er einst aus Polen als Bedienten entfuhrt hatte und den er als so vielseitig gebildeten Geist wiederfand, konnte er die bizarrsten Ideensprunge versuchen, mit Rudhard philosophiren, mit Dankmar uber Rechtsfragen, mit Louis Armand uber die Gewerbe reden, er war die verkorperte geistige Gourmandise dieser Zeit. Er schlurfte Alles ein, was die Zeit an seltsamen Gestaltungen bot. Er sammelte Kupferstiche mit Gelbsattel, Autographen mit Voland, Munzen, phrenologische Abgusse, Alterthumer mit einer Menge von alten und neuen Bekanntschaften, die ihm alle selbst wieder von psychologischem Werthe waren. Sein Ideal waren Kongresse, grosse Industrieausstellungen, gemeinschaftliche Reisen, Vereinswirksamkeiten aller Art, wobei ihm selbst der Sozialismus Bedeutung gewann und uberhaupt die Ideen der Neuerung nichts Schreckhaftes boten. Sein Tisch war von Prospekten, Aktien, Cirkularen zu Unterschriften nie leer. Jede angekundigte Schaustellung musste er sehen, jede beruhmte Personlichkeit sprechen und sollte er sie mit seinem verwachsenen, aber behenden Korper erst unter einem Dache aufsuchen. Dystra war ein liebenswurdiger Mensch, voll Gemuth und Verstand, duldsam, theilnehmend an jedem Schmerz, hulfreich, wo er konnte. Fur jeden Angriff hatte er eine Vertheidigung, fur jeden Irrthum eine Entschuldigung. Die Frauen stritten um ihn, weil er witzig, voll treffender und doch Niemanden verwundender Einfalle war. Man machte ihm Geschenke, neidete sich um seine kleinen Billets, die immer einen witzigen Einfall brachten, und dennoch versank er nicht in Egoismus, sondern gehorte dem Allgemeinen. Auch gegen die Furstin war der Freund ihres verstorbenen Gatten voller Aufmerksamkeit und liess sie nicht im Mindesten fuhlen, dass Rudhard, im Drange der Aufrichtigkeit, ihn, als einen edlen Menschen, den man nicht tauschen durfte, uber den Stand der ganzen Familie au fait gesetzt hatte. Auch Anna von Harder, die den Winter in der Stadt wohnte, lernte Dystra kennen, obgleich die Musik das Einzige war, dessen Organ ihm zu fehlen schien. Dennoch trug er viel dazu bei, dass die Furstin sich Anna immer inniger anschloss. Anna weckte wieder die musikalischen Talente der jungen Frau, die eingeschlummert waren. Sie gab ihr Anknupfungen fur das Bedurfniss, aus einer gewissen geistigen Ohnmacht herauszukommen und sich in klaren Empfindungen zu starken ... Anna von Harder hatte nichts, was im Mindesten an das Bestreben erinnerte, fur ihre, allerdings mehr religiose, als poetische Weltauffassung Proselyten zu machen, aber diese Proselyten kamen von selbst. Ihre Ruhe, ihre erprobte Kraft im Dulden, ihre heitre Gottergebenheit und das emsige Walten um den weltscheuen, nur seinem Berufe und seinen Liebhabereien lebenden uralten Greis, ihren Schwiegervater, den wir bald naher kennen lernen werden, gaben ihr das Wesen eines so festen Mittelpunktes, dass sie unwillkurlich magnetisch anzog und sich eine Menge kleinerer, schwacherer Naturen an sie ansetzten. Die Furstin Wasamskoi gefiel sich alle Mal darin, von ihr wie ein Kind behandelt und wie neu erzogen zu werden und Rudhard, so sehr er der Geistesrichtung Anna von Harder's abgeneigt war, liess Das gehen. Er storte sie nicht. Sah er doch, wie beruhigend dieser Umgang wirkte, wie der aufgeregte Vulkan ihrer Gefuhle nachliess zu kochen und zu drohen. Er sah, wenn er an die Verirrung von diesem Herbste dachte, schon nur noch die Asche davon.

Nun kam freilich Siegbert zuruck! Er war durch den Trauerfall, durch den Aufenthalt unter bedeutenden Menschen und die Abwechselungen der Reise mannlicher, gereifter geworden. Er hatte immer etwas von jenen sanften, bestrickenden Mannernaturen, die man mit den Christuskopfen vergleicht und sah dem Heilande, wo er mit blondem Haar dargestellt wird, in der That so ahnlich, dass ihn jede am Manne Gemuth und Nachgiebigkeit, nicht Witz und Thatkraft allein schatzende Frau hochverehren und lieben musste. Aber nun war er mannlicher denn je. Otto von Dystra erkannte seine siegende Wirkung auch sogleich und machte sich ihrer in Siegbert's Gegenwart kein Hehl ...

O mein Himmel, sagte er ihm mit der grossten Aufrichtigkeit, als er neben ihm im Hotel de Rome um einen Kopf niedriger auf dem Sopha sass (Dankmar'n, der ihn einfuhrte, gegenuber), o mein Himmel, was ist Das fur ein ungleicher Wettkampf! Es gab Zeiten, wo ich den ansprechenderen Erscheinungen meines Jahrhunderts beigezahlt wurde. Sie sind noch nicht gar zu lange voruber; aber ich habe in dem Sande Arabiens und in Nubiens Wusten zu schlechte Haar- und Hautpflege gehabt. Ich bin eine etwas lederne Mumie geworden und kokettire eigentlich schon mit meiner Glatze a la pere Enfantin. Ich verdenk' es Olga nicht, dass sie Geschmack hat und jedenfalls ist die jetzige Chance, dass sie sich in Sie, Wildungen, verliebt hat, doch noch viel vortheilhafter fur die Familie, als wenn wir in Odessa erlebt hatten, sie hatte sich liebend fur irgend einen jungen tscherkessischen Hauptling erklart und ihrem Kaiser die Schmach angethan, mit irgend einem Schamyl in den Kaukasus durchzugehen.

Siegbert sprach sich auf diese Selbstpersiflage offen dahin aus, dass er kaum annehmen durfte, Olga wurde in den Zerstreuungen Italiens und bei den eigenthumlichen Auffassungsweisen ihrer Tante lange ihm die Gesinnung erhalten, deren sie ihn hier gewurdigt hatte. Und Dankmar meinte gradezu, es ginge das Gerucht, der Maler Heinrichson ware der Freund und Begleiter der Frau Grafin d'Azimont und noch stunde es dahin, ob nicht sein gewahlter Geschmack dabei eigentlich Olga im Auge hatte. Doch wurde diese vorschnelle Ausserung Veranlassung, dass Dystra sagte:

Nein, nein! Man irrt in allen diesen Voraussetzungen. Lesen Sie, was Olga hieruber an Rudhard geschrieben hat. Es ist ihr zweiter Brief, originell wie der erste und in der festgerannten eigenthumlichen romantischen Auffassung wiederum komisch genug. Ich gestehe dabei freilich, dass das Burleske in dem Gegensatz zu dem prosaischen nuchternen und aller Schwarmerei baaren und abholden Erzieher liegen mag.

Lieber Papa Rudhard, schreibt sie, lesen Sie! ...

"Lieber Papa Rudhard, dein Brief wurde uns nach Rom gesandt, in diese grosse und allmachtige Stadt, die Gott der Herr mit allen seinen himmlischen Heerschaaren selbst erbaut zu haben scheint. Hier ist nichts Gemeines! Hier ist Alles gross und unsterblich! Ach, Papa, ich las deine Warnungen und guten Lehren mit der Geduld, die man fuhlt, wenn man Menschen reden hort, die Italien nicht gesehen haben. Es ist grade, als wenn du mir vom Nutzen eines transportablen Ofens sprachest und mir Vorwurfe machtest, dass ich nach Rom trotzdem, dass wir eine Espece von Winter auch hier haben, keine nordische Feuerung mitgenommen hatte. Ich bin, seit ich Italien sehe und alle diese herrlichen Kirchen, diese Villen, diese Palaste und den Baldachin des blauen Himmels und die dunkle Azurflache des grossen Meeres, mit Euch Allen eigentlich versohnt und fuhle nur noch Mitleid, keinen Hass mit Euch. Mein Tagebuch wird Euch vielleicht einst die Empfindungen sagen, die ich an jeder beruhmten Statue, an jedem bewunderten Bilde, das ich sehe, in meinem Herzen belauschte. Ich ergreife alle Gelegenheiten, etwas zu lernen und antworte den dummen Stutzern, die uns besuchen und den Hof machen es drangen sich in allen Stadten besonders die Englander und Russen an uns immer mit antiquarischen Gegenstanden, wodurch sie sich sogleich entfernen, wie Ungeziefer vor scharfen Geruchen. Ich finde, dass ich dadurch vielen Vortheil vor andern Madchen voraus habe, die sich nur darin gefallen, von hundert Mannern immer dieselben faden Schmeicheleien zu horen. Diese Frauen sprechen immer nur von Musik, von schonen Gegenden, von guten Gasthofen, ich aber lese Homer und Virgil und spreche dann auch daruber, was die Elegants nicht gut vertragen konnen. Naturlich wollen sie dann nicht ganz dumm erscheinen, aber sie wissen nur uber England und seine Staatsverfassung, uber Russland, den Kaiser und das Militar zu sprechen, was ich ruhig, aber kalt anhore. Baron Krutusoff fuhrt mich jetzt durch die Museen und muss mir Alles sagen, was er uber die Museen von Paris und Wien gelernt hat. Ich erstaune oft, wie unterrichtete Menschen, und ein solcher ist Krutusoff doch schon, dennoch so fade sein konnen und einer jungen Frau gegenuber immer sogleich ihren Verstand verlieren. Die Tante hort, weil sie schon sehr viel weiss, diese Schmeicheleien ruhig mit an."

Weil sie schon sehr viel weiss! unterbrach Dystra lachend die Naivetat auch dieses Briefes. Dankmar und der Baron mussten Siegbert um Verzeihung bitten, der lachelnd erwiderte:

Wie konnt' ich uber diesen Spott empfindlich sein! Ich habe Olga nie anders betrachtet, als wie ein gutgeartetes Kind, dem man nur Zeit lassen muss, seinen Weg zu gehen.

Darauf hin, sagte Dystra Beifall nickend, ist Ihr Bruder so gutig und fahrt fort.

Dankmar las:

"Die Tante wird, weil sie schon und gut ist, von den eitlen Mannern sehr belastigt, aber sie lebt nur ihren Erinnerungen und ihrem Schmerze. Oft beobacht' ich sie im Traume und hore, dass sie still fur sich hinseufzt und ruft: Mein Egon! Mein Egon! Dann weint sie und ich weine mit ihr, weil ich sie ganz verstehe und ihr Schicksal in dem Leben selbst, in der Natur und in der Kunst wiederfinde. Denn alles Schone ist traurig, ihr Menschen! Immer, wenn ich sehe, dass Andre bewundern, mocht' ich weinen. Die schonsten Madonnen und die edelsten Physiognomieen unsres Heilandes sagen alle: Unser Erbtheil ist der Schmerz und auf den weiten Ebenen, wo Kirchen, Kapellen, Strome, Felder und Walder sichtbar sind, liegt eine Melancholie ausgebreitet, die mich an meine fruheste Kindheit erinnert, wo mir innerlich etwas wehe that, ich wusste nicht was, wo ich weinen musste, ich wusste nicht wie, und wo ich nur Eines klar verstand: Deinen Tadel, Papa Rudhard, deine schneidenden Proteste gegen meinen stillen Hang zur Einsamkeit!"

Dankmar musste inne halten und voll Uberraschung Dystra und den Bruder anblicken ...

Charmant! charmant! sagte Dystra beistimmend und fast von aufwallender Liebe bewegt. Drei Manner, so die Entwickelung eines Madchens kritisirend, boten Siegbert fast den Stoff eines Gemaldes. Er selbst blickte tief innenwarts und gedachte des Augenblicks, wo dies traumerische Kind einst an seine Brust sank und mit den grossen braunen Augen ihn wie in eine unergrundliche Tiefe blicken liess. Dann horchte er dem Folgenden:

"Viel Belehrendes uber das Schone erfuhr ich auch von Heinrichson, der ein beruhmter Maler ist und uns in Mailand begegnete, weil er auch nach Rom reist. Dieser Mann ist sehr schon und ich hore ihn gern reden, weil er Kenntnisse und Witz besitzt. Auch lieb' ich an ihm, dass er ..."

Lesen Sie's nur! rief Dystra dem stockenden Dankmar zu, der Siegbert sich entfarben sah ...

"Ich liebe an ihm, dass er der Freund meines Freundes ist" ...

Das geht doch noch! sagte Dystra und nickte Siegbert zu.

Siegbert fand, um auszuweichen, es vollkommen im Charakter Heinrichson's, sich bei Olga unter dem Schutze einer Luge einzufuhren. Mein Freund! sagte er staunend.

"Die Tante, fuhr Dankmar zu lesen fort, ist gegen Herrn Heinrichson kuhl und gleichgultig. Er muss uns jetzt in Rom, wo wir ihn wiedergefunden haben, oft den Shawl und die Opernglaser tragen. Ich glaube, dass er dies, so lacherlich es ist, gern thut, weil er die Tante liebt. Aber die gute Helene wird nie mehr lieben. Ihr Andenken ist dem unvergesslichen Egon geweiht, den ich doppelt und dreifach hasse, weil er so viel Zartlichkeit mit Geringschatzung erwidern konnte. Oft weint meine gute Helene, nimmt mich dann auf den Schooss und erzahlt mir, worin Alles Egon so liebenswurdig gewesen ist. Seine Seele war kindlich und rein, spricht sie dann, er tandelte durch's Leben und Alles, was er wie im Spiele ergriff, hatte hohe Bedeutung. Ich weiss es auch, wenn ihn jetzt der Beifall eines ganzen Volks begrusst und sein Konig ihm gestattet, alle Orden der Welt zu tragen und ihm den besten, den er selbst besitzt, umhangen mag, sein Herz wird nicht Ruhe haben. Ich weiss es, selbst im Besitz der schonen Melanie wird ihm oft weh um sein Inneres werden und in stillem Schmerze wird er ausrufen: Helene! Helene! Und dann trost' ich sie, so gut ich es kann, indem ich ihr von den Schicksalen Valentinen's, Indianen's, Faustinen's erzahle. Auf alle diese edlen Frauen, deren Leiden Georg Sand und die deutsche Grafin beschrieben haben, senkte sich das himmlische Manna der Ergebung und Erlosung herab. Ach, Papa Rudhard! Warum zurnst du so den Monchen und Nonnen! Kloster hab' ich gesehen, Kloster ... mit Garten, mit kleinen Cellen, mit heiligen Kirchen, in denen die Lichter brennen und Weihrauchdufte die Seele emporziehen. Ach! so einen stillen Platz wie in Florenz und Genua oft die frommen Schwestern haben, Weinranken um das kleine Fenster, jeder Schwester ein Blumenbeet gehorend und das Alles jetzt, wo bei Euch der Winter schon tobt, noch so fruhlingsfrisch, so maibluhend ... ich bin gewiss, die Tante bliebe in einem solchen Kloster, wenn sie nicht in Paris noch gebunden ware" ...

Aha! sagte Dystra, Das ist das bekannte Ende! Das arme Kind wird methodisch ruinirt!

Aber Bitte! sagte Siegbert. Das noch einmal! Gebunden in Paris?

Dankmar und Dystra mussten gestehen, dass der Ausdruck: "Wenn sie nicht in Paris noch gebunden ware" fur eine eheliche Verpflichtung ein Triumph der modernen gesellschaftlichen Freigeisterei war. Siegbert aber im Stillen war uber die Klosterschwarmerei seiner Olga doch tief ergriffen; denn er fuhlte, dass diesem Triebe alles Das zum Grunde lag, was ihn selber beseligte, mochte er auch mit Klostern nur in asthetischer und kunstidealer Verbindung stehen.

Wir sind sogleich zu Ende, sagte Dankmar und schloss die Vorlesung:

"Ich wunsche Rurik und Paulowna die besten Weihnachtsgeschenke und bitte dich, Papa Rudhard, aus meiner Sparbuchse etwas fur sie zu kaufen. Herr von Dystra hat sie, wie ich hore, sehr reich beschenkt. Es ist die Art der Menschen, die" ...

Lesen Sie nur! sagte Dystra, als Dankmar stockte ...

"Es ist die Art der Menschen, die nicht durch sich selber Interesse einflossen konnen" ...

Abscheulich! ... Dystra trat vor den Spiegel, seine Toilette musternd und auf den Fussspitzen sich erhebend ...

"Sich auf die Wirkung ihrer Geschenke zu verlassen. Wenn dieser Herr glaubt, dadurch auf mich vortheilhaft zu wirken, so bedaur' ich die Verblendung. Nach Allem, was ich von dem Baron hore, glaubte er in mir ein Kind zu finden, das ihm fur seine Liebe die Hand kussen wurde. So habt ihr mich ihm dargestellt ... nein, ich will diese Zeilen mit keinem Miston schliessen. Sie kommen aus dem Lande der Harmonieen! Grusst Die, die mich verstehen! Und wo meine Seele weilt, weisst du, Vater Rudhard! Ein Gott und eine Liebe! Das ist der Wahlspruch Eurer Olga Wasamskoi."

Als Dankmar geendigt hatte, bemerkte Dystra, zu

Siegbert gewandt, der nachdenklich das Haupt stutzte:

Sie werden gestehen, dass mich diese kleine Eman

zipirte sehr falsch beurtheilt, wenn sie glaubt, dass ich nur gemeiner Empfindungen fahig bin! Gibt es etwas Heroischeres, als den Reiz, den mir dieser allerliebste Fluchtling verursacht, unterdrucken und dem Manne, dem sie ihr Herz so offen und frei antragt, den ganzen Einblick in ihr Inneres zu gonnen, ja dasselbe ihm darzubieten? Ich bitte mir aus, dass Sie einen Dichter fur diesen Gegenstand interessiren!

Herr Baron, sagte Siegbert und druckte dem wirk

lich trotz der Ironie bewegten Dystra die Hand, ich selbst werde volle Kraft besitzen, diese Neigung in mir zu ersticken. Wenn Olga unter allen Schmeicheleien, denen sie sich durch ihren gewagten Schritt ausgesetzt hat, die Agide einer ihr heiligen Neigung durch mich sich schmiedete, so ist Das auf dem gefahrlichen Boden, Heinrichson gegenuber und in der Umgebung der excentrischen Helene, vorlaufig vortheilhaft. Ich bin der Stab, an dem das Pflanzchen aufwachsen mag. Ist es erstarkt, so wird es Ihnen ohne mich bluhen. Warum sollten Sie nicht der Gatte Olga's werden? Es wird so kommen, nicht anders und seien Sie versichert, Ihre Gute, Ihr Vertrauen ist an keinen Unwurdigen verschwendet ...

Dystra schien nicht ohne Trauer. Offenbar waren seine Scherze uber dies Verhaltniss nur Deckmantel seiner wahren Gesinnung, die in der That in alle Dem, was der dem Sonderbaren geneigte Mann von Olga erfuhr, einen lebhaften Stachel seines Interesses fuhlte. Er horte aber darum nicht auf, den Brudern Wildungen mit voller Seele anzugehoren und wurde nicht nur ihr "Freund", wie der oberflachliche Ausdruck der grossen Welt wohl lautet, sondern ihr geheimster Vertrauter und ihnen auch der Gesinnung nach wenigstens gleichgestimmt, wenn auch sein Skepticismus keine politische Schwarmerei aufkommen liess.

Schwieriger war Siegbert's Begegnung mit der Furstin. Die musste doch endlich auch stattfinden. Die musste doch irgendwie eingeleitet werden. Rudhard fuhlte dies selbst, obgleich er instandigst bat, das Wiedersehen nicht zu ubereilen und Siegbert's Ruckkehr so lange geheim zu halten als nur moglich. Der rationalistische Kopf, der in seinem Priesteramte nur im Grunde einen Beruf sah, die Menschen aus unklaren religiosen Stimmungen aufzustoren und Das fur Religion gelten zu lassen, was Begriff, logische Thatsache war ... ihm geschah die wunderliche Nothwendigkeit, Siegberten zu rathen, am zweiten Adventssonntage in die Stadtkirche zu gehen und dort nicht weit von dem Stuhle, der Anna von Harder gehorte, die Furstin zuerst fluchtig und vorlaufig zu begrussen. So vertraute er schon dem mildernden Gegendruck der religiosen Stimmung. Siegbert war nicht abgeneigt, die Furstin auf diese Art zuerst zu sehen. Propst Gelbsattel predigte und diesem hatte er ohnehin der Schonau'schen Empfehlung wegen zu danken. Anna von Harder und die Furstin, in Pelze gehullt, waren unter dem immer gefullten Auditorium, das der gefeierte Kanzelredner trotz seiner Opposition gegen die Zeit und ihre Strebungen versammelte. Siegbert grusste sie, als die wie immer geistreiche, aber innerlichst unwahre Predigt voruber war. Die Furstin erblasste und wartete den Segen nicht ab, ohne den Anna von Harder nicht gehen wollte. Auch Anna erkannte Siegbert und grusste mit der ganzen Huld, die ihr immer in jeder Lage eigen war ... Nun sah Rudhard freilich mit Schrecken, dass die Furstin, kaum nach Hause gefahren die Livree Grun mit Gold trug noch immer Peters in einen heftigen Weinkrampf ausbrach, nicht zu Tisch kam, die Kinder von sich wies, sich einschloss und mit allen Leidenschaften ihrer aufgeregten Brust kampfte; allein es war doch, als Siegbert dann einige Tage spater wirklich kam und nun vor ihr sass, der erste Sturm glucklich voruber und gefasster und wurdiger konnte ihm Adele Wasamskoi die Hand reichen und mit ihm uber ihr Leben, ihren mannichfach veranderten Umgang, uber seine inzwischen erfahrenen Schicksale sprechen ... Dann kam Weihnachten heran ... Die Kinder schmiegten sich wieder dem alten Freunde an ... Rudhard zwar zuckte die Achseln und die Furstin nahm Siegberten wie fruher als ein Element, das zu ihrem Leben gehorte, wenn auch ohne Leidenschaft, ohne irgend eine Zumuthung ihrer schlummernden Gefuhle. Doch von Olga durfte nicht gesprochen werden, auch von Dystra nicht viel, der ihr, wie sie sich auch schon ausdruckte, nicht "sympathisch" war. Rudhard blinkte Siegberten bei diesem Worte zu und sagte ihm spater im Vertrauen, dass dies eines jener Worter ware, die Adele hier nun auch schon aufgriffe und gegen die er vergebens den Don Quixote, den Gil Blas, Tausend und eine Nacht und ahnliche, wenn auch altbackne, doch bewahrte Lecture empfohle, deren Wirkung sich bei Peters noch immer sichtbar zeige, denn Der liesse seine Frau ruhig schalten und walten in dem Etablissement der Herren Hitzreuter und Niemand ertappe ihn mehr auf melancholischen Scheidungsgedanken, im Gegentheil spekulire er, wenn seine Katherine einige Tausend Thaler zusammengebracht hatte, sich irgendwo auf eine solide Okonomie zuruckzuziehen ...

Von Dankmar berichten wir noch, dass er gegen Weihnachten mit Siegbert eine jener Ausstellungen, die um diese Zeit die vornehme Welt zur Unterstutzung wohlthatiger Zwecke veranstaltete, besuchte und dort auch Fraulein Friederike Wilhelmine von Flottwitz wiedersah. In einem grossen Saale, wo Grafinnen und Baronessen vor zierlichen kleinen Boutiken die eingelieferten Gegenstande verkauften, behauptete sie einen Stand, der dicht an einer grossen Blumendecoration errichtet war, die dem Gipsbrustbilde des Konigs galt. Dankmar, der sich dieser Begegnung nicht versah, grusste lachelnd. Das Fraulein erwiderte hocherrothend. Der Saal war nicht ubermassig gefullt, doch auch nicht leer. Die Mode dieser Verkaufe war schon etwas im Absterben, sie erschien als ein zu weltlicher Vorlaufer der "innern Mission." Es fand sich Gelegenheit, dass Dankmar an den Verkaufstisch des Frauleins treten konnte, wie dieser grade leer war seinen Bruder Siegbert fesselte Frau von Trompetta an einem andern Stande zum Schrecken fur seine Borse, die nicht ausreichte fur die Fulle von jolis riens, die Frau von Trompetta schmetternd anzupreisen wusste. Die Trompetta wollte um jeden Preis das reichste Ergebniss der Ausstellung erzielen. Ihre Kasse musste die eintraglichst gewesene sein und dadurch verfiel die gute Frau formlich in ein Locken, Zwitschern und Verfuhren jedes Vorubergehenden, sodass man in ihr wirklich ein Talent fur den Handelsstand entdeckte und es von den andern verletzten vornehmen Damen vielfach ruhmen horte, wie gut sie "schachern" konne. Den armen Siegbert liess die Trompetta unter funf Thalern wenigstens nicht von dannen. Das war ein Preisen, ein Schakern, ein Kichern und dabei ein Predigen uber Liebe und Wohlthatigkeit, Das war ein Forschen, ein Fragen nach den Schicksalen des so lange nicht Gesehenen! Und als sie ihm nun gar noch mit Gewalt einen bunten Lappen zum Tinteausspritzen um einen Thaler empfehlen wollte, kam ihm glucklicherweise die Furstin Wasamskoi, mit der er sich hier ein Rendezvous gegeben hatte, zu Hulfe und kaufte so stark, so guten Humors, dass die Trompetta alle Chronique scandaleuse uber ihre guten Geschafte vergass und im Jubel uber die gefullte Kasse alle sittlichen Irrthumer der Welt mit dem Schleier der Vergessenheit bedeckte ... Dankmar'n aber ging es nicht so gut.

Fraulein Wilhelmine, hocherrothend uber diese ihr trotz der entgegengesetzten Meinung so theure Begegnung, hatte von den Offizieren, die bei ihr hatten kaufen wollen, vielleicht nicht einmal viel eingenommen. Sie hielt sie aber auch nicht fest, selbst wenn sie gefulltere Borsen hatte voraussetzen durfen. Dankmar'n aber liess sie nicht, was ihm Geld kostete. In ihrem fesselnden Gesprache musste er doch wol Falzbeine, Briefbeschwerer, Borsen, Federputzer, eins nach dem andern erstehen. Das politische Thema war dabei sogleich im Gange, sogleich musste sie den kleinen Scherzen Dankmar's uber die Gypsbuste des Konigs in ihrer Nahe Rede stehen und ihm die Lehre geben:

Sie Unverbesserlicher! Spotten Sie schon wieder? In diesem Bilde liegt der allmachtig ausstromende Zauber einer Personlichkeit, die der Trager unsrer theuersten Begriffe ist! Fur mich knupft sich an diesen edlen Junglingskopf, der so traurig auf seine ernste Lebensaufgabe herniederzublicken scheint, doch die ganze Geschichte unsres Vaterlandes, die Vergangenheit und die Zukunft und der regelmassige Gang unsres fruheren Staatslebens und der Schmerz um die gestorte Ordnung dieses Ganges und die Verzweiflung uber die neuen Bahnen, die er jetzt wandeln soll und die, wir ahnen es, zu seinem Verderben fuhren werden. Ja! Ja! Sie Boser! In den wogenden Schwankungen des offentlichen Lebens was bleibt sicherer, als die geheiligte Person des Monarchen, der da sagen kann: Ich, der Furst und der Herr? Wo ist denn auch ein Wesen, das offentlich wirkt und von uns mit ganzer Liebe erfasst werden kann? Sie sprechen vielleicht von Ihrem Freunde Egon von Hohenberg, wenn er noch Ihr Freund ist? Er ist lobenswerth, seit er seinem Konige und Herrn dient, aber wer kann sich an ihm wie an einem Anker halten? An diesem Bilde halten wir uns. Wo der Herr und Konig steht, da stehen unsre theuersten Guter, da steht das Vaterland, die Ehre der Monarchie, der Ruhm des Kriegsheeres, Guter, die Sie gering achten mogen, die aber in den Zeiten der Gefahr die einzige sittlichberechtigte Entscheidung geben.

Dankmar zog die Borse und zahlte schon den dritten Thaler fur einen kleinen Wandhaken, um eine Uhr daran zu hangen. Seine Finanzen waren seit geraumer Zeit so schwierig, dass ihm diese Uhr selbst in Gefahr scheinen durfte, nun trotz des Wandhakens.

Sie sind eine Schwarmerin, mein Fraulein, musste er sagen, als sie ihm den Haken in eine reaktionare Zeitschrift wickelte. Sie huldigen Ihren Gottern wie eine geweihte Priesterin. Ich ehre Ihre Weihe, fliehe aber Ihre Altare. Diese Altare verlangen Menschenund Begriffsopfer. Dieser Kultus gibt verbrecherisch Alles hin, was seit Jahrhunderten von der Menschheit fur die Menschheit erstrebt wurde. Ihre Freunde sind mir grauenvoll; ich hasse sie. Verrathen Sie mich da dem Rathe, dort jenem Obersten, dem Kammerherrn ... ich mache Platz; ich hindere Sie am Verkaufen.

Nein, bleiben Sie! ... Also keine Abhangigkeit, keinen Gehorsam, keine Liebe mehr?

Abhangigkeit, Gehorsam, Liebe! Auch diese Empfindungen sollen in's offentliche Leben zuruckkehren, ja sogar seine Stutze werden. Aber da diese Reubundler, sie wollen ja nur vom Fursten und seinem Glanze abhangig sein, um in der Sonne der Majestat mit zu glanzen. Diese abscheuliche royalistische Eitelkeit! Zu tief in das feudale Europa hat sie sich eingenistet! Sie sind auf dem Wege, dass der Glanz der Dynastieen zu einer allgemeinen Landes- und Volkssache erhoben werden soll und in grasslicher Uberspannung ein Staatsleben geschaffen wird, das eine Sunde gegen Gott ist.

So gereizt war Dankmar seit einiger Zeit, dass er selbst bei solcher Gelegenheit nicht mehr spielen und tandeln konnte. Die Gruppe der Blumen und des Monarchen war von vornehmen Damen und Herren umstanden und mit Entzucken betrachtete man den Einfall, auch das Landeswappen aus einigen Kranzen darzustellen.

Sie sehen, sagte Fraulein von Flottwitz, Sie kommen mit Ihrer destruktiven Kalte hier nicht durch. Ein Ewiges, das in die Herzen der Menschen gepflanzt wird, widerlegt Sie.

O, ich kenne dies Ewige und ehr' es, antwortete Dankmar, der sich gereizt entschloss, noch einen halben Thaler an einen bunten Kalender fur's neue Jahr zu wagen. Ich will die Bescheidenheit, das Abhangigkeitsgefuhl, die Hingebung nicht ausrotten; aber es soll hinubergelenkt werden in Gebiete, die unsrer wurdig sind. Da! Dies ist ein reicher Leinenhandler, der dem Hofe das Tischzeug liefert. Er kauft eine Kokarde bei Grafin Mauseburg! Er zahlt einen Louisdor. Guter Hoflieferant! Du widerlegst den Rousseau nicht mit deinem Louisdor! Das da ist der Meister von Tisch und Stuhl im Reubund; er ist Seifenlieferant der Prinzen und muss sich gut stehen mit dem Tischzeughandler. Einer verrath des Andern schlechte Waare nicht. Sie geben sich den bruderlichen Handschlag! Kennen Sie jenen Regierungsrath? Er ist von Adel, hat aber kein Vermogen. Dem ist Alles gleichgultig, Geschichte, Philosophie, Politik, Alles ist ihm dummes Zeug, nur am ersten jedes Quartals sein Gehalt vom Kanzleidiener gebracht, das Ubrige kummert ihn nichts. Denken Sie, wenn diese Menschen furchten sollten, furchten zu mussen! Sie kampfen fur den Heerd, das Leben ihrer Familien! Sehen Sie jetzt die Sicherheit jener Frauen! Wenn solche Ober- und Vice- und wirkliche Geheime je etwas entbehren sollten, wenn einst der Mann sagen sollte: Kind, von Neujahr an mussen wir uns einschranken! Die Demokratie setzt die Gehalte herab, besteuert sie, wie jedes Einkommen besteuert wird! Ich sehe da Furien, nicht Weiber mehr. O mein Fraulein, nicht Alle schwarmen, wie Sie! Blicken Sie auf jenen Professor! Er tragt einen beruhmten Namen, ist aber auf die Orden, die seine Brust schmucken, eitler als auf die Werke, mit denen er die Wissenschaft bereicherte. Jener Geistliche! O diesen veracht' ich vollends. Die Polizei schickt ihn in die Volksversammlungen und Clubs, um sich der Debatte zu bemachtigen. Horen Sie dies Organ, diese Lunge, diese Stentorstimme und diese Grobheit bei aller scheinbaren Artigkeit, mit der er eben eine Streusandbuchse von Frau von Trompetta erhandelt. Lesen Sie doch ein wenig in den Mienen jener geschmeichelten Pfahlburger und Rentiers, die jetzt eintreten, um hier so nahe bei Excellenzen und Beamten weilen zu durfen. Dort jene Gruppe! Hohe Offiziere, dicht nebeneinander. Ich wunsche ihnen den Ruhm der besten Schlachtfelder, aber ich bestreite, dass diese alten Herren berechtigt sind, Meinungen uber den Staat auszusprechen. Sie haben Sohne, sie haben Enkel zu versorgen. Der Staat, wie er jetzt einmal ist, gibt ihnen die Burgschaft leidlicher Erfullung ihrer Hoffnungen, warum sollten sie das dumme ideale Zeug denn nicht hassen, das jetzt in den Menschen sich einzunisten droht? Kennen Sie jenen Mann mit dem Schnurrbart? Er vertritt mir jene jungen Beamten, die Carriere machen wollen und den auf den Universitaten eingesogenen Corpsgeist auf das gemeine Leben ubertragen und grob und malitios fortpflanzen. Ach, mein Fraulein! Soll jener Spekulant da die Zeit nicht hassen, die ihn zwang, seinen Wagen und seine Pferde abzuschaffen? Und jene Offiziere, die dort Wuhlhuber's und Robert Blum's Bildnisse aus Dragee kaufen! Ich gonne ihnen allen Humor und alle Genusse der Jugend; aber welcher Ubermuth spricht aus ihren schlechten Witzen! Wie rasseln sie mit ihren Friedenssabeln! Wie ersetzen sie das bescheidene Nachdenken, das ihnen schon stehen wurde, mit der Prahlerei einer ultra-konservativen Gesinnung! Es sind Offiziere von der Garde, alle sind sie adlig, ihre Vater und Onkel sind Offiziere, Beamte, Landrathe ... Mein Fraulein, wenn ich mir sagen muss, dass die Zeit noch mit diesen Elementen fertig werden soll, so gerath' ich in Verzweiflung. Ich sehe hier nur einen Kampf auf Leben und Tod. Ich begreife, wie es in Frankreich bis zur Guillotine kommen konnte. Sagen Sie mir, welche Aussohnung soll es noch geben, wenn die Monarchie diese Idolatrie duldet, die Ministerien sie gestatten, hervorrufen, sich auf ihre Demonstrationen stutzen? Oder wo wird der Begriff herkommen, der sich einst vom hohen Himmelsthron herabsenken musste, um hier eine friedliche Ausgleichung zweier Extreme in einem hoheren Dritten moglich zu machen? Es wird keiner kommen oder es ist der Begriff der Barbarei, die Invasion der orientalischen Horden oder die entfesselte Wuth der sozialen Gleichmacher. Wir stehen hier unter Blumen, Glaskronen, umrauscht von einer versteckten sanften Musik, aber ich sage Ihnen, in zwanzig Jahren wehen hier Trauerfahnen und wir Alle sind weggemaht vom Schnitter, dessen Sichel ich schon in furchtbarster Arbeit sehe, ohne zu wissen, wo sie Alles einst hinfahren wird und von wannen sie einst kommt!

Dankmar ergriff, um seine Aufregung zu verdekken, einige der ausgestellten Gegenstande ...

Wilhelmine schwieg. Sie war so erschuttert, dass sie das Auffallende dieses langen Verweilens eines jungen Kaufers an ihrem Stande nicht merkte und die uber den ganzen Saal hinubergeschossenen Blicke der im Verkaufe glucklichen Trompetta nicht verstand ...

Alle seine heftigen Ausserungen verband Dankmar dann wieder mit scheinbar gleichgultigen Fragen und Erwiderungen, die er uber den Tisch hinweg wegen entfernter oder naherer Spielereien that. Niemand im Saale, ausser Friederike Wilhelmine konnte ahnen, wie bewegt er war ...

Sie konnen sich so massigen, Herr Wildungen! sagte sie. Sie konnen so den Ton treffen, der immer der gute ist! Wie oft hab' ich Sie beobachtet! Alle Welt kennt Ihre Gesinnung und sonderbar, Niemanden verletzt sie. Und ich nenne Das an Ihnen aristokratisch. O, Sie wissen gar nicht, wie aristokratisch Sie sind.

Dankmar musste lachen ...

Lachen Sie nicht! Ich wunschte wol, Jeder wusste sich zu beherrschen ... Sie haben Takt Takt ist eine der schonsten Tugenden des Menschen! Ich wiederhole ein Wort der edlen Anna von Harder: Takt ist der Verstand des Herzens. Den Verstand des Verstandes kennen wir, den haben Tausende! Den Verstand des Herzens haben Wenige; Wenige dies sichre Gefuhl, was Andern wohlthun, was sie verletzen konnte. Der echte, wahre Takt ist keine kalte Welttugend, keine blosse Formenglatte des Benehmens. Der Taktvolle kann im Grunde nur ein guter Mensch sein und ein bescheidner. Wie hab' ich bei der Furstin Wasamskoi Ihren Takt bewundert! Sehen Sie! Sie kommt daher ...

Dankmar zahlte eben den vollen vierten Thaler fur einen Scherz, den er Armand verehren wollte und wollte nun gehen, da er die Furstin zu vermeiden wunschte. Doch fesselte noch eine andere "Boutike" die Furstin ...

Noch Eins! sagte Fraulein von Flottwitz. Beruhigen Sie mich, dass Sie sich nicht in Gefahren begeben. Vermeiden Sie diesen Louis Armand, diesen Leidenfrost, den verratherischen Major von Werdeck ich beschwore Sie es ziehen sich Ungewitter uber Ihnen Allen zusammen

Wildungen! Lassen Sie von dieser entsetzlichen Verblendung Ihrer Gesinnungen! Werdeck hat sich nicht vertheidigen konnen. Er behalt den Hausarrest, seine Papiere sind in Beschlag genommen ...

Dankmar wollte erwidern. Sie wurden von Offizieren gestort, die ihre Freischarler und Wuhlhubers von Chokolade und Dragee durch den Saal wie Siegstrophaen trugen und die Barte dieser wilden Kerle analysirten ... Sie blieben bei Fraulein von Flottwitz stehen.

Dankmar ging. Mit fluchtigem Gruss huschte er an der Trompetta, die ihn doch auch noch ausbeuten, wenigstens nach seinem Prozess fragen wollte, voruber. Wehmuth ergriff ihn uber die Welt, die Zeit, auch uber dies vielbewunderte und vielverspottete Madchen. Ob seine Einwande auf Friederike Wilhelmine von Flottwitz Eindruck gemacht und ihre Ansichten berichtigt hatten, musste er bezweifeln. Solchem Fanatismus gegenuber war keine Verstandigung moglich, selbst durch die Liebe nicht und wahrhaft schmerzlich ergriff es ihn, dass ein Wesen so reiner, lichtreiner Natur, so liebenswurdig, so aufopferungsfahig, so heroisch und charaktervoll, ein Wesen, vielleicht ganz geschaffen, auch ihn zu verstehen, ihn selbst glucklich zu machen, doch durch den Zwiespalt der Zeit ewig von ihm getrennt und fur ein Andersdenken vollig unempfanglich war ... Ein Weib in seinen Armen zu halten, das eine von seinem innersten Menschen getrennte Selbstandigkeit beanspruchte, ware ihm furchterlich gewesen. Dies Madchen, so reizend, so poetisch, so weihevoll gestimmt ... es liebte ihn ... er sah es ... und ihn selbst durchzuckte es, als er einen Augenblick beim Berichtigen seiner Einkaufe leise ihre Finger beruhrte. Er konnte sich denken, wie treu, wie hingegeben, wie seelenvoll Wilhelmine an ihm hangen konnte; er fuhlte die Kraft ihres Willens, ihrer hohen Weiblichkeit in ihn uberstromen durch diese einzige Beruhrung, durch den wehmuthigen Abschiedsblick und doch getrennt doch furchtbar getrennt! Es uberrieselte ihn kalt, als er solcher Geheimnisse der Zeit gedachte und es bedurfte mehrer Tage, bis er sich von dem schmerzlichen Eindruck dieser Begegnung erholen konnte. Ein weibliches Bild, das ihm da dann immer lachelnd und trostend entgegentrat, blieb Selma. Wie sehnte er sich nach dieser Gestalt, nach diesem Wiedersehen! Doch nahm ihn der Ernst des Augenblicks zu sehr in Anspruch ... Uber Werdeck's Brief las man in allen Zeitungen das Emporendste. Und Dankmar wurde sogar von dem halbgefangenen Major ersucht, sich ihm eine Weile fern zu halten ... In wenig Tagen hofften die Freunde die Berichtigung dieser gefahrdrohenden Irrungen.

Funfzehntes Capitel

Sturme

Furst Egon von Hohenberg ging auf der Bahn, die er sich einmal vorgezeichnet hatte, unerschrocken weiter. Das sichre und feste Auftreten, das jeden seiner Schritte bezeichnete, verlieh ihnen eben so vielen Erfolg, wie die allgemeine Abspannung einer Zeit, die nach manchem Sturm und Wirbelwinde sich auf dem noch so haltlosen Platze, wo sie sich grade befand, doch erst zurechtfinden und mit dem nachsten Bedurfnisse wieder vermitteln wollte. Major von Werdeck bezeichnete Das in seiner Weise einst unter den Freunden, die voll Kummer die uber ihn verbreiteten falschen und lugnerischen Berichte vernahmen, mit den Worten:

Es muss doch nun Jeder erst wieder sehen, was inzwischen aus seinem Kraut- und Rubenacker geworden ist! Die gekundigten Kapitalien mussen doch erst wieder neu angelegt werden, die Staatspapiere ein wenig hoher auf der Skala des Vertrauens steigen. So rasch geht Das nicht Alles! Wenn man marschirt, macht man immer nur so lange Tour, bis die Arrieregarde, das Bagage- und Trainwesen in Ordnung ist. So lange ruht man. Dann geht's weiter.

Und ... setzte er in seinem noch ungestorten Humor damals hinzu. Die vielen Madchen, die inzwischen mannbar geworden sind! Fur die muss doch auch erst wieder ihre Zeit kommen. Es mussen doch erst wieder Hochzeiten gemacht werden. Der grosse Lebenszweck darf doch nicht aussterben. Das geht nicht, dass sich Alles ewig und immer in prekarer Unklarheit so fortwalzt und nicht mehr Balle und Verlobungen stattfanden. Nein, da sorgen schon die Mutter fur. Die stemmen sich mit Riesenkraft gegen den rollenden Wagen der Zeit und legen seinen Radern ihre Hauspantoffeln als Hemmschuhe unter. Die eigentliche Aufgabe des Menschengeschlechts, die Familie und ihre Versorgung, darf nicht zu kurz kommen und die Kaufleute und Kramer und Handwerker wollen doch auch einmal erst ihre Handlungsbucher wieder revidiren und ihre Kundschaft begrussen; hernach mag's weiter gehen!

Werdeck behielt seinen Gleichmuth trotz drohender Vorboten einer Katastrophe, die ihn gegen das Fruhjahr vernichtend traf. Man hielt ihm mehre Briefe entgegen, in denen seiner als eines Vertrauten und Eingeweihten fremder Emissare Erwahnung geschah. Ja von einem Briefe war die Rede, den er selbst an Fluchtlinge geschrieben hatte. Zwar bekam der Angeschuldigte namenlose Zuschriften, die ihm anzeigten, dass es sich hier um ein boshaftes Komplott und eine grossartige, weitverzweigte Falschung handelte, aber ein Eklat war doch grell genug gegeben und Werdeck musste sich einstweilen zur Disposition stellen lassen. Er schied mit Schmerz von seinen Kriegern, aber auch voll Bitterkeit. Die Untersuchung wurde parteiisch gefuhrt, aber es fanden sich doch Zeichen, dass Werdeck's Verbindung mit irgend einem Geheimwesen nicht aus der Luft gegriffen war ein Bund war da Werdeck war das erste Opfer des Kleeblattsymboles er musste seinen Degen geben und, als er ihn spater wieder empfangen sollte, sich einen Hausarrest gefallen lassen. Im Zorn zerbrach Werdeck diesen Degen und verschlimmerte dadurch seine Sache. Man nahm seine Papiere in Beschlag; man fand Aufsatze uber Veranderung der Heerverfassung, Tagebucher uber Dienstverhaltnisse, die alle nur dazu beitragen konnten, den Triumph seiner Gegner zu erhohen. Die ganze Schmach, die uber einen aus dem Bann seiner Dienstetikette herausgerissenen Krieger von den ublichen feudalen und kriegsrechtlichen Vorurtheilen verhangt werden konnte, lag schwer auf dem unglucklichen Manne, der nach der Befurchtung seiner Freunde leicht damit enden konnte, sich eine Kugel vor den Kopf zu brennen. Werdeck konnte sich nicht ganz vertheidigen. Er war in der That Mitglied eines Bundes, uber den er jede Auskunft verweigerte ...

Auch den Freunden drohte Gefahr. Ihre Verbindung mit Egon war fur immer abgebrochen. Einmal noch hatte Egon, der Allmachtige, an Louis Armand im alten Tone geschrieben und ihn gebeten, zu einer bestimmten Stunde sich bei ihm einzufinden, sich mit ihm zu verstandigen. Er hatte ihn gewarnt vor Verbindungen, die er nicht naher angeben wollte. Er hatte ihn nicht ohne Herzlichkeit bei der alten Freundschaft beschworen, zu ihm zuruckzukehren und sich durch den Weg, den er als Staatsmann genommen, nicht beirren zu lassen. Louis Armand hatte ihm herzlich, aber ablehnend geantwortet.

Du hast, mein Egon, schrieb er ihm, den Traum deiner Jugend ausgelebt! Er war schon ... und heilig bleib' uns die Erinnerung! Deine Fusstapfen werd' ich einst in Frankreich wiederfinden und Thranen sollen sie benetzen. Ich denke mir, es ist nur der irdische Stoff, der unsre Seelen auseinander trieb. Unser Ideal ist vielleicht noch immer dasselbe, nur dass ich mit einer Handvoll Arbeiter und einigen unabhangigen Denkern philosophire, du aber mit einem machtigen Thron, einer stattlichen Kirche, einem gerusteten Heere ich glaube wohl, dass die positive Welt ihre eignen Bedingungen hat. Du besitzest einen hohen Bildnergeist. Du willst schaffen und achtest des Materials nicht viel, wenn es nur die Spuren deiner Hand annimmt. Die find' ich reichlich in deiner Regierung und die Art, wie du willst, macht dir alle Ehre, wenn auch Das, was du willst, mich anweht, wie das kalte grassliche Wort: Wir haben uns furchtbar aneinander getauscht! Ein Furst, der die Laune hatte, Arkadien zu spielen, konnte in arkadischen Zeiten ewig der Freund des armen Ziegenhirten bleiben, den er in den Bergen liebgewann. Jetzt aber, wo die Ziegenhirten, barfuss und in Lumpen, selber aus den Bergen hervorkriechen und die Anmassung besitzen, uber die Welt, nicht blos uber eine Panflote, eine Meinung zu haben, jetzt halt sich ein solches Arkadien nicht lange, seine Olbaume hangen trauernd ihre Zweige und seine Gipfel sind in Schnee gehullt ...

Egon hatte auf diese theilweise in Versen geschriebene Epistel immer noch warm und bittend geantwortet. Louis verstummte. Spater schrieb ihm der Furst noch einmal, er musse ihn wegen seines Umgangs mit Leidenfrost, Dankmar, Werdeck, besonders aber wegen seiner Besuche in der Willing'schen Fabrik und seiner Einwirkungen auf die Arbeiter warnen, er schickte sogar Agenten und Vertraute zu ihm. Louis erklarte, er ware sich keines Misbrauchs der ihm hier bewilligten Gastfreundschaft bewusst, ja er hatte Beziehungen seines Ursprungs entdeckt, die ihm Heimatsrechte gaben. Tags darauf bekam er die Ausweisung aus der Stadt und der ganzen Monarchie. Es war dies dieselbe Zeit, wo Werdeck schon vor dem Kriegsgericht stand. Louis war zu stolz, Einspruch zu thun. Er nahm Abschied von Dankmar, Siegbert, Dystra, der sich den Freunden theilnehmend erhielt, wollte auch zu Leidenfrost, erfuhr aber, dass dieser, der schon seit seiner Ruckkehr vom Ullagrunde seiner Grabesrede wegen unaufhorlich verfolgt und naturlich auch sogleich von der Excellenz von Harder aus seiner offiziellen Sphare verbannt war, bereits gefangen sasse. So blieb ihm nur Zeit, noch die uns bekannten Zeilen an Franziska Heunisch zu schreiben, Jagellona Werdeck zu trosten, die heldenmuthig jeden Trost ablehnte, von Murray Abschied zu nehmen, der absichtlich die Wohnung der Louise Eisold behielt, sich unter seinem englischen Namen als Kupferstecher behauptete und uber das Vorhandensein eines Paul Zeck unter dem Siegel der Verschwiegenheit an Louis uberraschende Mittheilungen machte, seine geschaftlichen Angelegenheiten zu ordnen und eine Stadt zu verlassen, die er unter so vollig entgegengesetzten, Gemuth und Geist so vollig anders ergreifenden Verhaltnissen begrusst hatte. Er begab sich vorlaufig nach Belgien mit einer Empfindung, an die sich unsre Zeitgenossen gewohnen mussen. Es ist dies das plotzliche Entrucktwerden aus einer im vollen Gange begriffenen Lebensthatigkeit, mitten aus dem angefangenen Worte, mitten aus dem kaum sich selbst klar gewordenen Gedanken heraus, mitten aus der liebenden Einwurzelung und Verrankung in theuerste Herzen, in hausliches Gluck.

Dankmar und Siegbert waren gefasst auf's Ausserste. Weichen wollten sie nicht. Sie lebten in ruhiger Pflichterfullung eine Weile hin, wirkend zwar fur den grossen Bundeszweck der Bruder und Ritter vom Geiste, wirkend und werbend fur dessen immer grossre und in der That wunderbar wachsende Verbreitung, aber besonnen, emsig beschaftigt mit Kunst, Wissenschaft und der Aufgabe, nun noch den letzten Versuch zu machen, ob nicht vor dem Obertribunal, vor jenem geheimnissvollen Oberpriester des Rechts, dem uralten Greise von Tempelheide, jener Anspruch geltend gemacht werden konnte, an den sich Dankmar jetzt schon krampfhaft klammerte nicht als Anker fur sich, sondern als Steuerruder fur das Fahrzeug seines Ordens vom vierblattrigen Kleeblatt. Wie war's damit? Wie man auf die Wiese geht und sieht in den Millionen Kleeblattern gleichsam die eine, grosse, ganze Menschheit, so harmlos, oberflachlich, einig, gleichbedeutend war den Uneingeweihten der Anblick des Lebens. Dankmar aber und sein Bund sah in den Millionen Dreiblattern die heimlichen Vierblatter der Verstandigung, diese verkorperten Heurekas der Liebe, diese idealen Gefundenen, denen hier und dort, ohne dass sie von ihm geworben waren, zu begegnen, ihn oft mit Bewunderungsschauern vor der Macht einer Idee erfullte. Der Tempelstein im Westen trat in

Du erinnerst mich darin, sagte sie noch heute wieder, an die schone Melanie, die jetzige Furstin von Hohenberg! Diese von vielen Frauen verabscheute, aber nicht so schlimme gefeierte Schonheit war ohne Stimme, ohne musikalisches Gefuhl, aber sie nahm Antheil an unsern Ubungen und nutzte durch ihr vortreffliches Pausiren. Sie, die ein Recht hatte, die Zerstreuteste von Allen zu sein, zahlte am besten.

Olga hatte nun Gelegenheit gehabt, lebendig zu werden. Jene Melanie wurde erwahnt, die sie selbst in ihren Briefen als letzte Zuflucht jenes von ihr in so grellen Farben geschilderten Egon bezeichnet hatte. Sie hatte doch ausrufen mussen: Also wirklich ist Melanie die Furstin von Hohenberg? Wie kam Das? Wie war Das moglich? Um Melanie diese Bewegung hier auf der Landstrasse? Um sie diese trappelnden Pferde, diese rollenden Reisewagen, dies Detachement Dragoner, das sich auf der Strasse bis Hohenberg vereinzelt zu postiren scheint?

Um Melanie dieser Staub, der glucklicherweise uns hier unter dem Pavillon nicht erreicht? Nichts von alle Dem. Sie horte nur, wickelte an der Zwirnrolle, las eine Weile im Buche, horte den Verhandlungen Anna's mit der zuweilen Raths erholenden Dienerschaft zu, folgte alle Dem, was sie da vernehmen konnte, aber selbst schwieg sie. Sie schwieg zur lauten Erorterung manches Billets, das von der Stadt kam. Frau von Dahlen entschuldigte ihr Ausbleiben bei der Akademie. Frau Grafin Mauseburg im Gegentheil versprach nachstens eine junge Diakonissin, die eben erst vom Rheine gekommen war, mitzubringen und sie fur die Akademie vorzuschlagen. Aktien, Loose, Unterschriften wurden angeboten oder von Anna gewunscht, wie Das im Leben eines mildthatigen Wesens den ganzen Tag nicht abreisst. Schriftchen wurden geschickt von Geistlichen, von Vereinen, sogar zwanzig-, dreissigfach kleine Traktatchen, die Anna befordern, verbreiten sollte. Eine Gesindebelohnungsanstalt schickte Rechnungsabschlusse. Und dann das Klingeln am grossen Hofthor, wenn der Aktenwagen vom Obertribunal kam und fur die greise, in der Stadt befindliche Excellenz die Akten repositorienhoch hereinfuhr und diese Ballen abgeladen wurden in der grossen Aktensammlung rechter Hand beim Eintritt in das zweistockige Wohnhaus! Und wieviel kleine Miethswagen fuhren nicht vor und brachten nichts, als von jungen angehenden Rechtspraktikanten, neubeforderten Unter- und Hulfsarbeitern, jungen beim Obertribunal zugelassenen Advokaten Visitenkarten, um sich dem Chef der Landesjustiz zu empfehlen! Dazu dann der ewig bewegte Verkehr mit dem lebendigen Hofe, seinen Stallen und kleinen Kafigen! Auch heute musste Anna lachen, wie sie schon von der Strasse her einen Mann mit einem Tragkorbe auf dem Rucken erkannte, einen Thuringischen Vogelhandler, der regelmassig des Jahres einmal bei ihnen vorsprach und dem alten Herrn seine neuesten Gesangskunstler aus dem Harze vorfuhrte. Der Mann schwang schon in der Ferne die Mutze und grusste mit seinem Vogelgesichte. Er hatte selbst die Physiognomie seiner Vogel angenommen, war zum Thiere herabgestiegen, wahrend bei ihm die Thiere emporstiegen. Dem altbekannten Papageno aus Thuringen ging Anna selbst entgegen, empfing ihn im Vorhofe, hob die Decke von seinem Vogelkasten, in dem es hinund her zwitscherte und lustig auf- und niederhupfte, liess ihm von dem altesten Bedienten, der in jungen Jahren selbst ein gelernter Jager war und uber diesen Gruss aus dem Walde seine innigste Freude hatte, war er doch die rechte Hand des Prasidenten bei seinen Lieblingsexperimenten ein vollstandiges Fruhstuck vorsetzen und vertrostete ihn, seinen vieljahrigen Gonner, der ihm immer abkaufte und noch lieber sich mit ihm unterhielt und von seinen Beobachtungen in der Vogelwelt sich erzahlen liess, nach zwei Uhr sprechen zu durfen ...

Der Vogelhandler stellte seinen Kasten in die Hausflur, dicht neben ein grosses Drahtgitter, hinter dem es unten von Kaninchen, im zweiten Stockwerke von Dohlen und Raben, im dritten von kleinen Singvogeln lustig genug wimmelte. Biche und Alkmene, zwei hohe wie die schonsten englischen Misses schlanke Windspiele, umhupften den Wohlbekannten freudig. Die drei Hauskatzen, Isis, Osiris und der grosse augenfunkelnde Bafomet, ein Kater, wie ihn die Egyptier mochten verehrt haben, schlugen mit ihren langen Schweifen hoch auf voll Gelust und Erregung uber die appetitliche gefiederte Zufuhr des Kafigs. Aber sie bezahmten sich, da der alte Diener Sorge trug, ihnen grade im erwachenden Gelust ihre Mittagsration vorzusetzen. Der Vogelhandler bekam auf einem Tisch in der steingepflasterten Hausflur seinen Imbiss ...

Es schlug eben ein Uhr; eben wollte Anna die Begleitung der Musikstucke, die heute in diesem wilden Bereich, fast wie Amphion that vor den Thieren, die er durch die Leier zahmte, aufgefuhrt werden sollten, noch einmal durchspielen, eben trieb der alte Diener eine kleine Schildkrote, die seit Jahr und Tag im Hause frei herumlief und von Musik wie die Spinnen nahe gelockt wurde, zum Saale hinaus die Akademie hatte die Bedingung jeder Sicherheit vor etwaigen thierischen Uberfallen in der Luft oder wol gar vor kriechendem Auditorium auf der Erde als zwei rasch daher fahrende Wagen Anna's Aufmerksamkeit fesselten, sie sich erheben und dem Sanitatsrath Drommeldey und Otto von Dystra, die eben zusammen durch das von den beiden herabgesprungenen Mohren schon geoffnete Hofthor eintraten, entgegen gehen musste.

Zweites Capitel

Die Natur und das Wunder

Anna von Harder empfing ihren Besuch im Musiksaale, einem geraumigen Eckzimmer, das trotz seiner vier Fenster etwas Dustres hatte, denn das Glas der Scheiben war nicht das weisseste, die Fensterrahmen, wie am ganzen Landhause, waren grun angestrichen.

Dystra und Drommeldey hatten sich erst auf der Chaussee getroffen. Seit Drommeldey die Vermuthung des Barons, man konnte mit Olga vielleicht eine magnetische Kur beginnen, entschieden abgelehnt hatte, war zwischen ihnen die Erorterung ihres offenbar krankhaften Zustandes nicht mehr zur Sprache gekommen ...

Dystra, der Anna einen grossen Strauss der ausgezeichnetsten Blumen uberreichte die Gartnerei wurde in Tempelheide vernachlassigt erklarte sogleich, er wisse, dass Drommeldey irgend etwas Geheimnissvolles mit der Frau Landrathin von Harder zu verhandeln hatte. Er ware heute gekommen, um auf langere Zeit sich zu einem Ausfluge nach dem Tempelstein, zu einem Besuche der Furstin in Brussel zu empfehlen. Wo Olga ware? Er musse sie doch wenigstens zum Abschied sehen.

Und Drommeldey bestatigte zum Schrecken Anna's, die etwas Ungluckliches erwartete und auch von Abschieden immer sehr bewegt war, wie vielmehr an diesem Tage, den sie so hoch erhob, eine geheime Absicht. Sie wusste kaum, was sie erwiderte, als sie sagte, Herr von Dystra wurde Olga unterm Pavillon finden ...

Der Baron, im schwarzem Schnurrock, weissem Kastor, die citronengelb gantirten Hande in die machtige Brust steckend, wandte sich dem Pavillon zu, um einen Versuch zu machen, mehr als jenes halbdutzend Worte von Olga herauszubekommen, das er bis jetzt erst aus ihrem Munde gehort hatte. Wahrend wir ihn seinem guten Gluck uberlassen, sah sich Drommeldey, als er allein mit Anna von Harder war, lachelnd in dem Zimmer um, betrachtete mit satyrischem Wohlgefallen die aufgeschlagenen Notenblatter und sagte mit einer fast verschmitzten Vertraulichkeit:

Gnadige Frau, nicht wahr, Sie haben heute Akademie?

Pergolese, Bach und ein Hallelujah von Handel.

Sehr gut! Rusten Sie sich auf Besuch!

Besuch? Wir schliessen jeden Besuch aus, Sanitatsrath! Es sind unsre Statuten

Es gibt Personen, die uber Ihre Statuten erhaben sind!

Sanitatsrath!

Liebe Landrathin, ich kann Ihnen nicht verschweigen um drei Uhr beginnt Ihre Akademie gegen halb vier Uhr werden gewisse Herrschaften voruberfahren man wird die Klange von Pergolese, Bach und Handel horen diese Herrschaften werden aussteigen rusten Sie sich, von Ihren Statuten eine Ausnahme zu machen!

Anna von Harder war fast auf einen Sessel zuruckgesunken. Ihren gereizten Nerven bot diese Nachricht zuviel. Was jede Andre mit Jubel, mit freudestrahlendem Enthusiasmus aufgenommen hatte, warf sie nieder; sie konnte nur vorwurfsvoll, fast bittend zu dem Arzte, dem Seelen-Diplomaten des Hofes, emporblikken, als wollte sie sagen: Drommeldey, wie konnten Sie mir Das thun!

Sie sind selbst Schuld an diesem Uberfall, sagte das kleine magere Mannchen, ruckte an seiner weissen Halsbinde und wischte sich von dem Jabot einige Reste der letzten Prise, die er unterwegs Jemandem, vielleicht Schlurck, abgenommen Drommeldey trug selbst keine Dose, weil er Falle hatte, dass ihm nervenschwache Damen bei seiner ihn nun genug folternden Liebe zum Schnupfen die Praxis gekundigt hatten Sie sind selbst Schuld daran, liebe Frau Landrathin! Sie wissen, wie Sie der Hof verehrt! Sie wissen, wie oft man es Ihnen nahe gelegt hat, Sie sollten der Konigin die Freude einer naheren Beziehung gonnen! Sie glauben nicht, wie sehr man in dieser Sphare nach Grunden sucht, warum sich der Mensch taglich zwei, drei Stunden der Nothwendigkeit, uber Toilette sprechen, Kleider an- und auszuziehen, Proben mit neuen Mustern machen zu mussen, auszusetzen hat! Alle Tage drei Mal umkleiden, das erfordert ein bedeutendes geistiges Gegengewicht! Seit Frau von Altenwyl am Hofe im vorigen Jahre von der Mauerschwalbe, von Shakespeare, von Ihrem Tempelheide, der Thierseele, Pergolese, Bach und Handel erzahlte, wuchs die Sehnsucht, Sie kennen zu lernen, bis zur Ungeduld. Der schlimme Winter, die politische Gahrung dieses Fruhjahrs, die mancherlei herbe bittre Erfahrung auf und an dem Throne trotz seiner erhohten Sicherheit kam storend dazwischen. Nun aber ist der Wunsch dieser respektablen Menschen auf's Neue rege geworden. Entziehen Sie sich ihm nicht ...

Was kann ich ... was soll diese schwache Musik ... und der alte Herr ... unsre stillen Gewohnheiten ... diese Unordnung ...

Lassen Sie das Alles gut sein, meine Beste! sagte Drommeldey. Ich kann Ihnen, ohne Sie errothen zu machen, den Reiz nicht analysiren, den Sie auf die Herrschaften ausuben! Es liegt Das sehr tief und geht bis in die magnetischen Stromungen. Wenn ich bei meinem alten Freunde, dem Justizrath Schlurck ware und er nicht seit dem glanzenden Avancement seiner schonen Tochter einen Hang zur Schwermuth bekommen hatte, so wurden wir uber diese magnetischen Stromungen, ihren Zusammenhang mit dem Zeitgeiste, uber Hofromantik und die christliche Staatstheorie sehr viel humoristische Knallbonbons wie beim Dessert eines guten Diners gegenseitig aufziehen. Allein Ihnen selbst gegenuber, die Sie diesen Zauber ausuben, Ihnen kann ich nur als Arzt sagen, dass Sie mir einen Gefallen thun, wenn Sie geduldig abwarten, was dieser Nachmittag uber Sie verhangen wirdDas war das rechte Wort! sagte Anna von Harder und seufzte tief auf und sprach die Worte aus der Bibel, die Johannes der Taufer zu den Neugierigen sagte: Was seid ihr in die Wuste gekommen, um einen Mann zu sehen, der von Heuschrecken lebt? Ich bin nicht werth, Denen, die wirkliche Anerkennung verdienen, die Schuhriemen aufzulosen.

Drommeldey, der die Bibel kannte, wie Voltaire und Kaunitz, aber nur um sie zu komischen Bildern zu benutzen, Drommeldey lachelte und warf eine Bemerkung dazwischen, die Anna nicht einmal verstand:

Brav! Bleiben Sie bei Johannes dem Taufer! Ware nur der Papa Methusalem zu bewegen, auch Stand zu halten. Der Konig hat die Absicht, ihn nach dem Prozess uber die Johannitererbschaft zu fragen, die jetzt auf seiner Entscheidung beruht! General Voland ist voll von den neuen Gesichtspunkten, die der alte Herr fur diese Angelegenheit gefunden haben soll und studirt alle alten Turnierbucher, um sich zu uberzeugen, was propinqui equites sind und hat wie gewohnlich funf bis sechs Standpunkte daruber, die er bei Hofe sonderbarerweise alle zugleich vertritt.

Auch Das noch! sagte Anna tonlos und fugte hinzu, dass den Prasidenten Erorterungen uber Gerechtigkeitsfragen, selbst dem Landesherrn gegenuber, verstimmen wurden ...

Nur Muth! Nur Muth! rief Drommeldey und reichte Anna die Hand. Nur unbefangen! Die Mitglieder der Akademie durfen kein Wort von der Uberraschung wissen! Verstehen Sie? Befangenheit wurde den ganzen Eindruck storen

Aber warum unterrichten Sie mich zuerst selbst, lieber Mann?

Das will ich Ihnen sagen, Frau von Harder. Ihr Tempelheide kommt den Menschen wie ein verzaubertes Schloss vor. Der Hof mochte es gern auch nur als verzaubertes Schloss auffassen und gefallt sich darin, drei Tage lang von Nichts als von einem verzauberten Schloss zu sprechen ...

Sie sind schlimmer als die Demokraten, Sanitatsrath!

Beste! Ich gehore nur einer andern Philosophie an als der des Hofes! Ich bin kein Pythagoraer wie Ihr alter Schwiegerpapa, ich bin kein absoluter Epikuraer wie Schlurck, kein relativer wie Otto von Dystra, kein Neuplatoniker wie Voland von der Hahnenfeder, kein dialektischer Eleat wie Rochus oder Stromer, ich bin meiner Stellung gemass Eklektiker. Dieser Besuch bei Ihnen thut den mannichfach verstimmten, an wahrer Befruchtung armen Gemuthern dieser hohen Personen wohl. Doch, furcht' ich, denkt man sich Ihre Existenz romantischer und fabelhafter, als sie ist. Als Katharina von Russland nach der Krim reiste, liess ihr Potemkin gemalte Stadte in die Ferne als Vexierprospekte russischer Volkswohlfahrt stellen. Belugen wollen wir die Herrschaften weder mit der Musik noch mit den gezahmten Thieren, aber nothwendig wird es sein, dass Ihr hiesiges Gewimmel und Gekrabbel, das Gebelfer und Gezwitscher nicht gefahrlich erscheint. Den Tanzmeister mein' ich, die drolligen Puterhahne, die Windspiele Biche und Alkmene Sie wissen nicht, wie unbeliebt ohnehin alle Erinnerungen an Friedrich den Grossen sind auch die gebesserten Raben mussen in Obhut bleiben und besonders hoff ich, dass die Schildkrote, obgleich sie dem Apollo heilig ist und die erste Veranlassung der Musik wurde, ja sogar von Phidias fur seine beruhmte Statue der Aphrodite als Piedestal benutzt wurde worin mein Freund Schlurck einen gewissen Zusammenhang zwischen Venus und den Mokturtelsuppen entdecken wurde ich sage, dass Sie diese schreckliche Bestie gleichfalls nicht als Wirklichkeit in den schonen Traum, der hier getraumt werden soll, hineinkriechen lassen.

Anna von Harder war nicht so reflektiv und politisch gestimmt, dass sie etwa hier eingeschaltet hatte: Also so wurden die Grossen bedient, so wurden ihnen die romantischen Tauschungen erleichtert, so wurde in den Waisenhausern die Suppe erst kraftiger gekocht, wenn sie eine Prinzessin kosten sollte ... Sie erinnerte nur an die Statuten, die schon die Sicherheit aller Sanger und Sangerinnen vor den Liebhabereien des Grosspapas bedingten; genug, Drommeldey konnte schliessen:

Also sammeln Sie sich! Es bleibt dabei! Gegen vier Uhr kommen die Herrschaften und verrathen Sie uns Niemanden!

Damit erhob sich Drommeldey, fragte noch fluchtig nach Olga, wollte keine Begleitung dulden und eilte aus dem Musikzimmer, verfolgt von dem bittenden, vorwurfsvollen Blick der in Erschopfung niedergesunkenen, von solcher Aussicht auf ihr so nahe bevorstehendes "Gluck" fast vernichteten Anna ...

Draussen aber hielt Dystra den schnell dahineilenden Eklektiker mit einer Entschiedenheit auf, die ihn verhinderte, nur an eine kleine Plauderei zu denken ... Was? Eine Konsultation? sagte der Arzt.

Dystra zog Drommeldey vom Hofe uber die Rasenbeete zu dem Pavillon hinauf ... Spartakus und Cicero, seine Mohren, unterhielten sich inzwischen mit dem zahmen Reh, lachten uber den Kranich und erkundigten sich in der Kuche nach etwaigen Rum- und Arracvorrathen.

Wie mich meine Verlobte an dieser Stelle sah, berichtete Dystra, ergriff sie die Flucht. Zwar wurdevoll, majestatisch, aber so entschieden negativ, dass ich die Lacherlichkeit scheute, sie zu verfolgen. Sie huschte unter die Tannen, wie die Pfauen da, die ein hassliches Geschrei verfuhren ...

Sie werden magerer, Baron! Diese Liebe ruinirt Sie ...

Ich kenne jetzt, antwortete Dystra, Drommeldey auf einen Gartenstuhl druckend, ich kenne jetzt die Geschichte der Ruckreise Olga's von Rom und muss sie Ihnen andeuten, damit Sie eine Ansicht aussprechen.

Wohlan! sagte nach der Uhr sehend, der arztliche Rathgeber, der in der Kenntniss der geheimen Verwikkelungen des Lebens von keinem Beichtvater der Welt ubertroffen wurde. Aber schade, dass Sie nicht schnupfen, Baron!

Und in der That sprach Drommeldey, der mit allen Geruchsnerven seiner gehobenen Nase Schnupfer war, den alten Bedienten des Hauses, der um die Erlaubniss bat, Wein oder Wasser auftragen zu durfen, nur um seine Dose an und regalirte sich im Vorrath mit einer solchen Befriedigung an diesem pikanten Blatterdunger, wie sie seine ganze Natur, auch seine geistige, zu bedurfen schien.

Dystra erzahlte nun, dass er von Rudhard aus Brussel einen Brief erhalten hatte, der ihm den Schlussel dieses sonderbaren Benehmens der aus Italien heimkehrenden Olga gegeben. Die Familie, der man Olga in Rom anvertraut, hatte aus mannichfachen Elementen bestanden. Statt Schutzes hatte sie von Seiten einiger jungerer Mitglieder jene qualende Huldigung erfahren, die zuletzt ein Madchen, das auf die begehrte Hinneigung nicht einginge, wahrhaft erschopfen und in einem Grade abspannen konne, dass sie einen Ekel und Uberdruss an sich selbst empfande. In Venedig hatte Olga die unausgesetzten Galanterien zweier jungen Sohne der Herrschaft, mit der sie reiste, nicht mehr ertragen mogen und das Leiden eines selbstandig in der Welt auftretenden weiblichen Wesens, da ihr die Waffen des Humors fehlten, so lastig gefunden, dass sie mit Freuden auf den Vorschlag eines alteren Mannes eingegangen ware, sie bis Wien in seinen Schutz zu nehmen. Ohne Abschied von der Familie zu nehmen, rucksichtslos, frank und frei, ganz in Olga's Art, die das Tragische hatte, dass sie aus dem empfindlichsten Zartgefuhl fur Tugend leichtsinnig erschiene, ware sie von jenen Menschen geschieden und hatte den Vorschlag eines alteren Mannes, sie nach Wien zu fuhren, angenommen. Sie kannte diesen Mann als zuverlassig von Rom aus: es war ein Jesuit, der Professor Sylvester Rafflard ...

Himmel! unterbrach Drommeldey erschreckend ...

Kennen Sie ihn?

Erzahlen Sie! Das Madchen ist die neue Clarisse Harlowe ...

Dystra fuhr fort, nach Rudhard's Mittheilungen zu berichten, dass Olga diesen Mann nur von Rom und dem Hause der Grafin d'Azimont gekannt hatte. Sie hatte mit Freuden von ihm vernommen, wie er immer gegen den Fursten Egon gesprochen, wie er der damals noch von ihr verehrten Helene die Charakterlosigkeit dieses Treulosen unbarmherzig vorgehalten, bis Helene selbst "charakterlos" geworden. Damals schon hatte sie zu jenem gefalligen Hausfreund ihre Zuflucht nehmen, seinen Rath begehren wollen. Nun fand sie ihn in Venedig auf dem Balkon eines Hotels, wo sie schwermuthig in den grossen Kanal blickte und ihn fur einen Retter vor den Unarten zweier jungen modern erzogenen Sohne der schwachen Dame, mit der sie reiste, ansah ...

Sie kam aus dem Regen in die Traufe! unterbrach Drommeldey mit prosaischer Wahrheit einen Zustand, der in der auf den gefahrlichsten Bahnen wandelnden Olga tragisch genug zum Bewusstsein gekommen schien. Dieser gefahrliche Mensch! Ich lernte ihn bei Helene d'Azimont kennen und wurde so mit der Beschleunigung des Wiedersehens zwischen ihr und dem damals fieberkranken Prinzen Hohenberg gedrangt, dass ich, um diese Krisis minder gefahrlich zu machen, zur List und Verschlagenheit greifen musste. Noch ist mir ein Rathsel, welche Rolle jener Faun in diesem Verhaltnisse spielen wollte.

Und diesen Mann, sagte Dystra, hab' ich von bedeutenden Notabilitaten der Residenz ruhmen horen, habe Rochus vom Westen entrustet gesehen, als es hiess: Ein Jesuit ist ausgewiesen. Auf dem Wege nach Wien, wohin ihn wol geheime Auftrage fuhrten, muss er seiner ganzen Natur die Zugel haben schiessen lassen. Das arglose Madchen wollte sich von den Nadelstichen kindischer Huldigungen befreien und verfiel in eine Gefahr, die Sie ermessen konnen, wenn Sie Rudhard's Gestandniss horen, das ungefahr in der Thatsache besteht: Er kam nach Wien, fand Olga nicht in dem Gasthofe, wo die aus Rom ruckkehrende Familie hatte absteigen wollen. Diese Familie traf endlich ein. Olga blieb aus. Wie bebte sein Herz, als er den Namen Rafflard nennen horte! Der alte Padagog, ewig geneckt von den Extremen der Zeit! Sein Zogling in solcher Gefahr! Die Taube in den Krallen des Geyers! Was sollte er thun? Bleiben, reisen? Er suchte den Beistand der Regierung. Er bot Alles auf, zu einer genauen Kenntniss der Route zu kommen, die Sylvester Rafflard mit Olga genommen hatte. Oft war's ihm, dem besonnenen, kalten Manne gewesen, als hatt' er mit der Stirn gegen die Wand rennen mussen! Endlich hatte er erfahren, dass ein alterer Herr mit einem jungen Madchen von Triest uber Udine nach Steiermark gereist ware. Aus spatern fragmentarischen Berichten ergab sich, dass Rafflard die katholische Schwarmerei Olga's zu irgend einem Lebensplane nutzte, ihr eine Rundreise durch Kloster und Abteien als eine romantische Verschonerung ihres nachsten Reisezweckes vorhielt und gradezu auf eine Eroberung nicht nur fur die Kirche, sondern vielleicht gar fur die Heiligengeschichte zusteuerte.

Drommeldey blickte fragend auf ...

In der That, Doktor! sagte Dystra. Es ist schaudervoll, wie weit die mittelalterlichen Ruckfalle gehen. Man wird mit ihnen grade wieder bei Thummel's Reisen ankommen. Rafflard hatte in Rom die Leidenschaft Olga's fur die katholische Kirche bemerkt. Der Kriticismus ihres Erziehers hatte ihr keine Waffen in die Hand gegeben gegen den verfuhrerischen Reiz der Musik und des entzundeten Weihrauchs. Da findet er in Venedig dies Kind wieder, das sich ihm mit seinem ganzen schwarmerischen Unbedacht in die Hande liefert. Weit entfernt, sich ihr durch seine schlimme Natur verdachtig zu machen, legt es Rafflard darauf an, Olga's Uberspannung bis zum Visionaren zu steigern und sich in der hierarchischen Sphare, wie man das jetzt sehr gut durch Extreme kann, einen Namen zu machen. Er spricht bei Geistlichen mit ihr vor, die die Sehnsucht des Madchens nach diesem Extremen steigern. Hier und da eine aus den hoheren Standen in den geistlichen getretene Nonne muss Olga in dem Vertrauen auf innere Offenbarungen starken. Sie wissen, dass jetzt uberall Wunder der katholischen Kirche wieder auftauchen! Bilder schwitzen Blut, an visionaren Madchen auf dem Lande zeigen sich die Leidensmale Christi, es ist, als schwankten wieder alle festen Normen und Naturgesetze, als ergriffe die Menschen in gewissen Gegenden der St.-Veitstanz der Ideen, die Alles im Wirbel mit ihnen umdrehen. Dieser Rafflard soll alle Stadien eines padagogischen Abenteurers durchgemacht haben und als wahrer Seelenverwuster nun damit enden wollen, Heilige zu schaffen. Er fand in jenen mit Geistlichkeit jedes Ordens gesegneten, zur Donau auslaufenden Bergthalern Hulfe genug, Olga zu fesseln, bei ihrem aus Liebesgrunden nicht gesteigerten Verlangen nach der Ruckkehr zu den Ihrigen sie planlos umherzufuhren, bis sie in einen Zustand kommen musste, den ich mit jener Zahmung der Schlangen in den Kasten der indianischen Zauberer vergleichen mochte, mit jener Erstarrung durch umhullende Decken, die eine Lethargie, eine Geistesohnmacht, eine Willenlosigkeit zurucklassen, an welcher man erlebt hat, dass Frauen fur heilig galten, sie wussten nicht wie und dass sie sich inspirirt glaubten, sie wussten nicht von Wem, wol aber an sich selber glaubten, an ihre eigne Geistesverwirrung wie an ein Evangelium, das Unsichtbare ihnen zuriefen, ja dass sie stigmatisirt waren, ohne es zu wissen ...

Drommeldey sprang auf. Er hatte erst gelachelt, erst wirklich an Thummel's Reisen, die er und Schlurck ausnehmend liebten, gedacht. Nun aber uberwaltigte ihn der Zorn. Er erging sich in Verwunschungen eines wahnsinnigen Zeitalters und hatte doch eben selbst diesem wahnsinnigen Zeitalter sich zum Opfer dargebracht, seine Logik, seinen klaren Verstand, seinen Voltaire dem Mittelalter und einer am Throne doppelt gefahrlichen Romantik preisgegeben!

In Linz, fuhr Dystra fort, entdeckte endlich Rudhard die Fluchtlinge. Die Jesuiten, die oben auf der schonsten Aussicht uber die Donau und die Steiermarker Berge wohnen, mogen Rafflard angezogen haben. In der Wohnung einer besonders bigotten vornehmen Sternkreuzordens-Dame war Olga wie eingeburgert und wurde von dieser und einem Dutzend hoher Geistlicher gleich einer Heiligen behandelt. Ich zweifle gar nicht, dass es darauf abgesehen war, das Kind in einen magnetischen Zustand zu versetzen. Rudhard fand sie, wie sie schlummernd auf einem Ruhebett lag, die Brust mit einem Kreuze bedeckt ...

Das Kreuz war ein Magnet!

Das vermuthet Rudhard selbst und beklagt sich, desselben sich nicht bemachtigt zu haben. Er ware im Hotel abgestiegen, schreibt er mir, hatte sich bald von Olga's Anwesenheit unterrichtet, ware ohne lange zu forschen, ohne sich um die hohen Titel jener bigotten Frau zu kummern, in die Zimmer eingetreten, hatte in sturmischer Hast nach Olga verlangt, sie im Nebenzimmer entdeckt, aus einem Schlafe wachgerufen, der sie, selbst als sie die Augen aufschlug, noch nicht zu verlassen schien. Sie ware ihm gefolgt, hatte seine Anspruche auf sie ruhig anerkannt, hatte mit sich geschehen lassen, was geschah. Rafflard wagte sich, als er Rudhard's Namen horte, oben von den Jesuiten nicht wieder in die Stadt hinunter. Auch hatte Olga nicht nach ihm verlangt. Mit einer an Starrsucht grenzenden Ergebung ware sie Rudhard gefolgt und mit ihm uber Prag und Dresden hierher zuruckgekehrt, wo er neue Verwirrungen, neue Pflichten genug gefunden hatte und dem Ewigen danken wolle, wenn es Anna von Harder gelange, in die phantastische Nacht, die um Olga zu schlummern scheine, einen Lichtstrahl der Erleuchtung und wiederkehrenden freien heitren Selbstbestimmung innerhalb der sittlichen Schranken zu wecken. Ihnen, Sanitatsrath, schloss Dystra, konnte ich, da arztliche Anknupfungspunkte hier nun endlich gegeben sind, diese Geschichte nicht verschweigen, bitte Sie aber, Drommeldey, bewahren Sie den Vorfall wie ein Geheimniss, das die Ehre einer ganzen Familie betrifft.

Drommeldey, duster blickend, ernst gestimmt, dankte fur das ihm geschenkte Vertrauen und versprach uber den emporenden Vorfall nachzudenken. Er zweifle gar nicht daran, dass man, wie man hier in Tempelheide die Thierwelt dem Menschen naher brachte, so es in Klostern und bigotten Konventikeln jetzt mehr wieder denn je verstande, den Menschen aus dem Bewusstsein seines klaren Ichs, seines unsterblichen Cogito ergo sum, hinunter zu drucken zu einer rein animalischen Vegetation, wo nur die Schauer des Erdenlebens durch die Seele spukten und statt Offenbarung eines hohern Lebens, die man von der gestorten Ordnung der Sinne erwarte, nur die Verdunkelung unsrer Sehnsucht und Hallucinationen abgestumpfter Sinne empfinge. Ja, fuhr er, begeistert sich erhebend, fort, ja, mein guter Baron, wenn hier etwas helfen kann, so ist es wol zunachst ein Umgang, wie der Anna's von Harder, nicht, weil diese Frau selbst gesund ist, sondern weil auch sie geistig krankelt. Es ist hier ein Fall, wo sozusagen die Homoopathie hilft. Lacheln Sie nicht, Baron! Nur die Tollheit unsrer Menschen zwingt den Arzt zur Charlatanerie. Wenn Sie wussten, was sich Alles Hulfe begehrend dem Arzte zuwendet, Sie wurden erstaunen, dass wir nicht noch weit ofter auf unsre Recepte schreiben: Aqua fontana! O tolle, tolle Zeit! Hat die gleichartige Schwarmerei Anna's wie ein Impfstoff auf Olga gewirkt, so muss dann freilich noch ein Element hinzutreten, ich meine eines, das alle Organe des Menschen hebt, alle Sinne veredelt, alle Gedanken zum Lichte emporzieht, die Liebe! Bester Baron, Sie blicken ernst. Vergeben Sie mir! Wenn Olga gezwungen wird, die Baronin von Dystra zu werden, so erleben Sie eine Zukunft, die von der Holle nicht viel Unterschied haben wird, oder Sie mussten eine Philosophie besitzen, wie jener gute Graf Desire d'Azimont in Paris. Die Liebe ist dies allmachtige Gefuhl, das im Menschen die wahren und einzigen Wunder wirkt! Die Liebe erhebt zum sittlichen Stolze und druckt auch wieder herab zur gern gehorchenden Demuth. Die Liebe ist jenes dritte Hohere, das zwischen den beiden Gegensatzen Gift und Gegengift, Krankheit und Remedium in der Mitte liegt, scheinbar wieder Krankheit weckt und doch zu einer gottlichen Gesundheit erhebt. Der Goldregen Jupiters wirft alle metallischen Reste jenes Kreuzes, das auf dem Nervengeflechte Olga's lag, hinaus aus dem mishandelten Korper dieses armen narrischen kleinen liebenswurdigen Kindes! Jupiter, bester Baron! Nicht Pluto's Goldregen! Geben Sie dem Madchen Jemanden, den sie liebt, lieber jetzt, als erst dann, wenn sie Ihre Frau ist. Nichts aus der Apotheke kann hier helfen, Baron, sondern Weisheit, die sich Jeder selbst verschreiben muss.

Damit reichte Drommeldey, wahrhaft erschuttert, dem Baron die Hand und entfernte sich zu seinem Wagen, der den in aussersten Fallen alle Diplomatie uber Bord werfenden Mann rasch die Anhohe hinab entfuhrte.

Dystra aber war bewegt. Er musste Siegbert's gedenken, der sich aus Rucksicht auf ihn und die Furstin der Hoffnung, jemals Veranlassung einer so auffallenden Mesalliance zu werden, entschlagen hatte, so lebendig in ihm das Bild Olga's auch fortlebte. Olga war unglucklich ebensowohl uber den geringen Muth des Freundes, dem sie ihr ganzes Leben gewidmet hatte, wie uber sein nahes Verweilen bei der Mutter. Sie vergab ihm nicht, dass er nichts, auch gar nichts gethan, eingedenk sich zu zeigen jenes Abends unter den Hangeweiden, wo sie ihm ein Herz fur's ganze Leben geschenkt hatte. Ihre Begriffe von Schwarmerei und waghalsiger Liebe verstanden nicht, wie Siegbert ihr nie schreiben, nie ihr ein Anerbieten von Hulfe in ihren bedrangten Herzensgefahren machen konnte. Dass er sich bekampfte, der unpassenden Verbindung auswich, keinen Anstoss in der Gesellschaft erregen wollte, verstand sie nicht. Als sie in Venedig erfahren, dass Siegbert und die Mutter nach Belgien gegangen waren, gab sie die Hoffnung auf irgend noch ein Gluck des Lebens auf und folgte Rafflard, der sie zur Nonne machen wollte, aus Verzweiflung. Nach der gefahrlichen Schule, in der sie zum Leben erwacht war, nach der Schule Helenen's, musste Siegbert alle Rucksichten aufgeben, ihr auf Wolkenflugeln entgegeneilen, seinen starken Arm um sie schlingen und diese gemeine Erde wie mit den Fussen von sich stossen! Siegbert, der der Politik, der Kunst, seinem Prozesse leben konnte, erschien dem Madchen schon wie Egon, das Prototyp alles mannlichen, herzlosen, blutsaugenden Vampyrismus, der in allen Romanen, die sie gelesen hatte, schrecklich genug geschildert war. Und ehe Olga, sagte sich der durch vaterlichen Willen ihr bestimmte Verlobte, neue Thorheiten begeht, wieder ausfliegt, wieder in die Hande eines Hollensohns gerath, sollte da nicht die Tochter eines Fursten lieber einmal einen Maler heirathen? Oder gar, wenn die Bruder jenen Prozess gewannen, der sie fast so reich macht, als ich es bin! Wenn es wahr ware, was man sich erzahlt, dass der alte Obertribunalsprasident an diesem Prozesse einen so auffallenden Antheil nahme? ... Langst schon hatte Dystra auf den Lippen, Anna von Harder um diese Angelegenheit zu befragen. Aber das eine Mal, dass er von der Familie Wildungen anfing, befremdete ihn, wie schnell die sonst jeder Frage gern ihr Ohr leihende und sich immer um eine ausfuhrliche und grundliche Antwort fast bekummernde Frau, dem Gegenstande auswich. Er erfuhr inzwischen, dass ein Oheim der Wildungen die Tochter der Landrathin Anna von Harder wider ihren Willen geheirathet hatte. Da gab er es auf, mit ihr uber einen Gegenstand zu sprechen, der in ihr schmerzliche Erinnerungen weckte. Aber ihrem alten Schwiegervater hoffte er sich zu nahern und wie sehr auch Anna hervorhob, dass er vollig ungesellig ware, keinen Umgang liebte, er kam immer wieder auf den Wunsch zuruck, ihm vorgestellt zu werden und heute war es der letzte Moment.

Indem kam Olga mit ihrem Buche uber Italien aus dem Tannenparke zuruck; der Kranich begleitete sie, ohne dass sie auch nur uber seine Sprunge die Miene verzog. Sie hatte nur die eine Absicht, Dystra zu fliehen, ihn nicht zu sehen, kein Wort der Anrede von ihm zu vernehmen ...

Dieser entsetzliche Ernst! sagte er sich. Diese Leidenschaft, Alles so zu nehmen, wie es ist! Kein Humor, kein Lachen, keine Abweichung von der Regel! Sie kommt mir da vor wie ein Zugvogel, der plotzlich, ehe wir's uns versehen, sich in die Lufte hebt und indem sie eben noch vielleicht mit den Taubchen spielt, die sie futtert, ein Locken, ein Schwarmen in der Luft hort von Vogeln, die wir kaum kennen und auf und davon ist sie, man weiss nicht wie und wohin.

Olga hatte auf's Geflissentlichste den Baron vermieden und war an den demuthig sich verneigenden Mohren voruber in den Hof gegangen, um sich auf ihr oben gelegenes Zimmer zu fluchten ... Der Weiser der Kirche zeigte bald auf zwei Uhr. Anna in ihrer Beklemmung schien den Besuch Dystra's fast vergessen zu haben. Wie sie eben Befehle gab, die Hausflur in noch grossere Ordnung zu bringen, als sie ohnehin fur die Tage der Akademie statthaben musste, sah sie den Baron erst wieder. Und nun gar zu horen, dass Der auch bleiben wolle, sich scherzhaft selbst zu Tische lud, mit jeder Kost sich befriedigen zu wollen erklarte, nur musse er den Prasidenten heute kennen lernen, mit Olga die Fusse unter einen Tisch stellen, diesem Zustand der Entfremdung ein Ende machen und als er sagte: Ich erzahle dem Greise uber Lowen und Panther. Ich war auf einer Tigerjagd in Bengalen. Ich kann uber die Wandertauben am Missouri wie ein Stratege sprechen; denn die Zuge dieser Thiere sind marschirende Armeen ... ich fessle den Greis so, dass er mich dableiben heisst ... Da blieb ihr nichts ubrig, als ihm zu sagen, er mochte in Gottes Namen thun, was er wolle, sein Heil versuchen und einstweilen in die oberen Zimmer gehen und auf den Prasidenten warten, den sie eben schon von unten her anfahren horte. Das Larmen und Bellen der Hunde, das Flattern des Federviehs im Hofe, das Springen und Hupfen der Vogel, das freudige Radschlagen der Pfauen bezeichnete den wirklichen Moment der Ankunft des alten Herrn. An dem thuringischen Papageno mit dem freudestrahlenden Zeisiggesichte voruber betrat Dystra die mit einem grauen Teppich belegte Treppe und stieg zu dem ersten Stockwerk eines Hauses empor, das ihm wie ein altes verwunschenes Jagdschloss vorkam ...

Zunachst suchte er oben Olga Er horte eine Thur zuschlagen ...

Mais Mademoiselle! Mais Olga! Mais ...

Die Bitten des Barons, ihm Gehor zu geben, wurden von einer oben in ein Zimmer Gehuschten durch einen Riegel abgeschnitten, dessen rasches Vorschieben laut horbar wurde.

Vous me traitez en loupcervier

Keine Antwort ...

On croirait, que je mange les petits enfans ...

Tiefe Stille ...

Dystra trat in das erste beste offne Zimmer. Es war dunkel wie das ganze Haus. Die Fenster, auch von innen grun angestrichen, waren nur in kleine Scheiben getheilt. Rings an den Wanden hingen alte Familienportraits, in denen er hie und da eine gewisse Ahnlichkeit auch mit dem Intendanten der koniglichen Schauspiele und seiner stolzen adelsbewussten Haltung zu erkennen glaubte. Es waren hier die Harder's zu Harderstein so recht unter sich. Eine alte bronzene Uhr, braungebeizte Schranke boten die einzige Abwechselung an den Wanden. Die Schranke waren mit ausgestopften Thieren, Vogeln, kleinen Vierfussern, Kafern und Reptilien, angefullt. Im dunkelsten Eck stand ein Bucherrepositorium, das ein grunseidner Vorhang verhullte. Es waren alte Ganzfranzbande, die hier standen, Schriften des vorigen Jahrhunderts, meist in franzosischer und englischer Sprache. Les Oeuvres de Frederic le Grand fehlten nicht.

Dystra setzte sich auf einen der sauber gepflegten, ursprunglich weisslakirten und vergoldeten Sessel. Durch und durch ein moderner Mensch, hatte ihm diese ganze Wirthschaft hier auf Tempelheide etwas Komisches und doch war er befangen, wie er sich nun mit diesem alten Herrn, der hier im Style seiner verschollenen Zeit wie es schien mit majestatischem Selbstgefuhle lebte, vermitteln sollte. Er zupfte an seinen gelben Handschuhen, er roch an seinem parfumirten Taschentuche, er spiegelte sich in seinen gefirnissten Stiefeln und gefiel sich offenbar in der Beobachtung seines zierlichen kleinen Fusses. Den sauber gefarbten Kinnbart konnte er seiner Handschuhe wegen nicht streicheln. Er hatte gern die Thuren rechts und links aufgeklinkt, um nach Olga zu sehen. Sie musste doch in der Nahe sein. Es war ihm, als huschte bald da, bald dort etwas an den Wanden. Zuletzt entdeckte sich die gespenstische Gesellschaft. Zwei Katzen, die das Mittagessen zu wittern schienen, standen plotzlich vor ihm mit langniederhangenden Schweifen. Er hatte sie auf ihren sammetweichen Pfoten nicht hereinschleichen horen. Er sah, dass sie durch die eine Thur, die nicht ganz fest zugeklinkt gewesen, gekommen sein mussten. Die Thiere sahen ihn mit Befremden an. Sie waren schon gestreift, der Rukken tigerartig, der Bauch weiss. Ihre Schnurrbarte standen ihnen husarenartig keck, wahrend sie im Ubrigen etwas weiblich Gelassenes, Sanftes, Unaufgeschrecktes hatten. Dennoch wagte sich Dystra nicht recht an die Thur, um in das Arbeitszimmer des Prasidenten zu blicken, denn offenbar aus diesem waren die beiden Katzen, die wir unter dem Namen Isis und Osiris kennen, hereingekommen. Dystra fuhlte etwas von der Apprehension, die wir diesen schleichenden Haus- und Kuchenhuterinnen gegenuber empfinden. Es rieselte ihm uber den Rucken. Sein Muth, von bengalischen Tigern und Lowen zu prahlen, entfiel ihm vollends, als sich zu den beiden Katzen noch ein ungeheurer, schwarzer, grungelbblickender Kater gesellte. Dieser dritte Gesellschafter war fast so gross wie die beiden andern zusammengenommen. Aber auch dieser war ruhig und ernst und duldsam uber den Besuch und schien sogar an dessen blanken Stiefeln so viel Wohlgefallen zu finden, dass er sich Dystra bedenklich naherte. Jetzt hier so allein zu stehen mit den drei unheimlichen Katzen, erfullte den Baron mit leisem Schauder. Wetter, dachte er, du hast doch Schakals heulen horen und in gemessenen Distanzen auf dem Nilsande Krokodille sich sonnen sehen, aber diese drei zahmen Katzen in unmittelbarster Nahe machen dir mehr Angst als die Schrecken der Wildniss! Die Thur, die offen blieb, liess das Arbeitszimmer da noch rathselhafter erscheinen, als noch auf dem Fussboden ein Vogel hereinsprang, schwarz mit gelben Punktchen gezeichnet, mit klugen Augen, beweglich munterm Schwanze, eine Amsel. Ohne dass die Katzen nach ihr haschten, setzte sich die Amsel traulich auf den Rucken des grossen Katers, der sich nach ihr umwandte mit einer gelassenen Ruhe, die eines Philosophen wurdig war. Dystra scheute sich, einen Blick in das offne Zimmer zu werfen. Er dachte schon an die Moglichkeit, darin plotzlich noch irgend etwas ganz Ungeheures zu sehen, als auch in der That wieder ein Hund hereintrat, ein Huhnerhund, von derselben ruhigen und nicht einmal neugierigen, sanften, schleichenden Ergebenheit wie die ubrigen Thiere. Dystra kam sich jetzt in der That wie Asop unter seinem moralisirenden Vieh vor und dachte sich irgendwo die spottende Olga, die ihn belausche oder ihm wol gar diese Bestien alle auf den Hals schickte. Es war fur seine in der That ergriffenen Nerven die hochste Zeit, dass Anna von Harder eintrat und ihn ersuchte, ihr zu folgen. An eine ceremonielle Vorstellung war jetzt nicht zu denken. Sie wurden, sagte sie, den Grossvater unten in der Hausflur bei dem thuringischen Vogelabrichter finden; vorbereitet hatte sie ihn schon auf einen beruhmten Reisenden, der fur Olga's Beaufsichtigung Rechte in Anspruch nehmen durfe; sein ferneres Gluck musse er nun selbst versuchen.

