Bettina von Arnim
Clemens Brentanos
Fruhlingskranz
Aus Jugendbriefen ihm geflochten, wie er selbst
schriftlich verlangte
Und liebes Kind, bewahre meine Briefe, lasse sie nicht verlorengehen, sie sind das Frommste, Liebevollste, was ich in meinem Leben geschrieben, ich will sie einstens wieder lesen, und in ihnen in ein verschlossnes Paradies zuruckkehren. Die Deinigen sind
mir heilig!
Heidelberg 1805
Verliere keinen meiner Briefe, halte sie heilig, sie sollen mich einst an mein besseres Selbst erinnern, wenn mich Gespenster verfolgen, und wenn ich tot bin, so flechte sie mir in einen Kranz.
Holland 1808
Sr. Koniglichen Hoheit
dem Prinzen Waldemar von Preussen
Lieber Prinz Waldemar
So weit ist's gekommen zwischen uns beiden, dass ich diese letzte Anrede wage und lieber und naturgemasser sie finde als die auf der ersten Seite. Ich stehe auf einmal da vor Ihnen, und alle Leute auf dem Markt vernehmen, was ich Ihnen zu sagen habe. Vor so viel Leuten ist man aber nicht aufrichtig, man ist da nur schicklich; folglich ist's wohl nicht schicklich, aufrichtig zu sein. Da man aber einem Prinzen gegenuber durchaus schicklich sein muss, Aufrichtigkeit aber Unschicklichkeit ist, so machen sich Euer Hoheit gefasst, entweder was Unschickliches zu horen oder was Unaufrichtiges.
Wenn ich nun meine Zueignung so begonne:
Es ist das aufrichtigste Gefuhl der Verehrung und Liebe, was mich bewogen hat, Euer Hoheit dies Buch zu widmen. So wurden Sie denken: die Freifrau von Arnim redet dies um der Schicklichkeit willen, denn aus welchen Grunden konnte sie mich so stark verehren? Daraus musste ich auf die Bescheidenheit schliessen und auf die Einfachheit Ihrer edlen Natur, die grossere Forderungen an sich macht. Fahre ich nun fort und sage: In diesem Buch werden Euer Hoheit viel Analoges mit sich finden! so konnten die Schicklichkeitsmenschen behaupten, dies sei sehr unschicklich einem Prinzen zu sagen, er habe Ahnlichkeit mit einer Volksseele. Ich darf Ihnen daher gar nichts sagen, denn meine Aufrichtigkeit wurde entweder von Ihrer Bescheidenheit verneint oder von dem Schicklichkeitsgefuhl der Aristokraten mir verwiesen.
Dem Publikum, in welchem ich mich heimisch fuhle, das mich angeregt durch seinen Beifall und durch sein Einverstandnis mich inspiriert, zu dem kann ich doch wohl reden ohne Einwendung, da Aufrichtigkeit bei diesem auch Schicklichkeit ist. Nun also: ihr Leute auf dem Markt! Ich hab dies fruhlingsduftende Buch nur dem darbieten konnen, gegen den ich keinen Zweifel hege, der Feldblumenkranz konne ihm zu gering sein.
Ich sage euch aber, ihr Leute auf dem Markt, ihr, deren Gewissen Zeugnis gibt von jenen gefursteten Fursten, denen der Lorbeer und die Eiche und die Raute Ehrenkranze tragen, dass gleich in der Brust jener grossen Manner auch ihm, der die Huldigung im Feldblumenkranz willkommen heisst, das vaterlandisch Edle, der Eifer fur Wahrheit, der Glaube an gottliche Dinge, die Wurdigung der Volkseigentumlichkeit innewohnen, die sein eigenes Streben mit den Kraften des Gemeingeistes zu allen erhabnen Opfern zusammenschmelzen.
Bettine
Liebe Bettine!
Noch einmal leb wohl. Ich habe wie immer auf meinem Ruckweg noch recht mit Liebe an Dich gedacht und bitte Dich innig, indem Du stets Dich selbst veredelst, diese Liebe zu veredlen und zu erhohen, von der der grosste Teil meines Gluckes abhangt, ich habe jetzt ausser Dir fur keinen Menschen ein ganz lebendiges Interesse, das mir selbst Mut geben kann, mich in die Hohe zu arbeiten. Du gibst mir Kraft und Mut und Aussicht, wenn Du in allem Guten gedeihest, denn Du gedeihest meinem warmeren Anteil an Dir. Suche Dich uber das, was man Dir als Pflicht zumutet, zu erheben, mache, dass alles um Dich zufrieden ist. Was Du mehr in Dir fuhlst als das gewohnliche Bravsein, dafur hat die arme Welt ja doch keine Ordnung, das musst Du still in Dir bilden und Gott selbst dafur Rechnung stehen und mit der ganzen Harmonie der Gefuhle dafur dankbar sein. Es ist dem vorzuglichen Menschen gewiss sehr leicht, alle gewohnlichen Forderungen zufriedenzustellen, bequeme Dich ein wenig nach der Alltaglichkeit, und sie wird mit ihren Klagen Dir nicht mehr zur Last fallen. Sei fleissig in der Musik und Zeichnung, es sind die unschuldigsten Organe der Gute und Schonheit. Sei Deinen Geschwistern duldsam und verschliesse, was Du mir bist, still in Deinem Herzen, denn die meisten Menschen verstehen das nicht und ehren es daher nicht. Du kannst so nur Dir und auch mir grossen Schmerz ersparen, weil es weh tut, wenn das Bessre in uns misshandelt wird durch den Unverstand. Lebe wohl! Sei recht fleissig am Ofenschirm, damit er bald fertig wird, ich freue mich drauf, dass die Flamme durch sein Gewebe schimmert, und ich klimpere dann auf der Gitarre dazu Lieder und Melodien, die Dein sind.
Dein Clemens
Lieber Clemens!
Dein freundlich Abschiedsblattchen hat mir die Grossmama nicht gegeben, ich hatte es vielleicht nie erhalten, war ich nicht durch Zufall an den Ort gekommen, wo es lag und schon eroffnet war.
Sieh, ich hab Dich so lieb Du bist so gut ich mochte Dir alles sagen, um dass Du mir lehrtest, was mich gut und Dir lieb machen kann.
Der Anfang Deines Briefchens sagt mir zum letztenmal noch einmal Lebewohl! Werde ich Dich denn lange, lange nicht wiedersehen? und stehe weit zuruck von allem, was ich liebe? Und andre gehen dazwischen hin und her, die gleichgultig sind fur Dich und mich! Die Frankfurter Allee hat allen Glanz verloren, sie ist ganz ode in der Nebelluft, denn weil Du jetzt nicht mit dem Abend dort mir entgegenkommst! So war doch der Morgen immer auch noch schon, wenn Du am Abend dagewesen warst. Weil Du willst, ich soll fruh aufstehen wegen dem Gold der Morgenstunde, so wollt ich es ihr aus dem Mund nehmen und lief fruh mit der Dammerung schon durch die Allee, wo all Deine Tritte in den Kies gepragt und schon bereift waren, war ich spater gegangen, so hatten die Marktleute drauf herumgetrampelt. Ach, die langen Winterwege, die Du gemacht hast, mir zulieb alle! Aus dem lustigen Haus, wo die Geschwister und Hausfreunde zusammen Witze machten, heraus uber die Schneefelder, auf der kalten, einsamen Hoftreppe, wo wir die Winde zusammen flustern horten. Und im Schneegestober bist Du wieder allein in der Nacht den langen Weg nach Haus gewandert! Ja, Du willst, dass ich Dich immer so liebe, wie Du mich liebst. Und warst Du doch ganz nah bei mir und konnt Dich ans Herz drucken dafur, dass ich in Dir finde, was ich vergebens in andern suchte, ein Gesprach, wo die Seele in der Pforte steht, in ruhender Stellung zwar, aber so hingebeugt zum Nachbar, so sanft lockend, dass der auch sich ausspreche. Ich war in Sorgen um Deinen langen, einsamen Weg in der Nacht, die Sterne haben wohl noch mit Dir fortgeplaudert! Adieu, mein Clemens, leide immer, dass ich ein wenig an Dich schreibe, und wenn meine Briefe auch unbedeutend sind, es macht mich doch so froh! Kann ich Dir auch abgebrochene Gedanken schreiben, wie wenn ich mit Dir schwatzte, wo Du mir immer Antwort gabst, eh ich's ausgesagt hatte? Ach, wie willst Du mir Deine Briefe schicken, die Grossmama gibt sie mir vielleicht gar nicht!
Deine Bettine
Liebe Bettine!
Dass die Grossmutter Dir den kleinen Brief nicht gab, ist mir sehr leid, es ware schon von ihr gewesen, hatte sie Dich gebeten, dass Du ihr ihn lesen lassest, das hattest Du denn auch mit Freuden getan, ubrigens verzeih es ihr in Deinem Herzen, denn sie hat es gewiss gut gemeint. Diesen Brief schicke ich Dir nun frei mit der Post, es tut mir zwar leid, dass ich Deinen lieben Namen muss so offen auf die Post geben, allein es ist besser als ein andrer Weg, er wurde ein Winkelweg sein, da doch sich an Dir zu freuen und Dich zu huten und verstehen zu lernen dem Bruder ganz naturgemass ist!
Schreibe mir auch nicht zu heftig, es ist nicht gut, wenn man sich dran gewohnt, und man tut's so leicht, weil es einem wohltut, aber ein solcher Brief ist zu sehr Stimmung, und ein Wort gibt zu sehr das andre, da eigentlich die Seele allein jedes Wort geben soll. Schreibe mir von Euern Scherzen und kindischen Einfallen und kleinen Naseweisheiten. Liebe Deine Geschwister und besonders die um Dich sind, mach Dich ihnen unentbehrlich, mache Dich allen geliebt und geehrt, dann ist Dein Inneres ungestort und Deine ausseren Verhaltnisse recht angenehm in der Welt. Spiele brav Klavier, singe, zeichne und lerne, wo Du kannst, nur damit kannst Du Dir Deinen Lebenskreis erweitern. Ich sehe Dich bald wieder, zu Ostern komme ich gewiss, ich bin gar sehr vergnugt hier, und nachstens schreibe ich Dir alles, wie ich hier lebe. Freude, das ist das Hochste, es ist Gesundheit an Leib und Seele, die man gibt und empfangt.
Dein Clemens
Ob Du mir abgebrochene Gedanken schreiben kannst, wie wenn wir zusammen sprechen? Liebes Kind, so gut ich von hier aus Dir nicht ins Wort fallen kann, noch ehe Du's gefunden hast, wurde ich Dich wohl auch nicht so gut verstehen von so weit. Und dann ist's ja auch ein Kunstinteresse, sich voll und bundig ausdrucken zu lernen. Der Schreiber muss zugleich an sich selber schreiben, denn er selbst muss durch den Brief mit sich bekannt werden, Du sagtest mir ja, dass Dir die Welt so unendlich weit vorkomme und Du Dir selber wie verloren darin seist. Und dann sei Dir Dein Lebenskreis wieder so enge, dass Du nur ganz kleine Schritte vorwarts tun konnest. Dies alles kommt daher, dass Du mit Deinem inneren Menschen noch nicht bekannt bist, Du begreifst Dich noch nicht, aber in den Briefen schaust Du in den Spiegel Deiner Seele, darum tut die tiefste Wahrheit Dir selber gegenuber so not, um auf keinen Irrtum zu geraten uber Dich selbst. Denn die edle Seele hat eine hochste Bestimmung! Dieser nachzukommen ist ihre ganze Aufgabe, die Welt ist so voller Ereignisse, ist ein Gewebe, in dem jedes Menschen harmonische Bildung ein notwendiger und haltbarer Faden sein muss. Nicht jeder Faden braucht als sichtbare Figur eingewebt zu sein, aber zur Tuchtigkeit und Festigkeit des Gespinstes tragt jeder bei, der die Wahrheit in sich begrundet, ja es ist nicht anders moglich so, als dass er eine Hauptvermittelung aller wesentlichen Entwickelung werde. Doch was ich Dir hier sage, was Deinem Alter und Deinem Gedachtnis nicht angemessen ist, vergiss es wieder, Liebe, und lasse Dir ins Herz geschrieben sein, dass selbst Jugendspiele und Scherze kurz alles, was Dir hier dem Gesagten gegenuber vielleicht unbedeutend erscheint, nie unbedeutend sein kann, solange es die in uberquellender Lebenslust unverwirrten unverwickelten Gedanken hervorsprudeln.
An Clemens
Clemente! Zu Ostern willst Du kommen? Heute haben wir den 22. Marz! Nein, es sind beinah noch vier Wochen. Aber es wird dann schon sehr schon im Garten sein. Ich habe unsre Rasenbank erhoht, das muss fruh geschehen, das kurze Gras muss recht dicht wachsen. Unsre Katze hat Junge, sie sind so allerliebst, Clemens, der Fruhling ist nicht mehr zu leugnen, die Reben weinen. Es ist ja auch in wenig Zeit schon Mai, aber doch in vier Wochen erst, denn dann ist gewiss das schonste Wetter.
Ich soll von meinem Tagewerk Dir schreiben und was wir Geschwister zusammen treiben. Heut war ich den ganzen Tag im Garten, ich hab ja am Tag, wo Du fort bist, am Abend noch ein Beet umgegraben und hab Salat hineingesaet, er ist schon heraus, ich musste eine Strohdecke drauflegen gegen unzeitigen Frost. Ich will mir doch nichts mehr von den Menschen weismachen lassen! Und statt am Abend mir Vorwurfe zu machen, dass ich alles besser wissen will, bin ich am fruhsten Morgen schon auf, wo die ganze Welt noch schlaft, und beobachte sie, erst kommen die Tauben, sie baden sich und trinken am Brunnen zwischen den Steinen das Wasser, ich hab sie gelockt auf der Haustreppe mit gestohlenem Futter! Morgenstund hat Gold im Mund, darum soll ich fruh aufstehen, meinst Du. Es war noch ganz nebelig und verschlafen, doch bald fiel das Gold der Morgenstunde schrag in die Strasse, in den Hausgiebeln gingen die Fenster auf, da wohnen die jungen Madchen, die wollen auch Morgenluft schlucken, ich ging um die Ecke am Kanal langs den Garten, da sind so viel Veilchen, man steckt sie in den Busen, sie duften Dir ein Weilchen, es ist ihre Sprache. Als ich vom fruhen Spaziergang heimging, sah ich den Backerjungen laufen, er schellte am Haus, wo die Emigranten wohnen, der Duc de Choiseul guckte aus dem Fenster und kaufte Milchbrot, ich wollte ihn nicht beschamen und kehrte wieder um; als ich zum zweitenmal zuruckkam, trat die Milchfrau ans Fenster, die ihm die Milch abmass. Da kamen noch viele Milchtopfchen zu allen Fenstern heraus; einer, der sich von Spitzbuben umringt sieht, kann sich nicht angstlicher durchschleichen als ich zwischen dem Milchhandel dieser vornehmen Emigranten, ehemals waren sie von einer grossen Valetaille umringt, die sich wieder bedienen liess von allerlei Gesindel, und nun sind sie eingerichtet in eigner Person wie kompendiose englische Reisenecessaire, wo man alles beisammen hat, selbst das Uberflussige. Ist's moglich, dass man ein Heer von Mussiggangern beschaftige mit Angelegenheiten, die nur der Mussiggang notwendig macht? Sie malen, sie schleifen in Glas, sie sticken Blumen auf Bandschleifen, sie drechseln, sie uberschwemmen das Land mit narrischen Kunsten, und die Grossmama wundert sich, dass unter allen keine Gelehrten sich finden.
Deine Bettine
Liebe Bettine!
Ich komme in ein paar Wochen wenigstens auf einige Tage nach Frankfurt, und Du bist eigentlich die Ursache, freue Dich darauf und habe mir recht viel zu sagen. Was Du einmal in Offenbach schriebst, lese ich noch oft mit vielem Genuss, es ist mir wie ein ewiger Brief von Dir. Ich bitte Dich, bring alle jene Gedanken, die Dir selbst auffallen, zu Papier, es ist eine schone Gewohnheit, und wenn man einstens in ganz andern Verhaltnissen ist, so sind solche Blatter liebliche Andenken verflossner Fruhlinge. Ich kannte ein recht liebes Madchen, die arm und von geringen Eltern war, sie konnte nicht schreiben und bezeichnete alles, was ihr am meisten auffiel, mit Blumenblattern, die sie zu solchen Zeiten gebrochen hatte, diese Blatter hatte sie nachher um vieles nicht gegeben, als sie schreiben konnte und fur eine gescheite Frau galt, ja, diese Blumenblatter sind mir lieber als das, was sie nachher schrieb; denn an denen kann sie ihre Fortschritte sehen, an dem Folgenden nur, wie sie stehenblieb. Dies letztere wird nun nie bei Dir der Fall sein, Du wirst nie stehenbleiben, Du wirst ewig fortfahren, Deine Seele zu bilden. Diese Bildung besteht nicht sowohl in Kenntnissen, die man uns lehrt, als in der eigentlichen Erkenntnis. Eine gebildete Seele ist die, die alle Kenntnisse, die sie hat, wie der blosse Mensch seine Sinne anwendet, alles um sich herum zu vernehmen und zu beurteilen. Der blosse gesunde Mensch hort, sieht, fuhlt, spricht; dem Gebildeten aber wird das Gehor zur Musik, das Gesicht zur Malerei, das Gefuhl zur Gestalt und die Sprache zur schonen gebildeten Sprache, alle seine Bildung und seine Liebe zu verkundigen. Drum sei hubsch fleissig und frohlich, treibe alles recht so von selbst, ohne irgend gleich darauf zu denken, wie das und jenes, was das eigentliche Ende davon ist, dabei herauskomme; das Ende einer jeden Kenntnis sind wir selbst, die Menschen und unser erhohtes Talent, sie zu lieben, zu begreifen und uns ihnen verstandlich zu machen. Lebe wohl.
Dein Clemens
Lieber Clemens!
Clemens, Du hast mich mit Deinem Brief ubereilt; ich wollte Dir ja noch mehr schreiben, letzt am Donnerstag gab ich den Brief so schnell auf die Post, weil ich's nicht erwarten kann, dass Du meinen Brief hast, er ist ja bloss eine Liebkosung meiner Seele, von der Du willst, dass sie durch ihre harmonische Bildung in das Gewebe der Weltereignisse sich mit als ein notwendiger Faden einwirke, und Du meinst, es ist zu schwer fur mich, das zu verstehen? Lieber Clemens, dies alles spricht ja laut genug und taglich und stundlich zu mir! Aber! Freilich, ein grosses Aber fahrt aus blauer Luft ein Blitz auf mich ein! Und ich schame mich, meine Gedanken vor Dir auszusprechen. Wie soll ich denn anfangen? Ja, ich musste Dir von meiner Verwundrung sprechen uber alles, was ich sehe und hore in der Welt! Uber die Lehren, die jene Leute mir geben, die mich zu einem angenehmen und liebenswurdigen Madchen erziehen wollen. Das kommt mir aber gar nicht angenehm, sondern sehr horribel vor, was andre Leute wohlerzogen oder gebildet nennen. Ach, und Du meinst, ich konnte diesen Anstandsforderungen genug tun? Ach, Clemens, weisst Du, dass mich dies alles ganz dumm macht? Ich verstehe entweder Deine Briefe nicht, oder alles, was Du willst, lauft stracks dem zuwider, was jene heischen! Und ist das nicht eine sklavische Art des Seins, vor andern Menschen sich zu benehmen, und wird die Seele sich nicht an das Knechtische gewohnen, die den Konvenienzen auf Kosten ihrer reineren Gefuhle nachgibt! Ich bin so argerlich, es hat mich was gekrankt. Das junge Madchen, was uns sticken lehrt, ist eine Judin, sie heisst Veilchen, es ist ein recht liebkosender Name, und ich fand letzt das erste Strausschen ihrer Namensvettern zusammen, da ging ich ganz fruh zu ihr, um sie damit zu uberraschen, ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie war beschamt, ich aber gleich nahm ihr den aus der Hand und sagte: "Ach, lassen Sie mich auch ein bisschen kehren." Da kam so fruh schon, denn es war noch nicht sieben Uhr, der Hofmeister vom Eduard Bethmann vorbei, der musste es der Tante gesagt haben, dass er mich vor der Haustur eines Juden auf offner Strasse kehrend fand ich muss jetzt lachen; denn es ist auch recht lacherlich ich will Dir die derbsten Ausdrucke von der Tante ihrer Merkuriale ersparen, sie meinte nur, ich sei verloren, fur ein besseres Dasein verloren, ich habe mich ganzlich weggeworfen! Vous n'avez point de pudeur, point de respect humain, on vous trouve balayer la rue main en main avec une juive! Ich musste lachen! Nein, ich konnte nicht anders. Du weisst, ich furchte die Tante und mag sie nicht gerne beleidigen oder reizen! Cachez vous devant le monde, qu'on ne lise point sur votre front les deshonorants signes de votre effronterie. Ach, ich musste noch einmal lachen, die Tante ging hinaus! Ich hatte sie gern wieder gutgemacht, keine Moglichkeit, ich fuhlte, dass ich mich nicht ernsthaft stimmen konnte. Die Bahn war plotzlich gebrochen, ich glaube, ich werde nie wieder dazu kommen, ihre Anstandsregeln zu respektieren. Ach, und wenn Du wusstest, wie hubsch es bei dem lieben Veilchen war! Da war alles schon so sauber im Stubchen, ein kleiner Kaminherd, auf dem brannte ein Feuerchen, dabei kochte das Fruhstuck fur den Grossvater, der sass dabei und strich seinen langen weissen Bart durch die Finger, Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schon in einen rosinfarbenen Sammet, so nennt sie ein sanftes Braunrot in ihrer Judensprache. Die Arbeit ist bestellt, und sie bekommt dann viel Geld, wenn es fertig sein wird. Sie ernahrt ihren Grossvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen von dem gestorbnen Bruder, denen ist die Veilchen ganz wie eine Mutter, ich half ihr sticken, es ward recht gut, denn ich hab Augenmass und mache die Stiche sehr egal. Alles, was mit dem Geld angefangen werden soll! 20 Louisdor! Da ist so viel zu bestreiten in der Haushaltung, vom Hemd bis auf die Schuhe und Schusselchen und Topfchen, und der Herd, der eingefallen ist, und die Ofenplatte geplatzt; das muss geflickt werden und das Wohnzimmerchen frisch geweisst, wo die Leute eintreten, um die Arbeit zu bestellen. Veilchen ist von der Gattung Madchen, die einen Nelkentopf vor ihrem Fenster pflegen und Absenker machen und endlich einen ganzen Flor daraus ziehen, die auch wohl ein Myrtenbaumchen zur Blute bringen, aber kein Kranzchen daraus winden. Es war auch schade, meinte sie heut morgen und lachelte. Wir waren so vergnugt zusammen beim Sticken, ich fadelte die Flittern und Goldbouillon auf einen langen Faden, da ging die Arbeit viel geschwinder; wenn sie solche Hilfe hatte, meinte sie, dann wurden die Sorgen ihr nicht so leicht uber den Kopf wachsen; ich bat sie, dass sie mich alle Fruhmorgen mit soll sticken lassen, dann wird's gewiss acht Tage fruher fertig. Fruh um vier Uhr geht schon die Sonne auf, da kann ich sticken bis acht Uhr, dann muss ich zur Grossmama zum Fruhstuck jetzt wird's aber die Tante nicht erlauben, denn weil ich die Gass' gekehrt hab und sollt ich's heimlich tun, das wirst Du mir nicht erlauben, und sollt ich's gar unterlassen? das will ich nicht. Mein Wort brechen, einem Madchen, was seinen Grossvater ernahrt und seine Geschwisterkinder? Sie weiss nichts davon, zum Tanze zu gehen oder schon geputzt in Kleidern auf den Freier zu warten. Und ich wollte da ein kleines unschuldiges Fadchen anspinnen ins Gewebe der Welt, ein einzig klein Fadchen, und nein, ich soll's abreissen, weil sich's nicht schickt. Ach! wo soll ich in der ereignisvollen Welt meinen Faden anknupfen, wenn das Einfachste gegen den Anstand ist! Wer hat diese Lugen gemacht? Denn das sind wirkliche Lugen, nach denen ich mich niemals richten werde! Ach, wenn Du hier warst, Clemens, Du wurdest vielleicht es der Tante so vernunftig darstellen, dass sie nichts dagegen haben konnte. Ich hab noch viel zu erzahlen, aber nicht heut, jetzt lauf ich in den Garten mit dem Spitz, es ist schon Nacht, ich furcht mich nicht, wenn der Hund bei mir ist.
Am 25. Marz. Jeden Nachmittag kommt der Herzog, der blinde Herzog von Aremberg, mit einem grossen Pack Revolutionsblatter, Sieyes, Mercier, Petion, noch andre, die mit grossem Ernst am Weltgeschick weben. Das klingt ein in meine verneinende Seele gegen alles, was ich in der Welt gewahr werde, sie beweisen und heben den Schleier von aller Verkehrtheit. Abends, wenn alles fort ist, spricht die Grossmama mit mir, Mirabeau sei ein Komet, der alles entzundet, was sich ihm nahert. Das Grosse in ihm verstehen lernen, adle die Seele, sie macht Auszuge aus seinen Briefen, sie gibt mir eine Nadel, damit soll ich ins Heft stechen, welchen Satz ich treffe, den soll ich als Gedenkspruch bewahren, sie hatte diese Satze selbst alle gesammelt und war uberzeugt, ich werde mit der Nadel nicht unrecht stechen, aber ich stach in: "Die Macht der Gewohnheit ist eine Kette, die selbst das grosste Genie nur mit vieler Muhe bricht," und die Grossmama stutzt, ob ich den Satz nicht gar selbst erfunden hab. Nein, liebe Grossmama, hier steht er, ich bin nicht Mirabeau, aber sein Geist ist mir ins Blut gegangen, er wird mich ewig mahnen, nicht von der Gewohnheit abzuhangen. Die liebe Grossmama! Adieu, mein Clemens, und schreib, dass du kommst.
Deine Bettine
Liebe Bettine!
Ich kann fur Deinen lieben Brief Dir nicht besser danken, als wenn ich Dir sage, dass ich die Woche nach Ostern bei Dir in Offenbach bin, Du kannst Dich insgeheim fur Dich drauf freuen, denn Du weisst nur mit mir allein, dass ich komme. Ich habe heute einen Brief von der Grossmama erhalten, sie halt viel von Dir und mochte alles auf Dich ubertragen, was ihr wunschenswert scheint, sie hat mir wieder ihren Wunsch geaussert, Du mochtest Latein lernen. Du kannst es ja ihr zur Liebe eine Zeitlang lernen. Obschon die Sprache nichts enthalt fur Menschen und Vieh, sie ist holzern und eingebildet, mit einer Wohlbeleibtheit, die in ihrer langen Toga sich auf den Bauch schlagt, um auf ihre Wurde anzuspielen, und der Klang, der dabei herauskommt, ist ihre ganze Wohlredenheit; die Grossmutter lasst von dem Gedanken nicht los, Deine Sprachfahigkeit durch Latein auszubilden, ich hab ihr vorgeschlagen, sie soll Dich lieber die Derwisch-, Fakiren-, Bonzen- und Brahminensprache lassen lernen, wo so viel grillenhafte Superfeinheit drin ist, die an die mehrere hundertundzweiundneunzigsilbige Worter grenzt und eine Rangordnung eingefuhrt hat der Konsonanten als Aristokraten, die den burgerlichen Vokalen gar den Eintritt nicht gestatten nd lssn ns s ws hnn gfllt xpngrn ns brll, s dss mnchml n Wrrwrr ntstht, dss kn Tfl drs klg wrdn knn. Gib Dir Muhe, der Grossmama das Leben so viel als moglich zu versussen, und lieber als ein bisschen Latein gelernt, ihre Begeisterung dafur kann unmoglich lang dauern, doch ist's schon, dass ihre Seele immer nur im Gewand des Erhabnen sich wohl fuhlt, und wir konnen beide uns druber freuen. Denn in welcher Luft konntest Du besser atmen als da, wo der Gemeinheit Dorn und die Nessel boser verleumderischer Zungen nicht wachsen kann. Die Grossmutter schreibt mir auch von Mirabeau, gegenuber stellt sie den Grandison als Ideal eines sittlich moralischen Charakters, das grenzt ans Komische. Sie lasst sich von Dir die Abhandlung Mirabeaus uber Staatsgefangnisse ubersetzen und schreibt, dass es Dich sehr interessiere. Das hab ich nicht von Dir geahnt. Aber Kind, ist es nicht etwas Einbildung oder Eitelkeit von Dir? So oft haben wir in vertrauten Gesprachen alles vom Herzen weggeplaudert, was uns lieb und leid war; und meine Seligkeit war abends auf dem Heimweg, dass ich mich besann uber Dich! Wie auf dem Grund eines Sees die Fische mutwillig durcheinanderspielen, so konnt ich Deine Gedanken spielen sehen auf dem klaren Grund Deiner Seele! Und war mein einzig Gluck, und nun klingt's anders. Und ich lausche in die Nacht hinein, und ich hore Mirabeau, Petion, Mercier; das lautet ja wie die dumpfe Sturmglocke, nein, das ist ja nicht das sanfte Lauten meiner Abendglocke, wo Du die Gedanken ausfliegen liessest wie Bienen nach den Feldblumen? Bedenke, liebstes Kind, dass Denken die Heimat der Seele ist, und suche nicht nach fremden Regionen, wo Dein Schutzengel Dich nicht zu finden ausging. Ein Sichdaheimfuhlen im innersten Dasein ist die Region, in der wir in schuldlosem Bewusstsein am Quell des Vertrauens und der Weisheit schopfen, das heisst: Denken.
Es ist Nacht geworden wahrend dem Schreiben, da ging ich noch weit ins Feld, da liegen noch einzelne Schneedecken uber der Saat, das Hessenland ist ein rauhes Land. Bei Dir ist alles wohl schon viel fruhlingsmassiger, ich freu mich doch auf Dich recht herzlich und hab auch keine Angst, dass Du nicht dieselbe sein konntest, die Du immer warst. Es ist ein so heller Morgen heute, da sitz ich am Schreibtisch, und der Hahn kraht schon zum drittenmal, das flosst mir ein recht Vertrauen ein in die Zukunft. Ich werde recht oft nach Offenbach kommen und alles tun, um die Zeit recht innig mit Dir zu verbringen. Es wird doch wohl eine Zeit kommen, wo ich selten von Dir entfernt bin und wo wir alles zusammen denken. Denken, was heisst das, es ist die einzige Vermittlung mit dem Gottlichen. Es stellt sich gleich eine Saulenreihe um Dich auf, und ein Tempel wolbt sich uber Dir, und Dein Gedanke durchduftet ihn. Das ist Denkseligkeit Gedankenlosigkeit ist Unseligkeit. Aber Du wirst gewiss noch recht glucklich werden und ich auch, aber das wird nur dann sein, wenn wir dem Bedurfnis genugen unserer Seele, das konnen wir alleine durch Bildung. Wenn ich was weiss und so in mir gerustet bin, dass ich auch von jedem Punkte aus, ich mag sein wo ich will, und vom Schicksal eine Aufgabe habe, sie zu losen verstehe und darin mir selber genuge und der Kunst. Das ist Bildung! Der Mensch ist auf Erden, sich zu bilden und dann wieder die Welt.
Jetzt kommt der Fruhling, da sitze ich abends oft am Fenster, ich wohne in einem Garten, klimpere ein wenig auf der Gitarre und singe auch wohl das Lied vien qua Bettina bella etc.; in den Garten kommen oft einige Kinder, mit denen ich spiele, die zwar ein bisschen dumm sind, aber doch gesund und treu. Ehe ich weggehe, werde ich den Kindern ein Fest geben, auch eine Schwagerin von Rossi hat drei artige kleine Madchen, die gegen die schwarzen Rossibuben wie Engelchen gegen Teufelchen aussehen, so schwarz sind diese kleinen Italiener, besonders ist das alteste Madchen, etwas junger als Loulou, sehr sanft und hold; sie hat den seltsamen Namen Anonciata, Verkundigung. Namen sind oft recht einladend, der Deinige zum Beispiel. Diese Kinder nun, die in einem traurigen schmutzigen Hause wohnen und mit ebensolchen Menschen, haben doch ein kleines Fleckchen rein und schon zu machen gewusst. In dem kleinen Hof steht ein Baum, um den herum haben sie sich ein ausserst niedliches Gartchen gebaut, so gross wie ein grosser Tisch, in diesem Garten nun stehen Butterblumen, Veilchen, Buchs und dergleichen, gleich daneben haben sie sich Tisch und Bank errichtet und sitzen beisammen, wenn die Sonne scheint, unter einer Art Laube, die sie durch in die Mauer gesteckte Tannenzweige zusammengeflochten haben. Ich habe gestern lang mit ihnen gesessen, ihnen erzahlt und, wahrend sie allerlei bunte Perlen und Schmelz in Schnure fadelten, womit sie ein kleines Handelspiel treiben, ihnen Klostereier gemalt. Das ist so mein Zeitvertreib, und sie wird mir jetzt lange, bis ich bei Dir bin. Nimm dies als eine kleine Gegenerzahlung fur Deinen Bericht von dem Veilchen, der ist aber schoner, und ich finde es auch ganz naturlich, dass Du gern mit dem Veilchen das Kleid fertigsticken willst, aber ich meine doch, es wird besser sein, wenn Du nicht am Morgen so fruh Dich vom Haus entfernst. Hast Du nicht zufallig den Herrn Hofmeister begegnet, der Dir den Verdruss machte bei der Tante, bose uber Dich zu reden? Nun konnten doch noch andre Leute Dir begegnen, die auch daruber reden konnten.
Dein Clemens
Weil ich die Ostern nicht komme, sondern erst acht Tage spater, so erwarte ich noch einen Brief von Dir, Du wirst ja doch wohl die zwei Sonntage recht still zubringen. Die Leute werden alle spazieren gehen, und Du wirst aus dem Fenster sehen, und sie in ihrem Putz die Strasse hinab, dem Tor hinaus wandern und dann auch wieder heimkommen sehen. Aber in der Zwischenzeit kannst Du schreiben bei Deinem Strauss, den Du doch gewiss im Glas stehen hast.
Lieber Clemens!
Wenn man aber auf den Barbara-Tag Reiser von den Obstbaumen abschneidet und die ins Wasser stellt, dann bluhen sie im Marz, und das hab ich getan, und sie bluhen auch alleweil. Apfelbluten sind zu schon! War ich als Madchen, was die Apfelblute ist, ich war doch wohl alles Liebe und herzlich Schone. Was Du von mir denkst, dann konnt ich Dir verzeihen, was Du mir und Dir weismachen willst. Ja, es ist recht schon; denn ich hab das Plaisir davon, und Dir schadet's nichts. Aber sei nur nicht angstlich, dass ich keine Apfelblute bin, weiss und rot und goldner Same drin, sondern dass ich vielleicht gar so eine Nessel bin oder Distel oder Dorn, wie Du meinst, vor denen ich mich soll huten.
Ich hab am Feiertag nicht konnen schreiben, die drei kleine Katzen auf dem Schoss so kommod ineinandergelegt, alle drei eingeschlafen unter der grossmachtigen Pappel im Eckelchen auf der Bank. So viel Bluten tanzten herunter, so viel braune klebrigte Schalen platzten los von den Knospen, ich dachte, was knistert doch im Baum; und spater, wie die Katzen so sanft schliefen, da hatte ich auch ein bisschen geschlafen. Ach, Clemens wir wollen recht vertrauend einander schreiben, und nichts weismachen einander! Und wenn Du aber fragst, ob das Einbildung sei oder Eitelkeit mit dem Mirabeau, so kann das ja moglich sein und doch auch wahr, ich wehr mich dagegen nicht! Aber der Mirabeau! Ich wollt, ich stund vor ihm; weisst Du? Denk ich an ihn, ich fuhl mein Gesicht brennen. Liebster Clemens, mit aller Sehnsucht meiner Arme, meiner Augen, ja mit allem, was umfassend ist in mir, mocht ich seine Knie umschlingen! Des grossen Helden, der auf seine Lippe nimmt das Geschick des Volkes und entzundet es, mit seines Mundes Hauch facht er es an.
Auf meiner Seele klarem Grund die Fischchen herumspielen sehen, das freut Dich? Nun, so guck! Wie sie da fahren wie der Blitz hin und her, sie prallen ans Ufer der allbekannten todbringenden Langenweile, sie stossen sich den Kopf ein; und soll ich keine Leuchte anzunden, zwischen diesem klippigten Grund einen Ausweg zu finden aus der Pfutze ins Weltenmeer? Wohin sonst? Glaub nicht, dass ich im angenehmen hauslichen Kreis mich gefangen gebe, und auch nicht der Bildungsanstalt schoner edler Ideen. Auch nicht Latein kann ich ein Jahr oder ein halb Jahr der Grossmama zu Gefallen lernen; denn mir kann ich's nicht zuleid tun. Ich habe ja nicht eine Vernunft, der ich folge, ich bin ja ein elektrischer Funke, und ins Latein kann ich nicht hineinfahren, es stosst ab, sagst Du selbst.
Es ist nichts, du Welt, wonach ich die Hand strekke. War's etwas! Auf dem Dach vom Taubenschlag die Sonne sinken sehen, das ist meines ganzen Lebens Aussicht. Sie geht dort unter so blutrot, und mein Blut wallt mit im roten Meer der Sonne, und dort wird's roter, und mein Gesicht wird blasser. Ja, ich glaub, dass der Geist des Blutes mit fortgezogen wird, wenn dort die Sonne ihre letzten Strahlen hineintaucht. Denn denk ich feurig, dass mir's Herz klopft, dann werd ich blass, lange war's nicht so schon hier in Offenbach als heute abend, und lange hat mich ein schoner Abend nicht so froh gemacht und so traurig zugleich. Es war da gar niemand, der auch nur den geringsten Anspruch hatte gemacht an meine Seligkeit. Ich wundre mich, dass andre nicht sind wie ich! Und Du? Vielleicht in demselben Augenblick dachtest Du ganz was anders, das geht mir zu Herzen. Die Sonne sank eben in den Main. Ist es Dir nicht auch so, wenn die Sonne sich im Wasser spiegelt, man mochte sich gar zu gerne hineinsturzen und so in dem Glanz untergehen. Aber es wiegte sich noch eine schone Harmonie von blasenden Instrumenten auf den Wellen; ein leichtes Schiffchen trug alle die Seligkeit auf seinem Verdeck, still bedachtsam zog's den Strom hinauf.
Das Abendrot am Strand hinzieht,
Ergibt den Wellen sich mit Lust,
Da schwellet die beklemmte Brust
Der unbewussten Sehnsucht Lied,
So kuhn gewaltig zwingt das Lied
Die Trauer der beklemmten Brust,
In Lebensmut erstrebt sie Lust,
In Liebesflut sie Wolken zieht,
Und weckt in der beklemmten Brust
Der hohen Freiheit kuhnes Lied.
Sein voller Klang
Das Herz durchdrang,
Das Lied sich schwang
In Liebesdrang.
Zu ihm, zu dem ich hin verlang,
Dort uber die Berge mit der Lerche,
Ihm nach der Hymne zu singen dem Volk,
Dem von seinen Lippen sie sollte erklingen.
O, Clemens, was ist mir doch heute geschehen Sonderbares, da bringt die Grossmama heute einen alten Brief vor vom Lavater, der schon drei Jahre alt ist, kurz vor seinem Tod geschrieben, der malt den Mirabeau und recht unglimpflich, und die Grossmama holt die Silhouette aus dem Brief hervor, die er mitgeschickt hatte. "Beschauen Sie die Nase", schreibt er, "diese Nase ist eine Bauern-Nase, die bezeichnet nicht den Helden, der die kuhnsten Entwurfe beharrlich ausfuhrt. Seine Freunde glauben, dass er die Tugend liebte, dies kann aber unmoglich mit so schwulstigen Lippen, deren Winkel so matt herabhangen, ubereinstimmen, sein Auge ist zwar feurig, aber von finsterer Vermessenheit und hat einen verachtenden Blick, eine schamvergessene Gewaltsamkeit thront auf seiner Stirne, aber kein Heldenmut, ein Zug geht durch die ganze Physiognomie, der zwar die Karikatur des Genies markant ausspricht, namlich Exaltation, die an Narrheit grenzt." Und siehst Du, so hat mich die Grossmama gequalt, ich soll's herausfinden, worin es liege, vergeblich wollt ich sie erinnern, dass sie ja so verleumderische Ansichten uber den erhabnen Charakter nicht konne gelten lassen, aber sie wollte ihres Lavaters Schwanengesang (so nannte sie diesen letzten Brief Lavaters an sie) nicht als verleumderisch gelten lassen. Und Du predigst mir immer Pietat gegen die Grossmutter! Wo und wie soll sich das alles zusammenfinden, ohne dass heuchlerische und kleinliche Furcht sich drein mische! Ach, Clemens! vertrauend und das heisst ganz wahr und offen sein, das verlangt, dass ich stets auch aus der Tiefe meines Herzens mich an den Tag gebe, nicht umsonst will ich alles verstanden haben, nicht umsonst hab ich meine franzosischen Aufsatze fur Herrn L'endroit als geheime Antworten, Fragen und Begeisterungen fur diesen Mirabeau geschrieben, habe er meinetwegen Pockengruben, die ihn bis zur Hasslichkeit entstellen, mich geht's nichts an; nicht tief genug kann ich mich in die Gruben seines tiefen Denkens alles Reinen und Hohen hineinbetten, ja in diesen Gruben mocht ich begraben sein. Du wirst antworten, dass ich ihn ja nicht verstehe, ich versteh ihn freilich nicht, wie konnt ich all die grossen Beziehungen auffassen, die er durch diese grausame Revolution hindurch mit der grosseren Zukunft des Volkes anknupfte. Aller Jammer, der seitdem hereingebrochen ist, den wurde er mit starker Faust zuruckgewiesen haben, so viel versteh ich doch, dass er liebte namlich: und daher keine gehassige Gewaltsamkeit geduldet hatte. Und ich will lieber schweigen, ich bin noch so jung und mit jedem Schritt meines Daseins stoss ich auf lauter widerwartige Ungereimtheiten, ganz in der Stille schlag ich die Hande zusammen uber alle Narrheit, ganz in der Stille bete ich zu dem, der in seinem schmerzvollen Tod noch mit allen Kraften seiner Sinne sich dem Volk zuwendete, fur es zu sorgen, ja, ich bete zu ihm, dass er bei mir, mit mir sein moge und mich lehren sprechen zu seiner Zeit. Denn auch ich mochte die Welt umfassen. O, ich weiss, was Du sagst, Du tadelst mich. Du sagst, ich sei uberspannt, ich wolle affektieren. Ich beweise schon darin meinen Heldenmut, auf einmal so aufrichtig meine Seele vor Dir auszusprechen? Ja, wenn Du von offnem Vertrauen sprichst damals auf der Hoftreppe war ich ja gar nicht aufrichtig! ich schwieg mit meiner tieferen Seele. Denn Du hattest sie getadelt. Aber doppelt kann ich nicht die Wahrheit verleugnen. Wenn Du sagst, ich soll recht vertrauend gegen Dich sein, da muss der tiefste Quell meines Herzens hervorsprudeln.
Gestern hab ich bei Arenswald eine ganze Stunde Lektion gehabt uber Elektrizitat, mir flimmert's vor den Augen wie tausend elektrische Funken. Wenn Du ein Stuck Papier verbrennst, dann laufen diese Funken alle durcheinander wie bei einer Revolution, als wenn sie allesamt die wichtigsten Geschafte hatten, so geht's in meinem Kopf; wenn's nur nicht so traurig ausging, zuletzt bleibt einer nur ubrig, oder zwei, das ist noch melancholischer der lauft ganz allein durch die schwarzen verlassnen Finsternissen; flipps ist er weg! Der andre dort, weg ist er. Gestern Abend hab ich immer wieder ein Papier angezundet, um diesen beiden Funkchen auf ihrem Aschenweg nachzusehen. Die alte Cordel war auf ihrem ledernen Sessel eingeschlafen, sie musste husten vom Qualm und erwachte mit sehr schlimmem Humor, sie sperrte Laden und Fenster auf, da schien der Mond herein, mir was ganz Neues, ich hatte nicht gedacht, dass der scheinen sollte; ich lief in den Garten, der Spitz, der ist mein Geisterbanner, oder vielmehr bewacht er meine Zusammenkunfte mit den Geistern; denn weil ich die Geister nicht furchte, wenn er bei mir ist, so ruf ich mir sie herbei und rede mit ihnen, ich wurde das allein nicht wagen ohne den Spitz.
Lieber Clemens, ich hab Dir alles geschrieben, ich weiss, Du wurdest zanken, wenn Du schriebst aber Du schreibst ja nicht, Du kommst ja selbst, da kannst Du nicht, mit meinem Mund geb ich Dir einen Kuss auf Deinen, in welcher Sprache kann ich gebieterischer ausrufen: "Halt's Maul, geliebter Bruder!" O, mein lieber Clemens, wie freu ich mich darauf. Die Sonne scheint mir eben ins Bett und lasst mich nicht langer traumen von Dir. Ich kann mich mit dem Kritzlen nicht aufhalten, sieh, wie das schone Wetter mich schnode macht.
Lieber Clemens, die Sonne ist eben wieder weg, da wollt ich gern weiter schreiben. Aber adieu, Clemens, sie ist schon wieder da, es geht gleich in den Wald, da wollen wir fruhstucken, ich will sehen, ob ich ein Veilchen fur Dich finde, komm bald, dass es noch bluht, ich bewahr Dir's am Herzen, und wenn ich dann so redselig mit Dir bin, dann duftet Dir's aus meiner Brust.
Deine Bettine
An Bettine
Frankfurt
Sei nicht traurig, liebe Bettine, dass ich nicht mehr hinaus komme, es ist besser so, mir selber tut's leid, und es ist wahrlich keine Tragheit von mir; denn laufe ich doch gern viele Meilen um Deinetwegen, da mich nichts herzieht als Du, ja alles andre mich vertreibt. Es wurde uns beide traurig gemacht haben, wenn ich noch zu Dir gekommen war, und hatte nichts genutzt. Du bist mir immer nah, und allen meinen frohen und guten Stunden wohnst Du bei, so soll Dir auch sein, drum freue Dich und sei gut. Die Freundschaft heisst nicht zusammenhangen und zusammensitzen, Freundschaft ist gross und frei und liegt im Gedanken, fur den jeder Raum gleich nah ist. Jemehr Du mir ahnlich fuhlst, wo ich gut fuhle, jemehr Du mir ahnlich denkst, wo ich gross und edel denke, je mehr bist Du mein Freund, je naher bist Du mir, auch liebe ich nicht Dich hier in Frankfurt noch in Offenbach zu sehen; denn wir sind dann beide durch unsre Umgebung gedruckt, und wir mussten, wenn wir nebeneinanderstehen, immer so stolz, so glucklich und so edel sein, als wir es konnen. Wenn ich nicht hier bin, bin ich viel besser und kann viel reiner und freudiger mit
Ich kann Dir nichts zurucklassen und Dir nichts mehr sagen, Du weisst, was schon und gut ist, ich hab es oft in Dir gefunden, wolle es eifrig und mit Ernst; und wo Dich die Menschen drucken, so hasse sie nicht, sehe sie an wie Pflanzen, die vielleicht auch in einem Boden stehen, der ihnen nicht gerecht ist. Menschen, die sich selbst nicht kennen und nicht wissen, wo hinaus sie sollen, sind wie Pflanzen, die nicht zum Bluhen kommen. Das Bluhen des Menschen ist das innere Bewusstsein; dieses aber ist zugleich auch der Begriff der ganzen Menschheit, wie sie in ihrer Irrungen umherschwankt, wie sie in ihrer Blindheit und kruppelhaften Verbildung oft das Bessre zuruckweist oder zerstort, aber der bewusste Mensch, das heisst der Liebende, muss diese Storungen umgehen konnen, er muss das Zuruckweisen uberwinden und muss grade diese Menschen pflegen, denen so vieles mangelt, deren innerem, geistigem Lebenskeim so unendlich vieles im Wege steht; er muss ihnen sein wie Dein Gartner aus dem Boskett, den Du so lieb hast, weil er ein so gesellschaftliches Leben fuhrt mit den Blumen; vom fruhen Tag an ist er in fortwahrendem Verkehr mit ihnen, und noch spat in die Nacht hinein macht er sich mit ihnen zu schaffen und bringt sie alle zum Bluhen, die einen durch Kuhle und Schatten, die andren durch Licht und Warme. Immer geht er um sie her und lasst sie doch in ihrer Freiheit gedeihen, sie empfinden keinen Zuchtmeister in ihm, sie schmiegen sich willig am Stab, an dem er sie in die Hohe richtet. Nun aber ist jenen Menschen, die uns oft missverstanden haben und haben geglaubt, sie mussten unsern Umgang storen, eine solche Pflege nie geworden, wie der Gartner Deinem Nelkenstock schenkt, der ihn begiesst, wenn er Durst hat, und lasst ihn von der heissen Sonne nicht versengen, nur am Abend darf sie mit ihm spielen. Die Tante weiss zum Beispiel von solcher Pflege nichts. Ihr hartes Schicksal bei einem ganz verwilderten Mann hat ihr das Heimliche im Lebensumgang ganz versagt, sie ist dadurch selbst weniger gefuhlig geworden fur das, was die Seele angeht, sie hat eine lange Zeit in ihren Jugendjahren zwar sich mussen stahlen gegen diesen Mann, der wie ein grobes Ungeheuer vor der Pforte aller Lebensgenusse lag, und hatte sie auch nur selbst im besten Willen gewagt, ihm nah zu treten, so war das Ungeheuer gleich wach; das heisst: mit Bosheit beschlich und mit Wut uberwaltigte er sie, ich hab in meinen Kinderjahren oft ihn sehen halbtrunken hinter der Tur lauern mit einem Messer in der Hand. Die Tante hat damals sich so ernst zusammengenommen, dass jeder in Koblenz die grosste Ehrfurcht vor ihr hegte, obschon man von der Grausamkeit des Herrn von Mohn sich leicht eine Idee machen konnte, der mit lauter Postillionen von morgens bis abends im Wirtshaus lag, ohne der Frau je zu gedenken, ein Vermogen verzettelte und verschleuderte von mehreren Millionen. Das Herz durfte dieser Tante nie aufgehen sie musste mit der Form alles bekampfen, und so ist ihr auch nur die Form im Umgang mit Menschen geblieben. Hatte sie je mit sich selber Mitleid gefuhlt, so war die Festung der Konvenienz, in der sie sich verschanzt hielt, wie Schnee geschmolzen, dann war sie dem Mitleid ausgesetzt oder auch der Verachtung, beides ist gleich in gewissem Sinn und soll in allen Lagen des Lebens gemieden werden. Man soll Mitleid mit niemand haben, man soll sich vielmehr schamen, dass es so werden konnte. Der Ungluckliche steht immer gross dem gegenuber, der sich im Hafen des Gluckes wahnt und wohl befindet, da doch wahrscheinlich ihm die bessere Tendenz ganz ermangelt, also den Unglucklichen bemitleiden heisst dumm sein, nein, vielmehr soll man vor dem Unglucklichen sich schamen glucklich sein zu konnen auf eigne Faust; sich irgendeinen Lebensgenuss aneignen zu konnen oder zu wollen, der nur Beraubung dessen ist, der nicht mitgeniesst. Hat der Mensch irgendein Weh, so fuhlt er sich krank, ist aber ein Teil der Menschheit gedruckt und bedurftig, so tanzt der ubrige Teil mit einer Art Wollust ihm auf dem Kopf herum, so lang er's zu tragen vermag, hat er ihn ganzlich zusammengetreten, dann fallt's ihm wohl ein, durch Mitleid die arme Seele zu kitzeln, die aber gar nicht mehr wirklich, sondern schon lange zum Gespenst geworden ist. Gespenster fuhlen ein Behagen an solchem Tugendgekitzel, sie schmeicheln sich selbst, sie tragen sich auf Handen, sie haben einen faktizen Verkehr mit Gott, der aber nur Gotzendienerei ist, sie belammern alle Menschen mit ihren Anstalten der Menschenliebe; es fallt ihnen gar nicht ein, dass sie selber die bosen Schicksalsdamonen sind, deren Grausamkeit sie geruhrt beweinen, und der sie steuern wollen mit einem Stuck Englisch-Pflaster von dem sie mit der feinen englischen Schere der Mildtatigkeit Schnippelchen abschneiden, um damit den aufgesperrten Rachen der entsetzlichen Wunden zu verkleben, aus denen das warme Blut an die Erde quillt. Ich mochte wohl aufhoren, noch weiter daruber zu sagen, denn Du fuhlst alles, und besser. Mitleid ist aus Verachtung geboren und ist auch eigentlich Verachtung, und edelgeborne Menschen werden durch Mitleid sich entwurdigt fuhlen, sie wollen lieber die eignen Krafte dran setzen, als vom Mitleid sich betauen lassen, und so kommt es oft, dass diese grosse Helden werden, die dem Mitleid ausweichen; denn naturlich liegt der Keim des Helden in ihnen. Jene andern aber, die dem Mitleid erlauben, mit Schmarotzerliebe sich an ihnen zu masten, die werden verkummern und menschlicher Wurde untauglich sein. Gewiss ist dies eine, dass Mitleid, welches aus Verachtung entspringt, auch wieder die Quelle der Verachtung wird. Der Mildtatige halt sich hoch uber dem Bedurftigen. Der Habende dunkt sich in Bildung und Streben weit uber dem Nehmenden, und doch sollte er vielmehr ihn uber sich stellen. Wie die Indianer, die einen Menschen, der nichts Irdisches sein nennt, fur gottlich halten, dem sie ihre Gaben als Opfer darbringen und ihn bitten, ihnen nicht zu zurnen, dass sie nicht so heilig sind wie er. Was machst Du mit Deinem Gelde? Die Geschwister sagen, Du habest nie welches, und doch wissen sie nicht, wohin es kommt.
Sei fleissig und mache, dass Dir das burgerliche Mechanische im Leben nicht verachtlich wird, es ist die Quelle von viel Geistigem, und bestrebe Dich einer schonen Sparsamkeit. Du glaubst nicht, wie glucklich es Dich machen wird, wenn Du fortfahrst, den Luxus und die augenblickliche Mode zu verachten, und blosse Reinlichkeit und das Gefallige Dich reizt, Du kannst mit allem, was Du ersparst, einstens vieles Schone und Vortreffliche erschaffen. So sollte Dir auch die Zeit sein, geteilt in unschuldigem Genuss und in ernstem seelenvollen Geschaft!
Um was ich Dich aber noch bitte, so sehr ich Dich liebe, lerne schweigen, fur Dich selbst bestehen, und sei in der Wurdigung eines jeden gerecht. Nur, was ewig gefallen oder missfallen kann, dem ergib Dich, von dem wende Dich. Sei fleissig in Deinen Gedanken, dass heisst, sei lebendig im Geist, sehne Dich nach keiner andern Welt als nach jener andern, die in dieser schon lebt fur den, der sie findet, und Du wirst sie finden, denn allen Wesen, die mit einem edlen Durst nach dem Ewigen um sich blicken, denen gestaltet sich das Unsichtbare; der Geist aller Dinge erbluhet in schoner Form um sie, und das ist jene bessere Welt, nach der man sich sehnt, sie ist um uns. Die Kunst und ihr stiller einziger Tempel: ein reines unschuldiges und stolzes Herz.
Ich schicke Dir hier Moritzens Gotterlehre und wunsche, dass Du sie mit Ruhe, ohne Muhe und mit Genuss durchlesest. Du musst nicht drin herumhupfen und ein Anekdotenbuch draus machen; denn diese Gotterlehre ist eine solche andre Welt, die sich das gebildetste Volk, die Griechen, erschaffen hatten, und kann Dir selbst und Deinem Geiste nur wohltatig werden, wenn sie in Dir, in ihrer grossen edlen Folge gleichsam wahrend dem Lesen entsteht. Du sollst besonders suchen den Gesichtspunkt fur die mythologischen Dichtungen zu begreifen, das wird Dich aus Deinem Emigrantenverhangnis hoffentlich ein bisschen ablosen. Ich will Dich in Deinen Begeisterungen ja nicht tadeln fur alles, was Dein Verstand zu fassen und in Dir selber zu verdauen versucht. Weltgeschikke liegen jedem gleich nah und wirken in ihm, sowie er dadurch auch berufen ist, in ihnen zu wirken. Also studiere in Gottesnamen mit der Grossmama alle fliegenden Blatter und Reden der Nationalversammlung durch, wahle Dir Deinen Helden unter ihnen, bete zu ihm und fur ihn und vergiss Deinen Clemens, er wird doch Dich nicht aus den Augen lassen. Aber bedenke, dass Reife, Sachkenntnis und Neuheit ein Berg sind, der oft nur eine Maus gebart; Du aber bist diese kleine Maus und wirst nicht ein Fadenchen an den Weltgeschicken zernagen, obschon es Dein Auge scharft zu uberblicken, zu durchschauen und vielleicht auch manches zu durchdringen; und vergiss die Muse nicht uber der Tonleiter der Revolutionshelden.
Schreibe mir ofter und schicke mir Deine Aufsatze dabei, auch die uber die Revolution. Der letzte Sur la volonte de la France war schon, und ich finde mich hinein, weil er das Allgemeine in sich enthalt. Lebe wohl, und nochmals herzlich bitte ich Deine besondre Aufmerksamkeit auf Schweigen auf fur Dich selbst bestehen und innere Kraft zu wenden und recht froh und gesund zu bleiben.
Dein Clemens
An Clemens
Clemente! Die Sonne hat Krauter und Straucher in sich verliebt gemacht, sie schwellen vor Verlangen und werden ehestens in Blute ausbrechen, eine Knospe strebt der andern vor, doch sind sie nicht eifersuchtig, so viel ihrer sind. Clemens, wenn's die Blumen tun, so will ich auch meine Liebeserklarung machen, aber wem? Ich lege sie in Dein Herz nieder, bewahre mir sie, und wenn Du einmal auf einen hohen Berg kommst, wo man eine weite Aussicht hat, geliebter Clemens, so kannst Du sie als Denkmal unsrer Eintracht stiften, aber eine weite Aussicht muss meine Liebe haben, dann ubersehen wir beide alles zugleich und fuhlen Ubereinstimmung in allem, wenn wir auch in manchem verschieden denken, und Deine griechischen Gotter und meine franzosischen Helden bilden eine Welt.
Du fragst mich so viel in Deinem Abschiedsschreiben, Du belehrst mich, Du zankst mich verborgen unter heimlicher Decke, und noch so viel Fragen weckst Du mir im Gewissen; und voll ist die Brust von der Fulle, die Du mir all in Deinem Brief spendest, dass ich auch wie die Rosenknospen angeschwellt bin und mochte aufbrechen dem Licht und gar keine andre Rechenschaft mehr geben als den Duft, den gleich der Rose meine Seele aushaucht, weil Du sie wie die Sonne warmst und reizest. Aber doch wend ich zur einfachsten Frage mich, "was ich mit meinem Geld anfange", und gebe Dir die dummste Antwort, wo Du gleich meinen wirst, ich war narrisch. Ich habe das Geld verschatzgrabert! Ja, Clemente, ich hab's in ein klein leinenes Beutelchen gesteckt, worauf ich mit Goldfaden und roter Seide meinen Namen gestickt hab und noch allerlei kabbalistische Zeichen; ich hab's zugesiegelt mit einem schwarzen Siegel, einem grunen und einem roten, dann hab ich ein Loch gegraben zwischen den zwei starken Wurzeln der Pappel an der Rosenwand, da hab ich's in einen ledernen Schuh hineingeschoben und einen Topf mit einem Basilikumstrauch drauf gestellt, und allemal, wenn ich Geld kriegte, wechselte ich davon in Gold um und allemal, wenn der Mond schien, ging ich mit dem Spitz hin und legte es dazu, und dabei hab ich das Gelubde getan, ich wolle es verschweigen, und weil Du mir das Schweigen so sehr anempfiehlst, so erzahle ich Dir das einzige Geheimnis, was ich hatte verschweigen konnen, und nun ist alles leer an Geheimnis, und ich kann also nichts mehr verschweigen! Denn sonst, mit dem Mund bloss nicht reden, das ist's doch nicht, was Du meinst, da die Tante sich alle Muhe gibt, mir abzugewohnen, dass ich nicht wie ein stummer Olgotze den Leuten in den Mund gucke, die mich etwas fragen. Ja, mit meiner Schatzvergrabung, davon will ich Dir noch forterzahlen, weil ich's nun doch schon gesagt hab. Ich habe dies Geld der Selene gewidmet, der Himmelsschwester des Hesperus, diese beiden sind unsre Schutzpatrone, der Stern ist der meinige als Bruder, der mich abends immer besuchte, der Mond ist der Deine, der Dein Andenken oft mit seinem Schein in mir erhellt. Nun hab ich aber dieses Opfer doch der Selene wieder geraubt, mit Zagen zwar ich habe das Geld eilig am Abend ausgegraben und hab's uber die Gartenmauer geworfen, in den Garten vom Magnetiseur nebenan, ich horte es klingeln, wie's hinabfiel, und ich rief dazu so laut als ich konnte, ohne dass man's im Haus hatte horen konnen: "Da ist Reisegeld!" Und dann war mir auch, als horte ich das Geld rappeln beim Aufheben, aber ich lief fort. Denn die Tante hatte am Tag vorher bei Tisch erzahlt, der Magnetiseur mochte gern abreisen, aber es fehle ihm am Reisegeld. Aber er ist doch noch da, denn ich seh ihn alle Abend noch im Garten gehen und beobacht ihn vom Hoffenster, ich schame mich so sehr und traue mich gar nicht mehr in den Garten, wo wir sonst als uber die Wand allerlei Merkwurdiges verhandelten. Aber nun kommt was Schreckliches, was da passiert ist, mir ist's passiert. Denk Dir, der alte Schuh, in den ich mein Geld hineingesteckt hatte, um den schonen Beutel zu schutzen, war eigentlich ein neuer Schuh, sein Kompagnon stand ganz vergnugt in dem kleinen Kasten bei den andern Schuhen; ich soll abgeholt werden nach Frankfurt morgen fruh, die Tante fragt: "Wo ist denn der andre neue Schuh? Das ist grosse Schlamperei von Dir, einen Schuh zu verlieren, ich muss Dich sehr bitten, strenge Dich an, ihn zu finden," ich lief in den Garten, ich holte meinen Schuh unter der Pappel hervor, ich wollt ihn ein bisschen reinigen an der Pumpe und versuchte ihm ein Ansehen zu geben, da fallt was heraus, das glanzt in der Dammerung, ein Ring, ich lass den Schuh stehen, ein dunkler Stein, der funkelt so nachtlich schwarz wie der Blitz des Raubers oder wie Mirabeaus Auge vielleicht, und inwendig im Schild steht ein schwarzes M.
Wir gehen morgen auf die grune Burg zu den Geschwistern, acht Tage bleiben wir dort, die Gotterlehre nehm ich mit und den Ring, wo soll ich ihn lassen, ich glaub, er ist ein Talisman, ich hab schon allerlei Fragen und Befehle um Mitternacht an ihn ergehen lassen, aber der Geist ist nicht erschienen, der mir vielleicht beistehen wollte, dumme Streiche zu machen. Adieu, Clemens, ich hab Melodie gemacht auf ein Lied aus dem Sanger.
Deine Bettine
Gottingen
Liebe Schwester!
Ich offne wie eine Pflanze mein Herz und rolle alle Blatter auseinander, wenn Du heruberscheinst. Dein Brief ist mir von Marburg aus zuvorgeeilt und hat mich hier empfangen.
Ich will, dass Du so vernunftig werdest, dass alle Welt einst ihre Zuflucht zu Dir nehme und Dich hochstelle, und dann will ich Dir's wieder ablernen. Hast Du Lust, dumme Streiche zu machen, so warte, bis ich komme, und mache sie ganz heimlich mir alleine, ich kann mich an Deinem ganzen Leben ergotzen, lese brav, schreibe viel, alles, was Du empfindest, schreibe nieder, denn das Ausgesprochene ist lebendig wie meine Liebe zu Dir.
Weil Du nun einmal mein guter Engel bist, so musst Du auch Dein Amt mit Treue verwalten, mein guter Engel muss immer heiter sein und meiner mit Hoffnung und Segen gedenken und auch mich strafen mit Worten und mich anmahnen in Deinen Briefen, dass ich mein Ziel nicht aus den Augen lasse, Du musst mit Deiner Lebensfreude die meine anfachen, Du musst meinem Enthusiasmus die Flugel losen, mit Deinem Ernst, mit Deiner Gute und Wahrheit. Willst Du das? Sei recht fleissig und frohlich, und ehre und achte, was Du tust. Den Herbst besuch ich Dich, am End werd ich Dich kaum noch kennen, so wirst Du gewachsen sein, an Geist und Leib; und frohlich, und so schon wirst Du zeichnen. Ach, Du weisst nicht, was Du mir bist? Was ich liebe, das bist Du, Du hast es also in Handen, kannst es mir hegen und pflegen. Wirst Du das? O fasse ein recht lebendiges Interesse an allem und dringe tief ein in das, was Du lernst, nicht oberflachlich, lieb Kind, Du glaubst nicht, wie unendlich wohl es Dir tun wird, wenn Du in ein paar Jahren etwas besitzest, dem Du Dich ganz hingeben kannst, lasse Dir's daher recht angelegen sein, zeichne recht mutig, mach Dir nichts daraus, ein Bildchen fertig zu haben, sondern eine Gewalt zu haben im Geist, die Du mit Deinem Talent auszusprechen vermagst, wenn Du uber das Gewohnliche hinauskamst, ich wurde glucklicher werden als Du, schicke mir Deine Melodie, schreibe mir und halte Wort und fasle nicht mit Ring und Talisman und Mirabeau usw.
Dein Clemens
An Clemens
Clemente! Hattest Du das letzte nicht geschrieben, so hatte ich Dir das erste nachgesehen, dass Du mich vernunftig machen willst fur die Welt und denn am Rand, dass ich nicht faslen soll mit dem Mirabeau; in der Mitte die grosse Philisterglosse, wie ich mich und Dich soll bessern. Und der Sommer steht inmitten seiner Glut, wo jeder faul sein mag, und ich soll fleissig sein und gewachsen, wenn Du kommst, auf den Grasplatz hab ich mich gelegt unter die Leinwand, vielleicht vom Begiessen, dass ich wachse; aber ich kann in der Sonnenhitze nur herumschlendern. Ach, Clemente! Wenn ich mich hinsetze zum Zeichnen weisst Du, wie mir's da geht? Es wuhlt mir im Kopf, ich muss mir Luft machen mit einem Lied, ich muss ein neues Harpegge erfinden. Nein, das auch nicht, es schwarmen mir Gedanken im Kopf, wie soll ich Dir sagen? Schmetterlinge sind's, ich muss ihnen nachjagen, aber dazwischen jagt's mich selbst wie einen Schmetterling davon, und die Bohnen in meinem Gartenbeet muss ich erst am Bindfaden hinaufschlangeln. Und will ich mir nicht davonlaufen, dann kribbelt's mir im Kopf und in den Fussen, ich kann nicht sitzen bleiben, es fallt mir das dummste Zeug ein. Meine alte Puppe vor zwei Jahren! Heut hat's mich geplagt, ich musste sie wieder einmal betrachten, mit der ich mich zum letztenmal unterhalten hatte, als Du zum erstenmal hierherkamst, Clemente! Du weisst noch, wie ich sie geschwind unter den Tisch warf, als Du hereintratst, und ich sah Dich an und kannte Dich nicht und hielt Dich fur einen fremden Mann, der mir aber so wohlgefiel mit seiner blendenden Stirne und Dein schwarz Haar so dicht und so weich, und Du setztest Dich auf den Stuhl und nahmst mich auf einmal in Deine zwei Arme und sagtest: "Weisst Du, wer ich bin? Ich bin der Clemens!" Und da klammerte ich mich an Dich, aber gleich darauf hattest Du die Puppe unter dem Tisch hervorgeholt und mir in den Arm gelegt, ich wollte aber die nicht mehr, ich wollte nur Dich. Ach, das war eine grosse Wendung in meinem Schicksal, gleich denselben Augenblick, wie ich statt der Puppe Dich umhalste. Ich habe meinen angefangnen Brief mitgenommen, hierher auf die grune Burg. Die Schwestern sind auf einem weiten Spaziergang, ich war auf einem Nebenweg so ins hohe Gras gekommen, dass ich nicht mehr druber hinaussehen konnte, wo die geblieben sind, da bin ich ein wenig liegengeblieben zwischen Gras und Krautern und hab ins Abendrot geguckt, wie das den blauen Himmel bewaltigte, und die Lerchen fielen nieder, gar nicht weit von mir, und die Frosche im Burggraben untereinander halten ein Gered von der Moral, durch die ganze Froschtonleiter hor ich vernehmlich krachzen: "Moral, Moral, Moral."
Die Linden bluhen, Clemente, und der Abendwind schuttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, dass ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach! sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unsern Stammen herum und umfasst unsre Stamme als wenn wir Menschen waren, da sprechen wir Dich an mit unserm Duft.
Adieu, Clemens! Es ist schon spat! Ich konnte noch sehen, wie ich Dir von den Linden schrieb, sie haben mir ihren Atem zum Fenster hereingehaucht, ich musste sie wieder anduften mit meinen Gedanken, da kamen die Vogel zur Nachtherberg in ihr Gezweig, und ich hatt auch da schlafen mogen, sanft bebend umschmeichelt vom flusternden Laub, wie angenehm da schlafen.
Schreib nach Offenbach, ubermorgen gehen wir drei Schwestern schon wieder zuruck.
Da schick ich Dir das Blatt, worauf ich eben mit den Linden mich unterhalten hab.
Ich will in die Wolken schauen und in den Mond, von dem eben der Tag Abschied nimmt, und ich will solang hineinsehen, bis ich eine andre Welt entdecke, und wenn ich sie gefunden hab, dann soll keine Trane mehr neidisch mir den Glanz verdunklen, in dem meine Seele ihre Farben spiegelt!
Und was flusterst du, Linde, mir ins Ohr? "Grun, grun ist die zarte Farbe der Seelenruh, grun im Abendschein ist die Wiege der Traume! Und jeder Halm wiegt einen Traum, und mein Geblatter raschelt im Netz der Traume, und es winkt dir!"
Ach, schweig du, Linde, es ist Nachtzeit, die Sterne glitzern durch dein Laub und reden anderes; und das rieselt mir durchs Gebein! Ahnung soll kunftig meine Seherin sein, und wenn ich ihr die Tone meiner liebenden Trauer geliehen hab, um das Schwellen zu malen und das Sinken ihrer sehnenden Gewalt, so soll sie mich wieder trosten, die, ein ewiges Meer, alle Wehmutstranen in ihren Wogen fortwalzt, bis sie vom Trubsinn gereinigt aufsteigen als elektrisch Feuer aus ihrem Wellenschoss.
"Ach du!" flustert die Linde "sei nicht hoffartig, das lost nicht den Zauber."
Ich horche auf dich nicht, Linde, ich lausche den Sternen da oben! ich hor Musik, sie schmelzen ihr Licht ins dunkle Nachtblau, ihre Strahlen klirren im Tanz aneinander.
"Was du nur willst mit deinen hochstrebenden Gefuhlen", sagt wieder die Linde; "sie langen ja nicht hinauf, komm unter meine Krone, sie schuttelt ihren Tau auf dich, damit fuhl ich dich gesegnet."
Ach nein, immer lauter und klarer klingen die Sterne, ich hor, wie sie freudig ihre harmonische Verwandtschaft in die freien Lufte tonen.
"O wehre meinem Flustern nicht," sagt wieder die Linde und schmeichelt und meint, "was ist denn Musik der Sterne dagegen? Wolle mich denken, du schaffest meinen Geist durch dein Begreifen meiner Natur, dass der wieder sich um dich winde, wie jetzt der deinige sich um mich windet, er soll dich beruhren und immer, bis deine Seele leicht und kuhn sich aufschwingen lernt zu eigner Freude, in einem Zug lieblich sprechender Tone!"
Was sagst du, Linde? Ist mein Begreifen deines Geistes spielende Seele? Linde sagt: "Meine Seele rieselt mit Schauern zu dir hinuber, weil du sie denken magst. Denken beseelt, alle Wesen farben sich im Gedankenlicht. Was ist der Abendschein deinen Gedanken, dass sie weit uber Feld mit ihm fliegen, und weil du ihn fuhlst. Und ware Denken nicht, so wurde kein Wesen mehr beseelt sein, und die Schopfung wurde stumm in sich versinken. Denken beseelt, und alles Wesen erklingt in eigner spielender Farbe in seinem Licht, wodurch alles lebt und sich unsterblich glaubt, und doch hangen sie nur vom Geiste ab, der das Denken ist.
Wir glauben uns selbst zu erkennen als lebend, und die geheime Freude des Werdens in uns ist doch, weil wir erklingen im Geist, der uns denkt!"
Sag ich wieder: So denke mich, Linde, denn schoner mocht ich nicht im Gedanken reifen als in dem grunen Schimmer deiner Blatter, den der Abendschein kusst, und mocht nicht edler meinen Geist hinaufgetragen wissen als im Duft deiner Bluten.
Die Linde rauscht im Wind und schuttelt sich, es kitzelt sie, dass ich so artige Worte mit ihr geredet hab, es passiert ihr nicht alle Tag.
Deine Bettine
An Bettine
Am Rhein, Rudesheim
Dein Gesprach mit der Linde und der herrliche Abendschein uber dem Rhein und das schone Madchen Walpurgis hier im Wirtshause, haben vor wenig Minuten rings um mein Herz gebuhlt. Ich bin in das Madchen verliebt wie ein guter Junge, und wenn sie das Papier geschrieben hatte oder den Abendschein und die Linde verstande wie Du, so ware kein Treiben und kein Sehnen mehr auf Erden fur mich. Aber so ist's nicht, ich werde nicht von ihr verstanden, denn ich verstehe den Abendschein; und sie, die sich und ihn nicht versteht, ist wunderschon, und der liebe Gott hat Schatze in ihre Augen gelegt und einen Liebreiz in ihren Mund, dass man einen Tempel mit diesen Schatzen konnte errichten und Gebet von diesen Lippen wie Honig von sussen Blumen sammeln konnte, aber sie ist in einer sehr unschonen Umgebung von Eltern und Geschwistern, und Gott segne Dich, dass Du so bist, wie Du bist. Es ist ein alt Sprichwort, wo Schatze liegen, stellt der Regenbogen seinen Fuss auf, aber es ist bose, es ist ein Aberglaube. Und wenn ich dies Madchen ansehe, bin ich so aberglaubisch; der alte Bettler, der hier in der alten Ruine vom Schloss der hat seinen Herd auf dem Altar der Kapelle und schlaft in steinernen Gewolben, durch die das Himmelsgewolk herabsieht, und seine Begeisterung, die er trefflich auf seiner Pfeife auszudrucken versteht, wenn er viele Heller beisammen hat, hallt zwischen den vielen Pfeilern durch recht lustig, ich gehe da abends in dem lauen Wind auf und ab und hore, wie er aus einem raschen Walzer in den andern sich hineinpfeift, und dabei schlagt er so munter den Takt, als ob er im Tanze mit einer schonen Walpurgis sich drehe. Ich rede oft mit ihm, und er hat mir's gar nicht geleugnet, dass er auch noch oft sich verliebt. Am End kam's heraus, dass wir Nebenbuhler sind, und dass die Walpurgis der eigentliche Reiz seiner musikalischen Belustigungen ist, denn sie hat nicht weit davon einen Weingarten, wo sie den Gasten abends ihren Weinschoppen reicht, in Krugen mit Deckeln von blankem Zinn, und da tun ihr die Gaste schon mit Reden und verlangen auch wohl einen Kuss, sie lasst sich's gefallen, das argert mich. Ich hab den Bettler damit eifersuchtig machen wollen, und der hat mich ausgelacht, wir horten das Gelachter aus der Weinlaube heruberschallen, er trallerte auf seiner Pfeife dazu, und darauf ging er eine Wette mit mir ein, dass wenn ich ihm eine Kanne Wein dort bezahle, so wolle er von der Walpurgis einen Kuss erwischen, in Gegenwart aller Gaste. Anstatt druber zu lachen, machte mich's verdriesslich, er zog aber ungeheuer fix die herunterhangenden Strumpfe und Beinkleider auf, die Jacke hing er an den Pfeiler und klopfte eine Staubwolke heraus, dazu bellte der Hund, den er im Zwinger eingesperrt hat, der merkte, es solle auf Abenteuer ausgehen, und wollte mit. Wie er sich aber seinen staubigen Bart wusch und dann mit der Schuhburste wichste und dann vor die Hausture trat und bemerkte, wie der Mond sich drin spiegle? Ich dachte, der bose Feind lache mich aus. Der Mann sah seltsam heimlich anziehend und stolz auf mich herab, und was tat der Mann, er legte seine Hand auf meine Schulter und ging mit einem Schritt, als ob er ein spanischer Grande sei, in die offne Weinlaube. Ich forderte Wein fur uns; vom besten, sagte er, im Vorubergehen gab ihm das Madchen einen Handschlag. Und denk Dir, er hat die Wette gewonnen! Und mir hat sie nie einen Kuss gegeben, so sehr ich auch drum bat, ich vergesse diesen Mann nie, wie er beide Ellenbogen aufgestutzt, die Hande uber die offne Weinkanne gefaltet hielt, dann und wann einen Zug draus schlurfte, ohne sich aus der Position zu rucken, mit seltsamen Trinkspruchen jeden Trunk wurzte; das gefiel ihr, er sah ihr tief unter die Augen, goss die Kanne in einem Glucks hinunter, und das gefiel ihr auch. Und kurz, sie gab ihm unaufgefordert den Kuss. In ihren Zugen spiegelte sich eine wunderbare Schonheit, ihre Lippen zuckten und ihre Augen glanzten ihn so freundlich an, als fliesse ihre Seele uber in Grossmut, einen unschatzbaren Schatz geben zu konnen. Der Mann, der nicht einmal aufgestanden war, sondern sitzend den hinabgereichten Kuss von der schlanken Walpurgis ihren Lippen nahm, hielt sie noch eine Weile so im Arm. Kein Furst konnte freudig kuhner sein Anlitz uber die Menge erheben.
Alle Gaste waren still geworden; denn alle sind in das Madchen verliebt; er genoss noch einen Augenblick seinen Triumph, dann stand er auf und bot gute Nacht. Die Walpurgis stand an der Gartenhecke und grusste, indem wir vorubergingen; und das ist's, was mir am meisten ins Herz schnitt. Ach, es ist wahrlich alleins, ob man bettelt oder gut lebt, wem das Herz freundlich ist zu geben und seine Liebe widerwillig zu empfangen, der allein ist reich. Wo ist Reichtum? Auf Erden nicht! Gold ist Sonnenschein, und Rubin ist Abendrot, aber Liebe ist alles. Aber die Erde ist nicht alles, denn es ist wenig Liebe in ihr; sie ist in der Liebe! Es tut mir leid, dass Du das alles nicht auch sahst, Du wurdest schoner davon sprechen, und schon sprechen soll man, damit das Schone immer lebendiger wird und mehr. Denn die Liebe hat nimmer des Schonen genug. Savigny hat alles auch mit mir gesehen, ich dachte, hier, wo seine Studiermaschine nicht fortwahrend im Gange ist, werde endlich einmal sein Inneres zu Wort kommen; doch stumm wie immer marschiert er neben mir die Natur auf und ab, und das verdirbt mir alles Geniessen. Morgens kommt der Barbier aus dem Dorf, der sein Antlitz ziemlich barsch behandelt, um ihm den Bart abzunehmen, er lasst's geschehen; wenn Walpurgis zufallig hereinkommt, stelle ich mich vor ihn, weil ich mich schame, dass dies schone Madchen sieht, wie er den Barbier damit umgehen lasst, und dann! Wie geht er mit mir um? Viel arger wie der Barbier. Er belachelt meine Reden, er belachelt meine Gedichte, er belachelt auch meine Verliebtheiten, und kurz sein Wesen wird mir eben nicht klar, und wenn ich daruber klage, so meint er, alles sei ja unendlich klar. Etwas ist's, was mir ihn unverdaulich macht; vielleicht ist die Schuld mein, trotz meinem besten Willen.
