Sophie Bernhardi
Evremont
Erster Theil
Vorrede
Dieser Roman, welchen ich dem Publikum ubergebe, ist die letzte Arbeit meiner verstorbenen Schwester Sophia1, welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode vollendete. Mein Urtheil uber dieses Werk konnte ein partheiisches scheinen, und ich enthalte mich daher, weitlauftig uber diese Composition zu sprechen, oder ihre Vorzuge auseinander zu setzen. Der unpartheiische Kenner wird ohne meine Erinnerung einsehn, mit welchem Fleiss und mit welcher Liebe dieses Werk, welches die Verfasserin so manches Jahr beschaftigte, ausgefuhrt ist. Wenn die Dichterin in ihren fruheren Produkten nur Traum- und Mahrchenwelt darzustellen strebte, oder ein schones Gedicht des Mittelalters neu erzahlte, so hat sie in diesem Roman ihre Ansichten der Welt und der Menschen und vielfache erfahrungen niedergelegt. Die denkwurdigsten Jahre der neuen Geschichte bilden den Hintergrund dieses grossen, mit mannichfachen, wechselnden Figuren ausgestatteten Gemaldes, und die Erzahlung, die gut angelegt ist, hebt sich aus dem klaren Vordergrund, und das Interesse wachst mit jedem Kapitel. Die Erinnerungen eines jeden, welcher beobachten konnte und richtig schildern kann, werden aus jener merkwurdigen Periode ein gewisses Interesse haben, und seine Worte werden um so eindringlicher sein, wenn ihm die Gabe verliehen ist, diese Bilder und Ereignisse in ein mehr oder minder kunstliches Gewebe einzuflechten. Eine solch Darstellung, ergiesst sie sich aus einem reichen und vollen Gemuth, wird sie nicht durch Eigensinn und Vorurtheil beschrankt, hat, ausser dem poetischen, theilweise einen geschichtlichen Werth. Diese freie, deutsche Gesinnung offenbart sich in diesen Blattern, die ich hier dem Publikum ubergebe, mit dem Wunsche, dass die Freunde der Wahrheit, dass der gebildete Leser sie nicht unbefriedigt aus der Hand legen mogen. Auch hoffe ich, dass diese Darstellung das Andenken der Verfasserin bei ihren wohlwollenden Freunden erneuen wird, und dass ihr Name denen wird zugesellt werden, die das Schone, Edle und Gute erkannten und es, so viel unsere geschrankten Krafte vermogen, erstrebten.
Ludwig Tieck.
I
Im Spatherbst, wenn die Nebel schwer und feucht an den Bergen hangen, wenn die Sonnenstrahlen nur noch matt das graue Gewolk durchdringen, und die Natur keinen erheiternden Anblick mehr gewahrt; dann ist der Mensch am Leichtesten geneigt, alle traurigen Erinnerungen in seine Seele zuruck zu rufen, und unwillkuhrlich bildet sich so seine innere Stimmung nach den Eindrucken, die er von aussen empfangt. In den letzten Tagen des Novembers im Jahre 1806, an einem solchen traurigen Herbstabend, sass die Grafin von Hohenthal mit ihrer Nichte, Fraulein Emilie von Stromfeld, am Theetisch, im Besuchzimmer des alten Schlosses Hohenthal. Die hohe Gestalt der Grafin, ihre wurdige Haltung, die dunkeln durchdringenden Augen, die edeln Formen des Gesichts liessen, obgleich durch zunehmende Magerkeit etwas zu scharf gezeichnet, dennoch deutlich erkennen, mit welch einem hohen Grade von Schonheit die Natur ihre Jugend geschmuckt haben musste, und noch jetzt, obgleich sie vierzig Jahre zahlte, durfte sie Anspruch auf jene wurdevolle Schonheit machen, die oft noch lange bleibt, wenn der Reiz der Jugend auch verschwunden ist.
Der Zug des Schmerzes um den Mund und die blasse Gesichtsfarbe zeugten von vergangenen Leiden, so wie die fest geschlossenen Lippen des feinen Mundes auf einen entschiedenen Charakter deuteten. Fraulein Emilie, ihre Nichte, war kaum achtzehn Jahre alt, in der Bluthe der Jugend und Schonheit, schlank, leicht, fein gebaut, so zart, dass die leiseste Bewegung des Gemuths eine Veranderung ihrer Gesichtsfarbe hervorbrachte; ihr frischer Mund lachelte mit unglaublicher Anmuth und verrieth im Lacheln die Neigung ihres Gemuths zur Heiterkeit, so wie die grossen dunkelblauen, von langen seidnen Wimpern beschatteten Augen deutlich zeigten, dass ihr auch das Leid des Lebens nicht fremd geblieben war; die reiche Fulle der schonen, glanzenden blonden Haare erhohte den Reiz dieser lieblichen Gestalt.
Beide Frauen sassen stumm da, Emilie mit einer Handarbeit beschaftigt, von der sie von Zeit zu Zeit aufsah, um einen theilnehmenden Blick auf die Grafin zu richten, die, in sich versenkt, Alles um sich zu vergessen schien. Es ist heute ein trauriger Abend, unterbrach endlich Emilie das Schweigen mit ungewisser Stimme, der Herbst kundigt sich uns recht schwermuthig an; die Grafin fuhr beim ersten Tone nach der langen Stille erschreckt zusammen, und zeigte dadurch deutlich, dass ihre Gedanken sie so sehr beschaftigt hatten, dass die Gegenwart des Frauleins ganzlich von ihr war vergessen worden. Sie horte nur halb auf Emiliens Bemerkung, stand auf, ging ein Paar Mal durch das Zimmer und sagte dann mit einem halb bittern, halb schmerzlichen Lacheln: An einem solchen Abende, glaube ich, wurde auch der begeistertste Freund der schonen Natur und des einfachen Landlebens in seiner Vorliebe ein wenig wankend werden, und sich im Stillen wenigstens, wenn er sich schamte es laut zu gestehn, nach dem leichtsinnigen Gerausche der Stadt sehnen, nach Gesellschaft, die er oft langweilig genannt hat, nach Schauspiel, wenn es auch mittelmassig ware und die Forderungen der Kunst keineswegs befriedigte, kurz, nach allem Dem, was wir immer so hochmuthig sind verachten zu wollen, und was doch kein gebildeter Mensch entbehren kann.
Ehedem, bemerkte Emilie, war das Leben auf dem Lande heiterer, man brachte wohl schwerlich einen solchen Abend einsam zu; mehrere Familien aus der Nachbarschaft vereinigten sich, man lachte und scherzte die dustern Stunden hinweg, und ehe man es dachte, war Herbst und Winter verschwunden, und der Fruhling mit allen seinen Bluthen entzuckte uns von Neuem. Es ist traurig, dass Ihr erster langer Aufenthalt auf dem Lande grade in eine so ungunstige Zeit fallt. Der Krieg hat alle Menschen angstlich gemacht, es wagt sich beinahe Niemand heraus, und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt, so fehlt doch die ehemalige Heiterkeit.
Die Grafin unterdruckte eine Antwort, die sie geben, oder eine Bemerkung, die sie machen wollte, und sagte nur seufzend: ich wollte, gutes Kind, Du konntest mich zerstreuen.
Wurde Musik Sie vielleicht erheitern? fragte Emilie, indem sie aufstand und sich dem Instrumente naherte. Um Gottes Willen nicht, erwiederte die Grafin, in meiner jetzigen Stimmung wurde Musik mein Gefuhl beleidigen.
Soll ich Ihnen vorlesen? fragte Emilie ein wenig schuchtern. Lesen, sagte die Grafin mit Bitterkeit, lesen statt leben, es ist die allgemeine Meinung unserer Zeit, wir verschleudern unser eigenes Leben, um das eingebildeter Personen zu lesen; nun so lass uns denn so thoricht sein, wie alle Andern, nimm ein Buch und lies mir vor, nur bitte ich Dich keine Poesien, lass es schlichte gewohnliche Prosa sein, woran wir uns ergotzen wollen.
Wer sollte wohl in dieser Aeusserung, sagte Emilie lachelnd, die leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen?
Eben weil ich die Poesie verehre, versetzte die Grafin, soll sie nicht in meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden. Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit genug darauf zu verwenden, um die Schonheit eines Gedichtes heraus zu horen, und in solchem Zustande ist ein Roman das Beste, was man lesen kann.
Ich habe nicht geglaubt, sagte Emilie, dass Sie auch so gering von dem Romane dachten, wie die meisten gelehrten Recensenten, und nun, da es doch so scheint, werde ich in meiner eignen Ansicht irre.
Wer sagt Dir, dass ich gering von dem Roman denke? fragte die Grafin; doch, fuhr sie fort, lass D e i n e Ansicht uber ihn horen.
Sie wollen uber mich lachen, antwortete Emilie, und wenn es Sie erheitern kann, will ich mich gern Ihnen so gegenuberstellen, als konnte auch i c h ein Urtheil haben.
Gar zu bescheiden, sagte die Grafin, Du weisst, meine Liebe, auch das Gute muss man nicht ubertreiben.
Emilie errothete ein wenig und sagte dann: jetzt wird es mir in der That schwer, eine Ansicht zu entwickeln, die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit in mir hatte; aber ich dachte, die Romane waren desswegen so allgemein beliebt, weil sie uns in der That die Gesellschaft am Meisten ersetzen; wir leben im Kreise der Menschen, die uns dargestellt werden, wir kennen die Gegend, in der sie leben, ihre Hauser und Hausgenossen, es entwickelt sich ihr Charakter vor uns, sie vertrauen uns ihr Gluck und ihre Leiden an, und ist ein Buch beendigt, so habe ich wenigstens das Gefuhl, als ob ich aus einer Gegend abreiste, worin ich viele Freunde und interessante Menschen zurucklasse, wo mir auch die komischen Figuren ihr Herz entfaltet haben und so mir lieb geworden sind, und selbst die bosartigen sich so gezeigt haben, dass ich sie entweder beklagen oder bewundern muss.
Du sprichst von g u t e n Romanen, sagte die Grafin, aber selbst die mittelmassigen besitzen noch Vieles von diesen Reizen, und wenn uns ein wahrhaft elender in die Hande fallt, der uns in gar zu langweilige oder zu schlechte Gesellschaft versetzt, so giebt es nichts Leichteres, als sich hier zuruckzuziehen, denn nichts weiter ist nothig, als dass wir das Buch wegwerfen. Nimm denn also einen Roman und lies; lass uns versuchen, ob wir uns fremde Menschen, eine andere Gesellschaft herzaubern und daruber uns selbst vergessen konnen.
Emilie richtete einen traurigen Blick auf die Grafin und wollte sich entfernen, um ein Buch zu holen; die Grafin aber nahm sie bei der Hand und sagte mit milder Stimme: Ich quale Dich, gutes Kind, durch meine heutige Laune, aber glaube mir, es liegt mir so Manches druckend auf dem Herzen, dass, wenn ich daruber sprache, Du mich bedauern und gern Geduld mit mir haben wurdest.
Sie furchten vielleicht, sagte Emilie mit einiger Beklemmung, dass die Feinde dennoch durch die Bergschlucht dringen und uns hier beunruhigen werden, obgleich der Onkel es fur unmoglich hielt. Nicht diese Sorgen qualen mich am Meisten, erwiederte die Grafin, obgleich ich furchte, dass es moglich ist, und dass, wenn es geschieht, ein grosser Theil unseres Vermogens verloren gehn kann, was doch auch nicht gleichgultig von uns betrachtet werden darf; Emilie schwieg und die Grafin fuhr fort: Man braucht nicht geizig zu sein, um einen grossen Werth auf ein bedeutendes Vermogen zu legen, das, indem es den Rang unterstutzt, den wir in der Welt einnehmen, unsere Unabhangigkeit sichert, und gewiss hat man nur in der Jugend die Grossmuth, alle irdischen Guter zu verachten, weil man weder ihren wahren Werth, noch ihren rechten Gebrauch kennt. Der edelste, uneigennutzigste Mensch wird sich gedruckt fuhlen, wenn Mangel an Vermogen ihn von Andern abhangig macht.
Emilie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrukken, und die tiefe Rothe, die sich uber ihre Wangen verbreitete, verrieth der Grafin ihre Gedanken. Emilie fuhlte sich errathen, und die schone Rothe stieg bis zur reinen Stirn empor, indem die Augen sich senkten und Thranen darin hinter den langen Wimpern sich verbargen. Es schmerzte die Grafin, ihre junge Freundin verwundet zu haben; sie legte den Arm um ihre Schulter und ging so mit ihr durch das schwach erleuchtete Zimmer, damit Emilie in der grossten Entfernung von den Lichtern die Thranen unbemerkt in den Augen zerdrucken konnte. Ich meine, fuhr die Grafin nach einem kurzen Schweigen fort, es wurde mir schmerzlich sein, wenn unser Vermogen so zerruttet wurde, dass der Graf gezwungen ware, die Unabhangigkeit aufzugeben, die ihm so theuer ist, und diess konnte geschehen, wenn ein feindlicher Einfall die Guter zerstorte; doch aber noch ein anderer Kummer liegt mir auf dem Herzen, der mich mehr als diese Sorgen qualt.
Beide Frauen waren an einem Fenster stehen geblieben und sahen in die dunkle Nacht hinaus; ein feiner Regen schlug gegen die Fenster, die Sterne waren durch schwarze Wolken verhullt, und kein Gegenstand liess sich draussen unterscheiden. Ich hoffe, sagte die Grafin, wir werden allein bleiben, obgleich die Einsamkeit mir heute sehr druckend ist, denn ich wunsche nicht, dass der Graf, bei dieser unfreundlichen Witterung, in der dunkeln Nacht den Weg uber das Gebirge zuruck machen moge. Er wollte aber nicht die Nacht in Heinburg bleiben, versetzte Emilie. Es ist unrecht, erwiederte die Grafin mit kaum bemerklichem Lacheln, dass der gute alte Baron mit seinen unschuldigen Thorheiten ihm so sehr zuwider ist; ich hoffe aber, er wird heute lieber einige von dessen etwas weitlauftigen und nuchternen Geschichten anhoren, als bei diesem Wetter den Ruckweg unternehmen wollen.
Schimmert nicht ein Licht dort unten im Thale? fragte Emilie. Wo? rief die Grafin.
Dort, links vom Schlosse, erwiederte jene, mich dunkt, es bewegt sich aus der Schlucht her, auf dem Wege, den der Onkel kommen muss.
Die Grafin schaute aufmerksam nach der Gegend hin, und in der That bemerkte man nun mehrere Lichter, die sich auf dem Wege um eine dunkle Masse zu bewegen schienen. Die Dunkelheit der Nacht machte es unmoglich, einen Gegenstand zu unterscheiden, da selbst die Lichter nur matt und trube durch den fallenden Regen schimmerten.
Die Grafin zog heftig die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten, vom Schlosse aus mit mehreren Leuten den Lichtern entgegen zu gehn und eilig zu berichten, Wer da komme, und ob diese unvermutheten Gaste das Schloss zu besuchen gedachten. Aengstlich blieben beide Frauen am Fenster stehen, und man bemerkte nun bald, wie mehrere Menschen aus dem Schlosse mit Laternen dem Zuge entgegen eilten, der sich offenbar dem Schlosse naherte. Einige Diener kehrten bald zuruck und berichteten, es sei der Herr Graf, begleitet von mehreren Bauern aus einem nahe gelenen Dorfe, die einen Mann auf einer Bahre nach dem Schlosse trugen.
Besturzt blickte die Grafin auf Emilie, wickelte sich dann in ihren Shawl und befahl zu leuchten. Emilie folgte der Grafin; Bediente gingen mit Lichtern voran, und so stiegen beide Frauen die grosse Treppe des Schlosses hinunter; die Flugelthuren des Hauses wurden geoffnet, und in demselben Augenblicke auch mit grossem Gerausch das Thor des Hofes; der Graf sprengte, begleitet von einem Reitknechte, herein und warf sich sogleich vom Pferde, als er die Grafin bemerkte, die im offenen Thore des Hauses stand, auf Emilie gelehnt, und hinter beiden mehrere Bediente mit vielen Lichtern. Der untere Raum des Hauses fullte sich bald mit der Dienerschaft des Schlosses, die Neugierde, vermischt mit Furcht, herbei fuhrte.
Der Graf warf einem Bedienten seinen von Regen durchnassten Mantel zu, trat dann eilig zu der Grafin und sagte, indem er ihre Hand fasste: "Es ist nichts, meine Liebe, das Sie beunruhigen durfte, der junge Mann ist im Walde ohnmachtig und beinahe an seinen Wunden verblutend gefunden worden. Da ich glaubte, dass wir hier am Besten im Stande waren, ihm wirksame Hulfe zu leisten, so habe ich ihn hieher tragen lassen. Er scheint, nach der Uniform zu urtheilen, ein franzosischer Officier zu sein, also zur feindlichen Armee gehorig, doch kann diess kein Hinderniss sein, ihm alle Hulfe zu leisten, die in unsern Kraften steht."
Kaum hatte der Graf diese eilige Erklarung gegeben, als sich die Lichter, welche die Frauen vom Fenster des Schlosses ans bemerkt hatten, zum Thore des Hofes hinein bewegten. Voran ging der Schulze des Dorfes, ein junger, kraftiger Mann; er trug in einer Hand eine Laterne und mit der andern nahm er seine mit Pelz verbramte sonntagliche Mutze ab, um, indem er sich tief vor der Grafin verbeugte, zugleich mit einer heftigen Bewegung den Regen davon abzuschutteln. Mehrere Bauern trugen eine Bahre, auf der der Verwundete lag, und welche von andern, die Laternen mit brennenden Lichtern in den Handen trugen, umgeben war. Auf den Befehl des Grafen wurde die Bahre mit dem Verwundeten nun durch das offne Thor des Schlosses getragen; die Grafin zog sich an die Mauer zuruck, um den Tragern Raum zu lassen, und warf einen Blick auf den Kranken, indem er vor ihr vorbeigetragen wurde. Er lag auf Kissen in Decken gehullt und schien vollig leblos zu sein; so wie die Grafin die Augen auf ihn richtete, zuckte ein schmerzlicher Schrecken durch ihren Korper; sie bedeckte die Augen mit ihrer Hand, und der fest geschlossene Mund zeigte, dass sie nach Fassung rang. Emilie beruhrte leise den Arm der Grafin und fragte theilnehmend: Ist Ihnen nicht wohl? Es ist nichts, sagte die Grafin, indem sie ihre dunkeln Augen schnell wechselnd auf verschiedene Gegenstande richtete, um durch eine augenblickliche Zerstreuung einen gewaltsamen Eindruck zu bekampfen; dann suchten ihre Augen mit einer gewissen Besorgniss den Grafen, der aber zu sehr mit dem Kranken beschaftigt war und in diesem Augenblicke nicht auf die Frauen achtete.
Es wurde nun schnell ein Zimmer im Schlosse bereitet; der Graf rief nach dem Arzte des Hauses, und die Gesellschaft wurde durch den Prediger des Dorfes vermehrt, der als ein vorsichtiger Reiter seinen Weg so langsam gemacht hatte, dass ihm sogar die Bauern, welche den Kranken trugen, vorgeeilt waren. Er ritt in diesem Augenblicke zum Thore des Hofes ein, von einem Knechte begleitet, der ihm eine Laterne vortrug und ihm nun den Steigbugel hielt. Langsam und bedachtig stieg der Pfarrer ab, und sein kleines, mageres Pferd wurde von dem Knechte ohne Weiteres nach dem Stalle gefuhrt, indem der Geistliche ihm mit etwas heiserer Stimme noch verschiedene Vorsichtsmassregeln nachrief, wenn das Pferd etwa heiss sein sollte, was sich bei dem langsamen Ritt in einer kalten, regnigten Nacht kaum vermuthen liess; auch schien das Pferd uberhaupt nicht so viel Sorgfalt zu verdienen, noch auch sonst zu geniessen, denn sein Bau und ganzes Ansehen verrieth, dass es eben sowohl zum Pflugen und jeder anderen Arbeit, als zu den Spazierritten des Pfarrers gebraucht wurde. Nachdem der bedachtige Reiter auf diese Weise fur sein getreues Ross gesorgt hatte, naherte er sich so eilig, als es ihm Mantel, Ueberrock und sonstige Verhullungen seiner Person erlaubten, der Grafin, die sich nun vollig wieder gefasst hatte und den Prediger mit gewohnter Hoflichkeit bewillkommnete.
Der Kranke war indess in ein Zimmer des untern Stockwerkes gebracht worden, wohin der Graf, begleitet vom Arzte, folgte, und der Prediger eilte, von Theilnahme und Neugierde getrieben, ebenfalls zu dem Verwundeten; die Grafin zog sich nach ihrem Zimmer zuruck, und Emilie ging, um der Haushalterin alle Auftrage zu geben, die, um den Zustand des Kranken zu erleichtern, nothig waren.
II
Nachdem der Arzt die Wunden des Kranken untersucht hatte, die von verschiedenen Sabelhieben herzuruhren schienen, bemerkte er, dass er sie an sich nicht fur todtlich hielte, dass ihm aber der Zustand des Kranken dennoch gefahrlich schiene, durch die starke Verblutung sowohl, als durch seine heftige Erkaltung, da er wahrscheinlich lange huflos im Walde gelegen hatte, der rauhen Jahreszeit und der unfreundlichen Witterung Preis gegeben. In der That gab der Verwundete nur schwache Zeichen des Lebens und schlug erst nach langer Zeit die grossen dunkeln Augen auf, doch ohne dass er irgend etwas von den Gegenstanden um sich zu bemerken schien. Der Pfarrer leistete dem Arzte alle mogliche Hulfe in der Behandlung des Kranken und verrieth eben so viel Theilnahme fur den Verwundeten, als Kenntniss der Wundarzneikunst. Nachdem der Kranke versorgt war, und der Arzt die nothigen Verhaltungsregeln gegeben, vor Allem verordnet hatte, dass man den Kranken auf keine Weise zum Sprechen reitzen musse, eine Verordnung, die dem Pfarrer sehr unangenehm war, obgleich er ihre Nothwendigkeit einsah, kehrten Alle in das Gesellschaftszimmer zuruck. Die Grafin zeigte nichts von der truben Stimmung, der sie sich uberlassen hatte, als sie mit Emilie allein war, und fragte mit Theilnahme nach dem Verwundeten.
Der Graf unterrichtete sie von seiner gefahrlichen Lage und sagte, es ware wohl gut, wenn Dubois die Sorge fur ihn ubernehmen wollte; es wurde dem alten Manne zwar beschwerlich sein, indess bei seiner Gutmuthigkeit und Theilnahme fur alle Unglucklichen, glaube ich, wurde er es gern thun, besonders da der Verwundete sein Landsmann ist, der wahrscheinlich keine andere, als die franzosische Sprache zu reden versteht und sich folglich keinem von der Dienerschaft verstandlich machen kann. Die Grafin zog die Klingel, und der Pfarrer sagte vorschnell: So sollten der Herr Graf ihm befehlen, die Nacht bei dem Kranken zu wachen. Ich befehle nicht gern einem alten Manne, sagte der Graf hoflich, doch ein wenig verdrusslich, der mehr aus Anhanglichkeit an uns in meinem Hause lebt, als aus einem andern Grunde, und den ich niemals wie einen Bedienten betrachte. Man konnte uberhaupt bemerken, dass sowohl der Graf, als die Grafin ein uneingeschranktes Vertrauen zu dem alten Dubois hatten, der die Verrichtungen eines Kammerdieners und eines Haushofmeisters, wie es schien, freiwillig ubernahm, denn wenigstens der Graf richtete nie einen Befehl an ihn, sondern druckte seinen Willen als Wunsch aus und liess ihn so gewohnlich durch die Grafin an den alten Mann gelangen, der auch bei aller Ehrerbietung, die er gegen den Grafen zeigte, doch eigentlich nur die Grafin als seine Herrschaft betrachtete. Dem Bedienten, der auf den Ruf der Klingel eingetreten war, sagte die Grafin, er solle Herren Dubois bitten, einen Augenblick zu ihr zu kommen.
Der Pfarrer, ein Mann ohne feine Erziehung, der in seiner Umgebung sich zu beherrschen nicht gelernt hatte, liess durch seine Mienen, die eine schlaue Verwunderung ausdruckten, und durch das halbe Lacheln, mit dem er den Arzt ansah, deutlich merken, wie sehr ihn diese Art, mit seiner Dienerschaft umzugehen, befremdete.
Nach wenigen Augenblicken trat der alte Haushofmeister mit einer hoflichen Verbeugung ein und hielt sich ehrerbietig nah an der Thure. Es war unmoglich, beim ersten Blicke, den man auf ihn richtete, dem alten Manne Wohlwollen und Zutrauen zu versagen. Seine hohe Stirn zeugte von einer so einfachen Redlichkeit des Gemuths, die grauen Augenbraunen beschatteten so gutmuthige Augen, die wenigen grauen, sorgfaltig gepuderten Haare erweckten Theilnahme fur sein Alter, und eine Trauer in seinem Gesichte, die niemals verwischt wurde, obgleich er bei jeder Rede ein wenig lachelte, verrieth mehr Tiefe des Gemuths, als man bei gewohnlichen Dienern findet. Es war bekannt, dass er die franzosische Revolution mit allen ihren Folgen verabscheute, und er dehnte diesen Abscheu auf Alles, sogar auf die jetzige Kleidertracht aus, die, wie er meinte, auch eine Folge der Revolution sei. Er also war der alten guten Zeit getreu geblieben, wie in seinem Innern, so auch in seinem Aeussern, und ihn schmuckte noch ein brauner Rock mit seidenem Futter und goldgesponnenen Knopfen, wie es sich fur einen Haushofmeister aus dieser guten Zeit ziemte. Seine Haare waren frisirt und gepudert und hinten in einem zierlichen Haarbeutel vereinigt, er steckte, wenn er vor seine Herrschaft trat, drei Finger seiner rechten Hand in die mit Seide und ein wenig Gold gestickte, atlassne Weste, indess er den Hut unter dem linken Arme hielt, auch erlaubte er sich nie anders, als in seidnen Strumpfen, vor der Grafin zu erscheinen. So belehrte er die Bedienten des Hauses, mit solcher Ehrerbietung behandelte man ehedem seine Herrschaft und zeigte dadurch offentlich der Welt, dass man Leuten von hoher Geburt diente, die durch ihre edeln Eigenschaften unsere tiefste Verehrung verdienten. Aber jetzt, seufzte er dann oft, jetzt ist freilich Alles anders, seit der unglucklichen Revolution kummert sich kein Diener mehr darum, von welcher Geburt seine Herrschaft ist, auch sind ihm ihre Eigenschaften gleichgultig, Geld und Lohn wird jetzt allein berucksichtigt. Wahrhaft gekrankt konnte der alte Mann sein, wenn auf solche Rede ein leichtsinniger Bedienter antwortete: Naturlich, was geht mich die Herrschaft an, Wer am Besten bezahlt, dem diene ich am Liebsten, und mich kummert es wenig, was er ist oder wie er ist. Wenn er solche Antworten auf seine wohlgemeinten Reden erhielt, dann zog er sich gewohnlich auf sein Zimmer zuruck und las Anekdoten aus der guten alten Zeit, von treuen Dienern und edeln Herren, und Niemand wurdigte so sehr, als er, den bekannten Haushofmeister des grossen Conde, der sich in Verzweiflung selbst entleibte, weil er glaubte, er wurde den Konig nicht so bewirthen konnen, wie es die Ehre seines Herren erforderte.
Diesem Dubois naherte sich nun die Grafin und fragte, indem sie ihn mit ihrem gewohnlichen durchdringenden Blick ansah, mit etwas leiser Stimme: Haben Sie den verwundeten Officier schon gesehen? Ja, gnadige Grafin, erwiederte der alte Mann, indem er sich verbeugte, ich habe ihn gesehen. Er richtete einen schnellen traurigen Blick auf die Grafin, indem er diese wenigen Worte sagte, der Niemand sonst auffiel, der aber die Grafin so bewegte, dass sie mit wankender Stimme sagte: Der Graf wunscht, lieber Dubois, Sie mochten die Sorge fur den Kranken ubernehmen, wenn es Ihre Krafte und Ihre Gesundheit erlauben, das heisst, fugte sie erklarend hinzu, Sie mochten die Oberaufsicht fuhren, damit ihm nichts mangle, und da er wahrscheinlich nur franzosisch reden wird, und folglich Niemand von der Dienerschaft ihn verstehen kann, seine Wunsche von ihm erfahren und dann den Bedienten die nothigen Befehle geben. Ich habe den gnadigen Herren Grafen schon um die Erlaubniss bitten wollen, antwortete der alte gutmuthige Mann, fur die Pflege des Kranken zu sorgen; denn, sezte er mit einem Seufzer hinzu, wenn ich auch sonst keine Theilnahme fur ihn hatte, so ist er doch ein Franzose, zwar ein Franzose aus der jetzigen Zeit, aber doch immer ein Sohn meines Vaterlandes, und das ist fur mich hinreichend, um fur ihn wie fur einen eigenen Sohn zu sorgen. Ich wusste, dass Sie so denken, sagte der Graf, indem er ihm freundlich auf die Schulter klopfte, und Sie erzeigen mir eine wahre Gefalligkeit dadurch, dass Sie die Pflege des jungen Mannes ubernehmen, denn nun kann ich vollig sicher sein, dass nichts versaumt wird, und in seiner gefahrlichen Lage alle Vorschriften des Arztes genau befolgt werden. Dieser war nun auch hinzugetreten, und da er vernommen hatte, dass Dubois die Krankenpflege ubernehmen wollte, so behandelte er ihn von diesem Augenblicke an halb als einen Amtsgenossen, halb als einen Untergebenen; er gab ihm ohne Umstande eine Menge Auftrage, was er alles fur den Kranken thun sollte, und fugte bei jedem Auftrage die Ursache hinzu, warum Dieses und Jenes geschehen musse. Dubois horte Alles geduldig an und blieb in seiner hoflichen Fassung, doch als der Arzt endlich im Eifer der Rede einen Knopf der atlassenen Weste fasste, und indem er heftig daran zog, ihm einscharfte, alles Sprechen des Kranken zu verhindern, wurde der alte Mann ungeduldig, entzog sich mit einer geschickten Bewegung den Handen des Arztes und verliess mit einer Verbeugung das Zimmer, indem er sich kaum enthalten konnte zu bemerken, dass ehedem, vor der Revolution, auch die Aerzte besser erzogen gewesen waren, und nur die eigene gute Lebensart ihm die Kraft gab, diese unfeine Bemerkung zu unterdrucken.
Der Graf wendete sich nun an den Prediger mit der Bitte, die Nacht auf dem Schlosse zu bleiben, um ihm am andern Morgen beizustehn, den nothigen Bericht an die Regierung uber den Verwundeten aufzusetzen; mein Beamter, sagte er, ist in diesem Augenblicke abwesend, und ich, fugte er lachelnd hinzu, bin erst seit so kurzer Zeit hier, dass ich vollig fremd in den Geschaften bin. Der Prediger war sehr gern bereit, allen Beistand zu leisten, und nachdem auch seine Sache abgemacht war, und man den Befehl ertheilt hatte, den Schulzen und die Bauern auf's Beste zu bewirthen, begab sich die Gesellschaft nach dem Speisezimmer, um sich nach den Beschwerden des Tages bei einer wohl zubereiteten Abendmahlzeit zu erholen.
Da wir nun ein wenig zur Ruhe gekommen sind, sagte die Grafin, so bitte ich Sie, uns doch mitzutheilen, wo Sie den Verwundeten in so klaglichem Zustande gefunden haben.
Sie wissen, erwiederte der Graf, dass unser guter Nachbar, der Baron Lobau, nicht mit mir uber die Grenzen unserer Besitzungen einig ist, und dass ich, da mir der Zustand der Ungewissheit im Grossen, wie im Kleinen zuwider ist, und ich Streitigkeiten verabscheue, mich entschloss, trotz der ungunstigen Witterung, mit ihm nach der Gegend hinzureiten, um wo moglich an Ort und Stelle Alles auszugleichen. Wir machten den Ritt mit einander, und auf einer kleinen, von waldbewachsenen Hugeln umgebenen Flache, mitten im streitigen Grenzlande, fanden wir den unglucklichen jungen Mann; wir entdeckten, da wir untersuchten, noch Spuren des Lebens, ich hullte ihn in meinen Mantel und ritt nach dem nachsten Dorfe, um Hulfe herbei zu rufen; der Herr Prediger war so gut mich zu begleiten, wir boten den Schulzen und die Bauern auf, und eilten, so schnell es sich thun liess, nach dem Walde zuruck. Der gute Baron war indess bei dem Verwundeten geblieben, er hatte ihn mit Hulfe des Bedienten auf eine trockene Stelle gebracht und suchte ihn gegen den Regen so viel als moglich zu schutzen. Der Kranke hatte die Augen einigemale aufgeschlagen, und ein dumpfes Stohnen zeigte, dass er noch lebte; der Herr Pfarrer verband in der Eile seine Wunden, wir legten ihn auf Kissen und hullten ihn in Decken, und ich nahm meinen Mantel zuruck. Als der Verwundete auf der Bahre lag, trat der Baron davor, und indem er feierlich um sich blickte, fragte er, wohin nun mit ihm? Es kame dem zu, fur ihn zu sorgen und der Regierung daruber zu berichten, auf dessen Grund und Boden er gefunden worden, allein wessen ist der Grund und Boden? Ich bemerkte, da meine Wohnung naher liege, als das Schloss des Barons, so wollte ich mich der Pflege des Verwundeten annehmen. Sehr wohl, erwiederte der Baron, aber ohne dass dadurch ein Recht auf diesen Grund und Boden entsteht; wenn Sie es bloss als eine Handlung der Menschlichkeit und nicht als eine Possess-Ergreifung betrachten wollen, so bin ich zufrieden, dass Sie ihn fortbringen lassen. Ich gab feierlich mein Wort, auf die Handlung kein Recht zu begrunden; der Herr Pfarrer war Zeuge unseres Vertrags, und danach sezte sich der Zug in Bewegung. Wir hielten im Dorfe an, der Herr Pfarrer suchte dem Kranken einige starkende Mittel einzuflossen, wir versahen uns mit Lichtern, und so erreichten wir endlich nach manchen angstlichen Augenblicken das Schloss.
Und hier, rief der Arzt mit Hastigkeit, wird nun der junge Mann unter meinen Handen entweder genesen oder sterben.
Eines von beiden, erwiederte der Graf, wird wahrscheinlich eintreten, doch hoffe ich von seiner Jugend und Ihrer Geschicklichkeit das Beste.
Es steht schlimm um ihn, bedenklich schlimm, sagte der Arzt, indem er die Augen fest zudruckte und den Kopf auf die linke Schulter senkte. Aber warum, fuhr er nach einem kurzen Schweigen den Pfarrer an, warum haben Sie ihn nicht lieber in ihrem Hause behalten? Der lange, beschwerliche Weg uber das Gebirge hat die Krafte des armen Kranken noch vollends erschopft und gewiss seinen Zustand sehr verschlimmert.
Ich dachte, sagte der Pfarrer mit einiger Verlegenheit, da Sie hier im Hause sind, und arztliche Hulfe das Wichtigste fur den jungen Mann ist, dass es am Besten sei, wenn er unter Ihren Augen ware.
Nichts, nichts! rief der Arzt, Sie selbst verstehen recht viel von der Kunst, Sie hatten ihn gut pflegen konnen, Sie hatten die Einsichten gehabt, alle nothigen Mittel richtig anwenden zu konnen, es ware dem Kranken nichts bei Ihnen abgegangen.
Aber, sagte der Pfarrer verdrusslich, Sie hatten nicht so oft nach ihm sehen konnen, und das ist doch das Wichtigste.
Ich hatte mir, rief der Arzt, mein Pferdchen satteln lassen, schnell ware ich des Morgens bei Ihnen gewesen; was mach ich mir aus Beschwerde! Und hatte ich hier keinen Kranken gehabt, und das Wetter ware zu schlecht gewesen, so ware ich die Nacht bei Ihnen geblieben, das hatte sich Alles machen lassen, und Sie haben immer unrecht daran gethan, den armen Menschen so weit, auf so schlechten Wegen, bei solchem Wetter und in einem so elenden Zustande fortschleppen zu lassen.
Der Arzt ahnte nicht, wie sehr er den Pfarrer qualte, denn er wusste nicht, dass dieser zwar hochst dienstfertig war und alle Hulfe leistete, so lange bloss seine Thatigkeit in Anspruch genommen wurde, dass er sich aber augenblicklich zuruck zog, wo seine Hulfsleistungen ihm Kosten verursachten oder Verantwortlichkeit zuziehen konnten. Als man desshalb vor seinem Hause mit dem Verwundeten anhielt, kampfte er in der That mit sich, ob er ihn nicht aufnehmen sollte, denn er sah das Gefahrliche seines Zustandes wohl ein, indess die Furcht vor Kosten und Verantwortlichkeit trug den Sieg uber seine Menschenliebe davon, und er folgte dem Zuge mit banger Sorge, denn ihn qualte die Furcht, der Kranke mochte unterwegs sterben, und es war ihm eben so peinlich, daran zu denken, was auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen mochten, als wie sehr ihn sein eigenes Gewissen beunruhigen wurde. Der Graf suchte den Pfarrer von den Vorwurfen des Arztes zu erlosen, indem er erklarte, er, als der Grundherr, wurde es nicht wohl haben zugeben konnen, dass der Verwundete, der ein feindlicher Offizier scheine, sich anderswo, als unter seinen Augen aufhielte, so lange, bis eine Bestimmung uber ihn von der Regierung eintrafe. Der Arzt schwieg zwar einen Augenblick, wendete sich aber gleich wieder zum Pfarrer und rief: Ich hatte mir den Kranken nicht entgehen lassen, Sie haben immer unrecht gethan!
Nach aufgehobener Tafel zogen sich die Frauen in ihre Zimmer zuruck, und der Graf, begleitet vom Arzt und Prediger, besuchte noch einmal den Kranken; sie fanden ihn schlafend, und Dubois berichtete, er sei in so weit zu sich gekommen, dass man ihm einige Arzneien und auch einige Nahrungsmittel habe einflossen konnen, darauf sei er eingeschlafen. Gut, sehr gut, rief der Arzt, nun gewacht, darauf geachtet, wenn er aufwacht, dann gleich zu mir gekommen und mich gerufen, damit wir sehen, was alsdann zu thun ist; nur den Schlaf des Kranken nicht gestort, der Schlaf starkt und beruhigt alle Nerven. Der Arzt hatte die Gewohnheit, alle seine Verordnungen entweder in so abgerissenen Satzen zu geben, oder sehr weitlauftig auseinander zu setzen, wesshalb dieses oder jenes geschehen solle, und die beabsichtigte Wirkung genau zu zu beschreiben, in der Regel wendete er aber die lezte Art, seine Verordnungen mitzutheilen, nur bei Gebildeten an, von denen er voraussetzte, dass sie ihn verstehen konnten.
Der Graf sagte freundlich zu dem alten Haushofmeister: Sie werden doch, lieber Dubois, nicht die Nacht aufbleiben wollen? Es wurde Sie bei Ihrem Alter zu sehr angreifen?
Der gnadige Herr Graf bemerken, sagte der alte Mann, dass ich es mir schon in dieser Absicht bequem gemacht habe. (Er hatte einen weiten braunen Oberrock angezogen.) Es wird mir nichts schaden, einige Nachte aufzubleiben, und ich habe denn doch, wenn Gott den Kranken zu sich nehmen sollte, ein ruhiges Gewissen. Er sah in diesem Augenblicke auf das bleiche Gesicht des Verwundeten und konnte seine Thranen nicht zuruckhalten, ob er es gleich nicht schicklich fand, in Gegenwart des Grafen zu weinen. Dieser druckte ihm geruhrt die Hand und sagte: Sie sorgen stets so treu fur Andere und so wenig fur Sich selbst, denken Sie daran, wie sehr es die Grafin und mich schmerzen wurde, Sie zu verlieren, und schonen Sie sich.
Der alte Mann hielt einen Augenblick die Hand des Grafen, und sah ihm mit Dankbarkeit und Entzucken in die Augen. Er kam sich in diesem Augenblicke vor wie der Diener eines hohen Fursten aus der guten alten Zeit vor der franzosischen Revolution, dessen Treue und Ergebenheit offentlich von seinem Herren vor den Edeln des Reichs anerkannt wird. Der Graf druckte noch einmal seine Hand und sagte mit grosser Gute: Gute Nacht dann, lieber Dubois; schlafen Sie wohl, meine Herren, sagte er drauf mit einer Verbeugung zum Arzt und Pfarrer, und verliess das Zimmer. Dubois schwieg, aber seine Liebe fur den Grafen und die Grafin wuchs diesen Abend zu einem so hohen Grade, dass keine Opfer, welche sie auch von ihm hatten fordern konnen, ihm zu gross gedunkt hatten.
Der Arzt bemerkte, dass es noch nicht spat sei, und lud den Pfarrer ein, da nun die Geschafte des Tages vollbracht waren, noch ein Stundchen ihm auf seinem Zimmer bei einer Pfeife Tabak Gesellschaft zu leisten. Diese Einladung wurde vom Pfarrer um so bereitwilliger angenommen, je mehr er sich langst darnach gesehnt hatte, seine gewohnte Abendpfeife in behaglicher Ruhe bei einer zwanglosen Unterhaltung zu rauchen.
III
Schon langst war es der sehnlichste Wunsch des Pfarrers gewesen, die nahern Familienverhaltnisse des Grafen zu erfahren. Ohne bosartig zu sein, wurde er von einem inneren Verlangen getrieben, Alles zu erforschen, was irgend einen Menschen oder eine Familie betraf, die zu dem Kreise seiner Bekanntschaft, wenn auch in weitester Entfernung, gehorten; ja, Manche, die ihn naher kannten, behaupteten, seine grosse Dienstfertigkeit entspringe zum Theil daher, weil sie ihm Gelegenheit verschaffe, Manches zu erfahren, was ihm verborgen bleiben wurde, wenn er sich nicht willig mit den Angelegenheiten vieler Menschen beschaftigte. So kam es, dass er der allgemeine Rathgeber der ganzen Gegend war, ihr Rechtsfreund, wenn die Prozesse nicht zu wichtig waren, der Arzt aller Bauern und Beamten, die weit lieber ihm ihre Gesundheit anvertrauten, als sich an einen wirklichen Arzt wendeten. Er haufte auf diese Weise Arbeit und Beschwerden aller Art auf sich, und fuhlte sich vollkommen belohnt, wenn seine Klienten und Patienten alle Fragen, die er ihnen vorlegte, gewissenhaft, genau und treu beantwortteten, dagegen konnte er aber in unbescheiden uble Laune gerathen, wenn es sich Jemand beikommen liess, nur seine Arzneimittel oder seinen Rath benutzen zu wollen, ohne ihm weitere Auskunft uber sich und Andere zu geben, so wie er eine mitleidige Verachtung gegen die Wenigen empfand, die in der That nichts zu sagen wussten, weil sie sich nicht um die Angelegenheiten Anderer bekummerten; einem Solchen konnte er mit wahrer Bitterkeit sagen: Es ist unbegreiflich, wie man in der Welt mit den Menschen kann leben wollen, ohne sich um sie zu bekummern. Bei solchen Eigenschaften war es naturlich, dass, ob er zwar sein Amt vorschriftsmassig verwaltete, und man nicht sagen konnte, dass er etwas von seiner Pflicht versaumte, doch allen seinen Handlungen der geistliche Charakter, mochte ich sagen, fehlte, und man auf der Kanzel, wie vor dem Altar immer den Geschaftsmann sah, der nun grade diess Geschaft abmachte, weil Zeit und Stunde es forderten. Er fuhlte diess selbst und zwang sich oft, Ernst und Salbung in seine Haltung und Mienen zu bringen, die, weil sie im vollkommenen Widerspruche mit seinem ubrigen Thun und Treiben standen, ihm einen Anstrich von Heuchelei gaben, die seiner Seele fremd war.
Diesem Manne nun musste es hochst peinlich sein, dass der Graf seit einigen Monaten auf dem Schlosse lebte, ohne dass er erfahren konnte, wesshalb. Denn ihm schien es unnaturlich, dass ein Mann wie der Graf, der beinah funfzig Jahr alt war und seit zwanzig Jahren unumschrankter Besitzer eines grossen Vermogens, der sich in der ganzen Zeit wenig um seine Guter bekummert, sondern immer abwechselnd in den grossten Stadten Europas gelebt hatte, nun auf ein Mal, und zwar im Herbst, sich ohne Ursache auf eines seiner Schlosser zuruckziehen sollte. Ebenso hatte er nur dunkle Nachrichten uber die Art, wie die Verbindung zwischen dem Grafen und der Grafin sich gebildet hatte, denn obgleich die Grafin in Schlesien geboren war, so war sie doch im Auslande mit dem Grafen verheirathet worden, und er wusste nicht einmal recht, wo? Der Graf war der protestantischen Kirche zugethan, dagegen war die Grafin katholisch, ja er hatte dunkel gehort, sie sei dazu bestimmt gewesen, sich dem Kloster zu weihen, und er hatte nie erfahren konnen, was ihren Entschluss konnte geandert haben.
Der einzige Bruder der Grafin hatte grosse Besitzungen, die kaum zehn Meilen von dem jetzigen Wohnorte des Grafen entfernt waren, aber auch er war seit langer Zeit abwesend, und der Pfarrer wusste nicht einmal, wo er sich aufhielt. Der Graf und die Grafin behandelten sich gegenseitig mit grosser Achtung, aber mit einer gewissen Zuruckhaltung, und es liess sich nicht bestimmen, ob sie glucklich oder unglucklich mit einander lebten. Selbst der alte Dubois war ihm eine rathselhafte Person, und er konnte es nicht herausbringer, wesshalb er von dem Grafen und der Grafin mit so viel Schonung, Achtung und Aufmerksamkeit behandelt wurde.
Diese Fragen, die er sich selbst oft vorgelegt hatte, ohne sie befriedigend beantworten zu konnen, glaubte er, wurden ihm nun wenigstens zum Theil aufgelost werden. Denn da der Arzt mit dem Grafen gekommen war und, wie es schien, ihn schon eine Zeitlang auf seinen Reisen begleitet hatte, so glaubte er, dass dieser ihm uber Vieles Aufschluss geben konnte.
Es war dem Pfarrer zu vergeben, dass er so falsche Hoffnungen auf den Arzt grundete, er hatte noch nicht Gelegenheit gehabt, ihn naher kennen zu lernen, nur bei Kranken hatte er ihn einigemal angetroffen, die die ganze Aufmerksamkeit des Arztes in Anspruch nahmen, und es war zwischen ihm und dem Pfarrer von nichts die Rede gewesen, als von dem Zustande dieser Kranken. Er hatte also nicht bemerken konnen, dass der Arzt zu den unschuldigen Egoisten gehorte, die nur sich selbst beachten und nur ihre Wissenschaft verehren, fur die also die ubrigen Menschen nur in so weit bedeutend sind, als sie diese Wissenschaft an ihnen ausuben konnen. Darum war ein gefahrlich Kranker fur ihn von hochster Wichtigkeit, der seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm, dem er alle seine Zeit, alle seine Gedanken widmen konnte, und fur den er eine dankbare Liebe gewann, wenn er endlich, nachdem er sich punklich allen Vorschriften unterworfen hatte, genas, und durch Leben und Gesundheit zeigte, dass die Wissenschaft uber die Krankheit zu triumphiren vermag. Dagegen hatte er eine Art von Verachtung gegen Personen, die haufig leiden, ohne sich fur eine bestimmte Krankheit zu entscheiden und sie nach den Regeln durchzumachen, deren reizbare Seele nachtheilig auf den Korper wirkt, und die dann, wenn der Korper dem Uebel erliegt, das ihm die Seele zufugt, zum Arzte ihre Zuflucht nehmen. Zu diesen Unglucklichen gehorte eigentlich die Grafin, und es war dem Arzt jedesmal verdriesslich, wenn er zu ihr gerufen wurde. Gesunde konnten in der Regel nur in so fern darauf Anspruch machen, seine Theilnahme zu erregen, als er sie geeignet fand, mit ihnen uber seine Wissenschaft oder uber sein Leben zu reden. Denn so arm und eng sein Leben auch war, so hochst wichtig, bedeutend und lehrreich erschien es ihm; der kleinste Vorfall dunkte ihm eine wunderbare Begebenheit, die nicht verfehlen konnte, ein grosses Interesse zu erregen; seine Meinungen und Ansichten kamen ihm entscheidend vor, und er hatte keine Ahnung davon, dass er von der Welt und dem Leben gar nichts wusste, denn er hielt sich sonderbarer Weise mit allen diesen Eigenheiten fur einen Weltmann.
Diese beiden nun sassen im Zimmer des Arztes, Jeder in einer Ecke des Sophas behaglich Taback rauchend, der Pfarrer mit dem bestimmten Plane, so viel als moglich vom Arzte zu erfahren, und dieser im Nachdenken versunken, wie sein Kranker auf's Beste zu behandeln sei.
Sind Sie schon lange mit dem Herren Grafen auf Reisen? unterbrach endlich der Pfarrer das Stillschweigen.
Auf Reisen? erwiederte der Arzt; ich bin gar nicht mit ihm auf Reisen gewesen, ich liebe solide Studien, das kann man auf Reisen nicht haben. Ich war eine Zeitlang in Wien in des Grafen Hause und bin dann mit ihm hieher gereist, wo ich mich ganzlich nieder zu lassen denke. Ja, ja! rief er lachelnd, ich will mich hier ansiedeln, Sie hatten wohl nicht gedacht, dass ich hier meine Hutte bauen will.
Die Gegend ist ausserst angenehm, sagte der Pfarrer, das wurden Sie im Fruhlinge finden, jetzt kann es Ihnen freilich wenig hier gefallen.
Ei, sagen Sie das nicht, rief der Arzt, ich bin sehr angenehm beschaftigt gewesen, so lange ich hier bin, ich habe drei so merkwurdige Kranke, dass mich die Aerzte in Wien darum beneiden wurden. Der eine, wissen Sie, ist der alte Schmidt, bei dem ich Sie einmal antraf, wie heisst er doch gleich? ich fand ihn in dem erbarmlichsten Zustande von der Welt, als ich hier ankam, jetzt fangt er an sich zu erholen, dass es eine Freude ist ihn anzusehn; bring' ich den Menschen den Winter durch, so sollen Sie sehen, er wird vollkommen hergestellt. Der Leinweber, das ist wahr, der ging mir drauf, aber es war auch nichts an dem Menschen, er horte nicht, er folgte nicht, er wollte nach seinem Kopfe leben, und er hat gesehn, was dabei heraus kommt.
Der Pfarrer wollte nichts horen von Leuten, die er in allen ihren Verhaltnissen genau kannte, und suchte desswegen das Gesprach auf andere Gegenstande zu lenken. Ich meine, sagte er, die Natur kann jetzt keinen Reiz fur Sie haben, die im Fruhling und Sommer hier unglaublich schon ist.
Freilich, freilich, erwiederte der Arzt, die Natur schlummert jetzt, aber die Studien, Herr Pfarrer, die Studien mussen uns schadlos halten, der Graf hat auf meinen Vorschlag alle neueren medicinischen Schriften kommen lassen, die alteren besitze ich langst selbst, dabei wird mir der Winter verfliegen, dass ich es beklagen werde, wenn er vorbei ist.
Sie leben wenig in der Welt, wie es scheint, bemerkte der Pfarrer. In der Welt, antwortete der Arzt, wie sollte ich nicht? Ich lebe immerfort in der Welt, von einem Kranken geht es zum andern, von Hohen zu Niedern, von Niedern zu Hohen, dadurch gewinnt man Menschenkenntniss, Herr Pfarrer, vor dem Arzte versteckt man sich nicht, der Arzt ist wie der Beichtvater, er durchschaut die innerste Seele.
Sie haben Recht, sagte der Pfarrer, und manche Uebel konnten wohl nur der Arzt und der Beichtvater gemeinschaftlich heilen.
Solche Uebel sind mir zuwider, sagte der Arzt, eine reine, vernunftige Krankheit, da weiss man, was man thun soll, und wenn in solchem Falle der Korper auf die Seele wirkt, der Kranke schwermuthig, trubsinnig wird, so weiss man, wie man ihn erheitern, zerstreuen soll; man liest ihm vor, man erzahlt ihm, und ist es so weit, dass es angeht, so fuhrt man ihn spazieren. Aber wo die Seele auf den Korper wirkt, mit solchen Kranken ist gar nichts anzufangen.
Sollte nicht die Frau Grafin eine solche Kranke sein? fragte der Pfarrer mit schlauer Miene.
Ei, ei! rief der Arzt erstaunt, ja beinah erschreckt, wer hat Ihnen das verrathen? Meine Lippen sind versiegelt, ich bin stumm wie das Grab; schandlich der Arzt, der eines Missbrauches dessen fahig ist, was er an seinen Kranken bemerkt.
Ich glaubte, sagte der Pfarrer, man kann es der Grafin auf den ersten Blick ansehen, dass sie nicht glucklich ist.
Wie so? fragte der Arzt besturzt; woran wollen Sie das bemerkt haben?
Sie hat etwas Schwermuthiges in den Augen, erwiederte der Pfarrer, ihre Stirn ist nicht heiter, die Blasse der Gesichtsfarbe scheint die Folge von Gram und Kummer zu sein, sie thut sich selbst Gewalt an, um an der Unterhaltung Antheil zu nehmen; das Alles weist hin auf einen entweder durch eigene, oder durch fremde Schuld gestorten Seelenfrieden.
Der Arzt schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich glaube, die Grafin ist ungern hier, sie scheint das Landleben zu hassen, sie ist mehr fur die grosse Welt. In der ersten Woche, die wir hier zubrachten, verliess sie beinah ihr Zimmer nicht, und ich sah sie gar nicht. Endlich fuhrte mich der Graf eines Abends zu ihr, und ich fand sie so angegriffen, so verwandelt, dass ich mich recht entsezte. Es war mir leicht einzusehen, dass Gemuthsbewegungen das Alles hervorgebracht hatten; ich sagte es ihr klar und deutlich, dass sie selbst das Beste dafur thun musste, um sich herzustellen, dass meine Mittel allein nicht wirken konnten. Sie verstand mich nicht und wollte mich nur los sein, um wieder den ganzen Abend zu weinen, wie das solche Kranke an sich haben; aber ich sagte ihr gerade heraus, dass sie Gesellschaft brauche und sich zerstreuen musse; ich bot ihr an, eine Parthie Schach mit mir zu spielen, dazu hatte sie mich sonst zuweilen aufgefordert; ich meinte es aufs Beste, aber nichts war mit ihr anzufangen, der Graf mischte sich hinein und wollte behaupten, Einsamkeit wurde heute am Wohlthatigsten auf sie wirken. Ich bewies ihm deutlich, dass er sich irrte, und gab ihm zu verstehen, dass er von der Medicin nichts wusste, und konnen Sie denken, ein so gescheiter Mann, als der Graf, wurde empfindlich und sagte mir ganz trocken: meine Einsicht moge die bessere sein oder nicht, man musse auf jeden Fall dem Wunsche der Grafin nachkommen.
Mein Amtseifer verleitete mich zu sagen: Wenn es also der Wunsch der Frau Grafin ist, ihre Gesundheit vollig zu Grunde zu richten, so muss ich als Arzt ihr darin beistehen? Ich sah wohl, dass der Graf bose wurde, aber ich war so aufgebracht in dem Augenblick, dass ich Alles aufs Spiel setzte und mich um die Folgen nicht bekummerte, wenn sie auch die entsetzlichsten gewesen waren. Die Grafin sagte einige Worte englisch zum Grafen, sie weiss, das verstehe ich nicht, und auf einmal war der Graf ganz ruhig. Sie bat mich nun, den andern Morgen zu ihr zu kommen, und versprach mir, dann eine ernstliche Kur anzufangen und Alles, was ich verordnen wurde, gewissenhaft zu brauchen. Was blieb mir ubrig, ich musste gehen, aber ich fuhlte damals, lieber Herr Pfarrer, die Wahrheit der Behauptung: dass es keine Rosen ohne Dornen gibt; ich fuhlte mich in einer, einem Manne nicht geziemenden Abhangigkeit vom Grafen und bedurfte aller meiner Philosophie, um mich uber mein Schicksal zu trosten.
Es scheint also, bemerkte der Pfarrer, dass die Grafin sehr auf den Grafen einwirkt, dass seine Ansichten sich nach den ihrigen richten, mit einem Wort, dass sie eine gewisse Herrschaft uber ihn ausubt.
Ja, ja! rief der Arzt, das mag wohl sein, da zunden Sie mir ein grosses Licht an, Herr Pfarrer, wodurch ich auf einmal die richtige Ansicht bekomme. Es ist doch sonderbar, dass ich immer in meinen wichtigsten Lebensverhaltnissen mit Frauen zusammentreffe, die ihre Manner beherrschen.
Ist Ihnen das schon ofter begegnet? fragte der Pfarrer lachelnd.
Auf eine hochst merkwurdige Weise ist es mir begegnet, entgegnete der Arzt, im wichtigsten Augenblick meines Lebens ist es mir begegnet. Ich ware beinah Ihr Amtsbruder geworden, mussen Sie wissen, ich studirte Theologie, meine Angehorigen wunschten es, man verschaffte mir ein Stipendium, und der erste Professor der Theologie auf der Universitat, die ich bezog, war mein Oheim. Ich verschweige den Namen der Universitat, ich will Niemanden schaden: Sie sehen, ich hatte brillante Aussichten. Aber ich darf wohl sagen, von der Wiege an verfolgte mich das Ungluck, vernichtete meine schonsten Traume und stahlte mich eben dadurch zum Philosophen.
Was begegnete Ihnen denn so Seltsames? fragte der Pfarrer mit gespannter Neugierde.
Denken Sie, antwortete der Arzt, ich komme an und finde meinen Oheim, den Professor, verheirathet.
Nun, sagte der Pfarrer lachelnd, das ist weder seltsam, noch merkwurdig, beinah alle Professoren sind verheirathet.
Ja, aber wie war er verheirathet, versetzte der Arzt, darauf kommt es an. Entwurdigt hatte er sich, erniedrigt bis zur Verbindung mit seiner Haushalterin, einer rohen Person, die von Bauern abstammte, keine Kenntnisse hatte, als was Kochen und Waschen anbetraf, eine Gesellschafterin, die eines Gelehrten vollig unwurdig war. Ich uberwand mich, diese rohe Bauerin Frau Base zu nennen, weil ich niemals gegen die Pflichten der feinen Lebenart verstosse; ich liess mir aber die Ueberwindung deutlich merken, die es mich kostete, um meiner eignen Wurde nichts zu vergeben, und die rachsuchtige Furie verfolgte mich von dem Augenblick an. Ich bemerkte es bald, dass sie meinen Oheim ganz beherrschte und zu meinem Nachtheil auf ihn wirkte; seine Gute fur mich horte auf, und das Leben in seinem Hause wurde mir sehr verbittert. Dadurch wuchs die Abneigung gegen die Theologie, die ich immer empfunden hatte; meine Neigung zur Medicin wurde grosser, als je; ausserdem erlaubte mir meine schwache Brust nicht zu predigen, und so entschloss ich mich zu handeln wie ein Mann. Ich schrieb meinem Oheim einen Brief, worin ich ihm alle Grunde auseinandersetzte, die meinen Entschluss bestimmten, und nahm von der Theologie Abschied. Ich meldete ihm zugleich, ich wunschte ihn den Abend auf seinem Studirzimmer zu sprechen, um mich mit ihm uber meine Laufbahn zu berathen. Ich stellte mich ein zu der Stunde, die ich ihm bestimmt hatte, aber denken Sie sich mein Erstaunen, er war abwesend, und auf seinem Studirzimmer traf ich statt seiner die Megare, sein Weib. Er hatte die Schwachheit gehabt, ihr mein Schreiben mitzutheilen, und sie sturmte mir mit einem Strom von Scheltworten entgegen, nannte mich unsinnig, dass ich mein Studium aufgeben wollte, fragte mich, wovon ich leben wollte, ob ich ihr zur Last zu fallen gedachte, und was der Gemeinheit mehr war. Ich, emport, dass eine so unwurdige Person sich ein Urtheil uber Manner anmassen wollte, deren Handlungen sie gar nicht fahig war, zu begreifen, sagte, indem ich meine Stimme bedeutend erhob, mit einem Ausdruck von Wurde, der sie stutzig machte: Frau Professorin und Frau Base, merken Sie den Spruch und wenden sie ihn auf sich an, denn es ist darin nicht bloss die Kirche gemeint, sondern alles Wurdige und Edle, was fur Manner und nicht fur Weiber gehort, Mulier taceat in ecclesia, dieses verordnete schon der Apostel Paulus.
Nun, sagte der Pfarrer, da ihre Base vermuthlich nicht lateinisch verstand, so ging diese Bitterkeit unschadlich voruber.
Ich ubersezte ihr, was ich gesagt hatte, rief der Arzt, aber nun war es auch hohe Zeit, der Furie zu entrinnen, ich verliess das Zimmer meines Oheims sogleich, und sein Haus vor Anbruch des Tages. Ich schrieb ihm aus Jena, wohin ich nun eilte, um mit ganzer Seele Medicin zu studiren, ich erhielt aber nur eine kurze, trockne Antwort, worin er mir meldete, dass er seine Hand ganzlich von mir abziehe, da ich mich erdreistet habe, seine Gattin mit solcher Frechheit zu beleidigen. Was war zu thun, ich musste mich fugen, und ich kann sagen, dass ich mit geringen Mitteln die Arzneiwissenschaft wie ein Held erobert habe.
Jedoch, wie kamen Sie mit dem Grafen in Verbindung? fragte der Pfarrer, der gern wieder das Gesprach auf diesen Gegenstand leiten wollte, der ihm wichtiger war, als die Lebensgeschichte des Arztes, ob er gleich auch diese nicht ohne Theilnahme anhorte, denn es war ihm ein Bedurfniss geworden, aller Menschen Verhaltnisse genau zu kennen, mit denen er irgend in Beruhrung kam.
Ich hatte es moglich gemacht, sagte der Arzt mit selbstgefalligem Lacheln, indem ich meine eignen Studien trieb, noch so viel durch Unterricht, den ich Andern gab, zu gewinnen, dass ich nicht nur lebte, sondern auch noch ein Summchen ersparte, womit ich mich auf den Weg nach Wien machte, um die grossen Geister der dasigen Region kennen zu lernen. Es ging auch dort muhsehlig, aber es ging doch; ich erreichte meinen Zweck und studirte mit Eifer. Der Graf hielt sich zu der Zeit in Wien auf, er suchte einen geschickten jungen Arzt, der ihn auf seine Guter begleiten sollte, man empfahl mich, und ich erndtete nun die Fruchte meines Fleisses; ich kann bei einem bedeutenden Gehalte nun ein vollig sorgenfreies Leben fuhren und ungehindert mich meinem Lieblingsfach widmen.
Der Pfarrer versuchte es einigemal, das Gesprach wieder auf den Grafen zu lenken; indess die Phantasie des Arztes war zu sehr durch seine eigne wunderbare Lebensgeschichte angeregt und alle Fragen, die der Pfarrer an ihn richtete, er mochte sie wenden, wie er wollte, fuhrten den Arzt immer wieder auf einen Vorfall seiner Jugend oder Kindheit, so dass nichts mehr aus ihm herzubringen war, und der Pfarrer, verdriesslich uber die geringe Ausbeute, die er gemacht hatte, sich endlich entschloss, zu Bette zu gehen. Er verabredete noch vorher mit dem Arzte, dass sie um funf Uhr am andern Morgen aufstehen und den alten Dubois von seiner Krankenwache ablosen wollten.
Nach dieser Verabredung begaben sich beide zur Ruhe, und uberliessen sich den Traumen, die ihrem Lager nahen wollten.
IV
Mit dem Schlage funf stand der Pfarrer, der in allen Geschaften hochst punktlich war und sein ganzes Leben zum Geschaft machte, vor dem Bette des Arztes und ermahnte ihn, der Verabredung gemass, aufzustehen, indem er ihm zugleich anzeigte, dass der Kaffee schon auf dem Tische stehe, wie sie es am vorigen Abend bestellt hatten.
Der Arzt sprang auf, kleidete sich mit grosser Hast an und rieth dem Pfarrer, seine Morgenpfeife beim Kaffee zu rauchen, weil er nicht zugeben konne, dass im Zimmer des Kranken geraucht wurde. Er selbst machte das Kaffeetrinken eilig ab, denn er hatte eine grosse Begierde, den Kranken zu sehen. Nach wenigen Minuten begaben sich beide, Arzt und Pfarrer, nach dem Krankenzimmer; sie fanden den Verwundeten ruhig schlummernd und den alten Haushofmeister neben dem Bette desselben in einem Lehnstuhl sitzend. Er hatte seine silbergrauen Haare mit einer weissen Nachtmutze bedeckt, Pantoffeln an den Fussen, seinen weiten braunen Ueberrock bis oben zugeknopft und las mit der Brille auf der Nase andachtig in einem franzosischen Gebetbuche, beim Schein einer Lampe, deren Schimmer er so gerichtet hatte, dass der Kranke nicht von den Lichtstrahlen belastigt wurde.
Nun, wie gehts, bester Herr Dubois, rief der Arzt eilig, wie geht's mit unserm jungen Manne? Sie haben mich nicht gerufen, in der Nacht ist also wohl nichts vorgefallen?
Der Kranke, versetzte der Haushofmeister, erwachte aus seinem Schlummer vor einigen Stunden, er blickte um sich und wollte sich aufrichten; es war ein ruhrender Anblick, dem armen jungen Mann fehlten die Krafte, ich bat ihn ruhig zu sein. Wo bin ich? fragte er franzosisch. Ich gab ihm in der Kurze einige Auskunft, ich weiss aber nicht, ob er mich verstanden hat; er forderte zu trinken, und als ich seinen Wunsch befriedigt hatte, sank er wieder in Schlummer, wie Sie ihn noch sehen.
Es ist gut, sagte der Arzt, es ist sehr gut, indem er den Puls des Verwundeten lange mit bedachtigen Mienen untersuchte. Jetzt, alter Freund, konnen Sie zu Bett gehen, und wir Beide, der Herr Pfarrer und ich, wollen die Krankenwache ubernehmen.
Ware es nicht besser, wenn ich hier bliebe? fragte der Haushofmeister; der junge Mann hat sich vielleicht schon an meinen Anblick gewohnt, auch kann ich mich ihm verstandlich machen.
Meinen Sie, es konne Niemand hier franzosisch sprechen als Sie? sagte der Arzt empfindlich; ich spreche so gut als Sie, und kann also mich dem Kranken eben so wohl verstandlich machen. Diese letzten Worte fugte er als Beweis der Behauptung, die sie enthielten, franzosisch hinzu, indem er zugleich alles Nothige zum Verbande des Verwundeten auf den Tisch in Ordnung legte; da er aber das Deutsche im hartesten Thuringer Dialekt sprach und diesen auch auf das Franzosische ubertrug, so klangen seine Worte den Ohren des geboren Parisers so rauh, wie die Rede eines Wilden, und er sah den Arzt mit Erstaunen an, der so unbefangen behauptet hatte, dies sei so gutes Franzosisch, als nur immer er, der Pariser, zu sprechen vermoge.
Nun machen Sie, alter Mann, gehen Sie zu Bett, wiederholte der Arzt, Sie mussen durchaus einige Stunden schlafen, sonst werden Sie krank, und dann fallen Sie in meine Hande.
Diese letzte Aeusserung schien in der That Eindruck auf den Haushofmeister zu machen, denn er wollte sich stillschweigend mit einer Verbeugung aus dem Zimmer entfernen, der Pfarrer aber trat ihm in den Weg und ersuchte ihn, doch sogleich einen Boten zu schicken und den Kreisarzt aus dem nachsten Stadtchen holen zu lassen; das hatten wir gleich gestern thun sollen, bemerkte er, es wurde aber in der Unruhe vergessen; es ist nothig, dass er den Kranken sieht, der Herr Graf konnte sonst Ungelegenheiten haben. Dubois entfernte sich, um diesen Auftrag zu besorgen und sich dann zur Ruhe zu begeben. Der Arzt wartete auf das Erwachen des Kranken, und der Pfarrer fing an, den Bericht an die Regierung uber ihn aufzusetzen. Diese Gesellschaft wurde nach einigen Stunden durch den Kreisarzt vermehrt. Der Kranke erwachte, seine Wunden wurden von allen Dreien gemeinschaftlich untersucht und verbunden, und auf einige Fragen, die er thun wollte, wurde er von Allen gemeinschaftlich bedeutet, dass er in guten Handen sei, aber sich furs Erste alles Sprechens enthalten musse, wenn er sein Leben erhalten wolle. Die grosste Ermattung des Verwundeten machte, dass er sich geduldig in Alles fugte, was uber ihn beschlossen wurde, und die fremden Menschen, die ihn umgaben, mit ruhigem Erstaunen betrachtete.
Nach acht Uhr vermehrte der Graf die Gesellschaft; man hatte ihm die Gegenwart des fremden Arztes gemeldet; er begrusste ihn hoflich und erkundigte sich mit vieler Theilnahme nach dem Verwundeten.
Nachdem ihm die Aerzte und der Pfarrer berichtet hatten, was sich nach der ruhigen Nacht, die der Kranke gehabt hatte, Gutes hoffen liesse, naherte sich der Graf dem Bette desselben. Der junge Mann richtete seine grossen dunkeln Augen auf den Grafen und schien ihn als den Herren des Hauses zu erkennen, denn er versuchte es sich empor zu richten. Der Pfarrer aber und der Doktor Lindbrecht, so war der Name des Hausarztes, riefen ihm zugleich zu: er solle alle Anstrengungen unterlassen. Der Graf, der sich neben seinem Lager nieder liess, bat ihn, indem er seine Hand fasste, ruhig zu bleiben und nicht selbst durch unnothige Anstrengungen seine Herstellung zu verzogern. Ein schwacher, kaum merklicher Druck der Hand, womit der seinige erwiedert wurde, zeigte dem Grafen, dass ihn der Kranke verstand. Er gab ihm nun selbst Nachricht, wo er sich jetzt befande, und bat ihn, sein Haus so zu betrachten, als ob er im Hause seines Vaters ware, und alle Hulfe und Dienste, die man ihm gerne leisten wolle, so ruhig anzunehmen, als ob er sie von seinen nachsten Angehorigen empfinge.
Trotz seiner grossen Schwache richtete der Kranke einen so ruhrend dankbaren Blick auf den Grafen, dass dieser sich wunderbar erweicht fuhlte. Es war ihm, als ob aus den dunkeln Augen des Kranken ein theurer, geliebter Freund zu ihm aufblickte, auf dessen Namen er sich nur nicht gleich besinnen konne. Er betrachtete nachdenkend das schone, edle, obwohl durch Krankheit entstellte Gesicht des jungen Mannes, die dunkeln Haare, die sich in weichen Locken um die hohe, kuhne Stirn legten, den wohlgeformten Mund; Alles dunkte ihm so bekannt, und doch konnte seine Seele das Bild nicht finden, dem dieser Jungling glich.
Nach einigen Augenblicken bemerkte der Graf, dass unwillkuhrlich alle im Zimmer Anwesenden ihm nachahmten und den Verwundeten eben so ernsthaft betrachteten, wie er selbst, welches den jungen Mann zu qualen schien. Er wandte sich also an den Pfarrer mit der Bitte, ob er ihm nun behulflich sein wolle, den nothigen Bericht an die Regierung abzufassen. Ich glaube, sagte der Pfarrer, es wird weiter nichts nothig sein, als, was ich hier aufgesezt habe, zu unterschreiben. Mit diesen Worten reichte er dem Grafen den fertigen Aufsatz hin, der ihn durchlas und sich nicht enthalten konnte, innerlich zu bemerken, dass der Pfarrer wohl nicht in der burgerlichen Welt auf seiner rechten Stelle stehe, und dadurch ein vortrefflicher Jurist verloren gegangen sei. Es herrschte eine Genauigkeit in diesem Aufsatze, die jedem moglichen Verdruss in der Zukunft vorbeugte, und diese Genauigkeit war mit einer bewundernswurdigen Kurze und Deutlichkeit verbunden. Die Uniform des Verwundeten war beschrieben, wodurch die Gerichte, wenn ihnen daran gelegen war, ausmitteln konnten, zu welchem feindlichen Regiment er gehore.
Die Zeugnisse der Aerzte waren diesem Bericht beigelegt, und der Graf hatte in der That nichts weiter nothig, als seine Unterschrift hinzuzufugen.
Mit grossem Vergnugen bemerkte der Graf die Brauchbarkeit des Pfarrers, und der Gedanke ging schnell durch seine Seele, ob er sich nicht an ihn in manchen Angelegenheiten wenden sollte, die er ungern gerichtlich betreiben wollte, und wo sich ihm vielleicht in der Person des Pfarrers unvermuthet ein guter Unterhandler darbot. Nur die vorschnelle Art desselben, sich in alle Gesprache zu mischen, die unbescheidene Zudringlichkeit, womit er sich uber Dinge zu fragen erlaubte, die man nicht beantworten wollte, machte den Grafen irre, und er furchtete, ein unbescheidener Frager mochte nicht mit Bescheidenheit schweigen konnen. Indem der Graf diess dachte, ruhten seine Augen forschend auf dem Pfarrer, der sich diesen Blick nicht erklaren konnte und sich verdriesslich nach dem Arzt umsah, den er fur einen halben Narren hielt, von dem ein vernunftiger Mensch nichts erfahren konne.
Der Graf besann sich, dankte dem Pfarrer sehr hoflich, unterschrieb den Bericht, sendete ihn ab und nahm sich vor, den Geistlichen genauer zu beobachten und auf eine gute Art Erkundigungen uber seinen Charakter einzuziehen, um dann diesen Nachrichten und seinen Beobachtungen gemass sein Vertrauen zu bestimmen.
Der Pfarrer sowohl, als der fremde Arzt blieben der Mittag noch auf dem Schlosse und verliessen es nach der Tafel, ohne dass weiter etwas Erhebliches vorgefallen ware. Es war naturlich, dass sich beinah alle Gesprache um die Begebenheiten drehten, die alle Gemuther mit Sorgen erfullten. Die ungluckliche Schlacht bei Jena und ihre bekannten Folgen liessen befurchten, dass sich die Feinde auch uber diesen Theil von Schlesien verbreiten wurden; Alle glaubten, dass man es nur den engen Schluchten zu danken haben wurde, die zu dem jetzigen Wohnorte des Grafen fuhrten, wenn das Schloss von feindlichem Besuche verschont bliebe; desto mehr war fur die andern Besitzungen des Grafen zu befurchten. Der Pfarrer erschopfte sich in Vermuthungen, welche Veranlassung den franzosischen Offizier konnte nach einem so einsamen Orte im Walde gefuhrt haben, wie der war, wo man den jungen verwundeten Mann gefunden hatte. Eben so war es unbegreiflich, Wer seine Gegner gewesen sein konnten, da die vielen Wunden, die er empfangen, bewiesen, dass kein Zweikampf vorgefallen war, sondern wahrscheinlich mehrere Gegner den Unglucklichen niedergehauen hatten. Da Spuren von Pferden bemerkt worden waren, so liess sich vermuthen, dass Reiter diese Handlung verubt und nach dem Falle des jungen Mannes sein Pferd mit sich gefuhrt hatten; denn da er selbst mit Sporen gefunden worden, so konnte man annehmen, dass auch er zu Pferde gewesen war.
Es lasst sich nicht ausmitteln, sagte der Graf, wie die Begebenheit zusammenhangt, wir mussen uns in Geduld fugen, bis die Brustwunden des Kranken so weit geheilt sind, dass er selbst sprechen und uns die nothigen Aufschlusse geben kann. Der Pfarrer gab diese Nothwendigkeit mit einem Seufzer zu und bemerkte nur: wenn der Kranke an seinen Wunden sterben sollte, so werde man niemals den Zusammenhang erfahren. Die Grafin wendete sich erschreckt an die Aerzte und fragte, ob sie die Wunden fur so gefahrlich hielten. Beide mussten es zugeben, dass hauptsachlich die grosse Erschopfung den Zustand des jungen Mannes gefahrlich mache, und dass man nur durch die sorgfaltigste Pflege und die Jugend des Kranken eine ungewisse Hoffnung begrunden konne. Die schone Emilie in der unschuldigen Regung ihres Herzens verbarg ihr Mitleid nicht und sagte mit grosser Ruhrung: Ach Gott, wie traurig muss es fur eine Mutter oder Schwester sein, einen Sohn oder Bruder in der Bluthe der Jugend zu verlieren. Und wenn nun dieser vollends hier sterben sollte, wir wissen nicht, wer er ist; wir konnen seinen Angehorigen keine Nachricht geben, und sie haben nicht einmal den traurigen Trost zu erfahren, dass die Leiden seiner letzten Stunden in so weit gelindert worden sind, als es in menschlichen Kraften steht.
Die Grafin, obgleich gewohnt, alle ihre Empfindungen zu beherrschen, konnte eine schmerzliche Theilnahme nicht verbergen, und man sah es ihr an, dass sie sich erleichtert fuhlte, als die Fremden das Schloss verliessen. Sie ausserte, ehe sie sich auf ihr Zimmer zuruckzog, den Wunsch, den alten Dubois zu sprechen, um ihm einige Auftrage zu geben, und der Graf versprach, ihn ihr zu schicken und indessen selbst bei dem Kranken zu bleiben.
Als der Haushofmeister das Zimmer seiner Gebieterin betrat, fand er sie in heftiger Bewegung mit gefalteten Handen, den thranenschweren Blick zum Himmel gerichtet, und horte noch einige Worte eines klagenden Gebets, mit dem sie Trost und Ruhe vom Himmel herab rufen zu wollen schien. Der alte Mann stand in seiner gewohnlichen Stellung in der Nahe der Thure und richtete einen schuchtern-flehenden Blick auf die Grafin, die, als sie ihn bemerkte, schnell ihre Augen trocknete, dann das Gesicht einige Minuten mit der Hand bedeckte, als wolle sie die Spuren des Schmerzes im Verborgenen von ihrem Antlitz vertilgen. Der treue Diener wartete, bis sie ihn anreden wurde, und endlich naherte sie sich ihm mit erzwungener Ruhe und sagte: Ich will eine Frage an Sie thun, lieber Dubois, die mich Ueberwindung kostet. Man horte es ihrer Stimme an, mit welcher Anstrengung sie sprach, es schien, dass ein gewaltsam zum Herzen zuruckgedrangter Schmerz die Brust beklemmte, und ihr das Athmen und das Sprechen beinahe unmoglich machte. Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit noch leiserer, ungewisserer Stimme fort: Haben Sie nicht an dem Verwundeten eine auffallende Aehnlichkeit bemerkt mit sie zitterte und schwieg; ein Blick auf den alten Diener zeigte ihr, dass er sie verstand, denn seine alten Augen fullten sich mit Thranen; er faltete unwillkuhrlich die Hande und neigte einigemal bejahend sein graues Haupt. Der gewaltsam in die Brust der Grafin zuruckgedrangte Schmerz behauptete nun sein Recht und stromte in Thranenfluthen aus ihren Augen; die stillen Seufzer losten sich in Klagen auf, die den Himmel der Ungerechtigkeit beschuldigten, und der erschreckte Alte wusste nicht, was er thun sollte, um diese Sturme zu beruhigen. Erschopft sank die Grafin endlich in einen Lehnstuhl nieder. Das Feuer ihrer Augen erlosch, die bleichen Wangen wurden noch bleicher, und die zitternden Hande, schien es, suchten ein befreundetes Wesen. Es schien, als wolle der Lebensfunken der unglucklichen Frau erloschen, oder wenigstens eine tiefe Ohnmacht sich ihrer bemeistern.
Sie fuhlte ihren Zustand und suchte ihn durch die Kraft ihrer Seele zu beherrschen, der Schmerz in ihren Zugen wurde milder, sie richtete das matte Auge auf den alten Diener, der in stummen Thranen ihr zur Seite stand. Lassen Sie uns ruhig sein, guter Dubois, sagte sie mit kranker Stimme, ich wollte Ihnen auftragen, wo moglich den Namen des jungen Mannes zu erforschen, vielleicht hat er Papiere bei sich, die Auskunft geben, vielleicht es ist Wahnsinn, Dubois, was ich hoffe, ich weiss es, und dennoch, ich bitte, thun Sie, wie ich Ihnen sage. Der Alte versprach, was die Grafin von ihm forderte, und warf, ehe er sich entfernte, einen fluchtigen Blick in den Spiegel, um zu sehen, ob sein Gesicht und seine Haltung keine Spur des Schmerzes zeigte, den er so eben mit seiner Gebieterin getheilt hatte, und den er den Grafen nicht wollte bemerken lassen. Bitten Sie Fraulein Emilie zu mir, rief ihm die Grafin mit matter Stimme nach.
Emilie eilte zur Grafin. Der Haushofmeister hatte ihr gesagt, sie befande sich nicht wohl, aber Emilie bebte zuruck, als sie die Grafin erblickte, die vollig ermattet noch im Lehnstuhl sass, und deren bleiches Gesicht noch feucht von Thranen war, die ihren Augen unwillkuhrlich immer wieder von Neuem entstromten. Komm zu mir, liebe Emilie, sagte die Grafin, Du musst Geduld mit mir haben, Du sanftes Kind, ich plage Dich mehr, als ich mir selbst verzeihe.
Was ist Ihnen begegnet, fragte Emilie mit angstlicher Stimme, das Sie so erschuttert haben kann? Soll ich den Onkel rufen? Soll man den Arzt kommen lassen?
Nein, mein Kind, sagte die Grafin matt aber bestimmt, ich will den Grafen nicht durch meinen Zustand beunruhigen, und der Arzt kann mir nicht helfen.
O! wusste ich ein Mittel, sagte Emilie, indem sie die Hand der Grafin weinend kusste, wodurch Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe hergestellt werden konnten.
Befremdet sah die Grafin ihre junge Freundin an, die errothend die Augen niedersenkte und durch ihre Verlegenheit verrieth, dass sie aus Liebe und Mitleid sich ubereilt, und mehr gesagt hatte, als sie sich erlauben wollte. Wesshalb glaubst Du, dass mir Ruhe des Herzens mangelt? fragte die Grafin nach kurzem Stillschweigen.
Emilie war zu wahr, als dass sie sich nun durch halbe Antworten hatte aus der Verlegenheit ziehen konnen; auch war die Grafin zu klug, als dass sie sich anders als scheinbar durch solche Antworten wurde haben befriedigen lassen, und Emilie ware in Gefahr gerathen, Achtung und Vertrauen ihrer Tante vollig zu verlieren, und als eine Auskundschafterin der Handlungen und der Gedanken derselben betrachtet zu werden; sie entschloss sich also offenherzig zu antworten, wenn sie auch die Grafin dadurch kranken sollte. Warum antwortest Du mir nicht, fragte diese ein wenig ungeduldig ihre junge Freundin, die noch von Rothe uberzogen, verlegen, mit niedergeschlagenen Augen vor ihr stand.
Weil ich Sie kranken musste, wollte ich diese Frage beantworten, die meine Unbesonnenheit veranlasst hat, sagte Emilie, indem sie die schonen blauen Augen freimuthig auf die Grafin richtete.
Sprich aufrichtig mit mir, sagte diese in mildem Tone und doch halb misstrauisch erwartend, welche Erklarung nun folgen wurde.
Sie sind so weit erhaben, sagte Emilie, uber Eitelkeiten und ahnliche kleinliche Leidenschaften, die manchen Frauen eine ungleiche Laune geben, Ihr Geist ist zu gebildet, als dass Sie aus Eigensinn eine solche haben konnten, und dennoch Emilie schwieg zogernd, Und dennoch? fragte die Grafin, ich bitte Dich fahre freimuthig fort.
Ich muss es, sagte Emilie, nachdem unser Gesprach diese Wendung genommen hat; Sie haben mir so viele Gute bewiesen, dass Sie mich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet haben, und ich bin in Gefahr, dass sie mich nun als undankbar verabscheuen werden.
Nein, nein, sagte die Grafin, sprich ohne Zogerung und weitere Einleitung.
Bei der Gute Ihres edeln Herzens, bei der Grossmuth Ihrer Seele, sagte Emilie, konnen Sie dennoch in der Laune, die Sie eben beherrscht, mich oft so schmerzlich verwunden, mit so krankend wegwerfender Bitterkeit in manchen Stimmungen meine Fehler rugen.
Glaubst Du, fragte die Grafin mit erzwungenem Lacheln, dass Du niemals Tadel verdienst?
Ich bin so thoricht nicht, erwiederte Emilie sanft, aber thue ich meiner mutterlichen Freundin Unrecht, wenn ich glaube, es wurde Gute und Liebe mir die Bahn zeigen, die ich zu wandeln habe, und nicht Bitterkeit und krankender Spott, wenn Ihr Herz die schone Ruhe empfande, die Sie so sehr verdienen? Wurden Sie bei der Grossmuth Ihrer Seele mit solcher Verachtung von der Armuth sprechen, wie Ihre Laune es Ihnen oft gebietet, gegen das hulflose Geschopf, das einzig von Ihrer Freigebigkeit lebt, und das Sie dadurch oft zwingen, die Nahrung, die es Ihrer Gute verdankt, mit seinen Thranen zu benetzen? Kann diese Bitterkeit, diese Heftigkeit, der Stolz und die Verachtung wohl eine andere Ursache haben, als dass Ihr Herz an verborgenen Qualen leidet, Ihrer Seele der Frieden fehlt, den ich fur Sie so oft mit Thranen vom Himmel erbeten habe?
Emilie schwieg erschrocken und erstaunt uber ihre Dreistigkeit, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte. Die Grafin hatte die Augen ernst auf ihre junge Freundin geheftet, indess sie sprach, doch loste sich dieser Ernst bald in Liebe und Gute auf. Du hast Recht, Emilie, sagte sie, ich habe Dir Unrecht gethan, schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekrankt worden, und Deine Sanftmuth hat mir immer mit Liebe erwiedert. Du hast Recht, diese Ungerechtigkeit entspringt aus einer gequalten Seele, aus einem von tausend Qualen zerrissenen Herzen; aus Erinnerungen an Leiden, die ich nicht vertilgen kann und nicht mittheilen will. Vergieb mir, Emilie, dass ich Dir wehe gethan habe, und statt ein Kind, das ich mir zu plagen erlaubt habe, wirst Du mir kunftig eine Freundin sein, an deren Brust ich uber meinen Kummer weinen kann; nur frage mich nie um diesen Kummer.
Sie breitete, indem sie diess sprach, ihre Arme aus und druckte Emilie mit Liebe an die Brust, die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zartlichkeit erwiederte.
Nach diesen Erklarungen bat die Grafin ihre junge Freundin, sie einige Zeit allein zu lassen, dass sie sich zu sammeln vermochte, und Emilie war verwundert, als nach einer Stunde die Grafin im Gesellschaftszimmer zur Theezeit erschien, zwar noch blass und matt, aber im Aeussern vollkommen ruhig. Sie nahm an allen Gesprachen Antheil, und sprach mit Geist und Feuer uber Musik und Poesie, als die Unterhaltung sich dahin lenkte, und bat zuletzt Emilie, viele ihrer Lieblingslieder zu singen, wozu der Graf bereit war zu accompagniren, so dass der Abend viel heiterer zugebracht wurde, als sich nach einem so sturmischen Tage erwarten liess.
V
Es waren einige Wochen vergangen seit diesen Begebenheiten, ohne dass auf dem Schlosse etwas Merkwurdiges vorgefallen ware. Der Verwundete besserte sich langsam, aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden, um nicht die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen. Die Nachforschungen des alten Dubois waren fruchtlos gewesen, denn es schien, dass man den jungen Mann nach seinem Falle beraubt habe, weil eben so wenig ein Taschenbuch, als Geld oder Uhr oder irgend eine Sache von Werth in seinen Kleidern gefunden wurde. Der Graf hatte dem Haushofmeister aufgetragen, den jungen Mann mit Wasche, Kleidern und Allem, was er bedurfen wurde, zu versorgen, und man musste nun abwarten, bis er selbst Aufschluss uber sein Schicksal geben konnte. Der Pfarrer war mehreremale auf dem Schlosse gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen; der Kranke durfte nicht sprechen, der Arzt wusste nichts anders, als seine Begebenheiten, seine Erfahrungen, seine Empfindungen mitzutheilen, und die Uebrigen wollten sich auf nichts einlassen. Alles, was der Pfarrer in Bezug auf das Ereigniss hatte in Erfahrung bringen konnen, war, dass feindliche Reiterei in der Entfernung von einigen Meilen passirt sei, was wenigstens moglicher Weise in Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte, aber die Nachrichten die er daruber erhalten, waren dunkel, da sie ihm ein wandernder Kramer mitgetheilt hatte, der sie wieder von Bauern erfahren haben wollte. Es blieb nach vielen vergeblichen Versuchen dem Pfarrer nichts anders ubrig, als sich so gut wie alle Andern in Geduld zu fugen.
Der Baron Lobau, Erbherr auf Heimburg, wie er sich gern nennen horte, war ebenfalls auf dem Schlosse gewesen, um der Grafin, wie er sagte, seine Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglucklichen zu erkundigen, dessen Pflege der Graf, wie er nachdrucklich bemerkte, aus Menschenliebe ubernommen habe; man fulte, er wollte, indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte, doch zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern.
Der Baron Lobau war in seiner Jugend am Hofe gewesen und hatte sich damals die feinsten Sitten zu eigen gemacht, Neigung fur das Landleben bestimmte ihn, sich fruh zuruckzuziehn und diesem sich zu widmen; obgleich er nun aber ein hochst thatiger Landwirth geworden war, so hatte er dessen ungeachtet nicht seine Anspruche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben, hatte er auch seit mehr als dreissig Jahren diese glanzende Buhne, auf der er sich in fruher Jugend hatte versuchen wollen, nicht mehr betreten. Er dachte nicht daran, dass auch uber das Betragen die Mode herrsche, und zweifelte keinen Augenblick daran, dass, was zu seiner Zeit als fein, galant und artig angesehen worden, auch noch jetzt so betrachtet werden musse. Er hielt sich fur einen Philosophen, weil er das Landleben liebte, fur einen Hofmann, weil ihm auch Gesellschaft angenehm war, fur einen Gelehrten, wenigstens fur einen sehr gebildeten Mann, weil er einige Bucher gelesen hatte, fur einen Kunstkenner, weil er einige schlechte Bilder und einige hochst mittelmassige Kupferstiche besass, fur einen Staatsmann, weil er alle Rechte genau inne hatte, die sich auf die Provinz, in der er lebte, und auf seine besondern Verhaltnisse anwenden liessen. Er gefiel sich in seiner Wurde als ein bedeutender Gutsbesitzer, von dem viele andere Personen abhangig waren. Er war bei diesen unschuldigen Thorheiten gutig, dienstfertig, wohlwollend und dennoch weniger geliebt, als er es verdiente. Wenige Menschen gaben sich die Muhe, seinen Charakter genau kennen zu lernen, und beinah alle seine Nachbaren fuhlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels an Aufrichtigkeit.
Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkuhrlich zu, denn bei seiner leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf ihn, und da er so viele Neigungen in sich vereinigte, so schloss er sich allemal unwillkuhrlich mit seiner Hoflichkeit und Verehrung dem Reprasentanten eines Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an, der in der Gesellschaft eben am Glanzendsten erschien; so huldigte er abwechselnd dem Reichsten, dem Vornehmsten, dem Gebildetsten, dem Klugsten, dem Kunstler und dem Landwirth; und da er den Fehler beging, den ganzen Vorrath seiner hoflichen Aufmerksamkeit immer diesem einen Begunstigten zu widmen, so geschah es ganz naturlich, dass er alle andern vernachlassigte und eben dadurch beleidigte. Doch gab sich diese unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen, denn da von Zeit zu Zeit jeder seiner ausschliesslichen Aufmerksamkeit sich zu erfreuen hatte, so wurden sie abwechselnd versohnt und beleidigt; nur allein mit dem Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten Verhaltniss, denn da der Fall nie eintrat, dass dieser in Gesellschaft dem Baron als der Reichste, der Vornehmste, der Klugste oder der Gebildetste erschien, so wurde er alsdann jedesmal ganzlich von ihm ubersehen, und er war nur hoflich gegen ihn, wenn er mit ihm allein war, wodurch der Pfarrer, indem er es ihm als Hochmuth auslegte, sich im Inneren sehr beleidigt fuhlte. Seine Empfindlichkeit pflegte er dann durch kurze, mit einer auffallenden Bitterkeit gegebene Antworten auszudrucken, so oft der Baron ihn anredete; dieser dagegen setzte seiner schnoden Bitterkeit dann wieder eine so kalte Hoflichkeit entgegen, dass sie den Pfarrer jedesmal aufs Neue beleidigte, und so erhielt sich in Beiden seit vielen Jahren diese Stimmung. Der Baron glaubte es als einen Verstoss gegen die Hoflichkeit betrachten zu mussen, wenn er im Beisein der Grafin uber die Grenzstreitigkeit sprechen wollte, und doch war es leicht zu bemerken, dass dies Geschaft ihm am Herzen lag und ein Hauptgrund seines Besuches war. Der Graf befreite ihn von der Qual, die er sich auferlegt hatte, daruber zu schweigen, indem er selbst das Gesprach darauf lenkte. Nachdem nun Jeder seine Rechte eine Zeitlang vertheidigt hatte, sagte der Graf: wir wurden neulich davon abgehalten, den ganzen Theil des Waldes zu durchreiten, uber den wir streiten, ich werde beim ersten schonen Wetter den Ritt noch einmal unternehmen, Alles selbst betrachten, und konnen wir auch dann nicht einig werden, so denke ich, sollten wir die Sache Schiedsrichtern anvertrauen. Mit dieser Anordnung musste der Baron zufrieden sein, denn es liess sich nichts Vernunftiges dagegen einwenden, und dennoch hatte er es lieber gesehen, mit dem Grafen allein zu unterhandeln. Man trennte sich freundschaftlich nach dieser Verabredung, und der Graf versprach, sehr bald dem Baron seine Vorschlage mitzutheilen.
In der That lag dem Grafen daran, eine Streitigkeit, die zu Spannungen Anlass geben konnte, sobald als moglich zu beendigen. Er ritt also an einem schonen Wintermorgen, begleitet von seinem Forster, nach der Gegend des Waldes hin; er bemerkte, indem er die Grenzen umritt, dass der Baron in der That den Anspruch, den er machte, nicht begrunden konne, dass aber fur ihn selbst der Verlust nicht bedeutend sein wurde, wenn er sich um des nachbarlichen Friedens Willen zur Abtretung eines Theiles von dem, was der Baron forderte, verstande, und, indem er bei der Stelle wieder vorbei kam, wo Beide den Verwundeten gefunden hatten, beschloss er, dem Baron die Halfte dessen freiwillig anzubieten, was er schwerlich durch einen Rechtsspruch gewinnen konnte, und dann die Grenze zwischen beiden Besitzungen durch diess schone Thal zu fuhren. Erfrischt, gestarkt durch den schonen Wintertag, unter dem heitern blauen Himmel, fuhlte der Graf uberhaupt mehr die Geringfugigkeit ihres Streites, als im geheizten Zimmer, in einem beschrankten Raume, und machte fur sich selbst die Bemerkung, dass die Menschen uberhaupt eigennutziger und eigensinniger in ihren Hausern als unter freiem Himmel sind.
Beschaftigt mit diesen Betrachtungen, naherte er sich dem Dorfe und dem Wohnhause des Pfarrers; es fiel ihm ein, denselben zum Vermittler in dieser kleinen Streitigkeit zu wahlen und vielleicht dadurch eine Veranlassung zu finden, ihn auch in wichtigeren Fallen zu benutzen. Er hielt vor der Wohnung des Geistlichen an, bei dem langst Mittag voruber war, und gab sein Pferd dem Reitknechte, der ihn begleitet hatte, indem er zugleich dem Forster nach Hause zu reiten erlaubte. Als er die niedrige Pforte des Raumes offnete, der das Haus zugleich als Hof und Garten umschloss, sprangen ihm mehrere Hunde von verschiedener Grosse bellend entgegen, die von mehreren Kindern verschiedenen Alters, die im Hofe spielten, augenblicklich zur Ruhe gebracht wurden; einige altere Knaben sprangen eiligst in das Haus, um die Ankunft des Fremden zu melden, die jungern Kinder stellten ihre Schlittenfahrten auf dem Hofe ein, um den Fremden und seine Pferde zu betrachten; der Pfarrer, der den Grafen vom Fenster aus bemerkt hatte, kam ihm an der Thur des Hauses so hoflich und freundlich entgegen, dass man es ihm ansah, er erwarte etwas Ungewohnliches von diesem Besuche. Als der Graf nach den ersten Begrussungen das Zimmer betrat, bemerkte er den Schulzen des Dorfes, der sich vor dem gnadigen Herren, so tief er vermochte, buckte. Nu, lebe Er wohl, mein Freund, sagte der Pfarrer zu dem Landmanne, komme Er morgen wieder, Er sieht, ich habe heute keine Zeit mehr. Der Schulze buckte sich, indem er sich zugleich mit der linken Hand im Kopfe krazte, und blieb zogernd an der Thure stehn.
Wenn der Mann ein Anliegen an Sie hat, Herr Pfarrer, sagte der Graf, so bitte ich, lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht storen. Wenn mir der Herr Graf denn erlauben wollen, sagte der Geistliche sehr freundlich, und indess die Gute haben wollen, Platz zu nehmen; er machte eine einladende Bewegung nach dem Sopha hin, und schob mit dem Fusse zugleich holzerne Pferde, Schubkarren und anderes Spielzeug seiner Kinder aus dem Wege, das auf dem Boden zerstreut lag. Der Graf stieg uber ein aufgestelltes Kegelspiel hinweg, um sich in der Ecke des Sophas niederzulassen, und der Pfarrer wendete sich kurz nach dem Landmanne um und sagte in einem gebietenden Tone: Nun hurtig, Freund, erklare Er sich, was Er von mir zu wissen wunscht.
Der Schulze rausperte sich ein wenig und sagte: Nicht wahr, Herr Prediger, Sie kennen die alte Liese Lemmerten aus Krumbach? Der Pfarrer besann sich ein wenig und fragte: ist das nicht die Schenkwirthin? Der Schulze nickte bejahend. Nun, was ist mit der? rief der Pfarrer, Er sieht, ich habe Eile.
Nun, lachelte der Schulze freundlich: die hat Gott zu sich genommen. Was! rief der Pfarrer mit Verwunderung, ist die gestorben, wie tausend habe ich denn das nicht erfahren?
Ja, sagte der Schulze sehr zufrieden, morgen gehn wir alle zum Begrabniss, meine alte Mutter wird sich auch aufmachen.
Und was geht das mich an? sagte der Pfarrer, Krumbach gehort nicht zu meiner Kirche, was habe ich dabei zu thun?
Nichts, Herr Pfarrer, sagte der Landmann, Sie sollen auch gar nicht zum Begrabniss kommen, ich sagte bloss, ich und meine alte Mutter werden hinuber fahren.
Was will Er denn eigentlich? fragte der Pfarrer ungeduldig. Die Erbschaft, erwiederte der Schulze. Die Lemmerten war eine alte reiche Frau, und von meinem Vater her muss ich erben. Nun da wunsche ich Ihm Gluck, sagte der Geistliche, ich weiss, die Verstorbene muss ein bedeutendes Vermogen hinterlassen haben; der Bauer Kielmann hat auf sein Gut und Haus von ihr funf tausend, der Backer Kohler weiss ich auch, auch der Kramer; zehn bis zwolf tausend Thaler mussen da sein, sagte der Pfarrer, nach meiner kurzen Berechnung, ohne ihr eigenes Haus und ihren Hof.
Ja, aber sie wollen mir nichts geben, klagte weinerlich der Schulze.
Wesshalb? fragte der Pfarrer schnell, Wer will es ihm verweigern, sind nahere Erben da?
Nein, nein, nein! rief der Schulze, gar keine Erben sind da, das ist eben das Ungluck.
O! spreche Er deutlich und nicht unvernunftig, sagte der Prediger scheltend.
Nun, so lassen Sie mich doch die ganze Geschichte erzahlen, erwiederte der Schulze im zankischen Tone. Die alte Liese Lemmerten, nun das war die Schwester von meinem Grossvater, Gott habe ihn selig, nun weiter waren keine Geschwister, als der selige Mann und die selige Frau; nun sehn Sie, die selige Frau hatte keine Kinder, aber mein seliger Grossvater der hatte zwei Kinder, meinen Vater und seine Schwester, nun, und die Schwester, das weiss nun kein Mensch, wo die geblieben ist, und darum soll ich die Erbschaft nicht kriegen, die Person soll erst ausgekundschaftet werden.
Wie wir das horten, da sagte meine alte Mutter: Peter, ich heisse Peter nun Peter, sagte sie, gehe Du nur zum Herren Pfarrer, der Herr Pfarrer weiss Alles, und Deine alte Muhme mag stecken, wo sie will, so kriegt er es heraus, und kriegt er es nicht heraus, so wird es ein Anderer gar nicht herauskriegen.
Wahrend dieses Vortrages war die alte Kinderwarterin herein gekommen und hatte das verschiedene Spielzeug der Kinder vom Boden aufgelesen, um es heraus zu bringen; sie horte des Schulzen Rede mit an und mischte sich, als er geendigt hatte, ohne Umstande in das Gesprach. Seines Vaters Schwester, Herr Schulze, sagte sie, das war ja Lore Breitler, die diente ja, wie ich noch ein junges Ding war, mit mir zusammen bei der seligen Frau Baronin Schlebach auf Seizheim, ich weiss aber nicht, wo sie nachher hingekommen ist.
Das war ja die Mutter der Frau Grafin, sagte der Pfarrer, indem er sich schnell zum Grafen wendete, der diese Frage bejahte.
Komme Er nach dem Begrabniss wieder zu mir, sagte der Pfarrer hierauf zum Schulzen, ich werde suchen Erkundigungen einzuziehen und werde sehen, wie ich Ihm dienen kann.
Der Schulze und die Kinderwarterin verliessen jetzt mit einander das Zimmer, und setzten ihr Gesprach uber Lore Breitler und die zu hoffende Erbschaft noch vor der Thure eine Zeitlang ziemlich lebhaft fort. Der Pfarrer aber wendete sich zum Grafen und bat ihn noch einmal um Entschuldigung, dass er sich habe durch den Landmann abhalten lassen, ihn zu unterhalten.
Ich konnte um so weniger verlangen, erwiederte der Graf, dass Sie den Schulzen ohne eine befriedigende Antwort von sich liessen, da ich selbst in der Absicht zu ihnen gekommen bin, Sie um Ihren Beistand in einer Angelegenheit zu bitten.
Der Geistliche, aus wirklicher Dienstfertigkeit und aus Reugiede, die Angelegenheit des Grafen zu erfahren, erbot sich mit grosster Bereitwilligkeit zu allen moglichen Diensten.
Der Graf war im Begriff dem Pfarrer seinen Entschluss uber die Grenzstreitigkeit mit dem Baron Lobau mitzutheilen und ihn zu ersuchen, als Vermittler dem Baron sein Anerbieten mitzutheilen, als sich die Thure offnete und die Frau des Predigers die Unterhaltung unterbrach. Da man beim Pfarrer schon langst zu Mittag gespeist hatte, so wurde angenommen, der Graf mache einen Nachmittags-Besuch; ihm wurde Kaffee angeboten, und man fing zugleich an, Anstalten zum Theetrinken zu treffen; diese Aussicht bestimmte den Grafen, so schleunig als moglich dem Pfarrer die nothigen Mittheilungen zu machen und den gewunschten Beistand von ihm zu erbitten. Der Geistliche bekampfte eine Zeitlang den Entschluss des Grafen, ein Stuck des Waldes abzutreten, indem er ihm auseinandersetzte, dass die Anspruche des Barons sich auf leere Einbildungen grundeten; da er aber sah, dass der Graf entschlossen war, ein kleines Opfer zu bringen, um Weitlauftigkeiten zu vermeiden, so ubernahm er gern den gegebenen Auftrag und versicherte im Voraus, dass dies Anerbieten sehr bereitwillig vom Baron wurde angenommen werden. Der Graf dankte ihm vorlaufig und stand auf, um Abschied zu nehmen. Ich fahre morgen nach Heimburg, sagte der Pfarrer, und komme dann ubermorgen zu Ihnen und bringe Ihnen die Antwort.
Zufrieden, dies Geschaft so eingeleitet zu haben, trabte der Graf heiteren Muthes nach seinem Schlosse zuruck und kam noch zeitig genug an, um zu Mittag zu speisen.
VI
Versprochener Massen fand sich der Pfarrer auf dem Schlosse ein, um die Antwort des Baron Lobau zu uberbringen, die so ausgefallen war, wie er es vorhergesagt hatte, und schlug nun in dessen Namen vor, die Grenze in der kunftigen Woche zu fuhren. Der Graf war dazu bereit, doch bemerkte der Geistliche, dass sein Betragen nicht so offen war wie sonst. Es schien ihn etwas zu beunruhigen, worauf seine Gedanken unwillkuhrlich immer wieder zuruck kamen. Der Pfarrer blieb zu Mittag auf dem Schlosse, und der Arzt machte bei Tische Mittheilungen uber den Zustand des Kranken, die ungemein gunstig lauteten; man konnte aber bemerken, dass der Graf, so lebhaft er auch daran Theil nahm, doch nicht dadurch erheitert wurde. Auch die Grafin schien verstimmt, und die Unterhaltung wurde nur muhsam fortgefuhrt.
Da ich doch einmal auf Heimburg war, fing der Pfarrer nach einer Pause an, wahrend welcher Jedermann mit sich beschaftigt war, so wollte ich auch gleich versuchen, ob ich nichts fur den Schulzen thun konne, und erzahlte dort den Todesfall der alten Schenkwirthin und auch die Verlegenheit wegen der Ausmittelung seiner Base. Die Frau Baronin versicherte mir, fuhr er fort, indem er sich an die Grafin wendete, ich wurde von der Frau Grafin die beste Auskunft erhalten konnen.
Von mir? fragte die Grafin verwundert. Sie wissen, ich bin hier wie eine Fremde zu betrachten, wie konnte ich Auskunft uber den Schulzen oder seine Base geben?
Ich hatte erfahren, erwiederte der Pfarrer, dass die Miterbin des Schulzen einmal bei Ihrer seligen Frau Mutter gedient hatte, und theilte dies der Frau Baronin mit. Da beide Hauser immer in vielfachem Verkehr mit einander gestanden haben, so hoffte ich mit Recht etwas Naheres zu erfahren. Die Frau Baronin liess ihre alte Dienerschaft rufen, und darunter sind noch manche, die sich recht gut der Zeit und der Person erinnern, und sie versicherten alle einstimmig, als die Frau Grafin mit ihrer verstorbenen Frau Mutter vor einigen zwanzig Jahren nach fremden Landern verreist sei, hatte sie diese Lore Breitler zu ihrer Bedienung mitgenommen, und sie wurde sich also wahrscheinlich erinnern, ob sie gestorben, oder wo sie sonst geblieben sei.
Die Grafin schrak ein wenig zusammen, als sie den Namen horte, und eine feine Rothe farbte die blassen Wangen; Beides entging dem beobachtenden Geistlichen nicht, eben so wenig, als die Bewegung in der Stimme, mit welcher die Grafin nach einer kleinen Pause sagte: Es ist wahr, wir hatten diese Person zu unserer Bedienung mit uns genommen, sie hat uns aber nachher verlassen, und ich weiss nicht mehr, ob sie in Frankreich oder in der Schweiz von uns gekommen ist, auch habe ich nie wieder etwas von ihrem Schicksale erfahren.
In welchem Jahre hat sie wohl Ihren Dienst verlassen? fragte der Pfarrer, indem er den Blick fest auf die Grafin heftete.
Ich vergesse so leicht Jahrzahlen, sagte die Grafin, ich kann mich in der That nicht erinnern.
War sie noch bei Ihnen, fragte der Pfarrer im Ton eines Polizeibeamten, der eine Untersuchung zu fuhren hat, nachdem Sie mit dem Herren Grafen vermahlt waren?
Nein, antwortete die Grafin mit Beklemmung, ungefahr ein halbes Jahr vorher war sie von uns weggekommen.
Nun, dann lasst sich ja das Jahr ausmitteln, bemerkte der Pfarrer mit unbescheidenem Lacheln, denn die Frau Grafin werden ohne Zweifel sich des Jahres Ihrer Vermahlung erinnern.
Es sind in diesem Herbst funfzehn Jahre gewesen, sagte der Graf mit mehr Stolz in Haltung und Mienen, als man gewohnlich an ihm bemerkte, dass ich so glucklich gewesen bin, mich mit der Grafin zu verbinden, und ich glaube, fuhr er mit einem Tone der Stimme fort, der offenbar den Geistlichen in seine Schranken zuruckweisen sollte, Sie werden nun die Nachforschungen nach der Base des Schulzen fortsetzen konnen, ohne dass die Grafin ferneren Antheil daran zu nehmen braucht.
Der Pfarrer wurde empfindlich, doch fuhlte er auch zugleich, dass er selbst zu weit gegangen war, und wollte sein Verhaltniss zum Grafen nicht verderben. Emilie suchte einigemale ein Gesprach anzuknupfen, die Unterhaltung aber wollte kein Leben gewinnen, und Jedermann athmete freier, als die Tafel aufgehoben wurde. Die Grafin und Emilie verliessen den Saal sogleich, der Arzt entfernte sich, um einige Kranken zu besuchen, und der Graf ging mit dem Pfarrer einige Zeit stillschweigend im Gesellschaftszimmer auf und ab.
Ich habe heute unsern Verwundeten noch nicht besucht, sing der Pfarrer nach langem Schweigen an; wenn der Herr Graf erlauben, mochte ich wohl jetzt sehen, wie er sich befindet.
Schenken Sie mir noch einige Augenblicke, sagte der Graf mit Hastigkeit; es war sichtbar, dass er mit dem Entschluss kampfte, dem Geistlichen eine Mittheilung zu machen, und dass es ihm schwer wurde, dem Manne sein Vertrauen zu schenken, dessen vorschnelle, unbescheidene Art zu fragen ihn noch eben so empfindlich verlezt hatte.
Ich wollte Ihnen eine Sache mittheilen, sagte der Graf nach langem Schweigen, die mir sehr am Herzen liegt; vielleicht konnte Ihr Rath und Ihre Thatigkeit mir vielen Verdruss ersparen, grosse Unannehmlichkeiten von mir abwenden; doch musste ich vorher versichert sein, dass Sie sich der Muhe gern unterzogen und vor allen Dingen das unverbruchlichste Stillschweigen beobachten wollten.
Die Empfindlichkeit des Pfarrers war nach dieser Einleitung vollig verschwunden, und mit wahrer Gutmuthigkeit und reger Theilnahme sagte er: So viel in meinen Kraften steht, bin ich von ganzem Herzen bereit Ihnen zu dienen, und die Muhe, die ich dabei haben konnte, verdient gar nicht in Anschlag gebracht zu werden; auch gebe ich Ihnen mein heiliges Wort, dass, was Sie mir auch anvertrauen mogen, in meiner Brust so sicher bewahrt ist, wie in Ihrer eigenen. Ein Geistlicher, der nicht schweigen konnte, sezte er mit schlauem Lacheln hinzu, ware ja der verachtlichste und der unbrauchbarste Mensch von der Welt.
So horen Sie denn den Grund meiner Sorgen und meiner Unruhe, sagte der Graf. Der grosste Theil meines Vermogens ruhrt von einer Erbschaft meines Aeltervaters her, die er damals gemeinschaftlich mit seinem Bruder machte; mein Aeltervater behielt die Guter und zahlte seinem Bruder die Halfte des Werthes aus, und es wurde ein Dokument daruber aufgesetzt, welches in dem Archiv des hiesigen Schlosses aufbewahrt wurde mit allen andern Familienangelegenheiten betreffenden Papieren. Vorigen Sommer nun meldete mir ein Freund nach Wien als ein Gerucht, dass die von dem Bruder meines Aeltervaters abstammende Linie gesonnen sei, Anspruche auf mein Vermogen zu machen, indem sie vorgebe, die Theilung sei nie geschehen und ich also widerrechtlich im Besitz des ganzen Vermogens. Ich fand die Behauptung lacherlich, da ich zu gut wusste, dass das Dokument vorhanden sei. Indess die Sache war zu wichtig, als dass ich sie hatte Fremden anvertrauen mogen, und ich entschloss mich selbst im vorigen Herbste hieher zu kommen. Der Ausbruch des Krieges rief andere Gedanken und andere Sorgen hervor, und ich dachte nicht mehr ernsthaft an die erste Veranlassung meines Hierseins. Vor einigen Wochen erfuhr ich, dass meine Gegner nur den Frieden abwarten wollen, um ihren Prozess gegen mich einzuleiten, und diese Nachrichten bestimmten mich, eine ernstliche Nachforschung anzustellen, und denken Sie sich meine Unruhe, ich habe das ganze Archiv durchsucht, ohne das Dokument zu finden.
Sind Sie gewiss, dass es vorhanden war? fragte der Pfarrer, indem er sinnend vor sich niederblickte.
So gewiss, als ich lebe und Ihnen diess mittheile, rief der Graf.
Das gibt einen abscheulichen Prozess, sagte der Pfarrer mit nachdenklicher Miene, und der Ausgang ist ungewiss, Sie konnen ihn verlieren und zu allen Kosten nicht nur verurtheilt werden, sondern auch zum Ersatze aller Zinsen von der Halfte Ihres Vermogens, die in Anspruch genommen wird. Das wurde nicht weniger als beinahe Alles kosten, was ich besitze, sagte der Graf mit bitterem Lacheln, und es ist keine erfreuliche Aussicht, wenn man sein ganzes Leben hindurch an Ueberfluss gewohnt war, beim herannahenden Alter Mangel und Entbehrungen befurchten zu mussen.
Nun, nun! so weit sind wir ja noch nicht, trostete der Pfarrer. Wenn Sie gewiss wissen, hub er nach einer Weile wieder an, dass das Dokument in Ihrem Archive war, so ist es vielleicht Ihrer Aufmerksamkeit entgangen; in so wichtigen Angelegenheiten sucht man oft zu angstlich, zu ubereilt, und findet darum nicht. Wollen Sie mir den Schlussel anvertrauen und mich noch einmal nachsuchen lassen? Vielleicht bin ich glucklicher.
Sehr gern, sagte der Graf, indem er dem Geistlichen den Schlussel reichte, den er noch bei sich trug, denn er hatte erst diesen Morgen die Nachsuchung geendigt. Doch, fugte er mit einem Seufzer hinzu, ich bin uberzeugt, Sie werden nichts finden.
Wer weiss, sagte der Pfarrer, indem er den Schlussel nachdenklich betrachtete. Wenn ich nichts finde, fugte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen hinzu, so muss das Dokument entwendet worden sein. Haben Sie auf Niemanden Verdacht, Wer hatte in Ihrer Abwesenheit den Schlussel des Archivs?
Der alte Lorenz, den Sie ja mussen gekannt haben, sagte der Graf. Er war eine Art von Kastellan hier im Schlosse seit dem Tode meines Vaters, er hatte alle Schlussel, also auch diesen; aber ich glaube nicht, dass er jemals das Archiv betreten hat.
Hm, hm! brummte der Pfarrer, der alte Lorenz! Wer das Dokument entwendet hat, fuhr er wie im Selbstgesprache fort, hat es unfehlbar gethan, um es den Gegnern zu verkaufen, und es kann also der alte Lorenz nicht sein, denn hatte er es verkauft, so wurde er nicht in Geldnoth sein, und er wollte noch diese Woche von mir borgen; das ist also kaum moglich, und doch, wer kann des Menschen Herz ergrunden? Wesshalb haben Sie den alten Mann aus Ihrem Dienste entlassen? fragte er hastig den Grafen.
Sie wissen, antwortete der Graf, ich kam im Herbst allein hieher. Ich hatte die Grafin in Breslau gelassen, ich wollte erst das Schloss mit Allem versorgen, was sie gewohnt ist und nicht entbehren kann; ich kam also, dem alten Lorenz gewissermassen unerwartet, eines Abends allein, und da mir die Sache mit dem Dokument am Herzen lag, forderte ich noch denselben Abend den Schlussel des Archivs. Ich suchte die Schrift auf der Stelle, wo ich mir einbildete, dass sie liegen musste, doch machte ich mir keine Sorgen, da ich sie nicht fand, und meinte, ich irrte mich uber den Ort, wo ich sie aufgehoben glaubte, und nahm mir vor zu gelegenerer Zeit ordentlich zu suchen. Der alte Mann schien mir empfindlich und verstimmt, dass ich ihm die Schlussel sogleich bei meiner Ankunft abgefordert hatte; auch schien er mir verdrusslich, als er die lange Ruhe des Schlosses gestort sah, da in den nachsten Tagen die ganze Dienerschaft eintraf, deren wir hier bedurften. Kurz, er bat mich, ihm zu erlauben, die Pension, die er von Alters her hat, an einem andern Orte verzehren zu durfen, da er sich selbst zu alt fuhle, mir noch dienen zu konnen. Ich bewilligte seine Bitte gern, und wir trennten uns zu beiderseitiger Zufriedenheit, denn wenn ihm die Unruhe zuwider war, so war mir seine ewige Unzufriedenheit unertraglich.
Hm, hm, brummte der Pfarrer, es ist kaum denkbar, dass er das Dokument haben sollte, und ich hoffe noch immer, ich werde es finden.
Sie wurden mir eine grosse Unruhe vom Herzen nehmen, sagte der Graf.
Wir haben heute Mittwoch, bemerkte der Pfarrer, bis Sonnabend Nachmittag habe ich Zeit hier zu bleiben, dann muss ich nach Hause und an meine Predigt denken; wenn Sie mir konnten ein Zimmer in der Nahe des Archivs anweisen lassen, so wollte ich diese Zeit dazu benutzen, um eine genaue Nachsuchung anzustellen, ich musste aber meine Frau davon erst benachrichtigen, damit sie mich nicht vergeblich erwartet.
Der Graf zog die Klingel und gab dem eintretenden Bedienten die nothigen Auftrage. Wenn der Reitknecht gesattelt hat, fugte der Pfarrer hinzu, so soll er noch erst zu mir kommen, damit ich ihm ein Billet an meine Frau mitgeben kann.
Nachdem diese Anordnungen getroffen und das Zimmer des Pfarrers eingerichtet war, nahm er es in Besitz, und war so unvermuthet auf mehrere Tage ein Gast des Schlosses geworden. Nachdem er nun an seine Frau geschrieben hatte, verfugte er sich sogleich nach dem Archive und fing seine Nachforschungen an. Der Reitknecht kam vor Abend mit der Antwort von der Frau Predigerin zuruck und brachte zugleich einige Wasche fur den Pfarrer, Pfeifen und einen grossen Vorrath Taback zu seinem Gebrauche mit.
Wahrend der Graf und der Pfarrer im Gesellschaftszimmer geblieben waren, und der Erstere den Geistlichen mit seinen Verlegenheiten bekannt gemacht hatte, hatte sich der Haushofmeister Dubois zur Grafin verfugt, um ihr Alles, was er uber den Kranken hatte in Erfahrung bringen konnen, mitzutheilen.
Der junge Mann war viel besser geworden, und selbst der Arzt untersagte seit einigen Tagen das Sprechen nicht mehr ganzlich. Dubois hatte ihm also mit Geschicklichkeit nach und nach abgefragt, wovon er glaubte, dass es die Grafin zu wissen wunschte, um aber so viel als moglich ihr jede Bewegung des Gemuths zu ersparen, hatte er die gesammelten Nachrichten aufgeschrieben und reichte der Grafin das Blatt. Es ist besser, sagte er, wenn die gnadige Frau Grafin das Aufgeschriebene lesen, als wenn ich es mundlich vortrage, beim Sprechen konnten leicht Erinnerungen rege werden, die Erschutterungen verursachen wurden.
Es hatte der Haushofmeister unstreitig besser gethan, an diese Erinnerungen nicht zu erinnern, indess die Grafin beherrschte sich und nahm mit scheinbarer Gelassenheit das Blatt aus seiner Hand. Der Name des jungen Mannes, las die Grafin, ist Adolph St. Julien. Adolph! wiederholte sie und eine Thrane fiel auf das Blatt. Er ist der Sohn, fuhr sie mit zitternder Stimme fort, eines reichen Banquiers, der vor mehreren Jahren gestorben ist; die Mutter lebt noch, und der Sohn wunscht sehnlichst, ihr Nachricht von sich geben zu konnen. Da er in den Rheinprovinzen erzogen ist, so spricht er beinah eben so gut Deutsch, als Franzosisch. Er dient seit einigen Jahren in der Armee und ist Kapitain des Regiments.
Die Grafin schwieg und schaute lange vor sich nieder, endlich richtete sie mit einem tiefen Seufzer die Augen auf den Haushofmeister und sagte: Es klingt ganz so fremd, wie ich vernunftiger Weise erwarten musste; nehmen Sie Ihr Blatt zuruck, fuhr sie fort, indem sie es ihm hinreichte, und vergessen Sie meine wahnsinnigen Hoffnungen, die ich durch nichts, durch gar nichts begrunden kann und kaum vor mir zu entschuldigen vermag.
Die Aehnlichkeit ist so auffallend, sagte Dubois furchtsam.
Sie rathen mir Erinnerungen zu vermeiden, sagte die Grafin schmerzlich lachelnd, die Sie selbst nun erregen.
Mich zwingt die Pflicht ehrerbietig daran zu erinnern, sagte der alte Mann schuchtern. Herr St. Julien ist jetzt in der Besserung, er wird morgen etwas aufstehen; er wird in einiger Zeit das Zimmer verlassen konnen, und wird dann doch naturlich wunschen, der gnadigen Frau Grafin seine Dankbarkeit zu bezeugen. Wenn nun sein Anblick
Ich verstehe Sie, sagte die Grafin, Sie haben Recht, ich muss meine Gedanken schon daran gewohnen, diese Aehnlichkeit in einem mir vollig fremden Wesen zu betrachten, um ruhig zu bleiben, oder doch zu scheinen, wenn er mir lebendig vor Augen steht. Sein Sie ohne Sorgen, guter Dubois, fuhr sie fort, indem sie sich ihm naherte. Hatte ich auch keinen Grund mich zu beherrschen, als nur diesen alten Augen Thranen zu ersparen, die schon so viele uber meine Leiden vergossen haben, so wurde er mir hinreichend sein. Verlassen Sie mich aber jetzt, fuhr sie gutig fort, wir sind in Gefahr uns beide zu erweichen, und wenn Sie das fur meine Gesundheit nachtheilig finden, so kann es Ihnen bei Ihrem Alter nicht anders als hochst schadlich sein.
Der Haushofmeister folgte dem Winke seiner Gebieterin und schwur bei sich, dass niemals eine Konigin auf Frankreichs Throne ihre Diener edler behandelt habe, als die Grafin ihn.
VII
Der Pfarrer lebte ganz in dem Archive, er kam nur zum Abendessen zur ubrigen Gesellschaft. Fruhstuck, Mittagessen und Thee liess er sich dort hinbringen, und durchsuchte mit der grossten Genauigkeit Alles. Endlich war die Nachforschung geendigt, und er hatte nichts gefunden. Er stutzte sich gedankenvoll auf den grossen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, und bedauerte wahrhaft den Grafen, fur den er in demselben Grade seine Freundschaft zunehmen fuhlte, als er mit seinen Geschaften und Verhaltnissen bekannter wurde. Willenlos zog er die Schublade des Tisches auf, in der er noch einige Papiere bemerkte, die aber von keiner Wichtigkeit zu sein schienen, und unter denen das Dokument gewiss nicht verborgen sein konnte, denn es waren Umschlage von Briefen, alte Recepte zu Arzneien, kleine, zum Theil zerrissene Rechnungen. Auch der Graf hatte diese Schublade geoffnet, aber sich gleich uberzeugt, dass sie nichts enthalte, was schon der Grosse nach die gesuchte Schrift sein konnte, also den Inhalt nicht weiter beachtet; der Pfarrer aber, der dergleichen Dinge grundlicher betrieb, sezte sich noch einmal vor den Tisch nieder, entfaltete und betrachtete jedes Blatt, und so fielen ihm zwei kleine, unordentlich zusammengedruckte Stucke Papier in die Hande, in denen er, als er sie entfaltete, bald einen Anfang der Abschrift der gesuchten Urkunde erkannte. Es war deutlich, dass der Abschreiber sich beide Male verschrieben, das Papier verdrusslich zusammengedruckt und in die Schublade geworfen hatte, wo es gewiss nicht hatten bleiben sollen. Freudig uber seine gemachte Entdeckung, liess der Geistliche sogleich den Grafen rufen und theilte ihm die gefundenen Papiere mit; der Graf erkannte die Hand des alten Lorenz; er holte Briefe herbei, die er fruher von ihm erhalten hatte, und auch der Pfarrer uberzeugte sich durch die Vergleichung, dass kein Anderer, als er, der Abschreiber der Urkunde gewesen sein konnte.
Was ist nun zu thun? sagte der Graf. Hat er die Urkunde meinen habsuchtigen Verwandten verkauft und kommt es zum Prozess, so kann ich zwar durch diese Blatter die Entwendung derselben wahrscheinlich machen, aber dann mache ich im besten Falle den Menschen unglucklich, der meinem Vater so lange gedient hat, und beschimpfe die Mitglieder meiner eignen Familie, die sich aus Eigennutz so niedrige Schritte erlaubt haben.
Ich glaube nicht, dass das Dokument schon verkauft ist, sagte der Pfarrer, nach einigem Nachdenken. Es ist klar, dass der alte Schelm die Urkunde abgeschrieben hat, und das lasst sich nur auf e i n e Art erklaren, namlich, man hat mit ihm unterhandelt und sich vorerst uberzeugen wollen, ob er in der That im Stande ware, eine so hochst wichtige Schrift zu uberliefern. Da wir diese Blatter hier gefunden haben, so ist es klar, dass die Abschrift nicht lange vor Ihrer Ankunft gemacht worden ist, und dass der Alte gewiss die Absicht gehabt hat, alle Spuren dieser Arbeit zu vertilgen. Daher konnen Sie sich auch seine uble Laune erklaren, als Sie ihm bei Ihrer unvermutheten Ankunft sogleich die Schlussel des Archives abforderten, und sein Gewissen trieb ihn, sich so bald als moglich davon zu machen.
Wohl, sagte der Graf, aber was kann ihn gehindert haben, nun, seitdem er sich aus dem Schlosse entfernt hat, die Urkunde meinen Gegnern zu uberliefern?
Die Angst, erwiederte der Pfarrer, vor den moglichen Folgen; vielleicht auch ist der Handel noch nicht abgeschlossen, vielleicht fordert er mehr, als man ihm bietet. Kurz, da ich bestimmt glaube, dass die Schrift vor Ihrer Ankunft nicht verkauft war, so zweifle ich mit Recht daran, dass sie es jetzt ist, denn auf den Fall wurde er noch Geld haben, ob er gleich locker lebt, und er hat keins, denn er hat mich noch kurzlich schriftlich gebeten, ihm Geld auf seine Pension, die er von Ihnen zieht, vorzuschiessen.
Was wollen Sie daran wenden, fragte der Pfarrer nach einer kleinen Pause, um die Urkunde wieder zu bekommen?
So viel Sie fur nothig halten, sagte der Graf, bin ich gern bereit zu zahlen, um diese Geschichte auf eine anstandige und fur mich beruhigende Art zu endigen.
Sie lassen mir also vollig freie Hand, sagte der Pfarrer, wenn es Ihnen auch hundert Dukaten kosten sollte?
Ich wurde Ihnen Zeitlebens dankbar bleiben, rief der Graf, wenn Sie mich fur ein so geringes Opfer von dieser Sorge befreien konnten.
Das hoffe ich gewiss, versicherte der Pfarrer. Ich habe zugleich, fuhr er fort, da ich alle Papiere durchgehen musste, das Archiv fur Sie geordnet, und wenn Sie es nun in dieser Ordnung lassen, so kann es Ihnen niemals mehr Beschwerde machen, eine Urkunde, die Sie nothig haben, aufzufinden. Bei diesen Worten reichte er dem Grafen ein kleines Heft, worin dieser alle Lehnbriefe, Schenkungen, Prozesse, FamilienAbmachungen, die das Archiv enthielt, numerirt und chronologisch geordnet fand. Wenn wir nun das Dokument vom alten Lorenz wieder bekommen, bemerkte der Pfarrer, so brauchen wir es nur hier in diese Rubrik einzutragen; er deutete mit dem Finger darauf.
Der Graf konnte sich nicht der Verwunderung erwehren, dass ein Mann, der in seiner nachsten Umgebung, in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedurfniss der Ordnung empfand, eine so musterhafte in alle Geschafte brachte. Denn wie in dem Wohnzimmer des Pfarrers, so war ihm hier wieder, als er das Archiv betrat, das der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte, hochst widrig aufgefallen, wie der Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte, die Pfeifen zwischen Papieren auf dem Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden, Kleidungsstucke auf allen Stuhlen, und von fruhem Morgen her die Gerathschaften zum Kaffee nachbarlich vereinigt mit Tellern, die noch die Ueberreste von kaltem Braten enthielten, den sich der Geistliche hatte kommen lassen. Dagegen aber waren alle Pergamente sowohl, als die Schranke, worin sie aufbewahrt wurden, von Staub gesaubert; was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte, war in bestimmten Fachern geordnet, und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich gewesen, jeden Morgen um funf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag zu arbeiten, um diess Geschaft zu beendigen.
So gewann denn der Graf die Ueberzeugung, dass von dem Pfarrer, der in seiner Umgebung weder der Ordnung, noch weniger der Zierlichkeit zu bedurfen schien, und dem so wenig darauf ankam, ob er in der Gesellschaft liebenswurdig erschien, doch ein Jeder, der reelle Dienste nothig habe, die die hochste Thatigkeit und angestrengteste Arbeit erforderten, diese gewiss nicht vergeblich hoffen wurde. Er nahm sich also vor, dessen schroffes Betragen kunftig milder zu beurtheilen und keinen Anstoss mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem Hause zu nehmen.
Der Pfarrer erbat sich die Erlaubniss, den gefundenen Anfang der Abschriften mit sich zu nehmen, und versprach dem Grafen, ihm den Erfolg seiner Untersuchung sogleich mitzutheilen, sobald er den alten Lorenz gesprochen hatte. Man trennte sich freundlich, und der Pfarrer ritt nach Hause, um zunachst an seine Predigt zu denken, die er den Sonntag halten musste. Als er damit fertig war, schrieb er dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiederung seines Gesuchs um einen Geldvorschuss, welches er fruher mit Stillschweigen zu ubergehen gesonnen war, und lud ihn ein, personlich zu ihm zu kommen, um uber dies Geschaft mit ihm zu reden. Er stellte seine Worte mit Klugheit so, dass sie ihn zu nichts verpflichteten, aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben, das gewunschte Darlehn zu erhalten, und er erwartete also mit Recht, diesen mit Nachstem bei sich zu sehen.
Er hatte sich nicht getauscht in seinen Vermuthungen, denn kaum waren drei Tage verflossen, so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers Wohnung eine Equipage, die keinen vornehmen Besuch ankundigte. Ein Mittelding zwischen Karren und Kalesche, dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr beschadigten Riemen hing, und dessen Thuren in Ermangelung der Schlosser mit Schnuren gebunden waren, hatte ein mageres, auf allen Fussen steifes und lahmes Pferd muhsam durch die Strasse des Dorfes gezogen, und dadurch dem darin sitzenden alten Manne vollkommen Zeit gewahrt, mit heuchlerischer Freundlichkeit auf beiden Seiten alte Bekannte zu begrussen, die die Kopfe verwundert aus den kleinen Fenstern steckten.
Der alte Lorenz denn Niemand anders, als er war der Reisende offnete eine Thure seines Wagens, indem er die befestigenden Schnure losknupfte, stieg langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Thranen aus seinen rothen, immer triefenden Augen, klopfte den Staub, so gut es gehen wollte, von dem blauen, mit metallenen Knopfen versehenen Rocke und entblosste sein halb kahles, mit wenigen weissen Haaren bedecktes Haupt schon, ehe er die Pforte offnete, die zu des Pfarrers Wohnung fuhrte, wozu ihm dieser vollkommen Zeit liess, indem er, ruhig am Fenster stehend, mit der Pfeife im Munde, alle Vorbereitungen betrachtete, die der alte Mann machte, um anstandig vor ihm zu erscheinen. Nicht immer war Herr Lorenz so hoflich gewesen, alle Bauern zu grussen oder so besorgt, mit gehorigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen. Er hatte viele Jahre das Schloss beinah allein bewohnt, ein gutes Gehalt bezogen, sich des Kellers, der Garten, der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstande bedient, stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheirathet und, nachdem er Wittwer geworden war, zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, nachlassig genug erzogen. Er liess den Sohn die Rechte studiren, und man hatte ihn, seitdem er die Universitat bezogen, in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr gesehen. Die Tochter verliess den Vater, vorgeblich, um als Kammerjungfer zu dienen, seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschrankte, indem er andern, zuverlassigern Personen die Verwaltung der Guts-Einkunfte ubertrug, und Herr Lorenz konnte nun weder fur sich selbst seinen Tisch nach gewohnter Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen, noch seine zahllosen Freunde mehr so gastfrei bewirthen. Da ihm Gesellschaft und Genusse mancher Art zum Bedurfniss geworden waren, so suchte er auswarts, was er sich im Schlosse nicht mehr verschaffen konnte; fing an die Schenken zu besuchen, begnugte sich mit gemeineren Getranken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter, als sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zuruckzog. Naturlich war nun sein Gehalt nicht hinreichend, seine Ausgaben zu bestreiten; so verwickelte er sich in Schulden und fing an, als diese ihn nach und nach bedrangten, erst seine entbehrlichen Besitzthumer, und nach und nach alle zu verkaufen, so dass er eigentlich sich schon in grosser Armuth befand, als der Graf ihn aus seinen Diensten entliess.
In seiner fruheren, glucklicheren Zeit war er von Allen, die ihn kannten, mit einer gewissen Achtung behandelt worden, und eben auch dem Pfarrer war er nicht immer ein unwillkommener Besuch gewesen, sondern dieser hatte ihn fruher oft freundlich an der Thure seines Hauses bewillkommnet; schon seit langer Zeit aber war diess Verhaltniss zwischen beiden aufgehoben, und der Geistliche nickte diessmal nur nachlassig mit dem Kopfe in Erwiederung der tiefen Verbeugung, mit der ihn der ehemalige Kastellan begrusste, als er endlich das Zimmer betrat.
Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte der Pfarrer nach einem kurzen Schweigen, um das Gesprach zu eroffnen; wie geht's, seitdem Sie das Schloss verlassen haben?
Lorenz richtete die rothen Augen heuchlerisch gen Himmel, stutzte sich mit beiden, gefalteten Handen auf seinen knotigen Stab und sagte, indem er aus tiefer Brust seufzte: Ach Gott! Herr Pfarrer, wie kann es einem alten, verlassenen Manne gehen? Kinderlos, freundlos, verstossen von dem Herren, dem ich so viele Jahre gedient habe, wie seinem Vater vor ihm, nun, Gott sei es uberlassen, ich klage Niemand an, aber ich wurde verstossen, und Auslander, Franzosen, Landesfeinde, die nehmen den Platz ein, der einem alten treuen Diener gebuhrte; nun, ich will nicht klagen, Gott mag richten, ihm sei es uberlassen.
Der Graf aber, erwiederte der Pfarrer, sagt, Sie selbst haben das Schloss verlassen wollen, also sind Sie gegangen, und Niemand hat Sie vertrieben.
Ja, ja, der Graf sagt so, fuhr Lorenz seufzend fort, aber wie ich behandelt wurde, welches Misstrauen man mir zeigte, mir, dem alten redlichen Diener, das sagt der Herr Graf wohl nicht. Ja, ja! arme Leute mussen schweigen und grosser Herren Unrecht leiden, das ist der Lauf der Welt, Herr Pfarrer, und ich will nicht daruber murren. Aber mein guter seliger Herr hatte mir das nicht gethan, sezte er weinend hinzu, mit meinem seligen Herren wurde alle meine Freude in dieser Welt begraben.
Sie haben aber doch noch manche gute Stunde erlebt, sagte der Pfarrer, nach dem Ihr seliger Herr lange begraben war.
Was will das sagen, seufzte Lorenz, indem er ein schelmisches Lacheln kaum unterdrucken konnte; was ist alle irdische Lust, die man mit traurigem Herzen geniesst? Und was ist die Erinnerung an vergangene, bessere Tage, wenn man mit Alter und Armuth kampfen muss?
Aber der Graf, sagte der Pfarrer, hat Ihnen ja Ihre Pension gelassen und, wie ich gehort habe, sogar noch zugelegt.
Alles wahr, Herr Pfarrer, klagte Lorenz, aber was braucht ein alter schwacher Mann nicht Alles?
Sie konnten als ein einzelner Mann recht gut leben, sagte der Pfarrer verweisend, wenn Sie nicht immer in den Schenken sassen, wenn Trunk und Spiel Ihnen nicht so viel kosteten.
Lieber, lieber Gott! jammerte Lorenz mit Thranen, wie sind deine Menschen doch so hart. Richtet nicht, Herr Pfarrer, so werdet ihr nicht gerichtet. Wenn ein alter Mann unter Gottes Himmel einsam wandelt, und ruht sich nach der Ermudung aus und labt sich in seiner Ermattung durch einen Trunk, so schilt ihn die Welt einen Saufer; wenn ein trauriger Mensch seinen Kummer zerstreuen will, und greift in der Angst seiner Seele nach den bunten Blattern oder nach den Wurfeln, so nennt Ihr ihn sundlich einen Spieler.
Es lasst sich wenig Gutes mehr von Ihnen hoffen, sagte der Pfarrer ungeduldig, Sie sind ein rechter Heuchler geworden.
Ich ergebe mich in den Willen Gottes, sagte Lorenz, ohne sich aus seinem angenommenen Charakter herausschelten zu lassen. Ihm gefallt es, dass ein alter Mann geschmaht und gescholten werden soll von denen, auf deren Beistand er hoffte. Ich dachte Ihr Herz milder zu finden, Herr Pfarrer, sezte er mit einem Tone hinzu, in dem ein sanfter Vorwurf liegen sollte. Ich klagte Ihnen meine Noth, und Ihr Brief liess mich hoffen, dass Sie genigt waren, sie zu lindern.
Es ist gegen meine Grundsatze, sagte der Pfarrer, Geld zu solchen Zwecken auszuleihen, wozu Sie es verwenden wurden, wenn ich auch eine Summe ubrig hatte.
Des Herren Wille geschehe, sagte Lorenz; aber wozu, fugte er verdrusslich hinzu, liessen Sie mich denn dann den weiten Weg machen? Um mir eine abschlagige Antwort zu holen? Hatten Sie mir die nicht schriftlich geben konnen, ohne mir die Zeit zu rauben, in der ich mich nach andern Mitteln hatte umsehn konnen?
Welche Mittel haben Sie denn? fragte der Pfarrer mit scheinbarer Theilnahme, um sich aus der Noth zu helfen.
Ich weiss es nicht, sagte der alte Heuchler, Gott wird mir Wege zeigen; vielleicht, dass mein Sohn im Stande ist, mir beizustehen.
Erhielten Sie kurzlich Nachrichten von Ihrem Sohne? fragte der Geistliche hastig.
Nicht so ganz kurzlich, antwortete Lorenz mit merklicher Verlegenheit. Wo halt er sich jetzt auf? sturmte der Pfarrer auf ihn ein, treibt er die Rechte noch, bekleidet er ein Amt oder hat er Aussicht, eins zu erhalten?
Ich kenne seine Umstande nicht ganz genau, sagte der Alte ausweichend, sein Brief ist daruber nicht deutlich, doch hat er wohl Aussicht, Gottlob, sein Brot zu erwerben.
Von wo aus hat er Ihnen geschrieben? fragte der Pfarrer, indem er nahe zu dem alten Manne hintrat, eine Hand auf seine Schulter legte und ihm scharf in die Augen sah.
Ich habe den Ort vergessen, erwiederte Lorenz zogernd.
Aber Ihr Sohn ist in Schlesien? fuhr der Pfarrer fort zu fragen. Der Brief hat keinen gar weiten Weg gemacht?
Ja, in Schlesien ist er, stotterte der Alte.
Hm! sagte der Pfarrer, indem er seine Hand von der Schulter des alten Sunders zurucknahm, der sich dadurch sehr erleichtert zu fuhlen schien. Der Geistliche ging einige Male im Zimmer auf und ab, und blies den Rauch aus seiner Pfeife gedankenvoll vor sich hin.
Wenn Sie mir also nicht helfen wollen, Herr Pfarrer, fing nach einem kurzen Schweigen der alte Lorenz wieder an, so will ich Sie Gottes Schutz befehlen und mich wieder auf den Ruckweg nach meiner armen Hutte begeben.
Ich hatte die Absicht, sagte der Pfarrer, indem er dem Alten wieder vertraulich naher trat, noch mit Ihnen uber andere Gegenstande zu sprechen und Ihnen einen Weg zu zeigen, auf dem Sie vielleicht Geld erhalten konnten, ohne es zu leihen; denn Sie wissen, geliehenes Geld macht nur eine halbe Freude, das Wiedergeben fallt gar zu schwer.
Man muss sich vor der Zeit daruber nicht gramen, lachelte der Alte. Doch lassen Sie horen; wenn man gar nicht fur die Erstattung zu sorgen braucht, so ist es freilich am Besten.
Setzen wir uns, sagte der Pfarrer, und lassen Sie uns offenherzig sprechen. Sie sehen, wir sind allein, und was wir auch sprechen mogen, es kann keine Folgen haben, da kein Zeuge vorhanden ist, um die Aussage, die Sie etwa machen wollten, fur Sie bedenklich zu machen.
Befremdet und misstrauisch sah der Alte den Pfarrer an, indem er seiner Einladung folgte. Beide setzten sich, so dass ein kleiner Tisch zwischen ihnen war. Sie hatten, hob der Pfarrer von Neuem und etwas feierlich an, auf dem Schlosse die Schlussel zum Archiv in Handen, nicht wahr?
Ich hatte viele Schlussel, sagte der Alte trotzig, so lange ich das Schloss verwaltete, Gott weiss, was sie Alles schlossen, ich habe mich nie darum bekummert.
Sie sind aber doch wohl oft im Archiv gewesen? fragte der Pfarrer, indem er ihn bedenklich anblickte.
Wie kann ich wissen, wo ich im Schlosse gewesen bin, oder nicht, sagte Lorenz nicht ohne Verlegenheit. Es ist wohl viel verlangt, dass ein alter Diener Rechenschaft daruber ablegen soll, wo er vierzig Jahre lang seine Fusse hingesetzt hat, oder wo er in einem alten, weitlauftigen Gebaude nicht gewesen ist.
Ich begreife nicht, sagte der Pfarrer mit einem misstrauischen Blicke, wie meine Fragen Sie so unruhig machen konnen.
Und ich begreife noch weniger, antwortete Lorenz mit erzwungener Keckheit, wer Ihnen ein Recht giebt, mir alle diese Fragen vorzulegen. Mich bestimmt, erwiederte der Pfarrer mit Herablassung, vor allem das Mitleid, welches ich mit Ihnen habe, denn mir wurde es leid thun, einen alten Mann, den ich so lange gekannt habe, unglucklich werden zu sehen.
Was wollen Sie damit sagen? fragte der Alte mit einiger Besturzung.
Der Pfarrer richtete die Augen scharf auf den vor ihm sitzenden Sunder, und sagte dann langsam und nachdrucklich: Der Graf vermisst aus dem Archive eine ihm wichtige Schrift, sie ist warscheinlich entwendet, Niemand als Sie hat vor dem Grafen die Schlussel gehabt; auf wen kann der Verdacht fallen, als auf Sie?
Was gehen mich die Schriften des Grafen an, sagte der Alte; ich habe sie nie angesehen, ich habe mich nie darum bekummert, und der Graf hat mir ja die Schlussel abgenommen, so wie er kam; warum hat er nicht gleich gesprochen, was will er nun von mir?
Sie waren also niemals im Archiv, um die Schriften zu durchsuchen? fragte der Geistliche gelassen.
Niemals, antwortete Lorenz mit Frechheit, meine Hande haben die alten bestaubten Dinger nicht angeruhrt.
Alter heuchlerischer Schurke! rief der Pfarrer, indem ihn die Verachtung unwillkuhrlich hinriss, und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften. Sie konnen Ihre Hand nicht ableugnen, rief er ihm drohend hinzu, und sehen Sie, Ihre Handschrift straft Ihre Worte Lugen. Wo ist die Urkunde hingekommen, fuhr er fort, weswegen haben Sie sie abgeschrieben?
Ich weiss es nicht, sagte der Alte zitternd und ernstlich erschrocken. Wahrscheinlich um mich im Schreiben zu uben. Mein Gott, Herr Pfarrer, fuhr er weinend fort, Sie werden doch einen alten Mann nicht unglucklich machen und ihn nicht solcher Dinge beschuldigen wollen, die er nie begangen hat.
Ich will Ihr Ungluck nicht, sagte der Pfarrer, und eben so wenig der Graf. Es trifft Sie der wahrscheinliche Verdacht, die Urkunde entwendet zu haben; schaffen Sie sie wieder herbei, und der Graf ist bereit, die Sache zu vergessen und Ihnen noch funfzig Dukaten zu schenken.
Was ich nicht habe, kann ich nicht herbeischaffen, sagte Lorenz wieder ruhiger, nachdem der Pfarrer Geld geboten hatte, Sie kranken meinen ehrlichen Namen, Herr Pfarrer, Gott mag Ihnen die Sunde vergeben.
Der Geistliche that sich Gewalt an, um gelassen zu bleiben, er sagte aber dennoch mit unwillkurlicher Heftigkeit: Wenn Sie nicht selbst Ihr Ungluck wollen, so handeln Sie als ein vernunftiger Mensch, vermeiden Sie die gerichtliche Untersuchung, die Sie ins Zuchthaus fuhren musste; merken Sie das wohl. Ich sage Ihnen jetzt mein letztes Wort, der Graf giebt hundert Dukaten, wenn die Schrift ohne gerichtliche Hulfe herbeigeschafft wird.
Mein Gott, sagte Lorenz, die Augen zum Himmel erhebend, mein Gott, Herr Pfarrer, wie wehe thun Sie mir altem, huflosem Manne. Sie wollen Schande auf mein graues Haupt laden, der Herr vergebe es Ihnen. Was im Archiv gewesen ist vor funfzig Jahren, das muss noch jetzt darin sein, aber der Graf weiss nicht Bescheid, er versteht nicht zu suchen; wenn man mich will nachsuchen lassen, ungestort, ganz allein, und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen, so bin ich uberzeugt, ich werde die Urkunde auffinden, und Sie werden dann einsehen, dass Sie mir altem Manne Unrecht gethan haben. Der Pfarrer sah ihn einen Augenblick schweigend an und sagte dann: Ich glaube wohl, dass der Graf diess billigen wird, Sie konnen also die Nacht hier bleiben, und Morgen konnen wir nach dem Schlosse, und Sie mogen dann Ihre Nachsuchungen anstellen.
Nein, nein! rief der Alte angstlich, das ist nicht moglich, ich muss heute Abend nach Hause, aber ubermorgen bin ich wieder bei Ihnen; ich habe morgen ein dringendes Geschaft.
Der Pfarrer sah sehr wohl ein, welch ein Geschaft der ehemalige Kastellan beendigen musste, ehe er daran denken konnte, die Urkunde im Archiv aufzufinden; er liess ihn also ungehindert fahren, nachdem die gegenseitigen Versprechungen erneuert waren, dass namlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten wurde.
VIII
Einige Tage waren verflossen, seitdem Dubois der Grafin die wenigen, unbefriedigenden Nachrichten uber den Verwundeten gegeben hatte. Der Kranke besserte sich fortwahrend und war endlich so weit, das Zimmer verlassen zu konnen. Der Haushofmeister benachrichtigte die Grafin, dass es der sehnlichste Wunsch des jungen Mannes sei, ihr seine Dankbarkeit fur die Aufnahme in ihrem Hause zu bezeigen. Sein Begehren liess sich nicht abschlagen, ohne alle Sitte zu verletzen, und die Grafin selbst fuhlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn wieder zu sehen.
Das Verhaltniss zwischen Emilie und der Grafin war seit der Erklarung, die beide naher ruckte, hochst freundschaftlich geworden; die Grafin war gegen ihre junge Freundin liebreich und vertraulich; sie that sich nicht mehr den Zwang an, mit ihr gleichgultige oder geistreiche Gesprache zu fuhren, wenn trube Erinnerungen und qualende Gedanken ihre Seele beherrschten, und Emilie durfte ihre Theilnahme offen zeigen, statt dass sie sonst zu ihrer eigenen Qual in solche Gesprache einstimmen musste.
Beide Frauen sassen im Theezimmer und erwarteten den Grafen, der versprochen hatte, um diese Zeit von Heimburg zuruck zu kehren, wohin ihn der Baron Lobau dringend eingeladen hatte, und den Kapitain St. Julien, der zum ersten Male den Frauen seinen Besuch machen wollte. Beide Manner wurden mit Unruhe erwartet. Das Dringende der Einladung des Barons liess deutlich merken, dass etwas Wichtigeres, als eine freundschaftliche Sehnsucht sie veranlasst hatte, und St. Julien wurde von der Grafin mit Aengstlichkeit erwartet, weil sie befurchtete, dass sie sich bei seinem Anblick nicht so, wie sie es wunschte, wurde beherrschen konnen.
Endlich offnete sich die Thure, und langsam naherte sich der junge Mann, den einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister stutzend. Sein bleiches Gesicht, die eigefallenen Wangen, die gesenkten Augenlieder, die kaum gerotheten Lippen zeigten von grosser Ermattung; aber indem er zu sprechen begann, gluhte in den dunkeln Augen, die er auf die Grafin richtete, ein tiefes Gefuhl, der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher Anmuth, und der Wohllaut der schonsten mannlichen Stimme schien erschutternd auf die Grafin zu wirken. Es wahrte einige Augenblicke, ehe sie sich zu fassen vermochte, und Dubois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin. Emilie betrachtete mitleidig den jungen Mann, der sich mit Muhe aufrecht zu erhalten schien. Die Grafin loste endlich die peinliche Verlegenheit, die einige Augenblicke herrschte. Sie richtete mit Gute, aber grosser Anstrengung, die ersten Worte an den jungen Mann, indem sie sagte: "Ich weiss, Sie sprechen deutsch, ich ziehe es vor, mich in dieser Sprache zu unterhalten, und Sie wurden mich verbinden, wenn Sie nie franzosisch mit mir reden wollten." St. Julien verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke, der Ausdruck der Empfindlichkeit war eine Minute sichtbar auf seinem Gesichte, er konnte nicht voraussetzen, dass die Grafin die Sprache seines Landes nicht verstehe, und ihm musste es auffallen, dass sie in Erwiederung auf sein dankbares Gefuhl, das er sich auszudrucken bemuht hatte, diese Bitte an ihn richtete, die nicht freundlich klang. Ich muss es beklagen, sagte er endlich in deutscher Sprache, dass meine Landsleute sich Ihnen so verhasst gemacht zu haben scheinen, dass ihre Sprache Ihnen selbst im Munde dessen unertraglich ist, dem Sie so viele Gute erwiesen haben.
Es ist nicht das, sagte die Grafin in lebhafter Bewegung. Ich bitte Sie, mich nicht zu verkennen; es knupfen sich fur mich an diess Land und diese Sprache so viele susse, schmerzliche und schreckliche Erinnerungen, dass ich das Land nicht wieder sehen konnte, die Sprache ungern hore und vor Allem aus Ihrem Munde nicht vernehmen mochte. Mit grosser Besturzung sah Emilie die Grafin an, deren Wangen wie im Fieber gluhten, und deren zitternde Stimme von der Bewegung der Seele zeugte. Bei der grossten Zuruckhaltung, die die Grafin gegen Jedermann beobachtete, so dass sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals ihrer jungen Freundin offnete, musste der Zustand, in welchem sie, wie es schien, ihr Vertrauen einem jungen Manne entgegen tragen wollte, den sie zum ersten Mal sprach, Emilien wie ein Zustand des Wahnnsinns erscheinen; Dubois sah verlegen vor sich nieder und St. Julien schwieg, erstaunt uber den seltsamen Empfang.
Die Grafin fuhlte, dass sie sich hatte uberwaltigen lassen, und gewann, wie immer, bald die Herrschaft uber ihre Empfindungen, so dass sie nach kurzem Schweigen sich mit Ruhe und Wurde an St. Julien wendete, ihm ihre Theilnahme an dem Ungluck bezeugte, das ihn zum Gast ihres Hauses gemacht hatte, und ihre Freude daruber ausserte, ihn so weit hergestellt zu sehen. Sie forderte den Haushofmeister auf, ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen, die seine Lage erheischte, und fragte hochst gutig, ob ihm seine Krafte erlaubten, Antheil an der Gesellschaft zu nehmen. Man bemerkte zwar, dass die Grafin von Neuem ein wenig zusammenschreckte, als sie seine Stimme wieder horte, mit der er sich die Erlaubniss ausbat, noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben; sie blieb aber ruhig und befahl nur, einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen uber an den Theetisch zu rucken, den der Kranke einnehmen musste. Sie richtete oft das Wort an ihn, um, wie es schien, sich an den Klang seiner Stimme zu gewohnen, und forderte dann nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf, damit, wie sie bemerkte, St. Julien nicht mehr gereizt wurde zu sprechen, was ihm doch schadlich sein konnte.
Emilie gehorchte der Grafin um so lieber, als sie sich heut nicht in ihr Betragen finden konnte; hatte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt, so dass sie wusste, wie hochst ungerecht ein solcher Argwohn sein wurde, so wurde sie sich nicht haben enthalten konnen zu glauben, dass die Grafin einen vortheilhaften Eindruck auf den jungen Mann zu machen wunsche. St. Julien war anfangs verstimmt und verwirrt durch die seltsame Art, mit welcher die Grafin ihre Bekanntschaft eroffnet hatte; doch fuhlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen, so wie durch die Gute, welche sie gegen ihn ausserte, ein Wohlwollen in seiner Brust erregt wurde, uber das er sich weder nachzudenken, noch es sich zu erklaren bemuhte. Es hatte wahrend des Gesprachs die Grafin des jungen Mannes Aufmerksamkeit so ganzlich gefesselt, dass er Emilien, die sich uberdies nicht in die Unterhaltung mischte, wenig beachtet hatte. Er betrachtete nun, indem sie sich durch das Zimmer bewegte, um sich dem Instrumente zu nahern, die schlanke, edle Gestalt, und konnte nicht umhin, die Fulle der glanzenden, schonen blonden Haare zu bewundern, die theils in Flechten aufgesteckt waren, theils in Locken den zarten, weissen Nacken umspielten; sie offnete die frischen, rothen Lippen, und der Ton ihrer Stimme, der silberrein aus der Brust empor stieg, traf mit ruhrender Gewalt sein Herz. Emilie hatte den seltenen Vorzug, dass sie sich wahrend des Gesanges verschonte; ohne Anstrengung standen ihr die Tone in der Hohe und in der Tiefe zu Gebote, und sie konnte sich ungestort dem Genuss an der Musik, die sie vortrug, uberlassen; darum gluhte das Gefuhl, das ihre Tone auszudrucken strebten, wahrend des Gesangs in ihren Augen; das Entzucken spielte um den lieblichen Mund und farbte mit hoherer Rothe die zarten Wangen.
St. Juliens Augen waren auf die schone Sangerin geheftet. Die lieblichen Melodien, die ihren Lippen entstromten, durchdrangen sein Herz; die sanfte Glut ihrer blauen Augen schien sich heisser in den dunkeln Sternen der seinigen zu wiederholen, bis die zartlichen Accorde ein wehmuthiges Gefuhl hervorriefen, und er unvermuthet eine Thrane im Auge fuhlte, als er die ihrigen im feuchten Glanze schimmern sah.
Ueberrascht durch eine ihm neue Empfindung, beschamt durch eine zu grosse Reizbarkeit, die ihm Folge seiner Krankheit schien, blickte er wahrend des Gesanges zum ersten Mal nach der Grafin, um zu erfahren, ob er von ihr beobachtet wurde, doch diese schien selbst in Gefuhlen oder Gedanken verloren, und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben. Der Gesang war beendigt, und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang, weil es Menschen, die Musik fuhlen und lieben, gewohnlich schwer wird, nach den himmlischen Tonen, die eine schone Stimme im Gesange hervorgerufen hat, die Unterhaltung durch Worte und gewohnliche Rede wieder anzuknupfen.
Auf dem Gesichte der Grafin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Gute und Milde, als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat. Sie druckte die Hand ihrer jungen Freundin, und diese, die schon durch die Musik erweicht war, wendete sich schnell ab, um die Ruhrung zu verbergen, zu der sie sich durch die Zartlichkeit der Grafin bewegt fuhlte. Gewohnlich druckten die Zuge dieser Frau eine gewisse Entschlossenheit aus, keinem Ungluck, wenigstens im Aeussern, unterliegen zu wollen, und die Hoheit und Kalte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher abweisen, als erwiedern zu wollen. In den wenigen Augenblikken aber, wenn sie sich zu vergessen und einem Eindruck rucksichtlos hingegeben schien, dann schwand Kalte, Stolz, Hoheit aus ihren Mienen, wie ein Nebel vor dem heitern Himmel, hinweg, und Liebe, Gute und Milde sprachen aus den dunkeln Augen, und spielten als wehmuthiges Lacheln um den schonen Mund. In solchen Augenblicken schien sie viel alter zu sein, als in ihrem gewohnlichen Zustande, und doch auch zugleich viel schoner. Die Grafin hatte wahrend des Gesanges ihre junge Freundin eben so aufmerksam, als St. Julien betrachtet, und niemals war ihr die seltne Schonheit und Anmuth dieses lieblichen Wesens so aufgefallen, als diesen Abend. Sie erschien ihr in ihrer frischen, eben aufbluhenden Jugend wie eine zarte junge Rose, die bewusstlos ihre Schonheit nach und nach dem Strahl der Morgensonne entfaltet. Auch St. Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung gewesen, und sie musste sich gestehen, dass, obgleich seine Gegenwart schmerzliche Erinnerungen in ihrem Herzen erregte, sie doch auch zugleich wohlthatig wirkte. Sie betrachtete mit Ruhrung die geliebten Zuge, die in ihr das Bild eines andern Wesens hervorriefen, und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den grossen braunen Augen, deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward, und er erschien ihr, ihrer frischen jungen Rose gegenuber, wie eine Bluthe unter einem heisserem Himmel entsprossen, noch ungewohnt der rauheren Luft, die desshalb krank und welk noch schmachtete, und nicht die Pracht der Farben zu entfalten vermochte.
Diese Traume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zuruckkommenden Grafen; er vermehrte die Gesellschaft, aber ohne die Unterhaltung durch seine Gegenwart zu beleben; ein seltner Ernst ruhte auf seiner Stirn, und die Worte, mit denen er St. Julien seine Freude daruber bezeichnete, ihn so weit hergestellt zu finden, dass er sein Zimmer verlassen konne, erschienen diesem kurz und kalt. Die Grafin that einige Fragen an den Grafen, die ausweichend beantwortet wurden; St. Julien glaubte, dass seine Gegenwart eine freie Mittheilung hindere, und stand desshalb auf, um sich nach seinem Zimmer zuruck zu ziehen. Des Grafen Theilnahme kehrte wieder, als er die Ermattung des jungen Mannes und seinen noch hulflosen Zustand bemerkte. Er bot ihm die Hand, um ihm aufstehen zu helfen, und sagte mit etwas gezwungenem Lacheln: Da Ihre Krafte zunehmen, und Sie sich bald wieder frei werden bewegen konnen, so werde ich Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen mussen, das Schloss nicht ohne meine Einwilligung zu verlassen, um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen.
Welch ein ohnmachtiger Feind ich sein wurde, sagte St. Julien scherzend, bemerken Sie wohl selbst, da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal aufzurichten vermag. In vollem Ernst, sagte der Graf zwar hoflich, aber sehr bestimmt, ich muss Sie bitten, mir Ihr Ehrenwort zu verpfanden, dass Sie sich hier bei mir vollig wie ein Kriegsgefangener betrachten, folglich ohne meine bestimmte Einwilligung das Schloss nicht verlassen wollen; auch auf den Fall nicht, sezte er finster hinzu, dass Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen das Anerbieten machen sollten, sie zu begleiten.
St. Julien sah den Grafen mit Verwunderung an, bemuhte sich dann, kalt und ernst, die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben, um sie dem Grafen zu reichen, und verpfandete formlich und feierlich seine Ehre dafur, dass er sich als Gefangener betrachten und das Schloss nicht ohne Erlaubniss des Grafen verlassen wolle. Beide verbeugten sich gegeneinander und St. Julien noch besonders gegen die Frauen; er versuchte es dann sich nach der Thur zu bewegen; Emilie zog rasch und angstlich die Klingel; Dubois, der im Vorzimmer gewartet hatte, trat ein und fuhrte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen Krankenzimmer zuruck.
Was ist vorgefallen? fragte die Grafin mit Besorgniss, sobald der junge Mann das Zimmer verlassen hatte; was kann Sie in dem Grade verstimmt haben?
Ganz Schlesien ist in den Handen der Feinde, sagte der Graf finster, alle Festungen ergeben sich, das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen. Sie mussen landeseingeborne Fuhrer haben, kein Thal, keine Schlucht bleibt verschont, und ungeheure Erpressungen drucken das ganze Land.
Haben Sie diese ubeln Nachrichten durch den Baron Lobau erfahren? fragte die Grafin.
Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln, sagte der Graf, obgleich ich sie von ihm habe. Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel versammelt; man wollte sich berathen, aber man sah bald ein, dass man gezwungen sein wurde, den Umstanden gemass zu handeln, folglich keine Beschlusse im Voraus fassen konne, und die Gesellschaft, die sich versammelt hatte, um zu berathschlagen, vereinigte sich, da sie nichts Besseres thun konnte, zu einem so kleinmuthigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen, dass ich dadurch um alle Geduld gebracht wurde. Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft, dass, wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten, sie dann wohl ihren Kameraden mit sich nehmen wurden, den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten habe. Die Physiognomie des Menschen, der diese Bemerkung machte, war so einfaltig, dass ich kaum glaube, er hat etwas Boshaftes gemeint, aber ich wurde durch sein Geschwatz daran erinnert, dass ich, um hier St. Julien besser zu verpflegen, als es im Hospital geschehen sein wurde, und um ihn nicht der Gefahr auszusetzen, auf dem Wege dahin umzukommen, mich selbst verpflichtet habe, sobald es von der Regierung gefordert wurde, ihn als Kriegsgefangenen zu stellen, und nahm ihm desshalb das Ehrenwort ab, uns nicht zu verlassen, da er es gewiss bald erfahrt, dass seine Freunde in der Nahe sind.
Die Nachrichten, die der Graf den Frauen mittheilte, waren wohl geeignet, Unruhe zu erregen, und nachdem nun Mehreres daruber hin und her gesprochen war, wurde man daruber einig, dass es allerdings moglich sei, auch hier von den Feinden beunruhigt zu werden, ob man gleich fruher das Gegentheil gehofft hatte. Der Graf schlug den Frauen vor, sich wo moglich zu entfernen und sich nach Prag zu begeben, wenn noch Wege dahin offen sein sollten. Die Grafin aber weigerte sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte, dass sie das Druckendste mit ihm weit leichter, als die Ungewissheit in der Ferne ertragen wurde.
Der Graf hatte es der Grafin ungern vorgeschlagen, ihn zu verlassen, es war ihm ein Bedurfniss, in ihrer Gesellschaft zu leben. Er hielt es aber fur seine Pflicht, ihr die Wahl zu uberlassen, ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn der Unruhe und moglichen Gefahr ausweichen, oder Beides mit ihm theilen wollte. Dankbar nahm er es daher an, als sie seinen Wunschen gemass entschied. Dass Emilie blieb, war die naturliche Folge vom Entschlusse der Grafin, denn diese war ihre einzige Stutze in der freundlosen Welt, und nicht allein Dankbarkeit, sondern auch innige Neigung fesselte sie an die Frau, die ihr seit Kurzem um so viel theurer geworden war, und die sie von Vielen verkannt glaubte.
Nach und nach war man, wie es immer geschieht, ruhiger geworden, nachdem man die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte; man sprach uber mancherlei Vorsichtsmassregeln, die anzuwenden waren; man entschloss sich, den grossten Theil des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werthe zu verbergen, um den bevorstehenden Verlust so gering als moglich zu machen, denn man erwartete nichts Anderes, als Raub und Plunderung, von den feindlichen Truppen.
Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr, doch liess sie nur wenig von der heftigen Furcht merken, von der sie befallen war, theils, weil sie nicht fur kindisch gehalten werden wollte, theils, weil sie besorgte, die Grafin mochte sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen, wenn sie ihre Unruhe bemerkte. Wahrend solcher truben Gedanken und Gesprache war es spat geworden, als der Arzt mit seinen gewohnlichen starken und raschen Schritten sich dem Zimmer naherte, und ganz erhitzt eintrat.
Nach den ersten fluchtigen Begrussungen rief er dem Grafen zu: Haben Sie das Ungluck schon erfahren? Die Franzosen stehen vor Breslau, das ganze Land ist in ihren Handen.
Woher haben Sie die Nachricht? fragte der Graf, und Emilie heftete ihre Augen angstlich auf den Arzt.
Ich war beim Herrn Pfarrer, erwiederte der Doktor Lindbrecht, da kam ein Verwalter aus der Nahe, ich weiss nicht, wie das Gut heisst, ich habe mich auch nicht darum bekummert, wie der schlechte Mensch heisst, kurz, der kam von einer Reise aus der Gegend zuruck und brachte die Nachricht. Er war selbst mit Muhe der Gefahr entgangen, seine Pferde zu verlieren, wie er sagte. Ich wollte, er hatte sie verloren, der Schurke, und die Ohren dazu. Aber er wird sobald nicht wieder den Herren Pfarrer besuchen, hoffe ich. Wir haben ihm beide unverholen unsere Meinung gesagt, der Herr Pfarrer sowohl, als ich; er eilte auch zum Hause hinaus, als wenn ihn der bose Feind vertriebe.
Wie? sagte der Graf verwundert, weil er die Nachricht brachte, dass die Feinde vor Breslau stehen? Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin beleidigen?
Nicht desswegen, rief der Arzt mit Heftigkeit, was gehen mich die Feinde weiter an, nicht der Franzosen wegen, die vor Breslau stehen, sondern um des armen Menschen Willen, den ich hier im Hause wieder herzustellen suche.
Was sagte er denn von dem? fragte der Graf mit einiger Spannung, kannte er ihn, wusste er etwas von seinen Verhaltnissen?
Nichts wusste der elende Mensch, rief der Arzt mit Erbitterung, Lugen, Verlaumdungen verbreitete er von dem Kranken, von mir, von Ihnen.
Was konnte er sagen? fragte der Graf mit erhohter Verwunderung. Denken Sie, rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn gluhenden Wangen, er kannte mich nicht, er wusste nicht, wer ich bin, und hatte desshalb die Frechheit, in meiner Gegenwart zu erzahlen, bei Ihnen hier auf dem Schlosse wurde ein franzosischer Spion unterhalten, der alle Wege auskundschaftete, der von hier aus den Feinden alle Nachricht zukommen liesse, um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben zu bringen.
Die Behauptung ist lacherlich, sagte der Graf mit Verachtung. Schandlich ist sie, rief der Arzt. Ein Mensch, der in einem so elenden Zustande war, dass er Wochenlang nicht sprechen, ja beinah kein Glied ruhren konnte, der soll ein Spion sein. Sie, der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglucklichen annahmen, sollen ihn bei sich haben, um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln, und ich, der ich meine Wissenschaft, meine besten Krafte anwende, um einen Menschen dem Rachen des Todes zu entreissen, werde dafur als ein Landesverrather betrachtet.
Geben Sie sich zufrieden uber das unsinnige Geschwatz des Pobels; vernunftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe. Es ware aber gut, fugte er hinzu, wenn Sie Herren St. Julien dergleichen verschwiegen, es konnte ihn aufreizen, kranken.
Was denken Sie von mir? fragte der Arzt beleidigt, halten Sie mich fur so roh and unwissend? Jede Krankung muss ihm schaden, und bei seiner Jugend muss man sich doppelt huten. Ein solcher Feuergeist konnte darauf kommen, uns keinen Schaden zufugen und das Schloss verlassen zu wollen, ehe er hergestellt ist. Sorgfaltig muss ihm darum Alles verborgen werden, was ihn auf solche Gedanken bringen konnte. Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch gleich sehen, wie er sich befindet.
Die Frauen erzahlten nun dem Arzte, dass der junge Mann einige Stunden in ihrer Gesellschaft zugebracht habe, und Emilie bemerkte mit Theilnahme, dass er noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe.
Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat, rief der Arzt, die Jugend kennt kein Mass, und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht werden, so kummert sich so ein Kranker wenig darum, wie viele Sorgen er seinem Arzte verursacht. Nun, ich werde gleich sehen, welche Folgen sein Besuch gehabt hat. Er wollte sich nach dieser Erklarung entfernen, kehrte aber schnell in der Thure wieder um und wendete sich hastig an den Grafen, der indessen nachdenkend auf und ab gegangen war. Beinah, rief er, hatte ich einen Auftrag vergessen; der Herr Pfarrer hat mir diess Briefchen fur Sie gegeben, und ich Dummkopf hatte es beinah aus Zerstreuung bei mir behalten, statt es Ihnen einzuhandigen. Er reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem Papier, nach des Pfarrers gewohnlicher Weise in hochster Kurze, ohne alle Zierlichkeit abgefasst, ja selbst ohne Beachtung der Formen, die Hoflichkeit und Sitte sonst gewohnlich dem Menschen vorschreiben. Der wortliche Inhalt desselben war dieser: Statt des Titels:
P. P.
Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten Lorenz bei Ihnen sein. Er wird die Urkunde wiederschaffen. Ich bitte also, den Schlussel zum Archive und die versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten.
Seefeld,
Prediger zu .
Der Graf war freudig uberrascht durch den glucklichen und schnellen Ausgang einer Sache, die ihm so viele Sorgen verursacht hatte, zugleich aber ein wenig beleidigt durch die unhofliche Form, in welcher ihm dieser gluckliche Ausgang gemeldet wurde, und indem er anerkannte, welchen wichtigen Dienst ihm der Pfarrer geleistet habe, beschloss er doch zugleich, die nachste Gelegenheit wahrzunehmen, wenn er etwas Bedeutendes fur den Geistlichen thun konne, um sich von der Last der Dankbarkeit zu befreien, die ihm nach des Pfarrers Gemuthsart druckend zu werden drohte.
Der Arzt verfugte sich nun zu seinem Kranken, er fand dessen Puls fieberhaft, seine Wunden gereizt, kurz seinen Zustand auf alle Weise verschlimmert, und schrieb diess Ungluck dem zu langen Aufsitzen und einer zu lebhaften Unterhaltung zu. Es ist ganz so, wie ich es mir gedacht habe, rief er mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister kunftig daruber zu wachen, dass Herr St. Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den nachsten zwei, drei Tagen das Zimmer gar nicht verliesse. St. Julien schwieg. Er liess sich mit dem Arzte in keinen Streit uber die Ursache seines verschlimmerten Zustandes ein, er liess sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern das Versprechen, sein Zimmer in den nachsten Tagen nicht zu verlassen. Wenn Sie wollen, sagte er mit einiger Bitterkeit, so will Ihnen versprechen, Monate lang mich hier einzuschliessen, bis zum Frieden, wenn Sie es verlangen. Gott behute, sagte der Arzt, nur so lange, bis Ihr Puls wieder ruhig geht, bis Sie ohne Gefahr Sich dem Vergnugen der Gesellschaft uberlassen konnen; dann, im Gegentheil, werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen, denn Sie werden schwermuthig und das darf nicht sein, das hindert die Genesung.
Da St. Julien den Wunsch zu schlafen ausserte, so zog sich der Arzt zuruck, indem er bemerkte, der Schlaf sei Balsam, den die Natur in alle Wunden traufle, und der am Besten die gereizten Nerven beruhige. Er ging; aber St. Julien war weit davon entfernt, die Wohlthat des Schlafes zu geniessen; alle Bilder, die der heutige Tag ihm gezeigt hatte, gingen noch einmal vor seiner Seele voruber, und er wiederholte sich innerlich alle Worte, die zu ihm waren gesprochen worden. Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Grafin in Erstaunen, und von Neuem fuhlte er sich von der edeln Gestalt angezogen und geruhrt von der Gute, die sie ihm gezeigt hatte.
Von Neuem entzuckten ihn die sussen Tone, die Emiliens Lippen entschwebten, und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele; er fuhlte den Blick der blauen Augen im Herzen, er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmuthigsten Jugend, aber er fuhlte auch schmerzlich die Harte, die Kalte, mit welcher der Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte. So bin ich denn hier nichts, klagte er innerlich, als ein gefangener Feind, der so lange mit Schonung behandelt wurde, als er ein Gegenstand des Mitleids war, und der, kaum dem Grabe entrissen, Misstrauen und Zweifel erregt; so schnell ist die Theilnahme verschwunden, dass mich der Graf im ersten Augenblicke, in dem er mich ausserhalb des Bettes erblickt, mit Harte an meine Gefangenschaft erinnert. Hatten sie mich an dem unglucklichen Tage im Walde sterben lassen, so ware ich nun frei. Er tadelte sich selbst uber diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit; indem er sich die Gute des Grafen vergegenwartigte, blieb ihm der Gedanke hochst qualend, dass er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war, und er Alles, von den dringendsten Bedurfnissen des Lebens an, bis zu den uberflussigen Dingen, die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt, der Gute des Grafen verdankte, und dass er diese Gute nicht mehr so unbefangen benutzen konne, seitdem er, wie er glaubte, so unfreundlich behandelt worden war. Er seufzte tief, und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den Haushofmeister, dass er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte, den der Arzt als so heilsam pries.
Der alte Dubois naherte sich behutsam dem Lager, und indem er leise den Vorhang des Bettes aufhob, sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in Thranen gebadet. Um Gottes Willen, rief er, was ist Ihnen begegnet? Was kann Sie so erschuttern? Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben. St. Julien schamte sich seiner Schwache und sagte, indem er die Thranen von den bleichen Wangen trocknete: Sie sehen, lieber Dubois, die lange entkraftende Krankheit macht mich so schwach, wie ein Kind. Ich weine, indem ich an meine Mutter denke und mir ihren Jammer vorstelle, da sie so lange nichts von mir erfahren hat und nach der Art, wie ich aus dem Regiment verschwunden bin, wenn diese Nachrichten zu ihr gekommen sind, mich getodtet glauben muss.
Dubois hatte schon einige Male versucht, das Gesprach darauf zu lenken, wie der junge Mann im Walde gefunden worden war, und hatte von ihm zu erfahren gewunscht, Wer ihn nach diesem eisamen Platz verlockt habe, und wesshalb man ihn habe ermorden wollen; aber immer war St. Julien diesem Gesprache ausgewichen, und der Haushofmeister war viel zu hoflich, als dass er ihm eine Antwort hatte abdringen sollen. Auch diess Mal bemuhte er sich etwas Naheres uber diesen Gegenstand zu erfahren. St. Julien wich nicht, wie gewohnlich, dem Gesprach aus, sondern sagte mit milder, aber ernster Stimme: Sie haben mir so viel Gutes erwiesen, dass ich Ihnen undankbar erscheinen muss, wenn ich nicht offen mit Ihnen spreche, aber selbst auf diese Gefahr hin muss ich uber eine Sache schweigen, die nicht mich allein angeht, und ich bitte Sie, mich so wenig als moglich an diesen unglucklichen Tag zu erinnern.
Diese wenigen Worte waren hinlanglich, um die Lippen des gutmuthigen, wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig uber diesen Gegenstand zu schliessen, und er wollte sich vom Lager des Kranken zuruckziehen, als dieser sich aufrichtete und ihn mit bewegter Stimme bat, einen Brief, den er ihm diktiren wollte, an seine Mutter zu schreiben. Ich kann nicht ruhig sein, sagte der Kranke, ehe sie nicht Nachricht von mir hat, und Sie wissen, in welchem Zustande mein Arm noch ist, ich darf noch nicht daran denken, selbst zu schreiben. Dubois setzte seine Brille auf, holte ein Schreibzeug herbei, legte Papier zurecht, und St. Julien diktirte ihm einen Brief, in dem sich die zartlichste Liebe fur seine Mutter aussprach. Er meldete ihr, dass ein unglucklicher Zufall ihn betroffen habe, durch den er von der Armee getrennt sei, er sprach von seiner Verwundung und in so dankbaren Ausdrucken von der grossen Hulfe, die er im Hause des Grafen gefunden, dass Thranen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten, und er die Brille abnehmen musste, um sich die Augen zu trocknen. Endlich, nachdem sich Dubois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten konnte, wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefugt, dass die Mutter des jungen Mannes Mittel finden mochte, ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen, damit er nicht langer gezwungen ware, von den Wohlthaten Anderer zu leben, wie edelmuthig sie ihm auch erwiesen wurden. Dubois sah den Kranken verwundert an und legte die Feder einen Augenblick bei Seite; da aber St. Julien noch einmal die letzten Worte wiederholte, so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder, indem er kaum merklich mit dem Kopfe schuttelte. Als der Brief vollendet war, liess der Kranke sich die Feder reichen, um mit hochster Anstrengung seinen Namen zu unterschreiben, und bat dann Dubois, den Brief dem Grafen offen zu uberreichen, mit der Bitte, ihn an seine Mutter zu befordern; denn gewiss, sagte er, kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen, ein Mittel zu finden, diess Schreiben auf irgend einem Wege nach Frankreich zu befordern. Dubois versprach seinen Wunsch zu erfullen, und es schien, dass der Kranke nun ruhigen Vorstellungen Raum gabe, denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach diesem Gesprache, dass er entschlummert war.
IX
Der Graf hatte den Schlussel des Archivs sowohl, als eine Rolle mit hundert Dukaten an Dubois abgegegeben, um sie dem Pfarrer sogleich beim Eintritte in das Schloss einzuhandigen, und der Haushofmeister sass desswegen des andern Morgens am Fenster und wartete auf die Ankunft des Geistlichen, um seinen Auftrag auszurichten. Es war noch nich neun Uhr, als die kleine, leichte, aber nichts weniger als zierliche Equipage desselben in den Hof rollte, und er selbst mit der Pfeife im Munde abstieg und verdriesslich durch das offene Thor auf den Weg hinausschaute. Er hatte nicht lange wartend gestanden, als dieselbe Equipage, worin Herr Lorenz den Pfarrer vor einiger Zeit besucht hatte, durch dasselbe lahme Pferd auf den Hof geschleppt wurde, gegen welche der Wagen des Geistlichen ein prachtiges Ansehen gewann, als nun beide neben einander hielten.
Indess Lorenz die Schnure aufloste und so die Thure seines Wagens offnete, hatte sich Dubois dem Pfarrer genaherte und ihm Geld und Schlussel, seinem Auftrag, gemass, eingehandigt; dieser steckte beides ein und befahl dann mit lauter Stimme, seine Pferde abzuspannen und sie nach dem Stall zu fuhren, dagegen ermahnte Lorenz den Bauer, der ihm zum Kutscher diente, sich bereit zu halten, damit er nach wenigen Augenblicken wieder fahren konne. Wir wollen eine halbe Stunde von hier futtern, setzte er mit leiser Stimme hinzu, dort ist eine gute Schenke, wo wir uns auch selbst eine Gute anthun konnen. Der Bauer war es gern zufrieden. Des Pfarrers Pferde waren abgespannt, und dieser rief nun dem alten Lorenz zu, er solle kommen und sein Versprechen erfullen.
Beide stiegen nun die grosse Treppe hinauf, der Pfarrer mit einem Ausdruck von Verachtung gegen Lorenz im Gesicht, und dieser mit Seufzern, die ihm die Erinnerung erpresste, wie er sonst diess Schloss beinah als sein Eigenthum betrachtet hatte; die glanzenden Tage gingen schnell vor den Augen seines Geistes voruber, wo sonst zuweilen der Pfarrer als sein Gast auf dieser Treppe von ihm war bewillkommnet worden, dem er nun so demuthig und mit so bosem Gewissen folgte. Sie hatten das Archiv erreicht, und der Geistliche war mit dem ehemaligen Kastellan eingetreten, nachdem er die Thure geoffnet hatte. Lorenz blickte ihn befremdet an und sagte: "Ich hatte mir ausgemacht, hier allein und ungestort zu suchen." Der Pfarrer verschloss gleichgultig von innen die Thur, steckte den Schlussel zu sich und sagte dann sehr gelassen: meine Gegenwart wird Sie nicht storen, ich werde hier ruhig am Tische sitzen bleiben und das versprochene Geld aufzahlen, damit Sie es gleich in Empfang nehmen konnen, sobald Sie mir die Urkunde einhandigen. Er fing dies Geschaft auch sogleich an, und die hundert Dukaten waren aufgezahlt, ehe Lorenz noch wusste, was er thun sollte, ob er auf die Entfernung des Geistlichen dringen oder in dessen Gegenwart seine Schelmerei ausuben solle. Der Glanz des Goldes, der ihm in die Augen leuchtete, bestimmte ihn zu letzterem, und er naherte sich entschlossenen Schrittes den Schranken, worin die Urkunden aufbewahrt wurden, aber eine neue Verlegenheit machte, dass er gedankenvoll stehen blieb; er sah die Schranke aufgeraumt, alle Schriften darin in der besten Ordnung, er begriff nicht, wie er den Schein retten sollte, und sah auch keine Moglichkeit sich zuruckzuziehen, ohne vorher sein Versprechen erfullt zu haben. Ein Blick auf das funkelnde Gold, das eben recht in den Sonnenstrahlen glanzte, die durch ein hohes Fenster grade auf den Tisch fielen, gab ihm neuen Muth, und er naherte sich herzhafter einem der Schranke. Der Pfarrer bewachte mit den Augen alle seine Bewegungen. Lorenz blatterte ein wenig in den Papieren, hob einige Pergamente auf und legte sie wieder nieder, trat dann ein wenig von dem Schranke zuruck, und sagte mit gepresster Stimme: Ei, was liegt denn hier? Er buckte sich tief auf den Boden, und der Pfarrer sah deutlich, wie er ungeschickt mit zitternden Handen die Urkunde aus dem Busen zog und dann that, als habe er sie zwischen dem Schranke und der Wand hervorgezogen. Was finde ich hier? rief er mit erleichterter Brust und reichte dem Pfarrer, der zu ihm getreten war, die Schrift hin.
Der Geistliche nahm schweigend das Dokument, um es schnell durchzusehen, ob es das Gesuchte und ob es auch vollstandig sei. Lorenz hatte sich nun vollig gefasst und sagte in seinem gewohnlichen, heuchlerischen Tone: Gott sei gedankt, der mich das Gesuchte hat finden lassen und nicht hat zugeben wollen, dass der Name eines alten, redlichen Dieners der Verlaumdung Preis gegeben wurde. Er vergebe denen, die leichtsinnig ihre Augen nicht gehorig brauchen, und wenn sie dann nicht finden, was sie suchen, redliche Greise verlastern.
Der Pfarrer hatte sich wahrend dieser Rede vollkommen uberzeugt, dass er die Schrift in seinen Handen hielt, an deren Besitz dem Grafen so viel liegen musste; er faltete sie zusammen, steckte sie in den Busen, und nachdem er den Rock sorgfaltig zugeknopft hatte, sah er dem alten Sunder mit Zorn und Verachtung in die Augen, der diesen Blick nicht ertragen konnte, sondern schuchtern vor sich nieder blickte. Glauben Sie, hub der Geistliche nach einem augenblicklichen Stillschweigen an, dass ich so blodsinnig bin, mich von Ihnen tauschen zu lassen? Glauben Sie, dass ich nicht gesehen habe, wie Sie die Urkunde aus dem Busen zogen, die sie mich nun bereden wollen, hier gefunden zu haben? Hatten sie nicht verdient, dass der Graf Sie fur Ihren schandlichen Diebstahl den Gerichten uberlieferte und Sie der offentlichen Schande Preis gabe? Konnen Sie es vor Gott verantworten, dass Sie einen Herren zu Grunde richten wollten, dessen Brod sie funfzig Jahre gegessen haben, auf dessen Kosten Sie sich verheirathet und Ihre Kinder erzogen haben, und der trotz Ihrer Schlechtigkeit Erbarmen mit Ihrem Alter hat und Sie weder der Schande, noch dem Mangel Preis geben will? Denken Sie nicht daran, alter Sunder, dass Ihr grauer Scheitel bald von der Erde bedeckt im Grabe ruhen wird, dass Sie dann vor Gott stehen und Rechenschaft von Ihrem Sunderleben geben mussen?
Herr Pfarrer, stammelte der ehemalige Kastellan, wollen Sie mir Ihr Wort brechen, wollen Sie mich zu Grunde richten?
Nein, elender Mensch, rief der Pfarrer mit grosser Verachtung, nehmen Sie Ihr durch Diebstahl und Betrug gewonnenes Gold und eilen Sie, Sich aus dem Hause zu entfernen, dessen Bewohnern Sie so vielen Dank schuldig sind und so schandlichen Undank gezeigt haben. Der Geistliche offnete die Thure, indem er diese Worte sagte. Lorenz raffte mit gierigen und doch vor Furcht zitternden Handen das Gold zusammen, und war so eilig, sich zu entfernen, dass er Hut und Stock vergass, und der Pfarrer ihm beides durch einen Bedienten nachschicken musste.
Fahre nur so schnell Du kannst, flusterte Lorenz dem Bauern zu, indem er die Thure seines Wagens zuband, nach der Schenke, nach Krumbach, ich bin ganz schwach geworden und brauche eine Starkung. Der Bauer war gern dazu bereit, und so schnell das lahme Pferd es vermochte, verliess der ehemalige Kastellan das Schloss, mit dem Vorsatze, es nie wieder zu betreten.
Der Arzt hatte den Morgen seinen Kranken besucht und ihn zwar ohne Fieber, aber ausserst missmuthig und niedergeschlagen gefunden; er gab sich Muhe ihn zu zerstreuen und sing an ihm Mancherlei aus seinem Leben, von seinen wunderbaren Schicksalen zu erzahlen. St. Julien achtete aber nicht darauf; er erbot sich, dem verwundeten Officier die merkwurdige Krankengeschichte eines Schneiders vorzulesen, die in der neuesten medicinischen Zeitschrift enthalten sei, und war erstaunt, als sich St. Julien diese Unterhaltung ziemlich trocken verbat. Er griff zu seinem lezten Hulfsmittel und bot ihm an, eine Partie Schach mit ihm zu spielen, aber auch dieser Versuch missgluckte, denn der junge Mann versicherte, er habe nicht die mindeste Lust zum Spielen. Was soll ich denn aber dann mit Ihnen anfangen? sagte der Arzt, Sie werden mir meine ganze Kur verderben mit Ihrer Schwermuth. Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal, sagte der Kranke verdrusslich. Das geht nicht, rief der Arzt, das ware gegen meine Pflicht; ich muss Alles thun, um Sie wieder herzustellen, und Sie hindern durch Ihre Traurigkeit die Genesung. Ich bin nicht traurig, versicherte St. Julien mit einem tiefen Seufzer, ich fuhle mich nur schwach, und wunsche Ruhe und Einsamkeit.
Nachdem der Arzt noch einige Versuche gemacht hatte, den Kranken auf seine Weise zu erheitern, die sammtlich missgluckt waren, musste er ihn endlich, wie er sagte, seinem Eigensinne uberlassen, weil er noch andere Kranke zu besuchen habe, denen er seinen Beistand auch nicht entziehen durfe. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so fragte St. Julien den Haushofmeister mit einiger Heftigkeit, ob er dem Grafen schon den Brief an seine Mutter eingehandigt, und ob dieser ihn zu besorgen versprochen habe.
Ich habe den Grafen seit gestern Abend noch nicht wiedergesehen, antwortete Dubois, und kann ihn auch jetzt nicht sprechen, da er sich mit dem Herrn Pfarrer in sein Kabinet verschlossen hat; aber verlassen Sie sich darauf, ich werde ihm noch vor Tische Ihr Schreiben ubergeben. St. Julien musste mit dieser Antwort zufrieden sein, und Dubois sah es mit Betrubniss, dass er sich in dustere Traumereien versenkte. Er versuchte es einige Male eine Unterhaltung mit dem Kranken anzuknupfen; da dieser aber jedesmal kurz und einsylbig antwortete, so uberliess er ihn endlich seiner dustern Laune und ging, um im Vorzimmer des Grafen zu warten, damit er diesem, sobald seine Geschafte mit dem Geistlichen beendigt waren, den Brief uberreichen konne, an dessen Absendung dem jungen Manne so viel zu liegen schien.
