1836_Tieck_097 Topic 3

Ludwig Tieck

Der junge Tischlermeister

Novelle in sieben Abschnitten

Erster Teil

Vorwort

Es ist ein bekanntes Sprichwort: dass auch Bucher, grossere wie kleinere, ihre Schicksale haben. So waren es nur unvermutete Hindernisse, Storungen und Zufalle, welche veranlassten, dass gegenwartige Novelle nicht schon vor vielen Jahren den Lesern mitgeteilt wurde. Der Plan zu dieser Erzahlung ist geradezu einer meiner fruhesten Entwurfe, denn er entstand schon im Fruhjahr 1795. Der Wunsch, klare und bestimmte Ausschnitte unsers echten deutschen Lebens, seiner Verhaltnisse und Aussichten wahrhaft zu zeichnen, regte sich lebhaft in mir. Cervantes' Novellen hatten mich schon damals begeistert. Manche andere Entwurfe wurden ausgefuhrt, und drangten diese Novelle, welche meine fruheste war, und den Anlass zu den spatern gab, zuruck. Erst im Jahre 1811 begann ich die Ausarbeitung, die jetzt sich mehr ausdehnte und bunter ausfiel, als es im ersten Entwurfe lag. Rasch schritt ich vor, und damals, wenn das Werk geendigt worden, war mancher Gedanke uber Zunfte, Burgerlichkeit und dergleichen mehr an der Tagesordnung; vieles gewissermassen neu und noch unbesprochen. Die Ruhe aber fand sich nicht, um die Aufgabe zu vollenden, doch wurde schon im Jahre 1819 das, was geschrieben war, der Presse ubergeben, und ich hoffte, mit dem Sommer meinem befreundeten Verleger das ganze Werk dessen Druck er sogleich begann, ubersenden zu konnen. Diese Erfullung ist aber jetzt erst eingetreten, und so bietet sich nun die Erfindung, so fruh begonnen, so oft verzogert und so spat vollendet, dem Wohlwollen des Lesers.

Ein ahnliches Schicksal traf "den Aufruhr in den Cevennen". Er ware jetzt statt dieses Werkes erschienen, wenn mich nicht diese Laune aus meiner Jugend zu lebhaft angeregt hatte, sie fortzusetzen und zu beschliessen. Da zu jenem unterbrochenen Werke langst alles vorbereitet ist, so darf ich hoffen, auch dies dem Publikum nachstens ubergeben zu konnen.

Wenn die jungere ungestume Welt mich jetzt so oft aufruft und schilt, ich soll lernen, erfahren, mitgehen, verstehen und fassen, und ich werfe einmal Blicke in diese Produkte meiner neuesten und frischesten Zeitgenossen, so kann ich mich des Lachelns nicht erwehren, weil so viele grossen Entdeckungen und Wahrheiten schon langst in meinen Schriften, zum Teil den fruhesten, stehen. Ich darf mir wohl das Zeugnis geben, dass ich immerdar forsche und mehr lerne, je alter ich werde; aber wie Goethe auch schon einmal das veraltete Sprichwort auf sich anwendet man soll oft erfahren und uber das erstaunen, als uber wichtige Entdeckung, was man schon langst an den Schuhsohlen abgelaufen hat. Oberflachliche Allseitigkeit war mir immer verhasst. Nur in seinem wahren Beruf kann der Mensch stark sein, irgendwo muss er ganz zu Hause sein und fest stehen; ich aber glaube nicht, dass ich mir willkuhrlich meine Kreise zu enge gezogen habe.

Es ist wohl nicht unbillig, von Rezensierenden, die mich tiefsinnig tadeln wollen, zu erwarten, dass sie meine Schriften gelesen haben. Da ich die Form der Novelle auch dazu geeignet halte, manches in konventioneller oder echter Sitte und Moral Hergebrachte uberschreiten zu durfen (wodurch sie auch vom Roman und dem Drama sich bestimmt unterscheidet), so mache ich in dieser Beziehung nur auf jene Andeutung aufmerksam, welche die Vorrede zum eilften Bande meiner gesammelten Schriften beschliesst.

Dresden, im April-Monat.

L. Tieck

Erster Abschnitt

Leonhard, der junge Tischlermeister, lehnte sich aus dem Fenster, schaute in den alten Nussbaum hinauf und ubersahe dann seinen Hof. Der Dunst von den Brettern, welche zum Trocknen aufgestapelt waren, das Zwitschern der Schwalben, die auf und ab, von und zu ihren Nestern flogen, ein ferner Gesang aus einem Dachstubchen der nachsten Strasse heruber, der rote Schimmer der untergehenden Sonne, der im Wipfel des Baumes sich bewegte, dessen Gerausch mit dem Abendliede einzustimmen schien: alles bewegte des jungen Mannes Herz auf eine seltsame Weise, und er fuhlte sich beklemmt, als die Schatten sich uberall verbreiteten, so dass er im Nachsinnen seine junge Frau nicht bemerkte, die neben ihn getreten war, und ihn jetzt mit einem sanften Schlage aus seiner Traumerei erweckte. "Wo warst du mit deinen Gedanken?" fragte sie ihn freundlich. Er kusste sie herzlich und sagte: "Ich weiss es selbst nicht, liebe Friederike, ich dachte wohl eigentlich nichts, und jetzt erst, da du mich zur Besinnung gebracht hast, ist es mir moglich, von meinen Empfindungen etwas zu wissen. Du erinnerst dich, mit welcher Sehnsucht wir im vorigen Winter das Fruhjahr erwarteten, mit ihm die neue Einrichtung, den Ankauf der Holzer, den Aufhau der Schuppen, die Erweiterung meines Gewerbes, und alles ist nun da, besser, reicher, wohlhabender, wie ich es nur wunschen konnte, und indem ich nun jetzt so uber meinen Besitzstand hinblickte, in der Ferne die Gesellen arbeiten horte, und mir aus allen diesen Brettern gleichsam schon alle die Mobilien entgegentraten, die daraus gefertigt werden konnen, und mir war, als horte ich das Geld klingen, das mir dafur gezahlt wurde, um wieder Bretter einzukaufen, und so immer fort wurde mir so banglich zu Sinne, dass ich aus Wehmut auf das Zwitschern der Schwalben horte, und fast weinen musste, als das Abendlied der alten Wollspinnerin von druben herubertonte. So ist es; aber was es ist, kann ich selbst nicht sagen."

"Nichts ist es", sagte Friederike lachend, "als dass du ein wunderlicher Kauz bist und bleibst. Aber darum lieb ich dich nur um so mehr, dass du nicht bist wie alle Menschen. In der Kindheit konnte mich wohl auch solche Furcht anwandeln, mitten unter meinen Befreundeten eine unaussprechliche Bangigkeit. So hatte mein Oheim sein Haus fertig gebaut, und das Hintergebaude war beinah auch schon vollendet. Wir Kinder hatten vor dem Oheim den allergrossten Respekt, die Bauanstalt kam uns sehr ehrwurdig vor, alles, was wir sahen, sprach davon, wie von etwas hochst Wichtigem, und alle die Maurer, Tischler, Zimmerleute und Anstreicher schienen mir mit ihrem Klappern, Tunchen und Hammern das Erhabenste, was man in dieser Welt erleben konne. Einen Feierabend spielten wir zwischen den Spanen im Nebengebaude, wir entdeckten da tausend kindische Schatze, und indem ich durch eine Tur krieche, die mit Gerusten verbaut war, um aus einem anderen Zimmer Klotzchen, Stucke Blech und Hobelspane in meiner Schurze zu sammeln, uberfiel mich in der dammernden Einsamkeit, unter den stummen Geraten und Gestellen die sonderbarste Angst, eine Furcht vor etwas Unbekanntem, und dabei ein fast lacherliches Gefuhl, als wenn der reiche Oheim und sein Bau, und alle seine Arbeiten und Anstalten etwas durchaus Albernes, Lappisches und Unnutzes seien, so dass ich mich mit schreiendem Gesang zu meinen Gespielen zuruckarbeitete, und mir den ganzen Abend, auch bei den Lichtern, war, als konne ich die vorige Welt nicht wiederfinden. Eine alte Magd, der ich beim Schlafengehen meine Empfindungen mitteilen wollte, meinte, ich wurde wohl den Baugeist gesehen oder gehort haben. Der Abend ist mir nachher noch oft eingefallen, und freilich muss ich manchmal lachen, wenn ich den ubertriebenen Ernst so vieler Menschen sehe und ihre angstliche Geschaftigkeit, und dass alles doch wieder vergeht, und wenn man uber dies dunkle Wesen angstlich werden mochte, so nenne ich es immer mit meiner alten Magd den Baugeist, und bin beruhigt. Es ist doch immer so lustig und schon, wenn die Menschen brav arbeiten."

"Lass uns sehen, was Franz macht", antwortete Leonhard, und sie gingen beide in ein anderes Zimmer, wo der Knabe neben seinem Lehrer sass und eifrig die Landkarte betrachtete. Deutschland war aufgeschlagen, und der alte Magister suchte ihm die Einteilung der Kreise, den Lauf der Flusse und den Zusammenhang der Gebirge deutlich zu machen. "Recht in der Mitte Germaniae", sagte er eben, "liegt allhier das alte Noricum, oder Nurnberg, welches darum billigerweise die Hauptstadt des deutschen Reichskorpers sein sollte." Leonhard beugte sich uber den Knaben und sah mit in die Karte. "Ein herrliches Land ist Franken", fing er an; "und vor allen das Bambergische und die Ufer des Mains." "Sind wohl dorten gewesen?" fragte der Magister. "Lange Zeit", antwortete der Meister, "und wunderbar war alles dort nebeneinander, so verschieden und doch so schon vereinigt. Nurnberg in der Mitte, als der Sitz der Kunst und des Gewerbfleisses, eine alte ehrwurdige Stadt mit ihren Denkmalern, das lustige Anspach; das schone Bayreuth mit dem nahen finstern Fichtelgebirge, das sandige Erlangen, und nicht fern davon die herrlichen Taler von Streitberg und Muggendorf mit ihren Ruinen und Naturwundern; seitwarts das warme, helle, liebliche Bamberg, mit der unendlich schonen Aussicht von seinem zerstorten Schlosse, mit seinem ehrwurdigen Dom; dann die schonen Walder bei Ebrach, und bald dahinter das Weinland Wurzburg, und die schonen Wildnisse des Spessart; nicht fern das reizende Bischoffsheim, hinten Mergentheim, Heilbronn, und die Schlosser an der Jaxt, der Tauber und dem Neckar, die Pfalz hinunter."

"Wo wir aber schon die Grenze Franconiae uberschritten haben!" sagte der Magister. "Gewiss", antwortete Leonhard, "nur rissen mich die Jugenderinnerungen hin." Er seufzte, und verfolgte auf der Landkarte den Lauf der Strome. "Herr Leonhard", fuhr der Magister fort, "konnten selber den Sohn in Geographia unterrichten, da Sie alles, oder das meiste gesehen haben, es wurde ihm zweifelsohne deutlicher werden, da die eigene Anschauung sich leichter mitteilt; freilich musste ich wohl, wenn er erwachsener ist, wieder in das Mittel treten, um ihm die altere Lander-Einteilung und was Austrasia und Neustria gewesen, historisch zu erklaren."

Man wollte sich zum Abendessen in das grossere Zimmer begeben, als der Altgeselle des Gewerkes mit seinem Spruch hereintrat und ankundigte, dass zwei Fremde eingewandert waren, die Leonhard, nachdem er auf die herkommliche Weise geantwortet hatte, annahm, weil sich sein Gewerbe mit jeder Woche vergrosserte. Die Fremden sollten am folgenden Tage einziehen und der Meister, seine Frau und der Magister nebst Franz gingen in die andere Stube, die schon erleuchtet war, und wo vier Gesellen und drei Lehrburschen ihrer warteten. Leonhard setzte sich, zu seiner Linken der Magister und neben diesen die Frau, welcher der Knabe folgte, an einen runden Tisch; neben dem Knaben standen die Bursche, und rechts vom Meister sassen die Gesellen in der Ordnung, in der sie fruher oder spater in sein Haus gekommen waren. Ein kurzes Tischgebet wurde gesprochen, und die Mahlzeit unter frohlichen Reden vollendet. Die Gesellen erzahlten von dem einen Fremden, welchen sie schon kannten, und mit dem der alteste in Augsburg gearbeitet hatte; man ruhmte ihn als geschickt, tadelte aber sein unordentliches Wesen und seine Liebe zum Trunk, wodurch er zu nichts kommen konne, und ohnerachtet seines guten Verdienstets immer nur schlecht in Kleidern einhergehe. Leonhard erzahlte manche ungluckliche Beispiele ahnlicher Art, und beklagte, dass durch Leichtsinn und schlechte Gewohnheit sich nur zu oft die geschicktesten und sonst fleissigsten Menschen ein trauriges Alter zubereiteten. Der Magister sprach nur selten, und wenn es geschahe, meist in lateinischen Spruchen, wobei er jedesmal den jungsten der Gesellen scharf ansah, weil dieser ihn zuweilen lachelnd von der Seite betrachtete, und der Alte Spott in seinen Blicken zu lesen glaubte. Auch war es zu entschuldigen, wenn die Gestalt des Magisters komisch auffiel, und besonders jungern Leuten Veranlassung zum Lachen gab. Sein altes Gesicht war feierlich und voll Runzeln, und verriet mehr Jahre, als er wirklich verlebt hatte; er trug noch (was schon anfing selten zu werden) eine Perucke, die aber niemals gepudert war, oft ungekammt und zerzaust schien und fast nie gerade sass, zwei Schleifen eines engen Halstuches hingen ihm uber der Brust, die Weste prangte mit schwarzen Knopfen von Gagat, am langschossigen Rock aber trug er Schleifen nach Art der Wiedertaufer, und zinnerne ziemlich grosse Schnallen glanzten von seinen Fussen. In allen seinen Gebarden suchte er den Gelehrten darzustellen, und um nicht in den Anstand und die Sprache der Handwerker zu verfallen, die ihm wohl gemein dunken mochten, wurde er hochfahrend und steif, nicht selten linkisch und verlegen, und stiess Glaser und Teller um, obgleich er sich immer beobachtete. Er war in Wittenberg auf der Schule gewesen, und hatte dort studiert und promoviert, hatte nie Gluck gehabt, weil es ihm an jedem Talent fehlte, sich in die Welt und seine Umgebung zu schicken, und war nun hieher, in Leonhards Geburtsstadt geraten, wo er Kindern und jungen Leuten in Sprachen und den Anfangen der Wissenschaft Unterricht gab, sich aber immer hochst armselig behelfen musste, weil er zu jenen gutmutigen Wesen gehorte, welche alles, ohne zu rechnen, wegschenken, und wenn sie einmal etwas zuruckgelegt haben, sich bestehlen lassen, sich aber auch daruber nicht verwundern oder Vorkehrungen dagegen treffen, weil sie die Meinung hegen: es musse so und konne nicht anders sein, er wenigstens hatte lieber selber gebettelt, als einen Dieb beim Gericht belangt, wenn er ihn auch kannte oder erriet.

Nachst der Leidenschaft des Trunkes war es die des Spieles, uber welche die Tischgesellschaft sprach, und welche Leonhard fast noch gefahrlicher schilderte, weil sie schneller zur Armut fuhrt und den Charakter der Menschen untergrabt, so dass nicht selten derjenige, der als ein ehrlicher Mann begann, als Betruger und Dieb endigen muss.

"Es ist eine sonderbare Frage", fuhr Leonhard fort, "Ob der Mensch immer stark genug ist, den Leidenschaften widerstehen zu konnen, oder ob nicht vielleicht mancher doch fruher oder spater erliegen muss und seinem Schicksale nicht entgehen kann, er mag mit noch so vieler Kunst und Festigkeit nach dieser oder jener Seite ausbeugen."

"Est problema periculosissimum," sagte der Magister, "denn axioma est, quod voluntas nostra libera sit." Martin, der jungste Gesell, lachelte wieder. "Das heisst", fuhr der Magister mit erhohter Stimme fort, "damit Er es verstehe, mein guter Juvenis Martin, es ist ein Grundsatz, dass unser Wille durchaus frei ist."

"Mir fallt diese Frage nur ein", sagte Leonhard, "weil ich mich eines sonderbaren Falles erinnere, den ich selber erlebt habe. Als ich noch in der Lehre stand, kannte ich schon einen alten Gesellen, der hier arbeitete. Er war katholischer Religion und sehr fromm, auch war er eitel darauf, dass man ihn in der Jugend zum Geistlichen bestimmt hatte. Bei aller Frommigkeit aber war er nicht stark genug, dem Getrank Widerstand zu leisten, so dass man ihn gewohnlich Sonntags berauscht sah. Zwar trank er nicht viel, aber da er sehr lebhaft und von hitziger Einbildung war, stiegen ihm wenige Glaser gleich so in den Kopf, dass er fast nichts von sich wusste, und was das Schlimmste war, so befiel ihn alsdann eine so grosse Begier zu prahlen und aufzuschneiden, dass er seinen wochentlichen Verdienst mit vollen Handen ausstreute mochte das Geld nehmen, wer wollte. Daher fanden sich immer einige luderliche Bruder, die, wenn er in dieser Stimmung war mit ihm Karte oder Wurfel spielten und ihn rein ausplunderten, fiel es ihm zuweilen ein, zu zanken, weil er doch Unrecht merken mochte, so trug er zum Uberfluss des Unglucks noch Schlage davon. Am andern Tage war derselbe Mensch dann der demutigste, bescheidenste und leutseligste; ja er hatte vor Scham vergehen mogen, dass er sich so hatte betragen konnen, und fing doch den nachsten Sonntag wieder an, dieselbe Rolle zu spielen. Diese Art aber, zwischen den beiden Aussersten hin und her zu schwanken, hatte ihm alle Kraft und Festigkeit genommen, so dass er auch niemals den Entschluss fassen konnte, in irgendeiner Stadt das Meisterrecht nachzusuchen, sondern sich lieber, so alt er auch schon wurde, als Gesell durch alle Lander umtrieb. Nach vielen Jahren, als mich der Zufall auf meiner Wanderschaft nach Triest verschlagen hatte, traf ich diesen alten Menschen wieder. Aber wie war ich erstaunt, da ich ihn ganz verwandelt fand. Er trank nie einen Tropfen starken Getrankes, mochte er mude, noch so durstig oder erschopft sein; und auf mein Befragen erzahlte er mir, dass er vor zwei Jahren sich im Trunke so weit vergessen, dass er einen Geistlichen, der ihn zu ermahnen gesucht, gemisshandelt habe, woruber er im Nuchternwerden so erschrocken sei, dass er von diesem Augenblick an das Gelubde getan habe, nie, auch bei der dringendsten Veranlassung, und selbst auf Festen und Hochzeiten etwas anderes als Wasser zu geniessen. Dieses Gelubde hielt er auch so strenge, dass ich die Kraft seines Willens bewundern musste."

"Ecce", rief der Magister, "das leuchtendste Exemplum, dass der Wille des Menschen allerdings frei sei und alles vermoge."

"Wenn er nur in der Tat durch diese Sinnesanderung gewonnen hatte", fuhr Leonhard ruhig fort. "Der Pater hatte dem reuigen Sunder, ich weiss nicht welches Erbauungsbuch, gegeben, das zum Ungluck eins von denen war, die man die mystischen nennt, in welchen dem Menschen ausser der Vernunft und dem Glauben noch ein neuer Sinn aufgeschlossen werden soll, durch welchen er Gott und dessen Wesen erkennen mag, und durch die Anstrengung der Liebe und eines geheimnisvollen Willens fahig werden, das unbegreifliche Wesen in sich selbst vertraulich und fortdauernd aufzunehmen. Diese Vorstellungsart, so wenig er auch die meisten Bucher dieser Gattung begreifen mochte, hatte sich des schon glaubigen Menschen so bemeistert, dass er in Musse- und Arbeitsstunden las, und Lutheraner und Katholiken zu seiner Meinung bekehren wollte; alles Geld, was er erarbeiten konnte, wandte er dazu an, mehr und mehr Bucher dieser Art zu kaufen; er las in den Nachten, er predigte in der Einsamkeit des Feldes, er glaubte sich zum Apostel berufen, so dass es schien, sein Lebenslauf sollte nicht eben und gerade ausgehn, sondern durch Leidenschaft und Phantasie verwickelt und gestort werden. War er in fruhern Zeiten ausschweifend und toricht, so musste man ihn jetzt, wenn man es auch noch so gut mit ihm meinte, geradezu einen Narren heissen."

"Schwarmer oder Mystiker ware richtiger gewesen", warf der Magister ein, "an dergleichen Irrlehrern hat die reine christliche Kirche von jeher viel zu leiden gehabt."

"Jetzt war sein Seelenrausch ununterbrochen", erzahlte der junge Meister weiter. "Ich gedachte durch das Krain und Karnten, durch Tirol hinauf nach Augsburg zu gehen, mehr um die herrlichen Gebirge zu sehn, als der Arbeit wegen, denn ich hatte Geld zur Reise zuruckgelegt. Der Alte bot sich zu meinem Begleiter an. Es war im Spatsommer, das Wetter das vortrefflichste, die Gegenden, durch die wir zogen, die allerwunderbarsten und zauberreichsten, die ich noch gesehen hatte; aber der Arme war nicht mehr fahig, die Schonheit der Schopfung zu geniessen; er sah in den erhabenen Berg- und Felsenmassen nur das Werk der bosen Geister, einen Trotz gegen den Himmel; er redete sie manchmal in seinem Eifer an, und schalt sie wilde Riesen und Emporer gegen Gott. Den Verdruss hatte ich auf dem ganzen Wege, und mich gereuete oft, dass ich mit ihm gegangen war. Dazu kam, dass er unter der Last seiner Bucher keuchen und schwitzen musste, und doch konnte er nicht unterlassen, in jedem Stadtchen sich nach andern Werken dieser Art umzusehn, und zu kaufen, wenn er etwas fand, das ihm erstandig war. So ubel ich auch auf seine Besessenheit zu sprechen war, so trug ich ihm doch den grossten Teil seines Gepackes, und bedung mir nur aus, dass er mir in den Ruhestunden nicht vorlesen durfte, woruber er wehmutig die Achseln zuckte. Wir kamen bei Botzen heraus. Nie werde ich dies herrliche Tal vergessen und den wundervollen Weg nach Brixen. Es ging schon gegen die Weinlese, allenthalben konnten wir uns mit Trauben erquicken. Es war eine Vollmondnacht, und wir hatten beschlossen, von Brixen auszuwandern, die kuhle helle Nacht hindurch, und am anderen Mittag irgendwo stille zu liegen, weil die Hitze in den Bergen dort auch um jene Jahreszeit in den Mittagsstunden druckend war. War mein Gefahrte am Tage begeistert, so schien der Mondschein noch starker auf ihn zu wirken: seine Schilderungen waren so grausenhaft, dass ich mich selbst, wenn der Mond hinter eine Wolke trat, zuweilen eines kleinen Schauders nicht erwehren konnte. In der Holle besonders war er wie zu Hause, und genau beschrieb er die vielen Heerscharen; auch ihre verschiedenen Physiognomien und Gebarden, die von dort taglich und nachtlich auszogen, um seine arme Seele zu bestricken, bald durch Zweifel, bald durch Hochmut, ein anderes Mal durch falsche Gesichte, oder auch durch angstigende Herzensleere, bis dann im anhaltenden Gebet der Brunnen des Lebens wieder springe und von innen heraus alle seine Krafte tranke und erfrische. So mochte es Mitternacht geworden sein, als wir zwischen Brixen und Sterzingen einen Hugel hinanstiegen; die Gegend war ganz einsam, kein Dorf in der Nahe, rechts ab vom Wege schienen in ziemlicher Entfernung einige Hutten zu liegen, doch mochten es auch Steine sein, denn nichts war im ratselhaften Schimmer des Mondlichtes genau zu unterscheiden. Sowie wir hoher stiegen, horten wir ein seltsames Rascheln oder Rauschen, und es war nicht anders, als wenn jemand eine grosse Tonne mit Wasser schuttelt, um sie auszuspulen. Dies war es denn auch zu meinem grossten Befremden: denn als wir oben waren, sahen wir mitten auf der Landstrasse eine ziemlich beleibte, aber kleine menschliche Figur, die mit der grossten Behendigkeit ein grosses Fass hin und her bewegte. Mein Gefahrte drangte sich dicht an mich; mir war, gesteh ich, etwas unheimlich: diese sonderbare Beschaftigung hier im einsamen Gebirge, in der stillen Mitternacht, keine menschliche Wohnung in der Nahe. Um dem nachtlichen Arbeiter vorbeizukommen, mussten wir im Wege etwas ausbeugen, und mit einer etwas angstlichen Stimme sprachen wir beide den Gruss, der in Tirol gebrauchlich ist: 'Gelobt sei Jesus Christi!' worauf das Nachtmannlein, ohne sich in seiner Beschaftigung storen zu lassen, mit einer schnarrenden, naselnden, fast kindisch quakenden Stimme antwortete: 'in Ewigkeit!' Wir gingen stumm weiter, schneller, sahen uns nach einigen hundert Schritten bei einer Felsenecke um und indem wieder eine Wolke dem Monde voruberzog, war alles verschwunden. 'Hast du ihn gesehn?' fragte mein Gefahrte mit zitternder Angst 'Den?' Ich wagte nicht ihm zu antworten, er nannte den Arbeiter immer nur ihn, und schien sich viel dabei zu denken; auch ich weiss noch jetzt mir das Abenteuer nicht zu deuten, so naturlich es vielleicht zusammenhangen mag."

"Im besten Falle", sagte der Magister, "ist es immer exzentrisch, auf hohem Gebirge in stiller Nacht sich mit Fassern zu tun zu machen, die Nacht macht alles zum Schreck."

"So war es auch mit meinem Freunde", fuhr der Erzahlende fort, "der nur noch eines letzten Anstosses bedurfte, um vollig in die Irre zu geraten. Wir kamen nach Sterzingen. Zum Essen kam der Alte nicht, und als wir ihn suchten, fanden wir ihn endlich in einem abgelegenen Winkel im eifrigsten Gebet. Er sagte mir, er hatte danken mussen, dass der Himmel ihm seinen Verstand habe erhalten wollen. Ich suchte ihn zu erheitern und drehte die Sache zum Scherz, aber da er bose wurde, brach ich ab. Wir blieben diese Nacht in der Stadt, weil ich mit dem Unglucklichen nicht wieder eine nachtliche Wanderung unternehmen mochte; in der Nacht schlief er sehr unruhig, ich horte ihn oft achzen und beten; schauderhaft war es, dass er wohl hundertmal die Worte: 'in Ewigkeit!' wiederholte, und zwar genau den seltsamen, nicht kindischen und nicht mannlichen, nicht kreischenden und auch nicht heisern Ton der nachtlichen Erscheinung zu treffen suchte. Bald darauf erreichten wir Inspruck, wo wir Arbeit annahmen. Nach acht Tagen gehe ich mit meinem Gefahrten des Sonntags in die Kapuzinerkirche. Hier ist das schone Grabmal des Kaisers Maximilian, hier ruht die beruhmte Philippine Welserin; hier stehen die lebensgrossen erznen Bildnisse von merkwurdigen Menschen der Vorzeit, und ich war in Betrachtung dieser Denkmaler vertieft, als ich plotzlich unter den Worten des Predigers einen lauten Aufschrei hore; alles lauft zusammen, man bestrebt sich, jemand aus der Kirche zu tragen, ich trete hinzu: er ist es, der Ungluckliche, der in Krampfen heult. Draussen erzahlt er, dass die Kirche voller bosen Geister sei, dass der Fussboden sich unter Flammen aufgetan, dass die grasslichsten Gebilde zu ihm emporgestiegen. Im Wahnsinn qualt er sich noch acht Tage, nachdem er unzahligemal das: in Ewigkeit! mit jenem widerlichen Tone wiederholt hatte. Er liegt dort begraben."

Nach einem kurzen Stillschweigen wunschten die Arbeiter gute Nacht und entfernten sich, indem der vorschnelle Martin schon in der Tur zu seinen Begleitern auf sprichwortliche Art sagte: "Unser junger Meister hat in seinem kleinen Finger mehr Verstand, als im ganzen alten Magister steckt." Dieser uberhorte es aber Leonhard nahm sich vor, am folgenden Morgen dem jungen Menschen einen Verweis zu geben. Der Knabe wurde zu Bett gebracht, und der Magister nahm ebenfalls seinen Hut; doch Leonhard wandte sich zu ihm und bat: "Erzeigen Sie uns die Ehre, werter Herr Magister, noch ein Glaschen Wein mit uns zu trinken." Indem trat auch ein anderer Freund des Hauses, ein Tischlermeister, ein kleines rundes Mannchen, herein, der sich den Schweiss abtrocknete und ausrief: "Immer noch brav heiss, als wenn es schon mitten im Sommer ware! Guten Abend!" fuhr er fort; "ja wenn man zu euch kommt, Leute, so sind alle Stuben wie die Putzstuben, und je mehr ich zu Hause aufraume, je wilder sieht die Wirtschaft aus! ich habe nicht Gluck und Segen in den Handen; hier ist einem immer zumute, als wenn man bei vornehmen Leuten ware." Man setzte sich nun um einen kleinen Tisch, und die Hausfrau schenkte von dem guten Frankenweine ein, den alle stark und wohlschmeckend fanden. Der Magister legte seine feierliche Miene ab und fing an heiterer zu werden, wozu vorzuglich die Gesprache und Erzahlungen des Meisters Krummschuh beitrugen, uber den er sich ohne allen Ruckhalt erhaben fuhlte. Es wurde an die Tur geklopft, und ein Bedienter trat herein, der dem Leonhard ein zusammengelegtes Blatt ubergab. Er hatte kaum die Aufschrift angesehn, als er rot vor Freude ward und sich sehr heiter mit den Worten zum Diener wandte: "Es wird mir eine grosse Ehre sein, ich bin morgen den ganzen Tag zu Hause." Der Diener entfernte sich und Leonhard sagte: "Der Baron ist wieder in der Stadt und von seiner Reise zuruckgekommen, er wird mich morgen besuchen, wenn ich nicht schon fruh zu ihm gehe." "Ich hatte es dir nur zu melden vergessen", sagte die junge Frau, "er war schon heut nachmittag hier und suchte dich." "Wie kannt du das nur vergessen?" rief Leonhard aus. "Es ist ja noch Zeit genug, dass du es erfahrst", erwiderte sie etwas unwillig, "er hat Projekte mit dir, er will dich auf eine Reise mitnehmen, du sollst ihm ein Schloss einrichten helfen und was dergleichen mehr ist, was mir gar nicht sonderlich hat gefallen wollen; er ist uberhaupt fatal mit seinem herablassenden vertrauten Wesen, und hindert dich nur; ich kann es gar nicht leiden, dass er mich immer liebe kleine Frau nennt." "Du bist unbillig", antwortete der Mann, "er will gegen uns nicht den Vornehmen spielen, ich kenne ihn seit lange, wir waren Schulkameraden." "Ich bin aber nie sein Schulkamerad gewesen", erwiderte sie etwas spitzig; "und wie klein bin ich denn? doch gross genug, dass er mit mir etwas mehr Umstande machen konnte; ich kann es nicht leiden, wenn die Vornehmen gar zu burgerlich tun wollen; ich furchte nur, du lassest dich beschwatzen, weil ich deine Lust am Reisen kenne."

"Ja, das muss wahr sein", rief Krummschuh aus, "in meinem Leben hab ich noch keinen Menschen gesehen, der so versessen auf das Wandern ist. Er konnte es nie satt werden, und ich werde zeitlebens an das Jahr gedenken, in dem ich mich mit ihm herumgetrieben habe. Wenn andere Menschen mud und matt in die Herberge kommen, so richten sie sich ein, sehen nach der Kuche bestellen sich ein Essen, setzen oder legen sich nieder; nicht so er. Gleich fragt er nach den Merkwurdigkeiten der Stadt und der Gegend, meistens kennt er sie auch schon, oft besser als die Leute selbst, und da ist nun entweder ein alter Turm, den er besehen und auf die Spitze mit Lebensgefahr hinaufklettern muss, oder Mauerwerk von einem Schlosse oder Kloster ist eine halbe Meile davon, dahin wird nun gewandert, ohne fast nur einen Trunk Bier getan zu haben. Und was hat er nachher von dem allen? Ich begreife es jetzt selbst nicht, wie er mich damals durch seinen Umgang so hat behexen konnen, dass ich alle die Torheiten mitmachte."

Alle lachten, und der Erzahler fuhr fort: "Jetzt ist es mir selber lacherlich, aber damals war ich oft verdrusslich genug. Weisst du noch, Gevatter, wie wir miteinander das Fichtelgebirge durchstrichen? In der Ebene war er noch ertraglich und ziemlich vernunftig, aber sowie er nur in Berge geriet, war er wie wahnwitzig, und ich glaube auch, dass es eine Krankheit in ihm gewesen ist, die jetzt wohl ausgetobt hat. Da musste immer noch ein Berg erstiegen werden, und dann noch ein hoherer und wieder ein anderer, und das hatte dann niemals ein Ende! Dabei konnte er unsereinen so schon persuadieren, dass man immer nachkletterte; er konnte wunder was versprechen, goldne Berge und Luftschlosser, es blieben aber immer nur neue Felsenberge. Ich hatte von fruhester Kindheit die Anlage, einen Bauch zu kriegen, wie es denn auch jetzt geschieht; seit ich denken kann, ist mir beim Bucken das Blut ins Gesicht gestiegen, und ich kann nichts tun, ohne in starken Schweiss zu geraten. Aus dieser Komplexion ergibt sich nun von selbst, dass ich kein sonderlicher Fussganger bin, was er bei seiner schlanken Statur niemals begreifen wollte, sondern meinen Widerwillen nur fur Faulheit erklarte. Da liegt in Franken ein finsteres Nest, Wunsiedel genannt, unter dem Fichtelgebirge; eine halbe Meile oder Meile davon sind im Buschwerk die wunderlichsten tollsten Felsenmassen uber-, unter- und durcheinander geworfen, wie man es nur im Traum sich vorstellen kann, da musst ich nun hin, und springen, kriechen, klettern und stohnen, um das Wunderwerk in Augenschein zu nehmen. Der hochste und verwirrteste Punkt dieser Gegend, wo man verruckt werden mochte, heisst die Luchsburg. Von hier sieht man aus der schwarzesten Tannen-Einsamkeit rund umher in die Zerstorung hinaus, von allen Seiten nur Walder und wilde Steinklumpen unter sich, Waldrauschen und wildes Vogelschreien, alles zum Entsetzen. Da war er nun glucklich und wie betrunken vor Freude. Wir mussten aber weiter, wir sollten auf den Gipfel des Gebirgs gelangen, den sie dort den Ochsenkopf nennen. Er wusste meine Ambition so in Tatigkeit zu setzen, dass ich richtig mitging; den Abend vorher hatte ich geschworen, es nicht zu tun. Es liegt ein tiefer langer Morast unten am Gebirge, uber welchen Stangen gelegt sind, um nur festen Fuss fassen zu konnen, da hinuber mussten wir uns qualen. Dann ging es in den dicksten Wald, neben grossen Steinwanden, Eichen und Tannen vorbei; er hatte sich den Weg genau beschreiben lassen, und glaubte nicht fehlen zu konnen. Aber es geriet uns dennoch anders, denn nachdem wir einige Stunden bergauf gewandert waren, hatten wir jede Spur eines Weges verloren. Nach vielem Hin- und Hertappen gerieten wir auf eine alte Strasse, die aber seit lange schon musste verlassen gelegen haben, namlich auf eine Art von Knutteldamm uber morastigen Boden. Hier war es Kunst zu wandern. Oft brach der Baum, indem man auftrat, oder tauchte unter, und man musste behende auf den zweiten steigen, wo es oft noch schlimmer ging; an vielen Stellen fehlten die Baume ganz, und wir mussten zum Springen unsere Zuflucht nehmen, wobei es doch nicht zu vermeiden war, dass wir nicht einmal ums andere tief in den Sumpf hineinfielen. Ich fing an zu heulen und zu weinen; der bose Mensch aber war so weit voraus, dass er es gar nicht einmal horen konnte. Was half's? ich musste ihm nach. Wie dieser vermaledeite Weg zu Ende war, hatte wir zwar festen Boden unter uns, aber wir waren darum um nichts gebessert. Die ehemalige Strasse mochte mit Baumen und Gebuschen verwachsen sein, und so mussten wir uns bequemen, eine Art von Treppenstiege hinanzukommen, welche die Wasser in den Felsen gerissen hatten. Dieser Weg dauerte wieder einige Stunden, zog sich steiler und immer steiler hinan, und oft waren die Felsblocke so hoch, dass mein Verfuhrer sich mir unterstemmen musste, um mich nur hinauszuwinden. Die Geier in den himmlischen Luften mussen uber unsere Wanderung verwundert gewesen sein. Schon fing es an Abend zu werden, und wir hatten bei unsern Strapazen seit dem fruhesten Morgen nichts genossen. Aber was stand uns bevor? Unsere Felsentreppe endigte endlich auf einem kleinen runden Wiesenfleck, den von allen Seiten hohe, dichte Baume und hinter diesen die steilsten Felsenwande umschlossen. Kein Ausgang war zu entdecken, wir waren hier wie in einer verzauberten Gegend eingefangen, indem die Sonne unterging. Er verlor nicht den Mut, sondern schnitt sich mit seinem grossen Messer einen Ausgang durch den Wald, und kletterte wie eine Gemse auf eine Klippe hinaus. Jeder Fusstritt, jedes leise gesprochene Wort, jedes Aufstossen mit dem Stock schallte in dieser Einsamkeit furchtbarlich wieder. Ich fing in der Verzweiflung an, das kurze, nicht saftige Gras zu kosten. Mit dem schlechtesten Troste kam unser Freund zuruck; es zeigten sich, nach seiner Aussage, von dort nichts, als rundum die schwindlichsten Abgrunde: 'die Sonne ist untergegangen', fuhr er fort, 'zuruck konnen wir auch nicht, und fanden wahrscheinlich unsern unrichtigen Weg so wenig, wie den richtigen; hier ist es trocken, die Nacht wird nicht eben kalt werden, der Himmel ist heiter, was bleibt uns ubrig, als hier auf dieser Stelle unser Quartier aufzuschlagen? kommt ja doch, wie man sagt, guter Rat uber Nacht.' Wir mussten aus der Not eine Tugend machen, und ich ware wohl zum Einschlafen mude genug gewesen, wenn mich die Qual des Hungers nur zur Ruhe hatte kommen lassen. Als es finster wurde, fing der ungluckliche Mensch an, mir, wie er sagte, zum Zeitvertreib die allerfurchterlichsten Gespenstergeschichten zu erzahlen, und dazu heulte der Wind, oder was es sonst war, in den Kluften unter uns so entsetzlich, uber uns war oft in der Luft ein Geschwirre und Krachzen, die Baume schuttelten sich oft so plotzlich, und in der Dunkelheit sahen die Felsenzacken mit so grasslichen Schnauzen und Barten zu uns heruber, dass ich den Verstand zu verlieren glaubte; doch war meine Mudigkeit starker als alles andere, und ich erwachte wirklich erst, nachdem die Sonne schon aufgegangen war. Der Abenteurer hatte auch, wie er mir sagte, gut geschlafen, und wir befanden uns insoweit wohl, ausser dass wir vor Hunger und Mattigkeit kaum die Beine bewegen konnten. Er war auch, wie ich merkte, abgekuhlt, denn er war von der sogenannten Natur nicht so begeistert wie gewohnlich, wir trafen uber den schwindlichten Felsenspitzen einen kleinen grunen Vorsprung, der sich langs dem Abgrunde hinzog; von hier gerieten wir nun in eine fast ebene Waldstrecke, und nach Verlauf von dreien Stunden, in denen wir ununterbrochen gekeucht und gestohnt hatten, fanden wir endlich zu unserer grossten Freude wieder einen Waldweg, der uns auch wirklich bald zu einer einsamen kleinen Hutte fuhrte. Die Frau eines Bergmannes, die hier wohnte, war verwundert, uns von dort kommen zu sehen; sie erquickte uns mit Brot und Butter, das wir im Freien genossen. 'Das rechte Steigen', sagte sie, 'fangt erst von hier bis zum Ochsenkopf hinauf an.' Ich machte mich seufzend auf den Marsch, sah aber bald, dass die gute Frau nicht mit bei unserer bisherigen Wanderschaft gewesen war, denn ob es gleich beschwerlich ausfiel, so war alles doch nur Kinderei gegen das, was wir uberstanden hatten. Ich legte mich oben nieder, wieder auszuruhen, und weiss nicht, was man von so hohen Orten sieht, als eine tuchtige Strekke Luft und ein weitlaufiges Nichts, in dem hie und da einzelne Stifte Von Kirchturmen, oder ein Fleckchen, was eine entfernte Stadt ist, hervorschimmert. Wir kletterten dann nach Bischofsgrun hinunter, und ich war froh, wieder unter Menschen und in die Ebene zu geraten."

"Und du kannst es wirklich fur nichts halten", fiel Leonhard ein, "von oben den ganzen Zusammenhang eines grossen Gebirges zu uberschauen? Wie auf einer Insel unter sich die blauen Wogen der Berge und Hugel zu sehn, alle im Glanze der Luft auf das lieblichste aufgelost und zerschmolzen? Es gibt nur den zwiefachen Anblick der Unendlichkeit, entweder die Aussicht uber das Meer hinuber, oder vom hochsten Punkt eines Gebirges. Mir war freilich der Fichtelberg noch nicht hoch genug."

"Redensarten! Redensarten!" sagte der kleine Freund, "die verschiedenen Wahrzeichen in den Stadten sind mir immer lieber gewesen, um die du dich fast nie bekummert hast."

Der Magister fing hierauf an: "Dieselben mussen aber schon lange verheiratet sein, da Ihr Sohn schon ziemlich erwachsen ist, und doch erscheinen Sie mir noch so jung, wenn ich vollends die Jahre der Reisen hinzurechne."

"Das ist ja nur ein angenommenes Kind", rief der kleine Freund aus, "mit den Kindern will es unserm Leonhard nicht so, wie mit anderen Dingen gelingen."

"So! So!" antwortete der Magister, "ist aber sehr schon, dass sich Dieselben ganz als Eltern gerieren, hochst erbaulich und wahrhaft christlich, an den Kleinen so viel zu wenden, der auch ein gutes Ingenium verspuren lasst."

"Der kleine Franz", sagte die Frau "ist das Vermachtnis einer Nachbarin, die arm starb und nicht wusste, wo sie die Waise unterbringen sollte; auf dem Todbette habe ich ihr versprochen, mich seiner anzunehmen. Ich bin erst seit anderthalb Jahren verheiratet. Nicht wahr, Leonhard, jetzt werden es achtzehn Monate sein?"

"Du bist eine genaue Rechnerin", sagte der Mann, "mit dem gestrigen Tage war dieser Zeitraum verflossen."

Der Magister trank mit nachdenklicher Miene ein Glas Wein aus; dann sagte er: "Da kommt mir ein Gedanke, der zweifelsohne ein richtiger ist. Es werden jetzt acht Monate sein, dass ich sehr schwer krank darnieder lag; in meiner Armut war keine Hilfe, aber ich erhielt taglich gesunde Bruhe, starkenden Wein und Geflugel, auch Arznei, die ich notig hatte, und kein Mensch wollte sich melden, mir die Wohltat erzeigt zu haben; aber gestehen Dieselben nur, dass Sie es gewesen sind."

"Lieber Herr Magister", sagte die Frau, "Sie sind ja unser Freund; mein Mann wunschte Sie wieder gesund zu sehen; sind wir das nicht alle unserm Nachsten schuldig?"

"Ei! Ei!" fuhr der Magister geruhrt fort, "nun auf Dero Wohlsein!" indem er anstiess und ein neues Glas ausleerte; "das hatte ich mir damals nicht traumen lassen! Hab ich nicht der krummen gnadigen Frau druben auf der andern Gasse so viele Danksagungen deshalb abgestattet, die sie auch alle angenommen hat; denn ich meinte durchaus eine so edle Unterstutzung musse aus vornehmen Handen erfolgen, und ich hatte mir doch damals schon sagen konnen, dass Sie, Frau Leonhard, ein Engel von Frau sind."

Leonhard, der die Verlegenheit und Ruhrung des Magisters sah, wollte gern dem Gesprach eine andere Wendung geben; er fing an zu erzahlen, wie ihn sein Vater in fruher Jugend eigentlich zum Studieren bestimmt habe, und wie er selber lange geglaubt, diesen Trieb in sich zu spuren. "Nur zweierlei verdarb mir die Lust daran" fuhr er fort, "unser oberster Lehrer auf der Schule, der es nie mude werden konnte, uns lateinische Aufsatze schreiben zu lassen, weil er selber ein guter Lateiner war. Nun hatte ich zwar Sinn fur die Sprachen und las die Autoren gern, aber es war mir unmoglich, in einer fremden Sprache Gedanken aufzufinden, und diese in die gehorigen Worte und Wendungen zu kleiden, auch merkte ich bald, dass diejenigen meiner Mitschuler, die sich in diesen Ubungen auszeichneten, nur mit bekannten Phrasen spielten, die sie sich aus den Autoren gesammelt hatten, und Rede und Zusammenhang sich diesen Erinnerungen mehr oder weniger fugen mussten."

"Richtig!" rief der Magister, "das ist der Weg, den wir Gelehrten alle im Anfange haben gehen mussen; man muss wohl in jeglicher fremden Sprache so beginnen, wenn man sich des Ausdrucks bemeistern will."

"Dazu aber", antwortete Leonhard, "habe ich mich nie entschliessen konnen, denn es schien mir fast wie Luge. Die zweite Storung meines Studiums war die Betrachtung, dass ich auf diesem Wege meiner Leidenschaft zu reisen vielleicht nie Genuge tun konne, und doch war mir der Gedanke, wenigstens nicht mein Vaterland in seinen verschiedenen Richtungen kennen zu lernen, unertraglich. Dazu kam noch, dass ich an allem Mechanischen, an eigentlicher Arbeit und Zusammensetzung ein unendliches Vergnugen fand. Wie erstaunte daher mein Vater, als ich ihm einmal plotzlich ein kunstreiches Kastchen mit vielen Schubfachern und sauber gearbeiteten Abteilungen, das ich heimlich in vielen Abendstunden verfertigt, und das jedem Tischler Ehre gemacht hatte, uberreichte, und ihm dabei fest erklarte: dass ich gesonnen sei, seine Hantierung fortzusetzen. Nun fuhlte ich mich im Abmessen, Zirkeln, Sagen, Einfugen und Ausrechnen aller Teile in meinem Elemente, wobei aber das Lateinische und Ton dapameibomenon und die vielen Verse, die mir waren gelaufig worden, nicht vergessen werden durften; und so danke ich es meinen Schulstudien, dass ich noch jetzt den Homer auf meine Art im Original lesen kann."

"Vielleicht lesen Sie auch", fragte der Magister lebhaft, "die Mutter aller Sprachen, die hebraische?"

"Angefangen habe ich es wohl", versetzte der junge Meister, "bin aber nie uber die ersten Anfangsgrunde hinubergekommen."

"Schadet nichts", rief der eifernde Gelehrte, "ich bin und bleibe darum doch ein Monstrum horrendum, ein widerwartiger, erbarmlicher Mensch!" indem er sich heftig vor die Stirn schlug; "ja ja, du hochmutiger, unwissender, eitler, torichter Block du! gib nur der Wahrheit die Ehre, und gestehe laut, von welcher grege du bist, Abgeschmacktester!"

"Was fehlt Ihnen, Magisterchen?" sagte teilnehmend der kleine Freund, "sind Sie krank?"

"Ja, an der Seele", fuhr jener erhitzt fort, "am Herzen, an allen Eingeweiden. Konnt ihr's mir glauben, meine verehrten Freunde, dass ich es erst hochlich ubelnahm, als mir ein Bekannter den Antrag tat, hier im Hause Unterricht zu geben? Wie? sagte ich zu mir selbst, bei einem Tischler, bei einem Professionisten? Ich wollte es ausschlagen; da ich mich aber dermalen, wie jederzeit, in klaglichen Umstanden befand, so nahm ich die Stunden an, setzte mir aber vor, mit gebuhrlichem gelehrtem Hochmut einzutreten, und Sie, Herr Leonhard, immer nur per Er zu traktieren: Sie, hochgeehrtesten, meinen teuersten Wohltater, Sie, denen Ton dapameibomenon, und nephelegereta Zeus, und Integer vitae, und Bereschid bara nichts Fremdes ist? Sie? Konnen Sie mir diese Niedertrachtigkeit vergeben, o Sie englische schone Madam."

Man suchte den eifernden alten Mann zu beruhigen, er horte aber auf nichts, sondern stand auf und riss plotzlich die Perucke vom Kopf: "Ja, auch extra muros gibt es Menschen", rief er aus, indem er den Haarschmuck zu Boden warf, und mit den Fussen darauf trat, "auch hinter dem Berge wohnen Leute, nicht die Perucke allein macht den wurdigen Mann; sieh, mit Fussen trete ich dich" (und er tanzte dabei lebhaft auf der zerzausten herum), "dass du mich zum Hochmut verleitet, dass du mein Gemut verdorben hast, dass ich alle Menschen, die nicht solches alte, verschrumpfte, eingepuderte, eingeschmierte Wesen auf dem Sitz ihrer unsterblichen Seele trugen, fur eine geringere Kaste hielt, und das sidera feriam sublime vertice nur verstehen konnte von denen, die Perucken aufhaben? Nicht wahr, Menschenkinder, ich bin ein ordinarer alter Esel?"

Er fing von neuem an zu wuten, aber der Kleine und Leonhard fassten ihn unter den Armen; der fremde Meister setzte ihm seinen misshandelten Schmuck wieder auf und sagte: "Nehmt Vernunft an, Phantast, es liegt nicht an der Perucke."

"Ja!" rief der Magister, "nichts ist gleichgultig, was der Mensch tragt von aussen; es ist wie ein Zauber, wie eine Schleife, ein Hut, ein Degen, ein Orden und Perucke auf ihn wirken: sie machen ihn gut oder schlecht; in Stiefeln denkt man anders als in Schuhen, in Seide anders als in Tuch; das menschliche Herz ist wie eine Motte, der man immer ansehen kann, aus welchem Gespinste sie ausgekrochen ist." Er fing an zu weinen, gab Leonhard und der Frau die Hand, und sagte schluchzend: "Sie vergeben mir, meine grossmutigen Freunde, das weiss ich; aber ich bitte Sie demutig in dieser Stunde, in der ich mich freilich sehr vergessen habe, mir den Gedanken, der sich mir schon zudrangen will, zu entfernen, dass Sie mich nur aus Barmherzigkeit und ohne alles Bedurfnis zum Lehrer des Knaben angenommen haben. Nicht wahr, es ist nicht so? Ich musste vor Scham und vor Trauer uber mich selber vergehn."

Beide versicherten ihn das Gegenteil, und wie sie sich gefreut hatten, dass ein gelehrter Mann die Muhe habe uber sich nehmen wollen, ihr Pflegekind zu unterrichten; wodurch er sich endlich beruhigte, und von den beiden Mannern nach seiner ziemlich entfernten Wohnung begleiten liess. Am Morgen ging Leonhard mit dem festen Entschlusse zu seinem Freunde, dem jungen Baron, ihm seine Begleitung auf der Reise und die Arbeit fur ihn abzuschlagen; denn er hatte es in dieser Nacht seiner Frau nach einem zartlichen Streite versprechen mussen, sich nicht aus der Stadt zu entfernen. Er fand den jungen Elsheim, der heftig in seinem Zimmer auf und nieder ging, und in sich hineinlachte. Sie begrussten sich herzlich, und der Tischlermeister musste sich zu einem Glase alten Weines niedersetzen "Ich bin sehr vergnugt", sagte der Baron, "denn nachdem ich dreiviertel Jahr sehr ernsthaft und gesetzt habe leben mussen, habe ich den unumstosslichen Entschluss gefasst, zur Abwechselung wieder irgend etwas Lustiges oder Dummes zu treiben; und dazu sollst du mir behulflich sein, denn die gesetzten Leute geben dergleichen Dingen erst Haltung und Geschick; wer sich ohne sie in solche Geschichten einlassen will, wird auf dem halben Wege zur Vernunft zuruckkehren mussen."

"Lieber Baron", sagte Leonhard freundlich, "ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, dass Sie auf mich weder im Guten noch im Bosen rechnen sollen; ich werde zu alt ich kann jetzt uberhaupt nicht abkommen."

"Aha!" sagte jener (indem er sich vor ihm mit beiden Armen auf den Tisch stemmte und ihm dann die braunen Locken von der Stirne strich), "du bist heut auf deinem feierlichen Ton, du hast alle unsere ehemaligen Bedingungen vergessen, oder willst nicht daran denken; aber ich weiss, dass du es bereuest, wenn du mir diesmal nicht folgst."

"Ich kann nicht", sagte Leonhard schmerzlich, "meine Wirtschaft vergrossert sich, meine Frau ist nicht ganz wohl, meinen Leuten darf ich nicht trauen, und noch dazu habe ich wichtige Bestellungen bekommen, wo mein Auge allenthalben selbst zugegen sein muss."

"Und das Wichtigste nennst du gar nicht einmal", sagte Elsheim, "dass namlich alles dies geradezu gelogen ist. Noch neulich schriebst du mir, deine Einrichtung sei so gut, der alteste Gesell so brav, dass es dir nie auf einige Wochen ankommen konne; deine Frau, wie ich gesehn habe, ist so gesund, wie sie nur sein kann, aber der Ehemann, mein Schatz, hat sich dir so eingelernt, dass du auch ohne Souffleur deine Rolle ohne Anstoss hersagst; nur fehlt noch die richtige Mimik, um den Zuschauer zu uberzeugen. So lebe denn wohl, mein Freund, da deine Frau ein so strenges Regiment fuhrt; ich muss also ohne dich reisen, ich muss einen andern gescheiten oder geschickten Mann aufsuchen, ich muss vielleicht die Bestellung, den Bau, die Torheit, die Lust aufgeben, und bloss den Bauern auf dem Gute guten Tag und Lebewohl sagen."

"Welche Freude konnen Sie nur in jener nordlichen traurigen Gegend finden", sagte Leonhard, "dass Sie sie so oft besuchen? Und welche Lust konnen Sie sich jetzt dort versprechen?"

"Narr", sagte sein Freund, "dahin reise ich diesmal nicht, ich ubernehme jenes andere Gut, auf welchem meine Mutter bis jetzt gelebt hat das an der frankischen Grenze. Nur freilich mag dies, ernsthaft gesprochen, dir zu weit entlegen sein."

"Dahin? nach der frankischen Grenze zu?" fragte Leonhard lachelnd und uberrascht. Dann ward er auf einmal nachdenkend und fuhr nach einer Pause fort: "Nun, so teilen Sie mir wenigstens mit, wozu Sie dort meinen Beistand hatten brauchen konnen."

"Tausenderlei hatt ich mir vorgenommen", sagte der Freund verdrusslich, "was nun alles zu Wasser wird: ich wollte dort von dir ein Theater in einem machtig grossen Rittersaale einrichten lassen; du solltest mitspielen; gute Freunde, herrliche und langweilige Menschen sind schon gebeten und kommen hin, Weiber und Madchen, ich hatte Lust, mich einmal so recht zu verlieben, vielleicht gar zu heiraten; meine ganze Jugend wollte ich mit dir wiederholen, und alles, was wir auf der Schule traumten und wunschten, einmal zu erleben suchen; meine alte Lust wollte ich bussen und den Gotz von Berlichingen, den ich schon bearbeitet habe, einmal wirklich darstellen helfen."

"Gotz! Berlichingen!" rief Leonhard aus, indem er hastig seinen Freund umarmte; "ja, ich reise mit, alles kann liegenbleiben, es geht recht gut ohne mich, und die Frau muss sich darin finden."

"Recht so!" sagte Elsheim, "aber wie wird dir nun so plotzlich diese Einsicht?"

"Kommt nicht alles von Neigung und Erinnerung zusammen", rief Leonhard aus, "um einen ubrigens vernunftigen Entschluss umzustossen? Die Freundschaft zu dir, die Erinnerung unserer Jugend und ihrer mannigfaltigen Traume, die Nahe meines geliebten Frankenlandes und dann der Zauber des Gelustes, einmal ein Talent zu prufen, dem ich einmal in einer torichten Periode mein Leben widmen wollte; vorzuglich aber noch der Name jenes Lieblingswerkes meiner Kindheit und Jugend, alle die Lebensmelodien, die in diesem herrlich grunenden Baume wehen und singen!"

"Trink, mein Freund", sagte der Baron; "so gefallst du mir, und so solltest du immer sein! Lass uns einmal wieder in unser sechszehntes Jahr zuruckgehen und einige heitere Wochen ganz so geniessen, wie wir damals in unserm Vermogen hatten, und wie man es leider mit jedem Jahre immer mehr verlernt. Nun erzahle einmal wieder, wie du sonst so oft tatest."

Leonhard, dem jetzt von neuem die fruhesten Erinnerungen lebendig wurden, folgte dieser Aufforderung, und fuhr also fort: "Die Kunst lesen zu lernen, von der Begier, zu erfahren was in den Buchern stehe, unterstutzt, ward mir so leicht, dass ich schon in der allerfruhesten Jugend ein fertiger Leser war. An Buchern fehlte es mir anfangs nicht, denn ich las alles, doch merkte ich halb den Unterschied zwischen denen, von welchen ich etwas verstand, und jenen, die mir durchaus fremde Wildnis blieben. Mein Vater hielt nur wenige Bucher, aber die er besass, waren ihm desto lieber; unter diesen befand sich auch der Nachdruck des damals kurzlich erschienenen Gotz von Berlichingen. Ich las ihn, und noch nie hatte ich ein Buch so verstanden; noch keines hatte mich mit solchem Zauber umsponnen, in keinem waren mir selbst die Stellen, die ich nicht begriff, und von denen ich mir oft die wunderlichsten Vorstellungen machte, so lieb und teuer und in ihrer Dunkelheit so magisch. Ich erwuchs mit dem Gedichte, ja meine Phantasie und mein Wesen wuchsen hinein. Jedes Wort wusste ich auswendig, in Gedanken liess ich alle Figuren, in allen Verhaltnissen, in allen Trachten, mit allen Mienen und Gefuhlen, mir vorubergehn, auch die hasslichsten und grausendsten hatten meine Liebe; mit Kartenblattern, mit unscheinbaren Stuckchen Papier spielte ich das Stuck, wer weiss wie oft, durch, und blieb immer geruhrt und erbaut. Die Uberschriften der Szenen, selbst die kleine Vignette vorn, gehorten mir zur Poesie, und erregten mir die lieblichsten Empfindungen. Welche Tranen vergoss ich um den biedern Gotz, den edlen weichen Weislingen, vorzuglich uber den herrlichen Georg. So waren Jahre vergangen, und dieses Werk war mir so notwendig, wie die Luft, die ich atmete, wie mein Leben selbst, es war mir daher nie eingefallen, nach dem Autor zu fragen, obgleich er auf dem vielgelesenen Titel genannt war; ja mich dunkte, dieses Buch musse so ewig sein, wie die Natur und Erde selbst; und mein Erstaunen, meine Wehmut, mein unnennbares Gefuhl lasst sich nicht beschreiben, als ich nun den erwachsenen Jahren schon naher erfuhr, dass es wirklich von einem Verfasser herruhre, der noch lebe und auch andere Sachen geschrieben habe. In welchem Dammerlichte erschienen mir Clavigo, Claudine, Erwin, Stella: gleichsam wie von kranker Natur gegen jene Fulle herrlicher Gesundheit, und ich dachte mir ihren Verfasser lange Zeit als melancholisch und im Sterben. Auch das geliebte Frankenland wurde mir zuerst durch dieses Gedicht teuer, und im schonsten Sonnenglanze schwebten die Maingegenden, Jaxthausen und Bamberg vor meinen Augen."

"Wir sind also einig?" fragte der Baron. Leonhard gab ihm die Hand, und sagte: "Ja!" "So reisen wir also morgen fruh." "Schon morgen?" "Es kann nicht anders sein, ich muss an einem gewissen Tage dort eintreffen, um das Gut zu ubernehmen, alle Gerichtspersonen sind schon eingeladen." "So sei es denn" sagte der Tischler, und entfernte sich mit schwerem Herzen, weil er noch nicht einsah, auf welche Weise er seinen veranderten Entschluss seiner Gattin vortragen solle. Er traf sie geschaftig in ihrer Wirtschaft, er half ihr eintragen und einrichten, und war mit der grossten Freundlichkeit um sie bemuht. Sie liess ihn bald dieses, bald jenes holen, und er konnte den Augenblick nicht finden, ihr sein Vorhaben anzubringen. Endlich nahm sie ihm ein Stuck Silber aus der Hand, stellte es in den Schrank, stemmte die beiden Hande auf Leonhards Schultern, und sahe ihm freundlich lachend ins Gesicht. "Was ist dir?" fragte er. "Mir nicht", antwortete sie, "aber was ist dir? Warum bist du denn so freundlich und zutatig, und mengst dich in Dinge, die dich gar nichts angehen? Also ist es denn beschlossen, du machst dich wieder auf und davon?" "Woher weisst du es denn?" fuhr er fort zu fragen. "Sowie du in die Hausture tratest, wusste ich es schon. Gingst du auf deine Stube und maultest etwa ein wenig mit mir, worauf ich mich schon gefasst gemacht hatte und was ich billig fand, so wusste ich, dass du bliebst, und dass du mir dein Hierbleiben hoch anrechnen wolltest. Wie ich aber sah, wie sacht du hereintratest, wie leise du die Haustur wieder anlehntest, dass sich kaum die Klingel horen liess, wie freundlich, beinahe demutig, du mich grusstest: da erkannte ich auch dein boses Gewissen. Je nun, ich fordere auch vielleicht zu viel, dass du deine Leidenschaft so ganz bezwingen sollst, reise denn in Gottes Namen, und komme wenigstens, so bald als moglich, wieder."

Dem jungen Gatten war durch diese Rede das Herz erleichtert, er umarmte die freundliche Frau auf das innigste und kusste sie zartlich. "Mache nur", sagte sie, "dem Altgesellen deine Abwesenheit recht dringend, damit du nicht die Autoritat bei den Leuten verlierest, vielleicht kannst du auch unterweges einige vorteilhafte Holzankaufe schliessen, und deine Arbeit dort wird dir doch wohl so viel einbringen, als du hier versaumst. Ist es dir nicht uberhaupt wunderlich, wenn du daran denkst, dass du ein Familienvater bist, vor dem eine eigensinnige Frau, ein Pflegesohn, vier Gesellen und funf Lehrbursche Respekt haben sollen?"

Das Essen war aufgetragen und man wollte sich zu Tische setzen. Indem trat ein fremder alter Mann mit schlichtem braunlichen und greisen Haar herein, in schwarzem Oberrock schwarzen Strumpfen und zugebundenen Schuhen. Leonhard ging ihm entgegen, um zu fragen, was zu seinem Befehl sei, als er zu seinem Erstaunen den Magister erkannte. Die ubrigen waren nicht weniger verwundert. Er verbeugte sich anstandig und grusste alle, dann gab er dem Meister die Hand und sagte: "Ich will fortan ein Mensch anstatt eines Magisters sein, und mir die citationes aus denen autoribus classicis, wo moglich, ganz abgewohnen. Die Sunde der Hoffart ist mit Gottes Hilfe und durch Ihr Beispiel von mir gewichen."

Man setzte sich, und der junge Martin erlaubte sich heute keine lachenden Blicke und Mienen; alle, selbst Leonhard und seine Gattin, schienen zu ihrem alten Freunde in ein neues Verhaltnis gesetzt; er sprach dreister und weniger verwickelt und man verwunderte sich uber seine verstandige Gesprachigkeit.

Fruher als sonst erhob man sich vom Tische, weil Leonhard noch mancherlei Einrichtungen zu besorgen hatte; er nahm seinen altesten Arbeiter beiseite, und unterrichtete ihn, wie er es in seiner Abwesenheit mit den Bestellungen und noch zu fertigenden Arbeiten zu halten habe; er bezahlte einige Rechnungen und ging dann zu seinem kleinen Freunde, dem Tischlermeister, der nach seiner Wirtschaft sehn und unvorhergesehene Falle schlichten sollte. Mit diesem kam er am Abend zuruck, und der Magister war wieder von der Gesellschaft.

"Wir wollen heute noch einmal recht vergnugt sein", fing Leonhard an, "denn es ist moglich, dass einige Wochen vergehen, ehe ich wiederkomme." "Werde mich aber huten mussen", sagte der Magister, "wie gestern im Enthusiasmus, so viel von dem starken Weine zu trinken. Furchte, schone Frau Leonhard, dass ich in Ihrer Achtung ein merkliches verloren, denn, ob ich es gleich gut meinte, so habe ich mich doch narrenhaft bezeigt."

Die Frau versicherte das Gegenteil, und dass ein Mann, wie er, nur immer Achtung einflossen musse. "Ruhrung, Erhebung der Seele und Wein, meine Freunde", fuhr der Magister fort, "konnen sich nicht zusammen vertragen, jedes davon ist schon geeignet, den Menschen zu berauschen; und so billig, ja liebevoll wir gegen den Rausch der erhobenen Seele und des Mitleids oder Enthusiasmi sind, so hart urteilen wir vom Zorn- oder Weinrausch, und meinen, dass der Mensch darinne zum Tiere hinabsteige; doch sind je zuweilen die Zustande so konfundiert, dass, wenn das kalte Bewusstsein einmal in die Hinterhand geraten, man beim Blindekuh nicht wissen konnte, ob man beim Zutappen Vieh oder Engel aus unsereinem herausgreifen wurde."

Krummschuh sagte hierauf: "Ein Vieh, Herr Magister, wird der Mensch nur, wenn er sich taglich um seinen Verstand sauft, sonst aber tut man unrecht, viel aus einem Rausch zu machen, was auch unsre Vorfahren wohl einsahen; wer gar nichts von Wein versteht und noch niemals berauscht gewesen ist, ist kein deutscher Mann; wer in seinem Leben noch nie ein Narr gewesen ist, ist gewiss auch noch nicht gescheit."

"Desipere in loco", sagte der Magister, "doch nein, fort mit dieser Torheit, da sie nicht an ihrer Stelle ist, ich wollte sagen: zu passenden Zeiten der Torheit nachgeben, ist eines Weisen nicht unwurdig."

Der Baron trat unvermutet in die Gesellschaft, alle erhoben sich, der Magister verbeugte sich tief; doch Elsheim sagte: "Ich muss recht sehr bitten, sich nicht storen zu lassen." Er setzte sich ohne Umstande mit an den runden Tisch zwischen Krummschuh und Friederiken, an die er sich sehr freundlich wandte: "Sie werden mir bose sein, schone liebenswurdige Frau, dass ich Ihnen Ihren Mann auf einige Wochen entfuhre." "Gewiss nicht", erwiderte sie ebenso zuvorkommend, "denn wenn ich es weiss, dass es meinem Leonhard Vergnugen macht, wie konnt ich anders als Zufriedenheit daruber empfinden."

"Ihr Wohlsein!" indem er anstiess und trank; "gewiss ich preise meinen Freund glucklich, eine so heitere, sanfte und liebenswurdige Gefahrtin gefunden zu haben!"

"Herr Baron", sagte sie, "machen Sie in unserm kleinen Zirkel Ihr Talent zu schmeicheln nicht geltend, und glauben Sie meinem offenen Gestandnis, dass ich mich taglich bestrebe, meines Leonhard werter zu werden, denn er ist besser, verstandiger und liebenswurdiger als ich".

"Nicht also", fiel der Magister ein, "man soll sich selbst nicht ruhmen, aber ebensowenig erniedrigen, und Sie mussen keine Unwahrheit sagen, schonste Madam; der Halbblinde fuhlt, dass Sie schon sind, der Gefuhllose begreift, dass Sie liebenswurdig sind, und die beiden Eheleute sind gut, redlich und dem Herrn wohlgefallig."

Beide Eheleute waren rot geworden. "Sie haben recht, Herr Magister", sagte der Baron, "und dieser jugendliche Eifer macht Ihnen Ehre; es ist, als wenn Sie fur die Dame Ihres Herzens den Handschuh hinwerfen wollten."

Bei diesen Worten wurde der Magister bis in die Schlafen rot, er hustete, er wollte antworten und verwirrte sich; "ich habe niemals", sagte er endlich, "niemals eine Herzensdame gehabt. Mit jener Geschichte in Jessen hatte es eine andere Bewandtnis."

"Ei! ei!" sagte Krummschuh, "so muss man nicht sprechen, das ist dieselbe Sache, wie mit dem Rausch, einmal muss jeder Mann einen Schatz gehabt haben, einmal wenigstens muss jeder redliche Mensch verliebt gewesen sein, sonst kommt er bei grauen Haaren in die Schlingen des bosen Geistes. Ja, Frau Leonhard, Ihr lieber guter Mann konnte, glaub ich, daruber mitsprechen, der ist damals wohl in allerhand Versuchungen gewesen, denn Weiber und Madchen waren ihm immer gewogen."

"Stille von solchen Geschichten", sagte der Baron: "das heisst ja nur unsere liebe Wirtin ohne Not eifersuchtig machen. Sie scheinen das menschliche Herz wenig zu kennen, Meister."

"Daruber kann ich nicht eifersuchtig sein", sagte Friederike, "Leonhard hat mich fruh gekannt, ebenso ich ihn, er hat mich frei gewahlt und andern vorgezogen, auch mochte ich keinen Mann haben, den mir nicht hie und da eine beneidete, und der nicht sonst schon einmal andern hubschen Madchen gefallen hatte."

"Nun dann sind Sie ja gerade an den Rechten gekommen", rief der kleine Dicke, "denn ich sage Ihnen, er hat Nachstellungen gehabt, dass man eine Geschichte davon machen konnte, und wenn er nicht so halsstarrig gewesen ware, wer weiss, wer weiss "

Leonhard schien verlegen, und Elsheim unterbrach den Schwatzenden, indem er sich an den Magister wandte. "Sie sagten vorher, werter Herr Magister, die Geschichte mit Jessen habe eine ganz andere Beschaffenheit. Was ist das fur eine Geschichte? Sie haben also wirklich niemals geliebt?"

"Nein, mein hochverehrter Herr Baron", antwortete der Magister, "das kann ich wohl vor jedem Gericht mit einem teuern Eide erharten, denn immer war mir aes triplex circa pectus, und ein sonderbares Geschick hat mich stets vor diesen Leiden und Verwirrungen bewahrt; obgleich man aus einem Verhaltnisse, das sich in meinen Studierjahren in Jessen angesponnen hatte, mir ein Liebesaventure hat andichten wollen."

"Und wollten Sie uns nicht vielleicht gefalligst diese Erzahlung mitteilen?" fragte der junge Edelmann, indem er die Hand des alten Mannes nahm.

"Wenn es nur Ihnen und meinen werten Freunden nicht beschwerlich fallt", ausserte der Magister. Da alle, vorzuglich Friederike das Gegenteil versicherten, so fuhr er hierauf mit folgenden Worten fort: "Um etwas Verstandliches uber jenes Gerucht beibringen zu konnen, muss mir etwas fruher auszuholen erlaubt sein. Mein Vater seliger war Prediger auf einem kleinen Dorfchen; er brachte mich fruh auf die Stadtschule, und mein Ehrgeiz und ziemlich gutes Ingenium trieben mich schnell die Klassen hinauf. O meine Werten, ich kann es Ihnen nicht aussprechen, welche Verehrung, ja welche Anbetung ich vor dem Stande eines Gelehrten immer in meinem Herzen trug; ein Buch zu schreiben, den Ornat eines Predigers zu tragen, schien mir gross, vor allem aber den Titel eines Magistri zu erringen, fast den menschlichen Kraften unerschwinglich, und die hochste Stufe der Seligkeit hienieden. Nicht wahr, Sie lacheln? so wie ich zum Lacheln gezwungen werde, da ich nun schon seit lange derselbe Mann bin, und doch nur weniges von jener getraumten Grosse in diesem Besitze gefunden habe. Wie gesagt, die Schule ware mir ein Paradies gewesen, denn das Lateinische und Griechische entzuckte mich, Hebraisch war meine Wonne, wenn nicht einiges mich gestort hatte. Wir hatten viele Stunden in Mathesi, worauf gehalten wurde, und wir alle sollten darinne Fortschritte machen, aber ich nehme die Gotter zu Zeugen! lag es an mir, oder am Lehrer, oder an der Wissenschaft selbst, ich habe nie auch nur das Allergeringste davon beim besten Willen begreifen konnen. Diese Demonstrationes, die axiomata, die Drei- und Vierecke und Circula haben mir in vielen Stunden das Gehirn schwindlig gemacht, und ich habe mich nie einer Verachtung gegen diese anmassliche scientia erwehren konnen. Noch schlimmer aber war, dass ein Neologe, der viel auf alle Arten von Schwarmereien hielt, den Rektor, einen weichherzigen, nachgiebigen Mann, uberredet hatte, einen Zeichenmeister anzunehmen. Dacht ich nicht, der Schlag musse mich treffen, als das erstemal der Gaukler seine Bude in unserm ehrwurdigen Auditorio aufschlug? Ich zitterte vor Unwillen und rief: 'Wahrlich, nun fehlt nur noch, um uns vollig abscheulich zu machen, ein Tanzmeister!' Und in der Tat woraus man sehen kann, wie stark die Imagination wirkt, traumte mir selbige Nacht, der Rektor habe einen Tanzmeister angenommen, und wir mussten vor dem Katheder, den Bachstelzen nicht unahnlich, herumhupfen. Ich erwachte zum Gluck bald, und fuhlte Zittern und einen kalten Schweiss. Also der Kram wurde ausgelegt, und denken Sie, Werte, mir, als einem schon meritierten Primaner, wurde die Wahl gelassen, ob ich ein Hauslein mit einem Baumchen, oder eine Blume, oder gar einen Pferdekopf, oder dumme krumme Striche, die man menschliche Nase und Mund nannte, nachreissen und mit Rotsteinbleifeder abfarben wollte. Ich ausserte fest und bestimmt, dass ich allen Arten von Elaborationen mich nimmermehr entziehen wolle doch, dass ich mit dem Rotelwesen und jenen Hahnenfussen oder Bauerwohnungen, Pferdeschnauzen und Blumengekkereien niemals mich oder mein Papier beschmutzen werde. 'Himmel!' sagt ich, 'wir den Musen Eigene, zur Lehre des gottlichen Worts, oder zu Galene und Carpzove bestimmte Tironen, sollen wie die StubenAnstreicher, oder jene Unseligen, die die kleinen Tassenkopfchen anfarben, uns in solchen Pinseleien vertiefen!' Damit zerriss ich einen daliegenden Hammel, der nach der Meinung des Phantasten ein unschatzbares Werk eines abgestorbenen Gaukelmannes sein sollte, und da der Kunstzeichner selbst ein Enthusiast fur seine Klexerei war, so warf er mir, nicht ohne Empfindung meinerseits, ein grosses Reissbrett an den Kopf, nannte mich Ignoranten und Barbaren, und wollte mich endlich gar mit Gewalt aus meiner eignen Klasse entfernen. Zwei Freunde, die sich gleichfalls der Theologie widmen wollten, standen mir redlich bei, die ubrige Jugend aber, ihrer Wurde uneingedenk, nicht achtend, dass wir fur sie nur kampften, konnte es uber sich gewinnen, uns laut und schallenderweise auszulachen. Der Rektor kam dazu, und ich hatte vielen Verdruss. Doch uberwand ich alles und bezog die Universitat Wittenberg, von einem kleinen Stipendio unterstutzt. Mein Vater war nicht Magister, und nach dieser Wurde war mein Tichten in der Nacht wie bei Tage, um mich und ihn damit zu ehren. Steil war der Weg, aber die Moglichkeit, zur Hohe hinaufzugelangen, wurde mir doch mit jedem Tage einleuchtender und wahrscheinlicher.

Vier Stunden westlich von Wittenberg liegt ein kleines offenes Ortchen, Jessen genannt, mir immer, wenn davon die Rede gewesen war, wegen des biblischen Tones ein erwunschter Name. Dahin reisete ich mit einigen Freunden zu Fuss in den Herbstferien, denn der eine Begleiter war aus dem Orte, in welchem sein Vater eine Stelle bekleidete. Wir wurden von dem alten Mann gut aufgenommen, der sich mit mir in ein Gesprach uber die Klassiker einliess, und vortreffliche Kenntnisse besass. Er achtete meine Meinung, doch erstaunte er, mich so unbewandert in deutscher Poesia anzutreffen, in der er Opitzii und einige andere Werke besass, doch vermisste er mit Leidwesen den Gryphium, dessen Horribilicribrifax, wie er sagte, in seiner Jugend seine Seelenweide gewesen sei, und dem alle Aus- und Einlander, alte sowohl wie neue, durchaus nicht zu vergleichen waren. Hier sah ich nun auch in demselben Zimmer, meine Verehrtesten, jenes Frauenbild, die Tochter des Hauses, deren helleuchtende Augen oft auf meinem Angesichte ruhten. Ob ich gleichsam hubsch gewesen, kann ich nicht melden, doch war ich jung und weiss und rot, war anstandig in allen Gebarden, hielt Hande und Fusse ruhig, und schaute viel vor mir nieder. Wo sie, die Hedwig, stand, war mir immer, als wenn ein rotliches Licht, fast wie Morgenrot, in der Stube brannte, und was bemerkenswert ist, ich konnte wissen, ob sie im Zimmer zugegen sei oder nicht; ich mochte die Augen auch ganz woanders haben und etwa mit dem Alten sprechen, ich fuhlte es gleich, wann sie wegging, und wann sie wiederkam, es war, als wenn in mir Finsternis und Helligkeit wechselten; und wenn sie weg war, sprach ich verwirrt und hatte Bangigkeit auf der Brust, so dass ich nicht genau wusste, ob ich eben zornig oder betrubt war."

"Das war ja die klare helle Verliebtheit, Herr Magister", sagte Krummschuh.

"Nicht also", erwiderte der Gelehrte, "es war eine Art von Sympathia, denn ihr ist es gleicherweise so ergangen, wie sie mir nachher gestanden hat. Wir wechselten Reden, die andern rauchten mit dem Vater; da ich nun immer dieses Kraut der Wilden verabscheut habe, so ging ich vor die Tur mich umschauen und sie stand schon im Sonnenschein draussen. Ob ich sie zu ihrer Freundin, der Forsterin, begleiten wolle? erging an mich die Frage. Ich konnte mir nichts Besseres wunschen, und wir gingen den schmalen Steig ganz nahe aneinander. Gesprochen wurde wenig, denn ich furchtete, Dinge zu sagen, die ihr nicht gefallen mochten; sie aber sah mich je zuweilen lachelnd von der Seite an woruber ich nur in Angst geriet, weil ich furchtete, an den Haaren, oder der Halskrause bemerkte sie irgend etwas Ungeziemliches. Abseits unter einigen Baumen lag das Hauschen des Oberforsters, wir traten in die dammernde Stube ein, und niemand war zugegen. 'Meine Freundin muss ausgegangen sein', sagte sie, und wir stellten uns beide vor den Spiegel, der an der Mittelwand hing. 'Sind wir nicht von einer Grosse?' sprach sie weiter indem sie sich an mir mass. Da war das Antlitz mir nun ganz nahe vor dem meinigen, und mir fiel ein, was ich wohl gehort, auch in Autoren gelesen, dass ein Kuss von besonderer Lieblichkeit sei. Ich konnte mir aber das Herz nicht fassen, so standen und gingen wir beide stumm nebeneinander. Noch einmal stellte sie sich vor mich und sagte: 'Sie sind doch etwas grosser'; stand auf den Zehen, und fasste mit beiden Handen meinen Kopf in der Gegend der Ohren, und indem sich mir die Stube rundum drehte, gab sie mir einen rechten lieben zartlichen Kuss. Wie ich hinauskam, weil ich nicht, es war fast dunkel geworden und wir gingen zuruck; ich horte und sah nicht, und die Menschen in ihren Gesprachen und Gestikulationen kamen mir alle so wild und unbangig vor, und ich sehnte mich nach der Ruhe. Doch schlief ich in der Nacht nur halb; der Spiegel, die Baume, die weissen Hande und Arme und der Kuss waren immer vor mir und in mir.

Am Morgen war eine neue Welt um mich her. Auf nichts konnte ich mit Verstand Rede und Antwort geben, meine Augen suchten die ihrigen, und schlugen sich doch nieder, wenn sie sich begegneten. Am Nachmittage ging ein Teil der Gesellschaft in einen nahen kleinen Weinberg, der der Familie zugehorte. Die Tochter, ein Bruder und ich sassen oben in dem kleinen Gartenhauschen, sahen umher auf die sandige Gegend und das Stadtlein unter uns, und tranken von dem selbstgezogenen sauerlichen Wein und dem besser schmeckenden Most. Bald verliess uns auch der Bruder. Da konnten wir uns nun recht ungestort unser Herz ausschutten, wenn wir nur erst die Rede hatten finden mogen, welches aber geraume Zeit nicht geschah, und noch dazu musste sie den ersten Anfang machen. Wir erfuhren in diesem Gesprach, dass wir einander heiraten wollten, sowie ich Magister geworden und eine Stelle als Pfarrer oder Lehrer an einer Schule erhalten hatte.

Vergnugt kehrte ich nach einigen Tagen nach Wit

tenberg zuruck; ich war von neuem Eifer zu meinen Studien durchdrungen, auch erhielt ich etliche kleine Schreiben von der Person, die ich jetzt im stillen fur meine Braut ansah, obgleich noch nichts davon laut werden durfte. So ging der Winter ganz erfreulich hin. Um Pfingsten ging ich wieder hinaus, zu Fuss und allein; fur meinen kunftigen alten Schwiegervater hatte ich den Gryphius und seinen Horribilicribrifax in meiner Tasche.

O wie schon war das Wetter! Mein Weg fuhrte

mich an den schonen Buchen und Eichen beim Luthersbrunn hinuber. Ich sprach mir vor die Ode Horatii: Integer vitae, welche mit Lalagen schliesst, dulce loquentem, dulce ridentem. Dieses verstand ich nun erst, wie manches andere in meinen autoribus. Das war damals in der Tat ein Fruhling, welcher sich sehen lassen durfte, diesen auserwahlten Mai konnte man nicht schimpfen; denn es war nicht anders, als wenn jedem rauhen Winde das Maul zugehalten wurde, und nur die artigsten Spielgesellen der Sommerkonigin unter Laubern und Blumen wie wohlgezogene Kindlein herumgaukelten. Auf halbem Wege gelangt man durch das Dorf Elster, welches an der Elbe liegt. Schon dunkte mir der Strom und die Schiffmuhlen darauf, der weite Blick, die Frische des Wassers und dessen Gerausch. Nachher kommt man durch ein kleines stilles Dorflein, welches ich immer nur meine Sabbatsdorflein nannte, weil die Strasse hinter den kleinen Hausern fortlauft, so dass man niemand gewahr wird, und von beiden Seiten Fruchtbaume die Hutten beschatten. Nachher kurz vor Jessen wandelt man durch ein Geholz, wo ein Bach von einer Anhohe herunterrieselt, und dann sieht man das zerstreute Stadtlein vor sich, in welchem die Wohnungen einzeln liegen, und die weissen sandigen Weinhugel mit den kleinen roten Hauschen und den vielen Nebenstocken umher.

Ich trat in die Tur, verehrte Freunde, grusste und ward freundlich begrusst, und uberlieferte dem Alten mein Geschenk. Ich konnte mit meiner Braut nicht sprechen, denn gleich musst ich dem kunftigen Schwiegervater sein Lieblingsstuck vorlesen, dass er wie mit einer heiligen Heiterkeit erwartete, uber welches ich aber nicht lachen konnte, sei es nun, dass ich niemals in meinem Leben sehr fur das Lachen gestimmt gewesen, oder weil andere Gedanken mir meinen Kopf beunruhigten. Aber denkwurdig ist es vielleicht, dass ich kaum dreimal in meinem Leben begriffen habe, dass es etwas Belachenswertes geben konne; seh ich von den Menschen die Gebarden des Lachens veranstalten, so mochte ich immer fragen: Cur? Ebenbild Gottes, warum zergrinsest du also mit aufgesperrtem Hals und faltigem Gesicht dein Aushangeschild der Unsterblichkeit? Lacheln ist gar lieblich an Kindern und Magdlein, aber Lachen, und dabei knaustern und prusten und schnarren, absit! Nicht wahr, meine Edelsten?"

"Sie haben vollkommen recht", sagte der Baron, mit verhaltenem Lachen; "aber was urteilen Sie vom Weinen?"

"Da es mehr", erwiderte der Magister, "mit dem Schnupfen und dem inwendigen Kitzeln der Nase zusammenhangt, so ist es verzeihlicher, doch auf jeden Fall unmannliche Schwache. Auch bricht bei den meisten Menschen die lamentatio ebenfalls in gar widerlichen Gebarden aus, so dass es mir fast immer hat unanstandig bedunken wollen. Jedennoch ist freilich mehr Not als Lust, mehr Jammer als Freude auf dieser Welt, und es regen sich wenn der vernunftige Blick in das mannigfaltige verschlungene Elend der Welt geworfen wird besonders wenn man selbst im Unglucke laboriert, so gar sonderbar-wehmutige Zuckungen in allen Eingeweiden, dass ich gestehe, ich inklinierte oft und leicht zu Tranenergiessungen, die auch wohl stattgefunden haben wurden, wenn die Scham sie nicht zuruckgehalten hatte."

"Sie sind ein allzu strenger Mann, Magister", sagte Krummschuh, "aber wie wurde es weiter mit Ihrer Liebesgeschichte?"

"Ich erinnere noch einmal", sagte der Alte, "dass es keine solche gewesen, wie man sehr bald aus dem Verlauf der Historie ersehen wird. Ich sprach nachher meine Lalage, ich erzahlte ihr von meiner Aussicht, bald Magister zu werden, und sie teilte meine Freunde daruber; es war die Rede davon, dass ich im Orte selbst die Predigerstelle annehmen konnte, die gewiss bald erlediget wurde. Auch der Vater und die Mutter redeten uber diese Aussicht, und mir schien, als wenn alle, ohne es Wort haben zu wollen, um mein Vorhaben wussten. Diese Zeit war in der Tat die Freudenzeit meines Lebens, ich horte mich schon mit dem Titel 'Magister!' begrussen, ich sah mich auf der Kanzel, und meine Frau und Schwiegereltern unter meinen andachtigen Zuhorern; ich betrachtete Stadt und Feld als meine Heimat, und unter herzlichen Kussen und Umarmungen, deren ich mich jetzt nicht mehr zu schamen brauchte, ging ich fort und kam glucklich und wohlbehalten, freudiger Seele und gesunden Korpers, wieder zum Sitze der Musen zuruck, um mich zur Disputation vorzubereiten und der hohen Wurde fahig zu machen.

In vierzehn Tagen sollte diese grosse Feierlichkeit vollzogen werden, und ich ging im Herbste wiederum hinaus, um meine Teure aus dem Stamme Jesse noch einmal zu sehen. Ich hatte mich in der letzten Woche recht angestrengt und war gar nicht aus meinem Zimmer gekommen, um so mehr freute ich mich auf meinen Gang in das Feld hinaus. Aber ich kann es nicht beschreiben, werte Herren, wie mir ward, als ich aus der Stadt kam. Schon die hohen grunen Walle sahen mich so finster an, draussen wurde es noch schlimmer, die Baume, die Wiesen, alles war voll Schauer und Angst. Was ist mit mir geworden? dachte ich: denn wie bei grasslichen Geistergeschichten richtete sich mir das Haar empor; war mir doch, als sei alles tot in mir und ausser mir. Der Fluss, die Schiffmuhlen rauschten Totengesang und Schrecken der Verganglichkeit, die kalten Winde sprangen recht mit Lust im Sonnenschein umher, als wenn sie rufen wollten: 'Alles, alles ist eitel!' Das Sabbatdorfchen war wie ein stilles Totengewolbe. O entsetzlich! ich nahm mit Schrecken wahr, dass mir heute sogar die Aussicht auf meine Magisterwurde keine Freude gewahren konne. Wie komme ich zu dieser Melancholia? rief ich aus; ohne Zweifel hat mir mein ubermassiges Studieren eine Hypochondriam zugezogen, die mich sehr krank machen konnte. Da freute ich mich, bei meiner Lalage gegen diesen gelehrten Krankheitsanstoss Trost und Schutz zu suchen, und bald von ihren Kussen, in denen Venus das Funfteil ihrer Wonne gelegt, mich heilen zu lassen. So die Tristitia bezwingend trat ich in die Stadt ein und fand niemand zu Hause, indem die Magd mir sagte: alles sei im Weinberg. Ich schritt dahin, und meine Herzensbangigkeit kam wieder. Aus dem Lusthauschen herunter horte ich schon von fern ein Kichern und Lachen, wie ich es unanstandig nenne, und als ich oben war und die Tur offnete, war sie es auch wirklich, die eben wieder mit verzerrtem Angesicht lachte, und neben ihr sass in einem blanken Reithabit, mit hohen Stiefeln und grossen Sporen, auch Gold auf den Schultern, ein lustiger Bruder, wie ich sie wohl manchmal aus Halle oder Jena wahrgenommen hatte. Ich setzte mich schweigend, grusste mit leisem Wort, und da mich der junge Nimrod-ahnliche Mensch lange ansah und fragte, wer ich sei? so sagte sie kaltsinnig und fremd: 'Der Herr ist ein Bekannter meines Bruders, der ihn einmal zu uns gebracht hat. Sie befinden sich doch noch wohl?' wandte sie die Frage an mich. Mir war aber, als wenn ich etliche gordische Knoten im Innern des Halses hatte, die sich mit keinen Worten wollten auflosen lassen. 'Wenn wir also', fuhr das junge Genie fort, 'unsere Komodie, die Nebenbuhler, noch spielen, liebste Hedwig, wie wir abgeredet haben, so kann der junge Herr hier wohl der Junker Ackerland sein?' Ich Junker Ackerland! ich als Histrio? als Mimus? Zu meinem Widerwillen gegen den Stiefelmann gesellte sich nun noch die tiefste Verachtung, da ich horte, dass er sich also entwurdige, in der Larva aufzutreten. Die unbereuende Sunderin bestrebte sich, mich niemals anzusehen, und tat uberhaupt, als wenn ich ein fremder Elefant, oder umziehendes Tier ware. Sie schenkte mir ein und spritzte unversehens einige Tropfen auf die hirschledernen Beine des Gewaltigen. Er lachte, und goss ihr den Rest seines Glases auf das Kleid, indem er sie handfest anpackte und wie ein Satyr lachte. 'Nun habe ich es wettgemacht!' rief er aus, und sie lachte ebenfalls, als wenn sie auf ewig ihr ehemaliges edles Antlitz unter das neue tierische unterschieben und verbergen wollte. Die Eltern kamen nun und begrussten mich kalt und gleichgultig. Betaubt wie ich war, ging ich mit in die Stadt zuruck und setzte mich in ihrer Gesellschaft zu Tische. Die beiden Lacher sassen nebeneinander. Da horte ich denn, dass er in kurzem, weil er reich sei und beschutzt, eine Stelle in einem andern Stadtchen erhalten wurde; man trank auf seine und der Braut Gesundheit. Ich glaubte, dunkles Blut hinunterzutrinken. Der seelsorgende Greis war wirklich seitdem gestorben, aber ich dachte jetzt nicht daran, um diese Stelle nachzusuchen, die man mir mehrmals schon versprochen hatte. Noch in der Nacht ging ich zuruck. Mich dunkt, ich habe hin und wieder auf dem Wege geweint.

O, werte Gesellschaft! es war ein hochst betrubter Tag, an welchem ich die akademische Wurde erlangte. Ich disputierte, ich liess mir die Haare scheren, und setzte zum erstenmal eine Perucke auf mein Haupt. Aber die Lust daran war dahin. Ich ging zu meinem Vater und wollte mich ihm adjungieren lassen, aber ich erhielt seine Stelle nach seinem Tode nicht, weil man mir sagte, dass ich gegen den Patron immer sehr grob gewesen sei, obgleich ich mich ausserst bestrebt hatte, mich mit der submissesten Ergebenheit zu betragen. Uberhaupt war es traurig, dass sich in der Zeit, als ich nun den fur mich hochsten Gipfel erstiegen hatte, die Welt schon in die Verwandlung zu begeben anfing, die sie seitdem immer mehr und mehr entstellt hat. Ich hatte schon fruher bemerkt, dass manche Magister ohne Perucke gingen, dass die Neologie und Heterodoxie die alte wahre Lehre und die grundlichen Studien zu verdrangen anfingen; ich glaubte, was Rechtschaffenes gelernt zu haben, aber wohin ich kam, hiess es, ich sei mit allen meinen Kenntnissen um funfzig Jahre zuruck; nirgend konnte man mich brauchen, nirgend fand sich eine Stelle fur mich, allenthalben Achselzucken oder hohnische Reden uber meine Pedanterie, wie man es nannte, und so fand ich mich endlich darein, nur hier und da der christlichen Jugend noch auf gutgemeinte und gottgefallige Weise nutzlich zu sein, und so bin ich auch, nach mancherlei Wanderungen, endlich in diese liebe Stadt und zu meinen verehrtesten Freunden allhier gelangt.

Lange nachher kam ich einmal durch die Stadt, nach welcher sich meine Ungetreue hin verheiratet hatte. Ich ging vor ihrem Hause vorbei, und sie schaute aus dem Fenster. Lieber Gott, ich war alter seitdem, aber sie war hasslich geworden. Ich weiss nicht, ob sie mich wiedererkannt hat; da war doch nichts von dem Mutwillen, Lust und Scherzhaftigkeit geblieben. Sie sah mich an und mochte sich in ihrem Sinn verwundern, warum ich also fleissig dort gehe und sie beschaue; es war, als wenn die Not, der Jammer der Welt, der schon seit uralten Zeiten die Menschen bedrangt, als wenn alle Trubsal, von der ich gelesen, mich aus ihren Blicken betrachtete; ich bin kein aberglaubischer Mann, aber ich floh, denn mir dunkte, mir sei ein Gespenst erschienen. Sie lebte unzufrieden mit ihrem Mann, der sich dem Trunk ergeben hatte, und sie hatten keine Kinder.

Dieses ist jene Geschichte, Verehrte, die ich mich nicht habe ermassigen konnen mit Ihrer Erlaubnis vorzutragen, damit Sie sehen, dass, obwohl ich gleichsam fast versprochen war, und ein Recht hatte, uber dieses gebrochene Wort zu trauern, ich dennoch nie verliebt gewesen, und jener Leidenschaft glucklich entronnen bin, von der so viele Menschen so viel zu erzahlen wissen."

Alle waren geruhrt, die junge Frau tief bewegt, und es entstand eine Pause im Gesprach. Endlich nahm der Baron sein Glas und rief: "Alles, was wir geliebt haben, lieben und lieben werden!" Der Magister und Leonhard stiessen heftig an, Friederike zogernd, vielleicht wegen des letzten Zusatzes, und Krummschuh lachte laut, indem er sagte: "Zeit war es, dass es bei mir eintrafe, denn bis jetzt habe ich daruber keine Erfahrungen machen konnen." Es war schon spat, und man trennte sich, indem alle mehr nachdenkend geworden waren, als sie erwartet hatten.

Zweiter Abschnitt

Ein heller Sommerglanz war an dem Morgen verbreitet, an welchem Elsheim und Leonhard, die Stadt verlassend, uber das grunende Gefilde fuhren. Beide waren eine Zeitlang stumm, wie es gewohnlich beim Anfang einer Reise zu sein pflegt; nach einiger Zeit sagte der Baron: "Dein alter Magister, mein Freund, hat mich gestern innig geruhrt, und ich habe viel an ihn denken mussen; es scheint mir in ihm ein schones Gemut zugrunde gegangen zu ein, wie in so manchen Menschen, wenn sie ihren Beruf verfehlen; ich fing damit an, uber ihn zu lachen, und endigte, ihn zu lieben und innerlich zu beweinen. Wie bist du an ihn gekommen?"

"Ich horte von ihm reden", antwortete Leonhard, "und suchte ihn auf, wo ich ihn in einer Gesellschaft von Burgern traf, die sich uber ihn lustig machten. Von meinem wackern Vater habe ich das Mitleid geerbt, das er vorzuglich mit verarmten Gelehrten und Kunstlern hatte, und deshalb zog ich ihn in mein Haus, so dass er nun sorgenfreier und anstandiger leben kann."

"Fuhlst du denn auch wohl", fuhr der Baron fort, "welchen kostlichen Schatz du an deiner Frau besitzest? Wahrlich, gestern habe ich sie naher kennen und wahrhaft lieben und verehren gelernt. Ein Weib, das ihren Widerwillen und Verdruss, den sie doch uber deine Reise notwendig empfindet, nicht nur zahmen kann, sondern diese Freundlichkeit, Sanftmut und Liebe so ungezwungen darstellt, ist eine der grossten Seltenheiten. Denn selbst die liebenswurdigsten dieses Geschlechts konnen unangenehm werden, wenn sie uber verletzte und unerkannte Liebe schmollen sie scheinen oft der Meinung zu sein, dass sie ihr Herz, in lauter Verdrusslichkeit und epigrammatischen Grimm gekleidet, dann nicht genug zur Schau tragen konnen."

"Mir ist es sonderbar mit ihr ergangen", erwiderte Leonhard. "Ich stand auf der Grenze zwischen Knaben und Jungling, als ich sie kennenlernte. Der erwachende Sinn fur Schonheit und Reiz ist in diesen Jahren gewohnlich ungebildet, aber von desto grosserer Scharfe, und so erschien mir ihr Angesicht, ihre Farbe, ihre einfache Kleidung, die blauen oder roten seidenen Bander, die ihren Gurtel umflatterten, alles wie vom hellesten Glanze verklart. Sie schien mich bald auszuzeichnen, und da sie Vermogen besass, sah mein Vater dies Verhaltnis nicht ungern; ihr Oheim begunstigte mich ebenfalls. Von diesem Augenblick an vermied ich sie, aus ubergrosser kindischer Delikatesse, mit einem gewissen storrigen Eigensinn gemischt, denn es verdross mich, dass die Alten unsere frohe Heiterkeit und jene reizende jugendliche Neigung, die kaum an morgen denken will, schon fur unser burgerliches Fortkommen berechnen und nutzen wollten. Oft war ich recht sehnsuchtig verliebt, oft mit ihr entzweit, die uber mich lachte, oft versohnten wir uns. In der Entfernung war mein Herz in manchen Stunden wie krank aus Liebe, dann konnte ich sie wieder auf Wochen vergessen; ein andermal uberredete ich mich, dass wir niemals fureinander gepasst hatten. Als ich zuruckkam, fand ich sie mit freudiger Uberraschung noch unverheiratet; unser fruheres Verhaltnis knupfte sich wieder an, als wenn es nie ware zerrissen gewesen, und so wurden wir verbunden und glucklich, ohne dass wir eigentlich eine Leidenschaft fureinander gefuhlt hatten."

"Vielleicht", sagte der Freund, "sind diese Ehen auf die Dauer die glucklichsten, weil beide Teilnehmer keine unmoglichen Erwartungen mitbringen; und darum mochte ich fast den Entschluss fassen, gar nicht zu heiraten, denn die Sehnsucht, die Anbetung, die Leidenschaft der Liebe ist es doch nur, das fuhle ich innig, was ich am heissesten wunschen und was mich allein glucklich machen konnte."

Beide Freunde sahen sich stumm an, und es entstand wieder eine Pause im Gesprach. Ihr Blick haftete auf den Waldern und schon geschwungenen Hugeln, die sie umgaben, sie folgten dem Flusse, der abwechsend durch die Lucken des Waldes mit seinen Krummungen erglanzte. Das heitere Lied der Lerche und der Gesang der Nachtigall aus der Ferne stimmten das Gemut zu sanfter Frohlichkeit. Nach einiger Zeit sagte Elsheim: "Ich habe mich immer verwundert, mein Freund, dass du dir bei deinen offnen Sinnen und vielfaltigen Kenntnissen, bei deiner Lust an allem Gebildeten nicht lieber den Stand eines Kunstlers erwahlt hast, da es dir doch gewiss nicht hatte fehlen konnen, dich auszuzeichnen. Ist denn dein Beruf nicht vielleicht auch ein verfehlter?"

"Gewiss nicht", antwortete Leonhard, "und ich bin schon fruh mit mir uber diese Punkte aufrichtig umgegangen. Dass ich nicht zum Gelehrten passte, sah ich fruh ein, weil Sachen mich mehr als Gedanken, Worte und Formen interessierten. Zum Kunstler fehlt mir ganz jener Enthusiasmus, jener strebende, fliegende Geist, der alles neben sich vernachlassigen und vergessen kann und darf, der in fremden Welten, aber nicht in der hiesigen einheimisch ist; mein Gemut im Gegenteil ist beschrankt und wahrhaft burgerlich, mein Eifer fur Arbeit, Nutzlichkeit, meine Lust an Dingen, die brauchbar sind und fest stehen: alles dies uberzeugte mich fruh, dass ich zum Handwerker bestimmt sei, und zwar zu der Beschaftigung, welche ich erwahlt habe. Doch gibt es jetzt Augenblicke, in welchen ich mit meinem Stande, ja fast mit dem ganzen Leben unzufrieden bin."

"Das sieht deiner Heiterkeit und Gesundheit wenig ahnlich", sagte der Freund, "du musst dich hieruber deutlicher erklaren."

"Noch in meiner Kindheit", antwortete jener, "in fruheren Zeiten aber weit mehr, stand der Tischler zwischen dem Kunstler und Handwerker, und dies bestimmte mich hauptsachlich, mich diesem Berufe zu widmen. Schon fruh dachte ich daruber nach wie edel im Menschen der Trieb sei, alles, was sein Bedurfnis fordert, neben dem Notwendigen noch mit einer gewissen Zugabe von Schonheit zu umhangen, so dass der Reichere und Gebildetere keinen Hausrat haben mochte, der nicht durch hinzugefugten Zierat in etwas Hoheres verwandelt war. Dieser Schonheits- und Kunsttrieb ist es, den wir allenthalben mit Ruhrung und Liebe wahrnehmen, der die Welt zu jenem angenehmen Ratsel macht, welches so viele nicht zu begreifen scheinen. Denn wenn die hohere Kunst frei wie im reinsten Ather schweben darf, sich selber genug, und nur durch Schonheit und Entzuckung in die edelsten und geheimsten Krafte des Menschen eingreift, und dadurch mittelbar in das, was die Welt lenken und erheben soll so gibt es gleichsam von dieser eine verstossene, geringgeachtete Schwester, die sich unmittelbar der Not, der Trauer des Lebens annimmt, und uns mit stiller Heiterkeit uber alles trosten will, was uns betrubt oder beschwert. Diese immer mehr verschwindende Lust ist es, die unsern Vorfahren so unentbehrlich war, die sich in ihren landlichen Festen oft als Kinderei und Torheit ausserte, uber welche unsere neuere Vernunft lachelt, und sie auch ganzlich abzustellen sucht; dieser Trieb ist es, der in vielen Gegenden den Pflug mit Bildwerk ausschnitzt, in Franken das Stirnjoch der Rinder mit bunten Farben bemalt, der den Schafer antreibt, seinen holzernen Becher und Stock mit Laubwerk zu verzieren, der zu gewissen Zeiten des Jahrs die Stuben mit Maien- oder Tannenreisern schmuckt; dieser unschuldige liebenswurdige Trieb ist es, der mir immer so recht rein menschlich im Gegensatz des Philosophen, des Herrschers, des Reichen, oder jener affektierten Kunstmenschen erschien, die ihren nachgemachten Enthusiasmus nur von Horensagen haben, und diesen Bildungstrieb nie anerkennen und verstehen wollen, der sich doch als Erdboden, Wasser und Luft der eigentlichen Kunst unterlegen muss, damit ihr Keimen und Wachstum moglich sei."

"Du wendest diesen Gedanken", sagte Elsheim, "der mir nicht fremd ist, auf eine neue Art."

"So schien es mir", fuhr Leonhard fort, "dass alles Leere verkleidet, alles, was das blosse Bedurfnis ausdruckt, verwandelt, und die blosse Notwendigkeit daran so verschwiegen werden musse, als sei sie bloss des Zierates wegen da. Aus den Beobachtungen im Leben setzte ich mir auch fruh eine Art von Theorie zusammen, die diese Vorliebe erklaren und rechtfertigen sollte. Die gerade Linie, weil sie immer den kurzesten Weg geht, weil sie so scharf und bestimmt ist, schien mir das Bedurfnis, die erste prosaische Grundbasis des Lebens auszudrucken; die krumme, die als Zirkel, Ellipse, im Bogenausschnitt und in unendlichen Schwingungen sich bewegen kann, war mir die Unerschopflichkeit des Spieles, der Zier, der sanften Liebe, die sich um den strengen, murrischen und melancholischen Gatten in allen erdenklichen Umarmungen windet und ihn trostend und liebkosend umschliesst."

"Fahre fort, mein Freund", sagte Elsheim, "ich bin begierig, wie du endigen wirst."

"Die Baukunst", sagte Leonhard, "deren eigentliches Wesen in diesen geraden Linien und Ecken zu bestehen scheint, gefallt sich doch auch in kuhngeschwungenen Bogen und gewolbten Kuppeln: so das Coliseum und Pantheon, sowie die ungeheure Peterskirche. Aber die herrliche altdeutsche Baukunst in den Wunderwerken zu Strassburg, Koln und Wien hat am liebevollsten und innigsten diesem Triebe gehuldigt, und das innere Wesen dieser Gebaude ist Lieblichkeit, so dass es nur neuern Zeiten moglich war, hier Schauer, trube Melancholie und Lebensuberdruss aufzufinden."

"Ja wohl", sagte der Freund, "wir konnen den neuesten Bemuhungen edler Deutschen nicht dankbar genug sein, die uns diesen lange missverstandenen lieblichen Traum wieder auf die rechte Art zu deuten suchen. Dergleichen bereichert den Menschen wahrhaft, und so kann auch manche versunken geglaubte Atlantis unsers Gemuts wiederentdeckt werden. Nur scheinst du mir den Tischler aus den Augen zu verlieren."

"Doch nicht so ganz", erwiderte Leonhard, "denn alles trifft hier ebenso zu, nur in kleineren Verhaltnissen. Haben wir nicht selbst die Chorstuhle in der alten Kirche unserer Geburtsstadt bewundern mussen, die noch von katholischer Zeit her dort stehen? Wie fest, wie bequem, wie schon geschwungen, mit welcher Fulle von Laub, Fruchten und Figuren verziert! Wie manches wunderwurdige Treppengelander habe ich in alten Reichsstadten, auf Rathausern und bei Vornehmen gesehen: und wie manche Arbeit dieser Art, auch kunstreiche Balustraden in Stein habe ich aus Laune oder augenblicklicher Bequemlichkeit, weil sich die Stangen zu einer armseligen Illumination nicht gleich fugen konnten, wegbrechen und vernichten sehn, ohne dass es nur irgend jemand bedauerte, sondern alle die neue gerade Linie viel schoner und anstandiger fanden, so dass ich uber diesen Hussitensinn und die bildersturmende Roheit unserer Tage Tranen hatte vergiessen mogen."

"Dieser jakobinische Zerstorungssinn", sagte der Edelmann, "hat sich freilich unserer Zeit ubermassig bemachtigt, und hangt genau mit einer gewissen Aufklarung und unbedingten Verfechtung des Burgerstandes zusammen. Wir reissen Monumente der Ehre unsers Vaterlandes ein, und bauen mit selbstgefalligem Lacheln Kartenhauserchen an die Stelle. Der Schwank von jenem Affen, der an des Malers Buffalmacco Stelle auf seine Weise malte, wenn jener sich entfernt hatte, und mit seinem Werke sehr zufrieden schien, ist die Kunstgeschichte unserer Tage."

"Diese Verwandtschaft zur Kunst", fuhr Leonhard fort, "ohne doch Kunst sein zu wollen, war es, was mich zu meinem Handwerke zog; ich legte mich daher mit unermudlichem Eifer auf das Zeichnen, und glaube darin auch nicht ungeschickt geblieben zu sein. Immer schwebten mir edle und wohlgefallige Figuren von Tischen und Sesseln vor, und ich suchte im Sinn unserer Vorfahren entweder mit Blumen und Laubgewinden, oder mit leichten Figuren, die an die Arabeske grenzten, die harte gerade Linie und das Vierkantige zu verkleiden. Es ergotzte mich unendlich die Kunst der Lackierer zu lernen, und weiss, himmelblau, rotlich und alle Farben recht rein und dauernd hervorzubringen; noch mehr erfreute mich die Vergoldung, wodurch Frohsinn und Heiterkeit wie von selbst in unser Leben hineinlacht. Die Politur der Holzer war mir ebenso wichtig, jede Baumart wurde mir eine liebe Bekanntschaft, die ich wie einen Freund mit seinen Eigenheiten und Vorzugen behandelte, die schone Pappel, die sich wie in Silber oder weissen Atlas verwandeln lasst, der rotliche Pflaumen- oder dunkle Nussbaum, das gediegene, reichaderige Eichenholz, die weiche Else; die Geschicklichkeit, den Maser bunt und sonderbar anzubringen, oder mit dem fremden Ebenholz fein und zierlich einzufassen und zu umlegen: alle diese Dinge wandte ich in meiner Phantasie hin und her, und mit inniger Freude erinnere ich mich alterer Mobilien, deren ich auch noch einige in fremden Landern gesehen habe, die das Leben des Menschen wirklich mit Lust und Zier umstellten, ihn durch Gold und Farben erheiterten, und in schon geschwungenen Zirkellinien Stuhl, Sessel, Tisch und Schrank, auch ohne Hinsicht des Gebrauchs, zu angenehmen Gegenstanden der Betrachtung machten."

"Ich merke schon, mein Freund", sagte Elsheim, "dass du in deiner Hantierung nur ungern mit dem Zeitalter fortgeschritten bist; aber ich glaube doch nicht, dass du alle jene Schnorkel und krummen Linien, die man sonst auf die geschmackloseste Weise an Tischen oder andern Gegenstanden angebracht, wirst rechtfertigen wollen?"

"Gewiss nicht", sagte Leonhard, "denn aus dem richtigen Gefuhl war durch Ubertreibung in einer gewissen Zeit etwas Unsinniges gemacht worden. Besonders hatten die Franzosen ein Muschel- und Schnorkelwesen aus lauter willkurlich geworfenen Bogen- und Zirkelschnitten gemacht, in welchen weder gerade Linie noch Brauchbarkeit sichtbar blieben. Diese Dinge gehoren in die Reihe jener Buchdruckerstocke, die um eine gewisse Zeit Mode waren, uber die man, wenn man sie genau betrachten wollte, verruckt werden mochte, wie uns denn alles ganz Willkurliche, Unzusammenhangende, Unzweckmassige diese Empfindung erregt; es ist das, was wir das Abgeschmackte nennen mussen, weil es geradezu dem Geschmack entgegensteht und ihn auf immer unmoglich macht, der Nicht- oder Ungeschmack sich aber noch immer erziehen und bilden lasst. Dieser letzte aber ist es, der uns von England aus in unsern Bedurfnissen des Lebens immer mehr und mehr uberschleicht, eine Art von Puritanismus, die geradezu alle Zier, alles, was nicht strenge Notdurft ist, als Ketzerei ansieht. Es tut mir weh, diese reinkantigen, schroffen, wie aus Erz und Eisen gegossenen Formen arbeiten zu mussen, die um so mehr gefallen, je gerader und strenger die Linien sind, so dass wahrscheinlich kunstreichere Nachkommen einmal diese vollendete Barbarei einer Zeit mit Verwunderung betrachten werden, die so viel und zu viel uber Kunst gesprochen hat. Dazu das traurigmontone und dunkle Mahagoniholz, das nur im nachsten Blick Goldaderchen oder Schimmer entdeckt, dessen Wirkung im allgemeinen aber immer trubselig ist. Nun vergleiche man mit unbefangenen Sinnen ein Zimmer von heutzutage mit einem jetzt altfrankisch genannten. Im ersten die kahlen Kalkwande mit einer Malerei, die freilich oft Pratension genug macht, ein paar grosse Spiegel mit finstern Rahmen, ohne Figur und Zier, ebenso Tische und Stuhle, alles hart, herbe und kunstlos. Dagegen versetze man sich in ein geschmucktes Zimmer, wie es vordem gebrauchlich war, die Wande mit rotem Damast, oder gelber und blauer Seide bekleidet, von goldnen Leisten eingefasst, der heiterste und behaglichste Anblick, alle Sessel und Schranke von hellem Glanz und kunstreicher Arbeit, mit vergoldeten schon geschnitzten Figuren; wo man Schlosser oder Erzarbeit wahrnimmt, ist alles auch in Gestalt, Laub, Blume aufgelost; wohin das Auge sich nur wendet, lachelt die Kunst entgegen. Die hochst unbequemen Ruhebetten, die ich fertigen muss, und die immer unfertig aussehen, noch mehr die Sekretare, wie man sie nennt, oder Schreibe-Bureaus, notigen mir mit ihrem Mangel an Verhaltnis, und kleinen Spiegeln und Saulen, oder abgeschmackten Grotten inwendig, oft ein Lacheln ab, und in dieser Hinsicht ist mein Schicksal dem des Magisters nicht unahnlich, dass ich mit meinem Geschmack auch um funfzig oder siebenzig Jahre zu spat komme."

"Man fangt ja jetzt wieder an", sagte Elsheim, "das Gold bei bronzierten Sachen anzubringen."

"Ja", antwortete Leonhard, "wieder auf verkehrte Weise, denn Holz soll nun wieder Erz und Bronze nachahmen; und diese Greifenfusse, Sphinxe und dergleichen plump gearbeitete Figuren, die einen grossen Stil haben sollen, sehen eben erst recht barbarisch aus. Die ganze Kunst unserer Tage hat sich in die Topferarbeit Wedgwoods gefluchtet, in der man wirklich angenehme und leichte Formen erfunden und den Alten nachgeahmt hat. Von dem traurigen Porzellan mit seiner Affektation, kostbaren Vergoldung und Malerei, Landschaften und Correggios, und wer weiss was alles, so teuer, dass oft auf einem Ecktisch oder in einem Schrank der Wert von Tausenden enthalten ist, fur die man erfreuliche Kunstwerke haben konnte, mag ich gar nicht sprechen. Hier drangt man Malerei und Kunst einer geringfugigen Materie auf, in der alles kleinlich erscheinen muss, und entfernt vom Metall, dem Silber und Golde alle Anmut, stellt die nackten Formen des Bedurfnisses hin, wo Zier und Schmuck so bedeutend werden kann, um recht darzutun, wie verkehrt wir in allen Dingen geworden sind."