Drittes Capitel

Die Akademie

Dagobert von Harder, der Obertribunalsprasident, war von kleiner gedrungener Figur, ganz im Gegensatz seines zweiten Sohnes, des langaufgeschossenen Kurt Henning Detlev. Der grosse Kopf sass tief in dem gewaltigen Brustumfange. Hande und Fusse waren zierlicher, letztere besonders weiss und zart gepflegt, fast sammetweich. Den Schadel bedeckte kein Harchen mehr. Ein sammtnes Kappchen schutzte das glanzende, mit Aderchen unterlaufene Haupt. Das Antlitz zeigte die Spuren des hohen Alters. Es war wie ein durchfurchtes Feld, wie eine Netzzeichnung, so in tausend kleine Quadrate getheilt, die alle langlich von den Schlafen herab sich senkten. Die Augen quollen, wie von Hautsacken umgeben, etwas hervor und hatten einen Anflug von Blodsichtigkeit. Die Lippen waren fast mit den Zahnen verschwunden und ganz in die Hohlung zwischen Backenknochen und Unterkiefer verloren gegangen. Der Kopf senkte sich ein wenig uber. Ein Diener musste immer in der Nahe sein, dem uber Achtzigjahrigen den Arm zu bieten und ihn zu fuhren.

Bei dem Vogelhandler stand der Prasident. Die Erorterung schien ihm Elastizitat zu geben. Der Abrichter hob wol an dreissig kleine holzerne Kafige auf einem Tische auseinander und pries unter steter Wiederholung der Anrede: Excellenz! die Leistungen seiner Kanarienhahne, Dompfaffen, Zeisige, Rothkehlchen und Stieglitze. Dass sich Excellenz aus den kleinen Spassen mit dem Aufziehen eines Futterkarrens und dergleichen nicht viel machten, wusste der Thuringer schon, aber mit den Vogeln, die ihm Melodieen nachpfiffen, legte er mehr Ehre ein und erwarb sich mit Fug den Thaler, den ihm die alte Excellenz jahrlich schenkten, wenn er vom Harze kam und seine neuen Virtuosen vorfuhrte. Gekauft wurde nichts mehr in Tempelheide, der Prasident erklarte sich fur zu alt, um noch in seine schon vorhandene Gesellschaft neue Elemente einzulassen; denn sein Zahmungsprinzip war grade die allmalige Gewohnung und fur diese blieb ihm, der stundlich die Augen zuschliessen konnte, keine Musse und Aussicht mehr. Mit einer weichen, sehr leisen, von vielem Rauspern unterbrochenen Stimme lobte er den Thuringer, warnte ihn vor Anwendung grausamer Mittel und entliess ihn mit dem ublichen Thaler, zu dem er noch die fur Dystra und sein Anliegen spannenden Worte fugte:

Kommt Er auch durch Angerode?

Angerode, Excellenz? Ja wohl, Excellenz, Angerode! Grade von da bin ich.

Keine weitere Frage. Papageno mit dem Zeisiggesichte war entlassen ...

Nun erst wandte sich der alte Herr an der Hand des zweiten Bedienten, der mit ihm aus der Stadt gekommen war, zu Dystra und wiederholte, die weissschimmernden Augen aufziehend, das leichte Kopfnicken, mit dem er den von oben herabkommenden Dystra begrusst hatte ...

Baron essen mit uns? wandte sich der Alte fragend zu Anna, die uber diese unerwartete Wendung noch in Schrecken war, da sie Dystra's Gourmandise kannte und nicht wusste, wie sich bei einer solchen Anderung der sonst so einfachen Tafelordnung Olga benehmen wurde.

Der Alte wurde langsam die Treppe hinaufgefuhrt. Anna bot ihm selbst den Arm. Dystra flusterte, folgend, dem Bedienten zu, man mochte etwas fur seine Mohren sorgen, damit deren menschliche Ungeduld von der Zahmheit der hiesigen Thiere nicht beschamt wurde ...

Von einer weitern Unterhaltung, langern Vorstellung war keine Rede. Der Greis wurde sogleich ins Esszimmer gefuhrt. Er nahm Dystra fur einen Besuch bei Olga, den man Anstandshalber, der Entfernung von der Stadt wegen, dabehalten musse und begann seine Suppe aus einem machtigen halben Vorlegeloffel mehr zu schlurfen, als zu essen.

Anna winkte Dystra, sich des Olga'schen Couverts zu bedienen. Denn der zweite Diener hatte schon angezeigt, die junge Comtesse liesse sich entschuldigen. Punktum! sagte Dystra leise und biss sich auf die Lippen.

Nach einer Weile erst bemerkte der Greis die Abwesenheit einer ihm liebgewordenen, immer stillen Gesellschafterin und fragte:

Comtesse Olga?

Nicht wohl! sagte Anna, deren Geduld heute auf die grossartigsten Proben gestellt wurde.

Die Bedienten nahmen die Suppenteller fort. Dystra hatte das kraftige Consomme nicht verschmaht. Man schenkte Wein ein, dem Greise in einem grossen silbernen Becher, den er mit beiden Handen erfasste ...

Onkel von Comtesse? fragte er Dystra nach einer Weile, als man kleine Pasteten aufsetzte.

Dystra, der nur horchte, beobachtete, sich umsah, staunte, erwiderte mit einer Dreistigkeit, die Anna errothen machte:

Vergebung, Excellenz, Cousin!

Diese Unwahrheit konnte Anna kaum dulden und nicht ohne Scharfe bemerkte sie, als sie die kleinen, weichen, gar murben Pasteten austheilte:

Grossvaterchen liebt alle Namen, in denen der ALaut liegt; er behauptet, dass alle Menschen gewissermassen aus einem Vokale komponirt sind und im A lage die Wahrheit!

Dystra! sagte keck der Getroffene und betonte die Endsylbe.

Der Name thut's allein nicht, sagte der Greis mit einem leisen Aufflammen des Auges, der Charakter, der ganze Ton des Wesens und Redens muss es machen. Die gute kleine Olga ist noch zu sehr in O und U gesetzt ...

Dystra verstand noch nicht recht, was Das fur kuriose musikalische Schlussel sein sollten und bat um genauere Erlauterung.

Anna gab sie dahin, dass nach dem Prasidenten alle Menschen sich aus einem bestimmten Laute zu geben pflegten, je nach ihrem Charakter; bei den Sanguinischen horte man nichts als I-Laute, bei den Cholerischen, Makelnden, Nergelnden ein ewiges widerliches E, bei den Melancholischen und Hypochondern die klagenden fur sie wahrhaft herzzerreissenden Unkentone in U ...

Und den A-Laut?

Liebt Grosspapa als den klaren Ton der Wahrheit, des echten Masses und der richtigen Mitte ...

Anna von Harder, geborne von Marschalk! sprach der Greis, langsam die A hervorhebend, mit einem Anflug von alter ritterlicher Galanterie.

Es schien, als wenn der Prasident bei einem gedankenmassigen Gesprache recht aufthauen konnte.

Dystra aber wagte kaum zu sprechen, aus Furcht, zu den I- und E-Menschen zu gehoren. Alle seine Bekannten, besann er sich wirklich, besonders die Russen, waren meistens in I und E gesetzt, wie die ewig zwitschernden und zankenden Vogel. Voland von der Hahnenfeder war tief in U. Dumme Menschen meist in O, z.B. der eigne Sohn des Greises, der Intendant von Harder. Klare, besonnene, rustige, konsequente, wohlwollende wie Rudhard, Siegbert, Dankmar, Leidenfrost, wenn nicht im Namen, doch im Wesen alle aus dem A. Es argerte ihn fast, dass ihm sein ganzes Wesen wie eine Resonanz von I und E klang.

Der Greis erschopfte sich jetzt in freundlichen Betrachtungen uber Olga und beschamte Dystra mit der Voraussetzung, dass er ihm verpflichtet sei, von Anna's Pflegebefohlener zu erzahlen. Der Greis hatte die Natur derselben sehr wahr erkannt. In kurzen abgerissenen Satzen liess er soviel treffende Andeutungen uber Erziehung und Madchencharakter fallen, dass Dystra im Hinblick auf den Intendanten erstaunte, wie die Praxis hier hinter der Theorie zuruckgeblieben war ... Das bescheidene Gemuse, das er jetzt verzehren konnte, wenn er Appetit gehabt hatte, liess ihm Zeit, uber ein Mittel nachzudenken, wie er wol, ohne absichtlich zu erscheinen, auf den Prozess der Gebruder Wildungen kommen konnte.

Uberrascht musste Dystra sein, als der Greis von den Thieren anfing, die Herr von Dystra seinem Sohne fur die konigliche Buhne verehrt hatte. Als er die Uberraschung uber diese seine plotzliche Bekanntschaft bei dem Greise aussprach, erwiderte Anna:

Wir lesen mit Aufmerksamkeit die Zeitungen. Wenn die grosse Welt sich in den Theatern und Salons bewegt, holen wir nach, was die Menschen alles unsrer Lekture zu Gefallen Schones oder Hassliches anstellen. So hat uns auch Ihre Unterstutzung der darstellenden Kunste sehr unterhalten. Alle Blatter erwahnten den Vorfall mit den Meerkatzen.

Das Feld war fur die Thierliebhaberei des Greises nun offen. Angeregt durch den Besuch und eine kurze Mittheilung der Reisen, die Dystra gemacht hatte, sprach Dagobert von Harder sich dahin aus, dass ihn seine Vater und Ahnen, die alle im Forstfache dienten, fruh auf die Naturbetrachtung hatten fuhren mussen. Dann, sagte er, kam mir als Juristen das Naturrecht in der alten romischen Definition entgegen. Sie wissen, mon cher Baron, dass das Natur- oder Volkerrecht bei den Alten das Recht alles Lebendigen war. Was da athmet, was zu dem grossen schonen Bau der Erde, zu dem herrlichen Kosmos des Daseins gehort, hat ein Recht der Pflege, der Schonung, soweit seine Freiheit die Freiheit der Andern nicht beschrankt. Das Recht ist sozusagen der unsichtbare Genius, der seine schutzenden Fittiche uber Alles, was ist, ausbreitet. Von der Natur fangt es an und wo es in der Natur nicht ist, wird's im Geiste nicht sein. So hab' ich schon fruh als Jurist gedacht und wenn wir weise werden wollen, wo konnen wir denn auch anders anfangen, als mit dem Leben der Natur? Die Brucken, die ein Kind, hab' ich noch jungst zu Ihrer Cousine gesagt, Herr Baron, die Brucken, die du dir bauen willst in das unendlich Leere, sind wie Regenbogen, an deren Ende ich als Knabe immer glaubte Gold zu finden. Die Leute sagten's. Ich lief und lief, um die Stelle zu erreichen, wo der Bogen, der bunte, schone Reif sich endlich zur Erde senkt; ach und ein Sonnenblick und die ganze tauschende Phantasmagorie war mit dem Golde verschwunden! Nicht in's Leere baue, sondern in das Gegebene! Wenn ich nun Ordnung und Gesetz, Harmonie und Verstandniss in den Wesenstufen der vorhandenen, unsern Sinnen zuganglichen Schopfung entdecke, soll mich Das nicht mit Ehrfurcht vor dem Rathsel des grossen Weltenplanes erfullen? Und jemehr ich Seele, Seelentrieb, Bewusstsein entdecke, desto geringfugiger kann mir doch die innere, sie belebende Flamme der Materie nicht erscheinen? Nein, im Gegentheil! Je mehr Millionen dieser kleinen Flammchen selbst im Wurme, in Insekten und Fischen leben, desto hoher wachst mir das grosse Centralfeuer der sich selbst erkennenden Gottheit. Was ich in Allem finde, muss ein Grosses, ein Lichtgebornes, Ewiges sein. Und wenn ich dem Astronomen, Geologen, Botaniker uberlassen will, in seinem Bereiche die Harmonie der Gesetze, das Streben nach Individualisirung und nach kosmischer Schonheit in den oft so bewundernswurdigen Gattungsregeln zu entdecken, so hab' ich mit Liebe mich der Thierwelt angeschlossen und ein Mysterium darin gefunden, dass in ihr gebunden dieselbe Seele schlummert, die uns fur Halbgotter halt, wahrend die ganzen Gottheiten wol wieder uber uns Thiermenschen lacheln.

Anna von Harder zerschnitt eben in kleinste Stuckchen die Portion Braten, die der in's Redefeuer gerathene Greis mit dem Loffel ass, da das Aufstecken auf die Gabel der zitternden Hand nicht geschwind genug gelang ... Sie verrieth eine innerste Genugthuung uber diese Worte des Alten, die so bedeutungsvoll waren, dass sie Dystra mit seiner Moquerie beschamten.

Ich dachte, Excellenz, sagte Dystra trotzdem witzhaschend, ich dachte, Excellenz waren ein Pythagoraer und enthielten sich des Fleisches, wie noch jetzt die Hindus.

Ah bah! Ah bah! antwortete der Greis. Dass ich ein Narr ware! Zur Sentimentalitat soll uns die Liebe zum Geschaffnen nicht verfuhren. Das Vollgefuhl der Race, das Bewusstsein und der Erhaltungstrieb der menschlichen Gattung erfordert die Thiernahrung. Grade weil wir Raubthiere sind, haben wir Geist. Die Wiederkauer, die Schaafe, die Rinder sind von geringem Geiste. Verloren gehen soll der Mensch an das Thier nicht, wenn wir auch mehr als dunkelhaft sind in dem blinden Ignoriren alles Dessen, was um uns fliegt, kriecht, schwimmt, hupft und bellt. Es liegt hierin eine Offenbarung, die in tausend Zungen so vernehmlich spricht, dass wir selbst verwildern, wenn wir zu unsern Fussen nur Verwilderung sehen. Die dumme Lehre vom Instinkt hat uns der ganzen unermesslichen Pflicht des Niederblickens mit einer Phrase uberheben sollen. Wo ist mehr von diesem mechanischen Instinkt als beim Menschen? Der Instinkt lehrt uns, auf zwei Beinen gehen und den Kopf hochtragen. Der Instinkt lehrt uns, des Nachts schlafen und nicht am Tage. Der Instinkt lehrt uns die Furcht und die Bewaffnung gegen Alles, dem unsre Krafte nicht gewachsen sind. Unsre Paarung, unsre Kindesliebe, unsre Todtenbeseitigung ist Instinkt, wie auch das Grundprincip unsrer Staaten, unsrer Rechtspflege, unsrer meisten Sitten und Gebrauche. Was uns die Vernunft erfunden zu haben scheint, ist der Trieb der Gattungserhaltung. Wuchse nur die Liebe zu allem wahrhaft Lebendigen, wir wurden nicht so viel geistig Todtes haben, nicht so viel verblendete mechante Hypothesen aufstellen und uns nicht so sehnen, aus diesem Chaos von Luge und Irrthum, Misbrauch der Vernunft, Umgehung der Natur, bei Zeiten herauszukommen!

Anna, noch bewegt von dem Stolze, wie der edle Greis Dystra's geringe Meinung von der ihm gebuhrenden Rucksicht beschamte, erschreckt von der dem Prasidenten eignen Todessehnsucht, die er oft ausserte, ergriff die zarte kleine Hand, sie bittend und liebevoll streichelnd ...

Grossvaterchen, sagte sie, will mich einmal wieder mein Vielliebchen nicht gewinnen lassen und wir haben doch gewettet, dass die hundert Jahre voll werden!

Da sei Gott fur! antwortete der Greis und sah sich, weil man das Dessert brachte, Fruchte und Bisquit, nach seinen gewohnlichen Dessertgasten um. Die Thuren wurden geoffnet und Noah's ganze Arche schien sich zu entleeren. Selbst die Schildkrote wurde auf Anna's besondern Befehl von dem Bedienten in den obern Stock getragen ...

Der Greis futterte seine Gaste. Man hatte ihm Schusseln mit Kornern hingestellt. Er gab reichlich, strafte aber jeden Nascher und gab jedem Gehorsamen mit Schmeichelreden ...

Es ist die Liebe, sagte er zu dem erstaunt blickenden Dystra, den seine Beklommenheit verliess, es ist die Liebe, die die ganze Thierwelt nur zu sehr an uns vermisst. Wenn wir uns vor Dem, was ausser uns lebt, furchten, so geht Das noch, es ist eine Idiosynkrasie der Gattung; aber wir hassen die Thiere; wir toben unsre Leidenschaften an ihnen, wie nur zu oft auch an unsern Kindern aus. Kein Wunder, dass Alles um uns her dann tuckisch, zornig, rachsuchtig wird und nun auch wieder seine Leidenschaft gegen das noch Schwachere austobt! Wodurch verbind' ich Hund und Katze? Dadurch, dass ich sie nicht aufeinanderhetze, nicht Gefallen an ihren Unarten finde. Ich verweise Sie auf den Blick des Thieres. Finden Sie da in meinem grossen schwarzen Bafomet der Greis nahm den riesigen Kater und stellte ihn dicht vor sich auf den Tisch nicht einen Ausdruck der stillen Ergebung, des geduldigen Tragens dieser Erdenhulle..?

Dass man fast an die Seelenwanderung glauben mochte? sagte Dystra forschend, ob nicht dies alte agyptische Dogma in dem etwas ketzerisch sich aussernden Alten zum Vorschein kame ...

Da erhob sich aber eben Anna. Sie hatte es drei Uhr vom Kirchthurme schlagen horen und schon erblickte sie einen Wagen, der von der Landstrasse ablenkend zum Hause herauffuhr ... Vielleicht der der Frau von Trompetta, die immer die Erste war.

Sie wissen, Baron, sagte sie mit hocherrothenden Wangen, dass wir heute unsre musikalischen Ubungen haben; aber ich bedaure, dass die Anwesenheit ungeladner Zeugen ...

Das sind strenge Gesetze, warf der Greis, sich erhebend, scherzend ein, aber ich zeige Herrn von Dystra einen Winkel, wo wir unbelauscht zuhoren konnen oder ...

Unsern Mittagsschlaf halten, erganzte Dystra mit Beziehung auf den Greis.

O nein! O nein! lehnte dieser ab. Mein Ohr hort nie scharfer, als wenn die Augen zufallen. Ich schliesse die Augen, Baron, in dem kleinen Winkel, den ich Ihnen zeigen werde, aber wenn man Bach und Handel singt, schlaf' ich nicht.

Dystra war weder fur Bach noch fur Handel besonders eingenommen, aber er sah, dass die Excellenz gesprachig werden konnte. In der Hoffnung, dass eine Erorterung, die schon bei der Seelenwanderung angekommen war, sich auch noch auf das Mittelalter, das heilige Grab und die Tempelherren wurde ausdehnen lassen, erklarte er, die Winke der Frau Landrathin nicht zu verstehen und sich ganz im Verborgenen halten zu wollen. Sein Spartakus und Cicero sassen hoffentlich bedacht in der Kuche ...

Die Nachricht von den Mohren machte dem Alten grosse Freude. Er wunschte sie spater zu sehen ...

Hatte Dystra ahnen konnen, was Alles die arme Kapellmeisterin besturmte, er wurde sie mehr geschont haben! Sie sollte ihm jetzt sagen, was Olga triebe, warum sie nicht gekommen ware, ob sie bei Tisch immer schwiege, ob sie vor den Thieren nicht Apprehensionen empfande, ob er wagen durfte, sie in ihrem Zimmer zu uberraschen, wo hinaus es lage, ob sie jetzt asse ... Alle diese Fragen erwiderte sie mit dem einfachen Bescheide, Olga male, sie wurde zu ihr gehen und ihr leider wol wiederholt die Versicherung geben mussen, dass man sie betrachten wolle wie eine Einsiedlerin ...

Also nach Norden liegt ihr Zimmer! sagte Dystra und wollte trotzdem folgen, wenn nicht der Greis sich erboten hatte, ihm jetzt den Versteck zu zeigen, aus dem er gewohnt ware, den Akademieen zuzuhoren. Dystra musste ihm schon den Arm bieten. Sie gingen uber den Corridor, eine kleine versteckte Treppe hinunter ...

Inzwischen hatte sich die Zahl der Wagen, die vorfuhren, ansehnlich vermehrt ... Anna hatte Olga ersucht, an der Akademie Theil zu nehmen ... Sie schlug die Aufforderung aus ... es bebte ihr durch's Herz, als das traumerische Madchen, ihr fast stereotypes Schweigen brechend, gesagt hatte:

Dein Haus ist wol ein Gefangniss fur mich; aber die gefiederten Sanger der Luft wohnen gern in ihm. Ich gehore zu den Stillen, die man nur muss gehen lassen, wenn sie Jeden erfreuen sollen. Ich weiss, jener Dystra ist bei Euch, dem sie mich vermahlen wollen, weil er Schatze besitzt. Ich fliehe vor ihm, wie vor der Klapperschlange die Thiere fliehen, uber die ich dem Grosspapa zuweilen vorlese. Deine Welt, in der du lebst, liebe Anna, ist wunderbar. Weisst du, dass ich manchmal Muth bekomme, weit, weit uber die Thiere und Menschen hinaus, die sich vor Schlangen furchten? Ich bin gar nicht erschrocken vor den Madchen, die, wie Grosspapa erzahlt, mit Schlangen sich umringeln, kleine Vipern als Halsschmuck, grosse als Shawls tragen! Ich mochte so mitten inne in der Wildniss sitzen, ich wusste, ihre Bewohner schonten mich. Ach, sind denn die Menschen nicht viel schrecklicher? Von diesem Dystra mit seiner geckenhaften Eleganz, seinen parfumirten Redensarten, seiner Eitelkeit auf seine kleinen Fusse red' ich nicht. Er ist nur lacherlich und ich wurde mich schamen, wenn ich ein Wort mit ihm redete. Aber es gibt grossere Ungeheuer! Lass mir die Einsamkeit, gute Anna! Ich habe so viel erlebt, so viel in meinem innersten Herzen zurecht zu legen, dass ich dieses verzauberten Schlosses recht bedarf, um mich zu sammeln. Es ist mir bei Euch, wie ich von der Hohle des Trophonius gelesen habe, in der man die Stimme des Erdgeistes horte.

Dabei zeigte Olga rund herum auf ihr gemuthlich eingerichtetes Zimmer, das immer fur fremden Besuch auf Tempelheide eingerichtet war und in Nebenkammerchen noch Raum fur zahlreichere Gaste bot. Die Meubles waren hier moderner als im ubrigen Hause, die Bilder zeigten auch einmal andre als naturhistorische Gegenstande, und an den nach Norden gelegenen Fenstern gediehen in kuhlem Schatten einige Blumenstocke von ausgesuchterem Werthe. Auf einem dicht ans offne Fenster geruckten Tische malte Olga in Aquarellfarben, deren Anwendung sie von Siegbert Wildungen gelernt hatte, eine italienische Fernsicht. Das dunkelblaue Meer und einen einzigen daruber hinweg schwebenden Vogel erklarte sie fur das Abbild ihres eigenen Lebens. Und als Anna sie nicht bewegen konnte, der Versammlung unten, deren bevorstehende Uberraschung sie freilich verschweigen musste, beizuwohnen und gehen wollte, rief ihr Olga plotzlich wie aufthauend noch nach:

Und dein heutiges Freudenfest?

Anna druckte das Madchen bewegt an ihr Herz und erwiderte:

Viele Jahre hindurch, ich kann sagen wieviel, siebzehn Jahre hindurch war der heutige Tag ein Freudentag. Dann hab' ich langer als zwolf Jahre an diesem Tage bitter geweint, vor aller Welt mich abgeschlossen, Niemanden sehen mogen, als die Bilder, die vor meinem innern Auge lebten. Zuletzt, je naher ich dem Ziele unsrer allgemeinen Pilgerschaft komme, hab' ich von diesem Tage nur noch die alte Freude behalten und feiere ihn still innerlich wol, aber mit Ergebung, wie wenn Alles so ware, wie es nicht ist.

Olga wusste nun, dass Anna von dem Geburtstage ihrer Tochter sprach, uber deren Leben und Tod Anna seit Jahren nichts mehr vernommen hatte ...

Schon war die wurdige Frau gegangen. Auf der Stiege sich sammelnd, den Dienern jede nothige Aufmerksamkeit einscharfend, das Vorzimmer des Musiksaales im Vorubergehen noch etwas aufraumend trat sie zu mehren schon unten anwesenden Damen und Herren ein.

Der Chor schien heute besonders stark zu werden. Das unverandert schone Wetter lockte jedes Mitglied, die Veranlassung einer so angenehmen Spazierfahrt nicht zu versaumen. Nur ein Billet, das sich vorfand, war ein absagendes, grade von der Trompetta! Diese schrieb, ihr stunde der uberraschende Besuch ihres Vetters, wie sie sagte, "des Chefprasidenten von Trompetta Excellenz" bevor, einer bekannten, in der Provinz im Sinne der aussersten Reaktion wirkenden Personlichkeit, die man schon oft als eine Ministerchance genannt hatte, ebenso wie einen Verwandten des Frauleins von Flottwitz, den Oberprasidenten von Flottwitz, der gleichfalls in der Provinz zu den letzten Trumpfen gehorte, die die Aussersten gern ausgespielt hatten, wenn nicht Egon von Hohenberg zur Zeit noch unerschutterlich erschien. Die arme Trompetta! Die Bedauernswerthe! Wenn sie ahnen konnte, was sie heute versaumte! Wagen an Wagen fuhr vor. Bediente sprangen von den vordern Bocken und offneten die Schlage. In der Hausflur sassen schon fast ein Dutzend gallonirter weisser Sklaven, die bald die Nahe der schwarzen in der Kuche gewittert hatten und ihr Ubergewicht zu Hanseleien benutzten, grade wie sie der alte Oberprasident im Umgang der Menschen mit der Thierwelt als die Quelle der Verwilderung derselben bezeichnet hatte. Die Kammerdienerssohne der Majestat von Angora nahmen die Spasse, die man sich mit ihnen erlaubte, nicht zu ubel auf, sondern genossen ihr Vorrecht, sich mit den Speiseschranken auf Tempelheide vertrauter gestellt zu sehen, als die Europaer, in einem Grade, der den Neid der letzteren, deren Herrschaften alle erst um sechs dinirten, sehr rege machte und sie um so mehr verstummen liess, als die beiden alten Diener des Hauses, die ihre beste blaugelbe Livree angezogen hatten, auf Ruhe und Ordnung hielten in dem Augenblick, wo vom Musiksaale her die ersten Tone des Pianos erklangen.

Vor dem Schlosse eines Fursten, wenn seine hochsten Rathe bei ihm versammelt sind, kann es nicht belebter aussehen als jetzt vor dem kleinen Landhause von Tempelheide. Die gewahlteste Gesellschaft wurde an den Wappen von mehr als zwanzig Wagen erkennbar. Auch die Manner gehorten nicht alle dem bescheidenen Stande der jungen Offiziere und Referendare an, sondern mancher Rath, mancher jungere Prasident ubte noch die Fertigkeit seiner Stimme und hielt treu bei diesen fashionablen Tonubungen aus. Die Dorfbewohner, ja stadtische Lustwandelnde horchten zu vom Hugel der Kirche, vom Friedhofe und den beiden Linden heruber. Die Jugend staunte der Wagen, der stolzen Rosse und Bedienten. Dies wunderreiche kleine Schloss, sonst so still, wie belebt war es heute! Die Thiere wurden eingehalten oder ihr Gackern und Larmen erstickte in den entfernten Stallen oder der hassliche Schrei des Pfauen in den hohen Wipfeln des Tannenparks ... Es schlug halb vier Uhr. Die Akademie begann ... Fraulein von Flottwitz kam noch in einem unscheinbaren Wagen etwas verspatet. Wahrscheinlich hatte ihr die Trompetta den Streich gespielt, ihr die Mitbenutzung ihres Wagens unmoglich zu machen. Dadurch hatte sie einen Miethwagen nehmen, sich angstigen mussen ... Aber welche frohe Botschaft brachte sie auch mit! Sie hatte ja den Hof uber die Felder hinausfahren sehen, die um Tempelheide lagen, die koniglichen Wagen sechsspannig mit Vorreitern und mit zwei Wagen voll Kammerherren und Hofdamen. Und nun, wie gehoben konnte sich die junge Aristokratin fuhlen schon durch den Anblick der andern Wagen, die vor Tempelheide standen! Welch' Gefuhl der Exclusivitat, so in einen Saal zu treten, wo es nur Mitglieder der hohern Gesellschaft gab, ja sogar unter sechs bis acht Grafinnen eine Furstin, vielleicht eine Furstin von Sein-Haben-Werden! Sie kam grade zurecht, in ein Miserere mit einzustimmen, dem es gut that, bei der Stelle dele iniquitatem meam durch ihre helle hochliegende Stimme in der rechten Lerchen-Wirbel-Schwebe gehalten zu werden.

Anna dirigirte mit Feuer und Begeisterung. Was auch kommen und drohen mochte, in der Musik hoben sich ihr alle Schwingen. Da horte der kleine Flug uber die Erde auf, da wurde nicht mehr mit den Fittichen uber die Rucksichten leise hinweggeflattert, da schlug sie Akkorde, die die Seele entfesselten und emportrugen in die Welt der Ahnungen und des lebendigsten Gottvertrauens. Sonst ihre Stimme im Reden so weich und fast tonlos, jetzt markvoll und schmetternd Befehle ertheilend! Cis! Cis! Cis! so durchgedonnert durch die falschgreifenden Baronessen und Grafinnen, ein Zu fruh! den Rathen, Prasidenten, Kapitans, Assessoren, Sekondelieu-tenants und Kadetten wieder einem Flottwitz hatte sich endlich die Stimme gesetzt zu einem recht brauchbaren FalsettTenor so ein Zu fruh! das war wie der Tuba-Ton eines Jahrhunderts, der diesen Herrschaften sonst gewohnlich nur zuzurufen pflegt: Zu spat! Freilich auch Zu spat's! kamen genug vor, besonders bei den etwas nachmittagsschlafrigen Bassen, die ihr exultabunt ossa mea ganz im Gegensatz zur Bedeutung dieser Worte etwas gar zu sehr wie wiederkauendes bequemes Hornvieh hervorbrummelten. Am meisten Noth hatte die gute Anna mit der Furstin Sein-Haben-Werden, die die Musik leidenschaftlich liebte und die heilige vollends mit Auszeichnung, aber an einer fur Menschen fast instinktwidrigen musikalischen Gehorlosigkeit litt und im Vergreifen des Einsetzens im Laufe der Ubung es in der That fur den Zusammenhang der Tone zuweilen zu einem wirklichen kompletten Miserere brachte.

Dystra inzwischen litt nicht nur an seinem hochst geringen Interesse fur geistliche Antiphonieen und Responsorien, sondern in noch erhohterem Grade in seinem ganzen, von dem Lokale, wo er sich befand, in Belagerungszustand gesetzten Nervensystem. Der ihm so wohlwollend zugewandte Greis hatte sich von ihm die kleine Haustreppe hinunter in ein Gemach fuhren lassen, das zwar eine sehr angenehme Kuhle verbreitete, aber bald fur ihn ein Gegenstand des Schreckens werden sollte. Der Alte hatte es die Spinnstube genannt. Dystra folgte in Bewunderung vor der landlichen Patriarchalitat dieser Wohnung, wo noch gesponnen wurde, wie im Zeitalter der Konigin Bertha.

Wie erschrak er aber, als er sich auf einen Stuhl neben einem Sessel, in den sich der Alte niederliess, warf und entdeckte, dass dies nicht die Spinn-, sondern die Spinnenstube war! Wirkliche Spinnen waren es, die hier spannen, und welche Ungeheuer, welche achtbeinigen Arachniden, welche Netze! Quer uber das ganze Zimmer hingen die Faden und junge und alte Kreuzspinnen schaukelten sich auf ihnen. Es ist wahr, der Greis sprach sehr schon uber den Ton und dessen Einwirkung auf die Thierwelt. Er verglich den Ton mit dem Lichte und erklarte, dass Ton und Licht dem Thiere zusammenflosse, dem Fische, dem Kafer, der Spinne. Es ist wahr, man konnte bei den ersten Takten, die in dem Musiksaale nebenan angeschlagen wurden, die Bewegung sehen, wie die Spinnen stutzten und der Thur sich zuwandten. Aber der unheimliche Eindruck blieb doch und wurde gesteigert, als der Prasident auf ein kleines Loch am Fussboden zeigte und sagte:

Geben Sie jetzt Acht! Er gab Acht und errieth fast, dass aus diesem Loche noch ein Freund der Musik erwartet wurde, aber am liebsten hatt' er sich einen Kehrbesen und eine muthige Magd gewunscht, die hier die Wande rein gefegt hatte. Es half nichts, er musste die Spannung des Alten theilen, der aus diesem Loche den Besuch einer kleinen Maus erwartete, die nie ausblieb, wenn die Akademie im Gange war. Es dauerte heute lange. Der Alte bekam schon Bedenken, furchtete fur die Ruckfalle seiner Katzen, schalt uber die Hunde, die Magde, die Ratten, die Diener, Alles in einem Tone. Er horte nichts von den majestatischen Hymnen, die nebenan mit allen Unterbrechungen eines moglichsten Strebens nach Correkt-heit gesungen wurden, bis endlich wirklich zu seiner innigsten Freude ein kleines graues Mauslein sich hervorwagte, klug die Auglein um sich warf, den Boden prufte, den Schweif ringelte und sich den an der Thur wie verzaubert lauschenden Spinnen als alter bekannter Musikfreund hinzuzugesellen suchte. Schon langst hatte man nebenan einen Versuch in mehr unserm Jahrhundert sich annahernder Musik gemacht, schon langst hatte Dystra soviel gewonnen, dass er mindestens eine durchgebildetere Verschlingung der von den einzelnen Stimmen getragenen Tonfiguren zu bemerken glaubte, als dem Greise sein Experiment gelungen schien und er sein Mauschen wie einen alten Bekannten begrusste. Nur dauerte die Freude nicht lange. Denn ... plotzlich stockte der Gesang, die Spinnen bewegten sich erschrocken auf den hohen Stelzbeinen, das Mauschen stutzte, eine kraftige Hand pochte an die Thur, ein Bedienter offnete ... eine Uberraschung ... der Hof ... Was? ... Der Konig ... Wie? ... Die Konigin ... Himmel? ... Anna naherte sich schon dem Papa es ist ja nicht glaublich! Doch! Doch! Der Hof eben vorubergefahren, schon bei dem Magnifikat still gehalten ... jetzt wo es an Handel ginge, liesse man fragen, ob ein Besuch der Herrschaften erlaubt und Zuhorer gestattet waren ... Staunen, Bewegung, Unentschlossenheit ... endliche Fassung ... zwei Minuten darauf hatte sich die Scene merkwurdig geandert ... dem Schlosse von Tempelheide war grosses Heil widerfahren.

Viertes Capitel

Die beiden Jahrhunderte

Im Vorzimmer des Musiksaales zu Tempelheide bei geoffneten Thuren sitzt das Monarchenpaar, andachtig lauschend einem mit unendlich gesteigertem Eifer wieder begonnenen Handelschen Psalm, einem Musikstucke, auf das sich die im Innersten bebende Anna verlassen konnte ... Die Altenwyl, freudestrahlend uber den gelungenen Uberfall, denn grade in dem Plotzlichen, dem Unvorbereiteten lag der Reiz, lag der Zauber, der allein die Herrschaften in dem Glauben erhielt, sie begluckten sehr die Menschheit und verstunden sie in ihrem tiefsten und geheimsten Walten ... Eine Ankundigung dieses Besuchs, wen hatte sie nicht Alles verletzt, wieviel Neid hatte sie erweckt und wie leicht hatte sie das Zustandekommen vereiteln konnen, da Anna so schwer zuganglich war ... Nun aber war der kuhne Wurf gelungen ... Der Monarch blickt glaubig, seine Gattin erbaut sich an der Sache selbst und an der Andacht des Gemahls ... Zwei Kammerherren in bescheidner Entfernung, zwei Hofdamen sitzend hinter der Herrscherin und alle mit denselben Mienen wie diese, dieselben Achs! Dieselben Os!

wie jene, ja als sich die Augen der Konigin bei einem Adagio mit Thranen fullten, weinten auch die weiblichen Umgebungen ... Die Kammerherren waren etwas selbstandiger; sie fuhlten dem Monarchen nach, dass seine Empfindung eine getheilte war. Halb war sie der altklassischen Musik, halb dem greisen Obertribunalsprasidenten zugewandt, der von seinem Gaste, dem russischen Staatsrathe Otto von Dystra, gefuhrt, neben den Majestaten sass und mit sicherm ruhigen Bewusstsein, ja mit einer gewissen vornehmen Fassung die Ehre entgegennahm, die seinem Hause so uberraschend widerfuhr ... Dystra war langst dem Hofe vorgestellt und seiner halbverwachsenen Figur wegen sogleich als der Sonderling erkannt, von dem man glucklicherweise seine Bekanntschaft mit gewissen zweideutigen Elementen der Gesellschaft noch nicht in Erfahrung gebracht hatte ... Die Konigin irrte sich gar nicht, wenn sie bei ihrem Gemahl voraussetzte, dass ihm diese unmittelbare Annaherung an den Chef der Gerechtigkeit in seinen Staaten ausserordentlich wohl that und er sich in dem Bewusstsein betraf: Du lehnst dich da an das Gute und das Edle, an das von Gott Eingesetzte und ewig Gewollte, an den Widerschein der himmlischen Ordnung und du bist in der Weise, wie du nun einmal regierst oder regieren lassest, nicht nur in deinem gottlichen Rechte, sondern auch in der wahren Bahn deiner urweltlich pradestinirten Pflichten! ... Und nun dazu diese Musik, diese alte bewahrte Tonschopfung eines grossen Meisters! Welche Sicherheit gewahrte ihm diese Anlehnung an eine Jakobsleiter, die gleichsam in den Himmel selber fuhrte! Ach, es sah so duster auf dem Gebiete der taglichen Erfahrung aus. Die Ruhe war hergestellt, aber theilweise mit gewaltsamen Mitteln. Man hatte in Egon von Hohenberg eine seltne Kraft des Willens, der Durchfuhrung, des Vertrauens sogar gewonnen, aber selber wollte man nicht vertrauen. Man fuhlte sich einsam, leer, beangstigt wie immer. Man hatte einen Staat, aber kein Volk mehr. Man sah Gehorsam, aber so wenig Begeisterung bei Denen, die gehorchten, weil sie mussten. Man hatte Beispiele von Strenge geben mussen. Bis in das Heer, das man den Kern und die Bluthe des Volkes zu nennen pflegte der Kern und die Bluthe des Volkes ist die Schule, hatte dagegen Egon selbst einmal eines Abends in den kleinen Cirkeln mit Reizbarkeit gesagt bis in das Heer war das "Gift der Neuerung" gedrungen. Es waren Beweise von Verrath gegeben worden, die man zum abschreckenden Beispiele hatte mit buchstabenscharfer Rucksichtslosigkeit strafen "mussen". Noch beunruhigend genug war die Sage von einem grossen geheimen Bunde, der bis in die weiteste Verzweigung aller Stande griff und den Boden, auf dem man taglich wandelte, unsicher machte. Egon selbst, der nicht blos das Land, sondern auch zuweilen den Hof, wenigstens dessen liebste Angehorige, tyrannisirte, der Premierminister, dies allbewunderte, strahlend aufgegangne Gestirn, das weithin am europaischen Himmel leuchtete, Egon von Hohenberg selbst hatte eines Abends, als von gewissen strafenden Worten die Rede war, die ein Prinz des Hauses in der Provinz zu einem Gemeinderathe gesprochen, gesagt: Huteten sich doch die Fursten, mit ihren personlichen Anspruchen auf die Empfindungen der Menschen jetzt noch zuweit sich hervorzuwagen! Es kann eine Zeit kommen, wo das Furstenwesen von Allen, vom Burger, Bauer, Adel und der Bureaukratie umgangen worden ist und es plotzlich in einer Vereinsamung dasteht, die es vor der Treulosigkeit seiner besten Freunde wird erschaudern lassen! Solche Egon'schen Worte waren langst die Veranlassung einer geheimen Hofverschworung gegen den Staatsretter geworden, wie man ihn offentlich nannte. Die Konigin stand selbst an der Spitze dieser Opposition, die zunachst eine sittliche war und von der Grafin Altenwyl von dem Augenblick offen bekannt wurde, als sich der Furst mit dem schonsten Madchen der Residenz vermahlt hatte, dem man die burgerliche Abkunft nachgesehen hatte, wenn nicht Melanie's Ruf, der Ruf jener Pauline, unter deren Auspicien diese Ehe zu Stande kam, Anstoss hatte erregen mussen. Es war eine Demonstration gegen Pauline und gegen Egon selbst, dass man Anna von Harder heute besuchte, sittliche Elemente schutzte, die seelenreinigende Musik verehrte und in dem uralten Chef der Justiz gleichsam jenen alten Staatsorganismus, durch den das Land gross geworden, an Macht und wahrem Glucke gewonnen hatte, selbst der konservativen Neuerung gegenuber in Ehren hielt. Und das Alles schwamm so in den Tonen Handel's mit! Das Alles floss so sanft in den Strom der Harmonieen uber, die auch unter der Direktion eines Pianos an ihrer rauschenden Wurde und Feierlichkeit nichts verloren! "Jauchzet dem Herrn alle Lande und singet dem Konig der Ehre!" Es fehlten hier nur noch einige bunte Kirchenfenster, einige Kartons etwa zum Heilande in der Vorholle, die Sammlungen und diskursiven Erorterungen Voland's von der Hahnenfeder und der ganze Apparat war beisammen, mit dem aus dieser Gegend her gegen die Sturme der Zeit ein Zion voll Kraft und Herrlichkeit erbaut werden sollte.

Und die Sprache der suchenden Empfindung blieb auch nicht zu lange aus. Nach Beendigung des sehr gelungenen pracisen Vortrags erhob sich der Hof, betrat nun den Musiksaal selbst, ruhmte die Kraft, die Ausdauer, den Geschmack der Fuhrung und liess sich von der in der Musik nun recht erstarkten und gehobenen Anna die Damen und Herren vorstellen, meist bekannte, hoffahige Namen, deren Jedem ein anerkennendes Wort, eine Frage, eine jener kleinen Nippsachen der Konversation, die eine Cour fur die Grossen zu einer Aufgabe macht, zu Theil wurde. Dann aber wurde doch der Greis der Hauptmittelpunkt. Ihn selbst verjungte die Spannung und erhielt ihn frei, ohne Unterstutzung des beobachtenden und vielbeobachteten Dystra ... Fraulein von Flottwitz sagte auch den hohen Herrschaften, als an sie die Reihe des Lobes und der Anerkennung kam und ihre "Gesinnung" und die ihrer Anverwandten und ihrer Onkel, ihrer Bruder, ihrer Vettern, namentlich des auch in der Presse wirksamen Oberprasidenten gepriesen wurde: Welche ausstromende Kraft in der Nahe eines geliebten Herrscherpaares liegt, beweist das Lazaruswunder an dem Greise da! Wie erstanden ist er vom Tode! Alle Krucken sind gleichsam weggeworfen! Sein Konig sagt: Stehe auf und wandle! ... Man belachelte diese etwas pathetischen Worte der Flottwitz, aber sie sagten Das, was man so gern horte in diesem Kreise. Ja, wie manche Bittschrift wurde nicht erhort, die man statt an den Landesfursten an seine Gemahlin richtete! Man fand damit ein Prinzip der personlichen Huldigung ausgedruckt, das leider zu sehr abhanden kam. Ein junger Sanger, der ein Gedicht schrieb: "Die Farben meiner Konigin", erhielt fur diese Huldigung im alten troubadourischen Style eine ganz moderne Wechselanweisung zu einer Reise nach Italien. Kurz man steuerte jener Egon'schen Prophezeiung von der poetisch-romantischen Isolirung des Monarchenthums mit vollen, rauschenden Segeln zu und hatte, wenn die heute so unendlich verkurzte Trompetta dagewesen ware, zwar nicht von ihrem Album, nicht von ihrem zweideutigen Kanonenboot, wol aber schon von dem Chefprasidenten gesprochen, der zu der Richtung der Personlichkeit im Staate sich hielt und kurzlich sogar gegen Egon eine Opposition in Steuerfreiheitssachen des Grundbesitzes mit angefuhrt hatte.

Konnte es da fehlen, dass nun durch die Altenwyl auch die Thierseele, auch die Mauerschwalbe, auch die Aolsharfe im Tannenparke zur Sprache gebracht wurde? Ach, dieser vorschnelle neologische Dystra! ... Der platzte mit seinen Beobachtungen uber die Spinnen und die kleine Maus hervor. Er wurde belachelt, aber dies Lacheln war nur gnadig, nicht ganz zustimmend. Die Thierseele! Die Thierseele! Man sollte daruber viel zarter, viel milder, viel duftender sprechen. Der alte Herr begann schon selbst davon, Anna unterstutzte ihn, man horchte, man lauschte, man gestand zu, es ware wol das Ruhrendste, was die Thierwelt darbote, wenn eine Katze die Jungen einer von ihr gebissenen Ratte aufsaugte. Aber da errotheten doch immer noch Einige der Damen. Man wollte die Wissenschaft, die Wahrheit, aber nur nicht zu wissenschaftlich, nicht zu wahr. Man suchte etwas mehr Dammerndes, Umflortes und da hatte die Grafin Mauseburg, die an der Spitze einer grossen Anzahl von Vereinen stand, den Muth, auf die Hunde des St.-Bernhard zu kommen, jene edlen Neufundlander, die die in den Lawinen verschutteten Unglucklichen im Schnee aufsuchten, aus dem Korbchen, das sie um den Hals trugen, sogleich mit Speise und Trank erquickten, bis die Monche kamen und das Werk der Liebe und Rettung vollendeten. Das war denn ein Wort! Das offnete gleich das ganze Gebiet, auf dem man der Menschheit hier Wunder glaubte zu nutzen, das grosse herrliche Gebiet der innern Mission. Die St.-Bernhard's Hunde auch in ihrer Art innere Missionare! Nun stromten alle losgelassenen Schleusen der Ubereinstimmung uber das Seelische und so rauschend quollen sie, dass die Grafin Altenwyl fast Muhe hatte, mit dem Anliegen durchzudringen, den edlen Greis mochte man doch uber die Mauerschwalbe fragen, die Shakespeare so schon beschrieben in Versen, die General Voland damals sogleich, wie Alles, auswendig gewusst hatte. Aber o Jammer! Der alte rationalistische Herr aus Friedrich's des Grossen Zeit zerstorte den schonen Traum von der an Mauern schmiegsamen Mauerschwalbe und nannte sie frischweg nur die Maurerschwalbe, weil sie maure wie mit Kelle und Mortel, nicht Mauerschwalbe, weil sie sich liebend an Mauern schmiege. Und was er auch nun Ruhrendes erzahlte von der Schwalbe und ihrer Anhanglichkeit an ihre Jungen, von jenem Schiff, an dessen Masten sich einst im Hafen eine Schwalbe genistet hatte, die ihre Jungen durch vom Lande geholten Proviant ernahrte, von jenem Schiff, das dann in See gegangen ware und von der Schwalbe, die bald zum Lande, bald zum Schiffe flog, um Nahrung zu holen, bis sie todt niedersank im Meere, weil die Entfernungen zu weit wurden, ja was er auch von der kunstvollsten Methode des Nestbauens durch Schwalben erzahlte, die Maurerschwalbe war Das nicht, was man wollte. Die Maurerschwalbe, ach, die stand ja gleichsam im Schurzfell, mit Kalk bespritzt und der Kelle in der Hand vor diesen Damen, deren Phantasie nur das absolut Schone und das englische Lovely wollte, die Natur gleichsam in Goldschnitt gebunden wie eine Gedichtsammlung uber die Sonntagsfeier oder uber die Marchenwelt oder was sich der Wald erzahlt! ... Nur der Monarch gehorte nicht zu den "Des-illusionirten." Er wusste, dass die greise Excellenz Chef aller Landeslogen war und in der Maconnerie hoch verehrt. Ihn brachte grade doch die Maurerschwalbe auf ein stilles Nachsinnen ... die Maconnerie ... und schon schwebte ihm, schon im Voraus gestachelt vom wundersuchtigen Voland, die Bemerkung auf den Lippen, dass die Welt auf die Entscheidung des grossen Johanniterprozesses sehr gespannt ware ... als die junge Gemahlin den Wunsch ... wieder nach Musik, jetzt nach Pergolese, ausserte, man sich wieder setzte und Pergolese sang. Man sang Pergolese.

Die weichen Tone des Stabat mater nach des alten Hiller Instrumentirung zum Klavier wurden in sanftester Modulation, schwellend und absteigend, in den Tuttis und den Solis vollkommen sicher vorgetragen. Es war eine der fertigen Kompositionen, die Anna von ihrer Akademie zu jeder Zeit und auch Jedem darbieten konnte. Diese Tone waren gewiss schmelzend. Gewiss, Baron Dystra, hatte ihm eine Stimme sagen sollen, wen der Schmerz Mariens, die am Kreuz des Sohnes stand, in diesen Tonen nicht ruhrte, verdient den Antheil nicht am gesitteten Menschenbund. Der Baron glossirte auch wirklich nicht die Thranen der Frauen. Ergriff ihn doch selbst das Verhallen des auch dichterisch so wohlgefugten Liedes, dies sanfte, stille Ausathmen der Komposition, nach dem man nur abbrechen, gehen, knieen, predigen, beten, nichts Gemeines mehr beginnen kann. Die Damen waren auch zerknirscht so am liebsten nun gegangen, so mit feuchten Augen am liebsten von der bewegten und ruhig gewordenen Anna geschieden, aber den Monarchen fesselte es an den greisen Obertribunalsprasidenten. Es that ihm so wohl, sich durch ihn im Zusammenhange mit der Geschichte seines Hauses zu wissen. Er begann, um nur noch zu bleiben, jetzt von den Windharfen und bedauerte den fur den Greis zu entlegenen Weg. Doch dieser machte dem Worte der Flottwitz Ehre. Er stand und ging wie der Rustigsten Einer und als der Furst sogar selbst seinen Arm ergriff, ihn selber fuhrte, gab er seine bereitwilligste Absicht zu erkennen, seinem Herrn und Konige auch mit Freuden jene Zahmung der Luftgeister zu zeigen. Nun war Alles wieder erfrischt, wieder erquickt nach dem schmerzlichen Drucke Pergolese's. Der Konig will noch bleiben! Alles athmete beseligt. Draussen vollpulsirende Bewegung. Hunderte von Menschen, die an den Spalieren standen und leidlich ehrerbietig gafften. Die ganze Akademie folgte, weil es gewunscht wurde. Die Diener machten Spalier. Es ging in den Tannenpark. Auch Dystra folgte mit den Kammerherren, die er obenhin kannte. Anna blickte zu Olga hinauf, die hinter ihren Blumen stand, sich getrost das Alles entgehen liess und sich vor einem Schauspiel, das ihr wenig Interesse einflosste, still verbarg. Als im Gehen der Grosspapa eine Erzahlung begann, die sie ohne Erschutterung nie horen konnte, die Geschichte der beiden Schwestern Philomele und Prokne, erschrak sie recht ...

Der Greis kam sehr einfach auf diese Geschichte. Der Konig hatte ihn nach den allgemeinen religiosen Resultaten seiner Lieblingsneigung gefragt. Dagobert von Harder antwortete darauf:

Manchmal, Majestat, wunscht' ich, die Christuslehre hatte die Menschen nicht zu sehr auf das Reich der unsichtbaren Geistigkeit verwiesen. Es ist nicht gut, wenn wir uns zu sehr aus den Banden der gegebenen Sinnengrenze entfernen. In den heidnischen Vorstellungen uber Religion hat mir immer gefallen, dass ihnen eine allbelebende Phantasie in der Natur bestimmte Ruhepunkte anwies, die unmittelbar anzubeten freilich eine blinde Abgotterei war, wahrend leider auch wir in unserm Glauben vom Hylozoismus nicht ganz frei sind. Die Alten haben sich selbst gehoben, als sie die Thierwelt zu Mittelstufen der Gotterlehre machten. Jedem Gotte war irgend ein gefiederter Bewohner der Lufte oder das schnaubende edle Ross oder die wilden, von des Gottes Bedeutung gebandigten Einsiedler der Wuste beigegeben. Der Lehre von den Verwandlungen liegt ein Prinzip zum Grunde, das im Thiere eine Offenbarung anerkannte. Und wie artig sind die Sagen der personlichen Auffassung des Weltund Erdenlebens! Schiller singt: Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen, seelenlos ein Feuerball sich dreht, lenkte damals seinen goldnen Wagen Helios in stiller Majestat. Gibt es eine schonere Sage als die von Philomele und Prokne?

Der Monarch, der mit dem General Voland die Belesenheit gemein hatte, kannte sie, doch nicht vollstandig genug, um sie den Damen mitzutheilen.

Philomele und Prokne, erzahlte der Greis, waren Schwestern, Beide Tochter eines Konigs von Athen. Prokne an einen benachbarten kleinen Fursten vermahlt, Namens Tereus. Tereus wurde seiner Gattin uberdrussig. Es verlangte ihn auch nach Philomelen. Er beredete bei einem Besuch in Athen den Schwiegervater, ihm die Schwagerin auf die Reise mitzugeben, da Prokne, seine Gattin, sich zu sehr nach ihrer Schwester sehne. Man gab ihm Philomelen mit und setzte sie seinen bosen Gelusten aus. Da Philomele tugendhaft widerstand, liess der rachsuchtige Mann ihr die Zunge ausschneiden und warf sie in einen einsamen Thurm. Durch eine Stickerei verrieth sich aber Philomele ihrer Schwester Prokne, die sie zu retten wusste. Prokne voll Wuth uber ihren Gemahl todtete ihm den eignen Sohn, liess ihm diesen als Speise fur seine Tafel zuruck und entfloh mit ihrer Schwester. Beide waren von der Rache des Tereus unfehlbar ereilt worden, ware Philomele von den Gottern nicht in eine Nachtigall verwandelt worden. Prokne aber wurde die Schwalbe. Ihr angstliches Flattern rundum im Kreise deutet auf die Reue uber ihren begangnen Frevel; sie sucht das Kind wieder, das sie so grausam gemordet hatte.

War bei dieser mit Interesse vernommenen Erzahlung das Auge Aller, die die Verhaltnisse kannten, auf Anna von Harder gerichtet, deren Beziehung zu einer Schwester und zu einem verlornen Kinde zur Chronik der Welt gehorte, so machte es nach dieser truben Anwendung fast einen komischen Eindruck, als in dieser Fabel gewissermassen auch eine Anspielung auf den Intendanten der Buhne, den entarteten Sohn des Redners selbst, zum Vorschein kam; denn der Konig selbst war es, der da sagte:

Und jener Tereus, Schwager der Prokne, wurde ja wol in einen Wiedehopf verwandelt?

Man forschte, ob man lacheln durfte. Diese Menschen hatten Alles in Bereitschaft, Lacheln, Weinen, Ernst, je nachdem es auf dem Zifferblatt der Uhr, nach der sich hier Jeder richtete, aussah ... Aber Kurt Henning Detlev von Harder als Wiedehopf? Alle lachelten diesmal von selbst.

Otto von Dystra erlaubte sich nun die Bemerkung, dass doch ein letzter Rest der Ehrfurcht vor den Thieren die Heraldik ware, und hatte mit dieser Anmerkung seinem Freunde, dem General Voland, eben so viel Ehre gemacht, wie dem Fursten Vergnugen, der dies Thema als Kenner verfolgte. Alle Ritter- und Wappenbucher wurden gleichsam in dem Gange uber die Kiefernadeln nun auch aufgeschlagen, wahrend Pfauengeschrei den Damen nach Pergolese wehe that. Man schritt des Greises wegen so langsam, dass bis zur kunstlichen Ruine und zu den Windharfen dieser noch mit einer gewissen Feierlichkeit sagen konnte:

Vergebung, Majestat! In die Wappen hat man die

Thiere in ihrer ganzen Wildheit aufgenommen.

Aber ist es nicht schon, wagte eine Damenstim

me es war wieder die der Flottwitz, die allgemein heute bewundert wurde ist es nicht schon, die Thiere so zu nehmen, wie sie die Natur geschaffen hat, das Pferd so stolz wie in Arabien, den Adler so koniglich, wie er auf den Felsen horstet?

Die ganze Gesellschaft murmelte Beifall. Alles war

entzuckt. Die Wappenthiere aller Anwesenden ruhrten sich. Jeder verrieth, dass er seinen Habichten, seinen Falken, seinen Auerhahnen auf den Wagenschlagen draussen Ehre zu machen hatte.

Der Prasident blieb stehen und sah sich im Kreise

um. Die Konigin erschrak vor dem Blicke, der aus den zusammengefallenen Runzeln schoss; sie furchtete eine Polemik, die ihr in neuester Zeit reizbarer gewordene Gemahl liebte, ja herausforderte. Sie hatte eigentlich schon an dem Ausdruck des Prasidenten "Christuslehre" genug gehabt und furchtete Konflikte.

Nun, Excellenz, reden Sie! sagte der Konig. Sie

lasen die Sibyllinischen Bucher! Wir sollten ofter auf die Sprache der Erfahrung horen.

Majestat, erwiderte der Greis sich ehrerbietig ver

neigend, ich wunschte nur das Eine nicht, dass unser Jahrhundert in seinem frischen und kraftigen Selbstgefuhl zu wild, zu zornig sich zuweilen gebehrdete. Ich kummere mich wenig um die Handel des Tages, aber was davon in meine Klause dringt, flosst mir zuweilen den Schrecken ein, dass wir wol glauben mochten, auch alle unsre Zahne waren fur die Verzehrung der Thiere bestimmt. Etwas mehr Pflanzenkost, etwas mehr indische Brahminenlehre wurde dieser Zeit nicht schaden.

Man lachte ...

Aber der Greis, den, da der Konig bewegt schien, Otto von Dystra fuhrte, liess sich nicht irre machen. Halbscherzend und des Fusses auf diesem neuen Zeitboden nicht ganz gewiss sagte er:

Ja! Ja! Lachen Sie nur! Ich gehore noch zu den alten Heiden, Majestat, zu den Heiden, die bei Ew. Majestat Vorfahren das Recht hatten, sich fur Weise zu halten. Jetzt freilich wird uns bewiesen, dass wir damals ganz dumme, oberflachliche Narren waren. N'importe! Es ist moglich. Aber unglaubig waren wir eigentlich doch nicht! Wir glaubten mehr, als jetzt die Leute glauben, nur Anderes. Ich hatte eine Jugend, wo ich nur an die Gotter glaubte, die im Bardenhaine Thuiskon's verehrt wurden. Klopstock war mein edler grosser Sanger. Dann schlug ich, besonnen geworden, um. Ich fand, dass mein Odin und die holde Freya meine Beforderung auf dem Kammergerichte nicht recht in Gang bringen wollten. Da ging ich zu den Griechen uber und habe mit meinem Homer in der Hand zum Vater Zeus gebetet, wenn blauer ionischer Himmel auf der Erde lag, und zu Poseidon, wenn es regnete, und zu Ceres und Bachus, wenn die Arbeit gethan war und der grune Romer winkte ... Dann wurde die Welt wieder was Anderes, namlich indisch. Ein wenig macht' ich diese Religion auch noch mit, aber die Indier in Asien und Munchen fuhrten mich zu tief in die Katakomben des Mysticismus. Da blieb ich draussen und kam glucklicherweise weder in Herrenhut noch in der Siebenhugelstadt wieder ans Tageslicht.

Man lachte wieder, zum Schrecken der Grafin Altenwyl. Die Akademie schien nicht zu wissen, dass nur der erste Theil dieser humoristischen Rede bei Hofe komisch sein durfte, die Schlussbemerkung aber bedenklich. Es fehlte wirklich jetzt eine Trompetta, um hier die Grenze zu ziehen, bis wieweit das bekannte, vielbesprochene, nun sich deutlich herausstellende Heidenthum des alten Obertribunalsprasidenten unterhaltend gefunden werden durfte. Die Grafin wechselte nicht unbedeutende Blicke mit Anna von Harder und flusterte ihr zu:

Ich wette doch! Er glaubt an die Seelenwanderung.

Die hohen Herrschaften waren in einer eignen Lage. An einem Manne, den sie seines Alters und seiner Stellung zur Monarchie wegen hochverehrten, entdeckten sie eine Geistesrichtung, die ihnen nicht nur vollig rococo, sondern sogar gefahrlich erschien. Dies war wirklich noch der alte Neolog der "Zopfzeit," der unverbesserliche Rationalist, der an dem Revolutionszeitalter wahrlich auch sein Schuldtheil trug. Wo war nun die Thierseele, die Mauerschwalbe, der Nachschauer des Stabat mater hin?

Glucklicherweise hatte man die Ruine erreicht. Gott sei Dank, diese war im Geschmack des ritterlichen Mittelalters! Da gab es doch Mauerzacken und Rundformen, eine Altane, und das Prachtigste war, ein leiser Wind bestrich die im schonsten Lichte sich noch immer sonnenden Tannenwipfel und wie zum Grusse des hohen Besuches kamen die Luftgeister geflogen und breiteten ihre klingenden Schwingen aus. Wie hallte Das in dem stillen Walde wider! Wie sanftes Moll bebte und schrillte in der Luft! Man sohnte sich mit Tempelheide aus, man hatte die Anknupfung wieder an die letzten gesungenen Worte gefunden: Quando corpus morietur, fac, ut animae donetur paradisi gloria!

Befriedigt wollte die Konigin nach einigen noch mit Dystra aus Veranlassung des gothischen Geschmacks uber seine Tempelsteinbauten gewechselten Worten sich empfehlen. Sie hatte viel Sachgemass-Architektonisches uber Buchaus Umgebung und die Tempelsteinruine gesprochen ... Aber ihr hoher Gemahl besass zwei treffliche Eigenschaften, denen nur nicht immer die Gelegenheit zur vollkommnen oder richtigen Anwendung gegeben wurde. Er liebte erstens die Gerechtigkeit und besass zweitens einen unergrundlichen Schatz von Pietat. Die zwischen ihm und dem alten, von seinen Vorfahren so gefeierten und noch so geistesfrischen Herrn obwaltende Meinungsverschiedenheit reizte ihn. Er brachte auf dem Ruckwege von den Windharfen das Gesprach wieder auf jene Idealitat des Greises, die gewissermassen am Eingange der Katakomben stehen geblieben war und grubelte daruber, wie er, da ihm Scherzformen nicht gegeben waren, es anzustellen hatte, auf General Voland's Ausserung einzulenken, derzufolge der Johanniterprozess mit den Lieblingsneigungen des Greises, der Freimaurerei und der Thierseelenkunde, zusammenhinge. Gradezu, wusste der Konig wohl, konnte er weder von der Freimaurerei noch von jenem Prozess und der Meinung des obersten Gerichtshofes, ohnehin vor so vielen Zeugen, beginnen; doch wagte er den kleinen Scherz:

Die aufgeklarte Zeit war gezwungen, weil sie Gott den Herrn nicht erkannte, sich andre Gotter zu schaffen. Voltaire soll vor seiner Katze mehr Respekt gehabt haben als vor den Heiligen. Ja wenn ich Voland glauben darf, so beteten die Tempelherren die Katzen wirklich an und hatten ein Idol, das sie den Bafomet nannten, eine Art von Gotzen, toller als die Kalmukken, dieselben Tempelherren, die die Keime der Freimaurerei nach England verpflanzten!

O Majestat, erhob sich jetzt der Greis in seiner ganzen gebuckten Gestalt und warf seine hellblauen Augen in die Hohe des Lichts, dass sie wie verklart schimmerten, o Majestat, wer sagte Ihnen Das? Wenn der Herr General Voland die Akten der Ketzerrichter, die den edlen Jakob von Molay durch Feuer hinrichteten, fur vollgultige Beweise nehmen will, so hat er Recht, Mahrchen fur Wahrheit auszugeben. Aber die Geschichte hat jenen elenden Papst verurtheilt, der aus der schmahlichsten Erniedrigung des apostolischen Stuhles zu Avignon auf Geheiss jenes tyrannischen Philipp von Frankreich einen Orden zerstorte, der nur einer Reform bedurfte, um der Geschichte eine andre Bahn vorzuzeichnen, als sie die der Staaten und der Religion spater gegangen ist. Man fand in den Tempelhofen Thiersymbole, man spricht von einem im Pariser Tempel gefundenen metallenen Kopf, den man Bafomet nannte. Aus Scherz hab' auch ich einen alten treuen Kater Bafomet genannt. Die Templer zogen in den Orient als fanatische Christen, sie kamen tolerant zuruck. Sie hatten in den Moslem Bruder, Menschen, Helden kennen gelernt. Sie hatten so viele Beispiele von Grossmuth der Emirn erfahren, dass sie mit Achtung vor jeder Religion, die den Menschen veredelt, von der Kuste Asiens schieden. O Mahomet liebte die Thiere! Er war der Apostel einer nicht ubergeistigten Religion, der Prophet einer Lehre, die den Menschen an die Sinnenschranke bindet, damit er im geistigen Fluge nicht taste, luftige Wolken fur feste Eilande halte, nach Sternen hasche und sich die Bluthen der Erde in der Hand verwelken lasse. O Majestat, Mahomet war ein sehr weiser Gesetzgeber, ein sehr grosser Staatsmann und er liebte die Thiere. Was ist der Araber ohne sein Pferd? Warum hielt Mahomet die Katze hoch? Weil er den Hund nicht kannte und weil er in der Gewohnung der Katze ein mildes Prinzip des Hauses sah. Die Tempelherrenbauten dort druben jene Kirche vom uralten Tempelheide haben uberall Spuren von Anwendung der Thiere zu Ausschmuckungen der Architektur. Die Ubergeistigung hielt sich an die Blumen, die Menschenreligion an die Thiere. Und wohl uns, wenn wir Duldung lernen und die gezogene Grenze unsrer Sinne! Ach, das Gebiet der Nacht ist so gross, so unheimlich, so gefahrvoll. Die Tempelherren mussten dem Islam weichen; sie mussten das Grab des Erlosers im eignen Herzen finden und der Menschheit die Lehre von den in ihr selbst ruhenden Heiligthumern predigen. Richard Lowenherz kam mit einem gezahmten Lowen heim. Der Blick erweitert sich, wenn man die Natur belauscht und die stumme Sprache selbst des Thieres zu verstehen sich muht. Kein grosser Naturforscher hat einem Tyrannen schmeicheln konnen. Das Recht, das ewige Recht leitet seine Quelle von Dem her, was allem Lebenden gemeinsam ist, von der Luft, dem Feuer, dem Wasser und der Erde. O wehe, wehe einem Zeitalter, das sich von der Duldung entfernt, wehe Denen, die um der falschverstandenen oder innerlich nie gefuhlten Liebe willen Hass predigen! Wehe Denen, die eine Wahrheit, die nicht Alle erkennen, auf irgend einen Thron der Welt setzen! Dass wir Menschen sind, schwache, endliche Werkzeuge eines grossen uns nur ahnungsweise fassbaren Weltenplanes, das ist die einzige Wahrheit und diese macht uns demuthig, tolerant, nachgiebig gegen Andersdenkende, zuganglich dem Bessern und den Keimen neuer geschichtlicher Regungen! Ich weiss es nicht, ob die Maurerei durch fluchtige Tempelherren nach England verpflanzt wurde, aber ich wunschte, es ware so. Ob Jude, ob Christ, ob Muselmann, es ist ein Gott, der uns Alle erschaffen hat, erhalt, zerstort, zu neuem Leben verwendet, verklart, erlost, wie man es nennen will. O, o dieser General mit seinen Katzen! Mein Bafomet sagt mir keine Mysterien, nichts uber den Stein der Weisen, nichts uber die Quadratur des Cirkels, er sagt mir: Liebet Euch untereinander, duldet Euch und bessert Euch durch die Erkenntniss Eurer irdischen Schwachen und einer selbst in Thieren durch Menschenliebe moglichen Vollkommenheit!

Die Wirkung dieser mit Begeisterung gesprochenen Worte des Greises, die ihn trotz seiner kleinen Figur zum Seher erhoben, war verschieden. Die Frauen empfanden etwas, das halb aus Spott, halb aus Mitleid zusammengesetzt war; nur als sie die Liebe erwahnt horten, blickten sie auf die Herrscherin, um gleichsam die Verhaltungsregel ihrem Antlitz abzumerken. Die junge, hohe, schlanke Frau blieb aber streng. Sie war von der neuen Zeit und ihren Wirren, von den Gefahren des Konigthums zu sehr gereizt, sie erkannte nur gefahrliche Irrthumer in dieser kuhnen Rede eines Achtzigjahrigen ... Ihr Gemahl jedoch war erschuttert. Seine Bildung sagte ihm, dass er die Theorie Lessing's, Mendelssohn's, jenes Reimarus, der in der That uber Vernunftreligion und Thierseele zugleich geschrieben hat, vor sich hatte, er sah Nathan, Saladin, den Tempelherrn aus Lessing's schonem Gedichte, er gedachte der Thranen, die ihm die Erzahlung von den drei Ringen als Knaben gekostet hatte, wenn er sie von einem grossen Kunstler gesprochen horte und dargestellt sah. Trotzdem, dass seine Gemahlin ein andres Gesprach, ein leichteres und wieder uber den Tempelstein und die Nachbarschaft des Herrn von Dystra bei Buchau anknupfte, umarmte er beim Abschiede den Greis voll Ruhrung, Zerknirschung; denn es waren zwei Seelen in ihm ... Die eine wollte sich manchmal zum Entsetzen der Ultrapartei von der andern trennen ... Dann uberschlichen ihn Entsagungsgedanken. Wie sollte er auch jetzt die Achtung vor der philosophischen Grosse des achtzehnten Jahrhunderts vermitteln mit der leidenschaftlichen, sich allein weise dunkenden Staatstheorie der Absolutisten, die in der Kammer, der Presse, auf dem Richterstuhle Egon's von Hohenberg Schleppe trugen oder gar noch weiter als dieser gingen? War nicht schon soviel Blut geflossen fur diese Gegensatze alter und neuer Zeit? Was konnte nicht noch kommen? ... Der Monarch brach ab. Kein von der Altenwyl in Anregung gebrachtes Sanctus, kein Dies irae mehr konnte ihn halten ... er war erschuttert, er umarmte den Prasidenten, sagte Anna von Harder das Verbindlichste, grusste dankend die Ubrigen, entschuldigte den Uberfall und fuhr ernst und ergriffen rasch von dannen.

An eine Wiederaufnahme der Akademie war heute nun nicht mehr zu denken. Das war ein Ereigniss gewesen, das gleich in alle Welt musste! Man kusste, man herzte Anna. Man schuttelte, unbekummert uber Das, worauf sie gedeutet hatte, die Hand der greisen Excellenz. Man hatte eine unendliche Ehre genossen. Ja, die Flottwitz, die die Gegenwart, die Praxis im Auge hatte, rief sogar, ob aus Liebe zu Dankmar oder einen Augenblick die Demokratie vergessend aus:

Excellenz, gewinnen denn die Wildungen den Prozess?

Ist es denn wahr, dass es sich nur noch um einige wenige Buchstaben in einer alten Urkunde handelt?

Der Greis lachelte nur mild, schwieg und entfernte sich an Dystra's Hand ...

Dystra hatte ihn verstanden. Der sonst so spottische Dilettant, der Alles von der Seite der blossen Kuriositat, nur als Sammler fur das Herbarium seines Gedachtnisses auffasste, war ergriffen von der Lebenswahrheit, die ihm hier, auch aus einer Liebhaberei, entgegensprang. Das waren auch Allotrien, auch Nebenstunden, auch Sammlungen und wie hoben sie die geistige Thatkraft, die sittliche Uberzeugung! Er kannte hinlanglich diese neuere vornehme Geistesrichtung der Politiker, die bei Hofe so massgebend waren. Er kannte Voland's thatlose Reminiscenzendoktrin und sein objektives Meinungskaleidoskop, kannte Rochus vom Westen in seiner gesinnungslosen Skepsis, kannte die Loyalitatsdoktrin junger Publizisten, die Carriere machen wollten und den Staat auf die Sabelspitze oder das Bayonnet steckten, er kannte den Geist des neunzehnten Jahrhunderts als einen tieferen, bedeutenderen als den dieses Greises, und doch wie wenig Liebe und Gerechtigkeit in diesem Geist! Auch Dystra's Fragen uber jenen Prozess wich der hochgestellte Richter als einem Amtsgeheimniss aus, aber Dystra schied doch mit dem gesteigerten Gefuhle der Anhanglichkeit an die Bruder Wildungen und den mit so vielen Gefahren bedrohten Bund der Ritter vom Geiste. Noch heute wollte er in den Ullagrund an Dankmar und nach Antwerpen an Siegbert schreiben ... Als er von Anna Abschied nahm, fand er sie allein. Er sagte zwar nur: Excellenz waren charmant, waren superbe! aber er meinte etwas unendlich Grosseres damit. Er plauderte Spasse mit Spartakus und Cicero, er nickte zu den Fenstern Olga's hinauf, er moquirte sich uber die Hofdamen, uber die Spinnen, uber Pergolese's langweiligen Styl, uber die Blicke, die die Furstin von Sein-Haben-Werden auf ihn geschossen hatte, als von Verwandlung des Tereus in einen Wiedehopf die Rede gewesen ware, als wenn sie nicht viel eher Ursache hatte, den Vortrag einer Geschichte der Verwandlungen in eine Schnepfe oder eine Gans zu furchten, kurz er versteckte sein Gefuhl in ein Hanswurstkleid, das ihm, wie er dachte, besser stand als der Ernst. Anna seufzte uber die "Gesellschaft" Olga's wegen ... Erschuttert in allen Nerven ging sie erst zur alten Excellenz, die schon in ihren Arbeiten vertieft war und sich mit Behagen die merkwurdigen Scenen noch einmal vergegenwartigte, dann aber rief sie Olga, um ihr zu erzahlen, was sie versaumt hatte und zu staunen, als sie vernehmen musste, dass ihr die Fortschritte, die sie inzwischen an ihrem Bilde gemacht hatte, lieber waren als alle Schauspiele der Verstellungskunst bei Hofe.

Du hast Recht! sagte Anna, betrachtete das Bild, ergriff Olga's Arm, nahm einen grossen runden italienischen Hut, den sie ihr sanft auf das schwarze Haar legte und zog sie mit sich die Stiege hinunter in die freie Luft ... Sie hatte es in den schwulen niedrigen Zimmern nun nicht aushalten konnen. Ihr Blut wallte. So heiss war es ihr seit Jahren nicht durch die Adern gerollt. Jetzt hatte sie einer liebevollen Kindesseele bedurft, die sie zartlich umfangen, ihr die Stirn gekusst, das Haar, die Wangen, die Hande gestreichelt hatte. Sie sagte es auch der nicht so wie sie angeregten und sie nicht verstehenden Olga. Sie sagte ihr:

Ach, hatt' ich meine Selma jetzt!

Auf dem kleinen Hugel sammelte sich Anna. Die Sonne war im Sinken begriffen. Die fernen Thurme der Stadt wie erleuchtet von ihren letzten rothen Strahlen. Erst Alles ringsumher so gerauschvoll, nun wieder die alte, ihr so wohlthuende Stille ... Es ging dem Winter zu. Wie doppelt geniesst man den freundlichen Abschied des Herbstes! Man mochte ihn festhalten, mit ihm ringen, dass er bleibe, aber in dem Kampfe fallen vom Haupte des gebraunten Knaben aus seinem Erntekorbe erst die Fruchte, die Birnen, die Apfel, die rothbraunen und grunen Trauben, zuletzt aber auch die Blatter selbst ... Olga ass von einem Teller Trauben. Sie hatte Tage, wo sie nichts genoss als Fruchte. Sie hielt Anna's Hand, fuhlte ihre Pulse klopfen, aber sich ihr hinzugeben, sie wie das Kind zu umarmen, das Anna'n heute vor mehr als dreissig Jahren geboren war, das vermochte sie nicht, in der Voraussetzung der sie umgebenden prosaischen Dinge. Doch einmal sagte sie:

Warum soll denn Selma todt sein?

Ein Akkord wehte grade heruber vom Tannenpark ...

Sie ist todt! sagte Anna. Ich musste sie hingeben schon damals, als ich dem Manne ihrer Liebe sie versagen wollte! Es war ein machtiger Geist, um den sie flatterte, wie der Schmetterling um die Lichtflamme. Ich sagte ihr, dass er sie verzehren wurde. Sie glaubte es nicht. Ich schilderte ihr sein regelloses, kometenartiges Leben. Sie liebte ihn doch. Ich tadelte sie in ihrer blinden Wahl, ich enthullte ihr Alles, was ihr diesen Geliebten verdachtigen konnte. Sie hasste mich dafur; denn so lieben Liebende! Sie folgte seiner Werbung, in weite Fernen. Wohin? Wer weiss es? Nie schrieb sie mir. Ich war todt fur sie, sie todt fur mich. Und ich weiss es, in Worten, geschriebenen Worten, liess sich nicht sagen, was mein verlornes Kind mir zu sagen hatte. Ihr Gatte war ihr ein Gott. Ihn betete sie an. Konnte sie so treulos sein, nachdem ich ihn als den Verabscheuungswurdigsten ihr hingestellt hatte, vor seinen Augen sich mit den Frevlern an ihrem Heiligthume auszusohnen? Erst war ich trotzig, dann wurd' ich zaghaft, zuletzt weint' ich, und als ich nicht mehr weinte, weiss ich, war sie gestorben. Eine Stimme sagt mir's. Das hort sich. Das sieht sich auch. In stillen Nachten kommen die Bilder. Ich weiss, Selma ist nicht mehr.

Olga brach sich Blumen und wand einen Kranz; dieser Ton hatte ihr gefallen. Ihren geistigen, poetischen Stolz uberwand sie etwas, sie gedachte, der alten Dame, die so uberfliegend und atherisch sprechen konnte, mit einem Kranz zu huldigen ...

Es schlug schon sieben vom Thurme ... im Hofe war Alles ruhig ... auf der Strasse unten dann und wann ein Wagen noch, ein Reiter ... der Greis zundete Licht an. An seinem Fenster wurd' es hell. Er studirte ...

Der Abend war nicht kuhl. Es war eine verspatete Sommernacht; aber das Dunkel kam fruh ... Olga's Kranz war fertig ... Von den Tannen wurziger und melodischer Hauch ...

Eben will Anna Olga's Arm ergreifen und sich dem Hause zuwenden, um Abends, wie sie gewohnt, dem Greise beim Thee noch etwas vorzulesen, als ein kleiner Wagen, ein Einspanner, von der Chaussee aus dem Walde herkommend, zum Landhause einlenkt ...

Welcher spate Besuch? fragt Anna und wendet sich der Eingangspforte zu.

Der Wagen fahrt naher. Er ist halb offen. Ein alterer Herr, eine verschleierte Dame sitzen im Hintergrunde. Sie beugen sich vor. Die Dame ist jung ... sehr jung ... sie schlagt den Schleier zuruck ... es ist noch ein Madchen. Anna kann nicht genauer forschen, der Wagen wendet rasch und halt vor'm Thore ... Der Herr steigt aus. Gross und stattlich seine Gestalt; das Antlitz bleich. Seine Hande zittern, als er den Schlag halt und dem jungen Madchen den Arm zum Aussteigen bietet ... Diese hupft von dem Fusstritt zur Erde nieder ... ein bewegtes Auge schaut unter dem Strohhute empor ... Der Besuch nahert sich dem Thore ... An der Pforte zu klingeln ist nicht nothig ... Anna offnet schon selbst ... Die hohe Dame von vornehmer Haltung, in schwarzem Seidenkleide, die reiche Spitzenhaube auf dem Haupte, blickt fragend ... Der Herr hatte den Hut schon in der Hand, als er ausstieg; das junge Madchen zieht den ihrigen, da die Schleife losgegangen, mit einer einzigen Handbewegung herab ... die prachtigsten braunen Ringellocken fallen von einem Engelskopf herab, der freudestrahlend und mit feuchtem Auge die edle Dame zu erkennen, aus ihr ein unendlich Liebes herauszufinden scheint ... Anna, zum Tode erschrocken, halt sich an dem Gitter der geoffneten Thur ... Die alten Diener nahern sich ... ein leises Ach! das Anna's Brust entfahrt, ein fragender Blick auf einen der Diener, der ihre Tochter kannte ... eine Ahnung, ein Zucken des Auges nach jenem Manne hin, der stumm und ruhig auf dies Madchen, wie auf ein ihr opfernd Dargebrachtes zeigt ... Anna versteht, besinnt sich auf zwanzig entschwundene Jahre, die ihr entfallen schienen bei dem ersten Gedanken, Das ist ja dein Kind, deine Selma!

Selma's Tochter? ruft sie. Rodewald?

Ackermann beugt bejahend das Haupt und spricht:

Selma's Erbschaft an ihre Mutter ...

Thranen fullten sein Auge ...

Olga hebt den Hut des Madchens von der Erde und muss nach Anna greifen, der Grossmutter, die vor Schmerz und Freude im Anblick ihrer Enkelin weinend zusammenbricht.

Funftes Capitel

Don Juan und Faust

Der Erntesegen war ja eingetrieben. Jubelnde Menschen, von hochaufgethurmten Kornwagen herab mit geschwungenen, bebanderten Huten grussend, hatten ja in die Scheuern des Ullagrundes, von Randhartingen, Schonau, Plessen die ersten Erfolge eingefahren, die Ackermann fur seine Betriebsamkeit lohnten ... Die Fruchtbarkeit des Jahres hatte sich mit dem Eifer der Kultur in Wettlauf gesetzt, um ein uberraschendes Resultat zu erzielen. Ein neuer Geist wehte uber diese Landstrecken hin, die so viel pflegende Hande, so viel wartende und hutende Augen nie gekannt hatten. Von der ersten Ernte der olbringenden Rapssaat bis zur Kartoffelfrucht, die den Schluss der Einsammlung machte, hatte sich Ceres in ihrer ganzen reichsten Gunst gezeigt. Sie schien Ackermann ihre eigne Sichel in die Hand gedruckt zu haben.

Zwar noch nicht am Ziele seiner Wunsche war Heinrich Rodewald angelangt, doch steuerte er ihnen mit glucklichem Winde nach. Zuviel Sternennachte, wo er im Abendwinde hatte traumerisch seines wunderbaren Lebens gedenken konnen, fand er nicht; er arbeitete selbst und erlag dann auch den Geboten der Natur, die ihre Tribute verlangte. Es war ihm ja bei jedem Gang durch's Feld, bei jedem Liedchen, das er pfiff, bei jedem Grusse Selma's, bei jedem Handschlag eines jungen ihm zugesellten Arbeiters im leichten Kittel, gelbem Sommerhut, bartlosem Kinn, eines halben Feld-, halben Stubenarbeiters, in dem wir Dankmar Wildungen wiederfinden, gegenwartig, was ihn daher gefuhrt hatte, die Hunderte von Meilen zuruck, durch die er wie jener Knabe im Marchen, um den Weg wieder zu finden, wenn er zuruck wollte, doch eigentlich nichts Andres gestreut hatte, als was die Vogel wegnaschen konnten. Dachte er an Wiederkehr? ... Ein jugendlicher Heros, rustig an geistiger und korperlicher Kraft, war seine Entwickelung in jene Zeit gefallen, wo die Wissenschaft dem Leben dienen sollte, die Begeisterung fur die Musen die geheime Waffenubung halten fur den einst hervorbrechenden Angriff auf die franzosische Usurpation des Vaterlandes. Er hatte sein Elternhaus, die Wohnung eines kleinen Stadtrichters am Fusse des Harzes, einst als Schuler verlassen, spater einer schonen Schwester, die mit den Eltern in Leipzig und Halle, wo er studirte, ihn besuchte, unter einer grossen Zahl von Freiern den Faden der Ariadne in die Hand gegeben, sie von solchen seiner Genossen wie Gelbsattel entfernt, aber auch vor dem kranklichen traumerischen Wildungen sie gewarnt, den sie dann doch wahlte, um mit ihm ein in damaliger Uberschwanglichkeit nicht geahntes Leben voller Muhen zu theilen. Von Halle folgte Heinrich dem Aufruf zu den Fahnen, als die Ruckkehr Napoleon's von Elba einen neuen Kampf der Volker in Aussicht stellte. Die Schlacht bei Belle Alliance war die einzige, an der er Theil nehmen konnte. Bis in das Jahr 1816 blieb er in Frankreich und kehrte mit einem Ehrenzeichen und dem Entlassungspatente als Offizier zuruck an den Heerd der Musen. Aber diesen Heerd fand er nicht so still, wie ihn die Eule Minervens liebt. Das aufgeregte Kampfblut wallte sturmisch in den Adern der damaligen Jugend. Auch ein neues Volksleben, eine Wiedergeburt des Vaterlandes wollte man erkampft haben. Rodewald, Offizier, mit einem Ehrenzeichen geschmuckt, fugte sich nicht den engen Schranken, die die bureaukratische Inquisition der Kabinette den Akademieen stecken wollte. Er studirte Philosophie und die Rechte. Er trieb sein Studium in der damaligen weltsturmenden Titanenhaftigkeit, zugleich aber doch als Forscher; er zielte auf einen Lehrstuhl. Der Gegenwart entzog sich dabei sein freier unerschrockner Sinn um so weniger, als ihn, wie alle Edlen damals, der Drang beseelte, die gewonnenen Ergebnisse des Wissens in die offnen Furchen des mit Blut gedungten und neugeackerten Vaterlandes zu werfen. Wenn eine Zeit gunstig war, den Volkern Freiheit und Einheit zu geben, war es nicht diese? Heinrich Rodewald beendete seine Studien mit einer sehr ehrenvollen, durch bizarre, damals beliebte Paradoxen auffallenden Promotion. Er war der Liebling, ja der Beherrscher Halles, er war der mit Jubel empfangene Gast in Jena geworden; ja in Wurzburg, Giessen, Marburg holten ihn Komitate der Studentenschaft ein, wenn er die Kreise des neu erwachten hoheren Jugendlebens besuchte, wo man in die jungen politischen Doktrinen die Satze Hegel's, Steffens', Schelling's, Baader's mischte. Bald aber verwandelten sich diese Olympischen Kranze in prosaische Dornen. Die bekannten Verfolgungen begannen. Schon stand Rodewald als Gelehrter den kleinen Qualereien der Jugend entruckt, doch bezeichnete auch ihn die gemeine Servilitat der damaligen meist neueingesetzten Behorden mit ihrem gefahrlichen Hic niger est! Rodewald lebte jetzt in der Hauptstadt. Seine erste Schrift uber einen Gegenstand des romischen Rechtes im Mittelalter erregte Aufsehen. Man bemuhte sich, ihn fur jene bald um sich greifende absolutistisch mystische Theorie zu gewinnen, die von obenher so begunstigt, so reich mit Auszeichnungen belohnt wurde, diese Philosophie vom objektiven Gedanken, diese beflissene Wiedererweckung der alten Kunst und Literatur, diesen neuen Kultus vor den grossen Genien der vergangenen Literaturepoche, besonders dem weltbezwingenden, aber hofischen Goethe, in dessen west-ostlichem Divan auch Rodewald ebenso schwelgte, wie ihn Faust und Tasso umstrickten. Der junge, schone, hochgewachsene Gelehrte mit dem feurigen Auge, dem braungelockten Haare, den feinen, weltmannischen Manieren, der gewaltigen einschmeichelnden Rede wurde fast gegen seinen Willen vom politischen Makel befreit, in die genialkunstlerischen Cirkel gezogen, den Rathen der Krone vorgestellt. Rodewald gewann eine Professur, wie man dem wilden Rosse der ungarischen Ebene eine Schlinge uber den Kopf wirft. Andre sah er zuruckgesetzt, ihn den nicht mehr Verdachtigen hob man. Andre wurden verfolgt, ihn, den vom burschenschaftlichen Standpunkt auf den philosophisch-asthetischen Ubergesprungenen zog man hervor. Rodewald gerieth in Widerspruche mit seinen Freunden, mit seinem eignen Schwager Wildungen, in dessen Hause er nie mehr genannt werden durfte, er gerieth in Widerspruche mit sich selbst. Die Verhaftungen, die Absetzungen erschreckten ihn endlich. Er sann ernster uber die Zeit nach und hoffte einen Ausweg in dem System der konstitutionellen Politik zu finden, deren Lehre damals neu war. Aber nun kam er wieder in Konflikte mit den Ministern und Rathen, die ihm seiner wissenschaftlichen Richtung wegen so wohlwollten. Um ein gefahrliches Element zu entfernen, gab man ihm auf drei Jahre die Mittel, in Italien zu reisen, Handschriften zu vergleichen, Kloster und Abteien zu durchstobern, den Wandelungen des alten Rechts in den italienischen Municipalinstitutionen nachzuforschen. Rodewald, einen Bruch ahnend, nahm diesen Vorschlag an. Die Frauenwelt, die Lust, das Leben ergriffen ihn. Auf der Reise an den Ufern des Oberrheins, im Kanton Graubundten, im Abteigarten von Ragaz, an dem Sturz der von Pfaffers herabschaumenden wilden Tamina lernte er Pauline von Ried, eine leidende, aber interessante und sehr reiche junge Wittwe, eine geborne von Marschalk, kennen. Die Rosen- und Epheukranze, mit denen sich Faust schmucken wollte, als ihm das Studirzimmer zu eng wurde, wand ihm die Hand einer poetisch gestimmten, bizarren Frau. Drei Jahre blieb Rodewald mit der reichen, leidenschaftlichen, in Allem excentrischen Pauline in Italien, bald in Rom, bald in Florenz, bald in Neapel wohnend. Charlotte Ludmer sorgte fur die grossartigste Bequemlichkeit, die das liebende Paar mit Poesie und Schwarmerei genoss. Rodewald konnte sich sagen, dass er damals ein Wesen unendlich glucklich machte, Pauline hatte erwidern mussen, dass sie es nicht immer verdiente. Ihre Launen und Kapricen waren die einer Frau, die in einem Augenblick zu sterben furchtet und im andern eine Lebenslust zeigt, die sie zum Trotz, zur Eitelkeit, zu hundert kleinen Konflikten mit der Gesellschaft hinriss. Es ist ein unverwustlicher Trieb vieler Frauen, die bedeutendere Natur der Manner sich gleich zu machen, die allzuhohen Thurme und Dacher in der Manneskraft abzutragen und die Stockwerke des gegenseitigen Baues zu nivelliren, wenn nicht gar den Mann ganz auf das Erdgeschoss zu verweisen. Sie ruhen nicht, bis derselbe Mann, den sie zu lieben vorgeben, klein, endlich, geringfugig vor ihnen steht. Sie ruhen nicht, bis es nicht den Anschein hat, dass ein Mann mit all seinen irdischen oder geistigen Vorzugen, mit allen seinen Erfahrungen und seinem gereifteren Wissen doch ihrer als tief-bedurftig und vor ihnen pygmaenhaft klein erscheint. Dasselbe Gefuhl, das hochherzige Frauen treibt, den Mann ihrer Liebe zu schmucken, ihn zu erheben, sein Wesen zu verschonern, ihn bedeutend selbst im Kleinen, liebenswurdig selbst in Schwachen zu finden, wird bei Andern durch das Streben ersetzt, die Gegenstande ihrer Liebe hulflos, arm, pedantisch, komisch, kleinlich darzustellen ... bis dann endlich die Vergleichung eintritt, bis der Schleier der Selbstluge fallt und erkannt wird, was man verlor, vergleicht, was man besitzt und besass, bejammert, dass man sich den schonen Traum des Gluckes, das Ideal der moglichen Vollkommenheit, muthwillig zerstorte ... Pauline kehrte nach drei Jahren mit Rodewald in den Norden zuruck. Der Erfolg dieses Wiedersehens des vaterlandischen Bodens und seiner Verhaltnisse war kein glucklicher. Heinrich Rodewald fand in den officiellen Meinungen und herrschenden Thatsachen nichts, was ihm wohlthun konnte; doch versuchte er eine Anknupfung an seinen alten Lebensberuf, der ihm unter dem italienischen Himmel fast abhanden gekommen war. Darauf blickte Pauline von Ried mit Mistrauen, sah seinen Fleiss sogar mit Neid an. Wahrend sie an Brustkrampfen auf ihrem Sopha, im innersten Athem zusammengeschnurt, lag und stohnte, litt sie noch qualvoller an der Vorstellung: Dein Angebeteter weilt jetzt in dieser Gesellschaft, wird bewundert, verehrt, hervorgezogen in jener! Sie konnte nicht horen, dass man seinen Geist, seine Schonheit ruhmte. Alle Frauen erschienen ihr Feindinnen, die ihr den Tod geschworen hatten. Sie fesselte Niemanden, sie war nie schon. Nur ihre Gestalt hob sie und ihr Reichthum; und da sie krankelte, konnte sie weder jene, noch diese geltend machen. So endete die Krisis damit, dass die Arzte ihr einen dauernden Aufenthalt im Suden vorschrieben. Von Heinrich Rodewald wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass er sie begleite. Als er zogerte, welche Scenen! Welche Thranen, welche Kampfe! Er widerstand diesem Jammer nicht. Ohnehin in keiner der Voraussetzungen des damaligen politischen und religiosen Lebens sich zurechtfindend, folgte er Paulinen willenlos. Welche qualvollen vier Jahre! Eben der Anblick irgend eines reizenden oder majestatischen Schauspiels der Natur, dann Eifersucht, physische Leiden, lange Reisepausen in kleinen elenden Stadten, um nur Paulinen Ruhe zu gonnen, bis sich ihre unverwustliche Natur erholt hatte. Er war in Paris, in Spanien sogar, in der Schweiz, in Italien und Griechenland mit dieser Frau, die ihn nicht heirathete, eingestandenermassen, um ihrem Adel nicht zu entsagen. Es folgten ihnen immer zwei Fourgons mit Gerathschaften, zwei Bediente, zwei Kammerzofen ausser der Ludmer und einem Kurier. Es war die Zeit der grossen Reisen. Die Friedensepoche, der Sturz und Tod Napoleon's hatten wie nach einem Gewitterregen das ganze Erdreich lebendig gemacht. Es wimmelte von Anmassungen, Verschwendungen, Tollheiten und dazwischen stand Absolution ertheilend eine Religion, die den unbedingten Glauben lehrte, und eine Philosophie, die, Austern und Ganseleberpasteten verzehrend, vor Geheimrathspolitik sich beugend, behauptete: "Alles was ist, ist vernunftig."

Zu Paulinen's Eigenthumlichkeiten gehorte ein ausgedehnter Briefwechsel. Sie hatte grosse Befriedigung davon, mit aller Welt in Verbindung zu stehen. Da sie wusste, dass das beste Mittel, Briefe zu ernten, Das ist, Briefe zu saen, so war Rodewald froh, sie sich doch am Schreibtisch sammeln, da sich bilden und beruhigen zu sehen. Ihre Nerven bedurften der Schonung. Ihr Leben war nicht ohne Gefahr. Sie befand sich in jenen Krisen eines Korpers, der lange mit drohenden Ubeln kampft, bis die Natur sich gleichsam gefunden hat und nach solchen Storungen oft ein wunderbar gutes Befinden zurucklasst. Aus diesen Briefen ergab sich eine sehr zartliche Beziehung zwischen Paulinen und Amanda von Bury, einer jungen, schonen Adligen, die das Gluck hatte, man nannte es Gluck, den Liebling der damaligen Monarchenwelt, den tapfern Haudegen Grafen von Hohenberg, zu fesseln und seine Gemahlin zu werden. Wir kennen jenes Gluck! Die junge Grafin hatte einige Jahre der Qual durchgelitten, als sie es bei den fur sie immer beschrankten Mitteln ihres Gatten durchsetzen konnte, eine Schweizerreise mit einem Aufenthalt in Landeck zu verbinden und ihre geliebte Freundin, Pauline von Ried, dort wieder zu sehen. Wir kennen die Geschichte dieses Wiedersehens ... Der menschliche Geist hat seine geographischen Bedingungen. Was ihm unter einer deutschen Eiche zu fassen, zu empfinden unmoglich ist, weht ihm die Luft unter einem italienischen Orangenbaume zu. Heinrich Rodewald lernte eine vornehme, aber gedemuthigte, mishandelte, ihre Hand hulfeflehend nach Schutz und Rettung ausstreckende junge Frau kennen; ein gutes, sanftes, schwarmerisches Herz, aber einen wenig gebildeten Geist. Ihm that diese Mischung wohl, er liebte Amanda von Hohenberg. Pauline wurde getauscht. Sie hatte das Recht, in ihrer Sprache von Dolchen zu sprechen, sie dachte an Gift, Mord und Verrath und doch glaubte sie nicht. Sie war zu stolz dafur, anzunehmen, dass in vier Wochen, wahrend ihr das Wiedersehen der Freundin durch ein Krankenlager verdorben wurde, sich ein so folgenreicher Roman anspinnen konnte wie der zwischen Rodewald und der Grafin Hohenberg, die in dem stolzen Manne einen Unglucklichen, einen nach Erlosung von sich selbst Schmachtenden antraf. Es stand zwischen ihnen fest, dass sie das damals nicht seltene Schauspiel einer Ehescheidung und einer Mesalliance auffuhren wollten. Und bald sollte Das geschehen, in kurzester Frist, mit offnem Gestandniss aller dabei nothwendigen Rucksichten. Amanda reiste ab. Der erste Brief schon kommt verspatet: der Graf ist ein Millionar geworden! Der zweite kommt noch verspateter: der Graf ist Furst geworden! Pauline ahnte ... triumphirte ... Rodewald bekampfte seinen Schmerz und brutete uber einen Entschluss. Schon jetzt hatt' er ihn ausgefuhrt, schon jetzt sich losgewunden, aber Pauline war krank, wurde bedenklicher, musste nach Haus zuruck, glaubte zu sterben. Die Entdeckung, die sie uber Landeck machte, stiess ihr das Herz ab. Das Verlangen nach Rache zerwuhlte die Eingeweide. Sie sah, dass die Furstin Amanda sich mit Rodewald verstandigen, nach ihrem moglichen Tode oder selbst wenn sie noch siechte, mit dem Vater ihres Kindes sich aussohnen und sich die Anlehnung an eine bedeutende ihr so nahestehende Personlichkeit nicht wurde entgehen lassen. Da fiel sie auf den Gedanken, ein junges Madchen, das zu ihrer Pflege nach Ems gekommen war, das von ihrem Leben, ihrem Vermogen abhing, die Nichte ihrer armen Schwester, einer Wittwe des jung verstorbenen Landraths von Harder, zu Rodewald's Frau zu machen. Dieser in solchen aussersten Lagen oft vorgekommene Plan gelang ihr. Dem jungen sechszehnjahrigen Kinde wurde Rodewald als das Ideal eines Mannes geschildert, als eine in menschlicher Gestalt auf Erden wandelnde Gottheit ... Rodewald, erschopft und lebensuberdrussig, zwischen Faust und Don Juan schwankend, liess sich die Liebe dieses reinen Kindes gefallen ... Egon von Hohenberg wurde inzwischen geboren. Pauline sah Rodewald's Bewegung, zitterte vor seiner Unruhe, die Ludmer entdeckte Briefe der Furstin, er schien ihnen verloren fur sie und ihre masslosen Bedurfnisse ... er grubelte so verdachtig, er brutete so wehmuthig, er schloss sich so oft ein, er sah so ernst auf Karten, die vor ihm ausgebreitet lagen ... Wenn er sich mit Amanda wiederfande? Nein! Selma von Harder musste ihn umschweben wie ein neckender Luftgeist, der ihn in heitre Regionen zog. Er sah des Kindes Verehrung, des Madchens reine Liebe. Selma erkannte, dass dieser Mann von acht und zwanzig Jahren wie ein hohes Standbild unter dem gemeinen Gestrupp der Alltaglichkeit emporragte. Sie liebte den Mann, den auch ihre Tante so hoch verehrte. Der Einspruch ihrer Mutter, die in der Ferne von diesen Wirren erfuhr, war der entschiedenste. Selma wurde zuruckgefodert, aber von Paulinen nicht gegeben. Anna kam selbst. Sie verrieth ihren tiefsten Abscheu vor Rodewald, einen Abscheu, den er unter Umstanden bis zur Vernichtung begrundet erkannte. Aber Selma blieb von ihm bezaubert. Festgebannt von seinem Auge, von seinem Ernst, von seinem ganzen Wesen gebunden, blieb sie in der Residenz nur bei Paulinen. Anna hatte alle Mutterrechte verloren. Damals junger, eifriger, noch nicht gebrochen wie jetzt, noch nicht geknickt in ihren Aufflugen zu einem freien eignen Willen, benutzte Anna alle Mittel ihrer naturlichen Autoritat. Sie verfehlten aber ihren Zweck. Die Verbindung zwischen Rodewald und Selma hatte Pauline einmal als Mittel erfasst, sich diesen Mann auf immer zu sichern, ihn wenigstens nicht Denen preiszugeben, die sie betrogen hatten. Die Furstin von Hohenberg, noch nicht wiedergeboren, noch nicht versohnt mit ihrem Erloser, lechzte nach Aussohnung mit dem Vater Egon's. Sie schrieb, sie bat, endlich war der Augenblick einer Wahl uber die Zukunft seines Herzens so dringend vor seinen nachsten Willen gestellt, dass er tief uber sich selbst erschaudernd den Entschluss fasste, diesem Elend ein Ende zu machen, sich zu einem neuen Leben zu sammeln, mit Selma von Harder uber die Meere in einen neuen Welttheil zu ziehen.

