1840_Arnim_003 Topic 3

Bettina von Arnim

Die Gunderode

Den Studenten

Die Ihr gleich goldnen Blumen auf zertretnem Feld wieder aufsprosset zuerst! In frohlichen Zukunftstraumen der Muttererde huldigt, harrend voll heiligem Glauben, dass endlich Eurer Ahnung Gebild vollende der Genius und Fesseln der Liebe Euch umlege und grosser Manner Unsterblichkeit in den Busen Euch sae. Die Ihr immer rege, von Geschlecht zu Geschlecht, in der Not wie in des Gluckes Tagen auf Begeistrungspfaden schweift; in Germanias Hainen, auf ihren Ebnen und stolzen Bergen, am gemeinsamen Kelch heiligkuhner Gedanken Euch berauschend, die Brust erschliesst und mit gluhender Trane im Aug Bruderliebe schwort einander, Euch schenk ich dies Buch. Euch Irrenden, Suchenden! Die Ihr hinanjubelt den Parnassos, zu Kastalias Quell; reichlich der aufbrausenden Flut zu schopfen den Heroen der Zeit und auch den Schlafenden im schweigenden Tal, schweigend, feierlichen Ernstes die Schale ergiesst. Die Ihr Hermanns Geschlecht Euch nennt, Deutschlands Jungerschaft! Dem Recht zur Seite, klingenwetzend der Gnade trotzt; mit Schwerterklirren und der Begeistrung Zuversicht der Burschen Hochgesang anstimmt:

"Landesvater, Schutz und Rater!"

Mit flammender Fackel, donnernd ein dreifach Hoch dem Herrscher, dem Vaterland, dem Bruderbunde jauchzt, und:

"Stromen gleich, zusammenrauschet in ein gewaltig

Heldenlied."

Ihr, die mit Trug noch nicht nach nichtiger Hoffnung jagtet! Wenn der Philister Torengeschlecht den Stab Euch bricht, so gedenket, Musensohne, dass ihre Larmtrommel des leuchtenden Pythiers Geist nicht betaubt; keine Luge haftet an ihm, keine Tat, kein Gedanke! Er ist wissend! Und lenkt, dass, unberuhrt von des Gesetzes Zwang, schnellen feurigen Wachstums, das Gottliche erbluhe und in der Zeiten Wechsel ein milder Gestirn uber Euch hinleuchte.

Erster Teil

Briefe aus den Jahren 18041806

An die Gunderode

Der Plaudergeist in meiner Brust hat immerfort geschwatzt mit Dir, durch den ganzen holperigen Wald bis auf den Trages, wo alles schon schlief, sie wachten auf und sagten, es ware schon ein Uhr vorbei, auf dem Land blasen sie abends die Zeit aus wie eine Kerz, die man sparen will. Wie ich erzahlte, dass Du mitgefahren warst bis Hanau, da hatten sie Dich all gern hier haben wollen, ein jeder fur sich allein, da war ich doch um Dich gekommen. Durch Dich feuert der Geist, wie die Sonn durchs frische Laub feuert, und mir geht's wie dem Keim, der in der Sonn brutet, wenn ich an Dich denken will, es warmt mich, und ich werd freudig und stolz und streck meine Blatter aus, und oft bin ich unruhig und kann nicht auf einem Platz bleiben, ich muss fort ins Feld, in den Wald; in freier Luft kann ich alles denken, was im Zimmer unmoglich war, da schwarmen die Gedanken uber die Berg, und ich seh ihnen nach.

Alles ist heut nach Meerholz gefahren zum Vetter mit der zu grossen Nas, ich bin allein zu Haus, ich hab gesagt, ich wollt schreiben, aber die Hauptursach war die Nas.

Eben komm ich aus der Lindenallee, ich hab das ganze Gewitter mitgemacht, die Baum geben gut Beispiel, wie man soll standhaft sein im Ungewitter, Blitz und Donner hintereinander her, bis sie ausser Atem waren, nun ruhen alle Walder. Ich war gleich nass, und so warm der Regen, hatt's nur starker noch regnen wollen, aber bald war's schon Wetter, und der Regenbogen auf dem Saatfeld, ich war wohl eine halbe Stund weit gelaufen und ihm doch nicht naher gekommen, da fiel mir ein, dass man oft denkt, es war so nah alles, was man gern erreichen mocht, und wie man mit allem Eifer doch nicht naherruckt. Wenn nicht die Schonheit vom Himmel herab uns uberstrahlt, von selbst ihr entgegenlaufen ist umsonst, ich hab den ganzen Nachmittag verlaufen, eben kommen sie schon angefahren.

Sonntag

Gestern ging ich noch allein in der Dunkelheit durchs Feld. Da fiel mir wieder ein alles, was wir am Sonntag von Frankfurt bis Hanau im Wagen zusammen geredet haben; wer von uns beiden zuerst sterben wird. Jetzt bin ich schon acht Tag hier, unser Gesprach klingt noch immer nach in mir. "Es gibt ja noch Raum ausser dieser kleinen Tags- und Weltgeschichte, in dem die Seel ihren Durst, selbst etwas zu sein, loschen durfe", sagtest Du. Da hab ich aber gefuhlt, und fuhl's eben wieder und immer: wenn Du teil, kein Mensch vermag uber mich, aber Du! Auch bin ich gestorben schon jetzt, wenn Du mich nicht auferstehen heissest und willst mit mir leben immerfort; ich fuhl's recht, mein Leben ist bloss aufgewacht, weil Du mir riefst, und wird sterben mussen, wenn es nicht in Dir kann fortgedeihen. Frei sein willst Du, hast Du gesagt? Ich will nicht frei sein, ich will Wurzel fassen in Dir eine Waldrose, die im eignen Duft sich erquicke, will die der Sonne sich schon offnen und der Boden lost sich von ihrer Wurzel, dann ist's aus. Ja, mein Leben ist unsicher; ohne Deine Liebe, in die es eingepflanzt ist, wird's gewiss nicht aufbluhen, und mir ist's eben so durch den Kopf gefahren, als ob Du mich vergessen konntest, es ist aber vielleicht nur, weil's Wetter leuchtet, so blass und kalt, und wenn ich denk an die feurigen Strahlen, mit denen Du oft meine Seele durchleuchtest! Bleib mir doch.

Bettine

An die Bettine

Ich habe die Zeit uber recht oft an Dich gedacht, liebe Bettine. Vor einigen Nachten traumte mir, Du seist gestorben, ich weinte sehr daruber und hatte den ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele. Als ich den Abend nach Hause kam, fand ich Deinen Brief; ich freute mich und wunderte mich, weil ich glaubte, einen gewissen Zusammenhang zwischen meinen Traumen und Deinen Gedanken zu finden.

Gestern abend ist Clemens hier angekommen, ich wollte, Du warst hier, es wurde ihm viel behaglicher und heimlicher sein, ich glaube, wenn Du nicht bald hierher kommst, so geht er nach Trages.

In diesem ganzen Brief ist wohl noch kein einziges Wort, was Dich erfreut? Du drehst das Blatt herum und siehest, ob nicht eine Art von russischem Kabriolett gefahren kommt; aber es will nichts kommen; weisst Du, warum? Weil ich Ihn in der ganzen Zeit nur zwei Minuten gesehen habe; weil Er geritten kam, und weil Er kein vernunftiges Wort gesprochen hat. Sei lustig, Bettine, und lass Dir nicht mit Kabrioletts im Herzen herumfahren.

Grusse den Savigny recht freundlich von mir, erinnere ihn doch zuweilen an mich, ich habe ihn sehr lieb, aber nach Trages komme ich doch nicht.

Tue mir den Gefallen und frage die Sanchen, ob ich nicht einen Chignonkamm und eine Kette in Trages hatte liegen lassen? Wenn Du noch nicht bald wieder zu uns kommst, so schreibe mir wieder, denn ich habe Dich lieb, sage mir auch, wie Ihr lebt.

Karoline

Grusse doch auch die Gundel von mir. Auf meiner Heimfahrt von Hanau hab ich das Gesprach gedichtet, es ist ein bisschen vom Zaun gebrochen. Ich wollt, die Prosa war edler, das heisst: ich wollt, sie war musikalischer; es enthalt viel, was wir im Gesprach beruhrt haben. Du schreibst mit mehr Musik Deine Briefe, ich wollt, ich konnt das lernen.

Die Manen

SCHULER. Weiser Meister! Ich war in den Katakomben der Schwedenkonige, ich nahte mich dem Sarg des Gustav Adolf mit sonderbarem schmerzlichem Gefuhl, seine Taten gingen an meinem Geist voruber, ich sah zugleich sein Leben und seinen Tod, seine uberschwengliche Tatkraft und die tiefe Ruhe, in der er schon dem zweiten Jahrhundert entgegenschlummert; ich rief mir die grausenvolle Zeit zuruck, in der er lebte, mein Gemut glich einer Gruft, aus der die schwankenden Schatten der Vergangenheit heraufsteigen. Ich weinte so heisse Tranen seinem Tod, als sei er heute erst gefallen. Dahin! Verloren! Vergangen! sagte ich mir, sind dies des grossen Lebens Fruchte alle? Ach! Ich musste die Gruft verlassen, ich suchte Zerstreuung, ich suchte andre Schmerzen, aber der unterirdische trube Geist verfolgt mich, ich kann die Wehmut nicht loswerden, die wie ein Trauerflor uber meine Gegenwart sich legt, dies Zeitalter ist mir nichtig und leer, sehnlich und gewaltig zieht mich's in die Vergangenheit dahin! Vergangen, so ruft mein Geist. O mocht ich mit vergangen sein und diese schlechte Zeit nie gesehen haben, in der die Vorwelt vergeht, an der ihre Grosse verloren ist. LEHRER. Verloren ist nichts, junger Schuler, und in keiner Weise, nur das Auge vermag nicht des Grundes unendliche Folgenkette zu ubersehen. Aber willst du auch dies nicht bedenken, du kannst doch nicht verloren nennen und dahin, was so machtig auf dich wirkt; dein eigen Geschick, die Gegenwart bewegen dich so heftig nicht wie das Andenken des grossen Konigs, lebt er da nicht jetzt noch machtiger in dir als die Gegenwart, oder nennst du nur Leben, was im Fleisch und im Sichtbaren fortlebt, und ist dir dahin und verloren, was noch in Gedanken wirkt und da ist? SCHULER. Wenn es Leben ist, so ist es doch nicht mehr als Schattenleben, dann ist die Erinnerung des Gewesenen mehr als die bleiche Schattenwirklichkeit. LEHRER. Gegenwart ist ein fluchtiger Augenblick, sie vergeht, indem du sie erlebst, des Lebens Bewusstsein liegt in der Erinnerung, in diesem Sinn nur kannst du Vergangnes betrachten, gleichviel ob es langst oder eben nur vorging. SCHULER. Du sprichst wahr! So lebt denn ein grosser Mensch nicht nach seiner Weise in mir fort, sondern nach der meinen. Wie ich ihn aufnehme, wie und ob ich mich seiner erinnern mag? LEHRER. Freilich lebt das nur fort in dir, was dein Sinn befahigt ist aufzunehmen, insofern es Gleichartiges mit dir hat, das Fremdartige in dir tritt nicht mit ihm in Verbindung, darauf kann er nicht wirken, und mit dieser Einschrankung nur wirken alle Dinge. Wofur du keinen Sinn hast, das geht dir verloren wie die Farbenwelt dem Blinden. SCHULER. So muss ich glauben, nichts gehe verloren, da alle Ursachen in ihren Folgen fortleben, dass sie aber nur wirken auf das, was Empfanglichkeit oder Sinn fur sie hat. Der Welt mag genugen an diesem Nichtverlorensein, an dieser Art fortzuleben, mir ist es nicht genug, ich mochte zuruck in der Vergangenheit Schoss, ich sehne mich nach unmittelbarer Verbindung mit den Manen der grossen Vorzeit. LEHRER. Haltst du es denn fur moglich? SCHULER. Ich hielt es fur unmoglich, als noch kein Sehnen mich dahin zog, gestern hatte ich noch jede Frage danach fur toricht gehalten, heute wunsche ich schon, die Verbindung mit der Geisterwelt ware moglich, ja mir deucht, ich ware geneigt, sie glaublich zu finden. LEHRER. Mir deucht, die Manen des grossen Gustav Adolf haben deinem innern Auge zum Lichte verholfen. So vernehme mich denn. So gewiss alles Harmonische in Verbindung stehet, es mag sichtbar oder unsichtbar sein, so gewiss sind auch wir in Verbindung mit dem Teil der Geisterwelt, der mit uns harmoniert. Ahnliche Gedanken verschiedener Menschen, auch wenn sie nie voneinander wussten, ist in geistigem Sinn schon Verbindung, der Tod eines Menschen, der in solcher Beruhrung mit mir stehet, hebt sie nicht auf; der Tod ist ein chemischer Prozess, eine Scheidung der Krafte, aber kein Vernichter, er zerreisst das Band zwischen mir und ahnlichen Seelen nicht, aber das Fortschreiten des einen und das Zuruckbleiben des andern kann wohl diese Gemeinschaft aufheben, wie einer, der in allem Trefflichen fortgeschritten ist, mit dem unwissend gebliebnen Jugendfreund nicht mehr zusammenstimmen wird. Du wirst dies leicht ganz allgemein und ganz aufs besondere anwenden konnen. SCHULER. Vollkommen! Du sagst, Harmonie der Krafte ist Verbindung, der Tod hebt diese Verbindung nicht auf, da er nur scheidet und nicht vernichtet. LEHRER. Ich fugte hinzu, das Aufheben dessen, was diese Harmonie bedingt, musste auch notwendig diese Verbindung aufheben eine Verbindung mit Verstorbenen kann also statthaben, insofern sie nicht aufgehort haben, mit uns zu harmonieren. SCHULER. Ich kann es fassen. LEHRER. Es kommt nur darauf an, diese Verbindung gewahr zu werden. Bloss geistige Krafte konnen unsern aussern Sinnen nicht offenbar werden, sie wirken nicht durch Aug und Ohr, sondern durch das Organ, durch das allein eine Verbindung mit ihnen moglich ist; durch den innern Sinn, auf ihn wirken sie unmittelbar. Dieser innere Sinn, das tiefste und feinste Seelenorgan, ist bei fast allen Menschen unentwickelt und nur dem Keim nach da. Das Weltgerausch, der Menschheit Handel und Wandel, der nur oberflachlich und nur die Oberflache beruhrt, lassen es zu keiner Ausbildung, zu keinem Bewusstsein kommen, so wird es nicht erkannt, und was sich zu allen Zeiten in ihm offenbarte, hat viele

Zweifler und Schmaher gefunden, und bis jetzt ist

sein Empfangen und Wirken nur in seltnen Men

schen die individuellste Seltenheit. Ich will nicht

ungeistigen Gesichten und Geistererscheinungen

das Wort reden, aber ich fuhle deutlich, dass der in

nere Sinn so hoch angeregt werden kann, dass die

innere Erscheinung vor das korperliche Auge treten

kann, wie auch umgekehrt die aussere Erscheinung

vor das geistige Auge tritt; so brauch ich nicht

durch Betrug oder Sinnentauschung alles Wunder

bare zu erklaren, doch weiss ich, man nennt in der

Weltsprache diese innere Entwicklung der Sinne

Einbildung.

Wessen Geistesauge Licht auffangt, der sieht dem

andern unsichtbare, mit ihm verbundene Dinge.

Aus diesem innern Sinn sind die Religionen her

vorgegangen, und so manche Apokalypsen alter

und neuer Zeit. Aus dieser Sinnenfahigkeit, Verbin

dungen wahrzunehmen, die andere, deren Geistes

auge verschlossen ist, nicht fassen, entsteht die pro

phetische Gabe, Gegenwart und Vergangenheit mit

der Zukunft zu verbinden, den notwendigen Zusam

menhang der Ursachen und Wirkungen zu sehen.

Prophezeiung ist Sinn fur die Zukunft. Man kann

die Wahrsagerkunst nicht erlernen, der Sinn fur sie

ist geheimnisvoll, er entwickelt sich geheimnisvol

ler Art; er offenbart sich oft nur wie ein schneller

Blitz, der dann von dunkler Nacht wieder begraben

wird. Man kann Geister nicht durch Beschworung

rufen, aber sie konnen dem Geist sich offenbaren,

das Empfangliche kann sie empfangen, dem inne

ren Sinn konnen sie erscheinen.

Der Lehrer schwieg und sein Zuhorer verliess ihn. Mancherlei Gedanken bewegten sein Inneres, und seine ganze Seele strebte, sich das Gehorte zum Eigentum zu machen.

An die Gunderode

Du weisst, dass der Bostel hier ist, der lauft mir immer nach und sagt: "Bettine, warum sind Sie so unliebenswurdig?" Ich frag: "Wie soll ich's machen, um liebenswurdig zu sein?" "Sein Sie wie Ihre Schwester Loulou, sprechen Sie ruhig mit einem und bezeigen Sie doch nur ein klein wenig Teilnahme an, was man Ihnen sagt, aber wenn man Sie auch aus Mitleid wie ein Madchen, das schon was bedeutet, behandlen wollt, es ist nicht moglich. Sie haben nicht weniger Unruh als eine junge Katz, die einer Maus nachlauft; derweil man Ihnen die Ehre antut, mit Ihnen zu sprechen, klettern Sie auf Tisch und Schranken herum, Sie steigen zu den alten Familienportraten und scheinen weit mehr Anteil an deren Gesichter zu nehmen als an uns Lebenden." "Ja, Herr von Bostel, das ist bloss, weil die dort so ganz ubersehen und vergessen sind, weil kein Mensch mit denen spricht, da geht's mir grade, wie es Ihnen mit mir geht. Aus Mitleid, weil ich ubersehen bin, sprechen Sie mit mir jungem Gelbschnabel, und das steckt mich an, dass ich dasselbe Mitleid mit den alten gemalten Perucken haben muss." "Aber sagen Sie, sind Sie gescheut? Wie wollen Sie Mitleid haben mit gemalten Bildern?" "Ei, Sie haben's ja auch mit mir!" "Nun ja, aber die Bilder empfinden's doch nicht." "Ei, ich empfind's auch nicht." "Aber bei Gott, ich bemitleide Sie, Sie sind auf dem Weg narrisch zu werden."

Ich hatt Dir die Dummheiten nicht erzahlt, wenn's nicht einen grossen Larm gegeben hatt, der Clemens wollte das vom guten Bostel nicht haben, sie redeten so heftig hin und her von Schelmufsky und dem Grossmogul, und im kleinen Hauschen, wo sie zusammen hingegangen waren, ward es so laut, dass es sich von weitem wie Streit anhorte, ich ging hinunter und wartete, bis der Bostel herauskam, der war ganz erhitzt, ich nahm alles auf mich und bat um Verzeihung, dass ich so unartig gewesen sei, und was weiss ich, was ich alles sagte, bis er endlich versprach, mit dem Clemens nicht mehr bos zu sein, und wenn ich meine Unart eingestehe, so wolle er mir verzeihen. Ich gestand alles zu, dachte aber doch heimlich, was der vor ein possierlicher Kerl war; der Clemens kam dazu, da ward von beiden Seiten die Schuld auf mich geschoben; ich liess es ohne Widerspruch geschehen und besanftigte beide, sie gaben einander die Hand und mir gute Lehren.

Die Menschen sind gut, ich bin es ihnen von Herzen, aber wie das kommt, dass ich mit niemand sprechen kann? Das hat nun Gott gewollt, dass ich nur mit Dir zu Haus bin. Die Manen les' ich immer wieder, sie wecken mich recht zum Nachdenken. Du meinst, dass Dir die Sprache nicht drin gefallt? Ich glaub, dass grosse Gedanken, die man zum erstenmal denkt, die sind so uberraschend, da scheinen einem die Worte zu nichtig, mit denen man sie aufnimmt, die suchen sich ihren Ausdruck, da ist man als zu zaghaft, einen zu gebrauchen, der noch nicht gebrauchlich ist, aber was liegt doch dran? Ich wollt immer so reden, wie es nicht statthaft ist, wenn es mir naher dadurch kommt in der Seel, ich glaub gewiss, Musik muss in der Seele walten, Stimmung ohne Melodie ist nicht fliessend zu denken; es muss etwas der Seele so recht Angebornes geben, worin der Gedankenstrom fliesst. Dein Brief ist ganz melodisch zu mir, viel mehr wie Dein Gesprach. "Wenn Du noch nicht bald wieder zu uns kommst, so schreibe mir wieder, denn ich habe Dich lieb." Diese Worte haben einen melodischen Gang, und dann: "Ich habe die Zeit uber recht oft an Dich gedacht, liebe Bettine! Vor einigen Nachten traumte mir, Du seiest gestorben, ich weinte sehr daruber und hatte den ganzen Tag einen traurigen Nachklang davon in meiner Seele." Ich auch, liebstes Gunderodchen, wurde sehr weinen, wenn ich Dich sollt hier lassen mussen und in eine andre Welt gehen, ich kann mir nicht denken, dass ich irgendwo ohne Dich zu mir selber kommen mocht. Der musikalische Klang jener Worte aussert sich wie der Pulsschlag Deiner Empfindung, das ist lebendige Liebe, die fuhlst Du fur mich. Ich bin recht glucklich; ich glaub auch, dass nichts ohne Musik im Geist bestehen kann, und dass nur der Geist sich frei empfindet, dem die Stimmung treu bleibt. Ich kann's auch noch nicht so deutlich sagen, ich meine, man kann kein Buch lesen, keins verstehen oder seinen Geist aufnehmen, wenn die angeborne Melodie es nicht tragt, ich glaub, das alles musst gleich begreiflich oder fuhlbar sein, wenn es in seiner Melodie dahinfliesst. Ja, weil ich das so denke, so fallt mir ein, ob nicht alles, solang es nicht melodisch ist, wohl auch noch nicht wahr sein mag. Dein Schelling und Dein Fichte und Dein Kant sind mir ganz unmogliche Kerle. Was hab ich mir fur Muhe geben, und ich bin eigentlich nur davongelaufen hierher, weil ich eine Pause machen wollt. Repulsion, Attraktion, hochste Potenz.

Weisst Du, wie mir's wird? Dreherig Schwindel krieg ich in den Kopf, und dann, weisst Du noch? Ich scham mich, ja ich scham mich, so mit Hacken und Brecheisen in die Sprach hineinzufahren, um etwas da herauszubohren, und dass ein Mensch, der gesund geboren ist, sich ordentliche Beulen an den Kopf denken muss und allerlei physische Krankheiten dem Geist anbilden. Glaubst Du, ein Philosoph sei nicht furchterlich hoffartig? Oder wenn er auch einen Gedanken hat, davon war er klug? O nein, so ein Gedanke fallt ihm wie ein Hobelspan von der Drechselbank, davon ist so ein weiser Meister nicht klug. Die Weisheit muss naturlich sein, was braucht sie doch solcher widerlicher Werkzeuge, um in Gang zu kommen, sie ist ja lebendig? Sie wird sich das nicht gefallen lassen. Der Mann des Geistes muss die Natur lieben uber alles, mit wahrer Lieb, dann bluht er, dann pflanzt die Natur Geist in ihn. Aber ein Philosoph scheint mir so einer nicht, der ihr am Busen liegt und ihr vertraut und mit allen Kraften ihr geweiht ist. Mir deucht vielmehr, er geht auf Raub, was er ihr abluchsen kann, das vermanscht er in seine geheime Fabrik, und da hat er seine Not, dass sie nicht stockt, hier ein Rad, dort ein Gewicht, eine Maschine greift in die andere, und da zeigt er den Schulern, wie sein Perpetuum Mobile geht, und schwitzt sehr dabei, und die Schuler staunen das an und werden sehr dumm davon. Verzeih mir's, dass ich so fabelig Zeug red, Du weisst, ich hab's mit meinem Abscheu nie weiter gebracht, als dass ich erhitzt und schwindelig geworden bin davon, und wenn die grossen Gedanken Deines Gesprachs vor mir auftreten, die doch philosophisch sind, so weiss ich wohl, dass nichts Geist ist als nur Philosophie, aber wend's herum und sag: Es ist nichts Philosophie, als nur ewig lebendiger Geist, der sich nicht fangen, nicht beschauen noch uberschauen lasst, nur empfinden, der in jedem neu und ideal wirkt, und kurz: der ist wie der Ather uber uns. Du kannst ihn auch nicht fassen mit dem Aug, Du kannst Dich nur von ihm uberleuchtet, umfangen fuhlen, Du kannst von ihm leben, nicht ihn fur Dich erzeugen. Ist denn der Schopfernatur ihr Geist nicht gewaltiger als der Philosoph mit seinem Dreieck, wo er die Schopfungskraft drin hin und her stosst, was will er doch? Meint er, diese Gedankenauffuhrung sei eine unwiderstehliche Art, dem Naturgeist nahzukommen? Ich glaub einmal nicht, dass die Natur einen solchen, der sich zum Philosophen eingezwickt hat, gut leiden kann. "Wie ist Natur so hold und gut, die mich am Busen halt." So was lautet wie Spott auf einen Philosophen. Du aber bist ein Dichter, und alles, was Du sagst, ist die Wahrheit und heilig. "Man kann Geister nicht durch Beschworung rufen, aber sie konnen sich dem Geist offenbaren, das Empfangliche kann sie empfangen, dem innern Sinn konnen sie erscheinen." Nun ja! Wenn es auch die ganze heutige Welt nicht fasst, was Du da aussprichst, wie ich gewiss glaub, dass es umsonst der Welt gesagt ist, so bin ich aber der Schuler, dessen ganze Seele strebt, sich das Gehorte zum Eigentum zu machen. Und aus dieser Lehre wird mein kunftig Gluck erbluhn, nicht weil ich's gelernt hab, aber weil ich's empfind; es ist ein Keim in mir geworden und wurzelt tief, ja ich muss sagen, es spricht meine Natur aus, oder vielmehr, es ist das heilige Wort "Es werde", was Du uber mich aussprichst. Ich hab's jetzt jede Nacht gelesen im Bett und empfind mich nicht mehr allein und fur nichts in der Welt; ich denk, da die Geister sich dem Geist offenbaren konnen, so mochten sie zu meinem doch sprechen; und was die Welt "uberspannte Einbildung" nennt, dem will ich still opfern und gewiss meinen Sinn vor jedem bewahren, was mich unfahig dazu machen konnte, denn ich empfinde in mir ein Gewissen, was mich heimlich warnt, dies und jenes zu meiden. Und wie ich mit Dir red heute, da fuhl ich, dass es eine bewusstlose Bewusstheit gebe, das ist Gefuhl, und dass der Geist bewusstlos erregt wird. So wird's wohl sein mit den Geistern. Aber still davon, durch Deinen Geist haucht mich die Natur an, dass ich erwach, wie wenn die Keime zu Blattern werden. Ach, eben ist ein grosser Vogel wider mein Fenster geflogen und hat mich so erschreckt, es ist schon nach Mitternacht, gute Nacht.

Bettine

An die Bettine

Es kommt mir bald zu narrisch vor, liebe Bettine, dass Du Dich so feierlich fur meinen Schuler erklarst, ebenso konnte ich mich fur den Deinen halten wollen, doch macht es mir viele Freude, und es ist auch etwas Wahres daran, wenn ein Lehrer durch den Schuler angeregt wird, so kann ich mit Fug mich den Deinen nennen. Gar viele Ansichten stromen mir aus Deinen Behauptungen zu und aus Deinen Ahnungen, denen ich vertraue, und wenn Du so herzlich bist, mein Schuler sein zu wollen, so werd ich mich einst wundern, was ich da fur einen Vogel ausgebrutet habe.

Deine Erzahlung vom Bostel ist ganz artig, nichts lieber tust Du, als die Sunden der Welt auf Dich nehmen, Du tragst keine Last an ihnen, sie beflugeln Dich vielmehr zu Heiterkeit und Mutwillen, man konnte denken, Gott habe selber sein Vergnugen an Dir. Aber dahin wirst du es nicht bringen, dass die Menschen Dich als etwas Bessers achten, als sie selber sind. Doch wie auch Genie sich Luft und Licht mache, es ist immer atherischer Weise, und war es selbst den Ballast des Philistertums auf den Flugeln tragend. In solchen Dingen bist Du gebornes Genie, darin kann ich nur Dein Schuler sein und trachte auch mit grossem Fleiss Dir nachzukommen, es ist ein spassiges In-die-Runde-laufen, dass wahrend Dich jedermann so oft uber Deine sogenannte Inkonsequenzen verklagt, ich heimlich mir Vorwurfe mache, dass mein Genie hierzu nicht ausreicht. "Sorglos uber die Flache weg, wo vom kuhnsten Wager die Bahn Dir nicht vorgegraben Du siehst." Immerhin nur das einzige tue mir, und fange nicht alles untereinander an, in Deinem Zimmer sah es aus wie am Ufer, wo eine Flotte gestrandet war. Schlosser wollte zwei grosse Folianten, die er fur Dich von der Stadtbibliothek geliehen hat, und die Du schon ein Vierteljahr hast, ohne drin zu lesen. Der Homer lag aufgeschlagen an der Erde, Dein Kanarienvogel hatte ihn nicht geschont, Deine schone erfundne Reisekarte des Odysseus lag daneben und der Muschelkasten mit dem umgeworfenen Sepianapfchen und allen Farbenmuscheln drum her, das hat einen braunen Fleck auf Deinen schonen Strohteppich gemacht, ich habe mich bemuht, alles wieder in Ordnung zu bringen. Dein Flageolet, was Du mitnehmen wolltest und vergeblich suchtest, rat, wo ich's gefunden habe? Im Orangenkubel auf dem Altan war es bis ans Mundstuck in die Erde vergraben, Du hofftest wahrscheinlich einen Flageoletbaum da bei Deiner Ruckkunft aufkeimen zu sehen, die Liesbet hat den Baum ubermassig begossen, das Instrument ist angequollen, ich hab es an einen kuhlen Ort gelegt, damit es gemachlich wieder eintrocknen kann und nicht berstet, was ich aber mit den Noten anfange, die daneben lagen, das weiss ich nicht, ich hab sie einstweilen in die Sonne gelegt, vor menschlichen Augen darfst Du sie nicht mehr sehen lassen, ein sauberes Ansehen erhalten sie nicht wieder. Dann flattert das blaue Band an Deiner Gitarre, nun schon seitdem Du weg bist, zum grossen Gaudium der Schulkinder gegenuber, so lang es ist, zum Fenster hinaus, hat Regen und Sonnenschein ausgehalten und ist sehr abgeblasst, dabei ist die Gitarre auch nicht geschont worden, ich hab die Liesbet ein wenig vorgenommen, dass sie nicht so gescheut war, das Fenster zuzumachen hinter den dunklen Planen, sie entschuldigte sich, weil's hinter den grunseidnen Vorhangen versteckt war, da doch, so oft die Ture aufgeht, die Fenster vom Zugwind sich bewegen. Dein Riesenschilf am Spiegel ist noch grun, ich hab ihm frisch Wasser geben lassen, Dein Kasten mit Hafer und was sonst noch drein gesaet ist, ist alles durcheinander emporgewachsen, es deucht mir viel Unkraut drunter zu sein, da ich es aber nicht genau unterscheiden kann, so hab ich nicht gewagt, etwas auszureissen; von Buchern hab ich gefunden auf der Erde den Ossian, die Sacontala, die Frankfurter Chronik, den zweiten Band Hemsterhuis, den ich zu mir genommen habe, weil ich den ersten Band von Dir habe. Im Hemsterhuis lag beifolgender philosophischer Aufsatz, den ich mir zu schenken bitte, wenn Du keinen besondern Wert darauf legst, ich hab mehr dergleichen von Dir, und da Dein Widerwille gegen Philosophie Dich hindert, ihrer zu achten, so mochte ich diese Bruchstucke Deiner Studien wider Willen beisammen bewahren, vielleicht werden sie Dir mit der Zeit interessanter. Siegwart, ein Roman der Vergangenheit, fand ich auf dem Klavier, das Tintenfass draufliegend, ein Gluck, dass es nur wenig Tinte mehr enthielt, doch wirst Du Deine Mondscheinkomposition, uber die es seine Flut ergoss, schwerlich mehr entziffern. Es rappelte was in einer kleinen Schachtel auf dem Fensterbrett, ich war neugierig sie aufzumachen, da flogen zwei Schmetterlinge heraus, die Du als Puppen hineingesetzt hattest, ich hab sie mit der Liesbet auf den Altan gejagt, wo sie in den bluhenden Bohnen ihren ersten Hunger stillten. Unter Deinem Bett fegte die Liesbet Karl den Zwolften und die Bibel hervor, und auch einen Lederhandschuh, der an keiner Dame Hand gehort, mit einem franzosischen Gedicht darin, dieser Handschuh scheint unter Deinem Kopfkissen gelegen zu haben, ich wusste nicht, dass Du Dich damit abgibst, franzosische Gedichte im alten Stil zu machen, der Parfum des Handschuh ist sehr angenehm und erinnert mich und macht mich immer heller im Kopf, und jeden Augenblick sollte mir einfallen, wo des Handschuh Gegenstuck sein mag; indes sei ruhig uber seinen Besitz, ich hab ihn hinter des Kranachs Lukretia geklemmt, da wirst Du ihn finden, wenn Du zuruckkommst; zwei Briefe hab ich auch unter den vielen beschriebenen Papieren gefunden, noch versiegelt, der eine aus Darmstadt, also vom jungen Lichtenberg, der andre aus Wien. Was hast Du denn da fur Bekanntschaft? Und wie ist's moglich, wo Du so selten Briefe empfangst, dass Du nicht neugieriger bist, oder vielmehr so zerstreut. Die Briefe hab ich auf Deinen Tisch gelegt. Alles ist jetzt hubsch ordentlich, so dass Du fleissig und mit Behagen in Deinen Studien fortfahren kannst.

Ich habe mit wahrem Vergnugen Dir Dein Zimmer dargestellt, weil es wie ein optischer Spiegel Deine aparte Art zu sein ausdruckt, weil es Deinen ganzen Charakter zusammenfasst; Du tragst allerlei wunderlich Zeug zusammen, um eine Opferflamme dran zu zunden, sie verzehrt sich, ob die Gotter davon erbaut sind, das ist mir unbekannt.

Karoline

Wenn Du Musse findest, so schreib bald wieder.

Beilage zum Brief der Gunderode

(Ein apokalyptisches Fragment)

1. Auf hohem Fels im Mittelmeer stand ich, vor mir der Ost, hinter mir der West, und der Wind ruhte auf der See. 2. Die Sonne sank, kaum war sie verhullt im Niedergang, enthullte im Aufgang sich das Morgenrot; Morgen, Mittag, Abend und Nacht jagten in schwindelnder Eile um des Himmels Bogen. 3. Ich sah staunend sie sich drehen, mein Blut, meine Gedanken bewegten sich nicht rascher; die Zeit, indes sie ausser mir nach neuen Gesetzen sich bewegte, ging in mir den gewohnten Gang. 4. Ich wollte ins Morgenrot mich sturzen oder mich tauchen in die Schatten der Nacht, eilend mit ihr dahinstromend, um nicht so langsam zu leben, aber im Schauen versunken ward ich mude und entschlief. 5. Da sah ich ein Meer vor mir, von keinem Ufer umgeben, nicht im Ost, noch Sud, noch West, noch im Nord; kein Windstoss bewegte die Wellen, aber in ihren Tiefen bewegte sich, wie von innerer Garung gereizt, die unermessliche See. 6. Und mancherlei Gestalten stiegen auf aus dem tiefen Meeresschoss, und Nebel stiegen auf und senkten sich in Wolken, und in zuckenden Blitzen beruhrten sie die gebarenden Wogen. 7. Und immer mannigfaltiger entstiegen der Tiefe Gestalten, mich ergriff Schwindel und Bangheit, meine Gedanken wurden hiehin und dorthin getrieben, wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch. 8. Als ich wieder erwachte und von mir zu wissen anfing, da besann ich mich nicht, ob ich Jahrhunderte oder Minuten geschlafen, denn in den dumpfen, verworrenen Traumen war mir nichts begegnet, was mich an die Zeit erinnert hatte. 9. Es war dunkel in mir, als habe ich geruht in dieses Meeres Schoss und sei wie andere Gestalten ihm entstiegen. Ich schien mir ein Tropfen Taues, ich bewegte mich lustig in der Luft hin und wieder und freute mich, und mein Leben war, dass die Sonne sich in mir spiegle und die Sterne mich beschauten. 10. Ich liess von den Luften mich dahin tragen in raschen Zugen, ich gesellte mich zum Abendrot, zu des Regenbogens siebenfarbigen Tropfen, ich reihte mit meinen Gespielen mich um den Mond, wenn er sich bergen wollte, und begleitete seine Bahn. 11. Die Vergangenheit war mir dahin, nur der Gegenwart gehorte ich an, eine Sehnsucht war in mir, die ihr Begehren nicht kannte, ich suchte immer, und was ich fand, war nicht das Gesuchte, und sehnend trieb ich mich umher im Unendlichen. 12. Einst ward ich gewahr, dass alle die Wesen, die dem Meer entstiegen waren, wieder zu ihm zuruckkehrten und in wechslenden Formen sich wieder erzeugten. Mich befremdete diese Erscheinung, denn ich hatte von keinem Ende gewusst. Da dachte ich, meine Sehnsucht sei auch, zuruckzukehren zu der Quelle des Lebens. 13. Und da ich dies dachte und lebendiger fuhlte als all mein Bewusstsein, ward plotzlich mein Gemut wie mit betaubenden Nebeln umfangen. Aber sie schwanden bald, ich schien mir nicht mehr ich, meine Grenzen konnte ich nicht mehr finden, mein Bewusstsein hatte ich uberschritten, es war grosser, anders, und doch fuhlte ich mich in ihm. 14. Erloset war ich von den engen Schranken meines Wesens und kein einzelner Tropfen mehr, ich war allem wiedergegeben, und alles gehorte mir mit an, ich dachte und fuhlte, wogte im Meer, glanzte in der Sonne, kreiste mit den Sternen; ich fuhlte mich in allem und genoss alles in mir. 15. Drum wer Ohren hat zu horen, der hore! Es ist nicht zwei, nicht drei, nicht Tausende, es ist eins und alles; es ist nicht Leib und Geist geschieden, dass das eine der Zeit, das andere der Ewigkeit angehore, es ist eins, gehort sich selbst und ist Zeit und Ewigkeit zugleich und sichtbar und unsichtbar, bleibend im Wandel, ein unendliches Leben.

An die Gunderode

Wie wir hier leben, das will ich Dir erzahlen. Morgens kommen wir alle im Schlafzimmer von Savignys zusammen. Da wird gegalert und als ein bisschen Krieg mit Kopfkissen und Rouleaux gefuhrt, und im Nebenzimmer wird gefruhstuckt dabei. Wir nehmen uns zwar sehr in acht, den grossen Savigny zu treffen, aber er ist gescheut, wenn's Gefecht heiss wird, da zieht er sich zuruck. Spater zerstreut sich alles. Wir sind auch jetzt schon zweimal geritten, ich bin beidemal heruntergefallen, einmal wie wir bergauf ritten und einmal vor Lachen. Nachmittags gehen wir manchmal in den Wald, und Savigny liest vor, da hab ich meine Not mit dem Zuhoren, auf dem Waldrasen hab ich gar zu viel Zerstreuung, alle Augenblick ist ein Krautchen oder ein Spinnchen oder ein Raupchen oder ein Sandsteinchen, oder ich bohr ein Lochelchen in die Erd und find allerlei da, der Savigny sagt, ich sei hoffartig und wollt nicht zuhoren, er kann's nicht leiden, drum setz ich mich hinter seinen Kopf, da merkt er's als nicht. Wir gehen auch als auf die Jagd, und ich nehm die kleine Flint, ich schiess aber immer, was Du wohl weisst, wonach ich immer auf die Jagd geh, Hirngespinste aus der Luft, gestern wollte mir der Bostel lehren, nach den Vogelchen zielen, ich schoss, und das Vogelchen fiel herunter, ich dacht gar nicht, dass ich's treffen wurde, ich war sehr erschrokken, aber der Bostel machte so grossen Larm von meinem scharfen Blick, und die andern lobten mich alle, dass ich so gut ziele, dass ich meine Reue uber diesen ersten Mord nicht merken liess. Ich nahm das Vogelchen in die Hand, wo es vollends erkaltete, in der Nachtstille hab ich's begraben unter dem Fenster von Deiner Schlafkammer und nicht ohne schwere Nachgedanken; wahrlich, ich hab es nicht mit Willen getan, aber doch mit Leichtsinn. Was liegt am Vogel, alle Jager schiessen ihn ja! Aber ich nicht, ich hatt es niemals getan, aus dem Laub, in seiner heiteren Lebenszeit den Vogel herunterzuschiessen, den Gott mit der Freiheit des Flugs begabt hat. Gott schenkt ihm die Flugel, und ich schiess ihn herunter, o nein, das stimmt nicht!

Eben kommt Dein Brief an, Deinen Kamm und die Kette hast Du wohl erhalten? Ich hab sie an Mienchen geschickt in einer kleinen Schachtel, Clemens hat einen kleinen Brief beigeschlossen an Deine Schwester und ein paar Zeilen an Dich; mein Zimmer gefallt mir wohl in seiner Unordnung, und ich gefall mir also auch wohl, da Du meinst, es stelle meinen Charakter vollkommen dar. Am liebsten ist mir, dass Du zur rechten Zeit kamst, um die Schmetterlinge zu befreien. Du kommst immer zur rechten Zeit, um meine Dummheiten gutzumachen. Den philosophischen Aufsatz, wie Du ihn zu nennen beliebst, schenk ich Dir, ich nenne ihn einen steifstelligen, verschnippelten, buchsbaumernen Zwerg, ein fataler gruner Wurgengel von superklugem Gewalsch, ohne Sprach, ohne Musik, es sei denn das holzerne Gelachter; dem gleicht's ganz im Ton und Inhalt; mach mich nicht narrisch, ich will nichts mehr davon wissen. Dein apokalyptisch Fragment macht mich auch schwindlen; bin ich zu unreif, oder was ist es, dass ich so fiebrig werd, und dass Deine Phantasien mich schmerzlich kranken. "Meine Gedanken wurden hierhin und dorthin getrieben wie eine Fackel vom Sturmwind, bis meine Erinnerung erlosch." Warum schreibst Du mir so was? das sind mir bittere Gedanken! Es macht mich unzufrieden und voll Bangigkeit, dass Du Deinen Geist in eine Unbewusstheit hineinversetzest. Ich weiss nicht, wie ich immer empfinde, als sei alles Leben inner mir und nichts ausser mir, Du aber suchest in hoheren Regionen nach Antwort auf Deine Sehnsucht, willst "mit Deinen Gespielinnen den Mond umwallen", wo ich keine Moglichkeit mir denken kann mitzutanzen, willst "erlost sein von den engen Schranken Deines Wesens", und mein ganz Gluck ist doch, dass Gott Dich in Deiner Eigentumlichkeit geschaffen hat; und dann sagst Du noch so was Trauriges: "Ich schien mir nicht mehr Ich und doch mehr als sonst Ich." Meinst Du, damit war mir gedient? "Meine Grenzen konnte ich nicht mehr finden, mein Bewusstsein hatte sie uberschritten, es war anders." Mit dem allen ist mein Urteil gesprochen, mich qualt Eifersucht, mir scheint Dein Denken ausser den Kreisen zu schweifen, wo ich Dir begegne. Du bist herablassend, dass Du vor mir solche Dinge aussprichst, die ich nicht nachempfinden kann und auch nicht mag, weil sie unsern engen Lebenskreis uberschreiten, in dem allein mir nur lieb denken ist. Straf mich nun mit Worten, wie Du willst, dass ich so dumm bin, aber der Eifersucht Brand tobt in mir, wenn Du mir nicht am Boden bleibst, wo auch ich bin. In diesem Fragment lese ich, dass Du nur im Vorubergehen mit mir bist, ich aber wollte immer mit Dir sein, jetzt und immer, und ungemischt mit andern; erst hast Du geweint im Traum um mich, und nachher im Wachen vergisst Du alles Dasein mit mir, ich kann mir nichts denken als nur ein Leben, wie es gerad dicht vor mir liegt, mit Dir auf der Gartentreppe oder am Ofen, ich kann keine Fragmente schreiben, ich kann nur an Dich schreiben, aber innerlich weite Wege, grosse Aussicht, aber nicht dem Mond nachlaufen und im Tau vergehen und im Regenbogen verschwimmen. Zeit und Ewigkeit, das ist mir alles so weitlaufig, da furcht ich Dich aus den Augen zu verlieren, was ist mir "Ein unendliches Leben bleibend im Wandel", jeder Augenblick, den ich leb', ist ganz Dein, und ich kann's auch gar nicht andern, dass meine Sinne nur bloss auf Dich gerichtet sind, Du wirfst mich aus der Wiege, die Du auf dem grossen Ozean schwimmend vor Dir hergetrieben hast, hinaus in die Wellen, weil Du in die Sonne fahren willst, unter die Sterne und im Meer zerrinnen. Mir ist schwindelig, taumelig. So ist einem, der vom Feuer verzehrt wird und kann doch kein Wasser dulden, das es losche. Du verstehst mich nicht, und wenn Du noch so klug bist und alles verstehst, das Kind in Deine Brust geboren, das verstehst Du nicht. Ich weiss wohl, wie mir's gehen wird mein ganzes Leben, ich weiss es wohl. Leb wohl.

Bettine

Heut haben wir den 19. Mai, am 7. Mai hat's zum erstenmal gedonnert in diesem Jahr, das wird gerad gewesen sein, wo Du das verdammte apokalyptische Fieber hattest.

Noch vierzehn Tag bleiben wir, alles bluht, ein Abhang voll Kirschbaume, so dunkelrote Stammchen, so jung wie unsereins, ich geh alle Morgen fruh hinaus und such die Raupennester dort ab; soviel ich hinanreichen kann, bieg ich die Zweige herab und brech die boshaften Raupennester heraus, sie sollen sich freuen dies Jahr, die Baume, und nicht mit kahlen Hauptern dastehen vor dem Herbst. Ich tu's auch, weil ich mich gegen Dich zusammennehmen will, hast Du Deine Regenbogenkranzchen und Deine Mondkoterien, wo Du ubers Bewusstsein hinausspazierst und das Heimkehren vergisst, mit Deiner Haiden, mit Deiner Nees, mit Deiner Lotte Serviere Reigen im Sternennebel tanzest, so hab ich meine einsame Unterredungen mit den jungen Erbskeimen und mit den Mirabellen und Reineclauden und Kirschbaumen in der Blute, und gestern war ich mit dem Gingerich drauss am Goldweiher, da haben wir eine Hutte gemacht von Moos, da haben die zwei jungen Wiedertaufer geholfen, der mit dem braunroten Bart, der so stolz drauf ist; der schone Hans und der blonde Georg; sie liessen beide ihre Pfluge stehen und kamen heran, mir zu helfen, und schnitten mir Tannenaste herunter, und alles, was ich Loses an mir hatte, damit hab ich die Aste festgebunden, mit meiner hellblauen Scharpe und mit dem rosa Halstuch, wovon Du die andre Halfte hast, hab ich sie zusammengeknupft, und am Nachmittag kam der Savigny heraus und legte sich in die Hutte, sehr vergnugt, und ich las vor, Gedichte vom Bruder Anton, eine Wasserreise nach den verschiedenen Sauerbrunnchen und ein Gedicht auf Euphrosyne Maximiliane und eine philosophische Abhandlung von einem glasernen Esel, der auf einer blumenreichen Wiese sich sattgefressen hatte, und dem die seltensten Blumen durch den Bauch schimmern und ihn so verschonen, dass er die Bewunderung aller Laubfrosche ist, die alle auf ihn hinaufhupfen und sich vergebens abmuhen, in diesem schonen Blumenlabyrinth herumzuhupfen, so mussen sie sich's vergehen lassen, weil der glaserne Bauch es umschliesst, und dann die Moral ist von dieser wunderbaren Fabel: "Streben nach unmoglichen Genussen hilft zu nichts und verdirbt die Zeit", denn einmal hatte Gott schon fruher diese schone Blumenweide zur Verschonerung des Esels bestimmt und nicht zur Schwelgerei der Frosche, und zweitens war der vornehme Esel auch zu ganz was anderem bestimmt als zum Belustigungsort gemeiner Frosche, denn als ihn zwei verstandige Philosophen und Gelehrte aus der an schonen Naturseltenheiten reichen Stadt Frankfurt begegneten, so fuhrten beide diesen wunderschonen Esel an einem grunseidnen Band durch die Stadt. Am Gallentor, wo sie einpassierten, prasentierte die Stadtwache das Gewehr vor ihm, und auf dem Rossmarkt (also grade vor Deinem Stift) versammelten sich alle Burger und begleiteten ihn mit Siegsgeschrei auf den Romer, allwo der Herr Burgermeister mit allen Ratsherren versammelt war, und die Herren von der ersten Bank wie auch von der zweiten und dritten stimmten alle ein in das Lob der Wunder Gottes, als sie in dem Bauch des Esels die schonen Tulipanen, Levkoien, Narzissen, Hyazinthen, Schwertlilien, Kaiserkronen und vor allem die schonen Rosen herumflorieren sahen. Als sie dessen sattsam sich erfreut hatten, so liess der Herr Burgermeister fortfahren in den angefangenen Ratschlagen und den glasernen Blumenesel einstweilen auf einem erhabenen Platz aufstellen; wie nun der Rat vollendet war, welcher wegen wichtigen Angelegenheiten etwas lange gedauert hatte, und man den Esel in die Raritatskammer fuhren wollte, so hatte dieser unterdessen seine Notdurft verrichtet, und es war keine einzige Blume in seinem Bauch geblieben, sondern war alles zu Mist geworden, und der Bauch des Esels sah nicht anders aus als eine schmutzige, ranzige Olflasche. Die Stadtmusikanten, welche auf Befehl des Rates herbeigekommen waren, um diese schone Naturseltenheit Gottes mit Trommeln und Pfeifen durch die lobliche freie Reichsstadt zu geleiten, wurden zum grossen Leidwesen der Gassenbuben verabschiedet, die aus Rache den armen Esel mit Steinen warfen, dass sein glaserner Bauch in tausend Stucken ging und er elendiglich sich auf dem Scherbelhaufen vom Dippenmarkt am Pfarreisen zum Verscheiden hinlegte, wo er unter dem Gespott und boshaftem Zwicken seiner langen Ohren mit lautem Gestohn den Geist aufgab. Die Moral und grosse weise Lehre von dieser Fabel ist: Bruste dich nicht vor deinem Ende; wenn das falsche Gluck dir den Bauch voll der schonsten Blumen stopft, so zwingt dich oft die Notdurft, alles, worauf Du einst so stolz sein konntest, als stinkenden Mist wieder von dir zu geben, und jene, so dir fruher schmeichelten um deiner seltnen Gaben willen, sind dann gerade die, welche dich am unbarmherzigsten verfolgen. Hattest du, Esel, dich nicht von ein paar uberspannten, hochtrabenden Gelehrten verfuhren lassen, deine Blumenschonheit in der Stadt Frankfurt als eine bewundernswurdige Seltenheit zu zeigen, sondern warst du ruhig in deinen Stall gewandert, so konntest du ruhig deine Verdauung abwarten und jeden Tag in der Blumenzeit aufs neue deinen Bauch mit lieblichen, wurzigen Speisen fullen, und dein Ruhm wurde auch nicht ausgeblieben sein, denn man wurde zu dir hinausgekommen sein ins Feld, um dich zu bewundern. Die dritte Moral ist die, dass doch ein hochweiser Rat es sich zur warnenden Lehre nehme, alles, womit ein Esel in seinem Bauche prahlt, ja nicht hoch anzuschlagen, da es nach kurzer Zeit doch immer zu Mist werden muss.

Den Savigny und alle hat die Geschichte des Anton hochlich amusiert, es wurde noch viel gelacht und zuletzt unter Gesang beim Untergehen der Sonne nach Hause gewandert.

Ich wollte zwar fruher zuruckkommen, und mein Gewissen mahnt mich auch, nicht alles, was ich dort angefangen, solang aus den Augen zu lassen; aber es schleicht ein Tag nach dem andern so anmutig voruber, und der Savigny ist so anmutig und kindisch, dass wir ihn nicht verlassen konnen, alle Augenblick hat eins ihm ein Geheimnis anzuvertrauen, der fuhrt ihn in den Wald, der andre in die Laube, und die Gundel muss sich's gefallen lassen, und Gescheitsein ist gar nicht Mode, der Clemens hat ihm schon ein paar Wande mit abenteuerlichen Figuren vollgemalt, und Verse und Gedichte werden mit schwarzer Farbe an alle Wande gross geschrieben. Der Clemens hat Wieland, Herder, Goethe und die Prinzessin Amalie grau in grau gemalt und den Dir bekannten Vers dazu. Heut muss ich aufhoren, ich schick Dir eine Schachtel mit dem grossen Maiblumenstrauss, schmukke Deinen Hausaltar und verrichte eine Andacht fur mich, es ist meine liebste Blum. Geh in Dich und frag Dich, wer Dir am nachsten steht von allen Menschen; und frag Dich recht deutlich, wer sich am liebsten an Dein Herz schmiegt ohne grosse Anforderungen an ein hyperboraisches Gluck, und da wirst Du sagen mussen, dass ich's bin, die allein das Recht hat, Dir nahzustehen, und wenn Du das nicht einsiehst, so ist der Schade mein, aber Dein auch.

Bettine

Beilage zum Brief der Bettine

Der Aufsatz, der im Hemsterhuis lag

Es sind aber drei Dinge, aus diesen entspringt der Mensch, nicht nur ein Teil oder eine Erscheinung von ihm, sondern er selber mit allen Erscheinungen in ihm, und sein Same und Keim liegt in diesen drei Dingen, diese aber sind die Elemente, aus welchen die ganze erschaffne Natur sich in dem Menschen wieder bildet.

Das erste ist der Glaube, aus diesem entspringt der gewisse Teil des Menschen, namlich der Leib oder das Kleid des Geistes; der Gedanke; dieser ist die Geburt und sichtliche Erscheinung des Geistes und eine Befestigung seines Daseins. Der Glaube aber ist Befestigung, und ohne diesen schwebt alles und gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, die die erschaffende Natur noch nicht unter sich gebracht hat, so wie der Natur Eigenschaft aber ist, den ewigen Stoff, die Zeit zu bearbeiten, so ist jener ihre Eigenschaft, die Gestalt von sich abzustossen und nicht anzunehmen, bis sie von der Natur in seligem Kampf besiegt ist.

Der Glaube aber ist die Erscheinung Gottes in der Zeit, der Glaube ist Gewissheit und Ewigkeit. Die Erscheinung Gottes ist immer ewig, in jedem Augenblick, und so ist der Mensch ewig, denn sein Sein ist Gottes Erscheinung. Gott aber ist alles, das das Gute ist als Gegensatz gegen nichts, das das Bose ist.

Daher ist auch alles in dem Menschen, der die Erscheinung Gottes ist; daher begreift er einzig in sich Gott und den Glauben an ihn, weil sein Sein der Glaube ist, sein Wesen aber Gott.

Was also der Mensch erblickt mit seinen Augen ausser sich, das ist Gottes Blick in ihm, was er aber hort mit seinen Ohren ausser sich, das ist Gottes Stimme in ihm, was er aber fuhlt mit seinem ganzen Leib und Geist ausser sich, das ist Gottes Beruhrung, der Funke der Begeisterung in ihm, was aber in ihm ist, das erschafft und bildet aus ihm, was aber erschaffen und ausser ihm ist, das spricht ihn an und bildet sich wieder in ihn hinein, in ihm aber liegt auch die Zeit, und es ist das Werk des Erschaffens nichts anders als die Zeit umwandlen in die Ewigkeit, wer aber die Zeit nicht umwandelt in die Ewigkeit oder die Ewigkeit herabziehet in die Zeit, der wirkt Boses, denn alles, was ein Ende nimmt, das ist bose.

Die Ewigkeit in die Zeit herabziehen aber heisst, wenn die Zeit der Ewigkeit machtig wird, wenn die Nichtigkeit machtiger wird als die Gewalt des Schaffens, wenn der Stoff des Meisters sich bemeistert, der ihn behandelt.

Bose ist also der Selbstmord, denn der Willen der Vernichtung ist zeitlich, und der Gedanke geht in sich selbst zugrund, weil er ein Kleid der Zeitlichkeit ist, nicht aber eine sichtbare Erscheinung des ewigen Geistes, und hier lehnt sich der Stoff die Zeit, gegen seinen Meister (das Schicksal der Ewigkeit) auf.

Wenn man aber sagt, der Mensch ist im Guten geboren, so ist dieses wahr, weil er im Glauben geboren ist; wenn man aber sagt, er hat das Bose nicht, sondern er zieht es nur an, so ist dieses nicht wahr, denn er hat die Kraft, das Bose von sich zu stossen, nicht aber es an sich zu ziehen, denn das Bose ist die Zeit, und sie dient zur Nahrung fur das Gottliche und Ewige, die Zeit aber frisst die Ewigkeit und den Geist, der ewig sein soll, wenn er sich nicht ihrer bemachtigt und sich zur Nahrung nimmt; denn das ist das Bose, dass das Zeitliche, Irdische das ewige Himmlische verschlingt, das Gute aber ist, wenn das ewige Himmlische das Irdische in sich umwandelt und alles zu Gott in ihm macht.

Gott aber hat das Zeitliche nicht in sich, denn sein Sein ist die Umwandlung des Zeitlichen ins Himmlische, weil er aber ist, so ist die Ewigkeit.

Die Vernunft aber ist eine Saule, festgepflanzt in dem Menschen, sie ist aber ewig und also eine Stutze des Himmels, und wie sie eingegraben ist in uns und mit uns eins ist, so geht ihr Haupt in die Wolken, und in ihrer Wurzel liegt die Zeit, aber wie sich aus dem Stoff der Geist entwickelt, so entwickelt sich die Ewigkeit aus dieser Zeit und steigt in der Vernunft zur Ewigkeit, und der Mensch wird durch die Vernunft aus einem Irdischen ein Himmlisches.

An die Bettine

Frankfurt

Melonen, Ananas, Feigen, Trauben und Pfirsich und die Fulle sudlicher Bluten, die eben in Eurem Hause sorglich verpackt werden, haben mir Lust gemacht, Dir das Violen- und Narzissenstrausschen (Wandel und Treue) beizulegen, ich hatte mich gern selbst mit hineingelegt. Der Heliotrop mit den Nelken und Jasmin zusammen ist ein aparter Strauss vom Gontard fur Dich, er trug mir auf, es Dir zu melden. Es ist mir jetzt recht traurig, da Du fort bist. Das Schicksal front Deiner Zerstreutheit, bei Euch auch ist ein ewiges Wandern, Kommen, Gehen. Ich bitte Dich, schreib, wie lange Ihr bleibt oder zu bleiben gedenkt. Erst wollt ich nicht, dass Du hier bliebst, und warst Du nun schon wieder da! Es ist keine heitere Zeit in mir, viel Muse und keine Begeisterung fur sie; man hangt von manchem ab, dem man gar keinen Einfluss zugestehen wurde, die Gewohnheit, Dich zu erwarten am Nachmittag, hangt mir wie ein zerrissner Glockenstrang in den Kopf! Und doch muss ich immer in die Ferne lauschen, ob ich Deinen Tritt nicht hore.

Der Sommer in der Stadt es bedroht mich ganz damonisch, den hellen Himmel zu versaumen. ten mich ganzlich. Auch die Englander wollen Euch diese Woche noch besuchen, alles geht fort.

Schreib mir viel, auch uber meine Sachen, ich schicke dann mehr. Dass ich als Narziss mich gegen Dich verschanze, besser wie im Gesprach, wo Du immer recht behaltst, musst Du Dir gefallen lassen, so mein ich's, und so hab ich recht, und Du hast unrecht; und ich meine, Du konntest immer zufrieden sein damit, so empfunden zu sein durch Deine eigne frische Natur, dass Du meiner sicher bist. Wer im ganzen etwas sein kann, der wird sich auch fuhlbar zu machen wissen, und so wird der Wandel nirgend anders als bei der Treue heimkehren, denn sie ist die Heimat. Du bist ja auch heute nicht, was Du gestern gewesen, und doch bist Du eine ewige Folge Deiner selbst. Mir scheint es noch ausserdem hochst verkehrt, durch selbstisches Bestehen auf dem, was nur wie Sonnenschein vorubergehendes Geschenk der Gotter ist, dem Geist die Freiheit zu verkummern. Treue wachst in dem Geist auf, der liebt, gedeiht sie zu einem starken Baum, so wird kein Eisen so scharf sein, ihn auszurotten, aber ehe die Treue von selbst stark geworden, kann man ihr nichts zumuten, sie wurde nur bei einer Anforderung ihr aufkeimendes Leben einbussen; wenn sie aber einmal vollkommen ausgebildet ist, dann ist sie kein Verdienst mehr, dann ist sie Bedurfnis geworden, Lebensatem; sie hat keine Rechte mehr zu befriedigen, weil sie ganz organisches Leben geworden ist. Das sei unsre Sorge, dass jede Lebensregung eigentumliches, organisches Leben werde, das sei unsre Fundamentaltreue, durch die wir in allem Erhabenen mit den Gottern uns vermahlen. Bis dahin lass uns einander treffen in ihrem Tempel, die Gewohnheit, uns da zu finden, einander die Hand zu bieten in gleicher Absicht, die wird den Baum der Treue in uns pflegen, dass er als selbstandiges Leben von uns beiden ausgehe und stark werde.

Ich habe mich mit dem Gedanken oft herumgetragen, ob nicht alles, was sich vollkommen und also lebendig in der Seele ausbilde, ein selbstandiges Leben gewinnen musse, das dann als willenskraftige Macht (wie jene Treue, mit der Du mich magnetisierst) Menschengeister durchdringt und sie zu hoherem Dasein inspiriert. Was sich im Geist ereignet, ist Vorbereitung einer sich ausbildenden Zukunft, und diese Zukunft sind wir selber. Du sagst, alles gehe ins Innere herein und Du empfandest die Welt nicht von aussen. Aber ist denn die aussere Welt nicht Dein Inneres? oder soll sie es nicht werden? Von innen heraus lernt man Sehen, Horen, Fuhlen, um das Aussere ins Innere zu verwandeln, das ist nicht anders, als wie wenn die Bienen den Blumenstaub in die Kelche vertragen, die fur die Zukunft sich befruchten sollen. In der Seele liegt die Zukunft in vielfaltigen Knospen, da muss aus reiner Geistesblute der lebendige Staub hineingetragen werden. Das scheint mir Zukunft zu sein. Jahre vergehen gleich einem tiefen Schlaf, wo wir nicht vorwarts und nicht zuruck uns bewegen, und wirkliche Zeitschritte sind nur die, in denen der Geist die Seele befruchtet, in der Zeiten Raum geht das wirkliche Leben aus solchen einzelnen befruchtenden Momenten wie die Blutenperlen dicht aneinander auf. Was ist auch Zeit, in der nichts vorgeht? die nicht vom Geist befruchtet ist? Pause, bewusstloses Nichts! Raum, den wir durchschreiten, der noch unerfullt ist. Aber jene Momente mussen noch so dicht gesaet werden, dass der ganze Raum ein ewiges Blutenmeer von befruchtenden Lebensmomenten sei. Alle Anreizung in selbstandiges Leben entwicklen, das geistbewaffnet nach eigentumlicher Weise die Zukunftsbluten erweckt, das allein ist lebendige Zeit, aber uns selbst fur abgeschlossen halten und einer Zukunft entgegenschreiten, die nicht wir selbst sind, das scheint mir Unsinn und ebensowenig wahr, als wenn unsere Einsicht nicht Folge unseres Begriffs ware. Ich habe mich zusammengenommen, um deutlich zu sein, allein das ist das Schwerste, man empfindet etwas unwidersprechlich und kann's dennoch nicht aussprechen. Deine Eifersucht um mich, die ich wahrhaftig erst fur Laune hielt, spater aber ihr Gerechtigkeit widerfahren liess, obschon ich sie nicht billigen kann, leitete mich zu diesen Betrachtungen. Ich bin Dir nicht entgegen, Bettine, dass Du mit Ernst und auch mit besonderem und vielleicht auch mit mehr Recht teil an mir habest wie alle die andern; denn da wir so unwillkurlich manchen lebendigen Begriff nur gegenseitiger Beruhrung zu danken haben und ich mehr Dir als Du mir, so sollte dies organische Ineinandergreifen uns auch frei machen von jeder kleinlichen Eigensucht, und wir sollten wie die Junglinge, wahrend sie nach dem Ziel laufen, nicht uns Zeit gonnen, an was anders zu denken als im schwebenden Lauf auszuharren. Und was habe ich auch am Ende von allen andern? Du kannst Dir das selbst wohl beantworten und Deiner Seele daruber den hochsten Frieden gonnen.

Schreibe, wenn Du antwortest, auch einen Brief fur den Clemens, er mahnt in seinem Schreiben an mich darum, es wird ihm sehr uberraschend sein, wenn er Deinen Aufenthalt im Schlangenbad erfahrt. Adieu! schreib bald.

Karoline

Beilage zum Brief der Gunderode

Wandel und Treue

Violetta

Ja, du bist treulos! Lass mich von dir eilen;

Gleich Faden kannst du die Empfindung teilen.

Wen liebst du denn? Und wem gehorst du an?

Narziss

Es hat Natur mich also lieben lehren:

Dem Schonen werd ich immer angehoren,

Und nimmer weich ich von der Schonheit Bahn.

Violetta

So ist dein Lieben wie dein Leben, wandern!

Von einem Schonen eilest du zum andern,

Berauschest dich in seinem Taumelkelch,

Bis Neues schoner dir entgegenwinket

Narziss

In hoh'rem Reiz Betrachtung dann versinket

Wie Bienenlippen in der Blume Kelch.

Violetta

Und traurig wird die Blume dann vergehen,

Muss sie sich so von dir verlassen sehen!

Narziss

O nein! Es hat die Sonne sie gekusst.

Die Sonne sank, und Abendnebel tauen.

Kann sie die Strahlende nicht mehr erschauen,

Wird ihre Nacht durch Sternenschein versusst.

Sah sie den Tag nicht oft im Ost vergluhen?

Sah sie die Nacht nicht tranend still entfliehen?

Und Tag und Nacht sind schoner doch als ich.

Doch flieht ein Tag, ein andrer kehret wieder;

Stirbt eine Nacht, sinkt eine neue nieder,

Denn Trostung gab Natur in jedem Schonen

sich.

Violetta

Was ist denn Liebe, hat sie kein Bestehen?

Narziss

Die Liebe will nur wandlen, nicht vergehen;

Betrachten will sie alles Treffliche.

Hat sie dies Licht in einem Bild erkennet,

Eilt sie zu andern, wo es schoner brennet,

Erjagen will sie das Vortreffliche!

Violetta

So will ich deine Lieb als Gast empfangen;

Da sie entfliehet wie ein satt Verlangen,

Vergonnt mein Herz ihr keine Heimat mehr.

Narziss

O sieh den Fruhling! Gleicht er nicht der Liebe?

Er lachelt wonnig, freundlich, und das trube

Gewolk des Winters, niemand schaut es mehr!

Er ist nicht Gast, er herrscht in allen Dingen,

Er kusst sie alle, und ein neues Ringen

Und Regen wird in allen Wesen wach.

Und dennoch reisst er sich aus Tellas Armen,

Auch andre Zonen soll sein Hauch erwarmen,

Auch andern bringt er neuen, schonen Tag.

Violetta

Hast du die heil'ge Treue nie gekennet?

Narziss

Mir ist nicht Treue, was ihr also nennet,

Mir ist nicht treulos, was euch treulos ist!

Wer den Moment des hochsten Lebens teilet,

Vergessend nicht, in Liebe selig weilet;

Beurteilt noch und noch berechnend misst;

Den nenn ich treulos, ihm ist nicht zu trauen,

Sein kalt Bewusstsein wird dich klar

durchschauen

Und deines Selbstvergessens Richter sein.

Doch ich bin treu! Erfullt vom Gegenstande,

Dem ich mich gebe in der Liebe Bande,

Wird alles, wird mein ganzes Wesen sein.

Violetta

Gibt's keine Liebe denn, die dich bezwinge?

Narziss

Ich liebe Menschen nicht und nicht die Dinge,

Ihr Schones nur, und bin mir so getreu.

Ja, Untreu an mir selbst war andre Treue,

Bereitete mir Unmut, Zwist und Reue,

Mir bleibt nur so die Neigung immer frei.

Die Harmonie der inneren Gestalten

Zerstoren nie die ordnenden Gewalten,

Die fur Verderbnis nur die Not erfand.

Drum lass mich, wie mich der Moment geboren.

In ew'gen Kreisen drehen sich die Horen;

Die Sterne wandeln ohne festen Stand,

Der Bach enteilt der Quelle, kehrt nicht wieder,

Des Lebens Strom, er woget auf und nieder

Und reisset mich in seinen Wirbeln fort.

Sieh alles Leben! Es hat kein Bestehen,

Es ist ein ew'ges Wandern, Kommen, Gehen,

Lebend'ger Wandel! buntes, reges Streben!

O Strom! in dich ergiesst sich all mein Leben!

Dir sturz ich zu! Vergesse Land und Port!

An die Gunderode

Den ersten Tag, als wir ankamen, war's so heiss, dass es mehr wie unertraglich war; wir warfen unsere Nankingreisejacken aus und legten uns in den Unterkleidern, in Hemdsarmeln, auf den Gang vor unserer Zimmertur ins Fenster, von da kann man, versteckt hinter Baumen, auf eine Terrasse sehen, wo sich die Gesellschaft zum Tee bei der Kurprinzessin von Hessen versammelt, die grade unter uns wohnt. Das machte mir Spass, man konnte manches verstehen, und ein Wort aus der Ferne, wenn's auch an sich unbedeutend ist, ist immer anregend wie eine Komodie. Doch hat das Vergnugen dran nicht lang gedauert; ein krebsroter Kammerherr, der mir im Anfang Vergnugen machte zu sehen, wie er hin und wieder lief und den Frauen allerlei in die Ohren zischelte, und dann ein Herzog von Gotha mit langen Beinen, rotem Haar und sehr melancholischen Gesichtszugen und ein grosses weisses Windspiel zwischen den Knien, der tragt einen leberfarbnen Rock; dann viele Damen mit uberflussigem Putz, die Hauben aufhatten, als war's die Flotte von Nelson mit aufgeschwellten Segeln, und dann franzosische Schiffe, wenn so zwei miteinander parlierten, das war grad, als ob einzelne Schiffe handgemein wurden, bald brustete sich das Schiff, dann thronte es wieder, dann streckte es seinen Schnabel in die Hoh, und Herren und Damen von besonderer Affektion gegeneinander; bald zerstreuten sie sich auf der Promenade, und plotzlich stand der rote Kammerherr hinter uns auf dem Gang. Die Tonie entsetzte sich und ging ins Zimmer, ich aber war gar nicht erschrocken und fragte, was er wunsche; er war verlegen und sagte, er wunschte der Dame Bekanntschaft zu machen; ich fragte: "Warum werden Sie denn so rot?" Er ward noch roter und wollte mich bei der Hand nehmen, ich sagte: "Nein!" und ging ins Zimmer, er drangte sich mir nach, ich rief: "Tonie, helf mir den Mann bezwingen!" Sie war aber so voll Angst, dass sie sich nicht vom Platz regte, denk Dir nur, und ich lehnte mich mit aller Gewalt wider die Tur und der rote Mann dazwischen, der durch wollte; ich rief: "Tonie, zieh an der Schelle!" Denn unsre Bedienten waren alle noch am Packwagen beschaftigt, aber die Tonie fand den Schellenzug nicht; der unartige Mann, immer wollte er doch noch herein, wo er doch sah, dass man ihn nicht wollte, ich konnt gar nicht begreifen, was er wollte, ich dachte einen Augenblick, er wolle uns umbringen, ich erwischte einen Sonnenschirm, der an der Tur stand, und stach mit dem nach seiner Lunge oder Leber, ich weiss nicht er zog sich zuruck und die Ture fiel ins Schloss, da stand ich wie einer, der uber Berg und Tal gejagt war von einem Gespenst, ich konnte eine Viertelstunde keinen Atem kriegen; ich dachte wirklich, er sei ein Morder, ich hatte schon allerlei Anschlage im Kopf, wie ich ihn erwurgen wollte. Die Tonie lachte und sagte: "Geh doch, ein Kammerherr und ein Morder!" Sie meinte, er sei nur ein boshafter und gemeiner Schelm, wie's deren am Hof die meisten seien. Wir haben aber den Bedienten die Nacht vor der Schlafzimmertur schlafen lassen und die Lisette zu uns ins Zimmer genommen, ich konnte aber die ganze Nacht nicht schlafen, mich storte es, dass der Diener vor der Tur lag. Es ist doch zum erstenmal in meinem Leben, dass ich Angst hatte, aber denk doch nur, am andern Tag meldet uns der Bediente den roten Herrn, er komme von der Fr. Kurprinzessin mit einem Auftrag und liess sehr bitten, ihn anzunehmen, ich rufe, nein! Wir wollen von keiner Kurprinzessin was wissen, die Tonie aber sagt, das geht nicht an, wir mussen ihn annehmen. Ich bewaffnete mich mit dem Sonnenschirm, als er eintrat und uns zur Frau Kurprinzessin zum Tee auf die Terrasse einlud, zugleich machte er viele Entschuldigungen, er habe gar nicht geahnt, wer wir seien, weil wir in Hemdsarmel im Fenster gelegen haben; ich war still, aber ich war sehr ergrimmt uber den roten Mann. Als wir bei der Kurprinzessin vorgestellt waren, die mich bei der Hand nahm und ins Gesicht kusste, da sassen wir alle in einem Kreis, und der Rote stellte sich hinter mich, dass ich seinen Atem fuhlte, das krankte mich sehr, ich sagte: "Gehen Sie fort hinter mir, Sie garstiger Mann!" Da lief er weg, aber die Tonie sah mich sehr ernsthaft an, und wie wir wieder oben waren, da schmalte sie, dass ich so laut gesprochen habe, das ist mir aber einerlei, ich kann ihn nicht in meiner Nahe leiden, was liegt mir dran, ob's die Kurprinzessin merkt, wenn sie fragt, so sag ich, er hat uns wollen ermorden in unserem Zimmer, und dann kann er sich nachher verteidigen, wenn's nicht wahr ist, und kann sagen, warum er uns so morderischerweise angefallen hat. Die Tonie will auch nicht, dass ich abends allein spazieren gehe, sie sagt, der Kammerherr konnte mir begegnen, so muss ich immer einen hinter mir dreinlaufen haben. Es ist nichts schoner als so ein Spaziergang im Nebel, mit dem sich, wenn die Nacht kommt, alle Schluchten fullen und in tausenderlei Gestalten im Tal herumtanzt und an den Felsen hinauf. Aber einen hinter mir dreinlaufen zu haben, das ist mir verdriesslich. Ich kann nicht dichten wie Du, Gunderode, aber ich kann sprechen mit der Natur, wenn ich allein mit ihr bin, aber es darf niemand hinter mir sein, denn grad das Alleinsein macht, dass ich mit ihr bin. Auf der grunen Burg im Graben, im Nachttau, da war es auch schon mit Dir, es sind mir meine liebsten Stunden von meinem ganzen Leben, und so wie ich zuruckkomm, so wollen wir noch acht Tage zusammen dort wohnen, da stellen wir unsere Betten dicht nebeneinander und plaudern die ganze Nacht zusammen; und dann geht als der Wind und klappert in dem rappeligen Dach, und dann kommen die Mauschen und saufen uns das Ol aus der Lampe, und wir beiden Philosophen halten, von diesen Zwischenszenen lieblich unterbrochen, grosse tiefsinnige Spekulationen, wovon die alte Welt in ihren eingerosteten Angeln kracht, wenn sie sich nicht gar umdreht davon. Weisst Du was, Du bist der Platon, und Du bist dort auf die Burg verbannt, und ich bin Dein liebster Freund und Schuler Dion, wir lieben uns zartlich und lassen das Leben fureinander, wenn's gilt, und wenn's doch nur wollt gelten, denn ich mocht nichts lieber, als mein Leben fur Dich einsetzen. Es ist ein Gluck ein unermessliches, zu grossen heroischen Taten aufgefordert sein. Fur meinen Platon, den grossen Lehrer der Welt, den himmlischen Junglingsgeist mit breiter Stirn und Brust, mit meinem Leben einstehen! Ja, so will ich Dich nennen kunftig, Platon! Und einen Schmeichelnamen will ich Dir geben, Schwan will ich Dich rufen, wie Dich der Sokrates genannt hat, und Du ruf mir Dion.

Es wachst hier viel Schierling in dem feuchten Moorgrund, ich furchte es aber nicht, obschon's Gift ist; es ist mir ein geheiligt Kraut, ich breche es ab im Vorubergehn und beruhre es mit meinen Lippen, weil der Sokrates den Schierlingsbecher getrunken. Lieber Platon, es ist meine Reliquie, die mich von bosen Schwachen heilen soll, dass ich vor dem Tod nicht verzagen muss, wenn es gilt. Gute Nacht, mein Schwan, gehe dort schlafen auf dem Altar des Eros.

Am Sonntag Schlangenbad

Hier ist auch eine Kapelle und eine kleine Orgel, die hangt an der Wand, die Kapelle ist rund, ein machtiger Altar nimmt fast den ganzen Platz ein, ein grosser goldener Pelikan kront ihn, der einem Dutzend Jungen sein Blut zu trinken gibt. Das Ende der Predigt horte ich aus, als ich hineinkam, ich weiss nicht, war's der goldne Pelikan, die mit vielen Spinnweben uberflorten Zieraten und Kranze von Golddraht, die frischen Strausser daneben von Rosen und gelben Lilien und die dusteren Scheiben, wo oben grad uber dem Pelikan die dunkelroten und gelben Scheiben die Sonnenstrahlen farben. Der Geistliche war ein Franziskaner aus dem Koster bei Rauental. "Wenn ich jetzt von Ungluck sprechen hore, so fallen mir immer die Worte Jesu ein, der zu einem Jungling sagte, der unter seine Junger wollte aufgenommen werden: 'Die Fuchse haben Gruben, die Vogel des Himmels haben ihre Nester, aber des Menschen Sohn hat keinen Stein, da diese Worte allein nicht schon alles Ungluck gebannt ist? Er hatte keinen Stein, um auszuruhen, viel weniger einen Gefahrten, der ihm sein irdisch Leben heimatlich gemacht hatte, und doch wollen wir klagen, wenn uns ein geliebter Freund verloren geht, wollen uns nicht wieder aufrichten, finden es nicht der Muhe wert, ins Leben uns zu wagen, werden matt wie ein Schlaftrunkner. Sollten wir nicht gern die Gefahrten Jesu sein wollen, wenn die Not uns trifft? Sollten wir nicht Helden sein wollen neben diesem grossen Uberwinder, der ein so weiches Herz hatte, dass er aus liebendem Herzen die Kinder zu sich berief, dass er den Johannes an seiner Brust liegen hiess? Er war menschlich, wie wir menschlich sind, was uns zu hoheren Wesen bildet, namlich das Bedurfnis der Liebe, und zu selbstverleugnenden Opfern befahigt, das war die Grundlage seiner gottlichen Natur, er liebte und wollte geliebt sein, bedurfte der Liebe; weil nun die Liebe auf Erden nicht zu Hause war, so fand er keinen Stein, da er sein Haupt ruhen konnte, da verwandelte sich dieses reine Bedurfnis der Liebe in das gottliche Feuer der Selbstverleugnung, er brachte sich dar, ein Opfer fur die geliebte Menschheit, sein Geist strahlte wieder himmelwarts, von wo er in seine Seele eingeboren war, wie die Opferflamme hinaufsteigt ein Gebet fur den Geliebten, und dies Gebet ist erhort worden, denn wir fuhlen uns allzumal durch diese Liebe gelautert, und wenn wir uns ihrer Betrachtung weihen, so werden wir gottlich durch ihr Feuer, und dieses ist wie der Odem Gottes, der alles ins Leben ruft, jeden Keim des Fruhlings, so auch ruft nun die Liebe Jesu, die auf Erden nicht begnugt und begluckt konnte werden, zu sich alle, die muhselig und beladen sind, sie sind verschlossne, tranenschwere Knospen, die machtige Sonne der gottlichen Liebe wird sie zum ewigen Leben der Liebe wecken, denn dies ist alles Lebens, alles Strebens Ziel auf Erden. Amen." Diese schonen Worte waren die einzigen, welche ich von der Predigt horte, aber sie waren mir genugend, um mich den ganzen Tag zu begleiten, sie klangen wie ein himmlisch Gelaut in mein Ohr, wie ein schoner Sonntagmorgen; als alles zum Tempel hinaus war, ging ich von der Emporkirche herab in die runde Kapelle, ein andrer Priester hatte eben die Messe gelesen, es kam ein alt Mutterchen, die loschte die Kerzen und raumte auf; ich frug, ob sie Sakristan sei, sie sagte, ihr Sohn sei Kuster, aber der sei heut uber Land, ich frug, wo sie die vielen Blumen hernehme, da ich doch nirgend einen Blumengarten gesehen, sie sagte, die Blumen sind aus unserem Garten, mein Sohn pflegt sie alle; ich hatte eine rechte Lust, mit in den Garten zu gehen, das war sie zufrieden; das ist ein Garten, so gross wie der Hof von unserem Haus, an der weissen Wand des Hauses wachsen Trauben und ein paar hohe Rosenbusche sind dazwischen verflochten, Rosen und Trauben, ich kann mir keine schonere Vermahlung denken, Ariadne und Bacchus. Ein holzern Bankchen war da an der Mauer, ich setzte mich ganz ans End und die Frau neben mich, es war kaum gross genug, dass wir Platz hatten, ich musste recht dicht an die Frau heranrucken, ich legte meine Hand in ihre auf ihren Schoss, sie hatte eine so harte Hand, sie sagt, das sind Schwielen vom Graben im Land, denn hier ist ein felsiger Boden. Du glaubst nicht, wie schon der Garten in der Sonne lag, denn jetzt ist grade die reichste Blumenzeit, alles ist doch so schon; wenn die Natur mit Ordnung bedient wird, gleich ist's ein Tempel, wo ihre Geschopfe als Gebete aufsteigen, gleich ist's ein Altar, der voll kindlicher Opfergeschenke beladen ist. So ist das Gartchen mit seinen reinlichen Kieswegen und buchsbaumnen Felderteilchen; der Buchsbaum ist so ein rechter Lebensfreund, von Jahr zu Jahr umfasst und schutzt er, was der Fruhling bringt, es keimt und welkt in seiner Umzaunung, und er bleibt immer der grune Treue, auch unterm Schnee, das sagt ich der alten Frau, die sagte, ja, das ist wohl wahr, der Buchsbaum muss alles Schicksal mitmachen. Aber stell Dir doch das hubsche Gartchen vor, links vom traubenbewachsnen Haus die Mauer mit Jasmin; gegenuber im Schatten eine recht dichte Laube von Geissblatt, der Eingang zum Haus von beiden Seiten mit hohen Lilien besetzt. So viel Levkoien, so viel Ranunkeln, so viel Ehrenpreis und Rittersporn und Lavendel, ein Beet mit Nelken, ein Maulbeerbaum in der einen Ecke und in der andern geschutzt gegen die kalten Winde, zwei Feigenbaume mit ihren lieben rein gefalteten Blattern, ich war ganz erfreut, Kameraden von meinem Baum zu finden, unter denen springt ein Quellchen hervor in einen Steintrog, da kann die Frau gleich ihre Blumen begiessen, und in den offnen Fenstern hing ein Kafig mit Kanarienvogeln, die schmetterten so laut. Ach, es war recht Sonntagswetter und Sonntagslaune in der Luft und Sonntagsgefuhl in meinem Herzen. Ich bitte Dich, sorg, dass mein Baum von der Liesbet nicht versaumt werde, er muss bald reife Fruchte haben, wenn er so weit ist, wie die im Kustergartchen, die brech Dir ab. Die Frau schuttelte mir Maulbeeren ab, die sammelte ich auf einem Blatt, und einen Strauss von Nelken und Ehrenpreis und Rittersporn hatte ich mir auch gepfluckt; und wie ich so dasteh, ganz still in der Sonn, da kommt der geistliche Herr aus der Tur, er hatte da sein Fruhstuck genossen, was die Kusterfrau immer nach der Kirche bereithalt. Der Geistliche ist ein schoner, ganz stiller Kopf, und sanfte Augen, und noch jung. Mich strahlten die schonen Worte, die ich von ihm gehort hatte, noch einmal aus seinem Gesicht an, ich konnte auch aus Ehrfurcht ihm nichts sagen, er sah mich aber freundlich an und sagte: "Ei wie! schon reife Maulbeeren"; ich reichte ihm die Maulbeeren, er nahm auch welche davon, und den Strauss nahm er mir auch ab und steckte ihn in seinen Armel, denn ich war so uberrascht, als ich ihn kommen sah, dass ich nicht wusste, was ich tat, und ihm beide Hande entgegenstreckte, ich wusste gar nicht, dass ich ihm den Strauss geboten hatte, und erst als er mir ihn mit einem Dank abnahm, merkte ich's. Nun ging er weg, und ich blieb betaubt stehen, der Spitzhund aber begleitete ihn sehr hoflich vor die Gartentur, ich horte ihn noch vor der Tur freundlich mit dem Hund sprechen: "Geh nach Haus, Lelaps," sagte er. Ich war recht vergnugt, und mehr als all die Tage uber auf der Terrasse, mit meinem Sonntagmorgen.

Wie ich nach Haus kam, waren alle bei Leonhardi versammelt und tranken Schokolade; sie fragten, wo ich geblieben war nach der Kirche, ich erzahlte, dass ich im Kustergartchen gewesen und hatte den lieben Prediger gesehen. Da war aber schon die Kritik druber her gewesen und hatte die Unmoglichkeiten von unchristlicher Gesinnung drin gefunden; der Mann ist beruhmt, und Leonhardis waren aus Neugierde auch drin gewesen und die Englander und die Lotte und der Voigt, und noch ein paar Stiftsfraulein, die Leonhardis kennen, der Fritz lag auf dem Bett ganz blauschwarz von seinem Stahlbad, aus dem er eben gekommen war, wenn das noch lange dauert, so wird er ein Mohr. Du hattest diesen Schnattermarkt mit anhoren sollen, und der Niklas Voigt, der im Mainzer Dialekt sie alle auslachte, und die Lotte mit der besten Weisheit versehen und der Christian Schlosser, was jeder sagte oder vielmehr uber die andern hinausschrie, das verstand ich nicht, also noch weniger, was jeder meinte, aber der Niklas Voigt, dem Lotte in Ermanglung eines besseren Auditoriums ihre Weisheit ubermachte, taumelte wie ein Betrunkener um den geschlossenen Zirkel der Disputierenden, bejahte alles, was sie sagten, und dann rief er wieder: "In meinem Leben hab ich kein arger Kauderwelsch gehort als die Narren da durcheinanderschreien, horen Sie doch, Bettine, was die vor Zeug schwatzen", und dann schrie er wieder drein, sie hatten ganz recht, so ein Prediger war ein eitler Narr, ich sagte: "Ei Voigt!" "Nun, was wollen Sie denn machen, wenn Sie mitten unter den Wolfen sind, so mussen Sie mit heulen, dass dich, dass dich, was vor kapitale Narren sind's! Ei freilich ist ein Prediger ein Narr, der seine himmlische Weisheit so vor die Narren gibt", und so zerrte er mich zum Zimmer hinaus auf die Terrasse, war ganz begeistert von der Predigt, "ein Mann ist's, wie's unter Hunderttausenden keinen wieder gibt! Ein Mann, der seine individuelle Natur von Gott durchdringen lasst! Ein lebendiger Mann, der leider die Weisheit den holzernen Maulaffen vorpredigt. Kein Mensch hat Andacht. Geistesandacht hat kein Mensch! Maulandacht, und eine Zucht und eine Sitte, wie man Hunde dressiert: so dressiert die ganze Menschheit ihr eigen Gewissen, sie verstehen's nicht besser, sie wissen nichts davon, dass der ganze Mensch gar kein Richter mehr uber sich selber sein soll, sondern ein lebendiger Anger, wo kein Urteil mehr stattfindet, sondern lauter Seelennahrung, lauter Himmelsspeis' der Weisheit; wahre Weisheit, die kann nur genossen werden, nicht beurteilt, denn die ist grosser, als dass der geringe Verstand sie durchschaut, aber so geht's! Was hilft mich die christliche Religion, die Menschen sind Narren und werden's bleiben, und da hat's dem Herrn Christus auch nicht besser gegluckt, dass er da heruntergekommen ist. Ein Narr, der sich Christ nennt, ist halt eben auch einer! Wenn er hundertmal vom Himmelsthron heruntergekommen ist, er hat tauben Ohren gepredigt wie unser geistlicher Herr, oder Narren hat er gepredigt, die es nach ihrem Behagen ausgelegt haben. Wasch mir den Pelz und mach mir ihn nicht nass, das ist die ganze Geschicht mit der Frommigkeit. Tu die Augen auf und werd gescheut, denn unser Herrgott kann keine Esel brauchen, aber ihr werd' Esel bleiben, und so tragt nur euer schwere Sack von Vorurteil auf euerm Buckel bis in alle Ewigkeit, ihr seid doch zu nichts tauglich als die Muhl zu treiben, in der euch der Kopf immer dusseliger wird." Aber das war nicht alles, was der Voigt sagte, und dabei machte er Satze links und rechts. Jetzt erzahl ich Dir wieder weiter, wie's noch mit dem roten Kammerherrn weitergegangen ist, alle Tage sind wir auf der Terrasse, da gibt bald eine Dame, bald die andre ein Goutee, und dann wieder die Prinzess, aber der Krebs ist immer wieder hinter mich gekommen, da hab ich mir eine Schawell aus unserm Zimmer geholt und dicht neben die Kurprinzess gestellt und mich draufgesetzt; und nun ist das alle Tag mein Platz, und da darf er nicht mehr an mich streifen, und wenn wir spazierengehen uber die Bergrucken nach dem Tee, da nimmt mich die Kurprinzess immer bei der Hand; sie hat ein klein Blondchen, weiss und rot, dem fliegen die Sonnenhaare so flammig um den Kopf, dem lieben Hessenkind, ich konnt recht gut mit ihm spielen, sie halten mich ja doch fur ein Kind, weil ich keine Gesellschaftsmanieren hab; Ball werfen, um die Wett laufen; aber so einem Prinzesschen ist nicht beizukommen; da ist eine Frau von Gundlach, die fuhrt das Regiment, und Kammerfrauen, die begleiten es. Dann ist mir's auch nicht moglich, mit einem Kind Komodie zu spielen, ich muss mit ihm sein konnen unter Gottes Schutz, nicht unter Menschenaufsicht. Prinzesschen, in Gold und Silber angetan, zu ihrer Geburt kommen gute Feen, die sie beschenken, das erfahrt man in Feenmarchen. Was mogen sie dem feinen Kind alles geschenkt haben? Gaben, die es noch nicht zu brauchen weiss, wer wird's ihm lehren? Scheu! aber keine scheinheilige, ich hab sie vor allem Kinderschicksal, unentfaltet noch in so susser Knospe verschlossen, man hat auch Scheu, eine junge Knospe zu beruhren, die der Fruhling schwellt. Ein Wiegenkindchen lallt so beruhrsam wie kein Gesprach mit Menschen. Nur allein mit Dir ist Sprechen lebendig, wo wir ohne Vor- und Nachurteil den Gedanken uns auf die Schwingen werfen und jauchzen und gen Himmel fahren. Um so ein Kinderschicksal mocht ich einen Kreis ziehn, das Erdenschicksal wollt ich aufheben von ihm, dass es ganz gleichgultig war, ob ihm dies oder jenes zuteil werde, und nur sein himmlisch Weisheitsschicksal darf gelten. Lautere Gute, das ist der Erfrischungsquell fur die Kindernatur, aus dem sie Gesundheit trinkt und abends, wenn's schlummert, da haucht es Segen, wie die schlummernden Straucher auch Segen duften, an denen man hingeht in der Dammerung. Ein Kindchen einwiegen bei Mondenschein, dazu wurden mir gewiss schone Melodien einfallen, was geht einem die Welt an, die verkehrt ist. Alles, was ich seh, wie man mit Kindern umgeht, ist Ungerechtigkeit. Nicht Grossmut, nicht Wahrhaftigkeit, nicht freier Wille sind die Nahrung ihrer Seele, es liegt ein Sklavendruck auf ihnen. Ach, wenn ein Kind nicht innerlich eine Welt hatte, wo wollt es sich hinretten vor dem Sundenunverstand, der bald den keimenden Wiesenteppich uberschwemmt. Da sagen die Leute, ein Kind darf nicht alles wissen. Wie dumm! Was es fassen kann, das darf's auch wissen, fur was hatte es die Macht zu begreifen? Der Geist langt wie eine Pflanze mit jungen Ranken hinaus in die Lufte und will was fassen, und da kommt der Unverstand, an den kann er sich freilich nicht ansaugen, da muss der Kindergeist absterben; sonst, wie bald wurde die Weisheit der Unschuld den Aberwitz der Unverschamtheit beschamen. Ungeduld und Zorn und Missstimmung werden ihnen wie Autoritaten entgegengestellt, man schamt sich vor ihnen keiner bosen Regung, vor andern hutet man sich wohl, da versteckt man die bose Natur, aber vor Kindern nicht, man denkt, sie begreifen's noch nicht, man sollte doch lieber auf ihre Reinheit bauen, die das Bose nicht gewahr wird, oder auf ihre Grossmut, sie verzeihen viel und rechnen es einem nicht an. Deswegen sind sie aber nicht witzlos und untuchtig fur den hochsten Begriff. Aber die Menschen sind uber sich selber so dumm, sie glauben in ihrem schmaligen Unrecht noch an ihre eigne Weisheit wie an einen Olgotzen, dem sie Opfer bringen aller Art, nur die eigne Bosheit erwischen sie nicht bei den Ohren, um sie einmal zu schlachten. Der knospenvolle Lebenstrieb wird nichts geachtet, der soll nicht aufgehen, aus dem die Natur hervor ans Licht sich drangen will; da wird ein Netz gestrickt, wo jede Masche ein Vorurteil ist, keinen Gedanken aus freier Luft greifen und dem vertrauen, alles aus Philistertum beweisen und erfordern, das ist die Lebensstrasse, die ihnen gepflastert wird, und wo statt der lebendigen Natur lauter verkehrte Grundsatze und Gewohnheiten es umstricken. Der Voigt sagte, ihm sei das Lachen und Weinen nah gewesen beim Examen in der Musterschule, wo der Molitor mit so grossem Eifer die Judenkinder examiniert habe uber die Grosstaten der Romer und Griechen, wenn er dachte, welchen schmutzigen Lebenspfad sie wandern mussten, "Zieh, Schimmel zieh, im Kot bis an die Knie", ja, da mag einer noch so ein weisser Schimmel sein, er muss im Morast steckenbleiben; und das ganze Lehrgebaude ist bloss wie Fabelwerk, alles lehrt man durch Exempel, aber grosse Taten, die zeigt man nur wie die Chimara aus dem Bilderbuch, da dreht jedermann um und lasst sie stehen ohne weitere Gebrauchsanweisung. Diese Bemerkungen sind alle aus Gesprachen mit dem Voigt, der mir gern seine Weisheit bringt aus dem Grund, weil ihn kein Mensch sonst anhort, er sagte: "Ich bin jedermann langweilig, aber ich kann Ihnen versichern, die Leute sagen, Sie waren auch langweilig"; er sagte: "Aus einem Kind sollte lauter Weisheit hervorbluhen, dass alles Denken freudige Religion in ihm wurde, ohne ihm das Kreuzschlagen zu lehren, oder Heiden und Christen zu unterscheiden, und seine Seele musste aufbluhen am Lebensstamm, ohne zu fragen nach Gutem und Bosem." Weisst Du was, heut hat sich das zarte Kind in der Tur den Finger sehr arg geklemmt, und die Kurprinzess war sehr erschrocken und ganz hinfallig geworden, denn es hat ihm sehr arg weh getan, mich hat's auch geangstigt, es hatte Fieber, jetzt liegt's im Bett und schlaft, als es beruhigt war, ging die Kurprinzess zur Erholung spazieren, sie nahm mich mit, ich lief von ihrer Seite, um ihr Blumen zu holen, die ich in der Ferne sah, die nimmt sie mir immer freundlich ab und zeigt mir wohl selbst, welche ich pflucken soll, ich brach aber so viele und kletterte jede steile Seite hinan; die Damen wunderten sich uber meine grossen weiten Sprunge und sagten, ich beschwere die Hoheit mit den vielen Blumen, ich band einen Strauss mit meinem Hutband und gab ihn ihr zu tragen, ich sagte, er sei furs kranke Kind zum Spielen, nicht ins Wasser zu stellen; sie trug den grossen Strauss und wollte nicht, dass man ihr ihn abnahm. Die Gesellschaft wunderte sich uber meine naive Art, damit meinen sie Unart, ich merkte es; sie halten mich fur einen halben Wilden, weil ich wenig oder nie mit ihnen spreche, weil ich mich durchdrange, wohin ich will, weil ich mich ohne Erlaubnis an der Prinzess Seite setze, als ob ich den Platz gepachtet habe, sagt Frau von B.R., weil ich so leise geschlichen komm, dass mich keiner merkt, weil ich davonlaufe und nur das Windspiel vom Herzog von Gotha sich mit mir zu schaffen macht, das mir nachsetzt und bellt, wenn ich ins Gebusch spring; der L.H. sagte mir, dass man sich uber meine Unart aufgehalten, den Hund so laut bellen zu machen; er erzahlte mir aber nicht, was ich von der Tonie hernach horte, dass die Kurprinzess sagte: "Sie ist ein liebes Kind," und dass der Herzog von Gotha sagte: "Ein allerliebstes Kind." Nun, ich gefall mir selbst gut.

Lieb Gunderodchen, uber allen Wechsel und Zerstreuung von heute hinweg klingen noch immer die Worte der Predigt in mich hinein, als war heut ein feierlicher Tag gewesen. Es ist ja wahr, Du und ich sind bis jetzt noch die zwei einzigen, die miteinander denken, wir haben noch keinen dritten gefunden, der mit uns denken wollt; oder dem wir vertraut hatten, was wir denken, Du nicht und ich nicht; niemand weiss, was wir miteinander vorhaben, und wir lassen jetzt schon ein ganzes Jahr die Leute sich wundern, warum ich doch alle Tag ins Stift lauf. Aber den Geistlichen, war's in Frankfurt gewesen, den hatt ich angeredet, dass er mit mir zu Dir gegangen war. Der hat gewiss keinen Freund sein Geist wird sein Freund sein mussen, der wird ihm antworten. Ich denk, ob einer mit seinem eignen Geist reden kann? Der Damon des Sokrates, wo ist der geblieben? Ich glaub, jeder Mensch konnte einen Damon haben, der mit ihm sprechen wurde, aber worauf der Damon antworten kann, das muss unverletztes Forschen nach Wahrheit sein; da mein ich mit, es darf sich kein andrer Wille dreinmischen als bloss die Begierde zur Antwort. Frage ist Liebe und Antwort Gegenliebe. Wo die Frage bloss Liebe zum Damon ist, da antwortet er, der Lieb kann Geist nicht widerstehen, wie ich nicht und Du nicht. Solang ich vom Sokrates weiss, geh ich dem Gedanken nach, wie er einen Damon zu haben; er hatte wohl ein inneres Heiligtum, ein Asyl, wo der Damon zu ihm kommen mochte, ich hab in mir gesucht nach dieser Ture zum Alleinsein, wo ich diesem Wahrheitsgeist ins Gesicht sehen konnt, flehend um Lieb. Aber Du hast recht, ein mutwilliger Wind jagt meine Gedanken wie Spreu auseinander, ich werd fortgerissen von einem zum andern von meiner Zerstreutheit, dann ist's so nuchtern in mir und so beschamend ode, wenn ich mich sammeln will, wie soll da der Geist sich einfinden, wo es so leer ist, der Sokrates hatte wohl grosse Taten getan vorher, und nie seinen Genius verleugnet, dann kam er zu ihm. Ich sag als zu mir, lass nur ab, der Geist wurde von selber kommen, konnt Deine Natur ihn beherbergen. Ich denk als, der Geist muss entspringen aus vereinigten Naturkraften, und ich hab so keine Feuernatur, die sich so konzentrieren kann, dass der Geist aus ihr entspringe, aber ich wollt es doch, ich sehne mich nach ihm. Ich hab ihn nicht, ich denk mir ihn aber und trag ihm alles vor in meinen Nachtgedanken, und manchmal schreib ich an Dich, als warst Du sein Bote, und er wurde durch Dich alles erfahren von mir. Manchmal, wenn wir zusammen schwatzten im Dunkel bei dem verglommenen Feuer in Deinem Ofchen, wo der Marzschnee vom Baum vor Deinem Fenster herunterfiel, da dacht ich, was schuttelt doch den Baum? Und da war ich gleich so begeistert, als lausche was und reize mich an, und Du sagtest, es fulle sich unser Gesprach mit Gas, ein Gedanke nach dem andern stieg in die Wolken und verglichst sie mit romantischen Lichtern, die hoch uber uns sich in sanften Leuchtkugeln ausbreiten. Das Rasseln im beschneiten Baum, an der Wand das neugierige Mondlicht, das aufflammende Feuerchen, Du und ich, die mit Deinen Fingern spielte beim Sprechen, das war als so, dass ich dacht, der Geist war nah bei uns und trenne uns von allem Unsinn; und das Leben war auch so weit ab, auf der Strasse, wenn ich nach Haus ging, wenn mir da Menschen begegneten, so war's wie eine Scheidewand zwischen mir und ihnen und zwischen allem, was in der Welt vorgehe. Ja, die Welt, die auch von Begeistrung leben sollte wie der Baum vom Tau, die stromt soviel Stickluft aus (Langeweile), dass der Geist nicht eratmen kann.

Heut sind die Fruchte angekommen und die Blumen all noch frisch, Dein Brief duftet mit dem Heliotrop und gelben Jasmin in meiner Brust, wo ich ihn hingesteckt hab. Was Du mir sagst, scheint mir auch vom Damon durch Dich gemeldet, Du kleidest seine Weisheit in Balsam hauchende Redebluten ich soll und muss Dir rechtgeben, nicht wahr? Meinst Du, es wird den Damon verdriessen, wenn ich ihm nicht nachgebe mit der Eifersucht? Und dass meine Leidenschaft in so stolzen Flammen aufspruht und will ihn gefangen nehmen, wo er sich verborgen hat in Dir? Eifersucht fahrt heraus aus dem Geist der Liebe, als war's der Damon selber, sie ist eine starke bewegende Kraft, ich weiss, was ich ihr zu danken hab; ja, vielleicht ist sie eine Gestalt, in die sich der Damon kleidet; wenn ich eifersuchtig bin, ist mir's immer gottlich zumut, alles muss ich verachten, alles seh ich unter mir, weil es so hell in mir leuchtet, und nichts scheint mir unerreichbar, ich fliege, wo andre muhselig kriechen; und wahrend mir's im Herzen angstlich pocht, da rauscht's im Geist so ubermutig, ich biete Trotz, so arg Trotz, dass ich ohnmachtig werden muss, aber mein Mut sinkt nicht, der ist noch starker, wenn ich mich erhole, nach was verlang ich denn? Was will ich mir erzwingen? Ja, es ist gewiss der Damon, den ich wittere; als ich Dir in die Hand biss und an zu weinen fing, so war es doch der Damon, der mich neckte, nicht Deine Geheimnisse, die Du mit andern hast, die mich nichts angehen, ich weiss, dass die nicht zwischen uns treten, und Du, wo willst Du hin? Ich und Du, uns beruhrt nichts in unserer Eigentumlichkeit miteinander. Aber es schlagt Feuer aus mir, dass ich ihn fassen will und will mich an ihn klammern, denn er war gewiss oft zwischen uns beiden, meine Ahnung war nicht falsch, und ich wollt ihn gern an mich reissen, als ich von Dir ging, drum biss ich Dich und schrie. Ja, es ist Eifersucht wie soll ich aber nicht eifersuchtig sein, es ist ja die einzige Moglichkeit meines Gefuhls, schmeichlen kann ich ihm nicht, ihm vertrauen, wie kann ich das, ich weiss ja nicht, ob er mir lauscht. Aber dass meine Eifersucht rege wird, wo ich ihn ahne, dass ich da machtig mit den Flugeln schlage um ihn, der mich selber dazu reizt, das ist die Stimme der Wahrheit heisser Liebe. Ja! ja! ja! Da brauch ich mich nicht zu erschopfen in Vorbereitungen, da bin ich nicht mehr zerstreut und zaghaft gar nicht. Ach Gunderode! Und nun antwortet er mir so sanft in Deinem Brief, Du bist ganz mitleidig geworden durch ihn, er hat Dich so gestimmt und verkundet mir in Deinen Worten, wie der Baum der Treue zwischen uns erwachsen und erstarken werde, und dass ich nicht verzage. Ja, ich glaub's, dass er mir alles sagt, was Du mir schreibst, er versusst mir die Pausen mit Traumen von ihm und verheisst mir, dass er allen Raum ausfullen werde mit Geistesbluten, wie das Meer mit Wellen ausgefullt ist. Ewigkeit ist allumfassendes Empfinden, nicht wahr, das sagt die Narzisse zur Viole, und die senkt den Blick in den eignen Busen und beschrankt sich in die Unumkranztheit der Liebe, die sie da ahnt und fassen lernt. Nicht alles ist der Liebe fahig, aber wenn ich dem nachgehe, was ihrer fahig ist, dann werd ich's durchdringen. Wo soll mein Geist den Fuss aufsetzen, uberall ist er fremd, wenn es nicht selbst erobertes Eigentum der Liebe ist. Versteh ich mich? Ich weiss selbst nicht. Die Augen sind mir vor Schlaf zugefallen, so plotzlich uber dem Besinnen, ich muss morgen fruh um sieben Uhr den Brief dem Boten mitgeben, uberdies brennt mein Licht so duster, es wird bald ausgehen, gute Nacht, Brief! Der Mond scheint so hell in meine Stube, dass sie ganz klingend aussieht die Berge gegenuber sind prachtig, sie dampfen Nebel in den Mond. Alleweil will das Licht den Abschied nehmen, ich will aber sehen, ob ich nicht im Mondschein schreiben kann. Ich bin so vergnugt, wie die Blatter, wenn sie ganz beregnet sind vom Gewitter in der Nacht, und der Himmel wird wieder hell, und sie schlafen dann ruhig ein, weil's Gewitter vorbei ist. Da hor ich schon die ganze Zeit einen fremdartigen Vogel schreien, sollte das ein Kauzchen sein, das die Frau Hoch einen Totenvogel nennt, er schreit ganz dicht vor meinem Fenster; ach, Gunderodchen, ich scham mich ein wenig, weil ich mich ein wenig furchte. Meine Stube ist so duster, das Licht wird gleich ausgehn, die Berge da uben sind so grausend, man sieht sonderbare Gestalten, die kleine Quell unter meinem Fenster ruschelt so leis und bedachtig wie ein alt Hausgespenst. Was bin ich so dumm? Da fallt mir der Damon ein, und sollt mich furchten vor dem Kauzchen, siehst Du, so albern bin ich, und doch macht die inwendig Seel solchen Anspruch, der Geist soll sie heimsuchen, und furcht mich vor dem Kauzchen! Gleich mach ichs Fenster auf und seh nach ihm, da fliegt's weg, die Sterne funklen zu Tausenden am Himmel, da unter meinem Fenster steht meine alte Invalidenschildwach und passt vermutlich auf ein Standchen von meiner Gitarre, was er gewohnt ist, alle Nacht zu horen, ich werd ihm ein Lied von der heiligen Jungfrau Maria singen, denn es ist heut Maria Himmelfahrt und nicht Sonntag, wie ich irrigerweise sagte, ich hab diese Seite im Mondschein geschrieben, Du wirst nicht lesen konnen, nun, es schad nichts, es steht auch nichts drauf, was Du notwendig wissen musstest, es ist mir doch so wohl seit dem kleinen Schauerchen von Furcht, ich hab auch keinen Schlaf mehr. Der Mond schwimmt so eilig hinter den weissen Wolkchen hervor, dass es mir ordentlich im Herzen Gewalt antut. Ich muss singen, sonst muss ich weinen.

Gute Nacht! Bettine

Gunderodchen. Die Englander sind recht narrische Passagiere, sie brachten mir einen Brief vom L'ange mit, der mich warnt, mich nicht in sie zu verlieben. Der mit dem gepuderten Haupte, Mr. Haise liess sich gestern in einem Nankingmorgenrock auf der Terrasse sehen und gelben Pantoffeln, die Tonie sah zum Fenster hinaus, sie wollte nicht hinunter, sie schamte sich vor den Leuten, wenn er mit ihr spreche, weil er so absonderlich aussieht. Ich sah aber, wie er herauflugte nach unsern Fenstern, und wie er die Tonie erblickte, da rief er sie an, bei dem herrlichen Wetter herunterzukommen, ich musste mit; er spannte einen grunen Parapluie uber ihr auf, um sie vor der Sonne zu schutzen, so musste sie mit ihm die Terrasse auf und ab wandlen, ich lief herauf und machte eine Zeichnung davon, die ich der Tonie ins Arbeitskastchen legte, was sie immer mitnimmt auf die Terrasse zum Tee, und freute mich schon auf die Bewundrung, wenn es erblickt wurde. Aber sie legte das Papier schnell zusammen und wickelte Seide drauf; sie wollte nachher schmalen, ich hatte ihr aber einen so schonen Kranz gemacht von Farrenkraut, der ihr so gut stand und ihre Wunderschonheit noch erhohte, dass wir ganz kontent auf den Ball kamen, der beinah aus soviel Karikaturen bestand, als Menschen da waren. Der Clemens hat mir aus Weimar geschrieben und mich gewarnt vor dem Verlieben, uberflussig! war er doch auf dem Ball gewesen hochstens, dass man einem Rippenstoss ausgesetzt ist, sonst ist keine Gefahr. L.H. war auch da mit seinen Schwestern, wird alle Tage blauschwarzer von seinen Stahlbadern; sein extraweisser Jabot und Halsbinde machten dies in die Augen fallend, er war sehr fein und elegant gekleidet, denn da er eine diplomatische Ambition hat, so versaumt er keine Gelegenheit sich standesmassig auszuzeichnen. Solange wir am Eingang sassen, wo viele Menschen sich drangten, merkte keiner was, als L.H. aber vortrat, um irgendwem sein Kompliment zu machen, entdeckte man und Franz, der an meiner Seite sass, zuerst, dass er statt eines Fracks einen Joppel anhatte ohne Schossen, rund wie ein Fleischerwams, dies sah gar zu narrisch aus, mit schwarzseidnen Beinkleidern, weissseidnen Strumpfen und Schnallenschuh, kurz, vollkommene Hofetikette und Federclaque unterm Arm. Er hatte, wahrend die Familie sich zum Ball fertig machte, den Uberrock angezogen, dann lief er in sein Zimmer, wo ihm der Wind das Licht ausloschte, um den Frack anzuziehen, und ergriff statt dessen einen englischen Halbrock, den die Herrn nach neuster Mode bei kuhler Witterung uber den Frack anziehen. Er hatte sich bis jetzt noch nicht von hinten dem grossen Publikum prasentiert und noch mit dem Rucken gegen uns gewendet; es wurde in Eile Konzilium gehalten und beschlossen, zwei Damen, Lotte und die B. sollten ihn gesprachsweise sanft ruckwarts schreiten machen, ohne ihm das verfanglich Dilemma, in welchem er sich befinde, zu entdecken, bis er gerettet sei; dabei sollten Tonie, Franz und Voigt eine kleine Hintertruppe bilden, um seinen Ruckzug zu decken; ich wurde ausgemerzt von dieser Expedition, weil ich vor Lachen uber die unerschopflichen Witze von Franz untauglich dazu war. Der Zug ruckte aus und drangte sich schon zwischen manchen verwunderten Blick, der auf dem schosslosen Rucken haftete, sie schlichen immer behutsamer heran, je naher sie kamen, so schleicht man sacht hinter einem Vogel her, dem man Salz auf den Schwanz streuen will, um ihn fangen zu konnen, aber er fliegt weg, ehe man nah genug kommt; so kam es auch hier, als sie schon ganz nah waren und eben ihn zu haschen meinten, wendete er sich plotzlich um. Ach! ich sprang hinter den Vorhang am Fenster und wickelte mich hinein und biss in den Vorhang vor Lachvergnugen und ging nachher auch fort, denn mir war's zu ubermutig fur den Gesellschaftssaal; der Voigt begleitete mich und erzahlte mir, dass die Arrieregarde ihn durchpassieren lassen, sich dann dicht angeschlossen und wie einen vornehmen Staatsgefangenen transportiert bis zum Eingang, dort habe er sich niedergelassen, wo man ihm seine asthetische Fatalitat mitteilte und er sich umgeben von seinen Getreuen zuruckzog; jetzt wurden sie wohl die ganze Nacht kein Auge zutun, denn da er bei dem hessischen Hof angestellt sein mochte, so ist ihm gewiss bange, sein Schicksal untergraben zu haben durch den zipfellosen Aufzug. Voigt ging noch eine Weile mit mir auf der Terrasse, wo es so still war, man horte die Violinen vom Ball; die Wolken uberzogen prophezeiend (ein Gewitter namlich) das Sternenheer und senkten sich auf unsere Berge, die Baume standen so ehrfurchtsvoll still, den Gewittersegen erwartend; die ganze Gegend sah aus, als ob sie sich zu ihrem Schopfer wende, Voigt vergass daruber seine unzahligen Witze, mit denen er mich uberschwemmt hatte, die entfernten Lichter und Feuer, die in den umliegenden Hutten brennten, funkelten durch das Grun der Baume wie Opferfeuer zum Alliebenden. Soweit man sehen konnte, sah die Welt aus, als ob sie unsern Herrgott um eine sanfte Nacht bitten wolle fur alle; fur Dich und fur mich, fur unser ganz Leben, bis an die letzte Nacht. So ist die Natur susse Furbitterin, immerdar; alle Seufzer wiegt sie ein, so wollen wir ihr denn danken dafur und ihr vertrauen bis an die letzte Nacht.

Der Clemens mit seinen Warnungen? Ich hab ihm heut geschrieben. Die Linden bluhen wohl noch und hauchen einem suss an, aber keine Menschen, und die Natur ist schoner und gutiger und grosser als alle Weisheit dieser Welt. Was einer mit mir spricht, darauf mocht ich ihm antworten mit einem Tannenzapfen, den ich ihm in die Hand drucke oder eine Schnekke, die am Weg kriecht, oder einen angebissnen Holzapfel, es war immer noch gescheiter als die Antwort, die mir einfallt. Mich geht kein Erdenschicksal was an, weil ich doch nicht Freiheit es zu lenken hab. War ich auf dem Thron, so wollt ich die Welt mit lachendem Mut umwalzen, sagte ich gestern abend zum Voigt. "Meinetwegen," sagte er, "schad ist's nicht drum, auf der neuen Seite kann sie nicht verkehrter liegen als auf der alten. Alle die muhseligen Personagen, die etwas unter Narren bedeuten, sind ein absurdes Zeugnis von ihrer lacherlichen Autoritat, solche haben so grossen Respekt vor ihrer hohen Tendenz, dass sie sich nicht getrauen, sich ins Gewissen zu reden, sie meinen, was durch sie geschahe, war der Schicksalsschlussel, der durch sie die Zukunft aufschliesst, die schon fertig da lage und nicht erst durch ihren Unsinn verkehrt gemacht wird, sie wurden sich nicht getrauen, vollkommne Menschen aus sich zu bilden und allenfalls die Bedurfnisse der hoheren Menschenrechte vor sich selber zu vertreten. O nein! Je dringender die Forderungen der Zeit ihnen auf den Hals rucken, je mehr glauben sie sich mit Philistertum verschanzen zu mussen und suchen sich Notstutzen an alten wurmstichigen Vorurteilslasten und erschaffen Rate aller Art, geheime und offentliche, die weder heimlich noch offentlich anders als verkehrt sind denn das rechte Wahre ist so unerhort einfach, dass schon deswegen es nie an die Reihe kommt. Wenn alle Pharisaer an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht bekamen, es wurde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal verschnupfen wurde sie." So politisiert mir der Voigt gewohnlich unterm Sternenhimmel noch eine Stunde vor, wo ich bei schonem Wetter auf der menschenleeren Terrasse mit ihm wandle; er sagt: "Horen Sie mir immer zu, Sie sind noch jung und haben mehr Energie im Judicium vor den andern allen oder vielmehr: wo ist's geblieben, konnte man die andern fragen, denen die Ohren nach Fabeln jucken, und die sich von der Wahrheit abwenden oder sie nach eignem Gelust auslegen, dass sie ihnen zur Fabel wird." Den Voigt will kein Mensch anhoren, jedermann schreit uber ihn, ich aber fuhl mich sehr geehrt, dass er mir gern das ernste Grosse seines Geistes darlegt, ich hor ihm begierig zu. Er ist so kurz und entschieden zwischen Recht und Unrecht, dass man keine Zeit im Schwanken verliert, und dass man einen Heldencharakter bedarf, ihm zu folgen. "Fur einen Freund muss man in den Tod gehen konnen. Wer nicht alles hingibt, den eignen Genuss, die selbsterworbne Grosse, um den Freund zu stutzen, gehort nicht zu der Gattung Geschopfe, die Freundschaft empfinden. Was ist Gefuhl? Farbe, die nicht lebendig ist als nur im Lichtstrahl, der ist die Liebe also braucht man vor keinem Sentiment Respekt zu haben, es ist lauter eingebildet Zeug. Es gibt tausend Handlungen, die man niemand verargen kann, wer aber Hochsinn hat, der wird selbst aus Demut solche Handlungen toten, zum Beispiel: einer, der seinem Freund alles Bose, was in seiner Natur ihm widerspricht, offenbarte, totet der nicht auf der Stelle alle Pharisaer?" Das war noch gestern abend, was ich von seinem Gesprach behielt, nicht der zehnte Teil, denn er ist rasch wie ein Schmied beim gluhenden Eisen; ich frug ihn, warum er vor andern nicht auch so spreche, er sagte: "Wenn ich mit einem Wein will trinken, so muss ich einen Becher haben, in den ich ihn eingiesse. Ihre Seele ist ein Becher."

Montag

Zwei-, dreimal zwischen Eichen und Buchen und jungem lichten Gebusch, bergauf, bergab da kommt die Sonnenstrahlen wie ein dunkler Zauberspiegel auffangt, dazwischen grune Moossitze; heute morgen war ich hierher gegangen, es ist mein gewohnlicher Spaziergang, wenn ich allein bin, nicht zu weit und doch versteckt da sah ich noch den Nebel wie jungen Flaum zwischen den Felsspalten hin und her schwimmen, und uber mir ward's immer goldner, die Morgenschatten zogen ab, die Sonne kronte mich, sie prallte scharf vom schwarzen Stein zuruck, sie brennte sehr stark, sie druckte doch nicht meine Stirn, ich wollte eine Krone schon tragen, wenn sie nicht scharfer druckt als die heisse Augustsonne, so sass ich und sang gegen die Felsen hin und horte aufs Echo, und die Regierungsgedanken stiegen mir in den Kopf. So nach Grundsatzen die Welt regieren, die in innerster Werkstatte meiner Empfindung erzeugt waren, und alles Philistertum um und um stossen, das sind solche Wunsche, die an einem so heissen Sommermorgen mir in den Kopf steigen, und wozu Voigts Sternengesprache einen starken Reiz geben; er sagte, alles Gefuhl, aller Begriff werde zu einem Vermogen, es ziehe sich wohl zuruck, aber zur unerwarteten Stunde trete es wieder hervor und da setze ich mich an einsame Orte und simuliere so ins Blaue hinein und komme zu nichts, zu keinem hellen Augenblick, nur dass mir oft das Herz unbandig kopft, wenn ich dran denke, dass ich das Geschrei der Philister, die des Geistes Stimme mit Grundsatzen bedrangen, durch das blosse Regiment meiner Empfindung ersticken wolle; ja, es war eine himmlische Satisfaktion fur die Rutenstreiche, womit sie blind alle Begeistrung verfolgen. Gunderode, ich wollt, Du warst ein regierender Herr und ich Dein Kobold, das war meine Sach, da weiss ich gewiss, dass ich gescheut wurde vor lauter Lebensflamme. Aber so! ist es ein Wunder, dass man dumm ist? Und so war ich bald im Sonnenbrand ganz traumerisch versunken und jagte im Traum auf einem Renner wie der Wind nach allen Weltgegenden und richtete mit hoher ubertragner Begeistrung von Dir die Welt ein und kommandierte wohl auch hier und da mit einem Fusstritt, mit einem Fluch dazwischen, damit es geschwind gehe aber Dein Dramolet zu lesen, was ich mitgenommen hatte, mich recht hinein zu studieren, das hab ich versaumt durch die vielen heftigen Bewegungen meiner Seele, ich musste mich beschwichtigen mit Schlafen, was mich immer befallt, wenn mir die Schlafe so brennen vor heissem Eifer in die Zukunft. O Seelenbecher, wie kunstreich und gottlich begabt ist Dein Rand geformt, dass er die brausenden Lebensfluten fasst, wie unrettbar war ich sonst uber dich hinausgebraust. Mein Freund, das Windspiel, hatte mich aufgespurt, es weckte mich mit seinem Bellen und wollte mit mir spielen, es bellte, dass alle Felsen drohnten und echoten, es war, als wenn eine ganze Jagd los war, ich musste jauchzen vor Vergnugen und Lust mit dem Tier; es hatte mir meinen Strohhut apportiert, den ich dem steilen Fels hinabgeworfen hatte, mit so zierlichen langhalsigen Sprungen so ist's, wenn man einem gut ist, da misst man nicht die Gefahr des Abgrundes, man vertraut in die eignen Krafte, und es gelingt. Ach, Gunderode, es war viel, wenn der Mensch nur erst so weit war, seinem eignen Genie zu trauen wie so ein Windspiel, es legte mir seine Pfoten um den Hals, wie es mir meinen Hut gebracht hatte, ohne ihn zu verderben; ich nannte es zum Scherz Erodion und dachte, so musse der an der Gottin Immortalita hinaufgesehen haben; denn es ist so edel und schon und kuhn, und Menschen sehen nicht leicht so einfach gross und ungestort aus in ihrer Weise, wie Tiere es oft sind. Der Herzog war dem Bellen seines Hundes nachgegangen und kam hinter den Baumen hervor, er fragte, warum ich den Hund so nenne, dem er Cales ruft, und sagte, es sei der Name eines Wagenfuhrers vor Troja, den der Diomedes erschlagen, ich zeigte ihm Dein Gedicht, um zu erklaren, wo mir der Name Erodion herkomme, er setzte sich auf den Fels und las es teilweis laut und machte mit dem Bleistift Bemerkungen, die send ich Dir, Du siehst, er hat es mit Sammlung gelesen und dann sogar mit Liebe. Ich weiss nicht, wie oft Dich der Zufall begunstigen wird, die feineren Saiten der Seele zu ruhren, so wird's Dich freuen. Er frug mich, ob ich denn das Gedicht verstehe? Ich sagte nein! Aber ich lese es gern, weil Du meine Freundin seiest und mich erziehst. Er sagte, eine Knospe ist dieses kleine, sorgsam vor jeder fremden Einwirkung geschutzte Erzeugnis, die die grosse Seele der Freundin umschliesst, und in diesen sanft gefalteten Keimen einer noch unentwickelten Sprache schlummern Riesenkrafte. Die Inspiration der Wiedergeburt hebe ahnungsvoll die Schwingen in Dir; und weil die Welt zu schmutzig sei fur so kindlich reine Versuche, Deine Ahnungen auszusprechen, so werde sie diesen anspruchslosen Schleier, der Deine weit ausgreifende Phantasie und Deinen hohen philosophischen Geist umschlinge, nicht entfalten. Ich liess mir dieses Lob verwundert gefallen; er begleitete mich, ich musste ihm auf dem Weg von Dir erzahlen, von unserm Umgang, von Deinem Wesen, von Deiner Gestalt, da hab ich mich zum erstenmal besonnen, wie schon Du bist, wir sahen eine vollsaftige weisse Silberbirke in der Ferne mit hangenden Zweigen, die mitten am Fels aus einer Spalte aufgewachsen ist und vom Wind sanft bewegt gegen das Tal sich neigt; unwillkurlich deutete ich hin, wie ich von Deinem Geist sprach und auch von Deiner Gestalt, der Herzog fragte, die Freundin werde wohl jener Birke gleich sein, auf die ich hinweise? Ich sagte, ja. So wollte er mit mir zusammen hin und Dich von nahem beschauen, aber es war so glatt und steil da hinan, ich meinte nicht, dass wir hinkommen wurden er vertraute auf den Cales, der werde uns schon einen Weg ausfinden. "Was hat sie denn fur Haar?" Schwarzlich glanzend braunes Haar, das in freien weichen Locken, wie sie wollen, sich um ihre Schultern legt. "Was fur Augen?" Pallasaugen, blau von Farbe, ganz voll Feuer, aber schwimmend auch und ruhig. "Und die Stirn?" Sanft und weiss wie Elfenbein, stark gewolbt und frei, doch klein, aber breit wie Platons Stirn; Wimpern, die sich lachelnd krauseln, Brauen wie zwei schwarze Drachen, die, mit scharfem Blick sich messend, nicht sich fassend und nicht lassend, ihre Mahnen trotzig strauben, doch aus Furcht sie wieder glatten. So bewachet jede Braue, aufgeregt in Trotz und Zagheit, ihres Auges sanfte Blicke. "Und die Nase und die Wange?" Stolz ein wenig und verachtlich, wirft man ihrer Nase vor, doch das ist, weil alle Regung gleich in ihren Nustern bebet, weil den Atem sie kaum bandigt, wenn Gedanken aufwarts steigen von der Lippe, die sich wolbet frisch und kraftig, uberdacht und sanft gebandigt von der feinen Oberlippe. Auch das Kinn musst ich beschreiben, wahrlich, ich hab nicht vergessen, dass Erodion dort gesessen und ein Dellchen drin gelassen, das der Finger eingedruckt, wahrend weisheitsvolle Dichtung fullet ihres Geistes Raume; und die Birke stand so prachtig, so durchgoldet, so durchlispelt von der Sonne, von den Luftchen, war so willig sich zu beugen, hold dem Strom der Morgenwinde, wogte ihre grunen Wellen freudig in den blauen Himmel, dass ich nicht entscheiden konnte, was noch zwischen beiden liege, jenem zukommt und dem andern nicht. Cales fand mit manchen Sprungen erst den Weg zur Birke, dann der Herzog, ich blieb zuruck, ich hatte leicht nachkommen konnen, aber ich wollte nicht in seiner Gegenwart. Er schnitt dort Buchstaben in die Rinde ganz unten am Fuss und sagte, er wolle, sie solle die Freundschaftsbirke heissen; und er wolle auch unser Freund sein. Ich war bereitwillig dazu. Ach lass ihn, er kommt den Winter nach Frankfurt, erstlich vergisst ein Prinz leicht so was uber vielen andern Zerstreuungen, denn der glaubt gar nicht, dass es moglich war, dass wenn man sich ganz an etwas hingabe, dass dadurch grade allein der Scharfblick, die Wagungskraft der Allseitigkeit entspringe, nach der sie alle jagen und sich drin verflattern, und dann ist er auch krank und hat wenig gesunde Tage, einem solchen muss man alle heilenden Quellen zustromen. Adieu. Morgen nachmittag ist eine grosse Partie zu Esel, und morgen vormittag geht die gute Kurprinzessin weg. Und in aller Fruh um drei Uhr wollen die Englander mit uns einen Berg ersteigen und die Sonne aufgehen sehen, die andern wollten den Voigt nicht mit haben, ich hab's ihm aber doch gesteckt, sonst langweile ich mich, so wie die andern behaupten, dass er sie langweilt. Morgen fruh kommt die Botenfrau, ich schicke diesen Brief mit, obschon er noch nicht so gefahrlich lang ist wie mein erster, aber Du bist maulhangolisch, und da will ich Dich ein bisschen kitzeln, mit der anmutigen Geschichte vom Herzog, dass Du mit Gewalt lachen musst, wenn Du auch noch so sehr den Mund zusammenziehst. Gelt, es macht Dir doch Plasier? Ich hab mir seine Liebeserklarung abgeschrieben an Deine Immortalita, die von seiner Hand gehort Dein er hat's geschrieben fur Dich, Du kannst Wert darauf legen, ich hor, dass er sehr beruhmt ist, grossartig, witzig und sehr gefurchtet deswegen von manchen Menschen, er war aber auch sehr grossmutig und gutmutig, aber viele wollen doch nicht gern mit ihm zu tun haben aus Furcht, seine beste Freundlichkeit war doch ein heimlicher Witz. Was das fur eine Narrheit ist, uber mich mocht einer sich lustig machen, soviel er wollt, es war mir recht angenehm, wenn's ihm Plasier macht.