"Du hast mir jetzt vielerlei erzahlt, mein Freund", sagte der Baron, "aber wie verbindest du denn in deinem eigenen Leben so manchen phantastischen Hang, wie z.B. den, der dich einmal fast uberwaltigte, Schauspieler zu werden, mit diesem soliden Streben, mit deiner Burgerlichkeit, mit deiner Grundlichkeit und Ruhe?"

Nach einigem Nachdenken antwortete der junge Meister: "Ich glaube, dass alle, oder doch die meisten Menschen aus Widerspruchen zusammengesetzt sind; diese nun auf gelinde, gewissermassen kunstreiche Art zu losen, ist die Aufgabe des Lebens. Gewaltsame Leidenschaften, erschreckendes Ungluck, tolle Ausschweifung, sind wohl sehr oft Mangel an Geschick und Kunstsinn zu nennen. Ist es nicht wieder in anderer Gestalt die gebildete Vereinigung der geraden und krummen Linie, der notwendige Zierat, der dem nackten Leben zur schmuckenden Umkleidung gegeben wird? Was sich zu widersprechen scheint, vereinigt sich gelinde und schon, gerade das, was uberflussig und unvernunftig aussieht, ist es, was dem Wahren, Festen und Richtigen Gehalt und Schonheit gibt. Vielleicht sind wir, gegen unsere Vorfahren gehalten, hierin ebenso zuruck, wie im Hausrat, wenngleich mancher unter uns mit jenen Buchdruckerstocken oder Schnorkelfiguren zu vergleichen ist, welche die geschweifte Linie gleichsam toll gemacht hat. Die Ausschweifung an sich selbst soll nicht dasein durfen."

"Lieber Freund", sagte Elsheim, "du scheinst mir da einen ebenso sonderbaren als wahren Gedanken ausgesprochen zu haben, der mir vieles in ein verstandliches Licht ruckt, was sich mir oft als Ratsel hat aufdrangen wollen."

Es war ein heisser Tag geworden, und beide Reisenden sehnten sich nach Erquickung. "Haben wir noch weit zur Station?" fragte Elsheim den Fuhrmann, "und treffen wir dort ein gutes Wirtshaus?" Der junge Mensch wandte vom Bock sein freundliches Gesicht in den Wagen hinein und sagte: "Dort hinter dem Walde kommt das Stadtchen schon hervor, und der Gasthof ist der beste von der Welt; die Wirtin besonders ist ein wahrer Engel, durch sie wird der Mann reich, denn alle Fuhrleute kehren seitdem in der goldnen Traube ein, so dass das Haus weit im Lande beruhmt ist."

Schon befanden sie sich unter einem hohen Lindengange, der in das Stadtchen fuhrte, das heiter aussah und ziemlich volkreich war. Sie hielten vor einem grossen Hause, und da beide Freunde es liebten, auf einige Stunden unter den ubrigen Gasten verschiedener Stande zuzubringen, so begaben sie sich unten in das grosse Wirtszimmer. Eine schon bejahrte Frau schoss ihnen in ubertriebener Hast mit schreiender Stimme entgegen: "Wollen Sie sich's bequem machen, meine Herren?" und da sie sah, dass die Fremden wie scheu zuruckfuhren, sagte sie milder und gesetzt: "Wenn Sie kein eigenes Zimmer befehlen, Ihr Gnaden, so sein Sie nur so gut, hier hereinzuspazieren." Beide Freunde verwunderten sich stillschweigend, dass diese Figur dieselbe Wirtin sein sollte, die ihr Fuhrmann ihnen als Engel bezeichnet hatte. Sie fanden in dem grossen Saale verschiedenartige Menschen. In der Nahe der Kuche sass der korpulente und phlegmatische Wirt und verzehrte sein Mittagsessen, ohne sich um seine Gaste zu bekummern; nicht weit von ihm waren zwei Manner, die Geistliche zu sein schienen, in den Zeitungen und politischen Gesprachen daruber vertieft, diese hatten nur Wein vor sich stehen; an einem grossen Tisch fiel eine bunte Gesellschaft in die Augen, einige Weiber und Madchen, mit Bandern und Seide auf unpassende Art geschmuckt, und einige Manner dazwischen, in abgetragenen Kleidern, alle sehr larmend und heftig begehrend, welche, wie man nachher erfuhr, eine Gesellschaft von reisenden Schauspielern waren; ganz einsam in eine Ecke gekrummt, sass ein Jude, der still sein kleines Fruhstuck verzehrte, und auf alle Gegenwartige ein wachsames Auge hatte; die ubrigen im Zimmer waren jungere und altere Fuhrleute und Karrner. Elsheim bestellte ein Mittagsessen und Wein, und mit der grossten Schnelligkeit liess die Wirtin das weisseste Tischzeug auf einen kleinen Tisch legen, den sie so zu stellen wusste, dass niemand im Saal den beiden Reisenden beschwerlich fallen konnte; von einer reinlichen Magd wurde sauberes Fayencegeschirr und blanke Glaser, nebst Silberzeug hingelegt, und bald erschien die Suppe. Die Wirtin wurde zu den Schauspielern gerufen, wo sich ein lauter Streit uber den Anteil erhoben hatte, den die Mitglieder an der Rechnung haben wollten, oder zu haben leugneten; ihre durchdringende Stimme, Uberredung und einiger Scherz wusste bald die Ruhe wiederherzustellen. Ein stiller Blick des Juden lud sie ein, sie ging in seine Ecke, stellte sich nahe zu ihm und rechnete heimlich mit ihm. Er schien zufrieden, und zog ohne Widerrede ein ledernes Beutelchen, bezahlte sie, sie dankte ihm freundlich, und geleitete ihn, so wenig er auch verzehrt hatte, bis zur Tur hinaus, offenbar in der guten Absicht, ihn vor den Spassen oder Angriffen der rohen Fuhrmannsbursche sicherzustellen. Unsern beiden Freunden entging diese Behendigkeit und Vielseitigkeit nicht, und sie teilten sich heimlich ihre Bemerkungen uber die Menschenkenntnis der Frau, sowie uber die Ordnung des Hauses mit. Indem sass sie wieder bei einem alten verdrusslichen Fuhrmann, dem sie zartlich die runzlichten Wangen streichelte, und unter Erzahlungen von der Vortrefflichkeit seiner verstorbenen Frau die Rechnung mit ihm ins reine brachte. Dann kam sie zu einem jungen Burschen, der, weil er vielleicht im Hause noch fremd war und die Weise der Frau nicht kennen mochte, sich, indem sie ihn ebenfalls freundlich anfasste, Freiheiten nehmen wollte, aber auch mit der grossten Schnelligkeit eine nicht unsanfte Ohrfeige empfing, woruber alle Anwesenden, hauptsachlich des Barons junger Fuhrmann, ein lautes Gelachter aufschlugen. Dieselbe Frau, indem sie jetzt von einem andern Karrner, der an der Reihe zu sein schien, herbeigewinkt ward, anderte jetzt ihre stille Weise mit diesem Zanker und fing ein solches Geschrei an, dass man meinte, es musse zu Gewalttatigkeiten kommen; so laut die Stimme des Mannes war, so ubertonte sie ihn doch; so grob und anzuglich seine Ausdrucke lauteten, so hatte sie doch noch grobere und beissendere in Bereitschaft, so dass er endlich beschamt und grimmig bezahlte, was sie verlangte. Mit der ruhigsten Art setzte sie sich nun zu den Geistlichen nieder, und nahm, da sie ihr bekannt schienen, alsbald an ihrem Gesprache teil und bedauerte, dass es manchmal im gemeinschaftlichen Zimmer dergleichen Storungen geben musse. Die Suppe war verzehrt, und mit einer anstandigen Verbeugung nahm sie unsern Fremden die Teller weg und trug sie in die Kuche, um ihnen eine andere Speise zu senden. "Ein Kapitalweib!" sagte der grimmige Fuhrmann zu einem andern, indem sie hinausgingen, "sie macht doch auch die Rechnung nie um einen Groschen hoher, um sich abhandeln zu lassen, ob sie gleich meine Art wohl kennt, wie es alle die andern dummen Weiber in den ubrigen Gasthofen machen." Die Frau kam zuruck und fragte, wie den Herrn der Wein vorkame, und freute sich, da sie ihn loben horte. Bei aller dieser Tatigkeit, dem vielfachen Getummel und Geschrei sass der Wirt indes fast unbeweglich in seinem ledernen Stuhl, ohne die Augen von seiner Schussel oder seinem Glase aufzuheben.

"Deutschland", sagte Elsheim, "ist vielleicht das einzige Land, wo in mancherlei Gewerben die Frau so oft den mussigen Mann ernahren muss." Sie wollten dieses Gesprach eben fortsetzen, als sie durch eine sonderbare Erscheinung unterbrochen wurden, die ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Stolpernd und schreiend trat eine grosse Figur herein, ein ziemlich starker Mann, in grunem Rock und Weste, beide mit schmalen Tressen besetzt, mit grossen Stiefeln angetan; er trug einen Zopf und zwei Locken im frisierten Haar, von welchem man nicht unterscheiden konnte, ob es vom Puder oder von Natur weiss sei; sein Gesicht war rot und aufgelaufen, das Haupt bedeckte ein kleiner dreieckiger Hut. Mit lautem Freudengeschrei bewillkommte ihn sogleich die Wirtin: "Ei! bester Herr Wassermann, sind Sie schon zuruck?" "Ja, Alte", schrie der Fremde, und gab ihr einen starken Schlag auf den Rucken: "ei" indem er sich gegen die Schauspieler wandte "da treff ich ja das lustige Gesindel auch wieder! Gelt, liebes Volk, wir sind neulich vergnugt gewesen?" Alle antworteten dem frohlichen Herrn nur, wie sie ihn nannten, mit einem lauten Gelachter, er aber riss die Ture schon wieder auf und schrie hinaus: "Nur hier herein! hier herein! meine Freunde!" worauf eine Bande Bergmusikanten in das Zimmer brach. "Nicht wahr, meine Herren", wandte er sich an die Gesellschaft, "wir lassen eins aufmachen? und wenn Sie es auch nicht mogen, so bin ich wohl Manns genug, allein zu bezahlen! Komm, Dicke" (indem er die Wirtin unter den Arm fasste); "und nun einen Walzer! aber lustig!"

Sogleich bewegte sich bei betaubender Musik der Wirrwarr aus allen Ecken und drehte sich durch den Umfang des Saales; der frohliche Herr tanzte mit der Wirtin vor, die Komodianten flogen sich in die Arme, einige Madchen, die ubrigblieben, winkten die jungsten der Fuhrleute herbei, und unter Schreien, Stampfen, Handeklatschen und Gelachter walzte sich der Tumult immer wilder und wilder; doch wusste es die Wirtin so geschickt zu machen, dass keiner ihrer Gaste, am wenigsten unsere Reisenden die sie als die Vornehmsten behandelte, gestort wurden; aber das Springen und die Schnelligkeit des Walzers wurde so heftig, dass sie bald das Tuch vom Kopf verlor, und jetzt mit aufgelostem Haar einem wilden Gespenste in toller Bewegung glich. Indem sich der Alte einmal umdrehte, rannte sie, die durch das Schiebefenster in der Kuche eine Unordnung bemerkt hatte, in diese hinein, stiess und schalt die Magde am Feuer zurecht, kam zuruck, setzte ihren Kopfputz wieder auf, und bald hatten die Wut und der larmende Tanz ihr Ende erreicht. Sie setzte sich wieder zu den Geistlichen nieder, um in aller Ehrbarkeit weiter am Gesprach teilzunehmen, und der Fremde nahm seinen kleinen Hut ab, um sich den Schweiss abzutrocknen. "Es macht warm, meine Herren", sagte er keuchend, indem er sich zu Elsheim und Leonhard wandte, "aber so unvermutet und plotzlich macht es auch das grosste Vergnugen. Wenige Menschen, dem Himmel sei's geklagt, wissen das Lebens zu geniessen und die Freude gleichsam im Fluge zu haschen; wohin ich gekommen bin, bin ich noch immer an Geist und Munterkeit der Jungste gewesen; denn unsere jetzige Jugend ist, wo man nur hinsieht, trubsinnig und schwerfallig, und ich muss, wie ein alter Anakreon, die Bursche beschamen."

Es wurde dem Baron sehr schwer, nicht laut aufzulachen, aber dennoch bezwang er sich und sagte: "Gewiss, waren alle Menschen von Ihrer Frohlichkeit, so wurde das Leben noch einmal so leicht und anmutig sein."

"Wer zweifelt daran?" erwiderte jener, und setzte sich, ohne zu fragen, nahe zu den beiden Freunden nieder, so dass Leonhard, dem der Mensch verhasst war, etwas von der Seite ruckte. "Inkommodieren Sie sich nicht", rief der Tanzer, "ich sitze schon gut hier, ich habe Platz genug."

Es ergotzte den Baron, seinen Freund in dieser verdrusslichen Stimmung zu sehn, er wandte sich daher zum Fremden und sagte: "Sind Sie aber zu allen Zeiten so vergnugten Humors?" "Fast immer", erwiderte jener mit Selbstzufriedenheit, "nichts ist mir widerwartiger als Kopfhangen und Kalmauserei, oder das duckmauserische Pietisten- und Herrnhuterwesen; in meinem Hause muss alles alert sein, ich schreie vom fruhen Morgen, was ich aus der Kehle bringen mag, und da ich selten zu Hause ganz meine Lust bussen kann, so besuche ich Freunde, die ebenso heiter sind, als ich, und regelmassig treffen wir des Abends im Wirtshause zusammen. Herr, ich versichere Sie, unser Brullen, Singen und Schreien hort man oft uber das ganze Stadtchen weg, und jedes Kind weiss davon zu erzahlen, was ich fur ein lustiger Mann bin."

"Wie glucklich sind Sie", sagte der Edelmann, "ein solcher Humor ist ein unschatzbares Kleinod, und ich wollte nur, Sie konnten meinem jungen Freunde etwas von Ihrem Lebensmute mitteilen, der, wie Sie wohl bemerken werden, an der Melancholie leidet."

Wassermann packte gewaltsam des jungen Tischlers Hand, schuttelte sie kraftig und sagte: "Ach! was da! was da! wer wollte melancholisch sein, solange einem Essen und Trinken schmeckt und man nur halbweg gesund ist." Leonhard wurde immer mehr verstimmt, aber der Baron fuhr fort: "Ja, Herr Wassermann (denn so heissen Sie, wie ich gehort habe), es gibt aber doch Leiden, die, ohngeachtet aller Lebensphilosophie, in der Sie sehr stark zu sein scheinen, das Herz zu sehr angreifen, zum Beispiel, die Leiden einer unglucklichen Liebe, an welchen mein Freund eben ohne Hoffnung darniederliegt."

"Das ist ja eben zum Totlachen", sagte die widerwartige Figur; "die Liebe ist auch eine neuerfundene Modekrankheit. Dass man die Weibsen gerne hat, ist wohl sehr naturlich, und wo ich nur hinkomme, bin ich in alt und jung, in schon und hasslich verliebt. Ihr wisst auch davon zu sagen, lustiges Gesindel!" schrie er zu dem weiblichen Teil der Schauspielergesellschaft hinuber. "Aber, meine Herren, sich gramen, seufzen, krank werden, ist eines Mannes unwurdig, und davon weiss ein anakreontischer Liebhaber nichts. Ich bin Brautigam gewesen, ich war verheiratet, aber ich blieb einen Tag wie alle Tage. Ja, meine Herren, ich bin jetzt wieder mit einem recht schonen Madchen, das zwar nicht so ganz jung mehr ist, versprochen, aber ich ware wohl ein Narr, wenn mir nicht unterweges auch andere gefielen; nein, nichts gereut einen in spateren Jahren so sehr, als ein Kuss, den man nicht appliziert hat, wenn sich die Gelegenheit dazu anbot." Mit diesen Worten sprang er auf, kusste erst die Wirtin und dann die ubrigen Frauenzimmer nach der Reihe, ohne die Magde zu ubergehen, die das Zimmer aufzuraumen hereingetreten waren, dann lief er hinaus, um nach seinem Reitpferde zu sehen.

"Ein gottloser Mensch", nahm die Wirtin das Wort, "er kommt jetzt mit einer ansehnlichen Erbschaft zuruck, die ihm ein Vetter auf seinem Sterbebette vermacht hat. Dadurch ist sein eigenes Vermogen um so grosser; und je wohlhabender er wird je toller wird er auch."

"Wer ist denn der Unhold?" fragte Leonhard heftig, "wo hat er denn seine Scharfrichterei? und welches weibliche Wesen kann denn so ganz ohne Empfindung sein, sich mit einem Tollhausler zu verbinden?"

"Ei, bewahre, Ihr Gnaden!" sagte die Wirtin scheu, indem sie sich etwas zurucksetzte: "behute Gott, dass Herr Wassermann das horen sollte! Er ist ein reicher Mann aus dem Wurzburgischen, wo er viele Weinberge hat; sein meister Handel ist auch mit Wein, darum bereist er oft diese Gegend. Und warum sollte denn auch ein Frauenzimmer, wenn sie nur irgend solide denkt, einen ehrlichen wohlhabenden Mann nicht heiraten konnen? Sie soll arm sein, er hat keine Kinder, und so kommt sie gleich in einen guten Hausstand. Ei! ei! freilich sind das wohl so von den melancholischen Reden, wie der gnadige Herr hier vorhin zu sagen beliebten."

Indem kam Wassermann larmend wieder hereingetreten, er stellte sich vor Leonhard hin, ruckte den Hut ein wenig und sagte: "Herr Patron! sollten Sie vielleicht einmal in das Wurzburgische Stadtchen kommen" (indem er den Namen nannte), "so bitte ich es mir aus, dass Sie bei mir einsprechen, und der Teufel soll mich holen, wenn ich Sie nicht von aller Liebe und Melancholie kuriere." Da Elsheim sah, dass der verstimmte Leonhard im Begriff sei, loszubrechen, hielt er es fur Zeit, den Spass zu endigen, indem er dem Schreier die Hand gab und sagte: "Ich hoffe, mein lebensfroher Herr Wassermann, dass wir uns in diesem Leben nicht zum letzten Male gesehen haben." Er berichtigte schnell die Rechnung, und stieg mit Leonhard wieder in den Wagen, da der junge Fuhrmann sie schon eine Weile erwartet hatte.

"Ich kenne dich nicht wieder", fing der Baron an, als sie die Stadt hinter sich hatten, "diese krankliche Verwundbarkeit habe ich noch niemals an dir bemerkt. Wie hat dich ein solcher Narr nur verletzen konnen?"

"Mein Freund", antwortete Leonhard, "diese heftige Verstimmung mag seltsam und unnaturlich scheinen, aber dieses Wesen hat mich von neuem darin bestatigt, das zu glauben und dem zu folgen, was man sonst Sympathie und Antipathie genannt hat. Sowie dieser Mensch nur zur Tur hereintrat, fuhlte ich einen gewissen Hass in meinem Busen sich regen, den ich nicht bemeistern konnte. Zuletzt uberwaltigte mich der Gedanke, wie vielleicht ein armes, hulfloses Madchen, von Eltern und Verwandten besturmt, um sich nur vor den nachsten Blutsfreunden (ja wohl, die nach ihrem Blute lustern sind) Ruhe zu schaffen, sich einem solchen Wuterich aufopfert, um eine lange qualvolle Lebenszeit hindurch zu bereuen, dass sie in einer Viertelstunde schwach genug war, ihre Einwilligung zu geben."

"Die Braut", sagte Elsheim, "soll aber uber die erste Jugend hinuber sein, so dass dies nicht zu besorgen steht."

"Immer schwebt mir doch", fuhr Leonhard fort, "das grassliche Bild solcher Ehe vor Augen, was von den meisten Menschen auf Erden so genannt wird. Jenes furchterliche Verhaltnis ohne Liebe und Achtung, und aus welchem auch die letzte Spur von Heiligkeit verschwunden ist, gegen welches mir jenes der Orientalen mit ihren Sklavinnen als ehrwurdig und unschuldig erscheint. Ist es schon traurig genug, dass Liebe und gegenseitige Leidenschaft nicht immer zum Glucke fuhren, so ist es gegenuber wahrhaft furchterlich, dass Staat und Religion ein gegenseitiges Ermorden sanktionieren konnen."

"Wenn ich dir auch recht gebe, wie ich muss", sagte Elsheim, "so wirst du mir, trotz deines Eifers, nicht angeben konnen, wie es denn sein musste, um besser zu werden, wenn wir nicht geradezu die treffliche goldne Zeit, oder das belobte tausendjahrige Reich herbeirufen wollen. Gewinnt dir denn aber dieser neue liebe Anakreon und seine Lebensphilosophie kein Lachen ab?"

"Ich vermag es nicht", sagte der junge Meister vollig verstimmt, "denn ich furchte, dass das, was uns hier als Karikatur erschienen ist, nur das wahre Bild eines grossen Teils der Welt sei. Mir war es, als wurde dieser Abgesandte ihrer Trubsal, Nichtigkeit und Niedrigkeit umhergeschickt, um recht zu verkundigen, wie verderbt und armselig sie sei, und statt zu lachen, waren mir in diesem grasslichen Getummel und den springenden Larven und Gespenstern die Tranen fast aus den Augen gebrochen."

"O so bist du ja unheilbar", sagte der Baron nicht ohne Lachen, "ich sehe, dass du Anlage zur Hypochondrie hast; immer hat es solche missverstandene Phrasen in lebendiger Figur gegeben, und die Erde ware ohne diese grellen Toren viel armer und dunkler. Ich hoffe also, du nimmst seine freundliche Einladung an, ihn zu besuchen, damit er dich von deiner Melancholie heile." Er wandte sich zu seinem jungen Kutscher und sagte: "Ihr habt recht gehabt, mit der Wirtin im Hause, sie ist eins der liebenswurdigsten Weiber, die ich noch gesehen habe."

"Sagt ich's nicht vorher", rief der junge Mensch erfreut aus: "Ihr Gnaden glauben nicht, was das fur eine grosse Kunst ist, mit so vielen Menschen tagtaglich umzugehen und es allen recht zu machen. Alle Karrner und Fuhrleute aus dem Reich kennen sie auch, und machen lieber eine Meile mehr, um nur in diesem Hause auszuspannen, und diese Art Leute, die taglich und immer mit vielen Pferden kommen und selber viel verzehren, sind fur einen Gasthof die eintraglichsten. Wenige Menschen wissen auch mit ihnen recht umzugehen, der eine will lachen, der andere schwatzen, der dritte klagt gerne, noch ein anderer ist nur froh im Zank und wenn man ihm grob begegnet, und mit allen trifft sie es genau, verabsaumt keinen und zieht keinen vor, ist allenthalben wie durch ein Wunderwerk, schiesst zugleich durch Kuche, Keller und Boden umher wie ein Drache; mit einem Wort, sie ist ein Engel von Frau, und ohne sie wurde der gute dicke Melchior verhungern mussen."

Die Freunde sassen eine Zeitlang stumm nebeneinander, denn Leonhard war verstimmt, und Elsheim wusste nicht recht, wie er den Faden der Unterhaltung anknupfen, oder welchen Gegenstand er beruhren solle, um die Misslaune seines Gefahrten nicht zu vermehren. Endlich sagte er: "Du hast dich nun, mein lieber Jugendfreund, und hoffentlich auch Freund meines Alters, meinen Bitten und meiner Liebe gefugt, dass du mich nie anders als mit dem vertraulichen Du anredest; ich hoffe, dass du es auch nie, und in keiner Gesellschaft unterlassest, und du wurdest mich empfindlich kranken, wenn du es je wieder aus der Acht liessest."

"Du willst es", sagte Leonhard, "und es sei also. Aber die Deinigen, deine Gaste, so wie alle Fremden dort, werden diese, nach den hergebrachten Meinungen der Welt, ein solches Verhaltnis nicht unbegreiflich finden?"

"Sie sind von mir das Ungewohnte gewohnt", antwortete Elsheim: "auch siehst du, dass ich keinen Bedienten mit mir genommen habe, damit wir unterweges um so freier sein konnen, und so hindert dich und mich auch nichts, dich dort bei mir als Baron Professor, Architekten, reisenden Maler, oder was du sonst willst, vorzustellen."

Leonhard schwieg erst ein Weilchen still, um seine ganze Empfindlichkeit zu sammeln, dann brach er los: "Fruher hattest du es mir sagen sollen, dass du dich in deinem erlauchten Zirkel schamst, mich als deinen Freund und den aufzufuhren, der ich wirklich bin, so war ich dir nicht vergeblich bis hierher gefolgt, und wir beide hatten nicht notig gehabt, eine Rolle zu ubernehmen, die unserer unwurdig ist. Es ist aber doch noch gut, dass du mir die Entdeckung zeitig genug gemacht hast, um umkehren zu konnen, und kunftig werde ich den Warnungen und Vorstellungen meiner verstandigen Friederike eine bessere Folge leisten."

"Sprich und zurne dich nur aus", sagte Elsheim: "denn endlich ist zur rechten oder unrechten Zeit gesagt, was ich gestern dir zu sagen verabsaumte; das ist doch, beim Licht besehn, mein ganzes Verbrechen; in deiner frohen Laune damals hattest du den Scherz als Scherz betrachtet, und nur gefuhlt, wie sehr ich dich liebe, um dich da draussen unter narrenhaften Menschen recht wahr und ungestort zu besitzen; du wurdest eingesehen haben, dass man das Komodienspielen nicht besser einleiten kann, als wenn man gleich in einer Rolle auftritt; dann ware es dir wohl etwas nahergeruckt, dass es keine so ungeheure Forderung sei, dem Freunde dies kleine Opfer zu bringen, der, wenn es die Gelegenheit fordert, sich mit dem grossten nicht wird saumselig finden lassen; und mit einem Wort, mein Geliebter, du warst in deiner Ansicht jugendlich gewesen, und es hatte dir nicht so widerwartig gedunkt, mit den Weisen weise, und mit den Torichten toricht zu sein."

Leonhard konnte sich nicht enthalten, seinem Freunde die Hand zu geben, doch fugte er hinzu: "Alles zugegeben und vorausgesetzt, dass ich mich deiner Laune fuge, wer steht mir denn dafur, dass diese Maskerade sich nicht mit meiner Erniedrigung endigen wird? Dir ist es bequem, wenn ich mich fuge, aber wie soll ich mit meinen bessern Gefuhlen die Rechnung abschliessen?"

"Liebster Freund", sagte der Baron, "lass uns aufrichtig zu Werke gehn. Ist es dir auf deinen Reisen, oder auch sonst nie begegnet, dass man dich in deiner guten Kleidung, mit deinem feinen Anstand in irgendeiner offentlichen Gesellschaft fur etwas genommen hat, was man so im Leben etwas Hoheres nennt, und hat dir dieses Gefuhl noch kein einzigesmal wohlgetan, hast du die Tauschung auch kein einzigesmal stillschweigend oder mit freigebigerm Bezahlen und herrschenderm Ton befordert? Hast du sie jedesmal vorsatzlich zerstort? Ich kann von mir dergleichen nicht ruhmen, auch weiss ich nicht einmal, ob es etwas Besseres sei, was wir taglich ausuben, dass wir unter Unbekannten fur vortrefflicher und weiser gelten wollen, als wir unserm Bewusstsein nach sind. Wir kommen an, ich gebe dich fur gar nichts aus, ich nenne dich meinen Freund, der mir in den Einrichtungen des Hauses und des Theaters helfen will: das alles ist die strengste Wahrheit; ich gebe dir keinen fremden Namen und keine Wurde, die dir nicht zukommt, nur fuhre ich dich der Schwachen wegen nicht geradezu als Tischlermeister auf, weil ich hoffe, du bist wirklich immer noch mehr, mein Leonhard, als Schreiner durch diese ganz unschuldige List, wenn wir es noch so nennen wollen, gehst du mit allen frei und wie mit deinesgleichen um, da es eine unbillige Forderung ware, dass jene Fremden sich aus allen ihren anerzogenen, angewohnten und mit ihnen verwachsenen Vorurteilen heraussetzen sollten, um dich als Mensch sich selbst gleichzustellen. Durch diese einzige stumme Nachgiebigkeit vergibst du dir gar nichts, und schenkst mir unendlich viel, indem durch diese Kleinigkeit mir das Leben mit dir dort moglich wird, was mich einzig zu dieser Reise bestimmt hat. Und kame es zum Aussersten, wurde ich dich verlassen, nicht deine Liebe hoher als alle kindische Rucksichten schatzen? Bei der kleinsten Veranlassung, die dich nur beschamen konnte, trete ich fur dich auf, und nehme alle Verantwortung uber mich."

"Wenn alles dies", sagte Leonhard, "auch nur Sophistereien sind, auf die sich noch vieles erwidern liesse, so mag diesmal die Freundschaft fur dich alles uberwiegen und ubertonen. Es mag als Maskerade gelten, die einen unschuldigen Endzweck hat; du wirst auf jeden Fall mir das Zeugnis geben mussen, dass ich mich dir und deinen Masken nicht aufgedrangt habe."

"Wunderlicher Geist", sagte der Baron, "der du noch so jung bist, und einer solchen Kleinigkeit wegen schon so viele Skrupel haben kannst! Und wie lange wird es denn wahren, so sehe ich dich ein grosses Magazin von Mobeln einrichten, Meister unter dir arbeiten, denen du nur Zeichnungen und Bestellungen gibst, und Kommissionsrat, oder wie sonst, heissen; deinem Vermogen nach, und da es der Ton des Tages so mit sich bringt, konntest du das auch gleich tun."

"Das geschieht niemals", rief Leonhard lebhaft aus, "dann erst wurde ich es auf immer bereuen, mich meinem Berufe gewidmet zu haben, wenn ich ein solches totes und totendes Fabrikleben fuhren sollte, wenn mir die Freude am Material, die ich mit meinen tatigen Gehulfen teile, die Lust, das bestimmte Wesen nach und nach immer reiner und ausgebildeter hervortreten zu sehen, das Gefuhl, dass ich als Vater und Lehrer fur meine Mitarbeiter sorge und ihnen weiterhelfe, die Bewegung des Lebens, wenn mir alles das unter den Handen absterben sollte, um so oder so zu heissen, Meister zu drucken, und von ihrer Geschicklichkeit und ihrem Schweisse zu prassen, mich der Tatigkeit zu schamen, und durch die Auslage des Geldes mir ein Recht zu erwerben wahnte, dass ich andere despotisieren und qualen durfe, und so weit ich reichen kann, Leben, Heiterkeit und Wohlstand zerstoren."

"Du siehst es von der finstersten Seite", sagte der Baron, "es hat doch immer mehr den Anschein, dass die Zunfte und alle Einrichtungen, die damit zusammenhangen, eingehen werden."

"Leider", fuhr Leonhard fort, "es gewinnt aber auch immer mehr den Anschein, dass der wahre Burgerstand, der Kern und das Mark aller Staaten, verschwinden muss. Ich will der Willkur nicht einmal gedenken, dass plotzlich Privilegien aufgehoben werden, die der Burger, der allgemeinen Sicherheit vertrauend, hat bezahlen mussen, und fur welche Auslagen, die bedeutend genug sind, ihm vom Staate keine Entschadigung wird; ich will darauf kein Gewicht legen, dass nur dieser Gewahr vertrauend, der Mann seine Jugend und wohl auch ein Kapital eingelegt hat, um geschirmt von vernunftigen und billigen Einschrankungen ein Mitglied dieses geschlossenen Standes zu werden; sondern ich frage nur, ob man denn wirklich bei denen Gewerben, bei denen die fabrikmassige Einrichtung schon lange hat stattfinden konnen, oder in jenen Landern, wo es Fabrikstadte gibt, das Gluck finde, das uns reizen konne, alles umzustossen, um auch dergleichen bei uns zu haben? Statt vieler wohlhabenden Menschen einige reiche Leute und einen Haufen armen, verkummerten und luderlichen Gesindels, immer in der peinigendsten Abhangigkeit von seinem Brotherrn und dessen qualenden und magern Vorschussen, ohne Lebenslust, ohne Fahigkeit, Tugend und Liebe, krankliche Kinder zu erziehen, bei einem ganz mechanischen und seelenlosen Geschafte verdummend, und dadurch angetrieben Genuss, den der Mensch einmal nicht entbehren kann und will, bei schlechten, berauschenden Getranken zu suchen, fruh absterbend, ohne gelebt zu haben, verzweifelnd und sich selbst verachtend zu allen niedrigen Streichen aufgelegt, und nicht fahig, Gluck und Ungluck zu erleben oder zu ertragen. So habe ich viele Hunderte, schlimmer als Sklaven, in beruhmten Fabriken verschmachten sehen, und uber die zunehmende Kultur wie anwachsende Barbarei die Schultern gezuckt, dass wir es in unsern Tabellen fur Gewinn halten, Menschen, die hochsten Staatskrafte aufzuopfern, um die Ware wohlfeiler zu liefern."

Als der Baron lachelnd und unglaubig den Kopf schuttelte, fuhr Leonhard, ohne seinen Eifer dampfen zu lassen, in seiner heftigen Rede so fort: "Ich verlange nicht, dass alles, ohne Ausnahme, auf die alte Weise geschehen soll, auch sind ja Fabriken und die gepriesene Verteilung der Arbeit schon eine alte Erfindung; gewisse unbedeutende Dinge, wie Nadeln, Nagel und dergleichen, konnen nicht schnell und wohlfeil genug geliefert werden; bei vielen scheinbaren Kunstzusammensetzungen hat sich fruh dies Handwerk und die Kunst in eine Fabrikanstalt umgesetzt; und ob selbst dabei der Nutzen so gross ist, dass jetzt jedermann eine schlechte, unbrauchbare Uhr in der Tasche tragen kann, lasse ich dahingestellt sein, da die wahrhaft guten Werke in London und Paris auch jetzt teurer verkauft werden, als nur immer in den ersten Zeiten der Erfindung. Aber weh muss es mir tun, dass der deutsche Handwerker, der sich so schon mehr oder minder dem Kunstler anschloss, der mit den Seinigen und den einheimischen und fremden Gehulfen wahrhaft patriarchalisch lebte, jetzt untergehn und die ehrwurdige Zunft neuen Modeeinrichtungen weichen soll. Mit diesem seelenvollen Leben war eine ganz andere burgerliche Ehre verknupft, als herablassende Vornehme oder Geschaftsleute uns jetzt zuwerfen, oder der jungere Handwerker durch Umtreiben auf Kaffeehausern und leichtfertiges Tavernengeschwatz im halbmodischen Frack sich erringen kann. Und wenn ich nur die philosophische Seite des neuen Systems begreifen konnte. Ohne den Namen finde ich alles in der Welt so umschlossen, und mit Recht. Der Staat lasst mich nicht auf gutes Gluck, und ob ich es vielleicht treffe und Beifall finde, in seine Geschafte pfuschen, weil seine Diener auf Schulen und Universitaten, oder als subalterne Arbeiter ihre Lehrjahre uberstehen mussen, sie werden gepruft, und rucken nur langsam und nach vielfacher Uberlegung in die offenen hohern Stellen ein. Derselbe Fall ist es mit den Geistlichen, sowenig man sie auch von Seiten des Staats wichtig nimmt. Ebenso mit den Schulen und Universitaten, und ich darf nicht abenteuernd herumziehen, und die Bude meines Unterrichts und meiner Vorlesungen aufschlagen wollen. Alle diese Stande legen dem Staate ein Kapital von Zeit, Studien, Arbeit und Lehrjahren ein, und rechnen darauf, in spatern Jahren geschutzt zu werden. Ebenso ist es beim Kaufmann, ja wenn ich mich zur Grundlage des Staats, zum Bauernstande, wende, finde ich dieselbe Beschlossenheit, denn das Grundeigentum ist doch in gewisse bestimmte Guter geteilt, deren Anzahl ebensowenig, wie sonst die der Handwerker in Stadten, uberschritten wird, und der Sohn oder der Fremde muss sich erst vom Knechte zum Bauern hinaufdienen. Die wahren Missbrauche des Zunftwesens, die sich durch die Lange der Zeit eingeschlichen hatten und nicht zu leugnen sind, konnten abgeschafft werden, ohne die ehrwurdige Stiftung selbst, der wir Kunste, Wohlstand und Freiheit zum Teil zu verdanken haben, zu Boden zu reissen. In melancholischen Stimmungen mochte ich aber manchmal glauben, dass wir alle gern einer allgemeinen Knechtschaft entgegengehen, und dass man uns vorpredigt, nur Geld zu erwerben zu suchen, um in Luxus, Ausschweifung und Sklavenhochmut Ketten wie Freiheit verlachen zu konnen."

"Nun, nun", sagte Elsheim, "du fallst ja in den wahren Prophetenton: soll man dich einen Obskuranten oder Revolutionsmann nennen?"

"Weder so noch so", sagte Leonhard, "denn die Menschen, die man wirklich mit Vernunft so nennen kann, sind mir beiderseitig gleich verhasst. Aber ich kann es mir doch nicht ableugnen, dass wir so ziemlich in der Anarchie schon befangen sind, wenn die Menschheit und die Staaten doch aus Standen vereinigt sein sollen. Die Geistlichen waren schon seit lange, erst einer stillen, dann einer offentlichen Proskription ausgesetzt, die Freude uber ihre Besiegung, dieses Staates im Staate (wie man alles nannte, was nicht unmittelbar dem Einen und unbedingt unterworfen war), sprach sich allgemein aus; doch wurde ebenso der Einfluss und die Selbstandigkeit des Adels gebrochen, dem Burgerstand und seiner Beschlossenheit erklarte man aus philosophischen Prinzipien offentlich den Krieg, und den Bauern, die man eigentlich schutzen will, fallt man wenigstens mit einer engherzigen, ebenso albernen als unpassenden Erziehung, und mit einem unnutzen Tabellenwesen zur Last."

"Ja, die Tabellen!" rief der Baron aus, "sie gehoren recht zu den Surrogaten und dem Geiste der Zeit, den die Gesetzgeber sich auch nur in Tabellen stromend vorstellen konnen."

"Seit diese Mode des Bewusstseins", fuhr Leonhard nicht ohne Bitterkeit fort, "die Staateneinrichter wie ein Schnupfen befallen hat, der eigentlich umgekehrt ein dumpfes Unbewusstsein hervorbringt, geschieht ordentlich mit Gewissen und frommer Lust die Zertrummerung der edelsten Uberlieferungen, uber die ein aberglaubisches Schaf, wie ich, das eine Wasserscheu vor diesem Strome der Zeit hat, weinen mochte. Doch, du hast recht, es ziemt mir besser, meinen Sinn von diesen grossen Weltfortschritten abzulenken, und wenn du noch einige Geduld ubrig hast, so mochte ich wohl noch einmal zu meinen Zunften zuruckkehren."

"Sprich dich nur aus", sagte der Edelmann, "der Wagen geht auch ganz sanft im Sande, wir sitzen hier auf unserm eigenen Grund und Boden, und durfen denken, was wir wollen."

"Muss ich nicht wieder", sprach der Meister, "auf meine fruhere Ansicht kommen, an die ich mich so gewohnt habe, dass sie mir bei allen Dingen vorschwebt? Die gerade und die krumme Linie ist es, deren Umspielung oder innige Durchdringung alle Formen hervorbringt. Ist es nicht sonderbar, dass die neuern Gesetzgeber schon seit lange den Menschen als ein Vernunftwesen betrachten, und um so mehr, je mehr er im niedrigern Stande lebt; der ohne Leidenschaften ist, oder die man ihm aberziehen und ihn zu allen vernunftigen Tugenden, des Fleisses, des Gelderwerbes, der unermudlichen Arbeitsamkeit, hinaufbilden soll wo sie etwa fehlen mochten? Die Gesetzgeber behalten sich und ihresgleichen stillschweigend vielen Zeitvertreib und Zeitverderb vor, wovon sie das Anstandigste unter die Rubrik 'Bildung' schieben, die der Gemeinere freilich entraten kann. Die Weisheit der alten Welt aber sah ein, dass Leidenschaften, Torheiten, Spiel, Scherz, Lust und Genuss die Elemente sind, die kampfend und sich verbindend in der Menschheit ringen, und dass die Vernunft nur das Gleichgewicht sein kann, welches dieses unsichtbare Feuer, Luft, Wasser und Erde schwebend tragt, damit eins nicht das andere vernichte; dass Begeisterung zum Guten und Bosen die Sturmwinde sind, die zertrummern und die Atmosphare reinigen, und die hulflose Vernunft an sich selber noch nie etwas in Wirkung und Wirklichkeit hat setzen konnen. Ihr Bestreben war daher nicht, der Menschheit die Menschheit abzugewohnen, sondern sie waren Kinder mit den Kindern, und Toren mit den Toren, und fuhlten wohl, welcher heilige Ernst in dieser Kindlichkeit aus der Tiefe heraufspiele, weil es edler und frommer ist, jeden Trieb in uns auszubilden, als ihn zu vernichten, und dass jenes neumodige Entwohnen, in der keiner seine Lust sattigen und bussen soll, nur zum moralischen Tode und zur kalten Verzweiflung fuhrt. Ihnen waren daher alte uberkommene Spiele, Lieder, Scherz und Trunk, selbst Ausgelassenheit ehrwurdig, und wenn die neuere Welt dergleichen auch nicht so unmittelbar, wie die alte, zum Gottesdienst rechnete, so nahm sie doch alles dieser Art in ihren Schutz. Volksfeste, Aufzuge, Prozessionen, Musik und Tanz offentlich bei feierlichen Gelegenheiten, die Verwandlung des gemeinen Lebens in ein poetisches Schauspiel: alle diese innigsten Bedurfnisse suchte sie zu befriedigen, liess das Bestehende und Uberlieferte, verbesserte, fugte hinzu, erhohte den glanzenden Schein, und edle Greise, Vater des Volks, Geistliche und Fursten hielten es nicht unter ihrer Wurde, ganz mit vollem Herzen in den Jubel einzustimmen, und die gute Vernunft daheim unter alten Reflexionen kramen zu lassen. Denn nicht will der Mensch bloss Mensch sein (sooft dies auch vor einigen Jahren von Aufklarern ist geprediget worden), er will auch nicht bloss nutzlich und erwerbend und Burger sein, sondern zuzeiten etwas anders ausser sich vorstellen. Dieser Trieb, uns ausser uns zu versetzen, ist einer der gewaltigsten und unbezwinglichsten, weil er wohl gerade die tiefste Eigentumlichkeit in uns entbindet. So waren im Kreise des Staats tausend kleinere Kreise die sich in- und durcheinander bewegten, selbststandig spielten und doch dem grossern dienten; an jeden Menschen kam seine Stunde und sein Tag, und ofter im Jahr oder im Monat, wo er, dazu autorisiert, etwas Fremdes vorstellen durfte, und dem Adel, der Geistlichkeit schlossen sich hier schon die Zunfte an, die vielfach in Scherz und Ernst Aufzuge, Spiele, Reprasentationen aller Art, allegorisch oder komisch gaben, oder auch nur zur Verherrlichung ihres Handwerks und des Burgerstandes auftraten. Der Meister konnte Vorsteher seiner Innung und Bruderschaft werden, der Gesell Vortanzer und Vorfechter, Sprecher und Schauspieler, ja bis zum lernenden Burschen hinunter gab es Gelegenheit, dass dieser sich wieder unter seinesgleichen geltend machen durfte. Neu gestarkt, gesunder und lebensfroher kehrte der Mensch dann zu seinem gewohnlichen Beruf zuruck, ja getrostet uber diesen und mit der nahen Aussicht, das Jungbrunnen-Bad bald wieder gebrauchen zu konnen. Bleibt der Stoiker ganz fest auf seinem Standpunkte der Vernunft stehen, oder sagt zur Freude: du bist toll! so kann er doch den Gedanken wenigstens nicht als Luge abweisen, dass dieses Dehnen, Recken und Gahnen der Schlafrigkeit (wofur er dies Torenspiel ausgeben wurde) die Lungen starkt und hebt, und das vollkommene Erwachen wie die Munterkeit befordert."

"Ein medizinischer Statistiker konnte dir auch in deiner Schilderung recht geben", fugte Elsheim hinzu, "wenn er sagte: alle jene unnutzen Zeitvertreibe, ja reelle Narrheiten seien vielleicht notwendig, um aus der Menschheit eine Menge Laster- und Dummheits-Anlagen abzufuhren, damit Weisheit und Tugend Raum gewinnen. Ich gebe dir ohne alle Bedingung recht, und fuge nur noch hinzu, dass wir in neuern Zeiten kaum noch einen Menschen finden, der reprasentieren kann; selbst die Diplomatiker, die es verstehen, werden immer seltner, vom Hochsten bis zum Geringsten tragt jeder eine Art von Scham mit sich herum, dass er noch etwas anders, als ein Mensch sein soll, daher das linkische, verlegene, stotternde Benehmen unserer Grossen; die militarische Haltung in der Uniform und im Dienst ist die einzige, die geblieben ist, und in die sich alle ubrige Reprasentation zuruckgezogen hat."

"Dein Mediziner, den du eben erwahntest", fing Leonhard wieder an, "hat nach meiner Meinung ebenfalls recht, nur mochte ich die Sache etwas anders ausdrucken. Ich glaube in der Tat, dass die Masse der ubertriebenen und krankhaften Eitelkeit unserer Tage, die Sucht, eine lugenhafte Rolle vor der Welt und vor sich zu spielen, dieses Heucheln von susslicher Bildung, unechter Frommigkeit, affektierter Liebe zur Natur und dergleichen mehr, nur moglich geworden ist, seitdem es dem Menschen untersagt ist, eine Rolle von Staats wegen zu spielen, seitdem er so ganz auf die Haushaltung in seinen vier Pfahlen, und auf sein Herz in seinem sogenannten Innern angewiesen ist, denn ich fuhle es, dass der Trieb, sich zu entfliehen, sich selbst fremd zu werden, und als ein anderes Wesen wieder anzutreffen, machtig in uns ist."

"Es ist sonderbar", antwortete der Baron, "dass ein Gesprach, das empfindlich anfangt, gewohnlich auch so fortgefuhrt und geendigt wird, wie man den ganzen Tag hindurch auch in der Warme den Wind spurt, wenn es am Morgen gesturmt hat. Ubrigens hat uns unsere lehrreiche Unterhaltung gehindert, die Schonheit der Gegend zu geniessen, und dort liegt wahrlich schon der Hafen, die Stadt mit ihrem Gasthofe vor uns."

So war es auch; sie stiegen aus, bestellten Zimmer und ein Abendessen. Schon auf der letzten Viertelmeile war ihnen ein schmachtiger Mensch aufgefallen, der neben dem Wagen hertrippelte, und der jetzt fast mit ihnen zugleich in das Wirtshaus eintrat. Er forderte Wein, und fing mit den beiden Reisenden, die unten noch die Einrichtung ihres Zimmers abwarten wollten ein Gesprach an. "Also Sie haben die armseligen Wracks der elenden gescheiterten Truppe angetroffen?" fuhr er fort, als er gehort, dass der Baron im letzten Stadtchen einige Schauspieler gesehen hatte; "nicht wahr, mein Herr, es sind unwurdige Subjekte, die den Wert ihrer Kunst nicht einsehen, und des Enthusiasmus nicht fahig sind?

Als das letztemal der benachbarte Konig die Gnade hatte, mit mir zu sprechen" (deklamierte er laut, indem er sich vornehm und breit niedersetzte und den dienstfertigen Wirt kalt ansah, der ihn mit noch grossern Augen anstarrte), "fragte er mich, wie es denn komme, dass wir noch immer kein solches Schauspiel besassen, wie es eine so edle, poetische und kraftige Nation doch ohne Zweifel verdiene? 'Geruhen Ew. Majestat zu bemerken', erwiderte ich (denn da ich ihn ofter sehe, so kann ich ziemlich dreist und ohne Umstande mit ihm sprechen)" der Wirt warf schnell die baumwollene Mutze in einen Winkel, die er bisher zwischen der Achsel eingeklemmt hielt "dass es nicht an der Nation, an den Dichtern oder an irgend etwas anderm liegt, sondern lediglich an den verachtlichen Menschen, wie es die meisten sind, die sich diesem hohen Berufe widmen. Diese Armseligen, die ihre Kunst nur wie eine jammerliche Zunft, wie ein seelenloses Handwerk treiben wollen und konnen, diese sind es, die den freien Adel dieser edlen Ausubung immer noch hindern."

"Sie lieben die Kunst sehr, wie es scheint", sagte der Baron. "Ich bete sie an", rief der Fremde, "sie ist das Leben selbst, und alles ubrige ist nur Schein, Flachheit, truber Nebel. Darum eben habe ich mich mit jenem elenden Direktor entzweit, der ausserdem, dass er fast nie richtig bezahlte, mir auch meine Rollen schmalerte, und dieselben Darstellungen von Stumpern verhunzen liess, in denen ich den allgemeinsten Beifall einzuernten gewohnt war. Herr Wirt, der Wein ist aber sauer!"

"So?" sagte dieser, der durch die Stube ging, ohne sich umzusehen, und seine Mutze schon wieder hoch auf dem Kopfe trug.

"Ja", fuhr der Kunstler fort, "ich zeige ihm nun schon seit geraumer Zeit, dass ich auch ohne ihn leben kann, und, meine gnadige Herren, ich bitte um die Vergunstigung und die Ehre, dass ich denenselben eine kleine Probe meiner Kunst und meines wahren Talents zeigen darf; ich wurde untrostlich sein, wenn so ausgezeichnete Manner, von diesen Kenntnissen und der hohen Bildung, diese meine dargebotene Huldigung verweigern wurden, da es doch bekannt ist, wie sehr dieselben die Kunste lieben, und selbst von den Musen begunstigt sind."

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er eiligst einige Tische und Stuhle beiseit, rannte in des Wirts Schlafkammer, brachte ohne Umstande etwas in seinen Armen Verdecktes heraus, welches er auf den Tisch stellte und mit einem weissen Kleide verhullte. Mit untergeschlagenen Armen folgte ihm die Wirtin in hochster Verwunderung, um zu sehen, was aus diesen sonderbaren Anstalten sich ergeben solle. Er setzte eilig sich gegenuber den beiden Reisenden, wie dem Wirt und dessen Frau, Stuhle hin rausperte sich, machte eine Verbeugung und fing an: "Hochzuverehrende! ich werde jetzt die Kunstdarstellung wagen, das beruhmte Stuck unsers Dichters, 'Menschenhass und Reue', mit geringen Anderungen und den notwendigsten Abkurzungen ganz allein darzustellen, und ich bin uberzeugt, dass die Wirkung dieselbe ergreifende, tieferschutternde sein wird, wie sie nur immer das versammelte Personale der vorzuglichsten Buhne hervorbringen kann." Er fing hierauf an zu gestikulieren, und die hauptsachlichsten Rollen mit grossem Eifer herzusagen, indem er alles, soviel es sich tun liess, in Monologe verwandelte. Wo dies unmoglich war, liess er die Stimme grell wechseln, und sprang behende von einer zur andern Seite; als aber Eulalia auftreten sollte, riss er schnell die Verhullung weg, und es zeigte sich der Haubenkopf der Wirtin mit schwarzen Augen und dunkelroten Wangen, mit einer Mutze der Eigentumerin geschmuckt. An diese Reprasentantin wandt er als Bittermann und Major seine Reden, und antwortete in ihrem Namen, und sooft sie abgehen sollte, warf er das Gewand wieder uber. So naherte er sich der pathetischen Erkennung, und die ruhrende letzte Versohnung schloss damit, dass er wirklich weinend und schluchzend den Haubenkopf in die Arme nahm, laut rief: "Ich vergebe dir!" und ihn dann wieder an seine Stelle in das Schlafzimmer trug.

Den beiden Reisenden hatte der Scherz schon zu lange gewahrt; der Wirt schuttelte bei jeder Szene den Kopf, und war immer nur uber diese Anstalten und die Unermudlichkeit des Kunstlers verwundert; die Wirtin aber war heftig bewegt und weinte laut. Der erhitzte Deklamator kam zuruck, und da er die Ruhrung der Frau sah, nahm er ihre Hand und kusste sie zartlich. "Dies ist der schonste Lohn des Kunstlers", sagte er, selber geruhrt. "Ja", schluchzte die korpulente Frau, "es ist wirklich gar zu trubselig, dass ein Mann, der so reputierlich einhergeht, sich so sauer sein bisschen Brot verdienen muss." "Daruber", fragte der Schauspieler empfindlich, "haben Sie geweint?" "Woruber denn sonst?" antwortete sie: "sehn Sie nur selbst, wie heiss Sie geworden sind." Der Kunstler wandte sich unwillig von ihr, und sagte zu Leonhard gewandt: "Auf diese Art kann ich die beruhmtesten Meisterwerke der deutschen Buhne darstellen, ohne alle andere Beihulfe, besonders bequem lassen sich die Rauber so spielen, vorzuglich nach der ersten Ausgabe, in welcher die Bruder nicht zusammenkommen; auch Macbeth und die Braut von Messina; die Iphigenia macht etwas mehr Schwierigkeit."

"Es ist ein erfreulicher Anblick", sagte der Baron, "wie unser deutsches Theater sich immer mehr in seine wahren und urspruglichen Bestandteile auflost; ehemals hatte wir nur Melo- und Monodramen, aber jetzt sehn wir so haufig ein epigrammatisches Stuck von zwei oder drittehalb Personen mit leichtem Witz uber Eitelkeit, Eifersucht, Schwachheit der Manner und Weiber (der Fall Adams, kann man wetten, kommt in jedem vor), und es lasst sich darnach an, dass wir auch derlei schonbeschrankte epigrammatische eng zusammengezogene Tragodien erhalten werden, wozu wenigstens schon ein loblicher Anfang gemacht ist, in welchem ein Messer, ein Nagel, oder eine Uhr eine grosse Rolle spielen mussen. Noch erfreulicher aber ist es dass selbst grosse Meister oft auf dem Theater oder in Musiksalen die sogenannten Deklamatorien geben und was sonst nur Schuler zur Ubung in Schulen taten, eine Fabel oder ein erzahlendes Gedicht hersagen oder ablesen. Wird Musik dazwischen gemacht, etwa gar eine Symphonie, so ist der Genuss einzig, und das sonderbar Widersprechende des scheinbar Lappischen ist es gerade, was in unschuldigen und kindlichen Menschen eine ganz vorzugliche Ergotzung und Ruhrung hervorbringt."

"Sie sprechen ganz wie ein Kenner, mein gnadiger Herr", sagte der Kunstmann, und empfing von Leonhard, vorzuglich aber vom Baron weit mehr, als er fur seine Bemuhung erwartet hatte. Nach einer zu tiefen Verbeugung sagte er: "Wahrlich, meine gnadigen Herren, Sie ubertreffen noch meinen grossmutigen Patron und Mazen, der im Reiche sich und der Heiterkeit lebt, den lebensfrohen Liebling der Musen und der Scherze, den liebenswurdigen Wassermann." Er empfahl sich, um zu essen und sich niederzulegen; die beiden Freunde begaben sich auch auf ihr Zimmer, und der Baron sagte: "Wir durfen stolz sein, mit diesem, wie ich sehe, beruhmten Sokrates in eine Klasse gestellt zu werden, in welchen sich eben der benachbarte Konig am Schluss des Stuckes verwandelt hat." "Der Mensch hat mich vollig verstimmt", sagte Leonhard. "Vielleicht", fragte der Baron, "weil er nicht zunftig ist? Weil sich dir so herrlich die freie ungebundene Kunst in ihm dargestellt hat? Ich bin vergnugt, denn ich gestehe dir, ich habe die Eulalia fast noch nie so wurdig dargestellt gesehen, als seine Gehulfin sie uns zeigte; diese Milde und Ruhe im vollen grossen Auge, dieser gehaltene Ernst, diese stille Wurde, selbst bei einigen sehr anzuglichen Redensarten, die sie anhoren musste; und es ist nur zu bedauern, dass dieses grosszugige fast antike Spiel in keinem der Theater-Almanache psychologisch und kunstlerisch wird gepriesen und entwickelt werden; aber ich kann nur soviel sagen, mir ist dadurch uber diesen Charakter ein neues Verstandnis aufgegangen, und ihr unbegreiflicher Fall, ihre Reue und Besserung, sowie die Versohnung erscheinen mir jetzt recht sehr begreiflich."

Man scherzte beim Abendessen und Wein; dann trennten sich die Freunde, und jeder begab sich in sein Zimmer und zur Ruhe.

Die Freunde hatten von der letzten Stadt aus Post genommen, um schneller zu reisen, und befanden sich am dritten Tage schon in Bergen und anmutigen Waldern, mit frisch grunen Talen und rinnenden Quellen aus bemoostem Gestein. Sie waren erfreut uber die wechselnden Aussichten, sie unterhielten sich von der Lieblichkeit der Natur, und der Baron erzahlte vieles von seinen Reisen. Diese Geschichten erweckten auch in Leonhards Seele die frohesten Erinnerungen, und so entschwanden ihnen die Stunden, die Meilen; Dorfer und Stadte, Berge und Walder glitten ihnen voruber, wie im lieblichen Traum.

Von einem der hochsten Punkte des Gebirges, den sie am vierten oder funften Tage ihrer Reise erreichten, entdeckten sie ganz in der Ferne die frankischen Berge. "Dort liegt mein geliebtes Land", rief Leonhard aus, "das ich eine lange Zeit wie mein Vaterland geliebt habe, wo ich einst zu wohnen traumte, und das mir mit einem unerklarlichen Zauber an die Seele geheftet ist, obgleich ich seitdem wunderbarere, reichere und schonere Gegenden gesehen habe."

"Es ist", sagte Elsheim, "mit der Liebe zur Natur und zu Gegenden, wie mit jeder Liebe, sie hat etwas Unerklarliches; dergleichen kann und soll auch nie begriffen werden, denn im Geheimnis liegt ein hoheres Verstandnis. Auch gibt es gewiss zur Natur Sympathien und Antipathien, und mir stehn die schonen Gegenden geradeso individuell vor meiner Seele, wie verschiedene liebe Menschen und befreundete Wesen."

"Das ist eine sehr richtige Beschreibung", sagte Leonhard, "und jede schone Gegend, der wir uns mit Ruhrung erinnern, zieht uns mit einer ganz eigentumlichen Sehnsucht an, die bei mir so stark werden kann, dass ich in der Einsamkeit uber Landkarten, Bildern oder Beschreibungen in gewissen bewegten Stunden Tranen vergiesse. Es ist, als zieht mich dieses Tal, jener Berg, ein altes Schloss, die Hohe mit der wundervollen Aussicht, wie mit Gewalt zu sich, und ich bin geruhrt, wenn ich mir denke, dass ich diese Freunde wohl nie wiedersehe."

"Mit Kunstwerken", sagte Elsheim, "geht es uns ebenso; wie oft stehe ich mit meinem Geiste auf meinen Lieblingsstellen in den Galerien, sehe ich diese dann einmal wieder, so empfangt mich auch dort eine gewisse Heiligkeit, ein alter Gruss, wie das vertrauliche Reichen der Hand von einem Geiste. O mein Freund, was konnte der Mensch ausser sich und in sich fur ein edles, gediegenes, verklartes Leben fuhren, wenn er nicht so viel der Zerstreuung, dem Leichtsinn, dem Zeitverderb und leerem Mussiggange opferte!"

"Lieber", sagte der junge Meister, und fasste des Freundes Hand, "wie teuer wirst du mir mit solchen Worten! Warum bist du denn selbst oft auf gewisse Weise leichtsinnig, dass du mir gleichsam den edleren Geist in dir zu verhohnen scheinst?"

Elsheim errotete leicht und sagte: "Bester, du kennst die Geschichte mit der Katze, die in eine schone Prinzess verwandelt ward, sich aber in ihrer erhabensten Umgebung vergass, wenn sie eine Maus laufen sahe. So geht es leider mir, nach den schonsten Stunden, ja wahrend denselben; und lieber springe ich denn doch den Mausen nach, als dass ich mein ehemaliges Katzenwesen in mir durch Heuchelei uberkleidete. Diese ist uberhaupt das Laster, welches ich am meisten hasse, vielleicht ubertreibe ich zuweilen meine geringere Natur in Gegenwart von Heuchlern, um ihnen nur nicht gleich zu werden. Und wie jede Frucht ihre Reife nur zur rechten Zeit erlangt, so auch im Menschen; meine Stunde hat noch nicht geschlagen, die rechte Mittagssonne hat mich noch nicht getroffen, soll es sein, so wird sie mich schon auch zu rechter Zeit finden."

"Wir sollen aber immer ernsthaft wollen", sagte Leonhard: "dasein, in uns, gesammelt, damit uns diese Sonne treffen und durchwurzen konne."

"Liebster, Bester", rief Elsheim halb scherzend, halb im Eifer: "nur verlange ums Himmels willen nicht von mir diese steifen, rechtwinkligen und aufgezimmerten Zurustungen zur Bildung, mit denen sich so viele unserer gutmeinenden Landsleute abqualen, und munter wie die Eichhornchen in dem Sparrwesen auf und nieder klettern. Oder sie holen, wie die Kanarienvogel, an der Kette selbst ihren Glasbecher mit Wasser und Hanfsamen abgerichtet herauf, oder pikken wechselnd religiose Stimmung und Geschichtsansicht heraus, und saufen dazu ein Schluckchen Poesie und Mystik, und recken den Hals in die Hohe, um es hinterzubringen, wetzen dann scharrend den Schnabel am Draht, um in Scharfsinn und Kritik nicht zuruckzubleiben, und knuspern an Festtagen mit besonderm Bewusstsein am Zucker der Liebe. Das Schauspiel ist aber nur fur den, der es ansieht, auf einige Minuten spasshaft, nicht fur den gelangweilten Vogel selbst. Nein, Lieber, dieser Schnupfen der Zeit, der nichts tut, als sich im wohlriechenden Tuch der Bildung mit Zierlichkeit schneuzen und selbst das Unsichtbarste, Fernste und Glucklichste, das dem Sterblichen nur in blitzenden Momenten der Entzuckung wie eine sondre Gabe der Gottin gegonnt ist, als Nektar, den sie im Obermut herunterschutten, und wovon man wohl einmal, indem man fast dumm in den blauen Fruhlingshimmel schaut, ein Maulchen aufschnappt, diese Dumpfheit, wie gesagt, dass sie auch diese Lebensmomente im Eisenkafig ihres Bewusstseins auffangen und festhalten wollen, dieses missverstandene Wesen wolle mir nicht ankurieren, wenn ich dich nicht fur einen Wunderdoktor halten soll."

"Wer spricht davon", sagte Leonhard lachend, "nur-"

"Ich verstehe dich", rief der andere aus, "und freilich- bei alledem indes denn wenn und so weiter, mein Freund, die wahren Minister-Vertrostungen der Altklugheit, wenn sie nichts geben mag und sich abzuschlagen scheut, um nicht an Ansehen einzubussen. Bist du imstande, ein Butterbrot zu essen, und in jedem Augenblicke zu wissen, jetzt schmeck ich die Butter, jetzt wieder das Brot, so will ich dir vollkommen recht geben. Und nun gar Braten hinaufgelegt! Bester, wie kompliziert, verwickelt, geheimnisvoll ist dann das Wesen, und keiner Auseinandersetzung fahig. Kaue! schluck! rufe ich nur, und es wird dir bekommen; beim Grubeln mochte es gar in die unrechte Kehle fallen, und ein erschreckliches moralisches Husten veranlassen." Sie lachten, und damit war das Gesprach geendigt.

Nach einer Pause fing Elsheim wieder an: "Du siehst also, dass ich in Hoffnung stehe, bald Fruchte zu tragen, oder ein solider Mann zu werden, welches eben deshalb sehr wahrscheinlich ist, weil ich bisher meinem Leichtsinn etwas zu viel nachgegeben habe; aber wie ist es denn mit dir, mein Bester, der du schon seit so vielen Jahren in dem Wagen des Ernstes und grundlicher Burgerlichkeit ziehst? Wirst Du denn nicht vielleicht zur Abwechselung einmal ausspannen, und ohne Zugel und Zaum nackt ins Feld laufen, um vorn und hinten auszuschlagen? Es ist dieselbe Wahrscheinlichkeit wie bei mir, da dies Umandern die naturlichste Sache von der Welt ist. Uberhaupt, du Grundlicher, hast du noch nie in deinem Leben einen recht eigentlich dummen Streich gemacht?"

"Was wollen wir so nennen?" fragte Leonhard.

"Die Definition ist schwierig", sagte der Baron, "jeder Stand, jedes Alter, jeder Mensch denkt sich etwas anders dabei. Der Vornehme, wenn jemand eine Mesalliance schliesst, der Burgerliche, wenn einer sich ohne grosses Vermogen adeln lasst, der Geistliche, wenn ein Kandidat fruher Vater als Pfarrer und Ehemann wird, und der Bauer, wenn ein Sohn ungezwungen unter die Soldaten geht. Den einzelnen Menschen charakterisiert es sehr, was er damit bezeichnen will, er sucht gegenuber die verstandigen Streiche auszufuhren, wie der Wucherer, der jemand ohne Zinsen Geld leihen einen ausgemacht dummen Streich nennt. Gehn wir also lieber zu den tollen Streichen uber, zu den recht bizarren, wunderlichen, auffallenden, und frage dein Gewissen; denn das Wort 'dumm' ist wirklich ein dummes Wort, und man wird dumm, wenn man sich etwas dabei denken will."

"Ich kann mich nichts entsinnen", sagte Leonhard, "sosehr ich auch suche; der Gedanke kommt mir wirklich heut zum ersten Male, dass man in eine solche Gefahr geraten konne; wie sehr ich alles, auch das Seltsamtste, an Fremden begreiflich und verzeihlich fand, so ware mir alles der Art an mir unbegreiflich und unverzeihlich vorgekommen."

"So bist du hierin wieder viel besser als ich, denn ich habe lange an mir mit diesem tollen Egoismus kampfen mussen, dass ich vieles Auffallende und Unregelmassige an Fremden unverzeihlich fand, und mir selbst die widersinnigsten Dinge in Gedanken fur erlaubt und sogar edel hielt, weil ich mir so viel besser als die andern vorkam. So wollte ich einmal fur einen Bekannten einem schlechten Mann seine Frau entfuhren; ein andermal wollte ich mich sogar mit der Tochter eines stolzen adligen Hauses verheiraten, um mich gleich wieder scheiden zu lassen und sie einem verliebten Freunde abtreten zu konnen; aber es kam nicht zur Ausfuhrung der Tollheiten, die jedoch die grossten Plane sind, zu denen ich mich verstiegen habe."

"Ich kann von mir nichts anfuhren", sprach Leonhard, "als dass ich in meiner Jugend, ohne bestimmtes Talent dazu, einmal Schauspieler werden wollte."

"Das ist mehr eine Kinderei gewesen", sagte der Baron. "So sitzen also," fuhr er mit ernster Stimme und bedenklicher Miene fort, in diesem kleinen Wagen zwei der vernunftigsten Manner des deutschen Reichs, welche, ohngeachtet sie noch jung sind, doch dem ehrbaren Wandel tugendhafter Altvordern nachgeahmt und nachgeschritten; nur halt man es fur moglich, dass gerade jetzt das Schicksal mit einem Blicke herunterschaut, welchem Kenner eine gewisse Ironie zuschreiben wollen, und daraus schliessen mochten, aber vielleicht voreilig, dass sie jetzt auf der Wallfahrt nach Mekka begriffen sind, die jeder gute Muselman wenigstens einmal getan haben muss, um sich auch mit der grunen Binde schmucken zu durfen, und wie andere von wunderbaren Dingen erzahlen zu konnen. Ja, wenn uns nun gar jener Tollheits-Geist erschiene, um uns mit dem verfluchten Versprechen anzuschnauzen: "Bei Philippi wirst du mich wiedersehn!" mochten wir ihm so kaltblutig wie Brutus antworten: "Nun, so werde ich dich wiedersehn!"

"Wahrlich, Freund", rief Leonhard, "dein angstlich gesuchter Scherz konnte mich angstlich machen, dass uns so was bevorstehen mochte, wenn ich nicht an meinen guten Damon glaubte."

"Wie, wenn derselbe nun", fuhr Elsheim fort, "nur auf ein Stundchen etwa zu den Athiopen, den frommsten der Menschen, wanderte, um sich auch einmal einen guten Tag zu machen? Doch, ernsthaft gesprochen, findest du es denn nicht auch, der alles Alte verteidiget, von unsern Vorfahren gut und recht getan, dass sie beizeiten zugriffen, um nicht das erste Feuer verrauchen zu lassen, und in fruher Jugend ihre tollen, oder dummen, oder Narrenstreiche abzumachen? Wozu auch, vernunftig gesprochen, das Zaudern, das Hin- und Hertreten, das unnutze Handereiben und zweifelnde Umschauen? Da gilt's kein Bartwischen; opfre dein schwaches Selbst, so ruft die Pflicht, dem hohen Beruf, lass fahren die falsche Scham, zu fruh weise sein zu wollen, stirb wie Codrus fur dein Vaterland, und komm, bist du in den Strom gesprungen, der dich mit seinen Wirbeln einzieht, besser, richtiger und verstandiger jenseit wieder zum Vorschein! Das heisst doch noch Haushaltung und Sparsamkeit, statt dass wir jetzt die Sache auf den Kopf stellen."

"Wenn es sein musste", sagte Leonhard, "so lass unser Bestreben sein, uns auch darin mit Anstand zu fugen; ich glaube aber fur mich an keine Gefahr, doch scheint mir unter deiner Warnung davor eine Lust darnach verborgen zu liegen."

"Nein, mein Lieber", rief der scherzende Freund, "ich kame ebensogern wie jedes Madchen mit Ehren unter die Haube, um dann mit Seelenruhe unter den Pantoffel zu kommen; aber in der gestrigen Nacht schien mir eine so seltsame Konstellation am Himmel, dass ich wenigstens auf alles gefasst bin. Doch schau umher, wie wunderbar diese Baume und Felsen unser Geschwatz anhoren, wie lachelnd die fernen Berge heruberschauen, und wie heilig der Glanz der Landschaft uns draut, dass wir dem Tempel nicht mit wurdigern Gedanken huldigen. O verzeiht uns, meine Freunde, ihr habt freilich den Terenz nicht gelesen, und konnt daher auch nicht sprechen: Homo sum, humani nil a me alienum esse puto, eine Stelle, die mancher Affe oder Hund seitdem sehr gemissbraucht und abgenutzt hat."

"Wie kommst du nur zu dieser seltsamen ausgelassenen Laune?" fragte Leonhard.

"Vielleicht", rief der Freund, "weil wir uns schon mehr und mehr den Weinlandern nahern, und weil durch dieses Schutteln und Rutteln auf den Steinen dieses holprigen Weges mir so manche Erinnerung, manche Empfindung losgemacht wird, die ich ganz vergessen hatte, weil sie schon so fest eingewachsen war, und die nun wieder in mein Gedachtnis und meinen Wortervorrat hineinfallt. Ausserdem habe ich heute morgen des guten Weines etwas viel genossen, der jetzt erst nachwirkt. Doch auch dieser Moment geht voruber, in dem mir wohl war, und ich sehe schon immer deutlicher und wie im Zusammenhange eines Gemaldes die herrliche Landschaft vor mir. Du musst damals so ziemlich diesen namlichen Weg gemacht haben, als du das erstemal Franken besuchtest; in jener Zeit, nachdem du so kurzlich erst uber die Schwelle des Junglings geschritten warest, hatte ich wohl mit dir sein mogen, da du vorher noch gar keine Gebirge kanntest, um deine Entzuckungen mit dir zu teilen."

"Die erste Reise", erwiderte Leonhard, "hat viele Ahnlichkeit mit der ersten Liebe, und um im Bilde zu bleiben, so geschah in den gesegneten Fluren Frankens das Gestandnis zwischen mir und der Natur. Man reiset auch nachher wieder, man ist wieder entzuckt, man sieht und lernt, und kann wahrhaft glucklich sein, aber jener erste Jugendzauber ist doch auf immer entflogen. Ich hatte manches uber Deutschland und seine schonen Gegenden vorher gelesen, vorzuglich hatte ich mich mit den alten Bergschlossern und ihren Schicksalen bekannt gemacht, aber am gewaltigsten trieb mich, wie du es weisst, der Gotz von Berlichingen, um sein Bamberg, ja toricht genug, Weislingens Schloss und Gotzens Heimat aufzusuchen. Bei Eisenach auf der Wartburg erschien mir zuerst die hohe Jungfrauengestalt der vaterlandischen Naturschonheit. Dieser Blick in die grune Taleinsamkeit, in die Unendlichkeit der Eichen- und Buchenwalder, diese schongeschwungenen hohen Hugel, vom tiefen Fenstersitz oben im alten Zimmer rief mir alle Erinnerungen und Ruhrungen zuruck; ich horchte auf die Legende von der Elisabeth, und besuchte ihren Brunnen unten am Berge, auch Luthers Zimmer, was mich aber nicht so erfreute, weil er mir in keinem poetischen Lichte erscheinen konnte, dort, in der Umgebung der alten Ritterwelt. Zwar war ich ein eifriger Lutheraner, und mein Vater, der es noch mehr war, hatte fur den Doktor die ungemessenste Hochachtung, aber eine desto grossere Geringschatzung gegen den Teufel, so dass er seinem Patron den nachgiebigen Glauben an diesen nie vergeben konnte, und gern die oft erzahlte Geschichte mit dem Dintenfasse ganz aus dessen Leben gestrichen hatte. Daher sahe ich den schwarzen Fleck an der Wand auch ohne alle Andacht. Aber in Rausch der Entzuckung versetzte mich die Hohe des Thuringer Waldes mit seinen herrlichen Tannen, die von oben wie unubersehbar sich immer weiter und hoher auf dem herrlichen Bergrucken ausbreiten. So kam ich durch Hildburghausen und Coburg, und naherte mich nun dem vielgeliebten Bamberg.

Herz und Brust wurden mir erweitert, als ich die langersehnte Grenze betrat. Die Glaubigen, die zum heiligen Grabe wallfahrten, mussen eine ahnliche Empfindung haben, wenn sie sich dem geweihten Boden nahern. Es war kurz vor dem Frohnleichnamsfeste, als ich in die katholische Stadt eintrat, die unter ihrem geistlichen Fursten einen ganz andern Charakter, wie die sie umgebende Welt hatte. Mein gutmeinender Vater hatte mich vor meiner Reise ermahnt, ja nicht bei Gelegenheit der Feste in katholischen Stadten zu lachen, weil ihm dies, als einem reinverstandigen Mann, der seinen Anteil an der damals entstehenden Aufklarung schon fruhe genommen hatte, nicht unnaturlich vorkam. Es war aber gut, dass er nicht zugegen sein konnte, denn gewiss hatte er uber meine Ruhrung und Erhebung bei den Prozessionen, der Musik, den Posaunen und den singenden Choren, bei diesen auf den Strassen geschmuckten Altaren, bei der betenden Volksmenge, welches alles mich bis zu Tranen begeisterte, seinen Zorn gegen diesen Gotzendienst, wie er dergleichen nannte, und noch mehr gegen mich ausgelassen. Ich nahm Arbeit in dieser Stadt, und blieb lange dort, denn die Menschen, die Gegend, die alte Ruine, der Dom, die Spaziergange umher, alles gefiel mir so sehr, umgab mich mit solcher eignen Ruhrung und Anmut, dass ich manchmal wunschte, mein Leben dort zu beschliessen."

"Wie dir Bamberg", sagte Elsheim, "so ist mir Heidelberg eine der liebsten Erinnerungen meiner Reisen. Es gibt Gegenden, bei denen uns ist, als hatten sie schon seit Jahren mit rechter sehnsuchtiger Liebe auf uns gewartet, oder als sei seit lange unser Geist schon dort einheimisch gewesen, so bekannt, so lieb ist uns alles; dieser schone Ort mit seiner herrlichen Ruine, Baden-Baden und die Neckartaler, vorzuglich die Gegend um Hornberg sind nachst den Rheinufern das Lieblichste, was ich in Deutschland kenne, denn auch das warme Klima gehort dazu, um eine Gegend wahrhaft schon zu machen."

"Ja wohl die Neckartaler", sagte Leonhard, "denen ich meines geliebten Gotz wegen nachreisete, wohl sind sie so poetisch wechselnd, so schon geschwungen, so lieblich von dem herrlichen Strome durchfrischt, dass man dort so recht von sussen Empfindungen und Erinnerungen eingewiegt und eingesungen wird. Erinnerst du dich gleich hinter Heidelberg der schonen Taler bei Neckarelz mit ihren kleinen Wasserfallen und rinnenden Bachen; des sonderbaren Dilsberg; am Neckar hinunter kommt man dann nach Hirschhorn, einem sehr alten Schlosse, und Eheheim, dann nach Hornberg, wo der alte treuherzige Gotz eigentlich lebte, und in dessen Ruine, die noch leidlich erhalten ist, ich mich einige Tage aufhielt man hatte damals mit wenigem Geld das alte Haus gegen Wind und Wetter bedecken konnen. Hier herum sind herrliche Walder, auf der einen Seite nach dem Flusse die Weinberge; von da ging ich nach Heilbronn, wo ich den Saal des Rathauses anders fand, als ich mir ihn vorgestellt hatte; ich sah und las dort einige Briefe des Ritters, die er dem Rat mit seiner linken Hand geschrieben hat, und die freilich anders lauten, als unser Dichter ihn mit diesen Herren sprechen lasst. Von hier ging ich uber Mergentheim, und suchte an den zerrissenen kiesigen Ufern der Jagst das unten beschrankt liegende Jagsthausen auf, wohin Goethe die vorzuglichsten Szenen seines Gedichtes verlegt hat, obgleich der Ritter nur in seiner fruhen Jugend dort lebte. Hier sah ich seine eiserne Hand, die in einem neuen Hause seine Nachkommen aufbewahren. Das Kloster Schonthal hat eine frische grune Einsamkeit um sich her, und im Kreuzgange steht auf dem Grabe des Ritters sein ungeschickt ausgehauenes Bildnis, nach welchem, wenn es irgend treu ist, sein Gesicht ein ziemlich unbedeutendes muss gewesen sein."

"So sonderbar oder ruhrend, schaurig oder sehnsuchtig", sagte der Baron, "uns die Eindrucke der Landschaften auch bleiben mogen, und so individuell, wie du vorher sagtest, wie wirkliche Menschen, so sind die Gegenden doch wohl mit dem schonsten Glanz umgossen, sehn am meisten mit winkenden Blicken nach uns zuruck, wo ein kleines Abenteuer, eine Szene der Zartlichkeit, eine anmutige Bekanntschaft, oder ein freundlicher Kuss uns begegnet sind. Hast du diese Bemerkung nicht auch gemacht?"

Leonhard wurde rot und wollte antworten; aber sein Freund fuhr fort: "Gewiss, mein Freund, denn alsdann ist es, als stiege die Seele der Landschaft sichtbar zu uns empor, und ich kann mir vorstellen, dass wenn ich einmal wahrhaft liebte, mir jeder Strauch, jeder Baum, jedes Graschen eine heilige Stelle, ein ewiger Fruhling, ein Orient und Land der Wunder und der Religion werden wurde. Fast, du Zuruckhaltender, muss ich glauben, dass in oder bei Bamberg, wenn auch nichts Leidenschaftliches, doch etwas recht Zartliches vorgefallen ist. Erzahle; es ist eine so schone, heitre Beichtstunde, und es kann sein, dass mir nachher auch etwas beifallt."

Leonhard sagte nach einigem Zaudern: "Warum sollte ich es dir verschweigen, da diese Erinnerung meiner Jugend mir so wohltut, ohne mich zu beschamen? Schon am Tage der Frohnleichnams-Prozession fiel mir eine junge weibliche Gestalt auf, von einer Schonheit, wie man sie wohl zuweilen auf alten Gemalden zu sehen pflegt. Sie war gross und stark, aber doch schlank gewachsen, ihr Gesicht oval, ihr Haar dunkelbond, von einem rotlichen Goldschimmer durchzogen, die Augen gross und dunkelblau, und die Farbe von der durchsichtigsten Zartheit. Sie war unter dem betenden und singenden Volke, und ging neben einem bejahrten Mann und einer altlichen Frau, die Handwerker oder Landleute, und ihre Eltern zu sein schienen. Ihre Andacht und Ruhrung hatte etwas so Mildes, das so lieblich gegen die meisten Gesichter umher auffiel, dass ich mit dem Zuge ging, und meine Augen sie unfreiwillig immer wieder aufsuchten. Einigemal schien mich ihr heller Blick zu treffen. Ich folgte ihr in den grossen Dom. Hier ergriff mich die Musik noch gewaltiger, die Messe und der Pomp der Priester dunkten mir etwas sehr Ehrwurdiges; ich stand in ihrer Nahe. Wundersam ergriffen ward ich hier von ihren Augen, und meine Gedanken wurden Gebet und Liebe; die Gemeine kniete nieder, sie sank in einer himmlischen Stellung demutig hin, und ein streifender Blick glitt an mir voruber, der mich ebenfalls niederzog. Ich war erschuttere. Plotzlich reichte sie mir einen Rosenkranz, indem sie unten das Kreuz kusste, weil sie meine Hande leer sah, und ich beschamt und unwissend verstand nur ihre freundliche Meinung, aber nicht, den Zeremonien auf die gehorige Art zu folgen. Als der Gottesdienst zu Ende war, ging ich mit dem Strom des Volks aus der Kirche, aber in dem Wellenschlag des Gedranges verlor ich sie aus den Augen, und als ich auf die Strasse trat, war sie nirgend mehr zu sehn. Es war mir, als wenn mir plotzlich alles fehlte, ich suchte sie in allen Gassen, vor den Toren, in den Kirchen, wo ich nur Leute wahrnahm oder vermuten konnte, aber sie war mir entschwunden."

"Und der Rosenkranz des frommen Kindes?" sagte Elsheim.

"Blieb naturlich in meinen Handen", antwortete Leonhard; "ich konnte ihn nicht ohne Ruhrung betrachten, und liess ihn niemals von mir kommen." Er offnete ein kleines geheimes Fach seiner Brieftasche, und uberreichte ihn seinem Freunde. "Dieser namliche", sagte er lachelnd, "ist es, mein Friedrich."

"Dieser", sagte Elsheim, "und den tragst du noch jetzt nach zwolf oder dreizehn Jahren bei dir? Du bist zum Sammler geboren. Sonderbar! Aber die Geschichte ist doch damit noch nicht zu Ende?"

"Freilich nicht", fuhr Leonhard fort, "denn sonst hatte ich doch den Paternoster schwerlich so sorgfaltig aufgehoben. Es waren wohl sechs Wochen verflossen, als ich an einem Sonntage durch die einsame Gegend streifte. In der Nahe des kleinen Flusses, von schonen Hugeln umgeben, liegt ein Dorfchen, aus dem ich gegen Abend Tanzmusik herschallen horte. Ich folgte dem Ton und fand eine frohe Gesellschaft von Landleuten, und die Jugend um die Linde im Tanz sich schwingend. Schon wollte ich mich vom Getose wieder entfernen, als ein Gezank mich aufmerksam machte; ein halbtrunkner junger Mensch stritt namlich mit einem andern um die Tanzerin, auf welche jeder Anspruche machte; der Gegner war schwacher und bloder, und der Trunkene schien stark und von den Anwesenden gefurchtet; mit einer heftigen Gewaltsamkeit stiess er den zweiten Tanzer zuruck und fuhr auf das Madchen schreiend los, die ihm auswich. Jetzt erst erkannte ich sie wieder, sie war es selbst, die ich so lange vergeblich gesucht hatte. Fast ohne zu wissen, was ich tat, sprang ich in den Kreis, und riss den Storenden zuruck, der nicht wenig verwundert sich zur Wehre setzte. Wir rangen miteinander, und er bot im Zorne alle seine Krafte auf, aber da ich gewandter war, gelang es mir endlich, ihn niederzuwerfen, worauf denn der Friede so geschlossen wurde, dass er die Gesellschaft verlassen musste. 'Wir sind Euch', sagte der alte Vater des Madchens, 'grossen Dank schuldig, junger Mann, dass Ihr Euch als ein Unbekannter meiner Tochter so wacker angenommen habt, und der Raufer wird nun gedemutigt sein, dass er doch endlich seinen Starkern gefunden hat, da er uns mit seiner Unverschamtheit jedes Fest und jeden Tanz verstort.'- Ich war ermudet und man reichte mir Getrank, das Kunigunde, so hiess die Tochter, mir selber freundlich einschenkte. Nachher ward ich mit in den Tanz gezogen, und die ubrigen Bursche schienen mir ohne Neid das schone Madchen zur Gefahrtin zu uberlassen, weil ich mich durch die Besiegung jenes Zankers bei allen in Achtung gesetzt hatte.

Ich schwatzte nachher in der Dammerung und Finsternis mit den Alten, das junge Volk fing ein Pfanderspiel an; Kunigunde wusste es so zu machen, dass, wie ich auch die ubrigen Madchen herzte, ich doch niemals einen Kuss von ihr erhielt. Ich war empfindlich und sie lachte mich aus. Die Nacht trennte uns, und sie begleitete mich auf den Weg. 'Kennt Ihr mich noch wieder?' fragte sie. Ich erwiderte, dass ich sie nicht vergessen hatte, und nur froh sei, dass ich ihr nicht ganz fremd erschiene. Sie hatte meine Empfindlichkeit bemerkt und sagte: 'Lieber Freund, was kann man nur in der Gesellschaft, bei dem dummen Herumkussen an einem Kusse haben, besonders von jemanden, dem man etwas gut ist? Liegt Euch daran, so gebt mir jetzt, da wir allein sind, einen recht lieben Kuss, und ich will so Abschied von Euch nehmen.' Ich druckte zitternd meine Lippen auf den vollen roten Mund, und verliess sie mit schwerem Herzen, indem ich nachdenkend durch die Finsternis langsam zur Stadt zuruckging.

Jetzt schwebte mir immer die tanzende Gestalt vor den Augen, denn noch nie hatte ich so lebendige, zierliche Bewegungen gesehen, eine solche Freude, die sich oft bis zum Mutwilligen erhob, und plotzlich dann wieder zum stillen Ernst und sanfter Milde zurucksank. Ich besuchte das Dorfchen wieder, und wurde bald mit den Eltern, welches gute Leute waren, vertraut. Die Tochter behandelte mich wie einen Bruder oder langstgekannten Freund. 'Dass du nicht zu unserer Religion gehortest', sagte sie zu mir an einem Nachmittage, 'hattest du mir nicht zu sagen brauchen, denn ich bemerkte es schon in der Kirche; deine Andacht war zu neu und still, ich sah, dass du alles unrecht machtest und nichts von der Messe verstandest, und weil um dich her Leute standen, die sich fur gar zu fromm hielten und an deiner Unwissenheit Anstoss nahmen, reichte ich dir den Rosenkranz, um dich mit ihnen mehr zu befreunden. Behalt ihn zu meinem Angedenken. Hier schildern uns viele', fuhr sie fort, 'die Fremden aus den andern Landern, die sie Ketzer nennen, als erschreckliche Menschen; ich habe nie daran glauben konnen, und seit ich dein stilles, frommes Gesicht kenne, noch weniger. Meine Eltern aber, so gut sie dir sind, werden traurig, sooft sie daran denken, dass du kein Katholik bist, und also verlorengehen musst. Wie konnen die Menschen nur so viel Liebe und Hass zugleich in ihrem Herzen haben?'

Es schien bald, dass wir beide einander unentbehrlich wurden, und auch die Eltern gewohnten sich an meine Gegenwart. Ich achtete ihre Gebete und Sitten und storte sie durch keine fremde Ausserung, sonst vermieden wir alle das Gesprach uber Religion. Mein Zustand war sonderbar dunkel und heftig; ich konnte oft den Augenblick nicht erwarten, bis ich wieder bei ihr in der Stube, neben dem Spinnrade, oder in der Laube sass, oder sie in den Garten begleitete, und die kleinen Geschafte des Fruchtesammelns, Blumenanbindens und dergleichen mit ihr teilte. Oft genugte mir doch diese stille Gegenwart nicht, und ich forderte Kuss und Umarmung; ihre Schonheit, ihr grosser Blick aus den hellen Augen, ihr Handedruck beangstigten mich, ja ich konnte wohl zuweilen meine Entfernung beschleunigen, sosehr ich auch nachher beklagte, nicht in ihrer Nahe zu sein. Ich fuhlte, dass sie mich liebte, aber von diesem sonderbaren Zauberbann, von dieser Angst und Verwirrung war sie ganzlich befreit; ihr war so recht herzlich wohl, wenn ich bei ihr war, ihr herrliches Gemut und ihre schone Ruhe forderten nichts weiter. Es tat ihr wohl, mit mir uber alles sprechen zu konnen, und mancherlei Kenntnisse und Gedanken zu sammeln, die sie in ihrer Umgebung vermisste, dabei empfand sie so ihre reine Hingebung in mein Wesen, dass sie nichts vermisste. Sie sagte mir oft, wie glucklich sie sei, seit sie mich kennengelernt habe, wie sie sich jetzt ihres Herzens und ihres Verstandes bewusst werde, und selbst ihre Religion ihr in hoherm Glanz erscheine. So verging der Sommer mir in schonem Gluck und freundlichen Stunden; doch war es uns aufbehalten, auch Schmerz und Unlust kennenzulernen.

Jener wilde Mensch, der bis dahin die Rolle eines Unbesiegbaren gespielt hatte, der sich alles erlaubte und dem nur selten jemand widersprach, konnte mir mein Gluck oder meine grossere Starke nicht vergeben. Er hatte geschworen, Rache an mir zu nehmen, und Kunigunde warnte mich oft vor ihm. Der unbandige Mensch trank viel und war im Rausche furchtbar, weil er dann jede Rucksicht vergass, um nur seiner Wut genugzutun. In dieser Stimmung hatte er sich mit einem Knittel bewaffnet, um mir im Eichenwalde auf dem Fusssteige aufzulauern, an einem Tage, an dem er wusste, dass ich hinauskommen wollte. Kunigunde war mir entgegengeeilt, damit ich ihm auf einem andern Wege entgehen konne, der Wilde aber hatte sie gesehen, und ihren Vorsatz geahndet. Welche Szene bot sich mir dar, als ich auf dem wohlbekannten Pfad aus dem Walde trat, um den Fluss hinunterzugehn! Sie rang mit dem Wahnsinnigen, der ein tierisches Gebrull ausstiess und sie in seinen starken Armen hielt; sie hatte das Tuch verloren, und der blendende, von mir so heilig geachtete Busen glanzte jugendlich in dem ungewohnten Licht der Bosewicht suchte sie nach dem Flusse zu schleppen, ihre Haare flogen aufgelost, ihre Kleider waren zerrissen, sie stemmte sich besonnen seiner Ubermacht entgegen, hatte aber wahrscheinlich seinen Kraften erliegen mussen. Ich sturze auf ihn los, befreie sie, und er, in grimmiger Freude, den Gegenstand seines Hasses vor sich zu sehen, fallt mich wie ein Rasender an. Ich suchte seinen Schlagen auszuweichen, und endlich gelang es mir, ihn zu unterlaufen und ihn fest in meine Arme zu pressen. Er biss, er brullte, er wandte alles an, sich loszumachen, oder mich zu verletzen. Aber ich warf ihn nieder, und er war so ermattet und zerschlagen worden, weil ich mich im Zorne uber seine Misshandlungen vollig vergessen hatte, dass ihn zwei voruberfahrende Fischer in ihren Kahn aufnahmen und nach seinem Hause zu bringen versprachen.

Alles dies war so schnell geschehen, dass ich mich kaum hatte besinnen konnen. Jetzt fand ich sie auf der Anhohe auf dem Rasen im Schatten der Baume sitzend, wie sie bemuht war, Tuch und Kleider wieder in Ordnung zu bringen. Ich hatte noch nicht gewusst, wie schon sie sei, und als ich jetzt zu ihren Fussen kniete, und der erste Sonnenstrahl an diesem truben Tage durch die Wolken brach, Wald, Berg und Fluss vergoldete, am herrlichsten aber auf ihrem himmlischen Gesicht erglanzte, da dunkte ich mir im Paradiese zu sein.

Sie sank mir mit Tranen in die Arme, und indem wir uns eng umschlossen hielten und ich alles andere vergass, wandte sie ihr lockiges Haupt ein wenig von meinem Gesichte weg und sagte: 'Ja, ich bin dein! es gibt keine Macht auf Erden, die unsere Herzen trennen konnte, ich kann dir nun nicht widerstreben, tue mit mir, mein Liebster, was dir recht dunkt und dein Gewissen dir erlaubt; ich kann zu nichts mehr nein sagen. Nur bedenke, dass ich dir nie nach deinem Lande folgen kann; das ware der Tod meiner Eltern, mich in der irrglaubigen Fremde zu wissen. Du kannst und willst nicht hierbleiben, wie ich von dir weiss, am wenigsten aber die Gemeinschaft meiner Kirche suchen. Wir sind also fur die Einrichtungen der Welt getrennt, aber in Liebe bin ich dein, was dich glucklich macht, vollbringe oder lasse, mein Herz soll nur die Stimme des deinigen widerhallen.'

Es gibt Augenblicke im Leben, die seltensten, wo alles verschwindet, was wir noch eben wunschten und begehrten, ja wo sich alles in uns umwandelt, und in unsern Sinn, wie ich es ausdrucken mochte, eine Geistererscheinung steigt, die so unser Gemut und Herz anfullt und uberfullt, dass wir fuhlen, als wolle es vor Seligkeit brechen; weh ist uns vor Freude, und doch ist es nichts, was wir nennen konnten, was uns beseligt, es ist kein Besitz, kein Errungenes, nur die seligste Ruhe im Aufruhr und der Vernichtung aller unserer Krafte. Dies erlebte ich jetzt. Ich wandte mein Auge in ihres, und traf in einen Blick, der in einer uberirdischen Wonne glanzte. Ich musste weinen, und konnte erst nach einiger Zeit in diese Worte ausbrechen: 'Geliebteste! mit diesen Worten hast du mir mehr als alles geschenkt; denn auch das Hochste, die innigste Gunst ist ja auch nur ein Zeichen der Ergebung, der Vereinigung; ich will dich und mich nach diesem heiligen Augenblicke nicht den Verwirrungen der Welt ubergeben und vielleicht ein dunkles Schicksal aufregen, dass wir einst beide diese himmlische Minute hassen mussten.' Ich begleitete sie nach Hause, nahm Abschied, trug ihr die herzlichsten Grusse an ihre Eltern auf, und verliess die Stadt, ohne sie wiederzusehn."

Elsheim sah den Freund mit einem langen Blicke an, nach welchem sich eine leichte Rote auf seinem Gesicht zeigte. "Ich bewundere dich", sagte er endlich: "ich ware dessen nicht fahig gewesen."

"Schatze mich nicht", sagte jener, "um eine Tugend, die ich nicht besass; ware es ein Opfer gewesen, das ich hatte bringen sollen, so ware ich vielleicht erlegen, aber ich hatte nichts zu bekampfen, sondern das Gefuhl, dass sie mir so ganz und unbedingt gehore, dass sie, mocht ich sagen, mit Seele und Korper in meinem Herzen sei, verloschte alle Wunsche. Ich kann dir nicht aussprechen, wie seltsam und wunderlich mir nach diesem Augenblick Welt und Menschen, Liebe und Sehnsucht, Leib und Geist vorkamen. Es war, als sei ich auf eine Minute vom Leben erwacht, und als wirke in dem neuen Traum die Erinnerung der Wahrheit noch eine Zeitlang fort."

"Ich verstehe dich nicht ganz", sagte Friedrich, "manches muss man wohl erlebt haben, um es zu begreifen. Es gibt aber Menschen, die das, was mich in deiner Erzahlung ruhrt, nur lacherlich finden wurden."

"Mogen sie doch", seufzte Leonhard, "die Erde halt sie eben zu gewaltsam fest, ich bin ihnen immer aus dem Wege gegangen."

"Aufrichtig, Freund", fing Elsheim wieder an, "hat dich selbst niemals dieser verlorne Augenblick gereut?"

"Bin ich was anders als ein Mensch?" antwortete jener; "wenn aber die Disputiersucht unserer Leidenschaften manchmal die Oberhand uber mein Herz gewann, so habe ich mich nachher um so mehr verachtet."

Das Gesprach wurde hier geendigt, denn der Fuhrmann, der anfangs ebenso rasch als vorsichtig gefahren war, hatte sich, da er die Reisenden in so tiefsinniger Unterhaltung sah, dem Schlummer ergeben, und so fuhr er jetzt mit einem Ruck an einen Prellstein, dass der Wagen heftig erschuttert wurde und die Achse zerbrach. Man stieg ab, der Postillion schuttelte den Kopf, besah den Wagen von allen Seiten, noch mehr den Stein mit zornigen Augen, fluchte, und tat nicht anders, als wenn Weg, Pferde, Wagen und die Reisenden, oder ein unbegreifliches Verhangnis, auf keinen Fall aber er selbst, an diesem Ereignis schuld waren.

"Ich lasse ihn gewahren", sagte Elsheim beiseite zu unserm Freunde, "ich mag ihn in dieser Fuhrmannsreligion nicht unterbrechen. Nennen doch die meisten Menschen auch das Schicksal, was sie mit einiger Achtsamkeit vermeiden konnten, und den unnutzen Zorn, den ich gewohnlich bei dergleichen Gelegenheiten wahrnehme, habe ich nie begreifen konnen. Wir hatten ihn nicht sollen einschlafen lassen."

Der Fuhrmann band und flickte, so gut es sich tun liess, und Elsheim ermunterte ihn freundlich, und half, um nur den Wagen wieder von der Stelle zu bringen. "Am meisten verdriesst es mich", sagte er endlich, "dass wir wenigstens heute in dem Stadtchen hier liegenbleiben mussen, das mir immer unausstehlich gewesen ist. Es leben hier verschiedene Adlige und reiche Burgerliche, die in der Einsamkeit der Provinz den langweiligsten und unertraglichsten kleinen Hof mit einer lacherlichen Etiquette haben einrichten wollen. Sie selbst sind die Langeweile gewohnt und sie gibt ihnen eine gewisse Haltung, aber ein Fremder, der unter sie gerat, ist verloren, weil weder Talent, noch Witz, noch Geselligkeit oder wirklich feines Betragen hier Eingang findet."

Die Stadt war nicht mehr weit, alle drei gingen zu Fuss und der Wagen ward hineingeschleift, den der Fuhrmann unter lautem Schimpfen in den Torweg des Gasthofes zog und gleich fortging, um Stellmacher und Schmied aufzusuchen.

Gleich am Tor war den Freunden ein grosser Zettel aufgefallen, welcher ein Konzert auf heute ankundigte. In der grossen und eleganten Wirtsstube fanden sie die Tochter des Hauses, ein Madchen von achtzehn oder neunzehn Jahren, die beim Klavier sass und eben zu spielen aufhorte; nach der ersten Begrussung gab sie Leonhard sogleich die Einladung zum Konzert, welches sie als hochst merkwurdig ruhmte. "Wir freuen uns alle hier in der Stadt", beschloss sie ihre Rede, "auf den heutigen genussreichen Abend, besonders diejenigen, die etwas von der Musik verstehen." Mit den letzten Worten machte sie ihr Notenbuch ernsthaft zu.

"Sie haben freilich hier wenig Gelegenheit Musik zu horen", sagte Elsheim.

Dergleichen Virtuosen, wie heute auftreten, freilich nicht antwortete das Madchen; "aber sonst sind wir nicht so ganz barbarisch, als Sie vielleicht glauben, denn seit einigen Jahren herrscht ein besserer Geist hier, so dass wir uns alle bestreben, mit der Zeit fortzugehen. Es ist im adligen Zirkel ein concert spirituel eingerichtet, und wir haben dasselbe getan; wochentlich kommen wir einmal zusammen und musizieren oder deklamieren, ein andermal lesen wir gute Schauspiele, indem jeder eine einzelne Rolle rezitiert, oder uben uns in kleinen Aufsatzen, die wir uns mitteilen."

Der Vater kam hinzu, und freute sich, dass seine Tochter die Fremden so anstandig unterhalte. Als beide wieder hinausgegangen waren, rief Elsheim aus: "Ich wette, dass wir heute das elendeste Abendessen geniessen mussen, wenn wir es uns nicht vielleicht beim Klavier und Mozart versussen lassen. Wie es mich immer argert, dass die Menschen nach und nach alle ihren Beruf verlassen und sich dessen schamen. Sahst du wohl, wie unentschlossen sie war, den Magden und dem Hausknecht zu befehlen? Zu gut zur Wirtin und zu schlecht zur Dame liegt sie unaufhorlich auf Prokrustes' Bett, und wird in dieser Minute schmerzhaft verlangert und in der nachsten noch qualvoller verkurzt. Es gibt nichts so Schreckliches und was dem Menschen so alle Haltung raubt, als dies verletzbare Leben der Eitelkeit. Wie freue ich mich jedesmal, wenn ich noch irgendwo die Reste der Burgerlichkeit finde. Zufrieden mit seinem Stande, stolz auf seine Arbeit und feststehend auf seiner Stelle im Leben hat ein solcher Mensch Ehrfurcht vor dem Hohern, das er nicht kennt, sei's vornehme Welt, Religion oder Gelehrsamkeit, beneidet keinen, sondern weiss, dass er auch seine notwendige Stelle fullt, und am Abend ein verstandiges Gesprach, eine heitere Erzahlung beim Glase Wein, ja Schwanke und anstossige Spasse und plumper Scherz, von denen die Ergotzungsbucher unserer Vorfahren so viel und zu viel enthalten, sind mir ehrwurdig gegen dieses Aufwimmern falscher Bildung, und ich kann mich wohl zu jenen setzen, wenn ich dieser verbleichten Luge, die sich nicht einmal mehr der Unwahrheit bewusst ist, auch Meilen entfliehen mochte."

"Nun bist du menschenfeindlich und kranklich verstimmt, wie du mir neulich vorwarfest", sagte Leonhard.

"Ich weiss nicht", sagte jener, "ob es das ist, oder ob ich oder die Welt so sehr irren. Aber so wie es in alten Zeiten, und selbst nahe bis an unsere jetzigen hinan, die Aufgabe aller Gesetzgeber und Religionen war, die Menschen zu mildern und zu zahmen, ihnen Sanftmut, Ruhe und Ergebung annehmlich zu machen, da alles nur gegeneinander tobte und sich biss und schlug, so mochte jetzt ein Lykurg notig sein, um sie nur wieder zum Leben zu zwingen, sie gegeneinander zu emporen, ihre Leidenschaften aufzureizen und sie bei Verbannungs- und Todesstrafe fur Lustigkeit empfanglich zu machen. Wo hort man jetzt noch, wie ehemals, Leute auf den Tisch schlagen und ineinander hineinjubeln und schreien? Wenn sich zwei Bauerbursche einmal bei der Kirms prugeln, so mochten sie sechs Meilen rundum den Moses vom Sinai herunterrufen, um das ungeheure Wesen unter funfzig neuen Gesetztafeln zu begraben. Denn auch bei dem Bauer, der unmittelbar an der Natur wohnt und Leid und Lust aus der ersten Hand empfangen soll, mochten sie die grosse Cur einfuhren, und ihm die vornehm sittige Langweile anbilden, die keine Hand mehr ruhrt, ohne auf den Effekt zu denken, den es auswarts macht. Wenn unsre Bauerweiber erst an Nervenschwache leiden, dann steht wohl jenes gepriesene goldene Alter echter Humanitat an der Ecke lauernd, auf welches wartend die Herren nun schon lange aus dem Fenster geguckt haben."

Die Tochter kam jetzt herein, mit Blumen auf dem Kopfe und ubertriebenem Putze, um in das Konzert zu gehen; sie verneigte sich sehr zierlich und wandelte am Arm eines jungen Menschen, der bestandig auf seine seidenen Strumpfe und Schnallen hinuntersah, um zu beobachten, ob alles noch in gehoriger Ordnung sei. "Wirst du nicht auch hingehen?" fragte Elsheim.

"Nein, mein Freund", antwortete Leonhard, "obgleich ich eigentlich noch nicht weiss, wie ich meine Zeit zubringen werde; denn mir sind die meisten musikalischen Unterhaltungen dieser Art so abscheulich, dass ich ihnen jede Langweile vorziehe. Sie haben eine Kraft, mir den Kopf zu verwirren und mich auf lange fur Geschafte und Gedanken unfahig zu machen; aber wahrlich nicht dadurch, dass sie mich zu sehr uber dieses Leben erheben."

"Kindereien!" unterbrach ihn der Baron; "und vorzuglich heute passt deine Furcht nicht, da du Gelegenheit haben wirst, einen der vorzuglichsten Klavierspieler, einen wahrhaften Virtuosen zu horen, sowie die Stimme eines ausgezeichneten Sangers. Wir mogen in manchen Dingen den Alten nachstehen, aber die Wunder der Instrumentalmusik gehoren ausdrucklich unserm Zeitalter an. Man soll sich nicht eigensinnig gegen das Edle und Wundervolle verschliessen, weil es, wie so vieles, vom Haufen gemissbraucht wird und der Eitelkeit dient."

Er zog den Freund mit sich. Die Versammlung war in einem geraumigen Saal, aus welchem man sogleich in den Garten kommen konnte. Da es hoher Sommer war, hatte man zwar die Lichter aufgesteckt, sie brannten aber noch nicht. Die Gesellschaft war schon ziemlich zahlreich; vorn prangten die edleren Damen der Stadt, unter diesen ein untersetzter Mann mit einem Stern, den alle mit grosser Devotion Exzellenz nannten; hinter diesem sass der Burgermeister, die Hande uber den Bauch gefaltet und auf jede Bewegung des Mannes vor ihm aufmerksam, der ehemals in Diensten eines benachbarten Staates gestanden und sich hieher zuruckgezogen hatte, um als der Vornehmste verehrt zu werden. Elsheim beobachtete mit Leonhard die Eintretenden. Unter den Damen fehlte es nicht an reizenden, auch musste man gestehen, dass die meisten die neueren Moden kannten; aber zugleich war eine gewisse Ubertreibung bei allen sichtbar und eine steife Angstlichkeit, denn jede trat mit dem Bewusstsein herein, sie sei auf die rechte Art geschmuckt, jede sitzende musterte sogleich kritisch die wandelnde und verbeugende, und diese betrachtete nach dem Gruss sich selbst, um Vergleichungen mit den schon anwesenden anzustellen, so dass es fast scheinen konnte, die feinen und reichen Kleider fuhrten mehr ihre Besitzer herum, als dass sie von diesen getragen wurden. In dieser Kunstausstellung war die Tochter des Wirtes, die abseits an einem Fenster sass, denn freilich nur ein kleines Blumenstuck aus der niederlandischen Schule, das in der Nahe der grossen Altarblatter kaum bemerkt wurde. Noch unscheinbarer verschwand ihr Begleiter, der sich abwechselnd an andere junge Leute machte, laut sprach und sich zum Lachen zwang und dann mit steifer Leichtigkeit zu seiner Dame zuruckkehrte. Ein Elegant naherte sich beschutzend ihrem Fenster, und sie bluhte sichtbar auf, wechselte aber um so auffallender mit verlegener Blasse, als dieser auf einen befremdenden Blick vornehmer Damen, die hereinrauschten, sich etwas zu schnell gehorchend von ihr entfernte.

"O des Elends!" flusterte Elsheim, "unsre gute Adelaide, Selma, oder welchen idealischen Namen sie fuhren mag, mochte vor Neid, Missbehagen und Eitelkeit vergehn! Sei wechselt im Herzen mit einer ubertriebenen Ehrfurcht vor diesen geputzten Herrschaften und einer erzwungenen Verachtung aller hohern Stande; sie schamt sich ihres Daseins, und im Ringen dieser Verzweiflung wird die Musenkunst umsonst der matten Seele aufhelfen wollen. Wie, wenn sie nun daheim, wie ihre guten Voreltern, behaglich bei der Insel Felsenburg sasse, oder beim lustigen Besuch von Verwandten und Burgermadchen, jene alten Lieder singend, oder sich in wohlgemutem Tanze umschwenkend, mit Dirnen flusternd und dem Liebsten winkend: wie hoher wurden ihre Lebenspulse schlagen!" Er verliess die Mitte des Saales und setzte sich vertraulich schwatzend zu der Verlassenen, was einige der Damen als ein Wunder bestaunten und dann verhohnten, die ihm wegen seines Kreuzes schon unter den vordersten Sesseln einen Platz zugedacht hatten.

Leonhard stand im Haufen neben zwei Mannern, die schon seine und die Aufmerksamkeit vieler in der Gesellschaft auf sich gezogen hatten. Sie fielen auf, da sie in gelblichen Uberrocken und bestaubten Stiefeln nicht nur die Fremden, sondern selbst Kosmopoliten etwas zu gleichgultig darstellten, die den Putz der ubrigen Gesellschaft, sowie die angstlich feinen Sitten nicht beachteten, oder vielmehr geringschatzten; denn, anstatt sich im Hintergrunde bescheiden und still zu verhalten, waren sie gleich vorgedrungen und hatten das grosse Wort gefuhrt, indem sie nach den Virtuosen, der Stunde des Anfangs und dergleichen die vornehmsten Nachbaren rechts und links ohne Unterschied gefragt hatten. Der Minister hatte sich bei dem Gerausch erhoben, sie mit kurzem Blick gemustert und sich ernst wieder niedergesetzt, und der Burgermeister, von diesem stillen Missfallen belehrt, hatte durch einen Bekannten den anstossigen Fremden eine gedruckte Ankundigung des Konzerts ubersandt, um dem zu lauten Schwatzen und Fragen nur ein Ende zu machen. Jetzt aber nahmen diese den Zettel und lasen ihn nicht nur laut ab, sondern kritisierten auch unter Lachen und Spott jedes Wort. "Ist es nicht zu arg", fing der eine an, der, weil er blond war, ein etwas sanfteres Ansehn hatte, "dass in Deutschland Menschen, die sich fur Virtuosen ausgeben, nicht eine Zeile richtig in ihrer Muttersprache schreiben konnen?" "Weil sie", erwiderte der Braune, dem dicke schwarze Haare tief in seine dunklen Augen hingen, "in Faulheit nichts lernen und genug zu tun glauben, wenn sie die Finger behende ruhren konnen." "Und solches Volk", fing der andere wieder an, "will einen solchen Zirkel gebildeter und feiner Menschen, wie ich hier versammelt sehe, nicht nur unterhalten, sondern ihren Geist erheben und alle zu den hochsten Genussen der Entzuckung und Andacht stimmen, da sie selbst, wie der gemeine Mann zu sagen pflegt, weder lesen, noch beten konnen."

Bei diesem lauten Gesprache waren die Damen enger zusammengeruckt, um sich so viel als moglich von der verdachtigen Nahe zu entfernen, der untersetzte Minister hatte gern alles ignoriert, wenn man nicht zu laut gesprochen hatte, er flusterte daher seiner Umgebung von rohen und gemeinen Menschen zu, und der noch dickere Burgermeister erhob sich, um den Fremden einen drohenden Blick zu senden.

"Sehen Sie nur, mein Freund", fing der Schwarzkopfige wieder an, "wie unruhig die verehrungswurdige Gesellschaft schon wird; alles sieht umher, kein Mensch kann begreifen, wo die Kerle nur bleiben, die gewiss wo in einem Weinhause sitzen; und doch steht hier: der Anfang prazise um sechs Uhr, aber die dummen Teufel glauben gewiss, prazise heisst auf deutsch eine Stunde nachher. Und doch sollten sie ja eilen, die armen Schlucker, um so viel als moglich Wachslichter zu sparen."

Der andre sagte hierauf mit verhaltnem Zorn: "Wir mussen hier alle wie die Narren warten, als wenn wir nicht mehr zu tun hatten; mich gereut schon mein gutes Geld, das ich den Windbeuteln draussen habe erlegen mussen."

"Wer mag nur der Kruppel sein", sagte der Schwarzaugige, "der so genau unsere Taler besah, als wenn wir falsche Munzer waren. Wohl gar das gute Schaf von Komponisten selbst, der dem Gelde die Stimme probiert, ob es den gehorigen Diskant singt."

"Meine Herren, die ich nicht zu titulieren weiss, da ich nicht die Ehre ihrer Bekanntschaft habe", fing hierauf der Burgermeister, der sich nicht langer halten konnte, fast stotternd vor Arger an, "der brave Mann, der Ihnen die Billette gegeben hat, ist unser Kassierer vom Rathause, der sich aus reiner Liebe zur Kunst, und um die beste Ordnung zu erhalten, diesem Geschafte unterzogen hat. Man muss ihm dafur danken, und er ist nichts weniger, als ein Kruppel. Ich habe die Ehre, hier Burgermeister zu sein, und ich sowohl, wie der ganze Magistrat konnen einen solchen Ausdruck ubel empfinden."

"Wir wollen ihm nicht weiter zu nahe treten", sagte der Schwarze, "aber uber die Schlingel von Musikanten durfen wir uns doch argern, die fur ihr Geld, das sie uns ablocken, die Stunde nicht besser in acht nehmen. Wir haben mehr zu tun, als hier zu warten."

Lange hatten die Damen schon gezischelt, um die ungezogenen Fremden war ein leerer Raum entstanden, und mit einer Protektionsmiene gegen seine Umgebung, da der Burgermeister das Eis schon gebrochen hatte, erhob sich nun der Mann mit dem Sterne und sagte: "Es scheint Ihnen zu entgehen, meine Herren, vielleicht weil Sie bisher nur wenige Gesellschaft frequentiert haben, in welcher man sich etwas genieren muss, dass Sie diese Damen und uns alle mit beleidigen, indem Sie so ohne Rucksicht auf die beiden Kunstler schelten, die heute unsere Stadt beglucken wollen. Der Ruhm dieser Manner ist uber jede Lasterung erhaben, und da Sie weder warten wollen, noch auch Kenner und Freunde der Musik zu sein scheinen, so war Ihre Bemuhung in diesen Saal ein kleiner Irrtum."

"Es sind halt doch nur Musikanten", rief der Blonde unwillig aus, "und wenn ich nicht die Ehre hatte, mein Herr Baron oder Graf, dadurch mit Ihnen in Gesprach und Bekanntschaft zu geraten, so wurde ich glauben, dass alles, was Sie sagen, diese nachlassigen Menschen zu entschuldigen, unpassend sei."

"Ja wohl", rief sein Gefahrte mit mehr Ungestum, "fur unser Geld sind wir hier! die ganze Gesellschaft hier in Ehren, und ich mache jedem mein Kompliment, aber die Musikanten, denn wir sind doch hier alle gleich, erklare ich fur wahre Taugenichtse."