Das reine, hingegebene Herz hatte keinen andern Willen als den des geliebten, angebeteten Mannes. Sie entfloh mit ihm. Anna, ihre Mutter, glaubte die Spur in Frankreich suchen zu mussen, sie verlor sie und konnte sich nur trosten in der Ergebung an das Unabanderliche.

In Amerika begann der Vater Egon's von Hohenberg jene Lauterung, zu der empor sich nur Derjenige schwingen kann, der einst nicht aus Armuth, sondern aus Uberfulle des Herzens fehlte. Ein karges Gemuth, eine leere Phantasie kann nie anders als nur einmal leben. Ein reicher gluhender Geist setzt wie der Baum Ring an Ring und baut auf Trummer neue Welten. Rodewald war ein Sieger, wo er auftrat. In seinem alten Sinne wollte er nicht mehr siegen, er wollte kampfen und sah im Siege nur den Lohn der Muhe. Menschenfeindlich war allerdings sein Herz geworden; Das musst' er sich zum Vorwurf machen und an diesem Ubel krankte er lange. Er suchte die Einsamkeit, er floh die Menschen, er hasste sie. Amerika bot ihm die Fulle neuen Lebens, aber den Egoismus sah er grade hier in seiner vollsten Bluthe und so erfullt von Poesie und Romantik war noch sein Herz, dass er sich in die neuen Formen des Staates, der Gesellschaft, der Sitten hier nicht finden konnte. Die Schauer der Natur suchte er, die hoben ihn. Dem Urgeist sich nahend, der in den Waldern, an den wallenden Stromen rauschte, beugte er sein Knie und sein Hass milderte sich, da er Manchen sah, den es wie ihn getrieben hatte, sich in diese Uranfange des Lebens zu fluchten. Manches Jahr blieb seine Ehe kinderlos. Dann wurde ihm Selma geboren, er nannte sie wie die Mutter. Er sagte sich: Du bist zuweilen noch zornig, zuweilen noch aufbrausend, du willst dein Kind nennen wie die Mutter; so wirst du erschrecken, wenn du mit dem Kinde sanfter sprichst wie mit deinem Weibe, oder sanfter mit deinem Weibe wie mit deinem Kinde; also ein Ton fur Beide! ... Rodewald kaufte nach manchem gescheiterten Experiment, nach mancher harten Erfahrung eine Niederlassung am Missouri. Diese erweiterte sich. Hier begunstigte ihn das Gluck. Er fand gute Nachbarn, die ihm Geschaftsgenossen wurden. Es bildete sich eine Kolonie von Freunden, die das Gluck in guter Laune erhielt ... Auch die Herzen truben sich so, wenn der Himmel trube wird. Diesen Genossen blieb er heiter. Sie verkauften Bauholz, Getreide, Thierhaute; sie erwarben Alle. Es war ein Landstrich von einigen Meilen; zwischen jeder Niederlassung ein Stuck Wald und Feld; aber meilenweit machte der ganze Bund sich verstandlich. Sie hatten Zeichen, die immer den Zusammenhang sicherten. Viele Burger der Union, viele Reisende besuchten Missouri-Garden, wie die Kolonie sich nannte, und Meister Harry war der Gartner dieses Gartens oder in ihm die majestatische Baumkrone. Hier war es, wo Otto von Dystra zuweilen vorsprach, zuweilen jener Morton aus Newyork, in dem sich ein Deutscher vermuthen liess, ohne dass der doch gleichfalls deutsche Farmer Harry forschte. Harry erwarb, wurde wohlhabend, fur den Kontinent vermogend. Aber Selma starb und mit ihrem Tode bedrangte den Vater der Gedanke an die Zukunft seines Kindes. Er hatte dem Chaos der eignen Brust genug gethan. Mit dem Tode der Frau, die er sich durch eine Umwalzung der Seele gewonnen, war ein alter Ring seines Lebensbaumes abgesetzt, ein neuer drangte. Er wollte zuruck um seines Kindes willen. Er hatte der Mutter versprochen, sich mit Anna von Harder auszusohnen und ihr Selma zu bringen, falls sie sie besitzen, die Enkelin anerkennen wollte. Er rechnete auf eine harte Prufung. Er wollte sie tragen.

Amanda's Tod hatte Rodewald erfahren, auch Paulinen's neue Heirath mit Anna's Schwager. Diese Verbindung schien bedenklich. Er beschloss, erst unter dem Namen Ackermann den Kontinent wiederzusehen. Der Pachter Harry verpachtete seine Niederlassung in Missouri-Garden, nahm nicht fur immer von dort Abschied, erhielt mancherlei Auftrage fur Europa, auch jenen von dem unglucklichen Morton und kehrte auf den Boden der Heimat zuruck mit seinem Kinde, das ihn als Knabe begleitete. Er sah die Residenz spater als Schloss Hohenberg. Er war in Plessen, betrachtete das Denkmal der heimgegangenen Furstin; wir sahen seine Ruhrung. Er erfuhr die Wendung aller der Verhaltnisse, die einst hier geherrscht hatten, er entdeckte Irrthumer, Wahn, Verblendung, Elend sogar und Armuth da, wo sein Herz so betheiligt schlug. Er lernt Dankmar Wildungen kennen. Der junge Mann fesselt ihn; er fesselt sein Kind. Sie liebt ihn schon, als er mit bebendem Entsetzen erfahrt, damals am gelben Hirsch erfahrt, dies ware Prinz Egon. Fast besinnungslos folgt er dem Zuge, der vom Schlosse in die Residenz fuhr, nach dem Heidekrug. Er will seinem Sohne, wenn er es ware, sich zu nahern suchen. Er kommt zu spat in der Herberge an. Es ist schon Nacht ... es ist Mondschein ... Alles schlaft. Dass Egon unter diesen zusammengewurfelten Menschen der Alltaglichkeit, diesen Glaubigern des Fursten Waldemar, im Incognito lebte, schien ihm so naturlich! Wie lockte ihn der Familienzug, der in Dankmar Wildungen, seinem Neffen lag, schon mit naturlicher, blutsverwandter Gewalt! Er kommt in die Lage, Abends, als er Gerausch auf dem Korridor hort, im Mondschein sich Dankmar's Schlafzimmer zu nahern, er empfangt von dem schonen, vor dem unheimlichen Storenfried Hackert erschreckenden Madchen ein Bild, das er bedeutet wird, in jenes Zimmer zu tragen. Sie entschlupft. Er betrachtet das Bild. Es ist die Furstin Amanda! Zitternd nahert er sich dem nun gewiss gefundenen, schlummernden Sohne, legt das mit seinen Kussen bedeckte Bild unter Dankmar's Haupt und nimmt eine Locke von seinem Haupte. Diese Locke, wie hielt er sie hoch! Wie verehrte er sie als das Einzige, was er von Egon besitzen durfte, von Egon, auf den er Dankmar's Mannlichkeit und Adel ubertrug! Dass er sich entschloss, seine Kenntnisse von der Pflege des Bodens der Rettung seines Kindes zu widmen, war ein Gedanke, der ihn mit blitzschneller Begeisterung ergriff. Da ist mein Geld, da meine Hand, nimm, mein Sohn, dein Vater wird fur dich sorgen! So hatte er sprechen mogen zu dem kranken Prinzen im Schlosse, als er diesen Schlurck fast vor Zorn niederwarf. Aber konnte er so sprechen? Konnte er sich verrathen, als Louis Armand die Nachricht brachte: Dein Wunsch ist erhort! Wie glucklich war er in der Werkstatt der Maschinenbauer in jener Nacht, als er bei Willing und Leidenfrost die Hulfsmittel seines ihm liebgewordenen Berufes bestellte! Wie freudig griff er seine schwere dem fruheren idealischen Leben so fremde Aufgabe an, wie ergeben raumte er die sich ihm bald darstellenden Schwierigkeiten aus dem Wege! Es gilt deinem Sohne, dachte er, deinem Sohne, der dir gehort vor Gott und Amanda's unsichtbarem Genius! Kein Mensch auf Erden kann wissen, welcher innern Mahnung du hier folgst und welches der wahre uberschwengliche Lohn deiner Muhen, die gottgefallige Himmelsbluthe deiner Arbeit ist!

Freilich bekummerte ihn nun Alles, was er von Egon erfuhr. Er erlebte das Verletzendste. Nichts konnte so gefahrlich sein als die Entdeckung, die er uber Selma und des Madchens liebende Neigung machte. Schaudervoll ergriff es ihn, als er dies keimende Regen und Wachsen in des Madchens Brust beobachtete. Die Tragodie der alten Welt, der Fluch des Schicksals schien mit dunkeln Fittichen uber ihn niederzuschweben. Welcher Beherrschung bedurfte er damals, als Louis Armand zum Besuche kam, die Anklagen gegen Egon wuchsen und Selma, sein Kind, immer parteiischer, immer gereizter fur das Ideal aufloderte, das einmal von ihrem Auge nicht weichen wollte. Ein qualvoller Winter fur ihn, der ihn unfahig machte, irgend etwas zu beginnen, was nicht in nachster Verbindung mit seiner Pachtung stand. Er hatte doch nun seinen wahren Namen sagen, Verbindungen mit Anna von Harder anknupfen, Erkundigungen einziehen mussen; er war nicht im Stande sich zu sammeln, nicht fahig, den geringsten auf die Losung dieser Herzensaufgabe bezuglichen Entschluss zu fassen. Dann aber die Wonne die Erleichterung der beschwerten Brust! Dies selige, jauchzende Aufathmen des gepressten Herzens, als Selma in den Armen eines jungen Mannes lag, der sie zu umarmen den Muth besass, weil er sie nur fur den Knaben nehmen wollte und sie, sie nahm ihn fur ein Wunder; denn Egon, der Verfolger seiner Freunde, konnte ja nicht der Verfolgte selber sein, es war ein Wildungen, Dankmar, der Sohn der eignen Schwester des Vaters, Dankmar, des Vaters Neffe!

Der Fluchtling wurde auf die leichteste Art verborgen gehalten. Der entfernte Bart, die gestutzten Haare, eine sommerliche landliche Tracht, ein grosser, breitrandiger Strohhut gaben ihm bald ein Ansehen, das Niemanden an den im vorigen Sommer hier so rathselhaft aufgetauchten Doppelganger des Fursten erinnern konnte. Die Zahl der Menschen, die vom Generalpachter zu seinen Unternehmungen verwandt wurden, war uber Hundert gewachsen. Unter ihnen verlor sich Dankmar um so mehr, als er nicht etwa im Ullagrunde bei Ackermann wohnte, sondern in dem entlegeneren Randhartingen, wo er fur einen jungen Okonomen galt, der sich besonders im Schreiberfach dem Generalpachter nutzlich erwies. Glucklicherweise hatte Dankmar eine Wohnung gefunden, die ihm gestattete, fast in allen seinen Bedurfnissen fur sich selbst zu sorgen. Mehr, als er wunschen konnte, fuhlte er sich allerdings im Verkehr mit Selma gehemmt. Allein ohnehin lag es schon in der nothwendigen Rucksicht auf den Vater begrundet, dass zwischen ihnen, gleichfalls still und verborgen, mehr die verwandtschaftlichen Bande, als die der Liebe geltend gemacht wurden. Rodewald hatte die Freude, als er sich Dankmarn in seiner Eigenschaft als jener schlimmberufene Oheim zu erkennen gegeben hatte, in diesem Verwandtschaftssinne die zwischen den jungen Liebenden herrschende Vertraulichkeit mehr deuten zu durfen, als in dem leidenschaftlichen Charakter eines die Andern ausschliessenden zartlichen Besitzes. Es ist ein so wehmuthiges Gefuhl fur einen Vater, der seines Gemuthes einzige Befriedigung in der Liebe seines Kindes fand, diese plotzlich mit einem Eroberer theilen, ja wol ganz an ihn verlieren zu sollen. Ein Vater, der einzige Schutz und Hort seines Kindes, sieht, ist dies Kind ein Sohn, diesen plotzlich nur fur das Wohl und Wehe einer fremden Familie, deren schonstes Kleinod er liebt, ergluhen, oder es geschieht, dass seine einzige Tochter, das Pfand der Liebe eines dahingeschiedenen Weibes und die letzte Erinnerung an seine eigne Jugend, ihm an einen Mann verloren geht, der unter seinen eignen Augen die reinen Lippen, die nur ihm sonst in kindlicher Liebe schmeichelten, mit seiner Leidenschaft besturmt. Manche Vater, manche Mutter wissen oft nicht, dass das Gefuhl, das sie gegen einen Bewerber um die Gunst ihres Kindes hart erscheinen lasst, eine in ihnen tief wurzelnde Eifersucht ist. Dankmar, mit dem in allen Dingen ihm innewohnenden Takt, erkannte dies Gefuhl. Wo ihn nicht Ort und Stunde begunstigten, verlangte er fur seine heisse Liebe nie die Linderung durch sichtbare Zartlichkeit. Und weil Rodewald diese Schonung fuhlte, wurde ihm der wackre Sinn des neugewonnenen Sohnes nur um so ehrenwerther und mit wahrer Freundschaft schloss er ihn in sein Herz.

Es gibt auch wenig so gefallige Verhaltnisse im Leben, als in dem mystischen Bunde, dem vielverspotteten und zur Prosa des Lebens herabgewurdigten Schwieger- und Schwaherbunde, Gleichartigkeit der Gesinnung und Stimmung. Rodewald hatte die Freude, in Dankmar einen Sohn zu gewinnen, der neben ihm stand wie das jungere Abbild seiner selbst. So fast nahm er selbst einst das Leben, ehe seine Bahn von Andern durchkreuzt wurde. So fast ging, stand, hielt er sich, wie Dankmar! Welche ruhige Erorterung mit ihm uber die nachste und entferntere Zukunft! Welches Mass in der richtigen Abschatzung des Moglichen! Welche besonnenen Zumuthungen an das Leben, welche richtigen Voraussetzungen uber die Charaktere, ihren Egoismus, ihre Schwachen, wenn es sich um Personen handelte! Dankmar war durch Natur, durch Studium und fruhe Lebenserfahrung der Philosoph, der sein Oheim erst durch die bittersten Prufungen und jene lauternde edle Reue wurde, die Dankmar nicht in sich mit Beklommenheit zu hegen brauchte, da er, was er begann, immer besonnen uberdacht und auf ein ehrliches Gelingen angelegt hatte. Es ist ein Himmelssegen fur einen Mann in den Jahren Rodewald's, sein Kind unter der Leitung eines Charakters zu wissen, wie Dankmar Wildungen war.

Wol gab es auch zwischen ihnen manche Differenz. Die noch jugendliche Auffassung mancher Dinge, besonders der Gefahr, der lebendigere Farbensinn fur das Kolorit und die Poesie des Lebens, die Plane uber den Abschluss einer Verbindung mit Selma gaben noch Gelegenheit zu manchem Widerspruch. Doch hoben diese streitigen Ausnahmen nur die herrschende Regel des Friedens. Einer verstand den andern; beide lebten sich wie in eine Seele ein. Selbst der Prozess, selbst die Sache des Bundes gab keinen Anlass zu einem Scheidewege. Dankmar sprach uber beide Angelegenheiten mit der dem Juristen eignen kritischen Prufung aller Moglichkeiten. Die Entgegnungen Rodewald's widerlegte er nicht durch einen blinden, den Thatbestand ubersehenden Enthusiasmus, sondern liess Das, was unwiderleglich war, gelten und gestand es zu, wenn sein Suchen nach Abhulfe vergeblich gewesen war. Rodewald kannte die Familientradition und lobte Alles, was Dankmar zu ihrer Geltendmachung versucht hatte. Der Prozess schwebte nun in dritter Instanz beim Obertribunal. Ein rathselhaftes Dunkel umspann eine Angelegenheit, die um so verwickelter wurde, seit Dankmar und sein Bruder Fluchtige, Verfolgte waren. Doch wussten Beide, dass darum eine civilrechtliche Frage nicht stocken konnte. War sie doch aus dem truben Sumpf der ersten Gerechtigkeitsstadien, wo die polizeiliche Gewalt an der Waagschale der Themis nur zu oft die Gewichte zu verfalschen sucht, glucklicherweise herausgetreten zu einer Region, wo man ein Europaisches Aufsehen wol fuhlen musste und eine Entscheidung zu geben hatte, ahnlich der, wie uber die bekannte Muhle bei Sanssouci! Bedenklicher konnte die Anwendung scheinen, die Dankmar einem moglichen Gewinne bestimmt hatte. Es war die Uberzeugung in den Brudern fest, dass mit Ehren diese Guter nur zum Besten einer Idee verwandt werden konnten und diese Idee, wie war sie gewachsen, wieviel Bluthen und Fruchte trieb sie nicht schon, wie konnte sie sich entfalten, wenn das Erbtheil des Komthurs Hugo von Wildungen in den Bund zuruckfloss, der sich an die Ritter vom Grabe zu Jerusalem anschliessen sollte! Aber Rodewald folgte auch diesem Labyrinthe von Traumen und gefahrlichen Hoffnungen nicht mit der platten Logik der Alltagsuberlegung, die hier unbedingt gesagt haben wurde: Ihr seid Thoren! Er dachte sich in den Zusammenhang der Ideen Dankmar's hinein, staunte, dass er selbst die Veranlassung gegeben, diese Gedankenreihe einst anzuspinnen, bewunderte, wie weit schon ein nur so fluchtig in einige Gemuther geworfener Funke gezundet hatte ... War ihnen Beiden doch geschehen, dass sie bei einem kleinen Ausfluge in nahegelegene Ortschaften Spuren entdeckten, dass der Bund der Ritter vom Geiste da lebte und wirkte, wo sie den Weg der Verbreitung kaum ahnen konnten! Es ist damit, sagte Rodewald, wie mit dem Entstehen von Waldern an Orten, wo sie Niemand saete. Die Vogel tragen den Saamen durch die Luft! Eine eigenthumliche auf das vierblattrige Kleeblatt deutende Handbewegung hatte Beide, Rodewald und Dankmar, schon mit Begegnungen in Verbindung gebracht, die sonst die fluchtigsten gewesen waren. Sonst stumm und kaum grussend an ihnen vorubergegangene Menschen waren ihnen durch ein einziges Wort vertraut geworden. Man sprach allgemein von einem weitverzweigten Bunde, dessen Obere Niemand kannte, dessen Statuten noch ungeschrieben waren, der aber machtiger hervortreten wurde, wenn eine gewisse Hoffnung, uber die verschiedene Versionen liefen, sich erfullen wurde. Nicht einmal, dass diese Hoffnung der Prozess der Gebruder Wildungen war, ja nicht einmal, dass Dankmar Wildungen fur den Stifter des neuen Templerordens gelten musste, war Jedem ausser der forschenden Regierung bekannt. Dennoch blieben die Pflichten des Bundes kein Geheimniss. Die Theilnehmer wussten Alle, dass er auf den Grundsatz geschlossen war: Du sollst Gott mehr dienen, als den Menschen! Du sollst die grade Strasse deiner Uberzeugung gehen, nicht Noth, nicht Uberfall und Gewaltthat auf ihr furchten, sondern in jedem Loose auf die Hulfe warten, die dir zur rechten Stunde von Denen wird, die uber dir wachen!

Rodewald, seit lange schon so wenig Idealist, wie es ein auf Erde, Regen und Sonnenschein angewiesener Arbeiter nur sein kann, Rodewald ging in seiner Ubereinstimmung mit Dankmar so weit, dass er gradezu von unsrer Zeit zugab, sie ware reif zu einer neuen Messiasoffenbarung. Was wurden denn die Machtigen der Erde beginnen mit einer Personlichkeit, die alle Bedingungen eines grossen Propheten truge? Sei er nur rein in seinen Anfangen, achtbar in seiner Bildung, begabt mit der Macht der Rede, sei er nur tief in seinen Studien, um vor dem Dunkel der Gelehrsamkeit nicht erschrecken zu durfen, sei er nur sittenrein in seinem Wandel, enthaltsam, bescheiden, fessle er den Menschen durch eine gewinnende Personlichkeit und sei er ein grosser Dichter des Lebens, der wurdig ist, sein eigner Gegenstand zu sein, wer wollte ihn dann in Banden halten, fesseln, vernichten, murbe machen durch die kleine Qualerei unsrer Civilisation? Er wurde nur zu lehren brauchen: Ich komme als ein andrer Christus, der Das der Welt sein muss, was dieser den Juden war! Ich komme als ein Richter und Strafredner uber den Pharisaismus dieser Tage, der mit den Unterdruckern des geistigen Lebens buhlt, statt die Menschen von der Geschichte zu befreien, das Individuum von der Gesellschaft, die Gesellschaft vom Staate, den Staat von den Personen und den Vorrechten der Geburt! Was wurde man ihm denn Hoheres thun konnen als sein Leben nehmen? Wurde dieser Tod, freudig ertragen nicht grade zu den Merkmalen gehoren, die ein neuer Erloser der Menschen tragen musste? Es ist eine Stille in den Seelen der Menschen eingetreten, die das Ohr scharft, das Wehen und Nahen der Gottheit zu vernehmen.

Und wenn Dankmar fortfuhr, dass jetzt nicht mehr ein Individuum allein Das vermochte, was ein Martyrer vor zweitausend Jahren, sondern dass sich wol der rein und klar herausgestellte Begriff der Menschheit an sich selber zum Befreier wurde, so widersprach Rodewald nicht, sondern dachte nur daruber nach, wie man den Bund der streitenden Bruder vom Geiste zum moglichen Abbild der reinen Menschheit, zum Sammelplatze aller wahren Lebenskeime der Geschichte erheben und man nach Abzug der endlichen Bedingungen, die allerdings jede irdische Unternehmung verkurzen, mit der Zeit diejenigen Wohlthaten segnend uber die Jahrhunderte ausgiessen konnte, die nicht mehr in der Macht eines einzelnen Messias liegen wurden. Die stillen Abendstunden und der Sonntag wurden dem Austausch von Gedanken und Vorschlagen fur diesen Zweck gewidmet. Die Erfahrungen der Politik, der Theologie, der Seelenlehre, des Rechtslebens wurden zwischen ihnen ausgetauscht. Dankmar, der fur den Schreiber des Generalpachters galt, las und schrieb genug, aber es waren Studien uber die Gesellschaft. Was er von Buchern brauchte, verschaffte Rodewald aus Bibliotheken, selbst entfernten. Er entlieh fur sich, was fur Dankmar bestimmt war. Auch der Briefwechsel, den Dankmar zu fuhren hatte, nahm seine Zeit in Anspruch. Auf Umwegen, mit schutzenden Adressen kamen ihm Nachrichten von den Freunden, vom Bruder zu. Die Rettung Leidenfrost's und des Majors von Werdeck, herbeigefuhrt durch Jagellona, die auf der Veste Bielau einen greisen Invaliden entdeckt hatte, Max Bruning, den Vater Leidenfrost's, jenen Bayer, der nach franzosischer Gefangenschaft und langem Krankenlager in der Fremde die Spur der im Kloster zum Herzen Jesu niedergelegten Kinder, jenes auf den Eisfeldern Russlands dem sterbenden Stanislaus Kaminski abgenommenen Madchens und seines eignen ihm von seinem in Gnesen gestorbenen Weibe hinterlassenen Sohnes, nach Polen hin verloren hatte und fur eine Befreiung des Majors leicht zu gewinnen war, nachdem sie selbst mit Hulfe des von Schlurck endlich erhobenen Geldes Leidenfrost's Fesseln zu sprengen gewusst hatte, diese fernweilenden Menschen vergrosserten den Kreis Derer, mit denen Dankmar in Beziehung bleiben konnte. Man drangte in ihn, jetzt ihnen nachzufolgen, man fand sein langeres Verweilen auf einem Boden, den der reaktionare Terrorismus Egon's von Hohenberg so gefahrlich gemacht hatte, fur Vermessenheit. Er schrieb den Freunden, er fande schwerlich im Auslande die Musse, so im Zusammenhange der Aufgabe zu bleiben, die er sich zunachst hatte stellen mussen, die Vorarbeiten zu zeitigen zum ersten grossen Bundestag, den er auf den September des nachsten Jahres ansetzte.

Rodewald freilich hatte einen andern Grund, Dankmar'n oft an die Nothwendigkeit, nun doch in's Ausland zu gehen, zu erinnern. Die Zeit ruckte heran, wo er uber Selma einen Entschluss fassen musste. Er fuhlte, dass an seiner einmal festgehaltenen Absicht, sein Kind zu Anna von Harder zu fuhren, nichts geandert werden durfte. Auch entging seiner Erinnerung an die Sitten und die Bildung der grossen Welt keineswegs, wie sehr Selma noch die nachhelfende Hand einer hohern weiblichen Erziehung bedurfte. Zwar sagte Dankmar auf solche bang' ihn erschreckenden Worte: Du wirst mir den Bluthenstaub von meinem Madchen streifen! Du wirst ihr nehmen, was grade ihr schonster Schmuck ist! Aber bei aller Freude an der Selma eignen, heitern kindlichen Naivetat schuttelte der Vater das Haupt und blieb dabei, sie hatte erst noch eine Prufungszeit zu uberstehen unter den Augen ihrer Grossmutter, wenn sie sie annehmen will. Es ist das Haus, wo ich um ein lateinisches Wort: propinqui equites den Prozess verliere! sagte Dankmar. Und Rodewald erwiderte: Wenn sie Selma wie ihr Kind begrusst und mir vergibt, so lass' es uns ein gutes Zeichen sein, dass wir beweisen: Hugo von Wildungen trat die Erbschaft seiner ganzen Familie und nicht den im Orden befindlichen Verwandten ab, die du in den Verzeichnissen von Angerode nicht hast entdecken konnen, falls in der That die Equites geistliche Ritter sein sollen und nicht vielmehr Adlige und Ritterburtige uberhaupt, denen allein die Erbfolge in grossen Lehnen gestattet sein konnte ... So mischte sich auch der alte Sachsen- und Schwabenspiegel in die Idylle des Herzens.

Selma sah mit Bangen den Tag heranrucken, wo sie vom Vater und Geliebten zugleich scheiden sollte. Jenen konnte sie doch wiedersehen! Dieser aber, auf die Verborgenheit angewiesen, verbannt in die Ferne, verschwand ihr, wie die rettende Hand einem Ertrinkenden verschwinden mag, sie glaubte ohne ihn vergehen zu mussen. Dankmar! Dankmar! So bebend, so jammernd konnte sie diesen Namen rufen, als wenn sie sich auf ewig nun von ihm hatte trennen sollen und sie jener Konigstochter gliche, die, von den Gottern als Opfer fur die gluckliche Fahrt der Griechen gefordert, von den herzlosen Eltern auch auf den Altar der Diana hingegeben wurde! Ihre Seele war in dem letzten truben Winter zu schwer belastet gewesen. Es waren Klange durch ihr Herz gezogen, wunderbar traurige Klange, die das Gluck der Tauschung, des wunderbaren Entdeckens eines ihr verwandten, sie liebenden Mannes wol mit leichten Melodieen verdeckte; nun aber brachen sie melancholisch, klagend genug wieder hervor und oft sagte sie zum Vater: Lass uns ewig Ackermann heissen, lass uns bleiben, was wir sind, die Mutter segnet das Gluck ihrer Tochter! Nur du, nur Dankmar haben Anspruche auf mich! ... Es war ein ernstes Sinnen, das nach diesem im Spatsommer fast taglich wiederholten Drangen seines Kindes den Vater uberfiel, aber immer entschied fur die alte Verabredung das Gelobniss an die sterbende Mutter, der Hinblick auf Selma's nicht ausreichende Bildung und ein Ahnen, das der Vater in den Worten aussprach: Ich weiss nicht, was mich in die verschwiegene Behausung zieht, die Anna von Harder vor den Thoren der Residenz bewohnt! Wir fuhren zwei Mal an ihr voruber. Weisst du, einmal mit jenem unheimlichen Begleiter, dem Nachtwandler, der uns den Namen Tempelheide und die Bewohner nannte und dann, als wir von der Maschinenfabrik kamen, von der rauschenden Musik des wilden Balles? Jedes Mal klang ein melodischer Lufthauch von dem dunklen Gehofte her. Du schliefst. Aber mir war's, als mahnten mich die Tone, die ich horte, als riefen sie: Du gehst hier voruber, richtest nicht die Grusse deines sterbenden Weibes aus? Horst sie nicht, wie sie dich mahnt? Es muss sein, Selma! Die Liebe wird sich bewahren. Es hindert mich nichts, nichts, Rodewald zu heissen. Dankmar wird in zwei Jahren dich heimfuhren in eine Welt, die bis dahin in tausend Dingen kann eine andere und unendlich bessere Gestalt gewonnen haben.

So blieb es bei der Trennung. Sie konnte nichts auflockern, was zwischen den Liebenden feststand. Selma war Dankmar'n gleich anfangs als das Abbild jener Weiblichkeit erschienen, die dem starken und gesunden Mannesgeist allein genugen kann. Fern von jeder grellen, berechnenden Gefallsucht hatte sie ihr gut Theil Evanatur, wie alle aus der Rippe Adam's Gebornen. Sie sah weit lieber, dass sie gefiel, als dass sie abstiess oder gleichgultig liess. Aber sie eroberte ihren Beifall nicht durch unerlaubte Mittel. Sie gab sich kein Air von Empfindungen, die ihr fremd waren. Sie schlug die Augen nicht auf, um schwarmerisch zu erscheinen, sie lachelte nicht suss, um ihre blendenden Zahne zu zeigen, sie kampfte ihre Wallungen, ihre Meinungen, ihre kleinen Reizungen sogar nicht nieder, sondern gab sich, wie sie dachte und wie sie oft nur zu naturlich empfand. Da fehlte es an Thorheiten gar nicht, besonnener Zuspruch fand bei ihr immer zu thun. Nur kam es auf den Redner an, auf seinen Ton, seine Lehre, seine Absicht. Selma sprang mitten in eine Predigt ihres Vaters und erstickte sie mit Kussen und Thranen. Wie flogen da die braunen Locken, wie glanzten die dunkelblauen Augen, wie lieblich klangen die Schmeichelworte und wie konnte sie dann bitten, sie nur ja nicht an Dankmar zu verrathen! Grade verrathen! Grade, weil du den Freund tauschen willst! sagte dann Rodewald. Nein Vater, weil er schon soviel selbst an mir zu dulden hat und weil ich ihm keinen Abscheu vor mir einflossen will; sprach sie. Aber Dankmar duldete und trug gar nicht, wie sie furchtete. Wenn er in seinem kurzen Sommerrock und unter seinem breitrandigen Strohhut so spat Abends mit ihr die Ulla hinauf schritt, dem stilleren Waldrucken zu, und die Cigarre weggeworfen hatte, um am Duft seiner Lippen nicht unwurdig zu erscheinen einer fluchtig erhaschten Zartlichkeit, lachelte er nur. Er hatte eine Ruhe Selma gegenuber, die sie oft Phlegma nannte und wegen der sie ihn durch tausend kleine Neckereien in Harnisch zu bringen suchte. Es gelang ihr aber nicht. Dankmar setzte allen ihren Seitensprungen von der geraden Strasse der Langenweile und Monotonie, an der die sogenannten gediegenen Frauennaturen oft bis zum Nichts zu Grunde gehen, nur ein ruhiges ergebenes Lacheln entgegen, nicht etwa das trage Lachen des Phlegma, sondern ein Lacheln, von dem Selma einmal in wirklichem Zorn sagte: Und meinem gluhendsten Behagen streckst du die kalte Teufelsfaust entgegen! (Sie hatte eben Gothe's Faust zum ersten Male kennen gelernt;) aber der Vater nannte dies Lacheln der Uberlegenheit den hochsten Sieg, den die Majestat der Leidenschaft, die Lowenhoheit einer bedeutenden Natur, uber sich selbst gewinnen konnte. Da zerfloss sie denn in Liebe und schmiegsame Anmuth. Dankmar besass in Selma eine Natur. Von der Luge der Salons, von der Pruderie der ublichen Erziehung war ihr nichts angeweht. Sie stand im unmittelbarsten Verkehr mit den Dingen, wie sie sind. Und viele huteten sich vor ihr; die Schlechten, die Tragen, die Lugner gewiss. Gewisse Mittlere schwankten noch. Aber die Guten trugen sie auf den Handen, nannten sie einen Engel und priesen Den glucklich, der sie einst gewinnen wurde. Dass dies schon des Generalpachters hubscher Schreiber war, sah man nicht.

Das Gluck dieser stillen, verschwiegenen Liebe und eines sussen, heimlichen Trostes fur manche grobe aussere Muhe, der sich Dankmar des Scheines wegen unterziehen musste, wurde nur gestort durch den Hinblick auf die Zeit und Egon's Art sie zu lenken. Verschiedenartig wirkte diese schmerzliche Erfahrung. In Dankmar war es der beleidigte getauschte Freund, der die Moglichkeit eines solchen Irrthums, solcher trugerischen Voraussetzungen, wie sie bei dem Fursten Egon stattgefunden, in einem Menschen kaum begreifen konnte. In Rodewald dagegen war es noch ein herberer Schmerz. Er konnte wohl zu Dankmar sagen: Sieh da die Macht der Umstande, den furchtbaren Zwang der Stellungen! Aber was er selbst innerlich fuhlte, war noch ein Anderes. Egon von Hohenberg stand ihm durch die dunkelsten Verirrungen seines Lebens so nahe! Er bereute jene Tage nicht, in denen diesem jetzt gereiften jungen Manne das Leben gegeben wurde; sie waren ihm nur von Wehmuthsschleiern uberwoben. Konnten diese Schleier je sich heben! hatte er gedacht, konnte je das helle Licht der Sonne und der Wahrheit bescheinen und an den Tag bringen, wer du diesem jungen, so rauh uber die Erde fahrenden Staatenlenker sein konntest! Er dachte sich, wenn du nun einst einmal vor ihn hintratest! Wenn er dich empfangen wird, hier im Schlosse oder in der Residenz, falls er deine Gegenwart wunscht, und nun steht er gnadiglachelnd, leidlich wohlwollend, vielleicht aber auch gereizt, vielleicht streng vor dir? Wenn er wusste, dass du Dankmar Wildungen bei dir aufnahmst? Wenn er wusste, warum du dich jetzt Rodewald nennst und wie du auf diese Wandelungen deines Wesens gekommen bist? Pauline von Harder, (die einzige, deren Leben Rodewald furchtete) diese dir jetzt so Verbundene, sie wird nie, nie sagen, dass du mein Sohn bist, aus Hass gegen die Mutter nicht! Und sonst kennt keine Seele die Tage von Landeck vor dreissig Jahren.

Ich und du! Du und ich! Wir Beide durch ein Geheimniss verbunden! Wenn ich es aussprache, wenn ich im Zorn uber deinen Stolz, deinen Hochmuth, deinen Dunkel, deine Unsittlichkeit, deine Herzlosigkeit, deine mannliche Schwache, die eine Melanie Schlurck zur Furstin von Hohenberg erheben konnte und diese That kommt nicht aus meinem Blute, nicht aus dem Blute des Plebejers, der mehr Stolz hat als du wenn ich mich hinreissen liesse und Vaterrechte geltend machen wollte, wenn auch nur unter vier Augen ... Und dann? dann? ... Wenn dieser junge Tyrann dich von seinen Dienern zur Thure hinauswerfen liesse ... ha, und du griffest in deine Brusttasche und zogest die Papiere hervor, die deine Behauptung beweisen, die Briefe der Furstin ... Und dann? dann? ... Wenn er die Sacke Geldes nahme, die du fur ihn erwarbst, in hingebender, nur vom Himmel erkannter Liebe und Aufopferung fur ihn sammeltest, um der innersten Pflicht zu gehorchen, und er dies Geld vor dir hinschuttete und riefe: Da behalte, Elender, aber schweige! Schweige oder meine Rache ist granzenlos ... Diese Gedankenreihe, furchtbar peinigend fur seinen Stolz und fur sein Herz, verliess Rodewald nicht mehr, steigerte sich sogar, als der Herbst nahte, alle seine Plane reiften, gesegnete Fruchte sanken und Egon ihm schrieb, er wurde bald selbst auf seinem Schlosse erscheinen, sich eine Weile von seinen Muhen ausruhen und ihm fur "die guten Geschafte," die er mache, danken ... Rodewald kannte bei allen diesen Voraussetzungen die Natur Egon's, die ohne Zweifel tiefe und bedeutsame Entwickelung auch dieses Charakters noch nicht.

Aber des Fursten eisernes Walten war nicht hinwegzulaugnen. In nachster Nahe ja sah Rodewald die traurigsten Spuren davon. Sein Nachbar, der Bauer Sandrart, der Reiche, Uberzufriedene, Stolze, der auf seinen Sohn so stolze Vater, wie schlich der Armste, zum Tod gebeugt, an einem Stabe von Haus zum Bach, vom Bach zum Hause, und blickte kaum auf, wenn man ihn grusste: Vater Sandrart, wie geht's? Was macht die Ernte? Thut Euch der Sonnenschein gut? Ihm that nur gut, wenn er sich die Augen wischen und Niemanden sehen konnte, als zwei Menschen, die ihm nun die liebsten auf dieser Erde geworden waren, den Jager Heunisch und Franziska, des Jagers Nichte. Der Dritte von Denen, die er liebte, auf die er alle seine Sehnsucht nach dem einzigen, unglucklichen, unwiederbringlich geopferten Sohn ubertragen hatte, der Vikar Oleander, war nicht mehr in Plessen. Es hiess, er hatte die Stelle eines Gefangnisspredigers in der Residenz ubernommen. Der hatte sich recht das Schwerste unter den Amtern der Diener am Worte auserlesen ... Und nicht, weil es der Sohn so geheissen in seiner letzten Stunde, sondern der innere Drang schon machte, dass der ungluckliche, um seine liebsten Hoffnungen betrogene Vater Heunisch, den Guten und Sorglosen, und Franzchen, die Bewahrte, auch beim Nachbar Treuerfundene, wie die Seinigen annahm und erbenlos den Besitz des Sohnes ihnen vermachte. Franziska war zwischen dem Generalpachter und dem Bauer, der sie liebte wie ein Kind seines Kindes, fast so getheilt, wie einst zwischen Louis Armand und Heinrich Sandrart. Jener schrieb zuweilen von der Fremde. Der immer wiederkehrende Schmerzenston seiner Briefe lautete: Ein Meer ist zwischen uns! Ich darf nicht in das Land, wo Sie weilen, Franziska, und Sie bindet die Pflicht, ja selbst das Gluck an ein Ungluck, das Sie trosten sollen und Sie mit Schatzen belohnt, die Ihre Flugel schwer macht: Gold ist schwer ... Die reiche Erbin denkt wohl des fernen Freundes nur mit Schonung. O Franziska, diese rauhe Welt! Diese elenden Gotzen der Pflicht, denen zu Liebe man so kalt morden konnte! Das Bild steht unverwischt vor meinen Augen. Der Gute, der sterben musste, weil ihn fur Andere das Loos traf und ein Beispiel gegeben werden sollte, ein Beispiel der Abschreckung fur Menschen ... Menschen! Alle Bitten an Egon, alle Briefe der Besten blieben unerhort. Das Kriegsrecht hatte seinen Lauf, wie die Kugel! Ich denke des Tages, wo ich in der Werkstatt bei Martens mit ihm uber den Eid sprach! Und was muss uns trosten? Dass das Ungluck nicht allein steht, dass es eine taglich wachsende Reihe von Grabern gibt, eines neben dem andern. Vergeben Sie, Franziska, wenn ich Ihnen, der Reichen, solche Worte schreibe! Vergessen Sie das Loos der Armen nicht! Louis schrieb diesen Brief aus Antwerpen, wo er bei Siegbert verweilte und fur die Einrichtung des Schlosses Tempelstein thatig arbeitete.

Franziska hielt auf diese Empfindungen, deren zweifelnden Theil sie mit ihrer Feder widerlegte, wie auf ein Evangelium, aber Der, der es lehrte, war jetzt ihr verloren. Im Ullagrunde fesselte sie die ernsteste Pflicht. Das grosse Hauswesen des Generalpachters hatte aus der kleinen Nahterin ein Verwaltungstalent hervorgelockt, das zwar manche Personen, die um Akkermann festen Fuss zu gewinnen gehofft hatten, sehr verletzte, diesen selbst aber aufs angenehmste uberraschte. Franzchens Herzensgute im Verkehr mit dem gebrochenen, an sie voll Wehmuth sich anklammernden Sandrart ruhrte alle Herzen. Und Onkel Heunisch, der taumelte gar wie in der Irre! Die "gute" Urschel war ihm nun hin, aber seine Hunde waren ihm doch geblieben und es hiess sogar, wenn der Winter kame und er mit einem Burschen, den er sich nahm, im Amt nicht fertig werden konne, sollte ihm Drossel die beste seiner Tochter, das flinke Linchen, geben zur Fuhrung seiner Wirthschaft! Aber nur Franziska gab ihm rechten Ersatz fur eine Lebensgewohnheit, deren Schattenseiten seinem glaubigen Sinne nie eingehen wollten; ihm scharrte sich nichts aus der Erde heraus, unter der Jakob und Ursula Zeck schliefen, ihm kam der Glaube an den Doppelmord, den Jakob Zeck und Ursula Marzahn an seinen beiden Verlobten begingen, indem sie auf dem Gelben Hirsch Feuer anlegten und an dem Waldbache die zur Kirche gehende Tochter des Sagemullers vom Felsen sturzten, nie zu klarem Gemuth. Die Beweise fehlten. Die Untersuchung wegen Todtung des Schmied's im Forsthause wurde von der Residenz aus, wo man mehr, als man wissen wollte, zu entdecken furchtete, plotzlich abgebrochen, und Herr von Zeisel, der bequeme, seinen Garten, seinen Schlafrock, seine Whistpartieen liebende Justizdirektor, an dem auch glucklicherweise die Gefahr einer nicht verbessernden Versetzung voruberging, Herr von Zeisel war nicht der Mann, der solchen Dingen a tout prix auf den Grund zu kommen trachtete. Nur Pfannenstiel, Drossel, der Sagemuller grubelten. Die larmten, die drohten, aber nicht im Einverstandniss. Die Polizei ging mit der Demokratie nicht Hand in Hand. Onkel Heunisch mit der Meerschaumpfeife und dem rothen, nun recht winternden Fuchsbarte genoss in vollen uberfliessenden Zugen das Gluck seiner Nichte, so schmerzlich es erkauft war. Er hatte die Hinrichtung mit angesehen, war voll Jammer uber sie, aber doch wurde er fast eifersuchtig auf den alten Bauer und gramelte mit ihm. Er sah nur Das, was auf sein nachstes Behagen ging. Seine Hunde, sein Wild, seinen Wald kannte er. Aber mit Menschen konnte er reden, die er kennen sollte und er hatte geschworen, dass er sie nie gesehen. So mit Dankmar, der oft an derselben Stelle mit ihm stand, wo er ein Jahr vorher mit ihm geplaudert hatte. Aber den Veranderten und Umgestalteten fur den Doppelganger Sr. Durchlaucht zu nehmen, ware ihm nicht im Traume eingefallen. Er war fur ihn ein vollig Anderer, als der er jetzt, ein ahnungsreicher Jurist, die Data uber die in Liebe zu einem so guten Waidmanne entbrannte Ursula und ihren heimtuckischen Bruder wohl am klarsten in Handen hatte, ohne dass er jedoch in der Lage und Laune sein konnte, sie offentlich zu verknupfen und von Andern seinen Scharfsinn prufen zu lassen.

In diese Zustande der Ruhe, des Schmerzes, der Freude, des Harrens und Hoffens kam dann die Ankunft des Fursten auf dem Schlosse. Rodewald hatte die Sammlung nicht, sie abzuwarten. Auf einem Wege, wo er ihm zu begegnen vermied, entschloss er sich, Selma ihrer nachsten Bestimmung entgegen zu fuhren. Der Abschied von Dankmar war der schmerzlichste. Denn auch ihn musste es drangen, von einem Orte sich zu entfernen, wo ihm die Luft nun den Athem abpressen musste. Melanie als Furstin Hohenberg, Egon selbst, Selma von ihm hinweggenommen er wartete nur des Vaters Ruckkunft ab, um sich nach dem Westen nun auch zu entfernen. Hatte er doch hier und da schon Verdacht erregt und glaubte er doch von einer Person, die noch dazu nicht die beste von Sinnesart war, halberkannt zu sein, von jener Liese, die fruher im Heidekrug bei dem jetzt schmollenden konstitutionellen Patrioten Justus diente und zu Franzchen Heunisch's Erhebung immer nur scheel genug gesehen hatte. So war denn Rodewald von seinem Hause endlich frei geworden und hatte die in Schmerz zerflossene Selma mit der Zukunft getrostet, mit jenem Zauberbalsam, der sich kuhl und linde auf alle Wunden legt.

Anna von Harder nahm die ihr so wunderbar Geschenkten nicht wie eine Genugthuung des Schicksals, sondern wie eine Mahnung, sich zu demuthigen, auf. Die Freude und der Schmerz, die Wonne, in Selma ein Abbild zu besitzen von der, deren Tod sie zu bitterster Gewissheit nun bestatigt sah, alle diese Empfindungen machten sich in denselben Thranen geltend und jede Betrachtung, jeder erorternde Ruckblick blieb ausgeschlossen von den ersten Schrecken und Wonnen dieser Begegnung. Rodewald wollte sogleich scheiden, Anna liess ihn nicht. Sein Pferd wurde von den Dienern versorgt, doch wollte er zur Stadt, Selma sollte da bleiben, wenn Anna sie zu behalten gedachte. Anna war keiner Anordnung fahig, nur Das wusste sie, dass sie das jetzt Gewonnene nur mit dem Leben wiedergeben wollte. Die edle Frau umhalste Selma und hielt sie gegen das Sternenlicht, gegen den Lampenschimmer im Hause, um sich an den Ahnlichkeiten, deren sie Hunderte mit ihrem Kinde schon entdeckte, zu erheben ... aber dass dies Kind wirklich todt war, dass es auf fremder Erde, zerstoben und verwesend schon, ruhte, Das umwehte sie mit Geisterhauchen, als musste sie nun bald selbst hingehen in die Wohnungen des Friedens und konnte sich nicht mehr zurechtfinden in dieser schmerzlichen Sinnenwelt.

Olga nahm ihr etwas von den nachsten Pflichten, die sie fuhlen musste, auffallender Weise schon ab. Olga begrusste den Ankommling mit einem Ton, der ihrer geistigen Vornehmheit sonst nicht eigen war. Sie bewirkte sogar, dass man die Gerathschaften abpackte, erinnerte an Vergessenes, reichte dar, was ihr Selma entgegenzunehmen zu wunschen schien, Dinge, die sie kaum nennen konnte. Sie schlang zuletzt sogar ihren Arm um Selma und fuhrte sie mit einem allerdings sonderbaren, stummen Willkommen an der Hand ihren Zimmern zu, wo sie hoffte, die Enkelin Anna's als Nachbarin zu gewinnen. Anna liess Alles geschehen und Selma hatte nur Augen fur den Vater, der ihr so tief zu leiden schien und der von Abschied sprach. Ich sehe Dich morgen fruh wieder! beruhigte er, aber ihre erste Freude zeigte sich bald als die Erregung des Momentes; die aufgespannten Nerven liessen nach und die Lust verwandelte sich in Wehmuth. Wie war dies Haus so duster, so einsam, wie dunkel diese Wande, wie fremdartige Tone vernahm sie da und dort ... die alten Bedienten, das leise Sprechen, um den Greis nicht zu storen, den man morgen erst langsam vorzubereiten gedachte, alles Das erfullte sie mit einer Beklommenheit, die fast den Wunsch auszusprechen schien: Lasst mich beim Vater bleiben, hier wohnt der Tod und ich will dem Leben angehoren!

Anna sammelte sich mit Olga's Hulfe. Olga schien ein wenig aufgeweckt aus ihrer Traumwelt. Sie sah etwas, was sie verstand, mit der hoheren Poesie ihrer Empfindungen vergleichen konnte, wenn auch Kaktus, Pinien, Palmen und das Meer dabei fehlten. Aber die Enkelin Anna's kommt aus Amerika und bringt sich selbst fur die todte Mutter! Sie fuhlte eine solche Erfahrung fremden Lebens wie ihre eigne nach und war so voll Eifers, das Rechte und Nothwendige zu treffen, dass Selma schon die sie umschlingende und nur ruhig neben ihr hingehende Grossmutter fragen mochte: Welches seltsame Wesen hast du nur da bei dir? Und wem hab' ich da gleich an Werth fur dich und Vollkommenheit nachzueifern? Dystra, hatte er die Scene beobachtet, wurde gesagt haben: Comtesse Olga ist wie die Memnonssaule, a l'ordinaire kalt und starr, wohllautend aber doch, wenn nur die rechten Sonnenstrahlen auf sie fallen!

Wahrend sich Selma in der fur sie vorlaufig bestimmten Lokalitat zurecht fand, wollte Rodewald gehen, aber Anna zog ihn in den stillen klaren Abend, zog ihn unter den Pavillon und druckte ihm voll Vergebung die Hand. Er wollte sprechen, erzahlen. Anna duldete es nicht, weil er sich selbst anklagte. Ich bin Schuld, sagte sie, ich, dass ich an der unverwustlichen sittlichen Kraft eines edlen Mannes zweifelte! Welcher Hochmuth war es, der mich trieb, Sie zu verurtheilen, Rodewald! Alle Steine, die die Welt auf Sie warf, hatten sich mir selbst in Blumen verwandeln sollen, da mein Kind Sie liebte. Pauline konnte nichts erfinden, als sie vor Selma von Ihnen wie von einem Ideale sprach! Ich zerstorte es, aber mit ohnmachtigen Werkzeugen. Jeder Fehler, den ich Ihnen nachsagte, verwandelte sich vor dem einmal bezauberten Kinde in eine Tugend. Ich war so durchdrungen von Paulinens Verratherei, ich glaubte nichts Anderes, als, sie bindet, wie Das taglich geschieht, den Mann ihrer Liebe an ein unbedeutendes Madchen, um ihn stets in ihren Fesseln zu behalten, nie mehr zu verlieren, denn selbst die Rechte der Verwandtschaft mussten Sie zuletzt in ihre Nahe bannen. Ich sah Das vor mir, sah Arrangement, sah Verabredung frivoler Gemuther. Ich habe nie so in Flammen gestanden wie damals, als ich in meinem Zorn mich selbst verzehrte und all mein Lebensgluck. Ich danke Ihnen, Rodewald, dass Sie mir verziehen und mir auf die letzten Tage meines Lebens diese uberschwangliche Gnade schenken, Ihr Kind bringen, Selma's Kind, und dass Sie's Selma nannten!

Thranen erstickten die Stimme der Vielgepruften, die seit dem fruhen Tode eines jungen, gutmuthigen Gatten ihr Leben zu einer Schule der Entsagung gemacht hatte. Rodewald gestand ihrer Abneigung gegen ihn jede Berechtigung zu. Das Tragische unserer Lebenserfahrungen, sagte er, bestunde eben in dem Zusammenstoss von Interessen, wo jedes auf seinem Standpunkt rein und wohlbegrundet ware, und das seinige ware es nicht einmal im Anfange gewesen, sondern erst geworden durch die Hingebung, die unaussprechliche Gute und das kindliche Vertrauen jenes Madchens, das er zur Gattin wahlte und dem er kein besseres Angebinde hatte verehren konnen als einen neuen Menschen. Fort von diesem Boden der Luge, fort aus diesen Fallstricken ewig wiederkehrender Gefahr denn, beste Mutter, sagte Rodewald, Das werden Sie auch als nothwendig im Leben anerkannt haben, die Versuchung darf nicht zu nahe stehen, wenn zweifelnde Augenblicke uber uns kommen. Oft hatt' ich selbst noch in Amerika, nachdem wir Frankreich, England bereist hatten, irgend eine kleine Irrung mit Selma, irgend einen nicht stimmenden Akkord, aber wir mussten ihn unter uns auflosen, wir konnten nicht mit unserm Kummer falsche Troster finden, die die Wunde statt zu heilen, nur weiter aufrissen, wir mussten uns selber wieder erkennen und es ging. Diese Ehe hat mir nach vielfach zerfahrner, oft poetischer Irrung ich will nicht wie ein Bussender sprechen die Sammlung meiner selbst gegeben. Ich wurde zufrieden und lernte die Grenze wurdigen, die dem Leben gezogen ist.

Anna hielt Rodewald's beide Hande und sass so ruhig neben ihm unter den Sternen. Noch sprach er von der nachsten Zukunft, Anna billigte Alles, wenn sie nur Selma behielt. Ihr will ich mich widmen, ihr die letzte Kraft meines Lebens geben! sagte sie und erst nach langerm Traumen kam ihr die Frage: Und Sie, Rodewald? Der Vater, der hohere Rechte hat, als ich? Vergeben Sie, wenn ein Jahrelang so ungestilltes Sehnen unersattlich ist!

Wie staunte Anna, als Rodewald von seiner Pachtung der Hohenbergischen Guter sprach! Sie wusste nichts von Rodewald's Beziehung zur Furstin Amanda, die ihr eine theure Freundin in erster Jugend gewesen, aber seit der Heirath des Generalfeldmarschalls entruckt war. Sie konnte mit stiller Freude vernehmen, dass Selma's Vater in ehrenvollen Verhaltnissen ihr so nahe bleiben wurde und als sie von seinem vorlaufig angenommenen Namen Ackermann horte, als sie sich beklagte, dass ihr uber ein Jahr lang Selma entzogen war, wo Ackermann schon in Deutschland weilte, hatte sie jetzt nur die eine Sorge noch auszusprechen, die sich in dem Namen Schwester Pauline! kundgab.

Wie lebt Pauline? fragte Rodewald.

Sie lebt, wie sie als Kind lebte! sagte Anna. Nach jedem zerbrochenen Spielzeug ein neues. Es verschenken, verlieren, oder selbst zerstoren, gleichviel, nur rasch ein Ersatz! Ihr Leben liegt wie ein aufgeschlagenes Buch vor der Welt. Ich mag Ihnen nicht darin blattern, Rodewald! Lesen Sie es bei Andern. Manches hat sie selbst verrathen, im gunstigeren Lichte darstellen wollen, sie hat die Feder ergriffen und geschrieben. Ich konnte mich erst nach Jahren, wo alle Welt ihre Bucher vergessen hatte, entschliessen, sie zu lesen. Da fand ich mehr in ihnen, als Bosheit und der Neid in ihnen hatte wollen gelten lassen. Ich fand ein wirklich ungluckliches, nur durch die Eitelkeit und fruheste Verwohnung verdorbenes und unverbesserliches Herz. Mich ruhrte das Meiste von Dem, was Andere belachten. Ich hasste sie weder, noch verachtete ich sie, aber ich musste sie meiden. Ihre Nahe wirkte auf mich, wie die Nahe der Morder auf die Erschlagenen wirken soll. Die Wunden fangen wieder an zu bluten. Ich mied sie nur. Sie war zu stolz, zu schwindelnd hoch in ihrer wilden Lebensphilosophie, als dass ich jemals auf das Anerbieten einer Versohnung hatte rechnen konnen. Jetzt, wo sie auf's Neue eine grosse Rolle spielt ...

Rodewald wusste, dass Egon ihr ganz gehorte ...

Jetzt sucht man selbst von Seiten des Hofes mich fur eine Annaherung zu gewinnen; ich weiche aus. So lange Damonen wie jene Charlotte Ludmer in ihrer Nahe weilen ...

Lebt die Ludmer noch? sagte Rodewald gelassen staunend ...

O die ist zah wie Schlangen, die auch zerstuckt noch nicht sterben konnen, sagte Anna. Ich troste mich immer, wenn ich von dem Vielen, was die Welt Bedenkliches uber Paulinen sich erzahlt, die Schuld auf jenes Wesen werfen kann, das wohl zu tief mit Paulinens Vergangenheit verwachsen ist, als dass sie jemals wagen konnte, sich von ihm zu befreien.

Rodewald kannte Paulinens Lage und Verhaltnisse. Von der Irrung, die der seinigen folgte, von der Geschichte des Baron Grimm, den er so oft am Missouri in der Person jenes Morton erblickt hatte, wahrend Morton in ihm den englisch gewordenen Master Harry, jetzt nur den Generalpachter Ackermann kannte, wusste er nichts. Anna fuhlte sich nicht veranlasst, uber das Leben ihrer Schwester dem Manne Enthullungen zu geben, den sie in diesem Augenblick froh und glucklich sehen wollte. Sie gestand zu: Es wird Aufsehen machen, grosses Aufsehen, wenn es heisst, jener einst von der schonen Welt ebenso wie von den Staatsmannern und Gelehrten bewunderte Heinrich Rodewald ist zuruckgekehrt, ist ein einfacher Okonom geworden, hat die Guter des Fursten von Hohenberg gepachtet, hat der alten Landrathin von Harder auf Tempelheide ein Abbild ihrer hingeschiedenen Tochter, eine Enkelin, uberbracht ... ja, Rodewald, sagte sie, als dieser lachelte, ja man hat das Gedachtniss fur die alten Tage nicht ganz verloren und spricht Das, dessen man sich fernher erinnert, mit grosser Schonungslosigkeit aus ...

Nein, nein, unterbrach Rodewald, die neue Freiheit Deutschlands macht nur, dass solche Verhaltnisse geringfugig erscheinen ...

Anna aber liess sich nicht nehmen, dass noch Tausende lebten, die da staunen, die Kopfe zusammenstecken wurden ... Und schon die einzige Pauline, die Ludmer! sagte sie. Erschrecken Sie nicht, ihnen wieder zu begegnen?

Meine Wege sind nicht die ihren ...

Aber Selma! Ich gestehe, dass ich mich rusten muss! Die uberfallen mich gewiss und geben sich das Ansehen, dies Kind mit ihrer Liebe erdrucken zu mussen! Wenn Das ware ha, ich werde bitter ... Kommen Sie, Rodewald!

Anna wollte aufstehen, aber eben kam Selma und Olga Arm in Arm aus dem Hause ihnen entgegen. Rasch benutzte Anna die noch ubrige Zeit, dem Schwiegersohne zu sagen:

Dies blasse Madchen ist die Tochter einer Furstin Wasamskoi, die mir dies Kind, weil es aufmerksamer Fuhrung bedarf, zur Pflege hinterliess. Ich bin erstaunt, welchen Eindruck Selma schon auf diese eigne Natur gemacht hat! Ich ware glucklich, wenn sich diese Madchen verstanden und jede zu ihrem Guten noch das Gute der Andern sich hinzuthate.

Indem noch Rodewald lachelnd sagte: an Schlakken, die dann ausgestossen werden mussten, wurd' es auch bei Selma nicht fehlen, kamen die Madchen und gaben die Absicht zu erkennen, durch das offen dargestellte Bild ihrer schnell gewonnenen Vertraulichkeit die Altern zu erfreuen. Selma sagte, dass sie schon wisse, wo sie nun der erste Morgenstrahl wecken wurde, aber sie ware unruhig und wurde ihre Nachbarin viel plagen, von der sie horte, dass sie bis neun Uhr schliefe. Mit der Moglichkeit zu scherzen war hier schon viel gewonnen. Rodewald lehnte jede weitere Gastfreundschaft ab, trat an seinen Wagen, mit dem er in der Residenz einzukehren gedachte und verliess Tempelheide mit dem Versprechen, morgen in den ersten Stunden wieder bei den Frauen zu sein.

Drei Tage hatte Rodewald fur diese Reise bestimmt. Er fuhlte die Nothwendigkeit, sich bei Zeiten am Fusse des Hohenbergs einzufinden und dem Fursten seine Aufwartung zu machen. Dennoch hinderte ihn daran eine unuberwindliche Befangenheit. In Tempelheide hob ihn Alles, auf dem Hohenberg hatte ihn Alles erniedrigen mussen. Dort konnte er sein Haupt erheben und im Licht der Wahrheit verklart wandeln, hier hatte er die Augen niederschlagen, sich vor sich selbst entwurdigen mussen. So wurden aus drei Tagen funf, aus funf acht. Es fesselte ihn ausser Oleandern wenig in der grossen Weltstadt. Er sah sich wohl die neuen Denkmaler und Bauten, die Sammlungen der Kunst an, aber die Eindrucke konnte er erst bei Anna und den Kindern zurecht legen. Auch dem Obertribunalsprasidenten wurde er vorgestellt und, wie sich von dem Humanitatsfreunde erwarten liess, mit Nachsicht beurtheilt. Die Urenkelin stand dem Greise bald naher als Olga, nicht durch die Verwandtschaft allein, sondern auch durch die leichtere Art, aus sich herauszugehen. Wie aufmerksam lauschte Rodewald dem weisen Freunde der Natur und des Lebens! Wie schnell fand er sich in die wunderliche Neigung zu den Thieren! Er verglich diese Richtung einer auf die allgemeine Seelenlehre sich grundenden Weltauffassung mit den herrschenden Doktrinen des Tages, dieser grosseren Fulle an Material, strikteren Form der Beweisfuhrung, aber geringeren Ruckwirkung auf die Bildung des Herzens. Da Rodewald zufallig in der amerikanischen Union Freimaurer geworden war, konnte er sich bald uberzeugen, dass in der alten Excellenz der Naturalismus seiner Anschauungen nicht ohnmachtig als todtes Pfund in der Erde lag, sondern oft genug nach aussen hin auch uber die Grenze seines nachsten durch die Gesetze gebundenen Berufes gewirkt hatte. Der Greis klagte uber die Richtung der Loge. Er hatte sie ganz an Gelbsattel, Rodewalds Schulpforter Genossen, uberlassen mussen. Sie hat, sagte er, einen Trieb zur Nuchternheit, zur leersten Verschonerung des Lebens bekommen, der mich abschreckte, langer fur sie zu wirken. Ich weiss wohl, die tiefere und geheimnissvolle Richtung der Loge ist zu unwurdigen Zwecken misbraucht worden, die sich in Lug und Trug verloren. Aber so ganz diesen Bund auf Nichts zu stellen, wie es jetzt eingerissen ist, so ganz ihn alles Zusammenhanges mit grossen geschichtlichen Ideen entkleiden und ihn nur in eine Art feinerer Liedertafel umzuwandeln, wer mochte da noch mitgehen? Man hat Diejenigen steinigen wollen, die wie einst Bruder Krause und Mossdorf unsere Geheimnisse verriethen, aber man ist hinter diesen, die nur zur Reform unsres Bundes Offentlichkeit wollten, weit zuruckgeblieben. Wohl weiss ich, dass das graue Alter unsrer Kunsturkunden nicht zu ermitteln ist, aber der Geist, der sich in der Loge sammelte, war jener immer landfluchtig gewordene Geist der Johanneslehre, die vor Christus schon bei Plato, Sokrates, Virgil christlich dachte, d.h. jener Lehre der uberall vorhandenen Christlichkeit, wo reines Menschenthum waltet. Das ist der Angelpunkt der Welt und der Geschichte. Die Humanitat beginnt mit Duldung gegen Alles, was ausser uns lebt, mit dem Thiere, der Pflanze. Was ist der Mensch? Ein Ursachenthier, sagt Lichtenberg. Die andern Thiere sind Wirkungsthiere. Wir sehen, was da wird, bluht und vergeht. Wir fragen, warum ist die Schopfung? Aber dass wir keine Auskunft wissen, stellt uns allem endlich Lebenden gleich. Dieser allgemeine Glaube ist der, der immer parallel ging mit den rohen und brutalen Erscheinungen der Geschichte, der Theologie, der Politik, der Sittenlehre. Neben dem Heiden- und Christenthum, neben den Staaten der Griechen, Romer, Franken, zog sich doch dieser einige Faden der reinen Menschheitslehre von Pythagoras und Thales herab bis auf diejenige Philosophie unserer Tage, die des Namens wurdig ist. Fur diese Lehre ist der Menschheitsbund die grosste Geschichtsthat. Zu ihr gehorte Jeder, der Humanitat ubte. Die Loge wollte die Lehre vom wahren Tempel wieder aufnehmen. Wie oberflachlich hat sie es gethan! Sie konnte Grosseres wirken. Das Christenthum war erst auch ein Geheimbund. Es war erst auch eine Religion bei verschlossenen Thuren. Das Christenthum war auf Logen begrundet, die man Agapen nannte. Man speiste zusammen und feierte seine Erinnerungen. Die Loge hat viel gut zu machen, wenn sie nicht zerfallen will. Als sie vor vierzig Jahren in Deutschlands wustester Zeit sich weigerte, ihre Mission zur Heranbildung eines Menschenbundes anzuerkennen und sich nur der Lehre von einer laxen Bruderlichkeit und gegenseitigen Forderung innerhalb der gegebenen Lebensverhaltnisse ergab, hatte sie ihre Bedeutung fur die Geschichte verloren und wird in Apathie, Uberschuldung und bei vielen Einzelnen in Mangel an Appetit zu Grunde gehen.

Der Greis hatte seine Ruge scherzhaft geendet, zum Bedauern Rodewald's, der von einer Annaherung an Dankmar's Ideen uberrascht war und fast verstummte uber die wunderbare Fugung, dass der Prasident, er wusste es selbst nicht, die Gelegenheit in der Hand hatte, seinen Traum von einer grossartigeren Entwikkelung der Freimaurerei wahr zu machen. Gern hatte er Dankmar'n Kunde von etwaigen Aussichten seines Prozesses gebracht, aber Otto von Dystra, den er in seiner Wohnung in der Stadt Rom begrusste, bemerkte ihm sogleich, dass ihr gemeinschaftliches Interesse fur die Gebruder Wildungen von diesem in Amtssachen drakonisch strengen und gewissenhaften Greise nichts hervorlocken wurde. Dystra's Beziehung zur Comtesse Olga schien Rodewald, der an die anorganischen Verbindungsgesetze der grossen Welt gewohnt war, nicht so komisch wie dem Touristen selbst. Von Siegbert's Beziehung zu Olga wusste Rodewald nichts. Dankmar hatte sich wohl gehutet, seinem im Ullagrunde nicht sehr empfohlenen Bruder noch die Burde einer solchen in der Luft schwebenden Liebe aufzuhangen. Dystra war in der Hauptsache der Alte, an Allem interessirt und fur nichts auch nur einen Tropfen Bluts, dafur mit Freuden einen Beutel Geld lassend, ganz wie es in der Oberflachlichkeit einer Zeit liegt, die auf Kommunikation und Beschleunigung der Mittheilungen, auf den leeren Formalismus der Gedankenwelt, auf Stenographie, Autographie, Lichtbildnerei u.s.w. ihr grosstes Gewicht legt; doch uberraschte ihn Dystra eines Abends durch das Zeichen der Ritter vom Geiste. Sind Sie Mitglied des Bundes? fragte Rodewald erstaunt. Ich baue vorlaufig dem Bunde eine Kapelle, sagte Dystra, ich baue ihm ein Archiv fur seine Statuten, im Nothfalle Kasematten fur seine Martyrer. Sie werden staunen, wenn wir den ersten Bundestag halten. Am Ufer eines majestatischen Stromes erhebt sich, in der Nahe des Koniglichen Schlosses Buchau, ein bewaldeter Bergesrucken, auf dessen Mitte der Tempelstein eine Warte des schon staunenden Reisenden ist! Schon erheben sich Mauern und Thurme. Arkaden verbinden die Hofe, die vom Schutte gereinigt sind und neu wieder sprudelnden Quellen Raum lassen mussten. Die Sommerhalle und die Winterhalle harren schon des wohnlichen Schmuckes, den ich in Belgien, Holland, am Mittelrhein und in Franken fur sie fertigen lasse. Parkanlagen schafft ein koniglicher Gartner, er weiss es nicht, welche Orakel unter diesen Baumen gesprochen werden sollen. Rodewald, es war schon unter Ihren rothbraunen Urwaldsbaumen! Aber es ist schoner, sich einen Garten zu zaubern, wo uns nicht Wilde, hochstens die Hascher der weltlichen Hermandad uberfallen konnen. Komme, was kommen mag! Ich eroffne im nachsten Jahre zum September Nachts um zwolf Uhr meinen Tempelstein. Unten an meiner interimistischen Wohnung melde sich wer kommen will, Ritter oder Knecht, Monch oder Laie, vermummtes Visir oder offnes, eine Reiterstandarte in der Hand oder eine Oriflamme oder eine Orlogsflagge! Von meiner untern Villa schreitet man uber eine Brucke, die ich zwischen zwei Abgrunden auffuhren lasse mit hochgeschwungenen Bogen, dem Untenwandelnden scheinen sie ein Thor. Dann hinauf zur Burg! Die Zacken, die Mauern, die Verzahnungen sollten Sie sehen, die unter hundert hammernden und klopfenden Handen schon aufwachsen! Die Saulen dann umwunden mit Kranzen, von Altane zu Altane Guirlanden wie zu einem Sangerkriege, die Fahne mit dem vierblattrigen Kleeblatt hoch vom Soller wehend ... Sie lachen? Genug Meister Harry! Vorlaufig fuhl' ich mich nur verpflichtet, fur den Komfort dieser neuen Institution zu sorgen und es den Geistern der alten Ritter, die bei uns zur Nacht speisen werden, auch nach Rumohr's Geist der Kochkunst bequem zu machen. Sorgen Sie nur dafur, dass Dankmar endlich sein Arkadien bei Ihnen aufgibt und sich an die Sicherheit der Grenze begibt, die mein Tempelstein fast selber ist. Auf waldiger Hohe, zuganglich nur den Schmugglern und Grenzwachtern, liegt eine einsame Grenzhutte, bewohnt nur von einem Greise in weissem Bart! Halte man ihn fur einen Verwandten Rubezahl's oder einen Gnomen andrer Seitenlinien, der Alte vom Berge empfangt Besucher, deren Namen nur in Steckbriefen zu lesen. Dankmar wird von dem Greise langst erwartet; langst hat er das Wort, das ihm oben an der Tannenhutte Einlass verschafft bei'm Alten am Kaffeetopf, den er immer sieden hat, man sagt, um den fernen Gasten durch den Rauch die fast unzugangliche Lage der Hutte zu verrathen. Es ist Zeit, den Alten mit dem Wort aufzujagen und Dankmar'n alle kleinen Bequemlichkeiten zu verschaffen, die die Gaste der Hutte vom Tempelstein geliefert erhalten. Sie sollten unsre kleine romantische Existenz dort unter den Eulen und Fuchsen kennen! Ich nehme Abschied, weil meine Anwesenheit dort nothig wird; ich reise, um die Zimmer zum Empfang der Baronin Dystra herzurichten.

Rodewald wurde schon, gedrangt von diesem neuen Beweis der wachsenden Idee des Bundes, beruhigt uber Selma's nachste Zukunft und Anna's sorgfaltig mit ihm besprochenen weitern Bildungsplan der Tochter, zuruckgereist sein, hatte ihn, nach einem Besuche bei dem in Trauer um Selma's ihm abgewandtes Herz vom Ullagrund geschiedenen und in Liedern und dem schwersten Lebensberuf sich trostenden Oleander, nicht Murray gefesselt, den er zu seinem wunderbarsten Erstaunen von Dystra als jenen todtgeglaubten Morton bezeichnen horte. Sie leben, alter Freund? rief er Murray zu. Sie leben als Geizhals in dieser Mordergrube? Sie stellen sich todt, um von Ihren Verwandten bei Ihrer Ruckreise nicht geplundert zu werden? Was treiben Sie hier? Wer ist um Sie? Wer sorgt fur Sie? Erfuhren Sie, dass ich Ihr Geld richtig abgegeben, an Menschen, die sie fur Ihren Bruder erklarten? Sind Sie der Bruder jenes Schmieds, der von der Hand eines Fremden todtlich getroffen wurde? Und Sie waren wirklich selbst dieser Fremde, Sie selbst das Werkzeug dieser Strafe, die einen Menschen traf, der, wie Louis Armand beschworen hat, eben die eigne Schwester todten wollte? Sie heissen Friedrich Zeck, nicht Morton, nicht Murray, wie ich nicht Harry, nicht Ackermann, sondern Rodewald?

Die Folge dieser Begegnung, die Wirkung dieser Fragen war fur Murray, der an einer Kupferplatte sass und wie aus Traumen auffuhr, so furchtbar, dass sich zwischen ihm und Rodewald dieselben Stunden wiederholten, die im vorigen Herbst zwischen ihm und Louis Armand auf dem Schlosse von Hohenberg nur der Sturmwind, der an den Fenstern rasselte, die knisternde Flamme des Ofens, das singende Heimchen im siedenden Theetopf belauscht hatten ...

Sie jener Rodewald, auf den Baron Grimm folgte? sagte Friedrich Zeck fast sprachlos.

Rodewald wusste nichts vom Baron Grimm ... aber was er von ihm, uber und durch ihn jetzt erfuhr, liess ihn schaudern. Diese Pauline! rief es in ihm wie im wildesten Aufruhr aller Seelenkrafte. Und Ihr Sohn?

Ist gefunden ... Lebt!

Die Thur ging auf. Hackert trat ein ...

Das ist er! sagte der Vater, der ihn vor Rodewald nicht verlaugnen wollte.

Rodewald stand wie erstarrt. Er erkannte diesen blassen, jungen, verdriesslichen Mann. Er erkannte dies rothliche Haar, dies hellblaue Auge, dieses fragende, bittre Lacheln ... Es war der Gefahrte von der Landstrasse, der Nachtwandler vom Heidekrug ...

Hackert erkannte auch den Fremden und grusste ihn mit dem Scheine, als wollte er sagen: Was andert denn nun Das? Ihr hattet mir die Theilnahme, die ich jetzt finde, auch fruher schenken konnen, denn ich denke doch, ich bin derselbe Mensch!

Aber Rodewald erkannte mehr in ihm, er erkannte Paulinen ... er sah sich Egon, dem Fursten von Hohenberg, gegenuber, Paulinen diesem Hackert ... er unterdruckte, was er empfand.

Er musste sprachlos scheiden von dieser ihm jetzt aus Friedrich Zeck's Mittheilungen uber den mit dem Sohn befolgten Erziehungsplane erklarlichen armseligen Raume, er musste scheiden voll innigsten Jammers, herzzerreissenden Schreckens, er bedurfte der ganzen friedlichen Sammlung, die in Tempelheide uber ihn kam, um sich endlich, gehoben nur durch das Gefuhl, dass das Gute in der Welt mit dem Bosen zwar mit ungleichen Waffen, aber doch nicht ganz ohne siegreiche Erfolge kampfe, auf den Weg zu machen, die verhangnissvolle Ruckreise nach dem Schlosse Hohenberg zu dem Ullagrunde anzutreten zur Meldung bei dem Fursten Egon.

Sechstes Capitel

Die Meldung

Gravitatisch, wie ein Uhu im Walde, rings von Elstern, Dohlen, Krahen, andrem vorwitzigen Gevogel umflattert, gefurchtet zugleich und verspottet, vom Jager ausgestellt zur Lockung, wenn er zahm ist, oder in der Wildniss sich selbst preisgebend, wenn ihm die bloden Augen Tageshelle blendet, sitzt auf dem Korridor des Schlosses Hohenberg bei Plessen unter muthwilligem, hin- und hergejagtem, sich und Andre neckendem Dienstpersonale, unter betressten Jagern, bunten Heiducken, weiss verhangenen Kochen, Kuchenjungen, die wie junge Kakadus den alten nachspringen, unter Kammerzofen und alten borstigen Scheuerfrauen der von der Residenz mit Sr. Durchlaucht gleichfalls angekommene Haushofmeister und Ex-Husarenwachtmeister Wandstabler.

Strohmatten trennen seine schon in aller Fruhe eines Sessels bedurftige Person von dem steinernen Estrich der Korridore, die trotz der den ganzen Sommer hier betriebenen Reparaturen und Vorbereitungen zum wurdigen Empfang ihres Herrn nicht jenen luftdichten Thur- und Fensterschluss haben wie das hochfurstliche Palais in der Residenz. Da lagen zwar viel neue Teppiche auf den Treppen, die Wande waren frisch getuncht, die Plafondsstukkaturen in ihren Defekten erganzt, Blumen und Vasen zierten nach den Angaben der jungen Furstin jede unschone Nische, jeden harten Winkel, jedes kahle Fenster, aber die gebrannten Geister zwickten und zwackten schon in aller Fruhe an der menschlichen Aufschwemmung, die da im schwarzen Frack, in Schuh und Strumpfen im Sessel sitzt mit gewichstem Schnautzbart, wie in dieses Furstenthums militarischen Zeiten, und sich bei jedem Klingeln in und ausser dem Schlosse erhebt, um der Wurde, die ihr der junge Furst aus Gnaden gelassen hatte, doch einigermassen noch zu entsprechen. Aber es zwickte hier, es zwickte dort in den alten Gliedern. Alle Kriegsthaten, alle Kriegsstrapazen regten sich und wenn auch Doktor Reinick erklarte, in diesen Schultern, den Armen und den Fussen rumorte weit mehr die behagliche und frohgenossene Metternich'sche Friedensepoche, die verschiedene Erklarung der Ursachen hob die Wirkung nicht auf. Die beste Behandlung hatte Drommeldey in diesem Falle in der homoopathischen gefunden. Hier liess er die Wirkung durch die ihm wahrscheinlichere Ursache bekampfen. Er rieth, den Schrank nicht zu vergessen, in dem Wandstabler die Schlussel des Residenzpalais bewahrte, und Dore Wandstabler, die Alteste, verstand den Wink; die gebrannten Geister folgten nach Hohenberg und hielten die rheumatischen Storungen noch in der That am besten ab, eine Methode, die Herr von Sanger, Wandstabler's fruherer Ritt-, jetzt Rentmeister, als er bei Sr. Durchlaucht zu Tische und fast jeden Abend zum Thee, aber mit vielem Rum, geladen war, dem treuen Wachtmeister als die beste fur den Fall zugestand, dass man nicht in der Lage ware, auf die zarten Nerven und die empfindliche Laune eines drittgeheiratheten Weibes Rucksicht zu nehmen.

Dore, die Allwaltende in der Residenz, war es auch seit den rasch vorubergeschwundenen acht Tagen hier auf Hohenberg. Schon vierzehn Tage war sie von der jungen liebenswurdigen Furstin (die bei Egon Alles nahm, wie sie's fand) vorausgeschickt worden, um einen Komfort herzurichten, wie ihn auf dem Schlosse ein Herbstaufenthalt, Egon's erster offner Besuch seiner Herrschaften, bedingte. Die Furstin hatte nur Komfort verlangt, Pauline von Harder aber, die leider selbst zu kommen sich nicht entschliessen konnte, Pauline hatte Pracht bestellt. Der Furst hielt eine Mittelstrasse. Er wunschte viel Menschen um sich her, viel Leben und Bewegung, Zerstreuung, Ubertaubung vielleicht, wenn man seine Gedanken ganz errieth. An Einsamkeit fehlte es dem jungen Staatsmann schon nicht. Sein ganzes Herz war schon einsam genug. Es fror schon recht auf den hochsten Gipfeln seiner Wirksamkeit. Er fand dort oben an den Gletscherrandern die Alpenrose Melanie, die durch Selbstbeherrschung, klugste Berechnung aller Umstande und die Forderung der mit Egon wie mit einem Sohne verbundenen Geheimrathin von Harder es dahin gebracht hatte, unter legitimen Bedingungen dem Verfechter alles Legitimen fur das Leben anzugehoren; aber die Gletscher starrten doch und todtes Schweigen ruhte doch auf ihnen, tiefe urweltliche Stille. In Hohenberg wollte Egon Leben, Bewegung, Zerstreuung, und so war bei seinen geringen Mitteln doch nichts gespart worden, um den Sommer uber dies verfallne Schloss, den verwusteten Garten leidlich wieder herzustellen und den Mittelpunkt der Besitzungen auch zum wurdigsten Haupte jener Umwalzungen und neuen Bildungen zu machen, die sich von des Generalpachters gesegneter Hand hervorgerufen hier uberall ersichtlich darstellten.

Dorette Wandstabler war ein Genie des Dienens. Den Vater, so lacherlich und so gefahrlich sein Beispiel dem ganzen Hausgesinde, das ihn verspottete, blieb, duldete man theils aus Pietat, theils aus Dank fur das Talent der Tochter, das selbst die junge Furstin anerkannte. Es will viel sagen, von einer neuen Herrschaft bewahrt erfunden werden, geduldet bleiben nicht aus vorlaufiger Politik, sondern aus nachhaltiger Uberzeugung. Dorette diente und liebte das Wohlergehen Derer, denen sie diente. Florette und Laura, vulgo Flore und Lore, die beiden jungeren Schwestern, genossen die Fruchte der Muhen ihrer alteren Schwester und konnten mit ihr in Nichts verglichen werden. Die Zeiten der Dore, Flore, Lore waren im Palais des Fursten von Hohenberg voruber. Die letzteren wohnten nicht mehr in diesem Palais. War nicht ohnehin der geistreiche Hofrath Stromer im Begriff, vielleicht gar eine von Beiden zu seiner neuen Gemahlin zu erheben? War nicht die schwierigste Aufgabe eines Familienrathes der Wandstablers gewesen, zu entscheiden, wer, wenn Hofrath Stromer den glanzenden Antragen des Ritters Rochus vom Westen nach der sudlichen Hauptstadt folgte, die ostensible Gemahlin des gefeierten, weder dem Islam, noch dem Katholicismus abgeneigten Enthusiasten in der dortigen Gesellschaft und fur die Eroffnung seiner projektirten "Cirkel" vorstellen sollte? Man erzahlte sich, dass Hofrath Stromer oft von den Diskussionen uber die Wahl der eigentlichen kunftigen Hofrathin handgegriffne Spuren davontrug. Man setzte seinen phantasievollen Vermittelungen der Gegensatze, seinen Blumenkranzen der Rhetorik, die er um die Schwierigkeiten, zwischen Aspasia oder Diotima zu wahlen, versohnend hing, meist nur Ruckfalle in die alte unvermittelte Menschennatur entgegen und stellte ihn, den zwischen silbernen Apfeln in goldnen Schaalen oder zwischen goldnen Apfeln in silbernen Schaalen verlegen Wahlenden, eher wie Buridan's Esel hin, der zwischen zwei Bundeln Heu in zwei Krippen in der Mitte verhungerte. Aber glucklicherweise rettete ihn und sein ergrauendes flatterndes Haar der Ritter Rochus vom Westen, der ihm als erste Bedingung zum Eintritt in die hochste, wieder weltbewegende Sphare seines Staates die Ehelosigkeit vorschrieb. Und von einer Erorterung dieser eigenthumlichen, von der altesten Wandstabler vollkommen standesgemass erfassten Wendung der Schicksale des vielgesuchten HalbSchwagers kam eben die Lore, als ihr Vater wie eine Vogelscheuche unter dem Geschwirr des Schlosses stand und eigentlich nur so lange mitfuhlender Mensch war, als sein Ohr die verschiedenen Klingeln unterscheiden konnte, die des Fursten Durchlaucht, die des vortragenden Rathes erster Klasse, des vortragenden Rathes zweiter Klasse, des ersten und zweiten Sekretars, des Expedienten A., des Expedienten B.; die drei Supernumerare nicht zu vergessen und die Kanzleiboten, die hier nicht zu laufen, sondern nur zu siegeln hatten, kurz der ganzen komplizirten Maschinerie, die dem Staatsminister auch hierher hatte folgen und von ihm wurdig untergebracht werden mussen.

Dorette kam vom Amtshause, war nur eine Stunde fortgeblieben und was fand sie nicht gleich wieder zu ordnen, zu befehlen, zu verhindern! Zwei Kuriere angekommen, einer sogleich abzufertigen; der Staat betraf Doretten nicht, aber es gebuhrte sich doch ein Fruhstuck, bis die Depeschen herunter kamen von der Kanzlei ... und diese Besuche, diese Anfragen! Ein Diner von dreissig Kouverts fur die mitgebrachte Bureaukratie und den Adel der ganzen Umgegend taglich! Frau von Zeisel und von Sanger, Das ginge noch, die sind zufrieden mit ihren Tischnachbarn und der Ehre ... aber Graf Bensheim, die Sengebusch's, die von Busche's taglich, taglich ein Gesandter, der hierher kommt, seine Aufwartung zu machen, taglich ein Attache, ein Prasident und dann wol gar wieder einmal Einer, wie Ritter Rochus selbst, der, wie die Sage ging, selbst kochen konnte, selbst, wie jene Abbe's der alten Schule, in den Gesellschaften die Schurze vorband und einen Salat, eine italienische Olla Potrida anruhrte ... alle diese Moglichkeiten und Wirklichkeiten durcheinander und doch keinen rechten Schutz, keine Anlehnung an den Vater, ja noch hindernde Uberflussigkeiten, wie diese alte Beschliesserin Brigitte, der halbtaube Gartner Winkler! Dorette hatte Muhe, die versaumte Amtshausstunde einzuholen.

Und nun nicht einmal eine Seele, der man sich uber das dort oben Vernommene ausschutten konnte? Kochen, Bedienten, Kanzleiboten sagen, was sie erlebt hatte? Das ging nicht. Herr Pax, der Oberkommissar, der politische Spurer, der in der Nahe des Premierministers nicht fehlen durfte, Herr Pax war der Einzige, der wurdig schien, wenigstens die Mittheilung zu empfangen:

Dreihundert Thaler, Herr Oberkommissar, finden Sie Das zu wenig?

War man nicht zufrieden? lautete im Voruberschiessen die Antwort.

Die Frau wol, sie weinte nur ... aber Herr von Zeisel blieb bei vierhundert und rechnete an den Fingern die Kinder vor ...

Der Hofrath kann's geben ... Aber die Scheidung ...

Die Frau will nicht, will nicht klagen ...

Ihre Aussagen werden sie dazu zwingen ... Wenn Sie die Briefe zeigen, die Ihre Schwestern vom Hofrath besitzen, wenn ich selber bezeuge, dass diese Ehe langst gebrochen ist ...

Langer dauerte diese Unterredung nicht. Pax wurde von Gendarmen, Dorette von den Wascherinnen abgerufen ... nur die Worte bekam sie zu ihrem Erstaunen von Pax noch in das Kellergeschoss nachgerufen:

Machen Sie, dass die Sache fertig wird! Ich glaube fast, Durchlaucht bleiben nicht lange. Die Geschafte in der Residenz sind zu dringend ...

Pax sah die uber seine Meldung erstaunte Miene nicht mehr, sondern wandte sich dem Amthause zu. Mit der Aufgabe, sich immer in der Nahe eines Staatsmannes zu halten, der mit Dem, was ihm an der Gesellschaft schadlich erschien, kurzen Prozess machte, verband Pax Zwecke, auf die ihn eigner Instinkt fuhrte. Er war allein hier, ohne Hackert, ohne Schmelzing, ohne Mullrich und Kummerlein. Aber er forschte mit doppelten Fuhlhornern nach zwei Richtungen hin. Einmal hatte er von dem Assessor Muller und Frau Charlotte Ludmer, seiner Gonnerin, den Auftrag, zu erforschen, ob man sich dabei beruhigen konnte, dass jener Englander, Namens Murray, fur den so grosse Summen und so ehrenvolle Zeugnisse deponirt waren, in der That den Schmied Zeck nur niedergeschossen, weil dieser in der Absicht betroffen wurde, dessen Schwester Ursula Marzahn bei Beraubung ihres geheimen Schrankes zu todten? Zweitens, ob der Inhalt jenes Schrankes in nichts als alten medizinischen Rezepten bestanden hatte, was der Blinde, der Geld vermuthete, nicht wissen konnte? Drittens, ob jener Murray, dessen mogliches Inkognito in der Residenz keine Macht der schlauesten Inquisition luften konnte, niemals von einem Friedrich Zeck gesprochen hatte, dem Bruder des Schmieds, der in der Fremde, wahrscheinlich in England, wenn nicht in Amerika lebte oder einer von den Zeck's erhobenen Erbschaft zufolge gestorben ware? Viertens, wie sich der Forster Heunisch, der taube junge Zeck und die alte Magd des Schmieds Anneliese uber diese Vorfalle ausliessen und ob Louis Armand in der That nur zufallig bei dem Forsthause mit seinem Freunde dem Englander erschienen ware, weil er ein fluchtiges Interesse an der Nichte des Jagers gehabt hatte und bei solcher Gelegenheit den Schmied uberraschte? ... Mit dieser Kriminal-Aufgabe verband Pax dann noch eine politische Nachforschung. Es war den Behorden nicht entgangen, dass uber das Postamt zu Plessen und zu Schonau hin sich gewisse Briefe kreuzten, die oft in ratselhaftesten Formen des Styls jenem grossen Geheimbunde anzugehoren schienen, auf dessen Sprengung die Behorden alles Gewicht legten. Ja es war vorgekommen, dass eine Zeit lang diese Korrespondenz mit adligen Wappen, langere Zeit sogar mit dem eignen Siegel der Polizeibehorde geschlossen war. Und grade die gefahrlichsten Mittheilungen von einer nun bald bevorstehenden grossen Zusammenkunft dieser Geheimbundsglieder waren uber Plessen und Schonau mit dem Siegel derjenigen Polizeiabtheilung gefuhrt worden, der Pax selber angehorte, sodass Pax schon auf den Schreiber Schmelzing, dessen Kauflichkeit aus dem Briefverfalschungsbubenstuck gegen den Major von Werdeck sattsam bekannt war, Verdacht fasste, wenn nicht gar auf Hackert, der doch sonst sein ganzes Vertrauen besass!

Uber die Sache der Ludmer hatte Pax nur geringfugige Ergebnisse gewonnen. Ursula Marzahn war todt. Der taube Sohn des Zeck war im Augenblick der Forsthausvorfalle grade im Ullagrunde gewesen, nur die einzige Magd des Schmieds hatte ausgesagt, dass Louis Armand den Schmied, um mit ihm in den Wald zu gehen, abgeholt hatte, sonst ware zwischen ihm und dem Fremden nichts weiter verabredet worden, als ein Ding zu schmieden, das auf jene Stimmschraube hinauskam ... Ergiebiger war Paxen's Forschung auf dem politischen Gebiete. Hier ergab sich Drossel's, des Gelben Hirschenwirths, trotzigste Gesinnung, die sich vermehrt haben sollte, als er die Vortheile der Mitverwaltung des Heidekrugs so allzukurz nur geniessen konnte und Justus dafur eine Art Kompromiss in politischen Dingen mit ihm geschlossen hatte. Ein Geldvorschuss von Heunisch, dem Drossel gradezu die Veranlassung des Todes seiner Schwester Schuld gab, rettete ihn, wie auf einige Zeit den eben so "wuhlerisch" gesinnten Sagemuller, der gleichfalls unheimliche Sagen benutzte, den leicht eingeschuchterten, seit dem Tode Heinrich Sandrart's und dem Glucke Franziska's von jeder Willenskraft verlassenen alten Junggesellen Leberecht Heunisch zu schrauben und gleichsam uber den Loffel zu barbieren. Ja Pax ging soweit, in den Generalpachter, so sehr er von dem ganzen Furstenthum angebetet und vom Minister mit wahrem Bedauern vermisst, ja auf das Ungeduldigste erwartet wurde, Mistrauen zu hegen und es wenigstens vorlaufig hochst sonderbar zu finden, dass dieser ohnehin fur einen Republikaner geltende Einwanderer sich grade in dem Augenblick von seinem Sitz im Ullagrunde entfernte, wo der Chef der Regierung, sein Herr, sein Patron, sein Richter, der Furst erwartet wurde. Und nun der murmelnden Misstimmung zu schweigen, die Pax uberall wegen des jungen Sandrart antraf, dessen Schicksal man im ersten Augenblick streng, aber unvermeidlich und nach den Gesetzen gerecht, im Verlaufe der Zeit aber viel zu grausam und von dem Geiste, der jetzt im Lande herrschen sollte, viel zu rachsuchtig diktirt gefunden hatte.

Wie musste sich der thatige, jeder Ehre, die der Staat nur zu verleihen hatte, wurdigste Sicherheitsagent auf das Angenehmste uberrascht fuhlen, als er auf dem Amtshause Zeuge einer Scene wurde, die seine kuhnsten Erwartungen ubertraf! Beim Justizdirektor in sein Verhorzimmer eintretend, vernahm er den wusten Larm eines Bauernmadchens, das gewahlter gekleidet als ublich, keckerer Zunge, als ihrem Stande geziemte, vor den Schranken einem jungen, schonen, in Schwarz gekleideten weiblichen Wesen eine Menge von jahzornigen Reden anzuhoren gab, die der Herr Aktuar Weisse schon mit dem runden Befehl abschnitt:

Ruhe hier! Fraulein wird Sie gehen lassen, wohin Sie will! Unverschamte Person! Hat Sie die Redensarten bei dem Heidekruger gelernt?

Man sah, der sonst so untergebene Aktuar war derselbe Despot von Oben, wie er selber Knecht von Unten war. Diese Stufenfolge ist ganz hergebracht. Und als der Justizdirektor vom Seitenzimmer, wo er eben Butterschnittchen gefruhstuckt hatte, eintrat, bekam er vom Aktuar in drastischen Umrissen den Bericht: Die Magd da, Liese Dammler oder Rammler, was wisse er, diene beim Generalpachter, hatte sich dem Fraulein Franziska Heunisch da ungehorsam erwiesen und wolle mit Gewalt fort. Sie behauptete sogar vom Schreiber des Generalpachters geschlagen zu sein. Wie Dem sei, Fraulein Franziska bestehe darauf, dass sie bliebe. Sie wisse wohl, dass es das aufsatzige bose Madchen zoge, wieder beim kluger gewordenen Heidekruger Justus ihren alten Dienst anzutreten, aber vor der Ruckkehr des Herrn Ackermann liesse sie Niemanden vom Hofe und sie musse ihrem Dienst vorstehen bis nach ausgemachter Sache mit dem Herrn.

Herr von Zeisel fand diesen Bescheid ganz in der Ordnung, lobte Franzchen's tapfern Zusammenhalt ihres grossen, ihr jetzt schon seit langer als acht Tagen ganz allein uberlassenen Wirthschaftswesens, erkundigte sich voll Antheil nach der Ruckkehr des Generalpachters, den Se. Durchlaucht mit einer unglaublichen Ungeduld erwarteten, und entliess Franzchen mit dem Bescheide, dass die Magd ihr zu gehorsamen hatte bis zum Ablauf ihrer Dienstzeit und dass ihr wieder, namlich der Liese Dammler oder Rammler, unbenommen bliebe, sich wegen etwaiger Ohrfeigen oder sonstiger Denkzettel von der Hand des Schreibers beim Generalpachter, im aussersten Falle einer satisfactio denegata, hier beim Amte Genugthuung zu holen.