Der Graf hatte die Urkunde aus den Handen des Pfarrers erhalten, und da dieser selbst so viel Freude daruber zeigte, das Geschaft glucklich beendigt zu sehen und den Grafen von dieser Sorge befreit zu haben, so gewann er in den Augen desselben durch eine so freundschaftliche Gesinnung mehr, als er durch seine kurze und unhofliche Art zu schreiben verloren hatte, und der Graf beschloss von Neuem die guten Eigenschaften des Pfarrers gehorig zu wurdigen, ohne sich durch die unangenehme Art, wie sie sich zu erkennen gaben, storen zu lassen. Er entschloss sich also, ihm zu vertrauen und seinen Beistand in dieser Sache ferner zu erbitten. Er theilte ihm den Wunsch mit, die Familien-Verhaltnisse des Verwandten, der sich zu so unwurdigen Schritten hatte verleiten lassen, genauer zu kennen, um beurtheilen zu konnen, ob eigene Bedrangniss ihn verleitet habe, oder ob er bloss durch Habsucht bestimmt worden sei. Im letzteren Falle, schloss der Graf, habe ich den Vorsatz, jedes Verhaltniss mit ihm zu vermeiden, im ersteren aber erlaubt mir meine eigene Lage, da ich keine Kinder habe, Manches zu thun, was uns naher bringen und vielleicht uns beide beruhigen wurde.
Es war dem Pfarrer nicht entgangen, dass der Graf seufzend die Bemerkung gemacht hatte, dass er keine Kinder habe, und er glaubte seine Vermuthung bestatigt zu finden, dass er mit seiner Gemahlin nicht vollkommen glucklich lebte. Er versprach aber seinen Beistand von ganzem Herzen und verpflichtete sich ihm, in Kurzem genaue Nachrichten uber die Lage seines Verwandten zu verschaffen. Es konnte dieser Auftrag dem Pfarrer nicht anders, als hochst willkommen sein, denn bei seiner Neigung, aller Menschen Angelegenheiten zu erforschen, storte ihn oft der Vorwurf seines eigenen Gewissens, und er konnte sich nicht ablaugnen, dass eine solche Neugierde eines Geistlichen vollig unwurdig sei, also war es ihm alle Mal eine grosse Beruhigung, wenn er seiner Neigung folgend, sich zugleich sagen durfte, dass er aus Menschenliebe handle, dass er durch seine Nachforschungen Frieden stiften, kurz, etwas Lobliches erreichen wolle. Beide verliessen also, sehr mit einander zufrieden, das Kabinet des Grafen und fanden, als sie sich nach dem Gesellschaftszimmer begeben wollten, im Vorgemache Dubois wartend, der mit seiner gewohnlichen Ehrerbietung dem Grafen St. Juliens Brief reichte und ihn mit dem dringenden Wunsche des jungen Mannes bekannt machte. Der Graf faltete ein wenig verdrusslich die Stirn und sagte: Ich werde den Brief nachher lesen, weil es Herr St. Julien wunscht, und dann ihn selbst daruber sprechen.
Der Pfarrer ausserte den Wunsch, den Kranken zu besuchen. Dubois machte ihn aber mit dessen trauriger Stimmung bekannt, die ihn den Wunsch hatte aussern lassen, allein und ungestort zu bleiben. Der Geistliche gab also fur diessmal seinen Vorsatz auf und verfugte sich zum Arzt, um zu erfahren, ob dieser nichts von dem Kranken erforscht habe, das Licht geben konne uber seine schreckliche Misshandlung an der einsamen Stelle im Walde, wo man ihn gefunden hatte. Er verlor aber seine Zeit mit dem Arzte, denn dieser wusste ihm nichts mitzutheilen, als Krankengeschichten, die wenig Reiz fur den Pfarrer hatten, und Klagen uber St. Juliens eigensinnige Schwermuth, die dem Arzte tausend Besorgnisse erregte.
Unter solchen unerfreulichen Gesprachen waren die Stunden verflossen, und die Gesellschaft versammelte sich im Speisesaale zur Mittagstafel. Wie es naturlich war in einer so verhangnissvollen Zeit, wendete sich das Gesprach bald auf die Begebenheiten des Tages. Verschiedene Meinungen wurden aufgestellt, manche Befurchtniss und manche Hoffnung ausgesprochen, Alle aber mussten sich darin vereinigen, dass die einzige Hoffnung, die man sich vernunftiger Weise erlauben durfte, auf den Beistand der Russen gegrundet sei. Was wird nun der alte Obrist Thalheim sagen, rief der Pfarrer, wenn er sieht, wie alle seine Behauptungen zu Schanden werden. Wie viel tausendmal hat er versichert, dass die franzosische Macht an der Preussischen scheitern werde; dass der Geist des grossen Friedrichs noch in der Armee herrsche und sie unuberwindlich mache. Zwar er wird sich jetzt wohl wenig um die Festungen kummern, die den Franzosen ubergeben werden, da ihm ubermorgen selbst Alles abgenommen wird, was er etwa noch besitzt.
Thalheim? fragte der Graf nachdenkend, der Name ist mir so bekannt, und ich kann mich doch nicht gleich erinnern, auf welche Weise.
Er selbst, erwiederte der Pfarrer, hat es fruher oft erzahlt, dass er ein Freund Ihres Herren Vaters gewesen sei. Ich erinnere mich, rief der Graf, bei dem Regiment, das in meiner Jugend in dieser Gegend in Garnison stand, diente ein Major Thalheim, der oft und lange ein Gast meines Vaters war, und beide lebten auf einem sehr vertraulichen Fusse mit einander, sollte es derselbe sein? Gewiss, antwortete der Pfarrer, er hat es nachher bis zum Obristen gebracht und dann seinen Abschied genommen.
Und ist er in so bedrangten Umstanden? fragte die Grafin.
Er ist ganz zu Grunde gerichtet, erwiederte der Pfarrer, er soll ehedem ein artiges Vermogen gehabt haben, auch hatte er, da er sehr lange gedient hat, eine Pension, aber erstens hat er sich sehr spat, man kann sagen im hohen Alter, verheirathet, naturlich hat ihn die Frau nicht aus Liebe gewahlt, er dagegen soll sie ganz thoricht geliebt haben; also hat er Alles gethan, was sie wollte, das hat ihm viel gekostet; dann bestand sein Vermogen in baarem Gelde, das hat er bei verschiedenen Handlungshausern, die nach einander fielen, verloren; endlich wurde er Wittwer und besass beinah nichts, als eine unmundige Tochter; nun kam er auf den traurigen Gedanken, ein kleines Gut, eigentlich einen Meierhof, zu pachten und verstand nichts von der Wirthschaft, doch ging es so lange, als er zuzusetzen hatte, nun ist er den Pachtzins schuldig geblieben, und das Gut ist ihm abgenommen, und wenn er ubermorgen nicht bezahlt, so wird ihm das Wenige, was er an Mobilien besitzt, verkauft. Der Verwalter war gestern bei mir, der entweder das Geld empfangen oder ihm Alles, was er hat, abnehmen soll.
Mein Gott, das ist eine entsetzliche Lage, sagte die Grafin, indem sie den Grafen ansah.
Hat denn Niemand Mitleid mit dem alten unglucklichen Manne, sagte Emilie, indem sie die Augen bittend zum Grafen aufhob.
Ich glaube schwerlich, dass sich Jemand seiner annehmen wird, bemerkte der Pfarrer, vorschiessen kann ihm Niemand, denn bei den jetzigen traurigen Zeiten wird ihm die Pension nicht ausgezahlt, die er fruher hatte, wovon soll er also wieder bezahlen, da er sonst gar nichts hat?
Desto schrecklicher muss ja aber der Mangel sein, mit dem er kampft, erwiederte die Grafin.
Gewiss, antwortete der Pfarrer, aber gewisser Massen hat er es sich auch selbst zugezogen, dass sich Niemand um ihn kummert, denn je armer er wurde, je stolzer wurde er auch; je mehr er verlor, je mehr zog er sich von den Menschen zuruck und wies jeden Rath ab, wurde durch jede freundschaftliche Bemerkung beleidigt, Wer soll ihm also nun helfen, da er Niemandem vertraut hat?
Es ist wunderbar, sagte der Graf nachdenkend, dass nichts in der Welt so selten angetroffen wird, als Vertrauen, wahres uneingeschranktes Vertrauen, selbst unter den edelsten Menschen, und am Seltensten, fugte er nach einer kleinen Pause hinzu, das Vertrauen, das dem Freunde die Zerruttung unseres Vermogens zeigen mochte. Jeder Mensch schamt sich der Armuth, und verbirgt kein Gebrechen so angstlich und sorgfaltig als diess, so lange es irgend in seinen Kraften steht.
Die Wangen der Grafin hatten sich auffallend gerothet, als der Graf uber Mangel an Vertrauen selbst zwischen edeln Menschen klagte, und diese Rothe war dem beobachtenden Geistlichen nicht entgangen. Sie richtete einen durchdringenden Blick auf den Grafen, der aber von diesem nicht bemerkt wurde, und sie wurde wieder ruhig, da es sich deutlich erkennen liess, dass der Graf diese Bemerkung ohne Nebenabsicht gemacht hatte, und es sich besonders aus dem Schlusse seiner Rede ergab, dass ihn bloss die Lage des Obristen Thalheim in diesem Augenblicke beschaftigte.
Ich glaube, sagte sie endlich, dass sich nichts so leicht erklaren lasst, als das Gefuhl der Scheu, womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt.
Ja wohl, rief der Pfarrer mit seiner gewohnlichen vorschnellen Art, es ist eine erbarmliche Eitelkeit, fur reich angesehen sein zu wollen. Ich glaube nicht, dass diess der Grund ist, erwiederte die Grafin, sondern vielmehr die Einbildung derer, an die man sich wenden konnte, denn naturlich kann sich der Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden, und die werden alle Mal ihren glucklichen Zustand als die Folge ihrer Klugheit, ihres Fleisses oder ihrer Ordnung betrachten, und werden immer annehmen, dass ihrem leidenden Bruder eine dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen.
Das ist aber auch gewohnlich der Fall, fiel der Geistliche ein.
Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung, sagte die Grafin lachelnd. Aus dieser Ansicht folgt nun ganz naturlich, dass sich jeder Wohlhabende fur kluger halt, als der Nothleidende ist, folglich mit der Hulfe, die er ihm leistet, zugleich eine gewisse Vormundschaft ubernimmt und von dem, der seine Hulfe empfangt, fordert, er solle mit seinen Augen sehen, aus seinem Herzen fuhlen und nach seiner Leitung handeln. Sagen Sie selbst, kann es fur einen Menschen etwas Schmerzlicheres geben, als wenn er die Hulfe seiner Freunde so theuer erkaufen muss, dass er gezwungen ist, seine Einsicht, seinen Willen, seine Gefuhle, seine Selbststandigkeit aufzugeben, und konnen Sie sich wundern, dass Jeder diesen traurigen Zustand so lange als moglich vermeidet? Konnten wie uns entschliessen, mit den Augen unserer nothleidenden Freunde zu sehen, uns in ihre Lage zu versetzen, und unsere Hulfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu gewahren, so dass wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege raumen hulfen, die sie hindern, sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen, statt dass wir ihnen jetzt hochstens unter der Bedingung Beistand leisten, dass wir sie in die unsrige hinuber zwingen, dann, glaube ich, wurde weder Vertrauen, noch Dankbarkeit in der Welt so selten angetroffen werden.
Der Geistliche verstand die Grafin nicht recht, und machte nun bei sich aus, dass sie eine Neigung zur Schwarmerei habe. Diess Wort war ihm ein Trost, denn Alles, was seiner Denkungsweise fremd war, was er nicht verstand, oder was ihm zuwider war, bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art von Selenkrankheit. Er endigte also das Gesprach von Wohlthatigkeit, indem er sich an den Grafen wendete und sagte: es fallt mir eben ein, da wir heute uber Ihre Verwandten sprechen, Ihr Vetter, der junge Graf Hohenthal, stand hier in der Nahe mit seiner Eskadron vor dem Ausbruche des Krieges, der ritt taglich zum alten Obristen, und beide schlugen die Franzosen wohl tausend Mal in Gedanken; die bose Welt sagte aber, fugte er lachelnd hinzu, dass der junge Nittmeister mehr um des schonen Frauleins, als um des alten Obristen Willen so oft den Weg machte. Ich glaube, der Rittmeister ist der einzige Sohn seines Vaters? fragte der Graf.
Ich weiss es nicht, sagte der Pfarrer lachend, aber dass Sie es nicht wissen, sezt mich in Verwunderung.
Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren, erwiederte der Graf, wenig mit meiner Familie in Verbindung gewesen, und naturlich konnen in einem solchen Zeitraume manche Mitglieder geboren sein, von denen ich nichts erfahren habe.
Die Tafel wurde aufgehoben und dem Pfarrer gemeldet, dass seine Pferde angespannt seien, so wie er befohlen habe; er verliess also das Schloss, nachdem er dem Grafen noch einmal versprochen hatte, ihm in kurzer Zeit alle Nachrichten uber seine Verwandten zu verschaffen, die ihm wichtig scheinen konnten. Der Graf las nun noch einmal St. Juliens Brief und verfugte sich dann zu ihm, um, wie er versprochen hatte, selbst mit ihm uber diese Angelegenheit zu sprechen.
Er fand den jungen Mann noch in der schwermuthigen Stimmung, die sich seiner seit dem Augenblick bemeistert hatte, als ihm der Graf erklart hatte, er musse sich als Gefangener betrachten; er hatte beschlossen, diess im strengsten Sinne zu thun und sein Zimmer so wenig als moglich zu verlassen, und bekampfte mit Schmerz die Sehnsucht' die sich ihm im Herzen regte, die Grafin und Emilie wieder zu sehen. In seiner truben Laune bemuhte er sich, Alles feindlich auszulegen, und so glaubte er, der Graf wolle ihn von den Frauen abhalten und habe ihn desshalb in ihrer Gegenwart mit solcher Kalte behandelt. In dieser trubseligen Stimmung beantwortete er die Frage nach seinem Befinden, die der Graf an ihn richtete, so kurz und trocken, als es nur immer die Hoflichkeit erlaubte; der Graf aber liess sich dadurch nicht abschrecken, sondern sagte im vaterlich milden Ton, indem er seine Hand fasste und sie wohlwollend druckte: Sie sind verstimmt und ich trage die Schuld Ihrer bosen Laune, ich habe sie verlezt, indem ich Sie mit Ihrer Lage bekannt machte, ohne die Schonung zu haben, Ihnen zu erklaren, wodurch ich gezwungen bin zu fordern, dass Sie das Schloss nicht ohne meine Einwilligung verlassen wollen.
So trube St. Julien auch gewesen war, so fest er sich eingebildet hatte, er sei vom Grafen gekrankt, beleidigt, erniedrigt worden, so schmolzen doch alle diese Empfindungen in wenigen Augenblicken hinweg, und der vaterlich milde Ton der Stimme des Grafen ruhrte sein Herz, die Gute, womit dieser sich selbst Unrecht gab, beschamte den jungen Mann, und er errothete uber seine eigene Undankbarkeit. Ich hatte Sie daran erinnern sollen, fuhr der Graf fort, dass in diesen traurigen Zeiten des Krieges man oft selbst Schwierigkeiten findet, einander kleine Dienste zu leisten; ich hatte Sie nach den erlassenen Verordnungen eigentlich als Kriegsgefangenen nach einer Stadt senden mussen, in der sich eine bedeutende Besatzung befindet; Ihr Zustand erlaubte keine Reise, und ich erhielt die Erlaubniss fur Ihre Genesung zu sorgen nur dadurch, dass ich mich verflichtete, Sie, so bald es gefordert wurde und Ihre Krafte es erlauben, vor die Behorde zu stellen, die ein Recht haben wurde, es zu verlangen. Seitdem hat sich die Lage der Dinge geandert, damit hatte ich Sie bekannt machen mussen; das Land ist in den Handen der Franzosen; ich muss erwarten, dass ich eben so wenig von ihrem Besuch verschont bleiben werde, als Andere, und es ist naturlich, dass Ihre Freunde und Kameraden Sie auffordern werden, ihren Fahnen zu folgen; ich habe keine Macht es zu hindern, wenn Ihre Ehre Sie hier nicht fesselt, und konnte also in dem Fall, wenn Sie mit den Franzosen zogen, mein Wort nicht losen. Wie nachtheilig diess in der Folge fur mich sein wurde, werden Sie einsehen, wenn ich Ihnen sage, dass schon jetzt unsinnige Gesprache entstehen, als ob ich mit den Feinden des Landes in Verbindung stande, und dass Sie als der Unterhandler bezeichnet werden. Meine Ehre fordert also, dass Sie mich fur jezt nicht verlassen, und darum verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen in dem Augenblicke so unfreundlich diese Verbindlichkeit auflegte, wo ich mich selbst durch manche trube Nachrichten verstimmt fuhlte.
St. Julien sah erst jezt den ganzen Umfang der Verbindlichkeiten ein, die er gegen den Grafen hatte; tief beschamt durch sein eigenes Unrecht und doch auch zugleich erleichtert im Herzen, blickte er errothend zum Grafen auf und sagte: Ich habe mich betragen wie ein unverstandiger Knabe, ich fuhle erst jetzt Ihre grossmuthige Schonung, mit der Sie mich uber alles Harte meiner Lage hinweg gehoben haben, und ich Thor gebe aus gekrankter Eitelkeit der ubeln Laune Raum, wenn so ernsthafte Sorgen Ihr Herz bewegen.
Sie sind gegen sich selbst viel zu hart, sagte der Graf lachelnd. Ich weiss nicht, rief St. Julien, welch ein Gefuhl Ihre Schonung und Milde wurdig erwiedern konnte.
Vertrauen, sagte der Graf, wahres freundschaftliches Vertrauen ist der schonste Beweis, dass unsere Freundschaft erkannt wird; darum beziehen Sie es nicht auf Sich, wenn Sie meine Stirn zuweilen finster sehen, und lassen Sie nicht solche Briefe schreiben, setzte er lachelnd hinzu, indem er ihm den Brief reichte, den St. Julien errothend zurucknahm, die nichts weiter beweisen, als dass Sie mich missverstanden haben. Ich sehe ein, fuhr er ernsthaft fort, dass Sie herzlich wunschen mussen, Ihrer Mutter Nachrichten von sich zu geben, aber Sie werden nun auch einsehen, dass ich es nicht unternehmen kann, in diesem Augenblicke Briefe nach Frankreich zu befordern. Ich furchte aber, Sie werden bald Gelegenheit durch Ihre Landsleute finden.
Vergeben Sie mir mein thorichtes Betragen, sagte St. Julien, und ich will mich gern in alles Uebrige finden.
Beweisen Sie mir, dass Sie es aufrichtig bereuen, sagte der Graf gutig lachelnd, und lassen Sie mich wie einen Vater fur Sie sorgen, ohne dass Sie sich meinen Einrichtungen wiedersetzen.
Welch ein Gluck ware es fur mich, sagte St. Julien mit Thranen, wenn ich einen solchen Vater hatte, der meine Jugend leitete.
Und welch ein Gluck ware es, einen Sohn zu haben, wie Dich, sagte der Graf, indem die Empfindung ihn uberwaltigte und eine Thrane in seinem Auge schimmerte.
Lassen Sie uns nun Beide vernunftig sein, setzte er nach einigen Augenblicken hinzu, und zeigen Sie mir, dass Ihre Empfindung fur mich Ihnen Ernst ist. Sie haben von Ihrer Mutter eine Summe Geldes verlangt, es ist aber unmoglich, dass Sie jetzt Ihren Wunsch erfahren oder befriedigen kann, nehmen Sie also indessen von mir, was Sie mir ja spater ersetzen konnen. Der Graf legte mit diesen Worten eine Rolle Gold auf den Tisch, und St. Julien fuhlte, dass es ein roher Eigensinn sein wurde, wenn er sich weigern wolle, es zu empfangen. Er dankte also einfach, aber herzlich, und nahm es als ein Darlehn an.
Fuhlen Sie sich stark genug das Zimmer zu verlassen, sagte der Graf, so begleiten Sie mich zu unsern Damen; das wird Ihnen auf jeden Fall besser sein, als hier einsam zu traumen, was der Arzt auch sagen mag. Freudig nahm St. Julien die Einladung an, der Graf bot ihm selbst den Arm und beide sezten sich nach dem Theezimmer in Bewegung zu Dubois frohem Erstaunen. Die Grafin heftete einen wehmuthigen Blick auf Beide, als St. Julien, auf den Grafen gestuzt, eintrat, und Emilie bewillkommnete sie mit unschuldiger Freude. Die Unterhaltung wurde lebhaft, man vergass die gegenwartige Zeit, und der Graf und St. Julien schienen sich mit jeder Minute einander mehr zu nahern, je mehr sich die Uebereinstimmung ihrer Denkungs- und Empfindungsweise offenbarte. Kunst, Poesie und Natur waren die uber alle Parteiinteressen erhabenen Gegenstande des Gesprachs. Emilie mischte sich lebhaft in die Unterhaltung und entfaltete einen Reichthum des Geistes, einen Schatz von Kenntnissen, die den jungen Mann in Erstaunen sezten, weil er bei ihrer einfachen, beinah schuchternen Art sich zu betragen durchaus nicht auf die Vermuthung gekommen war, dass sie so unterrichtet sein konnte. Ohne Absicht von Emiliens Seite musste er bemerken, dass sie alle neuern Sprachen verstand und die vorzuglichsten Werke in allen grundlich kannte; so weit aber war sie davon entfernt, aus Eitelkeit diese Gegenstande zu beruhren, dass es ihr bei ihrer einfachen Seele vielmehr schien, als verstande es sich von selbst, dass jeder Mensch, der Kunst und Poesie liebe, wenigstens diess Alles kennen musse, und da St. Julien mit Feuer und Geschmack uber Manches sprach, so sezte sie voraus, dass er weit mehr gelesen habe, als sie selbst, und sezte ihn dadurch zuweilen ein wenig in Verlegenheit, bis er endlich offenherzig gestand, dass er nur wenig Zeit bis jetzt darauf gewendet habe, sich Kenntnisse dieser Art zu verschaffen, und dass die fruhe Uebung in den Waffen ihn gehindert habe, in dieser Hinsicht seiner Neigung folgen; dass er aber nun, da seine Krankheit ihm nicht lange mehr hinderlich sein wurde, sich eifrig mit der Erlernung des Englischen und Italienischen beschaftigen wolle. Der Graf bot sich ihm als Lehrer an, und sein Anerbieten wurde mit herzlicher Freude angenommen.
Jeder fuhlte sich wohl an diesem glucklichen Abend, die Grafin war ruhig, beinah heiter; die Erinnerungen an vergangene Leiden schienen fur einige Stunden aus ihrem Gedachtniss gewichen zu sein; der Graf fuhlte sich so heiter wie er seit Jahren nicht gewesen war, und St. Julien konnte, indem er abwechselnd Beide betrachtete, nicht mit sich daruber einig werden, wen er seinem Herzen naher fuhlte; wenn aber seine dunkeln Augen einem Blick aus den himmelblauen der schonen Emilie begegneten, dann schlug er sie schuchtern nieder und wagte nicht die holde Gestalt mit in dem Kreise zu begreifen, uber den er sich eben die Frage vorgelegt hatte. Als sich das Gesprach wieder auf Musik wendete, versuchte er es auszudrucken, wie sehr ihn Emiliens Gesang am vorigen Abend entzuckt habe, und der Graf und die Grafin forderten ihre junge Freundin auf, einige italienische Sachen aus der alteren Zeit zu singen, um auch den heutigen Tag wurdig zu beschliessen. Emilie sang, ohne sich zu weigern, und St. Julien gab sich rucksichtslos den sussesten Empfindungen hin; er konnte sich im Entzucken des Horens keine grossere Gluckseligkeit denken, als seine Stimme mit den himmlischen Tonen vermischen zu durfen, die den rosigen Lippen der jungen Sangerin entschwebten.
Als sie geendigt hatte, versicherte der Graf und die Grafin, ihre Stimme werde taglich schoner; sie habe nie so vortrefflich gesungen, als am heutigen Abend. St. Julien konnte sich nicht entschliessen, mit Worten ihren Gesang zu loben, oder, wie man sich auszudrukken pflegt, ihr etwas Verbindliches daruber zu sagen, aber der dankbare, entzuckte Blick, dem Emiliens Augen begegneten, als sie sich zufallig zu ihm wendete, belehrten sie, dass er nicht ohne Empfindung zugehort hatte.
Sie scheinen den Gesang sehr zu lieben, fragte ihn nach einigen Minuten die Grafin, und haben sich gewiss selbst mit Musik beschaftigt?
Ein wenig, oberflachlich, antwortete St. Julien, wie beinah mit allen Dingen, die ich bis jetzt getrieben habe; aber auch das soll besser werden, fugte er hinzu; sobald ich wieder hergestellt bin, will ich versuchen, ob ich meine Stimme nicht durch die Krankheit verloren habe, und wenn diess nicht der Fall ist, Musik und Gesang mit grossem Eifer treiben. Singen Sie Tenor? fragte die Grafin.
Ja, sagte St. Julien, und man versicherte mich oft, ich habe eine recht gute Stimme, die nur ausgebildet werden musse, dazu mangelte mir aber die Geduld.
Ein schoner Tenor, sagte der Graf, ist das seltenste und beinah das schonste Geschenk des Himmels, und es ist eine wahre Sunde, im Besitze einer solchen Gabe zu sein, ohne sie auszubilden.
Wie schon ware es, rief Emilie, wenn Sie erst wieder singen konnten; wir haben hier ganz vortreffliche Musik, die leider ungebraucht liegen muss; wie Vieles konnten wir mit einander ausfuhren.
St. Juliens Augen leuchteten und seine Wangen rotheten sich vor Freude bei dieser Vorstellung, und er versprach eben punktlich Alles zu thun, was seine Genesung beschleunigen konnte, und sich streng den Vorschriften des Arztes zu unterwerfen, als dieser herein trat und, da er St. Julien in der Gesellschaft erblickte, aus Verwunderung drei Schritte zuruck sprang: Sie sind hier! rief er aus der Ferne mit zornig verweisenden Minen, ich wollte Sie eben in Ihrem Zimmer besuchen und dachte Sie ruhig im Bette zu finden.
Kommen Sie nur naher, sagte der Graf lachend, und betrachten Sie ihn genauer, dann werden Sie finden, dass es ihm hier gar nicht ubel geht. Kopfschuttelnd naherte sich der Arzt und betrachtete ernsthaft den jungen Mann, der sich des Lachens nicht erwehren konnte, als der Arzt mit komischer Feierlichkeit, nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hatte, seinen Puls untersuchte und dann mit Heftigkeit ausrief: Sie sind der wunderlichste Kauz, der mir noch vorgekommen ist, so lange ich die Arzneiwissenschaft ausube. Gestern Abend, heute Morgen ohne alle Ursache im hochsten Grade schwermuthig, Puls fieberhaft, alle Lebenskrafte herunter, die Augen ganz matt und todt, so dass Sie mir recht gefahrlich vorkamen. Heute Abend ohne Fieber, der Puls sehr gut, die Augen heiter, lebendig, eben so ohne die mindeste Ursache.
Die Gesellschaft, sagte der Graf lachelnd, hat ihn erheitert und so diese wohlthatige Wirkung hervorgebracht.
Das kann nicht sein, entgegnete der Arzt, ich wollte ihm ja heut Morgen Gesellschaft leisten, ich gab mir alle Muhe ihn zu erheitern, aber wer sich auf nichts einlassen wollte, das war mein Kranker.
Ja, dann lasst sich freilich seine Besserung gar nicht erklaren, sagte der Graf scherzend, die Ursache dieser Wirkung wird nicht aufzufinden sein.
Man muss daruber nachdenken, erwiederte der Arzt ganz ernsthaft; Jetzt muss ich aber darauf bestehen, sagte er zu St. Julien, dass Sie sich zur Ruhe begeben, das zu lange Aufsitzen ist Ihnen durchaus schadlich. Fugen Sie sich den Vorschriften des Arztes, sagte Emilie, wie Sie es versprachen, damit er Sie recht bald wieder herstellt, und wir bald mit einander das erste Duett singen konnen.
Singen, rief der Arzt im hochsten, mit Unwillen vermischten Erstaunen, Sie denken daran, zu singen? Gott behute, ich habe Ihnen kaum zu sprechen erlaubt, von Gesang kann gar nicht die Rede sein, und wenn ich Sie auch ganz hergestellt habe, so ist es doch moglich, dass Ihre Brust schwach bleibt, und dass sie sich solche Gedanken mussen vergehen lassen.
Dann stellen Sie mich aber nicht ganz her, sagte St. Julien mit heiterer Laune, denn vor meiner Verwundung hatte ich Tagelang singen konnen, ohne dass ich es in der Brust gefuhlt hatte; wenn Sie es also unternehmen, mich vollkommen wieder herzustellen, so mussen Sie mich in diesen Zustand zuruck versetzen.
Was das fur Ansichten sind, sagte der Arzt, das beweist recht, wie wenig Sie von der Arzneiwissenschaft verstehen. Wir wollen uns aber heut daruber nicht streiten, sondern ich will Sie auf Ihr Zimmer fuhren und Ihre Wunden verbinden. Er wollte ihm den Arm bieten, um ihn zu fuhren, der Graf aber, der seine gutmuthige Ungeschicklichkeit kannte, zog die Klingel und uberlieferte den Kranken der sanften Pflege des hoflichen Dubois.
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Des andern Morgens erschien der Graf nicht beim Fruhstuck, und man meldete der Grafin, er habe das Schloss zu Pferde in Begleitung eines Reitknechts schon vor einigen Stunden verlassen. Die Grafin sowohl, als Emilie vermutheten es leicht, wohin ihn dieser fruhe Ritt gefuhrt hatte, und ihre Vermuthung war nicht ungegrundet. Ein scharfer Wind wehte dem Grafen schneidend entgegen, als er am fruhen Morgen uber die Hugel trabte, und der Sonnenschein funkelte blendend auf den Schnee, so weit sein Auge reichte; der Frost schuttelte seine Glieder, und er wunschte den Weg beendigt zu haben, aber dennoch hatte er nicht das Unangenehmste eines Wintertages empfunden; als aber nach und nach das Blau des Himmels von grauem Gewolk bedeckt wurde, das sich wie schwerer Nebel niedersenkte, so dass Erde und Himmel sich nicht mehr unterscheiden liessen, und, als er nun die tieferen Grunde und Schluchten hinter sich gelassen und eine ziemlich ausgedehnte Ebene erreicht hatte, ein scharfer Wind heulend blies, der ihm den Schnee, der vom Himmel herabfiel, eben so entgegen trieb, wie den, der vom Boden aufgeweht im Wirbel gedreht wurde, so, dass Erde und Himmel auch in dieser Rucksicht sich vereinigt zu haben schien: da bereute er es beinah, dass er sich selbst der unfreundlichen Witterung ausgesetzt und nicht einem Diener die Botschaft anvertraut hatte. Herzlich erfreut war er daher, als er plotzlich bemerkte, dass er sich am Eingange eines Dorfes befand, denn der vom Himmel herabfallende und der von der Erde aufgewehte Schnee verdickte die Luft dermassen, dass sich die nachsten Gegenstande kaum unterscheiden liessen. Der Graf stieg in der Schenke des Dorfes ab, um sich einigermassen zu erwarmen, und erkundigte sich dann nach dem Meierhofe, den der Obrist Thalheim bewohnte. Der Wirth, ein wohlbeleibter, gutmuthiger Mann, gab die nothige Auskunft, indem er den Obristen herzlich bedauerte.
Dass Gott erbarm! rief er aus, was wird der arme alte Herr anfangen, er hat Niemanden gedruckt, aber nun drucken ihn Viele, nicht der Feind ist so schlimm gegen uns, wie man gegen ihn ist.
Der Graf fragte, ob das kleine Gut, das der Obrist bewohnte, weit entfernt vom Dorfe liege? Keine halbe Viertelstunde, rief der Wirth, und ich habe schon wollen hingehen und ihm anbieten, wenn sie ihn morgen austreiben, furs Erste hieher zu ziehen; aber lieber Gott! so ein Herr kann nicht in einer Schenke wohnen, und dann konnte ich ihn auch nicht immer ernahren, und ware er einmal hier, so wurde ich ihn nicht wieder los, denn Wer wird sich die Last aufladen wollen; alt ist er auch, und sturbe er bei mir, so musste ich ihn noch begraben lassen, und ich bin selber ein gedruckter Mann. Die schweren Zeiten, der Krieg, die vielen Abgaben, das soll Alles aus der Schenke bestritten werden, Kinder habe ich auch, das muss man Alles bedenken.
Der Graf, ob er zwar auf die edelste Weise jeden Vorzug anerkannte und niemals annahm, dass die Geburt allein schon Rechte verleihen konne, war doch keinesweges gleichgultig gegen die Vorzuge der Abkunft, und ihm schauderte innerlich vor dem Gedanken, dass ein Mann von vornehmer Geburt, von guter Erziehung, der dem Staate mit Auszeichnung gedient hatte, durch den Drang der Umstande so erniedrigt werden konnte, von der Wohlthatigkeit eines Schenkwirths abhangig zu werden. Er fragte desshalb mit inniger Hast, ob er einen Boten haben konne, der ihm als Fuhrer zum Wohnort des Obristen dienen wolle? Wollen Sie dem guten Herren Beistand leisten? fragte der Wirth hochst erfreut.
Ich will ihn besuchen, erwiederte der Graf zerstreut. So! sagte der Wirth mit gedehntem Tone, rief den Hausknecht mit verdriesslicher Miene und gab diesem eben so unfreundlich den Befehl, diesen Herren nach der Wohnung des Obristen zu fuhren, den er besuchen wolle.
Der Graf hatte trotz der ungestumen Witterung den Weg bald vollendet; er hatte sein Pferd in der Schenke gelassen und naherte sich zu Fusse dem Haupteingange eines artigen Landhauses. Nicht hier hinein! rief ihm sein Fuhrer zu, hier wohnt der Herr Verwalter jetzt; wenn Sie den alten Obristen besuchen wollen, mussen wir von der andern Seite hinein gehen. Mit diesen Worten fuhrte er ihn durch den Hof, wo der Graf eine kleine Hinterthur des Hauses bemerkte. Nachdem ihm der Hausknecht gesagt hatte, dass diese zur Wohnung des Obristen fuhre, wurde er von dem Grafen verabschiedet, der nun die niedrige Thure offnete und sich in einem engen Raum befand, der eine Art Vorplatz bildete.
Er wollte eben eine andere Thure gegenuber offnen, als er eine larmend-zankende weibliche Stimme vernahm, die in unangenehmen Tonen kreischte: Was geht es mich an, ob Sie frieren oder nicht; wollen Sie Feuer haben, so bemuhen Sie sich nur selbst darum, schaffen Sie sich nur Holz an, ich werde mich nicht mehr darum bekummern.
Um Gottes Willen, erwiederte eine sanfte bittende Stimme, wie kannst Du nur jedes Wortes wegen, das mein Vater spricht, so aufgebracht sein, Du weisst doch, wie lange er Dir ein guter Herr gewesen ist.
Was Herr, rief das zankende Weib, wollen Sie eine Herrschaft vorstellen, so bezahlen Sie Ihre Leute, geben Sie mir, was mir zukommt an Essen, Trinken und Lohn, dann konnen Sie sagen, dass ich bei Ihnen diene.
O Gott! bat die andere Stimme, schreie doch nicht so, mein Vater muss ja jedes Wort horen.
Was kummert es mich, ob er es hort oder nicht; er mag sich Leute suchen, die ohne Lohn bei ihm dienen, und Hunger und Kummer mit ihm leiden, und zum Dank sich noch mussen schelten und qualen lassen. Meinetwegen mag er erfrieren, ich werde kein Feuer machen, und wenn Sie vom Herren Verwalter Holz haben wollen, so mogen Sie selbst gehen und darum bitten, Sie werden noch um Manches bitten mussen.
Mit diesen Worten riss sie die Thure auf, die der Graf offnen wollte, und sturmte an diesem vorbei, nachdem sie ihn einen Augenblick, uber den unvermutheten Anblick betroffen, angestarrt hatte.
Der Graf betrat nun den Raum, den sie eben verlassen hatte. Es war eine kleine Kuche, worin aber beinah gar kein Gerath sichtbar war, auch brannte kein Feuer auf dem Heerde, und durch eine zerbrochene Fensterscheibe wehte ein scharfer, kalter Wind das Schneegestober hinein. Eine jugendliche, schlanke Gestalt lehnte sich, das Gesicht mit beiden Handen bedeckt, an der Mauer und schien sich nun, da sie sich allein glaubte, rucksichtslos dem Schmerz zu uberlassen. Der Graf sah, wie ihre Thranen die feinen, von Kalte gerotheten Finger benetzten, doch schien sie im Schmerz die Kalte nicht zu fuhlen, obgleich nur ein leichtes Kleid von gestreifter Leinwand den schlanken Korper bedeckte. Eine reiche Fulle dunkelbrauner Haare war ohne Kunst in starken Flechten um das zierliche Kopfchen geschlungen. Der Graf war einen Augenblick verlegen, wie er seine Gegenwart ankundigen sollte, da er so unvermuthet Zeuge ihres Kummers geworden war; endlich wendete er sich und machte die Thure zu, die die hinaussturmende Magd hatte offen stehen lassen. Das Gerausch verursachte, dass die weinende Gestalt sich schnell aufrichtete, ihre Thranen eilig trocknete, und als sie sich zum Grafen wendete, mit erzwungener Fassung ihm entgegen trat. Der Graf fuhlte sich innig bewegt, als die schonsten braunen Augen ihn fragend anblickten, deren Feuer durch Kummer und Thranen zu erloschen drohte. Die reine Stirn, der milde, wehmuthige Mund, die blassen, mageren Wangen gewahrten vereinigt ein so ruhrendes Bild von Hoheit, Schmerz und Mangel, dass der Graf eines Augenblickes bedurfte, ehe er mit Fassung nach dem Obristen fragen und sich als einen alten Bekannten desselben ankundigen konnte.
Darf ich Sie nicht bitten, mir Ihren Namen zu nennen, erwiederte das junge Madchen, damit ich meinen Vater auf Ihren Besuch vorbereiten kann?
Der Graf, der sich furchtete abgewiesen zu werden, da der Obrist in seiner Lage so menschenscheu geworden war, sagte schnell: Erlauben Sie mir mit Ihnen zugleich einzutreten, ich muss Ihren Vater durchaus sprechen. Therese, so hiess die Tochter des Obristen, sah den Fremden mit Furcht und Zweifel an, ob er nicht ein Bote neuen Kummers sei, aber dennoch war sie zu schuchtern, als dass sie ihm den Eintritt zu verbieten gewagt hatte, und so betrat der Graf mit ihr zugleich ein kleines Zimmer, das der Familie zum Wohnort diente, da der Verwalter schon das ubrige Haus in Besitz genommen hatte. Auch das Zimmer war beinah von allem Gerath entblosst und doch der Raum darin beschrankt; ein schmales Bett nahm die eine Wand ein, die andere wurde durch einen Schirm bedeckt, hinter welchem ein ahnliches zu stehen schien; ein Tisch von schlechtem Holz stand unter dem Fenster, ein Lehnstuhl von gleichem Werthe daneben; diese Dinge nebst einem Stuhle machten den ganzen Hausrath aus. In dem Lehnsessel am Fenster sass ein langer, hagerer alter Mann, dessen Korper eine sehr abgetragene Uniform als Bekleidung dienen musste, in dessen Gesicht Alter und Gram tiefe Furchen gezogen hatten, dessen wenige graue Haare ungeordnet um seine Schlafe hingen, dessen blasse Lippen sich fest, fast krampfhaft schlossen und so auf die Gewalt deuteten, die er sich anthat, um dem auf ihn eindringenden Elende zu begegnen. Diese Gestalt erhob sich beim Eintritt des Grafen langsam aus dem Sessel. Es war der Obrist Thalheim, der, indem er den Grafen mit Kalte begrusste, und ihn fragend und verwundert betrachtete, zu erwarten schien, dass dieser so kurz als moglich die Ursache aussprechen wurde, die ihn zu diesem Besuch bestimmt habe. Den Grafen machte dieser stumme Empfang verwirrt; Ich weiss nicht, fing er nach einigen Augenblicken an, ob Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen werden, wenn ich Ihnen meinen Namen nenne und Sie an die Freundschaft erinnere, die Sie fruher fur meinen Vater hatten. Ich bin der Graf Hohenthal.
Der Obrist verbeugte sich schweigend und erwartete, dass der Graf weiter reden wurde. Da ich seit einiger Zeit auf meinen Gutern lebe, fuhr der Graf fort, und es erfahren habe, dass Sie sich in meiner Nahe aufhalten, so eilte ich Ihre Wohnung aufzusuchen, um wo moglich die Freundschaft, welche Sie fur meinen Vater hatten, auch fur mich in Anspruch zu nehmen.
Sehr verbunden, sagte der Obrist, indem er sich abermals verbeugte. Der Graf, von Neuem durch die Einsylbigkeit desselben in Verlegenheit gesetzt, fuhr nach einer kleinen Pause fort: Ich beklage nur, dass ich Ihren Aufenthalt so spat erfahren habe, eben in dem Augenblicke, da Sie Ihren Wohnort verlassen wollen.
Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte der Obrist mit bitterem Lacheln. Er schwieg einen Augenblick, und die blassen Wangen rotheten sich nach und nach, er suchte seine innere Wallung zu bekampfen und fing seine Rede mit scheinbarer Gelassenheit an, die ihn nach und nach verliess, bis er endlich dem lange unterdruckten Schmerz die volle Gewalt uber sich einraumen musste.
Da ich meinen Wohnort verlassen will? wiederholte er noch einmal, indem er einen zornigen Blick auf den Grafen richtete. Es ist unmoglich, fuhr er fort, dass Ihnen meine Lage unbekannt ist; wesshalb wollen Sie meiner spotten? Ich habe mich von den Menschen zuruckgezogen, ich habe ihnen meinen Jammer verborgen, weil ich mir ihren Beistand weder wollte abschlagen lassen, noch ihn um einen zu theuern Preis erkaufen, ich habe mit meinem armen Kinde nach und nach Alles entbehren gelernt, was uns Gewohnheit theuer machte, ja endlich auch, was das Bedurfniss heischte; uns blieb nichts mehr, um uns zu erwarmen, wir haben kaum noch ein Mittel uns zu sattigen, und morgen wird meinem grauen Scheitel und ihrer zarten Jugend auch noch das Obdach geraubt; dann fasse ich die Hand meines Kindes und fuhre sie hinaus, dem sturmenden Winterwinde entgegen und versuche, ob es mein Herz leichter ertragt, sie am Wege sterben zu sehen oder die Menschen anzuflehen, ihr ein elendes Leben zu fristen. Die Stimme des Obristen wurde ungewiss, indem er die letzten Worte sprach; man sah, dass er die Thranen niederkampfte, aber schnell gefasst fuhr er zum Grafen gewendet ruhiger fort: Da ich mein Elend nicht mehr verbergen kann, so habe ich es Ihnen mit wenigen Worten ganz gezeigt. Sie sehen nun, ob ich meinen Wohnort freiwillig verlassen will; was konnen Sie mir noch zu sagen haben? setzte er mit weicherer Stimme hinzu, als er die Ruhrung des Grafen bemerkte.
Ich muss mich selber tadeln, erwiederte dieser, dass ich nicht den rechten Ton gefunden habe, Ihnen meine Theilnahme zu zeigen. Ich horte allerdings von Ihrer Lage und ich kam, Ihnen den Beistand anzubieten, den ich dem Freunde meines Vaters schuldig zu sein glaube.
Der Obrist sah ihn bei diesen Worte mit zweifelnden Blicken an; es schien, als ob er es nicht wagte der Hoffnung Raum zu geben, die sich im Herzen anfing zu regen. Therese, die in Verzweiflung still geweint hatte, hob den nassen Blick verwundert und hoffnungsvoll zum Grafen auf, der eilig fortfuhr, um Beide zu beruhigen. Er eroffnete dem Obristen, dass ein Meierhof ganz nahe beim Schlosse Hohenthal unbewohnt sei, weil die Pachtzeit des vorigen Pachters geendigt ware, und in diesen sturmischen Zeiten sich kein anderer gefunden habe. Er bot diesen dem Obristen zum Aufenthalt an, und, fugte er hinzu, da ich weiss, dass Ihre Verlegenheit dadurch so gesteigert worden ist, dass Ihre Pension in den letzten Zeiten nicht ist ausgezahlt worden, so erlauben Sie mir, diese kleine Summe fur meinen Konig auszulegen; es ist das Geringste, setzte er schnell hinzu, was ein treuer Unterthan zu thun verpflichtet ist; ich werde diese Auslagen in der Zukunft gewiss zuruck erhalten, und man wird mir noch danken, dass ich einen verdienten Krieger dadurch aus unwurdigen Verlegenheiten befreit habe.
Der Obrist, der so grade und stolz mit verzweiflungsvollem Muth dem schrecklichsten Elende hatte entgegen gehen wollen, fuhlte nun seine Sehnen erschlaffen; wie uns die durch einen heftigen Schmerz gewaltsam aufgeregten Krafte auf einmal verlassen, wenn der Schmerz selbst von uns weicht, so machte ihn das Gefuhl der Erlosung aus seiner entsetzlichen Lage kraftlos; er sank auf seinen Lehnsessel zuruck und vermochte nicht die Thranen zuruck zu halten, die nun in reichen Stromen uber seine gefurchten Wangen flossen; sein Auge richtete sich nach oben, und muhsam erhob er auch die zitternden, gefalteten Hande; die Lippen bewegten sich stumm, wie es schien, zum inbrunstigen Danke. Die Tochter flog herbei und warf sich mit Ungestum vor den Vater nieder; sie umarmte mit Heftigkeit seine Knie, aber auch sie vermochte nicht zu reden. Der Greis blickte auf sein Kind nieder, er streckte eine Hand nach ihr aus, die aber kraftlos auf die schonen, braunen Locken des zierlichen Kopfchens herabsank; der Blick der Liebe erstarb, den er auf die Tochter richten wollte; sein Auge schloss sich und er sank zuruck wie in die Arme des Todes. Der Graf hob erschrocken die Tochter vom Boden auf, die nun erst den Zustand des Vaters bemerkte; Beide bemuhten sich den entkrafteten Greis ins Leben zuruck zu rufen. Therese hatte ein Glas kaltes Wasser geholt als einziges Starkungsmittel, das im Hause vorhanden war; man besprutzte den Obristen damit, man rieb ihm die Schlafe, bis er endlich zur grossten Beruhigung des Grafen die Augen wieder offnete, denn dieser fing im Ernst an zu furchten, dass er nicht wieder athmen wurde.
Der entkraftete Greis blickte lachelnd bald seine Tochter, bald den Grafen an, und schien sich nicht deutlich auf alles Vorgefallene besinnen zu konnen. Der Graf, der seine grosste Ermattung bemerkte, furchtete noch immer fur ihn und fuhrte ihn mit Hulfe der Tochter zu seinem armlichen Lager. Der Obrist liess es geschehen, ohne zu fragen und ohne sich zu strauben, und ein wohlthatiger, erquickender Schlummer schloss aufs Neue seine von Thranen feuchten Augen.
Der Graf fuhlte sich wunderbar bewegt; er blickte auf den schlafenden Greis, auf die seitwarts stehende Tochter; das armliche Gemach, die durftige Kleidung der Bewohner, Alles druckte hochsten Mangel aus, und dennoch schien ein so lieblicher Frieden in diesem Augenblick in dem kleinen Raume verbreitet zu sein, dass der Graf sich unendlich wohl darin fuhlte. Er setzte sich selbst auf den Lehnsessel des Alten nieder, eine behagliche Warme fing an sich im Zimmer zu verbreiten, und man horte das Feuer im Ofen knistern; die zankende Magd war namlich, halb von Reue, halb von Neugierde angetrieben, zuruckgekehrt, und hatte das nothige Holz verschafft und in der Stille Feuer im Ofen angezundet.
Der Graf hatte den ziemlich weiten und beschwerlichen Weg in kalter, unfreundlicher Witterung zuruckgelegt, er fuhlte sich selbst ein wenig entkraftet, und als er auf seine Uhr blickte, musste er sich uberzeugen, dass er nicht, wie er gehofft hatte, zur Mittagstafel zuruck nach Hohenthal reiten konnte. Er wendete sich also an die Tochter des Obristen mit der freundlichen Bitte, diesen Mittag ihr Gast sein zu durfen, und bereuete die Bitte, sobald er sie ausgesprochen hatte. Er fuhlte mit Beschamung, dass auch fur ihn, wie fur alle Reiche, selbst dann wenn sie die Bruder den drukkendsten Mangel leiden sehen, die Armuth etwas durchaus Fremdes und Unverstandenes geblieben sei. Seine unbesonnene Bitte setzte die arme Therese in die peinlichste Verlegenheit; sie, die sich gern vor ihm niedergeworfen hatte, um ihn wie ein himmlisches hulfreiches Wesen zu verehren, die gern die Hande mit dankbaren Thranen gebadet hatte, die so reichen Segen uber ihres Vaters lezte Lebensjahre verbreiten wollten, und nur durch weibliche Scheu zuruckgehalten wurde, hatte nun nichts, wusste nun nichts, was sie dem verehrten Gast als Erquickung anbieten konnte. Eine dunkle Rothe uberflog ihr Gesicht, sie verbeugte sich schuchtern und wollte zur Thur hinausschlupfen; der Graf aber erinnerte sich in demselben Augenblicke des Wortwechsels, den er gehort hatte, als er das Haus betrat, und folgte ihr auf dem Fusse. Die zankische Magd stand am Heerde in der Kuche, auf dem ein helles Feuer brannte. Der Graf befahl ihr mit ernster Stimme, das Mittagsessen fur die Familie zu bereiten, indem er ihr zugleich versicherte, dass gleich nach Tische der Obrist sich mit ihr berechnen und ihren Lohn sowohl, als alle ruckstandigen Auslagen berichtigen wurde. Therese errieth aus dieser Anordnung, dass der Graf mit der Unverschamtheit der Magd bekannt sei, und indem ihre Thranen von Neuem flossen, wusste sie selbst nicht, ob aus erhohter Dankbarkeit oder Beschamung.
Als beide nach dem kleinen Zimmer zuruckkehrten, war der Obrist nach kurzem Schlummer sehr gestarkt erwacht, und der Graf konnte mit ihm alle nothigen Verabredungen wegen seiner kunftigen Einrichtung treffen; er strengte sich an, mit Ruhe und Fassung auf alle Vorschlage des Grafen einzugehen, weil dieser bemuht war, jeden Schein der Wohlthat zu entfernen und die Sache wie ein Geschaft zwischen Freunden zu behandeln; indessen horte man es seiner Stimme an, dass er die Ruhrung nur mit Gewalt unterdruckte; endlich aber, als der Graf die Summe in Gold auf den Tisch gelegt hatte, die seine ruckstandige Pension betrug, und noch einmal den Obristen bat, sie so lange von ihm zu empfangen, bis die Zeiten wieder ruhiger wurden, wo sie ihm unfehlbar von den Behorden wieder ausgezahlt werden musse, konnte der Greis sich nicht zuruckhalten, er schloss mit leidenschaftlicher Heftigkeit den Grafen in die Arme und rief: O! Du echter Sohn Deines Vaters, Du wahrer Erbe seines Herzens, ich bin ja nicht so hoffahrtig, dass ich es nicht erkennen sollte, wir armen bedrangten Menschen bedurfen einer des andern, ich bin ja nicht so roh, dass ich Deine Milde nicht erkennen sollte, ich bin ja nicht so undankbar, dass ich fur empfangene Wohlthat nicht danken konnte. Ach! hatte ich einen Freund gehabt, wie Dich, ich ware ja nicht zu solchem Elende herabgesunken; hatte ich einen solchen Freund in meiner Nahe geahnet, ich wurde ihn ja um Hulfe angesprochen haben und nicht in Gefahr gerathen sein, mit meinem armen Kinde zu verschmachten. Therese hatte sich nun auch einer Hand des Grafen bemachtigt, die sie mit Kussen und Thranen bedeckte. Der Graf uberliess sich seiner Ruhrung und ihren Liebkosungen, weil er fuhlte, dass man die Herzen gefuhlvoller Menschen am schmerzlichsten verwundet, wenn man gleichsam zu vornehm ihren Dank gar nicht annehmen will, sondern sich unfreundlich ihrer Liebe entzieht. Die Gemuther waren endlich wieder ein wenig beruhigt worden, und man suchte sich gewaltsam zu fassen, als die Magd hereintrat, um den Tisch fur die kleine Gesellschaft zu decken. Sie starrte verwundert die noch auf demselben liegenden Goldmunzen an und verliess das Zimmer augenblicklich wieder, weit bescheidener, als sie eingetreten war. Der Obrist betrachtete nachdenklich das kleine Haufchen Goldes, und ein wehmuthiges Lacheln schwebte um seinen Mund. Auch ich, sagte er nach einem augenblicklichen Stillschweigen, war einmal in der Lage, eine solche Summe weggeben zu konnen, und ich darf mir das Zeugniss geben, ich habe es mehr, als ein Mal, gethan; aber dennoch muss ich gestehen, habe ich niemals das wahre Mitgefuhl fur meine leidenden Bruder gehabt, weil ich das grassliche Elend, das ein Mensch erdulden kann, nicht kannte, weil ich nicht zu ahnen vermochte, von welchen Qualen eine solche Summe uns erlosen kann. Ach! fuhr er tief seufzend fort, wenn man sein Vermogen nach und nach schwinden sieht, wenn es endlich bis auf eine solche Summe geschwunden ist, und wir trostlos einem durftigen Alter entgegen sehen, dann glaubt man zu verzweifeln; wenn aber auch dieser schwache Rest sich nun taglich vermindert und dadurch unsre Sorge vermehrt: wenn wir nichts mehr unser nennen, als e i n e solche Munze, wie glucklich dunkt uns dann der Zustand, in welchem wir noch eine solche Summe besassen; wenn wir nun endlich mit zagender Hand das letzte Goldstuck hinreichen und es in Scheidemunze verwandeln lassen, wie angstlich zuckt unser Herz bei jedem Stuckchen Silber, um welches wir unsern kleinen Schatz verringern. Ach! und mit welchem Gefuhl geben wir die letzte, allerlezte kleine Munze hin; es ist, als ob man von dem Leben schiede. Der Obrist bedeckte sein Gesicht und konnte die Ruhrung nicht beherrschen, die sich seiner von Neuem bemeisterte. Der Graf legte sanft seine Hand auf den Arm des alten Mannes und sagte mit milder, trostender Stimme: Lassen Sie das Vergangene vergangen sein, lassen Sie uns muthig den Blick auf die Zukunft richten, die fur uns Alle noch vieles Erfreuliche enthalten kann.
Der Obrist antwortete nur durch einen Handedruck und trocknete schnell seine Augen, als die Magd von Neuem eintrat und noch einen Stuhl brachte, der ganz unentbehrlich war, wenn drei Personen zu Tische sitzen sollten. Der Obrist nahm das Gold von dem Tische hinweg, uber den ein schlechtes Tischtuch gebreitet werden sollte, und hielt es einen Augenblick verlegen in der Hand, denn nirgends im Zimmer war etwas, worin man diese Summe hatte aufbewahren konnen; lacheld steckte er sie endlich zu sich.
Das armliche Mahl war bald geendigt, und der Graf erinnerte an die nothige Berechnung mit dem neuen Verwalter, die er gern noch beendigt sehen wollte, ehe er sich von seinen neuen Freunden trennte. Der Obrist befahl der Magd, den Herrn Verwalter zu ihm her zu bitten, und der Graf fing, als die Magd gegangen war, diesen Auftrag auszurichten, eben an, mit dem Obristen zu verabreden, dass er ihm morgen die nothigen Pferde und Wagen senden wolle, um ihn in seine neue Heimath hinuberzufuhren, als die Magd die Thur mit einigem Ungestum aufriss und, durch die Grobheit des Verwalters selbst wieder zur Grobheit ermuthigt, zum Zimmer hinein rief: der Herr Verwalter hat keine Zeit hieher zu kommen, er sagt, wenn Sie etwas mit ihm zu sprechen hatten, so konnten Sie eben so leicht zu ihm, als er zu Ihnen kommen. Eine gluhende Rothe uberflog das blasse Gesicht des Obristen, und hastig wollte er sich aus seinem Sessel erheben und der Magd folgen, die die Thuren wieder zugeworfen hatte. Der Graf aber druckte ihn sanft auf seinen Sitz zuruck und sagte: Ich werde gehen und fur Sie die Berechnungen mit dem Verwalter abschliessen. Ein dankbarer Blick Theresens belohnte den Grafen, der das Zimmer sogleich verliess und der Tochter die Sorge uberliess, den aufgeregten Vater wieder zu beruhigen.
Der Graf selbst war durch die Ungezogenheit emport worden, die man sich gegen eine Familie erlaubte, die man fur hulflos hielt, und benutzte den Gang in der kalten Luft, um seinen Unwillen zu unterdrucken. Er musste namlich, wie schon bemerkt, nachdem er die Wohnung des Obristen verlassen, zur Hinterthur hinausgehen, das ganze Haus sammt dem Hofe umkreisen, um dann durch den Haupteingang zur Wohnung des Verwalters zu gelangen. Da kein Mensch im Hause sichtbar war, so stand der Graf mit einiger Verlegenheit in einem geraumigen Vorsaal und wusste nicht, wohin er sich wenden sollte, um den unhoflichen Bewohner des Hauses aufzufinden; endlich bestimmte ihn ein leises Gerausch, sich einer der verschiedenen Thuren zu nahern, er klopfte an diese Thur, und herein rief ihm eine tiefe Bassstimme entgegen; der Graf offnete und bemerkte an einem Tische sitzend zwischen dicken Tabackswolken einen Mann von ungefahr funfzig Jahren, dessen ansehnliche Breite und starker Gliederbau ihn sogleich als denjenigen bezeichneten; dem die tiefe Bassstimme angehorte, so wie er auch aus einer grossen Tabackspfeife die Wolken heraus blies, in die er sich selbst halb verhullte. Bei des Grafen Eintritt schob er einen beschriebenen Bogen unter andere Papiere, befreite mit plumpen Fingern die Kupfernase von der Brille, betrachtete einige Augenblicke den Grafen und fragte dann ohne alle Zeichen der Hoflichkeit: Was begehrt der Herr? und gab sich so als den Herrn des Hauses kund. Ihm gegenuber sass an demselben Tische ein junger Mann von schlanker Gestalt, zierlich nach der neuesten Mode gekleidet, das braune Haar gelockt, der ansehnliche Backenbart gekrauselt, das Auge zwar auch mit Glasern bewaffnet, doch schien auch diess mehr Mode als Bedurfniss, auch verschmahte er die plumpe Art des alteren Mannes zu rauchen, sondern erregte nur ganz kleine Dampfwolken durch eine Cigarre, die in einer goldenen Rohre steckte. Dieser zierliche Mann war mit Schreiben beschaftigt, worin er sich durch den Eintritt des Grafen nicht storen liess, ohne sich auch nur ein Mal nach ihm umzusehen, indem er mit weissen Fingern aus einer nach dem neuesten Pariser Geschmacke gearbeiteten goldnen Dose, die neben ihm auf dem Tische stand, ein wenig Taback nahm; ein sehr feines battistenes Schnupftuch neben der Dose vollendete das Bild eines hochst zierlichen Herrn.
Der Graf hatte einen Augenblick die beiden so hochst verschiedenen Gestalten betrachtet und fragte dann: Wer von ihnen, meine Herren, ist der Verwalter des Guts? Ich, erwiederte der Breite, indess der Schlanke ungestort fortschrieb; was verlangen Sie von mir? Ich komme, erwiederte der Graf, im Namen des Herrn Obristen von Thalheim, um mit Ihnen seine Berechnungen abzuschliessen. Und Wer sind Sie? fragte mit einem hamischen Seitenblick die plumpe Gestalt. Ich bin der Graf Hohenthal, erwiederte dieser verdriesslich, und ich hoffe, Sie werden keine Schwierigkeiten dabei finden, sich mit mir im Namen des Herrn Obristen zu berechnen, da ich von ihm beauftragt bin, jeden Ruckstand sogleich zu berichtigen. O! ganz und gar nicht, sagte der Verwalter, indem er mit plumper, verlegener Hoflichkeit die Pfeife auf den Tisch legte, den beschriebenen Bogen, den er schon bei des Grafen Eintritt unter andere Papiere geschoben hatte, noch tiefer verbarg und nun so eilig, als sein schwerer Korper es gestattete, ging, um einen Stuhl fur den Grafen zu holen. Der junge Mann war ebenfalls aufgestanden, als sich der Graf genannt hatte; er steckte scheinbar gleichgultig seine goldene Dose und sein battistenes Schnupftuch ein, liess dann seitwarts einen Blick an dem Grafen hinunter gleiten, nahm seine Papiere zusammen und verliess mit einer leichten, zierlichen Verbeugung das Zimmer.
Der Graf brachte nun sein Geschaft mit dem Verwalter sehr bald in Ordnung, dessen rohe Ungezogenheit sich in eine eben so plumpe Unterwurfigkeit verwandelt hatte, seitdem er wusste, Wer mit ihm sprach und Wer sich des Obristen annahm. Als der Graf zu diesem zuruckkam, fand er ihn abermals in einem Wortwechsel mit der Magd. Diese war namlich von ihrer Herrschaft bezahlt und ihr angekundigt worden, dass man ihre Dienste nur noch bis zum morgenden Tage bedurfe, und nun zerfloss sie in Thranen daruber, dass sie von ihrer Herrschaft, mit der sie so Vieles gelitten habe, verstossen werden solle.
Der Graf rieth seinen Freunden, ihr Geschrei durch
ein Geschenk zu beendigen, durchaus aber sie nicht mit sich nach ihrem neuen Wohnorte zu nehmen. Als endlich auch diess beseitigt war, nahm der Graf von seinen neuen Freunden Abschied, indem er sein Versprechen wiederholte, am folgenden Tage ihnen die nothigen Equipagen zu senden. Dem Obristen und seiner Tochter war es kaum moglich, den Grafen scheiden zu lassen, an dem sie mit der dankbarsten Liebe hingen, der wie ein hoheres Wesen sie auf ein Mal aus dem tiefsten Elende befreit hatte. Beide hatten ihn begleitet, der Vater hielt seine rechte, die Tochter seine linke Hand; so hatten sie die Schwelle des Hauses uberschritten. Morgen, rief der Graf, morgen sehen wir uns wieder. Wenn nur meinem Vater die strenge Kalte nicht schadet, sagte Therese leise, indem ihr thranenschwerer Blick auf dem weissen Scheitel des Greises ruhte, dessen wenige graue Haare im scharfen Nordwinde flatterten, und dessen abgetragene Uniform die durch Kummer und Alter entkrafteten Glieder nicht gegen die rauhe Witterung zu schutzen vermochte. Der Graf folgte mit seinen Augen dem Blicke der Tochter und betrachtete dann einen Augenblick die schlanke, feine Gestalt, die selbst vor Kalte in der dunnen Kleidung zitterte; noch ein Mal fuhlte er, was es auf sich habe mit den Leiden der Armuth; kaum vermochte er seine heftige Ruhrung zu unterdrucken. Ich werde fur Alles sorgen, rief er nur der Tochter noch zu und entzog sich mit einem herzlichen Handedrucke eilig Beiden.
Der Obrist und seine Tochter folgten mit den Augen ihrem Freunde so lange, bis ein Gebusch ihn ihren Blicken entzog, und kehrten dann beruhigt, getrostet, in dankbarer Liebe uberfliessend in ihr armliches Gemach zuruck. Der Graf suchte die Schenke eilig zu erreichen und bemerkte schon von fern, wie des Wirths rundes Gesicht ihm unendlich freundlich durch die Scheiben des kleinen Fensters entgegenblickte; er kam auch dem Grafen schon an der Hausthur entgegen, nahm ihm den Mantel ab und offnete geschaftig die Thure des Zimmers. Eine Tasse warmer Kaffee, versicherte er gutmuthig, wird Ew. Gnaden bei dem kalten Wetter gut thun, ehe Sie Ihren Ruckweg antreten, und sogleich naherte sich die Wirthin, um dem Grafen dieses Getrank in reinlichem Geschirr anzubieten. Diesem war es in der That nach dem armlichen Mahl eine Erquickung, und er nahm es gern an, obgleich er sich uber des Wirths veranderte Stimmung wunderte, deren Ursache ihm jedoch nicht lange verborgen blieb. Der Wirth liess es sich deutlich merken, dass er es schon erfahren habe, wie mild der Graf fur den Obristen gesorgt habe. Die grobe Magd war namlich schon fruher, als der Graf in der Schenke gewesen und hatte die grosse Neuigkeit verkundigt. Da ihn der Graf nicht uber diese Sache zu Worte kommen liess, so suchte er seinen Beifall durch erhohte Dienstfertigkeit auszudrucken, und als der Graf endlich nach seinen Pferden rief und seine Rechnung verlangte, hatte der Wirth gern nichts genommen, und nur des Grafen stolzes Gesicht schreckte ihn ab, doch richtete er seine Forderung ausserst massig ein, und als er das Geld empfing, beschloss er dasselbe dem ersten Armen zu schenken, der bei ihm herbergen wurde; dann fuhrte er des Grafen Pferd selbst vor und hielt ihm den Bugel. Nun reisen Sie mit Gott, sagte er, als der Graf zu Pferde sass, Sie haben heut ein christliches Werk gethan. Sie sind es besser im Stande, als ich, der Segen bleibt nicht aus. Der Graf betrachtete einen Augenblick das breite, gutmuthige Gesicht des Mannes, der so herzlich froh und dankbar aussah, als ob ihm selbst eine grosse Last abgenommen ware, und trat dann heiteren Muthes den Ruckweg nach dem Schlosse Hohenthal an.
XI
Die Abenddammerung war schon eingebrochen, und noch immer erwartete die Grafin und Emilie mit angstlicher Ungeduld den Grafen vergeblich. Die Sorge der Frauen war von Neuem erregt worden durch die Nachricht, die der Schulze so eben gebracht hatte, dass einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt seien, von denen er nicht mit Gewissheit angeben konnte, ob sie zu den feindlichen oder freundlichen Schaaren gehorten. St. Julien verweilte noch auf seinem Zimmer, Dubois war bei ihm beschaftigt und der Arzt schon am Morgen nach Krumbach geritten, wohin er eilig zu kommen aufgefordert worden war, um arztlichen Beistand zu leisten. Emilie qualte sich mit der doppelten Sorge, dass der Oheim auf seinem Wege auf feindliche Truppen gestossen sei, die ihn mit fortgefuhrt hatten, oder dass feindliche Truppen wahrend seiner Abwesenheit die Bewohner des Schlosses bedrangen konnten, und in beiden Fallen zeigte ihr ihre Phantasie ungewisse Bilder von Graueln, die um so qualender waren, weil sie sich nicht deutlich bewusst war, was sie eigentlich furchtete; auch die Grafin war durch die Nachricht des Schulzen beunruhigt, doch war ihre Hauptsorge die, dem Grafen mochte ein Unfall begegnet sein, und sie war eben im Begriff, Befehle zu ertheilen, dass man ihm auf dem Wege, den er kommen musste, entgegen reiten sollte, als der Hufschlag eines Pferdes horbar wurde und gleich darauf ein Reiter in den Hof sprengte. Beide Frauen eilten zum Fenster, sie vermutheten mit Gewissheit den Grafen, es war aber der Arzt, der gleich darauf hastig und larmend die Treppen heraufstieg, und mit vor Zorn und Kalte gerotheten Wangen das Zimmer betrat, in dem die Frauen sich aufhielten. Man sah es dem Arzte an, dass etwas Grosses seine Seele bewegte, der Zorn beherrschte ihn aber so sehr, dass er nicht sogleich durch Worte die Qual seines Herzens erleichtern konnte, und erst nach wiederholten Fragen der Grafin und angstlichen Bitten Emiliens stromte er abwechselnd lateinische und deutsche Sentenzen uber die Schlechtigkeit der menschlichen Natur aus. Nur nach langem Forschen erfuhren die Frauen die Ursache des ungewohnlich heftigen Zornes des Arztes. Er war, als er von seinen Krankenbesuchen hatte heimkehren wollen, in der Schenke des Dorfes gewesen, um sein Pferd dort wieder in Empfang zu nehmen, und war bei seinem Eintritte durch heftig streitende laute Stimmen uberrascht worden, die zu seinem Erstaunen den Namen des Grafen wiederholt nannten; hiedurch sei seine Aufmerksamkeit erregt worden, berichtete er, und er habe mit Abscheu gehort, wie man den Grafen offentlich beschuldigt habe, er stehe mit den Feinden in Verbindung. In seinem Hause halte sich verkleidet ein bedeutender franzosischer Offizier auf und leite von da aus die Operationen der Feinde; auch der alte Haushofmeister diene als Spion. Er habe es deutlich bemerkt, behauptete er, dass diese schandlichen Beschuldigungen hauptsachlich von einem jungen Manne in schwarzer, zierlicher Kleidung ausgegangen waren, viele Bauern und andere in der Schenke anwesende Personen hatten ihren Abscheu durch laute Verwunschungen des Grafen kund gethan, andere, bessere, hatten den Grafen vertheidigt, diesen habe sich der Arzt naturlich angeschlossen, es habe nicht viel dazu gefehlt, dass ein blutiger Streit entstanden ware, und Gott weiss, so schloss der Arzt seinen Bericht, welches mein Schicksal gewesen ware, wenn nicht glucklicher Weise der Baron Lobau das Zimmer der Schenke betreten hatte, auf dessen Ermahnungen die Gemuther sich beruhigten, besonders als er mit grosser Herablassung den unvernunftigen Bauern die Geschichte des verwundeten Franzosen weitlaufig erzahlte. Als der Tumult sich gelegt hatte, fuhr der Arzt fort, reiste der Baron weiter, der bloss seine Pferde hatte ein wenig ausruhen lassen, und Jederman bemerkte nun mit Erstaunen, dass der schwarz gekleidete junge Mann sich ganz still beim Eintritt des Barons entfernt hatte. Es war weislich von ihm gehandelt, setzte der Arzt noch hinzu, denn seine Verlaumdungen wurden ihm nun ubel bekommen sein.
Die Grafin war sichtbar besturzt uber den Bericht des Arztes, und Emilie brach in Thranen und Klagen aus. Ist es moglich! rief sie, dass eine Handlung der Menschenliebe absichtlich so verkannt wird; ware es glaublich, wenn wir es aus der Ferne vernahmen, dass eine so unschuldige Sache so boslich gedeutet werden kann? Ist es nicht hochst schmerzlich, dass Menschen so feindselig gesinnt sein konnen? Wie glucklich bist Du, liebe Emilie, sagte die Grafin mit bitterem Lacheln, dass solche Erfahrungen Dich noch so tief verletzen; Du ehrst und liebst noch die Menschen im Allgemeinen in der Unschuld Deines Herzens; glaube mir, setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu, man bedarf grosser eigner Tugend, um, wenn man die Menschen kennt, nicht an der Menschheit zu verzweifeln. Gott lasse mich niemals Erfahrungen machen, rief Emilie mit Lebhaftigkeit, die mich zu solchen Betrachtungen zwangen. Amen! sagte die Grafin mit Ernst, von ganzem Herzen stimme ich diesem Wunsche bei; glaube mir, fuhr sie mit Gute fort, man erkauft solche Einsichten sehr theuer und fuhlt sich nicht glucklicher durch die erlangte Weisheit. Mich befremden dergleichen Erfindungen wenig; auch fuhle ich mich kaum durch die Bosheit, die darin enthalten ist, verletzt, obgleich die Verlaumdung einen der edelsten Menschen trifft; nur erfullt es mich mit Sorgen, wenn ich bedenke, wie nachtheilig dergleichen Geruchte dem Grafen werden konnen.
Nachtheil, sagte der Arzt, kann nicht mehr aus der Schlechtigkeit entstehen, denn alle Menschen in der Schenke wurden uber die Sache aufgeklart und werden gewiss auch Andere belehren; wenn der schwarze Bosewicht mit seinen Verlaumdungen sich noch ferner hervorwagen sollte, mit Feuereifer wird man ihm widersprechen.
Daran zweifle ich, sagte die Grafin lachelnd, vielmehr steht zu befurchten, dass man die ganze Geschichtserzahlung des Baron Lobau in solchem Falle vergessen wird, oder wenn man sich seiner auch erinnert, so wird er selbst als ein halber Mitschuldiger erscheinen, wie die erhitzten Gemuther jeden so betrachten werden, der es ubernimmt, den Grafen zu vertheidigen, und diess wird naturlich Jedermann zum Schweigen bewegen.
Mich nicht, rief der Arzt mit hochster Lebhaftigkeit, mich nicht, und wenn es mir das Leben kostet, so werde ich Jedermann zeigen, wie schandlich und wie wahnsinnig eine solche Behauptung ist; auf mich kann der Herr Graf zahlen. Wie ernsthaft der Gegenstand auch war, uber den man sich besprach, so zwang die komische Heftigkeit des Arztes der Grafin dennoch ein Lacheln ab, und sie erwiederte ihm in halb scherzhaftem Tone: ich zweifle an Ihrer Treue keinesweges, und obgleich der Apostel Petrus den Herrn verlaugnete in der Stunde der Gefahr, und uns diess deutlich die Schwache des menschlichen Herzens zeigt, so werde ich doch auf Ihre Standhaftigkeit bauen. Mit Empfindlichkeit versetzte der Arzt, man werde vielleicht noch einmal Gelegenheit haben, die Bemerkung zu machen, dass er nicht vergeblich die Kenntniss der grossten Tugenden aus griechischen und lateinischen Autoren sich erworben habe, es konne wohl noch kommen, dass man ihm das Zeugniss geben musste, dass er sie auch auszuuben verstande. Er richtete, indem er diess sagte, seine kleinen blitzenden Augen scharf auf die Grafin, die diese Bitterkeit mit ruhiger Gelassenheit hinnahm und statt aller weiteren Erwiederung den Arzt bat, St. Julien die Sache zu verschweigen, um ihn nicht unnutz zu beunruhigen, und es ihr zu uberlassen, dem Grafen die nothige Mittheilung zu machen. Der Arzt hatte kaum jene Worte gesprochen, als er auch schon heftig erschrak uber die gefahrliche Kuhnheit, zu der ihn, wie er glaubte, sein lebhaftes Gemuth hingerissen hatte, und eben so sehr war er nun erstaunt, dass die Grafin seine beabsichtigte Beleidigung gar nicht zu bemerken schien; um so bereitwilliger daher war er, das verlangte Versprechen zu geben. Man hatte wahrend dieser Gesprache die augenblickliche Sorge fur die Sicherheit des Grafen vergessen; man hatte nicht so angstlich auf jeden Hufschlag gelauscht, so dass ein Ausruf freudiger Ueberraschung den Grafen bewillkommnete, als er von seinem spaten Ritte heimkehrend die Gesellschaft vermehrte. Man sah es an der ungewohnlichen Heiterkeit, mit welcher der Graf die Frauen begrusste, dass er mit dem verflossenen Tage zufrieden war; sehr behaglich fuhlte er sich am Theetische im warmen, erleuchteten Zimmer nach dem beschwerlichen Wege in Kalte und Dunkelheit. Wir waren recht besorgt um Sie, sagte Emilie, da Sie so lange ausblieben. Ich hielt mich beim Prediger auf, versetzte der Graf, aber wo ist St. Julien? Ich dachte ihn bei Euch, meine Lieben, zu finden; er ist doch nicht wieder krank oder melancholisch? Kann es mir begegnen, rief der Arzt, indem er sich heftig vor die Stirn schlug, dass ich meine Pflicht versaume, dass ich meine Kranken nicht gehorig besuche? Mit diesen Worten wollte er zum Zimmer hinaussturmen und stiess auf St. Julien, der eben eintreten wollte. Kaum vermochte er es, die Frauen und den Grafen zu begrussen, so eilfertig bemachtigte sich der Arzt seiner, um sich in einen Strom von Selbstanklagen und Entschuldigungen zu ergiessen, die St. Julien eine Zeitlang befremdet anhorte, ehe er begriff, was der Arzt eigentlich wollte; als er ihn endlich verstand, beruhigte er ihn mit der Versicherung, dass er sich lange nicht so wohl gefuhlt habe, als am heutigen Abend, und dass Dubois den nothigen Verband ganz nach des Arztes Vorschrift besorgt habe. Doch konnten diese trostenden Worte die Unzufriedenheit nicht aufheben, die der Arzt mit sich selber empfand. Ich werde es mir nie vergeben, rief er feierlich, aber es soll mir auch nicht zum zweiten Male begegnen; strenge werde ich uber mich wachen und keine Pflicht mehr vernachlassigen, und desshalb will ich auch sogleich noch Manches an Medikamenten besorgen, die ich fur meine Kranken in Krumbach morgen nothig habe. Kaum liess sich der Arzt bewegen, noch vorher mit der Gesellschaft Thee zu trinken; er that es zwar endlich auf allgemeines Verlangen, wie er sich ausdruckte, verliess aber doch sehr bald das Zimmer, um den ganzen Abend, wie er sagte, seiner Pflicht zu leben.
Man brachte den Abend heiter hin, aber dennoch war eine gewisse Spannung fuhlbar. Die Grafin wollte in St. Juliens Gegenwart nicht fragen, ob der Graf etwas fur den Obristen Thalheim gethan habe. Emilie konnte ihre Unruhe nicht beherrschen, weil ihr immer die verlaumderischen Geruchte im Sinne lagen, die uber den Grafen verbreitet wurden, und sie betrachtete mit einer gewissen Wehmuth St. Julien, der die unschuldige Veranlassung dazu war. St. Julien fuhlte sich gedruckt, weil er bemerkte, dass durch seine Gegenwart eine freie Mittheilung in der Familie gehindert wurde, die doch Jeder zu wunschen schien; nur der Graf war vollkommen heiter und schrieb die Spannung, die ihm nicht entging, auf Rechnung der Neugierde, von welcher er die Frauen gequalt glaubte. St. Julien verliess bald nach der Abendtafel die Gesellschaft, und der Graf wendete sich, als sie kaum allein waren, lachelnd zu den Frauen und sagte: Nicht wahr, meine Lieben, heute war Euch unser liebenswurdiger Freund herzlich beschwerlich, und Ihr habt ihn schon lange weggewunscht, um nur zu erfahren, wo ich den ganzen Tag gewesen bin? Die Grafin laugnete nicht, dass sie zu wissen wunschte, wie er den Tag verlebt habe, ob sie gleich gar nicht daruber zweifelhaft sei, wo er ihn zugebracht habe.
Der Graf gab eine treue Schilderung der Noth, in der er den Obristen und seine Tochter gefunden habe, und ging leicht uber die Art hinweg, wie er ihm Hulfe geleistet hatte; auch schilderte er mit Laune sein Zusammentreffen mit dem plumpen Verwalter und dem zierlich gekleideten schwarzen Herrn. Die Grafin wurde aufmerksam bei diesem Umstande und erkundigte sich genau, um welche Zeit diess Zusammentreffen stattgefunden habe, und ob Krumbach weit vom jetzigen Wohnort des Obristen entfernt sei. Ihre Fragen erregten die Neugierde des Grafen, und nach gegenseitigen Erklarungen und Mittheilungen waren beide daruber einig, dass es wohl derselbe junge Herr gewesen sein konnte, den der Arzt in Krumbach angetroffen habe; nur blieb es rathselhaft, was einen ganz fremden Menschen bestimmen konne, diese Geruchte in Umlauf zu bringen. Es kann um so eher sein, schloss der Graf, dass jenen der Arzt in Krumbach getroffen hat, da er geraume Zeit vor mir hinweg ging, und ich mich noch lange beim Prediger aufgehalten habe. Es sind jetzt preussische Truppen hier in der Gegend, schloss der Graf; es sind einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt, und der Prediger hat durch genaue Erkundigungen erfahren, dass sie zu den Unsrigen gehoren; diess ist mir um des Obristen Willen lieb, denn sollte er ihnen begegnen, so, hoffe ich, werden sie ihn ruhig ziehen lassen, obgleich im Kriege das Bedurfniss Freunde, wie Feinde oft zwingt, Pferde in Beschlag zu nehmen. Emilie konnte ihre Besorgnisse nicht verschweigen, dass dem Grafen Unannehmlichkeiten aus solchen schlechten Verlaumdungen erwachsen konnten, wie sie eben erfahren hatten; auch die Grafin stimmte ihr bei und sagte mit Zartlichkeit: Wie wurde es mich schmerzen, wenn Ihre besten Handlungen eine Quelle des Verdrusses fur Sie wurden! Seid doch daruber ruhig, meine Lieben, sagte der Graf. Sollte mich irgend Wer zur Rechenschaft ziehen, der ein Recht hat, es zu thun, so wisst Ihr, dass ich mich vertheidigen kann; mussiges Geschwatz, ohnmachtige Bosheit aber lasst uns verachten, denn sonst erreichen ja die Menschen ihren Zweck und verbittern uns das Leben. Emilie schwieg, doch fuhlte sie sich durch diese Antwort des Grafen nicht beruhigt; auch die Grafin sagte uber diesen Gegenstand nichts mehr, aber man sah deulich, dass auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren.
Der Graf kam auf den Obristen zuruck und eilte noch alle Auftrage zu geben, um ihn am andern Morgen nach seinem neuen Wohnorte zu versetzen. Die Grafin ubernahm es, fur die Einrichtung des Hauses zu sorgen, und der Graf bemerkte, die Tochter des Obristen sei ungefahr von gleicher Grosse mit Emilie. So kannst Du ja leicht, liebe Emilie, sagte die Grafin, fur die nachsten Bedurfnisse Deiner neuen Freundin sorgen. Emilie hatte selbst schon diesen Vorsatz gefasst und errothete nun, da sie das, was sie innerlich freiwillig beschlossen hatte, als einen Auftrag zu erfullen hatte; es schlich ein Gefuhl von Traurigkeit durch ihr Herz, das sie nicht beherrschen und sich nicht gleich erklaren konnte. Man trennte sich nach dieser genommenen Abrede bald, und als Emilie einsam in ihrem Zimmer war, fuhlte sie Thranen uber ihre Wangen fliessen, die ihrem gepressten Herzen Luft machten.
Was will ich denn, woruber klage ich denn? sagte sie zu sich selbst; kann denn mein undankbares Herz nicht ruhig schlagen, sich nicht befriedigt und glucklich fuhlen im Kreise der besten Menschen? Was ist es denn eigentlich, was mich schmerzt, fuhr sie in ihrem Selbstgesprache fort, Wer hat mich denn verletzt oder beleidigt? Nein, dachte sie seufzend, Niemand hat mich verletzen wollen, aber empfinden muss ich es dennoch, dass mir nicht ein Traum von Selbststandigkeit, nicht ein Schatten von Eigenthum bleibt. Nicht einmal die Freude darf ich empfinden, die der Arme hat, der dem Aermeren giebt, ich muss Alles, selbst was mich bedeckt und kleidet, als etwas Geliehenes betrachten, woruber die Eigenthumer, sobald sie wollen, auch anders bestimmen konnen. O, wohl, fuhr sie klagend fort, hat die Grafin recht, ganzliche Armuth ist ein schreckliches Ungluck; sie macht uns abhangig, nicht bloss in unseren Handlungen, in unseren Gedanken und Empfindungen sogar. Wie beneidenswerth, rief sie aus, ist das Loos des armen Tagelohners gegen das meinige, die ich von scheinbarem Reichthume umgeben bin; er darf den Erwerb eines Tages mit Zufriedenheit, ja mit dem Gefuhle eines edeln Stolzes betrachten; er hat durch seine Anstrengungen es als sein Eigenthum errungen, frei darf er seinen Lieben oder Aermeren und Hulfloseren davon mittheilen, und wenn dankbare Herzen um ihn schlagen, wenn liebevolle Blicke auf ihm ruhen, so fuhlt er sich befriedigt; er hat diesen Dank, diese Liebe verdient; aber ich, was kann ich thun? Geliehenes Gut an Andere abtreten, das mir alsdann sogleich auf das Grossmuthigste ersetzt wird. Ach, es ist entsetzlich hart, fuhr sie fort, immer empfangen zu mussen, ohne jemals geben zu konnen, und selbst die freundliche Tauschung, als ob man geben konnte, nicht einen Augenblick festhalten zu durfen. Niemals hatte Emilie noch ihre abhangige Lage so schmerzlich empfunden, als in dieser einsamen Stunde; sie uberliess sich rucksichtslos dem Schmerz und dem Mitleid mit sich selber, und ihre Thranen flossen noch einige Stunden, bis endlich die Erschopfung einen kurzen Schlummer herbeifuhrte, von dem sie wenig gestarkt am anderen Morgen erwachte.
Die Grafin war schon im Saale, wo man fruhstuckte, als Emilie eintrat. Was fehlt Dir, Liebe, rief sie ihrer jungen Freundin entgegen, ist Dir nicht wohl? Du bist ungewohnlich blass. Mir fehlt nichts, sagte Emilie mit schwacher, wankender Stimme. Du bist krank, mein liebes Kind, sagte die Grafin mit grosser Zartlichkeit, indem sie ihre beiden Hande fasste. Gewiss, mir fehlt nichts, erwiederte Emilie mit gesenkten Augen und zitternder Stimme, und, sie konnte es nicht verhindern, die Thranen entstromten den sanften Augen von Neuem und flossen uber die bleichen Wangen. Die Grafin richtete das Gesicht der weinenden Freundin mit sanfter Gewalt empor und sagte mit mildem Ernst: Ich errathe jetzt, was Dir fehlt, ich sah es wohl, dass ich Dich gestern verletzte, aber ich konnte nicht glauben, dass ein harmlos gesprochenes Wort Dich so tief verwunden wurde. Ich konnte mich beklagen, fuhr sie mit grosser Gute fort, dass Du dieser misstrauischen Empfindlichkeit in Deinem Herzen Raum gibst, wenn ich nicht selbst unglucklicher Weise diess Gefuhl in Dir erregt hatte durch die Bitterkeit, der ich mich so oft uberlassen habe. Lass mich Dich bitten, mein theures Kind, fuhr sie mit grosser Milde fort, bekampfe diesen Feind in Deinem Herzen, er raubt Dir sonst jedes Gluck des Lebens. Die leicht gereizte Empfindlichkeit wurde Deine Freunde aus Vorsicht zuruckhaltend machen; Du wurdest die Furcht, Dich zu verletzen, fur Kalte nehmen, und Dein Misstrauen wurde in demselben Masse zunehmen, wie alle Verhaltnisse gespannter wurden. Du wurdest es dann vielleicht nicht Dir zuschreiben, wenn jede Heiterkeit, die inniges Vertrauen zu einander erzeugt, aus unserm Kreise verschwunden ware, sondern Du wurdest uns mit jedem Tage ungerechter und Dein Schicksal beklagenswerther finden.
Konnen Sie mich fur so granzenlos undankbar halten? fragte Emilie.
Sprich nicht so oft von Dankbarkeit, sagte die Grafin, ich will von Dir keine andere, als die, welche ein gutes Kind fur seine Eltern empfindet, das ist die gefuhlte, beinah bewusstlose, nicht die in jedem Augenblick erkannte. Und nun, sage mir, welche gute Tochter wurde gereizt, gekrankt sein und eine ganze Nacht hindurch weinen, wenn ihre Mutter ihr den Vorschlag macht, einen Theil ihrer Kleider zu verschenken an Personen, die es bedurfen, besonders wenn die Tochter ein Herz hat, wie Du, das sie selbst schon zu solchen Handlungen bestimmt?
Ich will mich nicht vertheidigen, sagte Emilie, aber ein wenig muss es mich entschuldigen, wenn Sie daran denken, dass eine Tochter Rechte hat, die ihr andere Empfindungen geben. Wenn eine Tochter einen so willkommenen Auftrag erfullt, so gibt sie mit der Mutter, da ich nur von dem Ihrigen mittheile.
So habe ich es denn nicht erreichen konnen, sagte die Grafin, dass Du mir in Liebe angehorest, Du siehst unser Verhaltniss, ich mochte sagen, juristisch an; sind es denn bloss die Bande des Blutes, auf die sich Rechte grunden? Gibt nicht die Liebe eben so heilige? Ich fuhle, setzte sie mit einiger Bitterkeit hinzu, ich habe einen bosen Samen in Dein Herz gestreut. Ach! rief sie mit einem unendlich schmerzlichen Ausdruck, wenn ich nicht mehr bin, wirst Du es vielleicht einsehen, was in mir die Erbitterung gegen Mangel und Armuth erzeugt hat, und dann wirst Du die heutige Stunde bereuen.
Vergeben Sie mir nur, rief Emilie, indem sie sich laut weinend in ihre Arme warf.
Du sprichst von Rechten, sagte die Grafin wieder mild. Wenn uns ein ungluckliches Schicksal aller anderen Hulfsmittel beraubte und uns ganz auf uns zuruckwiese, hatte mir Deine Liebe nicht ein Recht gegeben, Deine jungeren Krafte in Anspruch zu nehmen, und wurde ich Dich nicht kranken, wenn ich Hulfe und Dienstleistungen von Dir zuruckwiese, oder in diesen Zeichen Deiner Liebe aus misstrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhangigkeit fande?
O Gott! rief Emilie. Warum, fuhr die Grafin fort, willst Du mich denn kranken und die Zeichen meiner Liebe missverstehen? Vergeben Sie mir nur, wiederholte Emilie. Die Grafin kusste sie zartlich und sagte dann mit Gute scherzend: Da nun die Farbe auf Deinen Wangen zuruckgekehrt ist, so mache nun, dass die Spuren der Thranen aus den Augen verschwinden, damit nicht St. Juliens angstliche Blicke fragen, welch ein Unheil Dir widerfahren ist; zwar in dessen Brust hattest Du gestern vielleicht ein gleichfuhlendes Herz gefunden, er hat viel von Deiner Empfindlichkeit.
Sie spotten meiner mit Recht, sagte Emilie errothend. Nein, im Ernst, erwiederte die Grafin lachelnd, ich wollte auch nicht, dass der Graf Dich um die Ursache Deiner Thranen fragte, Du wurdest doch ein wenig um die Antwort verlegen sein.
Die Vereinigung der Gemuther wurde aufs Neue zwischen beiden Frauen befestigt und inniger als je, wie es nach jeder kleinen Storung geschah.
Emilie konnte sich selbst nicht begreifen und verzieh es sich schwer, dass sie eine Nacht in Kummer und Thranen hingebracht, und damit gewissermassen die besten Menschen angeklagt hatte; und die Grafin beschloss, die Bitterkeit nie wieder in sich aufkommen zu lassen, die, wie sie sah, so nachtheilig auf diejenigen wirkte, die sie am zartlichsten liebte. Sie beschloss zu vergessen, was eine lange Vergangenheit Schmerzliches enthielt, und dieser Vorsatz wurde in demselben Augenblicke gestort, denn der Graf trat mit St. Julien in den Saal. Der Anblick des jungen Mannes, der heiter lachelnd die Frauen begrusste, schien in der Grafin gewaltsam ein geliebtes Bild aus langst verflossener Zeit hervorzurufen, und nur mit Muhe konnte sie in den heiteren Ton der Unterhaltung einstimmen, der heute die kleine Gesellschaft belebte.
Nach dem Fruhstuck eilte Jeder die nothigen Anordnungen zu treffen, um dem Obristen Thalheim seinen neuen Wohnort angenehm zu machen. Der Graf sendete die erforderlichen Equipagen und mit diesen einen weiten Pelzmantel, um den alten Mann gegen die Kalte zu schutzen. Die Frauen hatten dieselbe Aufmerksamkeit fur seine Tochter. Die Grafin sorgte nun dafur, dass die nothigen Mobel nach dem eine halbe Stunde weit entfernten Meierhofe gesandt wurden, und Dubois wurde von ihr beauftragt, Alles zur Bequemlichkeit Erforderliche zu besorgen; er war, wie immer, so auch hier der Vertraute der Grafin und kannte also die Lage des Obristen; daher hiess ihn sein naturliches edles Gefuhl Alles vermeiden, was bei der neuen Einrichtung als prachtig hatte auffallen konnen, weil er wohl wusste, dass das Gemuth dessen, der Unterstutzung bedarf, dadurch schmerzlich verwundet wird, wenn die Unterstutzung den Anschein von Prahlerei gewinnt; eben so sorgfaltig vermied er den Anschein von Vernachlassigung, und es mangelte bald in dem freundlichen Hause nichts, was zur anspruchslosen Bequemlichkeit einer Familie erforderlich ist. Emilie fuhr selbst mit hinuber, und ordnete die Wasche und Kleider in den Schranken, und es wurde beschlossen, dass Dubois die Ankommenden diesen Abend erwarten sollte. Die Zimmer waren behaglich erwarmt, ein anmuthiger Wohlgeruch schwebte durch alle, denn Dubois hatte nicht versaumt, sie mit feinem Raucherwerk zu durchrauchern; ja selbst mehrere bluhende Staudengewachse hatte er aus den Treibhausern des Grafen hinuber geschafft, trotz der Schwierigkeit, sie auf dem Wege gegen die Kalte zu schutzen, um damit das Zimmer zu schmucken, welches er fur die Tochter des Obristen bestimmte. Endlich war Alles bereit; auch fur ein einfaches Abendessen war gesorgt, und der Haushofmeister ging mit zufriedener Miene noch einmal durch alle Zimmer, um jedes einzeln zu betrachten, als der Wagen vorfuhr. Schnell eilte er, seiner Schuldigkeit gemass den Obristen an der Thure des Hauses zu empfangen, und schien die wehmuthige Verlegenheit nicht zu bemerken, die Vater und Tochter ergriff, als er ihnen selbst die kostbaren Pelze abgenommen hatte, und sie nun beide in hochst armlicher Kleidung in dem freundlich ausgeschmuckten Zimmer standen. Fruher, als nothig gewesen ware, liess Dubois das Abendessen anrichten, um die Verlegenheit des Obristen und seiner Tochter zu beendigen, die nicht recht wussten, wie sie sich gegen ihn benehmen sollten und noch nicht den Muth hatten, sich als die Bewohner des Hauses zu fuhlen. Das Abendessen ging still voruber und wurde in der Spannung, in der sich Alle befanden, kaum beruhrt; nur als Dubois dem Obristen Wein eingeschenkt hatte und der edle Trank dem alten Manne entgegen duftete, konnte er sich nicht enthalten, mit einiger Begierde das Glas zu ergreifen und mit sichtlichem Wohlbehagen das lang entbehrte Labsal zu schlurfen; die Warme des Weins durchdrang seine Glieder und theilte ihm jene Ermattung mit, die man beinah eine wollustige Empfindung nennen konnte; er liess es daher ohne Widerrede geschehen, dass der Haushofmeister ihn nach dem Zimmer fuhrte, welches er ihm zum Schlafgemach bestimmt hatte, und machte keine Einwendungen dagegen, dass Dubois fur diesen Abend das Geschaft eines Kammerdieners ubernahm. Er wollte, als er zu Bett gebracht war, noch Manches denken und in seiner Seele ordnen, aber ein lange nicht empfundenes Wohlbehagen scheuchte alle Gedanken zuruck. Er dehnte sich mit wehmuthigem Entzucken auf seinem bequemen Lager aus, er fuhlte die glanzend weissen feinen Betttucher und die seidne Decke mit den Fingern an, er wollte sein heutiges Lager mit dem gestrigen vergleichen, aber Gedanken und Gefuhle gingen in dem seligen Vergessen unter, welches der Vorbote eines erquickenden Schlafes ist.
Therese war im Speisezimmer zuruck geblieben und erwartete mit Schuchternheit Dubois Ruckkunft. Die Veranderung ihrer Lage war so gross, dass sie sich betaubt fuhlte und desshalb noch nicht Muth zur Freude gewann; als endlich der Haushofmeister zuruck kam, schlich sie zum Lager des Vaters, der schon im sanftesten, Schlummer ruhte; sie kusste leise seine Stirn und folgte nun Dubois, der ihr die ubrigen Zimmer des Hauses zeigte und ihr auch alle Schlussel einhandigte, worauf er fur heute ehrerbietig Abschied nahm.
Als sich Therese allein befand, hob sie die Hande dankend zum Himmel empor, und Thranen des Entzuckens benetzten die von langem Kummer gebleichten Wangen; es schien ihr ein Traum, der tauschend ihre Seele umfing, und sie furchtete zu erwachen; endlich, als sie sich gesammelt hatte, ging sie noch einmal durch alle Zimmer und betrachtete Jedes mit ruhiger Freude; sie offnete die Schranke und bemerkte mit dankbarem Erstaunen, wie grossmuthig und zartsinnig fur jedes Bedurfniss des Hauses gesorgt war, auch ruhrte es sie bis zu Thranen, als sie Alles vorfand, was zur Kleidung der Frauen aus besseren Standen gehort.
Nach einem starkenden Schlummer erwachte Therese am andern Morgen. Dubois hatte fur die nothige Bedienung gesorgt; sie wahlte eine einfache Morgenkleidung, und fuhlte sich bewegt und erhoben zugleich, als sie sich wieder in Gewander gekleidet sah, wie sie ihr in fruheren Zeiten nothwendig erschienen waren. Als sie nun ihr Zimmer verliess, fand sie Alles zum Fruhstuck bereitet, und sie naherte sich leise dem Schlafgemach ihres Vaters; Alles war darin still, und eine seltsame Angst ergriff ihr Herz, sie furchtete, die plotzliche Umwandlung seiner Lage konne zu heftig auf ihn gewirkt haben, sie offnete daher behutsam die Thur des Kabinets und naherte sich leise dem Lager des schlummernden Greises. Er lag mit gefalteten Handen und geschlossenen Augen, aber seine Lippen bewegten sich wie im flusternden Gebete, und zwischen den grauen Wimpern drangten sich Thranen uber die gefurchten Wangen, die ahnliche Tropfen in Theresens glanzenden Augen hervorriefen. Sie beugte sich uber den alten Vater und kusste mit inniger Liebe seine gefalteten Hande. Der Greis offnete die noch thranenfeuchten Augen und lachelte entzuckt bei dem Anblick seines schonen Kindes.
Meine gute Tochter, sagte er mit bewegter Stimme, es starkt mein Herz, dass Deine Erscheinung wieder Deiner wurdig ist; lass uns Gott innig dafur danken, dass wir aus dem hochsten Elende erlost sind, denn niemals habe ich Dich ohne zu schaudern in der Tracht der hochsten Durftigkeit betrachten konnen. Der Obrist wunschte sein Lager zu verlassen und wurde von Neuem bewegt, als er bemerkte, mit welcher Zartheit sowohl fur seine Bedienung, als fur alles zur bequemen Morgenkleidung eines Greises Erforderliche gesorgt war. Nach dem Fruhstuck gingen Vater und Tochter durch die verschiedenen Zimmer, und bewunderten mit dankbarer Ruhrung die Anmuth und Bequemlichkeit ihrer neuen Wohnung. Endlich liess sich der Vater im Wohnzimmer in der Ecke des Sophas nieder und zog seine Tochter neben sich, die erschrocken zu ihm aufblickte, weil sie seine Hand zittern fuhlte und hohen Ernst uber sein Gesicht verbreitet sah.
Mein Kind, sagte der Obrist, wir durfen unsere Pflicht nicht vergessen, wir mussen unsern Wohlthatern unsern Dank darbringen fur so viele Gute; Du fuhlst, mein liebes Kind, fuhr er fort, indem er die Hand der Tochter angstlich druckte, wie schwer mir dieser Gang werden muss; so tief die Dankbarkeit in meiner Seele ruht, so sehr ich unsern edeln Freund verehre, so wird mir altem Manne dennoch das Formliche in der Aeusserung meiner Dankbarkeit schwer, das mich, wie man es auch betrachten mag, dem Bettler gleich stellt, der fur ein empfangenes Almosen dankt. Missversteh mich nicht, fuhr er fort, als er bemerkte, dass die Tochter reden wollte, ich verkenne den Grafen nicht, aber bist Du uberzeugt, dass er auch uns kennt? Ihn hat uns seine Art, wie er gegen uns handelt, vollkommen kennen gelehrt, wir konnen mit reiner Empfindung einen so edeln Mann bewundern und eben desswegen von ihm annehmen, was uns seine Gute bietet, aber kennt er auch uns? Weiss er, ob wir seiner Freundschaft wurdig sind? Ihn hat allein unsere Noth bestimmt, uns wohl zu thun, und darin liegt das Peinliche unserer Lage; wir sind ihm gegenuber Arme und nicht Freunde; der Freund kann die Guter des Lebens mit dem Freunde theilen, er weiss, der Freund ist uberzeugt, er wurde, wenn das Verhaltniss umgekehrt ware, eben so handeln, und will nichts weiter, als die Liebe, die innige Achtung des Freundes; aber der Arme, ach, mein liebes Kind! er empfangt bloss, und der Geber, der ihn nicht kennt, weiss noch nicht, ob er jemals seinen Schutzling in einen Freund wird verwandeln mogen; er weiss nicht, ob das Herz des Empfangenden nicht zu jeder edeln Empfindung unfahig ist, und desshalb ist die aussere Dankbarkeit, die es so schwer fallt auszuuben, unerlasslich.
Ich dachte, erwiederte Therese, ich konnte die Hand des Grafen mit inniger Liebe, ohne peinliche Empfindung kussen. Auch ich, sagte der Obrist, kann seine Hand mit zartlicher Bewunderung drucken, aber hast Du daran gedacht, dass damit unsere Pflichten noch nicht erfullt sind? Hast Du vergessen, dass er vermahlt ist, und dass wir also der Grafin einen Besuch machen mussen? Therese senkte die Augen, ein peinliches Gefuhl hob ihren Busen, der Schmerz zuckte um den schonen Mund und sie kusste schweigend die Hand des Vaters, die noch in der ihren ruhte. Beide fuhlten, dass sie sich ohne Worte verstanden, denn jetzt erinnerte sich Therese an Alles, was sie und ihr Vater fruher uber die Grafin gehort hatten, und zwar aus einem Munde, dessen Tonen die schone Therese nicht ohne Parteilichkeit gelauscht hatte.
Der junge Graf Hohenthal namlich, ein Verwandter des Grafen, war in dem Hause des Obristen mit Wohlgefallen aufgenommen worden. So lange das Regiment, bei welchem er als Rittmeister diente, in der Nahe stand, hatte der junge Mann keine Gelegenheit versaumt, sich dem Obristen zu nahern, und die gleichen Ansichten uber viele Verhaltnisse des Lebens, der gleiche Hass gegen Frankreich, hatte sie bald in Freunde verwandelt, so weit die Verschiedenheit des Alters diess erlaubte. Bei der Vertraulichkeit, die sich auf solche Weise gebildet hatte, geschah es, dass der Rittmeister zuweilen seine Familienverhaltnisse beruhrte und sich dann jedes Mal mit grosser Bitterkeit uber die Grafin ausserte. Er hatte von ihr behauptet, dass sie aus Eigennutz sich mit dem Grafen verbunden habe, der im unrechtmassigen Besitze des ganzen Vermogens der Familie sei, und dass sie in Folge dessen eine ewige Trennung von der Familie beabsichtigte; desshalb habe sie ihren Gemahl bestimmt, sich immer in der Ferne aufzuhalten, und ob er gleich ohne Kinder sei, habe sie ihn doch dazu vermocht, dass er niemals das Geringste fur die durftigen Mitglieder der Familie gethan habe; eben so hatte er oftmals ihres unmassigen Stolzes gedacht und ihres schroffen Betragens, wodurch alle Verwandte vollkommen dem Grafen entfremdet wurden; ja, er hatte erwahnt, dass sie einen unversohnlichen Hass gegen ihren einzigen Bruder truge und sich auch niemals die kleinste Annaherung habe gefallen lassen, so viele Versuche dieser Bruder auch gemacht habe, dem diese Familienzwiste hochst schmerzlich waren. Der Rittmeister hatte zwar niemals Gelegenheit gehabt, die Grafin kennen zu lernen, aber da er alle Nachrichten uber ihren Charakter von seinem Vater hatte, so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben.
Diese Erinnerungen waren es, welche Vater und Tochter zum ernsten Nachdenken stimmten, und nur unter Seufzern vermochten sie zu beschliessen, sich fertig zu machen, um einen Besuch abzustatten, der so peinlich auf ihr Gefuhl wirken konnte. Der Obrist wollte eben seiner Tochter noch einige Rathschlage ertheilen, wie sie bei dem vermuthlich sehr stolzen Empfange der Grafin sich zu betragen habe, als Beider Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande abgezogen wurde durch das lustige Gelaute von Schellen, wodurch sich annahernde Schlitten ankundigten. Sie traten zum Fenster und sahen mit Ueberraschung, dass zwei Schlitten durch das kleine Thal flogen und wenige Augenblicke daraus vor dem Hause hielten. Ein Herr sprang aus dem einen, und sie erkannten sogleich den Grafen, der zweien Damen die Hand bot, und alle drei waren bald eingetreten, um den Obristen und seine Tochter zu begrussen. Der Graf umarmte den Obristen und sagte, indem er freundlich dessen Hand schuttelte: meine Gemahlin wollte sich selbst uberzeugen, ob nichts zu Ihrer Bequemlichkeit mangelt, und zugleich meine Nichte mit ihrer kunftigen Freundin bekannt machen. Der Obrist konnte nicht sogleich Worte finden, er hatte sich die Grafin durchaus anders gedacht; er fand keine Spur von Harte und Stolz, sie behandelte ihn mit der Warme und Achtung, wie man einen alten Freund der Familie empfangt; sie drangte ihm nicht das Gefuhl ihrer Wohlthat durch ein zu angstliches Fragen auf, ob Alles seinen Wunschen entspreche, sondern verwickelte ihn mit Leichtigkeit in ein Gesprach uber fruhere Zeiten, uber den Konig Friedrich den Zweiten, fur den sie seine Verehrung aufrichtig theilte, und hatte so bald jede Spannung aufgehoben, die erst die Gesellschaft zu drucken schien.
Emilie hatte bald den Weg zu Theresens Herzen gefunden; Beide hatten, ohne den Genuss des vertraulichen Umgangs mit einer jugendlichen Freundin, einsam gelebt, und Beide verlangten daher zu sehnlich danach, sich diesen Genuss zu verschaffen, als dass sie aus Zuruckhaltung lange hatten einander fremd bleiben konnen. Es war leicht zu bemerken, dass Therese manche Kenntniss nicht hatte, die Emilie besass; auch nicht die zierlichen Arbeiten der Frauen aus den hoheren Standen waren ihr bekannt, denn sie hatte in ihrer druckenden Lage nicht einmal Gelegenheit gehabt, sie zu sehen, noch weniger die Mittel, sich das Material zu verschaffen, um solche artige Spielereien zu verfertigen. Ja, sie gestand, dass sie auch das Wenige, was sie von Musik verstanden, vergessen habe, weil das Instrument schon lange verkauft sei, und dass sie auch allen Muth zur Musik verloren hatte, und es ihr eine Sunde wurde geschienen haben, die Stimme zum Gesange zu erheben, so lange ihr Vater unter schwerem Kummer seufzte. Beide junge Freundinnen hatten bald und eifrig verabredet, was sie mit einander treiben und lernen wollten. Die Grafin und der Obrist waren uber die meisten Gegenstande ihrer Unterhaltung derselben Meinung, der Graf konnte nun, ohne Furcht, seinen alten Freund zu verletzen, noch alle nothigen Anordnungen treffen, und Therese sah sich, noch ehe ihre neuen Freunde schieden, an der Spitze einer unabhangigen kleinen Haushaltung, wodurch ihr die Freude gewahrt wurde, mit kindlicher Liebe selbst fur die Bedurfnisse und die Bequemlichkeit ihres geliebten Vaters sorgen zu konnen.
Die neuen Freunde besuchten nun ohne Furcht das Schloss. Man las, man machte Musik, man tauschte seine Meinungen gegen einander aus, und der alte Obrist machte, obwohl er alle Franzosen hasste, doch von jeher mit jedem einzelnen, den er kennen lernte, eine Ausnahme und war nun um so bereitwilliger, mit St. Julien diess zu thun, weil dieser durch seine personliche Liebenswurdigkeit ihn ganz fur sich einnahm, ja er verzieh ihm sogar die Bewunderung Napoleons, weil der junge Franzose Friedrich den Zweiten ebenfalls verehrte. Fur Dubois, der mehr wie ein Mitglied der Familie, als wie ein Diener derselben betrachtet wurde, empfand der Obrist bald die Achtung, die sein Charakter jedermann einflosste, der ihn naher kennen lernte, und als die Grafin sich sogar entschloss, zuweilen Theil an einer Partie L'Hombre zu nehmen, welches der Obrist mit grossem Vergnugen spielte, so heiterte sich seine Seele in dieser Umgebung vollig auf, und er sagte einige Mal seiner Tochter: Ich wurde in dem Kreise unserer Freunde vollkommen glucklich leben, wenn sie nicht die Schwachheit hatten, dem Prediger alle Ungezogenheiten nachzusehen; selbst der alte verstandige Dubois muss zuweilen recht an sich halten, wenn sich der kleine kecke Mensch so viel heraus nimmt, ja, ich glaube, wenn der Graf es nicht absichtlich von Zeit zu Zeit wiederholte, dass die Grafin den Tabacksrauch durchaus nicht vertragen kann, er wurde sogar mit seiner Pfeife in der Gesellschaft erscheinen und auch jetzt, wer weiss, was geschehen konnte, wenn nicht zum Glucke der Narr, der Doktor, da ware, zu dem er gehen und rauchen kann.
Auf diese Weise waren einige Wochen verflossen, Therese hatte sich vom uberstandenen Kummer erholt, ihre Wangen rotheten sich, ihre Augen gewannen ihr eigenthumliches Feuer wieder, und wenn sie auch im Ganzen ernst blieb, so konnte sie doch zuweilen heiter und schalkhaft lacheln. Alle Fahigkeiten, die in ihrer Seele geschlummert hatten, begannen sich zu entwickeln, so dass Emilie uber die Fortschritte erstaunte, die ihre junge Freundin machte, und beide sich immer inniger an einander anschlossen. Der Obrist bemerkte es nicht ohne Ruhrung, wie herrlich sich die Schonheit und alle Vorzuge seines Kindes entfalteten, da der Druck der Armuth von diesem theuern Haupte genommen war. Er schloss diess geliebte Kind eines Abends in seine Arme, und die Augen nach oben gewendet, rief er: Jetzt, Vater im Himmel, kann ich ruhig sterben, da ich mein Kind in Sicherheit weiss! Konnen Sie mich so kranken, dass Sie vom Sterben sprechen, rief Therese weinend, nun, da ich hoffe, dass wir noch viel gluckliche Tage mit einander leben werden? Das wollen wir auch, mein Kind, sagte der Obrist; aber willst Du mir es nicht gonnen, dass ich nun mit Ruhe an mein Ende denken kann, da ich Dich sonst, als Du schutzlos warst, mit Verzweiflung betrachtete. Du kennst nicht das Gefuhl eines Vaters, setzte er seufzend hinzu, der furchten muss, dass er sein Kind hulflos und einsam in der harten Welt zurucklassen muss. Wenn jetzt der Himmel uber mich verfugt, gehst Du zwar weinend, aber nicht verzweifelnd vom Grabe Deines Vaters in das Haus Deiner Freunde. Seit ich die Grafin kenne, bin ich uber Dein Schicksal ruhig, und ich werde um so langer leben, schloss er, indem er lachelnd mit den Lokken der Tochter spielte, weil ich mein Ende ruhig abwarten kann.
Es schien, als ob die Sorge, welche die Grafin fur Theresens Ausbildung trug, sie selbst manchen Kummer vergessen liess; sie erheiterte sich sichtlich in dem Umgange ihrer Kinder, wie sie beide junge Frauenzimmer nannte. St. Juliens Gesundheit befestigte sich taglich mehr, und der Graf bemerkte oft, er werde schmerzlich die Lucke in seinem Leben fuhlen, wenn der endliche Friede den jungen Mann bestimmen wurde, nach seiner Heimath zuruck zu kehren. Auch der Grafin war der junge Mann sehr lieb geworden, und nur noch zuweilen kehrte die Bewegung wieder, die sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte; wenn er sie unvermuthet anredete, oder wenn seine Augen lange auf Emilie hafteten, dann schien er in ihrer Seele Schmerzen wach zu rufen, die sie nur mit Anstrengung bekampfte. In solcher Ruhe hatte die Familie einige Zeit gelebt, und wenn es auch nicht moglich war, ohne Kummer das unsagliche Elend zu betrachten, welches durch den Krieg uber diesen Theil von Deutschland gebracht wurde, so gab es doch Stunden, in denen man sich einer reinen Heiterkeit hingab.
In dieser Stimmung hatten der Obrist und seine Tochter am vorigen Abend d a s Schloss verlassen; die jungen Leute hatten sich verabredet, Gothes Tasso den folgenden Abend zu lesen. Die Grafin hatte dem Obristen versprochen, wenn es sein konnte, seine l'Hombre-Parthie so einzurichten, dass nicht der Geistliche sein Mitspieler sein musse. Er freut sich zu gemein, versicherte der Obrist, wenn er ein gutes Spiel hat, spielt die Karten auf baurische Weise aus, macht sehr schlechten Witz dabei und halt sich desshalb fur einen liebenswurdigen Spieler; gewiss, wenn man ein Mitglied der guten Gesellschaft ganzlich von der Leidenschaft fur das Spiel heilen wollte, man brauchte es nur zu zwingen, taglich mit unserm guten Herren Prediger zu spielen. Die Grafin scherzte beim Fruhstuck eben daruber, dass der Doktor, den sie anstatt des Geistlichen zum Mitspieler bestimmte, den Obristen nicht besser befriedigen wurde, als man den Galopp eines Pferdes horte, und gleich darauf der Arzt athemlos mit gluhenden Wangen und mit Schweiss bedeckt in den Saal sturmte. Was giebt es? rief ihm der Graf besturzt entgegen. Wir sind verloren! rief der Arzt, das Schloss wird gleich von Soldaten besetzt werden. So, sind Franzosen in der Nahe? rief der Graf, indem er aufsprang. Nein, keine Franzosen, Preussen sind es, keuchte der Arzt. Nun, sagte der Graf, dann sind es ja Freunde und wir haben nichts zu furchten.
Nichts zu furchten? jammerte der Arzt; hatten Sie nur die Reden gehort, die sie gefuhrt haben; der Herr Prediger trieb mich hieher, damit Sie sich, wo moglich, entfernen mochten, um nicht den Wirkungen der Verlaumdungen zu unterliegen.
Der Graf sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder, zog dann hastig die Klingel und beschied Dubois eilig zu sich. Guter Dubois, redete er ihn an, ich weiss, ich kann auf Sie in jeder Lage rechnen, gehen Sie zum Kapitain St. Julien und halten Sie ihn auf jeden Fall auf seinem Zimmer zuruck, welche Unruhe auch hier entstehen mag; sagen Sie ihm, diess sei mein ausdrucklicher Wille, und bleiben Sie zur Sicherheit bei ihm.
Wir erwarten hier jeden Augenblick preussische Truppen, fuhr er fort, als er sah, dass der Haushofmeister ihn mit Verwunderung betrachtete; thun Sie ja, was ich Ihnen auftrage, und weichen Sie auf keinen Fall davon ab. Er hatte den Grafen n o c h nie so in Bewegung gesehen; eben wollte dieser die Frauen bitten, sich zuruck zu ziehen, als eine Eskadron in den Hof sprengte, den Fuhrer an ihrer Spitze. Die Grafin erschrak, ihr fielen die verbreiteten Geruchte ein, und sie sah an des Grafen Anordnungen, dass er Unannehmlichkeiten erwartete; sie stutzte sich auf die Lehne eines Stuhls und erwartete mit Spannung die Dinge, die da kommen wurden. Emilie war blass, sie ahnete dunkel, die Grauel des Krieges wurden nun hier beginnen. Der Arzt hatte sich entfernen wollen, doch ein Blick auf die Grafin schien in ihm eine Erinnerung hervor zu rufen; seine Seele kampfte offenbar mit einem grossen Entschlusse; auf einmal schien dieser Entschluss gefasst, er trocknete den Schweiss von seinem Gesicht ab, blieb und erwartete das ungeheure Schicksal, das ihn nach seiner Meinung jetzt treffen musste. Das Klirren der Sporen und des nachschleppenden Sabels im Vorsaale wurde vernehmbar, die Thuren wurden mit Heftigkeit geoffnet, und herein sturmte ein junger erhitzter Krieger und rief, ohne auf die Frauen zu achten: Wo ist der Herr des Hauses?
Ich bin der Graf Hohenthal, sagte der Graf, und Sie sind in meiner Wohnung.
So sind Sie es also, rief ihm der Rittmeister vor Zorn gluhend zu, der sein Vaterland den Feinden verrath, Sie zeigen den Franzosen alle Vorrathe an, Sie lassen sie durch alle Schluchten fuhren, Sie halten die Spione in Ihrem Hause verborgen; nun, da Sie so wacker fur die Feinde gesorgt haben, so werde ich auch hier wahrlich nicht schonen; die Pferde, die meinen Leuten gefallen sind, mussen hier ersetzt werden; Ihre Hafervorrathe nehme ich in Beschlag; meine Leute mussen bewirthet werden, und den Spion liefern Sie freiwillig aus oder ich brauche Gewalt.
Der Graf bekampfte den Zorn, der in ihm aufstieg, und sagte mit scheinbarer Gelassenheit: Es ist jetzt nicht der rechte Augenblick, meinen Charakter gegen Sie zu vertheidigen, ich werde mir Ihren Namen ausbitten, um diess in der Zukunft zu thun; das Ungluck der Monarchie fuhlen wir Alle gleich schmerzlich, und was das Vaterland und seine Krieger von meinem Eigenthume bedurfen, steht ihnen zu Gebote, desshalb mogen Sie meine Pferde nehmen, wie alle Hafervorrathe. Fur die Bewirthung der braven Truppen werde ich sorgen, so gut es angeht; was steht weiter zu Ihrem Befehl?
Ich verlange, dass Sie den hier im Hause verborgenen Spion ausliefern, sagte der Rittmeister etwas gelassener in Folge des wurdigen Benehmens des Grafen.
Wen bezeichnen Sie mit einer so schimpflichen Benennung? fragte der Graf.
Den franzosischen Offizier, rief hitzig der Rittmeister, der unter dem Vorwande einer Krankheit sich hier im Hause aufhalt.
Unter dem Vorwande einer Krankheit? rief der Arzt, den der Graf nicht mehr zuruck halten konnte; Vorwand nennen Sie seine Krankheit? rief er noch einmal, indem er den Kopf auf die linke Schulter senkte und die blitzenden Augen auf den Rittmeister richtete. Mir hat er sein Leben zu verdanken, aus dem Rachen des Todes habe ich ihn gerissen, setzte er hinzu, und ich werde, ich muss ihn und den Herren Grafen gegen jede Verlaumdung vertheidigen.
Ich verlange die Auslieferung des Franzosen, rief der Rittmeister, was gehen mich Ihre Narrheiten an?
Narrheiten! schrie aufs Aeusserste beleidigt der Arzt. Gehoren Sie zu den Barbaren, die Kunst, Wissenschaft und Menschenliebe vereinigt Narrheit nennen? Der Arzt hatte im Eifer seiner Rede alle Furcht vergessen und war dem Rittmeister so nahe getreten, dass dieser sich von Neuem gereizt fuhlte und mit funkelnden Augen dem Arzte zurief: Kommen Sie mir nicht so ungezogen nahe, wenn ich Sie nicht zum Fenster hinaus werfen soll.
Der Graf warf einen gluhenden Blick auf den Offizier, und indem er den Arzt mit der augenblicklichen grossen Kraft des Zorns wie ein Kind bei Seite schob, sagte er: Sie werden Niemanden zum Fenster hinauswerfen, so lange ich lebe; uber meinen Leichnam geht der Weg, um meine Hausgenossen zu beleidigen.
In dem Augenblicke, als der Offizier etwas Heftiges erwiedern wollte, wurde die Thure geoffnet; ein alter Wachtmeister zeigte sich, der dem Rittmeister eifrig winkte; dieser schritt durch den Saal und ging nach kurzem Gesprach mit dem Wachtmeister eilig nach dem Hofe hinunter.
Die im Saale Versammelten wagten es nicht, einander anzureden, weil sie die Zuruckkunft des Offiziers jeden Augenblick erwarteten, als sie Pferdegetrappel auf dem Hofe vernahmen und zu ihrem Erstaunen die ganze Eskadron, den Fuhrer an der Spitze, abreiten sahen.
Was bedeutet diess? fragte die Grafin nach kurzem, von Staunen erzeugtem Schweigen.
Das bedeutet, antwortete der Graf nachdenklich, dass Franzosen in der Nahe sind, die uns vermuthlich in grosserer Anzahl ihren Besuch zudenken.
XII
Der Auftritt, der eben statt gefunden hatte, war schnell voruber geflogen und hatte alle Anwesenden, jeden auf verschiedene Weise, so sehr aufgeregt, dass Niemand Worte gefunden hatte, um eine Ansicht zu aussern. Der Arzt stand noch in der Mitte des Saales unbeweglich auf der Stelle, wo ihn der Graf im Zorn hingeschoben hatte; man sah, dass er mit dem Entschlusse kampfte, etwas Bedeutendes zu sagen; endlich naherte er sich dem Grafen, der in Nachdenken versunken war, und sagte mit Haltung und unterdrucktem Gefuhl: Ich muss meinem Herzen Luft machen; ich muss meiner Empfindung Worte geben; edler Mann, verehrter Herr Graf, Sie haben mein Leben aus einer furchtbaren Gefahr gerettet, denn ware ich diese Hohe hinunter geflogen, wie der Barbar drohte, auf den gepflasterten Theil des Hofes hier unter dem Fenster, so war es um mich geschehen, denn mit solcher Gewalt hatte er mich nicht werfen konnen, dass ich dort den Rasen im Fallen erreicht hatte. Es war meine Pflicht, Sie gegen die Verlaumdung zu vertheidigen; ich habe auch immer geglaubt, dass Sie meinen mannlichen Charakter gehorig wurdigen und mir nicht eine schimpfliche Feigheit im Augenblick der Gefahr zutrauen wurden, eine Verlaugnung, ahnlich der des Apostel Petrus, fugte er mit einem Seitenblicke auf die Grafin hinzu; aber ich habe nicht geglaubt, dass ich Ihrem Herzen theuer ware, dass Sie Ihr Leben zu meinem Schutze wagen, Ihre Brust zur Vormauer der meinigen machen wurden. Die letzten Worte sprach er mit wankender Stimme und kaum beherrschter Ruhrung. Diese Handlung, schloss er endlich mit Pathos, bindet mein Geschick an das Ihrige fur jetzt und immer.
Der Graf verstand erst nicht recht, was der Arzt wollte, denn er war zu jener Aeusserung am Wenigsten durch ein warmeres Gefuhl fur denselben bestimmt worden, er hatte bloss sich in seinem Hausgenossen beleidigt gefuhlt; als er aber endlich den Sinn der an ihn gerichteten Rede begriff, sagte er, uber den gutmuthigen Dunkel des Arztes lachelnd: Wir sind oft nicht so bose, mein lieber Doktor, wie Sie im Eifer von uns zuweilen glauben, aber oft auch bei Weitem nicht so gut, wie Sie sich uns vorstellen; desshalb verdiene ich auch heut Ihren Dank nicht.
Bescheidenheit ist die Krone der Tugend, rief der Arzt begeistert und verliess den Saal, um seine Kranken zu besuchen. Die gutmuthige Einbildung des Arztes hatte dazu beigetragen, die Spannung aufzulosen, in die alle durch die eben erlebte Begebenheit versetzt waren. Lachelnd blickten sich die Zuruckgebliebenen an, und Ruhe schien wieder im Schlosse herrschen zu wollen.
Dubois glaubte, da die Truppen den Hof verlassen hatten, dass auch St. Julien nicht mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden brauchte; doch fragte er vorsichtig erst nach des Grafen Meinung, der naturlich seine Ansicht theilte, und bald erschien St. Julien und erschopfte sich mit dem Grafen in Vermuthungen, um es sich zu erklaren, wesshalb das Schloss so eilig von den Truppen geraumt worden sei. Des Grafen Ansicht, dass Franzosen in der Nahe sein mussten, wurde bald bestatigt, denn ein Reiter sprengte in den Hof, den Niemand sogleich fur den Prediger erkannte, weil er ganz die gemachliche Art zu reiten aufgegeben hatte und sein Thier zu vollig ungewohnten Kraftausserungen zwang. Ross und Reiter waren ganz aus der gewohnlichen Fassung, denn da sich der Geistliche eilig herab warf, ohne, wie sonst, fur sein Pferd zu sorgen, so fing diess ohne Umstande an, auf dem Rasen zu weiden und zu Emiliens Schrecken die darauf angebrachten Blumenstucke zu zertreten.
Aus Eile keuchend trat der Prediger nach wenigen Augenblicken herein, und jetzt, in der Unruhe seines Gemuths, achtete er noch weniger, als sonst auf die hoflichen Formen des Umgangs; daher grusste er kaum die im Saale versammelten Personen und rief dem Grafen zu: Meine Frau und Kinder folgen mir nach, Sie werden hier im Schlosse doch besser aufgehoben sein, als bei mir, die Franzosen sind mir auf den Fersen.
Der Graf nahm gern die Familie des Predigers bei sich auf, ob ihn gleich selbst in diesem Augenblicke dessen Mangel an Lebensart verletzte; die grosse Familienkutsche des Geistlichen fuhr auch bald durch das Thor des Hofes, von einigen kleineren Equipagen begleitet, die die zahlreiche Familie desselben enthielten. Man hatte kaum fur das Unterkommen Aller sorgen konnen, und der Prediger hatte eben seinen Entschluss ausgesprochen, fur seine Person zuruck zu reiten, um auf Ordnung zu sehen und so viel als moglich zur Erleichterung der Bauern zu thun, als Emilie ausrief: Ach Gott! dort kommen die Feinde. Alle Anwesenden eilten dem Fenster zu, an welchem Emilie stand, und Alle bemerkten, dass in derselben Schlucht, durch die der Graf damals vom Gebirge herab gekommen war, als er den verwundeten St. Julien nach dem Schlosse tragen liess, ein Funkeln von Waffen sichtbar wurde. In angstlicher Erwartung waren Aller Blicke dorthin gerichtet; der Geistliche bemachtigte sich eines vorhandenen Fernrohres und theilte laut seine Bemerkung mit: Jetzt kommen sie aus der Schlucht heraus; Wer kann sie diesen Weg gefuhrt haben? Das muss ein Einheimischer sein, ein Fremder hatte ihn nie gefunden. Es sind Reiter, fuhr er fort, im Sonnenschein sehe ich es deutlich; jetzt biegen sie hier herum; sie kommen zum Schloss; am Ende hatte ich besser gethan, meine Familie nicht hieher zu bringen. Auch Equipagen sind in dem Zuge; Der dort mit dem grossen Federbusch wird wohl der General sein. Was? Auch eine Dame zu Pferde und ein schwarzgekleideter Herr neben dem General? Wo soll das Alles unterkommen, und Gott weiss, ob nicht schon unterwegs Viele untergebracht sind; am Ende ist mein Haus schon voll wilder Menschen, die mir Alles zerschlagen und verzehren, und wie soll ich nun durch den Haufen zuruck? Er sprach immer fort, das Fernrohr noch lange vor sein Auge haltend, ob es gleich nicht mehr nothig war, denn Jedermann konnte schon langst ohne dessen Hulfe bemerken, wie ein bedeutender Zug Kavallerie sich dem Schlosse naherte. Der Anfuhrer ritt jetzt an der Spitze, zu seiner Rechten eine Dame in Reitkleidern, die mit grosser Sicherheit zu Pferde sass und den Kopf nach allen Seiten hin wendete, so dass der Wind mit den wallenden Federn ihres Hutes spielte. Zur Linken des Anfuhrers ritt ein junger Mann in schwarzer Kleidung, der, als der Zug sich schon dem Baumgange naherte, der zum Schloss fuhrte, sich zuruckzog, indem er sich vor dem Anfuhrer ehrerbietig neigte; als er desshalb den Hut abnahm, wurde sein dunkel gelocktes Haar sichtbar, und der Graf glaubte den jungen Mann zu erkennen, den er damals auf dem Meierhofe bei dem Verwalter antraf, mit dem er des Obristen Thalheims Rechnung berichtigte. Die den franzosischen Anfuhrer begleitende Dame und der junge Mann begrussten einander mit grosser Vertraulichkeit, als der Letzte sich von dem Zuge trennte.
Der Graf wendete sich jetzt nach dem Saale zuruck und bemerkte, dass die Grafin bleich und bebend auf die ankommenden Feinde schaute, und Emilie sich angstlich an sie schmiegte. Lassen Sie uns nicht die Fassung verlieren, meine Lieben, sagte der Graf, und eilig berathen, was nun geschehen muss. Diese, ach! diese Truppen, sagte die Grafin mit dumpfer, kaum horbarer Stimme; auch Dubois, der in den Saal getreten war, schien ungewohnlich bleich und blickte angstlich auf die Grafin. Der Graf hatte nicht Zeit uber den Eindruck nachzudenken, den die ankommenden Feinde auf seine Hausgenossen machten. Er rief der Grafin zu, sich zuruck zu ziehen, die stumm Emiliens Arm nahm und mit ihr hinauswankte. St. Julien konnte nicht begreifen, wie die Annaherung der Franzosen einen so entsetzlichen Eindruck machen konne, wie er ihn an der Grafin bemerkte, wenn er auch begriff, dass sie als Feinde unwillkommen sein mussten. Auch Sie bitte ich, sagte der Graf zu ihm, furs Erste mit Dubois den Saal zu verlassen, ich und der Herr Prediger, wir wollen die neuen Gaste empfangen.
Kaum hatte man diese wenigen Anordnungen treffen konnen, als der franzosische General, von seinem Gefolge umgeben, die Dame zu seiner Rechten, in den Hof einritt. Man konnte wohl bemerken, dass die Feinde gut unterrichtet sein mussten, denn sie hatten den Verwalter des Guts schon in ihrer Mitte und zwangen ihn, ihnen die fur die Pferde nothigen Vorrathe anzuzeigen; auch gab ihm der General selbst in gebrochenem Deutsch den Befehl, die vorhandenen Pferde auszuliefern, damit der Wagen der Dame neu bespannt werden konnte; das Schloss, so endigte sein Befehl, nehme ich in Besitz, so lange ich hier verweile. Der Verwalter, ein ziemlich unterrichteter Mann, stellte dem General in franzosischer Sprache vor, da der Graf und seine Familie hier sei, so wurde seine Excellenz doch gewiss darauf Rucksicht nehmen. So lange ich hier bin, bin ich Ihr Herr, antwortete der General ebenfalls franzosisch, und Sie haben dafur zu sorgen, dass alle meine Befehle punktlich befolgt werden. Ihr Graf mag es lernen, sich in dieser Zeit ohne sein Schloss und ohne seine Diener einzurichten. Er war mit diesen Worten abgestiegen; ein Adjudant bot der Dame die Hand, und der General rief diesem zu: Sorgen Sie zunachst fur die Zimmer von Madame. Ich werde selbst fur mich sorgen, erwiederte die Schone mit dreistem Lacheln und hupfte an der Hand des Adjudanten die Treppe hinauf.
Der General stieg nun ebenfalls, langsam, von vielen Offizieren umgeben, mit Wurde die Treppe hinauf. Der Pfarrer fuhlte, wie sein Herz innerlich bebte, als das Klirren der vielen Sporen sich dem Saale naherte. Er hatte vom Fenster aus bemerkt, in welcher Schnelligkeit die Feinde von allen Nebengebauden und allen Vorrathen, die sie enthielten, Besitz genommen hatten; er furchtete nun fur sich, fur seine Familie und auch fur den Grafen und dessen Hausgenossen.
Die Flugelthuren des Saales wurden geoffnet, der General trat herein und der Graf ihm mit Anstand entgegen. Ich weiss es, Herr General, dass der Krieger im Kriege oft genothigt ist, mit Harte seine Bedurfnisse zu fordern, doch bin ich von franzosischen Kriegern uberzeugt, dass sie jeden Druck vermeiden werden, den nicht die Umstande gebieten.
Der General schwieg einen Augenblick und betrachtete den Grafen zweifelhaft. Ihr Name, sagte er endlich, ist Ihr Name nicht Hohenthal? Der bin ich, sagte der Graf und blickte nun ebenfals verwundert auf den General. Mein Gott! rief dieser, indem er beide Arme nach dem Grafen ausstreckte, kennen Sie mich denn nicht wieder? Es ist ja unmoglich, theurer Freund, dass das Andenken an mich ganz bei Dir verloscht ist; muss ich mich denn nennen, hast Du denn alle heitern Stunden in Paris vergessen? Clairmont! rief der Graf mit Erstaunen. Derselbe, bester Graf, erwiederte der General, indem er ihn herzlich in seine Arme schloss.
Wir haben uns lange nicht gesehen, sagte endlich der Graf lachelnd, Vieles hat sich seitdem geandert, und es ist nicht leicht, in dem General Clairmont den heitern, schlanken, tanzenden Clairmont, meinen damaligen Freund, wieder zu erkennen, und gewiss hattest Du es damals wohl nicht geglaubt, dass Du jemals unter Umstanden, wie die gegenwartigen, mein Gast sein wurdest. Gewiss, gewiss nicht, sagte der General und sah sich mit einiger Unruhe nach seinem Adjudanten um. Erlaube, sagte er drauf zum Grafen, ein kleines Dienstgeschaft. Der Graf zog sich zuruck, und der General trug dem Adjudanten auf, jede Gewaltthatigkeit zu verhindern, alle Vorrathe unberuhrt zu lassen, Alles, so viel als moglich, in die Nebengebaude einzuquartieren und sich uberhaupt so zu betragen, als ob sie zum Besuch bei einem Freunde waren.
Der Adjudant eilte, diese, den fruheren so entgegen gesetzten Befehle zu ertheilen, und der General wendete sich wieder zu dem Grafen. Hatte ich nur ahnen konnen, sagte er, dass diess Dein Schloss ware, mein alter Freund, so hatte ich Dich zwar besucht, aber nicht mit so ansehnlicher Begleitung, nicht auf Kriegsfuss; aber man hat Dich mir nur immer als den reichen Grafen, ohne Dich zu nennen, bezeichnet, und da dachte ich dann, ich dachte, man konne es sich hier etwas bequem machen, ohne dass ich nach Deinem Namen fragte.
Der Adjudant kehrte zuruck; der Befehl zu schonen war etwas zu spat gekommen; die Vorrathe waren schon unter die Truppen vertheilt, noch etwas Wein hatte der Adjudant retten konnen, weil man ihn zum Gebrauch des Generals zuruck gelassen hatte, und auch die Pferde des Grafen hatte er wieder nach dem Stalle zuruck fuhren lassen. Die dem Prediger gehorigen hatten noch keinen Liebhaber gefunden und waren also ebenfalls gerettet.
Indem der General noch mit der Verlegenheit hieruber kampfte, zeigte sich Dubois an der Thure und winkte mit angstlichen Mienen dem Grafen. Der General bemerkte es und fragte misstrauisch: Es giebt doch keine neue Unordnung durch meine Leute? Und als Dubois statt aller Antwort mit den Achseln zuckte, rief er: Reden Sie, wenn, was Sie zu sagen haben, Jemanden aus meinem Gefolge betrifft. Wenn es Ew. Excellenz denn befehlen, sagte der Haushofmeister zogernd, so muss ich berichten, dass die gnadige Frau Generalin die Zimmer der Frau Grafin und des Frauleins in Besitz genommen und unsere Damen daraus verdrangt hat, so dass Alle, auch die Frau Predigerin, nun in das kleine Zimmer der Haushalterin zusammen gedrangt sind, wo die Frau Grafin krank auf dem Bette liegt; ich wollte nun um den Befehl des Herrn Grafen bitten, um zu erfahren, was zur Erleichterung und Bequemlichkeit der Frau Grafin geschehen kann. Eine dunkle Rothe, hervorgerufen von Scham und Zorn, verbreitete sich uber das Gesicht des Generals. Fuhren Sie mich nach dem Zimmer der Frau Grafin, rief er dem Haushofmeister zu. Voran! ich folge Ihnen. Dubois that, wie ihm befohlen worden, und schritt voran; der General folgte und der Graf schloss sich an, um wo moglich einen unangenehmen Auftritt zu verhindern. Dem Prediger ware es unmoglich gewesen, zuruck zu bleiben, auch wenn ihm Jemand diese Qual hatte auferlegen wollen; er folgte also ebenfalls den Uebrigen.
Als dieser Zug das Zimmer der Grafin erreichte, fanden sie die junge Dame, welche den General zu Pferde hieher begleitet hatte, vor dem Spiegel sitzen. Sie hatte das Reitkleid schon ausgezogen, und hatte um den entblossten Busen und die Schultern einen durchsichtigen Musselin geworfen, der bei jeder Bewegung enthullte, was er scheinbar verhullen sollte. Diese leichte Tracht erregte ihr keine Verlegenheit, obgleich drei bis vier Bediente im Zimmer waren, die Schachteln und Pappkasten aller Art herauf gebracht hatten, aus deren Inhalt ihre Gebieterin einen reizenden Anzug wahlen wollte. Die eben gebrauchte Schminke stand noch vor ihr, und sie war damit beschaftigt, einen Zweig Rosen in ihre dunkeln Locken zu befestigen, als der General eintrat, dem sie zartlich entgegen lachelte. Lassen Sie mich meine Kleidung vollenden, bat sie ihn, ehe ich Ihnen zur Tafel folge.
Nicht hier ist Ihr Ankleidezimmer, sagte der General mit Harte, folgen Sie mir dahin, wo Sie hingehoren; und all der Kram uns nach! rief er den Bedienten zu. Er ergriff nach diesen Worten ziemlich unsanft die Hand seiner Freundin und fuhrte sie mit Gewalt in ihrer leichten Tracht nach dem Saale; die noch nicht recht befestigten Rosen hingen herunter, schlugen bei dem eiligen Schritte, zu welchem der General sie zwang, die Wangen der Schonen; die Bedienten rafften Reitkleid, Schminke, Blumen und Schachteln unordentlich zusammen, und folgten dem Zuge, der auf diese Weise in die Mitte des Saales gelangte, wo der General die Hand der Dame plotzlich los liess und dem Grafen sagte: Du wirst gewiss die Gute haben, dieser Person ein Zimmer anweisen zu lassen.
Mit ungewissen Blicken betrachtete der Graf die junge Dame und sagte: Wenn Madame Deine Gemahlin ist, Wenn Madame meine Gemahlin ware, so wurde sie sich wie eine Frau von Stande zu betragen wissen.
Diess Wort klarte die Sache auf, und der Graf befahl, dass man ihr im untern Stockwerk ein Paar Zimmer anweisen sollte. Eben wollte sie, von den Bedienten, die ihre Schachteln trugen, begleitet, den Weg dahin antreten, als der Prediger zu ihr trat und sie folgendermassen anredete: Ich habe meinen Augen nicht trauen wollen; ich habe es nicht fur moglich gehalten, dass ich Sie unter solchen Umstanden hier antreffen konnte. Kann man so durchaus jedes Gefuhl der Scham und Dankbarkeit verlaugnen.
Die junge Person hatte verlegen vor sich nieder geblickt; da aber jetzt Alles auf sie einsturmte, so fand sie auf ein Mal den Muth zur Frechheit wieder, und indem sie die Augen dreist auf den Pfarrer richtete, sagte sie: Ich wusste doch nicht, Wem ich hier so viel Dank schuldig ware; doch wohl Ihnen nicht dafur, dass Sie mich zu einer elenden Stelle haben empfehlen wollen? Der Pfarrer wollte etwas erwiedern, aber der General, bei dem die Neigung fur seine Geliebte wiederkehrte, so wie das Gefuhl der Beschamung uber ihr Betragen verschwunden war, machte es ihm unmoglich, indem er seine Schone bei der Hand nahm und sagte: Komm, mein Kind, ich will Dich selbst nach Deinem Zimmer fuhren.
Er verliess in dieser Absicht mit ihr den Saal, und der Graf konnte sich nun an den Pfarrer mit der Frage wenden, Wer denn eigentlich die junge Person sei? Mein Gott, rief dieser, Lisette ist es, des alten Schuftes, des Lorenz, Tochter. Man fand nicht Zeit, sich zu verwundern; der Graf eilte, die Grafin wieder in Besitz ihrer Zimmer zu setzen, wohin sie krank und matt gebracht wurde, den Grafen dringend bittend, es zu vermeiden, dass sie gezwungen wurde, den General zu sehen, wenn er etwa darauf kommen sollte, ihr einen Besuch machen zu wollen.
Als der Graf in den Saal zuruckkehrte, fand er den General und den Prediger darin auf und abgehend, und er horte eben, wie der Letztere das Versprechen empfing, dass die in seinem Pfarrhause einquartierten Soldaten zuruck gezogen werden sollten. Es war sehr bald zwischen dem General und dem Grafen die alte Vertraulichkeit der fruheren Zeit erneuert worden, und der Letztere theilte dem feindlichen Anfuhrer St. Juliens Begebenheit mit, sammt den Grunden, die ihn zu der Bitte bestimmten, den jungen Mann nicht zu nothigen, seinen Fahnen zu folgen. Der General sah es ein, dass sein Freund in Unannehlichkeiten verwickelt werden konnte, wenn er den jungen Mann entliesse und die preussische Regierung ihn jemals wieder in Anspruch nehmen konnte; aber, schloss er seine Rede, da dieser Fall nicht eintreten kann, so vermag ich auch Deine Besorgniss nicht zu begreifen.
Wie verstehst Du das? fragte der Graf mit Erstaunen. Glaubst Du denn in der That, erwiederte der General sehr gelassen, dass der Kaiser Napoleon die Grossmuth so weit treiben wird, die preussische Monarchie wieder herzustellen, die schon vernichtet ist, und dass er zu diesem Behuf dem Konige Provinzen zuruck geben wird, die wir schon besitzen?
Niemals war es dem Grafen eingefallen, dass es in dem Plane des franzosischen Kaisers liegen konnte, Preussen ganz aus der Reihe der Staaten zu tilgen, und es erschutterte desshalb sein Innerstes, dass Jemand ihm gegenuber ein so ungeheures Ungluck so gelassen aussprechen konnte. Konnte ich glauben, erwiederte er dem General, dass diess Entsetzliche eintreten konnte, es wurde mich zur Verzweiflung bringen. Ich kann begreifen, dass Ihr in Frankreich mit Gleichgultigkeit den Wechsel der Regenten, den Austausch der Lander betrachtet; Ihr habt so vielen Wechsel erlebt; Alle Eure Einrichtungen sind noch viel zu jung und neu, als dass sie tiefe Wurzeln hatten schlagen konnen; Ihr wurdet Euch ebenfalls trosten, wenn Napoleon unterginge und die Bourbons wiederkehrten.
Halt! rief der General, lastre den Kaiser nicht, sprich nichts Hochverratherisches in meiner Gegenwart; die Bourbons werden Frankreichs Boden nie wieder betreten.
Ich wollte nur sagen, erwiederte der Graf, dass diese Begebenheit nicht ausserhalb der Granzen der Moglichkeit liegt, und dass Euer Kaiser, so hoch das Gluck ihn auch emporgehoben hat, selbst dazu beitragen kann, sie wirklich zu machen; denn meinst Du, wenn unser Ungluck so gross sein sollte, dass wir diess Mal ganzlich erliegen mussten, und die Macht von Russland nicht hinreichen sollte, Euern Sieg zu hemmen, dass dann nicht ein neuer Muth eben aus der Verzweiflung entstehen wurde? Glaube mir, Jeder wurde sein ganzes Vermogen, seine Seelenkrafte und sein Herzensblut daran setzen, das Vaterland zu retten und auf dessen Thron den angestammten Konig, der zu uns gehort, wie wir zu ihm, wieder zuruckzufuhren. Und wenn nun diese Hunderttausende Euch entgegentraten, die Alle ein Gefuhl, ein Gedanke begeisterte, von denen Jeder entschlossen ware, wenn es sein muss, ruhmlich zu unterliegen, aber nie von seinem Platze zu weichen, werdet Ihr dann auch diese besiegen konnen? Und wird nicht vielleicht diess Gefuhl sich aller Lander bemeistern, die Frankreich in Fesseln halt? Und ware es dann nicht moglich, dass der Stern, der Euch jetzt leitet, verschwande und Ihr Eure alte Bahn suchtet? Ich bitte Dich, sagte der General mit einem mitleidigen Lacheln, lass uns nicht uber Politik sprechen, ich darf Deine Aeusserungen nicht anhoren, die nur Dich verderben konnen, ohne uns im Mindesten zu schaden. Ich will zu Deiner Beruhigung den jungen Mann bei Dir lassen, bis dieser Krieg geendigt ist und der Friede, der nicht lange ausbleiben wird, uns belehrt hat, wessen Ansicht die richtige war.
Der Graf fuhlte selbst, dass es besser sei, dergleichen Gesprache zu vermeiden, und liess St. Julien bitten, die Gesellschaft zu vermehren, indem er zugleich die Damen entschuldigte, die durch die Krankheit der Grafin abgehalten wurden, zu erscheinen. Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung zu gewahren, weil er sich nach dem, was vorgefallen war, der Grafin gegenuber unbehaglich gefuhlt haben wurde; auch seine Begleiterin erklarte, nicht erscheinen zu wollen, und so waren die Manner diess Mal bei der Tafel allein, und der General benuzte die grossere Freiheit, die dadurch entstand, als der Wein ihn etwas begeisterte, zu manchen Scherzen, die die Gegenwart der Frauen unmoglich gemacht haben wurde, und es schien seine Heiterkeit zu erhohen, wenn er solche witzige Einfalle an den Geistlichen richten konnte, der nicht recht den Muth hatte, sie abzuweisen, weil er den feindlichen General furchtete, und sich doch empfindlich gekrankt fuhlte, dass er seine geistliche Wurde so verletzen lassen musste.
Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schutzen, indem er diesen an die fruheren Zeiten erinnerte, die sie miteinander in Paris verlebt hatten, und sich nach manchen Bekannten erkundigte, die damals zu ihrem Kreise gehort hatten. Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck, dass der General gleichzeitig beinah uber jeden berichtete, der ist in jener Schlacht geblieben; der starb an seinen Wunden nach der Schlacht; den raffte eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg; so, dass kaum zwei oder drei als Lebende bezeichnet wurden, die sammtlich einen bedeutenden Rang in der Armee erreicht hatten.
Es macht mich schwermuthig, rief der Graf, wie vieles Leben untergehen muss, um die Plane eines Einzelnen zur Ausfuhrung zu bringen, und da beinah Alle, mit denen wir damals lebten, in Staub zerfallen sind, so frage ich mit Bangigkeit nach dem Freunde, den ich wahrhaft liebte, und von dessen Schicksal ich, seit wir uns trennten, nichts habe erfahren konnen. Was ist aus dem jungen Evremont geworden.
Die Heiterkeit, mit welcher der General bis jetzt uber den Tod aller Jugendbekannten gesprochen hatte, verschwand plotzlich aus seinen Zugen, und es schien, als ob in der Frage des Grafen ein Zauber lage, wodurch auch die Wirkung des Weins aufgehoben wurde, denn ernst und nuchtern erwiederte er: Mit dieser Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zuruck, und alles Entsetzen, welches damals meine Brust erfullte, droht mich von Neuem zu ergreifen. Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen, fuhr dann damit uber die Stirn und sagte: Traurig hat unser junger Freund geendigt, und ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren konnen. Du verliessest Paris, als die entsetzlichen Auftritte begannen, die unsere Revolution taglich hervorrief. Der alte Graf Evremont, der Vater unseres Freundes, hiess es um diese Zeit, sei gestorben; ein dunkles Gerucht behauptete, er sei nach der Schweiz entflohen, auch von dem Sohne wollte man behaupten, er sei abwesend, als er plotzlich in Paris erschien und sich allenthalben offentlich zeigte. Er liess es sich gefallen, dass ihn Niemand mehr Graf, sondern Alle Burger Evremont nannten. Es war die Rede davon, dass er bei der Armee angestellt werden sollte, als er auf ein Mal wieder verschwand; man behauptete, er sei emigrirt, und seine noch vorhandenen Guter wurden eingezogen, denn es ergab sich, dass Vieles verkauft war. Ich theilte die allgemeine Ansicht, dass er sich zur Condeschen Armee begeben habe, und dachte in Jahren nicht weiter an ihn.
Die Hinrichtungen waren damals haufig in Paris, und es war die traurige Pflicht des Dienstes, in solchen Fallen einen Platz um die Guillotine zu besetzen; so wurde auch ich eines Morgens beordert, diese Pflicht mit meiner Compagnie zu erfullen. Es waren mehrere ungluckliche Schlachtopfer schon gefallen; ich hatte mich von dem scheusslichen Anblick abgewendet, und ich begreife noch nicht, welche innere Macht mich zwang, mich endlich nach dem Schaffot hinzuwenden; da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen, die geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte. Ich wollte rufen: Evremont! aber das Entsetzen fesselte die Stimme in meiner Brust; in demselben Augenblick ertonte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung, dass alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkurlich nach der Seite hinwendeten, von woher der Schrei ertonte; auch meine Augen folgten der allgemeinen Richtung, und ich sah einen Augenblick zwei blendend weisse Arme nach dem Schaffot ausgestreckt, ein todtenbleiches Gesicht einer Frau mit wahnsinnigem Ausdruck; ein zweiter Schrei ertonte, und die Gestalt sank zuruck und war mir in der Menge verloren. Als ich mich wieder nach dem Schaffot wendete, hatte unser unglucklicher Freund geendet, und sein edles Blut stromte dampfend hinunter. Ich gestehe Dir, sagte der General, nachdem Alle eine Zeitlang geschwiegen hatten, an diesem Tage kam mir die Revolution, der ich sonst mit ganzer Seele anhing, grasslich vor; ich beweinte unsern Freund mit bittern Thranen, ich glaubte nicht, dass ich, nachdem ich diess erlebt hatte, jemals wieder heiter werden konnte, und doch, was ist der Mensch mit seinen Freuden und Schmerzen? Ich uberwand diess, wie vieles Andere und wurde wieder mit dem Leben vertraut.
Und jene ungluckliche Frau? fragte der Graf mit ungewisser Stimme.
Ich habe niemals erfahren, Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm stand, erwiederte der General; seine Schwester aber war es nicht, fugte er hinzu, die wurde ich erkannt haben. Dabei fallt mir ein, fuhr er lachelnd fort, es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch, diese Schwester mit Dir zu verbinden, und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt; wie hat sich denn doch Alles anders gestaltet; oder sollte die Grafin, Deine Gemahlin vielleicht
Meine Gemahlin ist eine Deutsche, versetzte der Graf. Nach meiner Abreise von Paris hatte ich bald jede Spur des unglucklichen Freundes, wie seiner liebenswurdigen Schwester verloren; die Zeit beruhigte mich nach und nach uber den Verlust, und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten, hegte ich noch immer die Hoffnung, ich wurde ihn, den ich so herzlich liebte, einmal plotzlich wieder erblicken; ja, so wie Du mir heute unvermuthet erschienst, so traumte ich oft, wurde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich als herzlicher Freund in seine Arme schliessen.
Und er ware eine willkommenere Erscheinung gewesen, sagte lachelnd der General.
Sei nicht ungerecht, erwiederte der Graf, und tadele es nicht, wenn das traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt, den wir Beide liebten. Das ist der Fluch der Revolutionen, fuhr er mit bewegter Stimme fort, dass sie das Edelste hinwegraffen, dass sie den tugendhaftesten Burger und den gemeinsten Bosewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern, und beider Blut oft auf gleiche Weise vergiessen.
Das ist wahr! rief der General, und sind wir denn nun nicht dem grossen Geist unendlichen Dank schuldig, der diess blutige Ungeheuer fesselte, der Ruhe und Sicherheit in alle Familien zuruckkehren hiess und Frankreichs Sohne auf eine Bahn des Ruhms leitete, so kuhn, so glanzend, wie die Geschichte kein Beispiel bietet?
Es ware ungerecht, sagte der Graf, eine entschiedene Grosse nicht anerkennen zu wollen, auch wenn wir sie im Feinde bewundern mussen, aber glaube mir, fugte er lachelnd hinzu, wir alle haben noch kein Urtheil uber Napoleon; diess mussen wir der unpartheiischen Nachwelt uberlassen; wir sind zu sehr in der Gegenwart befangen; diejenigen, die er im kuhnen Laufe seines Glucks mit sich erhebt, werden ihn vielleicht zu sehr bewundern, und die, die er als egoistischer Sieger schonungslos druckt, werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen; nur die Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern, Was wirklich gross in Euerm Helden erscheint, und auch anerkennen, dass er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher Selbstsucht war.
Du ubernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt, sagte der General empfindlich, und urtheilst, ob Du gleich behauptest, dass wir nicht urtheilen konnen.
Wir konnen uns uber diesen Gegenstand nicht verstehen, erwiederte der Graf, indem er freundlich die Hand seines Freundes fasste, jeder von uns musste seine Lebensansichten und Erfahrungen aufgeben, wenn er zu der Meinung des Andern ubertreten sollte, darum lass es uns erwarten, ob nicht auch uns die Zukunft in dieser Hinsicht wieder naher zusammen ruckt.
Du meinst, sagte der General gereizt, wenn die Bourbons wieder uber Frankreich herrschen, wenn alle alten Anmassungen wiederkehren, wenn Ich meine gar nichts, sagte der Graf ihn unterbrechend, als dass wir die Zeit unseres Beisammenseins nicht in unnutzen Streitigkeiten verlieren sollten. Darin hast Du Recht, erwiederte der General, wir wollen nichts, gar nichts mehr uber Politik sprechen, bis nach dem Frieden, der uns vielleicht auf eine andere Weise naher zusammenruckt, als Du vorhin meintest.
Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen, und St. Julien bat den General um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer; hier trug er ihm die Bitte vor, einen Brief an seine Mutter zu besorgen.
Ich darf eigentlich gar nicht wissen, dass Sie hier sind, sagte der General; da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist, und Sie doch keinen Antheil an den Gefechten nehmen konnen, so will ich Sie hier als krank zurucklassen und Ihren Brief besorgen, den Sie mir morgen abgeben mussen, da wir ubermorgen weiter ziehen, um uns der grossen Armee anzuschliessen. St. Julien fuhlte sich beschamt und gekrankt, dass er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte; ihn angstigte der Gedanke, dass der General sein Zuruckbleiben fur Feigheit halten konnte, und er setzte ihm desshalb sein ganzes Verhaltniss zum Grafen auseinander und bat ihn, selbst zu enscheiden, ob er sein dem Grafen gegebenes Wort verletzen konne.
Der General horte mit Ruhrung St. Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig die edle schonende Weise, mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet worden. Sie waren ohne den Grafen verloren gewesen, sagte er endlich, also sind Sie gewissermassen sein, und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen; auch bin ich uberzeugt, dieser Krieg wird bald beendigt sein, dann werden Sie uns zuruckgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen, um sich Ruhm zu erwerben. Aber nun erklaren Sie mir, schloss er seine Rede, wie kam es, dass man Sie, getrennt von der Armee, in dieser hulflosen Lage einsam fand?
Eine dunkle Rothe bedeckte St. Juliens Gesicht, er schwieg verlegen und stotterte endlich: es war eine Ehrensache, ein Duell, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich will nicht weiter in Sie dringen, sagte der General kalt, die Sache scheint nicht solcher Natur zu sein, dass sie sich aufrichtig mittheilen lasst. Geben Sie mir morgen Ihren Brief. Hiemit entliess er den jungen Mann, der, aufs Tiefste verletzt, sein einsames Zimmer suchte, um den Schmerz zu verbergen, der sein Herz zerriss, da er sah, wie er von dem General verkannt wurde, der offenbar zu glauben schien, dass wenig ehrenvolle Grunde ihn zum Schweigen bestimmten.
Der Arzt war indessen auf dem Schlosse angekommen und berichtete, dass das Ungluck viel gelinder voruber ginge, als man hatte vermuthen konnen. Anfangs, rief er, ja Anfangs, da sah es freilich ubel aus; die Franzosen kamen wuthend wie die Tigerthiere; Der forderte Wein, Jener wollte Braten und Fisch, und die Verwirrung war grenzenlos, denn die armen unvernunftigen Bauern verstanden nicht einmal, was ihre Gaste wollten; diese nahmen ihre Zuflucht zu Prugeln, um sich verstandlich zu machen; die Weiber fingen an zu heulen; die Kinder kreischten dazwischen; kurz, es war ein Getose, als ob die Welt untergehen sollte. Zum Gluck war ich gegenwartig, fuhr der Arzt mit Selbstzufriedenheit fort; ich, der niemals seine Pflichten versaumt, wenn die Erfullung derselben auch mein Leben in Gefahr bringen sollte, ich besuchte heute wie immer meine Kranken, und auch zu dem Schmerzenslager drang das wuste Geschrei. Da ich nun franzosisch verstehe, so konnte ich wie eine wohlthatige Gottheit zwischen Feinde und Bauern treten; ich bewirkte, dass die Franzosen ihre Forderungen herabstimmten, indem ich ihnen die Unmoglichkeit zeigte, dass der Bauer nicht geben konne, was er nicht hat; und ich erklarte den Bauern die Bedurfnisse ihrer Gaste; diese horten auf zu prugeln, und die Weiber, statt zu heulen, deckten die Tische. Die Feinde wurden guter Laune und die Gemuther naherten sich; dabei fand es sich, dass einige Franzosen krank sind, die Feldapotheke ist aber schlecht versehen, und der junge Arzt der Franzosen war sehr in Verlegenheit; auch hier kann ich heilbringend dazwischen treten; ich habe, was er bedarf; ich werde ihm selbst die nothigen Arzneien hinbringen, und er wird meinen Rath benutzen; den Bauern aber habe ich befohlen, fur Kraftbruhen fur die Kranken zu sorgen.
Auch dafur, sagte der Graf, wird besser hier im Schloss gesorgt werden konnen.
Das ist wahr, rief der Arzt, auch Feinde sind Menschen, die Wissenschaft macht keine Unterschiede, ich muss sie wieder herzustellen suchen, und wollen sie so undankbar sein, wenn sie durch meine Hulfe ihre Glieder wieder brauchen konnen, sie zu unserem Schaden zu benutzen, so ist das ihre Sache, die sie verantworten mogen.
Der General war wieder zur Gesellschaft zuruckgekehrt und hatte des Arztes Bericht, von diesem unbemerkt, gehort. Er verstand im Ganzen seine Mittheilung und lachelte uber die seltsamen Geberden, womit er seine Rede begleitete. Jetzt, rief der lebhafte Arzt, muss ich erst sehen, wie es mit Herrn St. Julien steht, und dann zuruck zu meinen Franzosen. Er wendete sich schnell und bemerkte nun, dass der General dicht hinter ihm gestanden hatte, und da er, nachdem er sich gewendet hatte, in die Augen des feindlichen Anfuhrers blickte, so sprang er vor Schrecken, St. Juliens erwahnt zu haben, drei Schritte zuruck. Ich Unglucklicher! rief er aus, welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen! Der General, der ihn errieth, sagte: Beruhigen Sie sich, ich lasse Ihnen Ihren Kranken, Sie sind ein braver Mann, wenn auch etwas sonderbar, lacherlich wurden wir in Paris sagen, aber hier in Deutschland werden Sie vielleicht bloss etwas seltsam genannt werden.
Der Arzt war erstaunt und emport zugleich, dass man ihn lacherlich finden konnte, und die dunkle Rothe seines Gesichts wie seine funkelnden Augen zeigten, dass er etwas Heftiges antworten wollte; der Graf, der ihn errieth, lenkte jedoch seinen Zorn ab, indem er ihn erinnerte, dass er heute St. Julien noch nicht besucht habe, und ihn auch bat, sich nach dem Befinden der Grafin zu erkundigen. Der Arzt eilte hinaus, diese doppelte Pflicht zu erfullen, und der General sagte, als er den Saal verlassen hatte, zum Grafen: Das scheint eine gutmuthige Karrikatur. Du hast Deinen Haushalt recht vollstandig auf den Fuss der guten alten Zeit eingerichtet, denn Du besitzest in diesem Deinem trefflichen Arzte, wie es scheint, zugleich einen Hofnarren.
Wir mussen es unsern Besiegern gestatten, sagte der Graf lachelnd, unsere gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen, wie es ihnen gut scheint, und haben kein Recht oder wenigstens keine Macht, ihre Freimuthigkeit zu beschranken.
Nimm es nur nicht ubel, sagte der General gutmuthig, dass ich meine Meinung ohne Umstande aussprach; aber gewiss muss man sich erst an die wunderlichen Manieren Deines Arztes gewohnen, ehe man seine guten Eigenschaften gehorig wurdigen kann, und mit einem Franzosisch ist der Mann behaftet, dass ich es, in welcher Gegend der Welt ich auch war, noch niemals barbarischer vernommen habe.
Und grade diess, sagte der Graf, ist sein Stolz. Er ist uberzeugt, dass er wie ein geborner Pariser spricht; sein Ohr hort gar keinen Unterschied.
Nun siehst Du, erwiederte der General, Du musst seine Narrheit ja selbst zugeben.
Der Prediger konnte sich in der Nahe des Generals gar nicht behaglich fuhlen, und es war ihm also sehr erwunscht zu vernehmen, dass die Ruckkehr nach seinem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei; er beschloss daher, seine Familie auf dem Schlosse zu lassen, wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze des feindlichen Generals am Sichersten glaubte, und kehrte mit dem Arzte nach dem Dorfe zuruck, um selbst zu sehen, wie es den Bauern erginge.
Alles war hier in vollkommener Ruhe, die franzosischen Soldaten hatten sich uberzeugt, dass die Bauern bereit waren, sie so gut als moglich zu bewirthen; da sie die Vorrathe der Hauser selbst untersucht hatten, so wussten sie, wie weit sie ihre Forderungen ausdehnen konnten, und waren genugsamer geworden.
Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten, fingen sie an, mit den Kindern zu spielen oder ihrem Wirthe in seinen hauslichen Beschaftigungen zu helfen. Einige suchten sich eine Violine und einen Bass zu verschaffen, um in der Schenke zum Tanze zu spielen; denn die jungeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden gegeben, bis sie alle weiblichen Personen, die das Regiment begleiteten, zum Tanze willig gemacht hatten; auch einige Magde aus dem Dorfe waren uberredet worden, und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu, um den Ball zu eroffnen.
Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser, da sie sich durch die vom Schlosse gesendeten Kraftbruhen und durch den guten, ebenfalls von dort erhaltenen Wein sehr gestarkt fuhlten. Der franzosische Arzt war dankbar fur die Arzneien, die ihm sein deutscher Kunstgenosse mittheilte, und der Prediger lud den deutschen wie den franzosichen Arzt ein, den Abend bei ihm zuzubringen, welches von Beiden bereitwillig angenommen wurde.
XIII
Der andere Tag ging ohne Storung und ohne merkwurdige Vorfalle voruber. Den folgenden zog der General mit seiner Schaar weiter, um sich der grossen Armee anschliessen. Das Gerausch der Waffen der Gehenden und Kommenden war verschwunden, und eine so tiefe Ruhe und Stille senkte sich wieder auf das Schloss nieder, als ob Krieg und Tod gar nicht in der Nahe wutheten.
Der Graf besuchte nun den Obristen Thalheim, den er vom Schlosse entfernt gehalten hatte, so lange die Franzosen dort die Herren waren, denn der alte Krieger wurde nicht mit der nothigen Geduld den Anblick der ubermuthigen Sieger ertragen haben. Er theilte ihm zum Troste die Nachricht mit, die sich anfing zu verbreiten, dass endlich die Russen zum Beistande erschienen seien, und man hoffte nun mit Gewissheit, dass Napoleons Macht an dem nordischen Koloss scheitern wurde.
Auf St. Julien schienen mancherlei Bewegungen des Gemuths nachtheilig gewirkt zu haben, denn sein Zustand fing sich an merklich zu verschlimmern; seine Wunden entzundeten sich von Neuem, und der Arzt gerieth in Verzweiflung. Emiliens Kummer war sichtbar, wenn der junge Mann so bleich und im Fieber zitternd in der Gesellschaft erschien, und ihre fragenden, theilnehmenden Blicke senkten Balsam in das verwundete Gemuth des Kranken. Der Graf und die Grafin bemuhten sich liebevoll ihn aufzurichten, und Dubois verdoppelte Aufmerksamkeit und Pflege. Selbst der Obrist Thalheim bewies dem jungen Manne aufrichtige Theilnahme und vermied es sogar, in seiner Gegenwart die Franzosen zu verwunschen, so dass nach und nach Ruhe und Heiterkeit in seine Seele zuruckkehrte. Die Bauern hatten durch die kurze Anwesenheit der Franzosen mehr gelitten, als man Anfangs glaubte, und der Graf musste auch hier helfend eintreten, wenn nicht einige ganz zu Grunde gehen sollten; er selbst erwahnte seinen eigenen Verlust nicht, ob dieser gleich nicht unbedeutend war.
So war das Weihnachtsfest herbeigekommen, und obgleich Jeder dem Andern kleine Geschenke bot und mit Dankbarkeit als Zeichen der Liebe empfing, so waren doch alle Gemuther zu sehr gedruckt, als dass eine allgemeine Heiterkeit hatte stattfinden konnen. Die Feinde waren Herren des Landes, das von ihnen planmassig ohne Schonung benutzt wurde; die Festungen waren in ihrer Gewalt, und Niemand konnte es sich ablaugnen, dass eine grosse Entscheidung nahe sei, denn, musste die Macht Russlands vor der Napoleons weichen, so war es nur zu gewiss, dass er ohne Widerspruch das Schicksal des unglucklichen Landes bestimmen durfte.
Diese traurige Stimmung wurde noch erhoht, als die Nachricht von der unglucklichen Schlacht bei Pultusk sich verbreitete; beinah aller Muth und alle Hoffnungen wurden erschuttert. Die langen traurigen Winterabende trugen dazu bei, die Schwermuth zu erhohen. Nur mit Anstrengung vermochte man zuweilen aus der Wirklichkeit hinweg zu fluchten, und in Poesie und Musik den Trost zu suchen, den das Leben in der Gegenwart nicht gewahren konnte.
Endlich kam die Nachricht von einer furchtbaren Schlacht, die den 7 und 8 Februar bei Eylau geschlagen sein sollte. Das Gerucht verkundigte, die Russen waren die Sieger und Napoleons Armee nach einem furchterliche Blutbade vernichtet. Wenn auch das menschliche Gefuhl die auf Hohenthal vereinigten Freunde zu schaudern zwang uber den grasslichen Untergang so vieler Tausende, so erhob sich in der Seele doch die lange nicht gekannte Freude; die Hoffnung regte sich im Herzen; man glaubte wieder an die Rettung des Vaterlandes, und wenn man auch ahnete, dass noch manche Kampfe zu bestehen sein durften, so fasste man doch Muth nach diesem ersten Pfande des wiederkehrenden Glucks. Nur St. Julien schlich bei der allgemeinen Freude hinweg; er fuhlte mit innigem Schmerz die Niederlage der Franzosen; er zweifelte aber an der Wahrheit der Berichte, der Sieg schien ihm gefesselt an die franzosischen Adler; er konnte sich die Moglichkeit nicht denken, dass die dreifarbige Fahne ruckwarts wiche, und er hoffte also mit Sehnsucht auf bestimmte Nachrichten, die, wie er nicht zweifelte, diesen ersten widersprechen wurden. Aber sein Herz war getheilt, er musste es sich gestehen, dass ihm der Sieg der Franzosen keine reine Freude gewahren wurde, weil er seine deutschen Freunde, an die ihn tausend zarte Bande knupften, so innig schmerzen musste.
Ueberhaupt hatte St. Julien im Umgange mit diesen Freunden das Leben anders betrachten gelernt; er hatte mit einem gewissen Leichtsinn, wie beinah alle jungen Leute in Frankreich, Militardienste genommen; es schwebte ihm dunkel das Bild des glanzenden Ruhmes vor, den er, durch Napoleons Stern geleitet, gewinnen wollte, ein strahlender Name in der Geschichte, und als Lohn im gegenwartigen Leben in der Ferne der Marschallsstab von Frankreich. Er hatte sich nie gefragt, wesshalb diese Kriege gefuhrt wurden und welchen Zweck sie befordern sollten.
Hier nun unter Frankreichs Feinden hatte er den Beistand gefunden, der ihm das Leben rettete, und hier offnete sich sein Herz Gefuhlen, die ihm diess Leben verschonerten und ihm bis dahin fremd gewesen waren; denn wie innig er seine Mutter auch liebte, so fuhlte er doch, dass er der Grafin mit grosserer Zartlichkeit ergeben sei. Der Graf flosste ihm nicht nur die Liebe ein, die er fur einen Vater empfunden haben wurde, wenn er jemals einen Vater gekannt hatte, sondern er betrachtete ihn auch mit Bewunderung; er war ihm das Vorbild eines vollendeten edeln Mannes, dessen kleine Schwachen selbst seinen Charakter mehr zierten, als entstellten. Sein empfangliches Gemuth offnete sich dem Zauber, den die Dichtkunst auf ihn ubte, die er durch den Grafen in den Werken aller Sprachen kennen lernte, und er empfand es lebhaft, welchen nie versiegenden Quell der edelsten Genusse ein gebildeter Geist in sich tragt. Und Emilie! Schon der Klang ihres Namens bewegte ihm das Herz in seinen Tiefen, jeder ihrer Blicke, jedes ihrer Worte umstrickte ihn mit neuem Zauber; er fuhlte die gluhendste Leidenschaft, die zartlichste Sehnsucht in seiner Seele und wagte es zu hoffen, dass ein ahnliches Gefuhl sich auch in ihrem Busen entzundet hatte.
Unter diesen Umstanden war ihm der Gedanke schrecklich, diess Haus, diese Menschen je verlassen zu mussen, und doch war diess, sobald der Friede geschlossen war, unvermeidlich, und er schloss sich seinen deutschen Freunden und vor Allen Emilie nur um so inniger an, um uber der begluckenden Gegenwart die qualenden Sorgen fur die Zukunft zu vergessen.
Es konnte der Grafin nicht entgehen, dass zwischen St. Julien und Emilie sich das zarteste, innigste Verhaltniss bildete; es erfullte diess ihr Herz mit Sorgen fur die Zukunft ihrer jungen Freunde, und dennoch wagte sie nicht mit Emilien daruber zu sprechen, weil oft eine Leidenschaft erst dadurch Macht gewinnt, wenn man unbestimmten Gefuhlen Wort und Gestalt giebt. Die jungen Leute ferner als bisher von einander zu halten, liess sich ohne fuhlbaren Zwang nicht machen, und dieser wurde ein Misstrauen, welches keines von beiden verdiente, gezeigt haben. Es blieb also der Grafin nichts weiter ubrig, als von der Zukunft, wenn auch mit sorgendem Gemuthe, zu erwarten, wie das Loos ihrer jungen Freunde sich entwickeln wurde.
Unter diesen verschiedenartigen Hoffnungen und Sorgen hatten die Freunde mehrere Tage gelebt; da begann die Hoffnung, welche nach der Schlacht bei Eylau erregt worden war, nach und nach zu sinken. Der Obrist Thalheim, der sich am lebhaftesten gefreut hatte, wurde zuerst bedenklich, da nach diesem grossen Schlage keine Veranderung in der politischen Lage fuhlbar wurde. Er fing zuerst an den grossen Sieg zu bezweifeln, und bald konnte es sich Niemand mehr verbergen, dass zwar ein grosses Blutvergiessen bei Eylau stattgefunden hatte, aber dass es fur keine Partei entscheidend gewesen war. Ein Schimmer von Hoffnung erhielt sich noch; die Franzosen hatten doch auf jeden Fall einen sehr kraftigen Widerstand gefunden und nach diesem blutigen Tage keine bedeutenden Vortheile gewonnen.
Wahrend solcher Spannung kam der Fruhling heran. Die Wiesen bekleideten sich mit zartem, frischem Grun; der wurzreiche Duft der Veilchen schwebte in den Thalern; tausend Blumen offneten ihre Knospen und schimmerten der warmenden Sonne in allen Farben entgegen; die Bache waren von den Banden gelost, mit denen sie der Winter gefesselt hatte, und schlangelten sich wie Silberbander durch das frische Grun; das zarte Laub der Birken flimmerte wie duftiges Gold um die silbernen Stamme, indess Buchen, Linden, Eichen und alle spater sich belaubenden Baume ernsthaft da standen und die Zweige mit den schwellenden Knospen in der lauen Luft wiegten, gleichsam als ob sie das voreilige Thun der andern tadeln wollten.
Noch kein Fruhling hatte St. Juliens Herz mit so trunkenem Entzucken erfullt, als dieser, und Emilie behauptete, ihn in solcher Schonheit noch nie erlebt zu haben; auch Theresens Seele offnete sich dem holden Zauber, und die jungen Leute vergassen allen Kummer der Welt, wenn sie auf den nahen Bergen umher schweiften oder durch die bluhenden Thaler einem klaren Bache folgten, bis er sich mit Brausen auf die Rader einer einsam gelegenen Muhle sturzte. Die alteren Freunde genossen mit Sorgen die schonen Tage, denn trube und schwul wie ein Gewitter druckte die franzosische Macht das Land, und bange harrte man der Zukunft entgegen.
Endlich ward die Schlacht bei Friedland geschlagen, und wenige Tage danach wurde der Waffenstillstand mit Russland geschlossen und gleich darauf der mit Preussen. Jetzt mussten alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben werden, denn Jedermann konnte voraussehen, dass ein hochst nachtheiliger Frieden diesem Waffenstillstande folgen werde.
In dieser Zeit horte der Graf mit minderer Theilnahme, als wohl sonst in seinem Charakter lag, die Berichte des Predigers, der schon fruher, wie er es versprochen hatte, Erkundigungen uber alle Mitglieder der Hohenthalschen Familie hatte einziehen wollen, aber durch die unruhigen Zeiten daran war verhindert worden. Er konnte jetzt dem Grafen mittheilen, dass sein Verwandter, der den Prozess gegen ihn habe einleiten wollen, in sehr bedrangten Umstanden lebe, und dass vermuthlich das so wichtige Dokument, welches der alte Lorenz entwendet hatte, nur dadurch in die Hande des Grafen zuruckgekommen sei, weil sein Vetter die erforderliche Summe nicht habe herbeischaffen konnen, um dem alten Lorenz den Diebstahl zu bezahlen. Auf seine Erkundigung erfuhr der Graf ferner, dass sein feindlich gesinnter Vetter einen einzigen Sohn habe, der in der Schlacht bei Eylau verwundet worden sei und dessen Schicksal seine Eltern mit dem tiefsten Kummer erfullte, weil man seitdem keine Nachricht mehr von ihm habe.
Der Graf beschloss nach diesen Nachrichten, sobald es die Umstande erlaubten, mit diesen fernen Mitgliedern seiner Familie in Verbindung zu treten und dann nach der Art ihres Betragens das seinige abzumessen.
Es war ein schoner, heitrer Nachmittag in der ersten Halfte des Juli, als die Grafin mit St. Julien und Emilie den Obristen Thalheim besuchte, der so sehr von den neuesten Begebenheiten niedergebeugt war, dass man fur seine Gesundheit furchten musste. Der Graf hatte noch einige Rechnungen mit seinem Verwalter durchzusehen und versprach, den Uebrigen zu Pferde zu folgen. Eben waren seine Geschafte beendigt, eben wollte er befehlen, sein Pferd vorzufuhren, als das Schmettern eines Posthorns, das ein vielfaches Echo in dem engen Thale weckte, seine Aufmerksamkeit erregte. Er trat zum Fenster und bemerkte bald, wie ein leichter, glanzender Reisewagen mit vielen Bedienten durch die Schlucht flog und in den Baumgang einlenkte, der zu des Grafen Schloss fuhrte. Der Wagen flog in den Hof, zwei Bediente sprangen ab, um den Schlag eilfertig zu offnen, und heraus stieg der General Clairmont, der eilig die grosse Treppe hinauf sprang und, ehe der Graf, der ihm entgegen ging, noch die Treppe erreichte, schon in dessen Armen lag. Ich musste Dich noch sehen, mein guter, theurer Freund, rief der General, indem er dem Grafen herzlich die Hande druckte; ich kann nur eine Stunde bei Dir bleiben, ich bringe wichtige Befehle des Kaisers nach Paris, und ich machte den kleinen Umweg mit Freuden, um Dich noch ein Mal zu umarmen.
Der Graf dankte ihm fur seine Freundschaft, und da er nur einen so kurzen Besuch ankundigte, so wurden sogleich einige Erfrischungen herbei geschafft, und beide Manner sassen bald in trauliche Gesprache vertieft, zu welcher Unterhaltung der General das Meiste in der heitersten Laune beitrug.
Weisst Du, rief er endlich, wesshalb ich mit solchem Entzucken nach Paris fliege? Es ist meiner Familie gelungen, eine Verbindung fur mich zu schliessen, die ich schon einleitete, ehe dieser Krieg ausbrach, und jezt werden meine Wunsche gekront; eine der schonsten Damen in Paris ist meine Braut, jung, reich, liebenswurdig, talentvoll und, sezte er mit Gewicht hinzu, von altem Adel. Und die Schone, die in Deiner Begleitung war? fragte der Graf lachelnd. Ach! rief der General, die lustige Dirne ist fort. Ich wurde bei Eylau, wo es verdammt heiss herging, verwundet, zwar nicht bedeutend, aber ich musste doch einige Wochen zu Bettliegen; ich vertraute der leichtsinngen Person zu sehr, sie zeigte mir grosse Liebe, ubernahm meine Pflege selbst und wich nicht von meinem Lager, und so kam es, dass ich, als ich eines Morgens nach einer ruhigen Nacht erwachte und erwartete, sie werde wie gewohnlich, mein Fruhstuck bereiten, erfuhr, sie sei mit einem jungen Manne davon gegangen, der sich auch im Lager aufhielt und den sie fur ihren Bruder ausgegeben hatte. Als ich nachsehen konnte, ergab es sich denn freilich, dass sie alles mitgenommen hatte, wozu sie hatten kommen konnen, aber mag es sein, ich fluche ihrem Andenken desshalb doch nicht; da ich nun eine ernsthafte Verbindung schliessen will, so hatte ich sie doch von mir entfernen mussen; und so mag sie dann immer ihren Raub als ihre Mitgift betrachten und einen deutschen Pinsel damit beglucken.
Es konnte nicht fehlen, dass die Unterhaltung bald die Gegenstande beruhrte, die fur Alle die wichtigsten waren, und als der Graf des Waffenstillstands gedachte, rief der General: der Friede ist so gut wie geschlossen, und was ich nimmermehr geglaubt hatte, Preussen besteht noch. Der fruhere Plan Napoleons, diese Monarchie ganzlich aus der Reihe der Staaten verschwinden zu lassen, ist aus personlicher Freundschaft fur den russischen Kaiser von ihm aufgegeben worden. Freilich, fugte er lachelnd hinzu, werdet Ihr unschadlich gemacht, die Hauptfestungen bleiben in unsern Handen, eine Besatzung furs Erste im Lande, aber Ihr besteht doch als Monarchie, und das ist bei der jetzigen Lage der Dinge etwas Grosses zu nennen.
Eine dunkle Rothe des Zorns farbte die Wangen des Grafen, der in dem leichtsinnigen Freunde einen hohnenden Feind zu erblicken glaubte; mit Muhe hielt er sein Gefuhl zuruck und sagte mit unterdruckter Stimme: Es ist auch etwas Grosses, dass Preussen noch besteht, und Wer weiss, was sich in der Zukunft daraus entwickeln kann.
Gewiss, fuhr der General scherzend fort, ohne des Grafen veranderte Stimmung zu bemerken, Manches werdet Ihr Euch jetzt mussen gefallen lassen. Napoleon verfolgt standhaft seinen Plan, England zu verderben, und da dieses Volk am Schmerzlichsten in seinem Handel verwundet werden kann, so musst Ihr grossherzigen Preussen dem Prohibitiv-Systeme beitreten und den Insulanern Eure Markte verschliessen; daraus folgt dann freilich, dass Eure alten Frauen und Kaffeeschwestern Napoleon verwunschen werden, weil er ihre Genusse stort, aber dieser ohnmachtige Zorn wird Frankreichs Kraft nicht erschuttern.
Gewiss, sagte der Graf, ware es thoricht und kindisch von uns, an so armselige Genusse zu denken, wenn das Vaterland untergeht, und mir scheint, es haben die denkenden Geister so triftige Grunde, so tief gefuhlte Ursachen, Eures Kaisers eisernen Scepter zu verabscheuen, dass es dieser kleinlichen Dinge dazu nicht erst bedarf. Aber auch dafur wollt Ihr sorgen, so scheint es, dass auch der arme und beschrankte Geist jeden Tag und jede Stunde an seinen gegrundeten Hass erinnert wird. Es ist ganz etwas anders, fuhr der Graf heftig fort, als er bemerkte, dass der General ihn unterbrechen wollte, wenn einem Volke eine Entbehrung auferlegt wird, die zu seiner Erhaltung dient, deren Nothwendigkeit es selbst fuhlt und einsieht, und Frankreich wird vielleicht noch einmal erfahren, welche Entbehrungen die Preussen erdulden konnen, um ihr Joch abzuschutteln. In einem solchen Falle zu seufzen und zu klagen ware unmannlich und verachtlich. Aber wenn ein Fremder das Recht des Sieges schnode missbraucht, wenn er, um unausfuhrbare Plane zu verfolgen, den Armen selbst bis in seine hauslichen Einrichtungen verfolgt und druckt, so wird diesem Armen das weitere Nachdenken erspart und sein Hass wird ohne Geistesanstrengung genahrt. So oft ein Armer den jammerlichen Genuss eines angewohnten Getranks entbehren muss, so oft die Frau eines in seinen Mitteln beschrankten Burgers daran denken muss, ihren Tisch so zu bestellen, dass sie den Zucker entbehren kann, eben so oft werden alle diese Menschen fuhlen, dass ein furchtbarer Despotismus sich auf uns gelagert hat, und es wird der unertragliche Druck, den Willkuhr und Laune gegen das aussere Leben uben, im Volke gewiss einen eben so lebhaften Abscheu, einen eben so gluhenden Hass entzunden, wie edlere Grunde bei dem gebildeten Theile der Nation, und wenn Frankreichs Kaiser, wie aus einem Herzen, von allen diesen Millionen verabscheut wird, so muss er unterliegen.
Halt! sagte der General ernsthaft, Dein Eifer fuhrt Dich zu weit und Du bringst Dich in Gefahr, ohne Deiner Sache zu nutzen. Ich kann es mir denken, wenn Ihr an Euerm Konig hangt, dass Euer Herz mit Kummer erfullt ist. Ich sehe es ein, dass Eure National-Ehre gekrankt ist und diess konnte auch einen Franzosen zur Verzweiflung bringen, aber wenn ich Dir so viel einraume, so gib auch Du zu, dass solche Rucksichten unsern Kaiser nicht hindern durfen, sein grosses Ziel zu verfolgen, und bedenke, dass die Zeit viel zu aufgeregt ist, als dass ungeahnet Reden, wie Du sie fuhrst, geduldet werden konnen; bedenke, dass Du Dich dann nicht uber Napoleon zu beklagen hast, wenn solche Unbesonnenheiten Dein Ungluck herbeifuhren, und wenn, wie es scheint, fuhr er lachelnd fort, die Kolonialwaaren zu Deiner Familiengluckseligkeit nothwendig sind, so bin ich der Mann, der Dir personlich die Freiheit verschaffen kann, so viel davon kommen zu lassen, dass Du die Wohlthat selbst auf Deine Bauern ausdehnen kannst.
Der Graf musste lachen, sich so wenig verstanden zu sehen; indess gab er dem besorgten Freunde darin Recht, dass die gegenwartige Zeit mehr Vorsicht erheische, und er versprach ihm diese Vorsicht zu uben.
Und nun, rief der General, lebe wohl! Meine Zeit ist gemessen, empfiehl mich Deinen Damen, deren Anblick, wie es scheint, mir versagt bleiben soll, ich mag als Feind oder Freund erscheinen, und doch gestehe ich, ich hatte gern der Frau meine Huldigung dargebracht, die Dich Philosophen zu fesseln vermochte. Nachdem er den Grafen mit Herzlichkeit umarmt hatte, eilte er die Treppe hinunter, sprang in den geoffneten Wagen, und dahin flog die leichte Equipage durch den Baumgang, und bald schmetterte das Posthorn und weckte das Echo in dem engen Thale von Neuem. Der Graf stand und schaute dem enteilenden Freunde nach, bis sich die Tone in der Ferne verloren.
XIV
Es war ziemlich spat geworden, als der Graf endlich die Wohnung des Obristen erreichte. Man war dort schon uber sein langes Ausbleiben angstlich geworden, und Alle begrussten ihn mit Herzlichkeit, da er in ihrer Mitte erschien. Der Graf theilte die Ursache seiner verzogerten Ankunft mit, und die Grafin war froh, dass ein glucklicher Zufall sie begunstigt hatte, und sie, ohne dass es auffallend erschienen, die Gesellschaft des General Clairmont hatte vermeiden konnen. Der Obrist fragte angstlich, ob der General nichts uber den zu erwartenden Frieden geaussert habe, und als der Graf ihm nun alles mitgetheilt hatte, was ihm selbst bekannt war, rief der alte Krieger mit gefalteten Handen und den Blick gen Himmel gerichtet: Gott sei gedankt, dass doch wenigstens ein Kern des Vaterlandes bleibt, aus dem sich eine neue Kraft entwickeln kann; in unserm unsaglichen Elende mussen wir den Himmel fur diese Gnade preisen. Uns bleibt doch auch unser Konig, kein Franzose wird uns beherrschen. Ach! fuhr er mit Ruhrung fort, wenn es moglich ist, dass die Verstorbenen von uns wissen, so muss es den grossen Friedrich mitten in seiner Seligkeit schmerzen, zu sehen, wie das Werk seines Heldenmuthes und seiner Staatskunst untergeht, und durch wen? Durch dieselben Franzosen, die er bewunderte und bei allen Gelegenheiten seinen deutschen Unterthanen vorzog.
Der Graf bemerkte, dass er nur das Allgemeinste uber den bevorstehenden Frieden wisse, dass er aber gewiss mit Opfern aller Art werde erkauft werden mussen, und dass zu befurchten sei, dass, wenn die eigne Kraft zu sehr geschwacht wurde, dann auch von Russland fur die Zukunft nichts zu hoffen sei. Diess Ungluck, rief der Obrist, mag ich gar nicht denken, ich betrachte jeden Frieden mit Frankreich nur wie einen Waffenstillstand, um neue Krafte zu sammeln, und der Kampf wird sich immer wieder erneuern, bis endlich der gemeinsame Feind erliegt.
Da der Graf bemerkte, wie peinlich fur St. Julien die Unterhaltung wurde, so suchte er die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken und fragte den Obristen, ob er sich nicht freuen wurde, vielleicht nach dem Frieden den jungen Grafen Hohenthal wieder zu sehen, da er gehort habe, er sei fruher mit ihm bekannt gewesen? Dem Obristen fiel bei dieser Frage alles das Nachtheilige ein, was der junge Graf so oft uber seinen Oheim und dessen Gemahlin geaussert hatte, und er antwortete daher mit Befangenheit, wohl wurde es ihn freuen, mit dem jungen Manne wieder zusammen zu treffen, der so oft die truben Tage seiner Einsamkeit erheitert habe. Der Graf fragte uber den Charakter seines jungen Vetters, und obwohl der Obrist nur lobend sich uber ihn ausserte, so geschah diess doch mit so vieler Zuruckhaltung, dass der Graf misstrauisch wurde und glaubte, der Obrist wollte nur aus Schonung fur ihn nichts Nachtheiliges uber seinen Verwandten sagen.
Theresens Wangen gluhten, sie konnte die Zuruckhaltung ihres Vaters nicht begreifen; sie schien ihr gar nicht mit der Wahrheit seines Charakters vereinbar zu sein; sie wusste, wie er uber den jungen Grafen dachte, und nun war sein Lob so kalt, so gemessen, dass es beinah wie Tadel klang. Ach, hatte sie das Bild des jungen Mannes entwerfen durfen, wie es in ihrer Seele lebte, der Graf wurde dann nicht ein so gleichgultiger Zuhorer gewesen sein. Wie oft in den Stunden der bittersten Noth hatte ihre Phantasie ihn vorgespiegelt, wie auf einmal der junge Held erscheinen, und durch ihn alles unsagliche Elend in Gluck und Freude verwandelt werden wurde, und nun, da sie ihn mit solcher Kalte musste loben horen, schien es ihr, als ob die zartlichen, sinnigen Augen ihres Freundes zu ihr hinuber blickten und von ihr Gerechtigkeit forderten.