"Und der Herr Graf von hat uns hier nichts zu befehlen, und wir konnen es sehr ubelnehmen, dass er uns zu verstehen gibt, wir waren hier nicht an unserer Stelle, ja uns gleichsam die Ture weiset", fuhr sein Begleiter fort.

"Es ist unter mir", sagte der angesehene Mann unwillig, und setzte sich sehr heftig nieder, "mit Menschen zu sprechen, die nur der schlechten Gesellschaft gewohnt sind."

"Gesellschaft ist Gesellschaft", riefen die Fremden, "vollends wenn man bezahlt, und dies Betragen schickt sich nicht."

So fuhren sie fort laut zu schelten auf die Umgebung, auf die Art, mit ihnen zu sprechen, vorzuglich aber uber die Verzogerung des Konzertes, aus welchem nichts wurde, und das sie gern genossen hatten, da sie doch vielleicht die einzigen wahren Kenner in dem kleinen unbedeutenden Orte waren, so dass man umher murmelte, schalt, sie drangte, von Ungezogenheit und Pobel sprach, indessen sie sich mit Gewalt Platz zu machen suchten und bald mit Zorn, bald mit Lachen antworteten, bis sich endlich der Burgermeister, der indessen mit seinem Gonner heimlich gesprochen hatte, in aller Wurde erhob und laut sagte: "Meine Herren, Sie mogen Kenntnisse besitzen, oder nicht, so muss ich jetzt das deutlich wiederholen, was Sr. Exzellenz aus ubertriebener Gute und Humanitat Ihnen nur zu verstehen gegeben hat, sich namlich aus diesem Zirkel zu entfernen, der offenbar nicht mit Ihrer Art und Weise sympathisieren kann."

"Herr Burgermeister, denn der sind Sie, wie ich hore", sagte der blondhaarige Fremde, "Sie wollen also zwei Leute, die Sie nicht kennen, zweien musikalischen Vagabunden aufopfern, denn derentwegen ist ja nur unser Streit; ich sehe aber gar nicht ein, wie Sie das Recht haben, uns mit solchen recht empfindlichen Reden von hier zu entfernen."

"Ohne Umstande", rief ein alter Hauptmann, der sich dienstfertig herbeigemacht hatte, um auch als ein Vorsteher der Stadt seine Rolle zu spielen, "Sie machen sich davon, oder man wird Ihnen etwas anderes zeigen!"

Im Eifer fasste er den Schwarzkopf derb an, der, ohne auf seine Wurde zu achten, ihn so kraftig zuruckstiess, dass der Offizier gegen ein paar junge Herren flog, und der Puder seiner Frisur den halben Saal anfullte! "Wache!" rief der Hauptmann. "Man ist seines Lebens nicht sicher", schrien die Damen. "Das ist ein Skandal!" achzte der Burgermeister. Bei dem Getummel war der Kassierer herbeigekommen, und diesem wurde von dem besternten Manne, dem alles Platz machte, die Weisung gegeben, Wache herbeizuschaffen, die die Friedensstorer und Arrestanten, denn das verdienten sie zu sein, abfuhren konnte.

"Wenn es denn Ernst ist", sagte der Fremde mit den blonden Haaren, "so mussen wir uns wohl dareinfinden, aber es ist doch hart, dass wir unser gutes Geld daruber einbussen sollen."

"Hier, mein Herr", sagte der kleine Kassierer, "empfangen Sie Ihre zwei Taler zuruck, denn die beruhmten grossen Virtuosen werden lieber die Gesellschaft nach Ohren, als nach Talern zahlen."

"In die Wache?" fragte der Schwarzgelockte. "So ist Ihr Schicksal", antwortete der Hauptmann. "Woraus besteht diese?" "Fur jetzt aus Invaliden, aber kunftigen Winter bekommen wir wieder wirkliches Militar." "Gut", rief jener, "so hor ich auf der Wachstube vielleicht alte edle Volkslieder, oder biedre Liebesgesange und kann dem musikalischen Charivari hier mit gutem Gewissen den Rucken wenden. Wir weichen der Gewalt. Aber, wie ist man doch in diesem kleinen traurigen Stadtchen noch zuruck! Wie ist man doch in den Winkeln der Provinz so gar nicht mit dem Geiste der Zeit fortgeschritten! Wir arretiert, zu Invaliden geschickt, weil wir aus Enthusiasmus die Kunstler verwunschen, die uns den Genuss ihrer Kunst so lange vorenthalten! Diese beklagenswurdige Barbarei verdient, dass Sie alle hier nie einen guten Sanger oder Komponisten horen, dass Sie heut umsonst und vergeblich auf jene Tausendkunstler warten, die uns diesen Verdruss zuziehen, dass Sie immer in der barbarischen Dunkelheit und dem skythischen Nebel verharren, denn Orpheus selbst wurde hier alle seine Harmonieen vergeblich anwenden." Das letzte sagten sie schon draussen, teils fortgedrangt und abgefuhrt und teils freiwillig den Saal verlassend. "Meine Damen und Herren", sagte hierauf der Mann mit dem Sterne in grosser Bewegung, "ich nehme Sie alle zu Zeugen, dass es keinesweges Barbarei oder Mangel an Humanitat ist, was uns zu diesem Betragen gegen diese fremden Gesellen gezwungen hat, auch ist der Vorwurf dieser Ruhestorer gewiss ebenso ungegrundet, dass wir zuruckgeblieben und mit der Zeit nicht fortgeschritten waren. Geschahe in allen Teilen des deutschen Reiches fur Kunst und Bildung so viel, wie in diesen friedlichen Gegenden, so wurden wir bald noch schonere Fruchte gewahr werden; dies unbestochene Zeugnis war ich dieser Stadt und Ihnen schuldig."

Alle verneigten sich, am tiefsten der Burgermeister. Die gewohnliche ruhige Verfassung einer Gesellschaft, die Musik erwartet hatte, hatte sich vollig aufgelost, denn dieser Vorfall war zu ausserordentlich, um nicht allen Zuhorern eine ungewohnliche Stimmung zu geben; selbst die akkompagnierenden Musiker, ja sogar die Lichterputzer hatten sich unter die Gesellschaft des Saales gemischt, um zu horen, oder zu erzahlen, Meinungen zu vernehmen, oder Vermutungen mitzuteilen. So meinten einige, die unruhigen Fremden waren Bauern und Holzhandler von dem nicht zu entfernten grossen Strome, die auch einmal ein geistiges Vergnugen an sich hatten versuchen wollen und daran gescheitert waren; einige wollten Matrosen in ihnen erkennen, und andere waren noch unbilliger und hatten in ihnen Mitglieder einer Rauberbande entdeckt, die damals im sudlichen Deutschland viel von sich sprechen machte. Nur nach und nach beruhigte sich das tobende Meer, und man hatte im Eifer der Verhandlung nicht bemerkt, dass es daruber in der Tat schon spat geworden sei dass es schon dammerte, und dass der Fluch der Fremden in Erfullung zu gehen drohe.

Die Ruhe und das feinere Gesprach hatte sich indessen wieder hergestellt, als man wegen der Dunkelheit gezwungen war, die Lichter anzuzunden, und nun fiel es der Gesellschaft, vorzuglich den Damen, auf, wie lange sie schon vergeblich gewartet hatten. Einige der Herren, die spazierengegangen waren, kamen auch aus dem Garten zuruck und wunderten sich, dass die Sache noch immer nicht vorgeschritten war; am ungeduldigsten aber waren die begleitenden Musiker, welche laut murrten und wegzugehen drohten. In dieser Verfassung zog der Burgermeister Nachrichten ein, und es ergab sich, dass keiner im Saale wusste, wo die Virtuosen abgestiegen waren, dass keiner sie noch gesehen, denn sie hatten nur schriftlich um die Erlaubnis nachgesucht; und da sehr viele schon langst ihre Augen auf den unbefangenen heitern Elsheim geworfen hatten, der, obgleich ein Edelmann, das Argernis gegeben, sich zur Tochter des Gastwirtes zu setzen und sie zu unterhalten, noch mehr aber dadurch, dass er bei dem lauten Streite gelacht und gewissermassen die Partei der Fremden genommen hatte, sich auch jetzt unverhohlen freute, dass man so spasshaft und trocken wieder auseinandergehen musse: so fand der Einfall eines witzigen Kopfes sogleich den grossten Beifall, dass dieser fremde junge Herr vielleicht die Bitte um Erlaubnis geschrieben, dann die Ankundigungen habe drucken lassen und dann selbst angekommen sei, um die Verwirrung und den Verdruss der Kunstfreunde schadenfroh zu geniessen.

Diese Meinung lief bald durch den ganzen Saal; alles erhob sich, um verachtende oder zornige Blicke auf den Unschuldigen zu werfen; es schien, als wolle man einen Sprecher wahlen, der die Vorwurfe der beleidigten Versammlung in einer lauten Rede vortragen solle, und Leonhard fing an, um seinen Freund, dessen heftige Reizbarkeit er kannte, besorgt zu werden, als man einen Invaliden sich eifrig durch den Saal drangen sah, der den Hauptmann aufsuchte, um ihm etwas in das Ohr zu raunen. Der Hauptmann sah mit einer sehr wichtigen Miene empor, schuttelte den Kopf, winkte dem Burgermeister und begab sich mit feierlichem Anstande zu diesem. Nachdem beide eine Weile leise miteinander gesprochen, nahm mit einem tiefen Seufzer der Amtsburde und mit hoher Rote der Burgermeister Hut und Stock und sagte: "Ew. Exzellenz und meine Damen und Herren verzeihen, wenn ich mich auf einige Zeit entferne; die beiden Arrestanten lassen mich dringend und eilig auf die Hauptwache zitieren, indem sie mir sehr wichtige und notwendige Dinge in grosser Eile zu eroffnen hatten. Vielleicht ist dies fur unsere Stadt ein hochwichtiger Tag, denn mir ahndet, dass Entdeckungen unterwegs sind, die wohl zum Gluck des ganzen Landes gereichen mogen."

Ein Beifallsmurmeln begleitete den Patrioten, die grosste Neugier und Spannung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemachtigt es schien nun, vorzuglich den Damen, ausgemacht, die Gefangenen konnten nur Morder und Strassenrauber sein und gewiss die Anfuhrer der Bande, denen das Gewissen plotzlich erwacht sei, um die ausserordentlichsten Entdeckungen zu machen. Die Scharfsinnigsten hielten zugleich ein wachsames Auge auf Leonhard und Elsheim, damit diese sich nicht unvermerkt entfernen konnten, und man sprach laut von Verkleidungen und vielfaltigen Masken, unter denen sich so oft die grossten Bosewichter unkenntlich in die beste Gesellschaft zu schleichen suchten. Diejenigen, die in der Literatur der Rauberromane bewandert waren, fuhrten davon merkwurdige Beispiele an, und einige von den Madchen ruckten naher aneinander, sahen scheu nach der Tur, oder auf Leonhard und Elsheim, in der bangen Erwartung, dass plotzlich ein grauses Wunder unter dem Signal von Pistolenschussen sich entwickeln, oder die Befreiung der Gefangenen unter Aufruhr und Brand erfolgen werde. Die Tochter des Burgermeisters weinte unverhohlen Tranen, weil sie ihren Vater schon verloren gab, als dieser zur Befriedigung ihrer und aller keuchend zuruckkam und mit verdrusslichem Kopfschutteln alle stummen und lauten Frager, die sich an ihn drangten, zuruckwies, bis er wieder zu seinem Sitze gelangt war. "Exzellenz", stotterte er, "es war ungegrundet, aber die Musik wird vor sich gehen."

Und zugleich traten zum allgemeinen Staunen durch die Tur gegenuber zwischen Notenpulte und Musiker mit etwas veranderter Kleidung die beiden arretierten Fremden herein, naherten sich anstandig der vordern Reihe der Zuhorer und wollten eine Entschuldigung stammeln, doch liessen sie die Ausrufungen der Verwunderung, das Aufstehen, das Fragen und Sprechen der Zuhorer untereinander nicht zu Worte kommen, und Elsheim, der jetzt wieder unter den vordern stand, sich an der Verlegenheit der Gesellschaft und der Schadenfreude der Virtuosen ergotzend, fing laut an zu applaudieren, und alle, die beim Erscheinen von Kunstlern dieses Gerausch zu erregen schon gewohnt waren, folgten ihm nach, so dass ein lautes Beifallklatschen wie ein durchbrechender Strom alle anderen Tone in sich aufnahm und verschlang, indessen nur der Graf mit hoher Rote vor sich niedersah und beschamt und missbilligend das Haupt schuttelte. Da dies die bemerkten, die ihm am nachsten waren, so horten sie auf, und so verlor sich das Applaudieren wieder decrescendo, welches Elsheim einsam endigen musste, indem sich jeder zugleich besann, wie unpassend man hier den Beifall Leuten erteilte, die jedermann nicht auf die feinste Art zum besten gehabt hatten.

Eine der schonsten Symphonieen erhob sich jetzt mit ihrem Flugelschlage und nahm alle Empfindungen mit sich; dann spielte der blonde Virtuose ein Klavierkonzert mit einer Fertigkeit und einem Ausdruck, wie man es dort noch nicht gehort hatte, der Sanger, eine Bassstimme, sang unvergleichlich, und man wechselte noch mit einigen Musikstucken, die allgemeinen Beifall verdienten und das Publikum in der Tat entzuckten, doch schamte man sich, seinen Beifall zu bezeigen, und horte alles stillschweigend an.

Es war spat geworden, ehe die musikalische Unterhaltung beendigt war; der kleine Kassierer, der das empfindlichste Gemut haben mochte, war schon lange vor dem Schlusse nach Hause gegangen, nachdem er durch einen Violinisten den Reisenden die Einnahme ubersandt hatte. Diese bezahlten sehr freigebig die begleitenden Instrumente; die Gesellschaft ging, selbst nicht wissend, ob ihre Zufriedenheit, oder ihr Missvergnugen uberwiege, auseinander, und Elsheim bat die Fremden, mit ihm in seinem Gasthofe zu essen, die seine Einladung auch mit heiterer Gleichgultigkeit annahmen.

Der Wirt hatte von seiner Tochter schon das Abenteuer vernommen, und er ging den Fremden mit einem Gefuhl, aus Bewunderung und einem gewissen Entsetzen gemischt, entgegen, dass sie es gewagt hatten, die Haupter der Stadt, die ihm die der Welt waren, zu narren, und sie doch zugleich die beruhmten grossen Virtuosen waren, die zu solchem Wagestuck den kekken Mut in sich hatten finden konnen. Die Tafel ward bereitet, und die gebildete Tochter, sowie der Wirt selbst mussten auf Elsheims Ersuchen Platz daran nehmen, bei welcher der gute Wein das vorzuglichste Gericht ausmachte, weil die Speisen in der Tat schlecht zubereitet waren.

Als der Wein heiter und vertraulich gemacht hatte, erzahlte der Komponist, wie sie dem Burgermeister entdeckt hatten, dass man sie, wenn das Konzert noch zustande kommen solle, frei machen musse, und wie dieser ihnen nur Glauben beigemessen habe, als sie Briefe vorgewiesen, die an sie gerichtet gewesen.

"Wie kamen Sie nur auf diesen sonderbaren Einfall?" fragte Elsheim.

"Man hort ja", erwiderte der Komponist, "von Kunstlern erzahlen, die aus enthusiastischer Zerstreuung wahrend des Spieles vom Instrument aufgesprungen sind, um aus der Ferne die Wirkung ihrer eigenen Musik zu erfahren, und so kamen wir neulich auf den Gedanken, dies hier in dem kleinen Stadtchen auf eine ahnliche Art versuchen zu wollen, ob wir uns gleich den Ausgang des Abenteuers nicht so gedacht hatten."

"Mich wundert", sagte Leonhard, "dass Sie nicht verlegen waren; ich hatte um alles nicht Ihre Rolle durchfuhren mogen."

"Sie sind auch wahrscheinlich kein Schauspieler", antwortete der dunkelhaarige Bassist; "mir wurde erst etwas beklommen, als das unmassige Applaudieren entstand, und gewiss, man hatte uns nicht mehr beschamen und bestrafen konnen, als wenn dieser laute Beifall sich wiederholt bei jedem Musikstucke hatte horen lassen."

"Sie mussen freilich", fiel der Wirt ein, "in Ihrem Stande mehr abgehartet sein, als andere Menschen, denn es kommen wohl oft Falle vor, in denen Sie Ihre ganze Fassung notig haben."

Der Sanger sah hierauf den vorlauten Wirt mit einem Blicke an, wie ihn ein siegesstolzer Student etwa einem sogenannten Philister zuwirft, wenn dieser uber Handel oder Duell-Angelegenheiten sein Wort abgeben will. Ohne den Wirt zu berucksichtigen, richtete der Schauspieler seine Worte wieder an den Edelmann, indem er so fortfuhr: "Es ist wahr, wer es in unserm Stande nicht lernt, Fassung zu gewinnen, unvermuteten Storungen, oder Kabalen und Grobheiten mit einer gewissen festen Unverschamtheit entgegenzutreten, der wird diese Tugenden niemals erringen. Mir und meinem Freunde hier ist aber das Talent angeboren, mit dergleichen Fahrlichkeiten zu spielen, sie aufzusuchen und im wildesten Sturm und Drang den Kopf niemals zu verlieren."

Elsheim erwiderte: "Ich kann mich wohl, wenn ich es naher uberlege, in Ihre Stimmung hineindenken. Geht es einem beim Reiten, wenn man ein wildes Pferd versucht, doch auf ahnliche Art. Indem man alle Kunst mit Bewusstsein anwendet, gerat man doch zugleich in einen Taumel und so wilde Unbesonnenheit, dass man sich der Gefahr erfreut, und vielleicht das wilde trotzige Ross nur durch diese Vereinigung von Tollheit und Vernunft gebandigt wird. Noch ofter tritt dieser lusterne Zustand beim Fahren ein, wenn wir etwa vier kraftige Hengste regieren sollen. Es erwacht ein Heldensinn in diesem Taumel, und der Mensch ist nahe daran, die Gefahr herauszufordern. Vielleicht dass, wem von diesem verlockenden Reize gar nichts beiwohnt ein solcher nie etwas Grosses tun kann, er musste denn, wie Fabius der Zauderer, durch seine unerschutterliche Kalte Verderben und Gefahr von sich und den Seinigen abwenden. Wie heroisch braucht Egmont dies als Gleichnis, um seinen Lebenslauf zu bezeichnen: 'Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals leichtem Wagen durch, und uns bleibt nichts, als mutig gefasst die Zugel festzuhalten und bald rechts, bald links, vom Steine hier, vom Sturze da die Rader wegzulenken. Wohin es geht, wer weiss es? Erinnert man sich doch kaum, woher er kam.'"

"Geehrter Herr", sagte der Klavierspieler, "alles Talent ist nur auf diesem Wege moglich. Noch keiner hat das Wunder, was mit diesem Worte ausgesprochen ist, erklaren, oder nur begreifen konnen. Das ist ja das Ratsel, wie sich in uns der Zustand, den wir unser Bewusstsein nennen, so innigst mit seinem anscheinenden Widerspruch, dem Nichtbewusstsein, vermahlen kann, und aus dieser Vereinigung erst unser hochstes, seelenvollstes Leben hervorgehen muss. Ich habe mehr als einmal einer Anzahl trefflicher Sanger akkompagnieren mussen, plotzlich, unvorbereitet, nach einer Partitur einer Oper, die mir noch niemals vorgekommen war, und mein Auge und Sinn fand sich so schnell und sicher in dieser schwierigen Aufgabe zurecht, dass alles gelang, und dieses tollkuhne Improvisieren zu den genussreichsten Stunden meines Lebens gehort."

"Wie oft", fiel der Sanger ein, "habe ich etwas ahnlich Halsbrechendes unternommen, die schwierigsten, mir fremden Sachen vom Blatte zu singen. Es ist eine Energie in uns, eine Allgegenwart des Geistes, eine Gabe der Prophezeiung, die nur alsdann hervortritt. Und sonderbar! wenn diese Zustande des Seelenrausches voruber sind, bemerken wir, dass auch alles Zeitmass in uns aufgehort hat, denn wir wussten nicht zu sagen, wie viele Stunden uns in dieser Anstrengung verschwunden sind, weil sie uns nur wie Augenblicke erschienen."

"Ebenso ist es aber auch", fiel Leonhard bescheiden ein, "wenn wir ein Kunstwerk geniessen und wahrhaft verstehen. Die knechtische Abhangigkeit von der Zeit verschwindet alsdann jedesmal."

Die beiden ubermutigen Kunstler hatten sich bis jetzt nur wenig um den jungen Meister gekummert, sie sahen ihn jetzt mit grossen Augen an und suchten an seinen Blicken zu erforschen ob er ebenfalls zu ihrer Zunft gehore, oder vielleicht Maler, oder Dichter sei. Doch Leonhard schlug seine Augen nieder und schien es zu bereuen, dass er an diesem verwegenen Gesprache teilgenommen hatte, sein Freund aber nahm das Wort auf und bemerkte: "Wenn es also wahr sein mag, dass dieser unbeschreibbare Doppelzustand zu unsern allerbesten Lebensausserungen gehort, sei es, um zu geniessen, oder hervorzubringen, so durfte die Frage sehr wichtig sein, wie weit man nun, um jener hoheren Kraft Raum zu geben, Bewusstsein und Nuchternheit einengen, und wieviel Herrschaft jene bacchische Begeisterung ausuben durfe."

"Dafur oder dagegen", rief der Sanger heftig aus, "kann und darf es keine Gesetze geben. Soll das Gebet aus jener Nuchternheit hervorgehen, die ja eben durch den Gott vernichtet werden soll? Glauben Sie mir, alle grossen Genien der Menschheit, seien es Helden, Dichter oder Kunstler, haben ihre Schopfungen nur, von diesem Taumel erst angeruhrt und dann beherrscht, hervorbringen konnen. Welche unbandigen Hollengeister waren es denn, mit lichten Engeln geschart, die unser Mozart vor seinen Siegeswagen spannte, um, ein zweiter Dionysos, seinen Triumphzug nach dem fernen, gottgeweihten Indien, dem Land der Fabel und der Poesie, zu feiern, von tanzenden Nymphen, gaukelnden Amoretten, lacherlichen Faunen, rasenden Manaden und selig liebenden, ewig trunkenen Lieblingen der Aphrodite und des Eros begleitet? So sturmt sein Don Juan, sein siegprangendes Meisterwerk, dahin. In dieser heiligen Raserei haben alle Genien gedichtet und erschaffen. Ja erschaffen, wie der Herr, aus dem Nichts. Dies ist das Unbewusste, der Schlaf, der Tod in uns, wie es die bloden Menschenkinder nennen. Hier ist das Zeughaus der Phantasie, die geheimnisvolle Werkstatte des unsterblichen Geistes. Wer hier das pflegt und nahrt, was spaterhin als Gedanke, Ton, Bild und Gedicht in die Schopfung heraustreten soll wer kann diese Ammen nennen, oder bezeichnen? Was ist dieses Nichts, dieses unbekannte Unerkannte, dieses Namenlose, aus dem aller Glanz und alle Kraft sich entwickelt? O ihr Torichten, die ihr euer Leben damit zubringt, immer Unterschiede zu entdecken und diesen mit nuchterner Weisheit einen Taufnamen zu geben! Sturzt euch, ihr von den Musen Begabten von der Gottheit Begeisterten, ohne zu forschen und zu zweifeln, in den Strom des bewegten Lebens; opfert, wie es das Geheimnis fordert, eure Vernunft und Nuchternheit, die Ordnung und Sitte jenen unterirdischen Geistern und Damonen, die, wenn ihr dieses Entschlusses nicht fahig seid, euch sonst die Schonheit selbst entreissen, mit eurem Herzblut, wie Vampiren, die Begeisterung wegzechen, so dass ihr nach kurzem Taumel zu Qualm des Ekels und der altklugen Langweile erwacht. Der Weinrausch ist ein Symbol dieses gottlich begeisterten Lebens, in der Wollust spricht mit Entzucken und Wahnsinn jener Tod uns an, der das echte Leben ist, hohnlachend und in sussester Wehmut wird hier jenes Bewusstsein begraben, das die meisten Menschen fur das Leben halten. Wer sich also als echter Kunstler dem Taumel weiht, der darf nicht rechts, nicht links, nicht ruckwarts schauen, nur vor ihm liegt die Bahn, und Gluck, Gefahr und Leben und Tod sind eins."

Auf einen stillen, bedeutsamen Wink des Wirtes hatte die junge Tochter das Zimmer schon verlassen, weil es dem Vater wohl unziemlich dunken mochte, dass ein weibliches Wesen diese wunderlichen Lebensregeln mit anhoren sollte. Leonhard sagte nach einer kleinen Pause: "Aber, meine Herren, Sebastian Bach, Gluck, Palestrina- "

"Still!" entgegnete der Sanger, "ich weiss, wo Sie hinauswollen. Ausnahmen gibt es, und wer weiss man soll den alten Bach, unsern Vater und Meister, nicht lastern, aber jener sturmische Geist ging ihm wohl ab, der unsere neue Kunstwelt treibt. Und Palestrina wir wissen so wenig von ihm aber erzahlte er nicht, dass er die eine seiner beruhmtesten Kompositionen Note fur Note vollstandig von einer Schar von Engeln vernommen und die uberirdische selige Musik nur als mechanischer Kopist niedergeschrieben habe? In der Musik stromt ein Geist, der, starker als in allen anderen Kunsten, ihren Bekenner der Besonnenheit enthebt. Der Sanger, mehr fast noch der Virtuos eines Instrumentes, der Kapellmeister, wie der Komponist, alle leben dem Augenblick, ohne an morgen zu denken. Der Genuss der Kunst, so gut wie des Weins und der Liebe, reisst sie uber Zeit, Sorge und Ordnung hinweg, denn in keiner andern Kunst ist das unmittelbare Gelingen, das Improvisieren so notwendig. Maler, Dichter und Bildhauer mogen sich bedenken; wenn der Musiker es wollte, so ware der auflodernde Augenblick schon entflogen. Der Grubler nun gar musste auf lacherliche Weise zuschanden werden. Darum, meine ich, muss man in der sogenannten Moral auch beim Musiker einen ganz andern Massstab anlegen, wenn der Sittenprediger nicht gegen ihn ungerecht, ja grausam werden soll. Mozart steht hoher, als seine Sittenrichter."

Der musikalische Freund bekraftigte alles, und so, nachdem man noch manche paradoxe Satze ausgesprochen, die den muntern Elsheim sehr ergotzten, begaben sich alle auf ihr Lager, als der Morgen schon graute.

In der heitern Landschaft fuhlte sich Leonhard wieder frei und wurde frohlich. Elsheim hatte die Verstimmung wohl bemerkt, die seinen Freund am Abend qualte, und sagte jetzt, nachdem sie lange stumm nebeneinander gesessen hatten: "Warum, Freund, bist du oft so schwerfallig und widerstrebst der Laune, die mich mit sich nimmt? Man kann nicht immer weise sein, und dein Gemut ist selbst oft zur Frohlichkeit gestimmt, ja, ich habe selbst gesehen, wie Albernheiten und Kinderein dich ergotzen konnen."

"Schilt mich nur", antwortete Leonhard, "denn freilich ist es wohl eine Anlage zur Pedanterie, die mich in manchen Stunden so missmutig und murrisch macht. Der ganze gestrige Tag war mir nicht recht. Dass der Wagen zerbrach, machte mich erst ganz verdrusslich. Nun gar das verwunschte Konzert. Ich begriff deine ausgelassene Heiterkeit nicht. Das ganze Wesen, Zuhorer, Vornehme, Burgermeister, Manner, Frauen und Madchen, alles war melancholisch. Diese Ungezogenheit der Musiker war wunderlich genug, aber auch dieser Vorfall konnte mich nicht ergotzen. Wir haben uns mit den andern narren lassen, weil wir eben nichts Besseres zu tun hatten. Und das mag wohl oft, auch im Leben der bessern Menschen, eintreten, dass solche Luckenbusser und Ausgeburten der Langeweile fur Ergotzung gelten mussen. Es sind die Butterkuchlein aus Wasser der Schildburger. Und nun gar das Hymnen-Gesprach am Abend bei den schlechten Speisen. Die haben mir erst Magen und Geist verdorben."

"Ei, du Allerweltskrittler!" rief Elsheim uberlaut und erhob sich vor Erstaunen etwas vom Sitze, um seinem Freunde in die Augen sehen zu konnen, " das ist mir denn doch neu, dass diese erquicklichen gedachten und phantasierten Gesprache dir auch zuwider sein konnen! Mir haben sie so sehr gefallen, dass ich die beiden landstreichenden Musiker dringend auf mein Schloss eingeladen habe, und ich hoffe, dass sie recht bald dort als mir sehr liebe Gaste erscheinen werden."

"In dein Wesen", sagte Leonhard etwas empfindlich, "mag diese ubertriebene Genialitat nicht so zerstorend hineinreissen, wie in meine Brust. Erinnerst du dich denn nicht, dass mir dergleichen von fruher Jugend zuwider war, und ich es immer zu bekampfen suchte?"

"O ja", sagte Elsheim, "und oft mit einer andern Genialitat sogar, die manchen Nuchternen wohl auch erschrecken durfte. Weiss ich doch, dass der eine unserer Lehrer dich oft mit seltsamer Scheu, als warest du ein Gottloser, betrachtete."

"Lassen wir das", unterbrach ihn Leonhard; "es ist gar zu betrubt, dass sich so oft selbst die allernachsten Freunde in den wichtigsten Angelegenheiten nicht verstehen."

"Besonders", sagte der Edelmann, "wenn der eine oder der andere von einer Stimmung regiert wird und dieser zu viel nachgibt. Stimmungen konnen niemals uber Gedanken und Ansichten ein richtiges Urteil fallen."

"Diese Stimmungen aber", widersprach der Freund eifernd, "wenn sie nicht Grillen und eigensinnige Launen sind, entspringen ja nur aus dem wahren Charakter und der Tiefe des Gemuts; sie sind es ja, die der Mensch nicht vernichten kann und soll, denn sie sind der Boden, in welchem Uberzeugung, Tat und Leben aufwachsen."

"Nun meinetwegen", sagte der Baron, "so sprich denn aus, was dich qualt oder stort; denn freilich, zu viel sollen wir auch nicht an uns selber makeln, oder uns das peinvoll abgewohnen, was mit unserm innersten Selbst verwachsen ist, und wodurch wir erst Individuen werden."

"Liebster Friedrich", sagte der junge Meister jetzt ganz weich, "alles, was uns reizt, belehrt, fordert und begeistert, ist immer nur unter Bedingungen und bis zu einer gewissen Grenze hin wahr; uberschreite ich beide, so wird das Beste nur Torheit und die hochste Weisheit Wahnsinn. Deshalb ist die Konsequenzmacherei zu furchten, der logische Zwang, der uns so oft veranlasst alle Lucken zu uberspringen, oder nicht zu erkennen, die zwischen den Wahrheiten liegen, oder die geistige, unsichtbare Scheidelinie zu uberschreiten, auf welcher unser Geist in den eigentlichen tiefsinnigen Untersuchungen wandeln muss, wenn er nicht immer wieder aus dem Wahren und Unsichtbaren in die rohe Materie, oder die aberglaubige Schwarmerei sturzen soll."

"Ich glaube dich zu verstehen", sagte Elsheim.

"So versteht sich aber jener Musiker nicht", fuhr der Freund fort, "der uns gestern seine bacchantische Begeisterung vortrug. Er schwarmte ganz von jenem Grunde der Wahrheit ab, auf welchem seine Wahrnehmung zuerst wandelte, und geriet in das Reich der Traume und der Willkur. Geht nicht Ordnung, Ruhe Selbstbeobachtung und nuchterner Zweifel mit jenen taumelnden Rossen, so gibt es auch keine Kraft, diese zu lenken und auf dem richtigen Wege zu erhalten. Gewiss hat auch unser Liebling Mozart diese Krafte nicht verleugnet. Denn das ist eben der Hauptirrtum, dass diese Bacchanten nicht sehen, oder nicht sehen wollen, dass in der Massigkeit, Ruhe, in dem stillen Haushalt unserer einsamen Seele, in den Schranken der Ordnung und Notwendigkeit, kurz in der scheinbaren Prosa, die man so oft voreilig der Poesie entgegenstellt, ebenfalls im gesanftigten Raum jene Himmelsblumen emporwachsen, und Begeisterung und Tatkraft auch aus diesen stillen Winkeln hervorschreiten mogen. Wie die alten Himmelssturmer oder jene Erschaffenen bestellt gewesen sein mogen, die vor aller Geschichte auf unserer Erde hausten, wissen wir nicht; seitdem aber der uns bekannte und verstandliche Mensch Regent ist, mussen wir einsehen, dass in diesem die doppelte Natur des Riesen und des sanft Gehorchenden, des Herrschers und des gern und freudig Unterwurfigen erst die Natur in ihm ausbildet, durch welche er ein Recht hat, nach Blumen, Lorbeeren, Palmen und Sternen zu greifen. Der Rausch ist auch oft nuchterner, als wir uns gestehen mogen. Palestrina, der beseligte, sollte jemals haben rasen konnen? Und unser Sebastian Bach; wie beschrankt, wie burgerlich, wie so ganz Ordnung, biedere Alltaglichkeit im Leben, wie klein, ruhig und unbemerkt in der Gesellschaft und unter den Schwatzern, und wie gross eben dadurch in seiner Wissenschaft und Kunst!"

Elsheim nahm die Hand seines Gefahrten und druckte sie recht herzlich, dann aber uberliess er sich einem so lauten und ausgelassenen Lachen, dass der bescheidene Fuhrmann sich einigemal umsah, um zu entdecken, was wohl dieses schallende Gelachter habe veranlassen konnen. Leonhard war sehr uber diesen unerwarteten Ausbruch von Lustigkeit befremdet und erwartete mit einiger Spannung die Erklarung dieser Explosion. Endlich, nachdem er sich beruhigt hatte, sagte der Freund: "Siehe, das ist nun auch meine Eigentumlichkeit und Stimmung, die du mir nicht zu sehr kritisieren darfst. Deine Vorliebe fur das Zunftwesen, dein Handwerksgeist geht in allen deinen Gedanken mit auf. Und du magst doch recht haben. Auch in der Kunst, in der geistigsten Beschaftigung, muss wohl neben Begeisterung und Anschauen nun auch das Handwerk mit seiner burgerlichen Ordnung eintreten, um durch Regel und Beschranktheit dem Geist erst seine wahre Freiheit im Schaffen zu erringen. Du hast recht: ohne Widerspruche, die sich aufzuheben scheinen, und ohne Vermittlung dieser Widerspruche ist nicht Mensch, Kunst, Wissenschaft, Geist. Darum zeigt sich auch eine uberraschend ahnliche Ohnmacht in den Gebilden des ganz phantastischen Schwarmers und des philisterhaft Nuchternen, der bloss mit Anstrengung Regel und Bewusstsein ein Kunstwerk hervorbringen will."

Die Hitze war so druckend geworden, dass sie es vorzogen, in einem kleinen Dorfe, das abseits von der grossen Strasse lag, haltzumachen, als sich mit ermudeten Pferden noch nach dem grossen Gasthofe der kleinen Stadt hinzuqualen. Der Stall war fur die Pferde gross genug, und sie setzen sich unter der schattigen Linde in eine Art von Vorsaal, der durch den Baum vor dem Hause gebildet wurde. Wahrend die Mahlzeit zubereitet ward, erquickten sie sich am Duft der Blatter und Bluten, und Elsheim sagte: "Sieh einmal, mein Freund, wie gescheit unsere Vorfahren in einer Sache waren, die viele des jetzigen Geschlechtes nur lacherlich finden. Dadurch, dass man diese schone alte Linde oben so stark und regelmassig beschneidet, entsteht hier unten dieser kuhl dammernde, dunkelnd grune poetische Saal. Dieser gibt eine so liebliche duftende Kuhle, wie sie kein Zimmer mit Vorhangen und Kunstanstalten hervorbringen kann; auch keine Gartenlaube ist so wohnlich und vertraulich. Man sieht von hier in das Haus und auf die Strasse und ist von beiden ganz ungestort. Oben, damit die Stuben nicht verfinstert und selbst feucht werden durch die Nahe des Baums, sind alle Zweige weggeschnitten, soweit die Zimmer reichen. Nun hat man in den hoheren Zimmern mit dem ersten Fruhlinge eine grune duftende Decke unter sich, ohne von den Asten gestort zu werden, und die Stuben sind hell und frei. Der schone Baum ist freilich verdorben; dafur hat dieser Bauer aber auch einen grunen Sommersaal, wie kein Furst mit allem seinem Prunke ihn aufweisen kann."

Leonhard erwiderte: "Auch in Stadten habe ich oft diese Art, die Linden zu behandeln, wahrgenommen. Dort ist diese Erfindung, womoglich, noch zauberischer, als hier auf dem Lande, weil dieser unten entstehende Saal und die gerade Linie der grunen Wand oben, auf welche man aus den Fenstern niedersieht, im erfreulichen Kontrast mit den Hausern, sowie dem gewohnlichen burgerlichen Verkehr auf der Strasse stehen. Unsere Vorfahren liebten es uberhaupt, Baume aller Art in ihren Stadten zu pflegen, und sie zieren oft eine hassliche Gasse und geben ihr ein wahrhaft trostreiches Ansehen; die Neueren fangen an diese Anstalt als etwas Abgeschmacktes zu verlastern. Es hat etwas Wunderbares, wie der Baum sich erziehen und verziehen lasst, vor allen Buche und Linde. Das Gedicht des Wandsbecker Boten gegen diesen Schneiderscherz, wie er es nennt, ist recht getreu und biederherzig, aber es wird mir die Schonheit dieses Sommersaales, oder gar den Zauberreiz eines echten grossartigen franzosischen Gartens niemals aus der Seele singen konnen."

Ein grosser Mann von mittleren Jahren war schon einigemal durch die Haustur aus- und eingegangen. Er trug ein grosses Buch unter dem Arm, welches eine Bibel zu sein schien. Er setzte sich an einen anderen Tisch und fing an zu lesen, verschloss aber den Band gleich wieder und ging durch die Haustur in den Garten. Jetzt kam er wieder herein, sah sich scheu um und legte sein Buch auf den Tisch der Reisenden, indem er mit heiserer Stimme fragte: "Meine Herren, lesen Sie auch wohl die Bibel?"

"O ja", sagte Leonhard.

"Und welches Buch", fragte er weiter, "ist Ihnen in diesem grossen heiligen Werke das allerliebste?"

"Das lasst sich wohl nicht so schnell entscheiden", erwiderte Elsheim; "bald wird unsere Seele von diesem, bald von jenem mehr gereizt, und es hat mir immer wohlgefallen, wenn manche Geistliche es nur als ein einziges, innig zusammenhangendes Buch haben ansehen wollen."

Der Bauer schuttelte so heftig mit dem Kopf, dass ihm die blonden Haare in das Gesicht fielen. Er nahm den messingenen Kamm und strich sie wieder nach hinten hinuber, indem sich plotzlich in seinem finsteren Gesicht ein helles, aber ironisches Lacheln auftat. "Da sind Sie noch nicht weit gekommen", sagte er dann. "Die verhullte Wahrheit sucht sich vorsatzlich in manchen der Bucher zu verbergen; die versteht man nur und findet das Korn der Weisheit heraus, wenn man das rechte Buch aufgefunden hat und Tag und Nacht in diesem studiert. Fur jeden Menschen, in welchem namlich das Licht aufgeht, ist es aber ein apartes, denn unsere Sinnesarten sind sehr verschieden; Gott steht allenthalben, einer darf ihn aber nur schrag, der andere von der Seite, und manche nur ganz von weitem ansehen. Wechseln sie nun ihre Stellung und kommen sie in eine unrichtige, so konnen sie gar nichts von ihm verstehen. Denn unser Herr ist ein wunderliches Wesen, er ist liebreich und sanft in seiner Allmacht und Hoheit, aber er macht sich nicht gemein. Wir reden ihn alle mit du an, und das verlangt er sogar, aber mit Grobheit und so von ungefahr angesprochen, lasst er sich nicht antreffen, sondern immer verleugnen."

Ein hoher Greis trat jetzt zu ihnen, eine von jenen machtigen Gestalten, die sich, in welchem Stande sie auch sein mogen, eine unwillkurliche Achtung erzwingen. "Sohn Daniel", sagte er mit tonender Stimme, "du fallst ja den fremden Herren zur Last."

"Gewiss nicht!" rief Elsheim, aber der Sohn entfernte sich schnell mit jenem scheuen Blick im zugedruckten Auge, der den Reisenden gleich anfangs aufgefallen war. "Verzeihen Sie", sagte der alte Vater, ich kann es nicht immer verhindern "dass mein unglucklicher Sohn fremden Leuten beschwerlich fallt. Er meint es gut, und es ist kein Arg in ihm, aber wer ihn nicht kennt, tragt wohl Scheu, oder furchtet sich vor ihm."

Da Elsheim neugierig geworden war, lud er den alten Bauer ein, sich zu ihnen zu setzen, und dieser willfahrte ohne Verlegenheit, als ein Mann, dem Menschen und Welt nicht unbekannt waren. Er erzahlte von sich, seinen Schicksalen und seiner Familie. Er hatte, sonderbar verschlagen, einen Feldzug in fernen Weltteilen mitgemacht, hatte bei seiner Ruckkehr unvermutet einige wohlhabende Verwandte beerbt und war nun durch Tatigkeit, und dass er seine Grundstukke zu verbessern verstand, zu einem gewissen Reichtum gelangt. "Ich bin", fuhr er fort, da er sah, dass sich seine Zuhorer fur seine Rede interessierten, "wohl ein glucklicher Mann zu nennen, wenn ich so um mich her die meisten meiner Nebenmenschen betrachte. Wir leben hier in einer angenehmen Gegend, ich erzeuge selbst meinen Wein und was ich sonst noch brauche, mein Garten liefert mir den Bedarf fur meinen Haushalt, und ich baue, so alt ich geworden bin, noch selbst mit Freuden meinen Acker und halte meine grosse Wirtschaft in Ordnung. Druben wohnt mein altester Sohn, der schon seit lange Schulze dort ist, und durch den ich schon seit lange Grossvater und nun seit kurzem auch Urgrossvater bin. Mein Martin und Friedrich werden nachstens heiraten, meine Tochter ist auch versorgt in einem anderen Dorfe, und so kann ich mich als den Stammvater eines zahlreichen, gesunden und lebensfrohen Geschlechtes ansehen."

"Und dieser Sohn, der eben von uns ging?" fragte Elsheim.

"Ja, meine Herren", fing der Alte wieder an, "in diesem Sohne konnte ich mich auch unglucklich nennen, denn in jeder grossen Haushaltung muss etwas sein, das mit dem ubrigen nicht aufgeht. Der Mensch muss eben auch immer etwas zu klagen haben. Als Kind war mein Daniel so klug, wie es niemals einer meiner anderen Sohne gewesen ist. Er lernte fast von selbst lesen, er sprach sehr fruh und zwar ganz vernunftig. Er war gern allein, und lautes Geschwatz, wie es denn doch oft Bauersleuten vorfallt war ihm zuwider. Weil das Kind nun gern tatig war, so half er, so klein er war, allenthalben. Es machte ihm grosse Freude, den Hirten zu begleiten, wenn dieser meine Schafe austrieb. Wenn er am Abend nach Hause kam, hielt er manchmal recht nachdenkliche Reden uber alles das, was er da draussen im Freien beobachtet hatte. Bald erzahlte er von den Wolken, von wunderlichen Tonen im Walde, auch wohl von der Geschicklichkeit und Klugheit des Schaferhundes, den er ganz wie einen verstandigen Menschen schilderte. Da das Kind so was Apartes hatte, so liessen die Mutter und ich ihn gern gewahren, und seine Geschwister horten nicht viel auf ihn hin, weil sie ihn nicht verstanden. Als die Zeit seiner Einsegnung herankam, liess er sich oft mit unserm Priester und Schulmeister in Disputationen ein, weil er die Bibelstellen anders wollte erklart haben. So was konnen die geistlichen Herren immer nicht leiden, ob es uns gleich, den Lutherischen, wie wir es hier noch alle sind, aufgegeben ist, in der Schrift zu forschen. Das Forschen aber, und soweit haben die Priesterleute recht, ist ein missliches Ding, und ich habe darum von je an alles unserm lieben Gott anheimgestellt und bin ruhig dabei geblieben. Es traf sich, dass unser Schafhirt plotzlich erkrankte, und Daniel bot sich nun eifrig an, seinen Dienst zu versehen, bis sich ein anderer tuchtiger Knecht wieder gefunden habe. Und nun konnte er im einsamen Felde so recht ungestort seinen Grubeleien nachhangen und brauchte keinen Menschen Red und Antwort zu geben. So ging der Sommer hin. Im Herbst kam er eines Abends ganz zerstort und verwirrt nach Hause, er trieb die Schafe nicht ein, er lief in den Garten und sprach laut mit sich selbst, in der Nacht legte er sich nicht zu Bette, sondern rannte wieder nach dem Walde hinaus, und als der Morgen da war, kummerte er sich gar nicht um seine kleine Herde und war gar nicht einmal da, als wir alle zum Fruhstuck zusammenkamen. Als das Haus leer war, und ich schon ausgehen wollte, um ihn zu suchen, kam er ohne Hut und mit fliegenden Haaren von seiner Wanderung zuruck. Sowie ich ihn nur ins Auge fasste, sah ich auch schon, dass er ein verwirrter Mensch war. Er stotterte und war ganz ausser sich, und als er endlich die Rede wiedergewann, erzahlte er mir, dass er im Felde bei den Schafen Bekanntschaft mit Engeln gemacht hatte, die so gutig gewesen waren, sich zu ihm herabzulassen. Diese hatten ihm die Schrift und die schwersten Stellen in derselben ganz zur Genuge erklart, und er wisse nun mehr, als alle Schriftgelehrten im Lande. Von nun an war der liebe Junge ein verlorener Mensch, und der Doktor, den wir aus der Stadt hatten kommen lassen, sagte auch, ihm sei nicht zu helfen, denn er habe auf zeitlebens den Verstand verloren und wurde ihn auch bis zum Tode nicht wiederfinden. Nun lag er Tag und Nacht uber dem Bibelbuche, er schlief wenig, und in den Nachten las er laut und predigte mit heftiger Stimme, so dass er oft am folgenden Tage ganz heiser war. Weil er Daniel heisst so studierte er auf seine Art den Propheten Daniel am meisten und bezog dabei alles auf sich. Er sagte oft, dieser Prophet sei der grosste, und Ezechiel, vorzuglich aber die Offenbarung Johannis seien nur missverstandene Ubertreibungen, das wahre Wort und Geheimnis sei im Daniel ausgesprochen. Dieser sei auch wichtiger, als das ganze Neue Testament, und wer diesen Propheten recht innehabe, konne die spateren Bucher und die Lehre Christi entbehren. Bei diesen Meinungen wollte er auch nicht mehr unsere Kirche druben im grossen Dorfe besuchen, und wenn er ja einmal mit uns ging, so sass er wahrend der Predigt murrend da und schuttelte zu allem, was der Priester sagte, den Kopf, so dass er oft grossen Anstoss gab. Da er hie und da welche aus der Gemeine hatte bekehren wollen und sich gegen diese nicht undeutlich merken lassen, er sei selber der Heiland und der wahre Erloser in unserer neuesten Zeit, so verklagte der Pfarrer den Unglucklichen beim Konsistorium in der Stadt. Die Sache machte viel Aufsehen, und etliche eifernde Geistliche wollten ihn mit Gewalt zum Widerruf, Pranger und Zuchthaus verdammt wissen. Der menschenfreundliche Arzt nahm sich aber der Sache an. Der Mann ging selbst zum Minister, und die Billigeren von der Geistlichkeit sahen nun auch wohl ein, wo es meinem armen Daniel fehle. So sprachen sie ihn denn los als einen Blodsinnigen, der uber seine Reden nicht zur Verantwortung gezogen werden konne, und gaben ihm nur auf, sich alles Predigens und Bekehrens zu enthalten. Das nahm mein Daniel anfangs sehr ubel und noch mehr, als er erfuhr, dass sie ihn seit seinem Prozess hier und in der Umgegend nur den Dummen nannten. Doch forschte er so lange im Daniel und in den Briefen der Apostel, bis er sich uberzeugte, ein solcher Ausgang ware ihm schon vor allen Zeiten prophezeit worden. So treibt er nun sein unschuldiges Wesen, und ich kann ruhig wegen meines Todes sein, denn die Bruder lieben, ja ehren ihn so sehr, dass sie gern einmal seinen Unterhalt und seine Verpflegung ubernehmen werden."

Elsheim und Leonhard horten dem Alten mit Vergnugen zu, und der Baron sagte: "Es ist nicht ohne Grund, dass uns eine Art von sonderbarer Achtung in der Nahe solcher Wesen beschleicht; wir fuhlen die gestorte Harmonie und vermuten dabei, dass irgendeine Geisteskraft, wenigstens fur Augenblicke, um so hoher gesteigert werde."

"Das kann wohl sein", sagte der Alte, "denn wirklich spricht der Kranke so in seinen Abwesenheiten manchmal recht nachdenkliche Sachen. Wenn er am Abend an seinem Tisch sitzt und liest, und wir sprechen dies und das vom Ackerbau, von Einrichtung und Verbesserung der und jener Sache, oder von Familienangelegenheiten; wir alle glauben, er hort gar nicht hin, und mit einemmal wirft er dann ein paar Worte nur so hinein, und alle Schwierigkeiten sind gelost, uber die wir uns den Kopf zerbrechen."

"Hat er nie Lust bekommen, sich zu verheiraten?" fragte Elsheim.

"Niemals", erwiderte der alte Bauer, "er halt im Gegenteil alle Weiber und Madchen fur viel geringere Wesen, als die Manner und lasst sich auch nur ungern in Gesprache mit ihnen ein. So ist er denn nun fur unsere Feldarbeit und den Haushalt ein verlorner Mensch, das Wohl und Weh der Familie kummert ihn nicht, er scheint auch alles vergessen zu haben, was er in der Jugend gelernt hat. Nur eine sehr merkwurdige Gabe hat sich seitdem an ihm gezeigt. Wir hatten vor vielen Jahren nur wenige Bienen; jetzt bauen wir ausserordentlich viel Honig und verkaufen ihn und das Wachs vorteilhaft. Diesen ungewissen Teil der Landwirtschaft verwaltet er nun ganz allein: er hat sich der Sache bemachtigt und sie in Flor gebracht, ohne gegen uns nur ein einziges Wort daruber zu verlieren. Und wunderbar ist er fur diese Verrichtung begabt. Noch niemals hat ihn eine Biene gestochen, und doch zieht er weder Handschuhe an, noch tragt er die Kappe vor dem Gesicht. Die kleinen klugen Tierchen haben Vertrauen und Liebe zu ihm, und er kann alles mit ihnen anfangen, was er nur will. Er kann in den Korben hantieren nach Herzenslust, sie lassen ihn gewahren; beim Ausnehmen des Honigs, bei allem, was er tut, storen sie ihn nie. Fast wunderbar ist es, wie sie ihm folgen, wenn sie schwarmen. Er kann sogleich jeden Schwarm, der sich verflogen hat, wiederfinden, und sie kehren mit ihm wie gehorsame Kinder zuruck, wohin er sie haben will. Das wissen auch alle unsere Nachbaren und die Bienenwirte auf den anderen Dorfern. Sie kommen sehr oft und sprechen seine Hulfe an, und er schafft ihnen immer die Weglaufer wieder. In diesem Tun ist er auch unermudlich und grossmutig dabei, denn er nimmt von den Fremden nie was fur seine Arbeit, wenn er auch Tage und Nachte darauf verwendet, die verschwarmten Bienen zu finden und einzufangen, unsern Honig verkaufen wir, und er fordert nie etwas davon, wenn wir es ihm nicht freiwillig geben."

Als der Greis sich wieder entfernt hatte, und den Freunden ein einfaches, kraftiges Mahl aufgetragen war, sagte Elsheim nach einer Weile: "Ist dieser Bauer nun in seiner Umgebung und Bestimmung nicht so glucklich, als der Mensch es nur sein kann? Es gibt viel Ungluck auf Erden wer zweifelt daran? aber die Halfte davon zimmern sich doch die Menschen selbst mit grosser Muhe zusammen."

"Gewiss", sagte Leonhard, "durch ihre stachelnden Leidenschaften; aber doch sind uns diese wieder vom Schicksal verliehen, wir konnen und durfen ohne sie nicht sein: und so dreht man sich doch wieder im Zirkel, denn von diesen Ungluckstiftern ruhrt doch auch das Grosse und Edle her."

"Masshalten!" rief Elsheim, "freilich, das ist die oberflachliche Weisheit und Tugend, die so schwer zu finden ist."

Als die grosste Mittagshitze voruber war, kam der alte Bauer wieder und sagte: "Wollen die Herren vielleicht den Kaffee, oder noch ein Glas Wein jetzt auf der andern Seite des Hauses nach dem Garten zu trinken?"

Die Sonne war in der Tat naher geruckt und hatte die zauberhafte Dammerung etwas gelichtet. Sie gingen durch das grosse Haus, und der Wirt sagte, als sie im Garten standen: "Die Einrichtung mit meiner Linde hat Ihnen dort wohl gefallen, dass ich Ihnen noch diesen zweiten alten Lindenbaum zeigen will. Hier auf dieser Seite ist es nachmittags am kuhlsten und anmutigsten. Ich habe den Baum so kunstlich verschnitten, dass er oben eine grosse dichte Blatterlaube macht. Nun gehen wir hier eine ziemlich hohe Treppe hinauf und sitzen oben im Schatten und sehen uber den Garten weg in die weite Landschaft hinaus."

Oben war eine grosse Tenne, von glatten Brettern gefugt; der Baum schutzte gegen Regen, Luft und Wind, und der Blick nach den fernen Gebirgen, Waldern und dem nahen Flusse war reizend. Der Alte freute sich, dass die Gaste uberrascht und von der bequemen Anstalt, sowie von der Landschaft, entzuckt waren. "Ja, ja", sagte der Alte lachelnd, "wir gemeinen Leute haben denn auch unsere Einfalle und sozusagen besonderen Prachtanstalten. Sie glauben nicht, meine Herren, wie gern ich von hier aus die Sonne untergehen sehe; sooft ich mich abmussigen kann, sitze ich alsdann hier gegen Abend in meinem holzernen alten Lehnstuhl. Nun ist es ruhrend, wenn nach und nach die Abendrote verschwindet, und ein Sterngebild nach dem andern aus dem dunkeln Himmel heraustritt. Da fallt mir vielerlei ein, Ruhrendes und Erfreuliches. Absonderlich ist es, wenn es nun immer stiller wird, und sie drin im Hause die Lichter anzunden. Zwischen den grunen Weinranken nehmen diese sich nun von hier und die helle Stube hinter dem Laub und die Schatten von meinen Kindern, die auf und abgehen, recht wunderbar aus. Ich habe manchmal gewunscht, ich konnte das mir alles so abmalen."

Es gibt eine stille Passivitat, die, ohne zu beobachten und ohne sich des Eindrucks bewusst zu werden, in manchen Stunden die Natur wohl am wurdigsten geniesst. Der Weihe dieses Quietismus ergaben sich die Freunde, als der redselige Alte sie wieder verlassen hatte. Endlich besann sich Elsheim zuerst wieder und sagte: "Was hindert mich denn, diese bauerliche Erfindung auf meinem Gute nachzuahmen? Mogen die Enthusiasten der englischen Gartenkunst die Nase rumpfen, soviel sie immer wollen, ich werde es ganz gewiss tun. Hier sitzen wir wie Vogel in einem grosseren Nest; und ein Liebster mit seiner Braut, Mann und Frau, eine eintrachtige Familie, fur diese und poetisch gestimmte Menschen ist das ja ein himmlischer Platz. Und fur zwei junge Freunde, wie wir hier vorstellen, ja wahrhaftig auch. Mir ist hier zumute, als wenn wir die Figuren aus einem dichterischen Marchen waren. Ich erinnere mich dunkel, einmal gelesen zu haben, dass eine trauernde Schone den Leichnam ihres jungen Geliebten auf einer Linde hegt und betrauert: da muss sich der Dichter doch wohl einen solchen Luftsaal gedacht haben."

"Welch Entzucken", sagte Leonhard, "wurde wohl mancher ausrufen, um eine solche Alltaglichkeit! Denn diese Anstalten, mein poetischer Freund, sind wirklich bei Bauern und Burgern nicht so selten, als du zu glauben scheinst. Ihr vornehmen gebildeten Leute beachtet nur so was selten, und in den Reisebeschreibungen steht es nicht verzeichnet."

In der besten Laune fuhren sie bei eintretender Kuhlung jetzt weiter. Der alte Bauer nahm einen so herzlichen Abschied von ihnen, als wenn er sie schon seit Jahren gekannt hatte, und die jungen Leute konnten sich auch bei dem Gedanken, diese Stelle vielleicht nie wiederzusehen, einer gewissen Ruhrung nicht erwehren.

"Nun", fing Leonhard an, "mussen wir doch wohl nach meiner Rechnung bald auf deinem Gute anlangen."

"Noch heut abend", sagte der Freiherr, "laufen wir in den Hafen ein, wenn wir nicht noch vorher Schiffbruch leiden."

"Der Himmel verhute bose Vorbedeutungen", sagte Leonhard lachend; "aber freilich, wer kann wissen, was uns bevorsteht, und besonders mir, da ich in ein fremdes Haus und unter lauter Unbekannte trete? Ich bin so gar nicht daran gewohnt, mit fremden Menschen zu verkehren, dass es mir sehr schwer ankommen wird, meine Verlegenheit zu uberwinden."

"Sobald du dir vertraust" antwortete Elsheim , "sobald weisst du zu leben; damit spricht eigentlich dieser gewandte Geist das ganze Geheimnis aus. Die Menschen furchtet nur, wer sie nicht kennt, und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. Dies lehrt uns auch unser Dichter bei einer anderen Gelegenheit, und es ware unbegreiflich, wie die Menschen diese so naheliegenden Uberzeugungen so oft nicht finden, wenn wir nicht wussten, dass das Allernachste gerade das ist, was so oft nicht erkannt wird."

"Wen find ich nun dort?" forschte Leonhard weiter.

"Zuerst meine Mutter," antwortete Elsheim, "eine stille, behagliche Frau, die dich in nichts genieren und hindern wird. Dann aber einen lieben Jugendfreund, der nur etwas alter ist, als ich, den Baron Mannlich. Sein kleines Gut liegt nur eine Stunde von dem meinigen, und er war kurz zuvor, ehe ich die Universitat besuchte, mein taglicher Gesellschafter, ja in einem gewissen Sinne mein Lehrer. Mir ist es immer sehr merkwurdig gewesen, von Bekannten, sowie von beruhmten Mannern verschiedener Nationen diejenigen ihrer Freunde kennenzulernen, mit denen sie sich in der Jugend verbruderten. Jeder Jugendfreund, auch wenn er jenen Bekannten vollig unahnlich erscheint, ist doch wie ein Glied von ihnen anzusehen, und keiner ist noch gewesen, der sich von dem Einfluss dieser Umgebungen hatte lossagen konnen. Die Erinnerung an das Wesen dieser Freunde, an ihre Gesinnungen und Meinungen wirkt noch spat fort, und sie bleiben ein Massstab, um vieles Ungekannte, Seltsame, oder Lehrreiche zu erproben. Darum ist auch wohl schlechte Gesellschaft in der Jugend so gefahrlich, weil es auch dem starken Charakter kaum moglich ist, alle Eindrucke, die sich in solcher Umgebung bilden, wieder auszutilgen."

"Auf mich", unterbrach ihn Leonhard, "kann diese Beschreibung nicht passen. Denn, nachdem ich die Schule und die Lehrjahre uberstanden hatte, trieb mich mein Beruf und die Neigung in die Fremde und auf Reisen. So knupfte ich allenthalben nur wandelbare Bekanntschaften und Freundschaften an, und nur wenige junge Gesellen meines Standes sind mir so lieb geworden, dass ich mich noch jetzt ihrer gern erinnern sollte."

"Ist es mir denn nicht auf ahnliche Art ergangen?" sagte Elsheim; "auf der Universitat fand ich nur selten einen Jungling zu welchem ich Zutrauen fassen konnte, und als ich bald darauf meine Reisen antrat, erging sich mein fluchtiges Leben wie aus einem Schauspielsaal in den andern. Ich bin nachher nie wieder mit jemand so vertraut geworden, wie ich es mit dir auf der Schule war. Darum suchte ich dich auch gleich wieder auf, als ich von meinen Reisen zuruckkam, um mich wahrhaft an deiner Jugend zu erwarmen, da mein Herz in den vielen vornehmen Zirkeln wie erfroren war. Deshalb mussen wir auch immer in wahrer Freundschaft vereinigt bleiben."

"Mir kann oft bange werden", erwiderte Leonhard, "wenn ich in meiner kurzen Erfahrung so oft gesehen habe, wie engverbundene Menschen sich trennen, selbst hassen, zuweilen um Kleinigkeiten, oder weil sie Klatschereien zu leichtglaubig ihr Ohr liehen."

"Da kommen wir auf den Punkt", fiel der Baron lebhaft ein, "dass es nur so wenige selbstandige Menschen gibt. Zu diesen schwachen wollen wir aber nicht gehoren. Dieser Baron Mannlich, von dem ich dir sagte, ist eine schone, schlanke Gestalt; sein Blick ist frei, sein Betragen edel; er hat in einem gewissen Zeitraum den allergrossten Einfluss auf mein Wesen und meine Bildung gehabt. Wenn ich oft verwirrt mich umtrieb, so zeigte er sich immer klar und fest. In meinen Ansichten uber Literatur und Kunst hat er mir vorzuglich fortgeholfen und mich in meiner Liebe zur Poesie gekraftigt. Denn oft ist ein Fingerzeig eines starkeren Geistes hinreichend, um uns auf lange Zeit in der richtigen Bahn fortzuhelfen."

"Wohl dem", sagte Leonhard etwas kleinlaut, "dem das Schicksal solche Freunde zufuhrt; es kann nichts Klaglicheres geben, als in seiner Umgebung immer der Klugste zu sein, und leider war das unter meinen Zunftgenossen nur zu oft mit mir der Fall. Man lernt auch wohl einmal vom Geringsten, aber das Schulgeld ist dann zu teuer. Der Verlust an Zeit und Stimmung in schlechter und mittelmassiger Gesellschaft ist ein Kapital, welches die meisten Menschen viel zu gering anschlagen."

"Auf meinen Mannlich", fing Elsheim wieder an, "habe ich bei unserm Komodienspiel am allermeisten gerechnet. Er besitzt ein herrliches Talent zur Darstellung, und seine Stimme ist die schonste, die ich jemals gehort habe; darum ist er auch der beste Vorleser, den man finden kann, und die kleine Eitelkeit ist ihm zu verzeihen, dass er nicht leicht, wenn er zugegen ist, jemand anders in der Gesellschaft etwas laut vortragen, oder deklamieren lasst. Von den ubrigen Menschen, die du wirst kennenlernen, will ich dir jetzt noch keine Beschreibung machen, du wirst sie selber zu wurdigen wissen. Zwei schone Madchen finden wir, die Fraulein Charlotte Fleming und Albertine Fernow: die letzte wirklich, wie ihr Name, etwas albern. Sie sind uns weitlaufig verwandt und wohnen im Sommer mit einer alten Tante oft bei meiner Mutter. Diese Albertine, so wunscht meine Familie, habe ich schon im vorigen Jahre heiraten sollen, und man ist mir bose, dass ich so bestimmt ausgewichen bin. O uber die Ehen und uber die Sucht so vieler guten Menschen, sie zu stiften! Wer einem andern zu einer misslichen Spekulation riete, und jener scheiterte daran und wurde bankerott, der wurde es bereuen und sich Vorwurfe machen; darum huten sich die Klugern, hierin zu uberreden; aber zu dem noch grosseren Wagestuck, die Menschen in die Ehe hineinzuschwatzen, sind so viele, besonders altere Frauen, unermudlich."

Als es Abend geworden war, rief Elsheim plotzlich: "Nun, siehst du, Kind, da liegt das Nest vor uns, in dem ich geboren bin und die ersten Kinderspiele trieb!"

Leonhard sah ein grosses Gebaude vor sich, das mit grossen Linden umgeben war, aus welchen die einzelnen Teile hervorschienen. Waldbekranzte Hugel zeigten sich in der Nahe; die Hauser der Bauern waren geraumig, und Reinlichkeit schien Wohlstand zu verkunden. Man hielt an; Bediente offneten den Wagen, und ein kleiner alter Mann mit entblosstem weissgepudertem Kopf folgte ihnen; er war in grauem Rock, schwarzseidenen Unterkleidern und weissen seidenen Strumpfen; die zierlichen Manschetten hoben die Feinheit der kleinen Handchen noch auffallender hervor. Er verbeugte sich tief, als der Baron ausgestiegen war, und Leonhard, der nach dem Freunde den Wagen schnell verliess, erwiderte die Begrussung mit einer ebenso tiefen Verneigung. "Ja", sagte Elsheim, "das ist mein guter Joseph, ein altes, liebes Inventarienstuck unseres Hauses, der Kammerdiener meiner Mutter." Leonhard folgte mit einiger Beschamung, weil er den netten geputzten Alten fur einen Baron oder Grafen gehalten hatte.

Dritter Abschnitt

Leonhard sass am anderen Morgen angekleidet am Fenster und schaute uber den Garten hinaus in das grune Feld und zu den benachbarten Hugeln hinauf. Er war fruh erwacht und fuhlte sich wohl und erheitert, den erquickenden Duft des Morgens einzuatmen. Es freute ihn, einmal so ganz auf dem Lande einige Wochen zubringen zu konnen, und indem er nach dem nahen Franken hinuberblickte, erwachten alle seine jugendlichen Erinnerungen mit frischer Kraft, und alle Jahre, welche dazwischen lagen, entschwanden seinem Gedachtnis.

Er ging dann in dem geraumigen hohen Zimmer gedankenvoll auf und ab, als der alte Joseph, zwar im Oberrock, aber doch nett frisiert und mit der frischesten Wasche hereintrat, um ihn zu fragen, ob er das Fruhstuck auf sein Zimmer befehle, aber ob er es in Gesellschaft der gnadigen Frau und des jungen Barons einzunehmen gedenke. Leonhard entschied sich fur das letzte, und Joseph empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung, indem er sagte, dass man den Herrn Professor also unten in einer Viertelstunde erwarten werde. Leonhard war wieder, so wie gestern abend beim ersten Eintritt in das Haus, rot geworden. Sein junger Freund storte die beschamenden Betrachtungen, denen er sich eben hingeben wollte, indem er ihn umarmte und sich teilnehmend und herzlich nach seiner Nachtruhe und seinem Befinden erkundigte. "Meine teure Mutter", sagte er dann, "darf dich auf keine Weise genieren; sie ist die beste Frau von der Welt, gonnt jedem alles Gute und liebt ihren Nachsten ohne Ausnahme von ganzem Herzen. In ihrer Achtung, Hochachtung, Verehrung und Ehrfurcht macht sie jedoch naturlich verschiedene Abteilungen aber nur, wenn es die Not und Etikette erfordert. Ich kann dich versichern, Geliebter, dass du gestern beim Abendessen schon ihr ganzes Herz gewonnen hast. Und es ist wahr, ich habe mich selbst daruber gewundert, wie du mit deiner stillen Bescheidenheit diese ungesuchte Aufmerksamkeit, mit deiner naturlichen Weise diesen feinen Ton verbinden konntest. Wir bilden uns so oft torichterweise ein, so etwas werde nur in unsern, oft so langweiligen Zirkeln errungen."

"Ich hoffe", erwiderte Leonhard, "dass mich bald diese angstigende Verlegenheit verlassen wird, und ich mich in allen diesen Torheiten freier bewegen lerne."

"Lass nur erst", sagte Elsheim, "den Schwarm, die Gesellschaft, die Weiber kommen, so wirst du es so gewohnt, dass die Einsamkeit dir nachher vielleicht druckend wird."

Sie gingen hinab und fanden die Mutter, welche sie freundlich, aber mit einer gewissen Feierlichkeit begrusste. Indem rief der Baron: "Ei, wer kommt da herangesprengt? Was ist das fur ein dicker Mann?"

"Kennst du denn deinen intimen Freund nicht mehr?" erwiderte die Mutter; "er hat sich zwar in den funf Jahren, dass du ihn nicht sahest, etwas verandert, aber er ist doch nicht unkenntlich geworden."

"Ist es moglich?" rief der erstaunte Sohn aus, "ja, ja, er ist es! Aber wie ist der Mann stark geworden! Er ist ganz verwandelt und nur mit Muhe wiederzuerkennen." Der Baron war schnell vom Pferde gestiegen, und sowie der grosse wohlbeleibte Mannlich in die Ture trat, flog Elsheim in seine Umarmung und rief: "Oh, mein Adolph! sehen wir uns endlich nach so manchem Jahre wieder?"

Der Baron Mannlich, als der altere, erwiderte die Begrussung mit Herzlichkeit, aber gelassener, und beide Freunde betrachteten sich stumm; dann fragten und sprachen sie allerlei Unbedeutendes durcheinander, wie es bei dergleichen Szenen des Wiedersehens wohl zu geschehen pflegt. Es wollte in ziemlich langer Zeit kein eigentliches Gesprach in den Gang kommen. Mannlich redete dann die Mutter an, und begrusste auch den Fremden mit Teilnahe, welcher auch ihm als Architekt und Professor Leonhard vorgestellt wurde.

Leonhard begab sich so bald als moglich nach dem grossen Rittersaal, um ihn genau auszumessen und seinen Plan zu entwerfen, wie er am besten zu einem Theater eingerichtet werden mochte. Seine ehemalige Leidenschaft fur das Theater kam ihm Jetzt sehr zustatten, da er so manche Buhne gemustert, ausgemessen und sich alle Erfordernisse derselben genau eingepragt hatte.

Als er aus dem Fenster sehend die beiden Freunde im Garten erblickte, ging er hinab zu ihnen, und sie wandelten in den belaubten Gangen unter heiteren Gesprachen lange auf und ab. Der Mittag war gekommen, und man setzte sich in behaglicher Stimmung an die Tafel. Man war noch beim Nachtisch, als Besuch in mehreren Wagen ankam. Ein Mann von mittleren Jahren half einer alten und zwei jungen Damen aus einem offenen Wagen, und begab sich, nachdem er mit Anstand seinen Dienst verrichtet hatte, zu dem zweiten Wagen, um auch dort zu helfen. Vom zweiten Fuhrwerk hupfte ein ganz junges, ubermutiges Madchen lachend herab, indem sie die Hand des Helfenden zuruckstiess; ihr folgte ein Kammermadchen, und nach diesem ein altlicher schlanker Herr, der sehr vorsichtig prufend auf den Tritt und von dort zur Erde sich begab, indem er die angebotene Hulfe des Hulfreichen so sehr in Anspruch nahm, dass er sich von diesem fast mehr heben und tragen liess, als dass er mit eigner Anstrengung auf den Boden gelangt ware.

"Da hatten wir ja fast unsere ganze Komodie beisammen!" rief Baron Mannlich, der ihnen entgegengeeilt war.

Nachdem die Begrussungen im Saale mit formlicher Freundlichkeit, oder kurzeren Redensarten, nach der Eigenheit der Charaktere, voruber waren, und alle Platz genommen hatten, begann der wohlbeleibte Mannlich mit einiger Feierlichkeit: "Vereinigt sind nun die Hauptstutzen oder die Trager unsers beabsichtigten Schauspiels, des Lieblingsstuckes meines Freundes Elsheim, mit welchem er sich schon seit vielen Jahren beschaftigt hat. Er hat es fur uns eingerichtet, und ich werde noch einige Verbesserungen fur die bequemere Auffuhrung vorschlagen; aber zugleich erbitte ich mir die Erlaubnis, es den Teilnehmern nachher in seiner originalen Gestaltung vortragen zu durfen. Denn es ist naturlich, dass in unserer Umgestaltung und Abkurzung manche Motive, Andeutungen, Charakterzuge und dergleichen mangeln, die der Darsteller sich einpragen muss, um nicht vielleicht vollig in die Irre zu geraten. Wir haben nicht gewagt, aus eigener Erfindung dem grossen Dichter etwas zuzusetzen, und es ist daher um so notiger, sich mit dem Original recht vertraut zu machen, um nicht vielleicht aus Unwissenheit der Absicht des Poeten geradezu entgegenzuarbeiten."

Er sah mit seinen grossen blauen Augen im Kreise umher; der altliche umstandliche Herr nickte ihm sehr lebhaft Beifall zu, die Damen schlugen die Augen nieder, und jener Hulfreiche, der Mann von mittleren Jahren, ein Herr Emmerich, fragte mit kurzem und bestimmtem Ton: "Und wie besetzen Sie das Stuck, da Sie doch der Direktor der Anstalt zu sein scheinen?"

"Wir haben manche Rolle", erwiderte Mannlich, "wie Olearius, Liebetraut, den Abt von Fulda, ausgestrichen."

"O ewig schade!" rief das kleine mutwillige Madchen, "so fehlt ja gerade gleich das Beste im ganzen Stuck."

"Es lasst sich nicht alles, was wir etwa wunschen, vereinigen", erwiderte Mannlich sehr gesetzt: "Wunder genug, dass wir die Sache nur auf unsere Art zustande gebracht haben, es gehorte der ganze Enthusiasmus unseres Freundes dazu, die ungeheure Unternehmung moglich zu machen. In jeder grossen Bestrebung, die sich vom Alltaglichen losreisst, muss man gleich bei der Ausfuhrung derselben auf einen gewissen Abfall rechnen, auf Spane, die, indem sie das Brett formen, dieses auch dunner und schwacher machen."

"Sie meinen gewiss", sagte der alte durre Herr, "die Hobelspane, und somit ist Ihre Beobachtung eine sehr richtige."

"So ist es, mein Herr Graf von Bitterfeld", antwortete Mannlich mit einer fast geringschatzenden Miene.

"Wenn uns alle Bildung feiner macht", sagte in seiner trockenen Weise jener Hulftatige, "Professor Emmrich, so mussen wir freilich gehobelt werden, aber, was zu wunschen ist, von geschickter Hand, damit nicht unsere Starke selbst mit in die Spane geht. Die Ausbildung so vieler besteht darin, dass sie ganz aus der Menschheit hinausgebildet werden, wie dort das kleine, zu fein gedrechselte Wandschrankchen, an das man nur drucken durfte, um es vollig zu vernichten."

Leonhard sah mit prufendem Auge nach dem Mobel, und da er ihm ziemlich nahe sass, konnte er es nicht unterlassen, aufzustehen, um es ganz in der Nahe zu untersuchen, indes Mannlich etwas hochfahrend antwortete: "Der Herr Professor Emmrich kann es doch nie unterlassen, witzig zu sein. Brechen wir aber diese Tischler-Gleichnisse ab, in die wir geraten sind, ich weiss nicht wie."

Bei dem Worte Tischler eilte Leonhard, indem er sein Erroten fuhlte, zu seinem Sitze zuruck. Mannlich, der seine Schlussworte mit einem belobenden Lacheln begleitete, indem er sich zum Professor wendete, fuhr nun so fort: "Man hat mir die Ehre erzeigt anzunehmen, dass mein schwaches Talent fur die Darstellung des Gotz, des Hauptcharakters, nicht ganz ungeeignet sei. Mein Jugendfreund, Baron Elsheim, wird nach unserem Ubereinkommen die schwierige Rolle des Weislingen ubernehmen, ich bin uberzeugt, sein schones Talent, sein edles Sprachorgan, sein Gefuhl werden diese Darstellung zu etwas Ausserordentlichem erhohen."

"Ruhme mich nicht vor der Zeit, mein Freund", rief Elsheim aus, "du mochtest sonst die Rechnung machen ohne den Wirt."

"Weil ich dich kenne, spreche ich so", erwiderte Mannlich. "Die hochst schwierige, aber auch reizende Rolle der Adelheid haben wir in unserm Rat fur das liebenswurdige Fraulein Charlotte Fleming bestimmt."

Charlotte erhob das edle blasse Antlitz und sah den Sprechenden mit ihrem feurigen dunkeln Auge fragend an; Leonhard hatte sie bis jetzt kaum bemerkt, aber in diesem Moment erschien sie ihm grossartig und schon, und er verwunderte sich daruber, wie man diese Schweigsame nicht mehr beachte. Er vernahm nicht genau, was sie bescheiden einwendete, noch wie sie der Schauspieldirektor beschwichtigte, weil er den Bewegungen ihrer Mienen, den Gebarden ihrer Hande folgte und den einfarbigen, aber angenehmen Ton ihrer Stimme als Klang an sich selbst so eindringlich fand, dass er den Inhalt der Rede uberhorte. Er wurde aus dieser Zerstreuung durch die lebhafte Rede Albertinens, des zweiten Frauleins, geweckt, die mit Scherz und Ernst gegen ihre Rolle der Maria protestieren wollte; der Ton ihrer Stimme war hell und silberrein, die Zunge schnell, ohne doch die Worte zu ubereilen; so bestimmt sie sich ausdruckte, so fuhlte man in der Weichheit des Akzents doch, dass sie sich uberreden lassen wurde und nicht ungern; es herrschte, mit einem Wort, jene Anmut in ihrem eifernden Protest, die den kleinen Verstellungen und unschadlichen Unwahrheiten der edlern Geselligkeit einen so grossen Reiz verleihen.

"Und nun" fing die kleine, mutwillige Dorothea an "die grosste Schauspielerin, mich, ubersehen Sie so ganz, kunstreicher Baron? Ich hatte mir auf die Adelheid Rechnung gemacht und dachte das ausbundige Laster so recht glanzend darzustellen, dass alle Welt die Tugend nicht mehr achten sollte aber Sie "

"Gedulden Sie sich, Fraulein von Selten", sagte Mannlich, "fur diesmal konnen Sie nur mit einer Zigeunerin abgefertigt werden, wenn Sie nicht vielleicht die hochst schwierige Aufgabe des Franz ubernehmen mochten."

"Nein!" rief die Kleine aus, "den verdrehten Enthusiasten, der von Anfang zu Ende ausser sich ist, will ich auf keinen Fall den hat ja auch schon der Bruder Albertinen, der Cadet; folglich bleibt mir die Zigeunerin, wenn man mir nicht vielleicht ihr Gegenteil, die hochst ehrbare Elisabeth, anvertrauen will."

"Aber wo bekommen wir diese edle, hochherzige Elisabeth her?" fragte jetzt lebhaft Albertine.

Da erhob sich Mannlich und ging mit edlem Anstand zur alten Dame, die mit den beiden Fraulein gekommen war und sagte: "Aus dieser Not, Fraulein, rettet uns Ihre liebenswurdige, vortreffliche Tante."

"Wie? ich?" rief die Tante mit dem hochsten Erstaunen aus.

"Sie selbst, Verehrungswurdige, und keine andere", antwortete Mannlich. "Ich weiss auch, Sie werden sich dem nicht entziehen; ich kenne Ihr Talent und ebenso Ihre Gutmutigkeit, die es nicht uber sich gewinnen kann, anderen eine Freude zu verderben."

"Lieber Baron", sagte die alte Dame in einiger Verwirrung, "vor zehn oder zwolf Jahren hatte ich Ihren Vorschlag vielleicht nicht so ganz unannehmlich gefunden, denn Sie wissen wohl noch, dass ich mich damals verleiten liess, mit einigen Befreundeten allerhand Stucke, die damals in der Mode waren, auffuhren zu helfen; aber seitdem bin ich aus der Ubung, ich habe den Mut, oder Ubermut, der dazu gehort, vollig verloren. Und hatten Sie mir wenigstens von Ihrer sonderbaren Zumutung etwas geschrieben, damit ich mich hatte vorbereiten konnen."

"So waren Sie uns gewiss gar nicht gekommen, Vortrefflichste", erwiderte Mannlich, "und daher bediente ich mich dieser kleinen Kriegslist und dieses Uberfalles, um Sie fur uns zu gewinnen. Ich habe in fruheren Zeiten Ihr Talent kennengelernt, Sie werden Ihr Gedachtnis nicht ganz verloren haben, und wenn Sie erwagen, dass ohne Ihre gutige Beihulfe alle unsere Anstalten zusammenbrechen mussen, so werden Sie sich uns gewiss nicht entziehen."

Da die beiden Nichten auch schmeichelnd und liebkosend ihre Bitten vortrugen, so ergab sich endlich die freundliche Tante darein, die Rolle der Elisabeth zu ubernehmen.

"Und was", fragte der Professor Emmrich, "haben Sie mir bestimmt?"

"Sie sind Sickingen, Professor", erwiderte Mannlich, "und wenn Sie Ihrem edlen Gesicht einen etwas freundlichern Ausdruck geben, so wird der brave Rittersmann sich in Ihrer Darstellung uns sehr lebhaft vergegenwartigen."

"Ich will das mogliche tun", antwortete der Professor, "aber nun fehlt noch Selbitz, Lerse und eine grosse Anzahl von Nebenpersonen."

"Es ist nicht zu vermeiden", antwortete Mannlich, "dass mancher von unserer ungeubten Gesellschaft in diesem so reichen Lebensschauspiel wird zwei, vielleicht sogar drei Rollen ubernehmen, wie es ja auch wohl fruher mit diesem Stucke auf unseren grossen, gut eingerichteten Theatern geschah. Unser Professor Lorenz hier zum Beispiel "

"Wen meinst du?" fragte Elsheim.

"Deinen jungen Freund, den du unserm Zirkel zugefuhrt hast, den Architekten."

"Ah! Du meinst meinen Freund Leonhard."

"Nun also", fuhr Mannlich fort, "dieser junge treffliche Mann eignet sich ganz zum Lerse; auch bin ich uberzeugt, dass er den Bruder Martin vortrefflich geben wird. So spielte ja auch der grosse Schroder vor jetzt ungefahr dreissig Jahren, als er das Stuck in Hamburg auf die Buhne brachte, diese beiden Personen und den Abt von Fulda obenein."

"Sehen Sie", rief Dorothea, "dass Schroder die hubschen Geschichten und Spasse mit Liebetraut, Olearius und dem Abte nicht ausgelassen hat. Der verstand die Sache. Wir kriegen gewiss nach Herrn von Elsheims Abkurzungen nur das Erbarmliche der Geschichte, und das Lustige geht uns verloren."

"Geben Sie sich zufrieden, Fraulein", sagte Elsheim, "wir konnen die Szene noch einschieben, wenn Sie uns den dicken Abt darstellen wollen."

Fraulein Dorothea lachte und meinte, wenn es sein musse wolle sie sich doch lieber in den anstandigen Bischof von Bamberg hineinstudieren.

"Nein", sagte Mannlich ganz ernsthaft, "das ist der Teil, der unserm wurdigen Freunde da, dem Grafen Bitterfeld, zugefallen ist, und der ihn auch gewiss wurdig reprasentieren wird."

"Ein Priester!" rief der Graf aus, "so ein aberglaubischer Pfaffe? Es ist eigentlich gegen meine Grundsatze; indessen da er doch ein Bischof ist und, soviel ich mich erinnere, nicht vielen katholischen Fanatismus auskramt, so will ich mich fur diesmal zu diesem Opfer bequemen. Nur, bitte ich, soll es mir zu keinem Prajudiz gereichen, als wenn ich etwa, wie so manche guten Kopfe unserer Tage, zum Katholizismus hinuberneigte."

"Sie konnen ja noch den Anfuhrer der Reichsarmee ubernehmen, oder den Kaiser Maximilian, um jenen Verstoss gegen die Rechtglaubigkeit wiedergutzumachen!" sagte Elsheim.

"Va! es gilt!" rief der Graf, "ich bitte mir aber lieber den milden, menschenfreundlichen Kaiser aus, der meinem Gemute mehr zusagt."

"Es passt zum Stuck", sagte Mannlich sehr vergnugt, "und Sie konnen gewiss auch noch eine Gerichtsperson von Heilbronn ubernehmen, denn solche Talente, wie die Ihrigen, mussen wir recht gewaltig in Requisition setzen."

"Nun fehlt aber immer noch der bedeutende Selbitz", warf Emmrich ein.

"Still, Professor!" erwiderte Mannlich mit schlauer Miene, "es ist fur alles gesorgt. Wir haben im nachsten Dorf einen Schulmeister, der fruher Korporal war, und dem im Kriege das linke Bein weggeschossen wurde. Dieser, wenn er sich seiner ehemaligen Husarenlaune nur etwas erinnert, wird uns den rauhen Kerl ganz herrlich hinstellen, wozu noch der Vorteil und Verzug kommt, dass er ein echtes wahrhaftiges holzernes Bein mit sich fuhrt. Den Zigeunerhauptmann, lieber Elsheim, wird dein alter treuherziger nussbrauner Forster vorstellen, und zum Gesindel, den Reichstruppen, Knechten und so weiter mussen wir dann freilich noch die Klugsten der Dienerschaft aussuchen, denn so ein Privattheater macht mehr noch, als die Revolution, alle Stande und Menschen gleich."

Man lachte, und die Frau des Hauses, die Mutter des Barons Elsheim, entfernte sich jetzt, weil sie der Vorlesung des Stuckes nicht beiwohnen wollte. Da es ihr ganz unbekannt war, zog sie es vor, sich durch die Darstellung uberraschen zu lassen und der Neugier und Spannung freien Raum zu geben.

Die Vorlesung wahrte langer, als drei Stunden. Der Rezitierende hatte viele Not, Wasser, Zitronen und Zucker einzurichten, um in den Pausen seine ermudete Stimme neu zu beleben. Als er geendigt hatte, nahm der Graf Bitterfeld den jungen Elsheim beiseit und sagte: "Es ist ein ausserordentlicher Mann mit den wunderbarsten Gaben! Es ist kaum moglich, mehr Talente in sich zu vereinigen. Hat er uns nicht das ganze grosse ungeheure Stuck so in einem Anlauf vorgelesen, dass man erst recht fuhlt, wie das Ganze ein einziger Guss, ein mannigfaltiges vielstimmiges Konzert in schonster Harmonie ist? Wie gross allein die korperliche Anstrengung, und was muss nun erst in seiner Seele alles vorgehen! Solche Manner, wie unser Baron, sollte der Staat benutzen. Aber daran denkt niemand."

Elsheim gab dem redseligen Manne vollkommen recht, und nach einem so bewegten Abend begaben sich alle zur Ruhe.

Doch konnte Leonhard lange nicht einschlafen, so lebhaft bewegten sich vor seiner Seele die mannigfaltigen Bilder und Erinnerungen von dem, was er am Tage gesehen und erlebt hatte. Und wie es zu geschehen pflegt, dass von verschiedenartigen zerstreuenden Eindrucken, von allerlei Vorfallen und Reden, die wir nicht vergessen konnen, uberwaltigt, wir uns selbst verlieren, so geschah es Leonhard, dass er sich, sein Gemut und Wesen, und seine langst eingewohnten Uberzeugungen nicht wiederfinden konnte. So nahe war er in seinem bisherigen Lebenslauf den hoheren Standen noch niemals gekommen, so frei und ungezwungen hatten die Menschen dieser Art ihre Gesinnungen noch niemals vor ihm entfaltet. Sollte er seine Gefuhle Lugner schelten, oder sollte er seine Beobachtung sich selber ableugnen! Die wunderlichsten Traumgestalten erlosten ihn endlich von diesen qualenden Betrachtungen.

Als man sich am folgenden Tage an die Tafel begeben wollte, sagte der Baron Mannlich zu Elsheim: "Freund, welchen Schatz hast du an diesem Architekten Leonhard in dein Haus gefuhrt! Mir ist noch niemand vorgekommen, der einen so auf das halbe Wort verstande. Das Theater gerat durch seine Einsicht ganz vortrefflich, und wir werden acht Tage fruher fertig werden, als ich es dachte, denn er scheut sich nicht, selber mit Hand anzulegen, wenn deine dorflichen Tischler sich oft sehr ungeschickt benehmen. Der Mann hat gewiss Italien mit grossem Nutzen besucht. Aber warum vermeidet er, Franzosisch zu reden, obgleich sein Akzent nicht der schlechteste ist? Ich wurde bei seinen Talenten und Kenntnissen in meinem Benehmen und Sprechen nicht so schuchtern und bescheiden sein."

Elsheim war bei Tische sehr vergnugt und neckte sich mit der muntern Dorothea, neben welcher er seinen Platz genommen hatte. Leonhard sass neben Fraulein Charlotte und war erstaunt und ergriffen, sooft sie sich in die Gesprache mischte und laut eine Meinung ausserte. Denn meistenteils sass sie schweigsam und in sich gesammelt und schien kaum das zu beachten, was in ihrer Nahe vorging, oder gesprochen wurde. Wenn sie aber in die Rede einfiel, oder einen Gedanken mitteilte, so schien dem verwunderten Leonhard alles so originell und von der gewohnlichen Art und Weise abweichend, dass er es nicht begriff, wie diese Art zu denken nicht weit mehr Aufsehen erregte und als etwas Merkwurdiges von allen beachtet wurde.

Man sprach naturlich viel vom Theater, von den Einrichtungen desselben, den Proben und von der Wirkung, welche man von allen den Anstrengungen zu erwarten berechtigt sei. Es ward manches Glas auf das gluckliche Gelingen des Abenteuers geleert, und Elsheim, der schon heiter gestimmt war, fing an ausgelassen zu werden. "Ihr Freund", sagte Charlotte zu Leonhard, "ist heut in einem Humor, der ihm fremd sein muss, weil er sich so sehr von ihm hinreissen lasst und in seinen Scherzen ubertreibt."

"Ich versichere Sie, mein Fraulein", antwortete Leonhard, "dass ich ihn schon sehr oft in dieser Manier gesehen habe, selbst in ganz nuchternem Mute. Diese poetische Trunkenheit bemeistert sich seiner in vielen Stunden, so dass er leicht von Altklugen, oder Moralisierenden missverstanden wird."

"So sollte er immerdar so sein", erwiderte Charlotte, "denn dies Wesen kleidet ihn viel besser, als jene Altklugheit, mit der er sonst auf andere Sterbliche herniedersieht."

"Ist das Ihr Ernst, Fraulein? halten Sie ihn fur hochmutig?"

"Fur zu weise wenigstens. Ich habe gestern beobachtet, dass er auf einige allerliebste Torheiten gar nicht einging, ja sie nicht zu bemerken schien. Und wie behandelt er meine Muhme Albertine! Er lasst es zu sehr heraus, dass er sie fur ein Ganschen halt, und dass er in diesen Irrtum hat fallen konnen, beweist eben, wie wenig Menschenkenntnis er besitzt."

Leonhard erinnerte sich der Gestandnisse seines Freundes, und da ihm deutlich war, weshalb diesem Albertine unangenehm erschien, konnte er auch im Augenblick diesen Tadel und Vorwurf nicht beantworten oder widerlegen; Charlotte sah ihn von der Seite an und lachelte etwas boshaft. "Ich wette", sagte sie dann, "ich weiss, was Sie jetzt denken."

"Dass Sie eine Zauberin sind", antwortete Leonhard, "braucht mir nicht erst daraus klarzuwerden. Doch erzahlen Sie mir meine Gedanken, weil ich so vielleicht erfahre, wie ich denken sollte."

"Sie denken im stillen", flusterte Charlotte, "die Frauenzimmer halten gut zusammen und stehen sich redlich bei; wenn beide ihren Verstand so gegenseitig vertreten, so bilden sie eine Assekuranz, die doch am Ende, wenn Misswachs zu oft eintritt, bankerott machen muss."

"Sie sind sehr unbillig", antwortete Leonhard, "und Sie halten mich auch weder fur so boshaft, noch so einfaltig, dass Sie im Ernst so torichte Gedanken in mir argwohnen konnten."

"Denken Sie nichts Schlimmeres von mir", erwiderte sie etwas scharf, "so werde ich mit Ihnen sehr zufrieden sein. O die Manner! die Manner! Liegt nicht in jedem Blick eine Satire auf unser Geschlecht, und in jeder Schmeichelei eine Verachtung unserer Schwache?"

"Woher in dieser Jugend diese feindselige Gesinnung?" fragte Leonhard; "und woher bei so viel Schonheit solcher Mangel an Selbstvertrauen?" fugte er etwas schuchtern hinzu.

Sie wandte schnell das Haupt, und er blickte ihr in die dunkeln Augen. "Ihr Ansehen", sagte sie dann, "ist recht ernstlich; wenn Ihr Blick auch, wie bei den meisten, Unwahrheit ware, so hatten Sie es in der Verstellung weit gebracht."

Leonhard wusste nicht recht, was er aus dieser Rede machen sollte. Es war ihm fast angenehm, dass man sich jetzt vom Tische erhob, obgleich ihn seine Nachbarin anzog, und ihr Wesen ihm wunderbar und ratselhaft erschien. Elsheim war so ausgelassen, dass er alle seine Gaste, die alteren und jungen Damen, keine ausgenommen, umarmte und kusste. Seine Mutter, die ihm warnende Vorstellungen machen wollte, druckte er mit so starker Herzlichkeit an sich, dass sie sich lachend und klagend von seinem Ungestum befreite. Die Tante und die jungen Nichten, sowie Dorothea, gingen auf ihr Zimmer; Mannlich schloss sich ein, um seine Rolle zu studieren; die ubrigen Herren fuhren spazieren, und Leonhard eilte mit seinem Freunde Elsheim in den Garten, um sich mit ihm in einer kuhlen, einsamen Laube in Gesprachen zu ergotzen.

"Nun?" fragte Elsheim nach einer Pause, in welcher er den jungen Meister etwas schelmisch angeblickt hatte, " wie gefallt es dir denn bei uns? Du siehst oft so nachdenklich aus."

"Gesteh ich es dir nur", erwiderte Leonhard, "ich bin verwirrt, zerstreut, ich kann mich gar nicht so fassen, bin nicht so sicher und ruhig, wie es mir zu Hause so naturlich war. Ich mache Erfahrungen, auf die ich nicht vorbereitet sein konnte, ich werde irre an meinen nachsten Uberzeugungen, ich schwanke so hin und her, dass ich furchte, ich mochte dir und mir unrecht tun, wenn ich in diesem Zustande etwas sagen, oder behaupten wollte."

"Schon jetzt bist du so konfus?" rief Elsheim, "ich dachte, das alles sollte erst viel spater kommen. Aber um so besser; deine Ruhe und Sicherheit konnen also auch fruher wieder eintreten. Aber was kann denn deinen Sinn so erschuttern?"

"Ich kann es dir jetzt noch nicht sagen, lieber Freund, um dich nicht zu erzurnen. Vielleicht findet sich bald eine Stunde zu meinen Bekenntnissen. Ich habe wohl schon erlebt, dass aus einfachen Missverstandnissen und Irrtumern sich Entzweiung, selbst Feindschaft entwickelte. Sprechen wir von anderen Dingen." Alles dies sagte Leonhard fast wie verstimmt und furchtsam.

"Und ich lasse dich nicht", rief Elsheim laut lachend, "diese Stunde ist zu schon, wir sind hier auf lange ungestort. Und wenn ich fast errate, was dir im Herzen steckt, oder wo dich der Schuh druckt wie kannst du denn so lange auf dem Anstand bleiben und nur zielen und zielen, ohne loszudrucken?"

"So sei es denn gewagt!" sagte Leonhard mit einem komischen Seufzer. "Du sprachst mir unterwegs fast begeistert von einem Freund, der auf deine Bildung eingewirkt, der dir in Sachen des Geschmacks zur Richtschnur gedient, der dir beinahe als Ideal erschien, dessen Stimme du ruhmtest, seinen Vortrag bewundertest, der-"

Eslheim sprang auf und umarmte den Redenden heftig, indem er wieder laut lachte. "Uber diesen, liebster, allerliebster Junge und verehrungswurdigster Freund, geniere dich gar nicht! Rezensiere ihn, brich uber ihn den Stab! Er soll dir vollig preisgegeben sein, denn wie du uber ihn scherzest, oder ihn ernsthaft verurteilst, das kann mich nicht im mindesten beleidigen."

Er hatte sich wieder an seinen Platz gesetzt, und Leonhard sagte etwas empfindlich: "Der Wein hat dich heut so sturmisch und ausgelassen gemacht, dass mir bange wird. So schonungslos du diesen alten Freund jetzt aufopferst, so kannst du mich auch vielleicht in einer ahnlichen Laune irgendeinmal wegwerfen."

"Sei gescheit", rief Elsheim, "sei nicht kindisch, verstandiger Aufgeklarter. Das ist ein ganz anderer Fall. Ich werfe ja diesen trefflichen Mannlich nicht so unbedingt weg; ich kann aber mit einem wahren Freunde, wie du es mir bist, wohl frei uber einen jugendlichen Irrtum sprechen und dreist bekennen, dass damals ein Star auf den Augen meiner Seele gelegen haben muss, eine blendende Kraft, ich habe den Brill gehabt, wie es unsere guten Vorfahren nannten. Das begegnet ja wohl in der heftigen Jugend, dass man sich irrt; man sieht dies und jenes am sogenannten Freunde, das uns stort, man halt es aber fur gottlos, es in Rechnung zu stellen, ja es selbst zu bemerken. So taumelt man hin in einer sonderbaren Selbsttauschung, bis man denn spater erwacht."

"Gewiss", sagte Leonhard, "soll man aber seine Freunde nicht kritisieren; hat man aber auf Treu und Glauben jemand in Zeiten, in denen man noch nicht beobachten kann, als Freund angenommen, so ist es auch nichts Unerlaubtes, wenn man in reiferen Jahren Vertrauen und Liebe beschrankt, oder zuruckzieht."

"Sehr gesetzt gesprochen", antwortete Elsheim, "und so will ich dir denn gern gestehen, dass ich in meinem Leben noch nicht so getauscht worden bin, als in dem Augenblick, in welchem ich diesen meinen Mannlich wiedersah. Ich mochte sagen, dass er seit lange schon seine Natur und sein Wesen ausgezogen und irgendwohin, wie alte unbrauchbare Kleider, verkauft hat; so hat er sich nun eine Maske angeschafft, die sein Wesen vorstellen soll, eine treuherzige Biederkeit, die tapfer und gutmutig aussehen muss, eine Herablassung, wie wenn er alles am besten wisse und den andern nicht immerdar beschamen wollte. Man fuhlt es ihm an, dass er nur mit Leuten umgeht, unter denen er stets der Klugste ist, oder es sich wenigstens zu sein dunkt. Nichts verdirbt den Mann so sehr und erniedrigt ihn nach und nach zum alltaglichsten Philister. Da horen wir nur lauter Phrasen, umstandlich ausgesprochen, Dinge, die sich von selbst verstehen, oder die als ausgemachte Wahrheiten mit kalter Unumstosslichkeit gesagt werden, aber erst tausendfache Erorterungen verlangen, ehe sie uns fur wahr oder verstandlich gelten konnen. Enfin, er ist ziemlich unausstehlich."

Leonhard musste lachen. "Wie mundet dir denn sein Vorlesen?" fragte er dann.

"Du hast vollkommen recht", fiel Elsheim schnell ein, "wenn du diese Art vorzutragen vollig unausstehlich nennst. Diese hohle, gemachte Stimme, die in trockener Affektation das Edle und Naturliche ausdrucken will. Er schenkt uns keine, auch der allerkurzesten Silben, er dehnt sie vielmehr auf fuhlbare Weise. Unser sogenanntes stummes E wird zwar dadurch nicht beredt, aber wenigstens vorschreiend und langweilig. So entsteht, indem freilich nichts verlorengeht oder dunkel bleibt, eine so entsetzliche Deutlichkeit des Vortrags, dass von leisen oder geistigen Ubergangen, von einem feinen, zarten Schwinden und Abfallen der Silben in Wehmut und Schmerz nicht mehr die Rede sein kann. So hat ja auch seine Vorlesung gegen vier Stunden gedauert."

"Und wie wird erst sein Spiel ausfallen", sagte Leonhard, "wenn seine Gebarden ebenso umstandlich sind, wie seine Aussprache! Dann muss diese hohle Feierlichkeit einen merkwurdigen Effekt machen. Und so durfte denn unser Lieblingsgedicht zu einer Parodie herabgewurdigt werden."

"Man muss ihn nun schon gewahren lassen", antwortete Elsheim; "es geht ja oft so im Leben, dass enthusiastische Plane zum Lacherlichen ausschlagen."

"Nur", fing Leonhard nach einer Pause wieder an, "hattest du an mir nicht einen kleinen Verrat begehen sollen, und mich ihm gewissermassen opfern, da du selbst ihn ganz anders ansiehst, als vor einigen Jahren."

"Was kannst du meinen? lieber Leonhard."

"Er weiss ja, dass ich ein Tischler bin, und von wem kann er es erfahren haben, als von dir?"

"Er weiss es, sagst du "

"Nun ja, denn er sprach gestern hohnisch von Tischlergleichnissen und dergleichen."

"O mein Freund", rief Elsheim aus, "deute nur nicht gleich jede Zufalligkeit so, wie einer, der kein gutes Gewissen hat. Ich schwore dir, er lasst sich dergleichen von dir nicht traumen; er bewundert dich im Gegenteil als einen ausserordentlichen Architekten und gelehrten Professor. Er hat dich hochlich gelobt, und erstaunt nur daruber, dass du selbst mit dem Hobel so gut umzugehen weisst. Die eigentliche Handarbeit solltest du daher auch lieber unterlassen."

"Du kannst es dir nicht denken", erwiderte Leonhard, "wie es einem tuchtigen Arbeiter in die Hande fahrt, wenn er diese Meister vom Dorfe und diese Gesellen aus den kleinen Stadten so ganz ungeschickt hantieren sieht. Man kann nicht lassen zuzugreifen, und dem linkischen Volk einige Griffe zu zeigen. Die Glieder sind bei vielen Menschen ebenso dumm, wie der Kopf. Gibt es denn aber, mein Freund, viele solcher vornehmen Leute, wie dieser Graf Bitterfeld einer zu sein scheint?"

"Guter Leonhard", erwiderte der Baron, "dieser Mann ist eigentlich der wahre einfache Typus unserer Klasse, und was druber oder drunter ist, ist nur als Abweichung zu betrachten. Von allem etwas wissen und von nichts etwas Grundliches, Grundlichkeit und Tiefsinn, wo sie sich zeigen, zu verlachen und in demselben Augenblick eine ernste Miene, ja eine andachtige der Verehrung ziehen zu konnen, wenn man merkt, dass ein Hoherer, oder Furst diese Eigenschaften an diesem und jenem hochschatzt. Spricht er dann in seiner Familie, oder zu den Vertrautesten uber den Fursten, so ist die Achtung, welche er jenen Kenntnissen zollt, nur als Krankheit anzusehen; daruber sind denn auch alle Genossen einig, und zwar mit der festesten und kaltesten Sicherheit. Alles ist ihm nur Erscheinung, vorubergehend aus Mode, ausser dem Begriff des Adels, der Etikette an den Hofen, der Uniformen und des Ranges, den jeder bei Tafel, oder in den Assembleen einzunehmen hat. Alle Mesalliance bei Heiraten, vertrauter Umgang mit Burgerlichen, Studium einer Wissenschaft, Absonderung und Meiden der grossen Gesellschaft, alles dies erscheint ihm ebenso als Schwarmerei und Fanatismus, wie die Sekte der Wiedertaufer oder Adamiten."

"Und doch lasst er sich herab, Komodie zu spielen?" warf Leonhard ein.

"Wenn du erfahrst", antwortete Elsheim, "dass einer der beruhmten Kaunitze, ein Kobenzl ein enthusiastischer Komodiant war, der sich mehr als einmal durch diese Leidenschaft lacherlich machte; wenn du dich erinnerst, dass die ungluckliche Konigin von Frankreich und der Comte d'Artois auch gern Komodie spielten, den Herzog von Orleans und den Duc Conti nicht einmal gerechnet, so wird deine Verwunderung aufhoren. Es ist seitdem als die Schwache und Herablassung grosser Charaktere anzusehen. Darum wird er auch auf dem Theater mit dem geringsten Spielenden freundlich und fast vertraut umgehen, denn Buhnenverhaltnisse losen noch mehr als Badebekanntschaften die Fesseln der Etikette."

Leonhard fuhr fort: "Wenn sich mir deine Beschreibung des Baron Mannlich nicht bestatigte, so bin ich noch mehr an jener in Ansehung des Frauleins Albertine irre geworden."

"Wieso?"

"Sie ist ja so liebenswurdig, innig und kindlich freundlich, dass deine Schilderung gar nicht auf sie passt. Und ihre Stimme, ohne ihre anderen Vorzuge! Ich habe noch nicht leicht einen Ton gehort, der so unmittelbar zum Herzen spricht. Man braucht nicht einmal auf den Inhalt ihrer Rede hinzuhorchen, so erweckt der Silberklang dieses schonen Organs auch ohne weiteres poetische Vorstellungen in unserm Gemut, eine anmutige Ruhrung, eine schone Erhebung unsers Geistes."

"Still! mein Freund", rief Elsheim, "du bist ganz nahe daran, dich in dieses Gesichtchen und die klaren blauen Augen zu verlieben, wenn es nicht schon geschehen ist. Nun, was werde ich uber Charlotten horen?"

"Verliebt!" rief Leonhard, "sieh Freund, dies ist eins von den Worten, die in der Welt am allermeisten gemissbraucht werden. Ich werde einer solchen Gefahr nicht unterliegen. Nun, Charlotte? diese ist eins von den Wesen, so scheint es mir nach kurzer Bekanntschaft und Beobachtung, uber welche es unendlich schwer vielleicht unmoglich ist, ein wahres Urteil zu fallen. Sie ist ein tiefes, poetisches Gemut, schweigsam, weil ihr der gewohnliche hergebrachte Ausdruck nicht genugt, weil der gemeine Gegenstand der meisten Reden und Gesprache ihr wohl zu gering sein mag. Sie scheint ganz Leidenschaft und Enthusiasmus. In ihrer Nahe und von ihren Worten beruhrt, ist mir gewesen, wie in der schonsten, ganz poetischen Einsamkeit. Wald und Fluss sprechen dann auch, aber in gereizter und erhobener Stimmung so innigst, dass jeder der ratselhaften Laute ebensosehr zum Schmerz als zur Wonne wird."

"Du bist in einer fatalen hyperpoetischen Stimmung", antwortete Elsheim. "Auf solchen Wegen wirst du die Menschen niemals kennenlernen. Ich sage dir, deine vergeistigte Albertine ist ein albernes Ganschen, und diese deine wundersame Charlotte eine recht eigentliche Kokette, nur auf ihre eigentumliche, etwas seltsame Art. Dich haben gewiss in fruher Jugend auch jene Sterne, Sonnen und Blumen erfreut, die man aus dunkelroter, oder rubinfarbener, himmelblauer und glanzend gruner Folie und dunnen Blechen schneidet. Diese Zieraten waren einmal sehr Mode. Wie matt sieht gegen diese funkelnden Stucke jede Malerei aus! Selbst die Natur kann in Laub und Blumen nicht mit diesen Prachtstucken wetteifern. Aber nur ein kindischer Sinn wird davon geblendet, der Maler kann diese Effekte weder hervorbringen, noch will er es. Die heilige Zartheit der Natur zieht sich vor jedem Wettstreit mit diesen Dekorationen zuruck. Zu diesen zauberischen Prunkflittern, diesen dunkelglanzenden Folieblumen gehort eben Charlotte."

"Du nennst sie Kokette", sagte Leonhard; "ist sie es, so muss man sie hassen."

"Warum das?" fragte der Freund; "nur nicht Natur, Gesinnung, Gemut und Wahrheit in ihr sehen wollen, oder die Begeisterung und Freude von ihr erwarten, die uns ein Kunstwerk zufuhrt."

"Du bist deiner Sache auch vielleicht zu gewiss", erwiderte Leonhard etwas empfindlich; "vielleicht ware die Verbindung mit Albertinen du sagtest mir, dass deine Verwandten sie wunschten dein Gluck."

"Wie bist du nur?" rief Elsheim aus, "ich kenne dich heut nicht wieder; du solltest doch deine Freude, die du an diesen torichten Madchen hast, nicht mir anzwingen wollen. Suche jeder sein Gluck auf seinem eigenen Wege."

Leonhard wollte eben antworten, als sie durch einen Bedienten unterbrochen wurden, der, weil er den jungen Baron schon allenthalben gesucht hatte, keuchend in die Laube trat. "Was gibt's?" fragte dieser.

"Ach! gnadiger Herr", sagte der Diener, "hier ist der alte Forster Rudolf, der im Hause und im ganzen Garten herumlauft, heulend und schluchzend, und der Sie mit aller Gewalt sprechen will."

Elsheim ging dem alten Jager entgegen, und dieser lief schon mit den Zeichen des grossten Schmerzes auf ihn zu, die Hande ringend und dann wieder mit seinem Tuch die Augen trocknend.

"Alter, um Gottes willen!" rief der junge Edelmann aus, "was ist Euch fur ein Ungluck begegnet? Fasst Euch, alter Mann!" Mit den Worten ergriff er die Hand des Alten und suchte ihn zu beruhigen, erschrocken, wie er selber war.

"Oh, gnadiger Herr", klagte der Alte, "dass mir noch in meinen allerletzten Tagen dergleichen begegnen muss! Ich dachte, nun bald mit Ehren in die Grube zu fahren, und soll noch solchen Schimpf vor meinem seligen Ende erleben!"

"Aber was ist Euch zugestossen."

"Man sagt ja", rief der Forster, "dass Sie es durchaus wollen, junger Herr. Der Heinrich ist zu mir gelaufen gekommen, ich soll einen Komodianten abgeben, und wenn es noch Kaiser, Konig, oder eine Art Herzog ware, den ich auffuhren soll! Nein, geradezu einen Spitzbuben, einen Mordbrenner! Und auch das wurde ich mir noch gefallen lassen, wenn der Mensch noch ein ehrlicher, ordinarer Spitzbube ware. Aber einen Zigeuner soll ich agieren! Ich werde vor allen meinen Jagerburschen zu Schimpf und Schanden, denn es sind noch nicht zehn Jahre her, als sie druben, jenseits, uber der Grenze einen solchen verruchten Zigeuner aufknupfen taten, wie er es auch verdiente. Damals ist die ganze Landschaft von hier, und ich selber mit, hinubergelaufen, um den Skandal anzusehen. Und nun soll ich einen solchen giftigen heidnischen Hund vor meiner Herrschaft und allen Dienern und den Fremden vorstellen. Das uberleb ich nicht."

Elsheim nahm den alten Mann, der ganz ausser sich schien, beiseit und ging in der Lindenallee lange mit ihm auf und ab, um ihn durch gutliches Zureden zu beschwichtigen. Leonhard beobachtete aus der Ferne ihr lebhaftes Gesprach, und als sich die Freunde am Abend wieder trafen, sagte der Baron: "Nun fangt das Leiden der Komodie auch schon an, dass die Menschen nicht mit ihren Rollen zufrieden sind." Es vergingen nun mehrere Tage unter mancherlei Zerstreuungen und verschiedenen Arbeiten. Das Theater war unter Anleitung Leonhards und des Barons Mannlich schon bedeutend vorgeschritten; man hatte die Leseprobe gehalten, zu unendlicher Ergotzlichkeit der kleinen mutwilligen Dorothea. Denn bei Abschrift und Austeilung der Rollen hatte es sich erst erwiesen, dass man eine der hauptsachlichsten bis dahin vollig vergessen hatte, den muntern, herrlichen, treuen Georg namlich. Nun bat man dringend und freundlich, dass Dorothea diesen, statt ihrer Zigeunerin, ubernehmen moge, und sie liess es sich endlich gefallen, in der Tracht eines Knaben aufzutreten. Beim Lesen ihrer Rolle wendete sie manche Stellen hochst mutwillig so, dass es wie Verspottung der zerstreuten und vergesslichen Direktoren klang.

"Da flog das Meislein auf ein Haus und lacht den dummen Buben aus", klang, von ihrem Gelachter akzentuiert und durch ihre Blicke kommentiert, fur den Baron Mannlich fast etwas zu anzuglich. Indessen liess sich seine ehrenfeste Haltung von dem kleinen Schadenfroh, wenn auch einige mitlachten, nicht aus der gesetzten kunstlerischen Fassung bringen.

Leonhard hatte auch schon einen Brief von seiner Frau durch seinen Freund erhalten, nachdem er ihr sogleich nach seiner Ankunft auf dem Gute geschrieben hatte. In seinem Hause stand alles gut, und so war er jeder Sorge enthoben.

Ein Teil der Gesellschaft hatte sich bei dem schonen Wetter auf die Reise begeben, um einige theatralische Vorstellungen in einer namhaften Stadt, wo sich derzeit eine gute Schauspielertruppe befand, anzusehen. Der Ort war zwar eine ganze Tagereise entfernt, indessen bestand diese Sommergesellschaft, die sich auf dem Landhause versammelt hatte, aus Menschen, die mit der Zeit etwas grossmutig umgehen konnten, weil sie, Leonhard abgerechnet, alle ohne Beruf und Beschaftigung waren. Elsheim vorzuglich betrieb diese Reise, da er sich von der Langeweile und Anstrengung erholen wollte, die ihm die gerichtliche Ubergabe des Gutes verursacht hatte, wobei die Formlichkeiten, die Gerichtspersonen, das Zeremoniell und alles, was zu dergleichen Akten gehort, ihn wirklich sehr verstimmten und ihm in diesen Tagen fur sein Theater und die poetischen Ergotzlichkeiten keine Zeit ubrigliessen.

Als die jungen Leute nach vier Tagen etwas ermudet zuruckkamen, so wendeten sie sich wieder zu ihren theatralischen Belustigungen. Es war jetzt auffallend, wie oft man Leonhard mit Charlotten im eifrigen Gesprache sah, und wie die Schweigsame eilig in Fragen und Antworten war. Elsheim beobachtete sie lachelnd aus der Ferne und wendete sich zuweilen an Dorothea, um mit dieser uber das Bundnis zu scherzen, welches jene beiden auf dieser Reise geschlossen zu haben schienen. Dorothea selbst aber war unterweges der schwermutigen Albertine viel nahergekommen, und es bildete sich schnell eine vertraute Freundschaft unter den beiden jungen Madchen, von denen jedermann bisher geurteilt hatte, da ihre Art und Weise so vollig verschieden war dass sie sich niemals einander nahern wurden.

Unter den Mannern verbanden sich, sowie Elsheim den Baron Mannlich mehr vernachlassigte, dieser und Graf Bitterfeld mit jedem Tage inniger. Der Graf bewunderte die ausgebreiteten Kenntnisse seines neuen Freundes, so wie er immerdar von seiner Biederkeit geruhrt wurde. Mannlich war gegen diese Anerkennung sehr dankbar, und ubersah mit Freundlichkeit die Unwissenheit seines Genossen, dessen edles Herz und Menschenkenntnis er um so hoher stellte.