Bettine

Beilage zum Brief an die Gunderode

Immortalita

Personen

Immortalita, eine Gottin

Erodion

Charon

Hekate

Erste Scene

Eine offene schwarze Hohle am Eingang der

Unterwelt, im Hintergrunde der Hohle sieht man

den Styx und Charons Nachen, der hin und her

fahrt, im Vordergrund der Hohle ein schwarzer

Altar, worauf ein Feuer brennt. Die Baume und

Pflanzen am Eingang der Hohle sind alle feuerfarb

und schwarz, sowie die ganze Dekoration, Hekate

und Charon sind schwarz und feuerfarb, die

Schatten hellgrau, Immortalita weiss, Erodion wie

ein romischer Jungling gekleidet. Eine grosse feurige

Schlange, die sich in den Schwanz beisst, bildet

einen grossen Kreis, dessen Raum Immortalita nie

uberschreitet.

IMMORTALITA aus der Betaubung erwachend. Charon! Charon! CHARON seinen Kahn innehaltend. Was rufst du mich? IMMORTALITA. Wann kommt die Zeit? CHARON. Sieh die Schlange zu deinen Fussen, noch ist sie fest geschlossen, der Zauber dauert, solange dieser Kreis dich umschliesst, du weisst es, warum fragst du mich? IMMORTALITA. Ungutiger Greis, wenn es mich nun trostet, die Verheissung einer bessern Zukunft noch einmal zu vernehmen, warum versagst du mir ein freundlich Wort? CHARON. Wir sind im Land des Schweigens. IMMORTALITA. Wahrsage mir noch einmal. CHARON. Ich hasse die Rede. IMMORTALITA. Rede! Rede! CHARON. Frage Hekate

Er fahrt hinweg.

IMMORTALITA streut Weihrauch auf den Altar. Hekate! Der Mitternacht Gottin! Der Zukunft Enthullerin, die schlaft in des Nichtseins dunklem Schoss! Geheimnisvolle Hekate! Hekate! erscheine. HEKATE. Machtige Beschworerin! Was rufst du mich aus den Hohlen ewiger Mitternacht; dies Ufer ist mir verhasst, sein Dunkel zu helle, ja mir deucht, ein niederer Schein aus des Lebens Lande habe hierher sich verirrt. IMMORTALITA. O vergib Hekate! und erhore meine Bitte. HEKATE. Bitte nicht, du bist hier Konigin, du herrschest hier und weisst es nicht. IMMORTALITA. Ich weiss es nicht! Warum kenn ich mich nicht? HEKATE. Weil du nicht dich selber sehen kannst. IMMORTALITA. Wer wird mir einen Spiegel zeigen, dass ich mich schaue? HEKATE. Die Liebe. IMMORTALITA. Warum die Liebe? HEKATE. Weil ihre Unendlichkeit nur ein Mass fur deine ist. IMMORTALITA. Wie weit erstreckt sich mein Reich? HEKATE. Uber jenseit einst, uber alles. IMMORTALITA. Wie? die undurchdringliche Scheidewand, die mein Reich scheidet von der Oberwelt, wird sie einst zerfallen? HEKATE. Sie wird zerfallen! Du wirst wohnen im Licht! alle werden dich finden. IMMORTALITA. O wann wird dies sein? HEKATE. Wenn glaubige Liebe dich der Nacht entfuhrt. IMMORTALITA. Wann? in Stunden? in Jahren? HEKATE. Zahle nicht die Stunden, bei Dir ist keine Zeit. Siehe zur Erde! die Schlange, die angstlich sich windet fester beisst sie sich ein, vergeblich mocht in ihrem engen Kreis sie dich gefangen halten, vergeblich ist ihr Widerstand des Unglaubens Herrschaft, der Barbarei und der Nacht sinkt dahin.

Sie verschwindet.

IMMORTALITA. O Zukunft, wirst du ihr gleichen? jener seligen fernen Vergangenheit, wo ich mit Gottern in ewiger Klarheit wohnte. Ich lachelte sie alle an, und ihre Stirnen verklarte mein Lacheln, wie kein Nektar sie verklaren konnte, und Hebe dankte ihre Jugend mir, und immer bluhender Aphrodite ihre Reize. Aber durch der Zeiten Finsternis getrennt von mir, noch ehe mein Hauch ihnen Dauer verliehen, sturzten von ihren Thronen die seligen Gotter und gingen zuruck in die Lebenselemente; Jupiter in des Urhimmels Krafte, Eros in die Herzen der Menschen, Minerva in die Sinne der Weisen, die Musen in der Dichter Gesange; und ich Unseligste von allen wand nicht des unverwelklichen Lorbeers um die Stirne dem Helden, dem Dichter. Verbannt in dies Reich der Nacht, der Schatten Land, dies dustere Jenseit, muss ich der Zukunft nun entgegenleben. CHARON fahrt mit Schatten voruber. Neigt euch, Schatten, der Konigin des Erebos, dass ihr noch lebt nach eurem Leben, ist ihr Werk.

Chor der Schatten

Stille fuhret uns der Nachen

Nach dem unbekannten Land,

Wo die Sonne nicht wird tagen

An dem ewig finstern Strand.

Zagend sehen wir ihn eilen,

Denn der Blick mocht noch verweilen

An des Lebens buntem Rand.

Sie fahren weg.

Die vorige Szene

Charons Nachen landend. Erodion springt ans Ufer.

Immortalita im Hintergrund.

ERODION. Zuruck, Charon, von diesem Ufer, das kein Schatten darf betreten! Was siehst du mich an? Ich bin kein Schatten wie ihr; eine frohe Lebens Funken zur Flamme angefacht. CHARON fur sich. Gewiss ist dieser der Jungling, der die goldne Zukunft in sich tragt.

Er fahrt ab mit seinem Nachen.

IMMORTALITA. Ja, du bist's, von dem Hekate mir weissagte, bei deinem Anblick werde des Tages Strahl durch diese alten Hallen, durch diese erebische Nacht hereinbrechen. ERODION. Wenn ich der Mann bin deiner Weissagungen, Madchen oder Gottin! Wie ich dich nennen soll, so glaube, du bist die innerste Ahnung des Herzens mir. IMMORTALITA. Sage, wer bist du, wie heissest du, und wo fandst du den Weg zum pfadlosen Gestade hierher? wo Schatten nicht noch Menschen wandlen durfen, nur unterirdische Gotter. ERODION. Ungern mocht ich zu dir von anderm reden als nur von meiner Liebe. Aber red ich dir von meiner Liebe, so ist's ja mein Leben. Hore mich denn: Eros' Sohn bin ich und seiner Mutter Aphrodite, der Liebe und Schonheit Doppelverein hatte in mein Dasein schon die Idee jenes Genusses gelegt, den ich nirgend fand und uberall doch ahnete und suchte. Lange war ich ein Fremdling auf Erden, von ihren Schattengutern mocht ich nichts geniessen, bis traumend mir durch deine Eingebung eine dunkle Vorstellung von dir in die Seele kam. Uberall geleitete mich dieser Idee Abglanz von dir, uberall verfolgte ich ihre geliebte Spur, auch wenn sie mir untertauchte im Land der Traume, und so fuhrte sie mich zu den Toren der Unterwelt, aber nie konnt ich zu dir durchdringen; ein unselig Geschick rief mich immer wieder zu der Oberwelt. IMMORTALITA. Wie Knabe! so hast du mich geliebt, dass lieber den Helios und das Morgenrot du nicht mehr sehen wolltest, als mich nicht finden? ERODION. So hab ich dich geliebt, und ohne dich konnte die Erde nicht mehr mich ergotzen, nicht mehr der blumige Fruhling, der sonnige Tag, die tauige Nacht, die zu besitzen der finstere Pluto gern sein Zepter hatt vertauscht. Aber wie eine grossere Liebe in meiner Eltern Umarmungen sich vereint hatte als alle andre Liebe denn sie waren die Liebe selbst so die Sehnsucht auch, die zu dir mich trieb, war die machtigste, und uber alle Hindernisse siegreich war mein Glaube, dich zu finden; denn meine Eltern wussten, dass, der aus Lieb und Schonheit entsprungen, nichts Hoheres auf Erden finde als sich selbst, und hatten diesen Glauben zu dir mir gegeben, dass meine Kraft nicht sollt ermuden, nach Hoherem zu streben ausser mir. IMMORTALITA. Aber wie kamst du endlich zu mir? Unwillig nimmt Charon Lebende in das morsche Fahrzeug, fur Schatten nur erbaut. ERODION. Einst war mein Sehnen dich zu schauen so gross, dass alles, was die Menschen erdacht, dich ungewiss zu machen, mir klein erschien und nichtig. Mut begeisterte mein ganzes Wesen: ich will nichts, nichts als sie besitzen, so dacht ich, und kuhn warf ich dieser Erde Guter alle weg von mir und fuhrte mein Fahrzeug hin zu dem gefahrvollen Fels, wo alles Irdische scheitern sollte. Noch einmal dacht ich: wenn du alles verlorst, um nichts zu finden? aber hohe Zuversicht verdrangte den Zweifel, frohlich sagt ich der Oberwelt das letzte Lebewohl, die Nacht verschlang mich eine grassliche Pause! ich fand mich bei dir. Die Fackel meines Lebens flammt noch jenseits der stygischen Wasser. IMMORTALITA. Die Heroen der Vorwelt haben diesen Pfad schon betreten, der Mut hat heruber zu streifen gewagt, aber der Liebe nur war vorbehalten, ein dauernd Reich hier zu grunden. Die Bewohner des Orkus sagen, mein Dasein hauche ihnen unsterbliches Leben ein; so sei denn auch du unsterblich; denn du hast Unnennbares in mir bewirkt, ich lebte ein Mumienleben, aber du hast mir eine Seele eingehaucht. Ja, teurer Jungling! In deiner Liebe erblicke ich mich verklart; ich weiss nun, wer ich bin, dass ein sonniger Tag diese alten Hal

len beglanzen wird.

Hekate tritt hinter dem Altar hervor.

HEKATE. Erodion, trete in den Kreis der Schlange. Er tut es: die Schlange verschwindet. Zu lange, Immortalita, warst du, durch die Macht des Unglaubens und der Barbarei, von wenigen gekannt, von vielen bezweifelt, in diesen engen Kreis gebannt. Ein Orakel, so alt als die Welt, sagt, der glaubigen Liebe werde gelingen, dich selbst in dem erebischen Dunkel zu finden, dich hervorzuziehen und deinen Thron in ewiger Klarheit zu grunden, zuganglich fur alle. Die Zeit ist nun gekommen, dir, Erodion, bleibt nur noch etwas zu tun ubrig.

Der Schauplatz verwandelt sich in einen Teil der

elysaischen Garten, die Szene ist matt erleuchtet,

man sieht Schatten hin und wieder irren. Zur Seite

ein Fels, im Hintergrund der Styx und Charons

Nachen.

Die Vorigen

HEKATE. Sieh, Erodion, diesen einsturzdrohenden Fels, er ist die unubersteigliche Scheidewand, der

des sterblichen Lebens Reich von dem deiner Ge

bieterin scheidet, er verwehrt der Sonne, ihre Strah

len her zu senden, und getrennten Lieben, sich wie

der zu begegnen. Erodion! versuch es, diesen Fel

sen einzusturzen, dass deine Geliebte auf seinen

Trummern aus der engen Unterwelt steigen moge,

dass ferner nichts Unubersteigliches das Land der

Toten von dem der Lebenden mag trennen.

Erodion schlagt an den Felsen, er sturzt ein, es wird

plotzlich helle.

IMMORTALITA. Triumph! Der Fels ist gesunken, von nun an sei den Gedanken der Liebe, den Traumen der Sehnsucht, der Begeisterung der Dichter vergonnt, aus dem Lebenslande in das Schattenreich herabzusteigen und wieder zuruckzugehen auch. HEKATE. Heil! Dreifaches, unsterbliches Leben wird dies blasse Schattenreich beseelen, nun dein Reich gegrundet ist. IMMORTALITA. Komm, Erodion, steige mit mir auf in ewige Klarheit; und alle Liebe, alles Hohe soll meines Reiches teilhaftig werden. Du, Charon, entfalte deine Stirn, sei freundlicher Geleiter denen, die mein Reich betreten wollen. ERODION. Wohl mir, dass ich die heilige Ahnung

meines Herzens wie der Vesta Feuer treu bewahrte;

wohl mir, dass ich, der Sterblichkeit zu sterben, der

Unsterblichkeit zu leben, das Sichtbare dem Un

sichtbaren zu opfern Mut hatte.

Von der Hand des Herzogs Emil August von Gotha

auf das Manuskript der Immortalita geschrieben.

Es ist eine Kleinigkeit, die deiner Aufmerksamkeit nicht wert ist, dass ich es ein Geschenk des Himmels achte, dich zu verstehen, du edles Leben. Siehst du zur Erde nieder, gibst gleich der Sonne du ihr einen schonen Tag, doch auf zum Himmel wirst du vergeblich schauen, suchst deinesgleichen du unter den Sternen.

Wie frische Blutenstengel so schmuckt deiner Gedanken sorglos Leben den bezwungenen Mann; sein Busen bebt von tiefen Atemzugen, wenn dein Geist gleich aufgelosten Locken, die jetzt dem Band entfallen, ihn umspielt.

Er sieht dich an, ein Liebender! Wie stille Rosen und schwankende Lilien schweben deiner segnenden Gedanken Blicke ihm zu. Vertraute, nahe dem Herzen sind sie. Wahrhaftiger, heller und schoner beleuchten sein Ziel sie ihm und seinen Beruf, und auf schweigendem Pfade der Nacht sind hochschauende Sterne Zeugen seiner Gelubde dir. Doch ist eine Kleinigkeit nur, die deiner Aufmerksamkeit nicht wert ist, dass ich als ein Geschenk des Himmels es achte, dich zu verstehen, du edles Leben.

Emil August

An die Bettine

Dein Brief, liebe Bettine, ist wie der Eingang zu einem lieblichen Roman, ich habe ihn genippt wie den Becher des Lyaus, der ein Sorgenbrecher ist, es tat mir auch sehr wohl, mich bewegten grade Sorgen um Dinge, die eine notwendige Folge des Lebens und daher nicht unerwartet sind; die ich Dir nicht mitteile, weil sie in Deinen Lebensgang nicht einstimmen1. Du bist mein Eckchen Sonne, das mich erwarmt, wenn uberall sonst der Frost mich befallt. Ich werde die Stadt auf ein paar Wochen verlassen, ein Brief wird mich am Donnerstag noch treffen, dann aber, den nachsten find ich, wenn ich zuruckkomme, und dann sind wir bald wieder ganz beisammen. Lasse Deine Briefe recht heiter sein ohne schwermutigen Nachklang, Deiner Natur ist eine freie ungehemmte Lebenslust gemass; die truben missmutigen Regungen, mit denen Du zuweilen prahlst, sind nur Zeichen geheimnisvoller Garungen, denen der Raum zu eng ist, sich zu lautern, das muss ich glauben, wenn ich Deine jetzige naturliche Stimmung vergleiche mit jener gereizten, die Dich zuletzt hier befiel, wo mir ganz bange um Dich war. Es war Dir nichts weiter notig, als die beengende Stadtluft nicht mehr zu atmen. Du bist wie eine Pflanze, ein bisschen Regen erfrischt Dich, die Luft begeistert Dich, und die Sonne verklart Dich. Die Tonie schreibt hierher, dass Du gesund aussahest und keine Spur von der interessanten Blasse ubrig sei; rate, wer daruber seinen Arger nicht verhehlen kann? "Elle ne sera plus ce quelle a ete" gab er mir auf alle Trostgrunde zur Antwort. Indessen hoffe ich, dass unsereins auch noch bei Dir gilt, und mir ist's lieber, dass Du auf Kosten jener interessanten Blasse zunimmst, als dass ich immer horen muss, Deine Lebendigkeit werde Dich noch toten, was komisch klingt und auf mich gestichelt ist. Ich habe mir selber die Vorwurfe nicht erspart. Was Du Schlaftrunkenheit nenntest, das war nach Sommering Nervenfieber, er sagt, Du habest keinen Sinn fur Krankheitszustande, Du habest die Kinderkrankheiten wie lustige Spiele durchgemacht, diesmal sei es von uberspanntem Studieren gekommen. Die philosophischen Ausdrucke Absolutismus, Dualismus, hochste Potenz usw., mit denen Du in Deinen Fieberphantasien spieltest, zeugten wider mich. Ich habe mir fest vorgenommen, diesen Winter nur solche Sachen mit Dir zu treiben, die Dir recht von Herzen zusagen. Ich bin zwar nicht so ganz allein an diesem Missgriff schuld, andre, denen ich vertraue, die, wie mir schien, nicht mit Unrecht Dir viel philosophischen Sinn zusprechen, meinten, er musse entwickelt werden, ich folgte unschuldig diesen Weisungen und nahm Deinen Widerspruch fur die gewohnte Unbequemheit, Dich etwas Ernstem zu fugen. Der Hohenfeld sagte mir, Ebel erzahle, Du habest aus uberreiztem Widerwillen gegen die Philosophie starkes Erbrechen gehabt, daraus sich ein galliges Nervenfieber gebildet habe; er warnte mich und sagte, Du seiest ein unbedeutendes Madchen und kein philosophischer Kopf, der Deine konne zwar ubermutig und uberspannt, weiser aber nicht werden usw. Ich erriet, dass er ein diplomatischer Abgesandter sei von klugen Leuten, die viel von einem wissen, und von denen man nichts weiss; seine Zitationen von uberspannten Reden und absurden Behauptungen, die hier unter den Philistern im Umlauf sind, ergotzten mich: Dein eigner Brief, der wie der junge Strauch das krankelnde Laub abwirft und in frischen Trieben ergrunt, macht mich mit dem guten Hohenfeld einverstanden uber Deine Unbedeutenheit, auch gefallt sie mir besser, als was ich an Gelahrtheit Dir zuschanzen konnte, Du bist gefuhlig fur die Alltaglichkeit der Natur, Morgendammerung, Mittagschein und Abendwolken sind Deine lieben Gesellen, mit denen Du Dich vertragst, wenn kein Mensch mit Dir auskommt. Wenn Du willst, so konnen wir umtauschen und ich Dein Junger werden in der Unbedeutenheit, so wie Du Dich fur meinen Schuler hieltest, als ich einen starken Geist aus Dir bilden wollte. Jetzt, wo es ruckwarts geht, musst Du mein Lehrer sein, ein Zaghafter kann sicherer bergauf gehen, aber einen steilen Weg hinab, dazu gehort Entschlossenheit, die hast Du, Du schwindelst nicht und hast Dich noch nie besonnen, uber Hecken und Graben zu setzen. Es dammern mir schon ganz gluckliche Spekulationen uber den Geist der Unbedeutenheit auf; ich hatte unsagliche Lust, dem Domdechant, der mich so hoch stellt, als Uberlaufer ein paar Dummheiten zu sagen, die ihm Zweifel in sein Urteil gaben, ich habe ihm auch eine gesagt, woruber er die Hande zusammenschlug und meine Behauptung, dass ich viel von Dir empfange und Dein Umgang mich belehre, auf mein Unvermogen, mich selbst zu schatzen, schob, das mir da einen absurden Streich spiele, alle Welt wundere sich, dass ich meine Zeit mit dem Sausewind verbringe und ihm vor andern solche kostliche Minuten schenke. Nun, es wird mir nicht fehlen, dass mir nachstens die ergotzliche Unbedeutenheit aus diesen meinen Verkehrtheiten zuerkannt werde, um die mich keiner beneiden wird, weil man eben das Bedeutende nicht zu schatzen weiss. Ich ahne sehr hell, dass, wenn in dem bescheidenen Knospenzustand Unbedeutenheit verborgen, nicht der volle innere Lebenstrieb wirkte, das Bedeutende nie ans Licht bluhen wurde, am wenigsten, wenn diebischer Eigennutz sich der Zeit vordrangt, bloss um auf der Hohe zu stehen, wo die andern zu seinen schimmernden Phantomen aufsehen mussen. Wie die Titanen mit grossem Gepolter ihre Treppe zu der Gotter Burgen aufturmten und die stillen Gipfel des Olympos als unbedeutend hinabsturzten. Eins empfinde ich in Dir, dass die Natur das Ideal des Menschengeistes gleichwie das Pflanzengluck unter warmer, nahrender Decke vorbereiten muss, sonst werden die Menschen davon nicht wachsen und reifen und im Sonnenglanze grunen.

Deine Begebenheiten, Deine Bemerkungen, alles macht mir Freude, sorge, dass mir nichts verloren gehe, wenn's nur Deiner Gesundheit nicht schadet, so schreibe doch jeden Abend, darum bittet der Damon, der mir's zuflustert und gern alles von Dir bewahren will.

Wo soll ich mit Deinem Kanarienvogel hin? Ich nehme ihn mit in fremde Lande, es wird nicht viel Muhe machen, ich kann ihn niemand anvertrauen, so wenig wie Dich. Apropos! Wenn ich nun auch eifersuchtig sein wollte auf die Prinzess, mit der Du immer Hand in Hand gehst! Hast Du Dich je von mir an der Hand fuhren lassen, wenn wir draussen waren? Summtest umher wie eine wilde Hummel durch alle Gebusche und liessest mich allein nachsteigen? Was vermag doch diese Furstlichkeit uber Dich, dass Du Dich so zahm an der Hand fuhren lasst im Freien? Dein Vogel ist mir ebenso zahm geworden, dass er mir in den Mund pickt, das ist nichts anders als Liebe zu mir, ich weiss nicht, ob er mir jetzt nicht mehr zutunlich ist wie Dir, grad wie Du mit der Kurprinzess. Ich war in Sorgen um ihn; denn wie ich einmal zur Gartentur hinausging, flog er mir nach in den Garten, aber wie er eine Weile unter den Baumen herumgeflattert war, setzte er sich mir auf den Kopf und liess sich ruhig wieder hineintragen, ich war recht froh; denn ich hatte nicht gewusst, wie ich bestehen solle, wenn Du ihn nicht wiederfandst. Der Feigen waren elf an Deinem Baum, ich habe am Montag Ernte gehalten, drei davon habe ich vom Baum verspeist, drei habe ich in Gesellschaft verzehrt mit dem Jemand, der mir in der Tur begegnete, er begleitete mich nach Haus und schien sich zu freuen, dass der Baum, der von ihm stammt, so susse Fruchte bringt. Nun liegen noch funf Fruchte, die noch etwas hartlich waren, unter der Glasglocke beim Apoll, die ich in die Sonne gestellt habe, sie haben auch schon nachgereift, ich werde sie vor meiner Abreise in Kompagnie verzehren, aber mit niemand, der sie allenfalls wie eine unbedeutende Frucht mit Stumpf und Stiel hinunterschluckte, sondern mit jemand, der Deiner Pflege fur den Baum die Sussigkeit der Fruchte zuschreibt und sie dankbar geniesst.

Karoline

Eine Merkwurdigkeit muss ich Dir noch melden von Deiner Altan, die Spinnen haben eine grosse Brabanter Spitze gewoben von einem Ende zum andern, von der kleinen Edeltanne uber den Orangenbaum, uber die Bohnenlaube, in die man nicht hinein kann, wenn man dies Kunstwerk nicht durchbrechen will, dann uber den Granatbaum zum Feigenbaum; ich habe alles geschont beim Brechen der Fruchte. Dein Bruder Dominikus kam herunter und spritzte im Kreis sie alle an mit der kleinen Giesskanne, die Mittagsonne schien sehr hell. Da spiegelten die kristallnen Tropfen allerliebst in den Netzen, Dein Bruder meinte, wenn die Netze noch weiter gingen, so konne das eine Voliere fur Schmetterlinge sein, die er vergeblich sich bemuht als Raupen zu zahmen; denn wenn sie aus der Puppe ausflogen, so hatten sie aller Pflege und Nahrungssorgen, die er fur sie als Raupen getragen, vergessen. Mich amusierte sehr seine ernsthafte Behauptung, bei der Raupe und Puppe auf die Seele des Schmetterlings wirken zu wollen. Ich meine, die ungeheuren Spinnen wurden wohl alle Dankbaren und Undankbaren verzehren, die in dieser Voliere eingefangen waren. Noch soll ich Dir sagen von ihm, dass der Hopfen ubers Dach hinaufgewachsen ist in die offnen Fenster herein. Du horst gern von Deinem kleinen Paradiesgarten, in dem alles so schon ist und kein Baum, von dem man die Apfel nicht essen darf.

An die Gunderode

Mit der einen Hand hab ich meinen Brief dem Bot' gereicht, mit der andern Deinen genommen, wir kamen eben von unserm Sonnenaufgang zuruck, so sah ich den Bot' uberm Tal am Berg hersteigen, ich wollt mit ihm zusammen ankommen, ich lief, die andern wussten nicht warum, sie riefen mir nach, ich galoppierte als an der Bergwand hin und schlug mit dem Stecken an die Ast, das regnete im heissen Lauf kuhlen Tau auf mich, dann schoss ich bergab ins Tal und konnt nicht einhalten, der gut Bot' stellte sich gegenuber und fing mich auf; oben stand die ganze Gesellschaft, ein Kopf uber dem andern, der Mstr. Haise in der Mitt und guckt durchs Perspektiv, ich legt mich ins Gras und schnaufte aus. Potztausend, wieviel Hammerchen pochten in meinem Kopf, lauter Goldschmied, und der grosse Hammer in meiner Brust, das war ein Grobschmied; die andern kamen herbei, wie ich im hohen Gras verschwand, glaubten sie, ich sei ohnmachtig oder sonst was, der Voigt schrie, Gott bewahr, solche Einbildungen hat sie nicht; ich guckte aus dem Gras hervor und lachte sie aus, aber da schrie alles: ich hatt konnen den Hals absturzen, ich hatt konnen Arm und Bein brechen, mich hatt konnen der Schlag ruhren, unvorsichtig, tollkuhn, sinnlos schrien sie. Was Guckuck, ich wollt's nicht mehr horen, ich setzt mich wieder in Galopp, der Badepeter hatte grad die Bader angelassen, ich rief ihm zu: "Sagt nicht, wo ich geblieben bin!" Und sprang ins Wasser mit Schuh und Strumpf und allen Kleidern; da unterm Wasser warf ich die Kleider ab und dacht nicht gleich, dass ich Deinen Brief im Busen stecken hatt, bis er auf dem Wasser schwamm, ich hab ihn gleich auseinander gelegt und an dem Strick festgemacht in der Mitte vom Badegewolb, womit man die Klapp aufzieht, wenn's zu heiss ist, er flatterte im Luftzug uber mir und drehte sich hin und her, ich bin ihm immer nachgeschwommen, links und rechts und hab ihn buchstabiert, hier ein Teil und dort wieder, wie der Wind das Blatt drehte, das hat mich ergotzt, und auch hab ich mich gefreut, wenn ich aus dem Bad kam', ihn zu lesen, und dann stimmt ich an: "O du der Gotter Hochster, der uber Olympia machtiglich waltet, lass beim Laufe der Flur gunstige Winde in den schlafebeschattenden Kranzen mir wehen." Da wussten sie auf einmal, wo ich geblieben war; denn alles war in den Badern und meine Stimme schallte laut am Gewolb, und da hort ich sie rufen: La voila! und: wieder eine Tollheit, so erhitzt ins Wasser zu springen. Wollt ich nicht von allen Seiten schreien horen, so musst ich wieder singen: "Lass, o Jupiter, mit leichten Fussen mich hingleiten dem schnellfussigen Tage zuvor, der mich sieggekront am Abend begrusse mit der Unsterblichkeit suss hallendem Ruf." Da kam die Lisett als Gesandtschaft von den andern, was war die verwundert, als sie die Kleider unter Wasser sah und die Schuh auf der untersten Treppe, zwei volle Becher. Ich sah ihr die Besturzung an, sie glaubte, ich sei toll geworden, sie reichte mir verstummt ein Zettelchen, darauf stand: "Wohlan Fullenbandiger, opfere einen feisten Stier der Rossebezahmerin Pallas Athene und ihren goldgewirkten Zugel wirf schnell um den jungfraulichen Hals." Ich frag, wer ihr den Zettel gab, sie sagt der Badpeter, ich frag den Badpeter, der sagt sein Sohn Lipps, ich frag den Lipps, der sagt am Rohrbrunnchen ein Herr in Schlappschuhen, eine Zigarre im Mund. Was hatte er an, wie sah er aus? Weisser Mantel, graue Sammetmutze. Ich hielt furs beste zu schweigen und niemand was vom Zettel zu sagen, den Zettel legt ich zu meiner merkwurdigen Naturaliensammlung, worunter ist ein goldglanzendes Horn von einem Weinschroter, das hohl ist und so zierlich, dass es sehr gut als Trinkhorn konnt passen fur ein Elfchen, das ein Jager war, ich hab's deswegen aufgehoben, wenn mir einmal eins begegnet, ferner mehrere durchsichtige Steine, die sehr gut Edelsteine sein konnten, wenn die Sonn nur noch ein bisschen besser durchschien, und eine Puppe, aus der ich selbst den Schmetterling hab auskriechen sehen, die tut sich auf und entlasst den Schmetterling und schliesst sich wieder, sie hat inwendig wie kleine Stahlfedern, an die ruhrt der Schmetterling, wenn er reif ist, und dann offnet sie sich, aussen ist die Puppe ganz hart, dass man sie nicht verletzen kann. Ich hab mir's express aufgehoben fur Dich, ich will Dir's zeigen und uber die Unsterblichkeit mit Dir nachdenken dabei. Wenn ich so was seh in der Natur, wovor gesorgt ist, dass alles geschutzt ist so sorgsam, dass es nicht gestort wird, bis es reif ist, das schauert mich an, und gewiss ist nichts so traurig als sie storen; denn so zartlich wie sie ist, muss es ihr durch die Seele gehen. Ich mag mich nicht an ihr versundigen, nicht mich empordrangen und was sein wollen vor der Zeit, mag nicht ein starker Kopf werden, sie will's nicht, die Natur, sie sagt, ich soll laufen und springen und Uberlegung soll ich gar nicht haben, und in Deinem Brief steht's nun auch geschrieben, was mich so sehr freut, unbedeutend! Da bin ich von Herzen dabei, wenn Du nur auch so dumm sein willst und mich den bedeutenden Leuten vorziehen. Du musst allen Leuten zugeben, dass nichts ist mit mir, da wird sich's bald geben; eigentlich wer schuld ist, das ist der Clemens, der hat aus grosser Lieb zu mir sich immer an allem gefreut, was ich getan hab, und hat meine unbedachtsame Reden als wunderschon gefunden. Nun, was liegt dran? Aber auf die Burg kommst Du doch noch? Nicht wahr? Da sind wir zwei mit dem Damon zusammen und fragen nach sonst niemand. Ich freu mich so drauf, dass mir manchmal das Herz klopft, und wenn ich mich besinn, was es ist, so sind es die acht Tage, wo wir zwei zusammen in einer Stube schlafen, und der Herbstwind geht dann schon und schuttelt das Laub ab von den Platanen, und nachts wecken wir uns, wenn wir einen Gedanken haben, und schlafen dann gleich wieder. Ich kann Dir auch viel von hier erzahlen, ich hab eine Menge Gedanken, die ich nicht aufschreiben kann, manchmal spring ich auf, als musst ich zu Dir und Dir gleich was ganz neu Gedachtes sagen. Aber ich hab Dir ja noch nicht erzahlt, was heut noch vorgefallen ist. Um zwolf Uhr sind wir hinunter, bloss ich und die Tonie zur Kurprinzessin, um Abschied von ihr zu nehmen, die Tonie hatte ihr auf den Tisch im Vorsaal all die schonen Fruchte aufgestellt und die Blumen dazwischen, sie nahm sehr freundlich von allen und sagt so viel herzlich Gutes zur Tonie, dass ich zum erstenmal empfand, als wenn es wahr war, was ich bei andern nie glaub, wenn sie hoflich sind. Du fragst: wenn Du nun auch eifersuchtig sein wolltest auf die Kurprinzess. Ei warum bist du's nicht? Das ist eben, was mir leid ist, wenn ich Dir heut sagte, sie wollt mich mitnehmen und ganz bei sich behalten, da wurdest Du am End ganz kalt schreiben: "Liebe Bettine, es tut mir zwar leid, dass unser Umgang hierdurch unterbrochen wird, aber ich rate Dir sehr, lass Dich dadurch nicht abhalten." Und ich wurde das aber nicht tun, selbst wenn ich mir denk, dass Du mir so kalt antworten konntest und konntest es leicht verschmerzen, obschon mir die Kurprinzess am liebsten ist von allen, die ich gesehen hab, denn ausser der Grossmama und Dir hab ich nie Frauen gesehen, die mir edel vorkamen, denn ich hang innerlich mit Dir zusammen, das weiss ich, und der Damon halt mich auch fest bei Dir; und wo sollt ich noch einmal fuhlen so vertraulich? Kann man so bei Prinzessinnen simulieren, so im Mondschein im Zimmer an der Erde liegen und ihm nachrucken und Geschichten erfinden wie wir den Winter, und wenn ich Dein Haar flechten wollt, da hast Du mich's lassen aufflechten und wieder flechten und erfandest Ossians Gesange, wahrend ich es kammte.

Deine Locken gleich den Raben duster,

Deine Stimme wie des Schilfs Gefluster,

Wenn der Mittagswind sich leise wiegt.

Weisst Du noch, wie ich's Dir still nachsang, was Du so schauerlich mir vorsagtest, und weisst Du wohl, dass da mein Herz ganz voll Tranen war, mehr wie einmal, und heimlich stritt ich mit mir, dass ich stark sein wollt und meine Schmerzen bezwingen? Ich wollt Dir's nicht zeigen, wie tief das in mich ging:

Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flugel

Dich, du Liebliche, du schones Licht.

Wie oft hab ich das gesungen fur mich und war ein Held.

Collas Tochter sank zum Schlafe nieder,

O! Wann grussest du den Morgen wieder?

Schongelockte, wirst du lange ruhn?

Ach! Die Sonne tritt nicht an dein Bette,

Spricht: "Erwach aus deiner Ruhestatte,

Collas schone Tochter, steig herauf!"

Junges Grun entkeimet schon dem Hugel,

Fruhlingslufte fliegen druber her.

Sonne, birg in Wolken deinen Schimmer!

Denn sie schlaft, der Frauen erste! Nimmer

Kehret sie in ihrer Schonheit mehr.

Das hab ich so oft gesungen und auch am Fels vorgestern, und ich kann so schone Melodien drauf, die mir alle durchs Herz gehen, und wenn wir auf der Burg sind den Herbst, dann wollt ich Dir's vorsingen, wenn's dunkel ist, eh das Licht kommt; wie kannst Du denn nur denken, dass ich die Kurprinzess lieber haben konnt? Aber Du denkst es auch nicht, Du stellst Dich nur so, denn sonst war's gar zu traurig fur mich, dass Du nicht betrubt daruber warst. Ich kann mir unter Collas Tochter immer nur Dich denken; denn sie schlaft, der Frauen erste! Und so hab ich in mancher Stunde mit Tranen Dich besungen; denn ich kann das nicht singen, ohne dass es mein Herz so stark bewegt, abends wenn ich allein bin, dass ich oft meinen Kopf in die Kopfkissen stecke und will alle Wehmut erstikken, weil sie mich gar zu schmerzlich befallt. Aber was soll ich doch hier, so fern von Dir, Dir von meinen bitteren Stunden sagen, das kann Dich nur traurig machen, und Du bist jetzt so betrubt. Aber lass dich's nicht betruben von mir, das ist nur so vorubergehend, wie eben die Schlossen, die hier fielen, ich will Dir lieber noch weiter erzahlen von der Kurprinzess, Du weisst, dass ich traue in Deine Lieb und gar nicht denk, dass ich Dir gleichgultig bin, und auch nicht, dass Du an mir zweifelst. Die Kurprinzess verlangte heut morgen, ich sollte ihr noch ein Lied singen zur Gitarre, das sie als zuweilen vom Fenster gehort habe, das erschreckte mich sehr, denn der Herzog stand dabei und zog den Mund so kurios zusammen und sagte, er hab auch meine Stimme gehort, sie sei sehr schon; ich hatt gern ausgewichen, aber ich fuhlte, dass es unschicklich war, ich holte also meine Gitarre, und unterwegs bezwang ich meine Angst vor dem Herzog, vor der Prinzess hatt ich mich auch nicht gefurcht; denn ich hatte schon oft die Abende in dem Laubgang vor ihrem Fenster allerlei Melodien improvisiert, weil mich einmal eine geheime Neigung zu ihr anregte, dass ich als recht zartliche Melodien erfand. Vor dem Herzog hatt ich mich auch nicht gefurcht, aber weil ich den Morgen im Bad gesungen hatte, so dacht ich, er hatt's gehort und mocht wohl gar davon anfangen, und an den Zettel dacht ich auch. Aber da kam mir mit einmal ein Gedanke, der half mir druber hinaus, ich nahm Dein Darthulagedicht2 aus meiner Brieftasche mit und sang draus, was ich da oben Dir hingeschrieben, aus dem Kopf in eine Melodie hinein, im Anfang war's ein wenig steif, aber bald ging's recht, wie ich manchmal selbst uberrascht bin und tief erschuttert, wie die Melodie soviel gewaltiger es ausdruckt und erst das Herz empfinden lehrt, und ich wiederholte es, da war's so schon, ach, wenn ich's doch noch einmal so singen konnt vor Dir; der Herzog verlangte, ich sollte noch fortsingen, da war ich nicht mehr bang, ich sang gleich:

Lass zehntausend Schwerter sich emporen,

Usnoth sollt von meiner Flucht nicht horen,

Ardan! Sag ihm, ruhmlich war mein Fall.

Winde! Warum brausen eure Flugel?

Wogen, warum rauscht ihr so dahin?

Wellen! Sturme! Denkt ihr mich zu halten?

Nein, ihr konnt's nicht, sturmische Gewalten!

Meine Seele lasst mich nicht entfliehn.

Wenn des Herbstes Schatten wiederkehren,

Madchen, und du bist in Sicherheit,

Dann versammle um dich Ethas Schonen,

Lass fur Nathos deine Harfe tonen,

Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht.

Und dies zweite Mal sang ich noch besser, mit tieferer Stimme und war selbstfuhliger; es sind die zwei Stellen, die ich aus Deinem Lied auswendig weiss, weil Du sie in meiner Gegenwart gemacht hast im Dunkel und sagtest zu mir: "Behalt es auswendig, bis Licht kommt, ich will unterdes weiter dichten," und ich wiederholte immer vier Verse, bis noch vier dazu fertig waren, die Du auch meinem Gedachtnis vertrautest und immer weiter schifftest im Ozean, Gunderode, wie schon war doch das? Wie werd ich je Schoneres erleben als mit Dir? Dem Herzog hab ich Dein Gedicht gegeben und gesagt, es sei von Dir und auch den Don Juan3 hab ich ihm geschenkt, er lag dabei, ich dacht, du gibst mir's wieder; ich wollt ihm es so gern geben, weil ich sah, dass er grosse Freude dran hatte, Du gibst mir's wieder. Die Kurprinzess verlangte, ich soll ihr die Melodie abschreiben lassen von dem Lied, ich sagte ja, aber wo ist die hin? Ich weiss nicht mehr sie hat mich auch noch herzlich gekusst auf beide Wangen; und der Tonie sagte sie sehr freundlich, wenn sie es erlaube, so wolle sie den Strauss aus der Ananas mitnehmen und zum Andenken in ihrem Treibhaus pflanzen lassen. Gelt, das war so freundlich, und ich will Dir's nur gestehen, dass mir heimlich recht leid getan hat, wie sie fort war, und alles kam mir so leer vor, dass ich doch druber weinen musste, obschon ich nicht wollt, ich hielt mich auch gar nicht dabei auf, eben weil ich an Dich dachte und Dir keine Untreue wollte begehen. Wir begleiteten sie bis zum Wagen, und sie sagte mir noch, wo ich ihr begegnete, da sollte ich immer zu ihr kommen, ich kusste ihre Hand und ging zuruck; denn der Herzog sprach noch mit ihr. Sein Wagen war auch vorgefahren, er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte: "Auf Wiedersehen!" und lachte mich an, und ich dachte: "Ach Gott, am End hat er den Zettel dem Lipps gegeben." Er stieg in den Wagen im leberfarbnen Rock, und wie das Windspiel nachsprang und sich zu seinen Fussen legte, da sah ich wohl so etwas auf dem Rucksitz liegen wie einen weissen Mantel, der hellblau gefuttert war, aber er sah doch nicht ganz weiss aus, sondern mehr hellgrau, aber die graue Mutze sah ich, wie mich deucht, auch. Ja, ich sah sie gewiss, ich wollt sie nur nicht erkennen, weil ich mich schamte; aber das dauerte noch eine Weile, dass ich mich gar nicht trosten konnte, und so oft mir's einfallt, werd ich aufs neue rot vor mir selber. Aber ich denk nur immer, ein Prinz hat kein lang Gedachtnis, er wird's bald vergessen. Ach, wenn er's nur recht bald vergasse! Gute Nacht. Morgen erzahl ich Dir noch mehr von heut, von unserm Sonnenaufgang hab ich Dir noch gar nichts erzahlt, dass wir den gar nicht gesehen haben, und dass die Sonne hinter uns aufging, und dass alles uber die in der Ferne liegenden Berge sah und meinte, sie sollt dort hervorkommen, und dass sie hinter der Felswand in unserm Rucken aufstieg und der Mstr. Haise, mit dem Perspektiv bewaffnet, und der Voigt, der mir immer ins Ohr sagte: "Geben Sie acht, was passieren wird, Sie werden sich alle bald verwundern." Kein Mensch achtete seiner Reden. Es ward hell und hell und die Sonn kam nicht, und auf einmal war sie hinter uns, ganz massig und vernunftig, ohne Aufwand, wie wir sie beim Fruhstuck auf der Terrasse auch hatten sehen konnen, aber der grosse Streit, der vorfiel, keiner wollte der sein, der es nicht gleich gedacht hatte, jeder sollt den andern verfuhrt haben, es war wirklich ein wunderlicher Streit, und der Mstr. Haise mit dem Perspektiv, mit dem er die Sonn zuerst hatte entdecken wollen! Der Voigt wurde am meisten gezankt, und er sollte zuletzt allein dran schuld gewesen sein, er hatt sie mit Fleiss all herumgewendet, und er hatte davon gesprochen zuerst, dass dort gen Morgen lag. Er sagte aber, nein, er hatt sie nicht verfuhrt, er hatt es aber wohl gewusst, drum hatt er auch gesagt: sie wurden sich bald alle sehr verwundern, aber er wusst, er stande in so schlechtem Kredit bei ihnen, dass er sich nicht getraut hab, es ihnen zu sagen; denn sie hatten's doch nicht geglaubt.

Am Samstag

Den Kanarienvogel schenk ich dir, Du sollst ihn behalten, er hat Dich lieber wie mich, und ich bin ihm gut, was soll ich ihm seine eingesperrte Lebensfreud verketzern. Ich bin aber kein Kanarienvogel, und Du kannst mich nicht hingeben wollen; denn ich schenk Dir alles, Du sollst mich nicht hergeben. Meine Altan ist doch schon, nicht wahr? Als Kinder hat uns da der Herr Schwab die biblische Geschichten vorerzahlt, abends, eh wir zu Bett gingen, da hab ich den Mond zum erstenmal scheinen sehen. Wie wunderlich war's doch, und die Fenster von den Stuben nebenan, wenn da abends Licht drin war, die malten den Schatten von den Strauchern auf den Boden, da sass ich so gern allein auf dem Boden und sah den Schatten rund um mich sich bewegen. Ich hab mich wohl immer gefurchtet als Kind, aber mehr bei Tag, wenn ich allein war und im Zimmer, wo alles so nuchtern aussah, aber in der Nacht war was Vertraulistern gehort hatte, war die Empfindung in mir, dass etwas Lebendiges in der Umgebung sei, dessen Schutz ich vertraute; so war mir's auf der Altan als Kind von drei oder vier Jahren, wo beim Sonnenuntergang immer alle Glocken den Tod des Kaisers einlauteten, und wie's da immer nachter ward und kuhler, und es waren keine Leute um mich und als ob die Luft lauter Gelaute sei, was mich umfing; da kam eine Traurigkeit uber mein kleines Herzchen und dann wieder so rasches Zusammennehmen, ich fuhl's noch, wie wenn der Schutzengel mich auf den Arm nahm. Jetzt muss ich aber sagen: Was ist doch das Leben fur ein gross Geheimnis, das so dicht die Seel umschliesst wie die Puppe den Schmetterling, kein Licht strahlt durch den Sarg, aber die Sonnenwarme empfindet die inwendige Seele und wachst und wachst unter schweren Ahnungen, unter Tranen. Ach verzeih's, dass ich gleich traurig war, aber die Altan! Dort hab ich ganz sehnsuchtige Augenblicke schon gehabt, die mir wie Schwerter durchs Herz gingen, und ich wusste nicht, was es war, und weiss es noch nicht. Grad in der schonen bluhenden Zeit war mir's immer so traurig, grad am hellen Mittag, wenn da so ein Bienchen eine Weile herumschwarmte. Ach was! Ich will lieber was anders denken. Du bist recht gut, dass Du allerlei so sub rosa hervorleuchten lasst, was mich heimlich freut. Was mir doch noch wird? Ob ich je aus dem Licht heraustrete, was Dein lebendig Aug auf mich strahlt? Denn Du kommst mir vor wie ein ewig lebender Blick und als wenn von ihm mein Leben abhing. Aber davon will ich auch nicht reden. Von der Eselspartie gestern nach Rauhental, sie ist zu Wasser geworden, aber erst am End, es kam ein ungeheurer Platzregen, wie wir noch eine halbe Stunde von der Heimkehr entfernt waren, das zusammenlaufende Wasser von den Bergen herab ins Tal gab ordentlich Seen, die der Wind wellig krauselte. Und wie die Esel mitten durchs Wasser pfatschten mit uns, kam ein ungeheurer Donnerschlag, die meisten schrien auf, die Esel schrien nicht, aber sie warfen uns alle mit einemmal herunter in die Pfutzen, und da konnt keiner sich halten, nur der Englander wollte es zwingen mit seinen langen Beinen, der Esel warf sich nieder und baumte sich, und so galoppierten alle Esel fort, dass sie im Nu aus den Augen waren, die Eseltreiber hinterdrein, denen nachgerufen wurde, uns Laternen zu schicken. Der ganze Haufe konsultierte in der Pfutze, setzte sich nach wieder erlangter Besinnung in Bewegung, auf das verwirrte Untereinanderschreien folgte bald Stille, der Weg war zu beschwerlich, als dass man auf etwas anders denken konnte als nur, wie man den Fuss mitsamt dem Schuh wieder aus dem Morast heben wolle, dies aber war nicht moglich, die meisten Schuhe blieben stecken, die Laternen kamen uns bald entgegen, die beschwichtigten Esel wurden wieder herangefuhrt, und so kamen wir zwar beritten an, aber in welchem Zustand? Alle Strohhute hatten im Morast gelegen. Die Schuhe fehlten, die Damengewande so nass, als sollten sie zu Statuen Modell stehen, und die Herren nicht minder; man verfugte sich in die Bader und kam neugeboren und neugestrahlt heraus, ein Gesamt-Abendtee, in Pantoffel und Schlafrocken und Pudermantel eingenommen, machte den Beschluss, alles beschrie des Unfalls Jammer und lachte sich halbtot druber. Mstr. Haise, dessen naturliche Haarfarbe jetzt zutag kam, war nicht mehr zu erkennen, aber seine Schonheit wurde allgemein bewundert, sein braunrotes Haar stand ihm so viel schoner als der Puder, womit er's hatte verbergen wollen, dass man schrie: jetzt konne er erst interessieren, was man vorher fur unmoglich hielt. Wer war vergnugter wie er, der feierlich dem Puder abschwor und mit himmlischer Selbstzufriedenheit bei den Frauen herumspazierte, sich bewundern zu lassen. Ich und die Lisett haben noch bis Mitternacht die Strohhute renoviert, ich schlug sie alle auf der einen Seite mit einer Kokarde auf, wenn man nun im Schatten sein will, so setzt man die Schippe nach vornen, wo die Sonne nicht scheint, dreht man sie herum; die Verwandlung fand allgemeinen Beifall und sieht nach Voigt malerisch aus. Heut morgen kamen die Eseltreiber mit den verlornen Schuhen auf ihren Stecken in Prozession angeruckt; sie hofften ein Trinkgeld, es musste auch bezahlt werden, obschon die Schuhe besser waren geblieben, wo sie begraben waren; man war argerlich, dass sie die beschmutzten Schuhe so offentlich zur Schau trugen. Das war die gestrige Geschichte. Voigt hatte schon lange drum gebeten, die ganze Gesellschaft zu Esel in sein Skizzenbuch zeichnen zu durfen, heut morgen war ein schoner heller Himmel, und doch war's abgekuhlt vom Gewitter, wir machten uns so malerisch wie moglich, liessen Bander flattern, Schleier wehen, die Herren steckten Straucher auf den Hut, gaben sich nachlassige Posituren, schaukelten mit den Beinen, so ging's langsam vorwarts, Voigt war voran mit seinem Malkasten, hatte die Palette aufgesetzt, sass auf einem Zeltstuhl vor der Hohe, wo wir herabkamen, und beobachtete den Zug mit dem Fernglas, auf einmal rief er Halt, ich war voran mit einer grunseidenen Fahne, die ich mir gemacht hatte, die stemmt ich in die Seite und hielt recht feierlich still, die Gitarre hing auch am Sattel. Voigt malte eifrig auf ein Stuck Wachsleinwand, das auf ein Brett genagelt war. Es dauerte ein Weilchen, die Esel hingen die Ohren und waren eingeschlafen, die Sonne brannte, die Mucken stachen, die Schleier und Bander hingen schlaff, sie glaubten alle, sie konnten's nicht langer aushalten, ich hatte doch dem guten Voigt so gern das Plasier gegonnt, dass seine Skizze fertig wurde; ich nahm meine Gitarre und stimmte den Kosiusko an, Crothwith begleitete mich auf dem Flageolett, mehrere Maultrommeln der Eseltreiberjungen fielen ein, es erhob die Stimme Bass und Diskant, andere pfiffen, Haise neben mir an gab einen Ton von sich, mit dem er eine Pauke nachmachte, die mit einer Rute und einem Kloppel geschlagen wird, pfitsch pfitsch, bum bum. Die Esel wachten auf und spitzten die Ohren wieder, die Luftchen regten sich wieder in den flatternden Bandern, alles war begeistert, und Voigt malte schneller als eine Windmuhle, in die der Sturmwind blast; die Eseljungen hatten sich auch in nachlassigen Stellungen postiert, bald war's so weit, dass wir umwenden konnten, Voigt bestieg seinen Esel, und wir zogen vergnugt und singend zuruck. Die Skizze ist allerliebst kraftig, er will sie zu Frankfurt fertig malen, warst Du doch auch dabei gewesen. Im Nachhausereiten sah ich die Birke von fern, die so leise wehte, in der ich ohne daran zu denken, wie eine Vision Dein Bild gesehen hatte. Ich dachte daran, ob ich's doch versuchen wollte, Dich hier zu besuchen, wenn man allein ist, da kann man viel besser klettern, und wie heut nachmittag alles Siesta hielt, bin ich hierher gekommen und hab gesehen, was der Herzog fur Buchstaben in den Baum geschnitten hat: Z D F und seinen Namen drunter, ich weiss, was es heisst, grade, was er unter Dein Manuskript von der Immortalita geschrieben hat. Der Voigt sagt mir, sein Buch sei sehr witzig, und hat mir noch manches Schone erzahlt von ihm und auch Sonderbares. Das Buch mussen wir zusammen lesen den Winter. Heut nachmittag war alles versammelt beim Tee auf der Terrasse. Die Lust auf weite Partien ist gedampft, wir spielten Federball und machten Seifenblasen, die flogen zwischen die Baum und bald hier- oder dorthin, auch eine auf dem Haise seine Nas' glaub ich.

Sonntag

Heut morgen war man zum letzten Fruhstuck versammelt; denn morgen geht alles fort, der ganze Vormittag verging mit Spaziergangen von Paar und Paar im Wald, ich schlenderte mit dem Voigt nach einem grunen Platz und las ihm vor aus Deiner Brieftasche, ich las ihm die Manen vor und knupfte allerlei Ideen dran, die ich nicht recht aussprechen konnt, ich kann vor niemand sprechen wie vor Dir, ich fuhl auch die Lust und das Feuer nicht dazu als nur bei Dir, und was ich Dir auch sag oder wie es herauskommt, so spur ich, dass etwas sich in mir regt, als ob meine Seele wachse, und wenn ich's auch selbst nicht einmal versteh, so bin ich doch gestarkt durch Deine ruhigen klugen Augen, die mich ansehen, erwartend, als vermen wird, Du zauberst dadurch Gedanken aus mir, deren ich vorher nicht bewusst war, die mich selbst verwundern, andre Leute haben mit mir keine Geduld, auch der Voigt nicht, der sagt: "Ich weiss schon, was Sie wollen," und sagt etwas, was ich gar nicht gewollt hab. Dann mach ich's aber wie Du und hor ihm zu, und da hor ich allemal was Kluges, Gutes. Heut sagte er: die Vernunft sei von den Philosophen als ihr Gott umtanzt und angebetet, wie jeder seinen Gott anbete, namlich als ein Gotze, der zu allem gelogen werde, was man nur in der Einbildung fur wahr halte, Dinge, die man auf dem Weg des Menschensinnes und der Empfindung allein finden konne und solle; die wurden zu Satzen, die auf keiner empfundenen Wirklichkeit beruhen, nur als willkurliche Einbildungen gelten und wirken. Philosophie musse nur durch die Empfindung begriffen werden, sonst sei es leeres Stroh, was man dresche, man sage zwar, Philosophie solle erst noch zur Poesie werden, da konne man aber lange warten, man konne aus durrem, geteertem Holz keinen grunen Hain erwarten, und da moge man Stekken bei Stecken pflanzen und den besten Fruhlingsregen erbitten, er werde durr bleiben, wahrend die wahre Philosophie nur als die jungste und schonste Tochter der geistigen Kirche aus der Poesie selbst hervorgehe, dies sagte er dem Mstr. Haise, der studierter Philosoph ist, der war daruber so aufgebracht, dass Voigt die Poesie die Religion der Seele nenne, dass er mit beiden Fussen zugleich in die Hohe sprang und nachher mir allein sagte: ich moge dem Voigt nicht so sehr trauen; denn seine Weisheit sei ungesund und konne leicht ein junges Herz verfuhren, sonst war alles ganz gut, wir tranken nachmittag auf dem Musenfels Kaffee und machten ein lustig Feuer im Wald an und tanzten zuletzt einen Ringelreihen drum, bis die letzten Flammen aus waren, und alle waren wie die Kinder so vergnugt, und mir kam es vor, als wenn gar kein Falsch oder versteckte Gesinnung mehr unter allen war. Ein freies Gemut ist doch wohl das Hochste im Menschen. Nie eine Periode des Menschenlebens verlassen, so wie sie rein erschaffen ist, um in eine andre uberzugehen, dabei nie eine derselben vermissen, ewig Kind sein, als Kind schon Mann und Sklave des Guten sein, Gott anbeten in Ehrfurcht und mit ihm scherzen und spielen in seinen Werken, die selbst ein Spiel seiner Weisheit, seiner Liebe sind, sagte Voigt auf dem Heimweg zum Mstr. Haise, und der war zufrieden und reichte ihm die Hand.

Gute Nacht

Am Montag

Gestern hatt ich nun rechte Zeit gehabt, Dir zu schreidem Bett und schlaft, man war bis spat in der Nacht aufgewesen, ich ging noch auf die Terrasse, um Abschied zu nehmen, weil am Morgen alles vor Tag abreiste; nur der Voigt blieb da bis Mittag, weil er nur bis Mainz ging. Er ging mit mir in die kleine Kapelle zur Messe, da war eben die Predigt wieder am Ende, es war unser Franziskaner. "Warum hat Jesus, da er ans Kreuz geschlagen ist und die bittersten Schmerzen leidet, zugleich eine himmlische Glorie um sein Haupt, die allen Anwesenden das Mitleid verbietet, die zugleich das seligste ruhmvollste Entzucken andeutet mit dem menschlichen Kampfe im Elend? Warum liegt in jedem seiner Taten, seiner Worte, das Irdische mit dem Ewigen so eng verbunden? Er hat seine Leiden nicht mit Freuden vertauscht, da er es wohl vermochte. Also, Mensch hab dein Schicksal lieb, wenn es dir auch Schmerz bringt, denn nicht dein Schicksal ist traurig, wenn es dir auch noch so viel Menschenungluck zufuhrt, aber dass du es verschmahest, das ist eigentlich das grosse Ungluck, und so schliess ich, wovon ich ausging, dass allemal das Schicksal des Menschen das hochste Kleinod sei, das nicht wegwerfend zu behandeln ist, sondern es soll mit Ehrfurcht gepflegt und sich ihm unterworfen werden." Der Voigt bereuete sehr, dass er die Predigt nicht ganz gehort habe, und meint, da er in wenig Worte so viel zusammendrange, so musse er in der Entwickelung sehr geistreich sein. Ich aber war froh, dass wir zu spat gekommen waren, denn mir schien das Thema sehr traurig, Leiden im voraus zu ahnen und sich darauf vorzubereiten, das will mir nicht in den Sinn. Am Abend waren wir ganz einsam, die Tonie und ich, es ist gar niemand mehr hier, ich war so gern noch hinaus spazieren gegangen und liess mir den Lelaps holen, den Hund von der Kustersfrau, der mich kennt, weil ich ihn schon oft mitgenommen habe auf dem Spaziergang, der kam mit einem Laternchen am Hals mit einem brennenden Lampchen, womit er immer bei nebligem Wetter seinen Herrn begleitet; das machte mir gross Plasier, ich nahm meinen guten Stock, der zusammengeflochten ist von drei guten spanischen Rohren, und den mir der Savigny geschenkt hat, und ging mit meinem guten Lelaps als fort zwischen die Schluchten, in denen der Nebel hin und her wogte, und sein klein Lichtchen verschwand oft, dass ich ihn nicht mehr sah, aber wenn ich rief, da kam er durch den dicken Nebel herbeigelaufen, da wurde das Lichtchen wieder sichtbar, was mir das fur Spass gemacht hat, der Hund und ich allein, und die Nebel, die herumflankierten wie Geister, heruber und hinuber, aufstiegen und hinabkletterten, es war eine Geschaftigkeit in diesen Felsritzen und an den Bergwanden hinab, wo man einen freien Blick ins Tal hatte, ich konnt mir gar nicht denken, dass es nicht Geister waren, und ich glaub's noch, und ich war innerlich recht glucklich und froh, dass ich dazugekommen war, und dass ich und der Hund von den Geistern so gut gelitten war, denn Du glaubst nicht, wie gut der Nebel tut, wie sanft, wie weich er sich einem anschmiegt, mein Gesicht war ganz glatt davon, und wir sind auch glucklich wieder nach Haus gekommen. Ich bin so froh, dass ich unbedeutend bin, da brauch ich keine gescheiten Gedanken mehr aufzugabeln, wenn ich Dir schreib, ich brauch nur zu erzahlen, sonst meint ich, ich durfte nicht schreiben ohne ein bisschen Moral oder sonst was Kluges, womit man den Briefinhalt ein bisschen beschwert, jetzt denk ich nicht mehr dran, einen Gedanken zurecht zu meisseln oder zusammen zu leimen, das mussen jetzt andre tun, wenn ich's schreiben soll, ich selbst denk nicht mehr. Ach, von dem Einfaltigsten, Ungelehrtesten verstanden und gefuhlt zu werden ist auch was wert; und dann dem Einzigen, der mich versteht, der fur mich klug ist, keine Langeweile zu machen, das kommt auf Dich an.

Wir waren am Rhein und sind wieder den andern Tag zuruck spat abends, so ist heut schon Donnerstag, es war schon in Rudesheim, die Tonie hatte dort uber jemand zu sprechen, der als Geistlicher in unser Haus soll, ich guckte indes auf der Bremserin aus dem grossen schwarzen Gewolb auf die Wiese im Abendschein, es flogen all die Schmetterlinge uber mich hinaus, denn da oben auf der Burg wachst so viel Thymian und Ginster und wilde Rosen, und alles hat der Wind hinaufgetragen; man meint als, der fliegende Blumensamen musst eine Seel haben und hatt sich nicht weiter wollen treiben lassen vom Wind und war am liebsten dageblieben, alles bluht und grunt, so viel Glockenblumen und Steinnelken und Balsam, ich dacht, wie ist's doch moglich, dass das alte Gemauer so uberbluht ist. Blum an Blum! Unten in der Ruine wohnt ein Bettelmann mit der Frau und zwei Kindern, sie haben eine Ziege, die bringen sie hinauf, die grast den duftenden Teppich mir nichts, dir nichts ab. Ich war eine ganze Stunde allein da und hab hinaus auf dem Rhein die Schiffe fahren sehen, da ist mir's doch recht sehnsuchtig geworden, dass ich wieder zu Dir will, und wenn's noch so schon ist, es ist doch traurig ohne Widerhall in der lebendigen Brust, der Mensch ist doch nichts als Begehren sich zu fuhlen im andern. Du lieber Gott! Eh ich Dich gesehen hatt, da wusst ich nichts, da hatt ich schon oft gelesen und gehort, Freund und Freundin, und nicht gedacht, dass das ein ganz neu Leben war, was dacht ich doch vorher von Menschen? Gar nichts! Der Hund im Hof, den holt ich mir immer, um in Gesellschaft zu sein; aber nachher, wie ich eine Weile mit Dir gewesen war und hatte so manches von Dir gehort, da sah ich jed Gesicht an wie ein Ratsel und hatt auch manches gern erraten, oder ich hab's erraten; denn ich bin gar scharfsinnig. Der Mensch druckt wirklich sein Sein aus, wenn man's nur recht zusammennimmt und nicht zerstreut ist und nichts von der eignen Einbildung dazutut, aber man ist immer blind, wenn man dem andern gefallen will und will was vor ihm scheinen, das hab ich an mir gemerkt. Wenn man jemand lieb hat, da sollt man sich lieber recht fassen, um ihn zu verstehen und ganz sich selbst vergessen und ihn nur ansehen, ich glaub, man kann den ganz verborgnen Menschen aus seinem aussern Wesen heraus erkennen. Das hab ich so plotzlich erkannt, wie ich Menschen sah, die ich nicht verstand, was sie mir sollten, und nun sind mir die meisten, dass ich sie nicht lang uberlegen mag, weil ich nichts merk, was mir gefallt oder mit mir stimmt, aber mit Dir hab ich wie eine Musik empfunden, so daheim war ich gleich; ich war wie ein Kind, das noch ungeboren aus seinem Heimatland entfremdet, in einem fremden Land geboren war und nun auf einmal von weit her ubers Meer wieder herubergetragen von einem fremden Vogel, wo alles neu ist, aber viel naher verwandt und heimlicher, und so ist mir's immer seitdem gewesen, wenn ich in Dein Stubchen eintrat: und so war's auch auf den alten Burgtrummern gestern; so lachend wie die Wiesen waren und die lustigen Madchen, die sangen, und der Abendschein und die Schiffe und die Schmetterlinge, alles war mir nichts, ich sehnt mich nach Dir, nur nach Deinem Stubchen, ich sehnt mich nach dem Winter, dass doch drauss Schnee sein mocht und recht fruh dunkel und drin brennt Feuer; der Sonnenschein und's Bluhen und Jauchzen zerreisst mir's Herz. Ich war recht froh, wie die Tonie mit dem Wagen vorfuhr, wie ich unten hinkam, waren dem Bettelmann seine zwei hubschen Kinder bloss im Hemdchen und kugelten mit Lachen ubereinander und hatten sich so umfasst; ich sagt, wie heisst ihr denn? Roschen und Bienchen. Das Roschen ist blond mit roten Wangelchen, und das Bienchen ist braun mit schwarzen stechenden Augen. Das Bienchen und Roschen hatten sich so recht ineinander gewuhlt. Um Mitternacht heimgekehrt hochst angenehmer Schlaf beim Rauschen von Springbrunnen.

Am Montag

Ich hab Deinen letzten Brief noch oft gelesen, er kommt mir ganz besonders vor, wenn ich ihn mit andern vergleiche, die ich auch hier in derselben Zeit erhalten hab, so muss ich denken, dass es Schicksale gibt im Geist, die so entfernt sind voneinander und so verschieden, wie im gewohnlichen Tagesleben, der eine wird sich's nicht einbilden vom andern, was der denkt ken. Dein ganz Sein mit andern ist traumerisch, ich weiss auch, warum; wach konntest Du nicht unter ihnen sein und dabei so nachgebend, nein, sie hatten Dich gewiss verschuchtert, wenn Du ganz wach warst, dann wurden Dich die grasslichen Gesichter, die sie schneiden, in die Flucht jagen. Ich hab einmal im Traum das selbst gesehen, ich war erst zwei Jahr alt, aber der Traum fallt mir noch oft plotzlich ein, dass ich denke, die Menschen sind lauter schreckliche Larven, von denen ich umgeben bin, und die wollen mir die Sinne nehmen, und wie ich auch damals im Traum die Augen zumachte, um's nicht zu sehen und vor Angst zu vergehen, so machst Du auch im Leben aus Grossmut die Augen zu, magst nicht sehen, wie's bestellt ist um die Menschen, Du willst keinen Abscheu in Dir aufkommen lassen gegen sie, die nicht Deine Bruder sind; denn Absurdes ist nicht Schwester und nicht Bruder; aber Du willst doch ihr Geschwister sein, und so stehst Du unter ihnen mit traumendem Haupt und lachelst im Schlaf, denn Du traumst Dir alles bloss als dahinschweifenden grotesken Maskentanz. Das lese ich heute wieder in Deinem Brief, denn es ist jetzt so still hier, und da kann man denken Du bist zu gut, fur mich auch, weil Du unter allen Menschen gegen mich bist, als warst Du mehr wach; als machtest Du die Augen auf und trautest wirklich mich anzusehen, o, ich hab auch schon oft dran gedacht, wie ich Deinen Blick nie verscheuchen wollte, dass Du nicht auch am Ende nachsichtig die Augen zumachst und mich nur anblinzelst, damit Du alles Bose und Schlechte in mir nicht gewahr werdest.

Du sagst: "Wir wollen unbedeutend zusammen sein!" Weisst Du, wie ich mir das ausleg? Wie das, was Du dem Clemens letzt in einem Brief schriebst: "Immer neu und lebendig ist die Sehnsucht in mir, mein Leben in einer bleibenden Form auszusprechen, in einer Gestalt, die wurdig sei, zu den Vortrefflichsten hinzuzutreten, sie zu grussen und Gemeinschaft mit ihnen zu haben. Ja, nach dieser Gemeinschaft hat mir stets gelustet, dies ist die Kirche, nach der mein Geist stets wallfahrtet auf Erden." Du sagst aber jetzt, wir wollen unbedeutend zusammen sein, weil Du lieber unberuhrt sein willst, weil Du keine Gemeinschaft findest; und Du glaubst wohl jetzt noch, dass irgendwo eine Hohe war, wo die Luft so rein weht und ein ersehnt Gewitter auf die Seele niederregnet, wovon man freier und starker wird? Aber gewiss ist's nicht in der Philosophie; es ist nicht der Voigt, dem ich's nachspreche, aber er gibt mir Zeugnis fur meine eigne Empfindung. Menschen, die gesund atmen, die konnen nicht sich so beengen, stell Dir einen Philosophen vor, der ganz allein auf einer Insel wohnte, wo's so schon war, wie der Fruhling nur sein kann, dass alles frei und lebendig bluhte und die Vogel sangen dann, und alles, was die Natur geboren hatt, war vollkommen schon, aber es waren keine Geschopfe da, denen der Philosoph was weismachen konnt, glaubst Du, dass er da auf solche Sprunge kam, wie die sind, die ich bei Dir nicht erzwingen konnt? Hor, ich glaub, er biss' lieber in einen schonen Apfel, aber so eine holzerne Kuriositat von Gedanken-Sparrwerk wurde er wohl nicht zu eigner Erbauung aus den hohen Zedern des Libanon zurecht zimmern; so verbindet und versetzt und verandert und uberlegt und vereinigt der Philosoph also nur sein Denkwerk, nicht um sich selbst zu verstehen, da wurde er nicht solchen Aufwand machen, sondern um den andern von oben herab den ersten Gedanken beizubringen, wie hoch er geklettert sei, und er will auch nicht die Weisheit seinen untenstehenden Gefahrten mitteilen, er will nur das Hokuspokus seiner Maschine Superlativa vortragen, das Dreieck, das alle Parallelkreise verbindet, die gleichschenkligen und verschobenen Winkel, wie die ineinander greifen und seinen Geist nun auf jener Hohe schwebend tragen, das will er, es ist aber nur der mussige Mensch, der noch sich selber unempfundne, der davon gefangen wird; ein andrer lugt, wenn er die Natur verleugnet und diesem Sparrwerk anhangt und auch hinaufklettert, es ist Eitelkeit, und oben wird's Hoffart, und der haucht Schwefeldampf auf den Geist herab, da kriegen die Menschen in dem blauen Dunst eine Eingebildetheit, als nahmen sie den hohen Beweggrund des Seins wahr; ich bin aber um dies Wissen gar nicht bang, dass es mir entgehen konnt, denn in der Natur ist nichts, aus dem der Funke der Unsterblichkeit nicht in Dich hineinfahrt, sobald Du's beruhrst; erfull Deine Seele mit dem, was Deine Augen schopfen auf jener segensreichen Insel, so wird alle Weisheit Dich elektrisch durchstromen, ja ich glaub, wenn man nur unter dem bluhenden Baum der Grossmut seine Statte nimmt, der alle Tugenden in seinem Wipfel tragt, so ist die Weisheit Gottes naher als auf der hochsten Turmspitze, die man sich selbst aufgerichtet hat. Alle Fruchte fallen zur Erde, dass wir sie geniessen, sie haben seine Flugel, dass sie davonfliegen, und die Bluten schwenken ihren Duft herab zu uns. Der Mensch kann nicht uber den Apfel hinaus, der fur ihn am Baum wachst, steigt er hinauf in den Wipfel, so nimmt er ihn sich, steht er unterm Baum und wartet, so fallt der Apfel ihm zu und gibt sich ihm, aber ausser am Baum wird er sich keine Fruchte erziehen. Du sprichst von Titanen, die die Berge mit grossem Gepolter aufeinander turmen und dann die stillen Gipfel der Unsterblichkeit hinabsturzen, da meinst Du doch wohl die Philosophen, wenn Du von ihnen sagst, dass ihr diebischer Eigennutz sich der Zeit vordrangt und sie mit schimmernden Phantomen blendet. Ach, aller Eigennutz ist schandliche Dieberei, wer mit dem Geist geizt, mit ihm prahlt, wer ihn aufschichtet oder ihm einen Stempel einbrennt, der ist der eigennutzigste Schelm, und was tun denn die Philosophen, als dass sie sich um ihre Einbildungen zanken, wer zuerst dies gedacht hat; hast Du's gedacht oder gesagt, so war es doch ohne Dich wahr, oder besser: so ist's eine Schimare, die Deine Eitelkeit geboren hat. Was geizest Du mit Munze, die nur dem elenden Erdenleben angehort, nicht den himmlischen Spharen? Ich mocht doch wissen, ob Christus besorgt war drum, dass seine Weisheit ihm Nachruhm bringe? Wenn das war, so war er nicht gottlich. Aber doch haben die Menschen ihm nur einen Gotzendienst eingerichtet, weil sie so drauf halten, ihn ausserlich zu bekennen, aber innerlich nicht; ausserlich durfte er immer vergessen sein und nicht erkannt, wenn die Lieb im Herzen keimte. Ich will Dir was sagen, mag der Geist auch noch so schone erhabene Gewande zuschneiden und anlegen und damit auf dem Theater herumstolzieren, was will's anders als bloss eine Vorstellung, die wir wie ein Heldenstuck deklamieren, aber nicht zu wirklichen Helden werden dadurch. Du schriebst an den Clemens: "Sagen Sie nicht, mein Wesen sei Reflexion oder gar, ich sei misstrauisch, das Misstrauen ist eine Harpye, die sich gierig uber das Gottermahl der Begeistrung wirft und es besudelt mit unreiner Erfahrung und gemeiner Klugheit, die ich stets jedem Wurdigen gegenuber verschmaht hab." Diese Worte hab ich oft hingestellt wie vor einen Spiegel Deiner Seele, und da hab ich immer ein Gebet empfunden, dass Gott einen so grossen Instinkt in Dich gelegt hat, der einem aus den Angeln der Gemeinheit heraushebt, wo alles klappt und schliesst; und wenn's sich nicht passen wollt, zurechtgerichtet wird furs Leben, ach nein, Du bist ein Geist ohne Tur und Riegel, und wenn ich zu Dir mein Sehnen ausspreche nach etwas Grossem und Wahrem, da siehst Du Dich nicht scheu um, Du sagst: "Nun, ich hoff es zu finden mit Dir."

Am Montag

So ernsthaft hab ich geschrieben, ich weiss selbst nicht, wie ich dazukomme, doch ist's der Nachklang von vor Mitternacht. Ich weiss selbst nicht, wenn ich's ansehe, warum's dasteht. Du gehst weit uber mich hinaus im reinen Schauen; denn Du bist ein Seher, ich betrachte nur die Schatten des Geistertanzes in den Luften, die Dich umschweben. Was soll das alles vor Dir, ich fuhl, dass ich von einer viel niederen Stufe zu Dir hinanrufe, ob dies und das so ist; ich ahne auch, dass Du mit einem leisen Zauberschlag mich strafen kannst, dass ich bei solchen Nachgedanken mich aufhalte. Ich weiss und weiss nicht. Im Tau baden, in als sich wenden und den Schatten messen, den man in die beleuchtete Ebene wirft; ja, ich war auch traurig, wie ich gestern schrieb, und aus der Traurigkeit steigt mir immer solcher Qualm von Hyperklugheit auf, Philistergeist! Ich schame mich es ist eine schlechte Sonate, deren Thema man bald auswendig kann, und die einem abgeleiert vorkommt, wenn man sie wiederholen wollt, das kommt vom Einsamsein her, da meint man, man musse was Bessers vorstellen, wenn man mit sich selber spricht. Ich merkt es, als beim Schreiben das selbstgefallige Geschwatz, was sich so schon fugte, mich verfuhrte, und nun auf einmal bin ich's satt. Wie anmutig und scherzend hast Du alles ausgesprochen und mit Deinem Zauberstab Dir spielend einen Kreis gemacht, mit mir drin zu scherzen, und ich hab mit Dornen und Nesseln und Disteln um mich gepeitscht; ach ich fuhl einen Widerwillen gegen meine Schreiberei von gestern. Hatt ich Dir nicht besser den wunderlichen Abend beschrieben, die seltsame Nacht, die ich mit der Tonie erlebt habe. So eine Wundernacht vergeht nicht, sie besteht ewig mit ihren leisen Schattenbildern, mit ihren Lichtdammerungen und eiligen Luftzugen und wie sie den Schlummer Woge auf Woge walzt; gewiss, wie die Welt geboren wurde, da war es Nacht, und da stiegen die Gipfel der Unsterblichkeit, die stillen, von denen Du sagst, zuerst auf aus den Wassern, und da drangte sich die Welt ihnen nach und liegt nun, und uber ihr stromen die Sprachen jener Einsamen durch den Nachthimmel. Ja, ich find mich nicht zurecht, wenn in einer solchen Nacht alles schlaft weit und breit und der Geist machtig mit seinen Flugeln die Luft durchsegelt. Und alle die Philosophen, die die Menschheit erwecken wollen, schlafen doch so fest und fuhlen's nicht. Und ob bloss, wenn's einem gegonnt war in jeder Nacht die Augen zu offnen und ihren tiefen Faltenmantel zu durchschauen, den sie uber die Natur ausbreitet und dann ihre heimlichen Geister umherschweifen, anhauchen alles Lebende; ob der nicht hierdurch ein Seher wurde himmlischem Wissen. Es ist doch so Seltsames in der Nacht, man sollte meinen, der Tag sei einmal schon in Beschlag genommen von der Verkehrtheit, aber die Nacht sei noch ganz frei davon; man fuhlt sich in der lautlosen silbernen Mondzeit aufgezogen wie die rankende Pflanze, die hinausstrebt in die Lufte, den voruberschweifenden Geistern sich anzuhangen und hier und dort von ihrem Hauch zu trinken. Aber was steig ich und schwindel ich denn immer noch, als lief ich am Waldrand hin? Ja, in der Nacht war's so klar in meinem Sinn, dass ich laut lachte, und nun schweift's von Berg zu Tal und betastet die Erinnerung. Und all mein Denken solcher Nachhall, wie war ich in eine Kluft gefallen. Wir waren am Nachmittag zum weiten Spaziergang fortgewandert und wussten wohl nicht genau die Zeit, die spater war, als wir glaubten, und weil uberall der Pfad an etwas Neugierigem sich hinzog, bald ein brausend Bachlein zwischen Klippen, bald sonnenhelles Grun und Hugel und Gemauer und dann ein Wald mit machtigen Kronen, da kamen noch Scharen von Vogel uber uns hingezogen, denen wir nachsahen, da war's bald gar aus, wir wussten nicht, wo wir hergekommen waren, und wo wir hinwollten, gern waren wir wieder umgewendet, wenn wir nur ahnen konnten, wo der Heimweg war. Wir machten einander Mut, durch den Wald auf einem breitern Weg, der quer lief, fortzuwandern; weil frische Spuren da waren, so musste er dort zu Menschen fuhren, noch hielten wir den Wind, die allmahlich sinkende Helle fur voruberziehende Wolken, aber es war der Abendwind, der das Laub vor uns her wehte, wir sagten es einander nicht, aber merkten es bald, schritten immer fort und sahen bald zwischen den hohen Wipfeln durch den roten Himmel glanzen, und wie der sich verzog in ein dammerndes Gold, aber ohne Schein und endlich ein Blau, schweigende Sternchen glitzerten, und der Pfad lief immer fort im Wald und die Sterne sahen hoch herab, und keins wagte die Stille zu unterbrechen, schweigend, ein Tritt nach dem andern raschelte durchs Laub. "Ach," sagt ich, "lass uns einen Augenblick ausruhen, Du wirst sehen, dann wird der Wald auf einmal sich auftun." "Ach," sagte die Tonie leise, "was wird das werden, wo kommen wir hin?" Statt zu klagen, musste ich laut lachen; "Um Gotteswillen, wie kannst Du so schaurig lachen, schweig still, es konnen bose Leute in der Nahe sein, die uns horen." Ich meint aber, wenn wir so sacht redeten und wanderten, das konnt noch viel gefahrlicher sein, und die Tonie liess sich uberreden, dass ich ein Lied sang. Das schallte! Das machte mich so glucklich, und der schweigende Wald, und dann ich wieder, und dann er wieder. Die Tonie hatte sich auf dem Pfad so gesetzt, um die Richtung nicht zu verlieren, der wir schon die ganze Zeit gefolgt waren, ich aber lag ruckwarts und sah in die Hoh, auf einmal entdeckte ich, dass der Wald links lichter ward, und dass der Himmel ganz frei war; ich sagte, dort mussen wir hin, da sind wir gleich aus dem Wald. "Um Gotteswillen verlass den Pfad nicht; denn so im Dickicht herumzustolpern in der Nacht, da konnen wir in Gruben fallen, lass uns ruhig auf dem Weg fortgehen," ich war aber schon vorwarts geschritten und stolperte wirklich und raffte mich auf und fiel wieder und kletterte uber Stock und Stein, und die Tonie rief von Zeit zu Zeit, ich antwortete, und da war ich plotzlich im Freien auf der Hohe, die sich abflachte in eine weite Ebene, die ich nicht ermessen konnt, aber ganz in der Ferne sah ich's glanzen, ich rief: "Hier steh ich und seh den Rhein, Du musst aus dem Wald heraus; denn auf dem Waldpfad kannst Du noch stundenlang unnutz fortwandern." Wir kamen uns entgegen mit Rufen durch die Nacht, doch ruckt ich nicht weit herein, aus Furcht, den Weg zu verlieren, endlich reichten wir einander die Hand, und nun zog ich sie hinter mir her. Es ist ein dumm klein Abenteuerchen, aber es machte mich doch so froh, uns so aus dem finstern Wald herausgefunden zu haben. Da standen wir nun und guckten uns um ob das dort ein Dorf ist oder dort, ob das ein Licht ist? Wir setzten uns am Waldrand hin und lugten, es liess sich nichts horen, kein Vogelchen, es war gewiss schon spat, vielleicht bald elf Uhr, und da brannte auch kein Licht mehr in den Ortern, drum konnten wir sie in der Ferne nicht sehen; wir ruhten gelassen ein Weilchen, und da war es so gross um uns her, und das tat so wohl, und dann ward es heller, der Mond musste bald kommen, da wussten wir, dass es um elf Uhr war. Jetzt sah die Tonie einen Ort fur ganz gewiss, sie sah das Kirchdach deutlich glanzen, wir schlenderten, rutschten, kletterten und kamen in die Ebene. Die Tonie behielt das Kirchdach im Aug, ich war zu kurzsichtig, aber ich lief voran; denn einen Weg zu bahnen, das kann ich besser. "Links! rechts!" rief sie, und so ging's uber abgemahte Felder, endlich an einen Graben mit Wasser, den wir glucklich ubersprangen, dann uber Zaune, dann Wiesen, dann Garten, und der Mond war auf, beleuchtet einen breiten Weg, der nach dem Ort fuhrt, aber ein grosses festes Tor schliesst diese verwunschte Stadt, die in ihrem Mondschein in Totenstille versunken liegt, dass nicht ein Hund bellt, nicht eine Katze mauzt. Da stehen wir mit unsern Stecken in der Hand und gucken das Tor an, das war mir schon sehr lacherlich, ich sag: "Ob ich versuch hinuberzuklettern?" Denn es war oben offen, aber unmoglich, denn es war sehr hoch, von eichnen Bohlen in ein Paar glatte dicke Pfahle die Angeln eingefugt. "Da seh mal," sagt die Tonie, "da ist zwischen dem Pfahl und der Stadtmauer ein Ritz," handbreit wenn ich die Oberkleider abwerf und den Atem anhalt', so kann ich durch, und nun geschwind alles was mich hinderte, an die Erd' geworfen und durch war ich, da setzte ich mich aber erst auf den Eckstein am Tor und lachte, und das schallte die Strasse hinab und fand ein Echo und schallte wieder herauf. "Ach, ich bitte Dich, lach nicht, Du weckst alle Leute auf, und die konnen uns wer weiss was tun," flehte sie durch den Ritz, ich nahm mich zusammen, besichtigte das Tor, fand, dass es mit zwei starken eisernen Riegeln zugebummst war, nahm einen Stein und klopfte die Riegel zuruck. "Mach keinen Larm, poltere nicht so", aber das half nicht, ich war im heissen Eifer, das Tor musste weichen, auf einmal gingen beide Flugel auseinander, und da stand sie vor mir und hielt ihren Einzug; jetzt wanderten wir schweigend durch die Strassen und musterten die Hauser, wir klopften an den Turen, an den Laden, kein Laut gab Antwort, endlich offnet sich ein Giebelfensterchen, ein Mannchen guckt heraus mit einem brennenden Kienspan in die Luft leuchtend, bei dessen Flamme wir ein bebartetes Kinn entdecken und also auf ein ungetauftes Mitglied der Menschheit schliessen, welches seine Stimme auch nicht leugnet. "Wir sind Kurgaste aus Schlangenbad, die sich verirrt haben, und hatten gern einen Fuhrer." Er bedeutet, dass gegenuber der Torwachter wohnt. Wir klopfen an, eine Weile dauert es, auf einmal tut sich ein Loch am Boden auf, und unter der Erde kommt herauf ein in braunem Pelz eingehullter Riese mit einem Baum in der Hand, ein Stock war's nicht, dazu war's zu gross, er setzt sich in Trapp und treibt uns vor sich her zum Tor hinaus, immerzu, den Pfad am Berg hinauf, bald aber sagte mir die Tonie ins Ohr: "Wenn der gewaltige Mann dahinter uns mit seinem Kolben einen Schlag gabe, es ist mir recht bang", nun, wir lassen den Mann vor uns gehen, da sehen wir doch, wenn er uns was tun will. So marschierte denn der Goliath vor uns her, ach, wie rauschten die Birken neben uns her und malten ihren Schatten uns unter die Fusse, wie quoll das Dunkel aus dem Wald dem Mondlicht entgegen, und die kleinen Wasser rauschten von den Bergen nieder und wallten zwischen Weiden fort, und an manchem schlafenden Dorf ging's voruber und dann auf der Hoh, noch einmal musst ich mich noch umsehen nach dem Silberstreifen des Rheins im Mondglanz, und Berge in der Ferne sanken und stiegen, aber am meisten war doch das Regen in der Luft, was umherschwirrte und flusterte in den Zweigen, und Traume, kindische, die mir das Herz beben machten, und dunkle Bilder, die aus dem Wald nebenan hervortraten, das hielt mir die Seele wach, und doch war's, als schlummere ich sorglos und wandle nur im Traum, und die Himmelssterne erblassten allmahlich und die einzelnen Hutten im Tal waren noch unbewusst des Tages, der sich ahnen liess, aber die Wachteln schlugen im Feld und kundeten ihn an, da sahen wir Schlangenbad. Wer war froher wie wir, ich aber uber alles, mich freut die herrliche Nacht. Die Schatten am Weg, die unsern beleuchteten Weg still umstanden, und der Abschied der Nacht, wie sie noch einmal die Wipfel schuttelte, das alles ist mir lieb, es ist ein Geschenk von den Gottern, wie so manche andre Stunden, wo's war, als wollten sie mich beschenken mit sussem schwarmerischem Gefuhl von innerlicher Kraft des Entzuckens. Das war's, was ich Dir erzahlen wollt, und was viel schoner ist wie alles Denken und Urteilen: sich dem Leben der Natur nahen und still und stumm ihre Vorbereitungen mit ansehen und wie sie weiht und reinigt in feierlicher Nachtstille.

An die Gunderode

Offenbach, Mai 1805

Sorg nicht um meine Gesundheit; im Dachstubchen bin ich ganz fidel; ich muss mit meinem Schatten an der Wand lachen. Drei Satz die Trepp herauf, und die Flugel gespreizt und herunter hinter die Pappelwand, wo was Weisses flattert. Da, wo wir vorm Jahr den Spitz begraben haben, spielte der Wind im Mondschein mit einem Papier; es flog aber gleich uber die Gartenwand, wie ich's haschen wollt. Mit dem guten Spitz furchtete ich mich nicht in der Nacht; er bellte mir als immer die Geister aus dem Weg. Der Klavierhofmann ist noch immer unser Nachbar; heut nacht, wie ich im Bett lag, da jagte er wieder wie sonst seine enharmonischen Laufe im gestreckten Galopp auf und ab; ich gab meinen Schlaf auf und meine Sinne freudig drein, die jagten mit. Mit dem Verstand Musik fassen wie die musikalischen Philister, das geht nicht ich muss empfinden. Sinnegewiegt von der Musik mich hingeben wie schlummernd, dann hab ich Gedanken, schnell wie die Sterne dahinfahren, oft am Himmel. Ich bekummre mich als, dass ich nicht denken kann, was ich will, und muss von allem mich irren lassen, wie auf dem Markt, wo man hin Bar, der tanzt, oder mit den Zigeunern mich ergotzen am Mainufer, wenn's Marktschiff Philister ausspeit und die betrunknen Musikanten schmettern sie hinaus. Allerlei geht mir im Kopf herum, aber wenn ich schreiben will, ist die Luft leer von Gedanken, und die meisten Worte sind uberflussig, ich muss sie wieder wegstreichen wie hier im Brief. Bei Musik bin ich gesammelt, die Gedanken fahren nicht herum, sie sind still und schauen innerlich Ding, was mich vergnugt. Die Seel wachst, die Knosp springt auf und saugt Mondlicht. Eine Weil hort ich zu im Bett, wie's Gewitter kam, sprang ich heraus und setzte mich aufs Fenster. Musik bringt alles in Einklang, sie donnert durch die hellsternige Nacht ihren gewaltigen Strom, dann tanzt sie hin und grusst mit jeder Well die Blum, die da heimlich bluht am Ufer. Wenn dann die Wolken vom Windsturm daher gejagt kommen, dann werden sie als gleich, als von ihrem Hauch bezaubert; der Regen rollt Perlen unter ihren tanzenden Schritt, beim leuchtenden Blitz vom Donner durch die schwarze Nacht geschnellt, die er mit schallenden Schwingen durchrast, das ist alles ein Hymnus mit der Musik nichts widerspricht, noch stort's das stille Bruten der Sinne. So hab ich die halbe Nacht verlebt, ein Leben, wie's nicht besser ist, noch sein wird mit der Zeit. Jetzt steh ich in der Blut, Honig bis an Rand voll, alles aus dem Innern. Mit den andern hab ich kein Verstehen, ich scham mich, vor ihnen anders zu sein wie sie. Du bist mir gut, und der Clemens, mit dem kann ich doch nicht sein, wie ich bin, er furchtet sich und kann nicht vertragen, dass ich mich ausstrom, bald ist's zu feurig, bald zu wehmutig, wo ich doch gar nicht traurig bin, aber weil er schon ist wie ein Gedanke aus meiner Seel, so muss ich liebvoll zu ihm sein. Das weiss er nicht, dass es Musik ist in mir, die ihn liebt, ich muss es so gehen lassen, alles muss reifen mit der Zeit. Mit Dir ungestort sein, da fuhl ich das junge Grun, wie das aus mir hervorkeimt, Du machst kein Wesen davon, dass im Fruhjahr die frischen Grashalme und Krauter duften so bin ich zufrieden und bluh all meine Gedanken heraus vor Dir.

20. Mai

Gestern war Sonntag, heut morgen war ich gar nicht argerlich, wie mich die Huhner aus dem besten Traum gegagst haben wie als in Frankfurt, wo die Liesbeth als grad Holz in Ofen geworfen hat, wie eben ein goldner Vogel mir wollt auf die Hand fliegen. Die Akazien im Hof sind recht gewachsen, sie schneien im Sonnenschein ihr letztes Silber aufs Grun. Der Garten lag so morgentrunken vorm Fenster, ich ging hinab, meinen alten Weg nach der Bretterwand hinter den Pappeln und kletterte heruber ins Boskett, wo ich reissen, wenn ich recht jauchzend bin. Zank nur nicht, dass ich mein Gewand nicht geschont habe. Dornenroschen hat mir ein Fetzchen davon behalten, wie ich versucht hab, ob ich noch zwischen dem Eisengelander vom Boskett durchwitschen kann; es geht noch, ich hab noch nicht zugenommen an Erdenballast da sitz ich auf der Terass' am Main, auf dem die Wasserspinnen lustig in der Fruhsonne herumfahren. Kam der Genius doch daher gewandelt ich konnt ihm mehr nicht sagen, als was die Bienen summen. Ist mir doch, als gehor ich zu dem bluhenden Zitronenbaum; ist so still alles wie am Feiertag, und der reinliche Kies mir unter den Fussen klirrt schuchtern alles voll Schauer und Harren, dass er komme, der, auf den auch ich harre, oder war er schon hier? und hat es fruher so geordnet fur mich, dass ich merke, er sei's gewesen, dem die sonnenbelasteten Aste sich gebeugt und die Welle nachmurmelt zu meinen Fussen. Ich wollt's besingen, aber's Luftchen, das nach ihm sucht im Gebusch, kehrt wieder und hat ihn nicht gefunden und schweigt und regt sich nicht mehr, so muss ich auch stumm sein.

An die Bettine

Dein Brief macht mir Freude, es ist ein gesundes, munteres Leben darin, das ich immer lieb in Dir gehabt habe. Du fuhrst eine Sprache, die man Stil nennen konnte, wenn sie nicht gegen allen herkommlichen Takt war. Poesie ist immer echter Stil, da sie nur in harmonischen Wellen dem Geist entstromt, was dessen unwurdig ist, durfte gar nicht gedacht werden, oder vielmehr darf alles Ereignis den Geist nur poetisch beruhren, sonst leidet er Abbruch, wie ich das heute morgen habe erfahren mussen, wo mir von Hanau eine veraltete Familien-Schuhmacherrechnung von 17 Flr. zugeschickt wurde, die ich nicht bezahlen kann, meine Verlegenheit poetisch aufzulosen, schikke ich Dir den kleinen Apoll als Geisel samt Turkheims Lorbeerkranz, gib mir das Geld.

Wenn Du einige Stunden in der Geschichte genommen hast, so schreibe doch daruber; besonders in welcher Art Dein Lehrmeister unterrichtet, und ob Du auch rechte Freude dran hast. An dem Marchen hab ich die Zeit sehr fleissig geschrieben, aber etwas so Leichtes, Buntes, wie mein erster Plan war, kann ich wohl jetzt nicht hervorbringen; es ist mir oft schwer zumut, und ich habe nicht recht Gewalt uber diese Stimmung. Grusse den Clemens, wenn Du schreibst, ich denke daran ihm zu schreiben und warte nur den Moment ab, wo mir's wieder leichter ist, damit ich ihm mit gutem Gewissen seinen Unmut und seine Launen vorwerfen kann.

Karoline

An die Gunderode

Geld liegt im Pult am grossen Spiegel, in der dritten Schublad links, in den andern Schubladen liegt aber auch vielleicht noch, zieh alle Schubladen ganz heraus, ob etwas dahinter gefallen ist. Der Schlussel liegt unter dem Blumenkasten auf der Altan, wo die Kapuzinerblumen stehen, den Apoll halt rein vom Staub, und dass ihn die Fliegen nicht bedippeln mit samt dem Lorbeerkranz; und vom Stil weiss ich nichts als von Dir, nichts Uberflussiges, nur was zur Sach gehort, sollt ich schreiben. Ich hab meinen Brief verputzt wie beim Apfelbaum, alle Raupennester und Zweige ohne Fruchtkeime ausgebrochen, bis er ganz kahl war. Man soll von jedem unnutzen Wort Rechenschaft geben, geschrieben kann man nicht ableugnen, so muss man sich zusammennehmen. Der Mensch empfangt den Geist mit Gedanken und Worten, es sind die Gemacher, in denen er ihn herbergt, die Ehrengewande, die er ihm umlegt, aber die mussen durchsichtig sein und knapp anliegen und die Raume einfach; denn was er nicht ausfullt, das verbaut ihn. Ich merk als, dass die Menschen sehr dumm sind und furchterliche Umwege machen ums Zentrum, ja, mir scheint jede Wahrheit ein Zentrum zu sein, das wir nur umkreisen, nie beruhren. Gestern musst ich der Grossmutter aus dem Hemsterhuis vorlesen, sie sagte: "Das ist ein herrlicher Gedanke", und legte mir eine Pfeffernuss drauf, da kam mir dieser Gedanke.

Am Montag

Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, eingeklammert hinten und vorn in zwei Faulenzer, Freitag, Samstag am End, Sonntag, Montag am Anfang. Er unterrichtet mich so, dass ich wahrscheinlich der Zukunft ewig den Rucken drehen werde und so auch um die liebe Gegenwart geprellt war, wenn die unreifen Aprikosen in der Grossmutter Garten nicht meinen Diebssinn weckten, mit dem ich doch fur meinen Verstand etwas Handgreiflicheres zu erbeuten gedenke, als: "Die Geschichte Agyptens ist in den ersten Zeiten dunkel und ungewiss." Das ist ein Gluck, sonst mussten wir uns auch noch darum bekummern "Menes ist der erste Konig, von dem wir wissen" mir auch recht, wenn wir nur was Gescheites von ihm erfahren haben. "Er erbaute Memphis und leitete den Nil in ein sicheres Bett. Moris grub den See Moris, die schadlichen Uberschwemmungen des Nils zu hindern. Dann folgt Sesotris der Eroberer, der sich selbst entleibte." Warum? War er schon? Hat er geliebt? War er jung? War er melancholisch? Auf all dies kung, er moge wohl eher alt zu denken sein. Ich demonstrierte ihm vor, dass er jung war, bloss um das Rad der Zeit in Schwung zu bringen, das im Geschichtskot der Langenweil immer steckenbleibt. Es rumpelte auch noch uber den Busiris, der Theba erbaute, Psamtichus, der die geteilten Staaten unter seine Flugel nahm, dann die Kriege mit Babylonien, Nebukadnezar, dem's der Kambyses, Cyrus' Sohn, wieder abnimmt. Die Agypter vereinen sich mit Lybien, machen sich wieder frei, kriegen mit den Persern, bis Alexander dem Streit und zu meinem Vergnugen dieser Geschichte ein End macht. Das ist der Inhalt der ersten Stunde, Du siehst, dass ich aufgepasst hab. Hatt ich aber den Sporn nicht gehabt, Jagd auf die Langeweile zu machen und Dir zu zeigen, wie unnutz es ist, die Asche, von der die Natur nicht einmal das Salz verbrauchen kann, wieder anzufachen, es gibt doch keine Glut mehr; ich dachte, wir liessen einstweilen die alten Herrscher in ihren Pyramiden fortschimmeln. Fruhling schwellet die Erde, ringsum drangt er die Keime und grunt in entfaltenen Blattern drangt auch wohl meinen Sinn, berauschet mir schwellend die Lippe, dass in erneuerter Sonne die sproden Hullen und Knospen meiner Gedanken zerbersten. Ich war heut morgen im Wald, an der Chaussee schon mit der Morgenrot, die eine Saffranbinde um seine Wipfel legte, der feuchte Grund wechselte die blauen Vergissmeinnichtbeete mit den goldnen Butterblumen; es war so feucht, so warm, so moosig, es war so brennend im Gesicht und so kuhlig am Boden.

Der Tau war so stark, ich war ganz nass geworden; als ich nach Hause kam, da trat mir der Lehrer schon mit dem achtzehnhundertsten Jahr der Welt entgegen, wo Nimrod Babylonien gestiftet. Ich wollte nicht fragen, wer der Nimrod war, aus Furcht, er mocht mir's sagen, und es war eben auch unnutz, es zu wissen. Wenn nun der Nimrod ein guter Kerl war, um den es schad war, und der mir besser gefallen konnt, als die jetzigen Menschen, so wollt ich ihm wohl die Dauer der Unsterblichkeit gonnen, aber der Lehrer jagte gleich den Assyrer Ninus hinterdrein, der das Reich erobert, von wo er Mittelasien beherrscht, ich jagte also ohne Aufenthalt mit, bis das Reich wieder befreit wird durch Nabopolasar, von dem ich auch nicht weiss, woher er geflogen kam. Nebukadnezar erobert Agypten; Babylonier, Assyrer, Meder fuhren Krieg bis Cyrus, der Perser, alle Reiche wieder erobert. Babylonische Geschichte umfasst sechzehnhundert Jahr, hat um elf Uhr angefangen und Glokkenschlag zwolf Uhr aus, ich spring in Garten.

Freitag

Heut morgen war der Geschichtskerl nicht da, da hab ich Generalbass studiert, von dem konnte ich eher sagen, dass ich was gelernt hab, uber den hab ich Gedanken, er spricht mich an wie Geheimnis, obschon der Hoffmann sagt: Alles ist klar wie der Tag ich geb's zu deswegen ist der klare Tag mir auch ein Geheimnis, so gut wie der einfache Harmoniensprung, von dem Hoffmann heut sagte: "Betrachtet man die Tonika nicht allein als solche, sondern auch in bezug auf jede andre Tonika, als eine ihr verwandte Tonart, wo sie vermoge und in dem Grade ihrer Verwandtschaft wieder Beziehung hat auf alle Seitenverwandtschaften und daher immer wieder als solche sich geltend machen kann; so sieht man leicht, wie alle moglichen Gattungen von Dreiklangen vermittels einfacher Harmoniensprunge aufeinander folgen konnen." Ich glaub's, aber begreif's nicht betrachten? kann man denn alles betrachten, wie man will? kann ich die Wolken da oben betrachten wie mein Daunenbett, so werden sie doch nicht herunterkommen, mich zudecken. Der kleine Hoffmann sieht mich an, erstaunt uber meine Dummheit, und wird selbst ganz dumm, denn er verstummt. Endlich sagt er ganz freundlich, das nachste Mal werde er gewiss eine Form gefunden haben, um mir's begreiflich zu machen, er ging in die Musikprobe, wo er tausend Harmoniensprunge mitspringen wird. Kam doch bald die nachste Stund, am Tanz der Dreiklange mocht ich erproben, ob mein Geist auch einen kuhnen Sprung tun kann, oder ob ich geboren bin, kriechend zu lernen wie die Raupe. Wahrlich, ich mochte gern wissen nicht wie mit der alten raupenfrassigen Geschichte. Ach Gott! ich hab keine Aussicht! Gestern abend ging ich noch nach dem Nachtessen hier im Garten; da hort ich ordentlich das Gras wachsen, aber so was gilt nicht fur Gescheitheit oder Verstand. Die grunen Apfel am Spalier unterm grauen Laub, die bepelzten Pfirsich muss ich respektieren, die kommen vorwarts, aber ich da wollt ich mich besinnen, auf was ich von je an gelernt hab, da kann ich doch nicht die Gebetchen mehr, die ich vier Jahr lang jeden Tag hersagte. Das Vaterunser, den Glauben, den englischen Gruss kann ich nur noch bruchstuckweis; den ganzen Sommerabend, auf den ich so lustern war, hab ich versimuliert, um den Glauben wieder zusammenzuflicken: "Aufgefahren zu den Himmeln" so weit schreibe mir's im nachsten Brief was folgt. Aber im Grund: Aufgefahren zu den Himmeln, war ein gut End, wenn Du's also auch vergessen hast, so schad's nichts, so brauchen wir beide es nicht zu wissen; aber nachkommen tut noch was, das weiss ich.

Samstag

Ach gestern war ein Tag voll Sonnenschein, die Muckchen und Kafer haben ihn vertanzt und versummt, die verstehen das Schwelgen im Genuss; ich hab sie belauscht, im hohen Gras uberbaut von der Leinwand, die da auf der Bleiche liegt. Die alte Cousine begoss sie ein paarmal in der Mittagsglut, es dauerte eine Weile, bis die einzelnen Tropfen durchkamen und mich benetzten, ich horte da unten der Musikprobe zu von den Symphonien, die aus dem Boskett heruberschallten in mein ungebildet Ohr und es in Erstaunen setzten uber alles, was es nicht fassen konnt. Musik in Tonen daher getragen durch die Lufte, die ganze Gewalt der Offenbarung uber uns ausstromend und dann verschwebend wer kann sie wieder wecken, wenn sie verhallt ist; ich bin so narrisch, mir deucht, ich musst verzweifeln, dass sie verklungen ist und hab ihr nichts abgewinnen konnen. So wird's noch manchmal gehen, es wird klingen und ich werd's nicht fassen. Gestern sprach ich mit der Grossmutter, die sagte: "Was der Verstand nicht fasst, das begreift das Herz." Ich begreif das wieder nicht.

Heut morgen sagt der Hoffmann: "Der einfache Harmoniensprung ist, wenn zwischen zwei aufeinander folgenden Akkorden eine Harmonie im Verstande gehort wird." Ich hor nicht im Verstand diese Harfuhle, nicht was ich versteh. Glaub's, Musik wirkt, begeistert, entzuckt, nicht dadurch, dass wir sie horen, sondern durch die Macht der ubergangnen dazwischenliegenden Harmonien, diese halten den horbaren korperlichen Geist der Musik durch ihre unhorbare geistige Macht verbunden mit sich. Das ist das ungeheure Einwirken auf uns, dass wir durchs Gehorte gereizt werden zum Ungehorten; denn wir sind durch einen Ton mit allen verwandt und durch alle mit jedem einzelnen besonders; allein ich kann's sagen gewiss, ich bin wahrend der Musikprobe auf einen Gedanken gefallen, wie Gott die Welt erschaffen hat. Das grosse Wort: Es werde, leuchtet mir ein. Ohne das Eine ist Alles nichts; ohne Alles ist nicht das Eine. Im Atemzug wallt die ganze Schopfung: Feuer, Erde, Luft und Wasser, und alles Leben, und alles Sein ist Vermahlung dieser vier Geister, die das Leben des Weltalls sind. Diese vier schaffen und erzeugen auch sich selbst im Geist, den sie ineinander vereinigen. Musik ist Selbsterzeugung dieser vier Elemente ineinander. In jedem Wesen, das lebt, erzeugen sich die Elemente; das ist Geist, der ist Musik. Auch das Tier hat Musik, es ist sinnlich durchdrungen von Wasser, Luft, Erde und Feuer, von ihrem Geist, der in ihm sich erzeugt, darum wird's so aufgeregt durch Musik, weil seine Sinne in ihr schlummern, traumen, und alles hat gleiche Rechte an die Gottheit, was durch Selbsterzeugung der Elemente in ihm zu Geist erhoben wird. Ich hab's aufgeschrieben, ich starr diese Zeilen an und weiss nicht, was ich sagen wollte.

Am lichten Tag zerstiebt das Geisterheer der Gedanken, aber dort unter der Leinwand, wo die Sonne durch die gesammelten Wassertropfen auf mich tropfte, wo ich im Netz gefangen lag all der bluhenden Graser, dort war mir's klar: Nicht, was wir mit den Sinnen vernehmen, ist wahre Wollust, nein! vielmehr das, was unsere Sinne bewegt zum Mitleben, Mitschaffen, das ist Leben, das ist Wollust wirkend sein! Genug, die Geister waren machtig in mir wahrend der Musik; deutlich riefen sie mir zu: "Eine Geige nimm und fall ein, so wie du fuhlst, dass du zur Entfaltung des Harmonienstroms mitwirken kannst, und kannst ihn heben und dich geltend machen im Verbrausen deiner Begeistrung und dort auf der Hohe dich ausdehnen, dich fuhlen in jedem Ton durch die Verwandtschaft deiner Stimme mit." Sollte einer Harmonielehre verstehen und mit Verstand anwenden, er musste heimlich die Welt beherrschen, ohne dass es einer merkt, und das ganze Universum klang ihm wie eine Symphonie, und die ganze Weltgeschichte trommelte und pfiff und schalmeiete zu seinem grossen Weltplasier.

Ja, ich versteh's, dem Hoffmann werd ich's zwar so nicht sagen, dem werd ich den ersten, zweiten und dritten Grad aller Verwandtschaften darlegen, und wie alles mir unterworfen ist zu dienen, wie ich jedem die Herrschaft ubertragen kann und wieder abnehmen und wie ich also immer herrsche, solang ich im Strom gottlicher Harmonie mitschwimme.

Adieu! Ich strecke wie ein Krebs meine Scheren aus dem seichten Grund meiner Wahrnehmungen und packe, was ich zuerst erwische, um mich aus dem eignen Unverstand loszuwinden.

An die Bettine

Halte doch noch eine Weile aus mit Deinem Geschichtslehrer; dass er Dir moglichst kurz die Physiognomien der Volkerschaften umschreibt, ist ganz wesentlich. Du weisst jetzt, dass Agypten mit Babylonien, Medien und Assyrien im Wechselkrieg war, fortan wird dieses Volk kein stehender Sumpf mehr in Deiner Einbildung sein. Regsam und zu jeder Aufgabe kraftig waren ihre Unternehmungen fur unsre Fassungsgabe beinah zu gewaltig; sie zagten nicht, bei dem Beginn das Ende nicht zu erreichen, ihr Leben verarbeitete sich als Tagwerk in die Bauten ihrer Stadte, ihrer Tempel, ihre Herrscher waren sinnvoll und umfassend heroisch in ihren Planen, das wenige, was wir von ihnen wissen, gibt uns den Vergleich von der Gewalt ihrer Willenskraft, die starker war als die jetzige Zeit zugibt, und leitet zu dem Begriff hin, was die menschliche Seele sein konnte, wenn sie fort und fort wuchse, im einfachen Dienst ihrer selbst. Es ist mit der Seelennatur wohl wie mit der irdischen, ein Rebgarten auf einen oden Berg gepflanzt, wird die Kraft des Bodens bald durch den Wein auf Deine Sinne wirken lassen; so auch wird die Seele auf Deine Sinne wirken, die vom Geist durchdrungen den Wein Dir spendet der Kunst oder der Dichtung oder auch hoherer Offenbarung. Die Seele ist gleich einem steinigten Acker, der den Reben vielleicht grade das eigentumliche Feuer gibt, verborgne Krafte zu wecken und zu erreichen, zu was wir vielleicht uns kein Genie zutrauen durften. Du stehst aber wie ein lassiger Knabe vor seinem Tagwerk, Du entmutigst Dich selbst, indem Du Dir den steinigten Boden, uber den Dorn und Distel ihren Flugelsamen hin und her jagen, nicht urbar zu machen getraust. Unterdes hat der Wind manch edlen Keim in diese verwilderte Steppe gebettet, der aufgeht, um tausendfaltig zu prangen. Dein scheuer Blick wagt nicht den Geist in Dir selber aufzufassen. Du gehst trutzig an Deiner eignen Natur voruber, Du dampfst ihre uppige Kraft mit mutwilliger Verschworung gegen ihren Wahrnehmungsgeist, der Dir's dann doch wieder uber dem Kopf wegnimmt, denn mitten in Deiner Desolationslitanei spruhst Du Feuer, wo kommt es her? Haben Dich die Erdgeister angehaucht? Fallt Dir's vom Himmel? Schlurfst Du's mit der Luft in Dich? Ich weiss es nicht, soll ich Dich mahnen, soll ich Dich stillschweigend gewahren lassen? Und vertrauen auf den, der Dir's ins Gesicht geschrieben hat? Ich weiss es wieder nicht. Ich mochte wohl, aber dann wird mir zuweilen so bange, wenn ich, wie in Deinem letzten Brief, das Vermogen in Dir gewahr werde, wie das lassig in sich verschrankt keinen Mucks tut, als ob der Schlaf es in Banden halte, und wenn's sich regt, dann ist's wie im Traum, nur Du selber schlafst um so fester, nach solchen Explosionen! Ob ich recht tue, Dir so was zu sagen? Das qualt mich auch, man soll den nicht wecken, der wahrend dem Gewitter schlaft! Du kommst mir nun immer vor, als entluden sich elektrische Wolken uber Deinem verschlafenen Haupt in die trage Luft, der Blitz fahrt Dir in die gesunkne Wimper, erhellt Deinen eignen Traum, durchkreuzt ihn mit Begeisterung, die Du laut aussprichst, ohne zu wissen, was Du sagt, und schlafst weiter. Ja, so ist's. Denn Deine Neugierde musste aufs hochste gespannt sein auf alles, was Dir Dein Genius sagt, trotzdem, dass Du ihn oft nicht zu verstehen wagst. Denn Du bist feige seine Eingebungen fordern Dich auf zum Denken; das willst Du nicht, Du willst nicht geweckt sein, Du willst schlafen. Es wird sich rachen an Dir magst Du den Liebenden so abweisen? der sich Dir feurig nahert? Ist das nicht Sunde? Ich meine nicht mich, nicht den Clemens, der mit Besorgnis Deinen Bewegungen lauscht, ich meine Dich selbst Deinen eignen Geist, der so treu uber Dir wacht, und den Du so bockig zuruckstosst. Je naher die Berge, je grosser ihr Schatten, vielleicht, dass Dich die Gegenwart nicht befriedigt, was uns naher liegt, wirft Schatten in unsre Anschauung, und daher ist gut, dass der Vergangenheit Licht die dunkle Gegenwart beleuchte. Darum schien mir die Geschichte wesentlich, um das trage Pflanzenleben Deiner Gedanken aufzufrischen, in ihr liegt die starke Gewalt aller Bildung die Vergangenheit treibt vorwarts, alle Keime der Entwicklung in uns sind von ihrer Hand gesaet. Sie ist die eine der beiden Welten der Ewigkeit, die in dem Menschengeist wogt, die andre ist die Zukunft, daher kommt jede Gedankenwelle, und dorthin eilt sie! War der Gedanke bloss der Moment, in uns geboren? Dies ist nicht. Dein Genius ist von Ewigkeit zwar, doch schreitet er zu Dir heran durch die Vergangenheit, die eilt in die Zukunft hinuber, sie zu befruchten; das ist Gegenwart, das eigentliche Leben; jeder Moment, der nicht von ihr durchdrungen in die Zukunft hineinwachst, ist verlorne Zeit, von der wir Rechenschaft zu geben haben. Rechenschaft ist nichts anders als Zuruckholen des Vergangenen, ein Mittel, das Verlorne wieder einzubringen, denn mit dem Erkennen des Versaumten fallt der Tau auf den vernachlassigten Acker der Vergangenheit und belebt die Keime, noch in die Zukunft zu wachsen. Hast Du's nicht selbst letzten Herbst im Stiftsgarten gesagt, wie der Distelbusch an der Treppe, den wir im Fruhling so viele Bienen und Hummeln hatten umschwarmen sehen, seine Samenflocken ausstreute: "Da fuhrt der Wind der Vergangenheit Samen in die Zukunft." Und auf der grunen Burg in der Nacht, wo wir vor dem Sturm nicht schlafen konnten sagtest Du damals nicht, der Wind komme aus der Ferne, seine Stimme tone heruber aus der Vergangenheit und sein feines Pfeifen sei der Drang in die Zukunft hinuberzueilen? Unter dem vielen, was Du in jener Nacht schwatztest, lachtest, ja freveltest, hab ich dies behalten und kann Dir nun auch zum Dessert mit Deinen eignen grossen Rosinen aufwarten, deren Du so weidlich in Deinen musikalischen Abstraktionen umherstreust. Du gemahnst mich an die Fabel vom Storch und Fuchs, nur dass ich armes Fuchslein ganz unschuldig die flache Schussel Geschichte Dir anbot, Du aber Langschnabel, hast Dir mit Fleiss die langhalsige Flasche der Mystik im Generalbass und Harmonielehre erwahlt, wo ich denn freilich nuchtern und heisshungrig dabeistehe. Den Blumenstrauss hat der Jude4 abgegeben, den Wacholderstrauch hab ich hinter dem Apoll aufgepflanzt, sie umduften ihn, die blauen Perlen, und die feinen Nadeln sticheln auf ihn. Wenn Du kommst, so verbrennen wir sie im Windofchen in meiner Kammer, und alle bosen Omen mit, drum sei nicht ungehalten, wenn ich Dir manchmal ein wenig einheize, ich freu mich aufs lustige Feuerchen.

Karoline

Sei mir ein bisschen standhaft, trau mir, dass der Geschichtsboden fur Deine Phantasien, Deine Begriffe ganz geeignet, ja notwendig ist. Wo willst Du Dich selber fassen, wenn Du keinen Boden unter Dir hast? Kannst Du Dich nicht sammeln, ihre Einwirkung in Dich aufzunehmen? Vielleicht weil, was Du zu fassen hast, gewaltig ist, wie Du nicht bist. Vielleicht weil der in den Abgrund springt freudigen Herzens fur sein Volk, so sehr hatte ihn Vergangenheit fur Zukunft begeistert, wahrend Du keinen Respekt fur Vaterlandsliebe hast vielleicht weil der die Hand ins Feuer legt fur die Wahrheit, wahrend Du Deine phantastischen Abweichungen zu unterstutzen nicht genug der Lugen aufbringen kannst, denen Du allein die Ehre gibst und nicht den vollen sussen Trauben der Offenbarung, die uber Deinen Lippen reifen.

Ob Hoffmann Deine musikalischen Erleuchtungen unter der nassen Leinwand begreifen wird, bin ich begierig zu erfahren. Wenn er verstehen soll, ob Du recht verstanden hast, so wirst Du ihm wenigstens in deutlicheren Modulationen Deinen enharmonischen Schwindel vortragen wie mir. Das ist es eben die heilige Deutlichkeit die doch allein die Versicherung uns gewahrt, ob uns die Geister liebend umfangen. Wenn's nur nicht bald einmal aus wird sein mit der Musik wie mit Deinen Sprachstudien, mit Deinen physikalischen Eruptionen und Deinen philosophischen Aufsatzen und dies alles als erstarrte Grillen in Dein Dasein hineinragt; wo Du vor Hochmut nicht mehr auf ebnem Boden wirst gehen konnen, ohne jeden Augenblick einen Purzelbaum wider Willen zu machen.

Karoline

An die Gunderode

Du strahlst mich an mit Deinem Geist, Du Muse, und kommst, wo ich am Weg sitze, und streust mir Salz auf mein trocken Brot. Ich hab Dich lieb! Pfeif in der schwarzen Mitternacht vor meinem Fenster, und ich reiss mich aus meinem mondhellen Traum auf und geh mit Dir. Deine Schellings philosophie ist mir zwar ein Abgrund, es schwindelt mir, da hinabzusehen, wo ich noch den Hals brechen werd, eh ich mich zurecht find in dem finstern Schlund, aber Dir zulieb will ich durchkriechen auf allen Vieren. Und die Luneburger Heid der Vergangenheit, die kein End nimmt, mit jedem Schritte breiter wird Du sagst im Brief, der mir zulieb so lang geschrieben ist, sie sei mir notwendig zum Nachdenken, zur Selbsterkenntnis zu kommen; ich will nicht widersprechen! Konntest Du doch die neckenden grausenerregenden Gespenster gewahr werden, die mich in dieser Geschichtseinode verfolgen und mir den heiligen Weg zum Tempel der Begeistrung vertreten, auf dem Du so ruhig dahinwallest, und mir die Zaubergarten der Phantasie unsicher und unheimlich machen, die Dich in ihre tausendfarbigen Schatten aufnehmen. Tut der Lehrer den Mund auf, so sehe ich hinein wie in einen unabsehbaren Schlund, der die Mammutsknochen der Vergangenheit ausspeit und allerlei versteinert Zeug, das nicht keimen, nicht bluhen mehr will, wo Sonn und Regen nicht lohnt. Indes brennt mir der Boden unter den Fussen um die Gegenwart, um die ich mich bewerben mocht, ohne mich grad erst der Vergangenheit auf den Amboss zu legen und da plattschlagen zu lassen. Du sprichst von meinem Wahrnehmungsvermogen mit Respekt; hab ich's aus der Vergangenheit empfangen, wie Du meinst wenn ich Dich namlich recht versteh, so weiss ich's doch nicht, wie's zuging. Ist's der Genius, der dort herubergewallt kommt? Das willst Du mir weismachen! Feiner Schelm! Mein Genius, der blonde, dem der Bart noch nicht keimt sollte aus dem Schimmel herausgewachsen sein wie ein Erdschwamm! Wahrlich, es gibt Geister, die drehen sich um sich selber wie Sonnen; sie kommen nicht woher und gehen nicht wohin, sie tanzen auf dem Platz, Taumeln ist ihr Vergnugen, der meinige ist ganz berauscht davon, ich lasse mich taumelnd dahintragen. Der Rausch gibt Doppelkraft, er schwingt mich auf, und wenn er mich auch aus Ubermut den vier Winden preisgibt, es macht mir nicht Furcht, es macht mich selig, wie sie Ball mit mir spielen, die Geister der Luft! Und dann komm ich doch wieder auf gleiche Fusse zu stehen, mein Genius setzt mich sanft nieder das nennst Du schlafen in trager Luft, das nennst Du feige? Ich bin nicht feige; seine Eingebungen fordern mich auf zum Denken, meinst Du und dass ich dann lieber schlafe, meinst Du Ach Gott! Denken, das hab ich verschworen, aber wach und feurig im Geist, das bin ich. Was soll ich denken, wenn meine Augen schauen jene Vergangenheit hinter mir im Dunkeln, wie kann ich sie an den Morgen knupfen, der mit mir vorwarts eilt? Das ist die Gegenwart, die mich mit sich fortreisst ins ungewisse Blaue, ja ins Ungewisse; aber ins himmlische, blonde, goldstrahlende Antlitz des Sonnengotts schauen, der die Rosse gewaltig antreibt und weiter nichts. Der Abend fangt mich auf in seinem Schoss, sinnend lieg ich ein Weilchen, lausch in die Ferne! Grossere Helden deucht mir da auf der vollen Heerstrasse der Geschichte, am heutigen Tag ihre mutigen Rosse tummeln zu horen; ja, ich will, ich mocht hin, das Banner vor ihnen hertragen, wie wollt ich mich des Luftchens freun, das drin flattert, wie wollt ich mich der eignen Locken freun, die getragen im jauchzenden Galopp mich umspielen mit leisem Schlag auf meine Wangen, wie kuhn ins Leben hineingejagt, wie rasch hinter ihm drein, uber die Heid! Wie lustig! Aufwarts, vorwarts, hinab durch den Dampf. Der auf dem Berg winkt, sein Aug ruht auf mir, seine Trommeln lenken, seine Trompete ruft! Und dann in der Nacht vor seinem Zelt! Und schlaf fest, denn er, der Zeiten Genius, weckt zur rechten Stund, und im Schutze seines Gefieders schau ich die Gefilde ihn uberwallen, die Volker wecken, sie angluhen mit seinem Feuerblick, dass sie freudig Hochzeit machen mit dem Tod, auf lorbeerumsprosstem Bett nun, Kamerad, willst Du mit?

Heute hat die Vergangenheit ausgespien, so kurz wie moglich, denn ich sass ihr auf dem Dach, das assyrische Reich, von Asser gleich nach dem babylonischen Reich gestiftet; das Wort "gestiftet" macht mir immer Zerstreuung, vom Kloster her noch, wo ich so oft hab vorlesen mussen, der heilige Bonifazius stiftete den heiligen Orden der Benediktiner, oder der Antonius von Padua oder Franziskus und so weiter, es gemahnt mich an jene Kampfe, die diese heiligen Feldherrn mit der Legion Teufel zu bestehen hatten, und da denk ich mir gleich alle Volker, mit denen sie im Kampf waren, gehornt mit Bocksfussen, feuerspeiend und pestilenzialischen Gestank verbreitend, den mir die Vergangenheit heruberweht. Die heiligen Assyrer aber in Kutten, die ihnen das Kampfen erschweren. Ich denk, ich denk alle Teufel, unterdes Ninus der Eroberer von Mittelasien heruberwitscht, Ninive die Hauptstadt von Assyrien, erbaut, mit Tod abgeht, seinem kriegs- und baulustigen Weib Semiramis noch ein Stuck Babylon zu bauen ubrig lasst, worauf sie glanzende Feldzuge macht das alles versaumt uber dem Kloster und Waldteufel samt heiligen Ordensmannern. Durch Winkelzuge und Fragen kriegt ich's aus dem Lehrer noch heraus, dass weiter nichts passiert war. Uber der Geschichte der Semiramis hat Vergangenheit so dicken Schimmel wachsen lassen, dass sie noch eben mit dem blauen Aug der Unsterblichkeit ihres Namens davonkommt, sonst wussten wir gar nichts. In der Folge beherrschten die Meder Assyrien, es machte sich wieder frei, bis der Babyloner Konig Nabopolasar (unter welchem ich mir einen Centaur denk, der Silbenfall seines Namens hat etwas Ahnliches mit dem Galopp eines leichten arabischen Renners) es erobert und mit den Persern teilt. Damit hat die Vergangenheit fur heute noch nicht genug, sondern meldet ferner: Die alteste Geschichte der Meder ist unbekannt, Arbazes, ihr Statthalter, befreit durch Uberwindung des Sardanapal vom assyrischen Joch im Jahr der Welt 3108, genau gemessen, des Lehrers Phantasie erstreckt sich lediglich aufs Jahr der Welt. Dejozes erbaut Eckbatana (lies Tians Offenbarungen uber diese herrliche Stadt). Astyages (wo kommt der her?) vermahlt seine Tochter dem Perserkonig Kambyses, dessen Sohn Cyrus seinen Grossvater vom Thron stiess (der also zu lang sitzen geblieben war) , er vereinigt Medien, Assyrien und Persien und stiftet das grosse medopersische Reich, der Jud Hirsch vom Geschlecht Esau streckt seine rauhe Hand herein, es in Besitz zu nehmen, er wird's unterjocht halten in seinem alten Sack, bis Du's befreiest, schmeisst Du's ins Ofenloch mit dem alten Papier, so bringst Du mich um einige schwer eroberte Vergangenheit.