Die Gesellschaft trennte sich spat und kehrte in einer schonen, warmen, mondhellen Nacht nach Schloss Hohenthal zuruck. Hier erfuhr der Graf, dass der Prediger dagewesen sei und ihn dringend zu sprechen gewunscht habe; auch berichtete Dubois, dass der geistliche Herr versprochen habe, des andern Tages in der Fruhe wieder zu erscheinen. In der That war die Gesellschaft am andern Morgen auch kaum versammelt, als der Pfarrer eintrat, und nach den ersten kurzen Begrussungen den Grafen bei Seite nahm und hastig ihn um die Nachrichten fragte, die General Clairmont mitgebracht habe, dessen kurzer Besuch auf dem Schloss dem Pfarrer schon bekannt war. Der Graf musste das schon ofter Mitgetheilte wiederholen, und weder der Prediger noch der Arzt, der auch hinzugetreten war, konnten viel Trostliches in diesen Nachrichten finden. Der Krieg, sagte der Prediger endlich, hat uns viel Ungluck gebracht, und von dem Frieden, scheint es, durfen wir wenig Gutes hoffen; indess wird doch wenigstens dann wieder ein geregelter Gang der Geschafte eintreten; die Menschen werden sich doch regen und wieder erwerben konnen, und das ist bei der jetzigen allgemeinen Noth immer schon ein grosser Trost. Ich werde dann auch wieder fur Manche etwas thun konnen, um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und auch unserem Schulzen hier kann ich dann doch vielleicht zu seiner Erbschaft verhelfen, wenn alle Behorden erst wieder in Thatigkeit sind. Recht! rief der Arzt, nicht die Sache der Menschheit aufgegeben, durch keine Noth, durch kein Drangsal darf ein edler Geist dahin gebracht werden, auch ich will meine Studien fortsetzen, und wenn der Friede eintritt, werden mir doch wenigstens die Mittel dazu nicht mehr fehlen; der Verkehr der Geister wird wieder frei.
Der Graf bewunderte schweigend, welche Armseligkeiten die meisten Menschen zu trosten und zu beruhigen vermogen, und durch welche unbedeutenden Gegenstande ihr inneres Auge von den grossen Ereignissen der Zeit abgelenkt wird.
Der vielbesprochene Friede wurde endlich bekannt, und jeder Preusse konnte nicht anders als mit heissem Schmerz die tiefe Herabwurdigung des Vaterlandes betrachten, die in diesem Frieden lag. Er war so drukkend, dass es beinah wie Spott klang, diese Uebereinkunft Friede zu nennen. Beinah unerschwingbare Summen mussten bezahlt werden, die Hauptfestungen blieben in Franzosischen Handen, eine Besatzung im Lande, und das Preussische Heer musste bis zur Unbedeutenheit vermindert werden.
Ueber die gefurchten Wangen des Obristen Thalheim flossen heisse Thranen, als er die Bedingungen dieses Friedens las. Es ist vorbei, rief er dem Grafen zu, Preussen ist verloren, die Bedingungen konnen nicht erfullt werden, dann haben die Franzosen einen Vorwand und bleiben unsere Herren, und wenn durch ein Wunder Alles sollte erfullt werden konnen, so bleibt es immer der Grossmuth der Feinde uberlassen, ob sie gehen wollen, denn wir behalten keine Armeen, sie zu vertreiben.
Obgleich der Graf selbst niedergeschlagen war, suchte er doch seinen alten Freund aufzurichten, indem er ihn darauf aufmerksam machte, dass gerade aus dieser Verzweiflung sich eine Kraft entwickeln konne, die Niemand noch ahnete. Die nachste Sorge, schloss er, wird sein mussen, die Summen herbei zu schaffen, die den raubgierigen Feinden zu zahlen sind, und diess, mein theurer Freund, furchte ich, wird noch vieles Ungluck herbeifuhren, denn durch diese Anstrengung werden unzahlige Familien verarmen, und doch sind sie durchaus nothwendig, damit die Feinde aus Berlin weichen und der Konig wieder in der Mitte seiner Unterthanen sein kann.
Ach mein armer Konig! rief der Obrist, wie muss sein edles Herz bluten, wenn er all das Elend betrachtet, das auf seinen Kinder ruht, denn er liebt sein Volk; er hat das Herz eines Vaters fur unsere Leiden, und mit welchen Schmerzen fuhlt gewiss die Konigin die allgemeine Noth.
Wir mussen, sagte der Graf, das edle Beispiel nachahmen, das unser Konigshaus uns giebt. Der Konig hat seinen Haushalt auf's Aeusserste beschrankt, um die allgemeine Last so viel als moglich zu erleichtern. Wenn wir Alle uns auf das Nothwendigste beschranken und alles Ueberflussige zum Besten des Staats verwenden, so lasst sich hoffen, dass vielleicht den druckenden Verpflichtungen genug gethan werden kann.
Der Obrist betrachtete den Grafen mit einem traurigen Blick, fasste dann seine Hande und sagte mit bebender Stimme: Der Konig kann nichts mehr fur den Einzelnen thun, es ware Wahnsinn, es noch zu hoffen; also, theurer Graf, werden Sie niemals den kleinsten Theil aller fur mich gemachten Auslagen zuruckerhalten.
Sind wir denn noch so kalte Freunde, sagte der Graf in dem Tone sanften Vorwurfs, dass Sie an diese Armseligkeit denken und sich daruber Sorge machen? Lassen Sie uns jetzt den Kummer uber unser Vaterland theilen, aber auch die Hoffnung fur die Zukunft nicht ganz aufgeben.
Die Freunde trennten sich, und obwohl der Obrist tief uber sein Vaterland trauerte, so segnete er doch sein Geschick, das ihm einen Freund zugefuhrt hatte, der ihn mit starker Hand von dem Abgrunde zuruckgezogen hatte, in welchen er beinahe versunken ware, und dessen Liebe nun sein Alter mild schirmte. Unwillkuhrlich wurden seine Gedanken Worte, und er rief, indem er die Hand der Tochter druckte: Ja, er handelt gegen mich wie ein liebender Sohn! Die Tochter verstand sein Gefuhl und druckte einen Kuss auf die vaterliche Hand.
Wenige Tage, nachdem der Friede allgemein bekannt geworden war, erschien der Baron Lobau auf Schloss Hohenthal, um den Grafen, seinen Nachbar, wie er sagte, freundschaftlich zu besuchen. Man bemerkte aber bald, dass mit diesem Besuche noch eine Absicht verbunden sei, und dass er das Gesprach mannigfach wendete, um mit diplomatischer Feinheit seinem Zwecke naher zu rucken; endlich ausserte er, da doch nun der Friede dem Lande wiedergeschenkt sei, so schiene es ihm passend, eine anstandige Freude daruber zu bezeigen.
Und aus welchem Grunde, fragte der Graf, kann uns dieser Friede erfreulich scheinen?
Einmal, sagte der Baron mit Verlegenheit, ist doch das Blutvergiessen geendigt, und dann, theurer Graf, bester Nachbar, die Klugheit fordert es, dass wir uns erfreut daruber zeigen, dass wir unsern Konig behalten. Welcher preussische Unterthan, entgegnete der Graf, hat hieruber wohl ein anderes Gefuhl, und welcher Mann von Ehre wird ein anderes bei uns voraussetzen?
Ganz gut, sagte der Baron mit wichtiger Miene, aber leider trifft man nicht auf lauter Manner von Ehre. Ich muss es sagen, ob es mich gleich schmerzt, man hat nur zu viel daruber gesprochen, dass Sie, mein bester Nachbar, ein heimlicher Anhanger der Franzosen waren, des guten Herren St. Julien wegen, der bei Ihnen im Hause lebt. Mir ist der Zusammenhang dieser Sache zu genau bekannt, ich habe also allenthalben widersprochen, uberall Ihre Partei genommen, aber was ist die Folge davon gewesen? Nichts anderes, als dass man mich fur Ihren Mitschuldigen erklart. Wir mussen also durchaus etwas thun, die Gemuther zu versohnen, wenn uns diese Ansicht nicht hochst nachtheilig sein soll; kurz, wir mussen ein Friedensfest veranstalten, zuerst mag diess bei Ihnen geschehen, dann bei mir.
Ich bin gern bereit, sagte der Graf mit Heftigkeit, alle meine Nachbaren und Freunde bei mir zu sehen, aber unmoglich kann ich sie unter dem Vorwande versammeln, als wolle ich mich mit ihnen uber einen Frieden erfreuen, der mein Herz mit dem tiefsten Kummer erfullt.
Thun Sie es unter welchem Vorwande Sie wollen, sagte der Prediger, der zu der Gesellschaft hinzugekommen war, aber ich glaube selbst, dass es gut ist, wenn Sie sich Ihren Nachbarn mehr nahern, denn ich kann nicht laugnen, dass die nachtheiligen Geruchte, welche der Herr Baron erwahnte, wirklich bestehen, und es ist das letzte Mittel, um zu zeigen, dass man nichts Verdachtiges in seinem Hause hegt, wenn man es einer grossen Gesellschaft offnet.
Wenn es denn sein muss, sagte der Graf empfindlich, dass ich, um mich von Verdacht zu reinigen, meine Nachbarn bewirthe, so mag ein solches Reinigungsfest in des Himmels Namen stattfinden, ich will mich nicht weigern; aber als Freudenfest wegen dieses Friedens will ich es nicht betrachtet wissen.
Bedienen Sie sich eines andern Vorwandes, sagte der Prediger, man wird Ihnen auf jeden Fall dankbar sein, wenn Sie anfangen, die Gesellschaft wieder zu vereinigen, wodurch den Menschen ein Uebergangspunkt von der langen druckenden Traurigkeit wahrend des Krieges zu neuer Heiterkeit gegeben wird.
In einigen Tagen, sagte der Graf, fallt der Geburtstag der Grafin ein; ich werde also an diesem Tage ein Fest veranstalten, so gut es auf Hohenthal gehen will.
Schon, sagte der Baron; dabei kann auf jeden Fall unter Trompetenschall die Gesundheit des Konigs getrunken werden, der Larm, das Jubeln dabei muss so laut als moglich getrieben werden, um eine bedeutende Wirkung hervorzubringen. Bei mir bleibt es ein Friedensfest, ich beabsichtige damit Mancherlei, woruber ich mich jetzt noch nicht erklaren kann. Mit schlauem Lacheln entfernte sich der Baron, nachdem er seine Absicht erreicht hatte. Der Graf hatte nur ungern nachgegeben, ihm schien es nicht anstandig, eine laute Freude zu bezeigen bei so viel Ursache zum Kummer; auch glaubte er, selbst die Summe, die fur ein solches Fest aufgewendet werden musste, konne im gegenwartigen Augenblick besser benutzt werden; indess, da nun einmal das Versprechen gegeben war, so wurden Einladungen weit und breit versandt. Die Grafin und Emilie ordneten mit Dubois an, wie die Genusse dieses Festes aufeinander folgen sollten, und der alte Haushofmeister sorgte viel zu eifrig fur die Ehre des Hauses, als dass nicht durch ihn die Wirthschafterin und die Koche gehorig in Thatigkeit gesetzt worden waren. Wahrend der Beschaftigungen des Schlachtens, Backens und aller anderen Vorbereitungen, die ein grosses Fest auf dem Lande erfordert, konnte es der Graf nicht lassen, seinem Missmuthe dadurch Luft zu machen, dass er zuweilen mit St. Julien daruber scherzte, wie muhselig diese Anstalten zur Freude waren, bei denen doch am Ende Alles auf Essen und Trinken hinaus liefe. Der junge Mann gab ihm Recht, und die Grafin bemerkte: Es giebt uberhaupt sehr wenige Festlichkeiten, bei denen der Genuss im Verhaltniss zu der Muhe stande, die die Anstalten dazu verursachen. Die Aufmerksamkeit wurde auf einen andern Gegenstand gelenkt, als der Prediger kam und dem Grafen einen Brief brachte. Ich kann es mir nicht erklaren, sagte der Geistliche, ich habe hier noch einen Brief, der ist von dem alten Lorenz, worin er mich ersucht, ihm seine Pension, die Sie ihm auszahlen, zu ubermachen; er fugt zu diesem Zwecke auch die Quittung bei, und mit demselben Boten kommt der Brief an Sie, und dieser Bote ist ein Bauer von dem Gute Ihres Herren Vetters, der mir versichert, der alte Lorenz sei dort auf dem Schloss; auch ist der Brief an Sie mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt.
Der Graf offnete diess Schreiben, und es fand sich, dass es von seinem Vetter, dem jungen Grafen, war, der ihm meldete, dass er schon lange das Verlangen gehegt habe, ihm, als seinem Verwandten, seine Hochachtung zu bezeigen, und da nun durch die grosse Reduktion der Armee er fur jetzt verabschiedet sei, so glaube er, die Musse, die ihm dadurch geworden, nicht besser benutzen zu konnen, als wenn er diesen lang genahrten Wunsch befriedige, und so kundigte er sich hiemit fur einen der nachsten Tage auf Hohenthal an.
Der Brief war mit so grosser Zuruckhaltung und trockner Kalte geschrieben, dass er keine gute Meinung fur den Verfasser bei dem Grafen erregte, denn er dachte: Ist es fur ihn ein so lastiger Zwang, mich zu besuchen, so hatte er es ja unterlassen konnen, da ihn Niemand dazu aufgefordert hat; macht er aber die Reise trotz seines Widerwillens, so muss eine Absicht damit verbunden sein. Indess verschwieg der Graf diesen Gedanken und ausserte bloss gegen den Prediger, dass es ihn freue, seinen jungen Vetter kennen zu lernen, der ihm seinen Besuch ankundigte. Ich konnte nicht darauf kommen, setzte er hinzu, ihn zu unserm Feste einzuladen, da ich nicht wusste, dass er schon bei seinen Eltern ist, und auch die Entfernung zu gross ist, als dass man ihn zu den Nachbaren rechnen konnte; der Weg, den er zu machen hat, muss schon eine Reise genannt werden, und ich hoffe desshalb, er wird sich langer bei mir aufhalten wollen, wenn er auch noch zu unserm Friedensfeste kommen sollte.
Ich begreife nur nicht, was der alte Lorenz dort macht, sagte der Geistliche. Da er kein Dokument mehr verkaufen kann, sagte der Graf mit einiger Bitterkeit, so lassen Sie ihn treiben, was er will. Er handigte hierauf dem Geistlichen die halbjahrige Pension des ehemaligen Kastellans gegen dessen Quittung ein, der darauf den Boten am andern Tage zuruckzusenden versprach.
Es war am Vorabende des grossen Festes, alle Anstalten waren beendigt, und man konnte nun dem verstandigen Dubois die Ausfuhrung ruhig uberlassen. Jetzt, sagte die Grafin scherzend zu Emilie, die eben etwas erhitzt und ermudet eintrat, fangt das Fest fur uns schon an; nun brauchen wir fur nichts mehr zu sorgen, jetzt ruht die Burde allein auf Dubois Schultern, der das grosse Werk gewiss zu unserer Zufriedenheit ausfuhren wird; also setze Dich nun zu uns und lass uns einmal wieder ein vernunftiges Gesprach fuhren, wozu seit gestern kein Mensch hat kommen konnen.
Emilie wollte eben antworten, als man einen Wagen vorfahren horte. Um Gottes Willen! rief St. Julien, es kommt doch wohl nicht ein voreiliger Gast schon heute. Man eilte zu den Fenstern; der angekommene Fremde war schon ausgestiegen, indess der leichte, kleine, mit zwei unansehnlichen Pferden bespannte Reisewagen, der Knabe von funfzehn bis sechszehn Jahren, der zugleich Kutscher und Bedienter zu sein schien, diess Alles deutete auf keinen vornehmen Gast. Die Gesellschaft wendete sich eben nach dem Saale zuruck, als Dubois die Flugelthuren offnete und mit ehrerbietiger Stimme in den Saal hinein rief: der Herr Graf von Hohenthal. Der Angekundigte trat ein, und Aller Augen waren auf einen jungen Mann gerichtet, dessen edler Anstand fur ihn hatte einnehmen konnen, wenn nicht dem schonen, ausdrucksvollen Gesichte alle Freundlichkeit und Milde gemangelt hatte. Er war blass und mager nach uberstandener Krankheit und Anstrengung. Zwischen seinen Augenbraunen ruhte ein Zug, den man hatte feindlich nennen konnen, wenn nicht die Augen einen Trubsinn ausgedruckt hatten, der zuweilen bis zur wilden Verzweiflung gesteigert schien.
Er naherte sich dem Grafen und sagte, indem er sich mit Kalte verbeugte, er habe den Wunsch nicht unterdrucken konnen, ihm seine Aufwartung zu machen, und sei schon so frei gewesen, ihm diesen Vorsatz in einem fruheren Briefe anzukundigen. Der Graf erwiederte eben so kalt, dass es ihn herzlich freue, einen Verwandten bei sich zu sehen, dessen Bekanntschaft er sich schon lange gewunscht habe; er stellte ihn hierauf der Grafin vor und machte ihn mit den Hausgenossen bekannt.
Der Grafin verursachte das Feindliche in der Stellung, welche die beiden Verwandten gegen einander annahmen, die grosste Pein, und durch einige herzliche Worte suchte sie sich dem jungen Manne zu nahern, auf die dieser indess zwar hoflich aber mit schroffer Kalte antwortete. Vor St. Julien, als der Graf ihn nannte, beugte er sich kaum merklich, ohne ein Wort zu sagen, der junge Franzose erwiederte den Gruss, wie er ihn empfing, und in wenigen Minuten war eine allgemeine und grundliche Verstimmung entstanden.
Um ein Gesprach anzuknupfen, erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines neuen Gastes und bedauerte, dass er so viele Jahre ausser aller Verbindung mit seiner Familie gelebt habe, so dass ihm alle Verhaltnisse derselben fremd geworden waren. Der junge Graf schoss einen feindlichen Blick auf die Grafin und sagte, die Trennung des Grafen sei von seinem Vater oft als ein grosses Ungluck beklagt worden.
Ich wusste nicht, sagte der Graf, dem der Blick nicht entgangen war, empfindlich, welch Ungluck ich dadurch fur Verwandte herbeigefuhrt hatte, die ich kaum in meiner Jugend gekannt habe. Ich fuhle wohl, erwiederte sein Vetter, dass diese Erklarung nur mein Vater geben konnte, und dass er sie nicht in Gegenwart von Fremden geben wurde. St. Juliens Auge gluhte, er stand auf und wollte den Saal verlassen. Wo wollen Sie hin, mein bester St. Julien, sagte der Graf, indem er ihm mit Zartlichkeit die Hand bot, Sie wissen, wie lieb mir Ihre Gesellschaft ist, warum wollen Sie uns also verlassen? St. Julien setzte sich wieder, der junge Graf hatte die Augen zu Boden gesenkt, und es entstand ein druckendes Schweigen.
Die Grafin versuchte es von Neuem, das Gesprach wieder zu eroffnen, aber alle ihre Fragen wurden so einsylbig von dem jungen Grafen erwiedert, wie es der Anstand nur irgend erlaubte. Der Graf verlor beinah die Geduld, doch da er dachte, dass das Kommen seines jungen Vetters gewiss einen Zweck habe, so that er sich selbst Gewalt an, um wo moglich diesen kennen zu lernen. Es waren nach und nach alle Gegenstande vergeblich beruhrt worden, durch die man hoffen konnte, ein Gesprach einzuleiten, und der Graf that nun als letztes Hulfsmittel einige Fragen uber den Krieg.
Ein schmerzliches, fast hohnendes Lacheln zuckte um den Mund des jungen Grafen. Wie glucklich, sagte er, dass Sie hier den Krieg nicht erlebt haben, dass Sie sich hier in Ruhe und Wohlstand von dem Kriege konnen erzahlen lassen, und abwechselnd Freunde und Feinde bewirthen. Ich will Ihnen nur e i n e Geschichte aus dem Kriege erzahlen, und Sie werden fur Ihre Ruhe dem Himmel danken. Ein junger Offizier, mein Freund und Waffenbruder, ging mit mir zugleich zum Regiment, und machte mich auf dem Wege mit seiner Mutter und drei liebenswurdigen Schwestern bekannt, die auf ihrem Gute wohlhabend mit Anstand lebten. Wir hatten uns kaum entfernt, so horten wir, die Franzosen hatten es genommen und geplundert. Mein unglucklicher Freund erfuhr nichts von den Seinigen; bald darauf wurde das Schloss von den Preussen genommen, welche die Noth zwang, ohne Rucksicht fur die Bewohner die noch ubrigen Vorrathe zu benutzen. So zogen funfmal abwechselnd Feinde und Freunde hindurch, bis auch unser Korps wieder in die Nahe gedrangt wurde. Auf dem vaterlichen Boden meines Freundes zerstampften unsere Rosse die Saaten bei einem blutigen Scharmutzel; die Feinde zogen sich zuruck, aber mein Freund sank von einer feindlichen Kugel in der Brust getroffen, auf seinem eigenen Boden. Ich brachte den sterbenden jungen Mann in das Haus seiner Vater und fand es ode, aller Mobilien beraubt, die Fenster zerschlagen, von allen Bewohnern verlassen; endlich entdeckte ich in einem Winkel zusammengekauert eine weisse, bleiche Gestalt, die die abgemagerte Hand erhob und mit wahnsinnigem Lacheln auf die Leiche ihres Bruders deutete, der schon gestorben war. Es war die jungste Schwester meines Freundes; die Mutter und die beiden alteren waren todt, und diese durch Hunger und jede Misshandlung wahnsinnig geworden. Dies ist der Krieg, schloss der junge Graf, von dem sich hier freilich keine Spuren zeigen.
Die Grafin verhullte bei dieser grasslichen Geschichte das Gesicht, Emiliens Thranen flossen unverborgen, und auch die mannlichen Zuhorer waren tief erschuttert. Der Graf glaubte, dass die allgemeine Theilnahme, die sein Vetter bemerken musste, diesen geneigter machen wurde sich anzunahern, aber im Gegentheil schienen durch die erzahlte Begebenheit Gefuhle in ihm erregt zu sein, die ihn noch feindlicher stimmten. Er ausserte sich in so starken Ausdrucken uber die Franzosen, dass es der Graf nicht mehr hinderte, als St. Julien den Saal verlassen wollte, und sich selbst mit den ubrigen Hausgenossen sobald als moglich zuruckzog, um Gesprache mit seinem Vetter zu endigen, die zu leidenschaftlich von diesem gefuhrt wurden.
XV
Wahrend die Gesellschaft im Saale versammelt war, war Dubois noch fur das Fest des folgenden Tages beschaftigt, und die Anordnungen, welche er machte, fuhrten ihn durch alle Gange des Hauses. So ging er auch an dem Zimmer voruber, in welchem die Bedienten versammelt waren, und horte, wie ihm ein verwirrtes Getose von Lachen, Weinen, Schelten und Fluchen daraus entgegen tonte. Entrustet offnete der alte Haushofmeister die Thure, um sich nach der Ursache des unziemlichen Larmens zu erkundigen. Die dort Versammelten bemerkten ihn nicht sogleich, und er sah, wie der Knabe des jungen Grafen mit funkelnden Augen und erhitzten Wangen hinter einem Tische stand und sich mit dem Rucken gegen die Wand lehnte; den rechten Arm hatte er erhoben und in der Hand hielt er drohend ein blinkendes Messer. Schurken! rief er mit von Wuth entstellter Stimme, wagt es, und der erste, der mir naht, dem stosse ich diess Messer in die Brust. Entsetzt sprang Dubois vor und rief: Um Gottes Willen, was geht hier vor? Soll ich Mord hier im Hause erleben? Die Bedienten wichen zuruck, und der Larm verstummte, auch der Knabe hatte den Arm sinken lassen, ob gleich die Hand noch das Messer hielt. Junger Mensch, fuhr Dubois fort, sich zu diesem wendend, was konnte Dich zu solcher Wildheit reizen, dass Du in Deiner zarten Jugend ein Morder zu werden drohst? Herr, erwiderte der Knabe mit zitternder Stimme, indem seine Wuth sich in Wehmuth aufloste und die hellen Thranen uber seine Wangen flossen, Sie wissen nicht, wie mich diese Menschen reizten. Ich gehore nicht zu ihnen, drum hielt ich mich abgesondert. Nun fingen sie an mich zu necken, meine Durftigkeit zu verlachen und uber meine Kleidung ihren Spott zu treiben; da verlor ich die Geduld und sagte ihnen, was meine ernstliche Meinung ist, dass ich lieber sterben wollte, als eine Livree tragen, wie sie, wenn sie auch noch mehr Gold an sich hatten; drauf wurden sie wuthend und wollten mich schlagen, und so kam es, dass ich, um mich zu vertheidigen, hier stockte der Knabe, seine Hand liess das Messer fahren, und er blickte mit Beschamung vor sich nieder.
Und wenn Du nun so unglucklich gewesen warest, in diesem thorichten Streite einen jener unnutzen Schufte zu todten, fragte der alte Mann, und seine blutende Leiche lage jetzt vor Dir, wurdest Du dann nicht verzweifeln. Ich habe Unrecht, sagte der Knabe, aber sollte ich mich denn schlagen lassen? Der Haushofmeister wusste keine Antwort zu geben, denn sein eigenes Ehrgefuhl sagte ihm, dass der Knabe schwer gekrankt worden sei, und doch wollte er keine gewaltsame Handlung entschuldigen. Er wendete sich desshalb zu den Bedienten und sagte: Euer Betragen werde ich dem Herrn Grafen melden, und ich bin uberzeugt, dass Ihr eher alle aus seinem Dienste gejagt werdet, ehe er es duldet, dass ein Gast seines Hauses, ein Verwandter in seinem Diener beleidigt wird. Du, mein Sohn, sagte er zu dem Knaben, komm von diesen Menschen hinweg, Du sollst in meinem Zimmer bleiben, bis Dein Herr Deiner bedarf. Er nahm nach diesen Worten die Hand des Knaben und fuhrte ihn aus dem Bedientenzimmer hinweg.
Das fehlte noch, sagte einer der Zuruckbleibenden, dass wir um des Bettelprinzen Willen unsere Stellen verloren; aber Du, Johann, hast den Larmen angefangen, bekommt es uns schlecht, so gehn wir uber Dich her. Der Beschuldigte wollte sich vertheidigen, es wurde Partie fur und wider ihn genommen, und es war nah daran, dass der Streit ernsthaft erneuert wurde, wenn nicht ein Jager, der Vernunftigste der Gesellschaft, dringend zum Frieden ermahnt hatte. Seinem Rathe beschloss man auch einmuthig zu folgen, und man wollte Dubois, ehe er am andern Morgen den Grafen sprechen konnte, vermogen, die Sache zu verschweigen, und sich mit dem Knaben zu versohnen suchen, damit auch dieser nicht bei seinem Herrn sich beklage.
Dubois hatte den Knaben auf sein Zimmer gefuhrt und fragte ihn hier: Hast Du schon zu Abend gegessen, mein Kind? Nein, sagte der Knabe, da ich mich nicht unter die Bedienten mischen wollte, so hat mir auch Niemand etwas angeboten. Der Haushofmeister brachte nun selbst einige kalte Gerichte und stellte auch eine kleine Flasche Wein vor seinen neuen Gast. Der Knabe fing unter stillen Thranen an zu essen und trank auch ein wenig von dem ihm angebotenen Weine. Als er seine Mahlzeit beendigt hatte, sagte Dubois: Und nun, mein Sohn, erzahle mir doch, wesshalb Du nicht zu den Bedienten zu gehoren glaubst. Sie sind ein so guter Herr, sagte der Knabe zutraulich, recht wie einem Vater konnte ich Ihnen vertrauen, mit Ihnen kann ich gern uber alles Ungluck sprechen, das ich schon erlebt habe, so jung ich auch noch bin. Mein Vater war ein gelehrter Mann, aber weil er in seiner Jugend nicht Geld genug hatte, so konnte er auch nicht auf eine Universitat gehen und studieren, wie es sein Wunsch war, also konnte er auch nicht Prediger werden und nahm eine Kantorstelle an, wobei er sich auch recht gut stand. Es war ein schones, grosses Dorf und hiess Schonau, wo wir wohnten, ein anderes Dorf gehorte auch zu unserer Kirche, und mein Vater hatte eine reiche Einnahme. Die Bauern ehrten ihn als einen Mann, der beinah gelehrter war als der Prediger selber; unser Herr Pfarrer liebte meinen Vater, und Beide waren recht grosse Freunde; selbst, wenn der gnadige Herr auf dem Schlosse war, so lud er niemals den Prediger zu Tische, ohne auch meinen Vater zu bitten; so ging Alles recht schon und gut; mein Vater unterrichtete mich sorgfaltig und sagte oft zu mir: Du, Gustav, musst Alles nachholen, was ich aus Armuth habe versaumen mussen, denn Gottlob! ich habe so viel, dass ich Dich auf eine Universitat werde schicken konnen.
So war ich etwa zehn Jahre alt geworden, da starb meine gute Mutter, die schon lange kranklich gewesen war. Sie konnen wohl denken, dass ich sie herzlich und lange beweinte; auch mein Vater trauerte tief uber ihren Verlust, und wir waren vielleicht noch langer in unserm Kummer versunken geblieben, wenn nicht der Prediger so viel gethan hatte, uns zu trosten. Nachdem ein Jahr vergangen war, heirathete mein Vater eine Verwandte des Predigers, und ich war am Hochzeitstage recht betrubt; denn manche alte Bauerinnen hatten mir gesagt: Nun, Musje Gustav, nun werden Seine guten Tage vorbei sein, nun kommt eine Stiefmutter ins Haus, nun wird Alles anders gehen. Aber es war nicht so; meine Stiefmutter war so gut, ach! so gut, wie es nur immer eine wahre Mutter sein kann. Es wurde freilich Manches anders bei uns im Hause, aber viel besser. Meine verstorbene Mutter hatte bei ihrer Kranklichkeit nicht mehr recht fur Alles sorgen konnen; nach ihrem Tode hatte mein Vater sich aus Betrubniss um das Hauswesen gar nicht bekummert, und so lebte nun Alles wieder bei uns auf; wir hatten feinere Wasche, bessere Kleider, unser Haus wurde aufgepuzt, im Garten prangten die schonsten Blumen; und wenn der Herr Pfarrer bei uns speiste, so bewirtheten wir ihn eben so anstandig, wie er uns. Seine Sohne waren meine Freunde und Spielkameraden; mein Vater war mit meinem Fleiss zufrieden, und ich war recht glucklich bei meinen Eltern.
So ging es fort, bis mir ein Schwesterchen geboren wurde. Nun sagten die bosen Weiber wieder, nun wird es aus sein, nun hat die Stiefmutter selber ein Kind, nun wird sie sich um den Stiefsohn nicht kummern; aber es war nicht wahr. Ich liebte mein Schwesterchen herzlich; ach! lieber Herr, es war ein Kind wie ein Engelchen, es war eine Belohnung fur mich, wenn es die Mutter in meine Arme gab, und hatten Sie nur diess Kind gekannt, fuhr der Knabe mit Thranen fort, hatten Sie nur gesehen, wie freundlich die dunkelblauen Augen sein konnten, wie lieblich der rothe Mund im Lacheln die weissen Zahnchen zeigte! Jeder Mensch musste diess Kind lieben, und doch sprach meine Mutter immer so, als ob es eine besondere Tugend von mir ware, dass ich mein Schwesterchen so liebte, und die gute Mutter wurde aus Dankbarkeit dafur noch zartlicher gegen mich.
Sehn Sie, so gut, so glucklich war Alles, und so blieb es, bis ich beinah funfzehn Jahre alt war; nun sagte mein Vater: Gustav, nun musst Du nach Konigsberg auf die gelehrte Schule, und bist Du da recht fleissig gewesen und hast alles Erforderliche gelernt, dann kannst Du dort gleich die Universitat beziehen, und wenn Du brav und fleissig bleibst, so kann ich noch Freude und Ehre in meinem Alter durch Dich erleben.
Sie konnen wohl denken, dass ich mit Thranen von meinen Eltern schied, aber doch freute ich mich auch weiter zu kommen mit meinen Studien, als es auf dem Lande ging. Mein Vater begleitete mich selbst nach Konigsberg, und ich sah es wohl, dass er mich recht mit Stolz betrachtete, als man mich nach dem Examen gleich nach Sekunda setzte. So trennten wir uns, und ich blieb nun einsam in Konigsberg zuruck und dachte mit Eifer zu studiren. Aber ach! das Gluck war bald zu Ende; mein Vater meldete mir nach wenigen Monaten, mein liebes Schwesterchen sei an dem Scharlachfieber gestorben und auch die Mutter davon befallen worden. Der Krieg war ausgebrochen, und mein Vater sagte, dass er uns ganz trennen konnte. Er befahl mir daher, die Reise nach Schonau mit einem Fuhrmanne anzutreten, den er mir bezeichnete und von welchem er erfahren hatte, dass er eine Reise unternehmen wurde, die ihn nahe bei unserem Dorfe vorbeifuhrte. Ich gehorchte meinem Vater und war sehr bald wieder in unserm Dorfe, aber wie ganz anders war hier Alles geworden. Die Franzosen waren schon dort gewesen, und hatten Alles geplundert und zerstort, das Dorf war zum grossen Theile abgebrannt, und die Bauern hatten die Hauser verlassen, die noch standen. Meine Mutter fand ich sehr krank, der Vater war ganz tiefsinnig geworden. Nun kamen die Preussen, und verlangten Lebensmittel und Pferde, gleich darauf wurden sie von den Franzosen vertrieben; die feindlichen Kugeln zundeten das Dorf von Neuem an, und der Schrecken, als die Flammen wieder leuchteten, lahmte meine kranke Mutter; nun sturmten die Feinde in unser Haus und drohten, mich und den Vater umzubringen, aber der Anblick der sterbenden Frau machte, dass sie still wieder abzogen. In derselben Nacht starb meine zweite Mutter, und mein Vater war so betaubt, dass er nicht weinte und auch kein Wort sprach. Wir sassen beide bei der Leiche, indess das Feuer draussen wuthete. Unser Haus stand etwas abseits und wurde desshalb von den Flammen verschont; Niemand war von den Dorfbewohnern dageblieben, auch der Prediger war mit seiner Familie entflohen; so waren wir ganz verlassen. Mein Vater suchte endlich im Hause umher, und fand etwas Abendmahls-Wein und ein kleines Brod. Iss das, sagte er zu mir, ich will sehen, ob nicht irgend ein Mensch sich findet, der uns hilft die arme Frau begraben. Er ging hinaus. Ich konnte nichts essen und legte das Brod neben mich hin; da horte ich auf ein Mal Flintenschusse; meine Augen richteten sich nach dem Fenster, Feinde sprengten vorbei, gleich darauf wurde unsere Thure aufgestossen, und Preussische Soldaten brachten meinen Vater mit Blut bedeckt herein; eine Kugel hatte ihn durchbohrt, und er lebte nur noch, um die Hand auf meine Stirn zu legen und mich ohne Worte zu segnen. Die Soldaten legten seine Leiche neben die meiner Mutter, und ich warf mich nieder und kusste die blutige, kalte Hand meines Vaters. Da trat ein junger Offizier herein, und der klagliche Anblick entlockte ihm Thranen; er kam zu mir, richtete mich auf und suchte mir Trost einzusprechen. Er zwang mich das Zimmer zu verlassen, und einige Weiber, die immer bei den Soldaten sind, mussten fur die Leichen sorgen. Mit Gute fragte er mir alle meine Verhaltnisse ab und sagte dann: Armes Kind, Du hast in solcher Jugend schon ein schreckliches Ungluck erfahren, und bist nun ganz hulflos und verlassen. Diese Worte machten von Neuem meine Thranen fliessen, und ich glaubte, das Herz wurde mir vor Schmerz brechen. Der gute Herr suchte mich zu trosten und sagte dann: Wenn Du Niemanden hast, dem Du angehorst, so bleib bei mir, und ich will fur Dich sorgen, so gut ich kann. Ich fuhlte seine Gute, ich kusste seine Hande und sagte ihm, dass ich seine Wohlthat erkenne, aber dass ich um meine lieben Eltern immer weinen musste. Er tadelte mich nicht und sorgte nun dafur, dass die armen Eltern begraben wurden, so anstandig, als es gehen wollte; er liess auch ein Kreuz auf ihr Grab setzen. Und ich erfuhr nun auch, dass mein Wohlthater ein Graf sei und Hohenthal hiesse. Er blieb einige Tage noch im Hause, und ich war immer um ihn; er hatte mich nun ganz kennen gelernt und sagte: Deine Eltern haben Dir eine gute Erziehung gegeben, so bald es nur angeht, sollst Du wieder auf die gelehrte Schule und auf die Universitat, und ich will sehen, ob ich mir nicht einen Freund in Dir erziehen kann. Diese Worte ruhrten mich tief, und ich gelobte mir, seine Liebe zu verdienen. Endlich kam ein Befehl, mein Herr musste mit seinen Truppen weiter rucken. Ich muss Dich mit mir nehmen, sagte er zu mir, obgleich Krieg und Schlachten nicht fur Deine Jahre taugen, aber ich weiss Dich nirgends unterzubringen, und so konnte der Krieg uns leicht fur immer trennen. Ich folgte also dem gutigen Herrn und erlebte an seiner Seite die furchterliche Schlacht bei Eylau. Den zweiten Tag dieser grasslichen Schlacht wirft sich ein Trupp Franzosen auf die Bagage, bei der ich und mehrere Knaben waren, viele wurden niedergemetzelt, andere entkamen, und so auch ich. Nebst der Furcht fur mein Leben qualte mich auch noch der Kummer, dass ich von meinem Herrn nichts wusste, auch die Sorge, dass er nun Alles verloren habe, und dann erfasste mich die Angst, ob er nicht vielleicht geblieben sei und ich ihn so auf immer verloren habe. Diese mannichfachen Gefuhle qualten mich auf meiner Flucht, die ich immer weiter fortsetzte, bis ich durch ein niedergebranntes Dorf eilte, einem einsam stehenden Hause zu. Ich riss hastig die Thure auf und stand bald in einem grossen, leeren Zimmer, das ich sogleich fur die ehemalige Wohnung meiner Eltern erkannte. Das Bett stand noch darin, auf dem beide Leichen gelegen hatten; der Anblick rief meine Thranen hervor, und ich stand schluchzend und Hande ringend vor dem leeren Bette, da wurde es auf einmal laut und lebendig, Degen und Sporen klirrten, die Thure wurde geoffnet, und herein getragen wurde mein lieber Herr, ganz wie mein Vater bleich und mit Blut bedeckt. Ich schrie auf in der wildesten Verzweiflung. Schweig, dummer Junge, rief mir ein Arzt entgegen, er ist nicht todt. Ach! welch ein Trost war diess Wort fur mich, hatte der gute Mann auch noch weit arger geschimpft, wie er nachher noch oft that, wenn ich etwas ihm nicht recht zu machen verstand, ich ware doch niemals auf ihn bose geworden.
Sie legten meinen lieben Herrn auf dasselbe Bett, auf dem mein armer Vater gelegen hatte. Seine Wunden wurden untersucht und die Kugel herausgezogen, der Arzt gab die beste Hoffnung, und die Offiziere, die ihn hieher gebracht hatten, mussten nun zu ihren Truppen zuruck. Der Arzt blieb, und die Offiziere versprachen, ihn nach einigen Tagen abzuholen. Als wir allein waren, verlangte der Arzt, ich sollte ihm Lebensmittel verschaffen. Ich durchsuchte das ganze Haus und fand in einem kleinen oberen Zimmer einige alte Frauen, die nach dem Dorfe zuruck gekommen waren und sich in dem einzigen Hause, welches noch stand, eingerichtet hatten; diese nun mussten Hulfe schaffen, und sie thaten es fur Geld auch gern, und so wurde der Arzt befriedigt.
Die Offiziere hatten mir, als man meinen Herren entkleidete, das Geld gegeben, welches er bei sich trug, und auch seine Uhr; ich erfuhr auch von ihnen, dass sie ihn gerettet hatten, als er in ihrer Nahe, von einer Kugel getroffen, gefallen war.
Schon des andern Tages kamen die Offiziere zuruck und brachten uns alle, auch meinen kranken Herrn, nach einem Orte, wo ein Lazareth eingerichtet war, und hier dauerte es lange, ehe mein armer Herr nur sprechen konnte. Endlich erlaubte es ihm der Arzt, und seine ersten Worte richtete er an mich. Gustav, sagte er, ich habe es wohl gesehen und gefuhlt, mit welcher Liebe Du mich pflegst, Du leistest mir alle Dienste, auch die, die sonst nur einem Bedienten zukommen; aber, lieber Junge, die Dienste, die man dem Freunde leistet, erniedrigen nicht, und vielleicht kann ich es Dir noch einmal vergelten. Nach einigen Tagen fragte mein Herr: Lieber Gustav, wie viel Geld haben wir noch? Ich zahlte die Summe und sagte sie ihm. Das ist wenig, erwiederte er seufzend, und wir mussen vielleicht noch lange damit auskommen; rufe mir Jemanden, dem wir die Uhr verkaufen konnen, und dann hute Dich etwas Ueberflussiges auszugeben. Ein Jude fand sich bald, der die Uhr kaufte, und nun theilten wir das Geld sehr sparsam ein. Es war aber doch naturlich, dass ich meinen kranken Herrn nichts wollte entbehren lassen und lieber Manches selbst entbehrte, und nun machen sich die Schufte hier uber meinen Herrn lustig, weil er mir keine bessern Kleider giebt. Lass diese elenden Menschen, mein gutes Kind, sagte Dubois mit weicher Stimme, und endige Deine Erzahlung.
Nun fuhr der Knabe fort: Endlich war mein Herr so weit gekommen, dass wir reisen konnten. Der Waffenstillstand wurde auch bekannt, und wir machten uns nun, ich kann wohl sagen, recht arm auf den Weg, um zu seinen Eltern zu gelangen. Mein Herr war so gut, dass er sich ernstlich entschuldigte, wenn ich ihn bediente. Dich hat ein Gott recht zu meinem Beistande gegeben, sagte er ein Mal, wie wollte ich ohne Dich bestehen, da ich noch nicht gesund bin. So erreichten wir endlich seines Vaters Schloss; aber Sie werden es nicht ubel deuten, lieber Herr, wenn ich es aufrichtig sage, dass der alte Graf mir nicht gefiel; auch sah ich wohl, dass mein gutiger Herr niedergeschlagener wurde, als er es im Felde und in Krankheit und Armuth war. Hier wurde auch eine andere Einrichtung getroffen, und er litt es durchaus nicht mehr, dass ich ihn bediente; er nannte mich hundert Mal des Tages seinen jungen Freund oder seinen Pflegesohn, und ich horte es wohl, wie sein Vater ihm oft Vorwurfe machte, dass er sich durch mich eine unnutze Last auf den Hals geladen habe. So ass ich dort mein Brodt mit Thranen, aber es wurde noch schlimmer; ein alter widriger Mann mit triefenden Augen kam dorthin, der trug dem alten Grafen Vieles vor und auch meinem jungen Herrn; was es war, kann ich nicht sagen; aber mein Herr wurde oft sehr aufgebracht, und ich horte mehrere Male, wie er dem alten Grafen zuschwor, er wurde solch Unrecht nicht dulden; dann suchte ihn der alte Graf selbst wieder zu besanftigen und bat ihn, nicht durch Hitze Alles zu verderben und zur Klugheit seine Zuflucht zu nehmen. Endlich kam die Nachricht, dass mein Herr verabschiedet sei; das brachte ihn vollends zur Verzweiflung. Gustav, sagte er eines Abends zu mir, ich muss eine kleine Reise unternehmen, und ich will auf dieser Fahrt keinen von meines Vaters Leuten mit mir nehmen, denn ich habe bemerkt, dass sie ihrer Zunge zu viel Freiheit gestatten und uber ihre Herrschaft zu viel schwatzen. Ich konnte diess nicht laugnen. Hast Du so viel Liebe fur mich, fuhr mein guter Herr fort, dass Du mir auf dieser Reise die Dienste leisten willst, die mir Erziehung und Gewohnung unentbehrlich gemacht haben, und kannst Du auch wohl ein Paar Pferde regieren? Ich versicherte ihm, dass ich Alles leisten wollte, und so machten wir uns auf den Weg. Mein Herr sorgte fur mich besser, als fur sich selbst, und ich hoffte, die Reise wurde ihn erheitern. Ich bemerkte es wohl, dass er immer unruhiger wurde. Endlich, heute Morgen, hielten wir vor einem hubschen Hause an; ich sah es wohl, wie der Graf zitterte, als er abstieg; seine Augen und Wangen brannten, aber nach wenigen Minuten kam er bleich wie eine Leiche zuruck, bestieg still den Wagen, sprach wahrend des ganzen Weges kein Wort, und hier angekommen, hat er auch nicht an mich gedacht und mich zum ersten Mal wie einen Bedienten vergessen.
Der Graf muss etwas sehr Schmerzliches erfahren haben, mein lieber Sohn, sagte der alte Haushofmeister, da er Dich so hat vergessen konnen. Weisst Du denn nicht, Wer in jenem Hause wohnte?
Nein, sagte der Knabe, ich sagte Ihnen ja, mein Herr hat den ganzen Tag kein Wort mit mir gesprochen.
Ich sollte Dich nun eigentlich nicht Du nennen, mein liebes Kind, sagte Dubois, da Du schon ein halber Student gewesen bist, aber das wirst Du einem alten Manne, der Dir gut will, wohl erlauben.
Wenn Sie mich Du nennen, rief der Knabe, so freut mich das, denn Sie sind ein guter, ehrwurdiger Mann, aber von den Bedienten hier im Hause werde ich es niemals leiden.
Da der gute junge Graf, fuhr Dubois fort, wie Du selbst bemerkt hast, so schon manchen Kummer zu haben scheint, so wirst Du ihm wohl das schlechte Betragen der elenden Bedienten gegen Dich nicht erzahlen. Nein, gewiss nicht, rief der Knabe, ich weiss, es wurde meinen Herrn schmerzen, und diese Menschen sind es nicht werth, dass er um ihretwillen einen truben Augenblick haben soll.
Du bist ein braver Mensch, sagte der Haushofmeister, und da ich sehe, dass der junge Graf nicht sowohl Dein Herr, als Dein Freund und Wohlthater zu nennen ist, so werde ich dafur sorgen, dass das Verhaltniss hier so eingerichtet wird, wie er es sebst bei seinem Vater gestellt hat, ich werde befehlen, dass ihn einer von den hiesigen Bedienten aufwartet.
Nimmermehr! unterbrach der Knabe mit Heftigkeit den alten Mann; von diesen Menschen, die uber seine Armuth gespottet haben, soll ihn Niemand anruhren, sie wurden sich am Ende noch heraus nehmen, auch daruber zu lachen, wenn nicht alle Stucke des Anzugs meines Herren so prachtig sind, wie ihr reicher Graf vielleicht Alles hat. Der gute Haushofmeister konnte das Gefuhl nur ehren, welches den Knaben bestimmte, den jungen Grafen selbst zu bedienen; er sagte also: Handle darin, wie Du willst, mein Kind, aber das wirst Du mir nicht abschlagen, dass Du, so lange der junge Graf hier bleibt, bei mir wohnst und an meinem Tische mit mir speisest. Dafur danke ich Ihnen herzlich, sagte der junge Mensch mit Thranen in den Augen, denn Sie konnen wohl einsehen, dass ich mich unter den Bedienten elend gefuhlt hatte.
Kaum waren die letzten Worte gesprochen, als die Klingeln von allen Seiten lauteten, und die Bedienten eilten, ihre verschiedenen Herren zu bedienen. Der Haushofmeister nahm einen Armleuchter und eilte mit dem jungen Gustav, um den Saal zu erreichen. Die Gesellschaft trennt sich heut ungewohnlich fruh, bemerkte er noch unterwegs und kam eben zur rechten Zeit, um dem jungen Grafen vorzuleuchten und ihn nach seinem Zimmer zu fuhren.
Der junge Graf war finster eingetreten, das gutmuthige Gesicht und das silberweisse Haar des Haushofmeisters bewirkten aber doch, dass er ihn hoflich entliess. Stumm liess er sich nun die Dienste seines jungen Freundes gefallen und warf sich, rasch entkleidet, mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf sein Bett. Die Thranen stiegen dem Knaben in die Augen, als er sich anschickte das Zimmer zu verlassen, ohne ein freundliches Wort aus dem Munde des geliebten Herrn zu vernehmen.
Gustav, rief dieser, als der Knabe eben gehen wollte, was wird aus Dir hier in dem prachtigen Hause?
Der gute alte Haushofmeister, sagte der Knabe, hat sich meiner angenommen, ich wohne bei ihm und speise an seinem Tische. Dann ist es gut, sagte der junge Graf, ich hatte Dich armen Jungen heute vergessen, Du wirst mir ein ander Mal erzahlen, wie es kommt, dass sie Dich trotz dem nicht unter die Bedienten verstossen haben; heut habe ich zu vielen Kummer, heut kann ich nichts mehr horen. Du armer Junge, setzte er mit weicher Stimme hinzu, ich dachte Dir wohl zu thun, und Du musst so Vieles mit mir leiden. Der Knabe kusste die dargebotene Hand mit Thranen. Nun geh nur heut und suche zu schlafen, sagte der Graf, indem er ihm die Hand druckte; morgen, wenn wir beide geschlafen haben, wollen wir uber Manches sprechen.
Der Knabe ging und fand den Schlummer bald, den der junge Graf ihm gewunscht hatte, aber Zorn, qualende Sorgen und herzzerreissender Gram hielten diesen selbst noch lange wach, und der Morgen fing schon an zu dammern, als endlich auch seine Augenlieder sich senkten und der lang ersehnte Schlaf wohlthatig ihn umfing.
XVI
Als der junge Graf am andern Morgen erwachte, sah er seinen Knaben am Fenster sitzen und mit Eifer in einem Buche lesen. Er rief ihn zu sich und fragte nach seiner Beschaftigung. Ach, lieber Herr Graf, rief der junge Mensch, ich habe hier in dem alten Manne, dem Haushofmeister, einen wahren Schatz gefunden. Heut Morgen, schon sehr fruhe, hat er mich in die Bibliothek des Grafen gefuhrt und mir erlaubt, von den Buchern zu nehmen, was ich will; ich habe mir gleich den Shakespeare genommen. Sie konnen es nicht glauben, welche Gluckseligkeit es ist, nach so vielen Monaten, nach einem wilden Leben, wieder ruhig bei solchem Buche zu sitzen.
Ich wollte, ich konnte Dir erst die Mittel verschaffen, Deine Studien fortzusetzen, sagte der Graf, und mich bekummert es herzlich, dass sich fur jetzt noch keine Aussicht dazu zeigt.
Man kann ja auch fur sich studiren, sagte der Knabe trostend, und hier der alte Mann, fuhr er lachelnd fort, hat mich ordentlich examinirt, doch er sah bald, dass ich mehr wusste wie er; aber mit meiner Aussprache des Franzosischen war er sehr unzufrieden, und er hat mir befohlen, so lange wir hier sind, immer mit ihm in dieser Sprache zu reden, damit er mir zurechthelfen kann, und ich nicht eine Aussprache bekomme, wie ein gewisser Doktor, der hier im Hause sein soll, uber die alle wohlerzogenen Leute lachen mussten, versicherte Dubois. Er hat mir auch versprochen, dass fur unsere Pferde gut gesorgt werden soll, und da ich mich auf ihn verlassen kann, so kann ich den ganzen Tag, wenn Sie mich nicht brauchen, auf seinem Zimmer sitzen und lesen, denn hier sind unermesslich viele Bucher.
Du und Dein neuer Freund, sagte der junge Graf, Ihr scheint zu glauben, dass mein Aufenthalt hier sehr lange dauern wird, da Ihr solche Plane darauf grundet.
Herr Dubois meint freilich, erwiederte der Knabe schuchtern, dass Sie eine Zeitlang hier bleiben wurden, um einen so vortrefflichen Verwandten, wie er den hiesigen Grafen schildert, naher kennen zu lernen.
Das wird sich zeigen, sagte der Graf duster, indem er sich erhob, um sich anzukleiden. Wahrend dieser Beschaftigung rief er sich die Ursache zuruck, die ihn hieher gefuhrt habe, und dass er gezwungen sei, diese schwere, druckende Pflicht gegen seinen Vater zu erfullen. Nur kann ich es nicht auf seine Weise, schloss er in Gedanken seine Betrachtungen; ich verstehe es nicht, eine Begebenheit langsam herbei zu fuhren; ich kann Niemanden untergraben und, wenn er fallt, geschickt seine Stelle einnehmen, wie mir der Vater das Alles so weitlaufig auseinandergesetzt hat. Der Franzose soll aus dem Hause, und das auf die einfachste Weise von der Welt.
Mit diesen Gedanken beschaftigt, betrat er den Saal, wo er die Hausgenossen schon versammelt fand, auf die er einen bessern Eindruck machte, als am vergangenen Abend. Der kurze Schlaf hatte die leidenschaftliche Spannung gelost, die den vorigen Tag zu bemerken war, er war hoflicher, wenn auch Kalte und Zuruckhaltung in seinem Betragen nicht zu verkennen war, und man es wohl bemerkte, dass seine Seele sich mit andern Gegenstanden beschaftigte, als denen, die eben im Gesprach verhandelt wurden.
Er hatte einige Mal hoflich das Wort an St. Julien gerichtet, so dass es Niemandem auffallen konnte, als er ihm endlich einen gemeinschaftlichen Spaziergang in den Garten vorschlug. Dem Grafen war es angenehm, dass die beiden jungen Manner sich zu nahern schienen, und auch St. Julien ergriff gern die Gelegenheit, einem Verwandten seines vaterlichen Freundes naher zu treten, dessen unhofliche Kalte ihn den vorigen Tag empfindlich beleidigt hatte.
Beide durchschritten die dem Hause zunachst liegenden Gange des Gartens ohne zu reden, und als St. Julien ein Gesprach anzuknupfen suchte, wurde er bald durch die einsylbigen Antworten des jungen Grafen davon abgeschreckt. So gingen sie stumm neben einander, bis sie einen einsamen, vom Hause ziemlich entfernten Platz erreichten, und St. Julien fing eben an zu bemerken, dass mit dem Gange in dem Garten wohl kein harmloser Spaziergang beabsichtigt sei, als der junge Graf auf ein Mal still stand und seinen Begleiter also anredete: Ich habe Sie gebeten, Herr St. Julien, mich in den Garten zu begleiten, um ungestort Ihnen Eroffnungen machen zu konnen, deren Folgen die Art bestimmen wird, wie Sie meine Offenherzigkeit aufnehmen werden. St. Julien schwieg betroffen und erwartete mit Spannung, wie der junge Graf in seinen Mittheilungen fortfahren wurde. Wenn von meinem Geschick allein die Rede ware, hob dieser nach sichtbarem Kampfe von Neuem an, so konnte es sein, dass ich Ihren Planen nicht in den Weg getreten ware; da aber das Schicksal eines alternden Vaters, einer leidenden Mutter, die Zukunft jungerer Schwestern auf dem Spiele steht, so sind mir dadurch Pflichten auferlegt, die ich erfullen muss.
St. Julien glaubte zu traumen, er begriff nicht, wie er auf die entfernteste Weise auf das Schicksal aller dieser genannten Personen einwirken konne, und bat den jungen Grafen, fortzufahren, damit er diesen Zusammenhang begreifen moge. Sie konnten mich leicht verstehen, sagte der junge Graf mit Bitterkeit, ohne weitere Auseinandersetzung, da Sie es aber selbst so wollen, so will ich Ihnen eine genugende Erklarung geben. Das Vermogen, welches Ihr Gonner, mein Oheim, besitzt, ist nicht so schlechterdings nach dem Rechte sein, sondern kame zum grossen Theile meinem Vater zu, dessen beschrankte Lage ihn zwingt, den Raub in den Handen seines Verwandten zu lassen. Die ungluckliche Heirath des Grafen hat ihn von seiner Familie ganzlich entfernt, welche die Grafin, wie wir aus sicherer Quelle wissen, hasst und von der sie den Grafen fern halt, damit er nicht etwa in einer schwachen Stunde, von seinem Gewissen angeregt, der Familie einigermassen Gerechtigkeit widerfahren lasse.
Hier nun ubt der Graf, mein Oheim, Grossmuth nach allen Richtungen aus fremden Mitteln, aber doch vorzuglich gegen die Feinde des Landes, die seine Freunde zu sein scheinen, und, schloss der Graf zornig, da die Grafin eine Vorliebe fur Sie empfindet, die sich nicht erklaren lasst, und meinen schwachen Oheim beherrscht, so wissen wir, dass es im Werke ist, Ihnen das ganze Vermogen zuzuwenden, wie Sie auch schon grosse Summen empfangen haben. Desshalb wollte ich Ihnen rathen, sich mit dem Empfangenen zu begnugen und nicht einer achtungswerthen Familie zu entziehen, was ihr wenigstens nach dem Tode des Grafen zufallen muss, wenn sie auch leidet, so lange er lebt, und ich fordre, um diesen Zweck zu erreichen, dass Sie das Haus meines Oheims verlassen, und werde von dieser Forderung nicht abstehen, so lange ich lebe. Ich hoffe, Sie verstehen mich nun vollkommen.
St. Julien war erstarrt bei dieser Rede des jungen Grafen. Ein instinktartiges Gefuhl leitete seine Hand, nach der Waffe zu greifen, die er aber glucklicher Weise nicht an seiner Seite trug; seine Augen schienen Funken zu spruhen, seine Wangen gluhten und seine Glieder bebten vor Zorn. Blasse des Todes folgte dieser Gluth, und den Augenblick darauf schossen die Flammen des Zornes von Neuem in den Wangen empor; er suchte nach Worten, und seine Lippen bebten, ohne einen Ton zu finden; endlich, ohne dem Grafen zu antworten, eilte er mit schnellen Schritten einen Baumgang auf und ab, bis nach und nach sein Gang ruhiger, seine Haltung gemassigter wurde. Er kehrte endlich zu dem seiner mit Verwunderung harrenden jungen Grafen zuruck, und das bleiche, mit kaltem Schweisse bedeckte Gesicht des leidenschaftlichen jungen Franzosen erschreckte selbst diesen, der ihm feindlich gegenuber stand.
Herr Graf, sagte St. Julien mit tonloser Stimme, Sie haben vermuthlich erwartet, dass nach den Mittheilungen, die Sie mir gemacht haben, kein Wort weiter zwischen uns nothig sei, als die Bestimmung des Orts, wo wir uns beide noch ein Mal treffen, und den nur Einer lebend verlasst, und ich gestehe, dass mir diess selbst ganz naturlich vorkommen wurde; da aber auch ich nicht bloss mich zu berucksichtigen habe, so muss auch von meiner Seite eine Erklarung vorangehen. Er erzahlte ihm nun, wie der Graf ihn gefunden und aus reiner Menschenliebe in sein Haus genommen habe. Die Erinnerung, wie zart und edel er von der ganzen Familie behandelt worden war, fullte wieder seine Seele und loste die Bande, mit denen Hass und Wuth sein Herz umschnurt hatten. Mit weniger Empfindung erwahnte er, wie das Wohlwollen des Grafen fur ihn taglich zugenommen habe und wie in seiner Seele die dankbare Verehrung taglich gewachsen sei. Diess sind die Bande, rief er, die mich an diess Haus fesseln; diess sind die Gefuhle, die ewig unausloschlich in meiner Seele ruhen, und wahrlich, setzte er hinzu, heute fuhle ich, dass ich der Liebe des Grafen nicht unwerth bin, da das Gefuhl der Dankbarkeit mich bestimmt, so unerhorte Beleidigungen nicht sogleich auf die einzige Art, die hier unter Mannern von Ehre denkbar ist, zu rachen. Da die lacherliche Verlaumdung dem Grafen bekannt wurde, fuhr er fort, dass man mich als einen Kundschafter darstellen wollte, den er in seinem Hause hielte, um Frankreich zu dienen, so nahm mir der edle Mann mein Ehrenwort ab, sein Haus nicht ohne seinen Willen zu verlassen, damit er mich vor die Behorde stellen kann, die sein Konig ernennen mag, um diesen Flecken von dem Namen des besten der Menschen zu vertilgen; und Sie sehen also, sagte er bitter lachelnd, dass, wenn ich auch so feig sein wollte, mich Ihren Wunschen zu fugen, ich diess nur mit dem Willen Ihres Oheims thun konnte. Was sein Vermogen betrifft, so kann ich nicht beurtheilen, in wiefern ihm der Besitz desselben zukommt; ich weiss nur, dass er den edelsten Gebrauch davon macht. Ihre Befurchtung aber, dass ich mich als sein Erbe eindrangen wolle, ist vollig grundlos. Ich habe selbst Anspruch auf ein grosses Vermogen, und die Summen, die ich von dem Grafen als Darlehn empfangen habe, sind in Beziehung auf sein, wie auf mein Vermogen unbedeutend, und da ich taglich Briefe aus meiner Heimat erwarte, die mich in den Stand setzen werden, meine Verpflichtung zu losen, so mag die Ruckzahlung alsdann durch Ihre Hande gehen, um Sie vollig zu beruhigen. Alles diess habe ich gesagt, schloss St. Julien, um mein Gewissen gegen den Grafen frei zu erhalten, wenn mich ein ungluckliches Schicksal zwingen sollte, seinen Verwandten beinah unter seinen Augen zu todten, oder wenn er uber die Leiche eines Freundes trauern muss, dem er seine Liebe geschenkt hat; und jetzt, Herr Graf, erwarte ich, welche Genugthuung Sie mir nach der mir zugefugten Beleidigung anbieten werden.
St. Juliens Worte trugen das unverkennbare Geprage der Wahrheit, und unangenehme Gefuhle kampften in der Seele des jungen Grafen. Er musste sich gestehen, so schmerzlich ihm diess als Sohn auch wurde, dass nicht immer die edelsten Beweggrunde seinen Vater leiteteten, er konnte es nicht ablaugnen, dass er nicht immer der Wahrheit treu blieb, um seinen Zweck zu erreichen, und doch hatte er keine andern Beweise fur alle seine Anschuldigungen, als die Worte eben dieses Vaters; er erinnerte sich, dass ihm dieser selbst jedes offene, gewaltsame Unternehmen dringend widerrathen und von ihm begehrt hatte, er solle zu Falschheiten und Verlaumdungen sich herablassen, die sein ganzes Herz verabscheute; ja er musste es sich bekennen, dass der Inhalt aller Auftrage seines Vaters eigentlich kein anderer gewesen sei, als auf jeden Fall eine Summe Geldes von seinem Verwandten zu erhalten, um den Fall des eigenen Hauses abzuwenden. Diese Betrachtungen drangten sich ihm auf, und er fuhlte lebhaft das Unschickliche und Unwurdige seines Betragens, und die Verlegenheit, die diess in ihm erregte, erhohte seinen Unmuth uber sich selbst. Endlich, da er die Nothwendigkeit fuhlte, eine Antwort zu geben, sagte er: Ich kann nicht laugnen, dass ich mich ubereilt und auf zu wenig begrundete Angaben Ihren Charakter falsch beurtheilt zu haben glaube; unsere Bekanntschaft ist zu neu, als dass ich Sie mochte in meinem Herzen lesen lassen, wodurch Sie vielleicht die Entschuldigung meines Betragens fanden; ich muss es mir also gefallen lassen, wie Sie auch immer meinen Charakter beurtheilen mogen; da ich Ihnen aber darin unbedingt Recht geben muss, dass es eine ungluckliche Nothwendigkeit ware, wenn einer von uns beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben musste, und meine unbesonnene Rede ein solches Ungluck moglich gemacht hat, so bitte ich Sie dieser Rede wegen um Verzeihung, hier unter vier Augen, setzte er nachdrucklich hinzu; und wenn Sie mit dieser Genugthuung zufrieden sind, so gewahren Sie eben so einsam die Verzeihung, wie Sie die Beleidigung empfingen.
Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden, sagte St. Julien, und aus freiem Antriebe sage ich Ihnen noch, dass ich selbst es betreiben werde, so bald als moglich ein Haus verlassen zu konnen, an welches sich die schonsten Empfindungen meiner Seele knupfen, das mir aber dennoch nicht lange mehr ein Obdach gewahren darf, weil man bei meinem hiesigen Aufenthalte mir Plane unterlegt, die nur ein Ehrloser hegen konnte. Er verbeugte sich gegen den Grafen, und beide junge Manner gingen auf verschiedenen Wegen nach dem Schlosse zuruck.
St. Julien fragte sich unterweges oft, ob er recht gethan habe, nach einer so leichten Entschuldigung eine so schwere Beleidigung zu verzeihen, und sein Stolz wollte ihm vorspiegeln, dass er sich zu willig zur Vergebung habe finden lassen, aber sein besseres Selbst bekampfte diese Gedanken, und er war zufrieden mit der Selbstuberwindung, die er seinem vaterlichen Freunde zu Liebe geubt hatte. Die baldige Trennung von diesem und von der Grafin, ach! und von Emilie, die er sich selbst auferlegt hatte, fiel beklemmend auf sein Herz; aber die gluckliche Mischung seines Blutes machte, dass er in der Gegenwart leicht die nachste Zukunft vergass, und so heiterte sich sein Auge auf, als Emilie ihm in dem Saale entgegen trat und ihn scherzend aufforderte, heut an diesem grossen Tage als ein wurdiger Hausgenosse dazu beizutragen, das Fest angenehm und lebendig zu machen, welches der Baron Lobau gewiss immer ein Friedensfest nennen wurde, so wenig der Graf diess auch wollte. Ein Friedensfest, wiederholte St. Julien lachelnd und dachte an die wenig friedliche Unterredung, die er eben im Garten gehabt hatte.
Man hat meinen Geburtstag vorgeschoben, sagte die Grafin, die hinzugetreten war, aber der Baron wird es nicht gelten lassen. Mit inniger Empfindung kusste St. Julien die Hand der Grafin, indem er ihr seinen Gluckwunsch darbrachte, und lobte sich innerlich, dass er einen Streit vermieden hatte, durch den dieser Tag als ein blutiger ware bezeichnet worden.
Die Stimmung des jungen Grafen war nicht so angenehm; er fragte sich, was er eigentlich damit gewollt habe, dass er St. Julien beleidigte. Sein Vater hatte ihm die Nothwendigkeit vorgespiegelt, diesen zu entfernen und sich seinem Oheim anzuschliessen, aber die Frage drangte sich ihm auf: welch ein Recht hatte Dein Vater diess zu verlangen, und wurdest Du selbst wohl jemals auch nur von Ferne auf den Gedanken dieses Vaters eingegangen sein, wenn Dich nicht die verzweiflungsvolle Lage desselben dazu bestimmt hatte. Und wie schon, sagte er zu selbst, wie schon habe ich die Auftrage des Eigennutzes ausgefuhrt? Durch mein grosstes, entsetzlichstes Ungluck, was mein Vater am Wenigsten verstehen wurde, zur aussersten Verzweiflung gebracht, komme ich hier an und soll hofliche Reden wechseln, indess ich selbst mit meinen Handen ein Grab aufwuhlen und mich hinein verscharren mochte, um nur von dem Leben nichts mehr zu wissen. Der Zorn uber die verachtliche Rolle, die ich hier ubernommen habe, kam hinzu, und ich liess eigentlich Jeden meine eigne Schlechtigkeit bussen; und wenn ich nun den Franzosen erschossen hatte, sagte er bitter lachelnd, das wurde unfehlbar meines Vaters klug angelegte Plane sehr befordert haben, das wurde meinen Oheim, der den jungen Mann liebt, gewiss bestimmt haben, dessen Morder fur seinen Erben zu erklaren. Nein, sagte er zu sich selbst, indem er sich heftig die Thranen von den Wangen trocknete, nein, verlaumde Du Dich nicht selbst; nein, Du wolltest nicht morden aus Eigennutz, Du suchtest einen Zweikampf, um darin zu fallen, um dem grasslichen Elende des Lebens zu entfliehen, das Du, Thor, doch zu feig bist freiwillig zu verlassen.
Der junge Graf hatte gesucht, auf einem einsamen Spaziergange die nothige Fassung wieder zu gewinnen. Ich muss ja doch, sagte er sich selbst, was mein Herz auch leidet, heute die abgeschmackte Festlichkeit mitmachen, morgen will ich daruber nachdenken, was ich eigentlich hier will. Er kehrte also ebenfalls nach dem Schlosse zuruck und fand, dass man mit der Mittagstafel schon auf ihn wartete, denn es war beschlossen worden, heute fruher zu speisen als gewohnlich, um nicht durch die Ankunft der ersten Gaste in Verlegenheit zu gerathen.
Der Graf hatte geglaubt, sein Vetter und St. Julien waren einander naher getreten, und er erstaunte also, als er bemerkte, dass ihr Betragen gegeneinander noch formlicher geworden war. Sie begegneten einander hoflicher als fruher, aber die Hoflichkeit war von so sonderbarer Art, dass jede hofliche Rede, die der Eine an den Andern richtete, mit einer Herausforderung hatte endigen konnen. Das heutige Fest hinderte alle ernsten Mittheilungen, und der Graf nahm sich vor, den folgenden Tag seinem jungen Vetter entweder naher zu treten oder den peinlichen Besuch mit kurzer Art abzukurzen.
Die Mittagstafel war aufgehoben. Der junge Graf entfernte sich, um noch einen einsamen Spaziergang zu machen und in der Natur Trost fur sein zerrissenes Herz zu suchen. Er fuhlte sich aus tausend Grunden unglucklich, aber was ihm den letzten Trost und alle Haltung raubte, er musste sich fragen, ob er noch seiner eignen Achtung werth sei, nachdem er den Bitten seines Vaters nachgegeben und in dessen Auftragen auf Schloss Hohenthal erschienen war; er konnte durchaus nicht begreifen, was er eigentlich hier wollte, denn Alles, was ihm sein Vater zur Aufgabe gemacht hatte, kam ihm geradezu verachtlich und abgeschmackt vor.
Die Damen hatten sich wegbegeben, um sich festlich zu kleiden, und St. Julien zog sich in derselben Absicht auf sein Zimmer zuruck; der Graf blieb allein und wunschte, das Fest mochte voruber und die gewohnliche Ordnung des Hauses wieder eingetreten sein, da rasselten mehrere Wagen in den Hof, und aus verschiedenen Equipagen stieg der Prediger und seine zahlreiche Familie. Der Graf entschuldigte die Damen, dass sie, mit ihrer Kleidung beschaftigt, die Frau und Tochter des Predigers noch nicht empfangen konnten. Ich bin eigentlich etwas fruher gekommen, sagte der Geistliche, weil ich, noch ehe die Gesellschaft kommt, etwas mit Ihnen zu sprechen wunsche. Der Graf fuhrte den Prediger in sein Kabinet, und die Familie desselben blieb fur's Erste sich selbst uberlassen in dem Gesellschaftszimmer, wo sie der Haushofmeister mit Kaffee bewirthen liess.
Wissen Sie, redete der Geistliche den Grafen an, als sie allein waren, dass es mit dem Vater Ihres jungen Vetters, der sich hier aufhalt, erbarmlich steht. Es war ein Kornhandler heute bei mir, der brachte mir die Nachricht mit. Er ist ganzlich zu Grunde gerichtet, die Gebaude auf dem Gute sind alle verfallen, sein Viehstand ausgestorben, die Schaafheerden hat er verkauft, und jetzt bedrangt ihn eine Zahlung, die er durchaus nicht leisten kann. In dieser Noth hat sich der alte Schurke, der Lorenz, auf dem Schlosse eingefunden, er erbietet sich die Summe zu schaffen, das Gut fur ein Jahr zu pachten, in welcher Zeit ihm Ihr Herr Vetter die vorgestreckte Summe zuruckzahlen muss, oder das Gut bleibt fur einen sehr niedrigen Preis in den Handen des Darleihers, und, der mir die Nachricht mittheilte, meinte, der Darleiher ware der Sohn des Alten. Konnte ich nur begreifen, wie die Menschen auf ein Mal zu so vielem Gelde gekommen? Der Graf erzahlte dem Prediger, auf welche Art sich die Tochter des Alten von dem General Clairmont getrennt habe, und theilte ihm auch die Vermuthung mit, die er hegte, dass der Sohn den Franzosen als Spion und Wegweiser gedient haben mochte. Jetzt geht mir ein Licht auf, rief der Prediger, wir sahen den jungen Mann ja selbst, der den General bis zu Ihrem Schlosse begleitete; jetzt kann ich mir Alles erklaren, auch wie die Franzosen hier so trefflich Bescheid wussten. Aber ist es nicht abscheulich, dass solche Schufte nun die Gutsbesitzer hier im Lande werden sollen. Das muss man abzuwenden suchen, sagte der Graf, ich werde mit meinem Vetter uber den Gegenstand zu sprechen suchen. Es ist nur schwer, fugte er hinzu, den jungen Mann zur Mittheilung zu bewegen.
Ich habe hier einen Brief fur ihn, sagte der Pfarrer, derselbe Kornhandler brachte ihn mit; er ist vermuthlich von seinem Vater, denn er ist mit dem Hohenthalschen Wappen gesiegelt; der wird wohl die traurige Geschichte umstandlich enthalten. Wollen Sie mir diess Schreiben anvertrauen, sagte der Graf, so werde ich es morgen meinem Vetter abgeben, wir wollen heute dadurch seine Laune nicht verderben, er ist ausserdem nicht in der heitersten Stimmung.
Das kann ich mir bei seiner Lage denken, bemerkte der Geistliche; der Vater zu Grunde gerichtetet und er selbst verabschiedet, das muss ihn naturlich niederdrucken.
Der Graf hatte den Brief von dem Geistlichen empfangen und bat diesen nun, nach dem Saale zuruckzukehren, um Theil an der Gesellschaft zu nehmen.
XVII
Es hatte sich schon eine zahlreiche Gesellschaft versammelt, als der Graf und der Prediger den Saal wieder betraten, und es war in der That ein angenehmer Anblick, eine bluhende, geschmuckte Jugend nach langer Trauer wieder zur Heiterkeit und Freude vereinigt zu sehen. Einige durchschwarmten den Garten, aber diess waren nur Wenige, denn die meisten jungen Leute freuten sich hauptsachlich auf die lang entbehrte Lust des Tanzes, und die jungen Damen wollten ihre fur den Ball eingerichtete Kleidung keiner Gefahr auf einem Spaziergange im Freien aussetzen.
Endlich wurden fur den altereren Theil der Gesellschaft die Spieltische hingesetzt, und die Musik ertonte, um der jungern Welt den Anfang ihrer Freude zu verkundigen. Die lustigen Klange der Klarinetten und Horner schwebten nach dem Garten hinunter und lockten schnell die wenigen Lustwandelnden herbei, und viele Paare durchflogen mit leichten, von Freude beflugelten Fussen den Saal. St. Julien hatte den scherzenden Wink der Grafin verstanden, die ihm rieth, nicht immer mit derselben Dame zu tanzen; er betrachtete es also wie eine Pflicht der Hoflichkeit, auch mit einigen andern jungen Damen zu tanzen, und nur dann erst, wenn er diess wie ein Geschaft abgemacht hatte, kehrte er immer mit neuem Entzucken zu Emilien zuruck. Der Obrist Thalheim hatte fur diesen Abend kein Spiel angenommen, er wusste nicht recht, wie sich seine Tochter benehmen wurde, die zum ersten Mal in einer so glanzenden Gesellschaft auftrat; er furchtete mit vaterlicher Eitelkeit, dass sie schlecht tanzen wurde, da sie keinen andern Unterricht in dieser Kunst erhalten hatte, als durch Emilie und St. Julien, von denen die Sache nur wie ein Scherz war getrieben worden. Aber obgleich Therese mit Schuchternheit den Saal betrat, so fand sie sich doch bald zurecht, die Nahe der Grafin gab ihr Muth, Sicherheit gewann sie durch den Beistand ihrer jungen Freunde, und der zartliche Vater sah mit Entzucken, dass sie an Leichtigkeit, Grazie und Anstand viele andere junge Tanzerinnen ubertraf.
Der Graf hatte sich gewundert, dass sein Vetter immer noch in der Gesellschaft fehlte; er hatte sogar einige Male nach dessen Zimmer geschickt, um ihn auffordern zu lassen, Theil an der allgemeinen Heiterkeit zu nehmen, aber jedes Mal war die Antwort zuruckgekommen, dass der junge Herr Graf gar nicht zu Hause sei. Verdrusslich uber diese Sonderbarkeit theilte er eben dem Obristen mit, dass sein Vetter bei ihm im Hause sei, und klagte uber dessen seltsames Betragen. Der Obrist freute sich sehr auf das Zusammentreffen mit seinem jungen Freunde und bedauerte nur, dass er ihn noch nicht erblickte. Endlich trat der junge Mann, sorgfaltig gekleidet, in den hell erleuchteten Saal; sein Auge schweifte uber die glanzende Gesellschaft hinweg und haftete auf der wurdigen Gestalt eines Greises, der, in das Gesprach mit seinem Oheim vertieft, ihn nicht sogleich bemerkte. Eine glanzend neue Uniform, die ganze fur sein Alter zwar passende, aber mit Sorgfalt gewahlte Kleidung, deutete auf eine Wohlhabenheit, die den jungen Grafen irre machte und sich am Wenigsten mit seinen letzten Nachrichten vereinigen liess; aber das edle ihm so wohl bekannte Gesicht, die dunnen Haare, die sich silberweiss an die Schlafe schmiegten, liessen keine Zweifel. Er wollte eben vortreten und den Obristen anreden, als dieser sich umwendete und ihn erkannte. Mit vaterlicher Liebe trat er dem jungen Manne entgegen, dessen Staunen ihn verhinderte, sein Gefuhl auszudrucken. Sie haben mich hier nicht erwartet, rief mit Gutmuthigkeit lachelnd der Obrist nach den ersten Begrussungen, aber kommen Sie nur, ich will Sie noch mehr in Verwunderung setzen, Sie sollen auch meine Tochter begrussen. Betaubt hatte der junge Graf sich fuhren lassen und stand nun vor einem reizenden Wesen, dessen schlanke Gestalt von leichten Gewandern umschwebt, von Blumen umrankt war, und das ihm aus heitern braunen Augen mit unschuldiger und unverhehlter Freude entgegen lachelte. Der junge Graf stand verwirrt. Theresens Bild hatte ihn begleitet in allen Gefahren, in allen kummervollen und in allen besseren Stunden, aber in der Durftigkeit war sie ihm erschienen, wie er sie gekannt hatte; das Letzte, was er von ihr erfahren, hatte ihn in Verzweiflung versenkt, ja er musste sie fur verloren halten, und nun fand er sie hier, umgeben mit allen Zeichen des Wohlstandes, in allem Uebrigen den versammelten Damen gleich, nur dass statt der reichen Perlen, der glanzenden Steine, mit denen die andern geschmuckt waren, eine feine venetianische Kette, das Weihnachtsgeschenk der Grafin, den schlanken Hals bescheiden umschlang.
Sie hier, stammelte endlich der junge Graf, wie bin ich so glucklich, Sie hier zu finden. Setzen Sie sich zu mir, sagte Therese mit vor seliger Freude feuchten Augen, ich will Ihnen Alles erzahlen.
Der Graf nahm einen Stuhl neben ihr ein, und die Welt umher entschwand ihm. Er horchte mit Entzukken auf die Tone, die den rothen Lippen begeisternd entschwebten; das im schonen Gefuhle der Dankbarkeit befeuchtete Auge blickte so rein, so zartlich in das seine, dass er dem Zauber zu erliegen furchtete; die Fassung wollte ihn verlassen; die Rucksicht auf die Gesellschaft entschwand ihm, und er war nahe daran, zu den Fussen des Wesens hinzusinken, das ihm wie durch ein Wunder so verschonert, so veredelt zuruckgegeben wurde, nachdem es von ihm mit finster menschenfeindlicher Verzweiflung betrauert worden war.
Die Grafin hatte schon langst das Auffallende einer so langen und innigen Mittheilung in einer grossen Gesellschaft bemerkt; sie war einige Male vorbei gegangen, aber die jungen Leute waren zu sehr mit sich beschaftigt, als dass sie auf einen leichten Wink hatten achten konnen. Die Grafin bot also Theresen die Hand, als hatte sie ihr etwas zu sagen, und fuhrte sie, freundlich mit ihr sprechend, von dem jungen Grafen hinweg, dessen trunkene Augen jeder Bewegung seiner reizenden Freundin folgten.
Die Musik spielte einen franzosischen Kontretanz, und St. Julien forderte Theresen auf, neben der die Grafin sass, die ihrer jungen Freundin noch einige Worte zuflusterte, woruber diese wie die schonste Rose errothete, indem sie doch zugleich liebevoll zu der Grafin auflachelte. Der junge Graf war mit seinen Gedanken wenig bei dem Tanze, man sah es ihm an, dass Gefuhle seine Brust bewegten, die er sich vergeblich zu beherrschen bemuhte.
Der Tanz war geendigt, und St. Julien hatte Theresen kaum zu ihrem Sitze zuruckgefuhrt, als der junge Graf hastig zu ihm trat, seinen Arm merklich druckte und mit bewegter Stimme ihm eilig zuflusterte: Folgen Sie mir auf einige Augenblicke in den Garten. St. Julien war erstaunt; der heftige Druck, das gluhende Auge, die bewegte Stimme des Grafen, der schon den Saal verlassen hatte, liessen auf eine Erneuerung der Feinschaft schliessen, und er folgte ihm missvergnugt daruber, dass er ihm die wenigen Stunden der Freude zu verbittern strebte.
Der junge Graf sturmte durch die Gange des Gartens, so dass St. Julien ihn mit Muhe erreichte, und beide standen endlich auf demselben von Gebuschen umgebenen Platze, wo sie den Morgen ihr feindliches Gesprach gefuhrt hatten. Es war eine stille, warme Nacht, der Mondschein ruhte auf dem Laube der Baume und breitete seinen Silberschimmer uber den Rasen aus, ein Springbrunnen platscherte in der Nahe, und nur einzelne Tone der Musik klangen wie lockend zu ihnen vom Schlosse herunter.
Der Graf wendete sich hier plotzlich, und indem er St. Juliens Arme, die dieser uber die Brust zusammen geschlagen hatte, mit beiden Handen heftig fasste, rief er: St. Julien, ich muss reden, heute noch; mein Herz wurde sonst zerspringen; ich konnte das Gefuhl der Qual und Seligkeit nicht diese Nacht hindurch ertragen. Nicht wahr, rief er aus, indem ihm die Thranen uber die Wangen stromten, es ware lacherlich, wenn Einer von uns den Andern fur feig halten wollte, da wir Beide, jeder fur sein Vaterland, aus schmerzlichen Wunden geblutet haben; desshalb sind fur uns solche abgeschmackte Rucksichten nichts, und was sind alle Rucksichten gegen mein Gefuhl; hier an derselben Stelle, wo ich Sie beleidigte, bitte ich Ihnen mein Unrecht ab; hier sage ich Ihnen, dass ein wilder Schmerz mich dahin brachte, Sie gern zu verkennen, dass ich einen Zweikampf suchte, um mein Leben darin zu endigen, und hier antworten Sie mir, ob Sie mein Gefuhl mit derselben Freimuthigkeit erwiedern konnen.
Bester Graf, sagte St. Julien mit Ruhrung, Sie sind so erschuttert, dass Ihr Zustand mich besorgt macht, lassen Sie uns vergessen, dass wir uns gegenseitig verkannt haben, und schenken Sie mir Ihre Freundschaft.
Freundschaft? wiederholte der Graf mild lachelnd; ja, lassen Sie uns Freunde sein, und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzuckens ertragen, die mich beide zu vernichten drohen. Sie mussen es erfahren, fuhr er nach einem kurzen Schweigen, wahrend dessen er sich gesammelt hatte, massiger fort, was mich bei meiner Ankunft hier auf dem Schlosse in jene unselige Stimmung versetzt hatte, und wodurch jetzt mein Gefuhl so ganzlich umgewandelt worden ist, damit Sie mich nicht fur einen Thoren halten, dessen Zorn eben so wenig, als seine Freundschaft Achtung verdienen.
Sie mussen wissen, dass ein grosser Theil unseres Adels mit der Armuth kampft, und zu diesen Unglucklichen gehort mein Vater. Von fruhester Kindheit an horte ich es beklagen, dass mein Oheim hier das gesammte Familen-Vermogen mit Unrecht besitze; es wurden oft ohnmachtige Plane gegen ihn entworfen, und man behauptete, dass hauptsachlich meine Tante ihn abhielte, sich mit meinem Vater in Unterhandlungen einzulassen. Auf mich machte diess Alles keinen tiefen Eindruck, ausser, dass ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine Tante fasste. Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Noth, als aus Neigung; ich lernte fruh entbehren, denn mein Vater konnte mich nur wenig unterstutzen, von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zuruck, einen Bruder hatte ich nicht, und so lebte ich die schonsten Jahre der Jugend in tiefer Einsamkeit des Herzens.
Endlich lernte ich ein Wesen kennen, in noch beschrankterer Lage, als ich selbst, dessen zarte Schonheit, die wie eine Knospe im Erbluhen war, dessen edle Eigenschaften, die sich unter den ungunstigsten Umstanden dennoch herrlich zu entwickeln begannen, tausend zarte Bande um mein Herz legten, und ich lernte eine Seligkeit kennen, die ich in diesem armen Leben nie geahnet hatte. Ich erwartete von meinem Vater nichts, aber ich hoffte, dass sein Gut ihm die Mittel zur Existenz gewahren wurde, so lange er lebte. Ich war Stabsrittmeister, und es konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange wahren, dass ich eine Eskadron bekommen musste; dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen, in dessen unschuldigen Augen ich zu meinem Entzucken las, dass sie, vielleicht ohne es zu wissen, auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute. Der Krieg begann, und ich musste mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwurdigen Vater trennen. Bei Eylau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles, was ich an irdischen Besitzthumern mein nennen konnte. Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt, dass ich reisen konnte, und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch moglich. Ich kam bei meinem Vater an, den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte, und in den ersten Stunden schon uberzeugte ich mich, dass er vollig zu Grunde gerichtet war, wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte. Ich war kaum einige Tage bei meinen Eltern, als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt wurde, und in Folge der grossen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen Abschied. Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgetheilt, dass mein Oheim damit umgehe, das gesammte Vermogen einem Fremden zuzuwenden. Mich erbitterte mehr, als alles Andere, die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater, und ich liess mich bestimmen, die Reise hieher zu unternehmen; ich war hiezu um so lieber bereit, da mich die grosste Unruhe qualte uber das Schicksal meiner Freunde, alle meine Briefe waren unbeantwortet geblieben, und die heisseste Sehnsucht erfullte mein Herz.
Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen. Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin starken und erfreuen; ich hoffte selbst Rath von ihrem Vater, vor Allem aber wollte ich sie sehen und uber ihr Schicksal beruhigt sein; so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der heissesten Sehnsucht endlich ihre Wohnung. Fremde Menschen kamen mir entgegen; ich fragte nach dem Obristen Thalheim, ein plumper breiter Mensch fragte: Meinen Sie den vorigen Pachter? Nun ja, das war ja der Obrist Thalheim, rief ein Weib aus einem Winkel. Der ist ganzlich hier verarmt, erganzte nun der widrige Mensch; vorigen Winter wurde er hinaus getrieben und wird nun wohl schon gestorben sein. Und seine Tochter? fragte ich mit hochster Anstrengung. Gott weiss, sagte der Mensch, wo das Madchen hingekommen sein mag; wie kann man es wissen, da Freunde und Feinde hier durchgezogen sind. Ich weiss nicht, wie ich das Haus verlassen habe; ich weiss nicht, was ich auf dem Wege hieher dachte und fuhlte. Mit dieser Qual im Herzen kam ich hier an. Alles kam mir nun feindselig vor, ja selbst der sichtbare Wohlstand emporte mich, denn ich dachte an die Entbehrungen meines Vaters; mir fiel es ein, dass vielleicht ein kleiner Theil dessen, was hier uberflussig ausgegeben wird, das edelste Geschopf erhalten hatte. Dunkel schwebte mir dabei vor, dass ich doch meinem Vater nicht einmal wurde nutzen konnen, und diese Gefuhle brachten mich dahin, das Ende meines Lebens zu suchen. Konnen Sie nun die Stimmung begreifen, die mich dazu trieb, den Streit mit Ihnen zu beginnen? St. Julien druckte seine Hand, und der junge Graf fuhr fort: Ich war nicht so verstockt, dass ich nicht dennoch mein Unrecht empfunden hatte; ich war entzweit mit mir selbst; ich entzog mich den Blikken aller Menschen und schweifte auf den Bergen umher, um in der Einsamkeit das Gleichgewicht wieder zu finden, das meine Seele verloren hatte; die Sturme meines Busens wurden gekuhlt, eine edlere Trauer ruhte mir im Herzen, und ich beschloss schon auf meinem einsamen Spaziergange, mich naher gegen Sie zu erklaren. Mit solchen Empfindungen kehre ich zuruck und finde hier, begreifen Sie mein staunendes Entzucken, die Freundin meines Herzens mit allen Zeichen des Wohlstandes umgeben, bluhender, schoner, als ich sie jemals kannte. Ihr leuchtendes Auge goss den Strahl des Friedens in meine Seele, von ihren Purpurlippen erfuhr ich, wie sie und ihr Vater schon am Rande des entsetzlichsten Abgrundes gestanden hatten; hier vernahm ich, welche Hand sie erhalten, dass mein Oheim wie ein edelfuhlender Mensch ihr Leid getheilt, wie ein milder Engel sie darin getrostet und wie ein helfender Gott sie mit starkem Arm daraus errettet hatte. Ich vernahm, mit welcher schonenden Grossmuth meine gutige Tante das Werk ihres Gemahls vollendete; wie ihr edler, gebildeter Geist alle schonen Keime zu entwickeln strebt, die in Theresens Seele ruhen; ich erfuhr, wie diess himmlische Geschopf hier nur Liebe und Freundschaft umgegeben, und sie heben und tragen auf den Wegen des Lebens. Liebe, Bewunderung, Entzucken durchbebten mein Herz, aber zugleich die brennende Scham uber die verachtlichen Grunde, die mich dazu gebracht hatten, mich diesen Menschen feindlich gegenuber zu stellen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ich ware zu Theresens Fussen gesunken und hatte allen meinen Empfindungen Worte gegeben, wenn nicht meine Tante das holde Geschopf in demselben Augenblicke von meiner Seite genommen hatte.
Und nun, mein theurer Freund, sagte St. Julien, werden Sie doch gewiss schon den Entschluss gefasst haben, sich mit Offenheit an Ihren Oheim zu wenden, und werden eben so, wie ich, uberzeugt sein, dass Sie einen vaterlich helfenden Freund an ihm finden werden?
Es kann nicht sein, sagte der junge Graf, dass mein Oheim das Vermogen besitzt, welches zum Theil meinem Vater zukame; sein edler Charakter wurde ihn sonst langst bestimmt haben, Gerechtigkeit zu uben, und mein Vater schwebt gewiss daruber, wie uber vieles Andere, im Irrthume; aber es sei, wie es will, ich werde mit meinem Oheim uber Alles sprechen, und wenigstens zwischen uns soll ein reines Verhaltniss stattfinden.
St. Julien konnte den Entschluss des jungen Grafen nur loben und erinnerte ihn nun daran, dass sie schon lange aus dem Gesellschaftssaale entfernt waren und diess leicht auffallen konnte.
In der That hatte der Graf die Abwesenheit der beiden jungen Manner bemerkt, die ihm bei der feindlichen Stellung, die sie gegen einander annahmen, mancherlei Besorgnisse erregte; um so grosser war also seine Verwunderung, als sie Arm in Arm eintraten, und ihre Blicke wie ihre ganze Haltung zeigten, dass auf ein Mal eine innige Vertraulichkeit an die Stelle feindseliger Kalte getreten war.
Der junge Graf naherte sich seiner schonen Freundin von Neuem und fragte mit schmeichelnden Blikken: Darf ich nicht wissen, was meine Tante Ihnen sagte, als sie vorhin unsere Unterredung storte? Warum sollte ich Ihnen das nicht mittheilen durfen, antwortete Therese, indem sie die grossen, dunkeln Augen mit dem Ausdrucke der reinsten Unschuld zu ihrem Freunde erhob; die Grafin sagte mir: Ich werde gewiss, mein liebes Kind, Dich nicht mit unzeitiger Zudringlichkeit storen, wenn wir unter uns sind und lauter wohlwollende Menschen Dich umgeben; dann kannst Du ohne Ruckhalt Deinem Freunde alles mittheilen, was ihm wichtig scheint, aber hier, jetzt unter so vielen fremden Menschen, ist es besser, wenn Du keine so langen und angelegentlichen Unterredungen mit ihm fuhrst. Und Sie wunschen den Rath meiner Tante zu befolgen? fragte lachelnd der Graf. Wenn es Sie nicht krankt, wunsche ich es wohl, erwiederte Therese aufrichtig, denn die Grafin behandelt mich so mutterlich, ihr Rath ist so wohl gemeint, dass ich ungern davon abweichen mochte.
Da wir denn nicht viel mit einander sprechen durfen, sagte der junge Graf, so werden Sie es mir doch gewiss nicht abschlagen, mit mir zu tanzen? O gewiss nicht, rief Therese, ich habe mich schon lange daruber gewundert, dass Sie ganz weggegangen waren und nicht einmal Lust bezeigten, mit mir zu tanzen. Und dahin schwebten Beide durch den Saal zum grossten Erstaunen des Grafen, der die Verwandlung seines finstern Vetters gar nicht begreifen konnte und doch auch sich nicht aufklaren mochte, weil er eine lange vertrauliche Unterredung mit St. Julien in dieser gemischten Gesellschaft nicht suchen wollte.
So war unter Tanz, Spiel und heitern Gesprachen ein grosser Theil der Nacht verschwunden, und die Gesellschaft begab sich nach dem Speisesaale zur Abendtafel. Die geschmackvolle Verzierung der Tafel, die glanzende Beleuchtung, machten dem Haushofmeister eben so viel Ehre, als die Fulle der auserlesenen Speisen und Getranke. Die feurigen Weine erhohten die Heiterkeit der Gaste, und auch die, welche sich bis jetzt ruhig gehalten hatten, wollten nun durch Witz und muntere Einfalle ihren Zoll zur allgemeinen Freude beitragen. Freilich trafen nicht Alle immer das Beste, und oft erhob sich Gelachter aus ganz andern Grunden, als der beabsichtigte, welcher es erregte; aber doch umschwebte die Freude die Tafel. Endlich neigte sich auch diese Lust zu Ende, und der Haushofmeister schenkte schon den perlenden Champagner ein; der Baron Lobau sah mit angstlichen Blicken den Grafen an, der ihn sogleich verstand, ein Glas nahm und, indem er aufstand, mit lauter Stimme rief: Auf das Wohl unseres theuern Landesvaters, unseres geliebten Konigs, den uns Gott lange erhalten moge! Ein langer schmetternder Tusch von Trompeten bestatigte die ausgebrachte Gesundheit, und es war, als ob die Tone in jeder Brust das gleiche Gefuhl der Liebe und Hingebung hervorriefen, Aller Augen glanzten in Thranen, alle Stimmen wiederholten die Worte, und selbst der Baron Lobau, der die Sache wie eine Formlichkeit betrieben hatte, fand unvermuthet eine Empfindung in seinem Busen, die auch seine Augen befeuchtete. Er hatte sich nicht auf den Grafen verlassen und befurchtet, dass in Ansehung dieses wichtigen Gesundheitstrinkens nicht die gehorige Anordnung getroffen sein mochte, desshalb hatte er es nicht verschmaht, in einem unbeachteten Augenblicke den Haushofmeister aufzusuchen und ihm selbst das Nothige aufzutragen, und blickte nun mit einem Gefuhl von Stolz gleichsam in die Trompetentone hinein, die er glaubte veranlasst zu haben.
Nach der Abendtafel wollten noch Einige den Tanz zu erneuern suchen, aber auch die Lust ermudet den Menschen, und da der Tag schon wieder zu dammern begann, so trennte sich die ermudete Gesellschaft.
XVIII
Als nach einer Ruhe von einigen Stunden der Graf sich wieder von seinem Lager erhoben hatte, saumte Dubois nicht, aus doppelten Grunden, sogleich vor dem Herrn zu erscheinen; zuerst wollte er erfahren, ob der Graf mit der ganzen Anordnung des Festes zufrieden gewesen sei, und dann glaubte er, dass es gut gethan sei, wenn er ihm die Unterredung mittheilte, die er mit dem Knaben Gustav gehabt hatte.
Als ihn der Graf erblickte, rief er: Ei, ei, guter Dubois, sind Sie schon aufgestanden, nach der grossen Anstrengung, die Sie gestern hatten? Sie sollten sich mehr schonen, Sie sollten daran denken, dass Sie sich uns noch lange erhalten mussen. Dubois lachelte entzuckt uber diese Gute und versicherte, dass er gar keine Mudigkeit fuhle, auch, fuhr er fort, stand mir der Knabe des jungen Herrn Grafen mit so vieler Gewandheit und Einsicht bei, dass ihm ein grosser Theil des Lobes gebuhrt, wenn wir uberhaupt Lob verdient haben.
Alles war vortrefflich, sagte der Graf, jede Anordnung verstandig; wie lasst sich das auch von Ihnen anders erwarten; Sie haben in Paris eine so gute Schule gehabt; und Alles war so eingerichtet, wie ich es liebe; Jeder wohl versorgt, auch der geringste Gast beachtet, ein anstandiger Ueberfluss ohne alle Prahlerei; durch Ihre Muhe war es ein so wohlgeordnetes Fest, dass ich Ihnen recht sehr dafur danke. Gewiss, sagte der Haushofmeister, ich bin innig erfreut uber die Zufriedenheit meiner hohen Herrschaft, aber doch muss ich der Wahrheit gemass eingestehen, dass ich mir ohne den lieben Knaben Gustav gar nicht in dem Grade diese mir so theure Zufriedenheit hatte erwerben konnen.
Was ist es mit dem Knaben, fragte der Graf, denn es scheint mir, dass Sie seiner nicht ohne Absicht gedenken?
So ist es, erwiederte Dubois und liess sich gern bereit finden, Alles, was er von dem Knaben wusste, mitzutheilen. Der Graf horte nicht ohne Theilnahme dessen traurige Geschichte und sagte, als sie geendigt war: Wie bereit doch ein Jeder ist, dem Andern Unrecht zu thun; ich hatte meinem finstern, kalten Vetter nicht so viel Menschlichkeit zugetraut, und ich war sehr geneigt, das fur seinen Charakter zu erklaren, was vielleicht nur die Folge eines eben erduldeten Unglucks sein mag. Ich hielt es desshalb fur meine Pflicht, erwiederte Dubois, das Alles zu berichten, damit nicht vielleicht die Mitglieder eines verehrten hohen Hauses durch Missverstandnisse noch mehr von einander getrennt werden. Sie sind ein verstandiger Mann, sagte der Graf mit Gute, und ich habe es oft mit Dank erkannt, dass Sie alles, was zu meinem Vortheil gehort, wie ein Freund berucksichtigen. Diess ist die Pflicht eines treuen Dieners, sagte der alte Mann mit vor Ruhrung bebender Stimme, aber nicht immer wird diese Pflicht gegen so edle Herren ausgeubt. Ich bin so dreist gewesen, fuhr er sich beherrschend fort, dem Burschchen Gustav den Gebrauch der Bibliothek zu gestatten, ohne um Ihre Erlaubniss dazu erst nachzusuchen, wie ich hatte thun sollen, aber die Geschafte des Tages verhinderten mich, und ich hoffe, der Herr Graf verzeihen mir diese Freiheit. Sie haben auch daran Recht gethan, mein guter Dubois, sagte der Graf, wie ich alles, was Sie fur den unglucklichen Knaben gethan haben, nur loben kann, und gewiss werde ich es nicht unterlassen, Ihre guten Absichten mit ihm nach besten Kraften zu unterstutzen. Das Wort war gesprochen, welches Dubois von der Grossmuth seines Herrn erwartet hatte, und er ging in jeder Hinsicht befriedigt hinweg. Kaum hatte der Haushofmeister den Grafen verlassen, als St. Julien mit ganz ungewohnlicher Heiterkeit hereintrat. Sie wollten kein Friedensfest, rief er lachend, nachdem er den Grafen umarmt hatte, aber wenn Sie auch dabei bleiben wollen, das gestrige Fest nicht so zu nennen, so haben Sie doch meinen Frieden mit einem heftigen Feinde dadurch gestiftet und, setzte er mit Herzlichkeit hinzu, ihn in meinen aufrichtigen Freund verwandelt.
Dann ware durch eine geringe Ursache eine grosse Wirkung hervorgebracht, sagte der Graf lachelnd, aber theilen Sie mir doch mit, wie die Verwandlung sich begeben hat, die ich schon gestern bemerkte.
St. Julien wurde ernsthaft und erzahlte dem Grafen das ganze, anfanglich so feindliche und dann so ruhrend herzliche Benehmen des jungen Grafen; er theilte ihm Alles mit, was er von ihm selbst erfahren hatte, und sein Zuhorer konnte sich des Mitgefuhls nicht erwehren.
Der arme junge Mann, rief er, als St. Julien geendigt hatte, er hat Vieles durch ein hartes Geschick erduldet und sehr Vieles durch die ungereimte Falschheit seines Vaters, der den eigenen Sohn hintergeht, um ihn zu Schritten zu bewegen, die ihn nur hatten herabwurdigen konnen. Ich sehe das deutlicher ein, als Sie, mein lieber Freund, und zweifeln Sie nicht, ich werde dem Vertrauen meines Vetters so begegnen, wie ich hoffe, dass es fur uns Alle wohlthatig sein soll.
Nur gedenken Sie meiner nicht dabei, sagte St. Julien, denn ich weiss nicht, ob unsere junge Freundschaft nicht dadurch erschuttert werden konnte, wenn er darauf kame, zu glauben, ich habe sein Vertrauen missbrauchen wollen.
Sein Sie unbesorgt, sagte der Graf lachelnd, ich werde ja nicht den kaum geschlossenen Frieden storen wollen.
Die Gesellschaft versammelte sich spat zum Fruhstuck, und die heiteren Erinnerungen an den gestrigen Tag wurden gehemmt und unterbrochen, weil man bemerkte, dass der junge Graf seine Gedanken auf andere, ernsthaftere Gegenstande richtete, und dass auch sein Oheim diesen Dingen wenig Aufmerksamkeit schenkte und hauptsachlich ein Gesprach mit seinem Vetter einzuleiten suchte. Endlich nach beendigtem Fruhstuck bat er diesen, ihm in sein Kabinet zu folgen, weil er sich uber manche Gegenstande mit ihm zu unterreden wunsche. Der junge Graf folgte schweigend, nicht ohne peinliche Empfindungen, weil er nicht wusste, welche Wendung eine Unterredung nehmen wurde, die er wunschte und furchtete.
Als sie allein waren, sagte der Graf: Ich glaube, mein lieber Vetter, Sie haben es leicht bemerken konnen, dass Offenheit und Freimuthigkeit die Hauptzuge meines Charakters sind; ich befurchte nicht mich zu tauschen, wenn ich dieselben Eigenschaften bei Ihnen voraussetze, es ist uns also ohne Frage beiden gleich qualend, wenn wir eine Spannung zwischen uns erhalten, die vielleicht durch eine offenherzige Unterredung aufgehoben werden kann. Der junge Graf fand auf diese Anrede keine Antwort und begnugte sich mit einer stummen Verbeugung. Ich will den Anfang des Vertrauens machen, fuhr sein Oheim fort, da mich die weitere Bahn, die ich auf dem Wege des Lebens zuruckgelegt habe, vielleicht geschickter dazu gemacht hat, diese Aufgabe zu losen. Ich glaube mich nicht zu irren, setzte er hinzu, wenn ich annehme, dass Sie mich durch Ihren Besuch hier nicht bloss desshalb erfreuen, um die Bekanntschaft eines Verwandten zu machen, sondern dass Sie dazu auch noch durch andere Grunde bestimmt worden sind. Ich kann nicht laugnen, sagte der junge Graf mit einer Verlegenheit, die er nicht bekampfen konnte, mein Vater hat mir mancherlei Auftrage gegeben, die es mir unendlich schwer fallt auszurichten.
Ich glaube, erwiederte ihm sein Oheim, ich kann Ihnen die Eroffnung, die Sie mir machen mussen, erleichtern, wenn ich sage, dass mir im Ganzen der Inhalt Ihrer Sendung bekannt ist. Ihr Vater beabsichtigt seit lange, Anspruche auf einen grossen Theil meines Vermogens geltend zu machen, und die Kenntniss dieser Absicht, die mir mein Rechtsfreund mittheilte, bestimmte mich hauptsachlich hieher zu kommen, wo in einer so wichtigen Angelegenheit meine Gegenwart vielleicht unentbehrlich sein konnte.
Ich kann nicht laugnen, sagte der junge Graf, mein Vater ist uberzeugt, bedeutende Anspruche zu haben.
Ist es Ihnen bekannt, worauf er diese grundet? fragte der Graf.
Mein Vater ist uberzeugt, erwiederte sein Vetter, dass nach dem Tode Ihres Aeltervaters die Summe, welche Ihr Grossvater dem seinigen hatte auszahlen sollen, nie berichtigt worden ist.
Ich kann Sie vom Gegentheil uberzeugen, sagte der Graf, und Ihnen das Dokument uber die vollstandig geleistete Zahlung vorlegen. Er reichte es ihm mit diesen Worten hin und zog sich etwas zuruck, um seinem jungen Verwandten Zeit und Ruhe zum Lesen zu gewahren. Er beobachtete ihn wahrend dieses Geschafts und sah, wie das Gesicht des jungen Mannes wahrend des Lesens erbleichte und das Gefuhl einer volligen Hoffnungslosigkeit sich auf seinen Zugen ausdruckte. Noch eine Zeitlang hielt er das Blatt zitternd in der Hand, und sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf den Buchstaben, die alle seine Erwartungen vernichtet hatten. Endlich nahm er sich zusammen und gab gefasst seinem Oheim die Urkunde zuruck. Es ist so, wie ich es schon fruher ahnte, sagte er mit ruhiger Stimme, es war ein Irrthum meines Vaters. Ihr Vater, rief der Graf mit Heftigkeit und unterbrach sich selbst, er fuhlte, wie hart es ware, einem Sohne zu zeigen, wie weit sein Vater von der Bahn der Ehre abgewichen sei.
Mein Vater, erganzte der junge Graf, muss seinen Irrthum schleunig erfahren, wenn auch dadurch alle seine Hoffnungen vernichtet werden; er muss es wissen, dass wir gar keine Rechte auf Ihr Vermogen haben.
Wenn ich auch zugeben muss, erwiederte sein Oheim, dass Sie diese Rechte in der That nicht haben, horen denn dadurch nothwendig alle Hoffnungen auf? Haben Sie, mein lieber Vetter, denn gar keine Rechte an einen Verwandten? Ueberrascht blickte der junge Graf empor, und sein Oheim fuhr freundschaftlich fort:
Horen Sie mich ruhig an. Ich bin in einer so glucklichen Lage geboren, dass ich von fruhester Jugend an mehr hatte, als ich bedurfte, meine Neigungen waren mehr auf geistige Genusse, als auf kostbare Vergnugungen gerichtet. Die Grafin theilte meine Lebensansichten, und so wurde es bei mir ein Grundsatz, von dem ich niemals abwich, meine Ausgaben immer so einzurichten, dass sie bedeutend unter meinen Einnahmen blieben; durch diese Einrichtung bin ich in der Lage, immer eine Summe bereit zu haben, die ich zum Vortheil eines Freundes verwenden kann, und wenn ich mich auch in mancher Hinsicht uber Ihren Vater zu beklagen habe, so ware es doch vielleicht besser gewesen, wenn ich mich ihm fruher genahert hatte. Ich glaube, dass selbst Sie, mein lieber Vetter, nicht einmal ganz die Gefahr seiner Lage kennen; er ist nahe daran, sich in die Hande eines Menschen zu liefern, der sein gegenwartiges Ungluck und die Bedrangnisse, die in Folge des Friedens eintreten mussen, dazu benutzen wird, um ihm sein Vermogen zu entreissen. Ich erhielt gestern diesen Brief fur Sie, es kann sein, Ihr Vater schreibt Ihnen selbst das Nahere; lesen Sie dieses Schreiben und theilen Sie mir dann das Nothige daraus mit, damit wir gemeinschaftlich uberlegen konnen, wie sich am Besten helfen lasst. Er reichte ihm mit diesen Worten den am vorigen Tage vom Geistlichen empfangenen Brief und entfernte sich, um seinen Vetter ungestort den vielleicht wichtigen Inhalt uberlegen zu lassen.
Erstaunt, besturzt blickte der junge Graf seinem Oheim nach; mit wenigen Worten hatte dieser seine ganze Lage geandert; er hatte es ausgesprochen, dass er die Mittel besitze, ihm zu helfen, und auch den Willen, ihm diese Hulfe zu leisten, und diess war ohne allen Prunk wie eine einfache Handlung abgemacht. Das Leben lachelte ihm wieder entgegen, die granzenlose Noth seines Vaters und seiner Familie war gehoben, und Theresens Bild schwebte eilig seiner Phantasie voruber. In diesem Gedrange mannigfacher Empfindungen hielt er noch immer seines Vaters unentsiegelten Brief in der Hand, und ein zufalliger Blick darauf erinnerte ihn, dass er ihn lesen musse, um seines Oheims wohlthatige Absicht befordern zu helfen.
Wie ganz anders aber wirkte dieses Blatt auf die Gefuhle des jungen Mannes. Es liess sich nicht verkennen, dass es in verzweiflungsvoller Stimmung geschrieben war; in dieser Angst verrieth sein unglucklicher Vater nur zu deutlich, dass er den Sohn getauscht habe, um ihn nur uberhaupt zu einem Schritte gegen den Grafen zu vermogen; er rechnete auf dessen heftigen, reizbaren Charakter und gab ihm viele unwurdige Mittel an die Hand, eine Summe, die er nannte, von dem Grafen auf jeden Fall zu erpressen, indem er diese Handlungsweise ihm nur als Erfullung der Pflichten darstellte, die der Sohn habe, das graue Haupt des Vaters vor schmachvoller Armuth zu bewahren, die krankelnde Mutter und die noch unerwachsenen Schwestern gegen das eindringende Elend zu beschirmen. Wenn Du nun auch, beschloss er diess Schreiben, durch die Erfullung dieser Pflichten einige schmerzliche Stunden mit meinem Vetter, Deinem Oheim, hinbringen musst, so bedenke, dass Du durch diese kurze Selbstuberwindung von uns Allen den Jammer eines langen kummervollen Lebens abwenden kannst.
Der junge Graf fuhlte sich durch diess Schreiben vernichtet. Wie edel und einfach war sein Oheim, ihm vertrauend, entgegen getreten; mit welcher ruhrenden Freimuthigkeit hatte er die Hulfe eines Verwandten angeboten, und wie unwurdig zeigte sich sein Vater dieser Unterstutzung. Mit brennendem Schmerz senkte sich die Ueberzeugung in seine Seele, dass der alte Vater die Achtung des Sohnes nicht verdiene; das bleiche Bild der leidenden Mutter stand ruhrend vor den Augen seines Geistes, und er verstand jetzt den schmerzlichen Zug um den wehmuthig-lachelnden Mund, und sein eignes, von heftigem Leid beangstigtes Herz machte sich Luft durch den klagenden Ausruf: Ach, Du arme, Du ungluckliche Mutter!
Der Graf hatte erwartet, sein Vetter wurde ihm bald folgen, um das Nothige uber das eingeleitete Geschaft zu verabreden; nachdem er aber lange vergeblich auf ihn gewartet hatte, kehrte er nach seinem Kabinet zuruck und fand dort seinen jungen Verwandten in einem Zustande der Trostlosigkeit, der ihn erschreckte. Was ist geschehen, lieber Vetter? rief er ihm angstlich zu; welch Ungluck hat Ihre Familie betroffen? Der junge Graf sass an einem Tische, auf den er die Ellbogen gestutzt hatte, um das Gesicht in die flachen Hande zu versenken; er erhob sein bleiches Antlitz, als er angeredet wurde, und sagte mit zitternder Stimme: Ich verliere alles Zutrauen zu mir selber, Alles, was mir heilig war, fangt an mir ein Irrthum zu erscheinen, und ich mochte beinah wunschen, gar nichts Achtungswerthes im Leben mehr anzutreffen, um mich uber mein Ungluck zu trosten.
Wie kommen Sie zu so seltsamen Gedanken? fragte der Graf. Lesen Sie diess Blatt, erwiederte sein Vetter, denn ich will Sie nicht hintergehen, wenn es mir auch als eine Pflicht befohlen wird, Sie mussen wissen, Wem Sie Ihre Hulfe anbieten.
Der Graf hatte den Brief gelesen und sagte mit Gute: Sie haben zu wenig in der Welt gelebt, mein lieber Vetter, desshalb ist Ihr Gefuhl so reizbar geblieben. Es ist gewiss ein grosses, tief eingreifendes Ungluck, wenn ein Kind die Einsicht bekommt, dass der Charakter seines Vaters Schwachen hat, die das Unbedingte in der Achtung des Knaben aufheben, aber Sie sind ein Mann, Sie mussen mit dem Gedanken vertraut sein, dass die menschliche Natur uberhaupt unvollkommen ist, und mussen daher diese Unvollkommenheit auch bei Ihrem Vater ertragen. Der junge Graf fand sich wenig durch diese Ansicht getrostet, doch beruhigte er sich nach und nach bei dem fortgesetzten Zureden seines Oheims. Es ist vielleicht zu Ihrer aller Gluck, schloss dieser endlich, denn diess muss Sie bestimmen, die Leitung seiner Angelegenheiten nach und nach aus seinen Handen zu nehmen, ohne die Rucksichten zu verletzen, die Sie als Sohn ihm schuldig sind; und wenn Sie ihn von den Geschaften entfernen und jede Sorge von ihm abwenden konnen, so wird auch manches Nachtheilige, durch die Noth Erzeugte aus seinem Charakter schwinden.
Man kehrte nun beruhigter zu dem Briefe zuruck, und der Graf ersah daraus, was er durch den Geistlichen schon wusste, dass eine bedeutende Summe sogleich nothig sei, wenn das Vermogen seines Verwandten nicht in die Hande des alten Lorenz fallen sollte, und dass noch andere Unterstutzungen erforderlich waren, um Ordnung in die Geschafte zu bringen. Er rieth nun seinem Vetter, selbst zuruckzureisen, mit der nothigen Summe, um nur den alten Lorenz gleich aus dem Hause zu bringen; seinen Vater zu uberzeugen, dass er durch kein Mittel der Gewalt oder List etwas erhalten konne, dass aber der Graf bereit sei, aus Freundschaft fur den Sohn jeden erforderlichen Beistand zu leisten, dass aber auch dann dieser allein fur Alles die Verantwortung ubernehme und folglich die Geschafte durch seine Hande gehen mussten.
Der junge Graf wollte den andern Tag abreisen, um die wohlgemeinten Plane seines Oheims in Ausfuhrung zu bringen. Das ist unmoglich, rief der Graf; Sie mussen ubermorgen das Friedensfest bei dem Baron Lobau mit feiern helfen, ich habe es ihm in Ihrem Namen versprechen mussen. Und soll denn meine arme Mutter so lange in der Angst erhalten werden? sagte sein Vetter, der den Vater nicht zu nennen wagte.
Das ware grausam, schreiben Sie sogleich; wir senden einen Boten, und Sie ersparen sich zugleich die Verlegenheit, unangenehme Dinge mundlich zu sagen, die doch beruhrt werden mussen. Er fuhr nun fort seinem jungen Verwandten seine Rathschlage zu ertheilen, die diesem eben so mild als vernunftig erschienen. Und, schloss er, wenn Sie sich dann genaue Kenntniss von Ihrer Lage verschafft haben, dann kehren Sie zu mir zuruck und bleiben wenigstens einen Monat bei mir, damit auch wir uns genauer kennen lernen, indem wir Ihre Geschafte ordnen; und dann wollen wir auch gemeinschaftlich fur das Fortkommen Ihres Knaben sorgen, von dem mir der gute Dubois so viel Ruhmliches gesagt hat. Der junge Graf konnte nur einige Worte des Dankes stammeln; die heftige Ruhrung machte es ihm unmoglich, Ausdrukke fur sein Gefuhl zu finden, er verliess seinen Oheim, um auf den nahgelegenen Bergen umher zu schweifen und in der freien Natur die mannichfachen Empfindungen der Liebe, der Achtung, der wiederauflebenden Hoffnung und des Schmerzes uber seinen Vater, die in seinem Busen sturmten, zu besanftigen. Nach einer Stunde kehrte er beruhigter zuruck unb schrieb nun den peinlichen, aber nothwendigen Brief an seinen Vater, auf den der Bote schon wartete.
Am Nachmittage war die Luft so mild und still, dass er die Gesellschaft im Garten versammelt fand, als er von einem Besuch, den er beim Obristen Thalheim gemacht hatte, zuruckkehrte. Der Prediger war ebenfalls gekommen, und ihm schallte Gelachter und die streitende Stimme des Arztes aus dem Garten entgegen. Es wird Niemand behaupten konnen, horte er noch den Arzt empfindlich rufen, dass ich nicht die Fahigkeit hatte, den Takt der Musik zu horen und mich im Tanze danach zu richten.
Das behauptet auch Niemand, erwiederte St. Julien, es ist bloss die Standhaftigkeit Ihres Charakters, die Sie bestimmt, sich immer auf einer Stelle herum zu drehen. Ihre Dame mag dagegen thun, was sie will, Sie lassen sich nicht beherrschen, und wenn die Andern den Umkreis gemacht haben und endlich Alle wieder auf ihren Platzen stehen, so nehmen Sie den Ihrigen mit besserem Rechte ein, als jeder Andere, weil Sie ihn so standhaft behauptet haben.
Sie sind ein Spotter, sagte der Arzt argerlich, und wenn Sie nicht ein Mensch waren, den ich aus dem Rachen des Todes errettet hatte, so wurde ich ernstlich bose werden.
Und das wurde mich ernstlich kranken, sagte St. Julien, indem er dem leicht versohnten Gegner freundlich die Hand bot.
Es ware traurig, sagte die Grafin zu dem Arzt gewendet, wenn Sie das Friedensfest des Barons in Feindschaft mit Ihrem kaum hergestellten Patienten besuchen wollten, oder sich wohl gar durch ihn bestimmen liessen, das Tanzen aufzugeben.
Das werde ich nicht, rief der Arzt, es ist die Pflicht eines Jeden, zur Unterhaltung einer Gesellschaft nach besten Kraften beizutragen, die durch so viele Muhe und Anstrengung versammelt wird.
Und wie weise, sagte die Grafin, hat es der gute Baron eingerichtet, dass er uns zwei Tage Ruhe zwischen den Festen gonnt, denn wer vermochte die Last dieser Freuden zu ertragen, wenn sie ohne Erholung auf einander folgten.
Es ist das erste Mal, sagte St. Julien, dass ich Gelegenheit gehabt habe, die Zurustungen zu einer grossen Gesellschaft auf dem Lande zu beobachten, und ich habe bemerkt, dass eine solche Freude sich einigermassen mit einer Schlacht vergleichen lasst; bedeutende Helden sind geblieben; ich sah, dass ein krummgehorntes, schwer hinwandelndes Rind der allgemeinen Freude sein Leben zum Opfer bringen musste, aber doch haben die leichten Truppen am Meisten gelitten, das Gakeln im Huhnerhofe hat sich seit der grossen Katastrophe bedeutend vermindert.
Die grosste Beschwerde, bemerkte der Graf, verursacht bei solchen Gelegenheiten die grosse Menge Pferde und verschiedenartiger Bedienten, die alle wieder ihre Rangordnung unter einander haben, die anerkannt werden muss; die begleitenden Kammerdiener durfen nicht mit den gewohnlichen Bedienten vermischt werden; die Kutscher und Vorreiter trennen sich von diesen, die Kammerjungfern wollen hoher geachtet werden als die Kinderwarterinnen, die auch bei solchen Gelegenheiten nicht fehlen, und so gibt es in den unteren Zimmern zehn verschiedene Gesellschaften zu bewirthen, wenn sich eine in den Salen des Hauses versammelt.
Storend ist es mir gewesen, sagte St. Julien, dass oft auf eine Dame musste gewartet werden, wenn ein Tanz anfangen sollte, weil sie eben ihr Kind trankte, oder dass aus den entfernten Zimmern sich zuweilen das Geschrei der Kinder vernehmen liess, deren Bedurfniss die Mutter nicht befriedigen konnte, weil die Quadrille noch nicht beendigt war.
Es ist eine moderne Thorheit, sagte die Grafin, dass die Frauen glauben, sie erfullen eine wichtige mutterliche Pflicht, wenn sie ihre Kinder selbst tranken.
Wie! rief der Prediger, halten die Frau Grafin diess nicht fur die erste Pflicht einer Mutter?
Wenn eine Mutter, erwiederte die Grafin, ihr Kind so sehr liebt, dass sie ihm die erste Nahrung durchaus selbst reichen will, so ist diess weder Tugend noch Pflicht zu nennen, die Mutter befriedigt bloss ihr eigenes Gefuhl; es versteht sich, dass ich hier nur von den wohlhabenden Muttern spreche, denn wenn eine arme Frau von schwacher Gesundheit, ohne hinreichende Nahrung und Pflege, die letzten Krafte aus Noth und Liebe aufopfert, und recht eigentlich ihr Kind ihr Leben saugen lasst, so ist diess ganz etwas anders; ich spreche bloss von unseren Damen, und ich meine, wenn diese eine solche Pflicht ubernommen haben, dass sie sie dann auch ganz erfullen mussten.
Nun diess thun doch wohl alle Mutter, erwiederte der Prediger.
Ich glaube, wenn eine dieser Mutter, sagte die Grafin, eine Amme bei ihrem Kinde hatte, die es sich beikommen liesse, eine Nacht hindurch tanzen zu wollen, dass sie sehr unzufrieden damit sein wurde; aber, wie gesagt, es ist eine moderne Thorheit, und es ware hart, wenn die jungen Frauen alle Lust des Lebens aufgeben sollten, weil sie etwas unternommen haben, was sich mit dieser Lust nicht vereinigen lasst.
Es ist wahr, rief der Arzt, die Frauen sind auf die Hauslichkeit angewiesen von der Natur, diess ist ihre wahre und einzige Bestimmung.
Das ist eine Behauptung, der sich gar nicht widersprechen lasst, sagte die Grafin, ob ich gleich uberzeugt bin, dass wir beide einen ganz verschiedenen Sinn damit verbinden.
Und ich denke, meinte der Prediger, der Begriff der Hauslichkeit liesse sich leicht feststellen, und es konnte nicht schwer fallen, die Pflichten einer Frau auseinander zu setzen, die hauptsachlich in hingebender Liebe bestehen. Ich habe es immer getadelt, dass bei der Erziehung der jungen Madchen mehr darauf gesehen wird, dass sie glanzen sollen, als dass man sie zu kunftigen Gattinnen bildet, die ihre Pflicht erfullen konnten, die doch hauptsachlich darin besteht, den Mann zu beglucken.
Ich mochte nicht gern, sagte die Grafin, einen oft gefuhrten Streit von Neuem fuhren, es sind so unzahlige Bucher geschrieben worden, die davon ausgehen, den Satz als unbestreitbar hinzustellen, dass die Frauen dazu da sind, die Manner zu beglucken, und deren Verfasser sich nur in Rathschlagen erschopfen, wie diess am besten zu bewerkstelligen sei, dass viel Muth dazu gehort, sich gegen die allgemeine Ansicht aufzulehnen.
Wie! rief der Prediger, ist es moglich, an der edelsten Bestimmung des Weibes zu zweifeln?
Wurden Sie nicht finden, Herr Prediger, sagte die Grafin, dass es eine seltsame Anmassung ware, wenn Jemand behaupten wollte, es sei die erste und heiligste Pflicht der Manner, ihre Frauen zu beglucken; sie waren eigentlich nur dazu da; und halten Sie den Schopfer fur so partheilich, dass er ein Geschlecht bloss dazu erschaffen haben sollte, damit das Andere begluckt wird? Ich glaube, dass sich beide Geschlechter erganzen, dass aber beide ihre Selbststandigkeit bewahren mussen, und der grosste Fehler in der weiblichen Erziehung liegt wohl darin, dass auf diese Selbststandigkeit wenig Rucksicht genommen wird und die armen jungen Madchen nur fur ihre kunftigen Gatten gebildet werden.
Der Geistliche wollte die Grafin unterbrechen, aber, ohne es zu bemerken, fuhr sie fort: Warum sollen die Talente, die Fahigkeiten und alle schonen Eigenschaften der Seele eines jungen Madchens nicht eben sowohl ausgebildet werden, als die eines Knaben, schon um ihrer selbst Willen?
Dann wurden wir also lauter gelehrte Frauen haben, bemerkte der Pfarrer mit spottischem Lacheln.
So wenig, erwiederte die Grafin, wie wir lauter gelehrte Manner besitzen, denn wo Neigung und Geistesfahigkeit nicht vorhanden ist, kann sie auch nicht ausgebildet werden; ja ich glaube zu Ihrer Beruhigung versichern zu konnen, fuhr die Grafin fort, dass es mit sehr wenigen Ausnahmen gar keine gelehrte Frau geben kann, so wenig wie eine Kunstlerin im wahren Sinne des Worts.
So geben also die Frau Grafin hierin doch die Ueberlegenheit des mannlichen Geschlechts zu? fragte der Pfarrer.
Nicht weil ich glaube, erwiederte die Grafin, dass die Fahigkeiten des einen Geschlechts an sich grosser waren, als die des andern, aber hierin, glaube ich, entscheiden in der Natur begrundete Verhaltnisse. Gewohnlich wird ein junges Madchen zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre verheirathet, und ihre Erziehung ist damit beendigt. Ein junger Mann in diesem Alter lernt eben erst seine Seelenkrafte kennen und bildet sich selbststandig in der ihm angemessenen Richtung aus; er wahlt dann seine Studien, sucht in den Geist der Wissenschaft einzudringen, die ihn besonders anzieht, und widmet ihr sein ganzes Leben. Eine Frau ubernimmt, indem sie sich verheirathet, wenigstens in Deutschland die Pflicht, ihrem Hause vorzustehen, und die vielen kleinen Beschaftigungen und Sorgen zerstuckeln so sehr das Leben, dass an eine ernsthaftes Studium kaum mehr zu denken ist. Mit der Geburt der Kinder treten neue Sorgen ein, und es kann eine Frau schon von Gluck sagen, wenn sie so viel Geisteskraft behalt, um sich nicht vollig zu vernachlassigen. Desshalb kann auch selbst ein hervorragender Geist unter den Frauen nur Geringeres leisten, und was wir an den Ausgezeichnetsten unseres Geschlechts anzuerkennen haben, wird immer vornehmlich durch Tiefe des Gefuhls, durch einen scharfen beobachtenden Geist, durch ein gluckliches Gedachtniss errungen sein. Wenn also auch eine Frau sich mancherlei Kenntnisse gleichsam im Fluge erwerben kann, wenn sie auch einen richtigen Blick fur das Leben gewinnt, wenn ihr Selbstbeobachtung manches Geheimniss der menschlichen Natur erschliesst, so kann sie eine hochst interessante Erscheinung, aber niemals eine Gelehrte sein.
So wurde also das Colibat erfordertich sein, um eine Gelehrte hervorzubringen, sagte der Prediger.
Auch dann wurde mit sehr wenigen Ausnahmen nur unvollkommen der Zweck erreicht werden, sagte die Grafin. Was dem jungen Manne so leicht wird, ist fur eine Frau unmoglich, sie konnte keine hohe Schule, keine offentlichen Horsale besuchen; es musste also, da sie sich unter die Studenten nicht mischen durfte, ihr Vermogen so bedeutend sein, dass sie sich die vorzuglichsten Lehrer auf andere Weise verschaffen konnte, und dennoch wurde ein solches, in der Einsamkeit getriebenes Studium immer unvollkommen bleiben und zur Einseitigkeit fuhren, denn sie musste den lebendigen Austausch der Gedanken mit gleich beschaftigten Freunden entbehren, durch den die Ausbildung der Manner so sehr befordert wird, und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben, um nicht als pedantisch und anmassend verlacht zu werden; also ware auch diess ein sehr muhevoller und unsicherer Weg. Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals etwas ausgezeichnet Grosses werden leisten konnen, ist, glaube ich, noch leichter einzusehen. Ein unuberwindliches Gefuhl der Sittsamkeit wird das Studium der Natur verbieten, und ich glaube, alle Kunstler sind daruber einig, dass ihnen diess unentbehrlich ist. Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert wieder die bedingte Freiheit, denn es kann doch nur die Stelle beobachtet werden, wohin man in anstandiger Begleitung spazieren gehen kann. Die Gedanken, welche die Seele auf einsamen Wanderungen nahrt, muss eine Frau entbehren, und auch hier kann nur der Rath eines Lehrers leiten, statt dass die jungen Manner sich gegenseitig mit einander berathen, verlachen und bewundern, und so durch Wetteifer alle Krafte des Geistes anregen. Auch liegt in der Seele der Frauen eine gewisse Schuchternheit, die die Ausubung einer jeden Kunst hindert; ich meine nicht die so oft ausserlich gezeigte, die nicht einmal immer wahrhaft ist, sondern diejenige, die es einer Frau unmoglich macht, das Tiefste, Wahrste, Wildeste und Grosste, was ihre Seele denkt, auszusprechen. Ich halte es fur unmoglich, dass eine Frau eine gewisse Jungfraulichkeit der Seele aufgeben kann, und desshalb wird sie lieber die Tiefe ihres Geistes verhullen, als zeigen, und eben desshalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken, dass grosse kunstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind, aber ich zweifle, ob er irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern konnen.
Es scheint aber, sagte der Geistliche, als ob wir in einen Widerspruch geriethen; erst, glaube ich, verlangten die Frau Grafin, dass unsere Tochter wie unsere Sohne ausgebildet werden sollten, und nun geben Sie selbst zu, dass diess unmoglich ist.
Ich glaube nicht, erwiederte die Grafin, dass ich mit mir selbst im Widerspruche bin, ich glaube nur den Wunsch geaussert zu haben, dass, so wie man die jungen Manner um ihrer selbst Willen erzieht, man diese Gerechtigkeit auch gegen das weibliche Geschlecht uben sollte. Dass die Erziehung an sich verschieden sein muss, habe ich nicht laugnen wollen, und wenn ich glaube, dass keine Frau eine grundliche Gelehrte oder eine vollendete Kunstlerin sein kann, so habe ich wiederum damit nicht ausdrucken wollen, dass schone Geistesanlagen nicht so viel als moglich ausgebildet werden sollten. Es ware uberhaupt zu wunschen, dass die Erziehung der Tochter ernsthafter betrachtet wurde, denn welche Meinung auch jeder Einzelne uber die Stellung der Frauen in der Welt haben mag, so wird man doch darin ubereinkommen, dass die Erziehung der Kinder grossen Theils in den Handen der Mutter ruht, und schon desswegen sollte man diese gehorig ausbilden, damit sie ihre Sohne vernunftig erziehen konnten. Aber auch wenn man betrachtet, wie vieler Standhaftigkeit, Selbstuberwindung und Klugheit eine Frau selbst in den gewohnlichsten Verhaltnissen des Lebens bedarf, so ist es unbegreiflich, dass man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen fordert, und zwar in einem Alter, wo den jungen Mannern noch sehr Vieles nachgesehen wird, und doch so wenig dafur thut, durch eine vernunftige Ausbildung den Ernst in ihrer Seele zu erwecken, durch den allein alle diese Eigenschaften erworben werden konnen.
Der Geistliche schien diess Gesprach mit Eifer fortsetzen zu wollen, der Grafin aber dauchte es, als habe sie sich schon zu weitlauftig uber einen Gegenstand geaussert, uber den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich, und sie nahm gern die Gelegenheit wahr, das Gesprach zu endigen, als der Obrist Thalheim die Gesellschaft vermehrte.
XIX
Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet zuruckgezogen, er ging mit ihm noch ein Mal alle nothigen Massregeln durch, die zu ergreifen sein mochten, um die Guter feines Vaters zu retten, und handigte ihm eine bedeutende Summe theils baar, theils in Wechseln ein, um nicht bloss die dringende Zahlung leisten zu konnen, sondern auch auf unvorhergesehene Falle gefasst zu sein und nun auch, wie der Graf noch bemerkte, etwas fur den Knaben Gustav thun zu konnen, uber dessen kunftiges Schicksal die beiden Verwandten zugleich das Nahere bestimmten.
Nachdem diese Geschafte beendigt waren, ging der junge Graf in den Garten hinunter, um in der Einsamkeit die mancherlei Gefuhle zu ordnen, die ihn bei der unerwarteten Grossmuth seines Oheims immer wieder von Neuem besturmten. In den dunkeln Gangen desselben traf er St. Julien, der schwermuthig darin auf und abging, und mit Wehmuth auf einen Brief blickte, den er eben empfangen hatte und noch in der Hand hielt. Als er den jungen Graf erblickte, reichte er ihm die Hand und sagte: Es ist vorbei, der anmuthige Traum ist ausgetraumt, ich muss wieder zuruck in das traurige, einsame Leben.
Was ist Ihnen begegnet? fragte der junge Graf, was kann Sie in dem Grade traurig stimmen? Theilen Sie mir Ihr Ungluck mit.
Ich bin wohl undankbar, sagte St. Julien lachelnd, dass ich die Beweise der Liebe der zartlichsten, besten Mutter auf eine Art empfange, dass meine Freunde sie fur ein Ungluck halten mussen. Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden sehen, das, was man gewohnlich Ungluck nennt, enthalt er nicht.
Der junge Graf fing den Brief zu lesen an, und nach den zartlichsten Klagen einer Mutter uber die Leiden eines geliebten Sohnes, sah er bald, dass sie so grosse Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies, wie sie nur der Reiche mit Grossmuth bestimmen kann. Der Graf dachte an seinen fruhern Streit mit St. Julien und glaubte einen Augenblick, dieser habe ein Mittel gesucht, um ihn auf eine etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu uberzeugen; doch ein Blick auf seinen Freund belehrte ihn bald, dass dieser sich jetzt am Wenigsten mit solchen Gedanken beschaftigte. Er las daher den Brief weiter und fand, dass die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit fur den Grafen und seine ganze Familie ausdruckte; zum Schlusse bat sie den Sohn, sich nicht eher von dem Schlosse Hohenthal zu entfernen, bis sie selbst dort erscheinen wurde, um der graflichen Familie den Dank zu bringen, den ihr Herz so lebhaft empfande; bis dahin, hoffte sie, wurden auch alle Verhaltnisse so geordnet sein, dass der Sohn sie alsdann nach Frankreich zuruck begleiten konne.
In der That, sagte der junge Graf, ich begreife nicht, wie dieser Brief Sie hat traurig stimmen konnen.
Muss ich denn nicht, rief St. Julien mit Heftigkeit, diess Haus nun bald verlassen, in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt, und den Grafen, den ich wie einen Vater ehre, und die Grafin, die ich wie eine Mutter zartlich liebe, und er schwieg, und eine brennende Rothe flammte auf seinen Wangen.
Und Emilie, erganzte der junge Graf lachelnd, wie wollen Sie das Gefuhl des Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen?
Wenn Sie es denn errathen, kaltblutiger Mensch, rief St. Julien, so konnen Sie es ja begreifen, was mich zur Verzweiflung bringt. Er sturmte nach diesen Worten hinweg und liess den Brief in den Handen seines Freundes zuruck.
Da der junge Graf die Nothwendigkeit fuhlte, einen so wichtigen Brief wieder in den Handen dessen zu wissen, an den er gerichtet war, so suchte er St. Julien im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger, als er ihn verlassen hatte; dieser nahm den Brief zuruck und sagte: Diese Tage, diese Wochen, bis meine Mutter ankommt, sind noch mein, ich will also den Rest des Lebens geniessen.
Ich begreife nicht, sagte der junge Graf, was Sie eigentlich zur Verzweiflung bringt. Ich glaube nicht, dass sich Emilie so gegen Sie betragt, dass Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen durften. Ein Strahl der Hoffnung flammte bei dieser Bemerkung in St. Juliens Augen auf, und sein Freund fuhr fort: Dass mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt, bemerkt ein Jeder; meine Tante bezeigt Ihnen taglich das Gefuhl einer Mutter. Von Ihrer Mutter, die Sie mit Zartlichkeit uberhauft, scheint es mir, haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu befurchten; also, wo liegt denn Ihr Ungluck?
Ihnen scheint Alles so klar und leicht, was mir zu entwirren so schwer daucht, erwiederte St. Julien. Haben Sie aber nicht selbst oft gehort, dass Emilie den Entschluss ausgesprochen hat, sich von der Grafin nicht trennen zu wollen, und wenn ich zuruck muss, wird sie mir dann nach einem Lande folgen, das diese zu verabscheuen scheint? Der Graf selbst, so hoch ich ihn ehre, wird er eine Verbindung mit mir gern sehen, da er doch an Deutschen Adelsvorurtheilen etwas hangt? Und wenn Alles glucklich gehen sollte, so bleibt doch der Schmerz unabwendbar, dass ich den Grafen und die Grafin verlassen muss, und kann ich es wissen, ob ich nicht gezwungen bin, vielleicht einmal mit dem franzosischen Heer als Feind wiederzukehren?
Zuerst denke ich, sagte der junge Graf, thun Sie am Besten, Ihre Mutter zu erwarten und dann meinem Oheim Ihr ganzes Vertrauen zu schenken; seine Welterfahrung und sein edles, liebevolles Gemuth werden Ihre Zukunft am Besten ordnen. Dieser Rath schien dem jungen Franzosen so vernunftig, dass er ihn ohne Einschrankung zu befolgen beschloss und sich vornahm, die Gegenwart in ungetrubter Heiterkeit zu geniessen. Er vernahm es ungern, als ihm sein Freund eroffnete, dass er gleich nach dem Feste des Baron Lobau das Schloss zu verlassen gedenke; indess trostete ihn die Versicherung, dass die Abwesenheit nicht von langer Dauer sein wurde.
Des folgenden Tages, als der junge Graf sich zum Feste des Baron Lobau ankleidete und sein Knabe ihm dabei Hulfe leistete, sagte er diesem: Heute, mein lieber Gustav, leistest Du mir diesen Dienst zum letzten Mal.
Wie! rief der Knabe erschreckt, wollen Sie mich von sich entfernen; was habe ich gethan, Ihre Unzufriedenheit zu verdienen?
Nichts, mein liebes Kind, erwiederte der junge Graf, aber ich will mir nicht mehr erlauben, Deine Liebe zu missbrauchen und Dich selbst zu erniedrigen, da die Noth mich nicht mehr dazu zwingt. Er theilte ihm nun alle mit seinem Oheim verabredeten Plane mit, schrieb ihm vor, wie er sich in der Zukunft zu betragen habe, und handigte ihm mehrere Goldstucke ein, mit dem Auftrage, durch Dubois Beistand sich eine anstandige Kleidung dafur zu verschaffen.
Der Knabe ging mit dem Golde in der Hand zu Dubois zuruck, sobald der junge Graf seiner Hulfe nicht mehr bedurfte; sein Gefuhl war uberrascht, seine kuhnsten Wunsche auf ein Mal befriedigt, und diess Gluck schien ihm so gross, kam ihm so unerwartet, dass er noch nicht den Muth sich zu freuen finden konnte.
Ist Dein Herr schon zur Gesellschaft in den Saal gegangen? fragte ihn Dubois, als er eingetreten war.
Ich habe keinen Herrn mehr, erwiederte der Knabe mit einigem Stolz, der Graf Robert aber ist in dem Saale, und Alle werden gleich zum Baron Lobau fahren.
Wie verstehe ich das, fragte der Haushofmeister; will der junge Graf Dich von sich entfernen?
Ach lieber Herr Dubois! rief der Knabe und die Thranen flossen ihm uber die gluhenden Wangen, Alles ist jetzt anders; mein guter, lieber Herr, doch so darf ich ihn ja nicht mehr nennen, das hat er mir streng verboten, er hat es ja mit Ihrem Grafen verabredet, dass ich wieder auf die gelehrte Schule soll, dann auf die Universitat, damit ein rechter Gelehrter aus mir werden kann. Indess er nach Hause reist in Geschaften, soll ich hier bleiben und in der hiesigen Bibliothek studiren; wenn er wieder kommt, will er mich selbst nach Breslau auf die gelehrte Schule bringen, und bis dahin soll ich Sie bitten, mir fur diess viele Geld gute Kleider zu verschaffen, damit ich wie sein Freund und Pflegesohn dort erscheinen kann, und ihn, meinen lieben Herrn, den soll ich nie mehr so nennen, sondern Graf Robert, oder meinen Freund und meinen Beschutzer.
Ich habe es erwartet, mein Sohn, sagte der Haushofmeister, dass Dein Schicksal diese Wendung nehmen wurde, und nun, da mein Graf sich mit seinem Verwandten verstandigt hat, kann ich fur Dich thun, was in meinen Kraften steht, und brauche nicht mehr zu befurchten, Deinen Beschutzer dadurch zu beleidigen; behalte also nur das Geld, mein Sohnchen, es wird Dir auf der gelehrten Schule recht angenehm sein, wenn Du gleich ein hubsches Taschengeld mitbringst, wofur Du Dir manches anschaffen kannst, was Du vielleicht sonst entbehren musstest, und uberlasse es nur mir, Dich mit Wasche und Kleidern zu versorgen, und ich werde es schon so einrichten, dass sich der junge Graf Deiner nicht zu schamen braucht.
Ach lieber Herr Dubois, rief der Knabe, wie gut sind Sie, wie gut sind hier alle Menschen auf dem Schlosse! Ach! hatte ich damals wohl hoffen konnen, dass ich solchen Beistand finden wurde, als unser Dorf verbrannt und mein Vater getodtet wurde. Ach, mein guter, lieber Vater! fuhr er laut weinend fort, jetzt konnte ich ihm nun doch wieder Ehre und Freude machen, wenn er lebte und es sehen konnte, wie nun Alles wieder so gut wird. Ist es nicht traurig, dass ich so einsam in der Welt bin, dass Niemand mit Stolz mehr auf mich blicken wird, wenn ich mich auch noch so sehr anstrenge, kein Vater, keine Mutter, kein Bruder und keine Schwester, Alle sind dahin, Alles ist begraben!
Jetzt, sagte Dubois, geruhrt von dem Schmerz des Knaben, musst Du Deinem Beschutzer Ehre zu machen streben.
Ach! erwiederte dieser, der Graf ist so gut, so milde gegen mich, aber er ist ein vornehmer Herr, er wird immer mein Wohlthater bleiben, es wird ihn auch freuen, wenn ich etwas recht Tuchtiges lerne, weil er glaubt, dass es mir dadurch wohl gehen muss; aber welche Ehre kann ich ihm bringen? Welchen Stolz kann er empfinden, wenn er mich betrachtet, wenn ich auch alle Krafte anstrenge und weit mehr als meine Kameraden leiste? Wenn Du ein recht grosser beruhmter Gelehrter wirst, antwortete ihm Dubois, so dass andere Gelehrte einmal Deine Lebensgeschichte schreiben, wenn sie dann berichten, wie Du verloren gewesen warest und die Welt niemals Deine Kenntnisse zu ihrem Segen hatte benutzen konnen, wenn nicht der Graf Hohenthal als Dein Beschutzer aufgetreten und Dich vom Verderben errettet hatte, so dass die Welt seiner Grossmuth die Erhaltung eines ausgezeichneten Geistes verdankt, glaubst Du nicht, dass dann der Graf mit Stolz auf Dich blicken wird, dass Du ihm Ehre machen kannst?
Und dann muss auch gesagt werden, rief der Knabe mit gluhenden Wangen, indem er sich in die Arme des Alten warf, wie Herr Dubois fur mich gesorgt hat, wie er mich aus der Gemeinschaft mit den Bedienten errettet hat, und alles, alles, was Sie fur mich gethan haben, muss erwahnt werden.
Mache nur, dass ich es recht bald erlebe, sagte der gute alte Mann, dass mein Name so ehrenvoll genannt wird, dann werde auch ich Dich mit Stolz betrachten; aber bedenke, dass Du erst noch sehr Viel lernen musst, ehe wir alle diese Freude haben konnen.
Daran soll es gewiss nicht fehlen, rief der Knabe mit Begeisterung, das werden Sie schon sehen, so lange ich hier bin, wie ich Tag und Nacht studiren will. Er ging auch sogleich, aus der Bibliothek die nothigen Bucher zu holen, um diesen loblichen Vorsatz auszufuhren.
Die Gesellschaft des Schlosses Hohenthal legte den Weg zum Baron Lobau in grosser Heiterkeit zuruck, denn obgleich der Himmel bedeckt war, so war der Tag doch mild, warm, und der Weg fuhrte durch anmuthige Thaler, die von klaren Bachen durchrieselt waren. Der Blick auf die nahen Gebirge gewahrte Mannichfaltigkeit, und das Gelaute der weidenden Heerden erregte das Gefuhl des Friedens landlicher Einsamkeit.
Wenn ich mich auch ein wenig davor furchte, sagte die Grafin, einen grossen Theil der Nacht fur die Freuden der Geselligkeit aufopfern zu mussen, so ist es doch, als Spazierfahrt betrachtet, ein grosser Genuss, den Weg durch diese Thaler zu machen.
Man gelangte endlich auf Heimburg an, und der Baron Lobau empfing seine Gaste mit sichtbarer Freude. Er hatte befurchtet, da sie spater als die ubrige Gesellschaft kamen, dass irgend ein Unfall sie uberhaupt verhindern wurde, ihr Versprechen zu halten, und diess wurde ihm aus vielen Grunden hochst krankend gewesen sein; denn erstens hielt er den Grafen fur den vornehmsten und reichsten von allen seinen Nachbarn, dann hatte er die Absicht, dessen Fest durch das seinige merklich zu uberbieten, und endlich beabsichtigte er noch einen Plan auszufuhren, von dem er hoffte, dass er ganz besonders zum Glanze seines Festes beitragen sollte.
Die Wolken von ubler Laune also, die sich schon auf seiner Stirn gelagert hatten, zerstreuten sich, so wie der Graf mit seiner Gesellschaft den Saal betrat, und er wurde sehr heiter, als die Grafin und Emilie aufrichtig die schonen Pflanzen und Blumen bewunderten, womit die Sale geschmuckt waren; verdrusslich wurde er zwar wieder etwas, als einige Tropfen Regen fielen, und trat mit sichtbarer Unruhe auf den Balkon hinaus; bald aber kehrte er beruhigt zuruck, denn der Regen liess sogleich wieder nach. Seine naheren Bekannten schlugen nun der Gesellschaft einen Spaziergang in den Park vor. Die Damen betrachteten ihre Kleider und waren gern zuruck geblieben; da aber die ganze Gesellschaft aufbrach, musste man sich fugen. Der Baron fuhrte mit unendlicher Selbstzufriedenheit den Zug an, leitete die Gesellschaft in der That durch anmuthige Anlagen, die wohl befriedigt haben wurden, wenn man sie einfach, ohne immer zum Bewundern gezwungen zu werden, hatte besuchen durfen; da er selbst aber sich bei einer jeden schonen Aussicht uberrascht und entzuckt zeigte, und behauptete, dass er sie jetzt zum ersten Male bemerkte, obgleich seine naheren Bekannten diese Ueberraschung schon oft mit ihm getheilt hatten, so wurde das Vergnugen der Gesellschaft sehr vermindert. Auf dem Bache, der den Park durchschlangelte, zeigten sich von Zeit zu Zeit Kahne mit Menschen, die beschaftigt waren zu fischen. Der Baron schalt auf die Freiheit, die sie sich genommen hatten, machte aber gegen seine Gaste die Bemerkung, dass die Unverschamtheit dieser Menschen doch dazu beitruge, in die Landschaft Leben zu bringen, und dass er sich gern seine Fische stehlen liesse, da dieser Umstand seinen Gasten zufallig den angenehmen Anblick des regen Lebens in den grunen Buchten verschaffte. Die Gaste lobten die Wirkung, die die Fischerkahne machten, und bewunderten die Grossmuth des Barons, der sich den Diebstahl um der malerischen Wirkung Willen gefallen lasse. Die Fischer liessen sich mit Ruhe schmalen und brachten, nachdem sie ihr Geschaft vollendet hatten, die Fische in die Kuche des Barons, wie es ihnen schon am vergangenen Tage war befohlen worden. Bei der weiteren Fortsetzung des Spaziergangs gerieth der Baron auf einmal ausser sich, denn eine Heerde auserlesen schonen Rindviehes weidete an dem Abhange eines Hugels; er beklagte sich heftig uber die Frechheit des Huters, dass er sich erlaube, die Heerde dorthin zu treiben und seine junge Anpflanzung dadurch zu zerstoren. Diejenigen unter den Gasten, die den Baron weniger kannten, hielten seinen Zorn in der That fur ernstlich und furchteten fur den Huter der Heerden; seine vertrauteren Bekannten aber machten ihn darauf aufmerksam, welche schone Wirkung die weidende Heerde zwischen den grunen Baumen mache, und diese Bemerkung beruhigte ihn sichtlich; er machte nun selbst auf die Schonheit des Viehes aufmerksam, auf den angenehmen Eindruck, den das Gelaute der vielen Glocken mache, und unterliess es um so lieber auf die Bitte einiger Freunde, den Huter rufen zu lassen, um ihn auszuschelten, weil er nicht wissen konnte, ob der nicht in seiner Dummheit den erhaltenen Befehl als Entschuldigung angefuhrt haben wurde. Diese, wie der Baron behauptete, unangenehme Ueberraschung war kaum voruber, als ein anderer Gegenstand seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Man horte die Tone einer Flote, die kunstreich genug geblasen wurde, um eine angenehme Wirkung im Freien zu machen, und bald entdeckte man auf einem ziemlich grossen Grasplatze weidende Schafe, deren Huter, ein Knabe von etwa funfzehn Jahren, der Virtuose war. Der Baron liess es sich nicht merken, dass er den jungen Menschen hatte unterrichten lassen, und bewunderte die ausserordentliche Gabe der Natur mit allen seinen Gasten.
Endlich war Alles erschopft, womit der Baron uberraschen und in Erstaunen setzen zu konnen glaubte, und er fuhrte seine Gaste nach dem Schlosse zuruck. Man konnte wahrnehmen, dass er noch einen Gast erwartete, denn seine Stirn verdusterte sich, als er bemerkte, dass wahrend des langen Spaziergangs Niemand angekommen sei. Die jungen Leute erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Tanzes, aber der Baron suchte diess zu verschieben und zeigte lieber den Herren in der Gesellschaft noch seine schonen Pferde, die von diesen aufrichtig bewundert wurden.
Da nun aber durchaus nichts mehr zu zeigen war, so liess sich der Anfang des Balles nicht mehr verschieben, und eben wollte der Baron mit verdrusslicher Miene die nothigen Befehle desshalb geben, als noch eine Equipage vorfuhr; sichtlich erleichtert ging der Baron dem neuen Gaste entgegen, den er fur's Erste in ein Seitenzimmer fuhrte.
Die Grafin hatte auf diese kleine Unruhe in der Gesellschaft nicht geachtet; sie hatte ein Gesprach mit einigen Frauen angeknupft und gab sich mit hoflicher Aufmerksamkeit der Unterhaltung hin; es uberraschte sie desshalb, als der Baron mit der Zierlichkeit der Tage seiner Jugend und mit grosser Freundlichkeit, seinen neuen Gast an der Hand, vor ihr stand. Meine theure Grafin, meine edle Freundin, redete er sie feierlich an.
Die Grafin war aufgestanden, ein zweifelnder Blick ruhte bald auf dem Baron, bald auf dessen Begleiter, und sie beherrschte mit Anstrengung eine grosse Bewegung der Seele. Lassen Sie den Frieden, der unser Land begluckt, fuhr der Baron fort, auch in die Herzen der Einzelnen dringen; gonnen Sie mir das grosse Gluck, etwas dazu beizutragen, Geschwister, die so lange getrennt waren, wieder zu vereinigen; nehmen Sie einen Bruder wieder in Ihrem Herzen auf, und verherrlichen Sie durch eine aufrichtige Versohnung und eine herzliche Umarmung das Fest des allgemeinen Friedens. Die Grafin hatte ihren Bruder, den sie so unerwartet nach vielen Jahren wieder erblickte, nicht so gleich erkannt; ein heftiges Zittern bebte durch alle ihre Glieder und eine dunkle Rothe flammte auf ihren Wangen; ein Strahl des Zornes traf ihn aus den dunkeln Augen und ein unendlicher Schmerz zuckte um den festgeschlossenen Mund. Als er aber, nachdem der Baron seine Rede geendigt, wirklich mit geoffneten Armen vortrat und die Grafin an seine Brust drukken wollte, trat diese auf einmal, bleich wie Marmor, einen Schritt zuruck, die Lippen bewegten sich, aber kein Ton war vernehmbar; matt erhob sie abwehrend beide Hande und ware leblos zu Boden gesunken, wenn nicht St. Julien und der junge Graf, die den Auftritt aus der Ferne beobachtet hatten, hinzugesprungen waren und sie in ihren Armen aufgenommen hatten. Der Baron, der mit Sicherheit eine Umarmung der versohnten Geschwister erwartete, hatte den Musikanten befohlen, so wie sie die Umarmung bemerkten, einen lang anhaltenden Tusch zu blasen; als diese nun die Grafin in St. Juliens Armen sahen, schmetterten Trompetentone lange und anhaltend durch den Saal.
Der Graf war in den Seitenzimmern mit einigen Herren im Gesprach gewesen und kehrte mit ihnen nach dem Saale zuruck, um die Ursache des Trompetengetons zu erfahren. Er sah eben die ohnmachtige Grafin in ein Nebenzimmer bringen und eilte dieser nach. Nur halb und verworren konnte er die Ursache dieses heftigen Auftritts erfahren; er drangte den Baron, der sich entschuldigen wollte, unfreundlich zuruck. Die Grafin sah aus wie eine Sterbende; der Arzt verlangte, sie sollte gleich hier zu Bett gebracht werden. Mit der letzten Anstrengung verweigerte sie diess und verlangte den Wagen. Der junge Graf eilte sogleich, ihn vorfahren zu lassen, und Alle uberstanden mit grosser Qual die wenigen Minuten, bis man die Grafin in den Wagen bringen und den Ruckweg nach Schloss Hohenthal antreten konnte.
Der Baron Lobau und seine Gaste blieben erstaunt uber diese unerwartete Storung zuruck, und als man die Sprache wieder fand, vereinigten sich alle Stimmen, die Grafin hochlich uber ihr unversohnliches Gemuth zu tadeln, obgleich die Klugeren es nicht billigen konnten, dass der Baron diese Versohnung wie ein Schauspiel, um sein Fest zu verherrlichen, angelegt hatte. Der Bruder der Grafin sprach wenig und beseufzte nur sein Ungluck, wodurch ihm jeder Versuch der Annaherung an seine Schwester seit vielen Jahren misslungen sei, aber viele der Gegenwartigen tadelten im Stillen den letzten unschicklichen Versuch.
Dem Baron Lobau blieb endlich nichts ubrig, als das Fest fortgehen zu lassen. Der Tag begann, aber es war ihm verdrusslich, dass die besten Tanzer und Tanzerinnen der Grafin gefolgt waren, denn nicht nur der junge Graf, St. Julien und Emilie hatten das Schloss des Barons verlassen, sondern auch der Obrist Thalheim und dessen Tochter. Indess bewegte sich die Jugend bald heiter durcheinander, und der Baron wurde sich von seiner Verstimmung erholt haben, wenn nicht alle Feuerrader bei dem beabsichtigten Feuerwerke versagt hatten. Ein Schwarmer fuhr unglucklicher Weise in einen Strohhaufen und zundete diesen an, und der Baron vergass alle Rucksicht fur seine Gaste, aus Angst, dass die nah gelegenen Wirthschaftsgebaude in Brand gerathen konnten. Ein vom Himmel herabstromender Regen endigte zwar bald diese Sorge, aber loschte auch zugleich die Illumination aus, die zum Beschlusse das Fest hatte verherrlichen sollen.
So vielen Widerwartigkeiten musste sein Geist erliegen, und er war selbst froh, als ein Fest nun zu Ende gefuhrt war, von dem er sich so viele Wirkung versprochen, und das doch alle seine Erwartungen getauscht hatte.
Zweiter Theil
I
Der Graf war mit seiner Familie auf Schloss Hohenthal angekommen, und auch der Obrist Thalheim und seine Tochter waren dem Wagen gefolgt, weil der Zustand der Grafin Alles beunruhigte. Auf dem Schlosse herrschte bei der unerwarteten Zuruckkunft der Herrschaft grosse Verwirrung, denn die Dienerschaft hatte sich entfernt, um ihre eigenen Vergnugungen aufzusuchen, in der Ueberzeugung, dass sie die Herrschaft erst gegen den Morgen des kommenden Tages zu erwarten hatten; nur der Haushofmeister war gegenwartig und der Knabe Gustav, der sich in Studien vertieft hatte. Emilie und Therese entkleideten die Grafin und brachten sie zu Bette, wahrend der besturzte Dubois ausschickte, um die weibliche Dienerschaft zusammen zu rufen. Der Graf ging im Saale stumm auf und ab; ein finsterer Missmuth ruhte auf seiner Stirn, und weder St. Julien noch der junge Graf wagten das Schweigen zu unterbrechen, denn man sah wohl, dass nicht allein Theilnahme an dem Befinden der Grafin diesen Missmuth hervorrief, sondern dass ihn die Oeffentlichkeit des auf Heimburg stattgefundenen Auftritts tief verletzt hatte, und es zeigten sich auf seinem Gesichte Spuren von einem ihm sonst fast vollig fremden Groll, dessen Gegenstand er vielleicht selbst nicht mit Bestimmtheit anzugeben wusste.
Als die Grafin zu Bette gebracht war, ging der Graf in ihr Schlafzimmer zu ihr. Er fand seine Gemahlin sehr entkraftet und den Arzt eifrig beschaftigt, alle Vorkehrungen fur die Nacht zu treffen. Er hatte die Medikamente schon bereitet, deren Gebrauch er verordnete; er gab Dubois hundert Befehle, die dieser mit zitternder Stimme auszurichten versprach, indem er die thranenschweren Augen auf die Grafin richtete; er verordnete, Wer die Nacht bei der Kranken wachen sollte, und scharfte es dringend ein, ihn sogleich zu rufen, wenn der mindeste Zufall eintreten sollte. Die Grafin liess sich schweigend Alles gefallen, fuhlte sich aber sichtlich erleichtert, als der Arzt endlich das Zimmer verliess.
Der Graf trat nun an das Bett seiner Gemahlin, und indem er ihre Hand fasste, fragte er mit Theilnahme, ob sie sich besser fuhle? Die dunkeln Augen der Grafin richteten einen matten, aber forschenden Blick auf den geliebten Mann; sie las seine Gedanken und seine Gefuhle auf der umwolkten Stirn, und sagte mit kaum horbarer Stimme: Durch Ruhe wird mir besser werden, entziehen Sie mir nur Ihre Liebe nicht. Sie hatte diese Worte mit bebender Stimme gesprochen, und ihre zitternden Lippen druckten einen Kuss auf die Hand des Gatten, die noch in der ihrigen ruhte. Der Graf beugte sich uberrascht nieder und kusste die leichenblasse Stirn seiner Gemahlin. Er zog sich, wie sie es wunschte, zuruck, damit sie, wo moglich, in Einsamkeit und Stille die zu ihrer Erhaltung so nothige Ruhe fande.
Er konnte St. Julien und seinem Vetter, die seine Zuruckkunft mit Aengstlichkeit im Saale erwartet hatten, wenig Trostliches sagen, und Alle trennten sich von einander und harrten mit peinlicher Unruhe dem kommenden Morgen entgegen.
Als der Graf seine Gemahlin verlassen hatte, winkte diese Emilien zu sich und bat sie dafur zu sorgen, dass der Obrist und Therese sich nach Hause begeben mochten, damit nicht der alte Mann die Ruhe der Nacht entbehrte; und als Emilie zuruck kam und ihr die Nachricht brachte, dass der Graf fur die Erfullung ihres Wunsches sorgen wurde, bat die Kranke, dass nun auch sie sich zur Ruhe begabe, vorher aber alle Dienerschaft aus dem Vorzimmer entfernen moge. Du weisst, mein Kind, sagte sie mit mattem Handedruck und hinsterbender Stimme, ich brauche nur Ruhe, um mein Uebel zu besiegen. Emilie versprach Alles, und die Grafin bat sie noch, die Vorhange ihres Bettes zuzuziehen, damit weder das Nachtlicht, noch der Strahl des kommenden Morgens ihre Einsamkeit und Ruhe storen moge. Es geschah, wie die Kranke es verlangte, und ihre junge Freundin ging dann und befahl im Namen der Grafin, dass Jedermann das Vorzimmer verlassen und sich zur Ruhe begeben sollte; nur Dubois winkte sie leise herbei und bat ihn zu bleiben. Er neigte sich bejahend und zeigte auf einen Armstuhl, in welchem er die Nacht hinbringen wollte. Sie hatte die Thur des Schlafzimmers geoffnet gelassen, damit der Alte wahrend ihrer Abwesenheit auch das leiseste Gerausch horen konnte, und ging nun hinweg, um sich von dem Putze zu befreien, den sie fur den Ball angelegt hatte und noch immer an sich trug. Diess Geschaft war bald abgemacht; sie kehrte unbemerkt zuruck, um auf dem Sopha im Schlafzimmer die Nacht hinzubringen, und ruckte leise die Nachtlampe naher, um sich durch Lesen wach zu erhalten.
Bald aber wurde ihre Aufmerksamkeit ungetheilt auf die Kranke gerichtet, die, sich nun vollig einsam wahnend, ihrem gepressten Herzen durch Klagen und Thranen Erleichterung verschaffte. Habe ich nicht Alles, Alles verloren? horte sie diese mit leiser, zitternder Stimme zu sich selber sagen. Habe ich nicht das Grasslichste erlebt? War ich nicht am Rande des Wahnsinns und in der furchtbaren Verzweiflung, zwangen mich nicht heilige Gefuhle, dieses Mannes rettende Hand zu ergreifen? Und nun! muss ich nun noch den letzten Halt im Leben, muss ich noch seine Achtung, sein Vertrauen und seine Liebe verlieren? Und muss ein unwurdiges Gaukelspiel die entsetzlichsten Bilder aus der Vergangenheit hervorrufen, um den so muhsam errungenen scheinbaren Frieden grausam zu zerstoren?
Die Klagen gingen in ruhrende Gebete um Trost uber und um Starkung, um das Rechte thun zu konnen. Die Worte gingen endlich in einem leisen Schluchzen unter, und nach kurzer Zeit verstummte auch dieses. Emilie naherte sich leise dem Bette und offnete behutsam den Vorhang; sie sah, dass die Grafin aus volliger Entkraftung in Schlummer gesunken war, und hoffte, dass die Ruhe auf jeden Fall wohlthatig auf die Kranke wirken wurde. Emilie kehrte nun zu ihrem Buche zuruck, aber die fortwahrende Stille, die ruhigen, obwohl matten Athemzuge der Grafin beruhigten nach und nach ihr Gemuth, und die Natur ubte ihr Recht aus. Sie empfand nun die Mudigkeit, die sie, durch mancherlei angstliche Sorgen und Anstrengungen aufgeregt, fruher nicht gefuhlt hatte; unwillkuhrlich lehnte sich ihr Kopf in die Kissen des Sophas zuruck, die Augenlieder senkten sich uber die glanzenden Augen; die Gegenwart entschwebte ihren Sinnen und bunte Traumbilder umfingen ihren Geist.
Die Grafin war nach einigen Stunden erwacht und fuhlte sich etwas gestarkt; ein langes, mit Ueberlegungen abwechselndes Gebet liess einen Entschluss in ihrer Seele reifen, den sie schon oft gefasst, aber immer nicht den Muth gehabt hatte auszufuhren. Sie offnete die Vorhange ihres Bettes mit schwacher, zitternder Hand, um zu sehen, ob der Tag schon so weit vorgeruckt sei, dass sie ohne grosse Storung durch ihre Klingel Jemanden herbeirufen konne, und ihre Blicke fielen auf Emilie, die, vom Schlummer gerothet, wie eine junge Rose ruhte und den Strahl des Morgens zu erwarten schien, um alle Pracht der Schonheit zu entfalten. Geruhrt betrachtete die Kranke die liebliche Gestalt und erkannte mit Dankbarkeit die Liebe, die sie bestimmt hatte, den Schlaf der Nacht entbehren zu wollen, und lachelte, wie dennoch die Natur diese Liebe uberwunden habe und der Schlummer sie mit seinen sussesten Banden umfinge. Emilie, rief sie mit schwacher Stimme und bemerkte, als ihre junge Freundin aus leichtem Schlummer aufsprang, dass auch die Thure des Schlafzimmers mit Behutsamkeit, ohne Gerausch, halb geoffnet wurde und das greise Haupt des alten Haushofmeisters sich hineinbeugte, dessen treue Augen auf die leidende Herrin mit Liebe und Sorge blickten.
Auch Sie, mein guter Dubois, rief die Grafin, auch Sie haben die Ruhe der Nacht um meinet Willen verloren?
Ich danke Gott fur die Gnade, erwiederte der alte Mann, indem die Thranen uber seine bleichen Wangen flossen, dass er unsere geliebte Herrin erhalten hat; was liegt an einigen Stunden Schlaf.
Die Grafin winkte ihn zu sich und sagte geruhrt: Versprechen Sie mir jetzt zur Ruhe zu gehen, mir ist um Vieles besser; Sie mussen es thun, damit ich mich nicht um Ihre Gesundheit angstige. Der alte Mann kusste die ihm dargebotene Hand der Grafin mit inniger Ergebenheit und entfernte sich, um die Ruhe zu suchen, weil sie es wunschte.
Emilie hatte sich dem Lager der Kranken genahert, und diese sagte nun: Zuerst, mein liebes Kind, schaffe alle Medikamente bei Seite; Du darfst wohl wissen, dass nicht die Verordnungen des Arztes meine Uebel heilen konnen, aber wir wollen ihn damit nicht kranken; sage nur, dass ich Alles, wie er es gewollt, gebraucht habe und ich mich viel besser fuhle; dass ich aber nur ruhen wolle und durchaus Niemanden sprechen, auch ihn nicht, denn ich konnte ein Gesprach mit ihm jetzt nicht wohl ertragen.
Als Emilie diesen Wunsch der Grafin erfullt hatte und zu deren Lager zuruckkehrte, fand sie die Kranke sehr bewegt und blickte erschrocken in das bleiche, mit Thranen bedeckte Gesicht. Kehre Dich nicht an meinen Schmerz, sagte die Grafin, indem sie mit schwacher Hand ihre junge Freundin zu sich zog, ich habe mir selbst eine Pflicht auferlegt, und ich muss, ich will sie erfullen, wenn auch mein Herz daruber brechen sollte; wenigstens werde ich dann in Frieden mit mir selber sterben. Emilie kniete am Bette der Grafin nieder und kusste die zitternde, magere Hand ihrer mutterlichen Freundin mit heissen Thranen. Die Grafin streichelte die blonden Locken der Knieenden und sagte: Wir wollen uns nicht erweichen, mein gutes Kind, ich wollte Dich bitten, einen wichtigen Auftrag fur mich auszurichten, suche Dich also zu fassen. Emilie erhob sich und stand da, erwartend, was die Grafin von ihr verlangen wurde. Nach einigem Zogern beschrieb ihr diese ein Kastchen, welches sie in ihrem Schreibtische verwahrte, und bat es ihr zu bringen. Emilie fand es bald und kehrte damit zu der Kranken zuruck, die eine Feder daran druckte, worauf der Deckel aufsprang, und es liessen sich darin mehrere Papiere und ein kleines Bild bemerken, welches zu Emiliens Erstaunen eine grosse Aehnlichkeit mit St. Julien hatte. Die Grafin bedeckte dieses Gemalde sogleich, nahm ein Paket Papiere heraus und liess den Deckel des Kastchens wieder zufallen, und Niemand wurde leicht die verborgene Feder gefunden haben, durch die es die Besitzerin zu offnen verstand.
Die Kranke betrachtete sinnend die Papiere in ihrer Hand und sagte dann mit matter, aber entschlossener Stimme: Sobald der Graf aufgestanden ist, begib Dich zu ihm und ubergib ihm diese Papiere; bitte ihn, sie alsbald zu lesen und, wenn er sie gelesen hat, zu mir zu kommen, um mich sogleich den Eindruck kennen zu lehren, den sie auf sein Gemuth gemacht haben. Bitte ihn um die Menschlichkeit, mich nicht langer, als es nothig ist, in der furchterlichen Qual dieser Ungewissheit zu lassen; sage ihm, es sei mein Vorsatz gewesen, dass er den Inhalt erst nach meinem Tode erfahren sollte, aber die Ereignisse des gestrigen Tages hatten mir die Nothwendigkeit gezeigt, ihn schon jetzt damit bekannt zu machen. Gehe nun und richte diess sogleich aus, damit nicht die elende Feigheit der menschlichen Natur mich bestimme, meinen Vorsatz wieder zu andern. Der Graf hatte sein Lager nach wenigen Stunden, in denen er die Ruhe vergeblich suchte, wieder verlassen; es kampften mancherlei Gefuhle in seiner Seele; er fuhlte sich seiner Gemahlin so innig verbunden, er achtete ihren Geist, er ehrte ihren Charakter; es war die einzige Frau, die ihm jemals eine heftige Leidenschaft eingeflost hatte; diese hatte sie nach kurzem Widerstande durch die Verbindung mit ihm, wie er damals meinte, auf's Schonste befriedigt. Sie hatte ihm nicht die gleiche Leidenschaft geheuchelt, aber ihm ihre innige, zartliche Freundschaft versichert. Er durfte damals hoffen, in der Verbindung mit ihr ihr Herz lebhafter zu ruhren; er ahnete das Gluck, eine bluhende Nachkommenschaft um sich zu sehen, und hoffte, die Mutter seiner Kinder wurde dann ihre scheue Zuruckhaltung aufgeben, und die gemeinsame Zartlichkeit und Sorge wurde sie mit ihm in inniger und herzlicher Liebe vereinigen. Wie ganz anders hatte sich Alles gestaltet. Ein heimlicher Gram nagte an dem Leben seiner Gemahlin und hatte sie verhindert, die Jahre der Jugend heiter zu geniessen, und nicht einmal das hatte seine ausdauernde Liebe errungen, dass sie ihm ein Vertrauen geschenkt hatte, welches der alte sie begleitende Diener besass; er uberraschte sie oft in Thranen, wenn er ihr Freude hatte bereiten wollen, und nichts hatte sie vermocht, ihm den Quell der Thranen zu zeigen, den jener alte Diener kannte. In diesem innerlich nagenden Schmerze war sie fruh verbluht, und auch die Hoffnung, einen Sohn als Stutze und Trost seines Alters heranwachsen zu sehen, war getauscht worden, und er musste sich gestehen, dass er sein ganzes Leben in trauriger Einsamkeit des Herzens hingebracht hatte. Er fuhlte mit lebhaftem Schmerz, dass etwas Fremdes, Scheidendes zwischen ihm und seiner Gemahlin stehe, er musste es sich sagen, dass, wie einig sie in allen edeln Empfindungen auch waren, wie sehr sie sich gegenseitig schatzten und ehrten, doch die wahre innige Vereinigung fehle, die allein das Leben begluckt.
Es hatte ihn immer befremdet, dass die Grafin jede Annaherung an ihren Bruder mit Widerwillen zuruckgewiesen hatte, und tief im Herzen verletzte ihn jetzt der Abscheu, den sie offentlich gegen diesen gezeigt hatte; auch erfullte es ihn mit Unmuth, wenn er daran dachte, welche Gesprache nach diesem unangenehmen Auftritte in der Nachbarschaft entstehen wurden; er zurnte uber den Baron, der alles Diess durch seine kindische Thorheit veranlasst hatte, und grollte doch auch mit der Grafin, die eine so unnaturliche Abneigung gegen ihren einzigen Bruder offentlich gezeigt hatte.
In diesen verschiedenen Empfindungen, die in seinem Busen sich nicht ausgleichen und ordnen wollten, wurde er von seinem jungen Vetter uberrascht, der, wie es verabredet war, reisen wollte, aber vorher noch uber das Befinden seiner Tante Erkundigungen einzuziehen wunschte. Der Graf empfing ihn liebreicher als je, er fuhlte inniger als sonst das Bedurfniss, Jemanden zu haben, der ihm angehorte, und er drang lebhaft in seinen jungen Verwandten, sobald als moglich zu ihm zuruck zu kehren. Der junge Graf, obwohl er mit Dankbarkeit die Zuneigung erwiederte, die ihm so unverholen entgegen kam, wurde besturzt uber die Weichheit, die sein Oheim nicht beherrschen konnte; er furchtete, um die Gesundheit der Grafin stehe es schlimmer, als man ihm sagte, und er nahm sich vor, sie wo moglich vor seiner Abreise noch zu sehen. Er verliess den Grafen, als Emilie eintrat, blieb aber im Vorzimmer, um durch diese die Erlaubniss zu erbitten, von seiner Tante Abschied zu nehmen.
Emilie richtete den Auftrag der Grafin weinend aus. Es war ihr, als ob sie den Willen einer Sterbenden berichtete. Der Graf empfing das Paket mit bewegtem Gemuthe und erwiederte mit unbeherrschter Ruhrung, dass er dem Verlangen der Grafin genau nachkommen werde. Er verschloss sich in sein Kabinet, sobald er allein war, um sein Wort zu erfullen.
Als Emilie zur Grafin zuruckkehren wollte, traf sie auf den jungen Grafen, der ihr sein Anliegen vortrug; sie versprach ihm, seinen Wunsch der Grafin mitzutheilen, machte ihm aber wenig Hoffnung zu dessen Erfullung, weil die Kranke erklart habe, dass sie zu schwach sei, selbst den Arzt zu sprechen, und vor allen Dingen Ruhe bedurfe. Es war also Emilien selbst uberraschend, als die Grafin nach kurzem Besinnen erklarte, dass sie den jungen Grafen sehen wollte, und Emilien bat, ihn sogleich herein zu fuhren. Dieser erschrak sichtlich, als er sich dem Lager der Kranken naherte und bemerkte, welche Verwustung eine Nacht des Leidens hervorbringen kann. Die Grafin bat ihn, sich neben ihr Bett zu setzen, und sagte, indem sie ihm die Hand reichte: Sie wollen uns verlassen, mein lieber Vetter, ich weiss, es ist nothwendig und Ihre Reise lasst sich nicht aufschieben; aber ich bitte Sie, eilen Sie recht bald zu uns zuruck. Ich weiss, Sie haben geglaubt, dass ich Ihnen den Weg zu dem Herzen des Grafen verschliesse; Sie haben mir Unrecht gethan, es ist nie so gewesen; mein Unrecht gegen Sie besteht einzig darin, dass ich mich zu selbstsuchtig in meinen eigenen Gram verloren habe und desswegen nicht an die Verwandten meines Gemahls dachte; diess Unrecht bitte ich Ihnen ab. Wenn Sie zuruckkommen, werden Sie mich vielleicht besser finden, und dann, hoffe ich, werden Sie sich wohl in dem Hause liebevoller Verwandten fuhlen, und jedes Misstrauen gegen mich und den Grafen wird schwinden. Vielleicht aber finden Sie mich bei Ihrer Ruckkehr nicht mehr, vielleicht sind dann schon alle meine Leiden geendigt; dann, mein theurer Vetter, dann bringen Sie ein kindliches Herz fur Ihren Oheim mit und lassen Sie ihn fuhlen, dass er nicht verarmt an Liebe ist, wenn auch mein Herz nicht mehr fur ihn schlagt.
Der junge Graf wollte antworten, aber die Wehmuth beherrschte seine Stimme. Die Grafin schien ihm so krank, dass er in der That furchtete, diess seien die letzten Worte, welche dieser Mund jemals zu ihm sprechen wurde; er beugte sich uber ihre Hand und benetzte sie mit heissen Thranen, indem er sie kusste. Lassen Sie uns jetzt scheiden, sagte die Kranke, indem sie die Hand des jungen Mannes schwach druckte. Ich darf nicht die letzten Krafte meines Lebens in Ruhrung und Wehmuth auflosen, ich muss mich sammeln, um wenigstens noch ein Mal meinen Gemahl sprechen zu konnen. Nicht wahr, Ihr Versprechen habe ich, Sie werden sich mit Liebe an sein edles Herz schliessen? Es soll die Aufgabe meines Lebens sein, rief der junge Graf, sein Wohlwollen zu verdienen. So leben Sie nun wohl, sagte die Kranke, vielleicht sehen wir uns wieder.
Der Himmel kann nicht so grausam sein, erwiederte der junge Graf, er wird uns allen Ihr theures Leben erhalten.
So lassen Sie uns denn in dieser Hoffnung scheiden, sagte die Kranke mit matter Stimme, und Emilie fuhrte den jungen Grafen hinaus, der seine Bewegung nicht beherrschen konnte und in seine Begleiterin drang, ihm zu sagen, welche Hoffnung sie hege. Diese antwortete ihm nur mit Thranen und deutete mit der Hand nach oben, zum Zeichen, dass sie nur vom Himmel Hulfe erwarte. St. Julien hatte sich einige Mal im Vorzimmer der Grafin gezeigt, um nach ihrem Befinden zu fragen, jetzt traf er auf den jungen Grafen, und dieser theilte ihm in heftiger Bewegung die Unterredung mit, die er eben mit seiner Tante gehabt hatte. Beide Freunde trennten sich hierauf mit Thranen, und der junge Graf beschwor St. Julien, ihm einen Eilboten zu schicken, wenn der Zustand der Grafin schlimmer werden sollte, da er aus Rucksicht fur seine Eltern seine Reise nicht aufschieben durfe.
St. Julien suchte den Grafen auf, um in dessen Nahe Trost in der qualenden Unruhe zu finden, die ihn zu zerstoren drohte; dieser hatte sich in sein Kabinet verschlossen und war fur Niemand zuganglich. Der bekummerte junge Mann schlich nun zu Dubois, der ihn dadurch einiger Massen aufrichtete, dass er ihm vertraute, wie die Grafin schon oft in so bedenklichem Zustande gewesen sei, dass ihr aber Gott jedes Mal die wunderbare Kraft gewahrt habe, sich durch den starken Willen der Seele wieder zu erheben, und dass er auch diess Mal nicht verzage, wiewohl er zu den Mitteln des Arztes nicht das mindeste Vertrauen habe.
So schwach dieser Trost auch war, so ergriff ihn St. Julien doch als eine sichere Hoffnung; er konnte den Gedanken nicht fassen, dass die Grafin aus dem Leben scheiden sollte; es schien ihm, als wurden dadurch die Wurzeln seines eignen Daseins gestort.
Dubois kehrte nach dem Vorzimmer der Kranken zuruck und St. Julien begleitete ihn. Auf die leise Frage des Haushofmeisters erwiederte Emilie, die Grafin sei ruhig, wolle aber Niemanden sprechen, als den Grafen, und auch diesen nur, wenn er von selbst kame, rufen sollte ihn Niemand. Der junge Mann horte die ihm so theure Stimme, die Jederman den Eintritt versagte, er schlich also hinweg und suchte auf einem langen einsamen Spaziergange sein klopfendes Herz zu beruhigen.
Der Graf hatte das Packet aus Emiliens Handen empfangen, er hatte sich in sein Kabinet verschlossen, um es sogleich, wie seine Gemahlin es wunschte, zu lesen, und dennoch kam es ihm seltsam und fremd vor, dass er sich mit todten Buchstaben beschaftigen sollte, in den Augenblicken, da die Krankheit des theuersten Wesens ihm die Seele mit so lebhafter Unruhe erfullte. Warum sollte er uberhaupt lesen, was sie ihm mit wenigen Worten sagen konnte? In allen Dingen, auch hierin, schloss er seine Betrachtungen endlich, will ich ihr meine Liebe beweisen, ich will jedes andere Gefuhl beherrschen, jeden anderen Gedanken verbannen und thun, was sie von mir fordert. Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, loste das Siegel, entfaltete die Blatter und las Folgendes:
II
Wenn diese Blatter in die Hande meines Gemahls fallen, hob die Handschrift der Grafin an, dann hat vielleicht das Herz aufgehort zu schlagen, das ihn so innig liebte und ehrte, und dennoch nie den Muth finden konnte, ihn in die Tiefe des Jammers blicken zu lassen, an dem es verblutete. Ach! nur zu gewiss ist es, die erste Falschheit fuhrt unsagliche Verwirrung herbei und kettet ein Unrecht an das andere. Hatte ich sprechen durfen vor unserer Verbindung, wie mein Gefuhl mich trieb, ich hatte mir selbst und auch dem theuersten Freunde meines Herzens all den Kummer erspart, der aus dem Gefuhle entspringen musste, dass ich ihn fortwahrend uber mich tauschte. Hatte ich auch spater geredet, so ware dann vielleicht die Innigkeit auch eingetreten, die mir den dornenvollen Pfad des Lebens erleichtert hatte, aber die Furcht, dass mein theurer Gemal das erste Verschweigen nicht verzeihen wurde, schloss fortwahrend meine Lippen, und wir wandelten durch meine Schuld zwar neben einander, aber nicht mit einander auf dem Pfade des Lebens. Der tiefe Schmerz uber diess Ungluck und uber mein Unrecht, wodurch es herbei gefuhrt worden ist, bestimmt mich, alle erlittenen Qualen noch ein Mal durchzufuhlen und diesen Blattern meine Leiden zu vertrauen, damit sie ein Mal, wenn auch erst nach meinem Tode, meinen Gemahl das Wesen ganz kennen lehren, das so unglucklich an seiner Seite wandelte und ach! in der Verbindung mit ihm so glucklich hatte sein konnen, wenn sein fruheres Leben sich hatte anders gestalten wollen. Sein grossmuthiges Herz wird dann vielleicht meine Qual beweinen und das Verschweigen dieser Qual verzeihen.
Ich muss, um uber mich selbst vollkommenen Aufschluss zu geben, der Jugend meiner Eltern erwahnen. Mein Vater war in seiner Jugend ein schoner Mann; er war einer der reicheren Edelleute und seine Umgebung hielt ihn fur liebenswurdig. Ich habe kein Urtheil daruber, denn ich habe ihn in so fruher Kindheit verloren, dass sein Bild nur schwach in meiner Erinnerung dammert. Er war Protestant, und die Aufklarung, die in der Zeit seiner Jugend sich aller ausgezeichneten Menschen bemeisterte, ergriff auch ihn und liess ihn in aller Religion nur eine weltliche Anstalt sehen, durch welche die Moralitat des Volks erhalten und den Fursten das Regieren erleichtert wurde; bei diesen Gesinnungen fiel es ihm nicht ein, dass die Religion jemals ein Hinderniss seiner Wunsche sein konnte, und er uberliess sich der Liebe zu meiner Mutter, ohne nur daran zu denken, dass sie der katholischen Kirche angehorte.
Meine Mutter war von beschrankten Eltern geboren, und ihre Erziehung wurde durch den Beichtvater ihrer Mutter geleitet; also war es begreiflich, dass sie nur einen Weg zur Seligkeit kannte und ausserhalb ihrer Kirche nur Verderben erblickte. Mein Vater setzte seine Bewerbungen fort und fand selbst Mittel, den einflussreichen Beichtvater fur sich zu gewinnen, indem er mit jugendlichem Leichtsinn den beschrankten Priester hoffen liess, die Verbindung mit meiner Mutter konne ihn wohl bestimmen, sich in den Schooss der katholischen Kirche in der Zukunft aufnehmen zu lassen; nur jetzt, gab er zu verstehen, machten es ihm weltliche Rucksichten unmoglich, daran zu denken. Er erlaubte sich diese Falschheit ohne Vorwurfe seines Gewissens, denn ihm war die Religion uberhaupt gleichgultig, und er betrachtete es als ein unschuldiges Mittel, seinen Zweck zu erreichen, wenn er auf diese Weise einen Priester und durch ihn meine Mutter hinterging.
Es ist naturlich, dass die Neigung meiner Mutter fur meinen Vater machtig in ihrem Herzen wuchs, da die Hoffnung sich damit verband, sein ewiges, wie sein zeitliches Gluck zu begrunden, und es ist begreiflich, dass auch die Eltern bald fur einen Plan gewonnen wurden, den der Beichtvater unterstutzte. Mein Vater hutete sich den Hoffnungen auf seine Bekehrung zu widersprechen und liess alle Schritte geschehen, ohne eine andere Ansicht uber die Religion der Kinder auszusprechen, die aus dieser Ehe entspringen konnten, als die, welche von seinen Schwiegereltern angenommen wurde, und diese glaubten, dass die Kinder eines Mannes, der selbst sich mit der katholischen Kirche vereinigen wollte, nicht anders, als in den Grundsassen dieser Kirche erzogen werden konnten.
Mit dieser Falschheit von der einen und Beschranktheit von der andern Seite wurde die Verbindung geschlossen, und meine Mutter sah wenige Wochen nach ihrer Vermahlung trotz der Beschranktheit des Geistes, in der man sie hatte aufwachsen lassen, dass an eine Bekehrung meines Vaters nicht zu denken sei, und er verwundete ihr Herz, wenn er sich schonungslos daruber zu scherzen erlaubte, durch welche Mittel er sie gewonnen habe. Die Gesellschaft meines Vaters bestand aus jungen Leuten, die mehr oder weniger seinen Meinungen uber Religion anhingen, und meine Mutter musste oft Gesprache anhoren, von denen sie in frommer Einfalt glaubte, ihr frevelhafter Inhalt musse das Feuer des Zornes vom Himmel herunter auf die straflichen Haupter der Leichtsinnigen rufen.
Mit Schmerzen sah der Beichtvater, wie groblich er sich hatte tauschen lassen, und die Eltern der unglucklichen Frau suchten durch fromme Werke den Himmel wegen ihres Irrthums zu versohnen. In dieser Lage der Dinge wurde die Schwangerschaft meiner Mutter fast wie ein Ungluck betrachtet, denn man furchtete mit Recht, dass auch die Kinder der katholischen Kirche wurden entzogen werden und so auch diese Seelen verloren gehen wurden. Indess wurde es nothwendig, diesen Gegenstand zur Sprache zu bringen, und wie man es befurchtet hatte, lachte mein Vater nur uber die Hoffnung, dass er die Erlaubniss geben wurde, seine Kinder katholisch zu erziehen. Man bediente sich selbst der List, um ihn dazu zu vermogen, sein stillschweigend gegebenes Versprechen zu erfullen, indem man ihm vorstellte, da ihm alle Religion gleichgultig sei, so konne er ja leicht zugeben, dass die Mutter, die sich nicht zu seinen Ansichten erheben konne, den Trost habe, dass die Kinder ihren Glauben theilten. Mein Vater stellte die weltlichen Nachtheile dagegen auf, die seinen Kindern aus dem Bekenntnisse der katholischen Religion erwachsen mussten, und nach langem Unterhandeln konnte endlich nur mit Muhe erreicht werden, dass die Sohne der Religion des Vaters, die Tochter aber dem Glauben der Mutter folgen sollten.
Jetzt stiegen eifrige Gebete zum Himmel empor, das Kind, welches meine Mutter noch unter ihrem Herzen trug, moge eine Tochter sein, ganz entgegen den gewohnlichen Wunschen der Familien, die einen Sohn eifriger als eine Tochter zu erbitten pflegen. Auch diese Gebete erhorte der Himmel nicht, und das Entzucken der jungen Mutter war mit Schmerz vermischt, als man ihr nach uberstandener Qual den neugebornen Sohn hinreichte. Die Freude des Vaters war laut und heftig, ein glanzendes Fest sollte die Taufe des Neugebornen verherrlichen, und mit innerlichem Schauder sahen Mutter und Schwiegereltern den protestantischen Prediger die heilige Handlung verrichten. Der Beichtvater meiner Mutter trostete sie mit dem Gedanken, dass noch nichts verloren sei, weil die Taufe, in welcher Kirche sie auch gefeiert werde, immer die gleiche Gultigkeit habe und es immer noch in der Macht meiner Mutter stande, die junge Seele dem wahren Heile zuzuwenden.
Dieser Gedanke entzundete eine neue Hoffnung in der Brust der unglucklichen Frau und wendete ihre leidenschaftliche Liebe dem Kinde zu, dessen Seelenheil sie gefahrdet wahnte. Wenn sie in blinder Zartlichkeit sich ganz dem Kinde hingab, alle seine Wunsche befriedigte, selbst die, welche der verkehrteste Eigensinn aussprach, so tauschte sie sich selbst und bildete sich ein, es geschahe, um sich die Liebe des Sohnes um jeden Preis zu erhalten, um ihn durch diese Liebe spater zum wahren Heil zu leiten; es entging ihr der Widerspruch, dass sie den spater leiten wollte, von dem sie sich schon als Kind vollig beherrschen liess. Mein Vater zog das Kind ebenfalls an sich, weil er ihn mit dem gewohnlichen Stolz der Vater als Fortpflanzer seines Namens betrachtete, und weil er den Planen der Mutter, die er gar wohl bemerkte, entgegen wirken wollte, und so kam es, dass dieses Kind im fruhesten Alter der unumschrankte Gebieter des Hauses war, dessen eigensinnigste Launen auch die Bedienten als Befehle zu betrachten sich gewohnten.