Am einsamsten schien sich der Professor Emmrich in diesem bunten Zirkel zu befinden. Er studierte viel in seiner Gartenwohnung, die ihm Elsheim, weil er des Freundes Launen kannte gern eingeraumt hatte. In diesem abgelegenen Pavillon sah die Dienerschaft noch oft Licht, wenn im Schlosse schon langst alles zur Ruhe gegangen war. Emmrich hatte es sich schon fruh angewohnt, in der Nacht fast mehr als am Tage zu leben; er bedurfte nur wenigen Schlafs und weniger Nahrung und hielt in seiner bizarren Laune das meiste von dem, was andere Menschen Naturbedurfnisse nannten, nur fur Angewohnung und Nachgiebigkeit gegen Schwachen. So konnte er lange fasten, viele Meilen dabei zu Fuss gehen, ohne sich ermattet zu fuhlen, und er gestand, dass er fast niemals Hunger oder Durst empfinde und sich ebenso ohne Anreiz, nur mit willkurlichem Vorsatz an die Tafel begebe, wie er sich zum Schlafe endlich niederlege, ohne sich jemals uberwacht zu fuhlen. Diese seltsame Lebensweise war auch die Ursache, dass sich viele Menschen vor ihm furchteten, welche unheimliche Furcht sein klarer Verstand und unbestechliches Urteil noch vermehrten. Denn viele Menschen mogen mit sich selbst und ihren sogenannten Freunden nur in einer gewissen Dammerung leben, wo nichts bestimmt gesehen und unterschieden, wo nichts scharf ausgesprochen wird. Um so schlimmer, wenn diese einmal aus ihrem Schlaf erwachen. Darum erregt es dem Menschenkenner kein Erstaunen, wenn so oft Freundschaften, die innig schienen, sich um eine Kleinigkeit losen und zuweilen sogar in bittern Hass verwandeln. Am meisten war Emmrich mit der verstandigen Tante in Gesellschaft, und es war sichtlich, dass auch er Albertinen, welche von der Tante vorzuglich geliebt wurde, den ubrigen jungen Frauenzimmern vorzog.

"Du wirst krank werden, Albertine", sagte Dorothea, indem sie die Freundin liebkoste. Die beiden Madchen hatten sich von der Abendgesellschaft zuruckgezogen und sassen, in traulicher Dammerung plaudernd und erzahlend, einsam im Zimmer der Tante. "Wie ich dich kennenlernte", fuhr Dorothea fort, "warst du so heiter, sahst so klar aus den Augen, sprachst so richtige Vernunft, dass es eine Freude war, dich zu horen und zu sehen. Und auch noch jungst, als wir hieher reiseten wie heiter und selbst frohlich warst du und jetzt verfallt dein Gemut von Tage zu Tage mehr. Unsere Herzen sind sich auf der Reise so schon begegnet; so gestehe mir nun auch, was dich so traurig machen kann."

"Ich weiss es selbst nicht", erwiderte Albertine, indem sie weinend die Freundin umarmte. "Es ist ja so schwer, das, was uns oft angstigt, in Worte zu fassen. Du bist immer heiter und unbesorgt, dich angstigt das Leben noch nicht, und darum hute dich, dass du nicht auch einmal in diese Stimmung geratst. Sieh, mein Herz, das Leben selbst ist es, was mich so wehmutig stimmt, denn ich wusste mich fur meine eigene Person uber nichts zu beklagen. Wie schnell ist der Fruhling vergangen, wie bald wird der Sommer voruber sein! Wie hinfallig ist alles, wie vorubergehend und in den Handen verwelkend, woruber wir uns freuen mochten! Alles verschwindet, ehe wir es genossen haben, und jeder folgende Tag straft uns Lugen, dass wir uns gestern auf ihn freuen konnten."

"Das kann ich dir alles nicht glauben", erwiderte Dorothea; "ich habe zwar noch nicht so gar viele Erfahrung, aber ich denke denn doch, alle diese Weichmutigkeiten kommen uns erst, wenn irgend was Wirkliches, ein wahres Leid unser Herz belastigt. Dich druckt etwas, du geliebtes Wesen, und du willst es mir entweder nicht bekennen, oder weisst es noch selber nicht recht, wie denn das auch wohl zuweilen der Fall sein mag."

"Nein, Geliebte", erwiderte das trauernde Madchen, "mir ist wohl, mir selbst tritt nichts feindlich entgegen; es ist eine allgemeine Trauer, die sich meiner bemeistert hat, eine Wehmut, mocht ich doch sagen, uber alles Geschaffene. Du bist jetzt meine Freundin; weiss ich, wie lange du es sein kannst und wirst? ob du mir nicht einmal, vielleicht bald, feindlich gesinnt bist? Wie wandelbar, wie schwach ist das menschliche Gemut! Ich habe ja dergleichen auch schon in meinem jungen Leben erfahren."

Jetzt wurde auch die muntere Dorothea betrubt und sagte: "Nein, so weit muss deine Schwermut nicht gehen, dass du deinen Freunden unrecht tust, du versundigst dich damit. Man muss dich schwer verletzt haben, dass es dir moglich ist, so unbillig zu sein."

"Nein! nein!" rief Albertine heftig, "du irrst dich, mein Herz, und so lass uns denn lieber von anderen Dingen sprechen. Wie hast du dich auf dieser Reise unterhalten?"

"Angenehm genug", erwiderte die Kleine; "denn erstlich haben wir einander naher kennengelernt, dann habe ich viel Neues gesehen, eine Oper, die mir fremd war, und ein neues Lustspiel, das Museum, die vielen Gemalde, die grosse Wachtparade, und was dann noch ausserdem an der zahlreichen table d'hote im eleganten Gasthofe vorfiel."

"Ja, ja, viel Neues!" sagte Albertine seufzend, "waren die Sachen nur auch loblich, wahrhaft aufregend gewesen. Diese armselige Oper und diese neue Sorte von Theaterstucken wie kann man nur Interesse an ihnen nehmen?"

"Doch, wenn man jung ist. Sind wir denn nicht uberhaupt dazu da, immerdar etwas zu lernen?"

So sprach Dorothea, und Albertine sah sie forschend an und fuhr dann fort: "Sieh, mein Kind, ich verstehe die Menschen gar nicht mehr. Nicht wahr, mein Vetter, der junge Elsheim, wird von allen Leuten fur einen sehr angenehmen Menschen gehalten? Man nennt ihn geistreich, wohlgebildet, fein, witzig, wohlwollend, selbst gelehrt, und wer weiss was nicht sonst noch alles! Und doch sind wenige Manner, vielleicht gibt es keinen einzigen der mir in jeder Minute, ja fast in jedem Augenblick, wenn ich in seiner Gesellschaft bin, einen so lebhaften Unwillen, ja einen tief empfindlichen Schmerz erregt. Wie ist es dir denn in seiner Gegenwart?"

"Mir?" fragte Dorothea; "wahrlich, mir ist es noch gar nicht einmal eingefallen, mir diese Frage zu stellen. Er gefallt mir ubrigens ganz wohl und kommt mir vor, wie die meisten Manner."

"O du unschuldiges Kind!" rief Albertine aus "du siehst also nicht, wie in diesem jungen, hubschen, hochfahrenden Mann die ganze Verkehrtheit unsers Zeitalters so recht sichtlich dargestellt ist? Wie ist er mit sich selbst zufrieden, wie belehrt und hofmeistert er oft andere uber Dinge, die diese doch viel besser wissen. Er ist freundlich gegen alle ohne Ausnahme, aber in diesem Wohlwollen ist so viel bewusste und absichtliche Herablassung, dass es den Unschuldigen, dem er sich auf diese Weise nahern will, weit mehr verletzen, als erfreuen muss. Und sein Lachen, sein hohnisches Lachen meist uber Dinge, die ihm nur deswegen komisch vorkommen, weil er sie nicht versteht. Ist nicht ein recht hochadliger Hochmut in seiner Art, wie er mit seinem burgerlichen Freunde Leonhard umgeht, der ihn doch, sogar in Gesellschaft, du nennen darf?"

"Kind", sagte Dorothea, "du tust dem Vetter unrecht. Er ist ein ganz gutmutiger und, wenn ich es recht uberlege, ein allerliebster Mensch. So gefallig, so nachgiebig, der beste Wirt; gegen seine Mutter, die er doch so sehr ubersieht, so ganz kindlich, so dass er es sie nie merken und empfinden lasst, wenn sie manchmal in seiner Gegenwart so ganz einfaltig spricht. Er muss dich einmal eigen beleidigt haben, oder ein Fremder hat dich gegen ihn aufgebracht, sonst ist mir alles dies unerklarlich."

"Sind doch andere Manner", fuhr Albertine fort, "ganz anders beschaffen. Betrachte nur diesen bescheidenen, wahrhaft verstandigen Leonhard. Mochte ich diesen doch das Muster eines gebildeten Mannes nennen, so ruhig und fest steht er auf sich selbst und bedarf keiner Bestatigung von aussen oder von andern. Er hat auch gar nicht das mannlich Mannliche, was mir schon als Kind so anstossig und argerlich war."

"Ich verstehe dich wieder gar nicht", sagte Dorothea.

"Das ist ja mein Leid", fuhr Albertine fort, "dass ich so ganz anders empfinde, und nichts davon , noch dazutun kann. Ist es dir denn nicht schon einmal im Leben recht empfindlich zuwider gewesen, wenn Manner beisammen sind und etwa im Preisen einer Pastete, oder eines delikaten Weines sich ergehn? Hast du denn noch niemals bemerkt, dass dann dieser und jener auf eine recht widerliche Art den Mund verzerrt, schielt und lachelt und mit den Augen blinzelt? Mag das Gesprach vorher gewesen sein, welches es wolle, von Religion, Natur oder Kunst, wobei sie sich oft recht erhaben vorkommen: nun wird dieser Ton angeschlagen und das Tier, das gleichsam kunstlich untergeschoben, an den Ketten der Formlichkeit und Heuchelei festgebunden lag, springt nun plotzlich hervor. Viele finden dergleichen an solchen Mannern liebenswurdig, und ich schwore dir, mir ist schon oft ein Grausen daruber angekommen. Und wenn ich mir dann denke: dieser, der bei Erinnerung an einen sinnlichen Genuss so widerwartig grinsen kann, so garstig lachen dieser soll sich irgendeinmal einbilden, er konne lieben, oder werde es einem armen getauschten weiblichen Wesen vorlugen oder gar ich selbst konnte seiner Falschheit unterliegen so muss ich schaudern. Siehst du, Dorothea, nun bist du selbst nachdenklich geworden."

Es war wirklich so. Die Kleine hatte den Kopf in die Hand gestutzt und machte eine Miene, wie sie Albertine noch niemals an ihr bemerkt hatte. "Du hast wohl nicht unrecht", sagte sie nach einer Pause recht schwermutig, "es kann oft im besten Menschen etwas sein, was eigentlich, wenn man es genau nimmt, recht unmenschlich ist. Ich habe nur niemals darauf achtgegeben, oder, wenn ich es einmal bemerkte, und es mir widerlich auffiel, habe ich es nicht so wichtig genommen."

"Und nun gar", fuhr Albertine mit unterdruckter Stimme fort, "wenn sie von Madchen und Frauen sprechen, und man, ohne es zu wollen, ihre Erzahlung zufallig anhort, wie sich wo unversehens eine Schulter, oder ein Busen enthullt, oder gar ein Knie entblosst hat: plotzlich dann jene Satyr-Larven, jenes Faunen-Gelachter, an dem sich die Bruderschaft erkennt und ohne Worte sich zuruft: Lassen wir die Maske fallen, zwingen wir uns nicht, da wir uns doch alle gegenseitig als Tiere und Vieh langst kennen!"

Die Madchen sanken sich weinend in die Arme. "Ja, ich bin krank", sagte Albertine dann, "am Leben krank, und der Tod ist vielleicht meine Heilung. Wie oft traumte ich in meinem kindischen Sinn, dass der echte Mann zugleich das Wesen einer Jungfrau haben musse."

"Manche von uns", erwiderte Dorothea kleinlaut, "sind aber auch nicht viel besser. Und viele Bucher in Prosa, wie in Versen suchen ja auch alles das, woruber wir hier klagen, lacherlich zu machen. Ach ja, man muss sich eben, um leben zu konnen, in alles finden."

"Ich will aber nicht!" rief Albertine mit der grossten Lebhaftigkeit, " horst Du? ich will es nicht! Und sieh, der Elsheim, den du vorher so verteidigen und loben wolltest, ist in allen diesen Punkten einer der Schlimmsten. Nicht wahr, ich werde den meisten rasend vorkommen, wenn ich verlange, dass Mann und Frau, Vater und Mutter auch in der Ehe noch unschuldig bleiben sollen, dass den Geliebten nach dem hochsten Genuss ein Handedruck seines Madchens noch so beglucken soll, wie beim ersten scheuen Begrussen?"

"Ach, Liebe, Liebe", sagte Dorothea und schmiegte sich an die Freundin, "du sprichst da etwas Gottliches aus, woruber wir vielleicht alle unsere schonen Traume haben. Wortlich sagt dasselbe auch Novalis, was du eben aussprachst."

"Novalis?"

"Dieses herrliche Buch will ich dir geben, du musst es lesen, es ist erst ganz kurzlich herausgekommen", antwortete Dorothea.

"Ach Kind", fuhr Albertine fort, "du wirst mich fur ganz toricht halten. Erzahle wenigstens keinem Menschen, auch der Tante nicht, von dem, was ich dir eben anvertraut habe. Ist mir Elsheim gleich zuwider, so kann ich ihn doch nicht hassen. Oh, seine Blicke sind oft furchterlich! In der Gemaldegalerie dort in der Stadt und noch mehr unter den Antiken und Abgussen wusste ich mich, von seiner Gegenwart geangstigt, gar nicht zu lassen. Die Unschuld selbst, das Heilige und die Grosse der Kunst wird anstossig und zum Frechen, wenn er erst diese nackten Bilder und dann dich mit jenem kritischen forschenden Auge mustert. Ich hatte mich so gern dort unter den Gotterbildern recht ergangen und mein Gemut in dieser Schonheit erhoben, aber diese Sale wurden mir durch seine schuldvollen Blicke ein Aufenthalt der Sunde. O welche Verschiedenheit unter den Mannern! Dieser Leonhard mit seinen redlichen, unschuldigen Augen konnte selbst dem Zweideutigen Reinheit geben. Er war in diesen beklemmenden Stunden mein einziger Trost. Mit ihm konnt ich allenthalben sein, ohne mich gestort zu fuhlen. In seinem Wesen herrscht das vor, was ich das Weibliche, das Jungfrauliche nennen mochte. Wie glucklich muss die Gattin und die Geliebte sein, die er sich auserwahlt! Ich bilde mir ein, dass es nur wenige Manner gibt, wie diesen."

"O mein Kind! mein armes Kind!" rief jetzt Dorothea aus, "dachte ich es doch, dass dein Leidwesen aus einer ganz andern Gegend herstammen musse. Wie soll das endigen? Was soll daraus werden?"

"Nun?" fragte jene erstaunt, "und was ist es denn, das mir fehlt?"

"Du hast dich", war die Antwort, "in diesen fremden Menschen, in diesen Leonhard sterblich verliebt. Oh, du Ungluckselige! mich dunkt, ich habe gehort, er sei schon verheiratet."

Die beiden Madchen waren jetzt aufgestanden. "Verliebt?" sagte Albertine nachdenkend "und in Leonhard? Nein, liebste Freundin, das kann ich doch unmoglich glauben."

"Alle Merkmale sind da", sagte Dorothea seufzend, "es ist so klar, dass du es nur nicht mehr leugnen solltest."

Es war ganz finster geworden, und ein Bedienter, welcher sie schon allenthalben gesucht hatte, rief sie zur Gesellschaft ab, die sich im Komodiensaal versammelt hatte, um die eben fertig gewordene Walddekoration zu betrachten, die dort aufgestellt war. Sie gingen hinuber und fanden die Freunde und Bekannten, die bei angezundeten Lampen das neue Kunstwerk beurteilten und sich daran freuten. Am lautesten sprach der Maler selbst, ein kleiner dicker Mann, der in einem nahe gelegenen Stadtchen ansassig war. Er setzte die Richtigkeit, die Perspektive und die Schonheit aller einzelnen Teile weitlaufig auseinander, und der Professor Emmrich schien ihm mit der grossten Aufmerksamkeit zuzuhoren. Die Wand, sowie die Kulissen waren ziemlich grell gefarbt, und es war augenscheinlich nur guter Wille der Anschauenden, wenn sie dem Lobredner in keiner seiner Behauptungen widersprachen. Als sich der Kunstler entfernt hatte, sagte Emmrich: "Es ist fur mich fast ruhrend, einen schwachen Handwerker dieser Art zu sehen, wenn er in seiner Mittelmassigkeit meint, ein Meisterwerk verfertigt zu haben. Wer konnte so grausam sein, den von seiner Kunst Entzuckten auch mit dem gegrundetsten Tadel zu Boden zu schlagen? Lassen wir ihm das Gluck seiner Einbildung, denn fur das, was uns sein Machwerk nutzen oder bedeuten kann, ist es immer gut genug. Grun ist der Wald wenigstens, das kann niemand leugnen, und das konnen manche wirkliche Walder in der Mark und auch anderswo nicht zu allen Zeiten von sich ruhmen."

"Als wenn er es besser machen konnte!" sagte Graf Bitterfeld zu Elsheim und Leonhard, die etwas entfernt standen. "Der gute Mann", fuhr der Graf fort, "will in allen Dingen den Kenner spielen, und das ist recht bequem und leicht, wenn einer, wie der Professor, kein eignes bestimmtes Fach hat, in welchem er sich auszeichnen konnte."

Als der Graf sich entfernt hatte, sagte Elsheim zu Leonhard: "Mit diesem Emmrich musst du nahere Bekanntschaft machen. Er ist ein tuchtiger Mann, ein Original, wie sie immer seltner bei uns werden, selbstandig bis zum Eigensinn, dabei aber billig und freundlich. Er ist hart und tadelt oft scharf diejenigen als Schwachlinge, die sich beim Frost zu sehr beklagen, und verachtet geradezu alle, die in der Hitze verschmachten wollen. Und doch ist kein Mensch auf Erden in einem Punkt so schwach, ja lacherlich empfindlich, als er selbst. Dieser Punkt betrifft den Zug. Er kann heftig bis zur Grobheit werden, ja selbst tyrannisch, wenn irgendwer durch ubereilte Offnung eines Fensters oder einer Tur plotzlich Zugwind erregt. Er behauptet, dieser sei eigentlich das gefahrlichste Gift in der Welt, und Tausende von Menschen sturben an diesem Arsenik; doch sei fur einen solchen offenbaren Giftmischer in den Gesetzen keine Strafe festgestellt, was eine Barbarei der Zeit beweise und eine gefuhllose Unachtsamkeit der meisten Menschen, die doch sonst fur Leben und Gesundheit so ubermassig angstlich besorgt waren. Die Arzte schilt er, was diesen Punkt betrifft, Ignoranten, und er ist fest uberzeugt, dass alle diejenigen, die sich dem Zuge aussetzen und auch in scheinbarer Gesundheit keinen Nachteil spuren, es in Zukunft durch Schmerz und Krankheit abbussen mussen. Doch sieh, nun geht die Tur auf; jemand hat das Fenster geoffnet; ich bin uberzeugt, er fuhlt nichts davon, aber aus Vorurteil, aus Vorsatz wird er dennoch totenblass. Lass uns naher treten; er spricht nicht mehr leise mit der Tante, sondern hat sich erhoben und mit zorniger Gebarde Fenster und Tur wieder verschlossen."

"Ist Ihnen wieder besser, lieber Herr Emmrich?" fragte die Tante mit dem freundlichsten Ton.

"Gewiss, meine gnadige Frau", antwortete der Professor; "dergleichen geht schnell voruber, wenn man nur sogleich die Ursach aus dem Wege raumen kann."

"Sie werden sich aber der Luft zu sehr entwohnen", sagte der Graf, der ebenfalls hinzugetreten war.

"Luft und Zug", antwortete Emmrich, "sind zwei ganz verschiedene Dinge. Und dann auch diese Luft! Was nennen wir denn so? Wir haben ja keine Instrumente, die fein und geistig genug waren, um die Qualitaten, die Eigenheiten, die sublimierten Essenzen dieses hochst wunderbaren Elements zu wagen, zu messen, oder gar zu prufen und zu analysieren. Unser armer Korper ist nur da, um durch Leid, Schmerz und Krankheit von den unsichtbaren Eigenschaften dieser Luft Zeugnis zu geben. Man mutet niemand zu, so simpel hin ein Getrank gut zu finden, das in bosen Gegenden erzeugt, oder in den Kneipen als Wein ausgeschenkt und gebraut wird. Ist der Wein nicht ein edles Gewachs? Starkt er nicht Leib und Seele? Erheitert er nicht das Gemut? Gewiss! Aber das ist nicht Wein, was rot, weiss und gelb, bitter, suss und sauer oft dem unkundigen Gaumen geboten wird, um Kolik, Ekel und verdorbenen Magen hervorzubringen. Hat man nun wohl, wenn man im Jammer liegt, die Gottheit des Bacchus in sich? Den Lethe mochte man aussaufen, um diesen Acheron nur wieder aus dem Leibe zu spulen und zu vergessen. Ein heitrer Fruhlingsmorgen wie balsamisch! Wie wird unser Wesen gekraftigt und gelautert! Man schwelgt in den kuhlenden lieblichen Wogen und fuhlt, dass auch unsere Lunge ein Organ ist, um geistig sinnliche Wollust zu empfinden. Aber das Zeug, was sich so oft im November, Februar, oder nach vielen nassen Tagen und in der Nahe von Sumpfen draussen im Freien herumtreibt, ist das Unwesen denn wohl noch Luft zu nennen? Mag der Doktor es vor den Geistern der Blumen und der Dichter verantworten, der seine Opfer in die Hollen-Atmosphare hinausschickt, um sich in ihr Gesundheit zu erwandeln, oft in einem Hexenwetter, wo der Cerberus sich in sein Hundehaus verkriecht und weder dem Befehl des Pluto gehorcht, noch dem Lokken der Proserpina nachgibt, so weit, dass er nur die Schnauze aus der Hohle steckte. Und hat denn die Luft nicht gewiss auch Krankheiten, wie Wein und Wasser? und Gesundheitskrisen und Umsetzungen? Und dennoch wer draussen wandelt oder reitet, ist doch noch in einem Krieg gegen das Unwetter begriffen; ein Element kampft dann gegen das andere, und in diesem zornigen Anstrengen kann sich die menschliche Gesundheit noch etwas wahren; aber wenn die Menschen im Spatherbst, oder in schnoder Marzluft oft draussen sitzen, um so recht phlegmatisch das zerstorende Gift einzuschlurfen, so stehen oder sitzen sie noch unter den Tieren, die der Instinkt beschutzt, den diese Luftschnapper in sich ertotet haben."

Die Tante sagte lachend: "Ich sehe, Sie tragen in Ihrem Busen einen erhabenen Zorn gegen das, was so viele zu ihrer Erholung und Erquickung tun. Es scheint, Sie haben die Luft so recht nach ihren verschiedenen Qualitaten ausgekostet, und viele derselben verabscheuen gelernt."

"Die Luft", fuhr Emmrich fort, "ist Leben und Tod, Schaffen und Vernichten; aus ihr stromt alles Gedeihen herab, und sie zieht wieder alle Lebenskraft an sich; sie ist abwechselnd das Edelste und Schlechteste, Heil und Unheil und in sich selbst ein Ratsel. Wir verlassen ein Landhaus. Turen, Fenster, Laden, alles wird dicht, fast hermetisch verschlossen; kein Sonnenstrahl, kein Luftzug fallt in den verfinsterten Saal; treten wir nun nach Jahren in dieses Gemach, so befallt eine beklemmende Angst unsere Brust, ein schwermutiger Lebensuberdruss bedruckt uns; wir fuhlen, wir atmen eine tote Luft ein, ein verwesetes Element. Und woher kommt nun der fusshohe Staub, der auf dem Boden und auf allen Tischen so widerwartig liegt? Wie hat dieser sich erzeugt? In jedem Gemach, welches lange verschlossen war, empfinden wir in geringerem Grade etwas Ahnliches. Man weicht vor pestilenzialischen Geruchen mit Abscheu zuruck, aber weil das Ungesunde der Luft weder Auge noch Nase so deutlich empfindet, vertrauen wir uns ihr oft mit tadelnswurdigem Leichtsinn."

"Sie konnten uns ganz angstlich machen", sagte die Tante wieder; "unmoglich kann man so genau auf sich achtgeben."

"Und soll es auch wohl nicht immerdar", fuhr der Professor fort; "wer aber so fein, oder so krankhaft organisiert ist, dass er diese Unterschiede dunkler, oder deutlicher fuhlt, dem soll man diese Krankheit nicht abstreiten, oder ihn gar davon bekehren wollen. Und nun noch der feine, giftige, arsenikalische Zugwind! Von dem gewohnlichen, der den meisten Sinnen fuhlbar ist, will ich jetzt gar nicht einmal sprechen. Aber, wer hat es nicht einmal, in der Krankheit wenigstens, erlebt, dass aus einer dicken, festen Mauer eine Luftzug stromt, fuhlbar, unverkennbar? Man hat es zuvor an dieser Stelle nie gespurt, auch scheine es dort unmoglich. Es muss Stromungen der Atmosphare geben, die auf unbegreifliche Weise auch durch feste Mauern dringen, oder die Luft reflektiert zuweilen auf ahnliche Art, wie Licht und Sonnenstrahlen; der Stoss und Widerstoss erzeugt sich plotzlich aus Ursachen, die wir nicht entdecken konnen. Man hat mich oft verspotten wollen, indem meine Freunde mich fragten, ob ich keinen Zug verspure, indem ein Schrank, oder eine Schieblade geoffnet wird? Ich scheue mich gar nicht, zu behaupten, dass ich allerdings etwas Ahnliches empfinde; es ist die abgestorbene Luftmasse, die sich mit der Zimmerluft plotzlich mischt, wenn der Schrank leer ist; und wenn es ein Behaltnis der Wasche ist, so quillt aus der feinsten und reinsten eine widerwartig erkaltende Stromung, der ahnlich (freilich nur im geringen Grade), die uns so trostlos befallt, wenn wir einem Trockenplatze vorubergehen."

Der Graf sagte: "Darin ist aber etwas Wahres, sosehr unser Herr Professor auch ubertreibt; darum muss man auch, wie ich es halte, immer Wohlgeruche zwischen die Wasche legen und sie selbst im Sommer vor dem Ankleiden warmen und durchrauchern." Nun fingen die Damen, die jungern, wie die alteren, an, sich lebhaft in das Gesprach zu mischen; plotzlich aber sprang Albertine eilig auf und rannte mit einem Freudengeschrei einem hubschen, aber noch sehr jungen Manne in die Arme. Dieser war ihr Bruder, der Cadet, der von der entfernten grossen Stadt gekommen war, um an den landlichen Festen und Theaterspielen teilzunehmen. Es war naturlich, dass die Freunde das Gedicht vom Berlichingen sehr zusammengezogen, verschiedene Szenen verlegt und vereinigt und alles so eingerichtet hatten, dass es mit nicht gar vielen Dekorationen und einer bescheidenen Anzahl von Mitspielern dargestellt werden konnte. Es ist ubrigens nicht unbekannt dass bei Liebhaberkomodien die Proben eigentlich das ergotzlichste sind. Alle erstaunten, mit welcher Wahrheit und innigen Ruhrung Albertine die Maria spielte und sprach, in der Sterbeszene Weislingens war sie und Elsheim so tief erschuttert, dass beide mit lautem Schluchzen den Auftritt endigten, und das Fraulein sich nachher unwohl fuhlte. Am meisten war der alte Schulmeister, der invalide Husar, welcher mit grosser Freude den Selbitz auswendig gelernt hatte, beseligt, dass er mit hohen Herrschaften durch diese Kunstubung in ein so vertrautes Verhaltnis trat. Es war ein Gluck, dass dieser Raubgesell keine Szene mit dem edlen Bischof von Bamberg hatte, denn Graf Bitterfeld, der Vertreter des geistlichen Herrn, nahm es dem jungen Baron doch sehr ubel, dass er diesen Invaliden aus einem fremden Dorfe herubergeholt hatte, um in Goethes Dichtung mitzuwirken. Dass des Barons Forster und andere Dienstleute in kleinen unbedeutenden Rollen auftraten, verzieh er und fand es zulassig, weil er auch dafur entschuldigende Beispiele in der Theatergeschichte hoher Aristokratie fand, aber ein unheimischer Diener war ihm unertraglich. Dazu kam, dass dieser Selbitz sich sehr breit machte und sich mehr hervordrangte, als es seine Rolle eigentlich zuliess, so dass selbst Mannlich, als Gotz, etwas empfindlich wurde, und nun, um jenen zu strafen und zuruckzustellen, in den Szenen mit ihm noch gedehnter, langsamer und akzentuierter sprach, woraus aber der lahme Selbitz den Vorteil zog, dass man sein Spiel besser und naturlicher fand, als das der Hauptperson. Mannlich war aber auch glucklich, da er in jeder Probe seine tapfere Gesinnung und seine Biederkeit so recht breit, und sicher, nicht gestort zu werden, auseinanderwickeln konnte. Indem er nun den Platz der Szene ganz allein einzunehmen strebte, kam es, dass er auf die mit ihm Sprechenden kaum hinhorte und in die Weise, wie er diese anblickte, eine unendliche Verachtung legte. Dies geschah aber nicht vorsatzlich, sondern unbewusst und in aller Unschuld; denn nicht allein seinen Gegner Weislingen, sondern Frau und Schwagerin, sowie Georg, behandelte er ebenso, bloss von dem Gefuhl geleitet, welches er uber sich selbst und seinen hohen Wert empfand. Elsheim sah dies alles mit einer gewissen Schadenfreude an und vergass daruber ganz, dass er bedeutende Kosten, Zeit und Anstrengung darauf verwandt hatte, das herrliche Werk seines hochverehrten Dichters zu parodieren, und in ein komisches Licht zu stellen.

Leonhard war in jedem Augenblick hinter der Szene mit Einrichtungen, Verbesserungen und Ratgeben so beschaftigt, dabei von seinen eigenen Rollen so hingerissen, dass er von diesen Nebensachen, wie von wichtigern Vorfallen wenig bemerkte. Er spielte wirklich den Bruder Martin und in den spatern Akten den Lerse. Wenn ihn etwas zerstreute, so war es die Aufmerksamkeit, welche er, selbst wider seinen Willen, Charlotten widmen musste. In jeder Bewegung, in der Art zu sprechen, in der Manier, mit welcher sie oft aus der Rezitation ihrer Rolle in die gewohnliche Sprache, um etwas zu fragen oder anzuordnen, uberging, fand er neue Reize. Er begriff es jetzt nicht mehr, warum sie nicht jene Lebhaftigkeit und vornehme, ja hochst edle Schalkheit, mit welcher sie die Adelheid so meisterhaft vortrug, auch in ihrem wirklichen Leben annehme, denn ihm schien, als ware ihr diese Sprechweise und ihre Gebarde viel naturlicher, als jene schweigsame Ruhe und fast tonlose Kalte der Rede. Indem nun alle sich mehr oder minder mit ihren Rollen abmuhten, verschwand ihnen in diesen Tagen ihr eignes wirkliches Leben fast ganzlich, und jeder ertappte sich darauf, dass er auch in den Freistunden seine angelernte Rolle fortspielte.

Diese Selbsttauschung erreichte beim Grafen Bitterfeld einen so hohen Grad, dass er sich es jetzt erst lebhaft zu Herzen nahm, dass man im letzten Friedensschluss die Bistumer Bamberg und Wurzburg sakularisiert habe. Er fasste so lebhaft Partei fur die geistlichen Fursten, dass er sich mit dem Baron Mannlich, den er verehrte, fast ernsthaft verfeindete, weil dieser, seiner Rolle als Gotz getreu, den Despotismus, die Heuchelei und den Geiz der Kirchenfursten heftig schalt und mit den grellsten Farben ausmalte, und selbst nicht hinhorte, als Emmrich, um ihn zu beruhigen, erinnern wollte, dass dieser Tadel die letzten milden und grossmutigen Bischofe nicht treffen konne. Der Schulmeister Selbitz, als Mitglied der Kirche, sowie der Ritterschafe, war dreist genug, in diesem Streit auch seine Meinung abzugeben, auf die der hochgestellte Bischof aber gar nicht achtete, und die Gotz mit den lautesten Worten und Redensarten als ganz ungehorig abwies. Als Husar war Selbitz ganz der freibeuterischen Gesinnung des lahmen Kampen beigetreten, konnte sich aber als Schulmeister, obgleich er Protestant war, eines gewissen Respekts vor der Wurde eines Bischofs nicht erwehren. So war denn also seine Meinung schwankend und ungewiss und wurde deshalb auch bald aus dem Felde geschlagen.

Alle mussten uber das Talent des blutjungen Cadeten erstaunen. Er spielte seinen Franz mit einer solchen wahren Leidenschaftlichkeit, dass er in jeder Szene von allen Anwesenden grosse Lobspruche einerntete. Charlotte lachelte uber diese lebhaften Liebeserklarungen, und Albertine wurde um ihren Bruder besorgt. Die kleine Dorothea erregte in ihrer Rolle des Georg Freude und Gelachter, weil sie alles neckisch und doch tief empfunden zu sagen wusste, so sehr, dass sich alle um so mehr, ohne es sich zu gestehen, uber den ganz holzernen, hochfahrenden Gotz argerten.

Der einzige Ungluckliche war der alte Forster mit seinem Zigeunerhauptmann. Denn soviel ihm auch Elsheim zugeredet hatte, sosehr er ihm den Scherz aus dem richtigen Gesichtspunkte vorzustellen versuchte, so gelang es ihm doch nicht, die Schwermut des Alten zu bekampfen.

An einem Nachmittage, als Leonhard sich in den Garten begeben hatte, um die Kuhlung aufzusuchen, traf er Charlotten in jener abgelegenen Laube, in welcher er neulich sich lange mit dem jungen Baron unterhalten hatte. Sie war ganz allein und schien vollig in Lesung eines Buchs vertieft, doch bemerkte sie ihn und erwiderte seinen Gruss mit freundlicher Hoflichkeit. Auf ihre Einladung nahm er Platz an ihrer Seite, und indem er sie betrachtete, schien ihm das blasse schone Angesicht in der Dammerung der grunen Blatter noch schoner und erhabener. Ihr Auge war schwermutig, und indem sie das Buch aus der Hand legte, sagte sie mit ihrem silberklingenden vollen Ton: "Es ist wundersam, wie man sich immer wieder mit Vorsatz und Kunst diese tiefen Schmerzen bereitet. Ich weiss es nun stets voraus, wie tief mich dieser Werther bis in den Grund meiner Seele erschuttert, und dennoch muss ich immer wieder, selbst wenn ich nur etwa in dem Buche blattern will, die ganze so furchtbar schone Dichtung durchlesen."

"Es ist ein Buch an sich selbst", sagte Leonhard, "man vergisst vollig, dass es von einem Autor herruhrt. Ich kann niemals ohne den Schauer einer Andacht diese geweihten Blatter aufschlagen. Will man von Natur, Liebe, Leidenschaft, Lebenslust und Todessehnsucht, von der erhabenen Verzweiflung an sich und allem Geschaffenen, von Kinderweisheit und dem Wahnsinn des gebrochenen Herzens etwas Ewiges vernehmen, so sind hier die Orakelspruche, die jedem verstandlich tonen, der nur Herz und Gemut zum Tempel mitbringt."

Sie sah ihn durchdringend an. "Sie sprechen", sagte sie dann, "als wenn Sie alles dies erlebt hatten."

"Mit diesem Dichter", erwiderte Leonhard, "erlebt man alles, was er uns sagt und singt. Es ist kein vergangliches Wort, kein gefarbter Schatten, der voruberfahrt, sondern die Wahrheit selbst, das Leben der Herzens. Wer diesen Dichter nur lesen will wie etwa anmutige Lieblingsautoren, wer nicht ganz in ihm sich verliert und mit allen Gesinnungen in ihm aufgeht, wer dies nicht kann, der tut besser, ihn aus der Hand zu legen."

"O Sie Prophet!" sagte Charlotte, " warum ist es mir nicht so gut geworden, Sie viel fruher kennenzulernen?" Sie gab ihm die Hand und druckte sie ihm so herzlich, dass es ihm durch alle Sinne zuckte. Es kam Gesellschaft, mit der sich jetzt beide schweigend vereinigten. Am Vorabend der Auffuhrung waren die meisten Mitglieder der Gesellschaft im Gartensaal versammelt. Auch die Mutter Elsheims war zugegen, und man ging noch einmal die Liste der Gaste durch, welche man zu der Feierlichkeit gebeten hatte. Denn Elsheim hatte seinen Willen nicht durchsetzen konnen, dass nur vor der Mutter und den Bauern des Gutes gespielt werden sollte. Einige Kunstler ausserten, dass es sich nur lohne, vor Freunden und Kennern sich so, wie sie taten, anzustrengen, und die alte Baronesse wollte durch ihre Einladung einige vornehme Damen sich verbinden, die sich seit einiger Zeit, da sie ihnen lange nicht geschrieben, fur vernachlassigt halten konnten. Alles war mehr oder minder in Spannung, und viele traumten schon von den Siegen, die sie am folgenden Abend erringen wurden.

Ein Bedienter ubergab der alten Dame einen Brief, bei dessen Anblick diese ausrief: "Was ist denn das? Was soll ich denn damit? Er ist nicht an mich und auch nicht an meinen Sohn. 'An den Meister Leonhard abzugeben auf dem Schlosse bei ' Meister! Was heisst denn das?"

"Meister?" wiederholte die Tante, Mannlich und am lautesten der Graf Bitterfeld. Indem trat Elsheim mit seinem jungen Freunde herein. Er horte den Ausruf, sah den Brief und bemerkte, wie Leonhard rot geworden war, auf den sich aller Augen sogleich prufend richteten. Er ging schnell zu seiner Mutter, nahm den Brief ihr aus der Hand und sagte: "Ach! ich wette, Leonhard, das kommt von deiner grossen Beschutzerin, der italienischen Grafin Manfredoni. Du erlaubst mir doch, das Schreiben zu erbrechen? Richtig, sie mahnt dich ziemlich dringend an die versprochenen Baurisse zu ihrem Sommerpalais; hore nur, mein saumseliger Freund, wie dringend sie es macht." Er las: "Mio caro Maestro, Ich habe Ihm schon, ehrenwerter Professore und auch grosser Maestro in Architettura, vor'gen Jahreszeit sehr ersucht und angeflehentlich erbeten, mich zu helfen von wegen meiner Bau-Enthousiasme fur mein schon Gartenhaus. Aber Ihr, sehr angebeteter Maestro, scheint Dolce far niente zu sehr zu exercire auf Unkost meiner Gartenanlagenheit. Caro amico, bedenk Du doch, dass ich sehr alt Weib bin, eine Donna von die sechsundsechzig, und habe nicht mehr viel Zeit zu verpasse und Maul aufzusperre, denn die Dringlichkeit will, wenn nicht vorher in mein Erbgrabnis spatzir soll, dass Er, Maestro, Meister oder Professore, schnell mach und auch geschwind und cito citissime, weil ich in die andre Welt dort nichts von Ihm kann baue lasse; denn warum? ist nichts dort von Zimmerleut und Mauermann anzutreffen, als die armselig Totengraber. Hat Er also, Carissimo, christlich commiseratione und amore zu mich oder amico mir verbleiben will, so tu Euer Hochgeborn Professore und Meister sich uber eine alte Person erbarmen. Eure Riss haben mir, die Er mir dargestellt, sehr wohlgefallen; tu mir nun, liebster Mann, die complaisance, mit Ausfuhrung nachzukommen. Wenn aber kleine Landstreicher wird, ein vagabundo, so kann freilich Architettura in mein Garte nicht gedeihe. Will Ihm nur sagen, Meister dass meine turkische Generation von die bunte hubsche Ente, die Er so gerne futtern tat, abgestorben und verschieden sind, konnte Klima hier und Kultus nicht vertrage; das nun, mit mein Alter zugleich, und auch Schmerze in die Hufte, so da genannt und tituliert wird Sciatica, hat mich denn auch an mein selig Ende erinnert. Die ich ubrigens verharre con l'estimazione, wie sich dem, Meister auf deutsch, auf mein besser Sprach Maestro gebuhrt,

l'amica sua Contessa Carolina Elisabetha Manfre

doni.

Post Scriptum. Bitte mir gute Bleistift von Seiner Reise mitzubringen, hier brechen alle ab, wenn sie schreiben sollen. Sonst lebt hier noch alles und ist, bis auf mich, ziemlich gesund." Die Zuhorer erfreuten sich dieses verwirrten Briefes, und Leonhard war beschamt, denn er wusste wohl, dass sein Freund diesen halbdeutschen Galimathias nur improvisiert hatte, um ihn aus der Verlegenheit zu ziehen. Mannlich erging sich in weitlaufigen Beweisen, wie sich eine verwohnte italienische Dame auch in solchem kleinen Briefe nicht verleugnen konne, und wie die Fremden doch niemals, wenn sie auch noch so lange in unserm Vaterlande wohnten, zu Deutschen wurden. Indem nun dieses Kapitel erortert ward, zog sich Leonhard mit seinem Briefe nachdenklich auf sein Zimmer zuruck und las dort unter mancherlei widersprechenden Empfindungen den wirklichen Brief seiner Frau. Lieber Leonhard! Ich sehe, dass es Dir gut geht, und wunsche, dass dies so bleiben moge. Mir bleibt es noch ungewohnt, Dich nicht hier in unsern Stuben zu sehen. Alles ist mir so ode, und unser kleiner Franz kommt sich auch so verwaiset vor. Der Meister Krummschuh kommt ofter zu uns und gibt mir und Deinem altesten Gesellen, dem Hannoveraner, guten Rat. Ich kann dem kleinen dikken Mann unmoglich bose sein (denn er meint es so gut mit uns), wenn er immerfort auf dich stichelt, und sagt, Du wurdest noch ganz zum Edelmann werden in Deiner hochadligen Gesellschaft; denn Du hattest Dich schon als wandernder Handwerksgeselle mit Deinesgleichen nicht viel eingelassen; Du warest immer zu stolz und hochmutig gewesen, und dergleichen mehr. Er hat, so gut er ist, doch immer einen kleinen Neid auf Dich, dass Du Dich ansehnlicher ausnimmst und in jeder Gesellschaft Deine Person so ziemlich vorzustellen weisst. Denn das muss wahr sein, guter lieber Wilhelm, dass ich Dich noch fast nie mit den Vornehmen so verlegen gesehen habe und so linkisch oder grosstuerisch, wie so manche Burgersleute, die dann auch oft so kuriose Redensarten gebrauchen, dass die Ausgelernten heimlich, oder auch offentlich daruber lachen. Der Hannoveraner hat einen grossen kunstlichen Schrank fur den Herrn von Heimbuttel ubernehmen mussen, der die Arbeit eilig eilig haben will. Krummschuh tat sich damit gross, dass er Rat geben musste; er schmunzelte viel, wurde aber dunkelrot, wie er das an sich hat, bis in seinen fetten Nacken hinein, wo ihm dann, wie Du weisst, die Ader so dick aufschwillt. Er war namlich so verlegen und wusste eigentlich nicht links, nicht rechts, so dass es ihm unser Hannoveraner Gottfried immer wieder anders auseinandersetzen musste, der das Ding gleich weghatte, wahrend der Kleine es doch nicht wollte merken lassen, wie er es nicht recht begriffe. Das ist mit Euch Handwerksleuten doch etwas recht Besonderes, dass der eine so viel Einsicht und Verstandnis hat, und ihm das Geraten sozusagen in die Hande lauft, und andere sich placken und qualen und es doch immer nicht recht zustande bringen. Doch das ist wohl in allen Standen, mit Gelehrten und Beamten und selbst Generalen und Fursten ebenso. Das ist die grosse, grosse Ungleichheit im Reiche der Geister, und dann wollen die Menschen doch oft noch die volligste Gleichheit unter den Menschen. Aber darin versteht der kleine Krummschuh keinen Spass; er will allen Adel abgeschafft haben und auch die Fursten und Minister; jeder soll sich selber regieren, meint er, und keiner sich um den andern kummern; und wenn er dann recht in Eifer gerat, so schilt und zankt er auch auf Dich, besonders weil Du mit einem Edelmann so mir nichts dir nichts fortgereiset bist. Das ware mir alles nicht so ganz wichtig, aber mit unserem alten Magister geht es viel ernsthafter her. Der wunderliche greise Mann tritt ganz uber die Strange. Ich furchte, er bleibt uns ganz aus, so gewaltig hat er sich verandert, und der kleine Franz sagt auch, er konne gar nichts mehr von ihm lernen, weil er immer so konfuse spreche; und einmal hat er so wunderlich hantiert und sich ohne Not ereifert, dass das Kind ihm weinend fortgelaufen ist und mir seine Not geklagt hat. Der alte Mann hat, wie ich in die Stube ging, was hergefaselt, was ich nicht habe begreifen konnen. Er hat mir auch einen Brief geschrieben, ziemlich umstandlich, aus dem ich mich auch nicht habe finden konnen. Das ist entweder recht dummes Zeug, oder recht tiefsinnig, vielleicht beides. So tut es mir also recht weh und bang, Liebster, dass Du nicht hier bist und mir das alles recht auseinandersetzen kannst. Denn ohne Dich bin ich doch in vielen Sachen gar zu einfaltig, und so argert es mich jetzt eben auch, dass ich mit der Briefschreiberei nicht so recht fortkann; mir daucht, mit der Zunge und mit dem Sprechen geht es um vieles besser. So ist auch der Konig, der benachbarte, hier durchgekommen; dem sind sie hier nicht grun und gewogen, aber sie hatten ihm doch etliche Ehrenpforten und Latten und Leinwand aufgebaut und alles dann recht hubsch uberpinselt. Wie sie denn mit Pinseln jetzt alles machen. Am Abend hatten sie auch Lampen hineingehangt, von allen Farben. Jetzt ist alles wieder abgerissen. Sie sagen jetzt, Stadt und Burgermeister hatten zuviel getan, indessen hat unser Furst doch gewiss um diese Herrlichkeiten gewusst und sie gebilligt. Neulich hatte fast ein grosses Ungluck entstehen konnen. Unsere grosse Cyperkatze sass ganz ruhig vor unserer Tur in der Sonne. Da kommt der junge Herr von Wermuth vorbei mit seinen zwei grossen grimmigen Jagdhunden. Und, wie die jungen Barons oft sind, hetzt der junge Mensch seine Hunde auf die arme friedfertige Katze, die an so was nicht gewohnt ist. Anfangs will sie sich dann wehren und macht die Anstalten, wie die Katzen tun, aber die Hunde liessen sich nicht abhalten. Franz lag im Fenster und weinte und schrie. Ich will hinausrennen, aber sowie ich die Stubentur aufmache, rennt unsere Katze, ohne sich umzusehen, denn sie konnte nur in die Stube treten, mir in der Angst vorbei und in unseren Hof hinein, von dem die Tur gerade offen stand. Ich denke, sie wird sich auf den alten Nussbaum hinaufretten, wie das die Katzen pflegen. Aber in ihren Noten vergisst sie alles Vernunftige und springt zu unserm Phylax, unserm grossen Kettenhund, in sein Hundehaus hinein. Nun dacht ich doch wirklich, die arme Kreatur ware aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn Du weisse es ja, dass sie den Phylax, und er sie nicht leiden konnte. Aber, wie ein galanter Ritter, von denen man liest, stellt sich der dickkopfige ramassierte Hund vor sein Hundehaus hin und treibt so grimmigen Spektakel, dass er die beiden grossen Bestien wegbeisst und fortbellt. Schon wie sie weg waren, rasonnierte das Tier in seiner Sprache noch lange uber diesen unverschamten Bruch des Burgfriedens. Der junge Herr wollte mir mit seiner hoflichen Galanterie einige Entschuldigungen sagen, ich aber antwortete ihm ganz schnippisch und empfindlich, der Hund ware diesmal galanter als er gewesen, denn dieser hatte, wie ein Ritter, die Katze, als Dame, die er eigentlich nicht leiden konne, verteidigt. Er lachte und ging ab. Nun ist das nur das Wunderbare, dass seitdem der Hund und die Katze die allerbesten Freunde sind. Sie besucht ihn oft, sie darf mit ihm speisen, und wenn er von der Kette los ist, sieht man sie manchmal beide im Sonnenschein im Hofe liegen, und wie sie ihren Kopf an den seinigen lehnt und ihn so vertraulich mit den zugekniffenen Augen ansieht. Auch spinnt sie in seiner Nahe, woruber, wie Franz versichert, sich der Phylax gewaltig soll verwundert haben, als er das zum erstenmal gehort hat. Seitdem hat auch Franz mit dem Phylax, vor dem er sich sonst immer furchtete, einen zartlichen Freundschaftsbund geschlossen, und so sieht man jetzt die drei lieben ungleichen Kreaturen oft auf dem Hofe spielen. So ware das denn alles Wichtige und Unwichtige, was ich Dir erzahlen konnte; am meisten liegt mir der Magister auf dem Herzen. Ich schicke diesmal den Brief gerade an Dich, und nicht, wie wir ausgemacht hatten, durch Einschluss an Deinen Baron; denn, aufrichtig gesagt, ich traue dem jungen Herrn nicht so recht. Vielleicht liest er heimlich mein Geschreibe, um daruber zu lachen oder er liefert es nicht gehorig ab, weil ich Dich vielleicht antreibe, recht bald bald zuruckzukommen, und das tu ich denn auch hiemit, denn mir wird oft so banglich, dass Du nicht da bist. Ich gehe oft aus einer Stube in die andere, als wenn ich was suchte, und wenn ich mich dann besinne, ist es bloss, dass Du mir fehlst. Ja, wo der Hausherr nicht ist, da ist das ganze Haus verodet. Ach, Liebster, es ist ja auch gut und hubsch hier. Aber freilich, treibe dort nur Dein Geschaft zu Ende, freue Dich an der Reise und mit Deinem Freunde, nur denke auch hubsch oft an mich und bleibe mir gut dort unter allen den wildfremden Menschen, die es doch niemals so gut mit Dir meinen konnen, wie sie sich auch anstellen mogen, als ich, Deine getreue Friederike. Dieses Blatt versetzte den jungen Meister unmittelbar in die ruhrende Beschranktheit seines burgerlichen Verhaltnisses. Er sah sein Hinterstubchen vor sich, den Hofraum, die aufgeschichteten Bretter, den duftenden alten Nussbaum, in dessen Blattern die Abendrote spielte, er vernahm das Gerausch seiner arbeitenden Gesellen und den ruhrenden, herzlichen und heitern Ton seiner Friederike. Er musste sich fragen, wie er denn in diese Umgebung gekommen sei, und was er hier wolle. Plotzlich mit allen seinen Gefuhlen aus dem Taumel herausgerissen, der ihn bis jetzt umkreiset hatte, erinnerte er sich mancher wunderbaren Erzahlung, wie ein Mensch verzaubert und gebannt sein konne, dass er sich, trotz seines bessern Willens, den ihn fesselnden Kreisen nicht zu entziehen vermoge. So gemahnte er sich. Er ging unwillig, unbestimmt im Zimmer auf und ab, setzte sich an das Fenster, offnete dies, schaute uber den Garten hinweg in das Feld hinaus und suchte eigentlich nach Gedanken, um diesen verwirrenden Empfindungen zu entgehen.

So traf ihn Elsheim, der ihn aufsuchte und besorgt forschte, ob jener Brief auch keine betrubenden Nachrichten enthalte. "Nein, Liebster", sagte Leonhard, "aber wie sehr ich mich beschamt fuhlte, als du mit deiner Geistesgegenwart jenen italienischen Brief improvisiertest, damit ich nur nicht als Tischlermeister in eurer Mitte stande, kann ich dir nicht ausdrucken. Seh ich nun Sage, Hobel, die Geratschaften dort im Saale an, so ist jeder Ruck des Instruments, jeder Aufschrei desselben fur mich wie ein hohnender Vorwurf."

"Du hast meiner Freundschaft dich und deine Zeit aufgeopfert", sagte Elsheim, ihn begutigend. "Du hattest selbst Lust an dieser Reise, deine Maskerade ist jetzt nicht mehr aufzuheben, und du kannst mir nur danken, dass ich dich nicht fur einen Reichsgrafen ausgegeben. Als solchen wurden dich die alten Mutterchen und Bitterfeld so in Untersuchung und ins Gebet nehmen, dass deine Unwissenheit in Genealogie und Stammbaumen bald an das Tageslicht kame, in der Architektur kannst du es aber hier gewiss mit allen aufnehmen."

"Und morgen also?"

"Ja morgen, Freund Leonhard, lauft nun das grosse gewaltige Kriegsschiff vom Stapel. Ich habe mit meiner Mutter noch viele Kampfe gehabt. Da hat sie die Schwester meines Vaters einladen mussen, die zwolf Meilen von ihrem Kloster herkommt, wo sie protestantische Abtissin ist. Diese Dame hat eine Zeitlang in Paris gelebt, sie hat in der Jugend am Hofe eines Fursten Racines Andromaque franzosisch deklamiert und gespielt, zum Erstaunen, wie man erzahlt, aller Menschen. Wird also in ihrer Familie Komodie gespielt, so wurde sie, wie meine Mutter sagt, es fur die allergrosste Beleidigung halten, wenn man sie als Kennerin und ausgemachte Kunstlerin nicht dazu beriefe. Sie bringt nun gar noch eine Furstin mit, eine alte Dame, die wenigstens den Titel Durchlaucht verlangt. Diese furchtbare Fee geniert selbst meine Mutter. Ein Minister-Resident des benachbarten Hofes hat sich auch melden lassen, so dass wir, da das Haus schon besetzt ist, fast in Verlegenheit kommen, wo wir alle diese vornehmen Gaste einquartieren sollen. Ich hatte es mir anfangs so schon ausgedacht, dass wir alle diese Spasse so ganz unter uns treiben sollten, von allen Kritikern fern und unbeachtet, und nun drangen sich Auge und Nase aus den Zeiten Louis quatorze in unsern Saal."

"Und dabei die Darstellung selbst", erwiderte Leonhard, "wie weit sind wir doch von unserer Absicht weg verschlagen! Wenn Goethe wahrend der Auffuhrung in den Saal trate mussten wir uns nicht schamen? Ist es doch, als habe man aus Bosheit sein Werk in das Komische ubersetzen wollen."

"Ich gebe es zu", erwiderte Elsheim verdrusslich, "dass es durch meine Schuld geschehen ist; gehen wir aber auch nicht zu weit. Die Hauptperson abgerechnet, macht sich das ubrige sehr gut; manches sogar uber meine Erwartung."

Aber eben die Hauptperson, meinte Leonhard, um die sich doch das ganze Gedicht drehe, wenn diese so vollig von aller Natur und allem Menschlichen abweiche, so musse ja, mochten die andern tun, was sie wollten, die Darstellung zur Farce herabsinken.

"Lassen wir der Galeere ihren Lauf", erwiderte Elsheim; "mag sie sehen, wie sie mit Wind und Wellen zurechtkommt."

Indem fuhren mehrere Equipagen vor; es waren die vornehmen Gaste, und Elsheim eilte hinunter, um sie zu empfangen und zu bewillkommnen. Im Gartensaal war nun grosse Verwirrung und viel Durcheinanderlaufen von Herrschaften und Domestiken. Emmrich, Leonhard und die jungen Madchen hatten sich entfernt, um die Unruhe nicht zu vermehren und um ihre Rollen fur den morgenden Abend noch einmal genau durchzugehen. Als man unten im Saal etwas beruhigt und zum Sitzen gekommen war, sagte die Abtissin zur Wirtin des Hauses: "Ja, ma chere soeur, so sehen wir uns doch noch einmal wieder, und zwar fuhren uns die Musen selbst zusammen. Aber, Liebe, wie ich auch in der Litterature dramatique bewandert zu sein glaube, von diesem Gotz eines gewissen Herrn von Berlichingen habe ich noch niemals etwas vernommen."

"Er ist mir auch ganz unbekannt", antwortete die Mutter, "und ich habe mich auch jetzt nicht weiter um die Sache bekummert, weil mir alles neu bleiben soll, und ich mich gern uberraschen lasse."

"Da es keine Tragedie ist", sagte die Abtissin, "so hast du nicht ganz unrecht, ma soeur."

"Die Berlichingen", fing der Reichsgraf an, "sind eigentlich, soviel ich weiss, ein frankisches Geschlecht. Es sind aber auch Berlichingen im ostereichischen Dienst. Vielleicht ruhrt also das Gedicht von einem jungen Wiener Poeten her."

"Sie haben recht, Graf", fiel die Abtissin bei; "ein anderer osterreichischer Cavalier, der zwar jetzt nicht mehr jung sein kann, gab uns ja damals den Postzug oder die noblen Passionen. Der grosse Friedrich von Preussen erklart diese Produktion fur das beste deutsche Theaterstuck. Dieses Urteil machte dazumal dem Cavalier, dem Herrn von Ayrenhof, sehr viele Ehre."

"Gnadige Tante", antwortete Elsheim, "das Stuck selbst heisst: Gotz von Berlichingen, und Goethe ist der Verfasser desselben."

"Dank, mon neveu", erwiderte sie; "nun orientieren Sie mich einigermassen. Ah ciel! wenn mich mein Gedachtnis nicht ganz tauscht, so wird dieser Monsieur Goethe auch in derselben Schrift des hochstseligen Konigs erwahnt. O ma sur, da wirst du ein monstre zu sehen bekommen, ein ganz geschmackwidriges Ungeheuer. Da sind alle Einheiten verletzt, und keine Kunst und keine Schonheit zu hoffen. O mon neveu! dass die Jugend so gern von der Regel abweicht, denn Sie haben ja das Ding eingerichtet."

"Wenn ich nur uberrascht werde", sagte die Mutter, "so frage ich nach den sogenannten Regeln nicht so gar viel."

"Und verwechseln Sie nicht, Gnadigste", fiel der Reichsgraf ein, "diesen mir unbekannten Dichter Gotha mit jenem Englander Shakespeare, gegen den, wie ich mich etwas dunkel erinnere, der Zorn des Monarchen sich vorzuglich wendete."

"Kann sein", antwortete die Dame, "denn ich bin seit lange der critique und den belles lettres etwas fremd geworden."

An diesem Abend speiseten die Fremden, die spat angekommen waren, mit dem alteren Teil der Gesellschaft und begaben sich fruh zur Ruhe; die kunstlerischen Personen legten sich mit einiger Besorgnis nieder, wie das unternommene Wagestuck morgen gelingen und ausfallen werde; nur Baron Mannlich war vollig sicher und sorglos, weil er seinem Talent unbedingt vertraute.

Aurora fuhrte nun auch diesen wichtigen Tag herauf, und wenn man die Kunstler beobachtete, so war es nicht zu verkennen, dass die meisten in einer grossen Aufregung sich befanden. Sie assen an der Mittagstafel nur wenig und verfugten sich eilig in ihre Zimmer, die Umkleidung zu bewerkstelligen. Schon in den letzten Tagen war mit Schneidern und Naherinnen vielfach verhandelt worden; jetzt wurden noch die letzten Verbesserungen vorgenommen. Endlich wurden auch nach und nach die Lampen angezundet, und man horte schon hinter dem Vorhange das Wogen und Rauschen der Eintretenden, und wie verschwimmende Laute das mannigfaltige Gesprach.

In reichen seidenen Armsesseln sassen vorn die Baronesse Elsheim und die Abtissin, sowie die Furstin und der Reichsgraf; auf gewohnlichen Stuhlen einige geladene Gaste aus der Nachbarschaft; etwas von den Herrschaften entfernt die Dienerschaft des Schlosses und Landleute, Untertanen des Barons, denen Elsheim diese Freude gonnen wollte. Von den Gerichtspersonen, die vor einiger Zeit bei der Ubergabe des Gutes an Elsheim waren beteiligt gewesen, hatten sich einige auch die Erlaubnis ausgebeten, an diesem Abend sich wieder einfinden zu durfen. So war der grosse Saal ziemlich angefullt, und so ruhig sich auch, aus Respekt vor den Herrschaften, die Landleute hielten, so vernahm man doch in halblauten Gesprachen, wie sie alle, die wohl noch nie ein Schauspiel gesehen hatten, auf das Heben des Vorhanges und die Entwickelung der Darstellung neugierig und gespannt waren.

Mannlich, als Regisseur, stand schon mit seiner Klingel in der Hand bereit. Das Theater war leer, und Leonhard hatte eben mit Lachen die kleine Dorothea betrachten mussen, die sich in dem zu grossen Kurass des Hans komisch, aber allerliebst ausnahm. Die erste Szene in der Schenke blieb weg, und das Stuck sollte sogleich mit dem Monologe des Gotz beginnen. Die Szene war daher Wald, und vorn als Seiteneinsatz das Wirtshaus. Aus dem offenen Fenster desselben, in der Kulisse stehend, lehnte jetzt Leonhard, als Monch gekleidet. Er erschrak fast, da jetzt von gegenuber Charlotte, als Adelheid, hereintrat, im weissen Atlaskleide; im vollen braunen Haar einen leichten Kranz von Myrten und weissen Rosen; Hals, Schultern und ein Teil des schon gewolbten Busens frei. Leonhard hatte nie geglaubt, dass weibliche Schonheit so gross und glanzend, so bezaubernd einhertreten konne. Wie schalt er jetzt auf sich, dass er sonst oftmals auf geschminkte Weiber im moralischen Zorne gescholten hatte Denn nur mittelst der Schminke konnten beim Schein der Lichter diese dunkeln Augen so uberirdisch glanzen, nur gegen aufgetragenes Rot Stirn und Augenbraunen von den Wangen durch reinen Glanz so abstechen. Um so mehr leuchteten dadurch Busen und Schultern. Wahrend er noch diese Betrachtungen anstellte, trat sie zu ihm, stellte sich an das Fenster und sagte, indem sie ihm das Buch reichte: "Ach, lieber Leonhard, ich bin so angstlich, uberhoren Sie mir schnell noch einmal die ersten Reden meiner Rolle, ob ich auch sicher bin." Er nahm das Buch, und sie stand, nur durch die leinene Wand von ihm getrennt, dicht neben ihm sie sah mit in das Buch, das er ihr hinhielt, und so kam von selbst die Hand, welche die Blatter hielt, auf den schonen festen Busen zu liegen. Sie sagte die Worte her, und er half ein. "Nun die Stelle", rief sie, "wo ich immer am unsichersten bin." Sie zeigte mit den Fingern, etwas mehr umgewendet, in die Schrift, und so druckte sie seine zitternde Hand fester auf den Busen. Er konnte die Stelle, die sie suchte, nicht finden, sie sah vom Buche auf und ihn lachelnd an, doch, indem sie den Mund offnete, um zu sprechen, erscholl die Klingel des Regisseurs, und sie schlupfte hinter die Szene. Nach einer kurzen Musik hob sich der Vorhang. Leonhard verliess traumend und seltsam bewegt seinen Standpunkt, um hinter dem Walde wegzugehen, damit er als Monch von der anderen Seite hereinkommen konne. Er horte nichts von dem zu laut gesprochenen Monolog des Gotz; er sah den kleinen liebenswurdigen Georg nicht, bei dessen Erscheinen der ganze Saal von lautem Gelachter erscholl; er dachte einzig an die unbillige Ruge seines Freundes, der Charlotten mit jenen grell funkelnden Kunstblumen verglichen hatte, die aus der Folie geschlagen werden. Er musste sich sagen, dass Gold, Demant und Edelstein, Blume und alles, was im Lichte schimmert und glanzt vor dem hellen Leuchten eines schonen weiblichen Korpers erblindet. Diese Betrachtungen waren ihm jetzt die naturlichsten, sie rissen seine Seele ganz in diese Anschauung und Fuhlung hinein, und es kostete ihm einen harten und beschwerlichen Kampf, um auf sein Stichwort zu achten, welches nun bald ertonte, und das den ganz Zerstreuten auf die Buhne und vor die Blicke aller Zuschauenden hinrief.

Es war ihm schwer sich zu sammeln, und seine ersten Worte zitterten; doch fand er die Fassung wieder und sprach die Szene nun, um nicht in jenes undeutliche Lallen wieder zu geraten, zu stark. Als er an die Rede kam: "Und eure Weiber? Ihr habt doch eins! Und doch war das Weib die Krone der Schopfung!" sprach er mit einem unbilligen Enthusiasmus. Er war froh, als er seine Szene geendigt hatte und sich nun in das angewiesene Zimmer begeben konnte, um sich zum Lerse neu anzukleiden und anders zu schminken.

Elsheim als Weislingen erschien sehr liebenswurdig. Sein weicher Ton, seine schlanke Gestalt und sein edles Antlitz imponierten den Zuschauern und ruhrten sie zugleich. Bei seinem Auftreten verschwand Mannlich als Gotz vollig in ein Nichts. Dessen rohe Art, mit der er die Sprache behandelte, sein ungeschicktes Benehmen und die stets zu weit ausgreifende Gebarde fielen nun erst recht als unziemlich ins Auge. Die Tante als Elisabeth und Albertine als Marie waren zu loben; ein hubsches Kindchen hatten die Frauen zum Carl gut abgerichtet, und so ging der erste Akt zum Wohlgefallen der meisten Zuschauer zu Ende.

Weislingen hatte schon wahrend des Spieles ein lautes storendes Schluchzen, welches zwischen den Kulissen hervortonte, und das er zu kennen glaubte, zu seinem Verdrusse vernommen. Sowie also der Vorhang fiel, ging er zu dem alten Forster, von dem diese Klagelaute herruhrten, und der handeringend und stark weinend hinter dem Theater herumirrte. Der Alte gewahrte in seinem Zigeunerkostume und in seiner Verzweiflung einen fratzenhaften Anblick. Da er sich gar nicht zufriedenstellen wollte, und Elsheim einsah, wie die Sache sich im letzten Augenblick nicht einrichten liesse, er auch eine lacherliche Storung befurchtete, so gab er den Alten frei, der auch sogleich mit heulenden Jubel davonrannte. Weislingen nahm sich vor, nach seinem Tode selbst noch die kleine Rolle des Zigeunerhauptmanns auszufuhren. Doch eine weit schlimmere Storung kam von einer ganz anderen Seite, denn das Schicksal hatte beschlossen, dass diese Sorgen Elsheims fur heute anderen Platz machen sollten.

Beim Umkleiden sagte Leonhard zu sich selbst: Wie ist mir denn? Ich komme mir wie ein Knabe vor. Ist dies das erste Madchen, welches mir jemals seine Gunst zu erkennen gab? Es ist ja auch moglich, dass alles nur Zufall war und ohne Absicht geschah. Doch war ihr Blick von einer Freundlichkeit, mit der ihr Auge mich noch niemals angeschaut hat. Auch irre ich wohl nicht, wenn ich Schalkheit in diesem lachelnden Auge zu lesen glaubte.

Er eilte, um so wenig als moglich die Szenen zu versaumen, in welchen Adelheid auftrat. Sie kam ihm bewundernswurdig vor, und immer tiefer wuchs dieses zauberhafte Wesen in sein Herz hinein.

Es schien fast, als wenn Elsheim ungern seine Szenen mit Albertinen spielte, und als nun der uberaus treuherzige, etwas rohe Selbitz auftrat, vernahm man im ganzen Saal eine Bewegung und das Summen eines ungeteilten Beifalls. Die Dienerschaft und die Landleute glaubten einen aus ihrer Mitte zu vernehmen, und dieser Charakter war ihnen um so lieber, weil sie den Darsteller, den Schulmeister, personlich kannten und oft in der Schenke, oder in ihren Hausern ganz vertraut mit ihm umgingen. Die hochsten Herrschaften aber, die den Schauspieler nicht kannten, kamen darin uberein, dass er der beste von allen sei und wahrscheinlich als ein vollendeter Kunstler, von irgendeiner grossen Buhne vom jungen Elsheim fur dieses Spiel sei verschrieben worden. "Warum", sagte die Furstin, "hat man diesem Manne nicht die Hauptrolle ubertragen?" Der Reichsgraf flusterte der Furstin und Abtissin zu: "Aber bemerken Durchlaucht die unendliche Kunst des Mannes, mit welcher er seine Maske angeordnet hat. Wie hat er nur diesen unvergleichlichen Stelzfuss zustande gebracht? Sollte man nicht schworen, das Bein sei ihm unterhalb des Knies wirklich abgenommen worden? Und wie er mit dem scheinbaren oder wirklichen Holze stampfen kann, wenn er in Zorn gerat! Ich vermute fast, dieser Selbitz ist der beruhmte Iffland selbst, der nach Aussage von Kennern so einzig die Kunst sich zu maskieren versteht."

"Ware das Stuck nur nicht", erwiderte die Erlauchte, "so ganz vom gemeinsten Charakter! Das Dekorum und der Anstand sind doch nicht im allermindesten beobachtet. Wo hat der Autor diese Menschen nur aufzufinden gemeint, denn sie handeln und sprechen in einer Weise, die ganz an das Unmogliche grenzt."

"Wir Deutschen", bemerkte der Reichsgraf, "sind noch zu sehr in Bildung und Kritik zuruck. Und vollends jetzt! Man hat, wie ich hore, die franzosischen Muster, die uns noch zur Richtschnur dienen konnten, vollig verlassen und will nun mit Sitten des gemeinen Mannes, mit Sprichwortern und Provinzialismen, mit der armsten Burgerlichkeit und der Roheit der ungebildeten Stande ein deutsches Wesen etablieren, das nun ebenso national werden soll, wie Racine und Corneille bei den Franzosen. So hat mich wenigstens ein gelehrter Freund versichern wollen. Und dies Ding, was wir hier vor uns sehen, ist offenbar jenem Shakespeare nachgeahmt, der auch Welt und Menschen nicht kannte, und in der Roheit seine Originalitat suchte und fand."

"Sehr wahr", erwiderte die Abtissin, "und man sieht wohl, dass mein guter Neveu auch aus dieser seltsamen Schule herkommt. Aber er sieht hubsch aus in seinem Kostume, nicht wahr, ma sur?"

"Ich verstehe den Zusammenhang von der ganzen Sache nicht recht", erwiderte die Mutter, "es ist weder eine Konspiration, noch eine Liebesgeschichte; man erfahrt immer wieder etwas Neues und muss daruber das vorige vergessen. Am meisten gefallt mir Albertinchen; ich wollte, die weiche Personage ware die Hauptperson, denn sie hat mich schon ein paarmal recht herzlich geruhrt. Mein Sohn, das furchte ich immer mehr, wird sich schlecht gegen sie betragen, und sich in die Stadtdame vergaffen."

"Die Adelheid, oder wie sie heisst", fing die Erlauchte wieder an, "musste sich aber ganz anders betragen, denn sie ist bei weitem nicht vornehm genug."

"Ja wohl", sagte die Abtissin. "Ah! das verstand die Clairon, die ich noch in meiner allerfruhsten Jugend gesehen habe, ganz anders. Sie ist, diese junge Charlotte hier, viel zu liebenswurdig fur ihre Rolle."

So war der zweite Akt vorubergegangen, und, als der Vorhang wieder fiel, lobten sich die Spielenden untereinander, und Adelheids Benehmen und ihr Ton wurden von allen bewundert. "Aber dass wir nur nicht unsere liebe herrliche Dorothea daruber vergessen", rief Elsheim aus; "was sind wir nicht diesem allerliebsten Fraulein fur ihre Gefalligkeit schuldig! Ohne ihre Bereitwilligkeit war das Stuck unmoglich; und welch ein schones Talent hat sie entwickelt! Ich halte diesen Georg fur eine der wichtigsten Personen im Stuck und fur eine der schonsten Charakterzeichnungen, die uns der grosse Dichter nur jemals gegeben hat."

"Nun aber", sagte Mannlich, "entwickelt sich erst im dritten Akt am meisten der heroische Charakter des Gotz. Auch Georg tritt dreister auf, und der alte Selbitz hat die herrliche Szene, wo er verwundet unten am Turm liegt, in dessen Luke der Knecht hinaufsteigt. Da mussen wir uns recht angreifen. Wie schade, dass ich nicht zu Pferde kommen kann, wie es im Original vorgeschrieben ist."

"Ha! was Pferde", schrie der Schulmeister, indem er seine Krucke schwang; "die konnen wir entbehren. Ich und der Baron Mannlich, wir wollen beide schon selbst so bestialisch wettern und rumoren, dass man keine andere Kreatur vermissen soll!"

Mannlich sah den Alten, der zu sehr begeistert war, von der Seite an und wusste nicht, was er ihm antworten sollte. Er eilte von der Buhne, um nachzusehen, ob alle Verwandlungen und Umkleidungen vorbereitet seien, damit man so bald als moglich den dritten Akt beginnen konne.

In diesem Akt hatte Elsheim am meisten zusammenziehen mussen, weil die Szenen im Original zu schnell wechseln und eine ganz wortliche Auffuhrung unmoglich machen; doch hatte er mit grosser Sorgfalt jeden charakteristischen Zug, jede schone Rede beibehalten, nur waren die Reichstruppen und Gotzens Leute mehr in ihren Szenen beisammen, und Elsheim hoffte, dass in dieser Zusammenziehung seine kleine Buhne so ziemlich schicklich das Gedicht darstellen wurde.

Da man in der Anordnung den Wechsel der Szenen mehr andeutete, als ihn wirklich ausfuhrte, und ein vorgeschobener oder weggezogener Busch eine andere Landschaft vorstellte, so konnte man rasch vorschreiten und vereinigen, ohne dass der ursprunglichen Form des Gedichts zu sehr Gewalt angetan wurde. Selbst Mannlich, hingerissen von der Bewegung, spielte und sprach schneller, als in den vorigen Akten. Der Auftritt, in welchem Selbitz verwundet herbeigefuhrt wird, ward mit Prazision gegeben und fand vielen Beifall; uber die Reichstruppen wurde gelacht, und Gotz hatte den vollstandigsten Sieg davongetragen. Leonhard hatte sich wieder gesammelt, und gab seinen Lerse mit der einfachen Biederkeit, die ihm selbst so naturlich war, so dass er gegen Mannlich, der immer mit vollem Munde predigte, lebhaft kontrastierte. Fruher schon hatten Adelheid und der Cadet als Franz ihre Szene vortrefflich gespielt, und Sickingen, der Professor, war in allen Auftritten so gehalten und ruhig, wie es sein Charakter erforderte. Georg erschien allen als unverbesserlich und darum noch mehr zu loben, weil man ganz vergass, dass ein junges Madchen diesen heroisch muntern Knaben spielte.

Nun aber waren die bis dahin glucklichen Kampfer in ihrer Burg eingeschlossen. Mannlichs Brust hob sich starker, als gewohnlich, und man sah es ihm an, dass er einen grossen Moment, einen auffallenden Effekt praparierte. Er hatte schon von Sickingen und seiner Schwester Abschied genommen, und nun vernahm er von aussen die Trompete und die Aufforderung, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Mannlich hatte durch seine tapfre und mutige Haltung jetzt die Meinung aller gewonnen; selbst die hohen Herrschaften auf ihren Sesseln schwatzten nicht mehr und hatten sich einer gewissen Tauschung ergeben, als jetzt der Ritter dem Trompeter jene ungezogene Antwort gibt, die er freilich in seiner Lebensgeschichte aufgeschrieben, und die auch Goethe in den ersten Auflagen des Gedichtes beibehalten, nachher aber weggestrichen und bloss angedeutet hat. Mannlich aber, um dem echten Original und der Wahrhaftigkeit der Geschichte nichts zu vergeben, sprach mit der lautesten Stimme und in noch langsamerem Tempo, als sonst, noch gehaltener und jedes Wort und jede Silbe akzentuierend, die ganze Ungezogenheit schreiend aus.

Es ist nicht leicht zu beschreiben, welche Wirkung diese deklamierte Stelle im ganzen grossen, mit Menschen uberfullten Saale hervorbrachte. Es ist keine Ubertreibung, wenn man behauptet, dass noch niemals ein dargestelltes Theaterstuck so ungeheuer drastisch gewirkt habe. Die Bauern ergaben sich dem unmassigsten Gelachter, die Dienstleute erschraken; denn alle waren uberzeugt, die Stelle sei vom Baron extemporiert, es sei irgend etwas auf dem Theater vorgefallen, und er richte sie im Zorn und in der Wut an jemand anders, als an den Trompeter. Die Gerichtsleute schmunzelten und bedeckten in der Verlegenheit ihre Gesichter mit dem Taschentuch. Wahrhaft furchtbar aber traf der Schlag in das Parterre noble. Die Erlauchte schrie laut auf und lag in Ohnmacht; die Abtissin bekam ihre Krampfe und rief nach ihrem Kammermadchen und um Hulfe; die Mutter, selbst einer Ohnmacht nahe, bemuhte sich um die Freundinnen und rettete in lautes Weinen und Schluchzen ihre Besinnung; der Reichsgraf rief scheltend nach Bedienten, und Weislingen, der, selbst erschreckt, aus den Kulissen diesen ungeheuern Aufruhr sah, der sich unten im ganzen Saal erhob, denn alles war aufgestanden und lief durcheinander, sprang schnell uber das Orchester hinweg vom Theater herunter zu seiner Mutter und der hilfsbedurftigen Gruppe, um welche sich alles drangte. Dort war Schreien, Weinen, Krampf, Ohnmacht und Schelten, und Elsheim wusste nicht, was er zuerst tun, wie er am besten raten sollte. Mannlich hatte sich erstaunt und mit offenem Munde vorn an das Proszenium gestellt, denn auch auf dem Theater war ein Stillstand des Entsetzens eingetreten, als Weislingen von unten zur Buhne hinaufrief, dass man den Vorhang niederlassen solle. Dies geschah, und so war im allgemeinen Tumult, ohne Epilog oder Entschuldigung, das historische Schauspiel vom Gotz von Berlichingen fur diesen Abend zu Ende und beschlossen.

Bediente, Kammermadchen, Laufer, der Haushofmeister, alles hatte sich herbeigemacht, um die alten Damen zu fuhren, zu heben und aus dem Saal zu tragen. Man begab sich nach einem anderen Zimmer; Sofas und Lehnstuhle wurden fur die Kranken und Leidenden herbeigeschoben und geordnet, sowie die Hausapotheke in Anspruch genommen. Als die Damen sich etwas erholt hatten, ergossen sich alle, unter Vortritt und Vorspruch des Reichsgrafen, in unerschopfliche Vorwurfe gegen Elsheim, der in sein Haus einen Mann eingefuhrt und als seinen Freund dargestellt habe, welcher, uneingedenk seines Standes und was er der Gesellschaft schuldig sei, sich so ungeheure Sottisen erlaube.

"Jawohl, jawohl", unterbrach sie die Mutter weinend, " ach, wer hatte so was in dem Manne gesucht! Ja wohl war das eine Uberraschung, die mir zubereitet wurde. Um den Schlag zu kriegen!"

"Er ist zu sehr unter mir", rief der Reichsgraf, "sonst wurde ich diesen Herrn von Mannlich auf Ritterweise daruber zur Rechenschaft ziehen, dass er frech und roh es gewagt hat, uns, der Durchlaucht, der Frau Abtissin und mir, so was in Gegenwart von Bauern und Domestiken laut zuzurufen."

"Wie?" sagte Elsheim erstaunt, "Sie meinen gar, wenn ich Sie nicht missverstehe "

"Ja, ja!" rief die Erlauchte, die sich jetzt etwas erholt hatte, "das leidet gar keinen Zweifel. Er sah schon immer in den vorigen Szenen so giftig nach uns hin. Er war daruber erbost, dass wir uns einige Zweifel erlaubten."

"Wohl!" fuhr der Reichsgraf zornig fort, "er mochte merken, dass wir dem echten grossen Schauspieler, dem Selbitz, den Vorzug gaben; wir sprachen laut, er hat es wahrscheinlich oben gehort; und nun stellt er sich vorn an die Lampen, sieht uns starr und hohnisch grinsend an und schreit uns uns diese niedertrachtige Grobheit, arger, als es ein Sacktrager, schlimmer, als es ein Stallknecht tun konnte, entgegen, winkt und dreht dabei mit den Handen und Augen noch so wunderlich "

"Ja, recht absonderlich", rief jetzt die Abtissin. "Ich hatte, wenn ich es nicht erlebte, dergleichen niemals fur moglich gehalten."

"Was hat sich der Mann nur dabei gedacht", sagte die Mutter, "den wir immer so freundlich aufgenommen haben?"

"Verehrte", sagte jetzt Elsheim etwas ungeduldig, "fern sei es von mir, die Ungezogenheit des Barons auch nur irgend entschuldigen zu wollen; die Roheit ist zu auffallend; aber ich schwore Ihnen bei meiner Ehre, Ihr unbegreiflicher Argwohn wenigstens ist ganz ungegrundet. Diese anstossigen gemeinen Worte sind in der Tat im Stuck, sie sind so gedruckt, nur hat sie spater der Verfasser selbst als unziemlich wieder weggestrichen. Hochst tadelnswert ist Mannlich, dass er die alte abgesetzte Leseart so willkurlich wieder aufgenommen hat. In den Proben liess er sich nichts davon merken, dass er sie sprechen und wie sprechen wurde."

"Und wie!" wiederholte der Reichsgraf, "uns so starr dabei ansehen, so mit den Handen gegen uns fechten und wie ein Zahnbrecher schreien!"

"Also", sagte die Abtissin, "in dieser deutschen Tragedie findet sich wirklich diese ganz unzuchtige und obszone Tirade? Und ein solches Stuck, Neveu, suchen Sie aus und studieren es ein? Das also ist die neue deutsche Bildung und der jetzige Geschmack?"

"Es war Ihre Pflicht, Herr Baron", sagte die Erlauchte mit starkem Ton, "uns davon in Kenntnis zu setzen, dass es eine Parade sei, die Sie uns zum besten geben wollten; hatten wir dieses erfahren, so hatten wir uns gewiss nicht hieherbemuht!"

"Parade?" nahm die Abtissin das Wort auf; "ungezogene und skandalose Paraden wurden wohl fruherhin auch in den Palasten der Herzoge von Orleans und Conti gespielt, aber, auf meine Ehre, niemals horte man doch so pobelhafte Grobheiten, die ohne Witz und Bedeutung bloss niedertrachtig sind."

"Ich kann den Baron jetzt nicht und noch lange nicht wiedersehen", sagte die Mutter; "bedeute ihm nur dies, das bitte ich mir aus von dir, mein Sohn. Er hat mich und uns alle zu groblich beleidigt."

"Und wir verlassen das Haus morgen mit dem fruhesten", sagte die Erlauchte. "Eine Art von Gluck, dass das edle deutsche Schauspiel so endigen musste, denn wer weiss, was uns nach diesem echantillon noch alles bevorstand."

Ohnerachtet der dringenden Bitten der Mutter wollten die Damen nicht langer verweilen, weil man sie zu tief und schonungslos verletzt habe, und der Reichsgraf, der durchaus ihren Zorn billigte und teilte, gab ihnen in allen ihren Beschwerden und Ausserungen recht. Auch die Mutter war so aufgebracht, dass sie sehr leicht dem Ersuchen der Abtissin nachgab, sie alle nach der Residenz zu begleiten, wo sie wenigstens acht Tage hindurch in Konzerten, Opern, Schauspielen und Assembleen, wie in einem Gesundbrunnen, dieses ungeheure Erlebnis von sich abwaschen und die Verwundung des Herzens heilen wollten.

Auf dem Theater, zu welchem Elsheim jetzt zuruckkehrte, herrschte noch grossere Verwirrung. Alle Mitspielenden hatten den Baron Mannlich besturmt, gefragt, getadelt und gescholten, wie er sich so sehr habe vergessen konnen, auf so skandalose Weise das Schauspiel zu beschliessen, als wenn das letzte Epigramm gleichsam die moralische Nutzanwendung des ganzen Gedichtes hatte vorstellen sollen. Er wehrte sich, so gut er konnte, doch liess man ihn nur wenig zu Worte, und da einige der Nebenpersonen, am meisten aber der husarische Schulmeister, mit etwas empfindlichen Vorstellungen in ihn drangen, der Graf Bitterfeld aber beinahe beleidigend wurde, so furchtete Emmrich schon, dass er den Ausdruck des klassischen Dichters, oder wenigstens einen ahnlichen in seiner eignen Angelegenheit wiederholen mochte. Elsheim kam gerade zur rechten Zeit, um die streitenden Parteien, wenn auch nicht zu versohnen, so doch einander naherzubringen. Er beruhigte also den zu ungestumen Schulmeister, lobte und beschwichtigte den eifernden Cadeten, der ausser sich war, dass er seine schone Rolle nicht hatte zu Ende spielen konnen, in welcher ihm noch Umarmung und herzlicher Kuss der vergotterten Adelheid bevorstanden, die er nicht so obenhin und nur andeutend zu spielen gedachte, wie es ihm in den Proben war vorgeschrieben worden. Die Damen, wie empfindlich sie auch naturlich waren, ausserten sich billiger, und so gelang es Elsheim und dem Professor Emmrich, die Sache nach und nach mehr in das Komische zu lenken.

"Wie durft ich glauben", rief Mannlich, nachdem es etwas ruhiger geworden war, "dass eine Tirade, freilich aus dem gemeinen Leben, aber doch aus der wirklichen Geschichte des treuherzigen Gotz genommen, von unserm grossten Dichter geweiht und geheiligt, ein solches Argernis erregen konnte. Ist die Ungezogenheit, oder Roheit, wenn wir es so nennen wollen, nicht ganz deutsch und bei uns national? Der Franzose druckt sich anders aus, ebenso der Englander und Spanier, und diese besitzen, soviel ich weiss, diesen oder einen ahnlichen Ausdruck des geringschatzenden Zornes gar nicht. Der Deutsche also zum Deutschen, der Rittersmann, der kein Hofmann sein will und darf, dieser sollte in einer altertumlichen Zeit, wo allerdings Roheit und Grobheit auch manchmal in besserer Gesellschaft herrschten, sich dieses Sprichwortes nicht bedienen durfen?"

"Aber Satan von einem Menschen!" rief Elsheim ungeduldig, "vor Damen, die am Hofe gelebt, die in Racines Tragodien gespielt haben! Und die Stelle war ja doch gestrichen, du hast sie nie in der Probe gesagt."

"Ich wollte eben uberraschen!" rief ihm Mannlich entgegen; "ich wollte diese nichtssagenden Striche der neuern Editionen zur alten, richtigen Lesart zuruckfuhren. Diese Schattierung, diese Eigentumlichkeit ist nach meiner Uberzeugung dem originellen Dichterwerke unentbehrlich."

Alle lachten, und Emmrich sagte: "Man hat mir erzahlt, doch kann ich die Wahrheit der Anekdote nicht verburgen, dass, als der grossherzige Furst von Weimar mit seinem Freunde Goethe auf einer Reise sich in Frankfurt aufhielt, sie in Sachsenhausen, wohin sie spaziert waren, von einem groben Sachsenhauser, der sich mit den Nachbarn zankte, diesen nationalen Ausdruck, wie ihn der Baron nennt, vernahm." Der Herzog sagte hierauf ganz ernsthaft zu Goethe: "Es muss dir doch wohltun, zu erleben, wie deine Dichtungen mit dem Volke verwachsen und in ihm Wurzel schlagen. Hast du gehort, wie dieser ganz gemeine Mann soeben eine Stelle aus deinen Werken zitiert hat?"

Die ubrigen lachten, doch Mannlich blieb verdrusslich und wurde es noch mehr, als er horte, dass die Dame des Hauses sich fur jetzt seine Besuche verbeten habe. Er ritt zornig fort und schwur, sich und seine Zeit niemals wieder fur Freunde und fur die Kunst aufzuopfern.

Zweiter Teil

Vierter Abschnitt

Schon am fruhen Morgen war alles im Schlosse lebendig. Die Herrschaften wollten eine starke Tagesreise machen, und deshalb brachen sie so zeitig auf. Noch beim Abschiede sagte die Mutter zu Elsheim: "Es kann sein, mein Sohn, dass ich zwei Wochen ausbleibe, um einmal wieder nach langer Zeit mit meiner Schwagerin zu leben und mich mit ihr zu verstandigen. Auch bin ich es ihr und der Furstin schuldig, deutlich zu zeigen, dass ich mit dieser deiner Extravaganz nicht einverstanden war. Wie die jetzige junge Welt denken mag, ist mir freilich unbekannt geblieben, aber wir mussen dir wenigstens so viel zeigen, dass man mit uns, der alteren Generation, welche bessere Zeiten gewohnt war, nicht so umgehen darf."

Elsheim kehrte verdrusslich und verstimmt auf sein Zimmer zuruck. So war das Fest geendigt. Die Erhebung des Gemutes, die Erneuung seiner Jugend, alles, worauf er sich seit Jahren gefreut, hatte nun eine solche Wendung genommen, die ihn demutigte und ihm alle Laune raubte. Er zurnte auf sich, dass er der Mutter darin nachgegeben hatte, diese ubervornehmen und versteinerten Gaste einzuladen; nicht minder aber auf jenen altern Jugendgenossen, der ihnen allen aus barockem Eigensinn und pedantischer Roheit die Freude verdorben hatte. Dieser hatte sich erzurnt auf sein Gut begeben, indem er, der alle verletzt und beleidigt hatte, den Gekrankten spielte. Die Mutter, die in ihrer Verwandten und den hohen Gasten tief verletzt war, verliess in ihrem vorgeruckten Alter ihre behagliche Wohnung, um jenen Hochfahrenden eine Art von Genugtuung zu geben. Elsheim schloss sich ein und wollte wenigstens vor dem Mittagstische niemand sehen und sprechen.

Der alte Joseph brachte dem jungen Tischler das Fruhstuck auf sein Zimmer, was nur selten geschehen war, aber jedesmal als ein Zeichen diente, dass der Baron auf irgendeine Weise abgehalten sei und allein sein wolle, oder schon im Freien umherwandle. Joseph war schon frisiert und im Frack, und die Spitzenmanschetten fielen langer uber die durren Hande hinunter, als an anderen Tagen. "Bei der fruhen Abreise", sagte er feierlich, "musste ich mich schon beizeiten schmucken, weil ich mit eigenen Handen den Damen, sowie dem Herrn Reichsgrafen in ihre Wagen half."

"Ach! bester Herr Professor", sagte er nach einiger Zeit, "ich habe diese Nacht nicht viel schlafen konnen, denn ich habe viel weinen mussen. Glauben Sie mir nur, diese Begebenheit wird im ganzen Lande eine ungeheure Sensation machen. Die Herrschaften lassen es sich nicht ausreden, dass die abscheuliche Tirade allein auf sie gemunzt gewesen sei, und nun scheint es ihnen eine ausgemachte Sache, dass der Herr Baron Mannlich ein giftiger, eingefleischter Jakobiner sei, der durch dieses Motto oder diesen Unsitten-Spruch den ganzen Adel habe beschimpfen und erniedrigen wollen. Die skandalose Anekdote kommt nun an den Hofen herum und wird sehr verschiedentlich ausgelegt werden. Zwar sind in unsern Jahren die Jakobiner vollig abgeschafft, und man will sagen, sie seien vollig eingegangen; aber um so schlimmer, wenn man nun auf die Vermutung kommt, dass sie in unserer Familie ganz von neuem wieder aufschiessen. Nein, dergleichen hatte unser junger lieber Herr vermeiden sollen. Ach, der alte selige Herr Vater! Wenn er hatte voraussehen konnen, dass dergleichen hier in seinem alten ehrwurdigen Schlosse sich zutragen sollte! Sehen Sie, lieber Herr Professor, das war so recht ein Mann nach dem Herzen Gottes. In seinen letzten Jahren wollten sie ihm nachsagen, er neige zu den Herrnhutern hin; es war aber wohl nur, weil er uber alles in der Welt Ruhe Anstand und Ordnung liebte. Still musste es hergehen; alles Gerausch war ihm fatal, ausser es musste denn unentbehrlich notwendig sein. Kein rauhes Wort wurde im ganzen Hause gehort, noch weniger Schimpfen und Fluchen; das Gemeine, Triviale und Pobelhafte war ihm in der innersten Seele verhasst. So kam es denn, dass sich alle Dienstleute mehr oder minder nach ihm bildeten und figurierten, wie das wohl in allen Hausern geschieht, wo die Dienenden nicht oft gewechselt werden. Ich schwore Ihnen beim Himmel, seit funfzig bis sechszig Jahren ist selbst im Stalle oder bei unsern Viehhirten jene liberale Sentenz nicht gehort worden, die der Herr Baron im Rittersaal, in Gegenwart der vornehmsten Damen, sich zu erlauben beliebten. Ich habe es oftmals bedenket und nachher auch bedacht und bin endlich uberzeugt worden dass wir hochst traurigen Zeiten und Begebenheiten entgegengehen. Aber, was hilft's? Der Himmel lenkt am Ende doch alles selbst mit eigner Hand."

Der Alte, gleich allen Dienern des Hauses, hatte grosses Vertrauen: zu Leonhard, und deshalb hatte er sich auch wahrend seiner langen Rede zu ihm gesetzt, was Leonhard sich schon vorlangst als ein Zeichen des Wohlwollens vom Alten erbeten hatte. "Ja", fuhr er jetzt fort, "konnen Sie durch Ihren Einfluss unsern jungen Baron dahin stimmen, dass dergleichen nicht wieder geschieht, dass er von solchem neumodigen Treiben ablasst, so werden Sie sich einen Gotteslohn um ihn und uns alle verdienen. Er ist gut, aber er hat zu wenig vom seligen Herrn. Zwar wurden vor vielen vielen Jahren auch hier im Schloss einige kleine Proverbes gespielt, Hausherr und Gemahlin spielten auch selbst mit; das war aber alles so fein und manierlich, dass es eine Lust war mit anzusehen, ja dass es beinahe zu einer Erbauung gereichen konnte. Ich habe es vielfach durchdenket und auch durchdacht, dass es ein grosses Ungluck fur die Weltgeschichte ist, dass es in den damaligen Zustanden und Verfassungen nicht hat bleiben konnen; das war alles sicher und begrundet; Sitten, Feste, Religion, Adel, Burger, Handwerker, alles, was man nur nennen kann, hing, wie in einer gutgeordneten Bildergalerie, jedes in seinem schonen festen Rahmen; zu jeder Gesinnung gab es im Katalog gleich Nummer und Erklarung. Aber jetzt ist die ganze Galerie durcheinandergeworfen, die Rahmen sind abgerissen, viele Bilder stehen auf dem Kopf, die besten sind umgekehrt an die Wand gelehnt, dass kein Mensch sie finden kann, und der Dummkopf und rohe ungebildete Mensch lasst sich nun von den Meisterwerken nicht mehr imponieren, er weiss sie nicht zu achten, weil die glanzenden Rahmen fehlen, und alles wie Kraut und Ruben durcheinanderliegt."

Leonhard ergotzte sich an diesem Geschwatz, und, um den Alten noch naher kennenzulernen, sagte er jetzt "Lieber Herr Haushofmeister, schon neulich wollte ich Sie darum befragen, aber wir wurden gestort was machen Sie fur einen Unterschied, wenn Sie sagen: 'Ich habe es gedenket und gedacht?'"

"Haben Sie das bemerkt?" sagte der Alte schmunzelnd und mit dem Ausdruck der liebenswurdigsten Freundlichkeit. "Werter Herr Professor, ich bin kein Gelehrter, Schriftsteller oder Sprachforscher, aber ich habe denn doch auch, wie der beste, meine eigenen Grillen und mir auf meinem Wege so manches herausgegrubelt. Wir gehen mit unserer lieben deutschen Sprache barbarisch um, machen nirgend Unterschiede, oder unterdrucken sie gar da, wo sie sich schon finden. Bedenken, Erdenken, Denken und bedenklich hangt genau zusammen; die Sache ist noch nicht fertig, und darum sage ich: Ich bedenkete, es ist bedenket. Aber wenn es nun fertig ist und unwiderruflich, dann heisst es: Es ist bedacht. Merken Sie wohl? Fertig ist es, und ein Dach daruber gegen Sturm und Regen, nun kann es nicht wieder verdorben werden. Ein Gedachtes, Bedachtes kann niemals wieder etwas Bedenkliches werden. So ist es auch mit unsern Reimen. Sie wurden uns niemals wohlgefallen, die ganze Dichterei hatte sich niemals auf diesen Widerton und den angenehmen Gleichlaut begrunden konnen, wenn nicht ein geheimer Zusammenhang in Klang und Gedank ware, so wie in Ranken, Schwanken, Danken, Wanken, Gedanken, Erkranken, Sanken, Banken."

Leonhard lachelte und sagte: "Auch Gestank und Gedank reimt."

"Richtig", fuhr der Alte fort, ohne sich irremachen zu lassen: "es lasst sich auch oft mit Gedanken so lange hantieren und wirrwarren, bis das an sich Richtige endlich zum Widerwartigen ausschlagt. Das erleben wir ja alle Tage."

Leonhard war uber den kleinen alten Mann in Verwunderung, dem er so viel Eigenheit und seltsame Philosophie nicht zugetraut hatte. Der Kammerdiener erriet seine Gedanken und sagte sehr freundlich, indem er in sein runzelvolles Gesicht noch mehr Falten hineinzog: "Ja, mein junger Herr Professor, wir haben so unser eigenes Wesen und mancherlei Vorstellungen. Man kann das Denken nicht immer unterlassen, wenn man auch sonst kein Wohlgefallen daran hat. Man ist oft allein, man ist krank, und Krankheit ist der allerbeste Schulmeister und auch so geduldig und so unermudlich. Von jungen Leuten habe ich wohl manchmal gehort, wenn sie so die eigentliche Schulphilosophie studierten: Ja, unser Meister, sein Werk, sein System klart uns doch uber alles auf, uber das ganze Leben, und es kann nichts vorkommen, was uns nach diesem herrlichen System nicht durchaus verstandlich ware. Wissen Sie, wie mir das vorgekommen ist? Sehen Sie einmal die hubsche Fussdekke an, hier die vielen Vierecke, Rosetten, Bogen, Punkte; wenn man so nachdenklich sitzt, so kann man sich alle diese Figuren bald in grossere, bald in kleinere Verbindungen und Verhaltnisse setzen. Nun mache ich ein Dreieck, jetzt ein Viereck, ein Achteck, einen Kreis, oder was ich will. Auch kreuzweis, rechts, links, oben, unten kann meine Phantasie eine regelmassige Gestaltung herausschneiden, und immer passt alles, und immer wieder wird etwas anderes daraus. Man kommt damit niemals zu Ende, wenn man sich Zeit dazu nehmen will. So kann man sich denn auch einbilden, alle moglichen Verhaltnisse und Gestaltungen der Welt sind hier mit ihrem ganzen Verstandnis niedergelegt und eingewirkt worden. Es ist, wenn man krankhaft gestimmt ist, kein unebenes Spielwerk. Man kann auch uber dem Einmaleins ebenso schwarmen und alle Ratsel und alle Auflosungen derselben in diesen Zahlenverhaltnissen sehen. Ja, aber dann wieder die echte Philosophie! wie ich sie mir in meiner Unwissenheit vorstelle, so dass ich kein nachbetender Schuler werde, oder die Gestalten lege, die von selbst im Teppich in tausendfachen Verhaltnissen sein mussen, wenn ihm geregelte Figuren eingewebt sind; sondern wahrhaft denken lernen das Dunkel in mir hell, die aufdammernden Lichter zu Gedanken machen, aus dem Denken und Bedenken zum Ge- und Bedachten kommen: das muss freilich ganz etwas anderes sein!"

"Sie sind ein lieber, kluger Mann", sagte Leonhard, "und geschickt. Ich habe Sie neulich belauscht, als Sie dort in Ihrem Zimmer so lustig und wohlgemut die Geige spielten. Auch das Talent hat mich uberrascht, denn ich hatte fruher noch nie etwas davon vermerkt."

"So?" sagte der Alte lachend; "ich treibe es auch nur fur mich selber, zu meiner eignen Vergnuglichkeit. Zuhorer habe ich noch niemals gewunscht. Ja, Freundchen, diese liebe schone Violine von Amati, und ein Buch, aus dem Spanischen in das Franzosische schon vor vielen Jahren ubersetzt, machen meine Freude aus. Sie kennen die Geschichte wohl, sie heisst Don Quichotte, und mag im Spanischen wohl noch lieblicher sein. Ach, Mann! in dem herrlichen Buche finde ich fur mich alles mogliche erklart und abgehandelt; aller Aufschluss des Lebens liegt vor mir da, hell und klar und auf die lieblichste Weise in Schmerz und Ernst verkorpert und vernaturlicht. Ich fange mit Lachen und Freude an, wenn ich in dem Buch lese, und bin, wenn ich ein Weilchen innehalte, in die geistigen fernen Regionen, in Moral und Weltgeschichte versetzt und sehe und verstehe alles vollkommen, und mir ist in der Freude so wohl, so selig, mocht ich sagen, dass ich diesem Manne, dem Herrn Cervantes, die hellsten Lichtblicke meines Lebens zu verdanken habe."

"Sie verstehen zu lesen, Freund", sagte Leonhard freudig uberrascht, "ich kenne und liebe Ihren Autor, und wenn ich ihn wieder lese, und vielleicht mit mehr Applikation, so werde ich dabei an Sie denken und Ihnen danken."

"Sehen Sie", rief der Alte, "Denken, Danken ist mehr ein Gleichlaut und kein Reim und hangt doch auch zusammen. Ach, Herr Leonhard, was sind wir arme, gedruckte, schwache Menschen doch fur Wesen! Und wie hat uns Gottes Gute so wunderbarlich erschaffen! Wenn ich so meine Geliebte, wie ich sie immer nur nenne, meine Geige in den Arm nehme, und das liebe Ding lacht und weint und plaudert so anmutig unter meinem Bogenstrich so bin ich im Himmel und weiss nicht mehr, ob ich die Violine spiele oder ob sie mich spielt. Es jauchzen und winseln im schakernden Lacheln Gefuhle und Worte aus mir heraus, die ich auf keine andere Weise sprechen, Gedanken, die ich nur so finden kann, und die doch ohne alle Vernunft hoher als die Gedanken stehen. Glauben Sie mir, das ist die seltsamste Freude, was Unaussprechliches, sich so selbst zu finden, sich selbst so in Tonen und in Begeisterung, die von sich doch nichts wissen, kennenzulernen."

"Bester Herr Joseph", rief Leonhard, "Sie glauben nicht, wie sehr Sie aus meinem Herzen sprechen. Ich kann Sie versichern, unsere Geister sind sich nahe verwandt. Ich verstehe Sie ganz."

"Kann wohl sein", sagte Joseph, und gab dem jungeren Freunde die Hand. "Fuhlen Sie einmal", fuhr er fort, "die erhohte starke Hornhaut an diesen meinen Fingerkuppen; das kommt von meinem stetigen Violinspielen. Hart wie Horn die fein gehobenen Nervenpunktchen, in welchen die andern Menschen ihr leisestes Anfuhlen zu haben glauben; und mit diesen Verhartungen fuhle ich auf den Saiten um ein Atom das Hohere und Niedere, ohne zu irren. Hier hinein vibriert der Klang und wird von hier und mit dem toten Bogen zu dem seelenvollen Ausdruck erhoben, zu der Weiche und Innigkeit, wie kein menschliches Organ es vermag. Ist es eigentlich nicht wunderbar?"

"Aber von welchem Meister", fragte Leonhard, "waren nur die ganz wunderbaren Passagen, die ich Sie neulich mit der ungeheuersten Anstrengung spielen horte? Eben vorgestern, als ich Sie belauschte, und Sie mir nachher verdrusslich schienen?"

Joseph schwieg still, wandte sich ab und ging im Zimmer auf und nieder. Er schien verlegen, und Leonhard bemerkte, dass sein Antlitz roter war, als gewohnlich. Dann stellte er sich vor Leonhard hin, sah diesen bedenklich an, und sagte: "Sosehr ich Ihnen auch vertraue, kann ich Ihnen doch, was diese musikalische Phantasie betrifft, keine Antwort geben."

"Aber ich bitte", sagte Leonhard, "die Sache wird mir um so wichtiger, da Sie zogern und wie in Verlegenheit erscheinen. Ich bin uberzeugt, ich werde Sie verstehen, so wie mir alles, was Sie mir jetzt gesagt haben, nicht fremd und unverstandlich ist."

"Mag's sein!" rief der Alte nach einer Pause mit dem Ausdruck einer komischen Resignation; "was geht's mich am Ende an, wie Sie von mir denken mogen? Wir sind alle Toren und gebrechliche Menschen, stellen wir uns auch, wie wir wollen. Ich gestehe, dass ich oft im Mondschein, oder am Fruhlingsabend auf meiner Geige phantasiere. Die Melodien kommen mir dann von selbst, und ich habe mich auch wohl daruber betroffen, dass ich Tranen vergiessen musste. Vom Abt Vogler erzahlt man, dass er sich zuweilen sein Fortepiano auf eine Bildergalerie hat nachtragen lassen, um in seinen Tonen den Ausdruck und die Bedeutung von schonen Gemalden wiederzugeben. Ich kann mir das wohl denken, obgleich man unter diesen Umstanden und bei so vielen Vorbereitungen seiner Stimmung nicht gewiss sein kann. Ich mochte wenigstens vor Menschen und Zuhorern dergleichen nicht versuchen. Das sind aber Phantasieen der innerlichen Wollust und des Wohlgefallens. Doch ist der Mensch oft wie gepeinigt, er weiss nicht wovon; es qualt ihn etwas, er weiss nicht was. Als wenn hier in diesem Teppich unter den geregelten Figuren krumme, schiefe, willkurliche unterliefen, die mit diesen Sternen, Kreuzen, Rosen und Vierecken in gar keinem Zusammenhang standen, und man peinigte sich vergeblich und immer wieder umsonst, auch diese tollen, ausschweifenden Linien und Fratzen in jene wohltuende und besanftigende Tabelle mit aufgehen zu machen. Es gibt so Stunden in unserm Leben, die dies Gleichnis nur etwas erklart."

"Gewiss!" sagte Leonhard, "und der geordnete Geist leidet vielleicht am starksten von diesen Verstimmungen, wenn auch nur selten."

"Meinen Sie?" fuhr Joseph fort. Also denn Tollheit mit Tollheit erklart und vertrieben, Beelzebub durch Satan. Warum sind wir denn auch so gebaut! Was freilich, noch weiter getrieben auch jeder Verbrecher fur sich anfuhren konnte, wovor uns Gott bewahren moge. Hier muss nun freilich der christliche Glaube Hand anlegen, und eine starke. Es regieren oft die kleinen Teufelchen in uns, aberwitzige, unheimliche, und die lassen sich durch Narretei beschworen und vertreiben. Auf meinem Zimmer habe ich einen sehr hubschen Tisch, die Platte ist ganz von Masern. Noch ein Geschenk vom Grossvater des jungen Herrn, also uralt. Sehen Sie, in solchem Maser laufen nun lauter tolle Linien ohne alle Vernunft und Ordnung kreuz und quer durcheinander. Die Tugend und der Wert einer solchen Maserplatte besteht eben darin, dass kein Verstand in der Kuriositat, sondern Willkur und Aberwitz herrschen. Doch warum beschreiben? Was werden Sie denn ein solch gemasertes Wesen nicht kennen?

"Gewiss kenne ich es", erwiderte Leonhard, "ich sehe den Tisch leibhaftig vor mir."

Der Alte sah ihn von der Seite an und lachelte; dann sprach er in seinem Eifer: "Also denn, wenn die Besessenheit mich ergreift und gar nicht wieder loslasst, so stelle ich mich dann mit meiner Geige vor diesen Masertisch, begeistere mich und spiele in tausend Variationen und rasenden Passagen alle die vermaledeiten krummen und zackigen Linien ab, als wenn es Noten waren. Immer fallt mir was Neues ein, und ich rassele und wute so heftig, arbeite mich so ab, dass ich oft wie im Schweissbade bin. So kleide ich mich um, setze mich in den Sofa, lache recht von Herzen uber mich und die Welt, fuhle mich so recht behaglich und in meinem Innern wieder wie zu Hause und habe dann auf lange Ruhe. Sehen Sie, Bester, das war es, was Sie neulich mit angehort haben. Es war gewiss recht sonderbares Zeug."

Leonhard war zuletzt sehr nachdenklich geworden und sagte endlich: "Ihre Erzahlung und dieses Heilmittel erinnert mich an so vieles, was ich in mir selbst so oft habe bekampfen mussen. Wohl dem, der in seiner geliebten Violine einen solchen Ableiter findet."

"Jeder vielleicht auf seine eigene Weise", antwortete Joseph. "Es liesse sich viel daruber sagen. Wenn ich so von den alten Manaden und den bacchantischen Festen der Griechen gelesen habe, so dachte ich oft, diese und ahnliche Anstalten haben auch die tollen Geister in uns bandigen und austreiben sollen. Christliche fromme Manner haben es vielleicht durch ihre Geisselungen, Fasten und Kasteiungen versuchen wollen. Mancher tobt sich auf der Jagd aus, und in der Jugend fuhlen wir es ganz deutlich, wie Springen, Laufen, Ringen und Balgen unserm Leben vollig unentbehrlich sind. Wer in meine Masern verfallt, oder sich gar freiwillig hineinversenkt, ohne sich mit der Violine wieder herauszuspielen, der wird wohl eben ein Schwarmer und Fanatiker, wovor uns denn alle der Himmel behuten wolle." Mit diesen Worten empfahl sich der Alte, und Leonhard blieb noch lange auf seinem Zimmer, um alle die Gedanken naher zu erwagen und zu bewaltigen, die ihm jenes sonderbare Gesprach auf unerwartete Weise erweckt und zuruckgelassen hatte. Als man sich bei Tische versammelt hatte, sagte Emmrich: Sollte es nicht Zeit sein, diese allgemeine Verstimmung, musste es selbst durch ein gewaltsames Mittel geschehen, wieder in die rechte Bahn zu lenken? Ich bin der Meinung, da wir jetzt unter uns sind, und niemand unser Vorhaben ubel deuten wird, dass wir unseren Gotz noch einmal auffuhren und ihn dann, wie es sich gebuhrt, zu Ende spielen. Wozu haben wir die Muhe gehabt und uns in so manchen Proben gequalt? Wir sind es uns selbst schuldig, das unternommene Werk nicht so als ein schmahliches Fragment liegenzulassen. Es ist nicht billig, dass wir alle bussen, was nur einer der Teilnehmenden gesundigt hat.

"Ich ware einverstanden", sagte Elsheim, "wenn Mannlich im Zorn nicht sein Ehrenwort darauf verpfandet hatte, den Gotz nie wieder zu spielen. Es ist vergebene Muhe, ihn uberreden zu wollen."

"Es muss ohne ihn moglich sein", erwiderte Emmrich, "er bleibe furs erste ein Martyrer seines Wortes und alter Lesearten. Meine Rolle des Sickingen kann leicht ein anderer ubernehmen, und ich habe langst, wieviel mehr seit unseren Proben, die Rolle des Gotz genau in meinem Gedachtnis. Nur rate ich, wenn wir es noch unternehmen, dass wir dazutun, bevor die Baronesse zuruckkommt, die es ubel empfinden durfte, wenn sie sahe, dass wir den gescheiterten Wrack wieder zum Segeln bringen wollten."

Alle waren uber den Vorschlag erfreut, am meisten der junge Cadet, der in Verzweiflung daruber gewesen war, dass er seine interessante Rolle des leidenschaftlichen Franz nicht hatte zu Ende fuhren konnen. Auch Charlotte, sowenig sie es wollte merken lassen, war sehr zufrieden, die Adelheid zu Ende zu spielen; Albertine war willig; selbst die Tante liess sich bewegen, sich noch einmal in der hauslichen Tugend der Elisabeth zu zeigen, und Dorothea lachte laut auf, dass sie noch einmal als Georg mit ihren kecken Reden auftreten sollte. Der Graf Bitterfeld war leicht umgestimmt, und der Schulmeister triumphierte, als er am Abend vernahm, dass sein Selbitz noch einmal zu Ehren kommen sollte. Ein junger Verwalter eines benachbarten Gutes, ein verstandiger Mann, war leicht in den Charakter des Sickingen eingelernt, und die Bauern, der Schulze und die Dienerschaft sahen mit Spannung und Neugier der wiederholten Auffuhrung des nationalen Schauspiels entgegen. Elsheim musste sich aber wirklich gefallen lassen, noch ausser dem Weislingen den Zigeunerhauptmann zu ubernehmen, weil der Forster taub gegen alle Bitten und Vorstellungen blieb.

Schon nach einigen Tagen war das grosse Werk zur allgemeinen Zufriedenheit vollendet worden. Alle gestanden laut, dass durch die bessere Darstellung des Gotz das Gedicht in der Wiederholung ein ganz anderes geworden war, als es sich im ersten Versuch gezeigt hatte. War vorher Gotz ruhmredig erschienen, prahlend und rechthaberisch, hatte er durch eine furchterliche Deutlichkeit der Aussprache den biederherzigen Mann langweilig und anmassend hingestellt, so waren jetzt alle von der Liebenswurdigkeit des Ritters ergriffen, durch seinen Edelmut geruhrt und von seinem tragischen Schicksal und Lebensende tief erschuttert.

In Weislingens Sterbeszene war Maria so hingerissen, und in Ruhrung aufgeloset, dass sie kaum die wenigen ubrigen Szenen noch spielen konnte, und als der Vorhang zum letztenmal fiel, begab sie sich sogleich zur Ruhe, ohne an der Abendtafel zu erscheinen.

An dieser erschien der junge Cadet, der nach der Anstrengung den Wein nicht geschont hatte, ganz ausgelassen, besonders da er von der altern Schwester Albertine nicht beobachtet und gezugelt werden konnte. In seinem Rausch verhehlte er es nicht, wie sehr er Charlotten verehre, und da seine Ausdrucke immer poetischer, sowie seine Erklarungen immer deutlicher wurden, so wurde Leonhard zu seiner Beschamung und seinem Schrecken inne, dass er eine stechende Eifersucht empfinde. Es war ihm daher sehr erwunscht, als Elsheim auf eine milde Art den jungen Menschen zurechtwies, und Adelheid, Charlotten, von seinem Ungestum erloste, die sich um diese erwachende Leidenschaft nicht zu kummern schien, indem sie alle hyperpoetischen Reden des Cadetten nur mit heiterm Lachen beantwortete.