Schreib vom Marchen.

Schreib dem Clemens nichts von mir, sag ihm nur nichts von meiner Ausgelassenheit, er meint gleich, ich war besessen, er tut mir tausend Fragen, er ist ganz verwundert, dass ich so bin, er forscht, er sucht eine Ursach und fragt andre Leut, ob ich verliebt sei, wo ich doch nur im heiligen Orden meiner eignen Natur lebe. Zum Beispiel wenn er wusste, dass ich abends auf dem Dach vom Taubenschlag sitz und der untergehenden Sonne auf dem Flageolett vorblase, wurde er's gutheissen? Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen, ich kann ihm nichts versagen. Red nichts von mir, lass die Leute bei ihrer herzlich schlechten Meinung von mir, es ist meine beste Freud, ich geh mit meinem Damon um, der sagt: Du sollst dich nicht verteidigen. Ich tu, was er will, alles andre ist mir einerlei; einmal hab ich Visionen von ihm, so gut ward's der Psyche nicht, sie sah doch nicht seinen Widerschein; denn es war stockfinstre Nacht um sie, ich aber, wenn ich's im Herzen fuhl, so seh ich's auch, was mich entzuckt, warum ich leben mag, himmlisch feucht Leben im Jugendstrahl, vortretend, ein bisschen auf die Seit geneigt, steht er immer vor mir, nicht den Blick mir grade zuwendend, nein, bescheiden zeigt er sich in meiner Brust, der Gott, dem ich mich einschmeichle, mit sussen Tranen, der mich morgens vom Lager schuttelt, wo's kaum tagt, ich soll mich aufmachen, vielleicht begegne ich ihm bei Tagesanbruch, so eil ich fluchtig vorwarts, ich fuhl mich schon im Herzen, ich fuhl meine Schonheit, mein Geist ist ein Spiegel, der ist voll himmlischem Reiz jeder Tautropfen am Weg sagt mir, ich gefalle meinem ihm, was braucht's mehr, wem sollt ich noch gefallen wollen ausser ihm? Nein, glaub's doch nur, er ist wirklich! Er schreitet so leicht, er entschwindet mit jedem Tritt, aber er ist gleich wieder da! Wie sich das Licht im Auge spiegelt, mich blendend deckt es sich im Schatten, dann fasst es wieder Licht, dann schwindelt's, es sieht den Strahl verschweben, doch leuchtet der fernerhin wieder auf, das Auge sucht ihn, es hat ihn schon gefunden, dann schliesst sich's und siehet innerlich, das ist ein still Geniessen. O, ich weiss alles! Ich weiss zu lieben, aber nur den Genius. Keiner darf wissen das Geheimnis, was sich im Feuerkreis um mich schwingt. Wenn ich so dasteh, still mit geschlossenen Armen. Und der Blick, den nennt die Grossmama starr "Madele, was starrst sollt man glauben, Du warst ausser der Welt entruckt." Ich fuhr auf da lacht sie. "Gutes Kind, wo bischt? bischt beim Schutzengel?" und zieht meine Hand an ihre Brust "so sagen die Schwaben, wenn einer so in sich verstummt." Ich wollt's bejahen und konnt doch nicht. Der ruft mir: "Schweig!" und sollt ich einen Laut tun? ? Nein, er sagt: "Schweig!" Das schliesst mir den Mund auf ewig. Ewig, Gunderod. Du bist der Widerhall nur, durch den mein irdisch Leben den Geist vernimmt, der in mir lebt, sonst hatt ich's nicht, sonst wusst ich's nicht, wenn ich's vor Dir nicht aussprach. Dem Clemens sag nichts, als dass ich brav studier, wie's vom Himmel regnet, und dass nichts dabei herauskommt, das sage auch, aber von mir von uns sag nichts. Er braucht's nicht zu wissen, dass wir so himmlische Kerle sind, heimlich miteinander, wo er nicht dabei ist und keiner. Schau auf, Gunderod, gleich wird ein himmlischer Tanzer aus den Kulissen hervorschweben. Tanz ist der Schlussel meiner Ahnungen von der andern Welt. Er weckt die Seel, sie red't irr wie ein Kind, was in Blumenlabyrinthen sich verliert, da schwankt's Kindchen, und die Armchen streckt's aus, nach bluhenden Zweigen, weil's taumelt, weil's so lang im Kreise sich drehte schaut's auf, da steht der Mond uber ihm und sanftigt den Schwindel mit angehaltenem, stillem Blick, an dem erholt's sich wieder. Was meinst Du, was ich Dir da vorschwindel und muss die Tranen verbeissen. Ich mein als, ich konnt die ganz Welt auf die Welt bringen mit meinem Mund, wenn der nur sprechen wollt, wie's Gott ihm auf die Zung legt, aber wenn sie heraus damit soll, dann stockt sie. Aber dabei bleibt's, wir mogen stammeln oder lallen oder auch nur seufzen, wir wollen's einander alles still verborgen abhoren, nicht wahr? wie auf der grunen Burg im Abendrot, wo wir im Feldgraben lagen, da war ich freudig mit der Zung, da war's immer, als war einer hinter mir, der mir's einflustre, Du frugst, was ich mich denn umdreh so oft? ich sagt: "Hinter mir tanzt's" denn ich wollt nicht sagen: spricht's, denn es war mehr so getanzt und fluchtig geschwungen im Kreis, Nymphen, die sich bei der Hand hielten hinter den drei grossen Zypressen hervor, schmiegten sich anmutig, die Fusschen zusammen und die Kopfchen, Du guckst mich an und sagtest: "Sei kein Narr!" haha, ich muss lachen das war zu spat, freilich bin ich ein Narr! denn was ich Dir da vorplaudre, das ist eine Weise, nach der wird getanzt hinter mir, und so war unser tiefer Philosophentext in die Luft gesprengt, was war's doch? von der innerlichen Wahrnehmung und von der Anschauung im Geist, ob die verschieden waren, und wo sie herkamen, aus der Empfindung oder aus dem Gefuhl, und wo diese Quellen sich herleiten, ob links ob rechts; das alles wolltest Du da im zunehmenden Dammerlicht aus mir herauspumpen. Schwernot! Das war zu arg, ich mocht Dir heut noch eine Ohrfeig geben druber aber das war grad mein Himmlischstes, dass Du nicht bos geworden bist und hast die geschlagne Wange sanft an mich gelehnt und hast gegirrt wie eine Taube und sagtest: "Ja", wie ich fragte, tut's weh, "aber es tut nichts." Hier hab ich's hingeschrieben; denn wenn so viel unnutz Zeug geschrieben steht, so kann auch geschrieben stehen, dass ich Dir eine Ohrfeig gab. Aber die grosse schone Versohnungsstille uber uns die Dammerung, die immer breiter ward und grosser und der Nebelvorhang vor dem Weidengang vom Feldberg herab und der Feuersaum langs dem ganzen Horizont, wie werd ich's vergessen? Erst hingen wir einander im Arm, ganz still, und dann lag ich quer uber Deinen Fussen, so dacht ich, Du schlafst, weil ich Dich hart atmen horte, und wollt eben auch einschlafen. Da fingst Du an zu reden (da hast Du's in Musik gesetzt):

Liebst du das Dunkel

Tauigter Nachte,

Graut dir der Morgen?

Starrst du ins Spatrot,

Seufzest beim Mahle,

Stossest den Becher

Weg von den Lippen,

Liebst du nicht Jagdlust,

Reizet dich Ruhm nicht,

Schlachtengetummel,

Welken dir Blumen

Schneller am Busen

Als sie sonst welkten,

Drangt sich das Blut dir

Pochend zum Herzen

Ach, Du stocktest. Das hab ich meiner Ungeduld zu danken zu horen, nein, zu fuhlen Deinen sussen Wortertanz, wie er sich mit vollem Busen sanft hinablehnte zu den Wellen, die ihn umfassen wollten und kuhlen. Ich konnt's nicht erwarten, dass Du weiter tanztest Deiner Seele Tanz. Und da war's vorbei; da macht ich einen Vers dazwischen, um Dich in Trapp zu bringen, Du sagtest: "Geh, Du Esel" da war's aus. Ach, wieviel Melodien hab ich auf diesen Vers gesungen, alle Stimmungen hat er mussen aufnehmen, heut noch langs der Gartenwand schlug ich mit einem Stock ans Eisengitter, das drohnte mir im Herzen wider, als war's Herzpochen, und sang dazu so kuhn, so laut, so schreivoll, als stund mein Herz mitten in Flammen und eilte sich mit Pochen uber alle Massen. Weisst Du nicht weiter zu singen, was passiert, wenn sich das Blut pochend zum Herzen drangt? Oder willst mir's nicht sagen? Bin ich Dir dazu auch noch zu jung? Wenn Du das meinst, dann will ich Dir beweisen, dass ich weit druber hinausgreif, und dass ich mehr weiss als viele, denen das Herz schon gepocht hat wie mir nicht. Einmal erregt sich das Herzpochen durch Anlacheln das hab ich aus eigner Wahrnehmung, gestern abend erst auf der Bank vor der Hoftur, da sass ich es war elf Uhr, alles schlief, beim Nachbar brannte ein Nachtlampchen.

Adieu, schlaf recht wohl, denn es ist elf Uhr, alles schlaft wieder, ich will wieder mich auf die Bank setzen vor die Hoftur, es ist Vollmond, geht gleich auf, ich will ihn steigen sehen. Gute Nacht.

An die Bettine

Dein buntes Fullhorn frohlicher Verschwendung erlost mich vom Ubel. Gedanken sind mir oft lastig in der Nacht, die mir am Tage einen truben Nachklang geben, so war's heute! Dein jung frisch Leben, das Schmettern und Tosen Deiner Begeisterung und besonders Dein Naturgenuss sind Balsamhauch fur mich, lass mir's gedeihen und schreib fort, auch Deine dithyrambischen Ausschweifungen, die so plotzlich der Flamme beraubt verkohlen, als habe sie ein mutwilliger Zugwind ausgeblasen, sind mir gar lieb. Bleib mir zulieb noch eine Weile bei der Geschichte, so wie Du es jetzt treibst, kann es Dir nicht lastig fallen, wenn sie auch jetzt Dir noch nicht viel Ausbeute gibt, so weisst Du sie doch ins Kunstgeflecht Deines Tags zu verwenden, ich seh Dich bald, George hat mir versprochen, mich im Gig mit hinauszunehmen, verbring Deine Nachte nicht ohne Schlaf, klettre nicht auf die Dacher und Baume, dass Du den Hals nicht brichst, und denk, dass dies der Weg ist, Deine Gesundheit zu starken. Was sagt denn die Grossmama dazu, ist sie damit zufrieden?

Dem Clemens will ich gern von Deinen Briefen an mich nichts sagen, weil Du es nicht willst, und ich fuhl auch, dass es nicht sein kann, es war Storung ohne Gewinn, er sieht Dich so ganz anders, ohne dass er Dich falsch beurteilt, nur sieht er in jedem Farbenstrahl Deines Wesens wie Diamanten, die er meint fassen zu mussen und doch nicht erfassen kann, weil es eben nur Strahlenbrechen Deiner Phantasie ist, die ihn und jeden verwirrt. Glaubst Du denn, dass ich ruhig bin, wenn Du so mit mir sprichst, von einem zum andern springst, dass ich Dich jeden Augenblick aus dem Auge verliere? Du hebst mich aus den Angeln mit Deinen Wunderlichkeiten! Doch ich will nicht freveln! Dein Lachen, das mich oft ausser mir gebracht hat, womit Du mich beschwichtigen wolltest nun, ich muss mir es gefallen lassen, dass Du mit allen Pfeilen wie ein armes Wild mich hetzest. Und der Clemens, der mich immer spornt mit Dir zu lernen, der immer von mir wissen will, was und wie Du es treibst. Dem es leid tut um jeden Atemzug, der von Dir verloren geht, der hingerissen ist von Deinen kleinen Briefen an ihn, wo Du ganz anders wie ein Kind schreibst, so fromm, und an mich so ausgelassen, was soll ich dem nur sagen? Das eine tu mir nur und rappel mir nicht einmal vom Dach herunter mit Deinem Flageolett; hatt ich nicht Vertrauen in Gott, dass der weiss, zu was alles in Dir so ist und nicht anders, und dass es ja doch nur ihn angeht, da es sein Belieben war, Deine Seele so zu bilden. Was sollt ich von Dir denken? Clemens schreibt, Du musstest fortwahrend dichten und nichts durfe Dich beruhren als nur was Deine Krafte weckt, es ist mir ordentlich ruhrend, dass wahrend er selber sorglos leichtsinnig, ja vernichtend uber sich und alles hinausgeht, was ihm in den Weg kommt, er mit solcher Andacht vor Dir verweilt, es ist, als ob Du die einzige Seele warst, die ihm unantastbar ist, Du bist ihm ein Heiligtum, wenn er manchmal von Offenbach heruberkam, da war er ganz still in sich vertieft, wo sonst seine Koketterie fortwahrend gespannt war, kleine Kritzeleien von Dir hat er oft sorgfaltig aufgehoben, es ware traurig, wenn Du keinen liebenden Willen zu ihm hattest; schreib doch nicht mehr "passiert", das Wort ist nicht deutsch, hat einen gemeinen Charakter und ist ohne Klang, kannst Du nicht lieber in den reichen deutschen Ausdrucken wahlen, wie es der reine Ausdruck fordert. Vorgehet, ereignet, begibt, geschieht, wird, kommt; das alles kannst Du anwenden, aber nicht: passiert. Ich muss Dir aber doch antworten, weiter passiert nichts. Und Du weisst's ja schon alles besser wie Du schreibst, da Du in der Nacht auf der Hofbank so grosse Abenteuer erfahren haben willst, die Dein Herz bewegten. Ich bin nicht bange, dass Du mir es nicht sagen solltest, wenn's wirklich was Erlebtes ist und Du Deine Lugen bis zum nachsten Brief nicht vergessen hast. Dann auch bitt ich, dass Du nicht mehr fluchst, Deine Briefe sind mir so lieb und Deine Extravaganzen alle sind mir verstandlich und lieb, aber Worte, die Du bloss um zu prahlen hinzufugst, wie Schwerenot, und die keine Bedeutung haben in Deinem Mund, die kannst Du ungesagt lassen, denn sonst glaub ich nicht, dass der Wohllautenheit und des Tanzes Genius Deine innern Erlebnisse begleiten. Zweitens schieb mir nichts zu, was ich nicht verschuldet habe; des Abends auf der Burg erinnere ich mich deutlich, grade wie Du ihn beschreibst, ich war auch sehr heimlich und bewusst, und bis zum andern Tag war die Stimmung mir geblieben von den Worten, die Du mit mir wechseltest, aber Esel hab ich Dich nicht geschimpft, das ist wieder eine von Deinen ungeeigneten Erfundenheiten, lass nichts dergleichen wieder auf mir belasten, ich bin empfindlich; im Anfang Deines Briefes nennst Du mich Muse, und am End lasst Du Deine Muse Dich Esel schimpfen, es war zum Lachen, wenn's nicht zum Weinen war, dass Du Deine eigene Muse so zu beschimpfen wagst.

Karoline

An die Gunderode

Drei Uhr morgens! Hier bin ich auf der Terrasse am Main, ich wollt als immer einmal hergehn in der Fruh, wenn der Tag noch nicht auf den Beinen ist und Larm macht, am Tag bin ich zerstreut, was mir immer wie Sunde deucht, dass ich Anteil nehm an was mich nichts angeht. Aber in der Fruh, da hab ich ein ganz lauter Herz; und scham mich nicht, die Natur zu fragen, und ich versteh sie auch, gestern abend war mir so wohl hier, wie Bernhards Schiff mit der Harmonie hin und her fuhr auf dem Main, die meisten Leut waren nachgefahren auf Nachen, wir blieben am Ufer, ich hatt mich ganz in die Ecke gesetzt, da steht ein grosser Zitronenbaum, es war Wetterleuchten, aber die Hitz war doch nicht abgekuhlt, und die Bluten vom Baum wetterleuchteten auch, oder sollt ich mich getauscht haben? denn ich war eingeschlafen uber der Musik, und wie ich aufwachte, da sah ich ganz verwundert, wie der Zitronenbaum Flammen hauchte aus den Bluten. Ich kann's doch nicht getraumt haben? Denn ich guckte eine ganze Weile zu, bis ein leiser Regen kam, da gingen wir nach Haus. Wer weiss, was doch alles vorgeht in der Natur, was sie uns verbirgt. Der Mensch hat ja auch als Gefuhle, die er nimmer wollt belauscht haben. Dass aber der Baum uber mir fortleuchtete, wie ich mich besann und ihm zuschaute, das ist mir so lieb, ich konnt nicht schlafen im Bett, es war mir zu wohl dort gestern, wo ich den Herzschlag der Natur fuhlte, und wo sie mit ihren Blumen mich anflammte. Im Dunkel haucht man die Lieb aus und schamt sich nicht vor dem Schatz, weil's dunkel ist. Nun bin ich mit Zagen hergeschlichen, heimlich, dass es nicht gewusst sei, wie auch jenes Leuchten nicht gewusst ist. Erst greinte die Hoftur, aber heut abend will ich sie salben, wie der Properz, wenn er einen Liebesweg vor hat; dann krachte die Gartentur, dann schurrte der Kies unter den Fussen. Man scheut das Gebusch zu wecken, so still ist alles mit Ruh gedeckt. Die verschlafnen Federnelkchen schuckern zusammen im fruhen Tau, und mich schauert auch das stille Wirken der Natur, hier uber der schlafenden Welt, obschon der Wind nicht so scharf ist, der den Tag heraufweht. Heut ist doch ganz milde, gestern abend war der Himmel grun und mischte sich mit dem Rot, das vom Untergang heraufzog, unten waren Purpurstreifen und Violett mit Feuer umsaumt, dann kam die Nacht herauf. Heut fruh schlagen die Morgenwolken ihre Feuerflugel um Euern schwarzen Dom, man denkt als, sie wollten ihn in der Glut verzehren; dazu schmettern die Nachtigallen, und das blaue Gebirg druben, so stolz und kuhl! das alles freut mich besser als Weisheit, hier unter dem Zitronenbaum, der gestern Flammen und heut Tranen uber mich schuttelt.

Und jetzt geh ich, Dir hab ich alles eingepragt, das ist nicht ausgeplaudert, mich lockt's, damit es nicht vergessen sein soll, dass ich Dir's vertraut hab.

Nr. 2. Am Abend

Heut ist der Jud erst um sieben Uhr kommen.

Mit der Grossmama bin ich im besten Vernehmen, solang die Tante im Bad ist, bleib ich hier, es gefallt ihr, dass ich gern bei ihr bleib, ich hab aber noch so manch andres, was mich anzieht, wovon sie nichts weiss. Heut morgen kam ich dazu, wie der Bernhards-Gartner mit einem Nelkenheber die dunkelroten Nelken in einen Kreis um einen Berg von weissen Lilien versetzte, in der Mitte stand ein Rosenbusch. Diese Fruharbeit gefiel mir wohl und hab mit Andacht dabei geholfen, der Dienst der Natur, der ist wie Tempeldienst. Wenn der Knabe Jon vor die Tempelhalle tritt und die ziehenden Storche bedeutet, dass sie ihm die Zinne des Tempels nicht verunreinigen sollen, wenn er dann die Schwelle mit kuhler Flut besprengt, die Halle fegt und schmuckt, so fuhl ich in diesem einsamen Tagwerk ein hohes Geschick, vor dem ich Ehrfurcht habe. Ach ich mocht ein Knab sein, Wasser holen in der Morgenfrische, wenn alles noch schlaft, bilder still bedeutsam waschen und alles reinigen vom Staub, dass es leuchte im Dammerlicht; dann, nach der Arbeit die heisse Stirn auf die kuhlen Stufen legen und ruhen, in heimlichem Genugen; ruhen die Brust, die schwillt von Tranen, dass es so schon ist in der dammrigen Stille im Tempel; so scheint mir auch die heutige Arbeit ein Tempeldienst der Natur; dann ihre Blumen in Kreisen schon verschlingen, ist das nicht ihr gedient? Die Blumen, die ihren Duft unter einander schwenken in so dichter Fulle, ist denen nicht ein schonerer Fruhling bereitet? denn was uns schoner ist in der Natur, ist das nicht auch ihr selber schoner? Und ihre Baume vom Moos reinigen, in nachbarliche Reihen pflanzen, ihre Blumenkelche fullen, ist das nicht ihrem Willen sich hingeben? Lasst sie die Sorge nicht gedeihen, und gibt der Fruchte vom gepfropften Reis mehr und schoner und susser dafur? Tempel und Natur, friedliche Nachbarn, Freunde! wie ich und Du, teilen ihre Gaben wie ich und Du. Vom Fruhling bis zum Winter (da hast Du mein Gelubde) teil ich mit Dir, wie mit dem Tempel der Naturgarten, der ihn umzieht im Fruhling hast Du meine Keime, die alle dicht um Dich her aufwachen. Im Sommer wilder Vogelgesang, der anschlagt in einsamer Nacht an Deinen verschlossnen Pforten, und dann in der Ferne auch, wenn die Pilger heimziehen, die am Tag Deinen Gottern huldigten, da gluhen die Blumen, am Weg von mir zu Dir. Im Herbst da roll ich meine Fruchte zu Dir hin, leg sie auf Deinen Altar, und den Honig meiner Bienen, die Dich umsummen, bewahr ich in Deinen Opferschalen. Dann rausch ich die falben Blatter herab auf Deine Stufen, die umtanzen Dich im Winterwind, begraben sich unterm Schnee, den meine belasteten Aste auf Dich niedersturzen, dann braust es draussen und sturmt, aber meine Seele wohnt in Dir und pflegt Dich, gibt der Lampe reines Ol zu, die Deine stille Halle erleuchtet, und die Sterne vom hohen Firmament herab leuchten uber Deiner Zinne. Still ist's dann und verlassen von allen Menschen sind wir, die gebahnten Wege verschneit, allein in Dir zu wohnen, wenn wir des Lebens Grenzen mit einander ermessen haben.

Wie die Natur eingeht zum Tempel im Winter und ruht da im Gottfuhlen aus, das nennen die Menschen Winterschlaf, dann kehrt sie wieder mit neuer Blutekraft und taut und duftet den eingesognen Himmelsatem, und ewig ist der Tempel Gottes angehaucht von der Liebe der Natur.

Ich schreib's dahin, dass mir's so wohl ist heut, weil die Sonn mir aufs Papier scheint und meine Gedanken beleuchtet, da lese ich so deutlich in meinem Herzen.

Der Gartner ist so gut, er suchte mir aus allen Buschen die schonsten Blumen heraus, der Strauss ragte mir uber den Kopf mit schonem Bandgras, auch frisches Laub dabei, und vom Lerchenbaum und von der Scharlacheiche. Dieser Baum ist, was man schon gewachsen nennt, er streckt sein scharlachrot Laub in die blaue Luft hinaus zum Tanzen, der leiseste Wind bewegt ihn. Im Heimgehn hatt ich Gedanken, die mich ergotzten, an denen mir gelegen ist, dass sie wahr sein mochten, sie waren nicht in mich gepflanzt, sie wuchsen von selbst auf wie jene Blumen auf der Heide. Morgenstund hat Gold im Mund war ich nicht fruh draus gewesen, so hatt ich sie nicht denken konnen. Natur ist lehrsam, wer ihre Lehrstund nicht versaumt, der hat zu denken genug, er kriegt die trocknen Lebenswege gar nicht unter die Fusse, auf denen andern die Sohlen brennen. Was hast Du zu sorgen um meine Nachtwachen? So viel Blumen, die nur des Nachts duften! Mussen denn alle Menschen in der Nacht schlafen? konnen sie nicht auch wie der Nachtschatten und Viola matronalis am Tag schlafen und nachts ihren Duft aushauchen? Warum sind manche Menschen so unaufgeweckt und konnen nicht zu sich selbst kommen am Tag, als weil es Nachtbluten sind, aber die leidige Tagsordnung hat sie aus den Angeln geruckt, dass sie kein Gefuhl haben von ihrem Naturwillen. Drum verlieben sie sich auch verkehrt, weil ihre Sinne ganz verwirrt sind. Manche Leut sind nur gescheut zwischen Licht und Dunkel, am Abend verstehen sie alles, morgens haben sie lebhafte Traume, am Tag sind sie wie die Schaf, so geht mir's, mein Wachen ist fruh, ich muss dem Sonnengott zuvorkommen, wie jener Tempelknabe seinen Tempel reinigen dann kehrt er ein bei mir und lehrt mir Orakelspruche alles passt, fugt sich, wollt ich sagen auch dass ich immer so unaufgeweckt bin, wenn der Geschichtslehrer kommt in der Mittagsstund, das ist grad meine verschlafenste Zeit. Du bist auch keine Tagsnatur, Dein Wachen deucht mir anzufangen, wenn der Taggott sich neigt und nicht mehr so hoch am Himmel steht Dir neigt er sich herab, und wandelst anmutig mit ihm die Bahn vom spaten Nachmittag zum spaten Untergang, und winkt Euch noch mit Eurer Gewande Saum fern hin, dann leuchtet der Abendstern zu Deinen Nachgedanken von ihm, und wogst einsam in der Erinnerung wie die Meereswelle am Fels wogt zur Zeit der Flut und ihn abspult von den Gluten, die ihm der Tagesgott eingebrannt hat zur Zeit der Ebbe. Der Jud kommt, adieu. Was hast Du denn, dass Dich so unmutig macht, lass Dich anhauchen von meinem Brief. Savignys sind noch drei Wochen auf dem Trages, geh doch hin. Aber, "Teufel, Donnerwetter" ist das auch geflucht? Darf ich das auch nicht sagen?

Vom Clemens glaub doch nicht, dass ich ihn belug, ich bin anders mit ihm in meinen Briefen, weil ich so sein muss. In Burgel die kleine Orgel hat elf Register, gross und kleine Choralstimm, Harfenstimm, Trompetenstimm, Posaunenton, schnarrende Engelsstimm, was weiss ich's alles und vox humana, der Hoffmann hat mir gestern eine halbe Stund lang davon erzahlt, und dass es Orgeln gibt, die dreissig Register haben, er sagt, meine Kehl war wie so eine Orgel, ich zog allemal ein ander Register, wenn ich sanft oder begeistert sing, oder schmetternd, wenn ich tob, oder bewegt, wenn's zum Seufzen stimmt in meiner Brust, oder gewaltig, wenn mir's ist, als ob ich's allein alles zwingen musst. Das hat der kleine Kerl alles gewusst, er hat mir zugehort gestern abend, wie ich einen homerischen Hymnus an die Diana ableierte auf dem Dach, weil's Vollmond ist. Das deuchte mir so schon, dieser Gottin einen vollen stromenden Gottesdienst aus meiner Brust zu halten, dass ich nicht dran dachte ans Belauschen und hab recht geschmettert. Der Hoffmann sagt, es war zum Verwundern. Nun ich mein, der Clemens zieht immer das Register der Kinderstimm aus meiner Brust. In Frankfurt, in der Gesellschaft beim Primas, da pradominiert die quarrende Engelsstimm. Bei Dir da muss ich immer das Gewaltsposaunenregister mit Gewalt mit der sanften vox humana unterdrucken.

An die Bettine

Mit dem Clemens versteh ich Dich, oder ahne doch wie es zusammenhangt, ich hab auch gar nicht die Idee, dass es anders sein solle, nur uber das, was er von Dir sagt, wie er Dich ausspricht, und das geschieht oft, ist mir manchmal so wunderlich zumut, weil er ganz prophetisch Dich durchsieht, andre Leute sagen, er schneide auf, und das ist auch eigentlich so, aber er trifft die Wahrheit, wie ich unter allen allein es am besten weiss. Dann um seine Extravaganz zu beweisen, fallt wohl alles hinter seinem Rucken uber Dich her, was in seiner Gegenwart man nie wagt, wo man immer stillschweigt, mir ist's oft peinlich gewesen, uber Dich urteilen zu horen, jetzt aber hab ich diese kleinliche Angstlichkeit uberwunden. Gestern war Ebel, St. Clair, Link, die Lotte und ich im kleinen Kabinett bei der Tonie, da ich weiss, wie weit die Pfeile vom Ziele ablenken, die man gegen Dich schnellt, so hatt ich keine Furcht um Dich, Ebel ist nicht aus personlichem Widerwillen, sondern aus Abgeneigtheit seiner Natur wider Dich. Und weil er wahrend dem Hiersein von Clemens immer am meisten erdulden musste, da er aus Zaghaftigkeit seinem Eifer nie auszuweichen wagte, so ist's ihm nicht zu verdenken, dass er jetzt mit vollem Genuss sich schadlos halte. St. Clair schuttelte mit dem Kopf und sah mich an, weil die Lotte perorierte: ganzlicher Mangel an historischem Sinn und gar keine Logik beweise, dass du ein Narr seist. Er sagte: Gebt ihr eine Fahne in die Hand und lasst sie uns voranschreiten, so fuhrt sie uns sicher, trotz ihrem Mangel an historischem Sinn, zu einem gesunden Wendepunkt der Geschichte. Mocht Ihr mit Eurer Logik in Gefahr schweben, so wird sie ihr entgehen lehren, so unlogisch sie's nach Eurer Weise auch anfangen wurde. Und geht doch, sagte er, mit Eurem Weisheitsurteil uber ein Naturkind, das von ihr nicht stiefmutterlich behandelt ist, es ist ihr an der Stirne geschrieben, dass ihr keine Sorge zugemessen ist. Er reichte mir die Hand, er sah mir's an, dass es mich freute; auf der Lotte ihre breite Rede, die nun mit verdoppeltem Eifer sich durchdrangte mit ihrer Weisheit, sagte er nichts weiter, und keiner; das Gesprach ging aus wie ein Licht, das ein starker Windzug ausgeblasen. Um so mehr bin ich geneigt, Dich vor allen zu verschweigen. Der Clemens er wird Dich einst nach hundert Jahren auf dem Berge Arafat finden, wie Adam, als er nach seiner Verbannung aus dem Paradiese die Eva aus den Augen verlor, die in der Nahe von Mekka auf jenem Berge weilte, er aber auf Serendib oder die Insel Ceylon verschlagen war, er kannte sie wohl, ihre Seele war in seine Seele eingepragt, und suchte sie fleissig; oft auch redete er die wilden Tiere an und die Gewitter auf den Bergen und die Vogel, dass, wenn sie hinziehen und ihr begegnen, sie sollen sie ehren; und so suchte er nach ihr, und sprach von ihr zu dem Gevogel und den Pflanzen und Tieren des Waldes, bis der Engel Gabriel den Adam auf den Gipfel jenes Berges bei Mekka fuhrte, wovon der Berg seinen Namen Arafat, heisst auf arabisch: Erkennen, erhielt. Auf welchem die Pilgrime von Mekka am Tage Arafah, dem neunten im letzten Monat des arabischen Jahres, ihre Andacht auf diesem Berge verrichten. Mag denn Clemens wie Adam den Untieren und Bergkluften von Dir vorpredigen, ich bin zufrieden unterdes, dass Du mich zum Huter Deiner verborgnen Wohnung bestellt hast und mich zum Kerbholz Deiner heimlichen Seligkeiten machst; ich mochte Dir immer still halten, so anmutig fuhle ich mich bemalt und beschrieben von Deinen Erlebnissen, versaume nichts, schreib mir alles, wie wenn es gesungen war, wo Du auch keinen Ton auslassen darfst, ohne die Harmonie zu zerstuckeln, ich werd gewiss stillhalten und stillschweigen. Und die Gedanken, "die Dich ergotzen, von denen Du wunschest, dass sie wahr sein mogen, und die von selbst in Dir aufwachsen", willst Du sie nicht auch aufzeichnen fur mich? Ich warte alle Tage auf Deine Briefe, mir bangt immer, Du mogest einen Tag uberschlagen, bis jetzt warst Du sehr gutig gegen mich ich geh mit Zuversicht, wenn ich abends nach Hause komme und fasse den Brief auf meinem Kopfkissen, wo er hingelegt wird von der Magd, im Dunkeln und halt ihn, bis Licht kommt im Bett lese ich ihn noch einmal, das macht mir gute Gedanken, ich bin auch jetzt ganz heiter, nur kann ich selbst nichts tun. Deine Erzahlungen und Ahnungen beschaftigen mich, ich traum mich in den Schlaf, in dem ich Dir alles nachfuhle und nachdenke. Ich hab einen innerlichen Glauben an Deine Schwindeleien von mir, ich ging heut hinaus vors Gallentor, als der Sonnengott hinabstieg, weil Du meinst, es sei meine Zeit mit ihm, ich war auch da ganz durchdrungen von seiner grossen Gegenwart, allein beim Nachhausegehen verdarben mir zwei Frankfurter Philister die Andacht, die hinter mir gingen und von Dir und mir sprachen; die Frau sagte zum Mann: Im Stift wird dem Madchen noch ganz das Konzept verdorben, dass sie am End gar narrisch wird, sie ist so schon zu allen Tollheiten aufgelegt, sie soll im Stiftsgarten immer aufs Dach steigen, vom Gartenhaus oder auf einen Baum, und von da herunterpredigen und die lange G ...s, die Gunderode, steht unten und hort zu. Jetzt gingen sie an mir voruber, ich erkannte die Frau Euler mit ihrer Tochter Salome und den Doktor Lehr, der erkannte mich in der Dammerung und sagte es ihr, sie blieb stehen und sah mich an, bis ich wieder an ihr vorbeigegangen war, was doch gewiss noch dummer war, als wenn ich unterm Baum stehen blieb, wo Du predigst. Teufel und Donnerwetter ist auch zum Fluchen ublich, hat aber einen anregenden kriegerischen Geist, also unter gewissen Bedingungen, wenn zum Beispiel Du jenes Banner wehen liessest, das St. Clair, Dir Gluck und Heil vertrauend, uberantworten wollte, allen Philistern zum Trotz; dann magst Du Deiner Zunge den Zugel schiessen lassen, bis dann aber lasse Deinen Mut nicht in vergeblichen Ausbruchen verrauchen.

Adieu! Am Marchen schreib ich nicht. Der vergisst mit dem Pflug umzudrehen; uber den Sternen, die er im Wasser blinken sieht. Leb wohl und gedenke meiner.

Karoline

Die Ursache, warum der Streit angegangen war uber Dich, war ein Brief von Dir, den Du im achten oder neunten Jahr, kurz vor Deines Vaters Tod aus dem Kloster an ihn geschrieben hattest, und der Deinen Vater sehr gefreut haben soll, so dass er ihn in seiner Krankheit oft gelesen, St. Clair hatte ihn vom Clemens, der ihn aufbewahrt, abgeschrieben, und sagte, in diesem Briefe lage Deiner ganzen Anmut Keim. Das wollte die Lotte nicht zugeben und meinte, es sei lacherlich nur ihn als Brief zu ruhmen, der Clemens verdrehe Dir den Kopf. Der Brief lautete wie folgt, da magst Du selbst Dich beurteilen: "Lieber Papa! Nix die Link (da war eine Hand mit der Feder gezeichnet) durch den Jabot gewitscht auf dem Papa sein Herz, die Recht (wieder eine Hand gemalt) um den Papa sein Hals. Wenn ich keine Hand hab, kann ich nit schreiben.

Ihre liebe Tochter Bettine

Fritzlar 1796 am 4 ten April"

Was mich verstimmte, war, dass die Lotte den Brief fortwahrend mit gellender Stimme vortrug und die Dummheit eines achtjahrigen Kindes und die Liebe des verstorbenen Vaters nicht schonte, ich warf dem St. Clair vor, dass er ihn herausgegeben hatte. "Ach!" sagte er, "ich hab's schon hundertmal bereut. Man kann ihr auch einst zurufen wie dem Simson: Bettine, Philister uber dir, zum Gluck liegt ihre Starke nicht in den Locken, die man abschneiden kann, sondern im Geist, und der wird sich nicht gefangengeben." Gelt, das ist ein gut Geschichtchen, ich glaub, der St. Clair liebt Dich, die Lotte meinte, Du habest letzt auf der Gerbermuhl eine so lange Unterhaltung heimlich mit ihm gepflogen.

An die Gunderode

Vor ein paar Jahren wohnte hier nebenan in dem jetzt leerstehenden Haus ein Mann, der war aus der Fremde gekommen, ich glaub, es war die Schweiz, der tat Wunder mit seiner Willenskraft, bei Tisch war viel die Rede, er konne mit seinem Blick die kranken Menschen zum Schlafen bringen, dass die ihm dann uber ihre Krankheit im Schlaf mitteilen, wie man sie heilen konne, und dass sie auch hellsehen in die Zukunft und in die Vergangenheit, beim Erwachen aber nichts mehr davon wissen dieser Mann hatte mir was Geheimnisvolles, da die Leute so unheimlich von ihm sprachen. Auf einer Rasenbank an der Gartenwand konnt ich in seinen Garten sehen, wo er im Mondschein auf und ab wandelte, er kam auf mich zu und reichte mir ein paar Erdbeeren uber die Wand und sagte: "Esse sie mit Bedacht und koste sie recht, so hast du mehr davon, als wenn du einen ganzen Korb voll unbedachtsam isst." Ich stieg von der Bank mit meinen Erdbeeren und ass eine nach der andern, verwundert uber den freundlichen Mann. Und am andern Tag, wie ich ihn im Garten wandeln sah, ging ich wieder hin, er kam und reichte mir die Hand, die hielt ich fest und sagte: "Die Erdbeeren hab ich geschmeckt." "So? Nach was schmeckten sie denn?" "Nach schonem Wetter und ganz fruchtbarem Erdboden." Dem Mann gefiel die Antwort, er sagte: "Jetzt ist's zu dunkel, aber morgen, bei Tag, nehme ein Blatt von einem Baum oder sonst von einer Blume und halte es so, dass die Sonnenstrahlen durchschimmern, da wirst du eine Menge Gefasse drin erkennen, die vom Licht durchstromt sind; so ist es auch mit deinem kleinen Kopf, er ist geeignet, dass das Licht leichtlich durchstrome und dich reife, dass du auch dann schmeckst wie die Erdbeere, nach schonem Wetter, nach Sonnen- und Mondstrahlen." Ich sagte ihm, dass ich gehort habe, er schaue mit seinem Willen in die Menschen, dass sie denken mussen, was er wolle. Er sagte: "Ja, ich will immer, dass sie die Wahrheit denken von sich und da folgen sie ganz leicht, weil es ihrer Natur gemass ist; von dir will ich auch, dass du die Wahrheit denkst, die dir gemass ist, wenn du dem folgst, wirst du so manches in dir erleben, was dir vollauf genugt." Ich redete noch mehr mit ihm er sagte ein paarmal: "Du tust recht wunderliche Fragen, aber ich muss immer ja dazu sagen, denn sie sind wahr." Er ehrte mich noch mit manchen freundlichen Lehren, ich hab ihn nicht mehr gesehen und hab auch nichts mehr von ihm gehort, er war wenige Tage darauf weggezogen, man wusste nicht wohin. Es wurde noch mancherlei von ihm gesprochen, als sei er ein Betruger, ich nahm mir das nicht an, ich hielt am Wort, was er mir gesagt hatte, dass die Sonne und Mond mich wollten wohlschmeckend machen, obschon es mir beinah so ging wie den andern, die beim Erwachen nichts mehr wissen; ich konnte mich nicht mehr auf das besinnen, was ich mir doch gewiss vorgenommen hatte, nicht zu vergessen. Aber wenn mir so Gedanken kommen, die mich belehren, da denk ich manchmal auf den Mann zuruck, ich mochte sie zwar gern behalten oder aufschreiben, aber sie ziehen mich immer weiter, und um den nachsten nicht zu versaumen, muss ich den fruheren aufgeben, so ist's, dass ich nicht anders kann; es muss doch so in der Natur des Lichts liegen, was den Menschen durchstromt und ihn nahrt, wie die Sonnenstrahlen die Pflanze dass das frische Licht immer das fruhere verdrangt, wie im Strom eine Welle die andere, so mag es denn hingehen, dass ich kein Buch schreiben kann, wie der Clemens will, ich musst ein Herbarium machen und sie trocknen, dass ich sie konnt nebeneinander hinlegen, unterdessen wurden so manche Blumen verbluhen, das will ich nicht, weil ich aber auf Dich gerichtet bin, fliegen so manche Gedanken auf zu Dir von selbst. Ja sie kommen sogar zwischen uns, wenn ich mit Dir bin. Du bist eben gar nicht wie ein Mensch, der mich fassen und halten will, Du bist wie die Luft, der Sonnenstrahl fahrt nieder durch Dich in meinen Geist, so hell bist Du.

Die Eule, die Jungfer Salome, der weise Meister im Abendschein, eine Vision des Philistertums, in dessen Geist sie versammelt waren.

In der Bibliothek hab ich heute einen geschnittnen Stein gefunden; der blecherne lackierte Kerl, der heut aus Homburg heruberkam, der G.r.g., der die Welt durchs Perspektiv beguckt, um alles zu durchschauen (zufallig passiert nichts vorm Guckloch), erklart den Stein fur antik, sonst wollt die Grossmama mir ihn schon schenken fur Dich. Daphnis, vom Apoll verfolgt, wurzelt fest mit der fluchtigen Sohle und spriesst in Lorbeer auf. Das passt so schon auf Dich. Dein Schicksal, Du siehst's vor Augen. Geliebt, verfolgt, umfangen vom Gott der Musen, und dann, ewig immerdar goldne Keime aufschossend, und der Dichter reiner Orden, der Dich umwandelt, mit Dir sich zu beruhren, das ist kein Philistertum, solche Geschicke wie heilige Gefasse umfassten ein Menschenleben zur Zeit der Griechen. (Ist mir doch, als sprach ich mit Deinen Lippen.) Aber heut! Aber ich mein Kopf ein Feld, das brach liegt ich wandle zwischen Hecken, seh jede Erdscholle benutzt, der Salatkopf in der Mitt, die Bohnenstangen oben druber, und mir bangt, dass ich nicht angepflanzt bin, ich denk, dass Du Dir Muh gibst mit mir, dass es nichts hilft. Nachts denk ich als, wenn die Sonn aufgeht, will ich lernen, am Tag wollt ich, die Nacht kam doch, dass ich allein war und konnt mich selbst verstehen, ich armes Kauzlein kleine.

Und stiftete das grosse Medopersische Reich. Da sind wir geblieben, da hab ich ein gross Medusenhaupt in mein Geschichtbuch gezeichnet mit aufgesperrtem Rachen, frass es doch die ganze alte Geschichte mit samt dem Arenswald auf. Ich war so froh uber die Pfingsttage eine ganze Woche war er ausgeblieben, ich hatte mich so schon entwohnt! Die Perser, von den Griechen Cephonen genannt, von Cepheo, dem Sohne Belli, dessen Tochter Andromeda Perseus, der Sohn Jupiters und der Danae, geehelicht, ich glaub, der Kerl hat gefaukelt, ich mein den Geschichtslehrer. Wird ein Gotterjungling ein Philister sein und ehelichen. Indes meldet Arenswald einen Sprossling dieser Ehe, der das Cephonenland beherrscht unter dem Namen Persien, Cyrus vereint's mit Medien, erobert Babylon, Kleinasien, bleibt in der Schlacht gegen die Konigin der Masageten. Ich frag gar nicht mehr, wer und woher wer kann das Volk all im Kopf behalten! 3458, Kambyses erobert Agypten, bekriegt die Athioper, der Magier Smerdis schwingt sich auf den Thron und hatt das Land bezaubern konnen, die Grossen des Reichs, zu eselhaft, von einem Zauberer sich beherrschen zu lassen, entthronten ihn durch Mord. 3462, Darius Hystaspis bezwingt Babylon im Aufruhr, erobert Thrazien, Mazedonien, Indien. Sein Sohn Xerxes bezwingt Agypten im Aufruhr, zieht gen Griechenland, wird besiegt heimkehrend ermordet. Artaxerxes schliesst Frieden, sein Feldherr kehrt die Waffen gegen ihn, wird vom zweiten Xerxes unterjocht, Sogdian aber mordet seinen Burder Xerxem, Ochus aber mordet seinen Bruder Sogdian, beherrscht als zweiter Darius Persien, der zweite Artaxerxes aber mordet seinen Bruder Ochus, zerstort das Reich, der dritte Artaxerxes aber mordet seine Bruder alle, erobert Agypten, Togoas aber ermordet den dritten Artaxerxem. Togoas aber mordet dessen Sohn Aestes und den grossten Teil der koniglichen Familie, damit's gleich in einem hingeht (Bemerkung des Lehrers), der Statthalter aber mordet den letzten Konigssprossling Darius Kodomanus. Zweihundertfunfundzwanzig Jahr bestand die Furstenschlachtbank von Persien. Alexander kommt und beherrscht's 3654. Der Lehrer sieht mir den Arger uber seine lederne Geschichte an, reisst aus, Gott weiss, wie's zuging, dass die Tur seine Hosen fasste, es blieb ein Fetzen dran hangen, jetzt muss ich ihm fur seine Mordlitanei noch eine Gratifikation geben, damit er sich ein paar neue kaufen kann. Clemens verfolgt mich mit Bitten, dass ich Bucher oder Verse oder Erlebnisse und Erinnerungen aus dem Kloster aufschreiben soll. Da hast Du seinen Brief. Der Abgrund der vermoderten Geschichte unter mir, der unerreichbare Sternenhimmel uber mir und nachts Gedanken, die mir den Kopf zerbrechen.

(Am 10.)

Heut morgen hab ich Deinen Brief beim Fruhstuck der Grossmama vorgelesen, sie ist schon so alt, sie nimmt's all mit ins Grab, sie hat Dich so lieb, sie sagt, Du warst die edelste Kreatur, die sie je gesehen, und dann sprach sie von Deiner Anmut; sie spricht immer schwabisch, wenn sie recht heiter ist. "Siehst, Madele, wie anmutig und doch gar bequem deine Freundin ist." Sie ist wirklich liebreizend, und da las ich ihr auch meinen Brief vor, sie sagt, "Du bischt halter e verkehrt's Dingele," und dann hat sie mir den Stein mit der Daphnis doch geschenkt fur Dich, ich lasse ihn fassen, Du musst ihn tragen und musst nicht sagen, von wem er ist. Was ist Dein Brief voll schoner Geschichten, nur der Clemens ist doch mein Adam nicht, das prophezeist Du schlecht, dass er mich erst nach hundert Jahren auf dem Berg der Erkenntnis treffen werde. Ich hab ihn so lieb, so lang kann ich nicht Versteckelches mit ihm spielen, und doch hast Du vielleicht recht, im nachsten Brief will ich's sagen, aber dem Clemens fall ich um den Hals und kuss ihn, da hat er mich, wie ich bin. Aber! es geht ein Weg der fuhrt in die Alleinigkeit. Ist der Mensch in sein eignen Leib allein geboren, so muss er auch in seinen Herz, er wollt ja zum kranken Holderlin reisen er soll doch hin! nach Homburg ich mocht wohl auch hin. Er sagt, es wurde dem Holderlin gesund gewesen sein, ich mocht wohl, ich darf nicht. Der Franz sagte: "Du bist nicht recht gescheut, was willst du bei einem Wahnsinnigen? willst du auch ein Narr werden?" Aber wenn ich wusst, wie ich's anfing, so ging ich hin, wenn Du mitgingst, Gunderode, und wir sagten's niemand, wir sagten, wir gingen nach Hanau. Der Grossmama durften wir's sagen, die litt's, ich hab heute auch mit ihr von ihm gesprochen und ihr erzahlt, dass er dort an einem Bach in einer Bauernhutte wohnt, bei offnen Turen schlaft, und dass er stundenlang beim Gemurmel des Bachs griechische Oden hersagt, die Prinzess von Homburg hat ihm einen Flugel geschenkt, da hat er die Saiten entzwei geschnitten, aber nicht alle, so dass mehrere Klaves klappen, da phantasiert er drauf, ach, ich mocht wohl hin, mir kommt dieser Wahnsinn so mild und so gross vor. Ich weiss nicht, wie die Welt ist, war das so was Unerhortes, zu ihm zu gehen und ihn zu pflegen? Der St. Clair sagte mir: "Ja, wenn Sie das konnten, er wurde gesund werden, denn es ist doch gewiss, dass er der grosste elegische Dichter ist, und ist's nicht traurig, dass nicht ein solcher behandelt werde und geschutzt als ein heiliges Pfand Gottes von der Nation, sagte er, aber es fehlt der Geist, der Begriff, keiner ahnt ihn und weiss, was fur ein Heiligtum in dem Mann steckt, ich darf ihn hier in Frankfurt gar nicht nennen, da schreit man die furchterlichsten Dinge uber ihn aus, bloss weil er eine Frau geliebt hat, um den Hyperion zu schreiben, die Leute nennen hier lieben: heiraten wollen, aber ein so grosser Dichter verklart sich in seiner Anschauung, er hebt die Welt dahin, wo sie von Rechts wegen stehen sollte, in ewiger dichterischer Fermentation; sonst werden wir nie die Geheimnisse gewahr werden, die fur den Geist bereitet sind. Und glauben Sie, dass Holderlins ganzer Wahnsinn aus einer zu feinen Organisation entstanden, wie der indische Vogel in einer Blume ausgebrutet, so ist seine Seele, und nun ist es die harteste rauhe Kalkwand, die ihn umgibt, wo man ihn mit den Uhus zusammensperrt, wie soll er da wieder gesund werden. Dieses Klavier, wo er die Saiten zerrissen, das ist ein wahrer Seelenabdruck von ihm, ich hab auch den Arzt darauf aufmerksam machen wollen, aber einem Dummen kann man noch weniger begreiflich machen als einem Wahnsinnigen." Er sagte mir noch so viel uber ihn, was mir tief durch die Seele ging, uber den Holderlin, was ich nicht wieder sag, und ich hab mehrere Nachte nicht schlafen konnen vor Sehnsucht hinuber nach Homburg, ja wollt ich ein Gelubde tun ins Kloster zu gehen, das konnt doch niemand wehren, gleich wollt ich das Gelubde tun, diesen Wahnsinnigen zu umgeben, zu lenken, das war noch keine Aufopferung, ich wollt schon Gesprache mit ihm fuhren, die mich tiefer orientieren in dem, was meine Seele begehrt, ja gewiss weiss ich, dass die zerbrochnen umbesaiteten Tasten seiner Seele dann wieder anklingen wurden. Aber ich weiss, dass es mir nicht erlaubt wurde. So ist es, das naturliche Gefuhl, was jedem aus der Seele tont, wenn er nur drauf horen wollte (denn in jeder Brust, auch in der hartesten, ist die Stimme, die ruft: hilf deinem Bruder), diese Stimme wird nicht allein unterdruckt, sondern auch noch als der grosste Unsinn gestraft, in denen sie sich vernehmlich macht. Ich mag gar von Religion und von Christentum nichts mehr horen, sie sind Christen geworden, um die Lehre Christi zu verfalschen. Brocken hinwerfen und den nackten Leib decken, das nennt man Werke der Barmherzigkeit aber Christus in die Wuste folgen und seine Weisheit lernen, das weiss keiner anzufangen. Bildungsflicken hangt man einem auf, mit denen man nichts anzufangen weiss, aber die Tiefe und Gewalt eines einzigen Seelengrunds zu erforschen, da hat kein Mensch Zeit dazu, glaubst Du denn nicht, dass ich statt dem Geschichtsgerumpel wohl mit der grossten Sammlung, mit der tiefsten Andacht hatte jenem folgen wollen, wenn er mir gelehrt hatte, wie er andern lehren musste, um sein Leben zu gewinnen, und wahnsinnig druber werden musste. Wenn ich bedenk welcher Anklang in seiner Sprache! Die Gedichte, die mir St. Clair von ihm vorlas zerstreut in einzelnen Kalendern ach, was ist doch die Sprache fur ein heilig Wesen! Er war mit ihr verbundet, sie hat ihm ihren heimlichsten innigsten Reiz geschenkt, nicht wie dem Goethe durch die unangetastete Innigkeit des Gefuhls, sondern durch ihren personlichen Umgang. So wahr! Er muss die Sprache gekusst haben. Ja so geht's, wer mit den Gottern zu nah verkehrt, dem wenden sie's zum Elend.

St. Clair gab mir den Odipus, den Holderlin aus dem Griechischen ubersetzt hat, er sagte, man konne ihn so wenig verstehen oder wolle ihn so ubel verstehen, dass man die Sprache fur Spuren von Verrucktheit erklart, so wenig verstehen die Deutschen, was ihre Sprache Herrliches hat. Ich hab nun auf seine Veranlassung diesen Odipus studiert; ich sag Dir, gewiss, auf Spuren hat er mich geleitet, nicht der Sprache, die schreitet so tonend, so alles Leiden, jeden Gewaltausdruck in ihr Organ aufnehmend, sie und sie allein bewegt die Seele, dass wir mit dem Odipus klagen mussen, tief, tief. Ja, es geht mir durch die Seele, sie muss mittonen, wie die Sprache tont. Aber wie mir das Schmerzliche im Leben zu krankend auf die Seele fallt, dass ich fuhl, wie meine Natur schwach ist, so fuhl ich in diesem Miterleiden eines Vergangnen, Verlebten, was erst im griechischen Dichter in seinen scharfsten Regungen durch den Geist zum Lichte trat, und jetzt durch diesen schmerzlichen Ubersetzer zum zweitenmal in die Muttersprache getragen, mit Schmerzen hineingetragen dies Heiligtum des Wehtums, uber den Dornenpfad trug er es schmerzlich durchdrungen. Geweihtes Blut trankt die Spur der verletzten Seele, und stark als Held trug er es heruber. Und das nahrt mich, starkt mich, wenn ich abends schlafen gehe, dann schlag ich's auf und lese es, lese hier dem Paan gesungen, den Klaggesang, den sing ich abends auf dem Dach vom Taubenschlag aus dem Stegreif, und da weiss ich, dass auch ich von der Muse beruhrt bin, und dass sie mich trostet, selbst trostet. O, was frag ich nach den Menschen, ob die den Mangel an historischem Sinn und der Logik an mir rugen, ich weiss den Teufel, was Logik ist. Und dass mir St. Clair so viel zutraut, dass ich die Fahne glucklich schwingen werde und sicher, und die Besseren und Hohen unter ihr sammeln. Sag ihm von mir, ich werde nicht fehlen, was mir einer zutraut, alle Krafte dran zu setzen. Den kleinen Brief vom Papa hab ich ihm selbst geschenkt, er wollte ein Andenken von mir zum Gegengeschenk fur den Odipus, da hab ich ihn wahlen lassen unter meinen Papieren, da hat er den hervorgezogen.

Lese hier den Klaggesang, dem Paan geweiht, ob's Dir nicht durch die Seele weint.

Weh! Weh! Weh! Weh!

Ach! Wohin auf Erden?

Jo! Damon! Wo reisest du hin?

Jo! Nachtwolke mein! Du furchtbare,

Umwogend, unbezahmt, unuberwaltigt!

O mir! Wie fahrt in mich

Mit diesen Stacheln

Ein Treiben der Ubel!

Apollon war's, Apollon, o ihr Lieben,

Der das Wehe vollbracht,

Hier meine, meine Leiden.

Ich Leidender,

Was sollt ich sehn,

Dem zu schauen nichts suss war.

Was hab ich noch zu sehen und zu lieben,

Was Freundliches zu horen? Ihr Lieben!

Fuhrt aus dem Orte geschwind mich,

Fuhrt, o ihr Lieben! den ganz Elenden,

Den Verfluchtesten und auch

Den Gottern verhasst am meisten unter den

Menschen.

So hab ich mir die Zeilen zusammengeruckt, sie zu singen, diese Leidensprache, und sie fesselt mich an seine Ferse, der sich Frevler nennt.

Wirf aus dem Lande mich, so schnell du kannst,

Wo ich mit Menschen ins Gesprach nicht komme.

In die Ferne sehend, nach dem Taunus, still getrankt im Abendschein, der die Nebel durchlichtet, die fluchtenden, die ihn umschweifen; da denk ich mir das Grabmal selber ihm erkoren von Vater und Mutter, sein Kitharon. Da sing ich meinen Gesang hinuber, und der Wind spielt mich an, und gewiss, er bringt mein Lied hinuber zum Grab; mir ist's eins, ob der Zeiten Last sich druber gewalzt, doch dringt die Tran hinab, das Grab zu netzen, drang doch sein Weh herauf zu mir; und heute nur stieg's auf mir im Herzen, als ich die Laute dem Gott die jammernden, der ganzen Welt geschrien zaghaft in Musik verwandelte. Und dort wohnt auch er, der die noch lebenswarme Brust voll Wehe, und gesaet voll der Keime des Dichtergottes, jetzt zermalmt im Busen die Saat, in aufseufzenden Tonen herubertrug ins Mutterland und warmte das Jammergeschick des Zwillingsbruders in der Liebe, die aus der Verzweiflung Abgrund ihn mit heisser Begierde heraufrief, das mude jammervolle Haupt sanft zu lehnen, zusammen mit dem Geschick, das ausgeblutet hat. Ja, wer mit Grabern sich vermahlt, der kann leicht wahnsinnig werden den Lebenden denn er traumt nur hier am Tag, wie wir traumen in der Nacht, aber drunten im Schlaf wacht er und geht mit jenen mitleidsvoll Hand in Hand, die langst verschollen der geschaftigen Eile des Tags sind. Dort fallt der Tau auf die Seele ihm, die hier nicht Feuchtung in der Kehle mehr hatte zum Seufzen. Dort grunen die Saaten und bluhen, die hier der Dummheit Pflug die Wurzel umsturzend wie Unkraut der Luft preis gab, und die tauvolle Blute, rein vom Staube, sturzt in der Erde Grab. Denn irgendwie muss die Saat der Gotter lebendig werden, sie konnen Ewiges nicht verdorren lassen. Seine Seele wachst, die hier unten schlaft und verwirrte Traume hat, hinauf als himmlisches Grun, die schwebende Ferse der Gotterjunglinge umspielend, wie der frische Rasen hier seine tanzenden Blumen an meinem fluchtigen Lauf hinbewegt. Ach Poesie! heilig Grabmal, das still den Staub des Geistes sammelt und ihn birgt vor Verletzung. O du lasst ihn auferstehen wieder, lass mich hinabsteigen zu ihm und die Hand ihm reichen im Traum, dass er mit heiligem Finger die goldnen Saatkorner mir auf die offne Lippe streue und mich anblase mit dem Odem, den er nach dem Willen der Gotter aus ihrem Busen trinkt. Denn ich begehr sehnsuchtig, mit zu tragen gemeinsam Weh des Tags, und gemeinsam Trostung zu empfangen in den Traumen der Nacht.

Was willst Du? Halte mir's zugut, Gunderode, dass ich so spreche, verfolg den Faden meiner Gedanken, so wirst Du sehen, es geht nicht anders. Du tragst ja auch mit mir, dass sie Dich meiner Narrheit beschuldigen. Mangel an historischem Sinn ist es doch, das Weh, was in der Fabelwelt begraben liegt, mit dem zu mischen des heutigen Tages. Sie haben Recht, mir keine Logik zuzusprechen, da musst ich ja den dort verlassen, der aufgegeben ist, da musst ich mich aufgeben, was doch nichts fruchtet. Sei nicht bang um mich, ich bin nicht alle Tage so, aber ich komm eben vom Taubenschlag, wo die Sonne mir die blauen Berge anglanzte, wo Holderlin schlaft uber dem Grabe des Odipus, und hab ihnen den Gesang gesungen, mit Tonen unzurechnungsfahig der Kunst, auffassend, was sie vermochten an scharfem Wehe, und es besanftigend mit dem Schmelz der Liebe, den ich durch die Stimme hinzugoss aus dem Herzen, dass der durch die Wolken dringe hinab am Horizont, hinauf wo die gewaltigen Geschicke immer auch weilen und sich mische mit ihren bitteren, salzigen Fluten. Was waren doch die Dichter, waren sie es nicht, die das Schauervolle ins Gottliche verwandeln. Wo der Gesang doch allein aus meinen Sinnen hervordringt, nicht aus dem Bewusstsein, da spricht's nachher so aus mir, dass Stimmen aus mir reden, die mit keinem andern im Einklang sind, der Ton, der Rhythmus, den ich ube, ist es auch nicht; keiner wurde zuhoren wollen, aber jene, denen ich singe, die mussen's doch wohl horen, nicht wahr?

Es ahnt mir schon, Du wirst wieder bange werden um mich wie vorm Jahr! aber Du weisst ja, es ist nichts, ich rase nicht, wie die andern mich beschuldigen und mir die Hand auf den Mund legen, wenn ich sprechen will. Sei nicht dumm, lasse Dir nicht von den Philistern bange machen um meine Gesundheit, wo sie mir schon den Verstand absprechen; wer seinen Bruder einen Narren schilt, ist des Todes schuldig, sie sind unschuldig, ich bin ihr Bruder nicht, Du bist mein Bruder. Noch einmal, ich bin nicht krank, store mich nicht damit, dass Du mir das geringste sagst, denn ich will Dir noch mehr sagen, wenn's moglich ist, was hattest Du an mir, wenn ich nicht lernte Dir meine Seele geben, nackt und bloss. Freundschaft! Das ist Umgang der Geister, nackt und bloss.

An die Bettine

Liebe Bettine! Du druckst mir die Schreibefinger zusammen, dass ich kaum atme, noch weniger aber es wage zu denken, denn aus Furcht, ich konne willkurliche Gedanken haben, denke ich lieber gar nicht, magst Du am Ende meines Briefes fuhlen, ob ich in den engen Grenzen meiner geistigen Richtungen Dich nicht verletzte, so dass Dein Vertrauen ohne Hindernis hinabstrome zu mir, ja hinab, denn ich bin nichts. So lasse mich denn gesund mit Dir sprechen, da nichts mir fremd ist in Dir, denn in Deine Tone eingehen, das ware Deinen Lauf storen.

In Dein Lamento uber Deine Geschichtsmisere stimme ich ein, sie macht mich mit kaputt, kauf in Gottes Namen ein paar Beinkleider als Suhnopfer und entlasse Deinen Arenswald in Gnaden. Clemens schreibt, dass ich ihm Antwort schuldig sei, ich wusste nicht, dass er in Marburg ist, wenn Du ihm schreibst, so gib ihm die Einlage, er ist mehr wie unendlich gut gegen Dich, und es ist ein eigen Schicksal, dass unser beider Bemuhung, Dich zu einer innern Bildung zu leiten oder vielmehr sie Dir zu erleichtern, nicht gelingen will, so schreibt er mir heute. Unter vielen Witzfaseleien, traumerischem Geseufze und Beteuerungen, dass er gar nicht mehr derselbe sei, ist es das einzige, was auf Dich Beziehung hat. Weil er Dich immer auffordert, Deine phantastischen Ahnungen zu sammeln, diese Fabelbruchstucke Deiner Vergleiche, Deiner Weltanschauung in irgendeiner Form niederzulegen, so meinte ich wie ein guter Bienenvater Deinen Gedankenschwarmen eine Blumenwiese umher zu bauen, wo Deine Gedanken nur hin und her summen durfen, Honig zu sammeln. Ein glucklicher Schiffer muss guten Fahrwind haben; ich dachte, Deine Studien sollten wie frischer Morgenwind Dir in die Segel blasen. Ich schrieb heute an Clemens, es werde sich nicht tun lassen, Deinen Geist wie Most zu keltern und ihn auf Kruge zu fullen, dass er klarer trinkbarer Wein werde. Wer nicht die Trauben vom Stock geniessen will, wie Lyaeus der Berauscher, der Sohn zweier Mutter, der aus der Luna geborne, endlich sie reifen lasse, der Vorfechter der Gotter, der Rasende; und heilige Baume pflanzte, heilige Wahrsagungen aussprach.

Der Naturschmelz, der Deinen Briefen und Wesen eingehaucht ist, der, meint Clemens, solle in Gedichten oder Marchen aufgefasst werden konnen von Dir ich glaub's nicht. In Dich hinein bist Du nicht selbsttatig, sondern vielmehr ganz hingegeben bewusstlos, aus Dir heraus zerfliesst alle Wirklichkeit wie Nebel, menschlich Tun, menschlich Fuhlen, in das bist Du nicht hineingeboren, und doch bist Du immer bereit, unbekummert alles zu beherrschen, Dich allem anzueignen. Da war der Ikarus ein vorsichtiger, uberlegter, prufender Knabe gegen Dich, er versuchte doch das Durchschiffen des Sonnenozeans mit Flugeln, aber Du brauchst nicht Deine Fusse zum Schreiten, Deinen Begriff nicht zum Fassen, Dein Gedachtnis nicht zur Erfahrung und diese nicht zum Folgern. Deine gepanzerte Phantasie, die im Sturm alle Wirklichkeit zerstiebt, bleibt bei einer Schwarzwurzel in Verzuckung stocken. Der Strahlenbundel im Blumenkelch, der Dir am Sonntag im Feldweg in die Quere kam, wie Du dem ruckwarts gehenden Philosophen Ebel Deine Philosophie eintrichtern wolltest, ist eine bluhende Scorza nera, so sagt Lehr, der weise Meister. Ich werd eingeschuchtert von Deinen Behauptungen, ins Feuer gehalten von Deiner Uberschwenglichkeit. Hier am Schreibtisch verlier ich die Geduld uber das Farblose meiner poetischen Versuche, wenn ich Deines Holderlin gedenke. Du kannst nicht dichten, weil Du das bist, was die Dichter poetisch nennen, der Stoff bildet sich nicht selber, er wird gebildet, Du deuchst mir der Lehm zu sein, den ein Gott bildend mit Fussen tritt, und was ich in Dir gewahr werde, ist das garende Feuer, was seine ubersinnliche Beruhrung stark in Dich einknetet. Lassen wir Dich also jenem uber, der Dich bereitet, wird Dich auch bilden. Ich muss mich selber bilden und machen so gut ich's kann. Das kleine Gedicht, was ich hier fur Clemens sende, hab ich mit innerlichem Schauen gemacht, es gibt eine Wahrheit der Dichtung, an die hab ich bisher geglaubt. Diese irdische Welt, die uns verdriesslich ist, von uns zu stossen wie den alten Sauerteig, in ein neues Leben aufzustreben, in dem die Seele ihre hoheren Eigenschaften nicht mehr verleugnen darf, dazu hielt ich die Poesie geeignet; denn liebliche Begebenheiten, reinere Anschauungen vom Alltagsleben scheiden, das ist nicht ihr letztes Ziel; wir bedurfen der Form, unsere sinnliche Natur einem gewaltigen Organismus zuzubilden, eine Harmonie zu begrunden, in der der Geist ungehindert einst ein hoheres Tatenleben fuhrt, wozu er jetzt nur gleichsam gelockt wird durch Poesie, denn schone und grosse Taten sind auch Poesie, und Offenbarung ist auch Poesie, ich fuhle und bekenne alles mit Dir, was Du dem Ebel auf der Spazierfahrt entgegnetest, und ich begreife es in Dir als Dein notwendigstes Element, weil ich Deine Stromungen kenne und oft von ihnen mitgerissen bin worden, und noch taglich empfinde ich Deinen gewaltigen Wellenschlag. Du bist die wilde Brandung, und ich bin kein guter Steuermann, glucklich durchzuschiffen, ich will Dich gern schirmen gegen die Forderungen und ewigen Versuche des Clemens, aber wenn auch in der Mitte meines Herzens das feste Vertrauen zu Dir und Deinen guten Sternen innewohnt, so zittert und erbebt doch alles rings umher furchtsam in mir vor Menschensatzung und Ordnung bestehender Dinge, und noch mehr erbebe ich vor Deiner eignen Natur. Ja, schelte mich nur, aber Dir mein Bekenntnis unverhohlen zu machen: mein einziger Gedanke ist, wo wird das hinfuhren? Du lachst mich aus, und kannst es auch, weil eine elektrische Kraft Dich so durchdringt, dass Du im Feuer ohne Rauch keine Ahnung vom Ersticken hast. Aber ich habe nichts, was mich von jenem lebenerdruckenden Vorlaufer des Feuers rette, ich fuhle mich ohnmachtig in meinem Willen, so wie Du ihn anregst, obschon ich empfinde, dass Deine Natur so und nicht anders sein durfte, denn sonst war sie gar nicht, denn Du bist nur bloss das, was ausser den Grenzen, dem Gewohnlichen unsichtbar, unerreichbar ist; sonst bist Du unwahr, nicht Du selber, und kannst nur mit Ironie durchs Leben gehen. Manchmal deucht mir zu traumen, wenn ich Dich unter den andern sehe, alle halten Dich fur ein Kind, das seiner selbst nicht machtig, keiner glaubt, keiner ahnt, was in Dir, und Du tust nichts als auf Tisch und Stuhle springen, Dich verstecken, in kleine Eckchen zusammenkauern, auf Euren langen Hausgangen im Mondschein herumspazieren, uber die alten Boden im Dunkeln klettern, dann kommst Du wieder herein, traumerisch in Dich versunken, und doch horst Du gleich alles, will einer was, so bist Du die Treppe schon hinab, es zu holen, ruft man Deinen Namen, so bist Du da und warst Du in dem entferntesten Winkel; sie nennen Dich den Hauskobold, das alles erzahlte mir Marie gestern, ich war zu ihr gegangen, um sie zu fragen, ob es tunlich sein mochte, dass ich mit Dir nach Homburg reise, sie ist gut, sie hatte es Dir gern gegonnt und ich war Dir zu Gefallen gerne mit Dir hingereist; St. Clair hatte uns begleiten wollen, und ich sagte auch der Marie nichts als, ich mochte wohl nach Homburg reisen und Dich mitnehmen, dort den kranken Holderlin zu sehen, das war aber leider grad' das Verkehrte, sie meinte im Gegenteil, dahin solle ich Dich nicht mitnehmen, sie glaube, man musse Dich huten vor jeder Uberspannung ich musste doch lachen uber diese wohlgemeinte Bemerkung, nun kam Tonie, der es Marie mitteilte, sie meinten, Du seist so blass gewesen im Fruhjahr und auch letzt habest Du noch krankhaft ausgesehen, nein, sagt Tonie, nicht krank, sondern geisterhaft, und wenn ich nicht wusste, dass sie das naturlichste Madchen war, die immer noch ist wie ein unentwickeltes Kind, was noch gar nichts vom Leben weiss, so musste man furchten, sie habe eine geheime Leidenschaft, aber hier in der Stadt befindet sie sich nur wohl in der Kinderstube, sie schleicht immer weg aus der Gesellschaft und vom Tisch und geht an die Wiege, nimmt die kleine Max heraus, halt sie wohl eine Stunde auf dem Schoss und freut sich an jedem Gesicht, das sie schneidet. Das Kind hatte die Roten, niemand kam zu mir. Sie allein sass stundenlang beim Kinde, es hat ihr nicht geschadet; sie kann alles aushalten, noch nie hab ich sie klagen horen uber Kopfweh oder sonst etwas, wie lange hat sie bei der Claudine gewacht, kein Mensch konnte das, ich glaub, sie ist vierzehn Tage nicht ins Bett gekommen, sie ist wie zu Haus in jeder Krankenstube und amusiert sich kostlich, wo andre sich langweilen. Aber ihr ganzer Geist besteht in ihrem Sein, denn ein gescheites Wort hab ich noch nie von ihr gehort, ihr Liebstes ist, den Franz zu erschrecken, alle Augenblick sucht sie sich einen andern Ort, wo sie ihn uberraschen kann, letzt hat sie sich sogar auf den einen Bettpfosten gehockt, ich dachte sie konne keine Minute da aushalten, nun dauerte es eine Viertelstunde, bis Franz kam, als der im Bett lag, schwang sie sich herunter, ich dachte sie bricht den Hals, wir konnten sie die ganze Nacht nicht aus dem Zimmer bringen. Uber dieser Erzahlung war Lotte gekommen, die behauptete ernsthaft, Du hattest Anlage zum Veitstanz. Deine Blasse deute darauf, Du klettertest auch beim Spazierengehen immer an so gefahrliche Orte, und letzt wart Ihr im Mondschein noch um die Tore gegangen mit dem Domherrn von Hohenfeld und da seist Du oben auf dem Glacis gelaufen bald hin, bald her Dich wendend, ohne nur ein einzigmal zu fallen, und der Hohenfeld auch, habe gesagt, das ging nicht mit naturlichen Dingen zu. Kaum hatte Lotte ihre Geschichte, wo immer der Refrain war, Mangel an historischem Sinn und keine Logik, geendet, so trat Ebel ein, er wurde auch konsultiert wegen der Fahrt nach Homburg (ach hatt ich doch nicht in dies Wespennest geschlagen), der fing erst recht an zu perorieren, der wusste alles: "um Gottes willen nicht", Lotte sass im Sessel und sekundierte; nein um Gottes willen nicht, man muss logisch sein. Ebel sagte: Wahnsinn steckt an, ja sagt L.: besonders, wenn man so viel Anlage hat. Nun Lotte, Du machst's zu arg, sie kann wohl dumm sein, und das ist noch die Frage, denn sie ist eigentlich weder dumm noch gescheit, oder vielmehr ist sie beides, dumm und gescheit. Ebel aber sagte: ich muss hier als Naturphilosoph sprechen, sie ist ein ganz apartes Wesen, das von der Natur zu viel elektrischen Stoff mitbekommen, sie ist wie ein Blitzableiter, wer ihr nahe ist beim Gewitter, der kann's empfinden, er war namlich letzt auf der Spazierfahrt mitten im Gewitter unter Donner und Blitz im starksten Platzregen trotz Schuh und Strumpfen bloss wegen Dir aus dem Wagen und im kurzarmeligen Rock querfeldein nach Hause gesprungen. Die Tonie sagte ihm dies, und er gestand es ein, es sei Furcht gewesen, das Gewitter konne durch Deine elektrische Natur angezogen werden, er glaubt steif und fest, der Schlag sei so dicht vor den Pferden niedergefahren, weil Du in Deiner Begeistrung zu viel Elektrizitat ausstromtest. Der arme Freund, seine Rockarmel sind vom Regen noch mehr verkurzt. Lotte behauptete, es sei unlogisch von Ebel zu sagen, Begeisterung, denn dazu musse ein logischer Grund sein und der sei in Deiner Seele nicht zu finden. Dabei kam St. Clair auch zur Teestunde, ich hatte ihn hinbestellt, um zu horen wie der Versuch ausfallen werde, war's gelungen, so hatten wir Dich heute uberrascht und Dich gleich mit dem Wagen abgeholt, aber Franz kam herauf und George, denen wurde es vorgetragen. Lotte behauptete fort und fort, es wurde das Unlogischste der Welt sein, Dich hingehen zu lassen, denn trotz Deiner Unweisheit, Faselei und ganzlichem Mangel usw. seist Du doch sehr exzentrisch, und es wurde einmutig beschlossen, Du sollest nicht mit; Tonie behauptete noch, Du seist ihr von Clemens noch mehr auf die Seele gebunden, und der wurde ihr ein unangenehmes Konzert machen, wenn sie ihren Beifall dazu gabe. Ich weiss einen, der ihnen allen gern die Halse herumgedreht hatte, das war St. Clair, er war so ernst, er tat den Mund nicht auf, aber ich sah seine Lippen beben, kein Mensch wusste, welchen Anteil er daran nahm, er nahm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Hut und ging, und ich sah, dass ihm die Tranen in den Augen standen, Deinem Ritter.

An Clemens

Die Hirten lagen auf der Erde

Und schlummerten um Mitternacht,

Da kam mit freundlicher Gebarde

Ein Engel in der Himmelspracht.

Mit Sonnenglanz war er umgeben,

Und zu den Hirten neigt er sich,

Er sprach: "Geboren ist das Leben,

Euch offenbart der Himmel sich."

Auch ich lag traumend auf der Erde,

Ihr dunkler Geist war schwer auf mir,

Da trat mit freundlicher Gebarde

Die heil'ge Poesie zu mir,

In ihrem Glanz warst Du verklaret,

Vertrauet mit der Geisterwelt,

Den Becher hattest Du geleeret,

Der Dich zu ihrem Chor gesellt.

Dein Lied war eine Strahlenkrone,

Die sich um Deine Stirne wand,

Die Tone eine Lebenssonne,

Erleuchtend der Verheissung Land

Der Liebe Reich hab ich gesehen

In Deiner Dichtung Abendrot;

Wie Moses auf des Berges Hohen,

Als ihm der Herr zu schaun gebot;

Er sah das Ziel der Erdenwallen

Und mochte furder nichts mehr sehn.

Wohin, wohin soll ich noch wallen,

Da ich das Heilige gesehn?

An die Gunderode

Ich hab mir's nicht gedacht, dass ich so sein konnt in diesen schonen Tagen. In Deinem Brief, Zeile fur Zeile, lese ich nichts Trauriges und doch macht er mich schwer. Du redest von Dir, als seist Du anders wie ich, ganz anders, ach und stehst mir doch allein unter allen Menschen gegenuber, und alles, was wir miteinander besprachen, da waren wir nicht eins, Du warst anders gesinnt und ich anders, und doch hast Du mich immer vertreten, ja gewisslich ich bin anders wie Du, ich fuhl's auch heut aus jeder Zeile Deines Briefs, die mir doch so wahr sind und den tiefen Grund Deiner Seele beleuchten. Wie ist doch jeder Mensch ein gross Geheimnis, und bis alles ins Himmlische sich verwandelt, wieviel bleibt da unverstanden. Aber ganz verstanden sein, das deucht mir die wahre alleinige Metamorphose, die einzige Himmelfahrt. Im Gartenhauschen, wo wir vorm Jahr um die Zeit uns zum erstenmal gesehen haben also ein ganz Jahr sind wir schon gut Freund miteinander???!!! Und so konnt ich fortfahren Zeichen zu machen der Verwunderung, des Stummseins, des Denkens Seufzens, ja wenn ich ein Zeichen des Schauderns, der Tranen zu machen wusste, so konnte ich die Blatter voll der merkwurdigsten Gefuhle bezeichnen, denen ich keine Namen zu geben weiss. Das Geissblatt, das da herabschwankt uber die Latten, bluht dies Jahr viel uppiger. Weisst Du, das war unser erst Wort, ich sagte zu Dir: "Es war ein recht kalter Winter dies Jahr, der Hahnenfuss hat seine meisten Zweige erfroren, die Laube gibt wenig Schatten"; da sagtest Du: "Die Sonne gibt und die Laube nimmt, was sie nicht fassen kann vom Licht, das muss sie durchlassen zu uns," und dann sagtest Du, diese Pflanze sei schoner benannt Geissblatt als Hahnenfuss, weil man dabei eine schone Ziege sich denke, die mit Anmut gewurzige Blumen fresse, und dass die Natur fur jedes Geschopf ein idealisch Leben darbiete. Und wie die Elemente in ungestorter Wirkung das Leben erzeugen, tragen, nahren und vollenden, so bereite sich im Genuss einer ungestorten Entwicklung abermal ein Element, in dem das Ideal des Geistes bluhen, gedeihen und sich vollenden konne. Und dann sagtest Du, ich solle mich doch weiss kleiden der Natur zulieb, die rund um uns her so herrliche Blumen aufspriesse, dabei ein Kleid tragen zu wollen mit gedruckten Blumen, das sei geschmacklos und man musse im Einklang leben wollen mit der Natur, sonst konne die Knospe des Menschengeistes nicht aufbluhen. Ich dachte ein Weilchen uber Deine Reden, so waren wir beide still die Antwort war an mir ich getraute mich gar nicht, Du kamst mir so weisheitsvoll vor, es schien mir Dein Denken wirklich mit der Natur ubereinzustimmen, und Dein Geist rage uber die Menschen hinaus, wie die Wipfel voll duftiger Bluten im Sonnenschein, im Regen und Wind, Nacht und Tag immerfort streben in die Lufte. Ja, Du kamst mir vor wie ein hoher Baum, von den Naturgeistern bewohnt und genahrt. Und wie ich meine Stimme horte, die Dir antworten wollte, da schamte ich mich, als sei ihr Ton nicht edel genug fur Dich. Ich konnt's nicht heraussagen, Du wolltst mir helfen und sagtest: "Der Geist stromt in die Empfindung, und die geht aus allem hervor, was die Natur erzeugt, der Mensch habe Ehrfurcht vor der Natur, weil sie die Mutter ist, die den Geist nahrt mit dem, was sie ihm zu empfinden gibt." Wie sehr hab ich an Dich gedacht und Deine Worte, und an Deine schwarzen Augenwimpern, die Dein blau Aug decken, wie ich Dich gesehen hatt zum allererstenmal, und Dein freundlich Mienenspiel und Deine Hand, die mein Haar streichelte. Ich schrieb auf: Heut hab ich die Gunderode gesehen, es war ein Geschenk von Gott. Heut lese ich das wieder, und ich mocht Dir alles zulieb tun, und sag mir's lieber nicht, wenn Du mit andern Menschen auch gut bist. Das heisst: sei mit andern, was Du willst, nur lass das uns nichts angehen. Wir mussen uns miteinander abschliessen, in der Natur, da mussen wir Hand in Hand gehen und miteinander sprechen nicht von Dingen, sondern eine grosse Sprache. Mit dem Lernen wird's nichts, ich kann's nicht brauchen, was soll ich lernen, was andere schon wissen, das geht ja doch nicht verloren, aber das, was grad nur uns zulieb geschieht, das mocht ich nicht versaumen, mit Dir auch zu erleben, und dann mocht ich auch mit Dir all das uberflussige Weltzeugs abstreifen, denn eigentlich ist doch nur alles comme il faut eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen die grosse Stimme der Poesie in uns, die weist die Seele auf alles Rechte an. Einmal ist mir die Hoflichkeit zuwider, die sich immer neigt vor andern und doch keinen Verkehr mit einem hat, als ob das unhoflich war, dem auszuweichen, der einem nichts angeht; war die Natur so verkehrt, so intrigant und unsinnig wie die Menschen sind, es konnte kein Erdapfel reifen, viel weniger denn ein Baum bluhen, alles ist die reine Folge der Grossmut in der Natur, jede Kornahre, die den Samen doppelt spendet, gibt Zeugnis. Engherzigkeit wird nimmer ihren Samen spalten zum Licht, sie verkeimt. Jetzt fang ich an zu fuhlen, zu was ich da bin. Alle Morgen bet ich, wenn ich aufwache: "Lieber Gott, warum bin ich geboren", und jetzt weiss ich's, darum, dass ich nicht so unsinnig sein soll, wie die andern sind, dass ich den reinen Pfad wandle, in meinem Herzen bezeichnet, fur was hatt ihn der Finger Gottes mir eingepragt und meine funf Sinne in die Schule genommen, dass ein jeder ihn buchstabieren lerne, wenn es nicht war diesen Weg zu bekennen. Ja, man muss dem Menschen Weisheit zumuten und sie ihm als den einfachen Weg der Natur vorschreiben, aber das Verleugnen eines grossen machtigen Weltsinnes in uns ist immer Folge unseres Sittenlebens mit andern, das hangt sich einem an, dass man keinen freien Atemzug mehr tun kann, nicht gross denken, nicht gross fuhlen aus lauter Hoflichkeit und Sittlichkeit. Gross handeln, das dank einem der Teufel, das musste von selbst geschehen, wenn alles naturlich im Leben zuging. Es ist eine Schande, was die Menschen alles mit dem Namen Grossmut belegen, als ob nicht ein rasches selbsttatiges Leben immer das als elektrisches Feuer ausstromen musse, was man grosse Handlung nennt.

Das muhselige Menschengeschlecht plappert wie die Elstern, es versteht nicht das Stohnen der Liebe, das muss ich sagen, weil die Nachtigallen so suss stohnen uber mir. Vier Nachtigallen sind's, auch im vorigen Jahr waren's vier. Ja, lieben werd ich wohl nie, ich musst mich vor den Nachtigallen schamen, dass ich's nicht konnt wie die. Wie hauchen sie doch ihre Seel in die Kunst der Wollust, in die Musik und in einen Ton hinein, so rein, so unschuldig so wahr und tief was keine Menschenseele weder durch die Stimme noch durch das Instrument hervorbringen kann. Warum doch der Mensch erst singen lernen muss, wahrend die Nachtigall es so rein, so ganz ohne Fehl versteht, tief ins Herz zu singen, ich hab noch gar keinen Gesang gehort von Menschen, der mich so beruhrt wie die Nachtigall eben dacht ich, weil ich ihnen so tief zuhor, ob sie mir wohl auch zuhoren wollten, wie sie eine Pause machten, kaum heb ich die Stimm, da schmettern sie alle vier zusammen los, als wollten sie sagen, lasse uns unser Reich. Arien, Operngesange sind wie lauter falsche Tendenzen der sittlichen Welt, es ist die Deklamation einer falschen Begeisterung. Doch ist der Mensch hingerissen von erhabner Musik, warum nur, wenn er nicht selbst erhaben ist? Ja, es ist doch ein geheimer Wille in der Seele gross zu sein. Das erquickt wie Tau, den eignen Genius die Ursprache fuhren zu horen, nicht wahr? O wir mochten auch so sein wie diese Tone, die rasch ihrem Ziele zuschreiten, ohne zu wanken. Da umfassen sie die Fulle, und dann, in jedem Rhythmus ein tief Geheimnis innerlicher Gestaltung, aber der Mensch nicht. Gewiss, Melodien sind gottgeschaffne Wesen, die in sich fortleben, jeder Gedanke aus der Seele hervor lebendig, der Mensch erzeugt die Gedanken nicht, sie erzeugen den Menschen. Ach! Ach! Ach! Da fallt mir ein Lindenblutchen auf die Nas und da regnet's ein bisschen; was schreib ich doch hier dumm Zeug hin, und kann's kaum mehr lesen, jetzt dammert's schon stark wie schon doch die Natur ihren Schleier ausbreitet so licht, so durchsichtig jetzt fangen die Pflanzenseelen an umherzuschweifen, und die Orangen im Boskett. Und der Lindenduft es kommt Well auf Well heruber gestromt es wird schon dunkel Nachtigallen werden so eifrig sie schmettern recht in die Mondstille, ach, wir wollen was recht Grosses tun wir wollen nicht umsonst zusammengetroffen haben in dieser Welt lass uns eine Religion stiften fur die Menschheit, bei der's ihr wieder wohl wird ein Sein mit Gott Dein Mahomet hat's mit ein paar Ritt in den Himmel auch zuwege gebracht. Ein bisschen Spazierenreiten in den Himmel.

An die Gunderode

Gestern hab ich vergessen Dir zu schreiben, dass ich Dein Gedicht an den Clemens geschickt hab nach Marburg, ich hab mir's aber erst abgeschrieben, ich wollt Dir auch sagen, wie schon ich's find. Aber vor Dankbarkeit, dass ich Dich als Freundin hab, hab ich's versaumt. Aber Du siehst's doch im Brief gespiegelt, dass es Dein gross Herz ist, das mich ruhrt, und dass ich mich unwert halt, Deine Schuhriemen zu losen. Du wahlst Dir einen schonen Gedanken und fugst ihn in Reime zu einem Ehrenmantel fur den Clemens, ach, was hast Du da fur eine schone Tugend, hebst den Geist heraus aus dem Erdenleben. Gott schuf die Welt aus nichts, predigten immer die Nonnen, da wollt ich immer wissen, wie das war das konnten sie mir nicht sagen und hiessen mich schweigen, aber ich ging umher und schaute alle Krauter an, als musste ich finden, aus was sie geschaffen seien. Jetzt weiss ich's, er hat sie nicht aus nichts geschaffen, er hat sie aus dem Geist geschaffen, das lern ich vom Dichter, von Dir, Gott ist Poet, ja so begreif ich ihn heut las ich bei der Grossmama aus dem Hemsterhuis vor: der Choiseil sagte: "Il faut que Dieu ait la figure de l'homme comme il l'a cree d'apres son image." Der d'Allaris meinte: "C'est fort singulier, monsieur, de se figurer la figure de Dieu avec un visage humain, comme celui-la est fait pour des besoins et des fonctions terrestres auxquelles Dieu ne doit avoir aucun rapport, en raison de sa force et de son grand courage le monde entier devrait s'en aller en poussiere si par exemple le bon Dieu s'amusait une seule foix a eternuer de bon cur." Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, so begreife ich dies so: Gott hat eine Personlichkeit, die kann aber er selbst nur fassen, denn er steht sich selbst allein gegenuber, aber als Poet verschwindet ihm seine Personlichkeit, sie lost sich auf in die Erfindung seiner Erzeugung. So ist Gott personlich und auch nicht. Der Dichter stellt dies dar der ist personlich und auch nicht, eben ganz nach Gottes Ebenbild, denn er erschafft mit dem Geist, was ganz ausser dem sinnlichen Dasein liegt, und doch ist es sinnlich, da es die Sinne fassen und sich hierdurch gewiegt fuhlen und genahrt, und da doch Nahrung der Sinne nur ihre hohere Entwicklung ist, so lost der Dichter, wie Gott, seine Personlichkeit auf durch sein Denken in eine hohere Form und bildet sich selbst in eine hohere Entwicklung hinuber. Was sag ich Dir da? Ach, ich hab's einen Augenblick verstanden, was Gott ist, als konnt ich's in den Wolken lesen, und da sah ich am Himmel, wie der Mond hervorschwippt und zerstreut mir die Gedanken, dass ich eben gar nichts mehr lesen kann, alles ist zerflossen, und die Worte da oben, in denen ich's festhalten wollt, die sind verschwommen, ich hab's mit andern Worten mussen reden, es ist nicht recht, wie ich's gemeint hab. Ja, Gott lasst sich nicht fangen, ich dacht, ich hatt ihn schon. Aber das eine hab ich behalten, dass Gott die Poesie ist, dass der Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen ist, dass er also geborner Dichter ist, dass aber alle berufen sind und wenige auserwahlt, das muss ich leider an mir selber erfahren, aber doch bin ich Dichter, obschon ich keinen Reim machen kann, ich fuhl's, wenn ich gehe in der freien Luft, im Wald oder an Bergen hinauf, da liegt ein Rhythmus in meiner Seele, nach dem muss ich denken, und meine Stimmung andert sich im Takt. Und denn, wenn ich unter Menschen bin und lasse mich von ihrem Takt oder Metrum, was ganz auf den gemeinen Gassenhauer geht, mit fortreissen, da fuhl ich mich erbarmlich und weiss nichts mehr als lauter dumm Zeug, fuhlst Du das auch, dass dumme Menschen einem noch viel dummer machen, als sie selber sind, die haben nicht so unrecht, wenn sie sagen, ich sei dumm. Aber Herz, was mich versteht, komme nur, und ich will Dir ein Gastmahl geben, was Dich ehrt. Aber hor doch nur weiter: Alle grosse Handlung ist Dichtung, ist Verwandlung der Personlichkeit in Gottheit, und welche Handlung nicht Dichtung ist, die ist nicht gross, aber gross ist alles, was mit dem Licht der Vernunft gefasst wird das heisst: alles, was Du in seinem wahren Sinn fassest, das muss gross sein, und gewiss ist es, dass jeder solcher Gedanke eine Wurzel muss haben, die in den Boden der Weisheit gepflanzt ist, und eine Blume, die bluht im gottlichen Licht. Hervorgehen aus dem Seelengrund, nach Gottes Ebenbild, hinuber, hinauf in unsern Ursprung. Gelt, ich hab recht? Und wenn es wahr ist, dass der Mensch so sein kann, warum soll er anders sein? Ich begreif's nicht, alle Menschen sind anders als wie es so leicht war zu sein; sie hangen an dem, was sie nicht achten sollten, und verachten das, an dem sie hangen sollten.

Ach, ich hab eine Sehnsucht, rein zu sein von diesen Fehlern. Ins Bad steigen und mich abwaschen von allen Verkehrtheiten. Die ganze Welt kommt mir vor wie verruckt, und ich schussbartele immer so mit, und doch ist in mir eine Stimme, die mich besser belehrt. Lasse uns doch eine Religion stiften, ich und Du, und lasse uns einstweilen Priester und Laie darin sein, ganz im stillen, und streng danach leben und ihre Gesetze entwickeln, wie sich ein junger Konigssohn entwickelt, der einst der grosste Herrscher sollt werden der ganzen Welt. So muss es sein, dass er ein Held sei und durch seinen Willen alle Gebrechen abweise und die ganze Welt umfasse, und dass sie musse sich bessern. Ich glaub auch, dass Gott nur hat Konigsstamme werden lassen, damit sie dem Auge den Menschen so erhaben hinstellen, um ihn nach allen Seiten zu erkennen. Der Konig hat Macht uber alles, also erkennt der Mensch, der seinem offentlichen Tun zusieht, wie schlecht er es anfangt, oder auch wenn er's gut macht, wie gross er selber sein konne. Dann steht grade der Konig so, dass ihm allein gelinge, was kein andrer vermag, ein genialer Herrscher reisst mit Gewalt sein Volk auf die Stufe, wohin es nie ohne ihn kommen wurde. Also mussen wir unsere Religion ganz fur den jungen Herrscher bilden. O wart nur, das hat mich ganz orientiert, jetzt will ich schon fertig werden. Ach ich bitt Dich, nehm ein bisschen Herzensanteil dran, das macht mich frisch, so aus reinem Nichts alles zu erdenken wie Gott, dann bin ich auch Dichter. Ich denke mir's so schon, alles mit Dir zu uberlegen, wir gehen dann zusammen hier in der Grossmama ihrem Garten auf und ab, in den herrlichen Sommertagen, oder im Boskett, wo's so dunkle Laubgange gibt, wenn wir simulieren, so gehen wir dorthin und entfalten alles im Gesprach, dann schreib ich's abends alles auf und schick Dir's mit dem Jud in die Stadt, und Du bringst es nachher in eine dichterische Form, damit, wenn's die Menschen einst finden, sie um so mehr Ehrfurcht und Glauben dran haben, es ist ein schoner Scherz, aber nehm's nur nicht fur Scherz, es ist mein Ernst, denn warum sollten wir nicht zusammen denken uber das Wohl und Bedurfnis der Menschheit?

Warum haben wir denn so manches zusammen schon bedacht, was andere nicht uberlegen, als weil's der Menschheit fruchten soll, denn alles, was als Keim hervortreibt, aus der Erde wie aus dem Geist, von dem steht zu erwarten, dass es endlich Frucht bringe, ich wusste also daher nicht, warum wir nicht mit ziemlicher Gewissheit auf eine gute Ernte rechnen konnten, die der Menschheit gedeihen soll. Die Menschheit, die arme Menschheit, sie ist wie ein Irrlicht in einem Netz gefangen, sie ist ganz matt und schlammig. Ach Gott, ich schlaf gar nicht mehr, gute Nacht, alleweil fallt mir ein, unsre Religion muss die Schwebereligion heissen, das sag ich Dir morgen.

Aber ein Gesetz in unserer Religion muss ich Dir hier gleich zur Beurteilung vorschlagen, und zwar ein erstes Grundgesetz. Namlich: Der Mensch soll immer die grosste Handlung tun und nie eine andre, und da will ich Dir gleich zuvorkommen und sagen, dass jede Handlung eine grosste sein kann und soll. Ach hor! Ich seh's schon im Geist, wenn wir erst ins Ratschlagen kommen, was wird das fur Staubwolken geben.

Wer nit bet, kan nit denken,

essen unsre Junger Suppe draus. Oder wir konnten auch auf die andre Schussel malen: Wer nit denkt, lernt nit beten. Der Jud kommt, ich muss ihm eilig unsere Weltumwalzung in den Sack schieben, auch wir werden einst sagen konnen, was doch Gott fur wunderbare Werkzeuge zum Mittel seiner Zwecke macht, wie die alt Nonn in Fritzlar. Siehst Du den St. Clair? Gruss ihn.

An die Bettine

Oder am besten konnen wir sagen: Denken ist Beten, damit ist gleich was Gutes ausgerichtet, wir gewinnen Zeit, das Denken mit dem Beten, und das Beten mit dem Denken. Du willst ungereimtes Zeug vorbringen, Du bist ungeheuer listig und meinst, ich soll es reimen. Deine Projekte sind immer ungemein waghalsig, wie eines Seiltanzers, der sich darauf verlasst, dass er balancieren kann, oder einer, der Flugel hat und weiss, er kann sie ausbreiten, wenn der Windsturm ihn von der Hohe mit fortnimmt. Ubrigens hab ich Dich wohl verstanden, trotz der vielen sussen Lobe, die Du einstreust wie Opfergras, dass ich das Opfer bin, was Du geschachtest hast, um mit dem Jud zu reden. Ich fuhl's, dass Du recht hast, und weiss, dass ich zu furchtsam bin, und kann nicht, was ich innerlich fur recht halte, ausserlich gegen die aus der Luge hergeholten Grunde verteidigen, ich verstumme und bin beschamt grade, wo andre sich schamen mussten, und das geht so weit in mir, dass ich die Leute um Verzeihung bitte, die mir unrecht getan haben, aus Furcht, sie mochten's merken. So kann ich durchaus nicht ertragen, dass einer glaube, ich konne Zweifel in ihn setzen, ich lache lieber kindisch zu allem, was man mir entgegnet, ich mag nicht dulden, dass die, welche ich doch nicht eines Bessern uberzeugen kann, noch den Wahn von mir hegen, ich sei gescheiter als sie. Wenn sich zwei verstehen sollen, dazu gehort lebenvolles Wirken von einem dritten Gottlichen. So nehm ich auch unser Sein an als ein Geschenk von den Gottern, in dem sie selber die vergnuglichste Rolle spielen; aber meine inneren Fuhlungen, folgelosen Behauptungen ausstellen, dazu leiht mir weder die blauaugige Minerva, noch Areus der Streitbare5 Beistand. Ich gebe Dir aber recht, es ware besser, ich konnte mich mannhafter betragen und durfte diesen grossmachtigen Weltsinn in dem Sittenleben mit andern nicht mir untergehen lassen. Aber was willst Du mit einer so Zaghaften aufstellen, die sich immer noch furchtet, im Stift das Tischgebet laut genug herzusagen. Lasse mich und vertrage mich, wie ich bin, hab ich das Herz nicht, meine Stimme zu erheben gegen allen Unsinn, so hab ich auch dafur an diesem harten Fels keine kleinste Welle Deiner brausenden Lebensfluten sich brechen lassen. Er steht trocken und unbeschaumt von Deinen heiligen Begeisterungen, so kannst Du auch unbekummert darum Dein Leben dahin fliessen. Ich weiss, dass es Dir weh tut, weil wir den Holderlin nicht besuchten. St. Clair ist gestern abgereist, er war noch vorher bei mir, er sah Deinen dicken Brief, er war so sehnsuchtig, etwas daraus zu vernehmen, und die Zaghafte war kuhn genug auf ihr richtiges Gefuhl hin, ihm die Stelle zu lesen, wo die Bettine uber den Odipus spricht. Er wollte es abschreiben, er musste es abschreiben, seine Seele war sonst vergangen, und die Zaghafte war zu mutlos, es ihm abzuschlagen. Er sagte: "Ich lese es ihm vor, vielleicht wirkt es wie Balsam auf seine Seele, und wo nicht, so muss es doch so sein, dass die hochste Erregung, durch seine Dichternatur erzeugt, auch wieder an ihm verhalle, so wie er verhallte. Ich muss es ihm lesen, es wird doch zum wenigsten ihm ein Lacheln abgewinnen." Nun sieh mich schon wieder voll Zagheit, dass Dir meine Kuhnheit missfalle, aber doch betrog mich mein Ohr nicht, so war jener Hymnus auf dem Taubenschlag dem armen Dichter gesungen, dass er solle dort mit in sein zerrissnes Saitenspiel eintonen.

Ich hab jetzt so viele Gesellschaftsnot, ich muss diese Woche schon zum zweitenmal in den schwarzen Stiftstalar kriechen, auch dahinein verfolgt mich meine narrische Feigheit, ich komme mir so fremd drin vor, es ist mir so ungewohnlich, eine angelehnte Wurde offentlich zu behaupten, dass ich immer den Kopf hangen muss und muss auf die Seite sehen, wenn ich angeredet werde. Gestern haben wir in corpore beim Primas zu Mittag gespeist, da verlor ich mein Ordenskreuz, es lag unterm Stuhl, ich fuhlte es mit der Fussspitze, das machte mich so konfus, und denk nur, der Primas selbst hat es aufgehoben und bat um Erlaubnis, es anzuheften auf die Schulter, dazu kam unsere Duenna und nahm die Muhe auf sich, Gott sei Dank, ich konnte doch die ganze Nacht nicht vor der Geschichte schlafen, ich muss rot werden, wenn ich dran denke, dann war ich bei der Haiden der Moritz im Kabriolett ist mir begegnet, von da in die Komodie in Eurer Loge, George fuhrte mich hinein. "Die Geschwister". Es war sehr leer wegen der Hitze, George war fortgegangen, die Frau Rat sass ganz allein auf meiner Seite, sie rief aufs Theater: "Herr Verdy, spielen Sie nur tuchtig, ich bin da", es machte mich recht verlegen, hatte er geantwortet, so war ein Gesprach draus geworden, in dem ich am Ende noch eine Rolle hatte ubernehmen mussen. Im Parterre sassen keine funfzig Menschen, Verdy spielte recht gut, und die Rat klatschte bei jeder Szene, dass es widerhallte, Verdy verbeugte sich tief gegen sie, es war gar wunderlich, das leere Haus und die offnen Logenturen wegen der Hitze, durch die der Tag hereinschien, dann kam Zugwind und spielte mit den lumpigten Dekorationen, da rief die Goethe dem Verdy zu: "Ah, das Windchen ist herrlich", und fachelte sich, es war doch grad, als spiele sie mit, und die zwei auf dem Theater, so gut als waren sie allein in vertraulich hauslichem Gesprach, dabei musst ich an den grossten Dichter denken, der nicht verschmahte, so prunklos seine tiefe Natur auszusprechen. Ja, Du magst recht haben, es ist was Grosses darin, und es ist schauerlich, und daher tragisch gewesen diese Leere, diese Stille, die offnen Turen, die einzige Mutter voll Ergotzen, als habe ihr der Sohn den Thron gebaut, auf dem sie weit erhaben uber den Erdenstaub sich die Huldigung der Kunst gefallen lasst. Sie spielten auch recht brav, ja begeistert, bloss wegen der Fr. Rat, sie weiss einem in Respekt zu setzen. Sie schrie auch am Ende ganz laut, sie bedanke sich und wolle es ihrem Sohn schreiben. Daruber fing eine Unterhaltung an, wobei das Publikum ebenso aufmerksam war, die ich aber nicht mit anhorte, weil ich abgeholt wurde. Morgen wird sie wohl in der ganzen Stadt herumkommen.

Ich bin nicht wohl, sonst war ich heut hinausgekommen so sehr interessiert mich Dein Brief, Du hangst Dich an die Gipfel der Lebenshohen wie das junge Gefieder und siehst Dich gleich um, wie am besten nach der Sonne zu steuern sei, dann zerstreuest Du Dich ebenso leicht wieder. Wenn ich wohl bin, so komme ich die Woche noch, ich glaube, die Angst vor dem Aderlassen macht mich krank, ich kann mich nicht drein finden, wenn ich denk, dass ich Blut vergiessen soll, so wird mir ubel. Schreibe mir doch heute noch von der Schwebereligion, was das heissen soll, dass ich was zu denken und zu faseln hab, weil ich nichts anfangen kann und das Zimmer huten muss.

Karoline

An die Gunderode

Ach lasse doch ja nicht zur Ader, aus tausend Grunden, denn (vielleicht): wenn einer nur einmal zur Ader gelassen hat, so kann er kein Soldat mehr sein, kein Held! Man kann gar nicht wissen, was so ein Eingriff in die Natur fur Verandrung im menschlichen Geist macht, und wozu er als die Fahigkeit verlieren kann. Ich bitte Dich, lasse nicht zur Ader, im Kloster, da, wenn der Tag kam, wo das Aderlassmannchen im Kalender steht, ich glaub, es war grad in der heissen Zeit wie jetzt, da liessen die Nonnen alle am linken Fuss zur Ader, da kam ein Chirurg, ich war immer im Anstaunen seiner Hasslichkeit verloren, er hiess Herr Has. Eine alte Nonne sagte einmal, man konne in seine Pockengruben, in denen sehr viel erdiger Schmutz war, Kresse saen, so wurde er einen grunen Bart bekommen, ich hielt also immer Kresse bereit und passte auf die Gelegenheit, ihm den Samen einzustreuen, und habe auch einen Augenblick, wo er uber dem Warten auf die Nonnen eingeschlafen war, benutzt, und Du magst's glauben oder nicht, die Kresse hat einen sehr gunstigen Boden, sie begann mit Macht emporzuschiessen, man brauchte ihn nur mit Essig und Ol einzuseifen, so hatte man den trefflichsten Salat von seinem Bartschabsel. Aber gelt, Du glaubest nicht? Aber hor, da fallt mir ein, esse doch eine recht tuchtige Schussel voll Salat, das kuhlt das Blut ab, aber wenn Du bei einer Entzundung noch Blut verlierst, so wird naturlich diese verstarkt, denn wenn Du ein Dippen mit Wasser kochend hast und schutt'st einen Teil davon weg, so kocht's viel starker. Die Hahnen krahen, es ist schon nach Mitternacht, und nun will ich Dir fortschreiben bis morgen fruh, dass Du recht viel zu lesen hast auf Deinem Krankenlagerchen, gleich fang ich von der Neureligion an, aber erst will ich Dir noch was erzahlen, wie der Jud kam mit Deinem Brief, das war vier Uhr, da dacht ich auf was, was Dir recht gut war, da dacht ich gleich, die Aprikosen in der Grossmama ihrem Garten mussten Dir gesund sein, da ging ich um die Baum herum und erspahte die besten und lernte sie alle auswendig, wo sie hingen, und so spazierte ich in einem Wiederholen meiner Lektion, bis die Sonne unterging, denn bei Tag konnt ich sie nicht stehlen, ich musste warten, bis alles am Spieltisch sass, es war Dir das schonste Plasier, diese Aprikosen zu stehlen, erstens die Angst ist ein wahrer Spass, das Herz klopfte mir so, ich musste so lachen vor Freud; Herzklopfen ist so was Angenehmes, und denn war's grad, als liessen sie sich recht gern stehlen, sie fielen mir in die Hand, ich hatte mir ein Tuch um den Hals gebunden, da warf ich sie hinein, zwanzig! Ich war recht froh, wie ich sie all hatte und glucklich auf meiner Stube war, da hab ich sie alle in die jungen Weinblatter gepackt, die sind vom zweiten Schuss und haben einen so weichen Samt auf der linken Seite. Da liegen sie in der Schachtel und gucken mich an, als hatten sie Appetit auf einen Biss von meinem Mund, aber da wird nichts draus, sie sind all fur Dich, sie mussen sich's vergehen lassen, von mir gespeist zu werden. Esse sie, Gunderod, sie sind gut, Gott hat sie geschaffen fur Entzundungen, damit die aus dem Blut wieder in den Geist zuruckgehen soll, aus dem sie eigentlich nur ausgetreten war ins Blut. Lass nur nicht zur Ader, denn wie gesagt, es ahnt mir, dass dadurch etwas im Menschen zugrunde gehen konne, vielleicht das echte Heldentum; wer weiss, ob nicht einer, der einmal Ader gelassen hat, hierdurch nicht seine ganzen Nachkommen um die Tapferkeit gebracht hat, und dass diese Tugend eben darum jetzt so rar ist. Das Aderlassmannchen ist der Teufel, der hat sich so ganz sachte in den Kalender geschlichen, um die Menschen um das einzige zu betrugen, was ihm Widerstand leisten kann, um den Stahl im Blut, der ubergeht in den Geist, und den fest macht, dass er tun kann, was er will. Weisheit und Tapferkeit! Der Mensch will immer die Weisheit, er hat aber den Mut nicht, sie durchzusetzen. Eins bedingt das andere, denn wenn der Mut dazu ware, so war auch die Weisheit da. Denn es ist nicht moglich, dass, wenn Kraft in der Seele ist, das Hochste zu tun, dass in ihr nicht auch der Same der Weisheit aufbluhen sollte, der das hochste Tun lehrt. Wer zum Beispiel Mut hat, das Geld zu verachten, der wird bald auch Weisheit haben zu erkennen, welch furchterlicher Wahnsinn aus diesem grausamen Vorurteil hervorschiesst, und wie Reichtum und Macht so sehr arm sind. Weisheit und Tapferkeit mussen einander unterstutzen. Ach, in unserer Religion soll die Tapferkeit obenan stehen, denn wenn wir nur daruber wachen, dass wir kuhn genug sind, das Grosse zu tun und die Vorurteile nicht zu achten, so wird aus jeder Tat immer eine hohere Erkenntnis steigen, die uns zur nachsten Tat vorbereitet, und wir werden bald Dinge beweisen, die kein Mensch noch glaubt. Zum Beispiel man kann nicht von der Luft leben! Ei, das konnt doch sehr moglich sein, und es ist eine sehr dumme Behauptung, die der Teufel gemacht hat, um den Menschen an die Sklavenkette zu legen des Erwerbs, dass man nicht von der Luft leben konne, dass er nur recht viel habe. Wer viel hat, der kann vor lauter Arbeit nicht zur Hochzeit kommen; und von der Luft lebt man doch allein, denn alles, was uns nahrt, ist durch die Luft genahrt, und auch unsere erste Bedingung zum Leben ist das Atemholen. Und Gott sagt damit: Du teilst die Luft mit allen, so teile auch das Leben mit allen, und wer weiss denn, wie sehr die Natur sich noch andern kann und kann sich dem Geist anschmiegen, wenn der einmal die Seele mehr regiert, ob dann der Leib nicht auch mehr Luft bedarf und weniger andere Nahrung. Alle albernen Gedanken, Begierden und verkehrten Einbildungen, die machen so hungrig nach tierischer Nahrung, ich weiss an mir, dass, wenn mir etwas durch den Geist fahrt, dem ich nachgehen muss aus Ahnung, dass es Lebensluft enthalte, so hab ich gar keinen Hunger, und die Franzosen, wenn sie witzig sind, so haben sie immer auf was Petillantes oder Gewurztes Appetit, es kame also sehr auf den Geist an, dass wir am End gern von der Luft leben. Und unser Tischgebet soll heissen: Herr, ich esse im Vertrauen, dass es mich nahre, und die alten Kuchenzettel und Bratspiess und Backgeschichten all dem Teufel in die Garkuch geschmissen, dass er den Hals druber bricht, wir haben keine Zeit, uns dabei aufzuhalten, geh zum Nachbar und nehm Brot von ihm und nehme die Frucht vom Baum dazu und vom Opfermahl ein weniges und dulde nicht, dass sich Bedurfnisse des Mahls bei Dir einnisten zu dieser oder jener Stunde; oder sonst Dinge, die den Leib abhangig machen. Da fallt mir noch etwas ein, mit dem verdammten Zugwind, oder mit der Nachtluft, alle Augenblick heisst's: "Hier zieht's!" Und dann reissen die Leute aus, als ob ihnen der Tod im Nacken sass, oder der Nachtwind hindert sie, die nachtliche Natur zu geniessen, oder der Abendtau ist ihnen gefahrlich, und doch hat man je bei einem Gefecht in der Schlacht gesehen, dass ein Held vor dem Nachttau ausreisse? Also auch uber die Verkaltung hinweg im Nachtwind wie im Sonnenschein sein eigner Herr bleiben, das muss ein Gesetz unserer schwebenden Religion sein. Ich weiss nicht, es duftet mir ordentlich im Geist, als wurden wir auf sehr wunderbare Entdeckungen kommen. Jetzt haben wir schon entdeckt, dass man nicht Aderlassen muss, damit der Stahl im Blute nicht abgelassen werde, der die Begeisterung der Tapferkeit erzeugt, da konnte einer sagen, durch eine Wunde im Krieg konne denn auch dieser Geist des Stahls entfliehen, so dass ein Tapferer konne zu einem Feigen werden, dem ist aber nicht so, denn bei einer Wunde, die in der Begeistrung selbst empfangen wird, da haucht das Blut selbst Unsterblichkeit aus. Wenn namlich die Tugend (die Tapferkeit) wach ist in dem Menschen, das heisst: wenn der Genius in sein Blut gestiegen ist und kampft, und er geht auf die Wunde los, die er empfangen soll, da ist die Kuhnheit so Herr, dass keine sklavische Entweichung stattfinden konne, denn dann ist grad aller Stahl im Blut in den Geist ubergegangen, denn wie Gott immerdar in jedem Hauch erzeugt, weil er ganz Weisheit ist, so erzeugt auch das Genie, weil es mit Gottes elektrischer Kette verbunden ist, ewig seine Schlage empfangt und wieder einschlagt ins Blut. Ich bitte Dich, wie willst Du denn die elektrische Kraft erklaren, anders, als dass durch Gottes Geist die Natur zuckt und bis ins Blut geht, wo sie im Menschen wieder den Weg in die Begeistrung findet, weil der Geist hat. Und siehe da! Die Kraft empfangt den Blitzstrahl, und so erzeugen Weisheit und Tapferkeit sich ineinander. Was hab ich im vorigen Brief gesagt: Gott sei die Poesie, und heute, dass er die Weisheit ist, das ist schon eine alte Geschichte, das haben, glaub ich, die Kirchenvater herausgestellt und haben deswegen grossen Respekt vor Gott, aber heute haben wir herausgekriegt, dass Gott die grosse elektrische Kraft ist, die durch die Natur fahrt und ins Blut des Menschen und von da sich als Genius in den Geist des Menschen hinuber bildet. Der Genius steigt aus dem Stahl auf im Blut, und dort dringt er auch wieder ein, wenn er wirkend ist in den Sinnen. Wer keinen Stahl im Blut hat, kann auf die Weise Gott nicht empfangen. Es ist schon drei Uhr, wenn ich so fortschreib, ich glaub, ich bracht allerlei kuriose Sachen heraus, die mich selbst verwundern. Ich wittre schon den Tag, mein Licht brennt ganz nuchtern. Ich sollt schlafen gehen, aber ich will Dir doch fur einen ganzen Tag zu denken geben, weil Du allein bist. Aber jetzt muss ich erst von der Religion abspringen und Dir was dazwischen erzahlen. Du schreibst, der Moritz hat Dich im Kabriolett begegnet, ich bedanke mich, aber ich hab grad auf vierzehn Tag, wo ich noch hier bin, ein Gelubd getan und kann also Deiner Mahnung kein Gehor geben, sag's ihm, wenn Du ihn siehst. Der Bernhards-Gartner ist ein junger schlanker Mann, er hat eine feingebogne Nase, blaue Augen, schwarze Wimpern, schwarze Haare und hat eine sanfte Stimme zum wenigsten gegen mich, denn wie er letzt den Hund wollt zuruckhalten, der mich anbellte, da hatte er eine sehr kraftige Stimme. Dem Moritz wird das wunderlich vorkommen, aber mir ist es keine Scheidewand, weil er von der gebildeten Klasse ubersehen wird. Ein Mensch von Rasse musste seine Rasse auch unter der Sklaventracht wittern, aber das ist die Unechtheit des Adels, denn gewiss ist, dass das echte Blut zerstreut ist in der Welt und viel ungestempelt herumlauft, und doch will man nur das gelten lassen, was gestempelt ist, aber das sag ich Dir, ich halte alle Menschen fur unadelig, die ihre Rasse nicht erkennen auch im Kittel. Der Gartner also, der mir immer Arbeit gibt morgens fruh Du weisst, ich hab ihm die abgebluhten Federnelken von den Rabatten geschnitten, ich hab die Erdbeeren umgesetzt, ich hab die Reben ausgelaubt, ich hab das Geissblatt binden helfen, ich hab die Pfirsich spaliert, ich hab die Nelken gestengelt, ich hab die Melonenrauber ausgebrochen, und noch mancherlei anders hab ich immer morgens fruh tun helfen, wenn ich in der Fruh zum Mainufer lief, weil ich schreiben wollt oder dichten fur den Clemens, und es wollt nicht gehn, weil mir nichts einfiel, weil die Natur zu gross ist, als dass man in ihrer Gegenwart sich erlaubte zu denken, da hab ich denn mit dem Gartner lieber Erbsen gepfluckt als auf der Lauer nach grossen Gedanken da hat mir der Gartner als immer einen Strauss verehrt, erst recht schon voll und seltne Blumen, dann weniger und einfacher, ich denk, weil ich alle Tag kam, es war ihm zu viel, aber zuletzt es war grad am Tag, wo ich Zukkererbsen brach, da gab er mir bloss eine Rose und

Morgens

Da hab ich so nachgedacht und bin druber eingeschlafen. Die Rose hab ich mit ins Bett genommen. Was soll sie im Glas langsam welken uberall sollt man ein Heiligtum der Natur mit herumtragen, das frei macht vom Bosen, wer kann in Gegenwart einer Rose nicht mit edlen Gedanken erfullt sein, ich hab's lieb, das Roschen, mit dem ich geschlafen hab, es war matt, nun hab ich's ins Wasser gestellt, es erholt sich. Ich bin so dumm, ich schreib so einfaltig Zeug der arme Gartner.