Franzchen ging nun. Sie empfahl sich voll Artigkeit. Sie hatte die Pfarrerin am Fenster weinen sehen, sie wollte zu dieser Armen ...

Die Magd aber polterte sich nun erst recht aus und ware leicht nach Requisition Pfannenstiel's mit Gewalt entfernt worden, wenn Pax nicht, der den stummen Zuhorer und Beobachter eines landlichen mundlichen Verfahrens abgab, auf gewisse hohnische Bezeichnungen des Schreibers aufmerksam geworden ware und nach mehren leichthingeworfenen Fragen herausbekommen hatte, dass jener Schreiber wol langst seine Aufmerksamkeit verdient hatte. Die Liese nannte ihn gradezu einen Vagabunden, der sich schon im Heidekrug einmal fur den Prinzen ausgegeben. Man horchte, man forschte, Herr von Zeisel kam auf die Zeit des Inkognitos Sr. Durchlaucht, der grade eintretende Pfannenstiel auf den Doppelganger, den Besuch im Thurme, es fehlte nur noch der Name Dankmar Wildungen, um hier eine Identitat herzustellen, die der uberraschendste und glucklichste Fund war, der dem Oberkommissar nur gelingen konnte. Gensdarmen wurden sogleich gerufen, wurden instruirt, zum Ullagrund vorausgesandt, Pax folgte, begleitet von der jetzt plotzlich vom Sonnenschein der Huld begnadigten Liese Dammler oder Rammler; Pfannenstiel staunte und rieb sich mehrere: War mir's doch immer mit dem Schreiber! hinter den Ohren heraus; Herr von Zeisel lief zu seiner Frau und theilte ihr eine wunderbar uberraschende Moglichkeit mit, die tausend andre Moglichkeiten in sich schloss. Der Schreiber beim Generalpachter Dankmar Wildungen? Der Freund des Prinzen auf den Gutern des Prinzen verborgen? Aber mein Gott, wie ist Das nur? Herr von Zeisel fuhlte, dass hier besonders zwei Moglichkeiten waren, entweder der Miskredit des Generalpachters als eines Fluchtlinghehlers oder wiederum eine furchtbare Betise seinerseits, indem er einen Fluchtling aufstoberte, der, weil er einst der Freund des Fursten war, von diesem selbst in alter Anhanglichkeit grade bei den Seinen am sichersten verborgen bleiben sollte ... Frau von Zeisel fuhlte dieselbe entsetzliche Alternative, sah das Grauengespenst einer neuen aufsteigenden Dienstgewitterwolke und erholte sich nur erst durch die Einladung, die eben vom Schlosse kam: Heut' Abend um acht Uhr Thee. Die Liste des gallonirten Lakaien, die sie sich zeigen liess, war so lang, dass sie vor Erwagung ihrer Toilette nun keine andern Gedanken mehr hatte als die: Wie vertret' ich mich und die Nutzholz-Dunkerkes! Geh' mir weg, Zeisel, mit deinen Bedenklichkeiten! Ich habe fur mich und meine Geburt zu sorgen!

Franzchen aber, in ihren um das Leid des AdoptivVaters, den sie seit dem Fruhjahr gefunden, noch nicht abgelegten Trauerkleidern, genug auch trauernd im Herzen uber Anlass und innere Folge dieses ausseren Gluckes, wandte sich wahrend dieser Enthullungen und ihrer gefahrlichen Folgen zum Pfarrhause, wo sie am Fenster unter den schon herbstlich welken Linden Thranen gesehen hatte. Sie wusste, was diese Thranen bedeuteten. Es that ihr wohl, als sie eintretend und von dem Leide dieser Frau beginnend von ihr aufgefordert wurde, um der Kinder Willen mit ihr hinauszugehen in den Garten. Dieser Garten lag am Friedhofe. Sonst hatte Guido Stromer hier Rosen geschnitten fur Melanie Schlurck, die ihn auf dem Gewissen hatte, den unglucklichen, aus Rand und Band gekommenen Genius. Noch bluhten Astern, da und dort dunkle Georginen, trauernde Blumen des Scheidens und des Lebewohls, noch einmal zusammenfassend alle bunten Farben des Fruhlings, kaleidoskopisch durcheinander wurfelnd von jeder Blume Etwas, aber duftlos, keine ganzen Veilchen, keine Maiblumen, keine Rosen mehr ... Alle hatten dies Ende des Stromer'schen Hauses kommen sehen nach Dem, was man vom wildgewordenen Guido erfuhr. Nun war es da und es kam so grausam wie doch unerwartet. Was hatte die Frau nicht vergeben, vergeben um diese Kinder ohnehin, vergeben auch um sich! Sie wusste, wie wenig sie Guido bot, sie hatte immer gelitten unter dem Schmerz, dass ein Ehrgeiziger sich in ihrer Wahl vergriff und dass die Quellen seiner hohern Erquikkung ihr nicht entstromten. Warum aber so enden, so gewaltsam, so grausam? Stromer hatte selbst am liebsten die gerauschloseste Trennung gewunscht. Er hatte wirklich einen Schwall von glanzenden Worten dem Weibe geschrieben von der unwiderstehlichen Macht des Berufes, dem innern Orakel, dem Dreifuss der Sibylle, die uber dem hohlen Herzen throne, er hatte sich mit dem heiligen Patriarchen verglichen, der auf Gottes Geheiss Hagar in die Wuste sandte, hatte seine Kinder eine Ismael-Burde der Mutter genannt, hatte von der Feigheit des Entschlusses gesprochen, an der sein ganzes Dasein gekrankelt, von dem Geyer des Prometheus, der einzig und allein einen Titanen strafen konne, und dieser Geyer ware die auch ihm gewiss noch einst kommende Reue, die Reue hacke wahrhaft dem Grossen die Leber aus, dass es nicht leben, nicht sterben konne, noch aber fuhle er sie nicht, noch musse er langen nach dem Sitz der Gotter, wo diese ihr heiliges Feuer hutheten ... all dies Durcheinander wurde von den Betheiligten, von Manchen, bei denen die Frau Raths erholte, ganz so feierlich genommen, wie es da stand, bei Jenen aus Verehrung, bei Diesen aus Schonung; aber die Quintessenz, die etwa, wenn z.B. Doktor Reinick ware gefragt worden, gelautet hatte und die auch bei Ackermann im Stillen lautete: Dieser Mann ist ein echt deutscher Lumpen-Titan, in dessen Gefolge sich eine grosse Erbarmlichkeit unsrer Nation zieht! regte sich nun allmalig doch auf dem Grunde des Fur und Wider selbst auch bei seiner Geopferten. Herr von Zeisel hatte jahrlich vierhundert Thaler fur sie und die Kinder verlangt. Sie selbst wollte, da Hofrath Stromer in eine auswartige deutsche Staatskanzlei zog, in die Residenz, wo ihr Oleander, der Gefangnissprediger, versprochen hatte, vaterlichst die Erziehung der Kinder zu uberwachen ... Und Franziska Heunisch hatte so an Umsicht, Lebensblick, Erfahrung gewonnen, dass sie die jetzt weinende Frau durch manches treffende Wort erheben konnte. Sie pries sie sogar glucklich, von solchem Misverhaltniss freizukommen und beklagte nur die Umstandlichkeit des Scheidens, wo immer etwas Schamloses erst gerichtlich zur Sprache gebracht werden musste, bis die Trennung erfolge, die doch wie murber Zunder sich von selber ergabe. Das war grade der Pfarrerin ein Kummer. Sie hatte klagen sollen! Sie hatte die Beweise fuhren sollen! Man gab ihr den Beweis der Ehescheidungsgrunde in die Hande und zwang sie fast, sich um das Leben des Vaters ihrer Kinder zu bekummern, wie sie gar nicht mochte! Sie war eine wirkliche Glaubige. Sie wollte nichts Boses von Guido wissen. Wozu denn? sagte sie. Was qualt man mich? Warum ist die Gesellschaft und das Gesetz liebloser als der Mensch selbst!

Franzchen entfernte sich und trostete die bedrangte Frau mit der Nachricht, dass Herr Ackermann sicher noch heute Abend zuruckkame und von Oleander'n Grusse wie seine eignen Rathschlage ihr bringen wurde ... Streng hatte auch Franziska gesprochen, aber so streng doch nicht, wie eben ein Mann zur Pfarrerin sprach, der sie vom Kirchhofe her uber die niedrige zerbrockelte Gartenmauer anrief und den sie nicht kannte, obgleich sie die Dame kannte, die an seinem Arme hing. Dieser Mann war hoch, schlank gebaut, aber gebuckt im Gang, hinfallig in der Haltung. Er schien jung und dennoch hing sein Haar nur sparlich von den Schlafen und wo es im Nacken sass, war es ergraut. Er trug einen Oberrock und frostelte fast. Sein Schritt war sicher, aber das Auftreten schien den ganzen Korper zu erschuttern. Die Reizbarkeit seiner Nerven sprach sich in einem lauten fast schreienden Tone aus. Die ihn fast uberragende, weibliche Begleiterin in graugerippter, hochzugehender, seidner Herbstrobe mit seidnen Schnuren und eben solchen Knopfen auf der Brust, mit dem weissen kleinen Hutchen, dem feinen Battisttaschentuche und dem schwebenden sylphidenartigen Gange kannte die Pfarrerin wohl und so war es denn der Furst, der, eben aus dem Mausoleum seiner Mutter tretend, den Kopf emporhob, sein blasses Antlitz uber die niedrige Mauer richtete und etwas sehr barsch, etwas sehr rauh die Frage an sie stellte:

Sind wol die Frau Pfarrerin?

Und noch ehe die Eingeschuchterte, den Fursten Egon jetzt voraussetzend, sich sammelte, hatte mit freundlichem Tone, mildem Grusse, die silbergraue Glacehandschuhhand uber die Mauer reichend, schon die junge, schone Furstin gesprochen:

Guten Tag, liebe Frau Pfarrerin! Wie geht es Ihnen? Es ist ein Jahr her, dass wir uns sahen. Fast hatt' ich so ohne Begrussung von dannen mussen! Der Furst spricht von einer nothwendigen Beschleunigung der Ruckreise.

Vergessen Sie uns nicht! Wie geht es Ihren Kindern? Grussen Sie sie bestens! Sie hatten uns doch oben besuchen sollen! Adieu, Frau Pfarrerin!

Und so ware die Furstin Melanie am liebsten rasch uber eine Erinnerung, die ihr peinlich war, hinweggekommen, hatte gern den von dem Kirchhof und dem Mausoleum der Mutter verstimmten Gemahl von diesen Grabern hinweggezogen eben standen sie an Grabern, wo die einfachsten Menschen begraben waren, der Schmied Zeck, Lene Drossel vor Jahren, Nantchen von Sagemullers, Ursula Marzahn, die Mullerin, Alle still, sanft und auf Gott wartend beisammen aber der Furst blieb stehen und sagte zu der den Handdruck der Furstin zaghaft erwidernden Frau:

Thut mir leid, dass Sie die Wohnung verlassen sollen! Dem Hofrath hatt' ich vor einem Jahre sagen mussen: Ihr Genius ist da, wo Ihre Kinder sind! Der Mann hat viel Geist, hat aber auch schon viel Verwirrung damit angerichtet und wird deren noch mehr anrichten ...

Die Pfarrerin schlug die Augen nieder ... Die Furstin trat verlegen etwas zur Seite ... Egon zu hindern, dass er etwas that, was er thun wollte, war ihre Sache nicht.

Der Hofrath ist in der Lage, sprach der Furst in seinem kurzen, polternden Tone weiter, fur Sie sorgen zu konnen, liebe Frau! Fassen Sie diese Sache von ihrer besseren, nutzlicheren Seite! Sie werden, hor' ich, in die Stadt ziehen, die Kinder werden einen geregelten Unterricht erhalten. Wieviel Kinder haben Sie?

Die Pfarrerin nannte die Zahl ... Die Furstin trat noch mehr bei Seite ...

Der Hofrath ist ein reichbegabter Kopf, der eine umgekehrte Entwickelung macht, wie Andre, die von der Wildheit anfangen und im Zahmen aufhoren. Das wird nicht hindern, ihn noch in vielerlei Wirrniss und zuletzt in die katholische Kirche eintreten zu sehen.

Ware Das moglich? konnte erschreckend die Verlassene doch nun nicht umhin zu erwidern und ihren Schmerz noch deutlicher in den Mienen auszudrukken.

Sie werden bald davon horen, gute Frau! sagte Egon. Ohne Extrem geht es bei diesen Naturen nicht ab. Das ist die ubliche deutsche Entwickelung, die Genialitat, der Universitatsdunkel des aparten Geistes, dem die gegebene Welt nicht genugt und der sich luftige Bahnen baut, auf die leider, wie unsre ganze deutsche Geschichte zeigt, Kirche, Staat, Wissenschaft, Schule und Leben mit in die Lufte nachgeschleppt werden! In Kunst und Poesie derselbe Dunkel, dieselbe Kritik, die nur Das fur genial halt, was entweder im Irrenhause endet oder sich eine Kugel vor den Kopf schiesst. Zittern Sie nicht, liebe Frau! Dieser Phantast endet so nicht, der endet behaglicher. Die ewig unbefriedigte Sehnsucht wird bei ihm zuletzt durch Wurden, durch aussern Glanz, durch eine Art von Ruhestand, in den sich auch das Denken versetzt, befriedigt werden. Danken Sie Gott, liebe Frau, dass Sie von diesen Fesseln erlost sind. In allen halben Dingen ist reine Rechnung das Sicherste. Sich hinschleppen zwischen der Erkenntniss und der Furcht vor ihr, hinschleppen zwischen Dem, was man sieht und nicht sehen will, sich das Leben verbittern durch ewige Befangenheit, die den Muth nicht hat, das fur besser Erkannte wirklich zu wagen, das heisst den schonsten Theil des Lebens gradezu verlieren. Ergreifen Sie diese Nothwendigkeit des Bruches mit Heroismus! Geben Sie Ihre gerichtlichen Depositionen mit der ganzen Wurde einer tiefverletzten Frau! Ich versichre Sie: Sie gewinnen sich ganz und verlieren nur Halbes.

Mit diesen Worten trat der Furst von der Mauer zuruck und glaubte die uberraschte Pfarrerin mit einer innem Erhebung, mit gewonnenem Muthe zuruckgelassen zu haben. Und in der That! Hatte er nur liebevoller gesprochen, die Wahrheit seiner Worte fuhlte sie schon; sie erwartete Ackermann, um sie ihm wiederzuerzahlen und vielleicht nach ihnen zu handeln.

Als Egon seinen Arm der Furstin wieder gereicht hatte und mit ihr den Friedhof verliess, um sich dem Schlossgarten zuzuwenden, brach er, dann und wann hustelnd und wie es schien, in einer andauernden Reizbarkeit, in die Worte aus:

Dieser Elende! Wenn mir irgend etwas den Geist der Konfusion, der in der ganzen Welt die Kopfe verwirrt, vergegenwartigt, so ist es dieser wildgewordene, von Dunkel und lacherlicher Selbstuberschatzung aufgeblasene Halbpoet! Unfahig, nur eine einzige dauernde Schopfung hervorzubringen und war' es ein Gedicht von einigen Versen, zerschlagt er die ganze Welt in Trummer und macht diese jeder Halbheit, jedem Verbrechen zu einer beschonigenden Anlehnung. Jede Partei, die seiner Eitelkeit schmeichelte, hatte ihn. Eine Zeit lang wunschte man, dass er die Kritik der schonen Kunste ubernahm. In jeder Schopfung sah der Schwatzer nur den Verstand, nur die Kombination, immer schrie er: Offenbarung, Genie, Genie! Jeder sich seiner Kraft bewusste und mit ihr harmlos spielende Geist war ihm ein Rechnenkunstler. Alles, was Logik und Zusammenhang hatte, wies er mit dem Wort zuruck: Poesie fehlt! Ah, dies Guido-Stromerisiren ist die deutsche Erbsunde. Der Kerl war dabei voll Eitelkeit wie ein Komodiant. Jede Schauspielerin, die ihn besuchte, jede Tanzerin, die ihm gestattete, ihre Hande zu kussen, wurde im "Jahrhundert" dafur gepriesen. Man musste ihm, weil er vor Eitelkeit halb wahnwitzig wurde, diese Branche formlich mit Gewalt nehmen. Er wollte nun zur Politik, zu mir, zu Pauline'n zuruckkehren. Aber keine einzige positive Thatsache war ihm anzuvertrauen. Er hatte nichts, was ihm treu blieb, nichts als seinen Styl. Eine Mischung von Naivetat und Erhabenheit, von Bildern und von Abstraktionen war ihm immer das einzig Gegenwartige, wie einem Arzt sein Latein, auch wenn er noch gar nicht weiss, welche Krankheit er vor sich hat. Mit diesem Styl, den zuletzt auch Pauline wegen seiner Indiskretionen verwarf, lief er in allen Zirkeln, die sich ihm durch uns eroffnet hatten, wie ein herrenloser Hund umher, der ein Halsband sucht, und klagte uns der Undankbarkeit an, drohte sogar. Seinen Styl bot er dem Meistzahlenden an und in der That hat der Ritter Rochus vom Westen gut daran gethan, ihn fur die Sophistik seines Kabinets zu gewinnen. Er wird dort viel Geld verdienen, es durchbringen mit den Frauen, deren Schonheitslinien er seit Jahren zu studiren vorgibt, mit Bildern, die er vielleicht kauft, mit Gourmandise und wird im Ubrigen jede Sache mit scheinbarer Gluth vertheidigen, sie mag noch so schlecht sein und innerlichst ihn noch so kalt lassen. Ah pfui! Die Luge dieser Menschen ist furchterlich und vielleicht fangt bei diesem Stromer fur die Welt und ihr Urtheil die Wahrheit damit an, dass er uns, die wir ihn emporzogen, nun hasst, nun verfolgt, nun in verzerrten Schattenrissen an die Wand malen wird. Meine Feinde, die Aussersten, haben ihm auch schon Offerten gemacht. Sie wurden ihn gewonnen haben, wenn dieser Prasident von Flottwitz, diese Excellenz von Trompetta in der Provinz nicht so arm wie die Kirchenmause waren und der Hof sich zur Zeit noch schamte, Geld herzugeben, um mich bekampfen zu lassen. Rochus hat mit seinen Dukaten mehr Gluck gemacht und nur Schade, dass man dem Hofrath unsrerseits nun nicht noch offen mit dem Staubbesen ein Buon viaggio! nachrufen kann.

Melanie erwiderte auf diesen Zornausbruch nichts. Sie gedachte, zum Schlosse aufblickend, jenes Abends, wo sie durch eine ihrem Haar entnommene Rose, die sie von den kleinen Ohren des Intendanten zuletzt als Preis gewinnen liess, in Guido Stromer die Geister des irren Schonheitsdranges und einer noch einmal vor dem Ende sich sammelnden Idealitat weckte und sie selbst es war, die ihn, ohne es zu wollen, in die Residenz lockte. Mit den Gedichten hatte ihr Gemahl Unrecht. Melanie besass einen Stoss gereimter Verherrlichungen ihrer Schonheit von diesem Musenpriester; selbst nach ihrer Verheirathung noch empfing sie anonym, doch mit leicht erkannter Handschrift, Apotheosen ihrer Vollkommenheit, z.B. diese humoristische, als sie sich lange nicht hatte im Theater blicken lassen, mit der doppelsinnigen Aufschrift:

An eine Schonheit ersten Ranges.

Von einem jetzt

gehassten kritischen Opponenten.

Wie Venus stieg aus weissem Wellenschaume,

Vom Rosenlicht Auroren's uberhaucht,

Halb noch den Fuss in Meeresfluth getaucht,

Halb siegend schon auf festem Muschelraume,

So schienst du mir, als ich am rothen Saume

Der Loge (leider ist der Sammt verbraucht,

Die Muschel viel zu Lampenrussbehaucht!)

Dich endlich wiedersah fast wie im Traume!

O strahlte mir gleich Licht aus gold'nen Thoren

Entgegen doch aus Deiner Formen Hulle

Wie einst der hold'sten Zaubereien Fulle!

O konnt' ich wieder Deinen Lippen lauschen!

Wie wollt' ich, Schaumgeborne, Dich umrauschen

Als Welle, fliessend, ewig so verloren!

Die Furstin hutete sich wol, Guido Stromer's Dichterehre zu retten. Sie hatte sonst furchten mussen, Egon so zu reizen, dass er wie Plato alle Poesie aus seinem Staate verbannte. Litt sie nicht genug an seiner scharfen Kritik des Lebens, an seiner zersetzenden, wenn auch oft sehr wahren Auflosung aller Charaktere! Sie hatte seit dem Jahre, dass sie Egon kannte, seit den drei Monaten, dass sie seine Gattin war, die Maxime angenommen, ihm nur dann zu widersprechen, wenn er zum Seherze aufgelegt war. Diese Stimmung kam selten bei ihm. Sie liess den reizbaren, von Nachtwachen, von Krankheit, Gemuthszerruttung geschwachten Fursten in seinen heftigen Invectiven sich nach Lust ergehen und gab nur zuweilen eine scherzende Erganzung zu Dem, was ihn mit bitterm Ernst erfullte. So jetzt, indem sie aufsteigend zum Schlosse, an dem Pavillon, an den Marmorvasen, an der Springkaskade voruber, wo sie bebend Dankmar's gedenken musste, plauderte:

Ja! Ja! Der Hofrath ware, wenn du ihn nicht so tragisch ansahest, die spasshafteste Episode eines Lustspiels. Ich will von seinen Umgebungen nicht sprechen, die er eben so wunderlich zu bilden sucht, als wenn wir den Versuch machen wollten, Doretten die Schonheiten von Goethe's Fischer beizubringen oder den westostlichen Divan zu erklaren, den sie jetzt noch fur ein Tapeziererhanden entstandenes Mobel halten wurde. Er lasst sich seine Muhe nicht verdriessen. Aber drollig ist gewiss, dass Stromer im Winter heimlich tanzen lernte. Er wollte auf den Ballen nicht zuruckstehen und den lateinischen Zuschauer machen. Whist zu spielen unter den Herren und gesetzten Damen schien ihm mit Recht langweiliger, als sich unter den tanzenden Paaren zu tummeln und schon Wochen lang vor einem Ball bei jungen Damen durch Huldigungen aller Art sich eine Francaise, eine Polka zu erbitten. Mit grosserem Triumph hat Guido nie auf seine neuesten Artikel geblickt wie auf die Tourenkarte, die er beim Eintreten in die Sale, alle jungen Manner fast umreissend, triumphirend vorzeigte; denn jede Tour war ihm besetzt. Man denke sich Hofrath Stromer auf seinen heimlichen Tanzubungen! Der Balletmeister des Hoftheaters, den er dafur uberruhmend anerkannte, mit der Violine, die dieser glucklicher Weise selber spielte sonst hatte sich der strenge Recensent auch bei der Kapelle kompromittirt der Balletmeister Befehle gebend: Glissez! Marchez! En avant! und unser Guido mit den langen blondgelben Haaren und der ganzen Wucht seines gelehrten Wissens hopsend, walzend, chassirend, springend bis zum Entrechat!

Die Furstin lachte selbst. Egon schuttelte nur den Kopf ...

Inzwischen aber waren schon Diener, Sekretare, ihnen entgegengekommen. Wo man des Allgewaltigen nur ersichtlich wurde, gab es sogleich zu fragen, Befehle zu holen, Mittheilungen zu machen. Eben so ging es der Furstin, die schon einige Damen der Umgegend vorfand, die ihre Aufwartung zu machen wunschten. Ohne zu wissen wie, war das hohe Paar auseinander und Jedes in die Zimmer getreten, die in gewahltem Geschmack fur sie neu hergestellt waren. Die Furstin bewohnte die so verhangnissvoll gewordenen Zimmer der Mutter Egon's und fand sich in der gebliebenen gothischen, kirchlichen, ihren Neigungen sonst nicht entsprechenden Ausschmuckung bald zurecht, da sie schon nach ihrem Sinne befriedigt war, wenn sie nur Eignes, Ungewohnliches, Gepflegtes sah. Da gab es denn Visiten und kleine Plaudereien, Gluckwunsche und Verheissungen, versicherte Hingebung und lauschende Prufung genug. Von dem forschenden Blicke, wie diese Standeserhohung hatte kommen konnen, warum sie kam, ob sie sich zum Guten anliess, ob nicht, war Niemand frei und die Furstin hielt ihm mit ruhiger Selbstbeherrschung Stand. Sie war die unruhige, von sich selbst hin- und hergejagte Melanie nicht mehr. Ihr Gemahl aber, dem es schon zur andern Natur geworden, nach solchen Dingen, die ihn qualten, immer mehr zu suchen, als nach solchen, die ihm wohlthaten, hatte sich von ihr bis zur Tischzeit mit dem taglich wiederholten Bedauern entfernt, dass ihn nichts so verstimme wie die Abwesenheit des Generalpachters, eines Mannes, dessen Ruckkehr er mit Ungeduld erwartete und dessen so unendlich werthvolle Bekanntschaft, da er Alles, was Akkermann hier unternahm, bewunderte, ihm wol gar verloren gehen konnte, wenn ihn, was er nicht hoffe, dringende Depeschen zeitiger vom Schlosse Hohenberg abriefen, als zu bleiben seine Absicht gewesen war.

Die Furstin fand nach den mannichfachen Konversationen uber Nichts, in denen sie bei solchen Standesbesuchen Meisterin war und nur zu lange, zu bezaubernd die Menschen fesselte, kaum noch Zeit, ihre Mittagstoilette mit Musse und Umsicht herzustellen. Sie hatte neue Umgebungen. Von jener Jeannette, die einst hier gewaltet hatte und bei dem jetzt arrangirten Lasally Faktotum geworden schien, war hier keine Rede mehr. Neue Verhaltnisse, neue Menschen. Und neue Kleider! Die Putzsucht war Melanien geblieben. Der Furst bestarkte sie darin, da ihm ihre Metamorphosen gefielen. Sie verrieth auch durch ihr Wesen nie, wenn sie ein neues Kleid trug. Sie kam mit Stoffen, die eben noch fast schon am Korper von den Natherinnen fertig geworden waren und wo noch moglicherweise irgendwo zum Entsetzen der Kammerjungfern ein Seidenfadchen konnte unausgezogen geblieben sein, aber sie kam so in den Salon, als wenn diese neue Tracht schon langst mit ihr verwachsen war, ja als ware sie mit ihr auf die Welt gekommen. Dieser letztere Ausdruck gehorte ihrer guten Mutter, Johanna Schlurck, geboren Arnemann. Diese brave Frau war in der Erziehung ihrer Tochter immer nach dem Prinzip verfahren: Einem Madchen muss man es ansehen konnen, ob es mit Glaceehandschuhen auf die Welt gekommen!

Diese guten Justizraths! Sie existirten fur Hohenberg nicht. Furst Egon schloss sie von allen Beziehungen zu sich, zu seinem Palais, zu seiner Existenz radikal aus. Die Mutter litt darunter und zwar furchtbar, entsetzlich.

Nicht deshalb, weil ihre Tochter eine Furstin war: an alles Ausserordentliche gewohnt sich der Mensch sehr rasch; sondern weil die Furstin nicht mehr, wie sonst, ihre Tochter sein durfte. Aber Franz Schlurck fand diese Trennung ganz in der Ordnung. In dem Briefe, den seine Tochter nach abgehaltener Tafel z.B. heute von Hause vorfand, sagte er ihr: "Mein gutes Kind! Dein Leben wird von tausend vereinzelten Kleinigkeiten so in Anspruch genommen sein, dass du solche Gedankenstriche und Ausrufungszeichen, wie sie in deinem letzten Briefe vorkamen, ganz aus deinem Systeme der Interpunktion entfernen solltest. Du hast nie gegrubelt, warum willst du es jetzt thun? Du bist die Furstin von Hohenberg, Durchlaucht. Basta! Den Groll der Mutter, die nach ihrem sonst vernunftigen Naturell sich mit der Zeit in ihre Zurucksetzung finden wird, ertrage als eine vorubergehende Frauenlaune und sei versichert, dass ich dich in dem grossen und wahrhaft philosophischen Lehrgange, den du mit deinem hohen Herzens- und Pflegebefohlnen befolgst, immer unterstutzen werde. Den tiefern Sinn deines Wahlspruches: Entweder ein Bettler oder ein Furst! hab' ich nie ergrunden mogen, die Alternative war so schroff gestellt, dass ich jedenfalls lieber der zuruckgesetzte Schwiegervater eines Fursten, als der geliebkoste eines Bettlers bin. Also! Weiter im Text! Die Gedankenstriche, die bei der Stelle uber meine Lage stehen, hab' ich eher verstanden. Doch waren deren drei nicht nothig. Ich hielt schon den einen fur uberflussig. In meiner juristischen Praxis, wenn ich alte Briefschaften und Familiennachlasse zu durchstobern hatte, waren mir als die gemeinsten Briefe immer die erschienen, wo Vater und Mutter an ihre gutverheiratheten Kinder um Unterstutzung schreiben. Du wirst sie auch in keinem gedruckten Briefsteller verzeichnet und in etwaigen Schematen dazu vorgemerkt finden. Und doch werden sie unglaublich oft geschrieben, was wiederum nicht fur die Armuth mancher Eltern, wol aber fur die Herzlosigkeit vieler Kinder ein schlimmer Beweis ware. Bei uns ist Das anders. Ich weiss, meine Melanie liesse mich, wie es irgendwo heisst, mit Kapaunen und Nichtsthun auffuttern, selbst wenn beide, weil sie zu fett machen, uberhaupt meine Sache waren. Herzenskind, lass das Alles gehen, wie's geht! Ordne dein uberraschendes Verhaltniss, wappne dich gegen die neidische Welt, schmiege dich unter deinen erzwunderlichen Gatten, ohne seine Sklavin zu werden und lausch' ihm die kleinen Lichtschimmer seiner mir eigentlich wie der Saturn so dunklen, aber ohne Zweifel doch grossen Natur ab, fur das Ubrige mussen unsre unfreiwilligen guten Grundsatze sorgen. Die Mutter war von jeher fur das Wasser und ein gewisser Pindar schon, ein alter Odensanger, der die irdische Belohnung der Dichter bereits zu kennen schien trotz Guido Stromer's neulicher Anstellung im Suden mit 5000 Silbergulden Pindar schon sagte: Wasser bleibt immer das Beste! Er hatte Recht. Der Mensch ist Erde und nichts ist der Erde nothwendiger als Wasser, wenn sie nicht Staub werden soll. Sieh, die verdammten Gedankenstriche! Da mach' ich eben selber einen und einen recht klaglichen. Noch aber ist Das nichts als dumme Koketterie von mir. Ich denke nicht an's Sterben; ich lebe, wenn auch nicht vom Wasser, wie die Mutter, doch von der Luft. Die Luft ist klar und blau und hell, ich gehe viel spazieren. Schulden machen will ich nicht. Meine Prozesse haben abgenommen. Entweder ist die Welt friedlicher geworden oder die jungen Advokaten verstehen noch mehr Einreden als in den Pandekten und im Schmidt stehen. Mit meiner mundlichen Vertheidigung hab' ich Fiasko gemacht. Meine Jungfernrede vor den Assisen war Kinderlallen. Ich weinte, als ich nach Hause kam, obgleich mein Klient freigesprochen wurde. Die Qual, die ich letzten November ausstand, als die angeschwollenen, polnischen Zins-auf-Zins-Summen der Abtissin Sibylle vom Kloster zum Herzen Jesu da sein sollten, dieselben Summen, die Jahre lang entweder Max Leidenfrost oder Jagellona Kaminska heben konnten, aber nicht heben wollten, weil Einer sie ganz dem Andern gonnte, Werdeck arm ist und der tolle Maler, der dich einmal verspottet hat, nicht reicher lebendiges Beispiel, dass Grossmuth und schrankenlose Tugend nur Unheil in der Welt stiften ich sage, die Qual, die ich ausstand, weil diese Summe nicht da war und doch nur moglicherweise, furchtbare Hypothese! moglicher Weise gestohlen sein konnte Melanie, als Alles verkauft werden musste, was man sich entziehen kann, ohne dass es die Menschen sehen und daruber mit hasslichen schwarzbeflorten Redensarten kondoliren, wie man mir bei Abschaffung unsrer Equipage kondolirte und ich mit Anspielung auf Lasally sagte: ich habe das Kapitel des Pferdestalles satt und will nicht mehr an den Hufbeschlag erinnert werden, da sieh, meine Perioden verwickeln sich immer wenn vom Gelde die Rede ist, verlasst mich die Kraft des Styles ganz im Gegensatz zu Hofrath Stromer, dem der Styl grade recht erst kommt, wenn das Geld im Kasten klingt damals, damals, Melanie, als alles Das da war und nicht da war, damals hab' ich mir eine Empfindsamkeit zugezogen wie einen nicht endenden Katarrh. Ich bin wehmuthig gestimmt, selbst wenn ich Prozesse gewinne. Den Johanniterprozess hab' ich halb und halb verloren, noch nicht fur die Stadt denn propinqui equites bleiben ein Rathsel. "Ritter und Reisige als Verwandte!" aber verloren fur mich. Die Administration wird neu beschaffen und wer weiss, was in Tempelheide jetzt aus dem grossen Straussenei schlupft, das dort von einem Kater, Namens Bafomet, ausgebrutet werden soll! Wenn die Wildungen wirklich gewonnen? ... Denkst du noch an den Morgen damals in meinem Zimmer? ... Neueres aus dieser Residenzwelt weiss ich nicht, als dass man sagt: Unterschlagen in diesem Prozesse wurden von Schlurck vielleicht einige Kommata, aber kein einziges Dokument fehlte ich kusse deine sussen Hande, Kind verschmitzt benutzt hat er sie und manchen absichtlichen Sprachschnitzer sich zu Schulden kommen lassen, der alte Lateiner ... sagt die offentliche Meinung!

Was offentliche Meinung! Frage den Fursten, was offentliche Meinung! Von Politik nichts du sitzest ja in ihrem Centrum. Rathe dem Fursten, sich mit dem Heidekruger Justus und seiner Sorte auszusohnen! Die Politik der Landwirthe, die nicht mehr und nicht weniger als circa 100 Morgen haben, entscheidet die Welt, d.h. die Mittelsorte! Oder darfst du nicht uber das Rad sprechen, mit dem dein Ixion sich qualt, es den Berg hinan zu walzen? Neues? Unsre Katze hat wieder Junge und die Mutter straubt sich jetzt gegen das Ersaufen. Ach, Kind, wo sind die Zeiten hin? Wenn Mietz sonst Junge hatte! Das Laufen und Rennen im Hause! Diese Freude und dieser Kummer! Es war als sollt' es Kindtaufe geben und als zankte man sich uber die Namen und die Pathen. Jetzt aber Mutters alte Art, diese Streitigkeiten durch einen Kubel Wasser und ein grundliches erstes und letztes Bad der jungen Brut zu enden, hat uns verlassen. Frau von Trompetta will die Mutter fur einen Thierqualerverein gewinnen, in den die Mitbegrunderin der deutschen Flotte sich zu sturzen beabsichtigt, seitdem sie eine Anwesenheit des Hofes in Tempelheide verpasste und ihr Vetter immer noch nicht Minister ist. Der Hof besuchte die Akademie in Tempelheide, an einem Tage, wo grade Frau von Trompetta abwesend war! Das sagt Alles, was ein Leben in Verzweiflung sturzen und zum Thierqualerverein reifmachen kann. Sie hat sich erkundigt, was Alles die Konigin in Tempelheide ausserte. Man hatte von der Thierseele gesprochen. Das war ihr genug, sich mit Propst Gelbsattel zu vermitteln, der kurzlich ersucht worden ist, die Initiative eines Vereines zum Schutze der Thiere zu ubernehmen. Da man ihn uber Nichts mehr um Rath fragt, den guten Propst, da er selbst beim Kunstverein das Prasidium verloren hat, so wurde er um so eher Prasident jener Verbindung, als die bevorstehende Entscheidung des Johanniterprozesses ihn um die von der Stadt ihm gehaltene Equipage und selbstredend dadurch allein schon um die Gelegenheit, Pferde zu qualen, bringen wird. Bartusch hat eine Anstellung im Rathhause. Der Alte ist bei der Statistik der Getauften, Gebornen und Verstorbenen angestellt. Sein Sprichwort: "Allerlei Gemenschel" kommt in glorreiche Anwendung. Seit ihm nicht gelang, den Taufschein eines gewissen Paul Zeck aufzufinden, der in der Biographie deiner hohen Gonnerin, deines Glucksschmieds Pauline eine Rolle spielt ich kitzelte sie schon oft mit dem Namen Zeck, da ich weiss, dass Das ein Blitz uber ihre dunkelste Lebensphase war seitdem hat auch unsre Verbindung mit den Geheimnissen der hohen Aristokratie aufgehort. Sie wendet sich an jungere Rechtsbeistande, die nichts erlebt haben, nichts von den Antecedentien wissen und blindlings glauben, wenn Matronen die Hande falten und von dem Rufe sprechen, wie von einem Spiegel, den ein Hauch truben konne. O der Ruf! Dieser unsichtbare Galgen, an dem die zartesten Hande nach Herzenslust die Menschen stranguliren und lustig von unten nach oben radern! Von wem willst du sonst horen? Von der Mutter? Sie projektirt, dir ein Opfer zu bringen. Sie will, dass wir auf's Land ziehen und dort Kinderzeug nahen. Ware dein Gatte so grausam, unsre Verbannung zu wunschen? Es thate mir leid, wie ein alter Pensionar in die Provinz zu ziehen. Aber sprich es aus, wenn es sein muss! Es ist auch vielleicht besser, ich lase nicht mehr an den Laden die nun erst gar mit den Eisenbahnen frisch angekommenen Austern und sahe nicht auf den Strassen sogar, denke auf unsern Strassen! Seefische, die man auch sonst nur in unsrer Komthurei zuzubereiten verstand! Von Hakkert erfuhr ich lange nichts. Ich hatt' ihn gern nach einem gewissen Ringe gefragt. Er lebt meist in der Brandgasse, jagt Mause und Ratten. Pax wird ihn so lange an sein Herz drucken, bis er sich seinen Henker und Nachfolger in ihm grossgezogen hat. Der Lauf der Welt ist so. Auf dem Markt seh' ich immer in die Korbe der Krebsfischer! Wie's darin wimmelt, so ist die ganze Erde. Aber was Krebse! Der September hat ein R! Es gibt jetzt keine Krebse. Adieu, mein Kind! Amor schutze dich!"

Wehmuthsvoll, das Haupt gebeugt, zerrissen von dem in diesen Zeilen durch tiefen Schmerz aufschreienden Humor, angekettet an ein freudenarmes Loos, das der Welt so beneidenswerth erschien, sass Melanie und hing den trubsten Empfindungen nach. Es war ihr schon lange manchmal wie einem Wandrer auf einsamer felsiger Hohe, den nie von ihm gesehene dunkle Vogel umkreisen und ihm zuzurufen scheinen: Wende um, du findest in diesem Trummermeere keinen Ausweg und die Nacht wird dich uberfallen! Was zur Furstin sie erhoben, sah Melanie wohl im Zusammenhange vor sich, aber rathselhaft blieb ihr die Folge dieser Umstande, die Kette dieser Zufalle doch. Sie konnte sich sagen, dass sie die Manner fesselte, blendete, aber nie hatte sie Vertrauen fassen durfen auf die Dauer der Neigungen, die sie einflosste. Sie hatte mit zu bittrer Erfahrung erlebt, dass man sich in der Liebe zu ihr beherrschen, bekampfen, sich ganz uberwinden konnte selbst dann, wenn man ahnen musste, dass sie selbst liebte. Immer nur der Augenblick hatte ihr wie ein fluchtiger Genius, ein lachender Engel mit Schmetterlingsflugeln schwankend auf einer Blume oder gar einer grossen bunten Seifenblase, unsichtbar zur Seite gestanden. Weil ihr der innere Glaube an sich selbst fehlte, weil sie sich eines Nixenlooses, eines gebundenen Sirenenschicksals fast mit Wehmuth bewusst war, hatte sie sich von dem Bedeutenden, das sie furchtete wie das ihren Zauber losende zerstorende Beschworungswort, fast angstend entfernt gehalten. Nun war ihr ein Schicksal gekommen, das sie ausserlich, ihre kuhnsten Hoffnungen uberflugelnd, emportrug, und innerlich schien ihr doch der Tod ihr Verhangniss zu sein, der Untergang ihr Schicksal. Sie hatte diesen Fursten Egon, diesen ihren Beschworer, bei der Geheimrathin kennen gelernt. Nie wurde er sie gefesselt haben. Es fehlte ihm die herausfordernde neckende Elasticitat, die die Frauen, selbst wenn sie wissen, dass solche Mannerscherze und Mannerspiele nicht immer und zu Hause am wenigsten getrieben werden, dem Charakter, der Soliditat und den Tugenden der aufrichtigsten Ehrbarkeit vorziehen. Sie wollen nun einmal umflattert sein, sie wollen den Schein der Freude, sie wollen sogar die Verstellung, wenn sie nur nichts Anderes lugt als Ergebenheit und Huldigung. Dieser Egon von Hohenberg aber tandelte und scherzte so selten, er war so ernst, dabei doch so siegesgewiss, so kalt und dann doch zuweilen so seltsam heiss. Der Heiterkeit Maass fehlte ihm dann. Sie hatte kein Vergnugen an seiner Bewerbung. Lange freilich wahrte es, bis sie diesen Eindruck selbst errieth. Sie gab sich Egon, wie sie sich Dankmar Wildungen, als sie ihn fur Egon hielt, gegeben hatte. Der Unterschied war nur der, dass Egon gefesselt blieb, wahrend Dankmar mistraute. Egon war der Furst von Hohenberg, warum sollte er an Enttauschung glauben? Er war in der That nur glucklich bei Paulinen von Harder, der Feindin seiner Mutter, nur glucklich, wenn es hiess: Ist Melanie noch nicht da, wann kommt sie, wie bleibt sie so lange, jetzt rollt ein Wagen, das ist sie nicht, das ist sie! Und dann liess er diese beiden Frauen um sich leben und weben, walten und schalten, genoss mit Behagen, dass sie fur ihn lebten und webten, fur ihn walteten und schalteten. Er ruhte sich bei ihnen von seinen gewaltigen Geistes-Anstrengungen aus. Die gescheuteste und die schonste der Frauen in der Residenz gehorten ihm. Und fur immer wollte er Beide an sich fesseln, nie wollte er Melanie in eines Andern Armen wissen. Aber seltsam! Sein Ideal schwang sich, grade weil sie nicht liebte, zum Charakter auf. Sie verweigerte jede Gunst, die uber die Grenze einer leichten Koketterie hinausging. Sie war, allein, gegen Egon nur so, wie sie es im Beisein Paulinen's sein durfte. Lange besann sich der Furst, was da zu thun. Er wahlte den Ausweg einer Standeserhohung. Die vielgefeierte, allerdings fur verlobt, verlobt mit einem zweideutigen Charakter geltende Melanie, Tochter eines seither hochangesehenen stadt- und landbekannten Mannes, konnte dieses Vorzugs nur gewurdigt werden, wenn damit zugleich ein glanzendes Zeugniss fur Melanie's Sittlichkeit ausgesprochen wurde. Man wurde eine illegitime Verbindung ewig verurtheilt haben, wahrend man sich an die legitime in Kurze gewohnte und sich ganz einfach sagte: Furst Hohenberg ist arm, er will eine Hauslichkeit ohne ein Haus zu machen. Er hat eine Frau genommen, die er Niemanden zu zeigen nothig hat und macht dabei die besten Geschafte, er spart und halt die Hausfreunde ab. So die Welt. Egon aber? Ob wol in ihm der Gedanke lebte: Nach Louison und Helene, nach der Poesie deines Lebens, jetzt nur keine Etikette mehr, jetzt nur keine Ehe mit anspruchsvollen, dich in moralische Kosten setzenden Frauen, nur keine wirkliche, dich beunruhigende Furstin! Sein "Egoismus" ertrug eine ebenburtige Ehe nicht. Vielleicht auch eine ihn in stillen Stunden durchschauernde Pietat des Herzens fur die Vergangenheit?

Das aussere Gluck war also fur Melanie selten und gross, aber das innere fehlte. Die Furstin Hohenberg hatte sich nicht umsonst so besonnen gehalten, als sie sich an die Bewerbung eines Fursten nicht sogleich wegwerfen wollte. In fluchtige und leichtsinnige Herzen zieht die Tugend oder diejenige Reflexion, die wenigstens wie Tugend aussieht, nicht ohne grosse Kraft ein. Die aussere Wurde genugte ihr nicht, sie ware so gern wahrhaft glucklich gewesen. Ihr Gatte war nicht leichtsinnig genug, sich in Schulden zu sturzen. Ihr Vater entbehrte nicht nur, sondern gerieth auch, was sie wohl durchschaute, in die bedenklichsten Schwankungen seines Kredits, wenn nicht gar in Schwankungen seiner Ehrlichkeit. Es war ihr wohlbekannt, wie furchtbar der Justizrath darunter litt, dass alle Welt die bei ihm aus diesen oder jenen geschaftlichen Vertrauensgrunden niedergelegten Summen jetzt plotzlich sehen, jetzt plotzlich kontroliren, wiederhaben wollte. Dies Flussigmachen von Kapitalien, die er nicht unter sieben Siegeln gehalten hatte, sagte Schlurck einmal, schwemmt mich noch eines schonen Morgens selbst in die er nannte den Fluss, an dem die Residenz liegt, und Weib und Kind schrieen auf, sie wussten langst, was manchmal in ihm vorging ... Egon's Abneigung gegen die Eltern war eine grosse Qual fur Melanie. Er hatte die Familie hundert Meilen weit entfernt sehen mogen. Ihm darin widersprechen hatte ihr unwurdig und unklug geschienen. Die Macht der Ehe nach dem Altar ungrossmuthig anwenden widersprach ihrem Charakter, widersprach ihrem freien Weltblick, den sie in der That der Philosophie ihres Vaters verdankte. Es war dies nichts Geringes in ihr. Der Furst ahnte es sogleich, erkannte sie, schenkte ihr den unbedingtesten Glauben, liebte sie. Sie selbst wusste es, sie hatte Beweise seiner ihr allein gewidmeten Herzlichkeit, er kannte ihr Leben, ihre Vergangenheit, sogar ihre Jugendverirrungen und entschuldigte sie. Was sie auch erzahlte, Egon hatte Alles geahnt, er entsetzte sich nicht, dachte sich in ihre Erziehung hinein, hatte ihren Thranen unbedingtes Vertrauen geschenkt und da sie tief, tief ihm zu danken hatte, so war sie glucklich unglucklich. Die selige Ubereinstimmung mit Egon's Natur fehlte und sie musste ihn doch nehmen, wie er einmal war.

Mehrere Stunden hatte die Furstin in truber Schwermuth so fur sich hingebracht und bei Allem, was sie vielbefragt anzuordnen, vielbeschaftigt vorzunehmen schien die Frauen konnen Das immer doch einem und demselben Gefuhle nachgehangen. Sie war fur den Abend in einer andern Toilette, als die sie am Mittag getragen hatte ... Es boten sich oft Tagelang keine Gelegenheiten, mit ihrem Gemahl ein einziges trauliches Wort zu sprechen. Hier in Hohenberg hatte sie darauf gehofft; hier hatte sie sich sogar moglich gedacht, Egon's tieferer Natur etwas naher zu kommen. Er war von Paulinen befreit, er befand sich in jener Gegend, an die sich seine Jugend knupfte und wo ihm selbst in jungster Zeit noch Abenteuer, ja Vorfalle komischer Art begegnet waren; sie hoffte auf Heiterkeit. Vergebens! Egon blieb uberhauft mit Geschaften, verstimmt, absorbirt, und die wenige Musse, die er sich gestattete, verwandte er in dem ihm angebornen und anerzogenen Instruktionseifer auf seine gutsherrliche Lage, auf die Besichtigung seiner Guter und die Prufung der ihn wahrhaft uberraschenden, ja fast beschamenden Thatigkeit jenes Generalpachters Ackermann, den er auf Empfehlung des ihm geistig verloren gegangenen Dankmar Wildungen zum Wiederhersteller, wenn nicht seines Glucks, doch seiner Ehre gewahlt hatte. Die Abwesenheit dieses Mannes, den er bewunderte, peinigte ihn. Er kam zu Melanie, als sie eben mit ihrer Abendtoilette fertig war und sagte:

Es ist leider sehr wahrscheinlich, dass ich aus der Stadt Briefe uber Hofintriguen empfange, die wenigstens meine Anwesenheit hier abkurzen. Es ware mir das widerlichste Begegniss, wenn ich Ackermann nicht mehr sehen sollte. Er wurde mich, da die Ernte uberstanden ist, jetzt in der Stadt besuchen konnen, aber ich hatte ihn hier sprechen mogen, hatte so gern von ihm hier mich fuhren, mir Alles, was er unternimmt, zeigen und erklaren lassen. Glucklicherweise war ich vorhin im Walde dem Forster begegnet, der von Briefen spricht, die fur heute Abend seine Ruckkehr ankundigen.

Egon erklarte nun mit der ihm eigenen Vollstandigkeit Alles, was er von Ackermann's Einrichtungen schon zu ubersehen glaubte. Er wiegte sich in der Vorstellung, dass diesem Manne, der so uneigennutzige, fast fabelhafte Bedingungen gestellt hatte, gelingen konnte, das Erbe seiner Vater wieder herzustellen und Melanie'n das Loos, seine Frau zu heissen, auch wahrhaft zu einem furstlichen zu machen. Melanie hielt diesen auch heute von ihm beliebten Ubergang fest und malte alle die Plane aus, die sie mit dem gesteigerten Ertrage dieser Besitzungen verbinden wollten. Diese luftigen, naturlich nur scherzweise vorgetragenen Traume waren ihr willkommener als die Rundblicke Egon's auf die ihm so wissenswerth vorkommende Systematik Ackermann's und seine Fragen, die er an Melanie, die Ackermann doch gesehen hatte, glaubte richten zu durfen: Wie ist sein Wuchs? Ist er alt? Warum trug sich wohl sein Kind in Knabentracht? Wie lange mochte er von Deutschland entfernt gewesen sein? Gesprochen hast du nie mit ihm? Er ist doch ein geborner Deutscher? Was trieb ihn wohl von dem heimathlichen Boden? Wie kam er nur auf den Gedanken, sich grade an meine verlorenen Besitzungen zu wagen?

In diese fur den Fursten sich immer mehr steigernde Aufregung fiel bald diese, bald jene Meldung. Die wichtigste war die, dass man einen politischen Verfolgten, dessen Spur seit einem halben Jahre verloren gegangen ware und die man selbst im Auslande nicht wieder gefunden, unter den Dienstleuten des Generalpachters entdeckt hatte und ihn eben zur Haft brachte. War die Meldung vorlaufig auch nur eine geruchtsweise, so war sie doch schon storend genug und die Rathe des Fursten, die sich schon zur Theestunde versammelten, hatten alle Ursache, befremdet zu sein, wie der Generalpachter zu dieser Wahl seines Hulfspersonals kame. Noch kannte man den Namen des Gefangenen nicht. Die Erwahnung des Thurmes in Plessen, die Nothwendigkeit, Verbrecher so nahe am Schlosse, wenn auch nur so lange beherbergen zu mussen, bis der Befehl zur Abfuhrung nach einem nahegelegenen Landgerichte oder der Residenz gegeben war, war Allen druckend und Niemanden mehr als der Furstin, die die unangenehme Wirkung der Erwahnung des Thurmes in ihrem Gemahle, dessen Beziehung zu ihm sie sehr wohl kannte, deutlich genug bemerkte. Die vorfahrenden Abendgaste brachten schon Kunde von der durch diese Verhaftnahme verursachten Aufregung in Plessen. Und nun kam einer der Sekretaire mit dem soeben vom draussen harrenden Oberkommissar gemeldeten Namen: Dankmar Wildungen! Dieser selbst! Der Vielbesprochene, der Allen Bekannte, der nach so entgegengesetzten Seiten hin die Welt in Anspruch Nehmende! Dieser jetzt hier und verhaftet! Egon erblassend tritt hinaus und will Pax selber sprechen. Herr von Zeisel begegnet ihm, noch erschopft von seinem schwierigen Vorverhor und schon gedrangt von seiner Gemahlin. Auch die Furstin erfahrt den Namen. Ihr Erblassen wird von der Gerichtsdirektorin wohl erkannt, wohl verstanden. Der Generalpachter als Hehler politischer verbotener Feuerstoffe war bald durch die ganze Gesellschaft wie ein seltsames Fragezeichen tausend Auslegungen preisgegeben. Melanie horte nur, zitterte nur, schwankte ... Egon kam zuruck ... ja, es war in der That Dankmar Wildungen, derselbe, von dem Alle wussten, dass eine Kette von Zufalligkeiten und Abenteuern ihn mit dem fruheren Leben des Ministers in den seltsamsten Zusammenhang gebracht hatte ... Dieser Abend wurde eine Folter. Gespenstische, schattenahnliche Begegnungen von allerlei Menschen unter einander, deren Ja und Nein, deren Excellenz! Durchlaucht! Ja wohl! Ganz gewiss! Haben Sie von dem Wasserfall im Gebirge schon gehort? O Sie sollten einmal die Wanderung nach dem Felsengrund versuchen! Kennen Sie Randhartingen bei Abendbeleuchtung? Alles nur wie um der Worte willen gefuhrte Gesprache gemischt mit Theetassengeklapper, Kleiderrauschen, Kommen und Grussen, o eine Phantasmagorie des Nichtigsten und Leersten ... und Das nun aushalten zu mussen, Das schuren zu mussen, wenn der Funke zu verglimmen scheint, Das ersticken zu mussen, wenn die Flammen eines Streites vielleicht zu heftig auflodern ... Die Furstin sass hinter ihrem Theetopf in Verzweiflung. Der Furst konnte doch ab und zu. Es wurden doch Thuren geschlagen, Pferde trappelten, Sabel klapperten, sie wusste doch, dass Egon, der so oft ihr schon gesagt hatte: er hielte es fur die glucklichste Gunst des Zufalls, dass er nicht in die Lage gekommen ware, diesem ihm einst und noch jetzt als Charakter und Mensch gleich werthvollen Dankmar Wildungen in unmittelbarer personlicher Feindseligkeit gegenubertreten zu mussen, seine schmerzlichste Aufregung durch Fragen, Erklarenlassen, Befehlegeben, verbergen, wenn nicht mildern durfte ... sie aber, die in Dankmar mehr als den Freund ihres Mannes ehrte, sie, die in diesem Schlosse an seinem Arme gezittert hatte, ihn liebte, noch liebte, wie fast jeder Mensch ein stilles, wenn auch entsagendes Sehnen in sich tragt, sie sollte schweigen, sollte von gewohnlichen Dingen reden, Jeden bezaubern, Jeden gewinnen, den Adligen sich versohnen ... Sie hielt es nicht langer aus. Gegen halb zehn Uhr sprach sie von unertraglichstem Kopfweh. Die Damen bemerkten, dass sie das Haupt aufstutzte. Die Furstin ist angegriffen! Durch den Saal flog die Trauerkunde von der Migrane der Furstin. Aber o Himmel, man ist auf dem Lande. Man ist hier so naturlich, so theilnehmend oder so interessirt zudringlich, dass man von allerhand Mitteln spricht gegen Kopfweh; von einem flachen Messerrucken an die Stirn gedruckt, von Citronensaft, von einem zu offnenden Fenster ... erst die Rathe aus der Stadt gaben den rechten Rath, Aufhebung der Soiree.

Nach einigen Minuten war die Furstin allein. Egon bestatigte die Verhaftung, erklarte die Identitat, verwies vorlaufig auf den Thurm. Retten, helfen konnte er nicht. Es war zu spat. Melanie fuhlte dies Zuspat! nicht sich, wohl aber der Pflichtenlehre und dem Charakter ihres Mannes nach. Er erklarte die Anwesenheit Dankmar's grade bei Ackermann fur eine Folge der Liebe Dankmar's zur Tochter des Generalpachters. Melanie bestatigte diese Vermuthung als die wahrscheinlichste Auslegung eines Aufenthaltes, der der erste trube Flecken auf dem von Egon so hochgehaltenen Bilde des Generalpachters war. Sie sahen beide Alles, wie es wohl war und wie es sein konnte und schieden voll Schmerz. Egon, der noch zu arbeiten und sein Schlafzimmer im andern Flugel des Schlosses hatte, die Furstin, die mit Schrecken von ihm horte:

Es wird diese Unbesonnenheit ihm leicht einige Jahre Gefangniss kosten konnen, die nicht abzuwenden sind, falls die Genossen seiner Verschworung nicht dazwischen treten. Wenn die Wildungen den Prozess gegen die Stadt gewinnen sollten, erleben wir Verwickelungen, die eine Stellung wie die meinige leicht zu einem Kampf gegen Geister und Zaubereien machen durften. Ich weiss nicht, ob man nicht von Gluck sagen darf, dass bis dahin vielleicht die Partei Trompetta-Flottwitz am Ruder ist. Der Hof war in Tempelheide, hat sich von Windharfen und Naturmystik unterhalten lassen; General Voland liest jeden Abend die Kapitel seines neuen Werkes uber die alchymistischen Vorstellungen, die das Mittelalter mit der Natur der Steine verband; die frommen Prasidenten drangen aus der Provinz herein. Wohlan! Man kann bald Gelegenheit finden, die Politik zu behandeln, wie jene Helden, die im Zauberwalde Armidens ihre Schwertstreiche auf Feinde richteten, die vor ihnen wie die Luft zerrannen!

Die Furstin, die ein Grosses und Gewaltiges im Leben nur ertragen und durchfuhren konnte, wenn eine erwiderte Liebe ihren Muth beflugelte, ihren Arm starkte, Melanie begab sich zur Ruhe. Zum Thurme gehen, eine Befreiung zu wagen, List, Verschlagenheit anzuwenden, wie damals im Heidekrug ... Diese Zeiten waren voruber. Sie ging zur Ruhe ...

Egon aber, als Alles im Schlosse still geworden und er allein war, offnete das Fenster und blickte zu den Sternen auf ... Nie haben wir ihn mit sich selbst beobachtet. Nur seine Worte im Gesprach mit Andern, nur seine Thaten liessen wir fur ihn reden. Es gebuhrte diese Zuruckhaltung dem Bilde einer Personlichkeit, die Alle als den lebendig gewordenen Egoismus nehmen. Dieser Charakter, fast von Allen verurtheilt, die mit ihm in nahere oder entferntere Beruhrung traten, konnte nur durch die Andern geschildert werden. Aber dennoch durfen wir an die zerrissenen Empfindungen glauben, mit denen Egon an das geoffnete Fenster seines Schlafzimmers trat, die schon kuhlere Nachtluft an seine heisse Stirn wehen liess und voll Wehmuth auf den Garten des Schlosses hinunterblickte, auf die Baume und Boskette, hinter denen der Gerichtsthurm des Dorfes Plessen versteckt lag. Wenig uber ein Jahr war voruber und was hatte sich Alles seitdem begeben! Nur die Jedem, wieviel mehr einem Hochbegabten sich aufdrangende Uberzeugung, dass wir in einer Zeit der gewaltigsten Umwalzungen inner- und ausserhalb der Menschenbrust leben, konnte die Wandlungen glaublich erscheinen lassen, die seit dem Tage, wo Dankmar in die Gefangnisszelle des Fursten trat, die er nun selbst bewohnte, diesem geschehen waren! Egon war sich selbst kein Rathsel, aber er fuhlte es mit Schmerz, dass er ein furchtbares Andern sein musste. Jener Stunden, die ihn im Thurme um die Freundschaft eines jungen, unternehmenden Kopfes werben liessen, gedachte er jetzt mit solcher Lebhaftigkeit, dass er auf einen Sessel niedersank, an der Brustung des Fensters sein Haupt aufstutzte und sich in Empfindungen wie diesen kaum zu sammeln wusste:

Du Armster! sagte er sich. Wurde Alles so gekommen sein, wenn das Geheimniss des Bildes, das Gestandniss der Denkwurdigkeiten deiner Mutter dich nicht in deiner Bahn plotzlich an einen entsetzlichen Abgrund gefuhrt hatte, wo du die Besinnung verlorst und dich an die einzige dir nahestehende Hand klammertest! Diese Mutter, die sich einbildete, mich Demuth zu lehren und mich die Luge lehrte! Hoffte sie, dass ich von meiner weltlichen Stellung herabsteigen, mein Leben der innern Beschaulichkeit, der entsagenden Demuth widmen wurde? Sie hat sich vielleicht nicht getauscht. Sie hat vielleicht den Punkt getroffen, der meine Zukunft, wenn ich noch eine haben werde, mehr bedingt, als die Liebe, die Bewunderung oder der Hass, den ich in meinem gegenwartigen Muhen ernte! Aber im ersten Augenblick des Schreckens verlor ich die Besinnung. Die Luge war hier eine nothwendige, eine erlaubte Selbsthulfe. Der Makel der Geburt brannte so auf meinen Stolz, der Zorn des Sohnes uber eine durch die Religion verblendete Mutter wallte so siedend in mir auf, dass ich gerade mit Leidenschaft Das sein wollte, was ich nicht bin. Die Sitte ist auch hier das Gesetz. Die Sitte heiligt auch hier die Unsitte. Es ist wie im Staat, seine Mangel geben nicht das Recht, ihn selbst zu zerstoren. Ich bin der Furst von Hohenberg. Aber dass ich es sein wollte, dass ich mit einem Schrei der Verzweiflung gegen die Entdeckungen, die mit dieser Pauline hatten entschlummern konnen, mich straubte, mich gegen mein Schicksal baumte, Das wurde der Anfang aller Leiden meiner Seele und es ist mir wie ein Bild der Zeit, denn diese Extreme, die mich sturzen werden, verrathen noch mehr als ich, dass in ihr etwas morsch und faul ist und man die Prozedur einer sittlichen und strengen Revision mit diesen Zustanden nicht mehr wagen darf!

Es schlug schon eilf Uhr vom Dorfthurme heruber ... Nachtliche Vogel schossen, rasch im Kreise mit hangenden Flugeln sich wendend, an den Fenstern des Schlosses voruber ... Egon traumte fort:

Auch Dankmar Wildungen wird diese Schlage der Uhr horen, er wird sie zahlen wie ich, er wird auf mich vielleicht rechnen! Oder nein! Er war mir an Einsicht schon damals uberlegen, als ich ihm so zerflossen, so abentheuerlich und in der Gefahr feige erschien! Wie war ich hastig, unsicher, von meiner Lage fast bis zu tragischer Besinnungslosigkeit uberrascht! Wie scham' ich mich, als dieser Posa seinem Carlos erwiderte: "Gibt es denn noch Freundschaften?" Du hast Recht. Es gibt keine, Dankmar Wildungen! Und doch ist es eine Wahrheit, dass grade wir Menschen, die die Welt als Gotzendiener des Ich's verurtheilt, die unendlichste Sehnsucht nach Liebe haben! Grade wir Egoisten, wir Kaltgescholtenen schmachten nach dem Thau des Verstandnisses, grade wir leiden unter der Einsamkeit, die sich um uns her wie eine wuste Steppe ausbreitet, leiden wie etwa die grossen Manner leiden mussen, die man nur in ehrfurchtsvoller Ferne bewundert und denen aus Scheu Niemand sich zu nahern wagt, wie den hochsten trauernden Schneespitzen der Alpen. Ich hoffte einen neuen, deutschen Armand in dir zu finden und dachte mir darunter einen Bewunderer meines Werthes, einen Diener meiner Launen, ein Werkzeug meiner schon damals gehegten wenn auch nicht ausgesprochenen Plane. Der feine Kopf verstand die Absicht, die ich selbst nicht fuhlte. Er sah an Louis Armand, was ich mir unter ihm wohl durfte gedacht haben und mistraute der aufdringlichen Zartlichkeit eines Hochgestellten, der in der That die Probe nicht bestand. Ich verlor ihn, mit ihm Louis Armand, mit ihm Helenen, ich verlor die selbstandige Liebe und gewann vielleicht nur die sklavische ... es ist nicht gut, die Liebe Derer nicht ertragen zu konnen, die sich doch auch ein wenig selber achten.

Der Furst Egon von Hohenberg war wie seine Mutter. Er wuhlte in den eignen Eingeweiden und bestatigte auch darin eine Erfahrung, die man oft an grossen Mannern gemacht haben will, dass ihr Denken nicht ihr Handeln ist. Ihr Denken ist ein Auflockern der ganzen Innerlichkeit, ihr Handeln nur Eines, ein entschlossener Aufschwung, eine energische That. Die weiche Empfindsamkeit der Grosse wurde kein Geheimniss der Seelenlehre sein, wenn die grossen Menschen ihre Gedanken belauschen liessen und die Fulle von Erwagungen blossgaben, die sie im Zustande der Ruhe anstellen und die sie nur in dem Augenblick bannen, wo irgend eine Gefahr ruft, irgend ein Entschluss mit Blitzesschnelle gefasst sein muss. Egon sprach klein, ohnmachtig, zagend von sich und in diesem Augenblick hatte das Posthorn eines Kuriers ertonen, eine Depesche hatte ihm uberbracht werden durfen, die einen raschen Entschluss erforderte, er wurde sich nicht funf Minuten besonnen haben, den Befehl zu ertheilen, der ihm der nothwendige und den Verhaltnissen angemessene erschien.

Doch blieb es still. Nur ein scharferer Nachthauch fuhr durch die herbstlichen Blatter ... der Furst schloss das Fenster ...

Noch floh ihn der Schlaf. Noch druckten zu viel der Lasten die Brust eines Mannes, der bei der eisigen Athmosphare der Politik doch noch nicht ganz in seinem innersten Herzen erstarrt war.

Was trennt mich denn von Euch, sagte er noch hinausstarrend durch die geschlossenen Fenster in die Nacht und die Hande zusammengefaltet im Schoosse ruhen lassend, was hat denn unsere Bahnen so unterbrochen, dass sie nicht mehr zusammengehen konnten? Standesvorurtheile? Die Verschiedenartigkeit der Interessen? Ihr denkt so, ich weiss es und eine Weile, als ich mit Eurer Hulfe an jenem sturmischen Abende in Paulinens Villa das Testament der Mutter erobert hatte, dachte ich selbst nicht anders. Aber schon hatte ich den Traumen widersprochen, mit denen Ihr die Welt zu bessern gedachtet, schon mein System der Pflichten aufgestellt Euerm System der Rechte gegenuber. Was ist zu thun, wenn zwei streitende Gedanken plotzlich auseinandergerissen werden von dem Leben, das dem Einen sagt: Lasse Das! und dem Andern: Thue Das! Die Aufforderung zum Handeln kommt, so lange die Erde stehen wird, wohl an jeden Gedanken zu fruh. Immer wird ihm noch etwas an seiner Reife fehlen, immer wird ein Moment ihm noch zu gewinnen sein, die allgemeine Ubereinstimmung, und schon soll er handeln, schon das Leben umgestalten, schon sich in der Welt, wie sie gegeben, fest bewahren. Da hatt' ich keine Moglichkeit mehr, mit Euch zu wandeln. Die grosse Aufgabe des Staatsmannes traf mich uberraschend, aber nicht unvorbereitet. Ich hatte Das, was Genf, was Bonn und Gottingen mich lehrten, nicht vergessen, in Paris hab' ich nicht aufgehort, mein theoretisches Rustzeug zu mehren, es zu scharfen, rein zu erhalten vom Roste der Alltaglichkeit. Das Denken, das Lernen, das Aufspeichern war mir, als ich mit dem Volke lebte, eine klosterliche Vorbereitung auf einen Beruf, den mir der Zufall schenkte, denn suchen konnt' ich ihn nicht, in dieser susstragen Lethargie nicht, die wir unter Buchern und Frauen empfinden. Es gibt keine gefahrlichere Wonne, als die Liebe einer schonen Frau verbunden mit dem Luxus der Ideenbereicherung durch blosses geistiges Aufnehmen aus Buchern, Reisen, allen erdenklichen Wissensquellen, nur nicht dem Born des eignen Arbeitensollens, des eignen Schaffens! Ionischer Himmel, die Liebe Kleopatrens und die Bibliothek von Alexandria ... an dieser hochsten aber gefahrlichen Seligkeit des Lebens, zugleichgenossen, sind die grossten Genies zu Grunde gegangen ... ich wollt' es nicht, ohne darum ein Genie zu beanspruchen.

Die unwillkurliche Erinnerung an Helenen trieb Egon vom Sessel empor. Es schauderte ihn hinuberzublicken auf die Fenster, wo eben Melanie's Licht erlosch ... Helene blieb ein Akkord in seiner Seele, der, selbst wenn sie einem Maler Namens Heinrichson gehoren und jetzt mit diesem in Paris weilen konnte, ihm einen Schmerz verursachte, wie wenn er sich plotzlich in einem Gefangniss erblickte. Er trat auf mit schallendem Fusstritt, er fuhlte sich elektrisirt, er wusste nicht, ob vor Wonneschmerz oder vor Wuth, er hatte an Eisenstabe greifen, an ihnen rutteln mogen ... er konnte sich nicht beruhigen, ehe er nicht die kuhlen feuchtansetzenden Scheiben des Fensters an seiner Stirn fuhlte. An diese lehnte er sich und dachte mit Klagen:

Was war' es nun, wenn ich den Mantel nahme, diese Zimmer verliesse, den Berg hinunterschritte, an den Thurm trate und, der Wachen nicht achtend, die ihn huten werden, zu dem Fenster emporriefe: Schlafst du, Wildungen? Furchte nichts! Mich schwindelt auf der Bahn, die ich wandele! Dein Martyrerthum ist grosser als meine Freiheit! Und wenn du Freiheit willst, ich will sie dir geben, will mit dir fliehen, hinaus in die Welt, in ein Felseneiland, will dies kunstliche Gewebe, das mich umsponnen hat, zerreissen, dies Gehause zertrummern ... ich will ein Genosse deines Bundes sein, dieser furchtbar anwachsenden, wie das Erzgeader in einem Bergschacht verbreiteten und dich vor uns verurtheilenden Ritterschaft vom Geiste ...

Es war ein Augenblick, der ihn so uberflog, so aus der kunstlichen Selbstbeherrschung und der Aufgabe, die er fur die Welt durchfuhrte, hinausschleudern konnte ... Melanie, Pauline, Amanda, das waren Namen, die ihn immer nur starr machten, kalt, entschlossen ... Bei Helenens Namen aber uberwehte es ihn wie einer jener weichen Sudwestwinde, die wie auf feuchten Schwingen mild und lockend uns plotzlich anhauchen nach langer trockner Witterung ... Die Verfuhrung dauerte aber nicht lange. Sie horte mit dem Anruf der Wachen auf, die er vom Thurme horte. Es waren Gendarmen, die die Posten wechselten ... morgen in der Fruhe sollte der Gefangene in einem verschlossenen Wagen in die Residenz gefuhrt werden.

Ah! der Furst strich sich gleichsam das Haar von der Stirn zuruck. Er vergass, dass sich der Scheitel nach seiner Krankheit vollig gelichtet hatte, wahrend der Rest, der ihm geblieben, schon graue Spitzen zeigte. Er runzelte die Augenbrauen und stellte die Lichter so, dass er nicht in Versuchung gerieth, sich im Spiegel zu erblicken. Er war zerfallen wie schon ein welkender Mann, wahrend er etwa dreissig zahlte. Aus jeder Kammersitzung kam er erschopfter. Wenn er bei sich anfuhr, schlich er die Treppe hinauf, warf sich in ein Kanape und verlangte eine halbe Stunde Ruhe um sich her, da er nicht sprechen konnte und vom leisesten Gerausch gereizt wurde. Oft zuckten ihm Muskeln des Gesichts, ohne dass er es selber merkte. Wie todt streckte er sich dann, liess die Arme hangen und staunte tief in sich selber, dass diese ohnmachtige Hulle ein ihm selbst noch fuhlbares Bewusstsein enthielt. Durch narkotische Mittel hatte er oft schon auf Schlaf gehofft. Die Natur wurde aber dadurch nur noch mehr gebrochen. Die Gesichtsfarbe wurde gelb, ein Beweis, dass die Leber litt bei einem Arger, den ihm nicht etwa der Widerstand der oppositionellen Elemente verursachte, sondern die Treulosigkeit seiner eignen Bundesgenossen und die Undankbarkeit Derer, fur die er wirkte. Egon stritt gern uber Prinzipien. Eine Rede gegen die Demokratie hob ihn, erheiterte ihn. Eine Rede gegen die Parthei der reinen Konstitutionellen, gegen die Fractionen Justus und Ahnliche verursachte ihm Appetit fur den Mittag, denn er gab Diners, bei denen er kaum mehr als einige Loffel Suppe ass. Aber Das, was an seiner Leber nagte, war die Uberzeugung von der tiefen innern Verdorbenheit des Staates, den er vertheidigte, und seiner Organe selbst. Der Ehrgeiz der Beamten, die heimlich den Boden unter ihm durchwuhlten, konnte ihm Anfalle von Raserei machen. Er sah da Menschen, die in stillen Zeiten emporgekommen waren, nie ein Prinzip hatten als das der Beforderung, auch nie um ein anderes gefragt wurden, da die alte Zeit alle Berufung an die Gewissen der Menschen ausschloss, Menschen, die nun auf bedeutenden Posten stehend sich bei dem grossen Kampfe, den er auszufechten hatte, wie mussige Zuschauer gebehrdeten. Man beneidete ihm hier seine Stellung, die rein eine Folge des parlamentarischen Lebens war. Ohne fur das Beamtenthum gebildet gewesen zu sein, war er Staatsmann geworden. Seine Jugend, sein Mangel an Bekanntschaft mit dem gewohnlichen Geschaftsgange der Ressorts, die er durch Ministerialvorstande verwalten liess, wahrend er sich die Prinzipien vorbehielt, nach denen die einzelnen Falle entschieden wurden, sein Terrorismus, der in der That von Monat zu Monat zugenommen hatte und in eine bruske Reizbarkeit ausartete, alles Das hatte angefangen, ihm seine Stellung sehr schwierig zu machen. Er nannte die neutrale Gleichgultigkeit hochgestellter Beamten Buhlerei mit der Revolution. Er sprach von der mephistophelischen Bosheit der gewesenen Minister, die Gott und dem Genius des Vaterlandes hatten danken sollen, dass er das ihnen mislungene Werk vollfuhrte, die Hydra der Revolution bandigte, und die statt dessen in den Kammern und der Gesellschaft eine gravitatische Ruhe affektirten, jeden seiner Antrage erst pruften, in den Commissionen die grundlichsten Ausweise verlangten und ihn so hinstellten, als wenn er zwar die Ausubung der Macht, sie aber die Macht selber waren. In der That hatte sich bei Hofe und in der Adelskoterie auch schon die Meinung festgestellt, dass diese ganze Politik des Fursten Egon von Hohenberg nur von der Gnade der grossen durch die Umstande zum Feiern gezwungenen Kopfe lebe, die sich wie Pairs des Reiches im alten catalonischen Sinne gebehrdeten. Die Art Standevertretung, die Egon selbst fruher bezweckt hatte, war eine Idee gewesen, die man, als er sie den nachsten Rathgebern des Konigs vorschlug, erst bewunderte. Als aber die Emeuten besiegt waren, als man einige Beispiele von Kraft auf der Strasse und in den Vestungen gegeben hatte, als sich tonangebende selbst hochgestellte Demokraten nicht mehr aufrecht erhalten konnten, sondern im Auslande lebten oder sich durch einen Bund nur starken konnten, der in diesem Augenblicke die einzige Beunruhigung der Gesellschaft war, da drang auch Egon mit seiner Theorie der Arbeit nicht mehr durch und war schwach genug, verwohnt genug schon durch die Macht, gereizt genug schon durch den Zorn, seine ubrigen Werke den Nachfolgern uberlassen zu sollen, dass er sich anbequemte und Gedanken annahm, die eben auch in der konservativen Sphare die ublichen Allerweltsgedanken waren. Die Freunde, Dankmar an der Spitze, der nun in seine Hand Gegebene, hatten ihm diese Wendung vorausgesagt. Er konnte sie nicht vermeiden, hasste darum aber auch nicht wenig die Urheber dieses Zerwurfnisses mit sich selbst und diese Urheber sassen dicht in der Nahe des Monarchen, buhlten um seine Gunst, waren die tagliche Genossenschaft der auch ihm unzerstorbaren kleinen Cirkel. Der Hof genoss die Ruhe, die Egon dem Lande schaffte, in brusterlosenden, athembefreienden Zugen. Das war eine Seligkeit, so die Gefahren allmalig verschwinden zu sehen, wie verrollende Donner. Die grossen Machte hatten sich wieder gefunden, die Hofe sich ausgesohnt, die nationalen Reibungen wurden fur falsche Deckmantel der Revolution ausgegeben. Die Monarchen wollten sich unter sich selbst verstehen, sie schlossen sogar die Minister aus und erklarten, wohl zu verstehen, worauf es in Europa ankame, namlich lediglich auf ihre Selbsterhaltung. Sie wollten nur Armeen, nur Soldaten, nur Kanonen, nur Orden, nur Geld. Das Ubrige, selbst an den ihnen ergeben scheinenden und doch nicht ganz spezifisch gelauterten Staatsmannern, war uberflussig und nicht selten verdachtig. Ganz besonders war es die junge Konigin, die genug mit tonangebenden Furstinnen dieser Zeit korrespondirte, um diese Idee energisch zu vertreten. Es kostete Muhe, wenigstens dem Konige noch den General Voland und seinen welttraumerischen, sentimental haltlosen Standpunkt zu retten. Die Konigin verdachtigte Alle, ausgenommen einige Kammerherren, einige Offiziere, einige Prasidenten und Rathe, einige Professoren, einige Zeitungsschreiber. Sie erklarte, dass im Augenblick der Gefahr sich im Grunde Niemand bewahrt hatte, und als der Konig erwiderte: Aber General Voland wurde es, wenn er nicht gerade auf Reisen gewesen ware! widersprach sie zwar nicht, bemerkte aber, der Staat kame ihr vor wie ein schwankendes Schiff, Alles renne auf ihm hin und her, Jeder wolle helfen und grade von dem Rennen, grade von dem Helfenwollen verlore das Fahrzeug das Gleichgewicht und schluge uber; es solle daher nur Jeder ruhig auf seinem Platze sitzen bleiben, dann wurden Alle gerettet werden. So konnte sie auch an Furst Egon zwei Dinge durchaus nicht ertragen. Einmal: seine mangelnde "Sittlichkeit" und zweitens die geringe patriotische Schwarmerei. Grade das Tiefsittliche in Egon, grade das gegen den Hang der Natur in ihm fortwahrend Rebellirende verstand sie nicht. Sie wollte die Demonstration der allgemein herrschenden Sittlichkeits-Grundsatze. Sie wollte Kirchenbesuch, Adelsgefuhl, die Theilnahme an dem Esprit de corps jenes moralischpruden Wesens, wie man es einmal eingefuhrt und festgehalten wunschte. Egon passte in diese Kategorieen nicht. Er besuchte die Kirche nicht, er that nichts fur die innere Mission, er heirathete ein schones, den verschiedenartigsten Urtheilen ausgesetztes Madchen. Er fuhrte diese Frau zwar nirgends ein, muthete Niemanden zu, ihr zu huldigen, liess sie nur da gelten, wo man sich ihr zu nahern sich selbst gedrungen fuhlte; aber auch in diesem Stolz lag etwas Verletzendes fur die hochgestellten Menschen, die unbedingt einmal nicht wollen, dass sie in irgend einem Vorfall der Welt umgangen, in irgend Etwas unberucksichtigt, vermieden bleiben. Dieser Stolz des Fursten wurde vollends beleidigend fur die Sphare des Hofes, wenn Egon von Hohenberg gar so that, als ware der Staat ein Erstes und die Monarchie doch erst ein Zweites und nun gar dies Konigshaus wohl selbst erst ein Drittes. Die reaktionare Wildheit und Blindheit hatte grade umgekehrt nicht nur die Monarchie, sondern grade diese Monarchie, dies Herrscherhaus grade mit seinen Erinnerungen, seinem historischen Geprange, seinen Wappen und seinen Bannerfarben fur das Erste im Staate und den Staat selbst erst als das Zweite erklart und in einer solchen Ideenwelt stand Egon trotz seiner Demokratenverfolgung, trotz seiner rucksichtslosen Bekampfung der ihm anarchisch scheinenden Gesellschaftselemente, gradezu wie ein Fremdling da. Und sonderbar, Pauline von Harder hatte Recht, als sie ihm einmal, da er bei irgend einem Anlass von seinem wahren Vater Heinrich Rodewald gesprochen hatte, erwiderte: Im Gegentheil, Egon! Sie besitzen ja einen Adelstolz, wie ich ihn bei keinem Marschalk, keinem Harder angetroffen habe! Sie sind ja das ganze Bild jenes unabhangigen Adelsgeistes, den die Fursten im Grunde so sehr furchten, wenn er nicht zu Hofe halt und von der Sonne ihrer Huld sich bescheinen lasst! Wissen Sie denn, dass Amanda von Bury stolz war und ihren Adel hoher hielt als den der Hohenbergs, bis in der That die Furstenkrone sie ganz verwirrte? Ihr tiefes Korperleiden, ihre geringen gesellschaftlichen Erfolge untergruben sie. Voll Schmerz und Zorn floh sie auf die landliche Zuruckgezogenheit ihrer Guter und ich kann mir's denken, dass trotz aller Selbstkasteiung, trotz alles Beichtbedurfnisses sie eine eigenthumliche Befriedigung darin gefunden hat, Ihnen zu sagen, dass Sie ihr Sohn, nicht der des gefursteten Grafen Waldemar von Hohenberg sind! ... Egon lehnte diese Vermuthung, lehnte seinen Adelsstolz ab und nannte sich nur einen Staatsphilosophen, der an seiner eignen Geschichte erkenne, was eigentlich den modernen Staat wurme und an ihm zehre; es ware dies das tiefe Gefuhl seines eignen innerlichsten Irrthums! Am Hofe musste er bei solchen offnen und verschwiegenen Auffassungen langst fur einen Grillenfanger gelten, den man nur noch zu schonen hatte. Man schonte ihn, weil man noch keinen Nachfolger hatte und erst allmalig die Menschen, die besonders die Konigin ihm aus den Reihen der frommelnden und servilen Beamten oder der bramarbasirenden Junker gern substituirt hatte, von ihren niedrigen Stellungen in der Beamten-Hierarchie emporsteigen lassen musste. Egon erkannte diese Politik sehr wohl und unterschrieb die Beforderungspatente von Legationssekretaren, Subaltern-Offizieren, bisherigen Landrathen, reaktionaren Zeitungsredakteuren einst mit einem Worte, das man am Hofe sehr abscheulich fand: Jeder Mensch ernahrt mit seinem besten Lebensblut die Wurmer, die ihn todten, die aber dafur auch zuletzt den hohen Genuss haben, an seinem Leichnam sich selber todt speisen zu durfen.

Mit dustrer Verbitterung sich in alles Das ergebend, was sich in seinen Verhaltnissen zu den fruheren Freunden nun einmal so und nicht anders gestaltet hatte, ging der Furst gegen zwolf Uhr endlich zur Ruhe. Hatte ihn gleichsam die eigne Schuld Dankmar's an dessen Loose beruhigt, hatten ihn wieder die Papiere versohnt, die er uber Ackermann's Verwaltung neben seinem Bette liegend fand, er schlief besser als jemals und horte am Morgen spat erwachend mit ruhiger Gelassenheit, dass der Gefangene schon in aller Fruhe in einem Wagen zur Residenz abgefuhrt war.

Er fahrt einer Uberraschung entgegen, sagte einer seiner in der Fruhe mit ihm arbeitenden Rathe, er wird den Prozess gegen uns und die Stadt vielleicht gewinnen! Der Generalpachter soll gestern Abend die Nachricht mitgebracht haben, dass zwei kleine Punktchen in den alten lateinischen Urkunden die Entscheidung herbeigefuhrt hatten.

Ist Ackermann also da? fragte Egon, trotzdem, dass sich Dankmar bei diesem verborgen gehalten, von der Nachricht seiner Ankunft angenehm beruhrt. Er hoffte, sich gegen ihn aussprechen zu durfen. Er hoffte, ihm sagen zu konnen, dass er seine Nachsicht aus Liebe zu Selma, seinem Kinde, verzeihlich finde. Er hoffte, Versicherung geben zu konnen, dass gegen Dankmar nur der Verdacht vorlage, Stifter eines geheimen, den Staat bedrohenden Bundes, keiner eigentlichen Verschworung zu sein ... er hoffte auf eine, seine Brust erleichternde Unterredung mit diesem Landwirth, der ihm unter so vielen Querkopfen, mit denen er zusammenstiess, seit lange die gediegenste und tuchtigste Natur erschien ...

Er hatte die Absicht, im Laufe des Tages das Schloss zu verlassen und in die Residenz zuruckzukehren, wo seine Gegenwart bei der wuhlerischen Unruhe der Konigin und ihrer Partei nothwendig schien ...

Eine Anfrage an die Furstin, ob sie geneigt ware, fur heute schon die gemeinschaftliche Ruckreise zu gestatten, brachte die Antwort: Mit Freuden!

Egon fuhlte, dass Melanie unter Dankmar's Schicksal litt. Er wusste nicht, dass sie ihn geliebt hatte, er wusste nicht, wie sie ihm jenes Bild der Mutter erobern half, aber er wusste, dass er ihr werth war und zu seiner Philosophie gehorte es, einem Weibe, das man liebt, nicht die Vergangenheit vorzuhalten. Er hatte Das auch bei Helenen nie gethan und bei Melanie dafur neue Beweise gegeben.

Um neun Uhr wollte er die Furstin sprechen ... es hiess, sie hulfe raumen, einpacken ...

Um zehn fragte er ungeduldig, wann denn endlich Ackermann kame ...

Um halb eilf kam Herr von Zeisel und berichtete uber Dankmar Wildungen und seine ruhige Ergebung in das ihm widerfahrene Geschick. Uberraschend war die Mittheilung, dass der Generalpachter schon gestern Abend, als er Herrn von Zeisel mit dringender Theilnahme wegen des Gefangenen im Amthause befragte, die sonderbare Enthullung uber seine Person gegeben hatte, dass er bisher von Verhaltnissen gedrungen gewesen ware, einen andern Namen zu fuhren, als der ihm eigentlich gebuhre. Er bate davon Act zu nehmen. In der Residenz hatt' er sich aus Ursachen seinen Verwandten erst jetzt entdecken konnen und bate ihn nun ... zu nennen ... aber wie?

Egon fand es sehr in Herrn von Zeisel's Art, dass er den zu seinem neuen Befremden erst jetzt angegebenen wahren Namen des Generalpachters nicht behalten hatte.

In demselben Augenblicke aber wurde von dem Bedienten der Generalpachter Rodewald genannt, als derjenige, den Se. Durchlaucht jetzt in der That sprechen konnten, er stunde im Vorzimmer ...

Wer? fragte der Furst und glaubte nicht recht gehort zu haben ...

Richtig! Rodewald! sagte Herr von Zeisel und gab nun mehrmals den Namen an, der ihm entfallen war. Rodewald! Der Generalpachter erzahlte mir in der Theilnahme fur das Geschick seines vermeintlichen Schreibers, den er duldete, weil er seine Tochter liebte, dass er vor dreissig Jahren auswanderte, der Sitten und Beziehungen der Heimath unkundig, nicht ahnend, dass er die Verantwortlichkeit einer Schuld auf sich lade, die auch vielleicht geringer ware, als sie die Gesetze darstellten ...

Welcher Name? sagte der Furst fast schon tonlos ...

Rodewald! wiederholte der Justizdirektor. Ich werde die Verdienste und das Genie dieses Mannes nie in Abrede stellen. Er hat sich eine Aufgabe gestellt, die uber meine Krafte gegangen ware. Es ist ein Kameralist in der besten Bedeutung des Wortes. Nach seinen Mittheilungen glaub' ich zu schliessen, dass diese Ubernahme der Guter Ew. Durchlaucht ihm rein eine Sache der Liebhaberei und dabei ein heiliger, ja edler Ernst ist und ich mochte bitten, meinem guten Nachbar das Versehen ...

Aber Herr von Zeisel musste eine eigenthumliche Wirkung seiner freundlichen Rede bemerken. Er sah, dass der junge Furst schwankte, sich zum Herzen griff, nach seinem Stuhle langte ...

Um's Himmelswillen, was ist Ihnen, Durchlaucht? rief der gutmuthige Mann und wollte klingeln.

Der Bediente entfernte sich rasch, wollte Wasser holen, rief ohne Zweifel dem wahrscheinlich noch mehrere Zimmer entfernten Rodewald zu, er mochte spater kommen ...

Der Sekretair des Fursten begegnete aber dem Bedienten schon und hatte eine Karte in der Hand, die er dem Fursten von dem Harrenden noch ubergeben sollte ...

Egon erholte sich etwas und vernahm, was ihm unter Fragen nach seinem Befinden gemeldet wurde ...

Der Generalpachter hatte diese Karte abgegeben, die den vollstandigen Namen enthalte, den er seit acht Tagen fuhre ... er bate Se. Durchlaucht um Verzeihung uber sein langes Ausbleiben ... Familienverhaltnisse hatten seine Ruckkehr verzogert ...

Indem las Herr von Zeisel die Worte:

Heinrich Rodewald, Generalpachter der Besitzungen Sr. Durchlaucht des Fursten von Hohenberg ...

Egon griff nach der Karte, uberflog sie ... man brachte Wasser ... Er schien sich aber erholt zu haben. Die Hulfe war nicht mehr nothig. Der Justizdirektor glaubte sagen zu durfen:

Es nimmt allerdings gegen eine Personlichkeit ein, wenn sie gleich Anfangs nicht offen und wahr uns entgegen tritt und dennoch glaub' ich, dieses kleine aus Familienrucksichten beobachtete Stratagem des Herrn Heinrich Rodewald doch der Nachsicht Ew. Durchlaucht anempfehlen zu mussen ...

Diese Vermittelung des wohlwollenden Diplomaten war aber nicht nothig. Egon hatte schon entschieden. Ein furchtbarer Verdacht, nicht mehr Herr seiner selbst, ausser Paulinen von Harder, nicht einziger Besitzer seines Geheimnisses zu sein, hatte ihn wie ein Blitz ergriffen. Das erste Gefuhl bei dem Namen Rodewald war das des Entsetzens, der Furcht, der Liebe, der Ruhrung. Als er aber wieder horte: Heinrich Rodewald, als er Dankmar Wildungen mit Dem, der ohne Zweifel Der war, der ihm das Leben gegeben hatte, in Verbindung sich dachte, ergriff ihn die entsetzliche, ihn nicht zu Boden schmetternde, sondern zum Zorn, ja zur Wuth aufstachelnde Vorstellung von einem geheimen ihn umspinnenden Netze einer bosen verratherischen Absicht ... und nun gar das Wort: Generalpachter der Besitzungen Seiner ...

O sagen Sie dem Generalpachter ...

Der Name erstickte auf der Zunge. Dennoch raffte er sich auf und fuhr zu dem Sekretair fort:

Sagen Sie Herrn Heinrich Rodewald, dass ich ihn jetzt nicht mehr sprechen kann. In einer Stunde reis' ich ab. Nach der Residenz wurd' ich ihm den Tag melden lassen, wo ich ihn zu sehen wunsche, falls ihn der Ruf der Gerichte nicht fruher dorthin vor die Schranken fordern sollte.

Der Sekretair ging mit dieser den Umstanden angemessenen Antwort. Herr von Zeisel wurde leidlich freundlich entlassen ...

Keiner Besinnung mehr fahig, gab Egon die Befehle zur Abreise. Er war wie ein zur Flucht Gehetzter ... Melanie erstaunte ... begriff den Zusammenhang nicht ... Nur fort! fort! herrschte der Furst in dem ihm eignen kalten und unerbittlichen Tone, wenn ein Gedanke ihn einmal mit dem Drang der Nothwendigkeit ergriffen hatte. Er ass nichts. Er stand Niemanden Rede. Jedermann glaubte, nur ein Staatsgeheimniss konnte ihn so erschuttern, so aufregen. Man gehorchte seinen Befehlen. Aus einer Stunde wurden aber doch zwei, drei, vier, funf ... trotz Dorette Wandstabler, die Wunder wirken konnte, wenn man ihr etwas aufgab, wie eine solche plotzliche Abreise. Um ein Uhr fuhr man in der That erst vom Schlosse ab. Zuerst wenigstens Furst Egon und seine Gemahlin, die in die Residenz zuruckkehrten nach einem Aufenthalte, der statt drei beabsichtigter Wochen wenig uber zehn Tage gedauert hatte. Alle hatten sich dies Wiedersehen anders gedacht, selbst der alte Winkler und Mutter Brigitte, die von den Zeiten des Feldmarschalls her sich viel schone Erinnerungen an Trinkgelder und allerhand Lustbarkeiten erhalten hatten. Selbst ihre Frommigkeit hatten Beide dem neuen Regimente zum Opfer gebracht, wenn es doch nur auch einigermassen nach alter furstlicher Art und Hoheit hergegangen ware. Es war aber nicht gewesen und Allen blieb ein Erstaunen, ein tiefstes Befremden, ein Kopfschutteln, ein Rathen und Klagen uber gute alte, nie ruckkehrende Zeit zuruck. Die grosste Besturzung setzte man aber im Ullagrunde voraus bei dem neuen Herrn Rodewald! ... Franzchen Heunisch sah auch bei ihm nur Thranen und deutete sie auf den guten, immer so heitern, freundlichen, gerechten Dankmar Wildungen und sein Schicksal. Sie war es, die daruber an Selma schrieb. Sie war die einzige Vertraute dieses stillen, Allen jetzt erst sich aufklarenden Verhaltnisses zwischen ihr und dem unglucklichen Dankmar gewesen. Als sie den Brief geendet hatte, fragte sie den tief in Gedanken versunkenen Generalpachter, ob er nicht selbst noch ein Wort beifugen wollte ...

Er horte nicht ... Sein Kopfschutteln nahm sie fur eine Verneinung. Sie schloss selbst den Brief an Selma Rodewald auf Tempelheide und trug ihn nach Plessen, von wo die Briefe auf das Postamt zu Schonau befordert wurden.

Siebentes Capitel

Der Spruch des Obertribunals

Zu einer fur die Sitten der hohern Stande ausserordentlich fruhen Stunde fuhr am Palais des Fursten von Hohenberg in der Stadt ein Wagen vor, dem eine hohe, schlankgewachsene, schon altere weibliche Erscheinung entstieg. Sie fand die Dienerschaft in voller Bewegung. So schnell hatte man die Ruckkunft der Herrschaften nicht erwartet. Um Mitternacht waren sie angekommen nach einer Fahrt ohne Aufenthalt, fast wie vom Sturmwinde dahergefuhrt ...

Es war ein regnerischer Tag. Die Aussteigende achtete kaum des Schirmes, den der Bediente uber sie hielt. Mit raschen Schritten war sie unter dem Saulenportal, die Stiegen hinauf, an die Zimmer der Furstin gekommen, wo sie trotz der fruhen Stunde Einlass fand. Die Kommende war eine Frau, der das ganze Palais wie ihre eigne Wohnung offen stand, Pauline von Harder.

Die Furstin, eben erst nach der ermudenden so plotzlich anberaumten Ruckfahrt von Hohenberg von ihrem Lager erstanden, ordnete in einer Anzahl von Paketen und Zusendungen aller Art, die sie auf dem Hohenberg nicht hatte empfangen wollen. Sie war in ihren Raumlichkeiten etwas beschrankt. Das grosse Palais trug uberall die Spuren des langen Alleinbesitzes durch den Generalfeldmarschall. Das hier den Frauen gebuhrende untere Stockwerk war vernachlassigt und bedurfte eines Umbaues, zu dem dem Fursten jetzt die Mittel und die Musse fehlten. So war sie auch auf kaum drei Zimmer und eine Anzahl Kabinette beschrankt, deren Ausstattung nach den Anforderungen des neuesten Komforts viel zu wunschen ubrig liess. Die ubergrossen, hohen, oben gerundeten Fenster hatten etwas Peinlich-Feierliches, in das sich Pauline von Harder am wenigsten finden konnte. Jedes Mal, wenn sie zur Furstin kam, war ihr erstes Wort eine Anklage ihrer Zimmer. Nein, diese Reitsale, nein, diese Kirchenfenster, nein, diese Laternen-Existenz! Ihr musst bauen lassen, dieser alte Palast-Styl ist zu rococo geworden, zu unbequem! Alle Zimmer wie Esssale in den Kasernen, wie die Raume eines anatomischen Museums! Hier konnt' ich nicht leben! Wie Das hier zieht! Nein, treten Sie hierher, Melanie, wie hier die Fenster wackeln! Halten Sie die Hand dahin! Und diese Parketts, diese Thuren, diese Plafonds! Hier brecht Ihr einmal formlich durch oder die Decke fallt Euch eines schonen Morgens gradezu auf den Kopf!