Am anderen Morgen war Elsheim sehr durch den unvermuteten Besuch Mannlichs uberrascht. "Ja, ja", sagte dieser zum erstaunten Freunde, "ihr wollt mich nicht und denkt, ich habe mich selbst, wer weiss auf wie lange, verbannt; aber so ist es nicht gemeint: ich war bose, bin aber jetzt wieder gut, ja ich war selbst gestern incognito im Parterre und habe euer Spiel mit angesehen. Ich hatte fast Lust, einen dramaturgischen Aufsatz uber diese eure Auffuhrung zu schreiben. Lieber Himmel, wie wenig ist doch eigentlich dem Dichter sein Recht widerfahren! Der Gotz war ohne Kraft und Nachdruck, kein Wort konnte mich in die alte Zeit versetzen, alles wurde so schnell und naturlich gesprochen, wie es heutzutage auch geschehen kann; geruhrt war er ein paarmal, wo er sich gerade als Held zeigen sollte. Dein Spiel als Weislingen war im ganzen vortrefflich, doch nicht ohne bedeutende Fehler; in der Sterbeszene drucktest du zu wenig die Wirkungen des Giftes aus, was doch gewiss Krummungen, Auffahren und Konvulsionen erregen muss. Von Albertinen weiss ich nichts zu sagen, denn sie spielte so, als wenn es gar keine Rolle ware; sie sprach, wie sie immer spricht, und deshalb hat mich auch die Tante nicht befriedigt, die bei weitem nicht erhaben genug war. Unertraglich war dein Freund, der Professor Leonhard; als Monch so weinerlich und gelassen, und als Lerse so plump, gar kein vornehmer, poetischer Ton. Die kleine Dorothea war allerliebst, neckisch und komisch, dabei nicht ohne Natur, wie sie denn uberhaupt ein Naturkind ist. Uber alles Lob erhaben war Charlotte. In ihr sah man doch einmal eine Dame, und wie verfuhrerisch, wie reizend! Ich habe es wohl bemerkt, dass sie dich mehr als einmal in Verlegenheit setzte, denn sie ist wirklich gar zu liebenswurdig. Der Graf Bitterfeld zeigte sich als ein denkender Schauspieler, er wird nichts, was er unternimmt, ganz verderben aber der Schulmeister! und der Cadet! Es ist doch nichts unertraglicher, als wenn Menschen, die gar keine Anlage haben, sich in einem Talent zeigen wollen, was ihnen so ganz und vollig versagt. Diese Szenen waren unleidlich. Dann storte es auch die Illusion zu sehr, dass du zuletzt noch als Zigeuner wiederkamst. Du hattest dich zwar wundervoll entstellt und verkleidet, es half dir aber nichts, denn ich kannte dich doch wieder."

Viele von der Gesellschaft waren auf Spaziergangen zerstreut; die freundliche Dorothea war bei Albertinen, die sich unwohl fuhlte und welche von der Kleinen liebkosend gepflegt und getrostet wurde. "Liebchen", sagte sie jetzt eben, "lass nur die Tante nichts von diesen deinen Empfindungen merken, denn so gut sie ist, so wurde es dir doch Verdruss machen und nicht ohne Beschamung abgehen konnen."

"Du irrst dich", sagte Albertine eifrig, "du irrst dich vollig. Mir ist uberhaupt nicht wohl, und das Spiel gestern hat mich ubermassig angegriffen. Das Gedicht selbst ist ja von einer Kraft und so herzzerreissender Wehmut, dass diese Worte schneidend durch Mark und Gebein gehen. Ich begreife die andern nicht, die nachher noch heiter, ja lustig sein konnen. Unsern Elsheim verstehe ich gar nicht, denn ich hatte ihm diesen Leichtsinn nicht zugetraut. Selbst in den Zwischenszenen konnte er mit Charlotten lachen und scherzen. Sie freilich, die niemals fuhlt, die mit dem ganzen Leben und mit allen Empfindungen nur ein Spielwerk treibt, sie hat ihre Freude daran, nur alle zu argern und zu kranken. Ihre Gefallsucht ist so unersattlich, dass sie jeden Mann durch ihre Kunste in ihr Netz zieht; selbst den Knaben, meinen Bruder, verschmaht sie nicht. Hast du es nicht bemerkt, wie sie sogar den Stelzfuss, den alten Schulmeister, freundlich anlacht?"

"Sei nicht bitter, Kindchen", erwiderte Dorothea freundlich; "du weisst ja, wie uber diese wunderlichen Launen selbst die Tante niemals etwas vermocht hat. Es ist doch eine poetische und fast wieder unschuldige Koketterie, wenn diese Charlotte allen Mannern ohne Ausnahme gefallen will, und wenn es ihr Spass macht, jeden, indem sie seine Schwachen kennt und benutze, auf eine Zeitlang zu ihren Fussen zu sehen. So war sie immer, und sie wird sich jetzt nicht andern. Du bist ihr bose, weil sie auch schon unsern Leonhard verblendet hat. Es ist nur zu sichtlich, wie schmachtend er an ihren schonen Augen hangt."

"Auch Leonhard, meinst du?" erwiderte Albertine, "das hatte ich bis jetzt noch nicht bemerkt; mir schien es, die habe es in diesen Tagen allein auf unsern Elsheim angelegt. Mag sie doch, was kummert es mich! Und mogen alle Manner dieser gleissenden Herzlosen folgen und sie vergottern, ist es doch einmal das Schicksal der Besseren, immerdar verkannt zu werden." Sie weinte von neuem, trocknete dann in heftiger Eile die Augen und warf sich an Dorotheens Busen.

Auch die stets heitere Dorothea weinte jetzt. "O dass dich diese Leidenschaft hat ergreifen mussen, du armes Kind", sagte sie dann, "gerade zu diesem fremden Manne, der uns allen unbekannt ist! Es richtet dich zugrunde, denn er scheint dir weniger als den andern zugetan; er ist wahrscheinlich langst vermahlt, hat Kinder und wohnt weit von hier, ist ein Burgerlicher, schwerlich reich, sowenig als wir. Was kommt da alles zusammen, um dich zu qualen, um dein Leben durch und durch zu vergiften! Und immer noch willst du mir diese Liebe ableugnen, du zwingst dich zur Verstellung, und dennoch muss ich furchten, dass schon mancher andere deine Leidenschaft bemerkt und erkannt hat, denn du kannst deinen Gram, besonders in seiner Nahe, zu wenig bemeistern."

"Du machst, dass ich wider Willen lacheln muss", antwortete Albertine; "dein Misstrauen und deine Teilnahme irren, durchaus irren sie; mein Herz ist frei, und mein Gemut wird von ganz anderm Kummer gedruckt. Aber dieser Leonhard! Es ware doch schade um ihn, wenn er sich auch von den Augen Charlottens bestricken liesse. Dieses treue, redliche braune Auge, aus welchem ein edles weiches Gemut so zuversichtlich schaut, dass der bessere Mensch ihm vertrauen und ihn lieben muss. Ja, lieben, aber nicht, wie du es irrig meinst. Hast du wohl recht auf sein Spiel geachtet? Wie edel er alles vortrug und doch so einfach, ganz dem Charakter angemessen. Vielleicht hatte er den Weislingen besser als der Vetter dargestellt, und doch sprach der Leichtsinnige auch manches Wort so, dass es aus dem Herzen zu kommen schien. Wie hat er mich geruhrt mit diesen weichen, einschmeichelnden Tonen! Ich fragte mich dann: Ist es moglich, dass man so sprechen kann, ohne wirklich zu empfinden? Das ist das Sonderbare und Furchterliche, dass es der Luge moglich ist, so ganz den Schein der Wahrheit anzunehmen."

"Narrisches Madchen", sagte Dorothea lachend, "es war ja auch nur eine Komodie, welche er spielte."

Hier wurden sie unterbrochen, denn die Tante trat in ihr Zimmer.

Leonhard hatte sich in den nahe gelegenen schonen Buchenwald begeben und kam jetzt durch den Garten von seinem langen Spaziergange zuruck. Sowie er durch die Pforte in die Lindenallee trat, stand Charlotte im ganzen Reiz ihrer Schonheit vor ihm, lachelnd ihm entgegentretend, als wenn sie ihn erwartet hatte. "Sie werden uns ungetreu", sagte sie dann, "wenn uns die Komodie nicht vereinigte, so wurden Sie immer in Feld und Wald umstreifen."

"Konnt ich glauben", erwiderte er, "dass man mich vermissen mochte? und dass gerade Sie mir diesen freundlichen Vorwurf machen wurden?"

"Artige Worte", erwiderte sie lachend, "der ewige Text, um den sich die Unterhaltung der Gesellschaften dreht; die Auslegung ganz willkurlich, so oder so, und meist ohne Ernst und Wahrheit; Gesprach, um zu sprechen, so wie oft Noten zu Dichtern entstehen, bloss um Noten zu machen. Aber wie waren Sie mit der gestrigen Darstellung zufrieden?"

"Von Ihnen will ich nicht sprechen", antwortete Leonhard, "denn Sie wurden mich doch nur als einen Schmeichler abweisen und wenn man entzuckt ist, ist man nicht gerade in der Stimmung, um ein Urteil zu fallen. Aber haben Sie nicht auch die Darstellung Emmrichs bewundert? Er war unter uns Mannern doch eigentlich allein nur der Meister. Dieses Verwirklichen aller Empfindung so ohne Anstrengung! jede Szene so gegeben, als konnte es eben nicht anderes sein! so dass jeder Zuschauer der Meinung sein musste, er selbst wurde es gerade eben auch so und nicht anders gemacht haben."

"Ein Spiel", sagte Charlotte, "so wie Sie es beschreiben, ist gewiss der Triumph der Schauspielkunst. Wohl versteht es unser Emmrich ganz anders, als der Baron Mannlich. Indessen wollte ich doch, man hatte ein anderes Stuck gewahlt."

"Das wunschen gerade Sie?" sagte Leonhard mit einigem Erstaunen, "wo mochten Sie einen Charakter antreffen, in welchem Sie so allen Zauber der Lieblichkeit, des Reizes, der Verfuhrung und des feinen Anstandes entwickeln konnten?"

"Sie geraten doch in jene Schmeichelei", bemerkte sie, "der Sie ausweichen wollten. Das Stuck aber hat auf keine Weise meinen Beifall. Der Gotz geht zu schmahlich unter, und man begreift nicht, weshalb; die innere Notwendigkeit tritt nicht deutlich genug hervor."

"Wie?" sagte Leonhard, "fuhlen wir diese nicht in jedem Wort? Sehen wir sie nicht in jeder Szene? Die bessere Zeit geht unter, und mit ihr der brave Gotz, ihr Reprasentant; sie wird verdrangt oder erdruckt von einer anderen, die uns als die der List und Verstellung, der Unwahrheit und Treulosigkeit gemahnt; ihre Reprasentanten, Adelheid und Weislingen, gehen aber ebenfalls in dem Sturm der Begebenheiten zugrunde, den sie erregt haben, den sie aber nicht bewaltigen konnen."

"Und dann", sagte Charlotte, "tritt ein anderes Zeitalter auf, das fur uns jetzt Lebende auch schon ein langst veraltetes ist; dieses verspielt sich wieder an einem einbrechenden, welches als das schwachere und schlechtere erscheint; und so geht es immer fort, und das ist die Tauschung der Geschichte, die, so vorgetragen, vielleicht kein wahres Wort enthalt."

Leonhard ward nachdenklich und sagte dann: "Die Zeitalter wechseln wohl in Gute und Schlechtigkeit; bald tritt diese, bald jene Vortrefflichkeit mehr und deutlicher hervor, und die Aufgabe ist, an diesen Zeichen die Zeit zu erkennen."

"Gut", sagte sie, "mogen das die Gelehrten und Denker tun; unsereins versteht nur das, was ewig wiederkehrt, nie wandelt, weil es selbst der Wandel ist."

"Und das ware?"

"Ei nun, jene Schwache der menschlichen Natur, die auch den ruhrenden und interessanten Teil unseres Schauspiels bildet; dieser Weislingen, der so meisterhaft geschildert ist, in welchem sich die menschliche Natur selbst und das eigentliche Wesen der Manner so unvergleichlich prasentiert."

"Sie meinen also "

"Jawohl", fiel sie schnell ein, "der Weislingen ist der Mann selbst, das heisst, der wirkliche, der interessante, von dem es sich zu sprechen lohnt. Denn was ware die Welt, wenn alle Manner so bieder, treu, unerschutterlich waren, wie dieser alte Freibeuter, der Berlichingen? Und was wurde in aller Welt das Stuck selbst fur eine triste Physiognomie haben, wenn Weislingen und Adelheid nicht Leben und Frische hineinbrachten? Und so war es gewiss immer und zu allen Zeiten. Und Gotz selbst! fallt er nicht fast ohne Ursache von seiner Treue ab, um der Anfuhrer der rebellischen Bauern zu werden? Dies Gelust war seine neue Geliebte, die ihn zur Treulosigkeit verfuhrte, und er muss, wie Weislingen, nur seinen eigenen Fehler bussen. Alle Hochachtung vor Tugend und Wahrheit! aber herrschten sie allein in der Welt, so gabe es wenigstens keine Poesie."

Leonhard musste uber diese Ketzerei lachen und wusste doch im Augenblick dieser seltsamen Behauptung nichts entgegenzusetzen. "Konnen Sie mir unrecht geben?" fuhr sie nach einiger Zeit fort; "in der romischen Geschichte stehen Antonius und seine Kleopatra ebenso glanzend und unglucklich da, und wo sich mein Auge hinwendet, schon von der Iliade an bis zu unserem Wieland und Clavigo und der Stella, ist immer die weiche, liebe, interessante Verfuhrbarkeit des Mannes der Gegenstand der schonsten Gemalde und anziehendsten Verwicklungen. Jene festen, unerschutterlichen, dem Reiz und der Schonheit unzuganglichen sind eben keine echten Manner, sondern nur Larven und widerwartige, wenigstens gleichgultige Gespenster."

Leonhard war wahrend dieser Rede nach und nach ernsthaft geworden. "Nicht wahr", fuhr sie fort, "wer gar nicht, gar nicht wanken konnte, den durfte man doch eigentlich auch nicht treu nennen? Seine Natur ohne weiteres ware einmal so eingerichtet, und Schonheit und Reiz und mit ihnen Versuchung fanden keinen Eingang bei einem solchen. Liebe so sprechen die Menschen und was ist sie denn? Ist sie denn nicht auch Talent? Und wenn das, erfordert sie nicht Ubung, Erfahrung? Und wenn sie ein Lebendiges ist, eine Wirklichkeit, kein totes Wort, muss sie sich nicht in jedem Wesen anders gestalten? Die Leute schelten jetzt auf die Stella, aber das ist es, was Goethe so deutlich empfunden und dargestellt hat. Kann Ferdinand die altere Gattin so lieben, ja auch fruher so geliebt haben, wie jene wunderbare Stella, die ihn mit ihren tiefen Empfindungen an sich gerissen hat? Und dieses Gedicht der Treulosigkeit nannte unser Goethe damals beim Erscheinen: ein Schauspiel fur Liebende. Und mit Recht; denn nur derjenige, der die Liebe empfunden und erlebt hat, kann es wissen, wie das Herz wohl so gestimmt sein kann, dass es die neue, hohere Liebe nur fuhlt und rein in ihr lebt, wenn eine andere, auch echte Zartlichkeit ihr fast schwesterlich Gesellschaft leistet. Ich spreche von Mannern, denn bei Frauen aussert sich das geheimnisvolle Leben dieser Gefuhle gewiss auf verschiedene Weise."

Sie traten jetzt wieder in jene abgelegene kuhle Laube, deren gruner duftender Schatten sie zum Sitzen einlud. "Darin", fuhr sie fort, als sich beide gesetzt hatten, "ist auch Goethe so gross und einzig, dass bei ihm jedes Verhaltnis der Liebe so etwas Eigenes und Individuelles hat, wie bei keinem andern Dichter, und diese Verhaltnisse, die er schildert, sind wieder unter sich so abgesondert und eigen gehalten, dass man jegliches selbst mitzuerleben glaubt. Der Fruhling ist freilich immer und allenthalben schon, er ist stets Fruhling, aber er bluht mir doch anders am Genfersee als in der Mark entgegen, und so muss Liebe, obgleich sie innere Bezauberung bleibt, doch in jedem andern Wesen mit eigener Sussigkeit und Frische in ganz verschiedenen Traumgestalten sich aussingen und dichten. Und das, lieber Leonhard, sollte nicht zur sogenannten Untreue verlocken? sollte diese nicht selbst zu einem hochst poetischen Gewerbe machen?"

Sie sah ihn fragend mit den schonen dunkeln Augen an. Er reichte ihr die Hand und sagte nur ganz kurz: "Ich muss Ihnen recht geben." Sie druckte seine Hand mit inniger Zartlichkeit und sagte seufzend: "O du! Du Lieber!" Sie neigten sich zueinander, und ein heftiger langer Kuss brannte auf ihren vollen Lippen, den sie erwiderte. Dann sahen sie sich an, Hand in Hand, ohne zu sprechen; bloss ganz leise sagte Leonhard: "Lottchen! Du! Susse!" Als sie nach einer Weile aufsahen, stand Elsheim vor ihnen, welcher sagte: "Ich suche Sie allenthalben, denn es ist Tischzeit." "So? schon?" sagte sie ganz gleichgultig und stand auf, Elsheims angebotenen Arm anzunehmen. Leonhard war hastig und in grosser Verlegenheit aufgesprungen. Er wusste nicht, wie lange der Freund schon zugegen gewesen, ob er den Kuss bemerkt habe, was er denken mochte. Alle diese Vorstellungen angstigten ihn, und er folgte den beiden fast traumend. Es war ihm lieb, als sie Albertinen und Dorothea im Garten trafen. Indem sie uber eine Brucke gingen, nahm Albertine, die jetzt sehr heiter und freundlich schien, Leonhards Arm, um sich auf ihn zu stutzen. Sie sah ihn dabei so hell und fast zartlich an, dass er sich einbildete, sie drucke im Gehen seinen Arm, und er konnte sich nicht erwehren, durch einen Gegendruck diese Freundlichkeit zu erwidern. Dorothea, welche voranlief, stand plotzlich still und sah sich bedeutsam nach ihnen beiden um. Es war auffallend, dass Albertine in diesem Augenblick errotete, und Leonhard musste in seinem Gemut die auffallende Schonheit seiner Begleiterin, sowie ihr holdseliges Wesen erwagen. In sich selbst sah er wie in eine dunkle Tiefe hinein, und die Frage drangte sich ihm lastig auf: Was will ich denn? Bin ich von jener gefangen und soll hier auch an dieser Schonheit stranden? Welcher Unterschied zwischen den beiden reizenden Wesen! Wie zwei verschiedene Welten! Ja wohl ist unser Herz unersattlich, und es fordert Kraft und Tugend, diesem Durst zu widerstehen; doch matt ist unser Gefuhl, indem wir unsere Starke uben. Und was erfolgt, wenn dies nicht geschieht? Bitteres Erwachen aus sussen Traumen!

Sie traten jetzt in den Saal, und auch Elsheim schien zerstreut, fast ubellaunig, bis Wein und Speise und mannigfaltige laute Gesprache alle in den Strom der geselligen Heiterkeit hineinzogen. Elsheim sass neben Charlotten und sprach sehr eifrig mit ihr; Leonhard hatte neben Albertinen Platz gefunden, und diese blieb wahrend der Mahlzeit heiter.

Auch den Dienstleuten hatte Elsheim an diesem Tage ein kleines Fest gegeben. Die Schulzen waren zugegen, sowie alle diejenigen, die als Knappen, Knechte, oder Zigeuner ausgeholfen hatten, und selbst der Forster, der den Zigeunerhauptmann nicht hatte spielen wollen, liess sich jetzt seinen Anteil am Schmause nicht nehmen. Obenan aber prangte der Schulmeister, durch seine gelungene und vielgepriesene Darstellung des lahmen Selbitz verherrlicht. Er war so begluckt und von dem Beifall, den er allgemein erlangt hatte, so berauscht, dass er an der ziemlich langen Tafel fast niemand zu Worte kommen liess, und wenigstens die andern alle mit seiner tonenden Stimme uberschrie. "Habt ihr es wohl gesehen und bemerkt", sagte er jetzt mit kraftigem Ton, "wie meine Rolle, dieser Selbitz, eigentlich, wenn man die Vernunft zu Hulfe nimmt, die Hauptperson im ganzen Stuck ist? Ohne ihn kann der Gotz nichts machen, gar nichts; gleich muss zu dem Lahmen geschickt werden, der auch zehnmal kluger ist, als der Herr Berlichingen selbst. Er traut gleich dem Weislingen nicht; er weiss, dass an dem hofischen Gesellen kein gutes Haar ist. Und ware ihm nur der Gotz immer gefolgt, so wurde alles besser gegangen sein. Er schlagt und siegt und ist sich und seiner Sache immerdar treu und unerschutterlich. Nun wird er aber im vollen Siege verwundet, er wird vom Schlachtfelde getragen: da zeigt er sich noch einmal in seiner ganzen Pracht, denn gewiss ist dieser Auftritt der schonste im ganzen Stuck. Er kann aber nicht mehr mitfechten, er muss nach Hause, um sich kurieren zu lassen, und nun ist es eigentlich auch mit dem Herrn Gotz zu Ende, denn von nun an geht alles mit ihm abwarts, er muss sich gefangen geben, und selbst der hochmutige Sickingen kann ihm im wesentlichen nichts nutzen. Auch nachher nicht, und noch viel weniger der armselige Zigeunerhauptmann, der auch so grosse Worte in den Mund nimmt und Blut und Leben fur ihn lassen will. Was konnen nun Lerse, Maria, selbst Weislingen fur ihn tun? So gut wie nichts; der arme Mensch muss zugrunde gehen, weil er seinen tuchtigen Selbitz nicht mehr hat, der wahrscheinlich an seinen Wunden gestorben ist, weil er gar nichts mehr von sich sehen und horen lasst. Seht, Kinder, so liegt eine sehr schone Moral in dieser Sache, dass so oft unansehnliche Manner, die nur in einem kleinen Wirkungskreise leben, doch die allerwichtigsten im ganzen Staate sind, wie denn das auch der Kaiser Maximilian wohl eingesehen hat, der diesen Selbitz gar zu gern zu seinem Feldherrn gemacht hatte. Es hatten eigentlich alle Schulkinder dies Meisterwerk mit ansehen mussen, hatte es nicht an Platz gemangelt. Ja, Freunde, wenn der verstandige Selbitz noch gelebt hatte, so wurde sich unser etwas bornierter Gotz niemals mit dem dummen Bauernvolk eingelassen haben."

Hier erhob sich plotzlich der Schulze in grossartigem Zorn. "Schimpft nicht", Schulmeister, rief er aus, "wenn Euch nicht dies Weinglas an den Kopf fliegen soll. Weil Ihr den lahmbeinigen Reitersmann gespielt habt, als Komodiant, durft Ihr darum unsersgleichen nicht verachten und niedertrachtig machen."

"Ich schimpfe nicht, Mann", schrie der Schulmeister dagegen; "die Leute dort, versteht, sind ja keine verstandigen Bauersmanner, sondern im Gegenteil nur Rebellen und Mordbrenner."

"Sie mogen auch nicht unrecht gehabt haben", rief der Schulze laut, aber doch etwas besanftigt; "wir horen ja auch im Stuck, dass ihre Herrschaften ihnen das Fell uber die Ohren gezogen haben und das ist, mein Seel, keine angenehme Empfindung."

"Ihr sprecht in der Art ganz vernunftig", sagte der Schulmeister, denn Ihr seid einer der verstandigsten Manner, die mir vorgekommen sind. Aber die Bauersleute gingen gleich uber die Grenze aller Billigkeit, folgten den schlechtesten Ratschlagen und wurden Morder und Kannibalen, schlachteten Schuldige und Unschuldige und verbrannten und beschadigten, wie Ihr es ja gesehen habt, den Bauernstand selber. Und das ist denn auch wieder moralisch und auferbaulich, wenn man sieht, wie ein solcher Aufstand immer wieder gegen sich selber wuten muss. Und darum hatte sich Gotz, der doch einen ehrlichen Mann vorstellen will, nicht mit ihnen einlassen sollen. Aber es bekommt ihm auch schlecht, wie ihr alle gesehen habt. Seinen Feinden, die ihn sturzen und die dem so ziemlich rechtlichen Manne gegenuber ganz niedertrachtig sind, geht es aber noch elender, und das ist nun eben die grosse und eindringliche Moral von dieser Sache, die sich jeder wohl zu Herzen nehmen soll. Wie uberhaupt das ganze Komodienstuck eine der allermoralischsten Arbeiten ist, die nur in der ganzen Welt zu finden sein mogen. Alle die Schlechten gehen unter und auch diejenigen, die sich haben verleiten lassen, und nur die ganz Schuldlosen bleiben ubrig, wie die Elisabeth, Maria und Lerse.

"Aber der Georg muss doch auch daran glauben", sagte der alte Forster, "und der hat doch kein Wasser getrubt und war seinem Herrn so treu und ergeben, und Euer Selbitz, mit dem Ihr so hoch hinauswollt, hat doch auch so viel abgekriegt, dass er wohl gar verendet hat, oder sich nicht wiedersehen lassen kann, weil er zu miserabel ist. Denn wenn der Stelzfuss wieder gesund und stark ware und liesse sich doch nicht wiedersehen, weil die Sachen etwa jetzt zu misslich standen, so ware der Schreihals, mein Seel, gegen seinen alten Kumpan, den Gotz, nur wie ein Lumpenhund!"

"Forstmann!" rief der Schulmeister, "so quer musst Ihr um des Himmel willen die Sachen nicht nehmen, das ist ja ein ganz falscher Gesichtspunkt. Der Dichter muss es am besten wissen, warum er den tuchtigen Stelzbein nicht wieder auftreten lasst. Dass wir ihn nicht wiedersehn, dass wir gar nichts weiter von ihm horen, als ganz zuletzt ein einziges Wort, scheint mir eben der grosste Fehler des Stucks zu sein. Er konnte, wie bei Weislingens Bund, den Gotz vom Bauernkriege abraten; er konnte zum alten Kaiser reiten und dem die ganze Kabale aufdecken; er musste den versunkenen Karren wieder aus dem Schlamme ziehen und selber dem ubermutigen Sickingen helfen. So ist es aber oft die Dichter legen einen Charakter gut und richtig an, sie wissen aber nicht den gehorigen Vorteil aus ihm zu ziehen, und so mussen sie ihn denn am Ende gar nolens volens ganz fallenlassen."

"Das ist immer ein schlechter Nolenz-Volenz", bemerkte der Schulz. "Hat Euch aber der Baron als Gotz nicht viel besser gefallen, als gestern der Professor?"

"Ohne Frage!" rief der Schulmeister, und alle Genossen am Tische bekraftigten diesen Ausspruch. "Wie dieser fremde Professor kann eigentlich jeder Mensch spielen, denn es war, um es geradeheraus zu sagen, gar nicht gespielt. So schlicht weg alles, so schlank hin, gar nicht einmal wie auswendig gelernt was ist denn darin fur Kunst? Unser Baron nahm den Mund so hubsch voll, liess sich so recht Zeit zu allem, stampfte so gravitatisch umher, glotzte seine Mitsprechenden so kunstlicher Weise an, und plotzlich, ohne dass es ein Mensch vermuten konnte, schrie er so laut und zerarbeitete sich so furchterlich, dass man wirklich erschrak. Nein, so leicht wird dem Manne das keiner wieder nachmachen. Ich habe in alten Buchern oft von den ungeheuern Effekten gelesen, die die Trauerspiele bei den Griechen auf die Zuschauer machten, so dass schwangere Weiber zu fruh in die Wochen kamen, dass andere Krampfe kriegten, und dergleichen mehr, was ich immer nicht glauben konnte, bis ich nun erlebte, dass durch den Baron Mannlich hier bei uns ganz dasselbe hervorgebracht ist."

"Effekte!" rief der Schulze, "was sind das fur Dinger?"

"Man kann es auch Wirkungen nennen", belehrte der Schulmeister, "aber Effekt ist der eigentliche Ausdruck, der in der Kunst angewendet werden muss, wenn man sich verstandlich machen will. Es ist namlich der Eindruck, welchen die Zuschauer an sich verspuren, ob sie sich wohl, ob sie sich ubel befinden, wie stark sie erschrecken, weinen, oder lachen, gespannt sind und sich verwundern; alles dies, was in der Seele des Zuschauers und Horers so durcheinander vorgeht, nennen wir Gelehrten die Effekte. Nun also, Freunde, Kinder, Nachbaren, verstandige Manner habt ihr es ja alle selbst gesehen und erlebt, wie auf ganz ahnliche Weise, wie im alten Athen, unser Baron Mannlich den ungeheuersten Effekt hervorbrachte. Zwar ist keine von den Damen plotzlich in die Wochen gekommen, denn dazu waren sie zu alt, aber Krampfe hat es doch gegeben, Krampfe aller Art, und gefahrliche Ohnmacht, so dass das Stuck nicht einmal zu Ende gespielt werden konnte. Es war auf jeden Fall ein grosser, ein merkwurdiger, ein erhabener Moment."

"Lari fari!" rief der Schulze, welcher verdrusslich war, dass der Schulmeister so lange das Wort fuhrte, "die Weibsen erschraken uber die Grobheit, die dem Baron in der Bosheit aus dem Munde fuhr. Effekte! Wenn ich mit einem Male dem Kaiser und Reich so ganz unscheniert dasselbe sagen wollte; wenn ich so zum Superintendenten sprache, oder dem Landrat das bote: mein Seel, so wurde ich auch Effekte machen und hervorbringen, und das kann auch ein jeder, solange er diese seine vaterlandische grobe Muttersprache spricht. Ich kriegte auch von dem lieben Effekt etwas ab, denn ich musste laut lachen, wie sich der Baron so vergessen konnte."

"Einfaltiger Mensch!" rief der Schulmeister, "das anstossige Wort war ja kein Einfall von ihm, es stand ja die Redensart ganz so in seiner Rolle, ich kann es Euch gedruckt im Buche zeigen. Und wurde denn nach dem ordinaren Wort, das wir ja auch zuweilen in unseren Dorfern horen, diese ungeheuere Wirkung, der erhabene, einzige Effekt sich gezeigt haben, wenn die Gemuter durch das grossartige Spiel nicht schon langst darauf waren vorbereitet worden, diese Sentenz, wie sie nun einmal ist, so aufzunehmen, wie wir es alle gesehen haben? Wie herrlich ware es, wenn der Baron Elsheim sein Theater bestehen liesse, dass wir zum Unterricht und zur Besserung der Gemeine nur sechs oder siebenmal im Jahre so klassische patriotische Schauspiele auffuhrten! wir wurden bald den Nutzen davon gewahr werden."

"Es war aber doch gut", sagte der Schulze, "dass gestern der Professor die anstossige Rede wegliess."

"Verdorben hat er den Text" sagte der Schulmeister eifernd. "'Er aber, er kann sich hangen lassen!' Wie matt, nichtssagend! Es wird immer schwer, wenn nicht unmoglich sein, einem grossen Dichter eine seiner Tiraden zu rauben und eine andere an die Stelle zu setzen."

Spat erhoben sich die Gesellschaften, sowohl diese bauerliche als jene vornehmere, von der Tafel, denn man hatte sich an beiden so gut unterhalten, dass man den Verlauf der Stunden nicht bemerkte. Die Gesellschaft war in Bewegung, und hin und wieder sprach man davon, dass vielleicht in kurzem ein zweites Stuck wurde aufgefuhrt werden. Da das Theater einmal errichtet war, und man Dekorationen gemalt, sowie mancherlei Kleidung und andere Dinge zu dieser Ergotzlichkeit mit bedeutenden Kosten angeschafft hatte, so war es an sich nicht unwahrscheinlich, dass diejenigen, welche sich Talent zutrauten, auch wohl Lust haben konnten, den Scherz weiter fortzufuhren. Man war daher auf etwas; Ahnliches vorbereitet, als der Professor Emmrich schon am folgenden Tage alle Bewohner des Schlosses in den Gesellschaftssaal beschied, um ihnen etwas vorzutragen. Mannlich, der zu Pferde wieder von seinem Gute eingetroffen war, befand sich auch zugegen.

"Meine Damen und Herren", fing der Professor Emmrich mit einiger Feierlichkeit an, die seiner Laune sehr gut stand, ohne eigentlich in das Komische zu fallen "das Leben ist kurz, der Sommer noch kurzer, wir sind beisammen, das Theater ist errichtet, wir sind meist jung, keiner veraltet und morose: was hindert uns, den Spass weiter fortzutreiben? Baron Mannlich und Elsheim waren gleichsam die Direktoren und Anstifter der vorigen Auffuhrung; ich wage mit Zuversicht auf Ihrer aller Freundschaft die einfache Frage, ob Sie sich fur die zweite Darstellung meiner Leitung, aber freilich unbedingt, anvertrauen wollen?"

Die Redlichen und Frohherzigen gaben sogleich ihre Zustimmung, und, um nicht aufzufallen, musste Baron Mannlich dasselbe tun, ob er sich gleich durch diese Einleitung, da er sich fur den ersten Kenner hielt, verletzt fuhlte. "Sind wir daruber einig", fuhr der Professor fort, "so wollen wir einmal einen andern Versuch machen, der dem vorigen gewissermassen ganz entgegengesetzt ist. Denn, meine verehrten Freunde, wie gross Goethe auch als Dichter sei (und wie sehr ich ihn verehre, brauche ich nicht zu wiederholen), so ist er doch keinesweges theatralisch. Dieses erste und in einem gewissen Sinne grosste und herrlichste Werk des Genius gab der Jungling damals hin, ganz unbekummert um seine Wirkung und noch viel weniger daruber, wie es auf unserm deutschen Theater zur wirklichen Erscheinung gebracht werden konnte. Er, der die Buhne liebte, hat sie doch eigentlich niemals geachtet und noch weniger studiert. Sein Gotz, welcher im Widerspruch gegen alle Gesinnung seiner Zeit war, ein Krieg gegen moderne Altklugheit und das Verkennen einer grossherzigen Vorzeit, hanselte gleichsam das bestehende Theater der Nation, auf welchem man mit puritanischer Angstlichkeit und zugleich oft roher Ungeschicklichkeit Zeit und Raum nach den uberkommenen franzosischen Regeln beobachten wollte. Der frohe Ubermut spielte mit den sogenannten Verwandlungen legte auch in diese Uberschriften Poesie und zwang diese Zufalligkeit, in seinem heroischen Werke mitzuspielen und durch das Hin und Her Eile und Verwirrung auszudrucken. Ein solches Werk, welches ganz aus Liebe hervorgegangen ist, ist durch sich selbst vollendet, denn diese echte Begeisterung irrt niemals und erschafft sich selbst ihre Regel. In diesem Gedicht stehen wir also nicht vor dem Theater, wir sehen keine Dekoration; sondern, indem wir lesen, sind wir selber mit im Gedicht, wir fuhlen den Duft des Bergwaldes, wir kommen aus der Muhle im Tal, wir horen das Geklirr des wirklichen Fensters, welches Gotz in kraftigem Unwillen zuwirft, und so gehort uns und unserm Empfinden eine jede dieser Uberschriften von Schenke, Feld und Lager. Sehen wir nun Kulissen und die Veranderungen unserer Buhne, so wird uns statt der Wahrheit eine hergebrachte kunstliche und konventionelle Tauschung untergeschoben. Dadurch allein schon erlahmt das Werk; sein Organismus aber wird vollig zerstort, wenn wir Szenen auslassen, zwei oder drei in eine zusammenziehen und jener Buhne, an welche der Dichter bei der Komposition in keinem Augenblicke dachte, zu Gefallen leben, uns vor ihr neigen und demutigen und daruber das Gedicht in Grund und Boden verderben. Denn nicht eine Zeile, nicht ein Wort, auch nicht jene Ungezogenheiten lassen sich diesem wunderbaren Werke abhandeln, ohne seinem innersten Leben zu nahe zu tun. Sie mussen dies bei der Auffuhrung alle selbst, mehr oder minder, empfunden haben. Theatralisch, nach unsern Begriffen, ist also dieses Kunstwerk gewiss nicht. Soll ich sagen, dass dieser Vorwurf selbst zu gross, dass er ungerecht sei? Ungern! denn weder das echte poetische Theater, noch unser konventionelles hat unser Dichter jemals finden konnen, auch nachher nicht, als er es suchte und sich darum bemuhte. Nehmen wir also diesen Gotz, so wie er eben da ist, als ein kanonisches Werk, in dem keine Zeile geandert oder gekurzt werden darf. Eine untergehende edle Zeit malt sich in diesem Gedicht, welche neueren Bestrebungen weichen muss. Der Reprasentant der alten Freiheit ist grossherzig, bieder und rustig, aber wir sehen keine Tat von ihm, die ihn eigentlich zum Helden eines Schauspiels stempelt. Zustande, Situationen, Verhaltnisse, Weisheit in Scherz und Ernst vernehmen wir; unser Gemut ist bewegt, unsere Aufmerksamkeit rege, Bild drangt sich auf Bild; aber kein Drama, keine Handlung eines Schauspiels bereitet sich vor und entwickelt sich. Die grosse Begebenheit des Bauernkrieges erscheint nur als Episode; die noch grossere der Reformation wird kaum angedeutet. Der Kaiser ist eine Nebenfigur des Hintergrundes und so geschichtlich alles behandelt ist, so wird die Historie der Zeit doch gleichsam verschwiegen. Und dennoch bleibt dieses Werk fur uns Deutsche, wie fur den Auslander, ein einziges, mit welchem sich kein anderes messen kann, selbst nicht der Egmont desselben Autors. Sonderbar, dass Goethe selbst sich die uberflussige Muhe gegeben hat, seinen Gotz fur die Buhne vollig umzuarbeiten; ich war kurzlich in Weimar und sah diese Erscheinung, auf welche man, als auf eine Neuigkeit, gespannt war. Jener zufalligen Buhne, fur welche sein Werk nicht passt, hat er nun die grossten Schonheiten aufgeopfert, und doch ist das Gedicht ohne alle dramatische Wirkung, einige Szenen abgerechnet, in welchen er einen beinahe melodramatischen Effekt beabsichtigt hat. Dazu wird der Tod der Adelheid benutzt; eine Mummerei tritt ein, der Hauptmann der Reichstruppen ist Karikatur, Franz spricht epigrammatische Reime, und Carlchen, welches fast an unsern Kotzebue erinnert, will Weislingen, den Gefangenen, recht ruhrend mit dem Vater versohnen. Selten habe ich, wie damals, mit so widrigen Empfindungen das Theater verlassen, und ich kann das durchaus Storende nicht beschreiben, wie meine Kritik mit meiner Liebe zu dem Manne, der meine unbegrenzte Verehrung hat, in Hader geriet. Dort in dem Wohnsitz der Kunst durfte ich meine Empfindungen nicht laut werden lassen."

" Ich habe mir diese Darstellung", fiel Elsheim ein, "von Freunden des Dichters schildern lassen und muss sie nach diesen Berichten auch fur eine merkwurdige Verirrung halten."

"Unser Theater", fuhr Emmrich fort, "hat diesem Dichter, und darin hatte er wohl recht, niemals genugt; aber er, der so viel Zeit mit Einstudieren und Einrichten so mancher unbedeutenden Stucke zubringt oder verliert, hat doch niemals die Buhne selbst reformieren oder revolutionieren wollen, sondern er meint, mit Massigung, richtiger Deklamation, Deutlichkeit und dergleichen auch loblichen Dingen sei alles getan. Prufen wir alle dramatischen Werke Goethes, so werden wir finden, dass ihnen jene Wirkung mangelt, die auch der feinsinnigste Kunstkenner, der sich nicht durch den Stoff bestechen lasst, verlangen muss. So stehen in dem herrlichen Egmont alle an sich trefflichen Szenen still; die dramatische Stromung, die alles in Bewegung setzt, fehlt."

"Fruh", sagte Elsheim, "hatte sich der Dichter daran gewohnt jede Frage, kritische wie moralische, in Dialog zu denken und zu setzen. Diese scheinbare Verwandlung eines jeden Gegenstandes in einen dramatischen hat wohl sein Auge irregefuhrt. Denn nicht alles Interessante und Wichtige eignet sich zum Drama, sowenig wie jede Geschichte eine historische Malerei werden kann. Dass man den Roman schon fruh in die Buhnendarstellung hat ziehen wollen, scheint mir einer der grossten Missgriffe und hat die schlimmsten Verwirrungen herbeigefuhrt."

"Also denn, meine verehrten Freunde, wollen wir auf meinen Rat diese Bahn verlassen und unter meiner Leitung eine neue versuchen und einschlagen. Baron Elsheim und Mannlich haben ihr Gelust an dem Lieblingswerk ihrer Jugend befriedigt, und ich werde jetzt die Gesellschaft in Anspruch nehmen, meiner Krankheit denselben Dienst zu leisten, um durch diese Bemuhung vielleicht geheilt zu werden. Seit lange habe ich namlich daruber gedacht, wie man das Gedicht von Shakespeare: den 'Drei-Konigs-Abend' oder 'Was ihr wollt' durch eine Auffuhrung ganz klarmachen und in das gehorige Licht stellen konne. Ich setze voraus, Ihnen allen ist das Gedicht bekannt: sollte ich mich aber irren, so bitte ich diejenigen, welchen es fremd ist, diesen Halbkreis zu verlassen und sich dort in die Gegend des Sofas zu begeben."

"Wem wird dies Meisterstuck fremd sein!" rief Mannlich aus, aber er brach ab, indem er sah, dass sich Graf Bitterfeld still nach jenem Sofa verfugte.

"Und die Rollen?" fragte Elsheim.

"Ich glaube, ja ich bin fast uberzeugt, dass wir mit diesen Mitgliedern die poetische Komodie vortrefflich ausfuhren konnen. Auch kann sich hier das Talent viel sicherer entfalten, und es wird sich zeigen, ob wir was mehr als Naturalisten sind, da wir den Gotz doch mehr oder minder als Dilettanten gespielt haben."

"Sehr wahr", sagte Mannlich, und sah jeden im Kreise mit festem Auge an.

"Diese ganz dichterische Komodie", fuhr Emmrich fort, "zwingt uns, wenn wir sie nicht ganz verderben wollen, aus uns herauszutreten, und doch fordert die Zartheit und der rasche Wechsel, indem der Dichter nirgend schwerfallig verweilt, dass der Darsteller ebenfalls rasch sein muss und gehalten, nirgend Karikatur und stillstehende Grimasse. Die Aufgabe wird nun sein, dass das Wichtige auf die rechte Art hervortritt, und jede Person, wie es die Gelegenheit fordert, auch wieder in den Hintergrund tritt, um nicht den Sinn des Gedichtes zu storen oder selbst zu vernichten. Diese notwendige Kunst, sich zur rechten Zeit zuruckzuziehen und unbemerkt zu bleiben, fehlt oft den besten Schauspielern vom Metier, die sich nur zu leicht verwohnen, das ganze Stuck und alle Szenen immerdar beherrschen zu wollen. Alle Tone klingen in diesem einzigen Werke an, Posse und Spass werden nicht verschmaht, das Niedrige selbst beruhrt und angedeutet, aber ebenso das Poetische, die Sehnsucht, die Tone der Liebe, und dabei so viel dichterischer Eigensinn, Tollheit, Weisheit, feiner Scherz und tiefsinnige Gedanken in der Gaukelei, dass das Poem wie ein grosser vielfarbiger Schmetterling durch reine blaue Luft flattert, der Sonne und den buntfarbigen Blumen seinen goldenen Glanz entgegenspiegelt, und wer ihn haschen will, um ihn naher zu betrachten, hute sich nur, vom leichten Duft des zartesten Blutenstaubes etwas abzustreifen, weil der kleinste Verlust die wie in Luft hingehauchte Schonheit schon verdirbt."

"Das ist es", fiel Elsheim ein, "warum so wenige Leser, die sonst den grossen Dichter zu verstehen glauben und ihn wenigstens bewundern, mit diesen seinen Lustspielen etwas anzufangen wissen."

"Wie glucklich sind wir Deutsche", begann Emmrich wieder, "dass unser Schlegel uns diese und andere Werke des Briten so durchaus meisterhaft ubersetzt hat. Man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, der Umwandler habe sich hierin als wahrer Dichter gezeigt."

"Nun aber", fiel Mannlich ein, "zur Hauptsache, und, wie Freund Elsheim schon fragte, wie steht es mit den Rollen?"

"Uber einige Nebenrollen bin ich noch ungewiss", sagte Emmrich, "doch mussen Sie mir alle, wie Sie mir versprachen, in den Hauptsachen Folge leisten. Das Gelingen oder Fehlschlagen habe ich dann auch allein zu verantworten. Um mit den Damen anzufangen, so wird sich Fraulein Charlotte nicht weigern, die reizende kapriziose Olivia mit allen ihren poetischen Launen darzustellen. In ihrer tiefen Trauer, die sie willkurlich verlangert, und doch mit Teilnahme den Narren anhort, ja sogar mit einiger Schadenfreude, wenn er ihren sehr wurdigen Haushofmeister verspottet, so wunderbar im scheinbaren Widerspruch mit sich selbst; sie, die gegen den Fursten fast unartig ist und sich dann sogleich in einen kleinen naseweisen jungen Menschen verliebt, der sie durchaus nicht mit Hochachtung behandelt. Von ihrem gestorbenen Bruder ist nun nicht mehr die Rede, und sie ergibt sich ganz dieser Leidenschaft."

Mit einer besorglichen Miene fragte jetzt Albertine: "Und Viola?"

"Freilich mussen Sie, schones Fraulein, diese geben", erwiderte mit kaltblutiger Ruhe Emmrich. "Und sein Sie unbekummert; ihr Anzug soll so dezent und zugleich artig ausfallen, dass auch die Pruderie selbst nicht daruber soll murren konnen. Und ist Ihnen nicht unser Fraulein Dorothea so lobenswert und ohne alle Angstlichkeit oder Ziererei mit dem Beispiel als Knabe Georg vorangegangen? Der Ubermut, den Viola so willkurlich annimmt und anfangs ubertreibt, um nur nicht als Madchen erkannt zu werden, wird Sie, trotz Ihrem Hange zur Schwermut, allerliebst kleiden. Die herzlichen Tone des Gemutes werden dann suss in den Empfindungen der Liebe anklingen, und mit einem Wort, Sie werden so hubsch und reizend sein, dass sich alle Welt in Sie verliebt. Und welch Gluck, dass Ihr Bruderchen zu uns gekommen ist; dieser angenehme junge Cadet, der sich schon im Franz so ausgezeichnet hat. Er ist ohne Frage in Anstand und Gesicht seiner Schwester Albertine ahnlich. Sind beide gleich gekleidet, so mussen sie wirklich zum Verwechseln sein. Dieses Vorzugs kann sich nicht leicht ein Theater ruhmen, und wir mussen diesen Glucksfall auch benutzen."

"Nicht wahr?" rief Dorothea, "mir fallt gewiss das kleine schnippische Kammermadchen zu?"

"So ist es, sind Sie damit einverstanden?"

"Herrlich will ich sie spielen", rief die Ubermutige, "vorzuglich, wenn sie den uberklugen Malvolio zum besten hat."

"Diesen", sprach Emmrich weiter, "habe ich mir freilich selbst vorbehalten. Den Herzog wird Baron Elsheim darstellen, und den lieben, treuen, edlen Antonio, dessen kleine Rolle so hinreissend und eigen interessant ist, wird Herr Leonhard gewiss schon mit seinem weichen und doch kraftig mannlichen Tenor sprechen."

"Alles gut", sagte Mannlich, "aber ich begreife nicht, wozu Sie mich noch brauchen konnten, da alle Rollen schon besetzt sind."

"Unentbehrlich sind Sie uns, teurer, verehrter Baron", rief Emmrich lebhaft aus; "Ihre unvergleichliche Laune, gepaart mit der edlen Sitte der Erziehung, Ihre tiefe Stimme, die Sie so wunderbar in Ihrer Gewalt haben, Ihr Scherz, der sich alles erlauben darf und doch niemals sich bis zum Unziemlichen oder gar Niedrigen vergisst, alles dies stempelt Sie dazu, uns den Oheim der Olivia, den bei allen Schwachen liebenswurdigen Tobias, darzustellen."

"Wie? den Schlemmer? den Trunkenbold?" rief Mannlich verwundert aus.

"Denselben aber auch", sagte Emmrich, "der den hochmutigen Malvolio so geistreich neckt, der fahig ist, sich in das hubsche witzige Kammermadchen zu verlieben und sie sogar zu heiraten; denselben endlich, der mit so vieler Laune den Bleichenwang foppt und, wiewohl er ein Trunkenbold ist, doch immer ein Mann von Stande bleibt."

"Nun, es sei einmal versucht", sagte Mannlich, der sich durch die Rede geschmeichelt fuhlte, lachelnd: "der Seltenheit wegen, und weil ich auch schon fruher mein Wort gab, Ihnen unbedingt zu gehorchen. Aber wem haben Sie diesen Christoph zugeteilt?"

"Diesen Andreas Fieberwange oder Christoph Bleichenwang, wie ihn Schlegel umtauft, wird unser Graf Bitterfeld gewiss mit aller Grazie und Feinheit geben, welche diese sehr schwere Rolle erfordert."

"Wie gesagt, ich kenne das Gedicht nicht", bemerkte der Graf, indem er sich vom Sofa erhob, "ich vertraue Ihrer Einsicht aber unbedingt und werde mich fur den Mann stellen. Schaffen Sie mir nur bald die Rolle, weil ich nur langsam lerne."

"In dem Verwalter", fing Emmrich wieder an, "welcher sich neulich so schnell als Sickingen versuchen musste, habe ich ein schones Talent entdeckt, fast die lieblichste Tenorstimme namlich, die mein Ohr jemals vernommen hat. Dabei kann er, wie ich ofter bemerkt habe, unter seinesgleichen recht kalt und ruhig scherzen; seine Spasse gleiten so rund und mit solcher Glatte von seinen Lippen, dass ich ihm die Rolle bestimmt habe, die ich fur die schwerste im Stuck halte; er soll namlich den allerliebsten Narren spielen, und ich bin fast jetzt schon uberzeugt, dass es ihm mit einiger Zurechtweisung vollkommen gelingen wird."

"Ich muss mir auch Ihre gutige Unterweisung ausbitten", sagte Mannlich, "denn soviel ich auch gespielt oder vorgelesen habe, so habe ich mich doch noch niemals im Komischen versucht."

"Um so erwunschter muss es Ihnen sein", sagte Emmrich, "sich selber auch in dieser noch fremden Gegend kennenzulernen und sich zu uberzeugen, dass dem Hochbegabten nichts unerreichbar ist, wohin er sich auch versteigen mag."

Man trennte sich, und Leonhard und Elsheim waren diejenigen, welche am meisten nachdenkend schienen: ob uber die neue Aufgabe, die sie zu losen hatten, war nicht zu entscheiden. In diesem Grubeln war es dem jungen Tischler lieb, dass ihn der Professor schon am Nachmittage auf den Rittersaal bestellte, wo, wie jener ihm vertraut hatte, an der dort aufgeschlagenen Buhne viele und wesentliche Veranderungen vorgenommen werden mussten. Im Vorsaal begegneten sich nach dem Mittagsessen Leonhard und Elsheim. Schweigend sahen sich die Freunde beide lange an, endlich sagte der Tischler: "Ich weiss nicht, Teuerster, wie es ist, aber du scheinst mir seit einigen Tagen, wenigstens auf Stunden lang, so verstimmt, dass ich dir gegenuber meine Unbefangenheit verliere. Oft uberrascht mich das Gefuhl, ich mochte dich gekrankt oder verletzt haben, und doch wusste ich nicht zu sagen, wodurch. Soviel ist aber gewiss, jene heitere Laune, die dich auf unserer Herreise begeisterte, ist verschwunden."

"Und sagst du das", antwortete Elsheim, "so mochte ich dasselbe von dir behaupten. Oh, Liebster, man hat sich nicht immer so in der Gewalt, wie man es wohl mochte. Unsere Stimmungen hangen nur zu oft von einem unsichtbaren, einem gar nicht zu bezeichnenden Umstande ab. Aprilwetter ist manchmal in uns, dagegen ist nichts zu tun; und man bleibt ein Kind, werde man auch noch so alt. Du weisst es, dass ich mich seit Jahren darauf freute, hier dies Gut zu ubernehmen und mit ihm die Ubersicht meines Vermogens zu bekommen, meine gute Mutter ganz zur Ruhe zu setzen und sie aller Sorgen zu entheben, einmal das Lieblingsgedicht meiner Jugend aufzufuhren und selbst im Darstellen desselben mitzuhandeln; so ist nun alles auch geworden, wie ich wollte, und das Ende davon ist, ich habe meine Mutter tief beleidigt und ihre alten Freunde gekrankt; sie hat sich entfernt und verzeiht mir jene Ubereilung vielleicht niemals ganz nun geht auch die Komodie fort, der ich mich unmoglich entziehen kann, und ich bin dadurch gezwungen, mit dieser Albertine in ein naheres Verhaltnis zu treten, welches mich mehr als alles peinigt jetzt kann ich meinen fruhern Leichtsinn nicht wiederfinden, der ehemals alles dies und noch ernstere Dinge wie Staub wurde von sich geschuttelt haben."

Leonhard entfernte sich und zwar mit dem Gefuhl, als ob sein Freund nicht ganz aufrichtig gegen ihn gewesen ware. Er begab sich nach dem Rittersaal, wo der stets rustige Emmrich schon seiner wartete.

Er war sehr verwundert, dass Emmrich ihm sogleich mit dem Vorschlag entgegentrat, das Theater umzustellen und es in die volle Lange des Saales zu legen, statt dass es jetzt die Halfte des oblongen Raumes einnahm. "Wir gewinnen damit", sagte der Professor, "dass die Zuschauer alle uns viel naher sitzen, und dass wir ein viel breiteres Proszenium bekommen. Die Tiefe der Buhne geht freilich dadurch verloren, aber die Tiefe ist es auch, die mich bei jedem andern Theater argert und die dem guten Schauspieler das Spiel unendlich erschwert. Goethe sagt einmal im Meister, es ware zu wunschen, die Spielenden bewegten sich auf dem schmalen Streifen einer Leine. Gewiss kommen sie dem Ziele bedeutend naher, wenn wir die unnutze Tiefe unserer Buhnen abschaffen. Freilich kann dann nicht mehr von einem unglucklichen Kronungszug die Rede sein, der um das ganze tiefe Viereck der Buhne marschiert, um dann im Hintergrund in das zu niedrige Portal einer machtigen Kathedrale hineinzukriechen. Dergleichen Zuge, wenn sie denn einmal sein sollen, mussen dann vorn aus der ersten oder zweiten Kulisse im Profil nach der gegenuberliegenden Offnung sich begeben, und nur auf diese Weise kann es mit Verstand und kunstmassig geschehen, wie wir ja auch, wenn wir die Wahl haben, jene Fenster mieten, denen ein wirklicher Aufzug oder eine Prozession auf diese Weise vorubergeht."

Mit Hulfe der Arbeiter wurde die Erhohung der Buhne sogleich nach ihren Teilen so aneinandergeschoben, dass sie den Raum einnahm, welchen Emmrich bestimmt hatte.

"Wir haben hierbei ausserdem den Vorteil", sagte der Professor, "dass wir die Tur in der Mitte, die aus dem Saal in die Cabinete dort fuhrt, benutzen und hinter der Buhne die Ankleidezimmer einrichten konnen; rechts und links sind ebenfalls Ausgange, so dass das ganze Theater bequem zum Spiel kann gebraucht werden." Hierauf gab er dem aufmerksamen Leonhard eine Zeichnung, nach welcher in der Mitte der Buhne, nur wenige Fuss von der letzten Linie des Proszeniums zwei Saulen aufgerichtet werden sollten, die oben, bei zehn Fuss Hohe, einen ziemlich breiten Altan tragen sollten. Die Saulen standen auf drei breiten Stufen, die die Tiefe des Proszeniums noch mehr verengten. "Sie sehen", sagte Emmrich, "wie mein Streben dahin geht, die Spielenden ganz in den Vordergrund, in die Nahe der Zuschauer zu drangen. Diese drei Stufen fuhren zu einer inneren kleinen Buhne hinauf, die zuweilen mit einem Vorhang verdeckt, zuweilen offen ist; sie stellt nach Gelegenheit Feld, Hohle, oder Zimmer vor; in unserm Stuck ist sie erst die Stube, wo die Trunkenbolde larmen, und nachher die Gartenlaube, in welcher die Neckenden den tollen Monolog des Malvolio behorchen. Den obern Altan brauchen wir in unserm Lustspiel nicht, wenn er gleich dem Shakespeare und seinen Zeitgenossen unentbehrlich war; zu ihm fuhren rechts und links ziemlich breite Stufen hinauf. Auf diesen sassen die Ratsversammlungen und Parlamente, und mit wenigen Figuren erschien die Buhne doch angefullt, weil der Raum rechts und links beschrankt war, und man sich so die Banke erweitert denken konnte. Auf den Stufen vorn und an den Seiten fielen die Sterbenden hin und lagen naturlich viel malerischer, als auf unsern Theatern; an die freien Saulen lehnten sich die Melancholischen, oder Nachdenkenden; die Stufen rechts oder links schritt Macbeth hinauf, sowie Falstaff in den lustigen Weibern; auf dem obern Balkon standen die Burger und parlamentierten mit dem Konige Johann und Philipp August; hier unten, von den Stufen erhoht, sassen Konig und Konigin im Hamlet; hier war Macbeths Tafel, wo Banquo erschien. Ohne weitlauftige Belehrung ergibt sich der Vorteil dieser Buhneneinrichtung. Rechts und links auf dem Proszenium konnten zwei sich deutlich absondernde Gruppen stehen; stand die eine etwas zuruck, so war die Fiktion sehr naturlich, dass jene gegenuber sie nicht mehr bemerkte; mit zwei einzelnen Personen war die Sache noch naturlicher. Eine dritte Gruppe stand oder sass hier hoher, auf der innern kleinern Buhne, die aber doch durch diese Einrichtung den Zuschauern ganz nahe stand. Keine Person deckte die andere, alle waren frei und gleichsam in Rahmen eingefasst, wodurch das Bildliche und Malerische noch deutlicher hervortrat. War es nun notig, wie etwa in historischen Stucken, so zeigten sich oben auf dem Altan handelnde und sprechende Figuren; in Heinrich dem Achten waren die Treppen rechts und links vom Parlament besetzt, auf der Stufe in der Mitte sass Wolsey, und uber ihm auf der innern Buhne der Konig Heinrich. So war in allen Umstanden, mochte das Bild aus vielen oder wenigen Figuren bestehen, die Gruppierung immer ungefahr so, wie Raffael und die guten Maler ihre Gemalde ordnen. Auf diese Weise war die Buhne fur die wesentlichen Forderungen ungefahr in ahnlicher Art wie die des Sophokles beschaffen; doch behaupte ich, man kann im Shakespeare und seinen Zeitgenossen nicht alles verstehen, manches bleibt unklar, wenn man nicht soviel Kenntnis von der Sache hat, um jene echte europaische oder wenigstens englische Buhne sich zu vergegenwartigen. Frankreich, Deutschland sogar, ebenso Spanien hatten anfangs auch eine ahnliche Einrichtung; als die Franzosen scheinbar aufgeklart ihre Dramen nach dem Muster der Alten, wie sie sich einbildeten, formten, errichteten sie die neuere Buhne, welche den Tragodien und Lustspielen, in welchen nur wenige Personen sprechen, in welchen sich niemals Gruppen zu stellen brauchen, wo keine Volksauflaufe, Belagerungen und dergleichen sich gestalten, auch vollkommen angemessen ist. Wir Deutschen haben jetzt dieses konventionelle, eng begrenzte Schauspiel wieder aufgegeben; nun passt uns die angenommene Buhne nicht, diese alte englische oder europaische Form ist vergessen, und wir qualen uns daher hochst unkunstlerisch mit Dekorationen, bauen in den Zwischenakten Hugel und Festungen auf, Galerieen und Terrassen, und fuhlen, wie Text und Theater sich gegenseitig hindern, miteinander streiten, alles schwierig, zeitraubend, ungeschickt herauskommt, und der Regisseur sich erleichtert fuhlt, wenn er einmal wieder ein Drama einrichtet, in welchem ohne Holzbocke und aufgelegte Bretter, ohne Balcons und Festungswalle gespielt werden kann. Dieses altere Theater aber, welches wir hier im kleinen nachahmen, spielt in jeder Szene selber mit, es darf sogar zu den Hauptpersonen gerechnet werden, es erleichtert auch jedem Auftretenden sein Spiel, es hilft ihm, es unterstutzt ihn, er steht nicht verlassen in einem wusten leeren Viereck, sondern kann sich geistig und korperlich allenthalben anlehnen und wie ein Gemalde in seinen Rahmen treten. Wollen wir den Shakespeare nun wirklich auffuhren, ohne ihn zu entstellen, so mussen wir damit anfangen, uns ein Theater einzurichten, das dem seinigen ahnlich ist."

"So sind uns jene Dekorationen, die kurzlich gemalt sind, auch ganz uberflussig", sagte Leonhard.

Emmrich antwortete: "Wenn wir die Raume anstandig bekleiden und verzieren, wenn die Vorhange, die die innere Buhne verdecken, mit Schicklichkeit sich schliessen und offnen, wenn in diesem kleineren Theater die Hinterwand wieder aus Seide oder Tuch besteht, so sind sie uns freilich uberflussig. Indessen konnen wir einzelne Stucke von Wald, Feld und Garten drinnen aufstellen, um manche Szenen noch bestimmter anzudeuten."

"Ein sehr viel breiterer Vorhang, als jener, wird aber notwendig sein", sagte Leonhard.

"Wir brauchen gar keinen, der vorn die ganze Buhne schlosse", antwortete Emmrich, "wie Shakespeare auch keinen solchen auf seinem Theater hatte. Sorgen wir nur, dass durch Verzierung die Buhne sich geschmackvoll und nicht allzu storend mit dem ubrigen Saal verbindet. Bei den Englandern war das ganze Gebaude eine Rotunde oder ein Viereck, und die Logenreihen standen in Verhaltnis mit dem Balcon hier; dieser war fast nur eine Fortsetzung derselben, so dass die Buhne in sich selbst ein schon geordnetes Ganzes war, und die Zuschauenden dadurch gleichsam zu den Mitspielenden gehorten, ganz ahnlich dem griechischen Theater. Bei uns ist der grelle Abschnitt der Buhne vom Schauspielhause vollig unkunstlerisch und barbarisch; schon vorher, besonders aber, wenn der Vorhang aufgezogen ist, sieht das Haus nicht anders aus, als wenn die eine Halfte weggeworfen ware. Wir setzen gerade darin den Vorzug, dass Buhne und Zuschauer in gar keiner Verbindung sein sollen."

Leonhard entfernte sich mit der Zeichnung, um darnach eine genauere auszuarbeiten, damit gleich am folgenden Tage der Anfang gemacht werden konne, die Buhne nach dieser neuen Ansicht einzurichten. Indem er fleissig arbeitete und rechnete, fielen ihm die Szenen in Romeo und Othello ein, in Heinrich dem Sechsten und der Sommernacht, die sich anstandig, ja selbst moglich nur in dieser Buhneneinrichtung gestalteten. Als er mit seiner Zeichnung schon ziemlich weit gediehen war, kam Emmrich hinzu, und beide arbeiteten nun gemeinschaftlich. Der Professor sagte: "Es gefallt mir an Ihnen, werter Herr Leonhard, dass Sie so leicht die fast angebornen Vorurteile anderer Architekten haben ablegen konnen; denn diesen schweben in der Regel, wenn von einem Theater die Rede ist, gleich alle die Kindereien und hergebrachten Torheiten vor, die ich fur unnutz oder schadlich halte."

"Wenn wir etwas Neues lernen", sagte Leonhard, "mussen wir uns diesem gleich ganz hingeben konnen, damit nicht eine widernaturliche Vermischung zweier entgegengesetzten Dinge entstehe, die schlimmer als alles ist."

"Sehr wahr", sagte Emmrich, "und doch glauben oft kluge Menschen, durch eine solche Vermittelung, wie sie es nennen, allen Forderungen zu genugen."

"Weil so wenige Menschen bedenken", sagte Leonhard, "dass das Rechte und Tuchtige in sich vollstandig sein und aus einem Stucke bestehen muss. Makeln denn nicht so viele, auch geistreiche an Meisterwerken? Ist es denn nicht in der Regel das Einzelne, Unzusammenhangende, was die Menschen entzuckt? Die meisten sind viel zu kraftlos, um den Glauben und die Demut zu finden, die unerlasslich sind, um ein echtes Kunstwerk zu verstehen."

"Das gefallt mir", erwiderte Emmrich, "dass Sie behaupten, aus Kraft gehe die echte Demut hervor. Nichts ist so unbandig als die Schwache und Geistesohnmacht. Sie widerstrebt allem Grossen und Vollendeten, besonders in der Kunst, sie will keine Autoritaten anerkennen, um sich sklavisch vor dem ersten besten Scharlatan zu erniedrigen, der die geringe Kunst des Taschenspielers besitzt, diesen hochfahrenden Mittelmassigen zu imponieren."

"Auch jene trockene Altklugheit", fuhr Leonhard fort, "ist Schwache. Diese echten Philister meinen, in ihrem Innern das hochste Ideal zu besitzen, und nun gehen sie sich gar nicht einmal mehr die Muhe, in ein Kunstwerk einzudringen, sondern sie bleiben recht mit Vorsatz ausserhalb vor demselben stehen und schauen nun mit blodem Auge an der Poesie und dem Gemalde umher, um nur schnell die Mangel zu finden, die nach ihrer Aussage zum Ideal noch fehlen."

"Wie Sie schon fruher bemerkten", sagte Emmrich, "so ist eben jedes echte Werk, das der wahren Kunst angehort, in sich selbst begrenzt und vollendet. Aber von jenem ganz verwerflichen Eklektizismus eines Mengs, der die Vorzuge eines Raffael, Tizian und Correggio vereinigen wollte, konnen sich selbst in unsern Tagen manche hochbegabte Geister nicht losmachen, die fur Stimmfuhrer der bessern Zeit und Einsicht gelten wollen."

Hier wurden sie unterbrochen, indem Elsheim hereintrat, welchem der Schulmeister folgte.

"Ich bringe hier einen Supplikanten", sagte Elsheim lachend, "der sich durchaus nicht will abweisen lassen."

"Ja wohl", sagte der Schulmeister; "ich habe namlich gehort, dass wieder eine Komodie im Werk ist, und nun sagt mir der Herr Baron, dass Sie, Herr Professor, das Ding diesmal unumschrankt dirigieren, dass er nichts dabei zu befehlen habe, dass ich aber keine Rolle darin bekommen soll, da ich mich doch bei der vorigen Auffuhrung gewiss zu meinem Vorteil ausgezeichnet habe."

"Lieber Mann", sagte Emmrich, "Sie haben gewiss recht wacker agiert, aber unser Herr Baron wunschte doch deswegen hauptsachlich Ihren Beistand, weil Selbitz mit einem Stelzfuss auftreten muss; dieser qualifizierte Sie gleichsam von Natur zu jener Rolle; in dem Lustspiel aber, welches wir jetzt geben wollen, erscheint kein Mann mit dieser Verstummelung."

"Lassen Sie sich dienen", erwiderte der Schulmeister mit der grossten Lebhaftigkeit. "Unser junger Herr Baron hat das Stuck vom Gotz recht sehr hubsch eingerichtet, abgekurzt und umgearbeitet, damit wir es auf dem Theater spielen konnten. Das muss so hore ich und habe es auch gelesen, immerdar mit so widerhaarigen Dingen geschehen, die in unsern Zeiten, da wir viel feiner sind, erst eine anstandige Frisur erhalten mussen. Mit dem britannischen wunderlichen Poeten ist das aber am allernotigsten und geschieht auch immer von einsichtigen Leuten. Ich habe mir nun das Buch geben lassen und das schnurrige Ding gelesen. Es ist freilich nicht viel dran, es ist sehr leichte und lose Ware; indessen da Sie, geehrter Herr Professor, einmal eine Vorliebe fur die schnakische Komodie haben, so bin ich gekommen, Ihnen einen recht akzeptablen Vorschlag zu tun, der Ihnen auch Ehre bringen wird. Als der Hascher oder Gerichtsfron namlich den alten Antonio, den Seecapitain, seinem jungen Herzoge als Gefangenen vorstellt, sagt er unter andern Worten auch ungefahr so: 'Das ist der Antonio, der den Phonix enterte, wo Euer junger Neff ein Bein verlor.' Die Rede ist mir gleich aufgefallen. Setzen wir statt dessen: wo Euer alter Ohm ein Bein verlor, und bringen Sie so, verehrter Herr Professor, mir und der Komodie zuliebe einen alten, tuchtigen, tapferen und welterfahrenen Mann in das Stuck, der wieder, wie Selbitz, einen Stelzfuss haben kann und muss. Begreifen Sie nur, Herr Professor, dass es uberhaupt in dem Stuck an einem verstandigen Manne fehlt, denn die meisten sind wirkliche Narren. Dieser Oheim kann also kluger sein, als alle, er kann gewissermassen die Politik des Herzogs lenken; er ist auch gegen das Heiratsprojekt mit der abenteuerlichen Olivia, er mochte uberhaupt gern Ruhe und Ordnung an dem verwirrten Hofe herstellen, und nur die phantastischen Launen des jungen Fursten arbeiten ihm immer entgegen. Wie er seinen ehemaligen Feind, den biederherzigen Antonio, wiederfindet, ihm Gerechtigkeit widerfahren lasst, den alten Groll aufgibt und sich mit ihm versohnt; welche herrliche, ruhrende Szene konnte das geben! Wie edler fiele das Ganze aus, wenn sich die schwarmerische Viola gleich von Anfang diesem biedern Alten vertraute, und er, da er ein personlicher Freund ihres Vaters gewesen ist, ihr mit Rat und Tat beistande, so die Entwicklung und den Schluss viel vernunftiger machte und ihm einen Teil des Abenteuerlichen nahme, welches so gehauft ist, dass es den Gebildeten verletzen muss. Werter Herr Professor, dichten Sie diese Szenen hinzu und schieben Sie sie ein, und Sie werden sehen, was das Ganze dadurch gewinnen wird. Ich aber bleibe Ihnen ewig dankbar, denn Sie haben mir eine herrliche Rolle erschaffen."

Emmrich konnte es nicht unterlassen, Leonhard schalkhaft lachelnd anzusehen, worauf er sich aber gleich mit der grossten Ernsthaftigkeit zum Stelzfuss wandte, indem er sagte: "Lieber Mann, es ist mir nicht moglich, Ihnen in der Kurze deutlich zu machen, wie Ihr abenteuerlicher Vorschlag auf keine Weise anzunehmen ist, weil auf diese Weise das ganze Gedicht zerstort wurde. Sie scheinen es ganz vergessen zu haben, dass wir uns auch beim Gotz dergleichen gewaltsame Zusatze nicht erlaubten, ja, wenn man so freibeuten wollte, konnte man auch recht bequem den Selbitz und Sickingen zu einer Person vereinigen. Nein, mein Freund, bei diesem Stuck konnen wir durchaus Ihre Unterstutzung nicht brauchen."

"Nun meinethalben!" rief der Schulmeister erbost, "Sie mogen es also haben mit Ihrer Auffuhrung eines barbarischen Werks! Das ist nun also mein Dank, dass ich mir vorher die Muhe gegeben und zweimal als Selbitz so allgemeinen Beifall eingeerntet habe? Auch die hochsten und allerhochsten Herrschaften haben mein Spiel gelobt und sehr gelobt, ich habe es wohl wieder erfahren und bin dadurch ausserordentlich aufgemuntert worden. Ja, ja! aber Neid, Missgunst! Wo sich einmal Talent bei einem armen, sonst unbemerkten Manne zeigt, da ist es gleich diesem und jenem nicht recht, da furchtet gleich der und der, er leide Schaden dabei, er werde verdunkelt, man konne den armen, ungelehrten, burgerlichen Kauz wohl gar ihm vorziehen; der ist gut genug, das Vieh zu huten und die ungezogene Dorfjugend zu prugeln. Und dass nun mein Stelzfuss zum Vorwand dienen muss, mein abgenommenes Bein, das ich vor dem Feinde und im Dienst des Vaterlandes verloren habe, das ist allzu hart, das mochte den Stein in der Erde erbarmen, das ist "

Er war in ein heftiges Weinen geraten, und schluchzte jetzt so stark, dass er nicht weitersprechen konnte. Emmrich war verstimmt, verdrusslich und dennoch beinahe uber diese Torheit und Leidenschaft des alten Mannes etwas geruhrt. "Geben Sie sich zufrieden", sagte er dann, und legte ihm die Hand auf die Schulter; "wenn Sie mir eins versprechen und Ihr Wort halten konnen, so will ich Ihnen eine Rolle, wenn auch keine grosse, anvertrauen."

Der Schulmeister trocknete schnell seine Augen, und seine trubselige Miene ging in ein heiteres Lachen uber. "Sie haben", fuhr Emmrich fort, "Ihren Selbitz recht brav und mit Einsicht gespielt, nur drangte er sich zuviel vor, und Sie sprachen jedes Wort, auch das unbedeutendste, zu laut und gewichtig. Wollen Sie also meiner Anweisung folgen und sich gehorig massigen, ganz naturlich und einfach sprechen, so sollen Sie den Fabio oder Fabian spielen, zwar keine grosse Rolle, aber einen von den wenigen verstandigen Menschen im Stuck, den der Dichter sich fur die letzte Halfte aufbewahrt hat. Er kann von mittlerem Alter sein, und der Stelzfuss wird nicht sehr hindern."

Der Schulmeister kusste im Rausche der Dankbarkeit und Freude die Hand des Professors, und eilte in Begeisterung fort, um sogleich seine Rolle abzuschreiben und sie auswendig zu lernen. "Uber die beiden so verschiedenen Narren!" sagte Elsheim; "der eine weinte neulich, weil er mitspielen sollte, und dieser heult, weil man ihm eine Rolle verweigert. Aber schlimm, lieber Professor, haben Sie sich gebettet, denn nach Ihrer Anordnung kommt nun der Graf Bitterfeld in unmittelbare Beruhrung mit diesem Schulmeister und dem Verwalter."

"Wie schwer ist es", sagte Emmrich, "das Regiment zu fuhren, und wie verwickelt sind alle Regierungsverhaltnisse!"

Die neue Einrichtung des Theaters war, da man eilte und die Gehulfen fleissig waren, in wenigen Tagen beendigt. Emmrich sagte zu Elsheim: "Da nun, wie Sie mir mitteilten, Ihre Mutter bald zuruckkommt, und gleich nachher ihr Geburtstag einfallt, so denke ich, feiern wir diesen mit der Auffuhrung unseres Stucks, und Sie erlauben mir wohl, einen kleinen Epilog hinzuzufugen, um der alten Dame einige Artigkeiten zu sagen. Ich hoffe, sie soll sich dadurch mit unserm Theater wieder versohnen."

"Mir ist es auch schon eingefallen", erwiderte Elsheim, "und ich danke Ihnen fur Ihre Aufmerksamkeit." Jetzt verfugte man sich in den Saal, wo die ubrige Gesellschaft schon versammelt war, und der Professor las allen Mitspielenden das Lustspiel vor, weil er ihnen so am besten andeuten konnte, in welchem Sinne jede Rolle gefasst, und in welcher Spiel- und Tonart sie gesprochen und dargestellt werden musse. Elsheim, der die Komodie genau kannte und liebte, fuhlte sich doch uberrascht, weil ihm jetzt zum erstenmal die harmonische Einheit, die hohe Vollendung dieses Kunstwerks deutlich wurde. Als Emmrich geendigt hatte, sagte er: "mitteilen? So schon dieses Gedicht in sanften Reden von Liebe Sehnsucht und poetischen Traumen duftet, so weht doch durch den ganzen Blumenstrauss ein leiser Zephyr ebenso anmutig in feiner Ironie, und er ist es eben, der, die Blutenkranze anregend, ihnen diesen sussen Atem entlockt. Es scheint, in unserer Zeit wenigstens, den meisten Poesiefreunden zu schwer, zum Teil unmoglich, sich diese Lieblichkeit und Fulle im Vortrage dieses leichten und doch bedeutsamen Scherzes anzueignen. Unsere Bildung hat etwas Prunkendes, Schwerfalliges, und die sich fur leichtfertig oder fur freigeistige Libertins geben, hantieren in ihrem traurigen Gewerbe ebenso steif und altklug, indem sie alles Ernste und Poetische mit grobem Hohn von sich abweisen. Jene Zeiten, die wir in unserm Dunkel gern barbarisch schelten mochten, waren in dieser Hinsicht feiner gestimmt, denn sonst hatte dieses Stuck, sowie die 'Sommernacht', der 'Liebe Muh' und 'Wie es euch gefallt', nicht zu Lieblingsstucken werden konnen. Hat auch kein anderer Zeitgenoss, ausser Shakespeare, diese himmelreine atherische Hohe erstiegen, so grenzt doch manches Werk jener Tage an die seinigen, und wenn auch die Zuschauer diesen Lebenswein nicht mit vollem Bewusstsein einschlurften, um genau zu wissen, was sie tranken, so ist doch der Instinkt, das Gefuhl und die reine Luft sehr hochzustellen, mit der sie diese Kunstwerke, vielleicht ohne alle Kritik, genossen".

"Ein wahres Publikum", sagte Elsheim, "sollte wohl immer so sein, wie Sie es da eben beschreiben, der echte Dichter konnte sich wenigstens kein besseres wunschen. Sind noch einige wahre Kenner in diesem Parterre, die diese Gefuhle erlautern, anstatt sie irrezufuhren, so ist eigentlich eine wahre Kunstzeit reprasentiert."

"Das Stuck heisst", fuhr Emmrich fort "ein DreiKonigs-Abend oder eigentlich bloss Twelf-night. Ein alter Gebrauch hatte an diesem Abend eine Menge Spasse, Scherze, Verkleidungen landlicher, mitunter etwas roher und bauerlicher Feste erlaubt aber fur diese Stunden auch alle Hazard-Spiele, welche sonst streng verboten waren. Selbst am Hofe huldigte man der alten Sitte und Freiheit. An diesem Abend wurde also vielleicht auch dieses sonderbare Lustspiel, welches lauter Glucksfalle enthalt, zuerst gespielt, es war also die Lust eines Drei-Konigs-Abends, an welchem auch der Bohnenkonig durch Lotterie erwahlt oder gefunden ward; eine solche heitere Torheit losgebundener Laune sollte es vorstellen, oder setzt der Dichter mit heiterm Leichtsinn hinzu Was ihr sonst wollt nennt es, wie es euch gut dunkt. Sogleich im Anbeginn sehen wir einen phantastischen jungen Fursten, der mit der Leidenschaft der Liebe spielt und gewaltsam das Herz einer jungen Schonheit, die ausserdem eine reiche Erbin ist, zu gewinnen trachtet. Sie will nichts von ihm wissen und trauert in der Einsamkeit um ihren Bruder. Sie erheitert aber den Schmerz, mit welchem sie auch poetisch spielt, mit dem Kammermadchen und dem Geschwatz ihres Narren; und in Sehnsucht nach wahrer Liebe, weil sie an die des Herzogs nicht glaubt, uberlasst sie sich einem leidenschaftlichen Gefuhl fur einen schonen vermeinten Jungling. Diese Person, aus einem guten Hause stammend, aber ohne Vermogen, ist mit dem ebenso schonen Bruder leichthin auf Abenteuer ausgereiset, und beide wollen Gluck machen oder es suchen. Es gelingt auch beiden uber Erwartung; sie fesselt den jungen Fursten, in den sie sich verliebt hat, und er tragt, weil er durch die Ahnlichkeit mit seiner Schwester verwechselt wird, die reiche Erbin davon, deren grosse Guter doch vielleicht in der Liebe des Fursten am meisten den Ausschlag gaben. Ein reicher Freier, der auch um Olivien wirbt, wird von allen gefoppt, am meisten von einem launigen, tollen und Wein liebenden Oheim, der obenein Geld von ihm zieht, indem er seine Albernheit und komische Feigheit in Tatigkeit setzt. Diesen erobert noch das kleine witzige Kammermadchen und wird durch diese Verbindung mit ihrer Gebieterin verwandt. Die meisten gewinnen, fast ohne Bemuhung, durch Leichtsinn und ohne tiefen Plan oder angestrengten Verstand ein grosses, bedeutendes Los, und nur der hochmutige, grollende Malvolio, der seiner Uberzeugung nach schon die Bohne gefunden hat und also unbedingt der oberste Herrscher und Konig des Festes ist, geht ganz leer aus und wird zum Gegenstand des allgemeinen Gespottes. Wie mancher Dichter, und wir haben dergleichen Werke von grossen ausgezeichneten Talenten, wurde nun mit scharfer Bitterkeit alle diese Absichten dem Zuschauer so recht nahe vors Auge geruckt haben, um in der Anklage menschlicher Schwachen und Torheiten einen herben unerfreulichen Witz zu entwickeln: ein solches Lustspiel aber, wenn man auch den Verstand des Verfassers bewundert, krankt und demutigt mehr, als dass es erheitern und erheben konnte. Shakespeare lasst in seinem atherischen Gewebe alles dies mehr ahnden, hochstens erraten. Daher, wie gesagt, geschieht es denn auch, dass ein solches Gewirk, welches von Feenhand gewoben ist, seiner Feinheit wegen fur unbedeutend gehalten wird."

"So mag es wohl sein!" rief jetzt der Schulmeister, der sich nicht langer zuruckhalten konnte, " und ich bitte ab. Wenn man nur ofter dazu Gelegenheit hatte, dass einem solche Lichter aufgesteckt wurden!"

Alle sahen den aufgeregten Husaren mit einiger Verwunderung an; er liess sich aber nicht irremachen, sondern schmunzelte lachelnd wie in sich selbst hinein und rieb frohlich die Hande.

"Am liebenswurdigsten", fing Emmrich wieder an, "ist dieser poetische Leichtsinn, der im ganzen Stucke vorherrscht, in der herrlichen Viola gezeichnet. Sie jammert um den Bruder, der nach ihrer Meinung ertrunken ist 'Ach armer Bruder!' und unmittelbar darauf, heiter und lebensmutig 'Vielleicht entkam er doch!'- Sie erkennt Oliviens Leidenschaft zu ihr, indem sie beklagt, dass sie selbst den Herzog liebt, fur den sie werben muss 'Wie soll das werden?' sagt sie und gleich hernach 'O Zeit, du selbst entwirre dies, nicht ich!' Der redliche, alte, erfahrene Antonio hat eine solche poetische Freundschaft fur den jungen Burschen Sebastian gefasst, dass er ihm in die feindliche Stadt mit Gefahr seines Lebens folgt, und erscheint hierin leichtsinnig, gleich den ubrigen. Aber ein praktischer verstandiger Mann sieht auf alles dies Getreibe mit Lebensweisheit und echter Ironie hinab, jeden benutzend, um zu erwerben und seinen Besitz zu vermehren, und dieser Grundliche, Erfahrene ist der Narr des Stocks, der freilich auch, weiss der Himmel aus welchem poetischen Geluste, weggelaufen war und in Gefahr stand, seinen bequemen und eintraglichen Dienst zu verlieren."

Nachdem man sich getrennt hatte, nahm der eifrige Emmrich den Schulmeister mit auf sein Zimmer, um ihm die Rolle des Fabio einzustudieren.

Als ihm Elsheim nachher im Garten begegnete, und ihn, der nicht mehr jung war, mit seiner Unermudlichkeit scherzend neckte, sagte der Professor: "Lieber Freund, brauche ich es Ihnen denn auseinanderzusetzen, dass man nichts im Leben mit solchem Ernst und Eifer treiben musse, als die sogenannten Spiele? Bei wahren Geschaften und Amtsverrichtungen, dem Richter und Geistlichen mag hie und da ein Nachlass erlaubt sein, es kann selbst Wohltat werden, dies und jenes, was notwendig schien, fallenzulassen aber was bleibt vom Spiel ubrig, wenn wir es mit Leichtsinn und obenhin treiben und es dadurch zerstoren? Hier muss die Regel beobachtet werden, auch das Kleinste darf man nicht nachlassen, und fragt man erst: Wozu fruchtet's? Welchen Schaden bringt die Vernachlassigung? so ist es viel besser, die ganze Sache gleich aufzugeben. Jetzt geh ich, dem Grafen und dem Baron Mannlich ihre Rollen beizubringen."

Elsheim begleitete ihn in den kleinen Saal, wo die beiden Herren schon seiner warteten. Elsheim setzte sich nieder, indem er sagte: "Ich will keine Storung machen, lieben Freunde, sondern auch bei dieser Gelegenheit von unserm Professor etwas lernen."

Mannlich und der Graf begannen ihre Rollen; beide sprachen und gebardeten sich, mit einigen Modifikationen, so wie sie es gewohnlich im Leben taten, und Emmrich sagte: "Sie haben, Baron Mannlich, ganz meine Meinung gefasst. Dieser Tobias ist ein wackerer Edelmann aus gutem Hause, er ist brav, mutig und kann den Cavalier nicht verleugnen. Nur hat er sich aus Bequemlichkeit gehen und dabei etwas sinken lassen, er ist in schlechte Gesellschaft geraten und war in dieser immer der Klugste und Anstandigste. Im Hause seiner reichen Nichte hat er fur nichts zu sorgen, und da er ohne Beschaftigung und ein alter Junggesell ist, so hat er sich dem Schlemmen, doch auf eine unschuldige Weise, ergeben. In den Anfallen seiner Trunkenheit ist er, wie die meisten Berauschten, kurz angebunden und grob; aber zur Besinnung gekommen liebt er Witz und Heiterkeit so sehr, dass er aus Dankbarkeit fur die Unterhaltung, welche ihm Maria mit Malvolio verschafft hat, dies Kammermadchen heiratet. Es ware also unrecht und ganz falsch, wollte man aus diesem Mann eine Karikatur machen, oder ihn in das niedrige Element hinabziehen.

Dass Sie, Baron, ihn nicht allzu wurdig, oder gar tragisch nehmen werden, dafur burgt mir Ihr gesunder Sinn."

Graf Bitterfeld sagte: "Nun, Professor, machen Sie mir das noch etwas deutlicher, was Sie mir neulich schon uber meine Rolle auseinandergesetzt haben, die ich wahrlich bloss Ihnen und der Gesellschaft zuliebe ubernommen habe."

Emmrich sagte: "Verehrter Herr Graf, ist es nicht die schonste Humanitat und die feinste Urbanitat, wenn man nicht nur die Scherze einer liebenswurdigen Gesellschaft ausfuhren hilft, sondern selbst etwas von seinem eigenen Wesen preisgibt, um uber sich selbst auf eine gelinde Art spotten zu lassen? Und so wunsche ich, dass Sie in dieser fein komischen Rolle nicht das Gebildete Ihres Standes, noch die Finesse Ihrer Personlichkeit und die Gewandtheit Ihres geselligen Umgangs fallenlassen. Denn die sind eben die unertraglichen Malvolios in der Gesellschaft, die immer uber sich wachen, sich bei jedem Scherz beleidigt wahnen, die sich immer in Positur setzen, um ihre Wurde zu behaupten. Bleichenwang oder Fieberwange ist ein guter Mensch und auch von guter Familie, er kann schon uber die dreissig sein; sind die jungen Leute geschminkt und von lebhafter Farbe, ist Tobias vom vielen Trinken ubermassig rot, so deutet sein Name schon an, dass er ziemlich blass, oder mit einem gelblichen Teint erscheint. Er ist schlank und wohlgebaut, neigt aber etwas zur Magerkeit hin, denn er beneidet den Narren um seine Waden. Dieser reiche, unabhangige Mann ist dadurch so liebenswurdig, dass er so unendlich bescheiden ist, was wohl die wenigsten in seiner Stellung sein wurden. Wie der alte Antonio den jungen Sebastian fast vergottert, so hangt er beinahe mit derselben Leidenschaft an seinem Freund Tobias; dieser ist sein Vorbild, beinahe sein Ideal, wie man sich jetzt ausdrucken wurde; er hat kein Arg daraus, dass dieser ihn foppt und plundert, er spricht ihm alles nach, er tut, was dieser wunscht, er will gern ebenso erscheinen, wie jener. Dabei seine wahrhaft edle Liebe zur Musik, sein freier, kunstlerischer Sinn, dass er am Narren die schone Stimme und den Gesang zu schatzen weiss. Es entdeckt sich freilich nachher, dass er kein Freund von Zweikampfen ist und sich in den Waffen und im Kriege niemals auszeichnen wird, indessen ist er auch in dieser Furchtsamkeit so gutmutig und niemals unedel, so dass ihm der Zuschauer seine Liebe nicht versagen kann. Sie sehen also, Herr Graf, wie sehr ich recht habe, wenn ich wunsche, dass Sie diese feine Zeichnung nicht als Karikatur behandeln mogen; nein, im Gegenteil, lassen Sie sich ganz ruhig gehen, spielen und sprechen Sie fast so, wie Sie es gewohnt sind und immerdar erscheinen: Ihr feiner Takt, Ihr eigener Witz wird Ihnen die Nuancen zeigen, Ihr Gefuhl aber wird jene geistigen Modulationen Sie finden lehren, die sich einem gewohnlichen Menschen niemals andeuten lassen, und die einem Geiste auseinanderzusetzen, wie der Ihrige, durchaus uberflussig ist."

Als Elsheim mit dem Professor durch den Garten ging, sagte er: "Verzeihen Sie, wenn ich Ihre Auseinandersetzung dieser Charaktere fur Sophisterei halte."

"So?" sagte Emmrich ruhig; "geben Sie nur acht, der Erfolg wird mich rechtfertigen." Leonhard war fast bekummert, als der neue Theaterbau vollendet war. Er war ubermassig fleissig gewesen, er hatte allenthalben selbst Hand angelegt, er hatte sich meistenteils bis zur Ermudung angestrengt, und seine Freunde, wie die Handarbeiter, hatten ihm mit Erstaunen zugesehen, weil es ihnen ein ganz neues Schauspiel war, dass ein Professor der Architektur den Hobel, Bohrer und die Sage so wenig scheue. War er dann gegen den Untergang der Sonne so durch und durch ermudet, dass er den Augenblick des Schlafengehens mit Ungeduld erwartete, so war ihm unaussprechlich wohl, denn er konnte in dieser Ermudung die Bilder und Gedanken auf Augenblicke vergessen, die ihn immerdar verfolgten.

Mit sich unzufrieden und dennoch von sussen Vorstellungen trunken, war er am Morgen in den Garten gegangen. Die Fruhsonne glanzte so lieblich durch die Linden, und sein Schritt trug ihn nach jener geheimnisvollen Laube, in welcher er schon zweimal an Charlottens Seite so selig gewesen war. Er leugnete es sich ab, dass er diese verfuhrerische Schonheit aufsuche, er musste sich aber sein Gelust bekennen, als er vollig verstimmt wieder aus der leeren Laube trat. So ist der schwache Mensch, sagte er zu sich selber; was suchst du hier, und was hattest du, wenn du sie fandest? Soll dich diese Torheit denn immerdar qualen und dir jede Stunde verbittern? Nein, ich bin ein Mann und bleibe meinen besseren Gefuhlen getreu. Mit einem Ausruf der Freude betrat er den sonnenbeglanzten Gang, denn Fraulein Charlotte hupfte ihm dort vom Schlosse her entgegen.

"So irrte ich mich doch nicht, Leonhard", sagte sie mit ihrer Silberstimme, "wenn ich Sie im Garten wahrzunehmen glaubte. Nicht wahr, dieser Tag ist ein schoner, ein auserlesener? Und diese Fruhstunden sind so balsamisch, sie wirken so wohltatig auf alle unsere Gefuhle, dass unsere Seele so wohlgemut aufbluht, wie die Rosenknospe."

"Ich war in dieser Laube", sagte Leonhard, "und wahnte, Sie hier zu finden; da meine Hoffnung mich trog, wollte ich das Angedenken jener sussen Augenblicke feiern, die ich dort genoss."

"Kommen Sie mit mir", rief sie lebhaft aus, "ins Freie; es gibt Zeiten und Stimmungen, in welchen uns auch der schonste Garten angstigen kann."

Sie liessen das eiserne Gattertor hinter sich zufallen, und standen jetzt im Felde. "Wie herrlich die Ahren wogen!" sagte sie; "nicht lange mehr, so wird die Sichel in das Korn gehen, und der schonste Teil des Sommers ist dann voruber. Alles Liebliche ist so fluchtig, alles Schone halt uns nicht stand, und wir besitzen nichts, als nur wie in einem sussen Traum gefesselt; wenn wir erwachen, hat uns die nuchterne Wirklichkeit um alle unsere Schatze betrogen."

"Gibt es kein Mittel", antwortete Leonhard, "auch die Wirklichkeit zum Traum zu erhohen? Konnen wir nicht so viele Blumen mit verstandiger und sorglicher Hand in unser Leben hineinpflanzen, dass einige immerdar bluhen?"

"Nein! nein!" rief sie fast heftig aus, "in der Wahrheit, im eigentlichen wirklichen Leben gibt es kein Gluck; nur in der Tauschung gluhen die Morgen- und Abendfarben, die die Nacht und der klare Tag vertreiben. Wenn wir entzuckt und berauscht taumeln, wie im heftigen Tanz, so halten wir Takt mit der begeisternden Musik und schwingen uns harmonisch in ihrem wilden Rhythmus; wollten wir dasselbe mit nuchternem Bewusstsein tun, es wurde uns ewig nicht gelingen."

Sie bogen in einen Fusssteig, der durch das hohe Korn fuhrte. "Dort am Saum des Buchenwaldes", sagte sie, "wohnt die Schwiegertochter des alten Forsters; ihr Mann ist im vorigen Jahr gestorben, und ich habe mich mit dem artigen jungen Weibchen befreundet. Dort wollen wir ausruhen."

Die einsame Hutte war reinlich und anmutig, die frische Kuhle, die vom Walde hereinwehte, war erquickend. Die junge Frau kam der reizenden Besucherin freundlich entgegen, und sie begrussten sich als Bekannte. Sie stellte auf den Tisch von Nussbaumholz zwei Glaser Milch zur Erfrischung und entschuldigte sich dann, dass sie nicht unbedeutender Geschafte halber zu ihrem alten Vater hinuber musse. So sassen die beiden in der kuhlen Dammerung, und es schien, als konne keines von beiden das erste Wort finden, um ein Gesprach in den Gang zu bringen. Leonhard blickte sinnend umher, und es schien ihm, als wenn das Eintreten in das kleine Haus, sowie die Entfernung der jungen Frau, etwas Abgeredetes sei, welches der Zufall nicht so herbeigefuhrt haben konne. Warum ihn dieser Argwohn, oder diese Entdeckung, statt ihn frohlich zu machen, schwermutig stimme, begriff er selber nicht. Charlotte stand auf und sah aus dem Fenster; dann setzte sie sich wieder zu ihm und naher als zuvor, sah ihn mit ihrem sussen, verfuhrerischen Lacheln an, und von den vollen roten Lippen sprang nur die einzige Silbe: "Nun?"

"Wie glucklich bin ich", sagte er nach einer kleinen Pause "mich so an Ihrer Seite in dieser seligen Einsamkeit zu finden!"

"So?" sagte sie, indem sie ihm mit der flachen Hand vor die Stirn schlug; "warum sind denn diese Augen so leuchtend und schon, warum ist denn diese Stirn so sinnend und gedankenreich, wenn Euer Wohlgeboren nichts Besseres zu sagen wissen in einer Minute, auf welche ich mich schon seit lange gefreut habe? O du Boser, Abscheulicher! Wie klang neulich das vertrauliche Du so suss von deinen Lippen!"

Sie stand auf, umschlang ihn mit ihren Armen und kusste ihn lebhaft. "Ist es dir so recht, Anmassender? Dankst du es mir nun, dass ich dich so unendlich liebhabe? dass ich dich anbeten muss? O nein, du bist nicht wie die andern Manner."

"O Lottchen!" rief Leonhard begeistert aus, "wie habe ich dich hier finden mussen, dich, du einziges Wesen! Die Sinne vergehen mir, und die Welt verschwindet, wenn ich dich so in meinen Armen halte."

Die zartlichsten Kusse unterbrachen und hemmten das Gesprach. Sie duldete seine Liebkosungen und freute sich der entzuckten Worte, die er im Taumel uber ihre Schonheit aussprach. "Ist das nicht ein Leben?" rief sie endlich, "doch wohl besser, als euer einfaltiges Komodiespielen! So hin und her schlendern, so stammeln in Empfindungen, die auswendig gelernt sind, Worte die sich selber nicht verstehen! Nicht wahr, ein Handedruck, ein Blick aus dem innersten Auge, und gar ein Kuss, ein herzinniger in welchem die ganze Seele aufbluht, das ist ganz etwas anderes?"

"Geliebteste", sagte Leonhard, "freilich ist alles verganglich und muss es sein, aber ein solcher Moment wiegt Jahre auf."

"O wie kann man, wie kann man ohne Liebe leben?" erwiderte sie "sie ist das Licht und die Sonne unseres Daseins. An jedem Morgen denke ich zuerst an dich, ich warte auf dein Auge; treten wir in den Saal, so suche ich dich unter den anderen; ich hasse den, der zwischen uns tritt und dich meinem Auge verdeckt. Dann hor ich deine Stimme und was ist mir Musik gegen diese Tone, aus denen deine ganze Seele spricht? Du erzahlst, du streitest mit andern, dein Blick trifft den meinigen, der dich schon lange gesucht hat; du redest mich an mein Herz zittert; du lachelst das fallt in meine Brust, wie der Fruhlingsregen in die Blumen; du gehst alles ist Schatten. Es wird Nacht. Ich sehe dich vor mir, ich halte dich in meinen Armen, ich traume von dir. Und nun der neue Morgen und mit jedem Tage, mit jeder Stunde kommt man sich naher, man wird sich unentbehrlicher, Gemut, Launen, Blicke, Akzente versteht man inniger o mein Teurer, den Tod nachher, wenn das voruber ist; denn wozu noch leben? O Himmel, wie durr, wie elend war mein Gemut und Herz, ehe ich dich kennenlernte! Mit dir, in dir bin ich erst geworden! Kannst du mich denn lieben, du Treuer, Einziger?"

"In diesem Kusse", erwiderte er, "in dieser Umarmung musst du es fuhlen. Wer bin ich, dass du dich meiner so angenommen hast was kann ich dir sein, dir, die du so reich begabt bist?"

"Schlage den hellen Blick nicht so nieder", lispelte sie. "Du warst mir fremd, und doch liebe ich dich; du wirst uns wieder verlassen mussen, und ich werde nicht aufhoren, dich zu lieben. Ich weiss von dir nichts weiter, will nichts wissen, als dass du mein bist. Du bist vielleicht in deiner Heimat versprochen, wohl gar vermahlt kann sein; damals war dir mein Herz noch nicht zugewendet, du kanntest mich noch nicht. Diese Stunden hier gehoren uns und sollen uns heilig sein. Du weisst ja auch nicht, ob mein Herz nicht schon fruher einmal verloren war; welch Recht hast du, darnach zu forschen? Nur die Gegenwart ist unser."

Es gibt Momente im Leben, in welchen ein Gluck, selbst ein begehrtes, angstigt und qualt. Das Herz ist dann in seinen Gefuhlen zerrissen und zerspalten; der Geist und Wille konnen sich nicht aneignen, was doch schon ihr Eigentum ist. In dieser sonderbaren Stimmung war Leonhard jetzt, so Wunderbares erlebte er in diesen Stunden. An diesem schonen Busen, von diesen reizenden Armen umschlossen, so herzlich gekusst und mit Sehnsucht der Liebe angeblickt, fuhlte er sich von einzigem Glucke, von hoher Wonne so machtig umrauscht, dass seine Geister, auf jeden Atemzug lauschend, gleichsam betaubt wurden. Er wunschte, diese Momente der Seligkeit schon uberlebt zu haben, um sich nur wieder besinnen zu konnen.

Es war, als wenn sie in seiner Seele lase, denn sie schmollte mit ihm und sagte aufgeregt: "Aber nicht eifersuchtig, eifersuchtig lass mich nicht werden; dies Gefuhl ist das unertraglichste, welches der Mensch erleben kann. Du blickst Albertinen stets so freundlich, so lachelnd an; du lauschest auf jedes ihrer Worte: oh, Liebster, quale mich damit nicht; denn dieses Wesen, so nahe sie mir verwandt ist, so verhasst ist sie mir in allem, was sie tut und treibt. Sie hat es ganz verlernt, naturlich zu sein, sie denkt immer nur an sich und kann niemand lieben. Diese Pruderie und Selbstsucht ist meinem Gefuhl unertraglich. Sei du aber auch nicht eifersuchtig, wenn ich einmal diesem oder jenem freundlich bin, wie ich es doch nicht vermeiden kann."

Die holzerne Uhr an der Wand hatte schon wiederholentlich geschlagen; jetzt schien Charlotte bedenklich zu werden, sie wand sich aus den Armen Leonhards, stand schnell auf, druckte ihm noch einen eiligen Kuss auf den Mund und ging vor den Spiegel, um Hut und Locken zu ordnen. "Die junge Frau wird mich draussen erwarten", sagte sie dann, "sie begleitet mich zuruck; bleibe du aber noch hier, oder nimm einen andern Weg nach dem Schlosse zuruck, damit niemand auf den Argwohn fallt, als ob wir so lange beisammen gewesen waren."

Sie nahmen Abschied, und Leonhard sah der schonen Gestalt nach, wie sie leichten Schrittes mit der jungen Frau dahinwandelte, beide in lebhaftem Gesprach. Er verliess nun das Haus und eilte sogleich in den nahen Wald, sprang uber den Graben, der an der Strasse hinlief, und vertiefte sich weit hinein, wo die Baume am dichtesten standen, wo kein Fusssteig hinfuhrte, und wo er hoffen durfte, von keinem menschlichen Wesen aufgefunden und gestort zu werden. Er warf sich nieder und verbarg sein Haupt in das Gras, ein Tranenstrom floss aus seinen Augen, und sein Herz klopfte so ungestum, als wenn es ihm die Brust zersprengen wollte. Wer bin ich? dachte er in diesen aufgeregten Schmerzen; was will ich? Bin ich denn glucklich, oder in ein tiefes, tiefes Elend versunken? Noch niemals, niemals hat mein gieriges, trunkenes Auge solche Schonheit gesehen. Seine Einbildung wiederholte ihm in Glut und Leben alles Reizende, alles Verfuhrerische seiner Geliebten. Schon in meiner Jugend, dachte er dann weiter, dort und hie, in Stadten und auf dem Lande, war mir manche Schone freundlich, manche reiche Witwe kam mir fragend entgegen; ich entzog mich allen, ich verlor mein Herz nicht, und muss jetzt, nach Jahren, im reifen Alter, so knabenhaft untergehen? Sie ist mir Adelheid, und ich bin fast der betorte Franz. Lieb ich sie denn? Konnt ich denn wunschen, dass sie meine Gattin sein durfte? Nein, beim Himmel nicht! Wenn ich an Friederiken denke wie bin ich beschame! Wie erscheine mir Kunigunde wie ein grosses machtiges Heiligenbild, von einem alten Kunstler auf Goldgrund gemalt! Jetzt versteh ich die alten wunderlichen Marchen, die ich wohl vormals habe erzahlen horen, wie ein Mensch in den Venusberg gerat und dort fur immer verloren ist, von bosen Geistern festgehalten, die ihn in der Gestalt blendender Reize und verlokkender Luste umgeben. Die alte Fabel von den Sirenen hat einen tiefen Sinn. Ja, lieben, vergottern muss man sie, man kann in Leidenschaft ihr Blut und Leben opfern, aber man kann ihr nicht vertrauen. Und ist jene Ehrfurcht, die ich hier nicht fuhlen kann, nicht vielleicht das, welches das goldene Gespinst zerreisst, in welchem uns diese echte lusterne Liebe gefangenhalt? Wozu jene Achtung und Verehrung, die fast an Freundschaft fur die Matrone grenzt? Und wagst du es, Elender, Undankbarer, dies ausgelassene, uppige Madchen, diese kostlichste Frucht der Natur, die zum Schwelgen einladt, nicht zu achten, weil sie vielleicht niemals die Talente einer Hausfrau und ehrbaren Gattin entwickeln wird? So schon, so vornehm, so edel erzogen und mir so entgegenkommend! Das, du Eitler, ist auch ein Teil des Zaubers, der dich bestrickt! Wenn ich jetzt an meine Arbeit zu Hause dort denke, an unsere kuhle Wohnstube, den alten Nussbaum, die Bretter, meinen Magister und unser alltagliches Treiben wie unbehaglich, beklemmend, nuchtern und fast niedrig alles. Und doch, selbst in diesem prosaisch niedergedruckten Gefuhl welche paradiesische Heimseligkeit!

So verschwammen Gegenwart und Vergangenheit, Freude, Lust und Schmerz in seinem Gemut; er suchte in seinem Innern und konnte nirgend die geistige Kraft entdecken, alles dies mit einem kuhnen Entschluss zu durchreissen und wieder der alte zu werden.

So war die Zeit vergangen, er wusste nicht wieviel. Er stand auf und war so betaubt, dass er sich nicht erinnern konnte, nach welcher Gegend er gehen sollte, um wieder aus dem Walde zu finden. Indem er sich durch Baume und Gebusche drangte, fiel er wieder in den Zulauf und das Getummel seiner Gedanken und Vorstellungen. Diese feine, geistige Sehnsucht, diese Fulle von Erscheinungen, sagte er wieder zu sich, dies Ahnden und die Entzuckungen, alles dies, auf unser Irdisches geimpft und durch dessen Kraft so herrlich bluhend es muss sich also in jene Vernichtung sturzen, wie es die hochste Befriedigung sucht, und der Mensch muss mit dem Tiere am meisten in Verwandtschaft treten, wenn er sich am sichersten zum Engel berufen glaubt? O vieldeutiges Ratsel unsers Lebens! Wie steht die Sphinx mit lauernden, lusternen Augen vor uns und droht, uns zu verschlingen, wenn wir uns keck an die Auflosung wagen.

Er konnte wirklich den Weg aus dem Walde nicht wiederfinden, und verstrickte sich immer mehr in den Gebuschen. Ihm schien nach dem Stande der Sonne, als wenn Mittag langst voruber sein musse, und nachdem er noch langer, ohne Erfolg, durch die verwachsene Wildnis gestrebt hatte, fuhlte er sich matt und erschopft. Als er sich ermudet an den dicken Stamm einer alten Eiche lehnte, glaubte er in einiger Entfernung menschliche Stimmen zu vernehmen. Er ging der Richtung nach und schrie laut; man antwortete, und nach einigen Minuten schimmerten sich bewegende Gestalten aus dem Grun der Baume hervor. Nun drangte er sich durch und gelangte auf einen kleinen freien Waldplatz, wo er den Forster antraf, der seinen Gehulfen einige Baume zum Fallen anwies. Der Alte war sehr verwundert, den Gast seines Herrn dort und fast mit zerrissenen Kleidern zu finden; denn Leonhard hatte, besonders zuletzt, auf die Hemmungen der Gestrauche und Dornen nicht geachtet, indem er sie durchbrechend seinen Weg verfolgte.

Der alte Forster ging jetzt mit ihm, indem er sagte: "Ei ei! Herr Leonhard, Sie sind hier wenigstens anderthalb Stunden vom Schlosse entfernt. Ich will Sie begleiten, damit Sie sich nicht wieder verirren, auch habe ich dem Herrn Baron einen notwendigen Rapport abzustatten."

Sie gingen den Waldweg hinunter, und als sie in das Freie kamen, sah Leonhard, dass er im Wald die ganz falsche Richtung eingeschlagen und sich immer weiter vom Schlosse entfernt hatte. "Sie sind", fing der Alte nach manchem andern Gesprache an, "ein recht tuchtiger Komodienspieler, und ich wundere mich nur daruber, wo Sie das alles, sowie auch unser junger Baron, gelernt haben konnen, denn auf den Schulen wird einem dergleichen doch wohl nicht beigebracht. Von dem Herrn Professor Emmrich ist es nicht zu verwundern, denn der soll schon einmal Komodiant gewesen sein und ein Direktor dazu; auch von den Weibsleuten nicht, denn denen ist dergleichen angeboren. Ich tauge nicht dazu, weil ich vielleicht zu redlich und aufrichtig bin; denn, um was recht Grosses in dem Wesen zu leisten, muss man gewiss schon recht fruh ein Tausendsasa gewesen sein."

Auf dem Felde begegnete ihnen der junge Baron, der, von einem Diener begleitet, spazierengeritten war. Er stieg ab und liess den Reitknecht die Pferde nach Hause bringen, um mit dem Forster zu sprechen, der ihm Geschaftliches zu melden hatte. Nachdem dies erledigt war, und der Forster sich dann entfernt hatte, nahm der Baron seinen ermudeten Freund unter dem Arm, um ihn so nach dem Schlosse zu fuhren. "Ei! ei!" sagte er im Gehen, "welche Abenteuer hast du denn zu bestehen, dass du sogar das Mittagessen versaumst? und wie siehst du aus! Matt, erschopft, das Halstuch zerrissen, Kleid und Weste voll Moos und Dornen! Wir angstigten uns schon alle an der Tafel, die Weiber am meisten. Alles forschte nach dir. Bediente wurden ausgeschickt, um dich zu suchen. Hat dich eine Fee entfuhrt? Bist du unter Raubern gewesen? Hast du eine geraubte Prinzessin verteidigt und erlost? Denn, bei Gott, du siehst so der Alltaglichkeit entruckt, so vollig verabenteuert aus, dass dir durchaus etwas hochst Seltsames muss begegnet sein."

Leonhard war ziemlich verlegen, und sein Lachen, mit welchem er diese Fragen beantwortete, hatte etwas Erzwungenes. Er war noch immer zerstreut, sammelte sich aber und erzahlte dem Freunde, dass er sich auf einem einfachen Spaziergange im Walde verirrt, dort ermudet einige Zeit geschlafen habe, nachher ganz betaubt in eine falsche Richtung geraten und von Dornen und Gestrupp so zerkratzt und zerrissen worden sei. Sie standen jetzt vor dem Eingange am Dorf, der Seite gegenuber, wo der Garten lag; man hatte von hier den Blick auf die Hauptfacade des Schlosses. Der Baron sah seinen Freund mit scharf prufendem fast misstrauischem Blicke an, den Leonhard nicht zu ertragen vermochte. "Setze dich hier in den Schatten dieser Linde" sagte Elsheim dann, "wir wollen es noch dammernder werden lassen damit dich dort oben nicht alle Welt examiniert; dann kleidest du dich um und holst an der Abendtafel wieder ein, was du am Mittag versaumt hast. Auch bin ich selbst mude genug, um gern in diesem duftenden Schatten auszuruhen."

Sie setzten sich und hatten jetzt, abseits von der Landstrasse und ziemlich verborgen, die Aussicht auf diese, sowie auf das Schloss. "Du wirst es mir nicht ausreden", fing Elsheim wieder an, "dass dir heut nicht etwas Ausserordentliches begegnet ware, denn so ganz traumerisch und verstimmt habe ich dich noch niemals gesehen. Du willst mich aber nicht zu deinem Vertrauten machen. Und vielleicht ware es doch gut, und moglich, dass es dir manchen Kampf ersparte."

"Du qualst mich, Freund", rief Leonhard aus, "und ganz ohne Not, denn mir ist wahrlich nichts widerfahren, das nur des Erwahnens wurdig ware."

"Verschlossenheit, und gegen den Freund", sagte Elsheim wieder, "ist himmelweit von Diskretion verschieden. Ich habe viel in dieser Zeit uber deine weise Theorie nachdenken mussen, die du mir so schon unterweges entwickeltest, von der geraden und krummen Linie. Die Sache verdient gewiss bedacht zu werden. Suche nur die krumme Linie kunstlich wieder zurechtzufuhren, wenn auch freilich so mancher Schnorkel und willkurliche Ausbeugung und Schwankung sich nicht in Regel und Zahlenverhaltnis auflosen lasst."

Leonhard wollte verdrusslich werden, und in seiner sonderbaren Stimmung erschien es ihm fast, als wenn sein Freund Handel an ihm suche. Er wollte antworten, aber seine Aufmerksamkeit, sowie die des Freundes, wurde auf das grosse und ansehnliche Gasthaus des Dorfes gelenkt, vor welchem jetzt ein eleganter Reisewagen hielt, aus welchem zwei Manner stiegen. Sie sprachen mit dem Kutscher und dem Wirt der Schenke, schuttelten lachend ihre Kleider zurecht, und kamen dann Arm in Arm die breite Landstrasse herauf, anscheinend um das Schloss in der Dammerung, welche bereits einbrach, in Augenschein zu nehmen. Als sie naher kamen, horten die Freunde, wie einer von beiden mit uberaus wohlklingender voller Stimme sagte: "Ja wohl ist es besser, sich nach dem langen Fahren erst die Fusse etwas zu vertreten, als gleich dort in der Schenke Platz zu nehmen, die freilich fur eine Dorfherberge reputierlich genug aussieht."

"Aber halt!" rief der andere, indem sie jetzt der Bank unter der Linde ganz nahe gekommen waren, " sieh, Freund, von hier nimmt sich das Schloss am besten aus. Es kann nicht so ganz neu sein, denn es ist noch in einem guten Stil gebaut."

"Ja wohl", sagte der erste, "es ist so vollstandig, solide und wurdig. Das Verhaltnis der Fenster zu den Mauern grenzt noch nicht an unsere Treib- und Sommerhauser."

"Und der Giebel", rief der zweite, "so stark und vorragend, die beiden viereckigen Turme an den beiden Seiten, die gewiss auch zu Treppen dienen, der grosse breite Eingang, in dem die Tur doch nicht zu hoch ist: alles sieht so sicher aus. Das Tor fur die Einfahrt der Equipagen ist gewiss auf der andern Seite, im eigentlichen Hofe."

'Und mit diesem', fuhr der erste fort, "muss dann unmittelbar der Garten verbunden sein, wenn Verstand in der Sache sein soll."

"Nein", sagte jener, "sieh, noch verstandiger ist der Eingang zum Garten gleich rechts vom Hause, wenn mein scharfes Auge mich nicht trugt. Das Wichtigste aber, Kamerad, ist, dass das ganze Haus mit seinem Apparat so aussieht, als wenn dort hinter den Fenstern und Mauern etwas recht Wunderbares, Apartes und Narrisches vorgehen musste; nicht wahr, Freund?"