Walpurgis hat einige Zuge von Dir, und die ziehen mich vielleicht am meisten an, die ubrigen, die Du nicht hast, hast Du in der Seele und sie im Gesicht. Ich denke immer an Deine Seele bei diesen Zugen und sage dem Madchen schone Sachen, wenn ich an Dich schreibe, und rede Dich an, wenn ich ihr Schones vorsage.
Werde nicht bos, ich will ein bisschen hinuntergehen, vielleicht sehe ich sie, aber sie weicht mir aus, sie weiss nicht mit mir zu sprechen, so Du nicht.
Ach, weisst Du, was sie eben mir sagte, als ich fragte, warum sie den Bettelmann gekusst habe? er gefalle ihr und ob ich ihr denn gar nicht gefalle? sie sagte nichts darauf. Aber wenn sie mir auch einen Kuss gabe, so wurde ich auf alle andre eifersuchtig werden, und dann wurde das ein gross Gezank geben im Wirtshaus, und das wolle sie aber nicht haben. Mit wem sollte ich in Zank geraten, es ist ja niemand im Wirtshaus wie Savigny und ich, und der ist ja gar kein Kenner von deiner Schonheit; ich plaudre dir auf der Gitarre so schone Abendlieder vor, ich erzahle dir so hubsche Geschichten, ich bin fruher auf als du und guck dir zu, wenn du in den Hof herunterkommst, das ruhrt dich nicht? Sie sagt selbst: Gar nicht! Du bist nicht so, mein einzig Kind, mein Schutzengel, was ich Dir zulieb tue, das tust Du gern und verdienst Dir einen Dank ab, wenn es auch noch so gering ist. Wenn ich nun auch herumschweife und mich in Liebeshandel einlasse, wenn ich's tue, so ist's doch immer, weil ich weiss, dass ich meine Heimat habe in Dir.
Ich hab dem Savigny gesagt, er soll ein bisschen hier dran schreiben, aber der arme Mensch ist froh, dass er lesen kann.
Es ist wieder Abend, er hullt die Welt in wild zerstreute Farben, der Umriss meiner Tage spricht mich dagegen so farbenlos an, wie wenn ein Geist mich anredete. Die Natur kommt uns armen unnaturlichen Menschen so oft ubernaturlich vor. Walpurgis hing heut an meinem Arme, ihr Anblick, die ganze Reihe von Bergen umher, deren Haupter unsre Nachbarn waren, erfullte mich wie ein Traum. Die Taler waren versunken im Nebel, und ein so lebhafter Spiegel aller Dinge in meiner Brust, fur die ich keine Stelle mehr sah, um sie mir zu bewahren. Alles dies, was ich Dir hier deutlich hinschreibe, war Verwirrung in mir, und ich sah traumend in den Wald hinein, wahrend ich mit vollem Bewusstsein eine der reinsten und entsprechendsten Umgebungen meines Lebens hatte geniessen sollen, hatte sie Herz oder Sinn fur mich gehabt. Dort sah ich ein Licht, was im Grunde des Holzes wankte, und erinnerte mich der behaglichen Gefuhle, die uns beiden so oft die erleuchteten Hutten gaben, wenn Du mit mir am Abend durch die Dorfer gingst. Die Ruhe nach der Ermudung; und wir sahen da die Kinder rund um den Ofen, die Spinnrader und die Lampe nach der Reihe einschlafen.
Ach, es ist sehr traurig, wie ungeschickt einen das macht, was man im Leben die Konvenienz nennt, vielleicht hatte sie meine Empfindungen ganz auf die verkehrte Seite verstanden. Eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit und geschraubte Konsequenz, die, sobald wir in die Natur treten, zu hochst verderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit fuhren. Mit meiner Ruckkehr zu mir selber versammelten sich nach und nach allerlei heterogene Empfindungen, und ich fand mich endlich in einer so wunderlichen Gemutslage, wie wenn ein Weltmann einen franzosischen Pas und einen munteren naturlichen Sprung in der Mitte vereinigen musste.
Die Wolken drangten sich wie wilde Heere,
Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
Der Sonne Strahlen schienen blut'ge Speere,
Es rollet leiser Donner in der Weite,
Noch unentschieden schwankt des Kampfes Ehre;
Von Tag zur Nacht neigt sich's zu jeder Seite.
Bald sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
Es druckt die Nacht den schwarzen Schild
hernieder,
Doch, teilst du froh mit mir, was du gegeben,
Durch die allein von Schmerzen ich genas,
Dann wirst du auch mich uber alles heben,
Was ich, in deine Seele blickend, gern vergass;
Und kannst du mir auf diesen Hohen trauen,
So werd ich bald das Hochste uberschauen.
Bald werd ich die Garten der Armide fliehen, bald bin ich bei Dir.
Clemens
An Clemens
Liebster Clemens, ich hab was von meinen Klosterarbeiten hervorgesucht, ein Strausschen von Seide gewickelt, die alte Laienschwester Monika, wie die das Strausschen mir wickeln lehrte, kam es mir so allerliebst vor, und nun seh ich, dass es doch nur ein allerliebstes Nichtschen ist, aber vielleicht macht's der Walpurgis Spass. Die Monika hatte einen Bierkrug auf ihrem Tisch stehen, von dem erzahlte sie mir damals, als wir die seidnen Blumen wickelten, der Geist ihres verstorbenen Vetters sei gekommen und habe den Deckel vom Krug aufgemacht und aus dem Krug getrunken, um ihr anzuzeigen, dass er tot sei. Ist es denn nur bei solchen Gelegenheiten, dass sich ein Geist auf die Beine macht? Ich frage, weil, ach weil ich in Gedanken so sehr, so ganz wahr und wirklich bei Dir bin, weil ich Deine Gitarre hore im Geist und Deine Stimme ihre feurigen Lieder dazu dichten. Clemens, Du bist so gut und so schon, wenn Du singst, bist Du so besonders liebend noch dazu, und mir der Liebste, der Trefflichste, nicht aller Menschen, denn Menschen kenne ich, glaub ich, gar nicht, mir sind sie nicht aufgestossen, das lieblichste Du selbst bist Du mir, die andern sind mir kein Selbst, sie sind zusammengeliehene, durch Umstande und Eigenheiten, die ich besser noch Verkehrtheiten nenne, entstandne Unselbstheiten. Eine grune Wiese mit tausend goldnen Blumen, die all auf ihren feinen Stielen im Abendschein wanken, und ein Clemens, der uber die grune Wiese so stolz am Ufer vom stolzen Rhein hingeht und fahrt so rasch uber die Saiten und singt so feurig und weich seine Liebe. Ich mochte ihr Hohn sprechen, dass sie Dich nicht kusst, lieber als huben den Bettelmann, der uber Dich lacht, und druben den Savigny, der uber Dich lachelt, und der sich so offenherzig rasieren lasst. Clemente, die ungeheuren Stricke, mit denen Du gebunden Dich wahnst, sind nur Spinnweb. Und Du furchtest, dass wenn Du einen Ruck tust, so reisst das ganze liebesgewebte Netz, Du willst's aber gar nicht zerreissen. Gab sie Dir einen solchen Rheingauer Schmatz, so fiel die Lieb Dir nicht mit der Tur ins Haus. Was solltest Du damit, Du fuhlst es selbst. Der Savigny mag sie meinetwegen schon gekusst haben, im Weingarten oder am Brunnen oder sonstwo, er kommt herbei, man sieht's ihm nicht an, er macht einen ganz trocknen Mund. Du aber, Clemente, wurdest mit allen Sternen Dich daruber besprechen und Echo wurde es Dir abluchsen, um es durchs ganze Donnergebirg zu widerhallen, und Du selbst wurdest schwanken wie ein Trunkner, des sussesten Weines voll. Und Walpurgis hat recht, dass es wurde Streit setzen im Wirtshaus. Denn das Wirtshaus wurde alles entgelten mussen, und wenn das Dachfenster nachts im Winde klapperte, so war's ein Eingriff in Deine Traume, grade da, wo Du vielleicht gewunscht hattest, das Dachfenster hatte Dich um alles nicht geweckt, und war die Walpurgis zutunlich mit dem Pommer oder mit dem Spitz, so wurdest Du ihr vorwerfen, dass sie freundlicher mit den Hofhunden sei wie mit Dir, und wurdest dabei ungerecht sein, denn ein Hundchen, das man hat aufgefuttert, und das einem so absichtslos treu ist, das kann einem wohl naher am Herzen liegen als ein durchreisender Liebhaber. Und sei doch ein kaltblutiger Dichter, der gern eine Rolle ubernimmt in dem eignen Lustspiel, was er dichtet. Du und der gelehrte Jurist, der so ernsthaft jung ist, und der Bettelmann, der so lustig alt ist, und das Madchen, das nach den Apfeln und Birnen sieht, ob sie heuer reifen, und dabei den Liebhabern zublinzelt, nun wurde ich, wenn ich der Dichter war, das Stuck oder auch den Akt so enden, dass ich den kraftigen Bettelmann und den schmachtigen Gelehrten dem zuruckgesetzten Studenten recht ubermutig gegenuberstellte, der sich eben auf seinen Philistergaul schwingt, weil die Ferien aus sind und die beiden Nebenbuhler spottend von ihm Abschied nehmen; allein wie er eben auf dem tragen Klepper den kotigen Dorfweg nehmen will, siehe da, gleichwie im Homer die alte Bettlerin am Wege sitzend ihre Kleider von sich abwirft, um plotzlich als blendende Gottin Minerva in die Wolken zu steigen, wirft dieser Schimmel auch plotzlich die alte Stalldecke ab und schuttelt seine blendende Flugelmahne und steigt in die Wolken so hoch mit meinem Clemens, und der wirft Kranze herab von seiner himmelansteigenden Bahn und schenkt den beiden Nebenbuhlern, was sie ohne ihn nicht fassen konnten, namlich, dass es lebende schwebende Natur ist, ihr himmlischer Sinnenreiz der zu Fussen der schonen Rheingauerin sich entfaltet und mit reinem Lebensodem sie anhaucht im jungen Grun in der tausendfaltigen Blumenflur, im klaren Rhein sich spiegelt und wie Tau von der Sonne wird gekusst, und dann, lieber Clemens, lebst Du ja nicht Deine eigensuchtige kleine Liebschaft, nein, den ganzen liebenden Fruhling von 1804, und traufelst ihn herab von den funf Saiten Deiner Leier und betaubst Deine Nebenbuhler, dass sie schlummern und Wunder traumen von Seligkeit, die Du ihnen zumessest.
Das war nun das Ende von dem Melodrama, das hab ich mir erdacht am Pfingsttag in der Liebfraukirch, wo vom Heiligen Geist gepredigt wurde, wie es mich furchterlich langweilte, und ich konnte meine Fusse nicht ruhig halten vor Ungeduld, ich musste immer einen uber den andern stellen, und in Gedanken war ich am Rhein bei Dir und bei dem Bettelmann, der gar nicht unfreundlich gegen mich war, denn wenn Du meinst, dass ich manche Zuge ahnlich mit der Walpurgis ihrem Gesicht habe, so fuhl ich, dass ich wieder sehr viel Ahnlichkeit hab mit ihrem Naturell, und ich glaube, der Bettelmann hatte auch bei mir den Sieg davongetragen, wenn nicht! Ja, wie soll ich Dir's beschreiben? namlich, als ich eben von meiner Vision im Rheingau zuruck in meiner Kirchenbank ankam, da war der Kaplan noch immer dran, als Pfingsttaube aus seinem Kropfchen die Gemeine mit dem Heiligen Geist zu futtern. Der Bettelmann also hatte auch bei mir den Sieg davongetragen, wenn meine Vision nicht plotzlich mir den lieben Bruder Clemens daherzauberte, wie der plotzlich statt der Taube im feurigen Galopp aus dem Schalloch herabgeflogen kam mitten in die Kirche! Der Prediger auf der Kanzel erstarrt, die Gemeine in ihrem Gesang verstummt, der herrliche Clemens aber auf seinem Pegasus karakoliert gleich einem englischen Reiter und macht wunderschone Kunste auf seinem Wolkenstampfer; und auf dem Gewolk, was seinem herrlich melodischen Ritt zum Tanzboden dient, schweben wunderschone Rosenkranze von einer Wolkenstufe zur andern und bluhen und duften immer schoner, und die Menschen haben das Beten vergessen, alle fangen sie die Rosen auf, und das war Dir ein Getummel in der Kirche und ein Jauchzen uber die aufgefangnen Kranze! Ach, ich konnte Dir noch mehr erzahlen, wenn's nicht zu lang dauerte fur ein Rosenfest, dessen hochster Reiz ist, dass er bald verbluht. Die Kirche war aus, eh ich's dachte, die Leute tummelten sich zur Kirchtur hinaus. Die Backer liefen mit weissgepuderten Kuchen, es war so heisser Sonnenschein. Den zweiten Pfingsttag ganz fruh war ich mit dem Dominicus und Anton auf der Pfingstweide, da wurde unter den grossen Linden ein grosser Kranz gemacht fur den Pfingstochsen, die Kinder gingen bei den Gartnern herum und bettelten Blumen dazu, sie hatten die Blumen alle zusammengebundelt und so mancher den Stiel abgeschnurt, dass ihr der Kopf abfiel, wie ich aber am Kranz flechten half, da ward er viel schoner, um acht Uhr war der Kranz fertig und der Brummelochs ward mit angetan, am Nachmittag waren wir vor Bethmanns Garten auf einem Floss, das schwamm mit uns ein Stuckchen den Main hinunter, es war auch schon auf dem Main, und wie wird's doch den Tag Dir gewesen sein, Du bist wohl einsam da herumgewandert, ich weiss, am Feiertag ist's oft gar zu wehmutig, je schoner die Natur ist, je schauriger belagern einen die langen Schatten des vergehenden Tages, und die Menschen sind auch alle wie Schemen; sie flirren umher, man sieht kaum sie an, und kein Nachgedanke uber sie kommt uns in den Kopf, ach und dann, wenn man vom Spaziergang nach Haus uber die Schwelle tritt, da legt man den Blumenstrauss hin, den man gepfluckt hatte, er sollte so schon im Glase bluhen, er muss welken auf dem Tisch, denn die Seele ist gar zu mude. So wird Dir's gewesen sein, Clemens. Aber wenn nun die Sterne aufgehen und winken, sie hatten was mit Dir zu flustern, dann vergisst Du der stummen Schatten, die neben Dir hergingen, das helle Sternenlicht ist allein Dir geltend, so war's gewiss vorgestern abend; denn ich hab Dich sehen heimgehen uber die Wiesen und hab als in mir verborgen mit Dir geredet und Dich bei der Hand genommen, und es war gewiss eine Stunde, dass ich bloss mit Dir geredet habe in mir, und als ich schlafen ging, da war's, als habe ich recht was Angenehmes erlebt mit Dir.
Das ist meine Pfingsttagsgeschichte in Frankfurt, ich bin jetzt wieder hier in Offenbach, wo ich tausend Federnelkchen aufgeplatzt fand, und der Abendwind jagt sich mit ihrem Duft.
Adieu, Clemens, die Federnelkchen werden auch bald alle geplatzt sein. Dann kommst Du zuruck.
Bettine
An Bettine
Ich sollte schon bei Dir sein, liebe Bettine, ich hatte mir gelobt, dass ich nicht wolle nach den Pfingsttagen hier verweilen, und war auch schon in Mainz, und jetzt bin ich doch wieder auf dem alten Fleck, Savigny ist allein zuruck, ich will ja nur noch ein Weilchen mich sammlen und so manches Lied, was ich der Gegend und der geschaftigen Natur in ihr abgelauscht habe, noch einmal durchgehen, damit es Dir rechte Freude machen soll.
O kuhler Wald,
Wo rauschest du,
In dem mein Liebchen geht,
O Widerhall,
Wo lauschest du,
Der gern mein Lied versteht.
O Widerhall
O sangst du ihr
Die sussen Traume vor,
Die Lieder all,
O bring sie ihr,
Die ich so fruh verlor.
Im Herzen tief,
Da rauscht der Wald,
In dem mein Liebchen geht,
In Schmerzen schlief
Der Widerhall,
Die Lieder sind verweht.
Im Walde bin
Ich so allein,
O Liebchen wandre hier,
Verschallet auch
Manch Lied so rein,
Ich singe andre dir.
Ja, liebe Bettine, da hast Du wieder einmal durch die Ferne herubergesehen recht scharf, grad wie Du mir schreibst, so war mein zweiter Pfingstabend. Sie war fortgefahren, sehr schon geputzt, uber Land mit der ganzen Familie, ich und der Hausknecht waren allein zuruckgeblieben; ich sagte dem Hausknecht, er solle nur auch ein wenig zu seinen Bekannten gehen, wenn Gaste kommen, so wolle ich ihn rufen, so war ich den ganzen Vormittag allein, so still wie es im Weingarten war, man konnte horen das Gras wachsen. Da kam mancher Wagen vorbeigefahren mit lustigen Leuten, und wenn ihr Raderlauf in der Ferne sich verlor, da fingen die Glocken aus den Ortschaften rundum an zu lauten, so ist mir der Morgen vergangen von fruh vier Uhr, wo die Walpurgis abgefahren war, bis um elf Uhr, wo sie wieder heimkehrte. Da kamen so viel Gaste von Bingen heruber, und so viele schifften hinuber nach Bingen, dass der Rhein ein gross Spektakelstuck gab von Jauchzen und Musik auf den Schiffen, die sich bombardierten mit Trompetenstossen und allerlei verschiedner Tanzmusik und Lieder, die sich einer uber den andern hinaus wollten vernehmen lassen, ich habe auch mit Link, der von Frankfurt gekommen war, den Savigny bis Mainz begleitet. Link ist dort zu einer Frau gegangen, von der er mir Wunderdinge erzahlt, sie ist eine Franzosin aus der Vendee, war in Jena bis jetzt, hat dort mit den grossten Gelehrten eine Zeitlang zugebracht, allerlei wissenschaftliche Experimente gemacht. Sie sei, sagt Link, eine Heldin, eine ganz unerschrockne Seele, die in der Terroristenzeit durch ihre Kuhnheit Unendliches gewirkt hat, und namentlich in der Vendee, sie soll so schon sein, so vollkommen wohlgebildet wie ein Weib aus den Nibelungen, sie reitet das wildeste Pferd. Ich stand vor ihrer Tur mit Link, er ging zu ihr mit einem Empfehlungsbrief aus Weimar, ich kehrte um mit dem Marktschiff, in Rudesheim bin ich erst mit Sonnenuntergang zuruckgekommen, alle Wirtshauser tobten ganz ausgelassen; da hab ich in meinem Giebelstubchen uber das Gelarm hinaus mich recht einsamlich in alles, was das Leben mir bietet, hineingedacht, nur Deiner hoffe ich gewiss zu sein, dass auf allen meinen Irrwegen, wo vielleicht keiner mir begegnen mag, Du aber mir nachgehen wirst, und wenn ich mich verlassen wahne, ich dennoch die edelste Wohnung besitze, in Deinem Herzen namlich. So war mein Abend beschlossen; getanzt und gejubelt unter mir, ich horte das Lachen und dann leise klopfen an meiner Tur, als ich aufmachte, fand ich einen Krug mit Maitrank rheinischer Hippokras auf der Schwelle und ein Stuck Festkuchen; warst Du hier, so wurde ich geglaubt haben, Du hattest es mir vor die Tur gestellt. Aber wer soll's nun gewesen sein? Es war ja die Walpurg, ich horte sie am End vom Gang laufen.
Du schreibst mir in Deinem Brief, dass Du selbst eine gewisse Hinneigung zum Bettelmann empfindest.
Wenn ich ein Bettelmann war,
Kam ich zu dir,
Sah dich gar bittend an,
Was gabst du mir?
Der Pfennig hilft mir nicht,
Nimm ihn zuruck,
Goldner als golden glanzt
Allen dein Blick;
Und was du allen gibst,
Gebe nicht mir,
Nur was mein Aug begehrt,
Will ich von dir.
Bettler, wie helf ich dir?
Sprachst du nur so,
Dann war im Herzen ich
Glucklich und froh.
Laufst auf dein Kammerlein,
Holst ein Paar Schuh,
Die sind mir viel zu klein,
Sieh einmal zu.
Sieh nur, wie klein sie sind,
Drucken mich sehr,
Jungfrau, suss lachelst du,
O gib mir mehr.
An Bettine
Mainz
Liebe Schwester, Du wirst mir's verzeihen, dass ich nicht Abschied von Dir nehme, aber ich gebe Dir nicht etwas, ich bin Dir gegeben. Du weisst nicht, wie glucklich ich bin, dass ich Dir dies durch die liebenswurdigste Frau sagen kann, die durch ihr Geschick schon uber den gewohnlichen Kreis der Menschen hinausragt, noch mehr aber durch ihre Selbstandigkeit, durch den festen ernsten Willen, mit dem sie dies Geschick bekampfte und heldenmassig ertrug, indem sie ruhig und allein zwischen den Schrecken der Blutgerichte hindurchwandelte. Mit solchen Naturen sich beruhren zu durfen, ist eine Auszeichnung fur den, dessen Seele und Geist vielleicht darauf angewiesen ist, durch solche Naturen sich selbst zu bilden und durch sie zum Erhabenen gelenkt zu werden. Wie sehr ich fur Dich immer Sorge trage, das Edle und Schone, was ich auffinde, was mir seine Macht fuhlen lasset, mit Dir zu teilen, davon mag Dir hierin der Beweis gegeben sein, dass ich ihr, die ein so grosses Herz hat, die mit diesem Herzen ausreichte, wo so viele verzagt sein wurden, auch Dich und meine Liebe zu Dir empfohlen habe. Ja, ich hab ihr alles mitgeteilt, dass ich den mochte, um Dir eine wurdige Zukunft zu bereiten. Sie hat mir in diesen Stunden, so einfach, als sei es nur ganz gewohnlich, von sich erzahlt. Durch die Vendee ist sie oft auf wilden Pferden, die kaum den geubten Reiter trugen, auf Kreuz- und Querwegen geritten, um mit den grossen Helden dort sich zu treffen, denen sie oft auf nachtlichen gefahrvollen Wegen voraneilte, manchen jener armen Landleute (Chouans) hat sie gerettet mit Gefahr ihres Lebens, ihre ganze Familie aber hat die Guillotine gefressen. Nur sie, geleitet durch ihren guten Stern, der ja auch von ihrer Stirne glanzt, ist glucklich nach Deutschland gekommen. In Jena hat sie eine geraume Zeit geweilt und war in einer wissenschaftlichen Verbindung mit meinem Freund, dem grossen Physiker Ritter, von dem Goethe sagt: "Wir alle sind nur Knappen gegen ihn." Durch einen Brief von ihm hab ich sie hier in Mainz getroffen, wo ich seit gestern bin und von hier nach Jena zuruckgehe. Was kann ich Dir je sagen, was an dieses Weib heranreicht, da ich nie einen bessern Gedanken hatte, als sie zu begreifen. Du sollst sie lieben wie mich und mehr wie mich. Du sollst ihr vertrauen und sie mit allen Deinen Armen umschlingen, mit Wurzeln und Gezweig, denn sie ist Himmel und Erde, sie ist ein Weib, an dem die Vortrefflichkeit und Barbarei du jour (das heisst, wie es heutzutage hergeht) gescheitert ist, sie allein kann Deine Ideen uber Revolution und Volksgluck aufklaren, oh sie kann Unendliches fur Dich, sie ist ein Geschopf aus Gotteshand, ein gewohnliches Weib wie Eva und wie sie aus dem Herzen jedes Mannes heraussteigen soll. Wundre Dich nicht, dass ich so uber sie disponiere, da ich sie nur eine Stunde gesprochen habe, aber das organisch Vortreffliche spricht sich in der Sekunde aus, und verhullst Du die Venus in die dichtesten Schleier, und der unschuldige Mensch merkt nur die Bewegung ihres Atems, so wird er mit seiner Seele dafur haften, dass dieser Mantel die Schonheit und die Liebe verberge. Schenk ihr die Geheimnisse Deiner Seele, alle Deine Phantasien ergiesse ihr, sie muss sie aufnehmen und wurdigen und muss Dich beglucken, denn es ist in ihrem Wesen wie das Empfangen des Weines im Kelch. Sprich von allem dem gegen niemand. Es ist ein gluckversprechender Lebensmoment fur Dich, denn der grossen Seelen sind nur wenige, sich aber mit ihnen in so voller Unschuld geistig zu beruhren, ist auch nur wenigen geworden.
Schreibe mir bei Friedrich Schlegel in Jena.
Dein Clemens
Liebe Bettine!
Madame de Gachet bringt Dir einen offnen Brief von mir, ich habe aber manches wahrenddem gedacht. Herzlich offenbaren kannst Du Dich ihr, denn sie versteht Dich, und der gute Mensch hat keine Geheimnisse, auch sollst Du sie lieben wie den geistreichen Menschen, doch nur ihren Geist und Herz, die Narben aber, die ihr Erfahrung und Geschick geschlagen, das mannliche Wilde ihres Seins und Verstandes sollst Du ubersehen, uberhaupt Dich ihr nicht hingeben; mein bleiben und Gott. Unschuldig sein neben ihr, von ihr lernen ohne Absicht, denn die Absicht uberhaupt ist's, die solche Narben zurucklasst. Ich traue Dir unendlich viel zu, wenn ich Dich denke mit ihr umgehend, ohne von ihr hingerissen zu werden; Dich immer selbst besitzend und doch ganz aufrichtig, denke immer an mich dabei, hute Dich, wenn Du sie verehrst, dass nicht Dein eigener Genius den obersten Platz verliere.
Schreibe mir nach Jena bei Friedrich Schlegel, aber bald, in einigen Wochen bin ich in Marburg.
Liebe Bettine!
Und immer noch von dieser de Gachet, aber Gott weiss, es jagt mich wieder aus dem Bette heraus, ich muss Dir noch einmal von ihr sprechen, denn es kann bei ihr viel zu gewinnen und zu verlieren sein, und ich konnte keine Minute ruhen, wenn ich nicht wusste, dass Du sicher warst. Ich weiss von dieser Frau nichts, als dass sie mit einem der geistreichsten Menschen, einem Freunde von mir, genau verbunden ist, dass sie jetzt die einzige Franzosin ist, die auf der Hohe der deutschen Wissenschaft steht, das ist ungeheuer viel, aber um dies zu erringen, was hat sie vielleicht erfahren mussen, und wieviel zarten Sinn haben ihr diese widerspenstigen Wissenschaften wie kostbaren Hausrat erst zerschlagen, eh sie sich besiegt gaben. Sie ist voll Enthusiasmus, und es ist ihr in allem Ernst auf Leben und Tod, auch hat sie die Mittel dazu, Du wirst Dir leicht denken konnen, der Mensch sei ein Turm, der in der Erde wurzle und in den Himmel rage, und in dessen Mitte eigentlich das schone liebe Menschenleben zwischen Himmel und Erde ist, viele Menschen steigen in die Tiefe und kehren nicht zuruck und vergessen der Mitte, die allein lebendig ist, viele steigen in den Himmel und vergessen diese Mitte, in der doch Himmel und Erde sich umarmen, und diese sind zwar grosse Menschen, aber nach meiner Ansicht werden sie doch nur als Mittel von Gott gebraucht, er belohnt sie mit berauschendem Stolze fur ihre Muhe mit den Wissenschaften und lehrt sie die schone Mitte verachten, um sie zu verfuhren nicht zuruckzukehren. Ich bitte Dich, bleibe in dieser Mitte und steige nur in die Hohe, um zu beten, sonst wird das Gebet ein Handwerk. Da ich der de Gachet von Dir erzahlte, war es ihr sogleich so ernst mit Dir, dass sie vielleicht gar nach Offenbach ziehen wollte, wenn Du ihr gefielst, um mit Dir umzugehen, es ware schon, wenn Du etwas Chemie von ihr lernen konntest und durch ihre herrlichen Gedanken Deinen Geist erweitern, uberhaupt durch sie einen Begriff von vielem erhalten, doch bitte ich Dich recht herzlich, es nur zu tun, wenn es der Zufall erlauben sollte. Ich bereue es sehr, und es ist eine Ubereilung, dass ich ihr den Brief an Dich gab, ich kenne sie doch zu wenig dazu, doch hoffte ich, Du wirst beide morgen schon haben und eher als ihren und darum durch jenen heftigen nicht verwundert werden, den sie Dir bringt, Du kannst alles, was drinne steht, solltest Du sie naher kennenlernen, an ihr erproben, ob es so ist, das meiste ist vermutlich so, aber ich will nur nicht, dass Du sie gar fur unsern Herrgott haltst, ich habe es unstreitig zu arg gemacht, daher meine liebe Schwester, werfe Dich ihr weder zu Fussen, noch um den Hals, sondern estimiere sie und profitiere von ihr, ich will, Du sollst mir sogleich umstandlich schreiben, wenn Du sie zum erstenmal sahst, wie's dabei herging, alles, was an ihr wissenschaftlich ist, mag vortrefflich sein, aber ihre Grundsatze, da glaube ich, brauchen wir zwei keine andre als unsre. Lieb gut Kind, ich habe Dir da eine rechte Seelenschererei mit meinem hitzigen guten Willen gemacht, so geht es, wenn der Bruder ein Poet ist. Du sollst Deine Singstunde immer in Gegenwart eines dritten oder der Tante nehmen, denn Koch ist doch etwas gemein, setze alle Deine Arbeiten fleissig fort, und behalte mich lieb. Du kannst die de Gachet etwa fragen, was Du wohl lesen sollest, aber schreibe mir alles, was sie zu Dir sagt und Du zu ihr, soviel als moglich. Adies Adies die grossen dummen breiten Ausdrucke in meinem Briefe, den die de Gachet bringt, kommen mir jetzt so komisch vor, ich glaube und schame mich druber, ich wollte ihr damit schmeicheln, sehe selbst zu, wie sie Dir gefallt.
Clemens
Adresse Jena bei Friedr. Schlegel, schreibe bald.
An Clemens
Geliebter Clemens! Was ist doch alles widerfahren in diesen wenigen Tagen, die Du der Bettine nennst! Ein Sudwind auf brennenden Sohlen, in einer Wirbelwolke von Staub, wehte mir ins Gesicht. Von einem Tag zum andern hat die Welt hier in Offenbach einen Purzelbaum geschlagen. Denn erstens las ich im grunen Zimmer auf der Fensterbank vor dem Herzog von Aremberg uber die Volksmajestat ein franzosisches Aktenstuck, woruber ich Unendliches hatte den Herzog zu fragen gehabt, der schlief aber, ich wollte nur allmahlich aufhoren zu lesen, damit er nicht wach werde, ich fing schon an ganz stille zu werden, ich hatte ausprobiert, dass er fest schlief. Siehe, da kam im Sturm dahergebraust ein Kabriolet wie ein abgeschossner Pfeil vor die Haustur, herabspringt der Wagenlenker, ein jugendlich voller schoner Mannjungling mit klirrenden Sporen, zwei Reiter, die ihn begleiten, treten mit ihm ein, ich war, ich weiss nicht wie, nicht warum, von Schrecken durchgriffen, dass ich vergass zu reden, und besann mich nicht, die Grossmama zu rufen, die im Garten war. Der Herzog fragte, wer da sei, ich deutete den Fremden an, er sei blind, und sagte: "C'est un jeune cavalier, Monseigneur, avec deux messieurs." "Au contraire c'est une femme," sagte der Jungling und naherte sich. Der Herzog wusste gleich, wer sie war, denn er ergriff ihre Hand und ausserte ein sehr warmes Interesse. Ich lief in den Garten, die Grossmama zu holen. Die sagte gleich von Madame de Gachet einer Prinzess aus der Vendee, und bis wir ins Haus eintraten, schwindelte ihr der Kopf vor Begeistrung. Ich besann mich unterdessen und wollte gern unbefangner Zuschauer sein. Hinter der Tur vor der Grossmama ihrem Schreibzimmer blieb ich stehen, wo ich einstens schon Herder, Boonstedten, Friderike Brunn, die Krudner und andere narrische Erscheinungen beruhmter Leute angestaunt hatte. Es war ein Verbeugen und Neigen der beiden Frauen und ein Beteuern, und ich hatte gern alles behalten, um Dir's zu erzahlen, es war ein zu gross Geschwirr von lauten Stimmen; ich konnte nur den Herzog verstehen, der zu ihr sagte: "Vous etes la plus respectable des ennemies de la France", sie nannte die assemblee nationale, 'le depot de la confience de tout un peuple', und redete, als ob sie die Welt erneuere. "Le peuple n'est plus livre aux intrigues de cour ni aux incertitudes ministerielles", und meinte, damit sei ihr ganzes tragisches Schicksal ausgewetzt, und dann sprachen sie uber Krieg zu Wasser und zu Land, von Vaisseaux de guerre und Kavallerie und Infanterie, und sie redete davon, als war sie bei allen Schlachten mitgewesen.
Liebster Clemens, wenn Du mir freundlich bist, dann bin ich, wo nicht ruhig, doch zufrieden. Ruhig sein heisst bei mir die Hand in den Schoss legen und sich auf den Kindchesbrei freuen, den wir heut abend essen. Ruhig sein kann ich nicht, ich freu mich auf alles, was grade das Ruhigsein ausschliesst, ich muss jauchzen vor Vergnugen uber ein unbestimmtes Etwas. Was mag es sein? Das macht mich auch wieder unruhig, ich nehme drei Treppen unter die Fusse bis zum Dachgiebel hinauf, ich guck zum Gaubloch hinaus, was doch herkommen mag, worauf ich so sehr mich freue, und weiss doch nicht was, und ich sah doch auch gar nichts, soweit der Blick tragt; aber nichts! Aber meine Seele ist eine leidenschaftliche Tanzerin, sie springt herum nach einer innern Tanzmusik, die nur ich hore und die andern nicht. Alle schreien, ich soll ruhig werden, und Du auch, aber vor Tanzlust hort meine Seele nicht auf Euch, und wenn der Tanz aus war, dann war's aus mit mir. Und was hab ich denn von allen, die sich witzig genug meinen, mich zu lenken und zu zugeln? Sie reden von Dingen, die meine Seele nicht achtet, sie reden in den Wind. Das gelob ich vor Dir, dass ich nicht mich will zuglen lassen, ich will auf das Etwas vertrauen, was so jubelt in mir, denn am End ist's nichts anders als das Gefuhl der Eigenmacht, man nennt das eine schlechte Seite, die Eigenmacht. Es ist ja aber auch Eigenmacht, dass man lebt! Wir haben in dem Kloster ein Gebet gehabt, dass uns Gott hat das Leben neu geschenkt jeden Morgen. Ich hab's nicht geachtet, jetzt mache ich eine andre Betrachtung daruber, dass wir fur unser taglich erneutes Leben dem Gott danken, das macht uns feige, dem Leben zu entsagen! Aber auch noch Schlimmeres entsteht daraus, wir schliessen die Grenze des Lebens so sehr eng ab. Wir steigen so allmahlich den Berg hinab und sagen: mein Leben geht schon abwarts, wir setzen die Nachtmutze auf, wir raumen auf und halten an eine kleinliche Ordnung, kurz wir haben in einemfort mit der Kreide zu tun, mit der wir alle zufallige Flecke unserer Seelenmontur zudecken, weil wir uns auf die himmlische Parade vorbereiten. Wenn alles so ziemlich instand ist, setzen wir uns hin und seufzen und schwitzen als noch die paar Lebenstagelchen fort, die uns der Herrgott zugemessen hat, in lauter Angst, dass die Kreide auch hafte auf den Flecken, und dass kein neuer Schmutz dazu komme, und da wird denn das Leben so ledern, dass man dem Gott den argsten Schimpf antun wurde, es als Geschenk von ihm zu achten. Es ist aber noch mehr und ein viel grosserer Irrtum dabei. Namlich die narrische Idee, dass Leben enden konne, Leben kann wohl verlassen, was nicht vermag, Leben zu fassen, aber es kann nie enden. Und kurz, ich finde diese Anstalten furs ewige Leben so, dass es Reissaus nehmen muss vor dem Tod in uns. Aber nicht wie ihr falschlich meint, dass der Tod uber einen komme wie der Dieb in der Nacht. Und wenn er kame, wer wird denn Anstalten machen fur diesen Esel, der so schlecht das Lautenspiel versteht, dass er damit schon einer schwachen Seele den Garaus macht! Nein! Wie ich Dir hier noch einmal sage, das Leben flieht die Wuste des Todes, aber dem Tod eine Macht zuschreiben uber das Leben, das ist Unsinn. Es ist aber noch ebenso dumm, irgendeine Macht anzuerkennen uber uns als nur das Leben selbst, und leg Dir's zurecht wie Du willst, ich kann's nicht weiter ausdrucken, ich kann nur sagen, was auch in der Welt fur Polizei der Seele herrscht, ich folg ihr nicht, ich sturze mich als brausender Lebensstrom in die Tiefe, wohin mich's lockt. Ich! Ich! Ich! Ich greife um mich mit meinen Fluten, ich eile in stolzen Wogen durch die Triften. Ich durchziehe euch, ihr Haiden, dort kommen die Berge, die Welt ist rund, mir ist jedes Tal die Hohe, die mir zu durchbrausen beliebt, denn eben weil die Welt rund ist.
Clemens! Ich weiss, dass Du diese Wellen des Vertrauens gerne aufnimmst, und ich weiss, dass bei Dir gut weilen ist, drum wird der Lebensstrom auch nur ganz langsam fliessen, solang er durch Deine Lebensgegenden zieht, aber uber meine Neigungen kannst Du nicht disponieren. Weiss ich doch nicht, was mich Dich lieben heisst, ich gehe Dir nach, ohne zu wissen, warum, wenn's nicht der Lebensstrom ware, der eigenmachtig durch Deine Fluren wallet und sich wohl befindet so, ja, es ist sein selbstherrschender Wille, der sich durch Deine Lebensgebiete drangt, ach und er stromt so voll, so selbstgefuhlig in diesem reinen edlen Bett, uber Perlen und Goldsand, und die Ufer so blutenreich gratulieren meinem stolzen Wogengang. Heut bin ich narrisch, Clemente! Der Frau Gachet kann ich auch nur im Voruberstromen gunstig sein, aber sie lieben wie Dich selber, liebes Flussbett, was fallt Dir ein. Der Fluss stromt nur Dir freundlich und gutwillig, gegen andre ist er rebellisch und rauh, ich will wohl mit der Gachet umgehen und ein bisschen an ihr nagen mit meinen Wellen, aber mich ihr hingeben, von ihr mich leiten lassen, was fallt Dir ein? Ich brause vor Zorn, dass einer etwas uber mich vermogen soll, was nicht ich selber bin? Nein, Clemens! Welches Menschenschicksal auch uber mich komme, das ist mir so jetzt ganz nicht von Gewicht, aber mich durchreissen, Ich selber zu bleiben, das sei meines Lebens Gewinn, und sonst gar nichts will ich von allen irdischen Glucksgutern. Gute Nacht fur heute.
Eben jetzt bekomme ich Deinen letzten Brief und bin froh, dass Du selbst bekennst, ein wenig ubereilt geschrieben zu haben. Sie hat gar nichts mit mir gesprochen und Deinen Brief mir sehr freundlich in die Hand gedruckt, sie sah mich oft ganz starr an, als wolle sie mir etwas sagen, Du kannst uberzeugt sein, dass ich mich ihr nicht zu Fussen und auch nicht um den Hals werfen werde, ich werde alles, was ich von ihrem Geist begreife und erlerne, Deinem Urteil unterwerfen, mein Leben und mein Glaube und die Lust, zu bekennen, was ich will und suche, sind ja Dein, und was meine Sprache nicht auszudrucken vermag, Du musst's finden in mir, die Dir nicht fremd ist. Unter allen frohen Stunden bleibt die mir am lebendigsten, wo Du mich zur Lust am Leben angemahnt. Ich begreif doppelt rasch, ich weiss, wo mir's herkommt, dass ich in den nachsten Lebensmoment schaue als in einen reichen Schatz, der mir wie ein Demant entgegenblitzt und mich begierig macht auf ihn. Der ungehemmte Lebensatem, von dem das volle Herz getragen wird.
Vernahme der Mensch besser, was ihm die Sterne zuwinken, so wurde er sich im Flug entfalten, und konnt ich's besser sagen, so sahest Du deutlich und klar, der Sinn kann sich nicht andern, er dient Dir so willig, um treu bleiben zu durfen, so kann er keinem andern sich zuwenden wollen, um's besser zu haben.
Adieu, lieber Clemens, Du bist mir den Abschiedskuss noch schuldig.
Deine Bettine
Wo bleibt denn nun jetzt die Walpurgis und die schonen Lieder der Liebe? Nicht wahr, jetzt bist Du nicht mehr eifersuchtig auf den Bettelmann!
Liebe Bettine!
Ich danke von ganzer Seele fur den beruhigenden Klang Deines Briefes, in dem sich Selbstgefuhl und Liebe so schon durchdringen. Ich weiss nun mehr uber die de Gachet, Du kannst mit ihr sein und kannst sie auch vermeiden, wenn sie Dir nicht zusagt, denn ein Herz, was so herrlich grunt und bluht wie Deines, bedarf keiner Seele als nur der Liebe; die hast Du von mir. Bleibe uber alles Zufallige erhaben, folge Deinem inneren Ruf, er ist zu stark in Dir, wer wollte Dich ihm entziehen? Es ware Frevel, es zu wollen, da wir alle noch nicht da sind, wo wir mit uns selbst rechten konnen, ob wir irgend etwas wollen sollen oder nicht, so wurde der rein als Natur hervortretende Instinkt ja nur in sich selbst erkranken, sollte er bezwungen werden durch Reflexion, und sein Genie, die Rettungskraft aus dem Irrtum heraus, war ihm dadurch gebrochen.
Dass die Welt den grossen Kreislauf macht durch Irrtum und leidenschaftliche Verkehrtheit, hat Dir selbst ja bei Deinem ersten Blick in die Welt eingeleuchtet, dass sie aber zu ihrer Ursprunglichkeit zuruckkehren solle in vollem Bewusstsein und mit aller Gewalt, die dieses Bewusstsein gibt, das soll in jedem einzelnen wahr werden, oder er war dieser Welt verloren. Und ausser ihr sein wollen ist Vernichtung. Nein! Jede individuelle Kraft kann nur durch und in der Allgemeinheit Wurzel fassen, kann nur in ihr sich selbst verstehen lernen; und kann nur an ihr sich erproben. Drum ist die Geschichte der Dinge das wahre Element der Geister, und darum hat diese de Gachet eine elektrische Wirkung auf die Menschen, weil ihre Eigentumlichkeit sogleich an der Geschichte sich entzundet und drin aufleuchtet, ja wenn der Mensch erst da steht (das heisst oben ansteht), dann ist sein Leben ein fortwahrendes Weltwirken. Alle kuhnen Taten grosser Menschen sind ein unwillkurliches, aber ganz naturgemasses Mitwirken der Gesamtheit, oder der Geschichte der Dinge, deren Erzeugnis ja auch der Geist ist; und Mirabeau wurde nicht so Schlag auf Schlag getan haben mit jedem Worte, ware seine Eigentumlichkeit nicht fortwahrend elektrisch eben von dieser Geschichte seiner Zeit entzundet worden. Man beurteilt zwar oft die Menschen nach einem sittlichen Wert oder Unwert, dieser ist aber im allgemeinen Weltgeschick nicht mehr zu rechnen.
Wer wird dem Mirabeau seine moralische Vergehen anrechnen? Sie sind geschleuderte Blitze seiner Sinne und seines Geistes, je nachdem sie in fortwahrender elektrischer Reibung mit der Geschichte der Dinge sich entladen. Die Revolution hat unendliche derartige Charaktere hervorgebracht, sie haben alle geleuchtet, sind scheinbar wieder verschwunden, ob sie noch wirken? Dass sie noch wirken, das weisst Du wohl am besten, da Du oft Deine hochste Begeisterung fur sie ausgesprochen hast und hierdurch die erste und tiefste Grundlage Deines Begriffes in Dir geworden ist. Ganze Generationen sind vorubergegangen, wo gar kein Weltbegriff in den Nationen hervorgetreten war, und das ganze Menschengeschlecht im Willen und im Geist am Boden verkeimte, darum war aber auch keine Geschichte, erst indem sie sich zum wirklichen Leben entzundete, regte sich diese Saat selbstwirkender Eigentumlichkeiten; und diese Gachet was auch von der Philisterzunft ihr Nachteiliges mochte nachgesagt werden, war doch von ihrem Zeitalter tief bewegt; sie zahlte mit, sie hatte ein Geschick, und dies webte sie kuhn und lebenskraftig in die grausamen uberwaltigenden Weltgeschicke mit ein. So manches Wagnis fuhrte sie oft nur aus um eines einzigen armen Bauern willen, dem sie nachts vielleicht ein Brot brachte in seinen Versteck, oder dessen Kinder und Weib sie nahrte, wahrend der Mann nicht fur sie sorgen konnte. Authentische Papiere, meinem Freund Ritter von ihr mitgeteilt, legen es dar. In einer wilden, nicht geheuren Zeit was wir unendlich menschliches Elend nennen wurden, das wurde dort nicht geachtet, nicht empfunden, es war angemessnes Tagwerk, diesem Elend der Lebensbedurfnisse zu steuern; waren sie in etwas befriedigt, so spruhte auch gleich wieder jener elektrische Funke, der die Weltgeschicke durch grosse Charaktere herausbildet und aufbaut, oder sie reinigt oder erzeugt. Wem hat diese Frau gedient in jedem Bauern, dem sie Hilfe leistete? Einem vertriebenen Konig, sie konnte das nicht anders wollen, obschon auch ihr die Not und die Berechtigung und die Wurde der Nation heilig waren. Und nachdem nun dies schauerhafte Gewitter, was den ganzen Erdenhimmel entzundete, wo kein Blitz aus den Wolken fuhr, der nicht traf, allmahlich ausgerollt und sich entladen hat, da sind alle die Ihren vom Blitz getroffen, sie bleibt allein stehen und ergreift die Wissenschaft zu ihrem Freundesstab und sucht die edelsten Geister auf in Deutschland, weil ihr der Vaterlandsboden durch unendlich schwere Jammerszenen unertraglich und auch verpont ist. Dies alles ist schon und edel, und es ist begluckend, mit solchen Menschen sich beruhren durfen! Das musste ich Dir sagen, auf Deine Verteidigung Deiner Lebenseigenmacht; sie sei Dir ganz individuell, unverletzt, so kann sie doch nur als gesamtmitwirkend Dir selber wieder zugute kommen. Das ganze Du der Menschheit muss ein Ich werden, grosse Menschen denken und fuhlen nicht anders. Und so sollst Du auch sein mit ihr, die ein Du fur Dich ist, in der schonen und edlen Seite aber dein eignes Ich sein muss. Es wird Dir vielleicht seltsam deuchten, als ob ich Dich von der einen Seite warne, auf der andern aber sie Dir im verklarten Lichte zeige, und so ist es auch. Ich will namlich nicht, dass Dein eigner Charakter, der so fest und so entschieden sich schon ausspricht, sich allenfalls einem andern, der so machtig einzuwirken vermag, sich unterwerfe, ich will aber auch nicht, dass den Handlungen, die nur der wirklich grosse Mensch begehen kann, ein schlechtes Urteil gesprochen werde. Was ich Dir ubrigens uber die de Gachet hier schrieb, ist teilweise aus dem Brief meines Freundes Ritter an mich, dieser grosse Mensch, der in seinem innern Wissen und Wirken die Zeiten uberragt, hat eigentlich hierin den Begriff von sich selber niedergelegt. Ihn musst Du auch noch kennen lernen, es kann sich Dir nichts Schoneres enthullen von Menschensinn als dies kindliche, bis ins Antike hinaufragende Gemut.
Wenn ich von der gewohnten Weise, mich mit Dir zu verstandigen, hier abgewichen bin, so ist's, weil ich die reine Menschlichkeit in Ritters Begriff in keine andre Sprache ubertragen konnte. Ich mochte Dir alles zuwenden, was mich je geruhrt und bewegt hat. Lerne, wenn Du auch nur dabei begreifst, wie man Dich nicht lehren sollte. Dein Bestreben sei, Dich so mit Deiner Vorzuglichkeit zu durchdringen, dass kein Mensch merke, wo Du es bist. Antworte mir und bleibe bei dem, was Deine Seele nahren kann. Ich werde Dir bald allerlei Bucher schicken. Vor allem bewaffne Dich gegen jeden Missbrauch, den man von Deiner Zukunft machen konnte, gebe niemand auch nur das geringste davon in die Hande. Lasse nur Dir selber die Herrschaft in Deinem Gemut, und lasse mich einen geringen Anteil dran haben, wir sind ja keine zwei!
Adieu, Du edles geliebtes Kind.
Dein Clemens
Lieber Clemens!
Jetzt schreib ich gleich weiter von allem, was ich uber Deine Warnungssorgen vergessen hatte. Diese Frau hat mich in einem fortwahrenden Schauerriesel erhalten, und denke Dir, wahrend ich in die Ture gelehnt sie ansah, verstummte sie oft mitten in ihrer Rede und sah sich nach mir um, keine Goldfrucht winkt lockender aus dem dunklen Grun als ihr lachelnder Blick nach mir, ich fuhlte mich beschamt. Bei der Heimfahrt nahm der eine ihrer Begleiter den Platz im Whiski ein, sie schwang sich mit selbstgefalliger Anmut aufs Pferd, sie grusste mich, als wolle sie mir sagen: schwing dich auch aufs Ross, aus allem heraus, was dich beengt, komm, vertrau mir, ich will dir die Hand reichen. Und fort war sie; und ich lief in den Garten und stieg auf die Pappel, wo hatt ich hingesollt, so sehnsuchtig in die Weite? Auf dem Gaul die Abendlufte durchsausen im Galopp! Und hatt ich das gekonnt, mein ganz Gluck wurd ich darin finden und muss Dir alles sagen, was ich hierbei denke.
Man muss doch wohl wissen, was das Gegenteil ist von aller Verkehrtheit, denn nur in dieses hinuber kann man sich vor ihr fluchten, und doch wenn sie mich wie Luge und Gespensterwesen anschauderte und ich glaubte ihr Gegenteil, die Wahrheit, zu empfinden, so war keine Gewalt in mir dazu. Die erste Melancholie, die erste Trane, die wie eine Frage mir ins Gewissen fiel, war der Art. Ich ging einmal in so unklarer Stimmung uber den Huhnermarkt in Frankfurt, auf einmal befand ich mich wie im Traum, aus einem Weltenraum in den andern hineingerissen, aus der kalten mit spazierengehenden Philistern besetzten Strasse unter die befiederten, also zur Freiheit geschaffnen Tiere. Die Tauben, die man im Abendschein in Herden die sonnevergoldeten Wetterfahnen der Kirchturme umschwingen sieht, waren hier in schmutzige Korbe eingesperrt, wo sie ihr reines Gefieder besudelten bei kargem Futter. Und morgen sollten sie von der Hand und fur den Magen eben dieser Philister geschlachtet werden, in denen nie ein Naturgefuhl den Lebensreiz erhoht hatte. Es machte mich traurig, ich fuhlte mich hier besser und weniger beschamt als unter den Menschen. Diese Tiere sind ein Liebreiz der Natur, sie haben Mut, sie schwingen den wolkenbringenden Winden sich nach in die Lufte, und alle Lebensgeister in ihnen sind angefacht. So wie ich mich sehnte damals, mit den Tauben unter Gewittern die Turme zu umkreisen, so hatte ich gestern auf dem Gaul im Galopp dem gewohnten Schlendrian mich entreissen mogen. Ich hab es sehr deutlich gefuhlt, was diese Frau voraus hat, dadurch dass sie so einem Reiz kann genugen. Freiheit fuhlt sie in allen Gliedern auf dem Pferd, das sie zu lenken versteht, und wenn es sich baumt und steigt und sie lasst so ruhig es gewahren, denn sie weiss, es wird sich gleich fugen, und jetzt ist sie aufgeregt durch einen Gedanken, so setzt sie dem Gaul die Sporen in die Seite, und er fliegt wie ihr Geist mit ihr zugleich dem entgegen, was sie erringen mochte. Ach, wie muss das die Kraft fordern Leibes und der Seele, wie muss das den Gedanken treiben, dass er gepanzert hervorspringt gleich und drein schlagt in den Begriff, und wie muss es das Herz heben, das Reiten? Nur edlen Naturen gehort das Pferd, kein Vorsatz konnte mich bewegen, auch keine Vorstellung, keine Belehrung, keine christliche Moral irgend mich selber im Zaum zu halten, das Gute zu tun, das Bose zu lassen. Aber auf einem Pferd, da wurde ich zu jeder kuhnen Tat, auch noch im letzten Augenblick herangesprengt kommen, denn das wurde genievolle Begeisterung in mir anregen. Was ist der Unterschied zwischen Gott und Menschen? Dass in ihm alle Lebensreize wach sind, und aber im Menschen schlafen sie. Er hebt das Haupt, der Mensch, weil ihm irgend etwas deucht, er sucht seine Meinung, er glaubt sie gefunden zu haben; er passt sie den unbegriffnen Dingen an, die mussen sich danach zurechtsetzen lassen, und den nennt man einen Weisen, der das Ursprungliche so lange verkehrt und das Gottliche durch Schein und Trug ersetzt, damit er sagen konne, von mir geht der Begriff aus. Und seinen verruckten Planen fugt man sich denn, er sitzt tief im Philisterstuhl, aber von dem Feuer eines kuhnen Pferdes traumt ihm nichts. Ebensowenig von der Wahrheit, die ein so lustiger und rascher Gaul ist, der uber Stock und Stein hinaussetzt und ums Ziel siegend herum sich tummelt. Und da schreien die Leute uber den Tollkuhnen, der wie wahnsinnig uber die Barriere sprengt, verbotne Wege reitet durch die gefahrvollen brausenden Wellen hinauf zum steilsten Ufer, gleich wird er verunglucken! Die Feigen wissen nicht, dass diese tollkuhnen Satze abgemessen sind nach ewigen Gesetzen der Begeisterung, sie sind gewagt, aber in ihrem Wagen liegt ihr Gelingen. War ich Konig, ich wurde die Welt untertauchen und sie gereinigt aus den Zeitenwogen hervorgehen lassen. Was ich sage, sei es Frevel, o so ist mir dieser Frevel lieb. Wo war je ein Gebet stolz genug, dass ich gern es nachgesprochen hatte?
Hier liegen wir im Staube vor dir, Gott Zebaoth. So mussten wir im Kloster singen und nachdem ich's jedesmal mitgesungen hatte, besann ich mich eines Tags, was es denn wohl heissen moge, es schwante mir, als ob dem Gott der Menschheit ein Gotze gegenuber stehe, der Zebaoth heisse, denn Gott und Mensch konnte ich nicht trennen und kann es noch nicht, und Staub lecken vor dem Zebaoth, das heisst mich eine innere Stimme bleiben lassen, wenn ich Frieden haben wolle mit dem rechten Gott, der in den mondverklarten Wolken abends sich ins Gesprach mit mir einliess uber allerlei und mir recht gab, wo aberwitzige Menschen es besser wissen wollten. Und wie wunderliche Reden fuhrte mit mir oft dies oder jenes auch in der Natur.
Was hab ich alles erfahren in jenen Kinderjahren; Wurzeln und Krauter, eine Blumendolde, aus der bei leisem Druck der Same aufsprang die waren mir Unterpfand und Beteurung vom Gegenteil alles Aberglaubens, sie sagen mir immer dasselbe: Frei sein, und jeder Glaubensbefehl leugnet mir das, und endlich, da die Uberschwemmung der ganzen Erdenkultur auf mich losgeschwemmt kommt, da strecke ich die Hand allem Unschuldigen entgegen, um es zu retten in meinen Busen. Und jeder Begriff des Grossen, Kuhnen, der Luge zum Trotz Reinen, das ist mir ein Lebendiges, das mich anwirbt mit schmeichelnder Verheissung. Und was war dagegen, was man mich lehrte? Ach so unfasslich, dass man eine Maschine sein musste, um es nachzusprechen.
Du hast mir oft gesagt, ich solle meine Erinnerungen aufschreiben aus der Klosterzeit, uber die ich nun schon mehr als drei Jahre hinaus bin. Es ist alles noch lebendig in mir, ich kann aber nicht die Blutenaste vom Baum abbrechen, der ich selbst bin. Dies Klosterleben hat Knospen in mir angesetzt, Ahnungen, die zur Wahrheit mussen reifen. Denn der Baum kann nicht selber sich berauben seiner Dufte, die noch verschlossen sind. Denn alles ist mir ja nicht ein Gegenstand, ich bin es selber. Weil es aber heute in so nachtlicher Zeit ganz toll in mir hergeht, dass ich nicht schlafen kann vor dem Gaul, der Schimmel, der mir im Kopf herumtrabt, so weckt er mir ja ganz leidige Erinnerungen, uber die ich gleich damals als junges Kind schon den Bann ausgesprochen habe. Ach ich bin doppelt froh des Lichtes, das ich in Dir sehe, denn alles, was ich Dir schreibe und sage, kommt mir vor, als gehe es von Dir aus, und ich bin so stolz in Dir, weil Du oft mich anredest, als ob es die Stimme der Weisheit sei, auf die ich lange gehorcht habe in die Ferne, und jetzt ist sie mir so nah in Dir, dass ich sie von mir selber nicht unterscheide. Aber ach! hege keine zu grossen Erwartungen von mir, bedenk, dass ja Deine Liebe mir keinen Wert mehr lasst, ich hab ihn alle fur sie hingegeben. Und heut schreib ich nun nichts mehr, aber morgen.
Nun ist's Morgen, Clemente, aber welch ein Morgen? Die Gachet hat sich ansagen lassen mit noch merkwurdigen Begleitern, ein Chemiker Buch, ein Gottesgelahrter Maijer, ein Pferdemaler Dalton. Dies Pferdegenie soll sehr interessant sein, der blinde Dux wird auch da sein. Ich freu mich schon auf alles, und mir klopft das Herz, aber ich werde mich doch auch selbst fuhlen gegenuber der Frau, die ein Pferd regiert wie ein Mann! Denn kann ich nicht vielleicht auch etwas regieren, was dem Gaul gleich ist, oder mehr noch?
Eben ruft die Grossmama, wir sollen ihr Blumen holen im Garten und die Urnen frisch mit Straussen versehen. Ich werde alle Blumenbeete rasieren, ich muss fort.
Clemente, sie ist da gewesen, wie ist doch alles durcheinandergegangen. Nach dem ganzen Abenteuer haben die Franzosen im Garten einen furchterlichen Apfelkrieg gefuhrt, ich kann Dir's heute nicht mehr schreiben, ich muss erst noch eine Nacht drauf schlafen. Aber morgen kommt sie wieder, sie hat mir's im Vorubergehen ins Ohr geflustert, sie ist des Teufels, aber ich bin auch des Teufels, ich will keine Freundschaft mit ihr, ich bin zu jung. War ich schon so, wie es in mir werden will, dann ritt ich stehend auf zwei Gaulen und sprange dazu durch den Reif. Mit Kunststreichen und Ubermut wollt ich ihren kuhnen Ritt ausparieren.
Lieber Clemens, heut am Montag erzahl ich fort vom Samstag und Sonntag, diesmal gingen hexenmassige, die Grossmama in hochster Spannung haltende Dinge vor, eine galvanische Batterie! Der kleine rotwangige Apotheker Buch trug Blumenkorbe und Urnen hinaus auf den Hausflur.
Mit Salzwasser in einer grossen erdnen Schussel wurde ein gross Geplatscher gemacht, runde Filzlappen und Taler und Kupferplatten aufeinander gelegt, viele Stimmen und Hande gingen durcheinander bei dem Aufbau der Saule. Der Herzog im Hintergrund hielt mich bei der Hand, ich musste ihm erzahlen, was vorgehe. Nachdem die Saule unter den Handen der Gelehrten mehr wie einmal umgesturzt war, baute die Vendeerin sie selbst auf, und sie blieb stehen; es wurden negative und positive Versuche gemacht, davon kann ich nichts sagen, als dass es nicht ganz so ausfiel, wie man wollte. Die de Gachet verlangte feingesponnene Glasfaden, die Frau Wrede uns gegenuber hat eine Sultansfeder von gesponnen Glas, sie sagte mir, dass sie der Sultan dem Magnetiseur geschenkt habe, der ihn auch zu seinen Versuchen braucht, ich klingelte an seiner Haustur, wie ich den Schall der Glocke horte, musste ich mich furchten, aber ich war schon im Haus die Treppe hinauf und stand schon vor ihm und wusste nicht, wie ich's ihm sagen solle, er kam mir aber zuvor, wie ich von gesponnen Glas anfing und gab mir den Sultan in die Hand, da sah er an meinem Finger den Ring aus dem ledernen Schuh, den Stein nach inwendig mit roter Seide umwickelt und mit Harz verklebt, ich schamte mich, ich wickelte den Faden los und reichte ihm den Ring, er besah ihn und sagte: Ein Talisman! und steckt ihn mir wieder an den Finger. Das war alles, was er mit mir sprach, mit dem ich doch manches schon gesprochen hatte uber die Gartenwand; ich nahm mir auch vor, gleich den Abend noch auf die Gartenbank zu steigen und mit ihm zu sprechen, ich werde Dir gleich erzahlen, wie das aber nicht gegangen ist. Erst wurden mit den Glasfaden Schmelzversuche gemacht, die nicht gelungen sind, drum sollte die Saule ein paar Tage unberuhrt stehen und sich verstarken, die Grossmama war in grosser Angst, es konne daran gestossen werden, und liess, nachdem die de Gachet fort war, niemand ins Zimmer, die franzosischen Herren hatten sich im Garten versammelt, es war schon dammerig, ich kam dazu, sie sprangen wie toll herum, machten grosse Satze uber die Blumenbeete, rissen die Stabe von den Pflanzen los und schlugen aufeinander und rissen vom Spalier die gezahlten noch unreifen Apfel zum Bombardieren. Ich war ja wie versteinert. Denk, sie hatten ihre Rocke ausgezogen und auf die Straucher gehangt, die waren krumm gebogen von der Last, der ganze Garten war verwandelt, ich konnte keinen erwischen, so war er gleich hinter einem andern drein, und wollt ich den wieder um Gotteswillen bitten, so hatte er eins zwei drei Apfel abgerissen und setzte uber die Rabatten hinaus, um einen zu treffen, sie waren wie toll gewordne Geister, sie flusterten und kicherten und gaben keinen Laut von sich, in der Verzweiflung rief ich: "Grand-Mama vient!" da warfen sie ihre Munition auf gut Gluck dem nachsten an den Kopf, und mit ihren Rocken wie der Wind zur Gartentur hinaus. Verwundert, dass diese alten Herren mit ihrem Podagra und Asthma so ungeheure Bocksprunge machen konnten, nahm ich den Rechen und harkte die Wege, ich steckte die weggeworfenen Blumenstabe wieder in die Straucher, es war schon dunkel, da suchte ich noch die abgerissenen Apfel zusammen und legte sie an die Erde, als waren sie von selbst abgefallen, vielleicht vom Wind. Im Hof des Magnetiseurs sah ich die Leute bei einem Packwagen beschaftigt, und denk Dir, er ist fort, heute morgen, noch ehe die Sonne aufging. Das ganze Haus ode! Es sieht so traurig aus, der Wind spielt mit den Dachluken. Ich hab ihn also zum letztenmal gesehen, wie er mir die Glasfaden gab. Wie leid tut mir das!
Die de Gachet war auch noch am Sonntag nachmittag hier, kein Mensch hatte sie erwartet und ich auch nicht, obschon sie mir es zugeflustert hatte, so war ich ein Weilchen allein mit ihr. Wie angstlich war mir das! Ach Clemens, lass uns lieber allein alles vertrauen, alles miteinander erleben und nicht mit andern. Dieser grosse Planet, die Gachet, erschuttert mich zu sehr, wenn er mir so nah ruckt. Sie redete von den Himmelskorpern, ihrem subtilen Ausstromen und von wechselseitiger Anziehung der Planeten in ihre Kreise, und vom innerlichen Sinn im Ozean der Gefuhle, und ich war ganz betaubt. Wie komme ich ihr vor, dass sie mir so was sagt! Sie hielt mich fest in ihren Armen, ich hatte des Teufels werden mogen; ich schamte mich, dass ich ihr zuhoren musste, gefangen in ihren Armen, und nichts verstand; sie liess mich los, wie die Grossmama hereinkam; ich wie ein entwischter Vogel sprang in den Garten auf die Bank und sah recht sehnsuchtig in den verlassenen Garten vom Magnetiseur. Da war er aber doch nicht fort, er wandelte noch ganz allein und kam gleich an die Gartenwand; er sagte mir, seine Leute seien schon seit gestern fort, er reise in der Nacht ihnen nach. Ich habe ihm rechte Vorwurfe gemacht, dass er so fortgehe, ohne mir davon zu sagen, da fing er an zu lachen und sagte, ich hatte ihm ja Reisegeld geschickt, ich lachte auch, weil ich mich schamte zu weinen. Ach, dieser Mann war mein bester Freund. Er hat mir nie gute Lehren gegeben, aber er hat mich belehrt. Ach Clemens, leb wohl, jetzt ist's aus mit der Gachet, denn sie sagte der Grossmama, dass sie an den Rhein wieder geht.
Bettine
An Clemens
Es ist aus mit den Blumen, die letzten Asternstrausse waren die, womit wir in voriger Woche die Blumenurnen schmuckten, und die wegen der Batterie vor die Tur gesetzt wurden. Gestern haben wir den letzten Herbst gemacht, nur noch die Winterbirnen hangen, von denen meint die Grossmama, wir wollten sie hangen lassen, bis erst Reif kommt, der war heut nacht, und nun frag ich: "Wollen wir heut die Birnen abmachen, es war heut nacht Reif." Grosser Schrecken der Grossmama, sie hatte so in den Tag hineingelebt und gemeint, es sei noch lang nicht Winter. Und wie sehen die Blumen aus? Wir mussen heute noch Kranze haben, es ist eine Hochzeit hier im Haus, um drei Uhr wird der Pfarrer hier sein und ein edles Paar zusammengeben.
Lieber Clemente, was doch alles hier im narrischen einsamen Haus passiert! Aber wir drei Geschwister ahneten gleich die Geschichte, ich sprang mit Flugeln die Treppe hinauf, wir kriegten uns alle drei um den Hals und tanzten eine Ronde, dass die Wande zitterten. Auf einmal erscheint die Tante im Neglige, halb frisiert, was das fur ein unanstandiger Spektakel sei? Und was die Hofdame denken solle, die seit acht Tagen im Saal unter uns wohnt, dass wir so ihr auf dem Kopf herumtanzen. Und der Tanzmeister wartet schon eine Viertelstunde. Wir lernen namlich schon seit vierzehn Tagen bei einem franzosischen Ballettmeister einen figurierten Tanz, an dem sollen wir fortexerzieren bis zum Neujahrstag, da sollen alle Nationen kommen, dem Furst Ysenburg gratulieren, die Franzosen haben dazu Madrigale gemacht avec la pointe cachee, sagt Chateaubour, der Hauptdichter. Ich stelle eine Spanierin vor, blau und silbern, und ebenso mein Tanzer, der Prinz Neunzehner, der gar nicht vom Platz zu bringen ist, allemal rechts umdreht, es sei links oder rechts; so hat der Tanzmeister deswegen die Figur umgeandert, damit er nun rechts auch auf den rechten Platz komme, und nun lauft er wieder allemal links, wir lachten so toll in der Probe, wir waren so ausgelassen, wir wussten, dass die Tante nicht kommen konnte, weil sie Toilette machte, wir sprangen auf Tisch und Stuhle, Herr Baleri mit seiner Pochette in einer Staubwolke, die alte Cousine, die hereinkam mit einem Befehl der Grossmutter, setzten wir auf ihren ledernen Sessel und trugen sie auf den Kopfen, sie schrie, die andern sangen, und Baleri spielte einen Marsch. Die Grossmama liess uns in den Garten beordern. Alle Blumen vom Reif verdorben! Wir mussten uns an die Hambutten und die herbstlich rote Jungfrauenrebe halten, dazu Tannen und Efeu. Wir waren sehr lustig bei diesem Dekorationsfest, wir machten's wie die Braut und gaben den halb verbluhten Astern mit farbigem Papier ein Ansehen. Diese Heirat ist ein Werk der Grossmama, vor kurzer Zeit lernte diese Hofdame von Meiningen bei ihr den Herrn von Drais kennen, wie er gerade vor unserm Hause eine Draisine probierte, eine Bank mit Radern, die Herr von Drais drauf sitzend mit Handen und Fussen fortbewegt. Die Hofdame sah ihn dahergerollt kommen, hinter ihm drein alles, was Beine hatte. Nachdem sie getraut waren, hielt die Grossmama eine bewegliche Rede. Wir spielten abends ein Sprichwort, worin die Draisine eine Hauptrolle hatte. Heute werden nun die Birnen abgemacht. Da freu ich mich drauf. Das Hochzeitpaar ist namlich gestern spat noch fortgereist und alles wieder im stillen Geleise. Morgen wird Kartoffelernte gehalten von einem kleinen Feld, worauf die Grossmama Musterkartoffeln ziehen lasst, die ihr von allen Enden der Welt, ich glaub sogar von Amerika her, geschickt werden. Da mussen wir ein Register machen, wieviel jede Staude getragen hat, der Grossmama ihre hochste Wonne, diese Register zu vergleichen. Nun weiss ich nichts mehr, als dass Du meinen letzten Brief nicht beantwortet hast. Buch sagte der Grossmama, Du seist nicht in Marburg und wurdest erst am 19. wieder da sein. Das ist mein Namenstag, der nie mit andern Blumen kann gefeiert werden, als die im Eiskristall am Fenster anschiessen. Heut ist der 4. Also 14 Tage soll ich nicht wissen, wo Du bist, da kann der Brief ein Weilchen frieren in Deinem unbewohnten Zimmer.
Bettine
Liebe Bettine!
Deine Briefe erquicken meine Seele und nahren sie, der Winter ist hier so traurig, und Savigny tief in den Studien, uberwintert die Saat seiner grossen Zukunft unter einer Schneedecke von Verschlossenheit, die mich verzweiflen macht. Was ich mir auch die liebende Muhe gebe ihm mitzuteilen, er ist stumm dazu, oft denk ich mit Behutsamkeit etwas aus ihm herauszulocken, allein die Erfahrung ist nun in sich vollendet, dass ich nie den geringsten Beweis von ihm erhalten werde, dass, was ich ihm sage, ihn interessiert. Oft in meiner kalten Stube (was mir nun auch noch den Winter unertraglich macht, dass der Ofen nicht heizt, sondern raucht) komme ich daruber in Schweiss, ins klare zu kommen uber seine Klarheit, mit der bald die Tonie, bald die Gundel oder Du mich plagen. Bin ich denn ganz auf den Kopf gefallen, dass mir diese gepriesne Klarheit und Ruhe den peinlichsten Eindruck macht? Also qual Du mich nicht mit Deinen erhabenen Ansichten, da ich ihn in der Nahe habe und er vielleicht besonders gut fernt.
Ich hab dem Buchhandler Guilhomman den Auftrag gegeben, Dir den Homer zu schicken. Hast Du ihn bekommen? Weiter sollst Du nachstens die Reise des jungen Anarchasis lesen und recht aufmerksam, das wird Dich unterrichten und ergotzen. Doch musst Du Dir keinen Zwang bei solcher Lekture antun, Du musst sie wurdigen, indem Du sie liebst. Die asthetischen Briefe von Schiller hast Du sie gelesen? , so bedaure ich Dich fur die Pein; sie sind fur eine kindliche Seele etwas holzern. Hiervon schweige gegen die Grossmutter, sie tut Wunder der Gute in ihrer Art und Du sollst sie ehren. Schreibe, wenn es moglich ist, Deine Empfindungen wahrend oder nach der Lekture nieder und schicke mir so etwas, uberhaupt sprich in Deinen Briefen oft mehr uber den ganzen Kreis Deiner Empfindungen, wie sie namlich in die Welt hinausstrahlen, als uber ihre Konzentration.
Was Du tust, erhalte Deine Seele in reiner jugendlicher Liebe zum Grossen und Schonen. Auch die Sinne wollen die Befriedigung in der Schonheit, sie suchen es in sich und in dem, was Einfluss auf sie ubt. Du fuhlst Dein Ohr beleidigt durch eine klanglose rauhe Stimme, die keinen Geist widerhallt, so Dein Auge lenkt ab von dem, was seinem Schonheitsreiz widerspricht. Oder es forscht nach der tieferen Schonheit des Geistesadels und der Gute, wenn es mit hasslichen Zugen sich bekannt macht. So ist das unschuldige Auge der strengste, aber auch der edelste Richter, ja der Konig unter den Sinnen, denn es begnadigt den, der unverschuldet gegen die Schonheit sundigt, es erhebt und racht ihn an den stumpfen Sinnen, die das Tiefe nicht von der Oberflache unterscheiden. Seelenreinheit im Verkehr mit andern, ohne Vorbedacht, ohne Berechnung, die allein ist der helle Kristall, durch den das Leben in seiner Ursprunglichkeit begriffen wird, und die aus sich selbst die ewigen Motive immer wieder erzeugt, welche eine verwirrte Welt umwalzen und ihre primitive Kraft ihr wieder verleihen. Verstehst Du mich? Nur solchen Naturen schliessen sich alle Lebenstiefen auf, nur sie werden gesund zwischen Lastern, ansteckenden Krankheiten der verwirrten Zeit hindurchgehen, nur sie werden Heilung ausstromen, nur sie werden taube Ohren horend und blinde Augen sehend machen. Sei unbekummert um die Zukunft, es gibt keine; wenn Du in jeder Minute rein und voll und ohne Langeweile lebst, so gibt es nur eine gegenwartige Ewigkeit.
Es wurde mich freuen, wenn Du wolltest Dich mit dem Englischen beschaftigen. Sprachen sind ein grosser Gewinn, sie enthalten ausser der Verschiedenheit des Ausdrucks auch noch ein melodisches Genie, und dies erzeugt wieder auch ein tanzendes Genie im Geist. Und willst Du hinter alle Geheimnisse des Geistes kommen, so nehme nur Rucksicht auf das Leben, was die Sinne fuhren, es spricht Dir Befahigung und Kraft und Neigung aus. In unserer aussern Welt konstruieren sie eine erhabne Geisteswelt, die reifen muss in ihr und endlich sich selbstandig zur Welt gebaren muss. Das ist unsre Erlosung aus dem Irdischen ins Himmlische. So wie der Tanz Dich lebendiger und rascher macht. Als ob von frischem Fruhlingswind angehaucht die Lebensglut aufflackert und spielend ihre Flamme hier- und dorthin wirft; so ist's mit dem Geist. Sprachen lernen, ist mit dem Geist der aufregendsten Tanzmusik folgend, sich behagen in harmonischen Beugungen und zierlichen kecken labyrinthischen Tanzen, und dies elektrisiert den Geist, wie die Tanzmusik Deine Sinne elektrisiert. In der Sprache aber vermahlen sich die Sinne wirklich mit dem Geist, und aus dieser Verbindung erzeugt sich denn, was die Volker mit Erstaunen als ihr hochstes Kleinod lieben und erheben, und wodurch sie sich erhaben fuhlen uber andre Volker, was den Charakter ausspricht ihrer Nationalitat, namlich der Dichter. Drum, liebes Kind, ist's nicht so gemeint, wie die andern es meinen, wenn sie Dich zum Fleiss anmahnen, wenn ich Dich drum bitte; es ist wahrhaftig aus einem tieferen Grund; aus dem heiligen Grund der Vernunft. Diese Vernunft, die immer uber uns schwebt, selten den Fuss auf die Erde setzt, nach der schaue ich bestandig und flehe sie an, dass sie Deine Muse soll sein. Dir kommt vielleicht das trocken vor. Ich hab schon oft Dich zurnen horen uber Vernunft und vernunftig, Du hast dies Wort bei mir verklagt, dass es so wenig Klang als innerlichen Nachklang habe, und wenn ich Dir auch nachgebe, dass der Klang dieses Wortes nichts Anziehendes habe, was daher ruhren mag, weil die Vernunftphilister es in falschem Gold nachmachen, so erinnere Dich nur, was Du mir noch vor einem halben Jahr geschrieben, die Pockengruben, die Lavater dem Mirabeau so bos auslegt, konnen Dich nicht hindern, in die Gruben seines Geistes und Herzens Dich einzubetten? Nun so glaube mir, dass, wer im Begriff der Vernunft, ein edles Lager findet, das mit Rosen und Lorbeern und auch mit Myrten Dir bestreut ist.
Das Missverstandnis der Welt ist der wahre Verleumder, sein Lugennetz verwickelt alle Hin- und Widerreden, alle sich aus gegenseitiger Opposition bildenden Meinungen, und wer sich oder seinen Grundsatzen unrecht getan fuhlt, tut wieder dem unrecht, den er selbst durch Irritation so weit gebracht hat, dass ihm die Ahnung in der Seele geloscht ist vom Grossen und Schonen, und betaubt nicht mehr das Rechte erkennt.
Aus Emporung gegen diese Missverstandnisse gegenseitiger Opposition ist die Revolution entsprungen, und aus Eigensucht derer, die fur die hochste Liberalitat zu streiten behaupten, wird sie mit ihren schrecklichen Nachwehen, eine schauerliche Ruine fur die Nachwelt, dastehen. Aber gebessert kann nur das ganze Weltverhaltnis werden durch die heilige Vernunft, lass sie Dein Mirabeau sein, wenn dieser Name Dir besser klingt. Widme ihm Deine Begeistrungen, da er Dir doch nur aus den Wolken herabpredigen kann, so wird dies leicht mit der Vernunft ubereinstimmen, die auch immer uber allen Projekten der Menschheit schwebt.
Verzeih mir, wenn ich Dinge Dir mitzuteilen versuche, die viel reiner in Deiner Seele wohnen, die ich eigentlich in Dir selber wahrnehme, um sie Dir auszusprechen. Die Hoffnung auf eine kostliche Ernte macht mich so ungeduldig, ich sehe alles hervorspriessen und zur Blute sich drangen in Dir, und kann es kaum erwarten, dass es der Wahrheit und Schonheit zugunsten reife.
Noch einmal fuhr ich Dich auf Deine Studien zuruck. Ach, wenn Du erst den Shakespeare englisch lesen kannst, das ist ein halbes Leben wert. Auch zeichne fort, recht fleissig und mit der Begierde, es zum Selbsterfinden zu bringen. Die Zeit, die Du nicht arbeitest, liebe Bettine, musst Du ja doch verlieren. Keine Minute lohnt Dir in Deiner Umgebung. Ja wohntest Du in der freien Natur und konntest in Feld und Tal und Wald und Berg herumlaufen, oder konntest Du mit Menschen sein wie mit Sternen, die ihren Einfluss auf grosse Charaktere ausubten und sie zu erhabnen Handlungen reizten. Aber leider haben die Sterne ihren Einfluss verloren, ich wurde Dir dann nicht sagen: "Arbeite!" denn dann wurde die Ursprunglichkeit aller hoheren Anlagen in Dir wie das Wort im Geist Fleisch geworden sein. Aber so kann es nicht sein noch werden, weil der Genius nicht mehr als erste Kraft in uns wirkt und wir uns an die Spekulation verkaufen. Du musst daher in Deinem Innern Dir einen Schatz sammeln, worin Du Deiner Welt reines Sonnengold einschmelzest, auf dass die lebendige Sonne in Dir selber aufgehe.
Ich wollte, mir ware so in meiner Jugend geworden! Doch keine Klagen! Nein, so ist mir's nicht geworden! Gott hat mich vieles nur im Bedurfnis kennen gelehrt, damit ich es von Dir fordern konne; und gern vertrauend, dass Du mir sicher folgst und unbefangen trauest, will ich Dir folgende Zeilen aus einem grosseren Gedicht nicht vorenthalten, die ich in einer Stunde geschrieben habe, wo ich recht fest an Dich glaubte und das Leben um Deinetwillen liebte.
Kehret Gedanken doch heimwarts, eilet den
Tempel zu ordnen,
Schafft mir im Herzen Gebet, eh es in Sehnsucht
mir bricht,
Drei sind ihrer, der Teuern, die weit in der Fremde
mir weilen;
Zwei, dem Tode geweiht, grusse noch einmal mein
Blick,
Dass ich friedlich entsage dem, was die Fremde
begehrt.