An die Gunderode

Der Jud kommt heut um funf Uhr und sagt, er hatt den Brief heut morgen im Stift abgegeben und hat nichts von Dir gehort, der ungeheure Esel musste heute wie ein Windspiel herumlaufen, er hatt mussen Paradiesapfel zum Lauberhuttenfest einkaufen, da hatt er nicht warten konnen, der Kerl sah so narrisch aus, aus seinem Sack guckten lange Palmzweige uber seinen Kopf, mit der einen Hand hielt er seinen langen Bart fest, mit der andern stellt er seinen langen Stab weit von sich und schwort immer bei seinem Bart, und keuchte unter der Last; ich liess ihn eine Weile stehen, so gut gefiel's mir ihn anzusehen, ein Bild, wer's verstund zu malen. Diesmal haben also meine Religionsdepeschen wegen der Lauberhuttenangelegenheit nicht konnen befordert werden; wenn Du nur gesund bist wieder. Heut abend musst ich mit der Grossmama spazieren gehen, am Kanal im Mondschein. Sie erzahlte mir aus ihrer Jugendzeit, wie sie noch mit dem Grosspapa in Warthausen beim alten Stadion wohnte, und wie der den Grosspapa weit lieber gehabt als die andern Sohne, und wie der ihn erzogen hat, gar wunderlich mit grosser Sorgfalt, er liess ihn als Jungling von nicht achtzehn Jahren schon eine grosse und ausgebreitete politische Korrespondenz fuhren, er gab ihm Briefe von Kaiser und Konig, von allen Reichsverwesern und Staatsbeamten aller Art zu beantworten, es kamen Verhandlungen uber alle moglichen Staatsangelegenheiten vor, Handel, Schiffahrt, alte Anrechte, neue Forderungen, Landerteilung, Verratereien, Umtriebe, Gefangennehmung grosser Personen, Monchssachen, klosterliche Stiftungen, Geldangelegenheiten, kurz alles, was einem grossen Staatsminister obliegt zu untersuchen und zu ordnen, dies alles besprach der Stadion mit ihm, liess ihm seine Meinung druber darstellen Aufsatze daruber machen, dann mit eignem Beifugen von Bemerkungen liess er diese von ihm ins reine schreiben, Briefe an verschiedne Potentaten schreiben, namentlich fuhrte er die Korrespondenz mit Maria Theresia, zuvorderst uber Thronbesteigung, uber Mitregentschaft ihres Gemahls, dann uber die leere Schatzkammer, dann uber die Heereskraft des Landes, uber Missvergnugen des Volks, uber die Anspruche von Bayern an die ostreichischen Erblande, und wie die Kurfursten wollten die Erbfolge der Theresia nicht anerkennen, uber den Krieg mit Friedrich II., mit England, Antrage um Hilfsgelder; Briefe an einen franzosischen General Belle-isle, dann ein Briefwechsel mit Karl von Lothringen, mit dem Kardinal Fleuri, mit dem ostreichischen Feldherrn Fursten Lobkowitz, dann endlich einen Briefwechsel mit der Marquise de Pompadour, immer im Interesse der Kaiserin, diese letzte Korrespondenz war erst ins Galante und endlich ganz ins Zartliche ubergegangen, es kamen Briefe mit Madrigalen als Antwort, worauf der Grosspapa im Namen Stadions wieder in franzosischer Poesie antworten musste, da habe der Grosspapa manche Feder zerkaut, und der Stadion habe ihm gelehrt, die Politik mit einfliessen zu lassen, und hat Anspielungen machen mussen auf Reize, auf blonde und braune Locken, und dem Stadion ist's haufig nicht zartlich genug gewesen. Die Antworten sind dann mit grosser Freude vom Stadion ihm mitgeteilt worden, besonders wenn sie Empfindlichkeit fur des Grosspapas Galantrien hatten spuren lassen, da hat der Stadion so gelacht und ihn angewiesen, wie die feinste Delikatesse zu beobachten sei. Und endlich einmal, als nach der Thronbesteigung der Maria Theresia und ihrer Kronung als Kaiserin die Gratulationen abgefertigt waren, an seinem einundzwanzigsten Geburtstage, da schenkte Stadion dem Laroche einen Schreibtisch, worin er alle seine Briefe in drei Jahren geschrieben, die er uber Land und Meer gegangen wahnte, noch versiegelt wiedergefunden, und die Antworten, welche von Stadion selbst erfunden waren und von verschiedenen Sekretaren abgeschrieben, dazu, und er sagte ihm, dass er ihn so habe zum Staatsmann bilden wollen. Dies hat den Grosspapa erst sehr besturzt gemacht, dann aber ihn tief geruhrt, und hat diese Briefe als ein heilig Merkmal von Stadions grossem liebevollem Geist sich aufbewahrt. Die Grossmama hat diese Briefe noch alle und will mir sie schenken. Sie war gesprachig heut, sie wird alle Tage liebevoller zu mir, sie sagt, mir erzahle sie gern, obschon manches in die Erinnerung zu wecken ihr schwer werde; sie sprach viel von der Mama, von ihrer Anmut und feinem Herzen, sie sagte: "Alles, was ihr Kinder an Schonheit und Geist teilt, das hat eure Mutter in sich vereint"; und dann hat sie zu sehr geweint, um von ihr weiter zu sprechen, die Tranen erstickten ihre Stimme. Sie legte die Hand auf meinen Kopf, wahrend sie sprach, und als der Mond hinter den Wolken hervorkam, da sagte sie: "Wie schon dich der Mond beleuchtet, das war ein schones Bild zum Malen." Und ich hatte in demselben Augenblick auch den Gedanken von der Grossmama, es war gar wunderlich, wie sie unter einem grossen Kastanienbaum mir gegenuberstand, am Kanal, in dem der Mond sich spiegelte, mit ihren grossen silberweissen Locken ihr ums Gesicht spielend, in dem langen schwarzen Grosdetourkleid mit langer Schleppe, noch nach dem fruheren Schnitt, der in ihrer Jugendzeit Mode war, lange Taille mit einem breiten Gurt. Ei, wie fein ist doch die Grossmama, alle Menschen sehen gemein aus ihr gegenuber, die Leute werfen ihr vor, sie sei empfindsam, das stort mich nicht, im Gegenteil findet es Anklang in mir, und obschon ich manchmal uber gar zu Seltsames hab mit den andern lachen mussen, so fuhl ich doch eine Wahrheit meistens in allem. Wenn sie im Garten geht, da biegt sie alle Ranken, wo sie gerne hinmochten, sie kann keine Unordnung leiden, kein verdorbenes Blatt, ich muss ihr alle Tage die absterbenden Blumen ausschneiden, gestern war sie lange bei der Geissblattlaube beschaftigt und sprach mit jedem Trieb: "Ei kleins Astele, wo willst du hin", und da flocht sie alles zart ineinander und band's mit roten Seidenfaden ganz lose zusammen und da darf kein Blatt gedruckt sein, "alles muss fein schnaufen konnen", sagte sie und da brachte ich ihr heute morgen weisse Bohnenbluten und rote, weil ich ihr gestern eine Szene aus ihrem Roman vorgelesen hatte, worin die eine Rolle spielen, sie fand sie auf ihrer Fruhstuckstasse. Sie liess sich aus uber das frische Rubinrot der Blute, hielt's gegen's Licht und war ergotzt uber die Glut mir ist's lieb, wenn sie so schwatzt ich sagt ihr, sie komme mir vor wie ein Kind, das alles zum erstenmal sehe. "Was soll ich anders als nur ein Kind werden, sind doch alle Lebenszerstreuungen jetzt entschwunden, die dem Kindersinn fruher in den Weg traten, so beschreibt das Menschenleben einen Kreis und bezeichnet schon hier, dass es auf die Ewigkeit angewiesen ist," sagte sie, "jetzt wo mein Leben vollendet, so gut als mir's der Himmel hat werden lassen so viel der schonen Bluten sind mir abgebluht, so viel Fruchte gereift, jetzt wo das Laub abfallt, da bereitet sich der Geist vor auf frische Triebe im nachsten Lebenskreislauf, und da magst du ganz recht ahnen." Ach Gunderode, ich will auch erst wieder ein Kind werden, eh ich sterb, ich will einen Kreis bilden, nicht wie Du willst, recht fruh sterben, nein, das will ich nicht, wo ist's schoner als auf der schonen Erde, und dann als Kind, wo's am schonsten ist, wieder hinuber, wo die Sonne untergeht. Die Grossmama erzahlte auch noch eine schone Geschichte, die ich Dir hierherschreiben will, weil ich sie nicht gern vergessen mochte, von dem Vater des Stadion, der habe einen Lowen gehabt, der sei zahm gewesen, der habe nachts an seinem Bett geschlafen, da sei er eines Morgens aufgewacht, weil ihn der Lowe gar hart an der Hand leckte, da war er von seiner rauhen Zunge bis aufs Blut geleckt, und dem Lowen hat das Blut sehr gut geschmeckt, der Stadion hat sich nicht getraut, die Hand zuruckzuziehen und hat mit der andern Hand nach einer geladnen Pistole gegriffen, die am Bett hing, und dem Lowen vor dem Kopf abgedruckt. Und als die Leut auf den Larm hereingedrungen waren zu ihrem Herrn, da hat der Stadion uber dem toten Lowen gelegen und ihn umhalst und ihn ganz starr angesehn, und hat einen grossen Schrei getan: "Ich hab meinen besten Freund gemordet", und da hat er sich mehrere Tage in sein Zimmer eingeschlossen, weil es ihn so sehr gekrankt hatte. Ach, ich hatte dies Tier lieber nicht umgebracht und hatt auf seine Grossmut gebaut, ob der Lowe mich gefressen hatt, ich glaub's noch nicht, und mir war lieber gewesen, die Geschicht war nicht so ausgegangen. Sie erzahlte noch manches von ihm, was seine grosse Gegenwart des Geistes bewies, und sprach so weise uber diese grosse Eigenschaft, dass ich ganz versunken war im Zuhoren; sie sagte, dass die Menschen als lang sich abmuhen, was Genie sei, sie kenne kein grosseres Genie als in dieser Macht uber sich selber, und dass die endlich uber alles sich ausbreite, da man alles beherrschen konne, wenn man sich selber nicht mit Zaum und Gebiss durchgehe, "wie du, kleines Madele", sagte sie zu mir, "so steil hinansprengst mit den Fussen wie mit dem Geist und der Grossmama Schwindel machst"; und wenn je grosse Herrscher gewesen, so waren sie durch diese Geisteskraft allein hervorgebildet worden, die sie in einem fruheren Leben genotigt waren zu uben. Die Grossmama glaubt, die Seele, das Wesen des Menschen gehe aus einem Geistessamen in ein ander Leben uber, dieser Same sei, was er wahrend einem Leben in sich reife und dann sich durch allmahliche Erkenntnis, durch geubtere Fahigkeiten immer in hohere Spharen erzeuge. Dann erzahlte sie mir von dem Ahnherrn unseres Grossvaters, der im Dreissigjahrigen Krieg sei auf dem Schlachtfeld gefunden, bei Duttlingen, wo die Franzosen eine grosse Niederlage erlitten, als Fahnenjunker die Fahne um den Leib gewickelt, und die Stange durch Brust und Leib gestossen und eingehauen, und sein Bruder auch tot uber ihm gelegen, der hat die Fahne schutzen wollen und mit seinem Leben bezahlt; sie waren in franzosischen Diensten, das hat der grosse Conde gesehen und gesagt: ferme comme une roche, da sie sonst Frank von Frankenstein geheissen, so haben sie jetzt sich genannt Laroche, weil der Konig der Witwe seines Bruders, der auch in jenem Gefecht geblieben, ein Landgut im Elsass geschenkt hat und ihnen drei Fahnen zu dem Fels ins Wappen gegeben, uber diese letzte Geschichte hab ich meine eignen Betrachtungen angestellt, eine so einfache und doch so grosse Handlung hab ich mir im Geist dargelegt, er war Fahnenjunker, dieser Ahne von mir, und haben eine unsterbliche Tat getan, beide Bruder, indem sie die Fahne, zu der sie geschworen, treu verteidigten, und liessen ihr Leben dafur, da der Junker die Fahne sich um den Leib gebogen und so den Tod fand, so schutzte sie sein Bruder, der Wachtmeister war, noch im Tod mit seinem Leib, und retteten dem Heer die Fahne des Conde, dass sie nicht als Siegeszeichen in die Hande des kaiserlichen Tilly komme, obschon sie von Geburt Deutsche waren. Ein Schwur muss doch Erwecker einer grossen Kraft im Menschen sein, und die gewaltiger ist wie das irdische Leben. Ich glaub, alles was gewaltiger ist wie das irdische Leben, macht den Geist unsterblich. Ein Schwur ist wohl eine Verpflichtung, eine Gelobung, das Zeitliche ans Geistige, ans Unsterbliche zu setzen da hab ich's gefunden, was ich mein, was der innerste Kern unserer schwebenden Religion sein musst. Ein jeder muss ein inneres Heiligtum haben, dem er schwort, und wie jener Fahnenjunker sich als Opfer in ihm unsterblich machen denn Unsterblichkeit muss das Ziel sein, nicht der Himmel, den mag ich denken, wie ich will, so macht er mir Langeweile, und seine Herrlichkeit und Genuss lockt mich nicht, denn die wird man satt, aber Aufopferung und Not, die wird man nicht mude. Und im Gluck, im Genuss wird der Mensch nicht wachsen, in dem will er immer stille stehen. Und was ist denn das wahre, das einzige Funklein Gluck, was von dem grossen Gotterherd heruber spruht ins Leben? Das ist Gefuhl, dass Bedrangnis das Feuer aus dem Stahl im Blut schlagt, ja das ist's allein; die geheime innerliche Uberzeugung der lebendigen Mitwirkung aller Krafte, dass alles tatig und rasch sei in uns, einzugreifen mit dem Geist, und die eigne irdische Natur wie ihr Besitztum und alles dran zu setzen. Nun wohl, geistige Kraft, die die irdische zum eignen Dienst verwendet, die ist das einzige menschliche Gluck. Ja ich glaub, Besitz ist nur insofern Glucksguter zu nennen, als sie uns gegeben sind, damit wir sie verleugnen konnen um der hoheren Bedurfnisse der inneren Menschheit willen. Dies Verleugnen, dies Dahingeben, dass es durch jene Glucksguter in die Hand gegeben ist, uns uber sie hinaus zu schwingen, das deucht mir gottliche Gabe, ach! ach! Die lassen wir aber fallen; wir lassen die Begeisterung, die im Gottertrank des Glucks unsre Sinne durchrauschen durfte und furchten uns davor, und wenn wir schon lustern waren, doch deucht es gefahrlich wie ein Gott trunken den Becher in die Weite hinzuschleudern, wenn er ausgetrunken ist. Merk's, zu unserer schwebenden Religion gehort das auch, dass wir den Wein den Gottern trinken und trunken die Neige mitsamt dem Becher in den Strom der Zeiten schleudern. So ist's, sonst weiss ich nichts, was glucklich war zu preisen, als nur tatenfroh immer Neues schaffen und nimmer mit Argusaugen Altes bewachen. Ausserdem wusst ich nichts, was mich anfechte, was ich mocht sein oder haben als nur mit meinem Geist durchdringen. Von mir soll niemand horen, ich sei unglucklich, mag's gehen wie's will, und was mir begegnet im Lebensweg, das nehm ich auf mich, als sei's von Gott mir auferlegt. Merk's wieder, das gehort auch noch zu unserer schwebenden Religion und mein inneres Gluck, das mach ich mit den Gottern ab. Diese Momente, wo ein Gefuhl: Gottertriebe seien in uns wach, dem Stolz das Gefieder aufblattert, dass die Gedanken Respekt vor uns haben, die gemeinen, und uns aus dem Weg gehen. Ach, das ist's dann steigt man allein auf die Berggipfel und atmet die Lufte ein im Nachtwind, in denen der Genius uns anhaucht vor Lust und Dank, dass er ohne Sunde, ohne Verleugnung wiedergeboren ward in uns; und dann weiht man aufs neue sich ihm und verschwistert sich mit sich selber, alles zu tragen, zu dulden. Nichts ist zu klein, was solche grosse Seelenkrafte in Anspruch nimmt, denn eben diese zu uben ist ja das Grosse; und versaumen kann man nicht das Hohere um das Geringere, denn eben dass an das Geringe alle Seelenkraft gewendet werde, mit Fursorge gleich der des Lebenspenders, das ist das wahre Opfer, was uns gottlich macht. "Man muss alles dem lieben Gott uberlassen", sagen die guten Christen ja wohl, von ihm nehme ich an, was er mir zuerst entgegensendet, wozu die erste Regung meines Geistes mich mahnt, und lass' auf dem Zeitenstrom mich dahinschwimmen, den er mir geschenkt, und ob ich da Fruheres versaume oder Grosseres, das kann ich nicht wissen, und wenn's ein Bienchen war, das ohne meine Hilfe ertrinken musste, so reich ich erst den Zweig ihm, sich zu retten, das ist das Fundament von meinem innerlichen Gluck, uberhaupt was sollt ich doch um irdisch Gluck fur Not haben, es ficht mich nicht an. Soll sich einer glucklich preisen, ich musst ihn auslachen. Sagt mir einer, dir geschieht nichts, die Tage gehen vorbei, und kannst dein Wirken nicht vereinen mit der Zeit, sie will nichts von dir, und lauft ihren Weg, sie hat taube Ohren im Gebrause aller, deren jeder einer fur sich sorgend seine Stimme will geltend machen und sich durchfechten, nun, das ist mir nichts. Ob handelnd oder fuhlend, tiefempfindend mit dem Genius umgehen, das ist dasselbe, was ist denn Handeln anders als fuhlbar werden das Rechte und es tun. Handeln ist nur der Buchstabe des Geistes, es ist noch nicht so susse als die heimliche himmlische Schule des Geistes. Wo ich auch hinaus denk, mir deucht nichts glucklicher als im Schatten liegen jener grossen Linde unter ihren fallenden Bluten und durch ihr rauschend Gezweig dem Geliebten entgegen lauschen, dem heiligen Geist. Der ist mein Geliebter, der kommt und besucht mich jetzt in der heissen Jahreszeit, wenn ich im Boskett lunze, und es regnet Lindenbluten auf mich mit jedem leisen Luftchen. Ach, er macht kein Wesen von der Weisheit, von Gottesgelahrtheit, von Tugend, von Religion. Ich bin ihm recht, wie ich bin, er lacht mich aus, wenn ich belehrt sein will, und blast mich an; "da hast du Weisheit," sagt er. Dann spring ich auf und gluh im Gesicht von seinem Hauch ich lauf ins Haus, ich denk, wie bin ich doch glucklich! Ich werf mich auf die Erd mit dem Angesicht und kuss' die Erde. Das ist mein Gebet wie soll ich ihn umfassen als bloss, wenn ich die Erde kuss'? Einsam bin ich nicht ist der Schatz uberall, die dritte Person in der Gottheit uberall; auch im Blumenstrauss vom Gartner, der an meinem Bett steht, vom Mond beleuchtet in der Nacht, wenn's alles still ist und tief schlaft alles und kein Licht mehr brennt in den Nachbarhausern, da fangen diese bunten Farben das Mondlicht auf; wenn ich den anseh, dann sag ich: "Gelt, das ist deine Rede zu mir, heiliger Geist, dies Farbenspiel in den Blumen?" Das leugnet er nicht, dass ich ihn versteh. Dir kann ich's alles sagen, denn durch Dich hab ich ihn fassen gelernt, wenn ich Dir gegenuber sass und Du lasest mir vor am Morgen, was Du am Abend gedichtet hattest, da sah ich mich immer nach dem um, der Dir's vorbuchstabiert hatt, der Klang, der riss mich hin, ich ahnte, es war der Geist, der auch mir begegnet drauss, wenn ich auf der Hoh steh, und er braust von ferne daher, beugt die Wipfel auf und nieder und kommt naher und naher und fahrt grad auf mich zu umschlingt mich! Wer soll's sein? Wer kann's wehren? Ich fuhl seine Weisheit, seine Liebe ist Rhythmus. Was ist Rhythmus? Widerhall der Gefuhle am grossen Himmelsbogen, dass es schallt! Zuruck! Macht sich uns horbar, was wir fuhlten, dass es zartlich anschlagt ans Ohr der Seele bis tief ins Herz, das ist Rhythmus, das ist der heilige Geist, aus der eignen Gedankenkelter gibt er uns zu trinken sussen Most, der susse heilige Geist.

Am Mittag

Ach Gunderode, ich weiss was das ist, die Weltseele, ich hab oft gedacht, was doch so braust, wenn ich ganz allein sitze in der Mittagssonne, denn da ist das Brausen am starksten; das ist mein Geliebter, der unter der Linde mit mir ist und im Abendwind. Der heilige Geist ist die Weltseele. Er beruhrt alles, er weckt von den Toten auf, und hatt ich ihn nicht, so war alles tot. Und Leben ist Leben wecken, ich war verwundert, als der Geist mir's sagte. Ich besann mich, ob ich Leben wecke oder ob ich tot sei. Und da fiel mir ein, dass Gott sprach: Es werde, und dass die Sprach Gottes ein Erschaffen sei; und das wollt ich nachahmen. Ich ging am Mainufer am Abend, ich sah in der Ferne den blauen Taunus und sah ihn drauf an, dass er lebendig solle werden. Wie bald war mein Wille erfullt! Du hattest sehen sollen und fuhlen den Strom lebendigen Atems, der heruberwallte von ihm auf mich, wo ich sass. Die Schwalben kamen vorausgeflogen, die Nebel stiegen herab, die Abendstrahlen uberleuchteten ihn fluchtig und die Wiesen am seinem Talschoss mir zu und enthullte sich vor mir, dass der Blick ihn deutlich fassen konnt, wie sah mein Aug gewaltig. Aha! Sonst hab ich weiter nichts gedacht, er war mir der langerwartete, innigbekannte Geliebte! So wandelt sich denn der Geist in alles, was ich mit Leben weckendem Blick anseh. Und keiner wird mir begegnen mich zu lieben, es ist der heilige Geist, der aus ihm zu mir spricht. Ach ja! Ich kann von Gluck sagen! Seelenlauschen! Himmlische Grazie! Du tragst mich ins Liebesbett, auf den grunen Rasen. Was du weckst, das weckt dich wieder und was uns weckt, das ist der heilige Geist, der an ferne Gipfel uber den Nebeln mir aufstieg, denn weil ich gern mit Augen ihn sehen wollt. Wie vertiefte sich doch mein Blick in ihn und merkte nichts vom Abenddunkel und dass er mich im Schleier fing der Nacht und ganz drin einwickelte. Ja, wecke Du das Leben, so ist's gleich selbstandig und uberrumpelt Dich. Und Du gehorst ihm, statt dass es Dein gehore. Ich hab aber noch was ganz anders im Schild, das will ich Dir hier sagen: Je starker die Gewalt, je lebendiger ist sie, drum ist Schonheit der lebendige Geist, denn sie weckt allein Leben alles andre weckt den Geist nicht. Ach, wie schmachtet doch die Seele nach Schonheit, nach Leben die Schonheit ist Lebensnahrung der Seele. Das ganze Ungluck ist, wenn nicht alles Schonheit um uns ist, da stirbt alles ab und auch fur die Ewigkeit ist alles verloren, was nicht Keim der Schonheit ist. Sehnsucht ist Schonheitskeim, der sich entfaltet. Sehnsucht ist inbrunstige Schonheitsliebe.

Heute nachmittag brachte der Buri der Grossmama ein Buch fur mich Schillers Asthetik ich sollt's lesen, meinen Geist zu bilden; ich war ganz erschrokken, wie er mir's in die Hand gab, als konnt's mir schaden, ich schleudert's von mir. Meinen Geist bilden! Ich hab keinen Geist ich will keinen eignen Geist; am Ende konnt ich den heiligen Geist nicht mehr verstehen. Wer kann mich bilden ausser ihm. Was ist alle Politik gegen den Silberblick der Natur! Nicht wahr, das soll auch ein Hauptprinzip der schwebenden Religion sein, dass wir keine Bildung gestatten das heisst kein angebildet Wesen, jeder soll neugierig sein auf sich selber und soll sich zutage fordern wie aus der Tiefe ein Stuck Erz oder ein Quell, die ganze Bildung soll darauf ausgehen, dass wir den Geist ans Licht hervorlassen. Mir deucht, mit den funf Sinnen, die uns Gott gegeben hat, konnten wir alles erreichen, ohne dem Witz durch Bildung zu nahe zu kommen. Gebildete Menschen sind die witzloseste Erscheinung unter der Sonne. Echte Bildung geht hervor aus Ubung der Krafte, die in uns liegen, nicht wahr? Ach, konnt ich doch alle Ketten sprengen, die uns daran hindern, jeder innern Forderung Genuge zu leisten; denn dadurch allein wurden die Sinne in ihre volle Blute aufbrechen.

Ich lese eben meinen Brief durch und wundre mich uber den Paradegaul von prahlerischen Gedanken, der drin an der Leine im Kreis lauft. Ein philosophischer Harttraber, ich fuhl mich nicht bequem, wenn ich ihn reite, was kommt mir doch so viel in den Kopf, was ich selbst gar nicht wissen mag konnt ich nur immer von der Himmelsleiter des Ubermuts herab unter die Philister speien. Gute Nacht das ist der vierte Tag, wo ich nichts von Dir weiss, jetzt, wenn morgen kein Brief kommt, so frag Dich doch selber, was ich dann denken soll.

An die Bettine

Gestern abend kam ich von Hanau, wo ich drei Tage in prosaischen Geschaftsauftragen verbrachte. Deine zwei Briefe lagen auf meinem Kopfkissen, und einer von Clemens, der nach Dir fragt, weil er die ganze Zeit nichts von Dir gehort habe, keine Antwort auf mehrere Briefe. Er meint, Du konntest krank sein, hast Du ihm denn gar nicht geschrieben? Versaume doch nicht, gleich zu schreiben, er fragt nach Deinen Studien und meint, Dein Generalbasseifer, von dem Du mit so viel Begeistrung ihm geschrieben, sei wohl auch wieder ins Stocken geraten. Ich soll Dein faselig Wesen zur Besonnenheit bringen, und schilt mich einen Faselhans und klagt mich an, ich versaume Dich, ich mache mir selber Vorwurfe und kann doch nach allem Uberlegen zu keinem besseren Resultat kommen, als eben Dich ganz Dir selber uberlassen. Der Clemens meint, Du habest ein enormes Talent zu jeder Kunst, und es musse die Steine am Wege erbarmen, Dich so dahinschlampen zu lassen, Deine Selbstzufriedenheit hange davon ab, dass Du Dich mit Leib und Seel einmal dran gebest, es sei der Schlussel Deines ganzen Lebens. Ich darf ihm nicht sagen, dass Du ein Religionsstifter bist und die ganze Menschheit auf Dich genommen hast und willst sie lassen von der Luft leben und bildungslos dahertappen und willst nichts Gekochtes mehr essen, von lauter rohen Mohrruben und Zwiebel leben und die Bratspiesse alle zum Teufel werfen und Dir das ganze Taunusgebirg zur Gesellschaft bitten, und dass Deine Religion schweben solle, und dass Du in dem Gartner einen adeligen Herrn entdeckt hast, das darf ich ihm doch alles nicht sagen. Was soll ich ihm denn sagen? Da helf' mir doch einmal ein bisschen drauf. Der rasche Wechsel von Anregungen in Deinen Briefen wurden dem Clemens die Haare zu Berge stehen machen, und Dein zartlicher Umgang mit dem Heiligen Geist, wie Du das nennst, den Du gleich einem Jagdhund witterst, das wurde ihm unsagliche Sorge machen. Er fragt mich, was Du mir schreibst, denn er wisse, dass ich enorm lange Briefe von Dir bekomme. Wo er das her weiss, das ist mir ein Ratsel, ich hab mit niemand davon gesprochen. Ich mein, dass der Clemens recht hat, denn wenn Du auch ein neues Leben ausgefunden hast, indem Du mit Dir selber zusammentriffst, wie Du sagst, so musst Du doch auch fuhlen: so gut wie in jenen Naturerscheinungen, die Dein Genius, wie Du meinst, benutzt, um zu Dir zu gelangen, so wurde er jede Kunst wohl auch benutzen dazu, wenn Du ihm nur die Pforte offnen wolltest, aber der Arme! Ich glaube, Du wurdest ihn eher zerquetschen, ehe Du ihn da durchliessest. Was Dich einen Augenblick anregt, wozu sich wirklich Dein Feuer sammelt, das zerstreuest Du mit allem Fleiss wieder und gibst es den vier Winden preis. Du kannst nicht leugnen, dass die Musik mit allem, was Anregung in Dir bedurfte, ubereinstimmt. Du hast mir selber geschrieben, Dein eigner Lebensgeist rufe Dir immer zu, eine Geige nimm und verstarke den Strom der Harmonien, sonst kannst Du nimmer glucklich werden. Dies war's oder doch was ganz Ahnliches, was Du mir vor vier Wochen geschrieben, und dass Du fuhlest, die Musik sei der Urgeist aller Elemente und sie allein wecke den Geist im Menschen und Geist konne nur Musik sein, und was dergleichen prahlerische Gedanken mehr waren, die, wie ich sehe, aber ganzlich aus Deinem Kopf verschwunden sind. Wo ist nun Dein musikalischer Urgeist jetzt hin? Ich will Deinem Lebensweg gar nicht in den Weg treten, aber dass Du dem Geist, der Dir auf geheimen Wegen entgegenkommt, den Du so liebst, dass Du meinst, in allem sei nur er es, den Du je lieben werdest, dass Du dem zulieb nicht einmal eine Kunst uben willst, Dich zu nichts anstrengen, kein Buch lesen; nur spazierengehen, auf Dacher klettern und uber die Hecken auf Nebelpfaden umherschweifen, schwebende Religionen zu erfinden, das ist ein wahrer Jammer! Wie gerne wollte ich alles an Dir versuchen, was Clemens als meine Pflicht mir vorhalt, aber Du stehst mir ja doch nicht Rede und haspelst wie ein Schmetterling uber Dich selber hinaus. Wie lang bleibst Du noch draussen? Die Tonie lasst Dir sagen, sie werde Dich am Mittwoch abholen, abends um halb neun Uhr, auf einen Ball, den der Moritz in Niederrath gibt; sie konsultierte mit Marie und Claudine uber Deine Kleidung, weil Du keinen Ballanzug in Offenbach hast, eine weisse Krepptunika, eine breite blaue Scharpe und blaue Achselscharpe, meinte Claudine, und was auf den Kopf? Du trugest nichts auf dem Kopf, meint die Marie ich will aber doch diesmal Dich auffordern, dass Du Dir einen Kranz von Aschenkraut aufsetzest, das muss gar gut stehen, der Moritz will Dir einen Strauss schicken. Heut haben wir Samstag, am Mittwoch also, wenn Du nicht abschreibst.

An die Gunderode

Ich schreib nicht den Ball ab, ich freu mich recht drauf, ich bin jetzt schon vier Wochen recht vergnugt hier und will auch durchaus noch bei der Grossmama bleiben, bis die Tante aus dem Bad kommt, wir haben uns gar sehr ineinander gewohnt, die Grossmama und ich, ich hab sie um Erlaubnis gefragt, ob es ihr nicht unlieb sei, wenn ich auf den Ball gehe. Sie sagt: "Nein, gut Mauschen, hast lang genug hier ausgehalten, wann kommst du wieder? Denn du wirst doch wohl den andern Tag in Fr. bleiben?" Ich sagte, ich wolle noch in der Nacht wieder herauskommen, denn ich sah ihr an, dass sie furchtete, ich mochte in der Stadt bleiben, und das konnt leicht kommen, dass die Bruder mich dann nicht wieder herauslassen, und ich will doch nicht eher fort, bis die Grossmama selber will und nicht mehr allein ist, richte es also mit Tonie und Marie so ein, dass die zusammen fahren und ich mit dem George seinem Gig herausfahren kann, denn ich furcht mich nicht vor der Nachtluft, das weisst Du ja, dass das ein Gesetz ist in unserer schwebenden Religion. Und Dein furchterlich Gebrummel, davor furcht ich mich gar nicht, denn ich weiss doch, dass es Dir grad so gefallt, und mach dem Clemens weis, was Du willst, aber sag ihm nichts wieder aus meinen Briefen; wer's ihm gesagt hat, dass ich Dir so lange Briefe schreib, das war der St. Clair, dem hast Du ein Stuck aus meinem langsten Brief gezeigt und abgeschrieben, wenn er ihm nur nicht auch vom Inhalt gesprochen oder ihm gar mitgeteilt hat, dann weiss ich gewiss, dass mich der Clemens lang ansehen wird und wird mit Fragen hintenherum kommen, ich weiss gewiss, er wird allerlei Kuriosigkeiten fragen und so lang uber mich hinausfahren ins Kreuz mit Segenspruchen, um mich von der Behexung loszumachen. Wie ich Dir sag, mit dem Clemens fuhr ich ein ganz ander Leben, es ist ein ander Register, das da aufgezogen ist, wenn ich an ihn schreib, es hat gar denselben Ton nicht, wie mit Dir.

Es ist noch nicht aus mit der Musik, es sind noch keine erstarrten Grillen. Ich bin aufrichtig, und die einzige Tugend der Wahrheit geht durch mein Nervensystem, alles ist in ihr aneinandergereiht wie's menschliche hausliche Leben in meinem Geist. Wenn ich Dir den grossen Einfluss, den die Musik auf mich hat, zu verschiedenen Malen mitgeteilt hab, so kannst Du denken, dass ich dabei nicht stehenblieb, allein wenn man Wege betritt, die noch zu keinem Ziel gefuhrt haben, wo alles noch wuste ist, noch keine Losung hat, noch selber mir nicht einleuchtet, was kann ich da viel sprechen? Die Bekanntschaft mit dem innern Leben einer Musik wird von den Virtuosen ganz auf eine Weise gemacht, die bloss auf Auseinandersetzung ihrer einzelnen Teile geht, und sie wissen sich recht viel mit ihrer gelehrten Unterhaltung daruber; sie wirbelt mir auch nicht wie ein blauer Dunst durch den Kopf , mir geht noch zugleich ein romantisch oder geistig Bild dabei auf, das eine gibt mir Stimmungen, das andere wohl Offenbarungen , erst gestern wurde im Boskett unter verschiedener neuer Musik, die mich gar nicht anregte, eine Symphonie aufgefuhrt von Friedrich II. Gleich vorne steigt er mit klirrenden Sporen in Steifstiefeln mutig auf, von allen Seiten her tont's ihm wider, er musse keck uber die schuchterne Menschheit weggaloppieren, und bald macht er sich kein Gewissen mehr draus; nur die einzige Muse, die Tonkunst, tritt ihm fest entgegen, sein Ross hat ihn in die einsamste Ode getragen, fern von den Menschen, die er wie eine Koppel Hunde mit einem Pfiff lenkt. Hier sinkt er vor der einzig Ubermachtigen nieder, hier bekennt er die weite Leere seines Gemuts, hier will er Balsam auf alle Wunden gelegt haben, ungeduldig und zartlich, demutsvoll kusst er die Spuren ihres Wandels, und mit Vertrauen beugt das gekronte Haupt sich unter ihrem Segen. Gereinigt, getrostet, wie wenn nichts geschehen war mit ihm, kehrt er aus diesem Flotenadagio wieder zu den Seinigen in das brillante Geklirre der Violinen und Hoboen zuruck. Ich aber spur's, was die Kunst fur Weisheit ubt. Wo keine Hand hinreicht, wo keine Lippe sich offnet, kein Gedanke sich hinwagt, da tritt sie als Priesterin auf, und das Herz bricht vor ihr, legt flehend seine Bekenntnisse dar, will jedes Fehls sich zeihen, will ganz im Busen ihr aufgenommen sein. Ja, Musik sie schrotet Gold und Stahl, kein Helm sitzt so fest auf dem Haupt, und kein Harnisch auf der Brust, sie dringt durch, und es gelobet sich ihr der Konig wie der Vasall.

Wie aber ist's mit der Symphonie von Beethoven, die gleich drauf folgte? Willst Du mit hinuber unter jenes Olwalds gleiche Stamme mit Laub wie Samt, schwimmend im Wind, der Wellen schlagt in ihren grunen Schleiern und sanft auf flockigem Rasen den einsam lautlosen Tritt Dir umflustert? Komm! Schau die Sonne im Feuerpanzer ihre Pfeilstrahlen vom Bogen stromend ins ewige Blau. Bald vom Wechsel der Wogen getragen, schwankt unter Dir das unendliche Meer. Der Wind fahrt daher zwischen turmenden Wellen bahnt Weg silbernen Gottern, die aufrauschend sich umschlingen mit Dir, nach himmlischen Rhythmen Dir aus der Brust geboren. So nah ist alles verwandt Dir. Doch ohne End wechselnd dies Meer, fahrt es dahin, in seiner Launenverzuckung durchschlupft Farbung auf Farbung sein Wellenspiel, fesselt Dein Schauen durchdringt Deine Sinne, schmachtend und dann feurig, lachelnd, weinend, blendend und verhullt wieder so rasch voruber streift's wie von geliebten Augen der Begeistrung Blick; kannst ihn nicht fassen, nicht lassen von ihm. Rein von Gewolk der Himmel, sein Hauch sanft jagt vor sich her Wellchen unzahlige eins ums andere, und sterben am Ufer alle mit leisem Geseufz. Ach! susser Moment herrschend uber der Leidenschaften Meer! Da stockt Dein Atem und mochtest halten ganz und immer, was jeden Augenblick ohne Aufhoren Dir alles entschwindet.

Was ist's, die Seele im Meer der Musik? fuhlt sie Schmerzen? Hat sie Wonnen, die wunderbar Bewegliche? Kein Gedanke mag ihr folgen fuhlt sie mit durch Ruckwirkung alle Regungen? Liebt sie, wenn wir lieben? Schmeichelt's ihrem Schaumen, wenn unsre Tranen hinein sich mischen? O ich mocht hinein mich werfen in die smaragdnen Lagunen, uber die leise hingetragen durchs ungeheure Meer bis zu seiner Hohe, uns zwei verwandte Seelen harmonisch der Kahn wiegt bis zum letzten Ton und dann dieselbe Luftstille, dieselbe Himmelsreinheit, derselbe Atem, suss unberuhrt dasselbe Sonnenlicht im Geist trunken von sussem Schwanken der Tone, die durch den Busen wuhlen. Doch bald erhebt sich's! Der grosse Geist des Erschaffens Du horst im Brausen seine Stimme, der alles sich schmiegt, veratmen dann hebt im Schauer Deiner Brust ihr Hauch sich wieder und jetzt gewaltig in unermudlichem Steigen und Sinken stromt sie schaumend den Winden entgegen, die drohnen in Abgrund sich wuhlend sie zuruck. Ja, das ist Beethovens Meer der Musik, von Himmel zu Himmel steigen die Tone und kuhner, je ofter hinab sie wieder stromen, und fuhlst hoch uber diesem Doppelschall Dich geborgen auf freiem Fels, umkreist von jenen wutenden Orkanen, jenen Wogen, die ohne Ende Dir ans Herz steigen und ohne Ende zuruckgeworfen, ohne Aufhoren wiederkehren mit erneuter Macht, Dich umschmettern, einander uberwogend, und doch sich wieder teilend im Sonnenozean der Harmonie. Und endlich die sehnenden Stimmen all, tummelnd in frohlicher Verwirrung des Jauchzens der Wehmut und der tausend Gefuhle, die von seiner Meisterhand ein einzig leises Zeichen alle zugleich einstimmen: "Jetzt ist's genug!"

Ach, wie ist's doch da in der Brust? Ja, gesteh! Ist sie nicht das Meer, die Musik? Und er, der Beethoven, ist er es nicht, der ihm gebietet? Und fuhlst nicht auch hier: das Gottliche, was den Geist des Erschaffens gibt, sei die ungebandigte Leidenschaft? Und glaubst nicht, dass Gottes Geist sei nur lauter Leidenschaft? Was ist Leidenschaft, als erhohtes Leben durchs Gefuhl, das Gottliche sei Dir nah, Du konnest es erreichen, Du konnest zusammenstromen mit ihm? Was ist Dein Gluck, Dein Seelenleben als Leidenschaft, und wie erhoht sich Deines Wirkens Kraft, welche Offenbarungen tun sich auf in Deiner Brust, von denen Du vorher noch nicht getraumt hattest? Was ist Dir zu schwer? Welches Deiner Glieder wurde sich nicht regen in ihrem Dienst, wo bleibt Dein Durst, Dein Hunger? Siehst Du wohl, da fangst Du schon an von der Luft zu leben; leicht wie ein Vogel ubersteigst Du Unersteigliches, und in die Ferne hinuber sendest Du Deiner Unsterblichkeit Flammen, und sie entzunden Ewiges, und es weiht sich Deinem Dienst, ergiesst sich auch in Leidenschaftsstromen, in den grossen Ozean, uber dem die ewigen Sterne Dir leuchten und die Nacht in ihrem Glanz erbleicht und die Morgenroten freudig aufwachen. Ja drum! der Irrtum der Kirchenvater, Gott sei die Weisheit, hat gar manchen Anstoss gegeben; denn Gott ist die Leidenschaft. Gross, allumfassend im Busen, der alles Leben spiegelt wie der Ozean, und alle Leidenschaft ergiesst sich in ihn wie Lebensstrome. Und sie alle umfassend ist Leidenschaft die hochste Ruhe.

Jetzt will ich Dir was sagen: ich will nicht mehr haben, dass Du voll Angst seufzest um mein Nichtstun! Ich weiss wohl und wenn ich's beim Licht betracht, so konnt ich meine Zeit besser zubringen, als sie zu dem verdammen, was mein Herz nicht erfullt, so hatt ich mir selbst mehr gewonnen, und meine Liebe zum Besten, zum Hochsten hatt die Ungerechtigkeit nicht zur Stutze gehabt, ich weiss wohl, dass ich im Eifer allem, was mir nicht unmittelbar Lebensnahrung war, unrecht getan hab. Ich hab mich immer im voraus gewaffnet, da ich nicht wusst, ob es Streit geben werde; ich hab hundertmal die Wahrheit selbst uber die Klinge springen lassen, wenn ich sagte, dieses oder jenes rege meinen Geist nicht an, denn alles regt ihn an, ja alles, und ich fuhle Deinen Beruf, mich zu leiten, mich zu lehren mit einer innern Stimme zusammentonend, die mich eben mahnt wie Du; aber der Drang, mich meiner Leidenschaft zu uberlassen, ist so machtig in mir, dass ich glaub, eine so starke Stimme uberwinden zu wollen ist Unsinn! Nicht moglich, nein, nicht moglich ist mir's, auf irgend etwas auch nur mehr achtzugeben als nur im Voruberschiffen, so, wie man die Ufer kommen und schwinden sieht; mein Blick fangt sie auf und fasset sie scharf, dass ich sie fest mir einprage, aber im innern Gefuhl nur voruberstreifend. Das Weiterziehen liegt mir im Herzen, das Abschiednehmen, wo ich kaum anlange, liegt schon im Willkomm; und das geringste, was meine Fahrt belangt, sei's nur ein Schiffsseil teeren, tu ich mit mehr Genuss, als an jenen Ufern der Kunst und des Wissens mich aufhalten; sollte ihr Sand auch lauter Gold sein, ihre Felsen Diamant und ihr Tau Perlen. Und wo will ich hin? auf die Insel, wo's Apfel und Birn gibt, hatt ich bald gesagt. Aber ja freilich dorthin, wo's Moos duftet, wo's Bluten regnet, wo die Himmelslufte sprechen, wo der Sommerwind die Aste schuttelt, wo die Walder die Nacht in ihren Schatten huten, dass sie sich gefangen gibt, solange der Tag weilt, wo auf bluhender Wiese die Adler niederfahren und holen die Junglinge hinan zum Allvater, dass er ihnen kose einen Augenblick und wieder sie entlasse zum Spiel am Bach. Wo die Bienenscharen von Dichterlippen und in seinen blumensprossenden Tritten Honig sammeln, und wo Geister lichte Berggipfel umtanzen, wo die Seele sich aufschliesst leis wie eine Knospe und des Geistes Strahlen in ihrem Kelch eingebettet, wie die goldnen Staubfaden in der Rose, ihr Leben entwicklen und auch beenden. Dort will ich hin, das liegt mir im Sinn, nichts wie Blutenmeer, Duft einatmen, Birn speisen und reife Trauben und susse Pfirsich geteilt mit mir von Doppellippen, ich die Halfte, und die er, der heute noch am Scheideweg meiner harrte, als die Sonne hinunter war. Was ist's? Es wird mich schon erziehen, Tranen wird's geben, das weiss ich, aber auch Lust, so ist's immer, wo Schonheit reifen soll, und das ist alles, was ich verlang vom Schicksal, es soll mich scheiden vom Schlechten, es soll keine Sunde in mir dulden, in meinen unaufhorlichen Traumen nur mocht ich eine Vollendung empfinden der Liebe, der Schonheit das ist mein Ziel, und mein Geist strebt eine Natur da herauszufinden, in dem ich dem Schonen fortwahrend begegne. Das ist's und nichts anders. Und alles, was ich erfahre von der Kunst, von Poesie und Wissen, das schlagt an wie Echo in den unbekannten Tiefen meiner Brust, da erschreck ich, dass es doch wohl wahr sein moge, was manchmal nur wie Traum in mir wogt, da toben alle Pulse vor Hoffnung, es sei ein Doppelleben, was wirklich auch Doppelliebe kann haben, und dass, wenn ich heiss mich sehne, verstanden zu sein, dass ich dann verstanden sei, wo? wie ach, was weiss ich's! Vom Nebel, der dort flattert, vom Wind in der Ferne, vom letzten Lichtstreif, wenn die Nachtkuppel schon sich senkt uber mir kurz, ich weiss nicht, alles, was ich anseh, das musste Geist haben, liebenden Geist wahrlich, sonst tut mir's unrecht. Welche Wege ubernehme ich doch? Welche Gefahren besteh ich im Geist? Da schwimm ich im Dunkel in uferlosen Fluten, eine Woge sturzt mich auf die andre, aber ich vertrau, und eine Stimme in mir, dass ich dem Genius zulieb so kuhn bin! O das lebendige Feuer, und trotz den Sturmen halt ich die Palme hoch und eile dem leisen Schein des Morgenrots entgegen, weil das er selber ist.

Gott sei die Poesie, hab ich in meinem letzten Brief gesagt, und die Weisheit, sagen die Kirchenvater, ich hab's geleugnet und gesagt, Gott sei die Leidenschaft, die Weisheit, die kommt ihm zugut, das Leidenschaftsall zu bestehen, aber sie ist nicht er selber; meine Grunde: was sollte Gott mit aller Weisheit, wenn er sie nicht anbringen kann! Wenn aus allem, was geschaffen ist, sich Neues erzeugt, wenn keine Gewalt, keine Kraft uberflussig ist, sondern grad um ihrer hochsten Entwickelung willen sich ewig selbst anregend steigern muss, so kann die Weisheit Gottes nicht selbst die Hand in den Schoss legen wollen. Himmel und Erde regieren, wo Sonn und Mond und alle Stern schon fur die Ewigkeit angepappt sind, das kann der Weisheit kein Reiz sein; sich in Menschenangelegenheit mischen, ihre Gebete erhoren, die alle verkehrt sind, das muss bei himmlischer Hofhaltung doch wohl von selber gehen. Sollte Gott sich des Dings selber annehmen es ware unweise denn der Hauch Gottes uberwiegt alles geistige Wehen der Menschheit, so wurde diese denn nimmer der eignen Weisheit Keim losen konnen in sich. Unser Geist ist feuermachtig, er soll sich selbst anfachen; wir haben die Leidenschaft, sie soll im Geistesfeuer gen Himmel steigen zum ewigen Erzeuger, in seiner Leidenschaften Glut mit allem ubergehen; nicht umsonst steigt in der Leidenschaft der machtige Geist der Unsterblichkeit auf, jeder Hauch, jeder Blick soll ewig wahren, das sagt eine innere Stimme. Alles, was mich entzuckt in der Natur, dem schwor ich ewige Treue, der Lufte Liebkosungen, wie konnt ich ihnen den heissen Atem weigern, der heiss nur ist, um in der Lufte Liebe sich zu kuhlen. Die klaren schwankenden Wasser, wie sollt ich ihnen nicht vertrauen, die mich tragen, ruhig gebettet, auf ewig regem Leben, wie die Liebe das Geliebte tragt, und die sanfte weiche Erde, wie sollten die Sinne ihr sich abwenden, die keine Regung ungeboren lasset, jeden Keim in die Lufte tragt und Flugel gibt, heimlich in die Wiege alles Geschaffnen, die der Geist machtig zum Himmel einst entfalte, wenn er gereift ist durch ihre Spende sie, die himmlische Erde auf der frohlockend sich alles Leben tummelt und alles tragt im Busen und uber ihm die sie auf sich herumtrapplen lasst, all die Lebendigen und gibt ihnen die Milch ihrer Krauter und Fruchte, die in so grosser Fulle aus dem Busen ihr springen ja, wie sollt ich nicht mit heisser Liebe sie lieben, die Doppelliebige? Und dann das Licht, das niedersteigt ins Dunkel einsam drin zu spielen; und der Einsamkeit Odem einblaset und der Erde Krafte nahrt und trankt, die dann den Geist umspielen, dass er im verschlossenen Dunkel seiner selbst des Lichtes Leidenschaft fur ihn sich erinnere und auch ihm zuwachse sich mit ihm zu kussen. Wenn Ihr alle dichtet von jenen Wahrheiten, so machtig, so selbstlebend, dass sie dem Dichter den Busen bewegen, dass er ihr Element werde, und sie ewig ausspreche, o, so lasset sie fur mich geboren sein, dass ich ihnen traue, dass ich mich ihnen hingebe und sie geniesse, fur was drangten sie sich ewig in Euren Geist, fur was ruhrten sie Eure Lippen, die Ihr sie aussprecht, wenn sie nicht wahrhaft lebendig Leben waren, das durch Euch wiedergeboren soll werden in die Sinne der Menschen. Nun, meine Sinne sind fruchtbarer Acker, sie haben Euren Samen aufgenommen, o denket, dass nichts von Euch geahnet war, nichts, was Ihr nur in den Wolken gelesen, was mir nicht lebendig geworden. Das ist's! Und was wollt ich doch sagen? Ach, wie weit hab ich mich verlaufen, und wollte doch nur sagen von dem Gott, und dass er nicht die Weisheit konne sein, sondern die Leidenschaft, die der Weisheit bedurfe, um kuhn und tapfer zustande zu bringen, was in ihr gart. Wie sag ich Dir's doch, wenn Du's nicht von selbst verstehst, wenn Du nicht verstehst, dass alles Wesen durch Leidenschaft ausgesprochen sein wolle, ja, selbst die Ruhe nichts anders sei, als nur Leidenschaft, dass der Mensch nur mit einem Gotterbusen geschaffen sei, in dem die Leidenschaften ihren Herd haben, dem Gottlichen ewig lebendige Glut zu opfern. Wenn Du nicht dazu ja sagst, wie kann ich's Dir abdringen. Drum komm und lasse uns Weisheit sammeln, um unserer Leidenschaften Glut damit zu schuren.

Dass Gott die Weisheit sei, das haben wir protestiert, aber dass Weisheit und Tapferkeit ineinander verliebt seien aber nicht die der Kirchenvater das ist unsere Lehre; sie sind der Herd, auf dem die Leidenschaften flammen, ohne sie kann Leidenschaft nicht atmen. Und wenn es keine brennenden Leidenschaften zwischen der Kraft und dem Geist gabe, wo sollt ihr Feuer herkommen? Denn um nichts ist wieder nichts sie wurden sich schlafen legen und absterben, die Krafte und der Geist aber der heisse Trieb ineinander zu schwelgen, einander zu besitzen, die schuren das Lebensfeuer in ihnen, da ist fortwahrend innerlich Bewegen zueinander. Gefuhl in jeder Regung, sie sei empfunden von der andern das ist das innere lebendige Leben, und alles andre ist nicht lebendig in uns. Fur was wurde man sich vor sich selber schamen, war nicht diese innerliche Liebesdespotin, die das Gefuhl zur Rechenschaft forderte, dass man einem inneren Machtigen die Treue gebrochen oder einer Schwache sich hingegeben vor dem Geliebten. Was ist das Gewissen anders als der Minnehof des Geistes mit den Sinnen wo sie sich einander hingeben, und Opfer, Heldentaten fur einander tun, und innerlichen Minnesold empfangen. Und dann jene Stimme, die jegliche Stimmung pruft; je tiefer und weiter sich dies Leben ausbildet, je fester grundet sie die Anspruche und Berechtigungen, je leichter verletzbar. Ach ich sag Dir, es liegt ein Adel, ein steigernder Trieb in der Seele, der auf die Aussenseite des Lebens zuruckstrahlt, alles aus leidenschaftlicher Beruhrung der Sinne mit dem Geist; wenn Du schreitest, wenn Du Dich wendest, wenn Du die Stimme erhebst was auch des geringsten nur, Dich einen Augenblick aus der Gegenwart (Einwirkung) jener Lebensregungen entfernt, fuhlst Du nicht Vorwurfe? ein Stocken, eine Ohnmacht in Dir?

Schlagt nicht Dein Herz in Pein, als musse es ruckkehren? dahin, wo die Sinne sich geliebt wahnen vom Geist, sich zartlich umarmen mit ihm. Ach, ich muss solchen Unsinn reden mit Tranen, denn ich bin so tiefbewegt von etwas, wie soll ich Dir das sagen? Der edle Mensch ein Tummelplatz von Leidenschaften, lauter Krafte, die aufstreben ins Leben durch die Liebe untereinander! Die regt jene auf, zartlich oder feurig, alle mitsamt gluhen fureinander durch den Geist, und da gluht's, und da spruht's, und da scheint endlich der Alletagstag so nuchtern hinein und reisst die Feuer auseinander, und loscht die Brande und macht den Alltagsmenschen aus einem; das ist Eure Not um mich, und diese Schicksale schweben mir in der Brust indessen und fordern Antwort jeden Augenblick. Auch da gibt's Streit, Versohnung, heimlich Gluckspenden, und dies alles ist wie der laue Abendwind, der von selbst herubergeklettert kommt, ich hor ihn schleichen, sacht an mich heran, und mir am Herzen flattern, und dann bin ich schmerzzerrissen; von was? Ich kann's nicht sagen; mein Herz zu schwach ist's. Dass es geliebt war von einer hohern Macht, suss begehrend! es kann's nicht tragen. Den Geist ausser mir, in der Luftwelle oder im Mondglanz, oder sonst spricht der mit mir, das ertrag ich nicht dann bitt ich, lass mich schlafen Dir im Schoss. Denn ich kann ihm nicht ins Antlitz schauen, und sag ihm, ich wolle sterben, er soll mich zudecken mit grunen Zweigen, er, der neben mir steht, oder uber mir, und mich ansieht so still. Was ist Vernichtendes in der Liebe? Dass ich sag, ich wolle sterben? Denn ich hab nichts anders in der Seel als diese Sprache; denn meine Hande konnen nicht hinlangen. Wollt ich in die Luft reichen? Nein, ich darf nicht, er verschwindet, und mein Blick, der sieht nur auf, wenn's Nacht ist, nicht bei hellem Tag. Aber in der Nacht im Finstern, da geh ich ihm entgegen, da treibt mich's oft eilig in die dunkeln Laubgange, und ganz am End, da seh ich, wie wenn ich uberzeugt sein durfte, er sei es. Nicht freudig, nicht traurig tiefe Stille in mir, manchmal schlagt's Herz bang, dann seh ich den Schatten vor ihm herstreifen uber den Rasen. Dann ruf ich mich auf: lass mich doch denken konnen! Und sammle meine Sinne, und immer so vorwarts schreit ich, eilig, und immer naher, dann, am Baum leg ich mich nieder auf die Wurzeln, die kuss' ich, diese Wurzeln es sind die Fusse des Dichtergeistes uber mir. Aber ich muss schlafen gehen, zu mude bin ich, schon zweimal eingeschlafen wahrend dem Schreiben.

Heut seh ich, dass ich Dir von nichts geschrieben hab, was Du mich fragst, und bin aus Mangel an Logik ins Geschwarm geraten. Und doch wollt ich Dir nur sagen, ich studier noch Geschichte fort, nur wollt ich Dir keine trocknen Auszuge mehr davon in meinen Briefen machen, dafur zeichne ich Landkarten und hab andre Spekulationen, so studier ich die Woche zweimal mit Hoffmann Musik, nicht mehr Generalbass, er meint, ich werd den von selbst in mich kriegen, ich soll lieber meine Melodien aufschreiben, auf die er einen Wert legt und mir gern zuhort, wenn ich abends sing, auch hat er mehrere Gange mir abgehort und sie aufgeschrieben, und letzt hat er im Konzert phantasiert bloss auf Thema, die er von mir erlauschte, drum, es war mir auch so wunderlich, es stand mir die ganze Musik so spottisch gegenuber, ich wusst gar nicht, was ich dazu sagen sollt, ich hatte es nicht erraten, am Morgen frug er, wie mir's gefallen hatt, ich sagt, es sei mir gewesen, als musse ich ihm immer voranlaufen, und wisse schon alles, wie's kommen werde; es sei gewesen, als haben seine Phantasien einen Verstand, den ich begreife. "Ja, das war, weil es Ihre eignen Wege waren, die Sie gegangen sind"; und seitdem will er, dass ich aufschreiben lerne, das ist mir viel schwerer als alles andre, kein Gedanke halt eine Minute fest, und gelingt mir's an einem Ende, ihn zu fassen, dann reisst er mitten entzwei, und ich kann das andre nicht dazu finden, so wie es anfanglich aus meinem Geist hervorgegangen war, dann find ich wohl ein ander End, aber weil es nicht das erste war, was von selbst aus meinen Sinnen hervorgegangen, dann bin ich unruhig, als sei es falsch, und den Takt zu finden, das ist mir ganz unmoglich der Hoffmann will mir oft Taktteile zusammenrucken, das kann ich nicht wollen, oft geb ich's zu, dann will's mein Gefuhl wieder anders, der Hoffmann hat eine unsagliche Geduld mit mir und meint, dies alles werd sich finden, sowie ich erst gewohnt sei, aufzuschreiben, da werde ich der Sache schon Meister werden; wenn er mir das sagt, das macht mich ganz traurig ich mag nicht Meister werden, ich will mich bemeistern lassen von diesen Musikfluten, von denen ich nicht weiss, ob sie Wert haben konnen fur ein ander Ohr, das schadet nicht, sie reden mit mir und sagen mir volle Lebensakkorde, die ich erkenne als eins mich machend mit der Natur, das ist's, was mich hindert. Es ist mir, als wolle ich in Weissagungen pfuschen. Ja, es wird schwer gehen mit dem Lernen. Und doch! ich hab den Willen und tue das mogliche in dieser Einode von Talentlosigkeit; und von dem Geist, der Leben in mir ist, da muss ich Abschied nehmen, wenn ich lernen will, da sag ich mir, es sei nur auf Zeiten, er werde wiederkehren der Geist, und dann fuhl ich mich reif zum Abschied und sterb, wenn ich lernen will.

Jetzt will ich Dir auch noch auf Deine letzte Frage antworten von der gemeinen Frau, das war kurz ehe ich von Frankfurt hier herauskam, da war ich allein von dem Bockenheimer Tor aus dem Garten, wo die Tonie wohnt, hereingegangen in die Stadt. Da begegnete mir eine Frau, der war das Band aufgegangen am Schuh, und sie konnte sich nicht bucken, denn sie ging mit einem Kinde und seufzte sehr unter ihrer Last, ich liess sie ihren Fuss auf mein Knie stellen, um das Schuhband ihr zuzubinden, dann aber fuhrte ich sie nach ihrer Wohnung, weil sie so sehr jammerte uber Schmerzen, es war schon dammerig, als wir in die Stadt kamen, da begegnete mir eben auch die Frau Euler, welche unser beider boser Damon zu sein scheint, ich machte ihr eine tiefe Verbeugung zu meinem Plasier, und schleppte die Frau weiter, die fing aber an, mir bang zu machen, denn sie seufzte so schwer und ward so blass und der Schweiss trat ihr auf die Stirn, da kam der gute Doktor Neville, dem ubergab ich die Frau, und als ich auf den Rossmarkt kam, da begegnete mir der Moritz, der sagte: "Ach, wie blass sehen Sie aus, es fehlt Ihnen was." "Ich habe so grossen Hunger", sagte ich und es war auch wahr, die Angst mit der Frau hatte mir Hunger gemacht, der Moritz griff in die Tasche, die hatte er voll getrockneter Oliven, die esse ich gern, er leerte seine Tasche in meinen Handschuh aus, den ich ausgezogen hatte, um sie hineinzufullen, da fuhrt der Kuckuck die Lotte vorbei; der Moritz ging, die Lotte kam an mich heran und fragte: "Wie kannst du nur auf offner Strasse mit dem Moritz Hand in Hand stehen?" Das argerte mich, ich ging ins Stift zu Dir herein, wo ich meine Oliven speiste und die Kerne alle in eine Reihe legte aufs Fensterbrett, Du standst neben mir und warst ganz still versunken in die Dammerung, und endlich sagtest Du: "Warum bist Du heute so schweigsam?" Ich sagte: "Ich esse meine Oliven, das beschaftigt mich, aber Du bist doch auch stille, warum bist Du still?" "Es gibt ein Verstummen der Seele," sagtest Du, "wo alles tot ist in der Brust." "Ist es so in Dir?" fragte ich Du schwiegst eine Weile, dann sagtest Du: "Es ist grade so in mir wie da draussen im Garten, die Dammerung liegt auf meiner Seele wie auf jenen Buschen, sie ist farblos, aber sie erkennt sich, aber sie ist farblos," sagtest Du noch einmal, und dies letzte Mal so klanglos auch, dass ich Dich im Nachtschimmer ansah, verwundert und verschuchtert, denn ich traute mich nicht mehr zu reden, ich sann auf Worte, wie ich mit Dir anheben sollt; ich suchte in weiten Kreisen umher, nichts schien mir geeignet, diese Stille zu unterbrechen, die immer tiefer und tiefer sich wurzelte und mir wie einen Schlummer durch den Kopf stromte, dem ich nicht mehr widerstand ich legte mich traumend auf die Fensterbank mit dem Kopf, und so, wer weiss, wieviel Zeit verging, da kam Licht ins Zimmer, und als ich aufsah, da standst Du uber mir gebeugt und sahst auf mich, und als ich Dich fragend ansah, da gabst Du zur Antwort: "Ja, ich fuhle oft wie eine Lucke hier in der Brust, die kann ich nicht beruhren, sie schmerzt;" ich sagte: "Kann ich sie nicht ausfullen, diese Lucke?" "Auch das wurde schmerzen," sagtest Du; da reicht ich Dir die Hand und ging, und lang verfolgte mich Dein Blick, der so still war und so innerlich und doch nur wie uber mir hinstreifte. O ich hatte Dich im Heimgehen so lieb, ich schlang meine Arme um Dich so fest in Gedanken, ich dacht, ich wollte Dich tragen auf meinen Armen ans End der Welt und dort Dich an einen schonen moosreichen Platz niedersetzen, da wollt ich Dir dienen und nichts Dich beruhren lassen, was Dir wehtun konne; ja, so war's in meinem kindischen Herzen, mit Gewalt wollt ich Dich frohlich machen und dachte einen Augenblick, es solle mir gelingen, aber ich weiss wohl, dass mir so was nicht gelingen kann, und dass es nur Verwechslen ist von meinen Sinnen, die wie Kinder Fernes und Nahes nicht unterscheiden konnen, die auch meinen, sie konnen den Mond herablangen mit der Hand und konnen den Spielkamerad damit trosten, wenn er stumm und traurig ist. Als ich nach Hause kam, da waren alle beim Tee versammelt, und ich war stumm, weil ich an Dich dachte, und setzte mich auf einen Schemel am Ofen, und da ging ich tief in mein Herz hinein, wie ich doch ein inneres Leben aus meinem Geist wecken wolle, das Dich ein bisschen beruhre, da Du mir bisher alles allein gegeben hast, und ich hab nie die Stimme in meiner Brust konnen vor Dir laut werden lassen; da dacht ich, wenn ich fern von Dir war, da wurd ich in Briefen wohl eher zu mir selber kommen, weil das vielfaltige, ja das tausendfaltige Getummel in mir mich verstummen macht, dass ich nicht zu Wort komme vor mir selber. Und ich erinnerte mich, dass, wie wir einmal von den Monologen des Schleiermacher sprachen, die mir nicht gefielen, so warst Du andrer Meinung und sagtest zu mir: "Und wenn er auch nur das einzige Wort gesagt hatte: der Mensch solle alles Innerliche ans Tageslicht fordern, was ihm im Geist innewohne, damit er sich selber kennenlerne, so war Schleiermacher ewig gottlich und der erste grosste Geist." Da dacht ich, wenn ich von Dir fern war, da wurd ich in Briefen wohl Dir die ganze Tiefe meiner Natur offenbaren konnen Dir und mir; und ganz in ihrer ungestorten Wahrheit, wie ich sie vielleicht noch nicht kenne, und wenn ich will, dass Du mich liebst, wie soll ich das anders anfangen als mit meinem innersten Selbst, sonst hab ich gar nichts anders, und von Stund an ging ich mir nach wie einem Geist, den ich Dir ins Netz locken wollt. Am Abend hatte mir der Franz noch ein paar freundliche, aber doch mahnende Worte daruber gesagt, dass ich mit dem Moritz auf der Strasse gestanden hatte und geplaudert; die Lotte hatte es der Schwagerin gesagt; ich antwortete ihm nicht darauf, denn verteidigen schien mir nicht passend, wie denn das meiner Seele ohnedem nicht einverleibt ist, dass ich solche Irrtumer aufklaren mochte, und am Ende schien mir der Moritz doch wert, dass man freundlich mit ihm Hand in Hand stehe, obschon er mir bei jener Vermahnung sehr schwarz gemacht wurde, er begegnete mir am andern Morgen auf dem Vorplatz, und ich sah mich um, ob niemand mich erspahen konne, und zog ihn in die Ecke, wo die Wendeltreppe hinauffuhrt zu meinem Zimmer, da kusste ich ihn auf seinen Mund, zweidreimal, und dass er meine Tranen auf seinem Gesicht fuhlte, denn er wischte sie mit der Hand ab, und sagte, "Was ist das? was fehlt dir, Kind, was ist dir?" Ich riss mich los und sprang hinauf auf die Altan hinter die Bohnen und war sehr schnell oben, dass er's nicht sah, er glaubte mich in meinem Zimmer und kam herauf und klopfte an, und weil er keine Antwort bekam, so machte er leise auf und weilte einen Augenblick im Zimmer, als er herauskam, sah er nach der Altan, mir war recht bang, er wurde mein weiss Kleid erblicken, denn das schimmerte durch das dunne Bohnenlaub. Ich weiss nicht, ob er mich sah und mein Verbergen achtete, aber ich glaub's, und das gefiel mir so wohl von ihm; als ich ins Zimmer kam, fand ich auf meinem Tisch im Kabinett am Bett ein Flaschchen in zierlichem Brasilienholz mit Rosenol; am Abend auf dem Ball bei seiner Mutter sprach er nichts zu mir wie sonst aber er kam in meine Nahe, und weil das Flaschchen so suss duftete hinter dem Strauss von Aschenkraut und Rosen, da lachelte er mich an, und ich lachelte mit, aber ich fuhlte, dass gleich mir die Tranen kommen wollten, ich musste mich abwenden, er merkte es und ging zuruck und stellte sich unter die andern, er musste auch tanzen mit den Prinzessinnen und hatte viel Geschafte und musste eine Weile mit dem Konig von Preussen sprechen, aber ich sah doch, dass er mich im Aug behielt den ganzen Abend, und selbst wahrend er mit dem Konig sprach, sah er heruber, sehr ernsthaft immer, ich war heimlich vergnugt, aber doch hatt ich jeden Augenblick weinen mogen, als wir weggingen, flusterte er mir ins Ohr: "Du gleichst der Sophie." Was war das alles, was mir durch die Seele ging? ich weiss es nicht. Am andern Tag, wo ich nicht wie gewohnlich zu Dir kam, da hatte Moritz am Morgen seinen Gartner geschickt mit einem Wagen voll schoner seltner Blumen, die stellte er ohne mein Wissen hinter der Bohnenwand auf und als ich sie sah, war ich erst gar erschrocken und verstand nicht, wie die Blumen daher gekommen waren, aber bald verstand ich, er musste mich doch wohl gesehen haben hinter der Bohnenwand am vorigen Tag. Ach, ich war wahrend dieser Stunden so wunderlich bewegt gewesen: von Dir, von Krankungen, von Mitleid, dass er verleumdet war; von seinem feinen Wesen zu mir, und dann, dass er mir gesagt hatte so leise: "Du gleichst der Sophie," die ihm doch gestorben war, dass ich nicht mehr wusste, was ich wollte. Am Nachmittag kam Christian Schlosser, vom Neville geschickt, der der Frau beigestanden hatte bei der Geburt von einem kleinen Madchen, denn das war gleich in der Stunde auf die Welt gekommen, der liess mich fragen, ob ich nicht wolle zur armen Frau kommen, die sei sehr krank und auch das Kindchen, und ich solle es aus der Tauf heben, der Christian Schlosser wolle mit Taufzeuge sein, ich ging mit, da war der Pfarrer, der taufte das Kind, und die Frau war sehr krank, wie der Pfarrer weg war, so nahm die Wartfrau das Kindchen auf den Arm und sagte: "Es wird gleich sterben," da war mir so bang, ich hatte niemals jemand sterben sehen, und die kranke Frau im Bett weinte so sehr ums Kind, die Hebamme sagte, eben stirbt's; und schuttelte es, da war's plotzlich tot. Ach, wie ich nach Hause kam, war ich so traurig der Franz sagte: "Du siehst seit einiger Zeit so blass aus, deine Gesundheit scheint mir gar nicht fest," und als am Abend wieder das Gesprach auf den Moritz kam, wobei er gar nicht geschont wurde, da schrieb ich an die Grossmama, sie solle mich vom Franz zu sich begehren nach Offenbach. Das war allen recht und mir auch, so war ich ihrer Meinung nach dem Moritz aus dem Weg geschafft, und ich meiner Meinung nach brauchte doch nichts Boses von ihm zu horen, denn ich will nichts Boses von ihm horen, nein, nimmermehr will ich was Boses von ihm horen. Aber hier in Offenbach war ich gleich wieder ruhig, und da ward mir mein Gelubde gleich wieder klar, das ich an jenem Abend vor Deiner Tur noch aussprach, als Du so kalt warst und so traurig, dass ich eine Gabe Dir wollt geben von meiner Seele, dass ich mein Innerstes wollt Dir zu Lieb zu Tage fordern, weil Du das so hochschatzest wie jener Schleiermacher. Und da hab ich in meinem Innersten Wege geschritten und bin dahin geraten, wo Du jetzt stockst und willst nicht weiter und furchtest Dich, mich anzuhoren; denn ich hab's wohl gemerkt an Deinem Brief, Du furchtest Dich vor meinen Abwegen. O furcht Dich nicht, ich gab Dir treulich wie's Echo, was widerhallte aus mir. Ach!

Ich bin jetzt glucklich, sei Du's auch! Schone Traume hab ich, und das ist ein Zeichen, dass die Gotter mit mir zufrieden sind. Im Herzen ist mir's, wenn ich erwache am Morgen, als ob ich von Dichterlippen gekusst sei, ja merk Dir's, von Dichterlippen. Nein, ich furchte mich nicht mehr vor der Zukunft! Ich weiss, durch was ich sie mir zum Freund mache, ja ich weiss es. Ich will auch wie die Grossmama einen Ewigkeitspreis mit meinem Leben schliessen, nicht wie Du gesagt hast, jung sterben. Viel wissen, viel lernen, sagtest Du, und dann jung sterben, warum sagst Du das? Mit jedem Schritt im Leben begegnet Dir einer, der was zu fordern hat an Dich, wie willst Du sie alle befriedigen? Ja sage, willst Du einen ungespeist von Dir lassen, der von Deinen Brosamen fordert? Nein, das willst Du nicht! Drum lebe mit mir, ich hab jeden Tag an Dich zu fordern. Ach! wo sollt ich hin, wenn Du nicht mehr warst? Ja dann, gewiss vom Gluck wollt ich die Spur nimmer suchen. Hingehen wollt ich mich lassen, ohne zu fragen nach mir, denn nur um Deinetwillen frag ich nach mir, und ich will alles tun, was Du willst. Nur um Deinetwillen leb ich horst Du's? Mir ist so bang Du bist gross, ich weiss es nicht Du bist's nein so laut will ich Dich nicht anreden nein, Du bist's nicht, Du bist ein sanftes Kind, und weil's den Schmerz nicht tragen kann, so verleugnet es ihn ganz und gar das weiss ich, so hast Du Dir gar manchen Verlust verschleiert. Aber in Deiner Nahe, in Deiner Geistesatmosphare deucht mir die Welt gross; Du nicht furchte Dich nicht, aber weil alles Leben so rein ist in Dir, jede Spur so einfach von Dir aufgenommen, da muss der Geist wohl Platz gewinnen, sich auszudehnen und gross zu werden. Verzeih mir's heut, ein Spiegel ist vor meinen Augen, als hatte einer den Schleier vor ihm weggezogen, und so traurig ist mir's, lauter Gewolk seh ich im Spiegel, und klagende Winde als musst ich ewig weinen, weil ich an Dich denk ich war draus heut abend am Main, da rauschte das Schilf so wunderlich und weil ich in der Einsamkeit immer mit Dir allein bin, da fragte ich Dich in meinem Geist. "Was ist das? Redet das Schilf mit Dir?" hab ich gefragt. Denn ich will Dir's gestehen, denn ich mochte nicht so angeredet sein, so klagvoll, so jammervoll, ich wollt's von mir wegschieben! Ach Gunderode, so traurig bin ich, war das nicht feige von mir, dass ich die Klagen der Natur abwenden wollt von mir, und schob's auf Dich als hatte sie mit Dir geredet wie sie so wehmutsvoll aufschrie im Schilf. Ich will ja doch gern alles mit Dir teilen, es ist mir Genuss, grosser Genuss, Deine Schmerzen auf mich zu nehmen, ich bin stark, ich bin hart, ich spur's nicht so leicht, mir sind Tranen zu ertragen, und dann spriesst die Hoffnung so leicht in mir auf, als konnt wieder alles werden und besser noch, als was die Seele verlangt. Verlass Dich auf mich! Wenn's Dich ergreift als woll es Dich in den Abgrund stossen, ich werde Dich begleiten uberall hin kein Weg ist mir zu duster wenn Dein Aug das Licht scheut, wenn es so traurig ist. Ich bin gern im Dunkel, liebe Gunderode ich bin da nicht allein, ich bin voll von Neuem, was in der Seele Tag schaffet grade im Dunkel, da steigt mir der lichte hellglanzende Friede auf. O verzweifle an mir nicht, denn ich war in meinen Briefen auf einsamen Wegen gegangen, ja, zu sehr als such ich nur mich selbst, das wollt ich doch nicht, ich wollte Dich suchen, ich wollt vertraut mit Dir werden, nur um mit Dir die Lebensquellen zu trinken, die da rieseln in unserm Weg. Ich fuhl's wohl an Deinem Brief, Du willst Dich mir entziehen das kann ich nicht zugeben, die Feder kann ich nicht niederlegen ich denk, Du mussest aus der Wand springen ganz geharnischt wie die Minerva und musstest mir schworen, meiner Freundschaft schworen, die nichts ist als nur in Dir Du wollest fortan im blauen Ather schwimmen, grosse Schritte tun, wie sie, behelmt im Sonnenlicht wie sie, und nicht mehr im Schatten traurig weilen. Adieu, ich geh zu Bett, ich geh von Dir, obschon ich konnt die ganze Nacht warten auf Dich, dass Du Dich mir zeigst, schon wie Du bist und im Frieden und Freiheit atmend, wie's Deinem Geist geziemt, der das Beste, das Schonste vermag. Eine Ruhestatte Dir auf Erden, das sei Dir meine Brust. Gute Nacht! Sei mir gut ein weniges nur.

Montag

Jetzt hab ich schon drei Tage an diesem Brief geschrieben, und heute will ich ihn abschicken, ach, ich mag ihn nicht uberlesen, geschrieben ist er, wahrheitsvoll ist er auch, wenn Du die augenblickliche Stimmung der Wahrheit wurdigest, wie ich sie deren wurdige und nur sie allein, obschon die Philister sagen, sie sei die Wahrheit nicht, nur was nach reiflichem Uberlegen und wohlgepruft vom Menschengeist sie angenommen, das sei Wahrheit. Ach diese Stimmungen, sie bauen das Feld, und was uns zukommt, als sei die Seele mit im Abendrot zerschmolzen, oder als lose sie sich frei vom Gewolk und tue sich auf im weiten Ather das bringt uns auch wie das fruchtbare Wetter Gedeihen. Ist mir's doch, da ich meinen Brief schliessen will, als ob das schonste Leben uns bevorstehe, wenn Du nur willst und willst so viel mich wurdigen, dass Du ruhig Deine Hand in der meinen liegen lassest, wenn ich sie fasse. Ich war heut morgen draus und hab mir den Aschenkranz zum Ball bestellt wie Du's gesagt hast aber, gelt der Moritz kam hin zum Gartner, er stand zwischen der Tur vom Boskett und dem Blumengarten gelehnt, gewiss er hat auf mich gewartet, denn ich war schon zwei Tage nicht da gewesen. Aber gestern abend, wie ich schlafen ging, da hatt ich mir fest vorgenommen, ich wollt gewiss keinen Menschen unglucklich machen, oder besser, ich wollt gewiss jedem geben an Gluck, was ich kann. Und mir soll's nicht zu gering sein, und was ist ehrender, als wenn Du mit einem Blick oder Wort wohltun kannst! Nun hor nur mein lieb Gesprach mit dem Gartner an. Weil ich kam, so sagt ich: "Ich hatt wohl eine Bitte an den Anton. (Denn ich rede ihn nicht anders an, denn ich mag ihn nicht Er nennen.) Ich geh auf den Ball heut und da mocht ich einen Kranz, und weil ich gar nicht vergnugt bin, dass ich zum Tanz soll gehen, so wollt ich einen traurigen Kranz gern haben von Aschenkraut, und keine Blumen wollt ich gar nicht. Ist wohl so viel Aschenkraut da, dass wir einen Kranz konnen machen, ohne die Busche zu verderben?" Da ging er voran und brach mir eins nach dem andern, und ich band's am Draht fest. Er hatte mir doch noch kein Wort gesagt und legte mir die Sprossen nacheinander auf den Schoss, ich sass auf der Blumenbank am Treibhaus, er ruckte die Blumen uber mir und um mich her zusammen, wahrend ich meinen Kranz flocht, und holte noch mehrere aus dem Treibhaus, dass ich wohl merkt, ich war ganz eingerahmt, und da war eine grosse purpurrote Passionsblume, die hing herab an meiner Seite, er schnitt sie ab und legte sie schweigend an das Geflecht, ich band sie auch schweigend mit ein, ich probierte ihn auf, er war weit genug, er nahm ihn mir aus der Hand, streifte sich den Armel auf, mass am Arm die Lange vom Kranz und band ihn selber fest, schnitt die uberflussigen Stiele und Blatter ab, und gab ihn mir. Das alles war schweigend geschehen. "Es ist heut so schones Wetter," sagte ich "find ich Euch morgen im Garten wenn ich fruh komme?" "Oh, das werden Sie wohl verschlafen, weil Sie die Nacht durch tanzen." "O nein, um halber zwolf fahr ich schon wieder zuruck, und Ihr konnt mich heimfahren horen, an Eurer Wohnung vorbei ich fahr im Kabriolett, nur mit einem Pferd hier vorbei, da konnt Ihr horen, ob ich Euch nicht Wort halt, da! Ich geb Euch meine Hand drauf." Er ward rot, der Gartner, als ich ihm die Hand reichte und's Schnupftuch fallen liess, das er mit der andern Hand auffing und mir reichte, ich sah es an, nahm's ihm aber nicht ab. Ich sagte: "Der Kranz ist unbezahlbar, Ihr habt ihn aus der Mitte von jedem Busch geschnitten wie werd ich's Euch lohnen, ich werd ihn Euch wiedergeben mussen!" "Ja," sagt er plotzlich, "der Kranz gehort mein." "Nun," sagt ich, "verlasst Euch drauf, ich bring ihn wieder."

Gestern, um halb acht Uhr fuhr ich mit der Tonie auf den Ball, auf dem Weg nach dem Forsthaus waren die Leute vom Moritz mit Fackeln zu Pferd und begleiteten die Wagen, von weitem war's ergotzlich, all die Fackeln galoppierend durch den hochstammigen Weg im Wald. Das Waldchen war mit bunten Lampen erleuchtet. Ach, wie schon war's! Und dazu lachelten die unendlichen Sterne! Der Moritz empfing uns, ich sagte: "Ach, wie schon ist's hier!" "Ja? gefallt dir's? Du bist auch schon!" und so ging er wieder. Ach ich war so vergnugt ich musste lacheln mit mir, es weckte mich aus dem Traum, als ich tanzen musste, und der Traum war so schmeichelig selbstvergessen mitten im Getummel ein Wonnegrab, da kamen die Grabesschauer mir nachgeflogen und weckten Gedankenseelen in der Brust begraben, die gaukelten uber mir im Blauen, und der Tag heut spiegelt die Nacht und die Nacht wieder den Tag, die ist so helleglanzend, dass die Sterne erblassen und der Tag so schattig kuhl, dass die Sonne nichts vermag.

Beim Nachtessen kam der Moritz, wir sassen an kleinen Tischen, ich am allerletzten mit der Pauline Chameau und Willig. Der Moritz setzte sich neben mich, er fragte: "Wer hat heut Ihre Toilette besorgt, so einfach, so originell! Die blaue Scharpe! Was bedeuten die blauen Bander? und der graue Kranz! Wer hat den aschgrauen Kranz besorgt?" Ich sagte: "Der Widerhall." "Gris de cendre, joyeux et tendre, so muss denn der Widerhall freudiger Zartlichkeit an Ihr Ohr geschlagen haben?" Er ging. So ein Liebesgesprach, mitten an offner Tafel, von keinem verstanden, nur von mir, so leicht so luftig wie nimmst Du's? Ist's nicht Blutenstaub, vom lauen Westwind Dir ins Gesicht geweht? Ja, alles mussen wir der Natur vergleichen, was voll heiteren Entzuckens uns durchdringt, nichts anders kann's aussprechen noch wiedergeben im Bild. Will ich mir von jenen Worten die Regung im Herzen lebhaft wieder in die Sinne rufen, so muss ich doch an Blutenbaume denken, die ihre Geschenke dem Morgenwind auf die Flugel laden fur mich, und dann schauert's mich so fruhlingsmassig, wenn ich das denke. Als wir alle wegfuhren, die Schwagerinnen im Stadtwagen zuerst, und ich ins hohe luftige Gig vom George, da liess der Moritz seinen Mantel holen, mir auf die Fusse zu werfen, weil's kuhl sei, er fragte, ob ich froh gewesen sei? "Ja!" sagte ich, "alles war schon und stimmte ineinander, der Rasenteppich und die bunten Lichter und die Sterne am Himmel, rauschende Baume und die Musik der Geigen und Floten, und auch die der sussen Reden." Er druckte mich an sich und sagte: "Du warst die Konigin vom Fest, Dir hab ich die Lichter angezundet und die Floten rufen lassen, es schmeichelt mir unendlich, dass du Gefallen hattest dran, und schenk mir was zum Lohn und zur Erinnerung der schonen Nacht." "Ich hab nichts, was soll ich Ihnen geben?" "Der Kranz steht Dir zu gut, den will ich nicht, gib mir die blaue Scharpe, ich will sie heut nacht um den Hals schlingen." Ich gab sie ihm, er hob mich ins Gig, warf mir seinen Mantel uber, vier Reiter jagten mit Fackeln voran durch den Wald. Wie war's mir doch? ein Zauber so schnell die Schatten der Baume im Flammenschein verschwindend und wieder da gleich, im stillen Nachthimmel; ich freute mich es dauerte so eine Weile, dass die Sterne mit den Fackeln um die Wette mich auffingen, und als wir vor den Wald kamen, da war der Mond aufgegangen, da waren die Reiter ebenso schnell wieder in den Wald zuruck und jagten wie die Pfeile, ich sah ihnen nach, mein Blick war ganz trunken vom Flammenwind, der da durchbrauste. Schreib dir's ins Herz, sagt ich mir heimlich, das ist dein Leben, wie ein fliegender Feuerdrache ist dein Geist, er leuchtet die heilige Natur an, ihre dunklen Raume; mit heisser, durstiger Zunge leckt er an ihr hinauf, aber er versehrt sie nicht der Drache ist nicht wild und giftig, nein! zahm und sanft auch; er schwingt sich in zartlicher Unruh im Kreis und stromt seine Feuer in sanften Laven in die Bache am Weg, und sein gluhender Atem erlischt in den Nachtnebeln. Ja, der Drache ist zartlich und liebend auch, nicht giftig und totend, nur will ihn keiner verstehn, und alle furchten sich vor ihm, aber nicht Du, meine Gunderode, Du scheust den Drachen nicht, Du kosest ihm und legst seinen Flammenrachen zartlich in Deinen Schoss. Jetzt war ich aufgewacht aus meinen Traumen, ich nahm dem Reitknecht an meiner Seite die Zugel und jagte durch die breite Ebne, ganz im Mondlicht schwimmend. Ach, wie lustig! Allerlei Glucksempfindung! Mit Dir hab ich den Pindar gelesen, Du hast auf Deinen Lippen die Begeistrung aufgefangen und mir auf die Seele getraufelt. Wenn der Sanger mit sausenden Schwingen dahinflog, an uns voruber! Weisst Du's noch? "Dahin raste der heissbrausende Hymnensturm Latonens Sohn zum Preis!" Weisst Du's, Gunderode, noch? Das Licht war ausgebrannt, Du lagst auf dem Bett, die Seele voll Klang, und wiederholtest die Verse in fester pragenden Rhythmen, wo ich das Versmass sinken liess, und bei der Nachtlampe las ich weiter:

Hort mich, ihr Sohne stolzer Helden und der

Gotter!

Denn ich verkunde diesem meergepeitschten Land,

Einst werde Epaphus' Tochter eine Stadtewurzel

pflanzen

Auf des Hammoniers Boden, den Sterblichen zur

Wonne,

Die kurzbefiederten Delphine vertauschen alsdann

Mit schnellen Rossen werden sie, die Ruder mit

Zugeln,

Und fahren auf sturmfussigen Wagen dahin.

Ich nahm diese letzten Zeilen zwischen die Lippen von Zeit zu Zeit und stiess sie im Gesang hinausrufend in die weit schlafende einsame Weite, und der Mond eilte mit hinter leichtem Gewolk hervor. "Horst du auch wieder die alten Hymnen, Latone, deinen Sohnen gesungen?" rief ich, und so fullten sich allmahlich meine Sinne und rauschten auf, als seien sie von einem Harfenruhrer erschuttert mit goldnem Plektron und jugendbrausendem Mut. Gluckliche Nacht, wo die Gedanken wie Bluten im Sudwind sich auftun frohlicher Hoffnung voll und ein Gefuhl heitern Geschickes wie glanzende Strahlen aus den feurigen Blitzen sich ergiesst, die der Drache in die kuhlen Mondlufte spie!

So kamen wir nach Offenbach, ich wendete links ab, statt in die Domstrasse zu fahren, der Reitknecht wollt mir in die Zugel greifen, weil ich den Weg verfehle, ich wehrte ihm, und so fuhr ich rasch am Boskett voruber, wo die Pappeln so anmutig sich neigten, so schuchtern rauschten, als wollten sie mich grussen. Ich lenkte in den engen Weg nach des Gartners Haus, ich hatte gesagt, um halb zwolf Uhr, es war drei Uhr in der Nacht, der Tag war im Aufwachen, der Gartner stand vor seiner Tur und nahm die Mutze ab, als er mich kommen horte. "Guten Morgen," sagte ich, "heut werd ich nicht in den Garten kommen, ich will ausschlafen, da ist Euer Kranz," und lenkte wieder um voll Vergnugen, dass ich's durchgefuhrt hatt mit dem Kranz, denn ich war unterwegs voll Zweifel, ob ich's tun solle oder nicht. "Dem Moritz den Gurtel, dem Gartner den Kranz," sagte ich mir immer; aber eine innere Stimme sagte mir, warum soll der Gartner den Kranz entbehren, er gehort doch sein, und er war ihm fruher versprochen, und dann fuhlt ich, wie weh es ihm tun werde, wenn ich mein Versprechen nicht halten wurde, und wie das ohne Luge nicht abgehen konne, ich musse ihm sagen, der Kranz sei verloren oder zerrissen, und das war eine doppelte Unachtsamkeit und musse ihn doppelt verletzen, nein, ich musst ihn ihm geben. Meine Seele war ordentlich leicht, als er hingeworfen war und er ihn mit der Hand auffing, er errotete so freundlich, grad mit der Morgenrote! die aufstieg. Dem Moritz den Gurtel, ihm den Kranz! Ja beiden gehort's. Denn beide sind freundlich gesandt vom Dichtergenius, der in der lautlosen Stille, wenn's, von Menschen nicht gewusst oder nicht bedacht, mir durchs Labyrinth der Brust schweifet in der Nacht.

Zu Haus im Bett wie war mir's da? Letzt sah ich dem Franz sein Kindchen an der Amme trinken, da musste es so schnell schlucken, es konnt nicht eifrig genug trinken, so stromte ihm die Milch zu. Grad so war mir's im Herzen, ich schluckte susse Milch, alle susse Erinnerung stromte, so wie meine Gedanken nur einen Augenblick wollten an ihr saugen, und wie's Kindchen sich von einer Brust zur andern wendet, weil sie zu voll stromen, bis es vor Ermudung des Saugens einschlaft, so wendete ich mich von einer Seite zur andern und schlief auch endlich vor Ermudung des Geniessens ein. So hab ich geschlafen bis Mittag, da brachten sie mir einen Strauss, der war mir aus dem Boskett geschickt worden. Hor nur, was das fur ein Strauss war, und wie witzig der Gartner ist; und wie gebunden, und was das bedeuten mag, in der Mitte eine Moosrosenknospe, da herum Vergissmeinnicht und Heidekraut, die einen Kranz bilden, dann rund herum hoher herauf Wacholderzweige und Nesseln, die schirmt wieder allerlei Dornwerk und Laub, was hoher steigt, so zierlich gebunden wie ein Kelch, in dessen tiefster Mitte die Moosrose gluht. Das lese ich so: Die Moosrose ist mein Geschenk, der Kranz; das Heidekraut, was die Rose schirmt, das ist der bescheidne Gartner, eine Blume, wie sie unzahlig sich auf dem Feld ausbreitet, die Vergissmeinnicht, das ist das ewige Andenken; er wird's nimmer vergessen, dass ich ihm den Kranz geschenkt hab, der Wacholder ist der schlichte Weihrauch, den er meiner Gabe als Opferrauch duftet, die Nesseln bedeuten, dass es ihm im Herzen brennt und schmerzt, das Dornwerk und das Laub, was rundum in Kelchform aufsteigt, die Rose zu verbergen, die sagen, dass es in seinem Herzen soll geheim bleiben, und dass er es im Herzenskelch vor aller Augen still bewahren wolle. Der St. Clair ist wieder zuruck, hat mir die Tonie gesagt. War er bei Dir? Was hat er vom Holderlin erzahlt?

An die Bettine

Der St. Clair war bei mir, er kam von Mainz, heut erst geht er nach Homburg, bleibt acht Tage oder langer dort, wenn er zuruckkommt, das wird am Sonntag sein, will er nach Offenbach kommen, er glaubt, Du werdest dann am Morgen wohl ein paarmal mit ihm im Garten auf und ab gehen, da will er Dir vom Holderlin alles erzahlen.

Am Mittwoch reise ich auf drei Wochen zur Nees auf ihr Gut bei Wurzburg; von dort will ich Dir deutlicher schreiben, hier im Augenblick von kleinen Reiseangelegenheiten gestort, kann ich nicht, wie ich wohl mochte, antworten auf Deine Liebe, der ich eben auch vertrau wie dem untadeligen Grund Deiner Seele. Schon fuhl ich mich bewogen, Deine Empfindungen, Dein Tun ohne Einwurf gelten zu lassen, tue, wie Dir's der Geist eingibt, weil es das beste und einzige ist, wo keines Menschen Rat auslangt; und auch weil Du so nur den unberufnen Vorkehrungen und Ratgebern kannst ausweichen; das ist, was hier zu befahren ist; nicht Dein kuhner Sinn; Dein sicher abwagendes Gefuhl haben wir nicht zu befahren, aber das Messen mit dem Massstab, der nirgendwie mit Dir zusammenstimmt. Ich selber weiss oft nicht, mit welchem Winde ich steuern soll, und uberlasse mich allen. Hab Geduld mit mir, da Du mich kennst, und denke, dass es nicht eine einzelne Stimme ist, der ich zu widersprechen habe, aber eine allgemeine, die wie die lernaische Schlange immer neue Kopfe erzeugt. Was Du sagst und treibst und schreibst, geht mir aus der Seele oder in die Seele; ich fuhle zu nichts Neigung, was die Welt behauptet; und mustere ich gelassen ihre Forderungen, ihre Gesetze und Zwecke, so kommen sie allesamt mir so verkehrt vor wie Dir, aber Deine absurdesten Demonstrationen, wie sie Deine Gegner nennen, habe ich noch nie in Zweifel gezogen, ich hab Dich verstanden wie meinen eignen Glauben, ich hab Dich geahnt und begriffen zugleich, und doch muss ich in die Sunde verfallen, Dich zu verleugnen; es ist mir nicht gleichgultig, dass ich diese Schwache habe, kannst Du sie mir ausrotten helfen, so bin ich willig zur Busse. Das sei Dir genug zum Fuhlen wie die Vorwurfe, die Du Dir um mich machst, mich nur drucken konnen. Das Produkt jener Stunde, wo Deine Liebe dieser gewaltsamen Stimmung in mir so streng entgegentrat, leg ich Dir hier bei. Dichten in jedem Herzensdrang hat mich immer neu erfrischt, ich war nicht langer gedruckt, wenn ich mein Verstummen konnt erklingen lassen.

Des Wandrers Niederfahrt

Wandrer

Dies ist, hat mich der Meister nicht betrogen,

Des Westes Meer, in dem der Nachtwind braust.

Dies ist der Untergang, von Gold umzogen,

Und dies die Grotte, wo mein Fuhrer haust.

Bist du es nicht, den Tag und Nacht geboren,

Des Scheitel freundlich Abendrote kusst!

In dem sein Leben Helios verloren

Und dessen Gurtel schon die Nacht umfliesst?

Herold der Nacht! Bist du's, der zu ihr fuhret,

Der Sohn, den sie dem Sonnengott gebieret?

Fuhrer

Ja, du bist an dessen Grotte,

Der dem starken Sonnengotte

In die Zugel fiel.

Der die Rosse westwarts lenket,

Dass sich hin der Wagen senket,

An des Tages Ziel.

Und es sendet mir noch Blicke

Liebevoll der Gott zurucke,

Scheidend kusst er mich;

Und ich seh es, weine Tranen,

Und ein susses stilles Sehnen

Farbet bleicher mich;

Bleicher, bis mich hat umschlungen,

Sie, aus der ich halb entsprungen,

Die verhullte Nacht.

In ihre Tiefen fuhrt mich ein Verlangen,

Mein Auge schauet noch der Sonne Pracht,

Doch tief im Tale hat sie mich umfangen,

Den Dammerschein verschlingt schon Mitternacht.

Wandrer

O fuhre mich! Du kennest wohl die Pfade

Ins alte Reich der dunklen Mitternacht;

Hinab will ich ans finstere Gestade,

Wo nie der Morgen, nie der Mittag lacht.

Entsagen will ich jenem Tagesschimmer,

Der ungern nur der Erde sich vermahlt,

Geblendet hat mich trugrisch nur der Flimmer,

Der Ird'sches nie zur Heimat sich erwahlt.

Vergebens wollt den Fluchtigen ich fassen,

Er kann doch nie vom steten Wandel lassen,

Drum fuhre mich zum Kreis der stillen Machte,

In deren tiefem Schoss das Chaos schlief,

Eh, aus dem Dunkel ew'ger Mitternachte,

Der Lichtgeist es herauf zum Leben rief.

Dort, wo der Erde Schoss noch unbezwungen

In dunkle Schleier zuchtig sich verhullt,

Wo er, vom frechen Lichte nicht durchdrungen,

Noch nicht erzeugt dies schwankende Gebild,

Der Dinge Ordnung, dies Geschlecht der Erde,

Dem Schmerz und Irrsal ewig bleibt Gefahrte.

Fuhrer

Willst du die Gotter befragen,

Die des Erdballs Stutzen tragen,

Lieben der Erde Geschlecht.

Die in seliger Eintracht wohnen,

Ungeblendet von irdischen Sonnen,

Ewig streng und gerecht;

So komm, eh mein Leben ganz verhauchet,

Eh mich die Nacht in ihre Schatten tauchet.

Horch! Es heulen laut die Winde,

Und es engt sich das Gewinde

Meines Wegs durch Klufte hin.

Die verschloss'nen Strome brausen

Und ich seh mit kaltem Grausen,

Dass ich ohne Fuhrer bin.

Ich sah ihn blasser, immer blasser werden,

Und es begrub die Nacht mir den Gefahrten.

In Wasserfluten hor ich Feuer zischen,

Seh, wie sich brausend Elemente mischen,

Wie, was die Ordnung trennet, sich vereint.

Ich seh, wie Ost und West sich hier umfangen,

Der laue Sud spielt um Boreas' Wangen,

Das Feindliche umarmet seinen Feind

Und reisst ihn fort in seinen starken Armen:

Das Kalte muss in Feuersglut erwarmen.

Tiefer fuhren noch die Pfade

Mich hinab, zu dem Gestade,

Wo die Ruhe wohnt,

Wo des Lebens Farben bleichen,

Wo die Elemente schweigen

Und der Friede thront.

Erdgeister

Wer hiess herab dich in die Tiefe steigen

Und unterbrechen unser ewig Schweigen?

Wandrer

Der rege Trieb: die Wahrheit zu ergrunden!

Erdgeister

So wolltest in der Nacht das Licht du finden?

Wandrer

Nicht jenes Licht, das auf der Erde gastet

Und trugerisch dem Forscher nur entflieht,

Nein, jenes Ursein, das hier unten rastet

Und rein nur in der Lebensquelle gluht.

Die unvermischten Schatze wollt ich heben,

Die nicht der Schein der Oberwelt beruhrt,

Die Urkraft, die, der Perle gleich, vom Leben

Des Daseins Meer in seinen Tiefen fuhrt.

Das Leben in dem Schoss des Lebens schauen,

Wie es sich kindlich an die Mutter schlingt,

In ihrer Werkstatt die Natur erschauen,

Sehn, wie die Schopfung ihr am Busen liegt.

Erdgeister

So wiss'! Es ruht die ew'ge Lebensfulle

Gebunden hier noch in des Schlafes Hulle

Und lebt und regt sich kaum,

Sie hat nicht Lippen, um sich auszusprechen,

Noch kann sie nicht des Schweigens Siegel

brechen,

Ihr Dasein ist noch Traum

Und wir, wir sorgen, dass noch Schlaf sie decke,

Dass sie nicht wache, eh die Zeit sie wecke.

Wandrer

O ihr, die in der Erde waltet,

Der Dinge Tiefe habt gestaltet,

Enthullt, enthullt euch mir!

Erdgeister

Opfer nicht und Zauberworte

Dringen durch der Erde Pforte,

Erhorung ist nicht hier.

Das Ungeborne ruhet hier verhullet

Geheimnisvoll, bis seine Zeit erfullet.

Wandrer

So nehmt mich auf, geheimnisvolle Machte,

O wieget mich in tiefem Schlummer ein.

Verhullet mich in eure Mitternachte,

Ich trete freudig aus des Lebens Reihn.

Lasst wieder mich zum Mutterschosse sinken,

Vergessenheit und neues Dasein trinken.

Erdgeister

Umsonst! An dir ist unsre Macht verloren,

Zu spat! Du bist dem Tage schon geboren;

Geschieden aus dem Lebenselement.

Dem Werden konnen wir und nicht dem Sein

gebieten,

Und du bist schon vom Mutterschoss geschieden

Durch dein Bewusstsein schon vom Traum getrennt.

Doch schau hinab, in deiner Seele Grunden,

Was du hier suchest, wirst du dorten finden,

Des Weltalls seh'nder Spiegel bist du nur.

Auch dort sind Mitternachte, die einst tagen,

Auch dort sind Krafte, die vom Schlaf erwachen,

Auch dort ist eine Werkstatt der Natur.

Der Tonie hat Clemens geschrieben, er komme in wenig Tagen er hofft, mich hier zu finden, ich kann's nicht andern, dass ich fortgehe, grade wie er kommt, es tut mir leid, wie gern ich ihn gesprochen hatte, Du, sag's ihm doch, in drei Wochen bin ich zuruck, bitte ihn, dass er so lange bleibe, ich werde gewiss um keinen Tag zogern, es liegt mir daran, ihn zu sehen, das einliegende Blatt gib ihm, er hat's von mir verlangt, es ist ein Gedicht, was ich schon fruher gemacht habe. Clemens wird zu Dir hinauskommen, ich glaube, Du tust wohl, noch so lang in Offenbach zu bleiben, bis ich wieder zuruck bin, Du bist vergnugt dort, und niemand legt Dir was in den Weg, hier wurden Sitten- und Splitterrichter Dich verdriesslich machen, Clemens wurde dabei manche Frage an Dich tun, die Dir unlieb sein durfte, und mir ist's unangenehm, wenn er Dich ins Gebet nimmt.

Du schreibst mir doch! Schicke Deine Briefe ins Stift, dort ist am Samstag und den Donnerstag drauf Gelegenheit, etwas an mich zu schicken. Ich ware gern noch hinausgekommen, glaubst Du, dass George mich im Kabriolett hinausfahren liesse? Wolltest Du wohl bei ihm drum fragen? Was Dir die Grossmama aus ihrem Leben erzahlt, das merk Dir doch alles, wenn's auch nur mit wenig Zeilen ist, spater ist es einem gar interessant. Adieu und bleib mir gut, ich will Dir's abzuverdienen suchen.

Karoline

Ist alles stumm und leer,

Nichts macht mir Freude mehr,

Dufte, sie duften nicht,

Lufte, sie luften nicht,

Mein Herz so schwer!

Ist alles od und hin,

Bange mein Geist und Sinn,

Wollte, nicht weiss ich was

Jagt mich ohn Unterlass,

Wusst ich, wohin?

Ein Bild von Meisterhand

Hat mir den Sinn gebannt,

Seit ich das Holde sah,

Ist's fern und ewig nah,

Mir anverwandt.

Ein Klang im Herzen ruht

Der noch erfullt den Mut,

Wie Flotenhauch ein Wort,

Tonet noch leise fort,

Stillt Tranenflut.

Fruhlinges Blumen treu,

Kommen zuruck aufs neu,

Nicht so der Liebe Gluck.

Ach, es kommt nicht zuruck,

Schon, doch nicht treu.

Kann Lieb so unlieb sein,

Von mir so fern, was mein?

Kann Lust so schmerzlich sein,

Untreu so herzlich sein?

O Wonn, o Pein.

Phonix der Lieblichkeit,

Dich tragt dein Fittich weit

Hin zu der Sonne Strahl

Ach, was ist dir zumal

Mein einsam Leid?

An die Gunderode

Warum Du aufs Landgut grade gehst, wie wir im besten Verkehr sind, das begreif ich nicht, es war schon als hatt ich Wurzel gefasst in diesem schonen Briefleben, wie die Erdbeeren beim Erroten fuhlt ich einen aromatischen Duft in mir, wenn ich mich heiss geschrieben hatte, Du bist immer unterwegs, ich begreif nicht, wo Du Zeit hernimmst zu allem! Dies schone Gedicht! Wann hast Du's geschrieben? Es dreht sich im Tanz und spielt sich selbst dazu auf so leicht, als ob sich's so nur aus Deiner Brust atme ohne Anstoss. Dein Gedicht, was Du in der klanglosen Stunde geschrieben, ist doch klangreich, es schopft die Tone aus der Brust und stimmt sie zu Melodien. Doch weile ich lieber bei dem ersteren, denn das hast Du doch spater gemacht, nicht wahr? Und fuhlst auch wie ich, dass die Schmerzen im Geist immer mit auf die Pein der Langeweile gegrundet sind. Denn nehm's, wie Du willst; brache das Leben sich mit einmal eine neue Bahn und war sie auch noch so uneben und holprig, die Verzweiflung hatt ein Ende. Denn alles Schmerzgefuhl, alle Sehnsucht kommt doch nur daher, weil die grade Bahn des Lebens gehemmt ist. Besinn Dich doch auf unsere Reiseabenteuer, die wir den Winter miteinander durchmachten, keiner von uns hatte eine trube Minute den ganzen Winter nicht, Deine Sehnsucht ins Innere von Asien hinein brachte uns immer unter die wilden Tiere, Tiger und Lowen und Elefanten haben uns Schabernack gespielt. Was haben wir fur Sonnenhitz ausgestanden mitten im Eis; erst spater merkte ich, wie sehr wir uns in dies Leben vertieft hatten, da alle Leute diesen Winter als einen der kaltesten durchgehustet haben. Weisst Du, am Neujahrstag kam ich zu Dir! Alle Rader pfiffen an den vielen Staatswagen, die gepuderten Kutscher mit den rotgefrornen Gesichtern! Da kam ich zu Dir in die Stube herein und sagte: Gott, es ist so heiss hier in Asien, dass wir nur so hinschmachten, und drauss vor der Tur in Frankfurt, da hangen dem Kutscher die Eiszapfen am Knebelbart. Was haben wir gelacht, Gunderode; und haben unter Zimmetbaumen eine Tasse Schokolade getrunken, die wir in Deinem Ofchen kochten mit wohlriechendem Sandelholz; und da kam ein Salamander ins Feuer und farbte sich da in allerlei Farben und warf die Schokoladenkanne um, und wir melkten die weisse Elefantin, die ihr Junges in unserer Nahe saugte, und machten Elefantenbutter, ich wollt als immer Lowenbutter machen, das littest Du nicht, denn Du warst sehr vorsichtig, Du meintest, es sei zuviel Gefahr dabei, die Lowin konne mir einmal wild werden uber dem Melken. Und die Erlebnisse am Ganges und Indus. Die schonen Knaben, die uns da begegneten, wo wir uns versteckten und sahen sie vorubergehen und sich waschen in den heiligen Fluten und Gebete tun, da sagtest Du, es mussen wohl Tempelknaben sein, wir mussen nach dem Tempel hier in der Gegend suchen. Da fuhrte eine Allee von grossen Tulipanen hin, die hab ich entdeckt, wir brachten stundenlang hin mit der Bewundrung der Blumen, und da waren Goldfruchtbaume und Trauben und Melonen, alles das wuchs in schonster Fulle rund um die Saulen der Tempel, zu denen wir fremde Volkerstamme hinwallen sahen, da sagtest Du einen Hymnus her, den hatten sie gesungen beim Sonnenaufgang: Atherwuste! So fing Dein Hymnus an, und ich machte eine Melodie drauf, die liessest Du Dir vorsingen zur Zither von mir, und Du hortest zu, so still, als war es indischer Tempelgesang; abends im Mondschein, das war unsre beste Zeit, wo wir phantasierten und hielten uns einander bei den Handen, wenn wir die Berge hinanstiegen, und ruhten unter Dattelbaumen aus, Du machtest immer die Reiseroute, weil Du die Kenntnisse des Landes hattest, und da stiegen wir auf einen Berg, der hiess Bogdo, von da aus, sagtest Du, konne man alle Gebirgsketten ubersehen, da eilte ich mich voranzukommen, um zuerst oben zu sein, und da schrie ich Dir entgegen, ich sahe das rote Korallenmeer mit der Todespforte. Da hatte ich mich aber geirrt, denn Du bewiesest mir, dass man es von da aus nicht sehen konne, da es an der Grenze von Afrika liege, und der Bogdo liege in der Mitte von Hochasien. Wir waren doch so glucklich, wie schwarmte mein Kopf von brennenden Farben der Blutenwelt, wie waren wir entzuckt vom Duft, der uns umwallte! Das dauerte den ganzen Winter, und kein Mensch wusste, dass wir in einer sudlichen Welt lebten, wir gingen grade in den Garten von Damaskus spazieren, ganz entzuckt von dem Blumenparadies und trunken von ihrem Duft, da kam der alte Herr von Hohenfeld und brachte Dir das erste Veilchen, was er auf seinem Spaziergang im Stadtgraben gefunden hatte. Ach, da verliessen wir Damaskus und liessen uns von Hohenfeld hinausfuhren, wo er das Veilchen gefunden hatte, und suchten noch mehrere; und von da an war der Zauber aufgehoben, und wir lachten recht, dass uns das Veilchen so schnell aus Asien herubergezaubert hatte nach Frankfurt auf die alten Festungswalle, denn wir gingen von nun an in den schonen Fruhlingstagen jeden Mittag hinaus und machten uns Kranze, die standen Dir so schon, so war die geringste Wirklichkeit schon wieder ein Paradies fur uns. Sieben Spaziergange haben wir so gemacht, Gunderode, ich hab mir sie gezahlt, sie kamen mir wie das Kostlichste im Leben vor. Du sassest immer unter der grossen Eiche und bedauertest Deinen arabischen Renner, dass Du den nicht mit aus Asien herubergebracht hattest; wahrend ich am Abhang niederkletterte, wo Du immer Furcht hattest, dass ich hinunterfalle; am Neujahrstag war ich wirklich da hinuntergekollert, ich war mit George da spazierengegangen, es war Glatteis, ich glitt aus und er den Augenblick, ohne sich zu besinnen, mir nach, da fasste er mich und hielt sich mit der andern Hand an einer Wurzel fest. Er war ganz blass und wankte, denn er konnte schwer das Gleichgewicht halten. Oben sagte er: "Jetzt waren wir beide zerschmettert, hatte Gott mir nicht beigestanden, denn ich hatte mich Dir nachgesturzt." Ich war bis dahin gar nicht erschrocken gewesen, denn ich bin so faselig und merk nie Gefahr. Aber das erschutterte mich, dass des Bruders Leben an dem meinen hing wie an einem Haar, und dass es Gott nicht reissen liess. Wie Geschwister doch aneinanderhangen wie Glieder eines Leibes, eins sturzt dem andern nach in den Abgrund; eins rettet das andere. Moge ich's doch nie vergessen, dass Vater und Mutter mir den Bruder geschenkt haben.

Was wollt ich Dir doch sagen! Ja, dass damals mir zuerst der Gedanke kam, wie das Leben nur als Notbehelf vernutzt werde. Ich dachte, dass wir Gedanken haben, so rasch, und dass die Zeit hinten nachkommt und mag nichts erfullen, und dass die Melancholie allein aus dieser Quelle des Lebensdranges fliesst, der sich nirgend ergiessen kann. Die Welt muss voll dessen sein, was unser Leben entwickelt, kamen die Taten und uberflugelten unsere Sehnsucht, dass wir nicht immer ans Herz schlagen mussten uber den tragen Lebensgang, nicht wahr, Du fuhlst es auch das war die wahre Gesundheit, und wir wurden dann scheiden lernen von dem, was wir lieben, und wurden lernen die Welt bauen, und das wurde die Tiefen der Seele beglucken. So musste es sein, denn es ist viel Arbeit in der Welt, mir zum wenigsten deucht nichts am rechten Platz. Und was ich niemand sage wie nur Dir, ich mein immer, ich musse die ganze Welt umwenden, ja, ich sage Dir, es liegt mir so nah, dass ich oft in Traumen mich nach dem Szepter umsehe, wo Gott den fur mich hingelegt hat, und wurde gewiss die Verwirrung lichten. Nur ein einzig Ding, am rechten Ende angefasst, zieht eine Menge andere nach sich, die von selbst dann ins rechte Geschick kommen wurden. Die Menschen lernen dann allmahlich auch das Rechte denken, wenn sie erst eine Weile das Rechte haben tun mussen. Denn ich sage nur immer so: konnten sie so fest in der Unnatur sich einwurzeln, wieviel fester und kraftiger dann im Boden, der ihre hohere Natur erzieht? Sollt ich irren? Menschengeist horcht auf Gottergebot in der eignen Stimme; horcht auf jene heilige Urphilosophie, die ohne Lehre als Offenbarung jedem sich gibt, der mit reinem Willen zur Wahrheit betet. Das hast Du selber gesagt, es sind Deine eignen Worte. Wie oft hab ich doch einsam um Wahrheit gefleht! Und wie unermesslich ist doch Vollendung uber die Sterne hinauf, und die Zeit darf nicht mehr sein, da, wo wir sie gegenwartig fuhlen. O bessere Tage, wo seid ihr? O kommt uns entgegen, lasst nicht immer nur harren auf euch, dass nicht auch wir nur wie Schattenbilder an euch vorubergehen. Lasset euch dienen, ihr Tage, die ihr den Geist der Liebe sollt hinuberschiffen; still und heimlich euch landen helfen und den Genius aufnehmen, lehren die Menschen, dass sie ihn nimmer verschmahen, der in allem allein nur darf gelten! So red ich das Morgenlicht an, das mich weckt, und denke dabei Deiner und meiner. Was sind Freundschaftsbande? Was ist Zusammenleben und Austausch der Gedanken, wenn der dritte nicht niedersteigt, der Gottliche der herab sich lasst, um das Leben genesen zu machen? Ach so deutlich steht es geschrieben in meiner Brust! Gefasst und besonnen muss der Geist sein, das weiss ich und das Herz ist oft ein ungeduldiger Kranker, aber der Geist wird auch alles fur es aufbieten, und eine Hohe muss es geben, wo grade durch den Geist es mit allem Leiden versohnt werde. Das denke, wenn es zu hart Dich bedroht, lasse Dir nicht schwindeln und denk, dass Begeistrung immer das hochste Erdenschicksal ist, und dass die aus dem Schmerz sich erzeuge, wie aus der Freude. Und mag's kommen, wie's will, so sollen zu Helden wir uns bilden, mit der Freude wie mit dem Schmerz unsre Freiheit erkaufen. O kommt mir das Feld der Schicksale doch vor wie der Blumengarten Gottes, wo jede Knospe in ihren eigentumlichen Farben sich erschliesst, der weise Gartner gibt Schatten den einen und Kuhle und harten Boden, den andern Sonne und fruchtbare Erde, so wie jedes bedarf zum Bluhen. Und das Bluhen ist ja die Erfullung aller Sehnsucht. Drum lasse uns das Leben lieben, weil es uns zu dieser Blute bringt, und denken, die Wolke uber uns schutte sich aus, den Staub von uns abzuwaschen, und dass dann die Sonne aufs neue uns anglanzt.

Ich bin traurig ich kann nicht von Dir los Dein Lied schmerzt mich ja es weckt Melodien aber so schmerzliche dass ich in ihrem Gesang den Widerhall Deines Wehs empfinde und mich schame, dass ich so heiter war diese Zeit uber, an jedem Weg mir Blumen sammelte und Dir zuwarf in Scherz und Ubermut, und das war schlecht lieben gelernt von mir, wo ich doch herausgezogen war, um dieser Schule mich ganz zu widmen.

Was werd ich dem Clemens sagen, wenn er auf meine Bildung zu sprechen kommt? Ich freu mich sehr auf den Clemens, das wird mich fur Dein Fortlaufen trosten, ich mag gar nicht dran denken, dass Du mit so viel Menschen umgehen kannst, mit denen ich kein ungescheut Wort zu sprechen vermag. Wie ist mir doch Horen und Sehen verkurzt durch Dein Weggehen! Gestern abend noch blies mir die hundertjahrige Cousine das Licht aus, ich solle nicht die ganze Nacht durch schreiben, meinte sie, oder sie wolle es der Grossmama sagen, dass ich meine Gesundheit verderbe, ich hatte einen Schachteldeckel vors Licht gestellt, dass sie's nicht sehen sollt durchs Schlusselloch, aber sie bemerkte den Widerschein; ich sagte: "Sie alte Hundertjahrige, was will Sie mit mir auf der Welt, Sie kann doch unmoglich noch einmal hundert Jahr leben, dann gehen wir zusammen." "Nein, wenn Du's so machst, dann kannst Du mir nit e mal Quartier bestellen, ich uberleb Dich hundertmal." Ich musst mir's gefallen lassen, das Licht war aus, ich nahm sie aber dafur auf den Arm und trug sie mitsamt ihrem Laternchen hinunter auf ihren Ledersessel. Sie schrie erst, ich werde sie die Treppe herunterwerfen, aber mitten in der Todesgefahr war sie vor Angst ganz still, unten auf dem Sessel wollte sie anfangen zu zanken, ich nahm aber ihr Federbett und warf's ihr auf den Kopf und lief fort. Jetzt kommt sie gewiss nicht wieder. Obschon ich mude war, hatt gern noch geschrieben, was ich jetzt nicht mehr weiss, heut schwarmt mir's nur vor Augen und Ohren, dass Du nicht mehr auf Deinem alten Platzchen meine Briefe bekommen sollst. Die Grossmama hatte gestern einen Anfall von Schwindel, ich mag nicht nach Frankfurt verlangen, und auch mag ich nicht hin, was soll ich dort, wenn Deine Haiden, Deine Holzhausen, Deine Nees Dich in Beschlag nehmen! Ich glaubte, ja wahrhaftig, ich glaubte, ich war Dir lieber wie die andern und es war Dir Ernst mit unsrer religiosen Weltumwalzung, wie's auch mir ist, und so war's auch recht von Gott angeordnet, dass wir beide nicht beisammen und doch so nah waren, dass jeden Tag unsere Briefe sich erreichten, so kam es doch zu Papier, sonst hatten wir's verschwatzt. Was hilft's! Ubermorgen gehst Du bis Wurzburg, das liegt ausser der Welt, und lasst mich hier auf dem Dach vom Taubenschlag schmachten. Wenn Du gut sein willst, so komm morgen fruh um sieben Uhr auf die Gerbermuhl; hierher komme nicht, weil die Grossmama unwohl ist, da ich jetzt immer in ihrem Vorzimmer bin, aber bis morgen um zehn Uhr, wo ich erst zu ihr gehe, kann ich mit Dir sein, um sechs Uhr geh ich auf die Gerbermuhl, der George lasst Dich hinfahren, ich hab's ihm geschrieben. Hinter der Muhl in dem langen Heckengang auf dem Stein am Kreuz wollen wir uns ein bisschen hinsetzen zusammen, Du kannst nach der Stadt zuruckfahren, Du kannst auch das Kabriolett zuruckschicken und zu Wasser heimfahren, das war mir lieber, damit Du nicht angstlich sein sollst, ums Kabriolett halten zu lassen, solang mir beliebt. Ach, am Sonntag hab ich auch eine Wasserfahrt gemacht mit Jeannot und Dorwille auf Bernhards Nachen hinter dem Schiff mit der Harmonie, alles war in Scherz und Liebesreden begriffen, wenn die Musik pausierte, ich aber hatte keinen Anteil dran, der Gartner sass am Steuer, dem wollt ich nicht Leid tun, er hatte schone feine Hemdarmel und mein Schnupftuch um den Hals geknupft.

An die Gunderode nach Wurzburg

Weil ich jetzt weiss, dass Du ausser der Welt bist, so hab ich ein ganz ander Leben angefangen, und mein Sinn hat sich ganz geandert. Ich mocht auch fort in die Welt, ja ich mocht fort! Ich bin doch in meinem Leben noch auf keinen Berg gestiegen, von wo aus man die ganze Welt ubersieht, und in meiner Seel uberseh ich doch die Welt. Du zankst, dass ich alles besser wissen will, und ich weiss doch alles besser, und ich kann doch nichts davor, dass mir's anders und besser einfallt. Ja mir kommt vor, als sei mein Bewusstsein ein Gesang meiner Seele, dem ich mit Vergnugen zuhor, denn wenn ich einmal etwas nicht weiss, so ist es nur, als hatt ich's vergessen gehabt, aber ich hatte es doch schon einmal gewusst. Nur bei kleinen Dingen steht mir manchmal der Verstand still, zum Beispiel gestern bei einer wilden Kastanie, die ich aus ihrer grunen Hulse losmachte, da lagen drei Kastanien ineinandergefugt, noch unreif, blendend weiss, da mein ich immer, ich musst mit Gewalt wissen lernen, was alle diese Formen sprechen, denn gewiss ist's, alles Geschaffene ist durch den Heiligen Geist erzeugt. Es ist unmoglich, dass eine Form sei, sie ist denn durch Gottes Wort "Es werde!" hervorgegangen. Nun, was durch den ewigen Erzeugungswillen hervorgeht, das muss doch eine Selbstsprache haben, das muss sich namlich aussprechen und sich auch beantworten. Dein Leben muss doch eine Sprache fuhren, denn sonst ist es ja nichts. Also, wen Gott liebt, mit dem fuhrt er Gesprache, also bloss Liebesgesprache, ja was ist auch Gesprach als bloss die Liebe, so ist denn alle Form in der Natur ein Ausdruck der Liebe. Die Sprach der Lieb ist also Sprach Gottes. Gott ist der Liebende ist denn Gott personlich? Hat er ein Antlitz? Kann ich ihm die Hand reichen? Wo find ich ihn, dass ich Liebesgesprach mit ihm fuhr. Meine Lieb zu Menschen ist Mitleid, ich muss um sie trauern, dass es so und nicht anders ist. Liebe ist, glaub ich, nur Gottergesprach. Weil ich weiss, dass ich alles weiss, nur kann ich's nicht finden, so such ich alles in mir, das ist ein Gesprach mit Gott. Das ist also Liebesgesprach, wenn ich mich aufs Gesicht leg im Schatten und hor den Bach rauschen neben mir, was der redet alles und Antwort drauf geben muss! Und streck die Arm aus im kuhlen Gras uberm Kopf und frag in meine Seel hinein alles, was ich wissen will. Da wird mir Antwort, ich kann sie aber nicht gleich in Worte ubertragen. Aber es gibt auch ein Gesprach ohne Worte. Aber Liebe ist doch wohl bloss Gottheitsgesprach? Ja was soll sie anders sein? Frage und susse Antwort; konnt ich aufhoren, danach mich ewig zu sehnen? Ich war mir selber gestorben. Und die Seele, die mich am tiefsten versteht mir am sehnsuchtigsten Antwort gibt, mich wieder fragt um Antwort, die muss ich lieben. Wissen wollen, ist ja schon Wissen, es ist Anschauen; und wenn ich anschaue, so nehm ich ein Bild in mich auf, und das ist Wissen. Wie kann sich doch der Mensch nicht enthalten, irgendwas anders sein zu wollen als ein Liebender? Wie komm ich doch darauf? Das ist von heut fruh auf der Gerbermuhl unser Gesprach; ich sag Dir, wenn ich geschwiegen hab, so ist das, weil mir die Worte nicht wohltonend genug vorkamen, ich seh mich im Geist um nach Klang, wenn ich etwas sagen will, da find ich keinen Ton, der stimmt, und Du kannst mir's glauben, manches lass' ich ungesagt, weil ich's nicht edel genug auszusprechen vermag, durch Musik hab ich's herausgefuhlt, dass aller Geist im Menschen liegt, dass er aber nicht die Melodie dazu findet, ihn auszusprechen. Denn jeder Gedanke hat eine Verklarung, das ist Musik, die muss Sprache sein, alle Sprache muss Musik sein, die erst ist der Geist, nicht der Inhalt, der wird nur Liebesgesprach durch die Musik der Sprache. Geist ist grosser wie der Mensch, immer will der an ihm hinaufragen, spricht er ihn aus, so hat er selber sich in den Geist ubersetzt, Geist ist Musik, so muss auch die Sprache, durch die er uns in sich aufnimmt, Musik sein. Wie konnten wir ihn begreifen mit den Sinnen zugleich, in unwurdiger Gestalt! Nein! Geist ist verinnigt mit Schonheit, er ist nur dann Geist, wenn er Schonheit ist. Durch den Dichter spricht er sich aus, denn der hat's Gefuhl, dass Geist nur Schonheit ist. Alle schone Handlung, alles Grosse ist ein Gedicht des Geistes. Ach ich streck die Hand zum Himmel und mocht was anders, als was die Menschen tun. Denn ich fuhl wohl, mein Nichtstun ist Sunde. Aber was soll ich tun, was mich weckt? Die Kunst, meint der Clemens! So ist's bloss, weil er mich innerlich nicht kennt, mit was ich alles zu tun hab. Denn das muss wohl meine grosste Anlage sein, was mich am schnellsten aufregt und mich ganz mit sich fortnimmt. Nun, obschon ich keine Weltgeschicht studieren mag und bei dem Zeitunglesen vor Ungeduld mich kaum zusammennehmen kann, so ist's doch die Welt, die ich regieren mocht, und mich reisst's hin, daruber nachzudenken. Wenn Du an den Clemens schreibst, so sag's ihm, das scheine mir mein entschiedenstes Talent, die Welt regieren; weiss er Gelegenheit, mich darin zu uben, so will ich fleissig sein Tag und Nacht. Schon jetzt nehmen mir die Regierungsgedanken den Schlaf, von allen Seiten, wo ich die Welt anseh, mocht ich sie umdrehen. Eine Zeitlang hat alles, was ich im Leben erfahren hab, wie eine holzerne Maschine auf mich gewirkt. So der ganze Religionsunterricht, der machte mich vollig dumm. Zum Beispiel die Lehre, mit welchen Waffen die Ketzer zu bekampfen, mit welchen Grundsatzen sie bekampfen? Da kam mir Ketzer und Waffe und Glaube alles wie ein Unsinn vor, und hatt ich nicht meine Zuflucht dazu genommen, gar nicht zu denken, so war ich ein Narr geworden. Wie denn wirklich alle Menschen Narren sind, meine grosse Courage, dies zu glauben und ohne viel Sperenzien, sie auch danach zu respektieren, das hat mich freigemacht von der Narrheit. Und wie sollt doch einer aus dem Schlamm des Philistertums herauskommen, als von frischem sich in die Hande Gottes geben, der hat nicht umsonst den Menschen aus Lehm gemacht, da er ihn nur anzuspeien braucht, dass er wieder feucht wird, um ihn von Grund auf neu durchzukneten und seine erste reine Gestalt wiederzugeben. Woran erkennt man einen katholischen Christen? Am Zeichen des heiligen Kreuzes! Dies schlug mir den ersten widerspenstigen Funken aus dem Geist. Denn was braucht doch der naturliche Mensch ein katholischer Christ zu sein und sich bekreuzigen? Ist das der nachste Weg, Gott ahnlich zu werden? Ist Gott ein katholischer Christ? Oder ist er wie Du ein Ketzer? Und warum machen wir doch das Kreuz, als bloss um wie die Hunde dem Ketzer die Zahne zu fletschen. Als wir aus dem Kloster zuruckgeholt wurden ins vaterliche Haus, da liess uns die Frau Priorin vor sich kommen und scharfte uns ein, ja nicht den katholischen Glauben zu verlassen, wenn wir zu unsrer Grossmutter kommen, die eine lutherische Dame sei, sondern wir sollten alles dranwenden, sie zu bekehren. Sie sagte das mit so viel Herzenswarme, ich hatte ihr die Hand drauf geben wollen, aber ich wusste nicht, was katholisch sei ich half mir; alles, was nicht lutherisch ist, das sei katholisch. Alles, was man lernen muss, hullt den Verstand in eine Nebelkappe, dass die Wahrheit uns nicht einleuchte. Alles, was wir zu tun bewogen sind, ist Eselei. Meinungen von geistreichen Mannern zu horen, was der Grossmama ihre Passion ist, das scheint mir leeres Stroh, liebe Grossmama. "Du kannst doch nicht leugnen, liebes Kind, dass sie die Welt verstehen und dazu berufen sind, sie zu leiten?" sagte sie gestern. "Nein, liebe Grossmama, mir scheint vielmehr, dass ich dazu berufen bin." "Geh, schlaf aus, Du bist e narrisch's Dingle."

Bei der Grossmama wird jetzt abends allerlei Politisches unter den Emigranten verhandelt, da wird die Umwalzung des grossen Weltkurbis von allen Seiten versucht, er deucht ihnen angefault. Ausser Choiseil, Ducailas, d'Allaris, die immer das Wort fuhren, kamen gestern noch ein Herr von Marcelange und Varicourt, dieser letztere besonders schon von edler Haltung, ritterlich, ich konnt keinen Augenblick glauben, dass ihm je etwas Unebenes in den Sinn komme; er wendete sich immer zu mir, als ob er um meinen Beifall werbe ai-je raison? Seine Reden machten mir Eindruck, er war in Begleitung einer Herzogin von Bouillon (Hessen-Rothenburg) und einer Prinzess Biron, die mittags auch die Grossmama besucht hatten, durch Frankfurt gekommen, ein Graf Catalan hat ihn zur Grossmama gefuhrt, die litt nicht, dass die Emigranten wie gewohnlich Politik sprachen, weil sie meistens geteilter Gesinnung sind, spater erzahlte sie, dass sein Bruder jener Varicourt sei, der als garde du roi am 6. Oktober 1790 in Versailles an der Tur der Konigin ermordet wurde, als er ihr zurief: "Konigin! Retten Sie sich, es ist der letzte Dienst, den ich Ihnen leiste!" Die Grossmama erzahlte mir von seiner Mutter, die sie kurz nachher in der Schweiz auf einem verfallenen Landsitz bei Nyon getroffen hatte in einer dustern grossen Vorhalle, die zugleich Kuche war, mit alten wollnen Tapeten so faltig behangen, ein altes Ruhebett, auf dem der Hut ihres Sohns mit weisser Kokarde lag, ein paar Strohstuhlchen, ein ungeheuer grosser Kamin mit einem kleinen Feuer von einigen Rebenreisern, wo ein Kesselchen mit Teewasser fur die kranke alte Frau kochte, eine schlafende Katze zu ihren Fussen, ein einziges schmales hohes Fenster in diesem zerfallenen Wohnsitz einer ausgestorbenen Familie, da habe die Frau den Hut ihr gezeigt und gesagt, es war eine Zeit, wo das weisse Band ganz Frankreich zum Gehorsam fur seinen Konig aufrief usw. Ich horte der Grossmutter gern zu, solang sie dies erzahlte, dabei brachte sie aber noch so manches andre vor, was keinen Zusammenhang damit hatte, so sprach sie von einer Herde mehrerer hundert Kuhe, die man damals an einem Ort zusammengetrieben, wo sie wegen einer Seuche alle totgeschossen wurden; sie jammerten und tobten bei den ersten Schussen, als aber der Bulle niedergeschossen war, hat keine Kuh sich mehr gewehrt, alle haben ruhig den Tod erwartet, vergleiche: Emigranten und ihren Konig , dann hat die Grossmama noch Unendliches von unschatzbaren Leuten erzahlt; von Seidespinnerei, von 360 Kokons, eine Unze Seide, von 2893 ein Pfund, soviel Simmer Seidenwurmer spinnen an 5 Pfund Seide frassen zu viel Maulbeerblatter, man gab ihnen Latuk, Spinat und Blatter von Johannistrauben, welches sie mit Vergnugen frassen, recht gut Seide spannen, nur dass sie etwas grungelb wurde, zuletzt erzahlte sie mir noch aus dem Leben der heiligen Jutta, welche Naturgeschichte und Seelenlehre studiert hatte, und dies fuhrte sie auf den Mirabeau; als ich zu Bett ging, war ich ganz verwirrt und konnt an nichts Liebes mehr denken, ich musst gleich einschlafen. Wie's doch in der Grossmama ihrem Kopf aussehen mag? So viel aneinandergehangt, wozu kein Mensch die Losung fande, ob ich wohl auch so bin! Das Haus wird jetzt nicht leer an merkwurdigen Leuten, alle franzosischen Journale werden gelesen und besprochen, ich muss wider Willen Anteil nehmen an ihren Witzen uber Hof und Hofstaat, Kostum, Livreen, Uniformen, Schmuck und Spitzenbehange des weiblichen Personals, alles wird durchgemustert, dann die allgemeine grosse Ablassannonce von dreissig Tagen, um die Franzosen aus des Teufels Sklaverei zu befreien. Ich stehe unter den Disputierenden wie unter einer Traufe; Protestant, Philosoph, Enzyklopadist, Illuminat, Demokrat, Jakobiner, Terrorist, homme de sang, alles regnet auf mich herab, worunter man immer dasselbe versteht. "Von oben herab verkennen sie alles," sagte der Varicourt, "von unten ist alles Bosheit und Luge der Hinanklimmenden", und sprach noch uber die ungeheuren Schmeicheleien, die Bonaparte einschlucke: "Ce n'est pas du bon style que d'avaler de si gros mensonges, la veracite est le seul moyen de cultiver la nature humaine; pour la grandeur il y fait faute, il n'a point le sens celeste pour l'avenir pour lequel seul s'immolera un grand cur; il est le grand monstre de la mediocrite encombrant un monde qui s'ignore soi meme." Die Emigranten horten ihm feierlich zu, als spreche er von der Kanzel herab. "Nous n'avons que trop bien pu comprendre ce que c'est que l'esprit regenerateur, ce n'est que l'achete que de nous soumettre a une tyrannie, qui a recours aux moyens puerils dont se sert Buonaparte pour captiver une nation qui a sacrifie son meilleur sang pour la liberte. C'est une juste punition pour avoir attente au sang inviolablement sacre des rois, que de n'avoir pas reconnu ce que le grand genie de Mirabeau nous avait prophetise. La revolution faite, la premiere des lois etait d'honorer la loi, mais point cet expedient des tetes bornees, qui pour maintenir leur pouvoir, ne font que faire trembler; il faut gagner les curs, et puis c'est si facile! Le peuple est deja reconnaissant si ses superieurs ne lui font pas tout le mal qui est en leur pouvoir; ce n'est que la betise, qui punit, la veritable grandeur previent les fautes; c'est abuser du pouvoir que d'agir autrement, il est maladroit de ne point se servir des hommes tels qu'ils sont, c'est la sagesse qui est souveraine, elle exploite le bien du mal, mais non pas en tranchant les tetes!! Les lois doivent etre tracees par le genie de l'humanite, ce que Buonaparte ne sera jamais." Und ich mochte auch uber allen Plunder von menschlichen Zurustungen hinausstiefeln konnen, ihre Zankapfel ihnen aus den Handen winden und ihnen dafur Selbstbeschauung, Selbsterzeugung empfehlen. Ja! Ist's nicht der einzige Zweck der menschlichen Natur, dass sie lerne sich selbst erzeugen? Und ist die Wahrheit nicht das Geheimnis, aus der die Selbsterzeugung hervorgeht? Und wenn ein Herrscher aus sich hervorgehen konnte ins reine Licht der Wahrheit, wurde er nicht die ganze Menschheit regenerieren? Ich frag Dich! Besinn Dich hab ich nicht recht, es schwebt mir so dunkel vor, als ob aus dem Geist des einen die Wiedergeburt aller hervorgehen musse. Ach, ich wurde gar nicht drum verlegen sein, dies keck anzugreifen, denn verderben kann man nichts, alles was noch grunt und zu bluhen scheint, steckt doch im Sumpf der Dummheit und ist es eine so grosse Sache, kluger zu sein? Wie soll einem da nicht der Verstand aufgehen, wenn man rund um sich her sieht, wie alles Narrheit ist! Und liegt es nicht in der gesunden Menschennatur, die Idee einer gottlichen Menschheit in sich zu entwicklen? Und was ist doch alles Denken als bloss diese ideale Richtung? Und ist doch ein Mensch geboren, dessen Aufgabe es nicht war, sein eignes Ideal zu erzeugen? Und wenn das ist, wie soll mir da nicht jeder unschuldige Mensch wichtig sein, ihm meine Gedanken mitzuteilen? Man braucht mich auch nicht zu beschuldigen, dass ich alles durcheinander werfe und von einem zum andern spring, es gibt etwas, was andre gar nicht fassen, von dem spring ich eben nicht ab, mein Geist bildet sich selbst seine Ubergange. Sobald der reine Wille in uns liegt, das Gottliche zu suchen, so ist die Religion da, von der ich meine, dass sie den Menschen allein entwicklen konne, denn ohne sein Zutun ist es der ihn erfullende Gott, der aus ihm redet, und dies eine ist es allein, was mir Religion deucht; und wie aus einem edlen Samen alles sich bildet, wie es organisch muss, so bin ich gewiss, dass aus einem Geist, der bloss das Gottliche denkt um sein selbstwillen, auch alles folgerecht sich entwickelt und in der menschlichen Handlung nichts mir ein Anstoss sein wurde. Denn gegen Denken ist das Handlen nichts, denn der Gedanke selbst ist Gott, hingegen Handlen ist nur sich nach Gott richten, wenn ich also Gott durch mein Denken suche, empfinde, erlebe, wie sollt ich da verlegen sein ums Handlen, ums Regieren? Ei nein! Das ging ganz von selbst, ich wurd mich auch keinen Augenblick besinnen, denn wer den Geist der Wahrheit einatmet, wie sollte der ihn nicht auch aushauchen? Nebenabsichten muss der Menschengeist gar nicht haben, er muss eine heilige Richtung haben. Der Mensch ist sich immer eine Hauptnebenabsicht, drum muss er sich ganz verleugnen, sonst erreicht er sich selber nicht, das lautet zwar ganz verkehrt und ist doch wahr. Das wahrhafte Ideal des Menschen ist die lautere Selbstverleugnung, aus ihr auch allein kann alle Weisheit hervorgehen in allen Handlungen, die das Schicksal erheischt; zu derselben Selbstverleugnung sind wir berechtigt, alle Menschen aufzufordern, denn sei das Resultat eines solchen Tun, was es wolle sie handlen in Gott, und das ist Religion, und da mach's Kreuz oder sei Ketzer oder Heid oder Jud. Himmlischer Sinn furs Unsichtbare, Unendliche, aus dem allein die wahre Religion hervorgeht, weil dies allein zur Gottheit fuhrt. Das alles fallt mir so ein, wenn ich meine Gesprache mit dem Franzosen in Gedanken weiterfuhre. Ich brauch nur auf eine Natur zu treffen, die mir liebreizend scheint, so bin ich gleich voller Gedanken, die mich belehren, als seien sie geweckt von jenem; so jagt der Franzose in seinem adeligen Wesen jetzt eine Begeistrung nach der andern in mir auf, und ich glaub: keine Frage, die ich nicht beantworten konnte, sobald ich mir innerlich denke, er hore mir zu, keine Handlung, die ich nicht kuhn genug ware zu vollbringen, wenn er mir zusahe, und was das auch sein moge, was mich so anreizt gewiss ist es was Grosses, was ganz Gottliches, dass der Mensch, wo er das Gottliche ahnt, das Schone und Grosse gewahr wird, gleich harmonisch mit einstimmt und alle Feuer in ihm aufflammen. Ach, ich denk mich schon in eine Schlacht auf einem Schimmel neben ihm herreitend zwischen allem Donner der Geschutze, Rauch und Pulverdampf, in der Verwirrung grosser entscheidender Momente, wie seinem sicheren Blick vertrauend ich alles glucklich vollende, ich denk noch mehr, alles was gluhender Ehrgeiz nur zu unternehmen wagt, das fahrt durch meine Seele, ich erleb's ich bin glucklich, freudig, jauchze im Gelingen, und alles Volk umringt mich mitjauchzend und harrt meiner, dass ich ihm Labung zutropfle heiliger Freiheit. All dies erleb ich mit dem Franzosen, der sich vor meinen Augen zum Heros entwickelt. Ich mochte doch wissen, wenn man alle Erlebnisse sich zusammenrechnet, ob da nicht diese eingebildeten auch gelten, sie gluhen und damaszieren doch die Seele durch diesen feinen Stahl der Begeistrung, der mit ihr zusammengeschweisst, gebeizt und geatzt wird und mir edler deucht wie jede andre Politur und besser zu benutzen, zaher, fester, der Kraft des Willens nachgebend und ihr folgend. Kuhne feste Handlung, Tatkraft muss doch auch einen Samen haben in die Seele geborgen, ist dies nicht Same? Mich deucht, etwas gedacht zu haben ist Samen im Boden der Seele, der ans Licht dringt und sich erschliesst, heute oder morgen.