"Du hast recht, Bruder", sagte der erste lachend; "wie habe ich das nur ubersehen konnen? Es quillt ja aus allen Wanden und duftet in der ganzen Atmosphare hier so, als ware der Steinklumpen bloss deswegen so hubsch und reputierlich ausgefuhrt worden, damit Schnurren, poetische Schwanke, Albertaten, Konfusionen und Liebesgeschichten dort ausgesponnen wurden. Ja wohl flustern die schonen Linden dort am Schloss nicht vergeblich den Fenstern zu. Und wenn die verteufelten Nachtigallen erst so rechts und links schlagen, um alle ihre zackigen und kugligen Passagen abzuorgeln, so muss die Verrucktheit dort hinter den Mauern, wenn nur irgend junges Blut in den Stuben wohnt, nicht zum Aushalten, viel weniger zum Haushalten sein."

Elsheim hatte die beiden Schwatzer schon erkannt und ging jetzt lachend auf sie zu. "Sein Sie mir gegrusst, meine Herren Musiker; erinnern Sie sich meiner noch aus jener kleinen Stadt, in welcher Sie sich aus Mutwillen arretieren liessen, statt ein Konzert zu geben?"

"Ei, Baron!" riefen die Fremden, und umarmten lachend den schnell Wiedererkannten. "Dies Haus ist mein", fuhr Elsheim fort, "und passt es irgend zu Ihrem Geschaft und Ihrer Reiseabsicht, mir ein paar Tage zu schenken, so werden Sie mich sehr glucklich machen."

"Wir sind so frei jetzt, wie die Fliege in der Luft", sagte der Sanger, "wir kriechen also gern bei Ihnen unter."

"So werde ich Ordre geben", sagte Elsheim, "dass Ihre Koffer nebst Ihrem Wagen bei mir untergebracht werden; nur ist mein Haus sehr uberfullt und es fragt sich daher, ob es Ihnen nicht zuwider sei, beide ein einziges grosses Zimmer mit einem geraumigen Alkoven zu bewohnen?"

"Nicht im mindesten", antwortete der Klavierspieler, "denn das sind wir gewohnt. Wenn zwei vertraute Freunde im fremden Hause beisammen sind, so ist das der Einsamkeit, die oft lastig werden kann, sehr vorzuziehen."

Die beiden Fremden begleiteten Elsheim und Leonhard sogleich in das Schloss. Dieser eilte auf sein Zimmer, kleidete sich schnell um, und kam dann zum Abendessen in den Saal zuruck.

Hier waren die fremden Musiker schon wie einheimisch; sie sprachen mit jedem, am meisten jedoch mit Emmrich, dem sie schon seit fruheren Jahren bekannt waren. Als man sich an der Tafel ordnete, gelang es Leonhard nicht, neben Charlotten seinen Platz zu finden; sie vermied ihn beinahe auffallend, und es schien ihm, als wenn sie uberhaupt kalt und fremd gegen ihn sei. Er kam also in die Nahe Elsheims und Albertinens und sah es nicht ohne Eifersucht, wie freundlich Charlotte mit dem neu angekommenen Sanger sprach. Dadurch verstimmt unterhielt er sich um so eifriger mit Albertinen, die ihn gern anzuhoren schien.

Elsheim war sehr vergnugt uber die eingefangenen Virtuosen und sagte zu Emmrich: "Erst jetzt fallt es mir bei, wie wenig ich bei meinen leidenschaftlichen Theaterversuchen meiner guten Mutter und ihres Enthusiasmus fur die Musik gedachte. Wie wird sie sich freuen, wenn sie wiederkommt, und wir ihr Konzerte geben, vielleicht gar Belmont und Constanze teilweise oder ganz auffuhren konnen. Dann erst wird sie mit unserm Theaterbau ganz zufrieden sein."

Man machte schon allerhand Projekte, und Leonhard stand zwar gesattigt und gestarkt vom Tische auf; dennoch fuhlte er, dass er der Ruhe bedurfe, um im Schlaf, wo moglich, alles das zu vergessen, was er an diesem Tage erlebt hatte.

Funfter Abschnitt

Die alte Baronesse war wieder eingetroffen und heiterer, als es der Sohn erwartet hatte. Sie hatte in der Residenz frohliche Tage verlebt, und ihre Begleiter und Verwandten mussten dort auch ihre Klagen uber die eingebildete Beleidigung aufgeben, da sie auf Erkundigung von allen Seiten vernahmen, dass Goethe ein vornehmer Mann und grosser Dichter sei. Sie nahm es also mit Heiterkeit auf, als ihr Sohn ihr sagte, dass er auf morgen, zu ihrem Geburtstage, ein Lustspiel von Shakspeare auffuhren wurde.

Emmrich hatte das Kostum so angeordnet, dass es geschmackvoll war, ohne irgend auf Gelehrsamkeit oder Genauigkeit Anspruch zu machen. Er hatte sich schon fruher ungefahr so geaussert: "Der Dichter hat diesmal nicht, wie so oft, die Szene nach Italien gelegt. Italien galt ihm und den Zeitgenossen auch nur fur ein Land der Poesie und Abenteuer. Die vielen kleinen sich ungleichen Staaten dort, die Welt von Novellen, die die Englander sehr genau kannten, die vielen Reisen dahin hatten ihnen Florenz, Mailand, Venedig und Verona, sowie andere Stadte und ihre Namen, sehr gelaufig gemacht. In diesem poetischen Scherz von Zufallen und Seltsamkeiten aber wollte der Dichter die Sache noch weiter ab in eine fast unbekannte Region verlegen. Wollten wir nun die Bucher nachschlagen, oder aus alteren Gemalden die Trachten jener Illyrier uns versinnlichen, so konnte man in Gefahr geraten, dass unser verliebter, feingebildeter Furst unserem Auge als ein Spassmacher oder komischer Charakter erschiene, dessen Anzug uns zum Lachen stimmte. Der dramatische Dichter, vorzuglich im Lustspiel, kann nur Kraft gewinnen und die Zuschauer tauschen und uberzeugen, wenn er Anspielungen, Sitten und Gesinnungen aus seiner Zeit nimmt. Dies haben die Englander, vorzuglich Shakespeare, immer beobachtet. Denn dem so ist, so konnte leicht die Poesie mit dem sogenannten Kostum im Widerspruch stehen und in Krieg geraten. Es ist also besser, eine allgemeine poetische Kleidung anzunehmen, die auf alle jene Zeiten und Stucke passt, die sich in einem dichterischen Elemente bewegen."

Man hatte also die hergebrachte altere italienische Tracht angenommen Der Herzog ging in weissen Unterkleidern und in saffrangelbem seidenem Mantel; Malvolio schwarz, Tobias mit einem roten Mantel, und Andreas ledergelb. Viola ohne Mantel, in einem kurzen, himmelblauen, unter den Knieen zusammenschlagenden Uberrock, Krause, sowie den Aufschlag an den Schultern weiss, einen roten Gutel eng um die Huften, in welchem ein feiner Degen hing. Ebenso trug sich ihr Bruder. Olivia anfangs in Schleiern und in tiefer Trauer, gegen das Ende des Stucks in rosafarbnem Atlas.

Der festliche Tag war nun erschienen. Fur die Mutter des Gutsherrn war wieder ein eigener Sessel vorn, ziemlich nahe an die Buhne, hingestellt, welche etwa nur um drei Fuss erhoht war. Die Dienstleute und Dorfbewohner waren wieder zugegen; auch die Gerichtshalter und einige Justizpersonen, sowie verschiedene Beamte und Verwalter aus der Umgegend hatten sich eingefunden. Die Baronesse war anfangs uberrascht, dass der Saal anders eingerichtet, und das Theater in die Lange verlegt war. Die Buhne selbst machte einen angenehmen und heitern Eindruck, und kundigte ersichtlich an, dass sie zu einer Festlichkeit bestimmt sei. Der obere Balcon oder Altan wurde von den freistehenden Saulen getragen, deren ionische Kapitaler zierlich vergoldet waren. Unten war die kleinere Innenbuhne mit rotseidenem Vorhang verdeckt. Auch die Treppen waren mit farbigen Decken verkleidet, so dass die Buhne an sich selbst sein konnte, was man wollte. Und wo spielt denn diese erste Szene im Original? Im Zimmer, Saal, Vorhof? Die Buhne, um sich nicht zu oft in poetischen Werken zu widersprechen, musste eben fast immer nichts als die Buhne sein wollen, ohne dass ihr der Zuschauer die Rechenschaft abforderte, welchen zufalligen Raum sie eben darstelle. So war es bei den fruheren Englandern, eigentlich auch bei den Franzosen zu Corneilles und Molieres Zeiten. Selbst im Holberg finden wir noch diese unbestimmte Allgemeinheit.

Als sich die Zuschauer geordnet hatten, und die Ruhe hergestellt worden, vernahm man einen Tusch von Trompeten und Pauken. Er erscholl von dem obern Altan, wo man viele Musiker in heiterer und bunter Tracht versammelt sah. Eine allgemeine feierliche Stille folgte dem Trompetengeschmetter. Alsbald trat aus der Gruppe der fremde Sanger festlich geschmuckt hervor und sprach einen Prolog, den Elsheim gedichtet hatte, in welchem der Mutter Gluck gewunscht wurde, dass dies Spiel sie erheitern moge, und wie sie es ebenfalls nehmen durfe, fur was sie wolle, wie der Titel sage, dass sie aber nicht verkennen solle, wie sehr nachst ihrem Sohne alle Verwandte, Freunde, Bekannte und Untertanen sie liebten und verehrten. Nun trat im Schmuck seiner Rolle Elsheim vor, nebst der Tante, Charlotte, Albertine und Dorothea, und von der Musik begleitet sangen sie ein gluckwunschendes Chor, bei dessen Schluss sie sich alle gegen die Baronesse verneigten. Die alte Frau war von dieser Aufmerksamkeit ebenso geruhrt als erfreut. Hierauf zogen sich die Schauspieler zuruck, und die Tante trat unten zur Tur des Saales herein, um ihren Sessel neben der Baronesse als Zuschauerin einzunehmen.

Sodann fuhrten die Musiker oben auf dem Balcon unter der Direktion des fremden Virtuosen die Ouverture zu Belmont und Constanze vortrefflich aus. Auch dies ruhrte die Mutter, dass der Sohn ihr Lieblingswerk zur Einleitung spielen liess. Als die Symphonie zu Ende war, trat unten Elsheim auf, von Pagen begleitet, denen einige Musiker folgten. Auf verschiedenen Blase-Instrumenten trugen diese zart und lieblich die Introduktion zu der Arie des Belmont vor: "Hier werd ich sie nun sehen." Diese Melodie phantasierte suss und sehnsuchtig eine geraume Zeit, wurde auf den Wunsch des Herzogs noch einmal wiederholt und dann plotzlich von seiner Ungeduld unterbrochen. In den kurzen Pausen der Musik war es von sehr guter Wirkung, dass oben ein Waldhorn der unten gespielten Melodie wie ein Echo antwortete. Als der Herzog mit seinem Gefolge abgegangen war, zog sich der rote Vorhang unten von der kleineren Buhne zuruck, und man erblickte drinnen im beschrankten Rahmen ein Bild, das eine Aussicht auf Feld und See gab, klar und tauschend von Lampen erleuchtet, die seitwarts und unsichtbar in der Tiefe angebracht waren. Aus dieser inneren Buhne trat nun Viola mit dem Capitain des Schiffes die drei Stufen hinunter und sprach vom Lande, wo sie sich befanden; die Art, wie sie nach dem jungen Fursten fragte, von dem sie schon im voraus wusste, dass er noch unvermahlt sei, liess es merken, dass sie irgendeinen Plan auf ihn und seine Geliebte habe. Wie sie abgehen, zieht sich der Vorhang der kleineren Buhne wieder zu, und in irgendeinem Zimmer oder Saal treffen Tobias und die kleine Maria zusammen; Andreas Fieberwange tritt zu ihnen, und die erste der komischen Szenen entwickelt sich. Dass Dorothea dieses schnippische und witzige Madchen gut spielen wurde, hatten alle erwartet; aber die Mitspieler auf der Buhne und am meisten Elsheim erstaunten, mit welcher Haltung und sicherm Humor Mannlich und Graf Bitterfeld ihre komischen Charaktere anlegten und auszufuhren verhiessen. Wenn Andreas fragt: Was ist pourquoi? so bedeutet das nicht, dass er ganz unwissend sei, denn er spricht spaterhin einige Worte franzosisch ganz richtig, sondern er will nur sagen: Was meint ihr, weshalb sagt ihr jetzt noch pourquoi? Alles dies wurde so herzlich albern und mit so susser, bescheidener Anmassung gespielt und gesprochen, dass sich Eslheim gestehen musste, dass er erst jetzt, so ausgefuhrt, diese Person und ihre Spasse ganz verstehe.

Nun erschien Viola, hochst reizend, in ihrer mannlichen Tracht. Sie wird zur Olivia als Liebesunterhandler gesendet. Dort im Hause tritt nun die kleine Maria auf, und neckt sich mit dem Narren des Hauses. Nach der Anweisung Emmrichs war dieser in lange, dicht anschliessende Pantalons von streifigem Zeuge gekleidet; ebenso bunt war sein Wams, uber welches er einen ganz kurzen dunnen Mantel trug von gelber Farbe. Eine kleine, eng anschliessende Kappe bedeckte seinen Kopf, doch ohne Schellen oder andere sonst gebrauchliche Abzeichen des privilegierten Lustigmachers. Um die Schulter hing eine kleine Trommel, fast wie man sie den Kindern schenkt; um den Hals trug er an einer Schnur eine kleine Flote oder ein Flageolet, und indem er eintrat, ruhrte er die Trommel und spielte mit der andern Hand eine Melodie auf seiner Pfeife. Nun erschien nach einer kleinen Szene Malvolio mit Olivien. Emmrich zeigte seine Kunst und Ubung in der Darstellung dieses hochmutigen Murrkopfs und halb wahnsinnigen, von sich selbst berauschten Haushofmeisters. Uber die unbedeutenden Worte: "Kammermadchen, das Fraulein ruft", mit denen er abgeht, erhob sich ein lautes und allgemeines Gelachter, so komisch charakteristisch wusste er jedes, auch das Unscheinbare, vorzutragen. Viola, als naseweiser, ubermutiger Page, bezauberte alle, und es erschien naturlich, dass sich Olivia in diese frische Keckheit, die mit so leuchtender Grazie umgossen war, vergaffen durfte. Es machte sich gut, dass unmittelbar nach ihr Sebastian in ganz ahnlichen Kleidern auftrat, denn da keine Verwandlungen notig waren, wurde das Stuck in einem Zuge ohne Unterbrechung gespielt. Der junge Cadet war der verkleideten Schwester in Gesicht, Wuchs, Betragen und Stimme so ahnlich, dass eine Verwechselung beider gar nicht unnaturlich erschien. Man hatte wieder die innere Buhne geoffnet, und die fruhere Aussicht auf Feld und Meer zeigte sich von neuem.

Die kleine Zwischenszene, in welcher dieser Vorhang sich wieder zuzog, diente dazu, Tische und Stuhle wahrend des Gespraches hinter diesen zu stellen, und auf diese Sessel setzten sich Tobias und Andreas sogleich, indem sie die drei Stufen hinaufstiegen, und waren nun mit dem Narren, der zu ihnen trat, wie in einem behaglichen Zimmer. Diese Hauptszene der tobenden Verwirrung wurde mit ausserdordentlichem Humor durchgefuhrt. Das tolle Lied, welches der Narr singt, hatte der Virtuos fur die schone Stimme des Verwalters gesetzt, und es machte wieder einen guten Effekt, wenn in den Pausen zwei Waldhorner oben auf dem Balcon die Melodie wie ein Echo nachtonen liessen. Als aber der schreiende Kanon von den drei Toren mit brullenden Stimmen gesungen wurde, fiel von Zeit zu Zeit die vollstandige Musik oben auf dem Balcon ein und vermehrte so den Larm, wunderlich von der Trommel und Pfeife des Narren begleitet und erhoht. Drauf Malvolio, feierlich die drei Stufen hinanschreitend und die Larmer scheltend, die ihn aber verhohnen. Wieder wird ihm entgegengesungen, und die Tollheit steigert sich immer mehr, bis Malvolio wutend und gekrankt die aberwitzige Gesellschaft verlasst, uber welche sein erhabener Zorn und seine falsche Majestat nichts vermogen. Es war sehr lacherlich, mit welcher Feierlichkeit in unterdruckter Wut dieser Malvolio die drei Stufen hinabschritt und sich noch einmal nur mit halbem Blicke umsah, bis sein Profil, das in seinem steifen Ernst Verachtung ausdrucken sollte, vorn im Seiteneingang verschwand.

Dieser Szene tollen Ubermuts und wilden Larmens folgt die zart poetische zwischen dem Herzog und der verliebten Viola, die in zweideutigen Worten, die der Furst nicht fasst, diesem ihre Liebe bekennt. Die Verganglichkeit der Schonheit wird in wenigen Worten beklagt, und wie Viola die schnell schwindende Rosenblute der Jungfrauen bestatigt, schien sie bei den Worten:

So sind sie auch. Ach! muss ihr Los so sein,

Zu sterben grad im herrlichsten Gedeihn!

ihre Tranen nicht zuruckhalten konnen. Den mutwilligsten Kontrast bildet jetzt der Narr, der eben erst seinen Kumpanen verruckte Liedchen gesungen hat, indem er nun im Gegenteil mit schoner Stimme dem sehnsuchtkranken Herzoge ein ruhrendes Gedicht vortragt. Der Verwalter Lenz hatte sich selbst dieses Gedicht komponiert, der fremde Virtuos verwarf aber diese Arbeit und setzte eine neue einfache, aber ergreifende Melodie zu diesem einzig schonen Klaggesange. Man horte gleichsam den Sanger weinen; der bedeutsame Rhythmus, der eigentlich schon fur das feine Ohr und die gebildete Stimme die Melodie ausspricht, war im Wesentlichen beibehalten, und der tiefsinnige Amphimacer , in dem sich die ersten Verse bewegen, liess den nahe liegenden Anapasten in: "Lass mich frei" ergreifend wechseln, und gerade wirkte der Rhythmus dadurch so ausserordentlich, dass weder Amphimacer, noch Anapast zu steif und regelrecht im Takt festgehalten wurden, sondern die biegsame Stimme sich wie zwischen beiden in den sussesten Klagetonen schwarmend durchschmiegte. Und dann der Ubergang in Jamben und Spondeen: "Mit Rosmarin" "Treu halt es" war wie einer, der aus Tranen und Schluchzen sich zur Resignation oder erzwungenen Heiterkeit erheben will und in diesem Aufschwung nur noch tieferen Schmerz ausdruckt. In der zweiten Strophe, die nach derselben Melodie gesungen wurde, liess der verstandige Lenz nach Anweisung des Komponisten die Stimme mehr wie etwas ermudet sinken, und am Schluss zog er die Tone und Verse verhallend so ineinander, als wenn ihm keine Sprache und kein Wort in der Erschopfung der Trauer noch ubrig oder moglich ware. Dieses schone Gedicht, das Schlegel so meisterhaft und einfach ubersetzt hat, sang Lenz ohne alle Begleitung, nur am Beginn und in den Pausen klang oben auf dem Balcon eine einsame Flote nach, und ganz fern und unsichtbar ein gedampftes Waldhorn. Die Ruhrung war so stark, dass alle Zuschauer weinten, und es war wie notwendig, dass der Narr durch etwas Spass diese starke Wirkung wieder storte und den Horer zerstreute, auch um auf den schonen Schluss der Szene mit Viola und dem Fursten wieder hinuberzuleiten. Wie schon sprach Albertine die beruhmte Stelle von der liebenden, im Gram aufgeloseten Schwester! Und als nun der Herzog fragt: "Starb deine Schwester denn an ihrer Liebe?" war sie wie verwirrt und fast in eigner Ruhrung gefangen, ihr fallt der ertrunkene Bruder ein, und wieder beinahe weinend sagt sie nach einer kleinen Pause: "Ich bin, was aus des Vaters Haus von Tochtern und auch von Brudern blieb" und geht, sich selbst gewaltsam aufraffend, mit scheinbarer Heiterkeit zu Olivien.

Elsheim, als er vom Theater zurucktrat, war erstaunt, den Professor Emmrich, der gleich wieder als Malvolio auftreten sollte, in der tiefsten Ruhrung und in Tranen zu finden. "Noch nie", sagte er, "habe ich die Kunst dieses Werkes, das Uberirdische dieser Szene, die ganz in Poesie, Sehnsucht und Mutwillen getaucht ist, so empfunden wie heut. Gelingt eine Darstellung eines so grossen Kunstwerks nur irgend, so fordert sie Schonheiten deutlicher an das Licht, die ausserdem auch dem Kenner von halbem Nebel verdeckt bleiben. Ich kann mich kaum zu meiner Hauptszene sammeln." Er musste sich Gewalt antun, denn Maria war schon zu Andreas, Fabian und Tobias getreten; der Brief wurde hingeworfen, und die Manner versteckten sich. Schon beim Abgang des Herzogs war die innere kleine Buhne wieder geoffnet; zu dieser stiegen die Lauscher empor. Die letzte Hinterwand der kleineren Buhne war grun, wie Gestrauch und Baum; hier standen sie von den freien Saulen verdeckt, und noch mehr von einzelnem Gebusch und dunnen Baumchen, die sie selbst fast unvermerkt hinter den Saulen hervorziehen konnten. Durch diese Einrichtung war es nicht nur moglich, dass sie gesehen wurden, sooft ihr Stichwort es erforderte, sondern es tat auch eine sehr komische Wirkung, wenn die zornigen und lauernden Gesichter auf Augenblicke sich zeigten und dann wieder hinter dem Grun verschwanden, indessen etwas tiefer unten, aber ihnen nahe, Malvolio gestikulierte und keinen Argwohn hegte, dass man ihn in dieser Nahe beobachtete. In dieser Szene musste Emmrich seine Meisterschaft zeigen. Den Ubermut und die verruckte Eitelkeit des altlichen Mannes, die bis an die Grenze des Unmoglichen gesteigert wird, wusste er so naturlich darzustellen, der zunehmende Aberwitz mit und nach dem Lesen des Briefes war so uberzeugend, dass alle Zuschauer sich getauscht dem behaglichsten Lachen uberlassen konnten.

Jetzt trat die Leidenschaft der schonen Olivia mehr heraus Andreas selbst wird eifersuchtig und lasst sich von dem hanselnden Tobias bereden, dem jungen Cesario eine alberne Ausforderung zu senden. So lost ein Scherz den andern ab, wenn der vorige seinem Verbluhen nahe ist, und das Lustspiel bleibt immer neu und frisch. Nun kommt Malvolio als begluckter Liebender in seiner neuen Tracht. Seine Vertraulichkeit, sein Abspringen von grimassierter Freundlichkeit und lachenden Liebesmienen zu grobem Ernst und Stolz, seine Anspielungen auf den Brief, sein Ubermut nachher gegen Tobias lassen ihn jetzt als ganz wahnwitzig erscheinen. Selbst Oliviens Reden enttauschen ihn nicht als ihr Gemahl, als kunftiger Herrscher legt er alles, so unmoglich dies scheint, zu seinem Vorteil aus. Die safrangelben Strumpfe zu der ubrigens schwarzen Tracht vollenden das Bild. Die Kniegurtel, kreuzweis gebunden, waren nicht so, wie wir es wohl auf dem Kupferstich in der Shakespearegalerie sehen konnen, wo der Torichte Bander oberhalb des Knies so auf dem Schenkel tragt, wie sich wohl ehemals die Jockeys zeigten; sondern ein Kniegurtel mit Gold auf blauem Grunde hing fast vorn uber das Schienbein so steif und fest in Form eines wirklichen Kreuzes herab, dass durch diese Affektation die Erscheinung des Mannes noch abenteuerlicher wurde. Mit seiner Einsperrung geht seine eigentliche Rolle, seine Tatigkeit zu Ende. Nun erfolgt aber das ergotzliche Duell und die Gefangennehmung Antonios. Im Kleide des Pfarrers nahm sich der Narr wieder sehr gut aus, vorzuglich weil Lenz die Gabe besass, den vorgeblichen Geistlichen mit ganz veranderter Stimme zu sprechen und dann plotzlich in jenen Ton zuruckzufallen, den er als Narr angenommen hatte.

Gegen das Ende des Stucks erschien nun Olivia in dem roten seidenen Prachtkleide; alles entwickelte sich, auch der misshandelte Malvolio trat noch einmal im Schmuck der gelben Strumpfe auf, und das Ganze schloss zur allgemeinen Zufriedenheit.

Als alle abgegangen waren, hielt der Narr eine Art von Epilog; er sang namlich jenes launige Lied, spielte auf der Trommel und pfiff dazu, indem er auch einige komische Tanzersprunge nach jeder Strophe anbrachte, nach der Anweisung, die ihm Emmrich gegeben, um ganz dem Dichter, seiner Art und Weise zu seiner Zeit zu genugen.

Elsheim, Olivia und Albertine hatten sich in ihren Theaterkleidern sogleich in das Parterre begeben, um der alten, sehr zufriedenen Baronesse ihre Gluckwunsche zu ihrem Geburtstage darzubringen; auch Mannlich war den Damen gefolgt, um sich mit der gnadigen Frau wieder auszusohnen, die ihn auch sehr freundlich empfing. Jetzt zogen sich auf dem Theater jene Vorhange zuruck, welche die Treppen bedeckten, und man sah alle Stufen mit Kindern besetzt, welche Genien vorstellen sollten. Alle hatten Blumenkranze und bunte Girlanden in den Handen und so schwebten sie herab, stellten sich vorn auf die Buhne und bildeten mit den Blumen den Namenszug der Baronesse. Die grosseren standen auf den Stufen und trugen auf den Handen und Schultern die kleineren Kinder. Jetzt sprangen diese von den Schultern herunter, die andern verliessen die Stufen, die innere kleine Buhne war plotzlich frei, und auf einem Altar prangte das wohlgetroffene Bildnis der Besitzerin des Schlosses. Genien umhangten das Portrait mit grunen und farbigen Laub- und Blumen-Gewinden. Ein gluckwunschender Chor liess sich bei einer sanften Musik vernehmen. Indem alle noch mit gespannter Aufmerksamkeit auf dieses unerwartete Schauspiel hinblickten, offnete sich der Vorhang des hoheren Balcons, den man zugezogen hatte, und dort zeigte sich im glanzendsten Transparent der Name der Besitzerin, und Rosen, Sterne und Blumengeflechte, bewegten sich kreisend im buntesten und hellsten chinesischen Feuer um die Namenszuge. Auch hier standen Genien, und diese verschiedenen Kindergruppen auf der obern und untern inneren Buhne, sowie die Gestalten auf den Stufen seitwarts bildeten einen anmutigen Anblick, da sie zierlich und mit Geschmack geordnet waren. Eine sanfte Musik erklang, die verschiedenen Vorhange wurden wieder zugezogen, und das ganze Schauspiel war beendigt und beschlossen.

Elsheim fuhlte sich dem Professor Emmrich und den ubrigen Freunden verpflichtet, dass sie, die Festlichkeit auf diese Weise erganzend, ihn selbst mit diesem anmutigen Schauspiel uberrascht hatten, denn Emmrich hatte die Kinder heimlich eingeubt und alles ohne des Barons Mitwissen veranstaltet. Die Baronesse war so vergnugt und zufrieden, wie sie es seit Jahren nicht gewesen war, und wie der Mensch in der Regel in solcher Stimmung auch am liebenswurdigsten ist, so zeigte sich die alte Dame an diesem frohen Abend so einnehmend, wie der Sohn sie fast noch niemals gesehen hatte. Da die Auffuhrung dieser Komodie, die so ganz ausserhalb der Linie hergebrachter Forderungen und Gewohnungen liegt, so ausserordentlich gut gelungen war, so beschloss man, sich recht bald diesen Genuss zu erneuern. Elsheim, der Emmrich im Garten antraf, sagte zu diesem: "Ich kann noch von meinem Erstaunen daruber nicht zuruckkommen, mit welcher Vortrefflichkeit Mannlich und der Graf ihre Rollen gespielt haben. Ich bekenne, Sie hatten recht, Professor, ob ich gleich die Richtigkeit Ihrer Ansicht, der Anweisung, die Sie den beiden Herren gaben, nichtsdestoweniger mehr und mehr bezweifeln mochte."

Emmrich lachte, dann sagte er: "Ich wundere mich dennoch, Freund, dass Sie mich und meine Absicht nicht gleich verstanden haben. Die beiden Manner waren nur dadurch gute Komodianten, dass sie einmal Gelegenheit hatten, sich selbst, ohne es zu wissen und zu wollen, ganz darzustellen. Sie sind selbst so, wie sie jetzt gespielt haben, was sie aber niemals eingestehen werden ja selbst nicht einmal erfahren durfen, wenn es ein andermal wieder gelingen soll. Glauben Sie mir, konnte man mit den wirklichen Komodianten zuweilen ein ahnliches Experiment machen so wurden wir uns zuzeiten vortrefflicher komischer Darstellungen zu erfreuen haben. Wie mancher bewunderte tragische Held wurde einen Zettel in der Sommernacht von Shakespeare meisterhaft geben, wenn man ihm insinuieren durfte: Vortrefflichster! erobern Sie durch Ihre Talente diesem so lange verkannten Manne seine Wurde wieder. Er ist ja ein grosses, ja einziges Talent, wofur ihn seine Genossen, die Burgersleute, auch anerkennen. Die Probe, die er als Tyrann deklamiert, ist ja ein vortreffliches Gedicht und muss nun ebenso, etwa wie Sie schon sonst den Macbeth oder Otto von Wittelsbach gespielt haben, deklamiert und gespielt werden. Der schadenfrohe Puck, ein bosartiger Kobold, heftet diesem Manne nachher einen Eselskopf an. Soll dies etwas beweisen? Soll der schlechte Spass, wodurch man von je die grossten Manner verunglimpft hat, ein kritisches Urteil enthalten? Die zarte Titania beweist es ja, dass sie trotz dieser Entstellung seinen hohen Wert wohl zu schatzen weiss. Nachher wird sein herrliches grosses Spiel vom Fursten und den Aristokraten verlacht und bitter getadelt. Ist es nicht unbegreiflich, dass hier noch niemals ein feiner Sinn die wahre Meinung des grossen Dichters geahndet oder gewittert hat? Diese Lysander und Demetrius, die Hochmutigen, die sich soeben im Walde noch wie Toren und Rasende betragen haben, diese haben wohl viel Ehre mitzusprechen? Dass solche Junker und Despoten den hohen Kunstwert eines Zettels nicht verstehen, ist eben sein grosstes Lob. Verschliessen diese doch in der Regel gegen alles Herrliche Auge und Ohr. Zweifeln Sie dennoch, dass, wenn sich der Held so bearbeiten liesse, und er diese Uberzeugung in sich aufnahme, er diesen Zettel nicht viel besser und ergotzlicher, als seinen Macbeth und Otto spielen wurde?"

Elsheim sagte: "Ja, ich gestehe, ich habe den Schalk in Ihnen nicht erkannt."

"Einige Wahrheit", fuhr der Professor fort, "ist aber auch ausserdem in dieser Ubertreibung. Denn selbst gute komische Schauspieler in Deutschland, und wie viel mehr in England, verfehlen es darin, dass sie zuviel tun. Sie meinen, sie mussen sich zu dem Toren, den sie abschildern sollen, allzu tief hinablassen. Sie grimassieren, sie kleiden sich zu einem Scheusal um, sie verstellen ihre Stimme und grunzen und naseln nun etwas daher, indem sie jedes Wort hervorheben, den nachsten Spass durch Augenwinken und Korperverdrehungen ankundigen, dass in ihrem Bilde kaum die Menschheit wiederzuerkennen ist. Ich habe uber keinen Schauspieler noch so, wie uber unsern grossen Schroder, lachen konnen, und wie liess er auch durch die lacherlichste Figur sein edles Individuum durchschimmern und erreichte das Hochste, ebenso wie in seinem tragischen Spiel, immer mit wenigen Mitteln. Freilich ist das Lachen viel verschiedener und mannigfaltiger, als das Weinen der Menschen. Im Lachen verrat sich oft in der Gesellschaft der Gemeine und Rohe, der sich lange mit Gluck maskieren konnte. Ich bin schon oft melancholisch geworden wenn ein ganzes Schauspielhaus kein Ende des Gelachters finden konnte. Es gibt viele Menschen, besonders in den hohern Standen, die nur uber den Menschen lachen konnen und mogen, den sie zugleich verachten. Fur solche hat Shakespeare weder geschrieben, noch Schroder gespielt. Aber wie gern geben sich so viele Schauspieler mit Freuden hin, bis unter die tiefste Staffel des Menschlichen hinabzusteigen, um dieses fur den Gebildeten trostlose Gelachter zu erregen."

"Sehr wahr", sagte Elsheim. "Diese Empfindungsweise hangt noch mit einer andern sonderbaren Eitelkeit unserer Tage zusammen, die ich fast an jedem Menschen, selbst gebildeten, wahrgenommen habe. Man gibt diesem und jenem ausgezeichneten Talente gern zu, dass es komische Sachen, Charaktere und Lustspiele gut zu lesen und vorzutragen verstehe, aber nicht so in Ansehung des Ernsthaften, Schonen, Ruhrenden und Tragischen. Selbst uber Sie, Freund, habe ich oft dergleichen Urteile gehort. Die meisten, wenn Sie eine Tragodie, oder die poetischen Szenen unsers Goethe oder Schiller lesen, meinen im stillen, unser Freund tut zu wenig, ist zu naturlich, bleibt allzusehr in dem Ton der Konversation und dergleichen mehr. Je stumperhafter, heulender und singender ein solcher diese Gedichte vortragt, um so scharfer tadelt er Sie."

"Weil, wie unser Mannlich", antwortete der Professor, "die Leute glauben, der sogenannte Ernst, und was sie Empfindung nennen, musse den Mund voll nehmen und gleich damit anfangen, sich von der Natur und Wahrheit loszureissen."

Man ging zur Gesellschaft, und es ward beschlossen, noch an diesem Abend die heitere Vorstellung zu wiederholen. Da die Baronesse mit dem Inhalt schon bekannt war, ward sie von dieser zweiten Auffuhrung noch mehr, als von der ersten, ergotzt. Es waren diesmal weniger Zuschauer zugegen, und auch dieser Umstand trug zur Heiterkeit der alten Dame bei, weil sie sich das erste Mal etwas befangen und bedrangt gefuhlt hatte, auch damals in Angst stand, es mochte wieder irgendeine Ungezogenheit vorfallen, die der freigeistige Sohn etwa billigen mochte. Da man nun weder Prolog noch Epilog hatte, so wurden zwei Ruhepunkte im Stucke angebracht, um beim Anfang und in den beiden Pausen einige Musikstucke aufzufuhren, welche die Baronesse vorzuglich liebte. Emmrich behauptete zwar, dass das Stuck darunter leide, weil diese fluchtige, leichte Handlung auch dadurch hinreisse, dass der Zuschauer eben nicht zur Ruhe und Besinnung komme, doch gab er den Wunschen des jungeren Freundes nach, der seiner Mutter gern ihre heitere Laune, in welcher sie das Kunstwerk liebgewonnen hatte, erhalten wollte.

Indem Antonio neben Olivien stand, um wieder zum letztenmal aufzutreten, sah er, wie sie ein Billet aus dem Busen zog, das sie ihm heimlich zustecken wollte. Er griff darnach, aber so in Hast und ubertriebener Eile, dass er an Charlottens Hand stiess, und der Brief auf das Theater flog. Elsheim, als Herzog, erstaunte uber diesen Vorfall und sah den Brief an, und es schien fast, als sollte die Vorstellung jetzt einen Gegensatz zu dem Schreiben liefern, welches Malvolio in so seltsamer Begeisterung ablieset; doch liess Elsheim das Blatt liegen, Antonio trat heraus, der Baron spielte zerstreut, Olivia erschien, und bevor sie noch sprach nahm sie den Brief vom Boden auf und sendete dem verwirrten Leonhard einen sprechenden, vieldeutigen Blick zu. So ging das Stuck zu Ende, Leonhard fuhlte sich beschamt, Elsheim war zerstreut, und nur Charlotte behielt eine so ruhige Fassung, als wenn gar nichts vorgefallen ware. Doch war es ihr nicht moglich, jenen Brief der Behorde, an welche er gerichtet schien, abzuliefern denn Elsheim verfolgte sie mit so aufmerksamen Blicken, dass Charlotte sich auf ihr Zimmer zuruckzog, nachdem Leonhard gleich nach dem Schluss der Auffuhrung seine Ruhestatte aufgesucht hatte.

Am folgenden Tage wurde verabredet, zum Ergotzen der Mutter ein grosses Konzert zu veranstalten, in welchem, ausser den beiden fremden Virtuosen, auch alle diejenigen, welche von der Gesellschaft musikalisch waren, sich sollten horen lassen. Charlotte sang vortrefflich, Elsheim angenehm, und so gab man, mit Hulfe des Verwalters Lenz, fast die wichtigsten und meisten Partien aus Belmonte und Constanze. So wenig die alte Baronesse mit der neuern Poesie fortgeschritten war, so dass sie fast unwissend erscheinen konnte, so sehr war sie in die Kompositionen des grossen Mozart verliebt, weil sie diese gerade in ihrer fruhen lugend, indem ihr Bewusstsein erwachte, hatte kennenlernen. Bei vielen Menschen werden die Bildung, ja selbst der Charakter, und ihre Vorliebe und Vorurteile auf die ganze Lebenszeit durch solche Zufalligkeiten begrundet.

Die junge Witwe des verstorbenen Unterforsters liess sich an diesem Tage bei Elsheim melden. Da sich die beiden Leute schon seit fruhester Jugend gekannt hatten, so nahm sich die noch hubsche Frau manches bei dem jungen Gutsherrn heraus, was sie sonst wohl bei einem alteren Herrn nicht gewagt haben wurde. Ihr Anspruch war nichts geringeres, als dass sie nun auch einmal irgendeine Rolle auf dem freiherrlichen Theater zu spielen wunsche. Elsheim war mit der Frau, die so dreist, fast verwegen, ihre seltsamen Wunsche vortrug, in einiger Verlegenheit. Er suchte sie zu beschwichtigen und ihr das Ungehorige ihrer Forderung deutlich zu machen, aber alle seine Bemuhungen waren umsonst, denn sie war von ihrem Talent so uberzeugt, dass sie meinte, sie durfe weder vor Charlotten, noch Albertinen zuruckweichen, deren Spiel sie gesehen hatte. "Oh, mein junger lieber Herr", sagte sie, "Sie scheinen es ganz vergessen zu haben, wie fruh wir schon miteinander bekannt waren, und wie freundlich Sie mir damals begegneten, als ich noch nicht mit meinem Manne verheiratet war. Nachher kamen Sie freilich in langer Zeit nicht zu uns, und haben mich und uns alle hier ganz aus der Acht gelassen. In der Zeit, ehe ich mich verheiratete, bin ich ein Jahr in der nah gelegenen Stadt gewesen, bei einem sehr geschickten Fraulein, die auch eine Dichterin war. Diese behandelte mich mehr wie eine Freundin, als wie eine Gesellschafterin, und da habe ich oft helfen Komodie spielen. Was denken Sie? Ich habe die Agnes Bernauer, ich habe die Amalia in den Raubern mit Beifall dargestellt, auch die Orsina, und bei manchem grossen Kapitalstuck habe ich geholfen."

Elsheim war nicht gestimmt, das Geschwatz langer anzuhoren, und verabschiedete sie mit einem halben Versprechen, bei dem nachsten theatralischen Ereignis an sie und ihr Talent zu denken. Und warum nicht? sagte er nachher zu sich selber; es wird die Verwirrung, in der wir uns befinden, nur um weniges erhohen. Wohin geraten wir alle? Kann ich es mir noch leugnen, dass ich von Eifersucht gepeinigt werde? dass mich, gleich Blitzstrahlen, Momente des Unmuts, ja fast des Hasses, gegen meinen fruhesten, meinen innigsten Freund, den redlichsten aller Menschen schmerzlich durchzucken? Freilich sollte er nicht so schwach sein! Aber bin ich denn starker? Und schwerlich, nein gewiss nicht, schatzt er sie, die uns entzweien konnte, so gering, als ich. Glaubte ich doch meiner so sicher zu sein, als ich hieher kam, und nun spielt mir ein schadenfrohes Verhangnis so launenhaft mit, dass ich da in Leidenschaft entbrenne, wo ich ja, ich muss es so nennen wo ich verachte. Man mochte an die alten Sagen von Liebestranken glauben! Dieses leidenschaftliche Gefuhl ist ein Zauber, der zerrissen werden muss. Aber wie, auf dass er im Herzen und meinem Leben nicht so verderblich reisse, dass eine schmerzhafte Lucke bleibt? Ist es moglich, dass die Leidenschaft um so starker zu flammen vermag, je weniger sie von Achtung und Ehrfurcht genahrt wird?

Indem er diesen sonderbaren Gefuhlen weiter nachzutraumen sich gezwungen fuhlte, trat Emmrich in sein Zimmer. Diese Storung war ihm lieb und unangenehm zugleich, denn seine Vorstellungen angstigten ihn, und doch fuhlte er sich in der Gesellschaft des verstandigen Mannes verlegen, weil es ihm unmoglich schien, jetzt seine Gedanken gehorig zu ordnen.

"Schon seit einiger Zeit", begann Emmrich, "ist es mir Bedurfnis, ja es erscheint mir als Pflicht, mit Ihnen ernsthaft uber einen Gegenstand zu sprechen, der mir schwer auf dem Herzen liegt."

Elsheim war gespannt und uberrascht, ja fast uber diese Einleitung erschrocken. Die Manner setzten sich, und der altere fuhr so fort: "Glauben Sie mir nur, geliebter Freund, ich habe mir selbst langst alles gesagt, was Sie mir erwidern, oder was mir gar ein feindlich Gesinnter bitter entgegnen konnte. Ich sage mir selbst namlich: Was drangst du dich in diese Verhaltnisse? Wer fordert dich dazu auf? Verletzest du nicht vielleicht alle Delikatesse, und ziehst dir den Unwillen eines jungen Mannes zu, den du hochachtest, und der dir bis jetzt immer Liebe bewiesen hat? Kann ein freigelassenes Wort, eine Enthullung, die bis jetzt im Dunkel ruhte und nun an das Licht gerissen wird, nicht Unheil stiften? Wenn man aber, wie es mir geschieht, von seinem Gewissen getrieben wird, so mussen alle diese feineren und kleineren Rucksichten zu Boden fallen."

Elsheim war durch diese Einleitung noch angstlicher geworden, und da jetzt Emmrich seine Hand ergriff und sie zartlich druckte, dann mit dem Ausdruck innigster Freundschaft den jungen Mann umarmte, so steigerte sich dessen Verlegenheit so sehr dass der Ausdruck derselben fast komisch wurde. Emmrich schien eine Ahndung davon zu haben, denn er setzte sich plotzlich wieder nieder und suchte nach Worten. "Es sei!" sagte er nach einer kleinen Pause. "Sie bemerken es also nicht, oder wollen es vorsatzlich nicht sehen, wie Sie eins der edelsten Wesen zugrunde richten, wie Sie die liebenswurdige Albertine umbringen?"

Elsheim sprang von seinem Sitze auf, stand verwundert still und blickte starr den Redenden an, setzte sich dann wieder nieder, und sagte endlich mit dem Ausdruck der hochsten Verwunderung nichts weiter, als: "Wie?"

"So ist es", fuhr Emmrich fort. "Seit lange schon glaubte ich diese Leidenschaft in dem edlen Wesen zu bemerken, ich wollte aber fruher meiner Kenntnis des menschlichen Herzens nicht trauen, bis mich nun unsere Auffuhrung des Shakespeareschen Dramas auf das vollkommenste uberzeugt und alle meine Beobachtungen bestatigt hat."

"Albertine!" rief Elsheim aus; "Sie sagen mir da etwas, das ich nimmermehr glauben kann. Wie? diese Kalte, Schweigsame, immer Zuruckgezogene sollte eines Gefuhls, und gar fur mich, fahig sein? Wenn Sie mir dergleichen von Charlotten sagten, konnte ich es vielleicht eher glauben."

"Von Charlotten", erwiderte Emmrich kalt, "wurde ich es nicht glauben, und wenn das Fraulein es mir selbst versicherte. Wie wunderbar hat die Natur dieses schone Wesen mit Gaben und Reizen ausgestattet, und bei diesen vielfachen Geschenken das Herz vergessen, ohne welches alle anderen Eigenschaften ihren eigentlichen Kern verlieren. Ich bin uberzeugt, diese gaukelnde Fee wird niemals lieben konnen; sie sucht ihr Gluck darin, alle Manner zu bezaubern und leichte Abenteuer anzuknupfen und zu losen. Leidenschaft zu erregen ist ihr Spiel, sie will aber keine fuhlen. So hat sie sich zur reizendsten und gefahrlichsten Kokette ausgebildet. Sie hat in der Residenz schon wunderbare Abenteuer durchgespielt, und die verstandige Tante bemerkt entweder alles nicht, oder sieht als eine kluge Frau durch die Finger, wo sie nichts andern kann. Vielleicht muss es solche Wesen geben, und Charlotte entwickelt sich nur so, indem sie einer innern Notwendigkeit nachgibt; aber zu bedauern ist es doch, dass diese schone Erscheinung ohne Seele bleiben soll. Dagegen Albertine! welcher Adel bei diesem Liebreiz! Sie ist lauter Seele und Gemut und in dieser reinsten Unschuld und wahrhaft gottlichen Unbefangenheit voll des tiefsten Gefuhls fur alles Schone und Grosse. Wem sich dieses Herz widmen kann, der sollte sich wohl so beseligt fuhlen, dass er sich den Gottern des Olymps gleich dunkte."

"Halten Sie inne", rief Elsheim, "damit ich zu mir komme damit ich uberlegen kann, wie das moglich sei, was Sie mir da sagen, oder Grunde und Worte finde, um Ihre irrige Meinung zu widerlegen. Albertine!"

"Ich muss mich uber Ihre Verwunderung verwundern", antwortete Emmrich, "und zugleich das Schlimmste abbitten, was ich von Ihnen dachte, denn ich glaube, Sie wussten um diese Neigung und verschmahten die Ungluckliche absichtlich."

"Abgesehen von allem ubrigen", fragte Elsheim, "was verlangen Sie von mir?"

"Was Sie leicht gewahren konnen und mussen", erwiderte der Professor, "dass Sie die Arme nicht verhohnen, ihr nicht geflissentlich mit kalter Grausamkeit begegnen."

"Ach!" rief Elsheim aus, "mir ist das, was Sie mir da eroffnen, noch immer so neu, so uberraschend, dass ich daran zu glauben nicht vermag."

"Lassen Sie mich fortfahren, da ich mich Ihnen einmal anvertraut habe", sagte Emmrich; "dass ich mit Albertinen niemals uber diesen Gegenstand gesprochen habe, werden Sie mir ohne Versicherung glauben, da Sie mich kennen. Dass sie mir Auftrage gegeben, oder mir zuerst sich mitgeteilt haben sollte, dem zu widersprechen ist vollends uberflussig. Seit lange war mir die Melancholie und die abwechselnd erzwungene Heiterkeit des schonen Wesens aufgefallen. Als ich sie im Gotz beobachtete, wurde meine Vermutung zur Gewissheit. Aber mit grosstem Schmerz fand ich im Lustspiel meine Uberzeugung bestatigt. Ich habe schon sonst die Erfahrung gemacht, dass ein schoner Tenor nur dadurch in seinen geistigsten Tonen die Menschen bezauberte weil aus ihnen der Tod schon, die bald entwickelte Schwindsucht sang. Oh, mein Freund, als Viola sprach die zarte Freundin so weiche, uberirdische Tone, in so himmlische Lieblichkeit getaucht und wie im geistigen Ather hinklingend, dass die Laute mir durch das Herz schnitten, denn in jedem klang ein Lebensjahr mit hinaus. So hatte ihr Auge den uberirdischen Glanz eines verklart Sterbenden. Ja, Freund, sie geht zugrunde, ihr Herz bricht, und Sie werden sich nachher den Vorwurf machen mussen, dass Sie es verschuldet haben."

Elsheim war nachdenkend geworden und sagte dann nach einer Pause: "Und was verlangen Sie nun, dass ich tun soll?"

"Nur weniges", erwiderte Emmrich, "nur das, was Ihnen die Urbanitat von selbst, ohne meinen Rat, vorschreibt. Zeigen Sie der Armen nicht so geflissentlich Ihre Geringschatzung, Ihren Widerwillen. Warum so plotzlich, oft im unschuldigsten Gesprach, dieser hohnische Witz? diese bittern Bemerkungen uber die Schwachen der Weiber? Sie sind gegen alle Menschen, selbst gegen rohe, die es nicht verdienen, sanft und mild; dies zarte Wesen aber ist nur da, damit Sie an ihr den Ubermut des Mannes uben, und die giftigen Pfeile der Geringschatzung und Verachtung scharfen. Sie sind ein Mann, aber wenn jemand, den Sie liebten, Sie auf diese Weise behandelte, Sie wurden verzweifeln."

Elsheim fasste die Hand des alteren Freundes und sagte bewegt: "Ich danke Ihnen, dass Sie mich mit dieser Offenheit auf meine Ungezogenheit aufmerksam gemacht haben. Ich bin vollkommen im Unrecht, und weiss nichts zu meiner Entschuldigung zu sagen, als dass ich mein widerwartiges Betragen bereue. Es ist nur zu wahr, dass wir oft mit aller unserer vornehmen Kultur und Bildung, mit der wir uns brusten, roh, ja selbst gemein werden konnen. Sie ist mein Gast, mir verwandt, und so ist mein Vergehen noch weniger zu verzeihen. Ich werde mich jetzt bestreben, schonend und anstandig ihr gegenuber zu erscheinen."

"Ich wusste", sagte Emmrich, "dass Sie meine offenherzige Freundschaft so aufnehmen wurden. Fugen Sie nun noch das ebenso Notige hinzu, in Gegenwart der Kranken dieser Charlotte nicht so geflissentlich den Hof zu machen, diese mit Artigkeiten zu uberschutten, so eifrig um ihre Gunst zu werben, als ob von dieser das Gluck Ihres Lebens abhinge."

"Freund!" rief Elsheim bewegt aus, "man ist und bleibt ein Tor, und sollte jeden Morgen an seinen Schutzgeist ein ganz besonderes Gebet richten, dass er uns vor recht ausdrucklichen Dummheiten, vor diesen wenigstens, behuten moge. Schon seit anderthalb Jahren qualt mich meine gute Mutter in ihren Briefen, dass ich heiraten soll, und zwar diese ihre Albertine, die sie fur das Muster aller weiblichen Wesen halt. So trieb mich ein schadenfroher Damon in den Widerspruch hinein, und ich konnte in meiner Einfalt gegen diese frommen Wunsche nur widerspenstig sein, indem ich ungezogen wurde. Ich wollte meine Mutter nur bescheiden, sozusagen auf erlaubte Weise, argern, Albertinchen diese Gedanken, die meine redselige Mutter ihr gewiss schon eingeflosst hat, aus dem Sinn bringen, und habe wie ein stumperhafter Komodiant, statt Schroders feinen Klingsberg, zu meiner Beschamung einen ungehobelten Landjunker dargestellt. Auch dieses scheinbare Verliebtsein oder wie nenne ich es? in die Olivia, in diese allzu geniale Charlotte war ja nur ursprunglich ein Spiel, um meine Mutter irrezufuhren und die projektierte Heirat vollig scheitern zu machen. Ich handelte nur so in den Tag hinein, weil ich nicht als Pedant einen feinen und durchdachten Plan entwerfen wollte, und daruber ist, wie Sie mir jetzt verkunden, die Arme zum Opfer geworden. Sei es nun aber mein Vorurteil, oder Eigensinn, oder sei es eine wirkliche Antipathie unserer Naturen, meinem Gefuhl ist diese Albertine und ihr Wesen und Treiben zuwider. Darum war es mir auch peinlich, dass ich in unsern beiden Stucken so viel mit ihr verkehren musste. Von jetzt an aber werden Sie sehen, dass ich in der Vernunft und den Gesetzen der Lebensart Folge leiste; durch mich soll mein Muhmchen nicht wieder gekrankt werden."

Die Freunde trennten sich, und Elsheim irrte gedankenvoll im Garten umher. Es ist uns nicht gegonnt, dachte er bei sich, so im Leichtsinn, in welchem wir uns so poetisch fuhlen, dahinzutaumeln. Dies Gelust, wenn wir ihm nachgeben, wird vom Ernst des Lebens fast immer, und oft zu hart, gestraft. Darum ist etwas so Berauschendes und Entzuckendes in der ersten Jugendblute. Jene Reise-Momente, Stunden und Tage, wo ich unbekannt in einsamen Gegenden irrte und spielte, alle jene Scherze und vorubergehenden Figuren und Bekanntschaften, jene Neckereien, halbe Liebe und Tollheiten, konnt ihr denn niemals wiederkehren, und nur in der Erinnerung mich erfreuen? Damals fiel es niemand ein, mich wegen dieses Scherzes oder jener Ausgelassenheit zur Rechenschaft zu ziehen; jetzt muss ich mich verantworten, mein Betragen entschuldigen, fur die Folgen einstehen. Freilich bin ich auch alter geworden, lebe nicht in der Fremde, in einem Stadtchen oder Schloss, das ich jetzt betrete und ubermorgen verlasse, sondern in meinem angestammten Eigentum, wo ich der verehrliche Gutsherr bin und fur allen Schaden, der geschehen kann, einstehen muss. Und die anbruchigen Herzen sind leider nicht assekuriert, und was in meinem Besitztum verlorengeht, soll ich bezahlen.

"Tolle, tolle Welt!" rief er aus und setzte sich in jene abgelegene Laube, um recht ungestort mit den Menschen, der Gesellschaft und ihren Einrichtungen schmollen zu konnen. Da hupfte die kleine Dorothea vorbei, und da Elsheim wusste, wie vertraut diese seit einiger Zeit mit Albertinen war, so stand er auf, ging ihr entgegen und bat sie, auf einige Zeit bei ihm zu verweilen, weil er sie uber etwas, das ihm sehr wichtig sei, befragen wolle.

"Mein liebes Muhmchen", fing er an, "ich weiss, dass Sie stets, seit Jahren schon, fur mich die freundlichsten Gesinnungen hegten. Jetzt konnen Sie mich wahrhaft glucklich machen, wenn Sie einmal ganz aufrichtig gegen mich sind. Aber freimutig, offenherzig, Liebe, mussen Sie gegen mich sein, und ich schwore Ihnen, was Sie mir demnachst anvertrauen werden, soll in meiner Brust wie im Grabe verschlossen bleiben."

Die kleine verstandige Dorothea sah ihn misstrausich mit ihren klaren blauen Augen an und sagte dann: "Aber was verlangen Sie von mir, liebster Vetter? Sie machen mir bange. Alles, was moglich ist, will ich Ihnen beantworten."

"Moglich?" sagte Elsheim freundlich und in seiner gewohnten Weise, " ist denn nicht alles Mogliche moglich? Aber nicht bloss meinetwegen, um mich zu beruhigen, oder zu warnen, sollen Sie aufrichtig sein, sondern hauptsachlich zum Besten einer geliebten Freundin. Und ich schwore Ihnen, dass Sie deren Wohl nur dadurch fordern konnen, wenn Sie jetzt ganz ohne Ruckhalt sprechen. Sind Sie aber verschlossen und zweideutig, so schreiben Sie sich kunftig selbst alles Unheil zu, was aus diesem Betragen nur irgend entstehen kann."

Dorothea war bei diesen Beschworungen ganz ernsthaft geworden und sagte jetzt, fast geruhrt: "Nun, so fragen Sie, und soweit es nur irgend mein Gewissen zulasst, werde ich Ihnen wahrhaft antworten."

"Englische Cousine!" rief Elsheim und fasste ihre Hande; "ich kenne ja Ihr Herz und Ihre treue Freundschaft. Ich weiss fur gewiss (glauben Sie mir nur, ich habe die untruglichsten Beweise und Nachrichten), dass Albertine am Abgrund steht, und jetzt nahe daran ist, durch eine ungluckselige Leidenschaft vernichtet zu werden. Was konnen wir tun, um diesem Elende vorzubeugen?"

Dorothea senkte das Kopfchen, spielte mit den Fingern auf dem steineren Tisch, sah lange vor sich nieder und blickte nach einer stummen Pause zu den Augen des Barons ratlos und fragend hinauf. "Woher wissen Sie dergleichen?" sagte sie dann mit schwankendem Ton.

"Mein Kind", sagte Elsheim dringend, "treten Sie nicht zuruck, stellen Sie sich nicht unwissend, sondern antworten Sie frei und frank, als wenn Sie neben Ihrem Beichtvater oder Ihrem Arzte sassen, denn nur dadurch kann das Ungluck vermindert oder vielleicht kann ihm sogar ganz abgeholfen werden."

"Ach, lieber Freund!" sagte Dorothea tief seufzend, und eine Trane trat in das grosse klare Auge, " die Sache ist leider wahr ich habe es zuerst bemerkt und sie gewarnt, aber ohne Erfolg. Was konnen wir nun noch tun? Durch Entfernung, dass er vielleicht bald abreiset, dass er es nie erfahrt, das alles ist vielleicht noch die einzige Hulfe, das Rettungsmittel, wenn auch ein unzuverlassiges."

"So?" sagte Elsheim erstaunt, " ich dachte immer also er weiss es nicht?"

"Gewiss nicht", antwortete Dorothea mit herzlicher Vertraulichkeit, " wer sollte es ihm gesagt haben? Und ein Gluck, dass er es nicht selbst erraten hat, da sie in ihrer Naturlichkeit allzuwenig die Kunst versteht, sich zu verstellen. Nein, wenn er es auch nur ahndete, ware sein Betragen unverzeihlich. Aber er ist zu fein, zu gut, zu menschlich und edel, um dergleichen vorsatzlich zu tun, und daraus ersehe ich eben deutlich, dass er von den Seelenleiden der armen Albertine auch nicht die kleinste Vermutung hat. Nein, er konnte nicht so geflissentlich den Liebhaber der Charlotte spielen, und dieser alle seine Aufmerksamkeit widmen."

"Ja wohl", sagte Elsheim mit einiger Verwirrung, "er ist immer noch zu gut, als dass er dergleichen aus schadenfroher Absicht tun konnte. Der Sunder der Sie, Liebste, kennen Sie ihn denn auch etwas naher? Hat er Ihnen nicht vielleicht schon den Hof gemacht?"

"Nein", sagte Dorothea ganz ernsthaft, "denn ob ich ihn gleich sehr liebenswurdig finde, so habe ich doch weder Gelegenheit gehabt, noch gesucht, ihn im Vertrauen zu sprechen."

"Aber er ist gefahrlich, nicht wahr?" fuhr Elsheim fort.

"Das sehe ich an meiner armen Freundin", erwiderte sie, "denn wenn sie etwas loben will, sei es mannliche Schonheit, oder Liebenswurdigkeit, oder Treue, oder ein Wesen, dem man sein unbedingtes Zutrauen schenken konnte, dem die Herzen zufliegen mussten, kurz, wenn sie das Muster eines Mannes bezeichnen will: so nennt sie dieses seltne Wesen Leonhard."

"Leonhard?" fuhr Elsheim ganz mechanisch, aber doch uberrascht heraus, indem er sich zwang, sein Erstaunen zu verbergen, und Dorothea war von ihrem Gegenstande zu erfullt, um es zu vermerken, dass Elsheim ein boshaftes Lacheln nur mit Muhe unterdruckte. "Leonhard!" fuhr Elsheim nach einer Pause fort: "ja dieser junge gefahrliche Mann, den ich in aller Unschuld hieher gebracht habe, verdreht allen unseren Weibsleuten den schwachen Kopf. Hatte ich das Elend nur ahnden konnen, das er hier anrichten wurde, so hatte ich ihn dort in seiner Stadt gelassen, diesen Verfuhrer! Denn sehen Sie, liebste Doris, das ist er im eigentlichen Sinne, so wacker er ubrigens auch sein mag. Wo er aber ein Madchen oder eine Frau betrugen kann, wo er mit seiner Tugendmiene sie verderben mag, da ist er schlimmer, als Don Juan. Ja, Liebste, an diesem Felsenherzen ist unsere Albertine vollig verloren, und sie mag noch dem Himmel danken, dass der Bosewicht sich nicht um sie beworben hat, denn da er so unwiderstehlich ist, wie ihr es alle selbst bekennt, so ware sie vollig zugrunde gerichtet. Solche gefahrliche Menschen sollte man nicht im Lande dulden, oder sie schon im siebenzehnten Jahre verheiraten, damit sie nur recht fruh langweilige Ehemanner und unausstehliche Hausvater wurden. Aber was wurde auch dieses extreme Mittel eben fruchten? Denn dieser gottlose Bosewicht ist schon seit Jahren, und zwar an eine sehr hubsche junge Frau verheiratet, aber dennoch macht er uns nun hier die ganze Provinz rebellisch. Sagen Sie selbst, tugendhaftes Kindchen, mussten die Gesetzgeber nicht ganz neue, unerhorte Strafen fur dergleichen neumodige Waldfrevler aussinnen?"

Dorothea sah ihn gross an, denn auf dieses Geschwatz war sie nach jener feierlichen Einleitung nicht gefasst. "Sie wollten helfen, raten, dem Ungluck vorbeugen", sagte sie endlich, nachdem sie ihn lange betrachtet hatte, "und nun scheinen Sie doch nur rechte Schadenfreude zu empfinden, und die Sache macht Ihnen, so kommt es mir vor, mehr Spass, als dass Sie sie sich zu Herzen nehmen sollten."

"Ja so!" rief Elsheim aus, "Sie haben ganz recht, geliebtes Muhmchen, ich falle immer wieder, so geruhrt ich auch eigentlich bin, in meinen leichtsinnigen Ton. Aber, ernsthaft gesprochen, ich glaube, dass die Zeit ganz nahe sein wird, in welcher der gefahrliche Mensch wieder nach Hause reisen muss; dann ist ja hoffentlich der Zauber gebrochen. Dorchen, da Sie einmal in der aufrichtigen Stimmung sind wie denkt denn Albertine von mir?"

"Ganz so, wie Sie es verdienen", versetzte Dorothea mit einem schnippischen Ton; "wenn von Leonhard die Rede ist, werden Sie gewohnlich auch genannt, aber nur des Kontrastes wegen. Wie jener die hochste Liebenswurdigkeit des Mannes ausdruckt, so stellt sich in Ihnen alles dar, was am mannlichen Geschlechte fatal und widerwartig ist; Sie sind das Ungewisse, Leichtsinnige was kein Vertrauen einflossen kann, der zweideutige jesuitische Mensch, der weder Liebe sucht noch verdient, der kurz der, der Sie wirklich sind. So erkennt Sie Albertine, und wenn Sie auch auf einen Augenblick hinterlistig mein Vertrauen erschlichen haben, so bereue ich doch diese Viertelstunde recht von Herzen!"

Sie sprang auf und rannte davon. Elsheim aber blieb auf der Gartenbank sitzen und lachte so herzlich und so laut, dass einige Freunde, die ihn suchten, sich nach der Laube wandten, so wie der Bediente, der sich im Garten nach ihm umgesehen hatte, hereintrat, um ihm Briefe zu uberreichen.

Die beiden fremden Musiker, Mannlich und Leonhard, traten mit dem Diener zugleich in die geraumige Laube. Elsheim legte die Briefe, nachdem er sie obenhin betrachtet hatte, vor sich auf den Steintisch und sagte dann mit lachender Miene: "Meine Herren, ist unter Ihnen vielleicht ein Menschenkenner?"

"Menschenkenner?" sagte der brunette Bassist; "mich dunkt, diese Sorte hat man seit einigen Jahren ganz abgeschafft. Vormals spukten sie in allen Komodien und Romanen; auch gab es wohl Menschen, die, wie die Viehhandler, auf das Gewerbe reiseten, um die verfeinerten und bessern Menschenracen anzutreffen; allein seit man eingesehen hat, dass der grobschurige Hammel auf die Dauer doch der eintraglichste ist, hat man die Finte und Finesse wieder aufgegeben."

"Und man hat klug daran getan", sagte Elsheim lachend, "denn niemals muss der gute Landwirt zu oft und zu fein scheren wollen. Ist nun das Bloken, das man beim Scheren vernimmt, lauter Selbstgestandnis? Bekenntnis und Anklage? oder Lasterung auf den Scherenden? Nicht wahr, der Anatom, der die Menschen so schlechthin aufschneidet, durfte sich eigentlich wohl fur den grundlichsten Menschenkenner ausgeben? Und dann das sogenannte Herz."

"Ich meine", sagte der Klavierspieler, "die Alten taten besser, alle Herzensempfindungen mehr in die Leber zu verlegen. Sie ist eigentlich das gekraftigte Leben, wovon sie auch ihren Namen Leber hat, das mannliche R statt des weiblichen N, das spornklirrende Schwertwesen statt des sangreichen minniglichen. Herz ist zu sehr mit Erz, Harz und Erde verwachsen, um den Inbegriff der Liebesgeheimnisse andeuten zu konnen, wenn auch Schmerz und Scherz da wieder hineinlaufen."

Mannlich sagte trocken und ernsthaft: "Ich habe mich immer fur einen Menschenkenner gehalten, auch fur einen Mann, der das Herz, besonders das weibliche, erforscht hat. Es gibt auch gewiss nichts Interessanteres, als sich mit diesem Studium zu beschaftigen. Das weibliche Gemut ist vielleicht reicher, als das mannliche, aber dennoch leichter zu ergrunden. Hat man nur erst die Physiognomie des Geistes erfasst, so findet man leicht die Art und Weise der Gemutsgaben, der Regungen, und was nur igend mit dem geheimnisvolleren Bau der Seele zusammenhangt. So zum Beispiel unsere reizende Freundin, das Fraulein Charlotte. Ich kann mir denken, dass sie manchem, der sich auch einen Beobachter nennt, fur ein Ratsel gelten mag; wer es aber weghat, dass ihr inneres Wesen eigentlich das einer Nonne ist, der versteht nun auch sogleich, was sich ausserdem zu widersprechen scheint. Darum nur ist es ihr moglich, die Adelheid und Olivia so schon und vollendet darzustellen, weil ihr inneres Wesen reine Religiositat ist, und sie daher dasjenige, was ihr am scharfsten, am widerwartigsten entgegensteht, am sichersten auffassen und am uberzeugendsten spielen und ausserlich hinstellen kann. Diese feinen Seelen entfliehen gleichsam zuzeiten sich selbst und in das feindlichste Element hinein, um sich ihrer ganzen Kraft, Tugend und Reinheit von neuem bewusst zu werden. Ach, meine Freunde, das fuhrt uns eigentlich dahin, dass wir gegen manche Genien, besonders Musiker, toleranter sein sollten, die sich manchmal in ein scheinbar niedriges Element zuruckziehen, mehr, um sich auszuruhen, als um zu geniessen."

"Richtig!" sagte der Bassist laut lachend, "und das niedrigste, tiefste Element wird immer der Keller sein, in welchem in vielen Stadten die Weinschenken und jene Italiener hausen, die uns Austern, Kaviar, Lachs und Seefische anbieten, um uns an diesen Naturgewachsen zu zerstreuen. Kennst du die dunkeln Stufen die uns so lockend rufen? Dahin dahin " so schloss mit einem Gesang der Ubermutige.

"Nehmen Sie sich in acht", meine Herren, sagte der Klavierspieler, "dass Sie nicht stolpern und fallen, indem Sie zu diesem dunkeln, erfreulichen Element hinabsteigen. Man muss schon wissen, wie beim Denken, wohin man gelangen will, um mit Sicherheit hinzukommen."

Indem hatte Elsheim die drei grossen Briefe geoffnet, sie mit dem Ausdruck des Unwillens und Erstaunens uberlesen, und warf sie jetzt zornig hin, indem er ausrief: "Das fehlte noch!"

Leonhard fragte: "Darf man vielleicht wissen, lieber Freund was sie enthalten?"

"Oh!" rief Elsheim, "sie konnen laut gelesen werden, und wenn du es willst, trage diesen ersten gleich selber vor."

Leonhard las: " Ubrigens verehrter Herr Baron "

"Eine sonderbare Anrede", sagte der Bassist.

"Dennoch will ich mich massigen" las Leonhard

"Kurios!" sagte der Komponist, "nach welcher Logik stellt dieser Briefsteller seine Gedanken? Nun also?"

"Dennoch will ich mich massigen, indem ich wohl einsehe, dass ich unrecht habe. Sollte das nicht der Fall sein, so musste ich mich freilich ausserordentlich schamen."

"Ich verstehe weder Vordersatz noch Schlussfolge", sagte Mannlich.

Leonhard las: "Zugegeben also, dass wir Nachbaren und auch Gevattern sind, wie es bei jedem Zweifel das Kirchenbuch ausweisen wird, so ist mein dienstliches Ersuchen, dergleichen geistliche und weltliche Verknupfung nicht weiter in Frage zu stellen, sondern die Uberzeugung von diesen wie grosseren Sachen dem anheimzustellen, der alles nach seiner Weisheit nicht nur regiert, sondern auch reguliert."

Leonhard hielt inne, um zu lachen. "Das muss ein kurioser Menschenverstand sein", bemerkte der Bassist.

"Vielleicht", sagte der Musiker, "ein so tiefsinniger Philosoph aus der allerobersten Klasse, dass unsere Einfalt ihn nur nicht begreift."

Leonhard las weiter: "Und so hatte ich denn zwar fein, aber doch deutlich den Punkt beruhrt, uber welchen ich Klage zu fuhren Ursache habe."

"Wieso?" sagte Mannlich, "ich kapiere noch nichts von der ganzen Epistel."

Leonhard las: "Denn wenn ich auch nur drei Sohne habe, so brauchen die gewiss die Bildung ebenso notig, als wenn es dreiunddreissig waren, da die Zahlenprogression, sei sie geometrisch, oder auch nur perspektivisch, bei Seelenverbesserung unmoglich in Anschlag kommen kann."

"Das ist eine unumstossliche Wahrheit", sagte der Sanger, "und der Mann fangt jetzt an klar zu werden."

Leonhard fuhr fort: "So also, praemissis praemittendis, bin ich sehr verwundert gewesen, dass Ew. Hochwohlgeboren, obgleich Dieselben um vieles junger sind, uns dennoch nicht zusammen, oder einzeln, oder in pleno eingeladen haben, weil es freilich nicht geschehen ist. Es trug sich nicht zu, und ich hoffe, die Erneuung einer neuen Verwirklichung wird um so bessere Fruchte tragen, da ich jetzt in dieser Hinsicht nicht mehr der Unwissenheit beschuldigt werden kann, da es namlich der Herr Baron alleweil und jetzund erfahren. Christlich angesehen, wenn auch gar nicht nachbarlich: wo sollen denn meine drei Jungen, die nun alle schon heiraten konnten, Bildung herkriegen hier auf dem Lande, wenn die hochsten Potenzen und die allernaturlichste Nahe ihnen in der ausdrucklichsten Moglichkeit, ja selbst Wirklichkeit nicht gereicht werden? Ist es zu verwundern, wenn sie dumm bleiben konnten? Und wer hatte nachher die Verantwortung dieser, wie so mancher andern Dummheit auf sich, als mein Herr Baron? Nein, der Lowe kann wohl einmal eine Maus aus ihrem Netze beissen; bitte darum, die hochmogende Nachbarschaft sich nicht zu Feinden zu machen, wie wir gewiss alle in obszone und stuprose Gehassigkeit uns verwandeln mussten, trotz den Emanzipationen eines bessern Gewissens. Spielen Sie also wieder ein Trauerstuck, so darf ich hoffen, mit meiner Familie in dieses, wie in Ihr Wohlgefallen, abendlich oder nachtlich eintreten zu durfen. Sans rancune ubrigens und sans adieu, das heisst, in Hoffnung und Erwartung, dass uns der Herr Gevatter zum nachsten Theater menschenfreundlich invitieren wird, beharre ich, ohngeachtet meiner zu vernachlassigenden, aber alsdann schon vergesslichen Obliegenheit Meines hochgeehrten Herrn Barons ergebenster Diener, Baron Bellmann und zugleich seine Sohne, nam

lich alle drei."

Man lachte uber diesen kauderwelschen Brief, und Elsheim sagte: "Was hatte dieser Mann nun nebst seinen drei Sohnen mit unserm Drei-Konigs-Abend anfangen sollen? Und er wird wuten, wie er hier zu verstehen gibt, wenn er nicht nachstens eingeladen wird. Und sollten wir selbst niemals wieder spielen, wird er doch seinen Zorn nicht aufgeben."

"Ist es erlaubt", sagte der Sanger, "den zweiten Brief vorzutragen, der vielleicht von demselben Inhalt und ahnlicher Weisheit ist?" Und schon hatte er das Blatt aufgeschlagen und las:

"Hochverehrter, insonders tief bewunderter

Herr Nachbar und Baron!

Wohl weiss ich es, und mein Schicksal hat mich insoweit gehorig unterrichtet, dass ich es nur verdiene, auf dem Boden zu kriechen vor jedem, den das Schicksal und eine gutige, aber doch etwas parteiische Vorsehung in Geistesgaben, Witz, Beredsamkeit und Bildung hoher gestellt hat, als mich, die demutige Magd, die auch in dieser Zuchtigung die Hand des Himmels erkennt und da nur anbetet, wo mancher andere grollen mochte. Doch auch hierin zeichnet sich der Edle aus, wenn er sich gottlicher betragt, als der gewohnliche Mensch. So war mein Vorsatz, demgemass ich auch jetzt handeln wollte, und deshalb schwieg ich und duldete still, und noch mehr meine Tochter, die als stille Witwen und Matronen bei mir leben. Alles ertragt der Mensch, der, wie ich, an Leiden und Zurucksetzung gewohnt ist, nur nicht, wenn man sein liebendes, schwarmendes Herz mit Fussen tritt und vernichtet, und dieses haben Sie gegenwartig getan, Herr Baron, weshalb sich der Wurm nun auch im Staube krummt und gleichsam wimmert. Nein, Hochgeehrter, wo die Musen singen, wo uberirdische geistige Genusse ausgespendet werden, da darf ich auch wohl hoffen, wie der gemeinste Mann beim Kronungsfeste in Frankfurt, von dem offentlich aussprudelnden Wein und dem gebratenen Ochsen etwas zu erhalten. So denkt auch meine dritte Tochter, die von ihrem Manne geschiedene und verwaisete. Welchen Trost gewahrt die edle Dichtkunst allen Frauen, die sich in dergleichen Drangsal und Misshelligkeit befinden! Sie verschliessen uns aber, den Durstenden, diesen Quell; doch hoffentlich eroffnen Sie denselben als ein Moses in der Wuste bei der nachsten Auffuhrung, dass ich mit den drei Tochtern den lechzenden Gaumen erquicken kann. Unangesehen den grossen Genuss, werden Sie uns auch zu der geruhrtesten Dankbarkeit verpflichten; denn es ware zu traurig, wenn wir uns gegenseitig als Feinde betrachten sollten, die sich doch immer schaden konnen, mehr oder minder. So erharrend, dass uns ein gunstiges Los, und keine Niete fallen wird, verbleibe ich u.s.w. "

"Es ist zu toll", sagte Mannlich, "dass sich diese Menschen in unsern gebildeten Zirkel drangen wollen und Kunstwerke geniessen, da sie doch alles Kunstsinns ganzlich entbehren. Soll ich dir nun auch noch diesen dritten Brief vorlesen?"

"Meinetwegen", sagte Elsheim verdrusslich, "weiss ich doch schon, was er enthalt."

Mannlich las: "Donnerwetter, Herr Nachbar! Ich habe Sie erst neulich auf die Sauenjagd so freundlich und pflichtschuldigst eingeladen, aber Sie sind nicht gekommen, weil Sie vielleicht an Sauen und mir und der Jagd kein Interesse haben. Sie jagen lieber als Komodiant, und jeder, so sage ich, nach seinem Geschmack. Aber das Dings mit den Zigeunern und dem lahmen Kerl, wovon mir der verruckte Schulmeister erzahlt hat, hatte ich doch gar zu gern mit angesehen. Und mein Freund, der Oberforstmeister Retzer, der diesen Sommer bei mir wohnt, ist ganz des Teufels daruber, dass man uns nicht gebeten hat. Der alte Amtmann aus dem Frankischen druben, der auch jetzt bei mir hauset, hat auch die Ansicht, dass es Ihre Schuldigkeit als Nachbar und Freund gewesen ware, uns einzuladen, denn es sieht doch meiner Seele geradeso aus, als wenn Sie uns alle recht mit Vorsatz hatten vor den Kopf stossen wollen, was wir, wie sich von selbst versteht, nicht vertragen konnen und wollen, und Sie wissen wohl selbst, was sich Nachbaren schikanieren und einander dampfen und Knuppel in den Weg legen konnen, wenn sie erst einmal auf dergleichen ausgehen; denn Wurst wider Wurst, sagt der Deutsche, und Ohrfeige um Ohrfeige, Zahn um Zahn. Also, nicht wahr, Mannchen, bei der nachsten Komodianterei laden Sie uns ein, uns Manner, die wir doch wahrhaftig auch nicht hinter dem Zaun aufgewachsen sind, und einem jeden, wenn es not tut, die Zahne weisen konnen. Also eingeschlagen! und damit guten Tag und guten Weg, und auf erneute getreue Nachbarschaft Ihr Wohlsein, das wir drei hier um den Tisch eben cordialiter trinken wollen, als Ihre wohlgesinnten Freunde, Freiherr von Dulmen, im

Namen der ubrigen."

"Das klingt fast", sagte der Musiker lachend, "wie eine Ausforderung."

"Ja wohl", sagte der Sanger, "und dabei erinnert mich der Ton des Briefes an die trefflichen Bucher unsers verehrten Cramer, nach welchem dieser kriegerische Freiherr wahrscheinlich seine Schreibart gebildet hat."

"Ich weiss nicht, was ich anfangen soll", sagte Elsheim ganz verstimmt; "da drangen sich neue ganz widerwartige Figuren auf und lassen sich nicht abweisen. Unsere Diener und Bauern haben mich nicht gestort, aber diese wurden mir jede Laune nehmen; denn immer erfordert die Auffuhrung eines poestischen Scherzes Vertrauen, sonst erscheint man sich selbst in den bunten Jacken als gedungener und missgluckter Harlekin."

"Ja wohl", sagte Mannlich seufzend; "erst zwang unserm heitern Spiel die gute Baronesse fast verschimmelte, uberbildete Menschen auf, die aus einer langst vergessenen Zeit noch heruberschielten wie Revenants; nun drangen sich umgekehrt ganz Rohe und Ungebildete in unsern Zirkel. Das muss notwendig ein allgemeines Missbehagen hervorbringen."

"Man sollte ihnen", sagte der Sanger, "den Tasso von Goethe auffuhren, und sie wurden, glaub ich, hinfallen wie die Fliegen im Spatherbst; ich wette, sie kamen niemals wieder, selbst wenn sie eingeladen wurden."

"Oder man improvisierte", fuhr der Musiker fort, "ein furchterliches tobendes Melodrama, wo alle Instrumente losgelassen wurden, und man eigentlich im Charivari nichts vernahme. Man konnte ja alle Mitspielenden, die aber nur Unsinn aus sich selbst sprachen, umkommen lassen. Es wurde erbaulich genug ausfallen."

Der Diener trat wieder in die Laube und sagte: "Da ist ein wunderlicher Mann, der sich gar nicht will abweisen lassen; er nennt sich Ehrenberg, und behauptet, er musse den Herrn Baron durchaus sprechen. Er ware auch schon mit Ihnen bekannt, und Sie wurden sich gewiss freuen, ihn wiederzusehen."

"Ehrenberg?" wiederholte Elsheim, "ich kann mich seiner nicht erinnern, indessen, da er so dringend ist, so bringe ihn nur zu mir."

Nach einiger Zeit hupfte ein schlanker, nicht gar grosser Mann in mittleren Jahren, in schlechtem hellbraunem Rocke, dem Bedienten voran in die Laube hinein. Elsheim und Leonhard erkannten ihn sogleich als jenen wandernden Schauspieler wieder, der ihnen im Gasthofe Menschenhass und Reue ganz allein, ohne Beihulfe anderer Personen, aufgefuhrt hatte. "Ich weiss, hochstverehrter Herr Baron", rief der Angekommene, "dass Sie meine Huldigung, da Sie so hochst gebildet sind, nicht verwerfen werden. Sie haben Besuch auf Ihrem Schlosse, und so wird meine Bemuhung, die erhabenen Gaste zu unterhalten, vielleicht willkommen sein. Ja, ich bin davon uberzeugt, dass Sie mich nicht als ein uberflussiges Monstrum werden abweisen lassen."

"Gewiss nicht", sagte Elsheim erfreut; "im Gegenteil, Sie uberraschen mich auf eine angenehme Weise, und befreien mich aus einer grossen Verlegenheit. Es tut mir nur leid, dass ich Sie im Schlosse selbst nicht logieren kann, denn alle Zimmer sind besetzt; Sie werden aber im Hause meines Pachters ein bequemes Unterkommen finden."

Der Kunstler verneigte sich dankbar und zufrieden, und der Baron gab dem Diener Anweisung, fur den Wandernden zu sorgen, der sich auch sogleich mit dem Diener entfernte.

Elsheim sagte lachend: "So erbarmt sich denn ein gutiges Schicksal meiner, und sendet freundlich diesen Tausendkunstler der jenen Kennern, die sich selbst eingeladen haben, etwas Genugendes vorspielen wird. Er hat namlich die grosse Gabe, ganze Theaterstucke allein vorzutragen, und so spielt er Franz und Karl Moor in den Raubern, und verwandelt kunstlich genug die Tragodie in ein Monodram."

"Soll es aber erlaubt sein", sagte Leonhard bescheiden, "dies Werk unsers geliebten Dichters, wenn es auch sein fruhestes ist so zu entstellen?"

"Du weisst es", unterbrach ihn Elsheim, "wie ich gerade, mein Leonhard, dieses kecke, verwegene, zum Teil freche Gedicht liebe, mehr als die meisten meiner Landsleute, die Schiller verehren.

Es ist ein ubertrotziges Titanenwerk eines wahrhaft machtigen Geistes, und ich finde nicht nur schon ganz den kunftigen grossen Dichter darin, sondern glaube sogar Vortrefflichkeiten und Schonheiten in ihm zu entdecken, Ankundigungen, die unser geliebter Landsmann nicht so erfullt hat, wie wir es nach diesem ersten Aufschwung erwarten durften. Ist denn aber das wunderbare Werk nicht schon popular genug geworden, und oft genug auf guten und schlechten Buhnen als Entstellung und wilde Torheit aufgefuhrt? Wir geben Ehrenberg Gelegenheit, sich in seiner ganzen Grosse zu zeigen, und jene Besuchenden, die uns mit ihrem Zorne drohen, gehen ohne Zweifel begutigt und dankbar nach Hause. Wir sehen zu, oder halten uns entfernt, und kummern uns um das Unwesen nicht weiter."

"Nicht also, Herr Baron", sagte der Bassist in launiger Anregung; "jene Liebhaber werden sich niemals mit einem einzigen Opfer zufriedenstellen, und wenn es in zehn verschiednen blutdurstigen Personnagen auftrate. Wenn Sie, Baron, auch jenen Kennern und Sau- und Jagdliebhabern sich nicht preisgeben wollen, so will ich wenigstens helfen, und ich zahle dabei auf den Beistand einiger Freunde. Vor Jahren forderte mich ein bankerotter Schauspieldirektor, ein Jugendgenosse auf, ihn vom Untergange zu retten. Er sass mitten in den Bergen, und was konnte ich ihm helfen, da seine Oper schon fortgelaufen war? Ich reisete aber doch zu ihm, denn er war wirklich ohne mich verloren. Sein Personal reichte eben noch hin, die Rauber zu geben, ich, der ich niemals im Schauspiel aufgetreten war, lernte den Karl Moor auswendig, und, um das Ding neu aufzuputzen, legte ich fur meine Stimme Gesange ein, die ich selber dichtete und komponierte Lieder, die den Wert des Geldes priesen, den Raub halb komisch entschuldigten, die reichen Geizhalse schalten und dergleichen mehr. Wir machten mit unserer Extravaganz Fureur, wie man es nennt. Der Zulauf war so ungeheuer aus der Stadt und der ganzen Umgegend, dass wir das Stuck zwolfmal hintereinander bei uberfulltem Hause und doppelten Preisen geben konnten. Mein bankerotter Gesell war gerettet, hatte bedeutenden Uberschuss und konnte, da ich fur meinen Spass nichts begehrte, seine Truppe wieder erneuern und verbessern. Nun sei es fern von mir, meinem grosseren Rival seinen Karl Moor zu nehmen, aber den Spiegelberg will ich so recht con amore darstellen, und ihn, was eigentlich besser passt, alle diese Lieder und Arietten singen lassen."

"Recht so!" sagte der Komponist; "ich helfe bei der Einrichtung mit Instrumenten und Musik, dass das Gedicht: 'Ein freies Leben fuhren wir', welches zum Studentenliede erhoben ist, recht infernalisch kann gebrullt werden. Waldhorner und Raubermusik mussen noch ofter vorkommen, als Karl Moor sie fordert, und eine grosse wirkliche Schlacht mit Schiessen und Hauen muss den zweiten Akt beschliessen. Dazu konnen wir diese neue Einrichtung des Theaters, und seine Stufen, Treppen und Balcone vortrefflich benutzen. Das soll ein Toben geben, dass den Leuten das Herz im Leibe lacht. Da konnen wir einmal recht unsere Lust bussen. Ich spiele mit Vergnugen den Roller, oder den Bastard Hermann, oder, wenn es sein muss, alle beide."

"Vortrefflich!" rief Elsheim, "und unsern Schulmeister machen wir glucklich, wenn wir ihm den biedern Schweizer geben." "Auch ich", sagte Mannlich, "trage gern zum allgemeinen Almosen bei, denn ich habe schon sonst den alten Grafen mit Beifall gespielt, diese Rolle kann ich sogleich wieder ubernehmen."

Sie standen auf, doch Leonhard hielt sie noch zuruck und sagte: "Wir haben die Hauptsache vergessen. Keine von unseren Damen wird sich zur Amalie hergeben wollen."

Elsheim lachte und antwortete: "Schadet nicht, ich denke, diese Heldin werde ich schaffen konnen. Ja, das Trauerspiel muss so aufgefuhrt werden, wie wir es beschlossen haben, ich lade morgen hoflich alle diese Bittsteller ein, und in drei oder vier Tagen geben wir die Rauber, und wenn ich selbst die Amalie spielen sollte." Es war in des jungen Barons Weise, dass, nachdem er sich entschlossen hatte, sich und seinen Freunden, wo moglich, durch den wandernden Komodianten einen Scherz zu bereiten, er auch fur ihn zu sorgen sich verpflichtet fuhlte. Schon auf der Reise war ihm das kleine Bundel aufgefallen, mit welchem sich der Eilende trug; sein Gewand war noch dasselbe, nur etwas abgetragener; er dachte also darauf, ihn ingeheim so auszustatten, dass er sich mit Anstand in der Gesellschaft zeigen konne. Er lud ihn daher auf sein Zimmer, wo er ihm selbst zwei noch gute Kleider nebst Wasche und Zubehor in einen Koffer gepackt hatte, und als er dem Kunstler das Geschenk ubergeben, liess er es von dem Gartnerburschen, als ob es eben angekommenes Gepack des Reisenden ware, in das Haus des Pachters tragen. Dieses Geschenk war um so besser angebracht, da der Fremde ungefahr denselben Wuchs und die Grosse des jungen Barons hatte.

Leonhard war seit einigen Tagen in einer mehr als unruhigen Stimmung. Er fuhlte, dass sein Freund irgend etwas gegen ihn habe, ja er ahndete selbst die Ursache ihres gegenseitigen Zwiespalts, und dennoch konnte er den Moment nicht finden, den Entschluss nicht fassen, offenherzig den Gegenstand zu besprechen. Auffallend war es, dass Elsheim seinen unruhigen Freund gewissermassen bewachte. Dieser sah jenen oft ganz unvermutet neben sich, wenn er ihn weit entfernt glaubte. Sein prufendes Auge lauschte, und Leonhard war oft verlegen, ohne sich sagen zu konnen, warum. Auch erschien in der Heiterkeit, dem Lachen und Gesprach des jungen Barons etwas Erzwungenes und Ubertriebenes, so dass Leonhard vielfaltig wunschte, die Stunde seiner Abreise moge schon herbeigekommen sein.

Es war ihm bisher unmoglich gewesen, sooft sich auch dazu die Gelegenheit zu bieten schien, mit Charlotten allein zu sprechen. Sie hatte ihm zuweilen einen Wink gegeben, aber Elsheims lauernde Gewandtheit hatte jedes Verstandnis, jedes vertraute Gesprach zu hindern gewusst. Auch Charlotte machte ihn irre und angstlich, denn sie behandelte ihn, da sie ihn nur in Gesellschaft sah, mit auffallender Kalte, aber noch sichtlicher entfernte sie sich von Elsheim. Und so trieben sich die noch vor kurzem so heiter Gestimmten in Verwirrung und Angstlichkeit um, jeder den andern vermeidend und suchend, nach Frohsinn ringend, fast immer zerstreut, so dass das Gesprach oft plotzlich unterbrochen wurde, und die beiden Freunde gewannen durch diese Lastigkeit und den Druck der Gegenwart die Uberzeugung, dass es notwendig sei, zu einer deutlichen Erklarung zu kommen.

Leonhard hatte im Theatersaal ein Buch liegenlassen und ging hin es war noch fruh am Morgen es zu suchen. Er fand es nachdem er eine Weile herumgekramt hatte, und, indem er sich an die Saule lehnte, stand plotzlich Charlotte vor ihm. Er war bei diesem Anblick tief bewegt, ja fast erschrocken. Es schien, als sei sie schnell die Treppe heraufgestiegen, denn ihr Atem war kurz, und eine wallende Rote hatte ihre Wangen uberflogen. "Sehen wir uns endlich einmal allein?" flusterte sie. "Boser, wie habe ich dich erwartet, und du kamst immer nicht!" "Kann ich?" antwortete er schnell, "bin ich nicht fast wie ein Gefangener?" "Ich habe dir geschrieben, Geliebter", sagte sie und blickte ihn sehnsuchtig mit forschendem, erwartendem Auge an. Plotzlich umschlang sie ihn und kusste ihn heftig. Er, geruhrt und uberrascht, wollte die Arme um den schonen Nacken schlingen, als er sich gewaltsam, ja wie mit Entsetzen zuruckgestossen fuhlte. "Es ist unrecht", sagte sie dann kalt, "dass Sie mir neulich das Buch hier wegnahmen, ohne es mir vorher zu sagen; ich habe es allenthalben im Hause und Garten vergeblich gesucht." Der erstaunte Leonhard wollte antworten, als er jetzt erst bemerkte, dass Elsheim hinter ihm stand. "Ei, Baron!" sagte jetzt Charlotte, "wo kommen Sie denn her? Ich wollte eben zum Fruhstuck kommen und suchte nur hier mein Buch, das ich verloren hatte. Wissen Sie, dass Sie mir heut morgen die vierhandige Sonate spielen wollten?"

"Meine Mutter erwartet Sie schon", sagte Elsheim freundlich, "nachher aber, mein Fraulein, bin ich sogleich zu Ihren Diensten."

"Auf Wiedersehen also, meine Freunde", sagte Charlotte mit einer hochst anmutigen Verbeugung, "und lassen Sie uns nicht zu lange beim Fruhstuck warten, denn die Mama hat gern, wenn sie so heiter ist, wie jetzt, alle ihre geliebten Haupter beisammen."

Sie verschwand mit jener zierlichen Eile und dem trippelnden Hupfen, welches ihr so wohl stand, wie sie es denn wohl wusste, dass sie in allen ihren Bewegungen reizend war. Die Freunde standen sich jetzt allein gegenuber. Sie sahen sich bedenklich an, beide verlegen, doch lachte endlich Elsheim laut auf. "Was ist dir?" fragte Leonhard.

"Du weisst doch", sagte der Baron, "wie unser gelehrter Professor uns neulich so hubsch die Vorzuge dieses seines altfrankischen Theaters auseinandersetzte. Eine Bequemlichkeit hob er besonders heraus, dass namlich eine dritte Person so ganz ungeniert zugegen sein konne, ohne dass zwei andere sie wahrnahmen, und wie dies durch diese Saulen, Stufen, Mittelbuhne und dergleichen so ganz naturlich zugehe. Der Mann ist doch in allen Dingen gerecht und zuverlassig. Ist es denn aber wahr? und wirklich eine wirkliche Wahrheit?"

"Und was soll wahr sein?"

"Dass du als Papageno angestellt bist. Sie sagen, du habest dir einen ungeheuren Kafig angeschafft; in den wollest du alle unsere Madchen und Frauenzimmer einsperren, dir das ungeheure Ding als einen portativen Harem auf den Rucken schnallen, und alle die Weibsen als dein rechtmassiges Eigentum fortnehmen."

"Ich verstehe deinen Spass nicht", sagte Leonhard ganz verlegen.

"Es ware ein hubsches romantisches Gegenstuck", fuhr Elsheim fort, "zu jenem weltbekannten Kinderund Rattenfanger von Hameln. Das Schloss des Papageno hast du wenigstens schon seit lange am Munde, und darum, weil ich dies sehe, muss ich furs erste auch die andere Nachricht glauben."

Jetzt trat der Professor mit einigen andern herein, und der Kunstler Ehrenberg folgte, dem das Theater gezeigt wurde, uber welches er in das hochste Erstaunen geriet. Elsheim fasste freundlich zartlich den Arm Leonhards in den seinigen und sagte: "Folge mir auf mein Zimmer, wir wollen hier die Herren nicht storen."

Als sie dort angelangt waren, setzten sie sich schweigend nieder. "Ich habe einen Brief an dich", sagte dann der Baron.

"Von Hause?" fragte Leonhard mit einiger Beschamung.

"Bewahre!" antwortete Elsheim mit schadenfrohem Blick. "Es ist ja erst ganz kurzlich ein Brief angekommen. Wer wird so oft schreiben? Nein, mein Lieber, der Brief, den ich fur dich habe, ist ohne alle Adresse, aber dennoch weiss ich, dass er an dich gerichtet ist."

Er hielt ihm ein versiegeltes Blatt hin, welches Leonhard ungewiss und zaudernd betrachtete. "Du siehst", sagte er dann, "das Siegel ist unverletzt, sosehr ich in Versuchung gekommen bin, von dem Inhalt etwas zu erfahren; ein boser Charakter hatte frisch aufgebrochen, da mit keiner Silbe hier gesagt ist, wer diesen weissen unschuldigen Brief lesen soll."

"So sei es!" rief Leonhard in einer fast komischen Verzweiflung aus; "der Brief ist von Charlotten."

"Ohne Zweifel", sagte Elsheim, "und "

"Mein Freund", fuhr Leonhard bewegt fort, " ich oh, wenn du wusstest wenn du nur ahnden konntest "

"Ich begreife alles, alles, nur zu sehr", unterbrach ihn Elsheim. "Auch weiss ich mehr von dir, als du denkst; ich weiss es, wie lange und ganz allein ihr neulich bei der kleinen Forsterin gewesen seid, neulich, als du wie ein armes verirrtes Lamm so viel Wolle in den Dornen gelassen hattest. Diesen Brief hat dir die kleine Vermittlerin auch geben sollen, in welchem dich die allzu reizende Sirene wieder bestellt, und wohl dann auf mehr Liebe hofft, als du ihr neulich magst bewiesen haben. Alles dies hat mir die leichtsinnige Witwe freiwillig verraten, in Ruhrung und Entzuckung, weil ich ihr die Rolle der Amalia in den Raubern zugesichert habe. Aber freiwillig hat sie mir alles bekannt, ich gebe dir mein Ehrenwort darauf; nein, ich wollte sie gar nicht ausfragen, ich wollte gar nichts von ihr wissen. Und darum lies du deinen Brief; tu, was sie von dir verlangt, sei so glucklich, als sie dich machen kann, und lass alsdann dies Gesprach, welches wir jetzt gefuhrt haben, vollig und auf ewig vergessen sein. Aber schwore mir nur, dass diese Charlotte unsere Freundschaft nicht storen, dass sie unsere Gemuter nicht entfremden oder erkalten soll."

Leonhard hatte wohl bemerkt, wie bewegt sein Freund war, sosehr er auch Ruhe und seine gewohnliche Haltung zu erzwingen suchte. "Nein!" rief er aus, "nein, Elsheim, unsere Freundschaft muss wahrer, starker sein, als eine abenteuernde Leidenschaft, sei der Reiz, die Verfuhrung des Augenblicks und der Gelegenheit auch noch so gewaltig. Liebster, du hast Erwartungen, Absichten, dich bezaubert dies schone Wesen, und so gebe ich dir hier, wenn auch mit Kampf und Leid, das heilige Versprechen, sie nicht mehr allein zu sehen, sie zu vergessen, und bald abzureisen."

Kaum hatte Leonhard diese Worte geendigt, als sich Elsheim schon an seinen Busen sturzte, und ein heftiger Tranenstrom ihm die Brust erleichterte. Leonhard erschrak uber den gewaltigen Ausbruch einer kaum geahndeten Leidenschaft, und indem er den Freund trosten und beruhigen wollte, hob dieser ihn in seinen starken Armen vom Boden auf, und trug ihn laut lachend im Zimmer herum, setzte ihn, nachdem er so eine Weile gejubelt hatte, in das Sofa nieder, und stellte sich dann, sein Lachen noch vom Schluchzen des Weinens unterbrochen, vor den ganz erstaunten Leonhard, und deklamierte pathetisch: "Ich habe es immer gesagt: 'Den Tischler wollte die Natur zu ihrem Meisterstucke machen; aber sie vergriff sich im Tone; sie nahm ihn zu fein.'"

Diese Rede Odoardos zwang Leonhard, so ernsthaft er auch gestimmt war, ebenfalls zu lautem Lachen. Nun setzte sich Elsheim zu ihm, nahm seine beiden Hande und druckte sie an seine Brust. "Sieh, mein Bruder", sagte er, wieder innig geruhrt, "ich weiss, dass ich ein Tor bin; ich weiss, dass ich in einem Jahre, vielleicht noch fruher, diesen meinen jetzigen Zustand belacheln werde; aber betrachte auch den Menschen in seiner ganzen Nacktheit, in seiner unverhullten Schwache, denn ich will vor dir nicht besser und starker erscheinen, als ich bin. Seit Wochen qualt mich eine todliche, giftige Eifersucht, und ringt und zankt mit meiner Liebe zu dir. Und wer ist es, der uns so auseinanderzureissen droht? O spreche man mir nicht von Moral und Tugend, Ehrfurcht und Ideal, wenn das unbandige, das riesenhafte Ratsel in unserm Innern aufwacht und zur Auflosung ringt. Konnte ich glauben, dass ich dies in meinen reiferen Jahren erleben sollte, und dass in diesem Zauber, in dieser Verblendung mein Sinn und mein Gefuhl so klar und unbestechlich bleiben konnten? Wie sah ich ehemals mit verachtender Erbarmung auf jene Elenden hinab, die Vermogen, Leben, Ehre, Gluck der Familie und der Eltern Kreaturen preisgeben, deren Untreue, Eigennutz und Lugenhaftigkeit sie kannten! Oh, jetzt verstehe ich diese ungluckselige Zerrissenheit und dies vergebliche Ankampfen gegen eine bessere Uberzeugung! Glaubst du, dass ich die Zauberin verehre, oder nur achte? Wenn ich dies Gefuhl in mir erwecken will, so erwacht vielmehr das entgegengesetzte. Was aber hat dies Gefuhl auch mit dem Rausch und dem Wahnsinn zu tun, der mich, wie den Rinaldo, mit Blumenketten zu den Fussen dieser Armida bindet? Ist es nicht, als wenn man fragen wollte, was die Jo oder Leda des Correggio wohl noch an diesem Tage speisen wurde? Oh, Liebster, da du sie aufgibst, so kann ich die ubrigen umher mit Geringschatzung betrachten. Und glaube nur, ich weiss das Opfer zu wurdigen, welches du mir bringst: das grosste, das wundervollste, den Genuss, den die schwelgende Phantasie nicht glanzend genug ausmalen kann! Wie hatte ich ahnden konnen, als wir hieherkamen, und ich dir von diesem Madchen sprach, dass die Sunderin mich so verstrikken sollte! Damit du aber siehst, dass du sie in keinem Sinne verratst, dass du nichts Ehrloses, nichts Grausames an einem Weibe begehst, so lies diese zartlichen Billete, die sie mir in derselben Zeit geschrieben hat, als sie auch dich zu fangen trachtete."

Leonhard las und war verwundert, denn das hatte er doch nicht erwartet. "Nun lies aber auch ihren neusten Brief an mich", sagte er dann. Elsheim fand, dass er wirklich eine Bestellung auf einen gewissen Tag in das Waldhauschen der Forsterin enthielt, wo sie so ungestorter verweilen konnten, weil an diesem Tage Elsheim mit seiner Mutter und der Tante zum Besuch uber Land sein wurde. Ausser den Zartlichkeiten enthielt das Blatt Anklagen gegen Elsheim, der sich aufdrange, der die Liebe store, der sie wohl argwohnen moge, und dergleichen mehr. Leonhard erstaunte uber diese tiefe Treulosigkeit und so sicher wandelnde Unwahrhaftigkeit. "Sollen wir es beklagen", sagte er dann, "ass ein so schones Wesen sich diese Falschheit aneignen konnte, oder sollen wir annehmen, dass sie so sein muss und nicht anders kann? Ware sie ohne diese arge Zweideutigkeit weniger reizend? Konnte sie das, was uns bezaubert, nur in ihrem jetzigen Charakter entwickeln?"

"Nun, Geliebter," fing Elsheim wieder an, "lass mich gewahren. Du sollst nicht im mindesten kompromittiert werden, als wenn du mir dies Blatt uberantwortet hattest, oder irgendeine Abrede zwischen uns stattfande. Meine Leidenschaft soll das Wort fuhren, und sie, die so hinterlistig verfahrt, muss es ja entschuldigen, dass ich der jungen Forsterin das Geheimnis abgeschwatzt, ihr das Blatt entrissen und den Brief, ohne dass du etwas davon weisst, gelesen habe. Nach ihrem System muss sie es mir Dank wissen, dass meine Liebe alle Rucksichten, auch gegen dich, fallenlasst, und ihre Gunst mir das Hochste und Einzige auf Erden ist. So werde ich an deine Stelle treten, und ohne Zweifel glucklich sein. Nun ist also der Schatten vom hellen Sonnenlicht verscheucht, der sich zwischen unsere Freundschaft zu legen und duster anzuwachsen drohte. Aber, Geliebter, du liessest vorher ein Wort fallen von deiner nahen, baldigen Abreise. Diese Drohung nimm zuruck. Ich habe schon mit unserm Professor allerhand verabredet. Er schwarmt dafur, uns nachstens das Lustspiel Shakespeares: 'Wie es euch gefallt' aufzufuhren, und wir alle sind schon darin ubereingekommen, dass es in der ganzen Welt keinen solchen Orlando geben kann, als wie du ihn spielen wurdest. Auch hattest du nicht zu besorgen, wieder mit Charlotten in einen Liebesstreit zu geraten, denn Albertine wurde deine Rosalinde darstellen, und die kleine Dorothea Celia, ihr Muhmchen. Darum gib noch eine Woche, oder zehn Tage nach jenen Raubern zu, die uns nun so nahe bevorstehen; dann "

"Nein! nein! mein Geliebtester!" unterbrach ihn Leonhard sehr lebhaft, "nur dies, dies fordere nicht von mir! Alle Gefuhle zwischen uns, alle moglichen Missverstandnisse, mein teurer Freund, sind nun geschlichtet; wagen wir es nicht darauf, ob sich neue erzeugen konnten. Du weisst, was dich zu dieser Reise begeisterte; du erinnerst dich, was mich verfuhrte, dich zu begleiten. Sieh nun, wie sich alles anders gewendet hat, als wir es damals erwarteten. Statt unserer kindlichen Liebe zu Goethe, hat sich eine ganz andere unseres Herzens, und mit storender Leidenschaft und Heftigkeit bemeistert. Nein, mein Freund, jener Tag, der dich an meiner Statt nach jener dammernden Waldhutte fuhrt, sei auch der Tag meiner Abreise. Fur einen schlichten Burger, dachte ich, hatte ich der Abenteuer genug bestanden. So weit mag es sich vielleicht entschuldigen lassen, wollte ich aber irgend einem Geluste langer nachgeben, so musste ich mich vor mir selber schamen. Und welche Rechenschaft konnte ich meinem Haushalt, meiner Frau, meinen Handwerksfreunden und Genossen ablegen? Ich muss nach Haus, und um kein Taugenichts zu werden, in meine alte Ordnung zuruckkehren. Noch ist es Zeit, und du selbst, wenn du mich liebst, solltest mich forttreiben; denn jetzt vernarbt sich wohl noch die seltsame Wunde, die ich mit mir nehme."

Sie trennten sich, und Leonhard fuhlte sich beruhigt, doch war ihm, als wenn er einen unendlichen Verlust erlitten hatte. Elsheim war ganz heiter, und konnte froh an der Gesellschaft teilnehmen, seine Gaste unterhalten und seinen phantastischen Plan mit Charlotten verfolgen. Als er nachher mit dem Schauspieler Ehrenberg, der schon in den bessern Kleidern umherging, sich im Garten traf, sagte er zu diesem: "Nur nicht, mein Lieber, diese ubertriebene Dankbarkeit und zu weit getriebene Hoflichkeit. Lassen Sie es sich bei mir und den Meinigen in diesen Tagen wohlsein, spielen Sie Ihre Rollen, und sein Sie so frei und unbefangen, wie nur irgend moglich, denn nur dadurch werden Sie mir am besten danken."

Der alte Forster, der so laut damals geklagt hatte, als man ihm die Rolle des Zigeuners zugemutet hatte, begab sich diesmal fast freiwillig unter die Komodiantentruppe, und zwar, um keine sehr dankbare Rolle, den Schufterle namlich, zu spielen. Er ubernahm diese Partie als die kleinste und unbedeutendste im Stuck, und zur Teilnahme hatten ihn vorzuglich zwei Dinge vermocht: erstlich, dass seine Tochter eine so wichtige und glanzende Rolle ubernehmen sollte, und dann, dass ihn der ausgelassene Bassist uberredet hatte, alle seine Jagdhunde mitzubringen und mitspielen zu lassen. Denn da Karl Moor im zweiten Akt ausdrucklich sagt: "Auch mussen alle Hunde los und in ihre Glieder gehetzt werden, dass sie sich trennen, zerstreuen und euch in den Schuss laufen!" so schien es beiden mehr als unbillig, den guten, so oft geplagten Geschopfen die einzige Gelegenheit zu rauben, sich auch einmal auf der Buhne und in einer kunstlerischen Mitwirkung zu zeigen.

Alles war bereit. Der Cadet hatte den Kosinsky eingelernt der Komponist hatte es moglich gemacht, Roller und den Bastard Hermann zu ubernehmen; Franz Moor erdrosselte sich und erwachte nicht wieder zum Leben, daher war es dem kuhnen Ehrenberg etwas Leichtes, beide feindliche Bruder darzustellen und der Schulze hatte sich vom Schulmeister verfuhren lassen, den alten Diener Daniel einzuuben. Bauern, Knechte, Diener des Hauses und der Gartner mit seinen Gehulfen, sowie die Jagerburschen, waren in den Proben als Soldaten, Rauber und andere Helfershelfer abgerichtet worden.

So war denn der grosse Tag erschienen, an welchem dieses gewaltige Werk die Zuschauer entzucken sollte. Elsheim hatte seine Mutter beredet, an diesem Abend nicht im Schauspiel zugegen zu sein, weil sie, welches sie nach seiner Schilderung begriff, an der Grausamkeit des Gegenstandes und dem ubertriebenen lauten Getummel keine Freude haben konne; sie zog sich auch um so lieber unter dem Vorwand der Unpasslichkeit zuruck, weil jene Zuschauer, die sich fur diesen Abend zugedrangt, und die des Sohnes Einladung mit Freuden angenommen hatten, ihrem Sinn auf keine Weise zusagten. Es ward beliebt, dass die Tante, Charlotte und Albertine, sowie Dorothea, ihr Gesellschaft leisten und sie auf ihrem weit abgelegenen Zimmer mit Musik unterhalten sollten. Dort also ward gesungen und gespielt, indes Elsheim seine Gaste empfing, ihnen ihre Platze anwies, die Mutter und die Damen entschuldigte, und in Gesellschaft des Professors mit allen sprach, freundlich zuhorte und die Honneurs des Hauses machte, so gut und schlimm er es vermochte. Auch Leonhard war im Theatersaal zugegen, um die Fremden zu unterhalten.

Zuerst erschien die alte Frau von Brommen mit ihren veralteten Tochtern. Ihre Dankbarkeit und die ubertriebenen hoflichen Redensarten waren unertraglich gewesen, wenn Emmrich nicht die Geschicklichkeit besessen hatte, das Gesprach sogleich auf andere Gegenstande zu lenken. Von dem larmenden und laut schreienden Bellmann wurden sie dann unterbrochen, der mit seinen drei Sohnen, immerdar fragend und die Antwort nicht abwartend, in den Saal brach. Alle staunten, da sie gar keinen Begriff von einem Theater hatten, und waren darum in gespannter Erwartung um so begieriger. Jetzt erschien auch der dicke Jager mit seinen Begleitern, und alle sassen schnaubend und fast schnarchend auf ihren Platzen, indessen die drei Bewirter die schwere Aufgabe zu losen hatten, auf alle ihre sonderbaren Fragen ihnen genugzutun. "Wissen Sie wohl", sagte der unbeholfene Dulmen schnarchend und schnaubend, "was ich schon auf unserm neulichen Landtage meinen Kollegen und dem Herrn Prasidenten habe vorschlagen wollen? Man hort so viel jetzt von allen Menschenfreunden gegen die Todesstrafen und die offentlichen Hinrichtungen reden; sie meinen, es sei nicht recht schicklich und anstandig fur gebildete Nationen, wie wir sind, und dergleichen. Nun habe ich mir sagen lassen, dass in Trauerstucken oft viele Personen auf dem Theater umkommen, die sich zum Teil selbst entleiben, zum Teil von andern erstochen werden. So ware es also vielleicht recht erspriesslich, wenn man die ausgemachten Malefikanten und Verbrecher, Mordbrenner und solch Volk diese Tragodienstucke auffuhren liesse, damit ihnen dort mit Geschmack und Anstand vom Brote geholfen werden konnte."

"O mein Himmel!" rief eine von den Witwen, "das ware ja noch grausamer und blutiger, als die spanischen Stiergefechte. Nein, dem ist unser edler deutscher Sinn, unser weiches Gemut zu sehr entgegen."

"Warum edles Gemut?" rief Dulmen, der Jagdfreund; "hatte mich je etwas bewegen konnen, mal nach dem bigotten Lande hinuberzureisen, so waren es gerade diese superben Stierhetzen gewesen: eine so noble Erfindung, dass man sie einem so rohen, unwissenden Volke gar nicht zutrauen sollte. Teufel noch einmal! so ein wilder Ochs, so ein wutiger Kerl, der gar keine Raison annimmt! Und nun die lieben Hunde, und der dreiste Mensch, der ihm den Fang gibt! Und Tausende von Menschen umher, Vornehme, Fursten, geputzte Frauenzimmer und das Burgervolk, und alles ruft und klatscht Beifall! Nein, meine gnadige Frau, bitte tausendmal um Vergebung, das muss ja etwas wahrhaft Paradiesisches sein."

Bellmann sagte: "Schauen 's, so war auch ehemals die beruhmte Barenhatz in Wien. Aber alles Gute geht zugrunde. Ich bedauere nur unsere Nachkommen, die es noch schlimmer haben werden."

Jetzt begann die Musik. Der Komponist hatte zwei Orchester angeordnet, eins oben auf dem Balcon, ein anderes vorn unmittelbar vor dem Theater. Jedes spielte erst einzeln und vereinigte sich dann, um ein rechtes tobendes Gewirr von Tonen in die Schlacht zu fuhren.

Da Ehrenberg sich gar nicht daruber hatte zufriedengeben wollen, dass kein grosser, breiter Vorhang vorn die Buhne von den Zuschauern trennte, Emmrich auch einsah, dass ein modernes Stuck dessen nicht gut entraten konne, so hatte er zwei grosse Gardinen besorgt, die vorn sich in der Mitte beruhrten und, wenn der Akt anheben sollte, durch zwei Schnure zuruckgezogen wurden, so dass sie auf beiden Seiten verschwanden.

Jetzt trat Franz Moor auf mit seinem Vater, dem alten Grafen. Mannlich sprach diesen in seiner tragischen Weise breit, stark, langsam, mit angeschwollenen Wangen und hervorgedrehten Augen. Franz war aber in der Kunst, Gesichter zu schneiden viel geubter, denn wenn Mannlich beinahe nur immer denselben Ausdruck anbrachte, so lief uber das Gesicht des verstockten Bosewichts Franz das Mienenspiel wie ein Zickzack mit Blitzesschnelle. Die Zuschauer, die vornehmen sowohl, wie die Bauern, welche man zugelassen hatte, waren ganz hingerissen von Erstaunen und Bewunderung. So was sei noch niemals gesehen worden; so etwas konne sich kein Mensch traumen lassen: darin kamen alle uberein. Aber Ehrenbergs Monolog! Jetzt enthullte sich erst der ganze Bosewicht, an dessen Schandlichkeit man bis dahin immer noch etwas hatte zweifeln konnen. Es ware grausig und konnte einem im Traum wieder vorkommen; so ausserten sich die Sohne des Baron Bellmann. Jetzt trat Amalie auf. Die Bauern, welche sie kannten, waren in der grossten Freude, die sie, um die Damen zu begrussen, mit einem lauten, wiehernden Gelachter ausserten. Sogleich erhoben sich Bellmann und Dulmen von ihren Sitzen, kehrten sich um, indem sie majestatisch umhersahen und riefen: "Stille, das da ist ein Trauerspiel, gutes Volk!" Lene, des Forsters Tochter, war vortrefflich in ihrer Rolle, so sicher und frei, so ohne Verlegenheit, dass selbst Elsheim uber ihre zu grosse Keckheit erstaunen musste. Diese Dreistigkeit tadelten auch an ihr die alte Dame und ihre Tochter; die jungen Bellmann aber und die Forstleute lobten sie um so mehr wegen dieser majestatischen Sicherheit. Warend ihres Monologs kleidete sich Franz mit Blitzesschnelle zum Karl um, warf die rote Perucke ab, und setzte eine andere auf, mit schonen herabfallenden Locken, die wie schwarze Troddeln uber Stirn und Wangen fielen. Gleich in seiner ersten Szene brachte Spiegelberg zwei von seinen kraftigen Liedern an, die auch von der besten Wirkung waren. "Jetzt durfte man vielleicht lachen", sagte Dulmen ziemlich laut, und die Bauern, die seinen Ausspruch gehort hatten, bedienten sich dieser Erlaubnis. Moor sturzt ab, und Spiegelberg ermuntert die Kameraden, sich mit ihm zu einer Rauberbande zu verbinden. Wieder ein Lied, und der Forstrat sagte: "Bei Gott! eigentlich wird das Spitzbubenhandwerk von dem schonen grossen Manne da doch gar zu appetitlich abgeschildert. Wenn uns da das Gesindel in die Walder lauft und das Wild wegpirscht, so ist es nicht mehr zu verwundern."