Dann umfasse mich Leben, denn eine noch
weilet, ich fuhle,
Dass sie das einzige ist: Leben und Liebe und
Zukunft.
Wie mir's im Herzen, das hat ihr der Gott in den
Busen geschrieben,
Wie in der Seele es mir, schrieb ihr der Gott in das
Aug.
Schweigend spricht sie das Wort, was meine Lippe
nicht redet;
Flieh ich, so ist sie die Flucht; ruh ich, so ruht sie
in mir.
Suchst du sie? Dort in den Schatten des Waldes,
wo sich das Dunkel
Tiefer Begeisterung lost, stiller der Himmel sich
senkt,
Wo an der liebenden Brust, dem Gestade des
brausenden Lebens,
Des unendlichen Meeres Woge melodisch sich
bricht.
Dort weilt sie, dichtet fromm, was ihr Geister sie
lehret,
Begierig, Geheimes zu fassen,
Und euch, ihr Gotter, in mir, schuf nur des Kindes
Gebet.
Trosterin! Freundliche! Dein Seherauge
entsiegelt dem Tode,
Der dich als Leben umgibt, selbst den
geschlossenen Blick.
Alles Bettine! dem liebend dein schaffender Geist
sich genahrt,
Was deine segnende Hand, was dein Gedanke
beruhrt,
Bluhet schoner ein Freiheit verklarendes Leben.
Bilde in mir deine Welt, du, die den Zweifel nicht
kennt,
Die aus dem Busen mir zog den vergifteten Pfeil.
Alles, was der Genius zu bilden mich drangt,
Bilde ich Schwacher es nicht, weilt schon gestaltet
in dir.
Schutzend will ich dir folgen, du Leben, das, wo
ich zage, mich schutzt;
Das, wo ich welke erbluht, gern mir die Jugend
ersetzt.
Verwechselt im Herzen, schreitest du kuhn auf
tobender Woge,
Die aufbraust in mir und sanftigst sie, dass sie
heller, melodischer klingt.
In dir weile ich flammend, du gibst die lindernden
Ole,
Und so suhnt sich in dir, opfernd den Gottern, der
Sturm.
Ach, liebes Kind, wie einzig mocht ich Deine Begriffe und Ahnungen so stark machen, dass sie wirklich endlich zum Kern wurden, zum reinen Gesetz, an dem alle Verkehrtheit zu scheitern komme. Ach lerne, arbeite, Dich zu bereichern, was es auch sei, nichts ist unbedeutend, alles nahrt und weckt und erleuchtet. Aus allem kannst Du weben und flechten einen schattigen Hut, wo die Sonne im Zenit steht, eine Freiheitsmutze, die Deine hoheren Anlagen schutzt. Ach die Welt ist gross. Es gibt mildere Sonnenhimmel! Spanien, wo die Orangen Dir in den Schoss rollen, ich muss Dich hinfuhren, wo die ganze Natur Dir bestatigt, was Du ahnest, was Du suchst und glaubst, drum lasse Deinen Geist kuhn jede Stufe erklimmen, furchte nicht, dass er ermude, nein, er kann durch sich selbst nur erstarken, wer von den Banden der Sklaverei sich will befreien, der muss den Geist im Innern befreien. Verberge, was ich Dir hier sage. Es gibt Gedanken, die dem Gott im Menschen allein geweiht sind, und der Geist wird nicht Schopfer werden, der nicht diese als Geheimnis bewahren kann. Der Geist ist Zauberer, dies ist die Schopfung, die in sich selbst geheim und heilig ist, eine ewige Tiefe der Freude und des unergrundlichen Gluckes, fern und unantastbar fur die larmende vernichtende Oberflache des Lebens.
Wieder ein Posttag und nichts von Dir! Wie ist das? Hindert man Dich? Der Buchhandler schreibt mir, er habe Dir den Homer geschickt, hast Du ihn? Schreibe und liebe Deinen
Clemens
Ach manchmal mocht ich verzweiflen, manchmal ist mir's, als musse dennoch alles im Rauch aufgehen, was mir so gut und so schon in Dir deucht, als konntest Du nicht zu Dir selber kommen, um was hab ich Dich alles gebeten? Du hast mir versprochen, was mich so glucklich machen konnte. Versprochen hast Du's, aber wirst Du's auch halten, wo eine lederne Zeit sich Deiner anmasset? Du konntest und doch kannst Du nicht. Warum nicht? Frag Dich das!
Warum hast Du nicht von Deinen Kinderjahren die Erinnerungen aufgeschrieben? Du hattest mir's versprochen, Du hattest mir's gelobt. Werd ich nicht auf Dich zahlen durfen?
Clemens
An Clemens
Clemente, Du warst bei der de Gachet und nicht zu Hause im Stubchen, und jetzt klagst Du uber Deine Einsamkeit, wo Du kaum den Fuss auf die Schwelle gesetzt hast. Und fragst angstlich, warum ich nicht schreibe. Ei, weil Du nicht da warst. Weil bis zum 19. November keiner wusste, wo Du gewesen bist. Du schreibst mir endlich den schonen langen Brief, den ich nun schon acht Tage mit mir herumtrage, jetzt wirst Du denken, warum ich immer noch nicht antworte! was da dran schuld sein mag? gar nichts ist schuld, als dass Dein Brief mich ganz betaubt hat, und ich hab ihn sehr vielmal gelesen und kann ihn nicht behalten, der Inhalt ist mir immer noch fremd. Ja, Du warst bei der de Gachet, dort hast Du an der galvanischen Batterie Dich elektrisch geladen, und nun fahrst Du mit feurigen Zungen auf mich los. Soll ich denn wirklich schreiben heute? Oder soll ich wieder den Posttag versaumen? Denk, es liegt meinem Geist, dem Du die Schopfung einer neuen Welt zumutest, wie Blei in den Gliedern. Ich mocht lieber nicht schopfen. Die asthetischen Briefe von Schiller? Freilich hab ich die nicht gelesen, denn ich kann nicht auf Komma und Punkt Achtung geben. Der Grossmama hab ich wohl draus vorgelesen, aber in Gedanken war ich wo anders, aber wo, weiss ich nicht; aber von der Lekture hab ich nicht profitiert, denn ich weiss nichts davon. Ist es Krankheit, dass ich so zerstreut bin? Es ist wohl Schwache in dem geistreichen Kopf, lieber Clemens, dem Du so hohe Wurden und Krafte zuschreibst in Deinem Gedicht. Du schreibst aber von mir nicht, nein, gewiss nicht, ich bin kein solcher Einsamkeitskobold, kein solch Wolkengespenst, noch Schattenriss der Erhabenheiten.
Jetzt wirst Du bose, ich merk's. Macht es Dich bose, Clemens, dass ich so Dir antworte auf Deinen treusten ernstesten Willen fur mich? Von Spanien! Ach, erst hat mir die de Gachet davon gesprochen, wie wir allein waren an jenem Sonntag, da hab ich ihr recht glucklich widersprochen, woruber sie sehr erstaunt war; und hab gesagt, was denken Sie, dass ich hier sollte den Garten verlassen, der mir so lieb ist, und mein Bruder Franz, der mich so lieb hat, wenn ich so weit von dem fort wollte, und mein anderer Bruder Dominikus, der mir Schmetterlinge bringt, wenn sie bald aus der Puppe sich losmachen, die fliegen dann zu Dutzenden im Garten herum auf den Blumen, und mein Bruder George, der vornehmste aller Menschen, und mein Bruder Christian, der eine mathematische Korrespondenz mit mir fuhrt, und mein Bruder Anton, der ist ein Phantast, mit dem dichte ich Fabeln, und mein Bruder Peter liegt in der Familiengruft in der Karmeliterkirche bei Vater und Mutter und noch drei Schwestern, die gewohnt sind, dass ich sie grusse, wenn ich in Frankfurt durch die Mainzer Gasse gehe, wo die Karmeliterkirche steht. Sie war verwundert uber dies grosse Register unzerreissbarer Vaterlandsbande, sie sprach von einem grossen Weltteil, von Oliven und Orangenwaldern, von blauen Fernen, von heissem Mittag und kuhlen Abendluften, und dass Du mitgehen werdest, und dann konne ich ja immer mit Dir sein, und es seien so interessante Menschen dort, viel edler von Geist und Gestalt wie hierzulande. Ich sagte: "Ich will aber nicht immer mit dem Clemens sein, sonst konnten wir einander lastig werden, und mir ist das liebste beim Willkommen, ihm an den Hals springen und beim Abschied ihn vors Tor begleiten." "Vous etes un enfant", hat sie gesagt, "sentez donc combien en voyageant votre ame et votre fantaisie se developeront et puis vous serez avec moi, je vous aimerais, et vous comprendrez, la vie, le monde, la nature tout autrement." Glaubst Du, das habe mir keinen Eindruck gemacht? Gewiss hat es mich Uberwindung gekostet. Ich sah ihr unter die Augen, plotzlich kam sie mir vor wie ein Seerauber oder sonst eine edle Spitzbubengattung; sie glaubte schon, sie habe mich gefangen, da kam die Grossmama, ich riss mich los, und jetzt verfolgt mich's, dass sie vielleicht nicht eine Frau, sondern ein Kriegsheld sein konnte, sie sieht so edel aus zu Pferd, so frei, sie bekummert sich gar um nichts, sie lasst den Gaul dahin sausen, nur der Reitknecht war diesmal mit, das Pferd baumte, als sie aufstieg, sein Ubermut wiegte sie in den Luften, und fort! Ich sah ihr durch die alte kalte Domstrasse nach. Und also, ich bleib hier, und sie reitet nach Spanien, am rauschenden Strom hin zwischen Felsen durch, der Schweiss rinnt ihr vom Gesicht. Was schadet's? Immer hoch, immer frei, immer stolz; und ich hier in der Mansarde zahle die Dachziegel da druben und betrachte dem Sperling sein Nest unterm Dach, die dort sieht die Adler uber sich wegschweben und kampft mit dem Lammergeier, der die einsame Herde beraubt, und ich laufe mit der Giesskanne und begiesse die Bohnen.
Ach, was kann ich Grosses tun? Auf die Pappel klettern beim Gewitter, dass es auf mich losdonnert und blitzt? Oder im Winter auf den Schneeflachen mich tummeln; dem Treibeis nachhelfen im Main?
Clemente, schreib mir solche Briefe nicht von unmoglichen Anlagen in meinem Geist. Ich mein dann, ob ein Kobold Dich neckt, der Dir das alles weismacht. O schreib keine Gedichte, worin Du meinen Namen nennst, es ist, als ob Du in die einsame Wuste hineinrufst, ich lausche selber, ob aus der Tiefe meiner Sinne Dir etwas antworte. Nein, die Sinne werden mude davon, Du rufst sie an zum Arbeiten, das wollen sie nicht; sie sind eigensinnig. Du willst meine Tragheit uberwinden, mich aufreizen, und vor ungeduldigem Eifer spring ich von einem Buch zum andern. Ich will nicht mit den Katzen spielen, nein heute nicht, ich will gewiss schreiben lernen, nein, es will nicht in mir, es lacht mich inwendig aus und sagt, du lernst ja doch nichts. Ach, wenn Du wusstest, wie ich mich oft bezwingen mochte, Du wurdest sehen, es ist nicht Mangel an Treue. Ich kann mich keiner Beschaftigung hingeben. Inwendig ruft es: dorthin, und dort ruft's wieder hierher, und hier lockt's, da flustert's, und hinter mir und vor mir, und in den Luften gehen Stimmen durcheinander, die mich reizen.
Heut hab ich mir vorgenommen, meine Lebensgeschichte zu schreiben. Gleich hier auf dem Blatt will ich anfangen.
Es war einmal ein Kind, das hatte viele Geschwister. Eine Lulu und eine Meline, die waren junger, die andern waren alle viel alter. Das Kind hat alle Geschwister zusammengezahlt, da waren's dreizehn, und der Peter vierzehn und die Therese und die Marie funfzehn, sechzehn und dann noch mehr, die hat es aber nicht gekannt, denn sie waren schon tot; es waren gewiss zwanzig Geschwister, vielleicht waren es gar noch mehr. Der Bruder Peter ist gestorben, wie das Kind drei Jahr alt war, von dem weiss es aber noch sehr viel. Er hatte schwarze Augen, die ein blendend Feuer von sich strahlten, in die hat das Kind oft sich ganz verloren vor tiefem Hineinschauen.
Der Bruder Peter trug das Kind oft auf einen kleinen Turm auf dem Haus, da futterte der Peter allerlei Gefieder, Tauben und eine Glucke mit jungen Huhnern, da sass das Kind mit ihm, da dichtete er ihm Marchen vor. Das waren Stunden, die glitzern wunderschon aus der fruhsten Kindheit heruber. Was fing denn der Peter noch fur narrische Dinge mit dem Kind an? Er war misswachsen und daher sehr klein, er nahm es am Weihnachtstag mit in die Kirche, das sollte keiner sehen, er nahm einen grossen Barenmuff und hielt ihn vor sich und das Kind, dass man nicht Kopf, nicht Hand sah, nur die vier Beine trappelten immer vorwarts, die Leute wunderten sich uber das kuriose Rauchwerk, das allein uber die Strasse lief.
Einmal hatte der liebe Bruder heimlich im Garten etwas gebaut, dann fuhrt er das Kind hinein. Da ist ein kleiner Hugel aufgeworfen, da hebt er einen Stein auf, da springt auf einmal ein Wasserstrahl empor, ein kleines Weilchen, dann hort's wieder auf. Das hast du alles deinem Schwesterchen zu Gefallen getan, o Bruder Peter! Es liebte dich aber auch sehr. Morgens, wenn es aufwachte, standest du vor seinem Bettchen, und es lachte mit dir, noch ehe es die Augen offnete. Es lernte an deiner Hand die Stiegen erklettern, immer fuhrte es sich an dir. Da war's einmal schon spat, eben wollte die Sonne untergehen, er stand an der Wendeltreppe mit dem Kind; die letzten Sonnenstrahlen leuchteten ihm ins Gesicht, er ward so totenblass, das Kind klammerte sich fest ihm an, lass los, sagte er kaum horbar und fiel die Treppe hinunter, das Kind hatte aber sein Kleid festgehalten und war mit heruntergefallen. Da trug man den Peter ins Bett, das Kind sah den liebenden Bruder nicht wieder. Auf seine Fragen war die Antwort, der Peter sei begraben; er verstand nicht, was das sei. Noch manchmal sehnte es sich nach dem Bruder und noch manchmal in einem Eckchen sass es Abends, wo das Licht nicht bis hin leuchtete, da sah es in der Dammerung seine dunkeln Augen es anleuchten, oder war das Einbildung?
Der Vater hatte das Kind sehr lieb, vielleicht lieber als die andern Geschwister, seinem Schmeicheln konnte er nicht widerstehen. Wollte die Mutter etwas vom Vater verlangen, da schickte sie das Kind, und es solle bitten, dass der Vater Ja sage, dann hat er nie es abgeschlagen. Nachmittags, wenn der Vater schlief, wo keiner Larm wagte oder Storung zu machen, das Kind aber lief ins Zimmer, warf sich auf den schlummernden Vater und walzte sich ubermutig hin und her, wickelte sich zu ihm in den weiten Schlafrock und schlief ermudet auf seiner Brust ein. Er lehnte es sanft beiseite und uberliess ihm den Platz; er ward nicht mude der Geduld. Viel Lieblichkeiten erwies er ihm, beim Spazierenfahren liess er halten auf der Blumenwiese, bis der Strauss gross genug war, das Kind wollte gern alle Blumen brechen, das nahm kein Ende, die Nacht brach ein, und den Strauss, viel zu gross fur seine Handchen, bewahrte ihm der Vater.
Was ging denn noch Schones vor und webte allerlei Lustiges ihm in den Lebensteppich. Das belebte Leben auf der Strasse! Gegenuber im Haus die offne Halle, in der vom Mai bis in den Herbst die Nachbarn kampierten den ganzen Tag, da spielten die Kinder mit dem Mops, und der Papagei auf der Stange plauderte Spitzbub, das wollten wir gern den ganzen Tag horen. Wie glucklich war das Kind mit dem Schlusselblumenstrauss, den die Milchfrau mitbrachte morgens fruh. Ach das Land! Die Wege hinaus ins Freie! Die Kinder schiebelten sich lustig den Wall hinunter ins tiefe Gras. Und das Klapperfeld, wo das Gespenst rumorte im bosen Haus, und der Herr Burgermeister hatte Wache hinpostiert, zehn Mann von innen, und von aussen auch zehn an die Ture gelehnt, hat das Gespenst in der Nacht umgeworfen, in der Nacht mit dem Glockenschlag zwolf. Der Doktor Faust habe da gewohnt ganz im Verborgnen und sei erst jetzt gestorben, seitdem rumort es. Da erzahlten sich die Leute abends spat noch Wunder vom Doktor Faust, wie er die Baume konnte bluhen machen mitten im Winter und so schnell, dass man zusehen konnte, wie die Blute herauskam. Das Kind schlief nicht, es erlauschte alles in seinem Bettchen und freute sich der Unmoglichkeiten.
Einmal starb eine vornehme fremde Frau, die in der Stadt krank gelegen hatte an unheilbarem Ubel. Sie hatte das Kind oft kommen lassen an ihr Bett und ihm viele Spielsachen gegeben. Ein langgedehnter Grabgesang hallte durch die Strassen, schwarze Manner trugen den Sarg. Da wird die vornehme Frau begraben, hiess es, und man erzahlte viel von ihrem schmerzlichen Tod! Was ist das, Tod? Begraben! Nicht mehr da! Das Kind kann's nicht begreifen, dass man nicht mehr da sein konne. Und heute noch kann es nicht glauben ans Nicht mehr sein. Nein! Nur wie der Schmetterling aus seinem Sarg hervorbricht, ins Blumenelement, und nicht sich besinnt, nur taumelt lichttrunken, nur freudig schwarmt, so losen die Kranken, die Muden sich ab vom Leib, so steigen sie auf ins reinere Freiheitsleben, das ist alles, was den Sinnen nicht sichtbar war. Wie die Raupe sich veredelnd umwandelt, so kann's der Mensch auch. Hatte es doch wieder vergessen konnen, was das heisst, von der Erde scheiden! Der nachste Fruhling, vom Tod an der Hand gefuhrt, kommt und geleitet ihm die schonste Mutter ins Grab. Da ist Zerstorung im Haus, die Freunde! Und viele dankbare Tranen fliessen. Der Vater kann's nicht ertragen, wohin er sich wendet, muss er die Hande ringen, alles scheuet seinen Schmerz. Die Geschwister fliehen vor ihm, wo er eintritt, das Kind bleibt, es halt ihn bei der Hand fest, und er lasst sich von ihm fuhren. Im dunklen Zimmer, von den Strassenlaternen ein wenig erhellt, wo er laut jammert vor dem Bilde der Mutter, da hangt es sich an seinen Hals und halt ihm die Hande vor den Mund, er soll nicht so laut, so jammervoll klagen! Gesegnetes Haupt, das an seiner seufzenden Brust lag und von seinen Tranen uberstromt ihm Linderung gab. Werde doch auch so gut wie Deine Mutter, sagte in gebrochnem Deutsch der italienische Vater.
Ach, lieber Clemens, heute kann ich nicht mehr von der Kindheitsgeschichte schreiben. Und es ist ja auch gar nichts, was ich da aufgeschrieben hab, und doch bin ich erschuttert und muss um die Toten weinen. Mein Licht geht gleich aus, es ist so kalt im Zimmer, jetzt spur ich erst, dass ich mit blossen Fussen die ganze Zeit am Schreibtisch sitze. Wenn ich wieder schreibe, will ich fortfahren vom Kloster zu erzahlen, wo wir bald nach dem Tod der Mutter hingebracht wurden. Adieu Clemens, wenn wir nach Frankfurt kommen, geh ich gleich in die Karmeliterkirche und sehe, wie es da ist, ich hab Eltern und Geschwister so lange nicht besucht, wenn sie's fuhlten, wenn sie sich wunderten, dass ihr Kind sie versaumt.
Deine Bettine
Liebe Bettine!
Ich habe Deinen Brief mit vieler Ruhrung gelesen, sei versichert, dass ich bald umstandlich schreibe, heute ist keine Zeit, ich fuge Dir einen Brief bei, den ich von Franz erhielt. Glaube, dass ich mich in gewisser Hinsicht unendlich uber seine Treue gefreut habe. Was er von Dir schreibt, ist ganz meine Meinung, nur dass alles, was wir beide allein unter uns und voneinander wissen, dadurch so uberwiegend bleibe, als es wahr ist. Was Franz schreibt, ist so ehrlich gemeint und so wahr, als Du wohl weisst, dass es sich von selbst versteht, den Brief erhaltst Du als Beweis meines unbegrenzten Zutrauens, und dass ich Dir nichts verhehle, die hintere Seite des Briefs schneide ab fur die Meline nebst den Abbildungen der Zirkassierinnen aus Oberhessen.
Was Franz von unbekannten Landern schreibt, heisst nichts, als dass er selbst keine Lust zu reisen hat, fuhlte er sich in Dich hinein, seine Gute und Liebe, die immer nur fur andre sorgt, wurde gewiss sich selber Aufopferungen zumuten, um Dich zu befriedigen, und fuhl ich Dich recht heraus, so gluhst Du eigentlich vor Sehnsucht, mit der de Gachet in das fremde Land zu ziehen, und das verdient dies gottliche Weib. Ja, ich war bei ihr, wenig Tage war ich mit ihr zusammen bei meinem Freund Ritter, der doch gar zu gut ist, mir himmlische Briefe schreibt uber Dich, die er liebt durch mich. Ich kann Dir nicht aussprechen, wie notwendig mir es ist, manchmal uber Dich zu sprechen, ich tu es aber mit solchen Menschen nur, die viel grosser sind und besser als ich. Und Ritter, der liebenswurdigste, der, wie Moses mit seinem Stab an den harten Fels der Wissenschaft schlagt, aus dem die reine kristallhelle Quelle der Weisheit hervorsprudelt, und wer es wagt, seinen Becher dran zu fullen, der wird von der Grosse dieses unsterblichen Menschen durchdrungen. Mit Schlegel war ich auch, aber mit ihm hab ich nie von Dir gesprochen; er ist gross und sehr bedeutend in der Literatur, und Du musst ihn auch einmal sehen, aber ihm kann man nicht sagen, was das Innere beschaftigt, mit ihm kann man nur Witz und Ubermut treiben, und doch kommt man dabei meist zu kurz, weil er Scharfsinn der Kritik und Satire nie versteht, sobald es auf ihn geht.
Ach, was brauchst Du zu lernen, wenn Du so lieb bist beim Nichtlernen. Mag es gehen, wie es will, das Bessre und Hohere wird doch Dich all durchstromen und wird sich lautern in Deinem unberuhrten Wahrheitssinn. So bin ich auch unendlich erquickt von der Beschreibung Deiner Kinderjahre, liebes Kind, wollt ich auch Dir beteuern, sie seien unendlich schon und der tiefste Dichtersinn blicke da heraus, Du wurdest es nicht glauben. Du glaubst in solchen Dingen mir nie. Aber wenn Du nur Dir die einzige Frage tun wolltest, warum Du grade so schreibst und nicht mit andern Wendungen und Reflexionen; so wirst Du Dir anworten mussen, dass es so in Deiner Seele geschrieben steht, und weil Du dem nicht untreu sein magst, nicht ihm untreu sein kannst, so sprichst und denkst Du so, wie Du denkst. Also leugnest Du schon nicht, dass Dein Denken und Sprechen der reinste Abdruck Deiner Seele ist, wenn aber ein Maler ein Bild machte, in dem er den reinsten Abdruck der Natur wiedergabe, wurde das nicht ein unvergleichliches Bild sein? Eine Mutter verloren im Anschauen des Kindes und die von allem, was sonst noch um sie hervorgeht, nichts weiss, wurde das nicht ein ewiges Bild sein? Ein Madchen wie Du so alt, in der Dammerung sitzend unter einem Blutenbaum, und ein Knabe wie ich, so wie wir beide beieinander sassen am Weg, das grune Feld hinter uns und der ferne Fluss und die Schafherde, die an uns voruberzog, die eine Staubwolke machte, was die Abendrote ein wenig verdeckte, weisst Du's noch?
Du sagtest, es sei malerisch, warum denn aber? Es waren ja doch nur lauter einfache Gegenstande, keiner wurde darauf gemerkt haben, der voruberging, noch weniger wurden Leute express hingegangen sein, um sich dran zu erbauen; aber doch ist viel Larm um nichts in der Welt, aber deswegen wird dies Nichts doch nicht etwas. Deine Erzahlung aber ist etwas und doch nicht mehr als jene Abendszene, die Du malerisch fandst. Drum schreibe ruhig fort und mit Pietat, das heisst verwirf nicht, was Du schreibst, beglucke mich damit. Wenn es das ewige Leben und Weben der Natur ist, so einfache Szenen zu bilden, so wolle es nicht besser machen konnen. Die Natur ist die grossere, die edlere Bildnerin, und weil Du ihr nachgesprochen hast, so hat Deine Erzahlung Stil, sie deckt namlich den Ausdruck des Begriffs und der Empfindung vollkommen. Leb wohl und schreib weiter, ich warte mit Sehnsucht darauf.
Dein Clemens
An Clemens
Lieber Clemens! Am Neujahrstag haben wir unser Ballett aufgefuhrt, es ist holter die polter durcheinander gangen, es ist alles verkehrt gangen. Mein Neunzehner war ein Ritter, dem nichts haften wollte, wir mussten mehrere Proben halten im Kostume, bald fiel ihm der Panzer, bald die Schienen ab; und endlich am Tag der Auffuhrung war eine grosse Not, alles rennte durcheinander, einer rief nach Schminke, der andre nach Strumpfbandern, der dritte hatte den Zwickelbart verloren, wir Madchen zogen uns aus dem Gedrang zuruck auf die Tische und Kanapees und da warteten wir ruhig, bis die Flut sich gelegt hatte und die Ebbe eintrat, wo wir alle an Blumengirlanden geschnurt von unserm Ballettmeister hinubergeleitet wurden, dem der Schweiss von der Stirne rann, bis er uns in Ordnung hatte. Der Vorhang wurde hinweggezogen, und wir tanzten vor alten Hofmasken und Perucken einen trefflichen mimischen Tanz, der allerlei bedeuten sollte, es ging passabel, bis wo wir einen Ringeltanz um das Ysenburgische Wappen tanzten, an das wir unsre Kranze aufhangen sollten; mein Neunzehner fiel und riss mit seinem Kranz das Wappen herunter, das fiel auf ihn, und alle Kranze flogen im Saal herum. Ich richtete geschwind das Wappen wieder auf, damit es nicht sollte fur ein bos Omen ausgelegt werden. Dann tanzten wir nach den Kranzen, als hatt es nur so sein mussen, und teilten diese den Herrschaften aus; dies Impromptu ging besser als das eingeubte. Die Damen traten vor den Spiegel und probierten sie auf, und mancher stand der Kranz recht schon. Unterdessen verwandelten wir uns in Bauern, das ging auch sehr geschwind, wir Madchen schurzten die Rocke hoch, zogen die Hemdarmel hervor und einen Brustlatz vor, ebenso schnell hatten die Ritter sich verwandelt, die als Bauern schon im Pappendeckelpanzer staken. Blumen, Bander, Fruchte, Obst in Korbchen standen schon bereit. Eh man drei zahlen konnte, waren wir in Ordnung aufmarschiert, ein Erntezug, vorauf die Musikanten und Fahnen der Landleute, alles mit Silber und Goldpapier dekoriert, ein junger Mensch Bukes fuhrte die Dorfmusikanten, er spielte auf dem Haberrohr, er hatte schon so viel Witze gemacht, er schnitt so narrische Gesichter, dass ich kaum konnte meine Verse deklamieren, da stolperte der Neunzehner hinter mir, und lasst seinen Korb mit Apfeln uber mich hinaus rollen, es erschallte ein gross Lachen, kein Mensch denkt mehr an die Verse von Chateaubour. Der Dichter, der sich so viel Hoffnung gemacht hatte, quel effet que cela fera. Die schonen zirkelrunden Borsdorfer waren bestimmt gewesen, in einem Akt in unserm Bauerntanz, nach der Rede, in der ich unterbrochen ward, zu figurieren. Wir sollten im Tanz einander gegenuberzustehen kommen und nach der Musik mit diesen Apfeln ein Ballspiel auffuhren. Und dies hatten wir nun wochenlang eingeubt, so sicher wie die besten Bombardiere. Sollte nun dies beste Kunststuck durchfallen? Wir rafften schnell die Apfel auf und stellten uns in Ordnung auf. Die Rohrpfeife wollte nun die Zwischenmusik uberspringen und die Musik zum Ballspiel einleiten oder aufpfeifen. Aber die Geigen verstanden das nicht und kamen ihm nicht nach, sie blieben auf dem alten Satz; es gab ein Charivari. Die jungen prinzlichen und graflichen Herrschaften, die dies Spiel nicht zum Ballett gehorig glaubten, hatten sich drein gemischt und warfen mit Apfeln um sich her, mancher mag da getroffen worden sein, der nicht gemeint war. Doch es fing an menschlich zu werden unter ihnen, sie probierten ihre Kranze auf, wie sie nach ihrer Meinung ihnen recht gut standen, so ging man bekranzt herum und, als ob dadurch die Klausur der Etikette aufgehoben sei, lief alles untereinander, stiess sich mit den Ellenbogen und stolperte ohne weitere Entschuldigungen. Bukes mit seiner Pansflote fuhrte einen Satirtanz auf aus eignem Ingenium und spielte selbst dazu auf, er endigte dies Impromptu mit einer Ode von Ovid, die er langsam und deutlich mit allen moglichen Modulationen, bald mit Donnerstimme, bald mit sanftem Flustern deklamierte und dazwischen mit der Pansflote Intermezzos spielte. Er wurde bewundert. Mehrere, die sich als Lateiner wollten zeigen, gaben ihm das beste Lob, was er mit grossem Plasier anhorte, weil er allerlei lateinisches sinnloses Zeug zusammengewurfelt hatte, was ganz ohne allen Zusammenhang war gewesen.
Gestern, lieber Clemens, hab ich bis hierher geschrieben, vielleicht langweilt Dich's, es ist aber gleich aus, die bekranzten Herrschaften setzten sich zur Tafel, sogar die alte Prinzess Rothenburg hatte einen Kranz von Wacholder mit Perlen durchflochten auf ihre altmodische Blondencoiffure gesetzt, die dadurch sehr verschonert ward. Tannen, Myrte, Orangen, Oleander und Lorbeer kranzten manchen alten Kopf, dessen grosse Hakennase unter dem Kranzschatten sich sehr vorteilhaft ausnahm. Die Musik dauerte wahrend dem Essen fort, das Ballett auffuhrende Personal tanzte dazu auf eigne Faust allerlei groteske Sprunge. Alle Augenblicke wurde Tusch geblasen; wozu wir im Hintergrund das Vivat verstarkten. Um Mitternacht war gegenseitiges Umarmen, dazu tanzten wir die Ronde, alle an einem blauseidenen Band uns haltend, auf dem Verse gedruckt waren auf alle hohe Personen. Im Tanz machten wir Halt und schurzten das Band mit dem Vers uber den, an den es gerichtet war, so bekam jeder seinen Vers zu lesen. Nun kam eine grosse Pastete, der Deckel wurde abgehoben, da sprang ein kleines Hundchen heraus, aber ganz klein, der Herzog hatte es, ich weiss nicht woher, aus dem sudlichen Frankreich verschreiben lassen, zum Neujahrsgeschenk fur die Furstin von Ysenburg. Dies Plasier war ganz apart, kaum besann es sich ein wenig, so bellte es die ganze Gesellschaft an, noch zwei andre kleine Hunde wurden herbeigeholt, um Bekanntschaft zu machen, die waren aber nicht so klein. Das Gebell der drei kleinen Hundchen ubertonte alles und vermittelte die gegenseitigen Redensarten und Gluckwunschungen. Das Lob dieses Festes lautet wie ein wohltonend Glockenspiel hier in der ganzen Umgegend unsern Ruhm aus, man will es noch einmal wiederholt haben. Einmal ist keinmal, aber noch einmal, das ist zuviel.
Liebster Clemens, noch Lebensgeschichte kann ich gar heut nicht mehr schreiben. Du lobst mir alles, aber um so mehr druckt das mich nieder, diesem Lob zu entsprechen, Du willst mir Lust machen, den gewohnlichen Acker meines Lebens umzupflugen, jede harte Scholle zu zereggen; nein Clemens, wenn Du die weissen Wande meines Studierkabinetts, das heisst meines Kopfes ansahest und nichts drin fandest als Spinnweb, wie wolltest Du Zins von dieser Armut fordern! Ich kann doch nicht auf jede Seite schreiben, dass die Leute mir ganz narrisch vorkommen, und sonst begegnet mir nichts jeden Tag, und ist mir von Jugend auf nichts begegnet als der grosse Gedanke wiederhallend von Stufe zu Stufe meines Ingeniums: Alles, was begonnen wird in der Welt, sei narrisch. Dabei komme ich mir eben auch nicht anders vor, eben weil kein Bestand in mir ist, weil ich von so manchem ein profundes Gefuhl habe und dennoch ein Spielball der Zerstreuung bin, die ganz gehaltlos ist, das fuhl ich, das qualt mich, davon mocht ich gesunden und weiss nicht wie. Wenn Du aber nun wieder kommst und sagst, es stecke alles in mir und ich konne Wunder verrichten, und ich fuhle mich aber behaftet mit allen Verrichtungsfehlern, und nur dass sie keinen Schaden machen, weil nichts an mir verloren ist. Du wirst Dich kreuzigen! Ich kann aber nicht anders, als dass ich bekenne, woruber ich lange mit Zweiflen gerungen habe, dass namlich alles nichts aus mir werden bloss Sunde Deiner narrischen Einbildung ist, dass etwas Grosses in mir stecke. Eine Zeitlang hab ich Dir geglaubt, wenn Du mir als manchmal mit so vieler Liebe davon sprachst, ich solle meine bessre Natur, meine Vorzuge vor den Augen der Welt verbergen, ich war des besten Willens; aber, da ich nun diese Vorzuge wirklich gut zu verpacken gedachte, siehe da fand ich gar nicht, was ich allenfalls zu verschweigen oder zu verbergen habe. In Talenten komm ich nicht vorwarts, ich kann unmoglich meine elenden Versuche in der Kunst hochschatzen, eine Flora hab ich in Rotel gezeichnet, ich hab sie auch gleich darauf in Papierstreifen zerschnitten, um die Wachslichte mit fest zu machen. Meine musikalischen Versuche? Ich hatte ziemliche Freude am Generalbass, da hat sich mein Lehrer, der Herr Preissing, zum Fenster hinausgesturzt. Ich mag ja an Musik nicht mehr denken. Und nun kommst Du mit meiner Lebensbeschreibung auf rechter Heide, man konnte die Grashalmchen zahlen, die da wachsen. Das einzige, was mich intressiert, sind die franzosischen Miszellen uber Revolutionsbewegungen, so menschlich, so verstandlich, ein Kind muss ihre Naturgemassheit empfinden. Ich hab mir die Aufgabe gemacht, in meinen franzosischen Arbeiten sie zum Thema zu nehmen, ich bin zufrieden, da ich vorwarts komme auf einem Feld, wo alles auf festen tiefen Begriff ankommt, wo das Echte, das Gottliche bloss ein vernunftiger Schluss ist, wo ich glaube, weil die Glaubensartikel seelenerziehende Argumente sind.
Wo aber die Sundenregister wie eine elende Huhnerleiter an die Himmelspforte angelehnt sind, da mag ich keinen Versuch machen, mich zu bilden, mich zu bessern, soll ich da von Stufe zu Stufe hupfen wie ein Huhnchen, damit es auf die Stange zu sitzen komme neben den Hahn? Nein! Auf mein Seel in einem Flug. Uber die Sundenregister hinaus wie die Verheissungen der Himmlischen. Sind die Seligen selig geworden, so lasse sie mit ihresgleichen, schmeichle nicht wie ein Schmarotzer um sie herum, dass Du auch gern wollest vom Himmelsbrot essen. Ich aber sag mir, kannst Du nicht lernen entbehren? Grad das, wonach alle verlangen? Kannst Du nicht lieber wollen, dass die andern selig werden, die so sehnlich darum bitten und seufzen, da Du doch gar nicht danach seufzen kannst? Dies Seufzen, Flehen und Ringen nach Seligwerden macht mich mitleidsvoll, hatt ich, was sie fordern, ich gab's ohne Bedingung! Aber wer kann's haben? Wer kann den Anstrich des Himmels dem Unsinn geben, in den hinein allen so sehr verlangt. Wer kann das machen, dass Unsinn immerdar ein Quell erneuerter Freuden sei? Gott nicht, denn sonst wurde er gewiss nicht anstehen, den Seligkeitverlangenden die Himmelstore weit aufzusperren und wie die alten Nonnchen in Fritzlar uns immer die himmlischen Freuden gleich einem Tanzboden beschrieben, nur viel schoner als sie es beschreiben konnten, so wurde er die Musikanten drauf losschmettern lassen und erquickende Himmelsspeise in Fulle lassen herabregnen. Ach, er konnte froh sein, wenn noch Menschen waren, die solchen Genussen mochten sich hingeben. Eine unschuldvolle Energie der Unersattlichkeit, ist die moglich? Ich war immer schon satt von der Beschreibung des Himmels. Ein unaufhorlich Preisen und Lobsingen damit fing's an. Ich sang auch gern, aber nicht Kirchenlieder; ich sang, um mein jubelnd Herz auszustromen, das zum Tanz geneigt war, von einem innern Lebenstakt frisch bewegt, meine Entschlusse waren rasch und sind es noch, dass heisst, ich entschliesse mich. Zu was? Ei davon ist gar nicht die Rede! Der Entschluss! Ein freudiges Durchrauschen aller Lebensadern! Ein freies Auftreten auf den gottgeschaffnen Boden der Erde, uberallhin blitzen meine klugen Augen und jagen die Nachtvogel aus ihrem Versteck. Was sind Dinge, zu denen wir uns einen Entschluss erkummern, im heimlichen Rat unsicherer Begriffe, feiger Moral, verschrobner Lebensansichten und noch gar heimlicher Schwachen und eigensuchtiger Begierden hinund hergeworfen. Ein solcher Entschluss? Wo blieb die Energie, ihn zu tragen? Nein! Entschluss tief in mich hinein fuhl ich: er ist der Mut, frei zu schweben uber aller Gemeinheit. Dinge, zu denen wir uns entschliessen mussen, die sind nicht. Wir schauen den einzigen Gott an in uns; er durchfahrt elektrisch uns die Glieder; das ist Entschluss. Verstehen wir uns, lieber Clemens? Mein alter Magnetiseur wurde das verstanden haben, es sind seine Antworten auf meine Fragen, es sind aber freilich keine Antworten auf Deine Forderungen an mich, ich weiss, was Du mit Recht mir vorwirfst! "Und doch konne ich keinen Willen mir erkampfen, ruhig und einfach die Entwikkelung meiner Talente zu betreiben." Ach ich weiss ja, dass ich mich schamen muss, jeder blaue Berg wirft mir das vor, er sagt: "Ich stehe reiner und edler da als Du!" Mich befallt auch oft eine tiefe Melancholie uber mein Nichts. Was kann ich dafur? Die Sunden der Welt haben auch mir den Boden abgegraben. Was ist das, wenn die frische kraftvolle Erde, die den Baum nahrt, ihm geraubt wird, und er soll zwischen kalten Steinen Nahrung hinaufsaugen in den Gipfel! Ach, der Bach selbst muss traurig hinsickern uber seine entblossten Wurzeln. So viel Lebensansicht hab ich mir erworben in diesen Verhandlungen uber Freiheit und Lebensrechte, dass ich weiss, dass dies die Sunde ist der Welt, fur die ist der Gott gestorben, das glaub ich, das weiss ich, aber soll er auferstehen, so muss diese Sunde getilgt sein durch seine Auferstehung.
Ich furchte mich vor Dir das auszusprechen, doch ist's die Mitte meines Denkens. Die unverstandlichen Aufsatze von mir, die Du mit soviel Neugierde studiertest, sie sind Funken und gluhende Asche von diesem Herd, dessen Flamme manchmal hell aufleuchtet; ein ewiges Menschwerden des Geistes durchbricht alles sinnliche Bedurfnis und wirft es nieder und steht aufrecht uber ihm, und ja, das ist's, was ich Entschluss nenne, zu sein und zu werden, ob ich's verstehe oder nicht. Rechenschaft geben? Warum? Die Geistesauferstehung selbst ist Rechenschaft allem Unsinn, der aber sie verwirft. Lass den Geist werden und seine grossen Zauberkrafte werden uber dieses Fordern nach Rechenschaft uber Hollenbrodem und Fegefeuer sanft hinuberwallen, und Satzung und Glaubensartikel, sie reichen nicht an seine Region, und wenn sie auch noch so grosse Staubwolken aufregen unter den Menschen.
Ich wollte Dir ja vom Kloster schreiben, ich wollte Dich uberraschen mit der Erzahlung dieser einformigen Tage, wo viel traumerische Knospchen auf feinen Stielchen rankten! Aber da lass' ich mich uberraschen vom Schauder uber das Gewohnliche, was die ganze Welt zum Narrenhaus umwandelt. O, Ihr Bienen alle, die Ihr mich umsummt habt im Klostergarten. Ihr Nelken- und Lavendelbeete, die Ihr mich gedeckt habt mit Euern Duften.
Ach, es ist Winter in mir, und der Schnee der Weisheit deckt die Erde. O Erde, lass den Fruhling wieder treiben, halte den Atem nicht langer an, hauch deinen sussen Duft aus, er genugt mir statt Paradiesesfreuden. Willst Du deine Graser herauslassen und deinen Bachen freien Lauf, Erde, dann kuss' ich dich und schenke dir meine Seele.
Das heisst, das Unterhandlen mit dem Himmel bin ich ganz mude. Das heisst wieder: alles ist zwar in Richtigkeit und an der Tafel angekreidet. Ach kam nur einer und loschte mit dem Schwamm das ganze Fazit aus, dann war noch Hoffnung, dass die Natur im Menschen wieder aufwachte.
Deine Schwester Bettine
Liebes Kind!
Ich fuhle mich in eine ganz wunderliche Lage hineingeschoben durch Deine ausgreifenden und wieder tief im Lebensschacht herumwuhlenden Mitteilungen. Oft ist mir, als stehe ich auf einem vulkanischen Boden, wo die verwitterte Lava von der schaffenden Natur uppig begrunt hervorbricht in Flammen und verzehrt es wieder. Und hier und da liegen Brandstatten unter dem ewig blauen Himmel. Was nutzt mein guter Wille, meine Stimme, mein Wort. Wie konnte das diesen Boden erschuttern, in dem ein innerliches Wirken verborgne Wege schleicht und dann jeder Gewalt unerreichbar plotzlich das begonnene Gepflegte zerstorend aufflammt. Weisst Du, was Du sprichst? Nein! Denn ich kann Dir den Mut nicht zutrauen, Dich Nationen und Jahrtausenden gegenuberzustellen und denen Hohn zu sprechen. Das tust Du aber, blind wie Du bist, springst Du uber Abgrunde, und immer glucklich fuhlst Du den Boden unter Deinen Fussen. Man sagt, der Blitz erschlage keinen Schlafenden, drum soll man wahrend dem Gewitter keinen Schlafenden storen. Ich frage mich, ob Du schlafst, ob Du traumst, und dann mein ich, das Gewitter bist Du selber; es rollen Ideen donnernd in Deinem Geist, die aneinander zerschmettern; und vor meinen Augen sinkt in die tiefste Spalte, die plotzlich gahnt, was eben noch meine Hoffnung war, was ich mit demselben sussen Willen hutete, wie Du Deine Blumen und Krauter. Deine unverstandlichen Aufsatze, wie Du sagst, seien die gluhende sinkende Asche und ausfahrenden Funken von dem Herd, auf dem der erwachende Geist sich seiner Unverstandlichkeit entbindet. Einmal will ich mich vor Dir aussprechen daruber, sollte ich mich irren, so sage mir es. Ich war bis jetzt noch immer so sehr der einzige Gesichtspunkt, nach dem Du mit inniger Begierde hinsahst, in dem das meiste um Dich her nicht das war, was den Geist auf eine wurdige Art fesseln kann. Deine Aufsatze, teilweise auch Deine Briefe, stellen daher oft mehr Selbstgesprache vor, oder eine Art Gebete, in denen der Gedanke sich selbst lieben und wurdigen lehrt und in einer sehnsuchtsvollen Andacht verweilt. Diese Andacht ist von allen Gesichtspunkten heilig und unverletzlich, da sie allein das Erwachen eines trefflichen Menschen verkundigen kann; sie liegt uber der Bildung wie alle Gottesverehrung als die erste Poesie des Menschen; sie ist die Morgenrote vor dem geschaftigen Tag, der Fruhling und das Kindliche in dem Fortschreiten jeder Art von Leben uberhaupt; so schienen Deine Briefe und Ergiessungen bisher mir auch nur die erste schone reflektierende Bewegung Deines Erwachens in der lieben Welt, und Dein Gefuhl, Deine Ruhrung und Dein Gott sind eins und dasselbe darin; ein Morgengebet eines an sich frommen Menschen, den man nicht grade dazu angehalten hat. Wolltest Du meinen, in Deinen Briefen sprache bloss Deine Liebe, Dein antwortender Geist zu mir, so tauschest Du Dich, sie sind Deine Liebe zu allem, so wie es Dein reflektierender Geist uber alles und in allem ist, den Du mir anvertraust; Du kannst nicht zweiflen, dass sie mir daher das hochste lebendige Interesse umfassen, und dass Deine Geistesanlagen mir ebenso heilig sind, als es mir ruhrend ist, dass Du sie mir anvertraust; warum ich also wunschte, dass Du die Kette dieser reizenden Lebensaufregungen nicht unterbrechen mogest, das erweist sich von selbst, da es aber ebenso unmoglich als unnaturlich sein wurde, ewig oder sehr oft in dieser Ruhrung zu verweilen, ja am End komisch und dann gar schandlich werden konnte. Es gibt solche Epochen in der Geschichte, wo dasselbe im grossen geschah. Diese Epochen bildeten ihre Krankheitsstoffe aus, als die Andacht nicht mehr im einzelnen Menschen vor dem Verstand sicher war und daher allgemeine Religionen hervorkamen, dann als gar keine Andacht mehr da war und eine Menge Religionszeremonien ihre Stelle vertraten, das war komisch, und da die Religion als Mittel zu schlechteren Zwecken gebraucht ward, das war schandlich, denn sie ist die Krone alles Lebens und die einzige Ruhe in uns, die jede einzelne Bildung kront, und indem sie uber alles Ungebildete bloss Zufallige erhebt, dieselbe dem ganzen Dasein, Gott und uns zugesellt. Diese Andacht also, die Liebe, die Du in Deinen fruheren Aufsatzen aussprichst, oder auch Deine Sehnsucht uberhaupt, zu bilden und gebildet zu werden, kann nur wie der Morgen jeden Tag einmal und wie der Fruhling jedes Jahr einmal und wie die erste kindische Poesie jeder Volkerbildung in dem Volke nur einmal erscheinen und so ins Unendliche in diesem Zirkel ruckwarts und vorwarts in engeren und weiteren Kreisen, und es ware daher komisch oder schandlich, Dich dazu zu zwingen oder zu verstellen, das erste war komisch und das zweite schandlich. Du schreibst also bloss, wenn ich Dich durch einen Brief, der Dich an das Bessere erinnert, in Deinem Geist aufruhre. Aber kennte ich Dich nicht besser, musste ich dann nicht glauben, Du liessest es bei dieser blossen Andacht bewenden, und auf das geruhrte Gefuhl des Erweckten in Dir folge keine Arbeit, kein Streben? Beinah willst Du mir's weismachen! Darum hab ich Dich aufgefordert, Gedanken, Geschichten, Begebenheiten, Fragen, Meinungen usw. niederzuschreiben, damit Du mir ohne Anstrengung schreiben konnest und Dich nicht dazu erst zu stimmen brauchst, es war mein Wunsch, denn ich selbst lerne durch Dich mich aussprechen. Wie schon sind Deine letzten Briefe davon erfullt, wie wahr und warm Deine Reminiszenzen aus den Kinderjahren, wie tief Dein Gedachtnis noch aus Deinem ersten und zweiten Lebensjahr. Liebste Bettine, bedenk Dich doch, dass solche Eigenschaften von der Natur als kostlichstes Lebensgeschenk in die Seele gepragt sind, dass es feinste Organisation des Geisteslebens ist, so schreiben zu konnen. Vielleicht sag ich manches in meinen Briefen, was Dich stort, lass es ungesagt sein. Uberhaupt nahre das Vertrauen, denk, Du sprichst auf der Hohe auf freien Bergen oder im tiefen Wald, wo nur die Natur Dich auffordert zum Sprechen, nicht der verblendete Mensch, der vielleicht eigensinnig. Oft erschreckt es mich, und es kommt mir vor, als war Dein Gefuhl und Dein durch dies Gefuhl gebildeter kuhner Wille lange wie eingesperrt gewesen und brache nun so stolz und unbandig hervor, so beruhrte mich eben ein grosser Teil Deines letzten Briefes; ich habe mich gefragt, ob ich durch Ausserungen Deinen eigentumlichen Wendungen in den Weg getreten sei, und beinah glaube ich's, denn auch in diesem Augenblick fuhle ich, wir stimmen nicht ineinander.
Ich wollte Dir noch mehr schreiben, aber eben erhalte ich einen Brief von Leonhardi, er habe Dich zweimal gesehen, und wenn die Zeit schoner werde, wolle er ofter nach Offenbach kommen; ich finde das nicht weiter sehr wunschenswert, weil unbedeutende Menschen oft einen Einfluss haben, eben weil sie das Bedeutende aufheben, ich habe jedoch nichts weiter zu erinnern als dem Leonhardi doch nur hochstens scherzend zu begegnen, auf andern Wegen wurdest Du ins Philistertum geraten, denn er ist ein hypochondrischer Mensch, der sich leicht einbilden kann, er sei dies oder jenes und musse Dich warmen oder schutzen oder Dir Weltansichten eroffnen, ein solches Pfuscherwesen lasse Dir nicht in den Weg treten. Er hat Bucher und kann Dir die geben, die ich will. Sei stolz und lasse Deine Einsamkeit Dich nicht verfuhren, Deine Zeit an Menschen zu verlieren, von denen Du nichts gewinnst.
Dein Clemens
Du sollst einem meiner Freunde, der dich bittet, den ich und viele fur den einfachsten, genialischsten Menschen seiner Zeit halten, ein kleines Geschenk machen, sticke, nahe irgend etwas; es ist Ritter, der Naturphilosoph, der Freund der Gachet, denke was Hubsches aus, sage niemand, fur wen.
Liebe Bettine!
Du schreibst mir nicht, dies martervolle Schweigen ertrage ich nun sechs Wochen. Dein letzter Brief erregte mir Zweifel, die mich ungeduldig auf den folgenden machten, ich schrieb Dir in einer ganz entgegengesetzten Empfindung, wollte Dir sagen, dass die Basis alles sittlichen Gefuhls nicht Stimmung, sondern Wahrheit sei, dass die Wahrheit wieder nur echte Religion sein konne, dass aus dieser kein lugenhafter, sondern ein ganz echter Bildungstrieb nur hervorgehe, der in jeder Handlung, in jeder Ausserung den ganz reinen Menschen darstelle; dass eben nur dieser Mensch allein wirkungsfahig sei, das wollte ich Dir sagen, ich wollte Dir aber nichts sagen, was Misstrauen gegen Dich beweise; was ist das nun, dass Du schweigst? Ach wolltest Du mir doch nur einige Hilfe leisten, so wurde mir das eine Erholung sein, woran ich jetzt verzweifle, namlich den Wegen nachzuspuren, die sich Deinem hoheren Interesse anfugen. Deine Briefe sind ja doch keine Kunstarbeit? Oder kannst Du sie nur in gewissen Stimmungen hervorbringen? Da doch so vieles darin sich noch ganz unenthullt zeigt, vieles nur ahnungsweise anregt. Wie kommt's, dass dies alles Dich auch nicht reizt, es noch ferner in Dir zu beschauen und mir mitzuteilen? Es ist etwas sehr Vortreffliches und Seltnes, Briefe zu schreiben, die bloss die Geschichte des Herzens zum Gegenstand haben, ohne zu lugen. Ich will hier dies naher auseinandersetzen. Der gebildete Mensch oder der empfindendere lebt ein doppeltes Leben, er lebt das gesellige praktische Leben seines Standes, seiner Familie, und lebt das Leben seines Geistes, seiner Begriffe, seiner Empfindungen. Jenes Leben ist gebunden und bestimmt durch seine Umgebung und den Punkt, auf den er in der burgerlichen Welt gestellt ist; dieses aber hat das Universum, die Natur, und das eigne Gemut zum Gegenstand, insofern es frei in sich selbst fortbildet, ohne dass das praktische Leben des Menschen darauf einwirke. Beides zusammen bildet seine Geschichte, die (wie sich diese beiden Leben in ihm mehr oder weniger bestimmen, aufheben oder durchdringen, oder gegenseitig erhohen), die Geschichte eines schwankenden, einseitigen, geschlossenen oder ewig fortstrebenden Gemutes ist. Die Beruhrung des hoheren Lebens in uns, mit dem Leben, welches durch die Umstande hervorgebracht wird, bildet die Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit unserer Lage, unsre Zufriedenheit, unser Gedeihen, was jedem Geschopf das Klima und der Boden ist. Aber alles kann ein Umstand dieses Lebens werden, auch was sonst kein Umstand ist; die Geschichte eines andern Menschen. Insofern nun diese mit unserm hoheren oder burgerlichen Leben in Beruhrung kommt, bildet sich uns der Mitburger, der Genosse, der Nachbar, und bei totaler Beruhrung, der Freund. Dieser kann, ewig fortschreitend, in hoherer Annahrung endlich sich beinah mit uns durchdringen; dies nenne ich das Anziehen, Erfassen, es wird endlich zum Bedurfen. Denn es geht von der einen Seite die namliche Tatigkeit aus wie von der andern und wird endlich geistige Lebensforderung. Und hier, wo vier Arme offen sind, entsteht die Umarmung, der Bund, und dann die Trennung mit Einverstandnis in einem dritten, das Ziel. Endlich aber das Wiederfinden, wenn jeder seinen halben Zirkel durchlaufen hat. Das Leben ist zwischen zweien vollendet; jeder hat das Seine im Sinne des andern errungen; sie haben sich im Mute verwechselt, im Streben getrennt und durchdringen sich nun im Errungnen, in der Ruhe des Bewusstseins, das Ziel. Von hier aus geht ein neuer Abschnitt der geistigen Lebensgeschichte an, diese Ruhe, dies errungne Ziel ist der stille Punkt eines erhohten Werdens, denn die Verzweigungen geistiger Verhaltnisse gehen ins Unendliche, sie sind der wahre Sakontalabaum, der Blute und Fruchte zugleich tragt. Und das begluckt ja so unendlich in der Freundschaft, dass der junge Blutenbaum, noch ganz innerlich beschaftigt mit dem Treiben seiner Blute, bewusstlos die Nahrung reift fur den Geist, der auf ihn angewiesen ist. Bei dieser Gelegenheit sage ich Dir, dass ich dies schone Buch, die Sakontala, fur Dich bestellt habe; Du musst sie in wenig Tagen erhalten. Ich wollte sie Dir erst mitbringen, um sie vielleicht mit Dir zusammen zu lesen; aber wenn wir beieinander sind, da ist ja immer Blumenzeit, und da findet sich so manche Blume am Weg, die wir spielend betrachten, dass wir zu keiner Beschaftigung und zu keinem ernsten Resultat kommen. Die Sakontala soll ein solches Resultat in Dir bilden. Was an andern Menschen als voruberstreifender Genuss auch nur eine aussere Bildung bewirkt, das fasst in diesem Freundschaftklima Wurzel und wird selbststrebender Geist.
Ich habe Dir hier in der Beruhrung mit dem Freunde die Geschichte jeder Beruhrung mit dem Lebendigen erzahlt, deren Bedingung die Wahrheit ist, wenn sie nicht das elendeste Verderben in uns hervorbringen soll, denn alle Trauer, alle Unzufriedenheit ist eine Folge der Luge; nicht grade der Luge in uns, sondern der Luge an sich. Eine Ansicht, die wir von jeher, durch uns und andre, durch Unerfahrenheit, durch das, was noch nicht ergrundet ist, haben, ist Luge an sich; und fahig sein, heisst daher nichts als Anlage zur Wahrheit haben; sich bilden, heisst diese Fahigkeit verstarken; gebildet sein aber heisst, in uns die Moglichkeit zur Annahme aller Wahrheit hervorgebracht zu haben. Dann tritt das Wissen ein oder die wirkliche Besitznehmung von der Wahrheit; diese ist unendlich wie die Wahrheit. Es sind daher alle Menschen fahig. Viele bilden sich, wenige sind gebildet, und zahlbar sind die, welche wissen. Das eigentliche Verderben aber ist die Wiedervernichtung des Erbauten, des Gewussten, dessen, was einmal in unserm Besitz ist, ist die Zerstorung unsrer geistigen Gesundheit durch alle Art von Missbrauch, und endlich die schandlichste aller Arten der Schandung, die Luge in uns, die wir um so leichter herrschen lassen, als wir meistens in der Tragheit die Selbstbetrachtung verabsaumen und keinen Begriff von der Wahrheit haben, in diesem Falle nun sind die meisten Menschen, auch viele, die sich zu bilden scheinen, denen aber die Bildung nicht eine Verstarkung ihrer Anlage zur Wahrheit, sondern ein Amusement wird, ihre Unfahigkeit zur Wahrheit zu entlangweilen, oder die Vorwurfe der Luge in sich zu ersticken. Solche gebildete Lugner sind die miserabelsten, denn ihre Luge hat eine Art von Arm und Bein und scheint lebendig, um sie noch dichter zu umschlingen, sie furchten sich auch meistens vor jedem Zuwachs ihrer Bildung wie vor einem neuen Schlangenkopf und wissen sie sehr viel, so platzen sie vor Dunkel und Anerkanntheit, die letzte Gattung ist der Keim aller Hoffart. Wir konnen auch gewissermassen unschuldig, aber doch nicht ohne die verdiente Beschadigung der Affektation, in die Luge fallen, und zwar auf folgende Art. Da Konsequenz oder ein vernunftiges Auseinanderfliessen der Handlung, das wir selbst beherrschen, eine einzelne Tugend scheint, so will man sie gern im einzelnen ausuben und lugt, wenn man zugleich zwei oder dreierlei verschiedene Arten von Konsequenzen auszuuben glaubt, grade auf ebensoviel verschiedene Arten. In dieser Luge ist Schmeichelei, Heuchelei, ja sogar eine gewisse Gattung von Hoflichkeit zu Haus, der man sich oft mit Fleiss nicht enthalten darf. Es ist aber sehr lacherlich, indem man seine Wahrheit aufopfert, konsequent sein zu wollen, da diese beide eins sind. Man hort oft: "Dieser und jener Mensch hat keinen Charakter, er bleibt sich nicht gleich." Und in dieser Rede ist doch nichts gesagt, als dass dieser Mensch uns nicht in chronologischer Ordnung eine gewisse Anzahl ahnlicher Empfindungen zusammengelogen hat. Oder hat er nicht gelogen, sondern ist wirklich ein solcher Rosenkranz, der aus denselben Gebeten besteht, und den man schlafend beten kann: "Dieser Mensch ist nicht kommod, um ihn gelegenheitlich zu beurteilen, um von ihm zu sagen, er ist ein hubscher, grader, krummer, kleiner oder magrer Mann." Der wahre Mensch, der sich hingibt in der Freundschaft, klaubt nicht eine gewisse Partie seiner Erscheinung heraus, er gibt sich immer mit der ganzen Lebenssumme grade so ausgedehnt hin, dass er den Augenblick der Hingabe erfullt. Das, was man Charakter nennt, kann daher nur durch die grosste Menge ahnlicher Zuge im Menschen begriffen werden und ist nur merkwurdig im Begeisterten als die Gestalt des Schattens, die seine Bewegung nach irgendeinem Licht auf sein Gemut zuruckwirft, und im bloss erwerbenden Menschen als die Gestalt seiner Beschrankung, aus denen man, wie aus den Schatten, welche die Weltkorper aufeinander werfen, astronomische Schlusse auf die Gestalt, Lage und Durchkreuzung der Spharen, ihre Bildung, ihren Stillstand oder ihre Bewegung machen kann. Es gibt aber noch einen andern Gesichtspunkt fur das Interesse, das man an einem Charakter haben kann, und obschon er nicht hierher gehort, wo ich nun vom Umgange (Verkehr untereinander) rede, so will ich, um einem schiefen Einwurfe vorzubeugen, doch etwas davon sagen.
Der Charakter kann allgemein merkwurdig sein, wenn man ihn als Kritiker betrachtet, dies ist die Betrachtung, deren jeder Charakter als Kunstwerk wurdig ist; es sei nun, dass ich wirklich den Charakter einer gedichteten Person oder wirklich eines lebenden Menschen wie ein Produkt seines Lebens, als Kunstprodukt der dichtenden Natur anschaue. Sich zu dieser Ansicht erheben zu konnen, erfordert einen sehr hohen Standpunkt, denn man muss sich dann zur ganzen Poesie Schopfungskraft der Natur wie der Kritiker zum Dichter verhalten; und hier wird mehr erfordert, als nach den geschriebenen Geetzen einer gewissen Kunstschule dem freien lebendigen Gedicht die Brust aufzuschneiden, um noch minutenlang zeigen zu konnen, wie ihm das Herz schlagt.
Die Konsequenz aber, welche etwas wert ist, ja allein den Wert des Menschen bestimmt, ist eine musikalische, sie ist Harmonie im weitesten Sinne und wird, insofern er mehr oder weniger das ganze Leben beruhrt, mehr oder weniger Tonarten und Modulationen umfasset, doch immer nur in harmonischen Ubergangen wechseln. Insofern er nun bloss das Thema der ganzen Musik ist, ist sein Gang aus sich selbst und kann er einen Charakter haben, aber insofern er die Harmonie des Ganzen mitbegrundet, hat er nur den Charakter seines Instruments; sein Leben aber ist ohne Charakter, bloss ein Teil der ganzen Harmonie. Von dieser Konsequenz der Harmonie kann aber nur die Rede sein bei umfassendern Menschen, denn, um harmonisch zu werden, muss man schon eine gewisse Anzahl von Tonen umfassen, und ist hier die Rede nicht von jener Gattung, die nur insofern leben als ihrer etliche Tausend wohl, wenn sie zusammentreten, ebenso leicht alle zu einem tuchtigen Menschen gehorigen Eigenschaften als eine vollstandige Kriegskontribution zusammenbringen konnten. Hieher gehoren alle Menschen, welche ihrem Stande Mittel sind und sich nicht uber ihn erheben, welche nur halb leben, wie ich oben anfuhrte, nur das praktische Leben haben und daher nie biographische Personen werden konnen, man musste dann als Kunstprodukt einen einzelnen betrachten, nicht um ihn, sondern bloss um die Umstande seiner Zeit an ihm zu erlernen, denn diese Leute sind unglucklich genug, nichts als ihre Umstande zu sein, deswegen sind sie doch ebensowenig verachtlich als die Irokesen, obschon weniger merkwurdig. Sie sind die Besitzer des zeitlichen Lebens und werden auch bei der grossten Frommigkeit nie selig werden, da der Himmel nicht zukunftig, sondern von jeher und ewig ist und in nichts anderm besteht als in dem Verstehen und Besitzen der Harmonie. Wir erwerben durch Tugend den Himmel, wir erringen durch Fleiss die Kunst, wir lernen durch Harmonie die Musik, wir gebaren sie endlich selbst in leichter, ewig voller und ergossner und empfangener Lust des ewigen Lebens, das ist gleichbedeutend. Jene aber sind weit entfernt hievon und verhalten sich, wie das gebogne Holz, das noch am Stamme grunt oder dorrt, zur schon geschwungenen Mutter der Tone und der Lieder der Lyra im Arme des Sonnengottes. Aber auch der wilde Wald rauscht und grunt und ist lieblich oder machtig, wenn ihn ein empfindend Gemut begreift, aber er ist nichts ohne dieses. Hier trennt sich der Weg, und ich sage Dir, wo es recht ist, jene Menschen zu vergessen, und wo es recht ist, sie nicht zu verachten: wo Du mit dem Hochsten an sich, mit dem Geiste das Wesen des Geistes betrachtest, wo Du betest oder dichtest oder liebst, sollst Du jener vergessen und standest Du unter ihnen; denn man soll auch im Haine Gott anbeten und die Baume vergessen. Betrachtest Du aber die Welt historisch, so darfst Du sie ebensowenig verachten, um nicht in lacherliche Sentimentalitat zu fallen, als der ins Lacherliche hineinfallen wird, der einen Acker verachtet, auf dem die Mause ihre Kornspeicher haben. Nur auf einem Punkte ihrer Erscheinung konnen sie mehr lacherlich als verachtlich doch, wenn es etwas lange dauert, etwas fatal werden. Es ist dies der Fall, wenn sie sich auf Augenblicke emporheben, wenn sie von Bildung reden und Geschmack haben wollen, besonders erscheint dies in den Menschengattungen, in denen das praktische Leben am kondensiertesten ist, die nur eine Beruhrung mit dem Aussern kennen, die nichts wollen als brauchen, die den Geschmack, um ihn zu brauchen, zur Mode herabschanden und sogar auch manchmal jenes zweite Leben, das sie nicht haben, brauchen und es zur lacherlichsten Grimasse herabwurdigen, bis ein solcher das schimpft, was er nicht kennt, und verliebter, durstender zu seinem praktischen Leben zuruckkehrt. Auffallend ist es zu bemerken, wie er immer zu triumphieren scheint, und wie dieser scheinbare Sieg manchen an dem Kampf nach dem Vortrefflichen erlahmen macht, der sich dann in den Sold begibt, der fur kein Vaterland und keinen Himmel streitet, der nur kummerlich das Leben erwirbt und keinen Himmel. Doch scheint er dies nur, und so sehr uns oft der unwillige Ausruf gerecht scheint, die Kunst gehe betteln und die Dummheit grase, so halte ich ihn doch fur die Erfindung einer sehr gemeinen Ansicht, und er hat sich auch schon als solche charakterisiert, da er nun schon ein Gemeinplatz geworden ist. Die Kunst geht nie betteln, wohl aber der Kunstler, wurde Kotzebue sagen, um aus seinem Reichtum zu beweisen, dass er kein Kunstler ist. Wenn die Kunst betteln geht, ist es meistens nur ein Beweis, dass sie arm ist, denn die wahre Kunst beherrscht alles und offnet alle Schatze, der selbstische Kunstler aber, der aus Kaprize oder Unkenntnis nur fur sich selbst dichtet, er mag darben und muss gern darben, um nicht erbarmlich zu sein.
Nun aber haben wir jetzt keine allgemeine Kunst und ist bloss eine Zeit des Krieges in der Bildung, drum gehn viele Kunstler arm herum mit ihrem Reichtum, und mit Recht mogen jene keine Leute machen, die nur aus Bosheit, Unsitte und fur kein Vaterland mitstreiten. Es ist eine wahre und sehr wurdige Reflexion, dass die Welt keine moralische Anstalt ist, wo ein Geschopf das andre aufmuntern soll, so dass gleichsam der Elefant dem Esel nichts als ein gut Beispiel sei, ein Elefant zu werden, und so fort; denn die Progression geht nicht auf Erden, im Leibe sie geht im Geiste vor. Auch geht die Bildung nicht feldeinwarts oder der Quere, sie geht in die Hohe anbetend und in die Tiefe forschend. Jedes Geschopf ist als Kompositum beschrankt und als vollkommen mehr oder weniger frei; in es selbst aber ist sein Geist gesetzt, der, insofern er nur empfindet, als er nur in sich selbst ist, sich selbst als den Mittelpunkt des Ganzen betrachtet. So ist der Dunkel jedes Standes zu entschuldigen; aber dem ganz freien, gebildeten Menschen ist die stille Betrachtung erlaubt, den bloss praktischen Menschen zu verachten; wenn er spricht: "Ich triumphiere" denn triumphiert ein geboren Tauber, der geigen will, aus Mode, und die Geige in den Ofen steckt, mit den Worten: "Ist es nicht viel edler, Tabak zu spinnen und zu rappieren, da habe ich doch was fur meine Nase, ich weiss nicht, was die Leute an dem Kolophonium riechen."
In eben diesen Fehler verfallen alle Menschen, die sich krankhaft oder aus Tragheit zum Bessern zu erheben ausgeben und ebenso nur die Empfindung, Bildung oder Kunst brauchen, ihre Lumpen mit zu flikken; sie geben die schandlichsten Blossen und werden meistens sehr verachtlich; dies ist sehr haufig bei den Weibern der Fall, die nach der burgerlichen Ordnung, die jetzt sehr in Verfall ist, nichts als die Reprasentanten der erbarmlichen Bildung, die eigentlich das kunstlerische Personale des praktischen Standes geworden sind. Ich wollte, hatte ich Zeit, leicht beweisen, dass alles Ubel, hausliches und korperliches und geistiges, bloss durch das dumme Bestreben nach Geschmack, der Tochter der Verachtung der Kunste, entstanden ist. Ich verstehe hier bloss das Verderben der Tochter, woruber von Familienvatern und altern Brudern, ja oft von den Verderbern selbst geklagt wird, und ich will gerne als Martyrer fur die Aussage sterben: kein treuer und unschuldiger Greis und Vater kann wurdigere Tranen weinen, als um den Untergang der Religion; so ganz, was der kraftige unschuldige gemeine Mann Religion nennt, nicht das neue Wort. Die Weiber oder Madchen, sagte ich, sind die kranksten an dieser Afterbildung, ihre krankhafte unbefriedigte Laune ist Empfindung, ihr Fieber Begeisterung, ihre Sittenlosigkeit wird Philosophie. Ich sagte, sie bedeckten ihre Lumpen mit Bildung, und setze hinzu, dass sie dadurch meist sehr lacherlich werden, indem sie nur entblossen, was sie bedecken wollen. Die Bildung ist nichts als der hohere Glanz der Nacktheit, die die freie Keuschheit der Schonheit ist. Nun aber heisst, sich mit Bildung ausflicken, nichts als die Locher im Gewand mit einer Laterne beleuchten, denn die Bildung ist durchsichtig, und um so mehr erscheinen daher heutzutag die meisten gebildeten Madchen ausserst miserabel, als sie grad darin die Ausbesserung notig haben, was das Heiligste des Menschen ist, im Verstande, der Liebe, im Herzen und der Zucht; und ich mochte sie die Laterne nennen, die die schlechten Strassen unsrer Stadte nicht so erleuchten, dass man sie sicher durchwandle, um nicht den Hals zu brechen, nein sie leuchten nur, damit man diesen Dreck bewundere, denn dies ist die Pratension dieser kleinstadtischen Dummheit (ich sage kleinstadtisch auch von Paris in Hinsicht des Universums). Lass uns ihnen zum Trotz, meine liebe gesunde Bettine, ihre unsaubere Illumination nicht betrachten und kommen wir darauf zuruck, dass alle die Abscheulichkeiten, die ich Dir hier zeigte, nur Folgen der Luge sind, von der ich zu sprechen ausging, und dass wir deswegen Freunde sind, weil wir das bessere Leben unsrer Sitten, unsrer Gefuhle, unsres Fleisses in Geselligkeit hinbringen und mit zu dem grossen geheimen Staat der vortrefflichen Menschen gehoren wollen; willst Du aber hier in diesem Lande mein Nachbar sein, so darfst Du mir nicht eine einzelne Art von Reflexion bloss hinstellen, darfst nicht allein mir danken, wenn ich Dich grusse, Du musst ordentlich hubsch mit mir schwatzen, denn was so mit Deiner Person vorgeht, ist mir meist unbekannter und oft wissensnotiger, als was mit Deinem Gemute vorgeht, drum schreibe mir jeden Schritt und Tritt von den Menschen, die mit Dir sprechen, was Du uber diesen und jenen empfindest, was Du plauderst; denn ich habe mich nicht wenig geargert, dass Du mir nicht erzahltest, dass Du bei Leonhardi getanzt, und wie Du dort warst, dass die vortreffliche Duchaget mit Dir sprach, die mir sagt, es sei Deine Pflicht, mir daruber zu schreiben, dass Du lange in Frankfurt warst, von allem dem nichts? In Deinen Briefen ist oft ein Ausbruch von Ruhrung uber meine, aber ich will nicht Dich ruhren, ich will durchaus, dass Du Dich selber ruhrst, das heisst, dass Du vor meinen Augen herumspringst wie ein junges lustiges Madchen; Deine allzugrosse Ernsthaftigkeit gegen mich musst Du Dir nicht so ernst werden lassen, sonst kommst Du in Gefahr mich hoch zu schatzen, und dann bist Du auf dem graden Weg des Kindes, das aus besonderer Achtung gegen den beinernen Loffel nie Selbstessen lernt, und am Ende kannst Du doch nicht immer Brei essen, der Mensch ist ein fleischfressendes Tier, und da hilft kein Loffel, und das Vorkauen wird ekelhaft. Lebe wohl, schreibe, sonst schreibe ich nicht mehr, oder bist Du krank, hast Du alle meine Briefe nicht erhalten, ich verstehe es nicht. Noch eins, hute Dich sehr aufzufallen, sei oder scheine stets in der Gesellschaft lieber dumm als vorlaut und mit dem Handeklatschen der Toren belohnt, es verfuhrt zu einer miserablen Selbstgefalligkeit, die alle Fortschritte auch bei dem besten Willen totet, und kannst Du es nicht in Dir dahin bringen, so vermeide lieber die Menschen, denn es ist entsetzlicher, von gemeinen Menschen fur genialisch als fur einen Narren gehalten zu werden, am besten aber fur einen guten ruhigen Menschen.
Dein Clemens
Soeben schreibt mir die Toni, wie sie Dich besucht habe, sie habe Dich munter und fleissig beschaftigt gefunden, aber Du sehest ubel aus; wie ist Dir, liebes Kind, hast Du Kummer, qualt Dich etwas, Du weisst nicht, wie mir der Gedanke meine Ruhe nimmt, Du seist bang und angstlich im Innern; ich bitte Dich um alle Liebe, um alles, alles, giesse mir Dein Herz aus.
Dein Clemens
Drei Briefe hast Du, diesen lasse der Toni lesen, wir mussen Freunde haben, sie liebt uns.
An Clemens
Der verminderte Septakkord hat seinen Satz auf dem Leitton des Grundtons.
Kleine 3.
Falsche 5.
Verm. 7. Die erste Versetzung auf der Sekunde des Grundtons: Quintsextakkord,
die zweite auf der Quart: Terzquartakkord, die dritte auf der Sext ist der Sekundenakkord.
Ich hatte dies sollen in mein Studienbuch schreiben, ich will Dir nur zeigen, dass ich studiere. Ich kann leichter eine Melodie erfinden als sie in ihre Ursprunglichkeit auflosen. Innerlich ist alles tiefer zu fassen in der Musik als sich ans Gesetz zu halten; dies Gesetz ist so eng, dass der musikalische Geist jeden Augenblick es uberschwemmt.
Was mich selber bilden soll, das muss aus mir auch hervorgehen, drum mochte ich aller Teilnahme ausweichen und allein mit mir fertig werden. Es kommt mir wie Frevel vor, dass ich mich einer Leitung hingebe, die vielleicht das Ursprungliche in mir verleitet. So war's mit der Gachet, und was Du uber Freundschaft sagst in Deinem Brief, das macht mich fluchten vor ihr. Gab es Hohlen und Verberge, in die man sich konnte zuruckziehen vor gewissen Gefuhlsanrechten, ich wurde dahin fluchten. Ich schaudre vor solchen Allgewalten des Daseins, sie erregen die Eifersucht der Eigentumlichkeit; Freundschaft ist aber gewiss eine die hochsten Seelenkrafte verzehrende Schmarotzerpflanze. Ich soll doch mein eigen werden, dies ist doch der Wille meines Ichs, denn sonst war ich umsonst; dies eine, was mich eigentumlich aus dem Gesamtsein heraus bildet, das ist der Adel des freien Willens in mir; anders kann ich's nicht ausdrucken. Sich dem Begriff und Willen eines andern unterwerfen, der auch kein Selbstsein hat denn sonst wurde dieser Wille nicht die Geistesnatur des Freundes zu seinem Herd wahlen, sondern in sich selber aufflammen, das ist Verzichten auf diesen Adel des freien Willens. So steht das in mir fest, dass ich den nicht aufgebe. Die Freundschaft behauptet zwar, die edlere Natur im Freund hervorzurufen; wie aber kann dieser Adel des Willens sich bilden, wenn nicht in sich und durch sich selber? Raubt da die Freundschaft nicht die Kraft der hochsten Tatigkeit dem Freund, der dann nicht mehr den Willen in sich tragt des besonderen Seins? Die Freundschaft hat ihn ausgeloscht. Held sein ist nicht befreundet sein, Selbstsein ist Held sein; das will ich sein. Wer selbst ist, der muss die Welt bewegen, das will ich. Dies helle Selbstsein soll nicht verdunkelt werden durch den Schatten der Freundschaft; ich brauch das nicht, ich kann den Sonnenbrand vertragen, und Freundschaft ist Brudermord.
Ich hab zu fechten mit meinen Gedanken, sie fahren gleich auf und wollen immer recht haben.
Am Generalbass hab ich auch meinen Arger. Ich mochte diese Gevatterschaft von Tonarten in die Luft sprengen, die ihren Vorrang untereinander behaupten, und jeden, der den Fluss der Harmonien beschifft, um den Zoll anhalten. Aber so wahr diese unumstosslichen Ohrengesetze nur verschimmelte Vorurteile sind, die der Genius mit der Ferse von sich stosst, so wahr werden diese Gefuhlsanrechte, denen ich drohe, dass sie mir nicht auf den Hals kommen sollen: als Freundschaft, Grossmut, Milde, Mitleid (das ist das allerekeligste), Gerechtigkeit, Nachsicht, Ehrgefuhl und alle sittlichen und Moraltugenden ein elend Ende nehmen es sind Vampire, die dies Selbstsein des freien Willens heimlich lustern aufsaugen.
Alle Tugend komme von Gott, steht im Katechismus. Schachert der Gott so mit dem Pfennig des Verdienstes? Verdienst ist Schimare, ist Luge. Das fuhlt der freie Geist, und bei ihm wird die reine Kraft nimmer zum Verdienst sich ausmunzen, die man abwagen konne; nein, sie ist das Selbstsein. Wer ist der verdienstlose freie Geist? Der soll Konig sein! Von ihm fallt der Verdienst ab, er muss frei sein. Verdienst macht ihn unfrei, denn er muss sich ihm verpfanden. Dies ist aus meinem Tagebuch, worin ich meine Revolutionsgedanken aufschreibe: "Der ist nicht Konig, der aus Hilfsmitteln der Not das augenblickliche Mogliche benutzt, um seine Verdienste daraus zu bilden. Nur der ist Konig, der ganz frei, ganz machtig diesen Adel des Willens an seiner Zeit ausbildet. Willkur kann nicht hervorgehen aus dem Adel des freien Willens, sie ist zusammengesetzt aus unfreier Bildung, die der Egoismus der Klugheit ausgedacht hat. Und Freundschaft ist ein vorbereitender Egoismus jener Bildung, die den Platz des freien Willens sich angemasst." Ich konnte Dir noch mehr aus diesem Buch absonderlicher und verwirrlicher Gedanken aufzeichnen, die wie mutwillige junge Herden untereinander sich stossen, die aber ein gewaltiger Hebel sind dieser freien Natur in mir. Ich hab der Grossmutter draus vorgelesen, und sie meint, ihr sei bange, ich konne vom Fels sturzen. "Auch im Geist kann man sich versteigen, mein Kind", sagte sie und erzahlte mir die Geschichte des Kaisers Max auf der Martinswand, sie sagte, die Engel sollen ihn da wieder heruntergetragen haben, aber nicht immer sind diese bereit, wenn man sich so mutwillig versteigt. "Was brauch ich denn wieder herunter, liebe Grossmama, wenn ich mich oben erhalten kann? Konnte ich denn nicht auch ein Wolkenschwimmer werden?" "Kind meiner Max", sagte sie, "was hast du vor wunderliche Gedanken". Auch daruber kann ich mich trosten, wenn meine Gedanken nicht mit der Klugheit der Menschen ubereinstimmen; diese Klugheit vertragt sich nicht mit meiner hupfenden und springenden Natur, die in allem sich selber verstehen will und wie ein Speer sich der Klugheit entgegenwirft. "Das weiss Gott", sagte die Grossmama. "Aber Kind, wie sieht es aus in dir?"