So verwohnt war dieses Kind sechs Jahre alt geworden, und als meine Eltern die Aussicht auf weitere Nachkommenschaft schon fast aufgeben zu mussen glaubten, fuhlte meine Mutter zum zweiten Male die Hoffnung, einem Kinde das Dasein zu geben. War schon bei der ersten Schwangerschaft das Flehen um eine Tochter inbrunstig gewesen, so wurden jetzt weder Gebete noch Gelubde gespart, und meine Mutter gelobte dem Himmel, Falls er ihr eine Tochter schenken wurde, sie dem Dienste des Himmels zu weihen, um in ununterbrochenen Gebeten die Bekehrung des Vaters wie des Bruders zu erflehen.
Diess Mal wurden ihre frommen Wunsche erhort, und ich Ungluckliche erblickte das Licht des Tages. Meine Mutter empfing mich mit Entzucken in ihren Armen, aber nicht als ein Kind legte sie mich an die mutterliche Brust, sondern als ein Suhnopfer, welches sie wahnte vom Himmel errungen zu haben; nicht um mein selbst Willen widmete sie mir ihre Sorge und Pflege, sondern weil ich nun da war, um ein ganzes Leben hindurch fur einen begunstigten Bruder zu beten. Auch mein Vater begrusste meinen Eintritt in's Leben nicht mit Liebe; er blickte mit Kalte auf mich, weil er die ihm unangenehme Verpflichtung hatte, mich in der katholischen Kirche erziehen zu lassen, denn es ging ihm, wie vielen Freigeistern, die ich spater kennen lernte, die alle Religion hinwegspotten wollten und doch ihren Geist von den Fesseln nicht losen konnten, in denen die Sekte sie hielt, in der sie geboren waren.
War die Feierlichkeit bei der Taufe meines Bruders gross gewesen, so wurde um so stiller die heilige Handlung begangen, die mich auf katholische Weise zur Christin weihte. Da mein Vater mich der Erziehung meiner Mutter und dem Einflusse ihres Beichtvaters uberlassen musste, so gewohnte er sich, mich von der Geburt an als ein seiner nicht wurdiges Wesen anzusehen, und betrachtete um so mehr meinen Bruder als seinen Stolz und sein Eigenthum, und so kam es denn, dass meine Erziehung von der fruhesten Kindheit an ganz so eingerichtet wurde, dass ich dem Zwecke, wozu man mich bestimmte, einem Bruder das Heil zu erringen, einst vollkommen entsprechen konnte.
Ich war kaum funf Jahre alt, als ein unglucklicher Sturz mit dem Pferde das Leben meines Vaters in Gefahr brachte. Es war ihm nicht entgangen, welche Plane meine Mutter mit mir hatte, ob er gleich nicht ahnete, dass ich geopfert werden sollte, um seine eigene wie meines Bruders Bekehrung zu erbeten; da ich aber seinem Gefuhl vollig fremd blieb und er alle Neigung allein seinem Sohne zuwendete, so war ihm der Plan meiner Mutter in sofern lieb, als meinem Bruder dadurch der ungetheilte Besitz des Vermogens gesichert wurde, welches durch die Verwaltung meines Vaters bedeutend war vermindert worden. Da ihm der gefahrliche Zustand seiner Gesundheit nicht verborgen bleiben konnte, ob er gleich von den Aerzten noch einige Zeit nach dem unglucklichen Sturze erhalten wurde, so richtete er sein Testament ganz zum Vortheile meines Bruders ein, und da meine Mutter wahrend seiner Krankheit einige Mal seine Bekehrung mit Hulfe des Beichtvaters versucht hatte, so erregte diess nicht nur seinen Zorn, sondern auch die Sorge, dass nach seinem Tode derselbe Eifer fur die Seele meines Bruders sich zeigen wurde, und er ernannte einen Vormund aus der Zahl seiner Freunde, der meinen Bruder zu sich nehmen und seine Erziehung leiten sollte, damit, wie er unverholen ausserte, der Knabe nicht durch die Mutter den Handen der katholischen Priester ubergeben werden mochte.
Meine ungluckliche Mutter erfuhr also den doppelten Schlag des Geschickes, dass sie den Mann ihrer Liebe verlor, ohne, wie sie meinte, seine Seele gerettet zu haben, und dass gleich nach dessen Tode ihr auch der Sohn entrissen wurde, um dessentwillen sie nur noch lebte.
Da es nun durch die Entfernung des Knaben der trauernden Mutter unmoglich gemacht wurde, unmittelbar fur seine Bekehrung zu wirken, in welchem Gedanken sie einen schwachen Trost beim Tode des Mannes gefunden hatte, so blieb nichts ubrig, als mittelbar durch ihr und mein Gebet dahin zu wirken, und ich wurde zu allen geistlichen Uebungen schon in dieser zarten Jugend angehalten.
Da es wie eine ausgemachte Sache betrachtet wurde, dass mein Leben dem Dienste Gottes im Kloster geweiht sei, so hegte ich selbst auch keinen andern Gedanken, und da meine Mutter den Einfluss lebensfroher Gespielen furchtete, so erzog sie mich in volliger Einsamkeit; ich sah beinah nur den Beichtvater und sie; und als Grund fur diese Zuruckgezogenheit wurde ohne Hehl meine Bestimmung zum Klosterleben angefuhrt, so dass ich nicht Theil nahm an den wenigen Gesellschaften, die meine Mutter besuchte, und auch das Gesellschaftszimmer verliess, wenn zuweilen Besuch bei uns erschien.
Ich fugte mich ohne Zwang und ohne Klage in diese Einsamkeit; ich lebte in Traumen, die meine Phantasie erzeugte; ich bildete mir innerlich ein wunderbares, reiches Leben und hielt mich so fur alle ausseren Entbehrungen schadlos. Mein lebhafter Geist, der mit nichts genahrt wurde, musste alle Beschaftigung in sich selber suchen und fuhrte mich oft an die Granze des Wahnsinnes, denn ich glaubte selbst an meine wachen Traume. Die einzige Storung dieses einsamen, traumerischen Lebens trat ein, wenn uns mein Bruder, von seinem Vormunde begleitet, besuchte. Der muntere Knabe verspottete die werdende Nonne, und wenn er prahlend von der Heiterkeit seines Lebens erzahlte, so regte sich zuweilen die Sehnsucht in meiner Brust, Theil an seiner Freude zu nehmen. Auf meine Mutter machten diese Besuche, nach denen sie sich so heftig sehnte, jedes Mal den traurigsten Eindruck, und unsere Gebete in der Einsamkeit wurden verdoppelt, um eine Bekehrung zu erflehen, die immer zweifelhafter zu werden schien.
Mein Bruder hatte ungefahr das Alter von sechzehn Jahren erreicht, als ich bemerkte, dass sein Betragen gegen uns anders wurde. Er kam jetzt zuweilen allein, theils weil seinem Vormunde der Aufenthalt bei uns langweilig war, theils weil er glaubte, mein Bruder sei so befestigt in seinen religiosen Ansichten, dass die Mutter keinen Einfluss mehr auf ihn wurde ausuben konnen. Diese Besuche gewahrten dieser einen kaum mehr gehofften Trost; mein Bruder spottete nicht mehr uber meine Bestimmung, ja er konnte mit Bewunderung von der Heiligkeit eines einsamen, Gott geweihten Lebens sprechen; er liess in solchen Stunden meine arme Mutter hoffen, dass, sobald er das mundige Alter erreicht haben wurde, er sich in den Schooss der katholischen Kirche wurde aufnehmen lassen, und es bedurfte keiner grossen Ueberredung, um die Mutter und den Beichtvater zu uberzeugen, dass diese frommen Gedanken vor dem Vormunde verborgen gehalten werden mussten, damit dieser nicht den Sohn auf's Neue von der Mutter trennte. Die arme Frau hatte sich ohne grosse Kunst von dem Manne tauschen lassen, der ihre Liebe gewann, und liess sich nun noch bereitwilliger von einem Knaben hintergehen. Sie bemerkte es nicht, dass sie diese frommen Aeusserungen jedes Mal mit ansehnlichen Summen bezahlen musste, die mein Bruder von ihren Ersparnissen empfing. Mein Vater hatte meiner Muter ein sehr massiges Einkommen bestimmt, da aber ihre Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren, so hatte sie durch die ihr zugefallene Erbschaft bedeutendere Mittel, und mein Bruder hatte nicht so bald Kenntniss von diesem Zuwachs, als er ihn fur sich benutzte, durch eine Heuchelei, die der Beweis einer grossen Schlechtigkeit gewesen ware, wenn er diesen Kunstgriff nicht mit kindischem Dunkel fur das Zeichen eines starken Geistes gehalten hatte, der sich erlauben durfte, die Schwachheit einer bigotten Mutter auf diese scherzhafte Weise zu benutzen.
So hatte mein Bruder nach und nach das ganze Erbe meiner Mutter erhalten, ehe er sein mundiges Alter erreichte, und diese fing an die Entbehrungen zu fuhlen, die sie sich aus Liebe fur diesen Sohn selbst auferlegt hatte; doch machte ihr diess keinen Kummer, denn fur mich war gesorgt, indem ich aus der Welt schied, und sie selbst konnte dann bei dem geliebten, geretteten Sohne den Rest des Lebens in heiliger Freude hinbringen. Ich war noch sehr jung, aber ich sah mit Befremden die bedenklichen Mienen, die mein Bruder zu solchen Traumen machte, wenn sie ihm mitgetheilt wurden.
Ich war ungefahr funfzehn Jahr alt geworden, und meine Mutter fing sich an ernstlich daruber mit dem Beichtvater zu berathen, in welchem Kloster ich meine Probezeit hinbringen sollte, als ein Brief von einer Tante meiner Mutter ankam und unserem Leben eine neue Wendung gab. Diese Tante hatte sich mit einem bedeutenden Vermogen, die Schonheit der Natur zu geniessen, nach der Schweiz zuruckgezogen; sie war alt und kinderlos, und forderte meine Mutter auf, mit mir zu ihr zu kommen, damit sie ihr Leben nicht unter fremden Menschen endigen musse, und versprach zugleich, wenn meine Mutter diesen Wunsch bereitwillig erfullen wollte, sie zu ihrer einzigen Erbin zu ernennen.
Niemand unterstutzte den Vorschlag dieser Tante eifriger als mein Bruder, und als meine Mutter die Besorgniss ausserte, dass er, getrennt von ihr, wieder lau werden und seinen heiligen Vorsatz aufgeben konne, versicherte er, dass er uns nach der Schweiz folgen wurde, wo er, ohne Aufsehn zu erregen, leichter noch als im Vaterlande diess Verlangen seines eignen Herzens stillen konne. Diese Aeusserung war entscheidend, und wir begaben uns auf die Reise zu der alten, reichen, lebenssatten Tante, wie sie von meinem Bruder genannt wurde.
Ich hatte unser Haus beinah niemals verlassen, meine Spaziergange erstreckten sich nicht weiter, als bis in unsern Garten, dessen geschorene Hecken und regelmassig abgetheilte Blumenbeete mir weiter keine Abwechselung gewahrten, als dass ich die Blumen bluhen und verbluhen sah, und doch hatte ich selbst in diesem beschrankten Raume in der Unschuld meines Herzens unsagliche Freude genossen. Waren doch die Sommerlufte warm und lind, glanzte doch der Himmel uber mir, dufteten mir doch die Blumen entgegen, und meine Phantasie fullte die Gange mit wandelnden Gestalten; wache Traume der lieblichsten Art umfingen haufig meinen Geist in diesem Garten, und eine bunte Mahrchenwelt umgaukelte mich.
Die angetretene Reise nun entfuhrte mich aus der engbeschrankten, bekannten Welt und zeigte mir zum ersten Male eine grossartige Natur. Schon unsere vaterlandischen Berge, unsere uppigen Thaler und rieselnden Bache entzuckten mein Herz, und ich dachte mit Beklemmung daran, dass ich von dieser herrlichen Welt scheiden sollte und wieder hochstens in einem beschrankten Garten wurde verweilen durfen. Aber als wir die Schweiz erreichten, war es, als ob mein Busen sich dehnte. Diese Seeen, diese Berge, diese Thaler weckten ein Gefuhl des Lebens in mir, das mir bis dahin fremd gewesen; ich fuhlte, dass ich da sei um mein selbst Willen, und konnte mich nicht mehr als ein Wesen betrachten, welches fur Andere dahin gegeben werden durfe, und leise im Herzen regte sich mir der Verdacht, ob mein Bruder auch solche Opfer verdiene. Mein trunkenes Auge schweifte unersattlich uber Berg und Thal, und meine Seele sog das reinste Entzucken in sich. Aber indem ich mit himmlischer Wonne das Leben fuhlte, welches sich so glanzend und neu vor mir ausbreitete, versprach ich mir innerlich, leise, aber fest, eine Welt nicht zu verlassen, deren Zauber, sobald ich ihn kennen lernte, so machtig auf mich wirkte.
III
Wir hatten Luzern erreicht, in dessen Nahe die Tante meiner Mutter ein herrlich gelegenes Landhaus bewohnte. Mit aufrichtiger Liebe wurden wir von der mehr als siebzigjahrigen Frau empfangen, die das nahe Ende ihres einfachen, schonen Lebens mit Ruhe und Heiterkeit erwartete, und sich durch die Gegenwart naher Verwandten gestarkt fuhlte; aber dennoch liess sich bald bemerken, dass ihre Hoffnung nicht vollkommen befriedigt war, und dass der beschrankte Geist meiner guten Mutter ihr die Unterhaltung nicht gewahren konnte, die sie in ihren einsamen Stunden durch das Beisammensein mit einer Verwandten erwartet hatte. Ihr wahrhaft frommer Sinn konnte eben so wenig damit zufrieden sein, dass ich schon vor meiner Geburt zum Opfer fur einen Andern bestimmt war, und wenn sie die Ansichten meiner Mutter in dieser Hinsicht bekampfte, so machte diess desshalb einen erschutternden Eindruck auf diese, weil sie keine frevelnde Freigeisterei bei ihrer Tante voraussetzen durfte, sondern sie in allen Handlungen ihres Lebens als fromme Katholikin verehren musste.
Meine grosse Jugend erregte die Theilnahme dieser vortrefflichen Frau, und indem sie fur meine Bildung zu sorgen beschloss und mich desshalb mehr an sich zog, bemerkte sie mit Schrecken eine vollig verwahrloste Erziehung, und auf die Vorwurfe, welche sie meiner Mutter daruber machte, glaubte diese genugend mit der Frage antworten zu konnen, von welchem Nutzen mir weltliche Kenntnisse bei meinem kunftigen Aufenthalte im Kloster sein konnten, und ob sie nicht im Gegentheil dazu dienen wurden, in mir eine Sehnsucht nach der Welt zu erregen, die ich bestimmt sei zu verlassen. Die Tante suchte ihr die Gefahr auseinander zu setzen, die darin liege, wenn ein so lebhafter, feuriger Geist als der meine gar keine Nahrung erhielte und alle Hulfsquellen in der kunftigen Einsamkeit nur in sich suchen musse, worauf meine Mutter auf Beichte und Gebet als die sichersten Stutzen der Seele hindeutete.
Die Tante gab bald jeden Streit uber diesen Gegenstand auf und benutzte ihre Ueberlegenheit des Geistes, um fur mich, ohne weiter zu fragen, Lehrer in allen nothigen Wissenschaften anzunehmen, und da sie mich zugleich zu allen frommen Uebungen anhielt, die die Kirche vorschreibt, so konnte meine Mutter keinen Grund finden, sich einer Einrichtung zu widersetzen, von der die Tante behauptete, dass sie ihr eine erheiternde Beschaftigung im Alter gewahre.
Fur mich begann in dieser Zeit ein so gluckseliges Leben, dass vielleicht durch die Trunkenheit, in der mein Geist sich befand, alle Fahigkeiten meiner Seele erhoht wurden und so die Bewunderung meiner guten Tante erregten. Meine Mutter konnte mich hier nicht auf das Haus beschranken, denn die Herrin desselben begunstigte den Umgang mit Personen meines Alters, die in unserer Nahe lebten, und die anstandige Freiheit der Sitten in der Schweiz erlaubten es uns, auf den nahen Bergen umher zu schweifen, und mit den reinen Luften sog ich die Krafte des Lebens in mich; mein Geist erstarkte wie meine Glieder, meine Wangen rotheten sich, meine Augen leuchteten in der Fulle des Glucks und der Gesundheit. Die Zaubergarten der Poesie erschlossen sich um diese Zeit meinem Geiste und ubten eine nie geahnete Gewalt auf meine Seele. Meine Mutter bemerkte mit Unruhe die Verwandlung, die mit mir vorging und die sie eine traurige Verweltlichung nannte; die Tante war in demselben Grade daruber erfreut.
Schon ehe wir in der Schweiz angekommen waren, hatte sich zwischen meiner Grosstante und einem alten Franzosen ein freundliches Verhaltniss gebildet, welches oft Beiden zum Trost gereicht hatte, der Tante in ihrer Einsamkeit und dem Franzosen in manchen Leiden der Gegenwart.
Herr Blainville, so nannte sich der alte Mann, hatte Frankreich verlassen mussen, weil sein vorurtheilsfreier Geist die Anzeichen der herannahenden Sturme erkannte. Seine Stellung in der Nahe seines Monarchen hatte ihn vermocht, diesen auf seine gefahrliche Lage aufmerksam zu machen und ihm die Moglichkeit des Unglucks zu zeigen, welches bald furchtbar hereinbrechen sollte. Anfangs verlacht wurde er bald angefeindet und als ein Anhanger verhasster Systeme verdachtig gemacht, und er sah seine Freiheit um seiner treuen Anhanglichkeit Willen bedroht. Der entgegengesetzten Partei war er ebenfalls verdachtig, weil er seinem Konige ergeben war, und so war er zu gleicher Zeit der Verfolgung des Hofes und dem Hasse des Volkes ausgesetzt, und hatte kaum noch Zeit, durch eine eilige Flucht einer Verhaftung zu entgehen, die sein Leben in Gefahr bringen konnte. Bei dieser unvorbereiteten Flucht konnte er nur sehr geringe Hulfsmittel mit sich nehmen, und er musste mit seinem Vermogen einen Sohn und eine Tochter in Frankreich zurucklassen, fur deren Schicksal er unaufhorlich furchtete, und je deutlicher sich in den fortschreitenden Begebenheiten der Zeit erkennen liess, dass er nur zu richtig die Uebel seines Vaterlandes voraus gesehen hatte, um so heftiger wurde seine Unruhe, und sein Herz wurde von den qualendsten Sorgen um das Schicksal seiner Kinder zerrissen, denn seine Phantasie spiegelte ihm die furchtbarsten Ereignisse vor. Es konnte seiner bejahrten Freundin nicht gelingen, ihn zu beruhigen. Eine furchtbare Revolution, pflegte er oft, wenn sie ihm Trost einsprechen wollte, zu sagen, bricht uber mein ungluckliches Vaterland herein, und ich weiss wohl, dass diese in der Zukunft fur Frankreich, ja fur ganz Europa die heilsamsten Fruchte tragen kann, aber in der Gegenwart, wo alle Leidenschaften aufgeregt sind, wird sie wuthen wie ein furchtbarer Orkan, der zwar auch die Luft reiniget, aber Wehe dem, der ihm nicht ausweichen kann.
Endlich kam er eines Morgens mit triumphirender Miene in unser Haus, von einem jungen Manne begleitet, welchen meine wurdige Grosstante mit herzlicher Freude als den jungen Blainville begrusste. Sie wunschte dem Vater aufrichtig Gluck, dass durch die Ankunft des so heiss ersehnten Sohnes die Unruhe seines Herzens beendigt sei, und fragte den jungen Mann mit Theilnahme nach seiner Schwester. Er berichtete mit Kummer, dass es ihm unmoglich geworden sei, fur die Schwester und sich Passe zu erhalten, dass er gezwungen gewesen, sich ohne Pass uber die Grenze zu schleichen, welches er nicht habe bewerkstelligen konnen, ohne Gefahren sich auszusetzen, denen ein junges Madchen unmoglich konne preisgegeben werden; er habe also in Paris, wo sie verborgen und in Sicherheit leben konne, auf's Beste fur sie gesorgt, und da er selbst bald zuruck musse, so hoffe er dann vielleicht Mittel zu finden, auch sie dem Vater zuzufuhren.
Der junge Blainville schien durch meinen Anblick uberrascht, und es war nicht zu verkennen, dass er sich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an mit Innigkeit mir zuwendete; sein Vater schien seine Neigung durch seinen Beifall zu unterstutzen, meine Grosstante wirkte ihr nicht entgegen, und meine Mutter schien sie Anfangs nicht zu bemerken.
Wer jemals die Sussigkeit der Momente empfunden hat, wenn zwei junge Herzen sich gegeneinander offnen, um sich zu vereinigen, der wird es begreifen, dass es mir schien, als ob die Sonne nur in dem Herzen ruhte, deren glanzende Strahlen Alles um mich her beleuchteten und verschonten. Der alte wurdige Blainville streichelte oft meine gluhenden Wangen und nannte mich sein Kind, seine zweite Tochter, den Trost seines Alters. Ich begriff nicht, warum diese Schmeichelworte mir Thranen entlockten, und doch war ich so selig in diesen Thranen.
Meine Grosstante und der alte Blainville hatten jetzt haufig lange Unterredungen mit einander, die ihre vertrauliche Freundschaft noch zu befestigen schienen, aber ich bemerkte, dass nach solchen Unterredungen die Tante oft besorgte Blicke auf meine Mutter richtete; endlich schien diese sich an die Gefuhle ihrer Jugend zu erinnern, und sie begann die Gefahr, die ihren Planen drohte, zu ahnen. Sie bereute nun das ihrer Tante gegebene Versprechen, mich nicht aus ihrer Nahe entfernen zu wollen, und wusste nicht, wie sie diess erfullen und doch zugleich ihrem Gelubde treu bleiben sollte. Endlich glaubte sie durch Aufrichtigkeit gegen Alle einem drohenden Uebel begegnen zu konnen. Sie ergriff also die erste schickliche Gelegenheit, um in des alten, wie des jungen Blainvilles Gegenwart zu erklaren, dass sie mein Leben dem Heiland geweiht und mich desshalb fur das Kloster bestimmt habe, und von ihrer gutigen Tante hoffe, dass sie mir erlauben wurde, bald mein Probejahr anzutreten. Wie ein Donnerschlag wirkte diese Erklarung auf den jungen Blainville. Ich sah ihn erbleichen und hielt meine stromenden Thranen nicht zuruck, der alte Blainville sah verlegen auf die Tante, die einen etwas zornigen Blick auf die Nichte richtete; aber diese blickte triumphirend, wie nach einem gewonnenen Siege, umher.
Die schone Ruhe war aus unserm Kreise gewichen, aber dennoch war nicht erreicht worden, was meine Mutter im frommen Eifer fur ihre Kirche und aus blinder Liebe fur meinen Bruder wollte. Ich suchte die Einsamkeit, aber nicht bloss um meinen Thranen Luft zu machen, sondern um mich auch in dem Vorsatze zu bestarken, mich nicht fur meinen Bruder opfern zu lassen. Ich entwarf manche Plane, wie ich mich dem alten Herrn Blainville anvertrauen und seinen Rath benutzen wollte, aber wenn ich mit ihm zusammentraf, konnte ich den Muth nicht dazu finden.
Der junge Blainville hatte bald meine einsamen Spaziergange entdeckt, und eine Erklarung, die vielleicht ohne die Aeusserungen meiner Mutter unsere Schuchternheit noch lange zuruckgehalten hatte, vereinigte nun auf das Festeste unsere Herzen; wir gelobten uns mit allem Ungestum der Jugendliebe ewige Treue, und hofften von der Zeit, von der Gute meiner Grosstante, von dem Einflusse des alten Blainville unser Gluck; aber freilich konnten wir es uns nicht verhehlen, dass dieser niemals einem Plane seine Zustimmung geben wurde, der offenbar das Recht einer Mutter verletzt hatte; von dieser Mutter aber konnten wir weder durch Bitten, noch durch Thranen etwas zu gewinnen hoffen, da das vermeinte Seelenheil eines geliebten Sohnes ihr wichtiger war, als das irdische Gluck einer wenig geliebten Tochter, und so schlossen sich alle unsere Unterredungen mit hoffnungslosen Thranen, und nur Eins ward jedes Mal von Neuem beschlossen, in unserer Liebe ohne Wanken auszuharren.
Ich hatte dem jungen Blainville meine Vermuthung anvertraut, dass mein Bruder durch eigennutzige Absichten bei seinem Handeln geleitet wurde, und dass er die Bekehrung selbst, auf die meine Mutter so inbrunstig hoffte, nur vorspiegele, um mich in's Kloster zu verstossen und so auch noch das kleine Erbe zu behalten, welches mein Vater mir ausgesetzt hatte, und wir beklagten um so schmerzlicher die Blindheit der Mutter, die mich diesem Bruder opfern wollte, als unvermuthet er selbst erschien und seine Ankunft uns zum Trost gereichte, was wir am Wenigsten erwartet hatten.
Als die erste Freude der Bewillkommnung voruber war, erschrak meine Mutter, ihren Sohn so verandert zu finden; die Blute der Jugend war von seinen Wangen schon abgestreift, seine Gestalt zusammengesunken, obgleich er kaum zwei und zwanzig Jahre alt war, und er schob die Schuld der traurigen Veranderung, die mit ihm vorgegangen war, auf den vielen Kummer, den ihm sein Vormund verursache, der, wie er behauptete, seine Neigung zur katholischen Religion entdeckt habe. Er trieb die Heuchelei so weit, dass wenig fehlte, und meine Mutter hatte ihn fur einen Martyrer des Glaubens gehalten. Der alte Blainville, der die Welt besser kannte, als sie, vertraute der Tante nach wenigen Tagen, dass ihm der junge Mann ein leidenschaftlicher Spieler zu sein schiene.
Es liess sich bald erkennen, dass mein Bruder neue Summen von meiner Mutter zu erhalten wunschte, und dass diese so bedeutend sein mussten, dass sie ihre Krafte uberstiegen, denn sein Missmuth liess sich eben so wenig, als ihre Thranen verhehlen. Da der alte Blainville die Verhaltnisse meiner Familie kannte, so gab er seinem Sohne einen Rath, der unser Gluck herbeifuhrte. In Folge dieses Rathes namlich suchte der junge Blainville sich meinem Bruder zu nahern, er bot ihm die Hulfe, welche die Mutter nicht gewahren konnte, und ubernahm es zugleich, mich zu verpflichten, auf mein kleines Erbe Verzicht zu leisten, wenn er die Mutter dazu bestimmen konne, in unsere Verbindung zu willigen.
Mit welchem frohen Erstaunen wurde mein Herz erfullt, als mein Bruder sich mir nun liebreich naherte und den frommen Wahn der Mutter beklagte, der ohne Schonung meine Jugend opfern wollte; er segnete den Gedanken, der ihn zu rechter Zeit herbeigefuhrt hatte, um ein solches Ungluck zu verhindern. Mir klangen diese Worte in seinem Munde so fremd, dass ich ihn Anfangs mit Misstrauen betrachtete; er lachelte und sagte: wirst Du denn niemals Zutrauen zu mir gewinnen, meine gute Schwester? Ich beforderte den Plan der Mutter, weil ich glaubte, ein geistliches Leben sei Dein wahrer Beruf, Deine eigene Wahl; da mich aber Blainville, der mehr Vertrauen zu mir hat, als Du, eines Besseren belehrt hat, so werde ich die Mutter noch heute bestimmen, Eure Hande in einander zu fugen.
Da ich keine Kenntniss davon hatte, durch welche Mittel Blainville meinen Bruder bestimmt hatte, unser Gluck zu befordern, so warf ich mich mit Thranen der Reue in seine Arme; ich gestand ihm die nachtheiligen Gedanken, die ich uber ihn genahrt hatte; ich bat ihn dieser innerlichen Beleidigung wegen um Verzeihung; ich uberhaufte ihn mit Dank und Liebe, und war unendlich begluckt, als er mir grossmuthig verzieh und sich meine Liebe gefallen liess. Ich furchtete nur noch, er wurde die Mutter nicht bestimmen konnen. Lass das meine Sorge sein, erwiederte er mit einem beinah verachtlichen Lacheln.
Er verliess mich, um die Mutter sogleich zu sprechen. Mein Herz pochte, als ich in ihrem Zimmer Beide laut und heftig sprechen horte, und ich erfuhr nachher, dass mein Bruder erklart habe, er konne es nicht ertragen, dass ich um einer Einbildung Willen geopfert wurde, denn um seinen Uebertritt zur katholischen Kirche zu erreichen, dazu bedurfe es dieses Opfers nicht, und mein Gebet fur ihn wurde eben so kraftig wirken, wenn ich auch keine Nonne, sondern Blainvilles Gattin wurde. Er sei entschlossen, so bald er mundig geworden, zu der katholischen Kirche uberzutreten, wenn meine Mutter ihre Einwilligung zu meiner Verbindung geben wolle, wurde aber diese verweigert, so werde er einen feierlichen Eid leisten, als Protestant zu sterben. Diese Drohung wirkte, wie sie sollte, und bestimmte meine Mutter, sogleich den lang genahrten Plan aufzugeben, und sie trat an der Hand des Bruders in den Saal, um mir dessen grosse Liebe, die nur mein Gluck wolle, zu verkundigen. Sie ermahnte mich, die oft begangene Sunde zu bereuen, dass ich diesen edeln Bruder des Eigennutzes beschuldigt habe, denn ware er eigennutzig, schloss sie ihre Rede, so wurde er mich nicht bestimmt haben, Dich zu verheirathen, was ihn nothigt, Dir Dein Erbe auszuzahlen, welches ihm geblieben ware, wenn Du den geistlichen Stand erwahlt hattest. Mein Bruder liess es geschehen, dass ich ihm meine Reue noch ein Mal bezeigte, ja er duldete es, dass ich seine Hande dankbar kusste, die, wie ich wahnte, mich dem Leben zuruck gaben.
Noch denselben Abend wurde ich mit dem jungen Blainville verlobt, und in wenigen Tagen sollte unsere Verbindung gefeiert werden. Wir waren beide viel zu entzuckt und zu sehr mit unserm Gluck beschaftigt, als dass wir uns uber die Art gegen einander erklart hatten, wie mein Bruder unser Wohlthater geworden war; nur lachelte mein Verlobter, wenn ich die Liebe und Grossmuth dieses Bruders pries.
Befremdend war es mir daher, als nach wenigen Tagen der alte Blainville mich in sein Kabinet fuhrte und mich bat, eine Schrift zu unterzeichnen, worin ich auf jede Erbschaft meines Vaters zum Vortheil meines Bruders Verzicht leistete, mit der Bewilligung meines kunftigen Gemahls und meines Schwiegervaters. Dieser versicherte mir, meines Bruders Verhaltnisse machten diess durchaus nothwendig, auch wollte er mir sogleich die Summe ersetzen. Ich zogerte nicht zu unterschreiben, aber die Tauschung war geendigt, ich wusste nun, dass nicht Liebe fur mich meinen Bruder bewogen hatte, mein Gluck zu befordern, und ich horte es ohne Kummer, wie mein Schwiegervater hinzufugte, dass meines Bruders schleunige Abreise so nothig sei, dass er nicht Zeuge meiner Verbindung mit seinem Sohne wurde sein konnen, da diese um eine Woche hatte aufgeschoben werden mussen, weil der Geistliche krank geworden sei, der, wie er und meine Grosstante wunschten, den Segen uber unsere Verbindung sprechen sollte.
In der That reiste mein Bruder nach zwei Tagen ab, nachdem er die Summe von Blainville erhalten, die ihm dieser zugesichert hatte. Mein Schwiegervater liebte seinen Sohn auf das Zartlichste; er wollte nur sein Gluck, und da er sah, dass diess Gluck ohne eine Verbindung mit mir nicht denkbar war, so that er Alles, um sie herbei zu fuhren; aber da er machtige Feinde in Frankreich hatte, da ihm dort noch eine Tochter lebte, um derent Willen er selbst oder der Sohn dahin zuruckkehren musste, so war Vorsicht fur ihn um so nothiger, weil er, um seine Feinde zu tauschen, das Gerucht hatte verbreiten lassen, er sei gestorben. Er hatte also selbst einen Aufschub meiner Verbindung mit seinem Sohne veranlasst, um meinen ungeduldigen Bruder zu entfernen, dem er seinen wahren Namen nicht anvertrauen wollte, der doch in diesem feierlichen Augenblicke genannt werden musste. Meine Mutter, deren Verschwiegenheit er nicht vertraute, war nicht zu furchten, denn sie selbst hatte erklart, ihr Gefuhl erlaube ihr nicht, bei meiner Trauung gegenwartig zu sein; da es ihre liebste Hoffnung gewesen sei, mich als eine Braut Christi zu sehen, so konne sie mich zwar segnen, aber jede irdische Verbindung nur beweinen.
Zu meinem Befremden bestritt Niemand diesen Vorsatz, und als ich mit Thranen meine Mutter bewegen wollte, ihren Entschluss zu andern, fuhrte mich meine Grosstante hinweg und sagte: Lass Deine Mutter bei ihrem Entschlusse, es ist fur Alle der beste, den sie hatte fassen konnen.
Der feierliche Tag war erschienen; die Trauung sollte in der Kirche eines nahen Dorfes stattfinden; meine Grosstante begleitete mich dahin, Blainville kam in Begleitung seines Vaters und des Kammerdieners, den ich ihn immer wie einen Freund hatte behandeln sehen; diess waren die Zeugen, die gegenwartig sein sollten.
Meine Grosstante sagte mir auf dem kurzen Wege: Ich habe Dich nicht lange allein sprechen konnen in diesen Tagen, weil ich nicht die Aufmerksamkeit Deiner Mutter erregen wollte, und so bleibt mir nun keine Zeit, Dich gehorig vorzubereiten, und ich muss Dich nur bitten, nicht uberrascht zu sein, wenn der Geistliche, der Euch verbindet, nicht den Namen Blainville ausspricht, den Dein kunftiger Gemahl und Dein Schwiegervater hier nur ihrer Sicherheit wegen fuhren; in ruhiger Stunde wirst Du alles Nothige von Beiden selbst erfahren, ich kann Dich nur daran erinnern, dass Du den Mann liebst und nicht den Namen, auch dass Niemand eine Tauschung beabsichtigt hat und in der gegenwartigen schlimmen Zeit manche Vorsicht nothig wird. Es krankt mich, dass Du in diesem wichtigen Augenblicke durch andere Gedanken zerstreut wirst, da Du nur fromme haben solltest; aber doch konnte ich Dich nicht ganz unvorbereitet lassen. Ich hatte mich noch nicht von meinem Erstaunen erholt, als unser Wagen vor dem Eingange des Kirchhofes hielt, der die kleine Kirche umgab. Mein Verlobter wartete hier auf mich und fuhrte mich zur Kirche; mein Gemuth war wunderbar bewegt, das kleine Gefolge, die beinah heimliche Trauung, die Ungewissheit uber den Namen meines kunftigen Gemahls, Alles versetzte mich in eine so angstliche Spannung, dass ich das Feierliche der Handlung kaum empfinden konnte und vor Allem darauf lauschte, welchen Namen der alte, ehrwurdige Geistliche aussprechen wurde, um den Mann, der ihn fuhrte, mit mir zu verbinden, und uberrascht zuckte ich zusammen, als er ihn unter dem Namen Graf Evremont fragte, ob er mich zur Gefahrtin seines Lebens wahle.
IV
Bis hieher hatte der Graf mit Spannung zwar, aber doch mit ruhiger Aufmerksamkeit gelesen, der Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen Geist, die Blatter entfielen seiner Hand, und die Erzahlung des General Clairmont gewann in diesem Augenblikke ein furchtbares Licht.
Er sah seinen unglucklichen Freund auf dem Schaffot; er erblickte seine Gemahlin im Gedrange des Volks; er sah sie die weissen Arme erheben, sah den wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts, er horte innerlich ihren lauten durchdringenden Schrei und verhullte, vor entsetzlichem Schmerze laut weinend, sein Gesicht, und, so wunderbar ist des Menschen Gemuth, in diesem ungeheuern Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschamung seine Seele, sich seine Gemahlin so tief erniedrigt, vermischt mit dem Volke, als die Wittwe eines Hingerichteten zu denken. Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber, ehe er so viel Fassung gewann, dass er die Blatter wieder ergreifen und diese ungluckliche Geschichte weiter verfolgen konnte. Die Erinnerung, mit welcher Pein seine Gemahlin ihn erwarten wurde, gab ihm endlich den Muth dazu, und er kehrte zu dem Inhalte der verhangnissvollen Blatter zuruck und las, wie die Grafin den Fortgang ihrer Geschichte folgendermassen berichtete:
Mein Schwiegervater fuhrte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus und benutzte die erste ruhige Stunde, mir die Nothwendigkeit zu zeigen, seinen Namen zu verschweigen. Er hatte beschlossen, seinen Sohn keiner Gefahr mehr auszusetzen, sondern, sobald es sich thun liesse, selbst nach Frankreich zuruckzukehren, um seine Tochter und sein Vermogen in Sicherheit zu bringen, und er glaubte, er wurde diesen Plan um so gefahrloser ausfuhren konnen, wenn Niemand seinen Tod bezweifelte. Ob ich gleich sehr jung war, sah ich die Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die Nothwendigkeit, alle unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen. Der alte Geistliche, welcher uns eingesegnet hatte, war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters, also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zahlen.
Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals theuer gewesen, aber seit meiner Verheirathung behandelte sie mich vollig wie eine Fremde und richtete jeden zartlichen, liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder, dessen Mundigkeit sie sehnsuchtig herbeiwunschte, denn sie zweifelte nicht, dass er dann sein Versprechen erfullen und seine Seele, wie sie es nannte, in Sicherheit bringen wurde. Mich krankte diese unverdiente Kalte, und diess war der einzige Kummer, der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Gluckes verdunkelte.
Ich empfand es eine kurze Zeit, wie glucklich der Mensch sein kann, um bald mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren, welch furchtbares Leid das menschliche Herz zu ertragen vermag. Mein Schwiegervater liebte mich zartlich und ausserte oft, wenn ein Franzose Frankreich vergessen konne, so wurde er sich hier, umgeben von unserer Liebe, vollkommen glucklich fuhlen, besonders wenn er die Tochter erst mit uns vereinigt habe; aber ach! geliebte Kinder, seufzte er dann, der Himmel gewahrt kein reines Gluck, wir sind doch immer aus unserm Vaterlande verbannt. Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Moglichkeit der Ruckkehr zu trosten. Es wird die Zeit einmal kommen, erwiederte er dann wohl, Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen, aber ich werde diese Zeit nicht mehr erleben.
Unser stilles Gluck wurde durch den Tod meiner trefflichen Grosstante getrubt; sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften Schlummer ein wahrhaft frommes Leben. Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine Mutter fur ihre einzige Erbin erklart und, wie sie es versprochen hatte, ihr Testament diesem Zwecke gemass eingerichtet. Spater, als die treffliche Frau die ungerechte Vorliebe meiner Mutter fur meinen Bruder bemerkte, wollte sie zu meinem Vortheile eine Aenderung treffen, die jedoch immer verschoben wurde, und so geschah es, dass der Tod sie uberraschte und die fruhere Anordnung in Kraft blieb. Ich beweinte die geliebte Frau, die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte, als die Mutter, die mich geboren hatte; aber das zartliche Flehen meines Gemahls schmeichelte meinen Kummer hinweg, er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn, gegen seinen Vater, und ach! an das Pfand unserer Zartlichkeit, das noch unter meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler, ahnungsvoller Liebe zuneigte.
Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf, zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschaften beizustehen. Wie wir es erwartet hatten, folgte er bereitwillig diesem Rufe, um fur meine Mutter die Erbschaft in Empfang zu nehmen, und diese erstaunte, als diess Geschaft nach einigen Wochen beendigt war, den Nachlass ihrer Tante so gering zu finden, dass sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen, wie es ihr Vorsatz war, zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte.
Nachdem mein Bruder die Geschafte meiner Mutter geordnet hatte, verliess er uns, um ein Jahr in Paris zuzubringen, und dann nach seiner Ruckkehr wollte er sein Vermogen aus den Handen seines Vormundes empfangen und, wie meine Mutter hoffte, den lang genahrten Vorsatz ausfuhren, sich in den Schooss der katholischen Kirche aufnehmen zu lassen. Wir alle sahen ihn mit Vergnugen nach dem Lande seiner Sehnsucht abreisen, denn Paris war ihm der Mittelpunkt der Welt, das Ziel seiner gluhenden Wunsche, und er hatte es bis jetzt nicht erreichen konnen, weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte.
Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Gluck erhoht, denn der Himmel schenkte mir einen Sohn, den der Grossvater mit dankbaren Thranen gen Himmel hob, der Vater mit trunkenem Entzucken betrachtete und den ich, in selige Freude verloren, an meinen Busen druckte. Gewiss begleitet die Liebe einer Mutter den Sohn unwandelbar durch sein Leben, aber sie wird sich mit dem vorrukkenden Alter in eine innige Freundschaft verwandeln, die wehmuthige Zartlichkeit einer jungen Mutter aber, den ruhrenden Stolz, die ahnungsvolle Liebe, die trunkene Hoffnung auf eine glanzende Ferne, diese Gefuhle kann nur dunkel ahnen, Wer sie nicht selbst erlebt hat.
Mein Schwiegervater hatte scheinbar zufallig den Geistlichen bei sich, der unsere Trauung vollzogen hatte; der Arzt, ein Freund, auf dessen Verschwiegenheit er ebenfalls zahlen konnte, erklarte, das Kind sei so schwach, dass es sogleich getauft werden musse, ehe meine Mutter eingeladen werden konnte, der heiligen Handlung beizuwohnen, und so waren mein Schwiegervater und der Arzt die einzigen Taufzeugen, und der neugeborne Evremont wurde in der Taufe Adolph genannt.
Meine Mutter schalt den Arzt unwissend, als sie das gesunde Kind erblickte, fur dessen Leben er gezittert hatte, und der gutmuthige Mann liess sich lachelnd den Vorwurf gefallen und sagte, er danke Gott fur seinen Irrthum.
Gluck und Frieden, die seligste Ruhe umspielten mein Leben, und meine zagende Seele straubte sich, die Erinnerung von diesem hellen Punkte meines Daseins abzuwenden, um sich in die dunkele Tiefe grausenvoller Verzweiflung zu versenken.
Mein Sohn war ungefahr ein Jahr alt geworden, ich hatte ihn selbst genahrt, denn meine eifersuchtige Liebe wurde es mit Neid betrachtet haben, wenn sein erstes Lacheln sich einem fremden Wesen zugewendet hatte. Eine Aufwarterin, die meiner Mutter aus Deutschland gefolgt war, hatte sich seit meiner Verheirathung in meinen Dienst begeben, und diese wurde nun die treue und sorgfaltige Warterin des Kindes. Um diese Zeit fing mein Schwiegervater an, an manchen Uebeln zu leiden, die zwar fur ihn beschwerlich waren, aber doch nicht sein Leben zu verkurzen drohten, und wir hielten es fur unsere Pflicht, ihm mehr als je unsere Liebe und unsere Dienste zu weihen, um ihm sein Schmerzenslager ertraglicher zu machen, aber eine schlimme Nachricht schreckte uns alle aus der Ruhe des Herzens auf. Ein Freund meines Schwiegervaters hatte Frankreich neuerdings verlassen und brachte die Kunde, dass die Schwester meines Gemahls sich aus ihrem Schutzorte habe entfernen mussen, weil ihre Beschutzer selbst, um wieder sie verhangten Verfolgungen zu entgehen, aus Paris entflohen waren, ohne fur ihre Schutzbefohlne zu sorgen. Die Schrecken der nahen Revolution fingen um diese Zeit an fuhlbar zu werden, das Volk fing an seinen Hass gegen den Adel thatlich zu zeigen, schon schien seine Wuth Opfer zu fordern, und jeder, der nicht den Muth hatte, alle in fruheren Jahrhunderten erworbene Vorrechte aufzugeben, suchte sein Haupt vor der drohenden Gefahr zu bergen. Wie viele Andere, so waren auch die Beschutzer meiner Schwagerin entflohen, und man erfuhr in dieser Angst um ein geliebtes Wesen nur, dass eine alte Dienerin des Hauses sie bei sich in tiefster Verborgenheit aufgenommen habe. Mein Schwiegervater war in Verzweiflung, dass seine Krankheit eine Reise unmoglich machte, und es wurde nach langem Kampfe beschlossen, dass mein Gemahl zum Schutze der Schwester nach Frankreich zuruckkehren sollte. Ich erklarte, mich nicht von ihm trennen zu wollen, aber die Vorstellungen meines Schwiegervaters, die Sorge fur meinen Sohn, die Bitten meines Gemahls und vor Allem die Versicherung seiner baldigen Ruckkehr bestimmte mich endlich, mich dem allgemeinen Wunsche zu fugen, und Evremont reiste, von schmerzlichen Thranen und heissen Segenswunschen begleitet, ab.
Ach! wie trube wurden nun die Tage am Krankenlager meines Schwiegervaters, dessen Zustand die Sorge um seine Kinder verschlimmerte; kaum gewahrte mir das Lacheln der sussen Unschuld, mit dem mein Sohn seine dunkeln Augen zu mir erhob, einigen Trost! Die grosse Aehnlichkeit mit seinem Vater, den ich fern und in Gefahr wusste, erpresste mir Thranen, so oft ich auf ihn blickte, und unser aller Angst wurde erhoht, als mein Bruder aus Frankreich zuruckkehrte und alle Auftritte schilderte, die schon vorgefallen waren; aber dennoch hatte ihn Paris mit allen seinen Freuden so entzuckt, dass er den Vorsatz aussprach, dahin zuruck zu kehren, sobald er seine Geschafte mit seiner Vormundschaft geendigt habe. Meine Mutter erinnerte ihn an seine Versprechungen, die ihr am Wichtigsten waren, und er erwiederte mit frechem Scherze, den die gute Mutter nicht verstand, Paris sei am Besten dazu geeignet, die Religion zu verandern, und sie sollte von ihm horen, sobald er wieder dort sein wurde. Er beklagte es, dass er seinen Schwager nicht in Paris getroffen, und machte mir Vorwurfe, dass ich zuruckgeblieben sei und so die Gelegenheit verloren habe, die Hauptstadt der Welt, wie er Paris nannte, kennen zu lernen.
Nach einem kurzen Aufenthalte bei uns verliess uns mein Bruder, dem die trube Einsamkeit, in der wir lebten, peinlich und langweilig war, und wir horten nun nichts aus Frankreich, als was uns offentliche Blatter meldeten, denn ein Briefwechsel ware unsicher und gefahrlich gewesen, und in vielen verzweiflungsvollen Stunden glaubte ich, Evremont sei schon als Opfer gefallen, und ich sah, dass dieselbe Sorge an dem Leben meines Schwiegervaters nagte. Viele gewaltsame Auftritte waren schon vorgefallen; die Bastille war ersturmt worden, und immer kehrte mein Gemahl noch nicht zuruck. Das Kind, welches er auf den Armen der Warterin zuruck gelassen hatte, fing an seine Krafte zu entwickeln und lernte den Namen Vater lallen, indess wir furchteten, der Vater sei ihm schon verloren.
In solcher Qual waren uns mehr als achtzehn Monate verstrichen und die Hoffnungslosigkeit hatte alle Krafte unseres Geistes gelahmt. Dazu gesellten sich andere Sorgen; die Hulfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu erschopfen, und wir lebten einer kummervollen Ungewissheit der Zukunft in jedem Sinne entgegen.
Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzuckens in unser dunkles Schicksal. Wir hatten einen kummervollen Tag, wie viele vorhergehende, vollbracht und uberlegten in der Stille des Abends, welchen Gefahren Evremont vielleicht habe erliegen mussen, als die Thur sich offnete, und der, fur dessen Schicksal wir noch eben furchteten, gesund und heiter hereintrat. O! Wer vermochte die ruhrende Freude zu beschreiben, mit welcher der greise Vater den in voller Kraft der Jugend und mannlicher Schonheit bluhenden Sohn in seine Arme schloss. Wer vermochte mein Entzucken nachzufuhlen, als der langersehnte Vater an das Lager seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schlafers kusste, um den sussen Schlummer des holden Lieblings nicht zu storen. Ja noch ein Mal umspielte die reinste Freude mein Herz, und die Thranen meines Entzuckens vermischten sich mit den Tropfen, die Liebe und Ruhrung aus den Augen des geliebten Mannes pressten.
Als wir uns so weit gesammelt hatten, dass wir seine Mittheilung vernehmen konnten, berichtete mein Gemahl, dass er Alles in Paris viel besser gefunden habe, als wir hatten hoffen durfen. Er habe dem Geruchte, dass sein Vater gestorben sei, nicht widersprochen, um mit mehr Sicherheit und Ruhe fur unser aller Wohl sorgen zu konnen, denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei, um meinem Schwiegervater zu schaden, so sei dagegen die Volkspartei viel machtiger geworden, die sich einbilden konnte, sie wolle in seiner Person einen Feind ihrer Ansichten bestrafen. Er selbst hatte uberall die beste Aufnahme gefunden, und er durfte hoffen, dass, wenn er schleunig zuruckkehrte, man seine Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten bringen wurde. Das gesammte Vermogen wollte er dann nach und nach in Sicherheit zu bringen suchen, wie er schon Vieles von den liegenden Grunden veraussert habe und die Summen, die er nicht gleich baar hatte erhalten konnen, durch die Anweisung an einen Freund, dem der Vater vollkommen vertrauen konnte, sicher gestellt hatte. Bedeutende Summen, die er baar mitbrachte, erhohten noch die allgemeine Zuversicht; auch beruhigte er den alten Vater uber die zuruckgebliebene Tochter, fur deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war.
Fur mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte; es wurde von meinem Gemahl mit Bestimmtheit ausgesprochen, dass er bald wieder nach Paris zuruckkehren musse, und auch mein Schwiegervater sah diess als nothwendig an. Der Gedanke an eine neue Trennung war mir furchterlich. Die Erinnerung an alle Leiden, an die qualvolle Angst, an die Schrecknisse, welche meine Phantasie mir vorgespiegelt hatte, erregte in mir ein solches Entsetzen, dass ich nicht den Muth hatte, alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben, und ich beschloss im Stillen, mich nicht wieder von Evremont zu trennen.
Die Gesprache zwischen meinem Gemahl und seinem Vater beruhrten in dieser Zeit oft den Zustand ausserster Aufregung, in dem sich Frankreich damals befand, und Beide gaben zu, dass inmitten aller Ausschweifungen, zu denen das Volk sich verleiten liess, grosse Krafte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen, und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam, dass sie von angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten, um in Frankreich ungestort zu leben, als sie hier freiwillig aufopferten, um unter fremdem Himmel, vergessen, ein dunkles Dasein zu fristen.
So zartlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte, so konnte dieser doch niemals diese Seite beruhren, wie behutsam er es auch that, ohne den alten Grafen Evremont auf's Schmerzlichste zu verwunden, der sich dann wohl zu heftigen Vorwurfen hinreissen liess und meinen Gemahl beschuldigte, dass auch er sich dem allgemeinen Schwindel hingabe, und aus Verkehrtheit des Herzens sich mit dem Pobel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe.
Wenige Gesprache reichten hin, um meinen Gemahl zu uberzeugen, dass diess ein Punkt sei, uber den er mit dem Vater nie seine Ansicht theilen wurde, und dass es daher besser sei, Gesprache dieser Art ganzlich zu meiden und Alles zu thun, um der Neigung des Vaters zu entsprechen.
So waren zwei Wochen vergangen, als mein Gemahl daran erinnerte, dass er seine Ruckreise nach Frankreich antreten musse, wenn er es vermeiden wolle, dass seine Abwesenheit nicht bemerkt wurde. Mein Schwiegervater gab die Nothwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu, und Evremont blickte mit dem Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich. Dieser Blick gab mir den Muth, sogleich bestimmt zu erklaren, dass ich mich nicht wieder von meinem Gemahl trennen wurde.
Mein Schwiegervater hatte bemerkt, wie Viel ich wahrend Evremonts Abwesenheit gelitten hatte, und lobte meinen Entschluss, der meinen Gemahl mit dankbarer Freude erfullte. Nun wurde beschlossen, wir sollten die grosste Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen, Falls sich die Lage der Dinge geandert hatte, dass wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten brauchten.
Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Antheil an unserer Sicherheit und verschaffte uns Passe, worin wir als eine Schweizerfamilie, Namens Blainville, bezeichnet wurden; und als es nun endlich zur Abreise kam, bestand der alte Graf Evremont darauf, dass sein alter erprobter Diener, der mehr sein Freund geworden, als sein Untergebener geblieben war, uns begleiten sollte, da seine Kenntniss von Paris, seine Einsicht und Treue uns von unschatzbarem Nutzen sein konne. Der gute Dubois trennte sich mit Thranen von seinem geliebten, leidenden Herrn, dessen Pflege er nun Fremden uberlassen musste, aber er erkannte es als Pflicht, bei dem gefahrlichen Unternehmen des jungen Grafen seinen Beistand nicht zu versagen, um wo moglich das Vermogen retten zu helfen und auch die Tochter in die Arme des Vaters zu fuhren.
Meiner Mutter musste die Ursache unserer Reise verschwiegen werden, und hatte sie schon fruher den straflichen Leichtsinn meines Gemahls bitter getadelt, der ihn nach ihrer Meinung bestimmt hatte, Vater, Gattin und Kind zu verlassen, um sich in Paris allen Zerstreuungen hinzugeben, so konnte sie nun nicht Worte finden, die ihr hart genug schienen, um meine Lieblosigkeit zu schelten, die nun auch mich bestimmte, einem leichtsinnigen Gemahl zu folgen und einen leidenden Vater zu verlassen. Sie tadelte mit heftigen Worten dessen Schwache, die ihn, wie sie glaubte, bestimmt hatte, seine Einwilligung zu einem unsinnigen Unternehmen zu geben, und ihr Unwille stieg auf's Hochste, als sie bemerkte, dass auch Dubois mit uns gehen sollte und so der alte Mann ganz verlassen bliebe. Sie sagte mir mit Harte, sie habe immer geglaubt, da ich meine Pflicht gegen Gott nicht habe erfullen wollen, dass ich gegen Menschen nicht gewissenhafter sein wurde. So schieden wir, von dem Segen meines Schwiegervaters, von seinen eifrigen Gebeten begleitet, und von meiner Mutter mit Kalte und Unwillen entlassen.
Wir erreichten zwar ohne Hindernisse Paris, unsere Passe wurden uberall als gultig anerkannt; aber wie ganz anders hatte sich hier Alles in dem kurzen Zeitraume wahrend meines Gemahls Abwesenheit gestaltet. Die Erbitterung und die Zugellosigkeit des Volkes war auf's Hochste gestiegen. Der Adel wurde verfolgt, und Wer sein Vaterland verlassen hatte, wurde als ein des Todes schuldiger Verrather betrachtet, und auch Evremont war als ein solcher bezeichnet worden. Die noch nicht verkauften Grundstucke waren eingezogen worden, und sein Leben wurde bedroht. Wie segneten wir die Weisheit meines Schwiegervaters und seines Freundes, des wohlwollenden Arztes; wir konnten uns nun als die Familie Blainville durch Dubois Beistand eine einfache Wohnung in einer Vorstadt miethen und lebten hier als Burger mit beschrankten Mitteln ganzlich zuruckgezogen, so dass ich von den Herrlichkeiten der Hauptstadt der Welt, wie mein Bruder sie nannte, wenig bemerkte, und auch mein Gemahl verliess das Haus nur in der Dammerung, von Dubois begleitet, um die nothigen Geschafte zu besorgen. Diese strenge Eingezogenheit wirkte nachtheilig auf die Gesundheit meines Sohnes, und der herbei gerufene Arzt rieth uns, den Liebling unseres Herzens, der bisher beinah immer in freier Luft gelebt hatte, auf ein Dorf zur Pflege zu geben, wie so viele Eltern in Paris es thaten, die fur die Gesundheit ihrer Kinder besorgt waren. Er ruhmte uns zu diesem Zweck eine Wittwe an, deren Gewissenhaftigkeit er aus Erfahrung kannte.
Mein Herz blutete bei diesen Vorschlagen und ich sah mit Thranen auf meinen bleichen Knaben. Der Arzt verliess uns, und Dubois stellte mir vor, dass ich der Gesundheit meines Sohnes diess Opfer schuldig sei und in Gefahr geriethe, wenn ich es nicht bringen wollte, diess liebliche Kind zu verlieren; auch sei die Lage meines Gemahls so gefahrlich, dass man selbst nicht dem Arzte mit Sicherheit einen haufigen Zutritt in unser Haus gestatten konne, ohne Unvorsichtigkeit und Verrath furchten zu mussen.
Ich fugte mich allen diesen Grunden, die Evremont lebhaft unterstutzte, und gab das Kleinod meines Herzens dahin. Dubois versicherte uns, dass er in Paris viel sicherer sei, als mein Gemahl, denn mehrere seiner ehemaligen Bekannten, ja selbst einige seiner Verwandten gehorten zu den heftigsten Jakobinern und waren als solche Magistratspersonen geworden, und sie hatten nicht so sehr alles menschliche Gefuhl verloren, dass nicht ihr ehemaliger Freund und Verwandter einigen Schutz hatte finden sollen, aber ihr republikanischer Eifer ging so weit, dass er diesen nicht auf uns auszudehnen wagte.
Ach! wie schmerzlich blutete mein Herz, als ich mein Kind in Dubois Arme legte, es war, als ahnete ich das entsetzliche Ungluck, von dem ich betroffen werden sollte, und der alte Mann war so ergriffen von meiner heftigen Ruhrung, dass er kaum vermochte, den als vernunftig erkannten Vorsatz auszufuhren; doch siegte die Sorge fur unsere Sicherheit uber sein Mitleid und er trug mein Kind hinweg.
Der Zustand in Paris wurde immer truber und angstlicher. Wir wagten es nicht, am Tage meinen Sohn zu besuchen, und es konnte nicht fehlen, dass es der Wittwe auffallend erscheinen musste, dass wir jedes Mal so spat Abends das Dorf erreichten, dass wir uns begnugen mussten, das schlummernde Kind zu betrachten, um uns von seinem Wohlsein zu uberzeugen. Dubois warnte mich ernstlich vor der Gefahr, die hieraus fur Evremont entspringen musste, und auch diese Besuche durften nicht oft wiederholt werden.
Es ware gefahrlich gewesen, die Schwester meines Gemahls als Fraulein Evremont in unser Haus zu nehmen, es wurde also die Uebereinkunft getroffen, dass sie als Kammerjungfer bei mir scheinbar in Dienst treten sollte, und als solche lebte die schone und reizende Adele seit einiger Zeit mit uns, und theilte unsere strenge Zuruckgezogenheit; aber es ergab sich daraus eine Unannehmlichkeit, an die wir nicht gedacht hatten. Die Dienerin, welche mich begleitet hatte, hatte es schon sehr aufgebracht, dass der kleine Adolph ihrer Pflege entrissen worden war, und sie fand sich nun auf's Aeusserste dadurch beleidigt, dass die neue Kammerjungfer Vorzuge genoss, die ihr nie zu Theil geworden waren, und welche diese nach ihrer Meinung gar nicht verdiente; auch tadelte sie mich laut daruber, dass ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe, da ich mein Kind nicht mehr bei mir hatte, und sie doch sehr gut mit allen Geschaften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe. Es ware diese schone Einrichtung nur getroffen worden, weil wir nicht wussten, wie wir Geld genug ausgeben sollten: kurz, sie liess uber diesen Gegenstand ihrer ubeln Laune freien Lauf, und es bedurfte aller Klugheit und Gutmuthigkeit Dubois, um diese hauslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten. Er beruhigte sie zuletzt damit, dass er ihr vorstellte, ich habe die junge Person zu mir genommen, um die franzosische Sprache zu uben, und so liess sich endlich die treue, aber herrschsuchtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell gefallen, wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte, und ihr Schelten uber die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu, jeden moglichen Verdacht desshalb von uns zu entfernen, denn sie hatte nur zu sehr das Bedurfniss, gegen Jedermann tadelnd daruber zu sprechen und die angeblichen Grunde zu einer so unnutzen Ausgabe lacherlich zu machen.
Uns Allen waren diese Verhaltnisse peinlich und jeder sehnte sich darnach, die Ruckreise anzutreten. Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten, und selbst die Fragen, welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren gerichtet worden, konnten uns nicht beunruhigen, denn sie konnte nichts verrathen, weil sie uns selbst fur das hielt, wofur wir in Paris galten.
So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen, in welchen wir das Ungeheuerste erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefahrdet geblieben waren. Mein Gemahl hoffte nun, nur noch eine kurze Zeit verweilen zu mussen, um auch einen grossen Theil des Vermogens mit sich nehmen zu konnen, den ein treuer Freund seines Vaters ihm uberliefern sollte, und schon traf Dubois im Stillen alle Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung, einen Pass fur die so genannte Kammerjungfer zu erhalten, die ebenfalls fur eine Schweizerin angesehen werden sollte, und ach! mit welcher Sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke dieser Abreise entgegen.
Unser einziger Vertrauter, welcher die Geldgeschafte fur meinen Gemahl leitete, war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses, und weil ihm mein Schwiegervater in fruheren Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte, blieb er uns aufrichtig ergeben; aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit, dass selbst er meinen Gemahl dringend bat, nie am Tage ihn in seinem Komptoir sprechen zu wollen, weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben eines theuern Freundes anvertrauen moge, Falls er von einem als Graf Evremont erkannt werden sollte. Desshalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der Abenddammerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir, sondern in seinem Zimmer.
So standen die Sachen, als ein ungluckliches Geschick es wollte, dass mein Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dubois auf der Strasse begegnete; es liess sich auf seine Erkundigung nicht ablaugnen, dass wir noch in Paris waren, um so weniger, da ihm meine Mutter diese Nachricht schon mitgetheilt hatte, und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden, diesen Bruder zu uns zu fuhren, wie er verlangte. Er that es mit klopfendem Herzen und fand nur darin einige Beruhigung, dass der Leichtsinnige selbst seinen Schwager nur unter dem Namen Blainville kannte.
Nach dem ersten Besuche meines Bruders, der uns alle in Schrecken setzte, wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben, denn ausser der Sorge fur uns selbst, erfullte es uns mit Unruhe, wie er die zunehmende Schwache des alten Evremont schilderte, und er that diess ohne Schonung, weil er glaubte, dass uns diese Nachrichten keinen Kummer verursachen wurden, denn da wir, nach seiner und meiner Mutter Ansicht, den alten Mann um unseres Vergnugens Willen leichtsinnig verlassen hatten, so setzte er keine grosse Liebe fur ihn bei uns voraus, und wir mussten seufzend schweigen, um uns durch unsere Vertheidigung nicht zu verrathen. Wir waren aber nun in unserer Zuruckgezogenheit nicht mehr die Herren unserer Zeit; meine schone Schwagerin, die reizende Adele, die mein Bruder fur meine Kammerjungfer hielt, machte einen unwiderstehlichen Eindruck auf ihn, und er brachte beinah alle Tage in unserm Hause zu. Bei seinen haufigen Besuchen musste es ihm auffallen, uns immer zu Hause zu treffen, und da er eine gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte, so bildete er sich ein, dass diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte, und dass ich meine Zimmer kaum verliesse, um die Beiden nicht unbewacht zu lassen. Dieses eingebildete Verhaltniss gab ihm Gelegenheit, auf unsere Kosten witzig zu sein, und wir mussten es geschehen lassen, um ihn nicht auf die rechte Spur zu leiten.
Endlich schien es, dass wir von dieser Qual erlost werden sollten. Mein Bruder kundigte uns an, dass er feine Abreise beschlossen habe, weil seine Gegenwart erforderlich sei, um wichtige Geschafte in Ansehung seines Vermogens zu beendigen. Es hatte sich ein Reisegefahrte gefunden, dem er sich anschliessen wollte, und alle Umstande schienen uns gunstig; er hatte schon Abschied genommen und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen.
Wir sassen am Morgen dieses unglucklichen Tages ruhig bei einander, ohne irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft, als mein Bruder blass und verstort bei uns eintrat. Er musste nach kurzem Zogern meinem Gemahl vertrauen, dass er die Nacht in einem jener beruchtigten Spielhauser zugebracht und nicht nur alles verloren habe, was er besass, sondern auch noch eine betrachtliche Summe schuldig sei; der, an den er sie verloren, begleitete ihn und erwartete im Vorzimmer die Zahlung, und er beschwor meinen Gemahl, ihn aus diesem Labyrinthe des Unglucks zu erretten, denn in der Hitze des Spiels, aufgereizt durch seinen Verlust und durch den in der Verzweiflung getrunkenen Wein, hatte er sich Reden erlaubt, die sein Verderben herbeifuhren konnten, wenn er nicht schleunig den noch in seinen Handen befindlichen Pass zu seiner Abreise benutzen konnte.
Evremont ubersah nicht nur die Grosse der Gefahr, in der mein Bruder schwebte, sondern er erkannte auch, wie nachtheilig fur uns die Verbindung mit ihm werden konne. Alle diese Grunde bestimmten ihn, ihm eine Anweisung auf jenen Banquier zu geben, dem er vertrauen durfte, und er hoffte, dieser wurde die angewiesene Summe sogleich auszahlen. Unglucklicher Weise war das Bedurfniss meines Bruders so bedeutend, dass aus bester Absicht der wohlwollende Freund die Auszahlung zu verzogern beschloss, um meinen Gemahl vielleicht von einem leichtsinnigen Schritte dadurch abzuhalten, denn die grosse Eile und die verstorte Miene meines Bruders erregten in ihm den Verdacht, die Gute meines Gemahls mochte gemissbraucht werden, und er erwiederte daher auf die dringende Forderung der Zahlung, er musse sich erst mit dem Burger Blainville berechnen, dann sei er bereit Zahlung zu leisten.
Wie ein Verzweifelnder kam mein Bruder, von seinem Glaubiger begleitet, zuruck und beschwor meinen Gemahl, ihn sogleich zu dem Banquier zu begleiten und die verlangte Berechnung abzuschliessen, damit er noch diesen Tag reisen konne, denn seiner erhitzten Einbildung schwebte Gefangniss und Guillotine unaufhorlich vor.
Da er die Unbescheidenheit gehabt hatte, seinen Glaubiger bei uns einzufuhren, so sah Evremont, dass die Gefahr eben so gross sei, wenn er entschieden darauf bestande, die Berechnung erst am Abende vornehmen zu wollen, als wenn er es wagte, sich ein Mal am Tage bei seinem Geschaftsfreunde zu zeigen, denn im ersten Falle konnte der ihn begleitende Glaubiger meines Bruders leicht Verdacht daraus schopfen, dass mein Gemahl sich nicht am Tage zeigen wolle. Er beschloss also den unglucklichen Gang. Der wohlwollende Banquier richtete einen Blick des unwilligen Erstaunens auf meinen Gemahl, als er begleitet von meinem Bruder und dessen Glaubiger in seinem Komptoir erschien. Hatten Sie mir geschrieben, sagte er verdrusslich, dass die Sache so dringend sei, so wurde ich mich dazu verstanden haben, die Summe noch zu zahlen. Die Berechnung mit Ihnen kann ich jetzt nicht vornehmen, da mich andere Geschafte drangen. Er gab seinem Kassirer Befehl, die Summe zu zahlen, und dieser that es stillschweigend, indem er kaum auf meinen Gemahl zu achten schien.
Wir athmeten frei, als wir meinen Bruder entfernt wussten, den Dubois hatte abreisen sehen. Dieser gute vorsichtige Mann ging den Nachmittag desselben Tages, um eine andere entlegene Wohnung fur uns zu suchen, da er glaubte, dass es besser sei, nach den letzten Ereignissen einen von unserem jetzigen Wohnorte entfernten Theil von Paris aufzusuchen, wo wir wieder vollig unbekannt waren. Es war ein schoner, warmer Nachmittag; Adele war mit der deutschen Dienerin zu Fuss ausgegangen, um einige Kleinigkeiten zu kaufen und sich dabei ein wenig in der freien Luft zu bewegen; ich war mit Evremont im seligsten Frieden allein, und wir bildeten Plane, wie wir nun bald in ungestorter Ruhe in der Schweiz unserm Gluck und unserer Liebe leben wollten; da auf einmal wurde ein Gerausch von vielen Tritten auf den Treppen laut, wir horten mit Entsetzen das Getose von Waffen; die Thur wurde aufgestossen und Polizeibeamte drangten sich, von Wachen begleitet, in unsere friedliche Wohnung.
Ich war betaubt von dem furchtbaren Schreck; ich horte nur dumpf, dass der Polizei-Beamte meinen Gemahl als Grafen Evremont verhaftete; dunkel wie im Traume sah ich, dass unsere Papiere versiegelt und weggenommen wurden; ich war innerlich erstarrt, ich fuhlte in diesem Augenblicke nichts; als aber der Polizei-Beamte auch mich beruhrte, um mich als seine Gefangene zu bezeichnen, da zuckte ein so heftiger Schmerz durch meine Brust, dass ich leblos niederfiel.
Als ich die Augen wieder offnete, sah ich meinen Gemahl nicht mehr. Die Ungeheuer hatten ihn wahrend meiner Ohnmacht von meiner Seite gerissen, und ich hatte nicht einmal den letzten traurigen Trost, von ihm Abschied zu nehmen. Meine furchtbare Verzweiflung ruhrte selbst diese taglichen Diener der Grausamkeit, sie suchten mich auf ihre Weise zu beruhigen und gaben mir zu verstehen, dass man mich zu Evremont fuhren, dass ich sein Gefangniss mit ihm theilen wurde, und dieser Gedanke machte, dass ich ruhig wie ein Lamm folgte und mich fuhren liess, wohin man wollte; dunkel schwebte mir der Tod als unvermeidlich vor, aber es lag in diesem grasslichen Augenblikke ein Trost in dem Gedanken, dass wir zusammen sterben wurden. Auf der Strasse vor unserer Wohnung hielt ein Wagen; ich stieg ohne Weigerung hinein und, diese Erinnerung ist mir noch jetzt beinah die furchterlichste, ohne an mein Kind zu denken. Mich belehrte jetzt die Erfahrung, dass es einen so gewaltsamen Schmerz geben kann, der selbst die heiligsten Gefuhle zu vernichten vermag, denn auf dem Wege nach dem Gefangnisse fiel es mir nicht ein einziges Mal ein, dass ich Mutter sei, nur die Angst um Evremont erfullte meine ganze Seele.
Angelangt in diesem Orte des Grausens wurde ich beinah ohne Bewusstsein in ein grosses, schwach erleuchtetes Gemach gefuhrt, und dumpf horte ich mit Schlossern und Riegeln die Thure des traurigen Aufenthalts befestigen. Meine Augen schweiften irr umher, ich suchte die Gestalt meines Freundes und sah nur Weiber, die sich wie dunkle Schatten vor meinen Blicken bewegten und deren Klagen in verworrenem Geton mir unverstandlich summten. Eine weinende Stimme erhob sich endlich lauter als die ubrigen und rief mit schmerzlichem Tone: Ach meine armen Kinder! Dieses Wort gab mir Leben, um mein Ungluck zu fuhlen, und Bewusstsein, um seine grassliche Tiefe zu erkennen. Mein Kind! rief ich in schmerzlicher Klage, mein Sohn! mein Gemahl! und Thranen bedeckten mein Gesicht.
Es waren um diese Zeit die Gefangnisse in Frankreich nicht allein mit Verbrechern angefullt. Im Volke war nach langer Unterdruckung der unbandige Trieb nach Freiheit erwacht, dieser wurde oft missleitet und die edelsten Opfer bluteten dem neuen Gotzen. Es waren in diesem traurigen Aufenthalte einige Frauen, die mit wahrhafter Seelengrosse ihr eignes Ungluck und ihren wahrscheinlich nahen gewaltsamen Tod auf einige Zeit vergessen konnten, und das Loos einer neuen Leidensgefahrtin zu erleichtern suchten. Man machte in einem Winkel des Gemachs ein Lager fur mich zurecht; Jede trug von dem ihrigen dazu bei; man suchte vor allen Dingen meine irren Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu richten, man fragte mir die Geschichte meines Leidens ab, und ohne diesen menschenfreundlichen Beistand, den ich, von Tod und Grausen umgeben, fand, ware ich wahrscheinlich verloren gewesen, und eine ewige Nacht des Wahnsinns hatte vielleicht meine Seele umfangen.
Wie lange ich an diesem Orte des Schreckens verweilte, weiss ich nicht. Ich hatte nicht Besonnenheit genug, die Tage des Jammers zu zahlen; die Gefahrtinnen meines Elends verminderten sich, ob sie die Freiheit erlangten, ob sie dem Tode hingegeben wurden, erfuhr ich nicht, ich gab in dumpfer Verzweiflung mich selbst verloren und wunschte den Tag herbei, an dem Frankreichs Boden auch mein unschuldiges Blut trinken wurde, und furchtete doch zugleich seine Schrecken.
Eines Morgens offnete sich der Kerker und ich wurde aufgefordert, mich vor meine Richter zu stellen. Verzweiflung und Krankheit hatten die Krafte meines Korpers erschopft, ich begriff kaum mehr, was man von mir wollte; ich fuhlte nur noch dunkel, dass jetzt der Todestag gekommen sei, und schwankte einer Leiche ahnlich dahin, wo man mich vor meine sogenannten Richter stellte. Man that verschiedene Fragen, deren Sinn ich nicht mehr im Stande war zu begreifen. Ich gab vermuthlich Antworten, doch weiss ich nichts von ihrem Inhalte. Ich hatte nur noch so viel Besinnung, dass ich das Ganze fur eine Formlichkeit hielt, die voran gehen musste, ehe man mein Todesurtheil aussprache, und ich erwartete mit einer Art von Ruhe diesen Spruch und schrak verwundert zusammen, als man mich fur unschuldig und frei erklarte. Mit starrer Verwunderung blickte ich auf meine Richter und blieb vor den Schranken stehen; man machte mir bemerklich, ich konne den Gerichtssaal verlassen und es sei schicklich diess zu thun, und ich blickte trostlos umher, denn ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Da trafen meine Augen auf das treue Antlitz Dubois, der sich zu mir drangte, meine Hand fasste und mich hinaus fuhrte. Ich liess es geschehen, und als die Luft des Himmels mich wieder anwehte, wollte ich reden, fragen; nur hier nicht, nur um Gottes Willen jetzt nicht, sagte der redliche Mann, und ich bemerkte nun, wie elend und abgemagert er aussah.
Er zog mich fort, er wollte einen Platz erreichen, um einen Wagen zu finden, da geriethen wir in ein Gedrange von Menschen, das uns gewaltsam mit sich fortschob. Dubois war nur mit mir beschaftigt, er suchte mir Platz zu machen, und ich, ermattet und geangstigt, hatte ein schwaches Verlangen, die Ursache des Gedranges zu erfahren. Ich blickte umher, mich blendete im hellen Sonnenscheine der Glanz von Waffen, ich bemerkte, dass durch diese Bewaffneten ein Raum von Menschen frei erhalten wurde, meine Augen trafen auf eine Maschine, die auf einer Erhohung errichtet war und deren grausamen Gebrauch ich ahnete. Menschen standen auf dieser Erhohung, und Gott im Himmel! ich erkannte meinen Gemahl. Einen Schrei der Angst stiess ich aus, vor dem ich selber erbebte, alle Krafte strebten hin nach dem unglucklichen Opfer, diess ist das letzte, was ich von meinem damaligen Zustande weiss.
V
Ich weiss es nicht, wie lange ich, von Wahnsinn umfangen, mich selber und mein Kind nicht kannte. Ich erinnere mich nur, dass ich eines Morgens, nach langem Schlaf, wie es mir schien, erwachte. Ich wollte mich erheben und fuhlte zu meinem Erstaunen meine Glieder an mein Lager befestigt, ich blickte um mich und fand mich in einem kleinen, peinlichen Zimmer, vor dessen Fensten Weinreben sich empor rankten, deren breite Blatter sich in der Seine wiegten, so dass ihr Schatten sich auf dem Lande bewegte. Neben dem einfachen Lager kniete ein alter Mann, der ein Gebetbuch in den Handen hielt und so eifrig betete, dass ihm die Thranen uber die Wangen flossen. Ich blickte genau hin und strengte mein Gedachtniss an, um irgend etwas zu erkennen, wodurch ich an die Vergangenheit erinnert und die Gegenwart mir deutlich wurde, denn mir war jede Erinnerung entschwunden. Nachdem ich den betenden Mann eine Weile betrachtet hatte, schien sich ein schwaches Licht in meinem Geiste aufzudrangen, und ich rief: Dubois! mit matter Stimme. O! nie werde ich es vergessen, mit welchem Ausdrucke seliger Freude der gute Mann mich ansah, wie inbrunstig er Gott dankte fur diess erste Zeichen wiederkehrender Besinnung. Ich fragte ihn, wesshalb man mich so quale und mich an mein Lager befestigt habe. Mit Thranen winkte er eine Warterin herbei, und man loste meine Bande auf.
Es erschien bald ein anderer Mann, in dem ich einen Arzt erkannte; er zeigte sich uber meinen verbesserten Zustand sehr erfreut und versicherte, dass kaum ein Ruckfall zu befurchten und man nun berechtigt sei, bei meiner Jugend das Beste zu hoffen.
Als wir wieder allein waren, fragte ich den alten Dubois nach meinem Gemahl, und der Blick des Schmerzes, mit welchem er sich abwandte und stumm die Hande rang, gab mir Besinnung und Gefuhl meines Leidens. Ich habe nie bestimmt erfahren, welche Mittel Dubois angewendet hat, um meine Freiheit zu bewirken; nur so viel habe ich nach und nach den Muth gehabt von ihm zu erfragen, dass sich zwei von seinen Verwandten unter den Richtern befanden, und dass er es desshalb wagen durfte, seinen Bitten noch durch andere Mittel als durch Worte Nachdruck zu geben; aber nie hat er mir vertraut, wie gross die Opfer waren, die er fur mein armes Leben gebracht hat. Auch fur meinen unglucklichen Gemahl hatte er sich verwendet und Versprechungen erhalten, die ihn zu Hoffnungen berechtigten; er hatte es sogar erlangt, ihn im Gefangniss sprechen zu durfen, und dort hatte Evremont, der sich uber sein Schicksal nicht tauschte, ihm das feierliche Gelubde abgenommen, mich nie zu verlassen und sein Leben meinem Beistande zu widmen. Ein neuer Aufstand des Volkes hatte die schwache Hoffnung Dubois vernichtet; man gab alle Gefangene, die es mit dem verhassten Namen der Aristokraten bezeichnete, Preis, und Evremont fiel mit vielen Andern.
Die Jugend ubte ihr Recht; meine Krafte begannen zuruck zu kehren, und wenn ich auch in den Gedanken an meinen Sohn keinen Trost finden konnte, so fuhlte ich doch die Pflicht, fur ihn zu leben. Ich bat also Dubois, ihn zu mir zu bringen, weil ja nun kein Grund der Trennung mehr sei; auch verlangte ich Adele zu sehen, und ich fuhlte einen wehmuthigen Trost in der Hoffnung, mit der Schwester den Gemahl zu beweinen. Dubois suchte mich durch mancherlei Vorstellungen von meinen Wunschen abzuleiten und ihre Erfullung weiter hinaus zu schieben. Ich litt selbst zu sehr, als dass ich gleich die Leiden des alten Mannes bei diesen Gesprachen hatte bemerken konnen; endlich aber konnte mir die ganze Tiefe meines unermesslichen Unglucks nicht langer verborgen bleiben.
Dubois war an jenem unglucklichen Tage nach der Abreise meines Bruders erst spat, nachdem er eine seinen Wunschen entsprechende Wohnung gefunden hatte, in der Absicht zuruckgekehrt, uns noch denselben Abend dorthin zu fuhren. Wie gross war sein Entsetzen, als er unsere Zimmer leer fand und von dem Herrn des Hauses unser ungluckliches Schicksal erfuhr. Er dachte in diesem Augenblicke nur an Evremont und an mich. Als er den ersten Schmerz beherrscht und die nothige Besinnung wiedergefunden hatte, suchte er Erkundigungen daruber einzuziehen, nach welchem Gefangnisse man uns gebracht habe, und sich dann den Weg zu unserer Befreiung zu bahnen. In diesen Anstrengungen gingen einige Wochen verloren, ehe er nur daran dachte, sich nach meinem Sohne zu erkundigen. Von meiner Schwagerin und der deutschen Dienerin glaubte er, dass sie mit uns verhaftet waren, und so erfuhr er von ihrem Schicksal nichts. Als der gute alte Mann nach unsaglichen Bemuhungen endlich das gewisse Versprechen erhalten hatte, dass man mich des folgenden Tages unschuldig und frei sprechen wurde, eilte er nach dem Dorfe, um meinen Sohn von seiner Pflegerin zuruck zu nehmen und durch dessen Anblick mich zu ermuntern, das Leben mit Standhaftigkeit zu ertragen. Aber ach! der bittre Kelch des Leidens war noch nicht geleert; er musste hier erfahren, dass die Wittwe, welche meinen Sohn verpflegt hatte, vor zwolf Tagen gestorben ware, und Niemand wusste, was aus dem Kinde geworden sei, nur so viel wussten die Nachbaren zu sagen, dass sie wahrend der letzten kurzen Krankheit der Wittwe kein Kind bei ihr bemerkt hatten. Alle ferneren Nachforschungen waren vergeblich, und es schien, als ob mit einem Schlage die ganze Familie Evremont vernichtet werden sollte. Mit diesem neuen entsetzlichen Schmerz in der Seele erschien der gute Dubois im Gerichtssaale, um wenigstens mich in Sicherheit zu bringen, und es gehorte die Kraft der Religion dazu, die in seinem Herzen lebte, dass er nicht beim Anblicke des unglucklichen Endes seines geliebten Herrn den Verstand verlor und in der Nacht des Wahnsinns, die meine Seele umgab, mich noch unterstutzen konnte.
Der herbeigerufene Arzt war zweifelhaft gewesen, ob nach den entsetzlichen Erschutterungen meine Vernunft jemals wiederkehren wurde, und Dubois hatte den edelmuthigen Entschluss gefasst, sein Leben meiner Pflege zu weihen. Da er aber glaubte, dass er mir nicht alle Bequemlichkeiten wurde verschaffen konnen, so wollte er sich zu dem Banquier begeben, den er als Vertrauten der beiden Grafen Evremont kannte, um von ihm einige Summen fur meine Bedurfnisse zu erhalten. Aber auch von hier kehrte er trostlos zuruck; er konnte nur erfahren, dass wahrscheinlich der Kassirer, welcher meinem Bruder die verlangte Summe ausgezahlt, meinen Gemahl erkannt und als ein heftiger Jakobiner unsere Verhaftung veranlasst habe; der Banquier selbst sei, sobald er diese erfahren, mit seinen Hauptbuchern und allen baaren Summen aus Paris verschwunden, um einem ahnlichen Schicksale zu entgehen.
So waren denn alle Hoffnungen untergegangen, und Dubois brachte alles zusammen, was er besass, verkaufte jede Sache von Werth und miethete eine kleine Wohnung in der Vorstadt, wohin er mich fuhrte, indem er mich hier fur seine Nichte ausgab. Die Fenster unserer Zimmer gingen in den an das Haus grenzenden Garten, und so war ich mit meinem Elende und meinem Pfleger ganz allein, und vollig von der Welt geschieden. Dubois hatte die Behutsamkeit, mich nach und nach mit dem ganzen Umfange meines Unglucks bekannt zu machen, und zugleich an die Pflicht zu erinnern, die ich habe, den Rest meines Daseins dazu anzuwenden, um dem alten Grafen Evremont den Trost zu gewahren, den er nur von mir nach dem Verluste aller seiner Hoffnungen erwarten konne. Er gab es zu, dass diess die letzte Pflicht sei, die ich im Leben zu erfullen habe, und billigte meine Absicht, aus der Welt alsdann mich zuruck zu ziehen.
Mein grosses Ungluck hatte mich muthlos gemacht, und Gedanken, die fruher meine Seele von sich gewiesen haben wurde, beherrschten jetzt meinen Geist. Ich glaubte zuweilen, dass sich die Vorhersagung meiner Mutter erfullt habe, die mir den Zorn Gottes verkundigt hatte, wenn ich ihr Gelubde unerfullt liesse und mich dem Gott entzoge, dem sie mich geweiht hatte. Meine matten, kraftlosen Gedanken kehrten immer wieder zu dieser Vorstellung zuruck, und ich beschloss, so bald mein Schwiegervater die Bahn seines traurigen Lebens geendet haben und meines Beistandes nicht mehr bedurfen wurde, das Gelubde meiner Mutter zu erfullen. Ein einsam gelegenes Kloster, eine enge Zelle und ein dunkles Grab waren die Gegenstande meiner Sehnsucht, wenn mein Herz noch Sehnsucht empfinden konnte.
Meine Krafte waren nach und nach so weit hergestellt, dass Dubois daran denken konnte, die Reise mit mir anzutreten. Wahrend meiner langen Krankheit hatten sich die Regierungsformen in Frankreich mehrere Male geandert, aber seinen Verwandten war es immer gelungen, Einfluss zu behalten, und so wurde es ihm moglich, die nothigen Passe fur sich und seine Nichte, die Burgerin Blainville, herbei zu schaffen. Der letzte Rest des Vermogens des guten Alten musste angewendet werden, um die Kosten der Reise zu bestreiten, doch empfand ich hieruber keine Unruhe, da ich glaubte, der alte Graf Evremont wurde jede Auslage bei unserer Ankunft grossmuthig ersetzen.
Ich schied also von Frankreich und ach, mit welcher Empfindung! Sein Boden hatte das edle Blut des geliebten Mannes getrunken, und meine Augen wendeten sich mit Abscheu und Entsetzen hinweg; und doch konnte mein Herz von diesem verabscheuten und geliebten Boden sich nicht ganz losreissen, denn lebte mir nicht vielleicht noch hier ein verlornes Kind, dessen Spur ich vielleicht wieder fande, wenn ich bleiben durfte?
Wir reisten in der Nacht ab, denn Dubois furchtete meine Erschutterung, wenn ich die Strassen von Paris wieder erblickte, und ich schied mit heissen, schmerzlichen Thranen von der Stadt, die mein ganzes Gluck vernichtet hatte. Je naher wir dem Ziele unserer traurigen Reise kamen, um so heftiger wurde Schmerz und Angst in meiner Brust; ich furchtete den Anblick meines greisen Schwiegervaters, mein Ungluck lag wie ein Verbrechen auf meiner Seele; ich sollte ihm sagen: Ich komme allein, Dein Sohn ist ermordet, Dein Enkel und Deine Tochter verloren. Ich furchtete nicht die Kraft zu besitzen, diese schwere Pflicht zu erfullen, und ach! ich furchtete vergebens; die Milde des Himmels hatte ihm das herbeste Leiden erspart, der Graf Evremont war gestorben, ehe eine Kunde unseres Unglucks zu ihm hatte dringen konnen.
Alle wichtigen Papiere hatte der Sohn in Handen gehabt, um das Vermogen aus Frankreich zu ziehen. Der Nachlass des alten Grafen war also gering, und wurde durch die lange Krankheit und die Beerdigung erschopft, so dass Dubois keine Hoffnung auf Ersatz hatte, aber der alte treue Mann beweinte nur seinen Herrn, ohne an einen andern Verlust zu denken.
Meine Mutter fand ich ganz nah dem furchtbaren Abgrunde der Armuth, in den Alter, Schwache und Krankheit eine verlassene Wittwe versenken konnen, und meine Seele schauderte bei ihrer kleinmuthigen Verzweiflung. Die Liebe zu meinem Bruder, die sie fruher so ungerecht gegen mich gemacht, hatte sich in den gluhendsten Hass verwandelt; er hatte ihr nach und nach Alles abgenommen, und nun, da sie keine andern Hulfsmittel mehr hatte, als das ihr von meinem Vater ausgemachte Einkommen, zahlte er auch dieses nicht und gab die Mutter dem bittersten Elende Preis. So lange mein Schwiegervater lebte, theilte er seine Hulfsmittel mit meiner unglucklichen Mutter; durch seinen Tod aber war sie der letzten Stutze beraubt, und mein Bruder schilderte ihr seine eigne schlimme Lage, und sagte ihr bestimmt und kalt, dass er nichts fur sie thun konne, und wenn auch der alte Herr Blainville gestorben sei, so lebe ihr ja doch ein reicher Eidam, der sie leicht zu sich nehmen und unterstutzen konne. Die Religion hatte er nicht geandert und bat die gekrankte Mutter, ihn mit dieser thorichten Zumuthung zu verschonen.
In dieser Lage wendete Dubois das Letzte an, um fur unsere nachste Zukunft zu sorgen, und schob die Ueberlegung, wie sich unser Leben gestalten sollte, fur die nachsten Wochen zuruck, indem er mich bat, mich zuerst von den Anstrengungen der Reise zu erholen und meine Mutter in ihrer verzweiflungsvollen Stimmung einigermassen zu beruhigen. Ich, mit dem entsetzlichsten Weh im Herzen, sollte Ruhe und Trost gewahren, da ich selbst nur Seufzer und Thranen hatte, aber dennoch fand die arme ungluckliche Mutter Trost in meiner Liebe, und als ob sie ihre fruhere Ungerechtigkeit gut machen wollte, wendete sie mir nun die zartlichste Neigung zu. Indem wir in diesem traurigen Zustande lebten, hatte mein Bruder den Leichtsinn, Ihnen, mein theurer Graf, Briefe an seine Mutter und an seinen Schwager zu geben, dessen Tod er nicht wusste und den er wieder in der Schweiz vermuthete, und so betraten Sie unser Haus. Ich hatte es nicht uber mich vermocht, mein Herz zu zerreissen und meiner Mutter den ganzen Zusammenhang meiner traurigen Geschichte zu erzahlen; sie wusste bloss, mein Gemahl und mein Sohn seien gestorben, und sie glaubte keine Unwahrheit zu sagen, wenn sie mich Ihnen als die Wittwe Blainville vorstellte. Ich war es gern zufrieden, diesen Namen zu behalten und das entsetzliche Ungluck meines Lebens im Verborgenen zu tragen, denn so konnte mich doch kein rohes Wort verletzen. Im Geheim bemuhte sich Dubois immer noch, etwas von meinem Sohn zu erfahren, aber jede Spur seines Daseins war verschwunden.
Ich weiss es, mein theurer Freund, ich trat Ihnen bleich, wie ein Marmorbild entgegen, mit tiefem Kummer im Herzen, voll Abscheu gegen eine Welt, die ich mich zu verlassen sehnte, und dennoch machte diess vom Schicksal vernichtete Wesen Eindruck auf Ihre Seele und fesselte Ihr Herz. Ach! und ich erkannte mit Dankbarkeit die zarte Aufmerksamkeit eines edeln Gemuths; ich fuhlte den milden Trost der Freundschaft, und ein dammerndes Licht fiel in meine Seele und zeigte mir als schwachen Schatten einen fernen Reiz des Lebens. Ich weiss nicht, ob meine Mutter durch das erlittene Ungluck scharfsichtiger geworden war, aber sie bemerkte zuerst Ihre wachsende Neigung und grundete die Hoffnung ihres Alters darauf. Ich gestehe es jetzt, mein edler Freund, mich erfullte damals der Gedanke an jede andere Verbindung, als die ich glaubte mit dem Himmel geschlossen zu haben, mit Entsetzen, und ich zog mich unwillkuhrlich von Ihnen zuruck und brachte meine Mutter dadurch zur Verzweiflung, die sich nun um ihre letzte Hoffnung betrogen sah. Wenn Sie ahnen konnten, was ich damals litt, Ihr edles Herz wurde mich beklagen. Bitten, Thranen, Vorwurfe und Verwunschungen wendete mit wilder Leidenschaftlichkeit meine Mutter an, um mich Ihren Wunschen geneigt zu machen, und ich musste mir gestehen, dass ihr von Alter, Krankheit und Gram geschwachter Korper diesen zerstorenden Empfindungen nicht lange wurde widerstehen konnen.
Ich glaube, mein theurer Freund, Sie hatten damals eine zu strenge Ansicht von der weiblichen Wurde, und bei verschiedenen Gesprachen, die zu meiner Qual uber die franzosische Revolution gefuhrt wurden, ausserten Sie sich hart uber die Frauen, die auf irgend eine Weise daran Theil genommen hatten, und als ich ein Mal bemerkte, dass wohl ein hartes Schicksal eine Frau darin verflechten konne, erwiederten Sie mit grosser Heftigkeit, dass diess fur eine edle Frau ein unermessliches Ungluck sein wurde, denn ein solches mannliches Handeln und Leiden wurden jeden Reiz der Weiblichkeit vernichten, wie es ja auch Frauen so roh machen kann, fugten Sie hinzu, dass sie fahig sind, nachdem sie kaum den Mann begraben haben, der auf dem Schaffot verbluten musste, einem andern die Hand zu reichen, und ihm Zartlichkeit und Liebe zu versprechen, da ihre Seele nur Schauder und Entsetzen sollte fuhlen konnen. Mir wurde eine solche Frau, schlossen Sie damals, abscheulich bleiben, so lange ich lebte, und ich begreife nicht, wie irgend ein Mann anders fuhlen kann.
Diese Worte, die vielleicht nur ein augenblickliches Gefuhl Ihrer Seele, vielleicht nur eine Verstimmung bezeichneten, haben uns beide, mein geliebter Freund, um das reine Gluck das Lebens gebracht. Ich, die ich die Plane und Wunsche meiner Mutter kannte, betrachtete diese mit Wehmuth, denn mir schien jetzt Alles beendigt. Ich beschloss nun, ewig uber mein Schisal gegen Sie zu schweigen, aber mich auch entschieden von Ihnen zuruckzuziehen, um nicht Hoffnungen zu nahren, die nicht erfullt werden konnten, denn nach Ihrem eigenen Gestandniss mussten Sie ja aufhoren, mich zu lieben, wenn ich im Stande ware, Ihnen die Hand zu bieten, nachdem ein entsetzliches Ungluck mir den ersten Gemahl entrissen hatte, und nur, indem ich Sie uber mich tauschte, hatte ich mir Ihre Liebe erhalten konnen.
Ich sah die Nothwendigkeit ein, meiner Mutter das Ungluck meines Lebens in seiner ganzen Ausdehnung mitzutheilen, damit sie sich entschlosse, Hoffnungen, die sie mit Entschiedenheit nahrte, aufzugeben. Ich erfullte diese schwere Pflicht, deren Ausubung mich zu vernichten drohte. Meine Mutter, im Erstaunen uber das ihr vollig Neue und Unerwartete, hatte noch die Grausamkeit, mich mit Klagen und Vorwurfen uber diess lange lieblose Schweigen zu besturmen, und bemerkte ihre Harte erst, als sie mich wie sterbend vor ihr nieder sinken sah. Jetzt erwachte ihre Liebe wieder, und die Verzweiflung, in der ich sie erblickte, als ich wieder zur Besinnung kam, gab mir den Muth, zum Troste der Mutter das Leben zu ertragen.
Damals ahneten Sie nicht, mein theurer Freund, wie trostend und wie qualend mir Ihre zartliche Sorge wahrend der Krankheit war, die mich als Folge der sturmischen Auftritte mit meiner Mutter befiel. Es konnte mir nicht mehr verborgen bleiben, dass Sie sich mit leidenschaftlicher Liebe entschieden hatten, Ihr Geschick an das meine zu knupfen, und sobald es meine Krafte erlaubten, bat ich meine Mutter, Sie mit der Geschichte meines Lebens bekannt zu machen.
So willst Du mir denn hartnackig um einer Grille des Grafen Willen alle Hoffnungen auf ein ruhiges Alter rauben? fragte meine Mutter mit Thranen. Konnen Sie wollen, entgegnete ich, dass ich einen edeln Mann hintergehen soll? Was nennst Du hintergehen? fragte meine Mutter. Wie Ihr Euch alle vereinigtet, mir die Wahrheit zu verschweigen und ich nicht einmal den Namen meines Eidams kannte, habt Ihr alle und die fromme Tante an der Spitze daran gedacht, dass Ihr mich hintergingt? Hat es Euch allen einen Seufzer, eine Thrane gekostet, mir das Geschick meines Kindes zu verheimlichen? Und wenn Dir diess damals keine Sunde schien, worin liegt denn nun das Unrecht, wenn Du dem zweiten Gemahl die Todesart des ersten verschweigst.
Diese seichten Grunde meiner Mutter konnten meine Empfindung nicht andern, aber ich fuhlte, dass jeder Streit mit ihr, die entschlossen war, ihre Ansicht nicht aufzugeben, fruchtlos sein wurde, und ich wollte lieber aus ihren eignen Gefuhlen sie bekampfen und sagte also: Die Verbindung mit dem Grafen, theure Mutter, konnen Sie selbst ja nicht wunschen, da er Protestant ist. Ich habe daruber, sagte meine Mutter, anders denken gelernt, und obgleich ich Deinen Bruder nicht mehr liebe, so wurde ich dennoch verzweifeln, wenn ich mir sagen musste, ich habe ein Kind fur die ewige Verdammniss geboren; kann also mein Sohn als Protestant die Seligkeit finden, so mag diess meinem kunftigen Eidam, den ich als besser und edler erkenne, noch leichter gelingen.
Ich wollte meiner Mutter antworten, und da sie bemerkte, dass ich mich ihren Grunden nicht fugen wurde, wahlte sie ein anderes sicheres Mittel. Ehe ich reden konnte, kniete sie an meinem Lager nieder, fasste meine Hande und sagte, indem ihre Thranen uber die von Kummer gebleichten Wangen flossen: Wenn Du denn nicht um Deinet Willen Deine ungluckliche Geschichte verschweigen willst, mein geliebtes Kind, so thue es um meinet Willen; in Deiner Hand liegt nicht bloss das Gluck Deines eigenen Lebens, auch die Ruhe einer elenden, unglucklichen Mutter. Zwei Kinder habe ich geboren, eines hat mein Herz zertreten und die flehende Mutter von sich gestossen; soll ich Euch beide, soll ich auch Dich vor Gott verklagen, dass Du der verschmachtenden Mutter keine Hulfe leisten willst? Nein, o nein! rief ich, in Jammer und Thranen vergehend, mein Loos ruht in Ihren Handen, wenden Sie es, wie Sie wollen. Mit Entzucken druckte mich die Mutter an ihre Brust und liess mich in ihre Hand einen feierlichen Eid schworen, Ihnen mein erlebtes Ungluck zu verschweigen.
So, mein theurer Graf, wurde unsere Vereinigung geschlossen, und da ich uber die Hauptsache zu schweigen gelobt hatte, so war es mir gleichgultig, dass ich mit Ihnen als Wittwe Blainville verbunden wurde, und meine Mutter war beruhigt, da sie auf behutsame Erkundigungen, die sie durch ihren Beichtvater eingezogen hatte, erfuhr, die Ehe sei vollkommen gultig, mein Familienname sei die Hauptsache bei dieser neuen Verbindung. Meine Mutter hatte einen Augenblick den Gedanken, meinen Bruder als Zeugen bei unserer Vermahlung einzuladen, und auch Sie fanden es naturlich, und ich sah wohl Ihr Erstaunen, als ich mit Schauder und Entsetzen erklarte, dass ich diesen Bruder, die Quelle alles meines Ungluckes, nie wieder sehen wollte.
So wandelten wir nun neben einander, und je mehr ich Ihr schones Herz, Ihren edeln Charakter kennen lernte, um so druckender wurde mir die ausgeubte Falschheit. Meine Mutter dankte mir in jeder einsamen Stunde fur das Gluck, welches sich durch die liebende Sorge des neuen Eidams uber den Rest ihrer Tage breitete, und ihre Aengstlichkeit liess mich das Versprechen der Verschwiegenheit jeden Tag erneuern; ja in der Sorge, die sie dafur trug, diess Gluck nicht wieder zu verlieren, ging sie so weit, dass sie von mir die schwarzeste Undankbarkeit forderte und verlangte, ich sollte Dubois, diesen Retter meines Lebens, gegen den sie selbst die grossten Verpflichtungen hatte, von mir entfernen. Umsonst war es, dass ich ihr jeden Tag wiederholte, ein Wort von mir sei hinreichend, des guten Alten Zunge auf ewig zu fesseln, sie wiederholte mir ewig: Du hast fruher Deiner Mutter nicht vertraut, und nun vertraust Du Dein und mein Gluck einem Diener.
Mein Herz hatte zu grausame Schlage erlitten, die Kraft der Jugend war gebrochen, es konnte kein leidenschaftliches Gefuhl des Glucks mehr durch meinen Busen zittern; mir war nur die Fahigkeit geblieben, den Schmerz auf diese Weise zu empfinden, aber die milde Warme einer zartlichen Freundschaft, die sanftere Empfindung einer grenzenlosen Verehrung erfullte meine ganze Seele, und Sie, geliebter Freund, wurden nicht so oft schmerzlich uber die Kalte meines Herzens geklagt haben, wenn ich Ihnen in freier Hingebung, ohne Ruckhalt, mein Gefuhl hatte zeigen konnen; aber die schonsten Augenblicke innigen Vertrauens wurden mir gestort, jeder Erguss der Herzens gehemmt durch den Gedanken: er kennt Dich nicht, er darf Dich niemals kennen, damit er Dich nicht verabscheut. Ich sah es, Sie waren nicht glucklich in unserer Verbindung, und der nagende Schmerz daruber gab mir die Bitterkeit, die ich eben so oft gegen Andere, als gegen mich selbst wendete; und in dem Grade, wie ich die Liebe Anderer dadurch von mir entfernte, wurde ich unzufriedener mit mir selbst. Sie, geliebter Freund, hatten Geduld mit allen diesen Schwachen, Sie hofften mein Herz von seinem langen Grame zu heilen, und als meine Mutter in unsern Armen verschieden war und ihre letzten Worte uns gedankt hatten fur die zartliche Kindesliebe, die wir ihr bewiesen, da glaubten Sie, mein theurer Gemahl, durch Zerstreuung auf Reisen meinen Kummer uberwinden zu konnen. Sie waren verwundert, meine Abneigung gegen Frankreich zu bemerken, und wir gingen nach Italien. Es giebt wohl keinen Schmerz des Lebens, der sich unter dem milden Himmel Italiens nicht gelindert fuhlte. Unser eigenes reges Dasein, unser personliches Schicksal scheint uns kleiner da, wo eine grosse Vergangenheit jeden Augenblick ihre ernste, erhabene Sprache zu uns redet, und ich fuhle, ich ware in Italien ruhiger geworden, wenn es moglich ware, dass eine Mutter aufhoren konnte, ein verlornes Kind zu beweinen.
Ich vermochte Dubois, fortwahrend geheime Nachforschungen anzustellen, und ich erwartete mit gleicher Unruhe das Gelingen wie das Misslingen derselben, denn wenn er nun auch das kaum denkbare Gluck gehabt hatte, meinen Sohn aufzufinden, mit welcher Stirn wollte ich Ihnen mein so lange verhehltes Schicksal dann noch vertrauen, und wurde mir nicht dieses spate, erzwungene Bekenntniss noch gewisser Ihre Liebe rauben, als ein freiwilliges vor unserer Verbindung? Und je mehr Jahre verflossen, je angstlicher musste ich mir die Frage wiederholen, wenn ich nun endlich einen Sohn wiederfande, erwachsen unter fremdem Einflusse, ob er mir dann noch die Kindesliebe bieten konne, nach der mein einsames Herz sich sehnte, und ob nicht vielleicht ein gespenstisches Wesen vor mir stehen wurde, durch das Blut in seinen Adern mein eigen und durch alle Empfindungen seiner Seele mir fremd.
Diese nie ruhende innere Qual war der Grund, wesshalb meine Gesundheit sich nie wieder befestigte, und Sie mussten die Hoffnung, Vater zu werden, aufgeben und entbehrten um meinet Willen auch diess Gluck, wie beinah jede andere Freude des Lebens, und ich musste mir gestehen, dass ich mit der innigsten Neigung, mit der zartlichsten Freundschaft dennoch nichts anders vermocht habe, als Sie um jede Hoffnung und um jede schone Heiterkeit des Lebens zu bringen, da Sie in einer andern Verbindung wahrscheinlich glucklicher gewesen waren.
Mit zitternder Hand und mit unsaglichen Thranen habe ich diesen Blattern die ganze Tiefe meines Unglucks vertraut, und Ihr schones Herz wird die Fehler und Irrthumer verzeihen, die unser Leben getrubt haben, und mit Ruhrung der treuen Gefahrtin gedenken, deren innigste Neigung Sie dennoch nicht beglucken konnte, weil das Vertrauen unseren Herzen fehlte.
VI
Der Graf hatte die von seiner Gattin an ihn gerichteten Blatter nun alle gelesen und er blieb an dem Tische sitzen, auf welchen er die Ellenbogen stutzte, das Gesicht in beide Hande senkend. Es sturmten so viele verworrene Empfindungen durch sein Herz, dass sein Geist lange nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte, um sich daruber zu erheben. Das schreckliche, unverschuldete Ungluck seiner Gemahlin erschutterte ihn bis in die innerste Seele; aber diesem Gefuhle war dennoch eine missmuthige Beschamung beigesellt, wenn er sie sich im Gefangnisse unter dem Volke oder wahnsinnig dachte. Das Schicksal des hingerichteten Gemahls, seines eigenen Freundes, erpresste ihm Thranen, und dennoch wendete sich seine Seele mit Widerwillen ab, wenn er die Wittwe dieses Unglucklichen als seine Gattin denken wollte. Ein inniges Mitleid mit sich selber wurde durch die wehmuthige Betrachtung in ihm erweckt, dass er in der That nie glucklich gewesen sei und das Gefuhl seines Unglucks immer im Busen getragen, aber immer betaubt habe, durch Reisen, durch Studien, durch Gesellschaften. So drangt sich mir denn auf einmal die vernichtende Klarheit auf, dachte er innerlich, dass ich mein ganzes Leben in Wahn und Tauschung verloren habe; eine krankhafte Leidenschaft bestimmte mich den Besitz einer Frau zu erstreben, die ich niemals wahrhaft besessen habe, die mit jugendlicher Innigkeit einen Andern liebte, dessen Bild noch in ihrem Herzen lebt und dessen Ende mich mit Schauder erfullt. Sie wurde nicht Mutter, um mir Freude des Lebens und Trost im Alter zu gewahren, und ihre mutterliche Zartlichkeit wendet sich mit fortwahrendem Gram auf ein verlornes, mir fremdes Wesen, das, wenn es noch lebt, vielleicht in niedrigen Verhaltnissen erwachsen, die Mutter beschimpft, die es geboren, und mich zugleich, der ich mit dieser Frau verbunden bin. Ja ich bin sehr, sehr unglucklich, sagte er endlich laut, und seine Thranen traufelten zwischen den Fingern hindurch und fielen auf die von der Hand seiner Gattin beschriebenen Blatter nieder. In dieser kummervollen Stellung blieb der Graf eine Zeitlang sitzen, bis er endlich sich mit mannlicher Kraft erhob und edlere, grossmuthigere Empfindungen Raum in seiner Brust gewannen. So zahle ich denn, wie jeder Andere, sagte er mit Bitterkeit zu sich selbst, den Tribut der menschlichen Schwache; ich denke mit Selbstsucht nur an mich; ich bemitleide nur mich und vergesse undankbar alle schonen Stunden, die ich in dieser Verbindung durchlebte, und den Schmerz der unglucklichen Frau, die mir endlich ihren Kummer vertraut, wie die Angst, mit welcher sie erwartet, welchen Eindruck diess Bekenntniss auf mich machen wird. O! Wohl hattest Du Recht, Du Arme, die Du meine Schwache kennst, zaghaft ein Vertrauen zuruck zu halten, das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt. Und konnte ich denn, fragte er sich, noch jetzt, ohne zerstorenden Schmerz, die Verbindung mit dieser Frau aufgeben; wurde es nicht auch mich vielleicht vernichten, wenn der Tod sie mir entrisse? Habe ich jemals einen Menschen gekannt, der meine Eigenthumlichkeit so verstanden, mich mit so zartlicher Freundschaft geliebt hatte, als sie? Kann ich diess Wesen aus meinem Leben hinweg denken, ohne das Leben von allem Reize fur mich zu entblossen? Und was ist es denn nun eigentlich, was mein Herz von ihr abwenden will? Doch hauptsachlich die Hinrichtung meines unglucklichen Freundes, und der angstigende Widerwille wird doch mir unbewusst nur dadurch erzeugt, dass die Seele beschimpfende Verbrechen und offentliche Hinrichtung immer verbunden denken will. Aber sind nicht grade die Edelsten als Opfer gefallen, und soll sich ein kleinliches Gefuhl unverandert erhalten, wenn ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran walzt, alle Damme, die Sitte, Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben, brausend durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt? Und hat sie denn nicht das Ungeheuerste erduldet, setzte er mit Wehmuth hinzu, und hat sie diesen wilden Schmerz nicht ertragen, ohne den eignen Werth zu verlieren? Blieb nicht in ihrer Seele, neben ihrem Kummer, Raum fur jede edle Empfindung, und bin ich klein genug, diesen wahrhaften Heldenmuth zu verkennen? Und ist es denn nicht moglich, dass noch Alles besser wird? Jetzt gehort sie mir im vollen Vertrauen, an meiner Brust wird ihr lange gepresstes Herz nun freier schlagen, ich kann kraftiger, als sie es vermochte, die Spuren des verlornen Kindes aufsuchen, dessen Herz vielleicht seiner Eltern wurdig ist, der alsdann auch mir ein Sohn sein und die Tage meines Alters verschonern kann. Nein, ich bin nicht unglucklich, schloss der Graf sein langes Selbstgesprach, und neuen Muth und neue Hoffnung druckten seine edeln Zuge aus, und mild leuchteten die noch von Schmerzensthranen feuchten Augen.
Die Grafin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt, es ausserlich ruhig zu erwarten, ob der Graf liebevoll zu ihr zuruckkehren wurde, nach dem Bekenntnisse ihres Unrechts gegen ihn. Sie hatte die Vorhange ihres Bettes zuziehen lassen und faltete nun zum stillen, leidenschaftlichen Gebet die Hande, sie krampfhaft fest in einander schliessend, und flehte inbrunstig in Gedanken um das Ende ihrer Leiden und ihres Lebens, wenn sich das Herz des Grafen, durch ihr langes Schweigen beleidigt, von ihr abwenden sollte. Sie hatte eine peinliche Stunde gehabt, und rief endlich Emilie mit sterbender Stimme herbei und bat sie, im Vorzimmer des Grafen zu erkunden, ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei, aber ihn auf keinen Fall zu rufen. Emilie berichtete, der Graf sei in seinem Kabinet und kein Laut vernehmbar. Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zuruck. Der Zustand der Grafin wurde immer beunruhigender; Fiebergluth und Leichenblasse wechselten auf ihrem Gesichte, und die heftigen Schlage ihres Herzens hoben und senkten die Decke ihres Lagers. Als Emilie zum funften Male mit demselben Auftrage abgeschickt wurde, nahm sie sich vor, den Grafen auf jeden Fall zu sprechen, um ihn mit dem gefahrlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu machen, und eben naherte sie sich in dieser Absicht der Thure, als er sein Kabinet offnete. Der Graf trat heraus und fragte mit Heftigkeit: Was macht meine Gemahlin? Sie lebt, erwiederte die weinende Emilie, aber ihr Zustand Er horte nichts mehr; das eine Wort hatte ihm genug gesagt, um ihn mit hochster Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen. Er schlug mit Heftigkeit den Vorhang des Bettes zuruck, und die flehenden Augen der Grafin, ihre zitternden zu ihm emporgehobenen Hande erfullten ihn mit der schmerzlichsten Wehmuth. Mein theures, mein geliebtes Weib! rief er aus, indem er sie in seine Arme schloss. So hast Du mir vergeben? sagte die Grafin mit kaum horbarer Stimme. Es war das erste Mal, dass sie ihren Gemahl mit Du anredete, und diese einzige Sylbe, die er sich fruher so oft gesehnt hatte aus ihrem Munde zu vernehmen, ruhrte ihn nun als Zeichen volligen Vertrauens auf's Innigste. Er konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken, die Gesundheit seiner Gattin zu schonen und erregende Gesprache zu vermeiden. Die leidenschaftlichsten Ergusse des Herzens, die zartlichste Selbstanklage, die grossmuthigste Vergebung wechselten in schnell und heftig gefuhrten Gesprachen mit einander ab, und der Arzt wurde befurchtet haben, dass der schwache Faden des Lebens der so lange leidenden Frau durch diese Erschutterungen zerreissen musste. Sie ruhte auch beinah vergehend in den Armen des Grafen, aber der Balsam des Trostes senkte sich mild in ihre Brust. Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des leidenschaftlichen Freundes, der die Bilder eines glucklichen, genussreichen Lebens vor ihr entfaltete, aber selbst in dieser Aufregung des Gemuths Besonnenheit genug behielt, keine Hoffnung erregen zu wollen, dass der verlorne Sohn noch gefunden werden konnte; denn ob er sich gleich vornahm, die eifrigsten Nachforschungen nach ihm anzustellen, so schien es ihm doch grausam in der Mutter Hoffnungen zu erwecken, die er vielleicht niemals erfullen konnte.
Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser Stunde geschlossen, und die Ruhe, die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat, die das Herz der Grafin bis auf diesen Augenblick geangstigt hatte, wirkte hochst vortheilhaft auf ihre Gesundheit; sie versprach dem Grafen, sich zu schonen und, um sich fur ihn, zu dessen Gluck sie nothwendig sei, zu erhalten, den Vorschriften des Arztes Folge zu leisten.
Getrostet, indem er Trost ertheilte, verliess der Graf, mit sich zufrieden, das Gemach seiner Gemahlin, nachdem er noch dem eben eingetretenen Arzte mit zartlicher Ruhrung die hochste Sorge fur die Kranke empfohlen hatte. Im Vorzimmer traf er Dubois, der mit angstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein Wort uber den Zustand der Kranken vernehmen wollte. Dem Grafen flogen schnell, wie er den alten Mann erblickte, alle Bilder dessen, was er gethan und gelitten, vor den Augen des Geistes voruber, und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener Aufregung angstlich betrachteten, rief er mit vor Wehmuth zitternden Lippen: Mein guter alter Dubois! und streckte ihm die Hand entgegen, die der alte Mann fasste, um sie zu kussen; der Graf aber zog ihn heftig in seine Arme und hielt ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedruckt. Der Haushofmeister wusste nicht, wie ihm geschah, und er stand und sah dem Grafen noch nach, als dieser schon lange das Zimmer verlassen hatte.
Am andern Morgen, als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe der Nacht wieder besanftigt waren, liess der Graf den Haushofmeister zu sich rufen und sagte ihm mit hochster Gute: Ich weiss es jetzt erst, mein guter Dubois, wie Viel ich Ihnen schuldig bin; die Grafin hat es mir vertraut, was Sie fur sie gethan und gelitten, und dass ich ausser der Erhaltung ihres mir so theuern Lebens Ihnen vielleicht noch grosse Summen schuldig bin, die Sie ausgelegt und nicht zuruckerhalten haben; lassen Sie uns also daruber nun aufrichtig sprechen, damit Sie wenigstens Ihr Eigenthum nicht verlieren, wenn wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten konnen. Der alte Mann sah den Grafen mit Ueberraschung an, und Thranen traten in die gutmuthigen Augen und flossen uber die gefurchten Wangen. So ist mir denn endlich der Trost geworden, rief er aus, dass die Frau Grafin ihr Herz dem edelsten Gemahl geoffnet hat, und der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres Lebens nagen. Ja, gnadiger Herr Graf, fuhr er fort, wir haben Viel, entsetzlich Viel gelitten, und ich kann nicht zweifeln, dass Gott in dieser furchtbaren Zeit mein Leben nur desshalb erhalten hat, damit ich der unglucklichen Frau nutzlich sein konnte; diess ist mir gelungen, und dafur danke ich dem Himmel taglich. Was ich damals an Geld ausgegeben, ach gnadiger Herr Graf! Welches Herz hatte wohl so verworfen sein und in solchen Stunden des hochsten Jammers daran denken, oder die armseligen Summen zahlen konnen; doch bin ich uberzeugt, dass die Frau Grafin mir Alles langst vielfach ersetzt hat, und ich habe in dieser Rucksicht nichts zu fordern.
Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen, sagte der Graf geruhrt, so geben Sie wenigstens jeden Dienst im Hause auf und leben Sie als ein Freund mit uns, dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben.
Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen? fragte der Haushofmeister lachelnd.
Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will, sagte der Graf, indem er die Hand des alten Mannes druckte.
So hoch mich diess Wort auch ehrt, versetzte Dubois mit grosser Bescheidenheit, so erlaube ich mir doch zu bemerken, dass ich nicht einzusehen vermag, worin meine Erniedrigung bestande, wenn ich bei meiner gewohnten Beschaftigung bleibe. Ich glaube, es hangt von der Art ab, wie ein Geschaft betrieben wird, ob es edel oder unedel zu nennen ist, und wenn die wichtigsten Aemter im Staate mit knechtischer Seele, bloss des eigenen Gewinns wegen, verwaltet werden, ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen Verehrung fur den Monarchen, so ist derjenige, der sie ausubt, mag er ausserlich so hoch stehen, wie er will, doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen; und wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein Leben dem Dienste einer edeln Herrschaft widme, und wenn mein treues Auge daruber wacht, dass bei Ihrem grossen Haushalte Ihre Einkunfte nicht verschwendet werden und Ihnen so die Mittel bleiben, unendlich viel Gutes zu thun, so habe ich Antheil an allem Guten und Grossen, was auf diesem Wege erreicht werden kann, und ich fuhle mich durch meine Beschaftigung nicht erniedrigt.
Sie haben Recht, sagte der Graf, durch die Wahrheit in den einfachen Worten des alten Mannes uberrascht. Handeln Sie ganz, wie Sie wollen, nur versprechen Sie mir, keine Anstrengung zu ubernehmen, die Ihnen bei Ihrem Alter nachtheilig sein konnte. Der alte Mann versprach diess willig und sagte dann: die Wahrheit meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden. Er wird gewiss einmal ein ausgezeichneter Gelehrter, daran lasst sich bei seinem grossen Fleiss gar nicht zweifeln, und er war schon ein halber Student, als sein edler Beschutzer sich seiner annahm. Sind ihm denn dadurch seine Vorzuge genommen, dass er aus freiem Antriebe seinem vaterlichen Freunde alle Dienste leistete, die dieser bedurfte, so lange ihm die Mittel fehlten, es anders einzurichten, und mussen wir den Knaben nicht um so hoher achten, der solcher Liebe fahig war?
Sie haben Recht, sagte der Graf, und ich freue mich, so oft ich den jungen Menschen in der Bibliothek antreffe. Seine Bescheidenheit, sein feines Wesen zeugen von der guten Erziehung, die er fruher gehabt, und sobald mein Vetter zuruckkommt, wollen wir alle drei fur sein weiteres Fortkommen sorgen. Der Haushofmeister fuhlte sich fur alles, was er jemals gethan, durch diess Wort des Grafen mehr als belohnt, der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und ihn gleichsam neben sich stellte, und seine Liebe wuchs in dem Masse, wie ihm sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete, ihm eroffnend, dass er entschlossen sei, dem Schicksal des jungen Evremont auf's Eifrigste nachzuforschen und, wenn er ihn gefunden, ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten. Der alte Dubois gab alles an, was nur irgend auf eine Spur fuhren konnte, um den Verlorenen zu entdecken, und zerfloss beinah in Thranen, weil er dadurch gezwungen war, alles erlittene Ungluck der Familie Evremont sich in's Gedachtniss zuruckzurufen. Der Graf suchte ihn, nicht ohne eigne Ruhrung, zu trosten, und Beide kamen darin uberein, dass vor der Grafin alle Nachforschungen geheim gehalten werden mussten, damit sie nicht Hoffnungen Raum gabe, durch deren Nichterfullung ihr Herz um so tiefer verwundet werden musste.
Nach diesem langen Gesprache trennten sich Beide vollkommen befriedigt, und der Graf eilte, sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen. Die Kranke hatte eine sanfte Ruhe genossen, und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle Spuren einer schleunigen Besserung. Die Grafin hatte in dieser ernsthaften Krankheit, wie er meinte, allen Eigensinn verloren, sie brauchte die vorgeschriebenen Mittel regelmassig, und der Graf war so zartlich besorgt, dass er den Arzt immer wieder angelegentlich bat, ja alle Sorgfalt fur ihre Wiederherstellung anzuwenden. Schon den nachsten Abend hatte St. Julien den Trost, eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen, Emiliens und ihrer Freundin Therese zubringen zu durfen, und die Kranke war zwar sehr ermattet, aber so ruhig und heiter, wie er sie nie gesehen, und die innige zartliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf aufmerksam, dass fruher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte.
Die unermudete Sorgfalt des Arztes, verbunden mit der grosseren Ruhe des Herzens, welche die Kranke jetzt genoss, hatte bald jede Gefahr entfernt, und die Grafin konnte nach kurzer Zeit schon taglich einige Stunden ausser dem Bette verweilen; ihre Krafte nahmen sichtlich zu, und nach dem Verlaufe von sechs Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich, das Krankenzimmer zu verlassen und an der gemeinsamen Tafel zu speisen. Diess war ein Fest der Liebe fur alle Hausgenossen, und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen Thalheim, seine Tochter und auch den Prediger eingeladen. Der Arzt hatte sich im Stolz uber die Genesung der Grafin, die er ganz allein als einen Triumph seiner Kunst betrachtete, ein fast despotisches Ansehn uber die Kranke angemasst, welches sich diese mit lachelnder Geduld gefallen liess, und so begleitete er sie nach dem Speisesaale, wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Ruhrung, als dem Leben wiedergegeben, begrusst wurde. Bei Tische drangte sich der Arzt in ihre Nahe, nicht, wie er versicherte, aus thorichtem Hochmuth, sondern seiner Pflicht gemass, damit er ihr die Speisen widerrathen konne, die ihm schadlich dunken wurden; er ubte aber eine so strenge Kritik, dass er der Grafin beinah nichts erlaubte zu beruhren. Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten unterworfen, als aber die Tafel beendigt war, sagte sie scherzend: Aber, lieber Herr Doktor, Sie sind mit mir heut eben so streng verfahren, wie der Arzt mit dem Sancho Pansa, nachdem er endlich Gouverneur der langst versprochenen Insel geworden war, und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fallt mir diese Strenge beinah eben so beschwerlich, als ihm.
Niemand konnte begreifen, wesshalb dieser Scherz den Arzt so heftig beleidigte, dass er mit gluhendem Gesicht und halb zugedruckten Augen, die im Zorn feurig blinkten, rief: Ich weiss, es herrscht jetzt die sonderbare Mode, die von mussigen Kopfen ersonnenen Narrheiten in die ernsthaftesten Angelegenheiten zu mischen, aber niemals hatte ich geglaubt, dass ich mit dem wahnsinnigen Don Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden konnte. Vergeblich bemuhte sich St. Julien ihm deutlich zu machen, dass ihn Niemand mit dem edeln Ritter oder seinem braven Stallmeister verglichen habe, sondern mit dessen gelehrten Arzt. Er blieb zornig und antwortete nicht mehr, bis der Graf selbst ihm ein Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte, an diesem schonen Tage versohnlich zu sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken; doch auch jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Uebrigen, aber man sah, dass er immer noch Verdruss im Herzen hegte. Der Graf erhob jetzt sein Glas, indem er sagte: Und nun auf Ihr Wohl, liebster Herr Doktor, dessen Kunst und treuer Sorge wir den heutigen frohen Tag verdanken. Jetzt schwanden die Wolken des Verdrusses von seiner Stirn, und er blickte wie ein siegender Held umher.
Nachdem die Tafel aufgehoben war, trat die Grafin zu ihm und sagte: Sie mussen mir heute, da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fuhle, einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Versohnung ein Andenken nicht verschmahen. Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem Arzte an, der die Brillanten, die nun an seinem Finger glanzten, mit demselben Gefuhl betrachtete, wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen. Der Graf trat nun hinzu und uberreichte ihm eine sehr schon gearbeitete goldene Dose, weil der Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewohnt hatte. Emilie naherte sich und uberreichte ihm die schonste feine Wasche, Therese bot ihm einen von ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar, und St. Julien uberreichte ihm, trotz seines, beinah zu grossen Abscheus gegen alles Tabackrauchen, eine so ausserordentlich verzierte, schone Tabackspfeife, dass diess Geschenk des Werthes wegen zwar ernsthaft, der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien. Der Arzt blickte in verlegener Freude umher; Stolz uber seine anerkannten Verdienste, dankbare Ruhrung uber diese offentliche Anerkennung und auch Freude uber den Werth der Geschenke besturmten sein Herz dermassen, dass ihm Thranen in die Augen traten und er nicht gleich Worte finden konnte, die ihm schicklich dunkten, seine Gefuhle auszudrucken. Er kusste rasch hinter einander die Hande aller Damen, und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn und wurde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls gekusst haben, wenn ihm nicht ein kraftiger Druck jedes Mal seinen Irrthum gezeigt hatte, wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde.
Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen, dass die fruhere Spannung, die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt hatte, vollig verschwunden und an die Stelle formeller Hoflichkeit eine herzliche Innigkeit getreten war. Er sah es leicht ein, dass die Krankheit der Grafin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei, aber eben so wenig, wie er begreifen konnte, wodurch diess Zusammentreffen so erschutternd gewirkt habe, vermochte er einzusehen, wie durch diesen offentlichen Auftritt, der dem Grafen nur unangenehm sein konnte, eine grossere Herzlichkeit zwischen beiden Gatten ware herbeigefuhrt worden. Er konnte sich ruhig in Nachdenken uber die ihm unerklarliche Erscheinung versenken, denn seine Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen, weil Emilie, Therese und St. Julien mehrere Musikstucke dreistimmig eingeubt hatten und mit diesem kleinen Koncerte die Genesung der theuern Kranken feiern wollten.
Die Grafin er bebte zwar bei dem Tone von St. Juliens Stimme sichtbar, fasste sich aber bald und gab sich ruhig dem Genusse hin, den die zartlichste Anhanglichkeit ihr bereitet hatte, und gestand sich innerlich, dass das Leben noch Reiz fur sie haben konne, und dass selbst der Schmerz der Erinnerung den giftigsten Stachel verloren habe, da ein treues Herz ihn mit ihr theilte, und sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wusste.
Der Abend begann schon zu dammern und man hatte wahrend der fortgesetzten Musik das Rollen der Rader eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt, so dass Allen unerwartet der junge Graf Hohenthal in den Saal trat. Ein allgemeiner Ausruf der Freude begrusste den Neuangekommenen; doch wurde diese sogleich gemassigt, als man die Blasse seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm, wodurch ein erlebtes Ungluck des neuen Gastes angedeutet wurde. Mit sichtbarem Gefuhl bezeigte dieser der Grafin seine Freude uber ihre Genesung; ein Strahl wehmuthigen Entzuckens leuchtete in seinen Augen, als er Theresens Hand kusste, welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung druckte, mit gleichem Feuer erwiederte er St. Juliens sturmische Umarmung, und mit kindlichem Gefuhl die vaterliche Begrussung des Obristen und seines Oheims. Was macht Ihr Vater, theurer Vetter? fragte dieser halb leise. Ich habe ihn vor wenigen Tagen begraben, sagte der junge Graf mit vor Ruhrung wankender Stimme; ich glaubte, Sie hatten die Anzeige seines Todes schon erhalten. Nein, erwiederte der Graf mit Besturzung, mir ist Ihr Ungluck vollig fremd, und es erschuttert mich um so mehr, da es mich daran erinnert, wie nahe daran ich selbst war, den schmerzlichsten Verlust zu erdulden.
Jedermann fuhlte, dass es unschicklich sein wurde, in den Ton lauter Freude jetzt wieder einzustimmen. Die Unterhaltung wurde also ernsthafter und die Gesellschaft trennte sich fruher, als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen geschehen ware. Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte, kam ihm ein junger Mensch entgegen, in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte, bis er sich laut weinend in seine Arme warf. Freudig uberrascht, drangte ihn der junge Graf von seiner Brust zuruck, um ihn zu betrachten. Nein! rief er endlich aus, nimmermehr hatte ich geglaubt, dass wenige Wochen einen Menschen so zu seinem Vortheile verandern konnen; sage mir doch, wie hast Du es angefangen, dass Du wahrend meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen hast.
Wenn das ist, sagte der junge Mensch, so kommt es wohl daher, dass mir Herr Dubois so ausserordentlich gute Kleider hat machen lassen; die Frau Grafin hat mir die feinste Wasche geschenkt, und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen diese goldene Uhr, damit ich, wie er sagte, meine Studien regelmassig einrichten konne; dabei habe ich noch alles Geld, das Sie mir schenkten. Das ist Alles ganz gut, sagte der junge Graf, aber woher hast Du den Anstand, die vortreffliche Haltung.
Das kommt denn wohl, meinte sein junger Freund lachelnd, von dem lustigen Herrn St. Julien, zu dem Herr Dubois viel von mir gesprochen hat, und der mich nun, seit das Leben der Grafin ausser Gefahr ist, taglich vexirt und mich dabei tanzen, reiten und fechten lehrt. Ich versichere Sie, fuhr er, plotzlich in Ruhrung ubergehend, fort, hier im Schlosse sind lauter vortreffliche Menschen, die Bedienten abgerechnet; aber Herr Dubois meint, die waren beinah nirgends so gut, wie sie oft in Buchern geschildert werden, und verzeihen Sie mir, wenn auch Herr Dubois nicht so vornehm ist, als sie Alle, so ist er gewiss einer der Besten hier im Schlosse.
Ich glaube es Dir, erwiederte der junge Graf, und es schmerzt mich, dass ich ihm fruher Unrecht gethan habe; ich sehe, er handelt wahrhaft vaterlich gegen Dich.
Sie haben das rechte Wort ausgesprochen, erwiederte der Jungling; wie ein Vater sorgt er fur mich, und der Rath, den er mir giebt, ist jedes Mal so weise, dass ich blind vor Undankbarkeit sein musste, wenn ich ihn nicht befolgen wollte. Es war hier eine trube Zeit im Hause, so lange die Grafin so gefahrlich krank war. Der Graf sprach mit Niemandem; Herr Dubois zehrte sich ganz ab vor Kummer; Herr St. Julien und Fraulein Emilie weinten mit einander, so oft sie sich sahen, Herr Dubois ermahnte mich, mit ihm fur das Leben der Grafin zu beten, und ich that es auch aus vollem Herzen und Gott verstand uns Beide, obgleich er katholisch und ich protestantisch betete; endlich erholte sich zu unserer aller Freude die Frau Grafin. Da sagte mir vor wenigen Tagen Herr Dubois: Der Graf will durch ein kleines Fest die Genesung seiner Gemahlin feiern und hatte sich vorgenommen, Dich an diesem frohen Tage zum ersten Male an seinen Tisch zu nehmen, ich habe ihm diess fur jetzt widerrathen, und ich will Dir, mein lieber Sohn, die Grunde sagen, wesshalb ich diess that, damit Du siehst, dass ich es wohl mit Dir meine. Kein Mensch ist Herr seines Geschickes, wir konnen nichts thun, als, was uns auferlegt wird, mit Anstand tragen und, indem wir verstandig unsere Verhaltnisse ordnen, die schlimmen nach und nach besiegen. Du, mein liebes Kind, hast diess Haus unter ungunstigen Umstanden betreten, die ganze Dienerschaft beleidigte Dich, indem sie Dich fur ihres Gleichen hielt; wenn Du jetzt auf ein Mal an der Tafel ihres Herrn speisest, so mussen sie Dich zwar bedienen, aber Du kannst denken, mit welchem Neide und innerem Grimm, und es lasst sich nicht berechnen, welche Krankungen Dir durch ihre Bosheit entstehen konnen. Wenn Du uns aber jetzt verlassen hast und uns dann nach einiger Zeit als Student besuchst, dann ist ein Zwischenraum zwischen Deiner bedruckten Lage und der neuen Erscheinung; auch hat sich die Dienerschaft dann wohl zum Theil verandert, Du hast schon mehr Anspruche in der Welt; dann speise an des Grafen Tafel und ich will Dich gern selbst bedienen. Ich erschrak vor diesem Worte, denn ware es nicht eine wahre Gottlosigkeit, wenn ich die Unverschamtheit hatte, mich von diesem ehrwurdigen Manne bedienen zu lassen? Ich sagte ihm diess auch und versicherte ihn, dass ich ihm die Dienste eines Sohnes bis an mein Lebensende leisten wurde. Er umarmte mich ordentlich geruhrt, als ob mein Gefuhl etwas Besonderes ware, und so wurde beschlossen, dass, so lange ich jetzt noch hier bleibe, ich fortfahre, bei ihm zu speisen und zu wohnen.
Der junge Graf hatte diesen Bericht nicht ohne Ruhrung vernommen und beschloss, dem alten Manne seinen Dank fur dessen freundliche Gute zu bezeigen. Mit grossem Ernst aber untersagte er seinem jungen Freunde jede personliche Dienstleistung, und dieser musste es halb mit Krankung, halb mit Stolz betrachten, wie ein fremder Bedienter, der mit ihm gekommen war, den jungen Grafen entkleidete, und er verliess, durch eine herzliche Umarmung begluckt, seinen edeln Beschutzer, um ihn der Ruhe, die er bedurfte, zu uberlassen.
VII
Es hatte zwar der junge Graf Hohenthal nach einer eiligen, etwas angreifenden Reise der Ruhe bedurft, um so mehr, da er in der jungst vergangenen Zeit Vieles erlebt hatte, wodurch seine Krafte erschuttert waren, aber eben diese Erfahrungen in seinem innern, wie in seinem aussern Leben waren so inhaltsschwer, dass Gedanken von der wichtigsten Art und die wichtigsten Plane lange den Schlummer von seinem Lager scheuchten, und er den Tag herbei wunschte, um eine geheime, ernste Unterredung mit seinem Oheim zu suchen, und doch wusste er nicht bestimmt, was er ihm sagen wollte oder durfte.
Als der junge Graf vor etwa sechs Wochen das Schloss Hohenthal mit schwerem Herzen verlassen hatte, um zu seinen Eltern zu reisen, wurde er auf diesem Wege von angstigenden Sorgen und beunruhigenden Gedanken gequalt, das Leben der Grafin war in Gefahr und er hatte, wie es jedem edeln Menschen zu ergehn pflegt, eine um so grossere Theilnahme fur diese Frau gewonnen, als er ihr Unrecht gethan und sie sogar in seiner dumpfen Verzweiflung beleidigt hatte, und es erfullte ihn daher ihr Zustand mit lebhaftem Kummer. Auf der andern Seite beunruhigte ihn nicht nur die Lage seiner Eltern, die ganz von dem Wohlwollen seines Oheims abhing, sondern er musste auch mit Schmerzen daran denken, welche Schritte sein Vater von ihm verlangt hatte, um diesen Oheim zum Beistande zu vermogen, Schritte, die, indem er sie nur dachte, die Rothe der Scham auf seine Wangen trieben. Endlich gesellte sich zu allen diesen Sorgen durch einen Zufall noch eine andere, die fur den Augenblick die angstlichste wurde. Es zerbrach namlich ein Rad seines Wagens, und dadurch wurde er mehrere Stunden aufgehalten. Da er nun die Zeit seiner Reise genau berechnet hatte, so furchtete er, sein Vater wurde schon nachtheilige Verbindungen eingegangen sein, ehe er mit der angstlich ersehnten Hulfe erschiene, denn er konnte sein Vaterhaus nicht an dem Abende erreichen, welchen er als den spatesten seiner Ankunft bezeichnet hatte, sondern erst am Nachmittage des folgenden Tages eintreffen. Er fand seine Mutter allein, die ihm ungewohnlich bleich, mit verweinten Augen entgegen trat. Gottlob! dass Du kommst, rief sie, indem sie ihn mit Thranen umarmte, es ist der letzte Augenblick, wenn Du Hulfe bringst, wo sie uns nutzlich werden kann. Der junge Graf beruhigte die leidende Mutter und fragte dann nach dem Vater. Du kommst wie ein Engel des Trostes, erwiederte die Mutter noch immer weinend und berichtete nun, dass der alte Lorenz und sein Sohn erklart hatten, dass sie noch heute abreisen wurden, wenn das beabsichtigte Geschaft nicht noch an diesem Tage zu Stande kame, und dass der Vater, voll Misstrauen gegen seinen Verwandten, alle Hoffnung aufgegeben habe, da der Sohn nicht zur versprochenen Zeit eingetroffen sei, und nun krank, mit Verzweiflung im Herzen, eben mit den Beiden herum fahre, um ihnen alle Vortheile des Gutes zu zeigen, das ihnen noch diesen Abend ubergeben werden sollte.
O, Mutter! rief der junge Graf schmerzlich bewegt, hatte mein Vater sich mit offenem, redlichem Vertrauen an seinen edeln Verwandten gewendet, niemals ware unsere Lage so druckend geworden, dass sie ihn so tief erniedrigt hatte, mir Rathschlage zu geben, die mein Gefuhl mir verbietet zu wiederholen.
Du hast Recht, sagte die trauernde Mutter, ja hatte Dein unglucklicher Vater nur die Halfte des Scharfsinns daran gewendet, auf rechtlichen Wegen seine Umstande zu verbessern, den er darauf gerichtet hat, sein Schicksal durch Mittel zu bezwingen, die ich beweinen muss, so glaube ich, wir wurden ohne Kummer unsere Lage betrachten; aber dennoch, geliebter Sohn, beurtheile den armen Mann nicht zu hart, denn er ist mir ein treuer Freund und Euch ein liebender Vater, und der Kummer nagt ja eben an seinem Leben und bringt ihn vor der Zeit in's Grab, dass er nichts fur uns alle thun kann.
Wenn uns der Vater liebt, sagte der junge Graf finster, so sollte er nicht Handlungen begehen oder fordern, die uns zwingen, fur ihn zu errothen.
O! still mein Kind, erwiederte die sanfte Mutter, Dein Herz schlagt noch mit Jugendkraft, Du kannst es noch nicht wissen, wohin ein feindliches Geschick den Menschen bringen kann. Dein Vater hat in der Jugend mit aller Gluth und Kraft des Herzens geliebt, ihm wurde Erwiederung geheuchelt, indess seine Empfindung verspottet und er mit dem schnodesten Eigennutz betrogen wurde, und zwar durch einen Freund, dem er sich mit ganzer Seele vertraute. Seine einzige Schwester, bedeutend alter als er, war langst verheirathet, als die altern starben, und der Schwager benutzte als Vormund das Vermogen, indess Dein Vater seine Jugend in Durftigkeit hinbrachte, sich in Schulden verwickelte, die, als er mundig wurde, sich so druckend zeigten, dass er die Einsicht gewann, er sei genusslos verarmt, denn was ihm nach der Theilung mit seinem Schwager blieb, hatte er in immerwahrender durch Durftigkeit und Noth erregter Herzensangst schon im Voraus ausgegeben, und wenn seine Schulden bezahlt werden sollten, behielt er nichts ubrig. Wo er sich hinwendete um Unterstutzung, wurde er mit Kalte, als ein Verschwender, dem man nicht vertrauen konne, zuruckgewiesen und seine Schulden, denen seine Verwandten mit Eifer nachspurten, als Beweise gegen ihn gebraucht. In dieser Bedrangniss wendete er seine Augen auf mich und wahlte, nicht aus Liebe, sondern aus Noth, mich zur Gefahrtin seines Lebens, und hoffte durch die einzige Tochter eines reichen Handelsherren seine gesunkenen Vermogensumstande wieder zu heben. Meinem Vater schmeichelte vielleicht der Gedanke, dass eine Grafin aus seinem einzigen Kinde werden solle, und da er nicht gewohnt war, die Ansichten Anderer zu vernehmen, so befahl er mir, Deinen Vater als meinen Brautigam zu betrachten, und bestimmte den Tag der Vermahlung. In der That fiel es mir auch nicht ein, dass ich befugt sei, Einwendungen zu machen, und der Tag unserer Verbindung erschien und wurde auf's Glanzendste gefeiert. Es schien, als ob Wohlstand und Glanz mit mir in unser Haus gezogen waren; mein Vater gab die nothigsten Summen bei unserer Vermahlung sogleich und verlangte, Dein Vater sollte nach drei Monaten ein Verzeichniss einliefern von allen Schulden und allen Bedurfnissen, dann wolle er Alles berichtigen und unsere Haushaltung, wie er sagte, auf einem solideren Fusse einrichten. Jetzt erschienen dieselben Freunde und Verwandten, die Deinen Vater in seiner Bedrangniss mit Kalte abgewiesen hatten, und wunschten ihm Gluck, sie wurden unsere taglichen Gaste, und erschopften sich in Herzlichkeit und zuvorkommender Liebe; man fand mich hochst liebenswurdig, man lobte es, dass ich bei dem grossen Reichthume meines Vaters doch gar keine Anspruche mache, kurz, Dein Vater wurde noch ein Mal mit allen Menschen versohnt und uberredete sich, er habe sich geirrt und in seiner bittern, durch die Noth erzeugten Stimmung die Menschen mit zu feindlichen Blicken betrachtet. Aber ach! wie bald brach diess scheinbare Gluck zusammen. Ein grosses Handlungshaus in England fiel, und sein Sturz zog den eines Amerikanischen und mehrerer Hamburger nach sich, mit denen mein Vater in Verbindung stand, und er war schon zu Grunde gerichtet, ohne es zu ahnen, als er meine Hochzeit so glanzend feierte. Er konnte den Schreck nicht uberwinden und wurde vom Schlage getroffen, als er die Nachricht seines Unglucks erhielt. Acht Wochen nach meiner Verheirathung wurde er begraben. Jetzt wurde Alles gerichtlich bei meinen Eltern versiegelt, und die Armuth ubte dort ihre furchtbare Gewalt, wo eben noch Glanz und Ueberfluss geherrscht hatten. Mein Vater hatte von mehreren Verwandten meiner Mutter Gelder in seiner Handlung, und diese waren so vorsichtig gewesen, sie mit unterschreiben zu lassen, und jetzt so schamlos, die Kleider und Wasche meiner unglucklichen Mutter verkaufen zu lassen, um sich bezahlt zu machen, und die arme Frau ware ohne Obdach gewesen, wenn nicht Dein Vater, der die Verbindung mit mir nur geschlossen hatte, um Vermogen zu erlangen, ihr sein Haus und seine Unterstutzung angeboten hatte.
Ach, mein Sohn! wie schnell verloren sich alle die Freunde, die Dein Vater wahrend seines kurzen Glukkes besessen hatte, als meine Mutter bei uns einzog und unsere Durftigkeit theilte. Die Besuche horten auf, und wenn unsere Einsamkeit zuweilen gestort wurde, oder wenn wir gezwungen waren, Besuche zu machen, so suchte man Gelegenheit, uber Missheirathen zu sprechen, die nie zum Guten ausschlagen konnten; und meine sanfte Seele emporte sich, wenn ich diese rohen Menschen, deren mangelhafte geistige Bildung ich nur bemitleiden konnte, so reden horte. Dein Vater aber wurde durch ein solches Betragen auf's Aeusserste erbittert und beschloss, jedes Mittel anzuwenden, um seine Umstande wieder zu verbessern. Er studirte die Landwirthschaft eifrig, aber ihm mangelten die Mittel zu den nothigen Auslagen und die besten Plane konnten desshalb nicht gelingen. Diess zog ihm den Spott seiner Nachbaren zu, die viel zu beschrankt waren, als dass sie seine Einsichten hatten beurtheilen konnen; aber die Verlaumdung that ihre Wirkung und unsere Lage wurde immer schlimmer. Mehrere Kinder waren geboren, die unsere Sorge vermehrten. Jetzt, da die ganze Welt uns feindlich gegenuber stand, gewann Bitterkeit und Verachtung gegen die Menschen die Oberhand in Deines Vaters Brust. Er hatte nicht die heldenmuthige Kraft der Tugend, die uns uber jedes Missgeschick erhebt; und da er Ursache gefunden hatte, die Menschen so tief zu verachten, so glaubte er auch der Selbstachtung nicht mehr zu bedurfen. Sie beten nichts an als ihr armseliges Vermogen, pflegte er oft zu sagen; sie werden sich von der kleinsten Summe nicht freiwillig trennen, um ihren nachsten Verwandten vom Verderben zu erretten: so muss man sie durch jedes Mittel der Klugheit zum Beistande zu zwingen suchen. Seine Kenntniss der Rechte wie seine Ueberlegenheit des Geistes fuhrten ihn in der That auf manche Mittel, bald von dem Einen, bald von dem Andern eine Summe als Darlehen zu erpressen, die unsern Untergang verschob, aber es konnte nicht fehlen, dass sich nun alle, die seine Achtung niemals verdient hatten, herausnahmen, Deinen Vater zu verachten; und ach! die allgemeine Stimme ubte eine so traurige Gewalt, dass er auch die Achtung der Besseren verlor. Er wollte sich uberreden, dass ihm diess gleichgultig sei, aber ich sah wohl, wie der Kummer daruber an seinem Leben nagte. Meine Mutter war langst gestorben und Dein Vater hatte uns durch alle von ihm angewendeten Kunste nur ein hochst durftiges Leben gefristet; Deine Schwestern wuchsen, von allen Menschen zuruckgesetzt, beinah ohne alle Erziehung heran, und wir waren auf's Aeusserste getrieben, als derselbe Lorenz, der jetzt Deines Vaters Vermogen an sich zu bringen strebt, hier erschien und, nachdem er einige Stunden sich in's Geheim mit Deinem Vater unterredet hatte, sich wieder entfernte. Jetzt, sagte hierauf Dein Vater mit grosser Heiterkeit zu mir, jetzt will ich meinen hochmuthigen Vetter wohl zwingen, mir beizustehen; bald werde ich die Mittel dazu in meinen Handen haben, und Du, mein ungluckliches Weib, brauchst dann nicht mehr in Noth mit unsern armen Kindern zu vergehen. Wie flehentlich bat ich ihn damals, auf der Bahn des Rechten zu bleiben und sich offen, mit Vertrauen an diesen Verwandten zu wenden. Er lachte mit Bitterkeit uber meinen Rath und fragte mich, ob wir noch nicht Demuthigungen genug erfahren hatten, ob ich nach neuen lustern sei?
Wie einen Bettler wurde er mich abweisen, sagte er, wenn ich ihn freimuthig bate, mir von seinem Ueberflusse Unterstutzung zu gewahren, aber mit grosstem Danke wird er einen Theil seines Vermogens aufopfern, wenn er furchten muss, noch weit mehr zu verlieren.
Meine Thranen flossen nun im Verborgenen, denn ich wusste wohl, dass ich Deinen Vater zur Aenderung seiner Ansicht nicht wurde bewegen konnen. Nach einiger Zeit erschien der alte Lorenz von Neuem und brachte ein Pergament, wofur er eine ansehnliche Summe verlangte. Ich horte es wohl, wie ihm Dein Vater alles geben wollte, was sich noch an Silber oder sonst an Sachen von Werth im Hause befand, aber diess Alles betrug nur noch eine unbedeutende Summe. Auf Verschreibungen wollte sich der Alte vollends nicht einlassen, indem er behauptete, ein solcher Handel konne nur gegen baares Geld abgeschlossen werden. Dein unglucklicher Vater war so in Verzweiflung, dass ich glaubte, er wurde jede Rucksicht vergessen und es versucht haben, dem alten Lorenz die Schrift, auf die es ihm ankam, mit Gewalt zu entreissen, wenn nicht in diesem Augenblicke der Prediger gekommen ware, dem wir, wie vielen Andern, schuldig sind, und der also hoflich empfangen werden musste.
Der alte Lorenz benutzte diesen gunstigen Augenblick, um sich zu entfernen, und sagte mit widrigem Lacheln, dass er nach einigen Wochen wieder anfragen wollte, ob der Herr Graf seine Dienste noch wunsche. Von jetzt an zehrte Dein Vater sich sichtlich ab in dem leidenschaftlichen und fruchtlosen Bestreben, die Summen zusammen zu bringen, die gefordert wurden, ehe der Alte die Schrift ausliefern wollte. Er erfuhr, dass sein Verwandter den ungetreuen Kastellan entlassen hatte, und diess erregte in ihm eine lebhafte Freude, denn er hoffte nun mit geringeren Kosten seinen Zweck zu erreichen. In der That bot ihm der alte Lorenz die Schrift nun fur die Halfte der fruher geforderten Summe an, aber auch seine herabgestimmte Forderung zu befriedigen war unmoglich, weil er sich nur gegen baares Geld zur Auslieferung des Verlangten verstehen wollte.
In dieser sorgenvollen Zeit vermehrte der Krieg unser Ungluck und der Friede vollendete es, denn Du, mein geliebter Sohn, kehrtest krank und des Dienstes entlassen zu uns zuruck. Dein Vater wagte nun einen verzweifelten Versuch; er kannte Dich zu gut, als dass er es nur hatte unternehmen mogen, Dir seine Ansichten mitzutheilen, er wusste, dass Du dann sein Begehren nicht erfullen wurdest, er liess Dich also glauben, Dein Oheim sei gegen uns im hochsten Unrecht, und schickte Dich ab, eine Ausgleichung mit diesem ungerechten Verwandten zu versuchen. Da er uberzeugt war, die Schrift, durch die sich Dein Oheim gegen seine Forderung sicher stellen konnte, sei noch in den Handen des alten Lorenz, so glaubte er, dass jener, wenn er sie vermisste, sich auf einen Vergleich einlassen wurde, und da er es fur unmoglich hielt, dass der alte Lorenz es wagen konnte, die aus dem Archive entwendete Schrift zuruckzuliefern, so erregte es in ihm eine Art von Freude, auch diesen zu uberlisten und seinen Diebstahl nun doch zu benutzen, ohne ihm etwas dafur zu bezahlen, da er sich so unbeugsam gegen jeden Vorschlag gezeigt hatte.
Ich weinte und betete im Stillen, Gott moge uns aus diesem Drangsal erlosen, als der alte Lorenz von Neuem bei uns erschien, aber diess Mal in ganz veranderter Gestalt auftrat. Er versicherte auf Deines Vaters angstliche Frage, er habe die bewusste Schrift bei sich zu Hause und sie stehe demselben unter den fruher ausgesprochenen Bedingungen zu Diensten, aber jetzt, da er durch gluckliche Unternehmungen seines Sohnes in Wohlstand versetzt sei, komme er, um uns Dienste anderer Art zu leisten. Er kannte unsere gefahrliche Lage ganz; er wusste, welche Forderungen Deinen Vater bedrangten, und machte nun die Dir bekannten Antrage. Dein Vater versprach ihm darauf einzugehen, wenn Deine Reise zu Deinem Oheim, die nun beschlossen wurde, fruchtlos sein sollte. Mit spottischem Lacheln willigte der Alte und mit hochmuthigter Verachtung sein ubermuthiger Sohn in diesen Vorschlag ein.
Du reistest ab, und unsere unwurdigen Gaste fingen an sich ganz wie die Herren des Schlosses zu betragen, und ihr Uebermuth wuchs, je mehr sie bei einem langeren Aufenthalt die Noth bemerken mussten, die uns bedrangte. Dein Vater ertrug Alles standhaft und erwartete mit letzter Anstrengung seiner moralischen Kraft Deine Ruckkunft: da, mein geliebter Sohn, erschien Dein Bote und vernichtete alle unsere Hoffnungen. Was Du von der grossmuthigen Gesinnung Deines Oheims schriebst, glaubte Dein Vater nicht, er meinte, Du hattest Dich durch gleissnerische Reden tauschen lassen; dass sein Verwandter sich wieder im Besitz der entwendeten Schrift befand, brachte ihn zur Verzweiflung, denn er sah nun keinen Grund mehr, wesshalb er uns helfen sollte, und er weinte untrostlich eine ganze Nacht hindurch uber unsern unvermeidlichen Untergang. Am andern Morgen machte er dem alten Lorenz Vorwurfe daruber, dass er die Schrift seinem ehemaligen Herrn gegen ihre Abmachung ausgeliefert habe. Der alte Heuchler antwortete aber mit schandlicher Dreistigkeit: Gott hat es nicht haben wollen, mein Herr Graf, dass Sie auf diese Weise wieder zu Vermogen kommen sollten, ich bot Ihnen die Schrift erst fur vierhundert Dukaten an, dann wollte ich sie Ihnen in Betracht Ihrer Umstande fur zwei hundert Dukaten lassen; da Sie aber auch darauf nicht eingehen konnten, so entschloss ich mich, sie meinem vorigen Herrn, dessen Vater ich schon gedient hatte, und fur den ich also noch immer Anhanglichkeit fuhlte, fur hundert Dukaten zuruck zu geben, und seitdem ich hier bin, sehe ich ja auch deutlich genug, dass Sie mir sogar diese geringe Summe nicht hatten zahlen konnen. Trosten Sie sich also, gnadiger Herr Graf, es hat nicht sein sollen; Sie wissen wohl, Wer da hat, dem wird gegeben werden, und Wer da nicht hat, dem wird auch das noch genommen, was er hat; das lehrt uns selbst das Evangelium.
Dein Vater ertrug die Pein dieser letzten Tage in dusterem Schweigen; es kam keine Klage mehr uber seine Lippen, nur als er gestern um Mitternacht sein Lager suchte, druckte er meine Hand und sagte: Wir sind verloren, unser Sohn ist nicht gekommen; bis morgen Mittag wollen die Schurken nur noch warten, Nachmittag alle Einrichtungen des Gutes betrachten und den Abend den Kontrakt abschliessen; dann muss ich ihnen die Wohnung hier nach wenigen Tagen uberlassen und Gott weiss, wo wir unser Haupt hinlegen werden.
Du kannst es denken, geliebter Sohn, sagte die Mutter, indem sie den jungen Mann von Neuem umarmte, mit welcher Qual ich den heutigen Tag verlebt habe, bis Du mir endlich wie ein Engel des Trostes erschienst.
Konnte auch ich nur Trost in dem Allen finden, sagte der junge Graf, indem er mit tiefem Kummer in die weinenden Augen der Mutter blickte. Ich bringe Ihnen vollstandige Hulfe, und zwar von dem Manne, gegen den mein Vater sich mit nichtswurdigen Gaunern vereinigte, um ihn zu betrugen. O, Mutter! konnen die Wogen des Weltmeers diesen Flecken von dem Namen eines Edelmannes abwaschen?
Glaube mir, erwiederte die Mutter, ich fuhle sein Unrecht wie Du, aber sei mild, bedenke sein Ungluck; der alte Mann hat Alles eingebusst, Vermogen, Gesundheit, die Achtung seiner Mitburger und seiner selbst; soll er ganz verzweifeln, wenn er sieht, dass er auch die Liebe seines Weibes und seiner Kinder verloren hat?
Der junge Graf schwieg und bedeckte sein Gesicht mit den Handen, bis das Gerausch eines vorfahrenden Wagens Beide aufschreckte. Sie trockneten schnell die herabstromenden Thranen und gingen dem Vater entgegen, der, wie der Sohn mit Schmerzen bemerkte, nur mit Muhe aus dem Wagen steigen konnte, weil seine Fusse geschwollen waren. Sein Gesicht war bleich und entstellt, er athmete schwer aus beklemmter Brust und konnte, auf den Arm des Sohnes gestutzt, durch heftiges Husten gehindert, nicht so schnell die Treppe ersteigen, wie seine zitternde Eile es verlangte; er sah mit scharfen Blicken abwechselnd in die verweinten Augen der Mutter und des Sohnes, die ihm schlimme Vorzeichen zu sein schienen. Der alte Lorenz blickte mit lauerndem Lacheln von dem jungen Grafen auf seinen Sohn, und dieser erwiederte den Blick des Vaters durch ein spottisches Zucken des Mundes. Alles diess entging dem alten kranken Grafen nicht, der sich um so mehr beeilte, sein Zimmer am Arme des Sohnes zu erreichen, dessen Zorn beim Anblicke des beinah vernichteten Vaters schwand. Sie hatten endlich die Treppe erstiegen, und der Vater zog den Sohn in sein Kabinet und sagte, indem er noch dessen Arm umschlossen hielt, in heftigster Angst: Sprich es nur aus, zogre nur nicht, Du bringst nichts, wir sind verloren.
Konnte doch dadurch Alles gut werden, sagte der Sohn, indem er beide Hande des Vaters fasste, dass ich Ihnen vollstandige Hulfe bringe. Wie war das, sagte der Vater, indem er, durch den freudigen Schreck ermattet, sich in einen Lehnstuhl senkte, hast Du die nothigen Summen?
Ich habe alles erhalten, was wir brauchen, erwiederte der Sohn, und zwar ohne Anstrengung, ohne Kunste. O mein Vater, wie sehr haben wir den besten der Menschen verkannt. Lass das jetzt, rief der Vater, indem ein Strahl der Freude in seinen erloschenden Augen aufblitzte, wir wollen uns schnell die beiden Schurken vom Halse schaffen, die mich ganz wie ihres Gleichen behandelt haben. Ach, mein Vater! seufzte der Sohn. Lass alle Erklarungen, rief der Vater, wenn die Beiden aus dem Hause sind, dann wollen wir uber Alles sprechen. Er wollte sich schnell erheben, um diess sogleich auszufuhren, aber der Husten, der ihn von Neuem uberfiel, verhinderte ihn an der Ausfuhrung seines Vorsatzes. Es wahrte eine halbe Stunde, ehe der Kranke sich von der Anstrengung des heftigen Hustens erholen konnte. Ich habe mich um der Schurken Willen heute noch erkaltet, sagte er endlich, und diess wird mir um so nachtheiliger, da ich schon krank war, ehe wir in den Wagen stiegen; aber komm nur, wir wollen sie nun gleich abfertigen. Er erreichte, auf den Arm des Sohnes gelehnt, den Saal, in dem die Mutter mit dem alten Lorenz und dessen Sohne ein gleichgultiges Gesprach zu fuhren suchte. So krank der alte Graf sich auch fuhlte, so richtete er sich doch stolz empor und sagte mit vornehmer Hoflichkeit zu den Beiden: Es thut mir leid, meine Herren, dass Sie sich so lange vergeblich bei mir aufgehalten haben, da aus unsern fruheren Planen nichts werden kann, weil ich gesonnen bin, meinem Sohn die Guter zu ubergeben, und ich beklage nur, fugte er spottisch lachelnd hinzu, dass Sie sich heute die unnutze Muhe gemacht haben, Alles in meiner Wirthschaft zu betrachten, die Sie niemals fuhren werden.
Der alte Lorenz so wohl, als sein Sohn waren nach dieser Erklarung sichtlich besturzt, aber da sie fuhlten, dass alle ferneren Versuche vergeblich sein wurden, ging der Sohn hinweg, um seinem Bedienten zu befehlen, die Pferde anspannen zu lassen. Nicht eine Sylbe wurde gesprochen, um diesen Vorsatz zu verhindern, obgleich die Abenddammerung schon eintrat, und beide unwurdige Gaste mussten sich von dem Schlosse entfernen, das sie schon wie ihr Eigenthum betrachtet hatten.
Gottlob! rief der alte Graf, als sie das Haus verlassen hatten, nun ist die Luft wieder rein, aber ich fuhle mich krank und ermattet, ich will mich zur Ruhe begeben und Thee im Bette trinken, das wird mir wohl thun, und dann sollst Du, mein Sohn, mir Alles erzahlen. Der junge Graf zog die Klingel, um einen Bedienten herbei zu rufen, aber wie heftig er diess auch in kurzen Zwischenraumen wiederholte, so zeigte sich doch Niemand, um den Kranken zu entkleiden. Der Sohn ging endlich selbst, um einen Diener aufzusuchen, aber seine Muhe war vergeblich. Von der zahlreichen Dienerschaft war Niemand zu finden. Es hatte sich in diesem Hause ein Jeder nach und nach so viele Freiheiten genommen, und so viele Dienstleistungen von sich abzulehnen gewusst, dass zwar viele Menschen darin waren, die ernahrt werden mussten, aber niemand, der wahrhaft nutzlich gewesen ware. Da man ihnen allen den Lohn schuldig bleiben musste, so fanden sie Mittel, sich auf andere Weise bezahlt zu machen, und indem ihre Forderung jeden Monat anwuchs, konnten sie um so trotziger bei jedem Tadel, den die Herrschaft auszusprechen wagte, erwiedern: Zahlen Sie mir meinen Lohn aus, so verlasse ich Ihren Dienst sogleich. Der junge Graf seufzte bei dieser fuhlbaren Zerruttung des ganzen Hauswesens, und dachte an die edle Einfachheit und Ordnung in dem Hause seines Oheims.
Da er seinen Zweck ganzlich verfehlte und keinen Diener fand, so kehrte er zu seinem Vater zuruck, den er im heftigen Fieberfrost zitternd fand; die Mutter war hinunter gegangen, um Thee zu besorgen, denn auch diess machte Schwierigkeit, da es etwas fruher als gewohnlich geschehen sollte. Der Zustand des alten Grafen erregte das innigste Mitleid des Sohnes, er fuhrte den alten Mann nach dem Schlafzimmer und leistete ihm selbst die nothige Hulfe, um ihn zur Ruhe zu bringen. Indess hatte die Mutter jemanden gefunden, der Thee besorgen wollte, und der Kranke fuhlte seinen Zustand bald merklich durch Ruhe und Warme erleichtert. Jetzt erzahle mir, sagte er nun zum Sohne, wie es Dir gelungen ist, Deinen Oheim zum Beistande zu bewegen. So wie ich ihn mit unserem Bedurfnisse bekannt machte, erwiederte der junge Mann, war er zu jeder Hulfe bereit.
Wie! sagte der Vater in heftiger Bewegung, er schlug Dir nicht zuerst Alles ab, er liess Dich nicht zwanzig Mal Deine Bitte wiederholen, um sich, an Deiner Erniedrigung sich ergotzend, nach und nach etwas abpressen zu lassen?
Nichts von allem Dem, erwiederte der Sohn; er gab mir die nothigen Summen, um hier einigermassen Ordnung hervorzubringen, und trug mir auf, so bald als moglich mit einer vollstandigen Berechnung unserer Bedurfnisse wiederzukehren, damit er uns grundlich helfen konne. Und was sagte er zu meinen Anspruchen? fragte der Kranke, indem die Rothe der Scham auf seinen Wangen brannte.
O mein Vater, antwortete mit dem Ausdrucke hochsten Schmerzes der Sohn, er zeigte mir, dass wir keine haben, wie ich Ihnen diess schon in meinem Briefe meldete, und legte mir zur Bestatigung eine Schrift vor, die Sie nicht in seinen Handen glaubten.
Der Kranke wendete sich seufzend ab und antwortete nicht, worauf der Sohn nach kurzem Schweigen seine Hand ergriff und im Tone milden Vorwurfs sagte: Sie haben, mein Vater, in diesem Verwandten den edelsten, besten Menschen verkannt und sich Mittel gegen ihn anzuwenden erlaubt, deren Gebrauch fur Sie selbst schmerzlich und beschamend sein muss, und mich schon um desswillen unglucklich macht, weil ich als Ihr Sohn, der immer mit Ehrfurcht zu Ihnen sollte reden konnen, diese Worte des Vorwurfs aussprechen muss.
Der Kranke wendete sich um, richtete sich mit heftiger Bewegung auf und sagte dann nicht ohne Bitterkeit: Ich weiss es aus eigner Erinnerung, dass die Jugend nichts so freigebig bietet, als Achtung auf der einen und Verachtung auf der andern Seite, und dass sie haufig in beiden Fallen Unrecht hat. Missverstehe mich nicht, fuhr er eifrig fort, da er sah, dass der Sohn antworten wollte: es kann sein, ja ich glaube es selbst, dass ich Deinem Oheim Unrecht gethan habe, aber kann diess wohl beweisen, dass ich uberhaupt im Irrthume gegen die Menschen und im Unrecht gegen sie bin, wenn er eine Ausnahme von der Regel macht und Du vielleicht unter hunderttausenden nicht noch einen finden wirst, der auf gleiche Weise handelt? Die Menschen haben mein Herz zerfleischt, wohin ich mich wendete. In glucklichen Tagen hat mich Betrug, Bosheit, Neid und Missgunst verletzt, in unglucklichen wurde ich durch Harte, Spott und Verachtung gekrankt. Ich fand nicht e i n e Ausnahme, nicht einen einzigen Freund, was konnte ich denn also in diesen Menschen lieben und achten? Glaube mir, setzte er mit milderer Stimme hinzu, wenn die Tugend des Menschen auch nicht selbst eine Zufalligkeit ist, so hangt sie doch fast immer von zufalligen Umstanden ab. Ware ich so glucklich gewesen, in meiner Jugend einen wahren Freund, einen wohlwollenden Verwandten anzutreffen, so hatten sich meine Vermogensumstande herstellen lassen, und indem ich nach meiner Neigung ohne Sorgen hatte leben konnen, hatte ich auch die gewohnliche Liebe und Achtung fur die Menschen behalten, denn ihr wahres verachtliches Inneres hatte ich dann niemals erkannt und durch die fortgesetzte Tauschung ware ich im Frieden mit mir selbst erhalten worden. Du bist darin glucklicher als ich, setzte er hinzu, indem er dem Sohn liebevoll die Hand reichte, Du hast angetroffen, was ich durch Gebet und Thranen in der Unschuld meiner Jugend oft herbeirufen wollte, und die sogenannte Tugend in Deiner Brust wird nicht durch ein so trubseliges, gramvolles Leben erschuttert werden, wie ich es habe erdulden mussen. Ich weiss es, Du wirst, wenn Du auch Mitleid mit mir hast, meinen Worten dennoch nicht Glauben schenken, und ich zurne Dir desshalb nicht, ja es freut mich selbst um Deinetwillen, denn Du wirst die Achtung der Menschen und Deiner selbst dadurch bewahren, und glaube mir, es ist ein Ungluck, dessen Tiefe Du nur schaudernd ahnden kannst, das Gefuhl dieser Achtung zu verlieren.
Hatte der Sohn auch so hart sein mogen, die Ansicht des Vaters zu bekampfen, die dieser sich gewissermassen zum Troste aufzustellen bemuhte, so wurde diess schon durch den sich plotzlich verschlimmernden Zustand des Kranken unmoglich geworden sein. Die lange, leidenschaftliche Rede hatte den alten Grafen angegriffen; ein heftiger Husten war die Folge, der sich mit einem Blutsturz endigte. Die Mutter und der Sohn waren in Verzweiflung, aber der Anfall liess zu ihrem Troste bald nach, und der Sohn verlangte nun, es sollte zum Arzte mit grosster Eile gesendet werden. Es wird nichts helfen, sagte der Kranke mit ersterbender Stimme, und die Thranen der Mutter bestatigten seine Ansicht. Warum, fragte der Sohn, was kann ihn hindern? Wir haben ofter nach ihm geschickt, sagte die kummervolle Mutter, aber immer vergeblich, vermuthlich weil wir ihm einen fruher geleisteten Beistand noch nicht haben bezahlen konnen. Die Flammen des Zornes rotheten die Wangen des Sohnes, und er verstand ein schwaches Lacheln des Kranken, das ihn an die Menschenkenntniss seines Vaters erinnern sollte.
Ich werde selbst hinfahren und ihn gewiss mitbringen, sagte der Sohn entschlossen und verliess die Eltern, um Bediente aufzusuchen, die sich nun endlich eingefunden hatten. Indess nach seinem Befehle ein leichter Wagen angespannt wurde, nachdem er noch erst die Einwendungen mit einiger Heftigkeit beseitigt hatte, die der Kutscher erheben wollte, kamen seine Schwestern von einem Besuche beim Prediger nach Hause und begrussten mit larmender Freude den Bruder, indem sie sich auf wilde, unordentliche Art von den hindernden Huten und Manteln befreiten. Er umarmte Beide herzlich, aber es war ihm nicht moglich, die von der Sonne gebraunten Gesichter, die wenig geschonten Hande und Arme, die Wildheit der Gebehrden ohne Schmerz zu bemerken. Ihn erschreckten die lauten, heftigen Stimmen und innig betrubten ihn all die Zeichen einer vernachlassigten Erziehung, indem er an Therese und Emilie dachte, deren naturliche Schonheit durch eine anstandige Haltung und edle Gebehrden gehoben wurde. Er ermahnte die sorglosen Schwestern, leise aufzutreten und den kranken Vater nicht durch ihre lauten Stimmen zu erschrecken. So ist der Vater krank? fragten sie angstlich, und die grossen unschuldigen Augen schwammen in Thranen. Habt Ihr denn das noch nicht bemerkt, fragte der Bruder, durch die gutmuthige Trauer in den unschuldigen Gesichtern bewegt. Er ist seit einigen Tagen nicht wohl, erwiederte die altere Schwester, aber er sagte selbst, es hatte nichts zu bedeuten. Ich fahre jetzt zum Arzt, versetzte der Bruder, wenn ich mit ihm zuruck komme, dann werden wir horen, ob der Zustand unseres Vaters bedenklich ist. Er verliess die Schwestern und warf sich in den Wagen, um in moglichster Eile den Beistand herbei zu schaffen, der in diesem Augenblicke so wichtig war, da er nicht ohne Grund die Wiederholung des Blutsturzes furchtete. Der eine Meile entfernte Arzt war bald erreicht, indess der junge Graf wurde nur kalt von ihm empfangen, er machte Einwendungen dagegen, mitzufahren, er verlangte, der junge Mann solle ihm den Zustand seines Vaters schildern, so wolle er die nohigen Mittel verschreiben. Als ihm aber von dem jungen Grafen die fruher geleistete Hulfe freigebig bezahlt und die gleiche Freigebigkeit fur den jetzigen Fall zugesichert wurde, anderte er seine Ansicht und entschloss sich selbst mitzufahren, um den Kranken zu sehen.
Aus tiefster Brust seufzend, trat der bekummerte Sohn an der Seite des ihn begleitenden Arztes den Ruckweg an. Die Bemerkungen seines Vaters beschaftigten seine Seele, und er konnte es sich nicht ablaugnen, dass die Empfindungsweise und die Lebensansicht eines Jeden wenigstens zum Theil von seiner aussern Lage abhangig sei. Wie soll mein Oheim, dachte er, die Menschenverachtung meines Vaters nur verstehn, da der verachtlichste Eigennutz sich dem Einen ohne Ruckhalt zeigt, weil er nichts glaubt gewinnen zu konnen und also nichts zu schonen braucht, indess er sich dem Andern ewig verbirgt, weil er seiner Befriedigung gewiss ist und sich ihm auf diese Weise als Anhanglichkeit, aufrichtige Freundschaft, Anerkennung des Verdienstes und Gott weiss fur welche Tugend verkauft.
Der ihn begleitende Arzt ahnete nicht, dass er das finstere Nachdenken des jungen Mannes veranlasst hatte, und glaubte, die Besorgniss fur den Vater allein in dessen einsylbigen Worten zu erkennen; er suchte ihm also Muth einzusprechen, und der junge Graf wurde sein Bestreben dankbar erkannt haben, wenn er sich nicht hatte gestehen mussen, dass nur der befriedigte Eigennutz die Menschlichkeit in der Brust des Arztes erweckt habe. Der Ruckweg wurde mit derselben Schnelligkeit gemacht, die man angewendet hatte, den Arzt zu erreichen, obgleich der Kutscher laut genug bemerkte, damit der junge Graf es horen sollte, die Pferde wurden wohl umfallen, wenn sie den Stall erreichten, da sie so wenig Hafer bekamen und doch ubermassig angestrengt wurden.
Man hatte endlich die kleine Reise vollendet, und der Arzt fand den Kranken zwar nicht ohne Fieber, aber doch schlummernd; auch hatte sich der Blutsturz nicht erneuert, und er glaubte hierauf beruhigende Hoffnungen grunden zu konnen. Der angstliche Sohn drang hierauf in den Arzt, einige Tage zu bleiben, um den Gang der Krankheit zu beobachten, und dieser willigte ohne Schwierigkeit ein.
Die Blicke der Mutter waren etwas angstlich bei diesen Einrichtungen, und der Sohn bemerkte bei der durftigen Abendmahlzeit die Ursache dieser Aengstlichkeit, und seine Seele wurde mit innigster Wehmuth uber die traurige Lage seiner Eltern erfullt, als deren Opfer der Vater eigentlich fiel, und die sich wahrend seiner Abwesenheit so sehr verschlimmert zu haben schien.
Es war von dem Arzte bekannt, dass er eine gute Tafel liebte, und der junge Graf entschuldigte die Mangelhaftigkeit des heutigen Mahles mit der Unruhe, die des Vaters Krankheit verursacht habe. Als noch die nothigen Verordnungen fur die Nacht gegeben waren, zog sich der Arzt in ein nahes Zimmer zuruck, damit er sogleich gerufen werden konnte, wenn ein bedenklicher Zufall eintreten sollte. Der besorgte Sohn hiess die altere Schwester am Bette des Vaters verweilen und winkte die Mutter hinaus, um ihr zu vertrauen, dass er gleich des andern Tages eine neue Ordnung des Hauses einzufuhren gedachte. Er erkundigte sich bei der Mutter, welche sie fur die brauchbarsten von den vielen unnutzen Bedienten hielte, und erklarte, diese fur's Erste behalten und alle andern entlassen zu wollen. Die Mutter weinte Freudenthranen, als sie vernahm, dass der Sohn auch dazu die Mittel von dem verkannten Oheim empfangen hatte, auch dass er alle Bedurfnisse im Hause sogleich befriedigen und die nothigen Vorrathe sogleich anschaffen konne. Die von der Mutter genannten Bedienten wurden aufgezeichnet, die weibliche Dienerschaft sollte ganz erneuert werden, denn von dieser, versicherte sie, musse sie am Meisten leiden.
Es war spat geworden, und der junge Graf warf sich in den Kleidern auf sein Bett, weil er am fruhen Morgen die Verbesserung des Hauswesens beginnen wollte. Er stand um drei Uhr nach kurzem Schlummer zu diesem Endzweck auf und wollte einen Diener selbst rufen, um nicht vielleicht durch das Herbeistromen aller, wenn er die Klingel zoge, ein unnutzes Getose im Hause zu erregen; doch diese Sorge war vergeblich.
Es war kein Mensch im Hause und auch die Stalle waren leer, und als sich endlich ein schlaftrunkener Knabe fand, erfuhr der junge Graf auf seine Erkundigung, dass im nachsten Dorfe eine Hochzeit sei, wohin sich die ganze Dienerschaft begeben habe, indem sie sich der Pferde zu diesem Zweck bedient hatte.
Ein Trinkgeld machte den Knaben munter, der nun abgesendet wurde, um die freche Dienerschaft von ihrer Belustigung abzurufen, und nach einer Stunde kamen sie zu Fuss und zu Pferde zuruck, und verfugten sich mit einiger Verlegenheit auf das Zimmer des jungen Grafen, wie es ihnen befohlen war. Auf seine Vorwurfe uber ihre Unverschamtheit erfolgte ihre gewohnliche Antwort, dass man ihnen ihren Lohn auszahlen und sie entlassen mochte, wenn man mit ihren Diensten nicht zufrieden sei. Als aber dem ersten, der diess Wort gesprochen hatte, der Wunsch erfullt und ihm ernstlich angedeutet wurde, binnen einer Stunde das Schloss zu verlassen, traten die andern schuchtern bei Seite, baten um Verzeihung und gelobten ernstlich Besserung. Der junge Graf nahm nun die beabsichtigte Reinigung vor, die frechsten Trunkenbolde wurden entlassen, und die Verabschiedeten wie die Bleibenden bezahlt. Einem Jeden wurde sein Geschaft angewiesen und ihnen ernstlich versichert, dass ein Zeichen des Ungehorsams, eine unehrerbietige Miene ihre Verabschiedung sogleich veranlassen wurde.
Dem Jager wurde befohlen, Wild herbei zu schaffen; Andere mussten fur Fische sorgen; aus dem nachsten Stadtchen wurde Wein und andere Bedurfnisse gebracht, und zugleich das bei einem dasigen Juden verpfandete Silbergerath zuruckgenommen, und so wurde es moglich, zur innigen Freude der Mutter, dem Arzte anstandige Mahlzeiten anzubieten und ihn auch in dieser Hinsicht zu befriedigen. Im Vorzimmer wartete bestandig ein Diener, und die leiseste Bewegung der Klingel rief ihn herbei, um die Befehle der Herrschaft ehrerbietig zu vernehmen.
Der Kranke war erwacht und betrachtete lachelnd die Sorgfalt, mit welcher der Arzt sich fur seine Herstellung bemuhte, die ehrerbietig aufwartenden Bedienten, den veranderten Ton des ganzen Hauses. Nicht wahr, fragte er den Sohn etwas spottisch, Du erkennst die Macht des Geldes? Wie war ich verlassen, verhohnt, von den Bedienten selbst vernachlassigt; Du bringst diess Zaubermittel, und siehe die Verwandlung. Aber sage mir doch, fuhr er fort, ich habe die Nacht daran gedacht, da Dein Oheim so bereit ist, seine Schatze mitzutheilen, so hat wohl der junge Franzose, von dem uns der alte Lorenz erzahlte, schon betrachtliche Summen im Voraus genommen auf die ihm fur die Zukunft bestimmte Erbschaft.
Ach, mein Vater! erwiederte der Sohn, indem die Erinnerung an beschamende Auftritte seine Wangen rothete, zu welchen erniedrigenden Schritten hat mich auch in dieser Hinsicht Ihre falsche Ansicht verleitet. Der junge Mann ist weit davon entfernt, meinen Oheim missbrauchen zu wollen. Er ist ein edler, feuriger, liebenswurdiger Mensch, der die Liebe des Oheims verdient und sie auf's Zartlichste erwiedert, aber dessen Geld nicht bedarf, davon habe ich Gelegenheit gehabt, mich zu uberzeugen; er erhielt grosse Summen von seiner Mutter und wurde sie bei der Freundschaft, deren er mich wurdigte, im Falle mein Oheim mir meine Bitte abgeschlagen hatte, mit mir getheilt haben, wenn ich mich hatte entschliessen konnen, ihn darum zu ersuchen.
So, so, sagte der Kranke, nun und der franzosische Haushofmeister, ist der auch so tief in Edelmuth versunken?
Ich weiss nicht, was ich Ihnen antworten soll, erwiederte der Sohn gereizt. Ich wollte nur, wir hatten hier jemanden, der so treu, so uneigennutzig, mit wahrer Ergebenheit fur seine Herrschaft die Wirthschaft verwaltete, wie dieser gute alte Mann, den der Oheim mit Recht nicht wie einen Diener, sondern wie einen Freund behandelt, und der sich doch nie in diesem Verhaltniss uberhebt, und so nahe er seiner Herrschaft auch durch die Liebe, mit der er ihr ergeben ist, stehen mag, sich doch ausserlich immer in ehrerbietiger Ferne halt.
Das ist wahr, sagte der Kranke spottisch, die Hofhaltung Deines Oheims liefert ja ein Abbild des himmlischen Paradieses; er thront ja recht in glanzender Herrlichkeit auf seinem Schlosse, und sammelt alles Schone und Edle um sich her. Nun und die Damen, fuhr er fort, sie sind wohl auch frei von allem verwundenden Stolz, von aller kleinlichen Eitelkeit und Ziererei; sie verehren wahrhaft den grossen Mann und tauschen ihn nicht durch scheinheilige Luge, um ihn zu betrugen, indem sie innerlich uber seine Anmassung lachen; nicht wahr, mein guter Sohn, fragte er mit scheinbarer Treuherzigkeit, sie sind eben so edel, eben so trefflich, wie alles Uebrige auf Schloss Hohenthal?
Der Sohn konnte den Zorn uber die schnode Undankbarkeit des Vaters nicht mehr bewaltigen und war im Begriffe, etwas Heftiges zu erwiedern, als die Mutter ihre Hand sanft auf seinen Arm legte und sagte: Du siehst, dass Dein Vater sich heut um Vieles besser befindet als gestern, da er selbst heiter werden und scherzen kann. Der Kranke fuhlte das Unziemliche seiner Reden und sagte in einer Anwandelung von Reue: Ich fuhle es ja selbst, wie vielen Dank ich Deinem Oheim schuldig bin, durch seinen Beistand ist es mir wenigstens so gut geworden, ruhig und mit Anstand sterben zu konnen, obgleich es mir nie so wohl geworden ist, so zu leben; aber die langen Jahre des Duldens, des Zornes, des Kummers haben mein Herz verhartet und mit Bitterkeit erfullt; es wird mir desshalb nicht so leicht, wie Du glaubst, zu den Empfindungen der Jugend zuruckzukehren, die Du die besseren nennst. Hatte ich fruher nur einen einzigen Menschen angetroffen, der mir grossmuthige Liebe bewiesen hatte, so wurde ich den Glauben an die Menschen nicht verloren haben. Sein Auge traf, indem er diess sagte, den kummervollen, von Thranen umschleierten Blick der Gattin; er bot ihr die Hand und sagte nicht ohne Ruhrung: Dich habe ich freilich getroffen, Du gute, treue Seele; ein Befehl bestimmte Dich, Dein Geschick mit dem meinen zu verknupfen, und dennoch ist Deine Liebe und Treue in unwandelbarer Sanftmuth mein eigen geblieben auf dem langen, dornenvollen Wege des Lebens, den wir mit einander wandeln mussten; aber Deine Liebe konnte nicht mein Schicksal bezwingen, Du konntest mir keine Hulfe bieten.
Die Bewegung des Gemuths und das viele Sprechen erregte den gefahrlichen Husten des Kranken, so dass der Arzt herbeieilte und, nachdem der Anfall voruber war, das haufige Sprechen untersagte und vor allen Dingen Ruhe des Gemuths empfahl.
Als die Familie wieder allein war, sagte der Kranke spottisch: Die Ruhe des Gemuths hat er mir immer ganz besonders empfohlen, und jetzt wird es mir auch moglich, diess Recept zu benutzen. Aber wenn die taglichen Sorgen des Lebens mich niederbeugten, und ich den Meinigen weder Nahrung noch Kleider, so wie sie es bedurften, verschaffen konnte, wenn an jedem Posttage zwanzig Mahnbriefe und gerichtliche Verfolgungen mich angstigten, wenn ich mich meiner Durftigkeit wegen uberall verachtet und selbst von den Bedienten vernachlassigt sah, wenn ich in unserer druckenden Noth immer neue Verluste entstehen sah, weil ich sie auch nicht durch die kleinste Auslage abwenden konnte: wie sollte ich es denn da moglich machen, die Gemuthsruhe mir anzueignen, die der gute Arzt so nothwendig findet?
Der Sohn bat den Vater, sich jetzt aller Sorgen zu entschlagen und, da nun hoffentlich Alles besser gehen wurde, der Vorschrift des Arztes zu folgen und auch das Sprechen zu vermeiden, um nicht den Husten zu reizen. Der Kranke fugte sich willig dieser Bitte, und der Sohn verliess das Krankenzimmer nicht ungern, weil die Denkungsart seines Vaters ihn im innersten Herzen verwundete. Er hielt es jetzt fur seine Pflicht, das angefangene Werk zu vollenden und nach der Anleitung seines Oheims Ordnung in alle Zweige der Wirthschaft zu bringen; er liess also den Verwalter rufen, der willig mit ihm in alle Zweige der Verwaltung einging und ihm mit herzlichem Bedauern alle Nachtheile zeigte, die im Laufe des Jahres durch den Mangel aller Vorrathe und durch die Unmoglichkeit, Auslagen zu machen, hatten entstehen mussen, und der junge Graf konnte leicht berechnen, dass die Familie seines Vaters allein von dem, was auf diese Weise verloren worden war, anstandig hatte leben konnen. Der Verwalter stimmte seiner Ansicht mit vollkommener Ueberzeugung bei und machte ihn noch auf die Nachtheile aufmerksam, die dadurch hatten entstehen mussen, dass keiner von den Beamten hatte bezahlt werden konnen. Der junge Graf nahm hiebei Gelegenheit zu fragen, wie viel er selbst zu fordern habe. Es ergab sich, dass er seit vier Jahren keinen Gehalt bekommen hatte, und er versicherte, er wurde dem gnadigen Herrn gewiss nicht beschwerlich gefallen sein, wenn die Noth ihn nicht dazu gezwungen, und da man gehort habe, dass die Guter verpachtet werden sollten, so habe er als Vater von acht Kindern die Pflicht gehabt, fur diese zu sorgen. Der junge Graf verstand ihn nicht und fragte ihn, ob er etwas von seinem Vater erhalten habe. Mein gnadiger Herr Graf, erwiederte der alte Mann, seit vier Jahren nicht einen Heller, desshalb zwang mich die Noth und Sorge fur acht unerzogene Kinder, unbescheiden zu sein. Es fiel dem jungen Manne wohl auf, ihn trotz der so oft erwahnten Noth so uberaus gut gekleidet zu sehen, indess da er in allen Verhaltnissen so wohl unterrichtet schien und so guten Willen zeigte, so entliess er ihn mit der Versicherung, er wurde ihn bald in seiner Wohnung aufsuchen, um das Nahere mit ihm zu verabreden. Er schickte ihn hinweg, um ihm nicht seinen Geldvorrath sehen zu lassen, weil er fur's Erste nur die Halfte seiner Forderung zu befriedigen gedachte, denn die Berichtigung der ganzen Rechnung wurde eine zu empfindliche Lucke in seinen kleinen Schatz gemacht haben. Er folgte also dem Verwalter nach einer Viertelstunde und suchte ihn in seiner Wohnung auf, um die Noth des guten Alten, von der er ihm so viel vorgesprochen, sogleich zu mildern.
Er traf ihn mit acht sehr wohlgekleideten Kindern, die ein Privatlehrer eben in verschiedenen Wissenschaften unterrichtete, und es drangte sich dem verwunderten jungen Grafen die Bemerkung auf, dass der gute, rechtliche Verwalter, wie er sich selbst nannte, andere Mittel haben musse, den Aufwand seiner Haushaltung zu bestreiten, als seinen ruckstandigen Gehalt. Er konnte die grosse Verlegenheit des Alten nicht begreifen, mit der er seinen zweijahrigen Gehalt als die Halfte seiner Forderungen empfing, so wenig als die wiederholten Versicherungen, dass er den gnadigen Herrn Grafen nicht gedrangt haben wurde, wenn die Guter nicht hatten verpachtet werden sollen.
Wenige Stunden darauf loste sich aber dieses Rathsel. Es traf namlich eine gerichtliche Zuschrift an den alten Grafen ein, die Mutter und Sohn zu lesen beschlossen, ohne sie dem Kranken mitzutheilen, um ihm unnothigen Verdruss zu ersparen. Aus diesem Schreiben nun ergab sich, dass der gute alte Verwalter bei den Behorden mit der Bitte eingekommen war, die Erndten seines Herrn zu seinem Vortheile in Beschlag zu nehmen, bis er befriedigt sei, ehe die Guter dem Pachter ubergeben wurden.
Der junge Graf war so aufgebracht, dass er dem Verwalter sogleich das noch ruckstandige Geld auszahlen und ihn in derselben Stunde entlassen wollte; die Mutter aber widerrieth ihm diese ubereilte Massregel, und er sah selbst ein, dass es besser sei, nicht in der ersten Hitze zu handeln, sondern alle Rechnungen genau durchzugehen, ehe er einen Mann entliesse, der es verstand, vier Jahre mit einer zahlreichen Familie anstandig ohne alle rechtlichen Einkunfte zu leben.
In solchen Beschaftigungen gingen mehrere Tage hin. Der Arzt hatte das Schloss verlassen, weil die Besserung des Kranken sichtlich fortschritt, und der junge Graf dachte schon daran, nach Schloss Hohenthal zuruck zu kehren und dem Oheim Bericht uber Alles, was er gethan, abzustatten. Er wurde an der Ausfuhrung dieses Vorsatzes nur dadurch gehindert, dass einige von seinen Kameraden, die, wie er, verabschiedet waren, ihn besuchten und erst in behutsamen Gesprachen, endlich mit offenem Vertrauen ihm Entwurfe und Plane mittheilten, die seine eignen Angelegenheiten ihm klein und unbedeutend erscheinen liessen, und seine Seele mit einer Gluth erfullten, die er vor Allem vor seinem Vater verbarg. Die Rettung des Vaterlandes schien moglich auf dem Wege, den man ihm zeigte. Preussens alter Kriegsruhm konnte sich erneuern, ja schoner, herrlicher wieder aufbluhen, als jemals. Diese Traume konnten wirklich werden, wenn alle treuen Herzen sich in der Stille vereinigten und dem edeln Konige, der sein Schicksal mit erhabener Milde trug, wie dem bedrangten Vaterlande ihr Blut und Leben weihten.
Auch um uber diese Plane einer innigen Verbindung aller Treuen mit seinem Oheime sich zu berathen, sehnte sich der junge Graf nach Hohenthal, und um, wie er sich leise gestand, die lang genahrte Zartlichkeit fur die liebensdige Therese dem vaterlichen Freunde zu vertrauen; denn bei seines Vaters Lebensansichten und dessen feindlichem Spott uber Armuth und uneigennutzige Liebe konnte es ihm nicht einfallen, mit seinem nachsten Anhorigen uber seine Neigung zu sprechen.