Da ging die Tur auf, Clemens kam herein, grosse Freud! Sie starkt es blitzt innerlich. Ist mein Verstand mir verloren und such ihn an der leeren weissen Wand und find ihn nicht, aber in dem schonen grossen Aug von Clemens find ich ihn. Du sagst, Du kannst ihm nicht in die Augen sehen, weil er einen verzehrenden Blick habe, ich nicht, ich schopf Freud drin, und ich weiss nicht was, von lebendiger Nahrung Unubersetzbares. Vor allem mocht ich Herr werden uber mein Denken; dass ich namlich die Zeit ausfulle mit lebendigem (lebengebendem) Denken. Es gibt ein Denken, was verlebt, und eins, was erlebt. Wie mich sammeln, dass ich meinen Geist immer auf das Erleben richte? Dies eine nur! und das Auffahren gen Himmel ist mir gewiss.

Das Schlafen kann mit dem Denken im Rapport gesetzt werden, das Schlafen, was aus dem Denken entspringt, erzeugt wieder Denkkraft, so kann sich der denkbeflissne Geist erschaffen. Uberall mit Geist durchdringen, so ist das Schlechte gesprengt, denn es hat keinen Platz mehr, denn es ist zu schwach und zu eng, um Geist zu fassen.

Ich wundre mich uber meine Gedanken! Dinge, uber die ich nie etwas erfahren, die ich nie gelernt, oder vielleicht grade das Gegenteil davon, stehen hell und deutlich in meinem Geist. Kann ich denn wissen, ob ich nicht vielleicht von einem Geist besessen bin? Und ist Besessensein nicht vielleicht ein Aufgeben der Individualitat, und sind die Widerspenstigen, die sich dem Geist widersetzen, nicht vielleicht individuell starker, als die vom Geist Durchdrungnen? Ach, liegt wohl die Starke im Hingeben? Ist nicht manches im Geist und in der Seele Wirkung anderer Welten? Die Liebe, die Leidenschaft, ist die nicht Anziehungskraft von der Sonne?

Wir sassen auf der Hoftreppe, ich und der Clemens, in der Dammerung und schwatzten allerlei. "Es ist alles recht lieblich, was du da vorbringst", sagte er "aber werd nur nicht faselig, manchmal angstigt mich's, was aus dir werden soll, du zersplitterst deinen Geist, mit dem du dir eine so herrliche Freiheit erringen konntest. Ach, kannst du dich denn nicht auf eins hinwenden mit deinen funf Sinnen und das ganz auffassen? Wenn du sprichst, bist du gescheit und gibst manchen Aufschluss, von dem die Philosophen noch nichts wissen. Schreib doch was! Hast du mir nicht Kindermarchen versprochen? Schreib doch alles auf, was du im Kloster erlebt hast, du kannst so schon davon erzahlen. Was treibst du denn mit der Gunderode? Lernst du mit ihr? Ich hab so grosse Sorge um dich, ich muss manchmal die Hande ringen, dass alle Anmut deines Geistes den vier Winden preisgegeben ist." Der liebste Clemens! Ich musste ihn kussen in der stillen Nachtdammerung auf seine leuchtende Stirn unter den schwarzen Lokken fur seine Liebe. Es ward windig, da sassen wir beide in seinem Mantel gewickelt und sahen den Wolken zu, wie sie sich eilten, da sagte der Clemens so viel von Dir, was Dich gewiss freut, Du seist so hell wie der Mond. Das fluchtige unstete Wesen, was Dich oft befalle, sei nur wie Wolken, die uber den Mond hinziehen und verdunklen aber Du selber seist reines poetisches Licht und Du drangest tief ins Gehor, der Klang Deiner Gedichte sei Geistesmusik, und dies sei jetzt nur der Eingang zum Geisteskonzert, in dem sich immer und nach allen Seiten Melodien entfalten; und es sei so edel, sich innerlich einem solchen Leben hingeben, und so konnte und sollte ich auch mich sammeln, dass ich meinen Geist nicht wegwerfe und ein Leben fuhre, das wurdig sei. Was meinst Du, dass ich zu all diesem gesagt hab? Nichts! Mir wird bang einen Augenblick, dass ich so selbstverlassen bin, und dass sich mein Geist nichts um mich bekummern will, in die Weite hinausschweift, wo eine Biene sich unscheinbare Bluten sucht, von denen nippt aber Honig will er nicht machen, er verzehrt alles selber. Da nun die Biene aus Instinkt Honig macht, mein Geist aber nicht, so wird der wohl nicht uberwintern, wo er dann keinen Vorrat braucht, er gehort wohl ins Land, wo ewiger Fruhling ist. Der Clemens ist eben wieder in die Stadt, der ganze Himmel ist uberzogen da regnet's schon so gewaltig ob er wohl schon in der Stadt ist? Er geht in ein paar Tagen zu Schiff nach Mainz und Koblenz und bleibt drei Wochen am Rhein, also wirst Du ihn sehen.

Bettine

Ich hab ihm versprechen mussen, dass ich bei seiner Ruckkehr was wollt geschrieben haben, ich werde nie besser verstehen lernen, wie die Welt mit Brettern zugenagelt ist, als wenn ich versuche ein Buch zu schreiben, und wenn nun gar der Clemens von einer freien Zukunft spricht, und dass ich, ohne ein Buch zu schreiben, nie meine Zukunft werde geniessen! Ein Buch ist dick und hat viel leere Seiten, die alle vollzuschreiben kann ich doch nicht aus der Luft greifen, mir deucht dies erst recht eine Fessel meiner Freiheit. Wenn ich mich an den kienernen Schreibtisch setze und es fallt mir gar nichts Extraes ein und ich schneide mit dem Federmesser eine dumme Fratze nach der andern in den Tisch, die mich alle auslachen, dass mir nichts einfallt, da werf ich mein Buch weg, wo lauter Versanfange drin stehen und kein Reim drauf. Es ist wirklich eine Unmoglichkeit. Ich mocht dem Clemens alles zulieb tun, was er will, aber ich hab einmal keine Gedanken; andre Leute waren schon vor mir da, ich bin zuletzt gekommen, also was ich auch vorbringen konnt, so haben's andre schon fruher erlebt; ich ging einmal mit dem Clemens dies Fruhjahr spazieren, da waren allerlei neu aufgebluhte Krauter, die ich nicht kannte, die wollt ich brechen; er sagte: "Wenn du bei jedem Mauseohrchen oder Vergissmeinnicht hocken bleibst, so werden wir nicht weit kommen." Daran denke ich jetzt immer, wenn ich was Neues in mir selber erfahr, dass andre dies alles wohl schon wissen und nichts Neues mehr fur sie mehr sein mag, wie jene Violen und Ganseblumchen am Weg, die ich mir sammeln wollte. So schreib ich's denn nicht auf, und auch weil die Gedanken sich an mich hangen wie Schmetterlinge an die Blumen, wer soll sie haschen? Sie merken's gleich und fliegen davon, und fasse ich einen, so hab ich bald seine schone Farbe abgewischt mit dem Schreibefinger oder seine Flugel erlahmen. Und so ein Gedanke in der Luft flattert so lustig, aber auf dem Papier kann er sich nicht wiegen wie auf der Blume; und kann sich nicht auf die Rosen setzen von einer zur andern, er sitzt da wie angespiesst. Ich seh's ja an denen paar, die ich so erwischt und aufgeschrieben hab. Da war ich grad am End vom Garten, ich lief eilig hinein, weil ich ihn geschwind ins Buch schreiben wollt, eh ich ihn vergesse und jetzt, so oft ich das Buch aufmache, lacht mich der Gedanke aus und sagt: "Du bist recht dumm." Jetzt will ich Dir nur gleich das Blatt herausreissen und da les' die Gedanken, die ich wie Hasen auf einer durftigen Jagd hab zusammenschiessen mussen, und bin mit jedem einzelnen aus meinem Gedankenwaldchen nach Haus gelaufen, um ihn aufzuschreiben, und immer die drei Treppen hinauf. Weisst Du was? Die drei Treppen waren mir nicht zu hoch, aber ich hab mich geschamt vor den drei Treppen, wahrhaftig, ich hab die Augen zugedruckt, weil ich dacht, sie merken's, dass ich so eine kummerliche Natur hab und bring da die armen nackten Gedankenpfeilmuter an; so heissen im Tirol die Schmetterlinge, ich hab's vorm Jahr auf der Messe gelernt bei dem Tiroler, der im Braunfels Handschuh verkauft, der mit dem schonen schwarzen Bart, Du weisst, Du sagtest, der habe ein Antlitz und kein Gesicht, ich fragte: "Was ist das, ein Antlitz?" Du belehrtest mich, das sei noch aus der Form Gottes, nach seinem Ebenbild geschaffen, aber Gesichter, die seien nur so nachgepetert, wo die Natur nicht hat wollen mit dabei sein und die Philister allein sich erzeugen lassen; und da hab ich Dich gefragt: "Hab ich ein Antlitz?" Da hast Du gelacht und gesagt: "Es steckt noch zu tief in der Knospe, ich kann's nicht erkennen." Noch an jenem Abend hab ich mich vor den Spiegel gestellt und gebetet, Gott soll mich doch aus der Knospe herauslassen mit einem Antlitz und nicht mit einem Gesicht; denn wenn ich kein Antlitz hab, wie kann ich da einem Antlitz gefallen! Noch an jenem Abend fragte ich die Frau Hoch, weil Wartfrauen von Schonheitsmitteln manches wissen, sie meinte, wenn man keine Sunde tue, so konne man nicht unschon werden, und wenn es darauf ankomme, so werde ich gewiss mich vor allen Sunden huten; wie aber die Frau Hoch drauss war, um den Kindchen die Suppe zu kochen, da kletterte ich vors Fenster auf das Blumenbrett und hockte mich ganz klein zusammen, wie sie wieder hereinkam, war's ganz still, es war dunkel und noch kein Licht angezundet, da meinte die Hoch, sie war allein und wollte ihr Abendgebet hersagen, weil das Kindchen noch schlief. "Jetzt geh ich ins ewige Leben, sprach er mit freudiger Seele, neigte das Haupt und erbleichte." Das horte ich auf dem Blumenbrett vom Gebet der Frau Hoch. Ich dachte, ob es wohl unrecht sein moge, sie zu belauschen, und da fiel mir meine Antlitzknospe ein, ob die vom Meltau der Sunde hierdurch konne angegriffen werden, denn so gescheit war ich wohl, dass dies keine Kapitalsunde sei, aber weil ich absolut wollt wunderschon sein und ohne den geringsten Tadel, so hielt ich mir die Ohren mit beiden Handen zu, um nichts zu horen, da liess ich die Stange los vom Brett und war schier in den Hof gefallen. Ich konnt mir die Ohren nicht versperren, wenn ich nicht fallen wollt, und da hort ich sie noch singen:

Wenn der goldne Morgen blinkt,

Der zu dieser Hochzeit winkt,

Wo die reinen Seraphinen

Bei der hohen Tafel dienen.

Da sang ich die zweite Stimme, die Hoch sieht sich in allen Ecken um, holt Licht, sucht oben auf dem Ofen, auf dem Vorhanggestell und uberall und kann mich nicht finden. Ich pfluckte eine Nelke vom Stock und stellte mich in den Fensterrahm, den stiess ich auf und reicht ihr die Nelke. Da stand sie mit ihrem kleinen Wachsstock und beleuchtet mich und meint, ich war eine Erscheinung. Ich bin ihr aber um den Hals gefallen, denn ich hab die Frau sehr lieb. Ich fragte, ob's eine Sunde sei, dass ich ihr zugehort hab, sie sagte: "Das ist grad keine Sunde, aber Sie hatten konnen in den Hof fallen, und da wollen wir lieber ein Danklied singen, dass Sie nicht gefallen sind." Hier hast Du das Lied, zu dem ich eine Melodie gemacht hab.

Der du das Land mit Dunkel pflegst zu decken,

Ach, reine mich von jedem leisen Flecken.

Reich mir der Schonheit Kleid,

Dass ich an jedem Morgen meiner Blute

Erkennen mag, wie deine Gnad sie hute.

Obschon die Sonne entzogen ihre Wangen,

Obschon ihr Gold der Erde ist entgangen,

Das kranket mich nicht sehr.

Erleucht in mir nur deines Geistes Licht,

Dadurch der Schonheit Geist wird aufgericht.

Kann ich des Nachts gleich nicht zum Schlafen

kommen,

So mag dies meiner Schonheit dennoch frommen,

Das endet, wenn man stirbt.

Gib nur, o Gott, dass ich so Nacht wie Tag

Der Schonheit Ruhe mir erhalten mag.

Wenn du mich willst, o Schopfer, einst geniessen,

Muss uber mich der Born der Schonheit fliessen,

Wie wollt ich frohlich sein!

Sonst acht ich nichts, was Mut und Blut beliebt,

Noch was die Welt, noch was der Himmel gibt.

Die Hoch sagte: "Sie haben das Lied schon verketzert, kein Mensch wird's fur ein Andachtslied erkennen." "Ich hab es doch mit wahrer Andacht gesungen, ist es eine Sunde, so wollen wir lieber ein Busslied singen, damit mir nicht gar noch ein Bart davon wachst." Die Hoch sagte: "Ach, gehn Sie doch, das war Ihnen grad recht, wenn Ihnen ein Bart wuchse."

Am andern Morgen ging die Tonie zum Tiroler und ich ging mit, um mir sein Antlitz einzupragen, ich dachte, wenn man sich so was tief in die Seel schreibt, so bluht's am End mit einem auf, und weil die Tonie Handschuh aussuchte, setzte sich ein Schmetterling, der vom Main herubergeflogen kam, auf den Strauss an seinem Hut. "Ach, guck den Schmetterling, den haben die Blumen an deinem Hut herbeigelockt!" Der Tiroler fragte: "Was ist das fur ein Ding, ein Schmetterling?" und sieht ihn fliegen und ruft: "Ei was, das ist ja ein Pfeilmuter und kein Schmetterling. Du bist ein Schmetterling!" und kriegt mich um den Hals und kusst mich auf den Mund. Die Tonie macht ein bos' Gesicht und kauft gleich keine Handschuh mehr bei ihm und geht fort. "Na," ruft er ihr nach, "nehm' Sie's nit ubel, das Madel nimmt's ja auch nit ubel auf", und die Tonie musst' lachen und die Handschuh kaufen. Die Geschicht wollt ich als immer aufschreiben, weil sie mir gefallt, aber zu einem Buch passt sie nicht, denn sie ist ja gleich aus, und was soll dann weiter passieren? Der Clemens meint, ich soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, er denkt, es war Markt da; er schreibt, ich soll aus dem Kloster alles aufschreiben, aber nun les nur erst die dummen Gedanken, die in meinem Buch stehen, ob man da was Vernunftiges dran schreiben kann, und hab's noch dazu auf den Deckel inwendig geschrieben weil ich meint, ich wollt's recht voll schreiben, ja, hat sich was, ich bin schon uber vier Wochen noch immer am Deckel. Da steht erstens obenan:

Ob Tugend nicht auch Genialitat sein mochte, und ob wir vielleicht nur deswegen so muhselig hinanklettern zum Erhabenen, weil wir kein Genie haben.

Das war auf der Pappel, an der ich so bequem hinaufklettern kann, ich sah die Vogel geflogen kommen und dacht in mir, du hast kein Genie, du musst muhselig zu allem hinanklettern, und dann kannst du dich nicht oben erhalten, musst immer wieder hinunter. Und da fuhlt ich recht in mir, wie alles in mir schwankt, nichts erreichen kann, wie ein Feuer in mir braust, jede Kunst liegt in mir so nah, ich mein, ich hatte sie schon in mir, die Wangen gluhen mir gleich so hoch, sie brennen mir, wenn ich nur in die Ferne denk, da liegen mir goldne Berge. Ich steh da, als hatt ich nur den Zauberstab in der Hand, alles inwendig im Geist, aber wenn's heraus soll, da bleib ich beim Buchdeckel und muss muhselig Sandkornchen fur Sandkornchen zusammentragen. Wie ich von der Pappel herunter die Trepp herauf war und hatte meinen ersten papiernen Gedanken aufgeschrieben, der mich noch immer anlachte so wollt ich doch noch ein bisschen im Abendschein mich wiegen, denn beim Wiegen kommen mir Gedanken. Kaum war ich der halben Pappel hinaufgeklettert, so fiel mir schon wieder was ein, ich klettert also gleich wieder herunter und wieder die Trepp hinauf und schrieb auf:

Der ganze Mensch muss in sich einverstanden sein namlich Herz und Kopf und Hand und Mund.

Da stand ich noch so eine Weile vor dem Gedanken still und dacht, vor dem hatt ich immer auf der Pappel konnen sitzen bleiben, und es tat mir schon leid, dass ich das Buch mit bekleckst hatte, aber weil der Clemens gesagt hatte, ich soll alles schreiben, was mir durch den Kopf geht, so wollt ich's durchsetzen. Jetzt gefallt mir aber doch etwas in dem Gedanken, ich kann ihn ja zu was Grossem machen, wenn ich einen grossen Sinn hineinlege, und wenn ich alles, was ich so schreib, ohne zu wissen warum, mit Gewalt wahr mache. Ja, ich fuhl, es hangt mit dem ersten Gedanken zusammen, es ist die Genialitat der Tugend, wenn der ganze Mensch in sich einverstanden ist, und es ist gewiss, was die meisten nicht tun. Ach, nun kommt mir gar die Moral in Weg, lass mich nur lieber die Gedanken weiter abschreiben, dann kleb ich den Deckel zu vom Buch, dass ich sie nicht mehr seh. Dann fallen mir vielleicht bessere Sachen ein, die nicht so steifstellig sind. Ich bin also wieder auf meine Pappel geklettert, denn es ist mir grad, als kamen mir nur da oben Gedanken, aber kaum war ich droben, so musst ich auch schon wieder herunter, und der kam mir ganz begeisternd vor, so dass ich mit grossen Freuden meine drei Treppen heraufgesprungen kam.

Den Geist nahren, das ist Religion.

Ja, wenn ich das konnt, dacht ich, wie ich wieder auf meiner Pappel sass und jetzt nicht mehr herunter wollt; denn es war so schon geworden der ganze Himmel, Abendrot, und der Luftkristalle unendlich viele, die schnell im Purpur anschossen, was hab ich alles gesehen von Farben und von wogenden Wipfeln, die sich einschmelzenden Farben und Lichtglanz in der Ferne, und wie war die Natur so gutig gegen mich, grad als ob ich sie nicht verleugnet hatt gehabt mit meinem Aberwitz auf dem Papier. Alles Selbstdenken kommt mir wie Sunde vor, wenn ich in der Natur bin; konnt man ihr nicht lieber zuhoren? Ja, Du meinst, davon denkt man ja, dass man ihr zuhort, nein, das ist doch noch ein Unterschied. Wenn ich der Natur lausche, Zuhoren will ich's nicht nennen; denn es ist mehr, als man mit dem Ohr fassen kann, aber lauschen, das tut die Seele. Siehst Du, da fuhl ich alles, was in ihr vorgeht, ich fuhl den Saft, der in die Baume hinaufsteigt bis zum Wipfel, in meinem Blut aufsteigen, ich steh so da und lausch und dann da empfind ich ich denk aber nicht grad oder doch nicht, dass ich's wusst, aber wart nur einmal, wie's weiter geht. Alles, was ich anseh ja, das empfind ich plotzlich ganz grad, als war ich die Natur selber oder vielmehr alles, was sie erzeugt, Grashalme, wie sie jung aus der Erd heraustreiben, dies fuhl ich bis zur Wurzel und alle Blumen und alle Knospen, alles fuhl ich verschieden. Seh ich den grossen Rosenstrauch an da auf dem Inselberg, er hatte beinah schon abgebluht, jetzt ist ein Nachschuss da, das betracht ich alles, das dringt mir alles mit etwas ins Herz, soll ich's Sprach nennen? Mit was beruhrt man denn die Seel, ist die Sprach nicht die Lieb, die die Seel beruhrt, wie der Kuss den Menschen beruhrt? Vielleicht doch, nun, so ist das, was ich in der Natur erfahr, gewiss Sprache; denn sie kusst meinen Geist, jetzt weiss ich auch, was Kussen ist; denn sonst war's nichts, wenn's das nicht war', jetzt geb acht:

Kussen ist, die Form und den Geist der Form in

uns aufnehmen, die wir beruhren, das ist der

Kuss, ja, die Form wird in uns geboren.

Und darum ist die Sprache auch Kussen, es kusst uns jedes Wort im Gedicht, alles aber, was nicht gedichtet ist, das ist nicht gesprochen, das ist nur gegautzt wie die Hunde. Ja, was willst Du denn anders mit der Sprache als die Seele beruhren, und was will der Kuss anders, er will die Form in sich saugen und die Seele beruhren, alles das ist eins, ich hab's von der Natur gelernt, sie kusst mich bestandig, ich mag gehn und stehn wo ich will, sie kusst mich, und ich bin auch schon so ganz dran gewohnt, dass ich ihr gleich mit den Augen entgegenkomme; denn die Augen sind der Mund, den die Natur kusst, siehst Du, so fuhl ich auch, dass mich eine Knospe anders kusst als eine Blume; denn warum, sie sind verschieden in der Form, dies Kussen ist aber Sprechen, ich konnt sagen: "Natur, dein Kuss spricht in meine Seele hinein" ja, das ist auch ein Gedanke, den ich ins Buch geschrieben hab, aber den wollt ich stehen lassen, an ihn kann ich noch weiteres anknupfen. Ach, wenn ich mich so umseh, wie sich alle Zweige gegen mich strecken und reden mit mir, das heisst kussen meine Seele, und alles spricht, alles, was ich anseh, hangt sich mit seinen Lippen an meine Seelenlippen, und dann die Farbe, die Gestalt, der Duft, alles will sich geltend machen in der Sprache, nun ja, die Farbe ist der Ton, die Gestalt ist das Wort, und der Duft ist der Geist, so kann ich wohl sagen, die ganze Natur spricht in mich hinein, das heisst, sie kusst meine Seele, davon muss die Seele wachsen, es ist ihr Element; denn alles hat sein Element in der Natur, was Leben hat. Der Seele ihr Element ist also das Schauen, das ist das Lauschen, sie saugt alle Form, das ist Sprache der Natur. Aber die Natur hat nun auch selbst eine Seele, und diese Seele will auch gekusst sein und genahrt, grad wie meine Seele von ihrer Sprache genahrt wird, wenn ich so durchdrungen war von ihr (denn es gibt Augenblicke, wo die Seele wie ein Feuer ist von Leben, wo sie ganz und gar nur das ist, was sie in sich aufgenommen, namlich Selbstsprache der Natur, da erkennt sie die Natur wieder als nahrungsbedurftig), so hab ich vor ihr gestanden und hab mich wieder in sie hineingesprochen, ich hab sie gekusst mit meinen Seelenlippen. Sieh, das war Geist, der war nicht gedacht, der war ursprunglicher Lebensgeist ohne Erdform, Gedanken ist die Erdform des Geistes aber mein Geist hat diese Form nicht angenommen, als er mit ihr sprach, es war nicht Gedanke, es war nicht Gefuhl oder Empfindung; denn das deucht mir auch noch verschieden, es war Wille ja Wille war's, der sah so rasch und fest die Natur an, als wolle er ihr nun wieder schenken alles, was sie ihm gab, namlich Leben. Das ist's, alles ist ein Wechselwirken, alles, was lebt, gibt Leben und muss Leben empfangen. Und glaub nur nicht, dass alle Menschen leben, die sind zwar lebendig, aber sie leben nicht, das fuhl ich an mir, ich leb nur, wenn mein Geist mit der Natur in dieser Wechselwirkung steht. Da weiss ich auch, dass Tranen noch gar keine Folgen von Schmerz zu sein brauchen oder von Lust sie konnen auch eine naturliche Folge sein, wie auch Schlaf die Folge ist vom aufgeregten Geist. Denn ich muss oft plotzlich weinen, ohne vorher geruhrt zu sein, das ist also gewiss, wenn die Natur mich so erfasst, heimlich meine Seele erschuttert, dass sie weinen muss. Und oft leg ich mich auch am Boden auf die sammetschwarze aufgepflugte Erde, die so warm von untenauf dampft, und das warmt mich, weil ich dann frier ja, der Geist friert in mir, da leg ich mich am Boden hin, da wird gleich der ganze Geist wieder warm, da fuhl ich's, wie's durch den Kopf zieht und durch die Brust, und da muss ich gleich die Hande betend zusammenhalten. Siehst Du, das ist alles nicht gedacht und ist doch Geist. Geist, der mit der Natur in Wechselwirkung ist ich bin ordentlich froh, dass ich heut das Wort gefunden hab, ich hatt schon fruher mit Dir davon gesprochen, aber ich fand die Worte nicht aber ich konnt Dir noch ganz andere Sachen sagen ach nein, ich furcht mich gar nicht vor Dir, dass Du mich schelten solltest, Du wirst wohl auch mit mir einverstanden sein, dass, soweit der Geist seinen Flug erheben mag, soweit darf er auch, warum hat ihm Gott Flugel gegeben, Geist ist ja eigentlich Fliegen. So muss ich lachen uber die Lotte, wenn die von Konsequenz spricht, das ist kein Geist Inkonsequenz ist Geist im Flug hin und her schweben, alles, was er beruhrt, gleich mit ihm zusammenfliessen, das ist Geist, dass er gleich sich verwandle in das, was er beruhrt, so verwandelt der wahre Geist sich in die Natur, weil die ihm begegnet alluberall, weil ihr Beruhren mit ihm allein Geist ist, er war nicht, war die Natur nicht leidenschaftlich seiner bedurftig, das eben ruft ihn jeden Augenblick ins Leben, Geist ist fortwahrendes Lebendigwerden, um die Natur zu kussen, seine Formen in sie pragen; die Natur saugt die Geistesformen in sich, davon lebt sie, und Geist fliesst durch alle Gestalten mit ihr zusammen, so fasst die Natur sich selber in ihren Formen, das ist eben der ganz gottliche Reiz in ihr, Reiz ist Zauber, wo kann Zauber her entstehen als durch das Sichselbsterfassen? Ja, das ist schon wieder was Neues, das wollen wir morgen besprechen. Heute abend tut mir der Nakken weh vom Schreiben das wollt ich nur noch sagen: mein Geist oder durch mich spricht der Geist mit ihr, und dabei bin ich ganz unregsam, ich besinn mich nicht, ich denk nichts, ich hab keine Betrachtung, aber nachher kann ich davon erzahlen, wie Du siehst, heut zum erstenmal, also erzeugt das Ineinanderfliessen des Geistes mit der Natur doch Gedanken, die man nachher hat. Was sind das aber vor Gedanken, einer konnt sagen, es sind Lugen oder Dummheiten, Fabeleien und also keine Gedanken; denn was kann ich's beweisen, oder zu was frommen und fuhren diese Gedanken. Ja, das ist es eben, Geistesgedanken beruhren nichts, was schon da ist, sie erzeugen neu, da siehst Du wieder, dass ich recht hab; weil der Geist und die Natur sich einander beruhren, so sind sie fortwahrend lebendig und erzeugen fortwahrend neu; denn wir sollen ubergehen in ein neu Leben nach diesem Leben, wie sollen wir's aber anfangen, wenn der Geist sich nicht selber hinuber erzeugt in die andre Welt? Er muss sich also selbst wie ein klein Kind im Mutterleib tragen, er muss mit sich gesegnet (guter Hoffnung) sein und muss sich nahren, bis er selbst als Frucht in sich reif wird, dann bringt er sich zur Welt, wo, wie und wann, das ist alles einerlei; eine reife Frucht kommt allemal zur Welt, die Welt ist da vor der Frucht, sie kann nicht aus jener Welt, in das ihr Leben uberstrebt, herausfallen, sie kann nur in sie geboren werden. Der Geist also, der fortwahrend mit der Natur sich kusst, das heisst, der ihre Sprache trinkt, der nahrt sich selbst in ihr, um sich zu gebaren, die Natur tut das auch, sie reift sich fur die kunftige Frucht des Geistes in ihrem Bemuhen mit ihm, und so wird die neugeborne Frucht des Geistes in die Welt einer hoher gereiften Natur ubergehen; denn Gott lasst nie von der Natur, uberall ist sie es, die der neugebornen Seele wieder begegnet, wieder ihre Formen ihr zu kussen gibt, das heisst, ihre Sprache, die ihr in die Seele spricht, wovon die Seele sich nahrt, so ist es gewiss mit allen lebenden Kreaturen, die so weit sind, dass der Geist schon gelost ist und selbst denken kann. Alle Menschen erleiden dieselbe Beruhrung von der Natur, sie wissen's nur nicht, ich bin grade wie sie, nur der Unterschied ist, dass ich bewusst bin; denn ich hab das Herz gehabt, dringend und mit leidenschaftlicher Liebe zu fragen, andre Menschen lesen's wohl als poetische Fabel, dass die Natur um Erlosung bitte, andre Menschen empfinden wohl eine Unheimlichkeit, wenn sie so in der lautlosen stillen Natur dastehen, es bedrangt ihr Herz, sie wissen weder den Geist zu wecken in sich, noch zu bezwingen, da gehen sie ihr fuhllos aus dem Weg, ihr Inneres sagt ihnen wohl, hier geht was vor, du solltest dich dem hingeben, dann uberkommt sie eine Angst, und sie ziehen sich wieder ins Gewohnheitsleben, wo eine Mahlzeit die andere verabschiedet, bis der Schlaf obendrauf sich einstellt, und dann ist der Tag und die Nacht herum; und dafur hatte man gelebt? Nein, das ist nimmermehr wahr! der Gedanke hat mich schon lang verfolgt: "Warum lebst du doch?" besonders eben, wenn ich so manchmal bei Sonnenuntergang spazierenging im Wald auf der Homburger Chaussee, da stand ich als still und fragte mich das, da horte ich diese traurige Stille der Natur, da lag eine Scheidewand zwischen mir und ihr, da fuhlt ich deutlich, dass ich nicht bis zu ihr drang; da dacht ich, wenn's nicht eine lebendige nahere Beziehung gab zu ihr, so wurdest du das nicht so deutlich empfinden, du fuhlst ja ordentlich in deiner Seele, wie sie traurig ist, also geht sie doch lebendig an dich heran, und du fuhlst, dass sie einen Geist hat, der ihr allein angehort, und der sich mitteilen will, da fasst ich mir einmal ein Herz und wollte sprechen, da wusst ich nicht, sollt ich laut mit ihr sprechen wie mit den Menschen; denn ans Kussen ihrer Form und so mit ihr sprechen, das war mir nicht deutlich, obschon gewiss ich es unbewusst im Kloster getan; denn vom Kloster da kann ich Dir gar wunderliche Dinge sagen. Ich dachte an einem Sonntagmorgen, als wir den Weg von Burgel aus der Kirche zuruckkamen, heut wollt ich am Nachmittag mir einen recht einsamen Platz suchen und wollt da mit ihr sprechen ganz laut, wie man mit den Menschen spricht, und es war mir ganz schauerlich, als ich aus einem grossen Garten, wo wir zusammen mit andern waren, herausschlich und langs der Chaussee am Wald ging, dann den Bach verfolgte, der mir entgegengerauscht kam, und so kam ich an eine Stelle, wo Felssteine liegen, und der Bach teilt sich und muss Umwege machen und schaumt und braust, da blieb ich eine Weil stehen, das Brausen war mir grad so ein Seufzen, das lautete mir, als war's von einem Kind, da redete ich auch zu ihr wie zu einem Kind. "Du! Liebchen was fehlt Dir?" und als ich's ausgesagt hatte, da befiel mich ein Schauer, und ich war beschamt, wie wenn ich einen angeredet hatte, der weit uber mir stehe, und da legt ich mich plotzlich nieder und versteckte mein Gesicht ins Gras, und im Anfang war ich ganz betaubt, dass ich gar nicht wusste, warum ich dahergekommen war, aber nach und nach besann ich mich, und nun, wo ich an der Erde lag mit verborgnem Gesicht, da war ich einmal zartlich. Ach! Ich sag Dir tausend susse Dinge drangten sich aus meinem Seelenmund, ein Begehren, sie zu lieben, ich weiss nicht, wie's nachher gewesen ist, ich konnt ungern vom Platz aufstehen, aber da ward mir so heiss auf dem Kopf, und wie ich ihn aufhob, schien die Sonne so kraftig, und nichts war mehr duster und traurig, alles lebendig, ich war in der Seele, als hab ich ein neu Leben empfangen, und die Wellen im Bach, die uber die Steine sich teilten, schienen mir voller zu rieseln und lauter, und ich musste alles so tief ansehen, und da lernt ich gleich ihre Formen fassen, ich sah sie viel kraftiger an, und ich hatte unter zwei Tannen gelegen, die ihre Aste noch bis am Erdboden hangen hatten, und guckte die feinen Nadeln an, wie sie so gleichmassig gereiht waren, und wie sie die klebrigen Knospen so schutzend in ihrer Mitte tragen. Da dacht ich, ist doch kein Gedanke so kraftig und so wahr wie dieser Baum, und ich hab noch nichts gehort von Menschen sagen, wo der Gedanke gleich schon seine Knospe der Zukunft in sich bewahrte; und drum ist auch alles platt und kein Leben drin; denn alles was lebendig ist, das muss die ganze Zukunft in sich tragen, sonst ist es nichts, und alles Tun der Menschen muss so sein, sonst ist's Sunde, und da dacht ich, wie ist es moglich, dass jede Handlung gleich den Keim der Zukunft in sich fasse? Aber da wusst ich's gleich, namlich jede Handlung muss den hochsten Zweck haben, und ein hoher Zweck ist ja doch die Knospe der Zukunft. O, ich wollt gleich die Welt regieren, und die Leute sollten sich verwundern, das hab ich in jenem ersten Moment gelernt von der Natur, wie ich das machen soll, und glaub nur, ich wurde nie fehlgehen, im Anfang wurde es viel Staub setzen, wenn ich gegen das alte Gemauer anrennen liess, wenn aber erst die Staubwolken sich gelegt hatten, dann um so schonerer hellerer Himmel. Aber als ich am Boden lag, da mischten sich auch meine Tranen mit dem Erdreich, aber der Nacken tut mir so weh, ich kann nicht mehr schreiben, und ich wollt Dir doch noch so viel sagen! Es ist schon Morgen, die Sonn kommt schon, gute Nacht!

Montag

Ich hab heut im Schlaf gedacht, ich bin doch recht glucklich, alles was ich Dir gestern aufgeschrieben hab, das war in meinem Buch mit folgenden ledernen Gedanken bezeichnet:

Alle Form ist Buchstabe, wisse die Formen zu

sammenzusetzen, so hast du das Wort (Kuss),

und durch dieses den Sinn (Gedanken) Liebes

nahrung des Geistes.

Nein, daraus wurde wohl keiner klug werden! und auch keiner sich drum kummern, so ein Gedanke, den man aufbewahrt, ist wie eine gedurrte Pflaume, ganz verhutzelt und verkohlt. Nein, es ist eine Unmoglichkeit, ein Buch zu machen aus dem, was mir durch den Kopf geht, es ist ungehobeltes Zeug, was sich sperrt, wenn's in Gedanken soll gefasst werden. Und kein Mensch kann's brauchen, selbst der Clemens wurde furchten, dass ich ubergeschnappt sei, von Dir erwart ich, dass Du mich ungestort anhorst, es ist doch eindanken zu konzentrieren (auf etwas fest richten soll das, glaub ich, heissen), das ist aber grad, was nie geschehen wird; denn ich selbst kann's nicht erzwingen von mir, ich sag mir oft, nur jeden Tag eine halbe Stunde Geduld, so wirst du gewiss Herr uber alles, was du lernen magst. Aber wenn ich das denk, so schaudert's mich, als ob ich gesundigt hatt mit dem Gedanken. Gestern nahm mich die Grossmama ins Gebet uber meine vermoglichen Fahigkeiten, sie sagt, wer den Most nicht fassen kann in Gefasse, der kann ihn nicht bewahren, da hielt sie mich mit beiden Handen und sah mich so gross an, da versprach ich ihr alles, da sagte sie: "Lern doch Latein," und ich versprach's ihr, aber gleich befiel mich eine frevelige Angst, und mir klopfte das Herz vor Ungeduld, dass sie mich loslassen solle, aber aus Ehrfurcht bleib ich vor ihr stehen, und wie sie sah, dass meine Wangen so brennten, da sagt sie: "Geh hinaus, lieb's Madele, in die Luft, und morgen wollen wir weiter sprechen." Gleich klettert ich aufs Dach von der Waschkuch und erwischte so einen Akazienzweig und kletterte hinuber auf den Akazienbaum und hab ihn umhalst und wieder abgebeten, dass ich gesagt hab, ich wollt Latein lernen.

Bettine

An die Bettine

Ich habe Deine Briefe erhalten, die Du seit meiner Abreise mir schreibst. Ich muss mich kalt machen, dass Dein Flammen mich nicht angreifen, doch such ich Dir nachzuempfinden, und meine Muhe ist nicht ganz umsonst doch staun ich, wie gewaltig Dich alles ergreift, und dass dies alles nicht Deine Gesundheit aufreibt; denn wie mir einleuchtet, so kannst Du unmoglich viel schlafen? Und dabei dies unruhige Leben, wo jeder Augenblick Dich aufs neue reizt ich glaub selber, dass Du einen Damon hast, der Dich wieder starkt, wie konntest Du sonst alles fassen? Und Dein Herz, ist es nicht voll zum Uberlaufen, der Gartner, der Moritz, der Franzose, der Clemens und ich doch auch und Deine fruhen Wanderungen im Boskett, Du schlafst nicht aus, es wird nicht lange so fortdauern konnen ich selbst fuhl mich hier anders wie sonst. Die Zukunft leuchtet mir nicht helle, und ich hab so grosse Lust nicht mehr am Lebendigen, an der Marchenwelt, die unsre Einbildung uns damals so uppig aufgehen liess, dass sie die Wirklichkeit verschlang, doch wird sich's andern, gewiss, wenn wir wieder zusammen sind, diesen Winter denk ich ernstlich mich zu uberwinden, ich hab mir einen Plan gemacht zu einer Tragodie, die hohen spartanischen Frauen studiere ich jetzt. Wenn ich nicht heldenmutig sein kann und immer krank bin an Zagen und Zaudern, so will ich zum wenigsten meine Seele ganz mit jenem Heroismus erfullen und meinen Geist mit jener Lebenskraft nahren, die jetzt mir so schmerzhaft oft mangelt und woher sich alles Melancholische doch wohl in mir erzeugt. Doch furchte nichts fur mich, es sind nur Minuten, wo mich's uberfallt wie starker Frost, doch Deinen fruhlingsheissen Briefen widersteht er nicht. Heut und gestern war ein Grunen und Bluhen in mir und ich lese sie gern wieder, dann bin ich immer wieder glucklicher gestimmt, ich danke Dir dafur. Auch von Clemens sagst Du mir, was mich freute. Lebe wohl! Dein Naturbrief besonders hat mir Freude gemacht, er ist wie das Zwitschern junger Vogel, die sich noch im Nest der Atzung freuen die die Mutter in Fulle ihnen gibt, sind sie erst flugge, dann werden vielleicht auch da Geistesgesetze herausfliegen, von der Natur gegrundet fur den Geist, der sie als gottlich zu fassen vermag, aber sie werden wohl nimmer im Buchstaben konnen gefasst werden, zum wenigsten nicht in unserm Jahrhundert.

Ist denn das alles von Gedanken, was Du in Dein Buch aufgeschrieben, o verliere nichts. Hier sende ich Dir ein paar Lieder, lese sie, wie man Gedichte liest, ohne zu grossen Affekt. Denk, dass der Reim auch die Stimmung leitet, und glaub nicht gleich, ich sei zu traurig. Gedichte sind Balsam auf Unerfullbares im Leben; nach und nach verharscht es, und aus der Wunde, deren Blut den Seelenboden trankte, hat der Geist schone rote Blumen gezogen, die wieder einen Tag bluhen, an dem es suss ist, der Erinnerung Duft aus ihnen zu saugen.

Die "Pilger" hab ich vor acht Tagen geschrieben, auf das letzte: "Der Lethe-Fluss", hatte Dein Emigrantenverkehr Einfluss; ich weiss nicht wie.

Ist St. Clair noch nicht zuruckgekehrt? War er bei Dir?

Beilage

Die Pilger

Der eine Pilger

Ich bin erkranket

An Liebespein,

Mocht nur genesen,

Wolltst mein du sein.

Dein liebreich Wesen,

Dein Lippenrot

Halt mich gefangen

Bis an den Tod.

Mein Aug ist trube,

Meine Jugend verdorrt,

Muss Heilung suchen

An heil'gem Ort.

Ich greif zum Stabe,

Ich walle zum Meer,

Es brausen die Winde,

Es tobet das Meer.

so lustig voran,

Sie suchen den Fruhling

Und treffen ihn an.

Es halt mich die Liebe,

Ich bliebe so gern,

Doch ziehet mich Wehmut

Zum Grabe des Herrn.

Mich sehnet, o susse

Geliebte, nach dir,

Doch wahl ich das Grab mir

Des Heilands dafur.

Da knie ich nieder

Voll bitterem Schmerz,

Da kann ich dich lassen,

Da bricht mir's Herz.

Lebt wohl denn, ihr Augen,

Voll freundlichem Schein,

Mein Blick soll zum Himmel

Gerichtet nur sein.

Die Heilung ist bitter,

Der Weg ist wohl weit,

Doch greif ich zum Stabe

Und ende mein Leid.

Der andre Pilger

Ich scheide froh vom Vaterland

Und suche den geliebten Strand,

Wo Jesus Christus wallte.

Wo er in Demut angetan,

Des Erdenlebens schwere Bahn

Mit stillem Sinne wallte.

Was ist die Herrlichkeit der Welt

Und alles, was dem Sinn gefallt?

Ich will ihm froh entsagen.

Die ird'sche Kette fallt von mir

Und Jesu! Nur zu dir! zu dir!

Will ich mein Sehnen tragen.

Die Marterkrone windet mir

Und Seligkeit wohl fur und fur,

Wenn ich vollendet habe.

O susse Busse! Himmlisch Leid!

In frommer Einfalt, Seligkeit,

Ihr wohnt am heiligen Grabe.

Lethe

Du rollst, o Bach, mit stillem Stolz die Flut

In deiner Well erstirbt die Rosenglut,

Die lieblich glanzt vom fernen Geisterreiche.

Dir schmeichelt nicht die Gunst der Gegenwart

Mit Blutenduft, mit Zephyrs kuhlem Sauseln,

Kein Gluck, das in der Zukunft Schleier harrt,

Wird deine Wog in holden Spielen krauseln.

Erbebend schaut es die Vergangenheit,

Wann deine Flut der Schatten Heer umweben,

Wie die Gebilde der entflohnen Zeit

Zum oden Nichts auf deiner Well entschweben.

Du wallest stolz! Des Helden Lorbeerkranz,

Die Myrte durch Zytherens Hauch erzogen,

Der Tugend Palm in des Olympos Glanz

Verlieren sich in deinen dustern Wogen,

Entfuhrt durch sie, dahin, wo Zeit und Raum

Verschwinden, wo in truber Nebelferne

Dein dumpfer Fall ertont, dein weisser Schaum

Im Chaos strahlt, statt lichtbegabter Sterne.

Hinweg von dir! Die blutenreiche Luft,

Der Zauber in Elysiums Gefilden

Verfuhr mich nicht, der rosenfarbne Duft

Mag sich umsonst an deinem Ufer bilden.

Vergebens weht hier magisch suss ein Ton

Zu mir herab aus seliger Geister Choren,

Erschiene selbst Latones grosser Sohn,

Sein Phobusauge wird mich nicht betoren.

Fur Seligkeit, die ich noch nie genoss,

Sollt ich in Lethe meine Lust versenken?

Und Schmerzen, die ich lang in mir verschloss,

Fur unbekannte Freuden hinzuschenken.

Nein! Jed' Gefuhl, zur Qual und auch zur Lust,

Vom Hauch der Erdenluft in mich geboren,

Die Leidenschaft bekampft in meiner Brust

Den Siegerstolz! Ich geb ihn nie verloren.

Es druckt das Herz, wenn eine fremde Macht

Ihm Gottheit gibt, es straubt sich dieser Wurde,

Mit hoherem Stolz entsagt es dieser Pracht

Und schmiegt sich liebend seiner Erdenburde.

Kann ich die Seligkeit auf jener Flur

Nur durch den Tod von diesem Ich erringen,

So leite fern von ihrer Zauberspur

Mich die Erinnerung auf ihren zarten Schwingen.

Ich trag im Busen mein Elysium,

Und dieses bluhe mir auf Blumenmatten

Elysischer Gefild! Ich bringe stumm

Es sonst zum Styx, zu ungeweihten Schatten.

Dich aber fleh ich an, Erinnerung!

O Gottin! Die den Gram um Freuden tauschet

Und wie ein Lilienduft mit leisem Schwung

Durch die Verzweiflungsnacht zum Troste

rauschet:

Nimm deinen Wanderstab und schlage kuhn

Der stolzen Lethe Flut, dass ihre Wellen

In nichts verdurstend, ewig schuchtern fliehn,

Elysiums Strand nicht spottend mehr umschwellen.

Die Schatten jauchzen dann, im Gotterglanz

Der Tugend Traum entfaltend, wie der Fehler

Burde,

Wo Lethe floss; umschwebt vom ewigen Tanz

Der Anmutschwestern, in ihrer Selbstheit Wurde.

Der Kuss im Traum

Es hat ein Kuss mir Leben eingehaucht,

Gestillet meines Busens tiefes Schmachten,

Komm Dunkelheit, mich traulich zu umnachten,

Dass neue Wonne meine Lippe saugt.

In Traume war solch Leben eingetaucht,

Drum leb ich ewig, Traume zu betrachten,

Kann aller andern Freuden Glanz verachten,

Weil mir die Nacht so sussen Balsam haucht.

Der Tag ist karg an liebesussen Wonnen,

Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen,

Und mich verzehren diese heissen Gluten.

Drum birg dich Tag, dem Leuchten ird'scher

Sonnen,

Hull dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen

Und heilt den Schmerz, wie Lethes kuhle Fluten.

An die Gunderode

Schon zehn Tage bist Du fort, alle Tag kommt der Jud mit dem leeren Sack, ich liess ihn heut den Sack um und um kehren, weil ich dacht, es musse sich Dein Brief drin finden, den ich so sicher erwartete, aber es war nichts herausgefallen als Brotkrumel und kein Krumelchen Deiner Feder fur mich wonach ich gar nicht so hungrig bin, wenn ich nur weiss, dass alles noch beim alten ist, und dass Du gesund bist. Weisst Du mir nichts zu schreiben, so such mir aus meinen Briefen meine Religionsprinzipien zusammen, ich hab noch allerlei Nachgedanken berauschender Quellen der Natur hervorstromen, und mir deucht, ich sollte sie auch noch zu schopfen versuchen.

Bei der Grossmama ist ewiger Besuch, heute spazierte man zu siebzehn Furstlichkeiten im Garten auf und ab, die Grossmama zum Bewundern, in Anmut und Wurde alle uberstrahlend, Isenburg, Reuss, Erbach und etliche hessische Durchlauchten und nebenbei noch der Herzog von Gotha, der schon langere Zeit taglich Brot ist im Haus, namlich alle Mittag um drei Uhr kommt er herausgefahren und lasst sich von mir die Depeschen vorlesen und Journale, dann geht er in den Garten, wo er Bohnen gepflanzt hat, die muss ich ihm begiessen helfen. Die Grossmama spricht von seinem Genie, mir gefallt, dass er mit mir umgeht wie mit einem Kind, er nennt mich Du! Fragt mich nie nach was anderm, als was ich mit Ja oder Nein beantworten kann, weiter hab ich ihm nichts gesagt bis jetzt im Garten lasst er mich in der Sonnenhitze den Regenschirm tragen, und er tragt die Giesskanne, letzt war er so matt, dass er sie hinstellen musste, ich sagte, er solle den Parapluie tragen, ich wolle die Giesskanne nehmen, er meinte, die sei wohl zu schwer fur mich, als er aber sah, dass ich sie mit ausgestrecktem Arm weitab durch die Luft trug, um mein Kleid nicht nass zu machen, so nennt er mich seitdem die starke Magd. Seine roten Haare, die einen verzweiflungsvollen Schwung haben wie ein schweres Ahrenfeld, das der Hagel verwustet hat, und sein blasses Angesicht geben ihm in der Abenddammerung das Ansehen von einem Geist; ich hab mich vor ihm gefurchtet, wie er mich abends durchs Boskett begleitete. Die Grossmama hatte alle Furstlichkeiten an der Wagenture begrusst und dagegen protestiert, dass sie unter das Dach ihrer Grillenhutte kommen, sie wollten aber absolut in die Grillenhutte herein, und so ward diese bald zu eng. Im Garten machte der Herzog selbst eine Weinkaltschale mit Pfirsich; denn er panscht gern, ich musste dazu alles herbeiholen in die Geisblattlaube, da er mich nun immer starke Magd nannte, so passierte ich bei der hohen Gesellschaft fur ein so seltnes Monstrum; zuletzt sagte er noch: "Geh an unsern Bohnenstangen und sorge, dass die breitfussigen und krummbeinigen Spazierganger sie nicht umtreten!" Ich holte mir die Schawell und setzte mich mitten ins Bohnenfeld, wo ich nicht mehr bemerkt wurde, es war mir eine Labung; denn ich war betaubt und mude, alles kann ich ertragen, nur nicht das Brausen der Menschenreden, die kein Feuer, keinen Zweck haben und immer in der Luft herumgreifen und nichts fragen und nichts anregen; besser war's, schweigen. Bis das Ton wird, was unendlichen Vorteil bringen mag, da kann noch viel Wasser dem Main hinunterfliessen. Am Abend ging alles ins Boskett, die Musik zu horen, es war mit bunten Lampen erleuchtet, die Orangerie auf der Terrasse am Main jetzt in ihrem schonsten Flor, ach, ich war so mude und betaubt was ich getraumt habe weiss ich nicht mehr, es war schon; denn ich wachte auf, wie trunken von Behagen, aber doch so schwindlig, dass sich die starke Magd an der Hand vom Herzog nach Haus fuhren liess, er fuhr in die Stadt, er rief mir noch aus dem Wagen zu: "Leg dich zu Bett, starke Magd, du siehst ganz blass aus!"

17ten

St. Clair war heute hier, zwischen zehn und ein Uhr, laubnis fragen lassen auszuschlafen, weil mich am Abend der Duft der Orangerie ganz betaubt hatte, er wartete auf mich hinter der Pappelwand. Es gibt Weh, daruber muss man verstummen; die Seele mochte sich mit begraben, um es nicht mehr empfinden zu mussen, dass solcher Jammer sich uber einem Haupte sammeln konne, und wie konnte es auch? O ich frage! und da ist die Antwort: weil keine heilende Liebe mehr da ist, die Erlosung konnte gewahren. Oh, werden wir's endlich inne werden, dass alle Jammergeschicke unser eignes Geschick sind? Dass alle von der Liebe geheilt mussen werden, um uns selber zu heilen. Aber wir sind uns der eignen Krankheit nicht mehr bewusst, nicht der erstarrten Sinne; dass das Krankheit ist, das fuhlen wir nicht und dass wir so wahnsinnig sind und mehr noch als jener, dessen Geistesflamme seinem Vaterland aufleuchten sollte dass die erloschen muss im truben Regenbach zusammengelaufner Alltaglichkeit, der langweilig dahinsikkert. Hat doch die Natur allem den Geist der Heilung eingeboren, aber wir sind so verstandlos, dass selbst der harte Stein fur uns ihn in sich entbinden lasset, aber wir nicht nein, wir konnen nicht heilen, wir lassen den Geist der Heilung nicht in uns entbinden, und das ist unser Wahnsinn. Gewiss ist mir doch bei diesem Holderlin, als musse eine gottliche Gewalt wie mit Fluten ihn uberstromt haben, und zwar die Sprache, in ubergewaltigem raschen Sturz seine Sinne uberflutend und diese darin ertrankend; und als die Stromungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwacht und die Gewalt des Geistes uberwaltigt und ertotet. Und St. Clair sagt: ja, so ist's und er sagt noch: aber ihm zuhoren, sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche; denn er brause immer in Hymnen dahin, die abbrechen, wie wenn der Wind sich dreht und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee, dass er wahnsinnig sei, ganz verschwinde, und dass sich anhore, was er uber die Verse und uber die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei, das gottliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in der Verwirrung und meine, es werde ihm nicht gelingen, begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken; denn sie sei grosser wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe. Die Gesetze des Geistes aber seien metrisch, das fuhle sich in der Sprache, sie werfe das Netz uber den Geist, in dem gefangen er das Gottliche aussprechen musse, und solange der Dichter noch den Versakzent suche und nicht vom Rhythmus fortgerissen werde, so lange habe seine Poesie noch keine Wahrheit; denn Poesie sei nicht das alberne sinnlose Reimen, an dem kein tieferer Geist Gefallen haben konne, sondern das sei Poesie: dass eben der Geist nur sich rhythmisch ausdrucken konne, dass nur im Rhythmus seine Sprache liege, wahrend das Poesielose auch geistlos, mithin unrhythmisch sei und ob es denn der Muhe lohne, mit so sprachgeistarmen Worten Gefuhle in Reime zwingen zu wollen, wo nichts mehr ubrigbleibe als das muhselig gesuchte Kunststuck zu reimen, das dem Geist die Kehle zuschnure. Nur der Geist sei Poesie, der das Geheimnis eines ihm eingebornen Rhythmus in sich trage, und nur mit diesem Rhythmus konne er lebendig und sichtbar werden; denn dieser sei seine Seele, aber die Gedichte seien lauter Schemen, keine Geister mit Seelen.

Es gebe hohere Gesetze fur die Poesie, jede Gefuhlsregung entwickle sich nach neuen Gesetzen, die sich nicht anwenden lassen auf andre; denn alles Wahre sei prophetisch und uberstrome seine Zeit mit Licht, und der Poesie allein sei anheimgegeben, dies Licht zu verbreiten, drum musse der Geist und konne nur durch sie hervorgehen. Geist gehe nur durch Begeistrung hervor. Nur allein dem fuge sich der Rhythmus, in dem der Geist lebendig werde! wieder:

Wer erzogen werde zur Poesie in gottlichem Sinn, der musse den Geist des Hochsten fur gesetzlos anerkennen uber sich und musse das Gesetz ihm preisgeben; nicht wie ich will, sondern wie du willst! und so musse er sich kein Gesetz bauen; denn die Poesie werde sich nimmer einzwangen lassen, sondern der Versbau werde ewig ein leeres Haus bleiben, in dem nur Poltergeister sich aufhalten. Weil aber der Mensch der Begeisterung nie vertraue, konne er die Poesie als Gott nicht fassen. Gesetz sei in der Poesie Ideengestalt, der Geist musse sich in dieser bewegen und nicht ihr in den Weg treten, Gesetz, was der Mensch dem Gottlichen anbilden wolle, ertote die Ideengestalt, und so konne das Gottliche sich nicht durch den Menschengeist in seinen Leib bilden. Der Leib sei die Poesie, die Ideengestalt, und dieser, sei er ergriffen vom Tragischen, werde todlich faktisch; denn das Gottliche strome den Mord aus Worten, die Ideengestalt, die der Leib sei der Poesie, die morde so sei aber ein Tragisches, was Leben ausstrome in der Ideengestalt (Poesie); denn alles sei tragisch. Denn das Leben im Wort (im Leib) sei Auferstehung (lebendig faktisch), die bloss aus dem Gemordeten hervorgehe. Der Tod sei der Ursprung des Lebendigen.

Die Poesie gefangennehmen wollen im Gesetz, das sei nur, damit der Geist sich schaukle, an zwei Seilen sich haltend, und gebe die Anschauung, als ob er fliege. Aber ein Adler, der seinen Flug nicht abmesse obschon die eifersuchtige Sonne ihn niederdrucke mit geheim arbeitender Seele im hochsten Bewusstsein dem Bewusstsein ausweiche und so die heilige, lebende Moglichkeit des Geistes erhalte, in dem brute der Geist sich selber aus und fliege vom heiligen Rhythmus hingerissen oft, dann getragen, dann geschwungen sich auf und ab in heiligem Wahnsinn, dem Gottlichen hingegeben; denn innerlich sei dies eine nur: die Bewegung zur Sonne, die halte am Rhythmus sich fest.

Dann sagte er am andern Tag wieder: es seien zwei Kunstgestalten oder zu berechnende Gesetze, die eine zeige sich auf der gottgleichen Hohe im Anfang eines Kunstwerks und neige sich gegen das Ende; die andre wie ein freier Sonnenstrahl, der vom gottlichen Licht ab sich einen Ruhepunkt auf dem menschlichen Geist gewahre, neige ihr Gleichgewicht vom Ende zum Anfang. Da steige der Geist hinauf aus der Verzweiflung in den heiligen Wahnsinn, insofern der hochste menschliche Erscheinung sei, wo die Seele alle Sprachausserung ubertreffe, und fuhre der dichtende Gott sie ins Licht; die sei geblendet dann und ganz getrankt vom Licht, und es erdurre ihre ursprungliche uppige Fruchtbarkeit vom starken Sonnenlicht; aber ein so durchgebrannter Boden sei im Auferstehen begriffen, er sei eine Vorbereitung zum Ubermenschlichen. Und nur die Poesie verwandle aus einem Leben ins andre, die freie namlich. Und es sei Schicksal der schuldlosen Geistesnatur, sich ins Organische zu bilden, im regsam Heroischen, wie im leidenden Verhalten. Und jedes Kunstwerk sei ein Rhythmus nur, wo die Zasur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Gottlichen dahingerissen, sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zasur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der gottliche Strahl ruhe. Die Begeistrung, welche durch Beruhrung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie, die aus dem Urlicht schopfe und hinabstrome den ganzen Rhythmus in Ubermacht uber den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche den Gegenstand entgegentrage, wo dann die Begeistrung bei der Beruhrung des Himmlischen machtig erwache im Schwebepunkt (Menschengeist), und diesen Augenblick musse der Dichtergeist festhalten und musse ganz offen, ohne Hinterhalt seines Charakters sich ihm hingeben und so begleite diesen Hauptstrahl des gottlichen Dichtens immer noch die eigentumliche Menschennatur des Dichters, bald das tragisch Ermattende, bald das von gottlichem Heroismus angeregte Feuer schonungslos durchzugreifen, wie die ewig noch ungeschriebene Totenwelt, die durch das innere Gesetz des Geistes ihren Umschwung erhalte, bald auch eine traumerisch naive Hingebung an den gottlichen Dichtergeist oder die liebenswurdige Gefasstheit im Ungluck; und dies objektiviere die Originalnatur des Dichters mit in das Superlative der heroischen Virtuositat des Gottlichen hinein.

So konnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem, was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Holderlin aufgeschrieben hat in abgebrochnen Satzen; denn ich lese dies alles darin, mit dem zusammen, was St. Clair noch mundlich hinzufugte. Einmal sagte Holderlin, alles sei Rhythmus, das ganze Schicksal des Menschen sei ein himmlischer Rhythmus, wie auch jedes Kunstwerk ein einziger Rhythmus sei, und alles schwinge sich von den Dichterlippen des Gottes, und wo der Menschengeist dem sich fuge, das seien die verklarten Schicksale, in denen der Genius sich zeige, und das Dichten sei ein Streiten um die Wahrheit, und bald sei es in plastischem Geist, bald in athletischem, wo das Wort den Korper (Dichtungsform) ergreife, bald auch im hesperischen, das sei der Geist der Beobachtungen und erzeuge die Dichterwonnen, wo unter freudiger Sohle der Dichterklang erschalle, wahrend die Sinne versunken seien in die notwendigen Ideengestaltungen der Geistesgewalt, die in der Zeit sei. Diese letzte Dichtungsform sei eine hochzeitliche feierliche Vermahlungsbegeistrung und bald tauche sie sich in die Nacht und werde im Dunkel hellsehend, bald auch strome sie im Tageslicht uber alles, was dieses beleuchte. Der gegenuber, als der humanen Zeit, stehe die furchtbare Muse der tragischen Zeit; und wer dies nicht verstehe, meinte er, der konne nimmer zum Verstandnis der hohen griechischen Kunstwerke kommen, deren Bau ein gottlich organischer sei, der nicht konne aus des Menschen Verstand hervorgehen, sondern der habe sich Undenkbarem geweiht. Und so habe den Dichter der Gott gebraucht als Pfeil, seinen Rhythmus vom Bogen zu schnellen, und wer dies nicht empfinde und sich dem schmiege, der werde nie weder Geschick noch Athletentugend haben zum Dichter und zu schwach sei ein solcher, als dass er sich fassen konne, weder im Stoff, noch in der Weltansicht der fruheren, noch in der spateren Vorstellungsart unsrer Tendenzen, und keine poetischen Formen werden sich ihm offenbaren. Dichter, die sich in gegebene Formen einstudieren, die konnen auch nur den einmal gegebenen Geist wiederholen, sie setzen sich wie Vogel auf einen Ast des Sprachbaumes und wiegen sich auf dem, nach dem Urrhythmus, der in seiner Wurzel liege, nicht aber fliege ein solcher auf als der Geistesadler, von dem lebendigen Geist der Sprache ausgebrutet.

Ich verstehe alles, obschon mir vieles fremd drin ist, was die Dichtkunst belangt, wovon ich keine klare oder auch gar keine Vorstellung habe, aber ich hab besser durch diese Anschauungen des Holderlin den Geist gefasst, als durch das, wie mich St. Clair daruber belehrte. Dir muss dies alles heilig und wichtig sein. Ach, einem solchen wie Holderlin, der im labyrinthischen Suchen leidenschaftlich hingerissen ist, dem mussen wir irgendwie begegnen, wenn auch wir das Gottliche verfolgen mit so reinem Heroismus wie er. Mir sind seine Spruche wie Orakelspruche, die er als der Priester des Gottes im Wahnsinn ausruft, und gewiss ist alles Weltleben ihm gegenuber wahnsinnig; denn es begreift ihn nicht. Und wie ist doch das Geisteswesen jener beschaffen, die nicht wahnsinnig sich deuchten? Ist es nicht Wahnsinn auch, aber an dem kein Gott Anteil hat? Wahnsinn, merk ich, nennt man das, was keinen Widerhall hat im Geist der andern, aber in mir hat dies alles Widerhall, und ich fuhle in noch tieferen Tiefen des Geistes Antwort darauf hallen als bloss im Begriff. Ist's doch in meiner Seele wie im Donnergebirg, ein Widerhall weckt den andern, und so wird dies Gesagte vom Wahnsinnigen ewig mir in der Seele widerhallen.

Gunderode, weil Du schreibst, dass Dir mein Denken und Schreiben und Treiben die Seele ausfulle, so will ich nicht aufhoren, wie es auch kommen mag, und einst wird sich Dir alles offenbaren, und ich selber werde dann, wie Holderlin sagt, mich in den Leib des Dichtergottes verwandeln; denn wenn ich nur Fassungskraft habe! Denn gewiss, Feuer hab ich, aber in meiner Seele ist es so, dass ich ein Schicksal in mir fuhle, das ganz nur Rhythmus des Gottes ist, was er vom Bogen schnellt, und ich auch will mich bei der Zasur, wo er mir ins eigne widerstrebende Urteil mein gottlich Werden gibt, schnell losreissen und in seinem Rhythmus in die Himmel mich schwingen. Denn wie vermocht ich sonst es? Nimmer! Ich fiel zur Erde wie alles Schicksallose.

Und Du, Gunderode, so adelig wie Du bist in Deinen poetischen Schwingungen! Klirrt da nicht die Sehne des Bogens des Dichtergottes? Und lasset die Schauer uns fuhlen auch in diesen leisen traumentappenden Liedern:

Drum lass mich, wie mich der Moment geboren,

In ew'gen Kreisen drehen sich die Horen,

Die Sterne wandlen ohne festen Stand.

Sagst Du nicht dasselbe hier? Klingt nicht so der Widerhall aus der Ode in Holderlins Seele?

Ach, ich weiss nicht zu fassen, wie man dies Hochste nicht heilig scheuen sollte, dies Gewaltige, und wenn auch kein Echo in unseren Begriff es ubertrage, doch wissen wir, dass der entfesselte Geist uber Leiden, die so mit Gotterhand ihm auferlegt waren, im Triumph in die Hallen des Lichts sich schwinge, aber wir! Wissen wir Ungepruften, ob je uns Hellung werde? Jetzt weiss ich's, ich werd ihm noch viel mussen nachgehen, doch genug zwischen uns davon; eine Erscheinung ist er in meinen Sinnen, und in mein Denken stromt es Licht.

Anhang

Gedichte der Gunderode

I

Darthula nach Ossian

Nathos schiffet durch den Sturm der Wogen,

Ardan, Althos, seine Bruder mit,

Caibars, Erins Konig, Zorn zu meiden,

In geheimnisvolle Schatten kleiden

Dunkle Wolken ihren fliehnden Schritt.

Wer? o Nathos! ist an deiner Seite!

Traurig seufzt im Wind ihr braunes Haar,

Lieblich ist sie, wie der Geist der Lufte,

Eingehullt in leichte Nebeldufte;

Schon vor allen Collas Tochter war.

Ach Darthula! Deine irren Segel

Eilen nicht dem wald'gen Etha zu.

Seine Berge heben nicht die Rucken,

Und die seeumwogten Kusten bucken

Turas Felsen schon dem Meere zu.

Wo verweiltet ihr, des Sudes Winde?

Schwelltet Nathos' weisse Segel nicht?

Trugt ihn nicht zum heimatlichen Strande?

Lange blieb er in dem fremden Lande

Und der Tag der Ruckkehr glanzt ihm nicht.

Schon, o Konig Ethas! warst du in der Fremde

Wie des Morgens Strahl dem Angesicht.

Deine Locken, gleich dem Raben, duster,

Deine Stimme wie des Schilfs Gefluster,

Wenn der Mittagswind sich leise wiegt.

Deine Seele glich der Sonne Scheiden,

Doch im Kampfe warst du furchterlich.

Brausend wie die ungestumen Wogen,

Wenn vom Nord die sturm'schen Winde zogen,

Sturztest du auf Caibars Krieger dich.

Auf Selamas grau bemoosten Mauern

Sah dich Collas Tochter, und sie sprach:

"Warum eilst du so zum Kampf der Speere!

Zahlreich sind des dustern Caibars Heere,

Ach! und meiner Liebe Furcht ist wach.

Freuen wollt ich dein mich, deiner Siege,

Aber Caibars Liebe lasst mich nicht."

So sprachst du. Jetzt haben dich die Wogen

Madchen! und die Sturme dich betrogen,

Nacht umringt dein schones Angesicht.

Aber schweiget noch ein wenig, Winde!

Uberbraust Darthulas Stimme nicht!

Furst von Etha, sind dies Usnoths Hallen?

Jene Strome, die von Felsen fallen,

Sind es Ethas blaue Strome nicht?

Hier emporet Erin seine Berge,

Ethas Felsenstrome brullen nicht.

Dennoch ruh hier an des Ufers Hugel,

Denn mein Schwert umgibt wie Blitzes Flugel

Dich, du Liebliche, du schones Licht.

Nathos: sagt das braungelockte Madchen,

Niemand hat Darthula ausser dich,

Denn die Freunde sind mir fruh gefallen,

Lass um sie noch meine Klage schallen,

Hor der Trauer Stimme, hore mich.

Abend ward einst, in der Wehmut Schatten

Bargen meines Landes Ebnen sich,

Uber hoher Walder Wipfel schritten

Einzle Lufte, die aus Wolken glitten,

Da umgaben Trauerschatten mich.

Die Gestalten meiner Freunde gingen

Traurig, Geistern gleich, an mir dahin.

Da kam Colla mit gesenktem Schwerte,

Seinen Blick geheftet an die Erde,

Brennend gluhte noch die Schlacht darin.

"Collas letzte einz'ge Hoffnung," sprach er;

"Braungelocktes Madchen! Truthil fiel.

Siegreich kehrt dir nicht der Bruder wieder,

Zu Selama naht Erins Gebieter,

Mit ihm Tausende im Schlachtgewuhl."

"Ist des Kampfes Sohn gefallen?" seufzt ich!

"Hat der lange Schlaf sein Aug verhullt?

O! so schutze mich der Jagden Bogen,

Glucklich oftmals meine Pfeile flogen,

Todlich fur das dunkelbraune Wild."

Freud umstrahlt den Greisen. Ja Darthula!

Deine Seele brennt in Truthils Glut,

Geh, ergreif das Schwert vergangner Schlachten!

Also Colla: seine Worte fachten

Hoher noch in mir des Kampfes Mut.

Wehmutsvoll verging die Nacht; am Morgen

Schimmerte im Stahl der Schlachten ich.

Caibar sass zum Mahl in Lonas Wuste,

Als Selamas Waffenklang ihn grusste;

Seine Fuhrer rief er da zum Krieg.

Warum soll ich, Nathos! dir erzahlen

Von des Kampfes schwankendem Geschick?

Ach! Umsonst bedeckt von meinem Schilde,

Sank der Vater mir im Schlachtgefilde,

Und in heissen Tranen schwamm mein Blick.

Treulos zeigte da des Madchens Busen

Caibar mein zerrissenes Gewand;

Freundlich naht er, sprach der Liebe Worte,

Fuhrte mich zu meiner Vater Pforte,

Aber Trauer meine Stirn umwand.

Da erschienst du, Nathos! meinen Augen,

Freundlich wie ein abendlich Gestirn.

Caibar schwand vor deines Stahles Spruhen

Wie der Nachtgeist vor des Morgens Gluhen,

Doch es wolbte Trauer deine Stirn?

Meine Seele glanzte in Gefahren,

Eh ich dich, du schones Licht! gesehn.

Aber unsre Segel sind betrogen,

Wolken kommen gegen dich gezogen.

Und du wirst in ihrer Nacht vergehn.

Oskar weilet noch an Selmas Kuste!

Oskar schiffe durch das dunkle Meer!

O dass Winde deine Segel schwellten!

Zittern wurden dann Temoras Helden,

Friede ware um Darthula her.

Wo wird Nathos deinen Frieden finden?

Wo Darthula! wo ist fur dich Ruh?

Geister der Gefallnen! sprach Darthula:

Truthil! Colla! Fuhrer von Selama!

Winkt ihr mir aus euren Wolken zu!

Nathos! Reiche mir das Schwert der Tapfern,

Vater! Ich will deiner wurdig sein,

In des Stahles Treffen werd ich gehen,

Nimmer Caibars dustre Hallen sehen,

Nein! Ihr Geister meiner Liebe! Nein!

Freude glanzt in Nathos bei den Worten,

Die das schongelockte Madchen sprach:

Caibar, meine Starke kehret wieder!

Komm mit Tausenden, Erins Gebieter!

Komm zum Kampfe! Meine Kraft ist wach!

Ja, er kommt mit Tausenden! rief Ardan;

Schreckbar tonet ihrer Schwerter Schall.

Lass zehntausend Schwerter sich emporen:

Usnoth soll von Nathos' Flucht nicht horen,

Ardan: sag ihm, ruhmlich war mein Fall.

Winde! Warum brausen eure Flugel?

Wogen! Warum rauscht ihr so dahin?

Wellen! Sturme! Denkt ihr mich zu halten?

Nein, ihr konnt's nicht, sturmische Gewalten,

Meine Seele lasst mich nicht entfliehn.

Wenn des Herbstes Schatten wieder kehren,

Madchen! Und du bist in Sicherheit,

Dann versammle um dich Ethas Schonen,

Lass fur Nathos deine Harfe tonen,

Meinem Ruhme sei dein Lied geweiht.

Nathos blieb gestutzt auf seinem Speere;

Schaurig pfiff der Nachtwind um ihn her,

Aber bei des Morgens erstem Strahle,

Drang er vorwarts mit gezucktem Stahle,

Mit dem Fuhrer eilt Darthula her.

Komm zum Zweikampf! ruft er, Furst Temoras!

Fur Selamas Madchen! Caibar spricht:

Stolzer, du entflohst mir mit der Schonen,

Wahnst du, Caibar kampft mit Usnoths Sohnen?

Nein, er kampft mit Unberuhmten nicht.

In des koniglichen Nathos Augen

Glanzen Tranen; und er wendet sich

Zu den Brudern, ihre Speere fliegen

Rachedurstend und gewiss zu siegen,

Erins Reihn verwirren schwankend sich.

Da ergrimmet Caibars finstre Seele,

Und er winket, tausend Speere fliehn,

Usnoths Sohne sinken wie drei Eichen,

Die zur Erde ihre Wipfel neigen,

Wenn des Nordens Sturme sie umziehn.

Gestern sah sie noch der Wandrer bluhen,

Ihre stolze Schonheit freute ihn,

Heute beugte sie der Sturm der Wuste,

Sie, die gestern noch die Sonne grusste.

Sprachlos starret Collas Tochter hin.

Hohnend naht ihr Caibar: "Madchen sahst du

Nathos' Land, in fernes Blau gehullt?

Oder Fingals dunkelbraune Hugel?

Ha! Entrannst du auch des Sturmes Flugel,

Uber Selma hatte meine Schlacht gebrullt."

Caibar sprach's. Da rauscht ein Pfeil, getroffen

Sinkt sie, und ihr Schild sturzt vor sie hin.

Wie des Schnees Saule sank sie nieder,

Uber Ethas schlummernden Gebieter

Spreiten sich die dunklen Locken hin.

Da versammelten die hundert Barden

Caibars um Darthulas Grabmal sich,

Ihre Harfen rauschten um den Hugel,

Und es schwang sich des Gesanges Flugel,

Fur der Madchen Erins Schonste! dich!

Trauer schreitet an Selamas Stromen,

Schweigen wohnet in den Hallen nun.

Collas Tochter sank zum Schlafe nieder,

O wann grussest du den Morgen wieder?

Schongelockte! Wirst du lange ruhn?

Weit entfernet ist dein Morgen, nimmer

Stehst du mehr in deiner Schonheit auf;

Ach, die Sonne tritt nicht an dein Bette,

Spricht: "Erwach aus deiner Ruhestatte!

Collas schone Tochter! Steig herauf!"

Junges Grun entkeimet schon dem Hugel,

Fruhlingslufte fliegen druber her.

Sonne, birg in Wolken deinen Schimmer!

Denn sie schlaft, der Frauen erste! Nimmer

Kehret sie in ihrer Schonheit mehr.

II

Don Juan

Es ist der Festtag nun erschienen,

Geschmucket ist die ganze Stadt.

Und die Balkone alle grunen,

In Blumen bluht der Furstin Pfad.

Da kommt sie, schon in Gold und Seide

Im koniglichen Prunkgeschmeide

An ihres Neuvermahlten Seite.

Erstaunet siehet sie die Menge

Und preiset ihre Schonheit hoch!

Doch einer, einer im Gedrange

Fuhlt tiefer ihre Schonheit noch.

Er mocht in ihrem Blick vergehen,

Da er sie einmal erst gesehen,

Und fuhlt im Herzen tiefe Wehen.

Sein Blick folgt ihr zum Hochzeitstanze

Durch all der Tanzer bunte Reih'n,

Erstirbet bald in ihrem Glanze,

Lebt auf im milden Augenschein.

So wird er seines Schauens Beute,

Und seiner Augen susse Weide

Bringt bald dem Herzen bittres Leiden.

So hat er Monde sich verzehret

In seines eignen Herzens Glut;

Hat Tone seinem Schmerz verwehret,

Gestahlt in der Entsagung Mut;

Dann konnt er vor'gen Mut verachten

Und leben nur im tiefen Schmachten,

Die Anmutsvolle zu betrachten.

Mit Philipp war, an heil'ger Statte,

Am Tag der Seelen fromm geweiht,

Sein Hof versammelt zum Gebete,

Das Seelen aus der Qual befreit;

Da flehen Juans heisse Blicke:

Dass sie ihn einmal nur beglucke!

Erzwingen will er's vom Geschicke.

Sie senkt das Haupt mit stillen Sinnen

Und hebt es dann zum Himmel auf;

Da flammt in ihm ein kuhn Beginnen,

Er steigt voll Mut zum Altar auf.

Laut will er seinen Schmerz ihr nennen,

Und seines Herzens heisses Brennen

In heil'ger Gegenwart bekennen.

Laut spricht er: Priester! Lasset schweigen

Fur Tote die Gebete all.

Fur mich lasst heisse Bitten steigen;

Denn grosser ist der Liebe Qual,

Von der ich wen'ger kann genesen,

Als jene unglucksel'gen Wesen

Zur Qual des Feuers auserlesen.

Und staunend siehet ihn die Menge

So schon verklart in Liebesmut.

"Wo ist, im festlichen Geprange,"

Denkt manche still, "die solche Glut

Und solches Wort hat jetzt gemeinet?"

Sie ist's, die heimlich Tranen weinet,

Die Juans heisse Liebe meinet.

War's Mitleid, ist es Lieb gewesen,

Was diese Tranen ihr erpresst?

Vom Gram kann Liebe nicht genesen,

Wenn Zweifelmut sie nicht verlasst.

Er kann sich Friede nicht erjagen;

Denn nimmer darf's die Lippe wagen,

Der Liebe Schmerz ihr mehr zu klagen.

Nur einen Tag will er erblicken,

Der trub ihm nicht voruberflieht,

Nur eine Stunde voll Entzucken,

Wo susse Liebe ihm erbluht,

Nur einen Tag der Nacht erwecken,

Es mag ihn dann, mit ihren Schrecken

Auf ewig Todesnacht bedecken.

Es liebt die Konigin die Buhne,

Erschien oft selbst im bunten Spiel.

Dass er dem kleinsten Wunsche diene

Ist jetzt nur seines Lebens Ziel.

Er lasst ihr ein Theater bauen,

Dort will die reizendste der Frauen

Er noch in neuer Anmut schauen.

Der Hof sich einst zum Spiel vereinet,

Die Konigin in Schafertracht

Mit holder Anmut nur erscheinet,

Den Blumenkranz in Lockennacht.

Und Juans Seele sieht verwegen

Mit ungestumem wildem Regen

Dem kommenden Moment entgegen.

Er winkt, und Flamm und Dampf erfullen

Entsetzlich jetzt das Schauspielhaus;

Der Liebe Gluck will er verhullen

In Dampf und Nacht und Schreck und Graus;

Er jauchzet, dass es ihm gelungen,

Des Schicksals Macht hat er bezwungen,

Der Liebe sussen Lohn errungen.

Gekommen ist die schone Stunde;

Er tragt sie durch des Feuers Wut,

Raubt manchen Kuss dem schonen Munde,

Weckt ihres Busens tiefste Glut.

Mocht sterben jetzt in ihren Armen,

Mocht alles geben ihr! Verarmen,

Zu anderm Leben nie erwarmen.

Die eilenden Minuten fliehen,

Er merket die Gefahren nicht

Und fuhlt nur ihre Wange gluhen;

Doch sie, sie traumet langer nicht,

Sie reisst sich von ihm los mit Beben,

Er sieht sie durch die Hallen schweben

Verhaucht ist der Minute Leben.

Mit sehnsuchtsvollem, krankem Herzen

Eilt Juan durch die Hallen hin.

In Wonne, Gram und susse Schmerzen

Versinket ganz sein irrer Sinn,

Er wirft sich auf sein Lager nieder,

Und holde Traume zeigen wieder

Ihm ihr geliebtes, holdes Bild.

Die Sonne steiget auf und nieder;

Doch Abend bleibt's in seiner Brust.

Es sank der Tag ihm, kehrt nicht wieder,

Und sie, nur sie ist ihm bewusst,

Und ewig, ewig ist gefangen

Sein Geist im qualenden Verlangen

Sie wachend, traumend anzuschaun.

Und da, erwacht aus seinem Schlummer,

Ist's ihm, als stieg er aus der Gruft,

So fremd und tot; und aller Kummer,

Der mit ihm schlief, erwacht und ruft:

"O weine! Sie ist dir verloren,

Die deine Liebe hat erkoren,

Ein Abgrund trennet sie und dich!"

Er rafft sich auf mit truber Seele

Und eilt des Schlosses Garten zu;

Da sieht er, bei des Mondes Helle,

Ein Madchen auf ihn eilen zu.

Sie reicht ein Blatt ihm und verschwindet,

Eh er zu fragen Worte findet,

Er bricht die Siegel auf und liest:

"Entfliehe! Wenn dies Blatt gelesen

Du hast, und rette so dich mir.

Mir ist, als sei ich einst gewesen,

Die Gegenwart erstirbt in mir,

Und lebend ist nur jene Stunde,

Sie spricht mir mit so sussem Munde,

Von dir, von dir, und stets von dir."

Er liest das Blatt mit leisem Beben

und liebt's und druckt es an sein Herz.

Gewaltsam teilet sich sein Leben

In grosse Wonne tiefen Schmerz.

Sollt er die Teuerste nun meiden?

Kann sie dies Trauern ihm bereiten!

Soll er sie nimmer wieder sehn?

Er geht nun, wie sie ihm geboten;

Da trifft ein Morderdolch die Brust.

Doch steigt er freudig zu den Toten,

Denn der Erinnrung susse Lust

Ruft ihm herauf die schonste Stunde.

Er hanget noch an ihrem Munde

Entschlummert sanft in ihrem Arm.

Zweiter Teil

Wenn dich eine hohere Vorstellung durchdringt von einer Menschennatur, so zweifle nicht, dass dies die wahre sei; denn alle sind geboren zum Ideal, und wo du es ahnst, da kannst du es auch in ihm zur Erscheinung bringen; denn er hat gewiss die Anlage dazu.

Wer das Ideal leugnet in sich, der konnte es auch nicht verstehen in andern, selbst wenn es vollkommen ausgesprochen war. Wer das Ideal erkannte in andern, dem bluht es auf, selbst wenn jener es nicht in sich ahnt.

Die Gunderode im Jahr 4

Mahomets Traum in der Wuste

Bei des Mittags Brand,

Wo der Wuste Sand

Kein kuhlend Luftchen erlabet,

Wo heiss, vom Samum nur gekusset,

Ein grauer Fels die Wolken grusset,

Da sinket mud der Seher hin.

Vom trugenden Schein

Will der Dinge Sein

Sein Geist, betrachtend hier, trennen.

Der Zukunft Geist will er beschworen,

Des eignen Herzens Stimme horen,

Und folgen seiner Eingebung.

Hier flieht die Gottheit,

Die der Wahn ihm leiht,

Der eitle Schimmer zerstiebet.

Und ihn, auf den die Volker sehen,

Den Siegespalmen nur umwehen,

Umkreist der Sorgen dunkle Nacht.

Des Sehers Traum

Durchflieget den Raum

Und all die kunftigen Zeiten,

Bald kostet er, in trunknem Wahne,

Die Seligkeit gelungner Plane,

Dann sieht er seinen Untergang.

Entsetzen und Wut,

Mit wechselnder Flut,

Kampfen im innersten Leben,

"Von Zweifeln", ruft er, "nur umgeben!

Verhauchet der Entschluss sein Leben!

Eh Reu ihn und Misslingen straft.

Der Gottheit Macht,

Zerreisse die Nacht

Des Schicksals vor meinen Blicken!

Sie lasse mich die Zukunft sehen,

Ob meine Fahnen siegreich wehen,

Ob mein Gesetz die Welt regiert!"

Er spricht's; da bebt

Die Erde, es hebt

Die See sich auf zu den Wolken,

Flammen entlodern den Felsenkluften,

Die Luft, erfullt von Schwefelduften,

Lasst trag die muden Schwingen ruhn.

Im wilden Tanz

Umschlinget der Kranz

Der irren Sterne die Himmel;

Das Meer erbraust in seinen Grunden,

Und in der Erde tiefsten Schlunden

Streiten die Elemente sich.

Und der Eintracht Band,

Das machtig umwand

Die Krafte, es schien geloset.

Der Luft entsinkt der Wolken Schleier,

Und aus dem Abgrund steigt das Feuer

Und zehret alles Ird'sche auf.

Mit truberer Flut

Steigt erst die Glut,

Doch brennt sie sich stets reiner,

Bis hell ein Lichtmeer ihr entsteiget,

Das lodernd zu den Sternen reichet

Und rein und hell und strahlend wallt.

Der Seher erwacht

Wie aus Grabesnacht,

Und staunend fuhlt er sich leben,

Erwachend aus dem Tod der Schrecken,

Harrt zagend er, ob nun erwecken

Ein Gott der Wesen Kette wird.

Von Sternen herab

Zum Seher hinab

Ertont nun eine Stimme:

"Verkorpert hast du hier gesehen,

Was allen Dingen wird geschehen,

Die Weltgeschichte sahst du hier.

Es treibet die Kraft,

Sie wirket und schafft

In unaufhaltsamem Regen;

Was unrein ist, das wird verzehret,

Das Reine nur, der Lichtstoff, wahret

Und fliesst dem ew'gen Urlicht zu."

Jetzt sinket die Nacht,

Und glanzend ertagt

Der Morgen in seiner Seele.

"Nichts!" ruft er, "soll mich mehr bezwingen:

Das Licht nur werde! sei mein Ringen,

Dann wird mein Tun unsterblich sein!"

An die Gunderode

Frankfurt

Gunderodchen, der Clemens lasst Dich tausendmal grussen. Ich muss es zuerst schreiben, denn er steht hinter mir und zwingt mich dazu, er spricht von einem Dompfaffen oder Blutfinken, der in Dich verliebt sei, und er sei so anmutig dumm, dass er Dir prophezeit, Du werdest ihm nicht widerstehen; denn die Dummheit sei Deine Schwache, Du fallest druber her wie ein Raubvogel uber ein neugeboren Ganschen, und er hab Dich mehrmals sehen lauern und schweben mit gierigem Blick uber Dummheitsphanomenen, und die wurdest Du Dir auch nie haben abjagen lassen, und Du seist gewiss im Rheingau auf der Jagd danach, wahrend hier die merkwurdigsten Exemplare Dir in die Hande laufen wurden und auch mehrere fur ein Geringes an Geld zu sehen sind.

Alleweil hat er den Hut genommen, um zu dem Puppenspiel Platze zu bestellen, er will die Pauline hineinfuhren, um ihr augenscheinlich zu machen, wie es in ihrem Magen aussieht. Denn sie habe ein Puppenspiel im Leib und wenn sie mit ihm spricht, so antwortet er dem Pantalon, dem Skaramutsch, dem Hanswurst, der Colombine usw. und sooft sie was Puppenspiel und so passend, dass das Puppentheater, namlich der Pauline Magen, am meisten vom Lachen erschuttert wird. Er ist unerschopflich an Witz, und alles lauft ihm nach. Dass Du nicht hier bist, hat ihn merklich betroffen, er wollt, ich konnt Dich bewegen zu kommen, aber Du wirst die Garten des Dionysos nicht verlassen, wo Du jeden Morgen reife Beeren kostest, die der Gott Dir zum Fenster hinanreicht, um hier auf der schmutzigen Mess die Baren tanzen zu sehen. Hatt der Clemens nicht hier auf mich gewartet, so hatt ich mogen mit Dir im Rheingau bleiben, der Franz hatt's wohl erlaubt, ich hab mehrmals dran gedacht; wie schon war's gewesen, da waren wir herumgeschweift uberall wo andre Menschen nicht hinkommen oft ist ein klein verborgen Platzchen, das niemand kennt, das Schonste von der Welt. Ich sag Dir, wir hatten Quellchen entdeckt, tief im Gras und Gestein und einsame Huttchen im Wald und vielleicht auch Hohlen ich durchforschel gar zu gern die Natur Schritt vor Schritt. Ich dacht, wir sahen uns auch einstweilen um nach einem Ort, wo wir unsre Hutten bauen wollen Du auf dem Berg weit ins Freie hinaus und ich im Tal, wo die Krauter hoch wachsen und alles versteckt ist, oder im Wald, aber nah beisammen, dass wir uns zurufen konnen. Du rufst durchs Sprachrohr: "Bettine, komm herauf!" und da komm ich, und der Kanarienvogel fliegt voran, der weiss schon, wo's hingeht, und der Spitz kommt nachgebellt; denn im Tal muss man einen Hund haben. Hor! Und im Fruhjahr nahmen wir unsere Stecken und wanderten; denn wir waren als Einsiedler und sagten nicht, dass wir Madchen waren. Du musst Dir einen falschen Bart machen, weil Du gross bist; denn sonst glaubt's niemand, aber nur einen kleinen, der Dir gut steht, und weil ich klein bin, so bin ich als Dein kleiner Bruder, da muss ich mir aber meine Haare abschneiden. So eine Reise machen wir im Fruhjahr in der Maiblumenzeit, aber da versaumen wir die Erdbeeren! Denn im Tal war als alles ubersaet, erst mit Veilchen und dann mit Erdbeeren, davon leben wir sechs Wochen; Kohl pflanzen wir nicht. Im Herbst sind wir wieder da und essen die Trauben, ach, konnt's nur einen Sommer wahr werden! Mir kommt's vor, als konnt man so immer und immer sein wollen. Denn wahrhaftig, mir stromt alle Weisheit aus Deinem Angesicht, ich hab mehr als zuviel, was in mich hineinspricht, wenn ich Dich seh, und wenn Du auch nur stillschweigst, so redst Du doch, Du bist ein gross Geheimnis, aber ein offenbares, aber ich schlafe in Deiner Gegenwart, Dein Geist schlafert mich ein, so traum ich, dass ich wache und empfinde nur alles im Traum und das ist gut; denn sonst wurd ich verwirrt sein.

Wie der Clemens nach Haus gekommen war, hat er gleich nach meinem Brief gefragt, er wollt auch dran schreiben, ich hab ihn aber zerstreut durch allerlei, was ich von Dir erzahlte; denn ich wollt ihn nicht gern lesen lassen, dass ich als Einsiedler mit Dir leben wollt, denn er hatt's gewiss im Puppenspiel angebracht, so erzahlt ich ihm von unsrer Rheinfahrt in der Mondnacht mit der Orangerie auf dem Verdeck, das machte ihm so viel Freude, er frug nach allem, was noch vorgefallen, nach jedem Wort, nach den Ufern, nach dem Mond; und ich erzahlte ihm alles; denn ich wusste alles, jed Luftchen, was sich erhoben hatte, und wie der Mond durch die Luken und Bogen hinter den Bergfesten geschimmert hat, und alles, und er frug auch, was wir gesprochen, ich sagte: nichts oder nur wenig Worte, denn es sei die ganze Natur so schweigend gewesen. Und wie er alles ausgeforscht hatte, da ging er fort und sperrte mich ein und sagte, ich sollt ein Gedicht davon machen, grad so wie ich's erzahlt habe, und sollt es nur aufschreiben immer in kurzen Satzen, wenn es sich auch nicht reime, er wolle mich schon reimen lehren, und so ging er hinaus und schloss die Tur ab, und vor der Tur rief er: "Nicht eher kommst Du heraus, bis Du ein Gedicht fertig hast!" Da stand ich ganz widersinnig im Kopf. Ans Aufschreiben dacht ich nicht. Aber ich dacht an das Versmachen, wie seltsam das ist. Wie in dem Gefuhl selbst ein Schwung ist, der durch den Vers gebrochen wird. Ja, wie der Reim oft gleich einer beschimpfenden Fessel ist fur das leise Wehen im Geist. Belehr mich eines Besseren, wenn ich irre, aber ist es nicht wahrscheinlich, dass Reim und Versmass auf den ursprunglichen Gedanken so einwirke, dass er ihn verfalscht? Uberhaupt, was seelenberuhrend ist, das ist Musik, das hab ich schon lang in mir erfahren; denn es kann nichts die Sinne ruhren und durch diese die Seele als nur Musik; was Dich bewegt, gibt Klang, der weckt seine Mittone, die ruhren das Echo doppelt und allseitig, und die ganze Harmonie erwacht und zwischen dieser durch wandelt der Gedanke und wahlt sich seine Melodie und offenbart sich durch die dem Geist. Das deucht mich die Art, wie der Gedanke sich dem Geist vermahlt. Nun kann ich mir wohl denken, dass der Rhythmus eine organische Verbindung hat mit dem Gedanken, und dass der kurze Begriff des Menschengeistes, durch den Rhythmus geleitet, den Gedanken in seiner verklarten Gestalt fassen lernt, und dass der den tieferen Sinn darin beleuchtet, und dass wie die Begeistigung dem Rhythmus sich fuge, sie allmahlich sich reiner fasse, und dass so die Philosophie als hochste geistige Poesie erscheine, als Offenbarung, als fortwahrende Entwicklung des Geistes und somit als Religion. Denn was soll mir Religion, wenn sie stocken bleibt? Aber nicht wie Du sagst, dass Philosophie endlich Poesie werden soll, nein, mir scheint, sie soll sein oder ist die Blute, die reinste, die ungezwungenste, in jedem Gedanken uberraschendste Poesie, die ewig neu Gottessprache ist in der Seele.

Gott ist Poesie, gar nichts anders, und die Menschen tragen es uber in eine tote Sprache, die kein Ungelehrter versteht, und von der der Gelehrte nichts hat als seinen Eigendunkel. So wie denn das Machwerk der Menschen uberall den Lebensgeist behindert, in allem, in jeder Kunst, dass die Begeistrung, durch die sie das Gottliche wahrnehmen, von ihnen geschieden ist, und ich muss mich kurz fassen, sonst wollt ich mich noch besser besinnen.

Die Beruhrung zwischen Gott und der Seele ist Musik, Gedanke ist Blute der Geistesallheit, wie Melodie Blute ist der Harmonie.

Alles, was sich dem Menschengeist offenbart, ist Melodie in der Geistesallheit getragen, das ist Gottpoesie. Es enthullt sich das Gefuhl in ihr, sie geniessend, empfindend, keimt auf in der Geistessonne, ich nenn es Liebe. Es gestaltet sich der Geist in ihr, wird Blute der Poesie Gottes, ich nenn es Philosophie. Ich mein, wir konnen die Philosophie nicht fassen, erst die Blute wird in uns. Und Gott allein ist die Geistesallheit, die Harmonie der Weisheit. Ach, ich hab das alles nicht sagen wollen, der Kopf brennt mir, und das Herz klopft mir zu stark, wenn ich will denken, als dass ich deutlich sein konnt. Ich wollt vom Reimen sprechen.

Mir kommen Reime kleinlich vor, so wie ich sie bilden soll, ich denke immer: ach, der Gedanke will wohl gar nicht gereimt sein, oder er will wo anders hinaus, und ich stor ihn nur, was soll ich seine Aste verbiegen, die frei in die Luft hinausschwanken und allerlei feinfuhlig Leben einsaugen, was liegt mir doch daran, dass es symmetrisch verputzt sei! Ich schweife gern zwischen wildem Gerank, wo hie und da ein Vogel herausflattert und mich anmutig erschreckt oder ein Zweig mir an die Stirne schnellt und mich gedankenwach macht, wo mich die alte Leier eingeschlafert hatt.

Und ist nicht vielleicht die Gedankenseele selbst Rhythmus, der die Sinne lenkt; und sollen wir dem nicht nachstreben? Nun kurz, aus meinem Gedicht ist nichts geworden, wie hatt ich unsre orangenbluhende Nacht, unsre selige Alleinigkeit verpfuschen sollen, sie, die in jeder verlebten Minute jenes Gefuhl aussprach, was ich da oben Gottpoesie, Weisheitsgefuhl nenne. Nein, ich wollt nicht ein so suss Dammern zu einzelnen Gedankenschatten zusammenballen. Lass es fortdammern oder sich verfluchtigen; aber nicht in engherzige Verse einklammern, was so weiche Zweige in die Luft ausstreckt, lass es fortbluhen, bis es welkt; Du siehst, ich mache mir diese poetischen Unbemerkungen (Ungeheuer) bloss in Beziehung auf mich, ich lieb die Poesie, sie erfullt mich in Dir und in andern mit Begeistrung, aber nicht in mir.

Als der Clemens mich aus der Prison entliess, hatte ich das Marchen gereimt von der alten Frau Hoch, vom Hofnarren, der seinem Konig lehrt Fische fangen, und ihn selber im Hamen fangt und ins Wasser taucht und sagt, so fangen die Narren Fische, aber der Konig im Hamen wird keinen fangen. Im Puppenspiel war Clemens von beseligtem Humor, die Witze echappierten ihm, wie wenn ein Feuerwerk ihm in der Tasche sich entzundet hatt, jeden Augenblick flog eine Rakete auf, bis endlich das Puppenspiel ihn ubermannte, wo er vor Lachen nicht mehr witzig sein konnt.

Gestern wanderten wir durch die Judengasse, es liefen so viel sonderbare Gestalten herum und verschwanden wieder, dass man an Geister glauben muss, es ward schon dammerig, und ich bat, dass wir nach Haus gehen wollten, der Clemens rief immer: seh den, seh da, seh dort, wie der aussieht, und es war, als liefen sie mir alle nach, ich war sehr froh, als wir zu Haus waren.

Leb wohl, es ist mir nicht geheuer, dass Du nicht da bist, wo ich mich erholen kann, wo ich zu mir selbst komme; es ist mir so fremd.

Bettine

An die Bettine

Liebe Bettine, so wie Dein Brief anfangt mit den tausend Grussen von Clemens, so beantworte sie ihm doch auch in meinem Namen, es tut mir auch recht leid, dass ich nicht mit Euch bin, allein die Luft und die Trauben tun meinen Augen so gut und ist mir wohltatig im ganzen. Obschon mich Euer Treiben hochlich ergotzen wurde und namentlich das Puppenspiel; ich ubergehe alles, was Du vom Rhythmus sagst, leg ich Dir so aus: Du ahnest ein hoheres rhythmisches Gesetz, einen Rhythmus, der Geist ist im Geist, der den Geist aufregt und zu neuen Offenbarungen leitet, Du glaubst, dass der Reim die geringste, ja oft erniedrigende Stufe dieses metrischen Sprachgeistes ist und oft die Ahnung oder die Gewalt des Gedankens brechen konnte, dass der sich nicht zu jener Hohe entwickelt, zu der er ursprunglich berufen war das will ich nicht widersprechen, denn Du kannst recht haben; namlich, Du kannst recht haben, dass es ein hoheres musikalisches Gesetz gebe, dass die Anlage zu diesem in jedem freien Gedanken liege und durch den Versbau mehr oder weniger unterdruckt werde.

Du wirst aber auch zugeben, dass im Dichter auch eine Begeistrung waltet, die von hoherer Macht zeugt, da diese kindlichen Gesetze, zu denen er sich bequemt, ihn grade zur Kunst anleiten, die an sich schon ein hoherer Instinkt ist. Du sagst zwar in bezug auf Kunst, das Machwerk der Menschen behindre uberall den Lebensgeist, das glaube doch ja nicht, dass jene, die vielleicht kein hohes Genie im Gedicht entwikkeln, nicht hierdurch zu Hoherem gebracht wurden; denn erst werden sie doch auf eine Kunst vorbereitet, sie haben eine Anschauung von Gedanken oder Gefuhlen, die durch Kunstform eine hohere sittliche Wurde erlangen oder behaupten, und dies ist der Beginn, dass der ganze Mensch sich da hinubertrage; es ist nicht zu verachten, dass im Unmundigen sich der Trieb zum Licht regt. Und darum mein ich, dass kein Gedicht ohne einen Wert sei.

Gewiss, jedes Gefuhl, so einfach oder auch einfaltig es geachtet werden konnte, so ist der Trieb, es sittlich zu verklaren, nicht zu verwerfen, und manchen Gedichten, die keinen Ruf haben, habe ich doch zuweilen die Empfindung einer unzweifelhaften hoheren Wahrheit oder Streben dahin angemerkt, und es ist auch gewiss so. Die Kunstler oder Dichter lernen und suchen wohl muhsam ihren Weg, aber wie man sie begreifen und nachempfinden soll, das lernt keiner, nehme es doch nur so, dass alles Streben, ob es stocke, ob es fliesse, den Vorrang habe vor dem Nichtstreben. Gute Nacht, fur heut kann ich nicht mehr sagen; nicht alles, ist mir gleich deutlich in Deinem Brief, Du sagst mir wohl uber manches noch mehr oder dasselbe noch einmal. Der Ton in der Sprache tut auch viel zum Verstehen, waren wir beisammen, wurde sich leichter und vielseitiger ergeben, was wir wollen und meinen, und auf den Sprachgeist vertraue ich auch schon, dass er uns nicht verlassen wurde. Himmlische Nachte sind hier winddurchbrauste, und Gewitter, die Sommer und Herbst auseinander donnern.

An die Gunderode

Du fuhrst eine heilige Sprache, Du bist heilig, wenn Du sprichst; in Dir fuhl ich den Rhythmus, der deinen Geist tragt zu hoherer Erkenntnis; und ich fuhl, dass die Gute, die Milde die Erzeugerin ist all der reinen Wahrheit in Dir, wie Du ihr Abdruck bist; wollt ich doch nicht alles auf einmal sagen, so war ich deutlicher, Du bist massig, drum ist alles so uberzeugend, was Du sagst; wusst ich doch noch, was ich Dir geschrieben hab, nur um Dich wieder zu horen, mag ich denken, nur dass Du aus dem Anklang meines Geistes Melodien bildest. Jeder Ton besteht fur sich, aber er bildet durch den Anklang mit andern Tonen Melodien, Gedanken. Aus allen Melodien, aus allen Gedanken besteht die Geistesallheit, die Gottespoesie, die Philosophie. Es ist Gottespoesie, Harmonie, die den Gedanken die Melodie erzeugt, sie hebt sich aus dieser, wie aus den Fruhlingselementen die Blute ersteigt, der bluhende Geist steht mitten im Fruhlingsgarten der Poesie.

Musik ist sinnliche Natur der Geistesallheit. Wir mochten wissen, was Musik ist, die so fuhlbar ist und doch so unbegreiflich das Ohr ruhrt und dann das Herz und dann den Geist weckt, dass der tiefer denke. Sie ist die sinnliche Geistesnatur; aller Geist ist sinnenbewegter Leib des Geistigen, ist also auch Musik, drum sind Gedanken in der Musik unwillkurliche, sie erzeugen sich in dieser Sinnenregung der Seele. Ach, Worte fehlen und zu allseitig dringt es auf mich ein und es bangt mir um den Ausdruck von dem, was mir in der Seele blitzt und hab Angst, der konne meinen Begriff umtauschen und "o gib vom weichen Pfuhle traumend ein halb Gehor!" so leiert's im langweiligen Hintergrund meiner schlummernden Denkkraft, und dann wuhle ich mich ein bisschen aus meiner Faulheit heraus und lausch traumend dem Traum, und dann singt's wieder bei der Gedanken Spiele, ach schlaf, was willst du mehr. Wenn eine schlummernde Ahnung wach wird in der Musik, da breiten sich alle Gefuhle machtig aus, und jeder Ton spricht verstarkte Empfindung aus, und ein inneres Streben zum Hoheren, zum Bemachtigen gewaltigerer Fahigkeiten begleitet den rhythmischen Gang, ja wird von ihm geleitet, ich hab's erfahren: Bei meinem Saitenspiele segnet der Sterne Heer die ewigen Gefuhle.

Und so wahr ist's, dass aller Geist sinnliche Musik ist, dass wie in der Harmonie jedes Bewegen eines Tons neue Wege offnet oder, wenn ich in andern Beziehungen nur augenblicklich vorempfinde, so dringt die Harmonie wie durch neu geoffnete Bahn machtig ein, so ist im Geist jedes Vorempfinden eines inneren Zusammenhangs mit ferner liegendem ein ewiger Harmonienwechsel, und die Melodie der Gedanken weicht aus den engeren Schranken zu hoherer Anschauung. Die ewigen Gefuhle heben mich hoch und hehr aus irdischem Gewuhle.

Und so ist alles, was unabweisbare Wahrheit ist, in ewig wechselnder Lebensbewegung und ich furcht mich vor dem Denken so allein. Wenn wir beisammen waren! Da teilen wir uns, und durch Dein Begreifen gibst Du meinem Geist die Fassung, der muss nach dem sich richten, und dann hab ich auch Ruhe und Versichrung im Geist, dass ich mich ausdrucken lerne: Vom irdischen Gewuhle trennst Du mich nur zu sehr, bannst mich in diese Kuhle.

Und konnten wir doch immer zusammen sprechen, der lieblichen Unordnung entsteigt alles. Ja, da fuhl ich, wie das ist, dass der Geist aus dem Chaos aufstieg, nehm's nicht zu genau. Gib nur im Traum Gehor, ach, auf dem weichen Pfuhle schlafe! Was willst Du mehr?

An die Bettine

Denn; wie auch das Allebendige sich beruhre, es entsteigt Wahrheit aus ihm, aus dem chaotischen Wogen und Schwanken entstieg die Welt als Melodie?

Caroline

An die Gunderode

Ja! Und alle Sterne sind Melodien, die im Strom der Harmonie schwimmen, Weltseelen, die den Geist Gottes hervorbluhen, Tone, die mit verwandten Tonen anklingen, und wenn wir zu den Sternen aufsehen, so klingen unsere Gedanken an mit ihnen; denn wir gehoren in die Sippschaft ihnen verwandter Akkorde und wie jeder Gedanke, jede Melodie Seele ist, so soll der Menschengeist durch sein Allumfassen Harmonie werden Poesie Gottes nehm's nicht zu genau und gib es deutlicher wieder, als ich's sagen kann.

An die Bettine

So war der Menschengeist durch sein Fassen, Begreifen befahigt, Geistesallheit, Philosophie zu werden, also die Gottheit selbst? Denn war Gott unendlich, wenn er nicht in jeder Lebensknospe ganz und die Allheit war? So war jeder Geistesmoment, die Allheit Gottes in sich tragend, aussprechend?

Caroline

An die Gunderode

Ja! Das beweist die Musik, jeder Ton spricht seinen Akkord aus, jeder Akkord spricht seine Verwandtschaften aus, und durch alle Verwandtschaft stromt der ewig wechselnde Gang der Harmonien zu, der ewig erzeugende Geist Gottes. Denken ist Gott aussprechen, ist sich gestalten in der Harmonie, ich wage nicht einen Seitenblick zu tun, aber ich fuhl's, dass im Begreifen der Geist Gottes sich erzeugt im Menschengeist, und zu was war dieser Keim der Gotterscheinung im Menschengeist, wenn er nicht durch ewiges Streben ihn ganz entwickeln sollte? Der einzige Zweck alles Lebens: Gott fassen lernen, und das ist auch unser innerer Richter. Was Gott nicht entwikkelt, das bliebe lieber ungeschehen; denn es ist nicht Melodie, was aber unmelodisch ist, das ist Sunde; denn es stort die Harmonie Gottes in uns, es klingt falsch an, aber alle grosse Handlung weckt die Harmonie, alle Sterne klingen mit ein, drum ist gross Denken, gross Handlen auch so selbst befriedigend, es lost die gebundnen Akkorde in uns auf in hohere Harmonien, und steigern sich die musikalischen Tendenzen durch allseitiges Erklingen aller mittonenden Akkorde. Aber ich kann nicht mehr weiter druber denken, ich traume nur und schlafe tiefer uber dem Saitenspiel meiner Gedanken ein, und mir entschlupft alles ungesagt.

Du lebst und schwebst in freier Luft, und die ganze Natur tragt Deinen Geist auf Handen; ich drang mich durch zwischen Witz und Aberwitz, und hier und dort nimmt mich die Albernheit in Beschlag; und wenn ich abends zum Schreiben komm und muss das Unmogliche denken, was unmoglich ist auszusprechen, dann bin ich gleich traumtrunken, und dann schwindelt mir, wenn ich die Augen offne; die Wande drehen sich, und der Menschen Treiben dreht sich mit. Und ob's doch nicht noch in der Sprache verborgne Gewalten gibt, die wir noch nicht haben? noch nicht zu regieren verstehen; das schreib mir, ob Du es auch glaubst, und ob wir da hindringen konnten, das Ungesagte auszusprechen; denn gewiss, so wie die Sprache sich ergibt, so muss der Geist hineinstromen; denn der ganze Geist ist wohl nur ein Ubersetzen des Geist Gottes in uns. Gute Nacht.

Bettine

An die Bettine

Du meinst, wenn Du taumelst und ein bisschen trunken bist, das war unaussprechlicher Geist? Und Du besaufst Dich aber auch gar zu leicht, weil Du den Wein nicht vertragst, Du meinst, es mussten neue Sprachquellen sich offnen, um Deine Begriffe zu erhellen. Werd ein bisschen starker oder trinke nicht so viel auf einmal, wolltest Du Dich fester ins Auge fassen, die Sprache wurde Dich nicht stecken lassen.

Von der Sprache glaub ich, dass wohl ein Menschenleben dazu gehort, um sie ganz fassen zu lernen, und dass ihre noch unentdeckten Quellen, nach denen Du forschest, wohl nur aus ihrer Vereinfachung entspringen. Den Rat mochte ich Dir geben, dass Du bei Deinem Aussprechen von Gedanken das Beweisen aufgibst, dies wird Dir's sehr erleichtern. Der einfache Gedankengang ergiesst sich wohl von selbst in den Beweis, oder was das namliche ist: die Wahrheit selbst ist Beweis. Beweislos denken ist Freidenken; Du fuhrst die Beweise zu Deiner eignen Aushilfe. Ein solches freies Denken vereinfacht die Sprache, wodurch ihr Geist machtiger wird. Man muss sich nicht scheuen, das, was sich aussprechen will, auch in der unscheinbarsten Form zu geben, um so tiefer und unwidersprechlicher ist's. Man muss nicht beteuern, weil das Misstrauen gegen die eigne Eingebung war. Nicht begrunden: weil es eingreift in die freie Geisteswendung, die nach Sokrates vielleicht Gegenwendung wird, und nicht bezeugen oder beweisen wollen in der Sprache, weil der Beweis so lang hinderlich ist, dem Geist im Wege ist, bis wir uber ihn hinaus sind; und weil diese drei Dinge unedel sind, sowohl im Leben wie im Handeln, wie im Geist. Es sind die Spuren des Philistertums im Geist.

Freier Geist verhalt sich leidend zur Sprache und so verhalt sich auch die Sprache leidend zu dem Geist, beide sind einander hingegeben ohne Ruckhalt, so wird auch keins das andre aufheben, sondern sie werden sich einander aussprechen ganz und tief. Je vertrauungsvoller, um so inniger. Wie es in der Liebe auch ist. Was sollte also die Sprache am Geist zu kurz kommen? Liebe gleicht alles aus. Trete nicht zwischen ihre Liebkosungen, sie werden einander so beseligend, dass nur ewige Begeistrung aus beiden stromt. Und hiermit war Deine Ahnung von der Gewalt des Rhythmus wohl auch beruhrt, beweisen wollen wir ja nicht.

Alles, was wir aussprechen, muss wahr sein, weil wir es empfinden. Mehr mussen wir fur andre auch nicht tun; denn das sondert jene nur von dem kindlichen ursprunglichen Begriff. Wir mussen des andern Geist nicht als Gast in unsre Begriffe einfuhren, so wie ein Gast auch weniger das Heimatliche begreift, er muss selbst durch das Mangelnde im Ausdruck auf die Spur des Begriffs geleitet werden, da nur im unverfalschten Vertrauen oder im vollkommnen Hingehenlassen, selbst in scheinbar Nachlassigem (was doch nur vertrauungsvolle heilige Scheu der Liebe ist) sich der Geist oft erst orientiert; zum wenigsten wird's ihm viel leichter.

Mag nicht oft tiefere Wahrheitsspur verschwunden sein, wo nach ihrer Bekraftigung suchend ihr ursprunglicher Keim verletzt wurde?

Haben nicht die geistschmiedenden Zyklopen mit dem einen erhabenen Aug auf der Stirne die Welt angeschielt, statt dass sie mit beiden Augen sie gesund wurden angeschaut haben? Das frag ich in Deinem Sinne die Philosophen, um somit hier alle weitere Untersuchung aufzuheben, und erinnere mich zu rechter Zeit an Deine leichte Reizbarkeit.

Leb wohl! An meinem Fenster gibt's heute zu viel Einladendes, als dass ich widerstehen konnt der Muse, die mich dahin ruft. Leb wohl! Ich habe Dich recht lieb.

Caroline

Mit Dir kann ich so sprechen, Du verstehst es, kein andrer wahrscheinlich. Oder wer musste das sein?

An die Gunderode

Ich war heut drauss bei der Grossmama, sie war allein, den ganzen Nachmittag, und wir sprachen erst von Dir, die Grossmama war einen Augenblick beschaftigt, so lief ich in den Garten, um ihn nach langer Zeit wiederzusehen, aber wie war ich da erschrocken, wie ich auf die Hoftreppe kam, ich erkannte den Garten nicht wieder; denke! Die hohe schwankende Pappelwand, die himmelansteigenden Treppen, die ich alle wie oft hinangestiegen bin, um der Sonne nachzusehen, um die Gewitter zu begrussen, durchgeschnitten! Zwei Drittel davon in grader Linie abgesagt! Ich wusste nicht, wie mir geschah, und alles will ich gern begreifen und lernen, was soll mir das schaden, aber diese Pappeln, die Zeugen meiner fruhsten Spielstunden, die mich als Kind von drei Jahren mit ihren Bluten beregneten, in die ich hinaufstaunte, als ob ihre Hohe in den Himmel reiche. Ach was soll ich dazu sagen, dass die als Stumpfe mit wenig Asten noch versehen nebeneinander stehen, gemeinsamen Schimpf und Leid tragend. Ach ihr Baumseelen, wer konnte euch das tun? Nun ziehen alle fruhen Kindheitsmorgen an mir voruber, wo ich ihre Wipfel von weitem im Gold glanzen sah, und dass sie mir winkten, ich soll mich eilen und kommen, und wie hab ich oft ihre jungen Blattchen betrachtet und keins abgebrochen je! Ach, es schneidet mir ins Herz es war, als konnten sie nicht mehr sprechen, als sei ihnen die Zunge genommen; denn sie konnen ja nicht mehr rauschen. So war ihr Stummsein eine bittere, bittere Klage zu mir, die ich ewig mit mir herumtragen werde und keinem sagen als nur Dir. Du weisst, wie Du oft sagtest, wenn wir da gingen, dass ihr Rauschen mitspreche, und wie sie uns absonderten von der ganzen Welt, und wie sie einen Dom uber uns bauten, und gegenuber die hohe Rosenhecke, die uber die Wand vom Boskett hereinschwankte, die steht jetzt auch ohne Schutz, und die Nachtigallen, die das heilige Dunkel gewohnt waren, wie wird's da sein, wenn die im Fruhjahr wiederkommen! Ach, ich bin betrubt daruber. Die Kindertage, wo ich dort mit dem reinlichen Kies spielte und mit rosenfarbnen Steinchen und schwarzen und gelben bunte Reihen um ihre Stamme legte! Und konnte so versteckt hinuberklettern ins Boskett, wie kann einem doch das Paradies, wo die Seele all ihren Zauber einpflanzt, so jammerlich zerstort werden? Aber bedaure Du mich nur nicht; denn hor nur, als ich zuruckkam zur Grossmutter sah ich blass und zerstort aus, und sie sah wohl die Spuren von meinen Tranen. Sie sah mich an ein Weilchen und sagte: "Du warst im Garten?" Da reichte sie mir die Hand. Was sollt ich sagen? Ich schwieg und sie auch. Sie sagte: "Ich werd wohl nicht mehr lang leben!" Ich wagte nichts zu sagen aber bald darauf machte sie das Nebenzimmer auf, von wo man nach dem Garten sieht, und sagte: "Das Rauschen im Abendwind war meine Freude, ich werd's nicht mehr wieder horen, ich hatt mir's lassen gefallen, wenn ich unter ihrem Rauschen am letzten Abend war eingeschlafen! Sie hatten mir diesen feierlichen Dienst geleistet, die lieben Freunde, die ich jeden Tag besuchte, die ich mit grosser Freude hoch uber mir sah; du hast sie auch geliebt, es war dein liebster Aufenthalt ich hab dich oft vom Fenster sehen in ihrem Wipfel abends steigen, und glaubtest, es sah es niemand nimm meinen Segen, liebes Kind, ich hab an Dich gedacht, wie man sie trotz der schmerzlichen Verletzung meiner Gefuhle verstummelte." Ich wagte nicht zu fragen, wer die Schuld truge; denn das war zu krankend fur die Grossmama gewesen, und ich wusste auch gleich, dass nur aus grausenhaftem Philistersinn solche Untat geschehen konnt; denn der ahnt nicht die tiefsten Wunden, der halt alles fur Empfindelei, was mit den geheimsten geistigen Bedurfnissen zusammenhangt; wie konnte der eine wahrhafte Liebe denken zu einem leblosen Ding; denn so nennt der Philister die Pflanzen, die Baume, die ganze Natur, wie konnte der ahnen, dass ein hochst geistiger Umgang mit ihren schonen untadeligen Erzeugnissen stattfinden konne? Ein Wechseltausch von Empfindungen, der eine reine Leidenschaft zu ihr nahrt und begluckt, wie konnte dem je begreiflich werden, dass ein innerliches Dasein sich in sie ubertragt, und dass, wahrend die ganze Welt vergeblich unter Mitgeschopfen herumschwarmt, von Liebe, von Freundschaft faselt, der begluckte Besitzer eines Baumes, der vor seiner Tur steht, in ihm den Freund gefunden hat.

Die alte hundertjahrige Bas kam mir vor der Tur auch damit entgegen: "Ist's nicht barbarisch? Und dass die Grossmama stillschweigt dazu, warst du nur hier gewesen, es war nicht geschehen."

Ich bin noch einmal in den Garten gegangen, wie es dunkel war; denn am Tag hingehen schien mir beleidigend fur die edlen Baume; ich hab Abschied genommen vom Garten, ich mag nicht wieder hineingehen. Ich hab auch den Gartner besucht im Boskett, der sagte mir, es habe ihn sehr betrubt, dass diese Baume abgehauen waren, er habe so manches sich immer gedacht dabei, jetzt konne er nichts mehr von ihnen sehen und hatt auch die Lust verloren, die Rosenhecke zu pflegen. "Nun!" sagte ich, "aber in Gedanken konnen wir immer alles sehen, was wir lieb haben?" Das gab er zu. "So gebt doch auch die Rosenhecke nicht auf, je hoher sie wachst, je mehr konnt Ihr Euch dabei denken, dass im Gedachtnis alles Schone fortbluht." Das bewilligte er mir, und er meinte, ich solle gewiss nicht klagen, dass er sie versaumt hatte, wenn ich wieder kam. Im Gartner liegt wahres Genie zu einem solchen Umgang mit seiner Umgebung in der Natur.

Noch kurz, eh ich mit Dir bekannt war, hab ich manchmal oben in dem Baumwipfel meine Stimmungen uber die Naturerscheinungen aufgezeichnet; so kindisch und unvermogend mich auszusprechen, ich hab sie in einer Mappe aufgehoben, da schreib ich Dir eines auf zur Gedachtnisfeier.

Vor zwei Jahren geschrieben am Ostermontag

O himmlisch Grun, das unter Eis und Schnee in brauner Hulle sich barg und jetzt dein gluhend Haupt im Antlitz der Sonne kront.

Geliebter Baum! Konnt ich umwandeln doch in dein sanft rauschend Laub jene flusternde Sprossen, die mit glanzendem Finger die Muse bricht, himmlischer Glorie voll, die Stirn zu umflechten dem Liebling, der mit Helm und Speer oder bogengerustet, wo viel goldne Pfeile dahinfliegen, oder Rosse jagend oder mit leichtem Fuss zwolfmal umrennend das Ziel oder aufleuchtend mit der Flamme des Lieds, um sie wirbt.

O Baum, dich umdrangt heute der Bienen Schar, sie ziehen dem Duft nach der honigregnenden Blute, men die Tagesglut in deiner Krone kuhlem Rauschen. Aber dann wurd in deinem Schatten ruhn, der Konig ist am Mahle des Geists, und nahren wurde deine Wurzel die Flut, die den eignen Gott im Busen ihm begeistert, zu alleroberndem Triumph.

Begegne dir nichts, was dich beleidigt, o Baum! Den keiner der Unsterblichen umwandelt. Ich zwar traume den Fruhling in deinem Schatten, und mir deucht von Unnennbarem widerhallen zu horen rings die Walder und die Hugel.