Wie es aussieht in mir, liebe Grossmama? Nicht wie hier in Offenbach die Wiesen weit hinaus sich ziehen und der Waldrand hinter dem beschifften Fluss bescheiden und lieber, das rasche Bachlein mit seinen grossen Eichen uberwolbt, und die grosse Bleiche, wo alles so fruh schon tatig ist, und die engen Schleichwege zwischen bluhenden Hecken, die ums Dorf fuhren und denn ganz in der Ferne die Gebirgslinie, die an den Himmel ihre Weisheitsschrift ankreidet, an die der freie Wille ohne Auslegung der Schriftgelehrten, ohne Glaubenszwang sich hingibt; dazu die blaue Heerstrasse der Wolkenzuge. Nein, dies Vaterlandsbild gleicht nicht meiner Seele, es ist mir doch, ich komme anders woher! Hoch und niedrig waldumwachsenes Felswerk, an dem der Rasen schuchtern hinaufklettert, und das seine eigensinnigen Klippen so trotzig hinausstreckt, an dem die Nebel sich zerreissen. Wege des Geheimnisses zwischen brausenden Wassern immer tiefer in unverstandlichen Windungen, wo der Sonnenstrahl herabblitzt ins enge Tal und nahrt zartlich die blauen Bluten, und das Sinnenfeuer der Natur dampft aus dem kalten Stein, der in der Sonne erschwitzt. Der Wacholderstrauch duftet mir da Weihrauch und stachelt meine Wange, und ich weiss nicht, was Gluck ist, als nur dass die Natur dies heimliche Vertrauen zu ihr so machtig beantwortet.
Dort wohnt der Knabe, von dem will ich erzahlen, wie er in der Nacht sich eilig rustet, soweit die Sterne leuchten, zu wandern, wo neue Berge heraufsteigen und Walder, und Quellen eng zwischen Klippen herab in freie Lander wallen. Die Sonne steigt, er kommt herab zum Feigenbaum, im feuchten Sand zu ruhen, die Wolke kuhl, vom Wind heraufgetragen, regnet auf ihn nieder, er schopft den Trunk aus der Quelle, er ersteigt den Baum nach den Feigen, die sind noch herb, und er harrt unter dem belaubten Dach, dass die Sonne sie soll reifen.
Dies Lebensbild schrieb ich auf und sagte der Grossmama, so sehe es aus in mir; die weite Welt wollte ich durchlaufen und bleib liegen unterm Feigenbaum und warte, dass die Feige mir in den Schoss falle, und vergesse aller Zukunftsgedanken. Der Grossmama gefiel dies alles, sie sprach von poetischen Gesichten und Geistergegenden und die Seele konne oft in ganz andern Klimaten gedeihen als der Leib. "Und," sagte sie, "wenn man reiset, kommt man in Gegenden, in denen die Seele zu Haus ist, da kommt man mit ihr zusammen; und lernt erst ihre Personlichkeit verstehen."
Es ist wahr, Clemens, in mir ist ein Tummelplatz von Gesichten, alle Natur weit ausgebreitet, die uberschwenglich bluht in vollen Pulsschlagen, und das Morgenrot scheint mir in die Seele und beleuchtet alles. Wenn ich die Augen zudrucke mit beiden Daumen und stutze den Kopf auf, recht fest, dann zieht diese grosse Naturwelt an mir voruber, was mich ganz trunken macht. Der Himmel dreht sich langsam, mit Sternbildern bedeckt, die voruberziehen; und Blumenbaume, die den Teppich der Luft mit Farbenstrahlen durchschiessen. Gibt es wohl ein Land, wo dies alles wirklich ist? Und seh ich da hinuber in andre Weltgegenden? Besinn Dich doch darauf. Ich kann Dir doch heut nicht mehr schreiben, ich bin zu schlafrig, die Grossmama hat mir den ganzen Abend indische Pflanzen gezeigt; und Kolibris, so klein und fein; wie Schonheitspfeile gucken sie mit ihren spitzen Schnabelchen aus den Bluten.
Deinem Freund Ritter hab ich eine Sammetmutze gemacht, wie ich selbst eine aus Ubermut trage, aber ohne den Lorbeerkranz, den ich darum gewunden, den er aber immer aus Ubermut tragen kann, weil dieser mir scheint der Flussgott zu sein, der die Urne seines Geistesstromes ergiesst.
Deine Bettine
Liebe Bettine!
Ich habe Deinen lieben lieblichen Brief vor zwei Minuten erhalten; ich hab ihn noch nicht in mich selbst verwandelt, das Herz bebt noch. Ritter wird sich freuen, Ritter, dieser grosse Ritter, zu dem Goethe sagte: "Gegen ihn sind wir alle Knappen!" Lieb Madchen, er wird Dir danken, dass Du ihn nie wieder vergisst. In seinem letzten Brief schrieb er, er lasse schon ein weissseiden Felleisen machen, die Dankbriefe an Dich zu schicken. Leb wohl, Engel, bald bin ich bei Dir im Himmel.
Dein Clemens
An Clemens
Ich habe geglaubt, Du wurdest kommen, so sind nun schon vierzehn Tage herum, wo ich jeden Tag Dir entgegensehe und deswegen auch nicht schrieb, und noch wegen etwas anderem. Weil ich manchmal zu sehr ergriffen bin, wenn ich an Dich denke, und versaume oder vergesse vielmehr daruber, an Dich zu schreiben, was ich denke. Ich will Dir nun erzahlen, wie mir ist, und wie ich bin, damit Du keine Sorge um mich haben sollst. Ein Tag wie der andere: frohsinnig, lustig, ja manchmal fast ausgelassen, und dennoch find ich innerlich recht viel ernste Fragen. Die erste Frage bist Du. Der Clemens, sagt mir eine innere Stimme, hat viele Faden ins Weltgewebe eingesponnen, alle sind sie Geist und Feingefuhl, aus Schonheit und Gute hergeleitet, und man kann die edle und erhabne Natur von ihm daran beweisen, aber doch fuhren sie alle wieder zu Misskenntnis und Undank und auch nicht dahin, wo der Clemens meint, und dem er doch so viele Gluckseligkeit der Gegenwart opfert. Und dann denk ich gar, Du wirst durch Aufopferung Dich wohl um allen Vorteil dessen bringen, was die Menschen als Gluck erringen mochten. Wie komme ich dazu? Ach verzeih mir's, ich habe ein Buch von Dir gelesen. Bei der Grossmama lag es und ich horte, dass sie daruber sprach sie wollte aber gar nicht, dass ich es wissen sollte, sie legte es auch sorgfaltig unter andre Bucher. Wie ich aber allein in ihrem Arbeitszimmer war, denn ich schlafe da, damit eins von uns in der Nahe von der Grossmama nachts ist. Es liess mich nicht schlafen, ich dachte immer, es sei wohl besser, nicht nach dem Buch zu suchen, aber ich hab's doch gelesen. Du hattest mir nie davon gesagt, und ist's denn wahr, dass es von Dir ist? und so vieles, was mich ganz verwirrt! Grosse und kleine, torichte und vernunftige Begebenheiten scheinen mir darin verflochten, und dann scheint es mir so sonderbar geschwarmt, und Hohen und Tiefen, die meinem Geist wie ein Ratsel daliegen. Marias Satire heisst dies Buch ist das vielleicht, wie die Schuld und die Unschuld eine verkehrte Rolle spielen in der Welt, oder ist es scharfes und schonungsloses Beobachten und Behandeln der Verhaltnisse und Menschen? Was frag ich doch, es geht mich ja gar nichts an, und wir zwei sind ja bis jetzt immer in der Liebe und dem Geist sehr begreiflichen Lagen miteinander gewesen, wo Du recht wie Maitau, von dem man wachst und gedeiht, auf mich gewirkt hast. Nun aber ist mir's, als warst Du verzaubert und legtest die Haut der klugen Schlange dann ab, wenn Du bei mir bist. Und da kommen mir Gedanken uber Dein Gluck, die mich verwirren. Ach, ich hoffe, dass Du es nicht der Muhe wert halten wirst, auf meine mir selbst unverstandige Gedanken und Gefuhle zu achten. Ich will lieber von mir sagen: ich hab jetzt viel zu tun, noch ausser den Buchern von Dir lese ich auch noch viel vor, franzosisch-politische Sachen. Ich bin aber jetzt sehr zerstreut und kann gar solchen Anteil nicht mehr dran nehmen; obschon es mich immer dahin bringt, dass ich an die Zukunft denken muss wie an einen grossen freien Plan, auf dem die Welt ganz unabhangig von Meinungen und Willensstreit sollte neu geboren werden und sollte sich abwaschen von den Zeitumstanden und von Leidenschaften und Begierden und alten Satzungen und sollte die besten, nutzlichsten Krafte und die erhabensten Empfindungen entwickeln. Denn bis jetzt scheint mir, als sei das noch nicht so gekommen! Und soll ich denn fortfahren, Dir alles zu sagen? Wenn es auch nur kindisch herauskommt und ganz unerfahren? Ach, was nutzt Erfahrung? sie verfuhrt nur dazu, dass die Leute mit Eigensinn an dem einmal Festgestellten hangen und durchaus sich nicht zugestehen, dass die Vernunft das Bessere oder das Wahre erfinde. Zu was nutzt es denn, einen forschenden Geist zu haben, wenn es nicht ware um die Mittel zu einer neuen Schopfung zu finden, worin dieser Geist als in einer Ordnung, die von ihm ausgeht, die zugleich ihn tragt und ernahrt, das Gottliche schafft. So gross und einfach wie ich mir das alles denke! Wie konnte ich je glauben, dass ich selbstgedachte Ideen uber Welt und Menschenwesen wurde konnen geltend machen? Und doch muss ich mich dem hingeben, als sei es der Fusspfad, der durch unbewanderte Gegenden mich leitet, vielleicht uber gefahrvolle Klippen, die aber in mir Krafte bilden, mit welchen ich vielleicht manches erwerben konnte, wovor andre zuruckschrecken und erbleichen, ich aber nicht. Wenn ich manchmal still stehe und mich nach andren Menschen umsehe, so fuhle ich, wie ich mit ihnen nicht zusammenstimme, wenn ihre Herzen von aussen her erschuttert und beruhrt werden, dann zeigen sich Tugenden; das ist ja aber der Zufall, der hier wirkt, was ist das aber, eine Tugend des Zufalls?
Ich mochte Dir alles vertrauen, was mir im Herzen liegt, aber es liegt so viel drin, was ich selbst nicht erkenne. Ich mochte beinah sagen, alle Tugend sei mir zuwider! Ja! Ich glaube dies, dass der Mensch ganz das Echte sein soll und nicht das Unechte. Tugend ist ja aber, was von dem Unechten sich gestaltet als eine Seeleneigenschaft, die wir in ihrer Ubung Tugend nennen. Wenn aber die Echtheit der grosse Ozean war, der zwar alle Stromungen in sich aufnimmt, nie aber uberwallet, sondern alles umfasset? Konnen wir dann sagen, der Ozean ist tugendreich? (flussereich) oder nur: der Ozean ist er selber! Sein und Werden ist zweierlei, das sag ich mir auch, und Werden ist fur das wirkliche Leben Kraft fuhlen und diese anwenden, und nicht bloss sich zum Helden traumen. Und dies ist, was mich oft vor mir erschreckt, dass ich im Lande der Phantasie mir eine grosse Rolle auserwahlt habe, die ich zwar ohne Gefahr spiele, die aber nicht die Wirklichkeit beruhrt. Wie mache ich's, dass ich aus dieser Verbannung des Wirklichen erlost werde? Dann war ich nicht mehr traurig, wenn es mir deutlich wurde, was ich will, kann und soll! Dann wurde ich mich mit den Planen meiner eignen Gedanken beschaftigen; die Welt ware mein, ich brauchte nichts von andern und meine Liebe wurde gar nicht ein sehnendes Verlangen, sondern eine wirkende Macht sein. Clemens, ich bin dumm, dass ich solche Gewaltsgedanken habe, und sage mir oft: "Das ist Dichtung, Du willst aber nicht bloss aus feuriger Einbildungskraft Dich selbst erdenken wie Du sein mochtest, sondern Du willst selbst sein." Prufungen und Gefahren bestehen, die aus der Tatigkeit hervorgehen, das ist Tugend uben, daraus geht das wirkliche Sein erst hervor. Tugend ist also das Werden, das Sein aber ist Allmacht. Clemens! Welche Sehnsucht habe ich zu diesem Sein! Aus sich selbst handeln, fuhlen, dass man das Schicksal beherrsche, weil alle Keime zu allem, was mir widerfahren kann, durch mein Tun lebendig werden und zum Bluhen kommen und zu Fruchten werden muss. Mit andern Worten vermoge meines Charakters und meiner Kraft handeln und, was ich uberschaue, auch bemeistern in meinem Innern; das scheint mir der Herd des Lebens oder der Altar, auf dem die Opferflamme alles Irdische verzehrt dem innern Gott zu Ehren, und ich will dies immerhin Religion nennen, obschon dies ganz und gar das innerste tiefste Wurzellager ist des Geistes, wahrend Religion doch eine uber uns selbst erhabne Einwirkung auf uns ubt.
O Sonne schein hernieder und helle mir den Sinn auf, und dass ich nicht schuchtern vor dem Schatten fliehe, und dass die Zukunft nicht einst wie ein schwerer Hammerschlag auf meine Vergangenheit falle und sie als nichtig zusammenschmettere! Clemens, da siehst Du, wie das in mir ist, was andre Menschen mit Gebet ersetzen, ich auch rufe an ein himmlisches, aber kein mit Tugenden (die ich in mir nicht umfasse) ausgeschmucktes Phantom! Ich rufe an, alles was meine Tatigkeit reizt, ich sage mir, du willst alles, was aus der Natur des Menschen entspringt, mutig ertragen, du willst mit rechter Erkenntnis dich von der Erkunstlung und der Verstimmung des menschlichen Geistes ablosen und diese uberwinden. Und dann sag ich mir: Wer ist Gott? Gott ist die Zukunft! Wen diese nicht gottlich an sich reisst, dass er sich von den Ketten befreie aller Vergangenheit und in der Zukunft ganz aufgehe, den fuhrt's nicht zu Gott. Ich weiss und fuhle, dass ich recht habe! Denn dies allein lost alle Ungleichheiten des Gluckes auf. Weltbegebenheiten, die gefahrlich aussehen fur die Ruhe und die Gegenwart, die wallen da als reiner geistiger Strom zwischen politischen Ufern, die von schwarzen stupiden Geistern bevolkert sind, dem Gottlichen zu; das heisst: dem die Freiheit zeugenden Gott. Politik aber ist ein aus sehr beschranktem Interesse hervorgehendes sehr stupides Handeln und fuhrt nicht zu Gott, nicht in die Zukunft, sondern es fesselt die Sinne an eine schon im Werden vergehende Gewalt.
So traume ich, so denke ich, wenn ich manchmal in der Nacht aufwache und der Mond scheint ins Zimmer, wenn das immerwahrende Treiben in den Wolken die Frage an mein Geheimnis richtet, was wird wohl aus meinem Leben werden? Viel soll daraus werden, geb ich den Wolken zur Antwort, aller Kampf und Widerwartigkeit in der dunkeln Flut der Seele rinnt in der Schopfungskraft der Zukunft entgegen. Vieles ubt das Mondlicht in mir, wie ein dichterisches Genie sieht es und denkt fur mich und ubt Talente in meiner Phantasie und erhebt mich so hoch uber mein Sein, dass ich gleichsam das Bewusstsein davon verliere und in dem Spiel mich selbst gar nicht mehr herausfinden kann. Ach, welche schone Traume, ach, wenn ich denen nachkommen konnte! Aber wenn der Mond untergegangen ist und der Schlaf hat mich uberfallen, dann beim Erwachen ist keine Spur mehr von diesem Zauber in meinem Geist. Die Veilchen, die kleine Goldstickerin, von der ich Dir im vorigen Jahr schon manchmal sprach, die hat mir von manchen judischen Religionsgebrauchen erzahlt; wenn der Jude den Neumond erblickt, dann sammlet er seinen Geist, als wolle er seiner Zauberkraft sich unterwerfen. Und der Jude klagt ihm und betet, dass ihn der Hass gegen die Feinde nicht verblende, und dass die Verachtung dieser ihn nicht niederdrucke; und er stellt sich vor dem Richterstuhl des Mondes, und auf seinen Heimwegen aus Fremde, da offnet er sein Gewand dem Neulicht, dass es seine Brust bescheine. Mochte es auch nichts als bloss Gebrauch sein, so deutet es doch darauf, dass er will zu einer hoheren Sphare emporgehoben sein durch den Neumond, er verlangt von der Gewalt der Natur, dass sie ihn erhebe. Wie schon ist dies und wie viel wahrer, als wenn ich ein Register mache meiner Sunden und mir diese schlimme Rechnung auszuloschen erbitte von Gott! Clemens, ich habe mir dies aus der judischen Religion angenommen, oder es ist vielmehr in mich wie ein Blitz hereingefahren, dass ich zu dem Mond eine Ehrfurcht hege und ein Vertrauen und ich konnte Dir noch viel mehr sagen, aber auch von den Turken habe ich gelernt das Abwaschen; wenn ich abends meine Hande wasche, so dient mir das statt Abendgebet; es macht mich unendlich heiter beim Schlafengehen; als liege ich in der Wiege einer schoneren Welt und als werde ich aus dieser Wiege herausfliegen und jetzt schweig ich, Clemente, denn Du sollst Dich nicht verwundern uber den Trieb solcher Eigenheiten, es ist ja auch nichts Tiefes, es ist nur ein leises Beruhren mit der Natur. Und was mogen wohl andere fur Gesichte und innerliche Seltsamkeiten haben! Da fallt mir die de Gachet ein, sie war am Rhein, wo sie sich ein kleines Gut gekauft hat, manchmal mochte ich bei ihr sein, und ich glaube auch und fuhle, dass sie vortrefflich ist wie Du und Deine Freunde, aber oft zweifle ich noch an ihr, wenn ich hore, wie sie bei jeder Gelegenheit von dem spricht was ihr heilig sei, sagt sie; und ich hab daruber eine Unterhaltung mit ihr gehabt, sie wohnt auf vierzehn Tage in Oberath, wo sie jetzt unwohl ist, aber sie wird bald wieder an den Rhein gehen, sie frug mich, ob ich nicht mit Dir auch bloss von dem spreche, was mir heilig sei? Ich lachte sie aus. Das machte sie bose, sie suchte mich zu uberfuhren, dass ich ganz kindisch sei und noch nichts vom Leben begriffen habe, denn ich habe noch nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen. Ich sagte, der trage Apfel und ich mache mir nichts aus Apfeln; wenn ich nun noch dazu gewarnt sei, dass die Apfel von diesem Baum eine so wunderliche, unangenehme Erkenntnis des Bosen einem beibringen, das dann uberall einem in den Weg trete, um einem das Vergnugen am Leben zu verderben, so wolle ich lieber nie Apfel essen und lauter Kartoffeln, die nicht schadlich sind. Sie sah mich so gemischt an sie sagte lieber gar nichts mehr. Ich guckte zum Fenster hinaus nach den kleinen Pflanzchen, die eben begossen wurden, und nach dem Feld, wo der Landmann den Acker furchte, sie wohnt bei diesem Mann, um das Pflugen zu lernen, denn sie will im Rheingau ihr Feld selbst bestellen, und sie ging hinaus, um eine Lektion von Hot und Haar zu nehmen, den Pflug ordentlich wenden zu lernen, sie begleitete mich noch, nachdem der Pflug ausgespannt war, durch die Hekken hinter der Gerbermuhle weg; sie fragte, ob das nicht was Heiliges sei, die Erde zu bestellen. Das kann wohl sein, aber dass man gegenseitig sich ergiesse uber seine Heiligkeit, dass kommt mir fremd vor. "Ja", sagte sie, "fremd kommt einem das Heilige vor, aber das Unheilige befremdet nicht, das wie ein unheimlicher Strom aller Unterhaltung das ganze Leben mit sich reisst und uberall seinen Schlamm zurucklasst. Wer kann noch darauf rechnen, dass der Boden des Geistes wieder gereinigt werde von bosen Dunsten? Die Welt, die so schon konnte sein, wird untergehen, weil das Heilige vertauscht wird mit dem Scheinheiligen. Es wird eine grosse Verwirrung werden im Geist der Menschen, und die das Grosse zu tun berufen sind, die werden das Kleine tun, so geht es mit der Revolution; der Strom des Unheiligen darin ist zu stark, und die ihm widerstehen, die werden darin untergehen. Das Grosse zu bewirken kann man immer nur die heiligsten Mittel ergreifen, wo aber zum edelsten Zweck ein unheilig Mittel dient, da ist er verloren und erzeugt nur Ubel", sagte sie. Sie war so schon vom Feuer ihrer Rede und von der Morgenluft. Du hattest sie lieben mussen, ich auch liebte sie, und sie sprach weiter: "Wer das Grosse tut aus reinem Genie, namlich ohne sundhafte Vermittlung der eignen Schwache, die ja doch das Grosse nicht zu fassen vermag, der kann nicht untergehen. Umstande, Zufalle, Geschicke reichen diesem aus. Seine Grosse muss alles decken, erzeugen, zaubern. War unser Konig wirklicher Konig, der nur seine Kraft sammelte durch das Genie, das immer heilig ist. Wer konnte ihm widerstehen! Nicht die Nation! Geist ist alles, er ist die Macht des Heiligen er fuhlt sich, und dies Gefuhl eben macht ihn zum Herrscher. Die Zuflucht aber zu fremden Mitteln ist unheilig, und sei der Zweck auch noch so edel und gross, er wird nie verehrt, er wird unter den eignen Trummern begraben. Und die Welt sieht das alles mit Staunen an und gewohnt sich zuletzt an die umgesturzten Trummer, und baut ihr herabgewurdigtes Leben darauf fort." Wie die Frau das alles sagte, so fuhlte ich mich so sehr beklommen vor ihr, und wie ich sah, dass sie keine Tranen wollte fliessen lassen, ging ich zuruck hinter einen Baum und sah mich nicht mehr um nach ihr; sie stand bald auf von dem Stein, wo sie gesessen hatte, sie sagte noch zum Abschied, ich solle immer bedenken, dass jeder Mensch das Recht habe, der grosste zu werden, und dass darin die ganze Erziehung der Seele begrundet sei, und dass dazu nicht die aussere Grosse und Anerkenntnis gehoren, aber die Geschicke, die seien der Tempel aller Grosse und ihr eignes Geschick beweise es, dass sie diesen Gedanken immer vor Augen gehabt, sie wolle gross werden in ihrem Schicksal. "Cette pensee est mon pilote", sagte sie, "et il me menera par tous les mondes et cieux!" Ich vergass Abschied zu nehmen, ich sprang zwischen den Hecken fort. Wie ich mich nach ihr umsah, stand sie noch da, ich winkte ihr mit dem Sacktuch, sie nickte mir und ging weg, und jetzt legte ich mich an die Erde und liess mein Herz ausklopfen.
Ich war gestern in Frankfurt, es war ein Herr Burckhard da, der uns viele schone Bilder und Handzeichnungen zeigte, es waren meistens italienische Gegenden. Ich mochte nach Italien, ich mochte so gern reisen, die Sehnsucht ist gar zu gross; ich beschwichtige sie damit, dass ich mir einbilde, Dich bald zu sehen, diese Freude ist doch noch grosser; ich will mittlerweile recht fleissig lernen. O Generalbass! Werden wir uns je einander bezwingen? O Zeichenkunst, werde ich je weiter kommen? Die Toni bekummert sich recht viel um mich.
Ich habe mir ein kleines Kabinettchen eingerichtet, in dem ich studiere, links steht das Klavier, was die eine Wand des Kabinettchens ausmacht, rechts ist das Fenster, aus dem hor ich abends noch den KlavierHoffman gegenuber oft bis Mitternacht phantasieren und vor mir ist der Tisch und dazwischen noch ein kleiner Ausgang. Auf dem Tisch liegt Homer und viele andere Bucher, und denn mein Schreibkastchen mit allen Deinen lieben Briefen. Im Homer lese ich oft; konnte ich Dir nur darstellen, was ich da fur Erfahrungen mache welche Ruckerinnerungen einer fruheren Welt in mir aufgehen. Diese Gotter kenne ich, mein Clemens, die auf goldnen Sandalen die Wolken beschreiten. Sie machen ungeheuere Schritte und gleiten weit dahin wie auf Schlittschuhen, ehe sie ein Bein vors andre setzen, und wenn sie sich wenden, so prallen die Wolken vor ihnen zuruck und versenken sich zwischen Gekluft, und wenn sie denn vorubergeschossen sind in ihrer Ruhe wie der Blitz, dann bricht ihr Zorn in Gewittern los. Sieh da im Fenster steht noch eine Hyazinthe, die ich selbst fruh aufzog, sie neigt sich zu mir, als wollte sie sehen, was ich schreibe. Ich bin heute so vergnugt und freue mich so auf alles. Jetzt werde ich ein wenig in den Garten springen und einen Grasplatz in meinem Gartchen zurechtmachen, wenn Du wieder kommst, dass wir uns zusammen daraufsetzen. Ich will ihn so gross machen, dass man sich recht bequem drauf legen kann und traumen.
Lieb mich. Bettine
Eben lese ich diesen langen Brief durch. Ach, wie verwirrt sind doch meine Gedanken auf dem ersten Blatt! Versteh ich denn, was ich hab gesagt? Wenn Du es vermagst, einen Sinn herauszudenken, das konnte mich noch bei mir rechtfertigen, denn gestern glaubte ich sehr deutlich, mich selbst zu verstehen. Ich hab auch so albern uber dein Satirenbuch geschrieben wie ein altes Mutterchen. Und dann von der Revolution zu reden, haben meine Gedanken auch so ungebardig sich angestellt. Wie klar und hell ist dagegen, was ich Dir von der de Gachet wieder gesagt habe, und doch hat sie's selbst noch einfacher und ganz machtig ausgesprochen. Und doch hab ich manchmal mich unterfangen, sie zu tadeln, oder Argwohn zu hegen gegen sie die doch so viel grosser und wahrer ist als alle andre Menschen. Gelt, Clemens, solche Naturen wie die Gachet sind keiner Kritik unterworfen, denn sie sind weit erhaben uber die Gedanken, die wie ein ungeweihter Rauch aufsteigen aus Vorurteilen, die Gott nicht wohlgefallig sind. Hat mir denn der Ritter nicht danken lassen fur meine Samtmutze? Und hat er sich nicht uber den antiken Lorbeerkranz gefreut? Das hor ich so gern, wenn die Leute sich bedanken. Wunderschone Musik ist das meinen Ohren. Noch eine vergnugliche Stunde muss ich vor Abgang des Briefes Dir melden. Heute morgen, als ich den Brief schon zugemacht hatte und wollte ihn eben dem Juden Hirsch in seinen Schnappsack werfen, in der Meinung, er sei es, der an der Ture klingelt, so war es der freundliche Pfarrer Sch ...z, der die Grossmutter und auch mich besuchen wollte, so sagte er mir wenigstens; ich hab's geglaubt, obschon es mir was Neues war, dass mich jemand besuchen wollte, und nun noch dazu aus der Ferne will ein so gelehrter Mann bis nach Offenbach gekommen sein, um mir weiszumachen, dass er vorzuglich gekommen sei, mich zu sehen! So ein Pfarrer kann lugen! Er hat mich gekusst auf die linke Wange und hat mich versichert, es sei wahr. Und Du habest ihm schon lange meine Bekanntschaft machen lassen durch Deine Gesprache uber mich! Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Clemente; der Pfarrer ist ein guter Kerl, aber er ist, glaub ich gewiss, ein Aufschneider. Er kann wohl nichts davor, er muss ja Sonntags immer himmeln. Und er hielt mir auch eine allerliebste Zauberrede, die etwas Nachwehen von Kirchenduft hatte. Nein, Clemente, die Rede war wirklich schon; ach er war ja gar zu gut der Mann, wie kann ich doch dumm von ihm reden; er hat mich spater auch auf die rechte Wange gekusst und hat mir gesagt, wie schon und edel ich weiss es gar nicht mehr, was er gesagt hat, denn ich war zerstreut, denn ich musste an einen alten Topfer denken, der gleicht ihm; von dem Topfer will ich Dir was erzahlen, was sehr Hubsches, ich hab seine Bekanntschaft auf dem letzten Weihnachtsmarkt gemacht, er hatte einen ganzen Korb voll Tiere gebacken und bunt glaciert, die bot er zum Verkauf furs Kindervolk, das seinen Korb umringte und mehr danach verlangte, als nach allen andern Spielsachen. Es war auch nicht von ohne. Zum Beispiel einen Schlitten hat er gemacht, der einen Schwan vorstellt, weiss glaciert mit schwarzem Schnabel, ein Mohr steht hinten drauf, schwarzbraun glaciert mit einem grunen Kittel. Dieses Kunstwerk besitze ich selbst, es steht in meiner Kunstkammer, das heisst unter meinem Bett. Dem Topfer hatte ich damals seinen ganzen Tonkunstvorrat abgekauft fur die Kinder, jedes ging mit einem Lamm oder Fuchs oder Wolf, Bar, Lowe usw. ab, ich behielt das Hauptstuck, den Schlitten; er wollte nun eiligst wieder Neues anfertigen, und ich wollte gern mit ansehen, wie er damit fertig werde. Und, liebster Clemente, ich hab drei Abende bei dem Mann zugebracht, Frau und Kinder sassen bei der Lampe und machten Tiere, die Gott nachtraglich noch schaffen muss, wenn er gerecht sein will, oder seine Unendlichkeit bleibt unerwiesen, denn was die Phantasie der Topferskinder erfunden hat, ist noch nicht im Naturreich geschaffen, dem Vater war aber alles recht, er gab diesen Geschopfen einen Schneller und einen Drucker und setzte sie auf Postamente, sie wurden angemalt von einem Kittel mit einem breiten Schlapphut als Kopf, er sass in der Ecke beim Feuer am Herd und warf einen machtigen Schatten. Wie ich nun sah, dass alles so fix ging, dass keiner zagte, seine Kunstwerke zu fordern, wie keiner eine Kritik ubte, wie alles recht war, was da entstand, da schamte ich mich meiner Schuchternheit. Ich sass nun auch am Tisch und machte Tonkunste, ins Tierreich wollte ich mich nicht wagen, ich machte einen Baum, auf seinen Zweigen sitzen Vogel, so recht antik mit wenig Blattern, kannst Du denken. Kaum fing er an zu werden, so hatte der Schlapphut eine Schlange drum geringelt, und der Topfer Adam und Eva drunter gestellt.
An Bettine
Wer kann auf Deine Briefe antworten, mein Kind, da es so kalt ist hier und so einsam, wenn Dein liebes Bild nicht neben mir stande und alle Deine Liebe ruhig empfing, ich armer Bewusstloser, von mir selber und von Menschen Verlassner, ware erschrocken uber die vielen Herrlichkeiten, die Du um mich hervorzauberst; eine Welt ist mit Deinen Blattern eingedrungen, und doch, ich bin's nicht wurdig, denn was kann ich Dir wiedergeben? Etwas hat mich geargert, aber es tut nichts, auch habe ich mit dem Fuss gestampft, das ist, weil Dich Sch...z gekusst hat, der ein guter, freundlicher Mann, aber etwas sentimental und stark wie die Grossmutter ist, leid das nicht wieder; und was mich angeht, macht er mir schreckliche Langeweile, er liebaugelt mit dem Universum, das noch nie an ihn gedacht hat, und meint immer, es meine ihn, wenn es ihn gar nicht meint. So viel uber diesen Freund, der uber mich mit Dir spricht und mit mir sehr gern uber dich sprechen wurde, daran zweifle ich keineswegs, allein da hat er seine Muhe verloren, wenn er einen ganzen Milchkubel von Sentimenten aus mir melken will und bin ich nicht ungerecht, wenn ich des Teufels uber ihn werde: da ich doch grade so mit Savigny stehe, von dem ich wieder nichts losbringen kann, daruber nur folgende Worte: ich gehe nun schon lange mit Savigny um und ringe vergebens gegen seine Verschlossenheit, die mir zwar nichts verbirgt, weil ich durch lange Ubung eine Sprache an ihm erfunden habe, die er nicht spricht, sondern die sich selbst spricht. Ich empfinde diese Verschlossenheit jetzt mehr als sonst, weil ich fauler geworden bin zu buchstabieren. Seine Ausserung uber meine Bitte hierum war die, dass ich alles um mich herum eher verschliessen als eroffnen konne; dies befremdete mich nicht, weil mir es schon mehrmals geaussert wurde. Da ich nun keinen einzigen Menschen sehe als ihn und unser gegenseitiges Verstummen etwas Peinliches hat, solang es mit dem Lusten zum Sprechen kampft, so will ich diesen Lusten, der von ihm in gleichem Masse erwidert werden durfte, nach und nach aufheben. Ich habe nun nichts mehr in der Welt, wovon ich gern rede als von Dir, und habe weiter auch niemand, mit dem ich's konnte. Savigny verstummt dann ganz, wenn ich von Dir rede, ist es eingeborne Antipathie gegen Dich oder gegen meine Art zu sprechen. Wenn Dich's interessiert, so lege Dir's selber aus.
Ach, ich sehe immer nach Deinem Bilde hin und bin unendlich einsam, da hab ich gestern zwei Lieder geschrieben fur Dich.
Wie sich auch die Zeit will wenden, enden
Will sich nimmer doch die Ferne,
Freude mag der Mai mir spenden, senden
Mocht dir alles gerne, weil ich Freude nur erlerne,
Wenn du mit gefaltnen Handen
Freudig hebst der Augen Sterne.
Alle Blumen mich nicht grussen, sussen
Gruss nehm ich von deinem Munde.
Was nicht bluhet dir zu Fussen, bussen
Muss es bald zur Stunde, eher ich auch nicht
gesunde,
Bis du mir mit frohen Kussen
Bringest meines Fruhlings Kunde.
Wenn die Abendlufte wehen, sehen
Mich die lieben Voglein kleine
Traurig an der Linde stehen, spahen,
Wen ich wohl so ernstlich meine, dass ich helle
Tranen weine,
Wollen auch nicht schlafen gehen,
Denn sonst war ich ganz alleine.
Voglein, euch mag's nicht gelingen, klingen
Darf es nur von ihrem Sange,
Wie des Maies Wonneschlingen, fingen
Alles ein in neuem Zwange; aber dass ich dein
verlange
Und du mein, musst du auch singen,
Ach, das ist schon ewig lange.
Am Berge hoch in Luften,
Da baute er sein Haus;
Am Tore liegt Gewitter,
Nun kann er nicht hinaus.
Die Wolken, sie wollen nicht ziehen,
Der Pfad ist steil und schwer,
O Lieber, Herzlieber in Luften,
O wenn ich bei dir war!
Wohl bei dir uber Wolken,
Wohl bei dir uber Wind,
Wo fromme Voglein schweben
In Himmelsluft so lind.
Meine Fluglein, die sind mir gebrochen
Und heilen auch nicht eh,
Bis ich zu der Herzliebsten
Durch Tur und Tor eingeh!
Dass ich so stolz in Luften
Mein Haus gebauet hab,
Das muss mich gar betruben,
Ich kann nicht mehr hinab;
Die Riegel sind alle verrostet,
Die Tore, sie gehen so schwer
O Liebchen, Herzliebchen im Tale,
O wenn ich bei dir war!
Wohl bei dir in dem Garten,
Wohl bei dir in dem Wald,
Wo dichte Baume stehen
Und Vogelsang erschallt.
Ich kann kein'n Kranz mehr flechten
Und singen auch nicht eh,
Bis ich zu dir, Herzliebste,
Durch Flur und Wald eingeh.
Sie dringt wohl durch die Wolken,
Geht ein durch Tur und Tor,
Die Fluglein schnell ihr heilen
Und heben sie empor,
Wohl uber die Wolken und hoher
Zu Gott wohl in die Hoh,
Tragt sie das treue Herze,
Ade, Herzlieber, Ade!
Er dringt wohl durch die Wolke,
Geht ein durch Flur und Wald,
Ein Kranz wird ihm geflochten,
Ein Lied ihm auch erschallt,
Wohl unter dem Baum und wohl tiefer,
Wohl unter grunem Klee
Ruht nun sein stolzes Herze,
Ade, Herzliebste, Ade!
Mach doch eine Melodie darauf. Dein Clemens Und nun schliesse ich den Brief, als ob ich das geringste Dir geantwortet hatte auf alle Liebkosungen Deines Geistes, die in Deinem Brief in so schoner Konsequenz einander folgen. Deucht mir doch, als habe Gott Berg und Tale und alle Schonheiten der Natur in so lieblicher Verwirrung untereinandergeworfen, als Deine Weisheit ihr gleicht, und die Gachet hast Du so warm in Deine Begeistrung eingebettet, als sei sie Dein Gast, dem Du den Ehrenplatz einraumst.
Du machst mich dennoch reich, obschon Du mich auch marterst, denn ich verbringe viele Stunden einsamer Zeit mit Nachdenken uber einzelnes. Deine letzte Erzahlung vom Topfer hat mich wieder auf alte Sprunge gefuhrt, ob Dein Platz nicht auf eine Kunstlerwerkstatt sich beschranken moge! Und doch konnte mich Deine Zukunft anklagen, Dich beschrankt zu haben mit diesem Begriff. Das Wort ist das allumfassendste Element, das den reinsten Genuss gewahrt, aber auch ist es das gewagteste, aber wer kuhn ist, der muss ein Feld dazu haben; Du bist zu allem zu lebendig, schreitest uber alles hinaus; Lernjahre kann ich Dir gar nicht zudenken, reflektieren. Ach Kind, es ist was Trauriges, lies dies Blatt, was ich hier beilege, und was ich an meinem mondhellen Schreibtisch schrieb, gestern, als ich Deinen Brief in der Dammerung zum zweitenmal uberlesen hatte und uber Kunst und Deine Verwandschaft zu ihr viel gedacht hatte.
Sobald wir Geschichte der Kunst sagen wollen, setzen wir eine einzige Kunst voraus, die aber nur Idee ist und als Kunst nie existiert hat, denn es liegt eine historische Unmoglichkeit in der Totalbildung aller Menschen, und sobald diese eine Kunst soll dagewesen sein, musste diese Totalbildung dagewesen sein, und nach meiner Meinung ist nur nach dem Ende der Welt eine solche einzige Kunst dagewesen. Es gibt keine einzige Kunst, denn die Kunst kann nie gewusst werden, und nur die Kunste waren da. Diese einzige Kunst kann nie gedacht werden, denn solange noch gedacht wird, ist die Kunst noch nicht bewiesen einzig, da das Denken in der Kunst aufgehoben sein und als Gedachtes erscheinen muss. Es gibt ein einziges Leben, denn alles Leben ist ein Gelebtes, die Kunst aber ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmoglich. Das einzige Wissen ist das, dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden konnte; da aber diese totale Kunst das ganze Wissen aufheben wurde, indem diese sogenannte einzige Kunst das ungewusste Wissen ist, so kann diese einzige Kunst nur im allgemeinen Tode liegen oder im allgemeinen Nichtwissen, wir wissen von keinem Wissen als durch unser Dasein, unser Dasein ist unsere Trennung von dem Ausseren durch die Sinne. Unsere Sinne sind der Gegensatz der Kunst oder der Kunste, und je hoher unsre Sinne gebildet sind, je mehr Kunste sind da, denn jedem Grade des Wissens ist eine neue Kunst entgegengesetzt. Die Kunst ist also nimmer da als lebendig, sondern als Tod. Denn blosses vollendetes Dasein ist Tod, Schonheit ist Tod jede angenommene Kunst als einzige Kunst kann also nur ein verlornes sein und daher alle Erhebung, alle Ruhrung bei echten Kunstwerken nur religios und nicht kunstlerisch. Kunst ist daher Bedingung der Religion, wie Religion Unbedingung der Kunst; und Kunstwerk ist Bedingung dieser Bedingung in der Erscheinung. Wie Erscheinung Bedingung einer gewissen Konstruktion des Wissens ist; aber nie des totalen Wissens, denn dieses ist Nichtwissen, weil zum Wissen keine Gleichheit, sondern Sieg gehort. Es gibt also nur Kunste, und Sterben ist nur der Sieg des grosseren zu wissenden Tod oder der allgemeinen Unsterblichkeit.
Freundschaft hat allein keine Gottheit, weil sie ubersinnlich ist!
Hier fielen mir die Augen zu; grade im Augenblick, als ich Deinem Genius widersprechen wollte, der in einem Deiner fruheren Briefe Dir diktierte, Freundschaft sei Brudermord.
Ach, ich bin matt und mude und hochst traurig. Der Geist Deines Briefes ist stark kompromittiert durch den meinen, dass er Dir nicht besser zu entgegnen weiss. Adieu, lieb mich und verzeih mir alle Schwachen, die ich heute so stark in mir fuhle. Ich habe heute Morgen den Savigny persuadieren wollen, Dein Bild anzusehen und es schon zu finden, ich machte einen Versuch, ihn zum Sprechen zu bewegen, allein er sagt partout nichts.
Lieber Clemens!
Der Savigny kann wohl ruhig Dir zusehen, wie Du schwarmst fur ein Bildchen, das zwar nur gemalt auf ein kleines Brettchen doch Deine Schwester Dir lieblicher ins Gedachtnis ruft, als sie wirklich ist. Der Savigny sieht still dem zu, wie Du und andre ausgreifen nach Gluck, und tausend Missverstandnissen dadurch begegnen; seine Gluckseligkeitslehre geht ungestort uber dem Gewirr Eurer phantastischen Neigungen weg, er sieht Eure Freuden und Leiden wie Tag und Nacht wechseln, denn wie konnte er Anteil nehmen an dem neugefundnen Gluck, dass Ihr jeden Augenblick aus dem grossen Ozean der Zufalligkeiten herausfischet und gleichgultig wieder in diesen Ozean hineinfallen lasset, was Euch im ersten Augenblick geblendet hat. Ihm aber wachst im heimlichen Grund eine Blume, die nicht verbluht, Du nennst sie seine Studiermaschine, ich nenne sie seine Muse. Was er hort und sieht, das entgleitet seinen Sinnen wieder, sobald es nicht Bezug auf sie hat. Und das ist naturlich, was Dir unnaturlich deucht. Und wo er fuhlt, mag er nur sich selber in diesem Wirken fuhlen, seine Muse fuhrt ihn mit freundlichem Anstand die Berge hinan, die andre unersteiglich finden, und bereitet ihm die Ordnung, die er notwendig fordert, wenn er sich einheimisch bei ihr fuhlen soll, es muss ihr doch was an ihm liegen, sonst pflegte sie ihn nicht mit dieser Sorgfalt. Drum soll Dich auch sein Stillschweigen nicht verdriessen, denn Du und ich sind ausser aller Ordnung. Das nennt er nun Verschliessen, dass seine Ordnung mit Deiner Ausserordnung die Grenzscheide zieht. Du bist ungerecht, ihm das zu verargen, aber Dir ist's zu verargen, dass es Dich ungeduldig macht; ich bitte Dich, was fragst Du danach, oder wie ist's moglich, dass Du nachtraglich noch melancholisch darum sein kannst. Welche Freude hab ich, wenn er mir schreibt, auch nur wenig Worte, seine Briefe sind mir Heiligtumer, aber welche Freude hab ich, auch wenn er nicht schreibt, an dem reinen Himmelsblau, das die schwarzen Schwalben durchjauchzen heute zum erstenmal, die alte Kordel freut sich und liest aus ihrer fruhen Ankunft einen warmen Sommer, ihre neunzig Jahre sonnen sich gern. Wie schon ist's an ihr, dass sie an allem sich freut. Ja, es gibt viele Lesearten von dem, was die Seele begehrt. Und alles tont in die Wahrheit, die in Dir selber erklingt, und dazu kann Savigny immer schweigen. Was er Dir wortlich sagen konnte, das ist nur Nebensache gegen diesen Hauptinhalt des Schweigens oder Nichtssagens, woruber Du klagst, dessen doch sein inneres Leben bedarf.
Ich bin nicht neugierig, was innerhalb seiner Geistesburg vorgeht; so wenig als auf das, was innerhalb von Klostermauern vorgeht. Wer einmal weiss, alles geht innerhalb der vier Wande der Ordnung, wie kann der noch Kunde davon haben wollen und sich kranken, wenn keine erschallt.
Weisst Du, es ist heute der 7. Mai, geh in den Wald, lausch der Nachtigall, die drauf losschmettert, trotz dem "schweigenden Haine", sie durchschallet das Revier allein, und allein hort sie begeistert sich zu. Schweigt, Ihr Nachbarn, denn sie antwortet eben ihr volles Leben dem Fruhling, der hat sie darum gefragt. Mit Savigny und Dir ist solch Frag- und Anwortspiel nicht, wie der Fruhling und die Nachtigall haben. Was willst Du nun noch? Du bist im Unrecht, und er ist im Recht in seiner Stummheit. Du aber, Clemens, darfst nicht verstummen, Du lockst wie ein Vogelsteller die zartlichen Waldsanger; o wer hat nicht Lust, ein Vogelchen in der Nahe zu sehen, zu haschen und zu liebkosen und dann wieder fliegen zu lassen. Du lockst mir sie herbei, die das Naturleben so glucklich, so ganz ergotzlich bevolkern.
Die Briefe Deines Ritter! Er singt ja zu mir! Und Du hast mir's ganz verschwiegen? Und jetzt bitte ich, schick ihm die beiliegenden Zeilen.
Clemens! Ich weiss, dass eine ganz eigne Polizei existiert, womit man die jungen Madchen verfolgt. Und das nennt man in der Ordnung. Und aber Ordnung umfasst nicht das Ausserordentliche, das sich reimt mit dem Gottlichen. Ordnung ist holzern, sie kann sich nicht reimen! Aber Gottlich und ausserordentlich reimt sich. Die Purpurroten! Sie wogen, sie durchleuchten und farben reizend die stromenden Lufte, lasse sie das freie Blaue in sich trinken!
Lieber Ritter! Dem Clemens zum Trotz zaubere Du doch ein wenig Rot mir in die blaue Ferne, ich schlurfe es wie das rote Blut der Traube, und wenn ich auch ein wenig trunken traume!
Clemente, ich muss Deiner lachen! "Wie sie so sanft ruhn, alle die Seligen." Dies Lied fallt mir eben ein. Ja, es ist in der Ordnung, dass sie ruhen, und es reimt sich nicht auf mich, die singt: Du, o Dionysos, umschlingst die Seele und tragst aus purpurtrunknen Gluten sie hinuber ins ewig frische Blau! Das ist nicht in der Ordnung (denn wer Teufel versteht es), aber es ist doch unendlich schon und reimt sich mit meiner lebendigen Seele.
Mir sind Ritters Briefe ein Zauberspiegel seiner Geistesnatur! Nichts von Ordnung darin. Aber "jeden Nachklang fuhlt mein Herz" reimt sich auf diese Ausserordnung. Jeder Halm auf der Abendwiese wiegt sich in diesem Nachklang, und darauf reimt sich: "Es steht von goldnen Blumen die ganze Wiese so voll", und es ist schon, wie sie aus seinen Briefen mir zunikken, und das ganze Seelengeheimnis ist nur ein ewig Bluhen und Fruchtbringen der Natur, an dem der Vergleich des Herkommlichen stumm vorubergeht; es hat keinen Teil an ihm. Im Geheimnis ist der Mensch frei, er hat keinen Richter, sein Gewissen halt Wache fur ihn auf der hochsten Hohe. Und ubersieht und erkennt und erreicht alles, was dem Gewissen der Vorurteilsmenschheit ein furchtbarer Kampf ist.
Wer Ewigkeit glaubt, hat die Unsterblichkeit. Wer dem Geheimnis nicht einverleibt ist, hat keine Existenz. Ich hab das antworten wollen auf Deine kunstvertiefte Schauung; und ich hab sie gar nicht verstanden und wieder gelesen und noch nicht verstanden. Und endlich hab ich aber gemerkt, dass ich mich immer zerstreuen liess durch einen schmalen Lichtstreif, der durch ein Astloch des zugemachten Ladens fiel, quer uber meinen Schreibtisch, in dem tanzte der Demantstaub des Lichtes, und ich sah ihren Kontertanzen zu, anstatt nachzudenken uber das, was ich nicht gleich verstand. Jetzt hab ich aber dem Astloch den Rucken gewendet. Und da hab ich mich besonnen, so scharf ich vermochte. Da sagst Du: "Es gibt nur ein einziges Leben, denn das Leben all ist ein gelebtes." Ja, Clemens! Ein gelebtes, wo jeder Atemzug ewig drin fortlebt. "Die Kunst aber ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmoglich." Ach, darauf hab ich mich stark besonnen; und immer schwankt's. Und jetzt weiss ich's! Oder weiss ich's dennoch nicht? Ein ungelebtes Leben! Mein Gott! Meine Gotter, zu denen der Geist alle Sinne alle Augenblicke die Tempelstufen hinantragt. Wie die Lichtstaubchen dort den Sonnenstrahl hinantanzen, in denen aller Geist sich einwebt oder auflost. Ist das die ungelebte Kunst, die nicht moglich ist im Leben, so lebt doch der Geist einzig in ihr und steigt bis zur obersten Sprosse der Himmelsleiter mit starkem Willen; mir ist bang, sie muss ihm nachgeben. Still! Hier verwirrt sich's! "Das einzige Wissen ist das, dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden konnte." Ich scham mich, eine Antwort zu suchen. Und doch hab ich sie: Das einzige Wissen ist der liebende Geist, die einzige Kunst ist das des zu liebenden Gottlichen, was des Geistes Streben an sich reisst durch seine magnetische Kraft. Die Kunst also ist ungelebte Magnetkraft, die alles Leben an sich reisst. Ach! In der fernsten Ferne meines Lebens sehe ich, fuhle ich diese Magnetkraft mich beherrschen, sie ist Kunst in sich. Feuerkraft ist sie, dem Geisteswillen sich zu unterwerfen. Das Ungelebte zwingt das Lebende! Bist Du's zufrieden, Clemens? Adieu.
Bettine
An Bettine
Liebes Madchen! Hier ohne Dich zu wohnen, wenn ich das aushalte, so darf ich mich meiner Starke ruhmen. Ach, wo ist's in der Welt wieder so schon als hier in diesem Fruhling hoch in den Luften zu schweben, dem Himmel so nah, dass jedes der sechs Fenster meiner Stube eine prachtige Landschaft unter Rahm und Glas bringt. Nur das Grosse der Stadt beruhrt mich; die Turme sehen mir in die Fenster, und die Stadtuhren sind meine Wanduhren, ich kann nichts tun als an Dich denken, Dein Bild hinhalten. Der Fruhling flieht von meilenweiten Bergen uber die bluhenden Felder und den sanften Strom und die klingenden, singenden, schwingenden Walder her zu mir; und bringt Blumendufte, Farben und Klange mit, all herein zu den sechs Fenstern, und da halte ich Dein Bild in die Mitte, dass es der Reichtum der Jugend umwalle. Ach, warum bist Du nicht da? Ich bin entsetzlich ungeduldig um Dich! Uberall entbehre ich Dich, und selbst an Dich zu schreiben macht mir Schmerz, weil Du mir auch dazu fehlst! Ja, zu den Gedanken an Dich, zu Dir selbst fehlst Du mir. Und wenn Du da warst, so warst Du uberall in der Herrlichkeit. Und alles Sprechen ist nicht wert, ein Wort daruber zu verlieren, so wie alles Schiessen keinen Schuss Pulver wert ist. Wenn ich Dir sagen soll, wie es hier ist, wie es mir ist, wahrhaftig ganz anders als beim de Gabrielli, der Sonn und Mond, Wald und Tal und Ferne und Sturm auf olgetranktem Papier uns so deutlich vormalte, und wir uns beide freuten so herzlich daruber. Nein, es ist auf dem Papier nicht zu erschwingen, was ich brauchte, Dir zu sagen, was man hier in einer Minute empfinden kann, ich musste in einer Minute wahnsinnig und gescheut, dichtend und liebend und spottend und lebend und sterbend sein, um Dir dies Leben recht wieder zuzustromen. Das Haus mitten in den Berg gebaut, aus allen Stockwerken in den Garten, selbst aus dem Keller. Wenige Schritte oben das prachtige Schloss und Eichen und alles. O ich mochte noch einmal narrisch werden, da ich's einmal schon bin. Daneben steht am Garten ein hoher, alter Turm, da lassen wir nun eine Treppe hinauffuhren, ich bin schon mit einer Leiter hinaufgestiegen; oben wird ein Zelt aufgeschlagen, und da hangt man wie ein Luftschiffer uber Berg und Tal. Ach ich langweile mich tot, dass Du nicht da bist, Bettine, dass Du nicht da bist all du Fruhling, den ich soeben erzahlt hab, dass Du alles nicht da bist, was da ist, weil Du mir fehlst, lieb Madchen. Gott weiss, ich sehe nur alles im Auge, im Genuss derer, die ich liebe, und ohne sie ist die Welt mir eine ausgebrannte Kohle. Aber ich liebe auch Gott und sein Werk und am meisten Dich, Du bist mir sein Absteigquartier. Die Vogel philosophieren in den Luften, die Frosche weissagen in den Teichen, und ich versuche ihnen nachzusingen und zu quaken, derweile sie ihre Studia absolvieren. Ach helf mit wirke auf Deinem Fleckchen, der Welt den Fruhling in seiner Fulle in den Schoss zu ergiessen, damit das Leben uberall sich regt; sonst kommen Vogel und Frosche bei Euch zu kurz vor lauter Amtsgeschaften.
Sieh aber nur, so sind die Menschen, so bin ich auch. Gestern und vorgestern hab ich das Vorhergehende geschrieben, da war alles das noch neu und wunschenswert, ich konnte noch nach Dir und nach der Natur begehren. Heute ist es schon ganz anders, ich begehre nur nach Dir, es ist mir, als hatt ich Dich in ewiger Zeit nicht gesehen, und ich empfinde recht deutlich, wie Erinnerung und Sehnsucht einander so ahnlich sind, dass sie sich sogar erganzen. Und was die Erinnerung nie gewusst hat, das kann die Sehnsucht in Erfahrung bringen und es der Erinnerung uberliefern. Dass ich Dich so lebhaft vor mir sehe und in jeder Minute Deiner gedenke, ist doch nur eine Folge davon, dass Dein Bild erst so kurze Zeit deutlich in mir aufgeregt ist durch Deinen Brief, und hatte ich nun seit langerer Zeit nichts von Dir erfahren, so wurde mein Sehnen danach der Erinnerung die Rolle abnehmen. Die Nahe hinter und vor uns regt uns gleich stark an. Was wir vergessen, toten wir, wessen wir gedenken, das beleben wir. Was uns vergisst, das totet uns. Jede Sehnsucht ist Begierde, zu bilden, zu gebaren, jede Erinnerung ist eine Wiedergeburt. Wahrhaftig, liebes Kind, ich liebe den Fruhling nur, weil ich mit innigerer Ruhrung Deiner drinnen gedenken mag, weil er das einzige ist, das mir in Momenten Dich wurdig ersetzen kann, und er versteht und reflektiert mich doch noch nicht wie Du und kann mich nicht so belehren und erquicken. Aus einer recht herzlichen offenherzigen Liebe kann doch nur allein in der Welt etwas werden, und wenn der Menschen Geist sich nicht recht gewaltig durchdringt und nicht recht muss, so bleibt es eine ewige Lumpenkramerei und gibt immer Plattheiten. So wie die Elemente sich durchdringen und die Welt bilden und der Geist und die Welt sich durchdringen und den Menschen bilden und der Mensch diese Liebe mit einem freien Blick ansieht, und indem er ihre Notwendigkeit und seine Freiheit in dieser Notwendigkeit betrachtet, den Gott erkennt und anbetet alles das ist nur eine herzliche Liebe, wo diese Liebe nicht ist, da ist die Dummheit und all das Bose, das uns emport. Ich kann mich oft recht an dem Gedanken entzucken, dass mir in Dir die Welt, die mir gegenubersteht, die Welt, die ich gern ansehen und lieben mag, ja alles, was des Meinigen auf Erden werden sollte, zum Menschen erschaffen worden ist, der mich wieder aufnimmt in seine Gedanken und sich an meinen Freuden ergotzt; seitdem kommen alle freundlichen Ideen, die ich denke, zu mir zuruck und denken mich wieder; und was ich anschaue mit Liebe, das schaut mich wieder so an; seitdem bin ich zur Welt geworden und lebe das Leben, das man mein Leben nennt, das aber des Lebens Leben selber ist. Ich habe mich oft unterfangen, meine Liebe zu Dir zu meinem eignen Werk zu machen, aber es war ein verkehrter Streich, ich bin das Werk meiner Liebe zu Dir, und nicht diese Liebe mein Werk. Meine ungluckliche fruhere Neigung preise ich jetzt hoch, denn ich habe mich dadurch erkennen gelernt, und so kann ich Dich in jeder Minute recht verstehen, und Du brauchst keinen Blick unerwidert in die Welt zu tun; und alles, was von Dir laut wird, findet einen freundlichen Richter in mir. Gott will's so haben, dass wir uns lieben und einander belehren sollen, ich sehe es in allen Dingen und gebe mich dem offen hin, denn ich will nicht mit der Wahrheit streiten, denn es ist nicht moglich, sich zu trennen von dem, in dem man sich begriffen fuhlt; es ist undenkbar wie alles Resignieren, was immer nur auf sich selbst verzichten heisst. Es resigniert niemand, so wenig als das Wasser resignieren kann Wasser zu sein, solange es noch Wasser ist. Und Resignation ist nach meinem Begriff nichts als eine lacherliche Selbstgefalligkeit in einer notwendigen Veranderung unseres Selbst, welche Veranderung durch diese lacherliche Selbstgefalligkeit allein entsteht. Resignation und Kaprize sind an und fur sich dieselben totenden Feinde des eigentlichen freien und vollen Lebens, das nichts von sich weiss, und das mit einer von beiden zu sterben beginnt. Wenn wir mit Kaprize das Leben festhalten wollen, so resignierte das Leben schon auf uns und ist im Abmarsch. Wenn wir resignieren, so sind wir im Abmarsch, und das Leben hat die Kaprize, uns nachzulaufen oder nicht, und beides ist eine gegenseitige schlechte Koketterie, bei der man die Zeit verliert. Denn dass wir so oder so leben, ist grade der Beweis, dass wir so leben wollen und sollen, solange wir wollen; da das Leben die Durchdringung des Geistes und Stoffes ist, in der sich nach ewigen Gesetzen grade die Lebenserscheinung konstalisiert, so ist's in allem. Das ganze Leben kehrt in sich selbst zuruck, und wo wir schon so in uns selbst zuruckgegangen sind, dass wir von uns selbst und also von keinem Ding uns mehr getrennt denken konnen, heisst es, sei der Tod; der Tod aber ist in jedem Momente des Lebens, da das Leben nichts ist als das ewige Zuruckkehren und Hervorgehen des Lebens aus und in sich in demselben Momente. Ebenso ist das Leben in jedem Momente des Todes, denn Leben und Tod sind eins; um leben zu konnen, muss man ewig sterben, und um sterben zu konnen, ewig leben. Die Ansicht vom Leben im Gegensatze vom Tod ist eine sehr beschrankte Ansicht, und etwa so, als klage ein Handwerksbursch uber die Fluchtigkeit der Zeit, weil der viele Spass am blauen Montag ihm den seinen so kurzweilig macht. Alle Menschen, die ihre eigne Biographie fur ihr Leben halten und so lange einen Menschen fur lebendig halten, als seine Stelle nicht vakant ist, sind solche Handwerksburschen, und ihr Leben sind blaue Montage.
Wir leben nur durch das Bewusstsein unseres Lebens, aber ohne alles Leben uberhaupt haben wir kein Bewusstsein, und wir leben daher nur durch die Ewigkeit des Lebens, die alles Leben ist und jedes Leben.
So gibt es denn nur ein Leben. Damit ubrigens etwas lebe, muss es im Momente erscheinen und also von der Zeit gefesselt sein; insofern also unser eigentumlich Leben im Momente liegt, ist es in diesem von der Zeit gefesselt, und hinter jedem Momente liegt dessen Tod; der Tod also befestigt das Leben in der Zeit, die Zeit aber selbst ist ein Produkt von uns, denn wir konnen eine Ewigkeit denken, also liegt der Tod in der Ewigkeit, und Leben ist nichts als die Ewigkeit, die wir uns zueignen dadurch, dass wir uns ein Stuckchen von ihr mit einem hinten vorgehaltnen Tod auffangen. Doch ich kehr zu Dir zuruck, liebes geliebtes Kind, ist doch diese Reflexion schon eine Sunde gegen Dich, ich habe in Dir meine Ewigkeit so schon gefangen, dass ich nicht langer grammatisieren darf; da das Leben der Sprache ein Gedicht mit mir lebt, das Du bist, Du Lied vom Weibe, von Liebe und von Gott. Dass ich Dich so liebe, dafur danke Gott, wenn es Dich glucklich machen kann, ich danke ihm auch um Deiner Liebe willen. Es ist ein grosses Erbarmen von ihm, dass er uns alles in einander gegeben hat, und wir durfen nicht stolz darauf sein, denn es ist nur Gott, den man liebt, den Gott im Menschen, und je scharfer und tiefer wir blicken, je mehr erkennen wir ihn, und je ruhiger und einfacher wird die Liebe. Etwas Ruhrendes liegt in unserer Liebe; wenn ich Dir ernst uber lebendige Stellen meines Lebens spreche, die nun gestorben sind, und wenn ich Deiner gedenke! Aller Larm wird dann stumm, alle Menschen werden mir steinern neben Dir, und dies Stille erwacht in eine Musik, ich mochte sie eine innere Musik nennen, die sich selbst hort. Wenn ich aufrichtig sein soll, spreche ich mich gegen niemand gern aus als gegen Dich, denn Du verstehst mich und freust Dich meiner. Mit den andern Menschen verbindet mich nichts als ihre Seltenheit. Gute Nacht bis morgen!
Clemens
Sollte die Gunderode Dir einen sehr wunderbaren Brief von mir zeigen, so verwundre Dich nicht, ich bin begierig, was sie darauf spricht.
An Clemens
Es geht schlecht mit meinem Witz, Dein Brief ist wie der Blitz in mich eingeschlagen, und ich kann Dir Neues davon sagen, wie das einem tut! Gar nicht tut es einem. Geist samt Eindruck verschwunden! Erst hab ich mich besonnen, ob ich nicht Dir diese Lahmung verschweigen solle, dass ich namlich mit Deinem Brief nichts anzufangen weiss und lieber Dir etwas vorzaubere vom Fruhling, der hier gar nicht schlecht ist. Gibt's der Tage viele wie der gestrige Sonntag? Himmelsblaue unendliche! kraftige! vom Sonnenfeuer durchgluht, die Baume vermahlten ihre Schatten einander, alles im schonsten Frieden lautloser Stille, die Orangen warfen als ihre Bluten herunter, da hab ich gelegen im Boskett und alle Bluten aufgefressen, konnt nichts mehr zu Mittag essen, die Grossmama fragt, ob ich krank sei, in der Nachbarschaft sind die Rothlen.
Dein Brief kam um zwei Uhr, ich wollt ihn studieren unter jenen duftenden Baumen, ein narkotischer Balsam stromte aus seinen weisheitsvollen Blattern, der Sonnenschein ging, ich hatte den Brief nicht bedacht, aber beschlafen, aber doch blieb mein Begriff gelahmt. Der Mond kam, und der Tag war noch nicht vergangen, ich ging zum Gitter im Boskett, wo die Blumen alle stehen auf hohen Paradegestellen, man kann dran hinaufsteigen. Der Gartner stand oben mit der Giesskanne, ich ward ganz durstig, wie sie so gierig das kuhle Wasser schluckten, ich trank aus der Giesskanne. Der Gartner wollt es nicht leiden, ich sollte warten, dass er ein Glas hole. Ich bin dem Gartner gut, er ist mein bester Geselle. Alles, was er sagt, verbindet sich so nah mit der Gegenwart. Die Blumenglocken bewegten sich vom Abendwind, der zieht mit sanftem Brausen durch die erfrischten Straucher und nimmt den Staub der Blumen mit sich fort; jeden Abend sieht der Gartner diesem Spiel des Windes mit den Blumen zu. Grade in diesem Monat versaumt der Wind es keinen Abend, sagt der Gartner.
Was ich gesehen hab noch? Eine Biene, die sich ein Bad zurecht machte in dem Schusselblatt von einer Geissblattblute, sie patschte drin herum, tauchte den Kopf unter und wusch sich von allen Seiten mit ihrem Russelchen, grad wie eine Katze. Nun denk ich, ob man eine Biene nicht konne zahm machen auch wie eine Katze. Dass sie hereingeflogen kam abends und schlief da auf einem Nelkenstock oder Wicken oder sonst einem Blumenstock, den die Bienen lieben. Der Gartner meint, eine oder die andere, die einen aparten Sinn habe, konne das wohl und sagte noch allerlei von den Bienen, was die Leute nicht glauben, weil es zu gescheut war fur so kleine Tiere, aber es sei dennoch wahr; ich glaub's, warum soll er es nicht besser wissen, da er diese mit so grosser Liebe beobachtet, das heisst mit Geist. Die Leute sind wohl auch so dumm zu glauben, ein Gartner habe keinen Geist; aber, der hat Geist und kann also mit Geist beobachten, das heisst mit Liebe.
Ja, Clemens, ich hab gestern abend noch an Dich schreiben wollen, aber ich musste nachdenken uber die Bienen. Ob sie wohl einen an der Stimme erkennen wurden? Die Bienen haben ein fein Gehor, sie richten sich bei weiten Ausflugen nach dem Abendgelaut, sie unterscheiden genau die Glocke ihres Dorfs, das hat der Gartner in seinem Dorf hundertmal beobachtet. Wir uberlegten's noch mit dem Heimlichmachen der Bienen; einen Blumenstrauss im Mund, sich ins Gras legen und schlafend stellen. Kommen die Bienen, so muss man sie nicht verjagen, sagt der Gartner, wenn sie auch an den Blumen vorbei aufs Gesicht fliegen, sie stechen nicht. Wenn eine erst zahm ist, dann kommen mehrere. Das war mir eine Freude, Clemente, uber alle Freuden, wenn ich so an einem heissen Sommertag in der Lindenallee spazieren ging und die Bienen kamen alle von den Baumen herabgeflogen und umschwarmten mich. Er wurde gleich mit schwarmen, meint der Gartner! Ich weiss es und er flog wohl auch daneben; und ich weiss liebster Clemente! Der ist aber kein sentimentaler Pfarrer, der mit dem Universum liebaugelt!
Bis die Bienen wirklich kommen und mich umsummen, dass ich mein eigen Wort nicht hor, hat's Zeit, Deinen liebenden Brief zu besprechen. Schon in Deinem fruheren Brief uber Kunst steht ich fuhl, dass solche tief durchdachte Gedanken, die Du an mich zwar richtest, doch vielmehr der Welt angehoren, das erstemal wollte ich sie wie einen musikalischen Satz durch einen Gegensatz beantworten, wodurch erst seine Basis begrundet wird, sagt der Musiker, und eine Symphonie aus sich hervorzubilden vermag. Aber, Clemens, ich fuhlte mich so beklommen bei Deinem neuen Brief! Er passt nicht zu meiner feurigen Fruhlingsstimmung. "Durch Feld und Wald zu schweifen, mein Liedchen wegzupfeifen!" er passt nicht zu meinem himmlischen leichtsinnigen Stubenkamerad, meinem Damon, nicht Damon der mir's unter die Fusse gibt, ich soll mich nicht auf Stelzen begeben. Und "was kann ich, was kann ich dafur?" Dass es mir gar um Freundschaft und Liebe nicht zu tun ist.
Gestern, Dienstag, waren wir im Forstwaldchen auf einem Ball, bei Moritz Bethmann. Der Brief kommt nicht weiter heute, es steht ein Blumenstrauss auf meinem Tisch von lauter Vergissmeinnicht, wunderlich gebunden wie ein Kelchglas. In der Mitte auf dem Grund des Kelches sind Moosrosen. Wie schon! Ja, ihr Rosen seid schon, und euer Gewand ist die Schonheit selbst, und euer Reiz umwallt gleich die Brust, an der ihr vergeht! Und ihr seid so schnell fort, und doch hat man so zartlich euch geliebt und doch seufzt man euch nicht nach! Warum nicht? Hat's Gott gewollt, dass man euch liebe, wie der Clemens mir sagt: ich sei berufen mit ihm zusammen, dass wir einander lieben, wenn das so war, dass Gott wolle, wo er gar nicht zu wollen hat, ich wurde ihm widerspenstig sein und den grad nicht wollen lieben, den er dazu geschaffen. Denn das bandigt mich eben grade nicht, wenn er vielleicht sagte, wie die Kindererzieher, wenn sie Apfel austeilen, magst du den nicht, so kriegst du gar keinen! Fuhl ich mich hingezogen zu manchem, so ist's nicht aus vorbedachtem Gefuhl, nicht weil ich glaub, Gott hab es so gewollt, es wurde mir allen Farbenschmelz und Heiligenschein konsumieren, dies Soll oder Muss. Die Rosen sie glanzen im Abendschein, sie locken mich, sie zu umfassen, sie zu kussen. Ich bin ganz bei ihnen, wenn wir abends im Mondenschein allein zusammen plaudern, und fuhle mich nicht allein mit den Blumen wie oft mit Menschen. Und wenn es Deine eignen Ideen sind, Clemens, die Dich wieder lieben, wie Du mir schreibst, so sind die Blumen wohl die Liebesgedanken der Natur, von denen sie auch wieder geliebt wird. Liebesgedanken sind sie. Die Rosenknospe ist's, sie wirft in ihrer Verschranktheit gluhende Blicke in das Auge, das sich in ihrem Anschauen verliert. Wenn sie nachher dem Tag sich erschliesst, dann ist sie nicht mehr so, sie lacht dann jedem Vorubergehenden und wird die Blume des Tages, an der alle gleichen Anteil zu haben meinen. Drum als ich gestern von meinem knospenreichen Rosenstock ein Paar davon abbrach zum Ballstrausschen, das tat ich ungern, so jung von ihrem nahrenden Stamm sie zu trennen, die so an der Grenze ihrer Jungfrauenzeit aus ihrem grunen Kinderjoppelchen recht neugierig herausguckten, aber ich dachte: ach, morgen habt ihr ja doch das grune Jackchen abgeworfen und seht die Tage euerer Kindheit fur nichts an. "Und Du! Fur was siehst Du sie an, Deine Kinderzeit, dass Du so reden darfst?" sagen die Rosen wieder. Ach Rosen! Vorwurfe von euch! Da ich doch meine Zeit mit euch vertandle. Aus der Natur sussestem Gefuhlsschmelz ihr selber hervorgegangen! Seid ihr Blumen nicht der Liebesdrang, der Venusgurtel der Natur? Ihrer Lippen wurzigen Atem hauchen die Blumen in reizenden nekkenden Antworten allen Liebesantragen aller Wesen in ihr. Und die Rosen, sie sind die Antwort, die im Necken schon sich in einen Kuss verwandelt und ohne Widerstand durch ihre eig'ne Schonheit Zeugnis gibt: "Die Liebe hat die Natur besiegt."
Es war mir so wehmutig, gestern Abend mit meinen Rosen allein, und bin ungern von ihnen geschieden, um schlafen zu gehen, und hab mich noch recht in ihr weiches junges Grun hineingeschmiegt zum Abschied! Und hab so wunderliche Traume gehabt in der Nacht. Sonnenstrahlen, die scharf und rein durch dichtes Gewolk auf mich trafen, und da war alles in uppiger Blute um mich her und atmete kaum vor Schwule, und ich stand da allein unter diesen Bluten allen, mit offner Lippe nach einem Tropfen Labung. Ach, heisser Tag, du druckst die Blumen! so dacht ich dort. Es tat mir so leid, dass ich nicht den Regen ihnen aus dem Gewolk niederschutteln konnte, und als ich aufwachte, war mir's noch schwermutig, und heute den ganzen Tag so fort. Wenn nicht eins mir Freude gemacht hatte. In der heissen Mittagsstunde kamen wirklich ein paar Bienen hereingeflogen, umsummten meine Rosen, meinen Maiblumenstrauss, meinen Basilikum, meine Ranunkel sind noch nicht offen, schmecken den Bienen auch nicht. Nelken sind auch noch nicht aufgebluht, die sind aber wahre Lockspeise fur sie, und die stehen doch schon alle da, dass sie von ihnen gesehen werden, was in der Zukunft auf sie wartet, sie werden wiederkommen und werden sich in meinem Wirtshaus betrinken, dazu mache ich ihnen Musik. Gleich als sie ankamen heut, so nahm ich die Gitarre und klirrte ihnen was drauf vor, sie summten, es war ein delizioses Doppelkonzert und hat mir meine Munterkeit wiedergegeben, die mit einem Fuss schon ausgeglitten war und schier in den rauschenden Bach der Empfindsamkeit ware gesturzt. Adieu! Ich und meine Bienen, was kann ich mehr verlangen.
Bettine
Meine liebe Bettine!
Da ich vermute, dass Dich ein kleiner Arger weiter nicht ins Grab sturzen wird, so hab ich einigen Lusten, mit Dir zu schmalen. Stelle Dir vor, einiges in Deinem Brief hat mir einen unangenehmen Eindruck gemacht, zum Beispiel das mit dem Rosenstockelchen. Es kam mir immer vor, als sei es recht artig, eine gewisse Ruhrung bei unschuldigen Dingen zu empfinden, ja zur Not konne man auch sagen, es war mir, als musse ich es umarmen, aber es wirklich zu umarmen und noch gar dabei in wehmutigste Gedanken zu versinken, das geht etwas in die Wildnis und ist stark empfindsam, halt auch nicht Stich, stelle Dir vor, an welchem knappen Fadenchen die Geschichte hangt; fallt sie, so fallt sie mit der schonsten Empfindung ins Lacherliche, denn eine gelbe Rube, eine Kartoffel sind doch ebenso unschuldig als ein Rosenstrauch, und dennoch ware Deine ganze Umarmung verungluckt, wenn das Rosenstockelchen sich in eine solche Rube verwandelt hatte. Auch hast Du bei naherer Beleuchtung wohl nur einen erd'nen Topf umarmt. Wenn ich der Rosenstock gewesen war, so hatt ich gesagt: "Oho, schonstes Kind!" und dann hattest Du wahrscheinlich gelacht. Ich hoffe, Du gewohnst Dir taglich mehr solche Explosionen ab. Du weisst, wie oft ich Dir uber ahnliche Anfalle gepredigt habe. Auch das lange Herumtragen und Betrachten der Traume ist kindisch, und wahrend man auf eine Menge schoner Empfindungen, die man bei Gelegenheit solcher Traume hat, bei hellem Tag auf eine getraumte Weise stolz wird, vergisst man eine Menge zu tun, was wirklich, wahr und Pflicht ist. Wieviel gescheuter war's gewesen, warst Du auf dem Ball recht vergnugt gewesen und hattest mir das meiste, ja alles erzahlt, das hatte mir weit mehr, ja unendlich viel Spass und Freude gemacht. Sehr artig war's, wenn Du doch einmal Deine Traume gern naher uberlegst, die Nacht drauf in einem neuen Traum den vorigen zu bedenken, bei Tag aber recht lustig und vergnugt und fleissig zu sein, denn sonst laufst Du Gefahr, einem gewissen Mann ahnlich zu werden, der sehr bewandert in der Sternkunde war und alle Augenblicke in einen Graben fiel; ja endlich elendiglich in einem Brunnen ersoffen ist, weil er immer gen Himmel guckte; Du laufst Gefahr, dass die Leute sagen, sie ist sehr klug im Traum, aber nicht recht gescheut im Wachen. Ich bitte Dich um des Kaisers seinen Bart willen, werde nicht empfindsam, und lasse Dich nicht von dem Lied der Katzen sogar ruhren, gehe spazieren, gebe Dich mit der Toni, mit der Lotte ab und freue Dich ihrer vernunftigen Kalte. Ich bitte Dich um alles in der Welt, werde nur keine Seraphine Hohenacker, die Geisterseherin! Wahrhaftig, dann musst Du am End verzweiflen, denn ich werd alle Tag gescheuter und unempfindsamer, es ist was Miserables um einen empfindsamen Menschen in der Welt; und zwar gerade, weil die Welt nichts weniger als empfindsam ist und einem kein Baum aus dem Wege geht oder beweint, wenn man sich ein Loch an ihm in den Kopf stosst. Wenn Du uberdem wusstest, wie man durch Kranklichkeit zu all diesen zartlichen Empfindungen kommen kann, und dass die Besessenen und Hexen in den vorigen Jahrhunderten nicht anders als solche hypochondrische Personen waren, so wurdest Du Dich noch mehr huten, in eine solche Empfindsamkeit zu fallen. Dagegen hilft oft viel Bewegung, Springen, Singen und Tanzen, Beschaftigung, der Agnes helfen in der Kuche, wenn sie allenfalls einen guten Kuchen backt, den auswaschern, kneten und in die Backschussel hineinrunden, oder auch einen ordentlichen Aufsatz machen, selbst uber die franzosische Revolution, war mir lieber, und ich bin jetzt sehr bestraft dafur, dass ich dies Interesse bei Dir untergraben hab. Ich bitte Dich, wenn es noch Zeit ist, ergreif es wieder, hol Deine alten Tagebucher hervor, in denen wirst Du Anknupfungspunkte genug finden, es war manches so Schone, so wahrhaft Grosse darin; ja ich kann Dir sagen, dass ich manches draus erfasst habe als ganz neu gedacht und als gut gedacht, es hilft einem auch zur Vermeidung aller Liebesgedanken, das Grosse, das Wesentliche der Welt zu seinem Hauptthema zu machen. Dort bist Du ja auch auf dem Boden, der Deinem Geist die wahre Elastizitat gibt. Der Empfindsame bringt auch nie etwas hervor, weil er sich keines Dinges bemachtigen kann, sondern nur von allem uberwaltigt wird. Ich habe uberhaupt einen entsetzlichen Widerwillen gegen die Empfindsamkeit, denn sie wird uber nichts empfindlicher, als wenn man sie fur eine Kranklichkeit erklart, da sie eine Feinheit der Seele sein will. Was ich aber unter Empfindsamkeit verstehe, wirst Du wohl wissen.
Nichts vor ungut, Du weisst, dass ich Dich vernunftig liebe und es gut meine.
Es wurde mich freuen, wenn Du etwas Geschichte lasest, und ausserdem meistens Goethe, und immer Goethe, und vor allem den siebenten Band der neuen Schriften, seine Gedichte sind ein Antitodum der Empfindsamkeit. Aber als Geschichte rat ich Dir Mullers Schweizergeschichte, es ist etwas Himmlisches, ich glaube, Leonhardi hat sie. Es sind zwar einige dicke Bande, aber desto langer dauert die Freude, setze Dir taglich ein paar bestimmte Stunden, wo Du drinnen liesest. Wenn Du Dich meines heftigen Unwillens erinnerst, den ich in Offenbach hatte, so oft ich alberne Bucher bei Dir fand, so wirst Du mir das Recht zugestehen, mich sehr zu beklagen, dass Du jetzt vermutlich alles lesen magst, was Dir vorkommt. Uberhaupt ist es mir sehr verdriesslich, dass Du mir nichts von Deiner innern Bildung schreibst, mich nicht fragst, was Du lesen sollst und dergleichen. Was soll alles Phantasieren uber dies und jenes, was nun einmal so ist, wie es ist. Besser ware es, wenn Du Dein Vertrauen zu mir so benutztest, dass Du mir Einfluss in Deine Bildung gonntest. Dass Du mich uber alle Lekture um Rat fragtest und dergleichen.