Heute machte die Geheimrathin eine Ausnahme von dieser fast stereotypen Regel. Sie uberraschte die Furstin auf ihrem gewohnlichen Etablissement, einem an ein grosses Fenster geruckten Durcheinander von Stuhlen, Halbsophas, Chaiseslongues, "Balzacs", die rings um einen Tisch geruckt waren und so standen, dass man auf ihnen sitzend oder liegend ein volles Licht genoss. Die Furstin war nach ihrem hauslichen Winkelwerk in der alten Komthurei sehnsuchtig nach dem Lichte geworden und lebte hier wie eine Blume dem hellen Tage zugewandt. Und die Geheimrathin tadelte beim Eintreten gewohnlich auch diese Niederlassung. Immer trat sie mit dem zweiten Theile ihrer Predigten ein: Aber, Beste! Sie sitzen schon wieder auf der Strasse! Ich sehe Sie schon wieder zum Fenster hinausfallen! Sie haben nun das Einzige, was diese alte Kommode von Palais noch brauchbar macht, die dunkeln Winkel und dennoch rucken Sie doch die Etage?re da fort und stellen Sie das Kanape dahin Himmel, wie konnt' ich so aushalten! Ich wurde die Chaise longue umwenden, so fallt das Licht besser, hier die Tabourets, da der Spiegel! Die Konsolen mussen druben hin an den Blumentisch, mit dem wurd' ich die Chaise longue maskiren und den Balzac, den wurd' ich dorthin schieben, wo der Furst das Licht auf sich fallen hat! Welche Frau lasst denn immer das Licht auf sich fallen und die Manner im Dunkeln sitzen! Grade umgekehrt!

Aber auch diese zweiten stereotypen Eintrittsworte der Geheimrathin fielen heute fort. Sie hatte nie ein Besserwissen bei ihnen im Sinne, sondern nur ein Besserwollen, wirkliche Absicht sich nutzlich zu erweisen. Der Furst war ja fast ihr Sohn geworden und die Furstin noch mehr, ihr Bijou. Sie hatte diese zwei Menschen von der ganzen ubrigen Welt wie losgelost und gleichsam fur sich adoptirt. Gesellschaftlich existirten sie nur fur sie und Diejenigen, denen sie gestattete, sich ihnen zu nahern. Und regelmassig auch, wenn Pauline die Bauart des Palais und die Anordnung des Komforts getadelt hatte, bewunderte sie die Toilette der Furstin und ihre Schonheit. Das stand so fest. Erst der Ausfall auf diese Treppen, diese Fenster, dann sogleich eine Polemik gegen die Chaises longues und die Balzacs, aber zur Aussohnung dann auch: Sie haben freilich das Helldunkel der petits coins nicht nothig! Sie sind ein Edelstein, der immer a plein jour gesehen werden muss! Und diese allerliebste gelbe Kapotte, wie lange tragen Sie die? O wie lieb hab' ich die naturliche Seide! Sie erinnert mich immer an die zarten Cocons von Italien ... charmant, diese Morgenrobe! Wie allerliebst das Gewebe dieser Brandenbourgs! O wie bewundr' ich Ihren Geschmack, Sie sind schon die Tonangeberin der Gesellschaft geworden und Alles richtet sich nach Ihnen!

Heute wurde aber auch diese Anerkennung der Schonheit, des Geschmackes und der Morgentoilette nicht ausgesprochen, obgleich grade diese neu war und fur den Herbst hier schon die Furstin erwartete.

Es war nur das Einzige: Warum sind Sie schon da? Was treibt Sie zuruck? Wo ist der Furst? Ich muss ihn sprechen. Verrieth er Nichts? Sagt' er Nichts? Hat man Nichts entdeckt? Was wissen Sie? Was weiss Egon? Reden Sie doch! Ich beschwore Sie!

Die Furstin schwieg jetzt vollends erst, sie war betroffen genug uber die plotzliche Abreise von Hohenberg. So wie sie einst eine ganze Gesellschaft von jenem Schlosse mit dem Machtworte: Wir reisen! entfuhrt hatte, so war sie jetzt selbst entfuhrt worden und unmoglich konnte es wie damals Dankmar Wildungen sein, der wenn auch unter traurig veranderten Umstanden die Veranlassung dieser Eile war. Einfach berichtete sie:

Wir sind Kurier gefahren. Von ein Uhr gestern Mittags bis diese Mitternacht, ohne Aufenthalt. Egon schien bewegt, gereizt, ja voll Zorn. Sie wissen, dass ich in solchen Fallen meine alten Arien trallere und durch meine schlechte Stimme sein zum Tadeln geneigtes Gemuth auf einen Gegenstand ablenke, den ich von Herzen gern dem Spott und einem Ausrufe: Verschone meine Ohren! preisgebe.

Pauline von Harder kannte diesen eigenthumlichen Pflichtenkultus, der den Frauen gestellt ist, sich in ein fremdes Mannerwesen, das zufallig mit uns verheirathet wird, ohne Sympathie des Herzens hinuberleben zu mussen. Sie nannte diese Aufgabe eine von den mehreren Martyrerschaften der Frauen. Sie wusste, dass Melanie den Fursten nicht mit der Innigkeit des seligsten Einverstandnisses liebte, sondern dass sie in Furcht und Zagen, dabei diese Furcht verbergend und hinter guter Laune versteckend, so hintastend in dem fremden, seltsamen Manne sich festzuwurzeln suchen musste. Es ist Das unser Aller Loos, sagte sie sonst wol schon, wir mussen Alle diesen Schauder uberwinden, ein durch Zufall an uns gekommenes Wesen unser zu nennen und nun zu forschen, wie sich wol dieser dunkeln Personlichkeit menschlich beikommen lasst, bis dann gewohnlich uns die eingefleischten Teufel angrinsen, lugnerische, gemeine Naturen erkenntlich werden, Betruger, oft falsche Spieler, ja Rauber ... kurz, Pauline von Harder, wenn ihr die Ludmer damals nicht zugeblinkt und gleichsam gerufen hatte: Aber Pauline! wurde zur Bestatigung dieser einen von den mehreren Martyrerschaften der Frauen vielleicht gar die Geschichte des Barons Grimm erzahlt haben. Sie bewunderte immer an Melanie diese grosse Kunst, mit der sie sich in ein ihr fremdes und innerlichst antipathisches Leben eindachte und Egon selbst einmal zu der etwas dunkeln Bemerkung veranlasste: Ich fuhle Das so, liebe Pauline, dass ich glaube, Melanie mit mehr belohnen zu mussen als nur mit meinem Furstentitel!

Heute aber verliess die Geheimrathin sogleich das Feld der Reflexionen und wollte Thatsachen. Sie sprach von der schon in aller Fruhe durch Pax und die Ludmer ihr bekannt gewordenen Verhaftung jenes Dankmar Wildungen, dessen fruhere Beziehung zu Egon, besonders aber zu Melanie und die dem Fursten unbekannt gebliebene Theilnahme desselben an der dunkelsten Geschichte der Eroberung des Bildes seiner Mutter ihr gelaufig genug war. Es gab ein Geheimniss uber Egon, das die Geheimrathin Melanie verschwieg, den Inhalt jenes Testamentes der Mutter, und es gab wieder ein Geheimniss von Melanie, das die Geheimrathin Egon verschwieg, die Art, wie Dankmar Wildungen zu dem Bilde, das jene Denkwurdigkeiten enthielt, gekommen war. Die Diskretion uber so gewaltige Lebensfragen gehorte bei dieser in vielen Dingen einzigen Frau zu ihrer Natur. Sie machte nicht einmal Anspruch, dass ihr diese Diskretion als eine Tugend angerechnet wurde.

Pauline wollte sogleich von Dankmar reden, aber wichtiger war ihr doch, ein furchtbares Wort von der Zunge zu losen:

Sprach der Furst seinen Generalpachter?

Nein, erwiderte Melanie. Geschafte hielten diesen fern und als er zuruckkam, hatte der Furst schon den Plan zur schnellen Ruckreise gefasst.

Sagte er nichts von ihm? Nannte er ihn nie?

Wen?

Sie sind so ruhig, Melanie! Nannte er nie

Was ist nur?

Der Furst sprach ihn nicht? Sah ihn nicht?

Dankmar Wildungen?

O Sie Gute! Woran denken Sie? Ich glaube wol, dass Sie nur an ihn denken ...

Sie sprechen von jenem Ackermann doch nein, er heisst ...

Sie wissen? ... Egon weiss?

Mein Gott, was sind Sie aufgeregt!

Sagen Sie mir, Beste ... was red' ich denn? O, ich kann nicht da sitzen, ich kann nicht da stehen ... ich habe den Fursten zu sprechen ...

Die Furstin begriff die Aufregung der Geheimrathin nicht, die im Zimmer auf und ab schritt und zuletzt abbrach, um sich zu den Zimmern des Fursten zu wenden, die ihr offen standen zu jeder Zeit.

Schon hatte sie den Drucker in der Hand, als ein Bedienter mit Papieren eintrat, Rechnungen, Buchern ...

Durchlaucht zu sprechen? Melden Sie mich ihm! sagte Pauline.

Excellenz, Bankier Reichmeyer sind druben ...

Reichmeyer? So wie er geht, sagen Sie, ich bate um einen Augenblick.

Der Diener ging. Pauline sank auf einen Sessel. Melanie fragte nach der Ursache ihrer Aufregung.

Nichts, Beste! Nichts! Aber Sie sagten, der Furst weiss, dass der unter dem Namen Ackermann bei ihm in Dienste getretene Okonom seines wahren Namens Rodewald heisst!

Rodewald! antwortete Melanie, die den Namen nicht hatte behalten konnen. Der Furst schien ungehalten uber ihn, sprach oft vor sich hin jenen Namen, zog eine Visitenkarte, die den Namen, richtig, Heinrich Rodewald, enthielt ...

Heinrich Rodewald!

Aber was haben Sie nur mit diesem Namen?

Er sprach ihn nicht?

Der Furst den Verwalter? Nein!

Er vermied ihn?

Er schien erzurnt auf ihn. Das Auftreten mit einem falschen Namen schien ihm zu misfallen. Seine lange Abwesenheit, wahrend wir in Hohenberg waren, ohnehin. Und wenn ich recht verstanden habe

Was?

So emporte es ihn, dass Wildungen, ein Verfolgter, ein Kompromittirter sich auf seinen eignen Gutern hatte aufhalten, bei seinen eignen Beamten hatte Schutz finden konnen ...

Wildungen ist ja der Neffe jenes Rodewald ...

In der That? Das entschuldigt den Generalpachter. Der Neffe! Man sollte nicht zu streng sein in der Art, wie man jetzt die Verlaugnung der naturlichsten Gefuhle verlangt. Und Sie wissen doch, dass Wildungen die Tochter dieses Rodewald liebt ... also seine Cousine!

Meine Nichte!

Ihre Nichte?

Selma!

Selma Ihre Nichte?

Ha! Was sag' ich! Ich vergesse, dass ich in der Sphare der Grossmutter lebe. Die galante Sprache hat fur die Grosstanten keinen Namen, der mit dem Begriff Enkel korrespondirt. Selma Rodewald ist die Tochter meiner Nichte, die Enkelin Annen's. Sie ist draussen in Tempelheide ...

Weiter kam Pauline nicht in Aufklarungen, die die Furstin uberraschen mussten. Der Diener war zuruckgekehrt.

Bankier Reichmeyer konnte nicht hindern, dass Pauline sogleich zum Fursten eintrat. Hatte doch, wie man zugleich erfuhr, eben angespannt werden sollen, damit der Furst grade zur Geheimrathin fuhr! Sie verschwand. Die Furstin war allein und blickte bewegt der Eilenden nach. Sie kannte keinen Zusammenhang, suchte ihn auch nicht, forschte auch nicht. Sie begnugte sich, einen schonen vollen Blumenstrauss, den ihr eben Dorette Wandstabler hereintrug, in zwei Halften zu theilen und die grossere sauber mit einem Bandchen zu umwickeln, sie in einen feinen Briefbogen zu hullen und in die Komthurei als Morgengruss an ihre Eltern zu schicken. Den Rest betrachtete sie voll Nachdenken. Sie musste sich Selma's Rodewald erinnern, die sie ein einziges Mal fluchtig als Knaben gesehen hatte. Sie musste der Freude gedenken, die dies Madchen empfand, als sie bisher im Ullagrund Dankmar vor Gefahren schutzen konnte, des Schrekkens jetzt, wenn sie in Tempelheide das Schicksal des Geliebten erfuhr. Sie musste sich sagen: Ich bin eifersuchtig auf ihr Gluck und ihr Ungluck.

Egon aber kam Paulinen schon auf halbem Wege entgegen. Sie brauchten sich nichts zu sagen. Beim ersten Blick wussten sie, was sie in dieser Stunde zusammenfuhrte. Sie zogen sich, Reichmeyer war gegangen, in das entlegenste Kabinet zuruck. Dort erzahlte Pauline, wie sie erst vor wenig Tagen von den Vorfallen auf Tempelheide ware unterrichtet worden, wie sie erst von Geruchten die Ankunft einer Enkelin ihrer Schwester, dann durch die Nachforschungen der Ludmer den genauesten Zusammenhang in Erfahrung gebracht hatte. Jener Ackermann, der des Prinzen Guter mit unbestreitbarem Glucke zu bewirthschaften begonnen hatte, ware Rodewald! Ihr war' es gewesen, als offneten sich die Graber! Aber, fuhr sie fort, Rodewald ein Okonom, ein Schaafzuchter, ein Wollhandler, ich mocht' es nicht glauben. Dennoch ist es so. Ich bin gefasst, Egon. Aber Sie?

Ein Blick auf Egon zeigte ihr dessen tiefste Erschutterung. Er hatte die Hand auf die Sophalehne gestemmt und stutzte das bekummerte Haupt ...

Pauline fuhr fort hastig zu erzahlen, von Selma, von dem Gluck der Schwester, von dem Antheil, den alle Cirkel an dem Vorfall nahmen.

Egon erwiderte immer noch nichts. Er kannte alle Personlichkeiten, die Pauline erwahnte, setzte sich aus ihren Verwickelungen ihre Verhaltnisse und gegenwartigen Situationen zusammen und liess Pauline reden, die sich neben ihn auf das Kanape setzte und gespannt lauschte, welche Entschliessungen sich auf seinem Antlitz kenntlich machen wurden.

Man erzahlt sich, fuhr sie fort, wie die Madchen Selma und Olga sich und ihre nahverwandte Neigung zu den beiden Wildungen erkannten. Im Tannenpark auf Tempelheide hangen Aolsharfen. Eine uberraschte die Andre ofters unter den melodischen Klanggrussen aus unbekannten Luftreichen. So wussten sie bald, dass in ihren jungen Herzen gleiche Flammen schlugen, gleiche Sehnsucht sie in's Weite und Unendliche zog. Nun tauschten sie ihre Ideale aus und nannten sie nicht. Im Scherze aber beschrieben sie sie und da Olga eine Malerin ist und Selma von allen Talenten ihres Vaters auch das einer raschen Handhabung des Crayons sich aneignete auf Reisen welche unschatzbare Annehmlichkeit! so sagte Eine zur Andern: Zeichne mir Den, den du liebst! Und Beide begannen Den zu zeichnen, den sie lieben! Welch' ein Schrekken nun, als sie ihre Blatter sich zeigten und eine das Bild des Freundes der Andern getroffen hatte! Die erste Angst und Uberraschung loste sich in Jubel auf, die Neuverbundenen liefen zu Anna, machten sie zur Vertrauten ihrer Neigung zu zwei sich ahnlichen Brudern und die bose Welt zischelte schon gestern, dass es nun kein Wunder ware, wenn die juristische Logik des alten Prasidenten eine Entscheidung des Prozesses befordert hatte, die einer Komtesse, wie Olga, statt des Narren Dystra die Hand eines plotzlich wie in Tausend und einer Nacht bereicherten Kunstlers bote. Kurz, alle diese Menschen, schloss sie, kennen sich, alle treten sie in Wechselwirkungen und ziehen um uns Beide geheimnissvolle Kreise zu Zwecken, die wenigstens bei Rodewald noch ganz im Dunkeln liegen.

Diese mit der Andeutung einer bedenklichen Gefahr betonten Worte schnellten den Fursten, der nur halb zugehort hatte, empor.

Nein! rief er; ich sollte dies elende Leben fuhren und vor der Enthullung eines illegitimen Ursprungs zittern?

Tollkuhne, verbrecherisch-leichtsinnige Menschen, die mir das Leben gaben, sollten mich im Wirbel kreiseln, willkurlich wie Spreu im Winde jagen und hetzen konnen? Dies Ich, dies festgewurzelte Ich, sollte unterwuhlt werden durfen von Menschen, die mich wie einen ihrer Gnade Uberlieferten uber dem Wasser hielten und drohend ausriefen: Ich kann dich jetzt, wenn ich will, fallen und ertrinken lassen?

Egon! unterbrach Pauline ...

Ich spreche nicht von Ihnen. Ich spreche von diesem Revenant Rodewald, der mich mit dem Blicke eines Damons betrachten wird, als gehorte ich ihm! Wusste er, wie ich im Grunde ihn hasste! Und kann ich ihm sagen, was ich so uber ihn fuhle?

L'amour dans la haine? sagte Pauline forschend. Aber Egon erwiderte:

Liebe? Ich will die Sitte, das Gesetz, das ewig Bindende der Tradition im grossen Ganzen vertheidigen und soll in mir selbst den Makel der nagenden Luge fuhlen? Ich soll die Karikatur eines Jahrhunderts spielen, das sich auf den ewigen Zusammenhang der Zeiten, den wellenformig gleichen Strom der Uberlieferung beruft und in sich selbst nur Luge barge? Mitten auf der Tribune, wenn ich von der Bedeutung des Adels, wenn er recht verstanden wird, spreche, wird mich ein innerer Fieberfrost schutteln und eben wenn ich von Quadersteinen und der grandiosen Architektur der Sitte und des Gesetzes reden will, umtanzen mich tausend Larven, affen mich und rufen mir den Abend zuruck, wo ich schon einmal in der Kammer nach drei schlaflosen Nachten plotzlich ein Riesenbild im Dammerlicht auftauchen zu sehen glaubte, einen Teufel in rother Tracht, der auf ein Wappen zeigte, wo Fuchs und Lowe sich begatten und dabei sprach: Wir zeugen die Legitimitat!

Um Gotteswillen, rief Pauline, Egon, was haben Sie? Sie sprechen irre! Geben Sie mir Ihre Hand! Ich klingle ...

Egon wehrte Paulinen ab. Ohne sich zu beruhigen, fuhr er fort:

Ich spreche meine Qualen aus. Lassen Sie mich reden! Wussten es Alle, es wurde mich erleichtern ...

Hohenberg!

Pauline hatte soviel Aufregung an dem Fursten selbst an jenem schrecklichen Abende nicht gesehen, wo er ihr das Testament seiner Mutter abgezwungen ...

Wie ist das Leben so toll zusammengesetzt, fuhr er fort, wie ist man Seiltanzer zwischen Wahnsinn und Verbrechen, Luge und Fratze und Jeder gibt seine Narrheit fur Wahrheit aus. O Pauline, uberzeugt sein von dem Richtigen und verhindert werden es auszufuhren! Ich kann mir die Thaten des Tiberius, des Philipp von Spanien und der Alba's erklaren. Ja, ich verstehe, was es heisst: Alles zerstampfen lassen, zertreten diese Widerspruche, die uns an jedes Dummen Meinung binden, der sich Mensch nennt und deshalb geschont sein will! Was bleibt zuletzt denn ubrig? Ich kann die Schadelkranze begreifen, die die Palaste der orientalischen Dynasten schmucken. Man muss ja grausam sein, wenn man nutzen will ...

Pauline war sprachlos. Sie hatte oft bemerkt, dass Egon von Hohenberg in allmaliger Folge seiner Berufung zum Minister eines grossen tonangebenden Staates schon Anfalle von Geisteserschutterungen, von formlicher Seelenstorung gehabt hatte. Sie hatte sich in Egon's Interesse von Drommeldey warnen lassen. Die Pathologie des Genius, sagte dieser oft zu ihr, bietet die schaudervollsten Erscheinungen. Ich bitte Sie, Geheimrathin, suchen Sie diesen Vulkan zu mildern. Er will durch sein Feuer die Welt zerstoren; er wird sich zerstoren! Denken Sie an Castlereagh, der sich das Leben nahm, an Canning, der an den Folgen seiner aufgeregten politischen Leidenschaft so fruh starb! Pauline that auch seitdem Alles, was Egon nur beschwichtigen konnte. Aber dies Auftauchen eines Todtgeglaubten! Dies dreiste, rasche Eingreifen Rodewald's in das nachste Schicksal seines Sohnes! Sie entgegnete, um die wahre Ursache der Aufregung des Fursten zu mildern:

Rodewald kann nicht geglaubt haben, dass die Furstin von der Erde nicht hat scheiden wollen, ohne das Maass der tiefsten Erniedrigung mit sich zu nehmen. Er hat Hohenberg gesehen, den Leichenhugel Amanda's, er hat in der Nahe dieser Erinnerungen bleiben wollen aus Liebe fur Sie, Egon ...

Der Teufel! schrie Egon. Liebe fur mich? Ich erwidre diese Liebe nicht. Ich wurde, wenn ich ihm begegnete, nicht den mindesten Schauer von Ehrfurcht empfinden. Ich finde seine Handlungsweise, wie schon sie die Mutter auch zu entschuldigen wusste, von seiner Seite verbrecherisch unter allen Umstanden und vollends Sie sagen, er wurde das Geheimniss ehren? Finden Sie darin Diskretion, dass er sich so dicht, so unmittelbar ohne Weiteres schon an meiner Existenz niederlasst?

Pauline ergriff die Hand des Tobenden und zog ihn zu sich nieder. Sie suchte den Sturm seiner Empfindungen zu mildern ...

Egon, sagte sie, am Abend, wenn die Sonne sinkt, werfen die Menschen und die korperlich irdischen Dinge Schatten uber die Erde, riesengross, erschrekkend anzuschauen. In der Mittagshohe sind die Schatten klein, geringer als sie sollten, lugnerisch, schmeichelnd unsern Fehlern, Alles verkurzend und vermindernd. Ach, mein junger Freund, ich wunsche oft, ich hatte die Abendschatten schon in meiner Jugend gesehen, dem Alter wurden die Riesenschatten jetzt wie die der Zwerge erscheinen. Aber dennoch, wenn wir nur Eines, nur irgend ein uns ganz begluckendes Streben noch am Abend des Lebens erreichten, legt sich allmalig die Furcht vor Menschlichem. Nennen Sie meinen Zustand, wie Sie wollen, ich bin ruhiger geworden, ich konnte Rodewald begegnen und ihm die Hand bieten zur Versohnung; ich konnte mein ganzes vergangnes Leben wie ein in Falten gelegtes Tuch grade ziehen, ich konnte segnen, wo ich einst fluchte, wenn nach dem Fluche unsrer Thaten nicht jede Reue zu spat kame. Ja, ich bereue meine Verblendung, meine Hast, meine immerwahrende fieberhafte Sucht nach Bewahrung meiner selbst und Erlebniss durch Andere; nein, ich entschuldige nicht Alles, was auf meinem Herzen lastet ... ach, Egon, seit ich glucklich bin im Bunde mit Ihnen, mocht' ich viel Gutes thun, alte Wunden heilen, alte Versaumnisse nachholen. Es ist aber gut, dass ich es nicht thue, mein eignes zerflossenes Gemuth nicht in den Dingen selbst, denen es sich nahern mochte, auch voraussetze; es gabe nur neue bittre Erfahrungen; denn nichts racht sich mehr, als wenn wir da gut sein wollen, Egon, wo einmal vorausgesetzt worden ist, dass wir schlimm sind. Was red' ich Ihnen? Was will ich? Ich mochte Sie bestimmen, gleichgultig zu sein. Ich mochte aus den langen Schatten des Abends und den kleinen Schatten des Mittags die Lehre ziehen, dass beide unwahr sind, nichts uns ubermassig sorglos, nichts uns ubermassig schreckhaft stimmen soll. Gott, Gott, konnt' ich mir die Vergangenheit zuruckrufen und meine vergangenen Thorheiten durch diese im Alter gewonnene Philosophie ungeschaffen machen! Was wollen Sie so verzweifeln, so tief auf den Grund aller Dinge sehen, so sich von Ungeduld verzehren, dass nicht Alles eine aufgehende Rechnung gibt! Sie sind bewundert von der Welt, Sie haben sich einen Namen im Buche der Geschichte geschrieben, Sie haben Freunde, die Ihnen Gerechtigkeit werden widerfahren lassen und sollte es auch erst dann sein, wenn Andre nach Ihnen kommen werden, was, will's Gott! lange dauern soll! Sie haben philosophische Bedurfnisse, nach denen Sie sich Ihr Leben einrichten konnen ...

Der Furst wollte widersprechen ...

Nein, Egon, mach' ich Ihnen Vorwurfe? Soll ich denn dies Prinzip der Selbsterhaltung, das bei Ihnen in der grossten und weihevollsten Form zur Geltung kommt

Ich bin kein Egoist, schaltete der Furst mit Nachdruck ein. Ich bin nur in der Lage, wie alle Menschen, die nach einer gewissen Vollkommenheit strebten. Was Ihr Euch Egoismus nennt, ist uns die Gerechtigkeit und Strenge gegen uns selbst. Wir wurden Euch nicht Egoisten sein, wenn wir Alles thaten, was Euch gefallig ware und gegen unsre eigne tiefste Wurde stritte. Waren wir schwach, wurdet Ihr uns die Liebe selbst nennen!

Nun gut, Egon, raumte Pauline ein, die ihr Gluck, mit dem wichtigsten und ersten Manne des Tages so zu stehen, wie sie mit ihm stand, in langen und seligen Zugen genoss und die aus diesem innigsten Behagen fliessende Sorglosigkeit wieder eine "Lauterung" nannte; wie Sie wollen, Egon, aber gewohnen Sie sich nur an das Unabanderliche! Lassen Sie Allegorieen, die Sie mit sich selber anstellen, diese hypochondrischen Parallelen, die Sie zwischen Ihrer Aufgabe, Ihrer Zeitauffassung und Ihrer personlichen Lage ziehen. Warten Sie ab, was kommt! Mit dem Stolze, den Sie auf Ihren Namen haben durfen, sind Sie gewappnet gegen jede Anmassung, jede zweideutige Einmischung in Ihre Existenz. Ist Ihnen der Gedanke lastig, ist die Nahe dieses Mannes Ihnen storend an sich, so konnten Sie ihn ja entfernen. Oder glauben Sie, dass seine Verwaltung

Ich gebe sie ungern auf, fiel Egon ein, allein ich opfre lieber mein ganzes Besitzthum, als in diesem geheimnissvollen, mich druckenden, meine Unbefangenheit storenden Verhaltnisse ausharren. Bankier Reichmeyer war auf meinen Wunsch schon in aller Fruhe bei mir. Ich will alle meine Besitzungen verkaufen, wenn es irgendwie geht ...

Der Entschluss ist rasch, Egon ...

Oft erwogen! Mein Stamm wird aussterben. Fur Melanie's Zukunft wird sich sorgen lassen ... Ich gebe diesen Besitz auf.

Uberlegen Sie!

Grade meinen Gegnern gegenuber, die auf den Boden basiren und Steuerbefreiungen haben wollen, geb' ich mein Besitzthum auf. Ich ware nicht mehr Minister, wenn wir Allodial- und Majoratsvertretungen in unserm Staatsorganismus einfuhrten, ich verliesse Deutschland. Ich will kein Pair des Hofes sein, wenn erst die mittelalterliche Reaktion bis zum Pairsmachen wieder angelangt sein wird ...

Eine Unterbrechung storte diese Auseinandersetzung. Pauline wusste, dass Egon von Hohenberg keine Absicht hatte, sich durch Rodewald's Ruckkehr aus Amerika von seiner Bahn des Ruhmes storen zu lassen. Sie fand ihn so erfullt vom Standes- und Kastengeist, wie es ihr in der Ordnung schien. Fur die Sentimentalitat der Mutter war hier kein Raum gegeben. Trotz ihrer schonen Redewendungen uber lange Abend- und kurze Mittagsschatten, trotz ihrer melancholischen Schleier, die sie auf ihre jungere, richtiger mittlere Lebensepoche warf, hatte sie nichts dagegen gehabt, wenn der Furst irgend eine gewaltsame Entfernung seines eignen naturlichen Vaters beantragt hatte. Sie horte voll Zufriedenheit, dass sich der Furst begnugen wurde, das Pachtverhaltniss des Ankommlings ruckgangig zu machen, lobte Egon's Entschluss, dies Vorhaben schon innerhalb der nachsten vierzehn Tage in Ausfuhrung zu bringen, bat den Sohn ihrer Liebe, wie sie ihn gern nannte, zur Erorterung so vieler Dinge, die seit der Abwesenheit des Ministers vorgefallen, heute bei ihr wie sonst ohne seine Gemahlin ein trauliches Diner einzunehmen, erhielt die Zustimmung und verliess den Fursten, an den inzwischen bereits auch schon wieder die machtige Woge und durch die kurze Abstauung nur sturmischer gewordene Brandung der Geschafte anschlug, mit vollster Zufriedenheit. Er fuhr zum Konig, sie ging zu Melanie.

Diese war mit ihrer Toilette beschaftigt und unterhielt sich mit ihr nur zum Abschied durch eine spanische Wand. Sie horte die Bestimmung, dass Egon bei Paulinen asse und offnete nur, um das schone unfrisirte Haupt hinauszustrecken mit der leise geflusterten Frage:

Wurde von ihm gesprochen?

Von wem?

Dem Gefangenen?

Beste! Das muss seinen Lauf gehen. Diesem Glucklichen winken so viel Lebensfreuden, bluhen so viel grosse Hoffnungen, dass ihm fur seine geheime Verbindung eine Haft von einem oder zwei Jahren ich kenne das Strafmaass fur Verschworungen nicht keine so grauen Haare machen wird, wie er und das Treiben seiner Genossen schon dem Fursten gemacht haben.

Damit, fast strafend, ging die grosse, schlanke, stolze Frau von Dannen.

Die Furstin aber druckte die Tapetenthur zu, vollendete ihre Toilette und benutzte die nun bis spat gegen Abend dauernde Abwesenheit des Fursten zu ihrer liebsten Erholung. Durch Dorette Wandstabler, die sich ihr, mit klugem Takte, unbedingt ergeben hatte, liess sie in einem der kleinen Kabinette des Gartensalons heizen, eine ausgezeichnete Tafel zu drei Couverten herrichten und die Eltern, die so theuern, so geliebten Eltern fur heute zu sich einladen. Nach einer halben Stunde schon wusste sie, dass die Mutter, schmollend, wie seit der ganzen Heirath, da Melanie keine "Ehepakten" dulden wollte, nicht kommen wurde, aber der Justizrath, hiess es, wurde kommen ... Schlurck kam. Es war dasselbe Palais, in dem er fruher als Herrscher gewaltet hatte, dasselbe, das er mit der Bezeichnung eines Schurken einst hatte verlassen mussen; jetzt wurde er es, als Vater der Furstin, mit dem alten sichern Selbstgefuhl wieder haben betreten durfen, aber les jours de fete sont passes, sagte er oft selbst. Er war zusammengefallen, alter geworden, nachlassiger in seiner Kleidung sogar. Zwar trug er noch keine schwarzen Fracke, er war bei seinen blauen mit Metallknopfen geblieben, aber es sass ihm Alles weit und schlottrig. Es fehlte die alte Elastizitat. Sein Wesen hatte einer ironischen Gelassenheit Platz gemacht ... Seine Plaudereien uber den Pavillon, die kleinen Gemacher, die servirte Tafel waren ganz im alten Geschmack, er begrusste die Furstin mit Innigkeit, entschuldigte den mit den Jahren und seit den Prufungen des Geschicks uber die Mutter gekommenen Trotz mit allem Humor, meinte dann aber doch, diese ihm so von seiner Tochter in aller Stille gespendete Liebe hatte etwas dermassen Ruhrendes fur ihn, dass er furchte, die Speisen wurden nicht von seinem Appetit die Anerkennung finden, die der Koch des Palais' verdiente. Doch ermunterte ihn Melanie, setzte sich ihm gegenuber und genoss die Freude, den Vater eine Weile glucklich zu sehen. Die Weine machten ihn beredter. Er fragte nach dem Hohenberg, nach Frau von Zeisel, seiner letzten Herzensverirrung, uber die er zu seiner Tochter wie zu seinem intimsten Freunde scherzte, er wollte von Henrietten's von Sanger gegenwartiger Neigung horen, ob Civil, ob Militar, ob Geistlich, ob Weltlich, er wollte von Ackermann horen, uber dessen Metamorphose er nicht unterrichtet war. Melanie erzahlte ihm Alles. Er kannte Rodewald nur aus dunkelster Erinnerung; er besann sich, einmal den Namen in jungern Jahren gehort zu haben. Von Dankmar's Verhaftung wusste er nichts. Er las keine Zeitungen. Er begegnete zu sehr in ihnen einem Leben, das ihm zu beweisen schien, dass die Welt in der That aus Nichts geschaffen wurde. Noch ehe die Furstin, aus Rucksicht auf die Bedienung, von jenem sie und den Fursten so nahe beruhrenden Vorfall sprechen konnte, hatte er geaussert:

Diese neue plotzliche Erhebung hat jede Narrheit mundig gemacht! Die Blatter sind weisses Papier, die nach Fullung lechzen und womit fullt man sie? Das geringste Faktum wird mit einem Schwall von Worten breitgetreten und dehnt sich immer gleich so aus, als wenn es bestimmt ware, die ganze Geschichte des Alterthums, der Hohenstaufen, Schiller und Goethe zu ersetzen. Ich musste fruher uber diese Politik lachen, jetzt argr' ich mich uber sie. Glaubt man, irgend eine Frage in dem grossen Durcheinander der Menschen und Meinungen mitbestimmen zu konnen, meldet man sich gleichsam um's Wort, so hat es schon ein Dutzend Andrer und mit Jedem von diesem Dutzend scheint der Gegenstand allein auf die Welt gekommen zu sein. Es ist ja ein Egoismus im Schwunge jetzt, Kind, der alle Schonheitsregeln uber Bord geworfen hat! Fruher waren wir auch egoistisch, wir thaten im Durchschnitt immer mehr fur uns als fur Andre, aber so malhonett wie jetzt ging es dabei doch nicht her. Jetzt stosst man sich auf die plumpste Art vom Brunnen weg, um Wasser zu holen, fruher wartete man doch, unterhielt sich doch, plauderte, schwatzte durch gute Witze die Magde vom Schwengel weg und ging mit seinem gefullten Eimer lachend davon, wenn jene noch auf die Pointe warteten und das Maul aufsperrten. Ach, mein bestes Kind, diese schrankenlose Emanzipation nicht etwa der Presse, sei die frei, nicht etwa der Juden, mogen die ohne sich taufen zu lassen jetzt Kirchenvorstande werden, nicht der Frauen, eine Emanzipirte hasst die andre so, dass sie sich unter einander selbst aufheben; aber die furchtbare Emanzipation der Dummheit, siehst du, die ist schrecklich! Auf dem Kasino und in der Loge hielten sonst vier Funftel der Mitglieder immer das Maul. Denn warum? Die Zeitfragen waren damals gleichsam eine Art Lateinisch oder Hebraisch. Jetzt solltest du dies Gesumme horen! Jeder kommt um's Wort ein und Jeder weiss auch etwas zu sagen; denn eben das Redenswerthe ist jetzt nur noch der alltagliche Zeitungsschnack ... Nun kommt man mir oft und will von den Massnahmen des Ministeriums horen. Ich kann mit Fug und Recht fragen: Wer ist jetzt Minister? Denn wer z.B. unsre Finanzen verwaltet, das weiss ich in der That nicht. Ich erstaune uber Aufstande, die langst unterdruckt sind und weiss wirklich nicht, sind die Schleswig-Holsteiner in Kopenhagen oder sind die Danen wieder in Altona? Oft bereu' ich, dass ich damals nicht mit dem Ubergang in die Politik Ernst machte. Ich glaubte nicht an die Moglichkeit, dass ich jemals meine Administrationen verlieren wurde. Was ich jetzt ware, weiss ich nicht. Vielleicht bankrott, wie jetzt eben fast auch, aber eine Nationalsubskription hatte mir vielleicht ein Landhaus gekauft, hatte meinen Wagen, meine Pferde gerettet und ich konnte auf hundert Komites Wechsel ziehen. Wer weiss, ob ich nicht einige Minister zu Tode geargert hatte! Wer weiss, wenn es geheissen hatte: Nun fehlt nur noch eine Stimme, die des Justizraths und Obertribunalprokurators Franz Schlurck, und nun hatt' ich mich in Preis gesetzt, ich hatte fur mein Ja! den Zuschlag mindestens einer Eisenbahn oder die Anwartschaft auf ein zum halben Preise zu verkaufendes Staatsetablissement oder eine feste Anstellung verlangt, etwa im Steuerfache, wo einem die Sportel-Delikatessen verfaulen, weil man die Menge nicht unterzubringen weiss und doch damit keinen Handel eroffnen kann. Warum nicht? Meiner Familie zu Liebe hatt' ich vielleicht alle Burgerkronen der Welt ausgeschlagen, falls man mir eine fixe Anstellung von 5000 Thalern als Aquivalent geboten hatte. Dann ah bah! dann dann hatt' ich immer noch manchmal ein bischen rebellisch werden konnen und auf Zulage, Gratifikationen hin meine Pandekten anders interpretiren als die Minister. Denn Das weisst du doch noch, liebes Kind, dass der beste Kommentar uber die Pandekten aus dreissig Banden besteht und der Verfasser desselben Gluck heisst? Das Gluck ist unser wahrer Professor der Rechte! Das Gluck legt die Pandekten immer am Bequemsten aus, nur das Ungluck weiss gleich den Sinn zu finden, der hinreicht, Einem den Hals umzudrehen. So hor' ich z.B., dass jetzt in unserm Johanniterprozesse ...

Leider wurde der Justizrath an dieser fur seine Tochter fesselnden Stelle durch die Bedienung unterbrochen ... Die Speisen, die Melanie ihrem Vater bei diesen kleinen geheimen Diners zu serviren pflegte, waren so kunstvoll zubereitet, so auf seinen feinsten Kennergeschmack berechnet, dass er sich bei der Wurdigung derselben, wenn sie eben aufgetragen wurden, von jeder Erorterung abstrakter Fragen entfernte und den Faden derselben in der Analyse von Zubereitungen verlor, wo er jedem Pfefferkornchen, jeder Kaper, jeder zerriebenen Sardelle nachspurte und die Komposition und ihre Bestandtheile in die Zeit des Kochens, des Rostenlassens, des Durchseihens u.s.w. fachkennerisch aufloste. Der Champagner floss dabei und die Tochter liess den Vater ruhig durcheinander reden. Sie gonnte ihm diese stillen Augenblicke seines verkurzten Lebensgluckes. Endlich gegen Ende der Tafel, die zuletzt doch wieder alle Lebensgeister Schlurck's geweckt hatte, fand sie Gelegenheit, ihm das neueste Erlebniss auf dem politischen Gebiete, das er nicht kannte, die Verhaftung Dankmar Wildungen's, mitzutheilen. Diese wurde Schlurck wenig interessirt haben, sie wurde ihm sogar eine Genugthuung fur all' das Ungluck gewesen sein, das seit dem Schrein mit dem vierblattrigen Kleeblatt-Kreuze uber sein Leben gekommen war, aber er wusste, wie Melanie fur den kuhnen, entschlossenen, kalten jungen Mann fuhlte, dem er damals vergebens die Hand des schonsten Madchens der Welt anbot, er sah besturzt in ihr Auge, er wusste, dass sie litt, dass sie Egon, diesen ihm aus tiefster Antipathie verhassten Schwiegersohn, nur aus Pflichtgefuhl in Ehren hielt und voll Wehmuth ihr die Hand reichend, sagte er nach einem Ruckblick auf die erste Bekanntschaft mit Dankmar:

Mit diesem abenteuerlichen jungen Manne wurden wir uns in Strudel gesturzt haben, bei denen selbst das grosste Gluck der Erde uns keinen Genuss bereitet hatte! Schon im Heidekrug damals verrieth sich die Idee einer solchen Verschworung, wie sie jetzt zum Schrecken aller Gewaltigen geschlossen sein soll. Diese neuen Propheten des Geistes thun schon Wunder, die Todten stehen schon auf, die Blinden sehen und die Tauben horen. Sie gehoren gewiss auch zu diesem merkwurdigen neuen Bunde? sagte mir kurzlich der Propst Gelbsattel und wollte die geheimen Zeichen der Verschwornen wissen. Ich sagte ihm, ich wisse nicht mehr davon als die Kuhe, von denen mir unbekannt ware, ob sie im Klee Dreiblatter von Vierblattern unterschieden. Aber nun biss er erst recht an. Sagen Sie mir nur, rief er in seiner Geheimnisssucht, wie und wo bringen die Ritter vom Geiste ihr Symbol, das vierblattrige Kleeblatt, an? Machen Sie das Zeichen auch mit den Fingern am Halse, wie wir Freimaurer oder drucken Sie sich auch die Hande auf unsre Art? Haben Sie einen verborgenen Kultus, hohere und niedere Grade? Ist es wahr, dass Sie sich in Hohlen versammeln und von den alten Templern Ceremonieen entlehnten, die an unsre Kunst anknupfen? Auf alle diese wunderglaubige Geheimnisssucht konnt' ich nur erwidern, dass sich die geheime Vehme noch bei mir nicht hatte blicken lassen; man erzahle sich aber, sie klopfe bei Jedem an, der irgend eine kuhne That unternahme, irgend eine Lanze mit den Fursten breche, irgend ein Dogma der Kirche umzustossen wage, besonders wenn er dabei ein Amt zu verlieren nicht achtete; solchen freiwilligen Martyrern geschahe es augenblicklich, dass Nachts etwas an ihr Fenster poche und wenn sie hinaussahen, standen gewohnlich drei Vermummte auf der Strasse, riefen mit Beziehung auf den in der Schlafmutze zum Fenster hinausblikkenden abgesetzten Regierungsrath oder disziplinirten Appellationsprasidenten oder nicht mehr zu Hofe geladenen Kirchenpralaten: Ein Vierblatt! Und augenblicklich, sagt man, hebt sich ein Stock in der Form eines Pilgerstabes in die Hohe, an dessen krummem Endschnabel sich ein Sack mit vollwichtigen neuesten Doppelfriedrichsd'oren befande! Gelbsattel lachte unglaubig. Aber ich sagte, er mochte es nur einmal versuchen, er mochte nur einmal der Regierung den Fehdehandschuh hinwerfen fur den Beweis, dass unsre Verfassung mit der Macht der Oberkonsistorien in keinem Einklang stunde und uberhaupt die Wiederherstellung einer Menge von organischen Institutionen nur dazu versucht wurde, um allmalig die Verfassung aufzulockern und in die inzwischen erstarkten andern Institutionen, als da sind: Kreistage, Kirchentage, Provinziallandtage u.s.w. aufzulosen, er mochte nur einmal ausrufen: Christus wurde auch die Deutschkatholiken fur Menschen erklart haben! Da stutzte der Mann, erschrak, zitterte, grubelt aber doch, ich wette, Tag und Nacht, welchen kleinen Handschuh er dem Ministerium Hohenberg in's Gesicht werfen konnte, ohne dabei 1) die Gunst des Hofes, 2) seine Propstei zu verlieren und 3) wo moglich doch den nachtlichen Besuch der Ritter vom Geiste und ein Exemplar der Statuten zu gewinnen, die auf einem merkwurdigen Papiere geschrieben sein sollen, namlich auf einem Papiere, das man das Papier der Liebe nennen sollte ...

Melanie horchte voll Spannung diesen Expektorationen der ihr bekannten Champagner- und Dessertlaune des Vaters ...

Papier der Liebe, gutes Kind, antwortete er auf die Frage seiner Tochter nach diesem eigenthumlichen Handelsartikel, Papier der Liebe ist eine Art ...

Asbest! sagte die Furstin. Unverbrennlich, selbst im Feuer ...

Im Gegentheil! sagte Schlurck. Papier der Liebe kann unmoglich etwas Andres sein als eine Art von Daguerreotypie, ein so zartes Gewebe, ja nur ein Hauch, ein Material, das zerstiebt, verweht in dem Moment, wo das Auge seinen Inhalt gelesen hat. Freilich wurden wir Advokaten wenig Ehescheidungsklagen durchfuhren konnen, wenn dies Papier der Liebe patentirt wurde; denn wo sollten die Beweisdokumente, die schonen Resultate erbrochener Kaunitze, die glorreichen Trophaen, die man den Brieftragern abjagt, herkommen? Allein die Statuten der Ritter vom Geiste, sagt man, sind in der That auf einem Papiere gedruckt, das in dem Augenblicke, wo von Jemanden die Paragraphen der Verbruderung gelesen sind, in Sonnenstaubchen zerstiebt und nur den Duft von Martyrer-Rosen zurucklasst. Hab' ich Recht, wenn ich solches Papier das rechte Material der Liebe nenne?

Melanie liess lachelnd den Vater so fort plaudern ...

Auch Drommeldey, sagte er, wollte mich neulich damit necken, dass er auf meine Zuruckgezogenheit anspielend sagte: Sie sind wol auch schon ein Ritter vom Geiste geworden? Als ich ihn, auf seinen Wagen deutend und auf meine bestaubten Fusse, einen herzlosen Spotter nannte, fing er in allem Ernste von dem Bunde an und verrieth, dass man innerhalb seiner aristokratischen Praxis von dieser Chimare dachte wie von einer den furchtbarsten Ausbruch drohenden sizilianischen Vesper. Nur am Hofe, fugte er hinzu, nur die naheren Umgebungen des Generals Voland von der Hahnenfeder witterten etwas von einer Thatsache, die allerdings zunachst getrost die Polizei zu verfolgen hatte, die aber denn doch auch die Sammler, die Kuriositatenjager, die Freunde des Mittelalters, die Schwarmer fur Symbolik und byzantinische Geschichte, ja auch die Sammler unsrer Zeitrichtungen um so mehr interessiren durfte, als selbst der Kommunismus bei Hofe manchmal als etwas ursprunglich doch Christliches nicht unangesehen ware, wenn man nur wusste, wie man ihn mit der innern Mission und dem jahrlichen Millionenbedarf fur die verschiedenen Ministerien in Verbindung bringen konnte. Einstweilen, fuhr mein kluger Sanitatsrath fort, behaupte man, ware selbst die alte Excellenz von Harder auf Tempelheide fur den Bund schon gewonnen, denn nach ihren neulichen, dem Monarchen gegebenen freimaurerischen Lehren ware es keinem Zweifel unterworfen, dass dieser alte Herr in dem Bunde der Ritter vom Geiste die wahre Bluthe der Templerei und der Loge entfaltet sahe und ihr zu Liebe wurden auch der Paulus und Johannes dieses neuen Evangeliums, die Gebruder Dankmar und Siegbert Wildungen, den Prozess gewinnen und dem Bunde wirklich moglich machen, jene Fabel von den in nachtlicher Stille an die Fenster der Martyrer hinaufgelassenen Sacken mit Doppelfriedrichsd'oren zu bewahrheiten. Und in der That, wir wollen sehen. Man bringt mir ja da ein Billet ...

Ein Diener brachte ein Billet an den Herrn Justizrath vom Obertribunal. Ein Kollege schrieb ihm, dass der oberste Gerichtssenat soeben der Meinung seines Prasidenten beigetreten ware und den Prozess zu Gunsten des Klagers entschieden hatte ...

Zu Gunsten? warf die Furstin dazwischen. Der Vater hatte laut gelesen.

Schlurck staunte eine Weile, lachelte dann, zog die goldne Brille von der Stirn und sagte:

Die besten Feldherren waren meist die, die geschlagen wurden.

Die Tochter wunschte Aufklarung, um welche Summen es sich handelte, ob diese Entscheidung auf Dankmar's Gefangenschaft einwirken wurde und wie die Beweisfuhrung fur die Bruder endlich wirklich hatte so gunstig ausfallen konnen?

Die Beweisfuhrung? sagte Schlurck. Ich sagte dir ja schon, der Kommentator der Pandekten heisst Gluck. In jenen Dokumenten, die du damals dem Glucklichsten aller Gefangenen gegen mein Wissen kopf- und herzuber nachwarfst, liegt der Nerv des ganzen Handels. Ich hatte, Bartusch und der Mutter folgend, vielleicht jene Papiere verbrannt und mich dem Schicksal ausgesetzt, dass mein Leben nicht etwa mit Mollakkorden wie jetzt, sondern mit schreienden Dissonanzen geendet hatte; in zwei Instanzen hab' ich, eigentlich nur auf den Grund von zwei Punktchen oder Kommaten, jedes Mal den Prozess gewonnen, von zweien Kommaten, die ich ehrlicher Esel nicht ausradirte, trotzdem, dass Herr Dankmar Wildungen sie in seiner Abschrift ubersah. Erst die halbblinden Augen jenes Greises haben die beiden Kommata wieder entdeckt; seine Liebe zu diesem Prozess kam hinzu, er kannte die Geschichte des Ordens der Templer, die der St.-Johannesritter, er wusste zu beweisen, dass es im Ordenshause zu Angerode niemals Verwandte des Ritters Hugo von Wildungen gab ... er hatte seit Jahren uber diesen Gegenstand Sammlungen angestellt und bewies bei der Stelle des Komthurs Hugo, wo er in der Cessionsurkunde sagt: Cedo propinquis meis equitibus ...

Vater, was versteh' ich von diesen Dingen! Ist es moglich! Also Wildungen Erbe dieser unermesslichen Guter?

Die Stadt wird vom Staate die Erlaubniss zu einer Anleihe begehren mussen und auf die Ameliorationen der Guter rechnen, die die Summe verkleinern durfte. Lasst sich leugnen, dass z.B. die Komthurei, die wir bewohnen, viele Spuren unsrer glucklichen Tage zeigt und dass ich allen Grund habe, sie binnen Kurzem mit Leidwesen zu verlassen ...

Das Haus gekundigt? rief die Furstin voll Schmerz ...

Aber Schlurck hatte schon angefangen, sich in sein Loos zu finden ... Er sagte nur:

Ich verlass' es arm, ich konnte sagen mit dem Bewusstsein, ehrlich gewesen zu sein, wenn die Grabschrift: Ub' immer Treu und Redlichkeit! nicht gar zu trivial ware. Oft mach' ich mir Vorwurfe, dass ich den Einsatz nicht wagte, keine entschlossene That beging, auf dem Wege nicht fortfuhr, wie damals, als ich den Schrein an der Schmiede in Plessen fand und ihn aufraffte ... Das Wagniss gab mir Riesenkrafte; ich hatte nur nothig, dem Schmied Schweigen zuzurufen; ich wusste, dass er an einer alten Falschmunzerei betheiligt war, die auch Frau Pauline von Harder beruhrt ... tragen konnt' ich schwacher Mann den Schrein selbst, so riesenkraftig macht die Entschlossenheit, wie Goethe sagt: Muth ruft die Arme der Gotter herbei! und wenn ich bedenke ...

Nichts, nichts, Vater! beschwichtigte Melanie den immer mehr sich nun vor Mismuth aufregenden Vater, der sich jetzt von seiner Tochter entfernte, nachdem er noch einen Akt kindlicher Liebe mit diesen Worten von ihr entgegengenommen:

Vater, nach dieser Nachricht uber Dankmar treibt es mich hinaus nach Tempelheide zur guten Anna von Harder. Da sind zwei Kinder, die ich trosten, umarmen muss. Beide lieben sie die Bruder Wildungen! Vater! ... Du hast neue Prufungen zu uberstehen. Du sollst das Haus meiner Jugend verlassen. Ich bin nicht reich, du weisst wohl, wie armlich dieser Glanz ist; der einen grossen Namen tragt. Aber ich beschranke mich, ich kann sparen, ich will nicht mehr in Allem glanzen, ich lernte entbehren. Da! Nimm, Papa! Es sind meine ersten Ersparnisse! Schlage sie nicht aus! Du machst mich glucklich, wenn du sie nimmst. Verschweig' es der Mutter oder sag' es ihr, wie du willst! Du darfst dich nicht unglucklich fuhlen! Weiche nicht den Leiden, die dich besturmen! Du gingst unversehrt aus den Gefahren der Versuchung; Vater, ich kenne die Versuchung! Nimm! Nimm! Ich hore Gerausch ... wenn es Egon ware! Leb' wohl! Auf Wiedersehen! Sei nachsichtig mit dem Anfang! Es soll besser kommen!

Damit verschwand die Furstin. Schlurck hatte ein Packchen in der Hand, das sie aus ihrer Brust gezogen hatte. Es war eine Anzahl von Banknoten, nicht viel, aber man sah die Liebe. Ein tiefes Gefuhl der Schaam uberflog den zuruckgekommenen, mitten im Genuss plotzlich auf Entbehrungen verwiesenen Epikuraer. Frostelnd, wie immer nach einem Diner, aber nie so mit Unbehaglichkeit wie jetzt, schlich er sich aus dem Pavillon, sah nieder wie ein Verbrecher, hatte all' die guten Einfalle seiner heitern Laune vergessen und ging aus dem Hause wie ein zum Tode Geknickter. Diese dreihundert Thaler von seiner Tochter, die sie ihm als eine Art Taschengeld fur seine Vergnugungen geschenkt hatte, diese Summe, bei der sie voraussetzte, er brauchte davon der Mutter nichts zu sagen, sondern konnte mit ihr heimlich die alten stillen Wege seiner Laune wandeln, entwurdigten ihn nicht etwa, sie ruhrten ihn nur, sie untergruben seine Philosophie, sie waren bei ihm der Anfang einer ernstlicheren Betrachtung uber Das, was die Erde bietet und versagt und was der Tod auf alle Falle sicher gibt ...

Aber damals, an jenem ersten Tage, wo die Furstin so eine dauernde Aufopferung fur die Ihrigen begann, war diese hinausgefahren nach Tempelheide. Sie fand Selma uber Dankmar's Schicksal in Thranen, Olga besturzt. Die Romantik solcher Gefahren gehorte nicht in die Welt der phantastischen Traume, aus der Olga durch Selma's Naturlichkeit immer mehr zu erwachen anfing. Anna von Harder, uberrascht von Melanie's, der so hoch Gestiegenen, Gute, vermittelte zwischen ihrem ungeahnten Besuche und den beiden charakterstarken, auf Egon von Hohenberg wie auf das bose Prinzip erzurnten jungfraulichen Madchenherzen wenigstens den Waffenstillstand, dass sie den Worten der schonen jungen Frau Gehor gaben:

Nehmen Sie dies Schicksal nicht so ernst! Sie lieben jungen Engel konnen nur gewinnen, wenn Sie Denen, die Sie lieben, gleich Ersatz fur ein ernstes Leben sind! Sie, holde kleine Selma, die Sie mir noch gar nicht die Miene machen, die ich mir im Lauf der Zeit von Ihnen zu erobern gedenke, Sie, weiss ich recht gut, entbehren in Dankmar mehr als nur den Vetter. Und Komtesse Olga hat ja das Gedicht ihres Herzens vor aller Welt aufgefuhrt. Zu deuten wag' ich's nicht, nicht will ich Namen nennen, die wie weisse Wolkchen in blauen Luften schweben, aber Herrn von Dystra mocht' ich doch sagen, dass er diese holde traumerische Wasserlilie des Schwarzen Meeres nicht nach dem Tempelstein entfuhren wird. Die Wildungen haben den Prozess gewonnen durch zwei kleine Punktchen, die Sie wol selber sind, meine Damen! Ware die Excellenz schon aus der Stadt zuruck, ich nahme lateinische Stunde bei ihr. Die beiden kleinen Kommata mussen Sie sein! Bedenken Sie diesen Triumph eines Eingekerkerten und eines Fluchtlings. So lebten die alten Martyrer in Kerkern und trugen ihren Heiligenschein um die Schlafe, dass er durch die Eisenstabe leuchtete! Sie konnten mit ihrem eignen Abglanz alle Ketten schmelzen und wandelten frei. Denn Das wissen Sie doch, dass die Ritter vom Geiste Niemanden untergehen lassen und alle Kerker offnen, ob nun Fee'n oder junge liebende Madchen, Engel oder Kobolde dabei helfen.

Die Furstin war so angeregt, dass die Madchen Vertrauen fassten und wenigstens nicht mehr scheu zur Seite standen, wenn Anna, die Melanie immer gern gehabt hatte, mit ihr sprach. Es war fast Abend, als die Furstin von Tempelheide schied und drei Menschen zuruckliess, die auch jetzt erst, nach diesem Besuche, wagten, in der ihnen selbst seit Mittag bekannten Entscheidung des Prozesses einen Lichtschimmer am Rande der Nacht zu erblicken, die sie Alle umhullte. Sie hatten Dankmar's Gefangennehmung nicht nur erfahren, sondern sie selbst gesehen, selbst erlebt, dass vor Tempelheide ein Wagen voruberfuhr, aus dem ein blasses Mannerantlitz sie grusste und eine Hand hinterwarts zeigte, gleichsam nach Hohenberg zu, oder wie Olga sagte, nach dem Leben, dem Gluck, der verlornen Freiheit hin ... Sogleich hatten sie anspannen lassen, waren nach der Stadt, dem Profossamte gefahren, hatten gehort, was ihnen, als sie, ohne Dankmar sehen zu konnen, verzweifelnd nach Tempelheide zuruckkehrten, ein inzwischen angekommener Brief von Franziska Heunisch und einige Zeilen von Rodewald ausfuhrlicher berichteten; aber doch auch die wunderbare Nachricht uber den Prozess brachten sie zu einstweiligem Trost aus der Stadt mit.

Der alte Obertribunalsprasident kam erst am Abend spat nach Tempelheide zuruck. Er war seit Jahren zum ersten Male wieder in der Loge gewesen, deren oberste Wurde er fur das ganze Land bekleidete. Auf die ihm dort gemachte Mittheilung vom Schicksal der Manner, die durch sein eignes theilnehmendes und begeistertes Erforschen dieser Angelegenheit eine so grosse Summe gewonnen hatten, auf das Forschen und Lauern uber seinen personlichen Antheil an den Brudern Wildungen erwiderte er: Mein Studium galt nicht den Personen, sondern der Sache. Und jede weitere Erorterung schnitt er durch das bekannte feierliche Wort ab. Die Loge ist gedeckt.

Achtes Capitel

Eine Maurerarbeit und ihre Folgen

Die Kunde von der endlichen Losung eines seit so langen Jahren schwebenden Rechtsverhaltnisses hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet. Alle Stande nahmen Antheil. Jeder war von der unerwarteten Wendung uberrascht, ja sogar befriedigt. Man war durch das strenge Regiment des Fursten von Hohenberg geneigt, diesem drakonischen Systeme denn auch nicht jeden Erfolg zu wunschen. Die Kommune war unbeliebt ihrer immer schmeichlerischen, gesinnungslosen, im Glucke ubermuthigen, in der Gefahr feigen Haltung wegen. Diese stadtische Verwaltung hatte nichts gemein mit jenem festen, sichern Burgertrotz, jener unwandelbaren Selbstgenuge, an der im Mittelalter die Willkur der Fursten sich ofters tuchtig den Schadel einrannte. Die Schoffen und Burgermeister zerflossen in Versicherungen einer Ergebenheit, die doch in keiner wahren Prufung Stand hielt, sondern in Augenblicken der Gefahr die personliche Selbsterhaltung zum einzigen Ziele steckte. Warum sollte man das Ergebniss jener zweihundertjahrigen Streitfrage nicht zweien jungen Mannern wunschen, die allerdings die offentliche Meinung in bedenklichster Art in Anspruch genommen hatten? Waren ihre Unternehmungen fur den Bestand der Ruhe und Ordnung, wie man im Kreise der Beguterten sagte, gefahrlich, so hatten sie sich doch mitten in ihren verbrecherischen Handlungen vom Arme der Gerechtigkeit schon mussen aufhalten lassen. Man verrieth auch darin die sich immer gleichbleibende Thatsache des menschlichen Gemuthes, dass man Dem, der auf irgend eine Art das offentliche Urtheil befriedigt hat, die ganze Herbigkeit der Suhne gern erlasst, sich mit seiner allgemeinen Demuthigung begnugt und noch mehr von ihm einzufordern zuletzt sogar eine beklommene Scheu hat. Dies plotzliche nun in die Verbannung und in einen Kerker gerufene Gluck hatte sogar etwas Romantisches fur die Welt, die im Grunde das Regelwidrige dem Regelmassigen vorzieht, nur darf sie es in ihren nachsten Interessen nicht beruhren und ihr nicht irgend welche Opfer auferlegen.

Noch eine grossere Genugthuung der offentlichen Meinung, von der Freude der Partheigenossen der Bruder nicht zu sprechen, lag in der Verkurzung der den Erben des Komthurs Hugo von Wildungen zahlbaren Summe. Das Obertribunal hatte im ermuthigenden Gefuhle seiner Beweisauffindung doch die Grenze der Massigung nicht uberschritten. Es hatte durch eine Verringerung der beanspruchten Summen jenem Verlangen nach dem Mittelweg entsprochen, das sich niemals abweisen lasst, wenn man erhitzte Gegner lange und hartnackig auf ihre vermeintlichen Rechte bestehen sieht. Die Grunde, die das Obertribunal fur seine Ermassigung der streitigen Werthe auf eine Million, allerdings jenes schweren im Norden ublichen Geldes, anfuhrte, konnten von keiner billigen Einsicht getadelt werden. Man schlug vor allen Dingen nicht nur den Genuss eines dreihundertjahrigen Besitzes, sondern ebenso auch die Muhewaltung an, die diesen Besitz doch immer zusammengehalten hatte. Man konnte zwar nicht in Abrede stellen, dass die Liegenschaften der St.-Johanniter von Angerode, wenn man die Guter und Gebaude nach ihrem jetzigen Werthe veranschlagte denn eine Entausserung der Besitzungen selbst war kaum moglich eher im Preise zu vergrossern, als zu vermindern waren; dennoch brachte man rechtliche Bedenken genug vor, die erwiesen, dass eine fast in Verjahrung gekommene Erbschaft aufhore, ihre ursprungliche Integritat zu behalten, wenn ihre Ertragnisse offentlichen Zwecken zugeflossen waren, bei denen, wie z.B. die Armenpflege, es unmoglich war, sich an Die zu halten, die eben entweder todt waren oder, wenn sie lebten, nur das Beneficium inventarii, Schulden, Kummer und Elend anbieten konnten. Diese beweiskraftige Verringerung der Summe auf eine Million war in der That eine Versohnung mit allen Partheien und trug nicht wenig dazu bei, die fast abgottische Verehrung vor den Entscheidungen des hochsten Gerichtshofes zu erhalten und den erschreckten, in dieser Zeit der Willkur und der Rechtsverfalschung uber des Lebens allgemeine unsichere Schwankung zitternden Gemuthern das Hochgefuhl zu erhalten, dass es in allen diesen Wirren doch noch einen festen Anker der Hoffnung, ein unentweihtes, den Himmelswolken naher als dem Erdendunst thronendes Asyl des Rechtes gabe. Niemand war befriedigter als der Hof und in der That konnte man Egon von Hohenberg und etwa den Probst Gelbsattel nur die einzigen Widersacher nennen.

Egon's mathematische Natur straubte sich gleich anfangs gegen das Vorhaben der Bruder Wildungen, noch als sie ihm befreundet waren. Seinen Studien zufolge weniger Jurist als Kameralist ausserte er oft, dass nichts so sehr die Auflosung der Gesellschaft und den Theorieenschwindel befordere als die Vorstellung, dass es ein ewiges, der Zeit und ihren Bedingungen vollig entrucktes Recht gabe. Er hatte in seinem "Jahrhundert", dem er die scharfsten Dialektiker gewann und aus Staatsfonds theuer bezahlte, oft genug schon gegen die Juristen polemisiren lassen, als diese kalten, aalglatten Zwischenwesen, die nicht Fisch nicht Schlange waren und doch auf dem Lande und im Wasser zugleich leben konnten. Fiat justitia, pereat mundus, war ihm die Devise einer Welt, die fur jedes Verbrechen einen Entschuldigungsgrund und wenn auch nur aus der Sentimentalitat herzuleiten wisse, und von den Juristen stand ihm die Gesinnungslosigkeit vollends so fest, dass er bei jedem Morde, bei jeder Cause celebre, die zur offentlichen Debatte kam, wettete, die Advokaten wurden doch wieder Alles thun, um dem einfachsten nachsten sittlichen Gefuhle mit Hundert Truggrunden sein Suhnopfer zu entreissen. Er war deshalb sonderbarerweise ein Freund der Geschwornengerichte, selbst wenn sie politische Verbrecher freisprachen. Er sagte sich wohl, dass es schlimm in den Gemuthern aussehen musse, wenn man Feinde der offentlichen Ruhe straflos haben wolle, aber er hob doch die Wohlthat hervor, wenn sich die Gesellschaft das Recht erhielte, selbst zu bestimmen, was ihr Recht schiene. Er bewies, dass die Abschaffung der Todesstrafe immer nur von Grublern, nie von diesem Volksgefuhle der Selbsterhaltung und des Rechtes als Nothwehr gegen Verbrecher ware beantragt worden. Diese Entscheidung des Obertribunals, grade in ihrer Unabhangigkeit von den Personlichkeiten der Gewinner so bewundert, schien ihm im Gegentheil das verderblichste Zeichen einer Zeit, die selbst nicht wisse, was sie wolle und in der Vergotterung von Abstraktionen an den faktischen Bestanden zu Grunde gehen musse. Bitter genug war auch die Art, wie er den Vorfall an die von ihm und der Hofpolitik in's Leben gerufene Volksvertretung brachte und die Ermachtigung verlangte, der Residenz die Anfertigung von einer Million Stadtkammereischeinen zu gestatten.

Die Freude, die alle Welt theilte, dass zwei halbblinde Augen zwei kleine Punkte in einer alten Urkunde entdeckt haben konnten, kannte der Furst nicht. Er war eines Abends empfindlich genug, sein Erstaunen auszudrucken, als er Propst Gelbsattel in den kleinen Cirkeln des Hofes eingeladen fand und er von diesem die Auseinandersetzung horen konnte, um derentwillen er grade auf Veranlassung des Generals Voland citirt worden war. Man hatte in Erfahrung gebracht, dass die alte Excellenz grade an dem Tage des Urtheilsspruches seit Jahren zum ersten Male wieder die Loge besucht hatte. Die junge Excellenz, die gleichfalls anwesend war, (man gab im Hoftheater ein klassisches Stuck) wusste den Tag anzugeben, wo Papa vor zehn Jahren zum letzten Male in die Loge fuhr. Das Ereigniss schien so mystisch, dass man den Vorschlag des Generals annahm und den seit Jahren fallengelassenen Propst zum Thee befahl. Man denke sich Gelbsattel's Entzucken! Hatte man ihn gradezu um eine Enthullung angegangen, er wurde das ganze Handwerkszeug seiner Tempelbauten an den Stufen des Thrones oder auf die Prasentirteller des etwas sparlich dargereichten murben Gebackes niedergelegt haben. So aber sprach er, da man grade wie immer nur ein leises Luften des Isisschleiers wunschte, etwa nur andeutend Folgendes:

Dieser Rechtsfall hat den wurdigen Mann wie um zwanzig Jahre verjungt. Ich will nicht die Gewissenhaftigkeit des Obertribunals antasten, aber ein so genaues Studium des vorliegenden Falles war nur moglich, wo die Lieblingsideen des Prasidenten mit ihm in Beruhrung kamen. Er hat die Geschichte der Maurerei bis in die kleinsten Details erforscht und leitet sie von den altesten Tagen her. Es ist ihm die Geschichte der Geheimbunde derselbe Strom, der bald offen bald versteckt unter Felsen, bald gar durch Felsen selber hindurch Allen unsichtbar dahinflosse. Wie Seen auf Meilenweite mit den Wasserfallen eines grossen Gebirgskammes zusammenhingen, so ware auch die Maurerei derselbe Gedanke, der schon den Geheimbunden Indiens, Egyptens, Grossgriechenlands zum Grunde gelegen hatte. Die Menschen hatten sich immer aus den herrschenden Thatsachen und deren Zwangsverbande in einen freien unsichtbaren Verband hoherer Wahrheiten gefluchtet. Wie die Naturreligion ihn auf die Thierwelt fuhrte, ist bekannt. Er sieht in den Thieren, die am Basler, Freiburger, Strasburger Munster in der Architektur angebracht sind, Symbole der Maurer und Architekten, die uber ihrer Zeit gestanden hatten, wie gleichsam alle Kunstler, ja besonders die Dichter und Schauspieler gewissermassen ein Arbeiten vor und eines ja auch hinter den Coulissen hatten ...

Man blickte lachelnd auf den geschmeichelten Sohn des Vaters, der fur Tempelheide nicht existirte, und sich, weil es der alte Herr wunschte, nur jahrlich einmal, namlich an dessen Geburtstage dort sehen liess ...

Gelbsattel fuhr nach diesem theatralischen Seitenblicke fort:

Man hat in Bohmen Tempelherrnburgen und Tempelherrnkirchen gefunden, bei denen eine fast egyptische Thiersymbolik als Verzierung angebracht war. Im Prozess gegen Jakob Molay wurden als Beweismittel seiner Ketzerei Spuren von Thierverehrung der Templer gebraucht und unwiderleglich ist die Geschichte von dem Idol, einem Kopfe, den man im Tempel zu Paris fand, einem Amuleth ohne Zweifel, das man Bafomet nannte, Mahomet's Name in syrischer Aussprache. Die Templer brachten orientalische Verwilderung mit und wurden sogar beschuldigt, der Lehre von der Seelenwanderung zu huldigen. Der Prasident laugnet diesen Gotzendienst und vertheidigt die Templer nur als Anhanger der Lehre von der Duldung, die durch diese Orientalismen bewiesen ware. Nach ihm fluchteten sich die Templer nach England und erwachten im Jahrhundert der Toleranz zum offentlichen Leben als Freimaurer. Die Templer wurden in Deutschland Johanniter. Den Tempelstein bei Buchau, den Herr von Dystra wunderbar schon ausbauen lassen soll ...

Man bestatigte dies Urtheil und hatte seine Freude an der Nachbarschaft einer neuerstehenden Burgruine ...

Den Tempelstein warfen vielleicht die Bannbullen des Papstes nieder; doch in's Innere Deutschlands zogen die Erben der Templer. Uber Angerode machte der Prasident seit Jahren Forschungen. Als die Gebruder Wildungen in erster Instanz verloren hatten und die dunkle Kunde des wieder aufgenommenen Prozesses an den Prasidenten kam, soll er gesagt haben: Der Staat hat nicht Recht, die Kommune hat nicht Recht, schafft die Cessionsurkunden des Komthurs Hugo von Wildungen und seiner Erben, diese konnen den Ausschlag geben! Und grade beide hatten sich gefunden. Dennoch trug die eine Cessionsurkunde in keiner Instanz den Sieg davon, da die Interpretation des scharfsinnigen Herrn Justizraths Schlurck ...

Furst Egon von Hohenberg ertrug ruhig, aber finsterblickend die flusternde Wirkung dieser Namensnennung ...

Es zu beweisen schien, dass Hugo von Wildungen entweder fur sich die ihm gemachte Quote der Theilung antreten wollte oder fur seine "nachsten Ritter" propinqui equites entsagte, worunter man auch seine Verwandten hatte verstehen konnen, wenn sich Verwandte des Komthurs unter den Rittern gefunden hatten. Dankmar Wildungen, ein Abentheurer wie er ist, reiste in Folge dieser Interpretation nach Angerode, hoffte dort die Verzeichnisse der Ordensmitglieder vom Jahre 1550 zu finden, kehrte aber unverrichteter Sache zuruck. Er wagte nun die letzte Instanz. Wie gross war das allgemeine Erstaunen, als der Prasident sich dieses Prozesses mit Liebe annahm! Den Gedanken an die Beziehungen seiner Familie, besonders der herrlichen Anna von Harder zu den Wildungen, muss man ganz fallen lassen, ihn trieb zum Studium dieser Sache nur seine Schwarmerei fur die Geschichte der geheimen Toleranzbunde ...

Und ist es wahr, sagte die Konigin, die von der Toleranz nichts wissen wollte, ist es wahr, dass zwei Interpunktionszeichen den Ausschlag gegeben haben?

Allerdings, Majestat! erklarte Propst Gelbsattel und fiel dem General Voland in's Wort, dem der Propst in seiner offenbar etwas ausgeplauderten spateren Maurerrede des Prasidenten fast schon zu lange sprach. Allerdings! Die Stelle in der Originalurkunde, datirt aus Venedig, lautet: Ich bekenne, dass ich die mir bestimmte Theilung in Besitz nehmen werde, adhuc vivus, so lange ich lebe, oder wenn ich fruher sterben sollte, bewillige ich sie, cedo propinquis equitibus, wie man bisher ubersetzte, den nachsten Rittern, d.h. den mir an Range Nachsten, also dem Orden wieder selbst, das heisst, den Erben von Angerode, Staat oder Stadt. So Justizrath Schlurck. Dankmar Wildungen aber sagte: die Stelle hiesse: meinen anverwandten Rittern! Er forschte in allen moglichen Annalen, ob die Wildungen verwandte Ritter im Kapitel gehabt hatten, wurde aber auch selbst, wenn er deren gefunden hatte, nicht durchgedrungen sein, da doch immer wieder dann die Ordenseigenschaft uber die Berechtigung zur Beerbung entschieden hatte. Auf eine andere Erklarung konnte Dankmar Wildungen nicht kommen, da er die Abschrift, die er von der Urkunde nahm, zu fluchtig gefertigt hatte und sie fur gleichlautend mit der Urschrift hielt. Der Prasident erst entdeckte in dem achten Original zwei Punkte vor und nach equitibus und erlautert: Ich cedire meinen Verwandten, Rittern, d.h. Adligen, die das Recht der Ritterguts- und Dominialerbschaft haben und demnach vollkommen berechtigt waren, in meine Rechte einzutreten, diese Theilungsquote. Er wies aus gleichzeitigen Quellen nach, dass der Ausdruck equites fur nobiles ofter vorkame, wenn unter ihm adlige Patrizier der Stadte und Grundbesitzer des flachen Landes zusammengefasst wurden, und an Beweisen, dass die Agnaten der Wildungen grade in den Stadten Thuringens als Patrizier wohnten, fehlte es nicht. Eben durch ihre Wohnsitze in Burgerkommunen verlor sich mit der Zeit ihr Adel. Die Entscheidung ist nun vollig klar, hangt mit dem Sinne der ganzen Urkunde zusammen und es fehlt jetzt nur noch das baare Geld, wofur die Stadt und ihr Credit, Se. Durchlaucht Furst Hohenberg und ein guter Kupferstecher zu sorgen haben.

Man fuhlte sich ausserordentlich angeregt und befriedigt von diesem Vortrage, der offenbar aus der Loge kam. General Voland hatte eine Menge von ahnlichen Entscheidungen zur Hand, zeichnete Wappen und liess die Herrschaften rathen, was die Rebus derselben zu bedeuten hatten. Es wahrte lange, bis der Premierminister mit der Bemerkung hervortreten konnte:

Ich will wunschen, dass die Ritter vom Geiste eine so harmlose Fortsetzung der Freimaurerei sind, wie der wurdige Chef unserer Justiz diese aus dem Kopfe des Muhamed und der Toleranz gegen die Thiere herleitet. Ein Zusammenhang mit den Jesuiten ware schon bedenklicher. Man muss die Untersuchung abwarten, die leider umstandlicher ausfallen wird, als mir im Interesse dieser Gebruder Wildungen lieb sein kann, die zwei reichbegabte, an sich sehr edle und sonst des vollsten Genusses ihres Gluckes wurdige junge Manner sind.

Es lag eine solche dustre Wahrheit in diesen kraftig betonten Worten, deren Beziehung man wohl verstand, dass das Thema verlassen wurde und Propst Gelbsattel Zeit fand, sich zu seinen Antworten uber die innere Mission zu sammeln, uber die er angelegentlichst befragt wurde. Fruher entschiedenster Gegner derselben hatte er sich vielleicht erst unterwegs in der Kutsche, die ihn zu Hofe fuhr, eine Brucke gebaut, um nun als ihr Verehrer aufzutreten und mit General Voland und andern Elementen der kleinen Cirkel jene Dialoge aufzufuhren, in welchen man die Wahrheiten und Irrthumer der Zeit von allen Seiten beleuchtete, ohne die Kraft zu besitzen, davon irgend etwas Anderes im Leben auszufuhren, als was eben der rastlose Drang des Adels-, Beamten- und Militairegoismus als einzige politische Richtschnur vorschrieb ...

Furst Egon aber konnte nicht anders erwarten, als dass die Stande ihre Zustimmung zur Emission von einer Million Stadtkammereischeinen geben wurden. Die Bedingung wurde nur gestellt, dass die Stadt nun das ihr verbleibende alterthumliche Erbe auch einer neuen Verwerthung unterwurfe und die offentliche Kontrole gestattete. Die Hauser in der Brandgasse sollten niedergerissen, neugebaut, neuorganisirt werden. Man wollte, dass nun auch alle alten Herbergen provisorischer Zustande geluftet, die Spelunken lichtscheuer Bettlerexistenzen gereinigt wurden. Dabei traf sich der eigne Fall, dass gerade ein Mann, der statt Bartusch's, des Blutsaugers, des bosen Drangers und Qualers der Brandgasse, ein Wohlthater, Rettungsengel und milder Richter dieser Hohlen geworden war, nun in die Lage kam, an der materiellen Befriedigung der beiden Manner, die sich als die eigentlichen Herren der Brandgasse jetzt ergeben hatten, an dem Abkaufe dieser Erbschaft betheiligt zu werden.

Es war zuerst im November des vorigen Jahres gewesen, als sich die verdachtigen Wolken, die die Erscheinung Murray's begleitet hatten, allmalig verzogen. Ein reicher, angesehener Fremder, dem die heimischen Bekanntschaften den Glanz seines Namens mehrten, erbot sich in demselben Augenblicke zu einer ansehnlichen Kaution fur ihn, als er durch die Zeugnisse Louis Armand's fast gezwungen war, einzugestehen, dass er im Forsthause bei Plessen nur von einem in Amerika verstorbenen Bruder des Schmieds Jakob Zeck und seiner Schwester Ursula Auftrage zu uberbringen hatte und bei dieser Gelegenheit in die Lage kam, einen tuckischen, morderischen Schlag, den der Blinde auf seine Schwester ausfuhren wollte, durch jedes nachste ihm zu Gebote stehende Mittel zu hintertreiben. Diese Aussagen blieben unwiderlegt, da Louis Armand damals noch in dem Ansehen stand, ein Jugendfreund des Ministers zu sein. Die Auftrage, die Pax spater von Charlotte Ludmer fur seine Hohenberger Reise bekommen hatte, waren nicht auf eine Gewaltthat gerichtet. Vermuthete sie Friedrich Zeck in jenem Englander, der sich ihrer Nichte so eifrig angenommen hatte, so konnte ihr nur an dessen Beobachtung, gerauschloser, vielleicht durch Geld oder durch stille Gewalt vermittelter Entfernung, nicht aber an einer Verhaftung liegen, die zuletzt Gestandnisse zu Tage gefordert hatte verletzendster Art fur lebende, in sorglose Sicherheit eingewiegte Personen. Deshalb hatte sie von Fritz Hackert nur unter der Hand erfahren wollen, ob nicht dieser Murray ein Gauner und an diesen und jenen Merkmalen erkennbar ware. Besorgniss genug erweckte ihr Hackert's Schweigen, noch grossere die Freigebung des Gefangenen auf ein bedeutendes Losegeld. Endlich aber erhielt sie die Nachricht von Hackert, dass jener Fremde ein wirklich harmloser Emissar amerikanischer religioser Vereine ware, der am liebsten auf Kirchhofen weile und sich mit dem Schicksale der Armen beschaftige. Gern hatte sie ihn selbst gesprochen, gern von ihm gehort, wann, wo, unter welchen Umstanden jener Friedrich Zeck gestorben ware, auf dessen Veranlassung er die schlimme Begegnung im Plessener Forst hatte, allein der gern und ofters bei ihr gesehene Hackert brachte ihr darauf hin eine wunderlich zustimmende Antwort des Sonderlings, der sie entnehmen konnte, dass hier in der That einer jener Bussprediger vorhanden war, der diese Gelegenheit benutzen wollte, nun auch ihr recht in's Gewissen zu reden. Auf die Gefahr hin, dass ihr dieser Mann von einer jenseitigen Welt sprechen konnte, schlummerte ihre Absicht, Murray kennen zu lernen, und ihre Furcht ein. Sie mochte solche "Quaker" nicht sehen.

Friedrich Zeck hatte nie die Absicht gehabt, sich etwa an Pauline von Harder und Charlotte Ludmer zu rachen. Es war eine wirkliche Frommigkeit, die ihn erleuchtete. Es lag ihm im Leben nur noch an dem Loose des Knaben, den aufzusuchen ihn dasselbe Pflichtgefuhl trieb, das die frommelnde Furstin Amanda einst ihr Testament hatte niederschreiben lassen. Wie er Hackerten finden musste, erfullte ihn freilich mit Schmerz genug. Er fand doch zuletzt einen verwilderten, trotzigen, aller Innerlichkeit baaren Sinnenmenschen, mit dem er sich, um sein besseres Gefuhl zu wecken, wohl hutete, zu verfahren wie mit Auguste Ludmer. Die gewaltsame Unterwerfung unter seinen eignen edlen Geist hatte er wohl ausgefuhrt, er hatte nur seine Geschichte, die Namennennung der Mutter Hackert's anwenden durfen, um den Hochmuthigen ganz in der Gewalt zu haben, aber er lehnte diese Gewalt ab, er furchtete, etwas Kunstliches in seine Entwickelung hineinzutragen. Er wollte seinen Sohn gewahren lassen und ihm selbst nur als eine Anlehnung seines eignen Wachsthums dienen. Die Erfolge dieser Erziehung waren im Beginn wenig ermuthigend. Er entsetzte sich genug, wie verworren, ja grundverdorben diese Seele war. Vor dem tiefeingewurzelten Pessimismus derselben schauderte ihn. Alles ware schlecht, Jeder sahe nur auf seinen Vortheil, Alles loge und die Tugend ware Maske, die nur die Dummen blendete! So lauteten seine stehenden Satze, die er selbst mit der Nachwirkung der Gefuhle verband, die ihm die Freude geweckt hatte, seinen rathselhaft verborgenen und sich ihm noch nicht ganz enthullenden Vater damals auf dem Kirchhofe zu finden. Seine Menschenverachtung ging soweit, dass er selbst am Vater zu bohren, an dem zu wuhlen, zu untergraben anfing und ihm gleichsam Fallen stellte, um die Schadenfreude zu geniessen, auch ihn straucheln zu sehen, auch ihn auf Prahlerei und Eitelkeit zu ertappen. Er konnte nicht begreifen, warum Murray in der Brandgasse wohnen blieb und die drei Zimmer der Louise Eisold behielt. Er vermittelte manche Bestellung, die vom Vater fur Kupferstecherarbeiten wieder ubernommen wurde; aber wenn er sie nur langsam ausfuhrte, wenn er horen musste, dass den Vater dieser oder jener Vorfall in den Familienhausern, bald auf Nr. 30, bald auf Nr. 50 in Anspruch genommen hatte, so konnte er das schadenfroheste Gelachter aufschlagen und alle Bemuhungen, dieser Bande, wie er sie nannte, nutzlich zu sein, als rein verlorene Muhe verspotten. Diesem Vieh, sagte er, ist sein Schmuz so behaglich wie dem Reichen seine Eiderdaunen. Kein Champagner gibt dem Schlemmer die Wollust, wie Diesen hier der erwarmende, scharf alle Nerven ergreifende und die Sinne in eine exaltirte Spannung versetzende Branntewein! Seht nur dies wonnige Uberbeissen der Lippen, wenn diese Manner und Weiber aus ihrer Flasche getrunken haben! Seht dies Schmunzeln des Mundes und Runzeln der Augenbrauen, als wenn der Genuss brenne und Ubelbehagen erwecke, aber es ist nur die Maske der sussesten Empfindung, die sie hebt und alle Phrasen von Entsagung und wahrem Menschengluck verlachen macht. Hort nur die zartlichen Namen, mit denen die Flasche benannt wird, wie erwarmt sie von Tasche zu Tasche im Kreise umherwandert, wie treu sie mit auf die Arbeit, mit auf den Spaziergang genommen wird und wie sie immer die Lebensgeister wach erhalt, wie sie zu hoffen, zu hassen, zu lieben lehrt. Ha! So ein Fluch, aus ganzer Seele losgelassen uber die Welt und Alles, was in ihr lebt und krabbelt, kann aus keinem Dichtermunde bei aller Begeisterung kraftiger kommen wie aus dem mit Spiritus stimulirten Zustand dieser Menschen, die zuletzt, wenn die Spannkraft der Nerven nicht mehr aushalt, erst Morgens in ein Zittern verfallen, dann Mittags uber Magendrucken wimmern und zuletzt Abends uberall Mause, Ratten sehen, Wanzen, Flohe, Ungeziefer und dabei heulen und schreien: Es will mich was fressen, Hulfe! Hulfe! Ha, Papa, das ist dann der Sauferwahnsinn und die Geschichte ist aus. Die Kerle kommen in's Tollhaus; aber lustig, die Jungen machen's doch den Alten immer wieder nach! Man musste die Nester alle ausnehmen, wenn die Brut noch halb in den Eiern sitzt, musste ihnen allen den Kopf eindrucken oder sie in eine Anstalt zusammenthun, wo sie dann freilich wieder andere Laster lernen, die auch zu keinem seligen Ende fuhren. Vater, es gibt fur diese Canaille der Wonnen, die dabei auch nichts kosten, gar zu viel!

Das war dann freilich eine Schilderung, grauenhaft genug und leider nur zu wahr! Aber der Vater hatte den wenig ausreichenden Trost, dass solche und ahnliche Ausserungen seines Sohnes noch mehr aus dessen immer mehr zunehmender Hinfalligkeit herruhrten. Die Mondsucht hatte ihn nicht verlassen. Jede Anfrage bei erprobten Arzten fuhrte auf das Ergebniss, man musse die Jahre abwarten und sich mit aussern Schadenverhutungen begnugen. Hackert blieb, da der Vater sein Inkognito nicht aufgab, in seiner Wohnung bei Zipfels. Friedrich Zeck wunschte nicht, dass sie zusammenzogen. Er furchtete, dass dann Einer vom Andern beherrscht wurde und die Alltaglichkeit bald den Reiz verdrange, den es doch fur den Sohn hatte, einen Ort zu wissen, wo er sich in reineren Lebensfluthen manchmal baden konnte, fuhrte ihn auch der Weg an Schmuz und Schlamm voruber. Der Ekel, mit dem Hackert regelmassig bei Zeck eintrat, that diesem wohl und immer hoffte er, es wurde sich endlich in ihm der Entschluss zu einer That regen, zu irgend einem Aufschwunge, zu irgend einem ihn erhebenden Berufe. Sein Verhaltniss zu Pax hatte Hackert keineswegs aufgegeben. Er gefiel sich zu sehr in den Zerstreuungen, die der Wandel eines solchen geheimen Agenten mit sich brachte. Da durfte er in aller Leute Karten sehen, uber Stutzer lachen, die auf den Promenaden stolzirten und das ihnen gleichsam von der Polizei umgehangte Halsband unter der seidnen Cravatte verbargen, er durfte alle Spelunken des Elends, der Gaunerei, des zugellosen Vergnugens besuchen. Er war seit Jahren an diese Orte wie gebannt. Fruher zog ihn da der Trieb der Theilnahme an den Ausschweifungen hinein, jetzt brauchte er sie nur in hoherm Auftrage zu besuchen, aber magnetisch zogen sie ihn. Wenn er eine dumpfe Trommel in der Ferne horte, das Schmettern einer Trompete, wenn die Geigen so weinerlich lockend strichen, behauptete er, nicht widerstehen zu konnen. Wenn die eigne Kraft zur Sunde aufhort, regt sich der Trieb, Andere zu verfuhren. Alte Buhlerinnen kuppeln, ehemalige Verbrecher geben an. Von allen diesen Erfahrungen wiederholte sich etwas an Hackert, nur dass er durch einen gewissen, man mochte ihn philosophischen Standpunkt nennen, bewahrt blieb, dabei in das vollig Gewohnliche und Gemeine zu verfallen. Wenn er acht Tage in der Brandgasse beim Vater nicht gewesen war, fing diesen an zu bangen; er wusste, dass Fritz dann auf schlimme Ruckfalle gekommen war, irgend einer Verlockung folgte, kein gutes Gewissen hatte; aber das bessere Gewissen uberhaupt bei Hackert anzunehmen war schon ein Gewinn und immer hatte Zeck die Genugthuung, dass er endlich doch kam, matt und mude zwar, angeekelt von sich selbst, mismuthig, verstimmt und meist Geschichten mitbringend, die Murray zur Anknupfung seiner Lieblingsbeschaftigung benutzte, den Werken der innern Mission, wie sie von ihm in ganz anderm Sinne als von den Modevereinen verstanden wurde; aber er kam doch, ruhte sich beim Vater doch aus, seufzte doch und wunschte sich nicht selten den Tod.

Otto von Dystra hatte vor seinen Reisen nach dem Tempelstein Sorge getragen, seinen alten Schutzling mit Personlichkeiten und Institutionen bekannt zu machen, die ihm nach zwei Seiten hin nutzlich sein konnten, sowohl seine alte Kunstubung wieder aufzunehmen, wie die ihm eigne Bekehrungsmethode unter den sittlich Verwahrlosten ungestort zu betreiben. Im Besitz eines ausreichenden Vermogens arbeitete Murray nach Neigung. Da er nur die schwierigeren Auftrage annahm und sie mit grosser kunstlerischer Vollendung ausfuhrte, liess er sich in seinen Leistungen Zeit. Die Mussestunden, die er sich reichlich gonnte, verwandte er darauf, von den Vereinen, deren Mitglied er geworden war, Auftrage anzunehmen. Anfangs fugte er sich der Methode, die hier allgemein in diesem Fache der Seelsorge schon galt. Er brachte Notizen, empfahl die Hilfsbedurftigen, zeigte bald den Behorden, bald den Vereinen auffallende Misstande an, aber bald sah er, dass das Alles nur wie ein Tropfen auf einen heissen Stein war. Man gab und die Wirkung zischte auf und liess nichts als ein wenig Rauch von Dank zuruck. In den statistischen Tabellen der Vereine, ihren Programmen und Berichterstattungen nahmen sich diese Thatsachen freilich Wunder wie grossartig aus. Da hiess es: Achtzig armen Wochnerinnen Leinenzeug gegeben, dreihundert Kranke gepflegt, dreissig begraben und so und so und so vielen Waisen oder Witwen diese oder jene vorubergehende Wohlthat erwiesen! Murray sah bald ein, dass diese Methode auch zu dem scheusslichen Lugennetze der Zeit gehorte. Nur zu wahr traf in den meisten Fallen die Spottrede seines Sohnes ein, der diesen Theil der Menschheit in solcher auf die Symptome kurirenden Art fur unverbesserlich erklarte. Gern hatte er die Macht des Christenthums zu Hulfe gerufen, aber zu seinem tiefsten Leidwesen erkannte er, dass in Europa das Christenthum eine viel unreinere gesellschaftliche Gestalt angenommen hat als jenseit des Meeres, wo sich nicht soviel kirchliche und politische Verwirrung und irdische nichtswurdige Entstellung in die reine Christuslehre gemischt hat. Wenn er den Armen und ergrimmten Nothleidenden mit Christus als dem Waizenkorn und dem wahren Brote des Lebens kam, so fand er selten einen guten Boden fur diese Aussaat und musste in hundert Fallen neunzigmal erleben, dass man ihm das Christenthum als eine durch die Weltlichkeit der Kirche, den Luxus der Geistlichen, die geheuchelte Frommigkeit der Grossen, der Armuth uber und uber verdachtig gewordene Institution darstellte und ihm mit einem Unglauben antwortete, der an die absolute Nichtslehre seines Sohnes fur ihn schaudernd genug erinnerte.

Eines Tages kam ihm ein Lichtstrahl bessrer Hoffnung. Er hatte, es war im Fruhjahr schon, bei einer Versammlung einen jungen Geistlichen reden horen, der als Prediger des Gefangnenhauses erst vor Kurzem eingetreten war. Er entsann sich des Namens Oleander sehr wohl. Er erinnerte ihn an Louis Armand, diesen liebenswurdigen jungen Freund, der vor einigen Monaten hatte aus einem Lande entfliehen mussen, das er mit so viel Hoffnungen betreten durfte. Friedrich Zeck war mit Louis Armand in Verbindung geblieben, hatte manchen Brief von ihm an Dystra, von Dystra wieder Einlagen an ihn bekommen; Zeck hatte Kunde von dem Bunde der Ritter vom Geiste und durfte vermuthen, dass auch Oleander zu ihm gehorte.

Man ruhmte die Standhaftigkeit, mit der Oleander auf der Festung Bielau einen jungen, wegen Meuterei erschossenen Soldaten zum Tode begleitete. Seine Predigten fanden den allgemeinsten Beifall und segensreich sollte sich auch sein Wirken in den Zellen des Gefangnenhauses erweisen. Briefe, die Friedrich Zeck von Armand fur Oleander erhielt, brachten ihn diesem jungen Geistlichen naher. Er sah ihn ofter, verstand sich mit seinen Meinungen uber die Zeit und uber die Menschen und zweifelte nicht, dass auch er zu dem vielbesprochenen Geheimbunde gehorte; denn er ruhmte von sich, dass er durch Siegbert Wildungen und Louis Armand eine grosse Umwalzung seines Innern erfahren. Doch ruckte das eigentliche Geheimniss des Bundes Zeck selber nicht naher, er wunschte es auch nicht. Zeck sah zu sehr seine Unwurdigkeit und trug diese Erkenntniss voll Demuth. Er war in demselben Falle wie Dystra. Beide wurden von dem Bunde benutzt, ohne dass sie in ihm lebten.

Wie erstaunte Friedrich Zeck im Laufe des Sommers, als nach langerm Zusammenwirken auf dem Gebiete der innern Mission Oleander eines Tages ihm doch ein sonderbares Zeichen machte, das er nicht verstand! Oleander hatte den Kupferstecher anfangs fur einen respektablen Mann angesehen, von dem er nicht voraussetzen konnte, dass er mit dem Geheimniss, in das ihn Siegbert brieflich eingeweiht hatte, bekannt war. Spater, als er sich bedeutender und charakterfester entwickelte, hatte er prufend auf ihn geblickt, endlich im Laufe des Sommers gewagt, ihn mit dem Bundeszeichen zu begrussen. Als Murray den Gruss nicht erwiderte, sagte Oleander:

Sie dienen den Rittern vom Geiste und gehoren nicht zu ihnen?

Murray bestatigte diese Vermuthung und lehnte genauere Eroffnung ab ...

Oleander aber sagte:

Diese Ablehnung hilft Ihnen nichts, liebster Murray! Sie werden gewonnen, ohne dass Sie wollen. Noch muss ich nun selbst Anstand nehmen, mich zu offenbaren. Lassen Sie mir nur noch einige Wochen Zeit und ich will Ihnen dann sagen warum?

Aus den Wochen wurden Monate. Der Herbst war da, Ackermann hatte sich in der Residenz als Rodewald enthullt. Abschied nehmend von Oleander hatte Rodewald des Begeisterten soviel von Murray gesprochen, so sehr geruhmt, dass in ihm eine grosse sittliche That verkorpert ware, so sehr die Massigung gepriesen, mit der er noch jetzt eine ernste Aufgabe beherrsche und verwalte, dass Oleander sich seines Versprechens entsann und eines Abends, als er mit Friedrich Zeck durch die Laster- und Elendshohlen der Brandgasse sich mude gepilgert hatte und da, wo man fruher die Sendboten der Liebe die Treppe hinunterwarf, wenigstens die personliche Sicherheit des guten Nachbars im dritten Hofe antraf (der schon in die Lage gekommen war, beraubt zu werden und Die, die ihn hatten nachtlich uberfallen, in seiner Wohnung knebeln wollen, nicht angezeigt, sondern sie zu Freunden gewonnen hatte), zu Murray sagte:

Aber Sie, Mann des Friedens, wenn es wahr ist, dass Sie diese eisernen Stabe es war in Murray's Wohnung hier vor Verbrechern schutzen mussen, die Sie zu Ihren Freunden zu erheben vorziehen, statt in die Gefangnisse zu schicken, so muss ich auf mein Versprechen zuruckkommen, Sie mit dem Bunde der Ritter vom Geiste bekannt zu machen!

Warum thun Sie Das erst jetzt? fragte Friedrich Zeck.

Weil ich an der unverbesserlichen Eitelkeit der Studirten leide; sagte Oleander. Es ist ein Gesetz unsres Bundes, nur Die zu gewinnen, die uber uns stehen. Es hiess anfangs, die gesellschaftlich uber uns stehen, doch hat Dankmar Wildungen die Vorschrift verbessert und jede andre Superioritat, auch die der Sitte und der Bildung, des Geistes und des Herzens zugestanden. Ich darf also nur Menschen gewinnen fur den Bund, von denen ich mir sagen muss, dass sie irgendwie uber mir stehen. Und ich Eitler, ich war fast so eitel wie sonst Propst Gelbsattel. Ich sage: sonst! Denn seitdem dieser grosse Mann erfahren hat, Ritter vom Geiste konnte man nur durch einen Menschen werden, der unter uns stunde, bemuht er sich, die Demuth selbst zu sein. Er duckt sich gegen Jedermann, sieht uberall auf die Erde wie nach einem verlornen Groschen, mochte Jeden ermuntern, sich ihm zu nahern. Aber er macht, sagte neulich der Doktor Drommeldey in Tempelheide, er macht die sonderbare Entdeckung, dass er nicht nothig hatte, zu den unter ihm Stehenden herabzusteigen. Niemand denkt daran, ihn fur einen Grosseren zu halten, als sich ...

Friedrich Zeck war in der Prufung des Satzes, man musse immer von den unter uns sich Fuhlenden geworben werden, noch so verloren, dass er kaum daran dachte, die ihm von Oleander angethane Ehre abzulehnen. Oleander aber theilte ihm Geschichte und Bestand des Bundes mit, gab ihm die Erkennungszeichen, deutete ihm die Symbolik und wollte ihm schon das Gelobniss abnehmen, den naher bezeichneten geheimen Pflichten des Bundes sich zu unterwerfen.