In dieser Stimmung erwartete er mit Sehnsucht den Arzt, um seine Meinung uber den Kranken zu vernehmen und danach seine Reiseplane zu bilden, als dieser eines Abends einen neuen und viel heftigeren Anfall des Blutsturzes erlitt, der die ganze Familie in Schrekken versetzte. Der Arzt wurde herbeigerufen, der diess Mal nicht zogerte zu kommen, aber seine bedenklichen Mienen, als er den Kranken erblickte, so wie seine viel strengern und angstlicherern Vorschriften liessen das Schlimmste befurchten. Er verliess das Schloss nicht mehr und widmete dem alten Grafen alle Sorge und alle Aufmerksamkeit, aber keine menschliche Kunst konnte die Wiederholung des Uebels verhindern, und der alte Graf deutete sterbend auf seine weinende Frau und die jammernden Tochter, indem er matt die Hand des Sohnes druckte, und sein Geist entschwand der korperlichen Hulle.
Mit inniger Trauer schloss der Sohn die Augen des dahingeschiedenen Vaters und fuhrte die weinende Mutter von dem Sterbebette hinweg. Er empfahl den Schwestern, ihren Jammer zu massigen und durch verdoppelte Liebe die Mutter zu trosten. Er selbst durfte sich keiner unthatigen Trauer uberlassen, weil die Sorge fur die Familie, deren Haupt und einzige Stutze er nun geworden war, seine ganze Thatigkeit in Anspruch nahm. Als das Nothwendigste geordnet und die irdischen Reste seines Vaters zur Erde bestattet waren, eilte er nach Schloss Hohenthal, um den Rath seines Oheims in hochst wichtigen Angelegenheiten zu vernehmen.
VIII
Nach kurzem Schlummer erhob sich der junge Graf von seinem Lager, um noch vor dem Fruhstucke den Oheim aufzusuchen, den er in seinem Kabinet mit der Durchsicht vieler Papiere beschaftigt fand. Der junge Mann eilte, seinem vaterlichen Freunde Bericht daruber abzustatten, wie er die Angelegenheiten seines Vaters habe ordnen wollen, als dessen Tod sie zu seinen eigenen gemacht habe. Er sprach mit Ruhrung von seines Vaters traurigem Leben und suchte die Ansicht des Oheims uber dessen Charakter dadurch zu mildern, dass er sich zu zeigen bemuhte, wie ungluckliche Verhaltnisse ihn zur Menschenfeindlichkeit und Menschenverachtung gefuhrt hatten. Wir thun gewiss immer gut, erwiederte ihm der Oheim, wenn wir alle Erscheinungen im ausseren Leben als unsichere Zeichen des wahren Innern betrachten und unser Urtheil uber die Menschen mild sein lassen, wenn wir auch nicht alle ihre Handlungen zu rechtfertigen vermogen.
Diess wurde uns aber zum vollig unthatigen Dulden fuhren, versetzte sein junger Freund.
Gewiss nicht, erwiederte der Graf; denn die Milde, mit welcher ich den Menschen betrachte, der mir Unrecht zufugen will, braucht mich noch nicht zu bestimmen, seine Ungerechtigkeit zu erdulden, wenn ich mich auch ohne Hass dagegen vertheidige; ja, ich kann mich uber eine emporende Handlung hochlich erzurnen, ohne darum den, der sie ausubt, geradezu zu hassen.
Doch glaube ich, versetzte der junge Graf, dass es Verhaltnisse gibt, in denen der Hass eine wahre Tugend wird, und ich meine, es liegen uns viele Grunde ganz nahe, die alle besseren Gemuther bestimmen sollten, sich in dieser Empfindung gegen unsere Unterdrucker zu vereinigen.
Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten fur unser Vaterland und unsern edeln Konig? fragte der Graf. Oder meinen Sie, fuhr er fort, als er sah, dass sein Verwandter schwieg, dass der Hass kraftiger wirkt, als die Liebe?
Nein, sagte der junge Graf, aber das ist nicht zu verkennen, dass er sich jetzt lauter ausspricht.
Wenn diess ist, erwiederte sein Oheim, so kann man ihn mit Klugheit fur edle Zwecke benutzen, ohne ihn zu theilen.
Zu dieser Hohe der Tugend kann ich mich nicht erheben, rief der junge Graf; ich hasse alle Franzosen von ganzem Herzen und will meine besten Krafte daran setzen, sie zu vernichten.
Hassen Sie auch St. Julien und Dubois? fragte der Graf, und sein Verwandter blickte verwirrt vor sich nieder und sagte endlich: Diese machen eine Ausnahme; sie sind weit davon entfernt, den Druck zu billigen, den uns ihre Landsleute mit so emporender Anmassung empfinden lassen.
So lassen Sie uns denn, sagte der Graf, den Uebermuth, die Anmassung hassen und alle Krafte anwenden, um von dem unwurdigen Druck, unter dem wir leiden, uns zu befreien. Dass diess nicht ohne gerechten Zorn gegen die Unterdrucker geschehen kann, ist naturlich; aber warum wollen Sie desshalb der unedeln Empfindung des Hasses Raum in Ihrer Brust gestatten? Der Zorn kann den Menschen erheben, der Hass wird ihn immer ungerecht machen und desshalb erniedrigen.
Ich verstehe nicht so fein zu unterscheiden, sagte der junge Graf, ich fuhle nur, wie gluhend ich Napoleon hasse, und kann mir diese Empfindung nicht ablaugnen, setzte er mit einiger Heftigkeit hinzu, obgleich ich furchten muss, dass sie mich in Ihren Augen erniedrigt.
Der Hass, sagte der Graf, ist eine eben so wunderbare Empfindung in der Brust des Menschen, wie die Liebe; ja Sie konnen mit dieser Gluth des Herzens gar nicht hassen ohne eine Beimischung von Liebe und Bewunderung fur den gehassten Gegenstand.
Wie! rief der junge Graf uberrascht, ich sollte Napoleon lieben?
Missverstehen wir uns nicht, sagte sein Oheim. Sie erkennen ohne Zweifel viele Vorzuge des Geistes in Napoleon, Sie mussen ihn als Feldherrn oft bewundern und als Staatsmann zuweilen achten, und es erregt eben Ihren Hass, dass er die Vorzuge des Geistes und das Gluck seiner Waffen missbraucht, um die Welt mit Krieg zu verheeren, die Volker zu unterdrucken und im Uebermuthe seines Gluckes den heiligsten Empfindungen Hohn zu sprechen. Wurden Sie in dem allgemeinen Feinde gar nichts Achtungswerthes finden, so wurden Sie Ihr Gefuhl nicht selbst gluhend nennen, sondern ein kalter, auf Verachtung begrundeter Hass wurde Ihre Brust erfullen, und dieser wurde alles Andere eher, als eine Begeisterung gegen den gemeinsamen Feinb hervorrufen.
Unser Gesprach hat uns weit von dem Gegenstande abgefuhrt, sagte der junge Graf, den ich zu beruhren wunschte.
Ich glaube nicht, erwiederte sein Oheim, denn ich bezweifle nicht, mein lieber Vetter, dass Sie seit Kurzem zu einem Bunde gehoren, der sich vorzuglich auf Tugend grunden will, und darum haben wir uns wohl nicht zu weit von unserm Gegenstande entfernt, wenn wir gemeinschaftlich uberlegen, welche Art von Zorn oder Hass mit der Tugend im Bunde sein kann.
Da sein junger Verwandter mit Besturzung schwieg, setzte der Graf hinzu: Ich will Ihnen kein Geheimniss entreissen und bin auch hiezu um so weniger berechtigt, als ich, um jedes Missverstandniss zu vermeiden, zugleich erklaren muss, dass ich nach meinen Grundsatzen zu keiner geheimen Gesellschaft gehoren kann.
Sie wurden sich also ausschliessen, fragte sein Verwandter mit Besturzung, wenn alle Edeln sich zu vereinigen strebten, um einen Zustand zu endigen, der uns alle erniedrigt?
Keineswegs, sagte der Graf, und ich hoffe noch den Zeitpunkt zu erleben, wo ich es beweisen kann, dass mein ganzes Vermogen und der letzte Tropfen meines Blutes meinem Konige und meinem Vaterlande gehoren; aber ich bin nicht fur geheime Gesellschaften, obgleich ich es einsehe, dass Verhaltnisse eintreten konnen, in welchen sie beinah nothwendig werden, und ich nicht so blind bin, nicht erkennen zu wollen, wie schwer, ja beinah unmoglich jetzt ein offentliches Zusammentreten der Guten sein wurde; das traurige Ende des unglucklichen Palm hat uns gezeigt, wie weit die Machthaber im Stande sind zu gehen. Aber auch im gegenwartigen Augenblicke kann ich solche Vereinigung nur wie ein nothwendiges Uebel betrachten.
Es ist mir diese Ansicht um so mehr befremdend, sagte der junge Graf, als ich die Ueberzeugung habe, dass die bedeutendsten Staatsmanner entweder selbst an dieser Verbindung Theil nehmen oder sie doch wenigstens beschutzen.
Sie haben vielleicht eine ahnliche Ansicht von der Lage der Dinge, wie ich, erwiederte der Graf.
Auch kann eine Verbindung kaum eine heimliche genannt werden, sagte sein junger Verwandter, die in allen ihren Bestrebungen von den einsichtsvollsten Staatsmannern gekannt und gebilligt wird.
Eben darum, erwiederte sein Oheim, wird sie, geleitet von diesen Mannern, in der nachsten Zeit unendlich viel Gutes leisten. Aber wenn die Drangsale der Gegenwart vielleicht besiegt sein werden, wird sie sich dann ruhig auflosen, wenn der angegebene Zweck erfullt ist, oder wird sie fortbestehen wollen, um andere Zwecke, die ihr jetzt fremd sind, zu verfolgen? Diess ist eine Frage, die Sie mir nicht beantworten konnen, und diess ist die Ursache, wesshalb ich mich unmittelbar nicht anschliessen und durch keinen Eid mit einer Gesellschaft verbinden kann; auch bin ich nicht mehr jung genug, um unbedingt fremden, unbekannten Obern folgen zu konnen, da ich seit lange gewohnt bin, nach eigener Einsicht zu handeln.
So ware denn die Hoffnung meiner Freunde und meine eigene auf Ihren Beistand vergeblich? sagte der junge Graf.
Das nicht, erwiedete sein Oheim, wenn ich auch nicht unmittelbar zu Ihrer Verbindung gehore, so bin ich doch von ganzem Herzen bereit, jeden einzelnen guten Zweck, den Sie zu erreichen streben und mir mittheilen wollen, damit ich beurtheilen kann, ob auch ich ihn fur gut halte, aus allen Kraften zu unterstutzen, besonders wenn Sie mir versprechen wollen, sich sogleich von dieser Verbindung zu trennen, so bald der jetzt angegebene Zweck, die Befreiung des Vaterlandes von den Franzosen, erreicht ist.
Wenn das erreicht ist, sagte der junge Graf mit gluhenden Wangen, wofur wir alle bereit sind, unser Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergiessen, wenn wir unser Vaterland vom fremden Drucke befreit sehen, wenn unser Konig wieder in der Mitte seiner Unterthanen mit Ruhe und Sicherheit fur das Wohl Aller wachen, und Milde und Gerechtigkeit uben kann, dann bedarf es keiner Verbruderung mehr, und gewiss kehren dann Alle wieder ruhig unter den Schutz der Gesetze zuruck.
Habe ich Ihr Wort, dass wenigstens Sie so handeln werden? fragte der Graf. Gewiss, erwiederte sein Verwandter, indem er die dargebotene Hand des Oheims ergriff. Unter solchen Bedingungen, sagte dieser, konnen Sie mich gewissermassen als ein Ehrenmitglied Ihrer Vereinigung betrachten, deren von mir gekannte und gebilligte Absichten ich aus allen Kraften unterstutzen werde, und deren jetziges hochwichtiges Bestreben ich keinesweges verkenne.
Es wurde uber diesen in der damaligen Zeit hochst wichtigen Gegenstand noch Vieles gesprochen und erortert, und der Graf sagte endlich: Nachdem wir nun so viel uber offentliche Angelegenheiten gesprochen haben, sollten Sie mir denn nichts uber Ihr eigenes Gluck zu vertrauen haben? Der junge Graf bekannte seinem Oheim die lang genahrte zartliche Neigung fur die schone Therese und den Vorsatz, ihr seine Hand anzubieten, obgleich er ihr kein glanzendes Loos versprechen konne. Der Oheim billigte sein Gefuhl fur ein zartliches, edles Wesen, dessen Neigung fur seinen Verwandten er lange errathen hatte. Er freute sich uber eine Verbindung, die, wie er glaubte, Beide beglucken musse, und schloss endlich, indem er lachelnd sagte: Und nun lassen Sie auch mich Ihnen einen Plan mittheilen, den ich seit einiger Zeit mit stillem Vergnugen innerlich ausbilde, und der Ihr hausliches Gluck und Ihr offentliches Wirken vereinigt fordern konnte. Der junge Graf erwartete mit Spannung, was sein Oheim ihm mittheilen wolle, und dieser fuhr fort: Sie haben, mein lieber Vetter, so vieles Trube im Leben erduldet, dass diess einigermassen in Ihren Charakter uberzugehen droht; desshalb ware es mein Rath, dass Sie ein Jahr Ihres Lebens daran wendeten, diesen Trubsinn wieder los zu werden und von der Welt etwas mehr kennen zu lernen, als den engen Raum, auf dem Sie sich bis jetzt unter ungunstigen Umstanden bewegt haben. Dabei konnten Sie die Gesinnungen in Deutschland mit Behutsamkeit zu erforschen streben, vielleicht auch Verbindungen knupfen, die in der Zukunft fur Ihre Plane dienlich waren; zugleich konnten Sie sich die nothigen Kenntnisse von der Landwirthschaft verschaffen, einen tuchtigen Mann in diesem Fache zu Ihrem Beistande auffinden, und wenn Sie mit einem solchen nach einem Jahre zuruckkamen, dann wurde ich Ihnen meine Guter zur Verwaltung ubergeben und die Bedingungen naturlich so einrichten, dass Ihnen bedeutende Mittel bleiben, Ihre Plane zu verfolgen; dann konnten Sie Neuerungen einfuhren, ohne aufzufallen; Sie konnten die Schulen verbessern und die Jugend in den Waffen uben, und kame die Zeit, so konnten Sie die jungen Landleute von meinen und Ihren Gutern wohl bewaffnet und wohl geubt dem Konige zufuhren, und an deren Spitze selbst fur unser aller Wohl fechten.
Der junge Graf war entzuckt uber diesen Plan, nur betrubte es ihn, dass er sich von Neuem von seiner schonen Freundin trennen sollte. Auch fur diese, sagte sein Oheim, ist ein Aufschub ihrer Verbindung heilsam. Das arme Kind hat so vielen Druck des Lebens erduldet, dass ihre Gesundheit darunter gelitten hat; lassen Sie diese sich jetzt erst wieder befestigen und gonnen Sie ihr die Zeit, unter Anleitung der Grafin ihre Bildung zu vollenden, die sie, durch ungunstige Umstande verhindert, fruher hat versaumen mussen, und die sie um so weniger entbehren kann, da sie die Leitung eines Hauses, die Sorge fur eine entstehende Familie ohne den Beistand einer erfahrnen Mutter ubernehmen muss.
Der junge Graf umarmte mit dankbarem Entzucken seinen gutigen Oheim und ging freudig in dessen wohlwollende Plane ein. Es wurde nun noch beschlossen, die Mutter des jungen Grafen und seine Schwestern in Breslau wohnen zu lassen, damit die Erziehung der letzteren dort vollendet werden konne, und der junge Graf sowohl, als sein Oheim fassten den ernsten Entschluss, jede unnutze Ausgabe zu meiden, um den Ueberschuss ihrer Einkunfte zum Wohle des Vaterlandes verwenden zu konnen. Zuletzt erinnerte noch der Graf seinen Vetter an die Nothwendigkeit, die stattgefundene Unterredung dem Obristen Thalheim in so weit zu verschweigen, in wie weit sie das Wohl des Vaterlandes betraf, weil bei dessen heftiger Liebe fur den Konig und daraus entspringendem heftigem Hass gegen dessen Feinde nicht Vorsicht genug von ihm zu erwarten war, und er also leicht, ohne es zu wollen, in freudiger Hoffnung Dinge verrathen konne, die durchaus verschwiegen bleiben mussten.
Von neuen entzuckenden Hoffnungen erfullt erschien der junge Graf mit seinem Oheime zum Fruhstuck im Saal, wo man Beide schon erwartete. Aber er konnte nicht Theil nehmen an heiteren Gesprachen; er sehnte sich nach der Einsamkeit und verliess desshalb die Gesellschaft bald, um auf einem langen einsamen Spaziergange die mannigfachen Gefuhle in seinem Busen gegen einander auszugleichen. Zum ersten Mal lachte ihm das Leben in heiterem Glanze entgegen, die Sehnsucht seiner Liebe, die er bis jetzt nur zaghaft zu nahren gewagt hatte, sollte nun auf's Schonste befriedigt werden, und zugleich zeigte sich ihm ein Weg, seine begeisterte Liebe fur seinen Konig und sein Vaterland thatig zu beweisen, und er fuhlte in dem Masse den personlichen Hass in seiner Brust sich mildern, als sich ihm die Mittel zeigten, seiner Liebe genug zu thun; so dass er sich leise im Inneren gestehen musste, dass sein Oheim wohl Recht haben moge in seiner Andeutung, dass Liebe und Zorn vereinigt zu Thaten begeistern konnen, der Hass aber eigentlich durch das Gefuhl der Ohnmacht erzeugt wird. Er dachte an seinen unglucklichen Vater, an dessen feindliche Stimmung gegen alle Menschen, und wie auch dessen Hass aus dem Gefuhle entsprungen sei, dass er sich nicht aus den ihn bedruckenden Verhaltnissen loszuwinden vermoge. Ach, armer Vater! seufzte er, wenigstens darin hattest Du Recht, dass sich mein Loos glucklicher gestaltet, und dass es nicht Tugend in mir ist, wenn mein Herz warmer fur die Menschen schlagt, als das Deine, von Allen misshandelte. Mit Beschamung dachte er daran zuruck, in welcher feindlichen Stimmung er das Haus seines Oheims das erste Mal betreten hatte, dem er nun Alles verdanken sollte, die begluckende Befriedigung seiner innigen Liebe und die stolze Hoffnung, die seinen Busen erweiterte und schwellte, so oft sie in seinem Geiste Raum gewann, dass er einst an der Spitze von Braven dem gemeinsamen Feinde entgegen rucken und zur Befreiung des Vaterlandes beitragen wurde.
Er hatte sich, vertieft in solche Gedanken, weit vom Schlosse entfernt, ohne es zu bemerken, und suchte nun den Ruckweg durch anmuthige, enge Schluchten, indem er dem Laufe der Bache folgte. Er erreichte endlich die Ebene wieder, bemerkte aber, dass er sich dem Garten seines Oheims von der entgegengesetzten Seite des Schlosses her naherte. Ein Diener, der den kurzeren Weg zu einer nahe gelegenen Muhle gehen wollte, offnete eben die Hinterthure, die auf eine mit Baumen bewachsene Wiese fuhrte, und der junge Graf benutzte die Gelegenheit, den Garten von dieser Seite zu betreten. Wie er durch die schattigen Gange hinging, horte er mit Befremden ganz in der Nahe Schusse fallen, und als er sich eilig der Gegend naherte, woher der ihn beunruhigende Schall kam, massigte er bald seine Schritte, denn er horte St. Juliens Gelachter und erreichte auch bald eine kleine Ebene, die durch eine leichte Einfassung von dem ubrigen Garten getrennt war, und die St. Julien zum Platze fur Waffenubungen bestimmt zu haben schien, denn er und der junge Gustav waren eben damit beschaftigt, nach dem Ziele zu schiessen, und St. Juliens Gelachter erscholl jedes Mal, so oft der junge Mensch fehlte. Der junge Graf hielt sich nah verborgen und bemerkte, dass St. Julien meisterhaft schoss, mit sicherer Hand und geubtem Auge beinah niemals fehlte, dass aber auch sein junger Freund nicht so viel Spott und Tadel verdiente, wie ihm durch seinen wohlwollenden Lehrer zu Theil wurde. Jetzt ist genug Pulver verdorben, horte er St. Julien endlich sagen, jetzt zu den andern Waffen, und die Rapiere wurden von Beiden ergriffen, und hier erndtete der Schuler selbst von seinem Meister Lob. Der junge Graf hatte der Waffenubung eine Zeitlang mit Theilnahme zugesehen, ehe er seine Gegenwart bemerken liess. Er betrachtete mit einem sonderbaren Gefuhle den Eifer, welchen der junge Franzose anwendete, seinem aufmerksamen Schuler den Gebrauch der Waffen zu lehren, und konnte sich nicht enthalten, schaudernd an die Moglichkeit zu denken, dass dieser die erlernten Vortheile ein Mal gegen den Lehrer selbst anwende. Ja er dachte daran, dass er selbst, wenn seine Sehnsucht erfullt werden sollte, dann auch dem Freunde feindlich gegenuber stehen musse, und betete innerlich, dass nie eine Nothwendigkeit eintreten moge, die ihn zwange, sein Schwert gegen dessen Brust zu richten.
Um diesen peinlichen Gedanken los zu werden, machte er seine Gegenwart bemerklich, indem er St. Julien rief. Dieser warf die Waffen von sich und schwang sich mit Leichtigkeit uber die niedrige Umzaunung; nun! rief er dem Freunde zu, haben Sie die Grillen auf den Bergen gelassen, die heute Morgen Ihre edeln Gedanken beschaftigten, und kann man wieder Antworten erwarten, wenn man Sie anredet?
Zunachst, sagte der junge Graf, danke ich Ihnen, dass Sie sich fur die Ausbildung meines jungen Freundes bemuhen.
Ach, das thun wir gegenseitig, sagte St. Julien, Der dort ist gegen mich gerechnet ein Gelehrter, er steht mir mit den Gaben seines Geistes bei, und ich suche ihm das Aeusserliche beizubringen, und ich wollte nur, ihm gelange es mit mir so gut, wie mir mit ihm; denn betrachten Sie nur, wie er ganz das schulmeisterliche Ansehen unter meinen Handen verloren hat; aber auch ich mache ihm wenigstens keine Schande, ja bei dem neulichen Konzert legte ich durch seinen Beistand selbst Ehre ein, denn er hatte mir meine Stimme vortrefflich eingeubt.
So verstehst Du Musik? fragte der junge Graf uberrascht.
Mein Vater war ein so gelehrter Musiker, erwiederte der junge Mensch mit Bescheidenheit, dass er Kantor an der Hauptkirche der grossten Stadt hatte sein konnen, und er hat mich fruh angehalten, Generalbass und Kontrapunkt zu studiren; ich hatte nur in der letzten Zeit keine Gelegenheit Musik zu uben und habe darum die Fertigkeit im Spielen verloren.
Das ist nicht wahr, rief St. Julien, ich habe seit einigen Tagen ein Instrument auf meinem Zimmer und weiss darum, wie gut er spielt.
Ach lieber Herr St. Julien, sagte der junge Mensch, Sie verstehen zu wenig von Musik, als dass Sie es recht beurtheilen konnten, ob ich gut spiele.
Der junge Graf konnte sich des Lachelns uber diese Treuherzigkeit nicht erwehren; St. Julien aber brach in ein lautes Gelachter aus; nein, mein Lieber, rief er, diese deutsche Aufrichtigkeit mussen Sie sich abgewohnen, wenn Sie nicht gar zu oft gezwungen sein wollen, die durch meinen Unterricht erworbenen Fechterkunste zur Vertheidigung Ihrer Worte anzuwenden.
Ich wollte Sie ja nicht beleidigen, sagte der junge Mensch verwirrt.
Ich bin auch nicht beleidigt, erwiederte St. Julien, denn ich habe zu viel Selbsterkenntniss, als dass ich nicht einsehen sollte, dass Sie Recht haben; aber man ist es doch in der feinen Welt nicht gewohnt, die Mangel des Nachsten so offenherzig rugen zu horen; ubrigens, fuhr er, gegen den jungen Grafen gewendet, fort, bin ich schon selbst so ehrlich gewesen, meine geringe Kenntniss und sein grosses Verdienst offentlich einzugestehen, denn ich konnte nicht das allgemeine Lob, wie gut ich neulich meine Stimme in unserm Konzert ausgefuhrt habe, ganz allein auf meine Rechnung hinnehmen, ich entdeckte also den Damen den heimlich mir geleisteten Beistand, und es wurde beschlossen, dass der junge wurdige Mann die Stelle eines Kapellmeisters bei unsern musikalischen Uebungen ubernehmen soll; aber er weigert sich hartnackig, wie ich auch auf ihn einrede, und er muss doch nachgeben, denn ich habe den Damen seinen Beistand versprochen.
Wesshalb willst Du denn diese Gefalligkeit nicht haben, fragte der junge Graf den Jungling. Weil der alte gutmuthige Aristokrat Dubois tausend Einwendungen hat, rief St. Julien, die Frage an des jungen Mannes Statt beantwortend.
Ich werde Dubois bitten, sagte der junge Graf, meiner Tante seine Ansicht mitzutheilen; wenn sie ebenfalls seiner Meinung ist, so konnen wir weiter nichts thun; wenn sie aber Deine Theilnahme an der Musik wunschen sollte, so wirst Du Dich gewiss nicht weigern, Deine Freunde zufrieden zu stellen. Gewiss nicht, rief der Jungling, sobald die Frau Grafin es befiehlt und Herr Dubois nichts dagegen hat.
In der That, sagte St. Julien lachelnd, wenn ich nicht von Natur bescheiden bin, so wird diese Aufrichtigkeit mich doch nach und nach dahin bringen, es zu werden. Er zeigt ganz unverhohlen, dass meine Bitten nichts wiegen in der Schale, auf der er seine Handlungen abmisst.
Dieser scherzhafte Streit wurde durch einen Bedienten unterbrochen, der St. Julien aufsuchte, um ihm einen Brief abzugeben, der eben mit der Post gekommen war.
Von meiner Mutter! rief dieser freudig uberrascht und verliess die Freunde, um in der Einsamkeit die Worte der Liebe zu lesen, die eine zartliche Mutter an ihn richtete.
Der junge Graf unterrichtete nun den Jungling Gustav davon, dass er mit seinem Oheim den Plan zu dessen fernerer Ausbildung verabredet habe. Fur's Erste sollte er nach Breslau, um auf der dasigen gelehrten Schule die lange unterbrochenen Studien fortzusetzen, und dann auf eine Universitat, die er selbst wahlen konne. Sein Beschutzer nannte ihm die fur ihn bestimmte jahrliche Summe, die weit des dankbaren Junglings Erwartungen ubertraf. Ich werde selbst nur noch einige Wochen hier bleiben, schloss der junge Graf, und dann eine Reise antreten; desshalb bitte ich Dich, so lange ich jetzt hier bin, auch zu bleiben, denn es wurde mir wehe thun, wenn Du Dich so schleunig von mir trennen wolltest.
Bin ich denn nicht Ihr Eigenthum, rief der Jungling, indem er sich seinem edeln Beschutzer in die Arme warf; ware ich nicht ohne Sie verloren, wahrscheinlich im Elend umgekommen? Und nun wollen Sie mich bitten, da Sie doch wissen, dass jedes Wort, jeder Wink von Ihnen mir Befehl und Gesetz ist?
Vergiss nicht, sagte der Graf bewegt, dass ich Deiner Liebe und Pflege ebenfalls mein Leben verdanke; Verbindlichkeiten also, die wir gegen einander haben, sind einander gleich, und Du musst Dich nicht wie einen Untergebenen, sondern wie meinen Freund betrachten, der nur darum von mir abhangt, weil ich alter als er und dadurch berechtigt bin, seine Schritte zu leiten.
Diese freundliche Unterredung wurde durch St. Juliens Ruckkunft unterbrochen, der sich mit ernsten Mienen und feuchten Augen den beiden Freunden naherte. Lesen Sie, sagte er zu dem jungen Grafen, indem er ihm den eben erhaltenen Brief hinreichte, Sie werden sehen, das schone Leben hier ist bald geendigt, und Gott weiss, wohin mich mein Schicksal fuhrt. Der junge Graf nahm den Brief, und indess er ihn las, ging St. Julien schweigend in einem Baumgange auf und ab.
Die Mutter des jungen Franzosen berichtete ihm in diesem Briefe, dass sie die personliche Bekanntschaft des Generals gemacht habe, zu dessen Regiment er gehore, und dass dieser die Gefalligkeit gehabt habe, ihr zu versichern, dass aus seiner langen Abwesenheit vom Regimente kein Nachtheil fur ihn erwachsen solle, indem sie einzig seinen gefahrlichen Wunden und der damit verbundenen Krankheit zugeschrieben werden sollte. Der Kommandant der Festung wurde den Befehl erhalten, ihn als einen wegen Wunden und Krankheit zuruckgebliebenen Kriegsgefangenen von der preussischen Regierung zuruck zu fordern, und ihm dann noch einen Urlaub fur zwei Monate gewahren zur volligen Wiederherstellung seiner Gesundheit. Nach Ablauf dieser Zeit musse er sich aber bei seinem Regimente einfinden, dessen Bestimmung unbekannt sei, das aber vermuthlich nach Italien gehen werde.
Vor Ablauf dieser Zeit, schloss die Mutter, wurde sie unfehlbar auf Schloss Hohenthal erscheinen, um seinen edeln Freunden zu danken, und in der Gesellschaft des geliebten Sohnes nach Frankreich zuruckreisen.
Die Blicke des jungen Grafen ruhten noch ernst auf dem gelesenen Blatte, als St. Julien wieder zu ihm trat, um den Brief zuruck zu nehmen. Nicht wahr, fragte er seinen Freund, es krankt Sie auch, dass wir sobald uns trennen sollen? Ja wohl, sagte der junge Graf mit einem tiefen Seufzer, und Gott weiss, wie wir uns noch einmal gegenuber stehen mussen.
Sie werden doch nicht fremde Dienste nehmen wollen, um gegen uns zu fechten? fragte St. Julien uberrascht. Gewiss nicht, versetzte sein Freund mit bitterem Lacheln.
Nun dann ist keine Gefahr vorhanden, sagte St. Julien leichtsinnig, dass wir uns gegenseitig erschlagen mussten, denn Preussen kann nicht mehr wider uns, sondern muss mit uns sein, und auf diesen Fall waren wir ja Freunde und Waffenbruder.
Junger Mann, erwiederte sein Freund, indem er beide Hande auf die Schultern des jungen Franzosen legte, ich wollte, Sie hatten etwas deutsches Blut in den Adern, dann wurden Sie ahnen, was noch alles in dem dunkeln Schoosse der Zukunft ruht; doch wozu, fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort, sollen wir noch Schreckbilder aus der Ferne herbeirufen, da unsere Trennung an sich betrubend genug ist.
Ja wohl, seufzte St. Julien; mit welchen Schmerzen werde ich von hier scheiden. Indem er diess sagte, blickte er in die Ferne, und sein Freund bemerkte, indem er ebenfalls die Augen dahin richtete, Emilie und die Grafin, die durch einen langen Baumgang sich dem Platze naherten, auf welchem die jungen Manner versammelt waren, die sogleich den Damen entgegen gingen. Der Jungling Gustav wollte sich zuruckziehen, aber St. Julien bemerkte selbst in seinem Schmerze dessen Absicht. Er fasste desshalb seinen Arm und zwang ihn so, sich ebenfalls den Damen entgegen zu bewegen. Emilie bemerkte den Kummer in den Augen St. Juliens, und ihr angstlich fragender, theilnehmender Blick wirkte zauberhaft auf den jungen Mann. Die Wolken des Kummers schwanden und das reinste Entzucken leuchtete aus seinen Augen. Die Grafin war heiter und fragte nach den ersten Begrussungen lachelnd: Nun, haben Sie Ihren Kapellmeister geneigt gefunden, die ersten Proben zu Ihrem grossen Koncert heut Nachmittag zu leiten?
Er schlagt mir hartnackig allen Beistand ab, erwiederte St. Julien, wenn ihm Dubois nicht die Erlaubniss dazu ertheilt.
Ich habe mit Dubois schon daruber gesprochen, sagte die Grafin gutig; er sieht es ein, dass es eine Thorheit ware, wenn man um klaglicher Rucksichten Willen in seinem Hause nicht sein eigner Herr sein wollte.
Nun, sagte St. Julien mit einem gutmuthig schadenfrohen Blick auf Gustav, der Sieg ware also mein, und heut Nachmittag ist trotz Dubois Weisheit die erste Probe.
Wenn Sie auch uber mich spotten, erwiederte der Jungling empfindlich, so bleibe ich doch dabei, dass ich nichts gegen Herrn Dubois Rath unternehmen werde. Er ist viel zu gutig gegen mich gewesen, als dass ich ohne Undankbarkeit anders handeln konnte. Sie haben Recht, sagte die Grafin, indem sie ihm gutig die Hand reichte, die der Jungling mit grosser Ehrerbietigkeit kusste. Ich achte selbst Herrn Dubois so hoch, dass ich nichts thun mochte, was ihn kranken konnte, und ich wurde lieber auf ein Vergnugen Verzicht leisten, als ihm einen Kummer verursachen, und Herr St. Julien denkt im Grunde eben so, wie ich.
Ja wohl, rief dieser mit inniger Empfindung, ich glaube, ich bin ihm noch mehr Dank schuldig, als unser Freund Gustav, und mich freut es, setzte er lachelnd hinzu, dass er ihm erlaubt, die Wurde unseres Kapellmeisters anzunehmen, denn sonst, sehe ich, hatten wir doch wohl darauf Verzicht thun mussen.
St. Julien konnte sich nicht entschliessen, die schone Heiterkeit auf Emiliens Stirn durch die Nachricht zu truben, dass er bald wurde scheiden mussen; auch schienen ihm zwei Monate in diesem Augenblick noch ein langer Zeitraum, in welchem jede Stunde eine neue Art von Freude brachte, so dass er selbst sich den Genuss nicht truben wollte. Er beschloss aber, dem Grafen den Brief seiner Mutter mitzutheilen, weil nun doch bald auf die Forderung des franzosischen Kommandanten der Festung *** von der preussischen Regierung demselben die Weisung zukommen musste, den bezeichneten Kriegsgefangenen zu stellen.
So war also nun der Jungling Gustav, der als ein armer Knabe auf Schloss Hohenthal angekommen war, zum Erstaunen der Bedienten, erst von ihnen abgesondert, dann wie ein junger Edelmann gekleidet, endlich in den Saal ihrer Herrschaft eingefuhrt worden, und er nahm Theil an deren Gesellschaft und an ihren Vergnugungen. Die grosse Kenntniss der Musik, die er vor Allen voraus hatte, wurde nicht bloss St. Julien nutzlich, sondern auch den Damen, deren Singubungen er besser zu leiten verstand, und den Bitten der schonen Therese gelang es sogar, dass der junge Graf sich entschloss, die fehlende Bassstimme zu ubernehmen; aber freilich verursachte er bei seinem ganzlichen Mangel an musikalischer Kenntniss dem jungen Kapellmeister die meiste Beschwerde, der gerade eine Ehre darin suchte, dass sein Beschutzer sich besonders auszeichnen sollte.
So schwanden die schonen Herbsttage dahin unter abwechselnden Spaziergangen, Vorlesungen und musikalischen Uebungen, und der Jungling Gustav fehlte nie in dem freundlichen Kreise, der nur durch den Prediger, den Arzt und den Obristen vermehrt wurde, denn der Graf hatte sich von aller Gesellschaft zuruck gezogen und als Grund offen die Nothwendigkeit des Ersparens angegeben, weil das Vaterland so vieler Opfer bedurfe, und er bemerkte oft, dass es ein peinliches Gefuhl sei, sich unnutze Ausgaben zu erlauben, indess, sagte er, unser erhabenes Konigshaus ein so edles Beispiel des Entsagens giebt. Es war diess gewiss die innere Empfindung des Grafen, aber er benutzte die Gelegenheit auch gern, sich von dem Umgange mit dem benachbarten Adel zuruck zu ziehen, denn es war ihm nicht unbekannt geblieben, wie viele Gesprache uber seine Gemahlin der unangenehme offentliche Auftritt zwischen derselben und ihrem Bruder bei dem Friedensfeste des Baron Lobau veranlasst hatte.
St. Julien theilte dem Grafen den Brief seiner Mutter mit, und beide Manner sahen seufzend ein, dass die Trennung nothwendig und nah sei. Der Graf gestand sich trauernd, dass er die Lucke nicht auszufullen vermochte, die durch des jungen Mannes Entfernung in seinem Herzen entstehen wurde, aber er verschwieg diesen Kummer, und so waren Alle scheinbar heiter und Jeder suchte dem Andern den Schmerz uber die nahe Trennung zu verbergen, um die letzten Stunden des Beisammenseins in ungetrubtem Frohsinn zu geniessen.
IX
Es war ein schoner Sonntagnachmittag im Herbste des Jahres achtzehnhundert und sieben, als der Doktor Lindbrecht nach einem massigen Spaziergange seinen Freund, den Pfarrer, besuchte und sich an dessen Theetisch in der Ecke eines Sophas behaglich lehnte, um aus der von St. Julien erhaltenen Pfeife den Rauch in gelinden Wolken im Zimmer zu verbreiten. Das auffallend grosse, goldne Mundstuck derselben, so wie die uberladene Verzierung mit Ketten, Quasten und Schnuren in allen Farben, sagte seinem Geschmacke zu. Lachelnd betrachtete er oft den funkelnden Brillanten an seinem Finger, nahm zuweilen aus der auf dem Tisch stehenden goldnen Dose Tabak und zog die schon zu weit hervorstehende feine Wasche noch ein wenig mehr heraus, indem er mit gutmuthigem Hochmuth seinem Freunde erzahlte, der Graf habe nach der Genesung der Grafin seinen Gehalt ansehnlich vermehrt und St. Julien ausser dem Geschenke zum Andenken ihn noch fur die Heilung seiner Wunden grossmuthig belohnt, so dass ich mich jetzt, schloss er, fur einen reichen Mann halten und vielleicht bald an eine vernunftige Heirath denken kann.
Der Pfarrer ging eben im Kopfe alle seine Bekannten durch, die er vielleicht zu dieser Verbindung empfehlen konnte, als der Schulze des Dorfes mit Gerausch eintrat, den Sonnenschein der Heiterkeit in allen Mienen. Der kraftige Landmann ubersah in der Freude das strenge Gesicht seines Seelsorgers, womit dieser den lauten, unehrerbietigen Eintritt tadeln wollte, und rief: Gott segne Sie, Herr Prediger! Meine Mutter hatte Recht, als sie sagte: Peter, geh Du zum Herrn Pfarrer, der schafft Deine Base heraus, mag sie stecken, wo sie will; diess Wort der guten alten Frau ist wahr geworden, Sie haben die Base herbeigeschafft.
In der That, fragte der Geistliche, wird sie kommen?
Sie ist schon hier, erwiederte der Schulze freundlich, und als eine vornehme Madame ist sie angekommen, sie wird auch gleich hier bei Ihnen sein, sie wollte selbst mit Ihnen uber die Erbschaft sprechen. Sehen Sie, da kommt sie mit meiner Mutter und ihrer Tochter. Der Pfarrer trat zum Fenster und auch seine Gattin kam neugierig herbei, so wie alle Kinder; nur der Arzt blieb in philosophischer Ruhe in seiner bequemen Lage, denn ihn regte die Neugierde wenig an, die Verwandte eines Plebejers, eines Bauern zu sehen.
Die Frau des Predigers lachelte ein wenig uber den uberladenen und fur ihr Alter nicht anstandigen Putz der Ankommenden, der aber doch von grosser Wohlhabenheit zeigte. Eine ziemlich wohlbeleibte Frau naherte sich mit etwas zu weit ausgreifenden Schritten dem Pfarrhause; ihr Kleid von hellfarbiger Seide hatte sie etwas hoch aufgehoben, um nicht im Gehen gehindert zu werden; die blaufarbigen Bander der Haube flatterten im Winde und mischten sich mit rothen Rosen, die den Kopfputz verzierten. Die Mutter des Schulzen war in ihrer sonntaglichen Kleidung, und Beiden folgte ein junges, weissgekleidetes Madchen, deren grosser Strohhut ihr Gesicht nicht bemerken, aber deren sehr schlanke Form auf grosse Jugend schliessen liess. Der Pfarrer wusste nicht recht, ob er den Ankommenden wie seines Gleichen entgegen gehen oder den Eintritt der Verwandten eines Bauern ruhig erwarten sollte. Er entschied sich fur das Letztere, doch that es ihm alsbald leid, als er mehrere Schnure echter Perlen um den sonnverbrannten Hals der Eintretenden bemerkte.
Die drei Frauen hatten das Wohnzimmer des Geistlichen betreten, und die Fremde sagte mit etwas durchdringender Stimme: Nehmen Sie es nicht ubel, Herr Prediger, dass wir Ihnen beschwerlich fallen. Der Arzt hatte sich um die Ankommenden nicht gekummert und war, in Gedanken versunken, sitzen geblieben. Der Ton der Stimme aber, mit welcher die wenigen Worte gesprochen wurden, zuckte wie ein elektrischer Schlag durch alle seine Nerven, und er sprang auf und stand nahe vor der Angekommenen, ohne dass er es wusste. Diese betrachtete ihn einen Augenblick, schlug die Hande zusammen und rief: Ist es moglich, kann es sein, muss ich den Hasenfuss hier antreffen? Der Arzt sprang beleidigt zuruck. Na, sei Er nicht bose, rief die Fremde, indem sie ihm die Hande entgegenstreckte und sich nicht bemuhte, die Thranen zuruck zu halten, die reichlich uber ihre vollen, braunrothen Wangen flossen; Er wird sich ja nun wohl die Horner abgelaufen und von einer Tante, die es gut mit ihm meint, ein Wort vertragen gelernt haben?
Der Arzt wusste nicht recht, wie ihm geschah. Frau Base, stammelte er und wollte die dargebotene Hand mit Hoflichkeit kussen; er wurde aber wohlmeinend an eine volle Brust gezogen, mit kraftigen Armen, denen sich nicht widerstehen liess, umschlungen und drei bis vier Mal schallend gekusst, indem er die noch immer fliessenden Thranen warm an seiner Wange fuhlte. Diese unverkennbaren Zeichen des Wohlwollens brachten auch ein Gefuhl der Ruhrung bei ihm hervor. Frau Base, sagte er, Sie haben Ihren Sinn gegen mich christlich geandert.
Er war ja ein Narr, antwortete seine Verwandte, indem sie ihre Thranen trocknete; er bildete sich in seinem uberstudirten Kopfe ja nur dummes Zeug von mir ein. Ich habe es immer gut mit Ihm gemeint, so wie mein alter, guter seliger Mann.
So ist mein Oheim gestorben? fragte der Arzt mit Besturzung. Ja wohl, erwiederte die Wittwe, und bis zum letzten Augenblicke seines Lebens hat er nicht aufgehort an Ihn zu denken, fur ihn zu sorgen, und ich kann es Ihm sagen, wie Er von Jena weggegangen war und Niemand wusste, wo Er geblieben ware, haben wir oft bitterlich geweint und es bereut, dass wir Ihn so in die Welt hatten hinein laufen lassen, und mein Alter sagte oft: Es ist zu hart, dass wir ihm nicht geschrieben haben; der arme Mensch hat alles Vertrauen zu uns verloren, wir hatten ihm seinen Fehler vergeben sollen; wer weiss, in welchem Elende er umgekommen ist. Solche traurige Gedanken hatten wir uber ihn, und nun, Gottlob! finde ich Ihn hier ausgeputzt wie den Grossturken.
Der Pfarrer und seine Familie umstanden die beiden sich erkennenden Verwandten, und es gelang dem Ersten endlich, einige Ordnung in die Gesprache zu bringen.
Die Frau Professorin wurde, so bald sie als solche erkannt war, eingeladen, auf dem Sopha neben ihrem Neffen Platz zu nehmen, wogegen sie sich nicht straubte. Das junge Madchen in ihrer Begleitung wurde von ihr als ihre Tochter bezeichnet und gesellte sich zu den Tochtern des Predigers, auf deren Aufforderung sie den grossen Strohhut abnahm und ein feines, blasses Gesicht mit grossen blauen Augen zeigte, die sie schuchtern beinah nach jeder Bewegung auf die Mutter richtete, die ziemlich streng das Betragen der Tochter zu regeln schien; starke Flechten von hellblonden Haaren vollendeten das Bild des jungen Madchens, das im Ganzen einen angenehmen Eindruck hervorbrachte. Als diese Gaste Platz genommen hatten, sah sich der Pfarrer verlegen nach dem Schulzen und seiner Mutter um, die er nicht zu seiner Gesellschaft zahlen und auch als Verwandte der Fremden nicht beleidigen wollte. Sie waren aber schon bereit, sich zuruck zu ziehen; denn wenn sie auch ihre vornehmen Verwandten mit Stolz betrachteten, so wussten sie doch, dass sie sich dem Geistlichen nicht als Gesellschaft aufdrangen konnten. Der Arzt konnte sich noch immer in das, was ihm begegnet war, nicht recht finden, und der Prediger suchte das Gesprach auf die Angelegenheiten und auf die Begebenheiten der Frau Professorin zu leiten. Sie war, wie alle Leute ohne Erziehung, gleich bereit, auf Beides offenherzig und umstandlich einzugehen, und erzahlte: Wie ich in Giessen vor funfzehn Jahren eintraf und nach meinem Vaterlande zuruckkehren wollte, beschadigte ich mich beim Absteigen vom Wagen so stark am Fusse, dass ich nicht weiter konnte und einige Wochen da bleiben musste, um das Bein zu heilen. Wahrend der Zeit hatte ich einige gute Freunde gefunden, die mir sagten, ein gewisser Professor, der sich vor lauter Gelehrsamkeit um nichts Anders bekummern konne, suche eine Haushalterin, auf deren Treue er sich verlassen konne, denn er sei ein Mann von Vermogen. Ich sagte zu mir, was willst du zu Hause machen? Das Bauernleben bist du doch nicht mehr gewohnt und suchst dann doch wohl wieder einen Dienst, also besser gleich hier geblieben. So geschah es dann und ich nahm die Stelle bei dem guten alten Manne an; aber, lieber Herr Prediger, was war bei dem fur eine Wirthschaft! Jeder bestahl ihn, Jeder betrog ihn, seine Kollegia wurden ihm nicht bezahlt, sein Geld nahmen ihm Heuchler und Betruger ab, kurz, es ging Alles drunter und druber. Ich konnte das nicht mit ansehen. Zu seinem Besten zankte ich mich mit ihm alle Tage, aber es half nichts, er konnte sich nicht andern. Ich stellte ihm hundert Mal vor, dass er auf diesem Wege ein verlorner Mann sei, und rieth ihm, eine Frau zu nehmen, die Gewalt uber ihn habe und ihn in Ordnung halten konne, denn ich als seine Haushalterin konne darin nichts thun. Seine Blutsauger lachten mich nur aus, wenn ich sein Geld eintreiben wollte; er sah Alles ein, gab mir Recht, aber konnte sich immer nicht entschliessen. Endlich hatten wir uns ein Mal wieder tuchtig gezankt und ich sagte ihm, wenn er keine Frau nehmen wolle, so wurde ich auch nicht bei ihm bleiben, denn ich konne die unordentliche Wirthschaft nicht langer mit ansehen. Da sagte der gute Mann, was brauche ich denn in der Ferne zu suchen, was mir so nahe im Wege liegt. Wir konnen uns ja gleich selber heirathen, meine gute Leonore, wenn es nothig ist, eine Frau zu nehmen, um Ordnung im Hause zu haben. Ich war anfanglich ganz besturzt uber seine Rede; wie ich es aber gehorig uberlegt, fand ich, dass er ganz recht hatte. Ich erkundigte mich, ob er nahe Verwandte habe. Niemanden, sagte er, als einen Schwestersohn, der bald hieher auf die Universitat kommen wird, um unter meiner Anleitung Theologie zu studiren, und fur den ich wie ein Vater zu sorgen denke. Nun, dachte ich, fur den wird es auch besser sein, wenn er zugleich eine Muttr findet, denn ich dachte nicht, Herr Prediger, wie ich mich mit dem alten Herrn Professor zu dessen Bestem verheirathete, dass uns Gott noch Kinder schenken wurde. Na, wie gesagt, so gethan, wir waren ein Paar, ehe der Trotzkopf dort ankam. Ich sah es wohl, dem war die Frau Base nicht recht, nicht vornehm genug, aber ich dachte, das wird sich schon geben; findet er nur taglich seinen Tisch gedeckt und gute Klosse in der Suppe, so wird er wohl einsehen, dass sein Oheim vernunftig darin gehandelt hat, fur eine Pflegerin im Alter zu sorgen. Aber der Mensch war wie verhext; je mehr ich ihm Alles nach dem Munde einzurichten suchte, um so grober wurde er und blinzte immer tuckischer mit den kleinen Augen. Das bemerkte selbst mein guter Mann, der sonst auf wenig achtete, und ich hatte oft genug zu thun, um ihn zufrieden zu sprechen. Ich sagte ihm oft: Jugend hat keine Tugend, wenn er mehr zu Verstande kommt, wird ihm der dumme Hochmuth vergehen. Aber es wurde taglich schlimmer. Endlich schrieb er gar meinem Manne, dass er umsatteln und auf die Doktorei studiren wolle. Sie wissen, Herr Prediger, jeder Mensch liebt seine Profession, und ich dachte, meinen alten Mann wurde der Schlag ruhren, wie er den Brief las, denn Der hatte schon das Versprechen erhalten, dass man ihn in eine schone Pfarre einschieben wolle, wenn er ausstudirt haben wurde. Lorchen, sagte der gute Mann zu mir, ich furchte fur meine Gesundheit, wenn ich den Undankbaren spreche; ubernimm Du es, ihm sein Unrecht zu zeigen. Ich that das gern fur den alten Mann und wollte dem Springinsfeld zeigen, dass er sein Stipendium und Alles verlieren musste, wenn er nicht geistlich bliebe. Aber der war grob wie ein Kannibale und fuhrte so anzugliche hebraische Redensarten, von denen er behauptete, sie standen in der Bibel, dass mir endlich, wie er gar dem Apostel Paulus seine Grobheit zuschieben wollte, auch die Galle uberlief und ich ihm tuchtig meine Meinung sagte.
Am andern Morgen war der Brausekopf auf und davon, und wir weinten hinterdrein, und ich weinte noch mehr, wie meine Tochter nach wenigen Tagen geboren wurde, denn nun konnte er nicht Gevatter stehen bei dem Kinde, wie ich ich es immer mit seinem Oheim ausgemacht hatte. Mein guter Mann sah, wie mich das Alles krankte, und schrieb nach Jena an einen guten Freund, den er dort hatte, und der richtete es so ein, dass dem Neffen alle Unterstutzung zukam, die er durch uns bekommen konnte, bald als Geschenk fur eine gluckliche Kur, bald auf andern Wegen, so dass wir wussten, es ginge ihm dort nichts ab. Er blieb lange in Jena, ohne uns weiter zu schreiben, als ein Mal. Mein seliger Mann wartete immer auf Briefe und dachte ihm dann zu vergeben; denn fur ihn schickte es sich doch nicht, mit der Vergebung aller Grobheit dem Neffen entgegen zu kommen; wer aber nicht schrieb, das war der ubermuthige Patron, und so blieb es viele Jahre, bis man auf ein Mal meinem alten Manne meldete, der Vogel sei ausgeflogen. Er war aus Jena verschwunden und Niemand wusste, wo er geblieben war. Ich weiss nicht, fuhr die gute Frau ernsthaft, den Kopf schuttelnd, fort, ob mein lieber Vetter alle die Thranen verdient hat, die sein guter seliger Oheim um seinet Willen weinte. Vor zwei Jahren, wie der gute Mann sein Ende nahe fuhlte, sagte er zu mir: Lorchen, wenn Du meinen Neffen auffinden kannst, so lass ihm doch aus meinem Nachlasse die Bibliothek und die Naturaliensammlung zukommen, wenn Du es glaubst, dass unser Kind es entbehren konne. Ich antwortete ihm, unsere Marie wurde, wenn sie die Jahre hatte, wohl ohne die Bucher und all den Kram einen guten Mann finden, und ich wollte es dem Neffen geben. Er fragte mich, ob er daruber etwas aufzeichnen solle; ich antwortete aber, dass es ihm bewusst sei, dass ich keine Heidin ware, und dass es keiner Schreiberei bedurfe, um seinen Willen zu erfullen. Darauf ist Sein Oheim gestorben, lieber Vetter, und er kann alles das Zeug nun haben.
Wie, rief der Arzt erstaunt, die ganze Bibliothek, das ganze Naturalienkabinet?
Alles, erwiederte seine Verwandte, die Bucher, die Steine, die ausgestopften Vogel und andern Thiere. Es hat mir Muhe genug gekostet, alles das Vieh zu erhalten, und Gott weiss, ob nicht doch die Motten die Kreaturen gefressen hatten trotz des vielen Pfeffers und Lavendels, der daran gewandt wurde, wenn sich nicht ein Paar von meinen Herren Kollegen der Sache angenommen hatten. Sie waren immer Freunde des Seligen gewesen und hatten auch seine Liebhabereien, und so wurde Alles erhalten.
In der That, sagte der Arzt geruhrt, ich erkenne die Grossmuth der werthgeschatzten Frau Base, ganz wie ich soll.
Na, was faselt Er nun wieder von Grossmuth, lieber Vetter, erwiederte seine Verwandte gutmuthig; der Selige wollte ihm das alles gonnen, also kommt es ihm zu, und es ware schlecht von mir gewesen, wenn ich es ihm hatte verderben lassen. Er verliert so dadurch, dass uns Gott ein Kind bescheert hat, aber wenn er sich nach etlichen Jahren ordentlich auffuhrt, so kann er mein Schwiegersohn werden mit der Zeit, und dann bekommt er mehr, als ohne mich der alte Mann, sein Oheim, nachgelassen haben wurde, nicht einmal das zu rechnen, setzte sie mit einer stolzen Bewegung des Kopfes hinzu, was ich hier noch erbe.
Frau Base, Ihre Gute stammelte der Arzt
Na, na, das ist nur so in's Blaue gesprochen, unterbrach ihn diese. Meine Marie hat noch lange Zeit, das braucht Ihn nicht zu binden und mich auch nicht.
Die schlanke Marie, ein Kind von dreizehn Jahren, betrachtete neugierig den Arzt, den ihre Mutter so ohne Umstande als den kunftigen Brautigam bezeichnete, indess dieser, verlegen errothend, an seinem Busenstreif zupfte. Es flogen ihm alle Vortheile dieser Verbindung schnell durch den Kopf, aber auch die ihm hochst anstossige Verwandtschaft mit Bauern, die daraus entspringen musse. Er richtete die halb zugedruckten Augen scharf auf das junge Madchen, deren feine Gestalt nichts Bauerisches hatte, aus deren blassem Gesicht ihn die grosse Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Oheim ruhrend ansprach. Er beschloss also zu uberlegen, zu prufen und dann wie ein Mann sein Schicksal zu bestimmen. Dass er selbst seiner vermuthlichen Braut missfallen konne, fiel ihm gar nicht einmal ein.
Die Base hatte durch den Gedanken an eine mogliche nahere Verbindung mit dem Vetter eine noch lebhaftere Theilnahme fur diesen gewonnen, und fragte ohne Umstande nach allen seinen Verhaltnissen, worauf sie lauter befriedigende Antworten erhielt. Der Prediger mischte sich in diess Gesprach und hoffte durch die nun anwesende ehemalige Dienerin der Grafin Vieles uber deren fruhere Verhaltnisse zu erfahren. Er sagte also: Da Sie, meine werthe Frau Professorin, in Ihrer Jugend die Baronin Schlebach und ihre Tochter auf Reisen begleitet haben, so werden Sie sich ja freuen, die Letztere hier wieder zu begrussen. Was! rief die Angeredete, indem sie aus grosser Ueberraschung von ihrem Sitze aufsprang, ist die Frau von Blainville hier? Frau von Blainville, wiederholte der Prediger verwundert, ich meine die Grafin Hohenthal, die Gemahlin des hiesigen Gutsherrn.
So lebt sie also und hat sich wieder verheirathet? fragte die Wittwe des Professors. Nun, setzte sie mit Ruhrung hinzu, ich muss die Gnade Gottes preisen, dass er mir auch diesen Wunsch gewahren will, sie vor meinem Ende wieder zu sehen; ich habe mir vergebliche Muhe genug gegeben, sie wieder aufzufinden.
Also war die Grafin schon ein Mal verehelicht, sagte der Prediger, der sich von seinem Erstaunen nicht erholen konnte.
Haben Sie das nicht gewusst? fragte die Fremde mit einem scharfen Seitenblicke. Nein, erwiederte der Geistliche, es ist mir uberhaupt Manches auffallend gewesen; die Familie scheint Vieles zu verschweigen, und selbst die vertraute Dienerschaft theilt das geheimnissvolle Wesen, denn der Haushofmeister Dubois ist eben so zuruckhaltend wie seine Herrschaft. So ist der gute alte Dubois auch hier, rief die Fremde in freudiger Ueberraschung. Sie kennen ihn also? fragte der Prediger auf's Neue. Wie sollte ich nicht, rief mit Thranen in den Augen die Frau Professorin, indem sie vor Verwunderung die Hande zusammen schlug. Du grosse Gute! morgen am Tage gehe ich auf's Schloss, sie alle zu besuchen; Du mein Heiland! das hatte ich nicht gehofft, auch den guten Alten wieder zu finden nach so vielem Ungluck, er war ja schon damals alt.
Sie werden uns ja vieles Interessante mittheilen konnen, Frau Professorin, sagte der Geistliche sehr freundlich. Sie ausserten sich verwundert daruber, die Grafin lebend zu wissen, Sie druckten sich so aus, als ob sie Ihnen verloren gegangen ware; das klingt ja Alles recht sonderbar und konnte wohl die Neugierde erregen. Die Befragte richtete abermals einen scharfen Blick auf den Geistlichen und erwiederte mit der Frage: Hat Ihnen denn die Grafin das nicht alles selbst erzahlt? Keine Sylbe, erwiederte der Pfarrer, und auch hier unserm Freunde, der doch der Arzt des Hauses ist, sind alle Verhaltnisse desselben fremd. So, erwiederte die Frau Professorin trocken, wenn das ist, so ist es ein. Zeichen, dass die Frau Grafin daruber nichts sprechen will; denn Sie, mein lieber Herr Prediger, haben eine so dreiste Art zu fragen, dass man es sich schon recht fest vornehmen muss, wenn man ein Geheimniss bei sich behalten und Ihnen verbergen will. Ich will nun gerade nicht damit sagen, dass sich das fur einen protestantischen Geistlichen schickt. Wenn Sie katholisch waren, so ware es was Anders, denn die haben ihren Gotzendienst und ihre Ohrenbeichte, aber wir guten Christen brauchen Gottlob unsern Priestern nicht Alles zu sagen.
Verlegen und empfindlich erwiederte der Pfarrer: Nach Ihrer Antwort muss ich glauben, dass Sie mir eine recht bose Absicht zutrauen, wenn ich aus Theilnahme mich nach den Verhaltnissen der Grafin erkundige.
Nehmen Sie es mir nicht ubel, erwiederte die Base des Schulzen, ich bin mein Lebelang treu gewesen, und was die Grafin fur gut gefunden hat Ihnen zu verschweigen, werden Sie von mir auch nicht erfahren.
Der Geistliche war auf's Aeusserste verletzt, dass diese Frau mit bauerischer Gradheit ihm seinen Fehler so treuherzig vorruckte; zugleich musste er sich tadeln, dass er sie fur zu einfaltig gehalten, da er vermuthlich alles, was er wissen wollte, hatte erfahren konnen, wenn er nicht geglaubt hatte, hier ohne alle Umstande geradezu gehen zu durfen. Er schwieg also verdriesslich. Der Arzt hatte auf diese Unterredung seines Freundes mit seiner Base wenig geachtet. Sein eigenes Schicksal beschaftigte ausschliessend seine Gedanken. Der Besitz einer bedeutenden Bibliothek, eines ansehnlichen Naturalienkabinets begluckte sein Herz. Er dachte daran, wie er diess alles wolle hieher kommen lassen, und dabei fiel ihm die Nothwendigkeit ein, ein eigenes Haus zu haben, wenn er seine Schatze recht geniessen wollte. An diesen Gedanken knupfte sich der andere, dass alsdann eine Frau im Hause nothwendig sein wurde, und er blinzelte so oft nach der schlanken Marie hinuber, dass diese trotz ihrer grossen Jugend errothete. Auf solche Weise war die Unterhaltung den Frauen uberlassen, und die Frau des Predigers vertiefte sich mit der Base des Arztes bald in ein Gesprach uber hausliche Einrichtungen, welches immer warmer und lebhafter wurde, je mehr beide Frauen ihre gegenseitigen Einsichten erkannten, und man wechselte laut und lebhaft mit Fragen und Rathschlagen ab, worauf die beiden anwesenden Manner nicht zu achten schienen, sondern gedankenvoll und stillschweigend Tabak rauchten, indess die jungen Madchen in dieser langweiligen Umgebung nicht recht wussten, was sie mit sich anfangen sollten.
Wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel dammert, so wurde die druckende Langeweile, die sich auf die Gesellschaft zu lagern begann, ein wenig durch einen rasch vorfahrenden Wagen zerstreut, dessen zierliche, der neusten Mode entsprechende Form sich im hellen Mondenschein bemerken liess. Der Prediger eilte erstaunt den neuen Gasten entgegen, denen ein gut gekleideter Diener den Schlag des Wagens offnete, worauf ein junger, sehr zierlich gekleideter Mann heraussprang, dem ein alter etwas muhsam folgte. Der Herr sei gelobt, der uns so weit gefuhrt hat, sagte dieser mit heuchlerischer Stimme, und der Prediger erkannte den alten Lorenz. Er war zweifelhaft, wie er ihn aufnehmen sollte, als dieser mit grosser Unbefangenheit auf ihn zutrat und ihm die Hand mit Vertraulichkeit bot, die der Prediger, uberrascht, nicht ausschlug. Wir fuhren so nahe bei Ihnen vorbei, lieber Herr Prediger, begann Lorenz, dass ich es nicht unterlassen konnte, Ihnen meinen Besuch zu machen, um so weniger, da auch mein Sohn sehr wunschte, Ihnen nach so langer Zeit ein Mal wieder seine Achtung zu beweisen. Die Neugier, diesen Sohn zu sehen, war in dem Augenblick das uberwiegende Gefuhl des Predigers, und er nothigte die Angekommenen hoflich, einzutreten. Der junge Mann naherte sich mit leichten Schritten und sicheren Gebehrden den Frauen, um sie zu begrussen, und nach einigen hoflichen Worten, mit denen er seinen spaten Besuch bei der Frau des Predigers entschuldigte, musterte er mit dreistem Blicke die Gruppe der jungen Madchen, von welchen keine seinen besonderen Beifall zu erhalten schien. Er fuhr sich hierauf mit den weissen Fingern durch die schwarzen Lokken, ordnete vor dem Spiegel ohne Umstande seine Halsbinde und gesellte sich zu den Mannern.
Der Prediger konnte sein Erstaunen weder beherrschen noch verbergen, indem er seine neuen Gaste betrachtete. Jede Spur von Armuth war verschwunden; die feinsten Kleider trug heute der alte Lorenz statt des abgetragenen Ueberrockes, dessen er sich noch vor Kurzem bediente. Sie waren seinem Alter angemessen, aber doch nach der Mode; den kahlen Scheitel deckte eine kunstliche Perucke, und statt des im Walde geschnittenen Stockes diente ihm jetzt ein mit einem goldenen Knopfe versehenes Rohr als Stutze.
Der Arzt war durch das Gerausch der Eintretenden ebenfalls aufgeregt worden, und indem er die neu Angekommenen begrusste, betrachtete er mit scharfen, stechenden Blicken den jungen Mann, der seine grossen schwarzen Augen dafur hochst ruhig auf ihn richtete.
Irre ich nicht, redete ihn der Arzt mit vor Zorn flammenden Wangen an, so habe ich schon ein Mal die Ehre gehabt, Ihnen zu begegnen. Ich wusste nicht, antwortete der junge Lorenz; ich bin jetzt erst kurze Zeit wieder hier im Lande. Indem er diese Antwort hochst gleichgultig gab, nahm er aus einer goldenen Dose ruhig Tabak.
Der Arzt ergriff seine eigene, viel schonere goldene Dose, und indem er heftig auf den Deckel schlug, rief er mit funkelnden, halb zugekniffenen Augen: Ich dachte doch, Sie mussten sich erinnern, was in Krumbach vorfiel, als ich Sie dort in der Schenke traf.
Ich halte mich nicht anders in Schenken auf, sagte der Andere verachtlich, als wenn auf Reisen meine Pferde Ruhe bedurfen, und so kann es wohl sein, wenn Sie solche Orte besuchen, dass Sie mich ein Mal in der in Krumbach vorhandenen getroffen haben, denn mein Weg hat mich mehrmals durch dieses Dorf gefuhrt.
Und Sie hatten ganz vergessen, sagte der Arzt, indem er nahe auf ihn zutrat, was Sie damals alles sprachen, als ich durch mein Pflichtgefuhl getrieben die Schenke besuchte, aus Menschlichkeit, die der Arzt niemals verlaugnen darf, denn Wehe dem, der sich zu vornehm dunkt, an das Schmerzenslager zu treten, mag es stehen, wo es will. So konnen Sie mich in Schenken und an noch niedrigeren Orten antreffen, wenn Pflicht und Menschenliebe es mir gebieten; wenn ich aber zu meiner Erholung unter Menschen gehe, so werden Sie mich immer in der besten Gesellschaft finden, zu der ich gehore.
Es ist gut, dass Sie mir das sagen, antwortete der junge Lorenz gleichgultig, denn Ihre unnutze, unbegreifliche Heftigkeit wurde mich das zum Beispiel nicht haben errathen lassen.
Der Arzt bemuhte sich nun ebenfalls gleichgultig zu sprechen und fuhr desshalb mit schlecht unterdruckter Heftigkeit fort: Es scheint also, Sie haben rein vergessen, was Sie damals uber den Grafen Hohenthal sprachen, uber seine Ergebenheit gegen die Franzosen, uber den verwundeten Herrn St. Julien, dessen Leben ich mit Muhe erhalten hatte und der ein Spion sein sollte, der arme Mensch, der weder sprechen, noch sich ruhren durfte damals; jetzt, Gottlob! ist er hergestellt und kann sich selbst verantworten. Haben Sie das alles ganz aus Ihrem Gedachtnisse vertilgt?
Wenn ich damals in der That solche Ansichten hatte, erwiederte der junge Lorenz mit unzerstorbarer Ruhe und Gleichgultigkeit, so habe ich sie gewiss mit allen, die etwas von den Verhaltnissen des Grafen wussten, getheilt, und ich sehe nicht ein, was Sie darin beleidigen kann, und wenn Sie wirklich zur guten Gesellschaft gehoren, wie Sie versichern, so werden Sie selbst einsehen, dass es nicht passend ist, mich in einem fremden Hause uber eine Ansicht, die Ihnen unrichtig scheint, mit Heftigkeit zur Rede zu stellen. Nach diesen sehr ruhig gesprochenen Worten liess er den kampflustigen Arzt stehen und nahm einen gleichgultigen Antheil an dem Gesprache seines Vaters mit dem Prediger.
Der alte Lorenz hatte dem Geistlichen schon auf seine gewohnliche heuchlerische Weise mitgetheilt, dass er ein kleines Gut fur's Erste gepachtet habe, dass er aber wohl hoffen durfe, es werde in Jahresfrist das Eigenthum seines Sohnes werden, der fur jetzt eine Stelle als Privatsekretair bei einem bedeutenden franzosischen Generale annehmen wurde, der mit seinen Truppen noch so lange in Preussen verweilen wurde, bis die Kontributionen alle abgetragen waren; und es ist diess eine vernunftige Einrichtung, schloss der alte Heuchler, und Gott moge seinen Segen dazu geben, denn mein Sohn kann dem Herrn General nutzlich sein in tausend Fallen, weil er die Rechte studirt hat, und kann auch wiederum manchem Freunde dienen, der die Hulfe eines Landsmannes bei dem Herrn General brauchen sollte.
Es entgingen die schlechten Grunde dem Pfarrer nicht, welche die Handlungen des Sohnes wie des Vaters bestimmten, und er betrachtete den jungen Mann mit misstrauischen Blicken, als er sich in das Gesprach mischte.
Die Base des Arztes redete diesen an und begann ihm Mancherlei von ihrem verstorbenen Gemahl zu erzahlen; dadurch lenkte sich die Unterhaltung ohne Zwang auf die Bibliothek und das Naturalienkabinet, und ging endlich auf merkwurdige Krankheitsfalle uber, die dem Arzte vorgekommen waren, und die sie sich umstandlich erzahlen liess, so dass dessen uble Laune ganzlich schwand und er nach dem Abendessen, von ihr aufgefordert, mit Vergnugen diese Verwandte, die er sich eingestand verkannt zu haben, nach Hause zu begleiten versprach. Als sie nach einem formellen Abschiede von dem Prediger und dessen Familie, und einer kaum merklichen Verbeugung gegen Lorenz und dessen Sohn nun den Arm ihres Neffen gefasst hatte und im hellen Mondenscheine der friedlichen Wohnung des Schulzen zuwandelte, sagte sie gutmuthig scheltend: Er hat immer noch seinen unvernunftigen Trotzkopf, Vetter; was fing Er nur fur unnutze Handel mit einem Menschen an, der ihn in's Ungluck bringen kann? So wie ich horte, dass der alte Vater dem Prediger ohne Scham und Scheu erzahlte, dass sein Sohn ein Franzose wird, so fing ich nur gleich mit Ihm an Allerlei zu reden und liess mir geduldig vorerzahlen, wovon ich kein Wort verstehe, damit Er nur nicht wieder mit dem schlechten, jungen Menschen in Zank und dadurch in Ungluck gerathen sollte; aber sei Er fur die Zukunft vorsichtig, versprech Er mir das. Sie meinen es gut mit mir, sagte der Arzt nicht ohne Bewegung. Das habe ich immer gethan, erwiederte seine Verwandte, und umarmte und kusste ihn herzlich, da sie das Haus des Schulzen erreicht hatten. Die schlanke Marie reichte dem Vetter die Hand, die dieser hoflich kusste, woruber das junge Madchen lebhaft errothete, und die Verwandten trennten sich in der wohlwollendsten Stimmung.
Der Prediger hatte den Verdruss, dass Lorenz und sein Sohn nicht die mindeste Anstalt machten ebenfalls aufzubrechen, und er war gezwungen ihnen ein Nachtlager anzubieten, damit er sich selbst zur Ruhe begeben konnte, und diess wurde von Beiden wie eine Sache, die sich von selbst verstande, angenommen.
X
Der Arzt hatte am Morgen des nachsten Tages den ihm etwas beschwerlichen Auftrag seiner Base zu besorgen, und der Grafin ihre Ankunft und ihren Besuch fur denselben Vormittag zu melden; denn wie sehr er sich auch mit dieser Verwandten innerlich versohnt hatte, so kostete es ihm doch Viel, seinen Hochmuth zu besiegen, und sie als Verwandte und zugleich als die ehemalige Dienerin der Grafin zu bezeichnen. Diese war sichtlich erschreckt und erfreut durch die unerwartete Nachricht, und suchte, sobald sie nur Fassung gewann, den Arzt auf eine geschickte Art uber alle beim Prediger gefuhrten Gesprache auszufragen, aber ihre Unruhe wurde nicht gehoben, denn jenes Seele war besonders davon erfullt, wie heldenmuthig er sich nach seiner Meinung dem Verrather, dem jungen Lorenz, gegenuber benommen hatte.
Er hatte die Grafin kaum verlassen, als diese Dubois rufen liess, um ihm das Unerwartete mitzutheilen und ihn zu bitten, die ehemalige Dienerin zuerst zu empfangen, um ihr die nothige Schonung zu empfehlen. Der alte Mann war bereit zu thun, wozu sein eigenes Herz ihn trieb, und er begab sich hinunter, um die Ankommende zu empfangen, ehe sie einen Diener des Hauses sprechen konnte, denn der Haushofmeister kannte aus fruheren Zeiten ihre grosse Redseligkeit und konnte nicht wissen, ob die Veranderung ihres Standes sie zuruckhaltender gemacht haben wurde. Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt; denn kaum war eine Viertelstunde verflossen, so nahte sich die Erwartete im hochsten Putz mit grossen Schritten. Die Tochter folgte der Mutter, denn es gelang ihrer Anstrengung nicht, sich in gleicher Linie mit derselben zu erhalten, und kaum hatten Beide die Schwellen des Hauses uberschritten, als die Mutter, ihren alten Freund erblickend, ihren Shawl heftig zuruck warf, so dass er zur Erde fiel, und mit einem lauten Ausrufe der Freude ihn zu umarmen eilte. Dubois erwiederte diese Zeichen der Freundschaft Anfangs mit Herzlichkeit; da aber die oft wiederholten Umarmungen ihn beinah zu ersticken drohten, und die schallenden Kusse ein spottisches Lacheln auf den Gesichtern einiger hinzugetretenen Bedienten hervorriefen, so entzog er sich hoflich den Armen, die ihn umschlossen, und bat seine Freundin, erst bei ihm einzutreten, ehe sie ihren Besuch bei der Grafin ablegte. Bereitwillig folgte die Base des Arztes dieser Einladung, von der Tochter begleitet, die den Shawl der Mutter vom Boden aufgehoben und ihn ihr ruhig wieder umgelegt hatte.
Der Haushofmeister bewirthete seine Gaste mit einem Fruhstuck, wahrend dessen er der Wittwe des Professors alles abfragte, was er zu wissen begehrte, und ihr rathen konnte, so gelinde als moglich ihrer ehemaligen Herrschaft mitzutheilen, was diese wissen musste. Unter Stromen von Thranen war die Unterredung gefuhrt worden, und die geduldige Marie sass wahrend ihrer langen Dauer einsam am Fenster eines andern Zimmers, wohin sie die Mutter, nachdem sie dieselbe mit Kuchen und Chokolade versorgt, verwiesen hatte, um ungestort mit ihrem alten Freunde zu sprechen.
Endlich war das Fruhstuck geendigt und das Nothige verabredet; die Thranen wurden getrocknet, der Shawl in die gehorigen Falten gelegt, und der Haushofmeister bot seiner Freundin den Arm, fuhrte sie mit hoflicher Aufmerksamkeit die grosse Treppe hinauf und geleitete sie in die Zimmer ihrer ehemaligen Herrschaft.
Die Grafin trat ihnen entgegen. Meine gute Freundin, rief sie, indem sie die ehemalige Dienerin erblickte, und wollte sie umarmen; diese aber ergriff mit Heftigkeit beide Hande der ehemaligen Gebieterin, die sie abwechselnd mit Kussen bedeckte und mit Thranen uberstromte. Sobald die Grafin ihre Hande befreien konnte, umarmte sie die Wittwe des Professors und sagte: Wie freut es mich, meine Liebe, Sie wieder zu sehen und nach so vielen Jahren zu finden, dass die Zeit den Antheil, den Sie an meinem Schicksal nehmen, nicht geschwacht hat.
Mitten in ihrer Ruhrung wurde die Base des Arztes empfindlich und sagte: Millionen Thranen habe ich um Ihretwillen geweint und gewiss nicht verdient, dass Sie mich nun so fremd behandeln, und mich nicht mehr Du nennen und Leonore, wie in fruheren Zeiten so viele Jahre hindurch.
Mein Herz ist darum nicht weniger warm, sagte die Grafin, indem sie die Hande der erzurnten Frau druckte, aber diess muss um Ihretwillen so bleiben; auch wurde sich Ihr Neffe, der Arzt, gekrankt fuhlen, wenn es anders ware.
Nun ja, erwiederte besanftigt dessen Base, den Thoren kenne ich ja mit seinem Hochmuthe. Lassen Sie uns uberhaupt jetzt nicht von solchen Kleinigkeiten sprechen, sagte die Grafin mit bewegter Stimme, meine gute Leonore. Sie kennen mein Ungluck; haben Sie mir gar nichts Trostliches zu sagen?
Die Wittwe des Professors ward durch diese Frage auf ein Mal wieder in den tiefsten Schmerz versenkt. O Gott! rief sie aus, was haben Sie alles leiden mussen, und wie hat der Kummer Sie vor der Zeit alt gemacht; wie mager sind die schonen weissen Hande geworden, und wo ist die herrliche Farbe geblieben? Bluhten Sie doch wie eine Rose, und es war ganz naturlich, dass der gute Herr Blainville so verliebt blieb, ob Sie gleich schon lange verheirathet waren.
Meine Liebe, sagte die Grafin aus beklemmter Brust, schonen Sie mich mit Erinnerungen, durch die Sie mich todten konnen.
Die Professorin weinte und sagte unter heftigem Schluchzen: Sie haben Recht, ach! Sie haben Recht, aber ich kann den Schmerz nicht bezwingen, wenn ich Sie ansehe.
Reden Sie nicht von mir, sagte die Grafin mit grosser Anstrengung, sprechen Sie von dem Schicksale des unglucklichen Kindes.
Ich weiss ja nichts von dem kleinen Herrn, klagte die Wittwe des Professors und sammelte sich endlich so weit, um, von Thranen und Klagen unterbrochen, ihrer ehemaligen Herrin erzahlen zu konnen, wie sich ihr Schicksal gestaltet hatte, nachdem sie die Grafin verloren. Diese, obgleich zerschmettert von dem Worte der Dienerin, durch das ihre letzte dunkle Hoffnung verloren zu gehen schien, bezwang dennoch ihr Gefuhl und horte mit angstlicher Aufmerksamkeit den Bericht, um doch vielleicht noch eine schwache Spur des Verlornen darin zu finden.
Ach! hob die ehemalige Dienerin ihre Wehklage an, wie war uns zu Muthe, mir und der Mamsell Adele, als wir damals in Paris unsern Einkauf gemacht hatten und nun ruhig nach Hause gegangen waren. Mein Gott, mein Gott! als wir die offenen Thuren erblickten, als wir ankamen, die geoffneten Schranke und die grausige Unordnung. Ihr schoner Hut lag auf dem Boden, und es hatte Jemand mit schmutzigen Fussen darauf getreten, der Wirth des Hauses stand im Wohnzimmer und schalt uns, so wie wir ankamen, schandliche Aristokraten; ich wollte ihm antworten, wie sich's gehorte, denn ich hatte franzosisch genug dazu in der Gottvergessenen Stadt gelernt, aber Mamsell Adele rief heftig: Wo ist Herr Blainville und seine Gemahlin? Herr Blainville, wiederholte plotzlich der Wirth, von dem weiss ich nichts, der Vaterlandsverrather, der verkappte Graf ist, wo er hingehort, im Gefangnisse. Mein Bruder, mein unglucklicher Bruder! schrie Mamsell Adele in Verzweiflung, und wurde bleich und starr wie eine Leiche. So gross mein Schmerz war, so ging mir doch ein Licht auf, und ich war recht bose, dass Sie mir die Sache nicht gehorig vertraut hatten, ich hatte nichts verrathen und hatte den gehorigen Respekt vor Mamsell Adele haben konnen, statt, dass ich sie geargert hatte, wo ich konnte, denn ich hielt sie fur hochmuthig und von Ihnen begunstigt, und ich dachte, ich wollte sie dadurch aus dem Dienst treiben, denn sie kam mir unnothig im Hause vor. Jetzt sah ich das alles anders ein durch diess einzige Wort, das sie im Unglucke und im Schrecken ausgesprochen.
O mein Gott! seufzte die Grafin und bedeckte ihre uberstromenden Augen mit den Handen. Die rohe, aber gutmuthige Erzahlerin sah, welche Schmerzen ihre Worte erregten, und zog mit sanfter Gewalt die Hande der ehemaligen Herrin von den weinenden Augen derselben zuruck, um sie mit Kussen und mit warmen Thranen zu bedecken. Weiter, meine Liebe, sagte die Grafin mit zitternder Stimme, um Gottes Willen fahren Sie fort.
Ja, weiter in der unglucklichen Geschichte, rief die Wittwe des Professors, Sie wissen nicht, wie mir das Herz blutet, wenn ich an all den Jammer und Trubsal denke. Ich wusste nicht, was ich mit Ihrer armen Schwagerin anfangen sollte, die bleich und starr da sass, ohne zu weinen, ohne zu reden, ja ohne ein Glied zu ruhren. Ich war ganz allein mit ihr, der Hausherr hatte uns wieder verlassen, und ich wusste nicht, was ich anfangen sollte, denn ich hatte nicht den Muth, die Arme zu verlassen und einen Arzt zu rufen. Endlich brachte ich sie doch wieder etwas zur Besinnung, sie sprang nun auf ein Mal auf, fasste heftig zitternd meinen Arm und sagte leise: Komm, wir mussen meinen Bruder aufsuchen. Ich war bereit und wir sturmten der Thure zu, ohne zu wissen wohin. In der Thure begegnete uns ein alter Herr, den das arme Fraulein Adele zu kennen schien. Mit gerungenen Handen fiel sie vor ihm auf die Knie und rief: Helfen Sie, retten Sie! Der gute Mann weinte selber und sagte: zuerst mussen Sie fort von hier und zwar sogleich, damit Sie nicht ebenfalls verhaftet werden, denn alsdann wurde es noch schwieriger werden, etwas fur Ihren Bruder zu thun. Ich furchte, der Herr des Hauses ist schon ausgegangen, die Anzeige zu machen, denn ich traf ihn nicht zu Hause, desshalb lassen Sie uns eilen. Als ich diese Worte horte, kam mir schnell von Gott der gute Gedanke, dass Ihnen nicht damit geholfen ware, wenn uns die unmenschlichen Jakobiner einsperrten, und ich sagte also dem guten alten Manne, der sich unserer annehmen wollte, dass man Mamsell Adele gar nicht fragen musse, denn sie sei so ausser sich, dass der Hausherr mit der Wache kommen wurde, ehe sie nur begriffe, wovon die Rede sei. Der verstandige Mann sah das ein, und wir fassten jeder die arme Weinende unter einem Arm und brachten sie mit Gewalt die Treppe hinunter in den Wagen des alten Herrn, und der Schurke, der Wirth, behielt nichts als das leere Nachsehen, wenn er mit seinen Jakobinischen Wachen wird angekommen sein. Wie lange wir gefahren sind, weiss ich nicht, denn sowohl ich, als unser alter Begleiter, wir waren wahrend des Weges nur bemuht, die arme Mamsell Adele ein wenig zu beruhigen, aber Gott weiss, es gelang uns schlecht. Endlich hielt der Wagen vor einem kleinen Hause in der Vorstadt; der alte Herr hiess mich ausstiegen und ging mit mir in diess unscheinbare Haus, das, nachdem er drei Mal leise geklopft, geoffnet und hinter uns sogleich wieder verschlossen wurde. Eine alte Frau kam uns entgegen, und ich horte wohl, wie mein Fuhrer ihr auftrug, fur mich auf's Beste zu sorgen, aber um Gottes Willen mich nicht ausgehen zu lassen, weil wir alle durch meine Unvorsichtigkeit unglucklich werden konnten. Als er mich verlassen wollte, fragte ich, was aus Fraulein Adele werden sollte. Er antwortete mir, wir durften nicht zusammen bleiben, es ware fur uns beide sicherer, wenn Jede einen andern Zufluchtsort fande, er sei ein Freund ihres Hauses und sorge fur unser aller Bestes mit grosser eigener Gefahr.
Ich hatte lange genug unter den Heiden in Paris gelebt, ich konnte also wohl einsehen, dass wir behutsam sein mussten, und fugte mich in mein Schicksal. Als ich mit der guten Frau allein war, hatte ich Zeit genug, uber unser Ungluck nachzudenken, und ich brachte die ganze Nacht weinend und jammernd zu, denn nun, da die grosste Angst vorbei war, dachte ich auch an unsern kleinen Herrn. Endlich am Abende des andern Tages kam der Herr wieder, der mich hieher gefuhrt hatte, und sagte mir, er wurde mich des andern Abends um dieselbe Zeit abholen und zu einer deutschen Herrschaft bringen, die mich als Kammerjungfer mitnehmen und in Frankfurt am Main zurucklassen wolle, von wo ich meine Heimath leicht erreichen konne. Ich fragte nach Ihrem Schicksale. Er trocknete sich die Thranen und sagte, man musse auf Gottes Beistand hoffen, er konne mir nichts daruber sagen. Als ich nach Fraulein Adele fragte, antwortete er etwas ungeduldig, er konne mir weiter keine Nachricht geben, als nur die Versicherung, dass sie ausser Gefahr sei, und ich sollte froh sein, dass er auch mich in Sicherheit bringen wollte. Ich fragte ihn, ob ich nicht noch ein Mal nach unserer Wohnung zuruck gehen konne, um meine Sachen abzuholen, die dort alle zuruck geblieben waren. Er wurde hierauf recht grob und sagte, es sei ein Zeichen grosser Dummheit, dass ich um der Lumpen Willen dahin zuruck zu gehen dachte. Er besanftigte sich aber bald und befahl mir, ich sollte bis zum nachsten Abende zusammenrechnen, wie viel der ganze zuruckgelassene Kram werth sei, er wolle ihn mir baar bezahlen, ich solle aber weder mich, noch ihn desshalb unglucklich machen. Ich war damit zufrieden und fragte ihn nicht weiter nach unserm kleinen Herrn, denn ich dachte mir schon, dass er doch nicht aufrichtig antworten wurde. Kaum aber hatte er das Haus verlassen, so fing ich an die alte Frau, die es bewohnte, mit Bitten und Thranen so lange zu besturmen, bis sie selbst zu weinen anfing und mir zu helfen versprach; denn da sie mich nicht recht verstand, so glaubte sie, der kleine Herr sei mein eigenes Kind, und ich liess es geschehen, dass sie es glaubte, und gab gern zu, dass sie mich fur eine leichtsinnige Dirne hielt, damit sie mir nur helfen mochte. In aller Fruhe des nachsten Morgens druckte sie mir einen Hut tief in's Gesicht hinein, hing einen Schleier daruber, gab mir einen Mantel, und nachdem sie sich eben so angethan hatte, verliessen wir das Haus, nahmen auf dem nachsten Platze einen Wagen und so ging es fort nach dem Dorfe. Gott, wie schlug mein Herz auf diesem Wege, theils aus Angst, dass man uns verhaften mochte, theils aus Verlangen nach dem lieben Kinde. Wir erreichten glucklich das Dorf, wir fanden das Haus, aber nur zu neuem Jammer. Die Pflegerin unsers kleinen Herrn lag im hitzigen Fieber, von dem Kinde war nichts zu sehen. Die Weiber, die die Kranke warteten, sagten mir, ein alter Herr habe am vorigen Tage das Kind abgeholt und es zu einer Dame in einen Wagen gehoben, die nach des alten Mannes Aussage die Mutter des Kindes gewesen sei. Ich dachte einen Augenblick, Sie selbst hatten Ihr Kind abgeholt, aber ich besann mich bald, dass es nicht so sein konnte, denn Sie wurden auch mich wieder zu sich genommen haben, wenn Sie frei gewesen waren. Es war nun nichts weiter zu thun, als den Ruckweg mit Thranen anzutreten und den Abend zu erwarten. Als es dunkel geworden, kam der alte Herr richtig, wie er es versprochen. Ich hatte indess meine Rechnung fur Lohn und Kleider gemacht, wie er es verlangt hatte. Er bezahlte mir Alles und schenkte mir noch hundert Franken zur Reise. Da ich ihn in so gutiger Stimmung sah, so wagte ich es, ihm mein Leid mit unserem Kinde zu vertrauen. Er wurde sehr bose und schalt auch die alte Frau, dass wir gegen seinen Befehl das Haus verlassen hatten; als ihm diese aber, um sich zu entschuldigen, sagte, dass sie meinen Jammer und meine Thranen nicht mehr hatte mit ansehen konnen, weil ein Stein hatte durch meine Klagen bewegt werden mussen, da wurde er wieder sanftmuthig und sagte, da ich so grosse Treue fur meine Herrschaft zeigte, so wolle er die Unbesonnenheit vergeben, und ubrigens musse ich zu meinem Troste glauben, dass Gott ein unschuldiges Kind nicht wurde untergehen lassen, wenn ich es auch nicht mehr bei seiner Pflegerin gefunden habe. Das war alles, was ich mit Bitten und Flehen uber den kleinen Herrn erfuhr, und ich musste nun mit dem unbekannten Herrn fort, der mich zu meiner neuen Herrschaft brachte, die beinah kein Wort mit mir sprach. Mit dem fruhesten Morgen ging es aus Paris hinweg. Wir reisten Tag und Nacht, bis wir Giessen erreichten. Hier liessen sie mich zuruck, und ich hatte nicht einmal erfahren, mit Wem ich die Reise gemacht hatte. Weil ich mir den Fuss beschadigt hatte, musste ich in Giessen einige Zeit bleiben, und da fugte es Gott, dass ich an meinen alten Professor gerieth. Wie ich mit dem verheirathet war, vertraute ich ihm unser ganzes Schicksal an, denn er war eine treue Seele und ich dachte, er wurde vielleicht etwas auskundschaften konnen uber Ihr Schicksal oder uber unsern kleinen Herrn. Er schrieb nun nach allen Weltgegenden hin und hatte uberall seine gelehrten Freunde, die ihm allerlei Lappalien meldeten, was sie ihre wissenschaftlichen Forschungen nannten, aber das, was mir am Herzen lag, forschte keiner aus. Die Schweizer schrieben ihm, der alte Herr Blainville und Ihre Frau Mutter waren todt; von Ihnen wusste man nichts, und die Franzosen konnten von dem kleinen Herrn gar nichts ausspuren, und so musste ich mich in Gottes Willen ergeben und dachte gar nicht mehr, dass ich Sie jemals wieder sehen konnte, und hier nun schenkt mir Gott die unvermuthete Freude. Und das bin ich doch eigentlich dem hiesigen Prediger schuldig, denn hatte er nicht in den Zeitungen bekannt machen lassen, dass ich mich hier einer Erbschaft wegen zu melden hatte, so ware es mir wohl niemals eingefallen, diese Reise zu unternehmen, und wenn mein alter Professor noch lebte, so wurde er auch nun einsehen, dass er Unrecht hatte, daruber zu lachen, wenn ich mir aus den Zeitungen nichts vorlesen liess, als solche Bekanntmachungen und Anzeigen, wo allerlei Sachen verkauft wurden; denn, sagen Sie selbst, was geht mich Bonaparte an, und was brauche ich noch uber die Franzosen zu horen? Die habe ich hinlanglich kennen gelernt und den Krieg fuhlt man genug, wenn er da ist, man braucht sich nicht um den zu bekummern, der in der Ferne gefuhrt wird. Solche Anzeigen aber haben ihren Nutzen, und man sollte nicht daruber lachen, wenn vernunftige Menschen sie lesen. Mir wird diese einfaltige Neugierde, wie mein seliger Mann meine Leserei nannte, manchen schonen Thaler einbringen, denn ich erhalte nun dadurch die mir zukommende Erbschaft.
Die Grafin hatte mit angstlicher Aufmerksamkeit den Bericht ihrer ehemaligen Dienerin vernommen, und sie fand einen schwachen Trost darin. Sie wusste doch nun bestimmt, dass ihre Schwagerin sowohl, als das geliebte Kind in den schrecklichsten Augenblikken ihres eigenen Lebens nicht umgekommen waren. Sie konnten beide leben, und es konnte vielleicht dem Grafen gelingen, diese schwachen Spuren zu verfolgen und die Verlornen aufzufinden. Sie dankte daher der ehemaligen Dienerin fur die von ihr bewiesene Treue und bat sie, wahrend ihres hiesigen Aufenthaltes auf dem Schlosse zu wohnen. Die Wittwe des Professors nahm diess Anerbieten mit Dankbarkeit an und sagte: Es ist nicht Hochmuth von mir, aber erstlich bin ich froh, wieder in der Nahe meiner ehemaligen Herrschaft zu sein, und dann habe ich mir das Bauernleben so abgewohnt, dass ich es nicht lange bei den guten Leuten, meinen Verwandten, wurde aushalten konnen.
Die Grafin bat nun, sie mochte ihre Zimmer gleich in Besitz nehmen und alle ihre Sachen nach dem Schlosse bringen lassen, damit bei der Mittagstafel sie sich schon ganz als Hausgenossin fande.
Ich bemerke, rief die Professorin, Sie verlangen, ich soll an Ihrer Tafel speisen, und als die Grafin diess bejahte, fuhr sie fort: Nimmermehr werde ich mich dazu entschliessen, und wenn ich mir auch das Bauernleben abgewohnt habe, so habe ich doch keinen dummen Hochmuth bekommen. Sie sind lange Jahre meine Herrschaft gewesen, das werde ich nicht vergessen. Ja, ich habe mich nicht einmal zu der Gesellschaft der andern Professorsfrauen gehalten, wie mein seliger Mann noch lebte, denn ich sah es recht gut, dass ich ihnen zu gering war; ich war ihnen nicht fein, nicht gelehrt genug, aber mit aller ihrer Gelehrsamkeit hatten es ihre Manner nicht so gut, wie mein alter lieber Mann. Der konnte ohne Sorgen leben, brauchte sich um nichts zu kummern und hatte doch Alles im Ueberfluss, und wenn die Herren Professoren bei uns speisten, so gestanden sie alle aufrichtig, bei uns sei der beste Tisch. So lebten wir still und ruhig; ich pflegte meinen Mann, und hielt mein Kind zur Kirche und Schule an, und sorgte dafur, dass meine Marie fruh die Wirthschaft lernte und nicht tausend unnutze Thorheiten. Desshalb setzten die andern Professorentochter das arme Kind auch zuruck, denn mir fiel es nicht ein, dass es nothig sei, dass sie in allen Sprachen Liebesbriefe zu schreiben verstehen musse; eben so wenig braucht sie mit einem Schawl oder mit einer Trommel zu springen, oder auf allen Instrumenten zu klimpern. Auch ist es kein Ungluck, wenn sie nicht alle Spielereien zu machen versteht, die im Grunde kein Mensch braucht, denn ich habe gesehen, dass die vornehm erzogenen Mamsellen nachher vor lauter Gelehrsamkeit ihr Haus nicht regieren konnten und mit allen ihren feinen Arbeiten nicht verstanden, wenn es Noth that, ein Hemd fur ihren Mann und ihre Kinder zuzuschneiden.
Sie mogen im Ganzen Recht haben, sagte die Grafin, obwohl ich furchte, Sie gehen zu weit, was Ihre Tochter anbetrifft; doch Sie sind mir ein so lieber Gast, dass ich wunsche, Sie mochten sich in meinem Hause einrichten, wie es Ihnen am angenehmsten ist.
Wenn Sie mir das erlauben, sagte die Professorin, so werde ich bei meinem alten Freunde Dubois speisen, und meine kleine Marie mogen Sie an Ihren Tisch nehmen, damit sie Manieren lernt, denn da ich sie in der Zukunft mit dem Doktor zu verheirathen wunsche und der so viel auf feine Lebensart halt, so ware es mir lieb, wenn sie darin nicht hinter ihren kunftigen Mann zuruckbliebe.
Die Grafin lachelte, indem sie die Bitte ihrer ehemaligen Dienerin bewilligte, und Dubois, der herbei gerufen wurde, erhielt den Auftrag, die Zimmer im untern Stockwerk der neuen Bewohnerin anzuweisen; zugleich theilte ihm die Grafin scherzend mit, dass die Frau Professorin seine Gesellschaft der ihrigen vorzoge und an seiner Tafel zu speisen wunsche. Mit grossem Ernst erwiederte der Haushofmeister, dass er die Ehre, so ihm seine Freundin erweise, zu schatzen verstehe. Nun, nun, sagte die Wittwe des Professors, sprechen Sie nur nicht mit so grossem Respekt, wissen Sie nicht mehr, wie oft sie mich ausgescholten haben, wie wir noch Kameraden waren.
Die Grafin wunschte die Tochter der Professorin zu sehen, und Dubois eilte, die stille, geduldige Marie herauf zu fuhren, die wahrend der langen Unterredung zwischen ihrer Mutter und der Grafin ruhig am Fenster in Dubois Zimmer gesessen hatte.
Als der Haushofmeister das Zimmer verlassen hatte, trat St. Julien ein, um ein Buch von der Grafin abzuholen, welches sie ihm am vorigen Tage versprochen hatte. So wie die Professorin ihn erblickte, wurde sie bleich und schlug die Hande zusammen. Als der junge Mann die Grafin anredete, schien seine Stimme einen ahnlichen Zauber, wie sein Anblick auf die ehemalige Dienerin zu uben, denn sie seufzte tief auf und wurde gluhend roth. St. Julien, der die Bewegung der Fremden bemerkte, ohne zu ahnen, dass er sie veranlasse, glaubte, sie habe ein Gesuch bei der Grafin, und verliess desshalb bald das Zimmer, um durch seine Gegenwart nicht zu storen.
Wer ist dieser junge Mann? rief die Professorswittwe ausser sich, die Hande der Grafin ergreifend, als sie allein waren.
So fallt Ihnen die grosse Aehnlichkeit auch auf? fragte die Grafin mit zitternder Stimme, indem Thranen uber ihre Wangen flossen.
Mein Gott, mein Gott! rief die Professorin bebend, es ist ja Herr Blainville, wie er leibte und lebte, sogar das Zucken des Mundes, womit er das Lachen unterdruckte, wie er mich in meiner Alteration bemerkte.
Die Grafin hatte kaum noch Zeit, ihre ehemalige Dienerin mit den Verhaltnissen des jungen Mannes bekannt zu machen und sie zu bitten, von allen Leiden, die sie mit einander erlebt hatten, nichts dem Prediger anzuvertrauen, weil es fur sie krankend sein wurde, wenn diese Schmerzen ein Gegenstand allgemeiner Gesprache werden sollten, und die Wittwe des Professors hatte kaum feierlich versprochen zu schweigen, als die Tochter derselben blode und zitternd eintrat, und sich furchtsam der Grafin naherte, um ihre Hand zu kussen, wie es ihr fruher die Mutter befohlen hatte.
Die Grafin fuhlte Mitleid mit dem armen Kinde, das, offenbar durch eine ubel angebrachte Strenge der Mutter unterdruckt, kaum zu athmen wagte. Sie sprach gutig mit dem eingeschuchterten jungen Madchen, konnte aber doch nichts als einzelne Sylben von ihr als Antwort gewinnen. Sie machte hierauf der Mutter den Vorschlag, ihre Tochter ganz bei Emilie wohnen zu lassen, weil junge Madchen besser zu einander passten, als zu bejahrten Frauen. Die Professorin fuhlte sich geschmeichelt und gab ihre Einwilligung, worauf die Grafin Emilie zu sich bitten liess, um ihr ihre neue Freundin vorzustellen. Diese betrachtete mit Theilnahme das zitternde Kind, und die Wittwe des Professors sagte, nachdem sie Emilie mit einem scharfen Blick betrachtet hatte, zur Tochter: So kannst Du denn gleich hier bleiben; ich werde allein zu meinem Vetter, dem Schulzen, zuruck gehen und unsere Sachen herschaffen lassen, damit wir noch heute in Ordnung kommen. Die Worte hatte sie mit Harte und Trockenheit an die Tochter gerichtet. Hierauf trat sie zu Emilie, fasste ihre Hand und sagte, mit einer Thrane im Auge: Ich lasse gern mein Kind bei Ihnen, Sie sehen gut und milde aus, und werden eine Waise nicht verspotten, wenn sie auch die feinen Manieren nicht hat, die ich ihr nicht habe geben konnen und der selige Professor auch nicht. Der gute Mann verstand nichts von Kindererziehung, obgleich er dicke Bucher daruber schrieb.
Emilie druckte die Hand der rohen, aber guten Frau und sagte: wenn Ihre Tochter mir Vertrauen schenken will, so werde ich sie als meine liebe Freundin betrachten.
Lieber Gott, erwiederte die Professorin, was hat so ein Kind zu vertrauen? Das ware ja ein Ungluck, wenn die schon ihre Geheimnisse hatte.
Die Grafin konnte das Lacheln uber dieses Missverstandniss nicht unterdrucken und sagte: Lassen Sie Ihre Tochter ohne alle Sorge bei uns, meine liebe Freundin, und eilen Sie, sich Ihrem Wunsche gemass einzurichten, damit ich die Freude habe, Sie bei mir recht bald einheimisch zu sehen.
Die Professorin ging und es liess sich bemerken, dass die blode Marie nach der Entfernung der Mutter tief aufathmete und sich sichtlich erleichtert fuhlte. Sie liess sich nun auch zum Sprechen bewegen, und obgleich sie in allen Kenntnissen selbst fur ihr Alter zuruck zu sein schien, so liess sich doch eine naturliche Munterkeit des Geistes, ja selbst eine Anlage zur Schalkhaftigkeit nicht verkennen, und man bemerkte deutlich, indem sie uber ihre hauslichen Einrichtungen sprach, dass sie mit der von der Mutter erhaltenen Erziehung nicht so zufrieden war, wie diese es zu verdienen glaubte, sondern es regte sich in dem jungen Madchen eine lebhafte Sehnsucht nach allen ihr versagten Kenntnissen, und sie hupfte frohlig an Emiliens Hand hinweg, indem sie ihr Gluck pries, sich zum ersten Male in ihrem Leben ohne die Gegenwart der Mutter einer jungen Freundin gegenuber zu befinden.
Die Wittwe des Professors besorgte mit gewohnter Thatigkeit ihre Geschafte und bezog schon vor der Mittagstafel die von Dubois auf dem Schlosse fur sie eingerichteten Zimmer. Der Haushofmeister hatte fur seine Freundin auf's Beste gesorgt, und sie fand Alles bequem und sauber eingerichtet, auch ein zu ihrer Bedienung bestimmtes Madchen. Er war ihr auch beim Auspacken und Ordnen ihrer Kleider behulflich und fuhrte sie dann nach dem Zimmer, wo er fur sich und seine Gaste die Tafel hatte bereiten lassen, und wo er ihr seinen jungen Freund Gustav vorstellte. In Eintracht setzten sich diese drei zu Tische, und heitere, ungezwungene Gesprache wurzten das Mahl. Dubois bediente mit acht franzosischer Hoflichkeit seine Freundin, fur die er ein ungeheucheltes Wohlwollen empfand, der junge Gustav fand sich durch das Beispiel des Haushofmeisters zu gleicher Aufmerksamkeit bewogen, und Beider Bestrebungen wurden von der Wittwe des Professors dankbar anerkannt. Da aber Dubois sie immer Madame anredete, so folgte sein junger Freund auch hierin seinem Beispiele, und diess verdusterte, nachdem es einige Male geschehen war, sichtlich die Stirn der Frau Professorin. Mit auffallendem Verdruss wendete sie sich zu dem jungen Menschen und sagte mit ziemlicher Heftigkeit: Mein lieber junger Herr, wenn mich Herr Dubois Madame nennt, so hat das nichts auf sich, wir sind alte Freunde, auch wissen die Franzosen nicht, was sich schickt; sie kennen keinen Unterschied und nennen Alles gradeweg Madame, ein Fischerweib und ihre Konigin oder Kaiserin, aber ein Deutscher muss Lebensart lernen, und daher konnen Sie mich immer nach meinem Titel Frau Professorin nennen, denn selbst der Neid muss es meinem seligen Manne lassen, dass er ein gelehrter Professor war.
Der junge Mann schwieg mit Besturzung, und Dubois sagte lachelnd: Vergeben Sie mir meinen Fehler, wertheste Freundin, wodurch unser Freund auch zum Irrthum verleitet wurde. Ich werde mir die franzosische Unhoflichkeit abgewohnen und den Ihnen zukommenden Titel nicht mehr vergessen.
Gott bewahre, rief seine Freundin, zwischen uns bleibt es beim Alten, aber die Jugend muss anstandig erzogen werden, meinen Sie das nicht auch? Freilich, freilich, sagte Dubois lachelnd, und nicht wahr, mein Sohn, fuhr er, zu Gustav gewendet, fort, Du wirst die erhaltene Lehre nicht wieder vergessen? Der Jungling neigte sich beistimmend, und die Heiterkeit kehrte zu der kleinen Gesellschaft zuruck, die ohne weitere verdriessliche Storung ihre Mahlzeit beendigte.
XI
Die schuchterne Marie hatte im obern Stockwerke im Speisesaale an der Tafel Platz genommen und hielt sich angstlich an der Seite ihrer Beschutzerin Emilie. Sie konnte ihre Blodigkeit nicht uberwinden, und wagte weder zu essen noch ein Wort zu sprechen, so gutig sie auch von allen Seiten aufgemuntert wurde. Die Grafin bat am Ende, Jedermann moge sie ungestort lassen, weil diese Blodigkeit nur durch die Zeit zu uberwinden sei, wo sie sich dann von selbst verlieren wurde. Der Arzt fuhlte sich gekrankt durch das ungeschickte Betragen seiner Verwandtin und vermuthlichen kunftigen Braut; doch trostete er sich mit dem Gedanken, dass sie eigentlich noch ein Kind sei, dessen Fahigkeiten unter seiner Leitung ausgebildet werden konnten.
Der Obrist Thalheim und seine Tochter, so wie der Prediger nahmen Theil an dem Mittagsmahle, welches durch heitere, freundschaftliche Gesprache zu Mariens Qual verlangert wurde, die erst dann wieder frei athmete, als man endlich die Tafel aufhob.
Emilie und Therese beschlossen nach der Tafel einen Spaziergang in den Garten zu machen und forderten ihre neue Freundin auf, sie zu begleiten. Herzlich froh, aus dem Saale zu entkommen, schloss sie sich gern an, und Emilie fragte, als sie in den dunkeln Baumgangen auf und ab gingen, wesswegen sie denn unter lauter wohlwollenden Freunden so angstlich gewesen sei. Mein Herz war aus grosser Ehrerbietung so beklommen, antwortete das unschuldige Kind. Der Graf meint es gewiss gut mit Jedermann, aber er hat so vornehme Augen, dass mir bange wurde, so oft er mich ansah; vor der Frau Grafin furchte ich mich schon weniger, denn sie ist eine Frau, aber auch der junge Herr Graf sieht so vornehm ernsthaft aus und dann der alte Herr Obrist so majestatisch. Wie er hat gewiss der alte Konig von Preussen ausgesehen, von dem er so viel spricht. Glauben Sie mir, ich kam mir recht unverschamt vor, dass ich mich unterstand, mit allen den Herren zu Tische zu sitzen, und ich weiss nicht, wesshalb sie alle den Herrn St. Julien so zu lieben scheinen, denn der hat doch gewiss ein schlechtes Herz.
Wie kommen Sie darauf? fragte Emilie uberrascht.
Bemerkten Sie denn nicht, erwiederte Marie, wie er immerfort meinen Herrn Vetter, den Doktor, zum Besten hatte, und doch sagt er selbst, dass er ihm das Leben gerettet hat.
Aber konnen Sie denn laugnen, fragte Therese, dass der Doktor etwas sonderbar in seinem Betragen ist?
Ach! das verstehen Sie nicht, antwortete die Kleine empfindlich, das kommt von der Gelehrsamkeit. Ich habe viele gelehrte Herren gesehen, die noch viel sonderbarer sich betrugen, und mein seliger Vater selbst, der ein grosser Mann war, wie alle Andern sagten, sah doch auch seltsam genug aus.
Das mussen Sie nur Herrn St. Julien deutlich machen, sagte Emilie ein wenig spottisch; wenn er seinen Fehler einsieht, wird er ihn gewiss verbessern.
Gott bewahre mich davor, mit dem Menschen zu sprechen, rief die Kleine erschrocken. Er wurde ja noch weit mehr Ursache finden, uber mich zu spotten, als uber meinen armen Vetter.
Sie sind ja sehr gegen ihn eingenommen, bemerkte Emilie. Und Sie kennen ihn so wenig, fugte Therese hinzu, Sie wissen nicht, wie gut er ist, fragen Sie nur Ihren Vetter selbst, ob er ihn nicht herzlich liebt.
Das wurde wenig beweisen, sagte die Kleine mit altkluger Miene. Meine Mutter hat es tausend Mal gesagt, je grosser die Gelehrsamkeit der Herren ist, die sie aus den Buchern haben, je einfaltiger sind sie in der Welt, worin sie leben, und desshalb wird es mein Vetter auch gar nicht bemerken, wenn ihn Herr St. Julien verspottet. Das sehe ich besser ein, wie er, ob ich gleich noch ein Kind bin, wie meine Mutter sagt.
Emilie und Therese lachelten uber den Eifer ihrer jungen Gefahrtin, mit welchem sie den Arzt vertheidigte, und waren sehr zufrieden, als die Tochter des Predigers zum Besuch kamen, deren Alter mehr dazu geeignet war, dass sich die noch sehr junge Marie ihnen anschliessen konnte. Sie verlor auch in deren Gesellschaft bald die grosse Schuchternheit, und in jugendlicher Lust uberliess sie sich mit ihnen der Freude, und die jungen Madchen liefen um die Wette, versteckten sich in den Hecken und tobten als gluckliche Kinder umher, wahrend die alteren Freundinnen viele ernsthafte und hochwichtige Gegenstande mit einander besprachen. Jede hatte der Andern vertraut, wie druckend die Einsamkeit fur sie sein wurde, wenn nun die Freunde schieden, an deren Umgang sie sich so gewohnt hatten, und Jede fuhlte recht wohl, welcher Kummer dann das Herz der Andern erfullen wurde.
Der Graf hatte sich mit dem Obristen in sein Kabi
net zuruckgezogen, um ihm auseinander zu setzen, was er fur seinen Vetter zu thun gesonnen sei, um diesem dadurch den Weg zu bahnen, sein Gluck von Therese und ihrem wurdidigen Vater zu erbitten; denn obgleich die tiefe Leidenschaft des jungen Grafen so wenig, wie die aufrichtige Neigung der schonen Therese den beobachtenden Freunden ein Geheimniss sein konnte, so fand es der Graf doch schicklich, dem Obristen erst seinen Plan vorzulegen, wie das hausliche Gluck seines Verwandten gesichert werden sollte, ehe dieser formlich um die Hand der Geliebten anhielte.
Der Obrist fand neue Ursache, die Grossmuth seines
Freundes zu bewundern, und willigte im Voraus in das Gluck seines Kindes.
Der junge Graf und St. Julien waren zu Dubois hinunter gegangen, um ihren Kapellmeister aufzusuchen, wie St. Julien den jungen Gustav nannte. Sie fanden die Wittwe des Professors bei dem Haushofmeister; Beide sassen am Kaffeetische, aber man sah, dass die Unterhaltung nicht heiter gewesen war, denn Beide hatten viel geweint. So wie aber St. Julien eintrat, entfuhr ein Ausruf der Verwunderund der ihre Thranen trocknenden Frau, und sie betrachtete mit auffallender Aufmerksamkeit den jungen Mann, der denn auch seinerseits seine Verwunderung hieruber nicht bergen konnte.
Beide eingetretenen Freunde hatten seit einiger Zeit eine so innige Verbindung geschlossen, dass ihnen jede Formlichkeit lastig wurde, und sie nannten sich daher gewohnlich bei ihrem Taufnamen; desshalb sagte auch jetzt der junge Graf, nachdem Dubois seinen Pflegesohn gerufen hatte, wie er den jungen Gustav nannte: Lass uns nun gehen, Adolph, um unsere Musik gehorig einzuuben.
Heissen Sie Adolph? rief die Wittwe des Professors, indem sie mit Heftigkeit aufsprang. Ja, erwiederte St. Julien, und ich denke, diess ist ein gewohnlicher Name, den ich fuhren darf, wie jeder Andere, ich begreife nicht, was darin seltsam oder befremdend sein konnte. Die Wittwe des Professors hatte ihn wahrend dieser Rede starr angesehen, und schlug nun mit sichtlichem Erstaunen ihre Hande zusammen und ihre Augen flossen in Thranen uber. St. Julien kam auf den Verdacht, dass sie an Geistesverwirrung litte, und sah Dubois befremdet an. Dieser sammelte sich selbst mit Anstrengung und sagte mit erzwungenem Lacheln: Meine werthe Freundin und ich, wir haben so viele gute und kummervolle Stunden mit einander verlebt, und es knupfen sich fur uns Beide theure Erinnerungen an den Namen Adolph, die auch mich zuweilen in Ihrer Gegenwart bewaltigt haben, desshalb werden Sie die Bewegung der Frau Professorin verzeihen.
Ich will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen, sagte St. Julien, den Dubois sichtliche Bewegung ernsthaft machte. Sie haben mich nie mit Fragen belastigt, und es ist nur billig, dass ich Ihre Bescheidenheit nachahme. Er reichte dem alten Manne freundschaftlich die Hand, verbeugte sich gegen die Wittwe des Professors und entfernte sich mit seinen beiden Freunden.
Als die Andern allein waren, sagte der Haushofmeister: Meine beste Freundin, wir mussen behutsamer das Geheimniss der Grafin zu bewahren suchen. Die wehmuthige Erinnerung an die Vergangenheit hat heute eine zu machtige Herrschaft uber uns geubt, und wir sind in unserer Betrubniss unvorsichtig gewesen.
Das mag sein, erwiederte die Professorin, aber ich lasse es mir nicht nehmen, der Herr St. Julien sieht dem seligen Herrn Blainville ahnlich, wie ein Tropfen Wasser dem andern, und Gott weiss, wie das zusammenhangt. Unsern kleinen Herrn habe ich selbst gewartet und habe tausend Mal das kleine braune Maal unter dem linken Auge betrachtet, das hat nun der Herr St. Julien auch, und das ist doch wunderbar genug.
Aber liebe Freundin, sagte Dubois, ich habe Ihnen alle Verhaltnisse des Herrn St. Julien auseinander gesetzt. Seine Mutter lebt und wird in Kurzem hier sein, um den Sohn abzuholen.
Das kann sein, sagte die Wittwe des Professors, aber ich habe es ofter gehort, dass, wenn man ein Kind brauchte und Gott keins gewahrte, man sich ein fremdes verschafft hat.
Meine theure Freundin, welchen Gedanken erregen Sie in mir, rief Dubois in freudiger Besturzung.
Ich werde hier bleiben, sagte die Professorin trotzig, bis die Frau Mutter kommt. Ich werde sehen, wie das zusammenhangt, denn so ahnlich sieht ein Mensch dem andern nicht durch Zufall.
Sie zeigen mir eine Hoffnung, sagte Dubois, indem er die Hande seiner Freundin zitternd fasste, die mein altes Herz nicht mehr zu hegen wagte; aber um Gottes Willen, lassen Sie uns der Grafin nichts davon sagen; ich glaube, sie wurde sterben, wenn wir in ihr eine Vermuthung erregten, die sich nur zu wahrscheinlich in kurzer Zeit als nichtig erweisen wird.
Glauben Sie nur sicher, erwiederte die Wittwe des Professors, dass ich schweigen kann, wenn ich will und wenn es mir nothig scheint. Ich rede nur, wo ich es fur gut halte, und meinen Schreck habe ich nun auch uberstanden. Ich werde jetzt auch mit dem Herrn St. Julien ganz ruhig reden konnen und werde meine Zeit abwarten, wenn ich es fur gut halte, hervorzutreten. Aber sagen Sie mir doch, hat denn die grosse Aehnlichkeit die Grafin auf gar keine Vermuthung gefuhrt?
Ich glaube wohl, erwiederte Dubois, dass sie beim ersten Anblicke des jungen Mannes eine schwache Hoffnung hatte, aber da ja seine Mutter lebt, so musste sie bald das Nichtige derselben erkennen.
So sind die vornehmen Leute, grollte seine Freundin. Dass man ein Kind stehlen kann, ist ihr gewiss noch gar nicht eingefallen. Nun ich betrachte es als eine Fugung Gottes, dass ich hieher habe kommen mussen, und ich werde mir die Frau Mutter des Herrn St. Juliens etwas genauer betrachten, ehe der hinweg geht, den ich fur unsern kleinen Herrn halte.
Der Haushofmeister fing selbst an nach so bestimmten Ausspruchen seiner Freundin Hoffnungen zu nahren und ermahnte nur die lebhafte Frau zur Behutsamkeit und Vorsicht, und Beide beschlossen, weder dem Grafen noch seiner Gemahlin das Geringste von ihren Vermuthungen vor der Ankunft der Mutter des jungen Mannes mitzutheilen, und dann ihr Betragen nach den Umstanden einzurichten.
Wahrend dieser verschiedenen Unterredungen war der Prediger mit dem Arzte in dessen Zimmer, wo Beide, wahrend sie eifrig Tabak rauchten, sich darin vereinigten, das Betragen des alten Lorenz und seines Sohnes zu tadeln, der Prediger aber dennoch dem Arzte rieth, sich kluger und mit mehr Massigung als bisher gegen Beide zu benehmen. Der Doktor Lindbrecht wollte ausser sich gerathen, dass ein Geistlicher ihn, wie er es nannte, zur Falschheit ermahnen wollte, da er mit seiner Feuerseele keinen Schurken sehen konne, ohne ihm seine Verachtung zu zeigen, und keinen Verlaumder, ohne ihn mit mannlicher Kuhnheit zu widerlegen. Der Pfarrer bewies mehr Geduld als gewohnlich gegen den Arzt, um ihm uberzeugend zu beweisen, dass dieses thorichte Angreifen des jungen Lorenz nicht allein fur ihn selbst unangenehme Folgen haben wurde, sondern auch leicht dem Grafen nachtheilig werden konne, so lange die Franzosen noch ihre Besatzung im Lande hatten und noch immer gewissermassen die Herren spielten. Sie horten ja selbst, schloss er, dass der elende Mensch, der junge Lorenz, sich wie mit einer ehrenvollen Sache damit brustete, dass er im Dienste eines franzosischen Generals sei. Bedenken Sie, was daraus alles entstehen kann, wenn Sie in so offenbarer Feindschaft mit ihm leben, dass Sie ihn angreifen, wo Sie ihn treffen.
Der Arzt sah endlich die Nothwendigkeit ein, die Glut seiner Seele zu beherrschen, wie er sagte, und er hatte bald Gelegenheit, eine Probe seiner Massigung und Klugheit abzulegen.
Als der Geistliche seinen widerstrebenden Freund endlich mit Muhe auf die Bahn der Klugheit geleitet hatte, begaben sich Beide nach dem Gesellschaftssaale, wo sie den Grafen und den Obristen schon fanden, noch in erste Gesprache vertieft, die den Obristen, so schien es, lebhaft angeregt hatten, denn er betrachtete mit Ruhrung sein schones Kind, als Emilie mit ihrer Freundin Therese fast zu gleicher Zeit den Saal betrat, begleitet von Marie und den Tochtern des Predigers, die sammtlich etwas erhitzt nach ihren lebhaften Spielen eintraten.
Da die jungen Manner sich ebenfalls mit der Gesellschaft vereinigten und kurz darauf auch die Grafin erschien, so konnte die Musik beginnen, worauf sich heute St. Julien besonders freute, da er ein zartliches Duett mit Emilie vorzutragen hatte, welches auch glanzend gelang, weil die eigene Empfindung sich den Tonen vertraute und Beide ihr unschuldiges Geheimniss, welches sie sich selbst noch nicht gestanden hatten, in fremde Worte gehullt, schwebend auf himmlischen Tonen, offentlich bekannten.
Es gibt wohl wenige Menschen, auf die Musik gar keinen Eindruck macht; auch war nicht Einer in der Gesellschaft, der sie nicht auf seine Weise empfand, aber doch war Niemand so davon ergriffen, als die Verwandte des Arztes. Die Wangen des jungen Madchens gluhten und die grossen blauen Augen strebten vergeblich die Thranen zuruck zu halten, die zu ihrer Angst und Qual wie Thautropfen auf Rosen glanzten.
Emilie naherte sich ihr nach beendigtem Gesange mitleidig, denn alle Schuchternheit, die sie im Garten bei lebhaften Spielen verloren hatte, war zuruckgekehrt in der ernsthaften vornehmen Gesellschaft. Macht Musik einen so traurigen Eindruck auf Sie, fragte Emilie das junge Madchen leise, dass Sie Ihre Thranen nicht zuruckhalten konnen?
O! flusterte Marie lebhaft und leise, ich habe niemals andern Gesang gehort, als in der Kirche und zuweilen von Studenten auf der Strasse, weil die Mutter mich nirgends hingehen liess. In der Kirche habe ich auch so mitgesungen, wie alle Andern, aber lieber Gott, was ist das fur ein Unterschied! Wie Sie hier sangen, war mir zu Muthe, als ob der Himmel geoffnet ware und die Engel von oben herunter sangen. Ja gewiss, ich habe es schon heute bemerkt, hier sind alle Herrlichkeiten vereinigt in diesem Schlosse und Garten, und die Menschen darin leben, wie die Seligen im Paradiese; durch diese Mauern dringt keine Noth, und was Jammer und Schmerzen bedeuten, wissen Sie nicht.
Emilie lachelte still. Sie dachte an die jammernden Gebete, die hier zum Himmel aufgestiegen waren, an die in diesen Salen verhallten Seufzer, an die zahllosen Thranen, die beinah alle Bewohner schon vergossen hatten, und entfernte sich von Marie, um nicht durch deren kindliches Gerede sich selbst zur Wehmuth stimmen zu lassen.
Die Stimmung der Gesellschaft veranderte sich, als ein Bote, den der Graf nach der nachsten Stadt geschickt hatte, zuruckkehrte und unter mehreren Briefen auch ein Schreiben an den Grafen mitbrachte, worin ihm aufgetragen wurde, den franzosischen Kapitain St. Julien ungesaumt vor den Kommandanten der Festung *** zu stellen, die Bescheinigung, dass solches geschehen sei, der Behorde einzuliefern und zugleich anzugeben, wesshalb er den besagten St. Julien bei sich behalten und auf welche Autoritat, statt ihn den Behorden einzuliefern.
Dieses Schreiben verscheuchte die Heiterkeit, die noch eben die Gesellschaft belebt hatte, denn es mahnte ernsthaft an die nahe Trennung, und rief ausserdem manches Ernste und Kummervolle lebendig hervor, was sich Jeder gern zu verhullen bestrebt hatte. Die Manner vereinigten sich, um zu berathen, was nun geschehen musse, und indem Alles uberlegt wurde, erkannte der Graf von Neuem, wie vielen Dank er dem Prediger schuldig sei, der damals schon, als St. Julien leblos in das Haus des Grafen gebracht wurde, mit Besonnenheit und Genauigkeit dafur gesorgt hatte, dass man gehorig antworten und sein Betragen rechtfertigen konnte. Es wurde nach ernsthafter Berathung beschlossen, dass gleich des anderen Tages St. Julien nach der Festung *** abreisen solle, begleitet von dem Grafen und dem Arzte, von dem Ersten, damit die fur die preussische Behorde erforderliche Bescheinigung nicht verweigert wurde, und von dem Zweiten, damit erforderlichen Falls ein Zeugniss abgelegt werden konne, durch welches der junge Mann gerechtfertigt wurde, so dass sein Ausbleiben von seinem Regimente nicht zu seinem Nachtheil fur eine willkuhrliche Handlung ausgegeben werden konnte. Sobald Sie die Bescheinigung vom Kommandanten erhalten haben, sagte der Prediger, dann senden wir mit dieser die Eingabe zugleich ein, die wir machten, um anzuzeigen, wie ein franzosischer Offizier verwundet im Walde gefunden worden sei, nebst dem Zeugnisse der Aerzte uber seinen gefahrlichen Zustand und dem Bescheide der Behorde, dass besagter Offizier so lange unter Ihrer Obhut bleiben konne, bis weiter uber ihn verfugt wurde, und so sind alle Unannehmlichkeiten vermieden. Der Graf sah diess wohl ein, und sein Blick trubte sich, nicht aus Besorgniss vor Unannehmlichkeiten, wie der Prediger zu glauben schien, sondern er verdusterte sich bei dem Gedanken an die baldige unvermeidliche Trennung. Er reichte St. Julien die Hand, die dieser zartlich druckte, indem er schweigend die grossen dunkeln Augen abwendete, die uberzustromen drohten.
Gustav naherte sich dem jungen Grafen, der sich still und sinnend an eine Fenstervertiefung lehnte, und dessen umwolkte Stirn zeigte, dass noch andere Gedanken sein Gemuth bewegten, und nicht allein die nahe Trennung. Emilie war blass geworden und hatte mit der Grafin den Saal verlassen. Der Arzt war, nachdem er vernommen hatte, dass sein Zeugniss bei dem franzosischen Generale vielleicht nothig sein wurde, im Gefuhle seiner Wichtigkeit einige Mal mit hastigen Schritten im Saale auf und abgegangen, und zog sich nun in sein Zimmer zuruck, einen weitlauftigen Krankenbericht aufzusetzen, den er dem Kommandanten der Festung *** vorzulegen gedachte, um ihn zu belehren, wie grundlich und vollkommen nach den Regeln der Kunst St. Juliens Wunden geheilt worden waren.
So war die Heiterkeit und Freude aus dem Kreise der Freunde entflohen und kehrte auch nicht fur diesen Abend zuruck, als man sich von Neuem vereinigte. Jeder fuhlte das Bedurfniss, sich ungestort seinen Gedanken zu uberlassen, und man trennte sich desshalb fruher als gewohnlich.
Der Graf und St. Julien waren am andern Morgen in Begleitung des Arztes nach der Festung *** abgereist, und der junge Graf, der sie zu Pferde eine Strekke begleitet hatte, war zuruckgekehrt, und wandelte einsam und traurig in den dunkeln Baumgangen des Gartens. Sein Schutzling und Freund, der junge Gustav, hatte sich zu ihm gesellt, und suchte angstlich und schweigend aus den truben Blicken seines Beschutzers dessen Kummer zu errathen. Endlich brach der Graf Robert das Schweigen, indem er sagte: Bald wird nun hier alles auseinander gehen, was sich so schon zusammen gefunden hat, und auch von Dir, mein guter Junge, muss ich mich nun bald trennen.
Sie haben es selbst gewollt, erwiederte der Jungling schuchtern, ich ware gern bei Ihnen geblieben.
Das ware eine Thorheit gewesen, versetzte der junge Graf. Dein eigenes Bestes fordert die Trennung, Du musst Deine Studien vollenden. Aber vergiss nur uber Deinen Studien nicht, dass Du ein Vaterland hast, denke daran, dass Dein Konig Deiner vielleicht in der Zukunft bedarf, und dass es die erste und edelste Pflicht aller Manner jedes Standes ist, ihrem Vaterlande ihren Arm zu leihen, wenn ihn dasselbe zu seinem Schutze bedurfen sollte; kurz, gedenke aller unserer Gesprache, die wir fuhrten, wenn wir unser Vaterland beweinten, aber gedenke ihrer in Deinem verschwiegenen Innern und lasse Dich nicht verleiten, Knaben zu vertrauen, woruber sich nur Manner berathen sollen. Lasse Dich nicht dadurch tauschen, dass Du vielleicht denkst, ich habe ja doch auch manches Ernste mit Dir besprochen, ohne Deine Jugend als Hinderniss zu betrachten. Dich hat ein hartes Schicksal erzogen und Dich fruhe gereift; Deine Seele ist mannlich geworden, obwohl Du noch ein Jungling bist.
Ich werde gewiss alle Ihre Lehren in treuer Brust bewahren, erwiederte der Jungling, und gewiss nicht der letzte sein, der, wenn es gilt, dem Vaterlande seine Dienste anbietet. Ich habe den Krieg in der Nahe gesehen, ich habe alle Leiden erfahren, die er herbei fuhren kann, und ich bin eben darum meiner um so gewisser, wenn es einmal dazu kommt; denn mich kann nichts Unerwartetes erschrecken und entmuthigen, und kein neuer grausenhafter Anblick kann meine Seele verwirren, und dennoch, wenn ich hier in diesen Baumgangen friedlich mit Herrn St. Julien auf und abgehe, so treibt mich oft der Gedanke auf ein Mal von ihm, dass er zu unsern Feinden gehort, und heute hat es mich recht mit Kummer erfullt, dass er nun zu seinen Fahnen zuruckkehrt.
Die Ehre gebietet es, antwortete der Graf finster, er kann nicht anders. Aber, sagte der junge Mensch angstlich, indem er den Arm des Grafen heftig druckte, ohne es zu wissen, wenn uns nun dieser gute, freundliche St. Julien, der uns beide liebt, der mich selbst die Waffen brauchen lehrt, ein Mal feindlich gegenuber steht, ist es nicht wie ein Brudermord, wenn wir unser Schwerdt auf seine Brust richten?
Gott wird solch Zusammentreffen verhuten, sagte der Graf abgewendet. Wenn es aber doch geschahe, fragte der Jungling dringend, was ware in solchem schrecklichen Falle unsere Pflicht?
Uns abzuwenden und einen Brudermord zu vermeiden, sagte der Graf, wenn es irgend moglich ist, ohne unsere Sache zu verrathen.
Und wenn wir aus der Ferne mit unserm Geschutz ihn niederschmettern und das Ungluck erfahren, wenn wir als Sieger das Schlachtfeld behaupten? fragte der junge Mensch mit bewegter Stimme.
Dann beweinen wir einen gefallenen Freund, sagte der Graf mit hervorbrechendem Schmerz. Was qualst Du mich mit diesen Vorstellungen? Das ist es ja eben, was meine Seele angstigt; ich habe diesen Menschen wie einen Bruder lieben gelernt. Ich sehe es ja, welche Bande ihn an diess Haus fesseln werden, und dennoch kann er uns nicht wahrhaft angehoren und das Schicksal fugt vielleicht einmal das Grasslichste. Doch, fuhr er nach einigem Besinnen fort, diese Schreckbilder drohen noch aus so weiter Ferne, dass es thoricht ist, sich diesen Sorgen jetzt schon hinzugeben.
Als die Reise des Grafen und St. Juliens den Abend vorher beschlossen wurde, hatte die Grafin den Obristen gebeten, mit seiner Tochter auf Schloss Hohenthal bis zur Ruckkehr der Herren zu verweilen, und dieser hatte gern ihren Wunsch erfullt, und Therese verliess am andern Morgen Emiliens Zimmer, wo sie die Nacht zugebracht, indem ihre Freundin sich zur Grafin begab, und wollte ungestort im Garten sich ihren Traumen und Hoffnungen uberlassen, denn der alte Obrist liebte sein einziges Kind zu sehr, als dass er ihr seine Unterredung mit dem Grafen hatte verschweigen konnen. Sie wandelte sinnend, ein milder Ernst ruhte auf der schonen gesenkten Stirn und ein halb wehmuthiges Lacheln umschwebte die wie Purpurrosen gluhenden Lippen. Vertieft in Gedanken, hatte sie nicht auf ihren Weg geachtet und keinen Gegenstand bemerkt, so dass plotzlich der Graf Robert und sein junger Freund vor ihr standen. Eine gluhende Rothe bedeckte beim Anblick des Grafen das edle, ausdrucksvolle Gesicht, und der Zauber der Schonheit, die ihm nie so reizend erschienen war, fesselte die Zunge des liebenden Mannes. Der Jungling Gustav zog sich nach den ersten Begrussungen zuruck, und Therese war allein mit dem Freunde unter dem blauen Himmel, der herbstlich mild sich uber ihnen wolbte. Der Graf fand endlich Worte, die lang gehegte innige Zartlichkeit seines Herzens zu enthullen, und Theresens Seele war zu einfach, das Gefuhl in ihrem Busen zu rein und edel, als dass sie es dem Freunde hatte verbergen mogen; aber dennoch versagten ihr die Lippen, als sie nach Worten suchte. Die schonen braunen Augen fullten sich mit Thranen und blickten mit so tiefer, ruhrender Zartlichkeit in die flehenden des geliebten Mannes, dass er die holde Antwort verstand und das liebliche Geschopf, von seliger Freude trunken, in seine Arme schloss. Er druckte einen Kuss auf den rosigen, lebenswarmen, unentweihten Mund, und indem ihn die Schauer des Entzuckens durchbebten, erschrak die unschuldige Jungfrau vor dem neuen, unbekannten Gefuhl und entwand sich sanft den umschlingenden Armen.
Der Graf hatte die schweigende Antwort verstanden, und fuhrte die Geliebte zum greisen Vater und bat hier um die Bestatigung seines Glucks. Der Obrist erhob die Hande dankend zum Himmel und flehte mit lautem, freudigem Gebet um Segen fur seine geliebten Kinder.
Es waren die Minuten des reinsten Entzuckens entschwunden, in denen der Mensch, in hoheren Empfindungen lebend, sich selbst und die Gegenwart vergisst. Die Erde trat wieder in ihre Rechte ein, und indem die irdischen Verhaltnisse wieder mit Klarheit hervortraten, wurden die Freunde an die Pflichten gegen diejenigen gemahnt, deren Grossmuth ihr Gluck erst moglich machte. Der Obrist fuhrte seine Kinder selbst zur Grafin, die er mit Emilien im Saale antraf, und machte ihr die beschlossene Verbindung bekannt. Er hatte diess mit Ruhe und Wurde thun wollen, aber ihn bewaltigte die Ruhrung und die Thranen flossen uber die vom Alter gefurchten Wangen. Ihnen und Ihrem edeln Gemahl, schloss er, danke ich die himmlische Ruhe meiner letzten Tage und das Gluck meines Kindes. Er wollte nach diesen Worten die Hand der Grafin kussen, sie aber entzog sie ihm, um ihn geruhrt und ehrerbietig zu umarmen. Sie sind ja unser aller Vater durch Ihr Gefuhl, sagte sie, und ich bin Ihnen Dank schuldig. Ich habe meinen Vater so fruh verloren, dass mein verwaistes Herz die ehrerbietige Neigung einer Tochter niemals empfand, bis ich sie, indem ich Ihr Wohlwollen erkannte, fuhlen lernte.
Emilie neigte sich gluckwunschend gegen den jungen Grafen und druckte mit inniger Liebe ihre Freundin an die Brust, und es durchzitterte ihren Busen ein so wehmuthiges Gefuhl, indem sie die junge, gluckliche Braut in ihren Armen hielt, dass sie den Saal verliess, sobald es, ohne auffallend zu sein, geschehen konnte, um in der Einsamkeit ein Gefuhl zu uberwinden, das sie um so mehr angstigte, weil es ihr wie eine Anwandlung von Neid erschien.
Als sie allein war, schien es ihr, als ob ein Schleier von ihrem inneren Auge hinweggehoben sei. Sie erkannte nun mit Klarheit, was ihre dunkle Sehnsucht schon lange angedeutet hatte. Das Leben ohne St. Julien schien ihr trube und ode, und mit unaussprechlicher Trauer musste sie sich eingestehen, dass die nachste Zukunft ihr das Gestirn entrucken wurde, das, ihr unbewusst, ihr die Bahn des Lebens bezeichnet hatte. Fruh gewohnt indess, die Schmerzen der Seele zu besiegen, kehrte sie nach einiger Zeit zur Gesellschaft zuruck, und ihre Stirn erschien so heiter, dass Niemand als die Grafin den Kummer ahnte, den ihre junge Brust verschloss.
XII
Die Reisenden hatten, um nach der Festung *** zu gelangen, mehr als eine Tagereise zuruckzulegen und erreichten den Ort ihrer Bestimmung erst den folgenden Morgen. Nachdem sie von der Fahrt ausgeruht und sich in schickliche Kleider geworfen hatten, begaben sie sich nach der Wohnung des Kommandanten. Im Vorzimmer trafen sie verschiedene Personen, die alle vorgelassen sein wollten, wie es dem Grafen schien. Ein Kammerdiener stand an der Thure, und der Graf naherte sich ihm und bat, indem er seinen Namen nannte, ihn zu melden. Der Kammerdiener neigte sich hoflich, indem er nach einem jungen Manne blickte, der in einer Fenstervertiefung eifrig mit Jemandem sprach. Des Grafen Augen folgten dem Blicke und er erkannte ohne Muhe den schwarz gekleideten jungen Mann, den er schreibend bei dem groben Verwalter angetroffen hatte, als er den Obristen Thalheim aus unwurdigen Verhaltnissen erloste. Ohne Verlegenheit naherte sich der durch den Wink des Kammerdieners Herbeigerufene, und des Arztes blitzende Augen begegneten den kaltblickenden dunkeln Sternen des jungen Lorenz. Ein Ausruf der Verachtung wurde nur mit Muhe unterdruckt, denn zur rechten Zeit fielen dem feurigen Arzte die Warnungen des Predigers ein, und er beschloss nun mit philosophischer Standhaftigkeit und mannlicher Wurde die Nahe eines Schurken zu ertragen. Der junge Lorenz naherte sich, ohne den Arzt weiter zu beachten, mit ruhiger, kalter Hoflichkeit dem Grafen und fragte, ob ein dringendes Geschaft ihn zum Kommandanten fuhre, da er nur in diesem Falle gemeldet werden durfe, weil seine Excellenz sehr beschaftigt sei.
Es lag ein so vollkommenes Vergessen aller Verhaltnisse in der mit unverschamter Hoflichkeit gestellten Frage, dass der Graf so gut wie der Arzt gezwungen war, sich zu beherrschen, um sich nicht durch einen Menschen verletzt zu zeigen, der dessen unwerth schien. Jener antwortete also mit Kalte, dass er darum ersuchen musse, ihn gleich zu melden, weil es allerdings dringend nothig sei, dass er seine Excellenz, den Herrn Kommandanten, sprache. Der junge Lorenz verliess ihn, wie es dem Grafen schien, mit einer spottischen Verbeugung, die sehr kalt erwiedert wurde, und verschwand durch die Thure, die zu dem Kommandanten zu fuhren schien.
Wenn die Thure geoffnet wurde, erwartete der Graf jedes Mal eingelassen zu werden, aber so oft einer, der Gehor gefunden hatte, das Kabinet des Kommandanten verliess, wurde ein anderer der Harrenden eingefuhrt, und den Grafen und seine Begleiter schien Niemand zu beachten. Der junge Lorenz erschien wieder im Vorsaale und ging an dem Grafen voruber, ohne ihn anzureden, und dieser konnte sich nicht uberwinden, seine Verwendung noch ein Mal zu fordern. Er erstaunte uber sich selbst, sich geduldig harrend in dem Vorsaal eines franzosischen Generals zu finden, und nur die Liebe, welche er fur St. Julien empfand, konnte ihn bestimmen, das Ende des sonderbaren Auftrittes ruhig zu erwarten.
St. Julien hatte ungeduldig umher gesehen, um einen Offizier zu erblicken, an den man sich wenden konne, aber nur Personen, die wie Kaufleute und Handwerker aussahen, waren als Bittende im Vorsaale, und der Kammerdiener an der Thur, dessen Augen immer fragend auf den auf und ab gehenden Lorenz gerichtet waren, so oft ein neuer Bittender in das Heiligthum drang.
Endlich blieb der junge Lorenz vor dem Arzte stehen und sagte mit grosser Geringschatzung: Wenn Sie bei seiner Excellenz etwas zu suchen haben, so thun Sie am Besten, mir Ihre Mittheilung zu machen, denn der Herr General wird sich schwerlich mit Ihnen einlassen, und auch gegen mich, bitte ich, sich kurz zu fassen, denn lange Auseinandersetzungen habe auch ich nicht Zeit zu horen.
Wer sind Sie denn eigentlich hier, fragte der Arzt mit unterdrucktem Grimme, dass Sie sich in die Geschafte des Herrn Generals mischen wollen? Es gehort eine grosse Beschranktheit des Geistes dazu, sagte Lorenz mit grosser Ruhe, es nicht ohne Frage einzusehen, dass ich hier angestellt bin; aber Sie werden doch nicht in so hohem Grade geistig kurzsichtig sein, um es nun nicht zu begreifen, dass ich Sie die ungezogene Frage kann bereuen machen.
Es war klar, dass Lorenz, der verschiedene Male von dem Arzte war schnode behandelt worden, ohne es rachen zu konnen, jetzt ihn veranlassen wollte, in der Heftigkeit, die ihm eigen war, sich zu vergessen und ungebuhrlich laut im Vorsaal des Generals zu werden. Durch ein solches Vergehen hoffte er den Arzt in so ernsthafte Unannehmlichkeiten zu verwikkeln, dass er alle empfangenen Beleidigungen auf ein Mal rachen konnte. Der Graf sah den Kunstgriff gelingen und wusste nicht gleich, wie er das beabsichtigte Ungewitter abwenden sollte, denn wenn er sich selbst entschloss, sich in das Gesprach der Beiden zu mischen, so konnte er nicht wissen, ob der Uebermuth des jungen Lorenz nicht so weit gehen wurde, auch ihn zu beleidigen, und er fuhlte, dass es seiner gleich unwurdig sei, eine Beleidigung dieses Menschen zu rugen, wie zu ertragen. Alle diese Gedanken flogen in einem Augenblicke mit Blitzesschnelle durch den Geist des Grafen und er sah unruhig auf den Arzt, der kampffertig da stand, mit gluhenden Wangen und halb zugedruckten blitzenden Augen. Nur eines Wortes hatte es noch bedurft und seine Brust hatte sich ohne Rucksicht des furchtbaren Zornes entladen; da rettete ihn ein Zufall, den er oftmals wahrend des Laufes seines Lebens segnete.
Die Thure wurde geoffnet, und ein Adjudant trat in den Vorsaal und sagte franzosisch: Der Herr General kann heute Niemand mehr horen, da andere Geschafte seine Zeit in Anspruch nehmen, und Wer noch etwas vorzutragen hat, mag morgen um dieselbe Stunde wieder erscheinen. Sagen Sie das deutsch, Herr Sekretair, fuhr er zu Lorenz gewandt fort, fur diejenigen, die nicht franzosisch verstehen.
Mit einem boshaften Blick auf den Arzt, wiederholte Lorenz, nachdrucklich betonend, die Worte des Adjudanten, und die noch im Saale gewartet hatten, verliessen ihn missmuthig, und Lorenz hatte die Unverschamtheit, mit eimem Ausdrucke der Verwunderung den Grafen anzusehen, so dass sein Blick zu fragen schien, was ihn nach dieser Erklarung noch bestimmen konne, zu verweilen.
Der Graf, auf's Aeusserste daruber emport, sich auf diese demuthigende Weise abgewiesen zu sehen, wollte eben den Adjudanten anreden, zu dem auch schon St. Julien treten wollte, als die Flugelthure geoffnet wurde und der Kommandant, von einigen Adjudanten begleitet, heraustrat. Der Graf, mit all der naturlichen Wurde, die ihm eigen war, und mit der Hoflichkeit der Gebehrden, die durch die Erziehung und das Leben in der grossen Welt erworben wird, trat dem Kommandanten entgegen und sagte: Mein Herr General, wenn es Ihre Zeit noch irgend erlaubt, so bitte ich Sie, mir, dem Grafen Hohenthal, und dem Kapitan St. Julien noch einen Augenblick Gehor zu verleihen.
Der General verbeugte sich verbindlich und fragte, zu dem Kammerdiener gewendet: Wesshalb sind die Herren nicht gemeldet? Der Kammerdiener deutete stumm auf Lorenz, und dieser sagte ohne alle Verlegenheit: Da Ew. Excellenz befohlen haben, die Personen nach der Reihefolge, wie sie gekommen sind, vorzulassen, und der Herr Graf mit seinen Begleitern zuletzt kam, so glaubte ich keine Ausnahme machen zu durfen. Es ist gut, sagte der General kurz; ich hatte Ihnen befohlen, vorlaufig die Vortrage derer zu horen, die nicht franzosisch verstehen, um Zeit zu ersparen. Vergessen Sie nicht, dass diess Ihr Hauptgeschaft ist. Er lud hierauf den Grafen und St. Julien ein, ihm in sein Kabinet zu folgen, und der Arzt schloss sich uneingeladen an, indem er einen triumphirenden Blick auf seinen Feind Lorenz schoss.
Mit acht franzosischer Hoflichkeit wurde das Geschaft behandelt. St. Julien fand nicht die Schwierigkeiten, die er befurchtet hatte. Er erhielt als dienender Offizier seines Regiments einen Urlaub auf zwei Monate, um seine Gesundheit zu befestigen, wie seine Mutter es ihm schon gemeldet hatte. Der Graf empfing die fur seine Behorde wichtige Bescheinigung, und der General dankte ihm verbindlich, dass seine Menschlichkeit einen hoffnungsvollen Offizier erhalten habe, den er damals, als er sich seiner angenommen, doch als einen Feind hatte betrachten mussen. Der Graf erwiederte, dass er uberzeugt sei, ein franzosischer Krieger wurde in ahnlichen Fallen eben so handeln und in dem leidenden Menschen keinen Feind erblicken. Wenn aber die Rettung des Kapitans, fuhr er fort, als ein Verdienst anerkannt werden muss, so darf ich mir diess nicht anmassen, denn mein Beistand wurde ihn kaum einige Stunden erhalten haben. Dass er lebt und bluhend vor uns steht, haben wir nur der Geschicklichkeit und dem Eifer des Herrn Doktor Lindbrecht zu danken. Der Graf erwahnte aus Mitleid das Verdienst des Arztes, denn dieser stand seitwarts und druckte mit grosser Verlegenheit sein ansehnliches Manuskript an die Brust, welches er in der Nacht ausgearbeitet hatte, um dem Kommandanten eine Uebersicht davon zu verschaffen, auf welche Weise die Heilung St. Juliens bewerkstelligt worden sei. Er hatte diess Manuskript im Busen, um es auf den ersten Wink vorzulegen, und nun richtete Niemand eine Frage an ihn, kein Mensch kummerte sich um ihn und er hatte alle seine Philosophie nothig, um diese Vernachlassigung des Verdienstes mit Anstand zu ertragen.
Der General sagte ihm nun noch einige verbindliche Worte, die sein Herz einigermassen erquickten, und entschuldigte sich gegen den Grafen, dass ihm seine Zeit fur jetzt nicht erlaube, das Vergnugen seiner Gesellschaft langer zu geniessen, er hoffe aber ihn und St. Julien bei der Mittagstafel zu sehen. Der Graf und sein junger Freund nahmen die Einladung an, und Alle verliessen das Kabinet des Generals, und indem sie den Vorsaal betraten, in welchem Lorenz noch auf und ab ging, nahmen alle drei Abschied vom General, der seine Einladung wiederholte und sagte: Ich hoffe, mein Herr Doktor, dass Sie den Herrn Grafen begleiten werden. Ein Sonnenschein triumphirender Genugthuung verbreitete sich uber des Arztes Gesicht, und nachdem er sich tief vor dem Generale gebuckt hatte, sah er seitwarts nach Lorenz, ohne ihn zu grussen, und ging wie ein siegender Held hinweg.
Mit sehr verschiedenen Empfindungen nahmen die drei Freunde das Mittagsmahl bei dem Kommandanten ein. Der Graf sowohl, als der General fuhlten, dass eine freundschaftliche Annaherung unmoglich sei, denn obgleich der Friede geschlossen war und die Franzosen nun als Freunde in Preussen zu stehen behaupteten, so konnte es doch einem einsichtsvollen Manne nicht entgehen, dass der Druck, den sie fortwahrend auf das Land ausubten, sie den Preussen nicht als solche zeigen konnte. Auch das eigne ritterliche Gefuhl sagte den bessern Franzosen, dass die Preussen, nach den grossen Demuthigungen, die sie erlitten, sich nicht eher aufrichtig mit ihnen versohnen konnten, bis die Schmach wieder getilgt ware. Es war also naturlich, dass der Graf und der General nur uber sehr allgemeine Gegenstande sprachen, und sich nur so weit naherten, wie es Mannern von Welt die Sitte gebietet. Der Arzt war Anfangs scheu in dieser ihm durchaus fremden Gesellschaft und sein schroffes, seltsames Betragen wurde hier noch auffallender, als unter schonenden Freunden; auch tadelte er sich innerlich, dass er, ohne dass die Pflicht es gebot, an einer Gesellschaft Antheil nahm, deren Dasein schon sein patriotisches Gefuhl verletzte, und er wurde vielleicht den Grafen gar nicht begleitet haben, wenn er nicht seinen Feind Lorenz hatte demuthigen wollen, der am Ende der Tafel sass, wohin der Arzt nun von Zeit zu Zeit ubermuthige Blicke richtete. Eine andere Furcht beunruhigte ihn noch. Er besorgte namlich, St. Julien werde, wie er es sich unter Freunden erlaubte, ihn auch hier zum Gegenstande des Scherzes machen, und er wusste nicht, wie er dann seine Fassung behaupten sollte; doch sah er zu seiner grossen Freude bald, wie ungegrundet diese Besorgniss war. St. Julien behandelte ihn hier unter Fremden mit der ernsthaftesten Achtung und sprach gegen die jungen bei der Tafel gegenwartigen Offiziere mit lebhafter Dankbarkeit daruber, wie er dem Eifer, der Geschicklichkeit und der unermudlichen, uneigennutzigen Sorgfalt seines Arztes und Freundes sein Dasein verdanke. Dies war genug, um die lebhaften Franzosen seine seltsamen Manieren vergessen zu machen, und sie uberschutteten den Arzt mit lebhaften und aufrichtigen Danksagungen dafur, dass er ihnen einen braven Kameraden erhalten habe. Der ubergluckliche Arzt bewegte sich heftig hin und her auf seinem Stuhle, um nach allen Richtungen hin, uber seine erfullte Pflicht sprechend, fur das ihm bezeigte Wohlwollen zu danken. Erstaunt war er aber, dass die Franzosen sein Franzosisch grosstentheils nicht verstanden, und dass es ihnen St. Julien oft wie eine fremde Sprache ubersetzen musste, und zum ersten Male kam er auf die Vermuthung, dass es nicht Anmassung und Eigensinn sein mochte, wie er fruher glaubte, wenn ihm Dubois Winke uber seine Aussprache des Franzosischen gegeben und zuletzt, da er sie nicht beachtet, nur immer Deutsch mit ihm geredet hatte.
St. Julien schien bei dem Anblick franzosischer Uniformen und Feldzeichen alle andern Verhaltnisse vergessen zu haben. Mit Begeisterung erfullten ihn die Berichte von Schlachten und Siegen, an denen seine Tischgenossen Theil genommen hatten, und er seufzte uber die Unthatigkeit, zu der er selbst indess durch seine gefahrliche Verwundung war gezwungen worden. Er fragte nach manchen von seinen Bekannten und Kameraden, und wenn er auch von vielen horte, dass sie in den Schlachten geblieben waren, in denen er nicht mitgefochten zu haben beklagte, so hatten doch auch andere militarischen Rang und Ehren erkampft, wahrend sein eigener Ehrgeiz unbefriedigt blieb, und er betrachtete mit einer Art von Neid ihr Loos.
Als das Gesprach schon eine Zeit lang mit Lebhaftigkeit uber alle diese Gegenstande gefuhrt worden war, sagte einer der Adjudanten zu St. Julien: Da Sie doch nach so vielen von Ihren Bekannten und Kameraden sich mit Theilnahme erkundigen, so wundert es mich, dass Sie gar nicht an die drei Bruder Lambertis denken, die doch beinah Ihr Geschick getheilt hatten.
Was ist aus ihnen geworden? fragte St. Julien mit grosser Bewegung. Der alteste, erwiederte der Adjudant, ist in der Schlacht bei Friedland geblieben, der zweite ist mit seinem Regimente nach Italien gegangen, und den jungsten, der bei Friedland einen Arm verloren hat, habe ich vor einigen Monaten in Berlin gesprochen; er hatte die Absicht nach Paris zu gehen. Mit seiner Gesundheit aber stand es in Folge seiner gefahrlichen Verwundung noch so schlecht, dass er bei meiner Abreise noch in Berlin bleiben musste, um sich einigermassen zu erholen, ehe er die weite Reise unternehmen konnte. Er theilte mir auch Ihr ungluckliches Ende mit, denn er hielt Sie fur todt.
Und was sagte er daruber, fragte St. Julien mit grosser Spannung. Er erzahlte mir, sagte der Adjudant, dass Sie beim Marsche Ihres Regiments einen Abend in heiterer Gesellschaft mit den Lambertis zugebracht, darauf des andern Morgens etwas spat mit ihnen ausgeritten waren, und um an dem gegebenen Sammelplatze wieder mit Ihrem Regiment zur rechten Zeit zusammentreffen zu konnen, hatten Sie einen Fuhrer angenommen, der Sie auf kurzeren Wegen durch das Gebirge zu fuhren versprochen habe. Dieser aber sei ein Verrather gewesen, denn er habe Sie ganzlich vom Wege abgeleitet, und endlich waren Sie in der Einode eines sich weit ausdehnenden Waldes auf ein kleines Detachement preussischer Truppen gestossen, bei deren Anblick Ihr Wegweiser sogleich entflohen sei. Von den Preussen angegriffen, hatten Sie, theurer St. Julien, nach der tapfersten Gegenwehr Ihrem Schicksale erliegen mussen, und auch Ihre Freunde, die Lambertis, waren nahe daran gewesen, Ihr Loos zu theilen, weil sie sich, aus mehreren Wunden blutend, schon ermattet gefuhlt hatten, als Hornertone aus der Ferne das feindliche Detachement vermuthlich zu seinem Regimente riefen, denn ohne sich um den Todten zu bekummern und ohne die Lebenden weiter zu bekampfen, waren die Feinde so eilig als moglich davon gesprengt, und den Lambertis blieb nichts ubrig, als ihren gefallenen Freund zu beweinen. Der jungste Lamberti hatte Ihre Uhr, Ihren Ring und Ihr Taschentuch zu sich genommen, um bei seiner Ruckkehr nach Frankreich Ihrer Mutter diese traurigen Zeichen von dem unglucklichen Ende eines geliebten Sohnes zu uberreichen.
Es ist ein Gluck, sagte St. Julien mit sehr bewegter Stimme, dass meine Muter anders unterrichtet ist und also, wenn der theilnehmende Bote die Zeichen meines Todes uberreicht, nicht so heftig erschuttert werden kann, wie er vermuthlich erwartet.
Und verhalt es sich so mit der Geschichte Ihres Unglucks, wie eben erzahlt wurde? fragte der General.
Alles verhalt sich so, erwiederte St. Julien, der mit grosser Anstrengung seine Fassung zu behaupten strebte. Der Graf hatte wahrend dieses Gesprachs St. Julien aufmerksam beobachtet, und ihm entging es nicht, wie gewaltsam dieser sein Gefuhl niederkampfte. Bei der letzten Antwort begegneten die Blicke des junges Mannes denen des Grafen, und eine dunkle Rothe bedeckte augenblicklich sein Gesicht, wodurch der Letztere uberzeugt wurde, die Sache verhalte sich anders.
Sie lebten in grosser Vertraulichkeit mit den Lambertis, begann der Adjudant von Neuem. Ich glaube, Sie sind sogar verwandt.
Weitlauftig, sehr entfernt, erwiederte St. Julien kurz, um das Gesprach zu endigen.
Die Lambertis sind aber Italiener, sagte der Adjudant.
Die Mutter meines Vaters war eine Italienerin, erwiederte der junge Mann, und ich hoffe diesen Freunden und Verwandten noch als wieder erstandener Todter den gebuhrenden Dank fur ihre Theilnahme an meinem unglucklichen Ende abzustatten.
Dem Grafen entging die Zweideutigkeit dieser Antwort nicht und er fing an zu glauben, dass St. Julien uber seine beinah todtliche Verwundung darum ein hartnackiges Stillschweigen beobachtet hatte, um nicht Grauel und Verbrechen seiner eigenen Familie zu enthullen. Er suchte ihn also auch jetzt von der unangenehmen Nothwendigkeit zu erlosen, noch mehr uber diesen Gegenstand zu sprechen, und gab der Unterhaltung durch einige zweckmassige Fragen eine andere Richtung.
Endlich wurde die Tafel aufgehoben und die Gesellschaft trennte sich. Es war leicht zu bemerken, dass St. Juliens naturliche Heiterkeit ihn verlassen und einem truben, ernsten Nachdenken Platz gemacht hatte. Der Graf fuhlte sich erleichtert, als er, im Gasthofe angekommen, die nothigen Befehle geben konnte, um die Ruckreise nach Schloss Hohenthal anzutreten, denn der Aufenthalt unter franzosischen Kriegern, umringt von ihren Fahnen und Feldzeichen, beklemmte seine Brust, und ihn verwundete tief, was St. Julien in Entzucken versetzt hatte. Beide gaben sich also aus verschiedenen Grunden einem schwermuthigen Sinnen hin. Nur der Arzt war vollkommen heiter; er hatte den vollstandigsten Sieg uber seinen Feind Lorenz davon getragen, der an der Tafel des Kommandanten wenig war beachtet worden, wahrend er selbst, nach seiner Meinung, die grossten Auszeichnungen genossen hatte. Er war auch der erste, der Neigung zeigte, ein Gesprach anzufangen, als sie die Festung hinter sich hatten. Ich hatte nicht gedacht, begann der Arzt seine Rede, dass die Franzosen so hoflich und liebenswurdig sein konnten, wie ich sie heute gefunden habe, und wenn sie den Uebermuth aufgeben wollten, alle anderen Volker zu beherrschen, so wurde ich mich nicht weigern, sie als Kinder der civilisirten Welt, als Bruder in der grossen europaischen Familie zu betrachten.
Der Graf musste bemerken, dass die letzte Unterhaltung an der Tafel des Kommandanten der Festung *** einen tiefen Schatten in St. Juliens Seele gesenkt hatte, da selbst diese Aeusserung des Arztes seine Laune nicht erregte und er es dem Grafen uberliess, eine Antwort darauf zu geben, dessen Stimmung ebenfalls nicht heiter genug war, um in alle Ansichten des Arztes einzugehen. Es wurden also ziemlich stumm die ersten Meilen zuruckgelegt. Je mehr sie sich aber Schloss Hohenthal naherten, um so lebhafter fuhlte St. Julien das Gluck, noch zwei Monate in dem Kreise seiner Freunde verweilen zu durfen, und die Lebhaftigkeit des Geistes, der Frohsinn der Jugend waren zuruckgekehrt, noch ehe der Wagen durch das Thor des Schlosses rollte.
Der Graf Robert eilte den Ankommenden entgegen, und wie einen neu gewonnenen Freund schloss er mit grosser Freude St. Julien in die Arme, denn er hatte innerlich gefurchtet, der Kommandant der Festung *** wurde Schwierigkeiten machen, die Ruckkehr zu erlauben, und vielleicht darauf bestehen, dass St. Julien sogleich zu seinem Regiment abreisen solle. Die Grafin bewillkommnete ihn mit sichtbarer Ruhrung, und Emilie, die halb hinter derselben verborgen stand, sendete einen Blick zartlicher, seliger Freude zu ihm hinuber, der ihm das Herz in seinen Tiefen bewegte, und ihm schien es, als ob er jetzt es zum ersten Male wahrhaft und mit ungemessener Dankbarkeit empfande, wie wahr und innig er in diesem Hause geliebt sei, wo ihn die zartesten Bande umschlossen.
Als die ersten freudigen Begrussungen voruber waren, wollte der Graf den Frauen erzahlen, wie bereitwillig der Kommandant ihren Wunsch erfullt habe, aber ehe er noch seinen Bericht begann, erschien der Prediger, der es wusste, dass die Freunde diesen Abend zuruck erwartet wurden, um so bald als moglich zu horen, wie es bei dem feindlichen General gelungen, und zu sehen, ob St. Julien wirklich wieder zuruckgekehrt sei, woran auch er, wie der Graf Robert, gezweifelt hatte. Die Freude und die Gluckwunsche wurden bei seinem Eintritte erneuert, aber er selbst kurzte sie gern ab, um zu erfahren, was der Graf uber seinen kurzen Aufenthalt in der Festung *** mittheilen wurde. Dieser konnte naturlich nur die Hoflichkeit und Gefalligkeit des Kommandanten ruhmen, der ihnen ohne alle Schwierigkeiten die Freude gewahrt hatte, St. Julien noch zwei Monate bei sich zu sehen, und zwar ohne Nachtheil fur den jungen Mann. Zwei Monate schienen den jungen Leuten eine betrachtliche Zeit, und ein unbewusst schnell gewechselter Blick zwischen Emilie und St. Julien sprach ohne ihren Willen diese Meinung aus, und erregte in jedem ein trostliches Gefuhl. Der Graf erzahlte dem Prediger die merkwurdige Ungezogenheit des jungen Lorenz, und dieser rief hochst entrustet: So werden Sie doch dem Vater dieses ubermuthigen Menschen die Pension nicht langer zahlen, die er von Ihnen zieht?
Und wie hinge das, was ich dem Vater versprochen habe, mit dem Betragen des Sohnes zusammen? fragte der Graf.
Glauben Sie denn, dass er weniger schlecht und undankbar ist, als der Sohn, erwiederte der Prediger; glauben Sie, dass er Ihre Unterstutzung im Mindesten verdient oder auch jetzt nur bedarf?
Sie haben gewiss Recht, antwortete der Graf, und ich bin ganz Ihrer Meinung. Auch gestehe ich Ihnen, hatte ich diese unwurdige Familie bei meiner Ankunft gekannt, so wie ich sie jetzt kenne, dass dann meine Unterstutzung wenigstens nicht so bedeutend ausgefallen sein wurde, trotz der langen Dienstjahre, die der Alte geltend macht. Da ich aber aus Mangel an richtiger Kenntniss mein Wort einmal gegeben habe, so kann ich mich nicht wieder zuruckziehen, obwohl ich einsehe, dass der alte Lorenz nicht sowohl so viele Jahre gedient hat, wie er sich ruhmt, als vielmehr sich und seine Familie verschwenderisch hat erhalten lassen, ohne Nutzen zu stiften, und gewiss hatte er dafur keine Belohnung verdient; aber, wie gesagt, die Sache lasst sich nun nicht mehr andern und wir mussen uns darein ergeben.
Es ist aber argerlich, sagte der Pfarrer, dem noch Wohlthaten zuwenden zu sehen, der jetzt wieder mit Uebermuth wie ein reicher Mann unter uns auftritt. Er hat das kleine Gut Schonthal gepachtet und lebt dort ganz wie ein Edelmann. Ich war neugierig, seine Einrichtung zu sehen, und brachte ihm desshalb selbst die vierteljahrige Pension hin, die Sie ihm zukommen lassen. Ich erstaunte, wie ausserordentlich gut er das Haus meublirt hat, und er hatte die Unverschamtheit, mir mit seinem widrigen Lacheln zu sagen: Da jetzt so viele Edelleute in der schweren Kriegszeit, die Gott uber uns verhangt hat, zu Grunde gehen, so kommt man wohlfeil an alle diese Dinge, Herr Prediger, und ich kann nach Gottes gnadigem Willen in meinem Alter doch noch fuhlen, dass ich ein Mensch bin, so gut wie alle die Herren. Das Geld, welches ich ihm brachte, warf er so gleichgultig in seinen Schreibtisch, als ware es fur ihn eine ganz geringe Summe und keineswegs eine Unterstutzung, die er der Grossmuth verdankt, sondern die Bezahlung einer unbedeutenden Schuld. Mein Schreiber soll die Quittung aufsetzen, sagte er vornehm, ich werde sie unterzeichnen, denn meine Augen werden schwach und erlauben mir nicht mehr viel zu schreiben. Ich argerte mich so sehr uber sein ubermuthiges Betragen, dass ich ihn etwas zu demuthigen beschloss und daher sagte: So wurden Sie wohl jetzt keine Urkunden mehr abschreiben konnen, wenn sich die Gelegenheit darbote? Nein, das wurde mir nicht mehr moglich sein, antwortete er sehr freundlich ohne alle Verlegenheit, auch habe ich es Gottlob nicht mehr nothig, solche Arbeiten zu machen, und bin durch Gottes Gnade so eingerichtet, bester Herr Prediger, dass ich in meinem Hause nur uber Dinge zu sprechen brauche, die mir angenehm sind. Ich wollte den alten Sunder verlassen, aber er bestand darauf, ich musste den Abend bei ihm bleiben, und ich fand seinen Tisch ausserordentlich gut besetzt. Man hat die Gottesgabe, bemerkte er, weit billiger, als die vornehmen Herren, denn die Kenntnisse, die ich mir in der Jugend erwarb, schutzen mich besser vor Betrug. Das kann ich begreifen, erwiederte ich ihm, so dass er die Beziehung verstehen musste. Freilich, freilich, antwortete der Schelm ohne alle Verlegenheit, es begreift sich leicht. Wer so lange, wie ich, in herrschaftlichen Hausern lebt, macht auch seine Studien, nur anders wie die Gelehrten, Herr Pfarrer. Bei Tische wurden sehr gute Weine angeboten, und der Alte sagte mit unertraglicher Heuchelei: Gott hat mir gute Kinder geschenkt, die fur ihren alten Vater sorgen. Mein lieber Sohn hat mir einige Kisten Wein gesendet. Lieber Gott, er ist in einer Lage, wo er das alles mit Leichtigkeit erwirbt, und er will nicht, dass das schwache Licht meines Lebens erloschen soll, und sucht desshalb die Flamme zu nahren; nun, der Herr wird es ihm vergelten. Er sagte mir hierauf, dass in der nachsten Woche seine beiden Kinder ihn auf einige Tage besuchen wurden, um seinen siebzigsten Geburtstag festlich zu begehen, und er lud mich so dringend dazu ein, dass ich zusagen musste. Als er mein Versprechen hatte, fing er an, wie er sagte, aus Freude daruber, unmassig zu trinken, und ich verliess ihn im Zustande thierischer Betrunkenheit und schamte mich, dass ich ein solches Mahl mit einem solchen Menschen hatte theilen konnen. Auch war ich naturlich entschlossen, sein Haus nicht wieder zu betreten, obgleich ich gern sehen mochte, wie sich die saubere Familie an diesem Feste gebehrden wird. Auch mochte ich wissen, wo sich seine Tochter aufhalt, nachdem sie den franzosischen General verlassen hat, der Alte gab daruber nur ausweichende Antworten. Ist es denn nun, schloss der Prediger, nach allem diesem nicht unertraglich, dass dieser ubermuthige Mensch noch Wohlthaten empfangen soll, deren Werth er so wenig erkennt?
Sie haben Recht, erwiederte der Graf, und nur ein gegebenes Wort bestimmt mich, eine Unterstutzung fortzusetzen, die allerdings, wie ich selbst einsehe, besser angewendet werden konnte.
Der Geistliche konnte hierauf nichts weiter erwiedern, und wurde von der Unterredung mit dem Grafen durch einen lebhaften Streit zwischen dem Arzte und St. Julien abgezogen, an dem nach und nach die ganze Gesellschaft Theil nahm. Der Arzt behauptete namlich mit grosstem Eifer, da die Franzosen in Deutschland waren, so ware es ihre Schuldigkeit, deutsch zu lernen, und sie mussten es wie eine hofliche Gefalligkeit betrachten, wenn man sich dazu verstande, franzosisch mit ihnen zu reden, und hatten gar kein Recht, weder uber schlechte Aussprache noch sonstige Mangel dabei zu lachen. St. Julien scherzte uber den Gedanken und fand die Vorstellung ungemein belustigend, dass also, wenn ein Feldzug eroffnet werden sollte, die erste Vorbereitung dazu durch die Sprachmeister in verschiedenen Zungen gemacht werden musste.
Der Graf, der sich in das Gesprach mischte, sagte: Sie wurden Recht haben, lieber Doktor, wenn die Franzosen zu uns als Bittende, Hulfesuchende kamen; da sie aber leider als Sieger hier sind, so konnen sie wohl erwarten, dass wir unsere Gesuche in ihrer Sprache vortragen, denn es mochte zu unserm eigenen Nachtheil gereichen, wenn wir diess nicht verstanden, und so schafft eine Gewohnheit selbst, die mir immer so ausserordentlich albern erschienen ist, doch auch ihren Nutzen, freilich bei einer unerfreulichen Gelegenheit.
Welche Gewohnheit? fragte der Prediger neugierig.
Der seltsame Gebrauch, erwiederte der Graf, der seit Jahrhunderten immer weiter um sich gegriffen hat, in den gebildeten Familien statt der Landessprache die franzosische zu reden, und nicht etwa gegen Franzosen oder uberhaupt gegen Fremde, nein, unter sich, so dass recht in ihrem Herzen eine jede Familie ihrer Nationalitat entaussert und fremd, franzosisch, zu werden sucht.
Tadeln Sie die Kenntniss und den Gebrauch fremder Sprachen, fragte St. Julien verwundert, da Sie selbst mehrere grundlich kennen und lieben?
Der Graf antwortete lachelnd: Kaiser Karl der Funfte sagte, ein kluger Mann, der vier Sprachen redet, ist so viel werth, als vier kluge Manner, und der Meinung bin ich auch. Aber wurden Sie sich nicht wundern, wenn in den franzosischen Salons auf ein Mal deutsch oder englisch von allen Menschen geredet wurde, die darauf Anspruch machen, zu den Leuten von gutem Tone zu gehoren, und Jeder diess fur vornehmer hielte, als wenn er an seinem eigenen Heerde sich der Sprache seines Landes bediente? Wurden nicht alle wahren Franzosen ein solches antinationales Beginnen auf das Heftigste und zwar mit Recht tadeln? Und liegt nicht der Gedanke ganz nahe, wenn ich mich immer eines fremden Idioms bediene, um meine besten Gefuhle, sinnreichsten Gedanken und witzigsten Einfalle darin auszudrucken, dass die Sprache des Landes vernachlassigt werden, roh und ungebildet bleiben muss? In Deutschland hat ein gebildeter Mittelstand die Sprache lebendig ausgebildet, und gewiss dadurch viel zu dem Glanze und der Anmuth beigetragen, die wir neben der Tiefe und Innigkeit bei den vorzuglichsten Schriftstellern unserer Nation bewundern. Die Vornehmen haben seit lange besser verstanden, sich franzosisch als deutsch auszudrucken.
Es ist wahr, sagte St. Julien, auch die Italiener erwarten, dass man in ihrem Lande ihre Sprache mit ihnen redet, aber ich habe diess immer fur Unwissenheit gehalten.
Zum Theil, sagte der Graf, mag es so sein. Aber noch weiter gehen in dieser Forderung die Englander, und gewiss nicht aus Unwissenheit, sondern aus sehr zu lobendem Nationalstolze; denn ich wenigstens begreife nicht, worauf sich die Vaterlandsliebe am Ende stutzen kann, wenn eine Nation alles Eigenthumliche, bis auf ihre Sprache selbst, bei sich zu vertilgen strebt. Ein Bequemlichkeit ist indess, wie nicht zu laugnen ist, aus dieser lacherlichen Gewohnheit entstanden, dass namlich die franzosische Sprache die geistige Scheidemunze des Lebens geworden ist und man nur diese eine zu erlernen braucht, um sich vom Tajo bis zur Newa und noch weiter hinaus verstandlich zu machen.
Und das ist doch ein grosser Vortheil, rief St. Julien.
Fur die Franzosen, erwiederte der Graf; sie gewinnen dabei am Meisten, selbst an Bequemlichkeit, denn sie brauchen sich nicht mit dem Studium einer einzigen fremden Sprache zu bemuhen, selbst nicht fur ihre diplomatischen Unterhandlungen, denn auch diese werden in der Regel in franzosischer Sprache gefuhrt, und ich weiss nicht, ob Jemand daran gedacht hat, welch ein grosser Vortheil den Franzosen schon allein dadurch zugestanden ist, dass mit ihnen in ihrer Landessprache unterhandelt wird, die ein geistreicher Mann immer besser zu benutzen verstehen wird, wie eine fremde, wenn er sie sich auch noch so sehr zu eigen gemacht hat.
Aber eine Sprache muss doch bei diesen Verhandlungen angewendet werden, sagte der Prediger, und so wurde es nicht zu vermeiden sein, dass eine Nation in dieser Rucksicht begunstigt wird.
Ehedem, bemerkte der Graf, wurden alle Staatsgeschafte verschiedener Nationen lateinisch verhandelt, und ich begreife nicht, wesshalb diess jetzt lacherlich und pedantisch gefunden wird. Es war wenigstens Gerechtigkeit darin, eine Sprache, die keine lebende Sprache eines Volkes mehr ist, und die folglich alle Parteien erlernen mussten, in Fallen anzuwenden, wo es so sehr darauf ankommt, kein Uebergewicht zu gestatten.
Das Gesprach wurde dadurch unterbrochen, dass Dubois eintrat und nach einem leisen Gesprach mit dem Grafen Robert das Zimmer mit demselben verliess. Alle, selbst der Graf nicht ausgenommen, waren verwundert uber das Geheimnissvolle in der Art, wie der Haushofmeister den jungen Grafen abgerufen hatte, und erwarteten mit einiger Unruhe seine Ruckkehr. Nach einigen Minuten erschien er wieder im Saale, und Ernst und Unruhe hatten sich auf seiner Stirn gelagert. Zwei ehemalige Regimentskameraden, sagte er zu seinem Oheim, bitten mich fur diese Nacht um Gastfreundschaft, die naturlich ich nicht ohne Ihre Erlaubniss gewahren kann, und ich komme desshalb
Lieber Vetter, unterbrach ihn der Graf mit leichtem Unwillen, bedarf es noch einer Frage, ob mir Ihre Freunde willkommen sein werden.
So erlauben Sie mir, erwiederte sein Verwandter mit einiger Verlegenheit, mich fur heute mit ihnen zuruckzuziehen und fur die Bequemlichkeit meiner Gaste in Ihrem Hause zu sorgen, denn der eine ist nicht wohl; doch, hoffe ich, wird er sich nach der Ruhe der Nacht erholen, und ich werde Ihnen, ehe sie weiter reisen, Beide vorstellen konnen.
Er verliess nach diesen Worten von Neuem den Saal, der Graf blickte ihm verwundert nach. Der Prediger war so lebhaft aufgeregt von diesem Vorfalle und versenkte sich in so tiefes Nachdenken daruber, was dieser geheimnissvolle Besuch zu bedeuten haben konne, dass er die sehr merklichen Winke des Arztes ubersah, der sich ebenfalls mit ihm zu entfernen und ihm etwas anzuvertrauen wunschte. Der Graf konnte sich einer leichten Unruhe nicht erwehren; er vermuthete, dass dieser Besuch mit Verbindungen im Zusammenhange stehe, in die sich sein Verwandter, wie er wusste, eingelassen hatte, und er furchtete, dass vielleicht eine Unbedachtsamkeit den jungen Mann in Verantwortung bringen und ihn selbst mit hinein ziehen konne. Er wurde also nachdenkend und still, und es gelang endlich dem Arzte, den Prediger auf sein Zimmer zu fuhren, um ein wichtiges Geheimniss in dessen Busen niederzulegen. Endlich, fing er triumphirend an, bester Herr Prediger, kann ich Ihren lang gehegten Wunsch befriedigen und Ihnen den vollstandigsten Aufschluss uber eine Sache geben, die Sie sich so oft vergeblich bemuht haben zu erfahren.
Und uber welche Sache ware Ihnen diess moglich? fragte der Geistliche mit Spannung. Ueber die wunderbare Verwundung unseres guten Herrn St. Julien, erwiederte der Arzt mit selbstgefalligem Lacheln.
Was haben Sie daruber erfahren, fragte mit Eifer der Pfarrer, und bei welcher Gelegenheit? Sie wissen, antwortete der Arzt, ich kummere mich nicht sonderlich um die Angelegenheiten der Menschen, wenn sie nicht mit meiner Kunst zusammenhangen, und ich wurde auch diess Mal um meinet Willen nicht so aufmerksam darauf gewesen sein, denn fur mich ist es die Hauptsache, dass ich den jungen Mann hergestellt habe. Wie er zu seinen Wunden gekommen, ist mir eigentlich gleichgultig, aber die Freundschaft hat ihre Rechte. Also um Ihret Willen, bester Freund, horte ich genau hin und pragte mir die ganze Unterredung an der Tafel des Kommandanten so genau ein, dass ich sie Ihnen Wort fur Wort wiederholen kann. Er that diess hierauf mit grosser Umstandlichkeit und fragte mit selbstzufriedenem Lacheln, als er geendigt hatte, seinen aufmerksamen Zuhorer: Was sagen Sie nun, habe ich nun nicht den Zusammenhang der ganzen Sache zu Ihrer Kenntniss gebracht, und bin ich ganzlich unfahig, wie Sie so oft behauptet haben, einer Sache meine Aufmerksamkeit zu schenken, die nicht mit meiner Wissenschaft zusammenhangt?
Und halten Sie denn diese Erklarung fur die aufrichtige, wahre? fragte der Geistliche etwas verachtlich. Die geringste Ueberlegung hatte Ihnen ja sagen mussen, dass, wenn sich die Sache so verhielte, St. Julien keine Ursache gehabt hatte, sie uns allen so angstlich zu verschweigen, und dass er uns, wenn diess der richtige Zusammenhang der Sache ware, diese Mittheilung denselben Tag gemacht haben wurde, an welchem Sie ihm zu sprechen erlaubten.
Mann, Sie haben Recht! rief der Arzt, von seinem Sitze aufspringend, Sie sind ein wahrer Macchiavell an Scharfsinn.
Bedeutend ist in Ihrem Berichte, erwiederte der Prediger, dass die erwahnten Italiener des jungen Mannes Verwandte sind. Nun, fuhr er nach einigem Nachdenken fort, ich gebe es noch nicht auf, der Sache auf den Grund zu kommen, so wie manchem Geheimnissvollen in diesem Hause. Sagen Sie mir doch morgen, wenn Sie nach dem Dorfe reiten, um Ihre Kranken zu besuchen, ob die heut angekommenen Gaste auf dem Schlosse geblieben sind. Auf den Fall wurde ich doch morgen wieder herkommen, um sie mir anzusehen. Der Arzt gab das verlangte Versprechen, und der Pfarrer trennte sich von ihm in wohlwollender Stimmung.
XIII
Es waren kaum einige Minuten verflossen, nachdem der Prediger den Arzt verlassen hatte, und dieser fing eben an sich auszukleiden, wobei er aus tiefster Brust in abwechselnden Tonen gahnte, als seine Thure geoffnet wurde und Graf Robert zu seinem Erstaunen bei ihm eintrat. Bester Herr Doktor, redete ihn dieser mit verstorter Miene an, mit Angst und Sorgen habe ich gewartet, bis der Prediger Sie verlassen hat, um Ihre Hulfe in Anspruch zu nehmen. Ich weiss, Sie sind ein verschwiegener Mann und treuer Freund.
So weit die Welt mich kennt, sagte der Arzt, sich in die Brust werfend, wird mir Niemand diese Eigenschaften absprechen.
Eben darum, erwiederte der junge Graf, nehmen wir unsere Zuflucht zu Ihnen. Einer meiner jungen Freunde ist in eine Ehrensache verwickelt, ein Duell war die Folge, in dem er verwundet worden ist. Er scheint sehr zu leiden und weigerte sich doch standhaft, Sie fruher um Ihren Beistand zu bitten, als bis Sie allein sein wurden, denn Verschwiegenheit ist in seiner Lage durchaus nothwendig.
Sie konnen darauf rechnen, sagte der Arzt, der seinen Rock schon wieder angezogen hatte, meine Lippen schweigen wie das Grab. Das ist die Pflicht des Arztes, und Sie wissen, dass ich alle meine Pflichten erfulle. Nach diesen mit grossem Nachdruck gesprochenen Worten, nahm er alle chirurgischen Instrumente zusammen, so wie alles zum Verband Erforderliche. Diese Sachen werden wir vermuthlich brauchen, sagte er mit einem schlauen Lacheln, da Sie des Wundarztes mehr, als des Doktors zu bedurfen scheinen.
Er folgte nun dem jungen Grafen nach dessen Zimmer, wo sie seine beiden Freunde und den jungen Gustav antrafen. Sie haben den jungen Menschen in Ihre Geheimnisse eingeweiht, sagte der Arzt, indem er verwundert einen Schritt zurucksprang; verlassen Sie sich auf seine unbedachtsame Jugend?
Sein Sie ruhig, erwiederte der Graf, ihn hat ein hartes Schicksal fruh gereift; seiner Vorsicht durfen wir uns unbedingt vertrauen.
Wenn das ist, sagte der Arzt, so verdient er die hochste Achtung. Aber, fuhr er mit bedenklicher Miene fort, wenn Ihr Geheimniss nicht verschwiegen bleibt, so denken Sie daran, dass Sie es mir nicht allein vertraut haben. Nach diesen Worten naherte er sich dem Kranken, der in einem Lehnstuhle sass und sehr zu leiden schien. Sein Gesicht war bleich wie das eines Todten, und die blauen, zuckenden Lippen deuteten auf heftige Kalte, die den ganzen ermatteten Korper zu beben zwang. Der hat ein tuchtiges Wundfieber, sagte der Arzt, zum Grafen gewandt; sein Zustand muss sogleich untersucht werden. Er naherte sich hierauf dem Kranken und sagte mit etwas heftiger Stimme: Und warum liegen Sie denn bei Ihrer Ermattung nicht ordentlich ausgekleidet im Bette?
Sein Arm ist so aufgeschwollen, sagte der junge Graf, dass wir ihn nicht von seinem Rocke zu befreien vermochten.
Der Arzt sah, dass selbst uber Hand und Finger sich eine starke Geschwulst verbreitet hatte. Er antwortete nichts, sondern nahm aus seinem Besteck eine Scheere und schnitt den Aermel des Rocks der Lange nach auf. So klug hatten Sie lange sein konnen, sagte er, sich an den jungen Gustav wendend, der ihm zu seiner Beschaftigung leuchtete, weil er diese verweisenden Worte nicht an die andern Gegenwartigen geradezu richten und ihnen doch eine Lehre fur die Zukunft geben wollte. Als der Verwundete von seinem beschwerlichen Kleidungsstucke befreit war, zeigte es sich, dass seine Wunden unter dem Verbande stark geblutet hatten, und es war nicht moglich, den alten Verband ohne Schmerzen abzunehmen. Wahrend nun der Arzt hiemit beschaftigt war, rief er mehrere Mal: In welchen Handen sind Sie gewesen? Wie haben Sie sich einem Menschen anvertrauen konnen, der nicht einmal einen Verband aufzulegen versteht? Das ist ja arger, als ob Sie unter die Wilden gerathen waren, denn die werden es doch noch besser verstehen, eine Wunde zu verbinden. Der junge Graf suchte ihn zu beruhigen, indem er ihm sagte, dass sein Freund nicht hatte daran denken konnen, fur seine Gesundheit zu sorgen, indem er nur auf seine Sicherheit habe Rucksicht nehmen konnen, und desshalb waren schon zwei Tage verflossen seit dem ersten Verbande. Wenn Sie meinen Verband nach sechs Wochen abnehmen wollten, erwiederte der Arzt mit Verachtung, so wurden Sie ihn immer noch in ganz anderm Zustande antreffen.
Wahrend dieser Rede war es endlich gelungen, die Wunde zu befreien, und der Arzt heftete einen langen, bedeutenden Blick auf den jungen Grafen, indem er einen Ausruf, der seinen Lippen entschlupfen wollte, gewaltsam zuruck drangte und dabei so wunderliche Gesichter machte, dass nur der Ernst des Augenblicks so machtig auf seine Umgebung wirken konnte, dass sich keine Spur von Lachlust zeigte. Der Graf mochte nicht fragen, aber ihn selbst hatte der Anblick der Wunde und der ganz blau aufgelaufene Arm belehrt, dass das Uebel seines Freundes zu den ernsthaften gehorte. Mit schonender, leichter Hand hatte der Arzt die schlimme Wunde gereinigt und den kunstgemassen Verband aufgelegt, und der Kranke fuhlte sich sehr erleichtert. Der Graf gab ihm von seiner Wasche, und der Arzt half ihn in eine bequeme Lage auf sein Lager bringen. Auch diess schien in ihm eine wohlthatige Empfindung zu erregen. Als alles diess beendigt war, fragte der Arzt den Kranken: Was haben Sie gegessen zu Abend? Gar nichts heute den ganzen Tag, erwiederte dieser, der mit diesen Worten zuerst das bis jetzt beobachtete Schweigen brach. Obgleich die Stimme matt und krank war, so erkannte sie der Arzt dennoch, und sprang im hochsten Erstaunen drei Schritte zuruck und rief: wunderbar! hochst wunderbar! Der junge Graf gerieth in den verzeihlichsten Irrthum, dass der Arzt die lange Enthaltsamkeit seines Freundes so lebhaft bewunderte, und sagte daher: Die heftigen Schmerzen haben den Armen gehindert, an Nahrung zu denken. Ach was! rief der Arzt, ich dachte jetzt nicht an Lebensmittel; aber was mich erschutterte, davon ist jetzt nicht Zeit zu reden. Jetzt muss ich als Arzt, als Menschenfreund handeln. Ihr Freund muss durchaus einige leichte, starkende Nahrung haben, desshalb wird es nothig sein, Dubois gewissermassen in unser Geheimniss zu ziehen. Er ist ein braver Mann, ob er gleich ein Franzose ist, wie wir ja uberhaupt einige achtungswerthe Subjekte von dieser Nation kennen gelernt haben; und er ist sehr dienstfertig, obgleich er hier im Hause sehr verwohnt wird. Man muss sich an ihn wenden, damit er Ihrem kranken Freunde etwas Kraftbruhe verschafft, denn er darf nicht langer ohne Nahrung bleiben. Sie hatten mir diess nur mit wenigen Worten auftragen durfen, sagte der junge Gustav empfindlich. Herr Dubois ist der menschenfreundlichste Mann von der Welt und wird gewiss sogleich aus dem Bett aufstehen, um herbei zu schaffen, was Sie bedurfen. Nach diesen Worten ging der junge Mensch hinweg, und der Arzt beobachtete noch eine Zeit lang den Kranken; dann sing er an, seine auf dem Tische ausgebreiteten Instrumente sorgfaltig zu reinigen und einzupacken, und er hatte diess Geschaft noch nicht geendigt, als der Jungling schon wieder eintrat und eine Schale Kraftbruhe fur den Kranken selber brachte. Der Arzt eilte, um diesen im Bette aufzurichten und, wahrend er die dargebotene Nahrung nahm, zu unterstutzen. Der Kranke fuhlte die wohlthuende Wirkung der Nahrung, die er zu sich genommen, und senkte sein Haupt unmittelbar darauf zum Schlaf auf die Kissen nieder.
Der Arme! sagte Graf Robert, er hat zwei Nachte ohne Ruhe, gepeinigt von Sorgen, zu Pferde zugebracht, und diesen ganzen Tag ohne Nahrung, weil die Schmerzen der schlecht verbundenen Wunde zu heftig wurden.
Wir wollen nun sehen, sagte der Arzt, wie es morgen sein wird. Ich werde nicht eher kommen, als bis Sie mich rufen, damit ich nicht unnutz seinen Schlaf store, denn Ruhe bedarf Ihr Freund vor allen Dingen. Sobald er aber erwacht ist, zogern Sie keinen Augenblick mich zu rufen. Nach diesen Worten ging der Arzt hinweg, um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben, deren Bedurfniss er auch zu fuhlen begann.
Der Graf Robert schlief wenig in dieser Nacht. Der angstliche Zustand seines verwundeten Freundes hatte keinen andern Gedanken bis jetzt Raum gegeben, als nur solchen, die dazu dienten, dessen Schmerzen zu erleichtern. Jetzt aber, in der Stille der Nacht, uberliess er sich dem Nachdenken. Er wusste noch nicht, welche Mittheilungen ihm beide Freunde zu machen hatten, und er wunschte den Morgen herbei, um sowohl den Zusammenhang des Unglucks, welches den einen betroffen, zu erfahren, als auch zu der Kenntniss zu gelangen, welche Art von Beistand sie eigentlich von ihm erwarteten. Der Verwundete, sein ehemaliger Regimentskamerad, ein Herr von Wertheim, war entschlummert; der Andere, welcher gleichfalls bei demselben Regimente mit dem Grafen gedient hatte und ein Baron Lehndorf war, warf sich unruhig auf dem Lager umher, und der Graf horte seine tiefen Seufzer, und er bemerkte, dass sein bekummerter Gast erst in einen unruhigen Schlummer fiel, als schon der Morgen zu dammern begann. Endlich behauptete die Natur ihr Recht und auch die Augen des Grafen Robert waren geschlossen. Ein sanfter Schlummer ruhte auf den Augenliedern der drei Freunde, als der Arzt mit leisen Schritten, von Gustav begleitet, in das Zimmer schlich. Er hatte sich gewundert, dass ihn noch Niemand gerufen hatte, und wunderte sich nun noch mehr, hier noch Alles in sanften Schlaf versenkt anzutreffen. Er naherte sich behutsam dem Lager des Kranken und betrachtete ihn aufmerksam. Wenn Sie nun, wendete er sich trostend zu Gustav, dieses jugendliche, bleiche Gesicht betrachten, dem der Kummer unverkennbar seine Zuge aufgedruckt hat, wenn Sie diesen wehmuthigen Mund ansehen, werden Sie wohl glauben, dass diese Gliedmassen und Lineamente dem rohesten Menschen angehoren? Verwundert und zweifelnd sah der Jungling den Arzt an. Ich weiss, was ich sage, rief dieser, durch die zweifelnde Miene seines Zuhorers beleidigt, die nothige Vorsicht vergessend, und der Kranke schlug die blauen Augen auf, und zugleich ermunterten sich die andern Schlafer. Nun, wie geht es heute, fragte der Arzt den Verwundeten; es thut mir leid, dass ich Ihre Ruhe gestort habe.