Um eins bitte ich Dich noch in Deinen Briefen, namlich gebe mir immer Nachricht, sobald irgend etwas Bedeutendes bei Euch vorfallt, von jeder Reise, sobald Du davon erfahrst. Meine Briefe an Dich zeige niemand, mit solchen, die betrubt sind, wie immer ohne Ursache, habe Mitleid mit ihnen, suche aber nicht etwa sie zu trosten, indem Du, beim Lichte besehen, in dieselbe erbarmliche Stimmung Dich herabsinken lasst und auch betrubt wirst. Der Umgang mit solchen Leuten ist deprimierend und zerstort alle Kraft in uns. Dass Du ubrigens dieses nicht so wortlich nimmst wie Eulenspiegel, hoffe ich. Du konntest mir einen grossen Gefallen tun, wenn Du, doch ohne Ubereilung oder Faulheit, mir ein halb Dutzend leinene Stiefelstrumpfe stricktest, aber nichts weniger als fein, sondern nur stark und derb. Toni wird so gutig sein, Dir das Garn nach Offenbach zu besorgen. Auch hore ich gar nichts mehr von Lulu und Meline, es tut mir leid, dass Du von diesen Deinen treuen Gespielinnen gar nichts zu schreiben weisst. Schicke mir doch mit umgehender Post einige Lot der besten schwarzen Kreide, auch etwas weisse, auch englische ist mir lieb; es ist fur einen armen Jungen hier, der ganz vortrefflich zeichnet, schicke sie aber ja gleich. Von Savigny hab ich keine Grusse an Dich, wenn Du etwa danach fragen solltest, ob er sich Deiner noch erinnert. Er hat seine Studien und seine Freunde, und denkt an sie, wenn sie ihm ins Gedachtnis kommen, er schreibt ofter an Gundel, vermutlich, weil er ihr manchen Rat gibt. Savigny, der immer helfend und wohltatig ist, nutzt ihr unstreitig viel. Dir kann er in dieser Weise nicht nutzlich sein, deswegen schreibt er an Dich nicht, ich finde das ganz naturlich, da er in Sachen des Ungangs ganz anders denkt als ich, so wurden wir uns oft storen. Du verlangst ja wohl auch nichts weiter, als dass ich alles, was ich weiss und fur Dich gut finde, Dir von Herzen mitteile, und ich verlange, dass Du mir traust. Sei kein Allmein, schicke die Kreide, stelle Dich nicht so heilig, nehme das Leben leicht und Deine Pflichten ernst, lerne mit vernunftigen Leuten lustig und frohlich umgehen und habe mich in vernunftigem Andenken.
Dein ehrlicher Bruder Clemens
Noch etwas! Verphantasiere Dich nicht mit dem Gartner! Er ist ein guter vernunftiger Bursche an seinem Platz, namlich unter Kraut und Ruben. Es ist sein romantisch Leben ganz gut mit den Blumen, das aber doch gewiss halb aus Deinem Magen kommt. Aber einen tuchtigen Kohl muss er mir doch auch ziehen und muss seinen ordentlichen Respekt davor haben.
Lieber Clemens!
Liebe Gunderode! Denn, lieber Clemens, ich muss doch gewiss einen haben, bei dem ich Dich verklage, Dir ins Gesicht kann ich's nicht alles sagen, was ich Schlimmes von Dir weiss und aus Deinem Brief heraus sogleich entdeckt habe. Ach, ich mochte gar zu gerne nicht pfiffig sein und lieber gar nichts merken, aber wenn ich's nun einmal gemerkt hab, wie soll ich's machen, es ubergehen wurde doppelt listig sein. Also schreib ich's hier ans Gunderodchen, da kannst Du gleich erfahren, wie zwei Madchen sich uber einen listigen Jungling lustig machen. Also denk nur, Gunderodchen, der Clemens ist eifersuchtig uber den Gartner. Lies nur diesen Brief von ihm, wo er gleich von vorne herein mir meine Sentimentalitat mit den Blumen vorwirft und wirklich die Vergleiche bei den Haaren herbeizieht. Kartoffel, Gelerub, Rose! Und dann, ich war sentimental, und dann mir Heilmittel eingibt, ein halb Dutzend Paar leinerne Stiefelstrumpf, an denen ich ein halb Dutzend Jahre knottlen soll, um mich zu kurieren, und denk doch, Gunderode, so geht das drei, vier Seiten fort, aber von dem, was ihn eigentlich argert, davon weiss er nichts zu sagen, da ist er ganz unschuldig. Mit der gesunden Lotte soll ich umgehen, um von meiner Empfindsamkeit mich zu heilen, schwarze Kreide soll ich ihm schicken und weisse Kreide und von meinen Geschwistern soll ich ihm schreiben, von denen wisse ich nichts zu sagen, wirft er mir vor, und ich hatte mir doch vorgenommen ihm zu schreiben, dass Lulu ein kaffee- und milchfarbnes seidnes Kleid an hatte, war ihr so sehr schon stand. Vom Ball soll ich ihm erzahlen, schreibt er, wie kann ich das? Wollt ich mein Liebesabenteuer von jener schonen Ballnacht ihm mitteilen, das war ihm wohl gar nicht angenehm. Gunderode, davon lasse Dir ja nichts herauslocken, von meiner triumphierenden Heimfahrt erzahle ihm nichts, und wen ich beim Aufgehen der Alba am Wege stehen sah, der mich grusste, und dem ich meinen Kranz aus dem Wagen zuwarf, das schreib ihm nicht, das bleibt unter uns Maderchen! Und die Revolutionsgeschichte mit allen ihren Rebellern hier in Offenbach und mit meinen tausendfach facettierten Reflexionen daruber, die meint er, soll ich wieder hervorholen. Ja, wenn er wusste, was wir zwei beide, ich und Du, alles schon druber miteinander gedacht und verhandelt hatten und was wir niedergeschrieben und auch so manches Blatt schon zerrissen haben. O Gunderode, damals hatte er auch keine Ruh und predigte Dir so lange, Du solltest mich davon abbringen, so hatten wir denn beschlossen, im stillen daruber uns allein Rechenschaft zu geben, weil doch diese Weltangelegenheit eine ganz andre lebendige, ins tiefste Denken eingreifende Gewalt ist, weil sie doch ein Richteramt fuhrt uber alle heiligen Rechte der Menschheit, weil sie doch in sich selber eine ganz von allen Urgrunden der Lebens- und Bildungsstufen aufstrebende Geistesbahn ist. Geschichte studieren! Mullers Schweizer Geschichte! Bon! Aber sie ist vorbei, gedurrte Quetschen, schmackhaft zwar, aber was soll ich mit Backobst! Was soll ich mit euch ihr kruppeliges Winterausdauerungsprodukt, bin ich ein Hamster, der beide Backentaschen voll in seine Vorratskammer aufspeichert? Nein, ich bin eine frank und freie lustige, helle Bergquelle, vom Zufall oft durch Wusten und Paradiese hinrauschend mit gleicher Lebendigkeit; geht's uber Klippen, dann ist er gleich noch einmal so aufgeregt, da stampft er, da gischt er, da dampft und braust gleich seine Lebenskraft heller aus dem lichten Schaum hervor. Nein, ich bin nichts. Aber, wenn einer das sagt, dann bin ich gleich etwas. Auch furchtet der Clemens, ich lese alles durcheinander und macht mir Vorwurfe, er denkt, Romane konnen mir die seltsamen Gedanken einpragen, und wenn er wusste, dass keine Romane mir je gefallen konnen als nur meine eignen! Gibt es etwas Argerlicheres als Liebschaften sich vorerzahlen lassen, wo man sich gleich wundert, wie die Schafe, welche auf diesem Romanen-Teppich weiden, nur zu diesem Schwindel kamen, und der meint, dazu kame ich. Noch eine ganz narrische Seite tritt oft wie ein mir unverstandliches hebraisches Wort auf den Lehrstuhl, und zwar mit den feierlichsten Gebarden, so dass ich im Anfang ganz angstlich wurde und mir vergeblich den Kopf zerbrach, was das sein moge. Von nun an beseitige ich meine Skrupel, weil ich erst jetzt deutlich sehe, dass der liebe, liebste Clemens auch von allerlei ihm selbst nicht recht deutlichen Beweggrunden angespornt wird, manches zu wollen, zu fordern, zu beteuern. Das Wort ist Pflicht. "Tue Deine Pflicht mit Ernst das Leben nehme leicht". Seh ich mich um nach meiner Pflicht, so freut mich's recht sehr, dass sie sich aus dem Staub macht vor mir, denn erwischte ich sie, ich wurde ihr den Hals herumdrehen! So erpicht bin ich gegen sie. Nun, ich hoffe, dass ich und meine Pflicht nie zusammen kommen, falls eine sollte auch auf mein Los gekommen sein ich wurde sie mit meinem ernsten Blick schon in Schranken halten, dass sie mir nicht uber den Hals kame, ich verstehe keinen Spass hieruber, meine ganze Natur kommt in Aufregung, und Krafte machen sich in mir auf die Beine, die alles in Grund und Boden trampeln, was sich mir aufsatzig machen will. Also Pflicht, halte dich im Hintergrund, wenn du nicht abgedroschen sein willst. Meinetwegen geh zum Herrgott und klag, dass du nichts bei mir ausrichten kannst, wenn ich ihm's vorstell, wird er schon Raison annehmen. Heilige Harmonie der Natur, dich wollen sie aus dem Geleis bringen der einzig gottlichen Sphare, der Freiheit namlich, und wollen zur zinspflichtigen Pflicht machen alles, bis auf den Adel der Seele sogar, aus dem alles Grosse entspringt. Entspringen heisst ja aber schon dem Strang der Pflicht ausweichen, ich aber entspringe ihr nicht, ich wende mich grade um gegen sie, seh ihr scharf ins feige Angesicht und sage ihr: Weiche zuruck vor meinem reinen Instinkt des reinen grossen Machtigen, von dem du dir nichts traumen lassest. Und denk, Gunderode, auch meine Traume greift mir der liebe Clemens an mit seiner Satire, und wenn er doch in unserm Traumbuch lase, wo wir so seltsame wunderliche Sachen und Gedanken schon aufgeschrieben, aus denen Du schon Stoff zu manchem schonen Gedicht gefunden hast. Wenn er Deinen Franken in Agypten lase, ein getraumtes Abenteuer gab dazu den Stoff aber jetzt werd ich gleich einmal meine Pflicht uberschreiten und werde ein bisschen zum Gartner gehen, da es die Abendstunde ist, wo er begiesst, da hab ich ihm versprochen zu kommen und zwar nicht aus Pflichtgefuhl, sondern aus Lust am lieblichen Geschaft, aus Lust an alle dem frischen Leben, was sich in dem schonen Schmelz der Farben regt, am Wachstum der Knospen und an allem in allem! Und auch zum Kohlbeet werd ich gehen, was der Clemens fur des Gartners Pflichtniederlassung halt. Ich werde mich da mit meinem Pflichtstrickstrumpf hinsetzen und etliche Pflichtmaschen stricken, ich werde aus Pflicht gegen meine Bildung in der alten Schweizergeschichte lesen, dass der Teutone keine Stiefelstrumpfe trug, als er noch ein freier Mann war, ich werde also aus Pflichtgefuhl am Altar der Freia mein Strickzeug niederlegen und das Gelobnis ihr tun, nie wieder Stiefelstrumpfe zu stricken, die dem freien deutschen Charakter Fesseln anlegen!
Soweit meine Mitteilungen an die Gunderode, lieber Clemens, uber Deinen Brief; ich hab ihr zwar nicht wortlich so geschrieben; denn es braucht zwischen uns der Worte nicht so umstandlich, und diesmal war sie selbst hier, und wir gingen zusammen spazieren im Boskett, und wir lachten am allervergnuglichsten uber deine Besorgnis um meine Melancholie, hinter der sich doch nur immer die Langeweile verbirgt, da ich die aber gar nicht herberge, da ich wie ein kleiner Spritzteufel oder sogenannter Laubfrosch (Rakete) feurig herumhupfe, morgens aus dem Bett in den Garten barfuss; denn ich hatte ja wahrhaftig gestern meine Studienbucher liegen lassen. Dann wieder hinauf, angezogen, dann zur Grossmama fruhstukken, dann Klavier exerzieren, Generalbass Hoffmann kommt, entwickelt kabalistische Mysterien der Musik, die ungeheure Kabale und Schikane ihrer Torsperre; der geniale Hoffmann, der Mann des Ruhmes und der Begeistrung, hebt diese Gesetze mir zulieb auf, namentlich die der Metrik, die so engherzig sind, dass jedem Volksredner in dieser engen Taille der Atem ausgeht. Jetzt macht mir's Freude zu komponieren. Hymnen der Diane, Paane an Dionysos, von Stolberg ubersetzt. Ja, das macht mir Freude, ich klettere als abends aufs Dach von der Waschkuche, dort erfind ich die wunderlichsten Wendungen. Der Himmel rotet sich davon vor tiefem Mitgefuhl, und die Sterne drangen sich herbei und lauschen, und Hoffmann lauscht auch, er ist unser nachster Nachbar. Meine Stimme ist durchdringend, war mein Geist es auch! Hoffmann kommt am Morgen in die Stunde, kann meine Melodie halb auswendig, was ich mit Bleistift notiert habe, kann er meist besser als ich ubers Metrum streiten wir zwar nicht; denn er will durchaus, es soll sein, wie ich's ursprunglich singe, Takt und Auftakt kommen in Subordination und durfen nicht ihre herkommliche Observanz mehr geltend machen, er sagt, wenn ich mich hineinstudiere, so wird's der Musik eine neue Bahn brechen. Narrischer Kerl! Willst mir schmeicheln, mir Mut machen zum Lernen; weiss ich doch, dass er's mir weismacht, so tragt's doch meine Begeistrung unendlich hoch! Zu Unerhortem, noch Ungehortem. Hoffmann machte als ein kraus Gesicht. Aber denk doch bald gewohnte er sich nein, er verliebte sich hinein und letzt, als er in einem Konzert phantasierte auf dem Klavier, hat er alles ineinander geflochten; es war schon, ja so begeisternd schon, ich wusste nicht, was ich horte, ich konnte meinen Ohren nicht trauen! Es kam mir so deutlich vor, als habe ich das gesungen. Als er am andern Tag in die Stunde kam und fragte, wie sein Spiel mir gefallen habe, sagte ich ihm mein Entzucken, aber doch sei es mir so bekannt vorgekommen, ich hatte beinah jede Wendung vorausgeahnt, so fremdartig sie auch geklungen habe. "Ja freilich, es sind Ihre eignen Wendungen." Gott, ich war ganz beschamt, dass ich so schon gefunden, was ich selber erfunden hatte, er trostete mich aber! Er sagte, er habe die Mauer zu ubersteigen oft Lust gehabt, allein uber einen gelehrten Musiker fallen die andern alten Generalbasstyrannen wie die Krahen her, rupfen und hacken ihn, aber eine unschuldige Liebhaberkomposition berucksichtigten nicht diese alten Hintersassen des Hochmuts und der Pedanterie. Andre mit gesundem Gefuhl Begabte werden diese Lieder schon ihrer Eigentumlichkeit halber gern horen und gern nachsingen. Denn aus fremden Landen komme manches in der gestatteten Harmonienfolge Unerhortes, und doch errege es selbst das verbildete Ohr zum Genuss, glaubt, es wird am End dergleichen keinen Widerspruch mehr erleiden, die unschuldige Weisheit muss sich einschwarzen.
Genug vom Generalbass! Du siehst, lieber Clemens, dass er seinen Platz in meinen verschiednen Interessen behauptet. In meinen Heften, die ich vor vierzehn Tagen, also zum 1. Mai geheftet habe, und die den ganzen Monat ausdauern sollten, hab ich schon jetzt kaum Platz, Randglossen zu machen, so hat's Ideen geregnet mit dem Mairegen. Ich hatte namlich aus Pedanterie mir meine Hefte numeriert und eingeteilt, auf jeden Tag so viel Seiten, heute in der Geschichte, morgen Musik, ubermorgen Ph., ich sag's nicht was, aber Philosophie ist's nicht, die mich ubel anriecht auf Hochdeutsch. Aber es ist das schonste weisheitsvollste Wissen fur mich, in dem ich unendliche Aufschlusse finde von Sonne und Mond und allem, was war und noch sein wird, und hab ich wollen eine Einrichtung der Ordnung machen und einmal Pflichtgefuhl spielen, und alles war in schonster Ordnung und Gelobnisse, sie nicht zu uberschreiten. Aber Mirabeau hat Recht behalten, mein Genie hat diese Ketten gesprengt wie ein Pulverturm, der in die Luft flog und alles untereinander warf, es ist kurios mit anzusehen. Aus den vier Heften ist keins zu unterscheiden, was es behandlen soll, schon auf der dritten, vierten Seite ist's wie unterirdisch Feuer, das sich aus dem Schoss des Wissenschaftlichen hervorwuhlt und wie eine Lava alles verschuttet. Das Erdreich, uber das solche Lava sich ergiesst, soll am fruchtbarsten werden.
Ich hab schon sehr genug geschrieben! Doch kann ich's nicht unterlassen, noch alles, was den ganzen Tag mich wie ein Bratapfel auf dem hauslichen Herde dem Feuer aussetzt und gar macht, hier zu notieren. Auf die Darre bei der Grossmama komme ich auch jeden Tag ein paar Stunden, des Unendlichen unendlich viel, was da vorkommt. Vorzuglich eine Reise zweier Erdwurmer ihr vorzulesen, welche die Erdschichten untersuchen. Die Grossmama schluckt Kohlen, Kalk, Kreide, Kies, Kranitlager hintereinander (funf K von ungefahr), ich bin immer froh, wenn die guten Herren ins Wirtshaus einkehren, wenn sie die Schnapsflasche herausholen und die Wurst, wenn sie die Nachtmutze uberziehen und aufs Ohr sich legen, aber ich kann ja nicht mit ausruhen, ich muss gleich weiter das ist meine peinlichste Zeit, ich seh auch die Grossmama oft so stupid an, dass sich die Verwunderung daruber auf ihrem Gesicht malt. Jetzt denk Dir die Emigrantenangelegenheiten noch alle unter meiner Obhut, alle Wege, wozu einer zu faul ist die Beine aufzuheben, fliege ich im gewaltigen Sturmflug hinab, hinan. Die fruhen Morgentauwege, wo ich allemal mit nassem Schuhwerk heimkehre und bringe einen Strauss mit. Und das ist doch noch nicht alles: Huhner und Hunde der ganzen Nachbarschaft wollen auch sich mit mir abgeben, und Deine Stiefelstrumpfe stellen sich nun gleich einer Heidukkenwache vor die Tur des Gartens des Lebens, "wo die wirbelnden Bluten im Winde sich drehen". Lied komponiert von Sterkel. Adieu!
Liebe Bettine!
Ich gebe Dir in wenig Worten eine recht erfreuliche Antwort auf Deinen lieben, tollen, wunderlichen Brief, der wie alle Deine Briefe nicht zu beantworten ist. Denke Dir in vierzehn Tagen seh ich Dich wieder! Den 1. Juni bin ich in Frankfurt, und den 1. Juni ist mein lieber Freund Achim von Arnim in Frankfurt! Ritters grosser Nebenmann in der Physik. Die eigentliche grosse Freude, die mich hinzieht, ist, dass Du meinen lieben gottlichen Arnim kennen lernen wirst und ein freundliches Bild mehr in Dein Leben tritt. Es ware schon, wenn Du um die Zeit in Frankfurt sein konntest, wo nicht! Wo nicht, so bringe ich ihn nach Offenbach! Gott gebe dann besser Wetter als nun, damit Dein Kabinett, der Garten brauchbar ist, uns drei miteinander zu erfreuen. Versteht sich, dass Du niemand vom Inhalt dieses Briefes erzahlst.
Ich schreibe Dir hier einige Lieder der Minnesanger aus dem Altschwabischen her, die ich, soviel es der Reim erlaubt, ubersetzt habe. Es gibt wohl kein Gedicht mit soviel Klang als das erste, es ist vom Herrn Ulrich von Liechtenstein an seine Geliebte, und nun an Dich von mir, an die alles von mir ist.
Wohl mir der Sinne,
Die je mir gegeben die Lehre,
Dass ich sie minne,
Von Herzen je langer je mehre,
Dass ich ihr Ehre
Recht als ein Wunder so sunder so sehre
Minne und meine sie reine, sie selig, sie hehre.
Selig ich ware,
Ja ganz in Freuden ergluhte,
Wollte mein Schwere
Bedenken ihr hohes Gemute.
Nimmer doch mude
Werd ich zu ringen mit singen im Liede,
Wie ich mir hute ihr Gute, sie Blume, sie Blute.
Mit Handen umfalte
Ich flehentlich auch ihre Fusse,
Dass wie Isalde
Tristanten sie mich trosten musse.
Und mich so grusse,
Dass ihr Gebare mein Schwere versusse,
Dass sie mich scheide von Leide, sie Liebe, sie
Susse.
All mein Gedanken
Dabei meine Sinn allgemeine,
Gar ohne Wanken,
Besorgen besonders das Eine,
Wie ich ihr bescheine,
Dass ich nun lange mit Sange sie meine
In stetem Mute sie Gute, sie Reine.
Sehnlich ich ringe,
Dass einstens bei grauendem Haare
Freudig ich singe,
Wie ich ihr Herz noch bewahre.
Traurige Jahre
Wird sie mit Blicken erquicken fur wahre,
Dann wird mein Singen verjungen die Holde, die
Klare.
Es hat mich einige Muhe gekostet, es Dir zu ubersetzen, und ich habe es daher, doch fast zu seinem Gewinst, etwas verandern mussen.
Es stund eine Frau alleine
Und harrte uber die Heide
Und harrte wohl ihres Lieben,
Ein' Falken sah sie da fliegen.
O wohl dir Falke, frei du bist,
Fliegst hin, wo dir's am liebsten ist,
Erwahlest dir im Walde
Einen Baum, der dir gefalle.
Und also hab auch ich getan,
Ich wahlt mir selber einen Mann,
Den suchten mir meine Augen,
Den halten mir schone Frauen.
O weh, wann lassen sie mein Lieb,
Hielt ich doch ihre Trauten nie!
Dies und das folgende ist von Herrn Dietmar von Ast, dem Minnesanger.
Auf der Linden obene
Da sang ein kleines Vogelein,
Vor dem Walde ward es laut,
Da hob sich neu das Herze mein,
An einem Ort, da es eh schon war,
Da sah ich Rosenblumen bluhn,
Die mahnten mich der Gedanken viel,
Die mich zu einer Frauen ziehn.
Es dunket mich wohl tausend Jahr,
Dass ich in Liebesarmen lag,
Und ohne mein Verschulden gar
Miss ich das nun schon manchen Tag,
Ach, seit ich keine Blumen sah,
Und horte kleiner Voglein Sang,
Seit war all meine Freude kurz
Und auch der Jammer allzu lang.
Was Du noch uber mein Buch sagst, ist ihm zu viel Ehre angetan, wenn ich Dir nichts davon gesagt habe, wenn ich Dir es nicht in Handen gab, so ist's, weil ich fuhle, dass was Besseres in Dir ist, als alle meine Bucher und Gedanken Dir geben konnen.
Den Brief, den Ritter mir uber Dein Geschenk geschrieben, lege ich Dir hier bei, finde Du den Dank selbst heraus, aber bewahre ja mir den Brief mit den ubrigen, die ich Dir letzt schickte; denn seine Handschrift ist mir heilig. Wenn Du doch auch ein Kappchen fur den Arnim machen konntest, damit wir ihm gleich etwas schenken konnen, da er wohl schnell abreist, so war das wohl hubsch. Du weisst nicht, wie ich mich freue, dass Du ihn und er Dich sehen soll, er ist gar zu lieb und lustig wie wenige Menschen auf Erden. Adieu, lieb Kind, schreib doch dem Savigny ein oder zwei Worte, wie Du sonst auch immer von Zeit zu Zeit ein Blattchen ihm oft schicktest. Briefe auf seiner Rheinreise mit Arnim, die sie zusammen machten, nachdem sie acht Tage in Frankfurt und Offenbach zugebracht hatten.
Liebe Bettine!
Der Fruhling war so schon, der Rhein trug mich so gastfrei. Arnim hat mich so lieb. Da trat ich hierher in meine Jugend, die mich rings umfing. Ach, und ich bin so unglucklich geworden, ich liebe so heftig, so heftig die Geliebte meines einzigen Freundes hier, Gott gebe mir Kraft, dass ich entsagen kann, das Madchen ist Benediktchen K. , schreibe mir gleich, schreibe auch an sie ein paar Zeilen dazu, wenn sie Dich kennte, sie liebte mich vielleicht. Koblenz!
Brentano
Bei Burger Scheidel, Firmungstrasse.
Schreibe dem Savigny, was ich Dir schrieb, ich kann nicht mehr.
An Clemens
"Schreib mir gleich", das kann geschehen, da bin ich mit der Feder in der Hand! "Schreibe auch an sie ein paar Zeilen dazu!" Ei, Clemens, Du bist nicht recht gescheit! "Wenn sie Dich kennte, sie liebte mich vielleicht." Gewiss nicht. Wenn sie mich kennte, so wurd ich ihr sagen, sei ganz ruhig, Benediktchen, der Clemens wird allemal ein Narr, wenn er an den Rhein kommt, im vorigen Jahr war's so mit der Walpurgis, da brausten Reime wie Schaume! Clemens, versuch's doch, zu dichten, das erleichtert vielleicht Dir die Brust. Dort, wo Deiner Kindheit goldne Tage in frohlichem Spiel dahinflogen, auf nimmermehr wiederkehren, wo Du mit Nachbarskindern im Sand spieltest, wo Benediktchen schon seinen blonden Lockenkopf an Deine Schulter versteckte, wenn die Sonne zu heiss brannte, wo Du ihm das Stumpfnaschen putztest und schon damals ihm drohtest, dass wenn es nicht Deine Braut sein wolle, so werdest Du Dich erschiessen. Gab das nicht eine Idylle, einen zartlichen Roman? Woher weiss ich das alles? Eben kam der Kanonikus Linz zur Grossmama direkt von Koblenz, erzahlt, dass Du dort im Korbachischen Hause Schiffbruch gelitten, dass Dein Freund ein schoner munterer, vollbluhender preussischer Jungling, weitergereist sei, wahrscheinlich um Deiner Liebe keinen Eintrag zu tun, da er dem Benediktchen, das auch rote Wangen habe und blond sei und voll wie eine Rose und ein Ringelhaar habe bis auf die Erde, diesem habe Dein preussischer Freund besser gefallen; so sei er fort nach Dusseldorf, wo er Dich erwarte, wenn Du wurdest Deine Liebeskapriolen fertiggeschnitten haben (Ausdruck des Kanonikus Linz, Du kannst's ihm nicht ubelnehmen, er ist geistlicher Herr und muss aus Soliditat schon dergleichen Liebeshandel verachten). Clemente, Du bist narrisch! Ich kann es deutlich erkennen an der Nachschrift Deines Briefes: "Schreibe dem Savigny alles, was ich Dir schrieb." Was ist denn das alles, was ich schreiben soll? Ich habe das Blattchen auf die andere Seite gedreht, es befand sich ganz weiss, und ich bin in hochster Unwissenheit! Was soll ich dem Savigny schreiben? Dass Du glucklich in Wochen gekommen bist mit einer neuen Liebschaft? Am Rhein, wo's allemal so geht? Ja in Wochen! Denn so lang wird's kaum dauern, denn Du wirst Dich gewiss schon fruher wieder herausmachen und wirst gelaufen kommen und Deinen Kirchgang tun bei mir und von mir Dich aussegnen lassen wieder, denn das muss ich allemal. Das erstemal Walpurgis, das zweitemal die Gachet, und nun Benediktchen, hinter all dem steckt nun noch Mienchen, da steckt die Gunderode, da steck ich auch, dahinter steckt auch die Eitelkeit. Die Braut Deines einzigen Freundes. Der Freund ist vielleicht ein dikker, ungeschliffner, gar nicht reizender Brautigam. Du siehst im Spiegel ein edles Antlitz mit sanftem Reiz der Unterlippe, mit unendlich anmutig witz'gem Feuer der Oberlippe widersprechen. Du siehst eine blendende Stirn, auf der das Genie nicht zu verschleiern ist, und ein Paar schwarze Augen und einen ganzen Kerl, der gewohnt ist zu siegen! Du kommst, und die Braut ist schon mit Kuchenbacken beschaftigt; sie hat keine Zeit mehr zum Scherzen, die Wirklichkeit geht an, das Spiel der Lieblichkeit kann nicht auf dessen Kosten getrieben werden. O Clemente, Deine blaue Halsbinde, Deine wunderschon lederne Beinkleider! Deine rote Freiheitsmutze! Die ganze Armatur wurde von mir bestellt und dem Schneider mit einer witzigen Bemerkung nach der andern das Bequeme, aber notwendig Elegante eingescharft. Ich war bei der Gunderode, als ich von Eurer Begleitung nach dem Mainzer Schiff zuruckkam, ich lachte, und sie lachelte (sie lachelt immer nur uber Dich, sie lacht nie), wie ich ihr aber die Beschreibung machte von Euch zwei, wie Arnim so schlampig in seinem weiten Uberrock, die Naht im Armel aufgetrennt, mit dem Ziegenhainer, die Mutze mit halb abgerissnem Futter, das neben heraussah, Du so fein und elegant, mit rotem Mutzchen uber Deinen tausend schwarzen Locken, mit dem dunnsten Rohrchen, einen lockenden Tabaksbeutel aus der Tasche, und wie Arnim unterwegs die Bemerkung machte, die Madchen am Brunnen sahen Dir mit Wohlgefallen nach, dass Du da unterwegs getan hast, als verstandest Du das nicht, und nachher es dem Arnim zuschobst, aber doch gleich sehr viel scharfer auftratst, als wenn Dir wer weiss welcher originelle Geist so ganz durch den Leib gefahren war, und wie Du mit Deinem zierlichen Sprung ins Mainzer Schiff mit einem so selbstbewussten Genuss hineinsprangst. Es sei prophetisch, meinte gleich die Gunderode! Und wir verbrachten noch den letzten Nachmittag in ihrem Stiftskammerchen mit Glossen uber Dich. Kaum bin ich hier, so kommt Dein Briefchen mit allem Schaden, den Deine Vorbereitung Dir angerichtet hat; denn sie hat leider wie der Blitz in Dich selber eingeschlagen. Verzweifle nicht! Aber dem Savigny schreib ich's nicht, genug, dass es die Gunderode weiss. Da hast Du nun meinen Brief.
Und noch eins hab ich mit der Gunderode ausgemacht, Dich zu fragen ob Du's noch so unpassend findest, dass der Gartner an den Blumen hangt, seiner Passion, und nicht so am Kohl, seiner Pflicht.
Deine barbarische Schwester.
An Clemens
Lieber Clemens! Es wird mir bange, dass Du nicht schreibst, und eine Zeile kannst Du schreiben! Bist Du wieder ruhig? Mein unartiger Brief wird doch kein Missverstandnis zwischen uns gemacht haben. Ich hab Nachricht von der Gachet bekommen, sie ist auf ihrem Gut in Laubenheim und freut sich uber ihre gedeihenden Felder. Bei untergehender Sonne geht sie ihrem Pflug entgehen und reitet dann auf dem Ackerpferd nach Haus, ich hab sie recht lieb jetzt so mitten in ihrer Haus- und Feldwirtschaft, sie hat so weit mehr Anzugliches fur mich, als wenn sie geistreiche Sachen erzahlt, sie hat mich grussen lassen, auch liess sie sich erkundigen, ob ich Dich immer noch so liebhabe, wie das narrisch gefragt ist? Du gehst doch wohl zu ihr auf Deiner Heimreise. Ach, ich mochte Dich zerstreuen, ich hab an allerlei gedacht, was Dir Freud machen kann! Diesen Herbst wirst Du gewiss am End doch am Rhein zubringen, der Kanonikus Linz meinte, es sei die Rede davon gewesen, nach Dusseldorf zu gehen, hast Du keine Nachricht von Deinem Freund Arnim? Bei dem wurde es gewiss am besten sein fur Dich, der heitere Jugendmutige wird Dich vom Schwindel befreien. Vielleicht, dass Du recht verzweifelte Stunden haben magst. Was weiss ich von der Liebe! Ich hatte Dir nicht so leichtsinnig, so unbarmherzig schreiben sollen. Verzeih mir's! Ich werde diese Messe ruhig hier in Offenbach bleiben! damit es mir nicht zu leid tut, wenn ich Dich nicht sehe. Ach, ich wollte, ich konnt Dir eine Freude machen! Die Lebensgeschichte, die Lebensgeschichte, die fliegt da oben am Himmel wie eine Schwalbe, sie hat sich eben so hoch geschwungen, dass ich sie mit blossen Augen gar nicht mehr sehe; wenn Du nicht willst, dass ich sie ganz aus dem Gesicht verliere, so schicke mir ein Fernglas. Schreib, ich soll Dir zulieb es tun, gib mir ein Lebenszeichen!
An Bettine
Wer diesen Brief von mir erhalt, weiss ich nicht! Welchem von meinen Freunden schreibe ich, und wer ist mein Freund? Ich bin schon acht Tage in der franzosischen Republik, bin auch verliebt, habe Ruinen gesehen, Spitzbuben und Weiber, die bloss der Einfachheit der Forderungen an sie wegen immer die besten sein mogen, die wir haben, in der schlechtesten Welt, die wir haben. Wenn Du ein Mensch bist, der sich gerne mit der Idee abgibt, wie dies oder jenes besser sein konne, der sich in der Zeitlichkeit damit beschaftigt, die Stube zu moblieren, so ware hier unendlicher Stoff fur Deine Ideen, fur Schlosser und Schreiner. Alles Gegenwartige ist mir nur der Stiel, an dem ich Vorzeit und Zukunft anfasse. Die unendlich tiefen vollen und unsichtbaren Gefasse. Die meisten haben nur den Stiel in Handen und sind mit dem Stiel zufrieden, weil sie nicht wissen durfen, was sie tun, um etwas zu tun. Wie mir's gegangen ist, willst Du wissen, mir ist's nie gegangen. Ich bin, drum liebe ich und lebe ohne Liebe und Leben; ich bin ein geborner Idealist. Ich bin ein Schuler der ewigen Erkenntnis! Alles begreifen, ist mein Handeln! Alles lieben, meine Sorgen. Und dass ich alles Deinem Herzen hinbiete, das zu reich an Gerechtigkeit und ewiger Milde ist, um zu besitzen, das ist mein kleiner Fluch, glucklich bin ich nicht, das ist Menschenwerk, unglucklich bin ich nicht, das ist auch Menschenwerk; ich bin alles, das ist Gotteswerk, und mag es niemand beweisen, das ist arme Bescheidenheit, die Kunst aber ist die Kanaille, die mich mit diesem sorgenvollen Ehrgeize behangt hat, und die Tragheit ist es, der ich es verdanke, dass ich so edel bin.
Lieb und Leid im leichten Leben,
Sich erheben, abwarts schweben,
Alles will das Herz umfangen,
Nur verlangen, nie erlangen.
In dem Spiegel all ihr Bilder
Blicket milder, blicket wilder,
Kann doch Jugend nichts versaumen,
Fortzutraumen, fortzuschaumen.
Fruhling soll mit sussen Blicken
Mich entzucken und berucken,
Sommer mich mit Frucht und Myrten
Reich bewirten, froh umgurten.
Herbst, du sollst mich Haushalt lehren,
Zu entbehren, zu begehren,
Und du, Winter, lehr mich sterben,
Mich verderben, Fruhling erben.
Wasser fallen, um zu springen,
Um zu klingen, um zu singen,
Schweig ich stille, wie und wo?
Trub und froh, nur so, so!
Arnim, Arnim, Dir ruf ich ewig nach, nur neben Dir mag ich leben und sterben, beides muss ich, seit ich Dich kenne, mag ich es auch. Du freue Dich meinen Teil, Du weine meinen Teil, ich gonne Dir beides und ware zufrieden mit Dir, und so wenig als einer sich selber gewahrt, der kein Verlangen nach mehr hat. Neben Dir ist mir's traurig ergangen, und doch konnt ich in Dich als in den Fruhlingshimmel schauen! Dich hab ich als einen solchen gefunden und mein selbst vergessen. So bist Du mir entgegengekommen und hast mich solchermassen geliebt! O Jugend, o Leben, o Liebe, o Tod, ob Webstuhl der Zeit! O Teppich, o Gastmahl, o Rausch, o Kopfweh, o Nuchternheit der Gegenwart. O notwendige Ewigkeit der Gemeinheit und Ungemeinheit, o Allerheiligstes, o Allerunheiligstes.
Im Sandrat steht ein Kupfer, es stellt eine trinkende Psyche vor, auf der Stirn der Psyche fangt die einzige kreisende Linie an, die das ganze Bild herausbringt; an diesem Punktchen sucht mich, wenn Ihr Euch nach mir sehnt, da sitze ich und hab ein Hutchen auf.
Du bist es, Du liebes Madchen, die diesen Brief erhalt. Du bist mein einziger Freund; auch bin ich bald wieder bei Dir. Meine Liebe hier ist geendigt, nein, Dir geopfert, hier hast Du noch ein Lied, schreib mir nicht hierher, ich bin fruher wieder bei Dir. Mein Herz sehnt sich wieder nach Deiner reinen, tiefen Seele, o Du Engel, Du bleibst mir ewig. Hier hast Du ein Lied, das ich niederschrieb, als ich Benediktchen gesehen hatte, ich hatte es eigentlich geschrieben, als ich an Dich dachte. Doch zuerst einige Worte uber einliegende Zeilen von Ritter, die er mir ohne eine Zeile an mich so schickte. Ich weiss nicht, was er damit sagen will, finde sie auch sehr unver- standlich, und Du sollst ihm also nichts drauf antworten und sie so lange fur einen Wisch halten, bis etwas Gescheiteres oder nichts erscheint, und damit gut.
Am Rheine schweb ich her und hin
Und such den Fruhling auf,
So schwer mein Herz, so leicht mein Sinn,
Wer wiegt sie beide auf.
Die Berge drangen sich heran
Und lauschen meinem Sang,
Sirenen schwimmen um den Kahn,
Mir folget Echoklang.
O halle nicht, du Widerhall,
O Berge, kehrt zuruck,
Gefangen liegt so eng und bang
Im Herzen Liebesgluck.
Sirenen, tauchet in die Flut,
Mich fangt nicht Lust, nicht Spiel,
Aus Wassers Kuhle trink ich Glut
Und ringe heiss zum Ziel.
O wahnend Lieben, Liebeswahn,
Allmachtiger Magnet,
Verstosse nicht des Sangers Kahn,
Der stets nach Suden geht.
O Liebesziel, so nah, so fern,
Ich hole dich noch ein,
Die Frommen fuhrt der Morgenstern
All zu der Liebe ein.
O Kind der Lieb, erlose mich,
Gib meine Freude los,
Suss Blumlein, ich erkenne dich,
Du bluhest mir mein Los.
In Fruhlingsauen sah mein Traum
Dich Glockenblumlein stehn,
Vom blauen Kelch zum goldnen Saum
Hab ich zu viel gesehn.
Du blauer Liebeskelch, in dich
Sank all mein Fruhling hin,
Vergifte mich, umdufte mich,
Weil ich dein eigen bin.
Und schliessest du den Kelch mir zu,
Wie Blumen abends tun,
So lasse mich die letzte Ruh
Zu deinen Fussen ruhn.
Adieu, lieb Kind, auf Wiedersehn.
Clemens
Liebe Bettine!
Ich habe zu viel die ganze Zeit an Dich gedacht, und mein Gemut sass zu gleicher Zeit zu sehr wie auf einer Schaukel, als dass ich Dir hatte schreiben konnen, auch hab ich taglich abreisen wollen, aber es hat sich mir Abenteuer an Abenteuer gereiht, und ich bin mit allerlei kunstlichen Spinnweben umflochten worden, die ich im Anfang leicht hatte zerreissen konnen, aber ich sah mit kunstlerischer Lust den Geweben zu und habe aus kindischer Tollkuhnheit mir selbst Stricke daraus geflochten. Ich habe den Geliebten Benediktchens so liebgewonnen, dass ich den beiden Glucklichen emsig in ihrer Intrigue helfe. Beide haben sich wie Engel gegen mich betragen, Benediktchen ist eins der holdesten und genialsten Madchen, die man wahrscheinlich nur einmal begegnet. Ausserdem habe ich noch eine wunderliche Liebschaft, aus der ich gar nicht klug werde. Zwei Freundinnen hab ich auf einer einsamen Insel in einem engen Flusstal hier kennengelernt, der Vater des einen Madchens hat auf der Insel einen Eisenhammer, das andre Madchen ist von hier, eine Freundin Benediktchens, sie ging die Einsiedlerin besuchen, und ich begleitete sie. Hannchen heisst die Einsiedlerin und Gretchen die Freundin, sie ist klein, ausserst niedlich und fein, eines Seraphs Gestalt, aber einen ernsten Kopf mit schwarzen, tiefsinnigen Augen, an ihrem Gesichte ist nichts schoner als die ewig rege Freundlichkeit, die in einem bestandigen wunderlichen Kampfe mit dem Tiefsinn von Stirn und Auge begriffen ist. Wenn man sie ansieht, ist es, wie wenn schnelle Wolkenschatten unter dem Sonnenschein her uber die Felder fliehen. Sie ist streng und freundlich und gleich einem Granatbaumlein, das in unserm Klima keine Frucht tragt. Sie ist nicht glucklich, denn kaum mag man sie zu umarmen wunschen, so wunscht man auch, sie zur Freundin zu haben, weil sie zu bescheiden ist, ihr volles Herz in sehnsuchtigen Blicken zu verraten. Sie sieht einen nur mit vertraulichen Augen an, an denen die Begierde zu einem schwermutigen Ergotzen des Zweifels wird.
Lieber Clemens!
Dein fliegend Blatt ist mit dem Morgenwind nicht zum Fenster herein, sondern hinausgeflogen. Eben hatte ich meinen Sitz zum Schreiben zurechtgeruckt, so macht der Wind die Tur auf, packt mein Blatt und ab mit zum Fenster hinaus, dahin, von wannen er gekommen war, was kein Mensch weiss, wo das ist, ich seh ihm nach und entdecke, dass er mit dem Blatt in den Schornstein unseres Nachbars Johann Andree sich retiriert, er konnte in den Suppennapf fallen und dem Herrn Andree aufgetischt werden; um dem zuvorzukommen, sprang ich hinunter, fand das Blatt schon unterwegs nach dem Kanal, es schwebte uber dem Wasser, nur ein Wunder konnte es retten, das war eine graue Mutze, die es auffing, die dem Arnim gehorte, der vor mir stand mit einem zweiten Brief in der Hand, den er mir von Dir mitbrachte. Aber warum hast Du auch auf so dunn Papier geschrieben, atherischer wie die Luft selber, vielleicht weil er das Gewand Deiner Seele ist, der Widerschein Deiner selbst!
Die beiden Freundinnen sind ein Paar Nebenfacetten Deiner verklarten Einbildung, die hundertfaltig facettiert ist, sie strahlt im eignen Glanz, was schon ist zu empfinden, zu geniessen, und wer sich in Dir gespiegelt sieht, der muss Dich lieben, weil er eben nicht frei ist von Eigenliebe. Man kann vor anmutigster Schelmerei, die vom Witz zur Ruhrung sich durchneckt, aus der hinuberspringt zur Seiltanzkunst und da solche Sprunge macht, dass einem Horen und Sehen vergeht, gar nicht dazu kommen, dass man so weit sich mit Dir einliesse, Dir ein Gnadengeschenk zu machen mit irgendeinem Pfand der Zartlichkeit. Einen Kuss zum Beispiel, wie kann man ihn Dir geben, Du hattest Dir ihn schon genommen wie einen Apfel, den man gedankenlos vom Zaun bricht, Du spielst Ball mit zum Zeitvertreib, Du haschst ihn wieder, Du wendest und drehest Dich damit vor dem geblendeten Auge der Gekussten, die nicht begreifen kann, wie dies Pfand der Zartlichkeit bestimmt war, solche Luftsatze zu machen. Die andern, die zusehen, lassen sich hinreissen von diesem Spiel, sie sind ausser sich vor Vergnugen uber den gottlichen Clemens, eh sie sich's versehen, hast Du einen neuen Apfel abgerissen von den Zweigen des Wohlwollens, der Hinneigung und Begeistrung, der alte Apfel rollt in die Ecke und beschamt die, der Du ihn durch Deine Neckerei geraubt hattest. Clemente, sei nicht bose uber diese Charakteristik, sie ist ja nur die spanische Wand Deiner andern "Torheiten", sagte die Gunderode. Tiefe Weisheit sagte ich, wahre, tiefe Liebe sagte ich, Heiligtum der reinsten, edelsten Freundschaft. Und der Clemens kann in seiner Treue nicht verglichen werden; er fasst die Seele, er legt sich warm wie ein brutender Vogel uber sie und schutzt sie und streitet fur sie und harret geduldig uber ihr mit grosser Sorge und Vorsicht, aber dann kriecht ofter auch ein Ganschen aus dem Ei, aus dem er einen Schwan auszubruten hoffte, und das argert ihn dann sehr.
Soweit ich und die Gunderode uber Dich; nur noch eins wollte ich behaupten, dass sie namlich gewiss auch einen Apfel misse an den herabsenkenden Zweigen ihrer adeligen Seelengute! Clemens, wenn Du den geraubt hattest auch zum Spiel nur und hattest ihn nicht bewahrt als ein Geschenk der Gottin Fortuna, so prophezei ich Dir Schlimmes. Du weisst, wer ein solches Pfand vernachlassigt, an das diese eigensinnige Gottin oft das Heil ganzer Geschlechter knupfte, der muss dann einen bosen Dornenpfad wandern, von dessen stacheligen Zweigen er keine sussen Feigen sammeln kann. Ich fragte die Gunderode uber dies Pfand und ob sie glaube, dass es in Deiner Seele Gedachtnis gut und edel verwahrt sei sie ward ein bisschen nachsinnend daruber dann lachelte sie und zog mich auf ihren Schoss und kusste mich zartlich! Ich weiss, dass die Gunderode Dir gutig gesinnt ist, sie ist die beste und edelste von uns dreien. Aber naturlich, wenn Du auf dem Tanzplatz herumgaukelst all Deiner seltsamlich verphantasierten Scheingottinnen, da kann die echte sich nicht herablassen, eine von Dir gewahlte Rolle zu ubernehmen. Ach, ich vergesse ganz, Dir noch viel zu erzahlen.
Der Arnim kam zu uns ins Stift und fragte, ob man bei dem herrlichen Abend nicht wolle hinaus nach der grunen Burg, so wanderten wir bei Abendschein die stillen Feldwege, ich lief immer voraus, wendete um und sah die beiden vom untergehenden Tag mit einem Nimbus umfangen, schreiten, mehr schweben optische Wirkung des Lichtes, das seinen Sonnenharnisch abgelegt hatte! Das Licht, wenn es nicht thront, ist mild, einfach, bescheiden, kindlich und wohl gar wie ein Kind zum Spielen geneigt. So auch der Weltherrscher, im Sonnenfeuer seiner Macht durchgluht er alles mit Geistesfeuer, ihm muss werden, was seines Willens ist; aber wenn er sich entkleidet dieser Gewalt, ist er wie ein Kind! Der Arnim sieht doch koniglich aus! die Gunderode auch; der Arnim ist nicht in der Welt zum zweitenmal, die Gunderode auch nicht. Die beiden gehen da nebeneinander an diesem schonen, heitern Abend! Aber dort kommt ein Gewitter! Die Winde kehren vor uns den Weg, wir mussen eilen! Wir fangen an zu traben, wir wollen eben in Galopp uns setzen, ergiesst das schwarze Gewolk sich uber uns, unten blitzt es, die Donner schlagen ihre Wirbel. Wir erreichen einen dichtlaubigen Kastanienbaum, die Regenflut lauft an seinen breiten hangenden Asten hinab, dicht am Stamm ist's trocken. Der Arnim breitet seinen grunen Mantel um uns, die Gunderode hat mit dem Kragen den Kopf geschutzt, ich konnte es aber nicht drunter aushalten, ich musste sehen, was am Himmel passiert. Da zogen die Regenschichten nacheinander voruber, es war ein Gewuhl. Ganz so stell ich mir das Wetter vor unter der Erde, wenn da ein Postament von Wolken war, auf dem sie thronte. Kurz, es war entweder das unterste Naturgestell, was mit dem Gewand ihrer Farben und Schonheitsschmelz verdeckt ist, und sie hatte dies ein bisschen zu hoch geschurzt, oder es war die Kehrseite der Kulissen, hinter die man wirft, was nicht soll an Tag kommen. Aber Nacht und Dunkel kommt ja auch an den Tag; um so heller der leuchtet, um so dunkler sie uns droht. Ein Weilchen gefiel mir dies bose Abenteuer. Arnims wunderschone Jugendnahe elektrisierte mich, ich opponierte dem Gewitter mit allerlei vom Zaun gebrochner Philosophie, die nicht Hand und Fusse hatte und nasse Flugel, die liess sie hangen. Wir gingen weiter, jetzt, wo der Wind die Wolken ins Gebet nahm, rissen sie aus. Die Gunderode wurde ins Bett gesteckt, wir sollten die Nacht dableiben. Wer war froher wie ich. Eine schone Sommernacht unter einem Dach mit dem Arnim, mit Gunderodchen durchplaudert, doch haben wir uns gezankt. Wir stiegen die Leiter der Begeistrung hinan in unserm Nachtgesprach, eins uberhupfte das andere, oben zankten wir einander, dass wir nicht in ihn verliebt seien, dann zankten wir einander, dass wir kein Vertrauen hatten, und wollten's nicht gestehen, dass wir ihn doch liebten, dann rechtfertigten wir uns, dass wir es nicht taten, weil jede geglaubt hatte, dass die andre ihn liebe, dann versohnten wir uns, dann wollten wir grossmutig einander ihn abtreten, dann zankten wir wieder, dass jede aus Grossmut so eigensinnig war, ihn nicht haben zu wollen. Es schien ernst zu werden, denn ich sprang auf und wollte mein Bett von dem ihrigen wegrucken aus lauter Zorn, dass sie den Arnim nicht wollte. Auf einmal horen wir husten und sich tief rauspern. Ach, der Arnim war durch eine dunne Wand nur von uns geschieden, er konnte deutlich alles vernehmen, er musste es gehort haben, ich sprang ins Bett und deckte mich bis uber die Ohren zu. Uns klopfte das Herz wohl eine halbe Stunde, keins muckste mehr die ganze Nacht. Am andern Morgen fruh um sechs Uhr sah ich zum Fenster hinaus den Arnim schon unter den Linden spazierengehen. Jetzt wollten wir doch probieren, ob er uns gehort konne haben. Ich ging ins Nebenzimmer, die Gunderode sprach ungefahr dasselbe und ebenso laut wie am Abend. Ich legte mein Ohr an die Wand und horte teilweis', aber nicht alles; als ich aber sah, dass sein Bett gerade an der Tur stand und dass das Schlusselloch mit dem Kopfkissen auf gleicher Hohe stand, und dass man da alles deutlich horen konnte wie zwei marode Schiffer, die eben gescheitert sind an der Sandbank, die sie solange angstlich umschifft hatten, guckten wir uns an. Wir mussten zum Fruhstuck! Wir setzten uns mit dem Rucken gegen die Tur, um ihn nicht gleich sehen zu mussen, was half der eine Augenblick, wir mussten ihm ja doch die Strausschen abnehmen, die er eben aus dem Feld mitbrachte, Vergissmeinnicht! Ach, nun war's gewiss, dass er's gehort hatte. Ach, Clemente, es war recht wunderlich! Das war gewiss so ein Gefuhl, was man Verlegenheit nennt! Ich nahm die Gitarre von Gunda und sang "Das schmerzt mich sehr, das kranket mich, dass ich nicht genug kann lieben Dich". Der Arnim gab mir seinen Handschuh und bat, den zerrissnen Daumen zu flicken. Ich hab's getan, Clemente. Ach, aller Anfang ist schwer, der Handschuh duftete so fein, so vornehm. Ein grauer Handschuh von Gemsleder, ich habe ihn mit Hexenstichen benaht, er zog ihn gleich an, den linken Handschuh aber liess er liegen und promenierte mit seinem Stock neben uns. Ich warf seinen vergessnen Handschuh unter den Tisch, ich dachte, da mag er liegen, wenn er ihn zurucklasst, dann heb ich ihn zum Andenken auf; denn er geht ja morgen fort. "Wird nicht wiederkommen, wird nicht wiederkommen, das tut mir weh" ich hab ihm dieses alte Volkslied vorgesungen, es hat ihm sehr gefallen.
Der Arnim ist fort! er hat den Handschuh zuruckgelassen. Gestern nahm er Abschied, und gestern leuchteten noch die Sterne uns beim Heimgehen, er suchte einen Stern aus, den wir alle drei wollten sehen, wenn wir aus der Ferne aneinander dachten. Ach Gott, ich hab den Stern vergessen, er hat's so deutlich expliziert, und nun kaum war er fort, wusst ich's nicht mehr, ich fragte die Gunderode, denn die ist sternkundig, aber die neckt mich und nimmt dies als einen Beweis, dass ich gewiss in ihn verliebt sei! Es ist aber doch nur, weil mir's so leid tut, dass er vielleicht treu und redlich seinen mit uns ausgemachten Stern ansieht, in der Meinung, wir guckten auch, und nun gucken wir beide wie die Hahlganse daneben."
Lieber Clemens, gestern nahm Arnim Abschied, und gestern schrieb ich dies nieder, und heut bin ich wieder ruhig uber die Sternengeschichte, denn mein Gewissen wurde mich dann ewig geplagt haben, ob ich auch zu rechter Zeit nach dem Stern sehe. Ich wurde am End jeden Tag eine ganze Stunde meinen Kopf haben in die Hohe halten mussen, es war eine Pein gewesen, um gleich des Kuckucks zu werden. Ich wollt, Du warst bei mir, ich hab Dich doch ganz allein lieb, und so lieb wie mich hast Du niemand anders. Wenn Du auch noch so sehr meinst, Du mussest uber Deine Liebschaften verzweifeln, weil immer keine Gegenliebe dabei herauskommt. Es ist einmal so, die Menschen machen sich nichts aus uns beiden, und wenn wir ihnen ebenso vorkommen, wie sie mir alle zusammen vorkommen, dann ist's ihnen nicht zu verdenken; denn so albern sind sie wohl, dass sie uns ebenso absurd finden, als wir gescheit sind, sie narrisch zu finden. Aber vom Arnim tut mir nichts leid, als dass ich so kalt Abschied von ihm genommen hab, ich fragte ihn lachend, ob es ihn dann gar nicht ruhre, dass er nun weggehe, und es war mir doch gar nicht so ums Herz. Ich hatte viel lieber Abschied von ihm genommen wie von Dir, nicht wie von einem Fremden, der mich gar nichts angeht.
Jetzt freut mich's, dass ich so aufrichtig gegen Dich sein kann, und wenn Du an Arnim schreibst, so sage ihm, dass ich ihn noch recht liebhabe, aber nicht so deutlich sage es ihm wie hier in diesem Brief. Ich wurde Dir eher geschrieben haben, aber ich bekam erst viel spater Deinen Brief von Christian, der auf der grunen Burg den ganzen Tag im Gras liegt und Flote blast, und die Leute sagen, die ganze Gegend war wie verzaubert von diesen Floten-Variationen "Mich fliehen alle Freuden," und wenn er aufhort zu blasen, so spitzen sie die Ohren, als ob sie was horten, das ist die schweigende Stille, die sie horen, das ist ihnen ein so langst entwohnter Ton, eben weil die Flote weder bei Tag noch Nacht von seinen Lippen kommt.
Clemens, komm bald, komm ja recht bald, an Benediktchen einen Gruss, und sie soll Dich gehen lassen. Komm, ich hab Dir viel zu sagen.
Bettine
Liebe Bettine!
Wahrend ich Deinen Brief las, donnerte und blitzte es rings im Tale, nun ist es ruhig, aber ich kann Dir nicht heute ruhig antworten, es ist keine Zeit, wahrlich, Dein Brief selbst lasst mir keine Zeit, ich gehe jetzt in den Garten, da will ich an Dich denken und Deinen Brief dem Sonnenschein, der durch die Gewitterwolken bricht, vorlesen, der wird Dich in Offenbach freundlich dafur ansehen und Dir danken, dass Du an ihn geschrieben hast. Drum, er konnte auch nicht umhin, er muss Dir gleich recht warm gluhende Antwort geben. Ein freundlicher Kerkermeister, dem es jammert, dass er den Gefangnen im Kerker muss schmachten lassen, wie vergnugt bringt er die Botschaft der Befreiung, und wie eilig und wie sanft lost er die Fesseln; so war's mit Deinem Brief, er kam mit dem Schlussel in Handen, ich fuhlte vom erleichterten Herzen die Fesseln niederfallen eine nach der andern, und die Sonne schien mir ins Herz, da war's auf einmal anders; ich dachte, wie bin ich doch betrunknen Sinnen hingegeben gewesen. Ja, es ist alles schon, was ich erlebte, und die Liebe und Gute dieser Menschen gegen mich ist wirklich lieb und edel, aber schoner ist doch nichts als frei sein und ungefesselt lieben, wie ich meine Schwester liebe, und dann fuhlte ich, dass nichts mich so beglucken kann als die spielende Heiterkeit in Dir, die doch aus innigster, warmer Lebensquelle stromt, lieb Kind! Tanz ist doch edel! ja gewiss mit die reinste, die erhabenste der Kunste! Denn jede Kunst hat im Geist ihre Apotheose, und Deine heitere Lebensansicht, Deine Gefuhle sind tanzende Wendungen nach der lieblichsten Melodie. Diesmal im Brief spielen Deine Gefuhle auf der Schalmei und begleitet der Witz mit dem Triangel dazu.
Meine Gitarre wunsche ich mehr als je hierher, ich mochte sie mit nach Dusseldorf nehmen; wenn Du sie konntest lassen in eine Decke einpacken, ware gut. Hast Du dem Ritter geschrieben? Schreib ihm doch, er ist einer, der besser ist wie die Albernen, die uns fur absurd halten, schreib ihm, lieb Kind! wie Du ans Weltall schreiben wurdest, wenn Du auf einem vertrauten Fuss mit ihm warst. Denn er ist im Begriff, die Schopfung auszusprechen. So wie der Urgeist sie im Moment der Erfindung aussprach, was ein und dasselbe ist dem Erfinden, so geht sie in gelauterten gehoheten, geistigen Begriffen durch ihn durch, als ob sie bloss geschaffen, um auch einem so erhabnen Streben des Geistes durch ihren Begriff zu lohnen. Lies doch wieder in den guten Buchern, die Du hast, lieber Engel und werde immer ruhiger und bemuhe Dich, einzelne Dir merkwurdige Lebenspunkte aufzusetzen, und schenke mir dann und wann so was! Dem Arnim will ich schreiben, dass Du ihn liebhast, er erwartet sich's aber auch nicht anders, denn er hat Dich gewiss ebenso lieb; und vom Gunderodchen war's ebenso recht, dass es ihm nicht den Vorzug gab. Denn es will gewiss gleich teilen zwischen mir und ihm, und wir vier gehoren ja alle einander an.
An Bettine
Dusseldorf
Warum schreiben wir uns nicht? Ich gehe in jeder Stunde mit Dir um, Dein Bild steht immer hinter meinem Tintenfass, und ich sehe Dich immer an. Wenn ich Dein Bild aufgestellt habe, so bin ich honett, gut, einfach und stolz. Ich gehe hier mit vielen Leuten um, die schlechter sind als ich und Du, man muss auch das lernen. Was mich hier fesselt, ist die Galerie und das artige Theater, dann der geschickte Musikdirektor, dem ich eine Oper dichten will, und der mir dafur Unterricht in der Komposition geben wird. Eine kleine Oper habe ich schon fertig fur Neujahr, wo sie aufgefuhrt werden soll in Mannheim, er arbeitet noch daran. Hast Du Savigny in Frankfurt gesehen? Wie war er? Wie lebst Du, was machst Du? Ich hab heut an Christian geschrieben, ich bitte, schreib ihm auch. Bald ist mein Namenstag, schick mir dann einen recht langen Brief, er ist mir das Liebste, aber ungezwungen, ungeniert, so wenn Dir's einfallt und was Dir einfallt, ich werd mir's schon zurechtlegen. Kommt Minchen Gunderode nicht auch zuweilen mit ihrer Schwester zur Dir? Ich bin ihr einen Brief schuldig. Kusse sie von mir, sage ihr, dass ich sie Denn in meine Oper denk ich die Hauptrolle mir gerade wie sie! und den ersten Liebhaber wie mich. Ich muss ihr zu Fussen fallen, ich muss sie kussen, sie mag wollen oder nicht. Und sie muss auch am End einer langen Arie mir in die Arme fallen und mich beglukken, stelle ihr das doch recht beweglich vor; und dass es ja nicht anders sein konne, weil sie einmal meine Opernheldin ist, sie soll sich bewegen lassen darauf einzugehen. Das wird recht schon sein, wenn ich mir denke, es sei alles wahr, dann werde ich mir die lieblichsten hinreissendsten Szenen zum Kussen malen!
Hast Du was gedichtet, geschrieben, schicke mir es in meine Einsamkeit. Wenn Du ein Kinderkleidchen fur ein liebes rundes Madchen von drei Jahren hattest, aber recht hubsch und bald, so wurdest Du mir grosse Freude machen. Wo nur Arnim stecken mag, ich horte seit meinem Brief nichts mehr von dem Jungen. Du bist wohl recht ruhig. Ich bin es auch. Ich schicke Dir vielleicht bald mein Portrat. Schreibe mir einen langen historischen Brief. Deine Empfindung, meine Empfindung kennen wir ja!
Ich werde noch eine Weile hier bleiben, denn zu sehen, zu horen, ja mitzufuhlen, wie alles Denken und Erdenken plotzlich fliessend wird in musikalischen Gesetzen, die der Poesie den Kopf zurechtrucken, das macht mich ganz hingerissen. Leb wohl! Schreib!
Clemens
Lieber Clemens!
Ich will gleich anfangen mit dem, was mich zuletzt frappiert in Deinem Brief! Ich hab Angst, die Musik wird schlecht zu Deiner Oper. Warum? Weil Du eine so enorme Freude daran hast! Ich kenne Dich ja! Du lasst Dich gar zu leicht begeistern. Einem Kapellmeister gegenuber, wenn er seine Musik vortragt, ist nicht zu spassen mit funf Sinnen, sie gehen in die Bruche! Er betrachtet Dich als einen guten Kerl, den er mit Herablassung Strassen fuhrt, welche Dir unbekannt sind, Du kannst da gar keine Autoritat haben, Du musst Dich fuhren lassen! Die Effekte, die Du nur in Gedanken horst und Dir naturlich ganz ubernaturlich vorstellst bei vollem Orchester, machen Dich in Dankbarkeit hinschmelzen vor dem Kapellmeister, der uberrascht von dem Eindruck, den er Dir macht, eine ganz neue Bekanntschaft mit seinem Talent zu machen glaubt, er komponiert drauflos, weil er eine Quelle der Erfindung in sich entdeckt, auf die er fruher nicht sich verlassen konnte! Nun findet er, dass Du trotz Deinen Dichterlaunen ein sehr verstandiger, urteilsfahiger junger Mensch bist, Du wirst gelobt als hochst liebenswurdig, die Sangerinnen werden begeistert, sie strengen sich an, wetteifern! Fraulein Petersilie soll die Hauptrolle haben, sie verleugnet den Peter zu Haus und kommt bloss als Silie. Der Name Silie bewegt Dein Dichtergenie zu Explosionen von Begeistrung. Kurz, es wird ein Wonnemonat, wie noch kein schonerer war, wo Dichtkunst und Tonkunst sich vermahlen!
Hoffmann hat hier ein Duett gemacht, wozu Du mir den Text schon fruher gabst: "Hor, es klagt die Flote wieder, und die kuhlen Brunnen rauschen." Ja, wenn Dein Komponist so arbeitete wie er! Dazu muss man aber, in eine Einsiedelei verborgen, Blumen und Gras umher, im Schlaf versunken, nach der Ferne lauschen, wo die rauschende Welt endlich auch betaubt ruht. So ist aber der gute Hoffmann, sein kranklicher, gebrechlicher Korper sondert ihn ab von den Schwelgereien der Musiker, von ihren Weltverhaltnissen und Liebeleien! Durch den Hoffmann hab ich manches begreifen lernen. Erst war ich als immer verwundert, wie doch ein Mensch so ein traurig Los tragen musse, der seinen Leib doch nicht verlassen konne, der ihm Schmerzen macht; jetzt weiss ich's aber anders. Der Geist uberwindet alles. Und wenn der Geist kampft, so muss er doch stark dadurch werden. Der Geist kann nicht Wunden erliegen. "Invulnerable", sagt Mirabeau. Es kann nur vielleicht ihm versagt sein, sich geltend zu machen! Aber vielleicht ist der Leib die verschlossne Werkstatte, in der der Geist zur hochsten Stufe der Bildung gelangt; und wenn er erst durchgelautert und gegluht als vollendetes Kunstwerk seiner selbst, zugleich mit dem Lebenskeim zu einer hoheren gewaltigeren Bildung versehen, neue Welten durchdringt was ist's da, dass in dieser Welt die Krankheit wie ein boser Traum ihn anflog. Guter Hoffmann! Ich hore sein Klavier bei offnen Fenstern in die Mondnacht rauschen! Er denkt gewiss, ich lieg im Bett und hor ihm zu!
Gute Nacht, morgen schreib ich weiter, weil Du einen so langen historischen Brief verlangst.
Den wollt ich Dir wohl schreiben, den schonen langen historischen Brief, wenn nur was vorgehen wollte! Ich hab zwar gar keine Neigung, dass etwas vorgehen soll, aber doch wie letzt in der Blaufarberei am Kanal Feuer ausbrach, machte mir das ein unendliches Vergnugen; damit stimmte das Volk mit seinem Schauspielertalent uberein. Eine Verzweiflungsund Jammergeschreikomodie, gewurzt mit den ausgelassensten Scherzen; das Ganze war unwiderstehlich, ich bedauerte, dass es nicht schicklich war mitzuspielen, sondern nur zuzuhoren. Gegenuber vom Feuerbrunsttheater, im freien Feld steht das grosse Haus, worin Bernards blasende Instrumentisten alle wohnen, die manchmal sich das Plasier machen, aus allen Fenstern heraus nach den vier Weltgegenden hin ihre Passagen zu exerzieren, diese waren durch die ausschlagenden Flammen in Begeistrung versetzt, sie bliesen Tusch, wenn ein Stuck Dach einfiel oder Mauer! Was einen doch gleich Lebensubermut durchstromt, wenn die Menschheit nicht so angstlich am Besitztum klebt! Wenn man hort Mitleidsquellen rieslen, uber das einzige bisschen Habe, was den Armen nun verloren ist das macht so malade, es steht einem der Verstand still, da doch gewiss jeder genug hatte, wenn jeder wusste, was er mit dem seinen anfangen soll. Der Blaufarber hatte die grossmutigste Gleichgultigkeit bei diesem Veraschen seiner Einblauung, und es kamen die narrischsten Witze vor bei der Judenspritze, bei welcher der Blaufarber selber stand und sie fortwahrend dirigierte gegen die zwei uralten Linden in seinem Hof, die sein Ururgrossvater, der auch Blaufarber war, gepflanzt hatte, unter denen der Farber seine Hochzeit gehalten. Wenn ihr mir die erhaltet, sagte er zu den Juden, so schenk ich euch zwanzig Taler. Nun wurden die Juden so feurig, lauter arme Lumpen! Es gab ein Gezank mit der Polizei, sie wollte auf die unnutzen Linden kein Wasser verwendet haben, die Juden schrieen morderlich, als man ihnen den Schlauch entriss, nach dem Blaufarber; der kam herbei und musste ihn wieder erobern. "Was solle die alte Baam," sagt der Herr Bolezei! Wie, Herr Polizei! Sie schmahen die alten Linden, das Wahrzeichen von Offenbach? "Ei, do konnt ganz Offebach abbrenne, und die Wahrzeiche bliebe alleen stehe. Die konnte doch das Maul nicht uftun und erzahle, dass Offebach da gestane hat."
Die Linden wurden ubrigens gerettet; denn die Juden liessen sich nicht zu nah kommen! Die Hornisten, Hautboisten, Klarinettisten und Fagottisten schmetterten ihre Passagen dazwischen wie freie Gottersohne in des Mondes blauem Licht, der uber ihrer Wohnung thronte und nichts von seinem Glanz verlor durch die gegenuber aufqualmende Feuersaule, die sich oft vom Rauch nieder musste drucken lassen! Der Mond hat Charakter, die Gestirne haben Charakter, der Himmel, der sie tragt wie ein Baum die Apfel, der ist der Charakterbaum. Die Menschenseele ist ein kleiner fliegender Samenstaub, der einen guten Boden sucht, um auch Charakter zu werden. Das Werden! Das grosse Werden ist und soll sein der einzige Genuss, sagt die Gunderode, der wird aber nicht, der nicht gottlich wird, sagt die Gunderode auch noch. Fur heut hab ich genug geschrieben; nun wunsch ich, dass morgen wieder was vorfallen moge, einzig, um meinen historischen Brief fortsetzen zu konnen.
Heut ist aber doch nichts vorgefallen, so sehr ich auch getrieben habe und dem Fenster hinausgeguckt, ob nichts kommen wollte. Vom Feuer war viel die Rede, man besuchte die Grossmama, um ihr zu gratulieren, dass ihr der Schreck nichts geschadet habe; sie wurde am End argerlich, wie einer nach dem andern kam, die Furstin von Ysenburg war zuerst bei ihr gewesen, da war es gleich Mode geworden. Es ist schlimm, dass die Grossmama sich nicht gut verleugnen kann, weil sie nie aus Garten und Haus kommt! Diese Hauslichkeit hat einen eignen poetischen Schimmer, alles in der hochsten Reinlichkeit und Heimlichkeit erhalten, zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit ist nichts vernachlassigt, selbst das aufgeschichtete Brennholz am Gartenspalier ist unter ihrer Aufsicht der Schonheitslehre. Wenn es im Winter muss verbraucht werden, so lasst sie es immer so abnehmen, dass die Schneedecke soweit wie moglich unverletzt bleibt, bis Tauwetter einfallt, wo sie's abkehren lasst. Im Herbst hat sie ihre Freude dran, wie die roten Blatter der wilden Rebe es mit Purpur zudekken. Im Fruhling regnen die hohen Akazien ihre Blutenblattchen drauf herab, und die Grossmutter freut sich sehr daran! Ach, was willst Du? Es gibt doch keine edlere Frau wie die Grossmutter! Wer den wunderschonen Blitz ihres Auges verkennt, wenn sie manchmal sinnend mitten im Garten steht und spaht nach allen Seiten und geht dann plotzlich hin, um einem Zweig mehr Freiheit zu geben, um eine Ranke zu stutzen und dann so befriedigt in der Dammerung den Garten verlasst, als habe sie mit der Uberzeugung alles gesegnet, dass es fruchten werde.
Nein, heute ist nichts weiter vorgefallen, was ich historisch nennen konnte, der Tag ist total vorbei! Und nichts, was nur den Hund hatte zum Bellen gebracht. Nur eine kleine elegische Szene. Die Grossmama hat manchmal einen Verdruss an so einem Federvieh, wenn es in ihre Hausordnung sich nicht fugt, so muss es geschlachtet werden, diesmal traf das traurige Los der Hinrichtung ein impertinentes Huhn, was immer mit grosser Geschwindigkeit die Weizenkorner, welche sie fur alle streut als Dessert zum Haber, fur sich allein erschnappte. Dies Huhn war von Meline in Affektion genommen, gleich als es auskroch, heisst Mannewei, von Mannweibchen, weil es lang unentschieden blieb, ob das Tier ein Hahn oder Huhn sei, da es einen so roten, stolzen, doppelten Kamm und einen schonen roten Bart hat, kurz, ich komme grade an der Kuche vorbei, wie die taube Agnes auf dem Schemel sitzt, das Huhn zwischen den Knien, das Messer wetzt. Ich springe hinzu, zieh den Schemel unter ihr weg, sie fallt auf die Nase, das Huhn unter dem Messer weg flattert mit grossem Geschrei durchs Kuchenfenster; es war die Zeit, wo die andern Huhner schon alle im Huhnerstall mit ihrem Hahn der goldnen Ruhe geniessen, kaum horten sie aber das Notgeschrei der Henne, als alle loslegten mit Gackern! Ich war voll Schreck uber meine Kuhnheit, die Hinrichtung zu verhindern. Ich jagte das Huhn durch den Garten, ganz am End der Pappelwand fing ich's erst ein, wo sollte ich mit hin, bracht' ich's zuruck, so wurde es dennoch abgetan, aber mir schauderte, eine Suppe von diesem Huhn zu essen. Ich marschierte zum Gartner im Boskett. Der nimmt es unter seine Obhut, bis bessere Zeiten kommen. Wie kann man auch Tiere, die taglich unter uns herumlaufen, uns trauen, einem nicht aus dem Weg gehen, plotzlich, was sie gar nicht gewartig sind, uber sie herfallen und fressen. Die taube Agnes ist sehr erschrocken, dass der Poltergeist die Schawell unter ihr weggezogen hat, sie erzahlt noch mehrere Falle von diesem Spukeding; einmal war es mit ihrer Haube ausgerissen sie war aber am Fensterspiegel hangen geblieben. Diesmal mit der Henne, keiner glaubt ihr das, aber jeder wundert sich, dass es verschwunden ist und nicht wieder erscheint. Und endlich, meint die Agnes, werden wir's doch einsehen, dass es spukt. Die alte Kordel setzte sich mit dem Radchen herbei, die Agnes erzahlte lauter Geschichten vom Kuchenteufel, eine ganz aparte Klasse; wollt ich auch jetzt sagen, dass ich das Huhn weggeschleppt habe, keiner wurde es glauben. Abends beim Sternenschimmer, wo ich den Kopf weit aus unserm Mansardfenster streckte, um recht viele Sterne zu Zeugen meines feierlichen Schwures aufzurufen, tat ich das Gelubde, alles dran zu wagen, wenn ich einen Menschen in Gefahr sehe und wenn auch selbst das Messer schon uber seinem Haupte schwebt. Ein rascher Entschluss vermag viel, aber Zagen ist das Verderben aller Grosstaten! Hatt ich nur einen Augenblick mich besonnen, so lebte jetzt kein Mannewei mehr! Und mit so einem Tier ist's eine besondere Sache, man weiss nicht, ob es ein Jenseits hat, doch lebt es gern, doch hat es mehr mit der Natur zu schaffen wie wir, doch gehort ihm die Welt, jeden Augenblick es drauf verweilt, ja es ist der Muhe wert, ein Leben zu retten, sei es welches es wolle. Ach, die Schwane fallen mir hier ein, die ihr schneeweiss Gefieder im eignen Blute mussten baden, die Helden der Gironde!
Schon wieder ist der Abend angeruckt, lieber Clemens! Heute sind keine Ereignisse vorgefallen, nur Nachrichten eingelaufen, die aber vielversprechend sind. Savigny ist auf dem Trages und erwartet uns zum Diner den Sonntag, wir werden also morgen in die Stadt gehen, diese Nachricht brachte Doktor Ebel als Auftrag von Leonhardi, der uns einen Platz in seinem Wagen anbot. Ebel ist ein naturforschender Mistfinke, aber die Grossmama geht ganz daruber hinweg, dass er immer ein schmutziges Hemd an hat und schwarze Nagel, und tat folgenden, merkwurdigen Ausspruch: "Mein Kind! Die Reinlichkeit ist zwar die edelste Tugend und ist verschwistert mit der sittlichen Reinheit. Selbst ein lasterhafter Mensch erhebt sich aus seinem Sundenpfuhl, wenn er sich wascht und ein reines Hemd anlegt, die Wurde des Menschen fuhlt sich dadurch neu belebt. Aber ", sagte sie und hielt ein, denn der Mistfinke, der einen Augenblick abwesend gewesen war, trat herein und brachte der Grossmama allerlei Abfall von der Natur, den sie sollte in ihr Naturalienkabinett aufnehmen. Unter andern ein Stuck Leinwand von Asbest, was unverbrennlich sei. Moose, welche auf der hochsten Spitze der Spitzberge wachsen purpurrot! St. Pierre und Buffon wurde geholt, um uber Schnecken und Muschelsamen, wovon Ebel eine ganze Bonbontute voll mitgebracht hatte, zu befragen, sie blieben die Antwort schuldig! Ebel erzahlte also, dass dieser, aus dem Grund des Schwarzen Meeres, ihm von einem Freund zur Untersuchung mit vielen Muhen und Unkosten gesendeter Muschelsame die wunderbarsten Erscheinungen enthalte, mit einem Vergrosserungsglas betrachtet, werde man die ausgebildetsten Formen drinnen finden, die so klein seien, dass man sie fur Sandkornchen halte. Die Grossmama war begeistert fur diese Merkwurdigkeitstreckelchen, aus denen die Welt zusammengebacken ist, und die Ebel mit Lebensgefahr unter einer Taucherglocke von einem kuhnen Taucher wollte erhalten haben, ein Paketchen draus gemacht und mit Noten versehen in ein Kastchen gepackt, worin noch andre Seltenheiten der Art liegen. Das war nun, was er in der rechten Rocktasche mitgebracht hatte. Nun griff er in die linke Rocktasche. Das erste Packchen enthielt ein Stuck Spinnweb von der Riesenspinne, er konnte es ordentlich auseinanderfalten, ohne es zu zerreissen, es fiel dabei sehr viel Staub heraus, die Grossmama hatte dies Chemisett der Arachne gewiss gern unter ihren tausend Wundern der Welt besessen, allein Ebel wickelte es sorgfaltig wieder ein und steckte es in die Westentasche! Ich glaub, er hat's irgend im Winkel auf dem Boden entdeckt und hat ihm die Reise aus Indien erspart! Dafur entschadigte er sie mit einem Stuck Brot von der Brotbaumfrucht in Otaiti. Dies war eine grosse Galanterie, denn bekanntlich ist ihr Liebling unter allen ihren Werken dieser Roman, der auf Otaiti vorgeht; sie war also durch dies Brot so entzuckt, dass ihr die Tranen herabrannen! "O Kinder," sagte sie, "wieviel Schones harret noch eurer, wenn ihr euer Interesse an der Natur ausbildet, glaubt mir, nicht allein das, wozu die Natur etwas geschaffen zu haben scheint, hangt mit diesem Etwas zusammen und ist darauf angewiesen; nein, es fuhrt alles eine Sprache mit dem Geist. Dieser aber ist wie ein Kind, die grosse Rednerin Natur spricht nur liebkosende Worte zu ihm, ja sie ahmt sein Lallen nach, nur um ihm sich verstandlich zu machen; aber es muss einstens dahin kommen, dass sie die hochste Begeistrung zu ihm ausspreche, und dass er ihr Antwort darauf geben konne." "Ja," sagt ich, "liebe Grossmama. Wenn die Natur erst mit dem Menschen spricht, wie Mirabeau zu der Nation, dann werden lauter Freiheitshelden geboren werden!" Ebel kreuzigt sich immer vor mir, er ist mehr noch als Hase! Jede Idee, die ich ausspreche, deucht ihm ein Pistolenschuss, das Geringste, was ich sage, halt er fur eine Erbse, die ich ihm mit einem Blaserohr in die Perrucke ziele; es kommt ihm immer vor, als erschuttre ich das Weltall mit meinen Behauptungen. Er lauscht manchmal, ob er's nicht krachen hort. Er guckt nach dem Wetter und behauptet, die Wolken, die da herankommen, seien gewitterhaft von meiner elektrischen Natur zusammengezogen, und er mag durchaus nicht in meiner Nahe verweilen bei schwuler Luft, er furchtet fur sein geschatztes Dasein, das Gewitter konne in ihn einschlagen und seine Seele ungewaschen und ungekammt vor den Richterstuhl Gottes bringen! Der Herzog von Gotha war dabei, als er dies einmal sagte, und hatte seine Verwundrung uber den gelehrten Naturforscher, er fragte ihn, ob er denn an ein letztes Gericht glaube, ob er an die Holle glaube? Da kam es heraus, dass er an noch mehr glaubt; namlich an einen grossen Aktenschrank, worin alle Lebensprozesse aller Menschen drinnen in hochster Ordnung aufgestapelt sind. Dieser Aktenschrank ist sehr leicht beweglich, auf einen Wink fliegt er auf und prasentiert gerade die Akten, die zum Prozess des Lebensverflossnen die notigen uberweisenden sind, denn kein Mensch wird verurteilt, er werde denn von der Gerechtigkeit des Richterspruchs uberzeugt, damit er sich die Hollenpein nicht durch den Trost erleichtere, er sei ungerecht verdammt, "denn Gott kann nicht ungerecht sein," setzt Ebel hinzu! "O Hirngespinst, o Scheusal, o Gespenst, o Empusa," sagte der Herzog, und seitdem tragt Ebel den Namen Empusa! Er wird auch nicht mehr maskuliniert, sondern muss weiblich passieren, was ihn argert, mich aber auch.