Staunend hatte Friedrich Zeck zugehort. Erst jetzt fiel ihm ein, er, ein Falschmunzer, ein entsprungener Verbrecher sollte sich in diesen Bund der edelsten Menschen stehlen? Unruhig sprang er auf und lehnte seine Betheiligung ab, indem er im Ubrigen die heiligste Verschwiegenheit uber das bereits Vernommene gelobte.

Billigen Sie die Idee nicht? fragte Oleander.

Ich bin ihrer nicht wurdig, meine Kraft ist zu schwach. Lassen Sie! sagte Zeck.

Ihre Kraft zu schwach? erwiderte der junge Geistliche. Fuhlen Sie denn nicht, dass im Grunde erst durch diese Schopfung Das, was man innere Mission nennt, ein Ziel und einen Zusammenhang erhalt? Wenn irgend etwas zur Glorie des Christenthums gethan werden kann, so bin ich gewiss keiner der Letzten, der freudig Hand an's Werk legt. Aber aus dem Geiste des Christenthums allein sind diese Thaten der Liebe nicht mehr zu fordern. Sie mussen, wie die Kreuzzuge einst, damit enden, dass wir das Grab und die Wiege des Heils in der ganzen Welt finden, nicht blos in dem unglaubig gewordenen Palastina. Die alten Templer waren zu der Erkenntniss gekommen, dass sich die Mission einer rein ausserlichen Fortpflanzung des Christenthums, die Mission der Heidenbekehrung, uberlebt hat. Man sprach nun von innerer Heidenbekehrung, von Ketzerverfolgung, von Urchristenthum, man stiftete Sekten, Brudergemeinden. Es waren falsche Wege zum rechten Ziel. Die Wahrheit ist die, dass eine vereinzelte Pflege des Unheils in der Welt nur wenig hilft. Das ganze Leben muss ergriffen werden von dem Geiste der Erneuerung und Wiedergeburt. Wir konnen die Schaden der Gesellschaft nur heilen, wenn wir neue Luftstromungen durch die verdumpfte Existenz der Zeitgenossen ziehen lassen. Licht der Sonne, Blau des Himmels, Frische der Luft, was gibt es bessere Hulfsmittel bei Heilung leiblicher Schaden? Und mit den geistigen beginnen die leiblichen. Ich habe sonst uber die Zeit getraumt. Ich bin ihr Walten geflohen. Ich habe verurtheilt, was mich aus meinem behaglichen Dammerleben aufschreckte. Aber durch die Lehre von einer Religion des freien Geistes ist mir ein Stern aufgegangen. Ich sehe schon Tausende sich die Hande reichen auf wenige grosse Wahrheiten des Einverstandnisses und der felsenfesten Uberzeugung. Man handelt nach diesen Wahrheiten, Jeder nach seiner Fahigkeit, seinem Berufe, seinem Triebe. Nehmen wir, mein Freund, das Gebiet der Armuth und des geistigen Elendes! Arbeiten wir nicht fur das Reich Gottes im Allgemeinen, nicht auf den unnutzlich gefuhrten Namen des Heilands, sondern fur das Reich des heiligen Geistes, der nach den Tagen der Apostel uns als letzte Enthullung der Offenbarung verheissen ist! Schaffen wir Menschen, freie, bewusste, die Erde zu lieben sich gedrangt fuhlende Menschen und machen wir die Erde dieser Liebe werth! O ich mochte mit Engelzungen reden, um der Menschheit zu sagen, was die wahren Unholde sind, die uns an hellem Tage auf Erden Nacht machen und diese Gebrechen der Gesellschaft, diese Armuth und dies Elend anwachsen lassen so ungebuhrlich, dass es keine Fabel mehr scheint, wenn man sagt, der Herrscher der Erde tragt eine dunkelgluhende Krone und sein Reich ist das des Feuers und des ewigen Todes.

Aus dieser Stunde ergab sich fur Friedrich Zeck eine erneute Ermuthigung, aber auch manche ernste Pflicht, mancher Schmerz. Sein Sohn, der die Betheiligung des Vaters an dem verfolgten Bunde wohl merkte, hatte dagegen das Bitterste zu sagen. Er war es gewesen, der der Zeuge der ersten Einsetzung desselben gewesen, er hatte dieses rasch erbluhte Wachsthum ja im Keime ersticken konnen! Der Vater, ohne das Geheimnissvolle an dem Bunde zu verrathen, erstaunte. Schmerzlich beruhrte ihn, wie Hackert auch auf diese Erfahrung seines Lebens hin nur mephistophelische Lichter fallen liess. Dennoch erbot er sich zu der scharfen und ihn ganz erfullenden Ironie, die wichtigste Korrespondenz des Bundes mit dem eignen Wappen der Polizei zu befordern. Hackert druckte auf die Briefe der Bundesglieder bald das Siegel Paxen's, bald das des Assessors Muller, bei dem er sich in gutem Kredit erhielt, bald das des Gerichtes selber. Glucklicher Weise waren die Briefcouverte, die man bei Dankmar hatte finden konnen, von diesem regelmassig vernichtet worden.

Friedrich Zeck sollte nicht aufhoren, in Verbindung mit den Schicksalen der Gebruder Wildungen zu bleiben. Ihm, dem von den Vornehmsten der Gesellschaft seines fur "fromm" erklarten Wirkens wegen beschutzten Kunstler, vertraute man den Stich der Kupferplatte, von welcher die Stadtkammereischeine abgezogen werden sollten. An derselben, vom Tageslichte hellbeschienenen, Dachern gegenuber gelegenen Fensterbrustung, wo einst Louise Eisold unter ihren Geschwistern genaht und gestickt hatte, atzte der Englander Murray in stadtischem Auftrag die Kupferplatte, die Fritz Hackert oft mit dem ihm eignen Humor der Schadenfreude betrachtete und sagte:

Vater, nun erkenn' ich erst meine Vorliebe fur Papiergeld! Die Pfaffen sagen, Gott hat die Welt aus Nichts erschaffen. Es war Das jener Jehovah, dem Das alle seine Juden noch jetzt nachthun. Bei Schlurck assen die Philosophen, die aus Sein, Werden, Nichts und Dessert-Tortenkrumen und Kaserinden die Welt schnitten! Hatt' er nur jetzt recht viel von Denen zu Freunden, die aus Nichts Papier und aus Papier Geld machen! Der Kredit kann zum Teufel noch mehr als das Denken. Eine Million! Das gibt Thalerscheine, Funfthalerscheine, Funfzig-, Hundertthalerscheine! Dann nimmt man die alte gelbe Blechbuchse aus der Spittelkirche und steckt die ganze Bescheerung da hinein. Die Nachmittagskollekte von Kupferpfennigen ist schwerer als die Bundeskasse der Ritter vom Geiste. Haha! Vater, wie konnen Sie sich nur von dem Hokuspokus foppen lassen! Es kann Ihnen noch scharf zu Leibe gehen, wenn der Tempelherr Dankmar Wildungen zu beichten anfangt. Dem stolzen, eingebildeten Zwickelbart gonn' ich's. Sie setzen ihm scharf zu. Assessor Muller bietet ihm eine Cigarre nach der andern an im Verhor, aber die alten Universitatsfreunde rauchen zusammen und wenn das Protokoll gemacht werden soll, steht nichts auf dem Bogen. Der Assessor sagt: Alter Junge, es hilft nichts, so wirst du lange im zweiten Hof Nr. 23 sitzen, was unser Staatsgefangniss, aber auch das festeste ist. Ein Mal warf ich dem Ritter hundert Thaler in's Gesicht, weil er mir kein Pferd anvertrauen wollte! Er wurgte lange an dem grossen Gedanken, dass ich sie gestohlen hatte. Dann, als er merkte, dass ich blos ein elender Kerl bin, hochstens vor Desperation fahig zu Allem, ging er in sich und wollte meinen innern Menschen ruhren, um meine Bettelpfennige oder Dukaten aus der Gewissens-Sparbuchse herauszuluchsen ... Ich war erst breiweich; denn, weiss der Henker, ich habe vor nichts so viel Furcht als vor dem Brummenmussen im Loch. Ich konnte das Hangen besser vertragen als das Sitzenmussen. Er wollte mir damals einen Gefallen thun und ich that ihm wieder einen, als er im Rathskeller mit allen Geistern der Weinkarte seinen Bund machte und Schmelzing schon Tendenz gerochen hatte. Nun sind wir quitt! Wenn Einer sich merkte, Papa, wo du die geheimen Kniffe bei der Platte anbringst, die Haken und Striche, die fur Falschmunzerei Fussangeln sind! Verdient so ein Schnauzbart, dass um ihn sich Einer zwanzig Jahren Zuchthaus aussetzt und so eine Platte ansehen muss wie eine Tigerkatze in der Menagerie, die ihr Fleisch vor sich liegen hat und nicht fressen darf, weil der Warter die Gabel drauf halt? Vater, wir sollten Geld machen! Aber Das hulfe uns nichts. Wenn wir's hatten, bliebst du hier doch auf 86 und verheirathet'st dich mit der Brandgasse und brachtest mit deinem wohlthatigen Siebschopfen mein Erbe durch. Nur gut, dass die Landkarte hier bald gesprengt wird! Pulver mussen sie dazu nehmen, wenn die Brandgasse in die Luft springen soll, tausend Centner Minenpulver! Das wird eine Bescheerung geben, wenn einmal die Dacher hier herunterfliegen und nichts ubrig bleibt als ein paar alte Hausschlussel von Frau Mullrich und die Nachttopfe von Madame Klapperfuss. Die unausgelosten Pfandzettel, die hier herumliegen, geben allein schon ein Feuerwerk fur nachsten Konigsgeburtstag. Wie lange dauert denn die Million, bis sie fertig ist?

Zeck war an seinem Sohne diese Ausbruche von Schadenfreude gewohnt. Sie mit Gewalt in ihm zu zerstoren, wagte er nicht; denn bei jedem Gedanken, das Recht des Vaters anzuwenden und seinen Sohn die Ubermacht eines reinen Herzens empfinden zu lassen, kam ihm die Erinnerung an die Folgen des Tages mit Auguste Ludmer. Er begnugte sich auch jetzt, lachelnd zu erwidern:

Wir werden gegen Ostern fertig sein ...

Auch mit dem Druck? fragte Hackert.

Grade mit dem Druck. Ich steche sechs Wochen an dieser Platte, dann zwolf an den grosseren, der Druck ist langsam, da er kontrolirt wird und fur jedes Blatt eine neue Nummer gesetzt werden muss ...

Mit Ausnahme der Zwanziger und Funfziger?

Die wieder ihre eigne Reihenfolge haben ... ich will wunschen, dass der Empfanger dann auf freien Fuss gestellt ist ...

Das konnte leicht fehlgehen. Aber Siegbert ist der alteste ... er hat die Vorhand ...

Als Fluchtling? Ich glaube nicht, dass man Jemanden, der in Untersuchung ist, eine Erbschaft auszahlt ...

Das musste Schlurck wissen ...

Hackert kam auf sein Steckenpferd, das Ruhmen und Preisen der Kenntnisse seines Pflegevaters ... Murray liess ihn reden. Er wusste, dass dem Menschen nichts forderlicher ist, als sich gegenstandlich zu machen. Er hatte den ganzen Entwickelungsgang seines Sohnes vor sich liegen, kannte auch seine Beziehung zur jetzigen Furstin Hohenberg und hoffte auf Krisen, wo sich im menschlichen Gemuthe Gut und Bose in Kampf setzt und Eins ausgeschieden werden muss. Dafur, dass das schlimme Element in Hackert nicht die ausschliessliche Oberherrschaft gewann, glaubte er gesichert zu sein und war' es nur die dazwischen tretende Anhanglichkeit des Sohnes an den Vater und die Spannung, in der er ihn uber seine Mutter erhielt, die einen Wall gegen das Bose abgaben. Um diesen Wall in Vertheidigungszustand zu erhalten, musste Zeck nur Sorge tragen, dass ihn der Sohn nicht zu sich herabzog. Denn darauf legte es Hackert an. Durch Spasse, Schilderungen, Vertraulichkeiten hoffte er, die sittliche Grenzwand zwischen sich und dem Vater nicht selten niederzureissen. Aber Zeck war in einem solchen Augenblicke wie taub oder er nahm die Bibel und las so lange laut in ihr, bis Hackert erst vor unaufhorlichem Lachen daruber zum Arger kam, dann mit dem Fusse stampfend vom Arger zur boshaften Parodie, zuletzt zum Schweigen und, wenn der Vater doch nicht aufhorte, in aller Stille sich von seinem Zimmer entfernte ... Diesen Geistern absoluter Verneinung imponirt bekanntlich Nichts so sehr als die Konsequenz.

In der That zog sich das Verfahren gegen Dankmar in die Lange. Entweder hatte man die Vorstellung eines grossen Gewinnes, wenn man sich seines unternehmenden, jetzt ohnehin gereizten Wagemuthes versicherte oder man besorgte vollends, dass die Bruder, wenn sie die von ihnen erworbenen Mittel zu freier Verwaltung erhielten, dem Gemeinwesen unberechenbare Gefahren bringen wurden. Die Weigerung Dankmar's, sich uber die von ihm gestiftete "Verschworung" auszulassen, seine absichtliche aber aufrichtige Erklarung, dass er die Mitglieder derselben nicht kenne, zogen die Verhore in die Lange. Man fand im taglichen Volksleben immer neue Thatsachen, denen man eine Verbindung mit der grossen Verschworung zurechnete. Der Furst von Hohenberg an sich war allen diesen Prozeduren fern. Er konnte weder gegen den Lauf der Gerechtigkeit etwas unternehmen, noch die geheimen Kanale aller der Parteien durchkreuzen, die neben ihm im Lande mitregierten. Am Hofe, beim Adel, in der Bureaukratie gab es ein Drangen zu gewissen Zielen hin, dem er sich vergebens wurde entgegengestemmt haben. Er behielt sich das Maass von Macht vor, das fur ihn in der Initiative der grossen Politik lag, aber im Kleinen fand er taglich, dass auch er den Geistern, denen zu Nutzen, wenn auch nicht zu Liebe, er geredet und gehandelt hatte, sich unterordnen musste. Er bedauerte, erzahlte man, Dankmar's Schicksal, tadelte seine Hartnackigkeit und fand es einstweilen ganz in der Ordnung, dass man die endlich auch vollendete und moglich gewordene Emission der Stadtkammereischeine nicht in des Gefangenen oder seines fluchtigen Bruders Hand gab, sondern sie in der scharfbewachten Kasse des Justizamtes, das Dankmar zu verhoren hatte, im Profosshause selbst noch bis auf Weiteres aufbewahrte.

Murray und Oleander sahen in den Briefen, die sie selbst empfingen oder zu befordern hatten, welchen Antheil der Bund an dem Schicksale seines Stifters nahm. Was sie von dem Generalpachter Rodewald, von Dystra an Klagen und Beileidsbezeugungen empfingen, waren Beweise personlichsten Antheils. Murray erfuhr von Rodewald im Laufe des Winters, dass ihm Furst Egon zum Dank fur die so umfassend angeordnete Wiederherstellung seines Kredits durch die unverhohlene Absicht lohne, sich aller seiner Guter zu entaussern! Seine Bemuhungen, die zehn Jahre lang allerdings an sich nicht gestort werden durften, sollten durch einen Verkauf zum Nutzen irgend eines Andern, wahrscheinlich des Bankiers von Reichmeyer, ein fur alle Mal abgeschnitten werden! ... Oleander'n schrieben Siegbert, Louis Armand, Leidenfrost unausgesetzt. Dankmar's versuchte Befreiung war eigentlich eine Bewahr der gegenseitigen Hulfe, die in den Satzungen der Ritter vom Geiste gefordert war. Gelbsattel, Voland, die Wunderglaubigen oder Wunderbedurftigen, die Sternenseher am Tage, die Eulen im Sonnenglanz warteten auf diese Befreiung des neuen Propheten wie einst die Juden auf die Wunder des Heilandes. Sie wollten Zeichen sehen, ehe sie glaubten. Aber man kam dem Wunder darum doch nicht entgegen, man mehrte die Zahl der Riegel und Schlosser, man wollte wol, wie einst Egon am Hofe uber Voland's Koketterie des Stillstandes mit der Bewegung bitterlachelnd sagte, man wollte wol "der Zauberkunste starkste Proben." Endlich, als Murray die Vollendung seiner Platten durch den gelungensten Druck gekront sah, als man in den Schranken der Gerichtskasse auf dem Profossamte sie niederlegte und er von seinem Sohne des Spottes genug uber den Magierstab eines Bosco, den er nun dem Gefangenen wunsche, horen musste, war ihm, als merkte er hier und da die Annaherung eines endlichen Versuches, Dankmar Wildungen die ihm so hartnackig vorenthaltene Freiheit wiederzugeben. Friedrich Zeck war erstaunt, eines Tages in seiner Wohnung einen unerwarteten Besuch zu finden. Es war im Monat Mai. Er glaubte zu traumen, als er auf derselben Galerie, auf die er sich, wie sonst, an dem glatten Stricke "hinaufleierte" von einem freundlichen Grusse bewillkommt wurde und Louise Eisold, seine fruhere junge Wirthin es war, die ihm ein herzliches Guten Tag! Guten Tag! entgegenrief. Der Diamant, den er ihr einst fur ein reines Glas Wasser geschenkt hatte, funkelte an ihrer Hand, aber blitzender noch leuchtete ihr Auge, als sie ihm wiederholt: Vater Murray! Vater Murray! Kennen Sie mich noch? zurief und er, als er endlich oben war und seine gleichgefasste Vermuthung bestatigt fand, obenein sich noch sturmisch umarmt fuhlte und von dem liebevollsten Kuss begrusst.

Neuntes Capitel

Knappen und Laienbruder

Louise Eisold kam von Buchau, wo ihre Geschwister vom Inspektor Mangold wie seine Kinder erzogen wurden, wahrend sie selbst versucht hatte, dem nahegelegenen Tempelstein und seinem Wiederaufbau, besonders aber der Bequemlichkeit des einstweilen in der Nahe angesiedelten Dystra, von Nutzen zu sein. Dem Bande der Ehe, das sie mit Mangold umschlingen sollte, hatte sie sich entwunden, aber sie war dem treuen Manne ein tagliches Wallfahrtsbild, zu dem er pilgern musste, wenn sein Tag der rechten Weihe nicht entbehren sollte. Das reizend gelegene Schloss Buchau war auf eine Stunde Weges von einem Flecken entfernt, wo Dystra ein Gasthaus schnell in eine anmuthige Villa hatte umwandeln lassen und sich an dem zauberhaft schnellen Aufsteigen seines grossen Tempelsteinbaues erfreute; ja er sagte oft, wenn er rastlos mit den Architekten und Werkmeistern gearbeitet hatte: Ich verstehe jetzt das Spruchwort, dass man seinen Tod verrathe, wenn man zu bauen anfange. Es wird mir ganz agyptisch rathselhaft zu Muthe und wenn ich meine Pyramiden aufsteigen und dann in einen Spiegel sehe, mocht' ich schworen, dass ich schon zur kompletten Mumie und Museumsmerkwurdigkeit zusammenschrumpfe, ehe ich noch Olga in diesen Tempel einfuhre.

Louise Eisold gab Zeck keine klare Auskunft uber den Grund ihrer Anwesenheit in der Residenz. Seit anderthalb Jahren war sie entfernt gewesen. Sie sprach von dem Grabe ihres Bruders, das sie besucht und wie von unsichtbaren Engelshanden mit den frischesten Blumen geschmuckt gefunden hatte. Sie sprach von einer Unsumme von Auftragen, die sie fur Mangold und Dystra auszufuhren hatte, von Einkaufen und Bestellungen aller Art. Sie erwahnte Tempelheide, wo sie schon bei den jungen Damen, auch der trauernden und weinenden Selma Rodewald, gewesen ware. So kam sie auf Dankmar Wildungen, auf Hakkert endlich und fragte Murray:

Sehen Sie Hackert noch? Besucht er Sie oft? Ist er wohl? Dient er noch dem abscheulichen Pax?

Friedrich Zeck kannte seines Sohnes Achtung vor diesem einzigen Madchen. Er hatte ihr gern gesagt, dass sie einen wiedergebornen, neuen Menschen in ihm finden wurde. Doch musst' er die Wahrheit ehren und erwidern:

Sein Bestes ist ein Schimmer von Dankbarkeit. Er spricht mit Warme von Ihnen.

Louise verfiel uber dies Wort in Nachdenken. Eine sichtliche Unruhe sogar suchte sie hinter Ruckblicken auf die Vergangenheit zu verbergen. Sie betrachtete die Wande dieser Wohnung, in der ihr so viel Leidvolles einst begegnet war! Wie sie sich selbst diesem alten, ihr so liebgewesenen armen Hausrathe gegenuber verandert hatte, sah sie an dem kleinen Spiegel, der auch noch von ihrer fruheren Zeit geblieben. Wie warf er ihr jetzt ein so braunes sonnenverbranntes Antlitz entgegen gegen das fruhere kreideweisse, stubenbleiche! Murray ruhmte ihr Aussehen und glaubte ihr den uberraschendsten Eindruck versprechen zu durfen, den sie auf Hackert machen wurde, der ihn oft besuche und die Anhanglichkeit an diese alten Wande behalten hatte.

Murray erzahlte, was Louisen von seinem Leben werthvoll sein konnte. Uber Franzchen Heunisch war sie unterrichteter als er. Ja er erkannte sehr bald, dass irgend etwas auf ihrer Brust lag. Sie sprach wol von dem Ausbau des Tempelsteines, von den Tausenden, die Dystra an dies Wunderwerk verschwende, von den Ruinen der Tempelabtei, den Schauern des Waldes um sie her, dem hohen tannenbewachsenen Bergrukken, uber den hinweg auf sich schlangelnden, nur dem Schleichhandel bekannten Wegen man in das Land des frankischen Nachbars gelange, sie sprach von ihrem religiosen Glauben, von ihrem Verharren bei den vielverfolgten freien Gemeinden, bekampfte hartnackig, was der christlichere Murray darauf entgegnen wollte, aber unter Allem, was sie sagte, lag etwas verborgen, was wie der Drang eines sich gern losenden Geheimnisses war.

Endlich brach sie auf. Sie wohne in der Vorstadt, sagte sie, in einer schlechten Ausspannung, dem Pelikan auf dem Wege nach Tempelheide ... ein ehemaliger Kutscher Namens Peters hielte den jetzt auf eigne Rechnung und wurde ihn vielleicht ganz kaufen ... sie musse doch Diesen und Jenen noch besuchen ...

Und Hackert? fragte Murray.

Geht er noch mit Pax, antwortete sie rasch, so sagen Sie ihm, dass ich ihn nur beklagen kann ... ich mag ihm dann nicht wieder begegnen.

Dem Madchen kostete dies entschiedene Wort so viel Kampf, dass Murray vor Bewegung, seinen von aller Welt gehassten und verachteten Sohn doch irgendwo freundlicher gehegt zu sehen, aufwallte, ihre Hand ergriff und sie bat, doch morgen wieder zu kommen ...

Wurden Sie Bedenken tragen, auch mit Hackert zu sein? fragte er in der Meinung, dass diesem Madchen vielleicht gelange, aus seinem Herzen die Tone zu locken, die ihm seit dem Tage, wo Karl Eisold begraben wurde, in seinem Sohne zu selten wiederkehrten.

Louise besann sich ... Plotzlich wie von einem Gedanken ergriffen, sagte sie:

Ich will ihn allein sehen. Morgen! Wollen Sie? Aber allein!

Murray erschreckend und doch uberrascht von diesem Vertrauen auf seinen Sohn versprach, die nothige Veranstaltung zu treffen ... Sie trennten sich nach genommener Abrede und am Nachmittag des folgenden Tages sassen Hackert und Louise Eisold an der Stelle, wo fruher jeden Abend eines ihrer Schwesterchen dem Urgrossvater den gelbweissen Zopf aufgelost hatte ... es war in diesem Zimmer stiller, als in dem nach der Galerie zu gelegenen. Kein Wandnachbar horchte, kein Gegenuber storte. Hackert, uberrascht von Louisen's Frische und weltkundiger Gewandtheit, hatte ihre Hand in der seinen. Nicht etwa, dass er sich beherrschte. Sie hatte genug zu wehren, seinem Ungestum auszuweichen und nur die Worte konnten ihn zahmen:

Sie wissen, ich bin Danebrand's Verlobte.

Danebrand! rief Hackert. Ich sah ihn ja gestern ...

Wie? sagte Louise befangen und entfarbte sich. Sie irren sich wol! fugte sie hinzu und stand auf, um sich in der Kuche etwas zu schaffen zu machen, denn um ganz die Erinnerung an die alte Zeit wachzurufen, hatte sie von Murray die Erlaubniss erbeten, einen so starken Kaffee zu sieden, wie ihn Hackert liebte ...

Ich sah Danebrand, bestatigte Hackert, diese Zurustung mit Behagen wahrnehmend, und wenn ich Schmelzing ware, wurd' ich ihn anzeigen ...

Sie irren sich! rief Louise aus der Kuche von der Stelle her, wo einst ihr Bruder Karl geschlafen hatte ...

Doch! Doch! Die hohe Schulter wird ihn verrathen, wenn er ausserhalb der Vorstadt sich sehen lasst. Die Willing'sche Fabrik wimmelt von Spionen. Er ist fur immer ausgewiesen. Sie huthen ihn wol im Pelikan? Was? Der Fuhrmann Peters hat ihn wol dort auf der Kegelbahn im Garten untergebracht, grade da, wo Dankmar Wildungen an den Johannisbeerhecken einst den Verlust seines Schreines erfuhr?

Warum nicht besser, entgegnete Louise mit Scharfe, am Heck der Fortuna, wo Danebrand einst mit der Schurstange lauerte? Peters' Frau, die die Fortuna des Herrn Hitzreuter regiert, wurde ihn vielleicht nicht sobald erkennen wie Ihr Spione!

Hackert schwieg. Die Erinnerung schmerzte ihn, schmerzte ihn noch tiefer, als Louise, ihren Vortheil wahrnehmend, fortfuhr:

Ich glaube, in den Stallen Lasally's war' er auch sicherer. Die Jockeys, die seinen Arm fuhlten, wurden ihn nicht verrathen, selbst Neumann und Jeannette nicht, die ja hoch auf bei den Bereitern leben sollen! Schamen Sie sich, Danebrand zu erkennen!

Wer verrath' ihn denn? brauste Hackert auf. Was will er hier? Ein Mensch, der seinen eignen Steckbrief auf den Schultern Jedem zu lesen gibt? Sie lieben die pittoresken Schweizergegenden, Louise! Dystra hat auch so etwas Hochland im Rucken. Was will denn Danebrand hier? Man versteht keinen Spass mit den Leuten, die hier nicht sein sollen und wiederkommen, wenn auch blos aus Neugier. Sie haben etwas vor?

Wer?

Sie und Danebrand!

Die Polizeikunste verstehen Sie perfekt. Hackert, schamen Sie sich!

Ihr Kaffee bleibt der beste, Louise, den ich seit Schlurck's getrunken habe ... Sie wissen doch von Schlurck's?

Ja, Hackert! sagte Louise, jetzt sanfter einlenkend. Melanie ist die Furstin Hohenberg.

Das ist sie! erwiderte Hackert bitter und spottisch.

Der Hof kommt diesen Sommer nach Buchau. Leicht moglich, dass wir dann auch den Besuch der schonen Durchlaucht haben ... Thut sie Ihnen nicht leid?

Eine Furstin mir leid? Mir? Ich grinse sie jedes Mal an, wenn ich sie sehe. Ha, ha! Muss sie nicht einen hinfalligen Mann unter'm Arm halten, wie wenn sie seine Krucke ware? Ich sah sie neulich in eine Kirche gehen. Ich hatte fromm werden konnen um so viel jammerliche Demuth bei Melanie!

Ich wunschte ihr, Gott nahme ihr bald die Last ab, die sie tragt, sagte Louise. Oder nein, besser ist's, dass Alle sehen, wie elend dieser scheusslichste aller Verrather hinsiecht, dies tuckische, herzlose Scheusal, dieser Egon von Hohenberg!

Oho!

Gibt es einen Elenderen als diesen Menschen, der aus der Luge seiner Jugend sich zum Volke fluchtete, das Volk in seiner Liebe, Treue und Hochherzigkeit achten lernte und es dann verrieth, dieser Judas, der noch einst eine Armensunderreue empfinden und an einem Strick enden wird!

Oho! Oho!

Warum so viel Ungluck des Landes? Diese Verfolgungen? Diese Einkerkerungen? Betrogen wurde das Volk, als es glaubte, sein Freund, sein Wohlthater ergriffe das Ruder und kampfte am Throne fur die Arbeiter ... ich kenne keine Strafe, die gross genug ware fur Den ... ja, dass er diese Melanie zur Frau bekam, das ist Strafe genug!

Oho! Louise!

Der Furst nahm auf, was Fritz Hackert wegwarf!

Der Teufel!

Hackert sprang auf, lief im Zimmer umher, nicht zornig, sondern gekitzelt, schadenfroh, lachend ... die Hande in die Beinkleider steckend ... er verbarg nicht, welche Lust ihn erfullte.

Louise fuhr fort:

Welche jammerliche kleine Rolle spielen Sie, Hakkert! Sie, der Sie Alle am Bandel haben, qualen, vernichten konnten! Schleichen sich gebuckt durch's Leben, krumm und feig, lachen, grinsen und begehen nur im Geheimen einmal einen schlechten Streich, wenn Sie vorher Einer mit Ruthen peitschte!

Hackert lachte fort und drohte nur:

Louise!

An Thieren rachten Sie sich, nie an Menschen!

Das lassen Sie nur! lenkte er jetzt ernster ein.

Ich begreife Sie nicht, Hackert! Wie ich von hier ging und in der Ferne von Ihnen horte, dass man Sie verurtheilte, elend und schlecht nannte, vertheidigte ich Sie immer und sagte: Lasst diesen Hackert gehen, beurtheilt ihn nicht vor der Zeit! Die Apfel wollen bis lange zur Reife, die Trauben hangen noch in den ersten Schnee hinein; aber wie verloren Sie sich, wie bin ich Lugen gestraft, wenn ich daran denke, was ich von Ihnen noch Alles verhiess und nun hore!

Einen Mord? Einen Diebstahl?

Das nicht, Das danken Sie Vater Murray, der einen Heiligen aus Ihnen machen will! Sie werden ein Heuchler werden! Besuchen Sie noch immer das Theater nicht?

Sie sprachen ja von der Kirche?

Nein, vom Theater! Nie haben Sie sich fruher ein gutes Stuck ansehen konnen, uber Scherz nicht lachen, uber Ernst nicht weinen konnen! Wer nicht gern in's Theater geht, ist kein guter Mensch.

Ah?

Denn warum? Weil Eure Art sich furchtet, ihren Spiegel vorgehalten zu bekommen. Kein Tyrann, kein Morder, kein Lugner geht in's Theater. Immer schrickt er zusammen, sein Bild zu sehen. Ich wunschte, Sie fingen Ihre Religion lieber mit dem Theater an, als mit den kleinen Gebetbuchelchen, die ich hier bei Murray liegen sehe ...

Hackert lachte wieder laut auf. Es bedurfte wenig Worte, dies eigne Madchen zu uberzeugen, dass ihn die Religion mit Murray nicht verbande. Ubrigens, setzte er schon etwas verdriesslicher hinzu, jeder Mensch hatte seine eigne Religion ...

Es gibt keine andre Religion, wallte Louise auf, als die, die wahren Feinde Gottes zu hassen. Die Feinde Gottes sind die Tyrannen, die Blutsauger, die Rechtsbrecher! An welcher Leine lassen Sie sich gangeln, Hackert! Der alte Mann ist gut, ich weiss nicht, was er fur Sie gethan hat und warum Sie ihn nicht fliehen, wie Sie alle Menschen geflohen sind, ausser Melanie. Aber dass er Ihnen nicht einmal die Schaam uber Ihr elendes Handwerk, das Pax Ihrer tollen Eitelkeit aufdrangte, nehmen kann, ist Das nicht das Ohnmachtigste von der Welt? Wozu denn Ihre Vollkommenheit fur den Himmel? Taug' etwas fur die Erde und du hast den Himmel gewiss!

Hackert schwieg eine Weile. Dann sie scharf fixirend sagte er:

Louise, ich habe fur Ihre Lehre mehr gethan, als Sie wissen. Ich habe den Rittern vom Geiste gedient, wie die Mehlsacke in der Teufelsmuhle, die ich doch noch vom Puppenspiel her kenne.

Louise errothete uber die Erwahnung des Bundes.

Ich weiss, sagte sie, dass Sie nicht warm und nicht kalt sind. Aus Schadenfreude haben Sie Ihre eignen Herren betrogen, Katze und Hund zusammengehetzt und sie wieder auseinandergetrieben, wenn sie sich ohnehin aus Mudigkeit schon versohnen wollten ... O Hackert, dass ein Funke von Gesinnung in Ihnen ware! Dass Sie in diesem elenden Hause des Schlurck je ein Wort des wahren Lebens mitten im Uberfluss des Lebens in sich aufgenommen hatten! Denken Sie an Karl, wie er sein junges Leben dahin geben musste fur den grausamen Teufel und Gotzen dieser gottverdammten Ordnung, die jetzt die tausend Menschenopfer jahrlich fordert denken Sie an Danebrand, der Ihnen selber half, ob er Sie schon hassen sollte ... was sag' ich! unterbrach sie sich ... hassen!

Louise! Sie schmeicheln mir! lenkte Hackert frivol ein. Geben Sie mir die Hand! Noch mehr

Fort! Fort von mir! rief Louise. Es ist kein reiner Tropfen Bluts in Ihren Adern! Sie sind nicht krank, Sie sind vergiftet in Ihrem innersten Leben! Ja, Sie thun das Unglaublichste, wenn Ihr Auge geschlossen ist, Sie sind ein von Gott erwahlter Mensch, wenn Sie schlummern und Sie ausfuhren, was allen Lebenden versagt bleiben soll. Aber Siegbert Wildungen hat Recht, wenn er das Wort seines grossen herrlichen Bruders wiederholt: Sie sind grade die schlechte, bewusstlose, in Sinnentaumel hindammernde Masse, das Mittelvolk in der Erbarmlichkeit, die zu allen Jahrhunderten den Aufschwung wahrer Grosse hinderte, das Edelste verkummert, es beschnitten hat und das Beste nur, sogleich in seiner wahren Bedeutung verringert, in's Leben treten liess ... o wie elend, Hackert, als Sie die Hand der liebsten und treuesten Menschen der Erde von sich stiessen und sich aus dem Sumpfe Ihrer Sinne nicht zu den Regionen des Lichts erheben konnten. An Jedem zu makeln, an Jedem Etwas zu finden, Nichts anerkennen, kein grosseres Verdienst, keinen edleren Willen, kein froher Geschick, schadenfroh lachend, wenn ein kuhner Fusstritt ausgleitet oder eine edle Begeisterung ihr Ziel verfehlt! Sie, Hackert? Wissen Sie, was Sie tragen sollten? Den vornehmsten, anstandigsten Rock vom feinsten Tuch, Glaceehandschuhe auf den Fingern, ein tanzelndes Stockchen in der Hand. Dann waren Sie so der rechte Mittelschlag dieser erbarmlichen Welt, der uns Alle regiert, dem jeder schlimme Ausgang zu Gute kommt, der immer Recht behalt, wenn ein Genie unterliegt. Ich dachte anders von Ihnen. Jener Abend hier nebenan, Hackert! Es war Ihre Sterbestunde, Ihr Untergang vor dem Richterstuhl Gottes, Ihr ewiges Todesurtheil! Sie konnen nie mehr zum Lichte kommen.

Hackert schwieg und schien nun ernst ... Louise Eisold hatte aus dem Geiste jener Religion gesprochen, fur die Dankmar Wildungen ein noch hoheres Symbol und Band suchte, als sich bei den freien Gemeinden und ahnlichen Versuchen einer modernen Religionslauterung bisher hatte zeigen wollen. Sie sank erschopft von einem Aufwande von Beredsamkeit, zu dem sie den ganzen Sprachschatz ihrer rastlos fortgesetzten Lekture verwandt hatte, auf einen Sessel und stutzte das gluhende Haupt auf den Tisch, wo sonst des "alten Mannes" Uhren schlugen ...

Es war auch fast, als schlug eine Uhr ... die Erinnerung weckte Beiden die Vorstellung, als war' es hier noch so wie einst ...

Und was soll ich denn nun? sagte Hackert ruhiger und mit gedampfter Stimme. Geben Sie mir einmal eine Aufgabe! Ich will sehen, ob ich sie ausfuhren kann!

Louise schwieg.

Es fuhrt Sie doch irgend eine Absicht her ... ich weiss es ja, das Alles sollte nur eine Vorrede sein, Kapitel Eins, nicht wahr?

Louise antwortete nicht. Sie war zu erschopft von ihrer Aufregung und hatte eigentlich sagen mogen: Schon wieder legst du mir eine Absicht unter? Und grade weil du's thust, mocht' ich schweigen. Aber dennoch druckte sie eine Absicht.

Danebrand ist nicht umsonst hier ... fuhr Hackert fort.

Sie sind ein Spion! war Louisens kurze und abweisende Antwort.

Sagen Sie das dumme Wort doch nicht! fuhr Hakkert auf. Ich kenne mein Leben, ich weiss, was ich zu verantworten habe.

Sie? Verantworten? lachte Louise bitter und blickte voll Hoheit zu dem gereizten jungen Manne hinuber.

Ich bin Spion aus demselben Grunde, warum der Furst Hohenberg Ihnen ein Tyrann ist. Wir, ich und Der, sind die beiden einzigen vernunftigen Menschen der Erde. Alle andern sind Narren, die eigentlichen Verbrecher, eigentlichen Verruckten, Sie ausgenommen, Louise, die Sie immer im Sommer Noth haben, zu vergessen, was Sie im Winter fur Unsinn aus der Leihbibliothek gelesen haben. Egon tritt die Volksbestie nieder, die sich Engel dunkt, weil sie nicht auf vier Fussen kriecht. Ich lache dazu. Wir kennen uns Beide nicht, aber wir stehen in geheimer Verwandtschaft. Ha! ha! Melanie wird ihm wol gesagt haben, warum ich sein Schwager bin ...

Bei diesen boshaften Worten sprang Louise auf, riss ihren Hut an sich, druckte ein Tuch, das sie in ihrer Aufregung fortwahrend auf dem Tische zerknittert hatte, an die Stirn, lief zur Thur, offnete, sturmte durch die Kuche und war schon auf der Galerie, um die Gemeinschaft mit einem so grundverdorbenen Manne fur immer zu verlassen. Da aber fuhlte sie sich plotzlich von Hackert ergriffen, fuhlte sich mit furchtbarer Muskelkraft von ihm zuruckgehalten, zuruckgefuhrt in die Kuche, in das Zimmer und vernahm entsetzt die Worte von ihm:

Sie sind hier, um mit Danebrand Dankmar Wildungen zu befreien!

Starr mit weissem Auge blickte Louise den Spion wie einen Allwissenden an ...

Sie kommen im Auftrage nicht des Geheimbundes, denn er wird sich nicht an Frauen wenden, und was Jagellona von Werdeck that, kam von ihr; aber Sie kommen im Einverstandniss mit den Madchen auf Tempelheide ... Franziska Heunisch machte die Vermittlerin zwischen Ihnen und Selma Rodewald ...

Louise blieb in ihrem festen sichern Blick, aber doch zitternd ...

Dankmar wird Sie auslachen! krachzte Hackert. Horen Sie, er wird von Weibern keine Thur geoffnet haben wollen! Was kann hier eine zerfeilte Eisenstange nutzen? Was ein erbrochner Riegel, wenn er zu erbrechen ware! Das Palladium ist nicht der Apostel, sondern seine Wunderbuchse. Sprengt die Kasse, wo die Truhe mit den Papieren steht! Stehlt die Million! Das ist der Mantel, in den sich ein Freund Fortunatus hullen muss! Sein Seckel! Sein Seckel! Mit dem davon! Der Kerl allein verlohnt sich der Muhe nicht.

Das Madchen verstand nicht, wie sie diese an sich wahren und durch ihr machtiges Gewicht erdruckenden Worte deuten sollte ... aber was sollte sie sagen, als Hackert ruhig eine Cigarre zog, ein Streichfeuerzeug aus der Tasche nahm, die Cigarre sich anzundete und sagte:

Die Million! Allenfalls auch Dankmar! Wir brauchen keine Feilen. Ich weiss, bei Wem die Schlussel hangen und wunsche nur, dass in der Nacht, wo wir's machen wollen, nicht die Katzen zu verliebt schreien.

Hackert! rief Louise ausser sich vor Erstaunen.

Nun ja, sagte Hackert, so wird's doch endlich recht sein! Soll mir der grosse bucklige Kerl immer zuvor trotten? Danebrand stiehlt Dankmar'n, ich stehle die Million und Louise gibt mir den ersten ordentlichen Kuss, bei dem ich die Uhr ziehe und zahlen darf: Funf Minuten! Was?

Louise hatte sich schon aus freiem Triebe an Hakkert's Brust werfen wollen, aber das Wort: Ich stehle die Million! erinnerte wie mit einem Schlage an die Erscheinung, wie wenn an einer Stelle im Gebirge, wo von den Felsen nur gering das Wasser tropfelt, eine plotzlich gehobene, unsichtbare Schleuse einen Wasserstrom in majestatischem Sturze niederdonnern lasst, nur umgekehrt! Hier staute plotzlich der volle Strom und wie im Nu waren die brausenden Gewasser zum unheimlichen Schweigen gebracht. Oder wie im Dunkeln an der Wand Nachts ein suchender und unverhofft anprallender Schadel, so stand Louise getroffen. Sie wusste nicht, was sie gehort hatte. Sie kannte die Wichtigkeit jener Erbschaft. Sie wusste, dass sie den Brudern vorenthalten wurde. Sie begriff, dass Hackert in der Lage war, die einzige hier mogliche Hulfe zu bieten und dass Dankmar's Flucht ohne jenes Geld jetzt von geringer Bedeutung scheinen durfte. Aber das Wort: Die Million stehl' ich! verglichen mit Dem, der es sprach, mit der Art, wie es Hackert sprach, war wie der Einschlag eines Blitzes. Der Gedanke, dass seine Theilnahme eine Maske, seine wahre Absicht ein Verbrechen war, das seiner Absicht nach dann auf sie, auf Danebrand fallen sollte, lahmte ihr die Zunge. Ein Blick, wie die funkelnde Spitze eines Speers fiel aus ihrem Auge auf Hackert. Sie durchbohrte ihn.

Der Spion erschrak, stutzte, besann sich und verstand erst allmalig diesen Blick. Jetzt schlug er die Augen nieder. Er dachte an jene Sonntagsfruhe bei Schlurck. Er sah, dass man sein Wort misverstanden, sein Anerbieten verdachtig gefunden, und so uberwaltigend wirkte auf ihn die Vorstellung dieses ewigen Mistrauens in seine Ehrlichkeit, dass er mit dem Ausrufe: Nun soll mich Gott verdammen! die gluhende Cigarre von sich warf, das Feuerzeug hinschleuderte, den schon ergriffenen Hut mit Fussen trat und mit einer Blasse, die ihn von der Weisse der Wand kaum unterscheiden liess, in dem nachsten Sessel niedersank.

Louise sah diesen Schmerz, diesen Krampf, verstand ihn und rief:

Hackert, nein! Ich glaube ja!

Er horte nicht. Sie trat zu ihm heran, ergriff zitternd seine kalte Hand, sprach ihm die mildesten, sanftesten Worte der Trostung und gab ihm damit einen so wehmuthigen Schauer seiner Empfindungen, wie ihn seit dem Tage nicht uberrieselt hatte, als man den Bruder dieses edlen Madchens in den winterlichen Schooss der Erde senkte ... Die Thur ging auf ... Friedrich Zeck, sein Vater, trat ein, betrachtete die Scene, staunte, forschte und fragte:

Ihr scheint uber Etwas einig zu sein?

Wir sind es, Papa Murray! sagte Louise, nahm ihren Hut, nannte noch einmal den Pelikan als ihre Adresse und liess Vater und Sohn in einer rathselhaften Spannung zuruck, die um so heilsamer auf Letztern wirkte, je weniger er angegangen wurde, sich auszusprechen und durch Worte zu erklaren, was als eine fast bewusstlose Stimmung, als ein Unausgesprochenes und wie durch Offenbarung Gekommenes nun in ihm bebte. Es gibt eine gehobene Stimmung im Menschen, schon die ihm sein kann, wie der Tod.

Willst du sie heirathen, Junge? sagte der Vater scherzend, so denk' ich, werd' ich dich anstandig aussteuern konnen!

Hackert blickte uber diese Vermuthung zur Erde und sagte nur, sie waren noch nicht aufgeboten, was freilich auch bei den Spahern in diesem Hause nicht nothig ware. Er wollte gleich einmal horen, was Frau Mullrich unten aus dieser Kaffeevisite fur Geschichten prophezeie!

Damit ging er und liess den Vater in Zweifeln, Befurchtungen und Hoffnungen zuruck, die er sich aus dem Benehmen seines Sohnes und Louisen's schneller Entfernung nicht entrathseln konnte.

Zehntes Capitel

Bewahr

Dreissig Wochen und mehr schon sass Dankmar unmuthsvoll und in sich selbst versunken im Kerker. Was des Zufalls Gunst ihm uberraschend genug wie einen goldnen Regen und wundergleich wie aus der kahlen Decke der Mauer, die sich uber ihm wolbte, herniederstromen liess, den Gewinn des altergrauen Rechtshandels ... er nahm ihn einige Tage hin wie das Seltsamste und Trostreichste, was ihm in dieser Lage grade hatte kommen konnen; aber wie bald gewohnt man sich nicht grade auch an das Gluck und verbirgt seine Freude grade da auch sogleich hinter den Sorgen, die das Gluck in seinem Gefolge hat! Man will Den, der ein Gluck gewonnen, mit allen Bezeugungen unsrer Freude uberschutten und er erwidert schon gramlich, schon verdriesslich, er hat entweder das Gluck nicht ganz erobert, er hat es theilen wussen, oder kann es nicht unterbringen und wie diese Grillen sonst sprechen, mit denen wir schlimmen Menschen gleichsam vor der Welt zeigen wollen, dass uns das Gluck mehr plage als erfreue.

Ein solcher Winzer, der da nun laut geklagt hatte, dass er fur seinen Herbstessegen gar nicht einmal Fasser genug hatte, war freilich Dankmar Wildungen nicht. Ihn musste ohnehin die Sorge reizen, dass man das Errungene ihm jetzt vorenthielt. Aber auch ohne diese neue Gefahr wurde sich gegenuber seinem personlichen Loose und der Betrachtung der Zeit seine Freude gemildert haben. Dass er sie im ersten Augenblicke gross und machtig genoss, bewiesen die Worte, die er zu Oleander, dem ihn vielbesuchenden Prediger der Gefangenen sprach:

So hatt' ich es denn erreicht, mein neuer Freund! Das dunkle Ziel, nach dem Generationen in meiner Familie steuerten wie nach einem Fabellande, fur das es keinen aus irdischen Stoffen gezimmerten Nachen gabe, verwandelt sich nun in ein wirkliches Eiland, schroff und schwer im Anfang zu erklimmen, aber an dem brandenden Ufer merk' ich durch Felsenritzen die grune Vegetation und glaube selbst Vogelstimmen und Spuren von Leben auf dem eroberten Lande schon zu unterscheiden. Denk' ich zuruck, was musste Alles geschehen, bis es dahin kam! Nicht kann ich reden wollen von Dem, was vor meiner Zeit liegt, nein, seit ich selbst in Angerode die Entdeckung jenes Schreins machte, welche Wanderungen durch das Leben, durch die Herzen der Menschen, welche Fulle von erhebenden und beschamenden Erfahrungen in mir selbst und in Anderen! Und woran hing das Schicksal dieser Eroberung, die ich hoffe fur eine grosse Sache gemacht zu haben? Zwei kleine Striche, ubersehen, fast ausgeloscht, entscheiden Sinn und Werth, Auffassung und Anwendung! Stubenfreude des Gelehrten wird Saatkeim fur die Welt! Ich uberschatze diesen Handel nicht, aber mir selber darf er bedeutungsvoll sein. Ich habe an ihm meine Kraft erprobt, ein Ziel zu erringen gelernt, das Maass der Tage verlangern, den Luxus der Nachte verkurzen, ich bin bewahrt geblieben vor der unbestimmten Leere, in der jetzt die Empfindungen der Jugend hin und her tasten. Viele rufen durch dies Chaos mit machtigerer Stimme als die meine und man glaubt, Homerische Helden schritten zur Schlacht, und nur das Echo war es, der Widerhall der Leere, der ihrem Worte die scheinbare Grosse gab, die Thaten blieben aus und nach den vorweggegebenen Prahlereien sinken die Recken nieder und ihr Leben siedelt sich am nachsten besten Heerde an, wo sie dem Weibe die Holzscheite zum Feuer tragen, das ihnen beiden die armselige Suppe kocht.

Oleander war wohl berechtigt, Dankmar'n zu erinnern, dass er trotz der von ihm gepriesenen Studien der Gelehrtenkammer doch nicht vergessen hatte, grade auch dem Idealismus der Zeit zu opfern ...

Nun wohl! Lasst uns dazu auch diese luftige Welt! sagte Dankmar. Mein Bund! Dies grosse Verbrechen, das mich an diesen Ort gefuhrt! Diese Wolkenbilder, die ich den Menschen in die Hand gegeben! Diese Sternenschrift, die sie auch schon entziffert haben wollen! Sie wird mindestens nichts so Geringes enthalten wie die Inschriften der viel ehrwurdiger gehaltenen alten Hieroglyphen. Ich gab kurzlich zu Protokoll: Betrachtet uns wenigstens als Das, was Ihr ja selber seid, als Freimaurer! Wieviel habt Ihr die nicht geschmaht, die Euren Ritus, Eure Symbole, Eure Urkunden an die profane Menge verriethen! Habt Ihr auf den Universitaten, in Euren Schulstuben, auf einsamen Spaziergangen mit befreundeten Genossen nicht hundertmal daruber geklagt, dass in unsern Tagen kein Messias mehr erstehen konnte, er wurde an der polizeilichen Organisation unsrer Epoche zu Grunde gehen und sich nicht lange in den Wolken bergen konnen, in denen sich alles Grosse und Bedeutende an ihm zur Mythe verwandelte? Nun, so lasst doch wenigstens einem armseligen Vorlaufer kunftiger Gottessohne, einem Taufer mit gewohnlichem Wasser, einem Heuschreckenfresser der Wuste, das Vergnugen, von Euch behandelt zu werden wie ein Wunderdoktor, dem Ihr das Handwerk nicht grade legen, aber erschweren wollt nach den und den Paragraphen der Medizinalordnung! Sucht meine Straffalligkeit aus dem Landrechts-Kapitel uber Traumdeuter, Zauberer herzuleiten, seht, ob noch ein alter Paragraph uber die Hexen auf micht passt, Zigeuner, verbotene Kollektanten, fahrende Gaukler, was weiss ich! Aber eine Verschworung! Fragen uber Kommunismus, Maschinenarbeitervereine, Handwerkervereine, Freiheit, Gleichheit, Bruderlichkeit, Militarverschworungen, Schilderhebungen, Fluchtlings-Umtriebe! Menschen, sag' ich, das ist ja Alles mein Kreuz und Leiden so gut wie Eures! Ich finde, dass in diesen Erscheinungen die edelsten Krafte sich zersplittern, Leidenschaften der zweideutigsten Ichsucht genahrt werden. Ich war in Handwerkervereinen und sprach, ja ich liess durch Louis Armand eine neue Regelung der Klubs versuchen, indem ich die grossen Versammlungen aufloste und nur kleine Sektionen von drei, funf, sieben Menschen schuf, die sich in wochentlicher Vereinigung mehr nutzen, als wenn ihrer dreihundert zusammensitzen und berauscht jeder bombastischen Phrase Beifall brullen ...

Aber ... Dankmar war selbst Schuld an der Verzogerung seines Prozesses. Er gefiel sich eben darin, Antworten zu geben, die die Richter irre fuhrten. Seine Absicht war den Freunden in der Nahe und Ferne kein Geheimniss. Er wollte sich so nicht vertheidigen, wie er sich einzig vertheidigen konnte. Er wollte den Bund der Ritter vom Geiste nicht herabsetzen zu einem blossen Phantome erhitzter, polizeilicher Einbildung. Er wollte nicht geringfugig sprechen von einer Thatsache, die so tiefe Wurzeln in den Gemuthern geschlagen hatte. Er sah, auch durch die Riegel seines Gefangnisses hindurch, die segensreiche Ausbreitung seines Wirkens. Er erhielt Andeutungen, dass diese Stiftung weit uber die Grenzen Dessen hinausging, was man in neuester Zeit an Piusvereinen, innern Missions-, Marzvereinen, Friedensvereinen erlebt hat. Sollte er von einem Advokaten, der ihm gegen seinen Willen vielleicht bei den Assisen beigegeben wurde, horen mussen, dass dieser das Schreckphantom in eine Gaukelei aufloste und den Spott und die Ironie zu Hulfe rief, um die Sache seines Klienten als gefahrlos darzustellen? Dankmar hielt es fur seine Pflicht, gross und stolz von Dem zu denken, was man in ihm furchtete. Er erbitterte das Gericht durch seine Hartnackigkeit, er fuhrte es irre durch seine Aussagen, die mehr zugestanden, als man fragte. Er wollte der Trager aller der Schreckengebilde sein, mit denen sich die Feinde der Freiheit angstigten, er wollte so lange nicht an personliche Freiheit denken, als sein Gefangniss dazu diente, den Saamen, den die Freunde ausstreuten, zum Aufgang zu bringen. Denn die Macht, die Leidende auf hohere Fragen der Sittlichkeit ausuben, ist grosser als die Macht der Glucklichen.

Freilich litt der junge Kampfer selbst am schwersten unter diesem Opfer, das er brachte. Eine gelauterte reine Flamme der Liebe loderte in seinem Herzen fur Selma, nun seine eigne Verwandte. Langst hatte sich ihm Ackermann in seiner wahren Herkunft als Rodewald enthullt, wenn er mit ihm Abends beim Leuchten der Johanneswurmchen an den Weidenufern der Ulla entlang schritt und Dankmar seine nachtliche Lagerstatt in einem einsamen Gehoft aufsuchte. Als er spater Rodewald's Kummer erfuhr uber des Fursten Egon Absicht, sich seiner Guter zu entaussern und ihn aus seinem Pachtverhaltnisse zu entfernen, konnte er freilich nicht begreifen, was den Oheim so tief dabei verletzte. Dieser schrieb selten, desto eifriger Selma. Oleander war es, der den Vermittler dieser zartlich schmerzlichen Grusse machte. Er selbst hatte, da Dankmar die Briefe nicht verbrennen mochte, die der Sicherheit wegen zuruckgegebenen lesen konnen, er selbst, der Selma liebte und seinen Schmerz in der Dichtkunst und dem ernsten Berufe eines Seelsorgers der Gefangenen und Trosters der Leidenden zu vergessen suchte.

Jungen Liebenden kann ja nichts Glucklicheres geboten werden, als nach dem ersten aufflammenden und die Herzen entzundenden Erkennen ihrer Neigung die Trennung und in ihrem Gefolge die Nothwendigkeit eines langeren Austausches ihrer Empfindungen auf dem Papiere. Die Luge wird hier reine Herzen nie beschleichen. Die Sehnsucht wird um den Ausdruck ihres Verlangens nie verlegen sein. Aber dazu, dass ein Verkehr der Gedanken, wie er bei dem sussen Gekose der unmittelbaren Nahe selten stattfindet, den Verkehr der Gefuhle nun ablose, bietet sich so die reichste Gelegenheit. Nun wird Das, was unbewusst und wie im Traum gekommen schien, nach seiner irdischen Moglichkeit noch einmal durchgedacht; die magnetische Kraft, die ohne Erklarung um so wirksamer fesselt, starkt sich nun durch die sittliche Begrundung Dessen, was da so eng zusammenhielt, und stahlt die Herzen fur eine Zeit, wo auch das Urtheil und die weisere Erwagung sich sagen sollen: Du hast das gute Theil erwahlt! Das Leben selbst in seinen tausend Erscheinungen, in seinen oft grade dieser Liebe sich feindselig genug zuwendenden Stacheln wird in seinen drohenden Gefahren dann fruh erkannt und die ganze Hohe schon ubersehen, bis zu der die zartliche Verschlingung der liebenden Arme ausdauern, sich stutzen, sich fortgeleiten soll. Sieht man nach solchem Briefwechsel sich dann wieder, so kommt es wohl, dass man sich vollig neu und anders erscheint. Man hat ein altes Bild verloren, aber ein neues gewonnen. Es wahrt eine Weile, bis man sich rein menschlich wiederfindet, aber es wahrt nicht lange, das Befremden ist nur das des grosseren Glukkes, und man hat sich grosser gewonnen, grosser gefunden, gestarkter fur des Lebens ganze Dauer und die ernsten Klippen aller seiner kommenden Prufungen.

Selma erwartete mit krankhafter Ungeduld des Freundesschicksals endliche Entscheidung. Sie erzahlte in ihren Briefen an Dankmar von Anna von Harder, von Oleander's treuen Besuchen, seinem fortgesetzten Unterricht, von Olga Wasamskoi ... Von dieser Letztern bestatigte sie, was alle Kreise uber die Freundschaft der Madchen erfahren und selbst beobachtet hatten. Selma nannte Olga einen stillen See, den traumerisch der Mond beschiene und von dem man Marchen erzahle, die uns erschrecken sollten, wenn sie auf Wirklichkeit begrundet waren. Da waren gleichsam Gotzenbilder einst wie von den ersten Christen in diesen See geworfen worden und nachtlich am ersten Tage des Mai ruhre und reg' es sich in dem See und die Heidengotter blickten aus dem aufgewuhlten Gewasser mit dustern Augen empor und sahen sich die Welt an, wie sie nach ihrem Reiche inzwischen geworden. Aber nie waren es bei Olga doch solche Jungfrauen, die dann auftauchten mit falscher Liebe und jene Knaben in die Tiefe lockten, denen sie mit Wasserlilien gewinkt hatten oder gar bose und spukhafte Fratzen. Nein, Olga ware wohl eine schlummernde Tragodie voll Leidenschaft, ja Zorn, ja Wildheit zuweilen, wenn sie ein schriller Ton wecke, aber ebenso auch konnte sie dem Idyll gleichen, wenn ihr ein Susses, die Nachtigall, ein Schones, die Kunst, riefe. Helene d'Azimont hatte dem armen reichen Madchen den Glauben an die Menschen genommen und doch liebe sie Helenen und weine auch um deren Irrthumer! Sie hatte von Rafflard einst in Venedig das Schlimmste uber Siegbert gehort, da hatte sie wollen wahnsinnig werden, sterben, hatte ein Kloster gesucht, aber an der Hand des Teufels. Selma erzahlte, dass Olga sich selbst gemalt hatte auf wilder Alpenhohe, als Pilgerin herabblickend zu einem Kloster im Thale und der Teufel hatte ihr die Stufen gezeigt, die sie hatte betreten sollen, um hinuber zu kommen zu dem lockenden Glocklein im Thale. Da hatte sie denn Rudhard ergriffen, gerettet vom Wahnsinn. Einer Todten gleich ware sie nach Tempelheide zuruckgekommen und Selma erst hatte sie zum Leben, wie es ist, geweckt, sie an Siegbert Wildungen wieder glauben gelehrt, den sie liebe, aber wie einen Verlornen. Olga Wasamskoi, obgleich eine Furstentochter, wurde sich zur Konigin erhoben fuhlen durch die Liebe eines Kunstlers und nie, nie wurde man von Olga etwas Anderes vernehmen, als dass sie die Liebe selbst ware und das Abbild der Treue. Und Siegbert schweige und thate nichts und liesse Alles schlummern!

Oleander, Siegbert's Freund, billigte Siegbert's Handeln. Oleander hatte sich recht in diesen Bund verloren. Er sprach nie von Siegbert, wenn er in Tempelheide war und Olga seine Lehren mit denen Rudhard's verglich. Siegbert konnte ja nicht, wollte ja nicht, dass diese Leidenschaft durch ihn genahrt wurde! Er war zu selbstbeherrschend, Rudharden zu sehr verpflichtet. Er hatte sich von Brussel, wo die Furstin weilte, wohl ferne gehalten, aber auch nichts gethan, was den Plan, aus Olga zuletzt doch die Baronin Dystra zu machen, storen konnte. Olga sah darin Schwache, geringen Lebensmuth, das einzige Unpoetische an Siegbert. Sie liess sich einmal ihre Welt nicht nehmen und Oleander legte, ob er gleich wie Siegbert dachte, doch ihren Empfindungen gern Gedichte unter, die er Dankmarn vorlas, wie dieses:

O lasst mich zieh'n, ich kenne meine Strasse!

Was frag' ich viel! Ihr wisst nur was Ihr wisst!

Von Eurer Liebe nicht, von Eurem Hasse

Lern' ich den Weg, der mir der rechte ist!

Die Pappeln und die Weiden lass' ich Andern!

Mir duften Blumen nicht, im Staub ergraut!

Und muss ich uber Strom und Felsen wandern,

Will ich die Brucken nicht, die Ihr gebaut!

Am Rand der Alpen, wo die Gletscher ragen,

Ward meinem Herzen gross und weltenweit!

Da will ich Adler, will die Gemsen fragen:

Wo geht der Weg zur ew'gen Einsamkeit?

Dankmar freilich, in seinem unverwustlichen Humor, sagte, er sahe doch, dass Siegbert sich noch einmal Muth fasse und zu den Adlern und Gemsen nachklettere. Ich wunsch' es dir, rief er aus, Siegbert! Olga wurde deine Phantasie werden! Olga! Das ist die Konigin der Kunst im Strahlenglanz, der dir gefehlt hat, guter Bruder! Dies Madchen wurde dich umschweben wie ein ewiges Madonnenbild, selbst wenn sie eine Langschlaferin ware und Morgens Federn in den Haaren hatte! Denn, bester Oleander, darauf kommt es an, dass eine Frau eine Gottin bleibt, auch wenn sie unsre Strumpfe stopft! Siegbert, diese Olga wird als dein Weib vielleicht in niedergetretenen Hausschuhen, etwas salopp in ihrem Neglige, mit ungeordnetem Haar in der romischen Villa walten, die das Ziel deiner Wunsche ist, aber sie wurde immer eine Hebe, eine Psyche sein, immer die Poesie selbst und deine wahre Erhebung, Bruder, auch wenn Ihr Schulden hattet und Eure Kinder halb nackt mit den Gansen im Hofe um die Wette schrieen. Ja, ja, so kam' es! Wenn man Euch besuchte, wurde kein Stuhl zu haben sein. Da liegen deine Kleider, dort die Nahtereien der Frau, hier die Spielsachen der Kinder, Alles ist voll Farbe, voll Zeichnungen, voll poetischen Schmuzes, aber deine Bilder werden genial sein, dein Weib wird dich den Muth lehren, an die Gotter der Schonheit und der Liebe zu glauben! Sie wird uns lachen machen, wenn es heisst, sie ginge selbst in die Kuche und sorgte fur Salat mit Eiern und holte den Wein aus dem Keller, aber wenn sie kame im blauen oder rothen Gewande, wie eine junge Romerin, wenn sie den Krug erhobe mit schongerundetem Arm und den Wein uns in die Glaser gosse, die wir uns inzwischen selber ausgewaschen haben, dann, Bruder, wurd' es doch ein Bild zum Malen werden und wir selber wurden mitten in dem Rahmen von Epheu, Myrthen und am Fenster zum Trocknen hangenden Kinderwindeln uns schon erscheinen durch Olga, dein poetisches Weib!

Aber Siegbert's Briefe sprachen nicht von Olga. Es kamen viel Briefe an Dankmar von Siegbert aus Antwerpen, von Leidenfrost vom Tempelstein, von Werdeck aus Paris, von Louis Armand bald da- bald dorther. Dankmar lebte im lebendigsten Verkehr. Auch Dystra schrieb und sprach von seinen Bauten und dem entscheidenden Ja oder Nein! das zwischen ihm und Siegbert wahlen sollte, wenn die Ritter vom Geiste zum ersten Male in seiner Tempelabtei im Walde tagen oder turneien wurden ... Oleander lachelte uber die Theilnahme eines Dilettanten, der sich durch sein Vermogen und seine Bizarrerie uber die uble Nachrede der vornehmen Welt hinwegsetzte und seit dem glucklichen Verkaufe seiner Guter in Russland vor der Macht des Czaren geborgen war ... aber Dankmar rief aus:

O war' ich frei, frei!

Oleander rieth zu einem Worte mit Egon von Hohenberg. Er wollte selbst zu ihm gehen, er wisse, dass er einer Erorterung zuganglich ware, die Furstin brachte wochentlich Trost und Hoffnung nach Tempelheide, ja er hatte selbst sogar durch ein Gedicht eine sonderbare Beziehung zum Fursten gewonnen, ein Gedicht, das Olga mit grausamer Bitterkeit "Cypressen am Grabe Helenen's, gepflanzt von Egon" nannte ... Oleander, der sich in die Stimmung aller dieser Seelen versetzte, hatte es eines Abends fast scherzhaft in Tempelheide improvisirt, Olga schrieb es sich sogleich verstohlen ab und schickte es anonym nach Paris; Helene, wahrscheinlich auf's Tiefste verletzt, schickte es zuruck an Egon, als wenn es doch wohl nur von Diesem gekommen ware. Egon staunend zeigte das Gedicht Melanie und Melanie erkannte der zu solchen romantischen Umtrieben uber und uber geneigten Olga Hand, wodurch Egon dann die Autorschaft Oleander's erfuhr und diesen veranlassen musste, die ausfuhrliche Erlauterung eines schlimmen Misbrauchs zu geben, den man mit seinem poetischen Interesse an fremdem Seelenleid getrieben hatte. Dies eigenthumliche Gedicht, das in Egon in der That wach rief, was er zuweilen uber den Maler Heinrich Heinrichson empfand, hatte gelautet:

Wehe! Welche Lippen lasst du schlurfen

Wieder deiner Liebe Taumelwein?

Ist es denn dein innerstes Bedurfen,

Andern Alles, Nichts dir selbst zu sein?

Nichts der Frauen grosstem Liebesruhme,

Nichts, Helene, dem Entsagungsschmerz?

O du stamm- und blattlosarme Blume,

Wirbelnd um dich selbst gejagtes Herz!

Eine luftgetrag'ne Orchidee,

Schwankst und rankst du ohne sichern Wuchs,

Fuhlst, ob hold die Welt dich leben sahe,

Doch den Tod des tiefsten Selbstbetrugs.

Rosen traumst du? Ach nur aufgerissen

Bluten deine Wunden, wie sich kalt

Auf des Nordpols eis'gen Finsternissen

Scheidend dunkelroth die Sonne malt.

Opfre! Doch im Leidenschaftgeloder

Opfert selber sich ein Genius.

Armes Lamm, das eine Schlachtbank oder

Einen neuen Hirten finden muss!

Dies, wenn Helene es selber las, entsetzlich grausame Gedicht hatte Oleander als einen einfachen "Schmerzensruf der schwachen Seele an die schwache" niedergeschrieben. Fur Olga war es aber ein wahrer Triumphgesang geworden. Sie konnte diese Verse mit einer Gebehrde vortragen, als hatten sie ihre Tante erdolchen sollen. Oleander berichtete, der Furst hatte ihm gutig, sogar heiter auf seine angstliche Entschuldigung erwidert; aber Dankmar erklarte, er konnte die fast komische Veranlassung dieser Bekanntschaft zu seinem tragischen Falle nicht benutzen. Carlos und Posa wurden ebenso geendet haben, wenn nicht Philipp zu fruh zwischen sie getreten ware! Er ist nicht klein, dieser Egon! sagte Dankmar. Hatte ihn Philipp leben lassen seinen Carlos, dessen erstes Wort ware auch Aussohnung mit Alba gewesen, Carlos ware selbst nach den Niederlanden gezogen, hatte Egmont selbst hinrichten lassen, hatte selbst sich von ihm sagen lassen, was Egmont dem milchbartigen Ferdinand sagte: Du wirst sie nicht verachten, weil sie mein war ... Ja! Ja! Oleander! Sie frommer, ubel mitgespielter Fruhlingssanger, was ist Das fur eine Welt! Welche Menschen wetteifern mit dem Wesen, das sie geschaffen hat! Welche Titanen mochten den Himmel sturzen und von ihm Rechenschaft fordern fur seine dunkle Geheimnisskramerei ... ich habe Mitleid mit Egon. Er wird herabfallen von seiner Hohe, wie in seinem Gartenpavillon der gemalte Phaeton. Alle Bernsteinspitzen des Pfeifenkabinets seines Vaters werden nicht hinreichen, ihm noch einmal eine einzige Cigarre zu versussen. Er wird ein elendes Leben fuhren, wenn er gesturzt ist und nur noch sich und Melanie qualen kann. Sie werden erleben, dass Melanie von Hohenberg nicht etwa in die Kirche geht, aber fur sich in ihrem Kabinet fromm wird und eine gewisse Ausgabe des Thomas a Kempis mit wirklichen Schmerzensthranen benetzt. Das nenn' ich doch Herzen durcheinandergeruttelt! "O schnode Welt!" Sagt das nicht Shakespeare? In solchen und ahnlichen Betrachtungen und Unterhaltungen, verbunden mit der Nutzung von Buchern, Federn und Papier lebte Dankmar bis in den Monat Mai. Das Erbe hatte man ihm in feierlicher Sitzung uberwiesen und ihm die Grunde angegeben, warum es noch unter dem Verschluss der Richter bleiben musste. Seine ganze Antwort war gewesen, dass er sich ein Protokoll dieser Prozedur ausbat und die Angabe eines eisernen Schreines machte, in dem die leichte Papiersumme verwahrt werden sollte; es sollten auf dem Deckel vier kreuzformig verschlungene vierblattrige Kleeblatter von Silber ausgepragt werden. Bis zur Anfertigung dieses Schrankes blieben die Stadtkammereischeine, von denen man ihm vorlaufig nur den massigsten Gebrauch gestattete und eingeschlossen in jener holzernen Truhe, in der einst Dankmar zu Angerode die Dokumente gefunden hatte, im Gewahrsam der strengbewachten Kasse des Gerichts, die mit ihren eisernen Thuren und Schranken nur einen Hof entfernt von Dankmar's Gefangniss lag. Oleander, als er einmal Eintausend dieser Scheine in der Hand hatte, die er nach Dankmar's Wunsch an Arme geben sollte, sprach die etwas umgemodelten Verse aus dem alten bekannten Gedichte:

Nun moget ihr von dem Horte Wunder horen

sagen:

Soviel zwolf ganze Wagen allenfalls mochten

tragen

In vier Tagen und Nachten vom Berge zu Thal,

Und ihrer jeglicher musste fahren an jedem Tag

dreimal.

So war der Hort nichts Andres als Gestein und pur

Gold

Und ob die Welt man hatte damit genommen in

Sold,

Es ware nicht einmal vermindert um eine Mark

Werth,

Es hatten wahrlich die Konige seiner ohne Ursach

nicht begehrt!

Wie von den Nibelungen sich da in Burgunden

Die drei Konige des Hortes unterwunden,

Da dachten sie Land und Burgen und Recken, die

viel kuhnen;

Durch Furcht und Gewalten ihnen sollten damit

dienen.

Aber den Wildungen allein gehorte der Hort noch

im Land,

Da kamen viel fremde Recken; ihnen gab ihre

Hand,

Dass man so grosse Milde nimmermehr geseh'n;

Sie pflogen vieler grossen Tugend, das musste man

denBrudern gesteh'n.

Den Armen und den Reichen begannen sie da zu

geben,

Dass man anfing zu sorgen, ob man sie sollte lassen

leben.

Da sie durch ihre Gute so manchen Mannen,

Der den Konigen schadete, fur ihren Dienst

gewannen.

Egon-Hagen sprach zu dem Konig: Es sollte ein

weiser Mann

So grosse Schatze nimmer Einem Einzigen lan;

Der bringt es mit seinem Gelde sicher noch zu dem

Tag,

Dass es wohl gereuen die stolzen Burgunden mag.

Und nun schutzten keine Eide des Erbes sichre

Hut,

Sie nahmen Dankmar'n das viel kraft'ge Gut,

Egon sich der Schlussel aller unterwand,

Sodass der Konig sogar zurnte, als er das geschehen

fand.

Der Konig sogar sagte viel lieber: Eh' Wir immer

Muh' und Pein

Haben mit dem Golde, sollten Wir's lieber in den

Rhein

Alles heissen senken, dass sein Niemand hat

Gewinn!

Da geschah es auch also, dass sie gingen zum

Rheine hin.

Und wie nun der grimme Egon den Hort im Rheine

barg,

Hatten die Konige sich gelobet, mit Eiden also

stark:

Dass er wohl verhohlen bliebe, so lang ihrer Einer

mocht' leben.

So konnten sie sich selber und keinem Andern ihn

geben.

Gegen Ende Mai war es dem nun erst recht in Aufregung gekommenen Gefangenen in einer Nacht, als horte er ein sonst ungewohnliches Gerausch. Es kam von der Verbindungsthur eines Vorplatzes seines Gefangnisses mit einem grossen von Militairposten bewachten Korridor her. Dankmar glaubte, als er deutlich die Zeichen zu unterscheiden anfing, die sonst den Besuchen des Kerkermeisters, des Richters oder Oleander's vorherzugehen pflegten, an einen Irrthum in der Zeit. Es war ihm oft genug schon geschehen, dass ihm Tag und Nacht zusammenrannen und er in der im Winter dunklen Zelle Eins mit dem Andern verwechselte. Aber ein Blick an die Offnung, die hoch oben am Ende einer in die Mauer gehenden Rundung einen Lichtschimmer zeigte, bewies ihm die Nacht, denn dieser Schimmer kam von den grellen Gaslampen des Korridors, auf den diese Fenster engvergittert hinausgingen. Plotzlich erlosch draussen das Gaslicht. Sein Zimmer war dunkel. Er stand auf, machte sich Licht. Und zugleich war es ihm, als suchte im Korridor Jemand den Schlussel, der zu den Einlassen fuhrte, und erprobte bald diesen, bald jenen. Brachte Dankmar die Dunkelheit, die auf dem Korridor eingetreten sein musste, mit dieser unsichern Kenntniss der Ortlichkeit in Verbindung, so musste die Ahnung gerechtfertigt erscheinen, die ihn plotzlich uberfiel, ob nicht irgend eine bose Absicht sich ihm nahere, irgend ein ungesetzlicher Befehl oder wohl gar sein Blick fiel in diesem Moment auf ein Portefeuille, in dem er eine ihm neuerdings zugestandene Summe von mindestens mehreren hundert Thalern aufbewahrt hielt. Wenn es unter dem Schutze der Gesetze, unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit auf diesen Besitz ware abgesehen gewesen? Sein Verdacht verliess ihn, als er in der That die Vorplatzthur geoffnet horte und in der tiefen nachtlichen Stille das Knirschen des Sandes unter dem Fusstritte eines sich Nahernden unterscheiden konnte. Jetzt glaubte er auf's Neue an einen Irrthum in der Zeit und sah auf seine Uhr. Aber sie zeigte Eins. Er hielt die Uhr gegen das Ohr, sie ging. Es war Eins in der Nacht. Man holt dich, um dich in irgend ein anderes Gefangniss abzufuhren; diese Zelle bietet nicht Sicherheit genug oder man hat sie einem Andern bestimmt, da man glaubt, dass ich nun erst recht nicht entweiche ohne das Erbe ... Aber diese mit Beklommenheit angestellten und von der Vorstellung, es ware wohl ein Traum, was er erlebe, unterbrochenen Vermuthungen steigerten sich zur fieberhaftesten Unruhe, als wiederum jetzt an der zweiten Thur mit Vorsicht ein Schlussel nach dem andern erprobt wurde wie aus einem grossen Vorrathe von Schlusseln. Das war der Gefangenwarter nicht! Dieser konnte selbst in nachtlicher Verschlafenheit nicht unsicher sein in der Wahl des rechten Schlussels. Und da diese Versuche nicht endeten, eine stille, fast geisterhafte Hand an dem Schlusselloche immer mit neuen Schlusselbarten kratzte und wenn sie eingingen, vergebens an den Federn druckte, so konnte er entweder nur an Befreiung oder an einen bosen Uberfall denken. Was sollte er thun? War es ein Befreier, wie konnte Dankmar da in der Besorgniss eines Uberfalls rufen, das Werk fremden Muthes, vielleicht einen Auftrag des Bundes zerstoren! Und doch sammelte die Brust von dem stockenden Athem so viel Spannung, dass ein Schrei nach der Offnung des Fensters zu, ein donnerndes: Wer da! schon auf seinen Lippen schwebte. Dankmar wagte ihn nicht aus Befangenheit. Er konnte nicht an ein Verbrechen glauben. Der Gedanke der Befreiung erfullte ihn plotzlich mit einem so aufwallenden Lebensmuthe, dass er sich wohl fur den Fall des Irrthums vorzusehen beschloss, sich aber auch auf den Empfang jedes bessern Besuches von Herzen rustete. Das Licht stellte er entfernt, um es vor dem Ausloschen zu schutzen. Er ergriff den holzernen Schemel, auf dem er sass, steckte das Portefeuille in seine Brust und wandte sich eben zur Vertheidigung gerustet gegen das unheimliche Walten der Thur, als diese aufsprang und im fahlen Dammerlichte ein Mensch vor Dankmar stand, den in diesem Augenblicke wiederzusehen ihm das Haar emporstrauben musste. Es war Friedrich Zeck's Sohn.

Hackert! rief Dankmar, und hob den Schemel, um diesen unerwarteten Gast beim ersten Schritte vorwarts niederzuschlagen.

Hackert hob die Hand abwehrend und zum Stillschweigen bedeutend; mit der Linken streckte er einen gewaltigen Schlusselbund dem moglichen Angriff entgegen.

Es war in der That Hackert mit offnen Augenlidern, nicht traumend, wie Dankmar, in Erinnerung an den Heidekrug, im ersten Augenblick glauben konnte. Sein zweiter Gedanke war eine Bestatigung seiner Befurchtung, die er in den halblaut ausgestossenen Worten aussprach:

Was wollen Sie?

Aber schon hatte Hackert die Finger an die Lippen gelegt und so entschieden die Gebehrde des Schweigens gemacht, dass Dankmar keinen Zusammenhang begreifen konnte, seine Waffe senkte und nur im Rukken das Licht zu schutzen suchte ...

Hackert winkte ...

Dankmar sah nur den Uberfall, nur die bose Absicht, nur den Angriff auf sein Geld, er ahnte einen Hinterhalt und blieb stehen.

Hackert winkte dringender und zog sich fast in das dunkle Vorzimmer zuruck ...

Dankmar wollte ihm nicht folgen.

Spitzbube! flusterte er, soll ich schreien? Dich an den Galgen bringen?

Hackert verzog seine blassen Gesichtszuge zu einem bittern Lachen. Er hatte mit jener Sprache reden mogen, in der er sich Schmelzingen zu verstehen gab, als er schon einmal diesem Unglaubigen einen Liebesdienst erwies. Er konnte nur winken, nur die Zeichen der dringendsten Eile machen ...

Dankmar sah die geoffneten Thuren, aber das Dunkel schreckte ihn. Hackert wird sich wie eine Katze auf dich werfen! Was sollst du thun? Die Posten scheinen verandert. Auf dem Korridor ist Alles still. Dennoch, wie von der magnetischen Kraft der Situation uberwaltigt, hatt' er sich jetzt entschlossen, vorzugehen, wenn ihm nicht, da sein Auge sich inzwischen an die Dunkelheit schon gewohnt hatte, plotzlich auf funf Schritte von Hackert im Korridor entfernt eine hohe, stammige Riesengestalt, verwachsen und doch wie ein Hune anzuschauen, aufgefallen ware. Nun stand in ihm fest, dass Hackert im Bunde mit Helfershelfern ihn uberfiel und nichts hielt ihn ab, ihm jetzt zuzurufen:

Denkst du, Bosewicht, dass ich so leicht wie Pferde zu morden bin? ...

Aber weiter konnte er nicht reden. Hackert sprang auf ihn zu, zeigte, um Dankmar's Aufmerksamkeit abzuwenden, auf die Fensterrundung in der obern Mauer und sprach mit heisrer, nachdrucksvoller Stimme:

Soll ich wieder hundert Thalerscheine auf's Pflaster werfen? Kommen Sie in Teufels Namen !

Dankmar blickte ihn starr an. Der grosse Ungeschlachte in der Dunkelheit war verschwunden ...

Wir haben noch drei Thuren zu offnen, fuhr Hakkert heiser und leise fort. Die Schlussel, die zu Ihrem Gelde fuhren, kenn' ich. Die sind's!

Und auf drei gewaltige Schlussel, die er aus der Rocktasche zog, deutend ging er voran.

Dankmar folgte. Wie konnte er jetzt zuruckbleiben! War es auf einen Diebstahl seines Vermogens abgesehen, warum sollte er den Anlass nicht benutzen, da nun gewiss zugegen zu sein? Er fuhlte Hackert's knocherne feuchte Hand. Sie hatte ihn mit krampfhafter Aufregung ergriffen; er folgte willenlos.

Halten Sie sich an mich, sprach Hackert. Die Pantoffeln aus! Auf den Zehen! Einen Schnupfen ist die Abreise schon werth. St! Reden Sie nichts!

Dankmar liess mit sich geschehen, was geschah. Die Erinnerung an Hackert's Rechtfertigung damals mit dem Pferde Lasally's hatte ihn entwaffnet. Er folgte und bewunderte die Gewandtheit, wie Hackert mit der einen Hand ihn, mit der andern den Unbekannten fuhrte, der sich im dunkeln Korridor ihnen wieder zugesellte.

Dieser tappte und trat so ungeschlacht auf, dass ihn Hackert einen Baren und Elephanten uber dem andern schalt.

Wer ist Das? fragte Dankmar.

Vorgesehen! war Hackert's Antwort.

Die Wanderung dauerte mehre Minuten. Endlich stand man still. Hackert flusterte:

Das ist die Verbindungsthur! Still! Die Wache wird im Hofe abgelost ...

Es schlug grade ein Uhr von den nahegelegenen Rathhaus- und Johanniskirchenthurmen. An die Wand gedruckt, wartete man das Verhallen der militarischen Tritte ab, die uber den steinernen Fussboden der Hofe horbar waren. Durch ein Fenster glaubte Dankmar, der diese Raumlichkeiten kannte, wol unterscheiden zu konnen, dass die Schildwache auch eben an dem Eingang der Gerichtskasse erneuert war. Doch auch die Thur, die Hackert eben aufschloss, fuhrte in das scharfbewachte Nebengebaude. Jetzt versagten ihm die Schlussel nicht. Der Grosse, dessen Konturen Dankmarn allmalig an irgend eine ihm schon vorgekommene Personlichkeit erinnerten, trappte schweigend, nicht einmal auf Socken, sondern mit blossen Fussen dem Fuhrer nach, der endlich eine Stiege herab, dann wieder eine hinaufschritt. Alles war hier dunkel, still und schauerlich einsam. Aber Hackert kannte jeden Gegenstand. Einige Stufen empor blieb er stehen und begann die noch zwei ubrigen Schlussel erst an einer eisenbeschlagenen Thur zu prufen. Der eine passte. Nach kurzer Weile trat man in den Kassenraum. Ein grosser Schrank wurde vom zweiten Schlussel geoffnet. Jetzt horte Dankmar nur die an den Andern gerichteten Worte:

Tasten Sie nach dem holzernen Kleeblatt! Richtig! Da! Die Silberarbeiter sind mit dem Luxus noch nicht fertig. Aufgehoben!

Und der Dritte buckte sich und Hackert half einen Gegenstand den machtigen Schultern aufladen. Dankmar wusste nicht, wo ihm die Besinnung blieb. Er fuhlte den holzernen Schrein, in dem einst seine Dokumente von Angerode gelegen hatten. Er fuhlte das Kreuz auf dem Deckel. Er wusste ja, dass man zu den Dokumenten die Stadtkammereischeine gelegt hatte. Die Truhe war trotz des papiernen Inhaltes ihrer plumpen Gestalt wegen nicht leicht.

Nun zuruck! flusterte Hackert, lehnte die Schrankthure nur eben an, liess den Schlussel stecken und tappte vorwarts. Aber krachend stiess der Trager mit seinem Schrein an die Wandecken.

Donner! Wenn wir nicht Licht haben, rennt Der noch eine Saule um ...

Und Licht verrath dich! flusterte Dankmar. Und Licht zeigt mir den Kameraden! Wer ist's? Hackert, ich folge wie ein Taumelnder; aber Gott sei deiner Gurgel gnadig, wenn Ihr die Frechheit habt, mich mit dem Schein einer Spitzbuberei, die nur Ihr, nur Ihr begangen habt, entfliehen zu lassen ...

Nur keine Reden gehalten, Herr! Es schallt hier! war Hackert's ganze Antwort.

Man ging denselben Weg zuruck, den man gekommen war ...

Jetzt galt es die Korridore zu vermeiden, in denen die vielen andern Gasflammen noch brannten und die Schritte der Wachen horbar waren. Sie befanden sich wieder im Profosshause. Dankmar begriff nicht, wie man die Ausgange desselben gewinnen, wie man mit einem so auffallenden Gegenstande, dem Schrein, sich aus ihm entfernen konnte.

Hackert lenkte aber in einen Seitengang. An dem aussersten Ende war ein kleines Fenster, das auf die Strasse fuhrte. Es war nur ein Luftloch, ein schmaler Streifen in der Wand. Hackert schien Dankmar'n toll, als er die Miene machte, durch diese kaum handhohe, aber breite Offnung musste man nun auf die Strasse gelangen.

Der Schrein und wir? Hierdurch?

Der Dritte setzte den Schrein ab. Hackert deutete nur auf Stillschweigen.

Unwillkurlich schauderte Dankmar wieder vor einem Gedanken zuruck, der ihn plotzlich beruhrte. Er kam ihm mit Stricken, die er fuhlte. Wo diese Stricke herkamen, sah er nicht. Er fuhlte sie nur, horte nur das Auseinanderwinden ... er dachte sich die Folgen gefahrlicher Prozeduren, die Hackert wagte, zu seinem Vortheil wagte und ihn dann allein kompromittirt zuruckliessen ...

Hier soll bald Licht werden, flusterte Hackert. Wir haben vorgearbeitet. An dieser Saule machen wir die Stricke fest. Sie ist stark genug und die Stricke reichen zehnmal bis hinunter. Hinter der Johanniskirche fast an der Ecke, die zu Schlurck's fuhrt Sie kennen die Gasse steht ein Wagen ... Dass wir ja zusammenbleiben! Horen Sie?

Und wahrend Dem schon offnete sich die Lucke. Ein Stein wich unter Hackert's Hand vom andern, immer grosser, immer weiter, immer heller wurde der Raum. Bald war er so gross, dass ein Korper hindurch konnte, bald so gross, dass der Schrein sich konnte einfugen lassen, bald so, dass Dankmar schon die Johanniskirche sah und das Scharren von Pferden auf dem nachtlich stillen, einsamen Strassenpflaster horte ...

Jetzt hiess es, Dankmar sollte zuerst durch diese im Stillen langst gebrochene Offnung und an dem Seile, das um den Pfeiler geschlungen war, hinuntergleiten.

Ich zuerst? sagte Dankmar zogernd und auf's Neue voll Mistrauen ...

Keine Komplimente! Rasch! Rasch! Die Wachen, seh' ich, sind gar nicht schlafrig

Hackert! sprach Dankmar mit letzter zusammengenommener Kraft. Wenn das Alles ein Bubenstuck ware

Aber Hackert drangte ihn an die Mauerlucke mit der Antwort:

Zum Teufel! Sie sehen ja, es ist blosse Hoflichkeit.

Ich bleibe zuletzt, sagte Dankmar entschlossen, ich steige nicht, ich bleibe bei meinem Schrein ...

Eine Fluth der scheusslichsten Verwunschungen kam nun aus dem Munde des von Schweiss triefenden Paul Zeck, der am liebsten dem ewigen Zweifler an die Gurgel gesprungen ware und ihm die Halsbinde zugeschnurt hatte. Der Dritte, der mit seinem Schrein auf dem Kopfe ruhig wie eine Karyatide des Alterthums stand, diesen freischwebend und doch so festgeklammert hielt, wie Etwas, das er nur mit seinem Leben lassen wurde, flusterte in einer eigenthumlichen weichen Lispelsprache:

Steigen Sie! Steigen Sie! Die Runde kommt ...

Ich gehe nicht ... erwiderte Dankmar.

Wir kommen aber doch vom Tempelstein! sprach der Fremde jetzt mit kraftigerer Betonung und gleichsam ihren Beistand beglaubigend.

Dankmar erstaunte uber dies Wort. Der Tempelstein war das Erkennungswort des Bundes fur die Zeit bis zu den nachsten Solstitien ...

Vom Tempelstein? fragte er betroffen und nun glaubte er den Trager seines Schreines zu erkennen ... Sie sind ...

Danebrand! flusterte Hackert. Horen Sie denn druben nicht die Pferde aus dem Pelikan? Sie wittern Ihre Nahe! Peters kann sie nicht beruhigen ... es geht direkt nach Angerode zu. Hoffentlich ist Bello im Stall geblieben.

Und nun war Dankmar schon in der Lucke, schon presste er sich auf die von Hackert nachtlich zum Zweck der Flucht muhevoll gelockerten Steine, schon glitt er das glattgestrichene Seil hinab ...

Aber die Ahnung Danebrand's, dass die Runde kame, war keine Tauschung ... Dankmar, unten auf dem Strassenpflaster angelangt, horte Gerausch. Hakkert's Kopf sah er schon durch die Bresche. Er folgte in der That. Er war nicht von ihm betrogen, aber die Eile, mit der Hackert katzengleich herunterschoss, erschreckte ihn. Hackert war unten.

Die Runde! flusterte er drangend. Fliehen Sie! Fort! Fort!

Dankmar blieb aber. Er sah eben den Schrein durch die Lucke gedrangt, sah eine Hand um die Pranken des Holzes geklammert, sah das Seil schwanken hin und her von der gewaltigen Last ... Da donnerte oben ein vielstimmiges Wer da?

Hackert stosst Dankmarn fast gewaltsam fort und zeigt auf die Johanniskirche und ihre majestatischen Schatten ...

Der Schrein ist heraus aus der Lucke, Danebrand's Kopf wird sichtbar, die linke Hand halt den Schrein schwebend in der Luft, wahrend die rechte halb sich stemmend in der Mauerlucke, halb das Seil ergreift ...

Da kracht ein Schuss ... Der Schrein sturzt hinunter, Hackert ruft: Fort! und man musste die panische Gewalt des Schreckens und den Einfluss der Situationen auf die Seele selbst des Muthigsten verkennen, wenn man nicht naturlich finden wollte, dass Dankmar im Augenblick des Schusses hinubereilte zu dem Wagen. Auf halbem Wege hielt er jedoch schon inne. Er sah, dass Hackert den Schrein, den man hatte in tausend Stucke zerkracht glauben sollen, wie mit ubermenschlicher Gewalt auf seine sonst so schwachen Schultern lud. Nun floh er an den Wagen, fand diesen, fand ihn schon geoffnet, es war Peters, der ihn bebend grusste und wahrend er kaum den Schlag mit der Hand gefasst hatte, schon die Pferde anpeitschte ... Hackert taumelte heruber, ihm nach ... Aber Danebrand! Danebrand! ... hatte Dankmar rufen mogen ... Da erschallt ein Trommelwirbel in dem Profosshause, Fenster werden erleuchtet, Stimmen horbar, die Pferde ziehen an ... Hackert! Hackert! ruft Dankmar von dem nur halb betretenen Tritt herab. Er sieht ihn plotzlich nicht mehr, er hort ihn plotzlich nicht mehr ... Hakkert! Hackert! ... Der Trommelwirbel wird starker. Die Thuren des Profosshauses offnen sich schon. Halt! Halt! hort man rufen. Da lasst Peters die Zugel schiessen und hohl und dumpf widerhallend in der nachtlichen Stille braust der Wagen davon, geschutzt von den riesigen Schatten der gewaltigen Gebaude, die in diesem altergrauen Viertel fast gespenstisch nebeneinander stehen.

Eilftes Capitel

Die Richtung Trompetta-Flottwitz

Ermuthigt vom Gluck wagt man die grossere Gefahr.

Frohlich, heiterbewegt schritt ein Gast von der Tempelheider Anhohe nieder, sah noch oft ruckwarts, grusste noch oft die Frauen, die ihm mit Tuchern nachwinkten. Die Zeit der Sorgen war noch nicht voruber. Sie sollten erst noch recht in ihrer bedrangenden Schwere kommen; aber eine war doch abgeschuttelt: Dankmar Wildungen war in fremden Landen geborgen vor der Qual dieses Kerkerlebens, das selbst dem Muthigsten vor der Zeit den Glanz des Haares bleibt, vorzeitige Furchen in die kuhnsten Stirnen grabt!

Rodewald hatte seit dem Tage, wo ihn Furst Egon in Hohenberg abwies, ein nach Aussen vielbewegtes, in sich stilles Leben gefuhrt. Das, was er von Murray beim Abschiede von der Residenz erfahren, uber Pauline von Harder, uber den Baron Grimm, uber einen Paul Zeck, der leben sollte, war Stoff genug, um zusammenschmelzend mit Dankmar's Schicksal ihm in jede freudige Erinnerung an Anna von Harder, in jede Nachricht von Tempelheide bittern Wermuth zu mischen. Die Nachricht von dem Gewinn des Prozesses hob auf einige Zeit seine gedruckte Stimmung, aber lahmend vollends wirkte die Nachricht, die er von Herrn von Zeisel erfuhr, dass der Furst beabsichtige, alle seine Guter zu verkaufen. Mitten in den Zurustungen, die er auf eine zehnjahrige Pachtung hin glaubte wagen zu durfen, diese Nachricht! Mit welcher Liebe hatte er sich der Hoffnung einer Wiederherstellung der Glucksumstande Egon's gewidmet! Wie verklart schien die Abendsonne des Lebens auf dies sein emsiges Muhen und Walten, dem er eine irdische Anerkennung niemals wunschen, nie von Denen erwarten konnte, denen zu Liebe er sich muhte und arbeitete! Rodewald war uber die Beziehung seines Lebens zu weltlichen Erfolgen hinaus. Er war langst in jene geweihteren Hallen der Betrachtung getreten, wo der auch nicht feierlich emporgerichtete Blick des Auges doch immer das Ende und schon den Ausweg aus diesem Labyrinth aller Erdenrathsel zu suchen scheint und an jede That sich der Maassstab nur noch des eignen Genugens legt. Er billigte ganz, dass der gute, sich selbst in den Andern lebende Oleander ihm einst mit der Aufschrift: "An meinen Abendstern" ein Blattchen gegeben, auf dem es hiess:

Bei einem Ziele bin ich angekommen,

Ob auch am rechten? ... weiss ich nicht zu sagen.

Zwar mit dem Strome bin ich nie geschwommen,

Doch war's die Welle, die mich so getragen!

Gescheitert hab' ich manches Riff erklommen

Und manchen Preis erwarb sich kuhnstes Wagen.

Doch muss von den ertraumten schon'ren Lagen

Mir diese wol als jetzt die beste frommen.

Das Hochste suchend bald im Thatendrange,

Bald im Genuss, wo ich die Perlen wollte,

Fand ich nur Schaalen! Ach, der Damon grollte,

Er grollt noch jetzt und will mir Wunder lugen,

Die noch erreichbar! Solchem Uberschwange

Lass' ich genugen jetzt mein still Begnugen.

Darin, dass Egon von Hohenberg fur die Legitimitat stritt und sein Sohn war, sah er ein Rathsel. Ein teuflischer Gedanke hatte ihm rathen konnen, hohnzulachen dieser tollen Welt des Irrthums und der Luge. Ihm war dieser teuflische Gedanke nie gekommen; ihm schilderte sein Verhaltniss zu Egon das Verhaltniss der ganzen Zeit zu ihren Verfechtern oder Anklagern. Er sagte sich: Das ist Euer Adel, Eure Erbberechtigung, Eure Monarchie, Eure Kirche, Eure Sitte, Euer Glaube, Eure Konvention! O die Konvention, dies Angenommene, dies einmal gelten Sollende! Und so bitter dieser Ausruf, ihn reizte er nicht, dem Teufel zu dienen, der diese Luge schuf. Er dachte, grade in diesem Misverhaltniss von Zweck und Mittel, von Absicht und Einsicht bewege sich die ganze Zeit und das Jahrhundert und still trug er die Rolle, die ihm gleichsam eine andre Ordnung des Weltenplanes auferlegt hatte, still arbeitete er auf eine innere, geistige Ausgleichung des Ungleichartigscheinenden und doch sich Angehorenden hin. Feierlich bewegt war er an die Aufgabe gegangen, jener hohern, unsichtbaren moralischen Weltordnung zu dienen, indem er fur Egon vaterlich handelte. Ja, er dachte sich: So wirkt ja die Gottheit ganz still und unsichtbar fur sich nach ihrem Plan und verkehrt die Plane der Menschen, und was sollte kommen, wenn die wahre gesellschaftliche Religion nicht eben die ware, dass das Reich des Guten und Schonen dem Walten der Materie und der Leidenschaft immer entgegen arbeitete und sich schon auf Erden eine Harmonie erzeugte, die dem einst brechenden Auge wie ein Regenbogen des Friedens erscheinen, dem nicht mehr Irdisches horenden Ohre wie Spharenklang ertonen wird? Ach, und da nun von der Materie gestort zu werden, da nun horen zu mussen: Du wirst aus diesem stillen Zusammenhang deiner hohern Pflichten gerissen, wirst die Werke der Liebe aufgeben mussen! Es that ihm so weh, fullte sein Herz so mit Trauer, so, dass Franziska Heunisch, jetzt die Pflegerin seines Hauses, Sorge um den Edlen tragen musste und der Tochter gern sie ausgesprochen hatte, wenn diese nicht selbst des Kummers genug hatte zu tragen gehabt.