"Wahr, Herr Nachbar", rief Bellmann: "gefahrliche Ausserungen unter diesen Umstanden! Nur werden sie eingesteckt und kriegen Prugel, was denn auch wieder nicht sehr appetitlich ist."

Moor kam wieder in der ungeheuersten Verzweiflung. Dem Ausbruch ungemessener Wut folgte sein Entschluss, Rauber und Morder zu werden. Seine Genossen schworen ihm Treue, und alle sturzen tumultuarisch ab.

Die Bellmann, Dulmen und seine Begleiter, die fremden Damen, alle konnten nicht Worte finden, um die Bewunderung fur diesen Schauspieler genugend auszudrucken, welcher mit so grossem Kraftaufwande den Rauber Moor spielte. Aber welch Erstaunen ergriff sie insgesamt, als ihnen Elsheim vertraute, dass dieser Mann, der ein wirklicher Buhnenkunstler und kein blosser Liebhaber sei, Kunst und Kraft genug ubrigbehalte, um neben diesem edlen Bosewicht auch noch jenen ganz verworfenen, hamischen Franz zu spielen. Anfangs erstarb ihnen das Wort im Munde, dann aber begannen alle zu zweifeln, und meinten, der junge Baron treibe nur seinen Scherz mit ihnen, bis nach wiederholten Beteuerungen Elsheims ihr starrer Zweifel brach, um die Flut einer ungemessenen Bewunderung ausstromen zu lassen. "Den Mann mussen wir sehen!" riefen die Bellmann wie aus einem Munde. "Fuhren Sie uns auf das Theater", schrie Dulmen, und seine Gefahrten akkompagnierten. Die Damen begnugten sich, ihre Bewunderung in Tranen des Entzuckens auszudrucken, da sie die Hoffnung nahrten, nach geendigtem Schauspiel den Wundermann auch personlich kennenzulernen. Stampfend und mit den Sporen klirrend folgte der mannliche Chor dem anfuhrenden Elsheim, der sie seitwarts durch einige Zimmer geleitete, um sie von der hintern Seite auf das Theater zu bringen. Dort hatte sich Ehrenberg schon wieder zum Franz umgewandelt, und als jetzt die larmende Gesellschaft hereinstolperte, und Dulmen schrie: "Karl Moor, wo ist Karl Moor?" lief ihm der rothhaarige Franz verwundert entgegen. "Mensch!" schrie der alte Bellmann, "wo ist dein Bruder Karl Moor?" "Meine Herren", sagte Ehrenberg, "sollten Sie es nicht wissen, dass ich es bin der beide Charaktere gibt?" "Ist ja wahr!" schrie Dulmen auf, "man wird ganz dumm bei solchem Wunderwerke!" Er druckte den Kunstler so heftig an seine Brust, dass dieser laut hatte schreien mogen. Bellmann umarmte ihn ebenfalls. "Grosser Mensch", sagte er dann, "wir und meine Sohne mussen uns naher kennenlernen, Sie mussen zu uns hinuberkommen; konnen Sie meine Kinder da wohl unterrichten, dass sie auch so was lernen?" "Gewiss", sagte Ehrenberg, "und ich werde glucklich dadurch sein." "Zu mir auch, auch zu mir mussen Sie kommen!" jubelte Dulmen: " wir sind alle Menschen, ist es nicht wahr, Bellmann?" "Man sollte es doch glauben", antwortete dieser. Alle drangten sich gaffend, fragend, schreiend, lachend, ihn anruhrend, um den grossen Wundertater, so dass Elsheim anfing besorgt zu werden, das Mannchen mochte in dieser grossen Popularitat Schaden nehmen, oder gar verhindert werden, seine Rolle, von der noch bei weitem das meiste zuruck war, fortzuspielen. Er schaffte also mit Redekunsten die sturmischen Bewunderer wieder von der Buhne, die es ganz vergessen zu haben schienen, dass sie noch vier lange Akte zu erwarten hatten. Sie entfernten sich endlich, ungern zwar, wandten noch oft die Blicke ruckwarts, und erzahlten den wissbegierigen, gespannten Damen im Parterre nun von der roten Perucke, die sie wirklich angeruhrt hatten, ihn aber umarmt und seine Hande gedruckt, und dass er ohngeachtet seines ungeheuern Talents ein Mensch wie andere auch zu sein schiene. Indem teilte sich der Vorhang wieder, und der zweite Akt begann.

Jetzt wurde der boshafte Franz und seine Kunst, das Gesicht zu verziehen, noch weit mehr als vorher bewundert, da man ihn naher kannte und wusste, wer er war. In der Szene des scheinbaren Todes zeigte sich Mannlich gross. Jetzt trat auch der Komponist als Hermann auf, wie er sich schon im vorigen Akt als Roller gezeigt hatte. Der Alte war nun tot und beseitigt und Franz Gebieter. Es folgten hierauf die Szenen im Walde, die der Bassist, ohne Hulfe Ehrenbergs, eingerichtet hatte, und in denen er seinem Ubermut am meisten den Zugel wollte schiessen lassen. Gleich beim Eintreten trug er wieder einen jener tollen Gesange vor, worin er den ganzen Umfang und die Tiefe seiner vortrefflichen Stimme horen lassen konnte. Er hatte alles aus der ersten Edition des Werkes herubergenommen, und nur die Erzahlung von der Plunderung des Nonnenklosters ausgelassen. In seiner tollen Laune hatte er viele von den Domestiken oder Knechten auf die lacherlichste Weise herausgeputzt als diejenigen Spitzbuben, die er, Spiegelberg selbst, angeworben hatte. Indem er nun die Geschichten seiner List und Menschenkenntnis erzahlte, holte er diese Kumpane, einen nach dem andern, naher an das Licht hervor, und die seltsamsten Fratzen zeigten sich zum Ergotzen der Zuschauer; dies und die musterhaft launige Erzahlung, die der Dichter seinem Spiegelberg in den Mund legt, mussten Freude und Jubel hervorbringen. Das Gelachter war unausloschlich, und selbst Elsheim und der Professor mussten den Humor des Sangers bewundern. Nun erscheint die ubrige Bande mit dem befreiten Roller. Das Getummel war gut arrangiert, und alle diese Rauberszenen wurden, bis auf die Rolle des Karl Moor, wirklich vortrefflich gegeben, doch wurde dieser am meisten bewundert. Der Schulmeister war als Schweizer unbeschreiblich glucklich, denn er durfte so laut und stark spielen, wie er nur immer wollte. Der Kommissar oder Pater erscheint, und nun vernimmt man schon Trompeten und die Musik der Soldaten. Jetzt sturzen alle Rauber im Getummel ab, und das Gefecht beginnt. Dieses hatte der Sanger vielmals mit allen Gehulfen eingeubt, um das Allertollste hervorzubringen, wie man es sonst nur in dem Zirkus der Kunstreiter zu sehen gewohnt ist. Die Szene nahm sich gut aus und passte vortrefflich auch zu dieser torichten Aufgabe. Man hatte die freien Saulen mit bemalten Baumstammen verhangt; so war die innere Buhne nun wie eine Felsengrotte, die Stufen, von grunen Gebuschen umstellt, erschienen wie Gebirgssteige, Schluchten oder Hohlwege, der Balcon oben zeigte sich als eine Berghohe. Die Rauber nahmen nun, nachdem Moor und andere hinweggesturmt waren, unter Geschrei und wilder Musik alle diese Posten ein; Soldaten erschienen sodann unten, um solche wieder mit Gewalt zu erobern. Man schoss, man kampfte mit dem Sabel und Bajonett, alles schrie Horner und Trompeten schmetterten nah und fern, auch horte man in den Pausen das Schiessen und Kampfen in der Weite. Als die Rauber fast schon gesiegt hatten, viele Soldaten tot und andere entflohen waren, erschien von der rechten Seite der Rauber Moor mit seiner Schar wieder, als wenn er von der Ubermacht des Militars zuruckgedrangt ware. Neue fechtende Gruppen bilden sich wieder auf dem Proscenio, sowie auf der innern Buhne; das Schiessen wird noch viel gewaltiger; die grosste Verwirrung und Zerstorung stellt sich dar. Jetzt bricht heulend und bellend die ganze Koppel der Jagdhunde herein; alles schreit, larmt, Trompeten schmettern, Waldhorner tonen, Buchsen, Gewehre und Pistolen knallen, dazwischen die Hunde, und die Anhetzenden toben, was sie nur vermogen, so dass der alte Forster genotigt ist, von der Wahrheit abzuweichen und als Schufterle trotz seines schimpflichen Abschiedes wieder aufzutreten um seine Hunde nur gehorig zu fuhren und in Ordnung zu halten. Die Doggen, so abgerichtet, reissen viele Soldaten von hinten nieder, die Bullenbeisser rennen die Stufen hinan, um die Krieger anzupacken, und als diese mehr als babylonische Verwirrung, das Zeter und Spektakel eine geraume Zeit gewahrt hat, fliehen die Soldaten, und die siegenden Rauber sturzen jubelnd nach. Den Boden, die innere Buhne und die verschiedenen Stufen rechts und links bedecken die Leiber getoteter und verwundeter Krieger, alle, wie auch Leonhard und der Professor zugaben, in hochst malerischen Stellungen, woruber der letzte nicht wenig erfreut war, da nur durch seine angepriesene neue, oder vielmehr veraltete Buhneneinrichtung dieser Effekt erreicht werden konnte. Nun schlossen sich die Vorhange und verdeckten alles.

Diesem Ungestum folgte eine allgemeine tiefe Stille, denn die Bewunderung und das Entzucken der Zuschauer war so gross, dass sie anfangs keine Worte und keinen Ausdruck finden konnten. Endlich vereinigte sich der Ausspruch der Damen sowohl wie der fremden Herren dahin, dass dieses Schauspiel erhaben, sublim und einzig zu nennen sei, dass man niemals sich vorgestellt habe, dass die dramatische Kunst so ungeheure Wirkungen hervorbringen konne, und dass das ganze Land dem Baron Elsheim zum innigsten Danke verpflichtet sei, dass er, als ein echter Patriot, mit grossen Unkosten zur Bildung und Erhebung aller Zuschauenden diese Prachteinrichtung auf seinem Schlosse stattfinden lasse. Dulmen, der alte Bellmann und seine Sohne, der Forstmeister und der Amtmann reichten abwechselnd dem jungen Baron die Hande und druckten die seinigen, uberschutteten ihn mit Lob und Dank; auch die Witwen erhoben ihren Gesang zwischen den derben mannlichen Tonen, so dass Elsheim, wenngleich seine Freunde abwehren halfen, vor Verdruss und Langeweile ermudete, bis ihn endlich der Anfang des dritten Aktes von diesen lastigen Artigkeiten befreite.

Dieser Aufzug wirkte nur wenig, weil sich soeben das Interessanteste gleichsam erschopft hatte. Nur die starke, nachdruckliche und laut schallende, nicht geheuchelte, oder angedeutete Ohrfeige, welche Franz von der rustigen Amalie empfing, erweckte die Zuschauer aus ihrem Schlummer, und erregte ein lautes und allgemeines Gelachter. "Es geschieht dem bosen Kerl ganz recht", sagte ein Bauer laut sprechend, "so sollten nur alle mit ihm umgehen, so wurde er schon zu Kreuze kriechen mussen." In der zweiten Szene hatten sich die Rauber wieder malerisch gelagert, und Elsheim freute sich wieder dieses Anblicks, indem er sich erinnerte, wie unbedeutend, unbestimmt und nicht kenntlich, ja gemein und platt sich dieses Herumliegen von Menschengestalten auf unsern gebrauchlichen deutschen Theatern immer ausnimmt. Der Cadet, als Kosinsky, hatte Beifall, doch schien dieser Aufzug gegen den vorigen gehalten, nur matt und unbedeutend.

Der vierte Akt war wieder um desto glanzender. Franz und Karl erheben sich hier schon zur hochsten Leidenschaft, und obgleich Ehrenberg hinter der Szene alles bereitgelegt hatte, was zur Umkleidung und Verstellung notwendig war; obgleich ihm der gewandte Bassist die schnellste und aufrichtigste Hulfe leistete, auch noch einige Diener eben dazu angewiesen waren: so erstaunten alle Zuschauer dennoch uber die fast an Wunder grenzende Schnelligkeit, mit welcher sich Ehrenberg fast unter ihren Augen und doch so unbegreiflich in das Gegenteil von der Person verwandelte, als welche er nur soeben erschienen war.

"Ja", rief Dulmen immer wieder von neuem aus, das ist der echte Hokuspokus, der in der Kunst so notwendig ist; ein ungebildeter Mensch konnte an Zauberei, oder gar an ein Bundnis mit dem Teufel glauben. So gelangte man denn zu der grossen nachtlichen Szene am Turm. Die beiden Virtuosen hatten wieder eine schone Hornermusik besorgt, die sich in der Dammerung sehr gut ausnahm. Auch jetzt bewahrte sich die Buhne als sehr bequem und brauchbar, denn man hatte die Saulen durch gemaltes Mauerwerk verhangt, eine scheinbar machtige Eisentur verschloss die innere kleine Buhne; aus dieser kam nun, nachdem Karl Moor den Turm geoffnet hatte, der alte Graf wie ein Gespenst hervor; und Anrede, Antwort und Beschworung des Greises, alles dies konnte gleich naturlich und verstandlich im nahen Vorgrunde, allen bemerklich, geschehen; und das Zuruckfahren des Entsetzens, das stumme Spiel des Raubers, die Ohnmacht des Alten, alles dies brauchte nicht erst aus dem Hintergrunde hervorgezogen zu werden. Diese gewaltigen Szenen uben ihr Vollgewicht, auch ohne Genie dargestellt, aus, wieviel mehr auf diese Zuschauer, die den besten Willen, sich tauschen zu lassen, besassen, und dem Hauptschauspieler schon im voraus ihre Bewunderung entgegentrugen.

Im letzten Akt fuhlte sich Leonhard vollig verstimmt, indem jener Traum des Franz, den er zu dem Sublimsten rechnete, was die Poesie je hervorgebracht hat, von dem Stumper so vollig entstellt, ja vernichtet wurde. Dieser war nur bestrebt, stets erneuten Schrekken zu heucheln, Schwindel und Ohnmacht anzudeuten, und alle jene kleinen Kunste und Zufalligkeiten anzuwenden, die vollig verschwinden mussen, wenn das Gewaltige und Ubermenschliche eintreten soll. Nun sturmten die Rauber Geschrei, Heulen, Fackeln, Schiessen, kurz alles fand sich wieder zur Genugtuung der Kunstfreunde, in Uberfulle, Franz erdrosselt, Schweizer erschiesst sich; und die letzte Szene und der Schluss nahten heran, sowohl zur Zufriedenheit der entzuckten, als der vollig ermudeten Zuschauer, zu denen vorzuglich Elsheim gehorte, dem es aber, so erschopft er auch sein mochte, nun noch oblag, als Wirt den wesentlichsten Teil seiner Rolle zu ubernehmen.

Seit die Mutter zuruckgekommen war, hatte er, da die Gesellschaft zu zahlreich war, zwei Tafeln eingerichtet. An der zweiten, an welcher er selber oft, sowie eine der Damen, sich niederliess, um keinen Rangstreit oder Empfindlichkeit zu veranlassen, war auch Ehrenberg seit seiner Ankunft eingefugt worden. Die Virtuosen hatten sich auch abwechselnd gern dort eingefunden, weil der Ton hier freier, und das Wort lauter sein durfte. Als man sich daher umgekleidet hatte, und man sich ordnen wollte, dachte er, auch diesmal den Kunstler in jenes Zimmer zu verpflanzen; die alte Freiherrin aber, die mit ihren drei Tochtern auf Elsheims Bitte heut die Funktion der Wirtin ubernommen hatte, bestand darauf, dass der Schauspieler neben ihr obenan als Konig der Tafel sitzen musse. Noch lauter verlangte dies die Familie Bellmann und der alte Dulmen mit seinen Begleitern. Schulz und Schulmeister, nebst einigen aus der Gemeine, der Gartner, nebst dem Forster, sowie dessen Tochter, ergotzten sich also an jenem zweiten Tisch, zu welchem sich auch freiwillig die beiden Virtuosen verfugten, sowie der Professor Emmrich, der sich wohl schon hinlanglich an den Kunstgesprachen und Kenntnissen jener fremden Gaste erbaut haben mochte.

Man war an beiden Tischen sehr frohlich, diesmal aber am vornehmeren ohne Vergleich am lautesten. Als der Wein die Zungen beredt machte, sprudelten die Herren von Einfallen und Bemerkungen uber. Man trank des Kunstlers Gesundheit unter Anklingen, Jubel und Geschrei. Er dankte und zeigte sich sehr verbindlich und artig, vorzuglich gegen die Damen. Ernestine, die zweite Tochter, wandte kein Auge von ihm ab, so sehr war sie auch von seiner Personlichkeit bezaubert. Der derbe Forstmann war der erste, der, schon halb berauscht, fast unter Freudentranen mit Ehrenberg auf altdeutsche Weise Bruderschaft trank; seinem Beispiel folgte der dicke Amtmann, und endlich auch der korpulente Dulmen. Es war ein Jubel von Biederherzigkeit und deutscher Gesinnung. Der alteste Bellmann, von dieser Hochherzigkeit begeistert, stand ebenfalls auf, um in derselben Weise mit Ehrenberg anzustossen; doch der Vater, der es noch zur rechten Zeit bemerkte, zog ihn gelinde am Rockschoss zuruck, und notigte ihn wieder auf seinen Platz, indem er leise sagte: "Nicht also, Freund Bastian! Unterschied der Stande und Geschlechter muss sein und bleiben; sich so zu verduzen, auch mit dem allerbesten Kunstler, geziemt unsereinern nicht. Trink du Schmollis und auf Duz mit Kammerherren, Gutsherren und deinesgleichen, so viel du willst, bis du unter den Tisch fallst, und dich vier Bediente nach Hause tragen mussen, dagegen werde ich als leiblicher Vater nichts einwenden, aber nicht mit Musikanten und solchen Leuten; denn, siehst du, wenn sie nun einmal wieder mit dem Teller herumgehen, so bist du doch vollig blamiert und in Kadenzierung."

Trotz dieser Warnung aber ward Ehrenberg auf sein Gut eingeladen, ebenso wie zu der Freifrau und dem Baron Dulmen. Sie nahmen sich vor, auch in ihren Hausern dieselbe, oder ahnliche Komodien aufzufuhren, und Ehrenberg sollte die Sache anordnen, und die Sohne des alten Bellmann zu solchen Kunsten abrichten. Die alten Damen sahen sich schon in zartlichen und erhabenen Rollen in glanzenden Schleppkleidern auf dem erleuchteten Theater.

"Sie bewundern mich zuviel", sagte der vom Lobe berauschte Ehrenberg in einer Pause, "und vorzuglich auch deswegen, weil es mir vielleicht gelang, diese beiden grossen und wichtigen Rollen bedeutsam zu spielen; was aber sagen Sie zu jenem Wagestuck, dass ich mehr als einmal das ganze ungeheure Schauspiel ganz allein aufgefuhrt habe?"

"Ganz allein, Mann, Bruder?" schrie Dulmen beinah erschreckt; "ganz allein, du Herzensjunge? Tausend Sapperment, das nenn ich Kunst! Und mit den Weibsen und den Liedern und dem Schiessen und all den Hunden und den verfluchten Bullenbeissern? Du bist ein grosser Mann und mehr als wir alle, aber das kann ich doch zeitlebens nicht begreifen."

Es war jetzt nicht Zeit und Gelegenheit, begreiflich zu machen, unter welchen Einschrankungen und Bedingungen die Sache etwa nur moglich sei, denn die Fahigkeit zu verstehen war so ziemlich, auch zum Teil die zu horen, erloschen. Diese dithyrambische Verwirrung benutzte Bellmann, um seinen Sohnen noch in spater Nachtzeit durch sein Exempel ein heilsame Lehre einzupragen; er erhob sich mit seinem Glase taumelnd und lallend, die drei Sohne mussten ihm folgen, einer hinter dem andern; so kam das Geschwader zu Elsheim. Der Alte hielt eine kurze, unsinnige Anrede, und so sah sich Elsheim durch den symbolischen Akt des Trinkens und Umarmens um vier Bruder bereichert, die ihm, wenn er an Leonhard dachte, in seine nur kleine Sammlung nicht zu passen schienen.

Ubermudet stand man auf, indem fast schon der Morgen graute. Die Fremden fuhren, nachdem sie noch einmal ihr Herz gegen Elsheim in den starksten Danksagungen ergossen hatten, nach Hause. Elsheim, Leonhard und der Professor konnten lange den Schlaf nicht finden, so verstimmt fuhlten sie sich. Das namliche fast begegnete Ehrenberg, den aber der Schlummer floh, weil die Entzuckung nicht weichen wollte. So viel er auch schon erlebt haben mochte, so war er doch noch niemals so verehrt, und sein Talent noch niemals in gleichem Grade anerkannt worden. Nur wenige im Hause hatten in dieser Nacht ruhig geschlafen. Selbst die Frauen, die nur in der Ferne das Schiessen, Schreien und Toben der Schlacht, die Trompeten und das Hundegebell gehort hatten, waren dadurch so aufgeregt worden, dass sie auch spaterhin die erquickliche Ruhe nicht finden konnten. Die alte Baronesse sagte: "Es ist mit der Kunst eine sonderbare Sache, dass zuweilen solche fast greuliche Explosionen stattfinden, die dem ruhigen Menschen ein Grauen vor der ganzen Erfindung beibringen konnten. In meiner Jugend hatte man von dergleichen keine Vorstellung. Ich furchte nur, mein Sohn setzt sich in diesen Extravaganzen fest, und tragt in seinem Kreise auch dazu bei, die schon verwirrte Zeit immer mehr zu verwirren."

Beim Fruhstuck, welches heute viel spater als gewohnlich eingenommen wurde, verabredete man eine Spazierfahrt auf morgen, an welchem Tage die alte Dame eine Familie in der Nachbarschaft in Gesellschaft der Tante besuchen wollte. Alle waren erstaunt und zum Teil betrubt, als Elsheim erklarte, dass er die Mutter nicht begleiten konne, weil er seinen Freund Leonhard eine halbe Tagreise bringen wolle, der morgen schon, von Briefen aus der Heimat gedrangt, das Schloss verlassen wurde. Die Mutter beklagte den Verlust des freundlichen jungen Mannes, dessen stilles, sicheres Wesen ihr immer so wohlgetan habe.

Bei Tische war die Unterhaltung weniger belebt als sonst, da mancher zum Teil noch die Ermudung des vorigen Tages fuhlte, andere aber einer gewissen Wehmut sich nicht erwehren konnten, weil der von allen geliebte Leonhard jetzt aus ihrem Kreise scheiden sollte. Nach Tische beurlaubte sich dieser bei der Mutter, welche ihn sehr freundlich entliess. Charlotte war gegen ihn ganz heiter und unbefangen, auch so gesprachig, als wenn kein anderes Verstandnis je zwischen ihnen obgewaltet hatte. Sie druckte ihm wiederholt die Hand, lachte, blickte ihn mit hellen Augen an, und wunschte ihm alles Gluck, indem sie hoffte, dass sie sich spaterhin wiederfinden wurden. Albertine sass abseits im tiefen Fenster und trocknete unbemerkt einige Tranen. Als er zu ihr ging, sagte sie, ohne dass es die fern Sitzenden horen konnten, sehr geruhrt zu ihm: "Mir ist, als wenn mit Ihnen unser guter Genius von uns schiede; besonders verlasst unsern Elsheim mit Ihnen sein Schutzgeist. Ihnen muss es immer gut gehen, denn sie sind selbst so gut. Ich kann mir kein besseres Gluck denken, als Sie bis zum hohen Alter hinauf zum Freunde zu haben; denn Sie sind echt und treu, in jeder Lage des Lebens kann man sich auf Sie verlassen. Sie werden uns, hoffe ich, so wenig, als wir Sie vergessen."

Leonhard war geruhrt und kusste innig bewegt ihre schone Hand. Es war ihm, als musse er ihr die Versicherung geben, dass sie sich gewiss kunftig noch ofter sehen wurden; doch unterdruckte er diese ungehorige Prophezeihung, indem er mehr wie je von der fast uberirdischen Schonheit dieses edeln Wesens ergriffen wurde. In diesem Augenblick erschienen ihm Charlottens verfuhrerische Reize gegen diese adelige Klarheit wie verdunkelt, und zwar um so mehr, da er beim Umblicken auf den Lippen jener ein halb boshaftes Lacheln wahrzunehmen glaubte.

Bei den ubrigen beurlaubte er sich kurzer. Mannlich war nicht zugegen; auch Graf Bitterfeld nicht, der, nachdem ihn eine Unpasslichkeit einige Tage auf seinem Zimmer festgehalten, heute den Kunstler Ehrenberg zu seinem Freunde, dem Baron Dulmen, begleitet hatte. Die Virtuosen nahmen von ihm einen leichtfertigen, heitern Abschied, denn sie waren des bewegten Lebens zu gewohnt, als dass irgend etwas sie hatte ernster stimmen konnen. Nur die kleine Dorothea sparte sich noch einen Augenblick auf dem einsamen Korridor auf, um ihm recht herzlich zu seiner Reise Gluck zu wunschen. Die Kleine konnte sich der Tranen nicht enthalten, weil sie mit grosser Ruhrung dabei ihrer Freundin Albertine gedachte.

Spaterhin ging Leonhard auf das Zimmer seines Freundes. Vielfache Gesprache wurden noch gewechselt, mancherlei Erinnerungen geweckt. "Wir scheiden noch nicht", sagte Elsheim endlich, "denn ich begleite dich morgen noch einige Meilen. Im Winter sehen wir uns dann aber in deiner Stadt wieder. Nicht wahr diese Zeit hier ist fur uns beide eine sonderbare Schule gewesen?"

"Das Bewusstsein, dass ich etwas gelernt habe", antwortete Leonhard, "muss sich wohl erst spater bei mir melden; denn jetzt bin ich noch zu betaubt, um das nahe Vergangene, das eben Erlebte fassen zu konnen."

Leonhard stand auf, als wolle er gehen, kehrte aber wieder zuruck. Elsheim hatte wohl im Lauf des Gesprachs gefuhlt, dass sein Freund von irgend etwas gehemmt und gedruckt werde, und doch scheute er sich, den Namen Charlotte zu nennen, weil es ihm schien, als wolle Leonhard ihm etwas mitteilen uber sie. Endlich fasste sich dieser ein Herz, nahm einige Briefe aus seiner Tasche und sagte hastig: "Erzeige mir die Freundschaft, diese drei Briefe, in jeder Woche einen, in mein Haus zu senden; ich habe sie geschrieben, als wenn ich noch bei dir ware. Ich ahnde, dass ich diese reizenden Fluren nie wiedersehen werde; daher will ich mich noch einige Tage in diesen Gegenden, die ich immer so sehr geliebt habe, ergehen, und mag nicht von der Landstrasse, wie ein Umstreifer, nach Hause schreiben. Sollten von dort Briefe ankommen, wie ich nicht glaube, so hebe sie mir auf, bis ich dir melde, wohin du sie schicken kannst."

Elsheim konnte es nicht unterlassen, seinen Freund mit einiger Verwunderung zu betrachten; dieser entfernte sich in sichtbarer Verlegenheit, und als sich der Baron allein sah, sagte er zu sich: Man lernt einen Menschen doch niemals vollig kennen, und dieser gar ist einer der verwunderlichsten. Wie ernsthaft und dringend kundigte er mir ganz neulich das Wesen und Treiben hier auf; sein Handwerk, seine Pflicht, seine Gattin, alles rief ihn gebietend und schnell in seine Heimat; und nun, ohne meine Verfuhrung, wie er es nennt, geht er gar auf eigne Hand aus, um weiss der Himmel welche Abenteuer zu suchen und zu erleben. Es ist wohl etwas in uns, ein starker Magnet, der unwiderstehlich zu einem unsichtbaren, aber machtigen Magnetberge hingezogen wird.

Indem sich Leonhard auf sein Zimmer begeben wollte, lief ihm der Professor Emmrich, der lange geschlafen hatte, und auch nicht am Mittagstisch erschienen war, entgegen. "Sie reisen?" rief er und umarmte ihn herzlich: "das beste Gluck begleite Sie auf allen Ihren Wegen, denn Sie verdienen es. Ich hoffe, kunftigen Winter in Ihrer Heimat zuzubringen, vielleicht immer dort zu wohnen, und in diesem Fall gehort es zu meinen besten Wunschen, dass aus unserer Bekanntschaft hier sich eine wahre Freundschaft bilden moge. Ich habe es Ihnen wohl angemerkt, dass Sie nicht so ganz in das etwas wuste Getreibe hier passen. Ihre Seele ist zu ruhig, Ihr Geist zu ernst, als dass er sich lange in der Unruhe gefallen konnte."

Auf sein Zimmer angelangt, fuhlte Leonhard jene Beklommenheit, die uns immer anwandelt, wenn eine Periode unsers Lebens beschlossen wird, und eine neue anhebt. Jene trube Angst qualte ihn, indem er nun den Ort, und wohl auf immer wieder verlassen sollte, in welchem er sich fast wie in eine Heimat eingelebt hatte. Sein Geist durchwanderte mit Wehmut die Sale und Zimmer, die sich ihm nun auf immerdar verschlossen, die hinter ihm wie in ein Nichts verschwanden. Er erinnerte sich des Abends, an welchem er angekommen war; wie sonderbar die starken Mauern, der Eingang, der Vorplatz ihn begrusst hatten; wo das grosse, weite Zimmer ihn empfing, welches oft zum Speisesaal benutzt wurde; und hinter diesem der weite viereckige Gartensaal, in welchem sich bei schonem Wetter die Gesellschaft fast immer versammelte. Rechts und links die vertraulichern Cabinete, und weiter entfernt die Wohnzimmer der Mutter, die es gern vermied, die Treppen, so breit und bequem sie auch waren, zu besteigen. Oben waren die verschiedenen Gastzimmer und der weite, ausgedehnte Rittersaal, der, bevor Leonhard das Theater darin aufgeschlagen hatte, so wust und leer, so ode und schauerlich aussah. Er gedachte auch des fern liegenden Zimmers, welches, neben den Gemachern der Domestiken, der alte Joseph bewohnte, und das dieser so sonderbar und altertumlich ausgeschmuckt hatte, als eben der freundliche, stets zierlich gekleidete Greis selber zu ihm trat. "Ich lasse es mir nicht nehmen", rief er aus, "Ihnen packen zu helfen; denn das ubrige Volk hier ist zu solcher Arbeit zu ungeduldig und viel zu ungeschickt. So ein recht anstandig gefullter Koffer oder Mantelsack muss ganz wie ein vollstandiger Mensch sein, jedes an seiner Stelle. Es ist nicht genug, dass die Sachen darin liegen, oder nicht verderben; man muss auch leicht alles finden konnen, und Herz muss nicht mit Kopf, Magen mit Hand und Fuss in Widerstreit geraten." Er lachelte, und bemachtigte sich sogleich, indem er keine Widerrede gestattete, des Mantelsacks. Auch zeigte er sich als Meister, indem er mit Sicherheit alles, ohne Kleidern und Wasche Gewalt anzutun, einzufugen wusste. "Ja, lieber Herr Leonhard", sagte er dann selbstgenugsam, "sehen Sie nur zu und merken Sie es sich, denn Sie konnen, so geschickt Sie auch sein mogen, hier noch etwas lernen. Seit funfzig Jahren und langer habe ich bei allen Reisen fur die Baronin, den seligen Herrn und schon dessen Vater das Einpacken besorgt, weil man es mir am sichersten anvertrauen durfte. Bei keinem Geschaft in der Welt ist die Langsamkeit so sehr die wahre Eile, als bei diesem. Sie sehen, mein Plan ist vorher gemacht, und nun muss sich auch alles wie von selber schicken."

Leonhard musste die Sicherheit bewundern, mit welcher der kleine behende Mann hantierte, ohne dass er je notig hatte, ein Stuck anders zu legen, als er es gleich bestimmt hatte. So schloss sich bequem der Mantelsack, und Joseph sagte dann: "So sollte es freilich mit allen Geschaften in der Welt sein; aber das ist denn doch nicht moglich. In der Wissenschaft mag es sein wie im Staat, in der Regierung wie im Denken; es ist allenthalben ein Uberlei bei wichtigen Dingen, das sich nicht so bequem will einpressen und quetschen lassen. Ja, ja, die grosste Kunst ist dann wohl Ausbeugen, Gutmachen, oft funfe gerade sein lassen, wo die gerade Zahl doch auch nicht zum Ziele fuhrt."

"Leben Sie denn wohl, lieber Herr Joseph", sagte Leonhard; "ich danke Ihnen fur alles, auch fur diese Ihre gutige, freiwillige Hulfe." Der Alte gab ihm die Hand; und sowie er jetzt in das feine redliche Gesicht des beruhrigen Greises schaute, in diese immer noch so klaren Augen, konnte er es nicht unterlassen, den alten Diener recht herzlich zu umarmen. Joseph schien geruhrt und sagte dann: "Mann, Sie sind ein ganzer Mann! Bleiben Sie so, in dieser edlen, noblen Manier, und lassen Sie sich in Zukunft nicht wieder fur einen Professor ausgeben."

"Wie meinen Sie?" fragte Leonhard erstaunt.

"Was ist denn auch ein Professor so Grosses", schwatzte jener weiter; "aber ich kenne darin unsern jungen leichtfertigen Herrn, der die Leute gar zu gern zum besten hat. Ich vermutete gleich so was, als Sie mir den tiefen Diener beim Aussteigen machten, wo Sie mich fur meine Herrschaft hielten. Waren Sie vornehm als Professor, der schon viel mit Adeligen gelebt hatte, so warteten Sie, falls ich wirklich Graf oder Marquis war, geduldig, bis Sie sich mir vom Baron erst hatten vorstellen lassen. Und als ich Sie nun beim Theaterbau so rustig und tatig sah, wie Sie bei allem selbst Hand anlegten, wie geschickt Sie, ohne erst mal zu probieren, den Hobel fuhrten was ein schweres Ding ist, wie ich es aus eigener Erfahrung und Stumperei weiss wie Sie mir dann ein paarmal die Hand gaben: da hatte ich es mit aller Sicherheit weg, dass Sie ein Professionist, und zwar ein Tischler sind. Ja, Mannchen, die Hande, die sonst hubsch sind und gut gebaut, mussen Sie einem jeden Kenner verraten. Denn Bein Wuchs, Kopf, Mund, alles kann Anstand und Feinheit gewinnen, aber die harten, um ein weniges zu grossen Hande, konnen Sie so wenig, als ich die Hornhaut auf meinen Fingerkuppen, loswerden. Und wozu auch? Ich habe mich um so mehr an Ihnen gefreut und keinem Menschen von meiner Entdeckung gesagt. Ach, die Vornehmen! sie mussen ja immer mehr und mehr das Regiment in unserer verwirrten Welt verspielen. Nicht wahr, dieser Graf Bitterfeld, und gar diese Herren Dulmen, Bellmann, und wie sie alle heissen mogen, diese werden viel ausrichten? Die Figuren hier auf dem Teppich, diese Sterne, nicht wahr, sie machen das Muster? Gewiss, und jedes Auge sieht sie auch gleich dafur an. Der Grund wird nur beachtet, weil er diese Formationen, welche die grosseren und kleineren Sterne bilden, hervortreibt. Aber ist es nicht derselbe Faden, der Grund und Stern macht, das Bemerkte und Unbemerkte? Das hat die vornehme Welt schon seit zu lange vergessen. Nun veralten, verbleichen die Sterne, die Faden reissen ab, und der dunkle Grund wird die Hauptsache. Glauben Sie mir, wir sind an der Zeit, und zwar ganz nahe, dass viele Handwerker so fein, klug und gebildet sein werden, wie eben Sie. So wie der gemeine Mann sich mehr fuhlt, und seine unnutze Verlegenheit vor den Hoheren ablegt, so ist er durch sich selbst schon gescheiter. So dachten sie aber, die Armen, da man ihnen so vieles von ihrem fruheren Recht genommen hatte, sie mussten sich krummen und bucken, und wenn sie unter sich waren, grob und ungeschliffen sein. Darein setzten sie dann ihre Freiheit. Sind erst viele so, wie Sie, Mann und gewiss gibt es schon viele, und sie werden noch wachsen: so darf das Volk auch wieder mitreden. Uberhaupt, Herr Leonhard, es mussen andere Zeiten kommen; die Welt hat sich abgenutzt; sind Sie nicht auch der Meinung? Der Malvolio wird gehanselt und abgesetzt; aber der Narr, so viel hubsche Einfalle er auch hat, wird doch hoffentlich auch nicht zur Regierung kommen?"

Mit diesen Worten entfernte sich der redselige Alte.

Sechster Abschnitt

Fruhmorgens fuhr Leonhard mit Elsheim vom Schlosse ab. Alles schien noch im Hause zu schlafen; nur Joseph begleitete die beiden Freunde bis an den Wagen.

" So ware denn", fing Leonhard an, "diese sonderbare Lebensepoche fur mich beschlossen. Wie hat sich alles so anders gestaltet, als wir es uns beim Ausreisen vorbildeten! Wann sehe ich dich wieder?"

"Ich hoffe", antwortete der Freund " ich mochte sagen, ich weiss es gewiss im Winter. Dein Leben hier, sagst du, sei beschlossen; das meinige freilich noch nicht."

Sie sahen jetzt in der Ferne, rechts vom Wege, jene Waldhutte liegen, die ihnen beiden so merkwurdig war. "Ich verstehe deine Blicke, Freund, rief der Baron aus, und ich erkenne die Grosse deiner Freundschaft auch darin, dass sie mir dies Opfer hat bringen konnen."

"Nenne es nicht so", sagte Leonhard ernst; "in gewissem Sinn ist unser ganzes Leben eine Aufopferung. Wie wenige unserer wahren Wunsche konnen sich erfullen! und diejenigen Traume, welche eintreffen, sind, in Wirklichkeit verwandelt, oft sich unahnlich, nicht wiederzuerkennen. Und so tragen, dulden, zweifeln und geniessen wir im wechselnden Taumel und trauriger Nuchternheit. Die Jugend fallt von uns ab; selbst das Heiterste dunkt uns toricht; man setzt sich an die Tafel, um zu schwelgen, und steht darbend und ernuchtert auf, weil uns die fruheren Geluste anwidern!"

"Sei nicht so melancholisch", rief Elsheim, "sonst verdirbst du mir meine eigene Lust."

Der Wald empfing sie, und der Anblick des Schlosses entschwand ihnen. "Ja wohl", sagte Elsheim, "entschwindet uns die heitere Unbefangenheit der Jugend; auch mich druckt dieses Gefuhl. Man wird nicht kluger, sondern nur zweifelnder und trager. Aber eben darum wollen wir die Neige dieses Gotterweins behaglich und schlurfend geniessen. Sieh", sagte er mit erhohter Stimme, "jetzt sind wir schon in Franken."

Leonhard sah um sich, und Elsheim fuhr fort: "Da du es mir gestanden hast, dass du dein teures Nurnberg in heiliger Andacht, wie ein Wallfahrer besuchen willst, so bist du auch wohl so gefallig, diesen Brief dort abzugeben. Er eilt gerade nicht, darum kannst du ihn nach deiner Bequemlichkeit bestellen; aber vergessen wirst du ihn nicht."

"Gewiss nicht", sagte Leonhard, und legte das Blatt sorgfaltig in seine Brieftasche. Im nachsten Stadtchen machten sie halt, erquickten sich und nahmen Abschied. Leonhard war ganz traumerisch, und horte nur wenig von dem, was ihm der Freund noch sagte. So schieden sie, und auch Elsheim war zerstreut, weil seine Phantasie schon in jenem Waldhauschen war, wo er jetzt, nach wenigen Stunden, die reizende Charlotte zu finden hoffte.

Im Stadtchen nahm Leonhard einen andern Wagen, um eine Seitenstrasse einzuschlagen, welche ihn in wenigen Tagen nach seinem geliebten Nurnberg bringen sollte. Wahrend er so einsam weiterfuhr, spurte er seiner Verstimmung nach, und suchte die Ursache dieses qualenden Missgefuhls zu entdecken. Er musste es sich gestehen, dass er seinem Freunde mit einem gewissen Neide nachgeblickt hatte, indem ihm in frischem Glanz die Schonheit seiner lieblichen Feindin vorschwebte. Auch die sichtbare Eile und Zerstreuung Elsheims beim Abschiede hatten ihn verletzt. Aber noch eine Empfindung traf er an, die er sich erst ableugnen wollte, und die dennoch immer wieder emportauchte. Er hatte seinem Freunde und dessen Liebhaberei, sosehr er selbst dabei ergotzt war, doch eine bedeutende Zeit geopfert; er war selber oft sehr tatig gewesen, und hatte bis zur Ermattung gearbeitet. Alles dies wusste Elsheim, und war selbst oftmals Zeuge davon gewesen. Er hatte also erwartet, dass ihm der Freund beim Abschiede irgendeine Summe wurde aufdringen wollen, die er abzulehnen und nicht anzunehmen fest beschlossen hatte. Noch in der Nacht hatte er sich die Reden und Grunde wiederholt, die er dem Baron entgegenhalten wollte, um sein Verweigern auf jede Weise zu rechtfertigen. Dieser Wettstreit der Freundschaft und Grossmut war nun nicht eingetreten; und sagte Leonhard zu sich selbst sollte mir das nicht erwunscht sein, statt mich zu kranken und zu betruben? Ich war so fest entschlossen, seine grossen Ausgaben, die sein Leichtsinn wohl bis zum Unverhaltnis steigern mag, nicht zu vermehren aber unser torichtes Herz ist aus so seltsamen und feinen Fasern gewebt, die uns oft lange verborgen bleiben, wie es eben jetzt meiner Eitelkeit wehe tut, dass meine beabsichtigte Aufopferung und freundschaftliche Grossmut gar nicht zu seiner Kenntnis gelangt ist.

Es fiel ihm bei, dass er dennoch nicht mit leeren Handen nach Hause zuruckkomme. Es war namlich eine alte Verwandte gestorben, die ihm, gegen alles Vermuten, zweitausend Taler vermacht, welche Nachricht er vor einigen Tagen erhalten hatte. Er nahm sich nun vor, seine Ruckreise uber die Stadt, wo sie gewohnt, zu nehmen, um die Summe einzukassieren. Diese, sagte er zu sich, kann ich dann meiner Friedrike als meinen hiesigen Erwerb vorweisen, damit sie sich uber die Versaumnis zufriedenstellt. Aber freilich, ein Verheimlichen zieht das andere, eine Unwahrheit die zweite nach sich. Ist der gerade Weg des alltaglichen Lebens einmal verloren, so ist es schwer, die rechte Strasse wiederzufinden.

Am Abend kehrte er in den Gasthof eines anmutigen Dorfes ein. Er ging noch spat spazieren und fragte sich, warum ihn jetzt die Schonheit der Natur nicht so ruhre, wie es meistenteils sonst geschah, da er sich auf der Wanderschaft befand.

Er begab sich erst in das Haus zuruck, als es ganz finster war, und uberlas noch einmal den letzten Brief seiner Friedrike. "Ich lege dir", sagte sie am Schluss, "den sonderbaren Brief unsers Magisters bei, von dem ich dir schon fruher einmal schrieb; vielleicht bist du imstande, einen Sinn aus dem Wirrsal herauszulesen, das meinen Verstand nur konfus macht." Leonhard hatte in den letzten Tagen auf dem Schlosse nicht die Zeit gefunden, das Schreiben mit Besonnenheit durchzugehen; er las die Blatter jetzt in der stillen Nacht. Sie lauteten also:

Meine vielverehrte und noch mehr liebe

Madame Leonhard!

Man kann nicht immer schweigen, wie es doch vielleicht geschehen sollte, weil das Wort, wenn es aus dem Gewahrsam des Innern springt, oft, wie ein ungezogenes Kindlein, Schaden stiftet, und auch die im Tumult verletzt, die es hegen und pflegen, lieben und verehren mochte. Weil Dieselben aber, wie mein irdisches Auge, wie mehr mein inneres, wohl bemerkt hat, durch meine Gebarden geangstet werden; mein hastig Reden, mein ganzer Mensch, sozusogen, Sie erschreckt, irritiert und an meinem Wesen konfus gemacht hat: so hasardiere ich dennoch die gefahrliche Rede, und zwar nicht um zu sprechen (denn was sollen Worte, was konnen sie, wo Stummsein alles Unaussprechliche sagt?), sondern um zu lallen, zu seufzen, zu weinen, und die Rede soll nur in Gebardung andeuten, weshalb sie denn in Ohnmacht fallt.

O wundersame Frau und Inbegriff aller meiner Gedanken, warum sind Sie denn eine Frau, und warum hat mich der Herr als einen Mann erschaffen? dass ich der bin, der ich bin, und Sie selbst diejenige, als welche Sie im irdischen Wesen erscheinen und sind! Konnte es denn nicht anders sein, und musste es durchaus also ausfallen? Ich! vierzig und mehr Jahr alter, als Sie! O du mein ewiger Schopfer, wo, was waren denn meine Gedanken und Fuhlungen vorher, in der Zeit, die doch die langste meines Lebens muss gewesen sein bevor ich Sie kannte, oder Sie gesehen harte? War doch damals kein Du in der Welt, und ich das ewig einsame ungluckseligste Ich! Einsam, allein konnen Sie wohl nachfuhlen, wie erschrecklich das ist? O Du mein Du, wo bleibt denn, so frage ich alle Engel und Geister, wo bleibt denn mein Ich, wenn ich an Dich denke, oder Dir gar in das Auge schaue? O nein, ich schaue dann nicht mehr, es ist kein Actus meines Selbst; ich werde geschaut und bin selig darin, dass ich in diesem Geblicktwerden zugleich geschaffen und vernichtet bin. So finde ich mich nachher auch wieder und frage immer: Wie kann das Ich, der scheinbare Alte, der in der Entzukkung untergegangen war, tot, dahin wie kann er ein Ich noch sein und bleiben, um sich, der auf immer fort war, zu finden und anzutreffen? Wer ist, was der Findende, wer, was der Verlorne? Hiebei dreht sich mein ganzes inneres Wesen um, und wird zum Schwindel, und auch mein ausserer Verstand, mein alltagliches kaltes Bewusstsein will zu einem Geheimnis meines innersten, unsichtbaren, im Todesschlafe traumenden Wesens werden. Ja, Frau, Wesen, Ewigkeit, Du, Du! darin liegt alle Unschuld, und im Ich die Sunde und Anklage. Warst Du nicht vor langen, langen Zeiten ich? Ich Du? Eins, und im Einen die Wonne, dass Du die Seele meiner Seele die Seligkeit warst, nach der ich sehnte, und deren Anschauung mir in der Andacht ward?

Ach ja, es ist wohl die Spiegelung von einer fernen Spiegelung, die nur hier hereinfallt, in unsere dermalige Schopfung und den wunderlichen Schlummer, den wir unser Leben nennen: und so kam die Liebe und die Wollust in die Welt. Wie unmundige Kinder, die sich weit, weit im grundunkeln Walde verloren haben: und keiner hort ihr verirrtes Angstwimmern und das Abbuchstabieren ihres Klageliedes. Und so freilich, was kann ich alter, abgelebter Magister wunschen, fordern oder begehren? Es hat sich alles nur in unsere verhartete, zu Eis gefrorene Welt hereingeschoben, dass er als Schaugericht lockt und reizt, und uns dann, wie jenem ubermutigen Magister oder Doktor, dem Tantalus, versagt wird. Trachtet nicht nach dem Unmoglichen! Gut gesagt und leicht gesprochen, du durchlauchtiges Vernunft- und Naturgesetz! Du hast immer recht, weil du immerdar Unsinn aussagst. Wir konnen ja nichts anderes begehren und wunschen, als das Unmogliche; das Mogliche, Verstandige besitzen wir ja immerdar, und wir haben es ja nur, weil wir gar nichts darum und davon wissen, und wir achten es auch deshalb nicht, und konnen es nicht achten, wenn wir auch wollten. Schon in fruhen, alten Zeiten hat man die sogenannten Giganten daruber bitter kritisiert und hamisch rezensiert, dass sie haben den Himmel ersturmen wollen. Uber solche Kritikaster mochte man laut lachen, wenn es sich mit der Bescheidenheit vertruge; denn was will denn jeder Wille anders, der ein Wille ist? Und wenn er es nicht will, fallt er invalide und tot darnieder, und weiss nicht mehr links und rechts, aus und ein. Ich war wohl oft andachtig und verlor auch mein Ich in der Andacht. Wo war ich dann, wenn ich noch war, als nur im Himmel? So ergeht es mir auch wohl bei einem schonen Gedicht. Die Seele oder Ich oder wie sollen wir es nennen, wir Dummen, Stummen, Sprachlosen? streckt alle viere von sich, dehnt sich, erwachst zu einem Briareus mit hundert Armen, um zu fassen und zu umarmen; und plotzlich, um uberselig zu werden vergeht sie, verschwindet und wird ein Nichts. Der Jupiter hat die Himmelsturmende in den Abgrund geschleudert, und eben das war ihre hochste Wonne. Nun liegt sie unten, von Felsen und Gebirgen erdruckt, selbst versteinert, das heisst auf deutsch, sie lebt nun wieder, sieht sich in der sogenannten Wirklichkeit, besitzt wieder, was ihr vergonnt und erlaubt ist, das Vernunftige, Mogliche, das heisst, ein mit vielen torichten Phrasen weitlaufig umschriebenes Nichts.

Ja freilich wusste ich dies alles nicht, bevor ich Dero Bekanntschaft gemacht. Die dummen Geister der Natur und Notwendigkeit logen mir vor, ich sei schon uber sechszig Jahr alt, da ich doch noch gar nicht einmal war geboren worden. Und so, Verehrteste, bin ich freilich annoch zu jung fur Sie, was wieder ein schlimmer Umstand ist, und wieder zu jener gottlichen, glorreichen Unmoglichkeit gehort, die wir alle erstreben, wenn wir bei Sinnen, geschweige gar in der Andacht sind. Zeit! Wo ist sie? Wer kennt sie? Sie ist entweder ein Nichts, oder ein allmachtiges Wesen. In der Andacht, im Anschaun, im Lieben ist sie nicht. Nein, da kennen, sehen, fuhlen wir sie nicht. Sie gehort gewiss zu jener dummen Notwendigkeit, zu dem, was uns vergonnt ist. Aber freilich in ihr fuhlen, denken, sehen und traumen wir, alles im Pulsschlag und Zeitmass; aber doch nur, um im Ewigen, im Nichts, wenn wir dort im Entzucken angelangt sind, diese Zeit zu vernichten. So Raum. Alberner, Schwacher, Nichtiger, und doch so Allmachtiger!

Nichtsnutziger Staub! warum schwatzest du also. Namlich, ich wollte eine Epistel schreiben. So fliessen denn auch aus Feder und Dinte die Buchstaben, Silben und Worte zusammen, die Linien, das Blatt wird voll, und abermals so schwarz mit Strichen uberzogen ja wohl, das ist das Leben. Das Wort kann nicht ohne Regel, ohne eine kalte, tote Bedeutung sein. Die Bedeutung eben bedeutet nichts, das ist das Feine und auch ganz Grobe von der Sache. Du hast mir einmal die Hand gedruckt. Das war Rede und A und O in einem Pulsschlag. Dein Auge! Gott hat viel mit dem Auge ausdrucken wollen; doch die Menschen brauchen es nur zum Nahen und Stricken. Freilich auch das Notwendige und Erreichbare. Aber ware es denn so etwas Unnutzes, wenn ein Magister, dem die Silben und Worte mehr zu Gebote standen, als mir Unwissenden, uber einen einzigen Blick einen dicken Folianten schriebe? Und, beim Himmel, es gibt Blikke, wo er doch noch nicht zu Ende kommen, und seine Materie (wie man sagt hier ist es aber Gottheit, Liebe, All) doch nicht erschopfen wurde. Und dass mir noch dies Anschauen vor meinem Tode hat werden sollen, das ist es, sosehr ich auch leide und mich winde, wofur ich meinem Schopfer den allerbrunstigsten Dank sage.

Nimm es, das Blatt, Du mein Du, Du mein wahres inniges Ich, das I meines Ich, oder der Geisterlaut unsers deutschen Ch, welcher das I kront, nimm Du Du des Dus Du das heisst nach Menschensprache und moglicher sittlicher Schicklichkeit staubwarts ubersetzt: nehmen Dieselben, verehrte, liebwerteste, schonste Madame Leonhard, nehmen Sie diesen Unsinn und sehen Sie ihn mit diesem Blick an, mit dem Blick, der so oft aus Ihrer Seele kommt und selbst Seele ist; dann wird das schwarze Gekritzel auf diesem Lumpenpapier auch mein ewiges unsterbliches Ich sein, das dadurch magisch und mystisch zur gottlichsten Vermahlung in Ihre Seele steigt; dann hast Du mich aufgetrunken, aufgesaugt und aufgeblickt, und ich bin Du und gar nicht mehr

Dero ergebenster Fulletreu,

Magister

Mit sonderbarer Bewegung las Leonhard diesen Brief. Er glaubte ihn zu verstehen, und legte ihn seufzend wieder in die Brieftasche. Es war ja nur in anderen Worten, was die Gedichte und Reime spielend und springend sagen wollen. Erst spat konnte er den Schlaf auf seinem Lager finden. Als am andern Morgen Leonhard gestarkt erwachte, musste er sich erst besinnen, um sich ermuntert zurechtzufinden. Ihm fiel das enge, niedere Gemach auf; er fuhlte, wie er sich in dieser Zeit in jenen hohen, weiten Raumen verwohnt habe, und er pries in Gedanken die Reichen und Grossen, dass es ihnen vergonnt sei, sich immerdar in geraumigen Zimmern und Salen zu bewegen, wo kein niederes Dach, keine eng aneinanderruckenden Wande ihre Gedanken bedrangen und ihre Gefuhle angstigen. Als er den Gasthof verlassen hatte, war ihm aber so wohl und heiter, er fuhlte sich wieder so ahndungsreich und frisch, wie in jener Jugendzeit, die er schon auf immer entschwunden glaubte. Jetzt waren es ungefahr zehn Jahre, dass er in diesen Gegenden gewandelt. Zwischen der Gegenwart und jener vergangenen Zeit lag es wie eine unermessliche Kluft, und doch trat ihm ein Gefuhl ganz nahe, als wenn er jene wundervollen Tage noch mit der Hand abreichen konne.

Jetzt musste er uber seine Empfindlichkeit von gestern lacheln. Sein Freund, so reich er war, und wie sich sein Vermogen auch seit kurzem vermehrt hatte, war so freigebig und gutmutig, hatte zu seinen abenteuerlichen Festen so viele Gaste in sein Haus geladen, dass er es sehr naturlich fand, wenn dieser durch Geschenke an einen wohlhabenden Freund seine Ausgaben nicht noch vermehrte. Auch das Bild der Schonen, und jener dammernden Stube in der Hutte am Saume des Buchenwaldes war schon in eine Ferne hinabgesunken, die zwar noch in Farben schimmerte, aber doch schon der Schattenwelt angehorte.

Ein anderer Vorwurf, den er sich selber machte, uberschlich ihn jetzt in der schonen Einsamkeit. Konntest du nicht, sagte er zu sich selber, schon vor Wochen hier in dieser schonen Natur leben und wandeln? Ja wohl hattest du jenen Zauber fruher zerreissen sollen, der dich dort an goldenen Banden festhielt. Hier durchwandre ich das schone Buch, in welchem ich meine Jugend noch einmal lese.

Als er am folgenden Tage weiterfuhr, erschien es ihm wie ein Traum, dass er schon an diesem Abend in Nurnberg eintreffen solle. Die Sonne fing schon an zu sinken, als er neben seinem Wagen einen jungen Mann wandeln sah, der ihm sehr ermudet schien. Die Strasse war beschwerlich, und da es Leonhard schien, als ob der Reisende auch zur Stadt wolle, so lud er ihn ein, sich zu ihm zu setzen, weil er auf diese Weise sicherer und schneller sein Ziel erreichen konne, welches Anerbieten mit Dank angenommen wurde.

Es begann schon zu dammern, und da die Strasse eben durch einen Wald fuhrte, so konnten beide ihre Gesichtszuge nicht mehr genug unterscheiden, um in nahere Bekanntschaft zu treten. Die Schatten der Baume streiften wechselnd uber sie hin; indem jetzt der Wagen wieder auf einige Zeit langsamer und ruhiger ging, begann der Fremde: "Sie wissen es wohl schwerlich, mein Herr, wen Sie jetzt eben so freundlich in Ihr Fuhrwerk aufgenommen haben?"

"Nein", sagte Leonhard, "denn ich habe Sie ja zuvor nie gesehen."

"Wenn ich nun ein Rauber und Morder ware?"

"Ich bin vom Gegenteil uberzeugt, denn Ihr ganzes Wesen scheint friedlich und wacker. Sie wollen mich vielleicht bei zunehmender Dunkelheit erschrecken, aber ich bin nicht eben furchtsam."

"Sie konnen auch ganz ruhig sein", fuhr der Fremde lachelnd fort, "ein Rauber geht nicht leicht mit solchem kleinen bescheidenen Bundel, wie ich hier neben mir liegen habe. Aber bei alledem sitzt ein sehr merkwurdiges Individuum an Ihrer Seite."

"So?"

"Ja, mein Herr, und Ihre Miene (die ich zwar nicht mehr genau unerscheiden kann, da Sie vielleicht eben eine ziemlich hohnische machen), aber zugleich Ihr Wesen, Ihre Sprache, alles flosst Vertrauen ein, und so gestehe ich Ihnen denn unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass ich der einzige und zwar rechtmassige Sohn von Friedrich dem Grossen bin."

Leonhard war uberrascht. Er machte den Versuch, sich etwas von der Seite des Fremden zu entfernen; aber der enge Sitz des Wagens zwang ihn, in seiner vertraulichen Stellung zu verharren. "Sie wundern sich gewiss", sagte der Unbekannte, "ich merke es an Ihrem Fortrucken; ja, es ist sonderbar genug, und Sie konnen sich nun Ihr ganzes Lebelang ruhmen, dass Sie mit mir so unverhofft zusammengetroffen sind. Aber Sie sind so stumm?"

"Ich begreife die Moglichkeit nicht. Der preussische Friedrich starb, wenn ich nicht irre, im Jahre 1786, und Sie selbst scheinen mir, soviel ich sehen kann, ungefahr von meinem Alter; mithin hatte der grosse Konig Sie noch in hohen Jahren und nach dem siebenjahrigen Krieg in die Welt gesetzt."

"Richtig!" rief jener, "ich bin jetzt dreissig Jahr und 1772 geboren, und zwar von der rechtmassigen Gemahlin des grossen Regenten. Und unmoglich finden Sie dergleichen? Lieber unbekannter Herr, was ist denn wohl einem solchen Geiste, einem so ungeheuer grossen Monarchen unmoglich, einem Konige, der in seinem Reiche vollig unumschrankt herrscht, und keinem Menschen auf Erden von seinem Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen hat? Ja, Herr, es kommen sonderbare Schicksale in der Welt zum Vorschein. Wer viel reiset, erfahrt auch viel, und so geht es Ihnen jetzt. Und darum ist es eben recht verdrusslich, wenn die Ofensitzer alles besser wissen wollen. Nicht wahr?"

"Allerdings", sagte Leonhard, der nun schon nicht mehr zweifelte, mit wem er es zu tun habe.

"Sie wissen es gewiss", erzahlte der Fremde mit der grossten Ruhe weiter, "welche Faktionen sich in den letzten Jahren des grossen Konigs schon am Hofe und im Lande gebildet hatten. Mit Drohungen wurde der armen Konigin so zugesetzt, dass sie die Geburt des rechtmassigen Prinzen verschwieg. Der vorige Konig beherrschte nun als nachster Thronerbe bis etwa vor vier Jahren das Land, und ich gonne auch dem jetzigen Herrn seine Wurde und sein Gluck, denn er ist wacker und tugendhaft; und uberhaupt wenn ich auch mit meinen Anspruchen hervortreten wollte, so hat jene Kabale es leider so fein angezettelt, dass ich wohl schweigen muss."

"Aber wie haben Sie, da man Sie in Windeln raubte, erfahren konnen, dass Sie der Geburt nach der rechtmassige Konig sind?"

Der Fremde schwieg eine Weile, als dachte er dieser Frage nach. "Wenn Sie die Kupferstiche vom grossen Friedrich ansehen", sagte er dann, "und betrachten morgen beim Sonnenlicht meine Physiognomie, so wird Ihnen gar kein Zweifel ubrigbleiben. Und nachher habe ich daruber sehr authentische und wichtige Papiere, die mir von Mannern, die aber unbekannt bleiben wollen, zugefertigt sind. Die Sache leidet wirklich keinen Zweifel; auch bin ich ganz fest davon uberzeugt. Im Jahre 1792, als die Koalition geschlossen war, und die deutschen Heere gegen Frankreich marschierten; o mein Herr da war in meinem Leben ein grosser, ein einziger Moment. Die Republikaner namlich und Dumouriez und die Begeisterung in Deutschland und La Fayette und der National-Convent, ja durch heimliche Emissare der Konig von Frankreich selbst, alle forderten mich dazumal auf, mich zu erklaren, offentlich aufzutreten, um durch mein Wort alle jene Rustungen zu entwaffnen; als grosser deutscher Furst dann die gute, verkannte Sache zu vertreten und so mit Lorbeeren und unsterblichem Ruhme mein jugendliches Haupt zu schmucken."

"Ei", sagte Leonhard, "diese einzige Gelegenheit und grosse Aufforderung hatten Sie doch benutzen sollen."

"Glauben Sie denn", sprach der Fremde mit bewegter Stimme, "dass mein Ehrgeiz damals nicht rege genug gewesen ware, um durch diesen Gedanken mein jugendliches Blut zu erhitzen? Aber die jesuitische Klugheit jener Kabale hatte ja alles fur alle Zeiten unmoglich gemacht. Hatte man mich entfuhrt und irgendeinem Handwerker ubergeben, in fremde Lander oder nach Amerika gesendet, ja hatte man mich an die Zigeuner verkauft, so war es moglich, mit Ehren hervorzutreten, ja der letzte Umstand hatte der Sache wohl gar eine romantische Farbe gegeben; aber so hatten die Bosewichter mich unter die Juden gesteckt. Ja, sehen Sie, Sie lachen, Sie konnen nicht anders, und das ist die Ohnmacht, die mich lahmt, die mir jede Unternehmung unmoglich macht; denn das Lacherliche ist so allgewaltig, so unuberwindlich, dass alles, was es nur erreicht, sich vor ihm beugen muss. Hatte ich nun damals den Anforderungen genugen und auftreten wollen, und man hatte in Europa plotzlich vernommen, der echte Konig von Preussen ist erschienen, die ganze Gestalt der Dinge muss sich verandern, in ihm wirkt der Geist des grossen unsterblichen Friedrich und nun fragte Europa. Wer ist dieser junge Held? und vernahme die Antwort: Ein Judenjunge! so wurde ja ganz Europa nur in ein lautes Lachen ausgebrochen sein, so wie Sie jetzt selber lauter und lauter lachen, was mich eigentlich beleidigen sollte, wenn die Sache nicht wirklich so uberaus komisch ware. Lachen Sie also nur zur Genuge mein Herr, ich finde Ihre Lustigkeit ganz naturlich."

Leonhard zwang sich, wieder ernsthaft zu werden, um den Unglucklichen nicht zu kranken, weil die Erlaubnis zum Auslachen doch vielleicht nicht ganz aus seinem Herzen gekommen war. "Seitdem", fuhr dieser dann fort, "sind nun wieder zehn Jahre vorubergegangen, und ich habe mich immer ruhig verhalten, welches die hohen Potentaten wurdigen und mir zugute schreiben sollten. Das ist aber nicht der Fall, denn man lasst mich immer in meiner Armut bleiben, ohne sich um mich zu kummern. Eins aber konnte man tun, da ich ja keine weiten Landerstrecken, oder grossen politischen Einfluss verlange, mir namlich das liebe gute Nurnberg schenken, welches ich so ausserordentlich hochschatze. Das Stadtchen hat wirklich was Allerliebstes, und wer Sinn hat fur das Heimische, Altdeutsche, so Altfrankische, der wird auch ebenso in das niedliche Nurnberg vernarrt sein, wie ich. Ware das aber den Regierenden immer noch zuviel, so sollten sie mir doch wenigstens die Sebald-Kirche als mein Eigentum uberlassen."

"Da Sie aber zu der israelitischen Gemeine gehoren", sagte Leonhard, "was wollten Sie mit dieser christlichen Kirche anfangen?"

"Erstens", antwortete jener, "wunsche ich sie mir, weil ich sie so unaussprechlich liebhabe. Das ist ein Kirche, sehen Sie, wie man wohl sagen mochte: Gerade so muss eine Kirche sein! Lorenz ist auch nicht ubel, kommt aber nicht gegen meinen Sebald. Und, verstehen Sie denn nicht? Ich hatte ja immer noch den grossten Vorteil davon. Die Nurnberger gehen sehr gern in ihre Kirche; sie ist immer gedrangt voll. So vermietete ich denn meine Kirche an die andachtige Gemeine, dass die Leute doch auch ihre Freude am Gottesdienste bezahlen mussten. Ich habe auch wirklich Lust, mich nachstens dem Konige von Preussen personlich vorstellen zu lassen, und ihm das Geheimnis zu eroffnen. Dann werden wir ja sehen, wozu er sich herbeilassen wird. Denn ganz umsonst darf er es doch auch nicht haben, dass ich ihm so ungestort Krone und Szepter gonne."

Es wurde Leonhard peinlich, langer das Geschwatz des Torichten anzuhoren; er fragte also, um abzubrechen, wo man wohl in der Stadt am besten einkehre, und der Plauderer sagte: "O ja nirgend anders, als im 'goldnen Rad-Brunnen'. Da sind zwei alte, prachtige Leute, und ich bin auch viel da, und ein junger Freund, ein frommer, stiller Mann, der Braueigner Lamprecht. Wir bilden dort oft ein sehr geistreiches Konvivium. Im 'roten Ross' ist es auch immer noch gut, aber viel teurer; denn der Gasthof bleibt bisher noch der erste in der Stadt. Aber beim Rad-Brunnen wollen wir absteigen; es ist ja auch sehr moglich, dass mein Freund Lamprecht Sie bei dieser Gelegenheit gleich bekehrt; denn Sie sind doch gewiss noch ein Weltkind, das habe ich vorher wohl an Ihrem Lachen bemerkt. Und der Lamprecht hat eine ausserordentliche Force im Bekehren; ehe man sich's versieht, ist man fromm geworden. Es ist eine wahre Lust, wie es ihm von der Hand geht. Ja, ja, das wird einen rechten Spass geben, wenn Sie so in sich schlagen und einen ganz neuen Menschen anziehen. Haben Sie's wohl schon mal probiert? Es wird einem dabei ganz schnurrig zumute. Aber nachher die unendliche Seelenbefriedigung, und unserm Herrgott so viel naher zu rucken durch solche Protektion: das ist doch auch mitzunehmen."

So ging es wieder unermudet fort, nachdem er diese neue Strasse eingeschlagen hatte. Leonhard horte wenig mehr hin und freute sich, als sie in das Tor hineinfuhren. Es war schon spater Abend, und aus allen Fenstern schienen ihnen die goldenen Lichter entgegen, als sie durch die grosse Stadt und die herrlichen Gassen zwischen den hohen Hausern hinrollten. In diesen Augenblicken fuhlte sich Leonhard sehr glucklich, sich als ein ganz Einsamer und Unbekannter in der Fremde zu befinden, sich seiner Jugend zu erinnern, und die damals empfangenen Eindrucke zu erneuern. Man hielt wirklich jetzt vor dem Rad-Brunnen, und die Diener kamen den Reisenden freundlich entgegen. "Ei! Herr Franke, kommen Sie auch schon wieder?" riefen sie, und begrussten so mit Handschlag und Lachen den Torichten.

Dieser dankte nur kurz und obenhin seinem Reisegefahrten, um sich eifrig nach Lamprecht zu erkundigen. Man wies ihn nach einem entlegenen Stubchen, in welchem dieser Freund schon seiner harre, obgleich man geglaubt, der Reisende konne erst morgen kommen. Als Leonhard die freundlichen Wirtsleute begrusst und sein Zimmer in Augenschein genommen hatte, trat er mit hoch klopfendem Herzen seine Wanderung durch die geliebte, ihm so bekannte und doch jetzt fremd gewordene Stadt an. Wie feierlich begrussten ihn die hohen Kirchen, ratselhaft aus der dunkeln Nacht hervortretend. Er stieg die kleine Anhohe bei Sebald hinauf, wo er auch ehemals so oft gestanden hatte, und sah wieder die erleuchteten Hauser gegenuber. Dann ging er nach der Lorenzkirche, stand bei dem kunstlichen Brunnen still, und horte andachtig dem Geplatscher und Plaudern seiner feinen Wasserstrahlen zu. Er kehrte um, ging die Strasse hinauf, und unten an der einsamen, stillen Burg voruber. Er freute sich, dass er selbst in der Nacht das Haus wiedererkannte, in welchem Albrecht Durer gewohnt, so fleissig gearbeitet und so viele Schmerzen erlitten hatte. Er fuhlte sich wunderbar geruhrt, und jedes Wort Vorubergehender, im bekannten frankischen Dialekt gesprochen, ging durch sein Herz. So kehrte er um, und zauderte noch den Gasthof zu betreten, um diese poetische Stimmung nicht zu vernichten. Wie glucklich, sagte er zu sich selbst, eine solche alte edle Stadt als seinen Geburtsort zu kennen, in ihr zu erwachsen und sich mit jedem Denkmal, jedem merkwurdigen Stein vertraut zu befreunden. Alles Grosse, Edle, Wunderliche gehort dem Eingebornen, er erlebt es taglich von neuem; jeder Gedanke und jede Vorstellung wachst mit den fruheren Jahrhunderten und ihren Begebenheiten zusammen; jeder Vorsatz, jede Arbeit klingt wie ein notiger, schoner Ton in das vollstimmige Konzert hinein, das immerfort musiziert, und so alles, was entsteht und sich neu erzeugt, in seine wohltatige Regel und ihren Wohlklang zart und mutterlich aufnimmt.

Als er in den Gasthof trat, fand er nur wenige Menschen an der Tafel, eine stille Gesellschaft, die seine Gedanken und Gefuhle nicht storte. In der Nacht schlief er gut in seinem ruhigen Zimmer, und erwachte erquickt und neu gestarkt mit der Fruhe des Morgens.

Es war Sonntag, und indem er die Glocken schlagen und lauten horte, war es ihm so heimisch, so bang schaurig und so heiter und still sehnsuchtig, wie in der fruhesten Kindheit. Er liess diese Sabbatstille in seinem Herzen gewahren, und die Gestalten und Gefuhle ruhig beseligt walten, die aus seinem Innern, wie aus unsichtbarer, lautloser, ferner Gegend, emporquollen und ihn anlachelten. Wie sonderbar dunkte es ihm, dass gar viele hochbegabte Menschen einer Absonderung von den ubrigen, einer Sekte und in dieser wieder der Redensarten, der willkurlichen Zeichen bedurften, um sich fromm zu fuhlen. Welche Sussigkeit des Himmels entfaltet sich so oft, und verbreitet sich durch unser ganzes Innere, wenn wir den Engel nur gewahren lassen, der mit melodischem Flugelschlag den Teich anruhrt, dass seine bewegten zitternden Wogen mit heilender und heiligender Gesundheit emporrauschen.

Bei diesen Worten kam der alte Joseph und dessen Grillen uber Sprache in seine Gedanken, und um nicht ganz sich in Traumerei zu versenken, ging er in das gemeinsame Zimmer, um sein Fruhstuck zu geniessen. Der torichte Franke lief jetzt durch die Stube indem er einen schonen jungen Mann an der Hand herzufuhrte, in dessen frommer Miene und stillem Wesen Leonhard jenen Lamprecht, den ihm der Unkluge geschildert hatte, zu erkennen vermeinte. Sie begrussten sich gegenseitig und verabredeten mittags an der Wirtstafel sich wiederzufinden. Leonhard eilte in die Sebaldkirche, und die vollen Orgeltone begrussten ihn. Durch die gemalten, bunten Fenster schien die Sonne, und brach den scharfen Strahl in den schimmernden hellen und lieblichen Farben. Als wenn durchsichtige leuchtende Decken in Farbenpracht vom hohen Gewolbe niederhingen, so harmonisch verbanden sich die schonen Fenster mit dem ehrwurdigen schattenreichen Gebaude, das sie sanft erhellten. Die Kanzel, Sebalds schones Grabmal, die merkwurdigen Bilder sah er jetzt nur aus der Ferne, um den Gottesdienst nicht zu storen. Auf die Predigt konnte er nicht eben achten, denn seine Traume ubertonten das lehrende Wort des gutmeinenden Priesters. Er entfernte sich wieder still, um auch die schone Lorenzkirche in dieser Stimmung zu besuchen, deren leichtere Bauart und schlankere Saulen fast frohlich gegen des Sebaldus-Doms ernsteren Charakter abstechen. Er liess seinen Genius gewahren, der heut in seinem Innern waltete, und den Vorhang vom Allerheiligsten zuruckschlug. Wer diese Tempel-Empfindung niemals gefuhlt und erlebt hat, der wird es schwerlich begreifen, dass Leonhard sich in einen Winkel verbarg, um seine Tranen unbemerkt stromen zu lassen.

Als er sich an diesem wollustigen Weinen ersattiget hatte, wandelte er wieder bei sonntaglicher Stille durch die herrliche Stadt, Wieder erfreute er sich, wie vor Jahren, der Blicke auf den Brucken uber das Wasser hin, und die wundersamen holzernen Galerien, die, geschnitzt, bemalt, hausliche Arbeiter zeigten, oder spielende Kinder, oder sinnende Menschen, die sich uber das Gelander lehnten. Er trauerte uber jede Veranderung, die er wahrnahm, und die die Einwohner wohl eine Verbesserung nennen mochten. Viele der wunderlichen Gemalde hatte man ausgeloscht; so die Riesen in der Nahe des roten Rosses, welche Otnit, Hildebrand, Dietrich von Bern und andere Helden der alten deutschen Gedichte vorstellen sollten. Viele Hauser waren mit jenem aufgeklarten Weiss oder Hellgelb uberzogen, an welchen vormals Engel und schwebende Marien prangten; manche neue Gebaude zierten sich mit jenem negativen Stil der neueren Architektur, und nahmen sich in Leonhards Augen neben den echten alten Burgerhausern nur widerwartig aus. So, geteilt in Zorn und Freude, kehrte er in seinen Gasthof zuruck.

Aber welch unangenehmes Gefuhl uberraschte und storte ihn, als ihm aus dem Esszimmer ein rohes Geschrei entgegentonte, und er in der Ferne die fratzenhafte Figur jenes Wassermann unterschied, der ihm schon auf der Reise damals so verletzend entgegengetreten war. Er konnte es nicht uber sich gewinnen, sich an derselben Tafel niederzulassen, weil ihm der Gedanke unertraglich war, von dem widerwartigen Menschen wohl gar wiedererkannt zu werden. Er liess sich also von dem willigen Kellner seine Speisen in das Nebenzimmer bringen, wo er, weniger gestort, das laute Schreien des Ubermutigen nur wie aus der Ferne vernahm.

Sowie die Tur geoffnet wurde, vernahm Leonhard die Worte des laut Sprechenden deutlich, und um so mehr, da die ubrigen nur wenig und leise sprachen. Nach und nach gewohnte sich der Einsame mehr an das Gerausch, weil ihn seine geruhrte Stimmung, vom Wein erheitert und gestarkt, nach und nach verliess, und einer alltaglicheren Frohlichkeit Platz machte. So war ihm endlich in dieser sichern Ferne der Herr Wassermann weniger verdrusslich, und er konnte auf sein Geschwatz und seine Prahlereien, ohne sich zu argern, hinhoren. Da vernahm er denn, wie der Schreier von seiner nahe bevorstehenden Heirat erzahlte, und wie er dann wohl, zum zweitenmal vermahlt, sich mehr zur Ruhe setzen wurde, und weniger in den benachbarten Landern umherreisen. Er kenne die Welt und habe sie gehorig genossen, daher sei ihm auch die Neugierde, die den jungen Gimpeln so eigen sei, vollig vergangen.

Leonhard musste lacheln, denn diese Ausserung traf ihn selbst am meisten, der diesen ganzen Vormittag in der Stimmung eines Junglings geschwelgt hatte, der zum erstenmal seine eingewohnte Heimat verlasst. So fuhr nun Wassermann fort, seine Lebensansichten und seine Gedanken uber Liebe und Ehe auszusprechen. War ihm die Liebe schon lacherlich, so war nach ihm die Eifersucht gar das Verachtlichste, wozu der Mann nur hinabsinken konne. Er verlangte fur beide Geschlechter vollig dieselben Rechte und Befugnisse, und da keinem Richter und Gesetz das Recht zustehe, den Mann zu beschranken, wenn er nicht offentlichen Skandal mache, so durfe die Frau auch nicht wie eine Sultanin behandelt und eingesperrt werden. Wenn der Mann freilich Unrat merke, oder gar hinter eine Liebschaft komme, so sei es ihm naturlich erlaubt und geziemend, mit einem tuchtigen Stock vorzuglich an der Frau seine Genugtuung zu nehmen. Mehr als barbarisch aber, vollig abgeschmackt sei es, zu forschen, fragen, zanken uber das, was vor der Ehe sich begeben haben konne. Eine europaische Narrheit sei es, von dem Madchen und der Braut zu verlangen, dass sie keinen Mann vorher gekannt, oder geliebt, oder sich ihm ergeben habe, da es doch abgeschmackt herauskommen wurde, wenn man den Brautigam, ob jung oder alt, daruber examinieren oder erkommunizieren wolle. "Wahrlich", rief er endlich, "auch hierin hat sich Moses als der grosste Denker und Gesetzgeber erwiesen; denn bei den Juden darf nach dem mosaischen Recht kein Ehemann das verlangen, was die anderen Religionen in ihrer Torheit so hoch stellen."

"Was wissen Sie vom mosaischen Recht!" rief jetzt eine Stimme, die gegen jene des Wassermann nur dunn klang und in welcher Leonhard seinen gestrigen Reisegefahrten wiedererkannte. "Gewiss mehr, wie Sie", schrie Wassermann, "denn ich bin ein ausgebildeter Mensch." "Ein Ignorant!" rief der andere, "ein Inhumaner! denn das charakterisiert die deutsche Roheit, sich ewig und immer wieder an den Juden reiben zu wollen, die wohl mehr Genie, Geist und Gelehrsamkeit zeigen, als die meisten jener eingefleischten Christen!" "Himmel-Tausend-Sakerment!" schrie jetzt Wassermann und man horte einen Wurf Sturz und Aufschrei, dann ein lautes Getummel, wie von einer Schlagerei.

Als Leonhard die Tur offnete, sah er auch schon das vollstandige Handgemenge. Wassermann hatte namlich, ohne nur zu rufen: "Vorgesehen!" dem torichten Franke, der die Juden nicht wollte schmahen lassen, eine Weinflasche an den Kopf geworfen und so richtig gezielt, dass dieser, verwundet und betaubt, sogleich unter die Tafel sturzte. Sein Freund Lamprecht war mit dem Ohnmachtigen beschaftigt; Wirt und Wirtin standen entsetzt beiseite und rangen die Hande, indes Wassermann sich gegen vier andere Manner als ein Held ebenso rustig als gewandt verteidigte; denn dem einen, der der Angesehenste schien, hatte er mit seinem Stuhle eine bedeutende Wunde an der Stirn beigebracht, so dass von dieser das Blut herniederstromte. Die anderen drei, nebst zwei Aufwartern, hatten sich endlich des trunknen und wutenden Wassermann bemachtigt, hielten ihn fest und banden ihm Hande und Fusse mit Servietten und Schnupftuchern.

"Mein Herr", rief jetzt der Verwundete, "nun sollen Sie erfahren, was das auf sich hat, in einer angesehenen Stadt, in anstandiger Gesellschaft solchen Skandal aus Mutwillen anzufangen, und mich, einen Polizeibeamten, der den Frieden herstellen will, tatlich, einem wilden Tiere gleich, anzufallen. Dieser Rausch und diese Roheit wird Ihnen teuer zu stehen kommen."

"Ist der Jude da tot?" fragte Wassermann, auf der Erde liegend und festgebunden.

"Gottlob nicht!" rief Lamprecht aus.

"Nun so wird die Dummheit nicht viel zu bedeuten haben" sagte Wassermann; "lasst mich nur wieder los, und ich gebe mein Ehrenwort, mich an keinem Menschen mehr tatlich zu vergreifen."

"Ihr Ehrenwort?" rief der Polizeibeamte; "ich mochte lachen wenn mir die Wunde am Kopfe nicht so unbequem fiele; wie solche Menschen nur noch das Wort Ehre in ihren Mund nehmen konnen."

Einer der Aufwarter war indessen nach der Wache gegangen. Der Beamte befahl den Ubeltater, nachdem ihm die Beine waren frei gemacht worden, mit gebundenen Handen zum Gefangnis abzufuhren, indessen er sich selbst in einem Wagen nach seiner Wohnung bringen liess. Der verwundete Franke ward zu Bett gebracht.

"O mein werter Herr", sprach der Wirt in einem flehenden Tone, "rechnen Sie es uns ja nicht an, dass dergleichen in unserm stillen Hause hat vorfallen durfen. Wie gern hatten wir dem furchtbaren Herrn Wassermann das Losement verweigert, weil er fast immer betrunken ist; aber er hat uns guten Wein geliefert, und die letzte Rechnung ist noch nicht bezahlt, so dass wir ihn wirklich nicht abweisen konnten, ohne uns selbst Schaden und Verdruss zuzuziehen. Aber es ist ein gottloser Mensch, und ich hoffe, sie werden ihn nun diesmal recht ordentlich schropfen, so dass er endlich Mores lernt, und seine Nebenmenschen nicht mehr auf so schandliche Art molestiert."

Jetzt trat auch der hubsche, stille Lamprecht in das Zimmer und sagte: "Der Wundarzt versichert, die Wunde habe an sich selbst nicht viel zu bedeuten, und nach ein paar Tagen, wenn der Kranke namlich die gehorige Ruhe genossen, sei alles wieder in Ordnung."

Sehr erleichtert verliessen der alte Wirt und die Wirtin das Zimmer, und Leonhard sagte, indem er sich zum stillen Lamprecht wandte: "Ihr Freund, der Verwundete, hat mir schon viel von Ihnen gesagt, und ich wunschte nur, wir hatten, ohne diese fatale Geschichte, unsere Bekanntschaft machen konnen."

"Der Herr", erwiderte Lamprecht, "fuhrt einen jeden auf eine eigene, und manchen auf eine wunderliche Weise. Schlagt es nur zum Heil aus, so ist es immerdar zu loben."

"Gut", versetzte Leonhard, "aber war es wenigstens nicht unvorsichtig von dem jungen Israeliten, sich in diesen unnutzen Streit mit einem Trunkenbold einzulassen? Zwar ist der Arme auch an sich selbst gestort und seiner Vernunft nicht machtig."

"Ach! lieber fremder Herr" sagte jener seufzend und mit frommer, weicher Stimme, "es ist gar nicht so, Sie kennen Ihren Reisegefahrten allzu wenig."

"Wieso?"

"Er ist nichts weniger, als ein Jude; er ist ein ordinarer getaufter Christ, wie wir es alle sind; er ist nur seit wenigen Tagen ein Jude, oder bildet sich ein, dass er einen solchen vorstelle."

"Ist es moglich?"

"Lassen Sie sich dienen", fuhr Lamprecht fort; "ist Ihnen noch niemals die Erfahrung geworden, dass gewisse Menschen zu manchen Zeiten, oft alljahrlich, ihren ordinaren guten Verstand einbussen, und auf einige Zeit zu Narren werden?"

Leonhard sah den Sprechenden misstrauisch an und sagte dann: "Lieber Mann, das begegnet uns wohl allen."

"Ich meine es nicht so", erwiderte jener; "denn das mochte wohl nur das allgemeine Menschenschicksal sein, dem nicht auszuweichen ist. Nein, mein lieber Herr, es gibt gewisse Temperamente, die, sei es im Fruhling, Herbst, oder Sommer, geradezu uberschnappen, in den Wahnsinn oder ins Delirium geraten, und zu diesen sonderbaren Wesen gehort mein Freund Franke. Wie sollte er denn ein Jude sein, da er hier in der Stadt geboren und erzogen ist? Aber alljahrlich, und zwar immer zu derselben Zeit, wird er unsinnig und bildet sich bald diese, bald jene Narrenposse ein. Einmal ist er Katze, oder Hund, oder Fledermaus; ein andermal hat er einen Mord begangen und soll hingerichtet werden, oder er ist in eine Prinzessin verliebt, und dergleichen mehr. Seine alten Eltern wohnen vier Meilen von hier, dahin war er gewandert; und da ich wusste, dass gestern sein kritischer Tag war, so wurde ich sehr besorgt um meinen Freund, weil er langer ausblieb, und unter diesen Umstanden auf dem Wege leicht Schaden nehmen konnte. Ich war nun begierig, mit welcher Narrheit er durch das Tor schreiten wurde, und, siehe da, er ist uns diesmal als Jude und Pratendent des preussischen Thrones wiedergekommen."

"Sonderbar!" sagte Leonhard, "und doch hat er mir so umstandlich die Sache erzahlt."

"Ganz recht", sagte Lamprecht; "in diesen Krankheitsumstanden ist er immer sehr redselig, und von seiner Ansicht so uberzeugt, dass er wie heute solche bis aufs Blut verteidigt. Was gehen ihn die Juden und ihre Meinungen an? Was brauchte er sich ihrer so lebhaft anzunehmen?"

"Was Sie mir da eroffnet haben, teurer Mann", begann Leonhard wieder, "erfullt mich mit dem hochsten Erstaunen. Ein Kranker aus diesem sonderbaren Spital ist mir bis jetzt noch niemals vorgekommen. Und es sollte noch mehr solcher Patienten geben?"

"Wer zweifelt daran?" antwortete Lamprecht; "ich muss mich bloss uber Ihre Verwunderung verwundern. Wenn in uns allen wohl etwas ist, das den Organismus, oder unser Leben storen will, und das die Natur vielleicht im Arger, oder Schnupfen, oder einer Leidenschaft, oder Prugelei, oder wie sonst hinwegschafft, damit der Mensch in seinem gewohnten Gleise bleibe so gibt es auch immerdar so geformte Wesen, bei denen, ohngefahr wie beim Mondsuchtigen, eine zeitgemasse kurzere oder langere Verrucktheit eintreten muss, damit sie nachher nur ihrem Amte als sterblicher Mensch gehorig vorstehen konnen. So schutteln sie die Schlacken ab, und sind nachher so reputierlich, wie zuvor. So lebt in einer grossen Stadt, nicht gar weit von hier, ein sehr gelehrter Mann; dieser wird von hoch und niedrig besucht und verehrt; er steht mit andern herrlichen Geistern in Korrespondenz, und man nennt ihn oft den Stolz seines Vaterlandes. Dieser Gelehrte fallt in jedem Jahr im Herbst, wenn die Tag- und Nacht- gleiche eintritt, in einen sonderbaren Zustand. Er reisst namlich alsdann seinen Kachelofen ein, wirft die Kacheln umher und arbeitet dabei ohne Rock und Weste im Hemde so eifrig, dass ihm der klare Schweiss von der Stirne trieft. Nun nimmt er den Lehm und Ton, mit welchem der Ofen ausgefuttert ist, mischt diesen und weicht ihn hochst muhsam auf mit Wasser, bis er in seinen fruheren bildsamen Zustand zuruckgekehrt ist. Dann formt und backt er aus diesem Ton Kugeln von massiger Grosse, und beschenkt, wenn die eigentliche Raserei voruber ist, jeden seiner Freunde, auch jeden Vornehmen, selbst die Damen, die ihn verehren, mit einer dieser Kugeln, als einer untruglichen Universalmedizin gegen alle Ubel und Krankheiten. Im ersten Monat wenn die Wut schon ganz voruber ist, geht er nie aus, ohne einige dieser Pillen bei sich zu tragen, um der leidenden Menschheit unter die Arme zu greifen. In jedem Jahr kommt der Topfermeister von selbst und ungefordert in sein Logis, weil er schon weiss, welche Arbeit er dort zu tun findet, und nachher ist derselbe Mann so gelehrt und weise, als er es nur jemals war."

"Wohl dem", fugte Leonhard hinzu, "an dem der Aberwitz dieser Vampyr, nur so genugsam zehrt, und ihn dann wieder freilasst. Diejenigen, die sich ohne alles Talent fur grosse Dichter, Staatsmanner, oder Weltweise halten, sind auf jeden Fall viel schlimmer daran."

"So gibt es wieder andere", erzahlte der sinnige Lamprecht weiter, "die ergreift in ganz unbestimmten Zeiten, bald nach langeren, bald nach kurzeren Fristen, der bose Geist. Es kommt uber sie, wie ein Gewitter aus heiterm wolkenlosem Himmel.

Wehe denjenigen, die alsdann in ihre Nahe kommen. Ein solcher Mann befindet sich als Mitgleid in unserer stillen Gemeine: das frommste, liebevollste Gemut, wohltatig, menschenfreundlich, nachgebend, so sanft, dass ein Kind ihn einschuchtern konnte; aber, wenn er vom Satan besessen ist, so ist kein Auskommen mit ihm, dann furchtet er weder Himmel noch Holle, dann achtet er weder Gott noch Menschen. Und auch bei diesem Subjekt hat das Schicksal einen artigen Ausweg gefunden, so dass alle, die ihn kennen, ihm an solchem Tage aus dem Wege zu treten vermogen. Er geht im Hause fur alltaglich in einem einfachen Uberrocke; ergreift ihn aber jener hollische Geist, so empfindet er schon, indem er aus dem Bette steigt, ein sonderbares Gelust, einen uralten feuerfarbenen Schlafrock, den er sonst niemals tragt, anzuziehen. So sitzt er denn wie ein altes Gespenst in seinem Zimmer, und ihm ist es selber ganz recht, wenn an diesem Tage Freund und Bekannter seine Nahe vermeidet."

Jetzt brach Lamprecht auf, um nach seinem kranken Freunde zu sehen; Leonhard aber konnte es nicht mude werden, seine vielgeliebte Stadt zu durchwandern. Er mochte nicht aus dem Tore gehen, um die poetische Tauschung, in welcher er befangen war, nicht aufzulosen, weil er von ehemals wusste, dass die Natur und Gegend um Nurnberg her nichts Erfreuliches bieten. Er segnete eine Stadt, wie es freilich nur wenige gibt, deren Steine, Mauern und Turme den Wanderer so fesseln konnen, dass er keine Sehnsucht empfindet, die ihn hinaus in das Freie treibt.

Leonhard hatte versprochen, am Abend, weil es Sonntag war, einer heiligen Versammlung beizuwohnen, welche zweimal in der Woche bei dem Brauer Lamprecht zu einer gottesdienstlichen Feier sich verband. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft versaumten zwar die Kirchen nicht, um nicht aufzufallen und kein Argernis zu erregen; sie hielten aber den offentlichen Gottesdienst fur etwas sehr Gleichgultiges, und sparten ihren Eifer und die wahre Andacht fur diese fast heimlichen Zusammenkunfte. Leonhard bereute sein Versprechen, und begriff jetzt selbst nicht, wie er es zu geben sich hatte verleiten lassen; indessen wollte er sein Wort nicht brechen und begab sich in das Zimmer, wo die ubrigen schon versammelt waren. Er fand dort den Vorsteher, den Braueigner Lamprecht, und den eingebildeten Juden Franke, der mit verbundenem Kopfe, blass und seufzend dasass. Einige altere und jungere Manner waren noch zugegen, und Leonhard liess sich denjenigen vom Vorsteher bezeichnen, welcher zuzeiten den feuerfarbenen Schlafrock anlege, um Freund und Feind zu schrecken. Er war offenbar der Alteste der Gesellschaft, ein blasser Greis, mit schlichtem weissem Haar, einer andachtigen, sanften Miene und mit dem Ausdruck stiller Frommigkeit im Auge. "Unmoglich!" sagte Leonhard, "dieser ist nicht fahig, auch nur ein Tier zu kranken, oder ihm wehe zu tun."

"Lieber Bruder", sagte Lamprecht, "in uns allen liegt der Lowe nur an Ketten, und springt brullend auf, sowie er sich frei fuhlt. Ohne Gnade von oben und festen Willen von uns selbst, sind wir dem wilden Wahnwitz immerdar preisgegeben. Keiner halte sich fur den Sichern, denn dieses Trotzen auf unsere Sicherheit ist eben unsere allergrosste Sunde. Wer sich bescheiden furchtet und an seinen Kraften zweifelt, wird der Versuchung viel weniger unterliegen."

Man horte die Glocke schlagen, und alsbald schwiegen alle und vereinigten sich zu einem stillen Gebet. Nun stand Lamprecht auf und hielt eine lange Rede, bei welcher Leonhard wohl einsah und fuhlte, dass sie eigentlich zunachst auf seine Bekehrung abzwecke. Der junge Mann trug nicht ohne Beredsamkeit und Begeisterung den Gedanken vor, dass sich die Andacht jedes einzelnen, die oft den zerstreuten Weltmenschen sogar besuche, an dem Glauben und der Erhebung des zweiten Bruders starken und kraftigen musse. Nur so bewahre sich die Gnade und werde sichtbar, die sonst nur fluchtig, wie Sonnenglanz bei sturmischem Wetter, voruberfahre und das Herz vielleicht nur leerer und durrer ausschopfe, als es sich vorher gefuhlt habe. So sei das Bedurfnis der Gemeine fruh empfunden worden, und darauf habe sich die Kirche begrundet. In solcher Gemeinsamkeit wehe gleichsam ein Geist in allen Gliedern, und jeder sei zugleich Laie und Priester. Priester im schonsten Sinn des Wortes sei jeder, dessen Seele sich vom Anhauche Gottes erregt fuhle, so sei es im Anbeginn der Christenheit gewesen, und dieses Vorrecht der Erleuchtung habe die Reformation auch wieder reklamiert. Nur habe sich leider, schon sehr fruh, die Priesterherrschaft in anderer Gestaltung wieder eingefuhrt, welche ein Monopol mit Gnade und Glauben treiben wolle. Dies zwinge begeisterte Gemuter zu einer engern, aber stillen Verbindung, die sich der Offentlichkeit entziehe, und nur in der Verborgenheit stark und segensreich bleiben konne. Dieses freie Christentum, vom Staate nicht sanktioniert, durch keine erteilte Priesterwurde gerechtfertigt, sei eben dadurch das wahre, ursprungliche, welches die Apostel gegrundet hatten, und welches auch alsbald seine Weihe und Wahrheit verloren, sowie ihm offentliche Anerkennung und ein Privilegium geworden sei. In diesen Gemeinen aber, die nur das bewegte Herz und das Bedurfnis des Glaubens zusammenfuhre, sei nach der Verheissung der Heiland wahrhaft gegenwartig; er segne sie durch seine unmittelbare Liebe, die sich allen mitteile; und in diesem Uberschwung der Liebe, in dieser Einverleibtheit mit ihm sei die Vergebung aller Sunden und der Genuss der Gnade, sowie seiner personlichen Gegenwart, und die Begeisterten bedurften also keines Symbols oder einer korperlichen, sichtbaren Uberzeugung.

Es war nicht zu verkennen, dass der Redner eine Erschutterung Leonhards erwartet hatte, die mit dem Bekenntnis und Entschluss endigen wurde, dass er ein Mitglied dieser Sekte werden wolle. Als diese Entwikkelung nicht erfolgte, war Lamprecht erst etwas verlegen; dann entschloss man sich, gewohlichere Gesprache zu fuhren, die das alltagliche Leben betrafen. Nach und nach entfernter sich die ubrigen Mitglieder, und nur Leonhard, Lamprecht und jener stille Greis, welcher sich Alfert nannte, blieben beisammen, um bei vertraulichen Gesprachen ein leichtes Abendessen einzunehmen.

Leonhard erzahlte von sich und seinem Haushalt daheim, seiner Frau und seinem Pflegesohn, wie sich sein Geschaft ausgebreitet habe, und wie er als junger Gesell vor etwa zehn Jahren Franken, Schwaben, die Rheinlander und noch andere Gegenden durchstreift habe. Da jetzt nicht mehr von religiosen Gegenstanden die Rede war, und seine Genossen den Anschlag auf ihn aufgegeben hatten, so wurde er um so redseliger, als er seit lange schon nicht mit solchen Menschen umgegangen war, die dasselbe burgerliche Interesse am Leben hatten, als er.

So hatte er auch des alten Magisters erwahnt, welcher seinen Pflegesohn unterrichte. Seit er jenen sonderbaren Brief gelesen hatte, war ihm die Gestalt des alten Mannes immerdar vor Augen. "Ei! ei!" sagte der greise Alfert nach einiger Zeit: "gar wundersam und gleichsam dem Marchenhaften nicht ganz unahnlich Dieser alte Mensch, wie Sie ihn beschreiben, ist ofter in dem Landstadtchen Jessen gewesen; er hat in Wittenberg studiert und promoviert; ja, ja, es wird schon mein lieber guter Fulletreu sein. Nicht wahr, das ist der Name jener alten Perucke?"

"Allerdings", sagte Leonhard; "ich sehe also wohl jemand vor mir, der ihn ebenfalls kennt, oder gekannt hat?"

Der Alte stand mit Feierlichkeit auf, trocknete sich eine Trane vom Auge, und sagte dann mit vor Ruhrung zitternder Stimme: "Mein Herr Leonhard, nehmen Sie diesen Handschlag und Druck, in die ich mein ganzes Herz und meine Jugend lege, und bringen Sie das der lieben, guten, frommen, demutigen Kreatur von Menschen, der allerbesten, die Gott erschaffen, oder die ich wenigstens habe kennen lernen."

Er setzte sich hierauf wieder an seinen Platz, und forderte Leonhard auf, ihm alles zu erzahlen, was er nur irgend von dem alten Magister wisse. Dieser konnte fast nichts mehr mitteilen, als was er selbst an jenem Abend erfuhr, als der alte Mann zufallig in Elsheims Gesellschaft ein Fragment seines Lebens zum besten gab. Nachdem er geendigt hatte, sagte der greise Alfert: "Ei, du mein lieber alter Fulletreu, du Schulkamerad und Universitatsfreund, eine Zeitlang sogar mein Stubenbursche! Ach, wo seid ihr hingeschwunden, ihr schonen Zeiten, in denen wir uns im Disputieren und in der Latinitat ubten! Ja, mein werter Herr, ich bin derselbige Bruder, mit welchem er damals jene Wallfahrt zum Hause meines Vaters nach Jessen anstellte. Ich war auch nachher beim Disputieren sein Hauptopponent, und ich machte es der armen Seele recht sauer. Denn ob wir gleich vertraute Freunde waren, so war uns doch die Wahrheit und Gelehrsamkeit mehr, als unsere Liebe. Ich wusste damals auch nicht, dass er sich in meine Schwester so vergafft habe. Ja, die ist nun auch schon langst gestorben, und auch ihr versoffener, ungluckseliger Mann. Ich bin durch mancherlei Schicksale hieher verschlagen worden, und habe endlich in dieser Stadt ein kleines Amtchen errungen. Ich war in meiner Jugend ein froher, leichtsinniger Bursche, ganz das Gegenteil von meinem stillen Freunde, dem Fulletreu. Diese freundliche Seele war das Muster eines christlichen Junglings, so sanft, treu, fromm, unschuldig und harmlos, wie das Lamm, das der Mutter zum erstenmal zur Weide folgt. Ach, lieber Gott! ich habe noch das Buch, den Andreas Gryphius, in meinem Besitz, in welches er damals seinen Namen hineingeschrieben hat, als er es meinem alten Vater zum Prasent brachte. So ein Buch, so ein Schriftzug dauert langer, als der Mensch. Aber die Nachkommen, die Fremden, die es dann in die Hand nehmen, wissen nichts von den Schicksalen der Besitzer, von ihren Gefuhlen und ihrem Ungluck, und konnen sich also auch nichts dabei denken."

Der Alte war so weich geworden und fuhlte sich so ermudet, dass er alsbald aufbrach, nachdem er noch einmal mit vieler Ruhrung von Leonhard Abschied genommen, und ihm viele Grusse an den alten Magister aufgetragen hatte. Als Leonhard und Lamprecht allein waren, fing dieser noch einmal an, vom Zweck ihrer religiosen Gesellschaft zu sprechen, und wie gut und notig es sei, dass gute Menschen, wie Leonhard, sich ihr anschlossen. Leonhard erwiderte ihm, dass ihm jene offentliche Gemeinschaft und protestantische Kirche genuge, und dass in ihr dasselbe obwalte, was er an seiner abgesonderten ruhme. Auch musse nach seiner Uberzeugung die Religion und die sie begrundende Theologie, die Spekulation und Auslegung der Schrift nur Geschaft und Beruf des Priesterstandes sein; dieser sei also als dirigierend, belehrend dennoch notwendig, obgleich beim Gottesdienst selbst jeder andachtige Teilnehmer Priester sei und sein durfe. Diese Absonderung aber, indem jeder Teilnehmer immerdar nach Eingebung und Begeisterung strebe, fuhre in der Regel zur Schwarmerei und zum Aberglauben, zugleich aber, was erst wiedersprechend erscheine, oft auch zur freigeisternden Ketzerei und unchristlichem Wandel.

"Schwarmerei!" rief Lamprecht aus, "ja, das ist euer beliebtes Wort, ihr Weltlichen, womit ihr alles Geistige und Ubersinnliche niederschlagen wollt. Euch graut immerdar vor dem Geheimnis, und, wenn ihr konnt, tut ihr alles in den Bann als Ketzerei, was eurem torichten Schwanken und allen den ungottlichen Negationen in den Weg tritt, damit ihr nur fur andere Zweifel schwarmen konnt. Fur diese, fur das Nichts seid ihr fanatisch, und verdammt den Bruder, der euch die blinden Augen offnen mochte. Ist dies nicht sophistische Gleissnerei?"

"Lieber Freund", sagte Leonhard, "ich bin viel zu unwissend, um mit Ihnen uber so hohe Gegenstande disputieren zu konnen. Lassen Sie mich in meiner Bahn fortwandeln, und ich will Sie auf der Ihrigen nicht storen. Sollte es nicht viele Wege zum Himmelreiche geben?"

"Es ist uns so verheissen", antwortete Lamprecht, "nur kommt es darauf an, wie wir dieses hochst wichtige Versprechen erklaren, damit es nicht selbst der Sunder zu seiner Rechtfertigung brauche; denn das Bose in uns ist gar listig, und versteht es, sich mit Redekunsten und hell schimmernden Trugnissen zu waffnen. Sie mogen, werter Freund, am Ende nicht unseres Bundnisses bedurfen; aber ich, der Schwache, Hinfallige, wurde ohne dasselbe alles Trostes, aller Stutze beraubt. Ach! lieber Mann, Sie nannten, als Sie uns von Ihren Reisen erzahlten, auch Tirol, mein vielgeliebtes Vaterland. Nach jenen schonen Bergen sieht das Auge meines Geistes immerdar zuruck, und selbst Religion und Schrift konnen mir in manchen Stunden keinen Trost daruber geben, dass ich diesen unersetzlichen Verlust habe erleiden mussen. Ich begreife die Menschen nicht, deren es doch so viele gibt, die freiwillig ihr Vaterland verlassen, und nachher in der Fremde nichts vermissen. Oh, wenn ich nur wenigstens einmal als durchwandernder Gast dahin wieder kommen, mit Tranen und nassen Augen nur einmal meinen Abschied nehmen und es anblicken durfte!"

"Wie kommt es denn", sagte Leonhard

"Ich habe Vertrauen zu Ihnen", fuhr jener fort, "und so mogen Sie denn erfahren, was ich sonst immer verschweige; denn ich weiss, dass Sie mein Geheimnis nicht verraten werden, da wenn es bekannt wird, ich noch jetzt vielen Verdruss, ja wohl Ungluck dadurch erleiden wurde. Ja freilich druckt mich ein Verbrechen, oder nennen wir es, wenn wir milde sein wollen, Leichtsinn, aber einen bosartigen der ubermutigen Jugend. In einer der schonsten Gebirgsgegenden von Tirol bin ich geboren und erzogen, naturlich in der katholischen Religion. Meine Eltern waren in jener Stadt reich zu nennen und starben fruh, so kam ich als Mundel zu einem sehr redlichen Vetter, der meine Erziehung und die Verwaltung meines Vermogens ubernahm. Ich konnte dort recht glucklich sein, im Besitz meiner Acker und Weinberge, in den Waldern, auf der Hohe der Berge jagend, mich der Natur erfreuend, von Verwandten und vielen Menschen geliebt und geachtet. Und warum erfullte sich diese Hoffnung nicht? Weil ein Zwerg in demselben Stadtchen lebte, eine sonderbare Kreatur, die um zweier Sachen wegen merkwurdig war. Das erste war seine Riesenstarke. Darum half er Weinschrotern und Weinhandlern, und war bei diesen Leuten sehr gern gesehen, die ihn fur die Hulfe, die er leistete, gern bekostigten und kleideten, denn mit Geld wusste er nichts anzufangen, so blodsinnig wie er war. Es war zum Erstaunen, und man traute seinen eigenen Augen nicht, wenn man dabeistand, wie der ganz kleine Knirps, der nicht hoher als vier Fuss war, ein ziemlich grosses Fass voll Wein, was zwei Manner mit Muhe und Kunst aus dem Keller und auf den Wagen schroten mussten, so mir nichts dir nichts auf seine Schultern nahm, damit die Treppe hinaufstieg, es auf den Wagen legte, oder, wenn es sein musste, es uber die Strasse nach einem andern Hause hintrug. Deswegen nannte man das Kerlchen auch nur den kleinen Simson. Sonderbar aber, dass er diesen Namen, der doch ein Lob war, durchaus nicht leiden konnte, und hiebei, sowie bei vielen andern Dingen, zeigte sich die zweite Merkwurdigkeit des kleinen Wesens, namlich eine ausserordentliche Bosheit und Schadenfreude. Darum ging ihm auch jeder gern aus dem Wege, und ein alter Priester in unserer Stadt war der Meinung, ein boser Geist regiere und hantiere in dem kleinen Unhold. Rief ihm nun ein Bursche nach: 'Simson!' oder ein anderes Wort, das er nicht leiden konnte, so stellte er sich ganz ruhig hin, als wie im Traum, oder in Dummheit, kehrte sich dann, schnell wie der Blitz, um, griff den Bengel und zerarbeitete ihn mit seinen Riesenkraften ganz unbarmherzig. Ubrigens schien der Verwahrlosete fast gar nichts zu begreifen; es war auch, als wenn er nicht sprechen konne, denn er redete nur sehr selten, und wenn es geschah, immer nur wenige Worte, die oft gar keinen Zusammenhang miteinander hatten. Seine Stimme war von einer Art, dass ich sie nicht beschreiben kann: so widerlich durch die Nase, so geklemmt und fein gurgelnd, so schnarzend, oder, wie soll ich es nennen? dass es wirklich keine Freude war, ihm zuzuhoren, wenn er einmal zu reden anfing. Da der bose Zwerg schon einigemal junge Leute beschadigt und ihnen recht schlimme Verletzungen beigebracht hatte, so war es naturlich, dass die Jugend des Ortes fast ohne Abrede, ein Bundnis gegen den kleinen Simson geschlossen hatte, und ihm so viele Possen spielte, als sie nur ersinnen konnte. Wie nun aber in dem Zwerge uberhaupt keine Vernunft war, so hatte er sich auch ein ganz unsinniges Spielwerk ausgedacht. Er schlief fast gar nicht; sobald Mondschein eintrat, war er noch mehr alert und auf den Beinen. Dann schleppte er alte Fasser auf die Hohe des Berges hinauf, trug Wasser hin und scheuerte und hantierte die ganze Nacht, dass ihm der Schweiss vom Gesichte triefte, und er mude und ermattet dann zuruckhumpelte, worauf er in einen festen Schlaf fiel. Es kann wohl sein, dass sein Korper dieser Anstrengung bedurfte, denn nachher war er besonders vergnugt. So trieb er es fast immer, solange der Mond schien, und die Eigentumer liessen ihn auch in seiner Dummheit gewahren, weil er ihnen die Tonnen immer wiederbrachte. Einstmals kam ich von einer Kirmes mit einem Schwarm junger Leute; wir alle waren frohlich und ausgelassen. Da treffen wir in der Nacht den kleinen Simson bei seinen Fassern. Sogleich geht das Necken los, das Schimpfen und Lachen; aber er ergreift den einen von uns, und schlagt ihn mit solcher Wut zu Boden, dass dieser sofort die Besinnung verliert, und fur tot daliegt. Der Zwerg wird auch wacker durchgedroschen, wehrt sich aber wie ein Held und wir alle hatten lange Zeit Flecken aufzuweisen, die wir uns in dieser Schlacht geholt hatten. Der arme Kaspar aber wurde niemals wieder ein gesunder Mensch, und blieb zu aller Arbeit untuchtig. So wurde denn der Zwerg vor Gericht angeklagt, und weil der Kaspar wirklich ein verkruppelter Mensch geworden, so tat man den wutigen Zwerg zur Strafe in ein Narrenhaus. Wie es aber so geht, am Ende hatte sich der Kleine doch nur seiner Haut gewehrt; Spass und Schlag lassen sich nicht auf der Goldwaage wiegen. Ein mitleidiger Arzt bewies, dass der Unkluge bei dieser Einsperrung seine Gesundheit zusetze, und dass er auch friedfertig sein wurde, wenn ihn die bosen Buben in Ruhe liessen, was nicht zu leugnen war. Man liess den Simson wieder frei, und uns jungen Menschen wurde von Obrigkeits wegen bedeutet, den Armen, der wegen seiner Statur und des Mangels der Vernunft schon unglucklich genug sei, nicht ferner zu molestieren, und ihn nicht in Wut zu setzen. Alles vernunftig; nur meinten wir jungen Leute in unserm Dunkel, uns sei ein himmelschreiendes Unrecht geschehen, besonders weil unser Kamerad sein trauriges Leben in Abzehrung hinschmachtete. Indessen fugten wir uns, und hielten uns still, um nicht Verdruss zu haben. Wir gingen der boshaften Krote aus dem Wege, der, als ob er es gewusst, dass wir eine Nase gekriegt hatten, immer laut und hohnisch hinter uns drein lachte. Nach Verlauf mehrerer Monate gab es ein Hochzeitsfest, dem viele von uns beiwohnten; andere hatten den Gemsen aufgelauert. Wir alle nun heiter, von der Hochzeitfeier und vom Wein ermuntert, an nichts weniger als den dummen Simson denkend, ziehen Alpenlieder singend uber das Gebirge; zum Ungluck aber fuhrt uns der Weg wieder vor seinem Tonnenmagazin da oben vorbei. Diesmal ist er es, der zuerst angreift; er sturzt sich unter uns, und schlagt einen der Hochzeiter nieder, der sich eben druben im Dorf nach dem Tanz verliebt und verlobt hatte. Der arme Junge liegt zu Boden, schreit, und wir merken, dass ihm zwei Rippen zerbrochen sind. Nun alles her uber den Ubeltater, und sie sind nicht ubel willens, ihn gar totzuschlagen. Da, mocht ich sagen, springt der bose Geist, der den Zwerg immer beherrscht hat, in mich hinein, und ich rufe: 'Haltet euch zuruck, Freunde, tut ihm nichts! Lasst uns das Ungeziefer in die grosse Tonne hier sperren, den Boden wieder verspunden, und das Teufelsgezucht so den hohen Berg in den Abgrund hinunterrollen und laufen lassen.' Gesagt, getan. Mit lautem Lachen wirft sich der ganze Schwarm auf den Zwerg; sein Strauben nutzt ihm nicht, seine Kraft ist ohnmachtig, denn es sind zu viele, die sich seiner bemachtigen. Man tut den Armen in das Fass und lasst dies den Berg abwarts rollen, den Abhang hinunter, der ziemlich steil und gewiss eine Stunde Weges sich erstreckte.

Sonderbar! bei meinen Rat, den ich gab, war ich ganz heiter, mein Gewissen war stumm und meldete sich nicht. Nun erschrak ich vor mir selber und dem Unheil, das ich angerichtet hatte. Wir besorgten erst den Beschadigten, und als dieser unter Dach und Fach war, eroffnete ich meinen Kameraden, dass ich entschlossen sei, auszutreten, denn wir hatten etwas Heilloses begangen und wurden in schwere Verantwortung fallen. Sie lachten erst und wollten mir nicht glauben, dann wurden sie still und ratschlagten; einige gingen hinunter und wollte sehen, was aus dem in der Tonne geworden sei. Ich ging noch diese Nacht in ein anderes Tal, und von dort lief ich in eine mir ganz fremde Gegend. Hier eroffnete ich mich einem Priester, der mich aber nicht lossprechen wollte, indem er sagte, der Fall sei zu wichtig, und er musse die Sunde erst dem Bischof melden. Das verdross mich denn auch. So lief ich immer weiter und kam endlich in protestantische Lander. Mein Vormund und alle meine Verwandten handelten sehr brav an mir; man schaffte heimlich und listig mein Vermogen mir zu, denn die Obrigkeit wollte mich strafen; naturlich hatte man unten den Zwerg nur als Leiche wiedergefunden. Alle jene lustigen Kameraden wurden gestraft; ich allein sah mich geborgen. Mehr begluckt war ich aber, als mein Geist erleuchtet ward, und ich meinen religosen Irrtumern entsagte, um mein Gewissen und meine Seele frei zu machen. Sie meinen zwar, Herr, ich sei nun von neuem gebunden; aber meine Seele bedarf dieser Fesseln vielleicht vorzuglich infolge jener Begebenheit, die ich noch nicht verschmerzen, und die Vorwurfe daruber immer noch nicht beschwichtigen kann, die mich in vielen Stunden peinigen. Jetzt habe ich Ihnen, lieber Mann, mein ganzes Herz eroffnet."