Genug von der Empusa; als sie geflohen war, so wollte die Grossmama das Wort fur ihn nehmen und meinte, es sei doch gut von ihm, diese Freude ihr zu machen. Ich holte Licht und bat die Grossmama so sehr, sie moge doch die Asbestleinwand ins Licht halten. Aber ach, sie brannte ab. Adieu Leinwand! Adieu, Ebel, Du bist kein charmanter Ebel mehr!
Fortsetzung des historischen Briefes
Am Samstag sind wir um neun Uhr nach Frankfurt gefahren! Der erste, der am Kornfeld von Sachsenhausen uns begegnet, war die Empusa; sie hatte sich nicht mehr am Abend in die Stadt getraut, es war Meltau gefallen, und so blieb sie auf der Gerbermuhle, damit nicht auf ihm der Meltau sich hafte, der sehr oft die Auszehrung veranlasse. Ich rief dem Kutscher halt, sprang aus dem Wagen, brach mehrere Ahren ab, nahm sie in den Mund und liess sie bluhen; dann persuadierte ich die Empusa, doch diese Roggenblute durch den Mund zu streifen und zu essen, als ein ganz sicheres Mittel gegen die Auszehrung. Dies hab ich im Kloster gelernt. Empusa frass die Roggenblute, fuhlte sich nun, gesichert gegen den Meltau, ganz munter. In unserm Haus war alles voll Sonnenschein und erinnerte mich sehr an unsere Kindheit, wo wir uns als in die Galerie versteckten, um dort das kleine Seeschiff zu betrachten und die unzahligen kleinen Wachspuppchen von allen Ordensgeistlichen, vom Papst an bis zu den Bettelmonchen und Nonnchen. Die Galerie stand offen, ich verweilte dort bei manchem aufgehobenen Kinderspiel aus unserer fruhsten Zeit; auch fand ich dort in einem Schrank den schonen Kastorhut der Mutter mit einem blitzenden Band von Stahl und Goldperlen, auf den der Papa als die Johanniswurmchen setzte, wenn er mit uns am Abend im hohen Sommer spazieren fuhr. Der Kastorhut war mir gar zu lockend; ich setzte ihn auf, er stand mir schon, ich glich der Mama; denn ihr Bild wurde mir wieder ganz deutlich und der Papa hatte mich auch lieb vor allen Kindern, ich glaub wohl, dass ich ohne Sunde den Hut kann behalten. Ich frage bei Dir an, ob's ein Diebstahl ist, unterdessen hab ich ihn zum Gunderodchen gebracht, dass sie mir ihn versteckt, bis Du mir schreibst, ob Du erlaubst, dass ich den Hut behalte! Ich behalt ihn aber doch! Abends war bei der Gunda der Tee; da waren allerlei Menschen, die ich noch nicht gesehen hatte, aber auch Link war da, Dein Freund! Sie erwarteten Heinse, aber der kam nicht, den ich doch so gern gesehen hatte. Ich sass auf einer Schawell an der Ture des Kabinettes, das ganz voll war, an Gunderodchens Seite, so lehnte ich mich an sie, und wahrend ein Doktor Kastner sang: nice bella nice amata, schlief ich ein; kein Mensch hat's gemerkt.
Gestern am Sonntag fuhren wir nach dem Trages; schon um sieben Uhr waren die Wagen vorgefahren, alles, was mitfuhr, hatte sich im Saal versammelt, alles war eingestiegen, und als alles eingestiegen war, da war kein Platz mehr fur mich! Da hiess es, der Leonhardi kommt gleich vorgefahren mit Fr. von Barkhausen, mit denen fahrt die Bettine. Der Leonhardi kam erst gegen zehn Uhr! Keine Frau von Barkhausen mit; man war unsicher, ob ich allein mit ihm uber Feld fahren konne, unterdessen stieg ich ein und sagte: "Fahr zu Kutscher!" Und bald war ich mit meinem Leonhardi in die sommerlichen Felder entflohen. Jetzt lass Dir erzahlen und glaub es nicht, das kann mich nur uberzeugen, dass es Dir zu toll vorkommt; er klappte einen Tisch auf, darauf legte er einen Folianten, den er mitgenommen hatte, einen Krug Geilsheimer Wasser, den er mit einer Schlinge ans Fenster befestigte, plazierte er auch darauf und nun legte er sich mit beiden Ellbogen auf seinen Tisch und fing an, in der Chronik zu studieren und Exzerpte zu machen. Nachdem ich eine Weile eine grosse Warze und eine kleinere Warze auf seinem Backen betrachtet hatte, so fing ich an zu pfeifen. Das war ihm verdriesslich; er bat mich, stille zu sein; denn er habe da was sehr Ernstes vor und sich es zum Gesetz gemacht, nie Zeit zu verlieren! Ich schwieg recht gern, aber ich sang in Gedanken und vergass das Schweigen und sang wieder laut. Das storte ihn sehr; er machte mir Vorwurfe, dass ich keinen Augenblick Ruhe haben konne! Als wir an einer Schenke hielten, um die Pferde zu futtern, setzte ich mich auf den Bock und liess den Leonhardi mit seiner alten Chronik im Wagen! nur einmal liess ich halten, weil eine wunderschone Blume am Wege stand, die wollt ich pflucken; da machte der Leonhardi einen furchterlichen Larm, ich hatte aber meine Blume. O bluhte sie doch ewig! Es ist mir lieb, dass bis jetzt mir noch niemand gesagt hat, wer sie ist, denn dann setzt man gewohnlich auch hinzu, sie ist ganz gewohnlich und wachst da und da sehr haufig! Nun lass Dir nur erzahlen, wie schrecklich bos ich den Leonhardi gemacht hab; ich wollte namlich ein bisschen fahren, und ich kann es auch recht gut. Da hat mir der Kutscher die Zugel gegeben; der Leonhardi, der alle Augenblick aus seiner Chronik herausguckt, sieht das, ruft, ich soll's sein lassen, die Pferde scheuen leicht. Der Kutscher sagt, ich konnte getrost fahren; ich schnalze mit der Zunge und werfe den Pferden die Zugel ein bisschen auf den Hals, sie werden charmant mutig, und es geht noch einmal so rasch! Der Leonhardi kriegt Angst schrecklich, die Pferde seien ausgerissen, steckt eilig den Kopf durchs offne Fenster, wirft den Krug, der Pfropfen geht heraus und das Geilsheimer Wasser fliesst uber die Chronik.
Es musste gewischt und geduppt werden den ganzen Weg! Aber jetzt kommt was sehr Lacherliches; er holte einen ganzen Pack alter Zeitungen aus der Tasche, ohne die er nie reist, sagte er, und nun wurden die nassen Stellen bepflastert; das ging so fort, bis wir in den Wald kamen, wo der Weg zu schlecht ist, um zu lesen oder zu pflastern. Wir kamen an, wie eben die Krebse auf den Tisch getragen wurden, ungeheuer grosse Kerle aus dem Goldweiher. Der Leonhardi zankte noch nachtraglich auf mich, dass ich allein am spaten Kommen schuld sei ich hatte alle Augenblick eine Blume abbrechen wollen, ich hatte das Geschirr an den Pferden in Unordnung gebracht, ich hatte die Pferde wildgemacht. Es waren mehrere Hakennasen aus Savignys Familie da es war ein ziemlich heisser Nachmittag, mit verbrannten Nasen kamen wir vom Hahnenkamm zuruck; Savigny war uber die Massen freundlich und schloss alle Schleusen seines Paradieses auf und schien dennoch so einsam unter uns allen, als waren wir wie eine Horde Rauber bei ihm eingefallen. Die Zeit kam zum Aufbruch; auf der Heimfahrt war ich nicht in Leonhardis Kutschenverlies eingesperrt, er hatte dagegen appelliert. Ich schlief im Wagen bis in Hanau, wo die Pferde futterten; da sahen wir Minchen, und da teilte ich ihr Deinen Brief mit, sie freut sich recht, die Heldin Deiner Oper zu sein. Dort kam der Georg gefahren und nahm mich in sein Gig, wo ich durch die kuhle Nachtluft sehr erquickt ward. Heute Nachmittag sind wir wieder in Offenbach angekommen; ich wollt, ich war gar nicht fortgewesen, so mude bin ich von dieser Reise. Ich endige meinen historischen Brief, weil es mir grade so ist, als werde nichts heut vorgehen, woraus ich geschichtlichen Honig saugen konnte. Gunderode, Minchen und Marianne grussen. Du kommst wohl diese Messe nicht nach Frankfurt?
Bettine
Liebe Bettine!
Dein letzter Brief hat mich mehr als je ein vorhergehender erfreut, er ist recht frohlich, ohne alle Melancholie, und Du hast eine grosse Darstellungsgabe; immer mehr werde ich uberzeugt, dass Du eigentlich zum poetischen Auffassen aller Ereignisse, auch der kleinsten, das grosste Talent hast, und ich kann Dir nicht genug empfehlen, daran festzuhalten. Alles, was Du mir erzahlt hast, ist gut und lieb und wahr. Wie weh sollte es mir tun, wenn Du aus Deiner naturlichen Richtung herauskamest. Wie schon wird unsere Freundschaft werden, wenn nichts Unklares und Trubes mehr in ihr herrscht und unsre Empfindungen sich klar und tief aussprechen, und wir uns recht vernunftig aneinander freuen konnen. Dass Du ruhig und heiter bist und dahin strebst, fuhle ich mit Freuden, und dass ich auch dahin strebe, darfst Du mit Recht von mir begehren. Du glaubst, ich werde diese Messe nicht nach Frankfurt kommen, ich komme doch, und vielleicht bleibe ich den ganzen Winter uber in Frankfurt. Savigny ist dann freilich allein in Marburg, doch im Sinne des Worts genommen ist er das wohl immer, was Du wohl an ihm bemerkt hast. Am deutlichsten erscheint seine Einsamkeit darin, dass er einen nie vermisst; mich schmerzt das oft. Da ich aber an die Vollendung eines Menschen kaum starker glauben darf als an die seinige, so ware es toricht von mir, naher zu untersuchen, ob er ganz recht hat, mich nur grade so zu lieben und nicht mehr; er hat sicher recht und damit holla! Eines fehlt uns, liebe Bettine, und mir mehr als Dir; es ist die Kunst, mit sich selbst genug zu haben, die mussen wir erlernen. Es ist das einzige Mittel, zum Uberflusse zu kommen, denn dann haben wir die Hulle und die Fulle, indem unsre Liebe zueinander, die nun Gott sei Dank das beste und edelste Geschenk des Geschickes ist, ein Ubermass ist uber das, was als unsere innere Lebensgenuge noch obendrein uns geworden ist. Gott wird Dir vielleicht und hoffentlich zu einem lieben Manne helfen und mir zu einem lieben Weibe, mit diesen Verhaltnissen und dem gehorigen Gluck und Ungluck wird es sich so angenehm leben, als es zum Leben notwendig ist. Das nach der Meinung vieler Narren und Weisen hochst eitel und nicht sehr zu schatzen sein soll. Doch noch eins, mein Kind! Es ist zwar leicht, sich uber vielen Verdruss, uber viele Kleinlichkeiten hinauszusetzen, noch leichter aber ist's, sich alles das zu ersparen. Sich ein wenig einzuschranken, um keinen Verdruss zu haben, lohnt wohl der Muhe; Verdruss krankt uns doch und nimmt uns das Vertrauen zu den Menschen; hieraus ware wohl zu empfinden, dass er dem freien Lebensorgan unseres Herzens in den Weg tritt, und wenn wir ihn nicht mehr empfinden, so ist das doch eine Abstufung unserer Seele. Wie schon ist es nun, die Menschen um sich her so zu beruhren, dass sie einem keinen Verdruss mehr machen konnen, und doch die Freiheit und das ganze Leben seines Herzens zu behalten. Dass Du nun von so vielen Menschen verkannt wirst, wie zum Beispiel von Ebel, der trotz seiner schwachen Seiten ein sehr gelehrter Mann ist, und von Leonhardi, der offenbar einen Widerwillen gegen Dich hat, wundert mich nicht, da mir selbst in einzelnen Minuten Deine Erscheinung nicht ganz gefallt und mich druckt. Wenn ich das empfinde, der ich Dich so gut kenne, wie sollen das alle die Leute nicht empfinden, die keinen Menschen kennen? Nun zweifle ich aber gar nicht, dass es Dir einleuchten werde, wie es nicht zu verschmahen sei, allgemein liebenswurdig und geliebt zu werden; denn nur dann kann man behaupten, zur wahren Schonheit des Gemuts gelangt zu sein, wenn kein guter Mensch unbefriedigt von uns geht. Ich weiss nicht, Bettine, warum es mich so unendlich unmutig macht, wenn ich Tratschereien uber Dich hore, aber ich glaube, es ist deswegen, weil es eine wirkliche Nachlassigkeit von Dir ist, sie zu veranlassen. So habe ich jetzt zum Beispiel wieder gehort, dass Du dem Madchen, was Dich sticken lehrt, Briefe von mir und Dir vorliest, und was hindert dies Madchen, sie mag ein gutes Geschopf sein oder nicht, das, was sie gehort, herumzutragen? Was Du selbst nicht verbirgst, wird sie auch nicht verschweigen und hat es wohl nicht verschwiegen, sonst wusste ich's nicht. So wie Du zu ihr mit Deiner Vertraulichkeit hinabsteigst, steigt sie wieder hinab, und sofort ist der Weg sehr kurz, dass unser ganzer Umgang ein Gassenhauer wird. Das ist nun eine sehr verdriessliche Sache, das macht Dich und mich den Leuten lacherlich und mit Recht, und uns beiden macht es die Leute beschwerlich, denen Du es so wenig wie ich verdenken darfst, uber das zu lachen und zu spotten, was mit solchen Pratensionen im Kote gefunden wird. Sehr ungeschickt und ebenso toricht aber war es, wenn Du dem Madchen das verweisen wolltest oder nur ein Wort daruber verlorst; denn das Madchen hat gar nichts verbrochen, sondern bloss Dir selber sollst Du es verweisen und das recht tuchtig. Diese ganze Geschichte kann zwar sehr zufallig und nicht so bedeutend sein, als sie hier auf dem Papier Dir wiedergegeben ist, auch hast Du vielleicht Dein Vertrauen seitdem beschrankt, von dessen Mitteilung zu der niedrigsten Klasse kein grosser Schritt ist, sie selbst mag sein wie sie will, sie darum zu verwerfen, ware unmenschlich, aber uberhaupt in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten, ist sehr toricht. Du siehst nun, ob die Bruder und Anverwandten keine Ursache haben, mit Dir und mir unzufrieden zu sein, wenn sie solche Dinge von uns erfahren sollten; ich glaube, sie haben keine Ursache, unsern Umgang zu ehren, wenn Offenbacher Juden sich uber ihn unterhalten. Werde nicht traurig uber diese Geschichte, sondern nehme Dich in acht mit Deinem Vertrauen. Es kommt am Ende der Verdruss auf mich und mit Recht, warum habe ich Dich nichts Besseres gelehrt. Ich habe unlangst den Franz gebeten, Dich nach Frankfurt zu nehmen; er tate es gern, nur macht er mancherlei Einwendungen, er begehrt, dass Du der Toni gehorchen, reinlich, fleissig und hauslich sein sollst, das ist nun freilich in etwas gegen Deinen Freiheitssinn, der in Dir von der Grossmutter ordentlich erzogen wurde, aber das wirst Du ihm doch nicht verdenken, bei der grossen Ausbreitung des Familienzirkels im Hause kann er nur wunschen, dass ein so junges Madchen wie Du sich an ihn und Toni anschliesse, dies ist eine notwendige Folge seines treuen Gemuts. Du wunschest nicht in Frankfurt zu sein, so wie Du jetzt bist, ist es Dir viel angenehmer, weil Wald und Flur Dir vor der Tur entgegenlachen, weil Musik und alles und die Einsamkeit Dir dort teilweise geraubt werden und auch der Umgang der Grossmutter Dir dort fehlen wird. Aber war es vielleicht nicht besser und zutraglicher fur Deine ganze Zukunft, wenn Du Dich mit Geist und Seele in einen ganz andern Zirkel stelltest? Du wurdest eine schone Muhe anwenden, Dich dem Franz gefallig zu machen, Du wirst selbst nach und nach Dich mehr der Gesellschaft anderer Menschen, der das Weib nie entgehen soll und darf, anpassen, und mit viel grosserer Freude und Ruhe wirst Du Dich selbst und die innere Bildung Deiner Seele fortsetzen, wenn Du siehst, dass die Menschen Dich lieben. Es ware selbst das schonste Unternehmen, mit Muhe daran zu arbeiten (ohne doch deswegen es merken zu lassen), die Geselligkeit und Freundlichkeit unseres Hauses unter Deinem heimlichen Schutzrecht gedeihen zu machen, und ich zweifle nicht daran, dass es Dir moglich ware, wenn Du recht wolltest.
Sieh, das sind alles fromme Wunsche, und ich weiss kaum, ob die Momente, an die sie sich knupfen, wirklich eintreten werden, und ob es moglich sein wird, je auf einem solchen Parterre des Witzes und des Extraordinaren einen freundlich hauslichen Garten anzulegen, wo jeder gern sein mochte. Ich habe nie Gemuter angetroffen, die so warm lieben und zugleich sich schamen, diese Liebe zu aussern. So trifft der Spott immer die Innigkeit, und ist keiner da, der sie auslacht, so lacht sie sich selber aus. Ubrigens weiss ich bei allem dem nicht, ob man damit ubereingekommen ist, Dich nach Frankfurt zu nehmen; mein Wunsch ware es beinah, dass Du mehr in den gewohnlichen Frankfurter Schlendrian kamst, damit Du das Auffallende in Deinem Betragen etwas unterdrucktest, denn durch dies Auffallende kannst Du leicht einstens noch viel Verdruss haben, nicht als ware es deswegen schlecht an sich, nein, es ist nur hinderlich und steht oft und bei dem Weibe fast immer im Wege, Gutes zu wirken.
Die Sitte kann keinem Menschen erlassen werden; sie ist eine Art Allerweltsprache, ohne die man nie verstanden wird; doch soll der Mensch in sie ebensowenig von Jugend auf hineingeleimt werden, als er ganz unfahig fur sie werden darf. Aber schon ist, wenn sie der Mensch mit freiem Willen ergreift, sie durch die schone Eigentumlichkeit seines Daseins veredelt und so allen andern in dieser allgemeinen Sprache sich selbst liebenswurdig und verstandlich macht. Jede ganzliche Verschliessung des Menschen ist verderblich und hat etwas Furchterliches und Unnaturliches, um so mehr, wenn sie nicht ganz freiwillig, sondern durch eine aussere schmerzliche Beruhrung mit der Welt hervorgebracht ist, die aus Unfahigkeit und Unbildung entstand; denn in dem Zusammenhang besteht die ganze Grosse der Welt, und an ihr konnen wir uns allein starken und bilden. Wer sich diesem Zusammenhang entzieht, muss ein grosses reiches Leben zuruckgelegt haben, das er nun ausbilden und verarbeiten will, oder er muss sich von seinen Wunden heilen wollen, so kann er zu entschuldigen sein, wenn er zurucktritt. Aber jener, der durch Ungewohnheit und Ungeschicklichkeit im Umgang mit Schmerz und Sehnsucht nach eben der Welt, der er sich nicht anpassen kann, sich zuruckzieht und auf sich selbst reduziert, der verdient bei allen ubrigen Verdiensten doch von dieser Seite fur einen unvollkommnen ungeschickten Menschen gehalten zu werden und wird mit Recht ausgelacht, wenn er seiner Unbeholfenheit den Namen der Zuruckgezogenheit oder der Betrachtung geben will. Solange, liebe Bettine, als die Einsamkeit Dir noch anklebt als Widerwillen gegen die Gesellschaft, musst Du Dich nach den Menschen umsehen und alle Mittel anwenden, Dich von allen Menschen geliebt zu machen.
Das Leben des Weibes ist fester und unbeweglicher als das Leben des Mannes, das Weib beruhrt die Menschen naher und muss Segen uber ihre Umgebung verbreiten. Was frommt es Dir, wenn dann und wann ein geflugelter Denker an Dir vorubereilt, der Dich grusst und weiter eilt und Dir die Sehnsucht unbefriedigter Liebe zurucklasst! Ich weiss nicht, welches Bild schoner ist, ein Marienbild von einem trefflichen Meister, das in einer kleinen Dorfkirche vergessen hangt, aber vor dem fromme und unschuldige Menschen beten, oder eine herrliche Statue in den Handen von Barbaren, die dann und wann von einem durchreisenden Kunstkenner oder von einem reisenden Englander bewundert wird. Jenes wird nie verkannt und immer gewurdigt, dieses wird selten erkannt, und jeder Dunkel brustet sich mit ihm. Ich wunsche es daher herzlich, liebe Bettine, dass Du auch verkehrtere Menschen und gewohnliche durch deinen Umgang, durch eine einfache, durchaus sittliche Erscheinung, die, ohne aufzufallen, alle die Rechte der Liebenswurdigkeit und Gute geltend macht, erfreuen mogest. Du rettest dadurch mich von Vorwurfen und machst, dass Deine Liebe zum Schonen nie als eine Zuflucht erscheint, sondern ein freies schones Erheben, das wie die Andacht und Religion neben dem stillen hauslichen Leben steht.
Arnim hat mir neulich viel geschrieben, er ist bis Mailand herumgeirrt und hat viel gedichtet; sein ganzer erster Brief ist uber Dich, doch ohne Verliebtheit, mit freundlicher Achtung und Annaherung erfullt. Wenn ich nach Frankfurt komme, lese ich ihn Dir vor; er ist jetzt in Genf und grusst Dich herzlich. Sollte Dir ubrigens der Vorschlag gemacht werden, nach Frankfurt zu kommen, so mache keine Einwendung, als hochstens, dass Du gern Dein eignes Kammerlein haben mochtest; denn die vielen anderweitigen Beruhrungen, denen Du ausgesetzt bist, wenn Du die Wohnung teilst mit Gundel, die ganz andere Gewohnheiten und Verkehr hat, als ein so junges Madchen wie Du sie haben kannst, wurde auf Deine fernere Bildung sehr verderblich wirken. Adieu, liebstes Schwesterchen, sei vergnugt und fleissig und fein.
Dein Clemens
An Bettine
Dusseldorf
Bettine, Du schreibst nicht! Das macht mich angstlich um Dich. Du bist seit vierzehn Tagen in Frankfurt; ich muss mir das von andern schreiben lassen, es ist zum erstenmal, dass ein Brief so lang ohne Antwort blieb; ich hatte Dir geschrieben aus ernsten Grunden und Dir ans Herz gelegt, was Dir so notwendig, mir so wichtig und heilig ist. Was kann Dich abhalten, mir zu antworten? Ich bin seit gestern hier aus Jena, wo ich mit meinem Ritter war, der auch Dir so gut ist, dem Du nichts geantwortet hast auf seine liebevollen Zeilen. Was ist das, dass Du verachtest, wenn ein so grosses Gemut Dich freundlich begrusst, dass Du diesen Gruss verschmahest! Ist es nicht, als wenn Du dem Sonnenschein, der sich uber die Dacher zu Dir herniederstiehlt, um Deine Wohnung durch seinen Besuch Dir freundlich zu machen, die Fenster verhangtest? Ich schreib Dir heute nicht mehr, aber ich bitte Dich, vernachlassige nicht Deinen treuen Bruder! Ich bitte Dich, schreib, Du glaubst nicht, wie es mich manchmal packt, als konne diese reine Freude an Dir mir verdorben werden.
Lieber Clemens!
Ich sitze hier schon eine halbe Stunde und besinne mich, nicht was ich Dir schreiben soll; denn ich hab genug zu sagen, aber wo ich anfangen soll! Das geschieht mir nun schon so oft, als ich auf Beantwortung Deines letzten langeren Briefs denke. Und sonst war das nicht so! Nie hab ich mich bedacht, es floss mir aus der Feder! Deine Verweise krankten mich nicht, wenn sie auch manchmal aus der Luft gegriffen waren, und jetzt weiche ich dem aus, Dir zu schreiben, alles dient mir zum Vorwand; ich gehe zur Gunderode ins Stift, ich bleibe langer bei ihr mit dem heimlichen Willen, dass es zu spat sein moge, Dir heute zu schreiben, und so vergeht ein Tag nach dem andern; an jedem wache ich auf mit dem Gefuhl einer Tagespflicht, die ich gern hinter mir haben wollte und zu untuchtig bin, sie zu leisten. Also, Du siehst wohl, dass es nicht Leichtsinn war, hatte ich den nur dabei gehabt, so war mein Brief schon langst bei Dir angelangt. Ich hab der Gunderode davon gesagt und hab ihr (es mag Dir vielleicht nicht recht sein) Deinen Brief ganz vorgelesen. Sie sagte, der Clemens spielt in einer fremden Tonart, in der Du nicht bewandert bist, in die Du auch nie hineinkommen wirst, es ist daher nur zweierlei zu tun, entweder Du antwortest ihm Punkt fur Punkt, wie wenn Du vor Gericht standest, wo man ja auch, aus dem innern Lebenskreis herausgeworfen, wie ein Hund parieren muss. Oder Du uberspringst alles, was er rugt, was er fragt und empfiehlt; denn er wird doch wohl nicht mehr von der Stimmung dieses Briefs durchdrungen sein. Ich fand auch diesen letzten Rat vorzuziehen, allein, wo ich hier am Schreibtisch sitze mit mir allein (denn Dein Brief hat mich isoliert, und ich weiss nichts in diesem Augenblick vom Spielplatz geschwisterlicher Liebe), also mit mir allein hier, in den Spiegel sehend uber meinem Schreibplatz. Da regt sich ein ungeheures Selbstgefuhl! Clemens! Ich glaub wohl, es gibt Menschen, die sich lenken lassen von dem Geiste anderer, ich auch, sobald dieser Geist in dem meinen widerhallt, sobald also er den meinen zur Ubereinstimmung weckt. Diesmal tut er das nicht, ich konnte diesem Brief wie der Inquisition gegenuberstehen, die nie den Sinn von einem freisinnigen Menschen erfassen kann, als nur zu seinem Verderben! Und noch eine Frage: Soll ich Dich beschamen durch meine Antwort? Das war schlimm; denn es be- wiese Dir, dass es mit der Hingebung in Freundschaft und Liebe nichts ist, dass alles Rufen und Berufen immer dem inneren Selbst weichen musse, dass alles, was diesem inneren Selbst widerspricht, von ihm mit Fussen getreten wird, und ich muss Dir sagen, lieber Clemens, dass ich ganz nach diesem gottlichen Ebenbild des Selbstseins geschaffen bin.
Nun lasse uns immer diese bittere Frucht anbeissen, denn ich seh, es geht doch nicht anders, und eher wird mir das Herz nicht leicht Dir gegenuber.
Also erst der Eingang Deines Briefes, der mir ein Streben nach Klarheit und Ruhe unterlegt! Nein, Clemens, ich habe kein mir bewusstes Streben der Art, das muss von selbst aus dem Lebensquell hervorspringen. Eines Strebens bin ich mir bewusst, weil sich alle meine Krafte darin bewegen. Das ist innere Unantastbarkeit. Du nennst das "die Kunst mit sich selbst genug zu haben" mir ist das keine Kunst, warum? Weil ich alles mein nenne, weil alles mein ist, was ich anrede, was mich erregt. Sehnsucht hab ich nie gehabt, von Kindheit an nicht, ich konnte Dir aus dem Kloster daruber erzahlen. Das Schone hab ich liebgewonnen, ich nahm es an, wenn man mir es schenkte, um gleich es wieder zu verschenken. Nur in der Freiheit, in dem Fursichbestehen gefallt mir das Leben; und ich werde nie etwas an mich reissen. Ich werde mich hinneigen, aber ich werde mich nicht gefangen geben.
Du denkst Dir also unsre Liebe zueinander als den "Uberfluss und die Fulle des kunftigen Lebens? Die uns zu der Genuge desselben noch obendrein gegeben ist." Du sprichst aus: "Gott werde mir hoffentlich zu einem lieben Manne und Dir zu einer lieben Frau helfen." Das sind Deine Worte an mich! Und das ist die Tonart, in die ich durchaus nicht ubersetzen kann. Und ich kann mich dabei auch gar nicht aufhalten, die liebe Frau, der liebe Mann mogen sich zusammenfinden, wo es ihnen deucht, ich will sie nicht genieren! Mehr lasst sich von mir nicht herausbringen. Jetzt gehst Du weiter in Deinen Vermahnungen, als ob die Philister Dich trunken gemacht hatten, und sprichst vom Verdruss und von Abstumpfung gegen die Beruhrung mit Menschen. Ach, das mag ich gar nicht noch einmal lesen, mir ist, als musse ich mit einem Muckenplatscher diese narrische Mucken von Dir alle totschlagen. Nun sagst Du, dass Dir, der mich doch so gut kenne, meine Erscheinung in einzelnen Minuten auch nicht gefalle.
Ach, war es moglich, dass eine fremde Sprache eine andre fremde Sprache mit ihren Klangen und Wortarten so ganz decke, dass einer einen Roman in der einen schrieb, der andre in der Meinung, es sei die andre Sprache, in ihr diesen in der ersten geschriebnen Roman lase? Und kriegte da eine Geschichte heraus, von der keine Spur je geahnt oder gemeint war. So ist's mit Dir, und ich muss Deine Hoffnungen alle niederschmettern, dass ich mich bemuhen wurde, "allgemein liebenswurdig und geliebt zu werden". Du hast mich nicht in meiner Sprache gelesen; Du hast eine andre Natur herausgekriegt, die Dir nur dann und wann nicht gefallt, meistens aber doch. Wenn Du aber in der meinigen Sprache mich gefasst hattest, so wurde ich keinen Augenblick Dir gefallen, nein, davon nicht, von andern Dingen war die Rede. Ein Gewimmel von Missverstandnissen.
Nun lasse uns noch durch den Morast der Tratscherei waten, da ich hochgeschurzt bin und daher nicht furchte, mich zu beschmutzen. Und doch kommt es mir sehr hart an, dass ich hier Halt machen muss. Was Deine Briefe anbelangt, so liegen sie alle mit Nummern bezeichnet in einem kleinen Schrankchen, das ich zur Not bei einer Feuersbrunst oder Uberschwemmung unter den Arm nehmen konnte und damit das Weite suchen; ich geh an diesen Behalter nie, nur wenn ich einen neuen Ankommling hineinsperre wie im Kloster, heraus kommt mit meinem Wissen keiner! Ja, ich selbst lese sie nicht leicht wieder, wie ich sonst wohl tat, denn eine zu grosse Masse von Gedanken durchstromt mich und fuhrt mich wie ein gelichtetes Schiff auf die hohe See, die Heimat hab ich im Herzen, aber ich kehr zu ihr nicht zuruck, ich lande unter fremden Himmelsstrichen. So geht's mit Deinen Briefen, sie sind meine Heimat, in ihnen bin ich geboren, aber die Heimat hab ich verlassen. So wenig ich die Ture meiner Hutte offnen kann hier im fernen Weltteil, so wenig offne ich diese Briefe, die mir geliebt, aber fern liegen. Versteh mich, das heisst, liebe mich darum!
Nun will ich Dir noch vom Veilchen erzahlen, Du sagst von ihr, "sie mag ein gutes Geschopf sein, zu der ich hinabsteige mit meiner Vertraulichkeit!" Wer bin ich denn, dass ich mich herablasse, wenn ich mich zu einem guten Geschopf vertraulich wende? Bin ich ein Engel? Nun, die fliegen ja den guten Menschen nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt, aber ich glaube nicht, dass ich ein Engel bin, ich glaub vielmehr, dass ich zu ihr hinansteige, statt herab! Sie ist diesen ganzen Sommer in Wiesbaden mit ihrem Grossvater, sie weiss, der alte Mann muss sterben mit seiner Krankheit, er ist schon zwischen siebzig und achtzig Jahre, aber sie hat ihn hingefuhrt, seine Enkel hat sie ausgetan bei befreundeten Juden fur ein Kostgeld, so hoch sie es zu erschwingen vermag. Die Hoffnung, dass die Bader ihm nutzen, macht den alten Mann geduldig in seinen Schmerzen; so denkt sie ihn leise den Lebenspfad fortzugeleiten, so pflegt sie ihn! Er ist mein Grossvater, sagt sie, mein Vater war sein Liebling, er hat gar sehr viel an ihm getan! Und so wischte sie sich den Schlaf aus den Augen am Abend, denn sie war fruh aufgestanden; also, da las ich ihr als vor aus den Buchern, die ich von Dir hatte, manches schone Lied von Goethe hat sie auswendig gelernt wahrend dem Sticken, und ich fadelte ihr die Nadeln ein. Es waren die liebsten Zeiten mir. Als sie wegging, hab ich ihr versprochen, nach den Kindern zu sehen; und ich bin deswegen mit ihr im Briefwechsel, so lasse ich ihr Stickmuster bei dem Goldarbeiter Fink machen, wenn sie neue Auftrage hat, ich schikke ihr die Seide und das Gold und geb ihr meine Ansicht, es ist mir immer das grosste Plasier, wenn ein Auftrag bei ihr einlauft, wobei meine Erfindung von ihr in Anspruch ge- nommen wird, mein liebstes ist Stahlflitter und Perlen, und letzt haben wir eine grune Sammetrobe in solchen Stahlgirlanden angeordnet mit einem Netz von goldnen Raupen daruber, und das soll so wunderschon gewesen sein, schreibt sie, dass man nicht glaubt, in Paris konne es besser gemacht sein. Meinst Du, so was hatte keinen Reiz fur mich? Wohl freue ich mich uber einen solchen Brief. Und wie manche Stunde in der Nacht habe ich in Erfindungen geschwelgt. Du siehst, lieber Clemens, die Gegend ist anders, als Du sie gedacht hast, da ist kein Steg, der hinab in die Gemeinheit fuhrt. Wir befinden uns innerhalb der Grenzen des einfachsten Verkehres, und Deine Furcht, dass Dein Umgang mit mir ein Gassenhauer werde, und dass man ihn belache und sich daruber argere, im Kote zu finden, was mit so hohen Pratensionen auftrete, ist dem inneren Wesen nach ungegrundet. Du schreibst, "in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten, ist toricht." Clemens, was war es, wenn ich auch dadurch mich abhalten liess, der Veilchen die kleinen Gefalligkeiten zu erzeigen, weil Offenbacher Juden von mir sprechen?
Mein Aufenthalt hier in Frankfurt dauert nun schon vierzehn Tage, morgens fruh wecke ich den Franz und laufe mit ihm in die Gemusgarten vor der Stadt. Das ist meine beste Zeit. Da ich mit der Gundel in einem Zimmer wohne, so ist das Eckelchen, worin ich mich bewege, sehr klein, dafur hab ich einen grosseren Raum bei der Gunderode im Stift, wo ich Landkarten male von Alt-Griechenland. Doch dort kommt der alte Domherr von Hohenfeld hin und sieht auf mich herab und gibt mir Anweisung, das ist mir unangenehm. Ich hab fruher mit dem Sonnenschein gern verkehrt, jetzt ist mir lieber die Nacht, wo ich auf den langen dunklen Gangen spazieren gehe und erwarte, dass ein Geist kommt mit mir zu reden; mit dem Dominikus unterhalte ich mich uber die Republik der Herbstspinnen auf der Altane. Wohin ich gehe, ist der wie von einem allgemeinen Landregen aufgeweichte Pfad der Langenweile, in dem man leicht mit dem Schuh stecken bleibt und nicht weiter kann! Doch sollte ich mich nicht fassen konnen und meinen Geist auf die Weide treiben (Du nennst es Bildung meiner Seele, ist mir ganz unverstandlich!), "ich soll mein auffallend Betragen unterdrucken", weiss nicht, in was es besteht, soll die "Sitte als eine Allerweltsprache aus freier Anmut fuhren lernen", wo ist das Theater, wo man diese Rolle spielt?
Du hast es also gewunscht, ich mochte Offenbach verlassen, um in einen hoheren Kreis und Verkehr mit der Welt zu treten. Lieber Clemente, in dem Offenbacher Kreis war die Katz zu Haus, in diesem hier tanzen die Mause auf dem Tisch! Die Katze konnte ich verstehen und Lehre von ihr annehmen, obschon ich oft dabei gahnen musste. Das letzte, was ich ihr vorlas, sind die lettres de Madame de Sevigne, es hat ihr sehr leid getan, dass sie meiner Seelenbildung nicht konnte diese letzte Hand anlegen. Hier verstehe ich wohl, was sie meint. Diese an eine Tochter geschriebne Briefe sind ein eleganter Tanz der Seele auf dem Tanzplatz der hoheren Welt, wo alles ihrer Grazie bei jeder Wendung Beifall klatscht. Ich werde nie in die Verlegenheit kommen, solche Briefe schreiben zu mussen.
Adieu, Clemens. Ich werde auch unter den Mausen keine Gelegenheit haben, mich geltend zu machen; es ist ein apart Geschlecht, ich gehore nicht dazu.
Ich hab einen recht garstigen Singlehrer, einen alten Distelbart! Pfui! Wie mir der zuwider ist; wenn er fort ist, mach ich Fenster und Turen auf, damit die Atmosphare seines Dagewesenseins nicht im Zimmer eingeklemmt bleibe. Wenn Dir nachstens geschrieben wird, dass ich uber Schmerzen auf der Brust klage, so bedaure mich nicht, ich muss lugen um des Distelbarts willen.
Adieu, ich gehe jetzt zur Gunderode und lese ihr diesen Brief vor und konsultiere, ob ich diesen widerbellerischen Brief Dir schicken soll.
Clemens! Die Gunderode hat gesagt, der Brief war sehr gut und ich soll ihn Dir schicken.
Bettine
Dusseldorf
Liebe Bettine!
Du wirst Arnims Brief fur Dich und Gundel erhalten haben, heute erhielt ich Dein liebes Schreiben und danke Dir herzlich. Ich hoffe von Dir einen Brief in Marburg zu finden, wohin ich in wenig Tagen abreise, und begehre denn auch sehnlich nach einem ordentlichen schriftlichen Verkehr mit Dir. Dein heutiger Brief hat mir einen ganz eignen Eindruck gemacht. Ich weiss nicht, in wiefern sich Dein Gemut verandert hat durch Deinen Aufenthalt in Frankfurt, dass Du so ruhig in eine verneinende Position Dein ganzes Wesen ubertragen hast. Ich kann mich nicht ohne Deine Treue im Leben denken, und so habe ich leicht Furcht, ich konne durch ein unwillkurliches Verletzen Dich verscheuchen wie ein Reh, dem einer nachging, und es liebt doch mehr den Wald als alle Liebe, die man ihm bietet. Und was ist es denn, was ich in meinem letzten Brief Dir aussprach? Alles, was ich von Deiner Liebe erwarte; ich erwarte in ihr die Liebe eines unverschrobenen, reinen, einfachen Gemutes. Wenn Du aller Verschrobenheit entgegenarbeitest, ich glaube zum andern, was ich Bildung der Seele nenne, brauchst Du keine Muhe. Um eines bitte ich Dich, lasse Dich nicht in die Basereien und Flustereien ein, die dort in der Luft wehen, die als ewig langweiliger Schweif schiefer Liebeleien das Interesse fur unmittelbaren Geist durchkreuzen! Bleibe um Gotteswillen wie Du warst! Sei jedermann hoflich, aber nie, nie mit einem Menschen vertraulich, den Du nicht achtest. Ich weiss, wie leicht man durch das langweilige unordentliche Leben in der Gesellschaft zu niedrigen Gattungen der Unterhaltung seine Zuflucht nimmt, da nichts Grosses, nichts Edles in ihr unsre Fahigkeiten anregt, sondern Klatscherei, Kokettieren, dummes Witzeln und so weiter, woruber der Mensch nach und nach schlecht wird. Und solltest Du mir's verdenken, dass ich zartlich um Dich besorgt bin, und dass ich in dieser Besorgnis jeden Schatten verfolge, der sich in Deine Nahe wagt, von dem ich nicht weiss, ob nicht ein falsches Licht diesen Schatten wirft, da seit einem langen Monat Du nicht geschrieben hattest. Du musstest mir immer etwas zu sagen haben, aber Du vergisst mich gewiss einmal ganz. Andere mogen mir wohl gut sein, aber herzlich geliebt, scheint mir, war ich nur von Dir, bei der ich keine Nebenbuhler hatte, deren Lehren Dir mehr galten als die meinen. Menschen, die nie wunschen konnen, was ich wunsche, die waren nie Deine Freunde, und Du hast mich bisher nicht in meinem Glauben geschwacht und mich mit meinem Vertrauen noch nicht entzweit, wie mir schon manche schmerzliche Erfahrung geworden. Liebe Bettine, tue Dein Moglichstes, mir getreu zu bleiben, hebe das Dunkle, Schwankende in Deinem Vertrauen zu mir auf, lasse es klar und fest werden, dass nie etwas zwischen uns treten konne, selbst Deine Nachlassigkeit nicht. Ausserdem bitt ich Dich noch um eines: ohne Dich offentlich allzuhoch zu halten, so halte Dich doch innerlich uber jeden Preis. Der Edelstein, der seinen Preis bestimmen kann, ist der Taxe immer noch unterworfen. Sich so betragen, dass man den verdient, den man nicht lieben kann, und den glucklich machen kann, den man liebt; das ist die Wurde und die Hohe, auf die sich die Bildung der Seele schwingen soll, und das ist das ganze Geheimnis, was Du vorgibst oder auch meinst, nicht verstehen zu durfen. O, weiche mir nicht aus; die Idee, dass ich Dich jemals weniger schatzen durfte, als ich bis jetzt zu meinem Trost und meiner Lebensfreude immer noch getan, macht mich sehr betrubt. O ich bitte Dich, liebe Bettine, bringe es dahin, dass die Menschen und Du selbst Dich ehren. Wenn auch jene Dich nicht verstehen und Du selber Dich nicht begreiflich machen kannst. Den zweiten oder dritten Jenner bin ich wieder in Marburg. Wenn es Dir und Gundel Freude macht, an Arnim zu schreiben, so erwarte ich Euern Brief in Marburg zum Einschluss. Hast Du nicht wieder das ungezogne Hannchen oder Hanschen gesehen, Minchen vergiss um alles in der Welt willen nicht zu grussen und zu kussen, ich kann sie manchmal tagelang nicht vor den Augen wegbringen, sie ist meine Opernheldin, nur noch viel lieber und zarter, sie hat mich einmal dazu verfuhrt, dass ich diese Oper schrieb, taglich lasst mir der Kapellmeister Ritter ihre Grazie in den schonsten Melodien erklingen, und oft muss ich's selbst ihr sagen in Tonen; noch am Abend spat erfind ich mir Melodien zu meinen Versen, die Ritter mit freundlicher Anerkenntnis in die Oper aufnimmt, fur mich klingt das alles schon, ja hinreissend. Aber kann mich's nicht auch bestechen, die Lust sie doppelt zu besingen, mit der Melodie und den Worten.
Deine Verhaltnisse mit dem Stickermadchen beruhr ich nicht ferner. Es ist einmal traurig, dass oft das Einfachste, wenn es ungewohnlich ist, eine Laufbahn der Gefahr wird, aber ich kenne auch Deinen Eigensinn oder Heroismus, um Dich nicht zu beleidigen, dem Trotz zu bieten, wenn Du etwas fur Recht haltst, kenne ich.
Ich freue mich doch sehr auf den Savigny, da ich nun wieder Proviant auf die langen Winterabende habe, ihm zu erzahlen. Wenn er auch wenig oder gar nichts antwortet, so hort er doch mit einem Interesse zu, das entschadigt fur die Antwort, die er einem schuldig bleibt. Du glaubst nicht, wie wenige man findet in der Welt, die ganz frei sind vom Schlechten und Gemeinen, und wie ein Mann gleich Savigny ein wahres Wunderwerk ist.
Ich will Dir noch eine Ballade hierher schreiben, die ich gestern gemacht habe, nur um dem Arnim ein Gedicht schicken zu konnen, die Geschichte von Gottschalk Overstoulz und der Maus und Bischof Engelbrecht habe ich in der Kolnischen Chronik gelesen, es geschah im dreizehnten Jahrhundert, das andre ist hinzugedichtet, viel Gutes mag vielleicht nicht dran sein, aber es reimt sich doch, hat Anfang und Ende und gefallt Dir vielleicht.
Von Kollen war ein Edelknecht
Um Botschaft ausgegangen,
Den Vater hielt ihm Engelbrecht,
Der Bischof, hart gefangen.
Er ging gen Arle manchen Tag,
Er ging in schweren Sorgen,
Sein Liebchen ihm im Sinne lag,
Der hatt er es verborgen.
Gar traurig er am Brunnen lag,
In Busch und grunen Hecken,
Da hort er schallen Hufesschlag
Und tat sich schnell verstecken.
Zum Brunnen ritt ein froher Mann,
Sein Hutlein tat er schwenken,
Ein andrer ging betrubt heran,
Die Lanze tat er senken.
Und sprach zum frohen Froher Mann,
Was mag Dich so erfreuen
Lass ab zu trauren, hub der an,
Gott will uns Trost verleihen.
Denn Gottschalk, der getreue Mann,
Geht frei aus seinen Banden,
Durch Gottes Wunder er entrann
Mit allen den Verbannten.
Er hatte eine kleine Maus
Sich also zahm erzogen,
Die lief da freundlich ein und aus,
Und war dem Herrn gewogen.
Doch einst der kleine Freund entlief
Und wollte nicht mehr kehren,
Und wie Herr Gottschalk pfiff und rief,
Das Mauslein wollt nicht horen.
Da sprach betrubt der treue Mann,
Ich muss dich wieder haben,
Und mit den Freunden er begann,
Dem Mauslein nachzugraben.
Und in der Erde eingescharrt
Fand Meissel er und Feilen,
Womit er ihre Bande hart
Gar leichtlich konnte teilen.
Der andre sprach, mein Schwesterlein
Das liegt gar hart gefangen,
So hart, dass selbst das Mauslein klein
Nicht konnt zu ihr gelangen.
Des Schlosses Dach ist himmelblau,
Die Mauern grune Wellen,
Die Graben rings sind Flur und Au,
Die Fenster Fluss und Quellen.
Der susse Knecht, die Liebe brach
In ihres Herzens Kammer,
Ihm folgten die Gesellen nach,
Der Schmerz und bose Jammer.
Die Hoffnung blies ihr Lampchen aus
Die Schmerzen sie bezwangen,
Und legte sie ins dunkle Haus
Wohl auf den Tod gefangen.
Am Fels, wo wild der Rhein zerschellt,
Wo bos die Schiffe stranden,
Dort ewig sie gefangen halt
Der Schlund in kuhlen Banden.
Ein Freund des Bischofs sie belog,
Herr Hermann sei erschlagen,
Der insgeheim gen Arle zog,
Den Vater zu erfragen.
Dann zaumten sie die Rosse auf,
Um von dem Quell zu scheiden,
Und gaben sich die Hand darauf,
Den Bischof zu bestreiten.
Und wie sie aus dem Walde schon,
Trat wieder an die Quelle
Hermann, des treuen Gottschalks Sohn,
Der traurige Geselle.
Er eilte an das Wasserschloss,
Wo bos die Schiffe stranden,
Und schrie, wer macht mich fessellos,
Wer sprenget mir die Banden.
Leb wohl, leb wohl, o Vater mein,
Leb wohl in grossen Ehren,
Ich hab verloren das Mauslein klein,
Es kann nicht wiederkehren.
Leb wohl, leb wohl, o Kerker mein,
Das Mauslein ist verloren,
Das Schwert muss meine Feile sein,
Da tat er sich durchbohren.
Und sturzt hinab ins kuhle Haus,
Wo Liebchen liegt gefangen,
O Liebchen breit die Arme aus,
Ihn herzlich zu empfangen.
Ach lag gefangen im kuhlen Haus,
Die mich so hart betrogen,
Sie hatte, eh dies Lied noch aus
Mich auch hinabgezogen.
Grusse die Gundel und alles, wem es Spass macht, dem lese mein Liedlein.
Clemens
An Bettine
Marburg, am Mittwoch
Den Montag bin ich von Munster wieder zuruckgekehrt. Savigny ist mir dort begegnet und war freundlich; dass ich keinen Brief von Dir hier gefunden habe, macht mich traurig oder lasst mich einsam in meiner Trauer. Deinen Brief, worin die Reise auf den Trages beschrieben, hab ich ihn lesen lassen; er hat aber keine Silbe gesprochen und die Zeitung nachher gleich weitergelesen. Uberhaupt spricht er nie von Dir und hort ungern von Dir reden. Das ist vielleicht in seiner Art und muss Dich nicht verdriessen, Du hast die richtigste Ansicht von ihm, und wenn Du nichts mehr von ihm begehrst, werde ich nichts mehr an ihm vermissen, der keinen Menschen vermisst.
Adieu, in hochstens vier Wochen bin ich bei Dir.
Clemens
Lieber Clemens!
Es ist wohl wahr, dass ich Dir lange nicht geschrieben habe; denn mein letzter Brief, in dem ich wie ein ungebardig Kind mich allem widerstemme, was Du mir vorhaltst, der gilt nichts. Aber diesmal, noch ehe ich Deinen langen Brief eroffnet hatte, nahm ich mir vor, auf der Stelle zu antworten; so hielt ich denn an mich, liess mir erst eine Feder schneiden, mit der ich gleich recht kulant schreiben wollte; und wie ich schreibefertig war, erbrach ich erst Deinen Brief, in dem ich las und noch einmal las und wieder las, dass Du in meinem letzten Brief Dich nicht zurechtgefunden hast und nicht mehr weisst, ob meine Briefe ruhig und zufrieden oder kalt und erschlafft sind; ob ich Dich noch ebenso liebe wie sonst oder Dich ziemlich vergessen habe, da stockten meine Gedanken.
Ich habe zwar lange stillgeschwiegen gegen Dich, der Grund aber war kein andrer, als weil die Antwort mir nicht gleich einfallen wollte; ich bin nicht geubt, mich zusammenzunehmen und zu suchen in meinem Herzen nach Antworten. Auf Vorwurfe, die Irrtum sind, auf Sorgen, die mich nicht gramen, auf Fragen, von denen ich nichts weiss. Da denk ich und will noch einmal denken, weil ich ja suchen muss nach Antwort, und weil es ja nicht ist wie in Offenbach, wo ein frischer Wind durch die Pappeln rauschte, alle Blatter zum Flustern und Plaudern brachte, auch meine Gedanken auf die Flugel nahm und zu Dir hinflog! Sieh, das ist schuld, dass ich weniger schrieb; der Offenbacher Luftzug, ach, der erhielt mich so frisch! Ach, die Strassen waren mein, die so sauber morgens in der Fruhsonne dalagen, und die roten dunkelroten Granithauser mit Spiegelfenstern und grunen Gittern. Ach, jetzt erst vermiss' ich alles! Wenn die liebe Domstrasse noch in gemachlichen Morgentraumen sich dehnte und ich mit den reinlichen Taubchen allein drin auf und ab spazierte; sie waren mich so gewohnt, sie flogen nicht auf, wenn ich kam! Und dann waren noch mehr kleine Hauptplasiere und Schelmstreiche, die auf den ganzen Tag mich glucklich machten. Das war zum Beispiel, wenn ich ging auf Raub nach Rotel fur meine Zeichnungen. In dem roten Granit, von dem dort die Hauser gebaut sind, steckt solcher Rotel von verschiedenen Nuancen bis zum starksten Scharlachrot! Den hab ich in der fruhsten Fruhe, wo kein Mensch merkte, dass ich die Hauser demolierte, mir beim Herrn Nachbar herausgebohrt und habe dann meiner Flora einen Kranz von Rosen aufgesetzt mit diesem gestohlnen Gut! Vier Knaben in Rotstift mit Perucken in schwarzer Kreide spielen mit einem Bock in weisser venetianischer Kreide auf hellblauem Papier. Die Gassenbuben, denen ich sie manchmal aus dem Fenster heraushielt, freute es unvergleichlich, und einer holte den andern herbei; manchmal waren ihrer funf bis sechs, die baten, ich soll ihnen den Bock zeigen, sie haben mich bewundert. Hier hat Fraulein Leonhardi einen Homer gezeichnet! Er wird sehr geschatzt; ich werd's nie dahinbringen, einen Kopf zu zeichnen, der so viel Lob verdient und so wenig Neid, da er grade aussieht wie ein alter Schulmeister, der die Auszehrung hat und deswegen sehr argerlich gestimmt ist. Die Gassenbuben wurden vor ihm ausreissen, aber nicht ihn bewundern wie meinen Bock! Ach, die schmutzigen Strassen hier! Wenn in Offenbach ein Platzregen kam, sahen da die Pflastersteine aus wie frisch gewaschne Gesichter, hier muss man ein paar Tage durch die Pfutzen patschen! Aber was schadet das, wenn die Sonne, die dort sie schnell auftrocknete, nur hier Gelegenheit fand, irgend zu einem zu schleichen; solang ich hier bin, hat sie noch nicht einmal mir das Fenster auf die Dielen gemalt! Um solche Dinge muss ich Sehnsucht haben, als musse ich aus der Haut fahren. Ich gehe in die Karmeliterkirche, setze mich da in die Bank, wo das Kirchenfenster mit seinem Weinlaub sich auf den Boden malt; der Schatten des Laubes spielt mir auf dem Kleid, der Wind weht das Blatt herunter, so fallt Schatten mir vom Schoss, das amusiert mich so traumerisch. Die Zeit, die ich dort verliere nicht wahr, ich konnte sie nutzlicher anwenden? Alles ist holzern, was ich hier Ernsthaftes beginne! Ich hab nur Interesse an Dummheiten. Ein innerer Drang, heraus aus der Frankfurter Eierschale, die ich durchpicken mochte in die Kirche gehe ich ins Hochamt gern. Der Franz sagt: "Du bist ja recht fromm, Madchen!" Was zieht mich in die Kirche? Der Weihrauch, es ist doch ein bisschen ein stolzer Geruch! In den Strassen riecht es nach Schacher; Sonntags sind die Laden geschlossen! Was steckt denn hinter diesen eisernen Staben und Gittern? Schacher, Geld! Was machen die Leute mit dem Geld? Ach! Sie geben Diners, sie putzen sich und fahren mit zwei Bedienten hinten auf. Gestern erzahlt der Dominikus, dass in Wien immer ein Bedienter von Heu ausgestopft ist, das riechen des Fiakers hungrige Pferde; sie schieben dicht an den Staatswagen heran, der Fiaker schlummert, jeder Gaul packt ein Bein der Galahosen und rupft das Heu heraus. Die Schenkel werden dunner, bis nur die Halfte des Heumannes noch am Wagen hangt; der Herr steigt ein, der andere Diener springt hinten auf neben den Halbmann, dessen Eingeweide der Wind plundert. Aller Reichtum ist ein ausgestopfter Kerl, mit dem man Parade macht, und die Lungerer sind die Hungerpferde, es ist ihnen einerlei, ob der seine Eingeweide verliert, an dem sie sich sattfressen.
Du merkst, Clemens, dass ich wieder mit allerlei der Beantwortung Deines Briefes ausweiche! Mich hat zwar dies lange Stillschweigen nicht irre gemacht, ich glaub noch fest, dass ich Dir am nachsten bin. Dein Kafig voll Turteltauben, die Du am Rhein Dir eingefangen hast, die Dir im Kopf girren und gurren und (Bemerkung der Gunderode) dazu noch andere herbeilockst. Deiner Bruderliebe zapfst Du ein Schoppchen Moral fur mich ab. Ich lasse es stehen; denn ich kann keinen Appetit mir dazu anschaffen, aber ich nehme es fur genossen an. Und da muss ich Dir doch wohl beweisen, wie ich das Kleinod Deiner Liebe heilig halte uber alle Moral hinaus.
Und sage Du nicht, aber Du vergisst mich gewiss einmal ganz! Dich vergesse ich nie, aber ich vergesse manches uber Dich. Deiner Sorgen, die mich ermuden wurden, wollt ich nicht augenblicklich sie vergessen; Deiner Moral vergess' ich, die meiner Liebe Eintrag tun wurde.
Das alltagliche Leben ist hier sehr zudringlich, wo nice bella nice ingrata mich verfolgt durch die ganze Wuste, in welchem die Gemeinde der Gesellschaft sich versammelt; da war's in Offenbach doch anders, wo ich jeden Tag im Erbrausen der Symphonien mich konnte verlieren. Die Abendstunden waren lieblich bei der Grossmama, wo wir uber alten Buchern studierten, dort sind mir oft uber Nacht die tiefsten Gedanken eingefallen. Ich hab die hochsten Rollen durchgespielt, mich tief ins Leben hineingedacht, nicht bloss so obenhin, und hab mehr in denen gewaltet und geschaffen in meinem innern Sinn als in allem Aussern. Ich dachte oft: auf was freust Du Dich denn so sehr? Es war, den Traum der Einbildung von voriger Nacht fortzusetzen, wenn ich schlafen gehen werde. Meine grossen Menschheitsprojekte fuhrte ich da auf die Hohe des Weltmeeres. In der Dunkelheit der Nacht so allein, da wird das Tiefste, was man will, recht deutlich! Wenn man durchfuhrte, was man in der Nacht bei Mondschein halbschlummernd sich ausdenkt! Was wurde dann noch als Traum konnen verworfen werden? Ich tue meine grossen Taten alle im Traum, das Morgenrot scheint mir oft noch hinein, so nah drangt sich ihm das Tagsleben, und ich springe auf meine Fusse ganz voll Willenskraft, aber wo soll ich doch das Leben anfassen? Fur einen zu sorgen oder zwei, die mir grade in den Weg kommen, deucht Euch allen Extravaganz! Ihr verbietet mir mit einem armen Judenmadchen Umgang zu haben; und ich will Umgang haben mit allem, was zugleich mit mir auf dieser Welt lebt. Oder sind dies etwa keine gerechten Anspruche: dass ich bin und der Hilfe bedarf, die Du geben kannst. Aber Sittlichkeit und Anstand, das sind zwei dumme Wachter, die dem menschlichen Sein und Willen den Weg verwehren. Fordere nun nicht mehr, ich soll Dir treu bleiben; ich bleibe Dir in allem treu, was meine Natur nicht verleugnet, aber Deine narrische Angst, ich soll nie, nie mit einem Menschen vertraulich werden, den ich nicht achte, wahrend ich mit allen Menschen vertraulich bin und gar keinen Unterschied zu machen weiss, als der sich von selbst macht! Manchmal bist Du doch gar zu blind uber mich. Ich kann die Menschen gar nicht voneinander unterscheiden und soll doch mich nur an die halten, die ich achte! Ich konnte zu dieser Achtung sehr leicht die unrechten herausgreifen, was soll ich sie erst lange hin und her wenden, zu dem bisschen Umgang, das doch nichts mehr gilt als eine Prise, welche die schnupfenden Leute sich bieten. Die Gunderode und ich gehoren einstweilen zusammen, bei ihr ist der Ablagerungsplatz unserer Bemerkungen und Witzeleien; das macht sich von selber. Ich bitte Dich um Gottes willen, gebe doch auch Deine Stossseufzer auf um einen lieben Mann, den Du mir herbeiwunschest, und an den Du nur denkst, wenn Du praokkupiert bist von einer andern Liebe als der bruderlichen, wo dann, wie naturlich, keine Zeit zu dieser bleibt. Es ist Vorsorge, geliebter Clemens, aber glaube, dass ich keiner Stutze im Leben bedarf, und dass ich nicht das Opfer werden mag von solchen narrischen Vorurteilen. Ich weiss, was ich bedarf! Ich bedarf, dass ich meine Freiheit behalte. Zu was? Dazu, dass ich das ausrichte und vollende, was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun. Die Liebe, mein Clemente, die werde ich einfangen wie den Duft einer Blume, alles wird dem Geist zustromen, der nicht mehr sorgen wird, wie er sich soll zu verstehen geben; denn im Allerinnersten ist es Tag bei mir, dagegen mir die Welt sehr dunkel vorkommt, in der ihr glaubt, Licht zu haben, und dies Licht ist aber nur das, welches die Philister scheinen lassen; ein garstiges schmutziges Talglicht zum Nutzen und Besten der Barenhauter, zu deren Nutzen immer das ganze Leben berechnet ist. So gehore ich denn in einen andern Kreis der Allgemeinheit, wo sich fassen mochten: Kinder, Helden, Greise, Fruhlingsgestalten, Liebende, Geister. Warum wahl ich mir diesen? Weil die mich fragen nach dem Irdischen, sie gehoren zu mir! Da glanzen die Wolken schon im Abendrot. Spate Rosen gluhen schon in der Halbdammerung! Nacht gibt doch Kraft zur Unsterblichkeit.
Bettine
Einen Gruss von Gundel.
An Bettine
Ich habe einmal eine Geschichte gelesen von zwei Liebenden, die mutterselig allein in einem Walde sassen, aus dem sie nicht mehr herauskonnten. Diese Leute wandten alle Mittel auf, um der Langenweile zu entgehen, sie setzten sich einander gegenuber auf Baume und pfiffen und schimpften und machten sich Vorwurfe, hatten Angste usw.; sollten in unsern letzten Briefen sich nicht einige Ahnlichkeiten mit diesen Verliebten finden lassen? Ich zweifle kaum daran, und es hat also vermutlich nichts auf sich. Zu meiner letzten angstlichen Ermahnung an Dich hat mir eine gewisse Undeutlichkeit eines Briefes uber Dich Anlass gegeben, die aber nur eine Undeutlichkeit ist. Lass Dir daher meine Besorgtheit als einen Beweis meiner Liebe und nicht als einen Argwohn oder Beschuldigung gelten. Dass ich seit einer Zeit nicht mehr im Ton fruherer Tage schreibe, fuhl ich selbst deutlich, aber ich bereue es nicht. Alles Wesen hat auf Erden seinen Fruhling, Sommer usw.; wir spielen ganz naturlich mit den Kindern und werden ernster mit den Erwachsneren, denn wir fuhlen, dass sie selbst zu leben beginnen, und wir haben nun kein Recht mehr, sie zu zerstreuen. Wenn einer ein Erzieher ware, so tat er dies absichtlich, ist er ein blosser Liebender, so tut er es, ohne davon zu wissen, und so ist es bei mir der Fall; unser Verhaltnis ist nun ernster zueinander und weniger auf die bunte Phantasie gegrundet, weil unser Verhaltnis zum Leben ernster ist. Man wird zur leicht verfuhrt, die andern Menschen zu vergessen, sobald man sich einem einzigen mit Bequemlichkeit ergeben kann, und man nennt es nur zu leicht ein liebendes Gemut haben, wenn man ein einseitiges Gemut hat; und wir sollen uns ja durchaus bilden und alle unsere Flachen der Seele mit der Welt in unschuldige, wohltatige Beruhrung bringen. Je einzelner und ausgezeichneter aber der einzelne Mensch ist, dem wir uns allein hingeben, je mehr beschranken wir uns, je mehr bestehlen wir die andern Menschen um das Wohltatige, was unsere Liebe fur sie haben konnte, und wenn wir es beim Lichte betrachten, sind die Menschen nicht so verschieden, als sie aussehen. Wir durfen nur das Wesentliche vom Zufalligen in ihnen trennen und nur jenes lieben, so wird unsre Selbstliebe zur naturlichen schonen Liebe fur die ganze Gattung; und richten wir dann uber uns einzelnen, wie wir uber die ganze Gattung so gern richten, so gehen wir der schonsten Bildung entgegen; wir erheben uns zu Reprasentanten der reinen Menschheit, wir werden, was wir fur das Hochste, Schonste in der Produktion des Universums erkennen, wir werden Bilder der reinen Menschheit, Ebenbilder Gottes.
Je begehrender, je wunschevoller aber unser Herz ist, je grossere Pflicht liegt uns ob, uns zu bilden, je ruhrender uns die Liebe anderer zu empfinden und anzuschauen ist, je mehr mussen wir das in uns fur sie ausbilden, was uns mit ihnen verbinden kann; denn der ist kein guter Mann, der gerne wohltut und nichts zu erwerben sucht. Wir beide lieben einander herzlich um unserer selbst willen, das hat die Natur durch die Ahnlichkeit unserer Gemuter so wohltatig in uns vorbereitet, es bliebe also bloss uns noch ubrig, uns einander zu lieben, um aller andern halben! Das ist schwerer, denn hier setzen wir allgemein anzuerkennende Vortrefflichkeit in uns voraus; lass uns bescheiden sein, und wir mussen eingestehen, dass wir sehr weit von der Vortrefflichkeit entfernt sind, und hier trennen sich unsere Wege, nicht unsere Herzen; denn wir mussen uns auf einige Zeit aus dem Gesichte verlieren, da Du ein Weib bist und ich ein Mann, und ein vortreffliches Weib etwas ganz anderes ist als ein braver Mann.
Doch lasse das alles ungeschrieben sein, es gefallt mir nicht, glaube mir, Deinem Herzen und Deiner Liebe. Damit Du mein Vertrauen und meine Liebe erkennst, damit Du die Menschen begreifst, die um Dich sind, damit Du etwas freudig fuhlst, was auch mich innig erfreut hat, so sende ich Dir einen Brief, der mir uber Dich geschrieben ward, und der fur Dich und mich den Beweis enthalt, dass ein vortreffliches geistvolles Wesen den innigsten Anteil an uns nimmt, Dich und mich liebt, so schicke ich Dir die beiden Briefe, wovon der erste meine Warnung an Dich veranlasste. Auf diesen ersten Brief antwortete ich und beschwerte mich uber die Undeutlichkeit seines Inhalts in Hinsicht Deiner und erhielt hierauf die heutige schone Antwort, die ganz Dein Herz und Geist einnehmen muss. Ich bitte Dich aber, davon, dass ich Dir die Briefe mitteile, Dir nichts merken zu lassen, da diese Leute Dir nicht vertrauen, wie ich es tue. Nochmals bitte ich Dich herzlich, ja sogar ernstlich, um Vermeidung aller mannlichen Gesellschaft, ausser in Gegenwart von Franz und Toni. Auch bitte ich um Fleiss, lieb Kind; sei wahr und treu, ich liebe Dich unendlich.
Clemens
Beiliegenden Brief besorge an Minchen.
Ich finde den ersten der beiden Briefe nicht gleich; ich schicke also nur den zweiten, aber schweige und schicke ihn zuruck.
Clemens!
Sehr viel Arger wird Dir alles machen, was ich eben im Begriff bin, Dir zu schreiben. Ich spur schon, dass ich sehr alles das sein werde, was Du im ganzen ein ungezognes oder ungebardiges Ding nennen kannst, wenn Du willst; erstens, da der zweite mir gesendete Brief, den Du wunderschon edel nennst, nichts als Luge uber mich und von mir ist, so behalte nur Deinen ersten ganz und gar fur Dich, denn es ist mir gar nichts daran gelegen, dergleichen durchzustudieren! Und ich wollte doch lieber etwas anderes tun, als dergleichen Geschwatz nur zu berucksichtigen an Deiner Stelle, ob dies oder jenes ist oder war. Ich sage Dir feierlichst, warte bis ich irgendeine Explosion gemacht habe; dann schreie: hatte ich mir das gedacht! Obschon auch dies nach geschehener Tat nichts helfen kann! Aber dann hat doch Dein Nachseufzer einen Grundton und kann daher schon eine Melodie aus sich entwickeln. Du hast mich nach Frankfurt promoviert jetzt, wo ich da bin, laufst Du wie eine Glucke am Ufer, wo das Entchen schwimmt, und glucksest Dich ganz mude vor Angst. Aber ich schwimme gar auf keinem gefahrlichen Element, es ist lauter Einbildung von Dir!
Deine Illusionen hupfen wie die Heuschrecken in Deinem Brief herum; ich weiss nicht, welche ich zuerst erwischen soll. Die allerledernste Heuschrecke ist mir die, wo Du mich mit Gewalt willst auf den grossen Unterschied hinweisen zwischen einem vortrefflichen Weib und einem braven Manne. Mogen sich diese zwei beiden zusammenfinden auf irgendeinem glucklichen Stern, nur das einzige bitte ich mir aus, dass Du es mir nicht zu wissen tust; und ein fur allemal will ich von diesem Heiligtum ganzlich ausgeschlossen sein! Und zweitens Deine Warnung vor aller mannlichen Gesellschaft! Die Gunderode sagt zu mir, sie kenne keine mannliche Gesellschaft, ausser die meine. Ich, lieber Clemens, kenne auch keinen mannlichen Umgang als den mit den Hopfenstekken, die mir die Milchfrau besorgt hat fur den kommenden Fruhling, sie sind die derbsten unter meinen Bekannten, auch gehe ich zwar mit ihnen um, aber nicht zart; ich schneidle dran zurecht kleine Rinnen, an denen die Bindfaden hin und her sich flechten. Manchmal hab ich die ganze Stube voll Hobelspane und Schwielen in der Hand. Die nice ingrata, obschon sie Dein Universitatsfreund ist, und nachdem Du ihr den Doktorschmaus bezahlt hattest, mit Deinen besten Kleidern durchging, hat zwar einen Bart und mochte vielleicht auch fur einen Mann gehalten sein; aber sie sieht in den Spiegel und singt nice bella, und wer zweifelt, dass sie eine Nice ist. Gerne fliehe ich sie, soweit der Schall ihrer Stimme tragt. Clemens, vor Arger kann ich das Schone in Deinen Briefen nicht wurdigen, ich will im ursprunglichen Geist mit Dir eins sein, aber mich fasst eine Ungeduld, Deine Belehrungen zu uberspringen; es ist ein wahrer Schiffbruch mit der Moral, sie ist wie ein Uhrwerk, an dem die Kette gesprengt ist, sie rasselt sich aus, und auf einmal steht die Uhr still, und so tot sind mir diese Werke der Belehrung!
Ich laufe zur Gunderode, sie liest mit mir Deinen Brief; wir sind beide druber hinaus, wir zanken einander, wir lachen einander aus, wir kommen auf keinen grunen Zweig! Gestern gingen wir bei schonem Frost um die Tore, Gunderodchen und ich es war schon dammerig und die Allee ganz leer; ich war aufs Glacis gesprungen und wollte das Kunststuck machen, von einem Tor zum andern zu kommen, ohne herabzufallen; da trat der Mond hervor, und ein leiser Wind machte ihm durch die Wolken Bahn, da sprang ich wieder herab und zog es vor, mit der Gunderode einen sanften philosophischen Schritt zu halten.
Adieu! Noch einmal! Dein mitgeteilter Brief ist voll Unkraut der Luge.
Bettine
St. Clair ist hier, erste mannliche Unterhaltung in der Ecke des Fensters, ich konne eine Jeanne d'Arc sein, in mir lage Stoff zur Heldennatur, die Auriflamme zu ergreifen, fur die Erhaltung der Freiheit und Menschheitsrechte. Diese Unterhaltung hat mir geschmeichelt, ich liebe Kriegestaten! Kuhn! Entschieden! Das sind Eigenschaften, die ich in meiner Seele ausbilden mochte, aber der Sklavenmarkt der Gesellschaft ist dazu nicht. Wohin fliehen! Uberall triffst Du auf einen Boden, der der Saat der Drachenzahne nicht gunstig ist.
An Bettine
Meine liebe Schwester, Dein letzter Brief hat mir einen recht traurigen Tag gemacht, weil ich so etwas nicht erwartete. Der Brief, den ich Dir anvertraute, ist einer der liebevollsten Briefe, deren ich mich erfreute, Du erklarst ihn fur eine offenbare Luge! Wer so lugen kann, liebe Bettine, der ist sehr geistvoll und sehr liebenswurdig, ich hab diesen Brief nochmals gelesen und mich trotz Deiner Beschuldigung wieder von ihm hingerissen gefuhlt; und wenn Du seinen Inhalt ebenso verstehst, wenn ich ihn nicht unrecht erklare, so sind unsre Meinungen verschieden. Ubrigens will ich Dir nicht Unrecht geben, da Du wissen musst, was Du schreibst; nur musst Du mir erlauben, mich fur Dein Recht hierin nicht zu interessieren. Ich sage nur so viel noch von jenem Brief, was ihn mir durch und durch unschuldig macht: erstens fangt er damit an sich selbst zu beschuldigen, dann erzahlt er eine Abfahrt zum Ball, die wohl nicht wahr sein muss, weil Du mir von ihr gar nichts geschrieben hast. Ein Ball, wo Dich die Leute alle ansahen und Du allen auffallst, ist ja auch nichts Merkwurdiges in Deinem Leben. Sonst enthalt er nichts als innige Ruhrung uber Deine Liebe zu Franz und zu den Kindern, ja er tadelt sogar Franzens Neckerei und erkennt, wie Du Dich schon dabei betragst. Was von Deinem Gemut darin gesagt ist, das ist nach meiner Kenntnis Deiner nicht nur wahr, sondern sogar geistvoll dargestellt. Uber den ganzen Brief ist Innigkeit, Begierde nach der Liebe eines wurdigen Wesens und nach schoner Eintracht verbreitet.
Jetzt will ich aus dem Briefe das ausziehen, was allein gelogen sein kann, weil es allein Tatsache ist, weil der ubrige Teil nur die Empfindung des Schreibers darstellt. Erstens: Bettine war schon! Das ist nun freilich gelogen und muss Dich argern; sie sprach viel auch wohl in den Tag hinein! Das halte ich nicht ganz fur gelogen, da ich es sehr oft bei ahnlichen Gelegenbeiten mit einer unangenehmen Empfindung an Dir bemerkt habe. Ich weiss, wie leicht Du in unendliche Lebhaftigkeit ubergehst, und um so auffallender aus einer traurigen Stummheit hervor. Das Unschuldige darin kenne ich auch, aber das kennen nicht alle Menschen, nicht dieser oder jener, der gegenwartig ist, und dem Du dadurch frei oder toricht oder kokett vorkommst.
Ob und wann Ihr vor oder nach der Ankunft von Leuten retiriertet, ein Umstand, dem Du mit Unrecht einige Widerlegung widmest, ist ganz uninteressant. Genug, dass Ihr Euch zuruckzieht, da Ihr wisst, dass Franz, dem wir nur seine Vortrefflichkeit danken konnen, Euch gern sieht, er, der mehr wert ist, als wir alle, hat die paar Freistunden nicht die Freude der Geselligkeit, er liebt uns so innig, und wir danken's ihm nicht. Ihr, die bei ihm wohnt, solltet ihm noch treuer anhangen, und er klagt so bescheiden uber das, was er Dir befehlen konnte, dass Du nicht herunterzubringen bist. Du musst viel von Gundel zu lernen, mit ihr auszutauschen haben, da Du selbst die paar Minuten dem Franz nicht gonnen kannst. Ich habe immer gefunden, dass mit mir zusammen Du nicht viel zu erzahlen hattest, da wir keine grosse Abenteuer haben, warum musst Du nun der Familie die Abendstunden rauben, um sie wieder da zu verbringen, wo man auch Dich nicht wunscht, und wo Du beschwerlich fallst, was Du aus dem folgenden Brief ersehen kannst, in dem dargelegt ist, dass Gundel ihren ganzen Tag opfert, Dich anzuregen, dass Du Deine Schuldigkeit tust (ich hoffte, Du wurdest sie von selbst tun). Ich finde es daher sehr indiskret von Dir, ihr diese Stunden, in denen sie allein sein mochte, auch noch zu stehlen.
Wenn ich in Frankfurt bin, so lese ich oft abends vor; alle horen mir gern zu und sind zufrieden mit diesen Stunden, warum kannst Du das nicht auch? Ich verlange nicht von Dir, dass Du dem einen in der Familie mehr anhangst, wie dem andern; man soll keinem Menschen anhangen, insofern er Partei macht! In Deinem Wesen sollte sich vielmehr jede zufallige Trennung vereinigen, jedes Missverstandnis losen. Im Wesentlichen hat nach meiner Ansicht einer so wenig mit Dir gemein als der andre; und Du sollst Dir selbst vertrauen und dem, was Dein Herz am liebsten beschaftigt. Erinnere Dich, dass man Dir sagte, Du wurdest Dich an mir betrogen finden, und dass man Dir Dein Vertrauen zu mir vorwarf. Du ausserst oft Ausdrucke von Charakterstarke; diese sind zum wenigsten, wenn Du sie auch noch nicht erprobt hast, doch ein Beweis, dass Du auf diese Eigenschaften den hochsten Wert legst; ich hoffe daher, dass Du nichts zwischen unsere Liebe kommen lasst, was sie erkalten konnte. Wie der Hunger der beste Koch ist, so ist auch die Langeweile der beste Kuppler. Ich bin nicht vortrefflich, es sind daher nicht meine Verdienste, die mich Dir interessant erhalten konnen, oder das neue Uberraschende in mir, es ist Deine Treue, wenn die nicht zur Luge in Dir soll werden, wodurch alles in Dir zur Luge werden musste, was wir in diesen Jahren miteinander erlebt haben an guten und bosen Stunden, so kann der nachste Wind dies Band, das dann nur ein Strohband ist, zerpflucken und es als Spreu in die Lufte zerstreuen.
Wenn Du, wie ich hoffte, jene Erkenntnisse, die ich Dir immer gepriesen, wirklich liebtest, wenn Du Dich dem eigentlichen Wesen der Kunst und Poesie hingeben wolltest, so wurdest Du Ruhe, Friede und Gluck geniessen, ohne Dich den andern zu entziehen; Du wurdest als wahr empfinden, was ich Dich immer gelehrt habe, dass nur der Mensch kann geliebt werden, insofern er ein wahrer und reiner Spiegel des Ewigen und Gottlichen wird. Und Du wurdest selbst Deiner Liebe zu mir ihren Wert und ihr Gesetz geben konnen, insofern ich jener Voraussetzung entspreche. Ich habe Dir nie das Einzelne geraten. Ich habe Dir immer das Ganze zu zeichnen gesucht, wie ich es begriff; um Deiner Personlichkeit keine Gewalt anzutun. Ehre Deine Personlichkeit und bilde sie zum Schonen fur alle, dann wirst Du glucklich sein; werde nicht zur Torin, wie die andern, bilde Dir nichts ein! Arnim lasst Euch grussen; er schriebt mir von Genua, Nizza und Paris. Mein Lustspiel wird jetzt zugleich mit einem Buch von Arnim in Gottingen bei Diedrich gedruckt.
Schreibe Deinem Clemens
Grusse die Gunderode, sage, dass ich schreiben wurde, aber ihre Antworten sind nicht auffordernd, nicht erschliessend, sondern vielmehr abschliessend. Weiss Gott, warum wir alle aus dem Paradies des Vertrauens herausgeworfen sind, und keiner findet irgendeinen Schleichweg dahin zuruck.
An Clemens
Die Weck- und Schreckposaune! Ist aber nichtsdestoweniger das Kampfende. Achtes Kapitel, sechster Vers: Jakob hatte lange mit dem ihm unbekannten Manne gerungen; alle seine Krafte angewandt und noch nicht genug, ob ihn gleich das Gelenk seiner Hufte verrenkt war; daher sagte jener: "Lass mich gehen, denn die Rote des Morgens bricht an." Aber Jakob antwortete: "Ich lass' dich nicht; es sei denn, Du segnest mich."