Nun kam nach einem neuen herben Winter die dreifache Botschaft: Egon verkauft die Herrschaft, Dankmar hat das Erbe, Dankmar ist entflohen! Da hielt es Rodewald nicht langer. Er musste in die Stadt, wenn auch nur auf einige Tage. Er wollte Selma's Freude sehen, wollte den Versuch wagen, den Fursten zu sprechen, ihn uber sein wahres Interesse aufzuklaren. Frohbewegt war Alles in Tempelheide, nur den Greis hatte er gewunscht muntrer anzutreffen; er krankelte seit der letzten Loge und schien bedenklich der Auflosung nahe ... auch uber Dankmar's Verlust, den nicht aufgefundenen Schrein, war man in erklarlichster Sorge, trotzdem, dass Dankmar selbst geschrieben hatte: Ihn hatte ein edles Madchen, Louise Eisold, versichert, dass er in Hackert Vertrauen setzen durfte ... doch wollte er zu Egon gehen, wollte den beklemmendsten Schritt seines Lebens wagen, wollte dem Manne in's Auge blicken, den er fast hasste, ob er gleich so mahnend berufen war, ihn zu lieben.

Rodewald hatte sich in der bekannten ehrerbietigen Aufwartungstracht gekleidet, war an der Pforte des Palais gewesen ... der Furst, hiess es, ist nicht anwesend, ist ausgefahren ... er hatte sich nicht nennen mogen ... aber nach Tisch, hiess es, um funf Uhr, dann ware eine gelegene Stunde ...

Er benutzte die Zwischenzeit, in dem wilden Volksgewuhl der Brandgasse Friedrich Zeck aufzusuchen. Er fand ihn leicht wieder heraus aus diesen Winkeln und Gassen; denn Jeder kannte den Alten mit der schwarzen Binde, Jeder zog vor ihm den Hut, Jeder fand Gehor, wenn er sich dem stillwirkenden Freund der Armen nahte ...

Rodewald fand "Murray" in Trauer um das Schicksal seines Sohnes Hackert, der Sohn Paulinen's war verschwunden. Sein Antheil an der Befreiung Dankmar's zeigte sich dunkel, aber unwiderleglich. Der Einzige, der den sichersten Ausweis hatte geben konnen, Danebrand, lebte nicht mehr. Ein Schuss der Patrouille hatte ein Leben voll Aufopferung geendet. Man zog, als Licht kam, den Getroffenen aus der Bresche und fand von der besten, edelsten, gutmuthigsten und treusten Seele der Welt nur einen Leichnam ...

Rodewald entsann sich von der Willing'schen Fabrik des grossen ungethumgeformten Arbeiters, der damals in Verdacht kam, sein Portefeuille genommen zu haben und sogleich gerechtfertigt wurde. Er stand fur eines solchen Menschen beste Absicht und verburgte nun fast auch Hackert's redlichen Antheil.

Dann ist mir aber meines Sohnes Verschwinden rathselhaft! erwiderte Zeck. Niemand weiss fur sicher, dass er mit jener Flucht zusammenhing, ich ahnte es nur und von Ihnen erst hor' ich, dass jenes Madchen, das ihn zu diesem Abentheuer veranlasst zu haben scheint, den Namen Hackert's in Verbindung mit Dankmar's Befreiung nennt. Verdacht ist genug ausgesprochen worden. Pax war hier. Alle Welt ist befremdet uber Hackert's Verschwinden. Man will auch einige Kennzeichen seines Antheils an jener Flucht wol gefunden haben. Man behauptet, nur ihm hatte gelingen konnen, sich mit den Schlusseln zu versehen, ihm nur ware die List und Verschlagenheit zuzutrauen, sich durch tausend Vorspiegelungen und tollste Kunste in Besitz der einzigen Befreiungsmittel zu setzen. Aber der Schrein! fuhr Zeck fort. Soll ich wirklich glauben durfen, dass ihn eine vollkommen gute Absicht bestimmte, an seiner Entwendung behulflich zu sein? In diesem Falle, wo weilt Paul, warum erfahrt Wildungen nichts, was soll man von dem Allen denken?

Rodewald verhiess eine trostliche Losung. Ware auch das Zeugniss jenes Madchens zweifelhaft, von dem er sich damals auf dem Fortunaball uberzeugt hatte, mit welcher Leidenschaft sie an Hackert hinge, der Keim des Besseren schiene doch durch den Vater in Ihm aufgegangen ... und nun erzahlte dieser von der Vergangenheit und half Rodewald uber die Stimmungen hinweg, die allzu sturmisch auch in ihm wogten und wallten.

Zuletzt dem Schicksal Dankmar's sich wieder zuwendend, sagte Rodewald:

Es nimmt mich Wunder, schon Kammereischeine der von Ihnen gefertigten Art im Verkehr zu sehen ...

Sie waren von Dankmar ausgegeben fur personliche Zwecke, sagte Zeck. Tausend Thaler fur die Armen, andre Tausend sind personlich bewilligt worden. Ohnehin durfte er nur von drei zu drei Jahren Einhunderttausend in Verkehr bringen ...

Wenn ein Verbrechen hier stattfande, ein Unglucksfall, so musste die Amortisationsklage zulassig sein ...

Ich zweifle ...

Wie? Das ware ja ein entsetzliches Ungluck ...

Man sieht mehr Scheine bereits in Umlauf, als Dankmar ausgegeben hat ...

Falsche?

Achte!

So ware der Schrein in die Hand eines Betrugers gekommen ...

Murray stand voll Bewegung auf. Das furchtbarste Mistrauen in seinen Sohn uberfiel ihn wieder auf's Neue und vor Schmerz rief er:

Was ist diese Welt! Was ist all' unser Muh'n und Suchen! Oft fuhl' ich, dass ich mich dem Wahnsinn nahern konnte!

Nein, nein, sprach Rodewald beruhigend. Es kann nur jenes Geld in Umlauf sein, das Dankmar selbst verausgabte ...

Viel, viel mehr ist in Umlauf ...

Und Dankmar besitzt den Schrein nicht? Hackert ist verschwunden, Danebrand todt, Dankmar weit entflohen. Wer lost diesen Zusammenhang? Wenn die bosen Machte der Regierungsgewalt selbst

Glauben Sie daran nicht! Der Schrein ist in die Hande eines Mannes gekommen, der ihn eroffnete und gewissenlos seinen Inhalt verschleudert!

Dann muss die Amortisation zulassig sein, sagte Rodewald aufspringend; die Papiere mussen augenblicklich entwerthet werden. Ich wende mich an den Rath der Stadt.

Diese Anzeige wird Ihnen nichts helfen. Man wird Sie immer darauf hinweisen, dass mit Verbrechern, mit Landesfluchtigen, mit Raubern in solchen Dingen keine Verhandlung moglich ware, die echten Scheine, sie mogen kommen, woher sie wollten, wurden an den Kassen der Stadt in Zahlung angenommen, vorausgesehen, dass die unbekannten gegenwartigen Besitzer die Termine der Emission einhalten.

Voll Sorgen uber diese neue qualende Erfahrung verliess Rodewald den bangen Freund, liess sich von Wechslern und Kaufleuten dieselben Worte, die eben Murray gesprochen, wiederholen, besuchte Oleander, der gleichfalls von Dankmar beruhigende Nachrichten hatte und im Pelikan sich nach dem Fuhrmann Peters hatte erkundigen sollen, dort aber erfuhr, dass dieser in Angerode noch weile, um ein dortiges kleines Besitzthum zu veraussern. In Erorterungen uber die Hoffnungen der Zukunft ging der Vormittag mit Oleandern hin ... Zu Mittag speiste Rodewald dann in Tempelheide, wo er ausser grosser Beunruhigung uber das zunehmende uble Befinden des alten Prasidenten mancherlei andre Nachrichten fand. Dass er den Fursten noch nicht gesprochen, befremdete nicht, denn Frau von Reichmeyer ware in Tempelheide gewesen und hatte erklart, der Furst beeile sich, seine Verhaltnisse abzuwickeln, es stunde eine grosse Krisis in der Politik bevor, die ihn vielleicht bestimme, ganz abzudanken ... Von Dankmar waren Briefe gekommen, in denen sich unter Anderem die Stelle befand: Uber unser Erbe sollten wir einstweilen noch leidlich beruhigt sein. Wir empfingen einige Tausend von unbekannter Hand aus dem durch den Fall wahrscheinlich gesprungenen Schrein. Der Briefsteller ist ohne Zweifel Hackert. Er versichert das ihm anvertraute Gut zu huthen, soweit es seine Wunden zuliessen; denn dass der Schrein nicht ganz in Trummer gegangen ware, hatte man seiner Schulter zu verdanken, die nur noch wenige Stunden lang Kraft genug behalten hatte, das Ausserste zu wagen. Man mochte Geduld haben; er hatte die Loosung bekommen: Zum Tempelstein! und vor Louise Eisold wurde er den Fund niederlegen, vielleicht zu ihrem Hochzeittage mit Mangold, da Danebrand ja hatte "dran glauben" mussen ...

Beruhigt durch diese, wie Dankmar erzahlte, selbst von einem Verwundeten noch schon geschriebene, aus einem kleinen Provinzstadtchen gekommene Botschaft, wo man unter der Hand fruchtlose Nachforschungen angestellt hatte, machte sich Rodewald auf's Neue auf den Weg, um nun den Fursten zu sprechen. Seine Mittel reichten nicht aus, mit Herrn von Reichmeyer in einen Wettkampf zu treten. Nur die Hoffnung trieb ihn, den Fursten ermuntern zu konnen, dass er an der Zukunft seines Erbes nicht verzweifelte und ihn in einer Lage, einem Berufe walten liesse, den er nun einmal, fern vom Treiben der Stadte, als den letzten ihm zukommenden, hatte erkennen wollen ... Rodewald versprach, sogleich zuruckzukehren und in dem leichtmoglichen Falle, dass der greise Prasident in Anna's pflegenden Armen ausathme, mit den in Eile gerufenen Arzten mannlichen Beistand zu leisten.

Es war funf Uhr. Ein heisser Junitag. Im Park hinter dem Palais des Fursten Egon sauselte ein kuhlender Luftzug in den Ulmen und Linden, die grade ihre duftigen Bluthen entfalteten. Der spat sich belaubende Ahorn, die vor der Bluthe dunn beblatterten Akazien bildeten den Ubergang aus den dichtern Baumpartien in die jetzt gepflegtere Ordnung des Gartens, wo Rosen und Nelken mit uppigster Farbenpracht grade im Beginn des schonen Bluthentraumes waren, der den edelsten Pflanzen nur zu kurz gestattet ist.

Egon und die Furstin wandelten im Garten ... Nach Tisch pflegten die guten Geister ihm naher zu sein als seine schlimmen. Nicht dass er, mit Menenius bei Shakspeare zu reden, bei "vollem Magen mehr Milde und Erbarmen hatte als bei leerem"; aber die Furstin kredenzte ihm von den sudlichen Weinen, die er liebte, er wurde gesprachiger, angeregter, bedurftiger der Zartlichkeit, die uns nachgiebig macht auch in anderen Dingen als nur den tandelnden ...

Egon stocherte sich die Zahne, setzte sich auf jene Bank, auf der er einst ausgeruht hatte, als er von seiner Krankheit genas und er die Briefe von Helene d'Azimont nicht mehr lesen mochte ... Das Kissen, das ihm damals Louis Armand ausbreitete, legten auf die steinerne Bank jetzt zwei Bediente, die sich in gemessener Entfernung hielten ...

Die Furstin war in guter Laune; denn Egon schien es zu sein. Er lobte die Blumen, die Luft, die Speisen, die Kafer, die Weine, die Kissen, Alles durcheinander, er, der sonst so wenig lobte, Alles tadelte, Alles gebessert wunschte ...

Ob seine Freude eine wahre oder nur eine erkunstelte war, kummerte die Furstin nicht. Sie erzahlte in ihrer alten Art Komisches und Spottisches durcheinander, Eins drolliger als das Andre, und schien dabei sorglos, so blau und wolkenleer, wie der Himmel uber ihnen. Hatte sie doch kurzlich erst ein grosses Leid glucklich uberstanden ... eines Morgens war bei ihr angefragt worden, ob sie nichts vom Vater wisse? Der Justizrath, hiess es zu ihrem todtlichsten Schrecken, musse in der Nacht die Komthurei allein verlassen haben, ware nirgends zu finden, hatte vielleicht ein Ungluck erlebt ... Der Schrei ihrer Angst erstickte in der schaudernden Gewissheit, dass sich der Vater vielleicht ein Leids angethan hatte; die Mutter, zu der sie flog, war starr und stumm ... der Vater, hiess es, hat eine Zahlung zu machen ... er wird sich den Tod gegeben haben. Doch bald klingelte es am Hause und der Vater kam, heitrer denn je, wohlgemuth, aufgelegt, sprach von dem Sonnenaufgang, den er hatte im Walde an der Jagerei, an dem bekannten Eierhauschen, beobachten wollen, leistete die Zahlung aus Mitteln, uber die in der Freude der Erlosung von einer schrecklichen Vorstellung Niemand grubelte ... es war dies sonderbarer Weise derselbe Tag, an welchem man Dankmar's Flucht und den Raub des Schreins erfuhr ... Genug, Melanie forschte nicht, sie lebte dem Augenblick und suchte Egon zu erheitern, wo sie nur konnte. Abgegebene Visitenkarten veranlassten sie zu folgendem komischen Bericht:

Seit Frau von Trompetta den Hof in Tempelheide versaumt hat, verliert die Gute um so mehr ihr Gleichgewicht, als ihre Formen sich immer mehr denen eines weiblichen Falstaff nahern. Aus allen Kampfen, die uns seither bewegten, ist auch sie nicht ohne ihren Kummer hervorgegangen, aber das offentliche und das eigne Leid bekamen ihr so wohl, dass ihr gegen die Blutfulle nichts als Kissingen ubrig bleibt. In der Ideenwelt scheint sie sich erschopft zu haben. Das Kanonenboot ist gescheitert wie die deutsche Flotte und von den Kunstlern und Dichtern, die fur ihre eigne Existenz zu sorgen haben, ist gratis jetzt nichts mehr herauszubekommen. Die Zeit der freiwilligen Albums ist voruber. Auch ihre Stimme hat bei dem Embonpoint gelitten. Dennoch wagt sie jetzt den letzten Versuch, die Liebe des Hofes zu attakiren. Sie hat gehort, dass die Grafin Altenwyl ausserte: Die Konigin fande es auffallend, dass soviel hochgestellte Damen sich um die Neuerung der sogenannten Kindergarten kummerten; ob sie denn nicht wussten, dass diese Kindergarten zu der innern Mission der Demokratie gehorten? Wenn die edlen Damen Etwas fur die Kinder thun wollten, so sollten sie sich an den Krippen oder sogenannten Creches betheiligen. Niemand war von dieser Ausserung betroffener als Frau von Reichmeyer, der sie hinterbracht wurde in einem Augenblick, wo sie eben fur die Kindergarten eine Sammlung zur Anschaffung von dem darin ublichen Gedanken-Spielzeug eroffnen wollte. Die armste Millionarin hatte sich in der Wahl des Mittels, um die Gunst des Hofes zu gewinnen, so entsetzlich vergriffen! Nun entwand sie sich sogleich feurigst den Armen der Demokratie, fuhr zu Frau von Trompetta und hinterbrachte ihr das Wort der Altenwyl. Jetzt haben es Beide hochst enthusiastisch mit den Milchflaschchen fur Sauglinge und mit den Krippen. Gelbsattel ist dabei auch gewonnen worden, alle frommen Geistlichen, die Mauseburg, die Furstin von Sein-Haben-Werden, Alle, Alle wollen sie jetzt die kleinen Milchflaschchen fullen und Krippen bauen. Der Anblick der Trompetta und der Reichmeyer unter den Windeln der Creches soll hochst tragikomisch sein. Die Konigin hat sammtliche Creches unter ihre Protektion genommen und der katholische Heiligenschein um die Kopfe der vornehmen Damen nimmt in der That so zu, dass ich mir manchmal wie eine Heidin vorkomme und nicht mehr weiss, an was man nun eigentlich jetzt noch recht glauben soll.

Egon lachelte zu dem Humor der Furstin, die nie verlegen war, ihn zu erheitern, aufzurichten, in seiner oden Vereinsamung zu trosten ...

Ich sehe, sagte er, dass meines Sylvester Rafflard Wirken fur den deutschen Norden nun doch von bestem Erfolg gewesen ist. Die Intrigue gegen Helene war nicht seine einzige Aufgabe. Er hat uberall schlau die Leerheit und Abspannung der Gemuther hier benutzt, um ihnen die Panacee des romischen Glaubens anzubieten. Wir bauen schon Kirchen fur Rom, wir werden binnen wenigen Jahren hier einen romischen Bischof haben und das Frohnleichnamsfest offentlich feiern sehen unter dem Schutze von Militar und Gendarmen. Die Krankenpflege erzeugt Institutionen, von denen man nicht mehr recht weiss, wurzeln sie noch in Luther oder schon wieder in Rom. Man sieht Schwestern mit wunderlichen Kopftrachten durch die Strassen gehen, als ware man im tiefsten Suden. Man zeigt dem Volke die Uneigennutzigkeit der katholischen Kirche in der Heil-, Schul- und Seelsorge. Die Kunst entschieden, die Literatur allmalig seh' ich schon hinneigen wieder zu einer gewissen unreellen Auffassung des Lebens, wie in der alten romantischen Epoche. Die Damen lesen nur Sussliches, Dammerliches, Traumerisches. Von dem offnen Ubertritt vieler Gebildeten nicht zu reden ...

Die Furstin verstand, warum sich Egon unterbrach. Er dachte hier an Helene d'Azimont, die den neuesten Nachrichten zufolge nach Paris zuruckgekehrt war, dort ihren Gatten sterbend gefunden, ihn begraben hatte und nun auch zur katholischen Kirche ubergetreten war. Man hatte erfahren, dass sie sogar mit der alten Mutter Desire's sich ausgesohnt hatte, auf dem Quai d'Orsay gemeinschaftlich mit ihr betete und in Notre-Dame, wahrend Rafflard vor den Thuren stande und mit den Shawls auf Beide an der Equipage wartete, in der Magdalenen-Kapelle mit zerknirschten Reuethranen oft horbar schluchze. Heinrichson war Helenen nicht treu geblieben. Eine millionenreiche Englanderin, die fur eine Malerin gelten wollte, hatte ihn geheirathet. Helene war um den Glauben an sich und die Welt gekommen ... Das grausame Gedicht des sonst so weichen Oleander hatte auch sein gut Theil Schuld daran, dass Helene fur alle ihre Schmerzen auf eine letzte Abhulfe dachte und sich vor Egon, vor Olga, ihrer Schwester Adele, vor Rudhard gleichsam einen Panzer und Harnisch des neuen Lebens umschnallte, der ihr zugleich erlaubte, uber alles Vergangene, wenigstens scheinbar, eine souverane Verachtung auszusprechen.

O diese bemitleidenswerthe Haltlosigkeit der weiblichen Seele, rief jetzt Egon kopfschuttelnd aus. Wenn die Klange der Orgel brausend stromen, die Klingel des Hochamts ertont, der Priester im gestickten Kleide die Rander des Altars kusst, fuhlen diese Frauen wol eine Linderung ihrer Qual, ihres heissen Durstes nach Wahrheit oder Schonheit? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass Helene im katholischen Glauben nur dieselbe Anregung findet, die Pauline von Harder bei uns in meiner Politik fand. Dieser katholische Glaube besteht nicht aus der Messe, der Beichte und dem Rosenkranz allein. Es ist eine so merkwurdig unterhaltende Institution, wenn man in ihr inneres Getriebe treten darf und die reichste, ja leidenschaftlichste Erregung fur jeden ubrigen Lebens-Augenblick gewinnt, auch ausser der Gottesandacht. Kann etwas lebensvoller organisirt sein als das Ziel und Streben der katholischen Kirche? Ist sie nicht mit rustigem Muthe wieder in den Wettkampf mit der Zeit getreten, hat sich an allen Vorgangen der Staaten, der Kultur, der Kunst, ja selbst der Wissenschaft um so mehr betheiligt, als wir fur uns uberall auf diesem Gebiete nur Niederlagen sehen? Das Palais eines Erzbischofs ist jetzt wie das eines Ministers. Boten gehen und kommen. Uber Alles wird berichtet, fur Alles ein Votum abgegeben und die Fursten, die schon ihren nahen Untergang vor Augen erblicken, klammern sich an diesen Einfluss mit tiefster Unterwerfung, fordern ihn, folgen ihm, selbst wenn sie nicht zur katholischen Kirche gehoren. In diesem Kirchenleben herrscht ein ewiges Kommen und Gehen, eine stete Anregung auch durch Manner, die den grossen Vortheil bieten, dass ihnen hausliche und Familienbeziehungen nicht auf den Fersen folgen. Nie klappen diese Menschen gleichsam in ihren Hauspantoffeln, nie hort man von ihnen eine Berufung auf ihre Lebensstellung, auf das Loos von Weib und Kind. Meine arme Helene vielleicht sucht Gott, vielleicht sogar Christus, aber sie wird auch, in Ermangelung des rechten Heilandes, vorlaufig soviel Apostel finden, dass ihr ein neues unterhaltendes Leben aufgehen muss und ihre liebegluhende, in den Extremen lebende Seele nicht Zeit erhalt, noch an das Vergangene zu denken. Sie ist reich, sie wird sich das Leben nach allen Dichtgattungen, tragisch, idyllisch gestalten, wie sie es bedarf. Die Elastizitat ihres Willens, die Dehnbarkeit ihres Bedurfnisses wird nie ein Ende finden. Uber Grunde, Motivirungen wird sie, die im Ewignothwendigen lebt, nie in Verlegenheit sein. Geb' ihr der Himmel die reichsten Zuge aus dem Quell des Vergessens und netze ihre heisse Stirn mit irgend einem Thau und war' es das Weihwasser des Aberglaubens an den weihrauchduftenden Kirchthuren!

Die Furstin lenkte, da Egon's Stimme vor wehmuthiger Erregung zitterte, auf Pauline ein und berichtete uber die Besuche, die heute die Geheimrathin schon in der Fruhe gemacht hatte, aus Furcht, Egon wolle dem Hofe offen, nicht versteckt weichen, wolle eine Kabinetskrisis eintreten lassen ...

Egon aber fuhr ausweichend fort:

Dieser tollkuhne, so liebenswurdige und so gefahrliche Dankmar Wildungen hatte Recht, als er mir eines Tages, da von dem Ubertritt einer beruhmten Frau die Rede war, sagte: Diese Frau handelte sehr inkonsequent oder sie weiss nicht, dass die Nachtigall ein Mannchen ist. Uberlegte sie, dass Gott es so geordnet hat, dass die Mannchen im Walde die Herren, die Mannchen nur schon sind und nur die Mannchen singen, wusste sie, dass nur eine ihr sonst so seltene Galanterie der deutschen Sprache aus dem Sprosser, der allein schlagt, eine Nachtigall machte, aus der Sonne, die in allen Sprachen mannlich ist, bei uns allein eine Dame und den uberall weiblichen, uberall abhangigen Mond bei uns zum Herrn, zum Maskulinum, so hatte sie in dem konsequenten Streben nach Freiheit und Frauengrosse eigentlich dem Weltenschopfer den Handschuh zum Kampfe hinwerfen und in die Schule der neuen Atheisten gehen mussen. Aber von den Regierungen verfolgt werden, mit der Gesellschaft zerfallen, von der Aristokratie verdammt und verketzert werden, Das entspricht freilich nicht den Alluren dieser Asthetik und so wahlte sie statt der genialen Malice auf die Weltordnung, die eine charakteristische Konsequenz gewesen ware, eine ihr gar nicht naturliche demuthige Unterordnung, statt Byron's den ihr im Stillen hochst langweiligen Thomas a Kempis, statt des unscheinbaren Doktors Feuerbach bei Nurnberg den freilich pomposeren Papst in Rom.

Das Paar stand nun auf ... Die Furstin wusste, dass sie diese Art von Erinnerungen, wenn Egon fest dabei blieb, nicht durch Scherz storen durfte. Sie wusste, wie Egon litt unter dem Druck seiner Uberzeugungen und Pflichten. Er terrorisirte sich ja selbst und weil sie die Einzige war, die seine Wahrheitsliebe mit schaudernder Verehrung anerkannte, so that es ihm wohl, sich, wenn sie ganz stumm war, an sie zu schmiegen und sich mit ihr allein im beruhigten Einverstandniss zu fuhlen.

Pauline, sagte er im Gehen, Pauline ist grade wie Helene. Diese ertrug nicht, dass ich handelte, Jene wird nie ertragen, dass ich liebe und nur dem Leben lebe. Erst war ich ganz der Sklave des Herzens, nun bin ich ganz der Sklave des Geistes. Ich soll mich beugen unter diese kleinen Zirkel! Ich soll eine Luge in die wenigstens mir erwiesene Wahrheit meines Herzens aufnehmen! Ich soll die Religion, die Schule, die Wissenschaft einer Richtung uberantworten, die nicht die meine ist! Und warum? Um Minister zu bleiben? Um Paulinen nicht von ihrer Hohe herabzusturzen? ... Ich habe diesen Staat gerettet. Ich begab mich in Gefahren, opferte meine Freunde, diente der Gesellschaft, indem ich die Ruhe, Ordnung, den Fleiss, die Massigung, die Ergebung, das Vertrauen anbahnte. Und immer die Vorwurfe, dass ich die historischen Bedingungen vergasse? Grade diese Monarchie ware ein Andres als der allgemeine Staat der Vernunft? Grade hier galte es, Alles in den Personen, nichts in den Dingen zu suchen? Ich ertrug diesen tollen Widerspruch, so lange ich ihn fur ungefahrlich erklaren konnte. Aber jetzt soll ich, da diese Fanatiker des Ruckganges sich unentbehrlich gemacht haben und ich auch von den Mittelparteien umgangen bin, mir Elemente aufdrangen lassen, die sich mir nur heuchlerisch unterwarfen, weil ich Muth hatte und nur warteten, bis ich von ihrem schlingpflanzenartigen Wachsthum umrankt bin und in ihren Umarmungen ersticken muss! Ich kenne jetzt den leitenden Gedanken des Hofes. Ich war gut fur das Zeitalter der Polizei. Zwei Jahre galt es unterdrucken, hemmen, ablehnen. Jetzt trate die Zeit der Organisationen ein! Es ist die Contrerevolution der Adligen und der Pietisten, denen selbst Voland zu allgemein und zu phrasenhaft geworden ist. Wenn die jetzt erledigten Ministerien des Kultus und des Auswartigen in die Hande jener Manner kommen sollen, aus deren Liste ich nicht Einen wahlen wurde, wahrend der Hof nicht Einen aus der meinen mochte, so hab' ich meinen Weg vollendet und danke dem Himmel, dass Reichmeyer's Vorschlag einer Parzellirung meiner Guter und deren successiver Verkauf mir moglich macht, diese Bahn zu verlassen und Rudhard's Vorschlag, meiner Gesundheit wegen mich im sudlichen Russland, gradezu in der Krimm oder sonst wo niederzulassen, auszufuhren ...

Diese unmuthsvoll ausgesprochenen Phantasieen wurden von drei Briefen unterbrochen, von denen einer in rothlicher Enveloppe der wichtigste war; Briefe von dieser Farbe kamen vom Hofe ...

Der Furst erbrach ihn zuerst. Aus dem Kabinet des Konigs wurde gemeldet, das Interesse der Dynastie verlange unbedingt die Ubergabe der erledigten Portefeuilles an die Manner der vom Hofe aufgestellten Liste. Man sahe um so weniger Schwierigkeiten, als sich ja alle der Prasidentschaft des Fursten fugen wollten ...

Der zweite Brief war von Herrn von Reichmeyer, der die endliche Moglichkeit einer grossen Verkaufsoperation fur die nachsten Tage bestimmt zusicherte ...

Der dritte endlich war von Paulinen und lautete:

"Zweimal war ich bei Ihnen, Egon, zweimal wollt' ich Sie beschworen: Opfern Sie diese entsetzliche Hartnackigkeit! Ich habe Gaste zu Tisch, sonst war' ich selber da, um Sie fussfallig zu bitten: Richten Sie nicht Alles zu Grunde! Sie zwingen den Hof nicht! Die Partei der Konigin ist zu sehr erstarkt. Sie lehnt sich an die grosse ostliche europaische Politik und hat das Einverstandniss mit allen Kabinetten im Rucken. Sie selbst, Egon, haben die Verfassung fur ein Konglomerat von Unsinn und Verbrechen erklart; darin ist man mit Ihnen einverstanden. Aber Sie haben hinzugefugt: dies Konglomerat drucke fur den Augenblick die Burgschaft der Ruhe und Ordnung aus, man durfe sie den Mittelparteien, die den Ausschlag gaben, nicht entziehen, durfe nicht an ihr rutteln, musse sie als Popanz regieren lassen, um die grosseren Guter des Vertrauens, die Ruckkehr zu den Gewerben, die Verschmelzung der Gehorchenden und Regierenden dafur zu gewinnen, bis die Zeit kame, wo die Zungen der Engel oder die Posaunen des Weltgerichtes wieder einmal mit der Menschheit reden wurden. Dies zweideutige Wort ist das stundliche Thema der kleinen Zirkel. Man geht so weit, Sie des Einverstandnisses mit der Revolution zu bezichtigen. Ich beschwore Sie, Egon, lassen Sie diese Hartnackigkeit! Wenn Flottwitz aus P. und Trompetta aus S. in's Ministerium kommen, so haben wir in der Presse und der Kammer die Mittel, diese uns aufgedrungenen Ultra-Elemente bald genug auszustossen. Geben Sie diese Expropriation Ihres Eigenthums auf! Sie wollen das Land verlassen! Sie haben idyllische Ideen wie einst Helene d'Azimont. Sie sind muthlos geworden, Furst! Sie beneiden Ihre alten Freunde um das Gluck ihrer Martyrerschaft! Sie finden die Schicksale dieser Wildungen wunderbar. Sie ermatten im Kampfe fur Ihre unendlich wahreren Ideale! Soll ich, ein Weib, Ihnen Kraft und Ausdauer predigen? Egon, was ist Ihnen Rodewald? Seit dessen Ruckkehr sind Sie ein Schatten, sind nicht der Widerschein mehr Ihrer fruheren Grosse! Finden Sie Rodewald ab! Ich biete Ihnen zur Losung seines Pachtvertrages mein Vermogen! Verweisen Sie ihn auf Grund seiner verlornen Heimathsrechte, auf Grund des Schutzes, den er dem Staatsverbrecher lieh, auf Grund des Vorschubes, der von Plessen und Tempelheide aus doch unwiderleglich der Flucht Wildungen's geleistet wurde, des Landes Egon, haben Sie Muth, Vertrauen! Nochmals, ich biete Ihnen die Benutzung meiner eignen Mittel! Befreien Sie mich von dem Verdachte, dass Sie nicht ertragen konnen, von mir abhangig zu sein! ..."

An dieser Stelle zerriss Egon das Billet, warf es zur Erde und wurde die mit dem Fusse getretenen Fetzen aus Zorn unbedacht haben liegen lassen, wenn die Furstin sie nicht gesammelt und ihm zuruckgestellt hatte, ohne einen Blick hineinzuwerfen ...

Ohne ein weiteres Wort durchschritt Egon den Garten, verliess ihn, ging uber die kleine Hoftreppe in seine Zimmer. Der Diener folgte ... Die Furstin hielt sich zuruck, treu ihrem Systeme der Nichteinmischung in Dinge, fur die ihr Lust und Beruf fehlten ...

Zwei Worte genugten dem Fursten, um dem Hofe anzuzeigen, dass er sich heute gegen Abend definitiv aussprechen wurde ...

Es stand bei ihm fest, Das, was er war, ganz oder es nicht zu sein ... Pauline von Harder hatte Recht, seit Rodewald's Ruckkehr war Egon ein Tyrann der Konsequenz ... das Wort "abhangig sein", von dieser Frau gesprochen, wuhlte ihm wie ein Dolch in der Brust ...

Der Bediente wollte gehen, das Billet zu Hofe tragen ... Noch zogerte er und meldete:

Der Generalpachter Herr Rodewald wunsche Se. Durchlaucht zu sprechen ...

Egon horte nicht ... Er war in zu fieberhafter Bewegung ...

Herr Rodewald ...

Wer? ... Der Schrecken des vorigen Jahres im Schlosse Hohenberg wiederholte sich erst.

Der Bediente sprach die Meldung noch einmal; der Wunsch Rodewald's, jetzt vorgelassen zu werden, war der dringendste.

Die Wirkung dieses Namens auf den Fursten kennen wir ... Dasselbe Erblassen, dasselbe Beben ... wie auf dem Schlosse Hohenberg ... aber die Sammlung war nach fast einem Jahre der Gewohnung und Uberlegung vorbereiteter ... Der Furst fasste sich, winkte und liess den Generalpachter eintreten ...

Heinrich Rodewald trat ein ...

Zwolftes Capitel

Vater und Sohn

Rodewald hatte in denselben Zimmern gewartet, wo er einst von Louis Armand die frohe Botschaft von dem vermeintlichen Eigner jener Locke empfing, die auf seinem Herzen ruhte ... er hatte voll Trauer die alabasternen Bildsaulen betrachtet, von deren Anblick er damals gern den Knaben Selmar zuruckgehalten hatte ... er war bangend uber die Teppiche auf und nieder geschritten, die damals jenen dem Justizrathe zugeschleuderten "Schurken" in seinem Widerhall milderten ... dieselbe Welt und wie verandert durch die Zeit!

Wie Rodewald eintreten sollte zu Egon von Hohenberg, dem Sohne Amanden's, schlug dem Vater das Herz, er hatte es horen konnen, wenn nicht sein Ohr betaubt gewesen ware. Nur unwillkurlich griff er mit der Linken nach der klopfenden Brust ... in der Rechten hielt er mit der Ehrerbietung, die seiner Stellung zukam, den Hut ... Er war schwarz gekleidet, gab sich von Natur wurdevoll und uberragte weit seine Stellung.

Egon stand vor ihm mit dem Stern auf der Brust ... Er hatte in der Fruhe schon einer Reprasentation beigewohnt ... Er trug diesen Stern jetzt fast wie eine Waffe.

Stumme, lautlose Begrussung ...

Herr Rodewald? begann der Furst mit einem unwillkurlichen Schauer. Er hatte diese Gestalt, diese imponirende Wurde, diese edle Bildung des Hauptes nicht erwartet ... er wollte seinem Tone Barschheit geben ... er konnte nicht; der leise am Vater schimmernde Silberglanz des Scheitels milderte seinen strengen Vorsatz ...

Durchlaucht ... zu Befehl ... war Rodewald's fast zitternd vorgetragene Antwort.

Habe Ursache Ihnen sehr dankbar zu sein ... Ihre Verwaltung verspricht ... oder vielmehr Sie leisten schon, was Sie versprochen haben ...

Rodewald gewann an Sicherheit der Unsicherheit des Fursten gegenuber. Dieser Empfang musste ihn, wenn er schon von Egon's Herzen eine geringe Meinung hatte, vollends erkalten. Wozu diese kurzen, abgestossenen Satze! dachte er. Soll Das als Vornehmheit gelten? Soll Das Strafe fur meine Beziehung zu Dankmar sein? Warum mir diese Unfreundlichkeit? An eine Bekanntschaft mit seinen Beziehungen zur Mutter dachte er nicht. Er wusste, dass die einzige Verratherin nur Pauline sein konnte und worin grade ihr Stolz, ihre Eifersucht sich gegen Amanda gestraubt hatte, wusste er nicht minder ...

Die zehn Jahre, begann er, die mir Ew. Durchlaucht anfangs gestattet haben, sind grade nur das Maass der Zeit, das ich brauchen wurde, um Soll und Haben einigermassen in Einklang zu bringen. Auf Gewinn wurde erst nach dieser Frist zu rechnen sein.

So? sagte Egon kalt, wandte sich zum Fenster und blickte mistrauisch nur mit halbem Blicke zu dem Sprecher, der fortfuhr:

Durchlaucht haben aber, wie ich von Herrn von Zeisel hore, uber Ihre Besitzungen einen andern Entschluss gefasst ...

Egon horte kaum. Er dachte nur an das Wort Paulinen's in dem zerrissenen Brief: Man verweist Rodewald des Landes! Er prufte und forschte. Er wollte in die Stimmung zuruck, die ihn einst veranlasst hatte auszurufen: Du bist von Fallstricken umgeben, man wuhlt in deinen gefahrlichsten Geheimnissen! Was will dieser Mensch? Warum kommt er zuruck? Was drangt er sich in deine Nahe?

Und nun stand der Gefurchtete vor ihm. So ruhig, so ernst, so wurdevoll ... Ja, sein scharfes Auge entdeckte den Wehmuthsschleier uber Rodewald's Augen und nur darin noch fuhlte er seine Kraft sich sammeln, dass er dachte: Sollte er wagen, dir vertraulich zu thun? Ware Dies, so hatte ihm ein Gedanke kommen konnen, der nicht viel anders gelautet hatte, als: Du konntest ihn erwurgen!

Rodewald fuhr fort:

Durchlaucht werden als Staatsmann wissen, dass in keinem Dinge eine plotzliche Reform moglich ist. Die Guter sind vernachlassigt, uberschuldet, aber ihr Ertrag ist noch nicht zu ermessen. Die Bodenkraft scheint grosser, als man voraussetzte. Ich fand keine gute Haushaltung und ich bringe noch mehr als ehrlichen Willen, ich bringe Kenntnisse und Erfahrungen, die sich bewahren durften ...

Sie haben Auslagen gehabt, sagte der Furst; ich weiss, Sie haben Maschinen bauen lassen und die Gebaude, die Sie errichteten, ich sah sie selbst mit Vergnugen sie werden den gegenwartigen Kaufpreis nur erhohen ... Sie werden schadlos gehalten werden ...

Ein Verkauf, dem man eine gerichtliche Nothwendigkeit zu Grunde legt, hebt mein Pachtverhaltniss auf ...

Sie arrangiren sich vielleicht mit Herrn von Reichmeyer ...

Ich glaube nicht. Die Landwirthschaft ist so sehr meine Leidenschaft nicht. Es mussen sich die Verhaltnisse schon ganz besonders nach meinem Wunsche gestalten, wenn ich mir als Okonom gefallen soll ...

Egon, der fast nur zum Fenster hinaussah, biss sich auf die Lippen. Es lag in diesen Worten Das, was er furchtete, der Schein von Vertraulichkeit des ihm unheimlichen Mannes und doch war die Betonung nicht auf ihn gerichtet, sie war streng, ohne Weichlichkeit, ohne Zuthunlichkeit, sie ging in's Allgemeine.

Der Uberschuss, fuhr Rodewald fort, der Uberschuss der Aktiva, wenn die Passiva getilgt sein werden, kann nicht so gross sein, dass der Werth einer dauernden Zukunftshoffnung aufgehoben wurde. Ubereilen Sie diesen Entschluss nicht, Durchlaucht!

Egon brachte jetzt polternd eine Menge von Grunden vor, die in diesen Tagen gegen den Besitz von Landereien sprachen. Es waren darunter sogar welche aus der Zeit und dem Regierungssysteme hergenommen, sodass Rodewald lachelnd einfiel:

Durchlaucht werden bei einer solchen Motivirung dem Besitzadel das Signal eines allgemeinen Sauve qui peut! geben. Was bliebe von dem Grundbau des Staatsgebaudes ubrig, wenn diese Abneigung sich mehrte!

Es wurden neue Arbeitsquellen geschaffen, sprach der Furst jetzt rascher; es kamen die Kaufer in die Nothwendigkeit, den Boden zu mehr als nur zur Unterstutzung einer geselligen Reprasentation zu benutzen. Die grossen Guterkomplexe sind eine mittelalterliche Idee, die ich bekampfe. Je mehr wahre Arbeit durch die Parzellirung erzielt wird, desto mehr beschaftigte Hande und zufriedene Kopfe. Ich hatte fruher auch die Professorengrillen vom Adel, dem ungetheilten Guterbesitz, den englischen Spleen von Majoraten. Ich habe mich auf der Tribune und im Bureau uberzeugt, wohin wir mit dieser Reform vom Adel kommen. Es ist besser, der Adel vermittelt seine Krafte mit denen der modernen Arbeit und Grund und Boden wird etwas Beweglicheres als bisher.

Gern hatte Rodewald vielleicht erwidert: Und ist die Liebe zu dem vaterlichen Boden nicht auch ein Bindemittel der Ordnung? Ist die pflegende und huthende Pietat nicht in deinem Staate unterzubringen? Aber in der Nothwendigkeit zuruckhalten zu mussen, vermied er Erorterungen wie diese, die wol seinen alten romantischen Doktrinen entsprochen hatten. So kam er nur auf das Wort zuruck, das er schon gesagt hatte: Er wurde sich mit einem Kaufer des Ganzen oder Einzelnen nicht einigen.

Der Furst wandte sich und wagte die halb lachelnden, halb verweisend ernst vorgetragenen Worte:

Das klingt ja fast, als sollte ich allein nur die Ehre haben, der Auserwahlte Ihres Fleisses zu sein!

Rodewald verwand diese bose Rede mit Schmerz. Er hatte erwidern konnen: Allerdings! Ich kannte Ihre Mutter, schatzte sie ... er that es nicht, er versuchte auf dem geschaftlichen Standpunkte stehen zu bleiben.

Eine Zerstuckelung, sagte er, hebt meine Hoffnungen auf. Wenn ich durch den Gewinn des Waldes nicht decke, was ich an der Sterilitat des Feldes verliere, wenn nicht eine Lokalitat der andern in die Hande arbeitet, ergibt sich kein grosses Resultat. Fur ein kleines hab' ich bereits zu bedeutende Anstrengungen gemacht. Durchlaucht erklaren, dass ich entschadigt werde. Ihr Entschluss steht fest. So hab' ich nichts weiter zu sagen.

Und schon wollte Rodewald, tief erkaltet, durchfrostelt bis in's innerste Herz sich zum Gehen wenden ...

Da sagte Egon, uberrascht von dieser Entschiedenheit und durch die Abwesenheit aller weitern Wunsche des ihm so nahestehenden Mannes fast beschamt:

Bleiben Sie doch noch! Gefallt es Ihnen denn in Europa wieder? Sie waren viele Jahre in Amerika ...

Fast dreissig Jahre ...

Sie haben eine liebenswurdige Tochter zuruckgebracht, eine Enkelin der Frau von Harder ...

Rodewald schwieg. Aber was er dachte, war der Wunsch: Wusstest du, was ich gelitten, als ich glaubte, du warest diesem Kinde, deiner Schwester, nicht fremd, diesem geliebten Kinde, das ich mein nennen darf vor der Welt und an dessen Leben sich keine Reue knupft!

Sie haben die Aussicht, einen sehr reichen Schwiegersohn zu gewinnen, Dankmar Wildungen ... fuhr Egon fort; hatte sein Aufenthalt bei Ihnen keine gerichtlichen Folgen fur Sie?

Wir haben strenge Gesetze fur die Hehler von Dieben und Mordern, sagte Rodewald. Die waren hier nicht anwendbar. Im Ubrigen stand Dankmar Wildungen im Begriff, sein Verhaltniss zu meiner Verwaltung aufzugeben ... zuletzt bin ich sein Oheim.

Ich habe einige Monate lang mit diesem Bruderpaar einen vertrauten, geselligen und sehr wohlthuenden Verkehr unterhalten, begann Egon, jetzt etwas sich erwarmend. Den Jungsten lernt' ich in einer Zeit kennen, wo ich der Freundschaft bedurfte, um nicht unterzugehen. Ich habe die Idealitat seines Strebens immer getadelt, aber im Ubrigen seinen Charakter, seine Diskretion, seine vortreffliche Haltung in jedem Lebensverhaltnisse anerkannt. Mein Leben war abentheuerlich. Manches lernt' ich aus Buchern, das Meiste aus dem Leben. Ich bin streng gewesen gegen die fruheren Freunde, weil ich an derselben Grenze unsrer Beobachtungen mit ihnen stand und sie mir doch immer einraumten, dass wir etwas in's Volk hineintragen, was nicht in ihm lebt. Ich liebe das Volk, ich bin kein Staatsmann der Studierstube, der Antichambres, ich schmeichle Niemanden. Ich schmeichle aber auch dem Volke nicht. Ich kenne die gefahrlichsten Feinde der Gesellschaft, es sind die Luge und die Tragheit. Fruher sprach ich Das in Scherzen aus. Oft genug mit den Wildungen und mit einem gewissen Louis Armand. Lieber Himmel, wir fuhrten das wolkenloseste Leben, wir waren glucklich, wenn unsre Scherze nicht weiter reichten als der Dampf der Cigarre, die wir rauchten. Was kommt auf den Zwiespalt der Theorieen an, wenn man in der schonen Natur lebt, wenn man von Pferden, von schonen Frauen, von Geist und Poesie im Allgemeinen spricht! Ich wurze gern an der Tafel meinen Appetit mit guter Unterhaltung und immer die gleichen Meinungen, das gibt keine gute Unterhaltung. Also ich liebte diese Wildungen! Und Louis Armand! O mein Gott, was hab' ich die Freunde gewarnt und gebeten, was ihn und die Bruder an die mir schmerzlichen neuen Pflichten erinnert aber, wenn es einmal zu einer Entscheidung kommen soll, wenn man durch den Zufall in eine Position gestellt wird, wo es ganz unermesslich heilige Zwecke zu verwalten gibt, dann bleibt nichts Andres ubrig, als es zu machen wie die Helden im Homer. Man prallt mit Schild und Speer an dieselben Heroen, denen man vor der Schlacht uber ihre Noblesse, ihre Armatur, ihre gute Haltung, ihre Genealogie die anstandigsten Komplimente gemacht hat ...

Es lag in diesen rasch herausgepolterten Worten so viel Naturlichkeit, dass Rodewald unwillkurlich lacheln und an ihnen eine Art Gefallen finden musste ...

Ich habe die Halbheit nie leiden konnen, fuhr Egon fort. Ich lebte in Genf als junger Mensch cribble de dettes, von Schulden fast aufgefressen. Ich hatte es satt, unter solchen Verhaltnissen mich zu kompromittiren. Ich trieb nicht Romantik, sondern es war mein bittrer Ernst, als ich in die Verborgenheit fluchtete und lieber verschollen sein wollte, als unter elenden Bedingungen einen grossen Namen tragen. Ich habe in der Politik immer dieselbe Loosung gehabt. Koalitionen und Fusionen, wie diese Quacksalberei der neuern Staatsweisheit heisst, sind mir zuwider. Ich wollte einen Staat der Pflichten aufbauen. Einen Staat der Arbeit nach jeder Richtung hin. Ich habe Das Ihrem Neffen hundertmal gesagt. Dankmar hat meine Theorie bestritten und mir nur negative Dinge angerathen. Man kann nicht regieren mit Negationen. Luftige Utopismen sind in den meisten Fallen Gelegenheiten zur Ausbeute fur die Charlatane. Ihre Neffen haben das horrible Phantasma eines Bundes aufgestellt, der von den Gerichten wie eine Verschworung aufgefasst worden ist. Ich weiss sehr wohl, was er will und was er den Gerichten verschwieg. Ich sah die ersten Keime dieser Gedanken in ihm aufbluhen. Hier, hier, an diesen Tisch, da an jenen Thomas a Kempis knupften wir unsre ersten Gedankengange an, von denen ich nicht ahnte, dass sie ihn so in die Region der Lufte fuhren wurden. Es ist wahr, es ist Alles geschehen, um ihn in seinem Idealismus zu ermuthigen. Er hat durch zahe Beharrlichkeit einen Prozess gewonnen, der ihm eine wunderbar glanzende Zukunft verspricht ...

Sie wissen, unterbrach Rodewald diese aufwallende Mittheilungslust, Sie wissen, dass dies unglaubliche Gluck so gut wie verronnen ist ...

Man sagt, der Bund hatte die Flucht befordert, die ein Theilnehmer mit dem Leben busste. Aber die Scheine werden doch ausgegeben, werden doch von den westlichen Provinzen her verbreitet, ich versichre Sie, die Mitglieder des Bundes sind ohne Sorge um diese Errungenschaft, die ja, wie bekannt ist, nicht einmal den Brudern allein, sondern der grossen Chimare von der neuen Templerei allein zu Gute kommen soll ... Konnen Sie denn eine solche Verwendung billigen? Was sagt Fraulein Selma dazu? Und Olga Wasamskoi, die Ihnen, diese schlimme kleine Intriguantin, die Ehre verschaffen wird, eine Furstin zur Nichte zu haben? ...

Egon konnte so nicht weiter; bei jeder neuen Thatsache trat er wie auf Fussangeln und dabei diese ruhige Aufmerksamkeit des wurdigen Mannes, der nur horend vor ihm stand, dies leuchtende Feuer, das in Rodewald's Augen zuckte, dies sichtliche Behagen in der Annaherung an Egon's menschlichere Regungen ... er musste sich selbst unterbrechen und liess Rodewald ruhig gewahren, als dieser sagte:

Ich freue mich des warmen Antheils, den Durchlaucht noch an den personlichen Schicksalen geringerer Menschen nehmen. In dem Bunde der Ritter vom Geiste und was mit ihm zusammenhangt, liegt nicht die grosste Gefahr unsrer Zeit. Verkleinern will ich die Bedeutung dieses Bundes nicht. Ich glaube, dass es schwierig ist, die Thatsachen der Gegenwart so zu verwalten, wie sie sind und dabei den Geist gegen sich zu haben. Dieser Geist, Durchlaucht, ist keine doktrinare Wahrheit, etwa irgend eine neue Philosophie, sondern nur das Gefuhl der furchtbarsten Entmuthigung, die plotzlich Jeden doch in seinem Wirken uberfallen muss, wenn ihm Etwas sagt: Du irrst dich, die Geschichte hat zu allen Zeiten etwas Andres gegeben, als was selbst Die, die dem Neuen am nachsten standen, ahnten! Und Jeden schreckt so diese Vorstellung, den Geist gegen sich zu haben, zusammen. Selbst den Nuchternsten, den Erbarmlichsten der Sinnenmenschen, den Reaktionar aus Existenzinteresse, uberkommt die Vorstellung, dass der Geist gegen ihn ware, wenn auch nur unter der Vorstellung: Wenn ich todt bin, mag kommen, was da will, aber so lange ich lebe, soll Das und Das u.s.w. und uberall in alle Karten, die gemischt werden sollen, in alle lauten, in alle geflusterten Gesprache mischt sich dieser rathselhafte Dritte, dieser grosse Unbekannte, der hineinsieht in Jedes und immer das Gegentheil von Dem lehrt, was grade begonnen und betrieben werden soll. Daher diese Schwankungen. Die Pole sah noch Niemand, aber die Magnetnadel, die zittert, die fuhlt die Pole. Auch Sie, Durchlaucht, werden Verbindungen eingehen, die Ihrer Natur nicht gleichartig sind, auch Sie werden, um Alle fur sich zu haben, den Kreis Ihrer Theorieen erweitern mussen und wenn das Gerucht wahr spricht ...

Nimmermehr! Nein, nein! unterbrach Egon und ubertonte durch die Heftigkeit dieser Ablehnung ein Gerausch wie von einer nebenan geoffneten Thur, die Rodewald horte, aber nicht Egon. Nimmermehr! Ich weiss, was Sie sagen wollen. Dies Herrschen um jeden Preis hass' ich. Sie kommen aus Amerika. Ich sage Ihnen, dies Herrschenwollen um jeden Preis wird bei uns vielleicht noch einst die Monarchie sturzen. Wir werden naturlich von der Republik immer wieder zur Monarchie zuruckkehren, bis sie durch dies Herrschenwollen um jeden Preis nach Jahrhunderten doch unmoglich sein wird und sich eine Staatsform gebildet hat, die jetzt noch Niemand begreift ...

Denken Sie Das, Furst, sagte Rodewald erstaunend, so gehoren Sie zu den Rittern vom Geiste und jener geheimnissvolle Dritte ist auch bei Ihnen und Ihren Gedanken gegenwartig. Es ist uns Allen, als trugen wir ein grosses Geheimniss in uns, das wir nur noch auszusprechen nicht wagen und das mit unsrer Generation noch vorlaufig in die Erde geht ...

Egon blickte auf, denn er erschrak. Diese Worte schienen absichtlich, aber sie waren es so wenig, dass Rodewald vielmehr aufhorchend sagte:

Durchlaucht werden gestort ... Ich gehe ...

Nein, nein, sagte Egon, wir sind allein ...

Es entwaffnete ihn, dass Rodewald, sein eigner Vater vor Gott, vor der Welt von einem Geheimnisse sprach, das man zu Grabe trage und ruhig von dannen gehen wollte, indem er sich ernst und bescheiden vor ihm, dem Hohergestellten, noch seinem Herrn, verbeugte. Es uberflog ihn eine Ahnung von Dem, was diesen Mann bewogen haben konnte, sich seines irdischen Looses anzunehmen und nochmals wiederholte er:

Bleiben Sie doch! Was Sie von meiner Geneigtheit zu Koalitionen gehort haben, ist falsch! Wenn ich mich meiner Guter entledigen wollte, so war es nur, um mich frei zu machen und dann fur immer dieses Land zu verlassen.

Aber, sagte Rodewald, angezogen von diesen warmeren Worten, wenn Sie sich selbst bewahren wollen, Furst, wenn Sie das Ideal von Politik, das Sie im Herzen tragen es ist nicht das meine nicht entweihen wollen durch Vermischung mit Fremdartigem, das Sie hassen, warum konnen Sie auch so nicht frei von dannen gehen? Lassen Sie Ihr Erbe einem Mann zuruck, der es Ihnen erhalten wird! Sind Sie von meinem uneigennutzigen Willen denn nicht uberzeugt?

Es lag in diesen Worten eine so schmelzende Uberredung, dass Egon einen langern Blick auf den Sprecher richtete, einen fragenden, fast flehenden, als sollte sein ganzes Dasein ihm sagen: Was willst du mir denn, du wunderbarer Mann?

Das Schweigen, das einen Augenblick eintrat, erschutterte Niemanden mehr als die Person, die in der That im Nebenzimmer stand und von Rodewald gehort worden war. Es war Pauline von Harder. Zu heftig gefoltert von ihrer Unruhe uber Egon's Entschluss, benutzte sie ihr Vorrecht, im Palais Hohenberg jede Thur fur eine offene zu halten, uberall einzutretten, den Fursten in seinen entlegensten Arbeitskabinetten ohne Anmeldung zu uberraschen. Die Diener hatten ihr gesagt, wer beim Fursten war. Sie schrak zusammen, als sie den ihr einst so theuren, jetzt im Gewuhl der Welt, die sie umtobte, ihr gleichgultig gewordenen Namen erfuhr. Dennoch hatte sie aus Neugier Rodewald erblicken mogen, hatte sehen mogen, wie er wol geworden durch die Zeit, wie der Furst den Verrather an ihrem Herzen wol aufnahm, wie Vater und Sohn sich wol begegneten .... Sie offnete das Vorzimmer. Sie horte Egon's laute, gellende, an Wohlklang taglich einbussende Stimme. Sie kannte diese reizbare Sprache, sie wusste sogleich, dass er in Erorterungen begriffen war, die sich auf seinen Entschluss bezogen, das Ministerium niederzulegen. Ihr ware mit diesem Schritte die schmerzlichste Erfahrung, ja eine Niederlage bereitet worden, von der sie sich in diesem Leben nicht wieder erholen konnte. In die elende kleine Theaterwelt ihres Gatten einzutreten, da zu intriguiren, da Faden zu lenken? Welch ein Abfall von der Rolle, die sie jetzt unter den Parteien, in der Presse, im Ministerium, in der Welt spielte! Nein! Nachgeben, akkommodiren! Das ist unerlasslich! sprach sie vor sich hin und lauschte auf Rodewald's Worte, auf Egon's Erwiderungen.

Die Wendung des Gespraches hatte eine mildere Tonlage angeschlagen. Es traten Pausen ein. Man sprach leiser. Egon hatte etwas in der Stimme, wie Kleinmuth, Rodewald etwas wie zutraulich Rathendes, Trostendes. Man schien sich zu nahern, sich besser zu prufen. Sie begriff nicht, welchen Vortheil sie von einem offenen Austausch der beiderseitigen Geheimnisse ziehen sollte, aber so viel horte sie, dass Egon wie ein gebeugtes Rohr dastehen musste, das im Winde wehte. Rodewald sprach von der Sorge, die er den Gutern widmen wollte, ihr war diese Fessel schon recht, aber Egon sprach von Entsagung. Entsagung! Dies immer ihr so furchterlich gewesene Wort! Sie horte, dass Egon an den Tisch getreten sein musste, auf welchem noch das verblasste Pastellbild seiner Mutter stand. Was wird geschehen? dachte sie und uberlegte einen Entschluss ...

Sie kannten also meine Mutter? hiess es drinnen mit schwacher Stimme.

Rodewald's Antwort blieb aus. Sie horte es nur nicht, das leise hingehauchte, ernste Ja!

Finden Sie die Zuge ahnlich?

Rodewald erkannte das Bild aus der Mondnacht im Heidekruge ... sprach auch etwas ... Sie aber horte wieder keine Antwort ...

Egon sprach von Landeck, wo Rodewald die Mutter zum erstenmale sah ...

Landeck? Wie endet Das? flusterte sie fast zu laut, erbebend, vor sich hin.

Man verliess jedoch drinnen diese gefahrlichen Erinnerungen, man kehrte auf die Abdankung des Fursten zuruck, auf eine von ihm bezweckte Reise im sudlichen Europa, man sprach von Melanie, der Furstin, Egon ruhmte die edle Selbstlosigkeit seiner Frau, er sprach von Freiheit und Erlosung von druckenden Fesseln, Pauline durfte jeden Augenblick erwarten, dass sein zitternder Ton, der die bewegte Ruhrung des Herzens verrieth, sich ganzlich der Wahrheit gefangen gab und wol gar eine Umarmung hier die Stelle der Worte vertreten konnte. Doch trat dieser Moment nicht ein; wohl aber war es ihr, als rafften sich Beide, so gegeneinanderstehend, aus ihren Traumen auf und deutlich horte sie nun den Fursten sagen:

Leben Sie fur heute wohl, Rodewald! Ich fahre zum Konig, um meine Abdankung eben einzureichen. Man wird, ich weiss, sie jetzt mit Freuden annehmen. Es liegt im Wesen der Monarchie, dass sie allen Denen, die ihr Maass im Dienen voll haben, die sich des Hasses und der Verfolgung fur den Bestand der hohen Herrschaften nachgerade zu viel zugezogen haben, gern erlaubt, sich mit ihrem Ubermaass von Makel und kompromittirendem Rufe vom Throne zu entfernen, um Neue heran zu lassen, die, wenn wieder deren Maass voll ist, wiederum das Weite suchen mogen, und so fort! Sagen Sie Herrn von Reichmeyer, dass ich also die Guter behalte, dass ich sie Ihnen dauernd uberlasse. Sagen Sie Allen, dass ich reise, diesen Schauplatz meines Wirkens verlasse, mude bin einer StellungWeiter liess aber Pauline von Harder diese Sinnesanderung nicht anwachsen. Die Eifersucht auf Rodewald uberfiel sie wie in der alten Zeit die Eifersucht auf Amanda. Die Furstin Amanda war ihr in diesem Augenblicke fast wie ein Schatten entgegengetreten, der ihr den Sohn entriss und zuruck in die Arme des Vaters fuhrte. Wie? Entsagung diesem wunderbaren Wollen und Wirken? Nein ...

Sie trat ein ... Die Manner staunten. Rodewald erkannte Paulinen sogleich, ob sie gleich furchtbar gealtert war. Doch ihre Hoheit verrieth sie sogleich. Er erkannte das dusterblitzende Auge, er sah die Momente der Eifersucht aus alten Zeiten wieder. Das ist Pauline! sagte er sich.

Furst, die Ungeduld treibt mich ... Haben Sie einen Entschluss gefasst?

Herr Rodewald! sagte der Furst, den Dritten gleichsam vorstellend ...

Ich weiss, sagte sich abwendend Pauline. Rodewald! Ich bin Pauline! Sie kennen mich? Rodewald! Was wollen Sie, Rodewald? Warum sind Sie hier? Hier in diesem Hause? Was mischen Sie sich in Verhaltnisse, Rodewald, die keinen Bezug auf Ihr Leben haben konnen wenn Sie ein Mann von Ehre sein wollen!

Egon ubersah, dass Pauline, die so losbrechend Rodewald fur eine Wahnsinnige hatte halten konnen, gelauscht hatte ... Die Moglichkeit unzeitiger Ausbruche von Drohungen und Enthullungen dieser Frau war ihm peinlich genug. Aber es war Egon's Art nicht, wenn er furchtete, gleich feige zu sein. Er stampfte fast mit dem Fusse und fragte:

Was ist? Hangen meine Entschliessungen nicht von mir selbst ab?

Durchlaucht! rief Pauline in bitterm und drohendem Tone. Dann sich zu Rodewald wendend, sprach sie herrschend:

Was wollen Sie mit den Gutern? Gehen Sie! Sie haben noch keine Auftrage vom Fursten empfangen. Herr von Reichmeyer wunscht keine Unterhandler ... Gehen Sie, gehen Sie, Herr Generalpachter! Man vermisst Sie vielleicht in Tempelheide ... ich glaube, Ihre Angelegenheit mit Sr. Durchlaucht ist im Reinen ...

Die Wirkung dieser schneidenden Worte war auf die beiden Manner die verletzendste. Sie hatten sich ja Beide nichts zu gestehen, hatten sich ja nichts zu sagen, was ihre Stellungen geandert hatte. Aber wie sich denn doch ein Drittes da so gewaltsam zwischen ihre zart in Eins gesponnenen Lebensfaden warf, zuckte es in ihren Nerven wie mit einem einzigen Schlage; sie waren verbunden und handelten ubereinstimmend, sie wussten nicht wie ...

Doch massigte sich Rodewald. Er sagte nur, sich zum Gehen wendend:

Frau von Harder, ich bin hier, um die Befehle meines Herrn zu vernehmen ... Ich bin der Pachter Rodewald, ich trage die Spuren der Mittagssonne auf meiner Stirn und meine Hande fassen sich harter an, als einst, obgleich sie doch noch keine Schwielen haben und mich nicht zum Bauern und Knechte entwurdigen ...

Vergessen Sie nicht! rief Egon dem Scheidenden nach. Was ich von Herrn von Reichmeyer sagte ... es bleibt dabei ... Und Sie, gnadige Frau, die Zeit drangt. Ich will zum Konige ...

Damit deutete Egon an, dass er allein in seine Zimmer zuruck und auch Paulinen entlassen wollte.

Diese fasste aber seine Hand ...

Er lehnte sie ab und rief mehrmals:

Ich habe Eile, ich muss zum Konig!

Pauline ertrug aber diese Abweisung nicht. Eine solche Form ihres Verhaltnisses zu Egon, Rodewald zur Schau gestellt, liess den Zorn in ihr uberschaumen. Sie war die Allmachtige gewesen, sie hatte sich gewohnt, Egon zu beherrschen, sie wusste, einzig, ausser der Ludmer und Rodewald, welches Geheimniss auf dem Ursprunge des Fursten lastete und in diesem Augenblicke verliess sie die Grossmuth. Sie rief dem Fursten, der schon an der Thur stand, nach:

Was ist hier beschlossen worden? Bleiben Sie! Rodewald! Ich bewundere Sie, Furst, dass Sie mich zwingen, den Abschied zu storen, den Rodewald von den Zugen jenes Bildes zu nehmen scheint ...

Rodewald hatte sich in der That dem Bilde der Furstin zugewandt, hatte in der That ihm gleichsam allein den Anblick seines Schmerzes in der Stille anvertraut ...

Frau von Harder! rief Egon zusammenzuckend ...

Die Erinnerungen erwachen huthen Sie sich, Egon! antwortete diese leise und dann steigernd. Zweimal hat dieser Mann, der in Amerika seine Vergangenheit hatte begraben sollen, das Vertrauen der treuesten Menschen betrogen ... ich kenne in diesem Hause des Fursten Waldemar von Hohenberg keine Thur, die mich zuruckfuhrt! Furst Egon, seien Sie besonnen ... ich meine, dem Konig gegenuber!

Diese zuletzt grelllauten Worte kamen wie aus der Holle. Egon verstand sie sogleich, Rodewald errieth sie. Der Furst erblasste. Er sah die wuthgeborene schaumende Rache, die ihm drohen konnte: Vergiss nicht, wer du bist und wer da weiss, wer du bist! Rodewald aber, vor der Betonung des Fursten Waldemar, des Fursten Egon schaudernd, bebend selbst vor dem Blicke des Hohnes und der Superioritat, die in den Worten der in der Leidenschaft ihrer selbst nicht machtigen Frau lag, uberschaute sogleich das ganze Verhaltniss mit einem Schlage und mit blitzschnell in ihm auffahrender Gewissheit: Allmachtiger Gott, Egon kennt sein Verhaltniss zu dir und dies Weib ist die Einzige, die es ihm verrathen hat! trat er entschlossener vor, ergriff den rechten Arm der wilden Frau, hob diesen empor und rief feierlich:

Pauline von Harder!

Rodewald! erwiderte die Unbesonnene wie im Echo, hohnend, trotzend sich losreissend und den Fursten so kalt, so herzlos von Unten nach Oben messend, dass Egon zitterte, Rodewald aber sich nicht langer hielt, sondern wie ein Seher in flammendem Zorn, dicht auf sie zutretend, hervorbrach:

Pauline von Harder! Ich betrachtete in diesem Augenblicke die Engelzuge Amanda's von Hohenberg! Sie flusterten mir zu: Es gibt ein Weib, das der namenlose Drang des Ehrgeizes verfuhrt hat, von Extrem zu Extrem besinnungslos zu taumeln! Ein Weib, das ein Erdendamon sogar den Irrweg zum Herzen meines Sohnes fuhrte! Rodewald, sagen Sie dieser Frau, flustert mir die Furstin zu, sagen Sie ihr, dass Sie in Amerika wirklich Ihre Vergangenheit liessen, wirklich vergassen, an Das zu denken, worauf Pauline noch meinem Sohne gegenuber mit giftigem Stachel deuten kann; sagen Sie ihr aber auch, dass in Amerika noch eine zweite Vergangenheit begraben liegt, die Vergangenheit Paulinen's von Harder! Ein Friedrich Zeck hat gelebt und an dem Ufer des Hudson, in dem er sich das Leben nahm, ein Geheimniss hinterlassen, das einzig auf der Welt nur Sie und mein Sohn wissen sollen! Nicht genug, dass der Falschmunzer Baron Grimm auf zwanzig Jahre durch Pauline von Harder und ihre Helfershelferin Charlotte Ludmer in einen Kerker geworfen wurde, in dem der Ungluckliche schon nach dem ersten Jahre hatte sterben mussen, wenn nicht Zeck, genannt Baron Grimm, die Mittel zur Flucht vor seinem gewissen Tode gefunden hatte; auch das Kind, das Pauline von Ried, geborne von Marschalk, jenem falschen Spieler und Abentheurer, dem Kupferstecher Zeck, geboren, Paul Zeck, getauft in der Stille zu Seehausen vom Pfarrer Lattorf, wurde von ihr den ruchlosen Verwandten des Betrugers ubergeben, verkauft, von diesen, Mordern und Gaunern, ausgesetzt und wuchs herauf zur abschreckendsten Ahnlichkeit mit seiner Mutter! Noch lebt Paul Zeck, lebt unter uns, in dieser Gesellschaft, ein Jungling von dreiundzwanzig Jahren, voll Lug und Trug, verschmitzt, verworfen, zu jeder Gewaltthat fahig und nichts, nichts, als den Namen seiner Mutter suchend! Jetzt geh' ich zu dem Makler Reichmeyer, der Furst aber geht zum Konig, und Sie, Pauline, sollten gehen und Paul Zeck suchen, einen Fund, dessen Verdienst in seiner Unermesslichkeit ich Ihnen nicht schildern kann. Denn Paul Zeck muss leben, darf nicht auf's Neue Mordern anvertraut werden, darf nicht auf's Neue um ein Judasgeld von dreitausend Thalern von der Erde weggeweht werden, Paul Zeck darf seine Mutter nur unter dem Schutze der Gerichte finden, damit er nicht verschwindet, gemordet von Charlotte Ludmer, Pax und den Helfershelfern Paulinen's von Harder!

Wenn Rodewald nach diesen Worten das Zimmer hatte verlassen wollen, wurde er durch die Art, wie die Geheimrathin diese Enthullung aufnahm, daran verhindert gewesen sein. Denn jedes seiner entsetzlichen Worte hatte ihm gleichsam Pauline abgeschnitten, jeder neuen Thatsache hatte sie sich gleichsam korperlich entgegengeworfen. Sie suchte sich dem furchtbaren Sprecher bei jedem Athemzuge zu nahern, wollte seinen Arm ergreifen, versuchte vor Verzweiflung fast mit ihm zu ringen.

Als er aber dennoch geredet, dennoch geendet und schon langst die geoffnete Thur in der Hand hatte, sturzte Pauline, die vor ihm auf der Schwelle stand, ihn zuruckhalten wollte, von dannen und rannte wie eine von den Furien Gepeitschte auf die Ausgange der Zimmer und der Etage des Hauses zu, sank wie Eine, die in der Luft dieses Palastes zu ersticken furchtete, fast die Stiegen hinab ... Die draussen harrenden Bedienten mussten sie fur wahnsinnig halten, als sie die Treppe niedertaumelte und besinnungslos vor dem Portal in ihrem Wagen verschwand.

Wie sie schon davonrollte, lag Egon noch dankerfullt, zum Himmel aufblickend in Rodewald's Armen. Er war auf den Vater, wie befreit von Harpyenkrallen, zugesturzt, hatte in sturmischer Uberwallung seiner erlosten Gefuhle ihn an sein Herz gezogen, ihm Stirn und Wangen schon mit Kussen bedeckt ... schon das Wort auf den Lippen ... das entscheidende, das entsetzlich geheimnissvolle ... aber Rodewald liess Nichts davon geschehen ... er nahm kein Recht in Anspruch, verrieth keines zu besitzen, gebot der Stimme der Natur, blieb demuthig, zog sich zuruck, wollte fliehen, schwieg, indem er seine Thranen fur sich reden liess. Hinaus! hinaus! hauchte er leise ...

Nein, einen Augenblick, Vater! rief Egon mit bebender Stimme, riss sich los, sturmte in sein Nebenzimmer und kehrte nach wenigen Sekunden mit einem versiegelten Pack Papiere zuruck.

Lies! sagte er. Es ist das Testament der Mutter!

Rodewald nahm schweigend und staunend die Papiere, wollte sie mit abgewandtem Antlitz ablehnen, hielt sie mit der linken Hand fest und bedeckte sich zugleich mit ihr die Augen, mit der Rechten streichelte er des Fursten Wange, abgewandt, fast blind tastend nur, wie in den heiligen Buchern jener Erzvater that, als er die rauhe oder glatte Haut seines Sohnes fuhlen wollte, um den rechten Liebling zu erkennen ...

Da mehrte sich die Scene. Die Furstin trat hinzu ... staunend uber die Scene, betroffen von Paulinen's schneller Entfernung ...

Herr Rodewald? sprach sie, den Mann prufend und die Bewegung dieser beiden Manner nicht verstehend ...

Egon begrusste sein Weib ...

Rodewald sich sammelnd sagte mit fester Stimme:

Durchlaucht sind zu gnadig! Ich werde diese Bedingungen lesen! Ich gehe zu dem Bankier, um ihm die Befehle des Fursten von Hohenberg selbst zu uberbringen.

Damit ging Rodewald in der That, der Furstin sich achtungsvoll verbeugend ...

Die Furstin, sich nicht zurechtfindend, fragte, als sie allein waren:

Aber hattet Ihr Scenen? Was war Das?

Nur eine Verstandigung! sagte Egon. Ich gebe mein politisches Amt auf. Die Guter behalt Rodewald. Wir Beide reisen. Jetzt zum Konig und das glanzende Elend auf immer geendet!

Egon rang sich von seinem zitternden Weibe liebevoll los ... Uber Melanie blitzte ein Schimmer von Gluck, ein Strahl von Hoffnung, von dem sie sich sagte: Endlich die Warme des Gemuths? Was ist ihm? Was bricht da das Eis dieses ewig kalten Verstandes? Ist er denn auch der Liebe fahig und warst du dann noch wurdig, ihn zu besitzen?

Ein Gluck fur sie, dass sie den Namen nicht wusste, der gleichsam von Rodewald hier als ein triumphirendes Paroli gegen Egon geboten war, den Namen Fritz Hackert's, Paulinen's Sohn! ... So blieb die Freude ... ungetrubt.

Dreizehntes Capitel

Der Tempelstein

An dem aussersten Ende eines der vielen kraftigen Nebenarme unsres grossen, meergrunwallenden Stromes bilden die Uferwande einen Ausgangspass auf fremde Lander, neue Sprachgebiete. Duster blicken wie Grenzwarten die tannengeschirmten Gipfel des Gebirgskammes, der Deutschlands naturliche Grenze ist und der im Suden uns noch Lothringen zuweist und das Elsass. Auf diesen Hohen horsten noch Adler. Die Noth des Winters treibt noch Wolfe von ihren waldigen Schluchten herab. Niederwarts sich senkend, erheitert sich aber die Flur und dem Strome zu wachst die Rebe und der Nussbaum und volkreiche Stadte, Weiler, Kirchen, Kapellen und Schlosser verrathen, wie traulich es sich am maandrischen Versteckspiel seines Pfades wohnen lasst, unbekummert um den Wolf und den Adler, die dem Grenzjager oder Schmuggler begegnen mogen und Denen, die in der Hohe uber Gekluft und Dickicht die verstecktesten Wege kennen. Sonst waltete hier die milde Herrschaft des Krummstabes. Noch sind die Alleen von Buchau lebendige Zeugen der Weltherrschaft des Geschmakkes von Versailles, noch hat des treuen Mangold englische Naturkunst die Kunstnatur der erzbischoflichen Garten nicht ganz austreiben konnen. Und zu den geschweiften Formen des Schlosses, zu diesen chinesischen Pavillons, zu diesen Friesen und Kannelirungen gehort ja auch die alte Gartenscheere, gehort ja auch der Zopf Lenotre's, der Puderstaub auf Blatterwuchs und Baumgeheg.

Schloss Tempelstein, das sich auf eine Stunde Weges vom ebengelegenen Buchau und der Krummung des Stromes wegen doch ihm fast gegenuber erhebt, ragt schon mit Thurmen und Altanen aus Baumgruppen, Felsvorsprungen, Waldumkranzungen frei und zwanglos empor. Noch ist der Bau nicht vollendet, den Dystra mit seltenen Hulfsmitteln sich in dieser abgeschiedenen Gegend zu einem englischen Kastell mit Jagdgeheg und Boulingreen, zu einem Alhambra mit Springquellen aus Lowenmund, Bogengangen und Blumenterrassen zaubert. Es wird lange wahren bis zu seiner ganzen Vollendung. Aber in diesem Sommer ist die alte Ruine schon nicht mehr aus ihrer neuen Umkleidung zu erkennen. Der Weg empor ist schon gebahnt. Ein untres Wohnhaus fur den Winter, selbst dem verwohntesten Lebemann, bewohnbar. Bis zur Brucke, die zwei Felsen verbindet und an ihren Randern gestattet, auf ihnen die Spitzen von tief aus der Schlucht aufragenden Buchen und rothen Blutfichten mit der Hand beruhren zu konnen, ist Alles eben, links und rechts mit grossen Gewachsvasen aus gebranntem Thon geziert. Dann kommen Stufen, die schon sicher und bequem zu betreten, wenn auch noch nicht geschmuckt und eingefasst sind. Oben schon sprudelt die Fontaine, die das grosse Plateau zieren wird. Auf diesem Plateau will Dystra die Dorfjugend tanzen lassen, wenn er in seinem Geschmack immermehr, wie er sagt, den "Rosen des Herrn von Malesherbes" naher kame. Wie glatt musste dieser Marmor also geschliffen sein! Die Platten lagen schon im Vorrath und wurden schon bearbeitet. Das Burgthor offnet sich. Das Wappen Dystra's hatte sich hier als eine verzeihliche Konsequenz seines Ahnenstolzes eingefunden, da er meinte, man sollte ihm diesen Stolz auf die Vorfahren lassen, da es doch schiene, als wenn ihm schwerlich noch etwas nachfahren wurde. Die Zugbrucke war von Ketten und Eisendrahten. Alle Mauern hatten Nischen zu Statuen, Blumen, Springquellen oder, sagte Dystra, zu ewigen Lampen, wenn entweder Olga oder Paulowna oder ihre Mutter, denn Einer droht das Gluck, Baronin Dystra zu werden, in Verzweiflung daruber auch katholisch wurde. Nur einen Nepomuk auf die Zugbrucke, sagte er zu Rudhard, der ihn von Brussel oft besuchte, nur den wurd' ich mir verbitten; dieser Heilige macht mir bei jeder Brucke erst recht den Schwindel, den er vertreiben soll. Der dritte Theil des Schlosses war schon bewohnbar. Die ausgesuchteste Einrichtung zierte vom Dollond eines Belvedere herab bis zur praktikabelsten Kochmaschine des Kellergeschosses den linken Flugel, dessen nachste Umgebung bereits jetzt von Kalk, Mortel und dem Larm der Maurer und Steinmetzen verschont war. Wild und wust freilich sah es in der Mitte und am rechten Flugel noch aus, der theilweise in einen Felsen hineingebaut wurde und einen schroffen, jahen Abhang darbieten sollte, fur etwa verzweifelt Liebende, wie Dystra sagte, oder fur Blaubarte, die sich hier ihrer neugierigen Frauen entledigen wollen, falls der unterirdische Gang, der hinten in den Wald und die Tempelabtei fuhrt, nicht von strengen Ehemannern zu den Marterkammern und lebendigen Einmauerungen lieber benutzt wird. Diese Abtei war als Ruine ganz im alten Style gelassen und nur vom Schutt und Gerolle befreit und an zu schadhaften Stellen durch Erganzungen unterstutzt. Ein schoner Rest mittelalterlicher Kirchenbaukunst lag die Abtei fast schon im Walde und bot einen heiligen, das innerste Herz bewegenden Anblick.

Dystra lebte nun fast ein Jahr schon am Fusse des Schlosses Tempelstein, das selbst er nur zuerst von seiner Schicksalsverhangten aus der Familie Wasamskoi bewohnt haben wollte, in der eleganten Villa am Aufgange, dicht am Flusse, nicht tausend Schritte weit entfernt von dem Dorfe Buchau, das den Tempelstein vom Schlosse Buchau trennt. Der Verkehr mit gegen Hundert Arbeitern bot ihm die angenehmste Zerstreuung. Im Ubrigen hing er auf's Lebendigste mit allen den Beziehungen zusammen, die durch die Namen der Bruder Wildungen vertreten sind. Dankmar fluchtete sich zu ihm und wohnte druben jenseits des Gebirgskammes. Siegbert kam zuweilen von Antwerpen. Rudhard kam mit den Kindern Rurik und der heranwachsenden Paulowna. Leidenfrost war immer zugegen; denn er war es, der den Tempelstein ausbaute. Niemand kannte ihn. Er galt fur einen fremdherverschriebenen Architekten. Auch Werdeck, der in Paris lebte, liess sich zuweilen mit Vorsicht sehen. Louis Armand lieferte die Ausstattung der Zimmer, die Boiserie, die Vergoldungen, das Glas. Er machte seine Einkaufe in Belgien und den Niederlanden. Man kannte die Hundert von Menschen nicht, die hier abund zugingen. Dystra machte nur die Bedingung der Vorsicht und sie wurde ihm gewahrt, noch gewissenhafter befolgt. Siegbert's Zeichnungen fur die Glasfenster, die Leidenfrost in einer nahegelegenen Glashutte selber brennen lassen wollte, erregten die Bewunderung der Laien und Kenner. Es hiess, sie kamen von belgischen Malern aus Antwerpen. Wer forschte da weiter? Die Furstin Adele ware gern von Brussel gekommen, um die Fenster zu sehen, wie sie dann wirklich fertig waren und in den kostbaren Gemachern hingen, aber Dystra sagte: Die erste Frau, die ausser Louise Eisold sein Schloss betrate, ware ihm verfallen; ware sie verheirathet, so musste der Mann mit ihm hier die erste Lanze brechen, ware sie Jungfrau oder Wittib, so durfte nur ein Lindwurm sie ihm streitig machen und auch an den wurde er sich wagen. Kurz er scherzte uber eine Bedingung, die die Furstin so ernst nahm, dass sie sich uberwand nicht zu kommen und, wie einmal bedungen war, Olga die Vorhand liess.

Durch Dankmar Wildungen erfuhr Dystra die neuesten Vorfalle des Jahres, seine Flucht, den Verlust des Schreins. An Louise Eisold sah er die Wirkung sowol des Erfolgs wie des Mislingens auf ein leidendes und in Leiden erstarktes Gemuth. Sie hatte die Flucht geordnet. Franziska Heunisch hatte ihr Anerbieten dazu mit Selma Rodewald vermittelt. Sie war in Tempelheide gewesen, hatte Peters im Pelikan gewonnen, hatte von Danebrand, der sonst am Baue arbeitete, sich begleiten lassen, hatte das Unglaubliche erreicht durch Hackert's einzig zum Ziele fuhrenden uberraschenden Beistand. Danebrand war ein Opfer dieser kuhnen That geworden, die gute, treue, uneigennutzige Seele ... Louise schauderte bei dem Gedanken, dass von den Beiden, die im Wege standen, Mangold's Wunsche zu erhoren, der Eine vom Tod hinweggerafft war und der Andre ... Was ist nur mit ihm? Wo weilt Hackert? Hatte er Alle, auch sie betrogen? Sie allein sah an Hackert die schlimmsten Seiten nicht, sie hatte sich aus seinem Leben wie jenes Huhn im Hofe aus dem Dunger einen Edelstein gescharrt, sie glaubte fest und heilig daran, dass hier nichts als nur der Sonnenschein der Liebe gefehlt hatte. Als Hackert ihr die That gelobte und Beistand versprach, in seiner Weise ohne Emphase, ohne Begeisterung, aber sicher, schlau, pfiffig Alles berechnend, was allein zum Ziele fuhrte, als er ihr andeutete, dass er genugsam vertraut ware mit allen Personlichkeiten des Gerichtshauses, um sich durch verliebte Frauen, naschige Kinder, schwachsinnige Greise, trunkene Manner, die Schlussel der Gefangnisse und Kassen anzueignen, da hatte sie zwar nicht gesagt, nicht sagen konnen: Hackert, ich belohne dich fur alles Das mit meinem Herzen! Aber die sturmischen und kecken Liebkosungen, mit denen sie der nie rein Denkende sogleich uberschuttete, hatte sie doch fast mit den Worten abgelehnt: Lassen Sie! Lassen Sie, Hackert! Vielleicht wenn es gelungen ist, dann!

Und nun hatte die Flucht diese Wendung genommen! Danebrand das Opfer, so gestorben wie einst ihr Bruder! Der Schrein und Hackert verschollen ... ein unermessliches Gluck der Bruder Wildungen verloren, trotz des Briefes, der von Hackert's Hand einst mit dem Postzeichen eines kleinen Stadtchens, wo alle Nachfrage nichts fruchtete, an sie gekommen. Noch glaubte, noch hoffte sie. Sie sagte zu Dankmar, als er eines Augusttages uber den waldigen Bergwipfel kam, scheinbar als Schmuggler kam, da er so mit den Grenzwachtern am besten stand und Siegbert gerade mit Louis Armand und dem Bruder zugleich anwesend war, um die Wirkung der Fenster zu sehen: Glauben Sie mir, Sie konnen vertrauen! Hackert ist zu eitel, irgend einem Menschen, der ihn fur schlecht halt, Recht zu geben. Er wird ehrlich sein nicht aus Liebe zur Tugend, sondern um Sie und uns Alle zu tauschen, zu verhohnen, nicht einmal um mich zu erfreuen. Er liegt irgendwo krank, hat sich verletzt am Tage der Flucht. Mit genauer Noth nur wird er sich irgend wohin gefluchtet haben, vielleicht zu Schlurck, der in der Nahe des Profosshauses wohnt. Er wird langsam uns folgen, denn ich sehe ja in den Zeitungen, wie man Sie und den Schrein mit Steckbriefen verfolgt. Zu kenntlich ist Hakkert und die grosse Lade ware gleich verrathen, wenn er auf gewohnlichem Wege kame. Vertrauen Sie!

Die Freunde horten gern ihre Ermuthigungen, hielten es indess fur hoch an der Zeit, dass etwas geschah, um uber diesen unermesslichen Verlust Gewissheit zu haben. Ihre Zuschrift an die Behorden war schnode und ablehnend beantwortet worden. Um so mehr, hiess es, konnte die Amortisation nicht gestattet werden, als auch der Stecher der Platte zu den Stadtkammereischeinen seit einiger Zeit verschwunden und es entdeckt ware, dass dieser mit Hackert, dem wahrscheinlichen Beforderer der Flucht, auf das Vertrauteste bekannt war. Man verwies die Bruder auf die feierliche Ubergabe, den eignen Frevel der Flucht und der Wiederaneignung, man erklarte sich nur vor einem Nichteinhalten der Emissionstermine wahren zu wollen und verwies die Bittsteller auf die Folgen ihrer Unternehmungen, die sie sich selber zuzuschreiben hatten.

Am Tage des Nikodemus, den 15. September, sollte der erste Bundestag auf dem Tempelstein gefeiert werden. Der Konigliche Hof war zufallig zu gleicher Zeit in Buchau zugegen. Leidenfrost richtete es im Interesse der Sicherheit der Versammlung so ein, dass schon den 8. September alle Arbeiter des Baues auf zwolf Tage entlassen wurden. Die Lohnung wurde gezahlt, als wenn sie arbeiteten, aber die Pause sollte, hiess es, benutzt werden zu kunstlerischen Arbeiten, zu denen fremde Steinmetzen, fremde Maler, fremde Bildhauer kamen, die man einige Tage allein auf dem Bau wollte walten lassen. Den 20. wieder sollten alle Arbeiter, die bisher in Thatigkeit gewesen waren, zuruckkehren und bis in den Winter an einem Werke schaffen, das Jahre brauchte, um so vollendet zu werden, wie Dystra und Leidenfrost es im Geiste vor sich sahen und Dankmar Wildungen es fur die Schleier, die er lange auf die hier zu haltenden Versammlungen des Bundes werfen wollte, fur nothig halten musste.

Sein Herz bebte bei jedem Tage, den er naher zum Ziele kam. Alles fugte sich nach Wunsch, jede selbst unerwartete gunstige Wendung traf uberraschend ein, nur der Schrein blieb aus. Hackert war entweder todt oder verschollen oder entflohen. Dankmar's Verzweiflung granzte an vollige Trostlosigkeit. Er hatte gerade diesen Besitz fur unerlasslich zu der nachtlichen Versammlung auf der Tempelabtei im Walde gehalten, er hatte nichts zuruckgenommen von den hochherzigen Verheissungen, die er und sein Bruder der Zukunft des Bundes gegeben. Hatte der Erfolg des Prozesses auch hinter den Erwartungen zuruck bleiben mussen, es war genug gewonnen worden, um seine Absicht zu unterstutzen, dies Erbe des Johanniter- und Templerordens den neuen Rittern vom Geiste als ein Eigenthum zuzufuhren, von dem er fur sich und den Bruder nur so viel beanspruchte, um als Verwalter desselben gegen Sorge und Noth sichergestellt zu sein. Er wollte auf halbem Wege nicht mehr still stehen. Was er einst verheissen, musste erfullt werden und jedes Bundesglied, es mochte so uneigennutzig fuhlen, wie die Bruder selbst, musste doch zugestehen, dass ohne aussere Mittel ein Wettkampf mit den in Gold und Eisen gebetteten Irrthumern und Thatsachen dieser Zeit nicht moglich war.

Am 10. September, als Dankmar Wildungen schon einen Aufruf um das unwiederbringlich verlorene Vermogen fur alle Zeitungen geschrieben, kam Louis Armand mit der frohen Botschaft: Noch drei Tage und Murray, Hackert und der Schrein sind da! Er zeigte einen Brief, den er durch Dystra empfangen. Murray schrieb Louis Armand von einem einsamen Fahrhause am Rhein einen ausfuhrlichen Bericht, von dem nicht Alles auf die Freunde berechnet war. Er las nur Das vor, was ihnen Beruhigung geben musste. Der Hort ist da! rief Dankmar und halb spottend setzte Leidenfrost hinzu: Der Nibelungen Noth hat ein Ende.