Wunderbar, erwiederte der Verwundete mit tiefer, wohltonender Stimme, vor deren Klang aber der Arzt ein wenig zuruckbebte, wunderbar hat Ihre Hulfe und die Ruhe der Nacht meine Schmerzen gelindert, und ich fuhle, dass ich aufstehen kann, ohne meine Krafte anzustrengen. Erst wollen wir Ihren Arm betrachten, sagte der Arzt, dann wird es sich zeigen, ob Sie aufstehen konnen. Der Verband wurde abgenommen und der Arzt uberzeugte sich bald, dass der schlimme Anschein am vorigen Abend ihn getauscht habe, der wahrscheinlich daher entstanden war, weil der junge Mann seine Krafte mehr angestrengt hatte, als die menschliche Natur erlaubt, denn er hatte, ohne zu ruhen, seine Reise zwei Tage und zwei Nachte zu Pferde fortgesetzt. Dadurch war die Wunde gereizt und das heftige Wundfieber erregt worden, auch mochte der schlechte Verband das Uebel vermehrt haben. Sie konnen aufstehen, sagte der Arzt gleichgultig, nachdem er den neuen Verband aufgelegt hatte. Es ist gar keine Gefahr, dass Sie den Arm verlieren konnten, wie es mir gestern schien, und man kann auch heute ein vernunftiges Wort, wie ein Mann zum Manne, mit Ihnen reden, ohne dass ein einsichtsvoller Arzt die Erschutterung Ihrer Nerven zu sehr befurchten muss.
Die Augen aller Anwesenden waren mit dem Ausdrucke des hochsten Erstaunens auf den Arzt gerichtet, denn Niemand begriff, was auf diesen Eingang folgen sollte.
Ja, ja, meine Herren, sagte dieser, indem er mit Selbstgefuhl umherblickte, Sie sehen mich an und Ihre Mienen drucken Verwunderung uber meine Rede aus, aber Sie, mein junger verwundeter Herr, dessen Name ich nicht die Ehre gehabt habe zu erfahren, obgleich wir nun zum zweiten Male bei einer merkwurdigen Gelegenheit zusammentreffen, was ware denn nun aus Ihnen geworden, Wer hatte hier Ihre Wunden verbinden sollen, wenn Sie mich, wie Sie vor einigen Monaten beabsichtigten, zum Fenster hinaus geworfen hatten? Nach einem solchen Sturze hatte ich wahrscheinlich Niemandem mehr meine Hulfe angedeihen lassen konnen, und Falls ich mich auch vollkommen erholt hatte, so weiss ich doch nicht, ob meine Philosophie mich so stark gemacht haben wurde, dem hulfreiche Hand bieten zu konnen, der seine Hande feindlich und gewaltthatig an mich gelegt hatte. Dass dieses Ungluck vermieden ist, haben Sie nur dem Herrn Grafen zu verdanken.
Der Arzt hatte seine Rede noch viel langer fortsetzen konnen, denn alle Zuhorer waren so erstaunt, dass Niemand daran dachte, ihn zu unterbrechen. Als er endlich schwieg, trat der Graf Robert zu ihm und sagte, indem er ihm sanft die Hand auf die Schulter legte: Bester Doktor, reden Sie im Fieber?
Keineswegs, erwiederte der Arzt, indem er sich der Beruhrung entzog. Der Kranke weiss auch recht gut, dass dem nicht so ist, denn seinem Gedachtnisse wird es nicht entschwunden sein, dass er hier mit seinen Heerschaaren anruckte und statt hoflich, wie es dem Freunde ziemte, seinen Bedarf fur Rosse und Manner zu fordern, das Schloss gewissermassen mit Sturm zu nehmen dachte, und friedliche, wissenschaftlich gebildete Einwohner, die sich nicht Landesverrather wollten schelten lassen, zum Fenster hinaus zu werfen drohte.
Wie, rief der Kranke, indem er sich erhob; so bin ich hier unter dem Dache des Franzosenfreundes?
Sie sind unter dem Dache des edelsten Mannes, meines Oheims, erwiederte Graf Robert mit Ernst.
Wie ist es denn? sagte der verwundete Herr von Wertheim, dieser Arzt spricht ja doch, als ob ich im Hause des Mannes ware, von dem damals angezeigt wurde, dass er wahrend des ganzen Krieges einen franzosischen Offizier bei sich habe, mit dem er in der grossten Vertraulichkeit lebe.
Den habe ich hier, den franzosischen Offizier, rief der Arzt mit gluhenden Wangen und funkelnden Augen, und Sie konnen ihn sehen. Vollkommen habe ich ihn hergestellt, gesund und bluhend kann ich ihn zeigen, und so gut kann es Ihnen auch werden, wenn Sie sich vernunftig betragen.
Der Graf eilte den Arzt zu unterbrechen, dessen steigende Hitze unangenehme Auftritte zu veranlassen drohte, wie er auch in seinem Eifer ganzlich vergass, dass er den Kranken zu schonen habe. Diesem theilte nun der besonnenere Freund St. Juliens Verhaltnisse in diesem Hause mit, und massigte die aufbrausende Hitze des Arztes am Besten dadurch, dass er, nachdem er den traurigen Zustand beschrieben, in welchem der junge Franzose im Hause seines Oheims aufgenommen wurde, es ruhmend anerkannte, dass er nur durch die Geschicklichkeit des Arztes lebe und seiner Familie zuruckgegeben werden konne.
Wenn dem so ist, erwiederte Herr von Wertheim, und wie konnte ich daran zweifeln, da ich von Ihnen, theurer Freund, die Aufklarung erhalte, so habe ich in thorichter Hitze Ihren Oheim sehr beleidigt; ja, ich gestehe, ich habe mich so vergessen, dass nur allein die Verzweiflung, die in meinem Herzen tobte, mich einigermassen entschuldigen kann. Sie wissen es selbst, wo wir uns zeigten, gewahrten wir den Untergang unseres Vaterlandes. Feigheit und Verrath zerrissen das Herz unseres Konigs und seiner Getreuen, und es ist begreiflich, dass die Verlaumdung Eingang fand. Aus diesen Grunden, hoffe ich, wird mir Ihr Oheim vergeben, und Sie werden auch Ihren Freund, den Herrn Doktor, bewegen, mir seine Verzeihung zu bewilligen.
Als Christ, rief der leichtversohnliche Arzt mit feierlicher Stimme, als Christ habe ich Ihnen langst vergeben; als Mensch verzeihe ich Ihnen jetzt und als Arzt, fugte er hinzu, indem er die Augen halb zudruckte und schalkhaft blinzelte, denke ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt zu sammeln, und das wird mir nicht schwer werden, denn Ihre Verwundung wird mir nicht so viel Noth machen, wie die des armen St. Julien. Sie haben nur durch die Vernachlassigung so viel gelitten, aber er war in einem traurigen Zustande, und stolz schlagt das Herz in meiner Brust, so oft ich ihn ansehe, denn ohne mich wurde er langst im Grabe ruhen und konnte alle die Possen nicht treiben, mit denen er uns belustigt, aber auch mich zuweilen argert.
Nachdem die Versohnung erfolgt war, fruhstuckte der Arzt in bester Freundschaft mit den drei Herren und eilte dann seine Kranken zu besuchen, so wie sein dem Prediger gegebenes Versprechen zu erfullen und ihm zugleich das wunderbare Zusammentreffen mit einem Manne zu vertrauen, dessen feindselige Gesinnung einst seinem Leben Gefahr gedroht hatte; doch wollte er dessen Verwundung, wie er es gelobt hatte, pflichtmassig verschweigen.
Als der Arzt die Freunde verlassen hatte, wurden alle Gesichter ernster. Der Graf Robert erwartete die Mittheilung, die ihm gemacht werden sollte, und seine Gaste fuhlten die Nothwendigkeit zu reden.
Sie sehen uns hier bei Sich, theurer Freund, begann der Baron Lehndorf, in einem traurigen, ungewissen Zustande.
Lass mich reden, unterbrach der junge Wertheim den Sprechenden, die Erwahnung aller traurigen Umstande, die beruhrt werden mussen, wurde Dich noch mehr als mich verletzen, wie ich Dein Gemuth kenne. Der Baron schien dem Freunde gern das Recht der Rede einzuraumen und lehnte sich still, mit bekummerter Miene in den Sessel zuruck.
Es ist keine Schande, arm zu sein, begann der Herr von Wertheim, denn die zufalligen Gaben des Glucks bestimmen nicht den Werth des Menschen; desshalb sage ich es ohne Errothen, dass meine Jugend und Gesundheit mein einziges Vermogen waren, denn die sehr verschuldeten Guter meiner Familie sind schon mehrere Geschlechter hindurch das Erbe einer andern Linie, und meine Vorfahren hatten sich ruhmlich, wenn auch nicht prachtig, durch Kriegsdienste und Staatsamter erhalten. Meinen Vater hatte ich fruh verloren, und meine sehr krankliche Mutter lebte mit meiner Schwester von einer kleinen Pension sehr beschrankt, so dass ich selbst zuweilen noch einen Theil meines massigen Gehaltes anwenden musste, um ihren kummerlichen Haushalt zu unterstutzen. Mit meinem Freunde Lehndorf verband mich fruh eine bruderliche Neigung, und die zunehmenden Jahre steigerten diese bis zur innigsten Freundschaft, die sich in jeder Stunde unseres Lebens treu bewies. Der junge Mann sprach diese Worte mit bewegter Stimme, indem er seinem Freunde die Hand reichte, und fuhr dann mit ruhigerem Tone fort: Lehndorf war in einer besseren Lage als ich. Er war allein, und ein kleines Erbe unterstutzte ihn so lange, bis er hoffen durfte, eine Eskadron zu bekommen, er genoss also seine Jugend ohne druckende Sorgen. Es konnte bei unserer Vertraulichkeit nicht fehlen, dass er meine Schwester kennen lernte. Ihre Jugend und Liebenswurdigkeit machten Eindruck auf das Herz meines Freundes, und sie schien eine Empfindung zu theilen, von der wir hofften, dass sie unser Lebensgluck erhohen wurde. Es ward bestimmt, sobald Lehndorf eine Eskadron bekame, dass alsdann der Segen der Kirche ein gluckliches Paar vereinigen und mir den zum Bruder weihen sollte, den ich langst als solchen liebte. Von heftiger Bewegung ergriffen sprang der Baron Lehndorf von seinem Sitze auf und eilte einige Mal hastig durch das Zimmer. Nachdem er sich gesammelt hatte, fuhr sein Freund also fort: So standen die Sachen, als der Krieg ausbrach. Welche ungluckliche Wendung er nahm, ist bekannt. Die Pension meiner Mutter wurde nicht ausgezahlt, und ich traf meine Familie in der grossten Armuth, als ich mit meinem Freunde zuruckkehrte, der durch den unglucklichen Frieden so wie ich verabschiedet war. Jetzt schienen alle Hoffnungen zertrummert und wir hatten dem grossten Elende erliegen mussen, wenn mein Freund nicht grossmuthig den Rest seines kleinen Erbes mit uns getheilt hatte.
Lehndorf machte eine ungeduldige Bewegung. Warum willst Du mich zwingen zu verschweigen, rief sein Freund, was die Wahrheit zu bekennen fordert, und was ich Dir eben so einfach und treu geboten hatte, wie Du mir, wenn die Verhaltnisse die umgekehrten gewesen waren? Zum Grafen gewendet fuhr er darauf fort: Das Liebesgluck meines Freundes musste verschoben werden bis zu einer besseren Zeit, die wir alle nicht aufgeben konnten zu hoffen. Meine Schwester gelobte die zartlichste Treue, und unsere Sorgen richteten sich auf die nachste Zukunft. Sie selbst nahmen Theil an der innigen Verbindung deutsch gesinnter Freunde, und kennen die Verpflichtungen und den edeln Zweck unserer Vereinigung. Also konnen Sie denken, dass wir nicht zogerten, als mir und meinem Freunde der Auftrag wurde, einige ehemalige Kameraden, die so wie wir verabschiedet und in Unthatigkeit lebten, zu prufen und wo moglich fur unseren edeln Zweck zu gewinnen. Wir eilten den Wunsch unserer Bruder zu erfullen und lebten daher nah an zwei Monate entfernt von unseren Lieben. Ein feindliches Schicksal wollte, dass wahrend dieser Zeit ein franzosisches Regiment, welches bis jetzt zur Besatzung gehort hatte, von einem anderen abgelost wurde, und dass der Obrist des einruckenden seine Wohnung in dem Hause nahm, wo auch meine Mutter und Schwester in strenger Zuruckgezogenheit ein Paar Zimmer im Hinterhause bewohnten. Der Obrist hatte eine deutsche Frau, oder wenigstens galt sie dafur, denn ihre gemeinen Sitten haben mir Zweifel uber die Art der Verbindung erregt, in welcher sie mit dem Obristen lebte. Diese suchte, unter dem Vorwande, dass ihr als einer Deutschen der Umgang mit deutschen Frauen ein Trost sei, die Bekanntschaft meiner Mutter, und es gelang ihr durch manche kleine Dienstleistungen leicht, eine schwache, krankliche Frau fur sich zu gewinnen, so wie sie die unerfahrene Jugend meiner Schwester benutzte, um diese ganz in ihren Kreis hinuber zu ziehen. Als ich und mein Freund nach muhevollen, nur halb gelungenen Geschaften zuruckkehrten, und die kleine Wohnung betraten, wohin mich kindliches und bruderliches Gefuhl, und meinen Freund die Sehnsucht einer innigen, treuen Liebe zog, uberraschte uns, da wir unvermuthet erschienen, ein seltsamer Anblick. Meine Schwester stand vor uns in reizender Bluthe der Jugend und Schonheit, geschmuckt mit allem Tand, den die Mode fordert, um auf einem Balle zu glanzen. Ein Schrei des Schrekkens entfuhr dem unglucklichen Geschopf, so wie sie uns erblickte, und meine schwache Mutter suchte ihre Verlegenheit zu uberwinden, um die nothige Auskunft zu geben; so erfuhren wir, ein Ball, den der Obrist gebe, sei die Veranlassung des festlichen Putzes. Die deutsche Frau des franzosischen Kriegers habe die Einwilligung meiner Mutter erbeten, die ihrer armen einsamen Tochter doch auch nicht hartherzig jede Lust des Lebens habe verweigern wollen. Und als ich fragte, Wer denn den Tand bezahlt habe, der meine Schwester umflatterte, erfuhr ich, dass dieser der Frau Obristin gehore, die meine Schwester so lieb gewonnen habe, dass sie Alles mit ihr zu theilen wunsche. Sie konnen wohl denken, wie tief ich die zehnfache schmahliche Erniedrigung empfand, dass meine entartete Schwester bereit war, mit den Feinden ihres Vaterlandes im Tanze sich zu vereinigen, gegen die ihr Bruder und ihr Brautigam jeden Augenblick mit Freuden gekampft haben wurden, auch den letzten Tropfen ihres Herzblutes nicht sparend, um sie von der Erde zu vertilgen, und dass die Tochter eines Edelmannes sich nicht schamte, um diess zu konnen, den nichtigen Putz aus den Handen derselben Feinde zu empfangen, die ihr Vaterland zertreten und beraubt hatten, um nun mit diesem Raube eine prahlerische, entehrende Grossmuth zu uben. Ich sagte meiner Mutter und Schwester alles, was mein emportes Gemuth mir eingab, und nur meinem Freunde gelang es mich zu besanftigen, indem er um Schonung fur die Geliebte bat. Es versteht sich, dass aller Putz sogleich zuruckgesendet werden musste, und meine unvermuthete Ankunft diente als Entschuldigung dafur, dass meine leichtsinnige Schwester nicht auf dem Balle erschien. Aber ich hatte die Krankung zu erfahren, dass es nicht das erste Mal war, dass meine Mutter und Schwester sich geneigt gezeigt hatten, solchen Einladungen zu folgen, und ich musste erfahren, dass letztere auf fruheren Ballen, ungestort durch einen murrischen Bruder, hatte glanzen und Beifall gewinnen konnen. Mit scheinbarer Demuth hatte sie meine heftigen Verweise hingenommen; sie war blass und still. Ich verbot allen Umgang mit den Franzosen auf's Strengste und glaubte, dass mir punktlich Folge geleistet werden wurde. Gegen meinen Freund verhielt sie sich leidend und liess sich seine Zartlichkeit eben nur gefallen, und er machte mir Vorwurfe, indem er behauptete, meine heftige Art zu tadeln habe einen tiefen, schmerzlichen Eindruck auf das zarte Gemuth meiner liebenswurdigen Schwester gemacht. Auch die Mutter meinte, so gar gross konne das Versehen nicht sein, da ja ihre Tochter nicht die einzige deutsche Dame sei, die auf den Ballen des Obristen getanzt habe. Da ich Mutter und Schwester nach wenigen Tagen wieder verlassen musste, um noch unausgefuhrte Auftrage zum Besten unserer Verbindung zu besorgen, so liess ich mich, im Vorgefuhle der nahen abermaligen Trennung, leichter versohnen, und der Friede in unserer kleinen Familie war hergestellt. Als ich nach wenigen Tagen mit meinem Freunde von Neuem abreisen musste, forderte ich von meiner Schwester das Versprechen, sich wahrend unserer Abwesenheit fern von den Feinden des Vaterlandes zu halten und keiner leichtsinnigen Lust nachzugeben. Sie reichte mir ohne zu antworten die Hand, indem ihre Augen von Thranen uberflossen. Ich hielt das fur ein feierliches Versprechen, und nachdem ich meiner Mutter meine Wunsche ernstlich an's Herz gelegt, reiste ich mit meinem Freunde ruhig dahin, wohin unsere Bestimmung uns fuhrte. Wir fuhlten uns beide unbehaglich in der Ferne, mein Freund in dem Verlangen, das Gemuth meiner Schwester wieder vollig mit sich auszusohnen, denn ihm schien es, als ob meine Strenge ihre Liebe zu ihm vermindert habe, und ich, weil ein dunkles Gefuhl mir sagte, dass diese Schwester einer anderen Aufsicht, als der einer zu schwachen Mutter, bedurfe. Wir eilten also beide nach wenigen Wochen zuruck, wenn auch mit manchen Sorgen im Herzen, doch ohne Ahnung des Jammers, der uns erwartete. Wir fanden die Mutter allein, verzweifelnd, dem Tode nah, die Schwester war verschwunden. Als unsere starre Verzweiflung so weit nachliess, dass wir nach den naheren Umstanden fragen konnten, erfuhren wir, den Tag nach unserer Abreise habe der Bruder des Obristen ebenfalls die Stadt verlassen, um nach Paris und von dort zu einem Regimente an der spanischen Granze zu gehen; in der folgenden Nacht sei meine Schwester verschwunden. Ein zuruckgelassener Brief an die Mutter erklarte mit all den Redensarten, die jetzt so haufig gemissbraucht werden, sie sei durch eine unwiderstehliche Leidenschaft zu diesem Schritte gezwungen worden. Ein Kastchen, worin sie manche Kleinigkeiten aufhob, war vermuthlich im Drange dieser Leidenschaft vergessen worden, denn darin fanden sich mehrere Briefe, die den Gegenstand ihrer Neigung bezeichneten, dem die Ungluckliche das Gluck des Lebens, die Ehre ihrer Familie und das Herz des edelsten Mannes geopfert hatte. Es war niemand anders als der Bruder des Obristen, und einige deutsche Billets von der Hand der Frau oder Geliebten des Obristen belehrten uns, dass sie das Ganze geleitet hatte.
Mit diesen Briefen in der Hand liessen wir uns beim Obristen melden. Wir wollten von ihm den Weg erfahren, den sein Bruder genommen, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen und die Ungluckliche ihrem Verderben zu entreissen. Er wollte die Sache leicht franzosisch nehmen und gab ausweichende Antworten. Als mein Freund heftig und dringend wurde, sagte er lachend, fur so unritterlich und unbruderlich wurden wir ihn doch nicht halten, dass er selbst uns seinem Bruder nachsenden wurde, um ihm sein Gluck zu entreissen. Als ich mit Heftigkeit von der Genugthuung sprach, die der erlittene Schimpf fordere, sagte er kaltblutig, er sei bereit, diese im Namen seines Bruders zu geben. Ich nahm ihn beim Worte und der nachste Tag wurde zur blutigen Entscheidung bestimmt. Mein grossmuthiger Freund liess den kleinen Rest seines Vermogens beinah ganz in den Handen der kranken, ihre Schwachheit zu spat bereuenden Mutter und sehnte sich statt meiner, von der Kugel des Franzosen zu sterben. Ich bestand auf meinem Recht, er war mein Sekundant. Wir trafen am andern Morgen mit unserm Feinde zusammen; seine Kugel streifte mir den Arm und riss eine grosse Wunde hinein, ich aber traf meinen Gegner, wie wir glauben mussen, todtlich, denn er blieb leblos in den Armen seines Sekundanten, der uns wohlmeinend zur Flucht antrieb, und mein Freund riss mich besinnungslos hinweg.
Herr von Wertheim schwieg. Tiefer Ernst lag auf der Stirn des Grafen, und Lehndorf bedeckte sein Gesicht mit der Hand, den Arm auf die Lehne des Sessels stutzend. Nach kurzem Schweigen fuhr Wertheim fort: Alle unsere Handlungen nach der Flucht meiner Schwester waren in schmerzlicher Verzweiflung rasch auf einander gefolgt und Keiner hatte an einen bestimmten Plan verstandig denken konnen. Wir fanden uns also auf der Landstrasse mit sehr wenigem Gelde und den Kleidern, die wir an uns trugen. Wir spornten unsere Pferde an und wussten nicht wohin. So geriethen wir zufallig in ein Dorf und erfuhren, dass es zu Ihren Gutern gehore und dass wir dem Herrenhause ganz nahe waren. Ich blieb in der Schenke, wahrend Lehndorf einen kurzen Besuch bei Ihrer Mutter machte, um nach Ihnen zu fragen. Hier erfuhr er Ihren Aufenthalt und diess gab unserer Flucht eine bestimmte Richtung. Ich war schlecht verbunden, aber wir eilten dessenungeachtet vorwarts, ohne weder uns, noch unseren Pferden die nothige Ruhe zu gewahren, und diese erlagen der Anstrengung. Zwei Stunden von hier mussten wir sie zurucklassen, und ich machte, obwohl zum Tode ermattet, trotz meiner Schwache, den Rest des Weges mit meinem Freunde zu Fuss, und so kamen wir gestern bei Ihnen an, mit dem Plane, nach einiger Ruhe, dem Rathe und dem Troste eines Freundes gemass, uns zu dem Korps von Schill zu begeben, um, wenn er uns nicht anders brauchen kann, als Gemeine unter ihm zu dienen, denn in diesem geht dem Vaterlande eine neue Sonne auf, und ich hoffe, wir werden Grosses durch ihn erleben.
XIV
Wertheim schwieg, und der Graf Robert sagte: Sie zweifeln wohl keinen Augenblick daran, dass ich alles aufbieten werde, was in meinen Kraften steht, um Ihre Plane zu befordern, aber ich glaube, lieber Wertheim, Sie werden einige Tage ruhen mussen, ehe Sie daran denken konnen, weiter zu reisen, und diess erfullt mich mit Sorgen, denn wenn der Obrist wirklich geblieben ist, so muss man Verfolgung befurchten, und wie leicht konnen Sie hier entdeckt werden.
Im Grunde, sagte Wertheim finster, liegt mir wenig am Leben, und mein Freund Lehndorf ist gesund. Schaffen Sie ihm also die Mittel fortzukommen, damit mir wenigstens der Trost bleibt, wenn ich untergehen muss, dass er lebt, um vielleicht in der Zukunft an der Rache Theil zu nehmen und den Feind bestrafen zu helfen, der uns, nachdem er unser Vaterland in den Staub getreten, unsere Ehre gekrankt hat, durch seine Satelliten unsere Braute und Schwestern rauben und, so wie die offentliche Ehre verletzt ist, auch die Familienehre mit Hohnlachen zu Grunde richten lasst.
Der Baron Lehndorf erklarte sich bestimmt, dass er den Freund nicht verlassen wurde, und der Graf bat den Verwundeten, es zu erlauben, dass er seinem Oheim die Geschichte seines Unglucks mittheile, da ja doch nur durch ihn in seinem Hause kraftiger Beistand zu erlangen sei. Nur schwer liess sich Wertheim uberreden, seine Einwilligung zu dieser Mittheilung zu gewahren, denn sein von Natur heftiges und durch das offentliche sowohl, als sein eignes Ungluck erbitterte Gemuth war schwer von einmal empfangenen Eindrucken zu heilen, und was auch der Graf Robert sagen mochte, er schwieg duster dazu, und verlor den Verdacht und Widerwillen gegen den Oheim seines Freundes nicht ganz. Endlich uberstimmt und uberredet, musste er die verlangte Einwilligung geben, und Graf Robert begab sich zu seinem Oheim, um das Beste seines dustern, ungestumen Freundes zu berathen.
Der Graf beklagte den jungen Mann und war um so mehr zur Hulfe bereit, da er dem Staate einen kraftigen Krieger zu erhalten wunschte. Doch entschied er dahin, dass jede Massregel aufgeschoben werden musse, bis der Arzt zuruck sei, um seine Meinung zu horen, wie bald der Verwundete sich neuen Anstrengungen unterwerfen konne. Es ward also beschlossen, um jede Neugierde der Bedienten zu unterdrucken, die bei etwaigen Nachforschungen nachtheilig werden konnte, zu verbreiten, der junge Mann sei durch einen Sturz mit dem Pferde verletzt worden und musse sich hier im Hause etwas erholen, ehe er weiter nach Warschau reisen konne, wie seine Absicht sei; und um allen Schein des Geheimnisses zu vermeiden, sollten die beiden Fremden der Familie des Grafen vorgestellt werden und in diesem Kreise scheinbar gleichgultig leben, bis der Arzt die Abreise erlauben wurde. Der Graf Robert hatte es Anfangs zu erwahnen vermieden, dass der Herr von Wertheim derselbe sei, durch dessen ungestume Hitze sein Oheim schon ein Mal war beleidigt worden. Er wollte erst die Unterstutzung desselben fur den jungen Mann in Anspruch nehmen und ihm dann dessen aus Vaterlandsliebe entstandenen Missgriff bekennen. Im Eifer des Gesprachs aber vergass er diesen Vorsatz und hatte seinen Oheim verlassen, ohne ihm diesen Umstand zu vertrauen.
Zu seinem Freunde zuruckgekehrt, fand er bei diesem den grossten Widerwillen sich zu fugen, denn auf der einen Seite hielt ihn Scham und Verlegenheit zuruck, sich einer Familie zu zeigen, bei der sein erstes Auftreten keinen vortheilhaften Eindruck konnte zuruckgelassen haben, und dann war sein Misstrauen gegen den Grafen, welches er freilich dem Verwandten desselben nicht zeigen durfte, keineswegs gehoben. Endlich musste er einsehen, dass er, da sein boses Schicksal ihn zwang, gerade in diesem Hause Gastfreundschaft zu empfangen, wenigstens jetzt die Hoflichkeit uben musste, die sowohl die Sitte, als seine eigene Sicherheit forderte. Er liess es also geschehen, dass der Graf Robert sowohl ihn, als seinen Freund Lehndorf mit Wasche und Kleidern anstandig versorgte, woran bei ihrer ubereilten Flucht Keiner gedacht hatte, um dem Grafen und seiner Familie vorgestellt werden zu konnen. Als sie den Saal in dieser Absicht betraten, fiel es dem jungen Grafen ein, dass er es vergessen habe, seinen Oheim darauf vorzubereiten, dass er in der Person des Herrn von Wertheim keinen Unbekannten begrussen wurde, und er befurchtete unangenehme Folgen dieser Vergesslichkeit.
Es war nicht zu verkennen, dass ein Schatten von Unmuth uber das Gesicht des Grafen flog, als sein Blick dem des ihm vorgestellten Verwundeten begegnete. Die leise Hoffnung, dass er ihn nicht wieder erkennen wurde, verliess den jungen Mann, Verlegenheit und Scham farbten sein Gesicht mit dunkler Rothe, und drohten ihn aller Fassung zu berauben.
Der Graf hatte bald das in ihm aufsteigende Gefuhl besiegt und sagte hoflich, wenn auch mit einiger Kalte: Da ich das Vergnugen habe, Herr von Wertheim, Sie bei mir zu sehen, so muss ich glauben, dass Sie Ihre Ansichten uber mich, die Sie bei unserm ersten Zusammentreffen so unverholen ausserten, geandert haben, und diese stillschweigende Erklarung ist mir im gegenwartigen Augenblicke genugend, um jedes Missverstandniss zwischen uns aufzuheben. Der junge Mann wollte antworten, aber er strebte vergeblich danach, Worte zu finden, so dass der Graf, mit seiner Verlegenheit Mitleid fuhlend, ihn, ohne weitere Antwort zu erwarten, mit seinem Freunde den Damen vorstellte.
Der Grafin gegenuber, war der Zustand des jungen Mannes ebenfalls peinlich, denn die Erinnerung stieg in ihm auf, wie er dieselben Frauen damals im Saale getroffen und sie keines Grusses, kaum eines Blickes werth gehalten habe, als er im Schmerz uber das offentliche Ungluck mit zu grosser Rohheit den Grafen als Landesverrather behandelte. Er konnte also nur mit Muhe auf die Theilnahme, die ihm die Grafin uber seinen Unfall bezeigte, einige hofliche Worte antworten und war froh, als sich der Obrist Thalheim, der sich ebenfalls in der Gesellschaft befand, seiner bemachtigte und ihn in ein Gesprach uber die letzten Gefechte, uber die beinah ganzliche Auflosung der preussischen Armee und uber den Druck der Franzosen verwickelte.
Der Arzt war von seinen Krankenbesuchen zuruckgekommen und man begab sich zur Tafel; aber die Stimmung war nicht so unbefangen, wie gewohnlich. Die neuen Gaste nahmen nur mit Zuruckhaltung an den Gesprachen Theil, und des Grafen Hoflichkeit war formlicher und kalter, als man es an ihm gewohnt war. St. Julien hatte sich mit unbefangener Heiterkeit der Gesellschaft angeschlossen, aber die beiden Freunde des jungen Grafen wurden es wie einen Verrath an ihrer heiligen Sache betrachtet haben, wenn sie den Scherz eines Franzosen belachelt hatten, wenn auch ihr Herz nicht von so frischen Wunden geblutet hatte, wie diess nach der Entfuhrung der Schwester und Braut der Fall war. Es zog sich also bald nach aufgehobener Tafel Jedermann zuruck, und der Graf erkundigte sich bei dem Arzte, ob er es fur moglich halte, dass der junge Wertheim seine beabsichtigte Reise fortsetze.
Da der Arzt sah, dass der Graf im Geheimniss sei, so gestand er offen, der junge Mann musse wenigstens zwei Tage ruhen, wenn die Wunde sich nicht auf's Neue heftig entzunden solle, in welchem Falle der Kranke in Gefahr sei, den Arm zu verlieren. Der Graf richtete seinen Plan demgemass ein und liess seinen Vetter zu sich bitten. Es wurde nun beschlossen, dass der junge Gustav noch diesen Nachmittag mit einem leichten Jagdwagen und zwei guten Pferden aus dem Stalle des Grafen unter dem Vorwande abreisen solle, dass der Graf Robert diese leichte Equipage als ein Geschenk fur seine Schwestern nach seinem Gute sende. Der junge Mensch sollte aber statt dorthin zwei Poststationen nach Warschau machen und dort in einer Schenke die Ankunft der Reisenden erwarten, denen er Wagen und Pferde zu ihrem Fortkommen zu uberlassen habe. Er selbst solle denn ein Reitpferd einhandeln und damit zuruckkehren. Die Reisenden sollten offentlich auf dem Wege nach Warschau von Schloss Hohenthal abreisen und von der bezeichneten Station ab ihren Weg nach Berlin, oder wohin sie sonst wollten, richten, und man hoffte durch diese Einrichtung sowohl die Verfolger irre zu fuhren, als auch den Verdacht des Beistandes und der Mitwissenschaft von den Bewohnern von Hohenthal abzulenken. Der Graf Robert theilte seinen Freunden den entworfenen Plan mit, die, damit zufrieden, dankbar die Fursorge des Freundes erkannten, nur hatten sie gewunscht, sogleich abreisen zu konnen; die Verzogerung zweier Tage schien ihnen peinvoll. Der Graf Robert bat den jungen Gustav in Gegenwart seiner Gaste um die Gefalligkeit, diesen Auftrag zu ubernehmen, weil es unmoglich sei, sich in einer so ernsthaften Sache jemandem zu vertrauen, auf dessen Verschwiegenheit man nicht mit Sicherheit rechnen konne. Der Jungling bemerkte mit Dankbarkeit das Bestreben seines beschutzenden Freundes, eine falsche Meinung seiner Gaste uber ihn von ihm abzuwenden, und als er bereitwillig den Auftrag seines Freundes zu vollziehen versprach, uberhaufte ihn dieser mit Danksagungen, in die der Verwundete sowohl, als der Baron Lehndorf herzlich einstimmten, und der Jungling trat nach dem verabredeten Plan sogleich die Reise an.
Mit schmerzlichen Empfindungen hatte sich der junge Wertheim aus dem Gesellschaftssaale der Grafin zuruckgezogen. Er fuhlte grollend die Kalte, mit welcher der Herr des Hauses ihn behandelte, und konnte sie doch innerlich nicht tadeln, denn mit Beschamung musste er sich gestehen, dass sein fruheres Betragen ihn nicht berechtigte, eine liebevolle Aufnahme zu fordern, und indem er gezwungen war, unter so druckenden Verhaltnissen Hulfsleistungen in diesem Hause zu empfangen, die vielleicht sein Leben erretteten, betrachtete er St. Julien mit Unmuth und bemuhte sich gewissermassen, einen Verdacht gegen den Grafen in seiner Seele fest zu halten, um sich nur nicht sein Unrecht in seiner ganzen Grosse eingestehen zu mussen. Traurig blickte er also auf den zierlichen Wagen, auf die schonen muthigen Pferde nieder, mit denen eben der Jungling Gustav abreiste, zum Abschiede noch freundlich hinauf grussend, worauf ihm Graf Robert noch mit zartlicher Besorgniss Warnungen zurief, die der junge Mensch lachelnd beantwortete, indem er aus dem zierlichen Kabriolet mit sicherer Hand die edeln Rosse lenkte und wie im Fluge den Hof verliess.
Trube schlichen die Stunden voruber, der Herbst war schon weit vorgeruckt, feuchte Nebel senkten sich hernieder und die Natur bot dem bekummerten Gemuthe keinen Trost, so dass nur gesellige Vereinigung Aufheiterung gewahren konnte. St. Julien kam, um die Freunde zu einer solchen Vereinigung einzuladen. Er machte dem Grafen Robert Vorwurfe, dass er den jungen Gustav hatte abreisen lassen. Wir werden uns ausserdem bald genug trennen mussen, sagte er, Du hattest doch gewiss einen andern finden konnen, der Deine Auftrage zu erfullen im Stande ware. Auch die Damen sind bose, dass Du unsern lieben Kapellmeister entfernt hast, und es wird ohne ihn schlecht mit der Musik gehen, und Du, nimm es nicht ubel, Du bedarfst ihn am meisten. Er kehrt ja in wenigen Tagen wieder, sagte der Graf lachelnd.
Lieber Freund, erwiederte St. Julien ernsthaft, wenn man nur noch wenige Wochen zu leben hat, dann sind einige Tage viel. Du weisst, wir mussen uns bald trennen, und Gott weiss, wohin dann mich das Schicksal fuhrt. Es scheinen sich neue Gewitter im Suden zusammen zu ziehen, und mir blutet das Herz, wenn ich denke, dass wir, die wir hier so gluckliche Tage mit einander leben, uns nun trennen und vielleicht niemals wiedersehen, denn wer kann mit Bestimmtheit wissen, ob ich aus den Kampfen, die sich zu entwickeln drohen, lebend wiederkehre.
Der Graf Robert druckte schweigend die Hand des jungen Mannes, indem er liebevoll in die dunkeln Augen blickte, die mit Zartlichkeit auf ihn gerichtet waren, und der junge Wertheim sagte in der ubereilten Hoffnung, dass sich vielleicht ein Krieger von Napoleons Sache abtrunnig machen liesse: Wenn Sie Ihre deutschen Freunde so lieben, wie Ihre Worte zeigen, warum verlassen Sie denn nicht die Sache des Weltunterdruckers und ersparen Sich einen Schmerz, den ich naturlich finde, und die spate Reue, zum Verderben der Welt mitgewirkt zu haben?
Beleidigt blickte St. Julien auf, doch die Flamme des Zornes verschwand, als sein Auge auf das bleiche Gesicht des Verwundeten sich richtete, und er erwiederte lachelnd: Es ware unpassend, wenn ich in diesem Augenblicke Gewicht auf den Ruhm legen wollte, der die franzosischen Waffen umgiebt, und der allein hinreichend ware, Frankreichs Krieger an ihren grossen Feldherrn zu fesseln; aber ich frage Sie, Herr von Wertheim, wenn ich so glucklich ware, von Ihnen sehr geliebt zu werden, ob Sie in dieser Neigung, wie machtig sie auch ware, einen Grund finden konnten, Ihren Konig, Ihr Vaterland, Ihre Sache zu verlassen, wenn sich alle Braven um Ihre Fahnen sammeln? Auch denken meine deutschen Freunde zu gut von mir, fuhr er etwas empfindlich fort, als dass sie einen solchen Schritt je auch nur fur moglich gehalten hatten.
Ein allgemeines Schweigen folgte auf diese Worte, die nicht dazu dienten die Gemuther einander zu nahern, und der Graf Robert erinnerte endlich, dass es Zeit sei, sich in den Saal zu begeben, wohin ihn alle drei Freunde etwas missmuthig begleiteten. Die Hausgenossen waren schon versammelt, und man nahm um so lieber zur Musik seine Zuflucht, da sich ein heiteres Gesprach diesen Abend nicht wollte durchfuhren lassen, weil Keiner recht mit sich und dem Andern zufrieden war.
Wahrend des ersten Quartetts trat der Prediger ziemlich gerauschvoll in den Saal, und man sah es ihm an, dass er mit Ueberwindung den Schluss der Musik erwartete, weil er etwas auf dem Herzen hatte, das ihm wichtiger als alle Musik der Welt schien, und sein Bestreben, sich dem Grafen zu nahern, war so auffallend, dass selbst Emilie wahrend des Gesanges sich dadurch gestort fuhlte und dem Ende zueilte, ohne wie sonst mit innerer Lust alle Kunst des Vortrages zu entfalten und ihr Gefuhl in Tonen sich wiegen zu lassen.
Man hatte auch kaum geendigt, als die auffordernde Miene des Geistlichen den Grafen nothigte aufzustehen und sich ihm zu nahern, worauf dieser ein scheinbar gleichgultiges Gesprach anknupfte, indem er mit dem Grafen durch den Saal ging und dann, wie er glaubte, unbemerkt ihn hinweg nach einem entlegenen Zimmer fuhrte. Als sie diess erreicht hatten, ging der Prediger einige Mal auf und nieder, und der Graf brach endlich das Schweigen, indem er sagte: Sie haben vermuthlich etwas zu berichten, das nicht angenehmer Natur ist, denn sonst wurden Sie, Herr Prediger, nicht so lange mit der Mittheilung zogern.
Wenigstens sonderbar ist es, erwiederte der Geistliche, und ich befurchte, Sie werden von mir glauben, dass ich mich in Ihre Familienangelegenheiten einzumischen suche, und doch konnte ich es, vermoge meines Amtes, nicht ablehnen, da ich ersucht wurde, meine Krafte anzuwenden, um Frieden zu stiften und wo moglich zu vereinigen, was so lange schon unnaturlich entzweit ist.
Wie verstehe ich das? fragte der Graf mit finstrer Stirn.
Ich will es zugeben, sagte der Geistliche mit so mildem Tone, wie er ihn nur von seiner scharfen Stimme erzwingen konnte, dass der Bruder Ihrer Frau Gemahlin Unrecht gegen seine Schwester geubt hat. Er gesteht diess selbst ein mit herzlicher Reue, aber sollen desshalb Geschwister einander ewig zurnen? Beten wir nicht taglich: Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben. Und soll diess ein leeres Wort bleiben, bei dem unsere Herzen nichts empfinden?
Lassen wir das, Herr Prediger, sagte der Graf kurz und finster; ich bitte Sie, diese Seite nie mehr zu beruhren.
Der Graf wollte nach diesen Worten zur Gesellschaft zuruckkehren, der Prediger aber hielt ihn zuruck, und indem er den Ton des Seelsorgers fallen liess, sagte er im Tone des Geschaftsfreundes: Gonnen Sie mir noch einen Augenblick, ich habe meine Pflicht gethan, indem ich die Versohnung der Geschwister versuchte, worauf ich nie gekommen ware, wenn ich nicht den bestimmten Auftrag dazu hatte.
Und Wer, fragte der Graf, mischt sich in meine Familienangelegenheiten? Wer kann Ihnen einen solchen Auftrag gegeben haben?
Wer anders, erwiederte der Pfarrer lachelnd, als der, dem die Versohnung am Meisten am Herzen liegt.
Wie, rief der Graf mit Erstaunen, der Baron Schlebach?
Ihr Herr Schwager, ja, versetzte der Pfarrer mit schlauem Lacheln.
Niemals, erwiederte der Graf mit Heftigkeit, darf er auch nur die leiseste Annaherung erwarten; und ich kann die Hartnackigkeit, mit der er darauf besteht, nicht achten. Ich bitte Sie, ihm diess so deutlich zu machen, dass er es einsehen muss. Wahlen Sie dazu Worte, welche Sie wollen, nur befreien Sie mich und seine arme Schwester von einer Zudringlichkeit, die fur uns unertraglich ist.
Horen Sie mich, sagte ernsthaft der Geistliche, den die grosse Heftigkeit des Grafen in Verwunderung setzte. Es ist ganz unmoglich, dass Sie den Baron Schlebach nicht sprechen; Sie wurden dadurch Auftritte veranlassen, die Ihnen, wie ich Sie kenne, im hochsten Grade widrig sein wurden.
Wie kommen Sie mit diesem Menschen in Verbindung? sagte der Graf noch immer sehr entrustet. Ohne mein Zuthun, erwiederte der Pfarrer. Der alte Lorenz brachte ihn heute zu mir, indem er zu mir mit seiner gewohnlichen Heuchelei sagte, da ich von Gott dazu bestimmt sei, die Irrenden auf den rechten Weg zu leiten, so habe er dem Herrn Baron gerathen, sich an mich zu wenden, damit er den Frieden seiner Seele wieder gewanne und in Eintracht mit seiner Familie leben konne, denn ihm nage es das Herz ab, wenn er sehen musse, wie seinen verehrten Freund, den Herrn Baron, der Kummer daruber verzehre, dass sich diejenigen, die Gott ihm so nahe gestellt habe, so fern von ihm hielten. Der Baron sprach weniger von Gott zu mir, sondern sagte mir bloss, Herr Lorenz habe ihm versichert, dass ich der Freund Ihres Hauses sei, und da mein Amt es mir zur Pflicht mache, die Gemuther der Menschen zu versohnen, so werde ich, wie er hoffe, gewiss auf das Bereitwilligste ihm eine Unterredung mit Ihnen auszuwirken suchen, die vielleicht eine Versohnung zwischen lang getrennten Geschwistern herbeifuhren konne, um so mehr, da er bereit sei, jedes Unrecht gegen seine Schwester einzugestehen und sie desshalb um Verzeihung zu bitten. Diess alles wurde sehr hoflich gesagt, aber er fugte hinzu: Sagen Sie meinem Schwager, dass ich ihn durchaus sprechen muss, und wenn er eine Unterredung, die ich, wie Sie selbst sehen, mit Vorsicht einleite, nicht bewilligen will, so bin ich entschlossen, nach Schloss Hohenthal zu gehen, um ihn aufzusuchen, und er kann meinen Anblick nur dann vermeiden, wenn er den nachsten Verwandten seiner Gemahlin mit Gewalt von seiner Schwelle treiben lasst.
Was kann der Mensch von mir wollen? rief der Graf entrustet, welch neues Ungluck will er durch seine Gegenwart hervorrufen?
Bewilligen Sie ihm die Unterredung, sagte der Pfarrer besanftigend. Ich habe ihn gebeten die Nacht bei mir zu bleiben, dann kann er morgen fruh hieher kommen, und Sie sprechen ihn erst allein und bestimmen, ob er sich Ihrer Frau Gemahlin nahern soll.
Hieher nicht, rief der Graf noch immer sehr aufgeregt, hierher darf er nicht kommen, die Grafin darf ihn nicht in ihrer Nahe ahnen. Der ungluckliche Frevler, er kennt nicht einmal den Umfang seiner Schuld. Der Graf schwieg plotzlich, denn mitten in seiner Leidenschaftlichkeit bemerkte er den aufmerksam lauernden Blick des Predigers, der zu erwarten schien, dass im Drang verschiedener schmerzlichen Empfindungen der Graf jede Zuruckhaltung aufgeben und ihm die Quelle der Leiden zeigen wurde, die er oftmals in einer Familie wahrgenommen hatte, die von aussen so glucklich schien.
Ein kurzes Schweigen war entstanden. Endlich sagte der Geistliche, ein wenig uber die getauschte Hoffnung verstimmt: So sprechen Sie ihn bei mir, wenn Sie ihn hier nicht sehen wollen, denn, glauben Sie mir, sprechen mussen Sie ihn durchaus, wenn nicht argerliche Auftritte entstehen sollen.
Nach einigem Nachdenken sagte der Graf mit ruhiger Fassung: Ich nehme dankbar Ihr Anerbieten an und bitte Sie die Sache so zu leiten, dass der Grafin die Nahe ihres Bruders wo moglich verschwiegen bleibt. Auch ich hatte gern ein Zusammentreffen vermieden, das nicht erfreulich sein kann; indess auch solche Dinge gehoren zu den Burden des Lebens, die ein Mann muss ertragen konnen.
Der Prediger gelobte von seiner Seite Verschwiegenheit, doch bemerkte er gegen den Grafen, dass der Baron mit dem alten Lorenz gekommen sei, der um so weniger eine Zusammenkunft, die er eingeleitet habe, verschweigen wurde, wenn er wusste, dass man diess wunsche. Der Graf gab ihm Recht, und Beide wunderten sich daruber, dass der Baron mit dem Alten in einer Vertraulichkeit lebe, die unziemlich genannt werden konnte, da ihn nur niedrige Grunde bestimmt haben konnten, sich einem Trunkenbolde vertraulich zu nahern, von dem er durch Erziehung und Bildung und Grunde aller Art entfernt gehalten werden sollte.
Der Graf kehrte jetzt mit dem Prediger scheinbar ruhig zu der Gesellschaft zuruck und sagte, indem er dem angstlichen Blicke der Grafin begegnete, mit heiterem Lacheln: Der Herr Prediger hatte mir Mancherlei uber die Gemeinde mitzutheilen; aber nicht wahr? setzte er hinzu, indem er ihm die Hand bot, wir werden gemeinschaftlich alle Uebel abwenden. Gewiss, antwortete der Pfarer lachelnd, das Schwerste haben Sie ja schon gethan.
Die Grafin, die durch die lange Abwesenheit ihres Gemahls und des Predigers beunruhigt worden war, glaubte nach diesem heiteren, gleichgultigen Gesprach, dass nichts Bedeutendes vorgefallen sein konnte, und wollte sich der Unterhaltung wieder hingeben, aber es war diesen Abend kein Leben in die Gesellschaft zu bringen. Der Graf war innerlich mit der Unterredung beschaftigt, die am folgenden Tage Statt finden sollte. Die Gaste des Grafen Robert waren, von Kummer und Misstrauen gedruckt, zu keiner harmlosen Theilnahme an der Unterhaltung zu bewegen, so dass man zuletzt zu den Karten seine Zuflucht nahm, womit der Prediger besonders zufrieden war.
Da der Baron Lehndorf, sein Freund Wertheim und der Prediger die Parthie des Obristen Thalheim machten, so redete der Pfarrer den Verwundeten oftmals an und nothigte ihn die verabredete kleine Fabel zu wiederholen, dass er namlich mit dem Pferde gesturzt sei und sich den Arm beschadigt habe, welcher Unfall ihn genothigt, das Vorwort seines Freundes zu benutzen, um die Gastfreundschaft hier in Anspruch zu nehmen, wo er zugleich so glucklich gewesen sei, den Beistand des Herrn Doktors fur seinen Arm benutzen zu konnen. Und davon haben Sie mir nichts gesagt, sagte der Prediger, indem er einen scharfen Blick auf den Arzt richtete, der dem Spiele zusah. Der uberraschte Freund wurde roth und sprang einen Schritt zuruck, druckte dann die Augen zu und sagte, vor Verlegenheit blinzelnd: Es ist eine unbedeutende Beschadigung, es war nicht der Muhe werth daruber zu sprechen.
Der Prediger erwiederte nichts weiter, richtete aber noch einige gleichgultige Fragen uber das franzosische Militair an den Baron Lehndorf und seinen Freund, und spielte ruhig seine Parthie zu Ende. Nach dem Abendessen nahm er den Arzt am Arme und schlug ihm vor, noch eine Pfeife Tabak in seinem Zimmer zu rauchen, welches dieser nicht ablehnen konnte, und so trennte sich die Gesellschaft, weil ein Jeder sich danach sehnte, sich seinen Gedanken ungestort uberlassen zu konnen.
Nachdem der Prediger im Zimmer des Arztes mit grosser Gelassenheit seine Pfeife in Ordnung gebracht, gestopft und angezundet hatte, lud er seinen Freund ein, seinem Beispiel zu folgen, woran dieser noch nicht gedacht hatte, denn ihm war heute die Aussicht, dass der Geistliche noch lange konne bei ihm verweilen wollen, nicht angenehm, weil er sich gern losmachen und seine Pflicht erfullen wollte; denn die Wunde des Herrn von Wertheim musste noch verbunden werden, und er wollte den jungen Mann nur ungern noch langer die Ruhe der Nacht entbehren lassen.
Also, fing der Prediger das Gesprach an, den Rauch aus seiner Pfeife in die Hohe blasend, der Herr von Wertheim ist mit dem Pferde gesturzt und dadurch ist er verwundet worden?
Unbedeutend, erwiederte der Arzt, er wird bald hergestellt sein und seine Reise fortsetzen konnen.
Und nach Warschau will er? fragte der Prediger weiter.
So hore ich, sagte sein angstlich werdender Freund.
Lieber Doktor Lindbrecht, erwiederte hierauf der Geistliche lachelnd, Sie haben durchaus kein Talent zum Lugen. Das mussen Sie besser lernen, wenn Sie mich hintergehen wollen. Ich will Ihnen jetzt sagen, wie die Sache zusammenhangt. Ihr Kranker ist im Duell mit einem franzosischen Obristen verwundet worden, der noch ubler weggekommen ist, denn an seinem Aufkommen wird gezweifelt, und der Divisions-General hat der Gemahlin des Obristen versprochen, den Morder desselben auf's Nachdrucklichste zu verfolgen, desswegen thun Sie gut, wenn Sie Ihrem Patienten rathen, seine Genesung nicht hier abzuwarten, und Sie mussen den Ruhm ihn herzustellen schon einem Andern uberlassen.
Der Arzt betrachtete seinen Freund mit weit geoffneten Augen, blieb eine Zeit lang sprachlos vor Erstaunen und rief dann: Sie haben einen Damon, der Sie lehrt in die Tiefe eines jeden Geheimnisses zu blicken, denn auf gewohnlichen Wegen konnen Sie unmoglich Alles erfahren.
Sie sehen, ich habe meine Nachrichten, erwiederte der Prediger selbstgefallig lachelnd, und Sie sehen auch, dass das zuweilen nicht so ubel ist, denn man kann unbesonnenen Leuten dienen, wenn man wohl unterrichtet ist.
Noch stand der Arzt in Staunen verloren uber die unbegreifliche Klugheit seines Freundes, als die Thure geoffnet wurde und der Graf Robert eintrat, der mit einiger Verlegenheit den aufgeregten Arzt und den gelassen rauchenden Prediger betrachtete. Sie sehen nach, hob der Letztere schalkhaft lachelnd an, ob Sie unsern Freund, den Doktor, noch nicht allein finden, damit er die Wunden des Herrn von Wertheim endlich verbinde.
Nicht ich, rief der Arzt heftig vorspringend und die Hand auf die Brust legend, nicht ich habe den Verrath begangen. Er weiss unser Geheimniss, aber, welcher Damon es ihm verrathen, ist mir unbekannt.
Sein Sie ruhig, sagte der Prediger ernsthaft, und gebehrden Sie sich nicht so wunderlich. Ich habe von Reisenden zufallig erfahren, dass ein franzosischer Obrist von einem verabschiedeten preussischen Offizier schwer verwundet worden ist.
Also lebt der Obrist, rief der Graf in freudiger Ueberraschung, jede Zuruckhaltung aufgebend. Er lebte noch vorgestern, erwiederte der Geistliche. Die Aerzte sollen aber sein Aufkommen bezweifeln und der Divisions-General die heftigste Verfolgung der Fluchtlinge beabsichtigen. Desshalb rathe ich Ihnen, Ihre Freunde so bald als moglich fortzuschaffen und nicht eine Minute langer, als es nothig ist, zu zaudern.
Der Graf dankte dem Prediger und eilte, seinem Oheime die Nachrichten, die er eben erhalten hatte, mitzutheilen, worauf Dubois gerufen wurde, der alsbald wieder die Zimmer des Grafen verliess, um Postpferde fur den folgenden Morgen um funf Uhr zu bestellen. Der Arzt hatte die Wunde des Kranken eben verbunden, als der Graf Robert zu diesem eintrat, ihm die Nothwendigkeit anzuzeigen, schon den andern Morgen zu reisen. Wertheim war mit dieser Anordnung zufrieden, denn er fuhlte sich gedruckt unter dem Dache des Grafen. Der Arzt theilte ihm hierauf noch, ehe er sich zuruckzog, die nothigen Verhaltungsregeln fur die Reise mit, versprach auch um vier Uhr die Wunde noch ein Mal zu verbinden und kehrte dann zum Prediger zuruck, den er noch rauchend auf seinem Zimmer fand, und der nun auch mit dem ubermuthigen Rathe von ihm schied, in der Zukunft das unnutze Bestreben ihm etwas zu verheimlichen aufzugeben.
XV
In der Dammerung des Morgens hielt eine schlechte Postchaise auf dem Hofe und der Baron Lehndorf bestieg sie mit seinem Freunde, nachdem dieser aus den Handen des Arztes befreit war, der diess Mal seinen Verband noch sorgfaltiger als gewohnlich aufgelegt hatte, damit die Anstrengung der Reise die Wunde so wenig als moglich erhitzen moge. Ein kleiner Mantelsack war gepackt worden, der die nothigsten Gegenstande enthielt, mit denen der Graf Robert die scheidenden Freunde versorgte. Eine Summe Geldes hatte er ihnen ebenfalls eingehandigt, die ihre nachste Zukunft sicherte, und ob sie ihm gleich herzlich dankten, so empfingen sie doch seine Hulfe ohne Beschamung, da er zu ihrer Verbruderung gehorte und es die Pflicht eines jeden Mitbruders war, aus allen Kraften die Glieder des Bundes zu unterstutzen, die eben Hulfe bedurften.
Da die Freunde aus sicheren Quellen wussten, dass Schill in Berlin erwartet wurde, so beschlossen sie, sich ebenfalls dahin zu begeben, und der Graf Robert hatte ihnen versprochen, dort wieder mit ihnen zusammen zu treffen, da auch er zunachst die Hauptstadt besuchen wollte und die Abreise dahin immer nur verzogert hatte, weil er sich vor dem Schmerze der Trennung furchtete. Die beiden scheidenden Freunde hatten beinah die ganze Nacht dazu angewendet, ihn zu uberreden, sich ebenfalls, wie sie es beschlossen hatten, an Schill anzuschliessen. Der Graf aber war dem seinem Oheim gegebenen Worte treu geblieben, dem er feierlich versprochen hatte, nichts ubereilt zu beschliessen und jedes Unternehmen vorher streng zu prufen, ehe er sich zur Theilnahme bereit zeigte. Desshalb blieb er standhaft dabei, den Freunden zu versichern, dass er, wenn ihm in der Nahe Alles so sicher und vortheilhaft fur die gute Sache erscheinen sollte, wie es ihnen in der Ferne vorkame, dann keinen Anstand nehmen wurde, sich mit ihnen zu vereinigen.
Diese sehr bedingte Zusicherung war den Freunden keineswegs angenehm und sie beklagten in dieser Rucksicht ihren zu kurzen Aufenthalt auf Schloss Hohenthal, weil sie meinten, der Graf Robert wurde ihrer Ansicht haben weichen mussen, wenn sie Zeit gehabt hatten ofter auf den Gegenstand zuruck zu kommen. Doch trosteten sie sich damit, dass in Berlin der Anblick der Schaar begeisterter Krieger, die den heldenmuthigen Anfuhrer umgab, auch die Seele des kalteren Freundes entzunden und ihn bestimmen wurde, durch einen kuhnen Entschluss in ihre Mitte einzutreten.
Die Grafin wunderte sich uber die schnelle Abreise seiner Freunde, als der Graf Robert sie ihr beim Fruhstuck anzeigte. Doch fand sie es naturlich, dass der Herr von Wertheim einen Aufenthalt zu verlassen eilte, der ihm unangenehme Erinnerungen aufdrangte, und sie beklagte nur, dass vielleicht seine Gesundheit durch die zu grosse unnutze Eile leiden konne.
Der Graf meinte, in der Jugend habe man viele Lebenskraft und konne grossen Beschwerden Trotz bieten. Er selbst konne die Abreise der beiden Freunde nur loben und wurde an ihrer Stelle eben so gehandelt haben.
Man fand nichts Ungewohnliches darin, als nach dem Fruhstuck der Graf sein Pferd zu satteln befahl, weil er dem Prediger einen Besuch machen wollte, mit dem er, wie er sagte, manche die Gemeinde betreffende Gegenstande zu berathen habe, und die Grafin ahnte nicht, als sie ihm nachblickte, indem er von dem Hofe hinunter ritt, welcher Zusammenkunft er entgegen eilte.
Im Hause des Predigers war er schon mit Ungeduld erwartet worden, denn dem Hausherrn wurden seine Gaste uberaus lastig, weil der alte Lorenz unter dem Schirme seines vornehmen Freundes den Prediger mit einer beleidigenden Vertraulichkeit qualte, die dieser nicht zuruckzuweisen verstand und sich auch nicht geneigt fuhlte zu ertragen. Er eilte also dem Grafen, so wie er ihn erblickte, vor die Thur seines Hauses entgegen und bewillkommnete ihn mit herzlicher Freude.
Der Graf erwiederte diese freundliche Begrussung in merklicher Spannung, und die Eile, mit welcher er eintrat, zeigte deutlich, dass er die ihn erwartende peinliche Unterredung so bald als moglich zu beendigen wunschte. Als er das Wohnzimmer des Pfarrers erreicht hatte, trat ihm der Baron Schlebach mit verbindlicher Freundlichkeit entgegen und wollte ihn mit der Vertraulichkeit eines Verwandten umarmen. Der Graf wich diesem Zeichen der Freundschaft durch eine hofliche, kalte Verbeugung aus und sagte, indem er einen strengen, verachtlichen Blick auf den alten Lorenz richtete: Da Sie mich wahrscheinlich allein und ungestort zu sprechen gewunscht haben, so denke ich, bitten wir beide den Herrn Prediger, dass er Ihrem Begleiter einen schicklichen Ort, Sie zu erwarten, anweiset; er wird uns diese Gefalligkeit nicht abschlagen, da er schon so gutig gewesen ist, uns diess Zimmer fur eine kurze Zeit zu uberlassen und hier eine Zusammenkunft zu gestatten, die Ihnen unvermeidlich scheint.
Der Baron fugte sich dem Wunsche des Grafen, und der alte Lorenz hatte in der Gegenwart des Letzteren nicht den Muth, seine Unverschamtheit fortzusetzen. Er verliess also das Zimmer, und auch der Prediger fuhlte, dass er der Unterredung zwischen den beiden, sich so seltsam gegenuberstehenden Verwandten schicklicher Weise nicht beiwohnen konne; auch er verliess also das Gemach, obwohl mit zogerndem Schritte, indem seine naturliche Neugierde ihn wie ein Magnet festhalten zu wollen schien.
So waren denn nun die beiden Verwandten allein, und ein fragender Blick des Grafen lud den Baron zum Sprechen ein, der noch immer lachelnd schwieg, weil er, wie es schien, die rechten Worte suchte, um diese seltsame Unterredung zu eroffnen. Der Graf hatte also Zeit ihn zu betrachten und sich zu erinnern, dass der Baron in der Blute der Jugend ein auffallend schoner Mann gewesen war. Jetzt hatte freilich die Zeit und mehr vielleicht noch ein unregelmassiges Leben die herrliche Gestalt zerstort; aber immer noch leuchteten dem Grafen die schonen dunkeln Augen entgegen, die ihn an seine Gemahlin erinnerten, obwohl ein wilderes Feuer darin brannte. Die hohe, freie Stirn wurde durch die Beweglichkeit der Augenbraunen verunstaltet, und das sussliche Lacheln, welches den feinen Mund fortwahrend umschwebte, gab diesem einen Zug von spottischer Falschheit; aber dennoch machte noch jetzt die Personlichkeit des Barons einen angenehmen Eindruck, der durch seine schone, weiche und doch mannliche Stimme erhoht wurde, als er endlich zu sprechen begann, so wie die edeln Gebehrden eine gute Erziehung und das Leben in der feinen Welt bewiesen.
Es ist wohl seltsam, hob der Baron mit scheinbarer Freimuthigkeit an, dass ich heute zum ersten Male das Gluck habe, Ihnen als Verwandter gegenuber zu stehen, obgleich Sie schon so lange mit meiner einzigen Schwester verbunden sind und man glauben sollte, dass nach dieser Verbindung unser naturliches Verhaltniss zu einander das, in dem Bruder gegen einander stehn, ware.
Es drangt sich uns im Leben, erwiederte der Graf, oft die Erfahrung auf, dass wir uns den Banden, welche die Natur zu knupfen scheint, dennoch entziehen mussen, wie beklagenswerth uns auch diese Nothwendigkeit erscheinen mag.
Aber ist es moglich, sagte der Baron mit einschmeichelndem Lacheln, dass meine Schwester einen Groll so lange nahren kann, dass die vernunftigere Ansicht des Gemahls nicht im Stande sein sollte, ihn zu besiegen? Ich kann nicht glauben, dass sie einen so hohen Werth auf einige Summen legen sollte, die ich, ich gestehe es, von ihrem ersten Gemahl empfing und bei dem besten Willen nicht zuruck geben konnte.
Wenn meine Gemahlin, versetzte der Graf mit hoflicher Kalte, Grunde hat, jede Annaherung zu vermeiden, und lieber das lieblose Urtheil der Welt uber sich ergehen lasst, die sie schonungslos genug tadelt, dass sie dem Wunsche des einzigen Bruders entgegen in dieser Zuruckgezogenheit beharrt, so kann ich Ihnen wenigstens die Versicherung geben, dass diese Grunde nicht so niedriger Art sind.
Sollte denn also ihr Herz, sagte der Baron mit den weichsten Tonen seiner sanften Stimme, sich auf immer feindlich gegen mich geschlossen haben, weil sie glaubt, dass ich freventlich, unkindlich unsere arme Mutter Preis gegeben habe? Ach, konnte sie sich nur entschliessen mich zu horen, sie wurde dann auch diess gewiss milder beurtheilen und mein Ungluck vielleicht beklagen, wenn ich es auch durch Leichtsinn selbst veranlasst haben sollte.
Meine Gemahlin, antwortete der Graf, hat jeden Anspruch darauf, Ihre Handlungen zu beurtheilen, langst aufgegeben, und wenn sie sich ausser dem Bereiche schmerzlicher Erinnerungen zu halten wunscht, so ist diess, um den Frieden ihres Lebens zu bewahren, nothwendig, ohne von feindlichen Gesinnungen zu zeugen.
Sie gewahren mir einen grossen Trost, sagte der Baron mit scheinbarer Herzlichkeit, indem er dem Grafen die Hand bot, die dieser, wenn er nicht geradezu beleidigen wollte, nehmen musste; denn Sie geben mir die Versicherung, dass ich von meiner Schwester nicht gehasst bin, und so darf ich denn nun mit grosserer Zuversicht die Hoffnung einer endlichen Versohnung hegen.
Ich bitte Sie, entgegnete der Graf mit grossem Ernst, jeden Gedanken an eine Annaherung ganzlich aufzugeben. Hat das Leben Ihrer Schwester den geringsten Werth fur Sie, so werden Sie sich dieser Nothwendigkeit um so eher fugen, wenn ich Ihnen sage, dass Sie auf das Haupt dieser Unglucklichen ein Schicksal geladen haben, vor dem Sie vielleicht selbst schaudern wurden, wenn Sie es in seinem ganzen Umfang kennen sollten. Wenn Sie aber trotz dieser Erklarung annahernde Schritte noch fur angemessen halten, so muss ich noch hinzufugen, dass ich solche wie eine offenbare Feindseligkeit gegen mich betrachten wurde, der ich auf gleiche Weise dann begegnen musste.
So ware diese Hoffnung voruber, sagte der Baron seufzend, und ich scheide vollig verarmt im Herzen aus meinem Vaterlande. Sie sehen nur mein Unrecht, aber nicht meine Schmerzen. Sie wollen Ihre Gemahlin vor unangenehmen Eindrucken bewahren und beachten es nicht, wenn Sie das Herz des Bruders zerreissen. Doch es sei, Sie ahnen nicht das Gefuhl der Verzweiflung, mit dem ich von Ihnen scheide, da ich in der Hoffnung kam, das Herz meiner geliebten Schwester zu ruhren, und durch diese Versohnung nicht bloss diese wieder zu gewinnen glaubte, sondern auch einen edeln Verwandten, einen bruderlichen Freund. Alle diese Traume sind vernichtet und ich muss freudlos, wie ich es begann, das traurige Leben enden.
Beide schwiegen eine Zeit lang, endlich sagte der Graf: Da die Absicht, aus welcher Sie diese Zusammenkunft wunschten, nicht erreicht werden kann, so werden Sie selbst es am Besten finden, wenn wir nun friedlich scheiden, da ich nicht glaube, dass Sie mir noch sonst etwas zu sagen haben konnen.
Freilich, sagte der Baron, indem er wie aus tiefem Sinnen auffuhr, scheiden mussen wir, und ich kann Ihnen nichts mehr sagen. Und doch, fuhr er, wie sich besinnend, fort, warum sollte ich jetzt nicht uber ein Geschaft wie ein Edelmann zum andern mit Ihnen sprechen konnen, obgleich es meine Absicht war, auch diess freundlich und liebevoll, wie es zwischen Verwandten sich ziemt, zu behandeln.
Ich stehe zu Befehl, sagte der Graf mit hoflicher Kalte.
Sie wissen, erwiederte der Baron, anmuthig lachelnd, dass unser Vaterland so gut wie vernichtet ist und dass die ungeheuern Lasten, die jeden einzelnen bedrucken, der nicht unermesslich reich ist, wie Sie, schon viele kleinere Gutsbesitzer vermocht haben, ihr Eigenthum dem Staate ganzlich zu uberlassen, weil es nicht moglich war die Forderungen dieses Staates zu befriedigen.
Ich weiss, antwortete der Graf seufzend, dass das Grundeigenthum beinah allen Werth verliert, weil der Druck der Abgaben nicht gemildert werden kann, so lange die Franzosen im Lande bleiben.
Nun, dann mochte er noch ziemlich lange anhalten, sagte der Baron mit schlauem Blick, und selbst Ihr grosser Reichthum konnte am Ende nicht ausreichen.
Mein Reichthum ist bei Weitem nicht so gross, wie Sie zu glauben scheinen, erwiederte der Graf trocken. Ich habe seit vielen Jahren von meinen Einkunften jahrlich etwas zuruckgelegt, und diese so ersparten Summen setzen mich nun in den Stand, die nothwendigen Forderungen des Vaterlandes zu befriedigen, ohne mein Vermogen zu zerstoren, wie es andere, minder Begluckte leider mussen.
Das ist es ja, was ich meine, versetzte der Baron mit etwas spottischem Lacheln. Sie haben mit bewunderungswurdiger, ja mit beneidenswerther Vorsicht die sieben fetten Kuhe benutzt und konnen nun grossmuthig die sieben magern ernahren.
Ich weiss nicht, sagte der Graf empfindlich, ob das Gesprach, wie wir es jetzt fuhren, die Einleitung eines Geschaftes sein kann, und ob es nicht besser ware zu scheiden, ohne uns gegen einander zu verstimmen?
Ich denke, erwiederte der Baron, dass Sie mir, ehe wir uns trennen, noch das Zeugniss geben werden, dass ich wenigstens mein Schicksal mit Gleichmuth trage, denn auch ich bin einer der minder Begluckten, die ihr Eigenthum aufgeben mussen, um das wankende Vaterland zu unterstutzen, und ich wollte nach der gelungenen Versohnung Ihnen als Ihr Freund und nachster Verwandter meine Guter zum Verkauf anbieten. Da die Versohnung leider ganzlich misslungen ist, so biete ich Ihnen den Handel an, wie ein Edelmann dem andern.
Sie wissen wohl selbst, sagte der Graf, dass es im gegenwartigen Augenblicke beinah unmoglich ist, Guter zu kaufen, weil nicht allein die Aufbringung der Kaufsumme Verlegenheit hervorbringt, sondern weil man dadurch die Last der Abgaben so steigert, dass man davon erdruckt werden muss; also werden Sie es naturlich finden, wenn ich jeden Antrag der Art ablehne.
Ich weiss nicht, erwiederte der Baron hoflich, ob Sie nicht diese abschlagliche Antwort zurucknehmen, wenn Sie die Sache von allen Seiten uberlegt haben werden. Jedermann weiss, dass Sie Ihr grosses Vermogen zu dem edeln Zwecke benutzen, alle Hulfsbedurftige zu unterstutzen, dass Sie bei dieser loblichen Menschenliebe nicht einmal darauf Rucksicht nehmen, ob sie Freunden oder Feinden Ihres so hoch von Ihnen verehrten Vaterlandes zu Theil wird. Jedermann weiss, dass ich als der einzige Bruder Ihrer Gemahlin mich seit lange fruchtlos bemuhe in der Jugend entstandene Irrungen mit meiner Schwester auszugleichen. Welch ein seltsames Licht musste es auf diese Schwester und auch auf Sie werfen, wenn Ihre feindliche Stimmung gegen mich, deren Grund Niemand begreift, so weit ginge, dass Sie mich allein die Hulfe nicht finden liessen, die sonst Jedermann bei Ihnen findet. Auch glaube ich, konnte es Sie bestimmen auf den Handel einzugehen, dass ich, wenn er zu Stande kommt, gesonnen bin, diese Gegend ganzlich zu verlassen, wodurch Sie gesichert waren, dass nicht wieder argerliche Auftritte Statt finden konnten, wenn ich zufallig mit meiner Schwester zusammentrafe.
Sie stellen Grunde auf, sagte der Graf mit Bitterkeit, die mit siegender Gewalt alle Einwendungen lahmen und die mich in der That geneigt machen, Ihren Forderungen zu genugen, wenn es meine Krafte erlauben.
Ich dachte es wohl, erwiederte der Baron verbindlich, dass ich mich nicht vergeblich an Sie gewendet haben wurde. Wir konnen einen Tag festsetzen, wenn wir uns in Breslau treffen wollen, wo wir unser Geschaft beendigen konnen. Doch muss ich bitten, diese Zusammenkunft nicht langer als eine Woche aufzuschieben, weil ich sonst in anderen Planen gehindert wurde, und muss Sie noch ersuchen, die Bedingung einzugehen, eine Summe sogleich auf Abschlag der Zahlung zu entrichten.
Wie, sagte der Graf, eh ich die Guter kenne, ehe mir einmal der Kaufpreis genannt ist?
Ich gestehe, sagte der Baron lachelnd, dass diese Bedingung etwas von der allgemeinen Regel abweicht, aber bedenken Sie, die Umstande sind auch nicht die gewohnlichen. Ein Verwandter macht Ihnen diesen Vorschlag, der sich entfernen will und dem Sie dann vielleicht nie im Leben mehr begegnen.
Diess entscheidet, sagte der Graf. Unter dieser Bedingung bin ich bereit auch auf diese Forderung einzugehen, wenn sie meine Krafte nicht ubersteigt, denn ich setze voraus, Sie wissen den Werth Ihrer Bedingung zu schatzen, und ich furchte, Sie haben Ihre Forderung dem gemass eingerichtet.
Ich werde die Genugthuung haben, sagte der Baron mit einschmeichelnder Stimme, dass Sie mich bescheidener finden, als Sie vermuthen. Ich habe einem Freunde tausend Thaler zu bezahlen, der seine Rechte seinem Vater ubertragen hat, dem alten Herrn Lorenz, der mich hieher begleitet hat, um das Geld sogleich zu empfangen, und ich muss desshalb auf die Abzahlung dieser Summe dringen, weil sonst leicht eine mir nachtheilige Spannung zwischen mir und meinem Freunde entstehen konnte.
Und Sie nennen diesen Menschen Ihren Freund? fragte der Graf mit Erstaunen.
Warum nicht? erwiederte der Baron lachelnd. Wollte ich hier bleiben, so konnte vielleicht aus dieser freundschaftlichen Verbindung manche Verlegenheit fur mich entstehen, aber da wir beide nach der spanischen Granze gesendet werden, wo unser Vortheil gemeinschaftlich sein wird, und wo uns Niemand kennt, so konnen die hiesigen engherzigen Rucksichten keinen Einfluss auf mich uben, um so mehr, da die Franzosen alles andere eher aufgeben werden, als das Gefuhl einer ursprunglichen Gleichheit; daher wurde es mir selbst keinen Nachtheil bringen, wenn auch die Herkunft meines Freundes bekannt wurde.
Ich habe den Franzosen niemals so sehr Unrecht thun mogen, sagte der Graf, zu glauben, dass sie die Gleichheit, welche sie verlangen, so verstanden wissen wollen, dass sie keine moralische Unterschiede annahmen. Doch, fuhr er mit einem kalten Blick auf den Baron fort, ich habe hier kein Urtheil zu fallen.
Sie meinen, entgegnete dieser lachelnd, der moralische Unterschied zwischen mir und dem werthen Herrn Lorenz mochte nicht bedeutend sein, denn ich wette, Sie halten uns beide fur ein Paar Taugenichtse.
Ich habe schon bemerkt, sagte der Graf, dass ich kein Urtheil uber Sie habe. Nach der spanischen Granze wollen Sie, fragte er hierauf, also muss ich vermuthen, Sie nehmen franzosische Dienste, und so konnte es sich fugen, dass Sie selbst einmal gegen Ihr Vaterland gebraucht wurden.
Wie die Sachen jetzt stehen, antwortete der Baron, lasst es sich kaum vermuthen, denn diess Preussen, welches Sie mein Vaterland nennen, ist zu eng, zu nothwendig mit Frankreich verbunden, als dass sein Adler nicht immer mit dem franzosischen fliegen sollte. Aber selbst, wenn es anders ware, so konnte diess mein Handeln nicht bestimmen. Wie oft haben Preussen gegen Oesterreicher, Sachsen und Andere gefochten, die sich doch wohl Deutsche nennen mussen und die folglich zu dem deutschen Vaterlande gehoren, denn so enge Grenzen werden Sie doch Ihrer Vaterlandsliebe nicht stecken wollen, dass Sie alles, was ausserhalb Preussen liegt, Fremde und Feindesland nennen wollen. Wenigstens wurden Sie, wenn Sie diess thaten, in seltsame Verlegenheiten gerathen. Sie mussten dann mit feindlichen Augen selbst die betrachten, die Sie noch im vorigen Jahre mit Bruderliebe umfasst haben als die Sohne des gemeinsamen Vaterlandes, die Einwohner der abgetretenen Provinzen namlich.
Der Baron schwieg. Da aber der Graf nicht antwortete, fuhr er fort: Sie nehmen vermuthlich die Granzen des Vaterlandes bis zum Rhein an. Ich gehe etwas weiter; ich uberschreite den schonen Fluss und finde mit Weltburgersinn uberall mein Vaterland, so weit die Civilisation reicht.
Diess ist ein Gegenstand, sagte der Graf kalt, uber den sich nicht streiten lasst. Jedermann folgt darin seiner Ansicht, und es wurde zu weit von dem Zwecke unserer Zusammenkunft abfuhren, wenn wir gegen einander unsere Meinungen entwickeln wollten.
Der Baron folgte bereitwillig diesem Wink, und es wurde festgesetzt, dass beide Herren sich nach vier Tagen in Breslau treffen wollten, um den beabsichtigten Handel abzuschliessen, und dass der Graf tausend Thaler dem Pfarrer ubergeben wollte, der sie gegen die gehorige Quittung dem alten Lorenz abzugeben habe. Der Graf hatte sich zu diesem Opfer entschlossen, um einen Verwandten zu entfernen, dessen Nahe nur unheilbringend sein konnte. Er hatte aber den Vorsatz, in Breslau einen Rechtsgelehrten zu Rathe zu ziehen und nur dann den Kauf der Guter in der That abzuschliessen, wenn er uberzeugt sein konnte, dass sein unwurdiger Verwandter ihm nicht neue Nachtheile bereitete. In diesem Falle wollte er die ihm abgedrungene Summe lieber verlieren.
Als das Geschaft so weit beendigt war, wollte der Graf sogleich nach Schloss Hohenthal zuruckkehren. Der Baron aber hielt ihn mit hoflichen Gesprachen zuruck, ohne sich durch die kurzen Antworten, welche er erhielt, abschrecken zu lassen, und ein mit allen Verhaltnissen Unbekannter hatte nach der Art, wie die Unterredung gefuhrt wurde, schliessen mussen, dass beide Verwandte eigentlich im besten Einverstandniss lebten, und dass der Baron mit liebenswurdiger Gutmuthigkeit sich bestrebte, die uble Laune eines geachteten Verwandten zu verscheuchen. Der Graf erfuhr auf diese Weise gegen seinen Willen, dass der Baron ein genauer Freund des Obristen sei, der durch den Herrn von Wertheim war verwundet worden, dass er durch diesen mit dem Divisions-General in Verbindung gekommen sei, welcher bedeutenden Einfluss in Paris habe, so dass es ihm nicht schwer gefallen ware, dem Baron so wie dem jungen Lorenz eine Anstellung bei der Armee zu verschaffen, die nach der spanischen Granze geschickt werden solle. Doch erklarte sich der Baron uber die Natur dieser Anstellung nicht genauer, und der Graf konnte aus dem Zusammenhange leicht errathen, dass der Baron auf die erste Sprosse der Leiter des Glucks, die er ersteigen wollte, durch die sogenannte Gemahlin des Obristen erhoben worden war, in welcher der Graf, ohne seinen Scharfsinn anzustrengen, die Tochter des alten Lorenz erkannt haben wurde, wenn auch der Prediger nicht schon langst durch unumwundene Fragen die Sache ausser allen Zweifel gesetzt hatte. Endlich gelang es dem Grafen, sich von dem Baron loszumachen und die wohlgemeinten Einladungen des Predigers zu beseitigen, und er eilte aus der Nahe eines Menschen hinweg, dessen Gefahrlichkeit er schon in der einzigen Unterredung, die er nach vielen Jahren mit ihm gehabt, genugend erkannt hatte, und ihm dauchte das Opfer von tausend Thalern unbedeutend, wenn dadurch die Ueberzeugung erkauft werden konnte, dass er den Bruder seiner Gemahlin nie wieder sehen werde. In diesen Gedanken und Betrachtungen erreichte er seine Wohnung, wo er andere Nachrichten fand, die, wie er auch dagegen kampfte, niederschlagend auf ihn wirkten.
XVI
Als der Graf vor seiner Wohnung vom Pferde stieg, kam ihm St. Julien entgegen, in dessen Augen noch leichte Spuren von Thranen waren, obgleich der lachelnde Mund dem Gefuhle widersprechen zu wollen schien, welches diese Schmerzenszenszeichen hervorgerufen hatte. Er hielt einen Brief in der Hand und sagte: In wenigen Tagen wird meine Mutter hier sein, um Ihnen ihren Dank darzubringen und mich mit sich hinwegzufuhren. Die Lippen des jungen Mannes zitterten, indem er diese Worte sprach. Er kampfte mit der Wehmuth, doch plotzlich uberwaltigte ihn sein Gefuhl, er liess den Thranen freien Lauf und rief, indem er den Grafen mit Heftigkeit umarmte: Werde ich Sie und Alle jemals wiedersehen? Und werde ich den Schmerz der Trennung ertragen konnen? Der Graf druckte mit inniger Ruhrung den jungen Mann an seine Brust und sagte mit muhsam beherrschtem Schmerz: So nah ist also die ungluckliche Stunde? Er fasste darauf den Arm St. Juliens und Beide gingen in das Zimmer des Grafen, wo er, wie es St. Julien wollte, den Brief las, den dieser von seiner Mutter erhalten hatte. Wir mussen uns die Trennung noch nicht so denken, sagte er endlich. Ihre Mutter wird sich bewegen lassen, so lange bei uns zu verweilen, bis die Zeit Ihres Urlaubs geendigt ist.
Gewiss, sagte St. Julien, wird meine Mutter mit Freuden diesen Wunsch erfullen; aber auch diese Zeit wird vergehen und endlich kommt der Augenblick doch, der den Schmerz der Trennung herbeifuhrt.
Endlich, sagte der Graf, ja freilich endlich naht die Stunde der Trennung, und trennt uns nichts anders, so naht doch endlich der Tod und zerreisst auch die festesten Bande. Darum ist jeder Tag des Gluckes in unserm armen, kurzen Leben ein unendlicher Gewinn.
Beide Manner betraten in wehmuthiger Stimmung den Saal, wo sie die Frauen und den Grafen Robert beisammen fanden, denen die baldige Ankunft der Mutter St. Juliens mitgetheilt wurde. Der Schmerz in den Augen der Grafin war nicht zu verkennen, und Emilie verliess den Saal, weil sie die Thranen nicht zuruckhalten konnte, die an den langen, goldenen Wimpern zitterten. Stumm reichte der Graf Robert seinem Freunde die Hand, die dieser mit Innigkeit druckte.
Der Graf verliess seine vom Gefuhl der nahen Trennung schmerzlich beruhrten Freunde und begab sich zu der Wittwe des Professors, wo er den Haushofmeister Dubois fand. Dieser gutmuthige alte Mann hatte nach und nach die Ueberzeugung seiner Freundin Herrschaft uber sich gewinnen lassen, und glaubte beinah mit Gewissheit mit ihr, dass St. Julien der geraubte Sohn der Grafin sei. Der Graf hatte ofter die gewesene Dienerin uber alle Umstande befragt, und er musste wenigstens zugeben, dass die Sache moglich sei. Er hatte die Moglichkeit so oft erwogen, dass sie auch ihm zuletzt wahrscheinlich wurde. Er hatte sich langst gestanden, dass es eben die grosse Aehnlichkeit mit seinem ehemaligen Freunde, dem Grafen Evremont, gewesen sei, die ihn zu dem jungen Manne, so wie er ihn erblickte, wunderbar hingezogen hatte. Er theilte auch diess der Professorin mit; aber, schloss er, diese Aehnlichkeit kann ein Spiel der Natur sein, wie wir ofter Gelegenheit haben es zu bemerken.
Ich weiss nicht, rief die Wittwe des Professors, ob die Natur ein so dummes Spiel macht, dass nicht bloss die Aehnlichkeit da ist, sondern auch das kleine braune Maal unter dem linken Auge, das ich tausend Mal an unserm kleinen Herrn betrachtet habe. Ich wollte es dem Kinde wegbeizen lassen, aber die Frau Grafin war zu angstlich und gab es nicht zu. Ich kann es gar nicht begreifen, wie die vornehmen Leute so blind aus lauter Klugheit sind. Wie ist es moglich, dass die Frau Grafin ihr Kind nicht an diesem Zeichen erkennt.
Sie bezeichnen Herrn St. Julien, sagte der Graf, mit so grosser Bestimmtheit als den Sohn meiner Gemahlin, und in wenigen Tagen wird die Mutter des jungen Mannes hier sein, und alle Tauschungen werden schwinden.
Lasst sie nur kommen, rief die Professorin, indem sie die Hande zusammenschlug, lasst sie nur kommen, ich will ihr schon Fragen vorlegen. Die Frau Grafin ist immer sanft wie ein Lamm gewesen; sie ware im Stande und liesse sich mit schonen Reden ihren Sohn zum zweiten Male stehlen. Aber mir soll sie Antwort geben, die franzosische Madam, ich werde sie nicht so ziehen lassen, und wenn sie auch ihren grossen Buonaparte mitbrachte, so liesse ich mich doch nicht einschuchtern.
So ernsthaft dem Grafen die Sache erschien, so konnte er doch ein Lacheln uber den Eifer seiner Verbundeten nicht unterdrucken. Er theilte nun ihr und Dubois mit, dass er gezwungen sei, auf einige Tage zu verreisen, und bat Beide, wenn die Mutter des jungen Mannes wahrend seiner Abwesenheit kommen sollte, Alles genau zu beobachten und auf keinen Fall eine ubereilte Abreise vor seiner Ruckkunft zuzugeben, unter welchem Vorwande man sie auch vielleicht verlangen sollte, aber auch mit allen entscheidenden Schritten, die zu Entdeckungen fuhren konnten, bis zu seiner Ruckkunft zu warten, damit Alles mit so viel Schonung fur die Grafin als moglich eingeleitet werden konne. Beide versprachen ihm punktlich zu gehorchen, und die Wittwe des Professors sagte: Sie sehen, dass ich schweigen kann, das ist nur ein einfaltiges Gerede, wenn die Manner immer darauf sticheln, dass die Weiber nicht schweigen konnen. Ist es mir der Muhe werth, so weiss ich meine Zunge wohl zu bandigen. Sie sehen, ich lebe hier Wochenlang und es brennt mir taglich auf dem Herzen, wenn ich sehe, wie kummervoll die Frau Grafin den jungen Mann betrachtet. Ich mochte ihr gerne sagen: So offnen Sie doch die Augen, wischen Sie die Thranen daraus hinweg, damit sie hell werden, und umarmen Sie das beweinte Kind, damit der nutzlose Jammer endlich endigt. Aber Sie haben mir so viel vernunftige Grunde angefuhrt, dass ich immer schweige und das Elend ruhig ansehe.
Der Graf dankte ihr fur ihre Standhaftigkeit und versicherte, dass er uberhaupt nicht so nachtheilige Meinungen in Betreff der Klugheit und Zuruckhaltung der Frauen hege, und dass ihr Beispiel auch jeden andern eines Besseren belehren musse, und verliess mit Dubois die durch so freundliche Worte hochbegluckte Frau, um mit diesem noch nahere Verabredungen zu treffen fur den Fall, dass St. Juliens Mutter wahrend seiner Abwesenheit eintreffen sollte. Dieser ahnte nichts von den feindlichen Anstalten, die gegen eine Frau getroffen wurden, die sich ihm stets als eine zartliche Mutter gezeigt hatte. Er sehnte sich mit dankbarer Liebe nach dem Augenblicke, in welchem sie ihn in die Arme schliessen wurde, und sein inniger Schmerz entstand nur aus der Ueberzeugung, dass diesem glucklichen Augenblicke die Trennung von zartlich und leidenschaftlich geliebten Wesen folgen musste.
Der Graf hatte seine Reise nach Breslau angetreten und traf dort nun einen Tag fruher ein, als er den Baron erwarten durfte. Er wollte diese Zeit dazu benutzen, um den Rath eines Rechtsgelehrten uber den vorgeschlagenen Kauf fruher zu nehmen, ehe er sich weiter gegen den Verkaufer erklarte. Doch war seine Vorsicht in sofern vergeblich, weil der Baron ebenfalls den Entschluss gefasst hatte, einen Tag vor der verabredeten Zusammenkunft in Breslau zu sein, um den Rath eines Rechtsgelehrten zu benutzen, und das Schicksal wollte, dass Beide sich an denselben wendeten und schon in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft zusammentrafen. Da der Baron sehr zu verkaufen wunschte und der Graf, nachdem er sich genau uber Alles unterrichtet hatte, einsah, dass er wenigstens keinen grossen Verlust zu befurchten habe, so war der Handel bald abgeschlossen. Der Graf ubernahm alle auf den Gutern ruhenden Schulden, und der Baron empfing noch eine Summe baar, die er, wie er lachelnd bemerkte, mit Weisheit anlegen wollte, und theilte dem Grafen die willkommene Nachricht mit, dass er in drei Tagen sein Geburtsland zu verlassen und seiner Bestimmung entgegen zu eilen denke.
Gegen seinen Wunsch war der Grundbesitz des Grafen so um eine bedeutende Herrschaft vermehrt worden, und er kehrte nur halb zufrieden nach Schloss Hohenthal zuruck. Denn wenn es ihm auch erfreulich war, nun auf die Entfernung eines Verwandten rechnen zu durfen, dessen Gegenwart seiner Gemahlin so schmerzlich werden konnte, so fuhlte er doch, wie sehr seine Sorgen in der verhangnissvollen Gegenwart durch diesen neu erworbenen Grundbesitz vermehrt wurden. Es war ihm nicht entgangen, dass die Grafin sich zum Theil eben desshalb von allem Umgange mit den Nachbarn zuruckgezogen hatte, um der Gefahr eines zweiten schmerzlichen Zusammentreffens mit einem Bruder auszuweichen, der nur unheilbringend auf ihr Leben eingewirkt hatte, und er hoffte mit Recht, dass ihr die Nachricht, die er mitzutheilen hatte, erfreulich sein wurde. Er hatte den kurzen Aufenthalt in Breslau auch dazu benutzt, fur den jungen Gustav zu sorgen. Auch sein Vetter sollte reisen, und er sah ein, dass die Einsamkeit druckend werden musste, wenn man sich noch ferner von den Nachbarn zuruckhalten wollte.
In diesen mannigfachen Betrachtungen hatte der Graf die Reise zuruckgelegt und erreichte ziemlich ermudet Schloss Hohenthal, denn der Spatherbst des Jahres achtzehn hundert und sieben war eingetreten. Die feuchte, kalte Luft durchschauerte den Grafen und er sehnte sich nach der warmenden Flamme des Kamins. Mit bekummerter Miene eilte ihm der Haushofmeister entgegen. Gottlob, dass Sie, gnadiger Herr, kommen, rief er ihm zu, ich bin in einer todtlichen Verlegenheit.
Was ist vorgefallen? fragte der Graf angstlich.
Ein zweiter Brief der angeblichen Mutter des Herrn St. Julien, erwiederte der alte Mann, ist angekommen, und sie verlangt, er soll ihr bis zum nachsten Stadtchen entgegen kommen. Wie kann man diess verhindern?
Es ist besser, wir machen keinen Versuch diess zu hindern, sagte der Graf nach einem Augenblicke des Nachdenkens. St. Julien kann nicht so von uns scheiden, auch wenn es von ihm gefordert wurde, und auch sonst ist diess, selbst wenn Ihre Vermuthung gegrundet ware, nicht wahrscheinlich; denn unmoglich kann seine Mutter den Verdacht ahnen, den wir hegen. Mir scheint es, dass sie den Sohn nicht zuerst unter fremden Menschen wiedersehen will, und dieser Wunsch ist naturlich. Desshalb befehlen Sie, dass Pferde und Wagen bereit gehalten werden, damit der junge Mann morgen fahren kann, sobald er es wunscht, und lassen Sie uns das Uebrige geduldig erwarten.
Der Haushofmeister war es gewohnt sich in Ehrfurcht der Ansicht des Grafen zu fugen, aber diess Mal schien ihm zu viel auf dem Spiele zu stehen, und als der Graf die Treppe hinauf stieg, eilte er zu seiner Freundin, der Professorin, um ihr die Gefahr mitzutheilen, in der sie schwebten, den auf's Neue zu verlieren, den sie sich beide gewohnt hatten als den Sohn der Grafin zu denken. Die ehemalige Dienerin zurnte uber den Leichtsinn des Grafen und wahlte nicht mit zu angstlichem Zartsinn die Worte, um diesen Zorn auszudrucken. Doch beruhigte sie sich nach einigem Nachdenken durch die Vorstellung, dass der Graf wenigstens darin Recht habe, wenn er meinte, die Kinderrauberin, wie sie ohne Umstande St. Juliens Mutter nannte, konne doch nicht wissen, dass jemand im Schlosse sei, der ihr Recht an diesen Sohn sich erlauben wurde zu prufen, und sie rieth dem Haushofmeister, mit guter Manier darauf zu sehen, dass der junge Mann nicht seinen Urlaubsschein oder andere Papiere mitnahme, auf die er sich einen Pass verschaffen konnte. Dubois versprach, so viel es die Bescheidenheit erlaubte, darauf zu achten.
Der Graf fand seine Hausgenossen aufgeregt durch die Nachricht der nahen Ankunft einer Frau, in deren Gegenwart sich eines Jeden Lage verandern musste. Der schwermuthige Blick der Grafin haftete auf St. Julien. Es wurde ihr heute zum ersten Male recht klar, wie schwer es ihr werden wurde, die Rechte einer Andern anzuerkennen, denn sie fuhlte, wie innige mutterliche Gefuhle sie selbst fur den jungen Mann im Herzen hegte. Emilie und St. Julien suchten sich zu nahern und wagten doch einander nichts zu sagen. Der Obrist ging im Saale auf und ab, und wiederholte von Zeit zu Zeit, ein braver Soldat musse seiner Fahne treu bleiben unter allen Umstanden, und die Festigkeit eines Mannes zeige sich nicht bloss in der Schlacht, sondern vorzuglich dann, wenn es darauf ankame, Gefuhle des Herzens zu besiegen. Graf Robert und Therese waren in das Vorgefuhl der eigenen Trennung verloren, und die Ankunft des Grafen erheiterte die Mienen nur auf kurze Zeit.
So war der Abend ziemlich traurig verstrichen. Am andern Morgen zeigte sich Dubois bei St. Julien geschaftig, um den Rath seiner erfahrnen Freundin zu befolgen, aber zu seiner grossen Beruhigung nahm der junge Mann gar nichts mit sich und wurde in seiner kummervollen Zerstreuung selbst seine Borse vergessen haben, wenn sie ihm der Haushofmeister nicht gereicht hatte.
Heute Abend bin ich zuruck, sagte er, indem er dem alten Manne freundlich die Hand reichte. Dann verliess er das Zimmer, eilte mit leichtem Schritte die Treppe hinunter, warf sich hastig in den Wagen, der schnell dahin rollte und, wie es Dubois in diesem Augenblicke schien, das Gluck des Hauses entfuhrte.
Der Tag verstrich den Schlossbewohnern langsam, in peinvoller Stimmung des Gemuths. Der Graf konnte sich die Ungerechtigkeit nicht ablaugnen, die darin lag, dass eine Frau mit feindlichen Gefuhlen von einer Familie erwartet wurde, der sie sich aus reinster Dankbarkeit nahern wollte. Doch konnte er eben so wenig, als die Andern diess Gefuhl besiegen, und er empfand jetzt, dass er viel fester daran glaubte, als er sich fruher hatte gestehen wollen, dass der von Allen geliebte junge Mann der seiner Gemahlin geraubte und von ihr so innig geliebte Sohn sei. Die Grafin, deren Seele keinen Gedanken mehr vor dem Grafen verbarg, hatte ihm langst bekannt, dass die grosse Aehnlichkeit St. Juliens mit dem Grafen Evremont, an den sie selbst die Stimme des jungen Mannes fortwahrend erinnere, ihr Herz in die susse Tauschung eingewiegt habe, diess konne ihr Sohn sein, dass sie desshalb Mutterliebe fur den jungen Mann fuhle und seine Abreise ihr lebhaften Schmerz erregen wurde. Emilie sagte nichts, aber der kummervolle Blick und die blassen Wangen verriethen ohne Worte ihr Gefuhl.
In solcher Stimmung war es naturlich, dass jeder von den Hausgenossen die Einsamkeit suchte, und der Graf Robert ritt zu dem Obristen Thalheim, wo, wie er es sich bewusst war, seine schone Braut ihn mit reiner, unschuldvoller Zartlichkeit erwartete.
Der Arzt bemerkte kaum, dass etwas Ungewohnliches in der Familie vorging. Alle Gedanken und Empfindungen, die nicht seiner Wissenschaft geweiht waren, richtete er mit seiner gewohnten Heftigkeit und unschuldigen Selbstliebe auf seine junge Verwandte, die mit ungeheuchelter Bewunderung seiner grossen Gelehrsamkeit ihn aufrichtig verehrte und es nicht duldete, dass Jemand in ihrer Gegenwart uber seine seltsamen Manieren scherzte, denn ihr schien diese Seltsamkeit von grosser Gelehrsamkeit unzertrennlich, und sie sprach fur ihr Alter mit grossem Ernst und tiefem Gefuhl uber den edeln Beruf eines Arztes, der sich grossmuthig ganz der leidenden Menschheit weiht, keine Stunde eigentlich fur sich lebt, sondern jeden Augenblick bereit sein muss, sein Dasein fur Andere zu benutzen, und den selbst Gefahr des Lebens nicht davon abschrecken darf, seinen Beruf zu erfullen. Der Arzt war viel zu eitel, als dass er in solchen Schilderungen nicht sein Bild erkannt haben sollte, und sein Herz entzundete sich fur die junge Verehrerin mit zartlicher Liebe. Die Wittwe des Professors freute sich stillschweigend daruber, dass Alles sich nach ihren Wunschen zu fugen schien, und ihr Wohlwollen fur den Arzt mehrte sich taglich, obgleich sie stundlich schalt und belehrte, und diese Anmassung, die ihm fruher im Hause seines Oheims so unertraglich schien, dass er sich, um ihr zu entgehen, einem ungewissen Schicksale Preis gab, dunkte ihm nun das Zeichen mutterlicher Sorgfalt, und er gewohnte sich daran, nichts ohne den Rath und die Einwilligung einer Frau zu thun, deren Einfluss er fruher mit bitterem Hasse entflohen war. Auch an diesem Tage liess sie ihn gleich nach der Mittagstafel zu sich rufen und sagte: Mein lieber Vetter, es ware vernunftig, wenn Sie zu dem Prediger ritten und diesen Abend bei ihm blieben; denn erfahrt er, dass heute eine fremde Frau hier ankommt, so sehen wir ihn sicher auch bald bei uns, um nur gleich im ersten Augenblicke die Fremde zu betrachten und ihren ganzen Lebenslauf auszuforschen.
Was kann es schaden, erwiederte gleichmuthig der Arzt, wenn man ihm diese Unterhaltung gonnt?
Ich will das nicht haben, rief die Professorin heftig. Es schickt sich nicht, dass einer, der nicht zur Familie gehort, im ersten Augenblicke gegenwartig ist, wenn eine solche Bekanntschaft gemacht wird.
Freilich, sagte der Arzt, ich habe es langst bemerkt, unser guter Prediger wird leicht zu grosser Wissbegierde aufgeregt und ist in solchen Fallen nicht immer delikat.
Was geht mich seine Delikatesse an, erwiederte die Professorin, das ist die Sache seiner Frau, die hat fur seinen Tisch zu sorgen. Ich will nur nicht, dass er heute die Familie storen soll, und haben Sie nicht gesehen, wie vernunftig der Graf Robert ist, der schon lange davon geritten ist. So klug, denke ich, kann mein Vetter auch sein.
Sie haben Recht, wertheste Frau Base, sagte der Arzt, und ob ich gleich heute ein besonderes Studium vorhatte, so will ich es doch bis morgen aufschieben, und heut den ganzen Abend mit dem Prediger Whist oder Boston spielen, und Falls wir ganz allein sind, auch Schach, denn man muss sich seinen Freunden aufopfern.
So war nun Alles nach der Meinung der Professorin gehorig vorbereitet, um die ankommende Feindin mit scharfen Blicken zu beobachten, und sie und Dubois horchten mit Herzklopfen auf jedes Gerausch. Aber die Dammerung war langst eingebrochen, die Lichter in allen Zimmern angezundet und noch immer horte man keinen Wagen rollen, und die Furcht fing sich allmalig an zu regen, dass man St. Julien nicht mehr wiedersehen wurde. Nicht bloss der Haushofmeister und seine Freundin erwarteten mit so angstlicher Ungeduld den jungen Mann und seine Mutter; auch der Graf und seine Angehorigen theilten die peinliche Unruhe, die in dem Masse sich steigerte, wie die Finsterniss zunahm.
St. Julien hatte die kleine Reise, die ihn seiner Mutter entgegen fuhrte, mit getheilter Empfindung angetreten, und er machte sich selbst bittere Vorwurfe daruber, dass sein Herz nicht mit reiner Freude erfullt war. Je naher er aber dem Orte kam, wo, wie er wusste, ihn die erwartete, deren mutterliche Liebe ihn so treu auf dem Pfade seines Lebens begleitet hatte, je mehr traten alle andern Empfindungen in den Hintergrund seiner Seele zuruck, und mit inniger, lebhafter Zartlichkeit schloss er die geliebte Mutter in seine Arme.
Nach einer so langen Trennung war es naturlich, dass der Tag unbemerkt entfloh, und es war schon vollig dunkel geworden, als der Wagen mit den beiden Reisenden auf den Hof des Schlosses Hohenthal rollte und die Spannung aller Erwartenden loste.
Die Grafin erbleichte. Sie fasste den Arm der nicht minder bewegten Emilie und verliess mit dieser den Saal, um in einer kurzen Einsamkeit die gehorige Fassung zu gewinnen, die Fremde mit anstandiger Ruhe zu begrussen. Der Graf eilte den Ankommenden mit Hoflichkeit entgegen. St. Julien hatte so eben seine Mutter aus dem Wagen gehoben, und der Graf bot ihr den Arm, indem er sich ihr als den Herrn des Hauses nannte und das Gluck pries, sie bei sich zu begrussen. Sie wollte, indem der Graf sie die Treppe hinauf fuhrte, von ihrer Dankbarkeit reden, aber die Stimme versagte ihr und eine heftige Ruhrung erlaubte nur einzelne Tone. Endlich in den Saal angelangt, schlug sie den Schleier zuruck, der ihr Gesicht bedeckte, und der Graf blickte in die schonsten schwarzen Augen, die von Thranen funkelten. Der rothe Mund lachelte halb schalkhaft, halb wehmuthig und zeigte zwei Reihen Zahne wie Perlen. Die durch die Reise und durch ein lebhaft aufgeregtes Gefuhl hoher gluhenden Wangen gaben dem Gesicht fur einen Augenblick den Reiz entschwundener Jugend zuruck, und den Grafen uberraschte die Aehnlichkeit mit St. Julien in diesem Gesicht und noch eine andere, die ihn verrwirrte und fur einen Augenblick der Sprache beraubte.
Die Fremde sagte endlich mit noch immer fliessenden Thranen: So hat mir die Zeit denn in der That so ubel mitgespielt, dass kein Zug der Erinnerung zu Hulfe kommen will, und ich muss mich Ihnen, Graf Hohenthal, nennen.
Der Ton der Stimme ruhrte eine Saite in des Grafen Brust, die langst nicht mehr geklungen hatte. Er wollte antworten, als die Grafin eintrat, und mit Ruhe und Anstand sich der Fremden naherte, um sie zu begrussen. Beide Frauen standen sich einen Augenblick gegenuber, beide wollten reden, aber beide verstummten und starrten sich zweifelnd in die Augen. Adele! rief endlich die Grafin mit sterbendem Tone und bebenden Lippen Cacilie! erwiederte die Fremde mit dem lauten Rufe der Freude, und beide Frauen lagen sich in den Armen und umschlossen sich so fest, als ob diese Bande der Liebe sich nie wieder losen sollten.
Der Graf zog sich bescheiden etwas zuruck. Ihm hatte dieser eine Laut die Bewegung seines eigenen Herzens erklart, und mit Blitzesschnelle durchflog ihn der Gedanke, dass nun auch St. Juliens Aehnlichkeit mit dem Grafen Evremont erklart sei, und indem er eine ihm so lieb gewordene Tauschung aufgeben musste, senkte sich ein Schatten tiefer Traurigkeit in seine Seele.
O! rede, rede, geliebte Freundin, sagte endlich die Grafin mit zitternder Stimme. Halte ich Dich wirklich lebend in meinen Armen, und sehe ich Dich nach so langen schmerzensvollen Jahren bluhend und glucklich? Ohne Grund sind um Dich so viele Thranen geflossen. Heiter, gesund, eine gluckliche Mutter, so sehe ich Dich wieder. Darum, fuhr die Grafin fort, indem sie mit mattem Lacheln auf St. Julien deutete, zog mich mein Herz zu diesem Menschen; ohne es zu wissen, liebte ich Deinen Sohn.
Meinen Sohn? fragte die Freundin lachend, indem ihre Thranen heftiger stromten. Besinne Dich doch, gedenke der Zeit, in der wir zusammen lebten. Berechne die Jahre seit unserer Trennung, kann er wohl mein Sohn sein?
Und Wessen ist er denn? fragte die Grafin kaum horbar, mit gluhenden Wangen und strahlenden Augen, indem sie beide Hande der Freundin krampfhaft druckte. Und hast Du denn, erwiederte diese laut weinend, Deinen armen Adolph ganzlich vergessen?
Meinen wiederholte die Grafin mit schwindendem Bewusstsein meinen, meinen Sohn! rief sie laut, wie zu neuem Leben erwachend, und streckte dem jungen Manne beide Arme entgegen. Der Graf und St. Julien hatten sich unwillkuhrlich, wahrend des kurzen Gesprachs, den beiden Frauen genahert, und ob der Letztere gleich den Zusammenhang der gehorten Worte nicht begriff, so zog ihn doch sein Gefuhl vor der Grafin nieder, die ihn schnell mit der ubernaturlichen Kraft, die auf einen Augenblick eine heftige Bewegung der Seele uns gibt, von ihren Knieen emporriss, und die Mutter ruhte an der Brust des Sohnes und benetzte seine Wangen mit ihren Thranen. Doch plotzlich liess sie den Sohn, fiel mit rascher Bewegung vor der Freundin nieder und kusste deren Hande, ohne dass diese der sturmischen Gewalt der Liebe zu wehren vermochte. Du hast ihn mir erhalten! rief sie aus, Du gibst ihn mir zuruck, so, ganz so, wie ich ihn in meinen Traumen sah. Er kann meine Liebe fuhlen und verdienen, er ist, ja er ist mein Sohn. Erschopft senkte sich das Haupt der Grafin. Der Graf hob sie vom Boden auf und fuhrte sie zu einem Lehnsessel, in den sich die von der Kraft des Augenblicks nun verlassene Frau senkte, indem sie mit matter Stimme, doch mit seligem Lacheln die Freundin, die noch ihre Hande hielt, fragte: Und nun sage mir, wie ist er mein?
Glaubst Du mir denn nicht ohne Erklarung? sagte mit liebevollem Blicke und zartlicher Stimme die treue Freundin. Sollen denn in diesem Augenblicke seliger Freude alle Schmerzen der Vergangenheit erneuert werden, und willst Du an diesen Gefuhlen untergehen, jetzt, da das Leben mit neuem Reize Dir lachelt? Ich will Dir morgen alle Auskunft geben, die Du verlangen kannst, nur schone Dich heute.
Der Graf hatte St. Julien mit inniger Zartlichkeit umarmt und sagte: Ich habe Dich immer geliebt, wie mein eigenes Kind. Jetzt mache ich meine Vaterrechte an den Sohn meiner Gattin geltend. Mein theurer Vater, rief der junge Mann, indem er sich von Neuem in die Arme des Grafen warf. Meine geliebte Mutter, sagte er mit zartlicher Stimme, indem er sich eilig aus den ihn umfangenden Armen befreite und die Knie wieder vor der Grafin beugte, ihre Hande mit zitternden Lippen kusste und mit uberstromenden Thranen benetzte. So hat mein Herz mich nicht betrogen, es liess mich die heiligen Bande ahnen, die hier mich fesseln. Er blickte auf und sah in die feuchten, glanzenden Augen der Frau, die er bis jetzt fur seine Mutter gehalten hatte, und die sich nun wehmuthig lachelnd uber ihn beugte. Habe ich denn nun keinen Anspruch auf Liebe mehr? fragte sie den jungen Mann mit zartlichem Vorwurfe. Tilgt ein Augenblick mein Bild aus Deinem Herzen?
Welch ein Ungeheuer musste ich sein, ware diess moglich! rief St. Julien, indem er aufsprang und mit eherbietiger Liebe Madame St. Julien umarmte. Aber, fuhr er fort, vollenden Sie Ihre Wohlthat und sagen Sie mir, durch welches Band ich Ihnen angehore.
Der ungluckliche Graf Evremont, Dein Vater und der erste Gemahl Deiner Mutter, war mein Bruder, sagte die zartliche Adele, und ihre Thranen flossen dem schmerzlichen Andenken.
Der Graf wollte eben bitten, den schmerzlichen Erinnerungen heute nicht Raum zu geben, als ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog. Dubois hatte sich, von lebhafter Theilnahme angetrieben, in der Nahe des Saales gehalten; eben so seine Freundin, die Professorin. Beide hatten sehr verstandig beschlossen, nur in der Nahe zu bleiben, um so bald als moglich das Ergebniss einer Zusammenkunft zu erfahren, die ihnen fur das Gluck einer Familie so wichtig schien, der sie so innig ergeben waren. Aber Beide hatten nicht die Kraft ihrem Vorsatze treu zu bleiben. Sie naherten sich unmerklich den geoffneten Thuren des Saales und waren so Zeugen eines Auftritts, der ihr eignes Herz in seinen Tiefen bewegte. Der bescheidene Dubois erhielt sich in ehrerbietigem Schweigen, obgleich seine alten Augen uberflossen und die Thranen ihm unbewusst die gefurchten Wangen uberstromten. Die ehemalige Dienerin aber schob ihn mit einer ziemlich heftigen Bewegung bei Seite, und indem ihre Thranen auf den gluhenden Wangen funkelten, rief sie: Nun, Gott sei gepriesen, dass sich Alles aufklart! Ich habe es ja immer gesagt, dass der junge Herr unser kleiner Adolph ist. Wie sollte ich ihn denn nicht erkannt haben, da ich ihn gewartet habe und er mir so lieb war, als ware es mein eignes Kind! Na, fuhr sie fort, indem sie dem uberraschten jungen Manne die Hand reichte, Sie haben mich rein vergessen, Sie wissen nichts mehr davon, dass ich Ihnen, Vater und Mutter zum Trotz, allen Willen erfullte, aber das vergebe ich Ihnen, denn Sie waren noch zu klein, als man Sie auf das Dorf brachte. Sie konnen von mir nichts wissen.
Traume ich, fragte Adele die Grafin, oder ist diese Frau die deutsche Dienerin, die mit uns in Paris war?
Die Grafin wollte antworten, aber die Wittwe des Professors kam ihr zuvor, indem sie sagte: Freilich bin ich es, und waren Sie damals so vernunftig gewesen, mir zu sagen, Wer Sie waren, so hatte ich Ihnen alle die Drangsale nicht angethan, die Sie mir gewiss noch nicht vergeben haben.
Ach! schon langst von ganzem Herzen, meine liebe Freundin, sagte mit liebreichem Lacheln die Frau, die nun St. Juliens Tante genannt werden muss. Ich wusste ja, dass der Widerwille gegen mich nur aus Liebe fur meine theure Schwester entstand, und biete Ihnen zum Zeichen aufrichtiger Versohnung die Hand. Die Professorin trat befriedigt zuruck, und die schonen Augen der freundlichen Adele begegneten Dubois verklarten Blicken. Mit Heftigkeit fasste sie die Hand der Grafin und sagte: Die Vergangenheit tritt mir hier lebendig entgegen. Diess ehrwurdige graue Haupt, dieses treue Auge, das gutmuthige Lacheln ruft auf das Lebhafteste in mir das Andenken an den guten vaterlichen Freund Dubois hervor.
Und wer als er, erwiederte die Grafin, indem sie den Alten herbei winkte, konnte denn so selig befriedigt zu uns hinuber blicken.
So wird es mir so wohl, sagte Adele und fasste die Hand des beschamten Greises, diesem vaterlichen Freunde noch danken zu konnen, dessen Liebe und Treue unermudet wachte, um jede Gefahr von uns zu wenden, und dessen alte Augen gewiss unzahlige Thranen uber unser Geschick vergossen haben.
Es ist zu viel, sagte der alte Mann, von Ruhrung uberwaltigt. Die Seligkeit ist zu gross fur meine Krafte. Der Graf und St. Julien eilten, den Wankenden zu unterstutzen, doch das tief in ihm wohnende Gefuhl der Ehrfurcht gab ihm bald wieder die Kraft sich zu erholen. Er entzog sich den ihn stutzenden Armen und sagte, indem er mit dem Ausdruck inniger Liebe in des jungen Mannes Auge blickte: Ich habe die hochste Freude erlebt, deren der unvollkommene Mensch fahig ist. Jetzt mag der Herr uber mich gebieten. Er zog sich nach diesen Worten aus dem Saale zuruck, und seine Freundin, die Professorin, die ihn erwartet hatte, fasste seinen Arm und fuhrte ihn auf sein Zimmer.
Die im Saale versammelte Familie vergass noch oft den Vorsatz, diesen Abend an nichts Trauriges zu denken. Hundert Fragen beruhrten kummervolle Gegenstande und wurden nur halb beantwortet. Zartliche Liebkosungen hemmten die hervorbrechenden Thranen, und man trennte sich endlich, ohne das liebevolle Verlangen befriedigt zu haben, das Jeder empfand, das Schicksal des Andern zu erfahren, weil es zu deutlich war, dass die Grafin durchaus der Ruhe und Erholung bedurfte.
St. Julien schlich nach Dubois Gemach. Sein klopfendes Herz fand keine Ruhe. Der alte Mann musste ihm noch alles Ungluck eines Vaters mittheilen, den er nie gekannt, und dessen Schicksal er als ein fremdes zuweilen gleichgultig hatte erwahnen horen. Dubois entlastete sein eigenes Herz, indem er einem Andern die Schmerzen zeigte, die er so lange einsam getragen, und fuhlte sich begluckt in der Liebe, die der Sohn eines verehrten Herrn ihm bewies.
Schon dammerte der Morgen, als sich Beide trennten, und auch St. Julien fuhlte, dass er der Erholung bedurfe. Ein sanfter Schlummer umfing ihn nach den sturmenden Empfindungen des Tages und flosste ihm neue Kraft ein fur ein bewegtes Leben.
Dritter Theil
I
Wer eine Zeit lang auf dem Lande gelebt hat, wird die Erfahrung gemacht haben, dass es zwar kraftigen Geistern gelingen kann, sich selbst von der Sucht frei zu erhalten, ohne Schonung alle Verhaltnisse seiner Bekannten zu durchdringen, dass es aber ganz unmoglich ist, die Forschungslust Anderer zu hemmen. Die genaue Kenntniss des Vermogens eines Jeden wie aller Umstande des Lebens wird den Nachbaren in weitem Umkreise Bedurfniss, und unter dem Scheine treuherziger Theilnahme dringen sie mit geradezu gestellten Fragen in die tiefsten Wunden des Herzens ein. Der feinere Weltmann fuhlt mit leisem Takte sogleich die Granze, die nicht uberschritten werden soll, und wenn auch seine Schonung nicht aus Milde entspringt, sondern nur dem, was man gewohnt ist, Sitte und guten Ton zu nennen, seinen Ursprung verdankt, so wirkt sie doch wohlthatiger, als das Benehmen der Landbewohner, die den, der mit edler Zuruckhaltung seine Schmerzen verhullt, einen verschlossenen Charakter nennen, und sich gleichgultig und misstrauisch von ihm wenden, weil er seine tiefsten, heiligsten Gefuhle, die nicht verstanden werden konnen, nicht Preis geben mag, damit der Mussiggang der Seele Beschaftigung finde.
Diese schon oft gemachte Erfahrung musste der Graf von Neuem machen. Es war nicht moglich, dass die Vorfalle in seinem Hause nicht hatten bekannt werden sollen, und die unerhorten Begebenheiten regten die ganze Nachbarschaft auf. Nur Wenige hatten seit Kurzem dunkel vernommen, dass die Grafin schon fruher vermahlt gewesen und sich als Wittwe mit dem Grafen verbunden hatte; denn der Prediger, von dem die dunkle Nachricht herruhrte, hatte selbst nichts weiter daruber erfahren konnen, als was er aus dem Munde der Professorin in ihrer ersten Ueberraschung vernommen hatte. Jede spatere an dieselbe gerichtete Frage uber diesen Gegenstand war kurz abweisend und mehr als verdrusslich beantwortet worden. Selbst der Bruder der Grafin hatte sich auf keine Erklarung der nahern Umstande eingelassen und die desshalb an ihn gerichteten Fragen nur einsylbig beantwortet, so dass diese erste Verbindung der Grafin zu allerlei seltsamen Geruchten Veranlassung gab, denn es fiel Niemandem ein, dass man erlebte Schmerzen mit undurchdringlichem Schleier konne verhullen wollen, um sie nicht zum Gegenstande gleichgultiger Gesprache zu machen, sondern man nahm mit der gewohnlichen Lieblosigkeit mussiger Menschen an, dass nur nachtheilige Umstande denen verschwiegen werden konnten, die sich alle fur die Freunde des Hauses erklarten.
Diese Ansicht war in der ganzen Gegend umher die allgemeine geworden, als man auf einmal das hochst Seltsame erfuhr, die Grafin habe aus fruherer Ehe einen Sohn, und da die Entdeckung des Sohnes mit fruheren Geruchten in Verbindung gebracht wurde, so lautete die sich allgemein verbreitende Nachricht, ein bekannter franzosischer Spion sei als der Sohn der Grafin erkannt worden, und da man meinte, dass ein Spion nur ein sehr niedriger Mensch sein konne, so erklarte man diess fur einen Umstand, der einen finstern Schatten auf die fruhere Verbindung der Grafin werfe, und diess alles eigentlich ohne bose Absicht, sondern nur, um durch eine seltsame Begebenheit die einer langweiligen Ruhe hingegebene Seele lebhaft anzuregen. Es vereinigte sich also um diese Zeit im weiten Umkreise von Hohenthal keine Gesellschaft, die nicht diesen Gegenstand verhandelt hatte, und da Jedermann die Sache etwas anders erzahlte, als er sie vernommen hatte, so war sie endlich in dem Munde der Letzten so seltsam und abentheuerlich geworden, dass die, von welchen die ersten Nachrichten ausgegangen waren, die lebhafteste Freude uber die neuen Aufklarungen dessen, was ihnen in der Sache dunkel geblieben war, empfanden.
Es konnte unter solchen Umstanden nicht fehlen, dass taglich neugierige Besucher auf Schloss Hohenthal erschienen, die, die innigste Theilnahme vorgebend, mit Fragen auf den Grafen und die Grafin eindrangen, deren ruhige Beantwortung eben so viel Standhaftigkeit erforderte, wie man bedarf, um eine schmerzhafte Operation mit Gelassenheit zu ertragen. Um diesem sich taglich erneuerndem Uebel auszuweichen, anderte der Graf den fruher entworfenen Lebensplan und schlug seiner Gemahlin vor, den Winter in Berlin zuzubringen. Mit Freuden wurde dieser Vorschlag von der Grafin angenommen, die noch mehr als der Graf durch die sich stets vermehrenden Wogen des offentlichen Geschwatzes litt. Von der lebhaften Adele, die sich im Winter auf dem Lande langweilte, konnte nur eine freudige Einwilligung erwartet werden, und der Graf beredete den Obristen Thalheim leicht, sich der Gesellschaft anzuschliessen, denn er wollte den Greis, der nur mit ihm und seinen Hausgenossen umging, nicht der truben Einsamkeit uberlassen.
Die Anstalten zur Abreise waren bald getroffen. Der Graf Robert war uber diesen Entschluss hochst erfreut, und bis zum Entzucken wurde diese Freude gesteigert, als er erfuhr, dass auch seine schone, zartlich geliebte Braut Theil an dieser Reise nehmen wurde. Auch die Professorin wollte ihre Ruckreise antreten, aber nur, um im Fruhlinge zuruckzukehren und dann ihr Leben in ihrer geliebten Heimath zu beschliessen. Sie hatte die gemachte Erbschaft dazu angewendet, ein grosses Bauerngut in des Grafen Herrschaft zu kaufen. Dieser hatte diess Gut von allen Diensten und Abgaben befreit, und angranzende Felder und Wiesen hinzugefugt, so dass es nun eine ganz artige Besitzung bildete. Die Professorin eilte nach ihrem ehemaligen Wohnsitze zuruck, um ihr sich dort befindendes Vermogen zusammen zu bringen, mit dem sie im Fruhlinge wiederkehren und die Kosten bestreiten wollte, um ein neues bequemes Haus an einer schonen Stelle, am Abhange eines Hugels zu erbauen, der sich, mit dem schonsten Grun bekleidet, sanft hinab senkte, bis ein klarer Bach seinen Fuss mit kleinen, krauselnden Wellen umspielte. Die Professorin war um so mehr fur den gewahlten Platz eingenommen, weil es ihr bekannt war, welche trefflichen Forellen der kleine muntere Bach enthielt. Der Graf wies alles nothige Bauholz und die fur das neue Haus erforderlichen Steine an, und erhohte noch ansehnlich den Gehalt des Arztes, so wie er ihm das vollkommene Jagdrecht zur grossen Freude der Professorin gestattete, denn wenn diese ihren Neffen auch nicht fur einen sonderlichen Jager hielt, so hoffte sie doch mit Recht wohl andere zu finden, die die Kuche gehorig mit Wildpret versorgen wurden.
Nach allen diesen Einrichtungen glaubte der Graf immer noch nicht genug gethan zu haben, um den Arzt zu belohnen, dessen grosse Sorgfalt, wie er uberzeugt war, St. Juliens Leben erhalten hatte. Die Grafin uberredete ihre ehemalige Dienerin leicht, den Weg uber Berlin zu nehmen und die Tochter wahrend des Winters in einer dasigen Erziehungsanstalt zu lassen, damit diese etwas mehr von den feineren weiblichen Beschaftigungen lernte, als die Mutter bis jetzt fur gut gehalten hatte ihr beibringen zu lassen. Auch der Arzt war mit dieser Anordnung zufrieden, ob er sich gleich nur mit Schmerzen von seiner kunftigen Braut und deren Mutter trennen konnte, nur durch die Hoffnung getrostet, dass der nachste Fruhling ihm nicht nur Beide zuruckbrachte, sondern auch die Bibliothek und das Naturalienkabinet seines verstorbenen Oheims. Er nahm sich vor, sich diesen Winter ganz den Studien zu widmen, um den Schmerz der Trennung zu besiegen und, um sich zu erholen, mit dem einzigen ihm bleibenden Freunde, dem Prediger, den Plan des Hauses zu entwerfen, welches nach seiner Meinung alle Forderungen des Geschmacks und der Bequemlichkeit befriedigen sollte. Da der Graf dem Schlossgartner befohlen hatte einen grossen Obstund Gemusegarten auf dem neuen Gute anzulegen, so fuhrte die lebhafte Phantasie des Arztes ihm tausend reizende Bilder der Zukunft vor, wie er im Schlafrokke neben seiner jungen, zartlichen Frau in einer Weinlaube seines Gartens sitzen und Kaffee trinken wurde, oder er sah sich, mit dem Prediger Tabak rauchend, zwischen seinen hohen Kornfeldern wandern und bewunderte schon jetzt im Geiste den reichen Segen der goldnen Aehren, indem er mit stolzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab wandelte, und den Rauch aus der Pfeife, die er wirklich rauchte, vor sich hinblies. Das sind idealische Traume, rief er dann wohl, indem er sich mit der Hand rasch die kurzgelockten Haare durcheinander wuhlte. Aber kann irgend ein Mensch hoffen, dass die Traume seiner Sehnsucht erfullt werden, so bin ich es, denn mein Gluck steht mir so nahe, dass ich es mit den Handen erreichen kann, und wahrlich, meine Welterfahrung wird es nicht voruberfliehen lassen, sondern sicher ergreifen und festhalten.
So von allen Seiten befriedigt hatte man sich getrennt. Der junge Gustav war von dem Grafen nach Breslau gesandt worden, wo er noch ein Jahr bleiben sollte, um dann auf die Universitat, die er sich selbst wahlen wurde, abzugehn. Dubois, der den Jungling vaterlich liebte, hatte ihm beim Abschiede noch ein ansehnliches Geschenk aufgezwungen, ob er gleich mit Allem uberflussig versorgt war, denn auch der Graf Robert hatte ihn mit allen Beweisen herzlicher Freundschaft entlassen. So war nun Schloss Hohenthal, wo sich eben noch so viel Leben geregt hatte, auf einmal ode und verlassen, und nur aus den Zimmern des Arztes schimmerte dem Wanderer ein einsames Licht entgegen, das aber wie ein freundlicher Stern dem Hulfe Suchenden leuchtete, denn je mehr der Wohlstand und die Zufriedenheit des Arztes zunahmen, je mehr fuhlte er sich verpflichtet, seine Wissenschaft, die er als die Quelle seines Glucks betrachtete, zum Heile seiner Mitmenschen anzuwenden, und wenn er auch taglich hochmuthiger wurde in der Ueberzeugung seines anerkannten Werths, so hinderte ihn dieser unschuldige Hochmuth doch nicht, taglich zugleich milder und wohlwollender zu werden.
Der Graf war mit seiner Familie und seinen Freunden in Berlin angelangt, und hier versprach er der noch immer liebenswurdigen Adele, ihre und St. Juliens Angelegenheiten ordnen zu helfen, ehe sie die Ruckreise mit diesem nach Frankreich antreten musse. Denn wie sich auch das Schicksal des jungen Mannes gewendet hatte, so fiel es doch Niemandem ein, dass er anders handeln konne, als zu seinem Regimente zuruckzukehren.
Schon in Hohenthal hatte die Grafin, nachdem die sturmische Bewegung der Seele sich gemildert hatte, die durch Entdeckungen entstehen musste, welche die tiefsten Gefuhle des Herzens aufregten, alle nothige Auskunft uber die Erhaltung ihres Sohnes empfangen.
An jenem unglucklichen Tage, so hatte die Schwester des Grafen Evremont ihre Erzahlung begonnen, als Dich, geliebte Schwester, und meinen theuern Bruder unerwartet ein entsetzliches Schicksal traf, kehrte ich ruhig, nachdem unsere kleinen Geschafte abgemacht waren, mit unserer Leonore nach unserer Wohnung zuruck. Ich sage Dir nichts von dem Jammer und der Verzweiflung, die hier meine Seele erfullten. Ich dachte nicht an mich, ich wollte zu Euch, und ware gewiss ohne den Freund und Retter, der mir wie ein Bote des Himmels erschien, ebenfalls ein Opfer der Grausamkeit geworden, die sich damals Vaterlandsliebe nannte.
Der Chef des Handlungshauses, dem mein Vater und mein Bruder mit so grossem Recht ihr Vertrauen schenkten, erschien, und wurde mein und Adolphs Retter. Ich war von Angst und Schrecken so betaubt, dass ich ihm willenlos folgte. Ich bemerkte kaum, dass er Leonore von mir trennte, und ahnte nicht, welcher Gefahr der gute Mann sich aussetzte, um die letzten Ueberreste des Hauses Evremont zu schutzen. Erst spater erfuhr ich, was ich Dir jetzt im Zusammenhange mittheile. Er mochte vielleicht selbst einige Hoffnung hegen, dass mein armer Bruder gerettet werden konnte. Vielleicht aber tauschte er mich auch nur mit dieser Hoffnung, damit ich ohne Widerstand mich seinen Massregeln fugte. Genug, er brachte mich in eine entlegene Vorstadt, wo ein schon bejahrter Mann, sein Freund und Verwandter, Herr St. Julien, das Hinterhaus eines ansehnlichen Gebaudes bewohnte. Hier erfuhr ich, dass mein Erretter sein Haus verlassen hatte, um nicht wieder dahin zuruckzukehren. Er hatte die Abwesenheit seines ersten Buchhalters benutzt, desselben, den er im Verdacht hatte, meines Vruders Ungluck veranlasst zu haben, und von dem er glaubte, dass er das Komptoir nur verlassen habe, um ihn selbst der Regierung als einen Feind des Vaterlandes zu bezeichnen. Die kurze Zeit, die dem alten Manne blieb, war von ihm benutzt worden, alle Wechsel und baar vorrathigen Summen mit sich zu nehmen, so wie die Hauptbucher seiner Handlung und wichtige von meinem Bruder bei ihm niedergelegte Papiere. Er hatte einen Miethkutscher genommen, den er, ehe er unsere Wohnung erreichte, mit einem andern vertauschte. Diess that er noch zwei Mal, ehe wir die abgelegene Wohnung seines Freundes erreichten, der, obwohl nicht vorbereitet auf unsern Empfang, uns dennoch liebreich und bereitwillig bei sich aufnahm.
Ich bemerkte bald, dass beide Freunde sich ohne allen Ruckhalt mit einander besprachen, und spater vertraute mir Herr St. Julien, dass Beide gegen mich die bestimmte Hoffnung, meinen Bruder und Dich zu retten, nur darum ausgesprochen hatten, um mich vor ganzlicher Verzweiflung zu bewahren, dass sie selbst aber Euch beide als verloren beweint hatten.
Es schien den Freunden zu gefahrlich, sich in Paris selbst verborgen halten zu wollen, und die Abreise nach dem Elsass, der Heimath des Herrn St. Julien, der grosse Fabriken in der Nahe von Strassburg hatte, wurde beschlossen. Ein Zufall begunstigte unsere Flucht. Ein alter Komtoirdiener des Herrn St. Julien war Wittwer, und seine einzige, ohne mutterliche Leitung erwachsene Tochter hatte vor mehreren Jahren den trostlosen Vater verlassen und sich in Paris einem verachtlichen Leben hingegeben, um augenblickliche Befriedigung eitler Lust zu finden. Da aber ein solches Leben der Schande auch dem Wechsel unterworfen ist, so war die leichtsinnige Tochter des redlichen Mannes in Krankheit und Armuth gerathen, und hatte sich in dieser trostlosen Lage an das Herz des Vaters gewendet. Wohl selten wird ein Vater die flehende Stimme des verirrten Kindes ohne Ruhrung vernehmen, und auch der alte Armand eilte, Liebe und Versohnung im Herzen, in Begleitung des Herrn St. Julien nach Paris, den ein Handelsgeschaft dahin fuhrte.
Der Vater nahm die kranke Tochter und ihren Sohn, den lebenden Zeugen ihrer Verirrung, bei sich auf. Kein Vorwurf krankte die ungerathene Tochter. Der alte Vater druckte das schuldlose Kind mit Liebe an seine Brust. Durch Sorgfalt und zartliche Pflege kehrte die Gesundheit der leichtsinnigen Laurette bald zuruck, die Spuren der Verwustung, die Armuth und Krankheit angerichtet hatten, schwanden allmalig, und der zu gute Vater fand in der wieder aufbluhenden Schonheit der Tochter Entschuldigung fur ihre Fehler. Herrn St. Juliens Geschafte waren beendigt, und da die Gesundheit der Tochter Armands hergestellt war, so hatte man Passe zur Reise genommen, die auf den nachsten Tag bestimmt war. Armand hatte noch einige nothige Vorkehrungen hiezu getroffen und kehrte, von Geschaften ermudet, nach seiner Wohnung zuruck, als er hier statt der Tochter einen Brief fand, in dem sie ihm meldete, dass es ihr unmoglich sei, Paris zu verlassen und unter seinen Augen zu leben, da jeder milde Blick, den er auf sie richte, ihr Herz wie ein Dolchstich durchbohre und es daher fur beide besser sei, wenn sie sich diesen peinlichen Empfindungen und ihm den Anblick ihrer Schande entzoge.
Es war nur zu wahrscheinlich, dass die neu aufbluhende Schonheit der leichtsinnigen Laurette Bewunderer herbei gezogen hatte und dass sie von Neuem sich ihrem fruheren Leben hingab. Der Vater war in Verzweiflung, und er erklarte Herrn St. Julien, dass er Paris nicht mit ihm verlassen konne, weil er entschlossen sei, die Spuren seiner unglucklichen Tochter aufzusuchen und alles, was vaterliche Liebe und Gewalt vermoge, anzuwenden, um sie ihrem straflichen Leben zu entreissen.
Dieser Umstand, der eine Stunde vor unserer Ankunft Herrn St. Julien mit Verdruss erfullt hatte, wurde nun von beiden Freunden als ein glucklicher Zufall betrachtet. Mein Erretter sollte unter dem Namen Armand Herrn St. Julien begleiten, und ich mit unserm Adolph als Laurette und ihr Sohn, wie sie in dem Pass angegeben waren, den Herr St. Julien schon in Handen hatte, und beide Freunde freuten sich herzlich, dass die Beschreibung der Person dieser leichtsinnigen Dirne auf mich angewendet werden konne, und so bot mir die Schande des verachtlichen Lebens einer Fremden Schutz in der traurigen Zeit, wo Tugend und Ehre mich nicht hatten schirmen konnen.
Ich wurde bei diesen Verhandlungen nicht um meine Einwilligung gefragt, indem man sie voraus setzte, und in der That, es ware unvernunftig gewesen, ein Rettungsmittel von sich zu weisen, das sich so unvermuthet darbot. Auch war ich so betaubt von Angst und Kummer, dass ich unfahig war zum Denken und Ueberlegen. Der erste matte Strahl der Freude und Hoffnung durchzuckte mein Herz, als ich vernahm, dass ich Adolph mit mir nehmen, dass ich mich nicht mehr von ihm trennen sollte.
Wir erreichten den Wohnort des Herrn St. Julien und lebten abwechselnd auf einem angenehmen Landsitze und in Strassburg. Du kannst wohl denken, dass ich die beiden Freunde mit unablassigen Fragen uber Euer Geschick besturmte. Ach! und endlich, geliebte Cacilie, konnte mir das Traurigste nicht verborgen bleiben. Ich erfuhr meines unglucklichen Bruders Ende und von Dir nichts.
Ich weiss nicht, wie lange ich mich der trostlosesten Verzweiflung hingab. Ich weiss nur, dass endlich die Jugendkraft uber die Krankheit siegte, die meinem Leben drohte, und dass ich, als erstes Zeichen des Bewusstseins, Adolph in meine Arme schloss und mit Thranen uberstromte. Als ich wieder einigen Antheil an der Aussenwelt nahm, bemerkte ich, dass Herr St. Julien um Vieles blasser, alter und hinfalliger geworden war, und diese Wahrnehmung erschreckte mich. Es drangte sich mir die ganze Hulflosigkeit meiner Lage auf, wenn ich auch ihn verlieren sollte. Ich fragte nach seinem Freunde und erfuhr, dass er wahrend meiner langen Krankheit gestorben sei. Viele nach einander folgende traurige Berichte von Hinrichtungen ihm nahe verwandter Personen hatten ihn schon auf's Krankenlager geworfen, und als er das gleiche Ende seines letzten Neffen erfuhr, hatte ein Schlagfluss sein kummervolles Leben geendigt.
Es konnte mir nicht entgehen, dass Herr St. Julien es mit Ungeduld erwartete, dass die Aerzte mich fur vollig genesen erklaren mochten, um eine Unterredung mit mir zu fuhren, die er nicht mehr glaubte aufschieben zu durfen und von deren ernstem Inhalt er nachtheilige Folgen furchtete, so lange meine Gesundheit noch wankend ware. Ich kam ihm in seinem Verlangen entgegen, weil ich immer noch hoffte, wenigstens von Dir etwas Trostliches zu erfahren, und er zogerte nicht mehr, mich mit meiner Lage bekannt zu machen und mir seine Wunsche mitzutheilen, die nur mein Wohl beabsichtigten. Der wurdige Mann hatte keine Mittel verabsaumt, um Nachrichten von Dir zu erhalten, und er hatte durch seine Nachforschungen nur erfahren, dass ich auch meinen Vater zu beweinen habe, der sein kummervolles Leben in der Schweiz geendigt hatte. Du warst spurlos verschwunden, und von allen Wesen, denen ich liebend angehorte, blieb mir nichts, als Dein und meines Bruders Kind, das mit unschuldiger Heiterkeit zu meinen Fussen spielte und mit kindlichem Lacheln mich seine Mutter nannte, wahrend ihm unbewusst die Sturme des Unglucks uber sein schuldloses Haupt hinwegzogen.
Herr St. Julien betrachtete die furchtbare Revolution, die mit entsetzlicher Gewalt alle Bluten unseres Lebens zu Boden schlug, mit den Augen eines Burgers. Er schauderte vor den Stromen Blutes, die taglich flossen, aber er glaubte, grosse Missbrauche hatten diese entsetzlichen Reibungen hervorgebracht, und hoffte, unsere Nachkommen wurden die Fruchte unserer Leiden geniessen. Er hielt sich fur uberzeugt, dass der Adel mit allen seinen Vorrechten und ehrgeizigen Traumen fur immer aus Frankreich verschwunden sei, und glaubte desshalb mir keinen Nachtheil zuzuziehen, wenn er mir seine Hand anbote, um mir als franzosischer Burgerin den Schutz unsers Vaterlandes zuzusichern. Der edle Mann sagte mir mit bescheidenen, aber bestimmten Worten, dass sein Verhaltniss zu mir das eines Vaters bleiben wurde, und dass nicht die selbstsuchtigen Absichten eines thoricht verliebten Greises ihn leiteten, sondern dass er mein Wohl vor Augen habe. Er sagte mir, dass er die bestimmte Ueberzeugung habe, nicht mehr lange leben zu konnen, und dass ich dann als seine Wittwe mit Anstand meine Unabhangigkeit bewahren oder eine andere Wahl treffen konne, dass ich aber als Fraulein Evremont schutzlos tausend Gefahren ausgesetzt sei, und noch weniger fur Adolph sorgen oder ihn schutzen konne.
Ich sah die Wahrheit alles Gesagten ein und empfing mit Dankbarkeit und Ruhrung die Hand des edeln Greises und man nannte mich Madame St. Julien. Als auf diese Weise meine Rechte in seinem Hause festgestellt waren, legte mein grossmuthiger Freund mir alle unsern Adolph betreffende Papiere vor, den er zugleich adoptirt hatte. Was von dem Vermogen unsers Vaters hatte gerettet werden konnen, war in seinen Handen, und er sicherte mir und Adolph bald nach unserer Verbindung nicht nur diess, sondern auch noch sein betrachtliches Vermogen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass diess vielleicht eine Ungerechtigkeit gegen seine Verwandten sei, aber er antwortete mir mit einem bittern, schmerzlichen Lacheln, alle seine Angehorigen hatten fur das Vaterland ihr Blut verspritzt, theils auf dem Felde der Ehre, theils unter dem Messer der Guillotine, so dass ihm nur einige sehr entfernte Verwandte, die kaum auf diese Benennung Anspruch machen konnten, in Italien geblieben waren, die ihr schlechter Charakter von seinem Herzen geschieden haben wurde, auch wenn sie ihm naher standen. Meine Bitten vermochten den lebensmuden, gebeugten Greis dennoch, diesen ein bedeutendes Legat auszusetzen, und nun glaubte ich mit ruhigem Gewissen in liebevoller Dankbarkeit die Beweise seiner Grossmuth fur mich und Adolph annehmen zu konnen.
Die Ahnung der Nahe seines Todes hatte meinen edeln Beschutzer nicht getauscht. Wenige Monate nach unserer Verbindung entschlummerte er in meinen Armen sanft zur ewigen Ruhe, und wie einen zweiten Vater beweinte ich ihn kindlich mit heissen Thranen. Mein grossmuthiger Freund hatte vor seinem Tode alle seine Geschafte so geordnet, dass ich mit Hulfe eines erfahrnen Buchhalters sie noch eine Zeitlang fortfuhren, und mich dann nach und nach zuruckziehen konnte. Ich folgte mit Gewissenhaftigkeit allen Vorschriften, die er hinterlassen hatte, und fand mich dadurch nach zwei Jahren im Besitze eines Vermogens, uber dessen Grosse ich selbst erstaunte. Nachdem ich den Schmerz uber den Verlust meines edeln Freundes uberwunden hatte, wendete sich alle leidenschaftliche Liebe, deren mein Herz noch fahig war, unserm Adolph zu. Du kannst wohl denken, dass sich manche Bewerber der jungen, reichen Wittwe nahten, aber sei es, dass meine Liebe zu Adolph jede andere Neigung unmoglich machte, oder dass mein Herz nach so vielen harten Schlagen des Schicksals uberhaupt nicht mehr fahig war, geruhrt zu werden, genug, die Jugend verschwand, ohne dass ich mich auch nur ein Mal versucht gefuhlt hatte, meine Freiheit aufzuopfern, und Adolph ist meine einzige Leidenschaft geblieben.
Es ist naturlich, dass dieser Bericht nicht hatte ohne Unterbrechung gegeben werden konnen. Viele zartliche und schmerzliche Erinnerungen machten, dass die Freundinnen sich oft weinend umarmten, und dass sie erst wieder Zeit bedurften, um sich zu erholen, ehe sie eine Unterhaltung fortsetzen konnten, deren Inhalt fur Beide so wichtig war. Ich hatte wohl gewunscht, schloss endlich, ihre Thranen trocknend, Adele, dass ich Adolph, der mich allein an das Leben fesselte, von der Gefahr einer kriegerischen Laufbahn hatte zuruckhalten konnen, aber es machten diess theils die jetzigen Einrichtungen unseres Vaterlandes, theils das Blut der Evremonts, das in seinen Adern fliesst, unmoglich, denn er hatte kaum das erforderliche Alter erreicht, als er sich in die Reihen der Krieger drangte, und ich hielt es unter solchen Umstanden fur das Beste, Alles, was ich vermochte, anzuwenden, um ihn zu empfehlen, damit er so bald als moglich zum Offizier befordert wurde. Diess geschah auch trotz seiner grossen Jugend sehr bald, und ihm war wenigstens die Bahn eroffnet, sich Ehre zu erwerben, wenn ich auch fortwahrend fur sein Leben zittern musste.
Die Dankbarkeit, welche die Grafin fur die Schwester des Grafen Evremont empfinden musste, erhohte die fruhere Neigung, und beide Frauen schlossen sich eng an einander in inniger Freundschaft, die dadurch noch fester wurde, dass Beider Zartlichkeit sich in demselben Gegenstand begegnete. Adolph St. Julien pries sein Geschick, das ihm zwei Mutter gegeben hatte, die er beide mit herzlicher Liebe empfing.
Der Graf hatte es gern ubernommen, die Geschafte seiner Freunde ordnen zu helfen, und er fand es naturlich, dass die Tante das zarte Gefuhl fur Recht zu befriedigen suchte und dem Neffen das Erbe seines Vaters einzuhandigen wunschte. Er stand ihr also in diesen Auseinandersetzungen bei, und indem er in Berlin die Papiere durchging, die sie zu diesem Behuf mitgebracht hatte, fielen ihm auch die Zeugnisse der Geburt des jungen Mannes in die Hande, und er machte die Wittwe des Herrn St. Julien darauf aufmerksam, dass es auch gerecht sei, dass dessen Adoptivsohn den so lange gefuhrten Namen ablege und den ihm durch die Geburt zukommenden fuhre. Es war ihm nicht schwer, die Schwester des Grafen Evremont zu uberzeugen, dass bei der Wendung, die die offentlichen Angelegenheiten Frankreichs genommen hatten, diess fur den jungen Mann vortheilhaft sei, um so mehr, da nicht nur dort ein neuer Adel entstand, sondern Napoleon unverkennbar die alten Familien um sich zu sammeln suchte, und man so in der Ferne hoffen konnte, den jungen Mann wieder als Grafen anerkannt zu sehen; eine Hoffnung, die weder dem Grafen selbst, noch der Wittwe St. Juliens gleichgultig war, denn wie der Mensch auch meint sein Herz gereinigt und sich uber Vorurtheile erhoben zu haben, so lassen sich doch Gefuhle, die von fruhester Kindheit an ihm unbewusst genahrt werden und mit ihm gewachsen sind, wohl verlaugnen, sie ganzlich auszurotten aber ist er niemals im Stande.
Der Graf war weit davon entfernt, irgend ein drukkendes Vorrecht des Adels erneuert zu wunschen, aber er konnte sich nicht ablaugnen, dass er den jungen Mann, den er vaterlich liebte und dem er, als dem Sohne seiner Gemahlin, alle Rechte eines leiblichen Sohnes einraumen wollte, Graf Evremont zu nennen wunschte, und er meinte, wenn nur der erste Schritt geschehen sei und er den Namen seines Vaters fuhrte, so stande der Anerkennung des alten Adels eigentlich nichts mehr entgegen, die ja in Deutschland erfolgen musste, selbst wenn sie Napoleon nicht bewilligen sollte, weil die vorhandenen Dokumente die Rechte des jungen Mannes an diesen Titel klar bewiesen, denn dass der geliebte Sohn sich auf deutschen Boden zuruckziehen sollte, sobald die Ehre es erlaubte, war gleich nach der Erkennung in Hohenthal von allen Seiten beschlossen worden.
II
St. Julien empfing mit Dankbarkeit sein vaterliches Erbe und bat den Grafen, es gemeinschaftlich mit seiner Tante zu verwalten. Der Fruhling naherte sich, und da der Urlaub des jungen Mannes ebenfalls beendigt war, so durfte er nicht langer zogern, und die Trennung, die seinem Herzen so schwer wurde, musste erfolgen.
Der Graf suchte die Standhaftigkeit seiner Familie zu erhalten und vor Allem die Grafin zu schonen, indem er darzustellen suchte, dass wenigstens keine Gefahr fur den geliebten Sohn fur die nachste Zeit zu befurchten sei, weil man von Portugal, wohin sich die Truppen wahrscheinlich richten wurden, keinen bedeutenden Widerstand erwarten durfe. Die Grafin fuhlte, dass der Graf die Sache selbst anders betrachtete, als er sie zu ihrer Beruhigung darzustellen wunschte, und fand desshalb keinen Trost in seinen Worten.
In den schonen Augen der sanften Emilie entdeckte man oft Spuren von Thranen, und ihre sonst von einer zarten Rothe angehauchten Wangen wurden taglich bleicher. St. Julien suchte seit lange ein einsames Gesprach mit ihr, und er bereute hundert Mal, dass er den Aufenthalt auf dem Lande nicht besser benutzt hatte, der ihm taglich die Gelegenheit dazu bot, die er in Berlin lange vergeblich herbei wunschen musste. Er wollte sich nicht trennen, ohne aus dem Munde der Geliebten das Wort zu vernehmen, welches nach seinem Gefuhle uber das Gluck seines Lebens entscheiden musste, und diess Wort wollte er selbst vernehmen und nicht der Bewerbung eines Andern verdanken, und nur dann, wenn Emilie uber sein Gluck entschieden hatte, wollte er es seinen Freunden mittheilen.
Endlich fand sich der lang herbeigesehnte Augenblick. Der Graf war mit den andern Damen ausgefahren und wurde erst in einigen Stunden zuruckerwartet. Emilie, die seit einiger Zeit die Einsamkeit suchte, um sich ungestort ihren Traumen und ihrer Trauer hingeben zu konnen, war unter dem Vorwande eines leichten Unwohlseins gern zuruckgeblieben, und St. Julien, der ihre Absicht bei der Mittagstafel erfuhr, zog sich ebenfalls von der Gesellschaft zuruck.
Er fand die Geliebte, wie er es wunschte, allein. Die bei seinem Eintritt getrockneten Thranen und die Rothe ihrer Wangen zeigten ihre innere Bewegung. Vor der dunkeln Glut seines Auges senkten sich schuchtern die milden, dunkelblauen seiner Freundin, und nach schwachem Widerstreben ruhten ihre zitternden Hande in den seinen. Ihr Ohr trank die susse Melodie seiner Worte, und sie berauschte ihr Herz mit seligem Entzucken. Die Glut seines Gefuhls offnete ihm das schone, von jungfraulicher Zaghaftigkeit verhullte Herz, und liess ihn entzuckt die Tiefe und Fulle ihrer zartlichen Neigung ahnen. Die Stunden verschwanden dem glucklichen Paar wie Minuten, und als der Graf mit seiner Gesellschaft zuruckkehrte, belehrte ihn der leuchtende Blick St. Juliens und die hochrothen Wangen Emiliens, dass eine Erklarung zwischen Beiden Statt gefunden hatte, die er und die Grafin lange erwartet, der sie aber nicht hatten vorgreifen wollen.
Da Niemand den Wunschen der Liebenden entgegen war, so wurde ihre Verlobung noch denselben Abend geschlossen, und da man glaubte, dass die Angelegenheiten in Portugal bald beendigt sein wurden, und hoffte annehmen zu durfen, dass die Vermittlung Napoleons in der Angelegenheit der spanischen Konigsfamilie ohne Blutvergiessen eintreten konne, so wurde von allen Seiten beschlossen, dass die Verbindung St. Juliens mit der schonen Emilie dann sogleich geschlossen werden sollte.
Freilich seufzte der junge Mann uber diesen Aufschub, aber er sah ein, dass nun, da er mit der Erklarung aus seltsamer Zaghaftigkeit so lange gezogert hatte, die Zeit nicht mehr hinreichte, um vor seiner Abreise die nothigen Vorbereitungen zu einer ehelichen Verbindung zu treffen. Dann wunschte er eben so, wie der Graf, diese unter dem Namen Evremont zu schliessen, und da er in seiner Regimentsliste als St. Julien eingetragen war, so konnte er sich nicht eher anders nennen, bis eine Anerkennung von Napoleon und in Folge dessen eine Umschreibung ausgewirkt worden war. Es blieb also fur alle Theile nichts anders ubrig, als den Schmerz des Aufschubs und der Trennung zu ertragen.
Der lang gefurchtete Augenblick war endlich erschienen. Die Grafin entliess die weinende Adele aus ihren Armen und druckte mit krampfhafter Heftigkeit den Sohn an die Brust. Des Grafen Wangen waren bleich und er bemuhte sich vergeblich die Thranen zuruckzuhalten, als Adele zu ihm trat und ihm im stummen Schmerz die Hand reichte. Das dunkle, kummervoll auf ihn gerichtete Auge liess ihn ahnen, dass in der Tiefe der Seele die Neigung nicht ganz erstorben sei, die, wie er glaubte, einst ihr Herz fur ihn empfunden hatte. Emilie hatte ihr Gesicht verhullt und lehnte sich trostlos an die Ecke des Sophas. Endlich riss sich St. Julien aus den Armen der Mutter los, umschlang noch ein Mal die beinah ohnmachtige Geliebte und sturmte mit dem Grafen hinaus. Im Vorzimmer traf er auf Dubois, der die Familie nach Berlin begleitet hatte.
Liebevoll richtete der alte Mann die Augen auf St. Julien. Er wollte reden, aber die Wehmuth versagte ihm die Sprache. Der junge Mann druckte den Greis mit Heftigkeit an die Brust, und kusste die von Alter und Gram gefurchten Wangen, dann sturzte er mit dem schmerzhaften Ausruf: Ach mein Vater! in die Arme des Grafen. Muthig, mein Sohn! sagte der Graf mit bebenden Lippen, standhaft, wir sehen uns wieder! Auch Adele war hinzugetreten und reichte sprachlos, weinend Dubois die Hand, die dieser mit zitternden Lippen kusste und mit heissen Thranen benetzte. Alle stiegen die Treppe hinunter. Noch ein Mal umarmte der Vater den geliebten Sohn, noch ein Handedruck, noch ein letzter Blick und dahin rollte der Wagen und war bald den Blicken des Grafen entschwunden, der langsam, allein und kummervoll, die Treppe wieder hinauf stieg und sich zu den trostlos weinenden Frauen verfugte.
Die Zeit besiegte endlich auch die Heftigkeit dieses Schmerzes. Er hatte sich in stille Trauer verwandelt, und leise schlich sich die Hoffnung in die verwundeten Herzen. Die Phantasie machte sich aus der Gegenwart los und zeigte in naher Zukunft schimmernde Bilder des Glucks.
So hatte nach mehreren Tagen die Familie die aussere Ruhe wieder gewonnen, und jeder Posttag wurde nun ein Festtag, denn jeder brachte Briefe voll inniger Liebe und zartlicher Freundschaft von den Reisenden. Aber endlich wurde auch diese Mittheilung von Seiten St. Juliens seltener, denn als er sein Regiment erreicht hatte, machten die militarischen Bewegungen desselben einen regelmassigen Briefwechsel unmoglich.
Der Graf hatte indessen von dem Prediger einen Brief erhalten, der mancherlei Gedanken in ihm erregte. Der Pfarrer theilte ihm namlich mit, dass er einen Brief von dem Baron Schlebach, dem Bruder der Grafin, erhalten, den dieser aber nicht selbst geschrieben habe, sondern, da er durch eine heftige Erschutterung des Gemuths gefahrlich erkrankt sei, habe schreiben lassen. In diesem Briefe sagte der Baron, dass er sich an den Prediger wende, damit dieser dem alten Lorenz die Nachricht eines Unglucks auf eine gelinde Art beibringen moge, das der alte Mann doch erfahren musse und aus dem Munde des Predigers am besten erfahren konne, der durch den Trost der Religion den nothwendigen Schmerz zu lindern vermoge. Das bezeichnete Ungluck selbst wurde auf folgende Art dargestellt. Es habe sich haufig ereignet, dass sie auf ihrer Reise nach der spanischen Granze mit ebenfalls sich dahin begebenden franzosischen Truppen zusammengestossen waren, und es ware nicht zu vermeiden gewesen, dass die Offiziere der verschiedenen Corps nicht oft Spielgesellschaften veranstaltet hatten, woran sowohl der Baron, als auch sein Freund Lorenz hatten Theil nehmen mussen. Bei einer solchen Gesellschaft, wo viel Geld hin und her sei verloren worden, habe sich ein heftiger Streit erhoben, in den unglucklicher Weise sein Freund ware verwickelt worden. Ein Duell ware von den erhitzten Gemuthern als das einzige Mittel betrachtet worden, die verletzte Ehre zu reinigen, und dieses habe eine so ungluckliche Wendung genommen, dass sein Freund, von einer Kugel durchbohrt, nicht weit von Bayonne geblieben sei. Dieser Unglucksfall habe ihn selbst, den Baron, so erschuttert, dass er schwer erkrankt sei. Desshalb eile er eine traurige Pflicht zu erfullen, ehe es vielleicht durch sein Ende unmoglich wurde, damit er sich nicht sterbend den Vorwurf zu machen habe, dass der alte Vater auch das ihm zukommende Erbe noch verlore, nachdem er schon so unglucklich gewesen sei, den Sohn zu verlieren, da der Nachlass des verschiedenen Sohnes doch wenigstens dazu dienen konne, dem Greise die Beschwerden des Alters zu erleichtern. Der Baron hatte diesem Briefe das von dem alten Lorenz selbst verfertigte Verzeichniss der Sachen, die der Sohn mitgenommen hatte, in beglaubigter Abschrift beigefugt. Da es unmoglich sei, diese Sachen selbst zu senden, hatte der Baron, wie er anzeigte, die Garderobe zu verkaufen befohlen, die Ringe aber, Uhren, Dosen, Brillanten und so weiter, von kunstverstandigen Mannern nach ihrem wahren Werthe abschatzen lassen, weil er sie, Falls er leben bleiben sollte, zum Andenken an seinen Freund zu behalten wunsche. Auch hieruber waren die nothigen Zeugnisse beigelegt, nebst der fur den vollen Werth dieser Kleinodien erkannten Summe. Ebenfalls folgte die baare Summe dessen mit, was der Sohn, wie es dem alten Lorenz bekannt war, als Reisegeld mitgenommen hatte. Die ganze betrachtliche Summe war dem Prediger in Wechseln ubermacht worden, und der alte Lorenz war nun ein wohlhabender Mann und der Geistliche fragte an, ob der Graf unter diesen Umstanden noch immer die ihm fruher bewilligte Pension wolle auszahlen lassen, da der Alte einen so schlechten Gebrauch von dem ihm auf eine so traurige Weise zugefallenen Vermogen mache, und sich nach einer kurzen Trauer uber den Verlust des Sohnes ganz dem Trunke ergeben habe, also eine fernere Unterstutzung weder bedurfe noch verdiene, und jetzt gerade eine durch viele Unglucksfalle herabgekommene Familie, die er dem Grafen naher bezeichnete, durch den wurdigen Gebrauch der fur den alten Lorenz bestimmten Summe dem Elende entrissen werden konne.
Der Graf wies eine Summe an zur Unterstutzung der von dem Prediger empfohlenen Familie, aber zu dessen grossem Verdruss entschied er zugleich, dass dem alten Lorenz, den der Prediger seiner grossen Schlechtigkeit wegen verabscheute, die Pension unter jeder Bedingung ausgezahlt werden musse.
Der Graf verlor sich in Nachdenken uber den Brief des Predigers. Es schien ihm gar nicht dem Charakter seines Schwagers, des Barons zu entsprechen, mit so viel zartlicher Schonung und Rucksicht gegen den alten Lorenz zu verfahren. Vielmehr erlaubte er sich zu denken, dass der Baron, theils aus Leichtsinn, theils aus Gleichgultigkeit gegen alle menschlichen Gefuhle, es naturlicher gefunden haben wurde, uber den ganzen Vorfall zu schweigen, die vorhandenen Summen zunachst zu verbrauchen, und es ruhig der Zeit und dem Zufall zu uberlassen, den Vater von dem Verluste seines Sohnes zu benachrichtigen. Dieser Brief nun zeigte eine gewisse Aengstlichkeit den Alten zufrieden zu stellen, und fernere Nachforschungen und Fragen abzuwenden. Auch die Empfindsamkeit des Barons war dem Grafen sehr befremdend. Es schien ihm nicht glaublich, dass dessen durch ein langes Spielerleben verhartetes Herz eine so zartliche Neigung fur den jungen Lorenz konne gefasst haben, dass dessen Tod ihm eine gefahrliche Krankheit zuziehen konne, und es dunkte ihm unmoglich, dass man, wenn man die Krafte besitze, einen so langen und besonnenen Brief zu diktiren, nicht auch so viel Kraft noch haben sollte, um wenigstens seinen Namen selbst zu unterschreiben, Falls man nicht durch Lahmung oder Verwundung daran verhindert wurde, und doch waren diese Hindernisse in dem Briefe nicht angegeben. Je mehr der Graf uber alle diese Umstande nachdachte, um so zweifelhafter wurde ihm die Wahrheit aller angegebenen Thatsachen, und es stieg die Vermuthung in ihm auf, die Sache konne sich umgekehrt verhalten, der Baron konne im Duell geblieben sein, und der junge Lorenz, von Hochmuth verleitet, sich dessen Papiere angeeignet haben und als Baron fortzuleben wunschen. Diess angenommen liess sich auch das Uebrige erklaren. Es wurde ihm dann leicht, seinem Vater zu ubermachen, was er selbst besessen hatte, wenn er sich in Besitz dessen setzte, was der Baron mitgenommen, dem ja der Graf selbst ansehnliche Summen ausgezahlt hatte. Auch lag die Vermuthung nahe, dass das Duell uber dessen Gewinn im Spiele entstanden sein konne, und es war erklart, wesshalb der angebliche Baron die eigenhandige Unterschrift vermieden hatte. Je mehr der Graf uber diese Umstande nachdachte, um so wahrscheinlicher wurde ihm seine Vermuthung; doch beschloss er ganzlich daruber zu schweigen und der Zeit die Aufklarung zu uberlassen.
Es war indessen der Fruhling des Jahres achtzehn hundert und acht eingetreten. Der Graf, seine Familie und Freunde lebten mehr sich selbst, als der Gesellschaft. Der Graf konnte die damals herrschenden Ansichten und die daraus entspringenden Hoffnungen nicht theilen, und wie hoch er auch den Heldenmuth Schills achtete, so glaubte er doch, dass die Rettung des Vaterlandes unmoglich durch die schwachen Krafte erreicht werden konne, die sich um den sammeln konnten, in dem die Berliner mit lauter Begeisterung den Erretter und Befreier ahneten. Doch wie wenig er auch die allgemein ausgesprochene Hoffnung fur die nachste Zeit theilte, so zeigten sich dem aufmerksamen Beobachter doch so viele Spuren von wahrer Kraft und Vaterlandsliebe, dass wenigstens die Hoffnung fur die Zukunft nicht in seiner Brust erstarrte und er um so lieber in der Gegenwart schwieg, weil derjenige, welcher der Begeisterung der Berliner zu widersprechen wagte, beinah wie ein Landesverrather betrachtet wurde.
Dem Obristen Thalheim war es unmoglich, dieselbe Massigung zu beobachten. Ihm, als einem alten Militar aus der Schule Friedrich des Zweiten, schien es an Wahnsinn zu granzen, dass alle jungen Leute eine Stimme uber kriegerische Operationen und uber die Verwaltung des Staates haben wollten. Ihm schien es die einzig mogliche Verwaltungsart, dass der Konig und seine Minister uber Krieg und Frieden bestimmten, dann ein Heer ordneten und dessen Leitung erfahrenen Offizieren ubertrugen. Alles, was dabei vom Volke ausgehen sollte, erschien ihm wie Rebellion, und er verkundigte oft, dass alle Grauel der franzosischen Revolution eintreten mussten, wenn den lauten Aeusserungen der Burger und vor Allen der Jugend nicht Einhalt gethan wurde.
Es war vergeblich, dass der Graf ihn darauf aufmerksam machte, wie der ausserordentliche Druck, unter welchem das Vaterland seufze, auch ausserordentliche Mittel nothwendig mache, und wie man, wenn man kunftig hoffen wolle, durch die Hulfe Aller das beinah unmoglich Scheinende zu erreichen, auch die Stimmen Aller horen musse. Aus Achtung fur den Grafen schwieg dann wohl der Obrist, aber er zeigte bei nachster Gelegenheit seinen Abscheu nur um so lauter.
Unter solcher Umstanden war es naturlich, dass ihm der Aufenthalt in Berlin unertraglich wurde, und er sehnte sich nach der Stille des Landlebens und nach einer Umgebung zuruck, die mehr Rucksicht auf sein Alter nahm und, wenn sie auch seine Ansichten nicht immer theilte, ihm doch nicht mit so grosser Heftigkeit widersprach, wie er es sich zu seiner Verwunderung in Berlin von ganz jungen Leuten musste gefallen lassen.
Der Graf Robert hatte sich mit Eifer der Landwirthschaft gewidmet, und es war zu bemerken, dass er die Angelegenheiten des Vaterlandes etwas aus den Augen verlor und jeden Tag mit zartlicher Sehnsucht die bluhenden Wangen, die leuchtenden Augen und die schlanke Gestalt seiner Braut betrachtete, die ebenfalls von seinen Blicken zu leben schien und in unverkennbarer Zartlichkeit das Gluck des Daseins nur an seiner Seite empfand.
Die Briefe St. Juliens waren seltener geworden. Man erwartete jedoch, dass die offentlichen Angelegenheiten sich so wenden wurden, dass man bald ihn wiederzusehen hoffen durfte, denn man glaubte Napoleon wurde mit dem Vortheile zufrieden sein, der ihm daraus erwachsen musste, dass die auf's Aeusserste aufgeregten Leidenschaften der spanischen Konigsfamilie ihn zum Vermittler und Schiedsrichter aufriefen, und dadurch in eine Stellung brachten, wodurch Spanien mit allen seinen Kraften von ihm abhangig wurde. Aber das Unerhorte war geschehen. Der Held, der Sieger in so vielen Schlachten hatte mit unwurdiger List ein Netz ausgespannt, das zugezogen wurde, als alle Glieder der koniglichen Familie in den verderblichen Kreis gelockt waren. Und der Ruhm der franzosischen Adler war befleckt, sie, die triumphirend uber so vielen Schlachtfeldern geschwebt hatten, bewegten sich nun in einem durch unwurdige List errungenen Lande.
Hatte Napoleon nicht mit zu grosser Geringschatzung auf die Menschen und in Folge dessen auf die offentliche Meinung herabgesehn, so hatte er vielleicht einen fur seinen Ruhm und wahren Vortheil so nachtheiligen Schritt unterlassen, uber den nur ein Gefuhl der Missbilligung und des Abscheues in Aller Herzen lebte, und der selbst die an Anbetung granzende Verehrung verminderte, die bis dahin alle seine Truppen fur ihn gehegt hatten.
Diese allgemeine Wirkung war auch in St. Juliens Briefen bemerklich; denn ob er sich wohl mit Behutsamkeit ausdruckte, indem er die Besetzung Spaniens meldete, so war doch eine grosse Kalte fuhlbar, die bei seiner fruheren warmen Begeisterung fur Napoleon um so mehr auffiel und dem Grafen Veranlassung zu manchen Betrachtungen gab.
Diess Mal war der Obrist Thalheim mit den lauten Aeusserungen des Unwillens der Berliner zufrieden. Die harten Urtheile der jungen Leute uber Napoleon und seine Regierung schienen ihm weder vorlaut noch unziemlich, und die starksten Aeusserungen uber diesen Gegenstand wurden in der Stadt als die Ausspruche des Obristen Thalheim bekannt, so dass der Graf, besorgt wegen der moglichen Folgen, ihn eines Morgens zur Behutsamkeit ermahnen wollte und sich desshalb auf sein Zimmer begab. Er fand den alten Mann wehmuthig, halb unwillig nachdenkend, und Therese, in deren Augen sich Spuren von Thranen zeigten, schlupfte nach der ersten Begrussung des Grafen hinaus. Dieser vergass den Zweck seines Besuchs, in der Besorgniss, dass dem Freunde etwas Unangenehmes begegnet sein mochte, und suchte mit Behutsamkeit den Grund des Kummers zu erforschen, der Vater und Tochter sichtlich bewegte. Der Obrist schien verlegen, weil er die Worte nicht finden konnte, die ihm schicklich dunkten, ein Gesprach einzuleiten, welches er doch offenbar wunschte. Endlich sagte er: Scheint es Ihnen jetzt nicht auch, lieber Graf, als ob wir nun, da sich Napoleons Macht immer weiter ausdehnt, alle Hoffnung aufgeben mussten, von dem Drucke befreit zu werden?
Wenigstens fur die nachste Zeit, erwiederte der Graf seufzend, glaube ich kaum, dass wir uns erfreulichen Hoffnungen uberlassen durfen.
Und kann es wohl, fragte der Obrist weiter, jetzt einen wahren Genuss gewahren, Deutschland oder uberhaupt die Lander Europas zu durchreisen, und uberall dieselbe druckende Herrschaft des Fremden anzutreffen, uberall den schnoden Uebermuth seiner Beamten zu finden, und im Grunde als den einzigen Gewinn seiner Reisen die Ueberzeugung nach Hause zu bringen, dass alle Nationen ihre Selbstandigkeit verloren haben?
England mussten wir doch ausnehmen, bemerkte der Graf lachelnd.
Nun ja, sagte der Obrist verdrusslich. England ist dadurch geschutzt, dass Napoleon es nicht erreichen kann. Aber glauben Sie mir, ware nicht das Meer sein Schutz, es wurde eben so wie alle Uebrigen sich der franzosischen Macht beugen, denn hat nicht Preussen erliegen mussen? Sind nicht die in der Schule Friedrichs erzogenen Krieger uberwunden? Welche Nation ist also sicher, wenn er sie erreichen kann?
Der Graf wollte den Verdruss des Obristen nicht noch steigern; er antwortete also auf diese Frage nichts, und der alte Krieger fuhr nach einem kurzen Schweigen fort: Ich wollte nur sagen, ob es nicht besser sei, fur jetzt die offentlichen Angelegenheiten so viel wie moglich aus den Augen zu lassen, weil man doch auf keine Weise wohlthatig eingreifen kann, und sich auf einen stillen, abgelegenen Fleck mit seiner Familie zuruckzuziehen, um im Genusse des hauslichen Gluckes einigermassen Trost fur alles offentliche Ungemach zu finden.
Gewiss, sagte der Graf, ware diess weise von dem gehandelt, dem Niemand feindlich diese einfachsten, naturlichsten Genusse stort.
Ich sehe ein, erwiederte der Obrist mit Verlegenheit, dass Sie es vorziehen mussen, sich auf einige Zeit von Ihrem paradiesischen Landsitz zu trennen, denn das neugierige Geschwatz rund umher muss Ihnen verdriesslich gewesen sein, aber ich, halten Sie mich nicht fur undankbar, lieber Graf, ich sehne mich aus dem Gerausch der Stadt hinweg. Ich kann nicht annehmen, dass ich noch lange lebe. Betrachten Sie mein graues Haar und Sie werden mir Recht geben, und mir, dem sich dem Grabe zuneigenden Greise scheint es straflich, Gluck und Genuss des Lebens noch verschieben zu wollen, und von der ungewissen Zukunft zu erwarten, was sich uns so freundlich in der Gegenwart bietet.
Der Graf sah den Obristen verwundert an, weil er nicht begriff, wohin diess Gesprach fuhren sollte. Der Greis nahm die Hand des Freundes, die er mit Zartlichkeit druckte, und sagte mit weicher Stimme: Warum wollen Sie den Sohn von mir entfernen, den sich mein Herz gewahlt hat? Warum wollen Sie ihn in die Ferne senden, von dem ich mich mit dem schmerzlichen Gefuhl trennen wurde, dass ich ihn wahrscheinlich nicht wiedersehe? Warum wollen Sie meiner Tochter den Trost versagen, wenn sich die Augen des Vaters auf immer schliessen, aus denen des Freundes Muth zu gewinnen, das Leben und seine Schmerzen zu ertragen?
Ich glaubte, sagte der Graf, nicht gegen Ihre oder meines Vetters Wunsche zu handeln, indem mein Rath ihm seinen Lebensplan vorzeichnete. Die geringste Einwendung von seiner Seite wurde mich bestimmt haben, auf seine Ansicht einzugehen, desshalb, gestehe ich, befremdet mich unser Gesprach ein wenig. O! theurer Freund, rief der Obrist, indem er die Hand des Grafen heftig druckte und Thranen seine grauen Wimpern netzten, halten Sie es denn fur so leicht, Einwendungen gegen den zu machen, dessen grossmuthige Liebe sich nur mit unserem Gluck beschaftigt? Ist es denn nicht naturlich, dass ein Wort, ein Zeichen von Ihnen uns alle zum schweigenden Gehorsam bestimmt, da wir ja nur Ihnen, Ihrer Liebe allein alles verdanken, was uns das Leben an Gluck und Genuss noch bieten kann?
Dann ware die Liebe Tyrannei, sagte der Graf etwas unwillig, und Sie wurden meine Freundschaft zu theuer erkaufen, wenn Sie dafur alle Selbststandigkeit hingeben wollten. Aber mir schien die heftige Vaterlandsliebe meines Vetters so gross, dass ich befurchtete, sie konnte in manchen Stunden uber die zartere Neigung seines Herzens die Herrschaft gewinnen, und ich hielt es desshalb fur wohlgethan, beide Empfindungen so viel als moglich in Einklang zu bringen. Auf diese Ansicht grundete sich vorzuglich mein Rath.
Sie haben gewiss oft die Erfahrung gemacht, sagte der Obrist lachelnd, dass, wenn das menschliche Herz eine Zeitlang mit gleicher Macht zwei Leidenschaften gehegt hat, dann plotzlich die eine so gewaltig wird, dass sie die andere auf lange ganzlich unterdruckt. Dieser oft schon eingetretene Fall hat sich erneuert, und die heisseste Sehnsucht Ihres Vetters richtet sich auf meine Tochter, deren zartliche Neigung sich so unschuldig offenbart, dass sie Ihnen nicht hat entgehen konnen.
Aber warum, rief der Graf, schweigt mein Vetter uber diess alles gegen mich, da ein Wort von ihm hinreichend ist, um mich fur seine Wunsche zu bestimmen. Dieser Mangel an Vertrauen, ich gestehe es, beleidigt mein Gefuhl.
Sie haben unrecht, sagte der Obrist mit einiger Heftigkeit. Sie wissen es nicht, wie Sie bis zur Anbetung beinah von den jungen Leuten geliebt werden, und ich finde es naturlich, dass sie ihre Wunsche beherrschen und ihr Leben nach der besseren Einsicht eines grossmuthigen, erfahrnen Freundes ordnen wollen, und glauben Sie denn, dass ich ein Wort gesprochen hatte, wenn bloss von der Sehnsucht der Liebenden die Rede ware? Vor denen breitet sich das Leben noch weit und herrlich aus, und ein kurzer Aufschub ihres Glucks enthalt fur sie am Ende eben so viel Sussigkeit als Qual. Aber ich, theurer Graf, ich muss geizen mit den Stunden irdischen Gluckes, und soll es moglich sein, dass das wunderbare Gefuhl noch mein Herz beruhrt, einen Enkel in den Armen zu halten, so muss ich selbst aus dem Wege raumen, was der Verbindung meines Kindes entgegen steht.
Unwillkuhrlich richtete sich das Auge des Grafen auf das silberweisse Haupt des Greises, der ihm gutmuthig lachelnd gegenuberstand, und er sagte, indem er die Hand desselben innig druckte: Nicht eine Stunde will ich ein Gluck verzogern, dessen hohen Werth fur Sie ich wohl erkenne, und ich sehe wieder ein, dass das Gefuhl beinah immer sicherer leitet, als Ueberlegung und Berechnung.
Ich wusste es wohl, sagte der Obrist, dass es nur ein Wort kosten wurde, um Sie unsern Wunschen geneigt zu machen, aber eben darum wurde es mir schwer, diess Wort zu sprechen.
Lieber alter Freund, sagte der Graf lachelnd, es ist ja Ihre Angelegenheit und nicht meine. Es ist ja also naturlich, dass Sie darin bestimmen und nicht ich.
Sie wollen, erwiederte der Obrist, jede Erinnerung daran abweisen, dass unser aller Gluck nur allein Ihr Werk ist; aber um so lebendiger werden wir es fuhlen.
Der Graf gab dem Gesprach eine heitere Wendung, indem er mit dem Obristen uberlegte, wie bald die Verbindung seiner Tochter mit dem Grafen Robert gefeiert werden konnte, und begab sich hierauf zu den Frauen, um ihnen mitzutheilen, dass die beabsichtigte Reise seines Vetters aufgegeben und dagegen seine Verheirathung beschlossen sei.
Die Grafin sowohl als Emilie, die sich mehr, als sie zeigen wollten, dem Kummer um St. Julien uberliessen, fanden Zerstreuung ihres Grams, indem sie sich eifrig mit der Ausstattung ihrer jungen Freundin beschaftigten, und mit zartlicher Liebe und grossmuthiger Freundschaft alles darin vereinigten, wodurch das hausliche Leben edel und zierlich gestaltet werden kann.
Die gluhende Dankbarkeit des Grafen Robert zeigte seinem Oheim, wie schwer das Herz des jungen Mannes den langeren Aufschub seines Glucks ertragen hatte, und Therese druckte mit beredtem Schweigen und seligen Thranen ihre Freundin Emilie an die klopfende Brust, und empfing mit gluhendem Errothen und niedergeschlagenen Augen die reichen Geschenke der Grafin.
Der Graf hatte mit seinem Vetter alle nothigen Verabredungen getroffen. Ein erfahrner Landwirth hatte sich verbindlich gemacht, den Letzteren zu begleiten und mit ihm gemeinschaftlich die grossen Besitzungen des Oheims, wie seine eigenen, zu verwalten. Dabei sollte nicht verabsaumt werden, die jungen Landleute in der Vaterlandsliebe zu erhalten und in den Waffen zu uben, um in einer besseren Zukunft, die Beide in der Ferne zu erblicken glaubten, von ihren gesammten Kraften Gebrauch zu machen.
Schnell waren die wenigen Wochen verflogen, die zu den Vorbereitungen einer ehelichen Verbindung erforderlich waren, und der Tag, der das Gluck der Liebenden befestigen sollte, war erschienen. Emilie hatte ihre Freundin edel und einfach geschmuckt, und Aller Augen richteten sich bewundernd auf die schlanke Gestalt der holden Braut, als sie an der Hand des Vaters, der seine Ruhrung nicht bekampfen konnte, in den Saal trat. Es schien, als ob erst an diesem Tage die Schonheit der Jungfrau sich in ihrer ganzen Herrlichkeit entwickelt habe, und die leuchtenden Augen des Grafen Robert zeigten, dass er sein Gluck erkannte. Kein lautes Fest bezeichnete mit unpassendem Getose die Vereinigung der Herzen, die in ihrer innigen Empfindung dadurch nur verletzt worden waren. Auch gesellte sich mancher ernste Gedanke zu dem Gefuhl des Glucks. Der Obrist wusste, dass er nicht lange mehr das gluckliche Loos seines Kindes betrachten, dass er sich nicht lange mehr der Liebe der Tochter erfreuen wurde, und seine Gedanken richteten sich, mitten im Gefuhl des Glucks, auf ein dunkles Grab und mit erhohter Zuversicht uber diess Grab hinaus. Der Graf dachte daran, dass sein Name nur in den Nachkommen seines Vetters fortleben werde, und dass St. Julien, dessen Liebe ihm Ersatz fur alles, was er entbehrte, gewahren solle, von Gefahren umringt sei, die er sich nicht verhehlte, wenn er sie auch seiner Gemahlin verschwieg. Die Grafin theilte trotz dieses Schweigens seine Sorgen, und fragte sich mit stiller Angst und Wehmuth, ob sie wohl je den Tag erblikken wurde, an welchem sie dem Sohne die Geliebte so festlich geschmuckt entgegen fuhren konne, und ihr Auge ruhte mit zartlicher Trauer auf Emilie, die, in Thranen lachelnd, die gluckliche Freundin umarmte.
III
Es waren einige Tage nach der Verbindung des jungen Grafen verflossen und das neue Ehepaar sowohl, als der alte Vater schickten sich an, nach Schloss Hohenthal abzureisen, denn es war verabredet worden, dass sie dort wohnen sollten, weil von allen Gutern des Grafen diess die anmuthigste Lage hatte und das Schloss selbst vollkommen darauf eingerichtet war, eine Familie in sich aufzunehmen und ihr alles zu gewahren, was zur Bequemlichkeit des Lebens gehort. Der Graf Robert wollte auch seiner Mutter vorschlagen, mit den Schwestern bei ihm zu wohnen, und er hoffte dann dieser guten, geduldigen Frau, die vom Leben beinah nichts, als das Leiden kennen gelernt hatte, wenigstens das herannahende Alter zu versussen, denn er wusste, Therese wurde ihr eine liebevolle Tochter sein. Auch zweifelte er nicht daran, dass die junge Gattin in allen ihr neuen Verhaltnissen Rath und Hulfe bei der sanften, erfahrnen Frau finden wurde. Auf die Ausbildung der Schwestern konnte der Umgang mit Therese nur vortheilhaft wirken, und so sollte Schloss Hohenthal, welches eine Zeitlang ernst und schweigend auf dem Hugel geruht hatte, von wo aus es das liebliche Thal beherrschte, von Neuem ein heiteres, bewegtes Leben in sich aufnehmen.
Die Unvollkommenheit alles irdischen Gluckes wird dem Menschen dann am Fuhlbarsten, wenn seine liebsten Wunsche befriedigt werden, denn es gibt keine Freude ohne die herbe Beimischung des Schmerzes, und in das Lacheln des Entzuckens fliesst die Thrane der Wehmuth. Diese Wahrheit erfuhr die junge, gluckliche Gattin. Denn wenn ihre Phantasie in lieblichen Traumen das schone Leben der nahen Zukunft auf Schloss Hohenthal ausbildete und sie unbewusst die glanzenden Bilder des Gluckes anlachelte, so fuhlte sie in demselben Augenblick die warmen Thranen auf ihren Wangen, denn um diess Gluck zu erreichen, musste sie die Grafin und Emilie verlassen, und dieser Gram breitete einen leichten Wolkenschatten uber den heiteren Himmel ihrer Zukunft.
Ehe noch die Abreise der Neuvermahlten erfolgt war, traf ein Brief des Predigers aus Hohenthal ein, der sich ernstlich uber den Arzt beschwerte und den Grafen bat, ihm nicht die Schuld davon beizumessen, dass der Bau des Hauses auf dem Gute desselben noch nicht begonnen ware, obgleich der Sommer schon grossen Theils verstrichen sei. Er habe zwar versprochen die Leitung dieses Baues zu ubernehmen, jedoch naturlich nur in so weit, als seine Kenntnisse dazu ausreichten. Er habe also einen Riss entworfen, wonach das Gebaude grosser und bequemer als das Pfarrhaus hatte werden konnen, aber der Hochmuth des Arztes sei damit nicht zufrieden, er wolle durchaus, dass sein kunftiger Wohnsitz ein kleines Schloss werden solle, und bestehe vor allen Dingen auf einem auf Saulen ruhenden Balkon. Ueber diesen Gegenstand sei so viel hin und her gestritten worden, dass man die Zeit daruber verloren habe und er, der Prediger, sich nun genothigt sehe, sein Versprechen zuruckzunehmen, da er sich nicht darauf einlassen konne, Palaste erbauen zu lassen, weil so weit seine Kenntnisse nicht reichten und er auch nicht nothwendig fande, weder fur den Arzt, noch fur dessen kunftige Schwiegermutter, dass sie Palaste bewohnten. Eine grosse Empfindlichkeit gegen den Arzt war in diesem Schreiben nicht zu verkennen, und der Prediger erwahnte es kaum, dass seinen eigensinnigen Freund oft das lange Ausbleiben seiner kunftigen Schwiegermutter beunruhige, um so mehr, da er keine Briefe von ihr erhielte, welches doch, wie der Geistliche mit Bitterkeit bemerkte, nicht zu verwundern sei, denn diese Dame, ob sie gleich jetzt einen Palast mit einem Balkon bewohnen sollte, werde gewiss noch so viel von ihrem fruheren demuthigeren Stande an sich haben, dass ihr das Schreiben als eine unnutze Beschaftigung erschiene. Der Graf sah aus diesem Briefe deutlich, dass der tagliche ungestorte Umgang zwischen dem Arzte und dem Geistlichen nachtheilig auf Beide gewirkt hatte, und dass sie sich wahrscheinlich fur ihr ganzes Leben entzweien wurden, wenn nicht bald ein Anderer vermittelnd dazwischen trate. Es war ihm also auch aus diesem Grunde angenehm, dass sein Vetter dahin zuruckkehrte, von dem er hoffen durfte, dass er die kleinen Feindseligkeiten in der Hohenthaler Gesellschaft noch im Keime unterdrucken werde. Er liess einen Riss eines artigen Landhauses mit einem auf Saulen ruhenden Balkon anfertigen, und sein Vetter, der auch mehr als der Geistliche durch seine mathematischen Kenntnisse dazu geeignet war, versprach den Bau desselben zu leiten. Nach zwei Tagen war die Abreise der Neuvermahlten und des Obristen festgesetzt, als man durch die Ankunft der Frau Professorin uberrascht wurde. Obgleich gewandt in Geschaften und auch nicht durch weibliche Schuchternheit in der Ausfuhrung gehindert, hatte sie doch mehr Hindernisse gefunden bei dem Bemuhen, das nachgelassene Vermogen ihres verstorbenen Mannes zusammenzubringen, als sie vermuthet hatte. Jetzt war nun Alles glucklich beendigt und ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie ihre Tochter erblickte, die sich eben bei der Grafin befand, und vernahm, dass auch der junge Graf mit seiner Gemahlin nach der geliebten Heimath zuruckkehren wolle. Kaum geringer war die Freude der Tochter, denn wenn auch der Aufenthalt in Berlin vortheilhaft auf ihre Sitten und Bildung gewirkt hatte, so sehnte sie sich doch herzlich nach dem freieren Leben in der Natur. Die Herrlichkeiten der Hauptstadt, ob sie sie gleich mit der heiteren Unbefangenheit eines Kindes genoss, hatten keinen so tiefen Eindruck auf ihr Gemuth gemacht, dass sie ihr dadurch Bedurfniss des Lebens geworden waren, und die zierlichen jungen Manner, die zuweilen den Kreis ihres Umgangs beruhrten, waren nicht glucklicher, denn sie stellte unaufhorlich Vergleichungen zwischen ihnen und ihrem Vater und Brautigam an, und gewiss wurden die jungen Herren auf's Hochste uberrascht gewesen sein, wenn sie beide Personen gekannt und gewusst hatten, dass diese Vergleichungen zu ihrem Nachtheil ausfielen. Die junge Marie betrachtete die liebenswurdige Jugend mit einiger Geringschatzung. Sie vertraute ihrer Freundin Therese, zu der sie ein besonderes Vertrauen hatte, zuweilen, die jungen, zierlichen Herren, die so viel Sorgfalt auf ihre Haarlocken und Halsbinden verwendeten, nach allen Wohlgeruchen der Erde dufteten, sich immer einem Spiegel gegenuber zu halten suchten, schienen ihr oft verkleidete Madchen, und sie kame zuweilen in Versuchung, ihnen zur Unterhaltung eine weibliche Arbeit anzubieten, wenn sie die grosse Langeweile bemerkte, die auf ihren Gesichtern ruhte, und sie uberzeuge sich nur dann wieder, dass diese geputzten Wesen keine Madchen waren, wenn sie auf einmal mit grosser Heftigkeit uber die Nothwendigkeit sich zum Kriege zu erheben sprachen und Buonaparte vom Throne stossen wollten; hochst lacherlich aber kame es ihr alsdann wieder vor, wenn sie mit derselben Heftigkeit fur oder wider eine Schauspielerin stritten, und die gleiche leidenschaftliche Begeisterung fur die eine oder andere an den Tag legten, die sich in den nachst vorhergehenden Gesprachen fur ihren Lieblingshelden Schill offenbart hatte. Ja, schloss sie ihre Bemerkung, ich glaubte, alle diese fur das Vaterland Begeisterten wurden nun mitziehen und die Thaten ausfuhren helfen, die sie fur nothwendig erklaren; aber mir scheint, sie sind alle hier geblieben.
Therese scherzte mit dem angenehmen Kinde zuweilen uber ihre grosse Abneigung gegen die jungen Herren und fragte, ob sie denn gar nichts an dem Arzte auszusetzen fande?
O, ich bin nicht so blind, erwiederte die Kleine dann ernsthaft. Ich sehe es wohl, dass ihm die Kleider nicht so gut sitzen, wie den hiesigen jungen Herren, und wenn ich seine Frau bin, werde ich es ihm abgewohnen, dass er beim Tanze so hoch mit einwarts gebogenen Knieen springt, oder noch besser, er unterlasst das Tanzen ganz, denn es kleidet ihn nicht und er kummert sich dabei nicht um den Takt. Aber ist es denn nicht naturlich, dass er diese Kunste nicht so gut zu machen versteht, wie die hiesigen jungen Herren, die, wie es scheint, nichts Anders zu thun haben? Kann er seine Aufmerksamkeit auf solchen Tand richten, da er Tag und Nacht studirt, wie er den Menschen, die an irgend einem Gebrechen leiden, helfen konne. Gewiss sind schon Viele durch ihn gesund geworden und glucklich, und blicken ihm dankbar und freundlich entgegen, wenn sie ihn kommen sehen, ohne darauf zu achten, wie er seine Fusse setzt, und das, denke ich, ist mehr werth, als alle die Possen, die man hier in der Stadt treibt.
Therese hutete sich in solchen Fallen der Ansicht ihrer jungen Freundin zu widersprechen, denn da die Tochter eben so entschieden, wie die Mutter, eine Verbindung mit dem Arzte als das Ziel ihres Lebens betrachtete, so ware es ein Ungluck gewesen, wenn das junge Madchen ihren Geschmack fur aussere Vorzuge des mannlichen Geschlechts verfeinert hatte.
Der Graf theilte der Frau Professorin die Zwistigkeit zwischen ihrem kunftigen Schwiegersohne und dem Geistlichen mit, und indem er ihr die Veranlassung dazu sagte, zeigte er ihr zugleich den Riss des kunftigen Wohnhauses, den er hatte entwerfen lassen, und bat sie, so lange im Schlosse zu wohnen, bis sein Vetter, der junge Graf, diesen Bau wurde ausgefuhrt haben.
Mit leuchtenden Augen betrachtete die Wittwe des Professors den Plan des Hauses, den ihr der Graf erklarte, und je mehr sie die Zweckmassigkeit und Bequemlichkeit der Einrichtungen erkannte, je hoher stieg ihr Entzucken, bis sich zuletzt die Freude in dankbare Ruhrung aufloste, und die grossen auf das Papier niederstromenden Tropfen die Zeichnung zu verderben drohten. Ja, sagte sie endlich, zum Grafen gewendet, Sie handeln gegen alle Menschen, wie einer, der hoch uber ihnen steht, aus dessen Herz nur Wohlwollen, aus dessen Handen nur Segen kommt, und Gott verzeihe mir meine Sunden, ich fuhle eine Art Andacht, wenn ich an Sie denke. Waren alle hohen, grossen Edelleute in Frankreich so gewesen, wie Sie sind, die Revolution hatte gar nicht kommen konnen, denn Wer hatte dann wohl Hand an einen Edelmann legen mogen, und Buonoparte musste es sich dann vergehen lassen, uns zu drucken und alles, was ihm einfallt, uns zu verbieten.
Der Graf wollte das Gesprach ablenken und sagte lachelnd: Es freut mich, dass Ihnen der Plan zum Hause gefallt, und noch grossere Freude wird es mir machen, wenn ich Sie erst darin besuchen kann.