An die Gunderode

Ich lese Deinen Brief und schame mich vor Dir, wie Du so edel und einfach mein verwirrtes Denken zurechtrichtest, und ich kann nicht ans Antworten denken, weil ich so voll Unruh bin. Die Baume kranken mich; ich kann's nicht begreifen, wie die Grossmama sich nicht besser gewehrt hat, das ist ihre zu tiefe Empfindlichkeit, unterdessen hat man ihren Lieblingen den Hals abgeschnitten, man muss sich wehren fur die Seinigen und dem Schlechten in den Arm greifen, der es antastet. Alles Erhabne und Schone ist Eigentum der Seele, die es erkennt, und durch die Erkenntnis ist sie schutzverpflichtet. Alles ist der Teufel, es sei denn reine freie Gewissenswahrheit, und ich weiss keine hohere Anweisung an den Geist als: frag dich selber! Und wenn da einer nicht das Rechte findet, so ist er ein Esel, und alles, was sich Schreckendes dem inneren Willen entgegenwirft, das muss bekampft und verachtet werden, er ist der Ritter, der das Wasser des Lebens zwischen feuerspeienden Drachen und eisernen Riesen schopft, vor seiner Verachtung und seinem Mut werden sie ohnmachtig. In Feenmarchen ist die heiligste Politik und auch die machtigste; ich wollt der grosste Staatsmann werden und die ganz Welt unter meinen Fuss bringen, bloss dass die blaue Bibliothek mein geheimer Kabinettsrat war; und die Leut wurden sich erstaunen, was ich als fur Weisheit besass. Der Grossmama mocht ich's sagen, sie wird es ganz gut aufnehmen; und ich brauch sie auch nicht zu schonen. Was ist? Die Grossmama hat eine tiefe Seele, andre nennen's Empfindsamkeit, Tiefe ist allemal Gewalt, aber sie ist gebunden und die Gewalt weiss nicht, wie leicht sie die Fessel abwerfen kann, hab ich mir doch manchmal den Atem fast ausgeblasen, wenn wir morgens im Wald uns ein Feuerchen wollten machen zu unserm Plasier, und es ist immer wieder ausgegangen, und ich hab's immer am kleinsten Kohlchen wieder angezund't, ich will auch blasen in der Grossmutter ihr Judizium, warum ist sie betrubt, wenn es nicht ist, dass sie dadurch begreifen lernt, was sie den Baumen schuldig war, alle Kraft ist man der Welt schuldig und dem der uns am nachsten steht, am ersten. Alle Anregung ist ein Aufwuhlen des inneren Herzgrund, und das Unkraut muss untergepflugt werden, dass es die Wahrheit muss dungen, ich weiss nicht, was ich sagen wollt; ich bin unruhig, verzeih mir's, ich kann Dir nicht auf Deinen Brief antworten, ich war so gern heut wieder nach Offenbach, aber alles fuhr nach Rodelheim, und wir haben im grossen Himmelspurpurmantel mit eingehullt, auf der Wiese uns amusiert, bis es Nacht war, ich ging mit dem Franz zu Fuss nach Haus, die andern fuhren, der Franz hat mir allerlei Schones und Gutes gesagt unterwegs, ich hing mich mit beiden Handen an seinen Arm und verhopste alles, wie wir an die Bockenheimer Wart kamen, sagte er: "Hang dich doch jetzt an den linken Arm; denn der andre ist mir schon eine Viertelelle langer gereckt, damit der doch auch so lang wird."

Am Montag

Die Meline geht mit Savigny nach Marburg und sagt, ich soll auch mit, ich sag nicht ja, aber die Meline sagt: "Wer soll fur dich sorgen, wenn ich's nicht tu, du wirst hier alles verschlampen, alles vergessen, alles verreissen, alles verschenken, alles verderben, Du musst mit." Kommst Du fruher, als die gehen, so bleib ich hier; denn da hab ich einen Altar, an den ich mich festhalte, kommst Du aber nicht, so weiss ich, dass ich auf dem Glatteis, wie mir's unter den Fuss kommt, dahinfliege ohne Widerstand, es fuhrt mich ja auch ebenso schnell zuruck zu Dir, aber der Savigny schreibt, ich soll Dir sagen, dass er in den Sternen gelesen habe, Du werdest nach Marburg kommen. Da leg ich Dir noch ein Blatt aus meiner Pappelbaumkorrespondenz bei, ich hab doch alle Pfingsten, der ich mich erinnere, unter diesen Pappeln zugebracht, dies schrieb ich ihnen am letzten Pfingstfest, die feiert gekront seinen Sieg. Wie war ich so seelenzufrieden an jenen Tagen, alles ging aus ins weite Feld spazieren, alles fuhr uber Land in schonen Kleidern, ich war auch weiss geputzt, und die Haare schon gelockt und mit flatterndem Band und gelben Schuhen besucht ich schon fruh den Baum; heut konnt ich nicht hinaufklettern, ich hatte Schuhe und Kleid verdorben, darum dauerte mich der Baum, so fuhr ich lieber nicht mit spazieren und hielt ihm Gesellschaft, und weisst Du, was mich der Natur so anhangig macht? Dass sie manchmal so traurig ist, andre nennen das Langeweile, was einem zuweilen so mitten im Sonnenschein wie ein Stein aufs Herz fallt, ich aber leg es so aus: plotzlich steht man, ohne es zu wollen, ihr, der Allgottin gegenuber, ein geheim Gefuhl der unendlich zarteren Sorge, die sie auf uns verwendet, als auf alle anderen Geschopfe, macht uns schuchtern; alles umher gedeiht, jed Staudchen, jed klein Kaferchen zeigt von so tiefer feingegliederter Bildung, aber wo ist auch nur ein Knospchen in unserm Geist, was nicht vom Wurm angenagt war, sind wir nicht von Staub befleckt und zeigt sich ein Blattchen unserer Seele in seinem glanzenden Grun? Wenn ich einem Baum begegne, der vom Meltau oder vom Raupenfrass erkrankt ist, oder eine Staude, die verkeimt, dann mein ich, das ist Sprache der Natur, die uns das Bild einer ungrossmutigen Seele zeigt. Und waren alle Fehler des Geistes uberwunden, waren seine Krafte in voller Blute, wer weiss, ob dann in der Natur noch solcher Misswachs oder schadlich Unkraut war, ob der Brand noch ins Kornfeld kam, ob noch giftige Dolden wuchsen, wer weiss, ob noch solche traurige Augenblicke in ihr waren, die einem das Herz spalten; und man wendet sich ab, weil man nicht ahnen will, was tief im Herzen schmerzlich mit wehklagt. Nein, sie findet kein Gehor, die Mutter, obschon ihre Vorwurfe so zartlich sind, dass sie einem gleich in ihren Schleier hullen mocht, und das Gift der Krankheit mocht sie mit ihren Lippen aussaugen und aus ihrem Blut Balsam mischen, uns zu heilen.

"Beweislos denken ist frei denken!" Dies eine nur lass mich Dir mit einem Beweis noch bekraftigen zum Beweis, dass ich Dich versteh! Denken selbst ist ja von der Wahrheit sich nahren, sonst war's Faseln und nicht Denken, Denken ist, jenen Balsam trinken, den die Mutter aus ihrem Blute mischt, der uns von Schwachen heilt, ist ja Gehor geben ihren zartlichen Vorwurfen; und durch Beweis dem eignen Herzen die Liebe darlegen wollen, die so ohne Ruckhalt sich uns ergibt, ist Beweis genug, dass sie das Herz nicht ruhrte. Die Wahrheit ruhrt das Herz, ist Geist, der augenblicklich hoher steigt im Empfangen der Wahrheit selbst und sich nach Hoherem umsieht. Du bist hoher gestiegen in dieser Erkenntnis der reineren Geistesform, Du hast seine Krucken weggeworfen. Sie sagen: wie will der Geist fortkommen ohne Krukken? Er hat ja keine Fusse! Er wirft des Anstands enges Wams auch noch ab. "Seht, ich habe Flugel!" Und Deine Verteidigung, wie willst Du die fuhren, wenn Du keine Waffen hast, fragen die Philister. "Ich bin Gottathlete, wer mit mir ringen wird, der mag meinen Triumph ohne Waffen um so tiefer fuhlen, ich bin dann, und sie sind nicht mehr, die mit mir ringen; und wen ich nicht uberwinde, der reicht auch nicht an mich heran, mich zu bekampfen." Ja, ich fuhl's deutlich, wie tief recht Du hast, es ist einzig reine und heilige Sprachquelle, die Wahrheit ohne Beweis fuhren. Sprach und Geist mussen sich lieben, und da braucht's keiner Beweise fureinander, ihr gegenseitiges Erfassen ist Liebe, die sich in ewigen Gefuhlen zu den Sternen hebt, Du bist uberwunden, Du bist ein Gefangner des Geistes er besitzt Dich und tritt vor und spricht Dich aus. Gute Nacht! Schon sehr spat.

Vor zwei Jahren geschrieben am Pfingstmontag

Baume, die ihr mich bergt, mir spiegelt in der Seele sich euer dammernd Grun, und von euern Wipfeln seh ich sehnend in die Weite.

Dorthin fliesst der Strom und hebt nicht zum Ufer frohlichen Schiffe der Wind.

Der hellere Tag flieht und mein Gedanke lauscht, ob Antwort vielleicht ein sausender Bote von dir ihm bringe, Natur!

O du! du, der ich rufe, warum antwortest du nicht? Immer gleich Herrliche! Allebendige!

Schauder uber Schauder flosst mir, Herr! Herr! deine Natur ein.

Da senkt sich der Wagen des Donnerers, die Berge hallen, es braust und duftet und weht! Wohin ihr Nebel? Ihr Rauchsaulen? Wohin wandelt ihr alle? Warum bin ich! Warum mich an deinen Busen Natur, wenn nicht erquickend mir's quillt aus deinen Tiefen, wie aus den Bergen quellen die rauschenden Wasser.

Ich hor dich Donnerer, langsam ziehn am windstillen Tag ubers Gebirg, in meiner Seele Saiten tont's nach, sie bebt, die Seele, und kann nicht seufzen.

Lust und Hoffnung, ihr habt oft mich gewiegt wie die rauschenden Wipfel, ihr schienet endlos mir einst wie jetzt mein dusterer Tag.

Da brechen die Wolken und stromen unter dir, Befreier! Und rings trinkt die Erde und deine Donner wohin? Und ihr atmet wieder, Wiegengesang flustert, wogt in eurem Laub, das mich umfangt.

Und ich will gern wieder leben mit euch allen, ihr Baume, die ihr trinkt segnende Strome vom Himmel und frohlich wieder sauselt im Wind.

An die Gunderode

Heut morgen wach ich auf vom Rufen der Italiener, die Parapluies feiltragen, die wahre Lockstimme fur mich, unwiderstehlich, ich denk gleich, der Italiener mag Regen wittern; denn sonst gehn sie nicht so fruh herum, ich lass' die Liesbet den Mann heraufholen und lauf zur Meline die liegt noch im Bett, ob wir nicht einen Parapluie wollen kaufen, mitzunehmen nach Marburg? Die Meline kriegt einen Schrecken sie glaubt, ich hab's Fieber, dass ich nach einem Parapluie frag, unterdessen war il signor Pagliaruggi vor der Tur, und ein grunseidner Regenschirm gekauft, den ich auch gleich probieren wollt, so ging ich vors Tor in die Mess am Main, und so blieb ich bei den Klickerfassern stehen und kauft an dreissig Klicker, einer schoner wie der andre, von Achat und Marmor und Kristall, damit ging ich hinunter am Main, wo die Steinergeschirrleut halten, und besuchte die in ihren strohernen Hutten und die Esel, die mit herzlichem Geschrei mich begrussten, und die kleinen Hemdlosen, die da herumlaufen und klettern und teilt ihnen meine Klicker aus, sie hatten keine Taschen, weil sie nackend laufen, so musst ich ihnen meine Handschuh geben, dass sie die Klicker konnten aufheben, die banden sie sich mit Bindfaden um den Leib fest, das war kaum geschehen, so rief mich ein Schiffer an, ob ich nicht wollt uberfahren. Ich frag: "Es wird wohl regnen?" "Nun, was schad's, Sie haben ja ein Wetterdach bei sich." Wie ich druben war, so denk ich, ich will nach Oberrat gehen zur Grossmama ihrer Milchfrau und da Milch trinken, wie ich an der Milchfrau ihr Haus komm, so sagen die Leut, alleweil ist die Annemarie fort mit der Milch nach der Gerbermuhl, wie ich auf die Gerbermuhl komm, so lauft mir die Annemarie schon fort nach Offenbach mit der Milch, ich sag, ich will mit ihr gehen, sie hat ihre zwanzig Gemuskorb auf dem Kopf und ihre Milchkann am Arm, und so schlendert der gross Gemusturm und ich als hintereinander durch die Hecken, sagt die Annemarie: "Es fangt schon an zu trepele, es werd gleich e dichtiger Schitel komme, warte Se, ich will Ihne ans von dene klene Korbercher gebe, des konne Se uf den Kop setze, do kommt ihne ken Rege an." Nun fallt mir ein, dass ich doch das Wetterdach, den Parapluie mitgenommen hab, wo ist der geblieben? Entweder ich muss ihn haben bei den nackigen Buberchen lassen stehen, oder ich hab ihn im Schiff liegen lassen, beides ist gleich moglich, ich konnt ihn also die Wasserprob nicht halten lassen; so setzt ich der Milchfrau ihr rundes Gemuskorbchen mit Blumenkohl auf den Kopf. Sie sagt: "Sie sehn so schon drunter aus wie die schonst Pariser Madam." Es war recht lustig, es begegneten mir allerlei Leut, die dachten, ich wollt balancieren lernen, der Regen hatte bald wieder aufgehort, so war ich ohne dran zu denken bis Offenbach gelaufen, an der Kastanienallee nahm ich den Korb ab. In der Stadt war recht Sonntagswetter, alles voll Sonnenschein, und in der Domstrass lag auf jeder Haustrepp vor der Tur ein Jolie mit dem blauseidnen Halsband, alle Jolies kennen mich, sie kamen an mich herangebellt, und da kamen die Spitze auch, und Bommer, und endlich auch dem Anton Andree seine englische Dogge mit siebzehn Jungen, die schon ziemlich herzhaft bellen. Die Milchfrau blieb ein paarmal stehen, um das Springen und Toben der Hunde zu sehen und auch aus Furcht, sie mochten ihr den Gemusturm aus der Balance bringen. "Ei", sagte sie, "der turkisch Kaiser kann nicht schoner begrusst werden, die bleiben ja in einem Vivatrufen." So klingelten wir an der Haustur, die Cousine meldete, dass die Grossmama noch schlief, in den Garten wollt ich nicht gehen, ich blieb vor der Tur stehen bei den Hunden, da kam mein guter Herr Arenswald vorbei, er nahm den Hut ab, ich sagte ihm nicht, dass er ihn wieder aufsetzen solle; denn ich hatte gesehen, dass ein Loch drin war, und wollte diese Wissenschaft gern vor ihm verbergen. Er erzahlte mir, er habe diesen Sommer eine Reise nach der Schweiz gemacht, weil er seinem Drang, die Natur dort zu betrachten, nicht habe widerstehen konnen, er bereue es auch gar nicht, obschon es ihm viel gekostet, ja, er glaube, es sei sein letzter Heller draufgegangen, ich war etwas beschamt und wollte ihm bei dieser vertrauten Mitteilung nicht grad ins Gesicht sehen, meine Augen fielen auf seine Stiefel, da prasentierte sich ganz ungerufen der kleine Schelm, sein grosser Zehe, welchen Arenswald durchaus nicht bei der Audienz dulden wollte; denn er druckte ihn unter den Absatz vom andern Stiefel, der leider wie ein schlechtgeschlossner Laden vom Wind auffuhr, wo sollt ich meine Augen hinrichten? Ich sah auf seinen Bauch, da fehlten alle Knopfe und die Weste war mit Haarnadeln zugeklemmt, wo er die mag her erwischt haben; denn er tragt einen Caligula, welches bekanntlich die hochste geniale Verwirrung im Haarsystem ist, wozu man weder Pomade, noch Kamm, noch Haarnadel braucht, sondern nur Staub und Stroh, damit die Schwalben und Sperlinge immer Material fur ihre Bauten da finden. Unterdes erzahlte er mir, es sei ihm in der Schweiz was Sonderbares geschehen, man habe ihm namlich erzahlt, dass es in waldigen Berggegenden eine Art Schnecken gab, die sehr schmecken, und dass es auf dem Weg von Luzern irgendwohin auf einem Berg sehr viel solcher schmeckender Schnecken gibt, er habe solche auch in Masse im Wald angetroffen und einen so starken Appetit danach bekommen, dass er ihrer mehrere gegessen und ganz satt davon geworden sei, als er ins Wirtshaus zuruckkam, verbat er sich sein Mittagessen, weil er zu viel von den so gut schmeckenden Schnecken gefunden, und habe sie mit so grossem Appetit verzehrt, dass er unmoglich noch was geniessen konne. "Wie?" sagte der Wirt, "Sie haben die schmeckenden Schnecken gegessen?" "Nun ja, warum nicht, sagten Sie nicht selbst, dass die Schnecken sehr wohlschmecken, und dass die Leute gewaltig danach her sind, sie zu sammeln?" "Ja, 'sehr schmecken' hab ich gesagt, aber nicht: wohl! Schmecken heisst bei uns stinken, und die Leute sammeln sie fur die Gerber, um das Leder einzuschmieren." "So hab ich also dieses Gerbermittel gespeist und mich sehr wohl dabei befunden", erzahlte Herr Arenswald, wahrend ich sehr errotet in die Luft guckte; denn es war kein andrer Platz da, ohne auf eine grobe Sunde des ganzlichen Mangels zu stossen. Die Schneckenmahlzeit mag nun wahr sein oder auch erfunden, um mir auf eine feine Art verstehen zu geben, dass ihn der Hunger dazu gezwungen. Die Cousine rief mich herein, und Arenswald nahm, wie bei hohen Potentaten, ruckwartsgehend Abschied von mir, woraus ich schloss, dass es von hinten auch nicht besser mit ihm bestellt sein moge. Also erst die Begrussung bei meinem Einzug, der Jubel war turkisch-kaiserlich nach der Milchfrau, der Gemuskorb mit Blumenkohl war meine Kron, den Baldachin, den Parapluie, hatt ich im Schiff gelassen, die erst Audienz war auch mit allen kaiserlichen Ehrenbezeugungen vor sich gegangen, unterwegs hatt ich grossmutige Geschenke gemacht an die nackigen Buberchen, Arenswalds Audienz war auch eine untertanigste Ansherzlegung des menschlichen Elends. Was will ich mehr? Immer hat's mir im Sinn gelegen, ich werde noch zu hohen Wurden steigen.

Ich werd auch geruhen, des schmeckenden Schnekkenfressers ausserordentliche Verdienste um die Selbsterhaltung zu belohnen, durch den Jud Hirsch, der morgen nach Offenbach geht; wenn mir's nur nicht bis morgen aus den Gedanken kommt wie der Parapluie, ein Fehler, den ich mit allen hohen Hauptern gemein hab. Die Grossmama war mir sehr freundlich, wir sprachen von Dir, sie will, dass Du sie besuchst, wenn Du zuruckkehrst. Ich sagte ihr, dass ich, wenn sie es erlaube, nach Marburg gehen werde mit der Meline, diese kleine Ehrfurchtsbezeugung, um ihre Einwilligung zu bitten, schmeichelte ihr sehr, sie gab mir ihren besten Segen dazu, nannte mich "Tochter ihrer Max, Kindele, Madele", ringelte mein Haar, wahrend sie sprach, erzahlte im schwabischen Dialekt, was sie nur in heiterer Weichherzigkeit tut und einem Ehrfurcht mit ihrer Liebenswurdigkeit einflosst, ihr Bezeigen war mir auffallend, da ich vor vier Tagen sie so tief verletzt, beinah erbittert fand uber die Schmach, die ihrem gutigen Herzen widerfahren war. Sie zeigte mir ein Wappen in Glas gemalt in einem prachtigen silbernen Rahmen mit goldnem Eichelkranz, worum in griechischer Sprache geschrieben steht: Alles aus Liebe, sonst geht die Welt unter, es ist dem Grosspapa von der Stadt Trier geschenkt worden, weil er als Kanzler in trierischen Diensten sich gegen den Kurfursten weigerte, eine Abgabe, die er zu druckend fand, dem Bauernstand aufzulegen; als er kein Gehor fand, nahm er lieber seinen Abschied, als seinen Namen unter eine unbillige Forderung zu schreiben; so kamen ihm die Bauern mit Burgerkronen entgegen in allen Orten, wo er durchkam, und in Speier hatten sie sein Haus von innen und aussen geschmuckt und illuminiert zu seinem Empfang. Die Grossmama erzahlte noch so viel vom Stadionischen Haus, worin sie so lang mit dem Grosspapa lebte, wenn ich's nur alles behalten hatt, doch vergess ich die Beschreibung ihrer Wasserfahrten nicht auf dem See von Lilien, wo immer ein Nachen vorausfuhr, um in dem Wald von Wasserpflanzen eine Wasserstrass mit der Sense zu mahen, wie da von beiden Seiten die Schilfe und Blumen uber den Kahn herfielen und die Schmetterlinge und alles weiss sie noch, als wenn es heut geschehen war.

Der Pappeln wollt ich nicht gedenken, die jammervolle Person des Arenswald, der so munter und grun uber sein Elend hinaussteigt ins Freie, hatte mich aus den Angeln der Empfindsamkeit gehoben, ich will wetten, jetzt, wo er Waldschnecken fressen kann, dass er noch viel mehr wagt, und wenn er nur so viel hat, dass er seine Beine reisefertig kriegt, so muss das andre mit und muss allerlei andre Dinge noch dazu fressen lernen. Die Grossmama fing aber von selbst von den Baumen an, bei Gelegenheit des Wappens, sie erzahlte, der Spruch sei wirklich Ersatz dem Grossvater geworden, und er habe oft bei der Einschrankung, in der er spater leben musste, gesagt: "Besser konnt ich mir's nicht wunschen." Das Wappen hing uber seinem Schreibtisch, und da er bei Bauer und Burger in grossem Ansehen stand, so kamen sie oft zu ihm in schwierigen Angelegenheiten, da hat er denn durch den Spruch vom Wappen manchen zur Gerechtigkeit oder zur Nachsicht bewogen, er sei dadurch so im Ansehen gestiegen, dass sein Urteil mehr wirkte wie alles Rechtsverfahren, und mancher, der dem Buchstaben des Gesetzes nach sich durchfechten konnte, hat, um nicht das Urteil des Grossvaters gegen sich zu haben, sich verglichen, und der Kurfurst hat sich auch wieder mit ihm versohnt und ihm vollkommen recht gegeben, aber der Grossvater schlug seine Anstellung aus, die der Kurfurst ihm wieder anbot; er sagte: "Hat mir Gott das Hemd ausgezogen und gefallt's ihm, mich schon auf Erden nackt und bloss herumlaufen zu sehen, so will ich mir keine Staatslivree als Feigenblatt fur den menschlichen Ehrgeiz vorhalten, dem Herrn Kurfurst steh ich zu Diensten in allen gerechten Dingen, so wie mich Gott geschaffen hat, und der sich nicht vor ihm zu schamen braucht; ich mag nicht aus meinem Paradies heraus, denn ich mag mich mit keinem Feigenblatt inkommodieren, ich bin der unverschamteste Kerl von der Welt, und der Kurfurst ist die sittsamste Jungfer, die unter den geistlichen Wurden zu treffen ist, er will keinen seiner Freunde nackt und bloss herumlaufen oder vor sein Angesicht kommen lassen; aber mir gefallt es besser, ganz nackend mit seinen Mummenschanzen herumzuspringen, denn da hab ich den Vorteil, dass sie sich selbst nicht mehr kennen; denn sie wissen so wenig, was das ist, ein Mensch sein, dass einer, der ohne Bemantlung ihnen die Natur eines Menschen, wie sie vor Gott bestehen kann, darstellt, ihnen naturlich zeigen muss, dass sie selber Missgeburten sind." In dieser Art hat der Grosspapa auf des Kurfursten Antrage geantwortet. Die Grossmama besitzt noch eine Korrespondenz, wo mehrere Briefe von des Kurfursten eigner Hand dabei sind, mit den Abschriften vom Grossvater; der Grossvater hatte ein Buch gegen das Monchswesen geschrieben, was gar viel Aufsehen in damaliger Zeit machte, ins Franzosische ubersetzt wurde, das hat mir die Grossmama geschenkt; es war die erste Veranlassung zur Unzufriedenheit zwischen dem Kurfursten und ihm, weil darin so viel Skandal der Monche aufgedeckt ist, und war auch die erste Veranlassung zur Versohnung; denn der Kurfurst gibt ihm in einem Brief sehr recht und sagt: "Wir werden diesem Ungeziefer, das mich mehr plagt als den armen Lazarus, dem ich mich gar sehr vergleiche, seine Schwaren, noch eine Umwalzung in unserer Religion zu verdanken haben, es vergehet keine Woch, dass nicht verdriessliche Berichte dieser unflatigen Monche einlaufen, der Mantel der christlichen Kirche, unter dem sie alle eingekeilt stehen wie ein Ballen Stockfische, reicht nicht mehr zu, ihren Unflat zu bedecken." Schreibt der Grossvater hierauf einen wunderschonen Brief uber Religion und Politik, den ich nicht behalten hab, worin mir aber jedes Wort wie Gold klang, er sagt: in einem grossen Herzen musse die Politik bloss aus der Religion hervorgehen oder sie mussten vielmehr ganz dasselbe sein, ein tatiger Mensch, der seine Zeit anwende, zu was sie ihm verliehen sei, habe sie nicht ubrig, sie in verschiednes zu teilen, so musse denn seine Religion als vollkommner Weltburger in ihm ans Licht treten usw. Dieser Brief ist so herrlich, so seelenrein, so uber alles erhaben, wonach kleinliche Menschen zielen, aber auch so lebendig, dass ich glauben muss, aus einem lebendigen Herzen entspringt alle Philosophie, aber mit Fleisch und Bein und klopfendem Herzen furs Gute, die sich ewig regt und das irdische Weltleben reinigt, gesund macht wie ein Strom frischer gewurzreicher Luft; das tut doch die Philosophie nicht, die aufs Dreieck sich stutzt, zwischen Attraktion und Repulsion und hochster Potenz einen gefahrlichen Tanz halt, die dem gesunden Menschenverstand die Rippen einstossen und er als Invalidenkruppel sich endlich zuruckziehen muss. Und einmal ist doch die naturliche Geschichte unseres Lebens auch unsere Aufgabe, und ich denke, dass wenn der Scharfsinn sich von Hoffart unbeleibter Spekulation losmachte und sich ganz auf den Zustand der sinnlichen Tagsgeschichte wendete: dann musste kein Gedanke so tief oder so erhaben sein, der nicht im irdischen Treiben sich Platz verschaffte und in sittlichem Sinn sich bekraftigt und aufwachst. So wie der Grossvater mocht ich sein, dem alle Menschen gleich waren, Fursten und Bauern gleichmassig auf den Verstand anredete und nur allein durch diesen mit ihnen zurechtkam, dem nie eine Sache gleichgultig war, als lage sie ausser seinem Kreis; er sagte: "Was ich mit meinem Verstand beurteilen kann, das gehort unter meine Gewalt, unter mein Richteramt, und ich muss laut und offentlich entscheiden, wenn ich mich vor Gott verantworten will, dass er mir den Verstand dazu gegeben, wer seine Pfund benutzt, dem wird noch mehr dazu, und er wird Herr uber alles gesetzt." Ja, das bin ich uberzeugt, aber ich glaub nicht, dass die Philosophen dies Ziel erreichen werden, ich glaub eher, dass man auf dem Grossvater seine Weise die tiefste Philosophie erwerbe, namlich den Frieden, die Vereinigung der tiefsten geistigen Erkenntnis mit dem tatigen Leben.

Der Grossvater schrieb noch in einem andern Brief an den Kurfurst uber den Missbrauch der vielen Feiertage und Verehrung der Heiligen, er wollte, dass eine reinere Grundlage eine verbesserte Religion sei. Statt so viel Heiligengeschichten und Wundertaten und Reliquien, alle Grosstaten der Menschen zu verehren, ihre edlen Zwecke, ihre Opfer, ihre Irrungen auf der Kanzel begreiflich zu machen, sie nicht in falschem, sondern im wahren Sinn auszulegen, kurz die Geschichte und die Bedurfnisse der Menschheit als einen Gegenstand notwendiger Betrachtung dem Volk deutlich zu machen, sei besser, als sie alle Sonntagnachmittag mit Bruderschaften verbringen, wo sie sinnlose Gebetverslein und sonst Unsinn ableierten; und schlagt dem Kurfurst vor, statt all dieses mattherzige zeitversundigende Wesen unter seinen Schutz zu nehmen, so soll er doch lieber eine Bruderschaft stiften, wo den Menschen der Verstand geweckt werde, statt sie zu Idioten zu bilden durch sinnlose Ubungen; da konne er ihnen mit besserem Gewissen Ablass der Sunden versprechen; denn die Dummheit konne Gott weder in dieser noch in der andern Welt brauchen; aber Gott sei ein besserer Haushalter wie der Kurfurst, der lasse den gesunden Geist in keinem zugrunde gehen, aber in jener Welt konne nichts leben als der Geist, das ubrige bleibe und gehore zur Petrefaktion der Erde.

Es ist eine einfache edle Korrespondenz, wo der Grosspapa seinen Charakter nicht einmal verleugnet, der Kurfurst schreibt schon und edel, und schon das ist ein Verdienst, dass er ein Wohlgefallen an so tuchtigen Wahrheiten findet; man hielt ihn wegen seinem dicken Leib fur gar nicht besonders geistbeweglich. Ich frug die Grossmama, ob der Grossvater denn Einfluss gehabt habe auf ihn. Sie sagte: "Mein Kind, die geringste Luft hat ja Einfluss auf die menschliche Seele! Warum sollte der reine uneigennutzige Geist deines Grossvaters keinen Einfluss auf den Kurfurst gehabt haben, der eben noch durch die Anerkenntnis des ganzen Landes auf einer so hohen Stufe stand, so dass der Kurfurst gegen sein eignes ungerechtes Verfahren es zugestehen musste." Schon dies beweist auch, dass im Kurfursten eine edle Grundlage war, es war auch gar nichts Geringes, was der Grossvater aufopferte. Er hatte in hohem Ansehen und Wurden gestanden, hatte funf Kinder, die noch so jung waren, und er vertauschte alles mit einer kleinen Hutte in Speier, wo er am Wasser ein kleines Gartchen pflegte und in der Beschaftigung mit diesem sich gar glucklich fuhlte, der Grossvater war auch ein besonderer Liebhaber von dunkelroten Nelken, ich habe mich sehr gefreut, weil ich eine Ahnlichkeit mit ihm hab. Ich war zwei Jahr, als er starb. Er hatte einen Stock mit goldnem Knopf und liess mich mit dem Stockband spielen, ich erinnere mich noch deutlich, wie er mich anlachelte und seine grossen schwarzen Augen mich verwunderten, dass ich daruber den Stock fallen liess und ihn anstarrte, das war das erste- und letztemal, wo ich ihn sah, denn noch an demselben Abend ward er vom Schlag geruhrt. Von diesen Erzahlungen der Grossmama ward mein Gedachtnis so lebhaft geweckt, dass ich glaubte, mich aller seiner Gesichtszuge deutlich zu erinnern, er trug einen zimmetfarbigen Samtrock, und sogar auf einen kleinen dreieckigen Hut mit goldnen Borten besinn ich mich, den er vom Kopf nahm und mir aufsetzte und mich damit vor den Spiegel trug, daran hatte ich niemals gedacht, und jetzt weiss ich diesen Umstand ganz genau. Ist das nicht wie eine Geistererscheinung? Und mag die Liebe nicht Geister beschworen konnen? Denn in jenem Augenblick war ich so begeistert und voll Liebe fur ihn, dass ich meinte, ich musse einen Geisterumgang durch die Kraft meiner Einbildung moglich machen konnen, worin mir der Grosspapa alles Gute, was mir wach wurde, im Kopf einflustern werde, und ich glaub es auch; sollte denn das Wirken so wahrhafter Gesinnung mit dem Tode fur uns aufhoren mussen? Ich sagte dies der Grossmama, die antwortete: "Der Geist deines Grossvaters regiert mich ja jetzt noch, wie hatte ich den Schmerz meiner lieben Baume sobald verwinden konnen, wenn ich mich nicht seiner Lehren erinnert hatte; darum hab ich ja das Wappen der Stadt Trier hervorgesucht und diese Briefe des Kurfursten. Und besonders diesen, wo der Kurfurst ihn wegen seinem Unrecht um Verzeihung bittet und dein Grossvater so wahrhaft grossmutig und doch heiter antwortet. Denn er schrieb dem Kurfursten, er werde nie vergessen, dass er der Grunder seines Gluckes sei, er habe ihm hierdurch Gelegenheit gegeben, sich selber in seiner Gesinnung zu erproben, und da er sich glucklich durchgekampft habe, so fuhle er sich jetzt wohl und in besonderer Glucksstimmung." Sie sagte: Dies bewege sie zur Nachsicht gegen die, welche sie beleidigt haben, es komme drauf an, wie hoch eine Beleidigung aufgenommen werde; man solle keine starkere Schuld dadurch auf andre walzen, Verzeihung sei Aufheben der Schuld, und Gott sei versohnlich durch menschliche Grossmut. Der Grossvater habe gesagt: "Was dir geschieht, das rechne fur garnichts!" Keine Ruge gilt etwas, sie sei denn zum Besten dessen, den man straft, sonst ist jede Strafe unnutze Rache, nur um den elenden Sunder noch elender zu machen und nutzlose Rache sei eine viel argere Sunde am Verbrecher, der dem Menschen heiliger sein musse, insofern er so gut seiner Gnade anheimgegeben sei wie der Gnade Gottes, und Gott sei versohnlich aus menschlicher Grossmut, so musse man aus Liebe die Welt nicht untergehen lassen und allen verzeihen, wozu der Spruch auf dem Wappen auffordere. Und sie tue es ihrem Laroche zulieb, dass sie ohne Bitterkeit es ertrage. Die Baume seien dies Jahr abgehauen, sie selber werde gewiss sie nur kurze Zeit noch vermissen und wolle durch den Verdruss, den sie dabei beweise, keine spatere Reue veranlassen; denn sie wolle, dass alle Menschen glucklich seien und am meisten die Ihrigen, fur die sie so viele Opfer schon gebracht. Vom Grossvater erzahlte sie mir noch, das ganze Land habe ihm Unterstutzung angeboten und er habe auf einem grossen Fuss leben konnen, wenn er gewollt hatte, doch all diese Bezeichnungen, die mit so viel Adel der Seele verbunden waren und von so reiner Gesinnung ausgingen, habe er ausgeschlagen von den Reichen, aber von seinen Bauern, denen er noch vieles geholfen, habe er angenommen, was ihm notig war; denn, sagte er: "Das Scherflein der Witwe muss man nicht verschmahen." Sie hat mir noch manches zu erzahlen versprochen von ihm, als ich so feurig danach war, so werd ich nachstens wieder zu ihr kommen. Das Wappen wollt sie mir aufheben und mir vor ihrem Tod noch schenken, ich hatte lieber den Briefwechsel gehabt. Ich glaub, zu so etwas hatt ich Verstand, es einzuleiten und zu bereichern fur den Druck, da wollt ich wohl noch viel hinzufugen, mir kommt immer nur der Verstand, wenn ich von andern angeregt werd, von selbst fallt mir nichts ein, aber wenn ich von andern grosses Lebendiges wahrnehme, so fallt mir gleich alles dazu ein, als sei ich aus dem Traum geweckt, vielleicht konnt ich hierdurch dem Clemens ein Genuge leisten, der mich zu so manchem aufgefordert hat, was mich ganz tot lasst. Erfinden kann ich gar nichts. Aber ich weiss gewiss, wenn ich diese Briefe des Grosspapa durchlase, es wurde mir alles einleuchten, was dazu gehort, ich weiss noch so viel von ihm, und die Grossmama wurde mir noch manches erzahlen, ich hab sie noch nie ordentlich ausgefragt, und besonders hab ich mich immer gescheut, sie uber ihre religiosen Ansichten zu fragen, weil ich furchtete, sie zu beleidigen, aber bei diesem Gesprach sagte sie von selbst: "Siehst du mein Kind, so tragt die goldne Au der Vergangenheit die Ahren, ohne welche so mancher an Geistesnahrung Hunger sterben musste, und rund um uns, wo die Sonne ihren Lauf offnet und wo sie ihn schliesst, wo sie mit sengendem Strahl die Fluren brennt und wo sie lange ihr freundlich Antlitz verbirgt, allenthalben keimen Blumen, deren vereinter Strauss uns ein Andenken ist an die Kindheit unseres Geschlechts. So gehort die Vergangenheit zum Tag des Lebens. Sie ist die Wurzel des meinen. Dein Grossvater war guter Mensch und guter Staatsburger, er hat als solcher auf Fursten und Untertanen gewirkt und auch bis heute noch auf seine Frau. Eine Vergangenheit ist also nicht fur das wahre Gute, es wirkt ohne Ende, es kommt aus dem Geist, wie dein Grossvater sagte, und alles andre, was verganglich ist, das ist auch geistlos."

Es war Mittag, ich war gern den ganzen Tag bei der Grossmama geblieben, wenn man in Frankfurt gewusst hatte, wo ich war. An der Gerbermuhl begegnete mir Clemente mit meinem verlornen Parapluie, er war gleich hinter mir ubergefahren und hatte ihn vom Schiffmann mitgenommen, war aber bei Willemers geblieben, jetzt fuhren wir zusammen im Sonnenschein unter aufgespanntem Baldachin auf dem Main zuruck. Der Clemens geht morgen nach Mainz, er besucht Euch am End. Beim Primas gestern grosse Parade, alle altadeligen Flaggen wehten. Uber die funf Ellen langen Schleppen mussten die Herren mit hocherhobnen Beinen hinaussteigen, der Primas fuhrte mich ins Kabinett, wo die Blumen stehen, und liess zwei Strausse binden fur mich und die Meline, dies war als eine hohe Auszeichnung bemerkt worden, man hatte grossen Respekt, der sich noch sehr steigerte, als mir der Primas beim Abschied ein Paket gab, sehr sauber in Papier eingesiegelt. Alle glaubten, es sei ein furstlich Prasent, vielleicht ein Schnupftabaksdosen-Kabinettstuck. Kein Mensch bedachte, dass der Primas zu witzig ist, um mir eine solche Albernheit anzutun. Nur wunderte man sich, dass ich mein Geschenk so ohne Umstande, ohne mich zu bedanken, unter den Arm geklemmt habe; ich hatte tausend Spass, die vielen Glossen zu horen und konnte am End vor Vergnugen uber die Neugierde nicht umhin, im Vorzimmer zu tanzen, wahrend mich alles umringte mit Bitten, es zu offnen, wozu ich mich nicht bewegen liess, sonst war der Spass aus gewesen. Besonders qualte die Neugierde den Moritz im grunen Samtrock, der den ganzen Abend alle Spiegel mit der eignen Bewundrung seiner Person besetzt hielt. So wie er die Uberreichung dieses mystischen Pakets gewahr ward, lief er mir nach, dem hatt ich's aber grad nicht gesagt, im Paket war nichts, als was Du wohl schon denken kannst, ein paar alte Judenjournale und die Drusenfamilie fur die Grossmama; ich soll's lesen, was mir eine harte Nuss ist. Sagt ich's, so wurde man den Primas wohl eher fur einen Narren halten, dass er auf mein Urteil einen Wert legt, als mich fur gescheit genug, dieser Auszeichnung Ehre zu machen, so mag's denn die Leut mir im Respekt halten; wussten sie, es sei nur Papier und keine Dose, hielten sie mich zum Narren gehalten vom Primas.

Heut nacht fiel mir ein, dass ich meinen Kanarienvogel dem Bernhards-Gartner geben will, der hebt ihn gewiss gut auf und macht ihm Freud, dann weiss er doch, dass er wieder was von mir erfahrt, es waren doch liebe Tage, wo er mich pfropfen lehrte, Du weisst noch gar nicht alles, was ich da lernte, vom Fortpflanzen der Orangenbaume mit einem Blatt von Nelken und dann will ich ihm auch meine Granatbaume schicken und den Orangenbaum und den grossen Myrtenbaum, er gibt sich gewiss Muh, dass er den zum Bluhen bringt, ich hab so immer furchten mussen, dass sie verdarben im Winter. Das eine tut mir auch leid, dass ich von der Grossmama weg muss, weil sie sich's in den Kopf gesetzt hat, sie werde nicht mehr lang leben wegen den Baumen, sie sagt, sie wolle nicht erleben, diese Baume, die sie so lange Jahre gepflegt habe, im nachsten Jahr im Ofen knattern zu horen. Jetzt mocht ich gern noch so viel von ihr wissen, ich scham mich, dass ich die ganze Zeit so leichtsinnig war, was hatte sie mir alles von der Mama erzahlen konnen, von der ich so wenig weiss, als bloss dass sie angebetet war. Die Grossmama sagte: "Sei versichert, hatte die Venus-Urania noch ein Kind gehabt ausser dem Amor, so musste es das Ebenbild deiner Mutter sein." Manchmal zweifle ich ob ich noch nach Marburg mitgehen soll, meinst Du nicht auch, es war besser, ich blieb hier es ist doch auch schon, wenn ich noch das letzte Lebensjahr der Grossmama recht freundlich mit ihr zubracht, mich durstet nach dem Segen alter Leute, seitdem ich vom Tod weiss, so deucht mir die letzte Lebenszeit eines Menschen etwas Heiliges, und wie ich als Kind so gern Spielsachen, Dinge, die ich liebte, in die Erde vergraben hab, so mocht ich auch meine Geheimnisse, mein Sehnen, meine Gedanken und Ahnungen gern in die Brust legen von Menschen, die keine Forderungen mehr ans Irdische haben und bald unter der Erde sein werden, schreib mir doch daruber! Auf der andern Seite reizen mich die Briefe vom Christian auch sehr, er freut sich drauf, dass ich ein halb Jahr mit ihm zusammen sein werd, wir sind zusammen in unserer Kindheit gewesen und seitdem nicht wieder, er verspricht mir so viel von meinem Dortsein und was und wie er mir alles lehren will, les' die beiden Briefe von ihm an mich und schreib mir, was Du willst, das will ich tun. Adieu und schreib recht bald.

Es ist hier alles beschaftigt mit dem Empfang von Bonaparte, es wird ein grosser Triumphbogen erbaut auf dem Rabenstein, wo der Galgen gestanden hat.

An die Bettine

Was Du von Arenswalds ausserordentlichem Heisshunger nach der Natur schreibst, so dass er daruber sich selbst zu speisen vergisst, dauert mich sehr, versaum's nicht, ihm zu helfen, und schreib mir's, ob Du's auch nicht vergessen hast. Die Geschichte von den Baumen ist hochst betrubt; war's Deine Schilderung oder sind auch mir diese Stimmen, die so friedlich mitrauschten, wenn wir dort wandelten, so zu Herzen gegangen, ich kann mich auch nicht daruber trosten. Wir waren gestern auf dem Ostein, da rauschen die Eichen koniglich. Die Grossmama und die Geschichten vom Grossvater haben mich gefreut und geruhrt, wenn ich auch nicht so viel Interesse an solchen erlebten Dingen hatte, als ich wirklich habe, so wurde mir eine solche Beschaftigung, als diese Erzahlungen aus der Grossmutter Mund zu sammeln, fur Dich sehr schon erscheinen und lieblich. Alles, was das Gemut anregt, erfrischt und erfullt, ist mir heilig, sollte auch im Gedachtnis kein Monument davon zuruckbleiben, hier aber, wo Du zugleich Dich uben wurdest, etwas in konsequenter Ordnung zu behandeln, Deinen eignen Geist in seinen Anschauungen zu entwickeln, wurde es noch mehr Wert haben. Ich hab immer Biographien mit eigner Freude gelesen, es ist mir dabei stets vorgekommen, als konne man keinen vollstandigen Menschen erdichten, man erfindet immer nur eine Seite, die Kompliziertheit des menschlichen Daseins bleibt unerreicht und also unwahr, denn alle Momente mussen immer den einen bestimmen oder begreiflich machen. Dein Verhaltnis zur Grossmama wurde auch schon sein, Dein Sammeln von Deiner Mutter Kinderzugen ein Werk der Pietat, was Dir jetzt und vielleicht spater noch ein grosses Interesse gewahrt, besonders wenn es Dir gelange, es mit dem Dir so eigentumlichen Geist des unmittelbaren Mitfuhlens niederzuschreiben, das alles sehe ich recht gut ein aber ich bin dennoch nicht entschieden, ob ich Dir dazu raten soll; wenn ich uberleg, welcher ungeheuren Zerstreutheit Du in Eurem Haus ausgesetzt bist, der Du unmoglich entgehen kannst; alles Durchreisende, was zu Euch kommt, der Primas, der Dich vorzieht, und wo Du gar nicht ausweichen kannst hinzugehen was das alles die Zeit zersplittert, und wenn Du auch selbst nicht viel Umstande mit Deiner Toilette machst, so wirst Du in dem Nest voll schoner Frauen doch alle Augenblick Dich der gemeinsamen Beratung hingeben und bei Deiner Lebhaftigkeit und Deinem Talent zum Malerischen seh ich schon den Winter vergehen bloss mit Putzwahlen und dergleichen, und die Grossmama wird wenig von ihren Schatzen Dir mitteilen konnen. Marburg ist im Gegenteil ein Nest, wo Du ganz als Einsiedler wirst leben konnen, zum wenigsten kannst Du keiner Zerstreuung dort ausgesetzt sein, die Briefe vom Christian versprechen so viel Gutes fur Dich, Du hast lange nicht mit ihm gelebt; es ist doch auch schon mit ihm, der so viel grosses Genie hat, so reine Begriffe von der Wissenschaft und so tief und so wurdigend mit Dir spricht, wieder eine Weile zusammen zu sein; ein Bruder wird oft auch von der Schwester weggerissen durch allerlei Schicksale, sie begegnen sich vielleicht nicht zum zweitenmal, so muss man denn einen so glucklichen Zufall nicht leichtsinnig verscherzen, und im ganzen genommen, welche Lage deucht Dir edler: jene in der winterlichen Einsamkeit in Marburg in dem engen beschrankten Kreis, aber mit dem lieben Savigny, der so viel hoher steht wie andre, der Dir dann so nah ist und Deine Gegenwart auch zu seinen freundlichen erquickenden Momenten rechnet und Dich gegen Deine eignen Launen verteidigen wird, die so oft ins Trage und Melancholische spielen.

Und ich denke mir darin einen grossen Genuss fur Dich, dass Du die grosse, weite Natur im Winterkleid vor Dir hast; denn die Gegend von Marburg ist sehr schon und lacht einem zum Fenster herein oder ist es Dir lieber in jener Zerstreuung, bald dies, bald jenes beginnend und endlich mit Verdruss an Dir selber verzweifelnd, dass Du zu nichts gekommen bist? Ich glaub, dass Du alle Deine guten Vorsatze sehr erleichtern konntest und Deine Zwecke erreichen, wenn Du von Marburg aus einen korrekten Briefwechsel mit der Grossmama fuhrtest, Deine Briefe wurden ihr gewiss Freude machen, sie wurde nicht versaumen, Deine Fragen nach der Jugend und dem Geist Deiner Mutter zu beantworten so wie nach Deinem Grossvater; Du konntest Deine eignen Bemerkungen hinzufugen und brauchtest nur die Vorsicht zu haben, Deine Briefe von irgendeinem unschuldigen Kopist abschreiben zu lassen, so hattest Du als Nebenarbeit und wahrscheinlich viel vollstandiger und gelungner, wozu Du vielleicht vergebliche Anstalten in Frankfurt machen wurdest das ist meine Meinung, jedoch will ich nicht damit einen Machtspruch getan haben. Leb wohl!

Caroline

An die Gunderode

Buonaparte ist durch und hat seinen Tempel nicht gesehen, der Galgen ist abgeschlagen worden und auf das alte Postament ein Tempel gebaut, ich glaube gar mit seiner Bildsaule, und das Ganze ist illuminiert worden zum Volksfest, wobei noch allerlei Belustigungen vorfielen; dass das Galgenfeld zu diesem Platz ausersehen war, machte besonders den Sachsenhausern Spass.

Clodchen ist krank und liegt auf dem Kanapee, ich bin meistens den ganzen Tag bei ihr und wache auch nachts, wenn sie sich unwohler fuhlt. Es geht hier wieder alles nach der alten Leier, Dein Brief kam zu rechter Zeit, um mit allen Umstanden zusammen mich zu uberzeugen, dass Du recht hast, die Englander sind Hauptpersonen hier; abends wird im Teezimmer vom Moritz die "Delphine" von der Stael vorgelesen, fur mich das Absurdeste, was ich horen kann, ich mach einen Plumsack von meinem Schnupftuch und amusiere die Kinder derweil, das hat den Lekteur nicht wenig verdrossen, ja ich muss fort. Am Montag war Ball bei Leonhardi, um seine neue Einrichtung zu zeigen, lauter agyptische Ungeheuer hat er an die Wand malen lassen. Gestern war schon wieder Cour beim Primas, ich war's so satt, dass ich mich verstekkte beim Wegfahren, sie suchten mich uberall; ich war in meinem Bett versteckt, und der Franz war bos, aber um ihn wieder gut zu machen, hab ich mir eine besondre List ersonnen, ich fand in der Tonie ihrem Kuchenrevier einen grossen Korb mit weissen Ruben, den hab ich vorgenommen mit den Leuten, sie ganz dunn abgeschalt und ausgehohlt inwendig, in jede ein Wachslicht gesteckt und so die ganze Treppe illuminiert und den Vorplatz ich hab bis nach Mitternacht mit zu tun gehabt, es war recht dumm, es war besser gewesen, ich war mitgangen; denn der Primas liess mir sagen, weil ich nicht mitgekommen war, so soll ich am Freitag mit ihm und dem Weihbischof zu Mittag speisen und Fasttag halten. Ja, ich geh fort, ich bin in Gedanken schon unterwegs, die Meline hat auch schon alle Vorkehrung getroffen, ja, ich geh! Es tut mir nichts leid, als dass ich geh, eh Du wieder kommst, dass ich geh, und dass Du hier bleibst, aber ich tu es, weil Du es sagst, weil ich Dich als meinen Genius anerkenne nein, nicht Du aber er nimmt Deine Stimme an, ich freu mich, wenn meine Empfindungen diesen Winter ein bisschen hart frieren ich freu mich auf alles.

Dem Arenswald hab ich, ohne mich im geringsten arm zu machen, Geld geschickt, ich hab beim Durchsuchen meiner Papiere allerlei verloren Geld zusammengefunden, von dem ich gar nicht wusst, dass es da war, ich hab alles in einem kleinen Beutel ihm geschickt und dem Gartner den Kanarienvogel. Eh wir abreisen, geh ich noch mit der Meline hinaus zur Grossmama, dann will ich sie bitten, dass ich, wie Du meinst, Briefe mit ihr wechsle. Adieu, vielleicht schreib ich Dir nicht mehr von hier. Ich bin so lustig, dass ich fortgeh, ich freu mich so drauf, auf die schone Winterlandschaft, die Du mir beschrieben hast, die mir ins Fenster hereinsehen wird ich weiss es schon, ich werd selig sein. Ich hab keine Ruh zum Schreiben, das Reisen steckt mir in den Gliedern, ich spring treppauf, treppab, die arme Claudine, wer wird sie pflegen? Sie hat mir aber versprochen, sie wollt, solang ich fort bin, nicht krank werden; denn ich bin eifersuchtig drauf, wie manche Nacht hab ich da gewacht und simuliert und hubsche Bucher gelesen, aber wenn sie krank wird, so gehst Du wohl als zu ihr. Drauss auf dem Wall war ich auch, um noch von unserm Lieblingsspaziergang Abschied zu nehmen, die meisten Blatter sind schon gefallen, ich ging in einem Rauschen durch, alle Baum regneten noch Blatter auf mich. Der Moritz bleibt also mit seiner "Delphine" hier sitzen, das macht mich auch ganz vergnugt, dass ich das auch nicht mehr anzuhoren brauch.

Bettine

Marburg

Weisst Du denn, wer meine erste Bekanntschaft ist, die ich hier gemacht hab? Ein Jud! aber was fur einer? Der schonste Mann! Ein weisser Bart von einer halben Elle, grosse braune Augen, so schone einfache Gestalt, die ruhigste Stirn, prachtige, majestatische Nase, Rednerlippen, aber von denen die Weisheit suss hervortonen muss. Unser Hauswirt, der Professor Weiss, rief mich und sagte: "Wollen Sie einen schonen Juden sehen, so kommen Sie in meiner Frau ihr Zimmer, sie verhandelt ihm eben ihr Hochzeitkleid." Die Meline wollte nicht mitgehen und war verwundert, dass Weiss uns einlud, einem Handelsjud die Aufwartung zu machen, ich hab's aber nicht bereut, es war ein Bild zum Malen, er sass in einem sehr reinen Rabbiner- oder Gelehrtengewand am Tisch, seine Hand guckte aus dem schwarzen weiten Armel, und das Abendrot leuchtete durch die Scheiben; die Frau Professorin stand vor ihm und hielt ihren Hochzeitkontusch oder war's der von ihrer Mutter, denn es schien sehr altertumlicher Stoff, an beiden Armeln ausgebreitet, ihre Kinder standen zu beiden Seiten und hielten die Schleppe auseinander, es war ein orangenfarbner Stoff mit silbernen Straussen und granatfarbnen Blumen durchwirkt, was sehr schon mit dem starken Abendrot kontrastierte, es war das schonanzusehen, wenn nicht eine Scheu, um nicht zu sagen Ehrfurcht, mich auf dem Platz gehalten hatt, ich hatte diesen Mann nicht mogen als Gegenstand der Neugierde behandeln. Es hatte mir auch was ganz Ratselhaftes, die Leute mit so grosser Ehrfurcht vor ihm stehen zu sehen und ruhig seinen Ausspruch bei einem Handel abzuwarten. Sie sprachen uber eine Summe, wozu noch mehrere andre altertumliche Stoffe gehorten, die auf dem Tisch lagen. Ich tat, als sei ich begierig, sie zu sehen, bloss um mit Anstand noch bleiben zu konnen; denn je langer ich ihn ansah, je mehr fuhlte ich mich angezogen und doch schuchtern, und der Weiss hatt mich gewiss nicht der Tur hinausgebracht, solang er da war, der Jude liess mir von seinem Enkelsohn, der hinter ihm stand, die Stoffe ausbreiten, ich tat, als war ich hochlich erfreut uber das Vert de pomme-Kleid mit Apfelblute, und mein Alter sah mich unterdes von der Seite an, das merkt ich, das machte mir heimlich Freud. Der Professor Weiss sagte: "Nun, Ephraim, mussen wir erst ein Glas Wein zusammen trinken, und Sie trinken auch mit," sagte er zu mir, er schenkte dem Juden zuerst ein, der aber reichte mir sein Glas, ich sagte, dass ich keinen Wein trinke. "Aber nippen konnen Sie doch wohl," sagte er ich nahm's ihm ab und schluckte ein wenig davon, er dankte mir und trank es auf der Stelle aus, dann sah er mich lachelnd an, als wollt er sagen: "Freut's Dich, dass ich Dir so viel Achtung bezeige?" Ich lachelte mit ihm, und ich war ganz rot geworden vor Vergnugen. Weiss sprach noch allerlei mit ihm, was bewies, dass er ihn sehr in Achtung halt. Weiss sagte von mir: "Was meint Ihr, Ephraim, dass wir jetzt so allerliebste Studenten haben, hier wird das erste Semester gehalten, und ich werd Euch bei so feinen Studenten empfehlen, das war Euch wohl ein gross Vergnugen, diesem kleinen Studenten Unterricht zu geben?" Es war ein so liebenswurdiger Adel in allem, was er sagte und wie er den gutherzigen Scherzen des Weiss eine feine Wendung gab, dass sie mich nicht verletzen sollten, dass ich ganz eingenommen von ihm war und mich wirklich sehr in acht nahm, ihm solche Antworten zu geben, die ihm Interesse sollten fur mich geben; zwei Stund hab ich so mit ihm geplaudert, und ich dacht schon drauf, wie ich's machen wollt, dass ich ihn ofter sehen konnt, so sagt ich, wie er wegging an unserer Tur vorbei, dass ich da eine Schwester noch habe, und ich wunschte gar sehr, dass sie auch seine Bekanntschaft machen mochte, er versprach mir, dass, wenn er wieder kame, so wolle er bei mir anklopfen. Ich freu mich recht drauf.

Von Frankfurt hab ich Abschied genommen wie ein Has ubers beschneite Feld jagt, man sieht kaum seine Pfotchen im Schnee, und es war auch kein Jager da, der mich gern geschossen hatt. Beim Primas war ich sehr lustig auf der Fastenmahlzeit, wie ich Abschied nahm, sagte er: "Ich freu mich auf Ihre Wiederkunft," und nahm mich bei der Hand und begleitete mich durchs. Vorzimmer. In Offenbach hab ich alles mit der Grossmutter besprochen, aber in den Garten, der nicht mehr rauscht, konnt ich nicht gehen, um Abschied zu nehmen, so gern ich gewollt hatt und lieber als von allen andern, denn ich war vertrauter mit ihm; dann war ich auch beim Gartner und fragte, ob er meine Baume ins Winterquartier wollt nehmen, und wenn Du aus dem Rheingau kamst, so wurdest Du den Kanarienvogel abholen, er fragte, ob ich den nicht bei ihm wollt lassen, ich versprach ihm, dass wenn Du einwilligst, so darf er ihn behalten, und einer kleinen Koketterie machte ich mich aufs plasierlichste schuldig, ich nahm den Vogel aus dem Kafig, kusst ihn auf sein klein Schnabelchen und sagt: "Adieu, lieber Gartner." Als ich zur Grossmutter zuruckkam, war's schon bald Nacht, die Meline und Tonie wollten zuruckfahren, ich bat sie, noch eine Viertelstund zu bleiben, und wie es schon ganz Nacht war, da hab ich mich doch in den Garten geschlichen und hab die Augen zugemacht, bis ich an den Pappeln war, und hab sie alle getrost mit Worten, denn ich dacht, wer weiss, wie mir's geht, ob ich nicht auch einmal so trostlos dasteh, sollt sich da mein Freund vor mir scheuen, weil's ihm zu traurig ist? Und das Herz war mir viel leichter, ich wurde auch jetzt wieder hingehen, wenn ich noch dablieb, denn wie konnt ich ihnen alles vergelten, wenn ich jetzt nicht wollt mit ihnen sein wie fruher, und das war doch das schonste Geheimnis dieses Umgangs mit ihnen, wenn ich sie jetzt verleugnen wollt, es war grad wie eine ewige Liebe zum Helden, die wie Spreu auseinander fliegt, weil der zum Kruppel geschossen worden. Es ist mir da im Garten recht deutlich geworden und viel empfundner in der Seele, dass das Beleben Genie ist eine Seele, die aus meiner Seele aufsteigt und das, was mich erregt, bewohnt, so zartlich, so edel ich empfinden kann. Die rauschenden Baume haben mich bewegt, davon ist meine Seele wach geworden und ist aufgestiegen und hat jene Baume belebt und sollte diese Seele ihnen jetzt absterben, weil sie irdisch elend sind? Da wurd ich mich ja selbst toten in ihnen. Nein, in jedem Unglucklichen soll man doppelt lebendig werden.

Eh wir abreisten, hatte ich noch manchen Kampf mit den andern, man war nicht einig, ob ich dem Savigny nicht lastig sein wurde, weil man glaubt und gewiss weiss, dass er nichts auf mich halt. Ich halte nun auch eben nichts Besondres von mir; ich hab ihn immer noch wie sonst lieb, und so scheu ich mich gar nicht mit ihm zu leben, obschon er einen Widerwillen gegen meine Natur zu haben scheint, um so glanzvoller erscheint mir Deine Nachsicht mit mir; und er behauptet, ich sei hochmutig manchmal glaub ich's gar, weil er doch gescheiter ist als wir alle und kann also einen Charakter besser beurteilen. Und dann kann ich Dir sagen, freu ich mich ordentlichermassen uber diesen Hochmut und denke, es muss doch wohl auch was hinter mir sein; denn ohne Ursache dazu wurd er nicht drauf kommen; was glaubt er wohl, dass mich so hochmutig macht? Ha ha ha! Das heisst: ich lach! Uber was? Dass der Savigny nichts weiss von meiner zartlichen Neigung fur den Jud und wie ich alle vornehme Leut nicht leiden kann, weil sie mir zu gemein sind, und weil kein Mensch im Haus weiss, warum ich als ubermutig bin, und das ist heut einmal wieder, weil ich ein besonders angenehm Abenteuer hatte; ich war im Garten, der am Berg liegt, und guckte uber die Mauer und sah den Ephraim den Weg heraufkommen. Ich lehnt mich uber die Mauer und liess mein Sacktuch im Wind fliegen, dass er mich sehn sollt; und wie er herankam, sprach ich mit ihm ein ganz Weilchen aber nicht wie gewohnlich die Menschen sprechen. Ich sagte ihm, dass es mir Freude mache, ihn wieder zu sehen und auch darum, weil mir sein Wesen einen Naturmoment vergegenwartige, mit dem sich mein Gesicht und mein Gemut naher verwandt fuhle als mit jedem andern, ich sagt ihm, das sei die Dammerung am Abend; so komme mir sein Blick und sein ganz Wesen vor wie Dammerung, die uber einer erhabnen Natur ausgebreitet sei; in solcher Stunde ist mein Gesicht scharfer und mein Gefuhl sehr zum Vertrauen geneigt. Du kannst wohl denken, dass es der Muhe wert ist, mit ihm zu reden; denn sonst war ich darauf nicht gekommen, ihm so was zu sagen. Er sagte: "Die sichtbare Welt ist trub, aber mit hellem Blick braucht einer nicht lang zu forschen, in wenig Zugen erkennt er, was ihm verwandt ist." Ich sagte: "Aber wie erlangt man einen so hellen Blick?" "Man muss allein die Natur anschauen und kein Vorurteil zulassen, das gibt einen hellen Blick." Ich frag: "Traut Ihr mir das zu, dass ich die Natur mit hellem Blick anschau und ohne Vorurteil?" "Ja!" sagt er, "und ich weiss, dass ich nicht irre und dass Sie scharfsichtig sind." "So hab ich also recht, wenn ich in euch einen begeisterten Mann erkenne?" "Zum wenigsten sind Sie dem Wahren naher als andre, die den Juden fur einen gedruckten Mann halten, innerlich quillt die Freiheit, und ein Tropfen ist genug uber alle Verachtung uns zu heben." Ich horte Leute den einsamen Weg heraufkommen und brach ab, weil mir das Geheimnis schon zu lieb war mit ihm. Ich sagte: "Leb wohl, Jude, denk an unser Gesprach, und wenn du von deiner Reise heimkehrst, komm zu mir."

Wer mag nun scharfer sehen, der Savigny meinen Hochmut oder der Jud meinen vorurteilsfreien, zutraulichen Blick? Ich geb aber dem Savigny nicht unrecht; denn was ist doch die ubergluckliche ubermutige Lust, dass ich ihn mit dem Jud anfuhr, als nur Hochmut? Es haben mir's auch schon mehr Leut gesagt, noch wie ich Abschied nahm, sagte der Moritz, ich sei hochmutig, weil ich behauptete, ich gehe von Frankfurt, dass er seine funf Bande lange "Delphine" abends vorlesen konne, wenn er damit fertig sei, wolle ich wiederkommen. Da schrie das ganze Teegewimmel auf mich ein, ich sei das hoffartigste Ding von der Welt, fur alles scheine ich mir zu gut, von nichts meint ich noch was lernen zu konnen, die "Delphine", von der ersten Schriftstellerin Europas geschrieben, die ennuyiere mich; wenn irgend jemand was Gescheites vorbracht, so lege ich mich an den Boden und strample eine Weile mit den Fussen oder schlafe ein, aber jeder dumme Spass mache mir Vergnugen. Ich sag, ist das Hoffart? Das scheint mir eher Unverstand zu sein, dass ich euch in eurem Genuss nicht nachkann. "Ja, Hoffart ist eben Unverstand." Siehst Du! Es ist die allgemeine Ansicht. Sie haben am End den Savigny mit angesteckt.

Nachstens schreib ich Dir von allem genauer, von der ganzen Gegend, von den Leuten, von unserer Wohnung. Meline wohnt mit mir ganz hoch oben am Berg, Savignys unten, alles ist hier terrassenformig. Adieu, ich muss der Meline helfen, einen Diwan fur uns zurechtpolstern.

Bettine

An die Gunderode

Schon die dritte Woch ist's, und ich hab noch nicht geschrieben und Du auch nicht, was ist schuld dran? Ich hab in der Zeit die neugierig Gegend rund um mich durchspaht, auf dem Boden nach allen Seiten durch die Gaublocher mich orientiert, im dichtesten Laubregen den Wald durchwallfahrtet, von einem hohen Stamm zum andern. Baume sind Baume, aber sie sehen doch verachtlich auf die Menschen herab, die um der Gesundheit willen so hastig unter ihnen herlaufen und nicht einmal den Blick zu ihnen hinaufrichten; ich hab dort mit dem Savigny die ganze motionmachende Fakultat begegnet; im mottenfrassigen Pelz, Nebelkappe, grossen Filzschuhen und antiken Stiefelmanschetten durchkreuzen sie die Wege. Hugeliger Boden, dichtes Moos uberglast vom Reif, reine kalte Luft, die herzhaft macht, alles neu, uberraschend, die Muse fuhrte mich uber Stock und Stein und schenkte mir den ganzen Wald fur Dich, ich hab auch bei jeder vornehmen Waldkrone stillgestanden und bis zum Wipfel betrachtet und zum Zeichen der Besitznahme mit dem Stock dran geschlagen, jetzt lass den alten Kurfurst von Hessen-Kassel meinen, was er Lust hat, der Wald gehort Dein, und wenn ich drin herumlauf, so hab ich meine Freud, dass ich auf Deinem Grund und Boden bin. Im Fruhjahr muss es hier sein, wie inwendig in der Seel; Fruhling draus, Fruhling drin, ein Wille und ein Tun bluht der Apfelbaum, so hab ich rote Backen, sturzt sich der eigensinnige Bach die Klippentrepp hinab, so setz ich ihm nach und spring kreuz und quer uber ihn weg, ruft die Nachtigall, so komm ich gerennt, und tanzen die Muhlrader mit der Lahn einen Walzer ins Tal hinab, so pfeif ich auf dem Berg ein Stuckchen dazu und guck uber die rauchenden Hutten und uber die schirmenden Baume hinaus, wie sie ihren Mutwill verjuchzen und der Muller und sein Schatzchen auch, die denken, kein Mensch sah's. Morgenruhrung, Abendwehmut wird nicht statuiert, in den Hecken bluht Fruhlingsfeier genug, Schnurren und Summen und Windgefluster. Aber weil's Winter ist und kein Fruhling, so wollt ich nur sagen, wie alles so herzhaft und sorgenfrei ist in der Natur hier, so unverhehlte Lebenslust, man musste sich schamen, der Ahnungswehen und Sehnsuchttraume, statt lustig mit zu grunen und zu sausen und zu platschern; ich mein nur, es ist nicht moglich, hier mitten im drallen Hessenland anders zu sein als das heimatlich Fleckchen Welt selbst, was so kugelig unter Deinen Fussen, Dich kollernd, stolpernd hinab und hinan verlockt und doch uberall so herzlich Dich einladend zum Sitzen, zum Ruhen am Rasen, am Berg und in Dir selber. Es haben sich fruhe Wintertage eingestellt, Meline leidet am Hausfieber, woran hier alles krank liegt, Gunda auch geht wegen Unwohlsein alle Tage vor Sonnenuntergang zu Bett. Savigny wohnt mit ihr in einem andern Teil des Hauses, der unter unserer Wohnung liegt, durch Terrassen und Hof geschieden; so bin ich ganz allein mit der Meline, die hubsch ruhig im Schlafzimmer nebenan liegt. Diese Einsamkeit erquickt und ergotzt mich. Der schwarmerische Hausarzt ist Poet, er bringt Gedichte, die er in der Dammerungsstunde vorliest Traume, Schaume, Liebe, Triebe gleiten sanft am Gestade meines Ohrs dahin; man reicht dem Doktor die Hand, er druckt sie mit stillem Ernst, mit seelenvoller Miene; weiter wird nichts gereicht von Lob. So schwillt die Knospe des Leichtsinns leise, leise in der Brust, bald wird sie bersten und in einen frohlichen Blust ausbrechen, so nennen die hessischen Bauern die Blute. Nichts von Ruhrung, Erhabnem, Verinnigung, Wonnegefuhl, Begeistrung und aller gebildeten Geisteswirtschaft. Was ich an mir selber bin, das teil ich Dir mit und strenge mich nicht mit Verschonerungsprinzipien der Sittlichkeit an, ich muss einmal erproben, was meine Seele fur einen Ton angibt, ob sie vielleicht von Natur so derb ist wie's liebe Hessenland. Ich fang an zu glauben, dass ich gar nicht furs Gesellschaftliche geboren bin, konnt ich je meiner Phantasie nachgeben, ohne mich zu erhitzen uber den sinnlosen Widerspruch der andern? Und bin ich nicht eingeschlafen beim Primas uber dem Gesumse von geputzten Leuten und hab ich mir nicht eingebild't, meine liebsten Leut waren verruckt geworden mit dem Jabot von Point d'alencon, der eine halbe Elle vorstand und mit brillantnen Knopfen und mit und mit einem Haarbeutel hinten angeklemmt, hab ich mich da nicht zu tot geschamt, dass einer mit einem Haarbeutel so vergnugt herumlaufen konnt, als war's ein Verdienst, und ist's nicht auch beschamend fur die freie Seele, sich ausserliche Zeichen des Wahnsinns anzuhangen auf Befehl, dass Buonaparte damit geehrt soll werden? Der George hat seinen Haarbeutel aber abgerissen und ihn mitten in den Salon unter die Leut geworfen, die Konigin von Holland schlurrte ihn mit der Schleppe durch alle Zimmer, ich hab's gesehen und mich druber heimlich erlustigt. Aber bloss, um nicht zu sehen, was all fur dummer Wahnsinn dort an der Tagesordnung ist, mag ich den Winter nicht hin, man kann sich nicht lang amusieren mit den Albernheiten, die der Kreis von Menschen ausgehen lasst, der sich die gebildete Welt nennt und sonst keine Grundlage. Eine hat der andern dicht neben mir in ihr Halsband gebissen, um zu sehen, ob es wahr sei, dass ihre Perlen echt waren, und hat sich sehr geargert, dass sie nicht entzweigingen, und so argert sich alles uber alles, was echt ist, und so konnt ich doch nichts Besseres und Christlicheres tun als lieber einschlafen, ich hab's auch dem Primas gesagt, wie er mich geneckt hat; es sei, um Argernis zu vermeiden; denn ich sei echt, und es kommt mir ordentlich herabwurdigend vor, mich unter ihnen herumzutreiben. Hier bin ich glucklich durch die Freiheit, in der freien Natur herumzuschwarmen, in deren Mitte ich wohne. Des Einsiedlers Klause in tiefer Wildnis kann nicht mehr mitten ihr im Schoss liegen als ich, ja, ich darf mich selbst als einen Teil von ihr empfinden, was mich nicht beschamt wie die Gesellschaft, dass ich ihresgleichen bin, aber mich freudig und selbstfuhlend macht, dass sie so gut gegen mich ist vor andern. Wenn ich aus dem Fenster im Schlafzimmer so grad auf den winterlich grunen Berg steigen kann und dann hinunter und hinauf, auf alten gefahrlichen Mauern, die bald einbrechen, bald himmelan steigen, bis zum Wall vom alten zerfallnen Festungsschloss oben auf dem Berg uber Locher und Hecken, wo nur Kuhnheit und Leichtsinn sich hin wagen und nicht eine menschliche Erscheinung in der Weite umher so recht allein und laut hallend kann ich mit ihr sprechen, es hort's keiner, und jetzt, wo ich bekannt schon bin, nickt jeder Strauch mich freundlich an mit den paar braunen Blattern, die ihm der Winterwind noch nicht genommen hat, wenn ich wieder komm und setz mich neben ihn auf die Mauer und schwindelt mir nicht; ach, welch Vergnugen zu klettern, wie entzuckend die kecke Jugend! wenn ich auch manchmal mit geschundnem Knie, wie heut, oder aufgerissnem Arm heimkomm, das fuhl ich gar nicht, ja, wenn mir recht ist, freut's mich gar! Werd hart, sagte der Schmied im Wald und schlug das gluhende Eisen auf dem Amboss, das horte der Thuringer Landgraf und ward hart wie Eisen. Werd hart, rief ich heut auf der gefahrlichen Mauer, von der ich hinabglitt, weil ich nicht anders hinunterkommen konnte, und da hat mir's auch gar nicht weh getan. Werd hart, sagt ich, wie ich zur Meline ins Zimmer eintrat, die gar erschrecken wollt, als sie die Blutspuren an meinen Kleidern sah, ich musste leiden, dass sie mich ein bisschen heilte mit beaume de chiron; du wirst noch Hals und Bein brechen, prophezeite sie, wo jetzt so viel glatte Stellen am Berg sind vom schmelzenden Schnee. Ich schrieb's hierher, wenn's geschieht, so hat sie richtig prophezeit. Aber gewiss, solche Ubungen, die einem die Natur lehrt, sind Vorbereitungen fur die Seele, alles wird Instinkt auch im Geist, der besinnt sich nicht, ob er soll oder nicht, es lehrt ihn das Gleichgewicht halten wie im Klettern und Springen, es entwikkelt eine Kraft, die degagiert und detachiert; das heisst: das Sehnen nach einem Pfeiler, sich in der Welt anzulehnen oder nach einem Stock, um weiter zu kommen, wird einem lacherlich; bald merkt man, dass man auf ziemlichen Wegen recht gut allein gehen kann, und auf steilem Pfad lasst sich durch Ubung grosse Freiheit erwerben. Angstlichkeit und Unerfahrenheit verleiten doch nicht nach dem ersten Strauch am Weg zu greifen, der durch Biegen und Brechen zum Verrater wird und dem Vertrauen den Hals bricht; und ich mocht wissen, ob der ganze innere Mensch nicht deutlich und kraftig hervorgehen konnt aus dem aussern, und ob "auf dem Seiltanzen" nicht eine hohere diplomatische Kunstanlage entwickeln konnt wie all der Wust von Intrigengeist und Korrespondenz voll Leerheit und Observanzen voll Kleinlichkeit oder "mit Anmut auf dem Eis Schlittschuh laufen", ob das nicht lehren konnt, ohne Selbstverletzung eigner Wurde, zwischen allen Verkehrtheiten mit leichter Grazie sich durchwinden, und ob ein wildes Ross bandigen, mit Kalte und Ruhe, nicht auch die Kraft in der Seele weckt, den eignen Zorn zu bandigen und mit Gelassenheit das Gute aus dem Bosen entwickeln in andern und zur Selbstbeherrschung in der Gefahr, oder auch eine rasche Flamme der Selbstbesonnenheit, mit der wir einen Entschluss fassen und freudig begrussen das Hohere, sei's auch aus unmundigem Geist ersprosst, und nicht fort und fort die alte Schlangenhaut anbeten, die der Gotterjungling, der Genius, der uber den Zeiten schwebt, langst von sich schleuderte. Ja ob uberhaupt dies freie Bewegen in der Natur, dies Uben aller Krafte in ihren Reizungen, so wie es die Glieder ausbildet und starkt, nicht auch die inneren Seelenkrafte starkt, dass sie zu hoch, zu edel fur diese erbarmliche Weltschule, der Schere entwachsen, die nicht mehr hinanreicht, um sie zurecht zu stutzen; dass sie das Kleinliche nicht mehr ertragen, sondern ubern Haufen sturzen. Ebenso wie ich in der einsamen Natur keinen frage, soll oder soll ich nicht da hinuber springen, sondern mich auf den eignen Trieb verlasse; sollte eine innere Kraft nicht auch fur den Geist gutsagen? Und bedurfen oder suchen wir vielleicht nur deswegen Rat, weil wir furchtsam sind? Kommt's uns zu fabelhaft vor, dass der Geist, inmitten unserer, aufsteigen konnte, der uns die Weisheit des Himmels kundtue? Nun, was vermag uns denn, lieber der unserem Instinkt fremden Macht des alten Vorurteils uns zu unterwerfen, als jenes Instinktes jungem Keim nur so viel Luft und Licht zu lassen, dass er aufbluhen konne? Der hohere Geist kann nur aus sich selbst sich erzeugen; denn der machtige Trieb der Entwicklung in uns ist grade nur, was uns der Entwicklung bedurftig macht, und also ist jedes freie Geistesregen schon ein Vorrucken des Keims, also: den innern Geist walten lassen und keinen fremden, ist, was ihn erzeugt. Und war's nicht tausendmal besser, wir fehlen aus eignem Irren als auf fremden Rat? Wenn einer in die Heimat will und lauft uber die Grenze, um nach dem Eingang zum eignen Haus zu fragen? Wie ist das? Werden da nicht die heiligen Krafte, deren Gesamtmacht wir Gewissen nennen, im Keim erstickt; wird da nicht aller Ahnungstrieb stocken, des Geistes Spurkraft absterben? Und wenn ich die eigne Stimme schweigen heiss und einer fremden folge, dann bin ich nicht mehr in eigner Macht und muss mir's aufburden lassen, dass ich aus Rucksichten mein besseres Selbst verwerfe. Hor! Wenn ich eine schwierige Aufgabe im Leben hatte, ich wurde nicht zu erfahrnen Weltleuten gehen, die zu fragen, nicht zu solchen, die es verstehen mit dem irdischen Leben einen Handel abzuschliessen, nicht zu denen, die das Recht der Welt handhaben, ich wurde die Unmundigen fragen; ich wurde denken, die Kinder haben die himmlische Weisheit, zu der wir mussen zuruckkommen, wenn wir das Rechte tun wollen, was eigentlich unser Teil am Himmelreich ist; denn wir bauen selbst den Himmel durch unser edles freies Tun, sonst kommt er nicht zur Welt; aber es ist Verwirrung in aller Sprache, jeder will das andre, und keiner versteht den andern, und drum kann die innere Stimme allein die Sprache des Rechts wieder lehren; o, wer sie sprechen lasst, der tut Grosses und bleibt dennoch einfache Natur; denn Natur ist gross, und der Mensch soll gross werden; wachst er am Leib und breitet seinen Stamm aus, so soll er auch am Geist wachsen und seinen Stamm ausbreiten. Und wie in der sinnlichen Natur Nahrung, Pflege, Wachstum, Sicherung aus dem eignen Organismus sich hervorbildet, warum nicht im Geist? Was ist Geistesleben als sein Entstehen durch sein Erzeugen? Und was lassen wir weniger zu, als dass er sich frei bewege, und das geht schon so von Ewigkeit zu Ewigkeit, dass er uns mit den unwurdigen Ketten in den Ohren klirrt, und wir furchten uns vor diesem Klirren und halten die Ohren zu, und ein reines Hervortreten des Geistes wurde die Welt umsturzen, ja! Aber wie himmlisch wurde sie aus ihren eignen Trummern aufbluhen! Ist Furcht nicht ein boser Damon? Furcht vor dem Irren ist Menschenfurcht; horchten wir auf die Kinderstimme in der Brust, dann wurde die Furcht vergehen ist Irren Irrtum? Kann's nicht bloss freies Wandeln sein? Versuch in einer urteiluberschwingenden Sphare sich zu bewegen? Ist Urteil nicht ein Schlachtmesser, mit dem wir die neugeborne Geistesfrucht im Leib des Irrtums toten? hat's einer so weit gebracht im Geist, dass er wie der kuhne Gemsjager ohne Schwindel uber die Spalten und Schluchten setze, mit treffendem Sprung mit Leidenschaft das Wild ereilend? Was ist doch Leidenschaft? Ist es nicht jene ungeubte Kraft, die sinnlich ausbricht und sich uben will! Sei's die Spur der Gemse, die der Jager verfolgt, wenn nicht jener weissen Hindin mit goldnem Geweih, die lockend tausend Umwege macht, ihn ins Dickicht zu leiten, wo im Eingang von Labyrinthen ratselhafte Machte ihn ergreifen, die sein Aug beruhren und sein Ohr, dass er begreife, was nur unschuldvoller, kuhner, sich selbst regender Geist ahnen und fassen kann. Ach, konnt ich nur ins Tirol reisen, um meinen Geist frei zu machen auf der Gemsjagd dann wurd ich gewiss mir selbst genug sein und das Grosse, zu dem mein Geist Anlag haben konnt, sollte nicht zugrund gehen, es sollte recht nach allen Seiten hin machtig sich zeigen.

Der Molitor hat mir einen Erziehungsplan geschickt von Herrn Engelmann, weil ich so gern mit ihm in die Musterschule ging, muss er glauben, Erziehung interessiere mich uberhaupt; das war aber nur wegen der armen Judenkinder, die dort mit den Christen zusammen ihr kleines Fleckchen Anteil an menschlicher Behandlung hatten, und wenn ich sagen soll, so schien mir dies eine Alleinerziehung; namlich: Kinder gleichen Alters, gleicher Fahigkeiten fruh dran zu gewohnen, dass sie auch gleich menschliche Rechte haben, sie mogen Juden oder Christen sein; sei also so gut und mache den Molitor mit dem bekannt, was ich hier uber meine eigne Erziehung sage, dass ich's mit Klettern zu zwingen suche, mich vor bosen Fallstricken zu bewahren, die meinen Geist darnieder werfen, um ihn nachher zu knebeln, dass aber die Gedanken "uber Erziehung und Unterricht besonders der Tochter" von Engelmann mir nicht einleuchten, da die beste Erziehung die ist, wenn er sie Gott anheimstellt, so sind neunzig Karolin zuviel. Hier lege ich Dir ein Blatt ein, das gib dem Molitor und sag ihm beilaufig, ich zahle es zu den Philistertorturen, einem mit so was zu behelligen, Leute, die solche Erziehungsplane aushecken, mogen ihre eigne Verkehrtheit dran setzen, sie zu beurteilen, sie wurden sich von mir nicht bedeuten lassen, sie wurden schreien, ich schutte das Kind mitsamt dem Bade aus, und das tu ich auch; denn das Kind ist ein garstiger Moppel und soll nicht im Bad sitzen wie ein Menschenkind. Es tut mir ordentlich leid, dass ich hieruber hab an ihn schreiben mussen, ich mag nicht meine Feder mit philisterhaftem Zeug besudeln, es ist mir Sunde, ich hab's diesmal nur aus Gutmutigkeit getan, aber ich schreib nichts wieder, tu mir den Gefallen und sag's ihm, er soll mich ungeschoren lassen mit allem, was schon da ist und was noch kommen wird, aber die Sulamith soll er schicken, sooft sie herauskommt, wenn's auch ungefuges Zeug ist; ich muss alles wissen uber die Juden, wenn ich nach Frankfurt zuruckkomm, der Primas liest's auch. Fur den Primas will ich Dir einen Auftrag geben, richt ihn ja punktlich aus, ich hab an die Grossmama geschrieben, dass sie an Dich die Drusen-Weihe zuruckschicke, packe beiliegenden Brief an den Primas dazu und schicke es an den Weihbischof ins Taxische Haus, mache eine doppelte Adresse die oberste an den Weihbischof, der wird's ihm zuruckgeben oder nachschicken, wenn er in Aschaffenburg ist, verschieb's nicht.

Bettine

Ich hab unwillkurlich meinem Brief da mit Auftragen ein End gemacht und wollte Dir noch so viel anders sagen uber Moose und uber Pflanzen, die ich im Wald gefunden hab, reine architektonische Figuren. Sind Worte nicht einzelne architektonische Teile? Sind sie nicht symmetrisch zu ordnen im Gedanken? Ein Wort ist immer schon an sich, aber Gedanken sind nicht schon, wenn die schonen Worte nicht in einer heiligen Ordnung ihn aussprechen; es gibt aber eine gewisse romantische Unordnung oder vielmehr Zufallsordnung, die so was Lockendes, ja ganz Hinreissendes hat in der Natur; die einem so mit Lust und Lieb durchdringt, dass sie allen Luxus und alle Erhabenheit weit uberwiegt in ihrer Verwandtschaft mit der Seele; so hab ich mir immer gedacht, wenn in Feenmarchen uber Nacht ein prachtiger goldner Palast entstand gegenuber der Hutte von zwei Bettelkindern, wie traurig es sei, dass die nun die Mooshutte verlassen mussten, um in den stolzen Palast zu ziehen, und dann war mir bang, er konne die Gegend verstecken, und nichts deucht mir schoner, als wenn die Natur ihre Launen zartlich durchflechten kann, wo der Mensch etwas einrichtet; sollte das nicht im Gefuhl, im Gedanken auch sein? Sollte Poesie nicht so vertraut mit der Natur sein wie mit der Schwester und ihr auch einen Teil der Sorge uberlassen durfen? So dass sie manchmal ihre geheiligten Gesetze ganz aufgab aus Liebe zur Natur und alle sittlichen Fesseln sprengt und ihr sich in die Arme sturzt voll heissem Drang, ungehindert nur an ihrer Brust zu atmen. Ich weiss wohl, dass die Form der schone untadelhafte Leib ist der Poesie, in welchen der Menschengeist sie erzeugt; aber sollte es denn nicht auch eine unmittelbare Offenbarung der Poesie geben, die vielleicht tiefer, schauerlicher ins Mark eindringt, ohne feste Grenzen der Form? Die da schneller und naturlicher in den Geist eingreift, vielleicht auch bewusstloser aber schaffend, erzeugend, wieder eine Geistesnatur? Gibt's nicht einen Moment in der Poesie, wo der Geist sich vergisst und dahin wallt wie der Quell, dem der Fels sich auftut? Dass der nun hinstromt im Bett der Empfindung, voll Jugendbrausen, voll Lichtdurchdrungenheit, voll Lustatmen und heisser Lieb und begluckter Lieb; alles aus innerer Lebendigkeit, womit die Natur ihn durchdringt?

In Deinen Gedichten weht mich die stille Saulenordnung an, mir deucht eine weite Ebne; an dem fernen Horizont rundum heben sich leise wie Wellen auf beruhigtem Meer die Berglinien; senken und heben sich wie der Atem durch die Brust fliegt eines Beschauenden; alles ist stille Feier dieses heiligen Ebenmasses, die Leidenschaften, wie Libationen von der reinen Priesterin den Gottern in die Flammen des Herdes gegossen, und leise lodern sie auf wie stilles Gebet in Deiner Poesie, so ist Hingebung und Liebesgluck ein sanfter Wiesenschmelz tauigter Knospen, die auf weitem Plan sich auftuen dem Sternenlicht und den glanzenden Luften, und kaum, dass sie sich erheben an des Sprachbaus schlanker Saule, kaum dass die Rose ihren Purpur spiegelt im Marmorglanz heiliger Form, der sie sich anschmiegt; so verschleiernd der Welt, Bedeutung und geheime Gewalt, die in der Tiefe Dir quellen durchwandelt ein leiser schleierwehender Geist jene Gefilde, die im Bereich der Poesie Du Dir abgrenzest. So ist mir immer, wenn ich mich erkuhne, aus meinem kindischen Treiben hinaufzuschauen nach dem Deinen, als sah ich eine geschmuckte Braut, deren priesterliche Gewande nicht verraten, dass sie Braut ist, und deren Antlitz nicht entscheidet, ob ihr wohl ist oder weh vor Seligkeit. Mir aber liegt ein Schmerz in der Seele, den ich oft unterdruckte in Deiner Gegenwart, und was mir schwer war; aber eine geheime Sehnsucht, Dich Dir selber zu entfuhren, Dich Dir selber vergessen zu machen, nur einmal jene Saulengange, vor denen die Myrte schuchtern erbluht, zu verlassen und in meiner Waldhutte einzukehren, auf ihrer Schwelle am Boden sitzend mit mir, von tausend Bienchen umsurrt, die sich satt trinken in meines Gartens bluhenden Kelchen, von den Tauben zartlich umflattert, die unter mein Dach heimkehren am Abend und da mehr zu Haus sind, mehr Wirtschaft machen als Freundschaft und Liebe der Menschen, denn sie behaupten ihr Vorrecht, alle Gedanken zu ubertonen mit ihrem Gegurre. Ja, so erschein ich mir im Geist gegen Dir uber, Du mein liebstes Gut! So seh ich Dich dahinwandeln, am Hain voruber, wo ich heimatlich bin; nicht anders als ein Sperling, vom dichten Laub versteckt, den Schwan einsam rudern sieht auf ruhigen Wassern und sieht heimlich, wie er den Hals beugt mit reiner Flut sich uberspulend, und wie er Kreise zieht, heilige Zeichen seiner Absonderung von dem Unreinen, Ungemessnen, Ungeistigen! Und diese stillen Hieroglyphen sind Deine Gedichte, die bald in den Wellen der Zeiten einschmelzen, aber es ist segenwallender Geist, der sie durchgeistigt, und es wird einst Tau niederregnen, der aufstieg von Deinem Geist. Ja, ich seh Dich, Schwan, ruhig Zwiesprache haltend mit den flusternden Schilfen am Gestade und dem lauen Wind Deine ahnungsvollen Seufzer hingebend und ihnen nachsehend, wie er hinzieht, weit, weit uber den Wassern und kein Bote kommt zuruck, ob er je landete. Aber keinen Geist tragen die Schwingen so hoch, dass er die Weite erfasse mit einem Feuerblick, es sei denn, er fache das heilige Schopfungsfeuer mit seinem Atem an, und so werden Flammen aufsteigen, bewegt vom Gesetz Deines Hauchs aus Deiner Seele, und zunden im Herzen jugendlicher Geschlechter, die, knabenhaft mannlich sich deuchtend, nimmer es ahnen, dass der Junglingshauch, der ihre Brust ergluht, niemals erstieg aus Mannergeist. Was denk ich doch? Der Geist atmet, denk ich? Ihn nahren die Elemente, er trinkt die Luft, dies feine Beben und Treiben in ihr. Auch in und unter der Erde zeugen Gesetze, sittliche und burgerliche der Natur. Die Luft vermahlt sich mit der Erde als Geist mit dem Wort; und dass des Windes Brausen, der Fluten Sturzen Lebensmelodien aussprechen; und dass jedes Wesen in sich, auch jede Liebe, jede Sehnsucht und jede Befriedigung in sich trage und die Flamme die Pforte sprenge zu ewiger Verjungung, das denk ich. Dir mehr wie jedem gehort der goldne Friede, dass Du geschieden seist von aller Storung jener Machte, die Dich bilden; und drum mein ich als, ich musse Dich einschliessen und Wachter vor Dir sein, und dass ich nachtlich mocht an Dein Lager treten und gesammelten Tau auf Deine Stirne tropfeln ich weiss nicht, was Du bist, es schwankt in mir, aber wo ich einsam gehe in der Natur, da ist es immer, als suche ich Dich, und wo ich ausruhe, da gedenk ich Deiner. Es ist eine alte Warte hier am Ende des Berggartens, eine zerbrochne Leiter inwendig, die keiner zu ersteigen wagt, fuhrt da hinauf, ich kann mich aber hinaufschwingen mit einigen Kunstsprungen, da bin ich also ganz allein und sehe wie weit? Aber ich sehe nicht, ich trage mich hin, wo's in der Ferne nur nebelt und schwimmt, und fordere nicht Rechenschaft vom Auge, froh, dass ich allein bin, und dass mein gehort, soweit ich mich fuhle, da oben bin ich mit Dir, da segne ich die Erde in Deinem Namen. Und leb wohl, bald schreib ich mehr und deutlicher, ich fuhl in diesem Brief ein elektrisch Beben, wie wenn ein Gewitter sich unter den Wogen hebt, und doch weiss Jupiter Tonans noch nicht, ob er seinen Konsens dazu geben soll.

Bettine

An die Bettine

Meine Abwesenheit von Frankfurt hat gedauert bis im Anfang dieser Woche, ich dachte sicher Briefe von Dir zu finden und bin etwas besorgt, doch sagt mir ein geheimer Geist, Du wirst nachstens in Fluten angestromt kommen und mich wegschwemmen. Mein Aufenthalt in Heidelberg war angenehm und lehrreich, welches letztere Du nicht wirst gelten lassen, wenn ich Dir aber sag, es waren die alten Mauern und nicht die Menschen, die ihren Geist uber mich ergehen liessen, da wirst Du gleich glaubig sein. Du hast bei Deiner Abreise Ostertags schlechte Ubersetzung des Suetonius in meine Behausung geschickt, vermutlich soll sie auf die Bibliothek zuruck, noch in keinem Buch fand ich so viel Spuren Deines fleissigen Studiums als in diesem; vier bis funf Blatter mit Auszugen, wo Du alle Missetaten der zwolf Kaiser auf eine Rechnung gebracht hast. Was bewegt Dich zu solchen Dir sonst ganz fremden Forschungen? Ich such mir's zu erlautern, denkst Du in Ansehung jener, die als grosse Manner nicht frei ausgingen von der Tyrannei Sunde, Deinen grossen Mann zu absolvieren? Ich scherze, aber ich mochte doch dabei in Dein Gesicht sehen, ob Du ganz frei von jener Begeistrung bist, die aus aufgeregtem Gefuhl entsteht bei dem ewigen Gelingen aller Schicksalslosungen, und die ich lieber Schwindel nennen mochte, und den andre Weltpatriotismus nennen und sich leicht verfuhren lassen eine Rolle zu spielen, wenn sie ihnen geboten wurde, weil es heisst, er hat einen Glucksstern, und da fuhlt man sich gedrungen dem zu fronen, aus astralischem Emanationsgefuhl, und da tritt man bald von der reinen Einfalt zum Gotzendienst uber. Aber ich will Deinen Zorn nicht auf mich laden, sondern Dir offenherzig sagen, woher mir die bosen Gedanken kommen. Sie kommen nicht aus mir, die Leute sagen namlich, Dich habe alles so aufgeregt, als der Kaiser durchkam, und Du habest geweint, und seist ganz ausser Dir gewesen, als Du ihn gesehen hattest, das hat die Claudine mir gesagt, ist's wahr, so braucht doch das nicht wahr zu sein, dass Du von ihm hingerissen bist, denn man kann erschuttert werden ohne Begeistrung fur das, was uns erschuttert, mehr will ich Dich nicht mit diesen misslichen Worten peinigen, die nur Scherz sein sollen und auch Dich ein wenig strafen, dass Deine Briefe sich verspaten.

Von Offenbach ist mir ein Pack Schriften zugekommen fur Dich, die Novelle wahrscheinlich soll ich sie Dir aufbewahren oder zuruckschicken? Von Clemens hab ich Dir auch noch viel zu sagen, Gutes und Vergnugliches, heisse Anhanglichkeit an Dein Wohl; es ist sein tiefer Ernst, wenn er sagt, Du gehest durch Deinen Leichtsinn der Zukunft verloren, und dieser Ernst gehet so weit, dass er im Eifer meint, ich sei mit dran schuld. Einen Brief hast Du ihm geschrieben, wo Du meine Ansicht uber Dich als Zeugnis zitierst, dass es nicht in Deinem Charakter liege, zu dichten oder vielmehr etwas hervorzubringen. Dies hab ich bussen mussen, denn er zeigte mir Deinen Brief und meinte, wer so schreibe, der dichte auch, ich hab schweigsam und bejahend alles uber mich ergehn lassen; tue, wie Du kannst. Dort in Marburg hast Du wahrscheinlich wenig Zerstreuung, wer weiss, was Dir gelingt oder vielmehr einfallt, denn fiel es Dir ein, so fiel es Dir auch vom Himmel, aber dies schon so lang erharrte Phanomen will immer nicht sich ereignen. Ich bitte Dich, schreibe bald, dass ich wieder ins Geleis Deiner Ereignisse und Erfahrungen komme; es ist mir ganz tot hier, meine Augen hindern mich sehr am Schreiben.

Caroline

An die Gunderode

Lieber Widerhall, ich hab Dir was zu sagen von meiner schmerzlichen Langenweil, die ich bei allem empfinde, weil ich immer noch nichts von Dir weiss, ich mein, wann ich nicht rufe, so musst Du rufen, aber nein, Du bist der Widerhall, und ich darf nun nicht eher hoffen, als bis mein Rufen bei Dir angeschlagen hat. Gestern hab ich meinen Brief zugemacht dem Bedienten mit auf die Post gegeben, und siehe, er brachte ihn mit einem grossen Paket angekommener Briefe wieder zuruck, in der Meinung, ihn dort fur mich empfangen zu haben, jetzt ging er erst heute um vier Uhr ab, dies Verzogern, dies Vormirliegen meines Briefes, dem ich Flugel angewunscht hatte, und den ich gewohnt bin, nie eher zuzumachen, als bis er die Reise antritt, war mir sehr unheimlich, ich bin so gedachtnislos, dass wenn ich den Brief schliesse, ich schon nicht mehr weiss, was er enthalt; und nur ein Nachgefuhl lasst mir die Ahnung zuruck, wie er Dich beruhren werde; aber bald fang ich an zu zweifeln, ob's nicht lauter Einbildung sei, dass ich mir denke, Dir tiefe innere Anschauungen mitgeteilt zu haben, und so fuhl ich ermattende Zweifel, und ich denk, was soll doch das dicke Briefpaket, da kann doch unmoglich lauter Klugheit drin stehen, wo soll ich's her haben, ist's doch so leer mir im Kopf! Und dann tut mir's so leid, dass ich Dir nicht meine Seele konnt hingeben, nackt und bloss, wie sie Gott zu sich aufnimmt, dass ich statt ihrer Dir einen Schwall von Worten schickte, die suchen und suchen, Dir eine Flamme aus den Wassern dieses bodenlosen Ozeans, in dem wir alle schwimmen, entgegen zu hauchen; da mocht ich den Brief aufbrechen und nur einen Augenblick wahrnehmen, dass ich's Herz auf der Zunge hatte, und doch kommt er mir so versiegelt vor, als sei er Dein Eigentum schon, was mich nichts mehr angeht, weil's immer Gott gleich von mir nimmt, sobald ich's in der Glut meines Angesichts hingeschrieben hab. Ja es ist mir ein paarmal geschehen, dass ich einen Brief von mir bei Dir gefunden hab, so war er mir ganz fremd, und die Worte und Gedanken wunderten mich recht. Heute hab ich also Deinen Brief unverletzt entlassen aus wahrer Pietat, weil er Dein gehort, und weil ich mich nicht in die Geheimnisse eindringen will, die Gott Dir durch meine Hand vertraut, denn sonst wurde er nicht so schnell das Gedachtnis von mir nehmen, um so mehr kannst Du an das drin glauben, was vielleicht Dich beruhrt.

Christian, der mir nach Frankfurt so ernste und liebende Briefe geschrieben hatte, vor denen ich mich oft schamte, weil sie viel hohere Krafte mir zutrauten und wecken sollten, als je erwachen werden, der geht hier um mich herum und betastet mein Ingenium, und entdeckt, dass die Fundgruben des Genies zum Teil leer sind und die Felder des Wissens steinigter Acker, und das Licht der Begeistrung lauter Nebel, doch verlasst er mich nicht und sorgt fur Lehrer. Der Schafer sollte Geschichte mit mir treiben, da er aber sehr ernst und grundlich ist und durchaus will, dass der freie aufgeweckte Mensch mit vollem Interesse dabei sei, so konnte er's nicht mit mir aushalten, es ging gegen sein Gewissen, er hat dem Christian bedeutet, es sei besser, mich auf andre Weise zu beschaftigen; da ich eine nervenangreifende Empfindung habe, wenn ich Zahlen wahrnehmen soll, wenn ich das Fruhere vom Spateren unterscheiden soll, wenn ich Namen behalten soll, so sei es nicht moglich, bei gutem Gewissen mir Zeit und Geld zu rauben. Es tut mir leid, dass auch der mit Blindheit geschlagen ist uber mich und von der narrischen Idee besessen, ich lerne, um was zu wissen, um Kenntnis zu sammeln; Gott bewahr, da konnte ich nur innerlichen Raum mit Dingen ausfullen, die mir im Weg sind, wenn sich ein Reisender viel Besitztum anschafft, so hat er erst die Not, alles unterzubringen, und hat er sich an Uberflussiges gewohnt, so muss er einen Bagagewagen hinter sich drein fahren haben. Den Mantel umgeschwungen und damit zum Fenster hinaus und alles Gerumpel dahinten gelassen, das ist meine Sinnesart, lernen will ich wie Luft trinken. Geist einatmen, wodurch ich lebe, den ich aber auch wieder ausatme, und nicht einen Geistballast in mich schlucken, an dem ich ersticken musst. Das will mir aber keiner zugeben, dass solche Unvernunft naturgemass sei. Ich wurde am End freilich nichts wissen, was ich ihnen gern zugebe, aber ich wurde wissend sein, was die mir nicht zugestehen aber durchgeistigt sein von des Wissens fluchtigem Salz, einen Hauch der Belebung durch es empfinden, einen Kuss, wenn Du's erlaubst, einen fluchtigen dem ich eine Weile noch nachfuhle, der in mir sich verwirklicht, verewigt.

Wissen und Wissendsein ist zweierlei, erstes ist eine Selbstandigkeit gewinnen in der Kenntnis, eine Personlichkeit werden durch sie. Ein Mathematiker, ein Geschichtsforscher, ein Gesetzlehrer gehort alles in die versteinert Welt, ist Philistertum in einem gewissen tieferen Sinn. Wissendsein ist Gedeihendsein im gesunden Boden des Geistes, wo der Geist zum Bluhen kommt. Da braucht's kein Behalten, da braucht's keine Absonderung der Phantasie von der Wirklichkeit, die Begierde des Wissens selbst scheint mir da nur wie der Kuss der Seele mit dem Geist; zartliches Beruhren mit der Wahrheit, energisch belebt werden davon, wie Liebende von der Geliebten, von der Natur. Die Natur ist die Geliebte der Sinne, die Geistesnatur muss die Geliebte des Geistes sein; durch fortwahrendes Leben mit ihr, durch ihr Geniessen geht der Geist in sie uber oder sie in ihn, aber er fuhrt kein Register uber alles, er buchstabiert sich's nicht und rechnet's nicht zusammen. Nun was liegt mir dran? Solang mir's so geht wie hier, kann ich nicht klagen, ich schwindel wie ein Bienchen herum, und wo ich ein offnes Kelchelchen find, da schwipp ich hinein und versuch und trink mich satt, wenn mir's schmeckt. Der alt Professor Weiss, bei dem wir im Haus wohnen, ist so ein kleiner Hausgarten, an dem mir allerlei Bluten noch offen stehen. Der gute Alte klopft an die Tur, da steht er mit der Zipfelmutze im Schlafrock und will gern seine Pfeife anzunden, weil bei ihm noch kein Licht brennt, ich spazier noch ein bisschen mit in den Garten, wo er die Pfeife raucht, er zeigt mir die Sternbilder am Himmel, der Orion, der gross Bar und der klein Bar, und pafft mir den Rauch ins Gesicht, so hat er mich die drei Wochen unterhalten, sooft gut Wetter war, von aller Planeten Tanz, und das hat grade mein Begehren zu wissen massig genahrt; aber wissenschaftlicher Ansatz ist's nicht geworden, vielmehr Schleierluften von geheimen Reizen des Geistigen. Und ich hab dann am Abend und in der Nacht noch Gedanken gehabt, Nachzugler woruber ich beseligt einschlief. Weisst Du, was das ist, beseligt einschlafen? Das ist grad mit der Natur im sussesten Alleinsein sich befinden, wo sie allein den Blick auf Dich richtet und in Dich hineinschaut und Du in sie und eine Decke Euch umhullt wie zwei Kinder, die einer des andern Atem trinken. So ist's mit mir, wenn ich zufallig etwas von ihr gewahr werd; aber wenn's mir abgemessen wird, wenn ich Rechenschaft geben soll, dann fuhl ich mich in der Seele beleidigt, denn ich mag nichts wissen, ich schame mich und kranke mich, dass auf dem Spielplatz meiner Seele all das lustige ubermutige Springen und Schwingen nicht mehr sein soll, wo ohne Umsehens alles verfliegt, wie es gewonnen worden, und von keiner Aufspeicherung die Rede ist.

Da hab ich noch eine Lust, der alt Herr hat ein klein Treibhaus, eine Kammer mit zwei Fenstern nach der Sonne hin, wo er selbsterzogne und jahrelang gepflegte Gewachse bewahrt. Ich bin mit ihm gewesen und hab ihm helfen die Gewachse vom Staub reinigen, viele hab ich nicht gekannt, er sagte mir ihren Namen, ihr Vaterland, ihre Geschichte, wie er dazu gekommen, was er fur Gluck und Ungluck mit ihrer Pflege gehabt, das alles ist lebendig und interessant, denn er ist alt und hat viel Kinder und also viel Sorgen und ist kranklich; und nun ist seine Freude aus der sogenannten Fulle dieses grossen weiten wissenschaftlichen Lebens, die paar sudliche Pflanzen, die hier unter seiner Liebe Schutz ihr Leben im fremden Klima fristen, mit einer durftigen Blute ihn erfreuen; im Keim schon unterscheidet er, ob der Knospen bringen wird oder bloss Blatter, zahlt alle, betrachtet alle Tage, wie sie vorrucken, da regt sich kein Blattchen, er sieht's und versteht's, Du solltest zuhoren, wie er ihre Farbung, ihr Erschliessen bemerkt, wie er ihnen das bisschen Licht okonomisch austeilt, dass keins zu kurz kommt, und dabei geht als sein altes ledernes Kolleg, was er nun schon im einundzwanzigsten Jahr jahrlich zweimal den Studenten vortragt, mit herabhangenden Ohren den gewohnten Weg zur Muhle, ob ein gesunder Menschenverstand es aushalt, dies immer und immer, das Erlernte, Erstudierte durchzukauen? Nein, einmal muss es aufhoren, und einer mocht wohl lieber aufs ewige Leben verzichten als ewig das Erlernte wieder den Nachkommen mitteilen; so muss man es denn einmal abdanken, nicht wahr! Sollte man den alten Satz mit in die Ewigkeit zu nehmen gedenken? Mitnichten, so wenig wie den Tressenrock, die Staatsperuck, die Ordensbander, die Titel, die Ehrenamter, man fuhlt recht gut, dass sich solches Zeug vor Gott nicht schickt, aber wie der Geist ubereinstimme mit der Natur, die seine Freundin, seine Geliebte ist, wie er in ihr und durch sie sich entwickelt hat, das ist vor Gott alles. Wenn denn alles Wissen, Haben ubergehen muss in Nichtwissen, Nichthaben, was hat's denn auf sich, dass ich gleich alles verdampfen lasse!

Wissen ist Handwerker sein, aber wissend sein, ist Wachstum der Seele, Leben des Geistes mit ihr in der Natur; Leben ist aber Liebe. Sei nachsichtig gegen mich, ich muss Dir alles zurufen, lieber Widerhall, keine Sorge um mich, wenn Dir's nicht wie gesunder Menschenverstand vorkommt, man ahmt ja wohl den Vogel im Busch nach oder den Wind zum Vergnugen oder das Wild im Wald. Der Weiss hat mir ein botanisch Buch gegeben, wie er sah, dass ich so viel Freud hab an Pflanzen, ich hab mir die Moose heraus gesucht, weil man die unterm Schnee noch finden kann, ich hab eine Lupe, ich betrachte sie, ich entdeck eine Welt, alles lauft und sturmt durch, wie durch einen Forst, es fehlt nur der Jagdhornerschall, das Hundgebell und der Schuss; so konnt man denken, man war auf einer koniglichen Jagd; ich hab noch das Plasier, von oben herab wie Gott vom Himmel da hinein zu sehen; wenn ich's dem Weiss vorerzahl, wie mir alles vorkommt, das hort er an wie's Evangelium, es erquickt ihn, die Lugen und Fabeln meiner Einbildung zu horen, er sagt: "Wenn ich nicht im Pflug gehen musst, so schwatzt ich den ganzen Tag mit Ihnen." Das ist gut fur mich, sonst war mir's zu viel.

Samstag

Der gestrige Abend war ein gedulderprobender, es Gaben der Muse. Schafer, der ein feiner und geistreicher Mann ist, horte mit zu; Savigny ist gar liebenswurdig mit seinen Freunden und Bekannten, die hochste Gute leuchtet aus ihm, so befindet sich alles kindlich wohl und heiter um ihn her. Es wurden Gedichte vorgelesen vom Autor; das ist schwierig fur den Leser und fur den Horer, da sind zwei Fragen: wo kommen die Gedichte her, und wo wollen sie hin? Die meisten behaupten ihre Abkunft aus dem Feuergeist der Liebe und behaupten ihr Recht, ins Herz einzukehren. Ich sass in der Ecke und horte ein lang Gedicht mit den Ohren, die Seele sehnte sich hinaus in den Schnee, in die sternenhallende Luft; die Sterne haben einen Ton, einen sprechenden Laut, der viel vernehmlicher ist in klarer Winternacht wie im Sommer; vernehmlich, nicht horbar, wie denn alles in der Natur vernehmlich ist, wenn's auch die ausseren Sinne nicht gewahr werden. Ich dachte mich hinaus in alle Welt wahrend dem Rollen auf der Verse-Chaussee; meinem Nachbar mochte es wohl auch schwer auf dem Herzen liegen, denn er seufzte mehrmals und holte endlich sein Taschenbuch, worin er mit dem Bleistift was einkritzelte, ich nahm's ihm aus der Hand und probierte Verse zu machen im Takt des Lesenden, das Gelesene schoss Worte zu, wie eine Fabrik, wo einer dem andern in die Hand arbeitet, und so setz ich Dir's der Kuriositat halber hin. Der Dichter las namlich klagende Gesprache im Minneliederstil zwischen zwei Liebenden, die nicht zu Rande kommen konnen mit ihrer Sehnsucht, in Fruhlings- und Sommerzeiten.

Es waren nicht des Maien wilde Bluten,

Violen suss und Rosen uberall,

In gruner Lind die freie Nachtigall,

Die mich vor Sehnsuchtschmerzen sollten huten.

Ich klage nicht die lichte Sommerzeiten,

Den kuhlen Abend nach dem heissen Tag;

Der meiner Traume Sinn verstehen mag,

Der wolle ihnen Storung nicht bereiten.

Nicht, dass sich bald das grune Laub will neigen,

In dem der Voglein muntre Schar sich wiegt,

Dass Sonnenschein und Blumenglanz verfliegt,

Macht, dass mein Herz sich sehnt und meine

Freuden schweigen.

Der rauhe Winter nicht, der alle Lust bezwinget,

Die lust'gen Gauen uberdeckt mit Schnee,

Mir seufzt die Langeweil im Herzen Ach und Weh,

Die mit dem Dichter stohnt und in den Versen

klinget.

Montag

Nun kam gestern ein Brief von Clemente an mich mit feierlichen Mahnungen, doch mein Leben nicht zu verscherzen, so innig, so herzlich, als war ich eine Blumenknospe, die auf seinem Stamm wuchse, und der Stamm treibt sorglich alle Krafte dahin, dass sie sich auftue, aber die Knospe ist so fest, dass nicht Regen und nicht Sonnenschein sie weckt was kann ich da? Der Christian straft mich mit Worten, es sei kein Ernst in mir, und wenn ich wollte nach Italien reisen, so sollt ich Winckelmanns Kunstgeschichte studieren und Italienisch lernen, das hab ich probiert, aber die Kunstgeschicht, wie sollt ich mit der mich abgeben, wenn ich dran denk, dass ich nach Italien reisen sollt. Ei, lass doch alles mit Augen sehen, und wenn ich trunken bin vor Seligkeit, dass dort andre Baume, andre Blumen und Fruchte sind, wenn ein schonerer Himmel uber mir wogt, wenn Menschen, Knaben, Junglinge, die mir verwandter sind im Blut, in der Faulheit, als die kalten deutschen fleissigen Brotstudenten, mir begegnen auf der Strass, mich sanft grussen, umkehren, mich noch einmal grussen, feuriger, ei werd ich da noch das geringste vom Winckelmann, von der alten Geschichte wissen? Wenn rings die Schonheit der Erde aufwallt, da war ich wohl der narrische Pedant dazu? Mit Dir, Gunderode, mocht ich Arm in Arm dahinschlendern, kommst Du heut nicht, so kommst Du morgen, alle Zeit fullt sich ja so himmlisch, was sollen wir sorgen, wo wir hinkommen? Sturm und Gewitter schreibt in die Brust Unvergangliches wie der heitre Tag; jeder Weg fuhrt zu geheimen Reizen der Natur, warum sollen wir nicht, wenn's uns lockt, folgen dem strebenden Herzen, den Gestalten, dem Glanz der Fluren irren hier und dort herum, wie die Lammer weiden? Warum nach einem Plan das Schone aufsuchen? Am End ist doch der Zufall der Reichen grossmutigster; warum nicht ihm anhangen? Lasst sich Gott nicht in ihm am innigsten mit der Seele ein? Befriedigt am liebendsten ihre geheimen Wunsche?

Ich denk mich so oft mit Dir wandelnd zum nachsten Tor hinaus, den reizendsten Pfad entlang, der Clemens aber drangt mich an des Parnassus Stufen und will, ich soll hinauf, und so hab ich ihm geschrieben: "Am Dichten hindert mich mein Gewissen, wenn ich denk, wieviel reiner tiefer Sinn dazu gehort, um so weniger kann ich mir's zutrauen; manchmal wandelt es mich freilich an, ich sehne mich danach wie ein eingesperrtes Kind nach dem Spiel in freier Luft, auf gruner Wiese im Sonnenschein; ja es schmerzt mich tief, dass ich nicht kann, wie ich will, und dass alle Sprache, mit der ich mein Sinnen festzuhalten versuche, nur wie durres Holz in der Glut meines Herzens zusammenbrennt; wie oft hatte ich Momente, deren feierliche Mahnung mich auf etwas Ernstes, Tiefes vorbereiteten, die Poesie schien mir dann ein reifer Schmetterling, der mit dem leisesten Regen die leichte Hulle sprengte und auf in die Lufte steigend in den mannigfaltigsten Bluten meiner Seele schwelgend. Dann fuhlt ich wie ein gottlich Unsichtbares, dem ich geboren, ich war stolz, und wenn die Natur rings mich mit feurigem Blick angluhte, dann war ich sprode und verschlossen gegen die Feuerkraft, und doch hatt ich mein Herz dargereicht dem ersten kuhnen Augenblick, der mir die Sprache gelost hatt, in der meine Lieder geflossen waren. Doch all dies Leben, dies innere Beben und Aufrauschen ging voruber, ohne etwas festzuhalten oder zu erzeugen, und wird vielleicht noch tausendfach in mir erscheinen und keine Spuren zurucklassen."

Das hab ich Dir abgeschrieben aus meinem Brief an ihn, weil's etwas Erlebtes ist, was sich mit unendlichen Modulationen mir im Geist wiederholt, ich hab Visionen, wenn ich die Augen zumache, ich seh nicht allein, ich hor auch entzuckende Tone, wie wenn himmlische Empfindung zu Ton konnt werden; nun fehlt ja nur die eine Stufe, dass der Ton sich in Geist der Sprache ubersetzte; aber in dies Inselland will's keine Brucke schlagen, im Gegenteil, alle Erscheinung zerfliesst vor der Sprache. Ich hab wohl einen dunkeln Begriff, warum ich nicht dichte, weil eben das Tiefe, was mich gewaltig ergreift, so dass es elektrische Kraft auf die Sprache hatte, etwas ist, was sich in der Empfindungswelt nicht legitimiert, oder um schneller und ohne Umweg mich auszudrucken, weil's Unsinn ist, was mir in der Seele wogt, weil's Unsinn ist, was meine Gedanken mir vorbeten, weil's Unsinn ist, der mich ahnend als hochstes Gesetz der Weisheit ergreift. Wo ich hinsehe, wo ich hinspure, darf ich nicht ankommen mit meinen Wahrnehmungen, ich weiss, dass, wenn der Dichterschwung mich ergriff, sich das Unendliche, das Ungeborne vor mir auftun wurde, mich durchzulassen. Ich seh! Und wenn ich was Wahres schaue, sei der Keim so klein noch, so in sich gedrangt, mich begeistert der ihm selbst bewusstlose Lichtweg, den er wandelt. Du begeisterst mich, weil Dein einfaches Streben mir so deutliche Lehre gibt, Du seist der eignen Seele ewiger Wohllaut, der sie wiegt und schlummernd ihr die Gesetze der Harmonie einflosst. Ahnungen sollen dem Geistesblick Wahrheiten werden, soll eine Ahnung wirklich Dasein werden, so muss sich der Geist erst vermahlen mit einem andern Geist mit dem Genius die Ahnung verwirklicht den Genius in uns. Alles ist wirkliches Leben durch die Feier der Liebe mit dem Genius. Alles verwirklicht sich durch Vermahlung des hoheren Lichts mit dem Geist es stromt dem Geist herab, er darf's nur liebend wollen, es erfullt ihn in tiefer Nacht gestaltlos, es stromt ihn an, es umschweift ihn ganz, o es ist kein zahmer Liebhaber, das Licht. Und ist es ein Wunder, dass wer ohne Grenze sich ihm ergibt, dass der dann sehe, wo andre nicht sehen? Und sollt ich mich schamen vor Dir, die in manchen heiligen Augenblicken mir erschien, wie das Licht zartlich mit Strahlenkranzen sie umflocht und kronte Dein Haupt mit doppelter Krone? Dass ich Dir sage, nicht die Sprache ist zwischen mir und dem Licht, nein, es ist das Licht unmittelbar, es nimmt meine Sinne auf nicht durch die Sprache meinen Geist! Drum kann ich nicht dichten. Dichten ist nicht nah genug, es besinnt sich zu sehr auf sich selber. Ach, da red ich so, wo wir ausgemacht haben, dass Du niemals drauf eingehest, damit ich nicht vor der Zeit unsinnig werde schweig und ich will auch schweigen, der Damon mocht mich sonst durch die Lufte davontragen.

Dem Clemente hab ich geschrieben, dass ich hier sehr vergnugt bin, nicht sowohl um Savignys willen, dessen Gegenwart freilich einem Aufenthalt alle Reize verleiht, sondern um der reinen Einsamkeit halben, in der ich von aller Kleinheit entfernt lebe, die mich in Frankfurt immer bedrangte und meine Freiheit schmalerte, wenn ich so sagen darf. Hier kann ich doch leichtsinnig sein, ohne dass die Inkonsequenzen davon mich gleich erschrecken, und ruhig und ernsthaft, ohne dass man glaubt, ich sei verliebt oder krank, und verliebt in Himmel und Erd, die einzig und allein schon hier sind, ohne dass man mich der Koketterie beschuldigt. Da kommt Dein Brief, Du gibst ihn der Claudine, dass die ihn beischliesse, und die hat grad noch zwei Tage ihn liegen lassen, denn so lang hat sie an ihrem Brief geschrieben und nun schliess ich diesen, in dem keine Antwort steht, aber gleich wurde ich antworten, wenn nicht es so in mir rumorte, was Du schreibst, ich mein, dieser Brief von Dir ist nicht an Deinem Schreibtisch, der ist an fremdem Tisch geschrieben, gewiss bei der Claudine. Ich muss die Sonn untergehen lassen und mich besinnen auf morgen fruh.

Bettine

Marburg. Dezember

Heut morgen bin ich aus dem Bett gesprungen, um das Eis mit meinem Hauch zu schmelzen. Um halb acht kamen die Studenten den Berg herauf gejubelt, es war noch dammerig und der Nebel so dicht, dass sie wie Schatten bloss durchschimmerten. Die Meline und ich sehen jeden Morgen mit grossem Gaudium, wie sie zu unserm Professor Weiss ins Kolleg marschieren, sie konnen uns nicht sehen, denn unsre Fenster sind hart gefroren, wir steigen auf den Tisch und hauchen grad ein Aug durchsehen kann; ein jeder hat ein verschiednes Abzeichen, treiben sich immer eine Viertelstunde herum, bis sie im Gang nach dem Kolleg verschwinden, den der Professor Weiss prazis acht Uhr aufschliesst, indessen treiben sie lauter Ubermut, wir dachten schon, dass sie vielleicht uns zu Ehren die grossen Satze machen von einer Trepp zur andern, einer uber des andern Kopf weg, sie konnen uns zwar nicht sehen, weil die Fenster verhangt sind und jetzt auch gefroren, so leuchten ihnen doch unsre grunen Vorhange ganz mystisch in die Augen, uns macht's tausend Spass, die Liebschaft mit dem ganzen Kolleg ist im besten Gang, wir haben sie geteilt, die Meline sagt, der ist mein, und ich, der ist mein, so haben wir zwei Regimenter, und ihre Balgereien werden mit grosser Freude und Triumph belacht, jede Partei hat einen Hauptmann, der eine mit der roten Mutze, die er nie auf dem Kopf hat, sondern immer auf einem dicken Stock (der Student nennt ihn Ziegenhainer) herumschwenkt, ist meiner, er ist immer der erste auf dem Platz, die andern versammeln sich um ihn und horen zu, was er sagt, er mag wohl das Haupt einer Burschenschaft sein; er ist so jung und schon, er ist der grosste von allen, wenn er den Mund auftut, kommt eine grosse Duftwolke heraus, die setzt sich gleich als Reif an seinen kleinen Bart, mit dem er sehr gross tut, denn er zieht ihn alle Augenblick durch die Finger. Wir nennen ihn den Blonden, er hat braunes Haar, er hat aber ein so blondsonnig Gesicht, das mit seinen roten Backen so freundlich durch den Morgennebel lacht, und dann hat er auch einen hellen Rock; der Meline ihrer heisst der Braune, der ist ganz blond, aber er hat einen braunen Rock, dieser tragt eine blaue Mutze mit einer Quaste, die ihm auf der Nase herumspielt, er sitzt gelassen auf der Mauer und sieht zu, wenn die andern sich mit Schneeballen werfen, ringen, ubereinander wegspringen, dazu ringelt er sich seine blonden strahlenden Phobuslocken uber die Finger; ich beneid ihn oft der Meline und wollt ihn mit einem Ansehnlichen aus meinem Regiment umtauschen, aber sie will ihn nur gegen meinen General, den Blonden, herausgeben, das will ich nicht. Fruh ist's im Hof wie im Elysium, der dichte Nebel von der Morgensonne angestrahlt, in dem die Gestalten sich bewegen, die allerlei miteinander hantieren. Wenn's Kolleg aus ist, sehen wir sie wieder abziehen, da ist ihr Ubermut noch grosser. Ach, hatt ich doch so ein Regiment, da wollt ich Dir schon antworten auf Deinen Brief mit Deinen unsinnigen Anklagen uber den Napoleon. Betet und ihr werdet erhort werden. Ich bete ohne Unterlass, dass mir doch Flugel wachsen, ich wollt uber die Scharen wegfliegen und ihm in die Zugel fallen. Ach Gunderode, Deine fatale Idee, als habe ich eine narrische Ehrfurcht vor dem Napoleon, peinigt mich, das Ross des Ubermuts tobt unter ihm, es setzt in wildem Feuer uber Abgrunde und durchfliegt in stolzem Selbstgefuhl die Eb'ne, um uber neue zu setzen, dahin eilt er, an den Zeiten voruber, die umgewandelt sich nicht mehr erkennen. Die Menschen schlafen ohne Ahnung vom Erwachen, aber unter seinem brausenden Huf reissen sie plotzlich die Augen auf, und seine Glorie blendet sie, dass sie sich selber nicht begreifen, ihr dumpfer Schlaf geht in Taumel uber, sie umjauchzen ihn im Gefuhl ihrer Trunkenheit.

In mir ist's wunderlich. Vor Menschen versink ich in mir selbst, vor denen fuhl ich mich nicht, nur wenn ich, durch den ersten Schlaf in der Nacht abgetrennt von allem, wieder erwache, dann stellen sich grosse ungeheure Fragen vor meine Gedanken, es sind Fragen in mein Gewissen, vor dem ich verstummen muss. Tugenden! Was sind die? Denk ich doch an die letzte Zeit mit den Emigranten bei der Grossmama, es ging alles durcheinander, es war, als ob das Ungluck vor der Tur geschehen sei mit dem Tod des Enghiens, was fur bittere Tranen vergoss der alte Choiseul mit dem Ducailas und dem Maupertuis, wie rangen sie die Hande und riefen zu Gott um diesen jammervollen Tod, meinst Du, das habe mir nicht einen tieferen Eindruck gemacht als alles glorreiche Durchbrausen der Welt? Meinst Du, ich konne je dem Unrechterliegenden mich lossagen und auch nur in Gedanken ubergehen zu dem Unrecht, das vor der Welt Recht behalt, ich fuhle, es liegt grossere Freiheit darin, mit dem Unterdruckten die Ketten tragen und schmahlich vergehen, als mit dem Unterdrucker sein Los teilen. Was ist mir Talent, das seine Bahn bezeichnet mit Friedensbruch, mit Meuchelmord? Ich wurde selbst solche Bahn durchfliegen wollen? Ja gewiss! Ich mochte hoch bauen, dass keiner mir nahen konnt, er musste denn fliegen, aber nicht wie ein Raubvogel, der die Gottin Fortuna zerfleischt, um sich satt an ihr zu fressen und sie dann als Aas liegen lasst; aber durch heiligen Friedensschluss, nicht durch Verrat an ihm; durch Schutz der Kindlichen, nicht durch ihren Mord; durch freie, heilige, unantastbare Posaunenstimme der Wahrheit, nicht, dass ich ihr die Kehle zudrucke! Dein Scherz erzurnt mich, ich wollte mir Gelassenheit erschreiben, aber ich muss durchgluhen. Der da! Eine schwindelnde Eingebildheit, ohne Scham, ohne Gefuhl? Den Gekronte und Ungekronte wie Frosche umhupfen, der von allen Schwachen hin und her gezerrt, seine Abkunft verleugnet, sich um ein paar silberne Sterne im Wappen streitet, alle Franzosen wahnsinnig macht, der vergiftet, erdrosselt, erschiesst, seiner Bruder Familienbande zerreisst, fur den der Taumel des Volks sich erhalt, weil ihm alle Frechheiten glucklich ablaufen, und dann meinst Du, "ich fuhle eine Neigung zu diesem Treiben!" "Mein aufgeregt Gefuhl gehe mit mir durch," Du sagst alles im Scherz, es krankt mich doch aber der Scherz kommt nicht aus Dir. Du scherzest wie ein tauigter Zweig, der mich anspritzt, wie das Morgenluftchen, das mich neckt, aber nicht mit brandigen Hadern mich andampft. So viel prophetische Gabe kannst Du mir zutrauen, dass es mir ahnend im Geist liegt, diese Strohflamme, so gewaltig sie um sich griff, so schneller wird sie verflackern; bald wird alles in Asche versunken sein, und Du machst mir's zum Vorwurf, dass ich mit des Ostertags schlechter Ubersetzung mich so lang geplackt hab, weil ich wolle die grossen Kaiserrollen studieren? Freilich hab ich diese zwolf Kaiser mit Interesse studiert und hab gefunden, was ich vorher hatte sagen konnen, dass alle Tyrannen arglistige kleinliche Naturen waren, sie gaben Befehle, wo ihre Bitten genugt hatten, der Fortgang ihrer Macht entwickelt sich aus des Pobels Eitelkeit, uberall war so viel Knechtsinn fur Hofpracht, so viel Wahnsinn, die Seele diesem Gotzen zu verschreiben, und wie denn alles Narrheit wird, so ergoss sich alles in die Quelle der Hoffart, das ist's, was ich in diesen zwolf Kaisern studierte, aber ich suchte nicht nach Ahnlichkeiten seiner Grosse, sondern danach, ob nicht alle Tyrannen niedertrachtig sind wie er? Ob nicht alle einen Toussaint Louverture vergiftet, einen Pichegru erdrosselt und Enghiens erschossen haben, ob nicht alle durch Hofetikette das Halfter der Sklaverei auch ihren nachsten Freunden umwarfen? Ob irgendeiner einen freien Atemzug um sich dulden konnte? Und ob diese Sklaven nicht bloss ihr Joch duldeten, um wieder die geringeren unterdrucken zu konnen; und siehe, bis auf den kleinsten Zug ist es immer wieder derselbe ungerechte eigennutzige Heuchler, immer dasselbe Ungeheuer der Mittelmassigkeit; kein Trieb zum wahren Geist, keine Sehnsucht, die Weisheit als Agide seiner Handlungen aufzustellen, keinen Verstand von dem Pflanzenboden der Kunste und Wissenschaft, noch wie der Mensch sich erzieht; sogar gegen alles Selbstgefuhl ohne innere Zucht fahrt er mit ungesitteten Spottreden heraus, und da schreit alles, er hat einen Stern! Ach, er kann nicht ewig leuchten, und da wird alles mit erloschen.