Der Brief, der in seiner ganzen Ausdehnung nur fur Louis Armand berechnet war, lautete so:

"Mein theurer junger Freund! Seit einem Jahr erfuhren Sie nichts von mir! Ich benutze die Adresse des Herrn von Dystra, mit dem Sie wie mit Ihren Freunden verbunden geblieben sind, um Sie mit Vorfallen bekannt zu machen, die ich Sie bitte, sogleich irgendwohin und irgendwie den Brudern Wildungen melden zu wollen. Ich weiss von Louise Eisold, dass Sie Alle um den Tempelstein verkehren und ich schreibe lieber Ihnen, weil ich mehr sagen muss, als was den Andern verstandlich ist. Kurz vor Ihrer Ausweisung aus der Residenz hatt' ich den Sohn gefunden, dessen Geschichte ich Ihnen unter Sturm und Regen in dem Eckzimmer des Schlosses Hohenberg in mir unvergesslichen Stunden erzahlte. Ja, Theurer, Ihnen dank' ich diesen Fund! Jener zerbrochene Ring, den Sie mir, als Sie aus dem Gefangniss mich erlosten, ubergaben, dies Andenken an die dustre Vergangenheit, grauenhaft noch durch die letzte Erinnerung an das Forsthaus im Walde und den Tod, den ich dem eignen Bruder geben musste, dieser Ring fuhrte mir den Sohn zu, den ich so antraf, dass ich ihn zu bergen hatte, nicht jubelnd meinen Freunden darstellen konnte, selbst wenn ich vor Ihnen hatte wagen wollen, was ich selbst bei einem Engel an Gute und Liebe, der mein Sohn wahrlich nicht war, vor der Welt nicht wagen durfte. Ich zog mich in meinen Schmerz zuruck. Ich sah in Hohenberg, wie ich verfolgt wurde. Ihr Zeugniss, das mich des Laugnens uberhob, rettete mich, wenn ich Rettung diese Freiheit nennen darf, die mir die bittersten Erfahrungen zuzog. Meinen Sohn fand ich nur in dem Augenblicke bewegt, wo er einen Vater auf dem Friedhofe gefunden hatte. Nur zu bald sank er in jene sittliche Nacht zuruck, die ich damals schon in Hohenberg ahnte. Gewaltsam wollt' ich diese Nacht nicht erhellen. Ich erfuhr an Auguste Ludmer, wie das Auge des Geistes nur allmalig an den Glanz der Tugend sich gewohnt. Ich zitterte vor dem Gedanken, noch einmal ein Gefass der gottlichen Gnade durch gewaltsamen Eifer zu zersprengen. So liess ich den Sohn gewahren und war nur froh, dass es ihm in meiner Nahe wenigstens wie dem Hund am Ofen war ... Ich kehrte zu meiner Kunst zuruck, fand in Oleander, jenem Vikar aus Plessen, ein treues Herz, wirkte mit ihm fur die Armen und Elenden und machte damit sogar ein thorichtes Aufsehen, ob ich es gleich vermied, von meinem Wirken zu sprechen und mich der Erfolge zu ruhmen, die nur zu oft auf diesem Felde tauschende sind. Ich erhielt den Auftrag, die Scheine zu stechen, die die Verwirklichung der Erbschaft Ihrer Freunde wurden. Denken Sie mein Gefuhl! Denken Sie an den Baron Grimm, an seine geheime Kammer, an seine falsche Kunst und jetzt derselben Gesellschaft, der ich noch meine Strafe schuldig bin, meine nun in Wahrheit dienende Hand! Sie kennen die Flucht Dankmar's, den Raub des Schreins, in dem so grosse Schatze aufbewahrt wurden. Der Rauber und Forderer der Flucht war mein Sohn. Man nannte ihn Fritz Hackert, nur mir galt er bisher allein fur Paul Zeck; der Mutter hatte ich die Gelegenheit zu neuem Frevel nicht geben wollen, auch ihm selber nicht, ich verschwieg ihm seine Abkunft und bei seinem Sinn reicht' es hin, dass er sagte: Ich wusst' es ja immer, gestohlen hab' ich mich in die Welt, ein Bastard bin ich, ungerufen nur gekommen! Den Aufschwung meines Sohnes zu dieser That hab' ich erst verstanden, seit ich weiss, dass er damit viele seiner Leidenschaften hat befriedigen wollen. Ich weiss, der Stolz, die Eifersucht, ja sinnliche Liebe haben diese That geweckt. Stolz, dass ihn die Freunde bewundern sollen, die Eifersucht, dass ein Andrer Namens Danebrand mehr thun sollte als er; die Liebe fur ein edles seltenes, wenn auch zu weltliches und zu uberreizt im Hasse lebendes und den Hass fur Religion nehmendes Madchen. Zwei Frauen waren zu allen Zeiten die, die den Sohn regieren konnten, beide muthvoll, beide dem Seltsamen und Ungewohnlichen zugethan, jene schon, diese kaum ihr Schatten, aber schon durch Heroismus und eine amazonenhafte Tugend. Sie werden meinen Sohn sehen; Sie kennen Louise Eisold! Prufen Sie, ob da nun Feuer und Wasser oder Stahl und Stein zusammenkommen wurden! Mein Sohn erfand diese Flucht und wurde, als Danebrand vom Blei der Wachter getroffen in dem Durchbruch der Mauer ausathmete, von dem sturzenden Schrein fast erschlagen. Das Schlusselbein der rechten Schulter fand sich spater gebrochen. Dennoch rafft' er sich auf. Er hort den Larm der Wachen, winkt, dass Dankmar sein Heil in der Flucht suche, ladet in der Erregung des Augenblicks die an einer Seite geborstene Truhe auf die linke Schulter, fluchtet in das Dunkel der Johanniskirche, irrt auf dem Platze um sie her, sieht Schlurck's Wohnung, will dort Hulfe suchend an der Klingel ziehen und hofft sich in der Komthurei bergen zu konnen. Da entdeckt er einen Mann, der eben bei Schlurck's das Haus verlasst. Er wankt naher, er blickt hin. Er erkennt schon den Schreitenden. In der Nacht um ein Uhr, verlasst Jemand und Dieser! das Haus? Was ist Das? Statt an der Komthurei sich zu verweilen, folgt Paul dem in nachtlicher Stille dahinschreitenden Mann. Was bezweckt der Mann in so tiefer Nacht? Die Spannung der Neugier gibt ihm den Muth, seine Burde weiter zu tragen. Ohnehin ohne Schuhe auftretend folgte er dem taumelnden, wie bewusstlos schwankenden Wanderer. Das Rasseln des Wagens, mit dem Dankmar entflohen, ist langst verhallt, die Verfolger, die er wohl anfangs auf seinen Fersen merkte, verloren die Fahrte, er folgt dem Mann, der einem Thore zuschreitet. Das Thor ist wie immer nachtlich nur angelehnt, man offnet sich es selbst. Hinaus schreitet der Taumelnde in einen Wald, der am Rande des Flusses liegt; sonst war er dicht und voll von Baumen dieser Wald, jetzt ist er durchsichtig und seines besten Schmuckes beraubt. Der Mann selbst da vor meinem Sohn, als Administrator der alten Stadt-Waldungen, hatte ihn so lichten lassen. Nichts merkt er von Hackert, der zum Tode erschopft mit dem Schrein ihm folgt, still steht, wenn Jener steht, weiter schleicht, wenn Jener vor ihm hintaumelt. Endlich stehen sie am Ufer des Flusses. Eine verschwiegene, dustere Stelle. In einiger Entfernung das Jagdhaus, in dessen Nahe mein Sohn einst einen bosen Frevel an Pferden verubte. Ihn schauderte, je naher er der Stelle kam, die ihm die unheimlichsten Erinnerungen weckte. Der Schrein schien ihm jetzt schon gezogen wie am Lenkseil des Schicksals oder seines Gewissens. Er war durch die Brandgasse, an Lasally's Reitbahn voruber zu diesem Jagdhaus dem Manne achzend nachgeschlichen. Des Mannes Vorhaben war ihm sogleich bei dem ersten Erkennen kein Rathsel. An eine Eiche beim Wasser lehnt sich der nachtliche, den Lauscher nicht ahnende Wanderer. Er blickt nach der Gegend des Sonnenaufgangs, noch liegen dunkle Schatten auf dem Wasser, das ruhig dahinwogt und durch hohes Schilf sich hindurchwindet, geheimnissvoll still. Mein Sohn ahnt, was geschehen wird. Die letzte Kraft, deren sein Arm noch fahig ist, wendet er an, dem Schrein mit den Handen eine Vertiefung in der Erde zu graben. Er kratzt mit den Nageln, grabt mit den Fussen, er presst den Schrein in eine Offnung, die er mit Gras verstopft, mit Laub bedeckt und mit Zweigen, still von den Baumen gebrochen, uberbreitet. Jetzt wagt er sich dem am Ufer Brutenden, am Eichbaum Niedergesunkenen naher. Der sitzt, sieht in den rothen Osten und grubelt. Endlich erhebt er sich. Eine Stunde ernsten Nachdenkens schien voruber. Immer mehr rothet sich der Horizont. Schon manches Vogelchen regt sich im Ast uber ihm. Der Grubler erhebt sich, bindet sein Halstuch los, wirft seinen Rock von sich, tritt dem Ufer naher, spaht um sich und ist eben im Begriff, in der stillflutenden, morgenrothuberschienenen Welle seinem Leben ein Ende zu machen, als ihm aus dem Gebusche sein Name zugerufen wird. Er stutzt. Paul reisst das Strauchwerk, das ihn schutzt, mit letzter Anstrengung auseinander und schwankt dem Ufer naher, halb in den Sand sinkend, halb am Eichbaum sich haltend, wo das Tuch, der Rock, der Hut liegen. Hackert! ruft der Selbstmorder und verliert den Muth zu einer entsetzlichen That, deren Schein ich mir einst, wie Sie wissen, selbst am Hudson gab. Er schwankt zuruck aus dem Wasser, das schon seinen Fuss benetzt hatte, erkennt einen ihm wohlbekannten jungen Mann, findet ihn hulflos, erschopft, stohnend, hort die Vorwurfe, die ihm fur sein Beginnen von einem Menschen gemacht werden, der eben selbst zu sterben scheint. Eine Erorterung, zu der mein Sohn keine Kraft mehr hatte, ersetzte ihm ein Gegenstand, den er halbbewusstlos stumm dem Selbstmorder darreichte. Es war ein Paket von den aus der Lucke des geborstenen Schreins entglittenen Stadt-Kammereischeinen. Was dann mit Paul geschah, weiss er selbst nicht. Er kam erst zur Besinnung in jenem Jagerhause, horte, dass ihn dorthin ein Mann in fruher Morgenstunde zur Verpflegung ubergeben, sich entfernt hatte, wiedergekommen ware und dass er schon seit acht Tagen hier in diesem Hause verpflegt wurde und meist im Fieber lage. Ihn aber qualte nur der Schrein unter den Zweigen, auf den er sich bald besonnen. Er forschte. Man sprach unverfanglich. Dennoch liess ihm die Gefahr seines Kleinods keine Ruhe. Ohne Zweifel trieb ihn die alte Sinnenstorung, die Mondsucht, von seinem Lager, wo man ihm aus Rucksicht auf den vornehmen, wohlbekannten Mann alle Sorgfalt widmete, trieb ihn hinaus in den Wald, in's Gebusch, wo der Schrein von ihm verborgen unter Moos und Zweigen ruhte. Dort schnupperten ihn an einem Morgen Jagdhunde auf, denn auf dem Schrein war er eingeschlafen. In der zweiten Nacht dieselbe unwillkurliche Angst im Traum, wieder findet man ihn an jener Stelle. Er ahnt, dass man Verdacht schopft. Da treibt ihn wie rasend empor die Vorstellung der Entdeckung. Der, den er vom Selbstmorde rettete, war auf's Neue da gewesen, hatte mit ihm freundlich geredet; er besann sich wohl im Fieber der Worte: Hackert, du hast den Schrein gestohlen! Gib ihn heraus! Die Scheine, die du mir gabst, betrugen mehr als funftausend Thaler! Was beginnen wir damit, Junge? Wo ist der Schrein? Du hast ihn? Und als Paul Zeck sich im Bett walzte, drohte ihm, er wusste nicht ob wirklich oder nur in Phantasieen, der Gerettete, sprach von Gerichten, wollte den Wald von Oben zu Unterst kehren lassen da war, erwachend zur Besinnung, sein Entschluss gefasst. Unbekannt mit dem Bruch des Schlusselbeines, einem Schaden, den man lange tragen, lange nicht merken kann, schleppt er sich endlich davon, holt den Schrein und wagt sich mit ihm in Richtungen weiter, die nach Westen gehen. Er findet da und dort einen Trager, einen Bauer, einen Burschen, Leute, die ihm helfen. Vorlaufig nach dem Harze, nach Angerode zu! war seine Loosung, wenn er einen Bauernwagen traf und um Aufnahme bat. Aus Wald und Nacht wagte er sich nicht mehr hinaus. Hinter der Elbe trifft er auf einem Kreuzweg einen Mann, der traurig und nachdenklich auf einem Karren sitzt, auf dem er grosse Kasten voll kleiner belebter Vogelbauer fuhr. Warum seid Ihr traurig, Mann? fragte mein Sohn, sich mit seiner Burde muhsam hinschleppend. Mein bester Freund und Gonner ist gestorben, sagte der Vogelhandler. Er nannte den Prasidenten des Obertribunals, den greisen, fast neunzigjahrigen Dagobert von Harder. Er liebte die Thiere mehr als die Menschen! sagte der Mann. Wenn ich zu ihm kam mit meinen Vogeln, nahm er mich auf wie einen Freund, es wird die letzte Fahrt von Angerode sein. Paul, mein Sohn, wusste, dass diesem Greise die Entscheidung des Johanniterprozesses gebuhrte. Ist der Rabenvater todt? fragte mein Sohn. Er fasste aber den Vater der Raben nicht wie der Vogelfanger auf, sondern im Bezug auf den Rabenstein. Hore, sagte Paul, lass den Schrein da auf deine Karre zu den Vogeln thun: sie kommen alle aus demselben Reich der Luft und die alte Exzellenz wird um uns sein und unsre Habe beschutzen! Der Vogelhandler betrachtete befremdet das seltsame Stuck. Plaudernd erreichte der Kranke seinen Zweck. Der Schrein wird aufgeladen. Um den Buchfinken und Zeisigen den Wald auch auf der staubigen und sonnigen Landstrasse zu zaubern, belegte ihn Paul behutsam mit abgebrochenen Zweigen, die den Schrein verdeckten. Man sah nur die hupfenden Vogel, nicht den Schrein; der Vogelhandler schob den Karren. Paul schleppte sich hinter her. Fiebernd, elend, hinkend, mit aufgeschwollener Entzundung der Brust, aber ungefahrdet kam er in Angerode an, wo der Fuhrmann Peters seine Loosung war. Er fand ihn auch, den neuen Wirth vom Pelikan, der Dankmar bis Angerode gefahren hatte und dann in der Stadt verblieb, bis er da ein kleines Besitzthum verkaufen konnte. Die schmerzende Schulter hielt Peters erst nur fur verrenkt. Er nahm Paul, hob, reckte ihn, wie Fuhrleute pflegen, wenn sie einen Fall erlebten. Paul schrie so laut, dass er in dem Stall, wo ihn Peters barg, kaum sicher war. Mitleidig, sagt' er mir, schauten sich sogar die Pferde um. Im Fieber war's ihm, als waren sie alle todte Gerippe und sausten durch die Luft mit klappernden Gebeinen, bohrten die Kopfe an Eichenstamme und in die Erde und sprangen wieder empor, dass sie auf den Hinterfussen uberschlugen. Den Schrein kannte Peters wohl. Er hatte den wol huten gelernt, er und sein Hundchen Bello, den vorbeisausend bei der Flucht am Pelikan ihnen die dort harrende Louise Eisold noch nachwarf. Er ware vor vierzehn Tagen vom Profosshaus lieber mit Dankmar und dem Schrein zugleich zuruckgefahren. Paul galt nun bei ihm fur einen verungluckten Pferdeknecht. Arzte kamen, erkannten den Bruch, pressten die Knochen in Verbande und kuhlten den Brand, den sie furchteten. Paul lag bei den Pferden uber der Futterkammer und achzte. Vor dem Niederlegen im Verband raffte er die letzte Kraft zusammen und schrieb mit der linken Hand an Louise Eisold. Peters konnte nicht schreiben, nur ein Packet Geld legte er aus dem jetzt von dem treuen Fuhrmanne fester verschlossenen Schrein fur Dankmar Wildungen bei. Peters blieb noch in Angerode. Es war sein altes Hauschen, sein alter Stall, den er verkaufen wollte. Der Brief wurde irgendwo auf dem Lande zur Post gegeben. Peters hutete den langsam Genesenden, der nie wurde haben ruhen konnen, wenn seine ausgestreckte Hand neben sich unterm Stroh nicht das Holz, das Kreuz, das Kleeblatt des Deckels gefuhlt hatte. So bekam ich endlich Nachricht von meinem Sohn durch dritte, vierte Hand. Es war die hochste Zeit, dass ich mich entfernte. Rodewald, mein alter Freund, kam eines Tages voll Erregung und gestand mir, dass er nicht anders gekonnt hatte, als der Mutter meines Sohnes das Leben wenn nicht des Vaters, doch ihres Kindes wie eine Drohung von jenseits des Grabes zuzurufen. Seine Grunde waren gerecht. Mein Entschluss musste aber gefasst sein. Schon lange hatte die Untersuchung der Flucht auch meine Person gefahrdet; nun konnt' ich neue Schrecken ahnen. Ich wusste, wo Hulfe nothig war. So ging ich heimlich nach Angerode, lebte dort verborgen, bis Paul zur Reise nach dem Tempelstein sich stark fuhlte. Dorthin rief ja die Loosung. Louise Eisold soll den Schrein von ihm selbst empfangen, den unversehrten und nur in Dem, was ihm an jenen Mann, der sich das Leben nehmen wollte, verloren ging, an Werth verringerten. In drei Tagen, Freund, sind wir am Tempelstein. Ich hute den Schrein am Tage, Paul des Nachts. Sein Ubel ist in alter Gewalt entstanden, aber des Vaters Auge wird ihn schutzen. Diese Hingebung jetzt an ein Einziges, diese Muhe und Sorge um ein verpfandetes Wort wird seine Gedanken reinigen. Ich werde nicht errothen, Ihnen den Sohn zu zeigen, den ich Ihnen verdanke, Ihrer treuen Aufopferung, Ihrer Liebe. Empfangen Sie uns mit dem alten Herzen darum brauch' ich kaum zu bitten aber empfangen Sie uns auch mit Freude das muss vom Himmel kommen."

Sorglos, uberglucklich, sahen nun die Freunde dem Tage der Entscheidung entgegen, der endlich bedeutungsvoll genug herankam.

Feuerraketen stiegen von den Bergen auf, um den Einzug der Machtigen auf das Schloss von Buchau zu verkundigen. Die Umwohner des Tempelsteins horten die Boller losen, horten das Rollen der vielen langspannigen Staatswagen, horten die Ruderschlage auf goldgeschmuckten Festesgondeln von den blauen Wogen her. Es war die alte Welt, die sieggeblaht zur Herbstesfreude vom Osten einzog.

Es kam der Abend des funfzehnten Septembers, der Tag des Nikodemus ... Schon um sieben Uhr Abends vergoldete des Mondes Licht den Wald, die Flur, den Strom, Berg, Schloss, die Ruine ... das Vergangene, das Bestehende und das Werdende ...

Ich will ein Kind sein, sagte sich Dystra, ich will diese Nacht fur ein Marchen nehmen. Ich weiss, dass dort druben heut in Buchau Leuchtkugeln steigen. Die Raketen und die Schwarmer werden prasseln. Aber ich will das Zaubervolle naher suchen. Die Faden, die das Wunder am Drahte naturlich lenken, kenn' ich wohl, weiss auch, dass unter dem Menschenstrom, der heut nach Buchau zum Feuerwerk der Konige wallt, die Maurer und Zimmerleute nicht auffallen werden, die sich zum Schlosse Tempelstein wenden, an der Brucke vor dem Meister Leidenfrost die Kundschaft sagen, emporsteigen und hinten in die Ruinen treten, wo Dankmar Wildungen sehen will, wer sich nun meldet, wer sich enthullt, wer zu seinem Bund gehort, den ich selber nur belausche. Ich nehme das Seltsame, wie es ist. Ich nehm' es als eine Phantasie dieser wunderlichen deutschen Nation und will von einem alten Leichenstein des Kreuzganges aus dem Herbstnachtstraume zusehen, wie ich in den Sagen lese, dass einst Hirtenknaben sich verirrten in den Untersberg oder den Horselberg oder den Kyffhauser und die Felsen geoffnet sahen und das Treiben der Zwerge und Kobolde belauschten. Ich will fur Marchen nehmen, was ich sehe und froh sein, dass ich nicht mehr nothig habe, mir uber die Feuerwerke der Hofe den Hals auszurecken, was freilich fur meinen Wuchs nutzlicher ware, war' es nicht zu spat. Dieser Nacken bleibt leider in den Schultern sitzen und gehort zu meinem Bild: Der Narr des neunzehnten Jahrhunderts.

Das Marchen wurde in der Nacht getraumt, vielleicht erlebt ... Es war wie die Sage erzahlt ... Ein Knabe verirrt sich in die Berge, die Nacht beschleicht ihn, sein Auge spaht durch eine Felsenritze, er sieht, was sich begibt ... Und was begab sich? ...

Hoch ragt das gewolbte Rund der alten Tempelkirche, malerisch vom Mondlicht umwoben. Zitternd blitzen die Sterne hernieder. Die Tannenwipfel rauschen, leise vom Winde bewegt. Jeder Stein, den uraltes Moos wie eine Inschrift uberzieht, spricht von vergangenen Jahrhunderten und singt in sich erklingend noch das Sanctus nach, das einst in diesen Hallen tonte. Wer pflanzte den Hollunderstrauch in jene Nische, wo einst die Heiligen aus bunten Farben in den Fenstern prangten? Wer saete Heidekraut auf diese Stufen, wo einst der aus Felsen gehauene Altar stand? Noch ist die Schaale da, in der geweihtes Wasser floss; sie und der Taufstein sind gefullt vom letzten Regen, der an der Luft verdunstete. Sichtbare Hohlungen noch auf den Schwellen, wo einst der Priester die Messe las. Die Vogel nisten in den Blattern von Stein, die die obern Fensterrundungen schmucken, in den Rosen von Granit, die an den Pforten noch in einigen Resten erkennbar sind. Es ist als bluhten sie neu wieder auf. Es rauscht von den Wanden, als sprange aus den Steinen die Orgel hervor, es lebt und ruft den frommen Wallern ... Sie kommen! Nicht um zu beten nur! Sie sind in Werkeltagstracht, Arbeiter im Schurzfell, gedungen der Kelle, angestellt bei dem Richtmaass und dem Cirkel, sie sind Architekten, Steinmetzen, Maurer ... wie klatschen die ledernen Schurzfelle an den Fussen, wie tragt das Antlitz Spuren des Fleisses von Kalk und Mortel und gross muss ihr Ziel sein, denn ihrer wol an Hundert sind es, die sich durch den Kreuzgang der Kirche zudrangen!

Hier werden Loosungen zugerufen; man versteht, man erkennt sich. Wer die Manner? und Von wo des Landes? Namen, gefeierte und dunkle; Mienen, freudige und hoffnungsvolle. Um die Stelle, wo einst der Priester Messe las, schaaren sich die Manner des geistigen Rutli. Etliche besteigen die Stufen. Wovon reden sie? Sie enthullen Plane, Zeichnungen, Pergamente mit Siegeln. Sie zeigen sich unter einander die Rollen, die im Kreise wandern und Einer ergreift das Wort und ihm antwortet der Nachbar und Alle horen und Jeder spricht und rath und Allen gefallt, was auch nicht Jeder selbst ersann und zuerst gerathen. Einige Blatter sind in Jedes Hand. Sie enthalten des Bundes geheime Symbolik.

Hundert Zeugen! Die Kubikwurzel einer Million! Wir sind Boten vom vierblattrigen Kleeblatt, dem Symbol des seltenen Fundes! Vier zu vier gesellt und viermal vier zu viermal vier und so hinauf in Gruppen, Sippen, Abstufungen, wo das Band des ausseren Zusammenhanges aufhort und die Ordnung der Natur anfangt, die dem Krystall uberall sein eignes Achteck lehrte. Hat sich das so fortgesponnen? Von selbst? Wodurch? Wer bist du? Und du? Wer sandte dich? Dort kennt man uns? Auch uns? Dich gewiss! An der Donau? An der Oder? Am Neckar? Hinaus in die Alpenwelt und schon auf fremdem Boden an der Rhone und an dem Themsestrand? Willkommen, willkommen, Streiter fur ein unsichtbares Palladium, das uber unsern Hauptern schwebt! Willkommen Ihr Ritter und Reisige vom Geist! Hort Ihr die Feste der Grossen, hort Ihr von untenher den Donner der Geschutze, seht ihr die leuchtenden Funken, die da unten von Buchau aus den Mond erreichen wollen? Ihr habt Eure Wehr und Waffen in der Brust, die da fuhlt, im Haupt, das denkt! Es ist die Ordnung dieser Welt zur Ernte reif! Nicht sturze sie die schwache Menschenhand! Gestorben ist die Ahre langst, wenn sie der Schnitter maht! Seht Ihr die gelben Felder? Seht bald die Stoppeln!

Dem festverschlungnen Bund der neuen Templer gehort die Wiege und das Grab der Menschheit!

Und einer der Maurer, von den Jungsten Einer, trat auf und entrollte die Schrift, die er das Buch des Geistes nannte ... Es war die Symbolik des Bundes ... Man horte sie, beschwor sie mit gehobenen Handen ... dann trat derselbe Sprecher zum zweiten Mal auf die Stufe und sprach von einem Hort, den er das Gold Fafner's nannte. Elfen hatten ihn gewoben in den tiefsten Schachten der Zeiten. Er sollte ihnen dienen als Schild im Kampfe, als Lanze zum Angriff, als Schwert des Wettkampfes. Es traten Sprecher auf, die gegen diesen Hort redeten, Andere fur ihn, Alle bewunderten die Eigner und eine Selbstlosigkeit, die aber zuletzt nicht mehr allein stand, denn an Opferspenden wurde Grosses versprochen nach solchem Beispiel, noch Grosseres schon von Einigen geleistet.

So scholl es fort in dem todten Schiff der Kirche, lebendig wieder, lebenweckend. Es schienen nur einfache Maurer und Steinmetzen, die da sprachen, aber ihre Munster, die sie zu vollenden gedachten, ragten uber die Ruine hinaus und von ihrem Wirken in Nord, Sud, Ost, West blitzte es jetzt schon hin- und heruber, als sahe man plotzlich eine Hulle von der ganzen Welt genommen und erblickte Saulen eines Zaubertempels, der dem Lauscher die Augen blendete ...

War es ein frommer Hirtenknabe, war es der Schalk Dystra, der lauschte, war es ein Engel des Glaubens oder der ewige Damon der Ironie und Verneinung ... um zehn war es auch ihm todtenstill unter den moosbewachsenen Steinen ... wo waren sie hin, die gekommen und mit dem Rufe: Morgen! Morgen! gingen? Sie waren verweht wie die Schwarmer und Raketen, die inzwischen in dem Schlosse von Buchau platzend und schnurrend sich abgemuht, viel tausend Gaffer, viel tausend Staunende gefunden hatten, aber nicht ein Auge von Denen, die durch den Kreuzgang in die Tempelkirche schritten, nicht ein Auge, das sich auch nur nach ihrem ohnmachtigen Freudenfeuerwerk zuruckgewandt hatte ...

Morgen!Morgen!

Aber ach! Ein einziger Funke! Ein einziger Funke vielleicht war von dem Feuerwerk doch ein Thatenkeim gewesen, ein einziger Funke, der in das Dorf, das menschenleere, in den kleinen Zwischenort Buchau, von dem Feuerwerk der Grossen und Machtigen niedergefallen war und still sich vielleicht in dem Schindeldach einer armen Herberge verlor. Alles war zur Ruhe, Alles traumte oder schlief mit ermudeten Thieren um die Wette. Da lebte der versprengte Funke vielleicht in dem Schindeldache auf, verbreitete sich. Um eilf Uhr sank vielleicht ein glimmender Spahn vom Dache in den Boden. Um zwolf Uhr rauchte es vom wenigen Heu, dessen Flamme einen Ausweg suchte. Um eins wenigstens rief man auf eine halbe Stunde vom Dorfe entfernt Feuer! ... Feuer! Schrecklich pflanzte sich der Ruf von Hutte zu Hutte fort. Um zwei Uhr stand das Wirthshaus zum St.-Georg im Dorfe Buchau in lichten Flammen ... Von dem Funken aus dem Feuerwerk der Konige? Wer weiss es! Wer kennt die Macht eines einzigen Funken!

Menschen riefen, die Glocken heulten, Pferde sprengten ... hinaus, heran, ... Feuer! hallte es zum Ufer hinuber, vom Ufer heruber. Furst, Bauer, Pachter, Soldat, Jager, Weiber, Kinder, Greise durcheinander ... Feuer! Feuer! ... Rettet! Es brennt! In Buchau! Die Herberge zum St.-Georg! Die Hutten nebenan sind von Stroh, von Lehm, sie brennen ... von dem kleinen Funken? Die Flammen zungeln zum Kirchthurm von dem kleinen Funken? Wild rennt das Vieh aus den Stallen, sturzt sich zum Feuer, die Vogel umkreisen die Flammen ... Nur der Ruf: Niederreissen! Nicht loschen! Nur retten, retten, was sich erhalten lasst ... und von dem kleinen Funken? Ha! Zunden so vielleicht auch eure Funken, ihr nachtlich Tagenden in der Tempelabtei? Schwarze Wolken wallen wie Helmbusche der Reiter im Sturm, die Flammen zungeln wie zur Umarmung sich entgegen ... sie suchen sich, gierig, zuckend, liebe- oder hassesvoll ... es gelingt ... eine einzige Riesensaule hat sich gebildet, heiss jubelnd springt sie hoch empor, umschlungen in sich selbst wirft sie sich wie gepeitscht von ihrer eigenen Leichtigkeit, wie tanzend, wie im Kreisel hin und her und kusst dieses Dach, beruhrt jenes und aus jeder Beruhrung, aus jedem Kusse wachst eine neue Flammengeburt und die Saatkorner auf den Scheunen fangen neue Funken auf und knistern schon selbst und umhupfen die grosse Flamme wie ein niederperlender Feuerthau, wie ein Lichtregen, viel schoner, als vor drei Stunden im Schlosse der kunstliche ... und Alles von dem kleinen Funken? Wir wissen es nicht, ob von ihm ... Aber es fehlen schon Menschen ... Man sucht sie ... man hort Stimmen ... der Frauen, der jammernden Kinder ... Vater! Mutter! Um Gott! Es fehlen schon Menschen ...

Rettet! Rettet! ruft eine verzweifelnde Stimme ... Man blickt empor zu den brennenden Hintergebauden des Gasthofs zum St.-Georg ... Da!

Durch die flatternden im Rauch sich geisterhaft abschneidenden weissen Tauben, durch die schwarzen stromend hinwallenden Wolken hindurch sieht man, zwischen zwei brennenden Scheunenfenstern auf einem noch nicht vom Feuer ergriffenen, aber schon russgeschwarzten Verbindungsstege, der aus jenen Fenstern Thuren macht, die sich auf diesem Stege erreichen lassen, einen jungen Mann halb nackt, im Hemde, niedergekauert an der einen Thur, einen grossen alterthumlichen Schrein neben sich auf dem Stege und eingeschlafen ... oder wacht er? Oder traumt er, dass er, des Gewuhles nicht achtend, der Flammen und des Rauches nicht gewahrend, auf jenem Balken da kauert, der ihm nur den Ausweg zu verkurzen schien und ihn zu einer geschlossenen Thure fuhrte? Man drangt sich ihm zu helfen, aber so sicher ruht er auf dem Schrein und halt ein Licht in der Hand. Ein Licht in diesem Flammenmeer? Ein Licht, ein Gluttropfe in solchen Glutstromen? Von diesem Lichte wenn von ihm die Glutstrome gekommen waren? Nicht von der Freude der Konige? Wenn ein Frevler nein, nein, das ist die Haltung eines Frevlers nicht! Er sitzt ja mit dem Licht in der Hand auf dem Schrein, den Rucken an die Thur gelehnt, die er offen erwartete, geschlossen fand, er ist erstickt, er suchte Rettung oder ... grassliche Ahnung, die schon einige Menschen durchzuckt, wenn er lebte, von allen diesen Schrecken schlummernd nichts ahnte, diesen schwindelnden Steg schon vor dem Brande gesucht, den Brand veranlasst hatte wenn er ein Nachtwandler ware !

Das war ein Wort, das Alle auf einmal ergriff ...

Ein Mann in schon zerrissener Tracht ruft durch den schwarzenden Qualm Er bricht sich durch die Flammen Bahn, er erklimmt die innern Stiegen des verschlossenen Hauses, reisst die Fenster auf, langt mit der Hand fast hinuber zu dem Steg, auf dem der junge halb Geopferte, auf seiner Burde schlafend, noch nicht erstickt ruht, den Rucken gelehnt an die geschlossene Thur. Er ruft: Paul! Paul!

Die Flammen schlagen von unten heran auch ihm in's Antlitz. Noch einmal blickt er empor. Paul! Paul! Er sieht nichts mehr. Nur Rauch, Asche, Staub, Flamme ... Ein Schrei der hulflos Zusehenden weckt ihm die schaudervollste Ahnung ... er schwankt zuruck, kraftige Hande tragen ihn, retten den Rettenwollenden vor dem sichern Tode. Ein Madchen fragt er achzend, das ihm nachgeflogen war, ihn mit Amazonenkraft getragen hatte, er fragt Burschen, die sie an Muth heldisch uberflugelte, nach dem Schlummernden, nach dem Schrein in diesem Schrecken ist keine Besinnung moglich, keine Auskunft, es ist wie eine grosse entsetzengepeitschte Flucht, wo Jeder sein Heil fur sich selber sucht, betet, dass Gott den Andern wahren moge, fur sich aber nur nach Fassung ringt fur Das, was Ruhe, Sicherheit und ist es Nacht, der hereinbrechende Morgen dem Auge Grauenvolles wird enthullen.

Vierzehntes Capitel

Die Elemente

Unabsehbar war in der Residenz das Trauergefolge gewesen, das die sterblichen Reste des greisen Obertribunalsprasidenten zur Ruhe bestattet hatte. Kein Stand, kein Alter hatte sich ausgeschlossen, die letzte Huldigung einem Manne zu bringen, der durch fast zwei Menschenalter die Waage der Gerechtigkeit nach seinem menschlichen Ermessen gerecht und weise gehalten und noch in seinem letzten Lebensjahre durch unpartheiische und scharfsinnige Entscheidung eines grossen Rechtsfalles die Abendschimmer einer fast schon irdischen Verklarung um sich verbreitet hatte. Tausende von Fussgangern, fast hundert Wagen, voran das Sechsgespann des nicht grade anwesenden Konigs, folgten von Tempelheide dem an dem nachsten Stadtthor gelegenen Friedhof, wo glucklicherweise, wenn auch zum Schmerze Anna's, vermieden war, den Zelotismus der Geistlichkeit wachzurufen, die ohne Zweifel an den von dem Verstorbenen ausdrucklich bedungenen Freimaureremblemen auf dem Sarge Anstoss genommen und, wie anderswo schon geschehen ist, den unchristlichen Sinn des Hingeschiedenen gerugt hatte. Gelbsattel trat vor und sprach als Maurer, nicht als Geistlicher. Er konnte nicht umhin, dem Gefuhl der Ehrfurcht, das Alle empfanden, den Ausdruck der Weihe zu geben. Der Moment riss ihn fort, er trat aus dem kunstlich gegrabenen Bett seiner Rhetorik diesmal heraus. Er sprach nicht so gut, als er wollte und darum eben diesmal besser. Er schien zu fuhlen, dass dieser Hingegangene Das sicher besass, was tastend er selber suchte. Ruhrung, die ihm nur in jungen Jahren uber seine eignen Worte gekommen war, befiel den Redner mit einer Wahrheit, die den anwesenden Gegnern seines schwankenden und ehrgeizigen Sinnes schonende Achtung abgewann. Man sang am Grabe. Die ersten Kunstler der Buhne hatte ein Wort der "jungen" Exzellenz vermocht, dem Vater diese Huldigung zu bringen. Der Intendant war selbst zugegen, war selbst bewegt, dass es fast schien, als wenn er die vielen Gelegenheiten, wo er dem Grab, dem Sterben, ja selbst dem Kranksein der Menschen aus dem Wege ging, in diesem einen Male nun nachholen musste ...

Der Prasident war in seinem Jahrhundert-Glauben, dem der Duldung und der einfach ergebenen Ehrfurcht vor dem grossen Baumeister der Welten gestorben. Die Priesterrede hatte er ausdrucklich verbeten. Kein Kreuz sollte sein Grab kenntlich machen, nur ein einfacher Obelisk von Granit, dessen Inschriftseite nach Osten lag, um immer von der Morgensonne begrusst zu werden.

Anna, Selma, Olga standen am Grabe. Rodewald bot seiner Schwiegermutter den Arm. Den jungen Madchen standen die alten Diener von Tempelheide zur Seite. Die junge Exzellenz dankte bewegt den ihm verwandten Leidtragenden. Der Name Rodewald war ihm wie eine wildentlegene Gegend, er orientirte sich mit Muhe in dieser ohnehin nicht adeligen Beziehung. Fur die viele Liebe, die seine Schwagerin dem hingeschiedenen Vater gewidmet, hatte er leicht danken. Den Zoll der Ehrfurcht hatte Anna aus eignem Trieb fur Alle entrichtet, die ihn dem Greise schuldeten. Herr von Harder sprach von seiner Gemahlin, Anna's Schwester. Es war in der That keine Phrase, dass er ihren Antheil ruhmte. Seit der beschlossenen Abdankung Egon's von Hohenberg war die Geheimrathin wie ein irres Insekt, das auf einer Flache hin- und herrennt und nicht weiss, wo aus, wo ein. Sie hatte zuletzt von Reisen gesprochen und vom ewigen Begrabensein in irgend einem Winkel, naturlich einem schonen Winkel der Erde. Manche Frauen schon hatten von dem Beispiele Helenen's in Paris gesprochen und von Paulinen gesagt: Auch ihr kommt nun die letzte Lauterung; sie wird katholisch.

Rodewald stand in der Nahe, als Herr von Harder, ruckkehrend vom Grabe an die Wagen, vor'm Kirchhofe nicht diese, aber ahnliche Winke uber das Befinden seiner Gemahlin gab, uber Zustande, die er "korperlich" nannte. Se. Exzellenz bedauerten noch, dass Anna nun von den Weitlaufigkeiten der Erbschaftsprozeduren sehr wurde belastigt werden, bat sie, Tempelheide ganz als ihr Eigenthum zu betrachten, lobte die Sanger, die sich in ihrem De profundis und: "Wie sie so sanft ruhen!" hochst wacker gehalten, flusterte einem nun wirklich neu angestellten Regisseur noch zu, ob auch fur heute Abend im Ballet keine Storung stattfinden wurde er selbst durfte doch wol nicht kommen und musste sich ohnehin rusten, dem Hofe, der noch auf Reisen war, in Buchau die Aufwartung zu machen und gab dann, als der Wichtigste und Erste aller Leidtragenden sich sammelnd, das Zeichen einer Auflosung des Zuges, die rascher erfolgte, als er sich in Tempelheide gebildet hatte.

Die Frauen mit Rodewald kehrten dorthin zuruck. Die Thiere des Verstorbenen begrussten sie mit fast betrubteren Mienen, als sie zuletzt am Ausgang des Kirchhofes sein Sohn gezeigt hatte. Wie liessen die Vogel ihre Fittiche, die Vierfussler ihre Ohren und Schweife hangen! Ein Gluck, dass die alten Diener sich an die Liebhaberei des Herrn gewohnt hatten und in Tempelheide das Gnadenbrot behielten. So war fur diese grosse Familie auch aus dem Thierreich gesorgt, bis sie Alle zusammen, Thiere und Menschen, ausstarben ...

Fur Anna von Harder war mit Rodewald's Ruckkehr, mit der Erziehung Selma's, der Freundschaft Olga's fur ihre holde Enkelin, mit den Sorgen um die Gebruder Wildungen und ihre vielbewegten Schicksale noch einmal ein neues Leben aufgegangen. Sie hatte nie geglaubt, dass ihr so die Bande, die an dies Dasein fesseln, noch einmal angezogen werden, so noch das Gefuhl einer letzten Kraft in ihr wecken konnten. Nun erschrak sie wohl uber die kurze Spanne, die ihr noch zu durchwandern ubrig blieb, aber sie beschloss sie zu nutzen, sich aus dammernden, unklaren Stimmungen aufzureissen, selbst die Musik fing sie an, in froheren Rhythmen und bewegterem Takte zu begehren. Das politische Misgeschick ihres kunftigen Schwiegerenkels Dankmar, der drohende Verlust seines wunderbar gewonnenen Vermogens bekummerte sie wie eine jugendlich Fuhlende. Sie hatte mehr Sorge und Eifer fur die Wiederherstellung seiner Existenz und der unerwartet gekommenen seltenen Mittel, als selbst die Madchen um sie her, von denen Olga vollends immer nur wie ein Wesen sich gab, das auch vom Thau des Himmels, vom Staube der Blumen leben konnte. Ihr grade hatte die Armuth gefallen. Ihr schienen die Briefe, die vom Tempelstein uber die Pracht der dortigen Einrichtung kamen, nur geeignet, die Phantasie ihrer Mutter anzuregen. Sie selbst bedurfte nur des Mannes ihrer Liebe, eine Hutte und ein Herz; aber Siegbert blieb stumm, schrieb nicht, gab kein Zeichen, dass er wagte, in ihre Lebenskreise zu treten! Oleander, der Olga's Stolz und Schwermuth erkannte und sich nach ihrer Indiskretion mit dem Schmerzensruf Egon's an Helenen erst allmalig mit ihr wieder ausgesohnt hatte, Oleander schrieb Siegberten uber diese Stimmungen wohl:

Ich trug ihn allen Luften auf,

Den Gruss des treusten Lieben,

Ich hab' ihn in der Sterne Lauf,

In Wolken und Wellen geschrieben.

Ich habe den Blumen den Bluthentraum

Des Herzens zugeflustert,

Am Meer dem einsamen Palmenbaum

Und seinem Leid mich verschwistert.

Nichts brauste so wild, nichts hauchte so mild,

Ich nannt' ihm die theuersten Namen,

Ich schloss um das geliebteste Bild

Die Welt als goldenen Rahmen.

Und wen ich unter den Weiden einst fand,

Sie lauschten und horten es Alle!

Nur Einem, Einem zog's unbekannt

Voruber mit leerem Schalle!

Ihn jagt des Windes Melodie,

Kein Traum von der Schlummerstatte,

Ihm ist, als wenn der Fruhling nie

Die Erde umfangen hatte!

Als wenn der Seele ihr Gedicht

Die Wahrheit des Lebens nicht ware!

Als kronte die Liebe allein uns nicht

Mit allerhochster Ehre!

Aber Siegbert erwiderte mit Schmerz, dass er Rudhard versprochen hatte, den Schatz dieser Poesie nur fur ein Allgemeines zu halten, nicht fur ein dem eignen Bedarf des Herzens Dargebotenes.

Die Losung dieser Verwickelungen war Anna's nachste Sorge. Ein ernster Briefwechsel zwischen ihr, Adele Wasamskoi, Rudhard und Dystra hatte sich entsponnen. Von einer Beziehung Siegbert's zur Furstin war schon lange keine Rede mehr, wenn auch die Verbindung zwischen Mutter und Tochter sich nicht hatte wiederherstellen lassen. Dennoch musste endlich eine Aussohnung stattfinden, mindestens eine Annaherung. Sie sollte auf dem Tempelstein stattfinden. Dystra lud die Frauen von der Residenz und von Brussel bei sich mit Formlichkeit ein und Rodewald begleitete die von Osten Kommenden mit noch einem Ankommling, Franziska Heunisch, die nach dem im Gram um den Sohn erfolgten Tode des alten Sandrart seine Erbin geworden war und einstweilen den guten uberglucklichen Onkel Heunisch im Ullagrunde zuruckliess. Fur Rodewald's grosses Landwesen mussten inzwischen, wo der Besitz des Pachtes ihm gesichert blieb, neugewonnene rustige Hande sorgen.

Als Anna mit Olga und Selma, mit Rodewald und Franzchen Heunisch dem Westen zureisten in zwei grossen, reichbepackten Wagen, liessen sie Tempelheide in der Obhut der Gerichte und der Diener zuruck. Sie liessen die Stadt wie den Staat gleichsam als Schlummernde hinter sich, die man mit dem Abschied in der Fruhe nicht gerne stort und, wahrend man schon im lustigen Zuge dahin sprengt auf der Landstrasse, noch in den Federn forttraumen lasst ... Es sah still und traurig aus im offentlichen Leben. Der Furst Egon, der zwei Jahre hindurch das Ruder mit Entschlossenheit gefuhrt, den Geist des Widerspruchs gebandigt, eine warme, gluhende Begeisterung fur seine Aufgabe mit Hintansetzung seines eignen Lebensgluckes wie Kohlen noch zum Feuer getragen hatte, schien von diesem Feuer wie selbst verzehrt. Er schien zu verschwinden, wie er gekommen. Er hatte dem Staate nach seiner Auffassung die letzten Reste seiner Jugend gewidmet. Die gewaltige Sphinx hatte ihn verschlungen, wie Alle, die ihr Rathsel mit der wahren Losung: der Mensch! nicht begreifen. Dem historischen Staate, dem Gemeinwesen alter Stande, den militarischen Erinnerungen, dem Junkerthum und seinem Dunkel und Egoismus, der Beamtenmacht war er zum Opfer gefallen, wenigstens erwartete man von seiner Reise nach Buchau die noch immer verzogerte Ubergabe seines Portefeuilles. Nur seine Gattin begleitete ihn. Diese hinterliess das Andenken einer der seltsamsten Metamorphosen, die ein weibliches Herz je durchmachen kann. Aus der tandelnden, leichtbeschwingten Sylphide war sie eine ernste pflichterfullte Frau geworden, die ihr Loos, einen hinfalligen, siechen, lebensmuden, zergramelten Mann zu pflegen, mit ruhiger Ergebung trug. Pauline von Harder bot lange nicht das gleiche Schauspiel der Resignation. Sie schien die ihr doch sonst immer gegenwartige Besinnung verloren zu haben. Sie konnte den Gedanken, geopfert zu sein, auf Nichts zuruckgefuhrt, verlassen von ihrem Einfluss, nicht ertragen. Die Menschen, die ihr fruher huldigten, gingen zu den neuen Machthabern uber. Das Journal: Das Jahrhundert verlor seine besten Krafte an die Blatter des neuen Systems, sie musste es verkaufen und gab alles hin, nur um vor einem Damon zu fliehen, den Alle in ihrer Brust suchten, in ihrer Unfahigkeit, auf sich selbst bezogen zu bleiben. Rodewald, Egon aber allein wussten, dass dieser Damon weit mehr in der Furcht vor Friedrich Zeck und ihrem Sohne lag. Die Ludmer hatte somit die glanzendste Genugthuung fur ihren schon lange gehegten Verdacht erhalten! Sie musste nach ihrer Gesinnung rathen, nun alle Minen springen zu lassen. Pax wurde mit ganzem Vertrauen bedacht, sogar Schlurck, selbst Bartusch wurden wieder um Rath angegangen. Die Entdeckung, dass der Sohn Paulinen's wohl gar selbst dieser Hackert, Murray jedenfalls der ehemalige Baron Grimm war, lag jetzt vollkommen nahe. Pax verfolgte die Spur des Einen, der schon seit dem Mai, des Andern, der jetzt eben erst abhanden gekommen war. Wie diese Jagd, die die Ludmer anstellen zu mussen glaubte, auch endete, Pauline von Harder wollte sie nicht abwarten. Sie wollte reisen, sie knupfte in der That mit Helene d'Azimont an, die ihr wie eine Wiedergeborne und Erleuchtete schrieb und sie aufforderte, nach Enghien bei Paris zu kommen, wo sie zusammen lateinisch lernen und die Kirchenvater studiren wollten. Es bildete sich in der That fast ein Bund von romischgesinnten Frauen, die sich jetzt, wie sie sich fruher in ihren starken Gefuhlen nachahmten, eine der andern in der katholischen Bekehrung nachahmten. Einstweilen wollte Pauline nur aus dieser Stadt, nur aus diesem Lande heraus. Aber sie beschloss, es mit Aufrechthaltung aller Formen zu thun. Sie begleitete ihren Gemahl nach Buchau, wo sie einige Tage zu bleiben und sich dem Hof feierlich zu empfehlen beschloss. Die Ludmer folgte ungern. Sie dachte an den dortigen Inspektor Mangold. Doch die Hulfe ihres Erben und "Neffen," des Herrn Pax stand ihr ja zur Seite. Zur Sicherung der Herrschaften war auch dieser nach jenem aussersten Grenzpunkte abgereist. So drangte es Alle nach Westen; wir wissen nicht, ob auch Oleander'n, der am Nikodemustage auf dem Tempelstein vielleicht nicht fehlte, Oleandern, der wie ein Harfner, wenn auch vielleicht unsichtbar, um alle die Gestalten, die wir in dem Schutt ihres Lebens wie vergraben finden, den Epheu seiner Poesie ranken liess, einer Poesie, die, in den meisten Menschen unbewusst, als Stoff nur fur den Seher lebt. Oleander fuhrte Buch uber die Seelen, die da an sich so wild voruberjagten, sich niederwarfen oder vielleicht nur Einmal und dann nicht wieder beruhrten. Oleander war im Stande, die Empfindungen des Frauleins von Flottwitz, wenn sie Dankmar's gedachte, ebenso nachzudichten, wie er auch, nachdem er schon die Veranlassung eines neuen Misverstandnisses zwischen Egon und Helenen durch Olga geworden war, sich selbst in diesen unheilbaren, ewigen Bruch hinein fuhlte mit einer Melancholie, die in gewissen Momenten sicher auch in Egon, zuweilen in Helenen auftauchte bei aller Trennung durch die Welt und das Leben. Oleander dachte wenigstens nur an Helenen und Egon, als er einst schrieb:

Wer glaubt an Riesen, die den Himmel sturmen,

An Gottersohne, frevelnde Titanen,

Die Berg auf Berg zum Wolkensitz der Ahnen,

Ja ihre Leiber, sich erwurgend, thurmen!

Und doch rast dies der Erde Urgewimmel

Zu jeder Stunde noch im Menschenherzen,

Das uber Schadelstatten fremder Schmerzen

Erklimmt des Wahn's und seiner Traume Himmel.

Die Graber werden Spielplatz, heisse Thranen

Wie aus dem Thonrohr steigen bunt wie Blasen,

Gehascht, gejagt auf dem zertretnen Rasen

Des heiligsten Erinnerns! Und warum? ... Ein

Wahnen

Hangt Haut an Haut, wie Schlangen thun, an

Baume!

Jetzt bist du frei, jetzt steigst du auf mit Flugeln,

Nun kann dein Arm die Sonnenrosse zugeln,

Nun trittst du schon auf ros'ge Wolkensaume!

Ihr Thoren! Ob Titanenfauste einen

Dem Ossa Pelion, ob dieser Welt nie Frieden

Der Menschengenius bietet die Kroniden

Verhullen sich und lacheln nur und weinen.

Die Harmonie im Menschenchaos ist nur dem Ohre Geweihter vernehmbar. Was Poesie dem Allblickenden ist, ist Dem, der sie erlebte, oft davon das baarste Widerspiel. Ihn macht dieselbe That ergrimmt, die einen Andern hebt und trostet. Der Dichter nur ahnt, in welchem Endergebniss Aller Dasein den Sternen erscheint. In Oleander's Gemuth sammelte sich von Allem, was wir erlebten, erfuhren, mit einsahen, ein solcher Sternenwiderschein, den das Leben nicht ausspricht und die Darstellung des Lebens auch nur andeuten kann. Den Oleandergemuthern unsrer Leser uberliessen wir die Erganzungen der harten und schroffen Unmittelbarkeiten und Wirklichkeiten, die wir schildern mussten. Der treue Sanger, selbstentsagend, fuhlte, was Siegbert Olga auf seine Klage antworten mochte, fuhlte, was der Flottwitz stumme Liebe dachte, als Dankmar in Banden sass, er sammelte sich Das, was Niemand gesagt bekommt und was doch fur die Sterne ewig gesprochen und empfunden ist. Auch in dem Marchen auf der Tempelabtei fehlte er gewiss nicht. Er war dem lauschenden Dystra gewiss ein Sanger mit der Harfe, der hoch uber den Trummern stand und Andrer Loos verknupfte, seines eignen so wenig gedenkend. Er hatte Selma an die mannliche Gestalt Dankmar's abgetreten, fand lange nicht das einfache und ihn begluckende Herz, das er suchte und hatte wohl Recht, in sein altes lateinisches Kollektaneenbuch zur einstigen Mittheilung an Louis Armand und zum Gegensatz gegen dessen weltumfassendes Sehnen zu schreiben:

Ein Hauschen auf grunen Matten

In's Silber des Mondes getaucht,

Von frischen Waldesschatten

Freundnachbarlich milde umhaucht

Ein Stubchen eng nur gezimmert,

Bescheiden das Hausgerath,

Nur Lampenlichtdurchschimmert,

Nur Blumenduftdurchweht

Ein Schrank, ein Tisch, zwei Sessel,

Ein Weib dazu, an ihrer Hand

Der Ehe goldene Fessel,

Die erst ein Jahrchen sie band

Der Mann im Liederbuch blattert,

Sie strickt beim Lampenschein,

Vom Lindenbaum draussen schmettert

Die Nachtigall herein

Horch! ruft das Weib nach der Kammer.

Was Nachtigall! Liederbuch!

Sie offnet dem sussesten Jammer

Im Gehen ihr Busentuch.

Hold Kindlein wacht, ruft wieder!

Gib allen Dichtern den Lauf!

Ein Trunk aus Mutter-Mieder

Wiegt Hippokrenen auf!

Dem Mann, nicht lesend weiter

Legt gleicher glucklichster Trieb

Eine ganze Jakobsleiter

Als Zeichen in's Buch, wo er blieb.

Ob im Walde die Wipfel rauschen,

Ob die Nachtigall lockt und schlagt,

Sie sitzen nur Beide und lauschen

Dem Kind, ob's im Schlummer sich regt ...

O Bild der seligsten Feier!

Ein Schattenspiel an der Wand!

An meiner Dichter-Leier

Bin ich Saite nicht ach! nur die Hand.

Oleander sang nicht sich, sondern Andere, wenn er das Gluck schilderte. Jahrelang wird er den Anblick des Poeten der Dachkammer bieten, dessen lange, ungepflegte Gestalt, schlendernd, traumend durch die Gassen schreitet, an Fremde denkend und die Nachsten zu grussen vergessend, voller Liebe dem Einen zugewandt und kaum bemerkend den Andern, wenn dieser auch hulfefordernd die Hande nach ihm streckt. Er wird immer die Aufforderung zur That erst dann vernehmen, wenn die Gelegenheit, sich zu bewahren, schon voruber. Vielbewundern wird man ihn und viel verspotten und schon mit bleichenden Haaren wird man ihn noch ein Kind nennen. Bei der allgemeinen Theilung des Glucks dieser Erde wird er mit leeren Handen ausgehen und sich mit dem Troste begnugen mussen, dass Zeuss zu ihm sprach:

Willst du in meinem Himmel mit mir leben:

So oft du kommst, er soll dir offen sein.

... Grade am Morgen nach dem Brande im Dorfe Buchau fuhren die beiden Reisewagen Anna's von Harder zum Tempelstein hinauf, wahrend rechts und links um sie her Rosse und Reiter sprengten, noch die rauchende Statte des Brandes zu sehen. Der Hof im Schlosse war voll gnadenreichster Theilnahme gewesen. Er hatte Wasche, Betten, Geld geschickt, um die nachste Noth zu mildern. Alle seine Umgebungen wetteiferten im Antheil an dem unglucklichen Vorfall, bei dem in der That Menschenleben verungluckte und im Gasthofe zum St.-Georg manche werthvolle, ja ausserordentlich hochgeschatzte Gabe einiger unbekannter Reisenden zu Grunde ging ... Anna war mit ihrer Begleitung am Orte des Schreckens angelangt, als Franzchen Heunisch ein junges Madchen zu erkennen glaubte, das auf der Trummerstatte, an der steinernen Schwelle einer ausgebrannten Thur, die Hand in den Schoos gestemmt, auf der Erde sitzt, vor sich einen von vielen Menschen umgebenen mit einem Tuch bedeckten, von Allen scheu vermiedenen Gegenstand und in ihrer Nahe einen Alten, der gleichfalls auf dem Boden an dem Tuche kauert und in seinen Mienen eine Ahnlichkeit mit jenem Manne mit der schwarzen Binde darbietet, der sie einst von der Stadt nach Hohenberg begleitet hatte. Jenes Madchen war Louise Eisold, der Alte ohne Zweifel Murray ... Franzchen machte sogleich Rodewald aufmerksam. Dieser trat hinzu und erfuhr von den vor ihm ausweichenden Menschen, dass unter dem Tuche der Rest eines in der Nacht Verbrannten lage, eines dem Madchen und jenem Manne sehr werthen Verwandten und dass schon in der Nacht vom Tempelstein Leute gekommen waren und das seltsamste Schauspiel der Besturzung geboten hatten. Von einem grossen Schatze, den jener Ungluckliche entweder hatte vor dem Feuer bergen oder schon vorher vielleicht allzusehr schutzen wollen, ware nichts ubrig geblieben als die halbverbrannten Splitter, mit denen der Alte da wie irrsinnig spiele ... in dem Schrein sollten hundert Tausende von Papiergeld gelegen haben ... aber wer wisse es ... und wer konnte es glauben ...!

Schaudernd ahnte Rodewald die Moglichkeit, dass Dankmar's Schrein verungluckte ... Er trat naher ... Franzchen folgte ... Murray! rief Rodewald ... Franzchen legte schon die Hand auf Louisen's Schulter ... Jener blickte auf und erkannte Rodewald, lachelte bitter, zeigte auf das Tuch, auf die verbrannten Splitter ... Louise Eisold starrte Franzchen an, wusste erst kaum, wo sie das bluhende, gewachsene, holdentwikkelte Madchen hinbringen sollte, dann errieth sie, stand auf und sagte: Franziska! ... Die Freundin aber erwiderte entsetzt: Wer verbrannte?

Louise schien gefasst. Sie hatte in der Schule der Leiden gelernt, das Schwerste zu tragen. Dennoch sagte sie mit noch zuckendem Schmerz:

Weisst du Franzchen? Des Volkes Tochter, arme Bettlerin! Das ist da Hackert unter dem Tuch!

Franzchen zuckte zusammen. Aber Friedrich Zeck bestatigte den Nahergetretenen:

Ja, diese Splitter sind der Rest vom Erbe der Wildungen! Sie wissen es schon oben auf dem Tempelstein, sie grubeln, wie man Papier wieder lebendig macht, aber Menschen, amortisirte Menschen lebendigmachen das wird fehlschlagen, Freunde! Ah! Seht nur!

Rodewald hatte das Tuch geluftet und es sogleich fallen lassen. Der Anblick war zu grauenhaft ...

Der Nachtwandler! sagte er und eben hielt er inne, um das Wort: Sein Sohn! zu unterdrucken, als unter den Herrschaften, die vom Schlosse Buchau kamen, um die Brandstatte auch zu sehen und Gaben der Liebe auszutheilen, ein Wagen auffiel. Der Schlag wurde geoffnet. Eine Dame trat heraus, schwarz, trauernd, hoch, schlank, nach ihr eine gebuckte Alte ... Die Polizei, beritten, sprengte heran ... Die Scene wurde lebhaft ... Menschen drangten sich an Menschen ... und Friedrich Zeck folgte wehmuthig dem Auge des hier in solchem Augenblick gefundenen Rodewald. Starr kehrte sich aber plotzlich das Weisse in dem seinen. Er ergriff Rodewald's Arm, zeigte auf einen der Wagen, auf die ihm entstiegene Dame ... es war Pauline von Harder, schon erkannt von Anna, ihrer Schwester, die sich zuruckzog und die Begegnung vermeiden wollte ...

Friedrich Zeck schien bei diesem Anblick die Fassung verloren zu haben, nicht die Besinnung, sondern die Selbstbeherrschung. Seine Demuth hatte ihn plotzlich verlassen. Er sah einen Fingerzeig des Himmels, er "richtete", wie sein Ausdruck war, statt Gott richten zu lassen, er sprang von dem grauenvollen Tuche auf, warf die verbrannten Splitter des Schreins im Kreise umher, sturzte sich vor und stand fast unmittelbar vor Paulinen, die vor Anna's Nahe allein schon zum Tode erschrak ...

Rodewald war es, der diesmal Grossmuth ubte. Rodewald rettete Paulinen vor einem Augenblick, der ihr vielleicht wirklich den Tod gegeben hatte ...

Murray! rief er mit der mannlichsten Uberredung, hielt den wie von Raserei uber Paulinen's Anblick Ergriffenen mit dem linken Arm zuruck und wandte sich mit der Rechten der erblassenden, taumelnden Pauline zu, die drangenden halblauten Worte sprechend:

Steigen Sie ein! Fliehen Sie! Es ist Ihr Sohn, der da verbrannte! Fliehen Sie! Fort! Fort!

Aber Friedrich Zeck horte nicht mehr auf des Freundes Zuruf. In dem Augenblick fielen ihm alle Hullen, alle Masken und Verstellungen von seiner Person, die ihm nichts mehr werth war, seit der Zweck seiner Ruckkehr von Amerika mit dieser furchterlichen Nacht ein Ende hatte. Er sah nur Flammen um sich, nur Zerstorung, horte nur das Hulfeschreien der Menschen, sah Hackerten nur unter den zungelnden Feuersaulen eingeschlummert auf dem Schrein, den er krampfhaft huthete, als konnte in stiller Nacht ein Kafer ihn stehlen; er horte nur, dass Alles um ihn her zusammenkrachte, Sohn und das fremde Eigenthum in einer Zerstorung unterging, die Hackert vielleicht als Traumwandler selbst durch das Licht in seiner Hand veranlasst hatte, vielleicht auch nicht ! was sollte er zogern, sich und Alle in die Flammen zu sturzen und unterzugehen wie Simson!

Nicht Murray, rief er auf Paulinen zuschreitend aus, nein, Der, den deine Helfershelfer suchen vom Morgen bis Abend, Der, der Euren Morderhanden entfloh, nicht in den Wellen des Hudson schlaft, nein Der, den Ihr ahntet seit dem Fortunaball, festhieltet seit dem Forsthause im Walde und nicht zu erkennen den Muth hattet, Friedrich Zeck, der Vater dieses unglucklichen Sohnes ...

Doch schon war Pauline mit Rodewald's Hulfe entfernt, losgerissen von dem Wuthenden, gesichert eingestiegen ... Zeck sprang den Pferden in die Zugel, hielt sie, die schon ansprengen wollten, zuruck und rief:

Hackert! Hackert! war der Name meines Sohnes! Ich bin Zeck! Der Bruder einer Morderin, der Bruder eines Morders! Kennt mich Niemand? Kennst du den Falschmunzer nicht, den Vater dieses Nachtwandlers, der diesen Brand entzundete? Wir sind Schuld an diesen Lichtfunken! Ha, ha, Pauline

Aber so maasslos sollte der Strom der Selbstanklage nicht enden, denn schon hatte Pax, vom Pferde springend, den wilden Sprecher erkannt, ihn von hinten ergriffen und seinen Begleitern, die mit angriffen, als einen glucklichen Fund zugeschleudert ...

Die Ludmer, wie ein verwundeter Vogel hin- und hertaumelnd, konnte aus Furcht und Besinnungslosigkeit den Wagen nicht gewinnen. Sie flatterte fast hin und her und suchte sich zu bergen vor solchem Ruf aus den Grabern ... Ihr half aber die Grossmuth Rodewald's nicht. Paulinen's Rosse waren sich baumend schon davon gesprengt, ohne die Ludmer. Kein Wagen stand bereit, auch sie zu entfuhren, sie musste die Schaalen des Zorns eines Mannes, den sie nun schaudernd selbst erkannte, bis zur Neige leeren, musste sehen, dass Mangold, jener Gartner, in der Nahe stand und nicht half, nicht hinderte ... Aber auch die Mishandlungen der Bewaffneten hinderten Zeck nicht auszurufen:

Charlotte Ludmer! Kennst du mich, den Baron Grimm, dessen Trinkgelder du so elend vergolten hast! Komm, Unhold, leuchte mir die Treppe hinunter! Sagt' ich Das nicht in Ems druben und sonst hundert Mal und gab dir meine erspielten, noch nicht falschen Dukaten? Und doch stecktest du uber uns Allen die Welt an, lassst uns Alle verbrennen, nur weil Paul Zeck die rothen Haare verstecken sollte, die an den Abend erinnern, wo schon einmal Jemand im Feuer der Sunde aufging und Einer sich nur die Augen verbrannte? Morderin du, die aus Rache Menschenleben wie unreines Wasser ausgoss! Elende, das Eine deiner Opfer sturzte sich vom Narrenthurm, Das da deckt ein Leichentuch und ich will der Dritte sein, will wieder Ketten tragen, will nicht von Euch losgelassen, nicht mit Gold und Gut nach Amerika befordert werden, will bleiben und reden, nur damit du einst sterben sollst, ohne ein ehrliches Begrabniss zu gewinnen!

Pax schutzte jetzt die ohnmachtige Freundin, liess sie fort tragen, die Menschen wichen ihr wie einem Unhold aus. Die Bedienten, Hofleute, Bauern, Alle sahen, Alle horten schaudernd und lauschten noch, als Friedrich Zeck sich sammelnd und den Schweiss von der Stirne trocknend zuletzt zu dem mitleidbewegten Rodewald sprach:

Es ist geschehen! Alle Selbstbeherrschung war vergebens. Den wilden Teufel in der Brust bindet ganz auf Erden kein Engel. Zurnen Sie mir nicht, dass ich wie ein Insekt um die Flamme irrte, und nun doch hineinsturzte! Es ist ein Instinkt, der von mir verlangte einmal noch so zu reden, dann zu enden. Man wird in der Residenz in mir drei Menschen, Zeck, Grimm und Murray erkennen. Vielleicht, dass Einer fur den Andern sprechen wird und sich die Gelehrten muhen, zu beweisen, dass Einer unmoglich der Andre sein konnte. Zu dem Instinkt gehort auch, dass ich moglich mache, das Ungluck des fur immer verbrannten Schreines zu hintertreiben. Wurd' ich, der seinen Inhalt schuf, nicht unter dem Auge des Richters leben, so wurden Sie nicht die Burgschaft finden, dass von jenem Schrein auch wirklich nur noch jene verbrannten Spahne ubrig sind, mit denen ich mein eignes Leben vergleichen mochte. Ich werde offen aussagen, wie Alles gekommen. Grussen Sie die Bewohner des Tempelsteins nicht von mir! Ich sagte immer, dass zwischen jener reinen Sphare und mir die ewige Verdammniss, wenigstens der Erde, liegt!

Zeck wurde so abgefuhrt ... Anna von Harder hatte langst schon in den Wagen fluchten mussen, die Madchen folgten, Rodewald, nach schmerzlichem Abschied von dem nun wol fur immer Gefangenen. Man fuhr zum Tempelstein empor. Die Menschen verliefen sich, nur Franzchen Heunisch, die mit Louise Eisold zum Schlosse zu Fuss gehen wollte, blieb. Mangold, der die Demuthigung der Ludmer ohne Mitleid nachempfand, half den Madchen und einigen Burschen das Tuch zusammenraffen und es in ein Haus tragen, wo der Rest von Hackert bis zu seinem Begrabniss blieb ...

Es ergab sich bald, dass Hackert an dem Versuch einer einzigen guten That, die er in seinem kurzen und damonischen Leben gewagt hatte, zu Grunde gegangen. Die Ursache des Brandes, der den Schrein zerstorte, war in der That nicht der Funke vom Feuerwerk der Konige, sondern die schlafwandelnde Sorge gewesen, die den Schrein im uberfullten Gasthof zum St.-Georg von einer Scheune zur andern trug und gerade mit dem Lichte dem Stroh unterm Schindeldach, das Hackert im Traum hatte verlassen wollen, zu nahe kam. Er fand die Thur auf dem Verbindungsstege verschlossen, entschlief auf dem Schrein, den er niedergesetzt hatte und erwachte zum Leben nicht wieder ... Ein Dichter, wie auch wieder Oleander, sah spater in diesem Zusammenhange einen ernsteren Sinn und tiefere Bedeutung. War der Schrein und sein Inhalt die irdische Hoffnung edleren Strebens fur das Wohl der Menschheit, war Hackert, wie einst Dankmar an jenem Abend vor dem Fortunaball gesagt hatte, das Volk in seiner damonischen, nicht guten, nicht bosen, rathselhaften und unheimlichen Sinnennatur, war der Aufschwung zu einer endlich reinen That in diesem Wesen Krankheit eher, als die edle Blute der Gesundheit, so lagen die Gedanken nahe, die sich halb schon bei Oleander in Klangen austonten, dass der Geist ein Phonix ware, der nur aus den Flammen eines irdischen Nestes zur reinen Sonnenhohe aufsteigen konne, und dass da sterben musse der Schlacke, was zum Lichte wolle. Wie in der Natur Das, was seinen Dienst verrichtete, sogleich verginge, wie der Wurm in der Seide sturbe, die er aus seinem Leibe und Leben sponne, wie die hochste Lust die Organe des Lebens sprange, ja ein Bettler nicht lange zu bleiben vermochte in einem allzugeschmuckten Hause, so sah' es auch immer schlimm aus, wenn man den grossen Kaliban, das Volk, einmal aus seiner thierischen Vegetation aufweckte, aus einem Dammerleben, dem das Gute und Bessere sich nur im nachtlichen Wandeln nahe! Auch erwachend wurd' es dann handeln wie im Traum, wurde statt eines einfachen Lichtes Fackeln, statt Fackeln Feuerbrande geben, wurde wie einst Masaniello uber das Maass seiner Kraft hinauswachsen und entweder im Irrsinn oder Selbstmorde enden ....

Diese Auslegung gab Oleander Friedrich Zeck, als er ihn als Gefangenen wiedersehen musste! Man hatte versucht, den Englander Murray, den Freund der Armen, den Wohlthater der Brandgasse fur den Baron Grimm sprechen zu lassen, man hatte die Bibeln reden lassen wollen, die Morton sonst in seiner Armuth zu verkaufen pflegte, aber Friedrich Zeck kam dem Verlangen, sich offen, vor aller Welt in pharisaischer Christlichkeit zu gebehrden, nicht entgegen, flehte nicht, bat nicht, bereute nicht, er ertrug die Wirklichkeit, der er einst entflohen war und trug sein Kreuz unter den Gefangenen, bei denen er vielleicht fur seine Auffassung des Lebens jetzt mehr Gutes that, als war' er frei gewesen. Nicht lange nachher starb Friedrich Zeck, der Urheber der Schuld so vieler andren Menschen, auf der Veste Bielau, an demselben Flusse, dessen Ufer er einst in einem Rettungsnachen erreichte, wie spater einmal auch Werdeck ...

Die Welle des Flusses war ihnen Allen freundlicher gewesen als einem letzten endenden Leben unsres Kreises, das wir nicht verschweigen durfen, dem Leben jenes nachtlichen Wanderers, dem Hackert einst von der Komthurei vor die Thore der Stadt gefolgt war. Als Der denn doch zuletzt, wie angezogen von seinem Geschick, das wie die Magnetnadel keine Ablenkungen und Irrungen, wie noch zuletzt wieder durch Hackert, dulden wollte, nach Bielau wanderte, dieser still Verzweifelnde, der den Tod mit Ekel und Uberdruss an sich selbst und der Welt nicht auf naturlichem Wege erwarten mochte, rief ihm Niemand mehr in nachtlicher Stille seinen Namen zu, Niemand schutzte ihm mit einer ansehnlichen Summe Geldes noch einmal gleichsam die nach ihm verlangende Woge ab. Zuletzt zog sie ihn nieder, wie das Meerweib den vom Sang Verlockten. Diese Stimmung konnte nicht enden, wie Alle. So entbehren, so zuletzt krank auf dem Lager liegen, achzen, so den letzten Ballast der Bagatell-Philosophie auswerfen, Epikur, Epiktet, Rochefoucauld, Hippel und Lichtenberg opfern, so immer leichter, luftiger, ohnmachtiger, ja klaglicher zu werden fur Charon's Nachen ... Das ertrug Franz Schlurck nicht ... Man fand ihn eines Morgens im Uferschilfe unterhalb Bielaus, nachdem man ihn Tagelang gesucht und sich wol gesagt hatte, dass man Schlurck's letztes Wort an Drommeldey: Bester Freund, Montaigne hat Recht, das Leben ist von allen Handwerken, die wir zu lernen haben, das schwerste! nicht anders als auf den selbstgesuchten Tod deuten konnte.

Letztes Capitel

Die Morgenrothe

Auf dem Tempelstein losten sich Schmerz und Freude, bangende Unsicherheit und endliche Entscheidung ... Dankmar's starres Bruten uber den Verlust, konnte es andauern, als er Selma sah? ... Und Olga, ware sie erstarrt gewesen wie Niobe, da ihr die Sohne starben, konnte sie auch noch nicht beim Anblick der Mutter, die sich streng und ernst von ihr abwandte, zum Leben erwachen, konnte sie da, als Siegbert vom bekummerten Bruder sich losreissend in den Saal der Villa des Barons trat, da, als der Geliebteste vor Olga's entfalteter Schonheit staunend bebte, eine Jungfrau statt des Kindes fand, ihre Hand zitternd ergriff und sie zur Versohnung in die Hand der Mutter legte, konnte sie da, die seit Jahren nicht geweint hatte, die Thranen wieder fortschleudern und ihnen sagen: Ich kenne Euch nicht? ... Und konnte, als Rudhard, ein gebuckter, alter Mann, gefurcht, gebleicht von Kummer eintrat und er und Anna von Harder der Mutter sie zufuhrten, konnte Dystra, als Olga nun doch davon sturzen wollte, Siegbert aber sie zuruckhielt und sie in seinen Armen fast ohnmachtig an's Herz druckte, etwas Andres thun, als sagen:

Chere enfant, Ihrem Vater, dem Fursten Alexis Wasamskoi, hab' ich einst versprochen, Rurik's Schwager zu werden! Ja, ja, Rurik! Papa Rudhard lehrte dich vielleicht aus den Alten, dass die delphischen Orakel vieldeutig waren. Ich that Alles, um dies Schicksalswort zu umgehen; ich wollte liebenswurdig, schon sein, ich hoffte irgend eine grosse Dame wurde mich entfuhren. Ich wollte sterben und fing deshalb zu bauen an. Aber Alles vergebens. Was ist zu thun? Komtesse Olga hat eben, wie das dem Charakter unsrer Zeit entspricht, selbst gewahlt, Paulowna zieht jedem Ehegluck noch die Kunde vor, welche Torte es heute Mittag geben wird, und wo soll ich diese Gaste all' herbergen, wo anders meine Diners und Soupers nun veranstalten, als in dem fertigen linken Schlossflugel, wohin ich wiederum gelobt habe, nur die Dame zuerst zu fuhren, die einst die Meine sein wird?

Alles blickte auf Olga, auf die Furstin ... Anna von Harder nahte sich aber Beiden, die sich abwandten, liebevoll ... Es war ein machtiger Eindruck fur Adelen gewesen, als sie nach so langer Trennung ihr wildes Kind wiedersah. Sie war ihr erschienen wie eine ihr fast Fremde, wie eine Jungfrau, die sie nie gesehen, nie gekannt hatte und doch war diese Gestalt die ihrer eignen Olga, das hoheitsvolle, schwarmerische Auge war das Auge ihres Kindes, dessen Erbluhen zur Selbstandigkeit sie nicht hatte ertragen konnen. Gedemuthigt durch Siegbert, der seiner Empfindungen jetzt kein Hehl mehr machte, sich wurdevoll sammelnd vor Anna's sittlicher Hoheit sprach sie zum Baron:

Mon cher Baron, outre mes enfans il s'en trouve ici d'autres encore, parmi lesquels vous etes le plus deraisonnable. Pour vous empecher de vous ruiner par vos mille folies il vous faudrait une gouvernante, qui reglat un peu vos penchants dangereux.

Und Dystra erwiderte:

Madame, je suis ravi de vos bonnes intentions pour moi. Depuis bien longtemps il fallait un mariage de raison, comme celui que j'aurai l'honneur de contracter avec vous, pour en completer ma collection de mille et une folies, les curiosites du siecle.

Damit gab Dystra mit der ihm eignen Grazie den Arm der Furstin, die sich von ihm zum Schlosse hinauffuhren liess, wahrend die Andern frohbewegt folgten. Spartakus und Cicero schritten aus Rucksichten heute in Tscherkessentracht voran ...

Das die Freude! ... Und auch Louis Armand hatte Franzchen liebevoll begrusst. Auch er war erlost von seinem fruheren ohnmachtigen Traumen, auch er hatte durch den Umgang mit bedeutenden Mannern, die ihn zu sich emporzogen und zu einem grossen Wirken verwandten, das einseitig nagende Isolirungsgefuhl des begabten hoherberufenen Handwerkers verloren und an seinem Beispiele gezeigt, wie alle Gefahren des Kommunismus verschwinden wurden, wenn der Staatsbau auch die regste Theilnahme des heraufdrangenden vierten Standes an ihm zuliesse, ordnete und regelte; auch er hatte froh sein durfen. Aber ... die Manner kamen vom Herzensgluck bald auf das Leid des Allgemeinen zuruck, auf den Tod Hackert's, den Untergang des Vermogens. Dankmar gab jede Hoffnung auf. Er sagte, dass aus Rucksicht der vielen zweideutigen Umstande, die den Verlust begleiteten, keine Hoffnung auf den Erfolg eines Amortisationsprozesses und der Erneuerung der schon theilweise in Umlauf begriffenen Zahlung da ware. Rodewald's rechtskundige Meinung sollte befragt werden. Man suchte ihn, rief ihn. Er fehlte, war eben verschwunden, hatte aber die Bitte, seinetwegen nicht bekummert zu sein, selbst wenn er bis morgen ausbliebe, beruhigend zuruckgelassen. Man rieth, dass er sich wol um das Schicksal Murray's kummerte. In Murray den Vater des unglucklichen Hackert wiederzufinden die Mutter blieb denn in der That Jedem unbekannt war den Freunden eben so uberraschend wie schmerzlich gewesen. Ihre Blicke gingen in die Zukunft. Jeder gedachte des Looses, das er gezogen ... Dystra blieb vielleicht mit der Furstin und den Kindern auf dem Tempelstein, dessen Einfriedigung den Baron halb zum deutschen, halb zum frankischen Burger machte; denn noch tief in das jenseitige Land ging sein Besitzthum. Rudhard blieb sicher noch treu in ihrem von Frohsinn, Glucksgutern und Bildung gehobenen Kreise. Leidenfrost vollendete ohne Zweifel den Bau. Vor Entdeckung seines Namens schutzte die Ruckkehr zu seinem wahren: Max Bruning. Sein Vater, der greise Invalid, bewohnte eine Grenzhutte auf dem jenseitigen Abhang des Gebirges. Werdeck fehlte in diesen Tagen nicht in der Tempelabtei. Aber er kehrte nach Paris zu seinem Weibe zuruck. Unterricht in der Mathematik von seiner, die Kunst, Blumen zu machen von ihrer Seite fristeten das Loos zweier Menschen, die dem Kreise der Anschauungen, in denen sie erzogen waren, sich mit einem Heroismus entwunden hatten, der Bewunderung verdiente. Wir haben von diesem Ehebund, der kinderlos blieb, den Vorhang nur dann und wann geluftet gesehen. Bedurfte das feste treue Ausharren an einer einmal erfassten Idee der gleichen Schilderung, wie die in Krummungen irrende allmalige Entwickelung sich langsam lauternder Herzen? Was bedarf es auch jetzt mehr, von diesen Edlen zu sagen, als dass Werdeck die Theorie der Curven und Gleichungen in Paris lehren wird, Jagellona Blumen macht, wie sie in dem Kloster gefertigt wurden, das sie und Max Bruning erzog? Diese Fluchtlinge lebten zu Paris im funften Stock, entbehrten, hatten Sorgen genug, aber unter dem fruhgebleichten Haar gluhten die alten Hoffnungen, die unversohnten Nemesisgedanken der Geschichte. Jagellona ertrug den Widerspruch ihres Herzens mit dieser kalten Erde nicht lange. Ein Grab auf dem Pere la Chaise, in der Nahe des Denkmals von Abalard und Heloise, nicht zu fern von Ludwig Borne, von Foy, Lafayette, Armand Carrel schmuckten Immortellenkranze einen Hugel, auf dem sich Werdeck und Leidenfrost zuweilen des Jahres die Hande reichten und nur beklagten, dass Jagellona's Heldenseele in diesem matten Frieden, nicht im Donnerrollen grosser Thaten aushauchte.. Und Louis Armand? Was konnte ihm die Zukunft Schlimmes bringen? Er nahm nur fur einige Zeit in Frankreich mit seinem beguterten Weibe den Aufenthalt, er hoffte die Ruckkehr auf einen Boden, der ihm zur zweiten Heimat geworden war ... Und Dankmar und Siegbert? Sie, die in der Grenzhutte des alten Invaliden auf fremdem Boden zu ubernachten pflegten, verbanden sie sich nicht bald durch die Ehe mit den Madchen ihrer Liebe? Jener rustete sich gewiss auf die ersten grossen Wirkungen des Bundes, an dessen Ausbildung er fortarbeitete; dieser beschloss, begleitet vom Bruder bis zur Schweiz, weiter zu ziehen mit Olga in das Land der Ideale und zu einer Kunstubung, zu der ihm Oleander einst als Regel schrieb:

Wie lieb' ich, wenn ein Madchen auf sich halt,

Nicht jeden Tanzer nimmt, nicht jeder Fiedel tanzt!

So auch der Kunstler, der nicht schmeichelt aller

Welt

Und gegen Vortheil sich zumeist verschanzt!

Deshalb ist Gunst und Kunst verwandt und

Gonnen Konnen,

Weil Konnen soll die Gunst dem Rechten gonnen.

Anna liess sich doch wol Selma nicht nehmen? Sie blieb doch wol bei Dankmar, dem die Schweiz ein Asyl werden sollte bis zum Tage, wo die ersten Schranken der kunstlichen Ordnung, die uns jetzt regiert, einst fallen wurden. Ihm und Rodewald, der sicher nach Hohenberg zuruckkehrte, schien dieser Tag nicht zu fern. Selbst Louise Eisold blieb hinter Denen nicht zuruck, die auch von ihr eine Zukunft prophezeien wollten. Die Einigung mit Mangold wurde ein Liebesopfer fur ihre Geschwister, wenn sie auch dann und wann wehmuthigst an Danebrand dachte und an Hackert, der ihr kein Begriff wie Oleander'n, sondern ein Mensch war, ein Mensch mit einem verhangnissvoll beklagenswerthen Leben! Ein Mensch, der, wenn all' unser Dasein ein Versuch zum Lichte aufwarts sich zu schwingen zu nennen, in diesem Fluge so fruh scheitern musste! Ein Mensch, wunderlich wie jene Pflanze, die auch halb ein Thier ist, wie jener Stein, der auch Pflanzenform angenommen, aber fuhlend auch und, hatte er Liebe gefunden, nicht doppellebig! Ein Mensch, der, weil er zu fruh die schonsten Bluthen des Lebens zu fluchtig abgestreift, den Rest des Daseins schaal und nichtig finden musste!

Damals aber beim Dammerlichte des verschleierten, hinter den Tannenwipfeln aufsteigenden Mondes versammelten sich Abends nach dem Brande aus den ringsumliegenden Weilern, Gehoften, Dorfern und Schlossern die geheimnissvollen Maurer des Tempelsteins noch einmal und eines Junglings Stimme sprach:

Der Bund ... er ist geschlossen! Der Segen aber, den irdische Machte daruber sprechen sollten, ist bedroht und fur jetzt verloren. Der Hort versunken! Ob Kunst der Rede, ob Auslegung der Gesetze ihn wieder heraufbeschworen werden aus den Fluthen, ich weiss es nicht. Der Bund des Geistes, ich ahn' es, soll ganz vom Geiste sein. Nicht konnen wir kampfen mit goldenen Waffen, nicht mit dem Klang des Silbers locken und mit metallener Musik aufspielen, wenn wir Martyrer ermuntern und belohnen wollen. Sie mussen leiden um ihrer selbst willen. Die Wahrheit selbst muss sie lohnen, die Dornenkrone ihr Geschmeide sein. Hunger, Entbehrung, Verachtung ... wer nennt die grauen Trabanten des Genius, die ihm das Geleite geben durch diese Erde, diese Vorschule irgend eines Himmels! Klingt mir nicht nach ein Wort aus der Jugend, ein Wort, das einst auch in diesen Raumen widerhallte, wenn die Templer hier belehrt wurden, dass das Kreuz auf ihrem Mantel das grosste Lebensgut ware, klingt mir's nicht nach, dass einst ein grosser Heiland sprach: "Das Reich Gottes ist eine kostliche Perle und besser denn Silber und Gold sind seine Schatze. Das Reich Gottes ist in uns; der verborgne Mensch des Herzens, unverruckt im sanften stillen Geist, der ist kostbar vor dem Herrn!" Sanft und still kann der Geist dieser Zeit nicht sein, Ihr Bruder! Ach, dass die Zeit der Langmuth nichts gefruchtet hat zwei Jahrtausende lang und dass nicht mehr des Geistes Symbol die Taube sein darf! Wie die Move flattert vor dem Sturme, so irrt das Denken der Gerechten hin und her und sucht und klagt und stosst Schmerzenslaute aus. Wer kann schlafen? Will es die endliche Natur auch des Geistes, so sei's mit der Hand an dem Griff des Schwertes. Wirket! Werbt! Sucht auf den Gemeinplatzen der Alltaglichkeit die Vierblatter der Gesinnung! Krieger, Gelehrte, Dichter, Kunstler, Staatsmanner, Handelnde, Gewerbfleissige, dass wir Opfer bringen wollen, dass wir irdischem Lohn entsagen, dass wir nur mit dem Gedanken wirken konnen, kann es Euch schrecken? Bleibt Ihr heute Die, die Ihr gestern waret?

Feierlich widerhallte die Ruine von der einstimmigen Betheuerung. Es war wie der Schlag einer einzigen grossen Welle, die kommt und so wie sie kam, auch wieder vom Ufer weicht.

Zwolf schlug es von den Thurmen aus dem Thal. Man hatte sich spat versammeln mussen, weil der Brand von Buchau manche Herberge entlegener geruckt hatte. Die Ritter vom Geiste trennten sich mit der Loosung der neuen Versammlung im nachsten zweiten Jahre und dem Vorsatze, auf die Zeit zu wirken mit der Lehre: Wachst nur das schnellere Einverstandniss der Edlen und Guten, zielen wir nur auf einen solchen majestatischen Akkord der Ubereinstimmung, wie wenn gleichsam ein Naturphanomen am Himmel von Millionen um dieselbe Minute beobachtet wird, mit denselben Empfindungen, demselben elektrischen Schauer uber die halbe Welt hin, so fallen die Fesseln des Geistes von selbst und sind wie Spinnenweben!

Man staunte in allen Fremdenbuchern der Umgegend, grade in diesem Herbst so viel hochgefeierte Namen zu lesen ... man pries deshalb die bisher fast unbekannte Gegend, das grune sonnenwarme Thal zwischen rauhen, hohen Bergebenen, die Geschichte dieses Thales, die in erwiesensten Thatsachen zuruckgeht auf die Romerzeit, pries den Fluss, der, sich ringelnd wie eine gezahmte Schlange, von den Uferwanden nicht loskommen, sich nicht trennen konne von dem frohen Leben dieser Stadte und Weiler und von einer Bewegung vorwarts immer wieder eine ruckwarts versuche, man ruhmte den klaren, perlenden hier gezogenen Wein und wie er mit Emsigkeit gewonnen wurde auf den kunstlich gepflegten und durchbauten Abhangen, man sang Lieder auf den Fluss, seine milde Rebe, ruhmte Buchau, Dystra's Bauten ... Das Auge der Uneingeweihten wusste nichts von den beiden Mondnachten in der Abtei der alten Templer.

Nach Mitternacht stiegen Siegbert, Dankmar, Louis Armand, Werdeck und Leidenfrost zu der Hohe empor, wo sie auf fremdem Gebiet in der Hutte des greisen Invaliden ubernachteten ...

Die Sonnenrosse waren fast schon sichtbar an dem rothen Glanz, den ihre Nustern ausspruhten und ihre Hufen auf das ostliche Thor des Himmels schlugen, als die Freunde von dem Alten, der sie bewirthete wie bei ihm Eingemiethete, fur heute Abschied nahmen ... Werdeck wollte nach Paris.

Ware der Verlust des Schreins, das entsetzliche Ende Hackert's, die Ungewissheit uber die Folgen eines Verlangens um Wiederherstellung der Stadtkammereischeine nicht gewesen, sie hatten frohlich blicken, glucklich sich trennen konnen. Aber auch so sagte Dankmar:

Freunde, mit meinem Erbe war mir's immer wie mit einem Traume! Die Wirklichkeit der Entscheidung zieh' ich allen halben und schwebenden Lagen vor. Man bindet die jungen Baume an einen Stab, den spater ihr Wachsthum und Gedeihen von selbst entfernt. So ist der Prozess, der all' unser Streben und Wollen emporhielt, ein solcher jetzt uberflussig gewordener Stab gewesen. Nur wenn die Kinder Geschichte noch nicht fassen, naht man sich ihnen mit Mahrchen.

Die Freunde aber trennten sich, auf die Wiederherstellung hoffend. Leidenfrost kehrte zum Bau zuruck, um dessen wirkliche, heute ruckkehrenden Arbeiter als Meister zu begrussen. Werdeck schlug einen Seitenweg ein, um im Thal zur nachsten Post zu kommen. Die Bruder wollten eine Strecke Louis Armand begleiten, der nach einer andern Richtung im Interesse des Baus Geschafte hatte. Jeder von ihnen Dreien hatte nun sein Lieb gewonnen, sah die Welt zu neuen Bahnen geoffnet. Die drei Stande der Gesellschaft waren in ihren Madchen vereinigt, die Adlige, die Burgerliche, das Madchen aus dem Volke.

Sie hatten hinunterzuschreiten in den Tannenwald. Noch sprachen sie von Rodewald's plotzlicher Entfernung, seiner Meinung als Juristen, Murray's Zeugniss, als sie auf einer grunen Stelle zwei Manner wie auf sie wartend erblickten. Ein Fahrweg schimmerte durch die Tannen. Abseits getreten in die Waldung schien ihnen der Eine Rodewald zu sein; den Andern, der in der herbstlichen Morgenkuhle einen Mantel trug, erkannten sie nicht, da er das Antlitz abwandte.

Indem kam ihnen Rodewald schon grussend entgegen, fragte, ob sie sich druben gesammelt, gefunden, ausgesprochen hatten? Als er leidlich wohlgemuthe Mienen fand, er auch Siegberten zu Olga's ihn nicht uberraschendem Besitze Gluck gewunscht hatte, antwortete er auf die Frage nach seiner Entfernung, seinem nachtlichen Aufenthalt und dem abgewandten, dort im Grunen stehenden Gaste:

Auf Eurem Tempelbau hattet Ihr diese Nacht einen Zeugen, den Ihr vor einem Jahre kaum frei aus Eurer Mitte hattet scheiden lassen ...

Statt Templer, sagte Dankmar, waren wir Assassinen geworden?

Seht ihn Euch an, sagte Rodewald und zeigte auf den Fremden, der naher tretend den Mantel auseinanderschlug.

Das Unerwartetste geschah den Freunden ... Es war Egon ...

Nur an seinem Auge, nur an seinem Gruss erkannten sie den Fursten. Sonst erinnerte in Haltung, Frische und Lebendigkeit nichts mehr an den alten Egon, den sie zum letzten Male den Ihrigen genannt hatten, als er mit ihnen im Pavillon seines Vaters speiste und von Helenen sich losreissend zum Konige fuhr.

Euer Kleeblatt, sagte Rodewald zu den Erstaunenden, soll vier Blatter tragen ... Begrusst Euch ohne Groll und denkt, sich so wiederzufinden ist ein Weiheaugenblick!

Rodewald selber trat, als er diese Worte gesprochen, zuruck, wandte sich dem Gebusche zu, wollte die alten, von ihrem Glauben auseinandergerissenen Freunde nicht storen. Die Gewissheit: Dieser einsame Wandrer da im Dickicht der Landesgrenze ist der vielgenannte, vielbewunderte und vielverwunschte allmachtige Egon! hatte etwas Uberwaltigendes. Wie kam Rodewald zu dieser nahen Verbindung? Man wusste nur, dass sie sich in jungster Zeit erkannter gefunden hatten. Die ganze Nahe ahnte Niemand.

Egon ergriff zuerst das Wort. Er reichte Jedem die Hand und sprach:

Louis Armand, Siegbert, Dankmar Wildungen! Auf dem Schlosse Buchau hab' ich gestern die Gewalt, die ich zwei Jahre bekleidete, in die Hande des Fursten zuruckgegeben und stehe nun wieder Euch eben so frei gegenuber wie damals, als wir so eng verbunden nach dem Schlosse Solitude fuhren. Mistraut Dem nicht, was ich Euch zu sagen habe, Euch sagen muss, um mit erleichtertem Herzen die Wiederherstellung meiner zerrutteten Gesundheit in sudlichen Landern zu suchen. Wisset zuvorderst, ich war Zeuge Eurer beiden Nachte auf dem Tempelstein!

Die Freunde erstaunten, schraken fast zuruck ...

Beim Brande erkannte ich Euch und bewunderte die Grossherzigkeit, mit der Ihr das Geschick Eures Erbes ertruget! Und nicht die Furcht der Entdeckung allein vor den ringslauschenden Spaheraugen war es, was Eurem Schmerz die laute Sprache raubte, es war die gefasste Ergebung. In der Reihe von Wagen, Reitern, die beleuchtet vom Flammenschein in der Ferne standen und das Schauspiel, wo Rettung vergebens, betrachteten, wurde Euer Muth bewundert, wie Ihr Drei noch uberall waret, uberall noch angriffet, den Nachtwandler suchtet, der schon Asche war, ihn suchtet, nicht das Eurige ... ein Ungluck, das Niemand ahnte. Nach Abgabe meines Portefeuilles sprach ich Rodewald, erfuhr Alles, was geschehen, sprach in dieser Nacht auf Dankmar's Frage das majestatische Ja! das feierlich in den Ruinen widerhallte

Ist's moglich? konnte Louis Armand nicht umhin, den alten Freund, den Geliebten seiner Schwester Louison, zu unterbrechen ...

Ja, Louis, sagte Egon, sich zu ihm wendend. Da bin ich nun von meinem Feldzuge zuruck! Seht in mir den muden Kampfer, der aus tausend Wunden blutend sein Haupt auf jenen Stein legt, den man Undank nennt. Sagt nicht, dass ich der Erste war, der auf Euch, die Ihr mich emportrugt, diesen Stein warf ...

Dankmar runzelte die Stirn ...

Dankmar, unterbrach Egon die Erregung des strenger Urtheilenden, Dankmar, war' es meiner wurdig gewesen, ein Anderer zu sein, als ich sein konnte? Mit Euch in den Hainen der Akademie wandeln und uber Gott, Freiheit, Unsterblichkeit, Staat und Gesellschaft unter den von Epheu und Asphodelos umschlungenen Arkaden der Philosophie, unter dem blauen Himmel der Idealitat, Sokratische Ansichten tauschen und diese feudale Welt regieren, das sind zwei Gegensatze wie Sud und Nord. Konnt' ich Euch von der Tribune des modernen Staates in Eure luft'gen Traume folgen?

Dankmar begann die Erwiderung, dass der oben im Tempelstein geschlossene Bund ein von der sonstigen moglichen Einwirkung auf die Zeit vollig unabhangiger Traum ware. Aber Siegbert, der milder Gestimmte und von Egon's Anblick Geruhrte, schnitt die strafende Rede des Bruders sogleich ab und winkte nur Egon zu sprechen.

Haltet mir nicht entgegen die Zerrbilder, wie Ihr mich auffasst! sagte der Furst. Adelsstolz zuvorderst? Ich kenne die Geschichte des Adels ... Was Euch die plotzlich in mir erwachte aristokratische Regung schien, war nur mein Erstarren uber die Nothwendigkeit, die Geschichte der Grundsaulen, auf denen die einmal gegebene Gesellschaft ruht, nicht lange erst untersuchen zu durfen, den Blick abwenden zu mussen von dem Werden und nur das Gewordene festzuhalten, das Wie zu opfern, um das Was zu schutzen ... Freunde, Ihr sprachet dann von Rechten, ich von Pflichten, wir waren ehrlich gegen einander und ich bin es noch jetzt, dass ich nicht die mir gewordene Offenbarung verschliessend und mein Haupt verhullend davonziehe, sondern Euch sage: Dieser Zeit muss wohl etwas kommen, wie Euer Bund oder wenigstens der Geist Eures Bundes, sonst bricht diese Gesellschaft in Trummer!

Rodewald war naher getreten und horte ruhig der Erorterung zu, die sich im langsamen Gehen uber die Ruckblicke auf die Vergangenheit ergab. Egon erklarte, dass eine Zeit, wo die Konige auf den Egoismus mehr horten als auf die Stimme einer sich selbstbeherrschenden, auf Geschichte begrundeten Weisheit, in ihrer gegenwartigen Ordnung verloren sei. Egon war mehr Republikaner als selbst Louis Armand, der den um ihn geschlungenen Arm des alten Freundes an sein Herz druckte und die Thranen seiner Ruhrung nicht verbergen konnte. Dankmar aber erfreute Alle, indem er zugestand:

Egon uns also wiedergewonnen! Nie schatzte ich dich mit dem Maasse geringer Naturen! Du hast versucht, ein Staatsmann zu sein, der die Gesellschaft vor dem Schicksale einer regellosen, wilden Auflosung bewahren wollte. Du suchtest das Prinzip der Ergebung in das Bestehende, der Ordnung, der allmaligen Besserung, der Legitimitat selbst bis in die Werkstatt auf, wo du patriarchalische alte Gliederung verlangtest. Du hast gesehen, dass dies System der absoluten Ordnung an dem wuhlenden Zorn des sich Gott gleichmachenden Konigthums und seines schlimmen Gefolges von Egoismus und falscher Lehre selbst scheitert. Die Machthaber wollen keine Begriffe sein, sondern nur Personen. Ich gebe dir die beiden Mondnachte auf dem Tempelstein Preis! Du bist noch zu erfullt von den Mitteln, mit denen du regieren musstest, die ganze Maschine der ublichen Gesellschaftspraxis tont dir noch in ihrem ewigen groben Gehammer zu drohnend in's Ohr, du siehst deine Gendarmen, deine Richter, deine Soldaten, deine Kanonen noch zu metallen ...

Nein, nein, unterbrach Egon, diese Waffen sind nichts ohne ein strahlendes Banner, das uber Aller Hauptern weht! Deine Reisige vom Geiste brauchen nicht einmal zu kampfen. Sie haben nichts nothig, als den Blick empor zu richten, in ein Buch, das sie studiren, zu sehen, in eine Harfe zu greifen, wo sie ihre Empfindungen austonen, in ihr Herz, das sie reinigen und lautern wollen. Sie haben nichts zu thun als nur dieser Gesellschaft der ewigen Luge sich abzuwenden, ihr nicht zu dienen, ihr zu fehlen, stumm zu bleiben, wenn sie reden sollen, das Haus zu schliessen, wenn man sie um Hulfe ruft. Dann wird sich die furchtbare Isolirung dieser herrschenden Gesellschaft bald zu Tage geben, die schaudererregende Minoritat, in der sich plotzlich der Stolz und die Anmassung betreffen mussen. Ich habe so tief in die Abgrunde der Zukunft geblickt, dass ich schweige, um Euch nicht zu ermuthigen, mehr zu wagen als jetzt schon geschehen ist.

So wechselte man die Meinungen, legte die Hande ineinander, fand sich in den uberraschenden Augenblick, ergriff ihn mit Liebe, mit Vorsatzen fur die Zukunft, auch mit dem Austausch der gegenwartigen Lebensschicksale. Egon sprach von der ihm zulassig scheinenden Wiederherstellung des Vermogens, von den geschlossenen Liebesbunden, von seiner Reise und machte die Freunde auf einen Wagen aufmerksam, der langsam mit ihnen zugleich bergab gefahren war auf der durch den Wald nicht ganz verdeckten tiefer liegenden Strasse. Jetzt wurde das grosse Coupe sichtbar. Egon stand still und umarmte Jeden der Anwesenden zum Abschied mit Herzlichkeit. Und zu Louis Armand sagte er:

Auch du willst dir eine Hutte bauen mit einem deutschen Madchen! Nach einigen Jahren hoff' ich dich wieder und dein Weib zu begrussen. Nenne deinen ersten Knaben: Egon! Nicht um Meinetwillen! Nein! Es ist gut, dass man an sein Ich so oft erinnert wird, dass man schon darum die Welt sich ewig zurufen hort: Vergiss auch mich nicht! Louison, Helene, Ihr Alle nanntet mich das Prototyp des Egoisten und Jedes der Beklagenden hatte Ursache, sich verletzt zu fuhlen. Dennoch wollt' ich zu allen Zeiten nur wahr gegen mich selber sein. Denkt uber die Grenze dieses Wahrheitstriebes nach! Mir zeichnet sie leider nur meine kranke Ruhe und die Ergebung

Man blickte auf den Wagen und vermuthete in ihm die Furstin ... Die Umarmung Rodewald's durch Egon, der zitternd stille Abschied zwischen diesen Beiden blieb im Forschen nach der Furstin fast unbemerkt. Mit tausend Gluckwunschen fur das Leben, Abschiedsworten fur die nachste Trennung und den Hoffnungen des Wiedersehens schieden endlich die so wunderbar sich Wiederfindenden.

Als der Wagen dahinrollte, grusste aus ihm ein Frauenantlitz. Es war die Furstin, die nicht ahnte, was ihr nach Nizza, wohin die Reise zunachst ging, fur eine Schmerzenskunde uber den Vater wurde geschrieben werden ...

Es ist Melanie! sprachen die Bruder, bewegt genug durch Das, was ihnen Beiden einst, ehe sie die festen Sterne: Selma und Olga fanden, dieser leuchtende, irrende Komet gewesen war. Dankmar gedachte der Empfindungen, die Melanie bei der Nachricht uber Fritz Hackert's Ende uberrieselt haben mussten ... Er konnte nicht umhin zu sagen:

Seit ich nun weiss, dass Egon in Nizza fur eine entschwundene Jugendkraft und ein wilddurchkostetes Leben letzte Sammlung und Ruhe sucht, versteh' ich diesen Bund und begreife, dass es eine Stimmung im Manne gibt, wo er von den Frauen nichts, nichts als nur noch ein schones, heitres, ihm dankbar ergebenes Umwehen und holdes, stilles Umwalten besitzen will!

Von Rodewald nahm nur Louis Armand Abschied, den die Versicherung begluckte, dass er in Franziska Heunisch ein bewahrtes, treues, sinniges, deutsches Weib sich gewonnen. Die Bruder sahen Rodewald heut' Abend wieder und trugen ihm einstweilen an Selma und Olga, an Anna von Harder, Dystra, Rudhard und die so plotzlich in die Bahn der Besinnung und des sittlichen Taktes eingelenkte Furstin Adele die liebevollsten Grusse auf.

Hinuntersteigend zu dem frankischen Stadtchen, wo sie von Louis Armand schieden und wo sie im Gasthofe an Freunde, Bundesgenossen, auch an den Wohlweisen und Wohledlen Rath der koniglichen Residenz Briefe und Eingaben schreiben und zur Post befordern wollten, blickten sie noch einmal aufwarts und sahen Rodewald mit dem Tuche winken ...

Sie wussten nicht, galt dieser Gruss ihnen oder galt er Egon, dessen Wagen in den Krummungen des absteigenden Weges noch eine Weile sichtbar blieb, bis er sich in dem Staub und den Sonnennebeln der grossen nach Suden fuhrenden lothringischen Landstrasse verlor.

Rodewald's Grussen hatte aber dem Sohne gegolten. Wie er so einsam den Gebirgskamm uberstieg, uberschlich ihn der wehmuthige Gedanke: Du hast ihn zum letzten mal gesehen! In ihm hat ein vulkanisches Feuer gebrannt und die Hulle seines Geistes ist wol fur immer zerstort.

Erst in den Umarmungen Selma's, in den frohen Grussen der Jungen und Alten auf dem Tempelstein, deren regierendes und berathendes Haupt er bald geworden war und nun bleiben sollte, sammelte sich Rodewald zu seinem offen dargelegten und der Welt bekannten Leben wieder, von dem wir, da die Granze der Gegenwart wol von uns schon langst uberschritten ist, auch nur noch ahnen konnen, dass es reich an ernsten Pflichten und von mancher Sorge getrubt verlaufen sollte, aber doch vieler eignen Freude und des erhebenderen Blickes auf die Freude Anderer sicher nicht entbehrte.

Und Oleandern einst begrussend in dessen kleinem Erkerstubchen, alles Nahe und Ferne, Lebende und noch Webende, Abgeschnittene und doch wie die Wiederherstellung des verbrannten Schatzes hoffnungsvoll neu sich Anknupfende, uberfliegend, klagend uber die durcheinanderlaufenden Faden des Menschengeschicks und die unbefriedigend plotzlich oft durchschnittene Losung des Momentes, vernahm er von diesem die beruhigenden, fast lachelnd gesprochenen Worte:

Ein Faden, ewig ausgesponnen,

Ist jedes Staubchen Sonnenlicht!

Die Ewigkeit hat nie begonnen

Was nie begonnen, endet nicht!

Ende des Romans.