Nun, rief die Professorin entzuckt, wenn Sie mir die Ehre erweisen, so werde ich Sie bei mir so aufnehmen, dass Sie meine Dankbarkeit erkennen werden, und in dem schonen Hause, fuhr sie fort, indem sie die Hand auf die Zeichnung legte, werde ich das konnen. Mein Vetter, bemerkte sie, indem sie den Riss von Neuem betrachtete, ist ein hochmuthiger Mensch, dass weiss ich von Alters her; aber warum sollen wir denn keinen Balkon haben? Das sehe ich denn doch auch nicht ein. Von dem Prediger ist es doch auch nur Neid, wenn er sich dem widersetzt. Er will nicht, dass wir es besser haben sollen, als er, und wenn Sie es uns gonnen, warum sollen wir dann das Gute nicht geniessen? Mag er sich argern, wie er will; ich freue mich selber auf den Balkon, ich kann da oben sitzen wie auf einem kleinen Thurme und von der einen Seite einen grossen Theil der Wirthschaft ubersehen, und ich laugne auch nicht, dass es mir angenehm ist, wenn mein Vetter, der Schulze, sieht, was aus seiner Muhme geworden ist. Der nimmt gewiss den Hut schon auf dem Hofe ab, wie vor dem herrschaftlichen Schlosse, wenn er zu uns kommen will und diess Gebaude erblickt.
Die Zuhorer der Professorin waren zu gutmuthig, als dass das Lacheln auf ihren Gesichtern etwas Anderes als Wohlwollen ausgedruckt hatte. Man gonnte es der ehemaligen treuen Dienerin, dass sie auf ihre Weise glucklich war, und der Graf Robert nahm sich sogar vor, ihr noch manche angenehme Ueberraschung zu bereiten, da er bemerkte, dass sie nicht ganz unempfindlich gegen Anmuth und Zierlichkeit war, wie er fruher geglaubt hatte. In dieser wohlwollenden Stimmung wurde die Reise nach Hohenthal von allen Personen angetreten, die ihre Bestimmung dahin fuhrte, und dem Grafen, der Grafin und Emilie wurde die Einsamkeit fuhlbar, nachdem sie den Schmerz des Abschiedes uberstanden hatten.
Auf Schloss Hohenthal dagegen regte sich Leben und Thatigkeit. Der Graf Robert hatte seine Mutter von seiner Abreise aus Berlin benachrichtigt, und er hatte die Freude, sie den Tag nach seiner Ankunft auf Schloss Hohenthal mit den Schwestern zu begrussen. Der Obrist hatte nichts gegen den Plan einwenden wollen, den in reiner Freude eines dankbaren Sohnes der Graf Robert entworfen hatte, mit der Mutter vereinigt zu leben. Aber er furchtete im Stillen fur das Gluck seines Kindes, denn er hatte im Laufe seines langen Lebens die Erfahrung gemacht, dass selten die Mutter des Mannes die junge Gattin desselben mit Liebe betrachtet; ja, dass oft, je mehr der Sohn selbst von der Mutter geliebt wird, um so deutlicher eine seltsame Abneigung gegen dessen Gattin sich zeigt, die sich nicht anders erklaren lasst, als, dass eine eigensuchtige Neigung eifersuchtig die Liebe des Sohnes ausschliessend auf sich lenken mochte. Er wurde daher angenehm uberrascht, als er bald gewahr wurde, dass in dieser sanften, demuthigen Frau seine Tochter nicht nur eine Mutter, sondern er selbst eine treue Freundin gewann, die ihm die Beschwerden des Alters zu erleichtern und die letzten Jahre seines Lebens zu verschonern suchte.
Da auch diese Besorgniss verschwunden war, die ihn auf der Reise geangstigt hatte, so fuhlte der Greis sich vollkommen glucklich. Wie ein Patriarch thronte er im Lehnsessel in der Mitte seiner Lieben. Jeder suchte ihm seine Liebe und Achtung zu beweisen, Niemand reizte ihn durch Widerspruch, wie er ihn in Berlin erfahren hatte, denn der Arzt, der sogleich pflichtgemass die Sorge fur seine Gesundheit ubernahm, untersagte es allen Hausgenossen, durch lebhafte Anregungen die schwachen Lebenskrafte des sich dem Grabe zuneigenden Greises zu zerstoren, dessen Tage auf diese Weise im sussesten Frieden der Seele und in aller Behaglichkeit eines sorgenlosen Lebens dahin schwanden. Und kam der Abend, der ihm jedes Mal die Sehnsucht nach einer l'Hombre-Partie brachte, so fehlten seine bestandigen Mitspieler, der Prediger und der Arzt, niemals, und wurde ja einer von ihnen durch seinen Beruf ein Mal abgehalten, so nahm die Mutter des Grafen Robert willig die Karten und verkurzte dem Greise die Stunden durch seine gewohnte Unterhaltung.
Der Prediger und der Arzt hatten sich durch die Vermittelung des Grafen Robert leicht mit einander versohnt und betraten von Neuem den Pfad der ihnen zum Bedurfniss gewordenen Freundschaft. Der Prediger war geneigt, die Zwistigkeiten mit dem Freunde zu vergessen, denn er fuhlte sich im Grunde in allen Verhaltnissen des Lebens durch seinen klaren Verstand und richtigen Blick so sehr uber den Arzt erhaben, dass er alles, was er dessen Thorheit nannte, ruhig verachtete, und der Arzt war zu glucklich, als dass er ein feindliches Gefuhl im Herzen hatte bewahren konnen.
Er betrachtete mit Entzucken die ganzliche Veranderung, die der Aufenthalt in Berlin mit dem Aeusseren seiner Braut hervor gebracht hatte. Ein schuchternes, blodes, sich oft linkisch benehmendes Kind war hingegangen, und eine junge Dame kam zuruck, die sich in Kleidern nach der letzten Mode ohne Zwang bewegte, ohne Verlegenheit an allen Gesprachen Theil nahm und wenigstens eine oberflachliche Kenntniss der Literatur verrieth, und dennoch ruhten, trotz aller dieser erlangten Vorzuge, die blauen Augen noch mit derselben Theilnahme auf ihm, wie fruher, und wie zerstreut er auch war, so horte er doch, dass der Klang ihrer Stimme gefuhlvoller war, wenn sie mit ihm sprach, als wenn sie ihre Worte an Andere richtete. Das, ihm neue, beseligende Gefuhl des Glucks, geliebt zu werden, gab seinem ganzen Wesen eine Weichheit, die ihn mehr, als je, geneigt machte, alles zu verzeihen, wodurch er sich beleidigt glaubte. Selbst abgesehen von dieser glucklichen Stimmung, wie hatte er nicht versohnlich sein sollen, er trug ja einen vollkommenen Sieg uber den Prediger davon, sein kunftiges Wohnhaus wurde mit einem Balkon gebaut und die ganze Einrichtung desselben viel schoner, als er es hatte ersinnen konnen. Er hatte schon im Fruhlinge einen Theil seines Gartens mit auslandischen Strauchern und Gewachsen bepflanzen lassen, von denen ihn Bucher, die er zu diesem Behufe angeschafft, lehrten, wie sie behandelt werden mussten, wenn sie in unserm Klima gedeihen sollten, und er nannte den Raum, auf dem diese Gewachse vereinigt waren, seinen botanischen Garten. Aber freilich gewahrte dieser einen traurigen Anblick; denn da der Arzt den Gartner in der Behandlung der Pflanzen unterrichtete und durchaus darauf bestand, dass sie ganz nach seiner Vorschrift gewartet werden sollten, so gingen die meisten aus, welches der Gartner ganz naturlich fand, der sich oft ausserte, wenn der Arzt die Sache nur ihm uberlassen und den armen Pflanzen Ruhe gonnen wollte, so wurde sie Gott eben so gut wachsen lassen, wie andere unter seiner Pflege befindliche im Treibhause des Schlosses. Diess Misslingen seiner Anlage hatte den Arzt oft verdrusslich gemacht und ihn dem Spotte des Predigers ausgesetzt. Aber nun richtete er die kleinen scharfen Augen im Gefuhle des Sieges auf den spottenden Freund, denn es hatte ihm nur ein Wort gekostet und der Graf Robert hatte ihm versprochen, ein Treibhaus mit dem neuen Gebaude zu verbinden, und die Pflanzen aller Himmelsstriche konnten dann durch den geschickten Gartner des Schlosses gezogen werden.
Mit dem Gefuhle inniger Dankbarkeit uberrechnete der Arzt oft sein Gluck. Ein anstandiges Auskommen; eine junge, schone, ihn schwarmerisch liebende Braut; ein prachtiges, einem adlichen Wohnsitze ahnliches, schon im Entstehen begriffenes Haus, daran ein Treibhaus und ein botanischer Garten, darin eine Bibliothek und ein Naturalienkabinet; fur alle Genusse des Leibes und Geistes also auf alle Weise gesorgt; dabei geachtet von seiner Umgebung, glucklich in seinen Launen. Dankend hob er nach solchen Betrachtungen die Hande zum Himmel empor; die kleinen Augen glanzten in Thranen seliger Ruhrung, und er versprach sich selbst, sein Gluck wurdig zu geniessen, und bescheiden und dankbar zu bleiben.
Die Frau Professorin hatte freiwillig die Fuhrung des Haushalts im Schlosse ubernommen, weil der thatigen Frau Beschaftigung Bedurfniss war. Aber sie bemerkte oft, dass die Abwesenheit Dubois nur zu sichtbar sei, denn die Ordnung, die Ruhe, der Anstand und das vornehme Wesen, welches er zu erhalten verstehe, werde nie ganz ohne ihn erreicht werden, eine Anerkennung, die den alten Mann entzuckt haben wurde, wenn er sie hatte vernehmen konnen.
So wohl und glucklich fuhlten sich alle Bewohner des Schlosses Hohenthal, wahrend die eigentlichen Besitzer manchem Kummer im Herzen Raum gaben.
IV
Nach der Abreise ihrer geliebten Freunde wurde die dadurch entstehende Lucke in der graflichen Familie in Berlin sehr fuhlbar, und der Trubsinn wurde gesteigert, weil keine Nachrichten von St. Julien eintreffen wollten. Es war nur zu deutlich, dass die Freude der Spanier uber einen Herrscher aus Napoleons Geschlecht nicht so gross war, als dessen Bulletins der Welt verkunden wollten, und die Sorge um den Sohn und Geliebten senkte sich schmerzlich in die Brust der einsamen Freunde. Jeder suchte den Andern zu schonen und wollte desshalb seine Sorgen nicht bekennen, aber der verschwiegene Gram nagte sichtlich an Aller Herzen. Wie ein elektrischer Schlag zuckte daher die Freude durch jede Brust und lahmte fur einen Augenblick die Kraft der Glieder, als endlich ein grosses Paket eintraf, welches ausser den Briefen voll zartlicher Liebe fur die Mutter und gluhendem Gefuhl fur die Braut noch eine Art von Tagebuch fur den Grafen enthielt, worin sich auf jeder Seite das kindliche Gefuhl eines guten Sohnes aussprach und welches zugleich eine kurze Darstellung der Begebenheiten in Spanien enthielt, so weit sie ohne Gefahr fur den Schreiber und Empfanger beruhrt werden durften. Nachdem er die weltgeschichtlichen Begebenheiten, die unter seinen Augen sich ereignet, fluchtig angedeutet hatte, sagte er unter Anderem: Bald nach des Konigs Joseph glanzendem Einzuge in die neue Hauptstadt seines Reiches, wurde ich von Vittoria mit Depeschen an ihn gesendet und ich laugne nicht, dass ich gern die Gelegenheit ergriff, die sich dort neu gestaltende Welt in der Nahe zu sehen, und ein poetisches Gefuhl liess es mich hochst reizend denken, an den Ufern des Manzanares zu wandeln, obgleich es mir bekannt war, dass die Lage der Hauptstadt in Ansehung ihrer malerischen und poetischen Umgebung weit hinter der anderer Stadte des Reichs zuruck steht.
Ich fand den Konig Joseph von einem glanzenden Hofe umgeben, der freilich zum grossen Theil aus Franzosen bestand. Aber es ist auch nicht zu laugnen, dass viele vorzugliche Geister sich ihm anschliessen, die durch seinen Einfluss und Napoleons machtige Hulfe die Fesseln des Geistes abzuwerfen hoffen, unter deren Druck Spanien so lange schmachtet, so dass die edelsten Krafte einer grossherzigen Nation seit lange einer grossen Theils unwurdigen Geistlichkeit zur Befriedigung eigensuchtigen Verlangens dienen. Ja, der aufgeklarte Theil der Geistlichkeit selbst seufzt nach der Erlosung von diesem Joche. Um so sorgfaltiger aber sucht der bei Weitem grossere Theil derselben den beschrankten Sinn des Volkes vor jedem eindringenden Lichtstrahle zu bewahren, denn sie fuhlen naturlich, dass die Wurzel ihrer Macht erschuttert werden muss, wenn das Volk aufhort zu glauben, dass Seligkeit und Verdammniss unmittelbar in den Handen der Priester ruht. Wir werden also nicht bloss den Kampf zu bestehen haben, der durch ein verwundetes Nationalgefuhl erregt ist, sondern unser furchtbarster Feind ist der Fanatismus, den die Priester zu ihrem eigenen Vortheile sowohl, als zu Gunsten Ferdinands im Volke erregen, und durch alle Mittel, die ihnen zu Gebote stehen, starken und nahren.
Diese Betrachtungen drangten sich mir auf, so fluchtig auch nur die Beobachtungen waren, die ich anstellen konnte, denn kaum hatte ich am Morgen meine Depeschen abgegeben und mich dem Konige vorstellen lassen, der mich mit grosser Huld empfing, als ich auch schon von so vielen Bekannten umringt und in so viele Zerstreuungen verwickelt wurde, dass mir keine Zeit zu ernsten Beobachtungen blieb. Als die Seele aller Gesellschaften horte ich einen liebenswurdigen deutschen Baron allenthalben nennen, der sich dem Hofe des Konigs angeschlossen hatte, und von diesem selbst als ein geistreicher und unterrichteter Mann, und angenehmer Gesellschafter besonders ausgezeichnet wurde. Auch bei den Damen hatte dieser Fremde viel Gluck, und eine reiche, vornehme und schone Frau, die der Konig selbst oft mit seinem Besuch beehre, habe sich ganz offen fur ihn erklart, hiess es, so dass man erwartete, die grosse Neigung werde Beide zu einer ehelichen Vereinigung bestimmen und der Konig werde dann den aus einem alten Geschlecht abstammenden Deutschen mit sehr bedeutenden Ehrenstellen bekleiden.
Da ich diesen gefeierten Mann von allen Seiten als ein Ideal der Liebenswurdigkeit preisen horte, so wurde endlich meine Neugierde erregt und ich fragte nach seinem Namen. Viele wussten diesen gar nicht. Er war ihnen bloss als der liebenswurdige deutsche Baron bekannt oder als Don Fernando. Endlich nannte ihn mir ein besser Unterrichteter als Baron Schlebach, und mir fiel ein, dass ein solcher ja unser Verwandter sein musse, weil ja diess auch der Name meiner Mutter ist, und ich beschloss mich mit ihm bekannt zu machen.
Der Tag war mir unter mannichfachen Zerstreuungen verschwunden und am Abend war Cirkel bei Hofe, wo auch ich erscheinen musste. Es war eine glanzende Versammlung, die sich vereinigte, und es hatte mir wohl mancher der Anwesenden wichtig sein konnen, wenn nicht meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen Gegenstand ware gelenkt worden. Dort steht der deutsche Baron, flusterte mir ein Bekannter zu. Meine Augen folgten dem Winke der seinigen und trafen auf einen Blick, dessen Scharfe und Kalte mir ein bekanntes Bild hervorriefen, das ich doch nicht festzuhalten vermochte. In dem Augenblicke redete der Konig den Baron freundlich an, und das anmuthige Lacheln des in der That schonen Mundes verbreitete einen eigenen Reiz uber das blasse, von dunkelm Haar umlockte Gesicht. Die Kalte und Scharfe schwand aus den dunkeln Augen, und die schlanke, reichgekleidete Gestalt erhohte den angenehmen Eindruck, und doch wurde, indem der Konig sich von ihm wendete und er zurucktrat, ein gemeiner Hochmuth in seinen Mienen und Gebehrden sichtbar, der auf einmal meinem Gedachtnisse zu Hulfe kam und mich an den Sekretair des Kommandanten der Festung * * * erinnerte, der uns damals so ubermuthig behandelte, und den Sie mir als den Sohn eines Ihrer ehemaligen Beamten bezeichneten. Ich wollte mich eben diesem unbekannten Verwandten nahern, als der Konig mich erblickte und mich an meine Stelle fesselte, indem er sich mir naherte und auch mich durch eine freundliche Anrede auszeichnete. Die Unterhaltung hatte einige Minuten gewahrt. Als sich der Konig darauf zu Andern wendete, suchten meine Blikke den Baron vergebens. Ich weiss nicht, hinter welche Gruppe er sich zuruckgezogen hatte, denn spat erst, als der Cirkel sich aufloste, sah ich ihn noch einen Augenblick, indem er mit vielen Andern die Appartements verliess, und zwar in solcher Entfernung, dass ich eine in den koniglichen Salen unschickliche Eile hatte anwenden mussen, um ihn zu erreichen.
Meine Neugierde war durch diese kleinen Umstande erhoht worden, und ich liess mich bei der Dame seines Herzens des andern Tages vorstellen, einer schlanken, edel gebauten Spanierin, deren dunkle, gebietende Augen eine Glut ausstromten, die entzucken oder erschrecken musste. Sie lud mich mit aller liebenswurdigen Gastfreundschaft der Spanier ein, an ihren Abendgesellschaften Theil zu nehmen, und versicherte mir, dass ich in diesen Kreisen manchen Mann antreffen wurde, der der Stolz seines Vaterlandes sei, wie auch manchen bedeutenden Fremden. Ich dankte fur ihre gutige Einladung, indem ich sie annahm, und sie erwiederte, dass sie jedem Franzosen mit Vergnugen ihr Haus offne, weil sie von dem franzosischen Einfluss hoffe, dass er Spanien von dem geistigen Druck befreien werde, unter welchem es so unwurdig schmachte. Ich machte die schone, fur ihr herrliches Vaterland mit Recht begeisterte Dame darauf aufmerksam, dass sich doch ein kraftiger Widerstand und zwar nicht bloss vom Volke aus gegen unsere Einwirkung zu offenbaren anfange. Das ist unser Ungluck, sagte sie schmerzlich seufzend. Der Stolz der Spanier weist die fremde Hulfe zuruck und wurde das unermessliche Ungluck beweinen, das daraus entspringen musste, wenn die Versuche gelingen sollten, sich dem fremden Einflusse zu entziehen, denn die ganze Masse des Volkes wird von der Geistlichkeit in den Fesseln des dumpfen Aberglaubens gehalten, und es wird diese Kette, die es in seiner Blindheit fur sein Heil und seinen Ruhm halt, bis auf den letzten Blutstropfen mit der Tapferkeit achter Spanier vertheidigen, und viel zu gering ist die Zahl der Einsichtsvollen, das Bessere Erkennenden, als dass sie nicht der Masse erliegen mussten. Desshalb bedurfen wir der fremden Hulfe, um das murrende Volk wider seinen Willen zu seinem Heile zu leiten, und wenn uns dafur die Fluche des jetzigen Geschlechts treffen, so wird der Segen des kunftigen diese Last wieder von uns nehmen. Ich fand mich berufen, politische Streitfragen mit der schonen Dame zu erortern, und verabschiedete mich in der schonen Hoffnung, die Bekanntschaft eines mir etwas rathselhaften Verwandten bei ihr zu machen.
Es war naturlich, dass ich noch denselben Abend von der Erlaubniss Gebrauch machte und den glanzenden Kreis vermehrte, der sich um die schone Frau versammelte. Aber wenn ich am Morgen die gebietende Hoheit ihrer Miene bewundert hatte, die doch auf eine wunderbare Weise mit Zartlichkeit und selbst Schalkheit gemischt war, so lag am Abend Schmerz und Trauer unverkennbar auf der edeln Stirn; der Mund zwang sich zum Lacheln, um die freundlichen Reden der Gaste zu beantworten; aber selbst diess Lacheln hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Ich gestehe indess, dass ich keinen lebhaften Antheil an dem sichtbaren Kummer der schonen Frau nahm, meine Augen suchten in dem glanzenden Kreise den deutschen Baron und suchten ihn vergeblich.
Endlich richteten einige nahere Bekannte die Frage gerade zu an die Dame des Hauses, wie es komme, dass man den liebenswurdigen Don Fernando diesen Abend vergeblich erwarte. Es schien, seine liebenswurdige Freundin hatte nur diese Frage erwartet, um ohne Ruckhalt den Schmerz ihres Busens zu entfesseln. Sie theilte den Freunden mit, dass er sie noch diesen Morgen vollkommen gesund besucht habe; kurz nachdem Sie mich verlassen hatten, sagte sie, indem sie sich an mich wendete. Ich theilte ihm meine Freude uber meine Bekanntschaft mit Ihnen mit, und er schien lebhaften Antheil daran zu nehmen, aber bald darauf wurde er von heftigem Schwindel befallen. Er fuhr nach Hause, und nun erfahre ich auf meine Erkundigungen, dass er ernstlich krank ist und das Bett vielleicht in mehreren Tagen nicht verlassen kann.
Die ganze Gesellschaft bewies die lebhafteste Theilnahme fur Don Ferdinand, und Jeder versicherte, ihn des andern Morgens besuchen zu wollen, um sich von seinem Befinden zu unterrichten. Ich war nicht der letzte, der diesen Entschluss fasste, denn ich wollte die Zweifel, die immer lebendiger in mir aufstiegen, auf jeden Fall aufzuklaren suchen.
Ich saumte also nicht, mich in Begleitung eines Bekannten, der mich vorstellen sollte, nach seiner Wohnung zu verfugen, sobald es am andern Morgen die Schicklichkeit erlaubte, zu einem Kranken einzudringen. Aber meine Hoffnung wurde getauscht, denn wir wurden an der Thure hoflich mit dem Bescheide abgewiesen, dass Don Fernando sich so ubel befande, dass er Niemand empfangen konne. Drei Tage nach einander setzte ich hartnackig meine Belagerung fort. Endlich gab ich die fruchtlose Bemuhung auf, in der Meinung, dass der Kranke doch endlich wieder sichtbar werden musse. Nach einigen Tagen aber wurde mir angezeigt, dass ich meine Depeschen beim Minister in Empfang nehmen und meine Ruckreise nach Vittoria antreten konne. Ich zogerte naturlich nicht, meine Pflicht zu erfullen, und war in derselben Stunde bereit, abzureisen, als mir der Konig melden liess, ich moge meine Abreise bis zum andern Tage verschieben, weil er mir den Morgen um neun Uhr noch einige Auftrage selbst ertheilen wolle. Ich musste diesem Befehle gehorchen, und ich hatte am andern Morgen die Auftrage des Konigs vernommen, die es ihm besser dauchte, mir mundlich zu vertrauen, als sie in Depeschen mitzutheilen, deren Beforderung immer unsicher ist, weil es tausend Moglichkeiten giebt, sie dem Ueberbringer zu entreissen, da im Gegentheile ein Mann von Ehre die ihm anvertrauten Dinge wenigstens mit in sein Grab nimmt, ohne sie zu verrathen, wenn selbst Tod oder Gefangenschaft ihn hindern sollte, sie gehorigen Orts mitzutheilen. Der Konig hatte mich sehr freundlich, sehr wohlwollend entlassen, und ich dachte in diesem Augenblick am Wenigsten an unsern sich rathselhaft verbergenden Verwandten, als ich im Vorsaale plotzlich auf ihn stiess und wir uns ganz nahe gegenuber standen, indem er in demselben Augenblick durch eine Thure in den Saal trat, wahrend ich mich durch dieselbe entfernen wollte. Er war bei meinem Anblick sichtbar uberrascht, doch hatte er im Augenblick seine Fassung wieder gewonnen und schien eben so schnell den Entschluss gefasst zu haben, mir nicht mehr ausweichen zu wollen, da diess, ohne sehr auffallend zu handeln, nicht mehr geschehen konnte. Diess alles war die Sache eines Augenblicks, und ich wollte ihn eben anreden, als sein gutes Geschick ihn abermals und vielleicht auf immer von mir erloste, denn indem ich ihn anreden wollte, winkte ein Kammerherr des Konigs ihn in die inneren Zimmer desselben hinein. Sichtbar beruhigt schlupfte der Verlegene mit einer leichten Verbeugung bei mir vorbei, um dem ihn befreienden Winke zu folgen, und ich trat meine Reise nach Vittoria an, ohne etwas Naheres von diesem rathselhaften Baron erfahren zu haben.
Als der Graf diese Mitteilung St. Juliens aufmerksam gelesen hatte, wurde ihm seine fruhere Vermuthung zur Gewissheit, dass namlich in jenem dem alten Lorenz gemeldeten Duell nicht dessen unwurdiger Sohn, sondern der Baron geblieben sei, dessen Name nun von dem jungen Lorenz benutzt worden sei, um sich in Verhaltnisse zu drangen, die ihm auf andern Wegen wahrscheinlich unerreichbar geblieben waren. Der Graf uberlegte, ob es nicht seine Pflicht sei, Schritte zu thun, um einen Betrug zu enthullen, der vielleicht eine liebenswurdige Frau zur Beute eines Abendtheurers machte, denn diess war doch eine ausgemachte Sache, dass dieser Don Fernando der Bruder seiner Gattin nicht war, wenn er selbst nicht der junge Lorenz sein sollte. Um aber ganz sicher zu gehen und Niemanden ohne Noth zu beleidigen, beschloss er auf jeden Fall vorher genaue Erkundigungen einzuziehen, ob etwa noch ein anderer Baron Schlebach lebe und sich in Spanien aufhalte, der Grafin aber nichts davon zu sagen, dass er uberzeugt sei, der Bruder, dessen Ruckkunft sie zuweilen furchtete, ruhe schon langst im Grabe.
Die Sorge um den geliebten Sohn schob bald jede andere Betrachtung in den Hintergrund der Seele zuruck, denn in Spanien entwickelten sich Kampfe und Gefahren, die fur sein Leben taglich zittern liessen, und wenn die Freude das Herz auf kurze Zeit bewegte und die Augen entzuckt auf den Zugen der geliebten Hand ruhten, so wandelte die Betrachtung gar bald die Tropfen der Freude in Zahren der Wehmuth, denn wenn sich auch die Eltern und die Geliebte an diesen Briefen erfreuten, die heitere Gesundheit und zartliche Liebe athmeten, so war doch schon ein langer Zeitraum seit ihrer Abfassung verstrichen und in dieser langen Zeit konnten Gefechte genug vorgefallen sein, die das theure Leben gefahrdet hatten. So nahte der Winter trube und traurig. Der Herbst hatte die Hoffnung gewahrt, dass wenigstens die dumpfe Ruhe des druckenden Friedens in Deutschland bestehen konne, aber auch diese Hoffnung war entschwunden und Oestreich rustete sich zum erneuerten Kampfe. Napoleon entwickelte eine bewundernswurdige Thatigkeit. In kurzer Frist war ein sieggewohntes Heer vereinigt, und das traurige Schauspiel sollte sich erneuern. Deutsche sollten wieder gegen Deutsche kampfend erblickt werden, und die deutsche Erde sollte von Neuem das Blut der eigenen Kinder trinken und in ihrem Schoosse die Leichen ihrer von deutscher Hand erschlagenen Sohne verbergen.
Nicht alle franzosischen Truppen hatten aus Spanien hinweg gezogen werden konnen, aber unter denen, die an den Rhein beordert waren, befand sich das Regiment, in welchem St. Julien diente, und Eltern und Geliebte hatten wenigstens den Trost, ihn sich naher zu wissen.
Niemals war die Hoffnung so allgemein, so lebendig gewesen, als nach Oesterreichs Kriegserklarung; vielleicht nur, weil der Druck, unter welchem die Volker seufzten, immer lastiger, ihr Ungluck immer schmerzlicher wurde. Aber wie dem auch sei, es konnte dem Beobachter nicht entgehen, dass es nur einer siegreichen Schlacht bedurft hatte, und ein grosser Theil Deutschlands hatte sich schon damals dem osterreichischen Heere wider Napoleon angeschlossen; aber die Schlachten gingen verloren, und unaufhaltsam, wie ein reissender Strom, drangen Napoleons Heere vorwarts.
Alle Hoffnungen, die man damals auf Oesterreich setzte, gingen unter, und auch die laut mit Frankreich Krieg verlangende Berliner Jugend verstummte, denn ihr Held, in dem sie den Erretter, den Befreier Deutschlands zu sehen wahnte, war gefallen, mit Heldenmuth zwar, aber fur sein Vaterland vollig nutzlos, und die Ueberreste seiner tapfern Schaar, die nicht so glucklich waren, entfliehen und sich verbergen zu konnen, fielen einem Feinde in die Hande, der sie nicht mit grossmuthiger Schonung behandelte, sondern sie das harteste Schicksal erdulden liess.
Wer auch von Schills gewagtem Unternehmen nicht die Hoffnungen hegte, die seine lauten Bewunderer aussprachen, musste dennoch das ungluckliche Ende eines Mannes schmerzlich beklagen, der Gutes und Grosses wollte, aber seine Zeit missverstand und desshalb der Zeit vorgriff.
Die Grafin und Emilie lebten in dieser Zeit in qualvoller Angst. Dem Grafen selbst bangte fur den geliebten Sohn, und alle Grunde, die er anfuhrte, um die Frauen zu beruhigen, verloren ihre Kraft, weil man zu deutlich fuhlte, dass er die Hoffnungen, die er erregen wollte, nicht theilen konnte. Auch Dubois ging trostlos umher. Der letzte Sprossling des Hauses Evremont! seufzte er oft fur sich; Herr erhalte ihn, setzte er jedes Mal hinzu, indem er die gefalteten Hande flehend zum Himmel erhob. Jedes Zeitungsblatt erhohte die peinliche Unruhe der Familie; beinah ein jedes enthielt Nachrichten von Gefechten und Schlachten, und man wusste, St. Juliens Regiment focht in den meisten, und von ihm selbst gelangte keine Nachricht zu der trauernden Familie. Endlich war der Waffenstillstand geschlossen und es liess sich voraussehen, dass der Friede auf denselben folgen wurde, und zwar ein Friede, der Napoleons Macht nur noch hoher heben und das ungluckliche Deutschland noch tiefer niederdrucken musste. Diese Ueberzeugung verbreitete eine schmerzliche Trauer uber Deutschland, die auch der Graf empfand, aber die plotzlich gemildert wurde und der hochsten Freude im Kreise dieser Familie Raum gab, denn ein Paket von St. Julien traf ein und meldete nach allen uberstandenen Gefahren, bis auf eine leichte Verwundung, seine vollkommene Gesundheit. Zugleich theilte er die Nachricht mit, dass er zum Obristen ernannt worden sei, beklagte aber, dass er in dieser unruhig bewegten Zeit noch nicht habe Mittel finden konnen, die Anerkennung des Namens Evremont zu bewirken. Sein Brief war im Taumel der Siegesfreude geschrieben, denn nur Frankreichs Ruhm und sein eigner, den er noch zu erreichen hoffte, hatten ihm vorgeschwebt, indem er schrieb; und er dachte nicht daran, welchen schneidenden Gegensatz sein Gefuhl zu der schmerzlichen Trauer seiner Freunde uber ihr Vaterland bilden musste. Die Frauen sahen uber die Ausdrucke jugendlicher Begeisterung hinweg; sie suchten in St. Juliens Briefen nichts, als Zeichen fortdauernder Liebe, zartlicher Treue, und fuhlten nach langer Zeit schmerzlichen Grams und zerstorender Angst Ruhe und Hoffnung im beseligten, zartlich bewegten Herzen. Des Grafen Freude war nur in den ersten Augenblicken rein. Er fuhlte es in den nachsten Minuten schmerzlich, dass Manner doch nur dann ganz in Liebe verbundet sein konnen, wenn ihre heiligsten Interessen dieselben sind, und er wunschte sehnlicher als je, St. Julien bewegen zu konnen, Frankreich zu verlassen und sich als Burger deutscher Erde zu betrachten; diese recht im Genusse des Sieges und des Ruhmes geschriebenen Briefe aber liessen ihn furchten, dass der junge Mann schwer zu bewegen sein durfte, eine Laufbahn aufzugeben, die seinem Ehrgeize so viele Befriedigung versprach. Man beantwortete St. Juliens Schreiben sogleich und der lang gestorte Briefwechsel wurde nun wieder regelmassig fortgefuhrt.
Noch war die Freude in allen Herzen lebendig, als der Graf von Neuem lachelnd die Bemerkung machte, dass der Mensch im Gefuhle des hohen Glucks oder eines grossen Unglucks zunachst an sich denkt, und dass dann alles andere, was er sein Hochstes und Heiligstes immerwahrend genannt hat, in den Hintergrund tritt und nur erst wieder beachtet wird, wenn die Freude oder das Leid, welches uns personlich trifft, durch Zeit und Gewohnheit gemildert wird. Der Graf in seinem milden Sinne fand diese Empfindungsweise menschlich und naturlich, und meinte, wir waren noch weit von schnoder Selbstsucht entfernt, wenn wir auch die ersten Augenblicke des Glucks oder des Kummers ungetheilt uns selbst widmeten, sobald wir nur dann wieder auch auf andere Menschen und ihre Schmerzen uns besannen. Sein Vetter aber, der Graf Robert, hatte mit strengerem Sinn oft gegen ihn den Ruhm der Spartanertugend bewundernd anerkannt und behauptet, ein achter Sohn des Vaterlandes werde dessen Ungluck und Erniedrigung auch im hochsten eigenen Glucke stets empfinden; ja, er hatte behauptet, dass es fur ihn gar kein Gluck geben konne, das im Stande ware, sein Herz so ganz zu erfullen, dass er seines Vaterlandes nicht gedachte, und nun hielt der Graf einen Brief von ihm in der Hand, in dem er ihm mit dem hochsten Entzucken die Geburt eines Sohnes meldete und des trauernden Vaterlandes mit keiner Sylbe gedachte. Ja, man fuhlte es diesem Schreiben an, dass alle ubrigen Verhaltnisse der Welt dem Herzen des Vaters gleichgultig schienen, der den neugebornen Sohn in seinen Armen hielt, und dessen zartlich geliebte Gattin die Schmerzen und Gefahren der Geburt glucklick uberstanden hatte. Der Graf fand diese reine, ungetheilte Freude naturlich, aber er nahm sich doch vor, seinen Vetter darauf aufmerksam zu machen, dass er nun nie mehr von der menschlichen Natur erwarten durfe, als was er selbst geleistet habe.
Auch der Obrist Thalheim hatte mit zitternder Hand dem Grafen sein Gluck gemeldet, und er sowohl als der Graf Robert baten ihn, mit seiner Familie der Taufe des Neugebornen beizuwohnen, und diese Bitte verstarkte der Graf Robert dadurch, dass er seinem Oheim vorstellte, wichtige die Verwaltung der Guter betreffende Geschafte machten eine mundliche Unterredung durchaus nothwendig.
Der Graf theilte den Damen die empfangenen Nachrichten mit, und freudige Theilnahme bewegte Aller Herzen. Auf die Frage aber, ob sie ihn nach Hohenthal begleiten wollten, folgte ein ernstliches Bedenken. Die Grafin bemerkte, dass es ihr schwer fallen wurde, sich wieder allen neugierigen Fragen des Geistlichen und der Nachbaren auszusetzen, und Emilie sagte leise und errothend, dass dann auch wieder der regelmassige Briefwechsel, der kaum mit St. Julien eingeleitet ware, gestort werden musse, wenn man sich von Berlin, wohin nun alle Briefe gerichtet wurden, entfernen wollte. Es wurde also bestimmt, dass nur der Graf allein nach Hohenthal reisen sollte, von den besten Wunschen der Zuruckbleibenden begleitet. Er meldete seinem Vetter diesen Beschluss nebst dem Tage seiner Ankunft.
Auf den dritten Tag nach dem Empfange dieses Briefes war die Abreise nach Hohenthal festgesetzt, und in dieser Zwischenzeit war eine emsige Geschaftigkeit der Frauen bemerklich, und als der Tag der Abreise erschien, erstaunte der Graf uber die Menge der Schachteln, Kartons und Korbchen, die er mitnehmen sollte, welche die Geschenke fur die junge Mutter und den Neugebornen enthielten, die die Freundinnen sendeten. Ich bin doch oft, sagte der Graf lachelnd, mit Frauen gereist und habe es immer unwahr gefunden, wenn sie beschuldigt werden, so unermesslich viele kleine Bedurfnisse in kleinen Behaltern mit sich zu fuhren, dass sich das Reisen mit ihnen leicht in eine Qual verwandeln konne, und nun soll ich allein reisen, und werde zum ersten Mal so mit Schachteln und Korben umgeben, dass es nur Dubois Genie moglich sein wird, diess alles so zu ordnen, dass noch ein vollig erwachsener Mensch Raum daneben im Wagen findet.
Ist es nicht ungerecht, sagte die Grafin lachelnd, die kleine Beschwerde nicht ertragen zu wollen? Hat uns nicht selbst, wie wir das Leben bewusstlos und hulflos betraten, die liebende Sorge zartlicher Freunde begrusst? Liegt nicht etwas Ruhrendes darin, wenn wir uns vorsorgend um ein neugebornes Wesen beschaftigen, so dass alles bereit ist, dessen es in der Zukunft in seiner Hulflosigkeit bedarf? Ich wenigstens kann mir nichts Traurigeres denken, als wenn der Mensch schon beim Beginne seines Lebens Liebe und Theilnahme entbehrt.
Wohl, sagte der Graf ernsthaft, ich werde dem Neugebornen die Geschenke uberbringen und ihm nichts von dem entziehen, was sein aufdammerndes Leben verschonern soll und ihn doch oft nur qualt, indem Mutter und Amme ihn mit Dingen zu putzen streben, die er gar nicht zu wurdigen versteht.
Dubois hatte wahrend dieser Unterredung Alles geordnet, und der Graf fand zu seiner eigenen Verwunderung fur Alles hinreichenden Raum in dem vorgefahrnen Wagen, der ihn bald aus dem Gesichtskreise der Frauen entfuhrte und den Bergen entgegen rollte, die den alten Sitz seiner Ahnen umgaben.
V
In Hohenthal herrschte die reinste Freude. Mit lautem Entzucken wurde der Graf bei seiner Ankunft von seinem ihm entgegen eilenden Vetter begrusst, und an der Thure des Saales empfing ihn der Obrist, der ihm auch hatte entgegen gehen wollen, aber seine vom Alter geschwachten Krafte waren nicht mehr hinreichend zur eiligen Bewegung. Er streckte dem Grafen die zitternden Arme entgegen, der gleich bei der Begrussung bemerkte, dass der Greis in dem letzten Jahre, seit er ihn nicht gesehen, sich mit starken Schritten dem Grabe genahert habe, und ein Blick auf den Arzt, der sich im Saale befand und von dem Obristen unbemerkt leise die Schultern zuckte, bestatigte die schnell gemachte Bemerkung. Der Graf sendete der jungen Mutter alle mitgebrachten Geschenke und liess ihr seine Ankunft melden, weil er durch keine Ueberraschung ihre Gesundheit in Gefahr bringen wollte. Der Arzt ubernahm vorsichtig selbst die Anmeldung, und der Graf erneuerte gegen den Obristen seine freudigen Gluckwunsche. Der Herr hat mir alles gegeben, sagte der Greis, um was ich in angstlichen Stunden inbrunstig flehte; mein Kind ist erhalten und Gott hat ihr einen Sohn geschenkt, an dem sie so viel Freude und Trost erleben moge, wie sie mir selber gewahrt hat. Er hatte, indem er diese Worte sagte, die vor Alter zitternden Hande gefaltet und richtete den thranenfeuchten Blick nach oben. Der Graf betrachtete geruhrt die hinfallige Gestalt, und Graf Robert, der den Blick verstand, druckte mit trauriger Miene die Hand seines Oheims. Der Arzt kam zuruck und meldete, die junge Frau Grafin sei zum Empfange des Herrn Oheims bereit, und die Manner begaben sich nach den inneren Zimmern. Es war dem Grafen wunderbar zu Muthe, als er das ehemalige Schlafzimmer seiner Gemahlin betrat, und mit annmuthiger Gebehrde und holdseligem Lacheln die liebliche Therese, den neugebornen Sohn in den Armen, ihm entgegentrat. Sie wollte ihn anreden, doch die heilige Ruhrung der ersten Mutterliebe machte, dass ihr die Stimme versagte. Sie reichte ihm das Kind entgegen und der Graf, von Gefuhl uberwaltigt, neigte sich herab und druckte einen leichten Kuss auf die unschuldige Stirn des dem Leben bewusstlos entgegen schlummerden neuen Burgers der Erde. Indem seine Lippen das zarte Kind beruhrten, zuckte das schmerzliche Gefuhl durch seine Brust, dass der Himmel ihm das hochste menschliche Gluck versagt habe, und er wendete sich ab, um diess Gefuhl nicht bemerken zu lassen. Der Graf Robert wollte seinen Sohn der Mutter aus den Armen nehmen, weil er jede Anstrengung fur sie noch fur zu angreifend hielt, aber die Frau Professorin trat hervor und vereitelte seine Absicht. Es geht nicht an, sagte sie ziemlich trocken, dass Sie mit dem Kinde so viel herum handthiren. Bloss desshalb sind die altesten Kinder so oft nervenschwach, weil die jungen Eltern mit ihnen wie mit einem Spielzeuge umgehen. Ein Kind muss vor allen Dingen Ruhe haben und in den ersten sechs Wochen seines Lebens nichts anderes thun, als Nahrung nehmen und schlafen, dann werden gesunde Menschen daraus. Wahrend dieser Rede hatte sie den Neugebornen zur Ruhe in sein Bettchen gebracht, und nun erst richtete sie ihre tiefste, ehrerbietigste Verbeugung an den Grafen, die dieser hoflich erwiederte, ohne indess sein begonnenes Gesprach mit der Mutter des Grafen Robert abzubrechen, der er sich, indess die Frau Professorin sprach, hatte vorstellen lassen. Diese schuchterne, sanfte Frau hatte ihr Leben ohne alle Freude verbluhen sehen; ihre Jugend war im Hause ihrer Eltern aus Mangel an Liebe traurig dahingeschwunden, Ihr Vater dachte nur an Handel und Gewinn, und nur sein Stolz verband sie mit dem Grafen, den er weder achtete, noch liebte. Im Hause ihres Gatten war ihr Leben eine Kette von Bekummernissen und Krankungen, die theils aus Mangel, theils aus dem Hochmuth der Freunde und Verwandten ihres Gatten, theils aus dessen eigenem Charakter entsprangen, den sie nicht achten konnte, obwohl sie sich ihren Gemahl zu lieben zwang. Armuth nothigte sie, sich von dem Sohne zu trennen, den sie mit Leidenschaft liebte, und die vernachlassigte Erziehung ihrer Tochter zu beweinen, deren traurige Zukunft sich gar nicht berechnen liess. Diese ganze druckende Last der Schmerzen war nun von ihr genommen, aber ihr Herz zitterte noch lange in den Nachwehen der Leiden, als sie schon taglich Gott mit Thranen fur die gluckliche Wendung ihres Schicksals dankte. Nach langen kummervollen Jahren war sie nun der peinvollen Sorgen der Armuth entledigt, und sah sich und die Ihrigen mit allen Zeichen der Wohlhabenheit umgeben. Der Sohn, den die Abwesenheit seit den Kinderjahren ihr entfremdet hatte, war ihr von Neuem mit inniger Liebe zugewendet, die sich taglich mehrte, je mehr er das reine, liebevolle Gemuth der Mutter erkannte. Seine Gattin hatte sich ihr ganz in Zartlichkeit hingegeben, und die verwilderten Tochter hatten das knabenhafte Toben langst mit den besseren Sitten sich entwickelnder Jungfrauen vertauscht. Der alte Obrist endlich hing mit dankbarer Freundschaft an dieser liebreichen Frau und sagte oft, indem er ihre Hand druckte: Wenn ich sterbe, ist mein Kind darum noch nicht verwaist, denn ihr bleibt eine Mutter, wenn der Vater scheidet. Dieses ruhige, sich in sanftem Wechsel kaum merklich bewegende Leben schien ihr nun von Neuem bedroht. Sie hatte die Ankunft des Grafen gefurchtet, auf die sich alle ubrigen Glieder der Familie freuten, denn es schien ihr kaum moglich, dass ein reicher, vornehmer Mann ohne die Anmassung auftreten sollte, die ihr schon bei minder beguterten und minder ausgezeichneten Mitgliedern der Familie ihres verstorbenen Gatten so druckend geworden war. Sie war in dieser Meinung bestarkt worden, denn sie hatte sich herabgelassen, die Base des Arztes uber die Personlichkeit des Grafen auszufragen, weil sie sich gescheut hatte, diese Fragen an die Mitglieder der Familie zu richten, und diese hatte in ihrer Beschreibung vor Allem die stolze, vornehme Haltung des Grafen hervorgehoben. Sie rustete sich also mit Geduld und beschloss mit Sanftmuth die Anmassungen des Wohlthaters ihrer Kinder zu ertragen. Um so angenehmer wurde sie also uberrascht, als der Graf zwar mit aller Feinheit der Sitten, die durch das Leben in der grossen Welt erworben wird, sich ihr naherte, aber sie vor Allen mit der Hoflichkeit und Achtung behandelte, die aus dem Gefuhl entspringt und einen wohlwollenden Charakter bezeichnet. Bald fand sich also der Graf nur von dankbaren, liebenden Freunden umringt, und er bemerkte mit Vergnugen auch den jungen Gustav, der die Ferien der Universitat benutzt hatte, um seinen grossmuthigen Freund und Beschutzer, den Grafen Robert, zu besuchen. Auch mit diesem Jungling war eine grosse Veranderung vorgegangen. Er hatte sich mannlicher ausgebildet und eine gewisse Aengstlichkeit im Betragen abgelegt, die durch das Druckende seiner fruheren Verhaltnisse entstanden war. Er nahm jetzt seine Stelle in der Gesellschaft mit anstandiger Bescheidenheit ein; auch nannte ihn Niemand mehr Gustav, sondern nach seinem Familiennamen Herrn Thorfeld.
Der Prediger hatte sich bald nach des Grafen Ankunft auf dem Schlosse eingefunden, und es wurde verabredet, dass die Taufe des Neugebornen am andern Tage Statt finden sollte. Da der Graf nicht lange im Kreise seiner Freunde verweilen wollte, so fuhlte Niemand die Neigung, die wenigen Stunden des Beisammenseins durch gerauschvolle Gesellschaften zu verkummern, und desswegen sollte die Taufhandlung nicht durch laute, prunkende Feste verherrlicht werden, sondern die im Schlosse versammelten nachsten Verwandten schienen den jungen Eltern die wurdigsten Taufzeugen.
Man versammelte sich des andern Tages im Saale des Schlosses. Der Obrist erschien in der Uniform mit dem von Friedrich dem Zweiten erhaltenen Orden pour le merite, und seine Gestalt erschien in der vollen Kleidung noch hinfalliger. Der Prediger sass abgesondert, sich zur Rede, die er beabsichtigte, sammelnd. Alles zur Feierlichkeit Erforderliche war geordnet, und die Taufhandlung sollte beginnen. Man reichte dem Obristen seinen neugebornen Enkel. Er wollte ihn in den Armen empfangen, aber die vor Alter und Ruhrung zitternden Glieder versagten ihm dem Dienst. Er deutete auf den Grafen und eilte mit bebenden Handen die Thranen zu trocknen, deren er sich schamte, weil er fuhlte, dass die Kraftlosigkeit des Alters eben so viel Antheil an ihnen hatte, als die Ruhrung der Liebe. Der Neugeborne wurde Walther genannt, nach seinem wurdigen Grossvater. Die Feierlichkeit war beendigt; die mannigfaltigen in den Herzen aller Theilnehmer angeregten Empfindungen schwanden nach und nach, und gaben einer ruhigen Heiterkeit Raum, die es gestattete, dass sich das Gesprach auch auf Geschafte richtete. Der Prediger verliess nach der Mittagstafel das Schloss. Die Schwache des Obristen erforderte Ruhe, deren die junge Mutter ebenfalls bedurfte, und der Graf schlug seinem Vetter einen Spaziergang vor, den dieser benutzen wollte, um den Oheim zugleich mit den Verbesserungen in der Bewirthschaftung bekannt zu machen. Ihr Weg fuhrte die beiden Verwandten auch zu dem Besitzthume des Arztes und seiner Base. Der Bau war schon weit fortgeschritten. Der Graf lobte den etwas veranderten Plan, den das Treibhaus nothig gemacht hatte, das nach des Arztes heftigem Wunsche mit dem Hause in Verbindung stehen sollte. Er lachelte, als er die Anlage zu dem Balkon bemerkte, der so viele Streitigkeiten veranlasst hatte, und rieth dann seinem Vetter ernsthaft, den Bau des Hauses so sehr als moglich zu beschleunigen, damit er bald moglichst die Frau Professorin aus dem Schlosse auf eine freundschaftliche Weise entfernen konne. Denn Sie werden bemerken, setzte der Graf hinzu, dass der sanfte Charakter Ihrer Mutter und die schuchterne Jugend Ihrer Gemahlin der wohlmeinenden Herrschsucht dieser Frau zu viel Raum geben, und desshalb diess Verhaltniss, wenn es noch lange fortbesteht, am Ende sich nothwendig auf eine unangenehme Weise auflosen muss.
Der Graf Robert sah die Richtigkeit dieser Bemerkung um so mehr ein, da ihm mehr als ein Mal die rucksichtslose Dreistigkeit dieser Frau unangenehm gewesen war, die um so schroffer hervortrat, da sie nicht mehr durch den Grafen und seine Gemahlin in Schranken gehalten wurde, und fur die ubrigen Mitglieder der Familie nicht die gleiche Ehrfurcht empfand; da sie sich nun bewusst war, dass sie es wohl meinte, und immer das Gute und Verstandige wollte, so kummerte sie sich wenig darum, in welcher Form sie ihre Meinung ausdruckte.
Der Graf Robert fuhlte sich heiter befriedigt durch die Anerkennung des Oheims, der allen Bestrebungen seines Vetters, die Bewirthschaftung der Guter zu verbessern, vollkommene Gerechtigkeit widerfahren liess, und die Verwandten setzten ihren Weg fort, alles Geschehene und alles noch Erforderliche besprechend. Es war ein heiterer, milder Herbsttag, und auch der herannahende Abend behielt den milden, sommerlichen Charakter. Die beiden Freunde beschlossen den Ruckweg uber die nahen Hugel zu nehmen und schlugen desshalb einen Fusspfad ein, der bei einer einsamen, in einem engen Thale liegenden Muhle vorbeifuhrte. Als sie uber die schmale Brucke des Muhlbachs schreiten wollten, blieben Beide unwillkuhrlich stehen. Die scheidende Sonne vergoldete das enge Thal, und des Abendhimmels Purpur und Gold spiegelte sich auf dem brausenden, schaumenden Muhlbach, der seinen funkelnden Schaum eilig hinuntersturzte und erst spater als dunkelblaue Fluth, den blumigen Ufern schmeichelnd, sich durch das Thal schlangelte. Beide Freunde gaben sich den Eindrukken des schonen Abends hin, und die Erinnerung an die Muhen des Lebens entschwand ihrem Gedachtniss. Sie erstiegen die waldbewachsenen, noch reich belaubten Hugel und lachelten, wie ein durch die Tritte der Wanderer aus dem hohen Grase aufgescheuchtes Reh an ihnen voruber sprang und sich im Fliehen mit klugen Augen nach den vermeintlichen Feinden umschaute. Sie gingen weiter, und ein nahes Rauschen im seitwarts liegenden dichten Gebusch erregte in ihnen die Vermuthung, dass ein zweites Wild dem ersten folgen wurde. Sie blieben stehen, ihre Blicke auf das Gebusch gerichtet. Die Zweige desselben wurden auseinander gebogen und eine durre Hand streckte sich hindurch. Ein bleiches Gesicht, das dunkles, verwildertes Haar und Bart noch bleicher erscheinen liess, zeigte sich und stierte mit dunkeln, glanzlosen Augen die beiden Verwandten an. Die bleichen, dunnen Lippen bewegten sich, doch blieb es ungewiss, ob sie zum Lacheln oder Reden die in dem abgemagerten Gesicht sehr lang erscheinenden Zahne entblossten. Spuren einer Uniform zeigten sich in den Lumpen, die den vorgestreckten Arm bedeckten. Der Graf starrte diess Bild menschlichen Elends mit Entsetzen an; der Graf Robert aber rief, nachdem er noch einen Augenblick mit hochster Spannung die Erscheinung betrachtet hatte, die Hande zusammenschlagend: Heiliger Gott! es ist Wertheim! Der Genannte bejahte durch eine Senkung des Kopfes mit beinah wahnsinnigem Lacheln. Graf Robert sprang auf ihn zu. Einen Bissen Brodt, sagte er mit hohler, wie aus dem Grabe klingender Stimme, und auch fur jenen, wenn es noch Zeit ist. Der jungere Graf und sein Oheim waren durch das Gebusch gedrungen und warfen einen Blick des Entsetzens auf die mit scheusslichen Lumpen nur unvollkommen bedeckten Glieder des als Wertheim Erkannten. Dieser deutete auf einen bewegungslos im Grase liegenden Gegenstand. Die Grafen wollten sich diesem nahern. Er wird todt sein, sagte Wertheim dumpf; es ist Lehndorf. Um Gottes Willen, einen Bissen Brodt!
Ich werde Hulfe schaffen, rief der Graf Robert und wollte in Verzweiflung fortsturzen. Bleiben Sie hier bei Ihren Freunden, sagte sein Oheim, ihn zuruckhaltend, ich weiss hier in der Nahe Hulfe.
Der Graf eilte auf einem Fusspfade quer durch den Wald und erreichte bald die versteckt liegende, einsame Hutte eines Waldwachters. Der Bewohner selbst war in den Forst gegangen, und nur sein Weib und ein Knabe von etwa zwolf Jahren waren im Hause. Der Graf erforschte dringend und eilig, zum Erstaunen des Weibes, welche Nahrung die Hutte bieten konnte, und entraffte ihren Handen einen Krug Milch, den er dem Knaben gab, indem er ihm eilig zu folgen befahl. Er wollte schon die Hutte verlassen, als er sich besann, dem Weibe ein Geschenk gab und ihr befahl, so eilig als moglich einen kleinen Wagen zu bespannen und damit auf der nahe gelegenen Stelle des Waldes zu erscheinen, die er ihr bezeichnete und die sie sehr wohl kannte.
Der Graf schritt so hastig voran, dass der Knabe, der den Milchkrug in Handen hatte, ihm kaum zu folgen vermochte, und so erreichten sie, ganz erhitzt, sehr bald den Platz, wo der Graf Robert mit Todesangst die Ruckkehr seines Oheims erwartete.
Es war die letzte Kraftanstrengung gewesen, mit welcher Wertheim sich den beiden Verwandten zu nahern gesucht hatte. Er war dem Grafen Robert in die Arme gesunken, so wie dessen Oheim, um Hulfe zu suchen, enteilte. Ich sterbe, hatte er kaum horbar hervor geachzt, als der bekummerte Freund ihn sanft auf den Boden niedersenkte. Ein leises Stohnen des andern Elenden zeigte, dass auch dieser noch lebe. Der Graf Robert brachte Reisig zusammen, breitete seinen Mantel daruber und suchte nun beide ungluckliche Freunde in eine bequemere Stellung zu bringen, indem sie neben einander mit den Kopfen auf dieser Erhohung ruhten. Das kraftlose Aechzen der Verschmachtenden zerriss sein Herz. Mit entsetzlicher Angst erwartete er die Ruckkehr des Oheims, denn er furchtete, jeder Augenblick konne der letzte der Leidenden sein.
Endlich erschien der Graf, selbst sehr erhitzt, und ihm folgte mit von der Eile gluhendem Antlitz der Knabe. Die matten Blicke der Sterbenden richteten sich dem Retter entgegen. Der Graf nahm den Krug aus den Handen des Knaben, der mit weit geoffneten Augen die Schreckbilder menschlichen Elends anstarrte. Er neigte sich zu Wertheim, dessen vor Begierde zitternde Lippen sich dem Rande des Kruges naherten, den die abgemagerten Hande mit krampfhafter Gewalt umspannten und nicht wieder lassen wollten. Der Graf, der das Gefahrliche des Uebermasses nach langer Entbehrung kannte, brach mit Gewalt die Finger des gierig Schlurfenden aus einander und wendete sich zu dem Leidensgefahrten desselben, der in kaum vernehmbaren Tonen uber die Selbstsucht des Freundes klagte. Als auch dieser erquickt war, sendete der Graf den Knaben dem Fuhrwerk entgegen, das auch nicht lange ausblieb. Die beiden Unglucklichen wurden auf den mit Stroh gefullten kleinen Leiterwagen gehoben, mit den Manteln der Grafen bedeckt und Graf Robert begleitete diess Fuhrwerk, das sich auf den Waldwegen nur langsam fortbewegen konnte, indess sein Oheim auf Fusspfaden voran eilte, um den Arzt von dem Geschehenen zu benachrichtigen und die Aufnahme der Kranken im Schlosse vorzubereiten.
VI
Nach den ersten Ausrufungen des Erstaunens ergriff der Arzt schnell einige starkende Mittel, die er gleich anzuwenden gedachte, und wollte den Kranken entgegen eilen, doch plotzlich blieb er stehen, betrachtete mit blinzelnden Augen den Grafen und sagte: Vor Allem muss ich fur Sie sorgen, das ist das Dringendste. Ich bin gesund, sagte der Graf, ich bedarf keiner Hulfe. Sie sind furchtbar erhitzt, erwiederte der Arzt, und Sie sind in dem Alter, wo Schlagflusse anfangen das Leben auch des Gesundesten zu bedrohen. Ueberlassen Sie mich nur meinem Schicksale, sagte der Graf lachelnd, mein Blut wird sich von selbst wieder abkuhlen. Nein, rief der Arzt mit Heftigkeit, und Thranen funkelten in den kleinen Augen, nie wurde ich es mir verzeihen, hatte ich meine Pflicht gegen Sie versaumt, und wie konnte je mein Gewissen sich wieder beruhigen, wenn durch meine Nachlassigkeit das Leben eines erhabenen Menschenfreundes, des Schopfers meines Glucks, auch nur um eine Stunde verkurzt wurde?
Der Graf fuhlte sich bewegt durch die Liebe des Arztes, wenn sie sich auch auf eine etwas wunderliche Weise kund that. Er liess sich also dessen Verordnungen gefallen, und bald fuhlte er, dass seine Pulse wieder regelmassig schlugen, und das Blut nicht mehr gewaltsam zum Kopfe und zum Herzen drangte.
Der Arzt hatte, ehe er den Kranken entgegen eilte, seiner Base einen Wink gegeben, die sich sogleich mit Magden und Bedienten in laute Thatigkeit versetzte, um das fur die Kranken bestimmte Zimmer mit allen erforderlichen Bequemlichkeiten zu versehen.
Die Dammerung des Abends hatte schon die Gegend rings umher in tiefe Schatten gehullt, als das elende Fuhrwerk, auf dem die Kranken lagen, von dem Grafen Robert und dem Arzt begleitet, das Schloss erreichte. Muhsam wurden die beinah Leblosen vom Wagen gehoben, und sie empfanden eine schmerzliche Wollust, als sich die entkrafteten Glieder nach so harten Entbehrungen zum ersten Mal wieder auf ein bequemes Lager streckten. Der Arzt war von heftiger Ruhrung ergriffen, als er die beinah vernichteten, in widrige Lumpen schmachvoll gehullten Gestalten betrachtete. Wie gross kann das menschliche Elend sein! rief er klagend. Hier ist die grosste Vorsicht nothig, und Gott! wie werde ich den alten Dubois vermissen! Er ist zwar ein eigensinniger, hochmuthiger Mann, der sich auf seine Aussprache des Franzosischen viel zu viel einbildet, aber einen trefflicheren Krankenwarter habe ich niemals kennen gelernt. Und Wer wird nun diese hier bewachen, dass sie meine Vorschriften genau befolgen, woran doch ihr Leben hangt.
Nun, nun, rief die Frau Professorin, ich will den Herrn Dubois nicht lastern, aber ich werde doch wohl auch im Stande sein, Kranke zu pflegen, und ich will den sehen, der mir was Boses nachredet, wenn ich diese Christenliebe an jungen Mannern ausube.
Der Arzt war hoch erfreut, dass seine Base sich zu diesem Dienste erbot, und er dankte ihr mit einer Innigkeit, als habe sie ihm die grosste Wohlthat erwiesen. Na, was sind das nun fur Weitlauftigkeiten, sagte die gutherzige Frau barsch, um ihre Ruhrung zu verbergen. Was geschehen muss, das darf man mir nur sagen, und ich bin gewiss, dass sich Keiner unterfangen wird, um ein Haar breit davon abzuweichen.
Der Arzt war nun beruhigt. Seine Mittel starkten die Kranken sichtlich, und er konnte schon am folgenden Tage ein starkendes warmes Bad wagen, wodurch zugleich die Spuren des Elends von den Unglucklichen abgewaschen wurden, die nun wieder das Ansehen von zur besseren Gesellschaft gehorigen Menschen gewannen. Nach einigen Tagen der aufmerksamsten Behandlung schienen auch ihre geistigen Fahigkeiten zuruckzukehren, denn sie gaben zusammenhangende Antworten auf die an sie gerichteten Fragen, und der Arzt verkundete mit lauter Freude, dass er Beide mit Hulfe seiner Base wieder herzustellen hoffe, die fur die Befolgung seiner Vorschriften eben so eifrig, wenn auch nicht eben so sanft, wie Dubois, sorge.
Der Graf Robert hatte wahrend dieser Zeit viel mit seinem Oheim uber die Sicherheit seiner Freunde gesprochen, die ihm gefahrdet schien, da sie zu den Truppen Schills gehorten, die so unglucklich endeten. Der Graf suchte ihn zu beruhigen, indem er ihm vorstellte, dass die preussischen Behorden gewiss keinen Eifer anwenden wurden, die Theilnehmer an dieser Unternehmung auszuspuren, wenn sie ihnen nicht bestimmt als solche angezeigt wurden, dass es also nur der Klugheit bedurfe, jede Theilnahme der Unglucklichen an Schills Planen vorsichtig zu verschweigen und fur die mussigen Nachbarn, die nicht ermangeln wurden, mit Fragen einzusturmen, eine wahrscheinliche Fabel zu ersinnen, um ihren klaglichen Zustand genugend zu erklaren.
Der Arzt hatte den Prediger gleich den nachsten Tag in der Bewegung seines Gemuths mit dem traurigen Zustande bekannt gemacht, in welchem die beiden jungen Edelleute, ehemalige preussische Offiziere, nach dem Schlosse waren gebracht worden, und jener erschien sogleich, um das Wie und Warum zu erfahren, und als ihm der Graf Robert mit einiger Verlegenheit antwortete, die Kranken waren noch so schwach, dass man sie nicht um ihr Geschick befragen konne, und dass es uberhaupt menschlicher sein wurde, schmerzliche Erinnerungen aus ihrem Gemuthe zu entfernen, als durch Fragen zu erregen, erwiederte der Prediger verdrusslich und spottisch: So wird es uns damit vielleicht gehen, wie mit der Begebenheit des Herrn St. Julien, der beinah in demselben Zustande in diess Schloss gebracht wurde, und niemals hat man die Veranlassung seines Unglucks erfahren.
Des Grafen Wangen rothete der Zorn. Sie wissen, Herr Prediger, sagte er mit einiger Heftigkeit, wie nah mit mir der Obrist St. Julien verbunden ist, und wenn ich die Grunde ehre, die ihn bestimmen, uber diesen Gegenstand zu schweigen, so dachte ich, diess konnte eine Regel fur alle meine Freunde sein.
Der Prediger fuhlte, er war zu weit gegangen. Ein verdrussliches Schweigen herrschte im Saale. Endlich begann der Geistliche von Neuem: Beinah hatte ich es vergessen, Ihnen mitzutheilen, dass der alte Lorenz einen so schandlichen Gebrauch von dem ihm durch des Sohnes Tod zugefallenen Vermogen gemacht hat, dass ich glaube, er wird bald wieder in druckender Armuth sein.
Woher schliessen Sie das? fragte der Graf gleichgultig.
Weil mir diesen Morgen ein judischer Handelsmann einen Brief von ihm brachte, in dem er mich ersuchte, Sie dahin zu vermogen, ihm eine schriftliche Zusicherung der Pension auszustellen, die Sie ihm bewilligt haben, wie er schreibt, um Lebens und Sterbens Willen, wie mir der Israelit vertraute, damit er sie diesem verkaufen konne. Man wendete sich an mich, fugte der Prediger hinzu, weil man nicht wusste, dass Sie sich jetzt gerade hier befinden. Ich rieth dem judischen Kaufmann, sich mit diesem Gesuch gerade an Sie zu wenden, und ich zweifle nicht, dass er bald auf dem Schlosse erscheinen wird.
In der That wurde, nachdem kaum eine Viertelstunde verflossen war, Herr Moses gemeldet, der dem Grafen des alten Lorenz Gesuch vortrug, mit der Versicherung, dass er aus Menschenliebe bereit sei, dem Greise die Pension abzukaufen und ihm den Ertrag einiger Jahre voraus zu bezahlen; obgleich es moglich sei, dass der Alte fruher sturbe und er sich Verlust dadurch zuzoge, so wollte er es auf die Gefahr hin wagen, damit nur der Greis nicht des Obdachs beraubt wurde, denn er konne sich bei diesen schweren Zeiten, bei den druckenden Abgaben ohne diese Unterstutzung nicht im Besitze des Gutes erhalten.
Der Graf erwiederte auf die lange Rede des menschenfreundlichen Israeliten, dass ihm diess leid thue. Da aber die dem alten Lorenz von ihm bis jetzt ausgezahlte Pension ein freiwilliges Geschenk sei und er sich die Freiheit vorbehalten wolle, es ihm nach Umstanden zu geben oder zu entziehen, so sei er nicht geneigt, sich schriftlich eine Verbindlichkeit aufzulegen und eine Handlung der Gute in eine Pflicht zu verwandeln. Nach dieser Erklarung empfahl sich Herr Moses, nachdem er geaussert hatte, dass er sich unter solchen Umstanden auf kein Geschaft mit dem alten Manne einlassen konne.
Nachdem er den Saal verlassen hatte, sagte der Graf: Wie ist es nur moglich, dass der alte heillose Sunder in der kurzen Zeit, seit er das Erbe seines Sohnes empfing, so viel Geld ausgegeben hat?
Es thut mir leid es sagen zu mussen, erwiederte der Prediger etwas kalt, weil er des Grafen fruhere Heftigkeit noch nicht hatte vergessen konnen, dass ihm nicht bloss die schlechte Gesellschaft von seinem Gelde geholfen hat, sondern auch die sogenannte gute. Der unselige Alte hat sich der Vollerei und dem Spiele ergeben, und manche haben es nicht verschmaht, grosse Summen von ihm zu gewinnen, die recht bedeutende Anspruche in der Welt zu machen gewohnt sind. Aber gedenken Sie ihm nun Ihre Unterstutzung zu entziehen, da er wieder in Noth gerath, die Sie ihm zukommen liessen, wie er ihrer nicht bedurfte?
Keineswegs, sagte der Graf; da ich aber voraussehe, dass diess bald seine einzige Hulfsquelle sein wird, so will ich sie ihm erhalten; denn hatte ich ihm die Moglichkeit gegeben, seinen kunftigen Unterhalt zu verkaufen, so, glaube ich, wurde diess seinen Fall kaum einige Monate hingehalten haben.
Das ist sehr wahrscheinlich, sagte der Prediger, und es ware gut, dass man ihn, wenn er alles Uebrige verloren hat, gewissermassen unter Aufsicht nahme, denn die ewige Trunkenheit hat seine Verstandeskrafte geschwacht, ihn unfahig gemacht, sich selbst zu regieren, ja, er ist vollig kindisch geworden. Denken Sie nur, er liess sich von Leuten, die ihn verspotteten, uberreden, ein Bad zu besuchen, dort den grossen, vornehmen Gutsbesitzer zu spielen, sich zu lauter Edelleuten zu drangen und Summen an diese zu verlieren, welche bei den jetzigen druckenden Verhaltnissen einen viel Reichern als ihn hatten zu Grunde richten mussen. Der Graf zuckte verachtlich mit den Schultern, und es liess sich nicht unterscheiden, ob diess dem alten Lorenz oder den erwahnten Edelleuten galt. Im Laufe des Gesprachs verabredete er mit dem Prediger, der seine gute Laune nach und nach wieder gewann, dass, wenn der Alte so weit sein wurde, dass er nichts mehr, als die Unterstutzung des Grafen besasse, er alsdann bei rechtlichen Leuten untergebracht werden sollte, die sich anheischig machten fur alle seine Bedurfnisse zu sorgen, und die ihre Entschadigung aus den Handen des Geistlichen erhalten sollten, der alsdann nur den Ueberrest dem alten Lorenz zur beliebigen Verwendung einhandigen wurde; und so ist dem alten Schuft, schloss der Pfarrer seine Vorschlage, ein weit besseres Loos gesichert, als er verdient.
Wenn wir streng sein wollen, sagte der Graf lachelnd, so ist diess mit wenigen Ausnahmen wohl bei allen Menschen der Fall.
Sie scheinen die Ansichten der strengen Theologen zu theilen, sagte der Prediger, die den Menschen fur so verderbt halten, dass alles ihn umringende Elend immer noch nicht seine Bosheit und Schlechtigkeit hinreichend bestraft.
Ich spreche nicht von Ereignissen, erwiederte der Graf, die, unabhangig vom Menschen, das Geschlecht desselben bedrohen, gegen die man sich nicht vertheidigen kann, weil sie, uns unerreichbar, jeden Kampf unmoglich machen, und wo freilich oft bei vollkommener Unschuld ein unermessliches Ungluck erduldet werden muss. Aber im Ganzen werden Sie doch zugeben, dass sich unser Schicksal aus unserm Charakter entwickelt, und wenn wir am Abend unseres Lebens den Lauf desselben uberdenken, glaube ich, werden wir zugeben mussen, dass unsere Thorheiten, Schwachen und Irrthumer uns noch weit mehr Kummer bereiten, uns noch in eine schlimmere Lage hatten versetzen konnen, wenn diess nicht ein gutiges Geschick zu unserem Besten abgewendet hatte.
Diess Gesprach wurde durch den Grafen Robert unterbrochen, der seinem Oheim meldete, es sei Zeit, wenn er den kriegerischen Uebungen der jungen Landleute beiwohnen wollte, sich auf den den dazu bestimmten Platz zu begeben, weil man sich dem Grafen zu Ehren versammelt habe, obgleich es heute kein Sonntag sei. Der Graf war bereit seinem Vetter zu folgen und der Prediger bat spottisch um die Erlaubniss die Herren zu begleiten, und man bemerkte an der verdrusslichen Art, wie der Graf Robert diese Begleitung annahm, dass sie ihm keineswegs angenehm war.
Wir haben hier recht ein Bild von dem Zustande Frankreichs, sagte der Prediger noch immer spottisch, zum Grafen gewendet, wie es war, als die erste Begeisterung seine Jugend vereinigte zum Kampfe gegen die ganze Welt. Eben so drangen sich die jungen Landleute hier herum zu den Waffenubungen, und selbst Wer Anfangs uber die Begeisterung lachte, die Ihr Herr Vetter unter Ihren Unterthanen verbreitete, ward nach und nach von der Krankheit ergriffen, und statt des ehemaligen sonntaglichen Kegelspiels beschaftigt Exerciren und Marschiren weit und breit die kampflustige Jugend, wie gesagt, ganz wie in der Periode der Begeisterung in Frankreich.
Und haben Sie vergessen, sagte der Graf ernsthaft, was Frankreich damals in dieser Begeisterung Unglaubliches vollbrachte? Und sollte es nicht moglich sein, dass das, was jetzt wie eine thorichte Spielerei erscheint, noch einmal nutzlich ware? Ueberrascht blickte der Pfarrer dem Grafen in die Augen. Es schien, er wollte mit Begierde darin einen tieferen Sinn der Rede lesen. Der Graf aber fuhr ruhig fort: Und wenn diese kriegerischen Uebungen auch zu nichts weiter fuhren, so machen sie doch die jungen Leute gewandter, und schon das ist Gewinn.
Man hatte unter diesen Gesprachen den zur Waffenubung bestimmten Platz erreicht, und der Graf bemerkte den jungen Gustav Thorfeld, der mit grossem Eifer die Landleute einubte, und mit Vergnugen sah der Graf, dass er das, was er sich zu lehren bestrebte, selbst in hochster Vollkommenheit zu uben verstand.
Wenige Manner verlieren ganz die Neigung zu kriegerischer Thatigkeit, denn nur in der Brust weniger erstirbt das Gefuhl ganzlich, dass es des Mannes Beruf ist, sein Vaterland zu vertheidigen, seinen Heerd zu beschutzen. Auch der Graf also uberliess sich mit Lebhaftigkeit der Theilnahme an diesen Uebungen, und in seinen Augen leuchtete die Hoffnung, dass sich aus geringen Keimen viel Gutes fur die Zukunft entwickeln konne.
Man war noch nicht lange auf dem Uebungsplatze versammelt, als man den Hufschlag von Pferden vernahm, und bald zeigten sich drei Reiter, von denen der eine voraus ritt, und dem die beiden andern in bunter Kleidung folgten, uber die man einen Augenblick in Ungewissheit blieb, ob es kriegerische Uniformen waren oder der phantastische Putz, den Kunstreiter anzulegen pflegen. Bald klarten sich die Zweifel auf. Der Baron Lobau nahte und stieg ab, um den Grafen auf's Herzlichste zu begrussen.
Ich dachte es wohl, sagte er lachelnd, dass ich Sie wenigstens hier auf dem Uebungsplatze finden wurde, wenn Sie es auch verschmahen, Ihre alten Freunde und Nachbaren zu besuchen.
Der Graf entschuldigte sich mit der kurzen Dauer seines diessmaligen Aufenthalts und mit den vielen dringenden Geschaften, die in dieser kurzen Zeit alle abgemacht werden mussten.
Da Sie Theilnahme fur unsere kriegerischen Uebungen beweisen, erwiederte der Baron selbstgefallig lachelnd, so mussen Sie doch wenigstens einem Manoeuvre beiwohnen, das morgen auf meinem Marsfelde Statt finden wird, denn es ist doch billig, dass Sie auch meine Truppen in Augenschein nehmen, da die ganze Sache, die jetzt so allgemein mit Eifer getrieben wird, von mir ausgeht; denn ich machte Ihren Herrn Vetter zuerst darauf aufmerksam, wie vortheilhaft es sein wurde, wenn man die jungen Leute abhielte, sich Sonntags in den Schenken zu versammeln, wo der Trunk oft zu Raufereien fuhrte, und dass es in unserer jetzigen Zeit eine Wohlthat sei, wenn sie mit den Waffen umzugehen wussten, um im Nothfalle sich und die Ihrigen beschutzen zu konnen. Der Graf sah seinen Vetter an, der das Lachen mit Muhe unterdruckte. Der Baron aber fuhr mit grosser Behaglichkeit fort: Versprechen Sie mir morgen zu kommen. Ihr Herr Vetter kennt den Weg zu meinen Uebungsplatzen, und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie sollen eine Kavallerie sehen, die auch den Kenner befriedigen wurde. Die Leute haben Pferde, deren sich ein Prinz nicht schamen durfte; Sie konnen hier eine Probe davon sehen. Er deutete bei diesen Worten auf die beiden bunten Leute, die ihn begleitet hatten, und bezeichnete sie auf diese Weise als Kavalleristen, die zu seiner Miliz gehorten.
Beide Grafen hatten Muhe ernsthaft zu bleiben, versprachen aber den Baron zu befriedigen und seinem Manoeuvre des andern Tages beizuwohnen, worauf er sich, in seiner gutmuthigen Thorheit begluckt, nach dem herzlichsten Abschiede von ihnen trennte.
Auf dem Ruckwege nach dem Schlosse, nachdem sie sich von dem Prediger getrennt hatten, erzahlte der Graf Robert seinem Oheim, dass, nachdem er angefangen habe die jungen Leute unter demselben Vorwande, den der Baron ihnen als seine Grunde aufgestellt habe, zu Waffenubungen zu versammeln, der Baron mit lebhaftem Eifer sogleich gestrebt habe ihn zu uberbieten, indem er dem Fussvolke eine uniformirte Reiterei beigefugt habe, die aus zehn bis zwolf Mann seines Hofgesindes bestande, die freilich alle schone Pferde aus des Barons Stallen ritten. Die Hauptkunst bei ihren Manoeuvres bestande aber darin, sagte er, die Pferde zu schonen, die auf keine Weise erhitzt oder angestrengt werden durften, so dass alle Evolutionen im ruhigsten Schritt ausgefuhrt werden mussten.
Der Graf lachte und sagte, die Thorheit des guten Barons, die gewiss in der Gegend den meisten Larm verursacht, ist sehr nutzlich, denn sie dient dazu, die Aufmerksamkeit von Andern ab und auf ihn zu lenken, und die Manoeuvres auf seinem Marsfelde werden keine Art von Misstrauen erregen.
So ist es, erwiederte der Graf Robert, weil er selbst so weit davon entfernt ist, einen hoheren Zweck zu ahnen. Wenn sich franzosische Officiere in der Nahe befinden, so ladet er sie jedes Mal feierlich ein, um sie darauf aufmerksam zu machen, welche trefflichen Hulfstruppen sie aus den preussischen Landen im Fall des Bedurfnisses zu erwarten hatten, seit auf seine Veranlassung an mehreren Orten Waffenubungen Statt fanden, und also kunftig statt vorher ungeschickter Rekruten nun vollig eingeubte Streiter ausgehoben werden konnten.
Die Sache ist unter den Franzosen ein Gegenstand des Scherzes, und wenn junge Officiere gegenwartig sind, so bemerken sie leicht seine Schwachheit fur seine Kavallerie, und er ist mehr als ein Mal dadurch geangstigt worden, dass diese sich dann zu Kommandeurs seiner Kavallerie aufwerfen und sie Bewegungen machen lassen, die ganz von dem sanften Schritte der Gewohnheit abweichen.
So dient er doch auch dem Vaterlande, sagte der Graf, und wenn es einmal Ernst wird, so wird derselbe Ehrgeiz, der jetzt thoricht erscheint, ihn auch zu ernsten Anstrengungen vermogen.
Man erreichte das Schloss und beide Grafen besuchten die Kranken, deren Zustand sich sehr verbessert hatte und die der Arzt ausser Gefahr erklarte. Das bleiche Gesicht des Herrn von Wertheim rothete sich fluchtig, als er den Grafen erblickte. Es ist eine eigene Strafe meiner Rohheit, sagte er mit bewegter Stimme, dass ich Ihnen mehr als ein Mal Schutz, Rettung meines Lebens und Unterstutzung verdanken muss, die man nur mit Widerstreben aus der Hand des vertrautesten Freundes empfangt, und aus der grossmuthigen Hand eines beleidigten Mannes nicht anders als mit tiefer Beschamung empfangen kann.
Vergessen Sie doch endlich eine jugendliche Unbesonnenheit, sagte der Graf gutig, die ohne Ihre Erinnerung mein Gedachtniss mir nicht zuruckgerufen hatte, und denken Sie nur daran, dass Ihre und Ihres Freundes Gesundheit wieder hergestellt werden muss.
Der Baron Lehndorf wagte die Frage, ob sie sich im Schlosse Hohenthal wohl als gesichert betrachten konnten, und der Graf erkundigte sich nun nach ihrem Verhaltnisse zu Schill und nach den naheren Umstanden ihres Unglucks.
Beide Freunde waren tief erschuttert, als sie an das ungluckliche Ende ihres hochverehrten Anfuhrers erinnert wurden, doch beherrschte der Baron Lehndorf zuerst seine Ruhrung und sagte, dass sie Schill als Freiwillige und als Freunde gefolgt waren, und ihre Namen sich in keiner Liste befanden, die man hatte auffinden konnen.
Dann begreife ich nicht, sagte der Graf, wie Sie sich nicht mit einiger Behutsamkeit sogleich hieher gewendet haben.
Die schreckliche Niederlage bei Stralsund, sagte Wertheim, hatte uns aller Mittel beraubt, uns zu zeigen. Wir besassen nichts als die Uniform, die wir an uns trugen, und einige Silbermunzen von unbedeutendem Werth. Es stand also nicht in unserer Gewalt, die Kleidung abzulegen, die uns kenntlich machte, und wir verbargen uns am Tage in Waldern und Sumpfen, um dem Schicksale unserer Gefahrten zu entgehen, von denen wir zuweilen von unserm Verstecke aus einzelne von den feindlichen Truppen Eingefangene bemerkten, die einem schmahlichen Loose entgegengefuhrt wurden. Wir hatten die Absicht uns dennoch, trotz der Gefahr hieher zu wenden. Da wir aber nur bei Nacht wandern konnten, so verirrten wir uns oft und erkannten nach langer Anstrengung zuweilen dieselben Orte wieder, von wo wir vor mehreren Tagen ausgegangen waren. Da wir uns nur die allernothwendigste Nahrung erlauben durften, so wurden unsere Krafte erschopft, und doch musste auch diese Nahrung noch beschrankt werden, denn wir hatten bald gar keine Mittel mehr. Zwei Tage, ehe Sie uns fanden, war es uns schon nicht mehr moglich, ein wenig Brodt von den Bauern einzuhandeln, denn wir hatten auch nicht das kleinste Stuck Geld ubrig. Wir versuchten es, uns durch Beeren und Wurzeln zu ernahren, und wir waren gewiss verloren gewesen, hatte der Zufall Sie nicht zu unserem Beistande herbei gefuhrt.
Der Graf Robert umarmte seine Freunde in heftiger Bewegung, und sein Oheim wendete sich ab, um seine Ruhrung zu verbergen. Er sagte den beiden jungen Mannern, dass er hoffe, sie seien auf Schloss Hohenthal in vollkommener Sicherheit, dass er aber zu ihrer Beruhigung noch nahere Erkundigung einziehen wolle.
Da die Erzahlung der Geschichte ihres Unglucks die Kranken sehr aufgeregt hatte, so rieth ihnen der Graf dringend, den Schlummer zu suchen, damit sie nicht, wie er lachelnd hinzufugte, sich den Tadel des Arztes und ihrer strengen Warterin zuzogen.
Er fuhrte darauf den Grafen Robert mit sich hinweg und sagte: Ich bin vollkommen uberzeugt, dass beide junge Manner ohne Gefahr hier bleiben konnen, wenn es nicht verrathen wird, dass sie mit Schill in Verbindung waren. Desshalb mussen wir auf eine bestimmte Erklarung des jammerlichen Zustandes sinnen, in dem wir sie fanden, denn glauben Sie mir, der Prediger wird nicht mit allgemeinen Antworten zufrieden sein. Und wenn er auch thate, als ware er es, so wird er so viele misstrauische, spottische Winke fallen lassen, dass er unfehlbar Argwohn erregen wird, und doch mochte ich auch ungern ihm das Geschick Ihrer Freunde aufrichtig vertrauen, denn er wurde diess Vertrauen zwar um keinen Preis missbrauchen, sie unglucklich zu machen, aber er wurde dadurch ein solches Uebergewicht erlangt zu haben glauben, dass er Ihnen, bester Vetter, oft unertraglich lastig sein wurde.
Der Graf Robert, der die Menschen nicht immer so milde betrachtete, wie sein Oheim, und der daher dem Prediger nicht sonderlich geneigt war, sah die Wahrheit des Gesagten ein. Nach langer Berathung kamen die beiden Verwandten uberein, dem Prediger zu vertrauen, die beiden jungen Manner hatten sich nach Frankreich gewagt, um das Schicksal der Schwester des Einen und der ehemaligen Braut des Andern zu erforschen, und waren auf den franzosischen Obristen gestossen, mit dem Wertheim das Duell der Schwester wegen gehabt habe. Die eingeleitete Verfolgung habe die jungen Manner zur Flucht genothigt und sie gezwungen, sich angstlich zu verbergen. Dadurch waren ihnen die Hulfsmittel ausgegangen und sie endlich in den klaglichen Zustand gerathen, worin man sie gefunden. Dass das franzosische Regiment abgelost war, gab der Fabel einige Wahrscheinlichkeit, und da der Pfarrer bei seiner Neugierde im Grunde leichtglaubig war, so liess sich hoffen, er wurde die Unwahrscheinlichkeiten in dieser Erzahlung ubersehen. Der Graf Robert ubernahm es, seine Freunde davon in Kenntniss zu setzen, auf welche Weise ihre Erscheinung auf dem Schlosse erklart wurde, damit sie im Stande waren, die Fragen gehorig zu beantworten, die der Geistliche unfehlbar an sie richten wurde.
Der grosse Tag war erschienen, an welchem das glanzende Manoeuvre des Baron Lobau Statt finden sollte. Er hatte alles gethan, um die Waffenubung des Grafen Robert zu ubertreffen, den er mit einigem Verdruss als seinen Rebenbuhler betrachtete, ohne zu bedenken, dass er niemals auf die Idee gekommen ware, Beschaftigungen der Art anzuordnen, wenn ihm nicht die Einrichtungen des Andern dadurch, dass sie das Streben ihn zu ubertreffen in ihm weckten, eine Anregung gegeben hatten.
Als die beiden Grafen erschienen, bemerkten sie eine Batterie von Kanonen, die ein Mittelding zwischen Scherz und Ernst, ein Spielwerk fur Erwachsene genannt werden konnten. Mit leuchtendem Gesicht machte der Baron sie darauf aufmerksam, und er hatte die Genugthuung, dass der Graf alle seine Plane lobte. Die Batterie wurde genommen und die Kavallerie auf den schonen Pferden entschied im bedachtigen Schritt, wie es angeordnet war, den Sieg.
Es ist so kindisch, sagte der Graf Robert, als sie sich von dem entzuckten Baron getrennt hatten, dass man nicht einmal daruber lachen kann.
So ist es doch auch harmlos, erwiederte der Graf, und wird Niemand verletzen. Es liegt in jedes Menschen Seele eine gewisse poetische Sehnsucht, aus dem alltaglichen Leben heraus zu treten, etwas Besonderes vorzustellen. Sie offenbart sich schon bei dem Kinde in der Neigung zu Verkleidungen. Bei Niemandem von meinen Bekannten habe ich aber diese Sehnsucht so gross gefunden, als bei unserm guten Baron. Sie werden diess in jeder kleinen Geschichte bemerken, die er erzahlt, und ich habe mir oft gedacht, wenn er Talent genug zur Darstellung besasse und seine Phantasie dadurch befriedigen konnte, dass er Novellen und Romane schriebe, so wurde er im gemeinen Leben der Wahrheit naher bleiben.
So ware also, rief der Graf Robert lachend, ein Lugner im Grunde nur ein verungluckter Dichter?
Warum wollen Sie es nicht so milde betrachten? erwiederte sein Oheim, da zudem in jedem Menschen, auch in dem edelsten, sich eine kleine Neigung fur diese Schwache findet.
Es ist wahr, sagte Graf Robert, ich mochte wohl den Menschen sehen, der sich ruhmen konnte, nie die Unwahrheit gesagt zu haben, und es ist mir lieb, wenn ich mich kunftig einmal auf so etwas ertappen sollte, dass ich zu meiner Beruhigung weiss, dass ich mich nur der Neigung zur Dichtkunst uberlasse, indem ich sundige. Sie konnen uns ja gleich diese Gerechtigkeit wiederfahren lassen, sagte sein Oheim, denn haben wir nicht gleichfalls ein feindliches Komplott gemacht, um den Prediger zu hintergehen? Das ist Noth, rief der Graf Robert, aber nicht freie Neigung zur Dichtkunst.
Da der Graf seine Abreise auf den andern Tag festgesetzt hatte, wollte er, nachdem sie das Schloss wieder erreicht hatten, noch den Abend von dem Obristen Abschied nehmen, um den Greis nicht am andern Morgen in seiner Ruhe zu storen.
Als der Obrist sich bald nach zehn Uhr entfernen wollte, um die Vorschriften des Arztes nicht zu ubertreten, der die Ruhe vor Mitternacht unerlasslich fur ihn fand, schloss ihn der Graf mit Ruhrung in die Arme, um ihm Lebewohl zu sagen. Er fuhlte den Freund in seinen Armen vor Altersschwache zittern, und sein Auge ruhte wehmuthig auf dem nur noch sparlich von silberweissen Haaren bedeckten Scheitel. Das leuchtende Auge des Greises traf den von einer Thrane verschleierten Blick des Grafen. Sie fuhlen, sagte der Greis mit seligem Lacheln, dass wir uns hienieden nicht mehr wieder sehen werden. Und Sie sprechen diess wie eine Hoffnung aus? fragte der Graf mit sanftem Vorwurf.
Mein theurer Freund, erwiederte der Obrist, indem er beide Hande des Grafen fasste, wenn Sie durch die reizendsten Thaler lustwandeln, uber Berge schweifen, die Ihnen die schonsten Aussichten, immer neue Ueberraschung gewahren, und Sie setzten diesen Genuss unaufhaltsam fort, kommt nicht endlich die Stunde, wo auch das schonste Thal nicht mehr zum Weiterschreiten lockt, wo die ermudeten Glieder sich nach Ruhe sehnen, und Sie sinken hin und lassen der menschlichen Natur ihr Recht angedeihen. Ein solcher muder Wanderer bin ich. Ein grosser Theil meiner Bahn war rauh und dornenvoll. Sie versetzten mich in ein reizendes Thal, aber ich kann die Reise nicht fortsetzen; ermudet sehnen sich meine Glieder nach Ruhe. Wir werden uns hier nicht wieder sehen, schloss der ehrwurdige Alte, empfangen Sie den letzten Dank und den Segen eines liebenden Vaters.
Mit inniger Ruhrung umarmten sich die Freunde noch ein Mal und trennten sich mit dem Gefuhle, dass sie wahrscheinlich zum letzten Mal liebende Worte gewechselt hatten.
VII
Der Graf hatte von allen Freunden am Abend Abschied genommen und wollte des andern Morgens sehr fruh das Schloss unbemerkt verlassen; als er aber in dieser Absicht den Saal betrat, fand er den Arzt, der ihn erwartete, um jetzt noch formlich Abschied zu nehmen, da er den vorigen Abend etwas war ubersehen worden. Der Graf reichte ihm die Hand und sagte: Ich danke Ihnen, dass Sie mir noch Gelegenheit geben, eine Frage an Sie zu richten, deren Beantwortung mir sehr am Herzen liegt. Was halten Sie von dem Zustande unseres alten Freundes?
Der Arzt druckte die Augen zu, senkte den Kopf auf die linke Schulter, sah dann den Grafen blinzelnd an und erwiederte: Wenn das Oel verzehrt ist, mogen wir dann die Lampe noch so sorgsam huten, sie wird doch erloschen, und hier ist das Lebensol ausgebrannt, und nur schwach glimmt noch die matte Flamme; der leichteste Windhauch wird sie verloschen.
Erhalten Sie mir den wurdigen Greis so lange als moglich, sagte der Graf mit bewegter Stimme. Er wollte sich nun entfernen, aber sein Vetter Robert trat ein, um ihm zu sagen, dass er ihn einige Meilen begleiten und dann zu Pferde zuruckkehren wolle. Der Oheim hatte eben diese Begleitung dankbar angenommen, als auch die Damen erschienen, um den geehrten Verwandten noch ein Mal zu umarmen; nur der Obrist kam nicht; ihn fesselte Altersschwache an sein Lager, wo er den Schlummer gewohnlich erst gegen Morgen fand. Der Graf tadelte liebevoll die ihn umringenden Freunde, dass sie ihr Wort nicht gehalten und sich der Ruhe entzogen hatten. Er entriss sich mit sanfter Gewalt ihren Armen und traf, als er eilig die Treppe hinunter stieg, auf Gustav Thorfeld, der auch noch ein Wort des Abschiedes von dem edeln Manne gewinnen wollte. Der Graf reichte ihm freundlich die Hand und lud ihn ein, die nachsten Ferien zu benutzen, um einen Theil Deutschlands zu durchreisen und dann auch ihn zu besuchen, da, wo er sich eben aufhalten wurde. Ein Strahl von Freude zuckte uber des Junglings Antlitz bei der Vorstellung einer genussreichen Reise. Ich werde sorgen, dass Ihnen die Mittel nicht fehlen, sagte der Graf gutig, indem er mit seinem Vetter den Reisewagen bestieg.
Es war ein kuhler Herbstmorgen. Die Natur hatte sich in wenigen Tagen auffallend verandert; sie hatte den sommerlichen Charakter verloren. Das Laub der Baume welkte und fiel ab, und die Waldung wurde dadurch lichter, obgleich ein neuer Reiz entstand, indem die Baume, nachdem ihr Laub das frische Grun verloren, in verschiedenen Farben prangend, von der Morgensonne beschienen funkelten. Beide Reisende sassen eine Zeit lang schweigend neben einander; endlich sagte der Graf: Sie blicken so tiefsinnend vor sich nieder, lieber Vetter; was kann Sie in so ernste Gedanken versenken?
Ich dachte, sagte der Graf Robert, indem er bewegt die Hand des Oheims druckte, wie viel Segen ein edler Mensch um sich verbreiten kann, und wie er dann im Kreise der durch ihn Glucklichen durch Liebe herrscht wie ein unumschrankter Monarch; wie alles das, was an den Hofen der Fursten gespielt wird, um der Etikette zu genugen, oder aus Eigennutz, oder aus lacherlicher Eitelkeit, hier der Abdruck wahrer Empfindungen ist; denn Wer in ihrem kleinen Konigreiche, theurer Onkel, fuhr er sich zum Lacheln zwingend fort, ist nicht begluckt, wenn Sie ein freundliches Wort an ihn richten? Wer fuhlt sich nicht gekrankt, wenn Sie ihn ubersehen? Wer ringt nicht danach, Ihr beifalliges Lacheln zu gewinnen, und Wer ist nicht stolz darauf, wenn er Ihnen durch unbedingten Gehorsam seine Verehrung und Ergebenheit beweisen kann? Nein gewiss, schloss er, die Menschen sind nicht so gefuhllos, wie man oft von ihnen behauptet; sie erkennen gern einen edeln Geist an und beugen sich willig seiner Ueberlegenheit.
Ich will nicht zur Unzeit den Bescheidenen mit Ihnen spielen, erwiederte der Graf. Ich will Ihnen zugeben, dass ich mich nicht fur bose halte, dass ich uberzeugt bin, das Beste zu wollen, dass ich zuweilen im Stande bin, Andere auf die rechte Bahn des Lebens zu leiten. Ich will es eingestehen, dass mein Herz bewegt wird von fremder Noth, und dass mein Geist dann eifrig auf Mittel denkt, sie zu vermindern. Aber, theurer Vetter, alle diese Eigenschaften wurden nicht im Stande sein, mir mein kleines Konigreich, wie Sie es nennen, zu bilden, wenn mir der Himmel nicht ohne mein Zuthun ein bedeutendes Vermogen gewahrt hatte. Ware ich arm, fuhr der Graf fort, indem er die Hand seines Vetters druckte, dann wurde ich zufrieden sein, einen Freund zu finden, der mein Herz verstande und meinen Charakter unter allen Umstanden richtig wurdigte, und ich wurde unter den ubrigen Menschen verkannt, einsam und vergessen, ja von denen, die sich meiner erinnerten, um eben der Eigenschaften Willen, die Sie jetzt erheben, getadelt und verachtet umhergehen.
Unwillig zuckte die Hand des Grafen Robert in der seines Oheims. Getadelt, verachtet und verfolgt fuhr dieser mit Nachdruck fort; denn eben die Eigenschaften, die man jetzt anerkennt, wurden mich wahrscheinlich hindern ein Vermogen zu erwerben; denn nicht alle Mittel wurden mir gleich sein, um diesen Zweck zu erreichen, und da ich niemals meine Seele zur Verehrung des Geldes gewohnen konnte, so wurde ich auch nie den gehorigen Eifer erlangen, um es zusammen zu haufen. Dabei wurde mein ganzes Leben ein stillschweigender Tadel so vieler Andern sein, den ich durch keine Annehmlichkeit zu mildern vermochte, die wir durch unser Vermogen so leicht unsern Bekannten verschaffen, und sie konnten dann nicht denken wie jetzt, wenn ich unwillkuhrlich strengere Grundsatze aussprache: Er hat gut reden, ware seine Lage so beschrankt wie die unsere, so wurde er eben so denken wie wir, so wurde mir denn Niemand meine abweichende Lebensansicht verzeihen wollen. Die Mildesten wurden sie fur Thorheit erklaren, die Harteren mich fur einen kopflosen, verschrobenen Menschen halten.
Sie haben so oft meine Harte getadelt, sagte sein Vetter mit dem Ausdrucke des Erstaunens, wenn ich ein Urtheil uber die Menschen aussprach, und nun muss ich Ihre Ansicht weit harter finden und in der Tiefe Ihrer Seele eine Menschenverachtung, die mich erschreckt.
Nicht der ist milde, erwiederte der Graf, der in der Tauschung lebt, die Menschen im Allgemeinen fur trefflich halt und aus diesem Gesichtspunkte handelt. Nur dessen Herz darf so genannt werden, der die Menschen kennt und ihnen verzeiht, und indem er die Fehler Anderer einsieht, sich zugleich der eigenen Schwache bewusst ist und es sich eingesteht, dass vielleicht am Meisten der Stolz der Seele ihn aufrecht erhalt, der ihm den Willen gibt, sich nicht zu beugen. Freilich wird ein Solcher in vielen Fallen, wenn er Andern beisteht, sich nur selbst befriedigen; aber ist er so glucklich, nur einen Freund zu besitzen, den er wahrhaft ehren kann, so wird ihn diess doch vor der schlimmsten Selbstsucht bewahren, und er wird sich das Bild einer edleren Menschheit dennoch zu erhalten wissen.
Der Graf hatte mit lebhafter Bewegung gesprochen, und die Freunde hatten, ehe sie vermutheten, die erste Post erreicht, wo sie sich trennen wollten. Der Graf Robert schied von seinem Oheim mit erhohter Empfindung, denn er hatte die Einsicht gewonnen, dass nicht ein leicht erregtes Gefuhl diesen zu grossmuthigen Entschliessungen bestimmte, sondern dass ein entschiedenes Wollen einer wahrhaft edeln Seele seine Handlungen leitete. Und dennoch hat er Unrecht, sagte er zu sich selber. Ich habe oft einzelne Menschen zu hart beurtheilt; seine unbillige Harte aber trifft die Menschen im Allgemeinen, und er durfte nur um sich blicken, um seinen Irrthum zu erkennen, denn wie viele treffliche Menschen haben sich um ihn her versammelt. Und waren diese alle so trefflich, fragte er sich betroffen weiter, wenn er sie nicht zu sich herauf bildete, und konnte er das in dem Grade ohne die Hulfe seines grossen Vermogens? Ja ich selbst, fuhr er mit Beschamung in seinen Betrachtungen fort, was ware aus mir geworden, der ich in finsterm Grimm ihn zu besturmen kam, wenn seine Lage ihn gezwungen hatte, nur sein Recht gegen mich zu behaupten? Hatte ich ihn wohl jemals richtig wurdigen und verstehen konnen, wenn ich trostlos von ihm hatte scheiden mussen? Wurde ich mich nicht mit kaltem Hass von dem Manne abgewendet haben, den ich jetzt mit Zartlichkeit liebe und verehre? Es ist gewiss, fuhr der junge Mann seufzend in seinen Gedanken fort, es ist leider gewiss, nicht bloss unsere Gefuhle, auch unsere Tugenden hangen von Zufallen ab. Wenige ragen wie mein Oheim aus der Menge hervor, und einen wie weiten Weg habe ich noch vor mir, ehe ich ihn erreiche. Aber er hat Recht, mit Beschamung muss ich es eingestehen, der reiche Schatz seines Geistes und seines Herzens wurde unerkannt von der Erde wieder verschwinden, wenn die Guter des Glucks nicht die Dollmetscher seiner edeln Seele wurden. Mit solchen Gedanken beschaftigt erreichte der Graf Schloss Hohenthal, wahrend sein Oheim sich immer weiter davon entfernte und die Residenz bald moglichst zu erreichen wunschte, wo er mit Sehnsucht erwartet wurde.
Als der Graf seine Reise zuruckgelegt hatte und in Berlin eingetroffen war, wurden ihm nach den ersten freudigen Begrussungen und theilnehmenden Fragen mehrere wahrend seiner Abwesenheit angekommene Briefe eingehandigt. Zwei von diesen Schreiben erregten seine besondere Aufmerksamkeit. Das eine von St. Julien, in dem er meldete, dass der Abschluss des Friedens taglich zu erwarten sei, und dass er alsdann leicht Urlaub erhalten konne, um sich mit den theuern Eltern und der zartlich geliebten Braut wieder auf einige Zeit zu vereinigen. Der andere Brief war von einem Rechtsanwald aus Munchen, der dem Grafen meldete, dass in den furchtbaren Schlachten bei Aspern und Wagram, in denen die Baiern fur Napoleon fochten, mehrere entfernte Mitglieder seiner Familie geblieben waren, so dass von dem im sudlichen Deutschland lebenden Zweige derselben Niemand mehr vorhanden sei, als eine Wittwe, die bei der durch die vielen Todesfalle eingetretenen Erbschaft gleiche Rechte mit ihm habe, und in deren Namen er sich der Theilung wegen an den Grafen wende. Der Nachlass bestehe, wie der Rechtsgelehrte meldete, in einem am Rheine gelegenen Gute und einigem baaren Vermogen. Da aber die Miterbin als eine Wittwe sich bei den gegenwartigen unruhigen Zeiten nicht gern mit einem Grundbesitz befassen wolle, so schlug ihr Rechtsfreund dem Grafen vor, nach billiger Uebereinkunft das Gut zu behalten, und lud ihn ein, entweder selbst zu diesem Behufe nach Munchen zu kommen oder Jemandem seine Vollmacht in dieser Angelegenheit zu ubersenden.
Es ist furchtbar, seufzte der Graf, wie verheerend diese ewigen Kriege wirken, ganze Geschlechter werden ausgerottet. Er theilte seiner Gemahlin die empfangenen Nachrichten mit, und Beide entschieden sich, die Reise nach Munchen anzutreten und den geliebten Sohn dorthin zu bescheiden, weil der Graf glaubte, dass er von dort, durch einen eng mit Napoleon befreundeten Hof, leichter Mittel finden wurde, die Anerkennung des Namens Evremont fur St. Julien zu bewirken, als von Berlin, wo er sich nicht mit einem Gesuche an die franzosischen Machthaber wenden durfte, ohne einen gehassigen Schein auf sich zu laden. Die Grafin sah die Triftigkeit seiner Grunde ein; ihr Herz schlug dem Sohne entgegen und aus Emiliens Augen leuchtete seliges Entzucken, als sie vernahm, wie bald sie St. Julien wieder zu sehen hoffen durfte; und eine sanfte Rosengluth brannte verschonernd auf ihren Wangen, als der Graf bemerkte, dass doch dieser Frieden vielleicht so lange dauern wurde, als unerlasslich nothwendig ware, um zwei Liebende zu vereinigen. Sollen wir denn ewig vor der Erneuerung des Blutvergiessens uns angstigen? fragte die Grafin. Kann man einen Friedensschluss, wie er jetzt eintreten wird, anders als wie einen Waffenstillstand betrachten? entgegnete der Graf. Die Frauen seufzten uber die truben Aussichten, aber dennoch wich der Kummer der gegenwartigen freudigen Hoffnung. Der alte Dubois schien sich zu verjungen. Mit Eifer wurden die Anstalten zur Reise durch ihn betrieben, und aus den Augen des Greises leuchtete ein Strahl der Freude bei dem Gedanken, dass er den jungen Grafen Evremont wiedersehen sollte, denn er erlaubte sich nie St. Julien anders zu nennen seit seiner Erkennung.
Der Graf hatte St. Julien nach Munchen beschieden. Die Grafin hatte ihrer Adele den gefassten Entschluss gemeldet. Dubois war mit den Vorbereitungen zur Reise fertig. Kein Theilnehmer an derselben liess sich eine Verzogerung zu Schulden kommen, und so gelangte die Familie in kurzer Zeit nach Munchen, wo bald nach ihnen Adele eintraf und wo man, um das Gluck der Vereinigung vollkommen zu geniessen, nur noch auf St. Julien hoffte, der Wien nicht ohne Urlaub verlassen durfte, den er mit hochster Ungeduld erwartete.
Die Auseinandersetzung der Erbschaft wegen, welche die erste Veranlassung zur Reise nach Munchen gegeben hatte, war in wenigen Tagen beendigt, weil bei der Denkungsart des Grafen jede Schwierigkeit leicht gehoben wurde, indem er weit davon entfernt war, seine Miterbin, eine nicht sehr bemittelte Wittwe, irgend bedrucken zu wollen. Es wurde ihrem Wunsche gemass die Vereinigung getroffen, dass der Graf das Gut am Rheine behielt und ihr noch eine Summe zu dem baaren Nachlasse des gemeinschaftlichen Verwandten hinzuzuzahlen sich verpflichtete, sobald alle Rechtsformen beobachtet sein wurden, die, um ihn in den Besitz zu setzen, erforderlich waren. Der Graf nahm sich vor, das neu erworbene Gut so bald als moglich in Augenschein zu nehmen und, wenn er die Lage so reizend fande, wie sie ihm beschrieben wurde, wenigstens einen Theil des Jahres dort zu wohnen.
Eben hatte der Graf die letzten Geschafte mit dem Anwalde seiner Miterbin abgeschlossen, und er nahm den Ruckweg zu seiner Wohnung durch den Schlossgarten der Residenz, wo die warme Mittagssonne Lustwandelnde vereinigte, denn wenn Munchen auch seiner hohen Lage und der Nachbarschaft der Gebirge wegen ein wechselndes, im Ganzen nicht angenehmes Klima hat, und man im fruhen Herbst und spaten Fruhling Kalte und Schnee zuweilen ertragen muss, so macht doch seine sudliche Lage, dass dafur oft im November noch so schone warme Tage eintreten, dass man sich nach Italien versetzt glaubt. Ein solcher warmer Novembertag lockte den Grafen unter die hohen, unbelaubten alten Kastanienbaume des Schlossgartens, und er bemerkte, dass wie ihn auch viele Andere die warme Mittagssonne herbeigezogen hatte.
Der Blick des Grafen schweifte uber die verschiedenen lustwandelnden oder im Gesprach verweilenden Gruppen, und es machte einen betrubenden Eindruck auf ihn, dass er beinah Niemanden bemerkte, der nicht Trauer trug, wie sein Herz ihm sagte, um einen in den Schlachten des letzten Krieges gefallenen Verwandten. Die Wenigen, die nicht in Trauer gehullt waren, machten keinen heiteren Eindruck, denn es waren verstummelte, zum Theil noch schwer an ihren Wunden leidende Krieger, die hier in der warmen Herbstsonne Erquickung nach grausamen Leiden suchten. So haben nun wieder Deutsche gegen Deutsche gewuthet, dachte der Graf seufzend; so vertilgen sie sich gegenseitig von der heimathlichen Erde und bringen Trauer uber verwandte Geschlechter. Sein Schritt war, ohne dass er es bemerkte, langsam geworden und sein Blick senkte sich kummervoll zu Boden, als er plotzlich aufschrak, weil eine Hand von hinten sanft seine Schulter beruhrte. Er wendete sich und blickte in das ihm freundlich entgegen lachelnde Gesicht des General Clairmont. Der Graf war freudig uberrascht, und nach den ersten herzlichen Begrussungen fragte sein Freund lachelnd: Was hat Dich so philosophisch gestimmt, dass Du, in tiefe, ernste Gedanken versenkt, Deine Freunde nicht bemerkst? Ich ging bei Dir voruber, ohne von Dir beachtet zu werden, und ich redete Dich nicht gleich an, weil ich einen Augenblick zweifelte, ob dieser sinnende Philosoph wohl mein Freund Hohenthal sein konne, den ich hier nicht erwartete.
Es ist wohl naturlich, sagte der Graf, dass mich die Folgen Eurer Siege ernsthaft stimmen. Bemerke alle diese Trauerkleider um uns her, die ohne Zweifel um Verwandte getragen werden, die von deutschen Handen fur Eure Sache fielen.
So ist nun einmal der Krieg, erwiederte der General nachlassig. Doch was fuhrt Dich aus Deinen anmuthigen Bergen hieher? Etwa nur das Verlangen diese Betrachtungen anzustellen?
Ein nahe mit ihnen zusammenhangender Grund, sagte der Graf. In Euern Schlachten ist ein Verwandter von mir geblieben, der hier einheimisch war und dessen Erbe ich geworden bin.
So fuhrt das Ueble immer das Gute herbei, sagte der General leichtsinnig. Sein Freund wendete sich verletzt ab. Nun, sei mir nur nicht bose, fuhr der General lachelnd fort; Du weisst, ich habe mich niemals zu Deiner sublimen Moral erheben konnen, und ich denke in meinem mir so oft von Dir vorgeworfenen Leichtsinn, dass es doch keine so grassliche Sache sein kann, der Erbe eines Verwandten zu werden, den man vielleicht gar nicht oder doch nur wenig gekannt hat.
Der Graf liess das Gesprach uber diesen Gegenstand fallen, denn er wusste, dass sein Freund seine Art zu denken in manchen Fallen, und so auch hier, nicht verstand. Es konnte nicht fehlen, dass die Unterhaltung bald eine Wendung nahm, wodurch sie die Begebenheiten der Zeit beruhrte und der General bemerkte bei dieser Gelegenheit: Jetzt hoffe ich, wird Dein Herz in sofern wenigstens sich kummerfreier fuhlen, als nun nicht mehr Deutsche gegen Deutsche fechten werden, dieser Frieden stellt uns hieruber vollkommen sicher. Alle kleineren Staaten Deines Dir so theuern Vaterlandes sind mit Napoleon auf's Engste verbunden; Preussen wird durch die Umstande dazu gezwungen, und Oesterreich wird sich jetzt aufrichtig mit uns vereinigen.
Die Verbindungen der Staaten unter einander, erwiederte der Graf, konnen nie wie Privatfreundschaften betrachtet werden. Sie sind so lange aufrichtig, bis ein hoheres Interesse andere Forderungen macht.
Was willst Du damit sagen? fragte der General. Weisst Du nicht, dass die Tochter des osterreichischen Monarchen Kaiserin von Frankreich wird?
Auch Familienbande, antwortete der Graf, sichern dem Bunde der Staaten keine ewige Dauer. Erinnere Dich, als es Euer Ludwig der Vierzehnte durchsetzte, seinen Enkel auf Spaniens Thron zu erheben, da rief er auch in der Trunkenheit der Freude uber das gelungene Werk: Jetzt giebt es keine Pyrenaen fur Frankreich mehr. Nun, Du weisst, die Pyrenaen sind dessenungeachtet geblieben.
Jetzt aber, sagte der General mit Stolz, jetzt ist diese Scheidewand fur Frankreich gesunken. Spanien ist unser.
Ihr kampft aber doch in diesem Euern Spanien noch mit abwechselndem Gluck, versetzte der Graf.
Was folgt daraus? rief sein Freund unmuthig.
Dass sich die Pyrenaen dennoch wieder fur Euch erheben konnen, sagte der Graf.
Einen Augenblick flammte der Zorn in den Augen des Generals, indem er den Grafen anblickte, doch der scharf geklemmte Mund, der eben etwas Heftiges aussprechen wollte, schwieg. Die Spannung des Gesichts loste sich, die eben noch zornigen Augen begegneten freundlich dem edeln Blicke des Grafen, der Mund, der eben beleidigen wollte, lachelte anmuthig, und nachdem der General seinen Freund in dieser wohlwollenden Stimmung noch einen Augenblick betrachtet hatte, brach er in ein lautes Gelachter aus. Habe ich jemals einen Menschen unerschutterlich standhaft in seinen Ansichten gefunden, sagte er endlich, so bist Du es. Du wirst noch ein Martyrer Deines Glaubens werden, fugte er ernsthaft hinzu.
Ich weiss nicht, wie es geschieht, sagte der Graf ebenfalls lachelnd, ich habe mir sonst nie uber diese Gegenstande Unbesonnenheiten vorzuwerfen, ich weiss meine Ansichten zuruckzuhalten und zu verbergen; so wie ich Dich aber erblicke, zolle ich der Thorheit diesen Tribut und bekampfe Deine Ansichten unnutzer Weise, indem ich die meinigen eben so zwecklos zu vertheidigen suche. Ich kann mir keinen Grund fur diese Schwachheit angeben, fuhr er fort, wenn er nicht darin zu suchen ist, dass mir die Erinnerung der Jugend mit allen ihren Vorrechten und ihrem rucksichtslosen Vertrauen nahe tritt, wenn ich Dich erblikke, und ich mache eben diese Vorrechte geltend.
Der General, der seinen Arm in den des Freundes gelegt hatte, druckte diesen leise als Zeichen freundlicher Erwiederung.
Wirst Du lange in Munchen bleiben? fragte endlich der Graf, nachdem Beide eine Zeitlang geschwiegen hatten.
Nein, erwiederte sein Freund. Ich komme jetzt von Paris, wohin ich mich nach dem Waffenstillstande gern senden liess, und kehre nun nach Wien zuruck, wohin ich mancherlei Nachrichten zu uberbringen habe, und ich verweile auch hier nicht ohne Grund. Doch werde ich morgen reisen, und ich denke, sagte er freundschaftlich zum Grafen gewendet, wir trennen uns heut so wenig als moglich. Dem Grafen fiel plotzlich ein, dass sich ihm nicht leicht eine bessere Gelegenheit bieten wurde, die Anerkennung des Namens Evremont fur St. Julien zu bewirken, und doch machten manche Umstande es ihm schwer, dem General sein Anliegen zu vertrauen. Es war moglich, dass sich sein Freund, wenn er ihn damit bekannt machte, dass er mit der Wittwe des Grafen Evremont verbunden sei, sich der weiblichen Gestalt erinnerte, die er bei der Hinrichtung des unglucklichen Freundes erblickt hatte, und es lag so nahe, dann in dieser die Gemahlin des Grafen zu vermuthen. Alle diese Vorstellungen peinigten ihn, und er konnte zu keiner Entschliessung kommen, und beide Freunde wandelten eine Zeitlang schweigend auf und ab. Ich erkenne Dich heute nicht wieder, fing endlich der General das Gesprach von Neuem an. Was hast Du nur, das Dich in so ernste, in so ungleiche Stimmungen versetzt?
Der Graf hatte indessen seine Zweifel bekampft. Jedes Bedenken musste aus Rucksicht fur den geliebten Sohn uberwunden werden, und er sagte desshalb entschlossen: Ich wunschte, dass Du Dich in einer Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt, bei Napoleon fur mich verwenden mochtest, und ich weiss nicht recht, wie ich sie Dir vortragen soll.
Aha! rief der General lachend, muss sich Deine Spartaner-Tugend beugen? Bedarfst Du der Gewaltigen der Erde? Nun freilich kann ich mir denken, dass Du einen schweren Kampf mit Deinen Grundsatzen bestehen musst, ehe Du solche Bekenntnisse ablegst.
Es ist nicht das, sagte der Graf, aber um Dich in den Stand zu setzen mir beizustehen, muss ich Dich mit Einzelnheiten bekannt machen, die mich in mehr als einer Hinsicht schmerzlich beruhren, und da diess Mittheilungen sind, die sich nicht im Freien machen lassen, und ich Dich fruher davon in Kenntniss zu setzen wunsche, ehe ich Dich in meine Wohnung einlade, so bitte ich Dich, mich in die Deine zu fuhren.
Der General war bereit dazu, und beide Freunde wollten den Schlossgarten verlassen, als der Blick des Generals auf einen Krieger fiel, der eine Dame, die er am Arme fuhrte, los liess und die Hand an den Hut legte, um den General militarisch zu begrussen. Dieser Krieger mochte einige vierzig Jahre zahlen; seiner Haltung mangelte die franzosische Zierlichkeit einigermassen; sein stark gebrauntes, mageres Gesicht deutete auf viele uberstandene Beschwerden, und wenn seine Kleidung eher beschrankte Umstande als Ueberfluss erkennen liess, so war das Kreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust ein Beweis seines Muthes. Die Dame, die sich in seiner Begleitung befand, mochte schon gewesen sein, aber die erschlafften Gesichtszuge bewiesen eben so wie der freche Blick, dass sie das Leben zu sehr benutzt hatte; die hoch aufgetragene Schminke konnte den Schein bluhender Jugend nicht mehr hervorrufen, so wie der auffallende Putz nicht Wohlhabenheit lugen konnte. Die beschmutzten Bander und verblichenen Blumen, mit denen die schwarzen Locken uberladen waren, verkundigten wohl die Anspruche, die noch gemacht wurden, aber zeigten auch deutlich, dass sie nicht mehr befriedigt werden konnten.
Wie geht es, Kapitan? redete der General den Krieger an. Sind Sie von Ihren Wunden wieder hergestellt?
Dem Himmel sei Dank, erwiederte der Angeredete, ich kann bald wieder eintreten in die Reihen der Braven.
Der Kaiser wird Sie belohnen, sagte der Genral, ich kann das beste Zeugniss Ihres Muthes bei Landshut ablegen, und ich hoffe Sie bald als Obristen zu begrussen, denn leider sind sehr viele brave Kameraden geblieben.
Nur Ihnen, mein General, verdanke ich es, erwiederte der Kapitan, dass ich meine Laufbahn nicht als Sergeant beschlossen habe, denn die Zeiten sind auch bei uns voruber, wo man sich ohne Beschutzer empor arbeiten konnte.
Sind Sie vermahlt? fragte halb leise der General, der schon ein paar Mal den Blick zu der Dame hatte hinuber streifen lassen, die in des Kapitans Begleitung gekommen war, und die nun sichtlich verdrusslich daruber, dass Niemand ihre Gegenwart zu berucksichtigen schien, seitwarts stand.
Sie begreifen, mein General, sagte der Kapitan verlegen lachelnd. Madame ubernahm es, mich wahrend meiner langen Krankheit zu verpflegen, und sie ist so gutig, sich meines Namens zu bedienen, weil weil diess in vielen Fallen fur zwei in Freundschaft lebende Personen bequem ist. Sie verstehen wohl, wie ich das meine?
Vollkommen, entgegnete der General mit spottischem Lacheln, indem er sich eben von seinem Kriegsgefahrten trennen wollte, als die vernachlassigte Schone, die ihren Zorn nicht langer unterdrucken konnte, ihm naher trat und, indem sie ihm mit grosser Dreistigkeit in die Augen blickte, sagte: Sie wissen aus eigener Erfahrung, General, wie liebevoll ich einen Leidenden zu verpflegen verstehe, und ob meine Sorgfalt nicht Dank und Anerkennung verdient.
Gewiss, gewiss, sagte der General, ohne den spottischen Ausdruck des Gesichts zu mildern. Ich habe den Werth Ihrer Zuneigung vollkommen wurdigen gelernt, und vor Allem hat mich die zarte Schonung uberrascht, die mir den Schmerz des Abschiedes ersparte und zugleich alle Hindernisse des leichteren Fortkommens mir aus dem Wege raumte.
So gross die Frechheit der Tochter des alten Lorenz auch war, die sich in der Begleiterin des Kapitans nicht mehr verkennen liess, so schwieg sie doch einen Augenblick besturzt und sagte dann mit weniger dreister Stimme: Ich glaube, meine Aufopferung fur Sie hatte eine bessere Belohnung verdient.
Ich zweifle nicht, erwiederte der General lachelnd, dass ich diess selbst wurde geglaubt haben; da es Ihnen aber gefiel, den Werth dieser Aufopferung selbst zu bestimmen, so habe ich Ihr Urtheil fur richtiger als das meine gehalten.
Nach einer leichten Verbeugung fasste der General von Neuem den Arm des Grafen, um sich eilig mit ihm zu entfernen. Der Kapitan schien sein Verhaltniss zu seiner Freundin selbst zu leicht zu nehmen, als dass er durch die Art, wie der General mit ihr sprach, hatte beleidigt sein sollen. Im Gegentheil blickte er diesem mit wohlwollendem Lacheln nach, als er sich entfernte, und sagte, indem er seiner Begleiterin den Arm bot: Ein braver Mann der General, ein wahrer Ehrenmann, ohne auf den Zorn zu achten, der in den Augen seiner Freundin funkelte.
Als die beiden Freunde die Wohnung des Generals erreicht hatten, sagte dieser: Vor allen Dingen musst Du mir nun versprechen, diesen Mittag mein Gast zu sein. Gern, erwiederte der Graf, wenn Du mir erlaubst, meine Damen davon zu benachrichtigen, damit ich nicht vergeblich erwartet werde.
Ist Deine Gemahlin mit Dir in Munchen? fragte der General, nicht angenehm uberrascht, denn sein Zusammentreffen mit der Tochter des alten Lorenz erinnerte ihn daran, wie er mit dieser auf Schloss Hohenthal erschienen war, und er musste es sich gestehen, dass er dadurch unmoglich die Achtung der Grafin gewonnen haben konne. Der Graf hatte die Frage des Freundes bejahend beantwortet und der Grafin einige Worte geschrieben. Der General zog die Klingel, auf deren Ruf ein Bedienter in ubertrieben reicher Livree erschien, der zum Ueberbringer des Blatts bestimmt wurde. Der Graf sah dem davon eilenden Boten gedankenvoll lachelnd nach, und der General, der einen Tadel seines Geschmacks in Bezug auf die zu reiche Livree furchtete, fragte etwas gespannt: Was fallt Dir an dem Burschen so auf? Der Wechsel der Dinge, antwortete der Graf. Ich weiss die Zeit, wo eine so reiche Livree dem Herrn dieses Burschen als einem entschiedenen Aristokraten zur Guillotine geholfen hatte.
T e m p i p a s s a t i , sagte der General gahnend. Von Menschenrechten ist nicht mehr die Rede. Der Ruhm, der Glanz der franzosischen Nation, das ist jetzt der Gedanke, der Alle mit Begeisterung erfullt.
Es ist eine eigene Ideenverbindung, bemerkte der Graf lachelnd, dass Du an die Menschenrechte denkst, wenn ich die Guillotine erwahne.
Nun, Du musst doch zugeben, erwiederte sein Freund, dass die verruchte Maschine zu der Zeit am thatigsten war, wo am Meisten von den Menschenrechten geredet wurde. Doch lass uns nicht wieder in die Politik gerathen; lass uns, wie in vergangenen Zeiten, in harmloser Heiterkeit uns zu Tische setzen, und dann theile mir Dein Verlangen mit.
Der Graf hatte gegen diese Anordnung seines Freundes nichts einzuwenden und er folgte ihm zur Tafel, wo der General einer schwelgerischen Mahlzeit alle Gerechtigkeit widerfahren liess und uber die Massigkeit des Grafen mit in dem Grade erhohter Munterkeit scherzte, wie der reichlich genossene Wein seine Lebensgeister immer mehr anregte. Endlich, als der Pfropfen der Champagnerflasche sprang und der schaumende Wein in den Glasern perlte, sagte er: Nun, alter Freund, sprich es aus, was begehrst Du, was soll ich fur Dich bei unserm Kaiser auswirken?
Es ist mir unmoglich, sagte der Graf, Dir meine Wunsche bei der Flasche mitzutheilen, denn ich muss Dich, damit Du mir gefallig sein kannst, mit zu ernsthaften Gegenstanden bekannt machen.
So lass uns denn ernste Gegenstande ernst behandeln, sagte der General, indem er sich mit dem Freunde von der Tafel erhob und ihn in ein anderes Zimmer fuhrte. Es wurde dem Grafen schwer, die nothige Mittheilung zu beginnen, weil er bei einem ihm an sich peinlichen Gegenstande die Weinlaune des Freundes furchtete. Aber diese Besorgniss war ungegrundet, denn so wie der Graf den Namen Evremont nannte, war jede Spur der ausgelassenen Heiterkeit verschwunden, die der General bei Tafel gezeigt hatte, und er horte alles, was der Graf ihm mittheilte, mit der ernstesten Aufmerksamkeit und innigsten Theilnahme an. Was Du wunschest, sagte er endlich, als der Graf schwieg, ist eine Kleinigkeit, die der Kaiser ohne Frage sogleich gewahren wird. Dafur konnte ich mich verburgen, aber Du wirst es mir vergeben, dass das Erstaunen uber das wunderbare Schicksal, das Dich zum Gemahl von Evremonts Wittwe machte, alle meine Sinne fesselt. Armer Evremont! rief er klagend, und doch, fuhr er erheitert fort, habe ich Recht, jedes Bose bringt sein Gutes. Unser unglucklicher Freund wurde eigentlich das Opfer seines Vaters, das kannst Du nicht laugnen, bei aller Liebe, die der alte Herr fur ihn hatte; aber diess Ungluck hat Dein Gluck herbeigefuhrt durch die Verbindung mit seiner liebenswurdigen Wittwe, und dass Du ihren Sohn ganz als den Deinen betrachten willst, daran thust Du recht, und nur Gewinn wird Dir dabei zu Theil, denn ich sage Dir, er ist einer der bravsten Offiziere in der Armee und Du kannst noch die Ehre erleben, Dich den Vater eines Marschalls von Frankreich zu nennen.
Der Graf bemuhte sich nicht seinem Freunde auseinander zu setzen, wesshalb er diese Ehre nicht zu geniessen wunschte. Er begnugte sich, ihm fur das bestimmte Versprechen zu danken, welches er gegeben hatte, diesem geliebten Sohne die Rechte seines wahren Namens wieder zu verschaffen, und lud ihn nun ein, den Abend bei ihm zuzubringen und ihm zu erlauben, ihn mit der Grafin bekannt zu machen. Missverstehe mich nicht, sagte der General zogernd, wenn ich Dich bitte, diese Ehre zu verschieben, bis ich sie langer geniessen kann, als es diess Mal moglich ware. Du weisst, in welcher Begleitung ich auf der Burg Deiner Vater erschien. Unter Mannern hat diess nichts zu sagen, bei Feinden auch nicht, wo man wie ein Ungewitter voruberzieht und keine Achtung erwecken, kein wohlwollendes Andenken zurucklassen will. Aber bei der Gemahlin meines Freundes ist diess eine andere Sache. Kann ich mich kunftig des Umganges in Deinem Hause langer erfreuen und durch ein fortgesetztes anstandiges Betragen die ubeln Eindrucke wieder ausloschen, so wirst Du mich dankbar Deiner Einladung folgen sehen. Aber jetzt auf eine halbe Stunde hinzugehen, gleichsam um die Frau Grafin mit dreister Stirn daran zu erinnern: Hier ist der Mann, der sich in Ihrem Hause so unklug auffuhrte, und mich dann gleich wieder zu empfehlen, nein, verzeih, das geht uber meine Krafte.
Der Graf bekampfte die Grunde seines Freundes nicht mehr, als es die Hoflichkeit forderte. Ihm selbst war es angenehm, ihn der Grafin nicht, ohne sie darauf vorbereitet zu haben, vorzustellen, denn mit welcher Dankbarkeit er es auch anerkannte, dass sein Freund mit der Feinheit eines Mannes von Welt es nicht auf die fernste Weise bemerken liess, dass er errathe, die weibliche Gestalt, die er bei der Hinrichtung Evremonts bemerkt habe, moge die Grafin gewesen sein, so wurde doch schon jeder neugierige Blick, den vielleicht, sich unbeachtet glaubend, der General auf seine Gemahlin gerichtet hatte, den Grafen tief verwundet haben. Er folgte also der Einladung des Generals, noch einige Stunden der Freundschaft zu weihen, bis diesen Geschafte abriefen, die er noch mit den Ministern vor seiner Abreise nach Wien hatte. Beide Freunde fuhlten durch diesen mit einander verlebten Tag die Gefuhle ihrer Jugend neu belebt und trennten sich mit herzlicher gegenseitiger Zuneigung.
VIII
Es waren mehr als zwei Jahre verflossen, seit der Graf mit seinem Freunde Clairmont in Munchen zusammen getroffen war; langst war dessen Versprechen erfullt, St. Julien war als Evremont anerkannt und fuhrte schon lange diesen Namen. Das Gluck, den geliebten Sohn zu umarmen, war genossen und schon lange wieder entschwunden. Napoleons heftig bewegte Seele gestattete seinen Kriegern keine lange Waffenruhe, und es hatte die Verbindung der Liebenden beschleunigt werden mussen, wenn sie nicht die Qual der Trennung von Neuem erdulden sollten. Die reizende Emilie war in Munchen mit dem schonen Sohne der Grafin vereinigt worden, und wenige Tage darauf musste der Graf, schmerzlich seufzend, das begluckte Paar entlassen, und die bittersten Thranen benetzten von Neuem die Wangen der einsamen Mutter. Die Grafin erkannte jetzt erst, wie viel ihr Emilie gewesen war, als sich auch diese von ihrem Herzen losriss, um dem geliebten Gemahle zu folgen, der neuen Gefahren entgegen eilte, denn seine Bestimmung war, sich mit den Truppen zu vereinigen, die noch immer auf Spaniens Boden kampften und den ungestorten Besitz des schonen Landes der neuen Dynastie nicht erringen konnten. Die schuchterne Emilie folgte den Truppen, soweit es sich thun liess, um so viel als moglich in der Nahe des geliebten Gemahls zu bleiben. Nur selten wurden die Eltern durch Nachrichten erfreut, weil die ewigen Bewegungen der Heere keinen regelmassigen Briefwechsel gestatteten, und die Phantasie war geschaftig, Bilder von tausend moglichen Gefahren zu erzeugen, und oft schon wurde Evremont verzweiflungsvoll als ein Gestorbener beweint.
Da die Stimmung der Grafin sie bewog, die Gesellschaft zu meiden, so hatte der Graf sein neues Erbe, das Gut am Rhein, bezogen, damit die angstliche, kummervolle Mutter in der schonen Natur den Trost fande, den ihr die Gesellschaft nicht gewahren konnte.
Nach langem Schweigen waren endlich wieder sehr verspatete Briefe von Evremont und seiner Gattin eingetroffen. Beide meldeten den zartlichen Eltern ihr neues Gluck, und Evremont konnte nicht Worte finden, sein Entzucken auszudrucken. Emilie, die angebetete Emilie hatte ihm einen Sohn geboren und alle Gefahren glucklich uberstanden, die ein Leben jedes Mal bedrohen, wenn ein anderes aus ihm sich entwikkeln soll. Er selbst hatte neue Lorbeeren ohne Wunden errungen und konnte sich des ungetrubtesten hauslichen Gluckes erfreuen. Emilie selbst schrieb wenig, weil jede Bewegung des Gemuths noch vermieden werden musste; aber die wenigen Worte ihrer Hand zeigten, wie ganz selig sie sich als Mutter fuhlte und wie zartlich liebend ihre Seele sich an den begluckten Gatten schloss.
Lange fand in dem Herzen des Grafen und seiner Gemahlin keine andere Empfindung Raum, als eine zartliche, wehmuthige Freude uber ihr erhohtes Gluck, und besonders empfand die Grafin eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Anblick des neugebornen Kindes. Man berechnete, dass es nun schon einige Monate alt sein musse, weil die Briefe, die sein Dasein meldeten, lange zuruckgehalten worden waren, ehe sie ihre Bestimmung erreicht hatten.
Endlich war diese wichtigste Familienbegebenheit so vielfach mit immer erneuerter Freude besprochen worden, dass die Seele gewissermassen befriedigt war, und der Graf hatte nun auch das besonders an ihn gerichtete Paket des Sohnes gelesen, das in Form eines Tagebuches die bedeutendern Vorfalle bei der Armee, so weit diess zu wagen war, berichtete.
Der Graf folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gange der Begebenheiten, an denen Evremont Antheil genommen hatte, bis seine Aufmerksamkeit von den grossen weltgeschichtlichen Ereignissen abgelenkt wurde, indem sein Sohn einen Gegenstand beruhrte, der seine Phantasie in den Kreis seines burgerlichen Lebens zuruckfuhrte.
Ich zog, so schrieb Evremont, an der Spitze meines Regiments durch ein anmuthiges Thal, das sich zwischen baumbewachsenen Hugeln hinschlangelte. Der Himmel war uber uns dunkelblau, wie ein unermesslicher Sapphir, ausgespannt, kaum regten sich gelinde Lufte. Nichts unterbrach die Stille der Natur, als das sanfte Platschern eines silberhellen Baches, der zwischen bluhenden Ufern floss. Mir schien es, als sei diess ruhige Thal von den Menschen vergessen und bluhe hier still fur sich in ungekannter Schonheit, und es dunkte mir fremd und seltsam, dass ich hier mit kriegerischem Getose uber den ruhigen Busen der Erde zog. Meine Traumerei und die tiefe Ruhe um uns her wurde auf einmal durch den Knall von kleinem Gewehrfeuer unterbrochen, den ein vielfaches Echo in den Bergen wiederholte, und es schien mir, als liesse sich ein fernes Jammergeschrei schwach unterscheiden. Da unter den jetzigen Umstanden in diesem herrlichen Lande Vorsicht die erste Tugend ist, die man sich aneignen muss, so zog auch ich mit doppelter Vorsicht weiter durch das enge Thal, und ich hatte so sehr allen Sinn fur die noch eben empfundene Schonheit desselben verloren, dass ich eifrig das Ende zu erreichen wunschte. Indess naherte ich mich an der Spitze meines Regiments dem Platze, wo eben gekampft worden war, indem wir um einen Hugel bogen, hinter welchem sich das Thal etwas weiter ausbreitete, und der erste Blick uberzeugte mich, dass keine Gefahr zu uberstehen sei, ob sich mir gleich ein trauriger Anblick darbot.
Es waren Reisende, die nur eine schwache Bedekkung hatten, von Guerillas uberfallen worden, und sollten eben geplundert und getodtet werden, als der Anblick meiner uberlegenen Macht diese bewog, sich eilig zuruckzuziehen und die, die sie sich zu Opfern ausersehen hatten, ihrem Schicksale zu uberlassen.
Als ich dem Orte naher kam, wo der Ueberfall Statt gefunden hatte, bemerkte ich zwischen umgeworfenen Wagen eine stehende Dame, die ihre Hande krampfhaft auf der Brust zusammengepresst hatte, und mit dem Ausdrucke hochster Angst und des heftigsten Schreckens die starren Blicke gedankenlos in die Weite richtete. Ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich in dieser Dame diejenige wieder erkannte, der ich mich in Madrid hatte vorstellen lassen, um die Bekanntschaft eines rathselhaften Verwandten zu machen. Als ich mich uberzeugt hatte, dass keine Tauschung mich verblende, stieg ich vom Pferde und naherte mich der Geangstigten. Ich fasste, indem ich Sie anredete, ihre Hand, um sie aus der Erstarrung zu erwecken. Ein schoner Blick aus den dunkeln Augen traf mich bei der Beruhrung, doch schien sie sich bei meinem Anblick einigermassen zu beruhigen und deutete mit der linken Hand, indem ich ihre Rechte hielt, auf einen Gegenstand, den mir ein umgeworfener Wagen verbarg. Ich naherte mich und sah denselben jungen Mann, den man in Madrid Don Fernando nannte, schwer verwundet auf dem Rasen liegen. Er rochelte dumpf aus der verletzten Brust, und bei jedem Athemzuge quoll von Neuem das Blut hervor, das den Rasen rings um ihn farbte. Ich bog mich entsetzt zu ihm nieder, ich weiss nicht, ob er mich kannte, aber er wendete scheu den Blick von mir ab. Ich erkannte die Nothwendigkeit augenblicklicher Hulfe. Der Regimentsarzt war schnell herbei gerufen, und ich fuhrte die Dame hinweg, bat sie in einiger Entfernung zu ruhen wahrend des nothwendigen Verbandes, und liess ihr eine Bedeckung zu ihrer Sicherheit. Stillschweigend liess sie sich alle meine Anordnungen gefallen, und ich kehrte zu dem Verwundeten zuruck, um Zeuge eines seltsamen Auftritts zu sein.
Ein alter wurdiger Unteroffizier hatte den Tadel seiner Kameraden nicht geachtet und sich vor einiger Zeit mit einer Frau verheirathet, die mehrere Officiere nach einander zur Geliebten gehabt hatten. Diese nun folgte als Marketenderin dem Regimente, und da bei dem Verbande des Verwundeten Leinenzeug erforderlich war, wurde sie herbei gerufen, um wo moglich damit auszuhelfen. Sie erschien und schaffte bereitwillig herbei, was sie vermochte, und wollte nun auch bei dem Verbande selbst Hulfe leisten. Als sie sich, um diess zu konnen, zu dem Verwundeten niederbeugte, starrte sie diesen einen Augenblick an und rief dann mit allen Zeichen eines lebhaften Schmerzes: Jakob, Bruder Jakob, muss ich Dich so wiedersehen? Der Verwundete richtete einen matten Blick auf die Gestalt, deren kreischender Ton ihn erweckt hatte, und wendete dann mit unverkennbarem Widerwillen sein Gesicht hinweg.
Diese Bewegung des zum Tode Verwundeten liess die, die ihn als Bruder erkannte, alle Gefahren vergessen, denen sein Leben Preis gegeben war, und sie ergoss sich in Stromen von Scheltworten, worin sie ihm vorwarf, dass sein Hochmuth sie zu Grunde gerichtet habe, indem er ihre Schonheit immer benutzt habe, um sich Wege zu bahnen, und dass nun ein um seinet Willen ganzlich verlornes Leben nun sein schnoder Undank ihr so vergelte, dass er sie im letzten Augenblicke seines Daseins nicht anerkennen wolle.
Der junge Mann schien unter diesem Strome von Scheltworten furchtbar zu leiden, und seine Augen suchten angstlich einen Gegenstand, dessen Dasein er offenbar furchtete. Ich duldete diesen Erguss des Zornes nur so lange, als meine Ueberraschung mich verstummen liess. Sobald ich mich davon erholt hatte, befahl ich dem Unteroffizier seine scheltende Gattin hinwegzufuhren, und da im Kriege auch eine Marketenderin gehorchen muss, so wurde meinem Befehle zur sichtbaren Erleichterung des Verwundeten Folge geleistet. Die hinweggefuhrte scheltende Schwester hatte sich im Zorneseifer der deutschen Sprache bedient, und so war sie von Niemandem als von mir und dem unglucklichen Bruder verstanden worden. Indess hatte sich die Dienerschaft der Reisenden wieder gesammelt, die vor den Guerillas die Flucht genommen hatte; auch einige Schafer und Landleute hatten sich eingefunden, denen vielleicht diejenigen nicht fremd waren, die ihre Beute beim Anblicke der uberlegenen Macht verlassen hatten. Mit dem Verbande war man, so gut es sich thun liess, zu Stande gekommen, und ich sah mich nun verlegen um, weil ich nicht wusste, was ich mit dem Unglucklichen beginnen sollte. Ein alter Schafer trat zu mir, dessen weisses Haar und ehrwurdiges Gesicht jedes Misstrauen zu widerlegen schienen, das in meiner Seele hatte aufsteigen konnen. Er rieth mir, den Verwundeten uber einen der Berge tragen zu lassen, zu dem ein Fusspfad hinauffuhrte, und er versicherte mir, wir wurden in einer halben Stunde ein Dorf erreichen und dort bei dem menschenfreundlichen Geistlichen allen moglichen Beistand finden. Er ist nicht wie Viele seines Gleichen, setzte der Greis mit Bedeutung hinzu; wenn ein Leidender seiner Hulfe bedarf, so fragt er nicht, fur welche Sache er streitet. Ich verstand den Wink. Die Landleute bereiteten aus Baumzweigen eine Bahre, um den Verwundeten zu tragen. Die Reisewagen waren wieder aufgerichtet und sollten auf dem Fahrwege dasselbe Dorf zu erreichen suchen, wozu sie, wie man versicherte, einige Stunden brauchen wurden. Einen Theil meiner Leute gab ich diesen als Bedeckung mit, andere sollten uns zu Fuss begleiten, und den Rest des Regiments sendete ich mit der Marketenderin nach dem Orte voraus, wo ein Rasttag gehalten werden sollte.
Als ich alle diese Anordnungen getroffen hatte, naherte ich mich dem Orte, an dem ich die Dame verlassen hatte. Zwei Kammerfrauen, die sich hinter Hecken wahrend des Ueberfalls verborgen, hatten sich zu ihr gefunden und schienen ihr Beistand zu leisten, denn in dem Schoosse der einen ruhte das bleiche Haupt der Gebieterin, von dem sich die glanzend schwarzen Locken und Flechten in Verwirrung bis auf den Rasen herabsenkten, indess die andere ihr wohlriechende Essenzen vorhielt. Als ich mich dieser Gruppe naherte, erhob sich die Dame mit mehr Kraft, als ich ihr zugetraut hatte, und indem sie mir mit Anstrengung entgegen wankte, fragte sie mit bleichen, bebenden Lippen: Lebt mein Gemahl? Da ich so eben die unzweifelhafte Ueberzeugung bekommen hatte, dass der verwundete junge Mann, wie Sie, mein theurer Vater, schon lange werden vermuthet haben, Niemand anders sei als der Sohn Ihres ehemaligen Dieners, des alten Lorenz, so verwirrte mich die Frage, und ich schwieg einen Augenblick. Die Dame wurde sichtlich bleicher, und indem sie mit beiden Handen meinen Arm fasste und ihn krampfhaft druckte, rief sie in hochster Angst: Sprechen Sie es aus, er lebt nicht mehr, und, Gott! fuhr sie fort und richtete den Blick mit dem Ausdrukke des tiefsten Schmerzes nach oben, o Gott! ich habe ihm nicht vergeben! Fassen Sie sich, erwiederte ich und brachte so viel Ruhe als moglich in meine Stimme; er lebt, aber ich kann Ihnen nicht verhehlen, dass sein Zustand mir nicht gefahrlos scheint. Gelobt sei die heilige Mutter Gottes! rief sie und zog ihre Hande zuruck, die meinen Arm noch immer hielten. Ich theilte ihr nun mit, dass der Verwundete uber den nahen Berg getragen werde, um ein Kirchdorf eher zu erreichen, und fragte sie, ob sie sich Krafte genug zutraute, den Weg einer halben Stunde zu Fuss mit mir zu machen, oder ob sie es vorzoge, das Dorf auf dem Fahrwege zu erreichen und so etwas spater einzutreffen. Sie wahlte ohne Bedenken das Erste und sagte, indem sie sich zitternd an meinen Arm lehnte, ihre Krafte seien vollig wieder hergestellt. Wir setzten uns sogleich in Bewegung, und auch die Kammerjungfern schlossen sich uns an. Wir bemerkten bald, dass die jungen Landleute, den Verwundeten tragend, sich schon den Berg hinaufbewegten, und wir eilten, so sehr es die Krafte meiner Begleiterin gestatteten, ihnen zu folgen.
Mit einiger Beschwerde war der Weg bald zuruckgelegt, und der wurdige Geistliche, den einige voraneilende Landleute schon von dem Ungluck unterrichtet hatten, kam uns am Eingange des Dorfes entgegen, und bot sein Haus und alles, was er vermoge, den Reisenden freundlich an. Wir erreichten bald seine bescheidene Wohnung, und ein altes Mutterchen, seine Haushalterin, empfing uns in reinlicher Kleidung eben so freundlich als ihr Herr. Der Verwundete wurde sogleich in ein kleines schon fur ihn bereitetes Zimmer gebracht, und wie ein Sterbender, bleich mit mattem Blick, fast bewegungslos, von der Bahre gehoben und auf ein reinliches Lager gesenkt. Der erste nur fluchtig angelegte Verband musste jetzt verbessert werden, und als der Ungluckliche alle diese unvermeidlichen Qualen uberstanden hatte, irrten seine Blicke im Zimmer umher, als ob er Jemanden suche, den er schmerzlich vermisse. Ich errieth ihn und eilte seine Gemahlin aufzusuchen, die der Geistliche in ein anderes Zimmer gefuhrt und der Vorsorge der Haushalterin uberlassen hatte, indess er selbst sich bemuhte, alles herbei zu schaffen, was zur Erleichterung des Kranken dienen konnte. Ich fand die Dame mit ihren Kammerfrauen im eifrigen Gebet vor einem Muttergottesbilde auf den Knieen liegen; sie erhob sich bei meinem Anblick, und ihr grosses schwarzes Auge blickte mir angstlich fragend entgegen. Ich fragte sie, ob sie jetzt, da der Verband gehorig angelegt sei, ihren Gemahl besuchen wolle. Sie nahm schweigend meinen Arm und ich fuhrte sie an das Lager des Kranken. Ein Strahl der Zartlichkeit dammerte auf im erloschenen Auge des Verwundeten; kraftlos bemuhte er sich die Hand zu erheben und sie der Gattin entgegen zu strecken. Da loste sich die Starrheit ihrer Zuge; die glanzenden Augen wurden feucht, und Thranen traufelten wie Perlen uber die bleichen Wangen; sie senkte sich auf ein Knie neben das Lager des Leidenden, fasste mit ihren beiden Handen dessen dargebotene Hand und presste sie mit leidenschaftlichem Ausdruck an ihren Busen, indem sie rief: Ich vergebe Euch, Don Fernando, wie der Himmel mir in meinen letzten Stunden vergeben moge. Ein schwaches, seltsames Lacheln zuckte um den Mund ihres Gatten, indem die Dame fortfuhr: Ja, und ich bete inbrunstig zu Gott und allen Heiligen, dass der Himmel Euch erhalten, und die gnadenreiche Mutter Euch zum Heile und mir zum Trost Euern Sinn andern moge.
Da ich fuhlte, dass jeder Zeuge den beiden Gatten lastig sein musse, verliess ich das Zimmer und fuhrte den Wundarzt mit mir hinaus. Wir betraten beide den kleinen Garten des Pfarrers, und ich fragte ihn, was er von dem Zustande des Verwundeten halte? Er zuckte die Achseln und erwiederte: Er wird die Nacht nicht uberleben, und es ware gut, wenn ihn der Pfarrer darauf vorbereitete, damit, wenn er noch Verfugungen zu treffen hat, die kostbare Zeit nicht verloren geht. Ich horte mit Schrecken diese bestimmte kaltblutige Zusicherung eines Mannes, dessen geubter Blick sich schwerlich tauschen konnte. Ich werde ihn mit keinem Verbande mehr qualen, fugte er hinzu, denn es ist vollig unnutz; auch werde ich ihm nicht untersagen zu sprechen, denn sein Schweigen konnte sein Leben hochstens einige Stunden verlangern, die keinen Werth fur ihn haben konnen, und er hat vielleicht noch Anordnungen zu treffen, die sein Gewissen beruhigen oder fur seine Familie werthvoll sein konnen. Ob mich gleich die tiefe Ruhe emporte, mit welcher der Wundarzt alles diess aussprach, so sah ich doch das Vernunftige seines Verfahrens ein und kehrte zu dem Kranken zuruck, bei dem ich seine Gattin und den Pfarrer antraf. Es schien, als ob er mich mit Sehnsucht erwartet hatte, denn er liess, so wie er mich erblickte, die Hand seiner Gattin los, die er auf seine verletzte Brust gedruckt hielt, und gab durch Zeichen zu verstehen, dass er mit mir allein zu sein wunsche. Der Pfarrer verliess mit der Dame das kleine Gemach, und ich setzte mich neben das Lager des Leidenden hin. Es schien, als suche er Kraft ein Gesprach zu beginnen, das ihm nothwendig dauchte und ihm doch in jedem Sinne qualend zu werden drohte. Ich suchte seinen Zustand zu erleichtern, und indem mir die Worte des Wundarztes einfielen, begann ich das Gesprach und sagte: Sie werden mich gewiss nicht fur so roh halten und glauben, dass ich Sie auch nur auf die entfernteste Weise beleidigen wolle, wenn ich einige Fragen an Sie richte uber einen Gegenstand, uber den, wie es scheint, Sie selbst sich mitzutheilen wunschen. Ich verbinde mit diesen Fragen keine andere Absicht, als Sie das Sprechen so viel als moglich vermeiden zu lassen, denn Sie brauchen meine Fragen nur durch Zeichen zu beantworten, und eben so wird ein Zeichen mich davon belehren konnen, wenn Sie diese Erklarungen uberhaupt zu vermeiden wunschen. Erwartungsvoll richtete der junge Mann die dunkeln Augen auf mich, und ich fuhr fort, indem ich meiner Stimme einen so sanften Ton gab, als ich nur vermochte: Nicht wahr, Sie sind der Sohn des alten Lorenz, des ehemaligen Kastellans des Grafen Hohenthal? Ein schmerzhaftes Gefuhl machte die blassen Lippen beben, aber der Verwundete gab ein bejahendes Zeichen. Und der Baron, fragte ich weiter, dessen Namen Sie fuhren, ist bei Bayonne im Duell geblieben, und Sie benutzten seine Papiere? Auch diese Frage wurde bejahend beantwortet. Ich habe Ihre Schwester entfernt, fuhr ich fort, um der Dame, die Ihre Gemahlin ist, unnutzen Kummer zu ersparen, der durch eine rohe Zudringlichkeit hatte veranlasst werden konnen. Ein dankbarer Blick belohnte mich fur diese Aufmerksamkeit. Haben Sie mir aber nichts fur diese Schwester aufzutragen? fragte ich weiter. Er deutete auf ein Kastchen, das auf einem kleinen Tisch neben dem Bette stand. Ich offnete es auf sein Verlangen; er deutete auf eine schwere Borse voll Goldstucken. Wollen Sie, dass ich ihr diese Summe einhandigen soll? Er bejahte auch diess. Ich nahm die Borse zu mir und versprach diese Pflicht zu erfullen. Und nun, sagte ich, wie soll ich es beginnen, um meine Fragen so einzurichten, dass mir ein Zeichen andeuten kann, was ich, um Ihre Wunsche zu erfullen, fur Ihre Gemahlin thun soll? Wie kann ich dieser Pflicht genugen und Ihre Brust dabei schonen?
Die Schonung ist unnutz, sagte er mit leiser Stimme, ich weiss, dass ich sterben muss, und ich habe die wenigen Lebenskrafte, die mir noch bleiben, fur edlere Gegenstande bewahren wollen. Ich beobachtete durch diess Fenster Ihr Gesprach mit dem Wundarzte, und ich sah es Ihren und seinen Mienen an, dass ich sterben muss. Ich wollte Hoffnungen aussprechen, die ich selbst nicht hegte. Ein Zeichen der Ungeduld legte mir Stillschweigen auf, und der Kranke fuhr mit Anstrengung fort: Wenn ein Richter uber den Sternen lebt, wenn der Gebrauch, den wir hier von unserem Dasein machten, unsere Zukunft dort bestimmt, so wird das Wesen, das wir anbeten, unsern wahren Werth wagen und nicht wie ein Polizeioffiziant dieser armen Erde Untersuchungen anstellen, ob wir es gewagt haben, einen andern als den uns zukommenden Namen zu fuhren, um ein solches Vergehen zu bestrafen. Eine solche Furcht kann mich nicht beunruhigen, gleichgultig erscheint mir der Unterschied der grossen und unbedeutenden Namen, eine Kinderei, die bald fur mich ganz geendigt sein wird; aber versprechen Sie mir alle Vorsicht anzuwenden, damit meine Gemahlin nie uber diesen Gegenstand aufgeklart werde. Sie hat mich sehr geliebt, mit hochster Leidenschaft, fuhr er fort, aber doch nicht so sehr, dass der kastilianische Stolz die Neigung nicht uberwunden haben wurde, wenn sie nicht uberzeugt gewesen ware, sich mit einem der altesten Freiherrn des romischen Reiches zu verbinden, und sie wurde vollig elend werden, wenn Sie ihr den unschadlichen Wahn rauben wollten. Er sah verlangend nach mir auf. Ich reichte ihm die Hand und gelobte auch diess, und ich glaube ich habe mir nichts dabei vorzuwerfen. Warum sollte ich das Herz einer unschuldigen Frau durchbohren, um sie uber einen Irrthum aufzuklaren, der Niemandem in der Welt Nachtheil zuziehen kann. Ein unverkennbarer Ausdruck der Dankbarkeit leuchtete matt in den verloschenden Augen des Verwundeten. Nachdem er wieder einige Krafte gesammelt hatte, fuhr er fort: Auch ich habe diese Frau auf's Innigste geliebt eine schwache Rothe farbte auf einen Augenblick die bleichen Wangen aber freilich sah ich auch diess Gefuhl anders an, als die heftige, leidenschaftliche Frau. Ich glaubte, fur den geliebten Gegenstand sei jedes Opfer ohne Ausnahme moglich, und hielt mich fur berechtigt, alle zu erwarten, die es in meinen Planen liegen konnte zu fordern. Die Irrungen, die hiedurch zwischen uns entstanden, straften mich fur diese falsche Ansicht schrecklich; doch auch diess ist vorbei. Mir bleibt noch eine Pflicht zu erfullen. Rufen Sie den Pfarrer und den Alkalden des Orts herbei, und setzen Sie in ihrer Gegenwart spanisch und franzosisch eine Erklarung auf, dass alle Wechselbriefe, die sich in meiner Chatoulle befinden, das unbestreitbare Eigenthum meiner Frau sind, ob sie gleich auf meinen Namen gestellt sind, und ich werde die letzten Krafte daran wenden, diess Blatt zu unterschreiben. Eilen Sie aber, ehe es zu spat wird, und wenn ich todt bin, schaffen Sie meine Frau sicher nach Frankreich hinuber.
Die lange Rede hatte die Krafte des Kranken erschopft und mich erschreckte sein schwaches Husten. Ich rief den Wundarzt eilig; doch ging der Anfall diess Mal voruber, ohne sein Leben zu endigen, und ich eilte den Alkalden herbeizuschaffen, um der Frau, die bald Wittwe sein wurde, wenigstens ihr Eigenthum nach dem Tode des Mannes zu sichern. Auch diess Geschaft wurde rechtsgultig geendigt, und ich richtete den Kranken behutsam in meinen Armen auf, damit seine zitternde Hand die Urkunde unterzeichnen konnte. Ganz erschopft lehnte er sich auf die Kissen zuruck, nachdem er diess vollbracht hatte, und sagte mir dann in deutscher Sprache: Da ich, um meine Frau zu heirathen, zur katholischen Religion ubergetreten bin, so wunsche ich noch zu beichten, damit die Arme uber mein Ende sich beruhigen kann. Ich theilte den Anwesenden seinen Wunsch mit, der der Gattin des Kranken sehr zum Trost zu gereichen schien, und wir liessen ihn mit dem Geistlichen allein, dessen liebevolle Ermahnungen selbst auf diesen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, denn der Ausdruck seines Gesichtes war milder, als wir auf sein Verlangen alle zu ihm zuruckkehrten. Er nahm von uns Abschied, erinnerte mich noch ein Mal an mein Versprechen und blieb mit seiner Gattin allein.
Die Unterredung zwischen beiden Gatten scheint eine leidenschaftlichere Wendung genommen zu haben, als fur den Zustand des Kranken heilsam war, denn sie waren nicht lange allein, als ein durchdringender Schrei der Frau uns bewog nach dem Krankenzimmer zu eilen. Als wir eintraten, bemerkten wir sogleich, dass nun das Ende des jungen Mannes nicht mehr zu verzogern war. Seine Wunden hatten sich geoffnet und das Blut quoll unaufhaltsam hervor; ein schwaches, rochelndes Husten erneuerte immer wieder sein Stromen. Die Frau lag auf den Knieen neben dem Bette des Sterbenden und klagte sich laut in den leidenschaftlichsten Ausdrucken als die Morderin desselben an.
Der Wundarzt naherte sich ihr mit gutmuthiger Rohheit, und sagte ihr kalt und trocken: Sein Sie daruber ruhig; schon vor mehreren Stunden habe ich es dem Herrn Obristen gesagt, dass Ihr Gemahl die Nacht nicht uberleben konne und dass jeder Versuch, sein Leben zu erhalten, vergeblich sein wurde. So roh mir diese Worte klangen, so schienen sie doch einen Trost fur die Frau zu enthalten, denn sie wurde ruhiger, gefasster. Sie richtete einen mitleidigen Blick auf den Sterbenden und faltete ihre Hande, um fur seine Seele zu beten. Die Augen des Verwundeten hatten Glanz und Licht verloren; matt griff seine Hand auf der Bettdecke umher. Die Frau errieth ihn und fasste die suchende Hand. Ein tiefes Rocheln folgte und das Leben, das er vielleicht nie wurdig gebraucht hatte, war dem Unglucklichen entflohen.
Ich war in diesen Stunden so vielfach aufgeregt worden, dass ich meine Pflicht fur mein Regiment etwas aus den Augen verloren hatte, und jetzt, indem ich mich darauf besann, wusste ich nicht, wie ich meine Versprechungen mit diesen Pflichten vereinigen sollte. Ich empfahl die Wittwe dem Pfarrer, die ich zwar betrubt, aber doch viel gefasster fand, als ich es erwartet hatte, und eilte nach dem Sammelplatze meines Regiments, mit dem Versprechen, vielleicht noch diesen Abend wiederzukehren.
Als ich den Ort erreicht hatte, wo ein Rasttag gehalten werden sollte, uberraschte mich angenehm der Befehl, drei Tage hier zu verweilen, um ein anderes Regiment zu erwarten, das sich mit dem meinigen vereinigen sollte. Ich brauchte die Vorsicht, dem Manne der Marketenderin streng zu befehlen, seine Frau nicht aus den Augen zu lassen, und ich fugte diesem Befehle die Versicherung hinzu, dass die Folgsamkeit freigebig belohnt werden sollte.
Hierauf kehrte ich beruhigter zu dem Pfarrer zuruck, der schon alle vorbereitenden Anstalten zu der Beerdigung zu treffen begann, die am folgenden Tage Statt finden sollte. Das Gluck war mir gunstiger, als ich hoffen durfte, denn wenige Stunden nach der Beerdigung zog ein franzosisches Regiment durch die Gebirge, das nach Frankreich beordert war und dessen Obristen ich als einen sehr achtbaren Mann kannte. Ihm durfte ich die Wittwe empfehlen, und ich war uberzeugt, dass sie unter seinem Schutze Frankreich sicher erreichen wurde. Es blieb mir nun nichts ubrig, als sie mit der Nothwendigkeit der baldigen Abreise bekannt zu machen. Sie nahm meine Erklarung mit Ruhe auf und sagte, sie sei bereit ihrem Schicksale zu folgen und ihr Vaterland auf immer zu verlassen, das sie nie wieder wohlwollend aufnehmen wurde. Sie bemerkte die Verwunderung, welche diese Worte in mir erregten, und sagte: Ich bin Ihnen, Obrist, so viel Dank schuldig, dass es mir eine Pflicht scheint, Ihnen manche Aufklarungen zu geben, ohne die Sie vielleicht mein verletztes Gefuhl nicht begreifen konnten und das Ungluck meines Lebens nicht einzusehen vermochten. Sie haben es in Madrid leicht bemerken konnen, fuhr sie fort, mit welcher Glut der Seele ich Don Fernando liebte, denn ich war unabhangig und brauchte eine Neigung, die ich fur anstandig und edel hielt, nicht zu verbergen. Noch heftiger, schien es, flammte die Glut der Liebe in Don Fernandos Seele, und wir schlossen einen Bund, der, wie ich hoffte, uns beide beglucken sollte. Sie wissen, dass ich der franzosischen Partei aus der reinen Ueberzeugung ergeben war, dass nur durch sie das Wohl meines Vaterlandes zu erreichen moglich sei. Auch diese Ansicht schien Don Fernando zu theilen. Wir waren vereinigt, und wenige Wochen waren hinreichend, um den Schleier vor meinen Augen zu zerreissen. Ich musste es bald erkennen, dass ihn nicht ein hohes Interesse fur die Fortschritte menschlicher Veredlung nach Spanien gefuhrt hatte, er scherzte uber meine Begeisterung und glaubte, da wir so innig verbunden waren, nicht mehr nothig zu haben, mir seine wahre Ansicht zu verbergen. Sein Vortheil bestimmte ihn allein; er wollte bei der Verwirrung, die die verschiedenen Parteien erregten, gewinnen; er wollte steigen, und das allgemeine Ungluck sollte ihm dazu helfen, die hochsten Stufen der Ehre zu erreichen. Er hatte gehofft, diess durch franzosischen Einfluss zu erlangen, doch wurde ihm diess zweifelhaft bei dem abwechselnden Gluck, womit in Spanien gekampft wurde. Er suchte sich also der entgegengesetzten Partei vorsichtig zu nahern, ohne es mit der franzosischen verderben zu wollen, und hoffte so auf jeden Fall seinen Zweck zu erreichen.
Abscheu und Verzweiflung erfullten meine Seele,
als ich diesen Charakter in ihm erkannte, und dennoch gab es Stunden, wo die Tauschung zuruckkehrte und das Gefuhl der Liebe von Neuem meine Brust belebte, wo mich der thorichte Wahn ergriff, ich konne diess Herz vielleicht lautern, diese Seele auf eine edlere Bahn leiten; aber bald sollte fur mich auch die letzte Tauschung verschwinden. Einen Augenblick schwieg die schone Kastilianerin, eine tiefe Rothe gluhte auf ihren Wangen und die Flamme des Zornes brannte in den dunkeln Augen bei der Erinnerung erlittener Schmach. Nach kurzem Schweigen fuhr sie mit unterdruckter Bewegung fort: Nicht bloss mein Vermogen wollte er benutzen, um seine ehrgeizigen Plane zu erreichen, sondern mich selbst. Ich sollte ihm dazu dienen, die Machthaber aller Parteien zu fesseln, zu blenden doch genug uber meine Erniedrigung, die jedes Band der Seele zwischen uns loste, ohne die Fesseln zerreissen zu konnen, die mich unaufloslich an seine Person schmiedeten. Ich glaubte nun, ich hatte den Kelch des Elends bis auf die Hefen geleert, aber zu diesem im Herzen nagenden Ungluck drangte sich noch ein Leiden von aussen herein. Die Intriguen Don Fernandos waren nicht mit Feinheit geleitet, sie wurden von allen Seiten durchschaut, und wir wurden bei der franzosischen Partei ein Gegenstand der Verachtung. Der Hof war uns so gut als verboten, und mein Haus, das Sie als den Sammelplatz der glanzendsten Gesellschaft gekannt haben, war eine Einode. Die Gegner der Franzosen betrachteten uns mit dem reinsten, ganz unverhehlten Abscheu und wir wurden wie Verpestete gemieden. Unter solchen Umstanden fand ich es naturlich, dass Don Fernando Spanien verlassen wollte, und ich weigerte mich nicht ihm nach Italien zu folgen, das er mir als kunftigen Aufenthaltsort vorschlug. Er hatte sich gleich nach unserer Verbindung mit liebender Zudringlichkeit der Verwaltung meines Vermogens bemachtigt, und in der Stimmung, in der sich meine Seele nun befand, achtete ich zu wenig auf die Guter des Lebens. Aber ein wahrhaftes Entsetzen ergriff mich, als ich nach unserer Abreise aus Madrid durch ihn selbst erfuhr, dass er alle eingezogenen Gelder auf seinen Namen hatte stellen lassen und dass ich also in eine Abhangigkeit von ihm gerathen war, die mich beinah zu seiner Sklavin machte. Er machte mich mit der grossten Ruhe mit dieser Einrichtung bekannt und sagte lachelnd, er habe diese Vorsicht beobachtet, damit die Grillen, die mein Herz von ihm entfernt hatten, mich niemals bestimmen konnten, mich ganzlich von ihm zu trennen, und damit er, wie es ihm seiner ruhigeren Vernunft wegen gebuhre, Herr meines Schicksals bleiben konne und meine leidenschaftliche Seele nie das seine zu bestimmen vermochte. Im Innersten emport machte ich ihm die bittersten Vorwurfe uber diese niedrige Art zu handeln, und es entschlupfte meinen Lippen die Aeusserung, dass ich schon lange bemerkt habe, dass ich von ihm betrogen sei, dass ich an sein grosses Vermogen in Deutschland nicht glaube, weil er so eifrig bemuht sei sich das meinige anzueignen. Die Erfahrung meines Lebens, erwiederte er ruhig, hat mich vorsichtig gemacht. Durch den Gemahl meiner Schwester, den Grafen Hohenthal, wurde ich in fruher Jugend aus einer ruhigen, sorglosen Lage gedrangt, und er hat es zu verantworten, wenn dadurch ein Schatten auf meinen Charakter fallt, dass ich nun vielleicht zu angstlich jedes Besitzthum, das mir erreichbar wird, mir zu sichern strebe, denn durch seine Schuld habe ich fruh mit dem Missgeschick kampfen mussen und in den Jahren der Jugend, die dem Genuss hatten geweiht sein sollen, habe ich die Bitterkeit des Lebens erfahren.
Es war mir hochst uberraschend zu sehen, dass ein Mensch so sehr ein Lugner gegen sich selbst werden kann, und es lag zugleich etwas Komisches darin, wie er die Wahrheit, dass Sie, mein theurer Vater, einem Sie unverschamt beraubenden Bedienten in seinem frechen Beginnen Einhalt thaten, in seine Erfindungen hinuber spielte, durch die er sich fur Ihren nahen Verwandten ausgab. Mich uberwaltigte der Eindruck des Komischen und ein unwillkuhrliches Lacheln zuckte mir um die Lippen.
Die Dame schwieg verwundert und beleidigt einen Augenblick, und eilte dann sichtlich ihre Erzahlung zu beendigen. Aehnliche Gesprache, sagte sie, hatten wir oft auf der Reise, und nicht immer hielt ich die Ausbruche meines Zornes zuruck, und eben hatte ich Don Fernando betheuert, dass ich ihm nie vergeben, und fortan nur Hass und Abscheu gegen ihn empfinden wurde, dass mein Fluch seine Sterbestunde belasten solle, als wir uberfallen wurden und nur durch Ihren Beistand einem noch schrecklicheren Loose entrannen.
Wir schwiegen nun beide verlegen. Endlich sagte die Dame mit etwas trockenem Tone: Da ich vielleicht in meinem Vertrauen zu weitlauftig geworden bin, so bitte ich Sie diess zu verzeihen und zugleich mir so viel Wohlwollen zu beweisen, als zu einiger Erwiederung meines Vertrauens gehort. Sagen Sie mir aufrichtig, fuhr sie lebhaft fort, was konnte Sie zum Lachen reizen, als ich erwahnte, wie es Don Fernando rechtfertigen wollte, dass er auf eine so unwurdige Weise mich ganzlich von sich abhangig gemacht hatte?
Gewiss lachte ich nicht, sagte ich mit Verwirrung. Nun, woruber lachelten Sie denn? fragte die Wittwe ungeduldig. Dass Ihr Gemahl Ihnen ein so ganzlich falsches Bild von dem Grafen Hohenthal entworfen hat, sagte ich endlich, um nur etwas zu sagen. Wie, Sie kennen den Grafen Hohenthal? rief sie hochst verwundert. Die Grafin ist meine Mutter, sagte ich in der Ueberraschung. Erstaunt liess die Dame die Arme sinken und rief, indem sie mir starr in die Augen blickte: So war ja Don Fernando Ihr Oheim? Ich lachelte und schwieg. Wie kommt es dann, fuhr sie fort, dass Sie Ihre Verwandschaft nicht schon in Madrid geltend machten? Da ich in Frankreich erzogen wurde, so hatte ich keine Gelegenheit meinen Oheim kennen zu lernen, und ich wollte mich erst uberzeugen, ob der nun Verstorbene dieselbe Person sei, fur die ich ihn hielt, ehe ich mich ihm zu erkennen gab. Sie erinnern sich aber vielleicht, dass eine Krankheit, die ihn damals uberfiel, mich meine Absicht verfehlen liess.
Die Wittwe sah mich mit einem durchdringenden Blicke an. Sie fuhlte die Zweideutigkeit meiner Antwort und sagte endlich, indem sie die flache Hand auf ihre Stirn legte: Ich will nicht weiter in Sie dringen; ich selbst habe Don Fernandos Charakter so kennen gelernt, dass ich mir denken kann, wie seine Verwandten Grunde haben konnten, sich von ihm zuruckzuziehen. Wesshalb soll ich noch einen Schmerz mehr auf meine Seele laden durch die Kenntniss von Dingen, die mir vielleicht besser verschwiegen bleiben. Als ich auf diese Bemerkung schwieg, sagte sie nach einigen Augenblicken: Gonnen Sie mir den Vorzug, mich als Ihre Verwandte zu betrachten, wenn wir im Leben wieder zusammentreffen sollten. Da meine Lebensplane jetzt nur von mir allein abhangen, so habe ich nicht die Absicht nach Italien zu gehen, wenigstens fur jetzt nicht. Eine Verwandte, die mit mir erzogen wurde und meine schwesterliche Liebe mit Innigkeit erwiederte, lebt in Frankreich in der Nahe von Bordeaux, wohin sie dem Gemahl folgte. Zu ihr will ich, und will dort in Ruhe und Abgeschiedenheit mein Herz zu heilen, und mein Gewissen zu beruhigen suchen.
Ihr Gewissen? fragte ich befremdet.
Ja, mein Gewissen, erwiederte sie, denn ich quale mich mit inneren Vorwurfen, dass ich Don Fernandos Leben, wenn auch nur um Stunden, verkurzt habe. Ich wollte ihm in unserer letzten Unterredung mein ganz versohntes, ihm vollig vergebendes Herz zeigen, weil ich glaubte, diess sei, um sein Gewissen zu beruhigen, nothwendig. Er unterbrach mich aber, indem er mir sagte, ich mochte erlauben, dass er seine letzten Gedanken auf wichtigere Gegenstande richtete, denn es sei ein Irrthum von mir, wenn ich glaube, dass ich ihm so viel zu verzeihen habe; wir waren auf dem Wege unseres Lebens nur durch verschiedene Ansichten geleitet worden, und diess sei Alles. Ich vergass in diesem Augenblicke die Nahe seines Todes. Der Schmerz uber mein durch ihn zu Grunde gerichtetes Leben uberwaltigte mich, und tief emport daruber, dass er nicht einmal eine Ahnung von seinem grasslichen Unrecht zu haben schien, liess ich mich zu einer Leidenschaftlichkeit verleiten, die ihn in seinen letzten Augenblicken nicht schonte, und der Strom meiner Vorwurfe wurde nur durch den Strom des Blutes gehemmt, der aus seinen Wunden drang.
Mein Bekannter, der Obrist, dessen Schutz ich die Wittwe empfohlen hatte, unterbrach unsere Unterredung, indem er kam, unhoflich, daran zu erinnern, dass er mit seinem Regimente aufbrechen musse. Eilig war Alles zur Abreise geordnet, und ich trennte mich nicht ohne Theilnahme von einer Frau, deren Lebensgluck ein Elender gewissenlos zertrummert hatte.
Auf dem Ruckwege zu meinem Regimente drangte sich mir die Betrachtung auf, wie falsch wir oft uber die Menschen urtheilen, wenn wir bei ihnen Gewissensqualen uber Handlungen voraussetzen, die wir als abscheulich erkennen. Ich habe im kurzen Laufe meines Lebens schon manchen ruhig sterben sehen, von dem seine Bekannten behaupteten, seine Handlungen wurden in der Stunde seines Todes schwer auf seiner Seele lasten. Die Unglucklichen erkennen ja ihr Unrecht nicht; die Verblendung verlasst sie ja auch im letzten Augenblicke nicht. Sie halten ihre Schlechtigkeit fur Klugheit, ihre Hartherzigkeit fur Vernunft und mannlichen Charakter, den schnodesten Geiz fur eine achtungswerthe Sparsamkeit, und haben so fur jeden Fehler den Namen einer Tugend bereit, unter dem die Sunde recht mit Liebe gehegt wird. Wurde denn nicht auch jeder Mensch eilen, ihn schandende Makel von sich zu thun, wenn er sie als solche erkennte? Aber das ist unsere ungluckliche Verblendung, dass wir unsere schlimmsten Fehler fur unsere besten Tugenden halten.
Als ich das Standquartier meines Regiments erreichte, bemerkte ich, dass das erwartete, welches sich mit dem meinigen vereinigen sollte, schon eingetroffen war, und da nun kein Grund zum Verweilen mehr vorhanden war, so wurde beschlossen am andern Morgen aufzubrechen, und wir verliessen eine Gegend, die mir gewissermassen merkwurdig geworden war. Erst nachdem einige Tagesmarsche zuruckgelegt waren, liess ich die Marketenderin und ihren Gatten rufen. Das Gesicht der Frau zeigte deutlich, wie ubel sie mit mir zufrieden war, dass ich sie gleichsam in Gefangenschaft unter der Aufsicht ihres Mannes mehrere Tage erhalten hatte, und ich hatte Grund zu vermuthen, dass er das Recht des Mannes der Frau zu befehlen durch sehr ernsthafte Mittel hatte mussen geltend machen, ehe sie sich ihm zu gehorchen bequemte. Ich machte sie nun mit dem Tode ihres Bruders bekannt und versusste die Nachricht dadurch, dass ich ihr das ihr bestimmte Erbe einhandigte. Die schwere mit Dublonen gefullte Borse verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie trocknete die Thranen und sagte, es sei doch grausam von mir, dass ich ihr jetzt erst den Tod ihres einzigen Bruders anzeigte, der doch in seinen letzten Augenblicken ihrer noch liebevoll gedacht habe, und nun, da wir schon so weit entfernt waren, konne sie nicht einmal den Trost haben, sein Grab mit ihren Thranen zu benetzen. Ich entschuldigte mein Verfahren, so gut ich vermochte, ohne ihr zu sagen, dass ich sie gerade von solchen Beweisen ihrer Zartlichkeit hatte abhalten wollen, denn ich bin sehr uberzeugt, dass der sogenannte Don Fernando mit diesem Namen gestorben ist, ohne dem Pfarrer in seiner letzten Beichte das demuthige Bekenntniss abzulegen, dass er der Sohn des alten Lorenz und der Bruder der Marketenderin sei, und der gutmuthige, beschrankte alte Mann wurde sich mit Gewissenszweifeln daruber gequalt haben, dass er einem so verharteten Sunder die vollstandige Absolution gewahrt hatte und ein christliches Begrabniss mit allem Prunke, den seine kleine Kirche bieten konnte, wenn er diesen Umstand erfahren hatte. Die Schwester des Verstorbenen nahm meine Entschuldigung kalt auf; der Unteroffizier, ihr Gatte, aber sagte lachelnd: Ich habe Sie, mein Obrist, niemals hart gefunden; im Gegentheil, Ihre Milde erkennt das ganze Regiment dankbar an; wenn Sie also diess Mal fur nothig gefunden haben, eine Ausnahme zu machen und sich gegen meine Frau hart zu zeigen, so mussen Sie dazu wichtige Grunde haben, die uns weiter nichts angehen. So sehe ich die Sache an, und damit kann sich meine Frau ebenfalls beruhigen. Was aber die Erbschaft anbetrifft, fuhr er fort, indem er die Borse aus den Handen seiner Gattin nahm und sie wohlgefallig in seiner braunen Hand wiegte, so gestehe ich, dass sie mich freut, denn dieses Geld soll unserm kleinen Eugen zu Gute kommen. Ich habe die Ueberzeugung, fugte er hinzu, indem er die funkelnden Augen auf mich richtete, dass Niemand im Regimente meinen Muth bezweifelt; ich stand immer mit den Braven und wurde es weit in der Armee gebracht haben, wenn nicht die Armuth meiner Eltern es ihnen unmoglich gemacht hatte, auch nur die geringste Sorgfalt auf meine Erziehung zu wenden. Jetzt habe ich die Mittel in Handen meinen Sohn so gut unterrichten zu lassen, wie den Sohn eines Generals, und wir konnen es noch erleben, sagte er freudig lachelnd, indem er seiner Gattin derb auf die Schulter schlug, unsern Eugen als General kommandiren zu sehen. Das denke ich, so oft ich ihn in seinem Korbe schreien hore, und mich qualte nur die Sorge, woher ich die Mittel zu seiner Erziehung nehmen sollte; doch jetzt, Dank meinem verstorbenen Schwager, bin ich von dieser Unruhe befreit. Nach diesen Worten fuhrte der brave Soldat seine Gattin hinweg, und mir traten bald so viele ernsthafte Sorgen entgegen, die die Erinnerung an diese Begebenheit in den Hintergrund meiner Seele zuruckdrangten, dass ich nur jetzt, indem ich Ihnen schreibe, dieselbe wieder lebhaft in mein Gedachtniss zuruckrufe.
Evremont ging nun wieder zu den offentlichen Begebenheiten uber, die er fortfuhr dem Grafen zu berichten, in wie weit er selbst eine handelnde Person dabei war, bis zu dem Augenblicke, wo er Gelegenheit fand seine grossen Pakete abzusenden.
IX
Es war ein schoner, heiterer Fruhlingstag des Aprils achtzehnhundert und zwolf, als der Graf Hohenthal in dem Pavillon seines Gartens sass und gedankenvoll hinaus schaute. Wolkenleer glanzte das reine Blau des Himmels, die sommerlich warme Sonne spielte mit blinkenden Lichtern in den Wogen des Rheins. Die Baume wiegten theils noch schwellende Knospen, theils schon entfaltete Bluthen an den schlanken Zweigen, die Wohlgeruche der Krauter und der fruhen Blumen schwebten in der Luft. Die Aurikeln hatten ihre vielfarbigen Augen geoffnet und ergotzten duftlos durch ihre bescheidene Schonheit. Von den Hohen der Berge schauten die Ueberreste alter Schlosser, die Zeichen entschwundener Macht, herab, an die Verganglichkeit aller irdischen Dinge ernsthaft mahnend, und die Lerche wirbelte ihren heitern Gesang trostend aus der reinen Hohe herab. Doch es schien nicht, als ob der Graf den Reiz des erwachenden Fruhlings beachtete. Die Stirn in die flache Hand gelehnt und den Arm auf die Lehne des Sessels gestutzt, schaute er hinaus in das glanzende, tonende, bluhende Leben, doch der wehmuthige Zug des Mundes, der ernste Blick der Augen zeigten, dass seine Seele sich mit truben Gegenstanden beschaftigte.
Die Grafin war eingetreten, ohne von ihm bemerkt worden zu sein. Sie betrachtete ihren in tiefes Sinnen verlornen Gemahl, und ein leiser Seufzer entrang sich der beklemmten Brust. Der Graf bemerkte sie und reichte ihr liebevoll die Hand. Theilnehmend forschte die Grafin nach der Ursache seines tiefen, finstern Sinnes. Finster, antwortete der Graf, waren meine Gedanken wohl nicht, aber ich gestehe, ernst und wehmuthig. Ich muss es oft bedenken, fuhr er fort, wie wir begluckt sind vor Millionen Menschen, wie viele tausend Augen sich mit Neid auf uns richten mogen, und doch, wie wenige gluckliche Stunden hat uns diess Leben geboten? Schlagt nicht stundlich unser Herz in angstigenden Sorgen? Haben wir nicht immer gehofft, nun solle das Leben beginnen, und werde in der nachsten Zukunft das wahre Gluck eintreten, und mit diesem angstlichen Hoffen auf die Zukunft ist in der Pein der Gegenwart das Leben verschwunden, und wir haben es in lauter Anstalten zum Leben verloren. Wenn diess nun unser Loos ist, wie beklagenswerth muss das Geschick des Armen sein, der alle diese Pein duldet und noch durch heftige Anstrengungen in bitteren Sorgen die Mittel herbei schaffen muss, sich in der klaglichen Gegenwart zu erhalten.
Die Thranen traufelten uber die Wangen der Grafin, indem sie sagte: Das Geschick gewahrt die guten Stunden wie ein Karger, den seine Gabe, nachdem er sie kaum gegeben, gereut, und der sie dem Armen mit rauher Hand sogleich wieder entreisst. Auch ich, setzte sie hinzu, betrachte mit Wehmuth den Fruhling, die erwachende Natur. Wie vieles ist dahin, das nicht mehr erwachen wird, und ich laugne nicht, der Gedanke an meinen Bruder erfullt meine Seele mit Schmerz. Wie oft habe ich in der Verhartung meines Herzens gefurchtet, er mochte wiederkehren und sein Anblick wurde mich verletzen und der war schon Staub, dessen Dasein ich furchtete. Ach! wie gering ist die Tugend des Menschen! Konnen wir doch immer nur wahrhaft vergeben, was uns nicht tief und wahrhaft verletzte; aber die ewig schmerzlich blutenden Wunden unseres Herzens verzeihen wir nicht! Der gemeine Rachsuchtige verfolgt seinen Beleidiger und strebt ihm wo moglich noch mehr Boses zuzufugen, als er durch ihn erlitten hat. Wir verzeihen mit dem Munde, wir thun, wenn wir konnen, unsern Beleidigern Gutes und gefallen uns in der Grossmuth unserer Gefuhle, ohne wahrhaft zu vergeben; denn nie wird uns der, von dem wir uns tief verletzt fuhlten, wieder das sein konnen, was er uns vor der Beleidigung war, und wir bereuen unsere Harte nur dann, wenn der Gegenstand derselben Staub ist.
Ich glaube, wir haben uns gegen diesen Bruder nichts vorzuwerfen, sagte der Graf mild trostend. Wir haben ihm unsern Umgang versagt, den er unfehlbar zu nicht loblichen Zwecken wurde missbraucht haben, und unsere Liebe, die doch der nur fordern kann, dessen Herz fahig ist, sie zu empfinden. Was mich aber heute besonders in trubes Sinnen versenkte, fuhr er fort, ist die Nachricht, die dieser Brief mir brachte, dass unser alter Freund, der Obrist Thalheim, sein Leben in den Armen seiner Kinder sanft geendigt hat. Er reichte nach diesen Worten der Grafin den Brief. Sie las mit inniger Theilnahme, wie sanft der Greis zu der letzten Ruhe in den Armen seiner Kinder entschlummert war, und wie er ihr und dem Grafen seinen vaterlichen Segen kurz vor dem Hinscheiden gesendet habe, und wie er Beiden seine dankbare Liebe versichern liess, von der er die zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen hatte, dass sie uber das Grab hinuber reichen wurde.
Moge unser Ende so sanft sein, sagte die Grafin, indem sie, die Thranen trocknend, ihrem Gemahle das Blatt zuruckreichte. Mogen wir einst, wie er, unser Leben in den Armen unserer Kinder beschliessen. Der Graf wendete sich ab, um sein kummervolles Gesicht zu verbergen. Beide Gatten schwiegen; Keiner wollte die Sorgen aussprechen, die sein Herz zernagten, denn Keiner wollte den Kummer in der Brust des Andern erwecken. Seit den letzten Nachrichten von Evremont waren abermals Monate verflossen. Mehrere Gefechte in Spanien waren vorgefallen, und kein Wort seiner Hand hatte die angstlichen Eltern uber sein Geschick beruhigt, und nun stromte die grosse franzosische Armee in furchtbaren Massen uber den Rhein, einem Feinde entgegen, den in seinem eigenen Lande zu bekampfen, den Franzosen selbst noch vor Kurzem ein abentheuerlich vermessenes Unternehmen gedunkt haben wurde; und alle die Tausende, die voruber zogen, ahneten nicht, wie sehnsuchtige Blicke oftmals den langen Reihen folgten. Niemand brachte Kunde von dem geliebten Sohne.
Das trube Sinnen der bekummerten Eltern wurde auf einen Augenblick durch das Rasseln eines Reisewagens unterbrochen, der eilig voruber flog und ihren Blicken bald entzogen wurde durch eine Beugung, die die Strasse hinter dem Garten des Grafen machte. Das vorige sorgenvolle Schweigen war wieder eingetreten, wurde aber bald von Neuem durch freudig rufende Stimmen unterbrochen. Der Graf und seine Gemahlin sahen zugleich auf und richteten den Blick auf einen Baumgang, der zu dem Pavillon fuhrte, in dem sich Beide befanden. Eine junge Frau flog mit leichten Schritten durch diesen Baumgang; der Wind spielte mit dem zuruckgeworfenen Schleier, so dass das leichte Gewebe in den Luften flatterte. In der Ferne zeigten sich noch andere Personen, die sich mit langsamen Schritten naherten. Ehe noch der Graf oder die Grafin eine Vermuthung uber die Herbeieilende ausserten, lag diese schon mit schlagendem Herzen, mit gluhenden Wangen und seligen Thranen in den Armen der Grafin. Emilie! stammelte diese in der Ueberraschung des Entzuckens und sank aus Freude entkraftet auf einen Sessel, als die junge Frau sich aus ihren Armen riss, um den Grafen mit demselben zartlichen Ungestum zu umschlingen. Indess hatten sich auch die ubrigen Personen genahert und Emilie verliess schnell den Grafen, nahm aus den Armen der Warterin ein schlafendes Kind und legte es in den Schooss der Grafin, indess sie selbst vor ihr nieder kniete. Mit bebenden Handen erhob die Grafin das schone, wie ein schlummernder Engel ruhende Kind und druckte zartlich leise ihre Lippen auf den rosigen Mund, auf des Knableins unschuldige Stirn, indess ihr unbewusst die heiligen Tropfen entzuckender Ruhrung niederthauten. Der Graf entriss mit einer Bewegung ungestumer Liebe seiner Gemahlin das Kind, hob es in seinen Armen empor und uberliess sich ohne Ruckhalt dem Gefuhle der hochsten Freude. Ach! wie so reich an seligen Genussen dunkte in diesem Augenblick denen das Leben, die noch vor wenigen Minuten die durftigen Freuden kurzer Stunden beklagten.
Das Kind war durch die heftigen Liebkosungen erwacht und erhob in nicht melodischen Tonen seine klagende Stimme. Zwei Personen drangten sich hinzu, um es aus den Armen des Grafen zu empfangen, die Warterin und der alte vor Freude zitternde Dubois. Dem Letztern gelang es, sich des Kindes zu bemachtigen, indem er zum ersten Male in seinem Leben alle Scheu und Ehrerbietung vor denen bei Seite setzte, die er seine Herrschaft nannte und von denen er wie ein Glied der Familie betrachtet wurde. Es ist mein Recht, sagte er, indem er die Warterin wegdrangte; es ist der vierte Graf Evremont, dem ich dienen werde, und der dritte, den ich in meinen Armen halte. Er entfernte sich etwas mit dem Kinde, indem er Segen und Gebete uber dasselbe sprach, und uberliess es nur dann erst der Warterin, als die immer starker sich erhebenden Klagetone desselben ihm die Nothwendigkeit weiblichen Beistandes bewiesen. Indess war eine Frau zur Grafin getreten, die, indem sie den Schleier zuruckschlug, in Thranen lachelnd sagte: Seid Ihr denn im Glucke so selbstsuchtig geworden, dass Ihr ausser Euch Niemanden bemerkt? Adele! rief die Grafin und presste die schwesterliche Freundin an ihre Brust.
Als der erste Sturm des Entzuckens voruber war, heftete die Grafin einen angstlichen Blick auf Emilie, indem sie halb leise fragte: Und Adolph? Er kommt, jauchzte Emilie. Morgen zieht sein Regiment durch diese Gegend, morgen wird er hier sein!
Der Taumel der Freude legte sich endlich, und als man einige Stunden beisammen gewesen war, hatte man sich so weit verstandigt, dass die Eltern nun wussten, das Regiment des Sohnes sei ebenfalls in Bewegung nach Russland, er habe Emilien die Bitte abgeschlagen, ihm in diese unwirthbaren Lander zu folgen, und bestimmt, dass sie den Ausgang des Kampfes bei seinen Eltern erwarten solle, und auch ihre liebevolle Tante habe sich an sie zu diesem Zwecke angeschlossen, weil sie hoffte, das Leid der neuen Trennung und die damit verknupften Sorgen leichter mit den Freunden vereinigt zu ertragen.
Ein leichter Schatten trubte den hellen Glanz der Gegenwart bei dem Gedanken, dass Evremont dazu bestimmt war, an einem Kampf Antheil zu nehmen, den man sich nicht anders als hochst gefahrvoll denken konnte. Indess die Gegenwart war zu schon, und sie trug mit ihrem Gluck und ihrer Freude den Sieg davon uber die bangen Sorgen fur die Zukunft, die sich eindrangen wollten.
Der nachste Tag erschien und mit ihm, um das Maass des Glucks zu fullen, Evremont. Wie ganz anders leuchtete dem Grafen der Fruhling nun entgegen, dessen Pracht er am vorigen Morgen kaum beachtet hatte, als er am Arme des geliebten Sohnes unter seinen Bluthenbaumen wandelte. Mit vaterlichem Stolz bemerkte er die Veranderung, die mit Evremont seit ihrer letzten Trennung vorgegangen war. Sein Korper hatte sich mannlicher ausgebildet, die Stimme tonte etwas tiefer aus der schon gewolbten Brust, die Augen waren befehlender geworden, die Wangen gebraunter und etwas magerer, indess alle Anmuth der Jugend und die liebevollste Zartlichkeit um den edel geformten Mund schwebte, dessen rothe Lippen im herzgewinnenden Lacheln die schonsten Zahne entblossten.