Schreib nicht mehr so ungefug, sonst kriegst Du ungefuge Briefe; ich argere mich uber alles, was ich so schreib, weil's ist, als ob ich einen Prozess mit Deiner gesunden Vernunft fuhre, und allen Zeitungswitz und Emigrantenpolitik zusammenhielt, um recht gegen Dich zu behalten.

Jetzt muss ich auf die alte Wart, es ist Neumond, ich muss sehen, wie er seine stumme verzauberte Silberwelt anstrahlt. Die Meline schlaft schon, ich steig zum Schlafzimmerfenster hinaus auf den Berg. Heut war Speisemahl bei Savigny, da erzahlten die Professoren von der Spitzbubenbande, die schon mehrmals eingebrochen hat in unserer Nachbarschaft, die Spitzbuben konnten sich da oben auf der Wart verstekken, ich furcht mich, aber grad weil ich mich furcht, so muss ich hinauf. Die Menschen furchten sich auch vor der Unsterblichkeit.

Am Sonntag

Ich bin gestern noch droben gewesen; beim Aufsteigen grosse Angst vor nichts, oben himmlische grosse Befreiungsluft, Stille allumfassende, tief schlummernd alles umher. Ruhe und Freiheit winkten alle Sterne! So einsam, so sicher! So muss einem sein, der das Leben abgeschuttelt hat, unterwegs schreckten mich ein Kohlstrunk und ein krummer Ast, ich wusst, dass es nichts war, und furchtete mich doch. So weiss der innerliche Mensch, dass alle Furcht nichtig ist, er muss das Reich der Einbildung durchkampfen zur Wahrheit, die kann nicht furchterlich sein, weil sie lebendig ist und frei und auch nur das Lebendige und Freie beruhrt, nicht den gebundnen Geist, der alles furchtet, weil er es nicht fasst. Erkenntnis hebt jede Gegenmacht auf. Ich will Dir sagen, wie es ist beim Sterben, ich hab's auf der alten geklettert, die innerliche Wahrheitsstimme half mir die Einbildung, die so frech selbst mit Erscheinungen mich bedrangte, bezwingen, ein paarmal zagte ich zwischen Erd und Himmel auf der morschen Leiter, aber die Luft hauchte schon herab, so erhob ich mich plotzlich, und von allen Seiten atmete mich Freiheit an, so grad ist's beim Sterben; je weniger das Leben Licht erstritten hat, Geist geworden ist, je mehr scheut es den Geist, je mehr drangt sich am Lebensende die Einbildung ihm auf und beschrankt den Lichtkreis des Lebendigen, der Wahrheit. Der Mensch ist Sklave der Einbildung, die ihm sein Inneres leugnet, aber die gottliche Wahrheit haucht schon in den dunklen baufalligen Turm zu ihm nieder, dass er die morschgewordne Leiter, die zur Freiheit fuhrt, mit doppelter Kuhnheit erschwingt, und unmoglich kann diese im finstern Turm mit dem Aufschwung ins Freie fortdauern, denn sie war Einbildung. Man konnt vielleicht das, was ich vom Sterben sag, gering achten, weil's so einfaltig ist und so fabelmassig und vielleicht schon oft gesagt, ja es war mir selbst nichts Neues, aber doch ist's was anders, weil ich's erlebt hab und nicht bloss mit den ausseren Sinnen erfasst, der freie Sternenhimmel hat mich's gelehrt, und ich war so vergnugt da bei der Sterbelektion, und ich werd noch mehr lernen da oben.

Am Dienstag

Heut hab ich Dir was Lustiges zu erzahlen, es war Studentenkomodie, und wir waren drin, unter dem Schutz von einer grossen Begleitung; das Stuck war eine Selbsterfindung der Studenten, worin drei Duelle vorkamen von Schuss, Stich und Hieb; wie der Schuss vorkam, war der Meline schon nicht wohl zumut, wie der Stich vorkam, ward uns grun und blau vor den Augen, wie aber der Hieb kam, gab's ein Larm und Gepolter, und man sprang ubers Orchester hinuber, uber die Ollampen weg hinauf aufs Theater, die Ollampen gingen zum Teil aus, und aus der bisherigen Dammerung entwickelte sich Finsternis, unsre Begleitung umstellte uns auf den Banken und hielt uns in ihrer Mitte, um uns vor jedem Unfall zu schutzen, bis wir wagen konnten, aus dieser Konfusion und dem Olqualm herauszukommen, und auf freier Strasse wieder Luft schopften, die Verwirrung war daher entstanden, dass der Pedell dem Rektor, der inmitten des Saals auf einem Ehrensessel zusah, steckte, das Duell mit dem Hieber sei ein wirkliches, er wollte es erlauscht haben, auch sah es sehr gefahrlich aus in ihrer Studentenarmatur; der Rektor hielt fur seine Pflicht, in grader Linie auf dies Wagnis loszuschreiten, er bahnte sich einen Weg durch die Mitte des Orchesters, wo die Bassgeige angelehnt war, vor dem Rektor Gesellschaft schreckte auf, der Dekan und wie die hohen Universitatschargen alle heissen, drangten sich uber alle Hindernisse weg ihrem Rektor nach, wo denn den Pauken und Bass noch mancher unwillkurliche Ton entlockt wurde. Viel lautes Hin- und Herreden unter den Damen, die bald das Ungluck verhuten, bald es nicht mit ansehen wollten, viel Gelachter unter den Studenten, die ihre Freude an der Verwirrung hatten, am interessantesten war die Szene auf dem Theater; der Rektor mit Beistand uns en face ganz feierlich; ein Student, der eine Dame vorgestellt mit langer Schleppe und schon fruher beim Stichduell die Halfte davon verloren hatte, wendete jetzt, wahrscheinlich aus Mutwill, dem Publikum den Rucken, man sah grosse Kanonenstiefel, einen Hieber an der Seite, der die halbe Schleppe trug, und einen grossen Florschleier, der den Rucken hinabwallte und mit jeder Bewegung bald die paar Lampen zu erloschen, bald sich zu entzunden drohte, so dass mehrere Stimmen riefen, der Schleier brennt. Es war bald ausgemacht, alles sei nur blinder Larm gewesen, indessen konnte das Stuck nicht weiter spielen, die Lampen waren aus und die Honoratioren fort, eine Masse Strassengesindel hatte sich der Banke bemachtigt, um zu sehen, was es gab. Am andern Tag horten wir von unserm Professor Weiss den Ausgang der Tragikomodie; es sei in dubio geblieben, ob wirklich ein ernstlich Duell habe sein sollen, die Studenten haben es geleugnet, der Pedell aber beschworen, dass er ihre Unterredung auf dem Gang mit angehort habe, und dass der eine, der die Dame vorstellte, der eine Sekundant und mein getreuer Hauptmann der andre sein sollen, und dass sie vor der Tur ihre Klingen gemessen, und dass er gehort habe, auf wieviel Gange und wie sie ihre Halsbinden, ihre Sturmer und ihre Faustbinden besichtigt hatten. Die Studenten blieben dabei, sie hatten nur ihre Rollen repetiert und das habe alles sollen auf dem Theater vorgestellt werden; es war nichts zu machen, man musste sie laufen lassen, sie gaben dem Rektor ihr Ehrenwort, keine Handel anzufangen, hielten noch einen Kommers und jubelten bis spat in die Nacht. Der Gang des Stucks hatte noch kein Licht auf seinen Inhalt geworfen, die eigentliche Pointe des Ereignisses war, dass sie die mangelnde Katastrophe desselben ersetzen wollten, und daher in Gegenwart des Pedells, den sie nicht zu bemerken schienen und der sich hinter einen Schrank versteckt hatte, die ganze Geschichte ihm weismachten; sie hatten ihm schon fruher Argwohn beigebracht und liessen so die ganze Versammlung mitspielen, die sich dabei auch hochlich amusiert hatte, und gewiss hat sich jung und alt noch eine Weile von allem Komischen zu erzahlen, was dabei vorfiel. Der Professor Weiss war entzuckt uber seine lieben Studenten, er sagte, man muss selbst Student gewesen sein, um ihnen nachzufuhlen, welch Gaudium es ist, wenn so was gelingt, er blieb bei uns sitzen, wir erlaubten ihm sein Pfeifchen zu rauchen, und er erzahlte uns aus seinen Studentenjahren nichts wie dummes Zeug, was uns die Zeit sehr anmutig vertrieb. Heut morgen, als die Studenten ins Kolleg kamen, konnten wir deutlich bemerken, dass sie noch ganz entzuckt davon waren, das Lachen war heut ihr einzig Exerzitium, und wir beiden wie zwei unsichtbare Schutzgottinnen hinter den gefrornen Fenstern freuten uns der heiteren Laune unserer Lieblinge.

Bettine

An die Bettine

Wenn Du recht behalten willst, so hast Du gewiss recht, ich will auch nicht noch einmal wiederholen, dass ich scherzte, denn dies ist ja grade doppelte Sunde, weil der ganze Scherz sich nicht zwischen uns beiden eignet, Du kannst es von mir am wenigsten ertragen, dass ich falsch in die Saiten greife, es war ein Erdenscherz und kein luftiger leichter, und es war noch dazu ein Notanker, ich war verwirrt geworden durch das Reisen hin und her vom Rhein zum Neckar und dann zum alten Haushalt; da ist mir so manches verronnen, was mir lieb und leid ist, der Winter hat mich auch doppelt hier betroffen.

Clemens hat mir geschrieben. Wie ein boser Traum sind mir manche bitteren und truben Erinnerungen von ihm vorubergegangen, sein Brief hat mich betrubt, weil er mir die verworrnen Schmerzen seines Gemuts deutlich und doch wieder dunkel darstellt, auch wenn ich ihn nie gesehen hatte, wurde mich dieser kalte Lebensuberdruss tief und schmerzlich bewegen. Er stellt sich so an den Rand der Jugend, als habe sie ihn ausgestossen, wie mich das schmerzt, wollt er es doch anders sein lassen, lieber die vergangne Zeit zuruckrufen und fortleben ewig frisch, jung und traumerisch, wie er es gewiss konnte; es wird und muss wieder so mit ihm werden, und Du musst ihm jetzt recht anhanglich schreiben, Dein freieres Bewegen, wo Du sonst so von ihm abzuhangen schienst, wird ihm wohl auch ungewohnt und empfindlich sein; Du kannst es nicht andern, aber ersetze es ihm, Du schriebst ja immer nur kurze Briefe an ihn, aber schreib doch ofter. Sein Beifall an meinen Gedichten erfreut mich, und mehr wird es keiner. Er schreibt, Savigny habe die Nachricht aus Paris, dass eine Ubersetzung dort vom Tian gemacht sei, ihm mitgeteilt, frag ihn doch und schreib mir etwas Naheres daruber.

Dem Molitor hab ich Deine Ansichten uber die Erziehungen lesen lassen, es freute ihn und verspricht Dich nicht mehr zu storen, das ist mir lieb, denn wenn auch Deine Argumente, womit Du das Philistertum besturmst, keinen Bodensatz haben und unleugbar aus der Luft gegriffen sind, so ist mir doch lieber zu lesen, wie Du unmittelbar mit den Elementen verkehrst, als wenn Du Deinen Sinn im Widerspruch auf irgendein gegebenes Bestehendes anwendest. Deine Wahrheiten streifen wohl den inneren Sinn der Menschen; sie mochten Dir recht geben, aber was ist's damit? Bis einmal das Morgenlicht der Poesie in jeder Brust den Geist weckt, da wird wohl manches verstanden und doch muss es wieder versinken; drum ist es mir lieber, Du selbst erschaffst Dich, bist Dir Lehrer und Schuler zugleich, weil es da was fruchtet und Deine Lehren einen so grundlichen tiefen Eingang in Dich haben. Hast Du Dich doch gegen die Philosophie gesperrt, und Deine Natur spricht sie doch so ganz personlich aus, als Geist und Seele und Leib. Ich will damit Dich nicht auf Dich selbst zuruckfuhren, es ist eine Bemerkung, die ich im Spiegel mache, und Du kannst ja gleich davonfliegen und den Spiegel leer lassen, auch gibt meine Bemerkung Dir recht; denn wenn Deine organische Natur ganz Philosophie ist, so wird sie sich nicht in der Anschauung erst erwerben sollen. Sie wird einen Jugendleib haben, der mit einem anderen Fruhling zusammentrifft, und ein anderes Verstandnis haben mit dem Geistigen der Welt. Um so mehr deucht es mir Missgriff, wenn Du mit dem Wirklichen Dich begegnest und ihm Deinen Geist anmessen magst. Ich suche in der Poesie wie in einem Spiegel mich zu sammeln, mich selber zu schauen und durch mich durchzugehen in eine hohere Welt, und dazu sind meine Poesien die Versuche. Mir scheinen die grossen Erscheinungen der Menschheit alle denselben Zweck zu haben, mit diesen mocht ich mich beruhren, in Gemeinschaft mit ihnen treten und in ihrer Mitte unter ihrem Einfluss dieselbe Bahn wandeln, stets vorwarts schreiten mit dem Gefuhl der Selbsterhebung, mit dem Zweck der Vereinfachung und des tieferen Erkennens und Eingehens auf die Ubung dieser Kunst, so dass wie ausserlich vielleicht die hohen Kunstwerke der Griechen als vollkommne gottliche Eingebung galten und auf die Menge als solche zuruckstrahlten und von den Meistern auch in diesem Sinn mit dieser Konzentration aller geistigen Krafte gebildet wurden, so sammelt sich meine Tatigkeit in meiner Seele; sie fuhlt ihren Ursprung, ihr Ideal, sie will sich selbst nicht verlassen, sie will sich da hinuberbilden. Du aber bist das Kind, geboren im Land, wo Milch und Honig fleusst, die Sorge ist da uberflussig, die Trauben hangen Dir in den Mund, alles ist Gedeihen und Klima Deiner Wiege, alles tragt Dich und nahrt und schutzt Dich, solang Du das Klima nicht wechselst, und ob das, was Du dadurch erbeutest, der Welt geniessbar sei, darauf kommt es hier furs erste gar nicht an, wenn Du nur durch eigne Sunde nicht im Werden gestort wirst, denn das ist die einzige Sunde. Schweig uber Dich und gelte ihnen, fur was sie wollen, versprich mir das heilig, denn sonst wurden sie Dich aus Deinem ursprunglichen Land verpflanzen, sie wurden Dich aus Deiner Kindheit herausheben und etwas aus Dir machen wollen. Und wie klagevoll war's, wenn Du selbst Deinem inneren Leben, Deiner eignen Religion, die so sanft, so glucklich Dir dient, Dich aus eigner Schuld entfremdetest, o nein, ich will's nicht hoffen, bleib immerdar mit Deinen Geistern im Bund, die Dir Speise bringen, und verwerfe sie nicht um fremde Kost. Ich hab mir schon oft Vorwurfe machen lassen um Dich, wie hatte ich mich wehren konnen? Es war Verrat an Dir gewesen, nein, ich liess Dich unberuhrt von ihren Augen. Was bist Du auch? Nichts als nur wie die Natur sich tausendfaltig ausspricht wie jene Schmetterlingshulle, die Du diesen Sommer aus dem Schlangenbad mitbrachtest, die ausserlich so fest war, dass nichts Fremdes sie verletzen konnte, und beim geringsten Beruhren des Schmetterlings sich auftat, ihn zu entlassen, und dann sich wieder schloss. Wenn die Natur sich so eigen dazu verwendet, jede Storung ihrer Bildungen zu verhuten, sogar die leere Kammer, woraus sie ihr geflugeltes Geschopf entlasst, sorgsam wieder schliesst, wie sehr muss da der Instinkt in dies lebende Wesen eingepragt sein, dass es sich keiner fremden Gewalt hingebe. Du verstehst die Natur ja mannigfach, so wirst Du mich auch hier begreifen, nicht besser, nicht mehr kommst Du mir vor als alles, was in der Natur lebt, denn alles Leben hat gleiche Anspruche ans Gottliche; aber sorge nur, dass Du Dein eignes Naturleben nicht verletzest, und dass es sich ohne Storung entwickle.

Dein klein Gedicht, was Du bei Gelegenheit der Langenweile gemacht, beweist mir, dass wir beide recht haben, fur jeden andern wollt ich es als Gedicht rechnen, aber fur Dich nicht, denn Du sprichst darin eine aussere Situation aus, nicht die innere, und ein Gedicht ist doch wohl nur dann lebendig wirkend, wenn es das Innerste in lebendiger Gestalt hervortreten macht, je reiner, je entschiedner dies innere Leben sich ausspricht, je tiefer ist der Eindruck, die Gewalt des Gedichts. Auf die Gewalt kommt alles an, sie wirft alle Kritik zu Boden und tut das ihre. Was liegt dann dran, ob es so gebaut sei, wie es die angenommne Kunstverfassung nicht verletze? Gewalt schafft hohere Gesetze, die keiner vielleicht fruher ahnte oder auszusprechen vermochte; hohere Gesetze stossen allemal die alten um, und wir sind doch noch nicht am End! Wenn doch der Spielplatz, wo sich die Krafte jetzt nach hergebrachten Grundsatzen uben, freigegeben ware, um der Natur leichter zu machen, ihre Gesetze zu wandlen! Ich will nicht, dass Du auf meine Produkte in der Poesie anwendest, was ich hier sage; ich habe mich auch zusammengenommen und gehorchen lernen; und es war gut, denn es sammelte meinen Stoff in meinem Geist, der mir vielleicht als Inhalt nicht genugt haben wurde, wenn mir die Form, die ich der Anmut zu verweben strebte, nicht den Wert dazu geliehen hatte; ich glaube, dass nichts wesentlicher in der Poesie sei, als dass ihr Keim aus dem Inneren entspringe; ein Funke aus der Natur des Geistes sich erzeugend ist Begeistrung, sei es aus welchem tiefen Grund der Gefuhle es wolle, sei er auch noch so gering scheinend. Das Wichtige an der Poesie ist, was an der Rede es auch ist, namlich die wahrhaftige unmittelbare Empfindung, die wirklich in der Seele vorgeht; sollte die Seele einfach klar empfinden und man wollte ihre Empfindung steigern, so wurde dadurch ihre geistige Wirkung verloren gehen.

Der grosste Meister in der Poesie ist gewiss der, der die einfachsten ausseren Formen bedarf, um das innerlich Empfangne zu gebaren, ja dem die Formen sich zugleich mit erzeugen im Gefuhl innerer Ubereinstimmung.

Wie gesagt, wende nichts auf mich an von dem, was ich hier sage, Du konntest sonst in einen Irrtum verfallen. Ob zwar ich grad durch mein Inneres dies so habe verstehen lernen. Ich musste selbst oft die Kargheit der Bilder, in die ich meine poetischen Stimmungen auffasste, anerkennen, ich dachte mir manchmal, dass ja dicht nebenan uppigere Formen, schonere Gewande bereit liegen, auch dass ich leicht einen bedeutenderen Stoff zur Hand habe, nur war er nicht als erste Stimmung in der Seele entstanden, und so hab ich es immer zuruckgewiesen und hab mich an das gehalten, was am wenigsten abschweift von dem, was in mir wirklich Regung war; daher kam es auch, dass ich wagte, sie drucken zu lassen, sie hatten jenen Wert fur mich, jenen heiligen der gepragten Wahrheit, alle kleinen Fragmente sind mir in diesem Sinn Gedicht. Du wirst wohl auch dies einfache Phanomen in Dir erfahren haben, dass tragische Momente Dir durch die Seele gehen, die sich ein Bild in der Geschichte auffangen, und dass sich in diesem Bild die Umstande so ketten, dass Du ein tief Schmerzendes oder hoch Erhebendes mit erlebst; Du kampfst gegen das Unrecht an, Du siegst, Du wirst glucklich, es neigt sich Dir alles, Du wirst machtig grosse Krafte entwickeln, es gelingt Dir, Deinen Geist uber alles auszudehnen; oder auch: ein hartes Geschick steht Dir gegenuber, Du duldest, es wird bitterer, es greift in die geweihte Statte Deines Busens ein, in die Treue, in die Liebe; da fuhrt Dich der Genius bei der Hand hinaus aus dem Land, wo Deine hohere sittliche Wurde gefahrdet war, und Du schwingst Dich auf seinen Ruf, unter seinem Schutz, wohin Du dem Leid zu entrinnen hoffst, wohin ein innerer Geist des Opfers Dich fordert. Solche Erscheinung erlebt der Geist durch die Phantasie als Schicksal, er erprobt sich in ihnen und gewiss ist es, dass er dadurch oft Erfahrungen eines Helden innerlich macht, er fuhlt sich von dem Erhabenen durchdrungen, dass er sinnlich vielleicht zu schwach sein wurde, zu bestehen, aber die Phantasie ist doch die Statte, in der der Keim dazu gelegt und Wurzel fasst, und wer weiss, wie oder wann, als machtige und reine Kraft in ihm aufbluht. Wie sollte sonst der Held in uns zustande kommen? Umsonst ist keine solche Werkstatte im Geist, und wie auch eine Kraft sich nach aussen betatigt, gewiss nach innen ist ihr Beruf der wesentlichste. So fuhl ich denn eine Art Beruhigung bei dem Unscheinbaren und Geringfugigen meiner Gedichte, weil es die Fusstapfen sind meines Geistes, die ich nicht verleugne, und wenn man mir auch einwerfen konnte, ich hatte warten durfen, bis reifere und schmackhaftere Fruchte gesammelt waren, so ist es doch mein Gewissen, was mich hierzu bewog, namlich nichts zu leugnen, denn wenn je eine reine selbstgefuhlige Gestalt hieraus sich entwickelt, so gehort auch dies hinzu, und was ich bis jetzt auf diese Weise in mir erlebte, ist ja, was mich bis hierher fuhrte, zu diesem Standpunkt meines festen Willens.

Ich habe Dir jetzt genug gesagt, ich hab es aus Liebe zu Dir getan, so wie Du so manches aus Liebe zu mir gesagt und getan hast, und Du hast ausserdem noch einen nahen Anteil an allem, wie denn dies nicht anders moglich ist. Ich bitte Dich aber dringend, lasse es in Deine Stimmung nicht einwirken, sondern sorg, dass Du mir hubsch ganz Du selbst bleibst, Dein Manuskript ist an den Primas besorgt worden.

Caroline

Was hast Du denn fur einen Brief an Voigt geschrieben von einem polnischen Juden?

An die Gunderode

Das Wetter hat sich geandert, der grune Bergrasen lacht das bisschen Schnee aus, was Winter sein will, ich bin den ganzen Tag nicht zu Haus. Die Sonn und der Mond gehn abends zusammen am Himmel spazieren, ich war gestern fruher oben, um zu sehen, wo sie bleiben, ich guckte in die Luft, die so weich weht, und in die veranderte Landschaft, weil uber Nacht der Schnee weggeschmolzen war, und konnt mich auf nichts mehr besinnen in der schmeicheligen Natur, so geht's gewiss den schneeentlasteten Tannen auch und den Wiesen; und die gelben Weiden und die Birken taumeln in dem lauen Wehen wahnend und schwankend, als konnt der Fruhling wohl einmal den Winter uberhupfen; sie sind im Winterschlaf vom Fruhlingstraum geneckt, ich auch, ob nicht alle Seligkeit hier Traum von spater ist? Sie ist so kurz, so zufallig. Fruhling ist Seligkeit, weil's Begeistrung ist von der Zukunft, Seligkeit ist Begeistrung zum Leben, das ist Fruhling. Wer ewig zum Leben begeistert ist, der ist immerdar Lebensfruhling, das Leben ist aber bloss Begeistrung, denn sonst ist's Tod; und so ist das Leben heut und immer knospenschwankend im Wind, der die Zeit ist, knospenschwellend in den Sinnen, was die Natur ist, und knospenduftend im Geist, der die Sonne ist. Das ganze Leben ist bloss Zukunftsbegeistrung, nicht ein Moment kann aus dem andern hervorgehn, war's nicht Begeistrung der Natur furs Leben. Die Zeit wurde aufhoren, war die Natur nicht mehr fruhlingbegeistert, denn bloss dass sie ewig nach der Zukunft strebt, macht, dass sie lebt; und dass sie ewig den Fruhling erneuert, das ist ihre Seele, ihr Wort, das Fleisch geworden ist. Sie offnet die Lippen und schopft Atem der Zukunft, das ist der Fruhling, der bluht schnell alles heraus, das ist Ausatmen der Begeistrung, Frucht der Blute, Bestatigung des begeisterten Lebensatems, Sommer, wo der Busen der Natur atemerfullt die Lebenskraft in der Frucht, im Apfel, in der Traube wieder aushaucht in den Herbst hinuber, in dem er reift, absetzt; das ist im Busen der Natur Winterpause, da regt sie sich einen Moment nicht, wie die Brust sich auch nicht regt zwischen Sinken und Steigen vom Atem; und dann hebt sich der Busen ihr allmahlich wieder, machtig und machtiger trinkt Lebensbegeistrung heiligen Atems voll. So ist das Leben fruhlingbegeistert Atemschopfen, und Sommer und Herbst sind der Begeistrung Aushauch, und der Winter ist nur Fruhlingspause; in ihr sind alle Sinne schon wieder auf das Atemschopfen hingewendet.

Alt ist keiner als nur, wer die Zeit achtet als bestehend. Die Zeit ist nicht bestehend Schwinden ist Zeit. An Schwindendes kann sich Begeistrung nicht hangen, an nichts kann sie hangen, sie muss frei sein, bloss in sich; denn sonst war sie kein Leben. Also die Natur atmet Begeistrung, das ist Fruhling; Sommer und Herbst entstromen dem Atem der Natur, das ist, wo sie alles hingibt, um aufs neue den Fruhling einzuatmen. Da ist's deutlich, dass der Geist auch nur Fruhlingsatem schopft, und dass Jugend nicht in Zeit sich einschrankt, die vergeht, da Lebenslust nicht vergehn kann, weil, wie Natur Fruhling aufatmet, wir Lebensbegeistrung aufatmen.

Es ist dumm, was ich hier sag, ist nicht uneingehullter Geist, der den Wahn vernichtet, aber unter der armseligen Hulle des zwanzigmal wiederholten Vergleichs liegt einer zerschmetternden Antwort Keim auf das, was Du mir schon mehr als einmal gesagt hast: "Recht viel wissen, recht viel lernen, und nur die Jugend nicht uberleben. Recht fruh sterben!" Ach Gunderode! Atme aus, um wieder aufzuatmen, Begeistrung zu trinken denn: ist Natur nicht bloss dieser Begeistrung Leben? Und war Jugend etwas, wenn's nicht ewig war? Wie ich auf der Warte sass gestern und sah, wie die Natur dem Fruhling schon voraus traumte da fiel mir's ein, dass Jugend ja ein ewiger Lebensanspruch ist, wer den aufgibt allein, atmet nicht mehr auf, er lasst den Atem sinken. Ich weiss nicht, was Du Jugend nennst? Ist's nicht jugendlich, den Leib dem Geist aufopfern? Strebt sie nicht mit allen Kraften, Geist zu werden? Was ist denn also die Zeit? Nichts als Jungwerden. Leben muss man immer wollen, denn wenn der Tod kommt, das ist grade, wo die Jugend sich mundig fuhlt zur Unsterblichkeit; wessen Jugend aber fruher abstirbt, wie kann der unsterblich werden? Wer dachte: ich will nicht uber die Jahre hinaus, wo ich mit zwanzig zahle, denn mit dreissig ist der Jugend der Stab gebrochen, der musste einer sein, der Zeit hatt, so was zu denken, und stund ebensogut mussig am Ufer als Ladung fur den Charonsnachen, mir deucht aber, Dein Geist, der wie die Natur blutenaufatmend ist, kann nicht vor spaterer Zeit zuruckweichen wollen. Nein! Geistessehnsucht bildet Fruhlingskeime, und Lebenwollen ist Liebe zu diesen Keimen, des Geistes Lebensbegierde ist dasselbe Treiben, was in der Natur ist, wo Keim auf Keim aufspriesst; und eine Lebensmelancholie kann nur sein, wo der Geist stockt, wo er den Trieb verliert, der Natur gleich, mit heissem Blut seine Triebe zu nahren; das war die Jugend aufgeben; das ganze Leben ist nur einmal Fruhlingsaufatmen, und ob wir zwanzig oder dreissig oder hundert Jahr zahlen, so lang muss der Atemzug aushalten, aufstrebend ins Leben, mit allen Kraften, in vollster reichster Blute den Duft ausbreitend in die Weite auf schwingenbeladenen Winden. Wie kannst Du da nur um Jugend Dich gramen? Und wer anders lebt, der ist kein Lebender im Geist. Und an was denkst Du in Dir selber? Zu was empfindest Du Dich hin, als bloss zum Ziel! Zur Umarmung mit einem Ideal, was innerlich Dir vorschwebt, Du sehnst Dich ihm entgegen innerlich, alles was Du tust, ist Aufstreben; Kindschaft, Junglingschaft das ganze Leben; wie kann da von der Jugend Ende auf Erden die Rede sein. Jugend bricht in voller Blute hervor, erst wenn's Leben am Ende ist. Hast Du nicht gesehen an manchen Pflanzen, dass die erste Hulle, die ihre Blute verschliesst, welken muss, eh jene aufbrechen kann? Und sollte man, um der jungen Kraft der Hulle wegen, die nur Schutzmantel ist der verschlossenen Blute, den innern Keim ausbrechen wollen, damit die Narren nicht sagen, die Jugend sei verwelkt? Das ganze irdische Leben ist nur einhullende Mutterwarme, Hulle der Geistesblute, wir wollen sie ihr nicht rauben, wir wollen sie verborgen in dieser Hulle lassen, bis die zu Staub auf ihr verfallt, und die geheimen Lebenstriebe, mit denen Du mich durchdringst, von denen ich ohne Dich nichts empfunden haben wurde, die lass sich verdoppeln tausendfaltig, Du liebst! Anders kann ich Dich nicht ausdrucken, das ist ja nur Jugendblute! Da der Charakter Deines Geistes also Jugend ist, was hast Du fur Not ums Altwerden? Und was tu ich denn? Ich leb mit von der Warme, die Deines Geistes Lebenskeim schutzt und nahrt, und alles, was in mir treibt, wurde vielleicht ohne Regung geblieben sein, war es nicht in Dir vom Lebensfeuer ergriffen, ja ich bin ein Zweig, der am vollbluhenden Stamm Deiner unsterblichen Jugend durch dies Erdenleben mitgenahrt ist. Erdenleben ist Mutterhulle der geistigen Jugend, mag sie uns schutzen wie die Zwiebel den Keim des Narzissus schutzt, bis sie im Spiegel ihr eignes Ideal erkennt.

Am Mittwoch!

Ich war gestern lustig, aber ein Brief der Claudine uber Dich, den ich fand, als ich vom Turm kam, hat mich bewegt, Dir so ernst zu schreiben: wenn's dunkel ist, kann man sich allerlei weismachen, eben weil Gelegenheit ist, so mannigfaltig mit Schatten zu spielen; glaubt man auch nicht an den verzognen Schatten, so duldet man doch nicht gern das groteske und doch so ahnliche Bild, und man kann am wenigsten leiden, was man doch nicht glaubt; so nimm meinen Brief; ich hab nie Deine Reden uber Leben und Sterben leiden mogen, obschon ich weiss, dass es nur Schatten waren, die an der Wand Deines Geistes spielten, gleichsam als war das Licht Deines Geistes schief geruckt, und sei mir gut und lass mich's nicht greife, die vielleicht golden sind im verjungten Morgenglanz, wahrend ich trube Regenwolken wollte verscheuchen, mit denen weit in den Abend hinein mir Dein Himmel uberzogen schien, als mir die Claudine von Deinem Trubsinn schrieb. Es ist ja naturlich, dass wer Dich von aussen nur sieht, uber Dein Inneres keinen treffenden Bericht kann erstatten, von dem ich jetzt ahne, dass es heiter thront uber Wolken, die ihren Schatten zwar nach der Erde werfen, auf denen Du aber, himmlisch getragen, im Licht schwelgst.

Hier leg ich Dir das Blatt bei, das ich, eh der Claudine Brief kam, geschrieben hatte, am Montag, wo's auf dem Turm so fruhlingsmassig war, dass ich an keinen Winter mehr glaubte.

Erstes Blatt vom Montag

Der poetische Vortrag vom Sonnabend hat mir seinen wechselnden Rhythmus wie in eine Orgelwalze eingehammert, der sogar meine Reden einschnurt; so leicht kann eine fremde Kraft meinen Geist uberwaltigen. Dem Weiss hab ich gestern meinen Gutenachtgruss, wie er behauptet, in Hexametern vorgestammelt, wundre Dich nicht, dass ich diesem Plaggeist, weil ich so abendmude bin, die Zugel schiessen lasse und Dir die Naturseltenheit eines fruhlingstraumenden Winterabends in aufdringlichen Rhythmen vortanze.

Eilt die Sonne nieder zu dem Abend,

Loscht das kuhle Blau in Purpurgluten,

Dammrungsruhe trinken alle Gipfel.

Jauchzt die Flut hernieder silberschaumend,

Wallt gelassen nach verbrauster Jugend,

Wiegt der Sterne Bild im Wogenspiegel.

Hangt der Adler, ruhend hoch in Luften,

Unbeweglich wie in tiefem Schlummer;

Regt kein Zweig sich, schweigen alle Winde.

Lachelnd muhelos in Gotterrhythmen,

Wie den Nebel Himmelsglanz durchschreitet,

Schreitet Helios schwebend uber Fluren.

Feucht vom Zaubertau der heil'gen Lippen,

Stromt sein Lied den Geist von allen Geistern,

Stromt die Kraft von allen Kraften nieder

In der Zeiten Schicksalsmelodien,

Die harmonisch ineinander spielen

Wie in Blumen hell und dunkle Farben.

Und verjungter Weisheit frische Gipfel,

Hebt er aus dem Chaos alter Lugen

Aufwarts zu dem Geist der Ideale.

Wiegt dann sanft die Blumen an dem Ufer,

Die sein Lied von sussem Schlummer weckte,

Wieder durch ein susses Lied in Schlummer.

Hatt ich nicht gesehen und gestaunet,

Hatt ich nicht dem Gottlichen gelauschet,

Und ich sah den heil'gen Glanz der Blumen,

Sah des fruhen Morgens Lebensfulle,

Die Natur wie neugeboren atmet,

Wusst ich doch, es ist kein Traum gewesen.

Weisst Du noch jenen Abend, im Fruhjahrsanfang, wo der Arnim auf dem Trages seine Gedichte uns vorlas? Da hab ich mich auf dem Turm in dem laulichen keimetreibenden Wetter wieder dran erinnert, und der Rhythmus, der, wie gesagt, noch aus jener Vorlesung mich verfolgt, schien mir dies alles, was hier auf dem Papier so ganz durr aussieht, in grosser Fulle auszusprechen; ich wollt es Dir auch nicht schreiben, aber wo soll ich hin mit? Meine Briefe an Dich sind wie das Bett der Quelle, alles muss durchstromen, was in mir ist.

Meine Bemuhungen, Lieder furs Wunderhorn aufzufinden, haben mich mit wunderlichen Leuten zusammengefuhrt, die wie angenehme Schaferspiele mich ergotzen. Ich brauch Uberredungskunste, um ein Bauermadchen dahinzubringen, ihre Lieder herzusingen. Da kommen sie meistens zuerst mit verkruzten Opernarien, ich hab noch wenig Kornlein aus dieser Spreu gesammelt, die sie aus Mangel an Unschuld, im Uberfluss an Unwissenheit ersticken und vermodern lassen, und die man endlich doch nur stuckweise ans Tagslicht bringen kann; ich tu's dem Clemens und Arnim zu Gefallen.

Letzt war mir ein allerliebst Madchen vom Pfarrer Bang geschickt worden, weil es sehr viel schone Lieder kann; die ganze Familie gehort zu dem Singgeschlecht, das sich ernahrt mit Krautersuchen fur die Apotheken in der Umgegend und im Fruhjahr mit Erdbeeren- und Heidelbeerensuchen. Das Kind war zwei Tage bei mir, es schlief im Vorzimmer; so ein allerliebst Kind kannst Du Dir gar nicht denken, auch von Schonheit; ich nahm's mit hinaus, da hat's mich neue Wege gefuhrt, wo ich noch gar nicht gewesen war, ich sagte, wir wollen einmal gradaus gehen, es mag in Weg kommen, was will, so ging's bergauf, bergab, bis wir hinter die Brunnenleitung in den Wald am See kamen, und ich war mutwillig ubermassig, bis ich mich endlich, uberrascht, weil ich ruckwarts ging, in einem Sumpf befand.

Was mich am meisten ergotzt, ist die Kenntnis aller Krauter und Wurzeln, die das Kind hat, ohne doch je gelernt zu haben, es ist eine traditionelle Botanik, die aber so vollstandig ist und mit so viel historischen Belegen versehen, und zu so manchen Vergleichen fuhrt, dass wohl auf diese Weise ein gross Teil Gottesphilosophie auch in den unstudierten Bauern ubergeht. Ich grub viel Wurzeln aus, die wusste das Kind alle zu nennen, und jedes verdorrte Hulschen, das noch einen Samen bewahrte, kannte es, das gute Kind. Da war ein kleiner Storchschnabel im Winter ausgefroren, es holte ihn aus einer Felsritze hervor, wo die Pflanze ganz unverletzt gebluht hatte und so verdorrt war; dies Blumengerippe war so schon, wie die Blume gar nicht ist. In ihrer Einfachheit kann die Pflanze nicht grosseren Anspruch machen als andre Feld- und Waldblumen, aber ihr feines Gerippe ist wie ein gotisch Kunstwerk. Der kleine Spiess, der aus der Blumenkrone hervorwachst, teilt sich von unten in funf Fingerchen, die sich aufwarts schwingen und mit jedem in einem kleinen verschlossnen Becher ein Samenkornchen der Sonne entgegenhalten, das so fein und wunderschon geformt und geschliffen ist wie ein Edelstein, wenn nun die Sonne drauf scheint, so tun diese Samenkornchen nach allen Seiten einen mutigen Sprung, so sind sie alle funf um die Mutterstaude versetzt, ein bisschen Erde, ein bisschen vermodert Moos gibt ihnen Nahrung, dass sie im nachsten Jahr im Familienkreis aufbluhen. Nein! Ich hab die Natur lieb, mag ich auch nur, wie ein trockner Storchschnabel, das geringste aller Pflanzchen spater unter den Fussen des Wanderers zertreten werden, so will ich ihr doch mich hinhalten, solang sie ihren kunstfuhligen Geist uber mich stromen lasst; wollte sie doch meiner einfachen unscheinbaren Blute nach einen schonen Zepter aus mir bilden, der seine Kleinodien um sich streut, neues Leben zu verbreiten, und dann in die leeren Schalen Himmelstau sammelt; so denk ich mir, wird des Grossmutigen Zepter die Welt beruhren.

In allen Wandlungen der Natur deucht mich Salomonis Weisheit mit Geistesbuchstaben eingezeichnet, die klein oder gross die Seele mit Schauer erfullen, weil sie alle rufen: "Hebe wie der Vogel die Schwingen uber den Erdenstaub hinaus und fliege aufwarts, so hoch du vermagst. Der Vogel fliegt mit seinem Leib, du aber kannst mit dem Geist fliegen, dein Leib hat keine Flugel, weil du lernen sollst, mit dem Geist dich aufschwingen." Du weisst, wie oft wir uns besannen, warum die Sehnsucht zu fliegen durch jeden Vogel rege werde. Hatten wir Flugel wie die Vogel, so wurde diese Sehnsucht nicht wach sein, die jetzt uns bewegt, immer dran zu denken, und so unsern Geist befiedert, mit dem wir einst fliegen werden; denn alles Denken ist doch das im Geist, was das Wachsen und Treiben in der Natur ist. Nun weisst Du auch, warum in meiner botanischen Taufe der Storchschnabel die Zepterblume heisst. Mein botanisch Heft hat sich schon vergrossert bis zur siebzehnten Pflanze, die ich genau beobachtet und so bezeichnet hab, wie mein Beschauen es mir lehrte, bald ist's das Blatt, bald die Krone oder Wurzel, bald die Form der Staude, die mir irgendein Ratsel lost oder eine Zauberformel aufgibt; dem alten Weiss bring ich meine Exemplare, er muss sie mir einlegen und sauber ordnen; im Anfang meinte er, ich spasse, als ich ihm meine neue Botanik vortrug, als ich aber ganz ernsthaft dabei blieb, dass wie andre eine Botanik geschrieben, so konne ich auch eine schreiben, so sah ich ihm heimlich an, dass er mir meine Kinderunschuld nicht verderben wollt und sich hineinfugte, ich las ihm meine Entdeckungen vor, besonders erfreute ihn die Geschichte der Kuhblume, die ihren Samen wie eine Sternenkugel ausdehnt, und von der ich ihm zu verstehen gab, dass die Sterne wohl auch mit einer so feinen Rohre auf dem Samenschaft der Gottheit haften, wenn die ausgebluht hat und einer zuweilen dahin fliegt, um in einem neuen Boden zu bluhen, und dass alle Himmelskorper reifende Samen sein konnten. Der Weiss sagt: tolle Vergleiche, aber sie machen mir Freude und rucken mir die alte Pelzmutze vom Ohr und wehen mir frische Luft zu; so bring ich denn manches zum Vorschein, woran ich nicht gedacht hatt, bloss um den alten Nachbar in Verwundrung zu setzen; es ist doch schon von ihm, dass er sich zu solchen Dingen, die er Narrenspossen nennt, so gerne hergibt. Manchmal ruft er aus: das geht uber alle Unmoglichkeit hinaus.

Mit dem Erdbeermadchen bin ich noch einen Nachmittag im Freien am Waldrand gewesen, wo wir Feuer machten, und wo die Sonne gluhendrot unterging und wir durch die einsamen Felder auf dem Heimweg sangen, da hab ich ein paar schone Lieder entdeckt, es hatt ihrer gewiss noch manche im Kopf stecken, Melodien, die wie durch einen Magnet mit dem Inhalt zusammenhangen, die tragen eines durchs andre die Stimmung auf einem uber.

Heute erhalte ich einen Brief von Dir, die Claudine schrieb mir, dass sie Dich schreibend getroffen, schon am zweiten Blatt, ich weiss, dass, wenn ich meinen Brief jetzt fortschicke, dass mir der Bote einen zuruckbringt, ich freu mich, unterdessen will ich auf den Turm laufen und meine freudige Ungeduld mit den Geistern verjackern.

Bettine

An die Gunderode

Ich habe grosse Liebe zu den Gestirnen, ich glaub, dass alle Gedanken, die meine Seel belehren, mir von ihnen kommen. Auf die Warte zu gehen mochte ich keine Nacht versaumen, ich dachte, ich hatt ein Gelubde gebrochen, was sie mir auferlegten, und sie hatten dann umsonst auf mich gewartet. Was mir Menschen je lehren wollten, das glaubte ich nicht, was mir aber dort oben in nachtlicher Einsamkeit in die Gedanken kommt, das muss ich wohl glauben. Denn: der Stimme vom Himmel herab mit mir zu reden soll ich der nicht glauben? Fuhl ich denn nicht ihren Atem von allen Seiten, der mich anstromt? Das ist, weil ich hier einsam in der Nacht ihnen so ganz vertraue. Ich gehe den Weg, der mich angstigt, um zu ihnen zu gelangen, ich komme zum dunklen Turm, da zittert mir das Herz, ich steig hinauf mit solcher Beklemmung und auf der obersten Sprosse, wo ich mit der Hand mich aufstutzen muss, um mich hinaufzuschwingen, da ist mir schon so leicht, da leuchten mir alle Sterne entgegen, und wen ich liebe, befehle ich ihrem Schutz, und Dich zuerst. Wenn ich um Dich betrogen wurde, dann war's aus mit ihnen. In den Schnee, der oben auf der Warte liegt, schreib ich Deinen Namen, dass sie Dich schutzen sollen, das tun sie auch gewiss. Dann setz ich mich auf die Brustwehr und verkehr mit ihnen lustig, nicht traurig. Du denkst wohl, ich war da feierlich gestimmt? Nein, sie necken mich. "Hast du das Herz, da auf der schmalen Mauer im Kreis herumzulaufen, vertraust uns, dass wir dich nicht herunterfallen lassen?" so fragen sie; und denn ist's, als konnt ich sie mit der Hand greifen, so nah sind sie mir. Denn wenn ich auf ihren Wink das Leben in ihre Hut geb, das muss mich mit ihnen vertraut machen. Ich weiss wohl, was Menschen denken wurden von mir, wenn die so was wussten, ich sag Dir aber, es ist eine Saat, die sie mir ins Herz saen, das halt so still und ist so hingebend wie das Erdreich, und es sammelt seine Krafte, diese Saat zu nahren. Meinst Du, ich wurde je zagen vor dem Geschick, wenn ein guter Geist mich heisst vorwarts gehen? Gewiss nicht! Die Sterne haben's in mich gesaet, dies Vertrauen in das Rechte, ins Grosse, was so oft unterbleibt aus Mangel an kuhnem Mut. Das ist die Blume dieser Saat, die bluht hervor: und meiner Brust pragt sich ein, dass ich nicht mehr nach der Menschen Rat frag, oder auf ihre Meinung, ihren Willen mich berufe und mich so meiner inneren Stimme entziehe, die mir vielleicht befiehlt, was mich gefahrdet, aber mir das Reine, Echte, Grosse, was auf kein Geruste der Falschheit sich stutzt, sondern rein aus der Brust mit Gottes Stimme einklingt, als heiligen Gegensatz aller menschlichen Vorsicht darstellt. Ein Inneres sagt mir: Wie du den Sternen zusagst, so sage der innern Stimme auch zu, der nicht umsonst ein so dringender Laut eingeboren, die fuhlbar macht das Unversohnliche einer fremden Handlung mit diesem heiteren Umgang der Natur. Nie konnte ich etwas tun, wo nicht mein eigner Geist ja dazu sagte, und nie sollten mich Folgen kranken, schienen sie auch noch so herbe, waren sie diesem Vertrauen in die innere Stimme entsprungen. Denn Erdenschicksal! Was ist Erdenschicksal? Erhaben kann der Menschengeist nie genug handlen! Alles kleinliche Denken und Treiben ist weit grosseres Elend, vergeudet viel edleres Gut, als mir je konnt aus Schicksalstucke geraubt werden. Aber gross handlen heisst nichts als die reine Gewissensstimme mit der Harmonie der Geister, der Sterne, der Natur einklingen lassen; klingt sie nicht ein mit ihr, so kann ich nimmermehr mich zu ihr wenden, nicht den Mond mehr zur Rede stellen, nicht die Sterne, nicht die Nebel, nicht die Finsternisse mehr durchwandlen und mit Geistern fluchtig durch Wies' und Fluren schweifen wie mit bekannten und vertrauten Machten; ich hab kein lebendig Gefuhl mehr zu ihr, zur Natur. Bescheint mich die Sonne, so ist's nicht, weil sie ihren Geist auf mich richtet und meinem Durst den Kelch der Wahrheit von ihren Strahlen erfullt darbietet, und uberschau ich wie heute die frisch gefallne Schneedecke uber die Weite hingebreitet, so kann sie mich nur traurig anglanzen, die das Licht der Sterne so rein in ihren diamantnen Flachen spiegelt; und in meinem Geist, der von Gott gebildet ist, sein Bild aufzunehmen, ist dann dies Licht erblindet.

Was soll's, ob Jugend oder Alter mein Leben genannt werde, wenn die Natur ihre Sprache mir lehrt, die Geduld nicht mit ihrem Junger verliert, wenn alles von Tag zu Tag feuriger mich begeistert bis zum letzten Tag! Welcher von denen, die mir Jugend absprechen, wird so elektrisch aufbluhen, auf welchem Herd werden so hohe Flammen lodern, und wo wird des Lebens Fulle in hohen Wellen dahin sich ergiessen als in meinem Lebensstrom? Lasse sie doch, die was wissen von Jugend, lasse die kalte Welt, die dich berechnet, kleinlich nach Jahren sagen, Du seist alt oder jung, wer der Natur vertraut, der lasst von ihr sich umschmelzen, sooft und wie sie will.

"Willst du was," sagen die Sterne, "komm zu uns." Das gelobe ich ihnen. Wo sollt ich mich auch sonst noch hinwenden? Wo sollt ich suchen? Keines Menschen Arm ist so zartlich umfassend als der Sterne Geist, er umfasst mich und Dich, denn wenn ich mich sammle innerlich, so hab ich Dich im Sinn. Was ich mit ihnen spreche, das hor ich nicht, ich les es auch nicht, es ist ihr Geflimmer, das wirkt mir's ein, und mit meinem Zutrauen versteh ich's; und wer konnt mir meinen Glauben nehmen? Und wenn einer balsamtrunken ist und fuhlt's in den Adern, wie konnt der zweifeln? Es ist auch nicht, dass sie mir treffende Wahrheiten mitteilen, oder dass ich was vernehm im Geist, was mir wie Weisheit dunkt. Sie nicken nur meinen geheimen Wunschen Gewahrung, Du weisst wohl, was das ist. Innerlich siegend wegfliegen uber alles; ausserlich nicht erkannt, nicht verstanden; ja lieber verachtet als nur ahnen lassen, wie es ist. Diese gottliche Dreieinigkeit zwischen mir und Dir und den Sternen. Wenn ich fur Dich mit ihnen was vorhab ich streck die Hande aus zu ihnen, sie wissen's.

Dein Brief hat heute einen Geisterring um mich gezogen, Du hast mich in einen tieferen Kreis eingelassen, das macht mich wehmutig und doch macht es mich eifersuchtig auch, ich empfind, dass Du mich hinter Dir lasst, wenn Du mit Deinen grossen weiten Flugeln Dich aufschwingen wolltest.

Du hast recht in allem, was Du sagst. Das heisst, ich versteh Dich, aber es drangt sich mir ein Gefuhl auf, ein schmerzliches, das uberwiegt alles Grosse, was Du mir uber Dich sagst, allen heiligen Rat, den Du mir uber mich gibst. Der Freund, der weit uber Land reisen wollt, wurde so sprechen zum Abschied! Es ist nicht wie Deine fruheren Briefe, die mitten drin sind im Spiel meiner Gedanken, Du stehst auf der Hohe, ubersiehst alles, befiehlst mir alles an, als wolltest Du von mir scheiden. Du sagst zwar, was ich von Dir schreibe, habe Dich geruhrt, darum seist Du mir naher geruckt, und es ist auch eine tiefe Harmonie in dem, was Du von Dir sagst, mit meinem Gefuhl von Dir, aber mich macht's traurig, dass Du willst, ich soll dem Clemens mehr schreiben, ich soll Dir heilige Versprechungen geben meiner Natur treu zu bleiben, und am meisten tut mir's weh, dass Du so deutlich die Verschiedenheit unserer Geisteswege bezeichnest und Dir den angestrengten dornenvollen aneignest, von mir aber sagst, ich durfe mich nicht bemuhen, ich sei in dem Land von Milch und Honig. Soll ich nicht mit Dir sein, soll meine Milch und Honig, meine Fruchte nicht Dir darbringen, fur wen fliesst dann diese Milch und Honig? Ach, wenn nur diese Dreieinigkeit fortbesteht zwischen Dir und mir und dem Geist, der dem einen und dem andern mitteilt fur beide, so bin ich befriedigt fur immer, und mag mir geschehen was da will, nur das Schicksal soll sich mir nicht aufdrangen, was diese Dreiheit scheidet. Mit Deinem Brief ging ich auf die Warte. Zu wem soll ich gehen, mit wem soll ich sprechen von Dir? Mit welcher Sehnsucht ging ich hinauf, und die Sterne! Wie verwirrte mich da oben ihr Drangen um mich her, immer hoher und hoher hinauf unzahlige, und alle winkten, soweit mein Auge reicht, und so ist's mit jedem Tag mehr, dass ich mich an sie wenden muss, und was Traum war, muss mit der Wirklichkeit vermahlt werden, wenn ich mir durchhelfen soll. So ist's, wenn der Keim durchbricht, da genugt nicht mehr Wasser und Luft und Erde, da ist kein Wahrscheinliches mehr, kein Unwahrscheinliches, da ist kein Rat, kein Beweistum mehr gultig.

Glaube ist Aberglaube, aber Geist ist Glaube. Da konnte einer fragen, was mein Vertrauen in die Sterne ist, wenn nicht Glaube, und also Aberglaube? Zwischen den Sternen und mir ist nur der Geist, ich fuhl's, alle sind Spiegel des Geistes, der aus meiner Brust steigt, sie fangen ihn auf und strahlen ihn zuruck; was Du denkst, das einzig ist die Wahrheit, sagen sie, klemme nicht Deine Flugel ein, fliege so hoch und so weit Dich deine Flugel tragen, ihre Kraft zu proben ist nicht Sunde; wie der Kolumbus dahinfuhr auf uferlosem Meer, so furchte Du nicht die Ufer aus dem Aug zu verlieren, an denen Menschenwitz gelandet und furchtsam sich dran festklammert; nicht umsonst ist Gott uberall, so darf der Menschengeist auch uberall sein; denn er trifft mit Gott zusammen in der ungangbaren Wuste; das Umherschweifen nach einer neuen Welt, die Deine Ahnung Dir weissagt, ist nicht Sunde, denn der Geist ist geschaffen, der Welten unzahlige zu entdecken, und diese Welten sind, und sind das Leben des Geistes, ohne diese wurde er nicht leben, denn des Geistes Leben ist Welten zu entdekken, und der Welten Leben ist im Geist aufzusteigen. Denn alle sind im Geist geboren, die wollen zu Schiff und fort, um neue Welten zu entdecken. Aber die Menschenfurcht ist so gross vor dem Geist, dass sie den Hafen sperrt, und duldet nicht, dass er die Segel ausspanne, sondern alle rufen: "Steiniget ihn, steiniget ihn, denn seht, er will den Hafen verlassen, in dem wir gelandet sind", und so steinigen sie ihn und toten ihn, eh sie zugeben, dass er den Hafen verlasse, damit nie Gottes Weisheit den Menschenwitz auf freiem Meer geleite; denn sie wollen der neuen Welten keine zugeben, aber gewiss: so unendlich der Sterne Zahl, so unendlich auch die Welten, die der Geist noch zu entdecken hat; und wie aller Sterne Licht zu uns aus weiter Ferne niederstrahlt, so strahlt aller Welten Geist herab in den Menschengeist, und dies Licht ist der Keim, der aufgeht im Geist, dass er die Welten des Geistes entdecke. Und wie alle Wahrheit Fabel ist, das heisst Gottesverheissung in der korperlosen Geistigkeit der Idee, und wie alle Geschichte Symbolik ist, das heisst Gottessprache mit dem Menschengeist, um ihn auf die Wahrheit steuern zu lehren, so ist denn auch die Geschichte des Kolumbus ein gottlich Bereden und Berufen des Menschengeistes, seine Segel aufzuspannen und kuhn auf jene Welt loszusteuern, die er, sich selber weissagend, sehnsuchtig erreichen mochte; und die Fabel dieser wahrgewordnen Ahnung ist die Verheissung, dass auch der Menschengeist glucklich landen werde, wenn er seinem Mut vertraut, denn wie wollten wir den Mut wecken und erziehen in uns, vertrauten wir nicht der eingebornen Kraft dem Genius. Was Tugend ist, hat keine Grenze, es umspannt die Himmel, wir konnen ihm kein Ziel setzen: so konnen wir dem Geist kein Ziel setzen, er ist gottliche Kraft, und dieser vertrauen, das ist der Geisteskeim, der ins Leben tritt. Was aber der Mut erwirbt, das ist immer Wahrheit, was den Geist verzagen macht, das ist Luge. Verzagtheit im Geist ist gespensterhaft und macht Furcht. Selbstdenken ist der hochste Mut. Die meisten Menschen denken nicht selbst; das heisst, sie lassen sich nicht von der Fabel des gottlichen Geistes belehren, die alle Wirklichkeit durchleuchtet und zur Hieroglyphik sie bildet, durch deren weisheitbewahrende Ratsel der Mensch hinauftreibt zur Blute und sich zeitigt in ihr, dass er vermoge, neue Welten organisch zu durchdringen und so sich selber ewig und ewig bis zur Gottheit zu erziehen. Aber im engen Hafen eingeklemmt, aus Furcht vor dem Scheitern, da wird er die Gottheit auf hohem Meer nicht erkennen. Und ist doch alle Geschichte Symbolik, das heisst Lehre Gottes, und wenn das nicht war, so wurde den Menschen nichts widerfahren. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln, und wer nicht selbst denkt, nicht aufs freie uferlose Meer steuert mit seinem Geist, der wird die Gottheit nicht selbst erreichen, nicht selbst handeln, denn sich nach andern richten, das ist nicht handeln, handeln ist Selbstsein, und das ist: in Gott leben.

So hab ich heute gedacht auf der Warte, weil mich Dein Brief ergriffen hat; ein Zorn ist in mir aufgelodert, der mir diese Gedanken zurief, es ist ein Fordern an Dich, Du sollst Dir und mir treu sein, da ein Geist sich mit uns beiden eingeschifft hat, so verlass seine Flagge nicht, der Eid, den Du geschworen, heisst: freudiger Mut, da Geist in ihm nimmer verloren gehen kann und ausser ihm aber erstirbt. Nun versteh mich da heraus. Der Traum leuchtet zu stark in mich hinein, als dass ich nicht etwas verwirrt sollte reden mussen. Ich kehre zuruck in tieferen Schlaf; wo ich's nicht mehr fasse wie eben, was in mir webt und will. Wie war das Wunderbare moglich? Ja wohl! Wie war der Geist moglich in der Menschenbrust, ohne alle Sterne? Sie alle leiten ihr Licht in ihn, sie alle sind seine Erzeuger, sie alle richten sich nach ihm, der in der Brust wie in der Wiege liegt, und sind Huter seines Schlafs; so er erwacht, so nahrt er sich von ihrem Geist, schlafend saugt er ihr Licht. Und siehst Du, ich spanne die Segel auf und fahr vorwarts und sprenge die Ketten, die den Hafen sperren, denn mein Wille ist, dem Gott auf offnem Meere zu begegnen, und dieser Wille ist rein und frei von Sunde, so ist er die Wahrheit und kann nicht trugen und wird Gott finden. Mein Geist wacht noch nicht, er schlaft aber doch unter ganz leiser Schlummerdekke, wie ein Kind mit sussem Bewusstsein schlaft in der Sonne und fuhlt ihren Schein.

Donnerstag

Ich muss Dir alles sagen; alles was mit luftiger Eile sich mir durch den Kopf schwingt. Ist mir's doch, als fahren wir auf Wolken dahin, und meine Worte verhallen in der Weite, aber ich muss Dir rufen wie ich Dich dahinschwimmen seh am Himmelsozean, als hatten Dich die Winde aufgerafft und mich auch, und als flog Dein Wolkenpferd weit vor mir; meine Stimme flattert an Dich heran: Du horst doch? So hell der Mond auch scheint im unendlichen Blau der Nacht, das Dich dahinnimmt? Es gibt nichts wie die Liebe! Doch weisst Du wohl! Menschen unterscheiden zwischen Lieb und Freundschaft und zwischen besonderer Treue fur diesen oder jenen, aber nicht ich und Du? Was spricht mich an? Das sag mir doch? Vielleicht der Damon der findet mich hier auf der einsamen Warte und spricht mit mir von Dir und lehrt mich beten fur Dich. Dich denken, wie Dein Geist sich hoher und hoher entfaltet, das ist nach was Du durstest, warum vernehm ich Dich so tief und fuhlte Dein Sein? Lieb will ich das nicht nennen wenn's nicht ist, dass ich vor Gott Dich aussprechen lerne? Denn alles Sein ist Geist Gottes, und Geist will sich aussprechen, sich in den Geist ubertragen, und die Sprache ist der Widerhall, das Gedachtnis des Seins. Ich spreche Dich aus vor Gott, so ist mein Gebet rein vor Gott, so hat es mich Dein Genius heute gelehrt oben auf der Warte, und hab ruhig, wie Du bist, mit den Sternen uberlegt; und dann hab ich Deinen Namen eingezeichnet in den Schnee; und dann den Namen des Konigs der Juden, der kindlich zu Gott ruft: Vater! hab ich Dir als Wachter hinzugeschrieben und dies Zeichen von Dir im kalten Schnee; da ist Dein Geist frei von bosem Wahn, da oben in reiner kalter Luft, die Dich anweht. Und der Geist Gottes uber Dir, und der menschgewordene Geist der Liebe Dich umschwebend dass Du sein musst und nicht Dich aufgeben wollend auf dieser leuchtenden Bahn. Ja, so muss es sein, denn Du bist ein Schosskind Gottes, denn wenn ich in der kalten Nacht hinaufseh, dann seh ich Dich sanft hinaufschreiten, als sei es Dein gewohnter Weg, und gehest ein und vorwarts, aber Dein Geist verzweifelt nicht. Leb doch wohl, jetzt bin ich wieder still und furchte nichts fur Dich eins will ich Dir sagen von meinen Briefen, ich lese sie nicht wieder ich muss sie dahinflattern lassen wie Tone, die der Wind mitnimmt, ich schreib sie hin, versteh's, wie Du willst, sie sind ein tiefes Zeichen, wie mein Geist durch den Deinen schreitet und von ihm wieder durchdrungen wird, und sonst ist's nichts. Und wenn es kein Geist ist, was ich damit mein, so ist's Ton Geschrei meines Herzens nach Dir hin, es verhallt oder es dringt bis zu Dir, da denkst Du, das ist der Bettine ihre Stimme, das ruft Dich auf, dass Du im Geist meiner wahrnehmest, wie kann ich anders mit Dir reden, was kann ich Dir zurufen? Was versteht sich zwischen uns, als nur allein die Modulation des Gefuhls, das andre wissen wir ja alle schon.

Bettine

An die Bettine

Du wirst mir doch nicht ubel deuten, dass ich mich ein wenig vor Dir furchte? Und machst mir auch Furcht vor mir selber! und dann furchte ich auch fur Dich, nimm Dich um Gotteswillen in acht, dass Du nicht fallst. Deine Turmbegeistrungen erfreuen mich, aber ich will gewiss sein, dass Du keiner Gefahr ausgesetzt bist, sonst machst Du mich krank, schreib mir gleich, dass Du nicht mehr auf der Mauer herumlaufen willst, sonst kann und will ich nichts mehr von da oben horen, mir war's wohltatig, Deine Stimme von da oben herab, so frei und leicht wie Wolken jagen, zu vernehmen, aber wollt ich doch, der Turm fiel eines Morgens ein, lieber als dass du am End in der Nacht selbst herunterfallst. Ich weiss nicht, bist Du das Spiel boser Damonen? Oder sichern Dich die Guten, so gib ihnen wenigstens nicht so viel zu tun, die bis zu mir dringen, ich soll Dich mahnen, nicht zu freveln. Liegt darin nicht schon der Beweis, dass sie Dich nicht schutzen konnen? Nehme ich Deine Weissagungen in mich auf und ergruble das Tonspiel Deines Geistes, in das der Zufall so oft eingreift wie der Wind, der alle Tone auseinandersprengt, und sammle gern, was Du zerstreuest in die Lufte: so folg mir doch auch und ich bitte Dich darum, sonst kann ich nicht ruhig denken an Dich; aber wenn Du es nicht lassen willst, oder wie Du meinst, dass Du es nicht lassen kannst, dann schweig lieber ganz, oder wie soll ich's machen, dass ich die Furcht uberwinde, Du mochtest elend und unwillkurlich da hinab ins Grab sturzen.

Du hast eine Bangigkeit um mich, als lage mir was Trauriges im Sinn; das solltest Du ja nicht es war im Gegenteil ein ganz freier Augenblick, wo alle storenden oder zerstreuenden Bilder erblasst waren, wo ich mit hellen Sinnen mein Inneres vor Dir aufschloss.

Warum ich Dich mahnte, an den Clemens zu schreiben, das will ich Dir hier offenbaren. Du sagst, Du liebst den Clemens, der Idee nach kann ich ihm auch herzlich gut sein, allein sein wirkliches Leben scheint mir so entfernt von demjenigen, das ich ihm dieser Idee nach zumute, dass es mir immer ein wahres Argernis ist, deswegen kann ich auch nie eine feste Ansicht uber ihn haben, aber in Deiner Liebe zu ihm fasse ich auch wieder Glauben zu ihm und habe eine Art Zutrauen zu einem inneren Kern in ihm, der nur durch allerlei Unarten verborgen und zuruckgehalten ist, wie wenn ein gesunder und reiner Born sich teilweise im Schlamm und Sand versickert; nun mein ich, Dein Schreiben an ihn raumt diese trubenden und schmalernden Hindernisse wohl hinweg, da Du so grade an sein Herz gehest, wo ich vielleicht zu ungeschickt bin, durchzufinden. Es ist nur der Wille, mich selbst besser zu ihm zu stellen, und alles, was sich immer durch seine Briefe aufs neue zwischen uns drangte, zu uberwinden, warum ich wunsche, dass Du ihn nicht versaumst; dann ist es auch mein Gewissen, was mich auffordert, dass Dich ihm nichts entfremde, denn wenn ich ihn je als treu und aufrichtig fassen kann, so ist's Dir gegenuber; um so mehr muss ihm dies erhalten bleiben, es ist die Quelle, aus der er verklart aus dem Bad steigt. Hier hast Du seinen Brief an mich, was er von Dir sagt, ist so aufrichtig naturlich innig; aber das andre ist um so wunderlicher, dass es mir ganz seltsam vorkam. Ich bestrebe mich immer, wenn ich an ihn schreibe, sehr fasslich zu sein und ganz wahr, allein es ist, als musse grade dies dazu dienen, die verkehrtesten Ansichten bei ihm uber mich hervorzubringen, es war mir, als ich den Brief gelesen hatte, und ist mir noch so, als ob er gar nicht fur mich geschrieben sei. Aber wenn ich ihm das schreibe, so muss ich schon gewartigen, dass er es fur eine kunstliche Anstalt halte, obschon ich ihm versichere, dass es ganz von selbst so gekommen, denn er kann sich wohl unmoglich denken, dass sein tieferes Eingehen auf meine Natur, wo er mich lobt, und wo er mich tadelt, mir ganz fremd erscheine. Ich verstehe nur den Augenblick, in dem er mir geschrieben hat; ich bin uberhaupt nie weiter gekommen, als seine Augenblicke ein wenig zu verstehen, von dieser Augenblicke Zusammenhang und Grundton weiss ich gar nichts. Es kommt mir oft vor, als hatte er viele Seelen, wenn ich nun anfange, einer dieser Seelen gut zu sein, so geht sie fort, und eine andre tritt an ihre Stelle, die ich nicht kenne, und die ich uberrascht anstarre, und die statt jener befreundeten mich nicht zum besten behandelt, ich mochte wohl diese Seelen zu zergliedern und zu ordnen suchen. Aber ich mag nicht einmal an alle seine Seelen denken, denn eine davon hat mein Zutrauen, das nur ein furchtsames Kind ist, auf die Strasse gestossen; das Kind ist nun noch viel bloder geworden und wird nicht wieder umkehren, darum kann ich ihm auch nicht eigentlich von mir schreiben; sein Brief an Dich, uber Wahrheit, hat mir viel Freude gemacht, und zugleich seh ich hell, was mir vorher nur dunkel und schwankend war, ich kann ihn viel besser durch Dich verstehen und ihm gerecht sein, und auch liebend, wie er es zu bedurfen scheint. Das alles macht mich wunschen, dass, was ich ihm liebend antun kann, durch Dich befordert werde, sprich ihm von mir, wie ich ihm recht naturlich vorkommen muss, dass es sich gut zwischen uns gestalte, denn durch unmittelbare Beruhrung kann nichts werden.

Savigny hat mir selbst geschrieben, tue mir doch den Gefallen und schicke mir gelegentlich die Ubersetzungen ins Franzosische, von denen er mir gesagt und sie mir auch versprochen hat.

Und nun mocht ich wohl diesen Raum an Papier hier mit etwas ausfullen, was Du nicht erwartest, weil es etwas Altes und oft Wiederholtes ist; aber doch liegt es mir auf der Zunge und auch immer im Geist, wenn ich Deine Briefe lese, mit denen mir's freilich ganz anders geht wie mit denen von Clemens, wo ich nur nachsinne und uberlege, wahrend ich bei den Deinen nur empfinde und zwar so wohltatig, als kame mir ein Luftstrom aus dem gelobten Land. Um so mehr wird Dich befremden, wenn ich frage, aber was wird bei Deinem zwischen Himmel und Erde Schweben, aus der Musik, aus dem Generalbass, aus der Komposition? Ist es nicht dumm, dass ich so frage? Aber bedenk, wieviel Genuss es Dir schon in Offenbach gewahrte, was Du Dir selber und dem, was Dir lieb war, schon zu Gefallen tun konntest, wie wohltatig wirkte es auf Dein Aufbrausen, wie oft beschwichtigtest Du es damit, wie schon versohntest Du oft Deine Stimmungen in dem Unerreichbaren durch Dein Singen, und was hast Du mir alles selbst beglaubigt, wie tief Musik in Dich eingreife; sollte nun auf einmal dies alles verschwunden sein? Oder hast Du nur versaumt, mir druber zu schreiben? Lebe wohl, Liebe, und ermude doch nicht mir zu schreiben.

Caroline

Deine Kolumbusansicht erfreut mich ungemein und macht mich ganz scharfsinnig, schicke dem Clemens Deine rhythmische Vision, es macht ihm vielleicht Freude, ich empfinde darin mehr lebendige als gemalte Flamme, schon fliesst die Abendschilderung und das Ganze aus lebendiger Erinnerung, die prophetischer Sang dem Untergang der Welt ist und dem neu erbluhenden tausendjahrigen Reich erwartet. Prophezeit doch Apoll auch aus der Vermahlung der Poesie und Philosophie. Ich erinnere mich noch des seligen Ubermuts in dem Liede von Arnim: Wie der trunkne Pag in warmen Nachten in geheimnisvoller Liebe Mantel wohl verkappt der Herrin Lager suchend, taumelnd in die Hohle war geraten, wo die Lowin ihre Jungen saugte.

An die Gunderode

Hab ich Dir denn nicht vom Koch erzahlt, der mich wochentlich zweimal kreuzigt mit dem Generalbassunterricht? und dass er mir alles korrigiert, was ich komponiere? Er schneidet mir alles zurecht, bis nicht ein Ton mehr, nicht ein Taktteil am alten Fleck sitzt, und wenn er's so weit verputzt hat, dass es sich ausnimmt wie ein geschorner Blumenstrauss, so hangt er ihm noch Manschetten an aus seiner eignen Garderobe. Arnims irdische Lieder werden da heilige Martyrer unter meinem Musikstudium, und ihre Seligkeit kann ich weder durch Vor- noch Nachspiel ausdrukken und troste mich damit, dass Seligkeit etwas ist, was nie eines Menschen Ohr gehort hat. Aber mit meiner Musik geht es im ganzen schlecht, das leugne ich Dir nicht, das ist aber nicht far niente, es ist unuberwindliche Schweigsamkeit in meiner Kehle, ich muss vermuten, dass fur die Menschenarten wie die Vogelarten gewisse Zeiten gibt im Jahr, wo sie den Drang zum Singen haben. In Offenbach, das war im Juni und Juli, da wacht ich gleich mit Singen auf, und abends stieg ich immer hoch, wie die Vogel in den besonnten Gipfel fliegen, um der scheidenden Sonne nachzusingen, da war der Taubenschlag meine Tempelzinne, da kamen mir Melodien, sie entsprossten aus leiser Beruhrung zwischen Ton und Gefuhl, sie losten die Fesseln dem, was in meiner Brust wie im Kerker schmachtete, dem gaben sie Flugel auf einmal, dass es sich heben konnt und ganz frei ausdehnen. Ich hab oft daruber gedacht, dass Musik so leicht und gleichsam von selbst sich melodisch ins Metrum fuge, die doch vom Verstand weit weniger erfasst und regiert wird wie die Sprache, die nie ohne Anstrengung das Metrum des Gedankens ergrundet und entwickelt. Die Melodie, die so in der Singezeit auffliegt, in sich fertig gebildet, der Kehle entsteigt, ohne von dem Geist gebildet zu sein, ist so uberraschend, dass sie mir als Wunder erscheint. Ist die Sprache eine geistige Musik und noch nicht vollkommen organisch gebildet? Und Dichterdrang ist der Trieb des Sprachgeistes, sich zu reifen? Sollen vielleicht Gefuhl, Empfindung, Geist ineinander durch die Sprache der Poesie organisch verbunden werden als selbstandige wirkende Erscheinungen? Haben Gedichte nicht geistige Verwandtschaften? Nicht Leidenschaften? Reisst ein Gedicht nicht das andere mit Flammenglut an sich, sind Dichtungen nicht blosse Begeistrung, heisse Leidenschaft fureinander? Spricht ein Gedicht Liebe aus, dann muss es ja in sich liebend sein, es entzundet ja! Ich muss ja jeden Gefuhlsschritt, jeden Atemzug mitleben, ich lieb ja so heiss wie die gedichterzeugende Begeistrung der Liebe.

Es war Frevel, wollt ich dichten, weil ich den Wein trinke und im Rausch den Gott empfinde. Weil der Vergotterungstrieb des Geistes mich durchschauert. Ich kann's nicht erzeugen, das Gottliche, so sag ich Dir, und doch es ist mir gewiss, dass ich es inbrunstig liebe und es auch im einfachsten Keim erkenne, aber ich selbst werd nicht Lieb erzeugen so wenig als ein Gedicht, ich fuhl's, und es liegt auch ein geheimer Widerspruch in mir, dass ich nicht gestort sein will in der inneren Werkstatte meines Geistes, durch Gegenliebe.

Es begegnet mir aber nichts oder wenig in der Menschenwelt, was einfach genug ist, was ganz reiner Lebenstrieb ist, was mich ruhrt, wie der Grashalm, die frischen Spitzen der Saat, ein Vogelnest mit Treue gebaut, das Blau des Himmels! Das alles ergreift mich, als ob's menschlich war, und inniger wie das Menschliche, und die Entzuckungen, die es mir erregt, von der Natur beruhrt zu sein, sind, als ob es eine mich mitfuhlende Gewalt beruhre, und das wird wohl der liebende Inhalt meiner Seele sein und nichts andres.

Es wird Dichtung meiner Natur sein, dass ich so liebe; aufnehmend, hingebend, aber nicht aufgenommen werdend. Drum! Es ist die Liebe, die dichtet den Menschengeist, und des Gedichtes Inhalt ist Liebe ohne Gegenliebe die hochste elektrische Kraft! Geistestrieb! Der meinige!

Vielleicht sind Naturen Gedichtkeime, sie sollen ohne Fehl sich entwickeln, und ist das ihr einziger Beruf. Ich wollt, ich sprosst aus einem grossen Dichtergeist, der allerhaben fuhlt und menschlich doch auch; keine uppige schwarmende Aufregung, nein susse Naturkraft, selbstbewusste gefuhlige, die aus Innigkeit mich erzeugte, aus begluckendem Reiz des Fruhlingslichts! Ja, ich wollt, ich war kein schlecht Gedicht. Gedrangter quellet Zwillingsbeeren und reifet schneller und glanzend voller! Euch brutet der Mutter Sonne Scheideblick, euch umsauselt des holden Himmels fruchtende Fulle; euch kuhlet des Mondes freundlicher Zauberhauch, und euch betauen ach, aus diesen Augen, der ewig belebenden Liebe vollschwellende Tranen. Dies Gedicht, ist mir's doch, als sei ich es! So reifend unter den Beruhrungen der Natur und unter den Tranen des Dichters. Und wie oft hab ich in der Singezeit dies Lied gesungen und mich ganz drin gefuhlt, die wachsende Beere, die der Tau der Liebestrane nahrt, der nicht ihr geflossen ist.

Montag

Gestern waren wir in der Elisabetherkirch, der Reif um den Turmknopf war von der Sonn zum Diamant Diamanttropfen; und der Kreis von Rosen, der um die Pforten in Stein sehr fein gemeisselt ist, war ein Diamantkranz! Die Kirch sah aus wie im Brautschmuck. Auf dem Kirchhof spielten die Wipfel im spiegelnden Geschmeide. Die Kirch, von der Wintersonne aussen so herrlich geschmuckt, war so still innen, so einsam helldunkel, und der Teppich, von den heiligen Handen der Elisabeth gewebt, lag vor dem Altar, erblasst von Farben ohne Prunk, nicht dem Aug erfreulich, nur die Seele ruhrend; und da sah ich mich um, dass nur ein blinder Mann an der Tur sass, sonst war die Kirch leer. Da fuhlt ich mich elektrisch beruhrt, wie's der Geist der Poesie mir tut. "Herbstgefuhl?" Ja sollt ich meinen Erzeuger nicht lieben? Die ich im Tau seiner heissen Tranen mich wachsend fuhl! Es beredet mich in der Einsamkeit der Geist der Poesie, wenn der Mond mich anhaucht da oben in den Nachten, und die Luft spielt um mich, dann fuhl ich den Dichter uber mir, der um Gedeihen fur mich fleht zu ihnen, und gibt die vollschwellende Trane hinzu. Nur den Zwillingsbeeren, die frisch und kindlich zu ihm aufstreben, keinem andern schenkt er der ewig belebenden Liebe Tau, so kann ich ja nichts anders sein wollen als die herbe Traube, die milde reift von seinen Feuertranen; ich hab mir's einmal so gesagt und sage mich nicht davon los, wie es auch mein inneres Sein ausspricht und mein Schicksal unter den Menschen.

Es ist ein grosser Unterschied zwischen den Geistern der Poesie. Manches ist die Natur selbst, die mit deutlichen sinnlichen Worten mich anredet, manches ist vom Genius nach allen Richtungen geprufter Geist, der in der Unsterblichkeit einfachem Stil die Seele beruft, dass sie den Gottern den Herd weihe und nur immer des Gottlichen gedenke der Genius bleibend werd ein ihr in grossen Gestalten heilig kuhner Gedanken. Und so sind viele Bewegungen im Geist gar verschieden, als konne die Poesie die Seelen ruhren wie Saiten, die erbrausen im Feuer, und wieder still und schuchtern aufbluhen wie Keime, die sich umsehen im Lebenslicht, neu geboren, nicht begreifend dies Leben, aber zum Leben vereint. Wenn ich Dir dies sagen konnt, was mich ohnmachtig macht, dass ich schuchtern werd und mich wehre gegen den Eindruck, als musse ich ihm mein Ohr versagen, und ihm doch heimlich lausche, weil's mich hinreisst, und weiss nicht, ob's der Klang ist oder der Inhalt, und wie beide wechselnd mich bewaltigen und wie ich ja ich will Dir's sagen: ein gottlich personlicher Geist dringt auf mich ein, den ich lieben will, lieben muss im Gedicht, dass ich herzzerrissen bin von grosser Wehmut. Nein mehr! Tiefer geht's: dass ich ausbrechen muss in ein schmerzlich Ach. Und wenn ich's nicht fuhlte, dies Geistige, Personliche in der Dichtung uber mir schwebend, wie begluckt uber seinen Triumph, ich glaub, ich musste wie wahnsinnig ihm nachirren aufsuchen und nicht finden und wiederkommen und mich besinnen und vergehen dran; und das ist der Goethe, der so wie Blitze in mich schleudert und wieder heilend mich anblickt, als tuen ihm meine Schmerzen leid, und hullt meine Seele in weiche Windeln wieder, aus denen sie sich losgerissen, dass sie sich Ruhe erschlummere und wachse, schlummernd im Nachtglanz, in der Sonne; und die Luft, die mich wiegt, denen vertraut er mich, und ich mag mich nicht anders mehr empfinden zu ihm als in diesem Gedicht, das ist meine Wiege, wo ich mich seiner Teilnahme, seiner Sorge nah fuhle und seine Tranen der Liebe auffang und mich wachsend fuhle. Du hast gesagt, wir wollen ihn sehen den Grossen, Wolkenteilenden, Atherdurchglanzenden, und ich hab gesagt, ja wir wollen ihn sehen! Aber wie ich's gesagt hatte, aus Liebe und Mitfuhlen mit Dir, da wurd ich eifersuchtig und weinte zu Haus in der Einsamkeit bittere Tranen, weil ich's gesagt hatte: wir wollen ihn sehen! Und das kommt daher, weil er so lange schon machtig mir die Seele besaitet hat und dann hineingreift, sturmaufregend, und mich sanft wieder einlullt wie ein Kind, und ich bin gern das Kind, auf dem sein Blick befriedigt weilt. Und war ich nicht genahrt von der Natur und wie es aus tiefster Brust ihm hervorquillt! wie konnt ich sein, wie ich bin? Und weiter will ich doch nichts sein. Und ich weiss gewiss, und nicht alle sind geeignet wie ich, dass der Geist personlich aus der Dichtung hervor uber mir walte und mich reife in seiner geheimsten Seelentiefe vollschwellendem Ubermass. Aber sag Du! Wie konnt ich atmen und ruhen und keimen, war's nicht in jener Wiege seines Gefuhls, im Gedicht? Und nicht wahr, ich lieg wohl gebettet und kannst mir's nicht susser wunschen? Ja, Du verstehst es, wie ich's meine; in den Manen hab ich mich zurecht gefunden in Dir, dass Du alles verstehst, und viel tiefer! Denn ich empfinde nur, was Deines Geistes Spur Dir lehrt, Du aber weisst alles.

Du sagst selbst, wo kein Wunsch uns hinzieht, das ist fur uns verloren, und man halt wohl fur unmoglich, was nur des Begehrens bedurfte, um wirklich zu sein, und seit Du es mir gesagt hast und Du sagst, Harmonie der Krafte ist Verbindung so hab ich mir's denn getraut, weil ich ihn liebe, so nehm ich alles willig hin, Schmerz und Entzucken; denn es ist immerdar Entzucken, ihn empfinden! Denn er schenkt mir's ihn zu fuhlen, wie er aus seiner Dichtung Blute mich anhaucht, das will er, das begluckt ihn, dass ich erschuttert bin, das begeistert den Dichtergeist, und andre kennen nur die verschlossne Knospe, mir aber offnet sich die Blute, und das nimmt mich weg! Drum bin ich ihm allein und er mir allein! Und die ganze Welt mag sich seiner teilhaftig meinen, ich weiss, dass es anders ist, und muss drauf beharren, denn sonst verzehrt mich die Eifersucht. Und Du hast gesagt, "das Aufheben dessen, was eigentlich diese Harmonie ausmachte, musse auch notwendig diese Verbindung aufheben." Das wird mir nicht geschehen. Du sagst, "das Gerausch der Welt, das Getreib der Geschafte, die Gewohnheit, nur die Oberflache zu beruhren, die lassen dieses tiefste und feinste Seelenorgan nicht zur Ausbildung kommen." Was spricht mich denn an in dem Geliebten? Fuhl ich denn nicht das Grosse und Gewaltige, was viel hoher ist als ich selber? Ja, was mir hoher oft vorkommt als der Geliebte selbst; und ist es nicht dies, dem ich nachgeh? Und erscheint dieses Gewaltige mir nicht auch ganz allein ausser ihm? Und ist das nicht die Erinnerung an ihn und zugleich auch noch jene hohere Erscheinung, von der Du sagst, dass sie sich durch die Harmonie mit ihr offenbare? und kann ich ihm untreu sein in dieser, wenn ich mich der hingebe? Und ist es nicht immer dasselbe, was Begeistrung zu erregen vermag? Ach nein! Man kann in der Liebe nicht untreu sein, nur ausser ihr. Ich fuhl's an der Heiterkeit, die mich beflugelt, dass in der Begeistrung keine Untreue ist. Ich weiss von keiner Untreue und glaube oft, ich versundige mich an was ich liebe, wenn ich nicht alles liebe. Es sind Dinge (Naturen, Geister), die muss ich lieben, weil sie mich nahren, wie die Pflanze vom Licht, vom Wasser, von Erde und Luft sich nahrt. Alles, was mich begeistert, ist mir der Sonne Strahl.

Wenn die Sonne eine Blume durchgluht, da fuhlt man wohl, dass sie die herablassende ist, und dass die Blume von ihr mit heisser Leidenschaft zehrt. Wer wollte das nicht Liebe nennen, und ob die Sonne Gegenliebe geniesst, wer weiss das? Ja, wer weiss, ob die Blume ihr wieder gibt? Du weisst wohl, wenn die Sonne recht heiss brennt, dann duftet keine Blume, aber abends, wenn sie scheidet, dann duften ihr alle Blumen nach, und morgens, wenn sie kommt, dann duften ihr alle entgegen. Ob das bis zu ihr hinaufsteige?

Das frag ich mich, danach sehn ich mich. Und Du sagst, wonach der Wunsch uns hinziehe, das wird moglich, und das glaub ich Dir; gewiss steigt der Blume Duft zur Sonne, sind ihre Strahlen nicht Gefuhlfaden? Kann mich was Lebendes beruhren, ohne dass ich's wieder beruhre? Sind ihre Strahlen nicht Saugrussel, mit denen sie aus den Blutenkelchen den Duft saugt? Und der Dichter, der sich durch seiner Begeistrung Strahlen die Blumen erschliesst, saugt der nicht ihren Duft? Ist's Begeistrung nicht, wenn vor der Geistessonne die Wolken sich teilen und sie strahlt die Knospe der Seele an? Ei, darum duften eben die Blumen nicht, grade wenn die Sonne auf ihnen liegt, weil sie dann mit ihren Strahlenlippen alles selbst trinkt. Nach einem Gewitter, da duftet alles. Dann kommt sie eilig und wirft sich uber sie her, und bald trinkt sie alle Kelche aus, wo denn der Duft nur in ihren Strahl ubergeht; und wenn sie scheidet, dann duftet ihr alles noch nach, und der Duft zieht nach uber die Berge; denn wenn man bei Sonnenuntergang auf einem Berg steht, da fuhlt man den Balsam aus den Talern heraufsteigen, der Sonne nach; das ist am Mittag in der heissen Zeit nicht, weil da die Sonne bis hinuntersteigt und alles allein trinkt; so ist es zwischen beiden wie zwischen Liebenden, so konnen wir auch nicht an ihrer Seligkeit zweifeln. Nun ist noch die Erde und das Wasser, die nahren noch die Pflanze, diese halt sie in ihrem Schoss, und jenes kommt zu den Wurzeln gedrungen und fallt vom Himmel herab auf sie; sie verwandeln ihre feinsten Nahrungskrafte, das Heilige ihrer Natur in eine sprechende Erscheinung. Sind vielleicht Bluten und Krauter Worte? Sprache, in der die Gefuhle, der Geist der Erde, des Wassers sich deutlich machen? Ist der Duft der Blumen, ihr Schmelz, wohl das Sehnen der Erde die Begeistrung des Wassers, die in den offnen Kelchen Freiheit hat, aufzusteigen zur Sonne, zu dem was sie lieben? Die dunkle Erde stosst aus dem Innersten ihre duftenden Seufzer auf aus den Kelchen ihrer Pflanzen, die aus ihrem Busen aufbluhen, hinauf in die fessellose Freiheit? Das Wasser, das von seinen krauselnden Wellen sich immer weiter treiben lasst, hier in der Blume Stengel, im Saft des Baumes gemischt mit allen Kraften der Natur, steigt, nimmt Gestalt an, wird zum Geist, zum Wort, das die Andacht seiner Triebe aushaucht. Was ist denn aber die Luft? Ist die nicht Vermittler zwischen allen? Der Genius der Welt, der leitet, Leben gibt, ewig den Geist durchatmet? Was ist aber Geistesatem? Ist der nicht Erkenntnis, Streben, emporzusteigen, sich abzulosen vom Mutterschoss und aufzusteigen zum Geist? Ist Atmen im sinnlichen Leben nicht dasselbe? Drangen sich die Gefuhle nicht in Seufzer auf? Ohne dies ewige Einsaugen des himmlischen Elements kann der Leib nicht leben, und der Geist stirbt jeden Augenblick ohne jenen leitenden Genius, der sein eigentlicher Lebensatem ist. Die Luft ist der Genius des Lebens, sein hoheres Ich, so wie Wasser und Erde seine Erzeuger sind. Die Luft ist Vermittlerin zwischen dem gottlichen Liebesfeuer und dem jungen kindlichen Streben danach, kussen die Strahlen zu heiss, dann kuhlt sie mit sanftem Wehen und erleichtert den verhaltnen Lebensatem; wie doppelt schlagt das Herz, wenn ihr Strom rascher eindringt! Wie ganz gibt sich ihr das Leben hin, wenn es von machtigeren Regungen bewaltigt wird. Ja, ihr allein vertraut es sich, wenn es von sich selber nicht mehr weiss, sie umlebt das erstorbene, bis Leben eindringt wieder, machtiger und gewaltiger wie fruher. So fuhl ich deutlich, wenn mein Geist erstarrt war, es ist Genuss zwischen mir und der Gottheit, der mich weckt, die Luft, die mich nahrt und erhalt, ohne welche Geist erstorben war, nie der Seele konnt Nahrung bringen von oben. Ja alle Offenbarung ist die Geistesluft, die ihn durchatmet, ohne welche er nicht leben kann einen Augenblick, sondern musst ersticken, und ob er schlaft oder wacht, so atmet er doch immer den Genius, die Luft. Ich bin so glucklich, Gunderode, wenn ich hier auf den Bergen stehe und der Wind braust, dass er mich davontragen will, dann muss ich lachen vor Mutwillen und denk, ob mich der Geist doch auch versucht zu heben und mit mir aufzufliegen.

Die Sonne hat einen heissen Schein, mit dem sie brennt, so hat der Geist auch ein heisses Licht, das brennt, wohin es leuchtet.

So kam heut einer nach dem andern zum Beichtstuhl geschlichen in der Kirche, und der Pater, der Beicht sass, guckte mich an, ob ich nicht auch kommen wollt? Und aus Blodigkeit geh ich in den Beichtstuhl und beicht, dass ich mich immer verwundern musse, warum die heiligen drei Konige das gottliche Kind nicht in ihren Schutz genommen haben, sondern haben es im Stall liegen lassen und waren doch uberzeugt gewesen, es sei Gottes Sohn, da noch obendrein ein Stern sich am Firmament aufgemacht, um sie hin zu geleiten, sie hatten das Kind sollen mitnehmen in ihr Land. Und doch waren sie weiter gezogen, das kame mir nicht vor, als wenn sie heilig waren, sondern zerstreute Weltleute; der Beichtvater sagte: "So ist der Weltlauf, sie haben ihre Geschafte gehabt wie heutzutag auch. Aber", sagte er, "das braucht man nicht zu beichten, das sind Sunden wie fur die Katz vom Tellerchen zusammengekratzt, da gibt Gott keinen roten Heller davor. Da bet sie ein halb Vaterunser zur Buss, oder meinetwegen ein viertel." Und wie ich aus der Kirche kam in die frische Luft, da war's schon drei Uhr vorbei, die Sonne wollt schon bald untergehen. Da kam ich auf den Turm und besann mich, dass ich Dir wollt alles beichten, wie ich Eifersucht gegen Dich gehabt, und hatte Dir nicht wollen gonnen, dass Du mit mir zugleich bei ihm warst, ich wollt ganz allein mit ihm sein. Aber jetzt bin ich dieser Sunde los, und im Denken teilt sich alles Bose wie Nebel vor den Augen, dass man sieht, es war nur Wahn; alles, was nicht Grossmut ist, das ist nur Wahn. Denn ich mein, der Dichter ist meine Sonne, so bist Du die Luft, die das Bose um mich her verweht und meinen Geist aufsteigen lehrt. Wie kann ich ohne Dich bestehen vor ihm! So mag wohl jeder Menschengeist von Elementen genahrt werden, die einer dem andern sein muss, und merk Dir's, dass Du meine Luft bist, ohne die ich nicht aufatmen kann auch nur einmal.

Bettine

An die Gunderode

Dem Clemens hab ich geschrieben, einen langen Brief, und ihm auch von Dir gesagt, dass Du ihm gut bist, und dass ich Dir lange Briefe schreibe, auf die Du nur kurz oder auch wohl gar nicht antwortest. Ich hab ihm erzahlt, ich spreche zu Dir, wie zum Widerhall, um mich zu fuhlen, zu horen, und lege meinen Gedanken und Einbildungen keinen Zaum an; und dass es sei, als ob ein guter Genius diese Briefe hervorbringe; so antwortet er: "Um deine Briefe ist die Gunderode zu beneiden, wenn sie das sind, was dein Genius hervorbringt, wenn sie aber so wenig antwortet, so ist das gar wunderlich, entweder ist nichts zu antworten oder alles schon abgetan."

Heute schreibt er mir den langen Brief uber Dich, ich hab doch recht, er hat Dich lieb und hat Dich nicht wollen beleidigen, und seine Seelen alle sind doch nur eine gute, denn bist Du ein Kind, so ist er es auch zu Dir; aber Kinder lassen sich nicht drauf ein, empfindlich zu sein, sie sind gleich wieder gut und lassen den Strom vom Ufer wegspulen die Spielzeuge, die sie einander zerbrochen haben, und erfinden sich neue, ergotzlichere. Lese den Brief nicht mit Vorurteilen und denk, dass es neckende Stimmen sind in ihm von Kobolden, die ihm oft selber einen Streich spielen, aber die Seele die eine, gutige, die sie umschwarmen, die ist doch nur ein Kind wie Du, und was ein freier himmelanstrebender Geist nicht in noch hoherem Sinn nimmt als er selber ist, das ist fur ihn kleinlich, und was kleinlich ist, das muss man gar nicht annehmen, sonst lernt man die Wahrheit nicht begreifen. Und ich denk: von allen Geschichten des Herzens und der Seele Beruhrungen geben wir den Leitfaden der Gottheit in die Hand, die leitet immer zum richtigen unmittelbaren Verstehen. Und wenn Du missverstanden wirst, so sieh doch nur den Gott selber an in der Liebe, gegen den kannst Du alles wagen, denn der muss Dich verstehen.

Ich geb Dir Lehren, Gunderode, die Dir nicht fremd sind, besinn Dich, auf dem Rhein, wie wir unsren Briefwechsel besprachen, da sagtest Du, es sei eine Seele, die uns mit Liebe an sich ziehe, in jedem Verhaltnis, es musse eine Zeitigung erlangen in uns, sonst sei es Untreue, Mord, Ersticken eines gottlichen Keims. Und wo eine Anziehungskraft sei, da sei auch eine Strebekraft und wir sollten ihre Empfindung festhalten, dadurch allein konne die Seele wachsen, jede Beruhrung mit des andern Geist sei bloss Seelenwachstum, so wie alles Reizerweckende bloss sei wie das Erwecken und Entfalten des Pflanzenlebens. Der Menschengeist bereite sich auf die jungste Stufe der Natur, auf die der Pflanze, wahrend der Leib auf der letzten stehe, auf der des Tieres, der Leib ersterbe, aber im Geisterreich sei des Geistes erste Metamorphose die Pflanzenwelt. Du meintest da, ich sei zerstreut und hore auf die Waldhorner am Ufer, nun horst Du, dass ich doppelte Ohren hab, und dass ich alles nicht allein fur mich gehort hab, sondern auch fur Dich, denn Du hast es vielleicht schon vergessen. Du sagtest, Du liebst Dich selbst in mir; so lieb Dich doch auch selbst im Clemens; ich weiss nicht, was ich Dir all sagen mocht. Erzieh Dir ihn doch, wie Du ihn haben willst, wie Du fuhlst, dass er sein musste, um Dich nicht zu kranken, zu eben dem Leben, das Du ihm der Idee nach zumutest, es ist gewiss das Wahre, was ihm zukommt, und Du selbst sagst ja damit, dass Du ihn der Idee nach hoher stellst wie die andern, diese Idee ist ja doch der eigentliche Wirkliche, und denk doch an die andern, die Du der Idee nach gar nicht wohin stellen kannst, sondern musst sie lassen, was sie sind. Und wenn Du einen Spielkameraden fandest mit so herrlichen, grossen Augen, mit so elfenbeinerner Stirn, und er hatte solche Momente, wo die Gotter aus ihm prophezeiten, aber er war unartig und tuckisch im Spiel, er biss' Dir in die Hand und kratzte Dich, wenn Du ihn streichelst, oder er schlug Dich mit der Peitsche, wolltest Du bloss ihn als einen tuckischen Knaben achten und wolltest die fruhere Idee von ihm aufgeben? So liessest Du ihn also laufen wegen einem Rippenstoss, den er Dir gab, und wolltest von der hoheren Idee nicht mehr Notiz nehmen? Ach, lass Deine Rippen nicht so empfindlich sein! Tut's doch Gott nicht! Er halt sich an das Hohe im Menschen, und alles andere ist nicht fur Gott da. So soll auch alles nicht fur Dich da sein, wie bloss das Gute, und wenn es Dir auch gar nicht mehr aufleuchtet, so sollst Du dennoch von ihm wissen und dran glauben.

Entlasse ihn nicht, liebe Gunderode, kampf Dich mit ihm durch, der die Idee in sich tragt, die Du ihm zumutest, und die so hoch ist, dass er hinter ihr zuruckbleibt; denn die andern tragen gar keine Idee in sich, und bleiben nicht zuruck und kommen nicht vorwarts.

Da hab ich mich so vertieft in Gedanken, dass ich einschlief, es geschieht mir so oft, dass ich einschlafen muss im besten Denken, wenn ich eben empfind, als wolle ein tieferer Geist in mir wach werden, wo ich hochlich gespannt bin zu erfahren, was sich in mir erdichten will, und statt dass es in mir erwacht, so muss ich druber einschlafen, als ob eine idealische Natur mir nicht wolle wissen lassen, wie sie in mir denkt und empfindet. Es ist ein Zauberer in uns, der sieht uns streben nach seinem Wissen, der macht all mein Streben zunichte, wenn ich nah bin und die Offenbarung schon durchschimmern seh, so schlafert er mich ein. Ich lese jetzt zum zweitenmal den "Wilhelm Meister", als ich ihn zum erstenmal las, hatte mein Leben Mignons Tod noch nicht erreicht, ich liebte mit ihr, wie ihr, waren die andern in der Geschichte des Buchs mir gleichgultig, mich ergriff alles, was die Treue ihrer Liebe anging, nur in den Tod konnt ich ihr nicht folgen. Jetzt fuhl ich, dass ich weit uber diesen Tod hinaus ins Leben geruckt bin, aber auch um vieles unbestimmter bin ich, schon so fruh druckt mich mein Alter, wenn ich hier dran denke. Ich hab mit ihr empfunden, ich bin mit ihr gestorben damals, und jetzt hab ich's uberlebt, und sehe auf meinen Tod herab.

Gewiss stirbt der Mensch mehr wie einmal, mit dem Freund, der ihn verlasst, muss er sterben, und wenn ich mit jenem Kind leiden und sterben musste, weil ich sein Geschick als das meine in ihm empfand, und weil ich es zu sehr liebte und konnte es nicht allein in den Tod gehen lassen. Wenn Du das alles uberlegst, so wirst Du nachsichtig sein, dass ich so furchtsam bin um Dich.

Ich hab auch jetzt schon lange wieder nichts von Dir gehort, auf den Clausner kann ich mich nicht verlassen, von Dir will ich keine Briefe fordern, Du hast viel zu denken, und vielleicht Deine Augen sind leidend, aber doch bin ich immer voll Sorgen, wenn ich an dem Tag keine Briefe von Dir hab, wo ich mir's in Kopf gesetzt hab; dann steigert sich's bis zur Angst, wenn noch ein Posttag vergeht, und dann hilft mir's nur, wenn ich in der Sternennacht auf der Warte an Dich denke, da trau ich's meinem Geist seinem machtigen Willen zu, dass er Dich schutze. Die Nachte war so tiefer Schnee gefallen, dass ich mir erst am Tag einen kleinen Pfad zum Turm schaufeln musste, denn so lang ich vermag, wird mich nichts abhalten, dass ich da hinaufgeh und in Gedanken zu Dir dringe und fur Dich bet, bis ich wieder bei Dir bin. Im Rheingau hast Du mir auch geschrieben, nur kurz, weil Du Augenweh hattest, aber ich las doch in den zwei Zeilen, wie Du gestimmt warst, zutunlich.

An die Bettine

Deine Briefe haben mir viele Freude gemacht, zweifle nicht daran, liebe Bettine, weil ich Dir selbst so sparsam geschrieben habe, aber Du weisst, viel denken und oft schreiben ist bei mir gar sehr zweierlei; auch hab ich die Zeit schrecklich viel Kopfweh gehabt.

Du schreibst mir gar nichts von Gundel und Savigny, tue es doch.

Ich stelle mir Eure Lebensart recht still, vertraulich und heimlich vor. Aber ich furchte nur, Du kommst wieder zu gar nichts. Dem Clausner hast Du geschrieben, Du treibst Mathematik mit einem alten Juden, und vielleicht werdest Du auch Hebraisch lernen, Du habest schon einen Teil vom Abc inne mit der Geschichte treibst Du Dich herum wie ein Katzchen mit einem Spielball, der am Faden hangt; Du wirfst ihn hin und her, solang es Dich ergotzt, und dann lasst Du ihn mussig liegen, was Du uber Musik vorbringst, ist lauter Larifari, meinst Du, wenn etwas schlecht gelingt und sich gegen den Geist straubt, das sei ein Zeichen, dass man es aufgeben solle? Da bin ich grade der entgegengesetzten Meinung, und wenn auch etwas Dir trivial erscheint, so ist deswegen die Sache es gar nicht, sondern Dein Begriff ist nicht gelichtet, an was willst Du Deine Krafte uben, wenn nicht an dem, was Dir noch schwer dunkt? Ich glaube, so manches, was Du Dir jetzt fremd glaubst, wurde seine innere Verwandtschaft zu Dir geltend machen. Du hast Wissenstrieb ohne Bestandigkeit, Du willst aber alles zu gleicher Zeit wissen, und so weisst Du keinem Dich ganz hinzugeben und setzest nichts recht durch, das hat mir immer leid an Dir getan. Dein Eifer und Deine Lust sind keine perennierenden Pflanzen, sondern leicht verwelkliche Bluten. Ist es nicht so? Sieh, darum ist es mir gleich fatal gewesen, dass Dein Lehrmeister in der Geschichte Dich verlassen hat, die Begebenheiten unterstutzen ordentlich Deinen naturlichen Hang, noch dazu, da er so geistreich und so fasslich und so liebenswurdig sein soll, so nehm ich es ihm ubel, dass er nicht mehr Interesse an Dir nahm. Ubrigens muss ich Deine Ausschweifungen im Lernen wieder tragen; es wurde mir im vorwerfenden Ton mitgeteilt, und ich merkte, dass meiner Verwundrung hieruber, und dass ich nichts davon gewusst habe, nicht Glauben beigemessen wurde.

Vom Clemens weiss ich nicht, ob ich wohltun wurde, ihm so nachzugehen, wie Du es meinst, es lasst sich da nicht einbiegen und ihm in den Weg treten, um ihm zu begegnen, wo ich ihn aber begegnen werde, da sei uberzeugt, dass es nur friedliche und herzliche Gesinnung sein wird, ich bin weit entfernt, ihn aufzugeben, er steht mir vielmehr zu hoch fur meine Krafte, die nicht an ihn reichen. Mein Tadel ist, dass er diese hohen Anlagen alle vergeude, aber ich glaube Dir, dass dies kleinlich von mir ist, und hab mich auch schon gebessert.

Ich weiss nicht, ob ich so reden wurde, wie er meinen Brief in dem seinigen reden lasst; aber es kommt mir sonderbar vor, dass ich zuhore, wie ich spreche, und meine eignen Worte kommen mir fast fremder vor als fremde. Auch die wahrsten Briefe sind meiner Ansicht nach nur Leichen, sie bezeichnen ein ihnen einwohnend gewesenes Leben, und ob sie gleich dem Lebendigen ahnlich sehen, so ist doch der Moment ihres Lebens schon dahin; deswegen kommt es mir vor, wenn ich lese, was ich vor einiger Zeit geschrieben habe, als sahe ich mich im Sarg liegen, und meine beiden Ichs starren sich ganz verwundert an.

Mein Zutrauen war freilich kein liebenswurdiges Kind, es wusste sich nicht beliebt zu machen, nichts Schones zu erzahlen, dabei flusterten ihm die Umstehenden immer zu: "Kind sei klug! gehe nicht weiter vorwarts, der Clemens wird Dir plotzlich einen Streich spielen und Dir die Schuld geben, dass er Dich nicht mehr ausstehen konne." Da wurde das Kind verwirrt und ungeschickt, es wusste nicht recht, wie man klug sei, und schwankte hin und her, darf man ihm das so ubelnehmen? Aber eigensinnig ist das Kind nicht. Wenn es im Hause freundlich und gut aufgenommen wird, kehrt es sicher lieber um, als dass es langer auf der Strasse verweile.

So kannst Du dem Clemens uber mich berichten, auch dass seine Scherze uber meine Art zu schreiben und die ungefugen Worte, die ich gebrauche, mich nicht verdriessen, ich muss mich bei dieser Stelle seines Briefs immer auslachen und werde das Wort Ratschlage gar nicht mehr gebrauchen konnen, uberdem erinnert es mich auch noch an Purzelbaume.

Ich kenne wenig Menschen und vielleicht niemand ganz genau, denn ich bin sehr ungeschickt, andre zu beobachten. Wenn ich daher einen Moment verstehe in ihm, so kann ich von diesem nicht auf alle ubrigen schliessen. Es mag wohl sehr wenige Menschen geben, die dies konnen, und ich wohl mit am wenigsten. Jetzt denke ich, es sei gut, den Clemens zu betrachten, und erfreulich; und er will, man solle ihn nur betrachten wollen. Ist diese Ansicht wahr oder falsch?

Caroline

Ich lese Deinen Brief und den meinen und erkenne, wie verschieden unsre Stimmungen sind, aber ich furchte nicht, dass Du an mir zweifelst, oder mein Ubergehen unrichtig auslegest; was soll man dazusetzen oder einfallen wollen, wo sich etwas frei und wahr ergibt wie Deine Mitteilungen, aber das, was Du ubergehst, das muss ich beruhren. Du kommst mir vor wie ein Eroberer, der alle Waffen verschmaht aus Heldenmut, der alles verachtet, was ihn schutzen, verteidigen konnte, und jede Waffe, die er zum Erobern bedarf; ja, ich glaub, das Hemd mochtest Du abwerfen. Doch sind Wissen, Begreifen, Lernen nicht allein die Armaturen des Geistes, sie sind vielmehr seine Glieder, mit denen er sich wehrt, und sich aneignet, was seinem Genie zukommt. Bedenk's alles und neige meinen Lehren ein herablassend Gehor.

Deine Beichte hab ich mit Sanktion angehort und erteile Dir Absolution und verspreche Dir, auch Dich zu begleiten, wenn Du deinen Erzeuger aufsuchst. Ich werde wohl nicht die erste Rolle ubernehmen mussen bei dieser Uberraschung langgehegten Begehrens.

Schreibe mir ein bisschen ordentlich uber das Chaos Deiner Verwirrungen.

An die Gunderode

Die Frankfurter haben mir geschrieben und haben mich schon ausgepelzt mit allerlei verwunderlichen Prophezeiungen. Erstens: ich soll mir hausliche Tugenden angewohnen. Zweitens: wo ich einen Mann hernehmen will, wenn ich Hebraisch lern? So was ekelt einem Mann, schreibt der lieb, gut EngelsFranz, als wie die spartanische Suppe; an einen solchen Herd wird sich keiner niederlassen wollen und eine Schussel Mathematik, von einem alten schwarzen Juden assaisonniert, sei auch nicht appetitlich, darauf soll ich mir keine Gaste einladen, und der Generalbass als Dessert, das sei so gut, wie eingemachter Teufels-Dr. Das war eine schone hausliche Tafel usw. und man spotte meiner allgemein, dass die Lulu eher geheiratet habe, und dann meint er ganz gutherzig, dass, wenn ich ebensoviel hausliche Tugenden geaussert hatte, ich gewiss auch einen Mann bekommen haben wurde. Ich schrieb ihm, er soll nur immer mitspotten, denn es sei jetzt nicht mehr Zeit mich zu andern; und der ganz Jud sei nur in meine Tagsordnung einrangiert, um mich vor dem Mottenfrass der Hauslichkeit zu bewahren, und ich hatt gemerkt, dass man in einer glucklichen Hauslichkeit Sonntags immer die Dachziegel gegenuber vom Nachbar zahle; was mir so furchterliche Langeweile mache, dass ich lieber nicht heiraten will. Ich hab aber auch dem Doktor einen ironischen Lugenbrief wieder mit Lugen beantwortet und dem Clausner auch einen. Und es sind auch allerlei Anspielungen, recht liebliche auf Dich, die ich mit charmantem Humor beantwortet hab. So kommst Du zuletzt an die Reih.

Dem Clemens hab ich alles ubermacht. Deine eigne Sorge um meine Ausschweifungen im Lernen, die lasse sich legen. Der Wind zaust mich und schuttelt mir alles aus dem Kopf. Wenn Du meinst, ich konnt was dafur, dass ich nichts kann, da tust Du mir unrecht. Es ist nicht moglich, meine Lerngedanken zusammenzubringen, sie hupfen wie die Frosche auf einem grunen Anger herum. Meinst Du, ich mach mir keine Vorwurfe? Meinst Du, ich raffel mich nicht alle Tage zusammen? mit dem festen Vorsatz es durchzunehmen, bis es mir ganz gelaufig ist? Aber weisst Du, was mich zerstreut? Dass ich's allemal schon weiss, noch eh es der Lehrer mir ganz auseinandergesetzt hat, nun muss ich warten, bis er fertiggekaut hat, da nehmen unterdes meine Gedanken Reissaus, und dann ist es nachher nicht, dass ich es nicht gelernt hab, sondern ich hab's nur gar nicht gehort, was er gesagt hat; mit dem Hofmann in Offenbach war's eine andre Sach, er lehrte so problematisch, er liess mir hundert interessante Fragen, die er freilich oft unbeantwortet liess, die oft zu ganz fremden Dingen fuhrten, aber dies regte mich an, immer darauf zuruckzukehren. Ich will mich damit nicht entschuldigen, ich weiss, dass es ein Fehler, eine Schwache, eine Krankheit ist; ich geb's auch nicht auf, sie zu bekampfen, und sollt ich bis an meines Lebens End damit zu tun haben, ich geb's nicht auf, das fort zu lernen, was mir einmal Begierde, ja ich kann wohl sagen, Leidenschaft erregt hat. Generalbass! Wenn Du ahnen konntest, welches Ideal mir in diesem Wort vor den Sinnen schwebt, und welchen alten Manschettenkerl mir die Lehrer vorfuhren und behaupten, das sei er, Du wurdest mich bedauern, dass ich den Genius unter dieser Gestalt sollte wieder erkennen mussen. Nein, er ist es nicht. Die ganze Welt ist eben Philistertum, so haben sie nicht eher geruht, bis sie auch das Wissen dahingezerrt haben. War es frei behandelt mit Genie, dann war sein Beginnen kindlich, nicht aberwitzig mit lauter Gebot und Verbot, die sich nicht legitimieren: Das darfst Du nicht, das musst Du warum? weil's die Regel ist. Nun aber! ich fuhl's, das soll mich nicht abhalten, und ich werde tun nach Kraften, und das andre wird der Gott meinen mangelnden Kraften zugut halten, und auch musst Du etwas auf einen bestimmten Naturtrieb rechnen, der mich mit Gewalt zu andern Gedanken reizt, einen Vorteil hab ich davon, meine grossen Anlagen werden jetzt sehr in Zweifel gezogen oder vielmehr mir ganzlich abgeleugnet, und meine Genialitat gilt fur Hoffart, und mein Charakter fur einen Schussbartel, dem man alle Dummheiten zutrauen kann, ohne ihm eine zum Vorwurf machen zu konnen. Da fuhl ich mich sehr bequem in meiner Haut, und es ist mir noch einmal so behaglich unter den Menschen; niemand denkt zwar dran, dass ich nie Pratension an jene hohe Eigenschaften machte, von denen man erwartete, dass sie aus dem Ei kriechen wurden, und dass es nur unser lieber Posaunenengel war, der all diese Dinge uber mich hinter meinem Rucken in die Welt hinein trompetete, und man gibt mir die Schuld, dass ich ein eingebildeter, aufgeblasner Kerl war, der meine, seine Phantasie regne Gold; aber das krankt mich gar nicht, und beschamt mich auch nicht und es steckt mich vielmehr an, dass ich allerliebst dumm sein kann und mich mitfreue, wenn sie mich auslachen, und da lacht man als weiter.

Du fragst nach Savigny. Der ist eben wie immer. Die hochste Gute leuchtet aus ihm, die hochste Grossmut, die grosste Nachsicht, die reinste Absicht in allem, das edelste Vertrauen zu dem Willen und Respekt vor der individuellen Natur. Nein, ich glaub nicht, dass es ein edleres Verhaltnismass gibt. Das stort mich also gar nicht, dass er mich hundertmal hoffartig nennt, und dass er uber meine Albernheiten lacht, und dass er mir noch grossere zutraut, und dass er keinen Glauben an meinen gesunden Menschenverstand hat, er tut das alles mit so liebenswurdiger Ironie, er ist so gutmutig dabei, so willenlos einem zu storen, so verzeihend; ei, ich wusst nicht, wie ich mir's besser wunschen konnte, als so angenehm verbannt zu sein, und ich komme mir vor wie ein Schauspieler, der sich unter einem Charakter beliebt gemacht hat, und der diesen nun immer beibehalt, weil er sich selbst drin gefallt. Der Clemens klagt zwar und meint, er habe immer keine Antwort von ihm erhalten auf all sein Vertrauen und habe sich immer zuruckgestossen gefuhlt und der Savigny liesse gleichsam das Tretrad der Studiermaschine so lang aus Hoflichkeit stehen, bis einer ausgeredet habe, er habe sich oft geargert, dass, wenn er zu ihm ins Zimmer kam, um ihm was warm mitzuteilen, so habe er keine Antwort, nur Gehor erlangt, und kaum sei er draus gewesen, so rumpelte die Studiermaschine wieder im alten Gleis. Da hat aber der Clemens unrecht. Erstens ist Savignys Anteil am Leben ausser seiner wissenschaftlichen Sphare nur ein geliehener, und vielleicht bloss gutmutig; und dann ist es ein Irrtum vom Clemens, der meint, er musse ihm Mitteilungen machen, da er sie ihm nicht honoriert, oder sich ihm mitteilen will, wo Savigny einer anderen Ansicht uber ihn zugetan ist. Mir fallt's gar nicht ein, ihm etwas der Art sagen zu wollen, mir ist's ganz recht, dass er mir die Fehler und Albernheiten, die in mir nun einmal vorausgesetzt werden, noch als ertraglich anrechnet. "Was willst du wieder fur eine Dummheit vorbringen," sagen sie oft, oder: "Ich bitt dich, schwatz nicht so extravagant," oder: "Wie kannst du denn so was sagen, die Leute verstehn dich nicht." Und es fallen mir dann auch immer die Extravaganzen ein, und ich sag sie immer nur, um's zu horen, wie ich ausgezankt werd. Da siehst Du also, es geht mir plasierlich; und eifersuchtig darfst Du nicht sein, kein Mensch teilt dies Vertrauen, dies tiefere zu Dir, drum aber, bin ich auch eifersuchtig auf Dich und oft auch bang, denn nicht allein die Menschen sind mir im Weg, ich furchte auch jeden Zufall, jede Laune von Dir, jede Zerstreuung, ich mochte Dich immer heiter wissen. Wenn Du Kopfschmerzen hattest, so seh ich mich noch nach ihnen um, wie nach frechen Gewalten, die ich noch auf dem Ruckzug verfolgen mocht. Wenn einer mir schreibt, Du seist still, oder man habe Dich nicht gesehen, oder man glaube, Du seist nicht in der Stadt, das alles kummert mich, so leichtsinnig ich bin, und sobald ich drauf vergesse, so kommt mir die Idee leicht wieder und steigert meine traurigen Gedanken uber Dich, denn die hab ich als oft, das ist wahr.

Mein Lehrer in der Mathematik ist mein alter Herbstjud. Morgens an meiner Tur in einem schwarzen Kleid, weissem Kragen und der Bart spiegelglatt, stand er an meiner Tur und fragte um Erlaubnis, mich zu besuchen, ich freute mich uber ihn, er sieht soviel edler aus als die andern Menschen, mit denen man taglich verkehrt, die man in grossen Versammlungen sieht; ich hab im Schauspielhaus mich oft vergeblich nach einem erhabnen Gesicht umgesehen. Er setzte sich auch gleich in anstandiger Bequemlichkeit an den Tisch, den Arm drauf legend, merkte meine Verwundrung uber seine Angenehmheit, lachelte mich an und sah aus wie ein Furst, ich fragte: "Wo sind Sie denn so lang gewesen?" "Nun!" sagte er, "was reden Sie doch so fremd, bin ich nicht noch der Alte? heiss ich nicht mehr: Lieber Jud?" Ich musst ihm die Hand reichen, ich sagte, ja! Hattest Du nur die ironische Miene gesehen in dem erhabnen Gesicht und das milde herablassende Lacheln zu mir; er sagte: "Nicht aus jedem Mund gefallt einem das Ihr oder Du, mit dem der Jude sich muss anreden lassen, aber Ihrem lasse ich's nicht gern abgewohnen." Dir hatte der Mann so viel Freud gemacht, Gunderod, er erzahlte nur Gewohnliches aus seinem Leben, von seinen siebzehn Enkeln, wie die sich gefreut haben, ihn wieder zu sehen; ich frug nach allen, wie alt sie sind, wie sie aussehen; da sind ihm doch die funf, die Vater und Mutter verloren haben, die liebsten, von denen sagte er: "Der alteste, der gleicht mir, man erkennt ihn schon von weitem fur meinen Enkel und der zweite? Der schlagt ganz nach mir, der hat fur nichts Sinn wie fur die Mathematik und halt sich so apart." "Wie ist denn der dritte, gleicht der Euch auch?" "Der ist noch ein klein Jungelchen, aber er verleugnet den Grossvater nicht, und die Tochter sind schon so hilfreich, die eine ist dreizehn und die andre elf Jahr, aber sie sorgen furs Haus und fur die Kleidung." Das waren alles gewohnliche Reden, aber wie erfullt von Herzlichkeit ganz wie die Natur, mit Enthusiasmus Sorg und Plage tragend. Er war fruher bloss Lehrer der Mathematik und lehrte in Giessen, in Marburg die Studenten, und in der Ferienzeit ging er nach Haus zu den Seinen. Zwei Sohne und eine Tochter verheiratet; seine Tochter starb, nachdem sie ihren Mann begraben hatte, den sie sehr liebte, und liess die funf Kinder zuruck. Der alte Ephraim konnt keinen andern Erwerbszweig ergreifen, sie zu ernahren, als an den er von Jugend gewohnt war, der seine Leidenschaft ist woruber er so manches Schmerzliche hat vergessen, sagte er, so ist er denn auf dem Heimweg in den Ferien in den nachsten Orten herumgeschlendert und hat alte Kleider eingehandelt, um die seinen Enkeln mitzubringen, denn sie neu zu kleiden, dazu wollte sein Erwerb nicht hinreichen. Nach und nach hat sich der Handel erweitert, alte Hochzeitskleider aus dem vorigen Jahrhundert, verlegne altmodische Spitzen, die die Kaufleute nicht mehr absetzen, verhandelt er jetzt nach Polen, so war er diesmal in Leipzig und hat ein sehr gut Geschaft gemacht, Du horst, ich hab einen ganz kaufmannischen Stil. Ich mocht mit dem Alten Kompanie machen und die Enkel ernahren helfen, weil aber das doch Schwierigkeit hat, so hab ich einstweilen mathematische Stunde bei ihm, das macht ich ganz kurz, ich sagt ihm: "Da komm nur die Woch auch zweimal zu mir, denn ich muss Mathematik lernen," er lachte und wollt's nicht glauben, ich holte ihm aber meine mathematischen Bucher hervor, die Christian mir hier gelassen, und mein Heft, was ich bei dem Christian geschrieben, das gefiel ihm sehr, denn es war meist alles vom Christian diktiert, der wohl der scharfsinnigste Mensch von der Welt ist. Jetzt hab ich schon drei Stunden ausgehalten und auch allemal seine Aufgaben richtig gemacht, denn ich hab Respekt vor dem Alten, ich mocht um alles nicht ihm die Idee geben, als sei ich ein flatterhafter Schussbartel, wie mich die andern nennen, woran mir gar nichts liegt, aber an ihm liegt mir, weil er so ganz ohne Uberspannung doch nicht an meinem Ernst zweifelt, weil er eine so schone Liebe zu seiner Wissenschaft hat, dass er die fur gering achten muss, die das nicht mitfuhlen. Und meine Du, was Du willst; aber Du wirst mir recht geben, dass unter solchem Druck, unter so erniedrigenden Bedingungen der Adel des Lebens, so frei und untadelhaft bewahrt, dass sie nicht einmal durch das niedrigste Geschaft sich gebeugt fuhlt, fur eine hohe Seele spricht; dass sie um so mehr Recht hat auf unsere feierliche Achtung, als sie vielleicht dem Ausseren nach der Missdeutung, der Verachtung ausgesetzt ist; er nannte mich gestern sein liebes Tochterchen und legte mir die Hand auf den Kopf, wie er wegging; ich hielt so still, er strich mir uber die Wangen und sagte: "Ja so!" Das hiess so viel: nun in dir ruht der Menschenkeim. Er kommt zwischen drei und funf, da wird's schon dammerig, wenn er geht, ich fuhrte ihn durch den Garten und zeigte ihm den Turm, von wo ich die Lande uberseh. "Da kann kein Mensch hinauf wie ich, denn seht, die Leiter ist zerbrochen," sagt ich, und ich hab ihm vorgetragen, wie mir's geht mit dem Generalbass, er sagt, das war, weil ich nicht alles zu gleicher Zeit uberschaue, warum meine Begriffe stockten; und manches, woran Menschen ihr Lebenlang kauten, das musse von andern in einem Blick erfasst werden, sonst ging Zeit und Muh verloren; ich sagte, mir sei bang, so werde es mir auch ergehen. "Ich hab doch in meinem Leben noch keine kleine Eichel gesehen, der bang war, es werde kein Baum aus ihr wachsen," gab er zur Antwort; und dabei legte er mir wieder die Hand auf den Kopf und sagte so freundlich: "Jetzt haben wir die Eichel in die Erde gelegt und gedeckt, und jetzt wollen wir sie ruhig liegen lassen und sehen, was Sonne und Regen tut."

Du glaubst gar nicht, wie fabelig mich der Mann macht, zu den andern darf ich nicht von ihm sprechen, das kannst Du wohl denken, denn sonst wurde meine Andacht mir fur Verrucktheit ausgelegt werden; aber die Patriarchenwurde strahlt mich an aus ihm, und ich spreche der ganzen Welt Hohn, dass solche einfache grosse und heilige Charaktere nicht Platz finden unter ihren Lappalien, und uberhaupt geh ich nach Vornehmheit, und diese hat der Mann; und seh doch nur einen auftreten in der menschlichen Gesellschaft, ob nicht aller muhselig erzwickter Rang ihn so des gesunden Verstandes beraubt, dass er nur als Narr sich selbst genug zu tun glaubt. Weise sein kann keiner, der der Narrheit eine hohere Uberzeugung opfert, denn aller Verstand deucht mir ein Spiel von Aberwitz, wenn der heiligen Weisheit nicht alle Opfer gebracht sind. Das meine ich so: wenn nicht alle ausseren Vorteile, Wurden und Ruhm, nichts gelten vor dem inneren Ruf zum Gottlichen. Ich bin noch jung, mir kommt es wohl noch einmal, dass mich das Schicksal fragt, und da werde ich des alten Handelsjuden Ephraim gedenken. O pfui, wer seinen Umgang wollte richten nach dem ausseren Rang, von Vorurteilen sich wollte Fesseln lassen anlegen; und mit denen prangen! Der einzige Stolz, den ich habe, der ist frei sein von ihnen, und der schon auf andern Wegen seinen Vorteil sucht als in der heiligen Uberzeugung seines Gewissens, der ist nicht mein Geselle. Aber der Jude, der gibt mir keinen Anstoss, der ist frei von allem.

Adieu

Bettine

Noch eins setz ich hier hin: alles, was Dir geschieht, soll Dein Geistesleben befordern, so, auf die Weise begreif meinen Umgang mit dem Juden.