Leonhard dankte dem biederherzigen Manne und erzahlte ihm dann, unter welchen Umstanden er jenen Zwerg auch in einer Mondscheinnacht vor Jahren angetroffen habe, worauf Lamprecht sagte: "Also hat er doch jenen Gesellen, mit welchem Sie damals wanderten, auch ruiniert, ja, man kann sagen, umgebracht, was er freilich ohne Absicht tat. Mein Ungluck, sowie das manches jungen Menschen, hat er auch veranlasst. Es ist immer denkwurdig, wie ich schon sagte, aus welchen Faden sich so oft unsere Schicksale spinnen."

Es war spat in der Nacht, und jeder ging eines andern Weges, um seine Ruhestatte zu suchen.

Am folgenden Tage gab Leonhard den Brief seines Freundes im Hause des Banquiers ab. Man wies ihn sogleich in ein anderes Zimmer zum alten Herrn selbst, der ihn sehr hoflich empfing und sogleich zum Sitzen notigte. Nach kurzem Gesprach trat der Kassierer herein und zahlte dem verwunderten Leonhard eine bedeutende Summe in glanzenden Goldstucken hin, worauf der alte Mann sagte: "Ich habe Ordre, Ihnen dieses einzuhandigen, mein Herr, und Ihnen zugleich diesen Brief zu ubergeben." Leonhard nahm ihn, die Aufschrift war von unbekannter Hand, und er war jetzt uberzeugt, dass dieses die Erbschaft sei, die ihm uberliefert werde, obgleich er nicht begriff, wie die Exekutoren des Testaments hatten wissen konnen, dass er nach Nurnberg kommen wurde; doch war die Summe diejenige, die er von dort erwarten durfte.

Er ging auf sein Zimmer zuruck, um die Summe Goldes wegzuschliessen, und erbrach nun neugierig den Brief. Sowie er ihn offnete, war er beschamt uber seine Einfalt, denn er erkannte sogleich Elsheims bekannte Schriftzuge. Der Brief lautete so: "Da ich Dich, mein Geliebter, und Deine Wunderlichkeiten kenne, so habe ich es vorgezogen, auf diese Weise einen Teil meiner Schuld gegen dich abzutragen. Und wahrhaft ernstlich wurdest du mich erzurnen, wenn du diese Summe ausschlagen wolltest, und mich dadurch so beschamen, dass ich niemals wieder deine Freundschaft oder Hulfleistung in Anspruch nehmen durfte. Du bedarfst des Geldes bei deinem Geschaft; ich bin die Veranlassung dass du dieses versaumtest: wie konnte ich deiner Friedrike, die ich mir doch zur Freundin wunsche, wieder in die klaren Augen sehen, wenn ich so ganz sundhaft in deiner Schuld bliebe, ich, der Reiche! wenn andere, die es nicht verdienen, von mir erhielten, und ich durch meinen Egoismus Dich um den verdienten Lohn brachte! Und sonderbare Freundschaft ware es, die sich nicht wollte bezahlen, ihre Auslagen wiedererstatten lassen. Die falsche Grossmut sieht aber Dir nicht unahnlich, darum u.s.w."

Er kann sich nie verleugnen, sagte Leonhard, und freute sich, dass er seiner Friedrike nun die Wahrheit, wenn er zuruckgekommen, sagen konne; doch erhoben sich neue Zweifel, indem er alles bei sich uberlegte; Plane spannen sich an diese, und so, in tiefen Gedanken sitzend, fand ihn Lamprecht. Man hatte gestern schon beschlossen, dem greisen Alfert einen Besuch zu machen, und beide begaben sich jetzt nach dessen abgelegener Wohnung. Als sie in dem stillen Hause die Treppen hinangestiegen waren, und Lamprecht die Stubentur offnete, fuhr er mit einem Schrei zuruck, und lief eilig die Treppe wieder hinunter. Leonhard war uber dies Beginnen erstaunt, und trat in das geoffnete kleine Zimmer, in welchem er den greisen Mann in einem seltsamen Anzuge auf und nieder wandeln sah. Er trug namlich jenen alten, weiten, feuerfarbenen Schlafrock, und auf dem Haupt eine hohe Mutze von derselben Farbe, unter welcher, im seltsamen Abstich, die ganz weissen Locken herunterfielen. Die Flucht Lamprechts war ihm nun erklarlich, denn nach diesem Krieges-Kostum war heut der Tag der Besessenheit des Alten. Auch war dieser mit dem vorigen Tage verglichen, ein ganz verwandeltes Wesen. Seine Augen funkelten zornig, die lange Nase war rot und aufgelaufen, zwei blutrote Flecke gluhten auf den beiden Wangen, und sowie er Leonhard eintreten sah, drehte er sich straff herum, sah diesem mit wildem Blick in die Augen und schrie mehr, als er sprach: "Was will Er hier? Was hat Er uberhaupt bei uns und in unserer Stadt zu suchen? Die Tagediebe, die unnutzen! Da schwanzeln sie herum, schnuffeln in den Hausern, in den Kirchen, wo sie nur ihren empfindsamen Zeitvertreib antreffen konnen, wie die Truffelhunde umher, graben das schwarze Zeug, das ihnen lecker dunkt, aus dem Boden, und meinen, sich noch damit zu des lieben Herrgotts Dienern und Hundejungen zu machen. Und Er nun gar! Nicht wahr, nun rennt der hochmutige Mussigganger auch noch in die sogenannte Natur hinaus, kostet, leckert, liebelt und pfiffelt da auch herum, in Abendrote und Morgenschein hinein, und macht ein Affengesicht dazu, als wenn alles nun erst seine Bestimmung und seinen Wert erhielte, weil er die Nase hineinsteckt, das Maul dumm aufsperrt und Gottes Schopfung approbiert? Er denkt, Gott Vater kuckt oben zum Fenster hinaus, und sagt zu einigen Engeln, indem er sich die Hande vor Freuden reibt: Ach! seht Kinder, nun schaut mein Leonhardchen alles an, was ich so sauber da unten hingestellt habe, die Berge, das Wasser, alle die Waldung; ja, ja, darauf habe ich lange gewartet, was das Mannchen dazu sagen wurde. Ei seht, er billigt alles, er ist mit meinen Bemuhungen ganz kontent, er nickt mit dem lieben Kopfchen: so ist doch meine Schopfung nicht umsonst! Nun, und die Weibsen? Denen lauft Er, Dummerjan, doch gewiss am meisten nach, hat wohl schon manchem dummen Ganschen das Gehirn verwirrt, hat sich von andern an der Nase fuhren lassen. Wenn ich nun mein spanisches Rohr dort aus dem Winkel hervornahme und kuranzte Ihn hier in meiner Stube herum, dass Er wie ein Bar tanzen musste: konnt Er sich daruber wundern? habe ich Ihn eingeladen, zu mir zu kommen? Er also halt sich zu Hause einen alten Narren, der Ihm Spass machen muss, so einen verschimmelten Magister? Ist Er denn nicht Narr genug fur seine Haushaltung? Ich denke immer, der Flaps konnte noch seine Nachbaren mit versorgen. Der verteufelte Hochmut in dem Gesindel! Aber es wird euch gewiss noch einmal zu Hause kommen, euer Komodienspielen, in dem ihr ganz verlernt, was Leben und Wahrheit ist. Halunken ihr! Marsch fort, da ist die Tur! Ich will Sein dummes Gesicht nicht langer vor mir sehen! Er sieht aus wie ein Gimpel! die kann ich nicht leiden."

Leonhard wollte ohnehin hier nicht langer verweilen, und verliess den torichten Alten, dessen Grobheiten ihn nicht beleidigen konnten. Er besuchte alle die Orte der Stadt, die ihm in der Erinnerung lieb geblieben waren, und richtete sich dann ein, am folgenden Tage Nurnberg zu verlassen.

Als er am Abend schon ziemlich ermudet an die Ruhe dachte, kam noch der fromme Lamprecht zu ihm, und brachte ihm Abbitte und Entschuldigung vom Besessenen. Der Anfall war diesmal schneller als sonst vorubergegangen, und er war nun zerknirscht, und sass weinend und bereuend auf seinem Zimmer. "Er hat nicht den Mut", sagte Lamprecht, "sich vor Ihnen sehen zu lassen, gegen den er sich so abscheulich betragen hat; er schwort aber, er hatte alle die Grobheiten ausstossen mussen, ein innerer machtiger Geist habe ihn dazu gezwungen. Da Sie sich fur den Magister, seinen alten Schulfreund, so sehr interessieren, so schickt er Ihnen zum Andenken jenes Exemplar des Gryphius. Sie mochten dabei, bittet er, an seine besseren Stunden denken."

Leonhard nahm das Buch, dankte und liess dem Alten freundlichen Gruss und Vergessenheit des Vorgefallenen zusagen. "Den abscheulichen Wassermann", sagte dann Lamprecht, "werden sie wohl, wie ich gehort habe, auf drei Wochen streng und bei schmaler Kost einsperren; auch hat er Abbitte tun mussen, und wird noch in eine grosse Geldstrafe kondemniert, die dem Armenhause zum Besten kommen soll."

"Und was macht Ihr Franke?" fragte Leonhard.

"Er bessert sich korperlich", antwortete jener, "aber geistig habe ich jetzt viel mit ihm zu tun."

"Wie das? Sie schienen ja so einig?"

"Sonst immer, aber jetzt muss ich ihm predigen und predigen, dass ich ihm nur sein Judentum wieder aus dem Kopfe bringe."

"Sie sagten mir ja aber, dass in jedem Jahr diese Verrucktheit an einem bestimmten Tage komme, und ebenso wieder verschwinde: also wird ja mit der Gesundheit sein Christentum von selbst wieder in ihn zuruckfluten."

"Gut gesagt; aber kann man es denn gewiss wissen? Es ist darum doch wahrlich keine verlorene Muhe, unterdes an ihm zu arbeiten, damit er auch wahrend seiner Verruckheit an die Wahrheit kraftig erinnert werde. Auch kann es ja sein, dass jener Wurf mit der Bouteille diese unnutze Phantasterei tiefer in sein Gehirn eingekeilt hat, so dass sie nicht so leicht sich abloset, wie sonst; und deshalb fuhle ich mich berufen, jetzt bei ihm gewissermassen die Rolle eines Missionars oder Heidenbekehrers zu spielen. Ist doch aller Irrwahn nur partielle Verrucktheit."

Sie nahmen freundlichen Abschied. Da er wieder allein war, wollte es Leonhard bedunken, als habe Lamprecht, so gut wie Franke und Alfert, seinen Teil von jenem anlockenden Gerichte gekostet, das auf die Sterblichen betaubend wirkt. Er suchte in sich selbst jene Gegend zu entdecken, wo auch ein kleiner schadenfroher Damon seinen Kuchengarten angelegt haben konne. Dann betrachtete er nicht ohne Ruhrung das alte Buch, und las die Zeilen, die der damals junge Magister seinem vermeintlichen Schwiegervater hineingeschrieben hatte. "Wie rund, wie angstlich", sagte er, "wie hoffnungsreich und jugendlich ahndend ist jeder Buchstabe! Welche Zeit, Not, Erfahrung, Jammer zwischen der verblassten Dinte und seinem letzten Brief! Nun angstet er sich nicht mehr um die Schrift, er zerreisst keck die Lettern, er will nicht sich und die andern mehr mit der Zierlichkeit bestechen. Ach ja, auch in der Handschrift des Menschen liegt oft und erzahlt sich eine Geschichte, auch eine furchtbar tragische zuweilen. Armer Mensch! arme Menschheit!"

Noch von diesen Betrachtungen angefullt, wollte er durch eine der Hauptstrassen dem Tore zuschreiten. Neben ihm ritt ein schlanker junger Offizier, der vor einem grossen Hause, vor welchem ein Soldat schilderte, abstieg, und dem schlafrigen Reitknecht, welcher ihm gefolgt war, sein Ross ubergab. Wahrscheinlich hatte der junge Krieger im Hause seinem Vorgesetzten etwas zu melden. Der Bediente desselben hielt nun faul und halb schlafend das mutige Pferd, das nur ungern sich langsam auf und ab fuhren liess. Indem erhob sich in der nachsten Strasse ein Getummel, und eine Menschenmasse, die aufgeregt larmte, zeigte sich bald. Leonhard konnte dem Strome nicht ausweichen, wie er es gern getan hatte, denn Wassermann war wieder der Held dieses Triumphzuges. Man fuhrte ihn vom Verhor zuruck, und er war erhitzt und trunken. Die Polizei wollte ihn jetzt in sein Gefangnis zuruckbringen; da er sich aber unterwegs schwach und ohnmachtig angestellt hatte, so waren die Diener des Gerichtes nachgebend genug gewesen, mit dem Klagenden in ein Weinhaus einzukehren, damit er sich nach dem Verdruss und der Erschopfung wieder etwas starken moge. Diese ungehorige Freundlichkeit hatte der Zornige aber in Ubermut und Hast so gemissbraucht, dass er jetzt, vollig berauscht, indem er bald schrie, bald lallte, durch die Strassen gefuhrt werden musste.

Jetzt sah er Leonhard, der sich an die Mauer drangte, um seinen Blicken zu entgehen. "Patron da!" schrie Wassermann, "sehen wir uns doch einmal wieder? Oh, ich habe ein gutes Gedachtnis, Eure Physiognomie ist mir bekannt. Jetzt haben mich freilich die Philister unter, und ich bin in Banden. Lasst mich, ihr Hascher, oder was ihr seid, ein Wortchen mit meinem vertrauten Freunde da, meinem Intimus sprechen! Er ist eine verliebte melancholische Seele, und kann hier an meiner Standhaftigkeit sich ein Exempel nehmen."

So drangte er sich zu Leonhard hin, auf welchen jetzt alle Blicke gerichtet waren. Indem dieser noch uberlegte, wie er sich, dem Tollen gegenuber, vor so vielen Zuschauern benehmen solle, ward er auf eine sonderbare Weise von dieser Verlegenheit befreit. Mit Blitzesschnelle riss Wassermann dem traumenden Reitknecht die Zugel aus der Hand, und schwang sich, so trunken er war, kraftig und mit Sicherheit auf das Pferd des Offiziers. Sowie er im Sattel sass, schrie er laut und trieb das Ross zur Eile, das auch sogleich mit ihm durch die Menschenmasse brach, und im gestreckten Galopp die Strasse mit dem Jauchzenden hinunterrannte. Einen Augenblick war alles in Erstaunen; aber bald sammelten sich die Polizeidiener, und einer von diesen bestieg das Pferd des Reitknechts, um dem Fluchtigen nachzueilen. Die Jugend und alle Menschen, welche Neugier versammelt hatte, sturmten nun dort in die Strasse hinein, dem Fluchtigen nach.

"Er ist verruckt!" sagte ein anderer Polizeidiener; "wo kann er hin wollen?" Indem trat der junge Offizier wieder aus dem grossen Hause, und war nicht wenig verwundert, keins von seinen beiden Pferden mehr anzutreffen. Die Erzahlung des schlafrigen Reichtknechtes verhallte in dem Getummel und dem Geschrei der Nachlaufenden, Fragenden und neu Hinzukommenden. "Ihm nach! nach!" schrien diejenigen, die mit der Polizei in die andere Gasse liefen. "Wer ist es? Was?" andere. "Ein grosser Rauber ist angekommen!" rief ein Burgersmann dazwischen, "und den wollen sie jetzt fangen; er hat aber den Vorsprung! Wenn sie nur die Tore zumachen!" Von einer anderen Seite horte man rufen: "Ein fremder Courier! Was der wohl Neues bringe mag? Es muss sehr wichtig sein, denn er reitet ja wie toll und besessen."

Leonhard war mit den ubrigen nachgegangen; das Getummel und Schreien tonte nur noch aus der Ferne, aber das ganze Stadtviertel war in tumultuarischer Bewegung. Nun ward es stiller, und nach einiger Zeit sah man jenen Polizeioffizianten zu Pferde, welcher das Ross des Lieutenants fuhrte. Auf die Anfrage sagte dieser: "Er hat richtig den Hals gebrochen, der tolle Bosewicht; den Abhang dort hinunter, wo er im Carriere niedersprengte, ist er mit dem Pferde auf dem glatten Pflaster schrecklich hingesturzt, den Kopf gegen die Mauer geschmettert, und ist gleich tot geblieben: das sind die Folgen vom Saufen. Es ist nur abscheulich, dass wir noch Verdruss wegen des Ubeltaters haben werden. Er konnte aber so schon bitten und so malade und elend tun."

Man hatte dort, in ziemlicher Entferung, den Toten in ein Haus gebracht, und bei der Untersuchung erklarte der Arzt, dass alle Hulfe vergebens sei. Der Offizier war sehr erzurnt auf seinen Diener, denn bei dem gewaltigen Sturze hatte sein schones Pferd auch Schaden genommen, und man konnte nicht sogleich wissen, ob es nicht, ausser an den Knieen, welche bluteten, auch innerlich verletzt sei.

Viel spater also, als er erwartet, verliess jetzt Leonhard die ihm teure Stadt, in welcher er so mancherlei erfahren und erlebt hatte, worauf er nicht vorbereitet war. Nach zwei Tagen befand sich Leonhard in der Nahe von Bamberg. War er in Nurnberg immer geruhrt gewesen, so war seine Stimmung jetzt mehr erhoben und ihm selber ratselhaft. Ihm bangte bei jedem Schritte, mit dem er sich den Platzen naherte, an welche sich so uberaus teure Erinnerungen hefteten. Lebt sie noch? sprach er zu sich selber, und wie? Ist sie verheiratet? hat sie Kinder? wird sie noch in Schonheit bluhen, oder finde ich eine alte, abgelebte Frau in ihr? In diesem Stande verschwindet ja die Jugend meist noch viel schneller, als bei jenen, die sich schonen konnen, die nicht der harten Arbeit unterworfen sind. Wenn sie noch lebt und die Ihrigen, so sind sie wahrscheinlich arm, und so kann ich dem Glucke danken, dass es mich gerade jetzt so sehr gesegnet hat, um ihnen helfen zu konnen.

Mit diesen Empfindungen trat er in die alte schone Stadt ein. Er besuchte sogleich den ehrwurdigen Dom, dann zunachst die Platze, die seine Phantasie geweiht hatte. Sodann verliess er die Stadt, um nach jenem Dorfe zu wallfahrten, denselben Weg, den er vor Jahren so oft betreten hatte. Er sah den kleinen Fluss wieder, und als er in die Gegend kam, wo er damals Kunigunden von jenem Rasenden befreite, als er dieselbe Anhohe seitwarts im Walde entdeckte, wo er Abschied von ihr genommen hatte: fuhlte er sich so bewegt, zitterte er in Erschopfung so heftig, dass er sich in dem Walde verbarg, und sich weinend auf dieselbe Stelle niedersetzte. "Wie oft mag ihre Stimme hier ertont sein", sagte er; "hier mag sie geruht haben, um meiner in tiefer Wehmut zu gedenken." Die Blatter dufteten wie damals, und nach lauem Regen quoll wie damals ein Walddunst von unten empor; die stillen Baume sauselten im sanften Winde, an ihren Stammen glanzte gebrochen und geteilt der Schein der Sonne, und auf das falbe Laub des Bodens fiel der bewegte Schatten der Blatter, der ein Gatter bildete.

"Es muss sein!" rief Leonhard nach einer lange Pause, und raffte sich gewaltsam auf. "Ich muss dort die Zauberlinde sehen, unter welcher sie tanzte, das ganz abgelegene Wohnhaus, rundum von Busch und Baum umgeben, den landlichen Garten, wo ich mit ihr Blumen aufband und Fruchte pfluckte, ich muss von ihr erfahren, und mein Herz dem eindringenden Schmerz eroffnen."

Er wandelte weiter, der Linde sowie einigen Hutten voruber; kein Mensch begegnete ihm. Jetzt bog er seitwarts; noch funfzig Schritt, da sah er das Haus. Alles war still. Die Gattertur vorn war offen und nur angelehnt; auch dort bluhten Malven, Astern und einige andere Herbstgewachse. Die Hausture war nicht verschlossen, aber innen alles still, wie ausgestorben. Dann klinkte er die Tur auf, und war nun wieder in jener alten, so wohlbekannten Stube, er um so viel alter geworden. Das dammernde Licht, die kleinen Fenster, das Spinnrad in der Ecke, der holzerne Tisch: alles noch wie damals, nichts verandert, aber die Menschen waren fort, es war wie ein Totenhaus. Er warf sich in den ledernen Armstuhl, in welchem der Alte immer zu sitzen pflegte, und uberliess sich ganz seinen Traumen. Plotzlich sah er auf, und eine grosse, edle Gestalt trat durch die Tur; sie trug auf dem Kopf den Wasserkrug, und musste sich neigen, als sie hereinschritt. "Mein Gott!" rief Leonhard, "ist es moglich! Kunigunde!"

"O Leonhard, mein Leonhard!" rief sie mit dem freudigsten Ton, und beide sturzten einander in die Arme; lange ruhte Brust an Brust. Als sie sich gekusst, geweint, gedruckt und wieder gekusst hatten, traten sie voneinander, und beide sahen sich verwundernd, lachelnd, beseligt an. "Himmel!" sagte Leonhard, "du bist schoner und grosser geworden, voller und im Ausdruck edler, wie eine Gottin der alten Fabelzeit stehst du vor mir; es ist ein Wunder mit dir geschehen, denn du bist nicht alter geworden, unter Tausenden hatte ich dich gleich wieder gekannt."

Sie lachte und sagte: "Alter, ja viel alter bin ich geworden, das versteht sich. Du siehst aber vornehmer aus, als damals, und noch verstandiger! Ei! mein Leonhard, wie glucklich bin ich, dass du nun endlich einmal wieder da bist! Ich habe lange auf dich gewartet, aber ich wusste, und wusste es ganz gewiss, dass du kommen, jetzt, bald kommen musstest, kurz vor meinem Tode, und da bist du ja nun auch wirklich."

"Du sterben", erwiderte Leonhard, "in dieser Fulle und Kraft der Gesundheit?"

"Ja, ja, mein Leonhard", sagte sie mit freundlichem Lachen, "und es ist recht gut, dass es so ist. Dafur und fur alles danke ich dem Himmel. Kannst du denn eine Weile bei mir bleiben?"

"Einige Tage gewiss", erwiderte er, "vielleicht eine Woche, wenn es dir nur moglich ist, wenn dich nichts hindert."

"Komm in den Garten!" rief sie lebhaft, "dort setzen wir uns wieder hin, wo damals die Rosen so schon bluhten; jene Zeit ist jetzt voruber, aber diese Tage, in welchen du nun bei mir bleiben kannst, sind meine Rosenzeit und dann das Grab."

Sie gingen in den heitern einsamen Garten hinaus, und setzten sich an jene Stelle. "Zehn Jahr", sagte sie dann, "habe ich auf dich gewartet; kann ich dir jetzt nur zehn Stunden in die lieben Augen sehen, und den Ton deiner Stimme horen; ach! so war die Zeit der Hoffnung ja nicht zu lang, so ist mein Leben ja doch ein schones gewesen."

Er sah sie jetzt im Tagesschein, und ihm dunkte, es sei in ihrer Schone etwas Uberirdisches, Verklartes. Wie er ihr in das Auge sah, ward dessen Blaue wie vergeistigt, und er fuhr zuruck vor dem Uberschwang der Liebe, der ihn aus diesen Sternen anblickte.

"Ja, du bleibst vielleicht mehr als zehn Stunden", sprach sie dann nachdenklich, "bis er kommt, der uns trennt."

"Wen meinst du?" fragte Leonhard.

"Weisst du es denn nicht, o gewiss! dass ich Braut bin? Mein kunftiger Mann, der Schreckliche! Ach, Liebster, bei alledem ist das menschliche Leben furchterlich!"

Sie sank laut weinend an seine Brust. "Oh, meine Eltern", sagte sie dann, "haben seitdem viel Elend uberstanden; sie sind ganz arm geworden; diesem Leiden trat noch eine schmerzhafte Krankheit des Vaters hinzu. Seit ich dich kennengelernt, wollte ich gar nicht heiraten, und das brachte meine Eltern zur Verzweiflung; denn es hatten sich manche junge und reiche Leute gemeldet, die uber unser Elend hinwegsehen wollten. Ach! Leonhard, du kannst dir nicht denken, du Glucklicher, wie es das Herz zerreisst, wenn man den Jammer sieht, die Sorge, die Angst der Alten um jeden Groschen, der geschafft oder verwandt werden soll. Daneben die lauten, und noch schlimmer die stummen Vorwurfe, die Blicke einer Mutter, die nach Hulfe schmachten. Und nun hat man es in der Hand, mit einem Wort, mit einer einzigen kleinen Silbe zu helfen, dieselben Eltern wieder glucklich zu machen, die Blut und Leben in der Kindheit fur uns hingegeben hatten; nun fallen einem alle die Blicke und Kusse ein, die teure Sorgfalt in Krankheit, wie oft sie sich selbst am Munde absparten, um dem Kinde Freude zu machen, um ihm Arzenei zu verschaffen, um ihm ein Spielzeug zu kaufen. Und ebenso war es schon vorher, lange vorher, ehe man denken und sich erinnern kann; dieser mutterliche Busen, der jetzt nach einem Labsal schmachtet, hat uns gesaugt; das tranende Auge hat uber uns gewacht; sieh, Liebster, man lasst sich endlich von Angst und Not, Liebe und Verzweiflung, und von der Stimme eines Engels, der dazwischenspricht, bereden und sagt dann das Ja, woruber die Alten aufjubeln, und einem danken, als wenn man sie vom Tode gerettet hatte, wie es denn hier auch der Fall war aber, Leonhard, ich hatte, um ihr Elend zu enden, nicht einen jener hubschen jungen Manner nehmen konnen nicht wahr, das hatte dich noch mehr gekrankt? Und weiss ich doch nicht, ob du nicht auch schon langst verheiratet bist."

Leonhard sah trube vor sich nieder und fragte dann: "Und wer ist dieser Auserwahlte?"

"Du kennst ihn wohl", sagte sie; "ein Mensch, der dich hasst, der dich damals ermorden wollte." Als er wieder Witwer war machte er sich an uns, und bot seine Hulfe an, weil er reich ist. Er setzte etwas darin, mich nicht aufzugeben, und so habe ich mich drein ergeben mussen. Jener hassliche Mensch ist es, mit dem du den Kampf damals ausfochtest.

"Der?" sagte Leonhard, "und er ist hier?"

"Ach nein! er ist auf Reisen, wie ofter, und das ist ein Gluck. In acht Tagen etwa wird er zuruckkommen. Er hat seitdem vielerlei Begebenheiten erlebt, und spaterhin auch einen andern Namen angenommen, seitdem ihn ein reicher Vetter in der Stadt zu sich nahm, und ihn zum Erben einsetzte. Dann ist er in Deutschland und auch auswarts herumgereiset und hat viele Weinberge und grosse Hauser druben in einer benachbarten Stadt. Er hat meinen Eltern das grosste, bequemste Haus im Dorfe hier verschrieben und vermacht, auch Weinberge, Wiesewachs und Fluren und Triften. Ach, meine Alten sind seitdem so glucklich! Oben, am Ende des Dorfes wohnen sie auch in dem grossen Hause. Hier habe ich mir in der lieben alten Hauslichkeit meine Wohnung aufbewahrt, bis dahin wo das Schreckliche geschieht, und der Wassermann zuruckkommt."

"Wassermann!" rief Leonhard hochst uberrascht aus " o der der kommt niemals wieder!" Er erzahlte der Erstaunten nun was sich in Nurnberg begeben hatte.

"Das andert freilich alles", sagte sie nach langem Stillschweigen. Sie gingen hierauf, nachdem beide sich mehr gesammelt und Freude und Ruhrung uberwunden hatten, nach dem grossen Hause, zu den Eltern Kunigundens. Alles geriet hier uber die Nachricht von Wassermanns Tode in Bewegung. Man fragte dies und jenes, man verstand sich nicht; die Alten, die so lange vom Elend waren verfolgt worden, furchteten, von neuem unglucklich zu werden, und dass man ihnen den kurzlich gewonnenen Besitz wieder entreissen konne. Leonhard trostete und beruhigte sie. Er fuhlte, was in solchen Bedrangnissen ein verstandiger Freund den Unerfahrenen sein, wie hulfreich er ihnen werden konne. Jetzt war es ihm von neuem trostlich, eine bedeutende Summe bei sich zu haben, weil ihm ahndete, dass er des baren Geldes um die Lage dieser Armen zu sichern, wohl bedurfen wurde Statt der schonen Ruhe, von welcher er getraumt hatte, wurde er in eine unerwartete Tatigkeit geworfen. In Bamberg suchte er einen tuchtigen Rechtsgelehrten auf. Wassermann hatte nur wenige und sehr entfernte Verwandte. Diese wohnten in der Wurzburgischen Stadt, in welcher Wassermann seine Hauser besessen hatte. In Bamberg war ein Testament niedergelegt, in welchem der reiche Wustling Kunigunden und ihren Eltern und Verwandten sein ganzes Vermogen vermachte. Die Ehe aber war nicht vollzogen worden. Leonhard reisete mit dem wackern Rechtsgelehrten, der sich der Sache mit grossem Eifer annahm, nach jenem Stadtchen. Die Nachrichten und Beweise von Wassermanns Tode waren seitdem auch vom Nurnberger Magistrate eingesendet worden. Mit den Verwandten, welche gar nichts von dem Vermogen des entfernten Vetters erwartet hatten, war bald ein billiger Vergleich geschlossen, und alle waren zufriedengestellt. So konnte der grosste Teil der Verlassenschaft Kunigunden und den Ihrigen zugesprochen werden, was um so erwunschter war, da nun eine jungere Schwester ihren Brautigam heiraten und mit diesem eine Wirtschaft anfangen konnte. Kunigunde hatte auch noch die Freude, dass ein Bruder von seiner vieljahrigen Wanderschaft zuruckkam. Diesem war sie mehrere Meilen in der Freude ihres Herzens, als die Nachricht eintraf, heftig, wie sie war, entgegengegangen. Dies begab sich in den Tagen, als Leonhard nach jener Wurzburgischen Stadt gereiset war. Dieser junge, brave Mann konnte sich nun als Schmied in Bamberg, oder auf einem Dorfe niederlassen. Die Alten im Gefuhl ihres Glucks, waren voll Freude und Dankbarkeit gegen Leonhard, der ihnen mit Aufopferung von Zeit, Geld und Muhe hauptsachlich zu diesen Herrlichkeiten verholfen hatte. Mit welchen Augen die gluckliche Kunigunde ihren Liebling betrachtete, ist leicht zu ermessen. Und wie glucklich und unglucklich war er selbst in diesen Tagen, die so reich an Begebenheiten, Freuden und Schmerzen waren!

Siebenter Abschnitt

Die ersten schonen Fruhlingstage waren wieder gekommen. Mehr als zwei Jahre waren verflossen, seitdem Leonhard in seine Heimat zuruckgekehrt war. Immer hatte er auf seinen Freund Elsheim gehofft, dieser aber ward durch eine unerwartet eingetretene bedeutende Krankheit seiner Mutter auf jenem fern liegenden Gute zuruckgehalten. Es schien dem jungen Mann Sunde, die letzten Lebenstage seiner teuren Mutter, deren einziges Gluck er war, nicht zu erheitern, und so war es naturlich, da sich keine Hoffnung zur Genesung zeigte, dass er ihren Tod abwartete, der erst bei der Annaherung des Fruhlungs erfolgte. Er hatte ihr noch die Freude machen konnen, ihren langst gehegten Wunsch zu erfullen, dass er sich namlich mit Albertinen vermahlte. Ein Enkelchen, einen Knaben, hatte die alte Frau auch noch vor ihrem Hinscheiden gesehen, und so starb sie denn froh und zufrieden, da sie den einzigen Sohn glucklich wusste.

Elsheim hatte in dem langen Zeitraume nur selten geschrieben; auch waren seine Briefe nur kurz und fluchtig, so dass Leonhard diese Vorfalle nur summarisch erfahren hatte, ohne die Motive und Veranlassungen naher zu kennen.

Jetzt aber war Elsheim mit Frau und Kind angekommen; Dorothea, die sich von ihrer innigst geliebten Freundin nicht trennen wollte, war mit ihnen; der Knabe, welcher, zu Ehren Leonhards, Wilhelm getauft worden war, befand sich wohl und munter, und so waren alle zugegen, die Leonhard als Taufzeugen fur sein Tochterchen schon ziemlich lange erwartet hatte.

Elsheim, welcher einige Tage fruher ankam, war nicht wenig erfreut und uberrascht, seinen Freund so glucklich und heiter zu finden; jenes sinnige Nachdenken, das ihn sonst oft in den heitersten Stunden uberraschte, und welches zuweilen in ein finsteres Traumen ausartete, schien vollig von ihm gewichen zu sein. Er war so naturlich froh, so ganz in sich befriedigt, so vollig Mann geworden, dass Elsheim im wahren und festgegrundeten Glucke seines Freundes sich selber glucklich fuhlte. So war auch seine Gattin, Friedrike, noch selbstandiger, als ehemals. Da man die Taufe bis zur Ankunft der Freunde aufgeschoben, so konnte die junge Mutter schon wieder aus dem Bette sein. Es war naturlich, dass die beiden Eheleute, denen jetzt zum erstenmal ein Kind geschenkt war, sich liebender erwiesen, dass der Mann der Frau zartlich und schonend begegnete; aber der scharfsichtige Elsheim erblickte in dieser wechselseitigen Hingebung noch etwas Innigeres, welches er nicht ganz verstand, jedoch bald einmal die Erklarung desselben von seinem Freunde zu horen hoffte.

War Elsheim verwundert, so erstaunte Leonhard in einem weit hoheren Grade uber die Verwandlung des Barons. Jene Munterkeit, die ihn so liebenswurdig machte, war ihm geblieben, ja, man konnte sagen, sie war erhoht, aber gewissermassen gelautert und verklart; denn jenes Schroffe und Herbe, was den Freund in manchen Augenblicken der Ubertreibung wegen gestort hatte, war Leichtigkeit und Anmut geworden. Wenn Leonhard es hatte beschreiben sollen, wurde er vielleicht gesagt haben, das Wesen seines glucklichen Freundes sei jungfraulicher, unschuldiger geworden; denn, dass er glucklich sei, zeigte sich in jedem Blick und jeder Miene. Friedrike war sehr vergnugt daruber, die Freunde nach einem so langen Zwischenraum wiedervereinigt zu sehen, und zeigte nichts von jener Empfindlichkeit oder Eifersucht, durch welche Leonhard in fruherer Zeit sich wohl verletzt fuhlen mochte.

Das Fest der Taufe war heiter, und alle erfreuten sich der schonen Aussicht, welche die Zukunft verhiess. Albertine, nach welcher das Tochterchen genannt wurde, hielt es bei der religiosen Zeremonie; Elsheim war zugegen, sowie der Professor Emmrich der sich schon seit einem Jahr in dieser Stadt niedergelassen hatte. Zugleich war der kleine Tischlermeister Krummschuh eingeladen, der sich sehr geehrt fuhlte, dass er mit so vornehmen Leuten an dem Feste teilnehmen sollte. Die kleine frohliche Dorothea war zuruckgeblieben, um dem kleinen Wilhelm Gesellschaft zu leisten, der, obgleich erst ein Jahr alt, schon redete, und gern mit seiner Freundin spielte und scherzte.

Beim Mahle war man herzlich froh, und Albertine und Friedrike sagten sich die freundlichsten Worte. Es war vorauszusehen, dass sie in Zukunft vertraut und einander unentbehrlich sein wurden. Froher, als gewohnlich, zeigte sich der Professor, denn er sah Albertinen schoner, als je; alle seine Wunsche fur sie waren in Erfullung gegangen. Auch er fand den jungen Baron ernster, aber edler, und man sprach viel daruber, wie man im schonsten Freundesverein den Sommer zubringen, wie man sich im Winter gemeinsam beschaftigen wolle, was man miteinander lesen, welche Spaziergange man machen konne. Elsheim gab selbst der Hoffnung Raum, dass sein Freund mit Frau und Kind doch noch einmal sein Gut an der frankischen Grenze wieder besuchen konne.

Friedrike begab sich, da sie sich etwas angegriffen fuhlte, fruher zur Ruhe, und Emmrich geleitete Albertinen nach Hause; froh und dankbar verliess Krummschuh die Gesellschaft, und Leonhard und Elsheim befanden sich nun allein miteinander in jener Stube und an dem runden Tisch, an welchem ihnen vor beinahe drei Jahren der alte Magister seine Geschichte erzahlt hatte.

Die beiden jungen rustigen Manner reichten sich die Hande, und sahen sich mit dem Blick der reinen und festen Freundschaft an. "Liebster Bruder", fing Leonhard an, "du bist wahrhaft glucklich, nicht zum Beneiden, wie man sich immer ausdruckt, denn ich glaube, ich bin es nicht weniger; aber noch immer begreife ich es nicht, wie du dahin gelangt bist. Deiner Briefe waren so wenige, immer nur einige Zeilen, anfangs verdrusslich, dann zuruckhaltend, dann blieben sie einmal ganz aus, dann ward mir kurz deine Vermahlung, und nach zehn oder eilf Monaten die Geburt deines Kindes gemeldet- und so bin ich mit dir ohne historischen Zusammenhang: unsere Herzen sind eins, aber ich habe dich und dein Schicksal nicht begriffen. Vielleicht kannst du mir jetzt, in dieser traulichen Stunde, hieruber naheren Aufschluss geben."

Elsheim lachte herzlich und sagte: "Liebster, wenn ich verdrusslich bin, schreibe ich ungern Briefe, noch viel weniger aber, wenn ich mich recht glucklich fuhle. Ach, und in jenen Tagen, da sich mir das Paradies der Liebe offnete, wie hatte ich da Worte suchen mogen, wo hatte ich sie auch finden konnen, dir meine Seligkeit mitzuteilen! Sehen wir uns, sprechen wir uns doch jetzt; warst du es doch selbst, der zuerst den seltenen hohen Wert Albertinens erkannte, als ich noch in meiner Verblendung herumlief und nach Wolkenschatten haschte."

Er wurde ernst und fuhr fort: "Immerdar habe ich an jene Gesprache denken mussen, die wir auf der Reise miteinander fuhrten. Wer kennt das Leben, wer sich, oder andere Menschen? Auch wer klar zu sein glaubt, fallt wiederum in das Trube, Widersprechende und Unzusammenhangende, und diese Verirrung war vielleicht notwendig, damit man sich jenseits vollstandiger wieder antreffen mochte. Es gibt so viele Romane und Erzahlungen, vieles ist geistreich, manches davon gehort zu den Kunstwerken; aber, so viel ich nun auch weiss, ist jenes Thema noch niemals, oder mit wahrer Menschenkenntnis durchgefuhrt worden. Ja, Freund, dieser Rausch und diese seltsame Leidenschaft fur jene reizende Charlotte, die mich eine Zeitlang mir selbst entfuhrte, war zu meinem Leben, die Befriedigung derselben zu meiner Ruhe und meinem Glucke notwendig. Wie schon jenes Wesen ist, welche Gewalt sie uber die Sinne und den taumelnden Geist ausuben kann, hast du ja selbst erfahren. Die Menschen brauchen immer das Wort Liebe, und sie wissen selbst nicht, was sie damit ausdrucken wollen. Jene Idealisten nun gar, die sie ohne Gestalt und Farbe malen wollen, und nur die Vernichtung des Gemuts und der Leidenschaft darstellen konnen! In jedem Menschen, in jeder Situation, in jeder Rede und jedem Blick ist die Liebe, wenn sie wirklich da ist, ein anderes Wesen, ein neues, originelles Individuum, und darum ist dies Thema fur den Dichter so unerschopflich, wenn er ein echter Dichter ist. So liebt ich Charlotten ungestum, fast wahnsinnig, und ich habe dir schon damals gestanden, wie mich die Eifersucht peinigte, neben dem sonderbaren Kontrast, dass ich dies verfuhrerische Wesen nicht achten, und noch weniger ehren konnte. Sah ich doch taglich ihre Unwahrheit und Verstellung, wie sie nur dem Augenblick lebte, und selbst, wenn sie gewollt hatte, unfahig war, im Geliebten den edlen Menschen zu achten. Und doch war diese ewige Luge ihrem Leben und selbstandigen Geiste keine Unwahrheit: denn nur so, wie sie war, war ihr Witz, ihre Schalkheit, ihr Beherrschen der Menschen moglich. Dass alles Ehrbare, Echte, wahrhaft Menschliche und Treue ihr unzuganglich war, goss diesen wundersamen Zauber uber sie, welcher unsere noch jugendlich frischen Herzen so sonderbar berauschte. Hatte man sie achten konnen oder ehren mussen, so konnte man sie nicht mehr lieben. Aber auch einzig sie konnte diesen Wollustrausch, diesen feinen und seelenbetaubenden Wonnedurst erregen und befriedigen. Du hast dies ebenfalls erlebt, ein anderer wurde mich vielleicht nicht verstehen.

Als meine Seele und meine Sinne nun befriedigt worden, als ich das Gluck genossen hatte, welches mir damals das hochste, wenigstens ein unerlassliches erschien: wie war nun mein Gefuhl? Meine erste Besonnenheit war, dass ich dich, Geliebtester, unendlich vermisste; ich klagte es buchstablich den Waldern und Fluren, dass ich dich jetzt schon hatte abreisen lassen, obgleich mich damals dein Abschied erfreute, und deine Reise mir einen Stein vom Herzen nahm. Noch zu einigen Zusammenkunften fand ich mich ein in jenem einsamen Hauschen dort am Buchenwalde; aber der Zauber, der mich so golden umsponnen hatte, war zerbrochen und zerrissen, wie von Armida oder Alcinda war die Tauschung abgefallen, und wenn man unter diesen Gefuhlen erwacht, so ist die Wirklichkeit gar zu arm und nuchtern, weil der Traum zu wonnereich war.

Emmrich hatte es durch seinen Enthusiasmus dennoch moglich gemacht, dass wir Shakespeare 'Wie es euch gefallt' auffuhren konnten. Statt deiner, wie er es erst willens war, musste ich nun jenen kindlichen, ungebildeten und in seiner Naturlichkeit so braven und edlen Orlando spielen. In den Liebeszenen, welche Albertine so heiter und lieblich gab, fiel es mir jetzt erst auf, wie schon dies Wesen sei, wie edel gebaut, welche Tone in ihrer Brust wohnten, mit welchem Gefuhl sie sprach. Da wirkte eine fruhere Ermahnung Emmrichs nach, und seine Worte fielen mit neuer Kraft auf mein Herz, wie ich mich eine Zeitlang wirklich ungezogen gegen sie betragen hatte. Ich erschien mir wie ein alberner Knabe, dass ich, um meiner guten Mutter nur zu widersprechen, mich so willkurlich gegen alle Vorzuge dieses Madchens verblendet hatte. Ich kam ihr naher, war freundlicher, redete sie nach beendigtem Stuck fast mit Zartlichkeit an, und niemals, niemals werde ich den Blick vergessen konnen, mit welchem sie mich ansah. Wie soll, wie kann ich ihn beschreiben? Er drang mir durch Mark und Bein. Ein zarter, holder Vorwurf lag darin, ein unendliches Mitleid mit mir, dass ich sie habe verkennen mogen, und doch ein unsaglicher Schmerz ihres eignen Herzens; es war als wenn der Blick sagen und mit holdseliger Bitterkeit fragen wollte: Endlich? Sie wendete sich dann plotzlich ab, und eilte in ihr Zimmer, um sich umzukleiden.

Von dieser Stunde an folgte ich ihren Schritten, und hatte jetzt, im buchstablichen Verstande, Charlotten vollig vergessen. Diese trieb schon seit einigen Tagen ihr Wesen mit den Virtuosen, was mich gar nicht mehr interessierte; aber unser kleiner Cadet wollte wahnsinnig werden, und es war hohe Zeit, ihn in seine Anstalt zuruckzusenden. Meine Sehnsucht nach Albertinen, meine Bewunderung ihrer Schonheit, dass ich sie immerdar vermisste, und ihre Gegenwart suchte, alles dies wuchs mit jedem Tage. In einer schlaflosen Nacht musste ich es mir bekennen, dass es Liebe sei, was mich so quale und doch peinigend beselige. Sonderbar! ich hatte nicht den Mut, ihr dies Gefuhl zu gestehen, obgleich ich jetzt schon Emmrichs Worten glaubte, dass die Holdseligste eine Leidenschaft fur mich empfinde. Endlich, in jener abgelegenen Gartenlaube, wo ich sie einmal allein antraf, wagte ich es. 'Wie, Vetter!' rief sie aus, und ihre wunderschone Stimme zitterte im klingenden Silber vor tiefer Bewegung: 'dies sagen Sie mir? Und es kann Ihr Ernst sein? Woran soll ich das erkennen?'

'An diesen sturzenden Tranen', rief ich, indem ich zu ihren Fussen niedersank. 'Stehen Sie auf!' sagte sie angstlich, 'es konnte uns jemand uberraschen.' Ich setzte mich zu ihr, sprach, bewies, forderte, wunschte und flehte; sie aber sah schweigend vor sich nieder, und erhob nur von Zeit zu Zeit das schone Haupt, um mir scharf in die Augen zu sehen. Sie schien mit sich zu kampfen, sie sann uber Gedanken, die sie aussprechen mochte, sie stritt mit Gefuhlen endlich sagte sie; 'Und wenn ich nun an Ihre Liebe glaube, wie Sie es nennen? Die Leidenschaft nehme ich wahr; stammt diese aber auch aus jenem Quell, den ich Liebe nennen mochte? Und selbst, wenn ich Ihnen glauben wollte, kann ich Ihnen jetzt noch keine Antwort geben. Doch, ich erscheine Ihnen, der Sie ganz andere Forderungen machen, vielleicht altklug, oder gar prude. Nur eins versprechen Sie mir: sagen Sie von dem, was Sie jetzt so heftig zu wunschen scheinen, auch kein Wort Ihrer Mutter. Sie wissen wohl, welche Plane sie einst hatte, und ich mochte in dieser Sache von niemand, auch dem Besten nicht, uberredet werden. Vieles, ach! vieles muss uberdies noch anders werden.' Mit diesen Worten entfernte sie sich, nachdem ich ihre Hand, die sie mir freundlich uberliess, heftig gekusst hatte.

Man wird oft schlimmer, indem man besser wird. Mein Gemut war erhoben, ich hatte vieles in mir uberwunden, was ich jetzt niedrig nennen musste, und doch nahm ich jetzt planvoll zur List meine Zuflucht, die ich noch vor wenigen Wochen wurde verachtet haben. Ich suchte mir namlich die kleine Dorothea zu gewinnen, und dieser ein unbedingtes Zutrauen einzuflossen. Das war bei dem guten lieben Kinde nicht gar schwer, obgleich sie mich oft gescholten, oder mir auch empfindliche Wahrheiten gesagt hatte; mein nekkender Ton war ihr oft zuwider gewesen und sie hatte sehr oft geaussert, kein Mensch konne Zutrauen zu mir fassen. Wie es mir also gelang, sie recht treuherzig zu machen, entdeckte ich ihr den Zustand meines Gemuts, und da sie uberzeugt war, es sei mein Ernst, versprach sie mir alle Hulfe, und wiederholte mir manche Gesprache, die sie mit Albertinen gefuhrt hatte, und was diese an mir, den Leichtsinn, eine gewisse Frechheit, von der ich nichts wusste, und dergleichen mehr, aussetzte. Bei dieser Gelegenheit, Freund, wurde nun dein Lob in allen Tonen gesungen. Du warst Albertinen das Muster eines Mannes, diese Kindlichkeit fehlte mir, sowie diese Unschuld, eine gewisse Redlichkeit und dergleichen Haupttugenden mehr, so dass die Kleine auch fruher den irrigen Glauben gehegt hatte, Albertine sei sterblich in dich verliebt. Jetzt teilte sie Emmrichs Meinung, dass sie von einer Leidenschaft gegen einen Undankbaren schon fruher sei verzehrt worden, dessen Unart und Frivolitat, dessen Verliebtheit in Charlotten, sowie manche Tollheiten, sie immerdar tief verletzten.

Wie gern wollte ich ihr jetzt alle diese Leiden verguten. Aber sie wich mir aus, sie vermied mich, soviel sie es irgend konnte. Oft musste ich glauben, dass ihr mein Wesen wirklich unertraglich sei, und dies brachte mich in meiner uberspannten Empfindung gar oft der Verzweiflung nahe. In manchen Stunden fiel mir ein, ich wollte fortreisen, und in fernen Landern, unter anderm Himmelsstrich, mein Gemut und meine Heiterkeit wiederzufinden suchen. Ein Blick, der etwas freundlicher schien, bannte mich dann wieder in ihre Nahe, und versohnte mich auf lange mit mir selbst. Doch, wozu die Freuden und Leiden, die Schwankungen meines Gefuhls dir schildern? Ich sah wohl, wie aufmerksam sie mich prufte, wie scharf sie mich aus der Ferne, auch wenn sie mit andern lebhaft sprach, beobachtete. Selbst Dorothea machte mir von Zeit zu Zeit einige Hoffnungen, sie meine, ich werde geliebt, nur klagte sie daruber, dass die sonst so zartliche Freundin sich seit einiger Zeit auch von ihr zuruckzoge, und gegen sie verschlossener sei, als jemals.

Wir hatten an einem der schonen Herbsttage einen gemeinschaftlichen Spaziergang in jenen schonen Buchenwald gemacht in welchem du dich auch einmal verirrtest. Ich fuhrte Albertinen, Emmrich ging mit Dorotheen, der begunstigte Bassist mit Charlotten. Dieser zundete mitten im Walde ein Feuer an, und Dorothea kochte mit Hulfe Charlottens den Kaffee in der grunen Wildnis; sie hatten spassend die Geschirre und allen Bedarf in ihren Korbchen mitgenommen. So veranstaltete sich unvermutet ein kleines landliches Fest, und es nahm sich artig aus, wie die rote Flamme, die in dem durren Reisig hoch aufloderte, die Stamme und die belaubten Zweige der Buchen farbte. Nachher spazierte man noch, weit vom Wege ab, rechts und links. Endlich waren wir denn auch vollig verirrt, denn keiner hatte in seinen lebhaften Gesprachen auf den Weg geachtet. Der Bassist schrie laut, aber vergeblich, von nirgendher eine Antwort. Wir furchteten endlich, die Nacht konne uns uberraschen, und wie es in solchen Fallen wohl zu geschehen pflegt, alle strengten sich an, um etwas zu ersinnen, dessen Gelingen immer noch misslich blieb. Emmrich lief mit Dorothea fort, um Menschen aufzusuchen, der Bassist und Charlotte in derselben Absicht nach einer andern Richtung. Diese fingierten den Rettungsversuch vielleicht nur, um sich noch mehr zu verirren. Man horte die vier verschiedenen Stimmen noch ein Weilchen, endlich verhallten alle, und ich war mit der schuchternen Albertine ganz allein. Es war einer der seligen Augenblicke unsers Daseins, denn jetzt bekannte sie mir ihre schon langst gehegte Liebe. Den ersten heiligen Kuss, den ich auf ihre Lippen druckte, erwiderte sie herzinnig. So erschuttert, begeistert, zitternd, wagte ich es, damit sie mich ganz kenne, das Gestandnis, dass ich mich von Charlotten habe verleiten lassen, meinem bessern Gefuhl, der Heiligkeit der Liebe, ungetreu zu werden. O Leonhard, da lachelte sie uber meine Heftigkeit, oder Ubereilung, wie soll ich es nennen? so milde, so lieblich und herzerobernd, und sagte: 'O Liebster, diese deine Sunde ist mir langst bekannt; ohne dass ich es begehrte, hat mir die plauderhafte Lene dies alles schon damals erzahlt, als du noch nach jener Hutte eiltest.' O Herzensfreund, wie war ich gedemutigt und entzuckt zugleich! denn niemals, in keinem Augenblick, hat sie dieser Charlotte ihren Zorn, oder nur ihre Unzufriedenheit merken lassen, sowenig sie ihr gefallen konnte, sosehr jene sie auch verletzte und krankte. Ja, an einem Tage, als Charlotte an Migraine litt, und alle, Dorothea, die Tante und meine Mutter uber Land gefahren waren, hat sie sie christlich gepflegt, ihr vorgelesen, sie gewartet, und niemals das kleinste Zeichen gegeben, dass sie von ihr mehr wusste, oder von ihr gekrankt sei. Oh, wie tief war ich gedemutigt, wie grausam beschamt! Aber wie wuchs auch seit diesem Augenblick meine Liebe und Verehrung zu diesem einzigen Wesen!

Ja, es ist mir so gut geworden, wie ich es mir immer wunschte. Diese stille Laube, dieser Platz im wilden Walde, jede Stelle wo ich mit ihr wandelte, die Baume, an denen ich stand, und sie erwartete, alle diese Platze sind mir Heiligtumer geworden, und werden mich noch im hohen Alter prophetisch anreden, und mich mit unsterblichem Zauber locken. Dort also ist mein Orient und mein Wunderland. Und glaubst du wohl, Freund, dass, seit Albertine meine Gattin ist, ich in gewissem Sinn verliebter binn als vorher? Aber Eros hat mir auch ein neues Herz in meinem Busen geschaffen, in bin ein anderer Mensch geworden. Doch, Liebster, warum haben wir den alten Magister heut nicht gesehen?"

"Morgen lass uns daruber sprechen", sagte Leonhard, "es ist spat." Und die beiden Freunde trennten sich. Am folgenden Tage ass Leonhard zu Mittag bei seinem Freunde Elsheim, obgleich erst einiger Streit vorangegangen war, weil Leonhard nur hochst ungern seine Lebensweise, selbst dem Freunde zu Gefallen, anderte. Elsheim hatte keine anderen Gaste, und als sich Albertine entfernt hatte, begann zwischen den beiden Freunden wieder folgendes Gesprach, die vormaligen Begebenheiten betreffend.

"Du bist mir gestern noch manches schuldig geblieben", fing Leonhard an, "und so will ich denn auch gegen dich, Geliebter, keine Scheu tragen, und frage dreist: Was ist aus Charlotten geworden?"

"Ja, ja", antwortete der Baron, "es ist ganz recht von uns, und geziemt unserer Dankbarkeit, dass wir einer solchen Schonheit nicht vergessen. Dieses wunderbare Wesen, ja, Freund, sie ist noch immer schon, aber sie hat ihre Bahn, die ihr vielleicht am besten geziemte, auf eine seltsame Weise verlassen.

Mochte sie es uberdrussig sein, so allein und einzeln zu bleiben da sie alles um sie her sich verheiraten sah, hatten die Virtuosen, die nun abgereiset waren, ihre letzten Liebhaber, als leichtsinnige Musiker ihr Verdruss gemacht, und vielleicht ihrem Ruf geschadet, genug, sie nahm sich vor, sich ebenfalls zu verheiraten, um als ehrsame Frau, unter dem Schilde ihres Eheherrn, alle Verleumdungen und nachteiligen Geruchte niederzuschlagen, und da ihr nichts missrat, was sie ernsthaft will, so war sie denn auch schon nach vier Wochen, zum Erstaunen der ganzen Nachbarschaft, eine ehrbare und unbescholtene Hausfrau."

"Und wen hat sie geehlicht?" fragte Leonhard in gespannter Erwartung.

Elsheim antwortete lachelnd: "Der gute Mannlich ist von ihr geheiratet worden, denn einen Monat vorher war es ihm wohl noch nicht als moglich erschienen, dass ihn dies Schicksal betreffen konne. Aber er ist glucklich mit ihr, sie ist es mit ihm, und wer kann dann noch etwas Erhebliches gegen diese Verbindung sagen? Seit zwei Monaten ist er auch Vater eines Knaben, und er weiss es schon jetzt genau, wie er diesen erziehen will, und welche Talente sich in dem Kinde entwickeln werden. Sie ist vollig umgewandelt, wenn man den Ausdruck von einem Wesen brauchen darf, welches niemals einen Charakter hatte. Sie hat sich namlich der Frommigkeit ergeben, Mannlich hat nachfolgen mussen, und steht jetzt mit den MissionsGesellschaften und anderen frommchristlichen Bruderschaften in Korrespondenz und enger Verbindung. Er ist, von ihr angetrieben, so eifrig geworden, dass er oft auf seinem Gute fromme Konventikeln halt; er predigt, sie singt, Bauern und Dienstboten helfen, und sein eigener Kutscher schreit bei offenen Fenstern so laut, dass sie es oft, wenn der Wind so steht, auf dem nachsten Gut vernehmen."

"Und das Komodienspiel? Und Berlichingen? Und Goethe?" fragte Leonhard.

"Alles das", sagte Elsheim, "ist jetzt die allergrosste Sunde und Bosheit, die der Teufel in personlicher Gestalt auf der Erde eingefuhrt hat. Alle Poesie, die geistliche abgerechnet, ist abscheulich; alle, die sich daran erfreuen, sind ewig verdammt, und kommen mit Shakespeare, Raffael, Lessing, vorzuglich aber mit Goethe, wenn der einmal stirbt, in ein und denselben Schwefelpfuhl."

"Ist es moglich", rief Leonhard im hochsten Erstaunen, "dass diese Menschen, gerade diese, sich von ihrer ersten Bahn so weitab verirren konnten?"

Elsheim sagte: "Gerade diese am ersten, Freund, denn in ihnen ist kein Widerhalt, keine Sperrung und kein Hemmschuh, der dem Laufe abwarts irgend entgegenwirkte. Ich sagte ihr einmal: 'Schone Frau, Sie sind noch viel zu jung und reizend, um jetzt schon mit dem Heiland zu kokettieren, der bleibt Ihnen fur alle Zukunft gewiss, nehmen Sie doch furs erste noch einige junge Fantchen in Anspruch, die nichts Besseres wunschen, als von Ihnen aus dem Groben gebildet zu werden'; aber ich wurde mit meiner Sundhaftigkeit, falschem Witz, Arroganz und Ubermut von der Frommen schon abgefuhrt und zur Ruhe verwiesen, so dass ich es nicht zum zweitenmal wagte, sie in ihrem Glauben irremachen zu wollen."

Leonhard war nachdenklich geworden; dann sagte er: "Erinnerst du dich der schonen, bedeutenden Worte Othellos, als er schon alle Schandtaten seiner Frau erfahren hat und sie glaubt als er schon ihren Tod beschlossen hat, wie er immer wieder von seiner Liebe und ihrer Schonheit uberwaltigt ausruft: 'Aber, es ist doch schade! Jago, es ist schade, Wie soll man die Schonheit kunftig anbeten, da auch diese ein solches Ende genommen hat?'"

"Ja wohl", antwortete Elsheim, "denn sie war schon und ist es noch. Lange noch wird sie es bleiben, und man muss sich nur daruber am meisten verwundern, dass diejenige, die sonst das Netz nach allen Mannern auswarf, nun so prude und zuruckgezogen lebt, und so strenge ist, dass sie auch nicht den unschuldigsten Scherz, auch die harmloseste Leichtfertigkeit nicht duldet. Albertine ist jetzt, mit ihr verglichen, ein ausgelassener Freigeist."

"War dies denn nun auch", sagte Leonhard, "im Buch des Schicksals so niedergeschrieben, oder ist es eine willkurliche Sundhaftigkeit, schlimmer als die vorige?"

"Mag es sein, wie es will", erwiderte Elsheim, "ich habe wenigstens dazu beigetragen, meinen ehemaligen Freund und Ausbildner in diese Lage zu versetzen. Sein Gut ist jetzt schuldenfrei, er kann anstandig leben, Sorgen werden ihn nicht qualen, wenn er nicht auf eine wahnsinnige Art wirtschaftet, und die Summe, die ich ihm dazu vorgeschossen habe, werde ich niemals zuruckverlangen."

"Billigst du es nicht auch", warf Leonhard schnell ein, "da ich jetzt eine Tochter habe, und die Aussicht auf mehrere Kinder wahrscheinlich ist, dass wir unserm Franz, damit er, auch wenn wir sterben sollten, seine Laufbahn machen kann, ein kleines Kapital niedergelegt haben? Friedrike war sehr erfreut, als sie mir diesen Gedanken vortrug, dass ich ihn sogleich billigte, und auch von dem Meinigen dem hinzufugte, was sie von ihrem Vermogen dazu bestimmt hatte."

"Brav, mein Leonhard!" rief Elsheim, "und ihr erlaubt mir auch gewiss, diesen Fond noch etwas durch meinen Betrag zu vergrossern."

"Aber wo sind die Virtuosen geblieben?" fragte Leonhard, nachdem er seinem freigebigen Freunde gedankt hatte.

"Sie reiseten von mir nach England", sagte dieser, "und sind dort beide zu fruh gestorben. Kein Wunder ubrigens, da sie gar zu leicht lebten, und weder sich, noch ihr schones Talent irgend schonten. Uberhaupt aber, Freund, ich mochte mir wegen der Konfusion Vorwurfe machen, die wir durch unser Komodienspielen dort in der Gegend, wo bis dahin dergleichen nie war erhort worden, angerichtet haben. Du hast es noch mit angesehen, wie jener Ehrenberg von den Dummkopfen bewundert wurde. Was aber wirst du sagen, wenn ich dir erzahle, dass er jetzt ein Gutsbesitzer und wohlhabender Mann ist? Er richtete auf den Gutern von Dulmen und Bellmann ein schones Nationaltheater ein, man gab die brillantesten Stucke, und von den Weibern spielten die ergrauenden Tochter der Witwe die Hauptrollen. Plotzlich wollte die eine von diesen mit aller Gewalt den Ehrenberg heiraten. Widerspruch von allen Seiten. Aber er kam zu spat, die Liebenden hatten im festen Vertrauen auf ihr Gluck ein Hausmittel angewendet, so dass die Mutter wohl ihre freiwillige Zustimmung geben musste, wenn sie nicht den Ruf ihrer Tochter preisgeben wollte; wie denn die Unvermahlten immer im hoffnungslosesten Zustande gerade dann leben, wenn sie recht guter Hoffnung sind. Die Theaterwut hatte so uberhandgenommen, dass Bellmann und selbst Dulmen von Zeit zu Zeit mitspielten, die jungen Bellmanner, die von Natur Enthusiasten waren, nicht einmal zu nennen. Aber auch aus dieser Begeisterung hat sich eine Mesalliance entsponnen, die ebenfalls schon ihre guten Fruchte, das heisst Kinder, getragen hat. Da die Lene immer zur Aushulfe herbeigeholt wurde, ja offne grosse Rollen ubernehmen musste, so hat in einigen der alteste Sohn Bellmann sie so reizend gefunden, dass er sie in einer mondhellen Nacht entfuhrte, und sie nach zwei Tagen als angetraute Gattin in das Haus seines Vaters zuruckbrachte. Der verwilderte Schulmeister hat seitdem immer die allerwichtigsten Rollen gespielt, und erkennt kaum den grossen Ehrenberg fur seinen Nebenbuhler. Er hat sich Stiefeln machen lassen, von solcher Kunstlichkeit, dass man jetzt sein holzernes Stelzbein gar nicht mehr gewahr wird, und so hat er zum Erstaunen der Welt den Kaspar den Thorringer, sowie den Otto von Wittelsbach, und selbst den Konig Philipp im Don Carlos dargestellt. Die Edelleute, die ihn beschutzen und bewundern, sind in den Narren so vernarrt, dass er jetzt wie ein Bruder mit ihnen lebt. Da er sein Schulamt ganz versaumte, bekam er anfangs oft Verweise, manches Mal selbst scharfe, dann Drohungen, und endlich, weil nichts fruchtete, hat man ihn abgesetzt. Der Adel der Provinz hat aber fur den grossen Mann eine Subskription eroffnet, so dass er sich jetzt viel besser, als bei seiner Schule steht. Nun dirigiert er mit Ehrenberg bei Dulmen, Bellmann, der Freifrau und einigen anderen Edelleuten das Theater und unterrichtet die wissbegierige Jugend im Spiel. Auch der Verwalter Lenz hat, voll Begeisterung, die Okonomie aufgegeben, und ist seiner schonen Stimme wegen jetzt Tenorist bei einem grossen, namhaften Theater. Ich wunsche diesem lieben Mann von Herzen Gluck und eine fernere Ausbildung seines schonen Talentes."

"Freilich", sagte Leonhard, "ist dein gutgemeinter Scherz zu einer ziemlichen Verwilderung ausgeartet. So geht es aber oft im Leben, und es ist eine gute Andeutung oder Allegorie fur die Geschichte der deutschen Kunst. Es ware eigentlich nicht uneben, wenn ein guter Kopf die Historie unserer wirklichen deutschen Buhne beschriebe, und uns zeigte, dass es dort eigentlich ebenso hergegangen sei. Zettel hat ja doch eigentlich bei uns uber Sommernacht, Elfen, Fursten und Herren, und die ganze anmassliche Aristokratie den Sieg davongetragen."

"Er ist aber selbst Aristokrat", wandte Elsheim lachend ein, "und seine Kameraden erkennen ihn als den besten; musste er nur nicht eigentlich von dem ganz unfahigen Mondschein verdrangt werden?

Nun aber", fing Elsheim nach einer Pause wieder an, "habe ich dir so viel gebeichtet, und deiner Neugierde genuggetan doch du wie ist es dir denn ergangen? Wo bist du damals geblieben? Wie kommt es, dass ich dich so verandert, und zu deinem Vorteil verwandelt, wiedertreffe? Nun sprich auch einige gescheite Worte, um mich daruber aufzuklaren."

"Wie gern", sagte Leonhard. "Du musstest, um der Liebe zu Albertinen fahig zu werden, dich in Charlotten vergaffen, und so war es notwendig, dass ich ein anderes poetisches Abenteuer bestehen, eine alte Sehnsucht meines Herzens sich erfullen musste um jetzt ohne Resignation, ohne Gefuhl eines Mangels, mit meiner Friedrike ganz und auf meine Lebenszeit glucklich zu sein. Ich nannte dir damals jene Kunigunde, die ich in der Nahe von Bamberg hatte kennen lernen; du erinnerst dich vielleicht noch, was mir mit ihr begegnete "

"Wohl erinnere ich mich", sagte Elsheim; "es ist eine Geschichte, die sich nicht so leicht vergisst."

"Ich ging wieder von Nurnberg nach Bamberg", fuhr Leonhard fort; "man kann nicht andachtiger sein, als ich es auf meiner Wallfahrt war. Die Eltern lebten noch, und waren durch die Grossmut eines kunftigen Eidams nach dem Elend vieler Jahre wohlhabend geworden. Kunigunde, voll, frisch, schoner, als je, lebte noch in dem letzt leeren Hause, in dem Gartchen, unter den alten Geraten, und hatte mich mit der grossten Sicherheit erwartet."

"Dich? erwartet?" rief Elsheim im grossten Erstaunen.

"So ist es", antwortete Leonhard, "ich traf sie in dieser ruhigen Geister-Stimmung. Unser Erkennen war, als wenn wir uns gestern getrennt hatten. Was soll ich dir sagen, mein Bruder? Ich blieb dort im Hause beinahe drei Wochen, und habe in ihrer teuern Nahe alle Seligkeit ausgenossen, die dem sterblichen Menschen nur vergonnt sein mag. Ich wusste namlich, dass ihr bestimmter Brautigam in dieser Zeit nicht kommen konne, denn ich hatte es in Nurnberg mit angesehen, wie der Berauschte und Wutende dort mit einem Pferde sturzte und umkam; und dieser ganz Abscheuliche war niemand anders, als jener edle Wassermann."

"Wassermann!" rief Elsheim.

"Kein anderer", sagte Leonhard, "und wie recht hatte daher meine Antipathie, die sich so lebhaft regte, als dieser Widerwartige sich uns zum erstenmal zeigte. Sonderbar genug war es auch dasselbe Untier, mit welchem ich schon damals kampfte und aus dessen Handen ich Kunigunden erloste; er hatte sich seitdem aber so in aller Hinsicht verandert, dass ich ihn anfangs nicht wiedererkannte."

"Die Sache ist aber ganz mythisch", sagte Elsheim.

"Hore weiter", fuhr Leonhard ganz ernsthaft fort. "Sie glaubte fest an ihren nahen Tod. Ich blieb in der stillen Hutte dort, sah die Eltern und fuhrte das Geschaft ihrer Erbschaft zu aller Zufriedenheit; dann wieder, von aller Welt vergessen, von niemand bemerkt, jede Stunde, Minute in ihrer Nahe, in ihren Armen, stets Gesprache und Kusse wechselnd, nichts wunschend und vermissend, war ich dort in so manchen Stunden wie auf einer menschenleeren, fernen und unentdeckten Insel im Ozean."

"Eine Feengeschichte", sagte Elsheim, "oder sie war mehr eine Kalypso, eine verborgene Gottin, und du ihr Odysseus, nur mit dem Unterschiede, dass du dich nicht mit Tranen nach der Heimat zurucksehntest."

"In ihrer Seligkeit", sprach Leonhard weiter, fuhlte ich mich am meisten beseligt. "O Freund, welch tiefes, unergrundliches Wesen ist das menschliche Herz! Welch ein Wunder-Ratsel unverstanden und doch so einfach, die Liebe des Weibes! In einer unserer schonen Stunden gestand sie mir, dass ich sie nur einmal im Leben gekrankt habe, an jenem Nachmittag, da ich sie von dem Ruchlosen erlost, sie mir ihre ganze Liebe angeboten und ich diese susseste Vereinigung, um das Schicksal nicht herauszufordern, verschmaht hatte."

"Mich dunkt", sagte Elsheim, "auch Sigune klagt im Titurel auf eine ahnliche Weise, als sie vor dem Leichnam ihres Geliebten in tiefer Trauer sitzt. Auch hierin ist deine Geschichte Legende und grenzt an das Wunderbare. Fruher verschmahtest du diese Liebe und ihren Triumph, um ihn jetzt nach so manchem Jahr zu feiern; damals flohst du aus ihrer Nahe, und jetzt, nach langer Frist, machtest du einen Weg von funfzig oder sechszig Meilen, um deinen alten Fehler wiedergutzumachen und dir die Schone zu versohnen. Sonderbar!"

"Was auch sonderbar ist", sagte Leonhard, "dass ich damals in meinem Gluck durch keinen Vorwurf gestort wurde; wir fuhlten uns beide nur befriedigt. Auch nachher, auch seit diesen zwei Jahren, habe ich jene schonen Wochen nicht bereuen konnen. Aber, als ich nun zuruckkam, war es wie ein Traum, oder wie eine Sehnsucht, oder wie soll ich es nennen, von mir genommen; jetzt erschien mir meine Friedrike erst im klarsten Licht, meine Liebe zu ihr lebte im schonsten Bewusstsein, und auch sie fuhlte, dass ich inniger, herzlicher zu ihr zuruckkehrte, als ich ausgereiset war, sie sah, dass mein Gluck dasselbe blieb und von keiner Laune mehr gestort ward. Und so wird es nun bleiben bis in unser Alter hinauf."

"Und jene lebt noch?" fragte Elsheim.

"Ach! Freund", sagte Leonhard tief erseufzend, "ihr Wesen war so geisterhaft, uberirdisch; sie sprach mit solcher Sicherheit von ihrem nahen Tode, dass ich oft in der Wonne ihrer Nahe schaudern musste. In ihren Angelegenheiten reisete ich in das Wurzburgische. Sie erwartete einen Bruder, der lange ausser Landes gewesen war. Wie ich zuruckkomme, finde ich die Familie in Tranen. Sie war dem Bruder zwei Meilen entgegengegangen; sie hatte sich, wie die Eltern sagten, so erhitzt, dass sie seitdem bettlagerig war. Sie starb lachelnd in meinen Armen, und machte die Prophezeiung von ihrem nahen Tode wahr."

"Weisst du denn auch", sagte Elsheim, "dass alles dies eine wundersame Geschichte ausmacht? Mein Himmel, da fehlt ja nur wenig zu einem phantastischen Marchen! Und doch ist der Grundstoff davon wieder so alltaglich! Aber nun, Freund, bleibt uns noch ubrig, dass du mir etwas von deinem alten Magister erzahlst."

"Heute nicht", sagte Leonhard sehr geruhrt, "es mochte nur das Phantastische noch vermehren. Nimm diesen Brief furs erste mit, und lies ihn aufmerksam in deinem Hause. Morgen sprechen wir dann weiter."

Mit einer herzlichen Umarmung trennten sich die beiden Freunde, beide geruhrt und beide nachdenkend. Dorothea, die nur erst wenig in der Stadt gelebt hatte, war uber alles erfreut, was sie sah und horte. Auch nahm sie grossen Anteil an den mechanischen Anstalten, Fabriken und Arbeiten aller Art. Darum besuchte sie auch gern in Emmrichs oder Leonhards Begleitung dessen Tischlerwerkstatte, und sah den Arbeitern zu, indem sie sich daran ergotzte, zu lernen, wie aus dem rohen vierkantigen Brett durch vielfache Behandlung und mannigfaltige Instrumente nach und nach ein zierliches Gerat hervorgeht, in welchem man nur durch anstrengende Erinnerung seine erste ursprungliche Gestalt wiedererkennt. "Und doch ist jenes erste Brett", sagte sie, "schon von der kunstlichen Sagemuhle bearbeitet, die es vom Baumstamm so sicher und glatt abschneidet." In dieser Freude und Liebhaberei traf sie ganz mit Friedriken zusammen, die auch so grosse Lust an der verstandigen menschlichen Tatigkeit hatte. Diese meinte oft, die Welt sei nur dazu geschaffen, dass sich alles auf ihr ruhre und bewege, und je mehr Maschinen klapperten und spannen, Muhlen rauschten und Eisenhammer tobten, die Webestuhle sausten, und Bauleute, Maurer, Bergmanner klopften, rutschten und hammerten, um so glucklicher sei das Menschengeschlecht. Deshalb war sie oft in hoher Freude, wenn sie von den Werkstatten ihres Mannes her die Arbeit rauschen und raspeln horte, die an manchen Tagen in das lauteste Toben ausartete. Sie pflegte zu sagen: "Dadurch hat die Stille des Sonntags erst einen Sinn, dass sie einen so schonen und heiligen Gegensatz mit dem alltaglichen Larmen macht." Leonhard, sosehr er mit Leib und Seele Handwerker war, widersprach dem oft, und es gab Stunden, in denen ihm das Gerausch seiner Arbeitssale nicht wohlgefiel. Heut war Dorothea mit Elsheim gekommen, und nachdem sie sich lange an der Tatigkeit erfreut hatte, ging sie zu Friedriken, die nun sehr mit ihr daruber lachte, dass ihr Mann auf des Barons Schlosse fur einen beruhmten Professor der Baukunst gegolten habe. Die heitere Friedrike ergotzte sich sehr an den vielen kleinen Anekdoten und Lacherlichkeiten, die dort vorgefallen waren, doch hutete sich das kluge Madchen, viel von Charlotten und deren verfuhrerischer Schonheit zu erzahlen.

Elsheim ging mit Leonhard uber den Hof zu dessen abgelegenem Stubchen, wo sie vor den Fenstern den alten Nussbaum sahen und nichts von dem Gerausch der Tatigkeit vernahmen. Elsheim gab dem Freunde den Brief des Magisters zuruck und sagte: "Mein Leonhard, man dunkt sich klug und erfahren, man meint Gedanken und Schicksale erlebt zu haben, und dennoch mocht ich mich nicht unterfangen zu sagen, dass ich diese seltsame Epistel ganz verstanden habe. Aber ebensowenig mocht ich behaupten, sie sei Unsinn und enthalte gar kein Verstandnis. Wenn ich mich so ausdrucken darf, so gibt es wohl eine Staffel der Verrucktheit oder des Wahnsinus, die durch das Uberschreiten der Vernunftgrenze eine gewisse Heiligkeit und Weihe erhalten hat. So sahen es oft die Alten an, und im Orient herrscht noch dieser Glaube. Manche alten Einsiedler und religiosen Erscheinungen, vieles, was wir so geradehin Schwarmerei nennen, muss wohl aus diesem Standpunkt angesehen werden, nur dass diese Uberschreitung oder Freimachung des Geistes von der Vernunft aus einer anderen Ursache herruhrte. Und doch war es auch die Liebe, welche eine heilige Therese und ahnliche Gemuter, wie die seltsame Guyon und so viele andere, erregte, vor deren Schriften wir jetzt, wenn wir nicht unbillig sein wollen, mit jener stummen Ehrfurcht stehen, bei der uns das, was wir begreifen, mit Entzucken erfullt, und die mit einer Art von Gespensterfurcht gemischt ist."

Leonhard billigte diesen Ausspruch, und erzahlte dann, wie er die naheren sonderbaren Umstande von der Verwirrung des Magisters erst bei seiner Zuruckkunft von Friedriken erfahren habe. "Diesen Brief", fuhr Leonhard fort, "schickte sie mir, weil sie ihn gar nicht verstand. Der alte Mann blieb aber immer wunderlich, und in einem solchen Zustand poetischer Aufregung, dass ihn Friedrike vermied, und noch weniger mit ihm allein sein mochte, weil seine sonderbaren Reden sie angstigten, und der kleine Franz sie einmal weinend bat, sie mochte ihm einen andern Lehrer geben, denn bei diesem konne er nichts mehr lernen, da der Alte selber alles vergesse, Ober- und Niedersachsen, Schwaben und Pommern miteinander verwechsle, und ihm die Grammatik so wunderlich erklare, dass er selber auch ganz verwirrt werden musse. Vom Einmaleins und dem Rechnen wolle er gar nichts mehr horen, denn der verwirrte Mann behauptete, zwei mal zwei mache gar nicht vier, es gabe keine Zwei, und es sei Sunde und Bosheit, von dieser Zwei nur zu sprechen. Das Kind selbst war ausser sich, und unter dem Vorwand, dass Franz krank sei und sich jetzt nicht anstrengen konne, liess sie wenigstens furs erste die Stunden aufhoren. Der Alte aber kam nach wie vor alltaglich in unser Haus, ass am Tisch und schien, wenn sich Menschen zugegen fanden, so wie sonst, nur dass er viel schweigsamer war, vor sich hin grubelte, und nur selten an den Reden der andern teilnahm. An einem Nachmittage, als der Alte geblieben war, fasste sich Friedrike ein Herz und sagte zu ihm: 'Lieber Herr Magister, warum wollen Sie nicht wieder so werden, wie Sie ehemals waren? man verkennt Sie ganz, und dadurch wird man sich fremd. Sie verdienen aber unser bestes Vertrauen.' 'Schone Frau', fing der Alte an, 'es kann geschehen, wenn wir ein Paktum aufrichten, und wenn Sie dies halten und erfullen, so kann ich wohl wieder ein solcher Mensch werden, wie ich vordem war.' 'Und was verlangen Sie?' fragte Friedrike. 'Wir kennen uns nun schon seit lange', sagte er feierlich, 'aber die Freundschaftsbezeigung haben Sie noch nie an mich gewendet, dass Sie mir einen Kuss gegeben hatten, wie Sie doch manchmal sogar an den kleinen Krummschuh verschwendeten. Erlauben Sie mir einen einzigen Kuss, und ich bin wieder der, der ich war.' Die Frau erstaunte erst uber diese Forderung, sie sagte aber freundlich, gleich gesammelt: 'Recht gern, lieber alter Freund, wenn das Ihnen helfen kann.'- Sie bot ihm den Mund, und er druckte mit zitternden Lippen einen langen Kuss auf die ihrigen, ging dann weinend aus der Tur, ohne noch ein Wort zu sprechen, und erschien am folgenden Tage nicht, sowenig wie am dritten. Erst am vierten erhielt nun Friedrike diesen zweiten seltsamen Brief; nimm ihn hin, Freund, und lies ihn selbst." Elsheim las fur sich, indes ihn Leonhard auf kurze Zeit verliess, um nach seinen Gesellen im Vorhause zu sehen. Der Brief lautete so: Werte Frau Vielleicht will es das Schicksal so, dass der Mensch nur Mensch sein kann und darf, indem er zugleich Vieh ist. Ist das, wie die meisten stillschweigend glauben, so liegen sich Mensch und Vieh immerdar in den Haaren und katzbalgen miteinander, bald dieses, bald jener oben und unten. Denn es ist so. Wie oben, oder vielmehr wehe dem, der korrigieren wollte! Als Peter der Grausame von Kastilien von seinem Bruder Heinrich umgebracht wurde, konnte dies nur geschehen, indem ein dabeistehender Ritter den Heinrich, welcher schon unten lag und gewiss geliefert war, bei den Beinen hervorzog, und ihn auf den Peter legte. Nun konnte dieser erst vom Bruder erstochen werden. Artlich ist es in einer nicht unebenen Komodie, wenn ein sicherer Stefano auch bei den Beinen den Trinkulo unter dem Mantel eines Mondkalbes hervorzieht, und ihn so als Menschen und Bekannten erklart und autorisiert. Aber in beiden Fallen weiss ich nicht so ganz gewiss, ob Vieh, oder Mensch gewonnen habe; denn Peter hatte bei seinem Schlimmen viel Gutes, und Trastamar bei manchem Guten viel Schlimmes; und noch gefahrlicher stellt sich die Frage, ob Trinkulo, oder Caliban das dummere Tier ist. Bei solchen starken Fallen hat die Weltgeschichte noch nie etwas gewonnen. Kehren wir es aber ganz um, und setzen, wie viele getan, statt Menschen Engel: o so hebt die konfuseste aller Konfusionen nun erst an! Muss ein Engel, wie der Finger des lebendigen Direktors in Korper und Kopf seines holzernen Polichinell puppenspielend arbeitet, der Engel, eine erniedrigte Seele, ebenso in dem Gehause von Fleisch und Bein und Blut und Schleim und Gehirn und Schmutz hantieren, kann alles, was man in uns das Gottliche, Edle, Unsterbliche nennt, nur so sichtbar und handgreiflich und bewundernswert ausfallen: so mochte ich mir kunftig einmal die Freiheit nehmen, meinen Schopfer zu fragen, ob denn das Satire sein solle, uns so gar groblich den Esel zu bohren; es rieche und schmecke etwas nach einem schlechten Scherz. Jedes gute, oder schlechte Werk rezensiert sich selbst. Darum hauen, stechen und schiessen sie in unsern vielbeliebten Kriegen ineinander hinein, darum rauben sie und morden uns Geld und Gut, darum treten sie einander hohnlachend mit Fussen, und alles mit Recht, denn, wahrlich, wahrlich, die Kreatur ist nichts wert, und man kann sich an ihr nicht versundigen.

O Du, mein Heiland! Du, grosses Du, Du hast es freilich anders gepredigt. Die Liebe hatte ja keinen Sinn; Erbarmen und Mitleid waren ja nur Aberwitz, wenn vom hochsten Gott bis zum lahmen armsten Bettler hinab sie sich nicht des tiefer Gefallenen, des Verirrten, des Leidenden und Presshaften, des Hungernden des an der Liebe Verzweifelnden, der Seele, die sich im Schlamm wie der Regenwurm, ringelt und angstigt, erbarmten, sie emporhoben, sie, wie jene Heiligen den Aussatzigen, an ihre Brust nahmen und erwarmten. Und was hatte denn diese gottlichste Liebe zu tun, wenn nicht dieses? Ware nichts Schlechtes, Verachtliches, Armseliges da, so hatte sie ja kein Handwerkzeug, um damit zu arbeiten und aus dem elenden kantigen Brett das teure, kostbare vergoldete Schrankchen, in dem nachher Goldpokale stehen, zu hobeln und fein und mit recht mitleidigem Erbarmen zu schnitzeln.

So nimmt der Mensch, er selbst Materie, Schleim, Schmutz Lehm, Knochen und Erde, die sogenannte Materie, nicht bloss in der Gestaltung seines Bruders, und dass er diesen nahrt und kleidet, in Schutz. Durch Arbeit, Tatigkeit und Schweiss ist diese Anstrengung eine fortwahrende Erlosung des Staubes vom Tode. Des Unendlichen Allgegenwart wird kenntlicher, und durch den Hammer und Meissel, Pinsel, Pflugschar und Sense, Federkiel, Druckerpresse und Nadel druckt der Mensch allem Unlebendigen den Bruderkuss auf und spricht, wie der Schaffende ehemals: "Habe eine Seele!"

Aber so denkst Du gar nicht, und darum hommt mir wieder das Zittern an, da ich zufallig von Kuss spreche. O welcher Augenblick! Gewiss ist in diesem Moment durch die Magie meines Innern irgendwo ein Geist jung oder geboren worden, und schlaft noch in einer Blume Deines kleinen Gartens, und indem Du nun vorbeigehst und meinst, Du erfreuest Dich nur etwas mehr an der hellen Farbung und lieblichen Duftung, ist die leichte Wonne Dir entstanden, weil dieser aufkeimende Geist in Dich schlupft, und nun Dein nachstes liebes Kind wird, das wohl schon im Embryo in Dir die Wohnung dem kleinen unsichtbaren Sohn meiner Entzuckung zubereitet hat. So steht es wahrscheinlich um die sogenannte Ehe und Treue. Diese Magie der Liebe ist allmachtig. Und so ware ich neulich fast gestorben, aber Du fuhltest, Du wusstest nichts davon. Liegen wir doch auch so in unserer narrischen Blatterknospe, und ich dehne mich nun schon siebenundsechszig Jahre in meiner Hulse, und schlage bald dieses, bald jenes Blattchen um, um mit meinen bloden Augen hinauszuschauen, und irgend etwas zu ergattern, was mir uber die Bedeutung meines ratselhaften Gefangnisses recht eigentlich einen Aufschluss geben konnte; aber immer vergebens. Ein entzuckter Kuss eines Seraphs, der sich verlobte, und der die Magisterwurde eines Cherubims erhielt, hat mich Seele namlich so freudiglich und magisch erzeugt und nun muss ich immer noch auf das dumme Paar warten, das jenen Embryo in ihrer Ehe pflanzt, und die dann voruberwandeln, mich loben, damit ich in die neue keimende Frucht schlupfe, um hier endlich sterben zu konnen, und dann in einem neuen Leben weiterzuleben.

Du verstehst mich aber gar nicht; Du willst mich auch nicht verstehen: das habe ich wohl in Deinem Kuss neulich gefuhlt. Und warum? Du nicht mein Du? Nicht? Es ware mehr als entsetzlich, denn es gibt fur mich kein anderes in allen Erd- und Himmelsraumen.

Ja jetzt, das weiss ich nun ganz gewiss, liebe ich. Das ist die Liebe, die ich erlebt habe. Warum lebt sie mich nicht aus und schalt mich weg aus dieser leeren Hulse? Allenthalben habe ich Rat und Trost gesucht, und habe auch jetzt bei den Dichtern meinen durren Eimer in den Brunnen hinuntergetaucht, um meinen brennenden Durst zu loschen. Fast alle reden von Liebe, aber immer nur spielend, dahlend, ohne Gewissen und innerlichste Erlebung. Der Reiz begeistert sie, der farbige Saum der Abendwolke, der fast erlischt, indem man sich daran freut. Ja, ja, es ist so, die Menschen, auch in der scheinbaren Begeisterung, konnen nicht uber das Ich hinaus, und geraten zeitlebens nicht an das Du. Den Ovidium, den ich niemals in meiner Jugend gelesen habe, wollte ich mir zu Hulfe rufen; denn er hat einen eigenen beruhmten Traktat unter dem Titel Remedium amoris elaboriert. Da kam ich gut an. Nicht einmal mein Sinn, geschweige mein Herz, mochte das Zeug gutschmeckend finden. Das Vieh, was des Abends in den Stall getrieben wird, sagt mir mehr und Lieberes. Alter Narr mit der langen Nase! wie hast du nur die Zeit an diese vielen unnutzen Verse wenden konnen? Vielleicht geschah dir kein grosses Unrecht, dass sie dich verbannten. Alle diese Lateiner nur fatal und fatal. Sie kannten dich nicht; sie wussten vom Christentum nichts. Ja Saus und Braus, Wohlleben, Trunk, Zerstreuung, Kuss und Wollust wenn das Leben ein Bacchanal ist und sein soll, dann sind sie im Recht. Aber die Leiden des jungen Werther! Ja, das ist empfundene und erlebte wahre Liebe! Aber grausam wird das Herz erschuttert und zermalmt. Er war jung, und der Dichter vielleicht jung, und ich Greis habe dieses Buchlein wie eine Offenbarung gefasst und verstanden. Ach, werte Madame, hattest Du das Buchlein nur einmal gelesen! Doch was hilft 's, wenn Deine Seele nur nach dem Notwendigen und Vernunftigen durstet? Das Salz ist nicht dumm geworden, aber Zunge und Gaumen haben nicht Geschmacksorgane. Warum soll ich denn noch weiter faseln? Es wird nicht anders, Madame, ich bin und bleibe

Dero verruckter Fulletreu denn mit dem

Magister ist es auch vorbei.

Leonhard war zuruckgekommen, und Elsheim sagte: "Eine sonderbare Korrespondenz! doch ist dieses zweite Schreiben schon gemassigter und etwas besonnener, es deutet die nahe Genesung an."

"Wollen wir jetzt den alten Mann besuchen?" fragte Leonhard. Elsheim war willig, und sie gingen durch die Stadt. "Wo fuhrst du mich hin?" sagte Elsheim endlich, als Leonhard stillstand, und in ein grosses Haus hineintreten wollte; "dies ist ja das Narrenspital."

"Nicht anders", erwiderte Leonhard; "aber folge mir getrost, es wird dich kein trauriger Anblick peinigen." Sie stiegen die grosse Treppe hinan, und seitwarts offnete sich jetzt ein ziemlich grosses und helles Zimmer, dessen freie und unvergitterte Fenster auf den Garten fuhrten. Elsheim hatte Muhe, beim ersten Anblick den alten Magister wiederzuerkennen. Sein blasses Gesicht, von schneeweissen Locken geziert, erschien ihm viel edler, als damals; sein Blick war sanft und wie verklart; in seinem stillen Lacheln schien der Ausdruck eines ausserordentlichen Glucks und einer wohltuenden Beruhigung zu schweben. Um ihn her am Tische sassen Knaben und Madchen; auch Franz, der Pflegesohn Leonhards. Alle erhoben sich, als der Baron eingetreten war, und dieser rief: "Ich muss nicht storen, geehrter Freund, sonst entferne ich mich wieder." Der Alte reichte ihm mit dem Ausdruck anstandiger Vertraulichkeit die Hand und sagte: "Keine Storung, Herr Baron, die Stunde war eben beschlossen." Die Kinder erhoben sich alle, nahmen Abschied, verneigten sich vor dem Alten, und einige kussten ihm die Hand. Jetzt setzten sich die Freunde zu dem Greise nieder, und Elsheim sagte, dass er sich freue, ihn in so schoner Gesundheit und Munterkeit, ja fast verwandelt, nach einem Zeitraum von einigen Jahren wiederzufinden.

"Etwas wundern Sie sich auch gewiss", sagte der Alte freundlich lachelnd, "mich allhier in dieser Behausung anzutreffen."

"Ich kann es nicht leugnen", erwiderte der Baron mit einiger Verlegenheit, "ich vermutete nicht, dass Sie gerade hier wohnten."

"Dies eben", sagte der Magister, "ist vor dem Grabe mein letztes Asyl. Werter Herr Baron, ich bin noch einmal in meinen allerletzten Tagen auf einer hohen Schule gewesen, und habe mich vor unserer werten Frau Leonhard als Doktor habilitiert und prostituiert. So habe ich mich denn in die Reihe der wahren Menschen inskribieren lassen, nachdem ich mein letztes Examen bestanden; aufweisen kann ich die Testimonia, dass ich viele recht bedeutende Narrheiten durchgemacht habe und erbotig bin, wenn es die Not erfordert, mich auch kunftig nicht saumselig finden zu lassen. Doch hat man mich auch vielleicht pro emerito erklart und mir alle Geschafte abgenommen. Sie werden erfahren haben, dass mich damals der Genius erfasste, der tief in unserm Innersten unsichtbar als Regulator sitzt. Nur in seiner Unsichtbarkeit kann er regieren. Wenn es so kopfuber geht, dass keiner seiner Befehle, die aus seinem Cabinete ausgehen, respektiert wird; wenn er sich selbst und sein majestatisches Angesicht zeigen muss, so erzittern alle Krafte und angestellten Diener so vor seinen furchtbar machtigen Augen, dass sie ganz ohnmachtig erlahmen, und niemals wieder zu brauchen sind. So wird der Mensch, was seine Nebengeschopfe toll und rasend nennen. In der Jugend sendet dann jener Regulator oft Zorn, Verdruss, Reisen, Arbeit, Ermudung, Reiten toller Pferde, Leidenschaft und Genuss der Liebe, um die meuterischen Krafte zu bandigen, sie durch ein Spielwerk zu zerstreuen und ihren Blick nach aussen zu richten, damit er unvermerkt die Herrschaft wieder an sich nehme. Bei dem jungen Werther misslang aber auch alles, und so steht es denn auch mit einem Alten sehr schlimm, der schwach und einsam auf seinem Stubchen zwischen wenigen Buchern den Spektakel in sich erleben soll. So schlug ich denn damals, als ich meinen Brief eingegeben, um mich; ich wollte mich ermorden, ob ich gleich in diesem Geschaft als ein frommer Christ gar keine Ubung hatte; kurz, ich nahm keine Raison an, denn jenes Haupt des Unsichtbaren war mir wirklich sichtbar erschienen. Aber ein verstandiger und menschenfreundlicher Doktor, welcher auch in der Psychologie nicht unerfahren war, brachte mich hieher, und als er durch Harte und Freundlichkeit meine Tobsucht uberwunden, bin ich denn nun durch ihn und Gottes Beistand und Gute so taliter qualiter hergestellt und gesund. Weil wieder Sanftmut und Demut in mir die Oberhand gewonnen hatten, so wurde ich hier einquartiert als ein stiller, friedlicher Revenant, der aus jener Gegend, wo die Rauber hausen und morden, zwar geplundert und geschlagen, aber doch lebend wiederkehrte, zwar recht murbe gemacht und matt, gar nicht kampflustig mehr, aber gesammelt und in sich gekehrt. Und so hat man mir denn auch erlaubt, meine Lieblingsbeschaftigung wieder vorzunehmen, und die lieben Kleinen im Schreiben, Rechnen, in der Grammatik und im Lesen zu unterrichten. Sie ahnden nicht, meine Herren, welche Wonne das ist, so mit Kindern umzugehen, die Fragen zu horen und zu beantworten, die Neugier zu sehen, ihre Innigkeit und Freundschaft zu mir. Glauben Sie mir, meine Freunde, allnachtlich werden die guten Kindlein, die namlich, die nicht mutwillig von ihren Eltern verdorben werden, von zarten und kleinen Engeln besucht, die ihnen in den Traumen Saft und Gewurz von den Fruchten des Paradieses einflossen und eintraufeln, und so duftet mir aus Rede und Gesinnung ihrer Seelen Ruch des Paradieses entgegen. Dass ich wieder Unterricht in unserer heiligen Religion gebe, hat man mir nicht bewilligen wollen, und ich kann diese Einschrankung nicht tadeln; denn da mein Geist eine Zeitlang abgefallen war und rebellierte, so ziemt es sich nicht, dass ich vom Ewigen und seiner Offenbarung spreche und lehre; es sei genug, dass ich ihn still anbete und um Vergebung bitte."

Elsheim betrachtete und horte den alten Mann mit Verwunderung. Ein so friedliches Genugen, ein so behaglicher, ruhseliger Ausdruck war ihm noch in keiner Physiognomie erschienen. "Sie kommen also jetzt nicht zu unserm Freunde Leonhard?" saget er dann, um nur etwas zu sprechen.

"Nein, mein verehrter Herr Baron", erwiderte der Alte. "Ich glaube, jetzt endlich ein gesetzter Man geworden zu sein; aber wer kann wissen, ob ich in einem unseligen Augenblick doch nicht noch einmal uber die Strange schluge; denn jene Kobolde, die unser Leben storen wollen, sind unermudlich in ihrer Geschaftigkeit, und blasen selbst aus der toten Asche, geschweige wo sie noch Kohlen merken, das Feuer auf. Ich weiss auch jetzt, dass die Frau Leonhard deswegen so liebenswurdig ist, und dass ich sie auch deswegen so innigst geliebt habe, weil sie mich und mein Wesen, vollends mein philosophisches Delirium nicht verstanden hat und niemals verstehen wird. Oh, uber das Verstehen! Was ist es denn? Wo hebt es an, wo hort es auf? Wenn mir eine Frucht, die ich speise, gedeihen soll, so muss sie mir nicht gerade widerstehen; sie reizt mein Auge, sie ist meinem Gaumen wohlschmeckend; nun wirke sie kuhlend und starkend auf meine inneren Organe, und wieviel wird noch erfordert, gearbeitet, gekampft und abgesondert, bis sie wahrhaft verdaut ist und echter Nahrungsstoff geworden! Wenn wir sie gleich im allerersten Augenblick verstanden, und sie uns gleich Kraft und Nahrung gabe: was hatten wir daran zu verdauen, um sie uns durch dieses kunstliche und geheimnisvolle Manover anzueignen? Auch als Unsterbliche werden wir ewig lernen, und niemals damit zu Ende kommen. Oh, es ist eine unendliche Wonne, immerdar in sich etwas Neues zu erfahren, und zum erst Begriffenen hinzuzulernen. Hat man eine weite Bahn durchlaufen, so kehrt man oft mit Erstaunen zum allerersten Anfang zuruck, und freuet sich, wenn sich an diesem wieder Neues entdecken lasst. Sie wird mich in jenem Geisterleben naher kennenlernen und mich allgemach verstehen, und ich werde dann ihr hiesiges Nichtverstehen immer mehr begreifen, und dabei lernen, dass in dieser Unfahigkeit doch wieder ein tieferes Geheimnis lag, als ich ergrundet zu haben glaubte. Denn nur das Ungleiche kann sich verstehen und lieben. Sie ist mir freundlich gesinnt; taglich lasst sie mich durch Franz grussen, der ihr meinen Gruss zuruckbringt; dieses genugt. Diesen lieben Knaben werden Sie freilich jetzt auf das Gymnasium senden, was auch notwendig ist; er wird mich aber doch noch zuweilen besuchen konnen."

"Gewiss", sagte Leonhard, "und Sie wissen es ja, ich selbst komme auch von Zeit zu Zeit gern zu Ihnen und freue mich, wenn es Ihnen wohlgeht, und Sie mit Ihrer Lage zufrieden sind."

"Ich kenne Ihre Freundschaft", sagte der Alte, indem er Leonhard die Hand gab; "ich weiss auch, dass es Ihnen was Bedeutendes kostet, dass Sie mich alten Verliebten als eine merkwurdige Raritat hier hinein gestiftet haben. Da sitze ich nun als ein Denkmal vom Zorne Amors, dessen Herrschaft ich in der Jugend stets verlachte."

"Ich mochte Ihnen wohl etwas zeigen", fing Leonhard wieder an; "aber als ich Ihnen vor einiger Zeit einmal erzahlte, dass ich in Nurnberg den alten Alfert, Ihren Jugendfreund, gefunden habe, wurden Sie so traurig und bewegt, dass ich jenes sonderbaren Zusammentreffens niemals wieder erwahnt habe."

"Damals war ich noch etwas unwirsch", sagte der Magister; "aber nun mussen Sie mir recht bald alles aufs umstandlichste erzahlen, was Ihnen mit dem lieben Menschen begegnet ist. Ei, was war das ein munterer Bursche! Was man einen Springinsfeld nennt! Doch was wollten Sie mir zeigen?"

"Sehen Sie", sagte Leonhard, "dieses alte Exemplar des alten Andreas Gryphius, was Sie damals in Ihrer frohen Zeit nach Jessen mitnahmen, um es dem Vater zu schenken."

Der Alte griff hastig nach dem Buche und schlug es auf. Dann betrachtete er lange die Zeilen seiner jugendlichen Handschrift und seinen zierlich unterzeichneten Namen.

"Wollen Sie es behalten", fragte Leonhard, "als ein Andenken jenes Jugendfreundes?"

"Nein", sagte der Magister; "er hat es Ihnen verehrt, und wenn Sie so mein Freund sind, wie ich es mir wunsche, macht Ihnen dies Buch, als eine Kuriositat aus meinem Lebenslauf, gewiss mehr Freude, als mir selber. Ich war dazumal zu sehr betort. Den Poeten selber mochte ich auch nicht lesen, denn Sie haben mich seitdem durch Ihren Bucherschatz allzusehr verwohnt. Ja, Schiller und Goethe sind deutsche Poeten, und der Shakespeare ein echter Mann; und dass unser lieber Schiller so vor ganz kurzer Zeit, nachdem ich seine Werke erst hatte kennen lernen, so fruh hat sterben mussen, hat mich innigst betrubt."

"Aber, lieber alter Herr", sagte Elsheim, "werden Sie mich denn nicht einmal besuchen, da ich Sie so innig hochachte und liebe?"

"Verzeihen Sie mir, Herr Baron", entgegnete der Alte, "wenn ich Ihnen mit einem bestimmten Nein entgegne. Ich uberschreite ebensowenig meinen Bannoder Burgfrieden, wie jener Gotz von Berlichingen, welchen Sie neulich auf Ihrem Schlosstheater aufgefuhrt haben."

"Aber gehen Sie gar nicht aus?" fragte der Edelmann; "geniessen Sie die Luft gar nicht?"

"Doch, doch", antwortete jener; "hier in diesem Garten lustwandele ich, sooft ich nur will, denn ich bin frei und an keine Stunden, wie die ubrigen, gebunden. Aber ich gehe auch oft mit diesen und, sehen Sie, mein Herr Baron, jetzt ist ihre festgesetzte Zeit, da wandeln die seltsamen Philosophen schon auf den sonnigen Platzen und in den Baumgangen."

Elsheim warf einen Blick in den Garten und sagte dann: "Aber, Liebster, diese da, Kranke, Elende und Torichte "

"Nun freilich", sagte der Magister laut lachend, "sterbliche Menschen, wie unser Falstaff sagt, sterbliche Menschen! Die Bruderschaft konnen wir doch nicht verleugnen. Kommen Sie manchmal hieher zu mir, Herr Baron, wenn Sie mich liebhaben; Sie sehen, mein Stubchen ist hubsch und vom Gebaude dort entfernt, und wenn Sie jene Spekulanten nicht selber aufsuchen, sollen Sie hier niemals von ihnen gestort werden."

Sie nahmen Abschied, und unterwegs sagte Leonhard: "Nun? Ist der Alte nicht auf seine Weise glucklich?"

"Gewiss!" erwiderte der Freund; "er musste wohl auch diesen sonderbaren Umweg machen."

"Ja wohl", sagte Leonhard, "eben er, der damals so herzhaft an meinem Tische seinen unbedingten freien Willen verteidigte."

"Sonderbar immer", sagte Elsheim, "dass er noch Kinder unterrichtet, und dass du den Franz hieher geschickt hast."

"Kann es denn schaden", erwiderte Leonhard, "wenn der Knabe es schon in fruher Jugend lernt, dass ein achtungswurdiger Mann, den er lieben muss, hier beherbergt ist?"

Sie standen jetzt auf dem grossen Platz. "Ich habe eine Bitte an dich", sagte Elsheim, "lass mich heut mittag mit dir essen, ganz, wie du alltaglich lebst mit deiner Familie."

Leonhard sah ihn ernsthaft an und sagte dann: "Lieber, ich weiss in der Tat nicht, ob dir das passen wird. Du denkst vielleicht, ich bin allein mit Frau und Kind. Nein, ich habe es nie uber mich gewinnen konnen, wie ich sehe, dass es jetzt andere wohlhabende Meister eingefuhrt haben, dass sie ihre Gesellen und Lehrburschen ausserhalb des Hauses essen lassen, oder ihnen doch in einem anderen Zimmer fur sie allein den Tisch decken. Nein, beim Mittagstisch lebe ich ganz mit meinen Leuten, ganz als Burger und ihresgleichen. Sie geniessen mit mir aus einer Schussel, und nur des Abends lasse ich sie meist allein fur sich selbst. Darum nahm ich auch neulich deine Einladung nur ungern an, mit dir zu essen, um meine Hausordnung nicht zu storen. Du wurdest also die Gesellen bei mir sitzen finden, und ob sie mich gleich respektieren, so spricht doch jeder mit, so wie es ihm gut dunkt; wir reden von den Arbeiten, sie erzahlen oft von ihren Schicksalen und Erfahrungen, Neuigkeiten des Handwerks, die sie auf der Herberge horen. Ich suche, ohne den Altklugen zu spielen, ihre Gedanken zu berichtigen und immer bei ihnen das Ehrgefuhl zu wecken, das richtige, welches dem Charakter des echten Burgers zum Grunde liegen muss. Darum lieben sie mich aber auch und wurden, das weiss ich, ihr Leben fur mich wagen. Auch halt kein Liederlicher oder Unordentlicher lange bei mir aus. Die Lehrburschen durfen nicht sitzen; auch durfen sie nur antworten, wenn sie gefragt werden. Du wurdest auch, Lieber, keinen Wein erhalten, denn diesen trinken wir an unserm Tische nur an Festtagen; und keiner, weder ich, noch die Frau oder Franz (wenn nicht eins krank ist), durfen etwas geniessen, was uns die andern beneideten, oder wodurch sie sich zuruckgesetzt fuhlten. Nach Tische, in meiner Stube, oder auf dem Hofe, konnen wir uns am Weine laben."

"Das ist ja gerade alles so, wie ich es wunsche", sagte Elsheim. "Es ist sehr schadlich, dass seit lange die sogenannten hoheren Stande so vollig abgesondert vom Burger und Handwerker leben, dass sie diesen nun gar nicht kennen, und auch das Vermogen verlieren, ihn kennenzulernen. Nicht nur geht das schone Vertrauen verloren, wodurch sich Hohere und Niedere verbinden und einfugen wurden, welches eben aus dieser Kenntnis Starke und Kraft erwirkte; sondern der Vornehmere kommt nun auf den torichten Wahn, dass seine Art und Weise des Haushalts, die nichtssagende Etikette, die er einfuhrt, sein nuchternes Leben mit den Bedienten und Domestiken ein besseres, anstandigeres sei, und diese Torheit verdirbt nachher den Burgerstand. Nicht nur der Gelehrte, sondern auch der wohlhabende Handwerker will nun die adlige Nuchternheit bei sich einfuhren, die kalte Entfernung von der dienenden Menschenklasse, den leeren Schein, der in Bequemlichkeit, wahrem Genuss und frischem Leben immerdar die Wirklichkeit vertreten muss. Ja, es kommt dahin, dass der Burger sich alles dessen schamt, was, wenn er seine Stellung begreift, reelle Vorzuge sind, um die ihn der verstandige Adlige beneiden mochte."

"Wenn du so denkst, so folge mir", beschloss Leonhard; "unserm Emmrich hat es schon einigemal bei uns recht wohlgefallen."

Sie setzten sich um den runden Tisch. Die Frau sass links neben dem Meister, und bei dieser Elsheim, der heute Franzens Stelle einnahm. Rechts beim Meister sass der alteste Gesell, der Hannoveraner; der heitere Martin war seitdem hinaufgeruckt und der zweite geworden; dann folgten noch vier Gesellen. Beim letzten stand der alteste, schon hochgewachsene Lehrbursche, welcher in der kunftigen Woche zum Gesellen gesprochen werden sollte, und neben diesem standen funf kleinere, deren letzter demnach an der Tafelrunde der Nachbar des kleinen Franz wurde, der als der Sohn des Hauses auf seinem Stuhle sass. Eine reinliche Magd gab das Geschirr und wechselte die Teller; die Meisterin legte vor, aber den Braten zerschnitt der Meister. Elsheim ergotzte sich an diesen Einrichtungen, und unterhielt sich bei seiner frohlichen Sinnesart besser, wie in mancher vornehmen Gesellschaft.

Es war nahe daran, dass der Hannoveraner seinen Abschied nehmen und in seine Vaterstadt zuruckkehren wollte, um sich dort als Meister zu setzen; darum behandelte ihn Leonhard schon im voraus mit mehr Achtung. "Ich erzahlte dir damals, ehe ich abreisete, mein Gottfried", sagte Leonhard, "von jener sonderbaren Erscheinung oben im tirolischen Gebirge, welche ein Zwerg, oder was es war durch Wirtschaften mit Tonnen und Fassern einen alten Gesellen, mit welchem ich wanderte, vollig um seinen Verstand brachte."

"Ich weiss, Meister", sagte Gottfried; "Sie sagten noch, Sie wussten sich das Ding nicht zu erklaren."

"Seitdem", fuhr Leonhard fort, "habe ich die Erklarung gefunden, und ich will sie dir und Martin, der damals auch zugegen war, mitteilen, damit ihr nicht doch etwa meint, es konne ein Spuk gewesen sein."

Martin sagte: "Unser Magister stritt an dem Tage noch viel mit dem Meister, und behauptete immer, es gabe keine solche Gewalt in uns, die auch den Menschen solchergestalt beherrsche, dass er nichts dagegen vermoge. 'So?' meinte der Meister, der Alte aber bestand fest auf seinem freien Willen, und dass man alles konne, was man wolle. Nachher, als sie ihm die Zwangsjacke anzogen, muss er doch wohl gefuhlt haben, dass er im Irrtum war."

"Das war unchristlich, Martin", sagte der Meister, "und war selber rot geworden. Da Elsheim, der die Geschichte nicht kannte, darnach fragte, so trug sie Leonhard noch einmal ganz im Zusammenhange, wie damals, vor, und erzahlte nachher den Schluss und die Auflosung (ohne jedoch den frommen Lamprecht zu nennen), wie er sie in Nurnberg erfahren hatte."

Man stand vom Tische auf, und Leonhard ging mit der Frau, die bei dem schonen Wetter jetzt schon ein Stundchen im Freien sein durfte, in den Hof; Elsheim folgte. Hier setzten sie sich unter dem schonen Nussbaum; der Kaffee ward gebracht und eine Flasche guten Frankenweins. Nicht lange, so ward durch Dorothea und Emmrich die heitere Gesellschaft vermehrt.

"Setze dich, Gevatter Elsheim", rief Leonhard in frohlicher Laune, "du siehst gewiss, dass man auch auf unsere beschrankte Weise ein gluckliches Leben fuhren kann."

"Wer mochte daran zweifeln, lieber, teurer Gevatter?" erwiderte Elsheim. "Wir sind Freunde und Bruder, und in der Hauptsache immer derselben Meinung."

"Warum", fing Friedrike an, "verteidigtest du heute mittag deine Meinung gar nicht, dass im Menschen oft ein Wunsch, eine Narrheit, oder dergleichen sei, die starker wirken, als dass er dagegen mit Gluck und Erfolg arbeiten konne?"

Elsheim nahm das Wort, da Leonhard fast verlegen schien und sagte: "Schone Frau und angenehme Gevatterin, ich habe seitdem leider nur zu sehr die Erfahrung gemacht und die Uberzeugung gewonnen, wie sehr Ihr Mann im Recht ist, wenn er auch jetzt nicht mehr seinen Satz verteidigen und mit Disputieren hindurchfuhren will. Wir sind schwache Wesen. Vielleicht entdeckt in dieser Schwache eine edle, uneigennutzige Liebe unsere Starke. Moglich, dass wir uns selbst, unsere Eigentumlichkeiten nur finden konnen, indem wir sie scheinbar auf eine kurze Zeit verlieren."

"Das mag alles so sein", sagte Friedrike; "fur mich aber ist es zu gelehrt. Das Umstandliche und Kunstliche ist vielleicht nie das Rechte, das Nachste wenigstens gewiss nicht."

"Vieles", sagte Emmrich, "woruber wir jetzt sprechen, und was sich so ganz in das Unbestimmte im Reden verliert, wurde vielleicht, in einer Erzahlung vorgetragen, ein anderes. Denn das ist der grosse Zauber der Kunst, dass in ihrer Form, in Gestalt und Bildung auch das Dammernde, Sophistische und Unsichtbare dadurch, dass es in sichtliche Gestalt tritt, ebensowohl philosophisch begreiflich wird, als es sich poetisch fasslich darstellt."

"Wenn ein echter Philosoph und ein wahrer Poet es auffasst", sagte Elsheim, "oder Gemuter, die fahig sind, oft ohne es zu wissen, beides zu werden."

"Still!" rief Dorothea, "mir gefallt am meisten dies Hobeln, Larmen und Hammern aus der Ferne. Wie hubsch ist das Gefuhl hier, dass ein jeder Schlag, den ich vernehme, etwas einbringt; dass der Gewinn wieder das Gewerbe vergrossert; dass alles, was gesprochen und gedacht wird, in jenes Kapital hineinstromt, das die Wohlhabenheit befordert, die wieder das Gluck und die Zukunft der Untergebenen begrundet, damit sie dereinst in dieselbe Stelle treten konnen."

"Recht hubsch", sagte Emmrich; "viele Leute wurden aber glauben, dass das, was Sie eben gesagt haben, aller Poesie geradezu entgegenstrebe, und diese durchaus vernichten musse."

"Poesie!" rief Dorothea; "ei, so mussten denn auch einmal Dichter kommen, die uns zeigten, dass auch alles dies unter gewissen Bedingungen poetisch sein konnte."

Die neuen Bretter dufteten; der Nussbaum bewegte sich in seinen Zweigen, von einem leisen Winde angeruhrt; die Werkstatte klapperte und rauschte; der Kettenhund Mufti schmiegte sich zu Friedrikens Fussen, und die grosse Cyperkatze sass auf Franzens Schoss, welcher das Tier streichelte. Fruhlingsschwalben flogen hin und wider; jetzt horte man den Gesang der Wollenspinnerin aus ihrem Dachstubchen von der andern Strasse heruber, die jenseit des kleinen Gartens lag, und Friedrike sagte, indem sie sich an das Ohr Leonhards neigte: "Sieh, Mann, heut ist alles ebenso, wie damals, als ich dich aus deinen Traumen weckte; aber du bist anders, und darum ist auch der Nachmittag jetzt anders, und du hast deine Freunde, alte und neue, und bist Vater, und mein trauter Gatte, und frohlich und in deinem Gott vergnugt in taglicher Arbeit und Ruhe und jenes Gespenst, jener Baugeist ist nun auch verschwunden. Nicht wahr?"

Sie ging in ihr Zimmer, indem sie Albertinen, die uber den Hof schritt, herzlich umarmte. Diese folgte ihr, und die Freunde blieben noch unter heitern Gesprachen beisammen.