Er will den Segen, der den Segen in Armen hat! Er halt den, der ihn und alles halt.
Dein Brief ist so voll sorgender Liebe zu mir und doch so ohne Zutrauen, dass ich eigentlich nicht weiss, ob ich mich freuen soll oder nicht. Wie kannst Du glauben, dass dch witzig und kokett werde, um Deine Liebe zu verspielen; ich werde alles tun, um sie unberuhrt zu behalten; ich will einfach bleiben und gut. Ich will auch auf den vergangenen Streit nicht zuruckkommen und nichts entscheiden uber Recht oder Unrecht. Nur allgemeine Bemerkungen lasse mich hier oben ansetzen; namlich:
Erstens: Empfindung ist grade gelogen und Tatsache wahr.
Zweitens: Wer klagt, ist nicht unschuldig!
Drittens: Einen Ball, wo die Leute mich ansehen, wie die Kuh das neue Scheuertor, ist mir gar nicht wichtig, von ihm zu erzahlen.
Viertens: Man kann mich loben, aber auch lugen.
Funftens: Die unendliche Lebhaftigkeit, aus der ich oft plotzlich aus einer traurigen Stummheit ubergehe, und die Dir oft unangenehm aufgefallen ist, hat sich auf jenem Ball nicht ergossen!
Soll ich Dir sagen, wie es mir ergangen ist an jenem Abend? Als wir eintraten in den Saal, da stand ein ganzer Trupp langer, dunner, kurzer, dicker, breiter, alle schwarzgekleideter Tanzherrn in der Mitte, die soviel Raum zum Tanz liessen zwischen sich und den Wanden, an denen die jungen Madchen zwischen Mamas aufgereiht waren wie allerlei Marktfruchte, worunter Schoten, Ruben und Zwiebeln nicht die wenigsten waren, hier und da ein angenehmer Blumenkohl, nur selten ein Borsdorfer Apfel, worunter ich zu zahlen; jetzt holten die Herrn diese Rubchen, Zwiebelchen und Schotenbukettchen zum Tanz. Alle hatten Uhrketten mit allerlei Berlocken, manche zwei aus der Tasche hangen; diese Berlocken machten ein Glockenspiel wie eine Herde. Ich sass da dicht am Musikantenbalkon und vertrieb mir die Zeit, mit beiden Handen meine Ohren zuzuhalten, um nichts von der Musik zu horen; dabei sah ich mir die Menschen an, die da herumhupften, und hatte die Empfindung, als ob sie alle toll seien, und endlich musste ich lachen, ich liess die Hande los, da brauste mir der Walzer seinen vollen Strom ins Gehor! Dann machte ich ein zweites Experiment; ich klappte die Ohren auf und dann wieder zu, so kam ich stuckweis zu einer ganz aparten Musik, die ich mir aneinanderflickte, wie eine Harlekinjacke! So vertrieb ich mir die Zeit. Endlich kam Grunelius, der lange, und tanzte einen Walzer mit mir, ich aber nicht mit ihm, denn er hielt mich schwebend, und ich kam nicht dazu, eine Fussspitze auf die Erde zu setzen. Zu diesem Kunststuck mit mir wie mit einer Porzellanurne herumzutanzen, brauchte er alle Kneifgewalt seiner langen Finger, die er wie Krallen in mich einschlug; denn war ich heruntergefallen, so konnte ich den Hals brechen; da hatte man ihm vielleicht Vorwurfe machen konnen. Wer war froher als ich, da ich wieder an meinem Platz war; nun schob ich mich ganz unter den Balkon, hinter einen Haufen Schals und Flore; ich lehnte mich in ein Eckchen und hatte ein heimatliches Gefuhl, noch ein Weilchen konnte ich mit Muhe mich wach erhalten, aber wie es kam, dass ich dem Drang zu schlafen nachgab, weiss ich nicht zu sagen, genug, der Kampf war kurz, der Schlaf siegte, aber als edler Feind, denn nie hab ich susser geschlafen, die Musik war wie Goldfruchte, die ein duftender Wind von den Zweigen loste da oben auf dem Berg und mir alle in den Schoss rollte; alle die Lichter waren Sterne am Himmel. Auf einmal erwachte ich, zu meinem Erstaunen da zu sein, wo ich bin; statt dem Berg mit Orangenbaumen besetzt lauter narrische Gesichter, die im Schweiss ihres Angesichts Bassgeige und Fidel streichen oder mit aufgeblasenen Backen trompeten! Statt dem klaren Nachthimmel mit Sternen Staubwolken, die sich mit der Erleuchtung um den ersten Platz streiten. Eine Pause tritt ein, toute la masse des machoires en mouvement, mehrere Erfrischungen zu verkauen. Es machte diese Bewegung, die immer zwischen den Kinnladen und den Schlafen korrespondierte, einen so fatalen Eindruck auf mich, dass mir schwindelte, und ich fuhlte, dass ich eine Art mal au cur bekam! Ach Clemens, kann man so physisch unglucklich werden, wie ich in diesem Augenblick war? Ach hatte ich doch in jenem Augenblick in Offenbach in unserm Hof konnen meinen Kopf unter die Pumpe halten, wo ich mir schon manchmal ahnliches Weh vertrieb, wenn mich ein Ekel uberkam uber irgend etwas, das mir unertraglich war. Ach Gott! Ach lieber Gott, Du hast so viele geflugelte Boten, schick mir doch einen, der mich hier wegtragt auf mein Kopfkissen in die Sandgasse, das war mein inneres Stossgebet; ich wagte nicht den Kopf umzudrehen und nach dem Engel umzuschauen, aus Furcht vor dem Schwindel. Da steht plotzlich der Franz Chameau vor mir, ob ich den Kehraus wolle tanzen? Da ich als vierjahriges Kind oft mit ihm gespielt hatte, wo wir uns oft einander den Wall heruntergestossen hatten, so machte ich diesmal keine Komplimente mit ihm und sagte: "Ach, gehen Sie Esel und machen Sie mir nicht schwindlig mit Ihren Uhrketten." Diese Worte konnen hochstens das gewesen sein, was ich in den Tag hineingeredet soll haben; mehr ist mir nicht bewusst, den ganzen Ball hindurch gesprochen zu haben, den ich noch verwunsche! Ich muss fort, ich muss wieder nach Offenbach, in die dunkle, reine Nachtluft dort meine Seufzer verhauchen. Die weissen Wande meines Stubchens mit den gelben Streifen, die Diele von Holz, der grau angestrichene Tisch und Schrank! Ach, ich sehne mich dahin! Ach, ich kann die Teppiche nicht leiden! Die rotseidenen Vorhange rauschen mich noch ganz krank und ich kann jetzt nicht fortschreiben, weil ich ganz ubel bin, bloss von der Erinnerung.
Lieber Clemens, seit zwei Tagen liegt der angefangene Brief da, und ich mochte nicht wieder drangehen aus Furcht vor dem Schwindel, lasse uns uber die anderen Punkte jenes Briefes schweigen, aus Furcht vor diesem Schwindel! Ich weiss Dir ja auch was Besseres zu sagen, jetzt kommt der Fruhling bald; denn in Erwartung des Marz hab ich keinen Respekt mehr vor dem Winter, und meine Sehnsucht, die grune Saat bald herauskommen zu sehen, stellt ihn mir auch naher, ach ja gewiss, der Fruhling ist ein Knabe aus weiter Ferne, in so reiner klarer Luft kommt er herangezogen, dass man ihn schon von sehr weit her sehen kann. Heute habe ich einen Brief von Dir wieder gelesen, den Du mir im letzten Fruhling schriebst, er ist so schon; wenn ich die Zeit mir ihm so entgegeneilend denke, wie die Felder und Wiesen dann auch bei Euch grun werden, und dann fangen die Obstbaume an zu bluhen, und der Himmel wird ganz blau! Vielleicht schreibst Du mir dann auch einen bluhenden Brief wieder, wenn die Sonne auf Deinen Schreibtisch scheint. Ich habe dann zwar noch eine Beschaftigung mehr, denn die Altane wird ganz mit Bohnen und Hopfen bepflanzt. Das wird ein grunendes Zelt, das ganze Haus wird lustiger aussehen. Die Stangen hab ich mit dem Dominicus schon geordnet; Kasten haben wir mit guter Erde gefullt, da sollen die Sonnenblumen zu einer erstaunlichen Hohe drin wachsen; auf die Mauer kommen erstens ein Aurikelflor, zweitens Ranunkeln meine liebsten Blumen! Wenn diese sind abgebluht, dann kommen die Grasblumen! Nein, diese sind mir die liebsten! In die Mitte mache ich einen Sitz, auf beiden Seiten kommen meine zwei grossen weissen Rosenstrauche hin, die der Gartner in Offenbach mir uberwintert, und den Granatbaum und den Feigenbaum, unter dessen Schatten man ganz gedeckt ist! Adieu, lieber Clemens! Ich bin und bleibe wie ich war, Du tatest mir das grosste Unrecht, wenn Du nur vermuten konntest, dass ich anders werde. Ach, ich kann ja meine Seele nicht abwerfen wie ein schlechtes Gewand!
Bettine
Lieber Clemens!
Eben ist mein Brief schon fort, und da kommt George mit einem nachtraglichen Anliegen an Dich. Am 19. Marz ist dem Clausner sein Geburtstag; George will, dass wir ihm etwas vorzaubern, um sein langes Alleinsein ein bisschen mit vergnugten Augenblicken zu unterbrechen, er meint, Du wurdest gewiss etwas Schones erdenken, wo wir alle mitwirken konnten. Was konnten wir machen, Clemens, besinne Dich, in der Ubereilung fallt mir gar nichts ein: vielleicht ein Schattenspiel in der Tur vom Saal angebracht, das gibt ein Familienplasier, wenn wir am Abend alle beisammen sind und die Dekorationen malen und die Figuren dazu; und mach fort, schuttel's aus dem Armel!
An Bettine
Ich kann Dir nur ein paar Worte schreiben, da die Post spat ankam. Dein Brief hat mich recht geruhrt, schreib mir doch ausfuhrlicher und hute Dich vor aller Uberreizung. Du hattest eine Ohnmacht gehabt, schreibt mir die Toni, und an die Wand Dich gestossen und ein tiefes Loch dicht unter dem Aug!
Ich fuhl es an meinem Aug, so sehr leid tut mir's! So sind wir denn wieder recht einig; ach Gott, ich bin doch so angstlich! Sei doch nur recht vergnugt, so wirst Du gewiss nicht mehr solche Anfalle haben! Ich habe Dich gekrankt zwei Wochen lang mit dummen Briefen, und dann kamst Du auf den Ball und warst im Herzen nicht freudig dazu, da war Dir die ganze Welt ein Ekel, da musste Dir wohl wuste im Kopfe werden! Warum muss ich denn allein nur so dumm sein, hatte ein anderer so von Dir gedacht, ich hatte ihm den Kopf zurechtgesetzt und hatte Dich geschutzt gegen jeden Vorwurf! Ach ich bitte Dich, sei glucklich. Ostern komme ich nach Frankfurt, da wollen wir uns recht ausschwatzen. Grusse die Gundel, sage ihr mein Mitleid mit ihrem Unwohlsein wie auch, dass ich einen grossen Brief von der Mereau habe, und dass zwischen uns ein artiger Briefwechsel, eine Art Praliminar-Friedensartikel sich zu erheben scheint. Grusse die Toni, aber Dein Aug, Dein Aug! Das scharfe Eisen, was so dicht daran Dich verwundete, leidet doch Dein Aug nicht; ich fuhle, wie ich Dich liebe voll Angst! Tut es denn noch sehr weh? Und eine Ohnmacht, gut, dass ich nicht dabei war. Ich bitte, halte Dich gut! Ergib Dich keiner Betrubtheit, wenn es vielleicht eine bose Narbe wird! Wenn's doch erst besser Wetter war, so konntest Du doch die frische Luft geniessen, sie ist Dir sehr notwendig, sie ist Dein Element. Du musst alles Traurige vermeiden! Es konnte Dir schadlich sein.
Lebe wohl, lieber Engel.
Clemens
Liebe Bettine!
Ich erhalte Deinen kleinen Brief wieder zu spat, um viel zu schreiben, grad noch funf Minuten. Kannst Du's mir genauer noch beschreiben, das Geburtsfest betreffend? Illumination? Olgetrankt? Wohin? Wie gross? So will ich Euch viele Ideen angeben, wenn Du mir umgehend bestimmter schreibst und Ihr noch nichts angefangen habt; so kann ich Euch bis zum 19. noch ein kleines Lustspiel dichten fur die Schattenpersonagen. Braucht Ihr etwa auch Verse? Schreibe bestimmt daruber.
Clemens
Liebe Bettine!
Euer Fest auf Claudinens Geburtstag liegt mir so am Herzen, dass ich wunschte, Ihr mochtet etwas recht Schones und Edles vorstellen, das Euch Ehre machte, Du weisst, wie oft auch das Olgetrankte, wenn es noch so gut angelegt war, verungluckt. Ich habe daher nachgedacht und etwas ziemlich Artiges erfunden, was sich auch gut ausfuhren lasst und bis auf ein Harchen passt. Das Ganze ist ein kleines Drama in einer Szene, dass ich Euch schreiben will, und das Ihr, wenn Ihr mir augenblicklich schreibt, ob Ihr meinem Vorschlag folgen wollt, schon den nachsten Mittwoch haben sollt. Ich will es Euch hier naher beschreiben: Einige Madchen haben eine Freundin, die sie sehr lieben, und deren Geburtstag sie feiern wollen; sie wissen aber nicht wie, denn ihre Freundin ist so vortrefflich, dass sie nicht wissen, wie sie ihr recht Ehre erweisen sollen. Da sie uber ihre Anschlage sinnend in den Wald gehen, finden sie eine Matrone, der sie ihr Anliegen vorbringen; diese ist eine Zauberin und verspricht den Jungfrauen zu helfen. Sie sagt: "Ich will eurer Freundin die Taten des edlen Weibes zeigen, das an ihrer Wiege stand, sie unsichtbar wiegte, ihre Traume bildete und ihr, ohne dass sie es weiss, Vorbild und Schutzengel geworden ist, nehmt die Blumen, die hier liegen, und windet Kranze!" Da musst Ihr Euch dann zusammensetzen und Kranze machen und wahrend der Arbeit ein zweckmassig sanftes Terzett oder Duett singen, wozu ich Euch, wenn Ihr mir irgendein Muster angebt aus einer Oper, einige Verse machen will, auch kann es Lied mit Chor- oder Wechselgesang sein, wie Ihr mir die Anzahl der Jungfrauen oder das Lied bestimmt. Wenn dann Eure Kranze fertig sind, so spricht die Zauberin: "Geht und holt eure Freundin und bekranzt sie!" Dann geht Ihr auf Clodine zu, die unter den Zuschauern sitzt, hangt ihr die Kranze von weissen Rosen und Lilien um und fuhrt sie zu der Zauberin; diese nun hebt den Vorhang von ihrem Zauberspiegel, in dem die folgende Geschichte transparent gemalt und illuminiert erscheint.
Claudia war eine romische Vestalin; ihr Vater ein Feldherr. Nach einem Sieg wollte er einen Triumphzug in Rom feiern, aber ein Tribun, der sein Feind war, verbot es ihm; Claudius triumphierte dennoch. Der Tribun, erzurnt uber seine Kuhnheit, naherte sich ihm von hinten und wollte ihn plotzlich vom Wagen reissen, Claudia bemerkte es und vergisst aus Liebe zu ihrem Vater die Ruhe und Majestat ihres geheiligten Standes; sie springt dem Tribun vor, wirft sich in des Vaters Wagen, umfasst ihres Vaters Knie und weist den Tribun zuruck. Dieser muss nun von seinem Vorhaben abstehn, denn was eine Vestalin beruhrt, ist heilig, und sie ist dem Tribun an Macht gleich. Ich habe Euch die Szene mit der Feder skizziert hier beigelegt, wie sie am wenigsten Muhe zu malen kostet. Man sieht von hinten in den Wagen, der Triumphierende merkt es noch nicht, alles ist der Moment. Die Vestalin muss ganz verschleiert sein, in weisse Gewander gehullt; auf dem Rande des Wagens steht eine Viktoria wie gewohnlich bei dem Triumph, in der Ferne werden Trophaen getragen; das Ganze ist in den kleinsten Raum gedrangt. Wie schon passt das auf Clodine, ihre treue Liebe zu ihrem Vater, ihre Zucht, ihr Name Claudia. Das ware eine Szene. Eine andre aus dem Leben dieser Vestalin ist folgende: Die Romer wollten das Bild der Gottin Zybele nach Rom auf einem Schiffe uber die Tiber fahren, aber das Schiff ging nicht von der Stelle; da trat die Vestalin in einen Kahn, betete die Gottin an, band dann ihren Gurtel an das Schiff der Gottin und zog das Schiff ohne Muhe heruber als einen Beweis ihrer Tugend. Das ware ein zweites transparentes Bild; dann konnt Ihr um sie herum tanzen und sie kussen und drucken usw. Ihr musst mir aber bestimmt die Arien schreiben und die Anzahl der Madchen, damit ich die Verse schreiben kann, Ihr musst mir dazu die Worte der Arie schreiben, und wie sie einfallen, damit ich meine ebenso einrichten kann. Ich meine Lotte die Zauberin, Kundel, Du die Madchen, oder auch die Jung dabei, wenn Ihr wollt, wegen dem Tanz, oder wie es Euch lieb ist. Da hattet Ihr Euer ganzes Fest einfach, neu und schon; spreche doch mit dem Georg gleich daruber, und wenn Ihr dann wollt, so habt Ihr am Mittwoch alles; ich eile mich und bleibe ein paar Nachte auf. Die Bilder konnt Ihr ja nach der Skizze besser gezeichnet gleich von einem Maler zurechtpinseln lassen, sie mussen in der Form eines grossen Spiegels gemacht werden.
In diesem Augenblick erhalte ich den ausserst geistvollen Plan zu Eurem Schattenspiel; ich will alles so gut machen, als ich kann, aber ich erschrecke fast vor dem Plan, wenn ich nur Leichtigkeit genug besitze; das Ende sei mir uberlassen, sagt Ihr. So haben wir denn wirklich wie Bruder in der Ferne gearbeitet. Der Clausner steigt mit Winkelmann ein und fahrt zu Brentano. Nun fallt der Vorhang Eures Schattenspiels, und nun lasst meine Szene angehn, die geht gleichsam bei Brentano vor, und das Edle, Ruhrende in ihr hebt das Komische wieder auf, so dass das Fest ganz den Eindruck einer freudigen Anmut bekommt. Euer Schattenspiel ist dann ein himmlisches Vorspiel; was ich entworfen, ist uberhaupt ausserst leicht auszufuhren, und wie glucklich wird Clodine durch die Beruhrung ihrer kindlichen Zartlichkeit sein. Schreibt mir doch gleich den Samstag, ob Euch mein angehangter Plan gefallt. In Tonis Stube unter der Treppe kann die Hohle der Zauberin sein, Ihr durft nur um die Ecke herum eine spanische Wand stellen, so habt Ihr ein Theater, und in der Hohle ist ja noch dazu ein Eingang auf den Gang; schoner konnte es nicht sein. Das Schattenspiel macht Ihr an der Saaltur und seid in Tonis Stube. Wahrend es hinweggenommen wird, kleiden sich die Schauspielerinnen an, die Gesellschaft tritt in Tonis Stube und ist nun gleichsam mit dem Postwagen in der Sandgasse angekommen, und da geht das weitere vor. Den Gesang, den Tanz konnt Ihr ja weglassen, wenn es Euch zu viel wird. Aber mein Bild der Vestalin, meine kleine Szene mit der Zauberin, sie freut mich gar sehr, und ich weiss, es wird sehr herrlich auf das Komische wirken. Schreibt gleich umgehend, was Ihr wollt, an dem Schattenspiel fange ich heute schon an. Die Idee mit dem Postwagen und Winkelmann ist gottlich. Danke der Toni herzlich.
Clemens
Liebe Bettine!
Du hast mir einen schonen Ofenschirm geschickt, er entzuckt alle Leute, die ihn betrachten, und ist jetzt der grosste Schatz meines Mobiliarvermogens, ausser Deinem Portrat, wie Deine Liebe uberhaupt mein grosster Besitz ist.
Ich sende Euch hier das Schattenspiel, ich habe es in einem Tag geschrieben, das ist alles, was ich zu seiner Entschuldigung sagen kann. Die kleinen Cochonerien, die es enthalt, habe ich genau nach dem ubersendeten Plan verfasst und mir darin keine Freiheit erlaubt! Soeben erhalte ich Euren Familienbrief, worin Ihr noch viele Umstande vorbringt von Theater und dergleichen, was ich von hier aus nicht begreife, ich habe Euch doch das Lokal bestimmt, konnt Ihr nicht fertig werden damit, so spielt das Schattenspiel und lacht womoglich, ich will versuchen, allein, ohne Hilfe die Claudine zu erfreuen; die Posse hab ich geschrieben, das Edle will ich dichten! Auf den Schirm hat die Gunderode mit Bleistift von ungefahr ihren Namen gekritzelt, auch dies Zufallige hat mich sehr geruhrt. Schreibe bis Mittwoch wieder, Deine Briefe sind die einzigen, die ich jetzt habe! Adieu!
Clemens
An Clemens
Unser Teetisch hat sich in eine Pappfabrik verwandelt, George fuhrt den englischen Phaeton aus mit Jockey und Pferden. Franz macht die Dekorationen, ich wollte die Schauspieler machen, es misslang, ich wurde abgesetzt und darf nur immer noch das zweite Bein machen, den zweiten Arm, und die Zimmer darf ich moblieren! Auch soll ich alle Nahnadeln einfadeln. Gunderodchen kommt zuweilen, weil ich nicht so oft zu ihr komme, und dann verschwinden wir ins kleine grune Kabinettchen hinter der Treppe. Den Christian hatten wir erwartet, dass er uns wurde helfen, er kam gestern an zu Pferde mit einem scharlachroten Mantelsack, einer Pelzmutze, einem Dompfaffen und einem zahmen Marder, den er mir schenkte; dies Tierchen plagt mich sehr! Aber weil es so sehr schon ist; es will auf meinem Schoss schlafen, und wenn ich's herunternehme, dann knurrt es und fletscht mir die Zahne. Auch hat ihm der Christian tanzen gelehrt, es qualt mich, aber es ist mir doch eine Gesellschaft! Die Proben vom Schattenspiel werden gemacht; da ich keine Rolle dabei habe, so konnte ich gestern mit Marianne in die Oper gehen! Ich hab mich an Offenbach erinnert bei der Musik. Palmira! Diese Oper gibt mir die Empfindung, als lag ich auf duftendem Heu und schlief und horte das Ganze nur mit halbem Ohr. Heute Morgen war so schoner Reif, ich bin mit Marianne bis auf die Gerbermuhl gefahren, von dort ging ich zur Grossmama! Sie war recht erfreut; ich hab mit ihr ausgemacht, dass ich zum Fruhjahr bei ihr sein will und die ganze Fruhlingsarbeit im Garten machen, wie im vorigen Jahr noch! Ach, das ist jetzt fur mich ein Erholungsplasier! Beim Gartner war ich und hab nach meinen Baumen gesehen, alles sieht kernfrisch bei ihm aus und dem Fruhling entgegenstrebend. Er glaubte nicht, sagt er, dass es diesen Fruhling so schon sein werde wie im vorigen Jahr! Die Witterung lasse sich nicht so gut an; ach Frankfurt, du liegst mir wie Blei auf dem Herzen! In meinem Schreibschrank hab ich in Offenbach gewuhlt und hab da den Anfang von einer Beschreibung meines Klosterlebens herausgefunden und dann auch ein Marchen, zu dumm die Gunderode hat's gesagt. Aber vom Kloster soll ich weiterschreiben, wenn das Schattenspiel vorbei ist.
Es ist hier im Haus kein einsam Winkelchen, war die Gunderode nicht, dann wusst ich nicht, wo ich mich suchen sollte! Der Toni ihr Kind hat die Rotlen gehabt, da hab ich als abends gesessen.
Heute Abend wird eine Hauptprobe des Zauberfestes vorgenommen. Ich musste alle Rollen abschreiben, hin und wieder laufen, alles herbeiholen! Am Samstag werde ich Dir die Einrichtung und Verfassung des Ganzen berichten und den nachsten Dienstag, wie das Ganze abgelaufen ist. Lieber Clemens, wann wirst Du denn kommen? Schreib mir genau den Tag, rechne es aus, wenn es moglich sein kann, dass ich mich freue und jeden vorangegangenen Tag einen weniger zahlen kann, bis plotzlich die Freude hereinbricht, dass Du da bist, und dann gibt es schone Tage! Ich werde die ersten Fruhlingsgange mit Dir machen, wir werden mit dem Gunderodchen manche Stunde verbringen; ach gestern war's schon bei ihr, da hatten wir ein klein Feuerchen in ihrem Ofen angemacht und ohne Licht waren wir da beisammen und sahen die Flammen spielen, die Gunderode machte ein Marchen draus, sie legte alles aus, was die Flammen miteinander plauderten.
Das schone Wetter duftet schon, wenn man vor's Tor kommt, die Hecken konnen die Veilchen nicht mehr verbergen, sie hauchen einen an, ganz vergnugt, dass sie gebrochen werden! Die Luft, sie kommt gestromt aus warmeren Landen, man mochte mit sich aufschwingen, wenn sie den sussen Atem der Pflanzen davontragt.
Bettine
Liebe Bettine!
Soeben hab ich Deinen Brief erhalten; es freut mich, dass meine schlechte Arbeit Euch genugte; die Kurze der Zeit usw. Beiliegenden Brief gib am Morgen ihres Geburtstages der Claudine, er enthalt ein Gedicht von mir, gedruckt fur sie, Du sollst niemand im Hause davon sagen, ehe Du es ihr selbst gegeben hast; dann aber kannst Du ein Paket mit etlichen funfzig bis sechszig Exemplaren dieses Gedichtes, welches ich heut mit dem Postwagen schickte, offnen, dem George funf Exemplare zum Verteilen geben, der Toni ebensoviel, ebensoviel der Grossmutter schikken; der Gundel auch soviel, auch schicke jeder Gunderode eins, die ubrigen gibst Du der Clodine fur ihre Freunde. Ich bitte Dich aber, das Paket vom Postwagen nicht eher zu offnen, als die Clodine den inliegenden Brief erhielt, denn es ist unschicklich, dass Du es eher gelesen hattest, als sie, auch liegt in jenem Paket keine Zeile von mir an Dich, ermassige daher Deine Neugierde und hebe es auf bis zur rechten Stunde, dann gehst Du auf Dein Zimmer und teilst die Exemplare ein und gibst jedem das seine. So geschwind habe ich noch nichts gedichtet.
Seit meinem letzten Brief bis heut gezeichnet, geschrieben, gedruckt! Ich wunsche sehr, dass Du mir alles schreibst, wie es gegangen, besonders ob sich Schwab erfreute.
Am Geburtstage einer Freundin von
Clemens Brentano,
den 19. Marz
Durch grune Auen wollt ich mit dir schweifen,
Warst du des sussen Maien frohes Kind,
Und wollte sinnreich nach den Blumen greifen,
Zu flechten dir ein zartliches Gewind,
Wir Bluten werden all in Liebe reifen,
So sprach der Kranz, weil wir dir ahnlich sind.
Doch keine Blume ist vor dir entsprungen,
Der ungeteilten Kraft bist du gelungen.
In leisem Schlummer traumend sinnt die Erde,
Wie sie die junge Zeit erfreuen soll,
Da sieht sie sich, in zuchtiger Gebarde
Stehst du vor ihr so sinnend, liebevoll,
Und jungfraulich begrusste dich ihr Werde,
Der keine Blume noch am Busen schwoll.
Doch bald die Einsamkeit dir zu versussen,
Lasst als Gespielen sie dich Veilchen grussen.
So fehlen Blumen, Blume dich zu kranzen,
Die selbst des Jahres fruhste Blume bluht,
Doch in des Lebens Garten ohne Grenzen,
In dem der Fruhling ewig kehrt und flieht,
Seh eine edle Blume fern ich glanzen,
Die bis zum Namen selbst dir ahnlich sieht,
Das Herrliche kehrt ewig zu dem Leben,
Und jeder Sommer muss uns Lilien geben.
Dich Romerin, Vestale seh ich wieder,
Dich Claudia, die treu den Vater ehrt,
Keusch hullt ein reiner Schleier dir die Glieder,
Die aller Liebe reine Flamme nahrt.
Es priesen uns noch keines Sangers Lieder
Den hohen Sinn, den uns dein Leben lehrt,
Bescheidne, zurne nicht, lass es gelingen,
Die Romerin will der Barbare singen.
Da Claudius, der Feldherr, siegreich kehrte,
Will er, als Sieger soll ihn Roma sehn,
Der in der eignen Tat den Romer ehrte,
Will im Triumphe auch die Tat erhohn,
Doch ein Tribun, der tiefen Hass ihm nahrte,
Will, ungepriesen soll sein Werk vergehn:
Es lasst der Machtige dem Sieger sagen,
Du sollst durch Rom nicht deine Lorbeern tragen.
Doch achtet, trotzend auf des Sieges Flugel,
Der Feldherr nicht des Richters ernsten Stab,
Im Heeresprunk grusst er die sieben Hugel
Von seines Wagens goldner Hoh herab,
Und tausendfach in heller Waffen Spiegel
Grunt ihm der Lorbeer, den der Sieg ihm gab,
Es lenket durch des Volkes laute Mitte
Der Zug zum Kapitole hin die Schritte.
Da offnet zweien sich das Volksgedrange,
Erzurnt tritt der Tribun zum Sieger hin,
Ihn, dem er untersagt des Siegs Geprange,
Will er gewaltsam von dem Wagen ziehn:
Auch Claudia dringt durch der Burger Menge
Zu ihrem Vater und umfasset ihn.
Besiegt muss der Tribun zum Volke kehren,
Den sie beruhrte, muss er zurnend ehren.
Die Jungfrau gab dem Sieger das Geleite,
Der mit dem Adler nun die Taube trug,
So stand sie schuchtern an des Vaters Seite,
Und um die Tochter er den Purpur schlug,
In schonerm Sieg trug sie aus schonerm Streite
Zum Kapitole hin der laute Zug:
So Heldenmut und Schonheit sich gesellten,
Es triumphiert die Holde mit dem Helden.
Wer auf der Erde gleich den Gottern handelt,
Dem offnet sich der hohen Gotter Kreis,
Auf Erden sind sie menschlich einst gewandelt
Und waren edel, sinnbegabt und weis',
Zu Gottern hat der Glaube sie verwandelt,
Denn Gottlichkeit ist aller Schonheit Preis,
So wollte Rhea gern, da du gebeten,
In deiner Heimat Gotter Mitte treten.
Zu Schiffe auf der gelben Tiber Wogen
Fuhrt man Cybelens Bild von Pessinunt,
Schon nahet sich des Segels voller Bogen,
Der Gottin Ankunft eilt von Mund zu Mund,
Sie zu empfangen kommt das Volk gezogen,
Doch plotzlich fasst den Kiel des Flusses Grund,
Und wie sich auch der Schiffer Arme regen,
Fest ruht das Schiff und lasst sich nicht bewegen.
Da flehet kniend Claudia am Strande
Der hohen Gotter gute Mutter an,
Lost dann den keuschen Gurtel vom Gewande,
Und zu dem Schiffe fuhret sie der Kahn,
Den Gurtel knupft sie an des Kieles Rande,
Und gutig folgt Cybele ihrer Bahn.
Stumm sieht das Volk sie durch die Wellen gleiten,
Von Reinen lassen Gotter gern sich leiten.
So in des Vaterlandes grosser Sitte
Lebt Claudia, die Romerin, auch gross,
Nun teilst du, Claudia, in unsrer Mitte,
Ein frommes treues Kind des Vaters Los.
Was gottlich noch auf Erden, folgt dem Schritte
Der Jungfrau gern nach in des Hauses Schoss.
Strebt ihr zu gleichen, der wir uns verbanden,
Ich liebe sie, die fruher ich verstanden.
Liebe Bettine!
Diesem Brief tue nicht so viel Ehre an als allen meinen vorhergehenden, denn ich schreibe in einer wunderlichen Stimmung und scheine mir gar nicht vernunftig zu sein. Seit einigen Tagen ist es so schones Wetter hier wie im Sommer; ich sitze nicht mehr meinem schwarzen Ofen gegenuber; alle Fenster meiner hellen Stube stehen auf; ich habe keine Rast und keine Ruhe, ich gehe in dem Haus aus und ein, kleide mich alle Augenblicke anders an und empfinde eine ganz wunderbare Angst, so als harre ich am Fenster ein geliebtes, schones Madchen vorubergehen zu sehen; oder als musse mich jemand heimlich lieben, ich wusste nicht wer, und wunschte dieser oder jener, kurz ich kann Dir's nicht sagen, wie mir es ist, und ich muss mich recht zusammennehmen, nicht weichherzig zu werden. Es ergreift mich alle Fruhling so ein Hinausweh! Heimweh darf ich es nicht nennen, und was mich dann betrubt, das ist, ich weiss, dass es mir draussen auch nicht wohler wird. Wenn Du es nicht warst, die mir das Leben zu erfreuen suchte, so wusste ich nicht, wie mich anstellen. Bin ich nicht recht undankbar gegen Dich, Du opferst mir Dein ganzes Leben auf, und ich bringe den grossten Teil des Jahres fern von Dir zu; Du zahlst die Minuten bis zu meiner Ankunft, und ich halte mich noch ein paar Tage in Wetzlar auf. Aber schreiben musst Du mir nach Wetzlar, bei Herrn von Bostell werde ich wohnen, mit der namlichen Post, mit der Du sonst hierher schreibst. Dienstag abend musst Du mir schreiben, damit ich gleich aufbreche und zu Dir laufe. Den ersten und zweiten Tag wird es nun zwar sehr herrlich sein, wenn wir zusammen sind, aber die ganze Woche, wie wird es dann sein? Und den Monat? Werden wir uns nicht im Hause langweilen, wahrend draussen im Wald jeder Sperling es besser hat? Wir wollen recht viel spazierengehen, und morgens fruh, wenn noch alles schlaft, schon vor den Toren herumlaufen. Soeben erhalte ich Deinen Brief, der ebenso abgeschmackt vom schonen Wetter spricht wie der meinige, ich hoffe doch, dieser soll Dich mehr freuen, als mich der Deinige! Ich fand einen fremden Ton drin, oder vielmehr ermudet und abgespannt, was ich sonst gar nicht an Dir gewohnt bin, Deine Unruh treibt Dich auch umher, vielleicht ist das schone Wetter dran schuld. Bis den Sonntag werde ich gewiss bei Dir sein, lebe wohl.
Clemens
Von Minchen Gunderode hast Du lange nicht geschrieben; wenn die Gunderode Dein Marchen nicht gut findet, so ist's doch nicht gesagt, dass ich's nicht erst sehen will, ehe Du es ins Feuer wirfst, wie Du es schon mit manchem gemacht hast. Wenn sie aber sagt, dass Deine Klostergeschichte gut ist, so freue ich mich unendlich darauf, sie mit Dir zu lesen. Ist sie denn schon so weit, oder hast Du vielleicht noch Platz in dem Heft, das Du dazu wirst geheftet haben? Wie schon war's, wenn Du mir alle Tage ein einziges Blatt wolltest davon vollschreiben, bis ich komme, noch acht Tage nach Empfang meines Briefes.
Liebe Bettine!
Claudinens Brief war mir die schonste Belohnung, und doch ist mir ein ganz gewohnlicher von Dir immer viel lieber als ein solcher ungewohnlicher. Dass Du mir heute nicht geschrieben, ist mir ordentlich ganz schmerzlich gewesen; Du hast mich verwohnt mit Deinen Briefen. Ich werde nun nicht mehr lange ausbleiben; Bostell ist hier, mit dem werde ich einige Tage nach Wetzlar gehen, dann komme ich nach Frankfurt, aber eher musst Du nicht aufhoren, mir hierher zu schreiben, bis ich Dir sage, dass ich nach Wetzlar fort bin, bis zum Sonntag hab ich gewiss einen Brief noch von Dir. Ach, es ist mir eine so grosse Wohltat, wenn ich Dich zufrieden weiss, dass ich am Freitag mit Begierde dem Postwagen entgegeneilte, weil mir Christian geschrieben hatte, er werde kommen; ich hab zum wenigsten erfahren, dass Du heiter und vergnugt bist, auch hat er mir die Relation vom Fest gebracht. Robinson ist mit Christian gekommen; ein guter Kerl, eine Art von wunderlichem Leonhardi. Ich kann heute Dir nicht mehr schreiben, es genuge Dir, dass ich seit Tagen mehr als je an Dich denke, und besonders seit ich von Arnim aus Bern einen schrecklich langen Brief erhielt, in dem er von Dir kein Wort spricht. Nein, das ist nicht wahr; er grusst Dich herzlich und denkt oft an Dich.
Wie steht's um Deine Klostergeschichte? Schreib mir! Es ist keine rechte Ruh mehr hier im Hause: der Pfarrer Bang liegt oben und schnarcht, Christian blast immer lamentable Flote und Winkelmann exzerpiert die Lesebibliotheken. Nun kommt dieser Welthanswurst, der Robinson und will von mir profitieren, und nun bin ich schon ganz zusammengeworfelt und finde mich zwar zusammen, aber nicht aus mir heraus.
Clemens
Lieber Clemens!
Hier ein Brief von Md. Mereau, der an mich adressiert war; Du hast sie vielleicht jetzt schon gesehen und mit ihr gesprochen, sage mir, ob sie noch schon ist, oder vielmehr, ob Du sie noch lieb hast. Ich war auf der Gerbermuhle und hab der Marianne von Deinem Lied erzahlt, nun musst Du ihr es auch schicken, sie ist sehr begierig darauf wie naturlich, ich soll Dich grussen von ihr. Ich hab gefragt, warum sie so wenig mit uns war wahrend Deinem Hiersein; ach, sie wusst es nicht warum! Und ich weiss auch nicht, warum ich hiersitze und der Zukunft den Rucken drehe und in den Spiegel einer weit zuruckgezogenen Zeit schaue und auf einen kleinen Fleck nur schaue. Das ist der Beginn unseres Briefwechsels! Weil Du jetzt fort bist, so hab ich mich gar nicht mehr besinnen konnen, wie ich Dir sonst schrieb, der Mereaubrief will doch zu Dir, ich muss ihn schicken und schreiben! Da suche ich nun in Deinen fruheren Briefen, wie es sonst mit uns war, so ganz gedachtnislos bin ich und finde ein Lauffeuer verbundener Gefuhle und Gedanken, ein Morgenrot, ein Morgenlicht, ein Aufbluhen, ein Mittagsgluhen, ein unermudliches idealisches Tragen und Heben, ein Lehren in Liebe verwandelt und endlich eine schone reine Lebenskuhle! Ich bin ermattet, sie tut mir wohl, diese Frische! Meine Sinne wollen schlafen ein wenig, es war ein zu heisser Fruhling. Knospe an Knospe bluhen alle, Du gehst voran; ungeduldig, da machst Du die Tur auf vom nachsten Revier, wo die Bluten freudig herumtanzen, und wie es da weitergeht mit Befruchten und Reifen, das ergreift Dich. Das Leben will keine Zeit verlieren! Ich aber bleib noch hier, das schmale grune Fleckchen des Unvergesslichen! erster Geschwisterliebe, erster Erscheinung des Lebens, der ich mich verbunden habe; das braucht ja keiner Rosenglut, keiner gluhenden Fruchte, das Hoffnungsgrun ist so rein, so einladend immer, auch im Nebel lebendig durchschimmernd. Das ist mein Platzchen.
Es ist jetzt sehr still bei mir, weil Du nun fort bist, ich werd mich aber bald wieder dran gewohnen. Du wirst doch wohl nicht mit Deinem Freund Wrangel nach Russland gehen! Ich rate herum! Sonst hast Du mir alles gesagt, diesmal gingst Du mit einem Geheimnis auf dem Herzen! Ich seh Dich in Gedanken uber's Meer forteilen; das gebuhrt Dir ja auch. Ich ging in andre Weltteile und machte da jede Hutte auf an Deiner Stelle. Wie ist das dumm, dass man wie ein eingesperrter Vogel von einem Stangelchen zum andern hupft, von Marburg nach Frankfurt, wieder nach Marburg, zur Abwechslung nach Jena oder Weimar! Fur was lernt man Geographie und kann die Welt auswendig auf den Tisch malen! Und bleibt hinterm Tisch sitzen, kommt nie in sie hinein. O, welche schwere Verdammnis, die angeschaffnen Flugel nicht bewegen zu konnen; Hauser bauen sie, wo kein Gastfreund Platz drin hat! O Sklavenzeit, in der ich geboren bin! Werden die Nachkommen nicht einst mitleidig mich belachlen, dass ich mir's musste gefallen lassen, wenn wir vielleicht als Geister einstens sklavische Natur uns vorwerfen! Wie! Ihr habt den Geist eingesperrt und einen Knebel ihm in den Mund gesteckt und den grossen Eigenschaften der Seele habt Ihr die Hande auf den Rucken gebunden? Ach Clemens, gehe Du doch nur immer aufs Meer, wo jede Welle in die andere fliesst! wo nichts noch feste Gestalt hat, wie gewonnen, so zerronnen! Besser, dass alles zerfliesse, als dass Gestalt gewinne, was nicht ganz Grossmut und Freiheit ware! Das sind so nachwehende Tone aus meinen Unterhaltungen mit der Gunderode, die auf drei Wochen nach Hanau ist.
Gestern waren wir bei Bethmann zu einer Lekture vom Hamlet, die Szene zwischen ihm und Ophelia unterbrach die Vorlesung, jeder hatte sie allein fur sich gelesen, aber laut sie zu lesen, das wollte keiner. "Ich will's vorlesen," rief ich, und glaubte, nur die Schwierigkeit dieser Szene, Charakter und Doppelklang der Ironie wiederzugeben, verhindere das Weiterlesen. "Wie, Sie wollen's lesen?" schrien alle; ich war schon aus meiner Ecke hervor am Tisch und las mit lauter Stimme die ganze Szene trefflich, ja trefflich, denn die ganze Zeit hatte ich eine Umwalzung aller Sinnen erlitten, und nun kam die Rache, und die Lenznacht meiner Empfindungen stieg aus meiner Brust empor wie eine Feuersaule, und ich las fortstehend und freute mich am Widerhall meiner Stimme, und siehe da, alle waren fort in die andren Zimmer, ich war allein gelassen worden. Was sie dachten, weiss ich nicht. Auf mich hatte es eine gluckliche Wirkung; zum erstenmal wieder eine Nacht wie die in Offenbach sonst waren, wo der Schlaf so leicht mich deckte, als sei es ein Erwachen in eine hohere Sphare. Es weissagt etwas in mir, dass eine Kraft in dieser Welt sei, die mit Leidenschaft mich liebt.
Bettine
An Bettine
Weimar bei Friedrich Meier
Ich ging so hastig von Frankfurt; mein eiliges Entlaufen, mein gehemmtes Gehen und Wiederkehren, das musste Dir, geliebtes Kind, wie das Tun eines Nachtwandlers vorkommen, und so war's auch; ich war wie ein Schlafender, der sich gern seines Traumes erledigte, wenn er nur konnte; nun hab ich bei diesem Abschied von Dir gefuhlt, dass ich traume, dass ich wohl erwachen werde, wenn ich im Traumwahn von Deiner Seite weiche, dass ich dann in nichts Ersatz finden werde fur die Heimat bei Dir. Aber der Traum gibt einem andre Hoffnungen, die allergrossten vom Erdenleben! Und fuhrt einem durch die allerunbesonnensten feurigsten Lebensepochen; ist man erwacht, so sitzt man tief in der leeren Erdenschererei, und alle prophetischen Klange der hohlen Bassgeige Erfahrung begrussen einem mit dem fatalen: Hab ich dir's nicht gesagt? Bis jetzt bin ich dahin noch nicht gekommen, meine Hoffnung im Steigen, meine Erwartung vom Zusammenleben mit viel bedeutenden wunderlichen, liebenswurdigen Menschen hier, aufs hochste gespannt! Der Park steht in seinem edelsten Grun. Du hast solchen uppigen Rasen, so belaubte Kronen noch mit unendlicher Geschaftigkeit alles Leben nahrt und in seinem Verband halt, er gibt der irdischen Lust allhier einen himmlischen Anstrich von Kraft, von Poesie, von Lebensfulle. Einbruche, Wortbruche und noch speziellere Bruche sturzen alle die Verhaltnisse ein, die nicht unter des Wonnemonats heiliger Gerichtsbarkeit stehen. Er teilt Hirtenbriefe aus zu Schaferidyllen; Ablassbriefe, Beichtzettel, Schmutztitel von Erbau- und Predigtbuchern im Wonnemonat gehalten, findest Du an den heimlichen Ufern der Ilm hingestreut, alles vom Wonnemonatheiligen unterschrieben. Du findest aber auch in diesem Park die schonsten Altargelander zum Anbeten der Heiligen! Gerichtsschranken zum Verurteilen, Ketten und Fussblocke zum Fesseln. Und da liegt mancher, der sich nicht kann helfen, da sind Prufstande des tentamen und examen rigorosum des Lebens, Krieg, grosser Kampf, kleine Hinrichtungen, Missetater, die ihr Leben lang an einer Kette schleppen, Gaudiebe und Gaudiebinnen, die leicht von Hand zu Hand gehen lassen, was sie ewig zu bewahren geschworen hatten. Aber auch mitten unter diesem Gewuhl findet sich der Schlussel zu dem stilleren Garten des Eden, in dem zuerst das stille, milde Erfreuen uber das Sein einem anwehet, wo man zuerst es sich sagt, welch beglukkend Gefuhl dieses Sein ist, das die Entzuckung unterbricht, um aufs neue wieder den Segnungen der Ruhe sich hinzugeben. Der Morgen geht auf; unter dem Baumschatten auf der Hausturbank ruhig hingelagert, sich und die Welt anschauen, das deucht einem das perennierende Vergissmeinnicht des Genusses.
Ich konnte so forttraumen, um Dir zu beweisen, dass ich traume! Es ist ein wahrer Tauschimmer von Lebensbluten, und alle meine Empfindungen sind ein blumiges Spielgartchen, in dem die erfrischte Welt in der Morgenrote liegt! Und die Vergangenheit?
Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehn,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden,
Und jeden hab ich einmal nur gesehn,
Denn nimmer hielt mich's, fluchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt ich mich gleich
zurucke.
Und manchem habe ich die Hand gedrucket,
Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
Hab in mir selbst die Kranze all gepflucket,
Denn keine Blume war, kein Fruhling da,
Und hab im Flug die Unschuld mit geschmucket,
War sie verlassen meinem Wege nah;
Doch ewig ewig trieb mich's schnell zu eilen,
Konnt niemals nicht des Werkes Freude teilen.
Rund um mich war die Landschaft wild und ode,
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
Kein kuhler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
Es grusste mich kein Sanger in dem Hain;
Auch aus dem Tal schallt' keines Hirten Flote,
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
Ich horte in des Stromes wildem Brausen
Des eignen Fluges kuhne Flugel sausen.
Nur in mir selbst die Tiefe zu ergrunden,
Senkt ich ins Herz mit Allgewalt den Blick;
Doch nimmer konnt es eigne Ruhe finden,
Kehrt trube in die Aussenwelt zuruck,
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
Las in den Sternen ewiges Geschick,
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
"Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen."
Ich sah sie nicht, die grossen Sussigkeiten,
Vom Uberfluss der Welt und ihrer Wahl
Musst ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
Hinabgedruckt von unerkannter Qual,
Konnt nimmer ich den wahren Punkt erbeuten
Und zahlte stumm der Flugelschlage Zahl,
Von ewigen unfuhlbar macht'gen Wogen
In weite weite Ferne hingezogen.
Eben erhalte ich Briefe von Arnim mit seinen Reiseplanen schon unter Segel; er geht ubers Meer; unsre guten Wunsche, mogen sie ihm gute Engel der Begleitung sein; lese selbst, die Briefe schicke hierher zuruck. Deine kleine Freundin Lowenstern wirst Du nun bald wiedersehen, sie ist gestern abgereist, ich hab sie aus meinem Fenster bei ihrer Freundin Fumelle einen zartlichen madchenhaften Abschied nehmen sehen; wenn Du sie siehst, so empfiehl mich ihr als Deinen treuen Bruder, den ihre Freundschaft zu ihrer Gespielin sehr geruhrt hat; das Fraulein Fumelle wohnt mir gegenuber und wird, wie ich hore, auch bald nach Offenbach gehen, ich sehe oft mit Vergnugen, wie sie ihre kleine zierliche Figur von Fenster zu Fenster tragt und keine Ruhe in den Fusschen hat, und wie ihr Herr Papa sein Barbierbecken am Fenster stehen hat, und wie das Barbierbecken den Herrn Papa abwartet, bis er seinen Bart hineinschaben lasst von dem kunstreichen Messer eines Weimarer Barbierheros! Alles ist namlich hier von einer Muse des Ubermutes genahrt, keiner geht uber die Strasse ohne personliches Gefuhl des Mitwirkens in die tolle Alltaglichkeit, selbst bis auf den Friseur, der einer der wichtigsten Kavaliere ist. Das ganze Windmuhlenwerk der Kunste ist fortwahrend im Gang, die Hand des Tonkunstlers und der Fuss des Tanzers klappen ineinander, die Kunstreihe korperlich geistiger Fertigkeiten wird durch einen Aufwand geistiger Regierung aufs hochste gesteigert. Fragen, Suchen und Finden sind drei verschiedene Ichs, die uberall sich beisammenfinden, sie bilden wie eine Olschlagmuhle eine Witzschlagmuhle. Nun schlagen auch noch die Nachtigallen dazu. Zwischen den bluhenden Buschen wandlen Deutschlands grosste Geister, eingehullt in den Nimbus ihres Namens; es ist fur einen Anekdotenjager das beste Revier; warst Du hier, wir wurden die Zeit aufs beste geniessen, und Du wurdest auf dem Schmetterlingsflugel der Welt wie auf einem Teppich Dich tummeln, denn so mochte ich Weimar nennen statt deutsches Athen, mit welchem absurden Namen es sich prahlt.
Ich bleibe auf jeden Fall einige Zeit hier, wo Du mich gern wissen sollst, denn ich bin sehr gern und glucklich hier und streife meinen Missmut ab wie eine alte Schlangenhaut. Das einzige ist, das Salbadern mit Herders Tod langweilt mich; aber auch hieruber ist ein Scherz nicht unwillkommen:
Herder ist von uns gegangen,
Goethe sieht ihm traurig nach;
Wieland trocknet seine Wangen,
Und Amaliens Herze brach.
Diese empfindsame Gesellschaft hab ich, wie sie im Vers beschrieben ist, mit schwarzer Kohle an die weisse Gartenwand vor Goethes Garten, der in den Park fuhrt, abgemalt; alles ist hingegangen, es zu betrachten. Der abgehende Herder und der weinende Wieland sind unwiderstehlich gelungen!
Lebe wohl! Schreibe mir, schreibe doch der Mereau ein paar Worte und liebe sie, wie ich es um Dich verdiene, dass Du die liebst, die mich versteht. Von allem diesen haben wir unter uns gesprochen, und Du wirst mit andern nicht davon reden.
Du kannst mir einen Gefallen tun, wenn Du mir sechs kleine Chemisettchen gestickt und mit Kragen von feiner Leinwand machen lasst; ich wunsche sie aber sehr bald, deswegen lass sie recht artig, aber nicht zeitspielig machen. Ich konnte diesen kleinen Toilettenbetrug sonst nicht leiden, aber ich will hier ein bisschen unter die Leute gehen und weiss ja noch nicht, ob sie verdienen, mich in meinem wahren Hemde zu sehen; die Dinger mussen nur ein Herzfleckchen und bisschen Hals sein. Herz und Hals wage ich nur in der Liebe.
Dein Clemens,
bei Friedrich Meier
Ich habe nicht Zeit, das Lied an Marianne abzuschreiben, schreibe Du es ab.
Es stehet im Abendglanze
Ein hochgeweihtes Haus,
Da sehen mit schimmernden Augen
Viel Knaben und Jungfraun heraus.
Sie wechslen mit Weinen und Lachen,
Sie wechslen mit Dunkel und Hell,
Mit schimmernden Augen und Wangen
Sie wechslen ihr Rocklein gar schnell!
Dort hab ich mein Liebchen gesehen,
Ein freundliches zierliches Kind;
Sie konnte wohl schweben und drehen
Wie fallende Bluten im Wind.
Und die in dem Hause dort wohnen,
Sind heilig und wissen es nicht,
Sie spielen mit Kranzen und Kronen
Alltaglich ein neues Gedicht.
Sie sind gleich den Gottern und handlen
Alltaglich in andrer Gestalt,
Mein Liebchen wird auch sich verwandlen,
Das tut meinem Herzen Gewalt.
O Liebchen, wo bist du geblieben?
Ich steh vor dem schimmernden Haus,
Und will dich bescheiden nur lieben,
O Liebchen, o sehe heraus!
Ich will dein pflegen und warten
Im Herzen so treu als ich kann,
Da seh ich sie sitzen im Garten
Wohl bei einem reichen Mann.
So kauf ich mir Harke und Spaten,
Bind mir ein grun Schurzelein vor.
Ich stell mich, als war ich der Gartner,
Und klopf bei dem Reichen ans Tor.
Tu auf, o Reicher, den Garten,
Ich will dir so gern ohne Sold
Die Blumen all pflegen und warten,
Sie sind ja mein Silber und Gold.
So sei mir, o Gartner, willkommen,
Zieh hoher die Rosenwand mir.
Verflecht sie zu Netzen und Schlingen,
Ich habe ein Vogelchen hier.
Zieh hoher und dicht mir die Laube,
Zieh mir ein gitternes Haus,
Dass keiner das Vogelchen raube,
Dass es nicht fliege heraus.
Da klinget so herzlich und susse
Im Garten ein inniges Lied,
Die Baume sie senden ihr Grusse,
Die Blume lauschend ihr bluht.
Da seh ich mein Liebchen so weinen,
Sie sieht zu mir heimlich herauf.
Die Sonne will nicht mehr scheinen,
Die Blumen, sie gehen nicht auf.
So hast du dann es verlassen,
Das schimmernde Gotterhaus,
Deiner Locken Gold wird blassen,
Deiner Augen Licht gehet aus.
O Liebchen, o sei nicht so munter,
Du hast vergeudet dein Los;
Dein Sternlein, es gehet ja unter
Tief in des Meeres Schoss.
Ans Meer will ich und stehen
Still in dem Abendschein,
Da muss in den Wellen ich sehen
Versinken dein Sternelein.
Im Niedersehen da rollen
Die Tranen still hinab,
Die sich vereinen wollen
Mit deines Sternes Grab.
Dies Lied hab ich ersonnen
Wohl vor jenem Zauberhaus,
Das glanzt in der Abendsonne,
Wo du nicht mehr siehst heraus.
Als Jugend um Liebe brennte
In irrem Liebeswahn,
Da wolltest du ihn nicht erkennen,
Die hell mich blickte an.
Lieber Clemens!
Dein Brief hat einen Eindruck auf mich gemacht, wie ungefahr das Licht wirken muss auf einen, der lange blind gewesen oder im Dunklen herumtappte. Du gingst von hier und warst so unzusammenhangend, dass selbst die Trennung von Dir ubersprungen war; Du liefst, Du liefst, hatte ich nicht dem Buben vor der Haustur mein Schnupftuch in die Hand gedruckt und ihm gesagt, er solle Dir nachlaufen, denn Du habest es vergessen, so wusste ich nicht, wie ich Dich im letzten Augenblick noch an mich erinnern sollte. Der Knabe kam zuruck und sagte, Du habest es in den Busen gesteckt und aufgetragen, mich tausendmal zu grussen! Tausendmal! Einmal war genug gewesen! Wenn Du nur vorher Dich besonnen hattest, dass Deine Schwester Dir gegenuberstand und wartete, dass Du sie ans Herz drucken solltest. Der Knabe sagte mir auch, der Postwagen war noch nicht fertig angespannt, Du seiest voran dem Tor zugegangen! Ach, Deine Ungeduld fortzukommen, sie war Dir eingeimpft durch jenen letzten Brief, den Du aus Weimar erhieltst; das Fieber ergriff Dich gleich, Du sturmtest fort! Du hast mich immer geplagt, dass ich nie einen Versuch gemacht habe, Deine Bitte zu erfullen, irgend etwas niederzuschreiben. Ich hab ein Marchen geschrieben, seit Du weg bist.
Ein schwermutiger Jungling, von Traumen aufgeregt, erwacht in der Nacht, die heiss und gluhend die Welt umfangt wie gestern, wo es die ganze Nacht wetterleuchtete; er sturzt hinaus ins Freie mit seinen getreuen Hunden und kommt in einsame furchterliche Gegenden, wo schreckliche Wasserfluten von den Felsen niedersturzen und die Baume auf den Hohen uber ihm zusammenkrachen, wo es feucht ist und giftige Krauter am Gestein sich hinaufranken und betaubend duften. Hier hort er auf einmal ein helles frohliches Lied singen, mit lustiger Stimme, er geht dem Tone nach und entdeckt einen mutwilligen Knaben, der uber einem schrecklichen Abgrund sich schaukelt, uber den brausenden Wassern, die in sturmender Eile dahinrollen. Er sieht's, erschrickt, wird tief bewegt von der Lebenskeckheit, viele Empfindungen machen sein Herz ganz wild und gluhend, er glaubt das Kind zu kennen, er will es warnen, er will es retten, doch nein, es ist ihm noch fremd, nun entspringt heisse Liebe zu dem heiteren Wesen in Todesgefahr, die Hunde klettern ihm nach, wie er sich versteigt, dem Kinde nachzukommen, sie suchen ihm Bahn, doch mit Angst, und mochten ihn abmahnen, er gelangt endlich hinauf, jetzt ist die Frage, was er mit dem Kinde anfangt.
Er stosst ihm einen Dolch in die Brust, ohne es zu wissen, sagt die Gunderode. Ich bin aber nicht so grausam und will das nicht, ich sage nein, es begegnen ihm mit dem Knaben noch wunderbare Dinge, der sich ganz mit seinem Schicksal verknupft, das fuhrt ihn durch Glaub, Hoffnung und Lieb, und das Marchen endet auf eine eigne Art. Wenn es so enden soll, sagt die Gunderode wieder, dann ist der Clemens der Jungling, seine neue Geliebte ist der Knabe und wir zwei sind die zwei getreuen Hunde, die zwar ihn warnen, aber nichts vermogen, hatt es aber nach meiner Art geendet, so warst Du, Bettine, der Knabe.
Ja, wir beiden treuen Hunde von Dir, lieber Clemens, ahnen ein schwer Gewitter uber Deinem Haupt. Wir mochten Dich wieder nach Hause persuadieren und Dich beschworen, den Block zu fliehen, wenn Du auch ein Weilchen die Ketten mit Dir noch herumschleppen musst.
Ach Clemens, ich bin mude und bin wie krank, aber es wird schon besser werden, konnt ich nur zur Grossmama nach Offenbach; die Luft ist mir dort zugetan, sie brachte mir immer gute Botschaft von Dir, besonders im Fruhling, da war die Luft ganz wurzig von aller herzlichen Begeistrung der Bruderliebe. Die Gunderode sagt auch zu mir, geh nach Offenbach, aber nun hat mir gestern der Gartner meinen Orangenbaum geschickt und meinen Feigenbaum und den Granatbaum voll Knospen, wer wird sie pflegen, bis ich wiederkomme? Ich hang an diesen Baumen, die nun schon zum zweitenmal mir bluhen, ich bin ihr Spiegel, sie sehen sich in mir, sonst sagt ihnen keiner, dass sie schon sind, so will ich hier bleiben. Aber die Schwalbe dort, die alle Jahr am Dachfenster baut, und der zulieb ich nachts es offen liess, und die hereinkam morgens, mich zu grussen, wenn ich noch schlief, die wird nach mir suchen, und der Lavendel, der jetzt bluht, wer wird ihn abschneiden? Es wird alles verkehrt gehen dort, ich will hin auf acht Tage nur. Ich hab mit Baumen und Strauchern zu reden, horen sie meine Rede zu ihnen nicht mehr, so werden all sie meine Sprache wieder vergessen. Oft am Fenster fruh, wenn der kuhle Wind von Osten her den Tag ankundigte, sah ich den Mond noch am Himmel mit dem Morgenstern sich unterhalten. Alles ist Mitteilung in der Natur, alles hat Flammenzungen, selbst der kalte Quell, in dem Du Dein Antlitz badest! Denn: ist Kalte nicht auch Feuer? Ob der Schnee nicht die gluhende Asche ist, die vom Himmel herabfallt, Du kannst's nicht wissen! Gleich drauf, als er die Asche abgelagert hat, entzundet sich die bluhende Erde, die duftereiche, alles wird Flamme, der Vogel, der im Busch hupft, ist ein spielend Flammchen, und so alles Leben ist Flamme des erschaffenden Geistes! Wer ist aber dieser? Ich bin, die es zu denken vermag und im Gedanken den Glauben verbirgt wie den Keim im Busen der Erde. Der Glaube ist die Kunst, die Macht und die Kraft des Schopfungswerkes! Sie wird stille stehen, die Welterzeugung, die Schopfung wenn wir sagen, weiter gibt es nichts, als was wir durch die bedingende Grenze unsers Wissens erlauben, dass es sei. Ja wohl auch weiter gibt's nichts! Ich erlaub aber alles, was ich zu denken vermag, dass es gleich sein darf. Wie soll ich das Schopfungswort: Es werde, mir anders auslegen? Ich glaub daran, dass wir einander begreifen sollen, wir geschaffne Wesen dass im Begreifen das Erschaffne liege, dass im Erschaffen die Unsterblichkeit ihren unendlichen Keim herauftragt zum Licht! Licht! Licht! Was ist das? ist's das, was wir mit dem dunklen Blick unseres Auges auffangen? Was uns den Vorhang wegzieht, der Nacht und Flur und Walder zeigt im Schmuck der Farben? Ja, das ist's, aber wo ist sein Ende? Es erleuchtet die Unendlichkeit in die Ewigkeit hinein. O, was ist in der Ewigkeit moglich? Die offne Pforte, aus der die Schopfungskraft niederwallt, ein voller unversiegbarer Strom! Das Lichtelement, der alles umfangende Schoss dessen, was der Geist begreift. Dies Begreifen ist ein Lichtschopfen; das ist der Gedanke. Denken ist, einen Leib annehmen, das ist Wirklichwerden! Wer aber dies Wirklichwerden erzeugt, der ist eine erschaffende Kraft! Diese Kraft ist die Unsterblichkeit im Menschen, wer sie ubt, der kann nicht vergehen, was aber nicht in ihr liegt, das ist Asche, die niederfallt, wie der Schnee niederfallt von der Himmelsfeste. Diese Geistesasche liegt schutzend uber dem nachkommenden Weltenfruhling, er wird durchdringen mit seinen tausend und aber unzahlbaren Flammengeschlechtern, die alle zur Unsterblichkeit sich aufschwingen, die alle Tatkraft werden der Erschaffung! Ja, das ist die Werkstatte des Gottes, sie heisst Weltengeist, in ihr wirkt die Menschheit das Unendliche, nur um selbst unendlich zu sein! Und ich bedenke dies und frage mich, was fur ein Werk in der Schopfung soll ich doch vornehmen? Damit ich meine Unsterblichkeit feste und sie durch die Ewigkeit strahle, denn alles Tun ist nur Selbsterhaltung, und was ich nicht belebe mit meinem Geist, in dem bin ich gestorben, aber den Tod soll ich bezwingen, das ist die Aufgabe der Unsterblichkeit.
Wie tief fuhle ich's, dass es so ist und sein muss! Und ich getraue mir, in meinem Geiste diese Schopfung fortzufuhren in dem, was mir am nachsten liegt, was mich anspricht um Erlosung! Es sind die Blumen, die wollen von mir begriffen sein, allerdings um ihrer selbst willen! Sie sind verstanden in allen Winken, die sie uns geben, so sind sie in eine neue Sphare geboren, und auch sie sind unsterblich durch den Begriff, der sie immer weiter erzeugt! so ist's gewiss, dass sie eine Sprache fuhren, die ganz mit unsern Empfindungen verwandt ist, sie reden also mit uns! Nun? Haben wir denn keine Antwort? Keine Mitteilung ihnen zu machen? Ach nein! Eine Blume ist ja nur ein Fragzeichen der Natur; die ganze Natur ist Sprache, die Blume ist ein Wort, ein Ausdruck, ein Seufzer ihrer vollen Brust! Ja die Blume spricht auch fur sich zu Dir, aber die ganze Natur bedarf ihrer, um sich selbst auszusprechen, und alles Sein ist ihre Sprache, so redet die Natur mit dem Geist! Und diese liebende Unterhaltung ist die Nahrung des Geistes, daraus schopft er seine Unsterblichkeit, dass er sie begreifen lernt und durch den Begriff sie eben forterzeugt. Also ein Erzeugender kann nicht sterben, denn in ihm wurde die Unsterblichkeit untergehen!
O lache mich nicht aus mit meinen Reden, es ist nichts, es ist Kopfweh, unendliche Mudigkeit; schlafen verlangt's in mir! An die Mereau soll ich schreiben? Was denn? Ich kenne sie nicht, sage mir, was sie ist, so will ich einen Stein in den Brunnen werfen, ob sie versteht, was der ankundigt.
Am Morgen nach einer wohldurchschlafenen Nacht muss ich doch dem Brief von gestern noch einen menschlichen Schluss geben, Du konntest sonst glauben, ich habe mich verstiegen (ubergeschnappt). Clemens, was hab ich Dir vorgeplaudert? Ich will's nicht wieder lesen, sonst wurde ich's vielleicht zerreissen, und einen zweiten schreiben kann ich nicht. Gestern war ein Kopfwehtag, heute bin ich wohl, aber matt und sehr aufgelegt zum Schlummer, und es ist mir doch so bequem, dass ich mir selber angehore, und nichts will ich von allem behalten, was mir auf ewig sollte bleiben. Ubertrage meine Liebe zu Dir auf die gute Sophie! Ich werde dann kommen und naschen wie ein Katzchen von dem, was ehmals mein war! Adieu doch! ich bin schon ganz froh, dass ich nichts mehr zu huten habe mit sauerem Schweiss. Lieber ein Bettelmann sein als ein Huter von etwas, was einem doch nicht gehort!
Bettine
Liebe Bettine!
Ich bin sehr betrubt, dass Du mir gar nicht schreibst, ich bin immer in Angsten, Du mogest krank oder unwillig auf mich sein, auch Sophie ist betrubt daruber, denn sie liebt Dich gar sehr, ich habe mir alle Deine Briefe von Marburg schicken lassen und sie ihr vorgelesen, Du glaubst nicht, Liebe, wie sie das ruhrt, und taglich, wenn ich vertraulich mit ihr zusammensitze und uns recht wohl wird, spricht sie: "Ach, wenn doch Bettine bei uns ware!" Sie wird durch Deine Freundschaft recht glucklich werden, bis jetzt hat sie auf Erden noch keine Seele gehabt, die sie so recht lieben konnte, sie ist ihr ganzes Leben durch wohl grausamer getauscht und misshandelt worden als irgendein anderes gutiges und schuldloses Wesen, und allen hat sie vergeben, alles hat sie vergessen, ist nicht menschenfeindlich gesinnt, ist immer freundlich, mild und unendlich anmutig, ich habe eine ruhige, herzliche Empfindung fur sie, die ich vorher nie gehabt, und auch sie liebt mich taglich mehr und inniger, und wir vertrauen unserm Geschick, das uns voneinander gerissen, um uns einander besser wieder zu geben. Liebe Bettine, ich habe Dich so unendlich lieb, so lieb, als ich Dich je liebte, ich fuhle immer mehr, dass Du mein Herz genahrt und erhalten hast. Du hast mich zu dem Menschen erzogen, den meine Geliebte achten und lieben muss, ohne Dich ware ich verzweifelt am Leben und an dem Heil. Ich wollte, Du konntest mich verstehen, ich wollte, Du konntest recht deutlich fuhlen, wie Dir nichts durch meine Liebe zu Sophien entzogen wird, nein, ich fuhle tief im Herzen, wie ich mich durch sie in Deiner Liebe verherrlichen kann, ich werde, durch sie zur Ruhe gebracht, alle die Krafte meines Geistes und meines Herzens im Tuchtigen glucklicher entwickeln, ich werde ohne Sehnsucht, ohne Begierde die Augen auf mein Tagewerk wenden konnen und es zur Ehre meines Lebens vollenden, Du bleibst ewig meine Richterin, Du bleibst das Mass meiner Empfindung und mein vertrauter Gott auf Erden. Wie Du liebst, Bettine, solcher Liebe wird auf Erden nicht genug getan, und wen Du an Dein Herz schliessest, der betet, Deine Arme aber uberreichen ihn, sie reichen in den Himmel und holen den Segen herab fur den Frommen, den Du liebst. Liebes Kind, wir werden noch einstens sehr glucklich sein auf Erden, denke Dir, wenn Du die Gattin eines einfachen vortrefflichen Mannes warst, der mich liebt, und ich und Sophie, wir alle viere leben in inniger Verbindung und teilen alles und ehren uns gegenseitig und lernen uns einander das Vortreffliche ab. Ich habe das feste Vorgefuhl, dass es uns bald so werden wird, und ich bete darum zum Himmel, Du kannst meinem Himmel nur recht vertrauen, denn er liebt Dich, und gewahrt er Dir meine Bitte nicht um meinetwillen, so ist es doch um eines gewissen lieben Kindes willen, um die geliebteste Bettine. Ich bin jetzt taglich bei dem vortrefflichen Bildhauer Tieck, der mich sehr lieb hat, es ist etwas Entzuckendes, ihn arbeiten zu sehen, wie er Gotter und Menschen mit einem kleinen holzernen Spatel aus Ton herauszaubert. Ich wunschte Dich oft zu mir her, dass Du das auch sehen konntest. Ich hoffe Dir bald etwas von seiner Arbeit schenken zu konnen, um es auf Deinen Tisch zu stellen, er hat mir es versprochen. Ich bitte Dich nochmals herzlich, mir ja gleich und viel zu schreiben, und wenn Du Sophien auch schreiben wolltest, so recht, wie es Dir ums Herz ist, ich glaube, es wurde sie sehr freuen. Ich bat Dich in einem Briefe um eine Puppe fur der Mereau ihr Kind, ich bitte Dich nochmals herzlich darum, die Kleine plagt mich alle Tag, und hier kann man keine leidliche haben. Schreibe mir doch ja, so glucklich bin ich doch nicht auf Erden, dass einige Worte von Dir mich nicht unendlich glucklicher machen konnten, sei mir tausendmal gekusst; grusse Gundel von Herzen.
Dein Clemens, bei Doktor Fr. Mayer
Liebe Seele!
Schon viele Tage war ich sehr betrubt, gar keinen Brief von Dir zu haben, ich war oft recht angstlich, Du mogest mich nicht mehr recht lieben, und ich ware doch so recht unglucklich ohne Dich. Heute wollte ich Dir nun mein Leid uber Dich recht klaglich beschreiben, und da erhielt ich denn Deinen einzig lieben Brief, der mich wieder ein bisschen traurig macht, auf eine andere Weise. Dass Du Sophien nicht recht leiden magst oder vielmehr Dich gegen sie verschliesst, betrubt mich, wie sehr! Deine Liebe ihr ubertragen? o mein Kind, das ist auch wunderbar wem auf Erden konnten wir unsre Liebe zueinander ubertragen? Ich schwore Dir, liebe Bettine, ich wurde nie ein Weib nehmen konnen, bei dem ich Dich entbehren konnte. Ich werde glucklich sein mit ihr, wenn Du mit glucklich sein willst; sie wird mit mir in meine Einsamkeit nach Marburg ziehen, den Winter schon wird sie mein Weib sein, st st kein Wort davon geredet. Wir wagen keine Freiheit, wir sind beide gut und vernunftig, unsre burgerlichen Verhaltnisse werden sich nicht verwickeln und uns strangulieren! Wir sind vergnugt und leicht. Das ganze Blatt hat sich uberhaupt gewendet, sie liebt mich jetzt leidenschaftlich, wie ich sie sonst liebte, und ich bin ruhig. Ich werde nicht an ihr handeln, wie sie einst an mir, sie wurde sterben, sie ist sehr gut und resigniert auf alles um meinetwillen. Doch lerne sie kennen, und dann liebe sie, dann hasse sie, Du wirst uberhaupt entscheiden uber uns. Schreibe mir noch immer hierher, aber um Gottes und des Himmels willen schreibe mehr das Unmittelbare, was mich und Sophie angeht; wenn Du es nicht tust, das krankt mich unendlich. Nochmals aber bitte ich Dich, der Mereau selbst zu schreiben!
O Kind, Du willst mit Blumen und Krautern Dich einlassen und glaubst schon sie zu verstehen. Warum willst Du den Kreis des Vertrauens nicht auch ihr aufschliessen? Sie auch wirst Du erlosen aus einem bezauberten Kreis der peinlichsten Gefuhle! Mich liebt sie mehr wie ihr eigenes Leben, und Du, die ich so liebe, Du stehst starr und stumm vor ihr, als gehore sie nicht zu Deiner Welt. Du stossest sie aus? Was hat sie Dir getan? Schreib es ihr, sie wird sich dann verteidigen, denn sie liebt Dich innig und liest immer in Deinen Briefen und lernt lieben daraus! Sonst kenne ich mehrere vortreffliche Familien, so was ich und Du vortrefflich achten, Leute, die mich leiden mogen! Und besonders lege ich mit meiner Gitarre und Deinen Kompositionen viel Ehre ein.
Alle Abend sitze ich mit irgendeiner Gesellschaft bis spat in die Nacht und singe und spiele, dass mich alles lieb hat und hinterdrein doch wieder auf mich schimpft, das gehort sich aber so auf dem Weimarer Plundermarkt. Ich bleibe wohl noch ein paar Wochen hier, drum schreibe immer hierher; sehr erfreuen konntest Du mich, wenn Du mir, was Hoffmann komponierte, wenn auch bloss mit Klavierbegleitung, abschreiben liessest, aber bald, und mir es schicktest.
Vor einigen Tagen war ich in Lauchstadt, sechs Meilen von hier; ein Badeort, wo wahrend der Kurzeit die hiesigen Schauspieler spielen, dort sah ich das neue Stucke von Goethe, die "Eugenie", es wurde schlecht gegeben, aber es ist, nu, es ist halt von Goethe. Als ich in die Promenade dort trat, wer kam mir zuerst unter die Augen? Minna Rbach, das Madchen von Altenburg, das ich einst liebte, Perigot, der Pariser (lasst Dich grussen), fuhrte sie. Perigot begrusste mich, sie erblasste; sie hat einen dummen reichen Mann geheiratet, sie ist sehr unglucklich. Bei Tisch sassen wir ofters nebeneinander, sie war sehr verlegen, ich redete kein Wort mit ihr; am Abend vor ihrer Abreise machte ich durch Perigot die Bekanntschaft ihres miserablen Mannes, den ich bat, mich seiner Frau zu prasentieren, er tat es; ich setzte mich neben sie und sagte ihr leise: "Nicht wahr, Minchen, ich hatte recht, es geht dir recht schlecht, wie ich dir gesagt habe." Da weinte sie beinah und musste tanzen gehen; ich aber entfernte mich und setzte mich allein in die Allee, wo ich recht vergnugt an Dich gedachte, wie doch die andern Weiber alle nichts gegen Dich sind! Du sollst bald eine grosse Freude haben; ein Geschenk erhaltst Du in einigen Wochen von mir, so kostlich, so lieb, so hast Du in Deinem Leben nichts gehabt, ich mochte es gar zu gern sagen, was es ist, aber ich denke durch mein Stillschweigen Dir einige Briefe abzujagen. Ubermorgen wird es angefangen, nun Du wirst ein freudig Wunder daran erleben, aber hore, sei mir auch gut und halte auch mehr auf Sophien. Lebe wohl, fur Puppe, Chemisettchen und Rock danke ich.
Dein Clemens
Ich schreibe Dir morgen einige Gedichte ab, die ich gemacht.
Lieber Clemens!
Eins hab ich ganz vergessen Dir zu sagen, dass Marianne ihr Gedicht von mir empfangen hat! Ich war so sehr betaubt, als ich Dir das letztemal schrieb, wie es immer geht, wenn ein tiefer Traum durch nichts sich abwalzen lasst, wenn alles, was das aussere Leben hinzubringt, von ihm ergriffen wird, um sich tiefer hineinzutraumen, wenn jedes zufallige Ereignis neue Traumverflechtungen bildet. So war mir's, und so ist mir's noch hier in dem alten Stadtleben! Diese Empfindungen, diese Erinnerungen meines Traumlebens mussen erst ganz abgestorben sein, ehe ich offen und frei mit Euch sprechen kann uber das Wie und Warum. Denk Dir eine Schaferhutte mit einer Wiese umher mit duftendem Grun, ein Muster einfachen Gluckes, die Lammer hatten da ihre poetische Trift, die niederregnenden Bluten versprachen Fruchte! Und nein! Du hast geirrt, es war da keine Wiese, es war nur ein Traum hinter einem grunen Bettvorhang! Ich reib die Augen, ich frag, ist's moglich? Es war doch alles so wahr in jener Heimat, dass ich mich in dies Erwachen nicht finden kann, und nun weiss ich nicht, ob ich nicht jetzt eben erst in die Traumpforte trete und entschieden ist, ob ich jetzt traume oder fruher getraumt hab, bis dahin werd ich an Deine Sophie nicht schreiben. Ach Clemens! Das deucht Dich wunderlich, eigensinnig vielleicht, und widersprechend Deiner Bitte, Deiner Sehnsucht! Aber Dein letzter Brief fuhrt ja da schon wieder ein Minchen Rbach auf, die Du einst liebtest, von der ich nichts weiss! Und war das kein Traum von Dir? Und nun fuhrst Du den Traum fort, so wie Du sie kommen siehst, gehest Du wieder auf Deinen Traum ein; Du gehst an ihr vorbei, tust im Traum, als ob Du sie nicht kennst, schleichst Dich dann an sie heran, um ihr Vorwurfe ins Herz zu schleudern, die sie verdient, wie Du meinst, und zuletzt wachst Du auf mit der Satisfaktion, Deiner fruheren Geliebten eine Rote und dann eine Totenblasse abgejagt zu haben. Du erzahlst mir Deinen Traum, wie Du eben im Begriff stehst, mich in einen neuen Traum mit hineinzureissen; was soll ich mich willkurlich brauchen lassen, da ich wirklich bin, in Geschichten, die unwirklich sind? Wollte ich mich da gleich bereit finden lassen, Du konntest nach geraumer Zeit, aus diesem Traumleben erwachend, mir Vorwurfe machen, Illusionen in Dir genahrt zu haben, die dann zu nichts zerfallen! Du sagst jetzt schon, Du liebtest sie nicht mehr wie sonst! Du sagst, dass sie selbst Dich einmal verworfen habe. Ach, was kann mich denn abhalten, Dir zu dienen als die Gefahr, die Du dabei laufst! War ich nicht manchmal schon die kleine Rettungsinsel, wenn alles rund um Dich her uberschwemmt war? Soll ich mich nun auch uberschwemmen lassen? Dass Du nicht weisst, wohin Du den Fuss setzen sollst, wenn die Flut uber Dich gesturzt kommt? Wenn Ihr beide Euch wirklich wach glaubt, so entschuldigt mich, dass ich so traumversunken bin und mich nicht zu Euch hinubertraumen kann! Und entschuldigt es, dass dies alles eine Sorge ist um Dich, die mich im Traum gepackt hat.
Weiter weiss ich Dir nichts zu sagen, als dass ich mude und schlafrig bin. Gestern waren wir auf der Gerbermuhle, die Gunderode mit mir, welch himmlischer Aufenthalt; warum kann man's versaumen, wenn man die Sonne so untergehen sah, dass man sich wieder auf dem Platz einfindet, um sie am Morgen wieder zu empfangen! Adieu doch!
Bettine
An Bettine
Du hast nun wohl meinen letzten Brief, der mit dem Deinigen sich gekreuzt hat, und ich hoffe, er hat Dir einen ruhigen, ja glucklichen Eindruck gemacht, damit die Verwirrungen der Sprachen wie in Babylon nicht den Fortbau unseres Gluckes hindern.