An die Gunderode

Ein mathematischer Vergleich vom Jud: Begeisterung ist ein Reich des Seins, das wir zwar aus der Wirklichkeit verbannt haben, aber in dem wir seine Gewissheit fuhlen. Wie konnte dies Reich nicht wahrhaft sein, da der Geist die Wirklichkeit verlasst, denn wo soll der Geist leben als in der Begeisterung, da er immer nur lebt, wenn er begeistert ist. Aus dieser Schlussfolge legte er mir nun aus, was er von mir gefasst wollte wissen und ich ergriff seine Hand und sagte: "Ach Ephraim, jetzt weiss ich, wer Ihr seid, Ihr seid der Sokrates." "Ich bin der Sokrates nicht, aber er ist ein Stuck von meiner Religion." "So?" sagt ich, "habt Ihr ihn studiert; wie seid Ihr denn dazu gekommen?" "Da konnt ich ja wohl fragen, wie ist ein so junges Tochterchen dazu gekommen, von ihm zu wissen?" "Ich hab ihn der Gunderode stuckweis vorgelesen, aber ich war zerstreut und weiss nichts von ihm, als nur, dass er solche Schlussfolgen macht wie Ihr." "Wer ist die Gunderode?" "Meine Freundin, der ich alles von Euch erzahl und auch, dass Ihr mich gefangen habt wie in einem Hamen, dass ich lernen muss, und dass Ihr der einzige Mensch seid, vor dem ich Furcht hab." "Wenn das nur wahr war," sagte er, "so wollt ich noch strenger sein." "Ach nein! zerreisst den Hamen nicht, er ist gar fein gewebt, lasst dem Fisch Platz, dass er ein bisschen schnalzen kann." Das macht ihm nun so viel Vergnugen, so ein Weilchen mit mir zu sprechen, er sagte: "Das ist alles gut, aber wir wollen einander nicht umsonst kennengelernt haben, und Sie sollen manchmal noch des alten Ephraim Spuren in Ihrem Geist verfolgen, wenn er schon lange nicht mehr lebt," wahrlich, ich hatte auf der Zunge, ihm zu sagen, dass ich ihn unaussprechlich liebe, und dass mir an seinem Segen mehr gelegen sei als an der ganzen Welt; aber ich schwieg still, was soll man so was sagen, er sieht's ja und fuhlt's auch gewiss innerlich als Wahrheit. Ich frag ihn alles, was mir in den Kopf kommt, mir deucht gar nicht, dass es moglich sei, dass ihm sein Geist nicht alles klar und deutlich mache nur scheu ich mich, ihm zu sagen, wie sehr ich ihm vertrau, gestern sprachen wir vom Napoleon, ich sagte: "Mit Euch wollt ich Schlachten gewinnen! Ich hab mir oft gedacht, wenn ich Feldherr war und von meiner Gegenwart des Geistes alles abhing, dass ich alles verantworten musst, ob ich da nicht zwischen Begeistrung und Furcht schwanken wurde; aber wenn ich Euch an der Seite hatt, dann wollt ich meiner Entschlossenheit gewiss sein." "Warum? Trauen Sie mir so viel Mut zu? Hab ich ihn doch noch nie bewiesen, und vielleicht noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn zu proben, denn des Juden Weg ist, sich zwischen Dorn und Disteln durchzuschleichen, mit denen der Christ ihm die Strassen verhackt, und er muss sich scheuen, dass die Hunde wach werden, die in die Dornen hinein ihn verfolgen, dass er nicht mehr vor- noch ruckwarts weiss und oft im Schweiss seiner Muhen zugrunde geht, und was noch trauriger ist, seinen Gott nicht mehr im eignen Herzen findet," und er faltete seine Hande und verfarbte sich er ist eine feinorganisierte Seele , es bewegte mich, ich sagte: "Ich hab nicht an Euren Mut dabei gedacht, aber mir deucht, in Euer Antlitz zu sehen, das wurde meine zerstreuten Gedanken sammeln und meine Entschlossenheit festmachen wie einen Pfeiler, denn ich wurde nie vor Euch beschamt stehen wollen; und dann fuhl ich, dass Ihr in der Gefahr wachsen wurdet, denn Ihr wurdet gewaltig sein, wo es des Geistes bedurfte, weil bose Leidenschaften in Euch abwesend sind und Euren Geist nicht hindern, gegenwartig zu sein, denn ich glaub, Gegenwart des Geistes hat man nur der Abwesenheit der Leidenschaften zu danken, die einem ins Handwerk pfuschen. Aber Ihr seid vollkommen ruhig und habt doch Euren Zweck im Auge und steht uber den Vorurteilen des Lebens und habt Jahre und seid so fest, so ernst, so gar nicht ermudet von den strengen Prufungen, Ihr klagt nicht, Euch ist das Leben gerecht, wie es Gott Euch gab; das ist Weisheit, mein ich." "Und doch ist der Ephraim nur ein Handelsjude," sagte er. "Ja, aber Ihr habt Euer Leben zum Tempel gemacht und seid Hoherpriester darin." Das Gesprach fuhrte noch weiter und endlich dahin was ich mir fur Dich aufschrieb:

"Dass der Leib in sich begeistigt ist einen Geist in sich habe, erkennen wir darin, dass er sich geheiligt empfindet im Denken. Ein Denkender, ein geistig Erregter hat einen geheiligten Leib."

Dies war das letzte von unserem Gesprach, was dazwischen lag, weiss ich nicht mehr; aber auf dem Turm, in der kalten Winternacht plauderten die Sterne weiter mit mir:

"In der Liebe ist das erste, was wir weihen, der Leib und dies ist die Wurzel und der Keim der Liebe und ohne diese Weihe wird keine Liebe bestehen, sie welkt wie eine Blume, die man bricht, aber durch diese Weihe, mit ihr, muss die Liebe bestehen, jede Erkenntnis des Hoheren fangt mit dieser Weihe an; wenn der Geist gottlich empfindet, das heiligt den Leib."

"Jedes Annahern im Geist sucht den Sitz des Geistes im Innersten und das empfindest Du umgeben vom Leib, wie Du die Tempelhalle geweiht achtest, von der Du weisst, dass inner ihren Mauern die Opferflamme lodert."

"Der Tempel stellt den eignen Leib dar und des Gottes Lehre den eignen Geist."

"Den Geist des andern empfinden, so wie der sich selber empfand, als er dachte, das befruchtet den Geist."

"Verstehen ist unmittelbares Beruhren der Geister, und dies ist Lebendigsein, erzeugt selbstandig Leben, und alles andre ist nicht Verstehen, und der geringste Keim selbstandig in der Brust ist Offenbarung."

"Drum befruchtet das wahre Verstehen den Geist."

"Furchte nicht, dass Deine Liebe verloren sei, die Geister tragen sie hin, wo sie wirkt, wo sie erzeugt, wo sie ins Leben eindringt des Geistes. Und das ist ja der Liebe einziger Bedarf, aufgenommen zu sein; und was nicht ihrer Empfangnis fahig ist, das ist auch nicht der Liebe Gegenstand, drum furchte nicht, dass die Liebe ihr Ziel nicht fande, alles wahrhafte Leben hat ein Ziel."

"Also hast Du eine lebendige, aus der Grossmut entsprungne Liebe, so verfehlt sie nicht ihr Ziel, denn es liegt in ihr selber, wie der Atem in der Brust liegt."

"Alle Handlung, die nicht Grossmut ist, ist Luge, ist Scheinleben; alles was nicht Geist ist, ist Luge Grossmut muss Scheinleben in wahres Leben verwandeln."

"Was ist Grossmut? Geist? Denken, Handeln und Fuhlen zugleich. Grossmut muss aus dem tiefsten Geist sich entwickeln Geist umfasst alles, jede Regung fliesst aus ihm. Je mehr Du Geist ausstromst, je mehr stromt er Dir zu."

"Grossmut ist recht eigentlich sinnlicher Geistesstrom, alles was die Grossmut hemmt, ist geistlos."

Das waren so die Nachzugler von meinem Gesprach mit dem Juden. Bin ich nicht glucklich, Gunderode, dass mir Gott einen solchen an die Tur geschickt hat in so verachteter Gestalt, und dass seine Hoheit um so mehr drunter hervorleuchtet? Und der mir zu trinken gibt, wo mein Herz lechzt und nicht die Quelle finden konnt, denn gewiss, dieser Mann beschenkt mich furstlich, und ich kann ihm nicht vergelten, und er hat mich gewiss auch so lieb wie seine Enkel, fur die er mit Herz und Seele sorgt. Er gefiel mir gleich so wohl, wie ich ihn zum erstenmal sah, er zog mich an, und ich scherzte freundlich mit ihm, weil ich ihm wohltun wollte, da ich weiss, dass niemand freundlich mit solchen Leuten ist und nur ihrer spottet jetzt aber denk ich jedesmal, wenn ich ihn seh, wie hoch er uber mir steht, und wie gutevoll und herablassend er gegen mich ist, er auch behandelt mich wie der Meister seinen Zogling, ich fuhl jeden Augenblick seine Ubermacht. Wahrend ich mit ihm rede, schreibt er immer kleine Satze ins mathematische Heft, die er mir noch zuletzt anweist, wie ich sie herausfinden soll, das macht, dass unser Gesprach sich in Pausen einteilt und feierlich und langsam ist, das macht mir auch so viel Freud.

Wenn ich zu Savigny hinunterkomm, da bin ich immer ganz ausgelassen lustig vor heimlicher Freud, dass ich so einen liebenswurdigen Meister hab, dem ich so von Herzen zugetan bin, ich wurde fur ihn durchs Feuer laufen, fur Dich auch ich hab immer die Studenten drum beneidet, wenn ich mir dacht, dass sie so ein Verhaltnis zu ihrem Professor haben, dass sie so stolz drauf sind, seine Schuler zu sein, und ihm die Stange zu halten; damit mein ich, dass sie sich ihm widmen mit ihrem ganzen jugendlichen Enthusiasmus. Es ist nichts Schoneres in der ganzen Welt als dies. War ich ein weiser Meister; wenn mir die Studenten aus vollem Herzen ein freudig Lebehoch brachten, wenn sie im Fackelzug anmarschiert kamen, ja, das war mir am liebsten von allen Ehrenkranzen. Der Ephraim hat so einen Charakter, der imponieren und die Schuler anziehen muss, wenn der Philosoph war, was er doch eigentlich ist, so mussten die Schuler mit Leidenschaft an ihm hangen, er sagt, meine Schuler lieben mich auch, aber die Vorurteile liegen wie unersteigliche Berge zwischen uns. Savignys fragen als: "Nun, war dein alter Mathematikus bei dir, hast du wieder Judenweisheit studiert? Bist du heut wieder kluger wie die andre Menschheit, hat dich dein Jud eingeweiht?" Ich sag ja und lach mit und freu mich, dass ich allein alles weiss von ihm ich will Dir was sagen, ich hab ihm die Manen vorgelesen und ihn gefragt daruber manches, er hat mit Bleistift drunter geschrieben: "Du solltest Geister rufen und sie sollten deinem Ruf nicht folgen? das glaub nimmer."

Wenn ich abends auf den Turm geh, an Tagen, wo er da war, sind die Gedanken, die mir da oben von den Sternen kommen, immer so ubereinstimmend mit seinen Reden, dass ich manchmal meinen muss, sie hatten's ihm eingegeben fur mich. Solche Gedanken, die mir lieb sind, schreib ich in ein Buch, um die schonsten draus zu wahlen und Dir zu schreiben; am Tag vorher, als ich vom Turm kam es war spat, ich war mude und schrieb eilig, ohne mich zu besinnen, was mir noch im Kopf schwarmte, von da oben: "Darum ist's auch oft, warum das Gottliche nicht in uns haftet, weil wir selbst schlecht werden, indem wir mit dem Bosen streiten; wir wurden boshaft, indem wir das Bose verfolgten."

"Gott hat den Adam nicht aus dem Paradies verjagt, der Adam ist ihm von selbst entlaufen. Wo konnt ein Engel eine gottgeschaffne Kreatur aus dem Paradies jagen wollen? Alles Gottliche ist Steigen, was nicht mitsteigen kann, das sinkt."

"Wo konnte aber das Gottliche aufsteigen, wenn nicht aus dem Ungottlichen? Wie konnte das Gottliche vom Ungottlichen sich sondern wollen? Nein, es ist recht seine gottliche Natur, sich nicht von ihm zu sondern; es mischt sich mit ihm und reizt es, des Gottlichen inne zu werden, nur Verachtung lost sich ab vom Gottlichen, nur der Tod lost sich ab, und vieles ist der Tod selbst, wodurch die Menschen sich vom Ungottlichen absondern wollen, sich des ewigen Lebens teilhaftig machen wollen."

"Die Freiheit muss zur Sklavin werden des Sklaven, sie muss sich dem Sklavensinn erobern, wie konnt sie sonst Freiheit sein? In was kann Freiheit sich aussprechen als im Gebundensein und unterworfen dem gottlichen Trieb, das Ungottliche gottlich zu machen! Wer ist machtig die Ketten zu tragen, wenn nicht die Freiheit? Und wer kann die ohnmachtigen Sinne beleben als nur das Leben selbst?"

"Man sagt zwar, das Gottliche vertrage nicht das Ungottliche, aber es muss alles vertragen konnen, nur in ewigem Verwandeln in sich besteht das Gottlichsein."

Das hab ich heut auf dem Turm gelernt, und dann hab ich noch gedacht:

"Wenn du dich im Geist begegnest mit dem, was du liebst, so trete auf im Schmuck deiner Begeistrung, sonst wurde es dich nicht erkennen."

"Dass dich der Geliebte beruhre im Geist, kann nur aus Begeistrung geschehen, so kann auch nur Begeistrung zu ihm reden."

Als ich den Ephraim begleitet hatte, ging ich gleich auf den Turm, obschon das nicht gilt, wenn die Sterne noch nicht am Himmel stehen; aber ich mochte nicht wieder ins Haus, es war mir zu behaglich in freier Luft. Fuhlst Du das auch, das Glucklichsein, bloss weil Du atmest, wenn Du im Freien gehst und siehst den unermesslichen Ather uber Dir dass Du den trinkst, dass Du mit ihm verwandt bist, so nah, dass alles Leben in Dich stromt von ihm? Ach, was suchen wir doch noch nach einem Gegenstand, den wir lieben wollen? Gewiegt, gereizt, genahrt, begeistigt vom Leben in seinem Schoss bald, bald auf seinen Flugeln; ist das nicht Liebe? Ist das ganze Leben nicht Lieben? Und Du suchst, was Du lieben kannst? So lieb doch das Leben wieder, was Dich durchdringt, was ewig machtig Dich an sich zieht, aus dem allein alle Seligkeit Dir zustromt; warum muss es doch grade dies oder jenes sein, an das Du Dich hingibst? Nimm doch alles Geliebte hin als eine Zartlichkeit, eine Schmeichelei vom Leben selbst, hang mit Begeistrung am Leben selbst, dessen Liebe Dich geistig macht; denn dass Du lebst, das ist die heisse Liebe des Lebens zu Dir; es allein hegt in sich den Zweck der Liebe, es vergeistigt das Lebende, das Geliebte. Und alle Kreatur lebt von der Liebe, vom Leben selbst.

Ja, so ein Gedanke, Gunderode! Einer konnt fragen, ob er nicht Einbildung sei? Aber mich kummert's nicht, ob alle es nicht glauben, ich bin mir genug und brauch keine Beglaubigung dazu. Tiefere Wahrheit erkennen ist ja das Leben verstehen so empfindet man ja, dass grosse Taten die schonsten Momente des Lebens sind; also ein wirkliches heisses Umarmen mit dem Leben selbst. Solche himmlische Momente, aus denen sich nachher die Gewissheit der Liebe ergibt. Ja, eine grosse Tat allein ist Feier der Liebe mit dem Leben, und sind die Menschen nicht lebentrunken, wenn sie gross gehandelt haben, wie der Liebende trunken ist vom Genuss, von der Gewissheit, geliebt zu sein? Ist das nicht jene Seligkeit, deren jeder andere bar ist, der nicht den Mut hat, der heiligen Inbrunst des Lebens sich liebend hinzugeben, und an der grossen Tat vorbeischleicht? Ja, was ist der innere Genuss solcher Begluckter, als trunken sein von Begeistrung, die zu ihnen stromt als Gegenliebe; denn rein und gross sein im innersten Gewissen, das ist von dem Leben durchdrungen sein.

Man sagt, die grosse Tat belohnt sich selbst, oder, er hat den Lohn in der eignen Brust, und so ist keiner zu ermessen, in dessen Brust dies Verheissen ewiger Inbrunst zwischen Leben und Lebendem diesen Lohn erzeugt. Es ist der einsame tiefverborgne Glucksmoment, der keinen Zeugen hat, der nie sich nachfuhlen lasst, den jeder wahrhaft Liebende verschweigt, der ihn uber alles Erdenschicksal hebt, und der auch uber alles, was in der Welt anerkannt wird, ihn stellt, was ihm das Geprag des Erhabnen gibt.

Ja, die Grosstaten, die leidenschaftlichen Kusse des Lebens lassen einen sichtlichen Eindruck zuruck, der sich selbst, ich will's glauben, auf Kinder und Kindeskinder vererbt, denn wo kame der Adel her? Ist der nicht aus der heiligen Kraft entsprossen, wo das Leben mit seiner Liebe den Geliebten errungen hat? Dies heimliche innerliche Geniessen einer den andern ungekannten Seligkeit? Wo man alles aufgibt, bloss um dem Liebenden dem Leben zu genugen? Ja, das muss wohl auch in der Erscheinung im Leib sich abdrucken; und man konnte darauf kommen, in den Gesichtern alter Geschlechter nachzuspuren, was wohl fur eine Art von Begeistrung den Keim zu diesen veredelnden Zugen, zu dieser erhabnen Vornehmheit legte, ob es kuhnes Tun, mutiges oder selbstverleugnendes war, was diese Liebesopfer einst vom Ahnen heischten das ist mir schon bei Arnims Zugen eingefallen , und ein Mann gottlicher Leidenschaft furs Leben, der ist ein Grunder des erhabensten Geschlechts, der ist ein Furst unter den Menschen und sollte er selbst in Lumpen unter den Menschen wandeln, und wer vor diesem Adel nicht Ehrfurcht hat, das ist der Pobel, der nimmer zum Adel taugt, weil er das verkennt, was sein Ursprung ist, ihn also nicht in sich erzeugen kann, er nenne sich Furst oder Knecht. Das war mein Gesprach heut mit den Sternen.

Dienstag

Heute ist der siebente Tag, dass ich meinen ersten Brief abschickte, am Samstag der zweite und heut? Soll ich diesen schliessen und Dir schicken? Ich mein als, es sei Dir zuviel vielleicht das wird aber nicht, ich hab Dir's versprochen, Dir alles von da oben zu schreiben, Du hast mich mehrmals dazu aufgefordert, was kann ich davor, dass mir so viel in den Kopf kommt, oder vielmehr in die Feder, denn, wenn ich glaub, mit einer Zeil fertig zu sein, so bring ich die selbst nicht aufs Papier vor so viel hundert andern, die sich dazwischendrangen. So hatt ich gestern im Sinn, wie es doch so dumm ist, wenn man sich uber sein eigen Leben wollt besinnen und glauben, es lag schon hinter einem, was doch noch nicht der Anfang ist vom Leben, sondern nur der Grund, die Veranlassung dazu.

Wenn der deutsche Kaiser gekront ist, vom Dom bis zum Romer uber eine Bahn von Scharlachtuch geht, so fallt das Volk dicht hinter ihm uber das Tuch her und schneidet es unter seinen Tritten ab, zerreisst's in Fetzen und teilt es unter sich, so dass, wenn er auf Scharlachbahn zu sehen. So scheint mir auch aller Lebenseingang wie die rote Kaiserbahn, gleich nach jedem Schritt aufgehoben und nichts sein, bis das Leben Dich wie den Kaiser in so grosse Verpflichtung nimmt, dass kein Augenblick mehr Dein gehore, sondern Du ganz im Leben aufgehest, da kannst Du erst Deines Lebens Anfang rechnen, dann aber hebt sich das Sterbenwollen von selbst auf. Alles Leben, was sich mit Dir beruhrt, hangt von Dir ab, aber Du bist kein abgesondertes Leben mehr, und wirkliches Leben ist ein Ausstromen in alles, das lasst sich nicht aufheben, wie's mich verwundert hat, wie Du sagtest, viel lernen und dann sterben, jung sterben! Es kam mir in den Sinn, als hatt ich wohl meine Zeit sehr vernachlassigt, dass ich nun schon so alt sei und noch gar nichts gelernt, so wurd ich wohl das Jungsterben bleiben lassen mussen, oder lieber gar nichts lernen. Aber die kaiserliche Scharlachbahn! Ich sag Dir, alles, was Du Dir vom Leben abschneiden kannst, ist bloss das Praludium dazu, und das hebt sich von selbst auf, es ist vielleicht ein idealischer Voranfang; willst Du mit diesem das Leben aufheben? Das heisst den Kaiser mit samt dem Tuch zerrissen. Und doch ist das ganze Leben nur, dass Du eine Ehrenbahn durchwandelst, die Dich wieder ins Ideal ausstromt. Ich fuhl's, wie kann man zu was Hoherem gelangen, als dass man sich allen Opfern, die das Leben auferlegt, willig hingebe, damit der Wille zum Ideal sich in das Leben selbst verwandle wie kann man Selbst werden als durch Leben? Und so muss man auch willig das Alter ertragen wollen, und die ganze Lebensaufgabe muss aufgenommen sein und kein Teil derselben verworfen. Wenn Du fruh sterben willst, wenn Du es unwurdig achtest, weiterzugehen, wirst Du damit nicht jeden schmahen, der seine Lebensbahn nicht aufhob? Die da muhselig ihre Last tragen, sind die zu schmahen? Heldentum ist hoher als Schmach!

Vor der Philisterwelt, die meinen Geist doch nicht begreift, scham ich mich nicht, fur sie nicht Jugend zu sein, die von den heiteren Fruhlingstagen nichts weiss, welche der Geist durchlebt. Weisst Du, was schlecht ist im Alter? Wenn es ein Aufbau, ein Ubereinanderturmen rumpliger Vorurteile geworden, durch das die heilige Anlage der Jugend nicht mehr durchdringt, aber wo der Geist durch alles gehaufte Elend des Philistertums, dieser ganz unwahren aber wirklichen Wahnwelt, durchdringt zur Himmelsfreiheit, zum Ather und dort aufbluht, da ist Alter nur das kraftigste Lebenszeichen der Ewigkeit. Mir scheinen alle Menschen um mich wie nichts oder doch eine geringe und unzuverlassige Gattung von Naturen, eben weil der Geist nicht in ihnen liegt, die hochste Blute im Alter zu erreichen, eine zernagte Blute. Aber der Ephraim deucht mir eine vollkommne Geistesblute, die jetzt im Fruhlingsregen steht; die Tage sind lau, aber trub aber die Ahnung ist voll himmlischem Jugendreiz, die andern fuhlen und sehen ihn nicht, wo steht aber auch je ein Philister bei der knospenden Zeit still, voll Schauer, voll Gebet zur erwachenden Blute?

Was war's also mit Deinem Fruhsterbenwollen? Wem zu gefallen willst Du das? Dir selbst zulieb? Also rechnest Du die scharlachne Kaiserbahn fur Deine Jugendblute, bloss weil sie so glanzvoll schimmert, aber sieh doch, die Welt achtet sie ja nicht, sie zerreisst sie in Fetzen, und Du stehst an ihrem End, und ist nicht mehr eine Spur davon, und da willst Du Dich mit zerreissen? Aber der Trieb zu bluhen ist erst dann wahre Geisteseingebung, wenn jene Scheinblute Dich nicht mehr tauscht, wenn Du die Blute ganz aus Dir selbst erzeugst, dann will ich sagen: "Ja, Du bist der Geist des Fruhlings" aber mutlos das Leben verwerfen ist nicht Jugendgeist , ach ich fuhle wohl, dass ich hier weit mehr recht hab wie Du, und dass ich Dir Trotz bieten kann; aber ich weiss auch, dass Du die tiefere Geisteswahrheit, die in meinem Vergleich liegt, deutlicher wahrnimmst als ich, und dass Du gewiss Gewaltigeres ahnest, als ich begreife. Es geht immer so zwischen unseren vertrauungsvollen Reden, dass ich stottere, und dass Du mir dann reiner begreiflich machst, was ich wollte. Mir steht hier nur der Jude vor Augen, der uber die sinkende Blute der Eltern hinaus die schweren Lebensbedingungen erfullt, jeden muhevollen Weg zur Erhaltung der Enkel macht, keinen Tag mehr als den seinen verlebt, nicht um sich selber sich kummert, in der Tagshitze zu den Seinen hinwandernd, sich muhsam beugt, um die Brosamen zu sammeln auf dem Weg und sie den verwaisten Kindern zu bringen. Sein Weg war sonst Wissenschaft, Studium der alten Sprache, Philosophie; und nun! Wirft ihn das Geschick hinaus aus der Bahn, durch seine Aufgaben, die mehr mit dem wirklichen Leben zusammenhangen? Mir deucht nicht, mir deucht, es sei die erste heilige Blutezeit seines jugendsprossenden Geistes, so ist er auch friedevoll und ruhig im jungen Sonnenlicht keimend und treibend, lebenswarm ist der Boden, die Luft und sein Wille und sein Denken und was er sagt, ist wie die Rebe, in die der Saft steigt einstiger Begeisterung und ich weiss nichts mehr von Veralten, Verwelken, seit ich diesen Mann angeschaut hab; jeder Tag auf Erden ist ein Steigern der Blutebegeistigung, so nenn ich's, in der Eil weiss ich's nicht anders auszudrukken und der letzte Tag ist immer noch lebentriebvoller wie der vorletzte. Wie es auch sei, es ist ein ewig Vorrucken in den Fruhling; und unser ganz Leben glaub ich, hat keinen andern Zweck.

Die Sterne haben mir's gesagt fur Dich.

An die Gunderode

Es ist ja noch gar nicht so lang, dass Du mir geschrieben hast, es sind jetzt vierzehn Tage, und wenn ich Deinen Schreibetag hinzurechne und die Reise und das Abgeben des Briefs, so sind es sechzehn oder siebzehn Tage; Du bist nicht Herr Deiner Zeit wie ich denn ich hab gar nichts anders zu tun, als alles Leben zu Dir hinzuschicken, ich wollt auch lieber gar nicht denken, wenn ich Dir's nicht wiedergeben konnt, mir kommt express alles in den Sinn wegen Dir. Aber ich weiss, dass es Dummheit ist, sich immer angstigen zu wollen. Nur das eine kann ich nicht ausstehen, wenn sie mir schreiben, die Gunderod lasst Dich grussen. Ich kann noch eher leiden, wenn sie sagen, man sieht die Gunderod nicht. Aber das eine nur, es ist mir wie ein Nebel zwischen mir und Dir, ich glaub Dich an meiner Seite und sprech mit Dir immerfort und der Nebel ist so dicht, dass ich Dich nicht seh, und auf einmal ruf ich: Bist Du noch da? Du gibst keine Antwort. Da angstige ich mich und weiss nicht, wo mich hinwenden. Da mein ich als, alles, was ich Dir gesagt hab, sei nur ein Abirren von Dir, statt dass es mich hatt an Dich ziehen sollen; und da denk ich, deswegen hattst Du Dich von mir entfernt, weil ich Dir so manches sag, was Deine Seele nicht horen will, was sie stort. Ach, Deine Seele, ich bin einmal geboren dazu, dass ich sie umflattere. Es ist mir zwar jetzt nicht mehr so heimlich auf dem Turm, weil mir immer zuerst einfallt, ob das, was mir da oben in den Sinn kommt, Dir auch recht sein mag, aber ich geh doch hinauf nein, es treibt mich hinauf, wie der Wind da oben als geht, das glaubst Du nicht, er konnt einen gleich forttragen, das jagt alles, Wolken und Mond aneinander vorbei jedes seinen Weg, recht zwietrachtig, ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll. Der Weg hinauf wird mir taglich angstlicher. Ich war schon beinah dran gewohnt und freut mich auf den Weg, und jetzt ist's wieder wie ein Stein, der auf mir liegt, manchmal bin ich so zerstreut, dass ich's gar vergess und erst dran denk, ganz spat, und jeder Schatten macht mir bang. Aber wo soll ich hin, ich muss doch hinauf, ich mein, ich muss da oben die Welt helfen festhalten. Was das heut fur ein Gesturm war! Es wachst da oben auf der Mauer ein Vogelkirschbaum, der hatte bis jetzt noch seine roten Beeren an sich hangen, ich hatte recht meine Freud dran, und ich dacht, das soll mir ein Zeichen sein, dass es zwischen uns beiden heiter ist und frohlich. Und die Beeren sollen hangen bleiben den ganzen Winter, ich hab sie auch zusammengebunden, dass sie der Wind nicht so leicht forttragen konnt; aber da war kein Halten, er drehte sich wie eine Kriegsfahne im Sturm, ich sprang auf die Mauer und wollte ihn schutzen und nahm ihn in' Arm und hab das Ausserste gewagt, ihn festzuhalten, bis der Wind sich legen wollt, und hatt ihn gehalten, wenn's bis zum Morgen gedauert hatt, aber da flogen mir die Beeren uber den Kopf weg, einzeln und ganze Trauben, bis die letzte fort war, da hab ich ihn losgelassen. Da legte sich der Wind und war's ganz hell und ruhig am Himmel dass ich noch eine Weile so dasass, wieder ganz ruhig, und mich verwunderte, wie ich eben noch so mit sturmen konnt, und warum mir doch das Herz so geklopft hatte, da grade sonst ich und Du immer so heimlich und so lustig waren, wenn wir manchmal auf freiem Feld einen Sturm mitmachten. Aber ich mag Dir's gar nicht sagen, was mir alles vorkommt und sich mir weismachen will, und an was fur Dingen es hangt, dass meine Frohlichkeit sich in Trubsinn verwandelt, oder dass der sich wieder zerstreut. Oft im Sommer, wenn ich einen Vogel singen horte, war ich wie von einer freudigen Botschaft belebt. Und oft, wenn ich die reifen Kornahren so vom Wind durchsturmt und geknickt sah, musst ich in tiefen Gedanken stehen, mich besinnen, wie ich soll einen Boten schicken, der sich den Winden ins Mittel lege. So wollen wir auch meinen jetzigen Aberglauben auf diese Rechnung schreiben. Es wird vergehen und wird wieder ruhig werden.

Am Sonntag hat der Bang hier gepredigt, ich versprach ihm zuzuhoren, wenn er wollt von den Juden predigen, wie die Christen ihr unchristlich Herz gegen die verschliessen, dass die Juden gar nicht das Christentum empfinden konnen. Der Bang predigte, wie Christus seine Junger aufforderte, dem Volk das wenige, was sie an Nahrungsmitteln bei sich hatten, hinzugeben, ohne sich selbst zu bedenken. "Siehe! da war plotzlich Uberfluss fur alle! Und wenn es ein Wunder ist, dass der Uberfluss in den Korben gesammelt ward, uber das ihr staunt und Gott anbetet, so wollet doch auch als gottliches Wunder achten, dass die Liebe aus dem Herzen aller stromte, wie durch elektrische Beruhrung der Liebe des Sohns Gottes zu allen, so dass von Nachbar zu Nachbar sie einander mitteilten, und wollten lieber darben als darben lassen. Und so waltete der Segen in den wenigen Broten, als jeder das seine mit dem andern teilte, und kam daher der grosse Uberfluss. Wenn ihr das nicht als Wunder bekennt, sondern es als ein naturliches Ereignis nicht wurdig achtet, zu den gottlichen Wundern gezahlt zu werden, ist es dann nicht um so mehr von denen zu erwarten, die sich seine Junger nennen, dass dieses naturliche Wunder infolge des Gottlichen erspriesse? Und da es doch zwischen euch, die ihr Junger Christi seid, nicht auf die gottliche Weisheit ankommt, sondern bloss ums tagliche Brot euch streitet, so mag nun die gottliche Kraft des Wunders in den Broten gewirkt haben, dass sie sich mehrten oder in den Herzen der Juden, dass sie aus Hunger nach dem gottlichen Wort der leiblichen Sorge nicht achteten und sich einander im christlichen Sinn, der schon in ihnen zu keimen begann: 'Liebet euch untereinander', die leibliche Speise mitteilten und gonnten, so liegen denn immer diese Lehren darin: Richtet die Seele auf gottliche Weisheit, so wird die Sorge um das Irdische von euch gehoben durch gottliche Kraft. Oder auch: Die Sorge um Irdisches ist allein in die Welt geboren, damit ihr sie uberwinden lernt um eurer Bruder willen und gemeinsam nach dem Gottlichen trachtet, was jedem zustromt, soviel er zu fassen vermag. Der gottliche Segen aber regnet uber alle Lande, und euch bruderlich in den irdischen zu teilen, achtet ihr das nicht als gottliches Wunder in euren Herzen?

Mogen doch eure Herzen geschickt sein, Bruderliebe zu uben, so ist euch gewiss, dass das Wunder gottlicher Weisheit in euch erbluhen werde, was von innen als Fulle des Segens uber alle gleich sich ergiesst, und nicht uber diesen allein, weil er Christ ist, und uber jenen nicht, weil er Jude ist. Denn so oft wir den Segen, sei er irdisch oder himmlisch, abteilen wollen, so erstirbt er in uns, denn sein Leben ist: Gemeinschaft des Heiligen. Mit dem inneren Sinn sollen wir die Welt regieren, das aussere Regiment greift in ihre Gestaltung nur vorubergehend oder gar nicht ein und kann nur das Geistige, die wirkliche Entwicklung hindern, aber der innere Sinn, durchdrungen von dem hoheren Regiment der Welt, breitet sich aus und greift um sich, ihm ist nicht Einhalt zu tun, erzeugt sich in allen Herzen, jeder pflanze den Kern dieser sussen Frucht ins eigne Herz, er ist der Fruhling des Lebens, ohne den werden wir nicht ernten und keine Gewalt haben."

Bang sagte mir nach der Kirche, er habe wohl gemerkt, dass ihm niemand zugehort habe als nur ich allein, die ganze Kirch hab geschlafen.

Ich hab von dieser Predigt in einem Brief an den Voigt geschrieben, weil ich ihm nichts Besseres zu erzahlen wusste, so hat er mir geantwortet: "Der innere Sinn greift mehr um sich wie alles Regiment der Welt, der Flugelsame des Geistes kann nicht abgesperrt werden, der treibt umher, und der Wind der geistigen Natur uberwaltigt alle Vorkehrungen, drum ist's lacherlich, was die Menschen sich fur Muhe geben, alles in der Zucht halten zu wollen oder durch etwas anders die Freiheit zu erkaufen als durch den Geist. Freiheit ist die strengste Zucht, denn sie greift da ein, wo kein Gebot noch Verbot was wirkt, sie zermalmt das Schlechte in der Wurzel; denn Freiheit ist eine gottliche Kraft, die nur Gutes wirken kann, aber die Menschen verstehen nicht, was Freiheit ist, sie wollen sich ihrer bemachtigen, das ist schon sie ertoten. Der Freiheit kann man sich nicht bemachtigen, sie muss als gottliche Kraft in uns erscheinen, sie ist das Gesetz, aus dem sich der Geist von selbst aufbaut. Innere Gebundenheit und aussere Freiheit sind doppelt schwere Ketten, weil die Trunkenheit noch dazukommt, die die Sinne bindet und verwirrt." Das ist ungefahr das Bedeutendste, was ein zehn Seiten langer, sehr kritzlich geschriebner Brief enthalt, ich wollt Dir ihn nicht schicken, ich furcht, es mocht Deine Augen angreifen, ihn zu lesen. Er hat noch viel Hubsches und Freundliches geschrieben uber Deinen Franken in Agypten6. Er sei der Franke, aber das Madchen werde er nimmer finden, das ihn in des Vaters Hutte fuhrt, denn was ihm in der Seele woge, das sei nicht mit Schonheitslettern ihm ins Antlitz gepragt, seine frankische Nase umschreibe kein schones Profil. Den Brief kann ich Dir einmal vorlesen, wenn das Fullhorn eigner Mitteilungen ausgeleert ist, aber wann wird das je sein? Ach, ich hab das Herz so voll zu Dir, nur heut hab ich von fremden Menschen geredet statt von meiner Seele, weil ich Dich nicht betruben will mit meinen Klagen. Aber gewiss ist es wahr, auf dem Turm kann ich nur Seufzer ausstossen, und meine Gedanken sind wie abgerissne Zweige und zerstreute Blatter Laub, das im Winterwind herumwirbelt! Ich kann keins haschen, und was mir zufliegt, das zerfallt und hat keine sybillinischen Zeichen; aber ich will nicht klagen, denn es ist ja doch nur Einbildung von mir, Du bist nur so schweigsam, weil Du so in Gedanken versunken bist, wie Du schon als diesen Herbst warst. Wolltest Du nicht manchmal den Voigt sehen? Er ist doch gut, der konnt mir als von Dir schreiben. Er ist heiter und bescheiden und erzahlt so viel Schones aus seiner fruhen Jugend, sein Leben ist Musik und Malerei, seine Bekanntschaft ist, wie wenn einer mit frohlichem Gemut umherschaut und einem unbefangnen Blick begegnet, dem er alles erzahlt, was in seinem Innern vorgeht. Dass er schlecht geschrieben hat, will ich wohl glauben, aber es verdirbt mir ihn nicht, denn das war vermutlich die besessene Herd Schweine, die in die hohe Meeresflut gesturzt sind; wie es denn gewohnlich bei guten Menschen geht, die was Schlechtes hervorbringen; es muss ihnen ganz leicht sein, wenn sie es los sind, so ist er auch ausnehmend vergnugt. Ich hab ihn kennen lernen, wie er als Schulrat in Frankfurt vorgestellt war, da hat er mich mit seinem witzigen Humor ergotzt, und es lag so viel Wahres und Richtiges, zum wenigsten mir Zusagendes in seinen Bemerkungen, dass ich immer meine, er wurde das Beste gewirkt und geraten haben, er sagte aber damals zu mir: "Ach, ich bin ein Wickelkind, mir sind die Hande mit dem Wickelband festgebunden, ich kann nur Gesichter schneiden, und da meinen die Leute, ich lach und weine im Traum, sie meinen gar nicht, dass ich mit meinen funf Sinnen dabei bin, wenn ich was sag." Wenn es Dir nicht storend ist, dass er Dich einmal besucht, so schicke ich ihm einen Brief an Dich.

Vom Holderlin hab ich auch erzahlen horen, aber lauter Trauriges, was ich Dir jetzt nicht erzahlen mag, denn wir beide wurden nichts daruber erdenken konnen; und in meinem Herzen steht geschrieben: Streue die Saat der Tranen auf sein Andenken, vielleicht dass aus diesen die Unsterblichkeit einst ihm aufs neue erbluht! Ach, auch er hat gesagt: Wer mit ganzer Seele wirkt, irrt nie! Ja, wer unzerstreut und mit ganzer Seele dabei war, der konnte wohl Tote erwecken, drum will ich mich sammlen und an Dich denken, dass ich Dich mir wach erhalte, dass Du mir nicht stirbst. Aber ich will meinen Brief nicht so traurig schliessen. Ein Brief, den ich kurzlich von Goethe gelesen habe, den er anno Achtzehnhundert an Jacobi schrieb, wird Dich auch freuen: "Seit wir uns nicht unmittelbar beruhrt haben", sagt er ihm, "habe ich manche Vorteile geistiger Bildung genossen, sonst machte mich mein entschiedner Hass gegen Schwarmerei, Heuchelei und Anmassung, oft auch gegen das wahre ideale Gute im Menschen, das sich in der Erfahrung nicht wohl zeigen kann, oft ungerecht. Auch hieruber, wie uber manches andere belehrt uns die Zeit, und man lernt: dass wahre Schatzung nicht ohne Schonung sein kann; seit der Zeit ist mir jedes ideale Streben, wo ich es antreffe, wert und lieb." So sehr ich sonst eine Sehnsucht hatte, allein und heimlich ihn aufzusuchen, jetzt ist's nicht mehr so; ich mochte gar nicht zu ihm, wenn ich nicht Dich an der Hand fuhrte nur als zeigte ich Dir den Weg, und nur, dass ich mir den Dank von ihm und Dir verdienen will, denn was er im Brief sagt, berechtigt Euch, gegenseitig aufeinander Anspruch zu machen, denn wie freudig wurd er erstaunen uber das Ideal in Deiner Brust, so wie Du Dich aussprichst in jenem Brief, wo Dir auf einmal so hell dies Ideal erschien, als sahest Du voraus in Deine Unsterblichkeit. Und mit was konnt ich ihm entgegenkommen? Ich hab keine Vorrechte, ich hab nichts, als den geheimen Wert, von Dir nicht verlassen zu sein, sondern angesehen mit Deinen Geistesaugen, die Gedanken in mich hineinzaubern, welche ich nie geahnt haben wurde, lase ich sie nicht in Deinem Geist.

Gestern abend haben sich jung und alt beschert, mir sind die leeren Weihnachtsbaume zuteil geworden, ich hab mir sie ausgebeten, ich hab sie vor die Tur gepflanzt, man geht durch eine Allee von der Treppe uber den breiten Vorplatz bis zu meiner Tur, diese grunen Tannen, so dicht an meiner Tur, beglukken mich und die Welt ist noch so gross! Ach es steigt mir die Lust im Herzen auf, dass ich reisen mocht mit Dir war das denn nicht moglich? Bin ich denn so ganz gefangen, kann ich mir hierin nicht willfahren? Und willst Du auch nicht das Ungluck meiden, jener die sterben, ohne den Jupiter Olymp gesehen zu haben? Ich fuhl, dass mir alle Sehnsucht gestillt konnte werden, hoch auf dem hochsten Berg die Lande, die Weite zu uberschauen, ich wurde mich wahrlich erhaben und machtig fuhlen, denn wessen das Aug sich bemeistert, dessen fuhlt der Grossherzige sich Herr. Ach, Gunderode, ich weiss nicht, ob Du's auch schon gefuhlt hast, aber mir ist jetzt vor allem der Sinn des Aug's gereizt, sehen mocht ich, nur sehen. Wie gross und herrlich die Kraft, mit dem Aug alles zu beherrschen, alles in sich zu haben, zu erzeugen, was herrlich ist, wie wurden da die Geister uns umflugeln auf einsamer Stelle? Und dann kennen wir uns, wir wurden ineinander so einheimisch sein, es bedurfte keiner Mitteilung, die Gedanken flogen aus und ein, in' einen wie in' andern, was Du siehst, das ist in Dir, denn ich auch, ich hab mich nicht vor Dir verschlossen; ja, Du bist tiefer in meiner Brust und weisst mehr von meinem Seelenschicksal, als ich selber, denn ich brauch nur in Deinem Geist zu lesen, so find ich mich selbst. Und wie glucklich hab ich mich doch hingehen lassen in Deinem Kreis? Als schutze Dein Geist mich, so hab ich alles Unmogliche gewagt zu denken und zu behaupten, und nichts war mir zu tollkuhn, uberall fuhlt ich den Faden in Deinem klugen Verstehen, der mich durchs Labyrinth fuhrte. Ach, ich mochte alles haben, Macht und Reichtum an herrlichen Ideen und Wissenschaft und Kunst, um alles Dir wiederzugeben; und meinem Stolz, von Dir geliebt zu sein, meiner Liebe zu Dir genug zu tun. Denn diese Freundschaft, dies Sein mit Dir, konnte nur einmal gedeihen. Ich zum wenigsten fuhle, dass keiner mit mir wetteifern konnte in der Liebe, und darum siegt auch meine Grossmut, ich mag niemand eine Schuld aufburden, um die er ewig bussen musste.

Mein Brief ist zerstreut geschrieben, das ist, weil ich Dich suche, sonst stehst Du vor mir, wenn ich Dir schreibe, da spreche ich mit Dir, die Halft sind da meine Gedanken, und die Halft Deine Antwort, denn ich weiss allemal, was Du antwortest, wenn ich Dir was sage; so lerne ich immer das Tiefere, das Weise, das Bestatigende aus Dir. Die Post geht ab ich lasse den Brief noch liegen, vielleicht kommt ein Brief, dann bitte ich Dir gleich noch in diesem meine Beschwerde ab. Ach kam doch ein Brief.

Nein, es ist kein Brief gekommen.

Ich bin bose aber nicht auf Dich auf mich bin ich bose, woher kommt mir die Krankheit? Ja, es ist Krankheit, und schon lange lag es in mir; es ist ja als ob ich nichts von Dir wisse, so verzage ich ganz, war ich denn im vorigen Jahr so bang? Da sind doch auch Zeiten vergangen, wo Du nicht schriebst. Du hast mich verwohnt mit Deinen kleinen Briefen aus dem Rheingau, ich kenne ja doch Deine grosse Ruhe, in die Du manchmal so schweigsam versunken warst, dass ich oft stundenlang mit Dir war, und Du sprachst nicht, so wird's jetzt auch sein der Nachhall Deiner stillen Begeistrung ist's, oder es wiederholen sich tiefe Melodien Deiner Seele in Dir, denen horchst Du zu. Ja! Wie's in jener himmlischen zauberhaften Nacht war, auf dem Rhein, wo wir zusammen unter der bluhenden Orangerie auf dem Verdeck sassen. Wie schon war's doch, dass die grade von Koln nach Mainz fuhr, und dass wir beide auf dem Schiff die einzigen waren, die in der Nacht da oben blieben, die andern furchteten die kalte Nachtluft, das war ein rechtes Gluck. Wir freuten uns, als der letzte hinabgefluchtet war und wir waren ganz allein und bloss der Steuermann und die Ruder und die grosse Stille, und meinen Pelz warf ich um Dich und sass zu Deinen Fussen, und der deckte mich auch noch, und wie schon war die Mondnacht, es sollte nicht ein Wolkchen am Himmel sein, der unermessliche Luftozean, in dem allein der Mond schwamm. Da warst Du auch so stille, und wenn ich ein Wort sagte, so verlor sich's gleich im tiefen Schweigen dass ich auch nicht mehr reden mochte aus Ehrfurcht vor der stillen Versunkenheit der ganzen Natur! Und wer kann's je vergessen, der in so heller Nacht auf dem Rhein schifft, wenn beide Ufer sich im Mondglanz baden; und dann kam der Wind und rauschte erst leise in den Kronen und dann starker, und es fielen Bluten auf Dich und mich, und da sah ich mich um nach Dir, hinauf zu Dir, da lacheltest Du, weil es zu schon war, was uns da widerfuhr, aber wir beide schwiegen still, um nicht zu storen, alles was sich an Schonheit rund um uns ausbreitete, und wir fuhren um die stillen Inseln und kamen naher ans Ufer, dass die Weiden heruberhingen und verwickelten ihre Zweige in unsre Baume, und schuttelte uber Dir die Krone, dass sie all ihre Bluten Dir in den Schoss warf, da warst Du erschrocken aufgewacht, denn Du warst eingeschlafen grade einen Augenblick. Ja, ich auch schlaf gern, wo es grad mir am seligsten ist, da ist immer die Ruhe uber mir, als ware Seligkeit nur eine Wiege und schaukelte die Seele und wiegte sie aus einem Traum in den andern hin und her, wo es schon und schoner war. Ich dachte da, es war ein kostlich Wohlgefuhl in mir, und betete es vor Gott, ich wollte nicht glucklicher sein in der ganzen Fulle der Welt als so, wie es uns beiden da beschert war, und ich fuhlte mich so gestarkt und knupfte mich getreuer an Dich. Und gelobte mir meinen Geist waffenfahig zu machen, und da gingen in Eile viele grosse kuhne Taten vor mir voruber, die ich all im Geist entschieden hatte, und da war ich so heiss einen Augenblick vor raschem Lebensentschluss und reiner Begeistrung. Und daher hab ich verstanden, was Du in Deinem Brief sagst von dem einfachen Phanomen, wo tragische Momente uns durch die Seele gehen, die sich ein Bild unsrer Lebensgeschichte auffangen, und wo die Umstande sich so ketten, dass man ein Tiefschmerzendes oder Hocherhebendes im Geist mit erlebt. Mein Gefuhl aber war nicht tragisch, es war glorreich, es war jubelnd, uberall war ich Sieger; ja recht wie ein Adler, der sich aufschwingt uber den Erdenballast von allen Geschicken, und der nur fliegen will, und so bin ich da auch ein paar Minuten uber jenen Gelubden eingeschlafen, als wenn der Schlaf die Bestatigung aller Geisteserhebung war! Oder ist es vielleicht im Schlummer, dass der Geist in seinen Gelubden aufsteigt? So war's mir nach jenem kurzen Schlaf, als sei ich im Port meines Lebens angelangt, und als brauche ich keine fremden Wege mehr zu suchen. Es war, dass ich immer Dir verbleiben wollt, dass alles Gluck, was uns entgegenkomme, nur Dein sein solle, und dass ich's nur durch Dich geniessen wolle. Drum schieden wir auch am Morgen so leicht und heiter, ich stieg in den Wagen, der mich am Ufer erwartete, um nach Frankfurt zu fahren, und Du bliebst auf dem Schiff, und ich hatte Dir nicht einmal die Hand gereicht und rief nur hinuber: "Adieu Gunderode!" und Du riefst meinen Namen. Und es war, als ob die Welt uns nicht trennen konne. Aber wie ich eine Weile vorwartsgefahren war und sah Dein Schiff mit seinem sudlichen Garten noch von weitem, da fiel mir's auf einmal ein, dass ich Dir nicht die Hand gereicht hatte und Dich nicht gekusst hatte und Du mich auch nicht auf meine Stirn, was Du doch sonst immer tatst und jeden Abend, wenn ich von Dir ging. Und es war mir so angst drum, dass ich gern umgekehrt war, wenn ich gedurft hatte. Und jetzt, wenn ich an Dich denk und Du schreibst nicht, so fallt mir's ein und angstigt mich. Aber doch ist es ja ein gutes Zeichen, ein so sicheres Gefuhl, dass wir nicht getrennt seien, und wenn doch diese schonste idealische Nacht unseres Lebens die letzte war, die wir miteinander zubrachten, so wird uns auch der Genius wieder so zusammenfuhren, und hin durch heisse Lander, wo kein Sehnen ist, und wo wir am Morgen nicht um den Abschied sorgen, weil wir uns nicht trennen werden. Nur, dass ich jetzt in die beschneiten Felder sehe, und dass mir der Winter so tot jetzt erscheint, wo mir eine italienische Sommerglut im Herzen wogt!

Ja, wir wollen fort, Gunderode, wir zusammen; es war ein Schicksalsruf, jene himmlische Nacht unter sudlichen Bluten, sie rief uns zu dem Land, dort wohin mein Sehnen geht, um das ich schon mit der Mignon meine Nachte verweint habe. Das erste, wenn wir uns wiedersehen, soll es sein, dass wir einen festen und reifen Plan machen. Es ist am End ganz lacherlich, wenn wir alles Schone und Herrliche, von dem gesprochen wird, im Geist beruhren und geniessen, und wir sitzen in der Wirklichkeit wie eingefroren. Ich bin begierig, ob wir's nicht dazu bringen, in der pappendeckelnen Welt; das ist's eben, dass sie von Pappendeckel ist. Da fallt mir wieder mein Kindertraum ein, wo ich auf einem backsteinernen Fluss auf der Reise war und die Ruderer vergeblich Wellen schlagen wollten, und nur mit den Stechstangen ging's langsam vorwarts, und das krachte so unangenehm, es pfiff, dass es mir zwischen den Zahnchen weh tat. Ach und die Reisegefahrten schnitten so furchterliche Gesichter, da hab ich recht in Natura gesehen und ohne Schleier, was ein Philister fur eine furchterliche Lebenslarve hat. Der Trieb zur Schonheit ist doch wohl noch das einzige, was von einer hoheren Natur ubrig ist.

Am Feiertag wollt ich, der Ephraim sollt mich besuchen, es war mein Lerntag, aber weil's Feiertag war, so konnt ich einmal die Stund verplaudern mit ihm, wozu ich so grosse Lust hatte, und mit meinen Tannenbaumen eine Laube um seinen Sitz gebaut, das hat mir gross Vergnugen gemacht, ich schenkte ihm auch Wein ein, da kam der Professor Weiss dazu, der hatte mit ihm zu reden wegen zwei Schulern, der sprach auch mit grosser Achtung mit ihm, dass er so grosse Kenntnisse habe. Sein Enkel holte ihn ab und blieb noch eine Weile da, aber er setzte sich nicht vor seinem Grossvater und blieb stehen, und von dem Wein nippte er nur und ich will Dir gestehen, dass ich die ganze Zeit von Dir gesprochen hab, denn ich kann auch nicht gut von anderem sprechen, weil ich doch immer dran denk, ob ich bald einen Brief von Dir krieg. Was soll ich noch von ihm erzahlen, er hat eine eigne Art, es scheint nur Bescheidenheit, aber man fuhlt, dass es Herablassung ist und Gute; ich mocht Dir auch gern noch manches von ihm sagen, aber weil ich gar nichts weiss von Dir, das bricht mir den Mut, ich weiss ja nicht einmal, ob Du es mit Anteil liest. Er sagte mir, dass er bis nach den Feiertagen, bis nach Neujahr eine kleine Reise zu den Seinigen machen wolle, weil seine Schuler alle fort sind. Es ist eine Reise von acht Meilen bei Butzbach, den Weg macht er zu Fuss in dem Wetter, es ist hier ein Sausen, davon hat man in der Stadt keinen Begriff; auf dem Turm kommt allerlei Gezweig vom Wald oder von unten aus der Allee angeflogen. Gestern setzte ich mich gleich an den Boden nieder, um nicht davongetragen zu werden.

Ich furchte mich fur den Ephraim, oder ich wollt, ich konnt mit ihm gehen, so, ein Stock in der Hand, und immer vorwarts geschritten, in neue Lande, wo andre Luft weht, andre Baume bluhen, jetzt hat's aber noch eine Weile Zeit damit; so ruhig sprechend mit einem Weisen aus Morgenland. Ich bin von Natur so neugierig, wenn ich nur in ein unbekannt Dorf komm, da kommt mir alles so sonderbar vor, und die kleinen Reisen, die ich bis jetzt gemacht hab, wie war mir alles so auffallend , wenn wir im Dunkeln vor einem Posthaus hielten, wie sah mich da der halberleuchtete Gang so seltsam an, als konnt er sprechen und erzahlte mir: Ja, hier gehen allerlei Geschichten vor! Und so eine Nacht in unbekannte Gegend gefahren, oder im fremden Nachtquartier, wenn man da aus dem Traum aufwacht und hort die Glock schlagen, und noch eine, und dann wieder eine. Da dacht ich als: da sind also viel Kirchen, wie mogen die aussehen? Und dann der Nachtwachter, der ein ganz fremd Lied singt mit heiserer Stimme, und die Schellen an den Hausern, die man noch lauten hort, und dann am Morgen sieht alles wieder anders aus, und ist wieder so neu und uberraschend, als war die ganze Welt wie ein Spielsachenladen und Hauser und der Markt vor der Tur und die Leute, die da wohnen und laufen, das sei lauter Spielzeug, und die Hunde, die herumspringen, die Brunnen, wo die Leut Wasser holen, das kommt einem alles vor bloss wie zum Vergnugen, lauter Bilder, man freut sich, dass alles so niedlich eingerichtet ist und gar nichts vergessen. So fremde Orte, sie sind wie Feenmarchen. Das alles mocht ich mit Dir geniessen! Es ist ja nur der Eingang, aber Himmel und Erde, im Freien in die Weite hinaus, wo man stumm steht und sieht die Berge sich aufrichten und mit dem Morgenlicht sich kussen, und alles Unendliche, was da vorgeht, was stumm macht und alle Weisheit uberflussig, denn wie's Kindchen, wenn ihm die Milch zustromt aus der Mutter Brust, genug damit zu tun hat, sie zu schlucken, mit der Fulle fertig zu werden, so ist's auch mit der Natur, sie gibt so vollauf dem Blick, dem Herzen, dass es nicht zu Atem kommen kann. Aber der Ephraim liegt mir am Herzen, dass der jetzt, wo die Natur schlaft und nur aufruhrische Traume hat, die eisige bergige Strasse wandert, wo es so fruh Nacht ist, und wo er in schlechte Herbergen kommt; aber er sagt, er habe einen Tag schon versaumt wegen dem Wetter und seine Enkel warten alle auf ihn, die wurden so schon in grossen Sorgen um ihn sein, und das Sturmwetter werde er schon ertragen, er habe es schon mehr mitgemacht, und sein Enkel tragt den Bundel. Er muss die Kinder sehen; da muss man ihn nicht abwendig machen, er sah auch gar nicht sorglich aus. Durft ich nur, wie ich wollt, so hatt ich einen bequemen Wagen ihm vor die Tur fahren lassen; und ich hatte Lust dazu, hatt ich's nur heimlich tun konnen, aber ich furcht, man hatt geschrien, ich war extravagant, ich wollt die Sonderbare spielen, und gelitten war's doch nicht worden, denn von Verkehrtheiten muss ich abgehalten werden. Ausser dem Clemens, der hatt das gewiss recht gern gewollt. Nun hab ich doch diese acht Tage Sorge um Dich und um den alten Mann. Ich furcht mich vor dem Turm. Ich will aber, oder ich muss hinauf. Das ist zum drittenmal, dass mir so was begegnet; dass mich so was fesselt, nachtlich und geheim an einen Ort zu gehen, wo mich die Geister hin bestellen.

Wie ich ganz klein war; der Vater hatte mich am liebsten von allen Kindern, ich kann kaum zwei Jahr alt gewesen sein, wenn die Mutter was von ihm zu bitten hatte, da schickte sie mich mit einem Billett zu ihm, denn sie schrieben sich immer, sie sagte, wenn der Papa das Billett liest, so bitte, dass er Ja schreibt, und er richtete oft nach meinen Bitten seinen Beschluss. Er sagte: "Mein liebes Kind, weil Du bittest, so sag ich ja, ja." Alle Kinder furchteten sich vor dem Vater, denn so freundlich er war, so hatten alle eine Ehrfurcht, die sie hinderte, ihrer Lustigkeit nachzugeben, und ein ernstes Gesicht vom Vater machte, dass sie alle vor ihm wichen; ich hatte viel mehr Lust mit ihm zu spielen, und wenn ich wusst, dass er nachmittags allein auf dem Sofa schlief, wo niemand sich ins Zimmer getraute, da schlich ich auf den Zehen herbei und kroch in den Schlafrock auf der einen Seite herein und konnt mich so geschickt um seinen Leib schmiegen und auf der andern Seite wieder heraus, das konnt ich so geschickt, da gab er mir allerlei italienische Schmeichelnamen im Schlaf und schlief dann weiter fort. Er war niemals verdriesslich. Wie die Mutter starb, da furchteten sich alle Kinder vor seinem Schmerz, keiner wagte sich in seine Nahe. Abends war er allein im Saal, wo ihr Bild hing, da lief ich hinein und hielt ihm den Mund zu, wenn er so sehr schmerzvoll seufzte. Ich besinn mich, dass ich als gern in der Karmeliterkirch war, wo niemand mehr hineinging, sie war immer leer, weil sie so duster ist, und weil so viel Tote da begraben liegen; Vater und Mutter liegen auch da und viele Geschwister. Ich hab mich niemals gefurchtet vor traurigen Orten. Wie manchmal, wenn die Sonn drauss schien, da ging ich da hinein, da war's so feucht und so trub, dass man glaubte, es sei der traurigste Herbsttag. Ich erzahl Dir's, ich wollt Dir nur sagen, ich scheu mich nicht vor traurigen Orten und auch nicht vor traurigen Menschen, und wenn Du was hast, was Dich trubsinnig macht, so brauchst Du mir's nicht zu sagen, aber scheu Dich doch nicht vor mir, ich weiss so stillzuhalten.

Gestern hatt ich mich den ganzen Tag gesehnt nach dem Abend, weil ich auch am Tag keine Ruh hab. Wenn ich doch ein einzig Wort von Dir hatt nur, uber Dich! Ich hab nur lauter Halbgedanken, sie kommen tief aus der Brust, aber ich mag sie nicht prufen. Wenn Du mir das einzige schreibst: "Bettine, ich bin Dir gut", das war genug! War ich doch wie die Uferfelsen, die den sturzenden, verspritzten Lebensstrom wieder im ruhigen Lauf sammeln, und jede Welle, jeder Gedanke in Dir wurde freundlich an mir voruberbrausen, ich wollt sie nicht fesseln. Ach, ich sag nicht, dass ich Dich liebe, aber doch mein ich, ich wollt gern Dir mein ganz Leben aufopfern, und ich kenn niemand, dem ich das wollt, aber Dir wollt ich's. Aber wenn Du mir auch nicht vertrauen kannst, darum will ich nicht bitten. Es ist mir alles eine grosse Schrift in Dir, es ist mir alles Geist! Mein Gott! Was hast Du getan, gedacht, was ich nicht mit vollen Sinnen genossen hatt. Und so oft hab ich in Dir erkannt, was ich in mir selber nicht zur Gewissheit bringen konnt! wenn mir ahnte. Die ersten kuhnen Gedanken, die zum erstenmal die engen Lebensgrenzen uberbrausten, dass ich verwundert war uber Geist und uberrascht, wo hab ich sie doch gelesen? Sie standen auf Deiner Stirne geschrieben, wieviel kreuzende Stimmen hast Du doch entwirrt in meiner Brust, und meine wilde Gedankenlosigkeit Du hast sie so sanft eingelenkt und mir gelehrt, freudig mitspielen. Der Sinn der Welt ist mir einleuchtend geworden durch Dich, ich hatt ihn nimmer geheiligt, ich hatt ihn immer verachtet. Denn fruher dacht ich oft, zu was ich doch geboren sei? Aber nachher, wie Du mit mir warst, da hab ich nicht mehr so gefragt, da wusst ich, dass alles Leben ein Werden ist, und nur eine freudige Ungeduld hat mich zuweilen noch ubermannt, ein ubereilend Erharren der Zukunft, keine Trauer mehr, nein, ich weiss nichts mehr, was mich geschmerzt hatt seit dem Augenblick, wo ich Dich kenne. Dort in Offenbach, der Tage erinnere ich mich; kann's dem Busen der Erde so uppig entkeimen, als mir die Lebensfulle unter Deinem warmen belebenden Hauch? O glaub mir's, ich taumelte oft im Geist, weil die Gedanken so weich sich mir unter das stromende Gefuhl betteten, oft, wenn ich am Abend in die weite Purpurlandschaft sah, dort, wo ich aufs Dach stieg, bloss um zu fuhlen, wie's Leben doch tut in der Brust, es war mir ja noch so neu, da musst ich denken, dass ich ganz alles mit sei, was ich sah, solche Purpurwogen durchwallten mich, und es war ein Reichtum, den ich in mir ahnte, und es war mir alles durch Dich geschenkt! Ja, ich zweifle nicht, es ist ein Kern, ein edler in mir, der wurzelt, und der mich mir selber wiedergibt. Du hast diesen Kern in mir gebildet, Mut! Umsichtige Heiterkeit sind seine ersten Bluten gewesen, und jeden Tag will er mehr Bluten treiben, wie der Baum inmitten wohltatiger Natur! Alles Schicksal nehm ich hin wie Wind und Wetter, und kann's tragen, denn Du hast mich gesund gemacht, aber wenn ich nun ausgerissen war aus dem Boden, das wird doch nicht sein? Nein, das kann niemals wahr werden. O kein Erdbeben, das den Berg verschlinge, dessen Gipfel den schwachen Stamm tragt bluhend weit hinaus in die Ferne und so wohl sich fuhlt, weil er alle Gute der Sonne empfindet, weil ihm alle Echo erklingen von den weiten Bergen, und weil er so weit umher die lachende Natur beherrscht, weil er so hoch steht, so einsam, so glucklich, und alles allein, weil er in Deinen Busen gepflanzt ist.

Dann bin ich schlafen gegangen, wie ich so weit geschrieben hatte, und hab vergessen auf den Turm zu gehen, wo ich doch den ganzen Tag unruhig danach war, und schlief so fest ein. Ach, war ich denn krank gewesen, dass ich wieder so ganz gegen meinen eigentumlichen Willen nicht traurig zu sein, so an Dich schrieb? Aber wie ich aufwachte, da besann ich mich, dass es zum erstenmal war, wo ich den Turm versaumte, sprang auf und warf einen Mantel um, so war ich oben angelangt, noch eh ich mich besann, ob's nicht die Geisterstund sein konne, meine Hast war zu gross, als dass ich mich hatt furchten konnen, denn ich dacht, wenn nun schon Mitternacht vorbei war, so hatt ich einen Tag versaumt. Nein, das will ich nicht, ich hab Dich da oben in der freien Natur allen guten Machten hingegeben, die Sterne wissen von Dir, und mag's gehen wie es will, ich will nichts versehen bei meinen Gelubden. Ich hab zu ihnen gesagt von Dir und sie in Pflicht genommen uber Dich, ich bleib ihnen zugetan, und mein Gefuhl ihrer Erhorung, ihres Bewusstseins meiner heissen Lebensbedurfnisse, das will ich nicht schwachen, indem ich nicht feierlich mein Versprechen achten sollt. Es war auch schon dort oben, der reinliche Schnee bewahrte noch Deinen Namen unverletzt vom vorigen Tag, und ich setzt mich auf die Mauer, und lauschte in die Stille, und da schreib ich Dir hin, was mir so im Geist ist aufgegangen; so wie ein Sternbild nach dem andern ist hell geworden.

"Ich trinke die Liebe, um stark zu werden, wenn ich denke, so bewegt mich heimliche Begeistrung fur meine eigne Erhohung; wenn ich liebe auch. Nur: in der Liebe fuhl ich mich flehend wie im Tempel; wenn ich denke, kuhn wie ein Feldherr."

"Alles von sich selber verlangen, ist der nachste und unmittelbarste Umgang mit Gott; dem Gottlichen geben die Sterne die sicherste Gewahrleistung fur die Erfullung eines hoheren Willens. Die dreiste Uberzeugung, dass wir unserer Forderung genug tun sollen." So raten uns die Sterne. Gunderode, drum sei ja mutig zu allem, und endlich kann auch kein falscher Trieb sich dazwischen durchwuchern, denn die Seele ist ganz erfullt von eigenem Geist und allein fur ihn tatig.

Das haben mir die Sterne fur Dich gesagt, als ich sie fragte um die tiefen Lebensgeheimnisse in Deiner Brust, sie wollen, Du sollst Deinen Schild tragen kuhn und frei uber die Lebensgipfel weg. Alles ist Hohe, nichts ist Tiefe. Du sollst sie schauen, die so hoch sind, vor denen nichts Abgrund ist, was ihr Licht nicht entbehrt.

"Es gibt eine Zauberkunst, ihre Hauptgrundlage ist des Geistes fester Wille zum Machtigen, der sich auflost in die Ubermacht dessen, was er im Geist erkennt."

So hast Du mir einmal gesagt, und die Sterne haben mich gemahnt, ich soll Dich dran erinnern.

"Nie muss man dem Hoheren gegenuber selbst etwas wollen, sonst wehrt man sich gegen den eignen Willen."

Das haben die Sterne noch hinzugefugt und mich gemahnt, ich soll Dir das scharf und eindringlich wieder sagen.

Ich leg mir das so aus, der Mensch soll nicht dem eignen Schicksal nachgehen, denn es gibt kein Schicksal fur den Geist als das Gottliche, diesem gegenuber sollen wir alles als klein verachten.

Noch sagen die Sterne: "Ohne Zauber kann sich der innere Mensch nicht erscheinen", o die Sterne sind gutig, sie sagen viel und Grosses und bedeuten uns, dass wir selber gross sind.

"Ach, das Endziel aller Wahrheit ist, sie hinzugeben an hohere Wahrheit, sie ist Zauber, durch den der innere Mensch sich erscheint, sie ist Entwickeln der gottlichen Natur; der Himmel entwickelt sich aus der Sehnsucht, und aus des Himmels unendlichem Frieden wird hohere Sehnsucht sich entwickeln; die Wahrheit geht hervor aus der Wahrheit und geht uber in Wahrheit.

Das Hochste, was die Wahrheit vermag, ist, sich auflosen in hohere Wahrheit; ja, sie sagt Nein! Verneint sich.

Nie darf der Geist sich am hochsten halten, sondern jene muss er hoher halten, auf die er wirkt, denn die befordern ihn entwicklen ihn.

Die Wahrheit, die Lieb ist Sklave, der ist Herr, den sie nahrt."

So reden die Sterne, wenn ich mit ihnen von Dir spreche, sie lieben Dich, sie sind Deine Sklaven, die hohere Erkenntnis, die sie auf Dich herabblitzen, die entwickelt ihr Vermogen, auf den Menschengeist zu wirken, das Hohe auszusprechen, und sie werden mehr noch sagen, wenn's Dein Ohr trifft. O sie sagten es mir fur Dich in der Neujahrsnacht und viel reicher war die Saat liebender Mahnungen, aber ich konnt's nicht alles tragen in meinem Geist, was sie sagen; vertrau ihnen und Du wirst erleben schwere Garben bring ich Dir heimgeschleppt; da siehst Du, was Leben ist, Keime der Erkenntnis saen die Sterne Dir in' Geist, und Du wolltest verzweifeln, weil Deine Fusse am Boden wurzeln. Ja, das ist's, Deine Seele hat Licht getrunken und will nun schlafen, so leg Dich doch und ruhe, ich will sorgen, dass Du schlafen kannst und wachen zugleich, und wart doch, was die Sterne endlich mit uns anfangen, bist Du nicht neugierig? Was gottgesandte Boten Dir zuflustern, magst Du das nicht erlauschen und kannst nicht alles andre daruber vergessen?

O hor, denn als sie so gesprochen hatten, da bekraftigte der Schlag von Mitternacht in die tiefe Einsamkeit hineinschallend, dass, so die Jahre hinabrollen, der Geist doch ewig bluhend am Himmel steht; und dass unsere Begeistrung dieser Jugend zustrome, das sturmte mir herauf aus der tiefen Stadt, wo alles lebend, jubelnd die verjungte Zeit begrusste. Warum ruhrten sie die Trommeln und schmetterten von den Kirchturmen die Trompeten! Und warum erfullte das Jauchzen die Luft? Als weil die ewig sich verjungende Zeit alle kindliche Freudenstimmen weckt uber die unsterbliche Jugend. Mir war so selig dort auf der schwindelnden Hoh, wo die Studentenlieder wie ein Meer um mich himmelan brausten und mich einhullten in ihren Jubellarm wie in eine Wolke und aufwarts trugen. O wie schon ist's in der Welt, denk doch, so viel junge Stimmen hier im kleinen Stadtchen, alle freudebrausend! Wer wollte im Leben wohl etwas beginnen, was dieses heitere Jugendleben zu schwerem inneren Verantworten niederbeugte! O nein, schon wegen der Jugend heiligem Recht in Fulle den Strom auszubrausen, mocht ich im eignen Busen die ewige heitere Lebenskraft nicht ablenken. Sieh, junge Gunderode, Deine Jugend ist die des heutigen Tages, Mitternacht hat's bekraftigt, die Sterne mahnen Dich und verheissen Dir, dass Du ihnen Deinen Geist sollst zustromen, die auffahren voll jubelndem Feuer, in Choren ihre Begeistrungslieder heruberjauchzen ins neue Jahr! Sie begrussen Deine Zeit! Dass sie Deiner Begeistrung geboren sind, das macht die jungen Herzen jauchzen, o verlasse die Deinen nicht und mich nicht mit ihnen; verlasse Dich auf den Genius, dass er aufrecht stehe in Dir und gross walte zwischen Geist und Seele.

Was konnte Dich doch verzagen machen? Sieh doch, wieviel Leben verdirbt, aber doch ist's nur scheinbar, es steht mit verschwisterten Gewalten wieder auf und versucht's von neuem. Aber das muss nicht sein, dass Du Dich aus ihren Reihen loskettest, denn alle gehoren einander, und das muss Dich nicht traurig machen, dass manches, was sie als Tugend preisen, nur glanzende Fehler sind. Ist doch oft auch Tugend, was Fehler ist.

Ich mag diesen Brief nicht schicken; ich bin nicht zu entschuldigen, schieb's aufs Wetter in meiner Brust. Es ist Gewitterzeit in mir, wie konnt es so angstvoll in mir aufsteigen sonst? Gewitter sind's, die uber mich hinsturzen und alle bluhende Kraft niederdrucken, und das Gewolk hangt schwer uber mir, und das Herz arbeitet und gluht und mocht sich Luft machen und zuckt; denn sonst konnt ich nicht so schmerzvolle Augenblicke haben und immer so schwere Gedanken uber Dich. Aber es ist auch traurig, heut erhalt ich erst Nachricht von der Claudine, dass Du sie beauftragt hattest, mir Deine Abwesenheit von Frankfurt zu schreiben, und dass Du bei der kranken Schwester bist. Mein Herz ist der brausende Brunnen, ein paar Tropfen Ol besanftigen ihn ja, ich war ganz verkehrt, ich erwache vom bosen Traum. Ach, Gott sei Dank, dass es anders ist. Ich bin noch niedergeschlagen und seh die Traume unwillig dahinziehen am dustern Tag, sie hatten mich wohl langer noch gepeinigt. Wie Du auch meine Briefe aufnehmen magst, ich will Dich der Muhe uberheben, mich daruber zurechtzuweisen, und will's alles vor Dir aussprechen, was ich von mir denk. Ich hab Dir eine Reihe von Briefen geschrieben, ich weiss nicht mehr was; sollt ich mir Rechenschaft geben, was ich damit wollte, enthielten sie selber eine Rechenschaft meines Seelenlebens? Ist ein einziger fruherer Vorsatz drin nur beruhrt? Ist mir nicht alles fern abgeschwunden, was ich mir als heilig Gelubde auferlegte? Hab ich nicht mir und Dir zugesagt, ich wolle mich streng den Bedingungen einer Kunst unterwerfen? Hab ich nicht immer und immer aufs neue wieder alles Begonnene verfaselt? und was konntest Du mit mir endlich anfangen? Ich gestand Dir immer alles zu, ja, ich sagte mir taglich Deine wahren, Deine tiefen Begriffe vor, uber die Anstrengung des Geistes in sich zu erzeugen, was noch ungeboren ist in ihm. Einmal sagtest Du: "Ich begreife aus dem Sehnen des Geistes sich der Kunste und Wissenschaften zu bemachtigen, dass die fruchtbare Erde nach dem Samen sich sehnt, den sie zu nahren vermag." Und Du sagtest zu mir: "Deine ewige Unruh, Dein Schweifen und Jagen nach allem, was im Geist erwachsen konnt, selbst Dein Widerspruch dagegen beweist, dass Dein Geist fruchtbar ist fur alles." Und wolltest, ich sollte nur das eine Opfer bringen und eine Zeit mich einem ganz unterwerfen, dann werde sich zu allem Platz und Reife bilden. Und sagtest: "Was ist denn Zeit, wenn sie nicht ewiges Bilden der Krafte ist? Und ist eben die Muhe des Erwerbens nicht auch sein hochster Ertrag? Und keine Anstrengung ist umsonst, denn am End ist jede Anstrengung die hochste Ubung des Erzeugens, und wer seinen Geist mit Anstrengungen nahrt, der muss zum Erschaffen, zum Wiedererzeugen verlorner Geistesanlagen, nicht allein in sich, sondern in allen seiner Zeit geschickt werden." Und Du sagtest noch viel, wo ich voll Feuer war, Dir allein zu folgen und alles mir zuzumuten, ich musste mir sagen, dass ich allein in Dir Licht fand uber das Leben, und dass Dein Geist heilige Religion sei, und dass ich eine Ahnung fasste, zu was der Mensch geboren sei; ja, und dass er immerdar vereinigt sein soll mit Gott, das heisst immer in heiliger Anstrengung begriffen, ihn zu fassen. Ja, was ist denn Kunst und Wissenschaft? wenn es nicht die tiefen Anlagen sind eines geistigen Weltgebaudes. Was ist denn irdisch Leben, wenn nicht der sinnliche Boden, aus dem eine geistige Welt sich erzeugt, und Du sagtest: "War man nicht zornig, wie konnt einer sanftmutig werden, und war die Luge nicht, wie konnten wir zu Helden der Wahrheit werden?" Und weil ich Dich nicht verstand, so sagtest Du: "Hatte die Welt nicht widerstanden, wie konnte Casar ein Eroberer werden?" Da war mir plotzlich alles deutlich, und ich war so glucklich, mein eignes Selbst meiner Anstrengung zu danken zu haben, dass ich wohl begriff: dies sei die einzige gottliche Gewalt in uns, uns zu freien Naturen zu bilden, namlich, alles aus eigner freier Anstrengung zu erwerben, und was ist Freiheit, wenn nicht: Gott sein? Alles aus freier Anstrengung erwerben ist die erste Bedingung einer gottlichen Natur.

Und diesen Forderungen von Dir habe ich geschworen, wie einer auf die Fahne schwort, und war meiner eignen Begeistrung so gewiss und hatte mir's zugetraut, alles mit Ernst und Treue zu verwalten, was die innere Stimme mir auferlegte, und dieser geheime Trieb, gottlich zu werden, durchdringt mich noch. Und wenn ich hundertmal eins ums andre verlassen hab, so verzag ich nicht, wieder zu beginnen. Ich will zu Dir, in Deinem Schoss will ich lernen; ich weiss, dass es so sein muss, dass wir beieinander sind. Wenn ich Dir nicht jeden Tag enthullen kann, was fur Gedanken in mir aufsteigen, dann bin ich gleich weggerissen. Ja, das muss ich Dir auch noch von mir sagen, dass ich's oft nicht weiss, wie es kommt, dass ich oft plotzlich weit von dem, wozu ich mich ganz hingewendet hab, hinweggerissen bin; nicht mit meinem Willen, aber ich bin dann erfullt und besturmt vom Denken, dem muss ich folgen; und ermudet bin ich dann aber so ermudet, wenn ich mich wieder zu dem finde, was ich erlernen oder mir aneignen will. Und das ist meine Sunde. Ich sollte diese Schwache abweisen. Der Geist soll nicht ermudet sein, er soll die Mudigkeit abweisen. Weiss ich doch, dass ich im Rheingau bei langen Wegen, die oft vier bis funf Stunden weit waren, mir sagte, ich will nicht mude sein, und dann, als sei ich neugeboren, den Weg wieder zurucklegte. Das vermag der Geist uber den Leib, aber uber den Geist selbst, da ist der innerliche Geist, der ihn zahmt oder weckt, noch nicht stark. Ja, vielleicht bin ich's selbst, der ihn verleugnet; aber Dich nicht. In Dir konnt er mit mir sprechen. Und es ist nicht aller Tage Abend, betrachte alles als ein Vorspiel, als ein Stromen noch verwirrter und verirrter Gefuhle und Krafte. Ach, verzweifelst Du, dass je das Gewolk in meinem Geist sich teile? und das Licht Ordnung herabstrahle? Ich hab Zuversicht, ich verzweifle nicht, ein ewiger Trieb zu empfangen, ein rasches Bewegen in meiner Seele, die sagen mir gut. Und Du wirst mich nicht verwerfen. Es wird ja schon wieder Tag! Die Eos tritt aus der Dunstluft hervor, und mir ist wohl geworden uber dem Schreiben; ich traume nicht mehr, dass der Donnerer mein Schiff zerschmettre und in die Wellen versenke, weil es gefrevelt ist, an ihm, der auf hephastischen Radern die Rosse zum Sonnenmeer treibt, sie da zu baden. Nein! Ich fuhr neben Dir her am Strand die reinen Lammer ihm entgegen; und ich gehore zu Dir, wenn Du sein gehorst.

Bettine

An die Bettine

Ich musste abreisen und konnte Dir nicht einmal ausfuhrlich schreiben. Eine Schwester, die schon langer unwohl ist und jetzt nach mir verlangte. Das wird mich auch wohl sobald nicht dazu kommen lassen. Denke nicht, ich vernachlassige Dich, liebe Bettine, aber die Unmoglichkeiten, dem nachzukommen, was ich in Gedanken mochte, haufen sich, ich weiss sie nicht zu uberwinden und muss mich dahin treiben lassen, wie der Zufall es will, Widerstand war nur Zeitaufwand und kein Resultat, Du hast eine viel energischere Natur wie ich, ja wie fast alle Menschen, die ich zu beurteilen fahig bin, mir sind nicht allein durch meine Verhaltnisse, sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen, es konnte also leicht kommen, dass Dir etwas moglich ware, was es darum mir noch nicht sein konnte, Du musst dies bei Deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken. Willst Du eine Lebensbahn mit mir wandlen, so warst Du vielleicht veranlasst, alles Bedurfnis Deiner Seele und Deines Geistes meiner Zaghaftigkeit oder vielmehr meinem Unvermogen aufzuopfern, denn ich wusste nicht, wie ich's anstellen sollte, Dir nachzukommen, die Flugel sind mir nicht dazu gewachsen. Ich bitte Dich, fasse es beizeiten ins Aug und denke meiner als eines Wesens, was manches unversucht muss lassen, zu was Du Dich getrieben fuhlst. Wenn Du auch wolltest manches Recht, was Du ans Leben hast, aufgeben, um mit mir zusammenzuhalten, oder besser gesagt, Du wolltest von dem Element, das in Dir sich regt, nicht Dich durchgaren lassen, bloss um Dich meiner nicht zu entwohnen; das war ja doch vergeblich. Es gibt Gesetze in der Seele, sie machen sich geltend, oder der ganze Mensch verdirbt, das kann in Dir nicht so kommen, es wird immer wieder in Dir aufsteigen, denn in Dir wohnt das Recht der Eroberung, und Dich weckt zum raschen, selbstwilligen Leben, was mich vielleicht in den Schlaf singen wurde, denn wenn Du mit des Himmels Sternen Dich beredest und sie kuhn zur Antwort zwingest, so wurde ich eher ihrem leisen Schein nachgeben mussen, wie das Kind der schlummerbewegenden Wiege nachgeben muss. Alle Menschen sind Dir entgegen, die ganze Welt wirst Du nur durch den Widerspruch in Deiner Seele empfinden und erfahren, keine andere Moglichkeit fur Dich, sie zu fassen. Wo wirst Du je eine Handlung, weniger noch eine Natur treffen, die mit Dir einklange? Es ist noch nicht gewesen und wird auch nie sein (von mir will ich Dir nachher reden). Was andern Menschen die Erfahrung lehrte, wozu sie sich bequemen, das ist Dir der Unsinn der Luge. Die Wirklichkeit hat als verzerrtes Ungeheuer sich Dir gezeigt, aber sie hat Dich nicht gescheucht, Du hast gleich den Fuss draufgesetzt, und obschon sie unter Dir wuhlt und ewig sich bewegt, Du lasst Dich von ihr tragen, ohne nur der Moglichkeit in Gedanken nachzugehen, dass Du einen Augenblick mit ihr eins sein konntest. Ich spreche von heute und mehr noch von der Zukunft; ich wollte Dir wunschen, es kamen Augenblicke in Deinem Leben, wo Dir dieses Zusammenstromen mit andern Kraften gewahrt war. Erinnerst Du Dich Deines Traums auf der grunen Burg, den Du mir in der Nacht erzahltest, wo ich Dich weckte, weil Du sehr im Schlaf geweint hattest. Ein Mann, der zum Wohl der Menschheit ich weiss nicht mehr welche Heldentat getan hatte, sei zum Richtplatz um dieser grossen Tat willen gefuhrt worden. Das Volk habe in seiner Unwissenheit daruber gejubelt, und in Dir sei grosse Begierde gewesen, zu ihm aufs Schafott zu gelangen, aber der Streich sei gefallen noch kurz vorher, wie Du eben glaubtest, oben zu sein. Du kannst den Traum nicht vergessen haben, Dein schmerzlich Weinen bewegte mich mit, so dass ich kaum wagte, Dich zu erinnern, dass es nur ein Traum sei, aber dies war eben, woruber Du untrostlich warst. Du meintest, nicht im Traum sei Dir's gegonnt, das auszufuhren, was in Deiner Seele spreche, vielmehr noch verzweifeltest Du an der Wirklichkeit. Damals, in der Nacht, habe ich gescherzt, um Dich ein wenig zu trosten, aber heute fuhl ich mich bewogen, jene Frage, ob es nicht ein Verlust sei, nicht zusammen mit jenem Helden im Traum gestorben zu sein, wieder aufzunehmen; ja, es war ein Verlust, denn das Erwachen, das Fortleben nach so bestandner Prufung Deiner tiefen inneren Anlagen, die ja doch so selten in der Wirklichkeit sich bewahren und bestatigen, musste Dir ein Triumph sein, einen Genuss gewahren, wenn es auch nur im Traum war; denn im Traum scheitert die edelste Uberzeugung wie oft. Und ich stimme mit Dir ein, dass es ein Streich war, den Dir Dein Damon spielte, aber ein Weisheitsstreich; warst Du befriedigt worden im Traum, so war Deine Sehnsucht, das Grosse getan zu haben, vielleicht auch befriedigt. Und was konnte daraus hervorgehen fur Dich? Vielleicht jene nachlassige Zuversicht in Dich selber, was Savigny allenfalls Hochmut nennen wurde? Nein, das wohl nicht, aber doch wurde die Spannung wahrscheinlich nicht geblieben sein, die jetzt, ich wollt es wetten, bei der leisesten Anregung jener unerfullten Sehnsucht sich wieder erneuen wird.

Ich wollte Dir wunschen, Bettine (unter uns gesagt, denn dies darf niemand horen), dass jede tiefe Anlage in Dir vom Schicksal aufgerufen wurde und keine Prufung Dir erlassen, dass nicht im Traum, aber in der Wirklichkeit Dir das Ratsel auf eine glorreiche Art sich lose, warum es der Muhe lohnt, gelebt zu haben. Plane werden leicht vereitelt, drum muss man keine machen. Das beste ist, sich zu allem bereit finden, was sich einem als das Wurdigste zu tun darbietet, und das einzige, was uns zu tun obliegt, ist, die heiligen Grundsatze, die ganz von selbst im Boden unserer Uberzeugung emporkeimen, nie zu verletzen, sie immer durch unsre Handlungen und den Glauben an sie mehr zu entwickeln, so dass wir am End gar nicht mehr anders konnen, als das ursprunglich Gottliche in uns bekennen. Es gibt gar viele Menschen, die grosse Weihgeschenke der Gotter mitbekommen haben und keines derselben anzuwenden vermogen, denen es genugt, uber dem Boden der Gemeinheit sich erhaben zu glauben, bloss weil der Buchstabe eines hoheren Gesetzes in sie gepragt ist, aber der Geist ist nicht in ihnen aufgegangen, und sie wissen nicht, wie weit sie entfernt sind, jenen Seelenadel in sich verwirklicht zu haben, auf den sie sich so machtig zugut tun. Dieses scheint mir also die vornehmste Schule des Lebens, darauf zu achten, dass nichts in uns jene Grundsatze, durch die unser Inneres geweiht ist, verleugne, weder im Geist noch im Wesen. Jene Schule entlasst den edlen Menschen nicht bis zum letzten Hauch seines Lebens. Dein Ephraim wird mir recht geben und ist ein Beweis dafur. Ich glaub auch, dass es die hochste Schicksalsauszeichnung ist, zu immer hoheren Prufungen angeregt zu sein. Und man musste wohl das Schicksal eines edlen Menschen aus seinen Anlagen weissagen konnen. Du hast Energie und Mut zur Wahrhaftigkeit, und zugleich bist Du die heiterste Natur, die kaum das Unrecht spurt, was an ihr verubt wird. Dir ist's ein leichtes, zu dulden, was andre nicht ertragen konnen, und doch bist Du nicht mitleidsvoll, es ist Energie, was Dich bewegt, andern zu helfen. Sollt ich Deinen Charakter zusammenfassen, so wurd ich Dir prophezeien, wenn Du ein Knabe warst, Du werdest ein Held werden; da Du aber ein Madchen bist, so lege ich Dir all diese Anlagen fur eine kunftige Lebensstufe aus, ich nehme es als Vorbereitung zu einem kunftigen energischen Charakter an, der vielleicht in eine lebendige regsame Zeit geboren wird. Auch wie das Meer Ebbe und Flut hat, so scheinen mir die Zeiten zu haben. Wir sind in der Zeit der Ebbe jetzt, wo es gleichgultig ist, wer sich geltend mache, weil es ja doch nicht an der Zeit ist, dass das Meer des Geistes aufwalle, das Menschengeschlecht senkt den Atem, und was auch Bedeutendes in der Geschichte vorfalle, es ist nur Vorbereiten, Gefuhl wecken, Krafte uben und sammeln, eine hohere Potenz des Geistes zu erfassen. Geist steigert die Welt, durch ihn allein lebt das wirkliche Leben, und durch ihn allein reiht sich Moment an Moment, alles andre ist verfluchtigender Schatten, jeder Mensch, der einen Moment in der Zeit wahr macht, ist ein grosser Mensch, und so gewaltig auch manche Erscheinungen in der Zeit sind, so kann ich sie nicht zu den Wirklichkeiten rechnen, weil keine tiefere Erkenntnis, kein reiner Wille den eignen Geist zu steigern sie treibt, sondern der Leidenschaft ganz gemeine Motive. Napoleon zum Beispiel. Doch sind solche nicht ohne Nutzen furs menschliche Vermogen des Geistes. Vorurteile mussen ganz gesattigt, ja gleichsam ubersattigt werden, eh sie vom Geist der Zeit ablassen. Nun! welche Vorurteile mag wohl dieser aller Held schon erschuttert haben? und welche wird er nicht noch bis zum Ekel sattigen? Wie manches werden die zukunftigen Zeiten nicht mit Abscheu ausreuten, dem sie jetzt mit leidenschaftlicher Blindheit anhangen. Oder sollte es moglich sein, dass nach so schauderhaften Gespensterschicksalen der Zeit nicht gegonnt sei, sich zu besinnen? Ich zweifle nicht dran, alles nimmt ein End, und nur was lebenweckend ist, das lebt. Ich habe Dir genug gesagt hieruber, Du wirst mich verstehen. Und warum sollte nicht ein jeder seine eigne Laufbahn feierlich mit Heiligung beginnen, sich selbst als Entwicklung betrachtend, da unser aller Ziel das Gottliche ist, wie und wodurch es auch gefordert werde? Ja, ich habe Dir genug gesagt, um Dir nahzulegen, dass jene Anlagen des hoheren Menschengeistes das einzige wirkliche Ziel Deiner inneren Anschauung sein musse, dass es Dir ganz einerlei sein musse, ob und wiefern Dein Vermogen zur Tatigkeit komme. Innerlich bleibt nichts ungepruft im Menschen, was seine hohere ideale Natur hervorbringen soll. Denn unser Schicksal ist die Mutter, die diese Frucht des Ideals unterm Herzen tragt. Nehme Dir aus diesen Zeilen alles, was Deine angehauften Blatter beruhrt, beschwichtige Deine Angstlichkeit um mich damit. Lebe wohl und habe Dank fur alle Liebe und auch den guten Ephraim grusse in meinem Namen und schreib mir von ihm und sprich auch mit ihm von mir.

Deine Schwester Lulu fragte mich, ob Du wohl mit ihnen auf ein paar Monat nach Kassel gehen werdest. Tu es doch, mir ist's, als wurde eine Unterbrechung Deines Lebens Dir jetzt recht gesund sein, obschon ich sonst nicht dafur sein wurde.

Caroline

An die Gunderode

Ich hab einmal tief aufgeatmet. Dein Brief ist da! Weisst Du, was ich getan hab? Drei Tag hab ich mich hingelegt und mich gestreckt und geruht, als war ich einer schweren Arbeit los. Ich will gewiss nie wieder so sein. Doch wer kann fur solche Gewitterluft. Uber Deinen Brief will ich gar nicht mit dir sprechen, als bloss, dass ich Dich mit heimlichen Schauern gelesen hab. Es ist vielleicht noch nachziehende Schwermut, ich weiss nicht, was es ist; ich will Dein Herz nicht anruhren, mir ist, als wollt es ausruhen in sich, mir ist der ganze Brief wie ein Abschluss ach nein, das nicht wie ein Ordnen vor dem Abschied, wo Du mich ins Leben schickst wie ein alterer Bruder den jungeren, nicht wahr? aber nicht auf lang? Du willst nur, ich soll mich mit mir allein besinnen, damit ich auch lerne, mir selbst raten. Drum vom Brief wollen wir nichts reden. Ich verstehe alles. Und entweder empfind ich manches noch mit Weh, weil ich noch verwundet mich fuhl, oder weil ich nicht stark bin, eine gottliche Stimme aus Dir zu vernehmen; mit Weinen horch ich auf Dich. Ich lese aus Deinem Brief Deiner Stimme Laut, dieser ruhrt mir die Sinne, sonst nichts. Ich bin ein krankes Kind von mud gewordner Liebesanstrengung, und so muss ich jetzt weinen, dass die Sorge, ach ja! die Verzweiflung mir genommen ist! Dumm bin ich und launisch! So heftig klopfte mir das Herz, als Dein Brief da war, es war schon Nacht, ich nahm ihn aber mit auf den Turm und bat die Sterne, dass alles sehr gut sein moge, was drin steht, und hab gefragt, ob es mir wohl Ruh geben werde, was drin steht? Was mir die Sterne geantwortet haben? Ach, ich weiss es gar nicht! Aber ich wollt die Unruh einmal nicht wieder auf mich nehmen. Gunderode! Wenn ich auch je verdiente an Dir, dass Du Dich von mir wendest, ist hab's im voraus abgebusst. Dein Brief kam mir wie Nebel vor ja wie Nebel , und dann war's, als wenn dadurch ein Altar schimmert mit Lichtern, dann ist es wie ein Flustern, wie Gebet in diesem Brief. Ein Zusammenfassen all Deiner Geisteskrafte, als wolltest Du den Geist der Trauer in mir beschworen. Als der Ephraim heut kam, ich war gar nicht geneigt zum Lernen; ich vergass ihn zu grussen, da er doch eben von der Reise gekommen war, er sprach aber von selbst von seinen Enkeln allen, er sass, und ich stand am Tisch; aber weil er so freundlich immer meine Stille durch sanfte melodische Mitteilungen anglanzte, wie sanfter Abendschein eine Wolke anleuchtet! Die Wolke war so weich geworden von dem Leuchten der scheidenden Sonne, dass sie weinen musste; ich traute nicht den Mann anzuschauen, den alles Schicksal zur Schonheit reifte; und sein Leben eine lautere Sprache mit dem Gottlichen. Denn was konnt ich vorbringen, warum ich so war? Ich sagte, bleibt noch, als er glaubte, ich wollt gern allein sein; denn, sagt ich: die Wande da sagen, du bist fur nichts auf Erden, wenn ich allein bin. Aber wenn Ihr da seid, so tun sich die Wande auf und ich seh hinaus in den unendlichen Osten. Ich nahm seine Hand in die meine, die er festhielt, und nun sprachen wir von seinen Kindern, denn ich wollt mich nicht so hingehen lassen, es ist auch einerlei, von was man mit ihm spricht, denn sein Wesen und sein Sprechen ist geistige Menschheit, und so heilstromend ist diese ideale Gesundheit in ihm, dass man immer mehr von seinen reinen Worten trinken mocht. Ach, Du schreibst, ich soll Dir recht viel von ihm erzahlen. Warst Du doch selbst hier! Vorgestern fiel mir's ein, wie die Abendrote schon dem Dunkel wich und das reine, kalte Blau durch die Fenster hereinleuchtete, dass es unendlich schon sein musste, wenn wir drei zusammensassen und sprachen so in die Nacht hinein. Alles Grosse spricht er so heiter aus, alles ist so einfach, so notwendig, als sei das Leben reiner geistig durchgebildet in ihm. Und das ist es auch. Ich gab ihm Deinen Brief und sagte ihm, er solle es mir auslegen, warum ich mich nicht besinnen kann; und was es ist, dass ich mich nicht in die gewohnte Statte sichern Vertrauens hineinfinde in diesem Brief, als sei die Pforte zu Deinem Herzen nebelverhullt. Aber wie er wegging, war ich schon viel heiterer geworden, und am Tag vorher war ich auf dem Turm gewesen, aber die Sterne sagten mir nichts, ich besann mich nur da oben auf meine fruhere Kindheit, auf meinen Vater, wie ich dem so schmerzstillend war. Wie die Mutter gestorben war und keiner sich zu ihm wagte, abends in den langen Saal, wo er im Dunkel allein sass vor dem Bild der Mutter, und die Laternen von der Strasse warfen zerstreute Lichter hinein. Da kam ich zu ihm nicht aus Mitleid, denn ich weinte nicht mit ihm, gerad wie Du in Deinem Brief sagst, es sei kein Mitleid, sondern Energie, oft hab ich mich selbst gewundert, dass ich immer kalt bin beim sogenannten Ungluck, andere, denen es schwer auf der Seele liegt, die konnen oft nicht helfen, aber teilnehmen. Ich kann nicht teilnehmen, mich treibt's, die Dornen aus dem Pfad zu reissen. Aber mit dem Vater war es anders. Ich glaub, es gibt vielleicht Augenblicke im Leben, wo ein rein Verhaltnis zwischen Gottheit und Menschheit ist, so dass die Menschennatur sich dazu eignet, das zu ubernehmen, was die Menschen Botschaft Gottes nennen, also das Amt der Engel verrichten. Denn ich lief unwillkurlich zum Vater hinein und umhalste ihn und blieb still auf seinen Knien sitzen, und solang es schon her ist und damals auch meine Gedanken nicht drauf gerichtet waren, so besinne ich mich doch der ruhigen Kalte in mir, und wie dem einsamen Vater die Schwere vom Herzen fiel, und er liess sich von mir aus dem Zimmer fuhren. Spater im Kloster, in Fritzlar, als man uns seinen Tod mitteilte, da frug uns die Oberin, ob wir keine Anzeige von seinem Tode gehabt hatten? Ich sagte: "Ja, ich habe im Springbrunnen es gelesen." Da weckte mich nachts der Mondschein und ich ging einen sehr angstlichen Weg durch viele dunkle Gange, bis ich zum Garten kam an den Springbrunnen, weil ich mit der Seele meines Vaters im Wasser reden wollte. Und ich ging alle Nacht hinunter, da redeten die Wellen mit mir, wie jetzt die Sterne; es waren aber Geister damals, denn ich sah sie herumgaukeln in der Luft quer durch den Mondschimmer und bald hier im Gras oder in den hohen Taxusbaumen. Wenn Du aber fragst, wie es aussah, was ich zu sehen meinte, so muss ich Dir sagen, es war mehr ein Gefuhl von etwas Hoherem als ich, von dem ich durch meine Augen gewahr ward, dass es sei, und wo mir's im Gefuhl war, dass es mit meinen Lebensgeistern sich zu schaffen mache, und was mir diese Erscheinungen oder Nichterscheinungen mitteilten. Das war so, dass ich ganz willenlos war, wie der Erdboden auch willenlos ist, in den man Samen streut. Ich sah nur zu, dass diese Geister mein Schauen durchkreuzten, und ein reines Bejahen ihres Willens war in mir, ohne dass ich mir diesen Willen in Gedanken hatt ubersetzen konnen. O ich glaub gewiss, die Geister mussen den Geist in die Menschenseele legen. Denn alles Wahrhaftige, was man denkt, ist Geschenktes, es uberrascht spater als Gedanke den Begriff, wie die Erscheinung der Blute aus der Erde hervor uns auch uberraschen musste. Und dann ist es so seltsam, dass diese Geistesbezauberung einen gleichsam betaubt, dass man alles vergessen muss, dass es wie tiefer Schlaf ist eine Weile in der Seele, und dass dann gar nichts erinnerlich ist. Phantasie? Was ist Phantasie? Ist das nicht der Geister bunter Spielplatz, auf den sie Dich als freundliches Kind mitnehmen, und so sehr auch alles Spiel ist, so hat es doch Beziehung auf die Geheimnisse in der Menschenbrust. Und die Menschen wissen's nicht, wie sie zum Licht des Geistes kommen, denn dies ist eins von den Lebensgeheimnissen. Aber wie weiss ich's doch? Vielleicht, weil ich gleich so festen Glauben in sie hatte, vielleicht ist's der Glaube, der die Geister fesselt, dass sie einem naherrucken mussen. Denn der Glaube bannt alles in einem hinein, und der Unglaube verjagt alles. Aber in Offenbach bei der Grossmama, da war's wohl schon zwei Jahre her, dass ich aus dem Kloster war, ich war schon zwolf oder dreizehn Jahre alt, und guckte so um mich und hatte so ein dumpf Gefuhl, als wenn alles narrisch war rund um mich, alles Erziehungswesen, aller Unterricht, alle Sittenpredigt und Religionslehre, alles warf ich uber einen Haufen, ich konnt's nicht begreifen als lebendig und konnt's nicht verwerfen, denn ich wusst nichts vom Leben. Da war's auch so, dass ich in der Nacht fortgezogen wurde an eine ferne, ode Statte, und da war's mir schon viel deutlicher, was ich erfuhr, es war mir viel gewisser, keinen Augenblick hatte ich mehr einen Zweifel, dass nicht alles nur beengende Narrheit sei, was um mich vorging, und was ich vom Leben und wie man's nahm, gewahr ward, und niemals hatte mir irgendwer imponieren konnen, aber wie ich Dich sah, da war mir's klar in Dir, ich hatt nie an einem Wort konnen zweifeln, im Gegenteil war so manches, was wie Ratsel klang, als wenn jene Geister von Deiner Zunge mich anlispelten; und es dauerte auch gar nicht lang, so offneten sich mir tiefe Lichtwege, und so wie ich meinte, eben dass wohl die unmundigen, aber dem Gottlichen noch ganz vertrauten Sinne der Kinder zu Botschaftern gottlichen Einflusses auf die kranke Menschennatur sich eignen, so mogen wohl hochstrebende Naturen, deren Bahn sich nicht trennt vom Geist, wohl auch dazu taugen, dass die Geister sich mit Wort und elektrischer Wirkung durch sie mitteilen. So sind jene Geister meiner Kinderjahre durch Deinen Geist sprachselig zu mir geworden. Ja, was wollt ich doch mit Dir reden? Das war, dass ich den ersten Tag, nachdem ich Deinen Brief empfing, nichts wie derlei Erinnerungen hatte und kein Reden mit den Sternen war; und gestern aber war ich so heiter geworden, und hier will ich Dir herschreiben, was ich da oben von den Sternen erfahren hab.

Der wahre Geist ist nicht allein, er ist mit den Geistern, so wie er ausstrahlt, so strahlt es ihn wider, seine Erzeugnisse sind Geister, die ihn wiedererzeugen.

Geist sind Sonnen, die einander strahlen, Licht nimmt Licht auf, Licht sehnt sich nach Licht, Licht geht uber ins Licht, Licht vergeht im Licht. Vielleicht ist das die Liebe.

Was sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht, die Rose tragt das Licht in der Knospe verschlossen.

Die Schonheit, die sinnlich vergeht, die hat einen Geist, der sich weiterentwickeln will, der Rose Geist steigt hoher, wenn ihre Schonheit verbluhte. Im Geist bluhen tausend Rosen, die Sinne sind der Boden, aus dem das Schone in den Geist aufbluht, die Sinne tragen die Rosen, sie bluhen in dem Geist auf. Der Geist ist der Ather der Sinne, die Rose beruhrt den Atem, das Gesicht und das Gefuhl! Warum bewegt die Rose das Gefuhl? Atme ihren Duft, und Du wirst bewegt; gewiss liegt in ihrem Dasein Seligkeit, die nur ihr eigen ist, gewiss war diese Seligkeit einmal die Deine und jetzt, wo Du ihren Duft einatmest, fuhlst Du den Geist der Rose, die langst verbluhte, in Dir fortbluhen.

Was ist Erinnerung? Erinnerung ist viel tiefer, als sich auf das besinnen, was wir erlebten. Auch in ihren Verwandlungen beruhrt sie ewig den Geist sie ist unendlich sie wird Gefuhl dann wird sie Gedanke, der reizt den Geist zur Leidenschaft; als Leidenschaft erzeugt sie den Geist aufs neue.

Aus jedem Lebenskeim entsteht Leben, Leben erzeugt fortwahrend Lebenskeime, die alle bluhen mussen. Alles Erlebte ist Lebenskeim, die Erinnerung tragt sie im Schoss.

Ich weiss wohl, warum von Rosen die Rede war mit den Sternen. Einmal war ich heiter geworden, wie der Ephraim fort war, und dann schwamm noch rotlich Gewolk am Himmel, als ich oben auf der freien Warte ankam, und dann will ich nie wieder unfrei atmen! Das ist nicht meine Sach, unter der Last keuchen! Setzest Du mir nicht einmal ums andre immer wieder neue Flugelpaare an, und die Sterne, wie lehren die mich doch die Flugel schwingen! Und trag ich nicht Dein Leben in meiner Brust und meines auch? Und wenn ich so viel Flugel hab, was soll mir eine Last sein? Alles schwing ich auf gen Himmel, Schweiss wird mir's kosten, warum nicht Lasten tragen, wenn ich sie aufschwingen kann in die Himmel. Was ist das, ein Athlet sein und nicht den Erdball auf den Fingern tanzen lassen?

Haben wir's nicht ausgemacht, wir wollen das gemeine Leben unter uns sinken lassen, haben wir nicht zueinander gesagt, lass uns schweben und nicht an diesem oder jenem festhalten? Und war's nicht das erste, worauf wir unser Sein begrundeten, dass wir alles wollten wagen zu denken? Und ist der nicht unsinnig, der das Denken wollt vor die Ture stossen, weist der nicht gottliche Botschaft ab, und warum ist denn nur Geist, was frei schwebt, und was sich anlehnt, ist nicht Geist? O ja! das begeistert mich, so zu denken, und der Nebel umflort Dich nicht mehr, und es ist hell, wie ich Dich denk und wenn auch. Wir konnen wohl uber die Nebel hinaussteigen, Deine Fittiche wolle Dir nicht brechen lassen, ich sag Dir gut, dass ich die Erde und ihren Frevel am Geist in Banden halten werd. Was ist? Was kannst Du gewinnen, was Du nicht wagst? Und was Du verlieren kannst, lohnt es der Muhe es zu bewahren, Du verlierst nur, was Du nicht wagst.

Ein Held sein und sich vor nichts furchten, da kommt der Geist gestromt und macht Dich zum Weltmeer. Die Wahrheit erfullt Dich, der Mut umarmt die allumarmende Weisheit. Die Wahrheit sagt zum Mut, brich deine Fesseln, und dann fallen sie ab von ihm. Der Schein ist Furcht, die Wahrheit furchtet nicht, wer sich furchtet, der ist nicht wirklich, der scheint nur. Furcht ist Vergehen, Erloschen des wahrhaften Seins. Sein ist der kuhnste Mut zu denken. Denken ist gottbewegende Schwinge. Wie sollte das gottliche Denken sich an die Sklavenfessel legen? Ist das, was Ihr fur wahr ausgebt, Wahrheit, so schwing ich mich im Denken zu ihr auf.

Wenn ich mich aufschwinge, so ist's in die Wahrheit, lieg ich an der Fessel, so bin ich nicht an die Wahrheit gekettet. Freisein macht allein, dass alles Wahrheit sei, von was ich mich fesseln lasse, das wird zum Aberglauben. Nur was geistentsprungen mir einleuchtet, das ist Wahrheit, was aber den Geist fesselt, das wird Aberglaube. Geist und Wahrheit leben ineinander und erzeugen ewig neu.

So hab ich mich freigemacht von meiner Furcht, weil Furcht Luge ist. Und Mut muss die Luge uberwinden. Und ich bin wieder eins mit Dir.

Ach, wieviel Strahlen brechen sich doch heut in meiner Seele!

Adieu und der Lulu hab ich versprochen, dass ich mit nach Kassel geh, sie schreibt: nur auf drei Wochen.

An die Gunderode

Ich bin heut auf mancherlei Weise begluckt, erstlich hab ich heut wirklich einen Rosenstock in meinem Zimmer stehen, den mir einer heimlich hereingestellt hat, mit siebenundzwanzig Knospen, das sind Deine Jahre, ich hab sie freudig gezahlt und dass es grad Deine Jahre trifft, das freut mich so; ich seh sie alle an, das kleinste Knospchen noch in den grunen Windeln, das ist, wo Du eben geboren bist. Dann kommt das zweite, da lernst Du schon lacheln und dahlen mit dem kleinen grunen verschlossenen Visier Deines Geistes, und dann das dritte, da bist Du nicht mehr festgehalten, bewegst Dich schon allein, und dann winkst Du schon mit den Rosenlippen, und dann sprechen die Knospen, und dann bieten sie sich dem Sonnenlicht, und dann sind funf bis sechs Rosen, die duften und stromen ihre Geheimnisse in die Luft, und dieser Duft umwallt mich und ich bin glucklich. Wer hat sie mir wohl ins Zimmer gestellt? Heut morgen kamen die Studenten herauf, und gleich war aller Blick auf den Rosenstock am Fenster gerichtet, denn es ist was seltnes um diese harte Winterzeit hier in Marburg, denn ich glaube wohl nicht, dass Treibhauser hier sind.

Der Ephraim war nicht da heute, wo sein Tag ist, den er sonst nicht versaumt, und als ich abends auf den Turm wollt, da kam sein Enkel mir zu sagen, dass er unwohl ist, ich sag, was fehlt ihm? Nur matt ist er, sagte der Enkel, sonst ist er ganz wohl, ich sag, sieh den schonen Rosenstock, er sagt, ich kenne ihn wohl, der Grossvater hat ihn heute morgen durch mich geschickt, und weil es noch fruh war, so hab ich ihn vor die Tur gesetzt, ich frag: "Habt Ihr ihn denn selbst gepflegt?" "Ja, der Grossvater hat ihn schon zum zweitenmal zur Blute gebracht."

Es ist schon, dass der Rosenstock mein ist, war doch der Ephraim wieder gesund, denn Du hast mir ja geschrieben, ich soll mit ihm von Dir sprechen, das letztemal konnt ich nicht, weil ich zu bang war; vielleicht aber ist's, dass er meint, ich war zum Lernen nicht aufgelegt, warum er sich's verbietet, zu kommen, ich hab ihn aber bitten lassen, zu kommen, wenn er besser ist, ich hab ihm auch alten Madeira geschickt, er wird schon besser werden; es war sehr schon heut auf dem Turm, es ist Fruhlingsluft, und die Abende sind heiter und rein, ich geh fruher jetzt, schon immer, wenn die Sonne untergegangen ist, eh ich nach Haus geh, ist doch schon sternige Nacht, nun werd ich den Turm bald verlassen, die Lulu schreibt, am siebzehnten wird sie kommen, Du hast's gesagt, ich soll mit ihr gehen, und ich wollt ihr's auch nicht abschlagen, es war schon hier und vielbedeutend, und was soll ich mich fragen, was in mir geworden ist? Mein Geist ist voll geheimer Anregung, das ist genug, die Natur hab ich nicht beleidigt und meine innere Stimme auch nicht verleugnet.

Was den Geist verleugnet, das versiegt eine Geistesquelle, Busse ist ein Wiedersuchen, Wiederfinden dieser Quelle, denn echter Geist stromt Geist, Grossmut verzeiht alles, aber duldet nicht, was gegen den Geist ist.

Grossmut ist Stammwurzel des Geistes, durch die der Geist einen Leib annimmt, Handlung wird. Was nicht aus ihr hervorgeht, ist nicht Tugend.

Grossmut dehnt sich willenlos aus uber alles, wo sie sich konzentriert, da ist sie Liebe.

In der Liebe brennt Deine Seele in der Flamme der Grossmut, sonst ist's keine Liebe. Nur in der Grossmut hat alles Wirklichkeit, weil in ihr allein der Geist lebt, so also nur kann die Liebe selig machen.

Jede Liebe ist Trieb, sich selbst zu verklaren. Wenn nicht dem Liebenden die Gottheit, die Weisheit das Haupt salbet und die konigliche Binde umlegt, da ist's nicht die wahre Liebe.

Ein Liebender ist Furst, die Geister sind ihm untertan, wo er geht und steht, begleiten sie ihn, sie sind seine Boten und tragen seinen Geist auf den Geliebten uber.

Das war meine gestrige Sternenlektion, seit die Rosen in meinem Zimmer bluhen, sprechen sie als mit mir von Liebe.

Heut morgen hab ich den Rosenstock wieder ans Fenster gestellt, eh die Studenten kamen, und hab hinter dem Vorhang gelauscht, ob sie wieder heraufgukken, sie haben sich bemuht, die Rosen zu zahlen, einer zahlte siebzehn, der andere funfzehn, soviel sind grade zu sehen, die andern sind noch zu klein, konnt ich jedem eine hinunterwerfen, sie an seine Mutze zu stecken.

Heut war der Ephraim bei mir, er wusste, dass ich die andre Woche geh, wir sprachen von meinem Wiederkommen, denn ich bleib nur drei Wochen mit der Lulu aus. Wir sprachen von Dir, er sagte soviel Gutes von Dir, er las auch meine letzten Blatter an Dich, er sagte, man musse nicht furchten, dass was man liebe, einem verloren gehn konne, weil er wohl erkannte, etwas in Deinem Brief mache mir bang um Dich; er sagte, Du seist einzig in Deiner Art, Du habest eine grosse Bahn, und wer nicht andre Wege gehe als die schon gebahnten und angewiesnen, der sei nicht Dichter. Es sind nicht tausend Dichter, es ist nur einer, die andern klingen ihm nur nach; klingen mit. Wenn eine Stimme erschallt, so weckt sie Stimmen. Dichter ist nur, der uber allen steht. Der Dichtergeist geht durch viele, und dann konzentriert er sich in einem. Oft wird er nicht erkannt und doch steht er hoher als alle.

Wer nicht andre Wege geht, als die schon gebahnten und angewiesenen, der ist nicht Dichter. Und wenn nicht auf eignem Herd das Feuer brennt, das ihn erleuchte und warme, der wird kein anderes dazu beraten finden. Lodert aber auf Deinem Herd die Flamme, dann wird jede Dir leuchten und alle Dich warmen. Man kann ruhen im Geist, man kann tatig sein im Geist; aber alles was nicht im Geist geschieht, ist verlorne Zeit. Es wird wohl selten dem Dichtergeist sein Recht getan, der kuhne Adel jener Gedanken, die wir als Dichtung erfahren, sollte wie Helden uns ewig imponieren. Und so schwatzten wir noch ein Weilchen, und nicht alles hab ich behalten, was sich da ergab, aber der Ephraim war blass, und sein Enkel brachte ihm noch einen Mantel; einmal will ich ihn noch sehen.

Auf dem Turm gewesen, aber nichts aufgeschrieben, es tut mir leid, dass ich mich vom Turm trenne; wo wird's wieder so schon sein und was hab ich den Sternen nicht alles zu verdanken. Sie haben mir Wort gehalten. Nicht wahr, sie haben uns beide zusammen gepflegt, und was sie mir sagten, das haben sie auch Dir gesagt, und wir waren beide recht verschwistert in ihrer Hut. Wie wird's sein, wenn ich wiederkehre? Diese vier Monate meines Lebens, ich konnte sie nicht schoner zubringen. Nicht wahr, Natur und tiefer Geist, die haben mich hier freundlich empfangen, die zwei Genien meines Lebens. Der Ephraim. In was fur einer Welt leb ich denn? Ich traume, jawohl, ich schlafe, und die grossen Geister haben mich in den Traum begleitet und haben zwischen die irdische Welt sich gestellt und mich, und so hab ich ein himmlisch Leben gefuhrt. Wenn ich in diese Zeit schau, so ist sie wie ein Diamant, der mir vielmal die Sonne spiegelt. Du hast mir gleich gesagt: "Geh mit," und Du hast recht gehabt, so hast Du auch gewiss recht, dass ich mit nach Kassel geh, ich geh auch mit grossem Zutrauen, nichts darf langer wahren, als nur die leiseste Anregung es mochte gestatten.

Ihr guten Studenten! Heut haben sie wieder nach den Rosen gesehen, ich mocht sie euch alle abbrechen, eh ich weggeh, und sie euch auf den Kopf werfen.

Der Ephraim darf nicht mehr den Berg heraufkommen, es ermudet ihn zu sehr, auf seiner Reise zu den Enkeln da war's so kalt, da hat er sich zu sehr angestrengt, er darf nicht mehr herauf, vielleicht wenn ich wiederkehr, ist er wieder gesund, einundsiebzig Jahr ist er alt, aber mir wird er gesund bleiben; wenn wir dies Fruhjahr zusammen auf dem Trages sind, Savigny meint, Du werdest hinkommen, dann wollen wir ihm zusammen Briefe schreiben, nicht wahr? Und recht heitere, dies wird der letzte lange Brief sein, den ich Dir von hier schreib.

Die Lulu hat mir viel Grusse von Dir gebracht und sagt, Du freust Dich aufs Trages zu kommen, und Dein kleiner Brief bestatigt es auch, sie sagt, Du bist recht heiter, so bin ich auch ganz glucklich, ach, was hab ich Dich doch gepeinigt mit meiner Angstlichkeit, die mir sonst nicht eigen ist. Gott weiss, wo's herkam, ich bin ganz lustig, ich begreif's nicht, dass ich so dumm war. Ich glaub, der Winterwind und die Sterne haben mich im Kopf und Herzen verwirrt gemacht, ubermorgen reisen wir ab.

Weisst Du, was ich getan hab? Ich liess dem Ephraim sagen, ich werde zu ihm kommen, gestern, und ich hab mich zu ihm fuhren lassen um dieselbe Stund, wo er gewohnlich kommt, aber es war gestern Freitag, und wie ich kam, sass er feingekleidet auf seinem Sessel, und eine Lampe mit vier Lichtern war angezundet auf dem Tisch. Er wollte aufstehen, aber er ist mude. Und wie ist es doch? Ob er wohl heimgeht zu seinen Vatern? Ich brachte ihm zwei Goldstucke fur meinen Unterricht, er machte ein kleines Kastchen auf, wo ein Paar Trauringe drin liegen und allerlei Schmuck, er sagt, es sei von seiner verstorbenen Frau und von seinen Kindern. Er legte die Goldstucke dazu, das alles ist so fein, so edel. Welch ein geistig Gemut. O Ephraim, du gefallst mir unendlich wohl. Ich hatte ihm seinen Rosenstock zuruckgebracht, er sollt ihn aufbewahren, die Rosen sind viel mehr aufgebluht, wie schon standen sie bei der hellen Lampe zu seinem schneeweissen Bart. Ich sagte, die Rosen und euer Bart gehoren zusammen, und es ist mir lieb, dass ich keine abgebrochen habe, denn Ihr seid vermahlt zusammen mit den Rosen, sie sind Eure Braut. Ich war ein paarmal versucht, sie abzubrechen und sie den Studenten hinunterzuwerfen, weil sie so lustern danach hinaufsahen. Er sagte: "O wenn Sie es erlauben, so will ich sie schon unter den Studenten austeilen, es besuchen mich alle Tage welche, und dann werden schon mehrere kommen, wenn sie wissen, dass es Rosen bei mir gibt." Das war ich zufrieden, und ich freu mich recht druber, dass meine Studenten noch meine Rosen kriegen.

Er hat mich aber gesegnet, wie ich von ihm ging, und ich hab ihm die Hand gekusst; und wie ist doch der Geist so schon, wenn er ohne Tadel reift. Sein Enkel musste mich nach Haus begleiten auf seinen Befehl, weil ich nur eine Magd bei mir hatte. Ich schickte ihn aber bald wieder zuruck und hab dem Enkel gesagt, er soll dem Grossvater sagen, dass er alle Tage meiner gedenke, bis ich wiederkomm. Als ich wegging vom Ephraim, legte er mir die Hand auf den Kopf und sagte: "Alles Werden ist fur die Zukunft."

Ich ging zu Hause gleich nach dem Turm, weil ich mich noch einmal recht deutlich besinnen wollt auf dieses machtige und doch so einfache friedenhauchende Geistesgesicht, so wie ich ihn eben verlassen hatte im Schimmer der hellen polierten vierfachen Lampe, die Rosen bis zu seinem weissen Bart sich neigend, so hab ich ihn zum letztenmal gesehen. Deutet dies nicht auf seinen Abschied vom Erdenleben, das er so muhevoll, so friedlich, so freudevoll durchfuhrte, denn auch mir hat er beim Abschied gesagt: "Sie haben mir viel Freude gegeben." Und wie ich eine ganze Weile an ihn gedacht hatte, so besann ich mich auf seine Worte: "Alles Werden ist fur die Zukunft." Ja, wir nahren uns von der Zukunft, sie begeistert uns. Die Zukunft entspringt dem Geist wie der Keim der nahrenden Erde. Dann steigt er himmelauf und bluht und tragt Erleuchtung. Der Baum, die Pflanze ist der Geist der Erde, der aufsteigt zum Licht, zur Luft. Der Geist der Erde will sich dem Licht vermahlen, das Licht entwickelt die Zukunft.

Alles echte Erzeugnis ist Auffahren zum Himmel, ist Unsterblichwerden.

Und die Schonheit dieses Mannes leuchtete mir da in der letzten Stunde auf dem Turm so recht hell auf, denn das Bild mit den Rosen, es war, als hatt es mein Genius bestellt, dass ich's recht fassen solle, wie Du die Tempelhalle geweiht achtest, von der Du weisst, dass inner ihren Mauern die Opferflamme lodert, der Tempel ist nur dann heilig, wenn er den Menschen, den eignen Leib darstellt, und des Gottes Lehre den eignen Geist. Das hat er einmal gesagt zu mir.

Und eben sah ich noch die Studenten ins Kolleg gehen, und sie waren recht verwundert, dass der Rosenstock nicht mehr da war. Ich sah's ihnen an, es war ihnen leid, sie hatten nun schon acht Tage hintereinander die Rosen gezahlt. Wartet nur, ihr werdet ihn bald ausfindig machen, und dann werden die Artigsten unter euch meine Rosen in der Weste tragen durfen.

Bettine

Anhang

Der Franke in Agypten

Wie der Unmut mir den Busen drucket,

Wie das Gluck mich hamisch lachelnd flieht.

Ist denn nichts, was meine Seele stillet?

Nichts, was dieses Lebens bange Leere fullet?

Dieses Sehnen, wahnt ich, sucht die Vorwelt,

Die Heroenzeit ersehnt mein kranker Geist,

An vergangner Grosse will dies Herz sich heben,

Und so eilt ich deinem Strande zu,

Du der Vorwelt heiligste Ruine,

Fabelhaftes Land, Agypten du!

Ha! Da wahnt ich aller Lasten mich entladen,

Als der Heimat Grenze ich enteilet war.

Traumend wallt ich mit der Vorzeit Schatten,

Doch bald fuhlt ich, dass ich unter Toten sei,

Neu bewegte sich in mir das Leben,

Antwort konnte mir das Grab nicht geben.

Ins Gewuhl der Schlachten

Warf ich durstig mich,

Aber Ruhm und Schlachten

Liessen traurig mich:

Der Lorbeer, der die Stirne schmuckt,

Er ist's nicht immer, der begluckt.

Da reichte mir die Wissenschaft die Hand,

Und folgsam ging ich nun an ihrer Seite,

Ich stieg hinab in Pyramidennacht,

Ich mass des Moris See, des alten Memphis Grosse;

Und all die Herrlichkeit, die sonst mein Herz

geschwellt,

Sie reicht dem Durstigen nur der Erkenntnis

Becher.

Ich dachte, forschte nur, vergass, dass ich

empfand.

Doch ach! Die alte Sehnsucht ist erwacht,

Aufs neue fuhl ich suchend ihre Macht,

Was geb ich ihr? Wohin soll ich mich sturzen?

Was wird des Lebens lange Ode wurzen?

Ha! Sieh, ein Madchen! Wie voll Anmut,

Wie lieblich, gut erscheint sie mir!

Soll ich dem Zuge widerstehn?

Doch nein! Ich rede kuhn zu ihr.

Ist dies der Weg der Pyramiden?

O, schones Madchen! sag es mir!

Madchen

Du bist nicht auf dem Weg der Pyramiden,

O Fremdling! Doch ich zeig ihn dir.

Franke

Brennend sengt die heisse Mittagssonne,

Jede Blume neigt das schone Haupt,

Aber du der Blumen Schonste hebest,

Jung, und frisch, das braungelockte Haupt.

Madchen

Willst du in des Vaters Hutte dich erkuhlen?

Komm, es nimmt der Greis dich gerne auf.

Franke

Welchen Namen tragst du, schones Madchen?

Und dein Vater, sprich, wo wohnet der?

Madchen

Lastrata heiss ich; und mein guter Vater

Er wohnt mit mir im kleinen Palmental,

Doch nicht des Tales angenehme Kuhle,

Nicht Bache Murmeln, nicht der Sonne Kreisen

Erfreuet meinen guten Vater mehr.

Franke

Wie! Freut den Vater nicht des Stromes Quellen,

Der Palmen lindes Fruhlingssauseln nicht?

Ich fass' es; doch, wie es ein Gram mag geben,

Der deiner Trostung mochte widerstreben,

Das nur, Lastrata, fass' ich nicht.

Madchen

Italien ist das Vaterland des Greisen,

Und vieles Ungluck bracht ihn nur hierher.

Mit sehnsuchtsvollem Blick schaut er am

Mittelmeere

Hinuber in das vielgeliebte Land.

Und seufzend sehn auch ich hinuber

Nach jenen blutenreichen Kusten mich.

Erkranket ruht mein Geist auf jener blauen Ferne,

Und schone Traume tragen mich dahin.

Sag, wogt nicht schoner dort der Strom des

Lebens?

Sehnt dort die kranke Brust auch sich vergebens?

Franke

Madchen! Ach! Von gleichem Wunsch betrogen,

Wahnt ich: Schones berg die Ferne nur,

Doch umsonst durchsegelt ich die Wogen,

Hat auch diese Ahnung mir gelogen,

Die du, Madchen, jetzt in mir erweckt?

Madchen

Fremdling! Kannst du diese Sehnsucht deuten?

Fuhlst du dieses unbestimmte Leiden?

Dieses Wunschen ohne Wunsch?

Franke

Ja, ich fuhl ein Sehnen, fuhl ein Leiden.

Doch jetzt kann ich diese Wunsche deuten,

Und ich weiss, was dieses Streben will.

Nicht an fernen Ufern, nicht in Schlachten!

Wissenschaften! Nicht an eurer Hand,

Nicht im bunten Land der Phantasien

Wohnt des durst'gen Herzens Sattigung.

Liebe muss dem muden Pilger winken,

Myrten keimen in dem Lorbeerkranz,

Liebe muss zu Heldenschatten fuhren,

Muss uns reden aus der Geisterwelt.

Macht'ger Strom! Ich fuhlte deine Wogen,

Unbewusst fuhlt ich mich hingezogen,

Nur wohin! Wohin! Das wusst ich nicht.

Wohl mir! Dich und mich hab ich gefunden,

Liebe hat dem Chaos sich entwunden.