Was hat Dein Brief mir und der armen Sophie fur eine Angst gemacht, ich begreife Dich nicht! Hab ich Dir nicht mehrmals gesagt, dass von Dir meine Zukunft abhange, dass es Dein Wille ist, ja Deine Neigung, die mich bewegt zu allem, die mich lenkt! Und ich sage Dir nun, dass ich Sophien nie heiraten werde, wenn Du sie nicht liebhaben kannst, das ist auch ihre feste Entschliessung, und sie opfert mehr dabei auf als ich, denn sie liebt mich mehr als ich sie liebe, sie hat keine Bettine, ich habe eine, die ich ewig mehr lieben werde als alle Menschen! Es ist mir ewig leid, dass ich daruber an andre geschrieben habe. Man scheint alle Glocken bei einer Sache angezogen zu haben, die gar nicht der Muhe wert ist; was hat man Dir uber uns gesagt? Sag es aufrichtig. Dabei sitzt Du in Frankfurt zwischen trostlosen Wanden und weisst Dir keinen Rat! Hast Du denn gar kein Vertrauen mehr zu mir? O liebes Herz, sei ruhig! Glaube an mich und verirre Dich nicht! Auch der Traum hat seine Anspruche an die unverkummerte Wahrheit; das zu schone Leben ist ja Traum, und wenn Du erst mit uns beiden vereint bist, dann ist mein Leben zu schon, und dann traumen wir alle drei glucklich, und Du wirst's doch nicht scheuen, im Traum Deinen Bruder glucklich zu fuhlen, glucklich zu machen!
Jetzt erst merke ich, wie ich von den Leuten verschieden bin, denn meine Idee, mich mit Sophie zu vereinigen, ist mir eine der einfachsten meines ganzen Lebens; ich kann Dich versichern, zu Dir aus meiner Stube in die Deine zu gehen war mir immer wichtiger und mit mehr Sorge verknupft; Deine Angst aber ist nicht in der Ordnung. Du solltest mich so lieben, dass alles, was ich mit Gleichmut und Ruhe tue, das heisst: dass alles, was ich eigentlich tue, Dir gar keine Sorge machen konnte. Schau mir in die Augen, mein Kind, mein treues, gutes Kind, und store Dich nicht, was an meiner Seite vor sich geht; es geht uns beide nichts an, wir mussen unser Sein, unser Denken miteinander, nicht mit der Welt vermengen, sonst gibt es Schmerzen. So wie Du allerlei Ubles ahnest, so ahne ich Gutes, oder doch vielmehr ganz ordentliche ruhige Begebenheiten und erschrecke nur daruber, wie Dich etwas so ganz Gewohnliches in Sorgen setzen kann! Ich sage Dir daher nur noch einmal, Sophie wird nicht mein Weib, wenn Du sie nicht lieben kannst, aber Du wirst sie lieben, das ist gar nicht anders moglich, sie wird Deinetwegen express nach Trages kommen, sie hat eine Begierde nach Dir wie noch nie nach einem Menschen. So oft ich ihr einen solchen Sorgenbrief wie den letzten Deinigen bringe, wird sie immer sehr geruhrt und betrubt, aber wenige Minuten drauf wird sie wieder froh und viel mutiger als vorher, sie fuhlt sich so viel, viel besser als man von ihr denkt, und freut sich inniglich darauf, unsre Liebe zu gewinnen. Ich versichere Dich, ich werde so glucklich mit ihr sein, als man es dans ces pays bas auf dieser Erde sein kann, und das Schonste bei dem allen ist, dass wir uns gar nicht storend sein werden, dass das Schwere, Plumpe der gewohnlichen Ehe uns nicht beruhren soll; wir werden leben, wie es Schneeflocken zusammenschneit, und wie die zerrinnen, wenn ein neuer Fruhling kommen sollte, so werden auch wir zerrinnen, wenn wir nicht beisammen bleiben sollten usw.
Mache mich nicht unglucklich, liebes Kind, sei nicht traurig um mich, ich schwore Dir, so wahr als Gott und unsere Liebe lebt, es ist da nichts, was Dich mit Recht betruben kann! Vertraue mir ganz, aber verstelle Dich nicht, als seist Du ruhig, wenn Du es nicht bist. Ach, aber welcher gottliche Beweis von Deiner grossen Liebe zu mir ware es, wenn Du mit aller Innigkeit so recht aus ganzer Seele mir vertrautest! Wenn Du wirklich ruhig wurdest und zu Dir sprachst: der Clemens kann nichts tun, was mich betrubt, er wird mein Gluck nur vermehren, nur befestigen konnen; in diesem Vertrauen will ich auf die Zukunft mich freuen. Liebes Kind, blicke um Dich auf die Herrlichkeit Gottes in der Natur und in der Kunst und in unserer Liebe, liebes Kind, lasse Dich keine Sorge einnehmen. Ein tuchtiger Mensch kann nicht unglucklich werden, ich fuhle, ich kann es nicht, denn ich bemerke mich nicht mehr, so klein bin ich gegen Natur, Kunst und die Liebe, und so auch tue Du.
Es ware sehr betrubt, wenn Dich dieser Brief gar nicht ein bisschen trosten sollte, er geht mir so recht von Herzen! Gunda schreibt mir aus Frankfurt, Du seist sehr krank gewesen aus Liebe und Sorge zu mir, deswegen hattest Du mir nicht geschrieben, Du seist so krank gewesen, dass die ganze Familie um Dich besorgt gewesen sei! Mein Kind, ist das wahr? Und Du hattest es mir verschwiegen? Das krankt mich, das ist gewiss ein Schreckenberger von der Gundel! Liebes Kind, nehme Dich zusammen, sei lustig und vergnugt, ich schwore Dir, es ist auch nicht fur zwei Pfennige Elend auf der Erde, und ich hab gar nicht notig, besorgter oder vergnugter als sonst zu sein; denn es wird ewig beim Alten bleiben; die Natur strengt sich nicht an, naturlicher zu sein, Gott hat bis dato noch keine Ursache gefunden, gottlicher zu werden, der Mensch ist so menschlich als genug, und der Clemens ist und bleibt halt der Clemens, und wenn ich sechstausend Weiber nehme, so werde ich immer nach wie vor der Clemens sein. Ich wurde auf die letzten Nachrichten von Euch gleich zu Dir gekommen sein, wenn mich nicht folgendes abhielt: erstens kann Sophie nicht eher nach Trages reisen als in ungefahr vierzehn Tagen, und ich kann sie doch nicht allein hinreisen lassen; zweitens will ich meine Buste von Tieck fur Dich modellieren lassen und der konnte noch nicht anfangen, weil ein grosser Bacchus, den er macht, umgefallen und zerbrochen ist, so dass er ihn erst von neuem machen musste. Diese Buste ist das uberraschende Geschenk, was ich Dir versprochen habe, es wird Dir grosse Freude machen; er giesst einen nicht ab, wie Franz und Toni abgegossen wurden, er modelliert einen aus freier Hand! Ich will nun doch nicht eher von hier gehen, bis ich Dir mein Wort gehalten habe!
Savigny schrieb mir heut, er habe einen Brief von Arnim an mich, ich aber habe den Brief noch nicht, auf den ich unendlich ungeduldig bin; er hat ihn Christian gegeben, ihn mir zu schicken, und der ist ein kommst du heut nicht, so kommst du morgen!
Eben erhalte ich zu meinem haarzubergerichtenden Erstaunen beiliegenden verwirrten Brief der Grossmutter! Ich weiss nicht, was er bedeuten soll. Es muss ihr von hier aus, wo vom Schuster bis zum Herzog alles von mir und der Mereau spricht, manches Unwahre erzahlt worden sein; sie spricht mir auch von Dir! O sei um Gotteswillen nicht betrubt uber mich, wolltest Du denn, dass ich nie heiraten sollte? Liebe Bettine, wenn Du es verlangst, so will ich das einzige Weib, was mich als Gattin glucklich machen kann, verlassen und will ein Einsiedler werden! Sei doch ruhig und setze mich nicht in Angst. Ich weiss mir nicht zu raten und zu helfen, wenn Dir es nicht wohl wird.
Heut hab ich ein Liedchen an Arnim gemacht und eine schone Melodie dazu, ich weiss noch nicht, wo er jetzt wohnt, drum schicke ich es Dir allein, da er noch wohl in Deinem Herzen wohnt. Madchen! Wenn Du meine Freunde so lieben kannst, warum wehrst Du Dich so gegen meine Freundin?
Wunderlich ist's, dass alle Leute, welche die Mereau kennen, sich ebenso wunderlich gegen unsere Verbindung wehren; wie Ihr auf sie zurnt, so zurnen sie auf mich. Ja, zieht und zerrt nur, wir lieben uns, und Ihr musst Euch einst noch freuen daran!
Dies Liedchen ist das beste, was ich gemacht habe, mir ist es recht wie dem Jager!
Der Jager an den Hirten!
Durch den Wald mit raschen Schritten
Trage ich die Laute hin,
Freude singt, was Leid gelitten,
Schweres Herz hat leichten Sinn!
Durch die Busche muss ich dringen
Nieder zu dem Felsenborn,
Und es schlingen sich mit Klingen
In die Saiten Ros' und Dorn.
In der Wildnis wild Gewasser
Breche ich mir kuhne Bahn,
Klimm ich aufwarts in die Schlosser,
Schaun sie mich befreundet an.
Weil ich alles Leben ehre,
Scheuen mich die Geister nicht,
Und ich spring durch ihre Chore
Wie ein irrend Zauberlicht.
Haus' ich nachtlich in Kapellen,
Stort sich kein Gespenst an mir,
Weil sich Wandrer gern gesellen,
Denn auch ich bin nicht von hier.
Geister reichen mir den Becher,
Reichen mir die kalte Hand,
Denn ich bin ein guter Zecher,
Scheue nicht den gluhen Rand.
Die Sirene in den Wogen
Hatt sie mich im Wasserschloss,
Gabe, den sie hingezogen,
Gern den Fischer wieder los.
Aber ich muss fort nach Thule,
Suchen auf des Meeres Grund
Einen Becher, meine Buhle
Trinkt sich nur aus ihm gesund.
Wo die Schatze sind begraben,
Weiss ich langst, Geduld! Geduld!
Alle Schatze werd ich haben,
Zu bezahlen meine Schuld.
Wahrend ich dies Lied gesungen,
Nahet sich des Waldes Rand,
Aus des Laubes Dammerungen
Trete ich ins offne Land.
Aus den Eichen zu den Myrten,
Aus der Laube in das Zelt
Hat der Jager sich dem Hirten,
Flote sich dem Horn gesellt.
Dass du leicht die Lammer hutest,
Zahme ich des Wolfes Wut,
Weil du fromm die Hande bietest,
Werd ich deines Herdes Glut.
Und willst du die Arme schlingen
Um ein Liebchen zwei und zwei,
Will ich dir den Baum bald zwingen,
Dass er eine Laube sei.
Du kannst Kranze schlingen, singen,
Schnitzen, spitzen Pfeile suss,
Ich kann ringen, klingen, schwingen
Schlank und blank den Jagerspiess.
Gib die Pfeile, nimm den Bogen,
Ich bin Ernst, und Du bist Scherz,
Hab die Sehne ich gezogen,
Du gezielt so trifft's ins Herz.
Schreib, mein Kind, sei ruhig, Heiopopeio, in drei Wochen kussen wir uns.
Clemens
Weimar, 23. Juli 1803
Liebe Bettine!
Gestern abend war ich bei Sophien, sie war ungewohnlich schwermutig, auch ich war nicht vergnugt, der Gedanke an Deine zartliche Angst um mich versetzt uns beide oft in solche Trauer; wenn ich ihr dann erzahle, wie ich Dich uber alles liebe, wie ich Dich so vortrefflich halte, so wachst ihre Sehnsucht nach Dir unendlich und mit dieser ihr Mut. In dieser Idee Deiner Liebe gewiss wurdig zu sein, Dir nah zu sein, Deine geliebte Freundin zu werden, von Dir vieles zu erlangen, was sie bis jetzt umsonst auf Erden gesucht hat, ergriff sie eine innerliche himmlische Heiterkeit, sie ward ruhig, und ihr Anblick gab mir eine eigne Seligkeit. Heute morgen schickte sie mir beiliegenden Brief an Dich, den sie noch spat in der Nacht in jener hoffnungsvollen liebenden Begeisterung geschrieben hat; ich zweifle nicht, Du vortreffliches, geliebtes Herz, dass Du die Seele dieses Briefes ehren wirst, dass Du ihr aufrichtig, ohne Delikatesse, ohne alle Resignation antworten wirst; Wahrheit sage auch ihr, sage alles, was Du empfindest, sie kann alles ertragen um meinetwillen, und sei recht ruhig und zufrieden; wenn Du sie kennen wirst und sie keineswegs lieben kannst, so wird sie nie mein Weib. Ich muss noch an Savigny schreiben; drum lebe wohl; ich bitte Dich herzlich, schreibe mir ofter, aber ums Himmelswillen lauter Wahrheit! mein, Dein, Sophiens Gluck hangt davon ab. Heute hat Tieck meine Buste fur Dich angefangen.
Clemens
An Clemens
Was uns nah ist, lieben wir innig im Leben, was uns naher ist, konnen wir nicht genug lieben! Wer liebend auf seinem Weg weiter geht bis ans Ende, der hat die Wallfahrt nach seiner Heimat recht als ein Kind mit aller Andacht vollendet und kommt auch als Kind an das End seines Lebens! Wie weise, wie ernst mussen diese Kinder nicht sein! Wie gross, wie herrlich, und doch sieht ihnen ihre Grosse niemand an. Sie treten lachelnd in den Kreis, und wenn sie scheiden, treten sie lachelnd wieder ab, dies ist Sonnenschein im Leben, Ihr aber seid geruhrt uber die lachelnde Einfalt und schauert uber das geheime Geistige darin; das sind kuhle Wolken, erquickender Regenschauer im Leben. Der lachelnde Mund kommt naher, er kusst Euch die Tranen von den Wangen, dies ist Regen und Sonnenschein zugleich, eine Art Aprilwetter, das man Laune nennt und auf welches gemeinlich der herrliche Regenbogen erfolgt, der Friedensbote von Gott gesandt, der die Weltanschauung in ein freudiges Licht stellt und Milde nach dem Sturm verkundet. So geht es auch mir. Oft hangt die Trane auf der lachelnden Lippe, und der Friede sieht aus den Augen, von denen die Trane eben hinabrollte. Wenn nun aber der lachelnde Mund nicht gleich bereit ist, die Trane zu empfangen, das heisst, wenn der Regenbogen nicht gleich erscheinen will, so entsteht daraus die Trauer, die Dich angstigt, und die Du mir fur diesmal vergeben musst, weil ich Dir mit Wahrheit den Beweis geben kann von meiner Liebe zu Dir, dass mir nichts mehr weh tun wird, was Du auch unternimmst, dass ich alles um Deinetwillen lieben werde, was Du Dir aus voller warmer Seele aneignest; ich weiss ja, dass Du meinen Anteil an Deinem Gluck nicht verschmahest, mehr begehre ich nicht. Sieh, ich denke oft, ehe man eine Hand umwendet, ist es anders mit des Menschen Gedanken und Traumen und Entschlussen. Also mag auch noch vieles geschehen, wovon jetzt unser Herz nichts ahnt, und was es traurig machen wurde, wenn es das jetzt schon wusste; denn wenn wir nur bemerken wollen, wie oft kein Pulsschlag, kein Wink mehr von Dingen da sind, von denen wir uns nie zu trennen glaubten. Es ist eigentlich entsetzlich! Man darf nicht viel dran denken, denn sonst erscheint einem das Leben wie ein alter Mann, der eine kindische Neuigkeit mit wichtiger Miene uns hinterbringt, um uns etwas weiszumachen, und dem wir auf die Spur gekommen sind und nun nichts mehr glauben wollen, und wenn wir denn immerfort denken und grubeln wollen, so werden wir am Ende wie spukende Geister und spazieren ewig unter unsern alten Ruinen herum, indessen die ubrigen sich schon neue Gebaude aufgefuhrt haben. Freilich, wenn freundliche Jager sich gerne in solche Schlosser verlieren, sich nicht vor dem geistigen Druck der geistigen Hand furchten, unerschrocken den gluhenden Becher kredenzen, mitwandlen in stiller Mondnacht uber Flur, Berg und Tal und Strom, leise durch die Flut rauschen. O blieb es ihm immer so kuhl bis ans Herz wie dem Fischer! O konnte er doch immer aus Thulens Becher trinken, trinken bis zum Hinsinken, wo er begraben liegt.
Clemens, Dein Lied hat mich erfreut es gibt eine Zeit im Jahr, wo die Baume so festlich rauschen, geschmuckt mit ihrem Laub, als ob sie den Brautigam erwarten, und wenn wir wissen wollen, was denn die eigentliche Macht ihrer Schonheit ist, so ist's immer ihre eigne Gestalt! So ist's mit Deinem Lied, vielleicht auch mit Deinem Charakter, mit allem, was aus Dir hervorgehen wird noch! Es ist, als ob es die Vorbereitung einer festlichen Zeit sei, und wenn wir uns naher ihm vertrauen, so ist es immer wieder es selbst! Du bist es selbst, das Gluck, auf das Du Dich so festlich vorbereitest, das Gluck, dem Du Dich anvertraust.
Soeben habe ich Sophiens Brief erhalten, er ist zu freundlich gegen mich. Wirklich, ich verdiene es nicht. Sie sollte mich schelten, dass ich die ganze Zeit so murrisch gegen sie war, und nun unterwirft sie sich meinem Urteil! Was soll ich darauf sagen? Clemens, was ist dies Verehren, was sich auf nichts reimen will in mir? Ihr kommt mir vor wie einer, der den heiligen Geist erwartet, und weil da grade eine Taube sich zu Euerm Fenster gewohnt, so empfangt Ihr sie mit grosser Begeistrung! Und doch Deine Begeistrung hat mehr heiligen Geist in sich als die Taube, die nur ein paar Futterkornchen sucht. In wenig Tagen schreib ich an Sophie; dass die Post mir auf dem Nacken sitzt, merkst Du am kurzen Atem meines Briefs. Wir gehen in wenig Tagen nach Schlangenbad; verzogre Deine Reise, bis wir zuruckkommen, denn hier bleiben kann ich nicht, schon der Gedanke an andre Luft sagt mir, ich soll gehen.
Apropos von der Grossmama, die schon mit Deinem Vorhaben uns benachrichtigte, noch ehe die Propheten und Vorlaufer Deinen neuen Glauben verkundet hatten, die also aus dem Urborn geschopft haben muss, namlich aus Handbrieflein von Weimar. Dass ich krank gewesen, ist auch wahr, ich habe Dir nichts davon gesagt, weil ich Dir erst schrieb, als ich schon wieder besser war und Dir keinen unnutzen Schrecken einjagen wollte. Ich mochte Dir gern noch viel Liebes sagen und meiner Treue Dich versichern, sowie auch Sophie, aber wirklich, die Zeit will nicht warten. Adieu, ich umarme Euch tausendmal.
Bettine
Liebe Bettine!
Deinen unendlich liebevollen, seelenvollen Brief habe ich heute morgen im Bette erhalten, er hat mich aufgeweckt, und ich habe ihn gebetet. Sei zufrieden, mein Kind, es hat sich alles so gewendet, wie Du es wunschtest, Sophie wird mein Weib nicht, aber meine liebe, sehr liebe Freundin. Sie selbst hat freiwillig nach reifer Uberlegung dieser Verbindung entsagt, aber sie kann nicht leben ohne mich, und sie ist entschlossen, nach Marburg zu ziehen, um meine und Savignys Gesellschaft zu geniessen. Ich habe ihr heute morgen sogleich Deinen Brief geschickt, und die beiliegenden Zeilen schickte sie mir mit zuruck, Du glaubst nicht, wie sie Dich und mich liebt, und wie wir auf Erden ihr Alles sein werden. Liebe kann ich nicht fur sie empfinden, aber ein Vertrauen, eine Neigung, die nahe an Liebe grenzt. Der Dichter Tieck war vor kurzem hier, er hat mich so lieb gewonnen, dass wir Tag und Nacht beisammen waren, ach, er ist ein recht vortrefflicher Mann, er hat mir seinen Dornenstock, den ihm Hardenberg (Novalis) geschnitten, geschenkt, und ich gab ihm dafur die kleine Vorstecknadel von Dir, ich habe ihm viel von Dir erzahlt, er liebt Dich herzlich, und ich habe ihm versprochen, Dich um ein Kleidchen fur sein vierjahriges Kind zu bitten, der Gedanke machte ihm unsagliche Freude. Sein ganzes Wesen hat eine grosse Gewalt uber alle Menschen, wie auch Arnims Wesen eine solche Macht ubt. Die beiden lieben sich wechselseitig von Herzen. Du glaubst nicht, wie mich die Liebe dieses Mannes gestarkt und aufrichtig gemacht hat. Meine Buste wird in wenigen Tagen fertig, und dann reise ich ohngefahr von heut in zehn Tagen nach Marburg und von da nach Schlangenbad zu Dir, um Dir vieles zu erzahlen; dass ich nach Schlangenbad komme, ja von allem rede kein Wort. Freust Du Dich dann nicht auf die Buste? Uberlege es recht, welches Opfer Sophie gebracht hat fur Dich, fur mich, ach ihre Gute ist unbeschreiblich gross, ich schwore Dir, sie wird Dir eine teuerste Freundin werden. Lebe wohl, sei gesund, pudle Dich hubsch, bald bin ich bei Dir. Aber um Gotteswillen schreibe noch einmal hierher, gleich von Schlangenbad. Schicke den Brief an die Mereau.
Clemens
Freitag, den 4. August.
Lieber Clemens!
Nur ein Wort, ich bin in Schlangenbad und habe soeben Deinen Brief bekommen, ich kann Dir nur erzahlen, dass ich morgen ausfuhrlich schreiben will, wenn der Genuss, auf die Hohen zu steigen und in die Ferne zu spahen, mich dazu kommen lasst.
Sophie ist wunderbar, dass sie mich so gern sehen will, ich weiss nicht, was ich von mir denken soll, dass ich bis jetzt noch gar nicht daran gedacht hab.
Bettine
Grusse sie von Herzen und sag ihr, ich hoffe mein Moglichstes von unserer Zusammenkunft, aber so bald wird's nicht sein konnen, da wir sechs Wochen hier bleiben!
Clemens Du bist artig, und Sophie ist fein, Ihr wollt Euren Brautkranz von mir geflochten haben, darum ist es, dass Ihr ihn wieder aufbundelt und mir alle aufgelosten Blumen in den Schoss schuttet! Geschwind Wasser her, dass sie mir frisch bleiben, und dort auf der Wiese breche ich noch viele dazu, und alle Ihr kleinen Geschlechter, die Ihr die Augen noch nicht dem Licht offnet, seid zum Reigen im Hochzeitskranz gebeten. Ihr sollt an Euern feinen Stielen nicken auf der Braut ihrem Kopfchen und Ja sagen, wenn allenfalls die Braut zagt, denn! Es ist wahr ich wurde ja auch gar sehr zagen wenn ein wonnetraumender Trunkener vor mir stande und wollt mich fragen: Willst du mich glucklich machen? Und: "Nein!" wurde ich da sagen viel eher, aber nicht: "Ja", und der Pfarrer wurde sich wundern; und weiter wurd ich sagen: "Seh, wie du fertig wirst, wenn du durchaus und mit Gewalt dein Gluck dir willst bequem einrichten, damit es sich bei dir niederlasse!" Euch sag ich, meine teuren Freunde, denn die seid Ihr mir jetzt, was ich nicht verdeutschen kann, was aber tief in meiner Seele liegt. Grad vor meinem Fenster steht ein Rosenstrauch mit unzahligen Rosenfamilien, heut morgen vom Tau ganz schwer lagerten die langen schwanken Aste beinah am Boden, ich nahm einen Zweig ins Aug, auf den grad die Sonne blitzte, und dachte, das soll die Sophie sein, und wie ich hinunterkam, war's eine freudige Rosenmutter mit drei Knospchen dicht ihr am Busen! Ich hab sie nicht abgebrochen, ich will sehen, wie sie emporkommen. Ach! Ein Knospchen ist grad wie ein Wickelkindchen! Ach, auch sie verlangen, dass man die Lippe zusammenziehe und ein Schnutchen mache und sie kusse! Sie wollen tandlen, sie lachlen und wollen angelacht sein, und die Lust, wie ein Vogelchen, hupft in ihren Zweigen!
Ich war ja auf der Reise hierher sehr vergnugt! Auf dem Bock sass ich, und die Neugierde, was es denn alles gab in der Welt, liess mich die ganze Nacht nicht schlafen! Was hab ich gesehen? Ganz stille Landstrassen mit Baumen besetzt, die wie besessen an uns vorbeirennten! Durch Dorfer. Die kleinen Hauser sind ja auch Knospen, sie umhullen in seinen Windeln ein Geschlecht, es konnte edel bluhen; aber ihm fehlt die Luft, die reine, balsamische des Geistes. Ach, wann wird der herabtraufeln und von welchem Himmel? Er ist hoher als der Nachthimmel voll unzahliger Sterne, der uber meinem Haupte schwankte! Die Sterne strahlen gegen Morgen viel heller und freudiger, und doch sahen sie ihrem Untergang entgegen! Alles wird schoner, wenn es sich bald verandert; und wird das wohl im Tode auch so sein? Die Wolken erroteten endlich ganz freudig und die Sterne? Wo waren die geblieben? Ist das Fexierspiel im Himmel ein schones Spiel, ei dann nehm ich mir's heraus, und meint der liebe Himmel, er hat mich, eh er sich's versieht, bin ich ihm entwischt. Und eine Philosophie schaffe ich mir gegen ihn an, die es ihm wett mache!
Ich bin krank gewesen bloss von der Gottphilosophie, die mir Gunderodchen wollte eintrichtern, das regte mir die Galle auf und machte mir so furchterlich Schwindel, dagegen ist nun nichts gut als ein Krautchen am Weg gebrochen! Oder am nachsten Bach oder auf der Wiese, wo alle Tag die Herde weidet, pfluck ich's nicht, so frisst's der nachste Hammel ab! Und damit dreh ich dem Gott den Rucken und fress' mein Futterkraut, ich kann so nicht in die narrische Art mich finden vom Gastmahl im Evangelium, wo der eine, der kein hochzeitlich Kleid an hatte, zur Tur hinauspromoviert wurde! Und doch, weil einmal ein paar gute Schelmen etwas Besseres zu tun hatten als bei Tische zu sitzen und zu schlemmen, wird der Herr des Gastmahls aufsassig und ladet die Kruppel und Bettler ein, die kommen zu Scharen herangehinkt und gehockt und getrampelt. Sie hatten die besten Seiten ihrer Lumpen nach aussen gehangt, der Herr des Gastmahls war damit zufrieden. Sie rauspern sich, sie husten, sie niessen in die Suppe wie solcher Leute Brauch; der Herr des Gastmahls lasst es sich gefallen! Sie geniessen sie, knopfen sich den Bauch auf, sie schwemmen mit kostlichen Weinen die Bissen hinab! Der Herr hat seinen Wohlgefallen daran. Der Weinstrom begrabt unter seiner Woge den gastlichen Anstand. Der Herr des Gastmahls streicht sich den Bart und geht so ganz fidel mit diesen Fleetzen um, aus Trotz gegen die, welche sein Gastmahl nicht wollten annehmen; der eine hatte einen Acker, der andere einen neuen Backtrog, der dritte eine Frau im Handel.
In meinen Lernbuchern aus dem Kloster, wo wir alle Sonntag mussten eine Betrachtung uber das Evangelium aufschreiben, was vorgelesen worden war, steht folgende Bemerkung: "Ich bin recht froh, dass die armen Schlucker sind bei dem Herrn zu Tisch gewesen, aber warum konnte er doch so bose sein gegen die, welche lieber ein anderes Geschaft taten, als bei ihm zu Gaste essen, vielleicht weil sie sahen, dass er den zur Tur hinauswarf, der ihm nicht gefiel, wollten sie nichts mehr mit ihm zu schaffen haben! Ich hatte mich auch gefurchtet, bei einem so strengen Gastgeber zu essen."
Unsre Reisenacht hat mich ganz glucklich gemacht, obschon sie die Gegend mit ihrem Mantel zudeckte. Ausser ein paar Strohhutten, die vor Weinlaub nicht aus den Augen sehen konnten, war nichts am Wege, ein plaudernder Bach, dessen Mundart ich noch nicht verstehe, war unser Begleiter im engen Tal bis ins Schlangenbad hinein, von wo aus ich Dich grusse, in der Hoffnung auf vier bis sechs himmlische Wochen! In denen die Muse des Vielschreibens mich umtanzt. Du hattest mir Gedichte wollen abschreiben, Deine Liebesliedchen! Schicke sie mir, damit ich sie entziffern kann.
Bettine
Liebe Bettine!
Du bist ein narrisches Madchen, nun bist Du in Deinem letzten Brief wieder lustig, und wir waren grade sehr traurig wegen Dir. Sophie weint oft tagelang, sie glaubt, sie werde mich durch Dich verlieren. Nun waren wir schon entschlossen, in ein paar Tagen nach Trages zu reisen, damit Du sie dort sehen konnest, und nun gehst Du auf einmal ins Schlangenbad. Sophie ist sehr traurig daruber, sie weiss nun gar nicht, wie sie zu Dir gelangen soll, ich bitte Dich, schreibe bald, ob es vielleicht gar nicht moglich ist, dann gehe ich grade nach Marburg, doch ohne Sophie, die auch dahin zieht; wann, wissen wir noch nicht. Ich bitte Dich herzlich, werde nicht wieder angstlich, beim Lichte besehen war die Langeweile in Frankfurt viel dran schuld. Arnim ist jetzt in England, wohin ich ihm nicht schreiben kann. Meine Buste erhaltst Du in einigen Wochen; du wirst sie finden, wenn Du von Schlangenbad zuruckkehrst, vielleicht besuche ich Dich dort von Marburg aus. Um alles in der Welt willen verliebe Dich in niemand, den ich nicht kenne. Die Manner sind ausser mir, Arnim und Wrangel nichts wert und Savigny, der aber einen starken Naturfehler hat, dass er Dich nicht versteht, kann auch noch hinzugezahlt werden, der ist aber mehr vortrefflich, als dass er mir's wert ware, folgert sich daraus. Schreibe der lieben Sophie, antworte auf ihren lieben Brief!
Dein Clemens.
Du fragst nach meinen Liebesliedern, narrisch Kind, nicht alle Seufzer lassen sich in Worten aussprechen, und dass Du sie mit seufzen solltest, ach nein, das macht mich zu wehmutig, viel lieber lasse Dich mit ihnen anhauchen, an die der Schmelz der Poesie in reinen Kristallen sich anlegt.
Von den Mauern Widerklang
Ach! Im Herzen fragt es bang:
Ist es ihre Stimme?
Und vergebens sucht mein Blick,
Kehret mir ein Ton zuruck?
Ist's nur meine Stimme?
Auf der Mauer hoherm Rand
Sind die Blicke hingebannt,
Doch ich seh nur Sterne;
Und in hoher Himmelssee
Ich die Sterne kussen seh,
Waren's unsre Sterne!
Nacht ist voller Lug und Trug,
Nimmer sehen wir genug
In den schwarzen Augen;
Heiss ist Liebe, Nacht ist kuhl,
Ach, ich seh ihr viel zu viel
In die schwarzen Augen.
Sonne wollt nicht untergehn,
Blieb am Berg neugierig stehn;
Kam die Nacht gegangen.
Stille Nacht, in deinem Schoss
Liegt der Menschen hochstes Los,
Mutterlich umfangen.
Willst du mir Trost verleihen,
Lass mich aus deinen Augen
Der Liebe Schwarmereien,
Minutenwahrheit saugen.
Lass um des Lichtes Quelle
Die trunkne Fliege schwirren,
Lass, wird es ihr zu helle,
Sie in die Flamme irren.
Du sahst im Nektarkelche
Die heitre Psyche sterben,
Wenn ich noch langer schwelge,
Lasst du mich auch verderben?
Aus deines Herzens Raume
Mocht ich nur einmal trinken
Und dann zum kuhnsten Traume
Im Gotterrausche sinken.
Du bist die Zaubervase,
Die meinen Geist umhullet,
Und im Champagnerglase
Ist schon mein Los erfullet.
Dies letzte kleine Gedicht, liebe Bettine, entstand, weil unsre Sophie (denn so muss ich sie nennen, die auf Deine Gunst meines Gluckes Los gesetzt hat) einen kleinen Schmetterling retten wollte, der, nachdem er seine Flugel am Licht verbrannt hatte, in ihrem Champagnerglas versank. Ach Kind! Diese Gedichte sind wie die kleinen Johanniswurmchen, die leuchtend hin und wider fahren.
Nun sing ich Dir hier noch ein Liedchen, was aus den Saiten meiner Gitarre entschlupfte, als ich gestern abend im Mondenschein mit Sophie am Fenster lag, nachdem ich Deinen lieben Brief ihr vorgelesen hatte und sie recht tief bewegt war von dem Gluck, was Du ihr im Rosenbusch unter Deinem Fenster prophezeist.
Sieh dort auf dem Wiesengrunde
Tanzen jetzt ein Elfchen munter
Unterm Rosenbusch hinunter,
Der die Blatter niederstreut.
Elfchen spielen Lotto heut,
Schreiben auf die Blatter Nummern,
Ja, du darfst nur kuhnlich schlummern,
Denn dein Gluck kommt dir im Schlummer.
Du gewinnst die beste Nummer:
Eine Braut wirst du im Schlummer,
Drum erwachst du ohne Kummer,
Hochzeit, Hochzeit, hohe Zeit.
Sieh, wie scheint der Mond so weit,
Und die Frosche und die Unken
Singen bei Johannisfunken
Ihre Metten ganz betrunken.
Brunstig gluhn Johannisfunken,
Sternlein kuhl am Himmel prunken,
Und das Irrlicht hupft betrunken,
Wo du gingst, ein Jungfraulein.
Auf dem Acker gluht ein Schein,
Wo beim Drachen eingetruhet
Kaltes Gold, das rot erglutet,
Fiel dein Kranzlein unvermutet
In des Drachen Gruft hinunter,
Und der Drache ist gebunden,
Und der Schatz ist dir gefunden:
Gold und Silber, Edelstein,
Und drei Rosen, die sind dein.
Diese kleinen Gedichte oder poetischen Mucken, die einen umschwirren in heiteren Stunden, summen einem im Geist, bis man sie mit dem Reim totschlagt und in den Busen eines Freundes einsargt, damit sie doch da anstandig begraben sein mogen! Deiner Treue von jeher hab ich diese Spur heiterer und begluckender Stunden nun ganz unbefangen hingegeben; keinem andern Menschen konnt ich das. O wie sehr fuhl ich in diesem Augenblick, was Du mir bist! Ach lasse darum diese Gedichte einen Wert fur Dich haben, weil Du der Lebensbaum bist, der in seine frische Rinde sie von der Bruderhand sich eingraben lasst; lasse es mit Dir verwachsen das Gefuhl, dass gluckliche Zeiten auch mich begrussten, und wenn bose Zeiten kommen, so lasse mich in Deines Herzens Schrein die Schatze der Erinnerung finden. In dieser Empfindung einer stillen Nacht, wo ich die Schatze der Freundschaft und Treue, die nur in geliebten Menschen aufbewahrt sind, uberzahlte, hab ich auch nachfolgendes Gedicht an Dich gemacht:
Lass Dich, mein Kind, den Tadel nicht verfuhren,
Vertrau, wenn Du ihn hast, dem guten Sinn
Und sprich: Nur weil ich nicht unsterblich bin,
Will die Versohnung liebend mir gebuhren.
Denn Gottes Hand, sie kann uns plotzlich ruhren,
Und sturb der Freund mir unversohnet hin,
So wurde scharfer Tadel den Gewinn,
Dass Liebe ich gegeben, mir entfuhren.
Bis dahin suche Trost in dem Sprichworte,
Dass Rom nicht ist in einem Tag gebauet,
Dass alle alles auch zugleich nicht konnen,
Dass vor dem Morgen erst der Himmel grauet,
Dass trunken bunt Aurora pflegt zu brennen,
Bevor der Gott tritt aus der Sonnenpforte.
Schreib, befriedige uns, beglucke und pflege unser Gluck, ersehnt, verlangt von Deinem treuen Bruder
Clemens
Schmerzlich ist's mir immer, wenn Du Deiner Klostertage erwahnst und nie Dich bemuhen magst, sie ein bisschen zu ordnen, da Du selbst noch Material dazu hast! War's denn nicht hochst intressant, einen kleinen Katechismus Deiner religiosen Begriffe zu geben?
An Clemens
Endlich komme ich dazu, laut zu sagen, was ich heimlich oft dachte. Du siehst im Zauberspiegel die Bettine, wie sie sein konnte, aber nicht ist!
Ich staune an, was Du von mir glaubst und erwartest, ich wundre mich und begreife nicht, vor was und wem Du mich warnst! Die Gunderode schreibt, Du habest Dir die Aufgabe gemacht, mich durch eine Wiedergeburt Deines Geistes als Ideal zu bilden. Ach, ich bin recht erschrocken davor! Und mochte mich vor Dir verbergen, dass Du ja nicht dazu kommest! Du bittest mich, mich nicht zu verlieben; ach, Clemens, wenn Du mich nicht idealisieren willst, dann will ich Dir das gern versprechen! Mein Herz ist nicht leicht bestechlich, und verliebe ich mich einmal wirklich, so werd ich Dich nicht zum Vertrauten machen, aus Furcht, dass es Dir missfallen konnte. Hier im Schlangenbad hab ich mit dem Herzog von Gotha viel zu kampfen, der mir alle Tage von Sophie spricht, er nennt sie seine Erate und gibt mir beiliegenden Streckvers fur sie. Ihr werdet es in der Uberfulle Eures Gluckes nicht achten! Warum hat er's auch gereimt und geleimt? Was man in der Prosa zu sagen sich gedrungen fuhlt, geht tiefer.
Ich schwelge hier, es gefallt mir alles; am liebsten ist mir der Morgen, wo man nur Bauern begegnet, und der Abend, wo die Lichter in den Huttchen brennen, man sieht da das ganze Familienleben hellerleuchtet. Da geh ich oft abends spat noch mit dem Vogt hinab den Talweg, und da durch ein kleines Fensterchen sehe ich die armen Leute sitzen und emsig spinnen und wirken, so fern von allem Bedurfnis im Reichtum des Fleisses, der Andacht und des Vertrauens! Eine so kleine Stube deucht mir so voll von dem Gefuhl ihres innern Wertes dieser Menschen, die ihr schwer errungenes Abendbrot gerne teilen mit dem armeren Gast. Wenn ich mir nun denke, dass Ihr beide ein solches Haus bewohntet, und dass Euch da die Einsamkeit nicht drucken sollte, und Ihr backtet da Euer Ambrosiabrot, um es andern mitzuteilen, so habe ich Euer Gluck begriffen und schreibe davon der Gunderode. Die Gunderode mit der sanften Wurde ihres dichterischen Standpunktes unter den Menschen schreibt wieder wie folgt: "Wer liebt den Clemens nicht? So wie er einem entgegentritt; wer durchschaut alle Menschen, wer geht so tief in dem Auffinden ihrer Innerlichkeit, und was konnte man ihm sagen, was er nicht scharfer und wahrer aufgefasst hatte? Alle Menschen beruhrt kaum sein Hauch, und sie atmen, als wenn sie aufbluhen wollten in edlere Begriffe und schonere Handlungen." So schreibt die Gunderode; das lautet ganz schon zum Ansatz eines Posaunenstuckes Deines Ruhmes, der aus dem Nebel der Zeit golden aufsteigen und einen schonen Tag verbreiten werde. "Aber", fahrt die Gunderode fort: "so scharf dieser Clemens und so nahe er fremden Menschen in ihrem eignen Bewusstsein tritt, so sehr heben ihn seine Launen aus dem Sattel uber sich selbst, die ihm den Begriff seines Amtsgeschaftes ganz verdustern, und ich kann es gar nicht leiden, wenn er davon so klein und unburgerlich denkt. Wie dieser Dekrete ausfertigt und jener auf den Rednerstuhl tritt, so ist der Clemens dazu bestimmt durch sein Leben, das sich in die Begeisterung des Witzes, der Philosophie, des Eifers und der Experimentenlust verzweigt, die Menschen zu wecken und in der dunklen Kammer eine Kerze anzuzunden, manches Neue alt und manches Alte neu zu machen, und dass er nicht wie die meisten gebildeten Menschen gegen das Leben, gegen Geschafte, Kunste, ja gegen Vergnugungen nur mit einer Art von Selbstverteidigung zu Werke geht und lebt, wie man einen Pack Zeitungen liest, nur damit man sie los werde, das macht ihm viel Ehre. Nur bisweilen uberfallt ihn eine seltsame Blodsinnigkeit, dass ihm die Tage unnutz vorkommen und meint, es ware nichts und kame zu nichts, weil das, was durch ihn entstanden, nicht wie ein beschriebener Bogen Papier vor ihm liegt." Ach, Clemens, es ist gut, dass sie uber Dich und nicht an Dich schreibt, denn Dir selber hattest Du das alles nicht sagen lassen und Dein Verwerfen ihres Missbegriffs von Dir will ich gar nicht horen mussen. Das fugte sie noch hinzu, dass der Lebensbalsam, den Du fur andre hast, einem feinen geistigen Ol in einem verschlossnen Gefass gleich ist. Nur massig verbreitet, erquickt und belebt es, ganz geoffnet betaubt, totet es und verzehrt sich selbst, oft habe Dein Witz einen in die Ecke geworfen, wo er das Aufstehen vergessen! Von Jung Stilling, dessen Bekanntschaft die Gunderode in Heidelberg machte, schreibt sie: "Der Mann hat meine ganze Aufmerksamkeit gefesselt, er hat etwas Liebes, man sieht, dass sein Leben aus einem Guss ist, dass sich von seiner Jugend bis ins Alter eine grade Linie zieht und er mehr die Umstande bestimmt hat, als sich von ihnen bestimmen lassen; selbst seine breite Eitelkeit, mit der er unaufhorlich Fursten und Prinzen bei den Haaren herbeizieht, indem er sich ihre Namen von seiner Frau soufflieren lasst, hat etwas Treuherziges und beleidigt nicht."
Liebster Clemente, ein wahrhafter Zug nur aus meiner Seele gebe Dir Licht uber mein Zuruckhalten gegen Deine Verbindung mit Sophie! Du schwebst also immer noch im Irrtum, als konne es mich unglucklich machen? Hab ich Dir das gesagt? Nein! Meine Krankheit, ein Gallenfieber hat wahrhaftig keine Beziehung zu Dir! Die Gunderode hatte mich geplagt mit Philosophie; ich musste ihr Schelling vorlesen, das hat mich krank gemacht. Ach, ich war so brennend verlangend nach frischer Luft, dass die ganze Welt um mich vor Begierde zitterte wie die Gegenstande in der Nahe des Feuers; so kam Bewusstlosigkeit, und als ich wieder zu mir kam, da war das erste, dass sie ein Gelubde tat, mich nie wieder Philosophie studieren zu lassen, ich hatte im Fieber fortwahrend davon phantasiert. Was willst Du nun? War es Deine Verbindung gewesen, die mir zwar auch Sorge machte, aber doch nicht so viel wie die verdammte Philosophie, so wurde ich von der phantasiert haben, das war aber gar nicht. Und sei jetzt ruhig uber beides, denn keines kummert mich mehr! Und sag nicht, Du willst um meinetwillen jetzt nicht heiraten und willst lieber mit Deiner Sophie zusammen unglucklich sein! Ich wurde Dir gleich hierher schreiben: "Du sollst sie heiraten!" wenn ich nicht furchten musste, Du glaubtest am Ende gar, Du habest sie nur um meinetwillen geheiratet. Nein, so was muss man tun aus sich, fur sich und wegen sich, aber keinem andern zu Gefallen weder lassen noch tun. Ich begreif kein Philistergesetz, aber dass ein Baum wurzle im geeigneten Boden seiner Nahrung, das begreife ich, und mogen seine Aste recht schlank in die Weite sich strecken, dass die Sonne ihn fruh vergolde und der Wind mit ihm plaudere, und dass kein hasslicher Irrtum Dich um die Wahrheit Deines Gluckes betruge.
Es ist heut so trub, so trub wie nirgend in der Welt, man mochte sich vor lauter Trubsinn verlieben. Die Nebel nehmen hier die seltsamsten Gestalten an, und der Regen fallt zuweilen auf kleine Stellen, nicht tropfenweis', sondern aus einem Guss herab. Diese Trubheit macht mir Deutlichkeit und Klarheit so lieb, so reizend sonst auch ofters Dunkelheit, Verworrenheit und Undeutlichkeit erscheinen mag; drum hab ich's auch gewagt, durch meine Deutlichkeit diesmal die Verworrenheit in Dir aus dem Dunkel ins Klare zu bringen.
Ich kusse Dich, lieber Clemens, und drucke Dich an mein Herz; sei gut und gegen mich besonders und traue mir mehr wie Dir, das heisst in gewissen Dingen. Du musst wissen, dass ich schon eine Weile im Mondschein schreibe, weil mein Licht ausging. Der Mond schwimmt zwischen dem Gewolk, und die grauen Berge druben sonnen sich in seinem Schein, ich wollte sagen: monden sich, und begleiten sich gegenseitig mit Schatten, und die kleinen Quellen ruschlen so leise wie Gespenster.
Leonhardi ist hier, er stahlt sich mit Stahlbadern! Was wird dann erst werden, wenn diese Kur gelingt!
Bettine
Marburg
Liebe Bettine!
Ich bin seit wenigen Tagen wieder hier. Meinen Brief, in dem ich Dir sage, dass ich Sophien nicht heirate, hast Du wohl erhalten? Ich hoffe auf Antwort; unterdessen muss ich Dich um alles in der Welt bitten, Dich nicht phantastischer Schwermut zu ubergeben, der alles Schone und Wahre endlich in uns erliegt. Ich habe Dich so oft gebeten, Du solltest Deine Empfindungen und Phantasien mehr von Dir trennen und sie allein fur sich in irgendeiner Form niederschreiben, sie zur Poesie erheben, wie die Kirche von dem Dorf, der Wald vom Felde stets getrennt sein muss, wenn etwas gedeihen soll. Dann fordere ich weiter auch, nie wieder an meiner Liebe zu zweifeln, noch zu glauben, dass ich je ohne Deine Liebe leben mochte. Wenn Du Dich nicht zu Sophien neigen kannst, so ist dies nur, weil Du sie ganz verkennst; es ist nicht jene Sophie mehr, die mich nicht verstand, es ist ein unschuldiges, liebes, treues, gottliches Weib.
Liebes Kind, sei glucklich! Es tut mir leid, dass Du mir nie schreibst, es freue Dich, meine Buste zu erhalten, in ungefahr drei Wochen wird sie Dir Tieck zusenden, es ist die beste Buste, die er gemacht, ein wahres Kunstwerk! Sie ist Dir zulieb gearbeitet, ger Zeit zu Dir kommen, wenn Du mir schreibst, wann Du wieder in Frankfurt sein willst.
Da ich von Weimar wegging, ist Sophie auf einige Zeit nach Dresden gegangen, um sich zu zerstreuen. Ein Brief des Herzogs von Gotha an Sophie, worin er uber Theater schwindelt und nur davon spricht, Sophiens und mein Dichtertalent der Buhne zu widmen, bewog mich folgendes zu schreiben, wozu mein Aufenthalt in Lauchstadt mir Gelegenheit gab; ich habe mit dem trefflichen Tieck dort viel uber Theater verkehrt. Diese Truppe, von Goethe auf eine Stufe gebracht, wo sie jedem gefallt und eigentlich imponiert, war der Gegenstand der galanten Konversation an table d'hote, und da alle Laufgraben der Fadheit, Unwahrheit und Gemeinheit mit Wetter- und Theatergesprachen eroffnet werden, so ist es doch noch wunderbarer, wenn man in offentlichen Blattern verkundigt, wie dieser oder jener mit Beifall aufgetreten und bis auf ein gewisses Schnarren mit hinreichendem Gebrulle das schwer zu befriedigende, sehr gebildete Publikum zu Munchen, Mannheim, Stuttgart usw. ganz entzuckt hat; alles dergleichen kommt mir viel erstaunlicher als Zeitungsartikel vor, als irgend die einsamen Wetterbeobachtungen eines neben seinem Barometer studierenden Landpredigers im Reichsanzeiger oder sonst in einem Provinzialblatt.
Es kann sein, man will dadurch einer Geschichte der Kunst vorarbeiten, gleich einer Weltgeschichte aus Armeebulletins, doch dergleichen soll mit vieler Teilnahme und grossem Nutzen gelesen werden. Mir auch scheint es eine ausserst wichtige Sache ums Theater zu sein, mit der man es uber die Massen gern recht ernsthaft meinen mochte. Ich selbst gedenke meiner frommen Wunsche, die sich bei meinem schweren Leiden im Parterre, wo ich doch wohl, seit der Vetter von Lissabon Hering in den Kaffee getaucht, funfundzwanzigmal gesessen haben mag, entwickelt haben, ich wurde diese Wunsche veroffentlichen, wenn nicht alles dieses wie Spreu in der Luft verfloge vor Ludwig Tieck, der allein beauftragt ist, der Mimik ein Licht aufzustecken, da er das grosste mimische Talent ist, was jemals die Buhne nicht betreten. Dieser Dichter, der als darstellender Kunstler die Buhne zu einer Ehre gebracht haben wurde, deren sich wenige diesseit oder jenseit der Lampen traumen, ist kein Schauspieler geworden, woruber Thalia und Melpomene mit inniger Beschamung trauern sollten, denn er hat den innersten Beruf und ein Talent zur Buhne, wie es sich alle Jahrhunderte einmal hinaufverirrt. Seine einzelne Ausserungen mussen einen zum Nachdenken erwecken, sie sind im Zusammenhang mit vielen trefflichen andern Kunst- und Lebensansichten und haben mich so erhoben und begeistert zur Buhne, der ich gern darum mein Talent widmen werde, wenn ich welches habe; ich glaube aber auch, dass man so wenig in der Kunst und der Geschichte als in der Natur plotzlich wirken konne. Der Bedingungen zu einer Vollendetheit auf irgendeinem Punkte des Daseins sind unendliche; es kann wohl ein Mensch vortrefflich sein, er kann gelungen sein, dass ihm aber alles gelinge, besonders in einer Sache, die, wie die dramatische Kunst, nur mit allgemeiner Weltkrankheit erkrankt und mit allgemeiner Weltgenesung genesen kann, ware eine beinah rasende Zumutung. Selbst einem so ausserordentlich von dem Schopfer geliebten Menschen, als Goethe ist, konnte das nicht gelingen, denn es ware eine ebenso gesegnete Vereinigung aller geistigen, physischen und historischen Weltkrafte notig, um mittelbar durch einen Menschen der Buhne aufzuhelfen, als sie notig war, um einen so grossen reinstrebenden Menschen, als Goethe war, aufzustellen! In keiner Kunstgattung sind aber die Bedingungen ihrer Vollendung so unendlich als in der dramatischen. Nur auf dem aussersten Gipfel ihrer historischen, moralischen und kunstlerischen Grosse kann eine Nation ein vortreffliches Theater haben, dies ist zu beweisen! Aber von dem Bedurfnis desselben ist man entfernt in einer Zeit, wo man mit peinigenden Mangeln uberzufrieden stolziert und das Theater ohne alle Kunstheiligung in den Kreis der menus plaisirs hinabgesunken ist.
Als in der menschlichen Gesellschaft die Unschuld verloren ging, trat die Sitte als Vermittlerin auf, als Zucht und Treue entwichen, liessen sie die Hoflichkeit und Savoir faire als Geschaftstrager zuruck. Als die Wurde sich von dem Verdienst trennte, liess es sich mit der Etikette ein, da die Volker nur grosse Haufen eigennutziger Burger wurden, entstanden die stehenden Heere, und die Ehe als zwingendes Gesetz zeigt, dass die Liebe sich nicht immer sehr ehrbar betragen haben mag! Alle diese vermittelnden Selbstvertreter aber sind ehrwurdig, wenngleich nicht unmittelbar gottlich und heilig, denn sie sind Fussstapfen, Trager, Telegraphen, Hieroglyphen entflohener Gotter von der Erde, und an sie knupft sich die Hoffnung, die Erwekkung besserer Zukunft und alles Strebens. Sie stehen zwar stumm, starr und tot wie Memnonssaulen in den Wusten der Geschichte, aber jede Morgenrote legt ihren Strahl erinnernd an ihre Stirne und lasst sie mahnend tonen. Fur die Kunst aber ist immer nach ihrem Untergang ein solcher wohltatiger, wenngleich armer, doch allein wurdiger Trager jene ihre ernste, strenge, rechte, oft pedantische Periode gewesen, die wir Schule nennen. Wenn die freie genialische Produktion das sterbliche Kind der Unsterblichkeit, seinen schonen bluhenden Leib, dem Scheiterhaufen des ewigen Geschickes hingegeben, dann sammeln fromme und gerechte Menschen das bloss Rechte, Notwendige und Gesetzliche, ich mochte sagen Mathematische aus ihrem Andenken und stellen uns das Gerippe des Untergegangenen in seiner gesetzlichen Schonheit vor Augen, das, mit Verstand drapiert, oft lange noch herrlicher und bewundrungswurdiger, ja wurdiger ist, als wir es sind, die es nicht verstehen. Manche Volker haben nur der Schule zu verdanken, dass sie noch eine Ahnung der Kunste besitzen, und ich halte es fur eine Weisheit, Bescheidenheit und Massigung Goethes, auf seiner Stelle fur das Theater die Schule in Deutschland aufgestellt zu haben, die seinen Bemuhungen dauerndern Wert geben wird, als wenn er alle Genialitat auf dieser Buhne zu einer Zeit losgelassen hatte, wo nichts als eine Tierhetze daraus werden konnte. Es ist nicht Not in der Kunst, das Vortreffliche anzuschaffen, es ist Not, das Schlechte, Falsche, Verkehrte abzuschaffen, denn alles Vortreffliche erbluhet aus dem Rechten und Wahren. Die Freiheit ist die Blute des Gesetzes, der Tod aller darstellenden Kunst aber ist die Eitelkeit und Selbstgefalligkeit, und ich werde mir es niemals nehmen lassen, dass einst die strenge, grausam scheinende burgerliche Verachtung der Schauspieler ein Hausmittel der Geschichte war, vortreffliche Kunstler zu haben. Um auf die Buhne berufen zu sein, dazu gehort ein Schatz von Talent und Unschuld, der die ganze Welt mit ihrer Ehre gewissermassen wie ein Schiff in den Grund bohrt, um uber den Lampen auf der Zauberinsel der Fata Morgana zu landen. Jetzt aber gleicht das Theater einem Strande, dessen Bewohner aus gestrandeten Schiffern bestehn, die sich ganz wohl befinden; ist hie und da ein Robinson drunter, den wir gern ansehen, so spielen seine Gehilfen doch die Affen zu schlecht, indem sie aus Eitelkeit sich ihre Menschlichkeit immer merken lassen, als dass man nicht lieber den Campeschen Robinson lase, als ihm zusahe.
Die grosse Trauer und Angst aber, die mich bisher immer im Parterre, besonders wenn die Helden und Biedermanner, die ersten Liebhaber mannlichen und weiblichen Geschlechts in ihrem durch ganz Deutschland hergebrachten edelmutigen, ekelhaften, eitlen, heuchlerischen, mit Empfindung eingesalbten Ton die Tranen und Seufzer des unschuldigen Publikums erwurgen und erjammern, geht mehr aus einem allgemeinen Entsetzen uber dies Geschick der Kunst als aus Unwille uber die Schauspieler hervor, die sich unendlich qualen und allen moglichen Lohn und Dank verdienen; denn wie sollten sie es besser machen, als man es machen kann? Die Leute wollen es nicht besser und ein Schelm gibt mehr als er kann7.
Dies Bruchstuck aus meinem Glaubensbekenntnis uber das Theater hab ich Dir hierhergeschrieben, um dass, wenn bei Euren Soirees dort im Schlangenbad vielleicht die Rede zwischen dem Herzog August und Dir auf mich oder Sophie kommt, Du ihm allenfalls das Notige sagen kannst. Es ist mir wichtig, dass Manner wie dieser, der immer Sophiens warmer Freund war, doch zugleich auch gewahr werden, dass es keine engherzige Natur ist, keine Liebestandelei, die mich und Sophie zusammenfuhrte, sondern mannigfache Ubereinstimmungen und Erganzungen der Gemuter, der Ansichten, der Begriffe und der Ausfuhrungen unserer Lebensplane.
Lebe wohl, lass bald von Dir horen und behalte lieb Deinen
Clemens
Eben erhalte ich Deinen Brief mit den Mitteilungen der Gunderode, schicke mir den ganzen Brief und sage ihr, dass ich ihr herzlich danke fur alles, was sie uber mich denkt und beschliesst, und ihr werde ich antworten.
An Clemens
Clemente, gestern erhielt ich Deinen Brief in Schlangenbad! Ich hatte sehr gern ihn dem Herzog von Gotha vorgelesen oder lesen lassen, allein er war schon am Morgen abgereist, es war schade, er hatte gern etwas mit mir zu verhandeln, da er so oft auf dem Spaziergang neben mir herlief, zog er seine Schreibtafel heraus, stellte sich vor mich, dass ich nicht weiter gehen solle, es war recht lacherlich. Von der Gunderode erzahlte ich ihm, von Deiner Sophie hat er mir viel erzahlt, unendlich Schones. Sie hat mir eingeleuchtet wie ein Stern, ich musste daruber entzuckt sein und verwundere mich, dass ich ihn begegnen musste hier, der die Sophie so verehrt, mir eine ganze Brieftasche voll Gedichte an sie vorlas, alle Tage unendlich Vortreffliches mir erzahlte. Dafur hab ich ihm auf meiner Gitarre mehrere Praludien zu seinen Liedern komponiert. Es war eine Not mit seinen franzosischen Gedichten, zu so was konnte ich keine musikalische Anwendung machen. Unter mir wohnt die Kurprinzessin von Hessen, der hab ich alle Nacht aus dem Fenster vorgespielt, das machte ihr viel Freude, sie hat mich in Affektion genommen und ist oft mit mir allein spazieren gegangen, ich sollte ihr erzahlen, da war viel von Dir die Rede! Von wem soll ich sonst reden. Aber von meinem Aufenthalt bei der Grossmama und von manchen ernsten Geschichten und Gesichten der franzosischen Revolution war die Rede; da wunderte sie sich, dass ich so ernste Dinge beruhre schon in der Jugend.
Ich weiss, was Jugend ist: inniges unzerstreutes Empfinden des eignen Selbst. Die Einsamkeit aber ist eine Quelle, sich selbst zu trinken. Dieser Gedanke gefiel der Kurprinzess, ich musste ihn ihr in ein Denkbuchlein schreiben; und ich setzte noch hinzu: "Denken ist, die Wege Gottes beschreiten, durch Denken gelangt man zu Gott!" Und dies gefiel der Kurprinzess so, dass sie mich dafur auf die Stirne kusste. Sie redet nun oft mit mir und nennt das seltsame Gedanken, was ich so herausplaudere ohne viel Nachdenken; so hatte ich letzt gesagt, der Gedanke sei ein geflugelt Ross, und wer es regieren konne, der schwinge sich mit ihm auf in die Unsterblichkeit. Das alles will sie behalten und aufschreiben; immer mochte sie mehr aus mir herauslocken, als ich grade sagen kann oder mag, denn zu geistiger Offenbarung gehort der Wille, den Geist zu entfalten. Der Geist ist zwar immer wandelnd, namlich in ihm selber wandelt sich alles, was er beruhrt, und davon wachst und bluht er und reift zur Frucht selber. Unser hochstes Wirken ist Denken, gibt es vielleicht Geister, die noch ein hoheres Wirken haben als Denken? Und was mag das sein? Nein! Denken ist das grosse Lebensmeer der Gottheit, aus dem entspringt alles Wirken! So sag ich, und die Kurprinzess freut sich an diesen Reden und will wissen, wo ich das alles her habe, ich sage, das sind Hobelspane von Gesprachen mit der Gunderode, und dass ich mich da oft durch die Gedankenfulle durchdrange wie durch eine Volksmenge, die mich umwimmelt, und dass ich den ersten besten beim Ohr kriege, und viele andre witschen mir durch. Da freut sich die Kurprinzess und will mehr wissen, und ich muss als in einem fort aus dem Armel schutteln. Und der Glaube ruft den Geist herbei, der sagt seine Geheimnisse, die Natur haucht sie aus. So ist jeder, der belehrt sein will, ahnungsvoll wie die Knospe, die dem Licht aufbricht, aus ihrem Kelch duftet die Begeistrung furs Licht. Und das Licht kann dieser Begeistrung nicht widerstehen, so wenig der Geist der Liebe widerstehen kann!
Ich bin heute so munter, ich mochte noch mehr schwatzen! Meine Augen sehen im Dammerlicht sehr hell, ich schreib gern bei Mondschein, da kann ich so vergnugt im Zimmer auf- und abgehen. Am Himmel tragen die Wolken ihre Begebenheiten mir vor, sie ballen sich zusammen und turmen sich und schreiten auseinander und steigen und kreuzen sich und lassen sich nieder, kurz es ist ein Staatsleben unter ihnen. Am meisten seh ich die Revolutionsereignisse drin! Wollt ich prophetisch sein, ich wurde mich an die Wolken halten! Nicht, dass sie wirklich Geschicke ausmalen konnten. Aber der Geist kann sich selber ahnen, selber erkennen und sich selber hinuber erzeugen in das, was er sich vorstellen kann. Gewiss kommt einst eine Zeit der Erlosung, wo nicht mehr einer die Wahrheit prophetisch oder ahnungsweise vortragt, sondern wo die ganze Welt zugleich weiss und empfindet, was ihr Lebensnahrung gibt, und wo sie drin wuchert, wie im uppigen Boden die Pflanzen und Fruchte wuchern! Gedeihen des Geistes ist eine uber alle Vorsichtsmassregeln und Begriffe und Bedeutungen hinausstrebende Kraft. Alle Philosophie erstickt, umstrickt, und zwar mit groben Stricken, den ungebundenen Geist. Ach, ich hab da letzt noch mit Sinclair disputiert. Ich kann aber nicht disputieren, ich muss mich nur totargern, bis der Kerl fertig ist, wo ich gleich bei der ersten holzernen Redensart als schon ausser mir komme, ich kann auf nichts acht geben, sie sagen, ich war eingebildet; die andern sind eingebildet mit ihrer Repulsion und Attraktion und Potenz und Notstall der Philosophie und Kunstreligion.
Es gibt Menschen, die sind wie die Raupen, sie zehren nur vom Pflanzenstoff des Geistes, wenn die sterben, so werden sie zu Schmetterlingen, die gaukeln in ihrer Seligkeit so uber den Blumen. Das, womit sie ihren Geist nahrten, gab ihnen keine andere Offenbarung der Seligkeit als nur diese!
Was der Geist in sich entwickelt, das wird seine Offenbarung, sein hoheres Leben! Der Maler hat ein ganz besonders Himmelreich (Verewigung), in das er sich durch seine Kunst hinuberubt und lernt! Aber! aber! Die Maler malen ja alle daneben und nicht das, was ihnen wieder Geist gibt. Der Kunstler muss ja etwas hervorbringen, was ihn wieder erzeugt, sonst ist's aus mit der Ewigkeit. Der Musiker komponiert ja falsch und wenn er noch so sehr den Generalbass reitet, grade deswegen; er spielt ja Menschensatzung und nicht Uberirdisches! Der Sanger singt ja falsch, und wenn er noch so rein trifft, er trifft ja die Seele, das Gefuhl dessen nicht, der Geist hat und auf hohere Beruhrung wartet. Der nur erzeugt die wahre Kunst, der das hervorbringt, was die Zeit zu dem erhoht, wozu sie reif ist, um sie weiter zu reifen. Der singt falsch, der durch seinen Gesang nicht das gottliche Licht der Freiheit in dem Horer entzundet, denn er erfullt nicht den Zweck der Kunst und gibt dem Geist Argernis, denn er zieht ihn herab.
Mit diesem letzten will ich in Deine Saiten eingreifen, von dem, was Du uber Schauspielkunst sagst. Mir hat der Mond diktiert.
Ich mochte der lieben Sophie auch noch was sagen, aber ich hange vom Mond ab, dass er mir doch einen Augenblick dazu Licht gebe! Eben kommt er! Licht und Feuer in den zerstreuten Hutten funkelt durch das Grun der Baume. So weit ich seh, versinkt die Welt in Ruh!
Clemens, die Sterne funkeln zu Tausenden am Himmel, unter meinem Fenster steht meine alte Invalidenschildwache und passt auf ein Standchen meiner Gitarre, er ist gewohnt, mich abends noch singen zu horen, ich werd ihm ein alt Klosterlied an die Jungfrau Maria singen, denn es ist morgen Maria Himmelfahrt.
Deine Freundschaft mit Tieck entzuckt mich, oft, wenn ich in seinen Schriften las, hatte ich eine grosse Begierde, ihn kennen zu lernen. Ich werde ein Kleidchen machen fur sein Tochterchen, so schon als moglich, das schenk dem Liebchen von mir. Du kommst also, Clemente! Ich freue mich. Wir sind jetzt ganz allein hier! Wir machen Promenaden ins Wilde! Die Toni hat aber als den Mut verloren, wenn wir den Weg verloren hatten! Ich dachte, es ware recht narrisch, wenn wir uns nicht wieder in die Heimat fanden und gingen so fort und kamen in fremde Lande.
Bettine
Lieber Clemens!
In wenig Tagen gehn wir von hier ab. Ich weiss nicht, ob wir uns in Wiesbaden aufhalten. Du musst meinen letzten Brief nicht erhalten haben, weil ich nichts von Dir weiss. So sehr ich mich freu, Dich wiederzusehen, tut's mir doch leid, die Gegend zu verlassen; hier hab ich zum erstenmal die Natur beklettert, mitten in ihrem Schoss konnte der Mutwille nicht Ruhe halten; wohin mein Auge blickte, dahin wollte ich, oft meint ich mit Handen die Berge zu greifen, und wenn ich eine Strecke gelaufen war, dann war's, als sei ich viel weiter entfernt vom Berg. Erreichen muss man nicht wollen; goldne Wunsche, grunende Hoffnungen, wartet nicht, dass ich euch nachlaufe, wenn ich auch euch nachseufze ein Weilchen! Es ist vor ein paar Tagen ein Mann hier durchgekommen mit einer Flugmaschine, er wollte sich damit sehen lassen, aber Leonhardi, der noch zwei Stahlbader zu nehmen hat, wovon er ganz stahlblau wird, wollte durchaus nicht, dass der Mann fliegen sollte, der Mann wollte uns auf der Terrasse ein Flugstuckchen machen, fur einen Taler wollt er's tun. Leonhardi sagte, der Mensch fallt gewiss und bricht Hals und Bein, dann haben wir die Heilkosten, den Doktor, den Apotheker, den Chirurg, den Aufwarter, das Essen, die Nachtwache, die Wartfrau und zuletzt vielleicht gar die Begrabniskosten samt Pfarrer und Kuster auf dem Hals, zu so wenig Badegasten, als wir noch sind, kann sich das sehr hoch belaufen. Alles war von Leonhardis Weltweisheit eingenommen, der noch vorbrachte, er sah es dem Kerl an, der sei express gekommen, ein Ungluck anzurichten. Vom Manne hatte ich erfahren, dass er keine drei Batzen habe, denn er hatte auch schon gestern keine mehr gehabt und sich durchbetteln mussen. Leonhardi behauptete, des Mannes Augen seien auf seine Taschen gerichtet gewesen, er sei ein Dieb. Ich brachte die Nachricht, der Mann wolle mit Gewalt fliegen; da seht ihr, sagte Leonhardi, er will uns einen Streich spielen. Ich wurde also wieder zu dem Mann geschickt, ob er nicht gutwillig gehen werde, wenn man ihm ein Douceur gebe. Ich brachte die Nachricht: der Mann wolle absolut fliegen und lade die Gesellschaft bei Mondschein auf die Terrasse. Ach, sagte Leonhardi, in dem Menschen sitzt die Verzweiflung; das ist eine dumme Geschichte in der einsamen Gegend, wo keine ordentliche Polizei ist, dem Mann verbieten zu fliegen habe er keinen Befehl, meint der Polizeimann, sagt der Badepeter, erzahlte ich. Der gute invalide Polizeisoldat musste kommen; der sagte: "Lassen sie ihn, der wird nicht weit fliegen, er ist auch Invalide, es kann nicht jeder Nachtwachter in Schlangenbad sein, um sein Brot zu verdienen." Da haben wir's! Ein zerschossner Kerl will da noch ungeheure Kunststucke machen! Alles war aufgeregt, jeder lachte daruber, aber man wollte ihn los sein. Mit zehn Gulden geht er ab, rief ich. Die zehn Gulden waren gleich beisammen und noch mehr, jeder steuerte ungezahlt bei. Ich lief mit dem Geld zum Mann, der gar nichts davon wusste, auch so viel Geld seit lange nicht gesehen hatte. Ich konnte ihm schwer begreiflich machen, dass es sein gehore, wenn er nicht fliegen wolle; dies letzte begriff er vollends gar nicht, denn er liess sich durchaus nicht vom Fliegen abhalten, was er vorher eigentlich nicht im Sinne hatte, es musste jetzt geschehen! Ich lief auf die Terrasse und rief, der Mann kommt, er will doch mit aller Gewalt fliegen! Ein grosser Spektakel war da los, der Mann zog aus einem Pappkasten zwei Schlauche, blies Luft hinein, es wurden zwei Pferdchen draus, ein weisses und ein schwarzes, so gross wie Windhunde, angespannt an einen Luftballon, in dem der Amor sass, das ging in die Hohe an einem langen Bindfaden und schwebte zehn Fuss uber uns, er hielt dabei eine Rede uber das schwarze und weisse Pferd am Liebeswagen. Voigt sagt, diese Rede sei aus dem Plato. Als der Phaethon vom Abendwind eine Weile herumgetrieben war, wickelte der Mann den Bindfaden wieder auf, entliess die Luft aus den Gaulen und nahm mit tausend Danksagungen Abschied. Wir alle waren sehr lustig uber die Geschichte und gonnten es dem guten Mann, der durch seine Gutmutigkeit den besten Eindruck gemacht hatte.
Wir sind jetzt ganz allein hier, wir machen von morgens bis abends die herrlichsten Spaziergange, ich glaube, es wird traurig werden, wieder in mein finsteres Zimmer eingesperrt zu sein. Aber es wird doch ein angenehmer Winter sein; die Heiraten der Geschwister werden nicht wenig zur hauslichen Gluckseligkeit beitragen. Ich wundre mich, dass Du so wenig Anteil dran nimmst.
Grusse Sophie von mir, und wenn Du schon in Marburg bist, so schreib ihr, dass ich alle Tag an sie denke.
Bettine
Liebe Schwester!
Deinen letzten Brief von Schlangenbad, in dem Du Deine baldige Abreise angezeigt, nebst der Fluggeschichte erhielt ich eine Minute spater, als mein Brief an Dich abgegangen war. Ich erwarte von diesem fur Dich so gutig gewesenen Sommer nun auch gute Wirkung fur Deine Gesundheit, Deinen Mut und Fleiss. Was mich betrifft, so bleibe ewig beruhigt und vertraue mir ganz, dass ich in unsern engen Bund nie ein Wesen aufnehmen werde, als nur, wenn es sehr vortrefflich ist. Ich liebe und ehre Sophien zu sehr, um mehr von ihr zu sprechen; wenn Du sie kennen wirst, liebe Bettine, so wirst Du fur sie empfinden, was auch ich fur sie fuhle. Sie macht alles gesund und bluhend, sie ist die ewige Jugend und immer ein Kind, sie ist wie ihr letzter Brief sagt, eine sehr arme Frau, aber ein unendlich reiches Kind. Wenn ich nach Frankfurt komme, will ich Dich uber alles belehren und Deine Besorgnisse so aufklaren, dass Du Dich uber das Ganze so freuen sollst, wie ich es tue. Nur bitte ich Dich nochmals, in allen Dingen, die mich betreffen, keine Vertraute zu haben.
Mit Savigny stehe ich auf einem ganz ordentlichen Fuss, wir achten uns, ohne doch dass unsere Herzen innige Mitteilungen hatten. Seine Verschlossenheit, sein Verkehr mit Gunda und Winkelmann, ohne dass ich weiss, was sie miteinander wollen, und vor allem sein Gestandnis, "dass er mit Dir platterdings gar nicht existieren und keine Beruhrung mit Dir ertraglich sei." Dieser deutliche Widerwille gegen das, was ich auf Erden am meisten liebe, gegen Dich, dies alles hat mir mein Verhaltnis mit ihm bestimmt. Ich achte ihn aber mehr als irgendeinen Menschen in der Welt; dass er das Talent nicht hat, vertraulich zu werden, lasse ich ihn weiter nicht entgelten. Ubrigens teile ich ihm nichts mehr mit, weil er stumm wie ein Olgotze gegen mich ist, und so ware das gut. Manchmal muss ich tief in Gedanken uber ihn sitzen, denn ich habe manche kontroverse Erfahrungen an ihm gemacht, die ich zu reimen nicht imstande bin; doch alles ist gut und bedeutsam in der Welt, und wer weiss, wie sich dies noch einmal zurechtrucken wird! Uber was kann ich denn klagen, als dass ich ihn in dieser Abgeschlossenheit nicht verstehe; das ist am End auch meine Schuld und nicht die seine. Und mir selber kann ich dies auch nicht verdenken, da ich's bei allem guten Willen noch nicht weiter gebracht habe, als mich zu verwundern und mir jede Missbilligung zu verbieten, bis ich eines Bessern belehrt werde, was ohne Zweifel einst sein wird, da mir noch so viel zu lernen und zu begreifen bevorsteht. Nun siehst Du, mit meinem guten Weib werde ich gerechter werden, da sie mild ist und doch unendlich lebensfrisch; da sie die Weltverhaltnisse weit besser versteht als ich und die grosse Lebensklugheit besitzt, an die menschliche Gesellschaft keine Anspruche zu machen, obschon sie allen Beziehungen in ihr genugen kann und mit ihrem Wohlwollen immer gibt, wo sie verlangen konnte; und ihre Liebe niemals aufdringt, in der Einsamkeit selbst ihren Reichtum an Geist niedergelegt hat, in dem sie schwelgen kann und reicher ist als andre, die sich im Besitz der Wohlhabenheit fuhlen. Es wird kommen und muss kommen, dass sie das Eis schmelze, denn sie ist der Fruhling und hat den Geist des Belebens! Und das gewinnt die Herzen! Drum ist furs erste mein Aufenthalt in Marburg mir wichtig grade um Savignys willen, wenn das so kommen durfte, dass er allem dem entsprache, was in ihm sein muss, was ich aber nie zu Tag fordern konnte, wenn ich wirklich durch meine Hast, durch meine Unbefahigung, bessern Menschen gerecht zu sein, allein die Schuld truge, dieser oft qualvollen ungewurdigten Stunden und Tage unseres Zusammenseins! Und Sophie, die ganz menschliche Freundin meiner Seele, baute zwischen uns die Brucke eines edlen Verkehrs, wo nicht mehr eine grausame Ironie mich mit ihren Pfeilen trafe. Liebes Kind, dann mussen wir's ihm auch hingehen lassen, dass er Dich nicht mag! Es wird kommen, es wird kommen die gewunschte Fruhlingszeit! Nun sei froh und glucklich und grusse mir die neu verheiratete Schwagerin.
Eben erhalte ich Deinen fruheren Brief aus Schlangenbad, der uber Weimar gegangen war. Ich bitte Dich herzlich, schreibe mir oft so, schreibe mir oft und viel, Deine Gedanken ziehen so im Flug, als waren sie Vogel aus fremden, heisseren Landern. Wie soll man ihrer habhaft werden, wenn nicht ein treuer Freund sie auffangt! Spreche mir auch von Gunderodchen, von Mariannen, die ich ewig lieben werde. Und noch eins. Alles, was durch andre Leute von Sophie Dir gesagt wird, glaube nicht, denn Du weisst ja, wie andre Leute von mir sprechen, wie auch die, welche fur die besten, die edelsten gelten, nur Boses von mir zu sagen wussten oder ahnten, und doch hast Du das nie in mir gefunden! Nicht wahr, liebstes Kind, das hast Du nie? Das ist auch der Segen, der auf Dir ruht, dass keine Ungerechtigkeit noch aus Deiner Seele geflossen ist, dass keine Ausserlichkeit, kein Egoismus mit Deinem Gefuhl wuchert oder prachert. Aus der Ambition entspringt manches Ubel der Seele, und dies hat so bose Folgen oft, dass ich manchmal meine, alle Lahmungen des Geistes entspringen vielmehr aus dem Ehrgeiz, als dass dieser ihn fordert. Grossmut ist die Quelle alles Reichtums und jeder, der sich abzuschliessen wahnt, um sein inneres Eigentum fur sich allein zu bewahren und es wie einen kunstlichen Springbrunnen in die Hohe zu treiben, der wird auch einen solchen Springstrahl hervorbringen, lustig und ergotzlich anzuschauen, und die Menschen werden sich wundern, und es wird die Rede sein von dem famosen springenden Wasser im ganzen Land, wie von der Fontane auf Wilhelmshohe! Aber was ist es nun, wenn die Rohren, durch welche das Wasser lauft, einmal aus ihrer Lage kommen und der Strahl versiegt, oder wenn die unterirdischen Wasser durch Zufall und Naturereignisse eine andere Wendung nehmen, dann steht die Fontane mit ihren Pratensionen, bewundert zu werden, ganz verlassen; hochstens geht die Rede durchs Land: die Fontane springt nicht mehr! Schade um die alte Fontane, sagen dann die Leute, wir haben unsern spiegelklaren Bergstrom, der sich wohltatig durch unsere Fluren verbreitet! Sehet den schiffbaren Fluss, in dem unsre munteren Bache und Flusse zusammenkommen, dem gemeinsamen Leben zu Nutz und Frommen! Da unterscheidet man sie nicht mehr voneinander, ob dieser oder jener seine Wellen dazu hergibt, den Verkehr des Menschen untereinander zu fordern. So muss es sein, liebes Kind! So und nicht anders kann das Vollkommne, das Genugende im Geist sich erweitern und verteilen und beleben alle, die von ihm sich zu nahren berufen sind! Und so will es sich gestalten, seit ich meine Sophie habe! Und mogen die Fontanen fur sich springen, solang es geht zur Bewundrung der gelangweilten Menge; tragt der schiffbare Fluss erst die Weltbegebenheiten und die Entwicklung des Weltgeistes auf die Hohe des Weltmeeres, in das er einstromt, dann mag die Fontane in verodeter Natur springen oder nicht, Schiffe konnte sie doch nimmer tragen. Schreibe bald Deinem Clemens, der von Dir lebt, sich von Dir getragen fuhlt zum Bessern, zur Lust, das Leben zu geniessen und zu beherrschen.
Soeben kommt die Frankfurter Post. Ich habe keine Zeile von Dir und von niemand. Savigny erhalt die Briefe bundelweise; meine Einsamkeit erhoht sich so immer mehr, ich bitte Dich herzlich, schreibe, ich bin traurig, wenn ich so meinen Herrn Baron seine Briefe verschlingen sehe, ohne mir etwas mitzuteilen, und ich habe gar nichts. Du hast ja auf der Welt nichts zu tun, schreibe mir doch oder ich glaube, dass Du mich nicht mehr liebst.
Clemens
Fussnoten
1 Ihr war eine Schwester gestorben. 2 Anhang I, S. 397 3 Anhang II, S. 401 4 Ein Briefbote, der alle Tage von Offenbach nach Frankfurt ging. 5 Dem die Jungfrauen einen Widder opferten, wenn sie offentlich einen Wettlauf hielten. 6 Siehe Anhang. 7 Sollten vielleicht nicht manche wirkliche Schelme sein? Denn viele konnen gar nichts.