Zwei kurze Tage des Glucks waren den Freunden gegonnt. Nie hatte der Graf seine leidenschaftliche Zartlichkeit fur Evremont so ohne Ruckhalt gezeigt, als in diesen beiden Tagen, und es war ein ruhrender Anblick, wie innig der junge Krieger die Liebe erwiederte und mit kindlicher Unterwurfigkeit vereinigte. Endlich fuhrte der Morgen des dritten Tages den Schmerz der Trennung herbei. Der Graf, der sonst immer zur Fassung ermahnt hatte, war diess Mal ohne Fassung. Er fuhrte den Sohn in den Garten hinaus, und dort mit ihm allein, druckte er ihn lange und schmerzlich an die Brust. Mein Sohn, sagte er endlich mit vor Angst unterdruckter Stimme, mein theurer Sohn, ich furchte, wir sehen uns nicht wieder.
Mein Vater, rief der Sohn erschreckt, Gort wird Sie uns erhalten; Ihr Alter ist noch nicht so weit vorgeruckt, Sie sind gesund. O! um Gottes Willen, erwekken Sie mir solche Angst nicht; Sie sind ein Segen ihrer Umgebung, und der Himmel wird Sie zum Wohle der Menschen erhalten.
Der Graf widersprach ihm nicht. Er wollte ihm nicht sagen, dass er an seinen Tod nicht gedacht hatte und dass ihn diese Vorstellung auch nicht mit solcher Angst erfullen wurde. Er lehnte schweigend die Stirn an des Sohnes Heldenbrust und uberliess sich ohne Ruckhalt seinem Schmerz, der sich in heissen Thranen ausstromte.
O mein Vater! sagte Evremont, indem er mit inniger Liebe den Grafen umschlang und sich dann vor ihm auf ein Knie senkte, geben Sie mir Ihren Segen auf den Pfad mit, den ich nun wandeln muss, denn ich furchte, er wird rauh und dornenvoll sein. Der Graf legte seine Hand auf das Haupt des jungen Mannes, indess seine betenden Lippen und sein nach oben gerichteter Blick den schonsten Segen des Himmels fur diess theure Haupt erflehten; dann kusste er mit langem Drucke Evremonts Stirn und riss den bis zu Thranen bewegten Krieger heftig empor. Lass uns wie Manner scheiden, sagte er dann entschlossen, und nicht mit unserm Jammer Deine Mutter todten.
Als der Graf und Evremont zu der Familie zuruckkehrten, wurde dem letztern gemeldet, dass Alles zum Aufbruch bereit sei. Die schmerzliche Trennung war nicht mehr zu verschieben. Mit tiefbewegter Seele zog Evremont an der Spitze seines Regimentes hinweg, und in Thranen aufgelost blieb seine trostlose Familie zuruck.
Wie schwere, dunkle Wolken das Blau des Himmels bedecken und die leuchtende Sonne verhullen, so lastet der Schmerz auf der Seele des Menschen; aber wenn die dunkeln Wolken ihre Wasser ergossen haben, wenn ein frischer Wind die Nebel zerstreut, dann freut sich die Erde von Neuem der goldnen Sonne und das reine Blau des Himmels erglanzt von Neuem. In Thranen lost der Mensch seinen Schmerz auf, nothwendige Thatigkeit zerstreut den Nebel des Kummers, und wir erstaunen oft selbst, dass unsere Schmerzen sich lindern und Hoffnung von Neuem uns trostend entgegen lacheln kann, und wir mussen uns dann gestehen, wandelbar sind alle Gefuhle der menschlichen Brust.
Diese Bemerkungen theilten sich einander die Glieder der Familie des Grafen mit, als der leidenschaftliche Schmerz der Trennung nach einigen Tagen schwieg und die Hoffnung leise trostend in alle Herzen schlich.
Die Frauen beschaftigten sich fast ausschliessend mit dem Kinde, und es wurde auf die Nahrung, Kleidung und Gesundheit des Kleinen eine Sorgfalt gewendet, die er gar nicht zu schatzen verstand. Das erste Aufdammern von Gedanken, von Besinnung erregte in seinen Angehorigen Entzucken. Der Graf lachelte uber diess Treiben, und doch konnte man bemerken, dass er oft zu dem Kinde schlich und versuchte, ob es ihn noch nicht erkenne. Oft kusste er die dunkeln Augen und die rosigen Lippen dieses kleinen Abdrucks seines Vaters und eilte, die Ruhrung zu verbergen, die ihn zu bewaltigen drohte. Dubois versicherte, dass der kleine Graf ihn schon verstande; diess sei auch naturlich, da er nur franzosisch mit ihm rede, und er zweifle gar nicht, dass diess auch die erste Sprache sein wurde, die der junge Herr sprechen wurde.
Noch hatte die Familie die grossten Leiden nicht erfahren, die der Schooss der dunkeln Zukunft fur sie in sich hegte. Evremont erfullte sein Wort. Er gab regelmassig Nachricht und man folgte ihm in Gedanken uber den Niemen. Nach jedem bei dem weiteren Vordringen bestandenen Gefechte stiegen die innigsten Dankgebete zum Himmel empor, denn glucklich hatte der junge Held sie alle bestanden und nicht einmal eine leichte Verwundung erschwerte ihm die Muhseligkeiten des Kampfes. In dieser Abwechslung von Freude, die jeder Brief erregte, und von Angst, wenn man bedachte, was alles vorgefallen sein konnte, seit er geschrieben, war der Sommer entschwunden, und der Herbst, so reizend in der Gegend, wo der Graf lebte, erhohte die Beschwerden dort, wo sein Sohn kampfte, fur eine Sache, der der Vater nach seinen Ansichten keinen glucklichen Fortgang wunschen durfte, und wahrend doch auch der Gedanke an das Misslingen des uberkuhnen Unternehmens ihn des Sohnes wegen mit Furcht erfullen musste. Es lastete also zwiefach druckend die Sorge, welche Wendung wohl dieser Krieg nehmen werde, auf seiner Seele. Blieben die Franzosen auch in diesem Kampf Sieger, so war auf lange Zeit jede Hoffnung zur Befreiung Deutschlands verschwunden, und wurden sie dort im hohen Norden vernichtet, welch Schicksal theilte dann sein Sohn?
Diese Gedanken, die dem Grafen immer wiederkehrten und die selbst der Anblick des heiteren, schonen, sich schnell entwickelnden Kindes nicht zerstreuen konnte, raubten ihm die milde, gleichmassige Stimmung, die sonst in jedem Kummer ihn zur Stutze und zum Troste seiner Familie machte, und er war viel allein, um nicht durch seinen Trubsinn den Kummer der Andern zu erhohen.
Jetzt erfuhr man durch die Zeitung, dass eine grosse, furchtbare Schlacht bei Borodino geschlagen war, worin sich die Franzosen Sieger nannten und in deren Folge Moskau in ihre Hande fallen musste. Ein zwiefaches Entsetzen erregte diese Nachricht in dem Grafen. War dann auch Russland verloren? Und was war in dieser entsetzlichen Schlacht aus Evremont geworden? Denn von ihm trafen keine Nachrichten ein.
Aber noch ein Mal sollte der Balsam des Trostes die geangstigten Herzen erquicken. Ein Courier, der nach Paris eilte, ein Bekannter Evremonts, erfullte sein dem Freunde gegebenes Versprechen. Er machte einen unbedeutenden Umweg und stieg einen Augenblick bei dem Grafen ab, um den bekummerten Eltern ein Paket von der Hand des geliebten Sohnes zu ubergeben und zu versichern, dass er ihn gesund verlassen habe, ob diess gleich beinah ein Wunder zu nennen sei, weil er sich rucksichtslos allen Gefahren des furchtbarsten Kampfes ausgesetzt habe.
In Evremonts Briefen war der Eindruck nicht zu verkennen, den die neuesten Ereignisse auf seine Seele gemacht hatten. Sie waren ernst, und kein Strahl der jugendlichen Heiterkeit leuchtete darin, womit er sonst von uberstandenen Gefahren sprach. Nach der Erwahnung des Kampfes bei Borodino sagte er: Ich habe viele Schlachten mitgefochten und habe den Tod in den Reihen der Krieger wuthen sehen, aber niemals bin ich Zeuge so entsetzlichen Blutvergiessens gewesen, und ob wir gleich Sieger sind, so glaube ich doch, dass, wenn wir noch ofter ahnliche Schlachten erleben sollten, selbst das grosse Genie des Kaisers nicht hinreichen wurde, um Mittel aufzufinden, bei so grossen Opfern, wie solche Siege sie erfordern, nicht unterzugehen.
In mir, fuhr er fort, wurden wahrend der Schlacht und nach dem Kampfe, ausser der Theilnahme an dem allgemeinen Leiden, noch Empfindungen erregt, die einen so tiefen Eindruck auf mein Gemuth gemacht haben, dass ich mich seitdem ernster fuhle und dass es mir wenigstens jetzt noch scheint, als ob die Heiterkeit der Jugend dadurch auf immer in meiner Seele untergegangen sei. Der Kampf hatte schon einige Stunden gewahrt, die feindlichen Kugeln streckten ganze Reihen nieder. Ein Regiment in der Nahe des meinigen war beinah vernichtet, als es den Befehl erhielt, sich mit meinen Truppen zu vereinigen und unter meiner Anfuhrung weiter zu kampfen. Der einzige ubrig gebliebene Offizier fuhrte mir den schwachen Rest seiner Mannschaft zu, und indem er sich mir naherte, um meine Befehle zu vernehmen, und ich, indem ich sie ihm geben wollte, ihn anblickte, erkannten wir uns beide und erblichen in demselben Augenblick, er vielleicht aus Schrecken, wie er mich erblickte, ich aus Abscheu und Entsetzen, denn es war Lamberti, der in Gemeinschaft mit seinen Brudern mich hatte ermorden wollen, mit denen er mich wahrscheinlich in der Ueberzeugung verlassen hatte, dass ich wirklich todt sei, als Ihre Menschenliebe, mein theurer Vater, den schwach glimmenden Funken des Lebens in meiner Brust bewahrte, wie Sie mich, nachdem Jene entflohen, im Walde in Schlesien fanden. Wir starrten uns beide einige Augenblicke schweigend an. Endlich fasste ich mich und sagte ihm: Wir haben uns vielleicht uber die Vergangenheit gegen einander zu erklaren, doch ist dazu jetzt nicht der Augenblick; Sie sind mir zugeordnet und wir bekampfen heute in Eintracht den gemeinschaftlichen Feind. Er beugte sich ohne weitere Antwort und vernahm eben so stumm meine Befehle, die ich kaum noch Zeit zu ertheilen hatte, als unsere gemeinschaftlichen Regimenter zu einem neuen Angriff beordert wurden. Wir sturmten von Neuem auf die Feinde, und ich hatte Gelegenheit zu bemerken, wie dieser Lamberti mit Lowenkuhnheit allen Gefahren Trotz bot, und ich musste wenigstens den unbeugsamen Muth eines Menschen bewundern, den ich sonst alle Ursache hatte zu verabscheuen. Zuletzt in der Hitze des Gefechtes hatte ich ihn aus den Augen verloren und ich musste ihn fur todt oder verwundet halten, und konnte, da der Kampf bis zum Abend fortwuthete, nicht weiter an ihn denken. Endlich endigte die Nacht das morderische Gefecht; die Russen zogen sich zuruck und wir blieben Herren des blutigen Feldes. Nach einer kurzen Erholung, als kaum der Morgen dammerte, fuhrten mich Dienstgeschafte nach der Gegend des Schlachtfeldes zuruck. Meine entsetzten Augen suchten den grasslichen Anblick zu vermeiden, ich bog mit meinen Begleitern etwas seitwarts, wir wollten ein kleines Gebusch umreiten, als ein Ton unser Ohr traf, der uns alle zugleich erbeben machte. Es war ein menschliches Geheul; aber wenn das Wehklagen der Verwundeten, die nicht alle zugleich versorgt werden konnten, schon herzzerreissend war, so druckte sich in diesem Tone eine so grassliche Verzweiflung aus, dass sich die Haare unseres Hauptes empor straubten. Nach kurzem Besinnen naherten wir uns dem Orte, woher die Tone kamen, und fanden im Gebusch Lamberti so grasslich verstummelt, dass mein Herz erkranken wurde, wenn ich es beschreiben wollte. Gott weiss, dass bei diesem entsetzlichen Anblick jedes andere Gefuhl als das des Mitleids aus meiner Brust schwand. Ich naherte mich dem Unglucklichen, und wollte ihm Trost und Hulfe bringen. Mit wahnsinniger Verzweiflung blickte er mir in die Augen und rief: Kommst Du Dich daran zu weiden, dass ich verdammt bin? Ja wisse es, schon Einer ist zum Abgrunde der ewigen Qual hinunter gefahren, zur Strafe, dass wir Dir Dein armseliges Leben rauben wollten. Mein Bruder starb ohne Vergebung der Sunden und ist ewig verloren, und auch ich muss so schrecklich bussen. Unglucklicher, ich vergebe Dir von ganzem Herzen, sagte ich auf's Heftigste bewegt. Mir hilft Deine Vergebung nicht, rief er in hochster Verzweiflung, Du hast kein Recht mir meine Sunden zu vergeben; ich habe nicht meine Missethat gebeichtet, mir fehlt die Absolution des Priesters. Meine Kraft stromt aus allen meinen Wunden, und der Trost der Kirche lindert nicht meine Qual. Ich athme das Leben aus und die Seele fahrt zum Abgrunde hernieder!
Ich fuhlte wohl, dass es vergeblich sein wurde, ihm in seinen letzten Augenblicken andere Begriffe von der Gnade Gottes beibringen zu wollen, als die ihn durch sein ruchloses Leben begleitet hatten. Wie die meisten Italiener war er fest uberzeugt, dass er ohne Vergebung der Sunden durch den Mund eines Priesters ewig verloren sei. Ich erinnerte mich, dass ich einen polnischen Geistlichen bemerkt hatte, der franzosisch redete und die fromme Pflicht ausubte, den Sterbenden Trost zuzusprechen. Ich bat den mit Verzweiflung Ringenden sein Gemuth zu beruhigen, weil ich mich bemuhen wolle, ihm geistlichen Trost zu verschaffen, und liess einige meiner Begleiter bei ihm, denn sein Zustand war so schrecklich, dass ihn Niemand aufheben, ja dass man ihn kaum beruhren konnte, und er muss eine ungewohnliche Lebenskraft besessen haben, dass er nicht schon geendet hatte, ehe wir ihn fanden. Ich war glucklich genug den Geistlichen nicht sehr weit von dem Orte zu treffen, wo Lamberti lag, und ich fuhrte ihn von einem Todten hinweg, dessen letzte Augenblicke er erleichtert hatte, zu einem Sterbenden, dessen Seele schwarze Thaten belasteten. Als Lamberti den Priester in meiner Gesellschaft erblickte, milderte sich der Ausdruck der Verzweiflung in seinen Zugen; der fromme Vater aber schauderte, als er den verstummelten Krieger erblickte. Ich entfernte mich mit meinen Begleitern so weit, dass Lamberti, ohne von uns gehort zu werden, seine Beichte ablegen konnte, die der Geistliche selbst abkurzte, denn es war deutlich, dass sein Ende nahe war. Ich sah aus der Ferne, wie er dem Sterbenden Absolution und Segen ertheilte, worauf er sich dem Orte naherte, wo ich ihn erwartete. Thranen glanzten in den Augen des Geistlichen, als er mir sagte: Kommen Sie und sprechen Sie es jetzt aus, dass Sie dem Unglucklichen den beabsichtigten Mord vergeben, damit seine Seele in Frieden scheiden moge. Ich zogerte nicht und wurde von Wehmuth uberwaltigt, als ich in den nun ruhigen Zugen des bleichen Gesichtes den Ausdruck wiedererkannte, der fruher mein Herz zur Liebe bewegt hatte. Alle niederen Leidenschaften waren nun geschwunden. Vergib mir jetzt, Adolph, sagte er mit demselben weichen Tone der Stimme, der fruher mein Herz traf, und fuge Deine Verzeihung der Vergebung der Sunden hinzu, womit Christi Stellvertreter mein Herz erleichtert hat. Du bist gesund und glucklich, und sieh, ich bin hart gestraft fur den versuchten Mord. Die letzten Worte sprach er schon mit schwindender, dahinsterbender Stimme. Antonio! rief ich mit dem wahrsten Gefuhl, ich vergebe Dir von ganzem Herzen. O! mochtest Du leben, dass ich Dich davon uberzeugen konnte. Ein mattes Lacheln schwebte um den blassen Mund. Er versuchte es vergeblich die Hand zu mir zu erheben, ein dumpfes Rocheln tonte aus der schwer athmenden Brust, ein leichtes Zucken uberflog das Gesicht, und das Dasein des Unglucklichen war geendigt. Als er gestorben war, liess ich den Leichnam aufheben, um ihn zu beerdigen, wobei der Priester, so weit es sich auf der Stelle thun liess, alle frommen Gebrauche beobachtete. Nachdem auch diese Pflicht erfullt war, fragte ich den Geistlichen, ob ihm Lamberti nicht die Ursache vertraut hatte, wesshalb er und seine Bruder mir nach dem Leben getrachtet hatten, zu einer Zeit, wo sie mir die innigste Freundschaft bewiesen. Der gute Vater sagte mir, dass er alle naheren Erorterungen vermieden habe, um den Sterbenden noch mit dem Troste der Kirche starken zu konnen, weil er es erkannt habe, dass das Leben des Sunders nur noch wenige Minuten wahren konnte. Ich musste mich also beruhigen und werde es nun wahrscheinlich niemals erfahren, was Menschen, die mir so oft die zartlichste Freundschaft schwuren, bestimmen konnte, so grausam und treulos gegen mich zu verfahren. Es ist gewiss, dass der Anblick eines Schlachtfeldes, wo der Tod eben so furchtbar gewuthet hat, uns das Leben des Einzelnen nicht so bedeutend erscheinen lasst, und wir wurden uns selbst als engherzig und kleinlich verachten mussen, wenn in solchen Augenblicken Beleidigungen, die wir erfahren haben, Verrath, der an uns geubt wurde, uns so wichtig erschiene, wie in friedlichen Stunden in unsern ruhigen Hausern; und so war es auch ohne Zweifel meine wahrste Empfindung, die die aufrichtigste Versohnung mit dem sterbenden Lamberti aussprach, und doch fuhle ich nun bestimmt, da ich ruhiger geworden bin und der Anblick seines Leidens mich nur noch in der Erinnerung bewegt, dass ich ihm mit dem besten Willen nicht Wort halten konnte und alles, was ich, lebte er noch, fur ihn thun mochte, wurde doch gewissermassen Heuchelei sein, denn das Zutrauen, die Liebe und Achtung gegen ihn sind auf ewig in meiner Brust vernichtet, so dass auch die wahrste Reue sie nicht wieder in mir zu wecken vermochte. Diese Betrachtungen sind niederschlagend, denn sie belehren mich, dass die edelsten Empfindungen eben so fluchtig durch unsere Brust ziehen, wie die engherzigen, selbstsuchtigen, und dass der Mensch einer grossmuthigen Erhebung uber alle seine Schwachen nur in einzelnen Augenblicken fahig ist.
Noch viele ahnliche Betrachtungen enthielten Evremonts Briefe, die von einer ernsten Stimmung seiner Seele zeugten, und die Worte der Liebe, die er sonst voll freudiger Hoffnung aussprach, klangen diess Mal wehmuthig, so dass dieses Schreiben nach der ersten Freude die Familie des Grafen in eine trube Stimmung versetzte, die in demselben Masse zunahm, als sich die Zeit ausdehnte, in der sie ohne alle Nachricht blieben. Moskau war in Napoleons Hande gefallen, ohne dass eine Sylbe von Evremont seine Freunde uber sein ferneres Schicksal beruhigt hatte. Eine drukkende Schwule lag auf allen Gemuthern, wahrend Napoleon in der alten Hauptstadt Russlands weilte. Endlich ward ein Ruckzug angetreten, den so schauderhaftes Elend begleitete, dass die Herzen derer erbebten, die die unermesslichen Leiden in der Ferne vernahmen, durch die ein so grosses Heer vernichtet wurde.
Jetzt erfuhr die Grafin, dass es noch neue Qualen fur sie gab, deren furchtbaren Schmerz sie in ihrem leidenschweren Leben nicht kennen gelernt hatte. Sie wagte nicht zu hoffen, dass der schrecklichste Tod, der so viele Tausende dahin gerafft, ein ihr so theures Haupt verschont haben wurde. Die Angst presste ihr Herz zusammen, und dennoch wagte sie nicht die Qual auszusprechen, die sie erlitt, denn es schien ihrer peinlich gereizten Phantasie, sie konne den Sohn dadurch todten, wenn sie nur die Moglichkeit seines Todes aussprache. Zuweilen zeigten ihn ihr fieberhafte Traume lebend, und ihre Seele bebte schaudernd vor dem Anblick zuruck, den ihr solche Traume boten. Das bleiche, starre Antlitz des geliebten Sohnes blickte dann mit Todesschmerz auf die verzweifelnde Mutter, und die von dem Elend verwustete Gestalt erschien ihr in einer schmahlichen Erniedrigung, die dem Zustande des jungen Wertheim und seines Freundes glich, wie ihn der Graf beschrieben hatte, als sie dem Tode nahe von dem Grafen auf seinen heimischen Bergen gefunden wurden. Auch der Graf versank in dustre Schwermuth. Alle Versuche, Nachrichten uber Evremont einzuziehen, waren vergeblich gewesen, und die Furcht, dass das bluhende Leben des geliebten Sohnes unter dem rauhen Himmel Russlands erloschen sei, wurde beinah Gewissheit in seiner Seele. Aber auch er schwieg uber seinen Gram, er wollte nicht den letzten Funken der Hoffnung in dem Herzen seiner Gattin todten. Doch oftmals verschleierten Thranen sein Auge, die er nicht unterdrucken konnte, wenn er den kleinen Adalbert, Evremonts Sohn, auf seinen Knieen hielt, und aus dem kleinen Gesicht das dunkle Auge des Vaters ihn sinnig anblickte, und rosenrothe Lippen in Evremonts herzgewinnendem Lacheln die milchweissen Zahnchen entblossten.
So tief bekummert Emilie auch war, so genoss sie dennoch das schone Vorrecht der Jugend, lebendig zu hoffen in jedem Drangsal des Lebens. Oft zwar benetzte sie mit heissstromenden Thranen das liebliche Kind, das dann mit ihr zu weinen begann, ohne ihren Kummer begreifen zu konnen; aber ofter noch sprach sie dem Kleinen vor, wie schon Alles umher sein wurde, wenn der Vater erst zuruck kame, und der Kleine lallte lachelnd, an ihren Busen gelehnt, den Namen Vater und erfullte das Herz der Mutter mit wehmuthigem Entzucken.
Die schwesterliche Freundin der Grafin, die zartliche Adele, war mit ihr vereinigt geblieben, und sie war die einzige, die standhaft an Evremonts Erhaltung glaubte und durch die Zuversicht, mit der sie seine Ruckkunft erwartete, oft dazu beitrug, den Muth der Andern wieder zu beleben, wenn er ganz ersterben wollte.
So war ein truber Winter vergangen, und die Wendung, die die offentlichen Angelegenheiten genommen hatten, lenkte wenigstens zuweilen die Gedanken des Grafen von seinem personlichen Kummer ab. Preussens Konig rief die waffenfahige Jugend auf, sich um ihn zu versammeln, und wie ein elektrischer Schlag traf dasselbe Gefuhl alle Herzen. Nun sollte wirkend in's Leben treten, was lange vorbereitet war und der Graf erfuhr, dass auch sein Vetter, der Graf Robert, die bewaffneten und wohlgeubten jungen Landleute seinem Konige zugefuhrt habe, und dass ihn seine Freunde, Wertheim und Lehndorf, auf diesem ruhmlichen Zuge begleiteten.
So eifrig die Deutschen sich gegen Napoleon zu vereinigen strebten, eben so grosse Thatigkeit entwikkelte aber auch er, und mit dem neuen Fruhlinge stromte ein neues franzosisches Heer uber den Rhein, und harte Kampfe entflammten stets von Neuem den Muth der Krieger, und mit angstvoller Spannung erwarteten die Volker die Entscheidung ihres Geschicks.
X
Endlich war der entscheidende Schlag gefallen. Die grosse, blutige, folgenreiche Schlacht bei Leipzig war geschlagen. Die Franzosen mussten der von Vaterlandsliebe erregten Begeisterung weichen und wurden uber den Rhein zuruckgedrangt. Doch ehe sie diesen Strom erreichen konnten, musste Napoleon noch ein blutiges Gefecht bestehen, wo Tapferkeit mit Tapferkeit sich mass, und endlich sahen die deutschen Volker ihren Boden von fremden Bedruckern befreit, und im Taumel der Siegesfreude vergassen sie willig die schweren Opfer, die sie fur diese Befreiung dargebracht hatten.
Seit dem letzten Kampfe bei Hanau fielen noch taglich kleine Gefechte vor mit versprengten franzosischen Truppen, die noch nicht uber den Rhein zuruck gekonnt hatten, und viele dieser kleinen Corps wurden von den Deutschen weit seitwarts gedrangt, und mussten oft mit einer uberlegenen Macht kampfen und zuweilen fast untergehen, ehe sie einen Punkt fanden, wo sie durch erkaufte Schiffer oder andere Mittel uber den Rhein nach Frankreich zuruck gelangen konnten. Auch in der Nahe des Landsitzes, wo der Graf Hohenthal mit seiner Familie lebte, hallten oft die Berge den Donner des Geschutzes zuruck, und als dieser endlich schwieg, horte man doch noch taglich kleines Gewehrfeuer, oft ganz in der Nahe des friedlichen Wohnsitzes. Unter solchen Umstanden fand es der Greis Dubois angemessen, alle Pforten und Thore wohl verschlossen zu halten, und es war sein strenger Befehl, Niemandem, der klopfen mochte, zu offnen, ohne ihn vorher zu rufen, damit er erst vernehmen konne, ob Freund oder Feind Einlass begehre. In den ersten Tagen des Novembers war die Familie des Grafen wieder geangstigt worden, weil man gegen Abend ganz in der Nahe hatte schiessen horen, und Dubois hatte an diesem Tage seine Vorsicht verdoppelt. Die Dammerung des Abends wich beinah der Dunkelheit der Nacht; ein leichter Nebel schwebte uber dem Rhein und deckte die Haupter der gegenuber liegenden Berge. Die Familie des Grafen war in einem Saale versammelt, dessen bis auf den Boden reichende Fenster nach dem Garten zu gingen. Die milde Luft lockte zuweilen ein Mitglied derselben hinaus auf eine kleine Terrasse, die langs den Fenstern hinlief, und wenn die Thure zu diesem Zweck geoffnet wurde, stromte der Duft von Reseda und spat bluhenden Blumen in den Saal, wo ein schwaches Kaminfeuer brannte. Der Antheil, den Alle an der Befreiung Deutschlands nahmen, erfullte doch, wie lebhaft er auch sein mochte, nicht so ganz ihr Herz, dass nicht auch die Trauer uber den abwesenden Sohn und Gatten, uber dessen Schicksal ein dusteres Schweigen ruhte, Raum darin behalten hatte, und so wechselten Gesprache uber die nachsten Hoffnungen des Vaterlandes und uber Evremont mit einander abwechselnd ab, und obgleich nichts vorgefallen war, was die Sorge uber sein Geschick hatte lindern konnen, so schlich doch die Hoffnung leise in jedes Herz; denn es ist ein im Gefuhl ruhender Glaube, dass eine gluckliche Begebenheit ein Unterpfand sei, durch das uns das Schicksal verburge, dass sich nun Alles zu unserm Heile gestalten werde.
Diese friedlichen Gesprache wurden plotzlich durch ein lautes Klopfen an die aussere Pforte unterbrochen. Der Einlass Begehrende schien ungeduldig, denn er wiederholte nach kurzen Zwischenraumen lauter und heftiger die Schlage mit dem metallenen Klopfer an das Thor, so dass der Schall weit durch die Nacht tonte.
Dubois, in dem diese Zeichen der Ungeduld Besorgniss erregten, naherte sich in Begleitung des Gartners und eines starken, breitschultrigen Bedienten dem Thore, und gab dem Gartner den Auftrag zu fragen, Wer draussen sei und Einlass begehre, und er hoffte, dass dessen tiefe Bassstimme dem etwaigen Feinde Achtung einflossen wurde, indem er daraus schliessen werde, dass wehrhafte Manner vorhanden waren, die das Haus gegen eine geringe Anzahl zu vertheidigen im Stande waren. Um Gottes Willen macht doch auf, rief eine etwas kreischende Stimme in Thuringer Mundart von draussen, und gebt christlichen Menschen eine vernunftige Antwort. Ueberrascht horchte Dubois auf diese Tone; doch wollte er seinem Ohre nicht trauen und befahl dem Gartner leise, noch ein Mal zu fragen, wie viel Personen Einlass begehrten. Fur jetzt bin ich allein, lautete die ungeduldige Antwort, und ich begehre nichts von Euch, als dass Ihr mir aus Menschenliebe gegen gute Bezahlung einen Boten verschafft, der mich und meine Begleiter, die wenige Schritte von mir sind, nach dem Wohnorte des Grafen Hohenthal fuhrt.
Alle Zweifel waren bei dem wurdigen Haushofmeister verschwunden. Mit freudiger Eile wollte er selbst den schweren eisernen Riegel zuruckschieben, doch seine schwachen zitternden Hande verursachten nur eine unnutze Verzogerung, da drangte der starke Bediente ihn hinweg und schob mit unbedeutender Anstrengung das Eisen zuruck, worauf sich das Thor offnete und der Aussenstehende das silberweisse Haupt des Greises erblickte. Dubois, werther alter Freund, rief er in freudiger Ueberraschung, indem er den Haushofmeister mit solcher Gewalt in seine Arme schloss, dass der entkraftete Alte nur muhsam die Worte an seiner Brust keuchte: Bester Herr Doktor, gewiss ich bin entzuckt, aber Sie werden mich erstikken. Erschrocken liess der Arzt, denn es war Niemand anders als der wurdige Doktor Lindbrecht, den Greis plotzlich aus seinen Armen los, der in Folge dieser unerwarteten Befreiung beinah zu Boden getaumelt ware, und streckte ihm die Hand entgegen. Dubois senkte seine schmale Hand in die kraftige des Arztes und empfand einen Druck der Freundschaft, der ihm Thranen des Schmerzes aus den Augen presste. Doch uberwund der hofliche Franzose diess neue Ungemach und erwiederte das Zeichen der Liebe so stark er es vermochte.
Ist diess der Wohnsitz des Grafen? fragte endlich der Arzt, nachdem er sich von seiner freudigen Ueberraschung erholt hatte. Gewiss, erwiederte Dubois, und den Herrn Grafen wird Ihre unvermuthete Ankunft hochlich erfreuen. Ich komme nicht allein, versetzte der Arzt mit listigem Lacheln; ich komme mit Freunden und auch mit Feinden, und sehen Sie, alter Freund, da sind sie schon. Ich war nur voran geeilt, weil ich hier Licht erblickte, wollte die nothigen Erkundigungen einziehen und fand mich unvermuthet im Hafen. Mit einem kraftigen Schlage auf die Schulter verliess er den Alten und eilte den Ankommenden entgegen. Obgleich Dubois den Sinn der Rede des Arztes nicht verstanden hatte, so war er doch uberzeugt, dass keine Gefahr zu besorgen sei, und erwartete also im offenen Thore neugierig die Ankommenden, denen der Arzt schon von fern entgegen rief: Nur hieher, hier ist das Land der Verheissung, hier ist der Wohnort des Grafen. Eine dunkle Masse naherte sich und Dubois vernahm deutlich das Klirren der Schwerter, und seine Besorgnisse erwachten von Neuem. Endlich konnte man die Ankommenden unterscheiden. Ein junger Mann schwang sich vom Pferde und Dubois, der von einer freudigen Ueberraschung zur andern uberging, fand sich in den Armen Gustav Thorfelds, den er in dem jungen Krieger erkennen musste. Auch der Graf Robert druckte die Hand des vor Freude weinenden Alten, der endlich, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, Alle einzutreten bat und dem Grafen die Freude zu gewahren, einen theuern Verwandten zu umarmen und werthe Freunde zu begrussen.
Noch einen Augenblick gewartet, rief der Arzt, dort kommt unser Gefangener. Haben Sie einen franzosischen Gefangenen in Ihrem Gefolge, fragte Dubois mit Theilnahme. Freilich, freilich, sagte der Arzt, wir kommen nicht mit leeren Handen, und, fuhr er fort, indem er die kleinen Augen halb zudruckte und den Greis listig lachelnd anblinzelte, strengen Sie einmal Ihren Scharfsinn an, und errathen Sie, Wen wir bringen. Dubois dachte fluchtig an Evremont, aber uberzeugte sich sogleich, dass diess unmoglich sei, und sagte daher seufzend: Wie kann ich wissen, wer von den Franzosen in Ihre Hande gerathen ist. Wer anders, antwortete der Arzt, als der General, der sich damals auf Schloss Hohenthal so viele ungebuhrlichen Freiheiten herausnahm, bis es sich ergab, dass er ein alter Freund des Grafen war. Wie, der General Clairmont? rief Dubois erstaunt. Derselbe, sagte der Arzt, und hier ist der junge Held, der ihn gefangen genommen hat und dem er sein Leben verdankt. Durch einen Schlag auf Thorfelds Schulter bezeichnete er diesen als den Gegenstand seines Lobes.
Wahrend dieses kurzen Gesprachs hatte sich ein Wagen unter der Bedeckung von einigen Kriegern genahert, der in den Hof fuhr. Muhsam stieg der General Clairmont ab, wobei ihn der Graf Robert und Thorfeld unterstutzten. In Folge eines starken Blutverlustes war er sehr bleich und ermattet; den Arm trug er in der Binde. Er erkannte Dubois sogleich und bat ihn, ihm ein ruhiges Zimmer anzuweisen, wo er sich erholen konne, und den Grafen zu bitten, ihn erst morgen sprechen zu wollen, weil er sich heute zu entkraftet fuhle. Dubois eilte mit gewohnter Gutherzigkeit diese Wunsche zu erfullen, und der Graf Robert sendete die militairische Bedeckung nach dem Dorfe zuruck, wo seinen ubrigen Truppen die Nachtquartiere angewiesen waren, und Alle setzten sich in Bewegung, um den Grafen freudig zu begrussen.
Das verworrene Getose im Hofe, das sich nun auch im Hause verbreitete, begann die Familie des Grafen zu beunruhigen. Der Graf hatte einige Male die Klingel gezogen, um von den Bedienten Auskunft zu erhalten. Da aber die Neugierde alle um die Ankommenden versammelt hatte, so erschien Niemand auf den Ruf der Glocke, und als nun auch im Vorzimmer ein lautes Gerausch von Eintretenden und klirrenden Sporen entstand, eilte der Graf mit einiger Besturzung auf die Thure zu, indem sie sich eben offnete und der Graf Robert mit inniger Freude seinen Oheim zu umarmen eilte. Kaum von seiner angenehmen Ueberraschung etwas zu sich selbst gekommen, bemerkte der Graf den jungen Thorfeld, der bescheiden seitwarts stand. Er wollte ihn eben freundlich begrussen, als er daran durch den Arzt verhindert wurde, der sich vordrangte und in doppelter Hinsicht das Erstaunen des Grafen erregte. Er hatte es nicht erwartet, dass sich der Doktor Lindbrecht von seiner Braut trennen und an dem Kriege gegen Frankreich Theil nehmen wurde; desshalb setzte es ihn in Erstaunen, ihn in der Gesellschaft seines Vetters zu erblicken, aber mehr noch, als sein Erscheinen selbst, erregte die Art, wie er auftrat, die allgemeine Verwunderung. Der Krieg, die Gefahren der Schlachten hatten einen ganz neuen Menschen aus dem Arzte gemacht. Er hatte es angemessen gefunden, den feinen Weltton, in dessen Besitze er zu sein vermeinte, mit den freieren Sitten des Soldaten zu verbinden, wie er sich uberhaupt ein kriegerisches Ansehen zu geben gesucht hatte. Ein ansehnliches Schwert hatte er um seine Huften gegurtet, einen Stutzbart hatte er sich wachsen lassen; sein von der Luft gebrauntes Gesicht trug er mit einer ihm sonst fremden Dreistigkeit emporgerichtet, und diess alles machte einen so uberraschend komischen Eindruck, dass selbst der Graf, wie ernst er auch in der letzten Zeit immer gestimmt war, sich des Lachelns nicht erwehren konnte. Dabei erhob der Arzt seine Stimme jetzt mehr, als fruher, wodurch sie oft in ein unangenehmes Kreischen uberging; er trat fester auf als ehedem und hatte es nicht ungern, wenn Schwert und Sporen bei jeder Bewegung klirrten.
Es waren endlich viele eilige Fragen von allen Seiten beantwortet worden. Der Graf hatte erfahren, dass sein Vetter ganz in seiner Nahe ein kleines Gefecht mit einem franzosischen Haufen bestanden hatte, der ihm seitwarts in den Schluchten, die die Berge bildeten, entkommen war, dass er sich wahrend dieses Gefechtes von Thorfeld getrennt gefunden, aber bald durch schnell aufeinander folgende Schusse wieder auf seine Spur gefuhrt worden sei, und eben, als er hinzugekommen, habe sich ein hitziges Gefecht siegreich fur seinen jungen Freund geendigt, der das Leben eines franzosischen Generals dabei gerettet, den eben Wertheim in der Wuth des Kampfes habe niederhauen wollen. Der General, der in Folge starken Blutverlustes beinah ohnmachtig gewesen sei, habe sich ihm hierauf ergeben, und, schloss der Graf Robert seinen Bericht, nachdem die kunstfertige Hand unsers heldenmuthigen Arztes seine Wunden verbunden hatte, schafften wir einen Wagen und brachten unseren Gefangenen hieher unter Ihr gastliches Dach, weil wir um so mehr eine freundliche Aufnahme fur ihn hofften, da wir Ihnen in seiner Person einen alten Freund zu fuhren.
Wer ist es? fragte der Graf, von Neuem in Verwunderung gesetzt.
Wer wird es sein, rief der Arzt, sich mit der Antwort vordrangend, als der unbescheidene Mann, der mit seiner lustigen Begleiterin damals das ganze Schloss Hohenthal in Besitz nahm, der mir geradezu in's Gesicht lachte wegen meiner franzosischen Aussprache. Ei! er dachte damals nicht, dass ihm mein Anblick noch einmal so trostlich sein wurde.
Wie, Clairmont! rief der Graf. Derselbe, erwiederte sein Vetter. Da ihn der Arzt erkannte und wir die Absicht hatten, Sie, bester Oheim, auf diese Nacht zu besuchen, so brachten wir ihn hieher, wo er hoffen darf, allen Beistand zu finden, den er bedarf.
Der Graf wollte seinen Freund sogleich besuchen; da man ihm aber mittheilte, dass der General diesen Abend allein zu bleiben wunsche, um sich zu erholen, so fugte er sich in den Willen seines Freundes und uberliess es Dubois, fur dessen Bequemlichkeit zu sorgen. Doch befolgte er den Wink des Arztes und schickte nach einem geschickten Wundarzte, denn der Doktor Lindbrecht erklarte, dass er morgen mit den Truppen weiter rucken wurde und also fur den General nichts weiter thun konne, als am nachsten Morgen den Verband erneuern, denn seine Pflicht rufe ihn hinweg.
Die durch vielfache Ueberraschungen erregte unruhige Bewegung der Gemuther hatte sich gelegt. Die Freunde freuten sich ruhiger des kurzen Beisammenseins, und auch die Frauen nahmen Theil an den Gesprachen. Man erfuhr nun, dass der Graf Robert auf dem Marsche begriffen sei, um mit einer Abtheilung preussischer Truppen sich zu vereinigen, dass er hoch erfreut gewesen, als er erfahren, dass die ihm anbefohlne Richtung nah bei des Grafen Wohnsitz vorbeifuhre, dass er seine Einrichtungen so getroffen, dass er einige Stunden fruher hatte eintreffen konnen, wenn das Gefecht nicht einen Aufenthalt verursacht hatte.
Die Gesellschaft sass endlich ruhig um den Kamin und Thorfeld hatte sich des schonen Kindes bemachtigt, dessen Aehnlichkeit mit Evremont, den er aufrichtig liebte, ihn innig bewegte; doch hielt ihn seine Bescheidenheit zuruck, nach dem Freunde zu fragen, der ihm auf Schloss Hohenthal so viel Wohlwollen bewiesen hatte. Aus seinen Armen nahm der Graf Robert den kleinen Adalbert, und indem er ihn herzlich kusste, pries er laut seine auffallende Schonheit, woruber die Mutter aus innerer Freude sanft errothete. Der Kleine hatte nicht die gewohnliche Blodigkeit der Kinder; er wuchs unter Erwachsenen auf und war es gewohnt, fremde Gesichter zu sehen. Als aber auch der Arzt ihn an sich riss und ihn mit halb geschlossenen Augen anblinzte, dann einen heftigen Kuss auf seine Wange druckte, wobei der scharfe Bart ihn unsanft beruhrte, da verzog sich der liebliche Mund des Knaben zum Weinen und er streckte die kleinen Arme Hulfe suchend nach der Mutter aus.
Der Graf konnte seine wehmuthigen Gefuhle nicht beherrschen; er dachte mit Schmerzen an Evremont, als er dessen Sohn von allen Freunden geliebkoset sah. Er war aufgestanden und trat auf die Terrasse hinaus, um sich unbemerkt seinem Kummer zu uberlassen. Sein Vetter folgte ihm und fragte in leisem, angstlichem Tone: Haben Sie Nachrichten von Adolph, bester Onkel? Seit der Schlacht von Borodino keine, antwortete der Graf, indem er die Hand des Verwandten heftig druckte. Ich furchte, setzte er mit beinah versagender Stimme hinzu, ich furchte, wir werden nie mehr Rachrichten von ihm horen. Um Gottes Willen, hegen Sie nicht solche Gedanken, rief sein Vetter im wahrsten Mitgefuhl; der Himmel erhalt ihn Ihnen gewiss. Es ware zu hart, wenn Sie, theurer Onkel, der Sie so viel Gluck und Segen um sich verbreiten, so schmerzlich verwundet werden sollten. Lass uns davon schweigen, sagte der Graf sich ermannend, ich zeige seiner Mutter und Gattin nie meinen Schmerz; ich spreche zu ihnen immer nur von Hoffnungen, die ich oft selbst nicht mehr den Muth habe zu hegen. Aber Du kannst es der Mutter ansehen, ihr Leben hangt an diesem zarten Faden; die Gewissheit, dass der Sohn dahin ist, fuhrt auch ihren Tod herbei.
Es ist wahr, sagte der Graf Robert, ich finde die Tante sehr verandert. Wir haben vielen Kummer in dieser Zeit erduldet, antwortete der Graf seufzend, indem er mit dem Vetter in den Saal zuruck trat, wo er den Arzt mit auffallend lauter Stimme sprechen horte.
Die Grafin hatte sich wahrend der Abwesenheit beider Grafen nach der Familie des Predigers erkundigt, und zur Verwunderung der Frauen hatte diese Frage den Arzt in so heftigen Zorn versetzt, dass die kleinen Augen funkelten und die gebraunten Wangen sich dunkel rotheten. Ich werde nie mehr ohne Zorn an meinen ehemaligen Freund denken, hatte er eben heftig geantwortet, und als er den Grafen wieder eintreten sah, wendete er sich sogleich an diesen und rief: Denken Sie, Herr Graf, welch ein schones Beispiel von Vaterlandsliebe unser Herr Prediger gegeben hat! Ich machte ihm den sehr vernunftigen Plan, er solle uns als Feldprediger in diesen heiligen Kampf begleiten. So lange er die Sache fur Scherz hielt, ging er darauf ein, und da er mit verstellter Ernsthaftigkeit daruber sprach, so glaubte ich seinen trugerischen Worten. Denken Sie sich mein zurnendes Erstaunen; als es nun zum Aufbruch kam, und ich ihm dieses bekannt machte und ihn aufforderte, sich uns anzuschliessen, da antwortete mir der Schalk, indem er die dunnen Lippen zu einem spottischen Lacheln verzog: Sind Sie denn so thoricht gewesen im Ernst zu glauben, dass ich meine Gemeinde verlassen werde? Ich war ganz erstarrt uber diese Falschheit, nahm mich aber zusammen und sagte: Auch ich habe hier gleichsam eine Gemeinde, an die meine Pflicht mich bindet. Es kann sein, dass wahrend meiner Abwesenheit Mancher meine Hulfe entbehren und darunter leiden wird, diess ist ein moglicher Fall: aber mich ruft die Pflicht dahin, wo ich, wie ich gewiss kann, Hunderten, ja vielleicht Tausenden nutzlich sein werde. Eben so ist es mit Ihnen. Ein bejahrter Amtsbruder, dem man nicht mehr zumuthen darf, die Beschwerden eines Feldzuges zu theilen, der mag Ihre hiesigen Pflichten mit versehen; darum auf! rusten Sie sich, und folgen Sie wie ein Mann dem Ruf der Ehre! Sind Sie denn ganz besessen von Ihrer Thorheit? antwortete er mit beissiger Grobheit auf meine wohlgemeinte Rede. Konnte ich es vor meiner zahlreichen Familie verantworten, wenn ich sie wie ein Unsinniger verlassen wollte? Da der Arzt im Laufe seiner Erzahlung immer heftiger wurde, so suchte der junge Thorfeld ihn zu unterbrechen, der sichtlich bei der Anklage des Predigers litt, und sagte: Aber zu berucksichtigen ist es doch gewiss, wenn ein Vater fur eine zahlreiche Familie zu sorgen hat.
Weil Sie in die Tochter verliebt sind, antwortete der Arzt ohne schonende Rucksicht, so wollen Sie Ihre falsche Ansicht zur allgemeinen erheben. Der junge Mann schwieg errothend, und der Arzt fuhr triumphirend fort: Was hat das Vaterland mit seiner grossen Anzahl Kinder zu schaffen, und hatten sie nicht alle nutzlich beschaftigt werden konnen? Die erwachsenen Sohne hatten mit in's Feld rucken mussen und die jungeren hatten mit den Tochtern Charpie bereiten konnen, wie ich diese heilsame Einrichtung mit meiner Braut und kunftigen Schwiegermutter getroffen habe. Die Stimme des Arztes wurde sanfter, als er dieser Personen gedachte, und er fuhr zwar mit Selbstgefuhl, aber mit einer Art von Wehmuth fort: und habe ich denn nicht grossere Opfer gebracht, als ich ihm zumuthete? Ich habe eine schone Braut verlassen, die in Schmerz bei unserer Trennung vergehen wollte, aber doch mit Stolz auf mich blickte, dass ich im Stande war, das Vaterland selbst meiner Liebe vorzuziehen. Meine Verwandte und kunftige Schwiegermutter weinte, dass sie im Schluchzen die Sprache verlor, und winkte mir noch tausend Grusse vom Balkon unseres Hauses herab, so lange wir uns sehen konnten. Alle meine Studien mussen unterbleiben, ausgenommen die praktischen, die ich taglich an Verwundeten mache, die mir unter die Hande kommen, und vergeblich ist meine Bibliothek in schonster Ordnung aufgestellt. Mein botanischer Garten wird in meiner Abwesenheit zu Grunde gehen. Den Jammer kann ich mir schon denken, denn die gute Frau, meine Base, versteht nichts davon, und der Schlossgartner wird nachlassig werden, wenn er sich selbst uberlassen bleibt. Und was ware vergangen oder verloren, wenn der Prediger mit uns gezogen ware, wie es seine Pflicht war? Wurde er nicht Alles wieder gefunden haben, wie er es verliess? Und ist es nicht unendlich schwerer, sich von einer Braut als von einer Frau zu trennen?
Das kommt auf die Ansicht an, sagte der Graf besanftigend. Und wenn Sie auch darin Recht haben, dass es im Allgemeinen nur ein Vorwand der Selbstsucht ist, die keine Opfer bringen will, wenn die Pflichten fur die Familie vorgeschoben und als ablehnende Antworten die Redensarten gebraucht werden: ich bin meiner Familie diese Rucksicht schuldig, oder, ich kann diess vor meiner Familie nicht verantworten, so mussen Sie doch auch bedenken, dass nicht Jedermann mit solchem Heldenmuth geboren wird, dass es ihm, wie Ihnen, moglich ist, der Pflicht jedes Opfer zu bringen.
Der Arzt wurde durch die Anerkennung seines Verdienstes besanftigt, und die wenigen Worte des Grafen, die ihm schmeichelhaft waren, machten ihn mehr zur Versohnung mit dem Prediger geneigt, als alle Versuche Thorfelds, der den Geistlichen zu vertheidigen und so die Vereinigung der alten Freunde zu bewirken suchte; und als der Graf im Laufe des Gesprachs noch die Bemerkung machte, dass eine Gemeinde, die von ihrem Prediger verlassen sei, Gefahr laufe, moralisch zu verwildern, so gab der Arzt zu, dass sein Freund andere Pflichten zu erfullen habe als er, und die Versohnung ward in seinem Gemuthe beschlossen. Unter andern kleinen Begebenheiten, die der Arzt bei der nun ruhiger fortgesetzten Unterhaltung erwahnte, theilte er auch die Nachricht mit, dass der alte Lorenz wenige Tage vor seiner Abreise vollig kindisch gestorben sei, und fragte, ob der Pfarrer nicht die schuldige Anzeige gemacht habe. Der Graf erwiederte, dass er seit der ersten Bewegung der Truppen gar keine Briefe erhalten habe, und man ging leicht uber das Ende eines Menschen hinweg, der durch sein Leben weder Achtung noch Theilnahme verdient hatte.
Adele fragte den Arzt, warum er sich so kriegerisch gerustet habe, da doch sein Beruf selbst auf dem Schlachtfelde nur friedlich und heilbringend sei. Meine Absicht ist, erwiederte der Angeredete, Wunden zu heilen und, wenn ich es vermeiden kann, keine zu schlagen, aber, setzte er hinzu, indem er stolz um sich blickte und den Griff seines Schwertes fasste, es ziemt sich in Zeiten der Gefahr, dass der Mann gewaffnet ist, und muss es sein, so werde ich mein Leben theuer verkaufen.
So sehr es dem Arzte mit diesen Gefuhlen Ernst war, so hatte doch sein ganzes Thun etwas so Komisches, dass, als er nach seiner Meinung wie ein Held in der Mitte seiner Freunde stand, Niemand eines leichten Lachelns sich erwehren konnte.
Die vorgeruckten Stunden der Nacht erinnerten endlich Alle an die Nothwendigkeit einen kurzen Schlummer zu suchen, denn mit dem fruhesten Morgen musste der Graf Robert mit seinen Begleitern aufbrechen, um zur gehorigen Zeit an dem ihm bestimmten Vereinigungspunkte einzutreffen, und man trennte sich mit erneuerten Gefuhlen der Freundschaft und des Wohlwollens.
Am andern Morgen war der Arzt der erste, der sich vom Lager erhob, und nachdem er den fremden Wundarzt geweckt hatte, der in der Nacht angekommen war, fuhrte er ihn zum General Clairmont und liess ihn in seiner Gegenwart den Verband um dessen verwundeten Arm erneuern, um sich von seiner Geschicklichkeit zu uberzeugen. Als das Geschaft zu seiner Zufriedenheit beendigt war, fragte der General finster: Werden Sie mit Ihren Freunden heute noch weiter rucken? In einer halben Stunde, antwortete der Arzt. So empfehlen Sie mich dem jungen Grafen und seinem Freunde, und entschuldigen Sie es, so gut Sie vermogen, dass ich sie nicht vor ihrer Abreise zu sehen wunsche. Es ist nicht Mangel an Achtung, fuhr der General fort, als er die Verwunderung des Arztes bemerkte, es ist meine finstere Stimmung, die mich eine vollige Einsamkeit wunschen lasst, desshalb entschuldigen Sie mich, ohne Jemanden zu beleidigen.
Der Arzt versprach seinen Auftrag auf die beste Art auszurichten, und der General fuhr fort: Da ich grossmuthigen Feinden in die Hande gefallen bin, so besitze ich die Mittel Ihnen ein Andenken anzubieten. Er reichte dem Arzte einen werthvollen Ring, und auf dessen ablehnende Gebehrden setzte er hinzu: Beleidigen Sie mich nicht, indem Sie diese Kleinigkeit ausschlagen; ich will Sie nicht damit belohnen. Es soll Sie dieser Ring nur erinnern, wenn Ihnen andere Franzosen in die Hande fallen, dass ich Sie bitte, diese eben so menschlich als mich zu behandeln. Der General hatte die letzten Worte mit bewegter Stimme und abgewendetem Gesicht gesprochen, und der Arzt nahm den Ring mit dem grossmuthigen Gefuhl, einen besiegten Feind nicht kranken zu wollen. Er erhob seine Stimme, um dem General zu versichern, dass jeder Hulfsbedurftige aufhore sein Feind zu sein. Doch eine unmuthige Gebehrde des franzosischen Kriegers verschloss ihm die Lippen, und er entfernte sich, als dieser kurz und trocken sagte: Und nun leben Sie wohl, Herr Doktor, und uberlassen Sie mich der Ruhe, die ich vielleicht noch durch einige Stunden Schlaf finde.
Auf dem Gange vor den Zimmern des Generals konnte sich der Arzt nicht enthalten, die blinkenden Steine des Ringes zu betrachten und zu berechnen, wie er sie zum Schmuck fur seine Braut verwenden wolle, als er in diesen angenehmen Gedanken durch Dubois gestort wurde, der ihn hier erwartet hatte, um ihm dieselbe Bitte fur die verwundeten Franzosen an's Herz zu legen, die der General mit einem so ansehnlichen Geschenk begleitet hatte. Aber, lieber alter Freund, rief der Arzt halb beleidigt, was qualen Sie sich und mich mit so unnutzen Sorgen? Ich habe Ihnen ja den Beweis, wie ich handle, recht eigentlich in die Hand gegeben; ich habe Ihnen ja einen verwundeten Franzosen selbst in's Haus gebracht, nachdem ich auf's Beste fur ihn gesorgt hatte. Sie haben sich also selbst davon uberzeugen konnen, wie grossmuthig ich unsere heillosen Feinde behandle. Dafur wird Gott Sie segnen, sagte Dubois mit bewegter Stimme, denn wenn der Krieg auch ein nothwendiges Uebel ist, so ist die Grausamkeit doch gewiss nie zu entschuldigen. Der Arzt reichte dem Greise zum Abschiede die Hand und druckte dabei dessen Hand so heftig, dass er den Schmerz wieder von Neuem aufregte, der sich bei dem alten Manne seit der nachdrucklichen Begrussung des vorigen Abends noch nicht aus diesem Gliede verloren hatte.
Als sich der Arzt von Dubois getrennt hatte, suchte diesen der junge Thorfeld auf, um in der Stille von seinem vaterlichen Freunde Abschied zu nehmen. Der alte Mann hatte den jungen Krieger nicht mehr Du nennen wollen und ihn mit Sie angeredet; doch Gustav Thorfeld forderte alle Rechte der Liebe zuruck, und man sah, dass es dem Greise erfreulich war, sich wie ein Vater geehrt zu fuhlen und das Verhaltniss fruherer Vertraulichkeit zu erneuern. Ich kann es nicht tadeln, sagte er beim Abschiede dem jungen Mann, dass Du Dein Vaterland zu vertheidigen strebst; aber bedenke, dass Frankreich das meinige ist, wenn Du seinen Boden betreten solltest, und sorge dafur, dass Deine Krieger menschlich verfahren. Thorfeld versprach diess um so bereitwilliger, da sein eigenes Gefuhl ihn aufforderte, Schonung zu uben, wo es sich irgend mit seiner Pflicht vereinigen liesse.
Der Graf Robert hatte von den Frauen Abschied genommen, die noch kaum Zeit gefunden hatten, alle Fragen nach seiner Gattin und seinen Kindern an ihn zu richten, die ihnen am Herzen lagen. Er umarmte noch ein Mal seinen Oheim, der ihn in den Hof begleitete, wo die Pferde hielten, reichte dem alten Dubois freundschaftlich die Hand und schwang sich in den Sattel. Ihm folgte Thorfeld, der mit derselben Leichtigkeit zu Pferde sass, indess der Arzt etwas mehr Muhe verwenden musste, um sein Thier zu besteigen, wobei ihm besonders das grosse Schwert hinderlich war. Die begleitenden Diener folgten, und bald hatte der Graf Alle aus den Augen verloren, und der kurze Aufenthalt der Freunde dunkte den Bewohnern des Hauses wie ein Traum, als dieselbe Stille nun wieder in den Salen und Zimmern herrschte, die auf kurze Zeit so erfreulich war unterbrochen worden.
XI
Es waren einige Stunden seit der Abreise der kriegerischen Freunde verflossen, als sich der Graf nach dem Zimmer des Generals begab und, indem er freundlich an dessen Lager trat, ihn lachelnd fragte: Willst Du mich noch langer von Deinem Angesicht verbannen? Die Frage kann nicht Dein Ernst sein, antwortete der General, indem er sich auf seinem Lager empor richtete und dem Grafen die Hand des gesunden Armes bot. Er zwang sich zum Lacheln, indem er hinzusetzte: Sehr verschieden von dem ersten Male siehst Du mich jetzt zum zweiten Mal unter Deinem Dache. Dass diess moglich sein konnte, wurde ich noch vor Kurzem nicht geglaubt haben.
Der Graf hatte wahrend dieser Rede seinen Freund genauer betrachtet, und er erstaunte uber die grosse Veranderung, die er bemerken musste. Auffallend alt war der General in den wenigen Jahren geworden, und die Heiterkeit, die sonst unzerstorbar in seinen Augen glanzte und um seine Lippen spielte, war durch eine finstere Schwermuth verdrangt worden, die dem Gesichte einen fur den Grafen fremden Ausdruck gab. Auf die mit einiger Bitterkeit ausgesprochene Bemerkung des Generals erwiederte der Graf, um dessen trube Stimmung zu mildern, dass der Krieg so manchen Wechsel des Geschicks herbei fuhre, dass man sich eigentlich uber keinen wundern durfe. Der General schwieg unmuthig und fragte endlich: Sind Deine siegenden Freunde weiter gezogen?
Sie sind alle abgereist, antwortete der Graf. Aber vergib, fuhr er fort, ich kann es nicht mit dem ritterlichen Charakter eines franzosischen Kriegers vereinigen, dass Du so finster grollend einen glucklichen, tapferen Feind betrachtest. Du hast weder meinen Vetter noch seinen Freund sehen wollen, die doch, wie Du zugeben musst, nur ihre Pflicht erfullten, indem sie Dich bekampften, und ich gestehe Dir, dass es mich befremdet, zu sehen, dass Du Feindschaft bewahrst, wenn der Kampf geendigt ist, denn das ist gegen alle mir bekannte franzosische Sitte.
Du beurtheilst mich ganz falsch, sagte der General; ich musste eine lange Geschichte erzahlen, um Dich daruber aufzuklaren. Es ist das Tragische des Krieges, dass gerade die bravsten Leute sich gegenseitig erschlagen, denn die Feigen suchen sich in Sicherheit zu bringen. Man gewohnt sich an solche Erschutterungen wie an jede andere und achtet den braven Feind, der unsere braven Kameraden vernichtet; aber zuweilen ist ein solcher Fall mit so schmerzlichen Nebenumstanden verbunden, dass man doch, wenn es moglich ist, den Anblick des Gegners meidet, wo man nur friedlich mit ihm zusammen treffen darf und ihm noch obendrein verpflichtet ist.
Es trat ein neues Schweigen ein. Der Graf hielt die Hand seines Freundes und betrachtete ihn stumm, denn er mochte nicht durch eine Frage, die zudringlich hatte erscheinen konnen, das Gesprach wieder erneuern. Endlich begann der General wieder die Unterredung, indem er sagte: Wenn ich Dir die letzten Ereignisse meines Lebens mittheile, wirst Du es naturlich finden, dass ich ernster gestimmt bin als fruher.
Der Graf druckte die Hand des Freundes zum Zeichen, dass er bereit sei zu horen, und dieser fuhr fort: Du weist, dass ich mich in Paris verheirathet hatte. Ich besass eine junge, schone, reiche und liebenswurdige Frau, und diess ware ein grosses Gluck gewesen, wenn uns Napoleon verstattet hatte, ein solches Gluck zu geniessen; aber bald in Spanien, bald in Deutschland und im hohen Norden kampfend lebte ich getrennt von meiner Gattin, und das kurze, fluchtige Beisammensein, das die Umstande zuweilen erlaubten, diente nur dazu, den Schmerz der Trennung zu scharfen. Indem ich mir bewusst war ein grosses Vermogen zu besitzen, musste ich Entbehrungen erdulden, die zu schauderhaft sind, um sie zu wiederholen; und nicht allein in meiner Brust entstand ein Unwillen uber Kriege, deren Zweck wir nicht einzusehen vermochten, sondern die Stimmung wurde ziemlich allgemein in der Armee, besonders, als der entsetzliche Ruckzug aus Moskau angetreten werden musste. Die furchtbarste Kalte, der schauderhafteste Mangel wuthete mehr als der Feind in unseren Schaaren, und der Einfluss dieses Elends war so machtig, dass alle Bande der Ordnung und des Gehorsams sich auflosten. In diesem Zustande war jedes Gefecht fur uns verderblich, und als endlich der Uebergang uber die Beresina moglich wurde, drangte sich Alles ohne Ordnung hinzu, Heil und Rettung am jenseitigen Ufer hoffend. Auch ich, zu Fuss, in Lumpen gehullt, auf mein Schwert wie auf einen Stab gelehnt, drangte mich der Brucke zu, um hinuber zu gelangen, und hielt mich vorsichtig in der Mitte des Menschenstroms, um nicht, wie viele Andere, seitwarts in den Fluss gedrangt zu werden und in den Wogen zu versinken. Die furchtbare Kalte, mit dem Mangel vereinigt, hatte jedes andere Gefuhl als die dumpfe Sehnsucht, sich selbst zu erhalten, in der Brust der Menschen ersterben lassen, und auch ich dachte nur an mich und sah mit wahrhaft thierischer Fuhllosigkeit Viele in den Strom sinken. Endlich traf ein kreischender Ton mein Ohr, der mir bekannt klang, wie rauh und scharf das Elend auch die Stimme gemacht haben mochte, die ihn klagend ausstiess. Ich blickte unwillkuhrlich nach der Seite hin, von woher er schallte, und meine Augen trafen auf ein Weib, die muhsam in der Menge den Durchgang zu erkampfen strebte und ein Kind hoch empor hielt, um es im Gedrange gegen Verletzung zu sichern. Die Ungluckliche konnte, umringt von Menschen, nicht bemerken, dass sie gerade nach dem Flusse hingedrangt wurde. Die Vorderen sturzten hinein und erhoben ein Klagegeschrei. Sie wendete den Kopf, um wo moglich die Ursache zu erspahen, die sie von ihrem Standpunkte aus nicht entdecken konnte, und ihre Augen trafen auf mich. An diesen dunkeln, glanzenden Augen, die als letzte Spur der Schonheit ihr geblieben waren, erkannte ich die Arme. Tausend Mal hatte ich diese Augen gekusst, tausend Mal hatten die sussen, halb schalkhaften, halb zartlichen Blicke ein warmes Gefuhl in meiner Brust erregt und mein Herz heftiger schlagen machen, und nun erblickte ich sie im hochsten Elend und in augenscheinlicher Todesangst wieder. Denn obgleich, als die Vorderen in den Fluss sturzten, sich ein Geschrei des Entsetzens erhob und die Nachsten zuruck zu drangen versuchten, so war die Masse der Folgenden, die die Gefahr nicht erkannten und immer meinten, sie drangten auf die Brucke zu, zu gross; immer mehr mussten ihrem Schicksal erliegen, und auch die Ungluckliche, die in diesem Augenblicke meine ganze Theilnahme erregte, war ihrem Verderben nah. Sie bemerkte jetzt die Gefahr und ein furchtbarer Schrei tonte zu mir heruber. Ich weiss nicht, ob sie mich in dieser Angst erkannte, aber mir schien es, als richte sie den Ruf um Hulfe an mich, und ich weiss noch nicht, wie es geschah, ich stand in demselben Augenblicke an ihrer Seite. Ich wollte sie vom Ufer des Flusses zuruckreissen und fasste in der bis zur furchterlichsten Angst gesteigerten Theilnahme ihr Kind, das sie in demselben Augenblicke losliess, indem sie vorwarts gedrangt wurde in den nassen Tod. Sie richtete noch einen letzten Blick flehender Zartlichkeit auf mich und die Wogen rissen sie hinweg.
Der General schwieg eine kurze Zeit und fuhr dann mit bewegter Stimme fort: Es schien, als ob diess das letzte Opfer sein sollte, das in den Wogen unterging. Man kam zur Besinnung; die Nachstrebenden erkannten die Gefahr, und es gelang mir mit dem Kinde mich zuruck zu kampfen und die Brucke zu erreichen. Kaum hatte sie mein Fuss beruhrt, als ein Mann sich herbeidrangte, mit allen Zeichen der Verzweiflung wild um sich blickte und in fast heulendem Tone schrie: Mein Weib! mein Kind! mein armes Weib! mein unglucklicher Sohn! Er erblickte endlich das Kind in meinen Armen, riss es an sich und rief mit erloschender Stimme: Wo, wo ist mein Weib? Ich vermochte nicht zu antworten und deutete stumm auf den Strom. Er erbleichte wie ein Sterbender; doch kehrte nach einigen Augenblicken das Blut in seine Wangen zuruck; er schlug heftig auf seine Brust und sagte mit mannlicher Stimme: Ertrage auch das, mein Herz! Er kusste hierauf das Kind und sagte: Jetzt, Eugen, musst Du mein einziger Trost sein. Es schien, als ob er, das Kind in den Armen, alle mannliche Kraft der Seele und des Korpers wieder gewonnen hatte. Er drang, mir Bahn brechend, wie ein Verzweifelnder vorwarts, und wir erreichten das jenseitige Ufer.
Ich will Dir nicht, fuhr der General nach einigem Schweigen fort, eine Beschreibung von dem Elende machen, das wir auf diesem ganzen unglucklichen Ruckzuge erdulden mussten. Der Soldat, dessen Kind ich gerettet hatte, schloss sich an mich an, und ich gestehe Dir, ohne ihn ware ich im Elende verschmachtet. Die Verhaltnisse, in denen er aufgewachsen war, hatten ihn sinnreicher als mich gemacht, Mittel aufzufinden, um unser Dasein zu fristen. Als wir uns zum ersten Male wieder geordneten Truppen anschlossen und er erfuhr, dass er einem Generale die Erhaltung seines Kindes verdankte, wurde dadurch seine Anhanglichkeit noch gesteigert, und er war mir mit wahrhafter Schwarmerei ergeben. Ich sorgte jetzt fur ihn und es ging uns einige wenige Tage besser; aber als auf diesem unglucklichen Ruckzuge alle Hoffnungen untergingen, da brach von Neuem ein Elend auf uns herein, das ich vergeblich zu beschreiben versuchen wurde, und ich muss es wie ein Wunder betrachten, dass sowohl ich, als er und das Kind den deutschen Boden erreichten. Durch ubermassige Anstrengungen gelang es dem Braven, unser Dasein zu fristen, und durch Entbehrungen aller Art bis zum Tode ermattet, trugen wir abwechselnd sein Kind, denn es war nicht mehr moglich uns ein Pferd zu verschaffen; die beklagenswerthen Geschopfe waren langst vernichtet. Als wir den deutschen Boden erreicht hatten, beschlossen wir uns einige Tage Ruhe zu gonnen, und die Bequemlichkeiten, die der elende Gasthof eines kleinen Stadtchens an der polnischen Granze bot, dunkten uns kostlich. Mein braver Soldat hatte sich auf kurze Zeit entfernt und das vor Hunger weinende Kind bei mir zuruckgelassen; jedoch er kehrte bald zuruck mit Wein und allen guten Dingen beladen, die in dem kleinen Orte zu erreichen waren. Ich betrachtete ihn mit Erstaunen; doch der Reiz einer so lang entbehrten guten Mahlzeit brachte alle anderen Empfindungen zum Schweigen und erst, nachdem wir alle gesattigt waren, fragte ich meinen Unglucksgefahrten, woher er die Mittel zu nehmen gedenke, um solchen Aufwand zu bestreiten. Listig lachelnd verriegelte er die Thur unsers schlechten Zimmers von innen, ergriff dann ein Messer und trennte die Nathe seiner in Lumpen verwandelten Kleider auf, und zu meinem Erstaunen wurden mehrere Goldstucke sichtbar. Als er sein Geschaft beendigt hatte, legte er das Geld vor mir auf den Tisch und sagte, indem eine Thrane in seinem kuhnen Auge glanzte: Auch diess verdanken wir der guten Frau, der Mutter meines Kindes. Du glaubst nicht, wie tief mich diese einfachen Worte erschutterten. Ich muss mir jetzt zwar sagen, dass die Ungluckliche auch ohne mich vielleicht ein leichtsinniges Geschopf geworden ware; aber laugnen kann ich mir nicht, dass ich sie auf die Bahn des Verderbens gefuhrt habe, und die ich mit Hohn behandelte, als ich sie das letzte Mal sprach, reichte mir nun gleichsam aus ihrem nassen Grabe die Mittel zum Leben. Die Noth des Augenblickes besiegte jedes andere Gefuhl; das Gold gewahrte uns nun Mittel um Frankreich zu erreichen, denn die schwachen Reste meiner Regimenter fruher zu treffen, durfte ich nicht hoffen, da sich alle Ordnung aufgelost hatte und Jeder fortzukommen suchte, wie er konnte. Jetzt, da wir uns wieder gekleidet hatten und bequemer reisten, erfuhr ich von meinem treuen Begleiter, dass er in Evremonts Regiment als Unteroffizier gedient habe, und dass er dessen Vorsorge die Mittel verdanke, die uns so wohl zu Statten kamen, weil er seiner Gattin diess Geld als Erbschaft von einem hartherzigen Bruder verschafft habe.
Der Graf hatte mit hochster Spannung die Erzahlung seines Freundes gehort. Schon lange war es ihm gewiss, dass der Begleiter des Generals derselbe Unteroffizier sei, dessen Evremont in seinen Berichten aus Spanien gedachte. Jetzt aber, da sein Freund den Namen des betrauerten Sohnes aussprach, hielt er sich nicht mehr zuruck und unterbrach die Erzahlung mit dem heftigen Ausrufe: Um Gottes Willen, sage mir, was wusste Dein Begleiter von meinem Sohne? Wenig, erwiederte der General; sein ganzes Regiment war kurz vor dem Uebergange uber die Beresina aus einander gesprengt worden, und der brave Soldat hatte seinen tapferen Obristen seitdem ganzlich aus den Augen verloren. Doch war er, so lange er etwas von ihm wusste, unerwartet glucklich ohne Wunden geblieben, trotz der Kuhnheit, mit welcher er sich allen Gefahren aussetzte, und, was noch mehr sagen will, ohne erfrorne Glieder, und er ist wahrscheinlich in russische Gefangenschaft gerathen. Es lag ein Trost fur den Grafen in diesen durftigen Nachrichten und er hinderte den Fortgang der Erzahlung nicht, die sein Freund wieder begann. Wir erreichten endlich Paris, sagte er mit einem tiefen Seufzer, und hier erwartete mich neuer Jammer. Ich betrat mein Haus und fand es verodet. Meine Gattin, die ich in der Hoffnung zuruckgelassen hatte, mir zum zweiten Mal Vaterfreuden zu gewahren, war durch die Geburt einer todten Tochter so angegriffen worden, dass sie wenige Tage danach starb, und man schrieb diess Ungluck der immerwahrenden Angst um mein Schicksal zu. Man brachte mir meinen Sohn, dessen lachelndes Gesicht einen seltsamen Gegensatz gegen die Trauerkleider bildete, in die man das kleine Geschopf gehullt hatte. Ich hob meinen kleinen Napoleon zu mir empor, und indem ich ihn kusste, wiederholte ich unwillkuhrlich die Worte des braven Soldaten und sagte: Ertrage auch das, mein Herz; Du mein Sohn musst kunftig mein einziger Trost sein. Mein Begleiter stand neben mir, und seine eigenen Worte aus meinem Munde ruhrten ihn bis zu Thranen.
Gab uns der Kaiser nicht Zeit, um uns zu erfreuen, so gewahrte er uns auch keine, um verlorne Guter zu betrauern, und die Bildung des neuen Heeres, das dem Feinde entgegengestellt werden musste, entriss auch mich meinem Kummer. Ich sorgte in Paris fur meinen Sohn, und indem ich seine Erziehung nach bester Einsicht ordnete, gab ich ihm den Sohn des Unteroffiziers, des braven Bertrand, zum Gespielen und befahl, ganz dieselbe Sorgfalt der Pflege und Erziehung auf dessen Kind wie auf das meine zu wenden. Diese Anordnung fesselte die treue Seele noch inniger an mein Geschick und er ward mir ganz das, was der alte Dubois Dir ist, nur, mochte ich sagen, nach Art eines Soldaten, da im Gegentheile Dein alter Freund immer den wurdigen Hofmann zu spielen sucht.
Wir waren wieder uber den Rhein gegangen, wir kampften wieder, wenn auch blutige, doch gluckliche Schlachten, und die stolze Hoffnung hatte uns nicht verlassen, unsere Macht in ihrer ganzen Ausdehnung wieder herzustellen. Da endeten endlich die unglucklichen Tage bei Leipzig diese ehrgeizigen Traume und der Kaiser musste nach Frankreich zuruck. Bei Hanau musste noch ein Mal gekampft werden, und unter den kleinen Abtheilungen, die von der Hauptarmee hinweggedrangt wurden, war auch ich mit einem Theile meines Corps. Der alte Bertrand wich nicht von meiner Seite; er hatte in kleinen Gefechten mehrmals mein Leben gerettet, und wenn ich ihn ermahnte, sich nicht so tollkuhn in alle Gefahren zu sturzen, so sah er mich mit glanzenden Augen an und sagte: Was habe ich zu furchten? Sie haben mein Kind gerettet, Sie erziehen meinen Knaben, wie Ihren Sohn; Napoleon und Eugen, unter diesen mit Ruhm bedeckten Namen werden kunftig unsere Kinder fechten. Alles diess danke ich Ihnen und Ihnen gehort bis zum letzten Tropfen mein Blut. Ich stand oft beschamt vor diesem braven Soldaten; er hielt meine Handlungen fur den Ausfluss hochherziger Menschenliebe, er ahnete nicht, welches Band mich fruher an seine Gattin gefesselt hatte, und ich fuhlte mich gegen ihn einer fortwahrenden Falschheit schuldig. Mein kleines Corps war nach und nach zusammengeschmolzen, wir hatten mehrere Gefechte bestanden, Viele waren geblieben und Viele hatten mich verlassen, um, wie sie vermochten, uber den Rhein zuruckzukehren; und so geschwacht wurden wir gestern von Preussen angegriffen, an einer Stelle, wo die Wege in zwei verschiedene Bergschluchten fuhrten. Ein Theil meiner kleinen Macht wurde von mir hinweggedrangt, und ich wurde mit den Wenigen, die mich umringten, heftig von den Feinden bedrangt. Der brave Bertrand sah unsere Kameraden fallen, er sah mein Blut fliessen und kampfte mit einer Erbitterung, die ihn nicht mehr auf die Stimme der Vernunft horen liess. Ein junger Offizier forderte uns auf uns zu ergeben; statt der Antwort fuhrte Bertrand, der sich zwischen uns geworfen hatte, einen wuthenden Streich auf die Brust des jungen Mannes, und dieser ich weiss, es war Gegenwehr, ich weiss, er konnte nicht anders, aber es ist entsetzlich er hieb meinen alten Freund nieder, so nahe vor mir, dass das treue Blut auf meine Kleider spritzte und sich mit dem meinigen vermischte, das so heftig aus meinen Wunden floss, dass mir die Krafte entschwanden. Der brave Bertrand starb sogleich. Die Wunde, die sein Leben endigte, war mit jugendlich kraftiger Hand zu tief geschlagen, als dass er lange daran hatte leiden konnen; ein halb lachelnder zartlich stolzer Blick traf mich noch und schien zu sagen: Siehst Du, dass ich nicht prahle, all mein Blut habe ich fur Dich vergossen. Mir wurde es dunkel vor den Augen, und nur wie im Traume bemerkte ich, dass ein Eisen uber mir funkelte, und wie aus der Ferne horte ich, dass eine rauhe Stimme rief: So fahre auch Du zur Holle! Zuruck Wertheim! rief der junge Offizier, der meinen Freund getodtet hatte, sie sehen, er kann sich nicht vertheidigen, und sein Schwert schlug die Waffe, die uber meinem Haupte blinkte, zuruck. Diess alles war die Sache weniger Augenblicke. Ergeben Sie sich mir, sagte der junge Mann darauf zu mir; Sie sehen, Sie konnen nicht mehr fechten. Ich reichte ihm meine Waffen und sank ermattet zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich unter den Handen eines Mannes, dessen Gesicht mich an ferne Zeiten erinnerte. Seine Hand war sanfter, als seine rauhe Zunge, denn indess er mit schonender Sorgfalt meine Wunden verband, verletzte seine kreischende Stimme mein Ohr mit barbarischem Franzosisch, und doch begreife ich nicht das wunderbare Gefuhl; ich fuhlte mich so schwach durch Trauer, Schmerz und Blutverlust, ich kam mir so verloren vor, und diese rauhen Tone beruhrten verletzend und trostend mein Ohr. Es stieg in meiner Seele bei ihrem Klange das Bild Deiner Baume, Deines Hauses auf, und Dein edles Antlitz blickte mich trostend an durch die dunkle Verwirrung meiner Gedanken hindurch.
Der General schwieg und heftete den traurigen Blick auf eine stark mit Blut befleckte Uniform, die uber der Lehne eines Stuhles hing. Endlich sagte er seufzend: Das Uebrige weisst Du; ich bin nun hier, und finde Liebe und Beistand bei Dir. Trost wird vielleicht die Zukunft gewahren.
Der Graf war selbst zu bewegt, als dass er es hatte versuchen sollen, die Gefuhle seines Freundes durch die gewohnlichen Trostgrunde zu bekampfen, und vielleicht trug seine wahre Theilnahme mehr dazu bei, dessen Gemuth wieder zu erheben, als es Worte vermocht hatten. Da die Wunde des Generals nicht gefahrlich war und nur der starke Blutverlust seine grosse Entkraftung veranlasst hatte, so hatte er sich nach einigen Tagen in so weit erholt, dass er sein Lager verlassen durfte, und der Graf beredete ihn, wenigstens einige Stunden des Tages in der Gesellschaft der Frauen zu verleben. Seitdem so viele ernste Sorgen den Grafen beunruhigten, war die Furcht in seiner Seele schwacher geworden, dass sein Freund seine Gemahlin wieder erkennen mochte, und seit ihr Gemahl alle ihre Schmerzen kannte, hatte sich die scharfe Reizbarkeit der Grafin verloren, und da sie wenigstens den Sohn wieder gewonnen hatte, so erbebte sie nicht mehr vor dem Klange der franzosischen Sprache.
Viel leichter als fruher konnte also der General Clairmont ein Mitglied des Kreises werden, der sich taglich im Saale um die Grafin versammelte, und ob gleich durch die letzten Ereignisse seines Lebens seine Stimmung ernster geworden war, als sie es ehedem zu sein pflegte, so liess sich nicht verkennen, welche Gewalt auf ihn, wie auf alle Franzosen, der Umgang mit Frauen ausubte. Es wahrte nicht lange, so wachte ein schwaches Verlangen wieder in ihm auf, witzig, heiter, geistreich in diesem liebenswurdigen Kreise zu erscheinen, und da von Seiten der Frauen Alles versucht wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, so kehrte nach und nach Gesundheit, und mit ihr grossere Ruhe des Gemuths in die Seele des Generals zuruck, wodurch die Heilung seiner Wunden sichtlich erleichtert wurde.
Durch die Bemuhung den Freund zu erheitern wurde der Graf und seine Familie mehr von dem eigenen Kummer abgezogen, und Emilie machte sich oft ernsthafte Vorwurfe daruber, wenn sie auf die Bitte des Generals sang, dass die Musik die gewohnte Macht auf ihre Seele ausubte und die Sorge auf kurze Zeit aus ihrem Herzen verdrangte. Adele, die nie den Muth gehabt hatte, an Evremonts Ruckkehr zu zweifeln, und der die durftigen Nachrichten, die der General geben konnte, eine Bestatigung ihrer Hoffnung waren, tadelte die liebende, zartliche Emilie ernstlich uber solche Selbstanklagen und behauptete, dass ihre Liebe fur Evremont weit erfreulicher sein wurde, wenn sie sich durch dieselbe bestimmen liesse, auf ihre Schonheit und Gesundheit zu achten, und alle vom Himmel verliehenen Fahigkeiten auszubilden, damit, wenn er nach unendlichen Muhseligkeiten endlich zuruckkehrte, sie ihm jugendlich froh, mit ihrem schonen Kinde an der Hand, entgegen eilen konnte, und ihn durch neu erworbene Kenntnisse und durch erhohte Ausbildung fruherer Fahigkeiten auf's Angenehmste zu uberraschen vermochte. Die Grafin war wenigstens zum Theil derselben Meinung und sagte oft: Ich fuhle, dass wir besser thun wurden, uns fur Evremont zu erhalten, als dass wir uns aus Gram um ihn zerstoren, der ihm nicht helfen kann, und der ihm, wenn wir daran untergehen, bei seiner Wiederkehr neuen Jammer bereitet. Aber ich bin zu schwach geworden, ich kann nicht mehr ausuben, was ich als vernunftig erkenne, meine Seele hat die Jugendkraft verloren.
Der General Clairmont konnte oft lange den kleinen Adalbert auf den Knieen schaukeln und ihm von seinem braven Vater erzahlen. Das fruh entwickelte Kind ergotzte ihn durch unschuldige Fragen, die mehr Geist verriethen, als sonst bei Kindern von so zartem Alter gewohnlich ist. Ob wohl mein Napoleon auch so klug sein wird! rief dann der General. Mir schien es immer, als ob der kleine Eugen des armen Bertrand mehr Geist verriethe, als mein eigener Sohn.
Tage und Wochen waren entschwunden, und der General, dessen Wunden beinahe geheilt waren, fuhlte sich taglich einheimischer in der Familie seines Freundes. Ja, er wurde heiter geworden sein, wenn Frankreichs Geschick nicht den Frieden seiner Seele getrubt hatte; aber Frankreich war in Gefahr, seinen Ruhm verdunkelt zu sehen, den Ruhm, wofur das Blut so vieler Tausende geflossen war. Bei dem Gedanken daran kehrte ein finsterer Missmuth in sein Herz zuruck, und als mit dem Beginne des neuen Jahres die Verbundeten uber den Rhein schritten und den Krieg auf Frankreichs Boden fuhrten, da granzte seine Stimmung an Verzweiflung, und ob er gleich hoffte, dass jeder Franzose fuhlen wurde wie er, und dass jeder Bewohner des schonen Landes den geliebten Boden bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigen wurde, so machte ihn doch seine eigene Ohnmacht trostlos, und er fand es schmachvoll, aus der Ferne zusehen zu mussen und nicht um die theuersten Guter mitkampfen zu durfen. Dabei bildete er sich ein, die Freude uber die fur Frankreich unglucklichen Ereignisse auf der Stirn des Grafen zu lesen, und so zog er sich heimlich grollend zuruck und war beinah immer in seinen Zimmern allein. Da auf diese Weise der Zweck, wesshalb man zerstreuende Unterhaltungen veranlasst hatte, nicht mehr erfullt wurde, so behauptete die herzzernagende Sorge wieder ihr Recht und schien jede Hoffnung erdrucken zu wollen. So angstlich presste sie Aller Herzen zusammen, so trube und schwer lastete sie auf jedem Sinn, und das Jahr achtzehnhundert und vierzehn begann sehr duster fur die trauernde Familie.
XII
Es war ein heiterer Wintertag in der ersten Halfte des Januars. Die Familie des Grafen war ohne den General, der in seinem Zimmer einsam mit dem Schicksale grollte, im Saale beim Fruhstuck versammelt. Der Graf sprach von den Fortschritten der Verbundeten in Frankreich und las einen Brief seines Vetters, des Grafen Robert, vor, den dieser Gelegenheit gefunden hatte dem Oheim zu senden, und aus dem sich ergab, dass die Stimmung in Frankreich gar nicht so allgemein fur den Kaiser ware, wie es der Gereral auf's Hitzigste zu versichern pflegte. Diese friedliche Unterhaltung wurde unterbrochen, indem Jemand mit Heftigkeit die nach dem Vorzimmer fuhrende Thur aufriss.
Die Schwache des Alters hatte den Haushofmeister vermocht, darauf Verzicht zu leisten, seine Herrschaft beim Fruhstuck zu bedienen, denn er musste langer ruhen, als es sich mit diesem Geschaft vereinigen liess. Nichts konnte ihn aber dahin bringen, dass er nicht die wenigen Ueberreste seiner silberweissen Haare jeden Abend in Papilloten gelegt, und am andern Morgen gehorig frisirt und gepudert hatte, um alsdann im stattlichsten Anzuge gegen Mittag vor der Grafin zu erscheinen, ihre Befehle zu vernehmen. Wie sehr mussten also alle Anwesenden erstaunen, als sie Dubois erblickten, der mit einem ihm fremden Ungestum die Thure aufriss und dessen Anblick bewies, dass er das Werk, sein wurdiges Haupt mit einer anstandigen Frisur zu schmucken, erst halb vollendet habe, denn nur die rechte Seite war in gewohnter Ordnung; uber dem linken Ohre aber flatterten noch die Papilloten, die seine wenigen Haare gefesselt hielten. Auch trug er noch seinen Morgenrock und erschien in gelben Pantoffeln. Das Ungewohnliche dieses Anblicks wurde noch durch die unnaturlich funkelnden Augen des Greises und die tiefe Rothe seiner Wangen erhoht. Erschrocken waren alle Anwesenden aufgestanden, und der Graf trat dem alten Manne besorgt entgegen, der nicht sprechen konnte und um dessen Lippen ein angstigendes Lacheln schwebte. Endlich keuchte er muhsam hervor: Nachrichten, Nachrichten von unserm Grafen! Wo? durch Wen? tonte es von allen Lippen, und Alle umringten den Greis, der auf die Thur deutete. Der Graf sturmte nach dem Vorzimmer und fuhrte gleich darauf einen jungen Husarenoffizier in russischer Uniform in den Saal. Lebt er? Ist er gesund? Nicht verstummelt? Haben Sie ihn gesehen? so tonten die Fragen, ihn betaubend, rund um den jungen Mann. Ich habe, sagte er endlich, fur Sie, Herr Graf, Briefe von Herrn Evremont.
Vom Grafen Evremont, verbesserte Dubois laut, der sich etwas erholt hatte, aber noch nicht so sehr, dass er das Unschickliche seiner Kleidung hatte bemerken konnen.
So lebt mein Sohn! sagte die Grafin mit bebender Stimme und drangte sich zu dem jungen Krieger. O! sprechen Sie, wo lebt mein Sohn, und ist er gesund? Werden wir ihn mit reiner Freude in unsere Arme schliessen?
Der junge Mann, den, wie es schien, die vornehme Umgebung und alle die Anzeichen des Reichthums, die er vielleicht mit Evremont in seinen jetzigen Verhaltnissen niemals in Verbindung gedacht hatte, etwas in Verwirrung setzten, sagte: Wenn es derselbe ist, von dem ich Ihnen Briefe bringe, der lebt, und ich habe ihn gesund bei meinen Eltern verlassen. Er ging hierauf nach dem Vorzimmer zuruck und brachte ein versiegeltes Paket, das er dem Grafen reichte. Alle drangten sich hinzu, auch Dubois; Alle erkannten sogleich die Zuge der geliebten Hand. Ein allgemeiner Ausruf der Freude entschwebte allen Lippen. Der Graf hielt seine Thranen nicht zuruck und sagte: Sie sind uns ein Bote des Himmels, Sie bringen nach jahrelangen Leiden Trost und Ruhe meiner kummervollen Familie.
Die Grafin fasste mit ihren bebenden Handen die Hand des jungen Mannes und sagte fast schluchzend: Im Hause Ihrer Eltern lebt mein Sohn? O! wenn Sie nach uberstandenen Gefahren zu Ihrer Familie zuruckkehren, dann wird Ihre Mutter fuhlen, welchen Trost Sie mir heute gebracht haben. Emilie hob ihr schones Kind empor und sagte, indem sie die Thranen ungehindert fliessen liess, die wie Perlen uber die in erhohter Farbe brennenden Wangen flossen: Sieh, Adalbert, dieser Herr bringt Nachricht von Deinem Vater. Der Kleine missverstand die Mutter, und indem er die zarten kleinen Arme um den Nacken des jungen Mannes schlang und mit den rothen Lippen, wie mit frischen Rosen, die gebraunten Wangen des fremden Kriegers beruhrte, fragte er: Bringst Du meinen Vater mit?
Vom Gefuhle der Ruhrung uberwaltigt, zog der junge Mann das Kind von den Armen der Mutter, und dessen schone Augen kussend, sagte er: Wie sprechend sieht er seinem Vater ahnlich! Das Kind, das die Frage, die es eben gethan, schon wieder vergessen hatte, spielte ruhig an der Brust des Fremden mit den sich vielfach kreuzenden Schnuren an dessen Uniform, die seine ganze Aufmerksamkeit erregte.
Der Sturm des Entzuckens legte sich endlich. Der ubermassig quellende Strom der Freude floss sanfter, und Dubois bemerkte mit Entsetzen, wie sehr er durch seine unanstandige Kleidung die gewohnte Ehrerbietung gegen die grafliche Familie verletzt habe. Er entfloh beschamt, um seinen Anzug eilig zu vollenden.
Der fremde Offizier machte endlich eine Bewegung sich zu entfernen, doch die ganze Familie besturmte ihn mit Bitten diesen Tag zu bleiben. Er gestand, dass er zwei Nachte gereist sei, um seinem Freunde Evremont Wort halten zu konnen und dessen Briefe selbst zu uberreichen, dass er aber nun einiger Ruhe bedurfe und dann schleunig aufbrechen musse, um zur bestimmten Zeit bei dem General einzutreffen, der ihn nach Petersburg gesendet habe und zu welchem er nun zuruckkehre. Der Graf berechnete die Zeit, und versprach fur Courierpferde zu sorgen und eine ziemliche Strecke ihn durch eigene Pferde zu befordern, und so liess es sich machen, dass der junge Mann bis zum andern Morgen bleiben konnte. Dubois, der nun vollig gekleidet und gehorig gepudert wieder eingetreten war, ubernahm mit grosser Freude den Auftrag, fur die Bequemlichkeit des Fremden zu sorgen, und es versteht sich, dass er diese Pflicht auf's Beste erfullte.
Als der junge Offizier sich entfernt hatte, um einige Ruhe zu geniessen, ergriff ein Jeder die fur ihn bestimmten Briefe, um nur Einiges fluchtig zu lesen, und sich vorlaufig von Evremonts Wohl und der Fortdauer seiner Liebe zu uberzeugen. Der Graf besonders konnte das an ihn gerichtete Schreiben nicht so bald beendigen, da es den ganzen Lauf der Begebenheiten enthielt, die den Schreiber seit der Schlacht bei Borodino betroffen hatten. Man beschloss also, diess alles in seinem ganzen Umfange gemeinschaftlich nach der Abreise des Fremden zu lesen, um gegen den, der so hoch begluckende Nachrichten gebracht hatte, die Erfullung der Gastfreundschaft nicht zu versaumen.
Auf seine Erkundigungen erfuhr der Graf, dass sein Gast in einen sanften, tiefen Schlaf versunken war. Er befahl ihn nicht zu storen, da der junge Krieger dieser Erholung vor Allem zu bedurfen schien, und begab sich zu dem General Clairmont, um ihm die Freude mitzutheilen, die so eben die Familie begluckte. Gott sei gelobt, dass er lebt! rief der General, den eigenen Trubsinn bei dieser Nachricht vergessend. Ich gestehe Dir, fuhr er fort, ich habe oft im Stillen gefurchtet, wir wurden nie wieder von ihm horen, und mochte nur meine Furcht nicht zeigen, um Euch nicht die Hoffnung zu nehmen, die Ihr, wie es mir schien, aller Wahrscheinlichkeit zuwider hegtet.
Willst Du nun nicht wieder Theil an der Gesellschaft nehmen? fragte der Graf; willst Du nicht den jungen Mann selbst uber Evremont sprechen?
Nein! rief der General verdrusslich nach kurzem Schweigen. Ich will den Russen nicht sehen. Nun eilen sie alle nach Frankreich, und meinen dort leicht Lorbeeren zu gewinnen und unsern Ruhm zu verdunkeln; ich mag solchen anmassenden Menschen gar nicht sprechen. Morgen, wenn er abgereist ist, dann theile mir aus Evremonts Briefen alles mit, was nicht allein fur die Familie gehort, und Du wirst sehen, dass ich mich Euers Gluckes freuen kann; aber heute erlaube mir allein zu bleiben. Der Graf, der die Freiheit seiner Gaste nicht zu beschranken wunschte, fugte sich in den Willen seines Freundes, und als er diesen nach einiger Zeit verliess und in den Saal zuruckkehrte, fand er die Gesellschaft dort versammelt und den fremden Krieger durch den kurzen Schlaf gestarkt, von den Frauen umringt, die alle verlangten, er solle von Evremont erzahlen, und ihn desshalb mit tausend Fragen besturmten. Der junge Mann wusste eigentlich nichts weiter zu sagen, als dass er als Courier nach Petersburg gesendet worden, und da ihm die Zeit bestimmt sei, in welcher er wieder bei seinem General eintreffen musse, und man ihn in Petersburg sehr schnell wieder abgefertigt, so habe er durch angestrengte Eile es so einrichten konnen, dass ihm Zeit geblieben sei, einen kurzen Besuch auf zwei Tage bei seinen Eltern zu machen, deren Guter in unbedeutender Entfernung von der Strasse lagen, die er habe verfolgen mussen. Hier habe er Evremont als Hausgenossen gefunden, indem ihn sein Vater als Kriegsgefangenen bei sich aufgenommen habe. Den Abend vor seiner Abreise habe ihn der liebenswurdige, von der ganzen Familie geliebte junge Mann dringend gebeten, ein Paket an den Grafen Hohenthal zu besorgen, und da er sich uberzeugt habe, dass sein Weg ihn nahe bei dessen Schlosse vorbeifuhren musse, so habe er sich entschlossen, das Paket, an dessen Beforderung dem Hausgenossen seiner Eltern so viel zu liegen schien, selbst zu besorgen, obgleich ihm dieser nicht gesagt, dass er der Sohn des Hauses sei.
Die Frauen waren uber diese Zuruckhaltung Evremonts sehr erstaunt. Den Grafen, der das an ihn gerichtete Schreiben fluchtig durchgesehen hatte, schien sie weniger zu befremden; er sagte nur lachelnd: Die Umstande, unter welchen mein Sohn das Haus Ihres wurdigen Vaters betrat, wurden vielleicht Zweifel an seiner Wahrheitsliebe erregt haben, wenn er sich Obrist und den Sohn eines Grafen hatte nennen wollen. Ich habe sein Schreiben noch nicht ganz gelesen, aber ich glaube nach dem, was ich schon daraus ersehen habe, dass wir nie im Stande sein werden, die ganze Schuld der Dankbarkeit gegen Ihre Familie abzutragen. Der junge Mann schwieg etwas verwirrt; er mochte es nicht sagen, dass ihm wahrend des kurzen Aufenthalts im Hause seiner Eltern Evremonts Dasein vollig unbedeutend vorgekommen war, dass er kaum ein Wort mit ihm gewechselt habe und nur beim Abschiede erst aufmerksam auf ihn geworden sei, als dieser ihn so dringend gebeten, ein grosses Paket Briefe an einen deutschen Grafen zu besorgen, und dass Neugierde mehr als Theilnahme ihn bestimmt habe, selbst der Ueberbringer zu sein, indem er zu erfahren gehofft habe, in welchem Zusammenhange Evremont mit diesem Grafen stehe, ohne dass er irgend erwartet habe, ihn als Sohn des Graflichen Hauses bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen.
Der Tag verschwand, den man dem Gaste so angenehm als moglich zu machen strebte, und am folgenden Morgen fuhrten ihn des Grafen schnellste Pferde seiner Bestimmung entgegen. Der General, der den Fremden hatte abreisen sehen, erschien nun sogleich und erinnerte den Grafen an sein gestriges Versprechen, ihm alles uber Evremont mitzutheilen, was die Theilnahme des Freundes erregen konne. Der Graf, der die Blatter schon durchgesehen hatte, war bereit sie vorzulesen, da sie Evremont, wie er oft that, in franzosischer Sprache geschrieben hatte.
Evremont beschrieb seinen Eltern den Einzug der Franzosen in Moskau, wie sie in ihren Erwartungen sich getauscht gesehen hatten, als sie die beinah ganzlich von den Einwohnern verlassene Stadt betraten, den furchtbaren Brand und den noch furchtbarern Ruckzug. Mein Regiment, fuhr er in seinem Berichte fort, war ganzlich auseinander gesprengt und vernichtet, ehe wir die Beresina erreichten. Der Mangel, die Kalte rafften Tausende hin, und die Ueberlebenden dachten nur daran weiter ruckwarts zu kommen, ohne mehr dem Befehle ihrer Officiere zu gehorchen. Der alte Bertrand, der Schwager des jungen Lorenz, hatte sich treu mit einem kleinen Haufen an mich angeschlossen; er glaubte mir Dank schuldig zu sein fur manche kleine Dienste, die ich ihm geleistet, um mein hartes Verfahren gegen seine Gattin in Spanien wieder gut zu machen. Diese, die uns als Marketenderin folgte, gewahrte mir nun viele Erleichterung durch die wenn auch geringen Vorrathe, die sie fur ihren Mann und ihr Kind zu bergen gewusst hatte, und die die Familie bereitwillig mit mir theilte. Aber auch diese kleine Milderung der Beschwerden sollte bald fur mich aufhoren. Wir wurden eines Abends in der Dunkelheit von Kosacken uberfallen und da wir, vor Kalte erstarrt, nicht fechten konnten, so suchte Jeder den Feinden, wie er vermochte, zu entkommen.
Ich irrte die Nacht auf einer unermesslichen Ebene umher; ein scharfer Wind hob den Schnee vom Boden auf und wirbelte ihn in der Luft umher, vom Himmel senkten sich gleiche Massen nieder, die sich mit den vom Boden emporgewirbelten vereinigten. Bei jedem muhsamen Schritt sanken die Fusse bis an die Kniee in den Schnee, der den Boden Ellenhoch bedeckte, so dass es schien, als ob alle Lebendigen von der Erde verschwunden und ich einsam den furchtbar aufgeregten Elementen Preis gegeben sei, denn der Wind wurde immer kalter und schneidender, und die dunne Uniform konnte mich gegen diess Ungemach nicht schutzen. Alle meine Besitzthumer wie meine Dienerschaft waren zerstreut, verloren, und ich hatte vor wenigen Tagen auf einer eiligen Flucht vor den Feinden selbst den Mantel zurucklassen mussen, den ich in einer rauchenden Hutte abgelegt hatte, die mir ein augenblickliches Obdach gewahrte, um ihn am Feuer und Rauch zu trocknen. In diesem trostlosen Zustande fuhlte ich nur noch dunkel die Nothwendigkeit, mich fortwahrend zu bewegen, wenn ich mein Leben erhalten wolle. Mit hochster Anstrengung setzte ich meine Wanderungen fort, selbst vollig erblindet, denn der Wind trieb mir den Schnee in's Gesicht; dieser blieb an den Augenliedern hangen, die sogleich zufroren. Endlich waren meine Krafte erschopft; trotz der grossen Kalte bemeisterte sich eine unwiderstehliche Schlafrigkeit meiner, und ich glaube, ich wurde nach wenigen Minuten niedergesunken sein und wurde, wie so viele Tausende, mein Leben durch die Gewalt der furchtbaren Elemente verloren haben, wenn nicht eine rauhe Hand die meine ergriffen und mich in eine kleine Hutte gezogen hatte, der ich mich, ohne es in meiner Blindheit zu bemerken, genahert hatte. Die grosse Hitze in der Hutte liess den Schnee schmelzen, mit dem mein Gesicht bedeckt war, und meine Augen offneten sich. Ich erkannte, dass ich mich unter Kosacken befand, die hier die Nacht zugebracht zu haben und der Kalte draussen eine gleiche Hitze in ihrer Hutte entgegensetzen zu wollen schienen. Dieser plotzliche Wechsel der Luft betaubte mich vollends, und ich sah die Gestalten sich nur wie Schatten in dem in der Hutte verbreiteten Rauch bewegen. Der Anfuhrer dieses kleinen Trupps bemerkte es vielleicht, dass ich dem Tode nahe war. Er trat zu mir, schuttelte meine Hand, und das braune, kriegerische Gesicht blickte mich gutmuthig an; er sprach einige Worte, die mich vermuthlich ermuntern sollten; ich verstand aber seine Gebehrden besser; er reichte mir namlich eine Flasche hin und deutete an, ich solle trinken. Ich that es und fuhlte, wie die Warme des Getranks wohlthatig auf mich einwirkte, zugleich aber meine Mudigkeit sich erhohte. Auf einige Worte ihres Anfuhrers hatten zwei Kosacken mir die vollig durchnasste Uniform ausgezogen. Sie bekleideten mich mit einem gemeinen Soldatenmantel und setzten mir eine ahnliche Mutze auf. Ich liess Alles mit mir geschehen, ich war vollig betaubt und willenlos; ich weiss nur noch, dass ich auf einen fur mich bereiteten Haufen Stroh sank und in einen so tiefen Schlaf fiel, dass ich nichts mehr vernahm, was in der Hutte vorging.
Ich mochte mehrere Stunden geschlafen haben, als ich durch heftiges Rutteln aus diesem todtenahnlichen Zustande erweckt wurde. Man deutete mir an, dass wir weiter ziehen mussten, und reichte mir grobes Brod, gesalznes Fleisch und gemeinen Branntwein als Fruhstuck. Ich verschlang diese durftige Nahrung und sah mich dann vergeblich nach meiner Uniform um; sie war verschwunden, zugleich vermisste ich meine Uhr, mein letztes Besitzthum von Werth, und die wenigen Goldstucke, die ich bei mir getragen hatte. Ich sah also wohl, dass mein tiefer Schlaf von den behenden Kosacken nicht unbenutzt gelassen war. Da ich aber den Kriegsgebrauch kannte, so erhob ich keine vergebliche Klage und bequemte mich, in der demuthigen Kleidung eines gemeinen franzosischen Soldaten mit meinen Ueberwindern, die sich im Uebrigen aber menschlich zeigten, den Weg in eine trostlose Gefangenschaft anzutreten.
Ein kurzer Schimmer von Hoffnung leuchtete mir noch ein Mal. Wir stiessen auf einen Theil eines franzosischen Regimentes. Die Kosacken wurden angegriffen, sprengten nach ihrer Art zu fechten sogleich aus einander und entflohen einzeln mit Blitzesschnelle dem uberlegenen Gegner, und ich blieb in der Gewalt der Franzosen. Ehe ich aber noch Gelegenheit finden konnte, mich mit dem Officier zu erklaren, stiessen wir auf neue Feinde, und nach einem kurzen Gefecht, in welchem der Officier blieb, geriethen wir in deren Gewalt, und meine Befreier waren meine Mitgefangenen geworden.
Ich will nichts von dem Elende erwahnen, das ich auf den endlosen Marschen erdulden musste, ehe wir das Armeecorps erreichten, dem das uns fuhrende Regiment zugeordnet war. Ich verdankte es der Kraft der Jugend, dass ich diese Muhseligkeiten uberstand, denen die meisten meiner Unglucksgefahrten unterlagen. Endlich war diess traurige Ziel erreicht, und die wenigen noch lebenden Gefangenen, die der Obrist des russischen Regimentes, das uns genommen hatte, vorstellen konnte, wurden einer grossen Anzahl zugesellt, die nach dem Innern des Reiches gefuhrt werden sollte. Hier traf ich Franzosen, Deutsche, Italiener und Spanier im bunten Gemisch, aber Alle in gleichem Elend. Unsere Namen wurden hier fluchtig verzeichnet, und da meine hochst armselige Erscheinung in der zu Lumpen gewordenen Kleidung eines gemeinen Soldaten, hatte ich die Wahrheit angegeben, meine Glaubhaftigkeit verdachtig gemacht haben wurde, so nannte ich mich bloss Evremont, Officier des Regimentes, das ich gefuhrt hatte. Aber auch diess konnte bei der unglaublich grossen Anzahl Gefangener, die stundlich eingebracht wurden, nicht weiter beachtet werden. Da ich nur mein Wort dafur hatte und meine Erscheinung dem widersprach, auch unter den gegenwartigen Gefangenen Niemand war, der mich kannte, so traf mich das Loos, als gemeiner Soldat mit einer Anzahl, worunter wenige Franzosen waren, meist Italiener, einen Weg anzutreten, dessen ich mich mit Schauder erinnern werde, so lang ich lebe.
Unsere Nahrung war der Masse nach zwar hinreichend, aber von der grobsten Art, so dass sich meine Natur dagegen straubte und ich beinahe dem Hunger unterlag, und ich gestehe, dass ich, menn wir durch kleine Stadte zogen, in welchen Backer wohnten, die schlechte Waizenbrote zum Verkauf ausgelegt hatten, alle Kraft der Seele aufbieten musste, um meine Hand nicht danach auszustrecken, und mich hielt nur die Furcht vor den schimpflichen Folgen davon zuruck, denn auch in diesem Elende blieb mir das Gefuhl, dass ich Ihnen, meine verehrten Eltern, meiner angebeteten Emilie und meinem geliebten Knaben ein makelloses Leben schuldig sei, und dass ich keine Handlung begehen durfe, woruber mir so theure Wesen jemals errothen mussten.
So, in taglich zunehmender Noth, hatten wir die Ostseeprovinzen erreicht, und mehrere der unglucklichen Gefangenen waren so entkraftet, dass sie auf Schlitten fortgebracht werden mussten, um in der nachsten Stadt, wo Lazarethe eingerichtet waren, zur Pflege abgegeben zu werden. Die Furcht vor einem ahnlichen Schicksale vermochte mich alle Krafte aufzubieten, um meinen Weg zu Fuss fortsetzen zu konnen, und das Ungluck der Kranken erleichterte selbst ein wenig den Zustand der Gesunden, denn das Bedurfniss Pferde zu haben, um die Hulflosen fortzuschaffen, hatte die Einrichtung nothwendig gemacht, dass die an der Strasse wohnenden Edelleute die nothigen Pferde zu stellen verpflichtet wurden, und so zogen wir von einem Edelhofe zum andern, indem in jedem neue Pferde bereit gehalten wurden, die die Kranken wieder bis zum nachsten brachten, und ich muss es dankend ruhmen, wie bereitwillig die Menschenliebe die Noth des Augenblicks zu lindern strebte. Freilich war der wohlthatige Beistand mehr meinen Gefahrten als mir zu Theil geworden, denn ich konnte mich nicht hinzudrangen, um meinen Theil von den Lebensmitteln, die uns gereicht wurden, zu erhalten. Da mich die Gefangenen selbst fur einen gemeinen Soldaten hielten, so glaubten sie mir keine Rucksicht schuldig zu sein, und da die Noth den von Natur selbstsuchtigen Menschen noch selbstsuchtiger macht, so rafften die Andern Alles an sich, ohne daran zu denken, dass ich beinah verschmachtete.
Trotz dieser grossen Noth hatte ich oft Gelegenheit zu bemerken, dass das im Allgemeinen feine und gebildete Aussehen der meisten Edelleute einen seltsamen Gegensatz zu der Rohheit bildet, in die die ursprunglichen Bewohner des Landes, die jetzigen Bauern, versenkt sind, so dass man sich weit weg aus Europa versetzt fuhlt, wenn man sie betrachtet, und seltsam uberrascht wird, wenn man in dieser Umgebung zierliche Frauen, schone Fraulein und gebildete Manner, die sammtlich franzosisch reden, sich bewegen sieht. Mir wurde spater dieses Rathsel gelost, denn ich hatte Gelegenheit zu bemerken, wie viel eine jede Familie fur die Erziehung ihrer Kinder thut, und wie jeder Vater, der es irgend vermag, seine Sohne auf Reisen sendet, um ihnen eine Wohlthat zu gewahren, die er auch selbst genossen hat. Dadurch ist ein gewisser Anstand im Betragen fast allen Familien eigen, der den Fremden angenehm anspricht. Die Ursache dieses anstandigen, milden Betragens war mir zur Zeit meiner traurigen Wanderung nicht klar, aber ich sollte die wohlthatigen Wirkungen desselben erfahren.
Ich hatte durch fast ubermenschliche Anstrengung mich immer aufrecht erhalten; aber meine Krafte waren durch lange Entbehrungen aller Art so geschwacht, dass ich mit mir kampfte, ob ich mich nicht sollte sinken und fuhllos, besinnungslos dem neuen Elende eines Lazareths entgegenschleppen lassen, als wir auf einem Edelhofe aufgestellt wurden und hier warten sollten, bis die nothigen Pferde herbeigeschafft wurden. Der Besitzer des Gutes, ein Mann von mittleren Jahren, naherte sich uns mit seinem Verwalter und betrachtete unser Elend mit mitleidigen Blicken. Er sagte dem Verwalter einige Worte, der darauf in's Haus ging, und redete die nachsten Gefangenen franzosisch an, und als er die Italiener bemerkte, diese auch italienisch.
Mit larmender Freude ward er sogleich von denen umringt, die die laute ihres schonen Vaterlandes in so weiter Ferne vernahmen. Indess war die Gemahlin des Gutsbesitzers auch herab gekommen; sie redete uns freundlich an, und eine Magd trug ihr einen Korb voll wollener Strumpfe nach, die sie unter uns vertheilte, denn das mitleidige Auge dieser Frau hatte sogleich unsere hochst mangelhafte Fussbekleidung bemerkt. Schone Kinder umringten das wurdige Paar, in dessen Augen Thranen des Mitgefuhls glanzten. Die Italiener besonders drangten sich sturmisch heran, um die Gaben den schonen Handen zu entreissen. Ich lehnte mich seitwarts an die kalte Mauer, denn ich konnte mich beinahe nicht mehr aufrecht erhalten. Die Dame bemerkte mich, und vielleicht durch mein bleiches Ansehen geruhrt, naherte sie sich mir, um mir ihre Gabe zu reichen, die ich dankbar empfing. Der Verwalter erschien nun wieder und der Herr des Guts lud uns ein in's Haus zu treten, um uns zu erwarmen und uns durch eine einfache Mahlzeit zu erquicken. Alle drangten sich herbei und so auch ich, den die ausserste Noth dazu trieb, so gut ich es vermochte. O! meine theuersten Eltern, wie kostlich dunkte mir nach so langer Entbehrung reinlich bereitete Suppe, die ein murrischer Koch in Schusseln von grobem Thon vor uns hinstellte, indem er uns holzerne Loffel dazu reichte. Er zahlte, indem er mit seinem grossen Messer Jeden beruhrte, laut seine ihm unwillkommenen Gaste und theilte das uns bestimmte Fleisch, ohne Rucksicht auf einladende Sauberkeit, in eben so viele Theile, als Personen vorhanden waren.
Die Wirthschafterin reichte Jedem mit verdriesslicher Miene ein Glas Branntwein aus demselben Glase. Alles das storte nicht die Lust des Genusses, und hatte ich nach der Mahlzeit meine ermudeten Glieder zum erquickenden Schlummer ausstrecken durfen, so wurde ich mich in dem Augenblicke glucklich gefuhlt haben. Doch die Pferde waren bereit und wir mussten scheiden. Ich hatte bemerkt, dass der Gutsbesitzer vor unserer Mahlzeit ernsthaft mit seiner Gemahlin sprach, wobei mich Beide betrachteten. Jetzt naherte er sich mir wieder und fragte, wo wir gefangen genommen waren. Nachdem ich auf seine Frage geantwortet, nahm ich die Gelegenheit wahr, ihm fur die Gute, die er uns bewiesen, zu danken. Es schien mir, als ob er gern das Gesprach mit mir fortgesetzt hatte, doch der Unteroffizier, der uns fuhrte, erinnerte, dass es Zeit sei aufzubrechen, und ich verliess mit Schmerz einen Ort, wo ich nach langem Leiden die erste Erquickung gefunden hatte, nachdem ich dem menschenfreundlichen Gutsbesitzer noch meinen Namen gesagt hatte, den er zu wissen begehrte.
Erwarmt und gesattigt fasste ich von Neuem den Entschluss, mich so lange als moglich aufrecht zu erhalten, um der Gefahr, in's Lazareth zu kommen, zu entgehen, und es war auf unserm zweiten Tagesmarsche, den ich mit hochster Anstrengung als Gesunder machte, als ich den Gutsbesitzer, der uns so wohl aufgenommen hatte, bei uns vorbeifahren sah. Er grusste uns freundlich, und ich weiss nicht, was ich mir daraus Gutes vorhersagte, aber sein Anblick richtete meinen Muth auf und ich erreichte die Stadt als Gesunder, wo unser ferneres Schicksal entschieden werden sollte. Wir waren auf dem Markte aufgestellt, und sahen nicht ohne schmerzliche Empfindungen uns von den Einwohnern mit Neugierde betrachtet, und erwarteten mit Aengstlichkeit die Entscheidung, wohin wir nun mit kraftlosen Schritten wandern sollten. Ich blickte mit Betrubniss auf das Haus, wo der Obere der Polizei wohnte, der unsere weitere Versendung zu besorgen hatte, als sich die Thur desselben offnete und der mir so wohlbekannte Gutsbesitzer an der Seite dessen heraustrat, der unser Schicksal zunachst zu bestimmen hatte. Mein wohlwollender Bekannter naherte sich mir und fragte mich, ob ich etwas dagegen hatte, wenn er mir den Vorschlag machte, das Ende des Krieges als sein Hausgenosse zu erwarten und indessen die Verpflichtung zu ubernehmen, seine Kinder in der franzosischen Sprache und, worin ich sonst vermochte, zu unterrichten, vor Allem aber bestandig franzosisch mit ihnen zu sprechen, damit sie sich die nationale Aussprache ganz eigen machen konnten. Ich ging mit Freuden auf sein Anerbieten ein, und in wenigen Minuten war die Sache zwischen ihm und dem Obern der Polizei abgemacht, und ich folgte zum grossen Aerger der Italiener, um die sich Niemand bemuhte, dem wohlwollenden Manne, dessen Hausgenosse ich werden sollte. Die wenigen Franzosen unter den Gefangenen waren bald auf eine ahnliche Art wie ich selbst untergebracht, und nur die unglucklichen Italiener und Spanier wurden weiter gesendet. Mein neuer Beschutzer kaufte mir zu allererst einen Mantel, der, obwohl nichts weniger als fein, mir dennoch hochst erfreulich war, denn ich konnte nun die erstarrten Glieder erwarmen, auch in dem Gasthofe, wo er selbst abgestiegen war, mich durch eine anstandige Mahlzeit starken, und den andern Tag sass ich neben ihm im Schlitten, von warmenden Decken geschutzt, und flog schnell und bequem den Weg nach seinem Gute zuruck, den ich so kummervoll und muhevoll vor wenigen Tagen gewandert war.
Im Hause meines Beschutzers angelangt, fand ich die wohlwollendste Aufnahme. Der lang entbehrte Besitz eines freundlichen, anstandig moblirten Zimmers erfreute mein Herz; ein reinliches, bequemes Lager lockte mich an, doch wurde ich dieses Genusses erst durch ein Bad wurdig, das man mir, die Nothwendigkeit erkennend, sogleich bereitete. Die zarte Vorsorge der Gebieterin des Hauses liess es mir auch an Wasche nicht mehr mangeln, und da von meinen Kleidungsstucken durchaus keines brauchbar war, brachte man mir fur's Erste einen Schlafrock meines Beschutzers. In diesem so sehr verbesserten Zustande war ich doch einige Tage ein Gefangener auf meinem Zimmer, bis der Schneider des Gutes, ein Eingeborner des Landes, der die Bedienten des Hauses kleidete, seine Kunst zu meinem Besten ausgeubt hatte. Da ich nicht mit ihm sprechen konnte, musste ich mich seiner Willkuhr uberlassen, doch waren Erinnerungen auch uberflussig gewesen; er kannte nur einen Schnitt der Kleider, den er seit Jahren fur alle Bedienten des Hauses benutzte. Der Stoff, aus dem mein neuer Anzug verfertigt wurde, war zwar von feinem Gespinnst, ein Fabrikat des Hauses, worin ich nun lebte, doch aus Mangel an Kenntniss und den nothigen Vorkehrungen so schlecht bereitet, dass er nur in der Ferne eine Aehnlichkeit mit Tuch hatte. Auf gleiche Weise wurde meine Fussbekleidung durch einen Eingebornen besorgt, und um das Werk zu vollenden, schnitt einer der Bedienten, der diess Geschaft bei seinen Kameraden besorgte, mein Haar, das auf den muhseligen langen Marschen vollig verwildert war, auf eine Weise zurecht, dass ich vor mir selbst erschrak, als ich mich im Spiegel erblickte. Und nun war ich fahig, der Familie des Hauses vorgestellt zu werden.
Nennen Sie mich nicht undankbar, verehrte Eltern. Ich erkannte mit dankbarer Seele die wohlthatige Verbesserung meiner Lage, aber ich stand dennoch betrubt vor dem Spiegel und betrachtete mich mit einem erzwungenen Lacheln, durch das ich mich selbst aufzurichten strebte. Ich musste daran denken, dass ich sonst nur die feinsten, ausgewahltesten Zeuge fur wurdig hielt meinen Leib zu bedecken, und dass die vorzuglichsten Kleiderkunstler in Paris oft noch von mir getadelt wurden und mich nicht zufrieden stellen konnten. Meine Haut durfte nur Battist oder hochstens die feinste hollandische Leinwand beruhren, und ich gestehe, ich war nicht frei von Eitelkeit in Bezug auf mein vorzuglich schon gelocktes Haar, und ich hielt Wohlgeruche fur ein unentbehrliches Bedurfniss des Lebens, und nun wie demuthig umhullt, ja, wie lacherlich entstellt blickte mich mein Bild aus dem Spiegel an, mir allen Muth benehmend, mich vor den Frauen zu zeigen.
Der Graf hatte viele Stellen dieses langen Schreibens mit bewegter Stimme gelesen. Die Thranen der zuhorenden Frauen waren haufig geflossen; auch der General, der den kleinen Adalbert auf den Knieen hielt, hatte oft mit Muhe die Ruhrung zuruckgehalten, die in ihm die Theilnahme an Evremonts Geschick erregte; aber jetzt schien er mit einer andern Empfindung zu kampfen, die er einige Augenblicke mit Anstrengung unterdruckte; doch plotzlich brach er in ein herzliches, langes, lautes Gelachter aus.
Der Graf sah seinen Freund bei diesem unerwarteten Ausbruche der Heiterkeit verwundert an. Die Frauen richteten zornige Blicke auf ihn, und die sanfte Emilie sagte, indem sie unwillig ihre Thranen trocknete: Ist es moglich, dass die Kunde von so grossen Leiden, von der traurigen Lage eines Freundes irgend ein Gefuhl von Heiterkeit erregen kann?
Werthe Freunde, sagte der General, die Thranen trocknend, die ihm sein heftiges Gelachter erpresst hatte, sein Sie nicht undankbar, und verschonen Sie mich mit Vorwurfen und zornigen Blicken. Der Himmel weiss, wie oft ich im Stillen fur Evremonts Schicksal gezagt habe, und wie herzlichen Antheil sich an seinen Gefahren und Leiden nehme, deren Grosse nur der beurtheilen kann, der mit demselben Ungemache gekampft hat. Aber er lebt, er ist gesund, unverstummelt weder durch den Feind, noch durch das noch feindlichere Klima, die Gefahren, die ihn noch weiterhin in seiner Gefangenschaft hatten treffen konnen, sind abgewendet, gegen den furchtbarsten Mangel, dem er noch hatte erliegen konnen und dem Tausende erliegen werden, schutzt ihn der Aufenthalt in einer achtbaren Familie, wohin Du, alter Freund, ihm auf's Schnellste die grossten Summen senden kannst, was Du auch nicht unterlassen wirst; diess ist ein Gluck, so gross, so ernsthaft, dass Euer Dank dafur nicht feurig genug zum Himmel emporsteigen kann. Aber nun seid auch gerecht und vergonnt mir, da alle Gefahr und auch alle eigentliche Noth fur ihn voruber ist, das Lacherliche seiner Lage zu fuhlen. Konnen Sie es laugnen, fuhr er fort, indem er sich an Emilie wendete, dass unser Freund die grossten Gedanken in seiner Seele hegen konnte und zugleich daneben doch auch ernsthaft daran dachte, wie er sein Halstuch nach der Mode knupfen sollte? Wollen Sie behaupten, dass das weiche, dunkle, schon gelockte Haar ihm nie eine angenehme Beschaftigung gewahrt habe? Und nun ist es gefallen unter der plumpen Scheere eines Bauern. Achtete er nicht beinah angstlich darauf, in seinem Anzuge die Sitte des Tages zu beobachten? Er war die Zierde der Gesellschaften, und diess bewusstlose Gefuhl gab ihm die liebenswurdige Sicherheit des Betragens, die gleich weit von kindischer Schuchternheit entfernt ist, wie von ungezogener Anmassung. Er war der Spiegel der Mode, alle jungen Herren, die auf guten Ton Anspruch machten, suchten sich ihm ahnlich zu gestalten, und nun, wie sehr sind alle diese Vorzuge fur den Augenblick verdunkelt! Aber beruhigen Sie sich, meine Freunde; die grossen Geldsummen, die Sie senden werden, erreichen ihn bald. Dann wird er die demuthige Hulle eines Kinderlehrers abwerfen und, wie die Sonne aus verschleierndem Nebel, zum Erstaunen seiner Umgebung glanzend hervortreten.
Es konnte Niemand umhin sich einzugestehen, dass der General nicht mit Unrecht Evremont der kleinen Schwachen beschuldigte, deren er gedachte. Sie waren aber so eng mit allen liebenswurdigen Eigenschaften seines Charakters verwebt, dass Niemand sie hinweg gewunscht hatte, und das unwillkuhrliche Lacheln auf allen Gesichtern zeigte dem Freunde, dass man die Wahrheit seiner Bemerkungen anerkannte. Dieser hob den kleinen Adalbert von seinen Knieen auf, kusste ihn herzlich und rief: Ich sage Dir, mein Junge, werde so gut, so brav wie Dein Vater, so edel, so mild, so treu in der Freundschaft und so grossmuthig wie er, dann will ich Dir erlauben, Dich noch sorgfaltiger zu putzen, wie er selbst, wenn es moglich ist.
Diese Unterbrechung hatte die tiefe Ruhrung der Familie gemildert, und man vernahm in ruhiger Stimmung, indem man zuweilen auch ein Lacheln sich erlaubte, die weiteren Klagen Evremonts, die der Graf vortrug. Ich wendete mich von dem Spiegel ab, schrieb Evremont weiter, und schritt einige Mal im Zimmer auf und ab, um den unangenehmen Eindruck zu besiegen, den mein Bild in demselben auf mich gemacht hatte; dann fasste ich den Muth mich den Damen vorzustellen.
Des andern Tages, nun vollig hergestellt von allen erduldeten Beschwerden, begann ich mit Eifer mein Geschaft. Ich unterrichtete die Kinder in allen Dingen, worin ich Unterricht zu ertheilen vermochte. Ich lehrte nicht nur franzosisch, sondern auch Zeichnen, Geschichte und Erdbeschreibung, und unterrichtete die Knaben in der Mathematik. Die dankbaren Eltern erkannten um so mehr meine Bemuhungen an, als sie, wie sie glaubten, ein so vorzugliches Loos getroffen hatten. Denn in allen Nachbarhausern waren ebenfalls kriegsgefangene Franzosen; da diese aber grosstentheils waren, was ich schien, namlich gemeine Soldaten, so konnten sie weder Sitten, noch irgend eine Wissenschaft lehren, und ich musste oft lachelnd bemerken, dass sich durch Einige sogar die provinziellen Dialekte unsers schonen Frankreichs zu verbreiten anfingen. Auf diese Art fuhlte ich mich bald heimisch bei den guten Menschen, in deren Hause ich lebte, und sie behandelten mich bei sich wie ein Glied ihrer Familie. Anders war diess freilich in der Gesellschaft, wo ich vollig bis zum Nichts herabsank, denn die Edelleute, zu denen sich die Prediger gesellten, bildeten eigentlich die Gesellschaft. Die verschiedenen Hofmeister und Lehrer waren nur gegenwartig, ohne dazu zu gehoren, und von diesen sonderten sich die Deutschen wieder ab, die naturlich Anspruch darauf machten, Gelehrte zu sein, und desshalb mit grosser Geringschatzung auf die Franzosen herab sahen, die sie ohne Ausnahme fur gemeine Soldaten hielten. Den Frauen nahert man sich in Gesellschaften nur beim Tanze, und da es meinem Gefuhl zu sehr widersprach, mit fremden Frauen zu tanzen, indess meine angebetete Emilie vielleicht brennende Thranen des bittersten Kummers uber mein Schicksal vergiesst, und da ich ausserdem vermeiden wollte, dass man den Wunsch aussern mochte, ich solle die Kinder auch in dieser Kunst unterrichten, weil ich in meiner abhangigen Lage keinen Wunsch, der geaussert wurde, ablehnen durfte, so laugnete ich hartnackig, dass ich zu tanzen verstehe, und obwohl man diess von einem Franzosen lange nicht glauben wollte, horte man doch endlich auf mich aufzufordern, an einem Vergnugen Theil zu nehmen, das keins fur mich sein konnte.
Er hat Recht, unterbrach der General abermals die Vorlesung, er hat Recht. Dass er ernsthafte Wissenschaften zu lehren sucht, in einer Abhangigkeit, die er aus ehrenvollen Grunden erduldet, kann ihn nie beschamen; aber ewig unausloschlich lacherlich und krankend wurde es mir sein, wenn ich mir einen der bravsten Offiziere der grossen Armee denken musste mit russischen Kindern nach einer armseligen Geige herumspringend, um ihnen Kunste zu lehren, womit sie in ihren Gesellschaften glanzen sollen.
So geschah es, fuhr der Graf aus Evremonts Briefen fort, dass ich mich nie so vollig einsam fuhlte, wie in den Gesellschaften, die sich hier auf dem Lande bildeten, und ich sehnte mich herzlich nach dem spat beginnenden Fruhlinge, um einigen Ersatz fur alles, was ich entbehre, in der Natur zu finden. Doch auch diese bietet hier Genuss mit karger Hand. Die Gegend wenigstens, in der ich lebe, ist so vollig flach, dass man den kleinsten Hugel ganz ernsthaft einen Berg nennt, und das Auge schweift, irgend einen Punkt suchend, an den es den Blick fesseln mochte, ermudet uber unermessliche Kornfelder, die oft nur der Horizont begranzt. Man bekommt ein angstigendes Gefuhl der Trockenheit, weil man mehrere Meilen fahren kann, ohne das kleinste Wasser zu erblicken, und trifft man endlich auf einen Bach, so fliesst er trage zwischen flachen Ufern, und ist im Sommer mit Schilf und Binsen bewachsen. Diess ist im Allgemeinen der Charakter des Landes, und dennoch lieben dessen Bewohner hier die Natur mehr, als ich es an den Bewohnern der glucklichsten Gegenden bemerkt habe. Man kann sagen, sie feiern jeden schonen Tag, den ihnen der hier strenge Himmel etwa gewahrt; sie benutzen jeden Platz an einem dieser Flusse oder der kleinen Seen im Lande, um anmuthige Garten zu bilden. Ja, sie wandeln zu diesem Zwecke die unwirthbarsten Sumpfe um und ringen mit unglaublichen Anstrengungen der widerspenstigen Natur ein kleines Fleckchen ab, um ihre Sehnsucht nach einer anmuthigen Umgebung zu befriedigen. In solchen kleinen Paradiesen kann man es zuweilen vergessen, dass man so hoch im Norden lebt; nur muss der unter den Bluthenbuschen Wandernde sich huten, dass sich sein Auge nicht uber die Umzaunung hinaus verirrt, sonst wird ihn die Oede rund umher daran erinnern.
Dass ich nun hier, meine theuern Eltern, trotz der Gute, die ich erfahre, ein hochst trauriges Leben fuhre, werden Sie begreifen, in druckender Abhangigkeit, von der Gesellschaft eigentlich ausgeschlossen, zuruckgestossen von der rauhen Natur, ohne alle Nachricht von allen mir theuern Wesen, und durch die offentlichen Nachrichten fur mein Vaterland mit Recht besorgt! Ich laugne nicht, dass ich mich oft mit aller Anstrengung ermannen muss, um den Kummer, den ich im Herzen trage, denen nicht zu zeigen, die ihn weder verstehen noch theilen konnten, denn sehr begreiflich sind hier viele Dinge, die mich betruben, eine Ursache zur Freude.
Es war mir ein Trost, in einsamen Stunden diese Zeilen an meine Familie zu richten, ohne dass ich wusste, wie sie bis zu Ihnen, geliebte Eltern, gelangen sollten. Nach Jahren hatte ich gestern das erste Mal wieder das Gefuhl lebhafter Freude. Der alteste Sohn des Hauses, in dem ich lebe, uberraschte seine Eltern und Geschwister auf seinem Ruckwege zur Armee mit einem kurzen Besuche. Er hat mir sein Ehrenwort gegeben dafur zu sorgen, dass diese Briefe sicher in Ihre Hande kamen, mein theurer Vater, und ich betrachte nun meine Noth als geendigt. Evremont fugte noch Vieles hinzu fur jedes einzelne Glied der Familie, welches der Graf nicht angemessen fand dem Generale mitzutheilen, und er endigte die Vorlesung, die Alle mit so inniger Theilnahme angehort hatten.
XIII
Das Schreiben Evremonts hatte die schmerzliche Trauer in der Familie des Grafen geendigt. An die Stelle der qualenden, alle Lebenskrafte verzehrenden Angst trat die wohlthatige Sehnsucht der Liebe, die zwar innig die Vereinigung mit dem Geliebten herbei wunscht, aber, wenn das Schicksal zogert diese zu gewahren, die Stunden des Erwartens dadurch versusst, dass sie alle dem Streben gewidmet werden, den schonen Augenblick, wenn er endlich eintritt, auf alle Weise zu verherrlichen. Der Graf hatte leicht Mittel gefunden, da er Evremonts Aufenthalt kannte, ihm solche Summen zu ubersenden, dass von einer abhangigen Lage nun bei ihm nicht die Rede mehr sein konnte, und da das ganze Land von Feinden gereinigt war, so konnte ein regelmassiger Briefwechsel eintreten, der ein grosser Trost fur Alle wurde. Emilie hatte nun Gemuthsruhe genug den wohlgemeinten Rath ihrer Tante zu befolgen, und sie theilte ihre Zeit zwischen der Sorge fur ihren Sohn, den sie schon zu unterrichten anfing, und eigenen Studien und Musik. Die wohlwollende Adele rief oft triumphirend: Hatte ich nicht Recht, dass ihn der Himmel zu unserm Troste erhalten wurde und war nun nicht all die furchtbare Angst unnothig? Sie liebte Evremont mit der Zartlichkeit einer Mutter; sie hatte oft verzweiflungsvoll fur ihn gezagt, aber sie war nun herzlich froh, mit gutem Gewissen die Last der Traurigkeit abwerfen und sich ihrer angebornen Heiterkeit uberlassen zu durfen. Der Graf gewann den Gleichmuth der Seele wieder, denn er durfte den Schlag des Schicksals nicht mehr befurchten, den er sich bewusst war nicht ertragen zu konnen, und die Grafin, die sich dem Grabe sichtlich zugeneigt hatte, kehrte, gestarkt durch die innere Ruhe, noch ein Mal auf den Weg des Lebens zuruck. Selbst die Krafte des alten Dubois schienen sich zu verjungen, da er den jungen Grafen, wie er Evremont nannte, in Sicherheit wusste; es entzuckte ihn, dass der gutige Herr auch seiner in dem langen Schreiben gedachte, und er widmete nun dem kleinen Grafen, wie er den kleinen Adalbert nannte, doppelte Aufmerksamkeit und hatte wenigstens selbst eben so viel Freude daran, als er in Evremont dadurch zu erregen hoffte, dass der Kleine so reines Franzosisch sprach, dass kein Pariser etwas daran zu tadeln gefunden haben wurde, ein Verdienst, welches sich der alte Haushofmeister ganz allein zuschrieb.
Jeder Fortschritt, den die verbundeten Truppen in Frankreich machten, erhohte die Zufriedenheit der Familie des Grafen, denn jeder fuhrte die Hoffnung des endlichen Friedens naher. Eine ganz andere Wirkung hatten diese Fortschritte auf das Gemuth des General Clairmont. Er hatte gehofft, Frankreich wurde der gesammten Macht Europas widerstehen und so auf eigenem Boden den in der Ferne verlornen Ruhm wiedergewinnen. Ihn entzuckte daher jeder Vortheil, den die Franzosen erkampften, und er erklarte es fur eine Verwegenheit der Verbundeten, dass sie sich nach Paris wendeten, denn er sagte ihren gewissen Untergang vor dieser Stadt voraus, deren gesammte Bevolkerung, wie er behauptete, die Waffen gegen den eindringenden Feind ergreifen wurde. Als nun der entscheidende Schlag gefallen war, Paris in seinen Mauern die fremden Heere aufnahm, granzte seine Stimmung an Verzweiflung, und als bald darauf Napoleons Abdankung und die Zuruckberufung der Bourbons erfolgte, schloss er sich zwei Tage in sein Zimmer ein, ohne selbst dem Grafen Zutritt zu verstatten, der so gern den Freund beruhigt hatte.
Als endlich der General wieder in der Gesellschaft erschien, war er bleicher und ernster als gewohnlich. Ich werde Dich nun bald verlassen, sagte er dem Grafen, indem er ihm die Hand reichte. Die Erinnerung an Deine Freundschaft, an den langen Aufenthalt in Deinem Hause wird mir um so wohlthatiger sein, da ich Deinem Beispiel folgen und mich auf meine Guter zuruckziehen werde.
Wie kommen Sie zu dem Entschluss? rief Adele unbedachtsam. Wie oft haben Sie behauptet, in Frankreich konne man nur in Paris leben, wenn man das Leben mit allen seinen Vorzugen geniessen wolle.
Paris ist nichts mehr fur mich, rief der General mir aufflammendem Unwillen. Welchen Reiz konnte Paris fur mich noch haben, wo Alles danach strebt, ein ruhmvolles Leben zu vergessen oder als ein Verbrechen zu behandeln, wo selbst jedes Zeichen vertilgt werden soll, das an eine so nahe Vergangenheit erinnert, dass sie beinah noch Gegenwart ist. Nein! rief er, indem er die dreifarbige Kokarde vom Hute nahm, nie werde ich dieses Zeichen gegen das weisse Band vertauschen; und darf ich es nicht mehr offentlich erheben, so soll es auf meinem Herzen ruhen, so mag es mit mir begraben werden. Er wendete sich ab, um das Gesicht, auf dem Zorn und Ruhrung mit einander kampften, zu verbergen.
Wie ist es moglich, sagte der Graf in besanftigendem Tone, dass die Farbe eines Bandes Dich so leidenschaftlich erregen kann? Du sprichst nicht, wie Du denkst, sagte der General nach kurzem Schweigen, wahrend dessen er den Freund zurnend angesehen hatte. Bleibt das ein blosses Band, woran sich tausend Erinnerungen der Ehre, der Begeisterung, des Entzukkens nach uberstandenen fast unglaublichen Gefahren knupfen? Hatte man uns ein Zeichen nicht lassen sollen, unter dem Frankreichs Name unter allen Himmelsstrichen verherrlicht wurde? Nein, nimmermehr wird der, der dem kuhnen Adler unter Egyptens heissen Himmel und nach Russlands Wusteneien folgte doch, ich vergesse, unterbrach er sich selbst mit Bitterkeit, ich vergesse, dass ich mit Dir rede, dessen Seele an alten eingesogenen Vorurtheilen hangt; der in Ereignissen, die ausser aller menschlichen Berechnung lagen, mit Selbstzufriedenheit die richtige Berechnung seiner Weisheit erkennen, und der triumphirend mich daran erinnern wird, dass ja nun Alles so gekommen ist, wie er es vorhergesagt, der nun selbstgefallig in tiefe Einsicht verwandeln wird, was damals nur ein eigensinniges Festhalten veralteter Meinungen war.
Und fuhlst Du nicht, sagte der Graf mit Milde, wie sehr Du mir unrecht thust, indem Du ein so treffliches Bild von mir entwirfst? Ich habe nichts vorhergesagt, ja ich gestehe, dass ich nicht erwartet habe, Ereignisse zu erleben, wie sie jetzt eingetreten sind, und wenn ich in fruheren Zeiten glaubte, dass sie nicht ausser dem Kreis der Moglichkeit lagen, so hatte mich die Geschichte anderer Lander bewogen diess anzunehmen und keineswegs eigensinniger Dunkel. Und wenn ich dem Himmel von Herzen dafur danke, mein Vaterland von dem Drucke der franzosischen Uebermacht befreit zu sehen, so richte ich desshalb den Blick nicht feindlich nach Frankreich hinuber, und sollte der Traum, den ich jetzt hege, denn nicht eben so wohl wie der fruhere in Erfullung gehen konnen? Sollten nicht beide Nationen, statt einander feindlich zu vertilgen, ihre gegenseitigen Vorzuge anerkennen? Sollte nicht ein friedlicher Wetteifer eintreten konnen in der Ausbildung jeder Kunst und jeder Wissenschaft des Lebens? Und sollten nicht beide statt einander feindlich zu berauben, nun lieber durch gegenseitigen Austausch zu gewinnen suchen? Der Hass, der sich jetzt noch durch die aufgeregten Leidenschaften ausspricht, wird sich bald verlieren. Die Deutschen sind zu geneigt fremdes Verdienst anzuerkennen, als dass sie nicht bald wieder auch das franzosische gehorig wurdigen sollten, und den Franzosen, erlaube es mir zu sagen, wird das erlebte Ungluck eben so heilsam sein, wie einem in Reichthum, Gluck und Gesundheit ubermuthigen jungen Manne ein Schlag des Schicksals zuweilen wohlthut. Es wird Euch bescheidener machen und die Idee wird bei Euch Zugang finden, dass es auch ausserhalb Frankreich noch etwas Bedeutendes und Wissenswerthes geben kann, dass auch die Bestrebungen anderer Nationen Achtung verdienen, und eine engere und edlere Verbindung wird sich so zwischen Euch und Euern Nachbaren bilden, als wenn Ihr sie durch die Gewalt der Waffen unterdrucktet.
Der General war zu sehr mit seinen eigenen Gefuhlen beschaftigt, als dass er die Worte des Freundes hatte genau beachten konnen. Er horte nur im Allgemeinen die wohlwollende Gesinnung heraus, und mehr dem Gange seiner Gedanken folgend, als dem Grafen antwortend, sagte er: Es ist wahr, im Gefolge der Revolution waren emporende Grauel. Das edelste Blut vergoss man, der Menschlichkeit Hohn sprechend, in Stromen, aber gestehe es, viele grosse Gedanken wurden auch ausgesprochen und fassten unmerklich Wurzel in jedes Menschen Brust, und wenn Du zuruckblickst, wie weit alle Staaten sowohl, als einzelnen Menschen von der Stelle aus weiter geschritten sind, wo sie vor dieser Revolution standen, so wirst Du zugeben mussen, dass sie, wenn sie auch wie ein furchtbar zerstorendes Gewitter uber die Lander schritt, doch auch wie dieses Spuren des Segens zuruckgelassen hat. Napoleon bandigte dieses Ungeheuer, aber mit ungemessenem Ehrgeiz opferte er den kuhnsten Planen wieder das edelste Blut in Stromen, und doch fand Frankreich Trost in dem Ruhme, der seinen Namen unter den fernsten Himmelsstrichen verherrlichte. Jetzt hat nun wieder das stromende Blut vieler Tausende den Boden der Lander gerothet, um die Vergangenheit zuruckzufuhren, und welcher Segen wird uns fur diese Opfer?
Die Segnungen des Friedens, sagte der Graf, den Euer schones Frankreich sowohl bedarf, wie alle europaischen Lander. Wir mussen erst erwarten, erwiederte der General, was dieser Frieden fur Folgen haben wird, ehe wir seine Segnungen preisen. Ich werde mich auf jeden Fall zuruckziehen und in ruhiger Musse fur die Erziehung meiner beiden Knaben sorgen. Armer Bertrand! fuhr er seufzend fort, unser Napoleon und Eugen werden diese Namen nicht von Neuem verherrlichen, wie Du hofftest, denn Gott weiss, ob man ihnen nicht die Namen selbst als Verbrechen anrechnen wird.
Wenige Tage nach dieser Unterredung schied der General von seinem Freunde, und Beide trennten sich nicht ohne Ruhrung, denn wie verschieden auch oft ihre Ansichten waren, so fand doch Jeder in dem Andern so viele Vorzuge anzuerkennen, dass die gegenseitige Achtung das in der Jugend geknupfte Band der Freundschaft nur dauernder und fester machte, und schon den folgenden Tag, als der General franzosischen Boden beruhrte, dachte er: Sollte es denn nicht moglich sein, dass, wie ich Hohenthal liebe und achte, obgleich er ein Deutscher und von den Grillen dieser Nation nicht frei ist, und wie er mich liebt, obgleich er meine besten Eigenschaften fur Thorheiten eines Franzosen halt, eben so einst beide Volker in aufrichtiger Freundschaft einander gegenuberstanden? Diese friedlichen Gesinnungen wurden jedoch bald aus der Brust des franzosischen Kriegers verscheucht, indem er den feindlichen Truppen begegnete, die so gleichgultig auf franzosischem Boden wandelten, als ware es gar nichts Besonderes fur sie, sich hier als Sieger zu bewegen, und es gereichte ihm nur diess zu einigem Troste, dass alle wenigstens auf dem Wege waren Frankreich zu verlassen.
Unter den ruckkehrenden Kriegern war auch der Graf Robert und seine Freunde, und wenige Tage, nachdem der General das Haus des Grafen verlassen hatte, wurde dieser auf's Angenehmste durch die Ankunft seines Vetters uberrascht, der diess Mal in Begleitung aller seiner Freunde kam, denn auch Wertheim und der Baron Lehndorf kehrten nach Deutschland mit ihren Truppen zuruck, und naturlich mit ihnen der Arzt und Gustav Thorfeld.
Die Freude Aller wurde erhoht, als sie erfuhren, dass Evremont lebe, und dass man nun, da alle Kriegsgefangenen frei gegeben wurden, seine baldige Ruckkehr erwarten durfe. Der Graf bemerkte mit Wohlgefallen, dass das scheue, finstere Wesen Wertheims sich verloren hatte, und dass seine Sitten milder, als sonst erschienen. Der Graf Robert loste dem Oheim diess Rathsel, indem er ihm die gluckliche Veranderung mittheilte, die in der ganzen Lage des jungen Mannes eingetreten sei. Durch eine weitlauftige Verwandte war ihm eine Erbschaft zugefallen, und zwar hatte ihn diese zum einzigen Erben eingesetzt und die entlaufene Schwester ganzlich ausgeschlossen. Diess Vermogen setzte ihn in den Stand, das kleine Gut kaufen zu konnen, welches der Graf fruher dem Obristen Thalheim eingeraumt hatte; und wenn er sich nun dazu entschliessen wolle, diess dem jungen Manne zu uberlassen, so konne er, bemerkte der Graf Robert, dessen Lebensgluck begrunden, denn alsdann sei er entschlossen, sich dort niederzulassen und sich mit der altesten Schwester des Grafen zu verbinden, indem Beide, von gegenseitiger Neigung bestimmt, diess sehnlichst wunschten.
Da Sie, mein lieber Vetter, erwiederte der Graf, Hohenthal als Ihr kunftiges Eigenthum betrachten mussen, so ist es mehr Ihre, als meine Sache, und ich gebe im Voraus zu jeder Einrichtung, die Sie dort treffen, meine Einwilligung.
Der Graf gab es nicht zu, dass sein Vetter sich in Danksagungen ergoss, indem er scherzend bemerkte, dass er noch zu lange zu leben hoffe, als dass er jetzt schon Dank fur ein Erbe verdiene, das er erst so spat zu uberlassen gedenke, und er fuhrte bald seinen Vetter auf das Schicksal seines Freundes zuruck. Wodurch er vollig zur Milde gestimmt wurde, fuhr der Graf Robert in Beziehung auf Wertheim fort, war, dass, als wir nicht weit von Paris in ein artiges Landhaus einquartirt wurden, er in der Besitzerin seine entflohene Schwester erkannte, die hier mit ihrem Gatten, der, in Spanien schwer verwundet, zum Dienst untauglich wurde, in glucklicher Ehe lebte. Drei schone, in Gesundheit bluhende Kinder umgaben diess Paar, und die Versohnung war bald gemacht, da Wertheim seine Schwester als Gattin dessen fand, der sie entfuhrt hatte, und da man ihn versicherte, dass der franzosische Offizier sie in Deutschland schon formlich geheirathet haben wurde, wenn man nicht uberzeugt gewesen ware, der Bruder werde diess nicht zugeben und im Gegentheil darauf bestehen, dass die Schwester dem Baron Lehndorf ihr ubereilt, bloss um seinen Wunsch zu erfullen, gegebenes Wort halten solle, wodurch sie sich fur ihr ganzes Leben hochst unglucklich gefuhlt haben wurde. Da Wertheim sich gestehen musste, dass er allerdings so gehandelt haben wurde, und da Lehndorf uber den Verlust der fruheren Braut langst durch die Hoffnung getrostet war, sich mit meiner jungeren Schwester zu verbinden, so war die Versohnung von allen Seiten leicht, und Wertheim, der es fruher fur die Aufgabe seines Lebens hielt, diesen Franzosen von der Oberflache der Erde zu vertilgen, schied als dessen aufrichtiger Freund von ihm. Er hatte namlich die Schwester mit dem Tode ihrer gemeinschaftlichen Verwandtin bekannt gemacht, ohne ihr zu sagen, wie feindlich die sie auch im Tode vom Mitgenusse ihres Vermogens ausgeschlossen habe, deren Geiz ihr und der Mutter, als sie noch lebte, auch in der dringendsten Noth selbst die karglichste Unterstutzung versagt hatte. Mein Freund wollte also, fuhr der Graf Robert fort, sein Erbe mit der Schwester theilen, doch deren Gemahl gab diess nicht zu, indem er dem Bruder seiner Gattin bewies, wie sein Vermogen bedeutend genug sei, dass er leicht diesen Zuwachs entbehren konne, und nach einem gegenseitigen Kampfe der Grossmuth blieb mein Freund der einzige Besitzer dss Vermogens, indem er gern als Gabe des Wohlwollens den Vortheil annahm, den ursprunglich nur der Hass ihm hatte zuwenden wollen. Der Baron Lehndorf, berichtete der Graf Robert weiter, hat bei unserer Ruckkehr die sichere Aussicht auf eine sehr gute Anstellung bei dem Forstwesen, wodurch er ebenfalls in die Lage kommt, einen Hausstand begrunden zu konnen, was er in Vereinigung mit meiner jungeren Schwester zu thun beabsichtigt.
So haben Sie ja bei Ihrer Ruckkehr, bemerkte der Graf lachelnd, die Aussicht auf eine Reihe von Festen, auf viele frohliche Hochzeiten.
Gewiss, gewiss, rief der Arzt, der mit seinen grossen Sporen im Saale umherklirrte. Sobald ich zuruckkehre, wird das grosse, das heilige Fest begangen. Alle meine Gedanken richten sich nach der Heimat; das Bild meiner geliebten Braut folgte mir uberall, und ich habe selbst in Frankreich mancherlei Tand fur sie eingekauft, um sie damit zu schmucken, und auch fur meine Schwiegermutter, die sich eigentlich noch lieber putzt und bunter kleidet, als es sich, wie mich bedunken will, fur ihr Alter ziemt. Aber unschadlichen Thorheiten giebt der Weise nach, und besser zu viel Schmuck an den Bewohnern und im Hause, als dass die Grazien darin fehlen sollten.
Man gab dem Arzte, der diese Rede mit grosser Selbstzufriedenheit gehalten hatte, von allen Seiten Recht, und die Frauen verlangten die Geschenke zu sehen, die er fur die Braut und Schwiegermutter bestimmt hatte, um, wie sie sagten, seinen Geschmack zu bewundern. Der gutmuthige Arzt, der auf Alles eitel war, wurde durch diese Aufforderung erfreut und brachte nur zu gern alle Gegenstande zum Vorschein, die er, wie er sagte, in Frankreich rechtlich eingehandelt und nicht, wie ihm diess von Manchem bekannt sei, ohne weitere Zahlung an sich gebracht habe; und die Frauen ruhmten scherzend jedes Stuck und lobten den zarten Sinn des glucklichen Arztes, der, die Vorliebe seiner Schwiegermutter fur alles Bunte kennend, ihren Geschmack beinah auf eine ubertriebene Weise zu befriedigen gesucht hatte.
Die Freunde blieben einige Tage bei dem Grafen, der sich ernstlich fur den jungen Thorfeld zu verwenden versprach, um ihm eine Stelle als Justizamtmann in der Nahe von Hohenthal zu verschaffen, deren Besitz er so heftig wunschte, wie der Arzt auf seine Weise mit feinem Scherz bemerkte, um in der Nahe zu bleiben und sich gegen Eingriffe in seine Eigenthumsrechte auf das Herz der Tochter des Predigers zu bewahren. Der junge Mann schwieg errothend, und es liess sich also annehmen, dass der oft wiederholte Scherz des Arztes nicht grundlos war.
Die Grafin bemerkte wahrend dieser Zeit gegen den Grafen Robert, dass es wunderbar sei, wie verschieden Gluck und Ungluck auf verschiedene Charaktere wirke. Viele Menschen, sagte sie, werden durch Ungluck erzogen. Es macht sie ernster, milder, theilnehmender gegen Andere, wenn sie selbst die Schmerzen kennen gelernt haben, mit denen diess Leben uns verfolgt. Andere macht dagegen das Ungluck hart, storrisch und roh, wie wir diess an Ihrem Freunde Wertheim bemerken mussten, und nur das Gluck vermag diese zu erziehen, ihren Charakter edler, ihre Sitten milder zu machen. Graf Robert errothete, denn er erinnerte sich daran, dass auch er zu denen gehorte, die das Gluck edler gebildet hatte, und dass sein erstes Auftreten im Hause seines Oheims keinen vortheilhaften Begriff von seinen Sitten erregt haben konnte. Er sagte endlich verlegen: Auffallender ist es noch, wie sehr der unaussprechliche Hass gegen Frankreich und gegen Franzosen in der Brust meines Freundes gemildert ist, seitdem er in dem Entfuhrer seiner Schwester deren rechtmassigen Gemahl und einen braven, achtungswerthen Mann kennen gelernt hat.
Es ist uberhaupt schwer, bemerkte der Graf, genau zu bestimmen, in wie weit sich Personlichkeit in unsere Gefuhle mischt, wenn wir das Vaterland lieben oder dessen Feinde hassen, und ich glaube, wenn wir recht scharf sondern wollten, wurde nicht immer so viel Tugend ubrig bleiben, wie man in neuester Zeit in diesen Empfindungen zu suchen gewohnt ist.
Wahrend des Aufenthaltes der Freunde beim Grafen gewann der Graf Robert den kleinen Adalbert so lieb, dass er im Scherze behauptete, er musse noch einst durch eine Verbindung mit seinem jungst gebornen Tochterchen sein Sohn werden, und er wiederholte diesen Scherz so oft, dass man leicht bemerken konnte, wie der Wunsch sich ganz ernsthaft in seiner Seele ausbildete.
Die Heiterkeit des Beisammenseins wurde den Freunden nur auf Augenblicke getrubt, wenn sie daran dachten, dass Evremont in ihrem Kreise fehle, und jedes Mal, indem sie uber seine Abwesenheit seufzten, stieg zugleich ein Dankgebet zum Himmel empor dafur, dass er ihnen erhalten war.
Endlich war der Augenblick der Trennung erschienen, und wenn auch ein Gefuhl der Wehmuth Alle beim Abschiede ergriff, so eilten doch der Graf Robert und seine Freunde mit freudigem, hochklopfendem Herzen ihren heimathlichen Bergen zu, denn Jeder wusste, dass ihn dort ein sehnsuchtiges Herz erwartete und zartliche Blicke ihn begrussen wurden. Der alte Dubois wollte seinen Sohn, wie er den jungen Thorfeld nannte, nicht entlassen, ohne ihm ein Geschenk aufzudringen, worin der junge Mann mit Ruhrung von Neuem die vaterliche Liebe des Greises erkannte. Der Arzt verhehlte sein Gefuhl hochster Gluckseligkeit beim Abschiede nicht. Ich werde, rief er, indem er sich die Thranen der Ruhrung abtrocknete, die ihn zugleich bewaltigte, den Lohn aller der Opfer empfangen, die ich dem Vaterlande gebracht habe. Die erhohte Liebe und Achtung meiner Braut wird meine Anstrengungen belohnen, und die Lorbeern werden mich ehren, die ich im Kriege gewann, nicht indem ich Menschen todtete, sondern indem ich manchen braven Mann erhielt.
Es ist wahr, sagte der Graf Robert, mit wahrer Tollkuhnheit wagte sich der Doktor jedes Mal auf das Schlachtfeld, wenn kaum der Feind sich zuruckzog, und die Kugeln noch heruber und hinuber flogen; wie ein Geier auf seine Beute sturzte er sich auf die Verwundeten, und Viele danken ihr Leben und die Erhaltung ihrer Glieder nur der schnellen Hulfe, die er ihnen durch diesen Muth gewahrte, und da unter den Geretteten mancher bedeutende Mann ist, so glaube ich, dass diese seltene Tapferkeit eines Arztes noch durch eine Auszeichnung belohnt werden wird.
Das eiserne Kreuz, sagte der Arzt, indem er sich sehr in die Brust warf und dadurch einige Aehnlichkeit mit einem indianischen Hahne gewann, das eiserne Kreuz kann mir nicht entgehen, wenn man nicht ganz ungerecht gegen mich sein will.
Endlich trennte man sich, und der kleine Adalbert vermisste noch einige Tage den Grafen Robert und Thorfeld schmerzlich, die sich so viel mit ihm beschaftigt, dass sie die lebhafteste Zuneigung des Kindes gewonnen hatten.
XIV
Das Leben war auf dem Landsitze des Grafen nach der Abreise der Freunde wieder in seine gewohnten Gleise zuruckgekehrt. Die Tage verstrichen gleichmassig unter ernsten Beschaftigungen, oder im Genusse der Natur, der Poesie und Musik, und dieser einfache Gang des Lebens wurde nur durch erhohte Heiterkeit unterbrochen, wenn Briefe von Evremont eintrafen. Man hatte nun nichts mehr fur ihn zu furchten, seine Lage nicht mehr zu beklagen; also gewahrten seine Briefe reine Freude, nur mit der kleinen Beimischung von Schmerz, dass die sehnsuchtige Erwartung immer noch getauscht wurde; er konnte immer noch nicht seine Abreise aus Russland melden. Obgleich es bekannt war, dass die kriegsgefangenen Franzosen ohne Schwierigkeit Erlaubniss erhalten sollten, nach Frankreich zuruckzukehren, so war es doch naturlich, dass bei der weiten Ausdehnung der russischen Provinzen manche Zogerung fur viele Einzelne eintrat, und Evremont besonders wollte nun bei seiner Abreise doch einen Pass erhalten, in dem sein wahrer Rang in der franzosischen Armee verzeichnet ware. Er hatte sich zum Theil in dieser Absicht nach Petersburg begeben, weil er dort mit Gewissheit hoffen konnte, mehrere Franzosen anzutreffen, denen er personlich bekannt ware, und die also sein Gesuch unterstutzen konnten. Aber auch in der kaiserlichen Residenz musste er seinen Aufenthalt langer ausdehnen, als er wunschte, ehe er sein Ziel erreichen konnte, und er schrieb seinen Freunden uber diese merkwurdige Stadt:
"Wer Petersburg sieht, wird sich des Staunens nicht erwehren konnen uber das Ungeheure, was menschliche Anstrengung in wenig mehr als hundert Jahren hervorzubringen vermochte. Wenn man die demuthige Hutte besucht hat, die sich Peter der Erste errichtete, von wo aus er sein Riesenwerk leitete, und wirft dann einen Blick auf die unermesslichen Strassen, auf die kolossalen Pallaste, die seitdem entstanden sind, oder auf die herrliche Einfassung der majestatischen Newa, und die grossartigen, reich verzierten Thore und Gitter des Sommergartens, so kann sich die Phantasie nicht daran gewohnen, sich diess alles als kurzlich entstanden zu denken. Betrachtet man die ungeheuern Saulen aus Granit, jede aus einem einzelnen Block und wie Edelgestein polirt, die in der Kasanschen Kirche prangen, so darf man diese Werke dreist mit den Werken der Romer vergleichen, und hatte immer ein richtiger Geschmack diese ungeheuern Krafte geleitet, dass wir eben so wohl den edeln Styl der Baukunst immer bewundern konnten, wie den grossen Kraftaufwand, so ware Petersburg beinah ein Wunder zu nennen, aber nicht zu laugnen ist es, dass sich dem Beschauer oft ein Gefuhl aufdrangt, das ihn zwingt, eine solche Verwendung so ungeheurer Krafte zu beklagen. Auch war es mir, nachdem das erste Anstaunen dieser Schopfung voruber war, storend, das lebendig-frohe Gewuhl anderer Stadte zu vermissen. Die Strassen sind so unermesslich lang und breit, dass sie immer leer scheinen; die Platze sind so gross, dass sich Alles darauf verliert, und ich weiss nicht, ob es vielleicht aus diesem Grunde war, dass die Statue Peters des Ersten nicht den Eindruck auf mich machte, den ich erwartete. Sie sieht in dieser Umgebung klein aus, und selbst der Felsen, auf dem sie steht, kann nicht Bewunderung in dem Beschauer erregen, wenn er es nicht weiss, dass dieser ungeheure Granitblock aus Finnland hieher versetzt wurde, denn hier, wo er jetzt steht, sieht er bei Weitem nicht so gross aus, wie ich ihn mir nach Beschreibungen dachte. Einigermassen mag der Sommer Schuld sein an dem todten Ansehn, das jetzt Petersburg hat, weil dann Alles eilt, fur diese wenigen Monate die reizenden Landhauser zu beziehen, die die Stadt von allen Seiten umgeben, und in der That, hier kann man es ganz vergessen, dass man im Norden lebt. Diese verschwenderische Pracht von Blumen und bluhenden Stauden entzuckt das Auge; die sich auf dem Wasser schaukelnden, bunt geschmuckten Gondeln rufen sudliche Bilder in unserer Seele hervor. Die schattigen Baumgange gewahren anmuthige Kuhlung bei dem Brande der Sonne und schutzen gegen die rauhen Winde, die tuckisch oft auf einmal an den Norden erinnern. Ist man so glucklich, an einem schonen Tage denn auch die nur in Russland einheimische Hornmusik im Freien zu horen, so muss auch der eigensinnigste Kritiker gestehen, dass die grosse Kaiserstadt und ihre Umgebung die edelsten Genusse zu gewahren vermag. Ich habe niemals Instrumentalmusik gehort, die auf mich einen so tiefen, unerklarlichen Eindruck gemacht hatte. Es ist ein lebendiges aus Menschen zusammengesetztes Instrument, das wir hier horen. Jeder blast nur einen Ton auf einem der an Grosse verschiedenen Horner, und wenn auch diese Musik ihrer Natur nach wohl nur dazu geeignet ist, ernstere Sachen in gedehnten Tonen vorzutragen, so ist es doch auf's Hochste zu bewundern, wie diess Menscheninstrument eingeubt ist, denn sie machen die schnellsten Laufe auf und ab mit einer Genauigkeit, die an's Unglaubliche granzt. Nachdem mir diese Musik den hochsten Genuss gewahrt hatte, drangte sich mir doch ein schmerzliches Gefuhl auf, denn es druckte mich hart, den Menschen in dem Grade zur Maschine erniedrigt zu sehen.
Noch ergreifender aber und unendlich erhabener ist der Eindruck, den die russische Kirchenmusik auf jeden Menschen hervorbringen muss, dessen Seele fur solche Eindrucke uberhaupt empfanglich ist. Bekanntlich verbannt der strenge griechische Ritus alle Begleitung der Instrumente, auch verbietet dieselbe Strenge bei Besetzung des Soprans sich der Hulfsmittel zu bedienen, die die lateinische Kirche gestattet, also wird die Diskantstimme von Knaben gesungen, die fur die Kapelle zu diesem Behufe ausgewahlt werden. Die Seele wird getroffen und das Herz in seinen Tiefen bewegt, wenn diese gottlich schonen Stimmen sich himmelan schwingen, darum, weil eine so susse Kindesunschuld in ihnen tont, das man unwillkuhrlich an die den Thron Gottes umschwebenden Engel denken muss. Freilich, wenn der Gesang verstummt ist und die Bewegung des Herzens sich beruhigt hat, behauptet dann der alte Fehler des Menschen, immer urtheilen und vergleichen zu wollen, sein Recht, und ich musste mir gestehen, als ich die Kapelle verlassen hatte, dass die lateinische Messe kunstreicher ausgebildet ist, auch liegt die Ursache, warum diess so ist, glaube ich ganz nahe. Da namlich die Oberstimme in der griechischen Kirche immer von acht- oder zehnjahrigen Knaben gesungen werden muss, so kann nie ein Virtuose die echte Kunst des Gesanges oder die ganze Tiefe des religiosen Gefuhls darin entfalten, alle andern Stimmen mussen mit bescheidener Massigung behandelt werden, damit die Oberstimme nicht unterdruckt wird; desshalb bewegt die ruhrende Unschuld in diesem himmlischen einfachen Gesange vorzuglich das Herz, wenn wir bei der kunstreicher gebildeten lateinischen Messe oft noch Gelegenheit haben, die grosse Virtuositat einzelner Sanger zu bewundern. Vielleicht wurden diese Betrachtungen meinen griechischen Christen viel zu weltlich dunken, denn ich glaube, es fallt nur wenigen ein, den Gesang in der Kirche als Kunst zu betrachten; es scheint ihnen bloss unerlasslich zum Gottesdienst zu gehoren. Ueberhaupt, glaube ich, hat die Kunst hier noch wenig Eingang gefunden, obgleich die Kaiserstadt viele herrliche Kunstwerke besitzt. Kunstgenuss ist hier ein Luxus, den sich nur Wenige erlauben, keineswegs ein Bedurfniss der Seele. Desshalb durchwandert man die Sale, in denen die Kunstschatze sich befinden, beinah immer einsam, und auch ich habe mir nur einen fluchtigen Ueberblick zu verschaffen gesucht, freilich aus andern Grunden. Die Kunstwerke sind so zahlreich, die Sammlungen so grossartig, dass ich nicht lange genug hier verweilen kann, um einigermassen mit Nutzen sehen und das Gesehene im Gemuth ordnen zu konnen. Schon allein die Sammlung geschnittener Steine ist so gross, dass ein Studium dazu erforderlich ist, um sie einigermassen kennen zu lernen, und ich habe mich wahrend meines Hierseins oft daruber gewundert, dass bis jetzt so wenig uber Petersburg und seine Kunstschatze geschrieben worden ist, wodurch der Fremde einigermassen geleitet werden konnte.
Da ich also auf ein Studium der hier befindlichen Kunstwerke mich nicht einlassen kann, so gewahrt es mir ein grosses Vergnugen, die Stadt nach allen Richtungen zu durchstreifen, und wenn ich auf diesen Wanderungen in der Nahe grossartiger Pallaste noch hin und wieder armselige Hauser erblicke, so stellt sich mir dadurch die noch nicht lange entschwundene Zeit neben die Gegenwart, und die riesenmassige Kaiserstadt mit ihren endlosen Strassen, ungeheuern Platzen und kolossalen Gebauden ist, glaube ich, kein ubles Bild des ganzen Russlands uberhaupt, dessen schnelle Entwickelung erst kunftige Geschlechter ganz unparteiisch werden bewundern konnen. Bin ich von diesen Wanderungen und den Betrachtungen, die ich anstelle, ermudet, dann schiffe ich mich auf einer Gondel ein, und die majestatische Newa tragt das leichte Schiffchen auf ihrem glanzenden Rucken; nach dem Takte der Ruderschlage gleitet das Fahrzeug dahin, und ich umkreise die bluhenden Inseln, die sich mit ihren Blumen, Baumen und freundlichen Hausern in der silberhellen, sie umfangenden Newa spiegeln. Fallt mir dann ein, dass diess Duften und Bluhen, dieser dunkle Baumschatten, diese schwebenden Gondeln nur wenige Monate das Auge entzucken, und den grosseren Theil des Jahres alles diess unter Schnee und Eis begraben liegt, so kann ich mir denken, dass es mir wie die Zaubereien in den Marchen der Tausend und Eine Nacht erscheinen wurde, wenn ich nach einem hiesigen endlosen Winter alle diese Pracht fur eine kurze Zeit auf einmal neu entstehen sahe, denn die Natur muss hier eilen, wenn sie etwas leisten will, und der Fruhling wird beinah ganz ubergangen; die durren Baume sind in wenigen Tagen belaubt, und der Winter geht beinah unmittelbar in den Sommer uber.
Alle ausserten nach dieser Beschreibung, dass es ein grosser Genuss sein musse, Petersburg zu sehen, und der Graf machte im Scherze den Vorschlag, dorthin zu reisen und Evremont abzuholen ein Gedanke, aus dem vielleicht Ernst geworden ware, wenn man nicht hatte befurchten mussen Evremont zu verfehlen, der leicht schon abgereist sein konnte, ehe seine Freunde die Kaiserstadt erreichten.
Unter diesen Erwartungen verschwand der Herbst und der Winter. Evremont fand mehr Schwierigkeiten, als er geglaubt hatte. Sein Aufenthalt in Petersburg dehnte sich in die Lange, Napoleon landete unerwartet in Frankreich, ehe er nach Deutschland zuruckgekehrt war, und seine Freunde besorgten, dass die Wendung, die die offentlichen Angelegenheiten nun nahmen, vielleicht auf's Neue seine Ruckreise verzogern durfte.
Evremonts letzte Briefe hatten gemeldet, dass er endlich seine Passe, so wie er es wunschte, erhalten habe und nun Petersburg verlassen wurde, um noch auf wenige Tage nach dem Hause zuruckzukehren, das ihn so wohlwollend aufgenommen hatte und dessen menschenfreundlichen Besitzern er gewiss die Erhaltung seines Lebens zu verdanken habe eine Wohlthat, die er jetzt erst nach ihrem ganzen Umfang zu schatzen begann, da sich das Leben mit allen seinen Reizen von Neuem vor ihm ausbreitete. Diess waren die letzten Nachrichten, die man von Evremont erhalten hatte, und die, wie sie eintrafen, die ganze Familie in Entzucken versetzten. Sein Schweigen nun gab Allen die traurige Ueberzeugung, dass er neue durch die eingetretenen Umstande veranlasste Hindernisse gefunden haben musse.
In solchen traurigen Betrachtungen sassen die Glieder der Familie an einem schonen Sommerabend bei einander im Saale des Hauses. Die Thuren nach dem Garten waren geoffnet und der Duft der Blumen stromte in den Saal; aus dem Garten horte man den Gesang der Nachtigall und das Platschern des Springbrunnens. Jeder sass in Schweigen versenkt, halb auf diese Tone lauschend, halb seinen kummervollen Gedanken hingegeben. Eine Bewegung in den nachsten Zimmern erregte endlich die Aufmerksamkeit, und indem Alle die Augen dahin richteten, erblickten sie zugleich Evremont, der hineinsturmte und abwechsend, ohne zu sprechen, Vater, Mutter, Gattin und seine gutige Tante an die Brust druckte. Thranen der Freude erstickten Anfangs alle Worte, und als diese erste Erschutterung voruber war, machte sich Evremont Vorwurfe daruber, seinen Lieben seine Ankunft nicht vorher gemeldet zu haben, denn seine Mutter und selbst der Graf waren auf das Heftigste von der Bewegung der Seele ergriffen. Doch die Erschutterung der Freude wirkt selten schadlich, und als sich die Eltern ein wenig erholt hatten, blickten seine Augen suchend umher. Emilie verstand den Blick, sprang eilig nach dem Garten hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken zuruck, Adalbert an ihrer Hand, den sie dem entzuckten Vater zufuhrte. Evremont konnte nicht aufhoren abwechselnd seinen Knaben, seine Gattin und seine Eltern zu liebkosen; er tadelte sich selbst, in Thranen lachend, uber seinen kindischen Ungestum und begann doch stets von Neuem. Seine Familie hielt ihn in den Armen und blickte ihm wie selig traumend in die Augen. Man konnte kaum daran glauben, dass der lange Schmerz der Sehnsucht nun wirklich endlich gelost sei, und es vergingen einige Tage, ehe man sich mit dem Gefuhle der Gewissheit des Glucks recht vertraut gemacht hatte.
Nachdem endlich die sturmische Bewegung in jeder Brust gemildert war, nachdem alle Fragen erschopft und alle Antworten gegeben, und selbst Dubois befriedigt war, dem Evremont alle die Liebe und Achtung bewies, die der Greis verdiente, und fur die liebende Aufmerksamkeit den innigsten Dank sagte, die er seinem Knaben gewidmet, fanden ruhigere Gesprache Statt, und die Blicke der Manner richteten sich auf die offentlichen Angelegenheiten. Aber ehe noch die wichtige Frage zwischen Vater und Sohn entschieden war, ob es Evremonts Pflicht sei oder nicht, sich den franzosischen Kriegern anzuschliessen, war die Schlacht bei Waterloo geschlagen, und Napoleons zweite Abdankung machte jeden Streit hieruber uberflussig.
Der neue Friedensschluss war fur Frankreich drukkender als der erste, und indem Evremont daruber trauerte, dass seinem Vaterlande Provinzen entrissen wurden, lag ein trostendes Gefuhl darin, dass sein Interesse nicht mehr von dem seiner Eltern verschieden war, denn seine Guter jenseits des Rheins, die er fortan unter preussischer Regierung besitzen sollte, machten ihn wie den Grafen zum Burger dieses Staates.
Evremont hatte das Leben in so vielfacher Gestalt kennen gelernt, dass er, obwohl noch jung, dem offentlichen Antheile daran gern entsagte, und sich und seiner Familie zu leben beschloss ein Entschluss, der Emilien in Entzucken versetzte und von den Eltern hochlich gebilligt wurde, und nur Adele, ob sie gleich erfreut war, alle Gefahr fur den geliebten Neffen geendigt zu wissen, empfand es doch schmerzlich, dass sie die still genahrte Hoffnung, Evremont noch einst als franzosischen Marschall zu sehen, aufgeben sollte. Der Graf machte sie auf die Unmoglichkeit aufmerksam, als preussischer Unterthan in der franzosischen Armee zu dienen. Ja, ja, bemerkte sie seufzend, ich sehe es ein, das sind die traurigen Folgen von Frankreichs Ungluck.
Es war noch eine kurze Trennung Evremonts von der Familie nothwendig. Er musste nach Paris reisen, um seinen formlichen Abschied aus der franzosischen Armee sich auszuwirken, den er leicht zu erhalten hoffte, da alle Krieger, die unter Napoleon gefochten hatten, nur zu bereitwillig von der neuerdings zuruckgekehrten Regierung entlassen wurden. Aber diese Reise verzogerte sich, weil er sich nicht entschliessen konnte, nach so langer Abwesenheit seine Familie sogleich wieder zu verlassen, und weil er seinen Aufenthalt in Paris auf so kurze Zeit zu beschranken dachte, dass er selbst nicht Emilie bereden mochte ihn zu begleiten, denn wenn er auch die Absicht hatte, dass sie Paris und Frankreich sehen sollte, so wollte er diess doch aufschieben, bis Frankreich erst wieder mehr Ruhe und Wurde erlangt hatte und also auch mehr Genuss gewahren konnte.
Es verzogerte sich also Evremonts Abreise von Woche zu Woche, und die Zogerung selbst wurde immer druckender, weil die Nothwendigkeit, sich endlich zu einer unangenehmen Handlung zu entschliessen, taglich dringender wurde. In dieser Zwischenzeit trafen Briefe aus Hohenthal ein, an denen sich Jeder auf verschiedene Weise erfreute. Die Schwestern des Grafen Robert waren an Wertheim, dem das kleine Gut unter sehr billigen Bedingungen uberlassen war, und an Lehndorf, der die gewunschte Anstellung erhalten hatte, verheirathet, und auch der Arzt hatte seine Verbindung auf's Glanzendste gefeiert, wobei seine Schwiegermutter alle Kunst des Backens und Kochens entfaltet hatte, um die Gaste gehorig zu bewirthen, und, uber die Massen erhitzt durch die ubernommene Anstrengung, bei der Bewirthung in ihrem bunten Pariser Putz eine seltsame Erscheinung gewahrt hatte.
Die Freude des Arztes war aufs Hochste gesteigert worden, weil er wirklich das eiserne Kreuz vor seiner Hochzeit erhielt und es an diesem Ehrentage an einem moglichst langen Bande an der Brust tragen konnte. Mit Uebermuth hatte er auf den Prediger geblickt, indem er zwischen den Fingern das Ehrenzeichen hin und herbewegte, und ihm gesagt: Sie hatten es auch haben konnen, wenn Sie vernunftigem Rathe Gehor gegeben hatten und uns gefolgt waren, um sich wie wir dem Dienst des Vaterlandes zu weihen. Dieser Uebermuth des Arztes hatte beinah eine unangenehme Storung veranlasst, indem die Antwort des Predigers, der seiner Empfindlichkeit Raum gab, nicht so gemassigt ausfiel, als seiner geistlichen Wurde, besonders an diesem Tage, angemessen war. Ueberhaupt theilte sich der grosse Kreis der Gesellschaft in und um Hohenthal seit diesen mannigfachen Verbindungen oft in zwei kleinere, wovon der eine sich um den Grafen Robert vereinigte, wahrend in dem andern der Prediger und der Arzt einander, oft nicht ohne Heftigkeit, den Vorrang streitig zu machen suchten. Der Arzt grundete seine Anspruche auf die Wissenschaft, sein Haus mit dem Balkon, seinen botanischen Garten, seine Verdienste und vor Allem auf das eiserne Kreuz, und wurde dabei auf's Lebhafteste von seiner Schwiegermutter unterstutzt. Der Prediger fuhlte die Ueberlegenheit seines Geistes; er war so gewohnt den Arzt zu ubersehen, und dieser hatte seine geistige Ueberlegenheit so lange stillschweigend anerkannt, dass nun dem Geistlichen die Anmassung seines Freundes wie eine Rebellion erschien, die er durch alle Mittel beissenden Witzes und schneidender Verachtung zu unterdrucken strebte, indem er durchaus sich nicht darein finden konnte, dass der Arzt seit seinem Feldzuge ein anderer Mann geworden war. Nicht selten wurde die Spannung zwischen Beiden so gross, dass der Graf Robert vermittelnd dazwischen treten musste, um die Versohnung zu bewirken, die indess niemals schwer zu bewerkstelligen war, weil beide Freunde zu sehr fuhlten, wie sehr sie einander bedurften. Von den verschiedenen Nachrichten, die diese Briefe enthielten, erregte die, die den jungen Thorfeld betraf, Evremonts Theilnahme am Lebhaftesten, denn er hatte den jungen Mann in fruheren Zeiten aufrichtig liebgewonnen, und so freute es ihn denn nun, dass auch er hoffen durfte, die Wunsche seines Herzens erfullt zu sehen, denn er hatte die ersehnte Anstellung erhalten und es liess sich erwarten, dass er nachstens auch seine Verbindung mit der Tochter des Predigers melden wurde.
Endlich ermahnte der Graf selbst Evremont an die nothwendige Reise, und die ganze Familie wurde auf's Hochste uberrascht, als, nachdem der Tag der Abreise festgesetzt war, der alte Dubois erschien und den jungen Herrn Grafen um die Ehre ersuchte, ihn begleiten zu durfen. Alle vereinigten sich den alten Mann zu bewegen einen Plan aufzugeben, den er bei seinem hohen Alter nur mit grosser Beschwerde ausfuhren konne.
Ich kann es nicht, erwiederte der Greis, ich muss die heimathliche Luft wieder athmen; ich muss die Sehnsucht so vieler Jahre befriedigen und meine Gebeine dem geliebten Boden lassen.
Wie, rief die Grafin erschreckt, Sie wollen uns ganz verlassen? Was haben wir Ihnen gethan, Dubois, dass Sie uns diesen Kummer erregen wollen?
O meine gutige, meine gnadige Herrschaft, erwiederte der alte Mann in Thranen, diese Frage konnte mein Herz zerreissen, denn sie scheint mich des Undanks zu beschuldigen, wenn sie nicht ein neuer Beweis Ihrer Gute ware. Langer als zwanzig Jahre habe ich in alle Gebete, die ich an Gott richtete, die inbrunstige Bitte eingeschlossen, es moge der ewigen Weisheit gefallen, meinen rechtmassigen Herrn und Konig auf Frankreichs Thron zuruckzufuhren. Der Herr hat mein Gebet und das Gebet von Millionen erhort. Der achtzehnte Ludwig hat den Sitz seiner Vater eingenommen, und wird Segen und Gluck uber unser Frankreich verbreiten. Ich habe Niemanden angefeindet, der anders dachte als ich. Ich konnte mein Vaterland verlassen, wahrend es in den Zuckungen der Revolution sich selbst bis zur Unkenntlichkeit entstellte, aber nun, da Gluck und Frieden mit dem rechtmassigen Konig wiederkehrt, nun zieht es mich gewaltsam zuruck und ich muss franzosische Luft athmen, ehe ich sterbe.
Man sah bald ein, dass es unmoglich sein wurde, den Greis zuruckzuhalten, ohne ihn auf's Schmerzlichste zu kranken und vielleicht dadurch sein Leben zu verkurzen. Es blieb also nichts ubrig, als dafur zu sorgen, ihm die Reise so bequem zu machen, als nur irgend moglich ware, und Evremont ordnete alles Nothige mit so zartlicher Rucksicht an, als ob es sein greiser Vater sei, der ihn begleiten wolle. Die ganze Familie trennte sich mit Thranen von dem wurdigen Alten, den am Meisten die Thranen und lauten Klagen des kleinen Adalbert bewegten, und lange, nachdem der Wagen, der die Reisenden hinwegfuhrte, schon aus den Augen der nachblickenden Freunde verschwunden war, konnte die Grafin sich nicht davon uberzeugen, dass Dubois in der That ihr Haus habe verlassen konnen.
Evremont hatte mit seinem Gefahrten Paris bald erreicht, wo er vor allen Dingen seinen Zweck so bald als moglich zu erreichen suchte, denn die glanzende europaische Hauptstadt bot in diesem Augenblicke wenig Erfreuliches fur ihn dar. Als Krieger schmerzte ihn die Erniedrigung, in der er Frankreich erblicken musste, und das traurige Ende bewunderter Feldherren zerriss sein Herz. Die Schritte der Regierung konnte er als Burger nicht billigen, und die Gesellschaft, die sich in heftig einander bekampfende Parteien theilte, gewahrte ihm keine Erholung. War es nun schon an Evremont zu bemerken, dass ihn der Aufenthalt in Paris nicht befriedigte, so klagte Dubois laut ohne Ruckhalt daruber, wie sehr er sich in allen seinen Erwartungen getauscht fuhle. Er fand weder die begeisterte Freude des Volks daruber, dass ihm sein rechtmassiger Konig wiedergegeben worden war, die er erwartet hatte, noch die Milde und Politur der Sitten, von der er uberzeugt gewesen war, dass sie mit diesem Konige wiederkehren wurde, noch von Seiten der Regierung ein ernsthaftes Streben, die Wunsche der Nation zu befriedigen, und die Art, wie die Religion nach Frankreich zuruckkehrte, konnte den von Natur milden und edeln Geist des Greises am Wenigsten befriedigen. Die heftig streitenden Parteien, die er allenthalben traf, verletzten sein Gefuhl fur Schicklichkeit, und nachdem er jeden Tag missvergnugter geworden war, uberraschte er Evremont eines Abends mit der Erklarung, dass er den andern Morgen nach dem sudlichen Frankreich abreisen werde, um sich nach einigen entfernten Verwandten zu erkundigen, die sich dorthin zuruckgezogen haben sollten. Evremont konnte ihn von diesen Nachforschungen nicht zuruck halten und musste mit Betrubniss den Greis scheiden sehen, denn er hatte gehofft ihn zu bewegen, mit ihm nach dem deutschen Ufer des Rheins zuruckzukehren, und war durch das sichtliche Missfallen seines alten Freundes an dem jetzigen Zustande der Dinge in Paris in dieser Hoffnung bestarkt worden, und nun musste er ihn zu seinem Kummer ganzlich aus den Augen verlieren.
Um sich von diesen und andern unangenehmen Eindrucken durch Zerstreuung zu erholen, war er in eins der glanzenden Kaffeehauser getreten, wo er eine zahlreiche Gesellschaft fand, die, wie diess damals gewohnlich geschah, laut die Begebenheiten des Tages beurtheilte und die Schritte der Regierung auf's Heftigste tadelte. Evremont bemerkte bald, dass er sich an einem Versammlungsorte der leidenschaftlichsten Bewunderer und Anhanger Napoleons befand, und nur der aufgeregte Zustand dieser Manner machte es erklarlich, wie ihnen entgehen konnte, was dem Unbefangenen sogleich auffiel, dass viele Mitglieder der Gesellschaft, die am Heftigsten sich zu ereifern schienen, im Grunde nur da waren, um die ubrigen zu beobachten.
Kaum hatte Evremont einige Augenblicke hier verweilt und von dem dienstfertigen Aufwarter eine Erfrischung gefordert, als er von mehreren Anwesenden bemerkt wurde, die ihn erkannten, und als einen Mitgenossen entschwundenen Ruhms und vorubergegangener Gefahren begrussten. Es waren diess verabschiedete Offiziere, die unter Napoleon mit ihm in Spanien gedient hatten. Zu ihnen gesellten sich mehrere Spanier, die damals die Partei der Franzosen ergriffen und dem Konig Joseph gedient hatten, und die nun nach der Ruckkehr des Konigs Ferdinand sich den Verfolgungen im Vaterlande entziehen und unter Frankreichs Himmel Schutz fur ihr Leben suchen mussten. Die gegenseitige Wiedererkennung war von manchem Ausrufe der Ueberraschung und der Freude begleitet. Erinnerungen an mit einander bestandene Gefahren und kleine Abentheuer, wie ein solcher Krieg sie bietet, folgten diesen, und einige Spanier erinnerten ihn daran, dass sie ihn im Hause der Wittwe Don Fernandos kennen gelernt hatten, und in dem so fortgefuhrten Gesprach erfuhr Evremont, dass diese schone Wittwe sich mit einer Verwandten gegenwartig in Paris befinde und dass ihr Haus wieder, wie fruher in Madrid, der Versammlungspunkt einer glanzenden Gesellschaft sei. Er liess sich ihre Wohnung sagen und entfernte sich, so bald es sich thun liess, aus diesem lauten Kreise, weil er bemerkte, dass er seinerseits ein Gegenstand der Aufmerksamkeit der beobachtenden Mitglieder geworden war.
Ein gemischtes Gefuhl von Theilnahme und Neugierde trieb ihn an, noch denselben Morgen einen Besuch bei Don Fernandos Wittwe zu machen. Er horte, als er gemeldet wurde, einen Ausruf der Freude, und als er eintrat, kam ihm die schone Wittwe mit allen Zeichen freudiger Ueberraschung entgegen und begrusste ihn herzlich als einen Verwandten, worauf sie ihn ihrer Freundin vorstellte, die ebenfalls Wittwe geworden war und noch die Trauer fur ihren verstorbenen Gatten trug, und als Evremont auch diese begrusst hatte und sich nun im Saale umsah, bemerkte er den General Clairmont, der ihm herzlich die Hand druckte, und ihm zum Genusse der Freiheit und wiedergewonnenen Lebensfreude Gluck wunschte. Doch was fuhrt Sie hieher? fragte der General im Laufe des Gesprachs. Ich dachte, Paris konnte Ihnen jetzt nichts bieten, was Sie aus den Armen Ihrer Freunde, worunter wunderschone Arme sind, uber den Rhein zu uns hinuber locken konnte.
Evremont theilte ihm die Ursache seines Hierseins mit, und der General sagte: Sie haben Recht sich vollig zuruckzuziehen, auch ich habe es gethan. Als unser Stern noch ein Mal aufleuchtete, hoffte ich, er wurde von Neuem seine kuhne Bahn durchlaufen, und schloss mich ihm mit vielen tausend braven Herzen an; seit er aber bei Waterloo sich neigte und alsdann auf St. Helena sank, halt ich ihn fur vollig untergegangen, und wenn selbst durch ein Wunder Napoleon noch ein Mal erschiene, wurde ich mein Schicksal nicht mehr an das seinige schliessen. Seine ersten Erfolge waren so glanzend, dass er die Mitwelt in Erstaunen versetzte und sie blendete, seine zweiten granzten an's Wunderbare und rissen alle Herzen mit ihm fort, gunstige Erfolge eines dritten Erscheinens aber halte ich fur unmoglich, und da ich gewiss weiss, dass ich ihm nicht mehr dienen kann, so will ich auch meine Ruhe nie wieder aufgeben, ob ich gleich nicht so philosophisch durch den langen Aufenthalt bei Ihrem Vater, meinem alten Freunde Hohenthal, geworden bin, wie ich glaubte, denn ich habe die Einformigkeit des Landlebens nicht lange ertragen konnen, und ich denke, ich werde meine beiden Knaben in Paris noch besser als in der Einsamkeit erziehen konnen.
Da Evremont durch den Grafen das Ende des alten Bertrand und seiner Gattin kannte, fur die er lebhafte Theilnahme behalten hatte, weil er sich dankbar erinnerte, wie sehr sie sich bemuht hatten, selbst an Allem Mangel leidend ihm die Beschwerden des Ruckzuges zu erleichtern, so ausserte er gegen den General seine Freude daruber, dass der verwaiste Knabe in ihm einen grossmuthigen Beschutzer gefunden hatte.
Lassen wir die Grossmuth beiseit, sagte der General. Sie wissen, was mir der alte Bertrand war, aber Sie wissen nicht, dass ich seine Frau fruher unter andern Verhaltnissen kannte.
Doch, sagte Evremont lachelnd, ich erinnere mich der schonen Dame recht wohl, die damals in Ihrer Begleitung war, als Sie siegreich in Schloss Hohenthal einzogen, wo ich in der Zeit ein demuthiger Gefangener war, und ich habe nicht ohne Erstaunen erst spater erfahren, dass dieselbe Marketenderin
Lassen wir diess alles, sagte der General, ihn ernsthaft unterbrechend; mir thun alle diese Erinnerungen nicht wohl. Genug, Sie sehen, dass es mir aus vielen Grunden wohlthut, Bertrands Knaben mit dem meinigen zu erziehen, und Sie konnen beide hier sehen, wenn Sie wollen. Die Verwandte unserer Freundin hat zwei Kinder, und da die Wittwe Don Fernandos oder die Baronin Schlebach Kinder sehr liebt, ohne selbst Mutter zu sein, so werden meine beiden Knaben oft hieher gefuhrt als Spielgesellen der andern, und sie sind jetzt eben hier. Auf Evremonts Aeusserung, dass es ihm Freude machen wurde, die Kinder zu sehen, die der General der Baronin, wie sie hier genannt wurde, mittheilte, erschienen die beiden Knaben, und Evremont wurde uberrascht durch die kuhnen Augen Bertrands, mit denen dessen Sohn ihn anblitzte, und durch die grosse Aehnlichkeit des ubrigen Gesichts mit dem Sohne des alten Lorenz.
Ist es nicht ein sonderbares Spiel der Natur, sagte die Baronin, sich an Evremont wendend und den Knaben unter Liebkosungen in ihre Arme schliessend, wie sehr diess Kind Don Fernando ahnlich sieht?
Evremont hatte ihr die Aehnlichkeit leicht erklaren konnen, doch schwieg er daruber, und lobte nur die Schonheit und den klugen Blick des Knaben, und verrieth auch spater dem General nicht, in welchem Zusammenhange diess Kind mit dem Gemahle der Dame stehe, die sich fur Evremonts Verwandte hielt, denn er traute diesem nicht Zuruckhaltung genug zu, um ein Geheimniss, das ihm vielleicht komisch dunken wurde, ernsthaft zu verschweigen.
Es liess sich leicht bemerken, dass die Wittwe Don Fernandos ein zartliches Andenken fur ihn im Herzen bewahrte, trotz alles von ihm erduldeten Unrechts, und sie wusste es Evremont Dank, dass er Gefuhle des Unwillens und der Verachtung, die sie ihm damals verrieth, als sie in Folge der kurzlich empfangenen Eindrucke noch ihr volles Leben in ihrer Seele hatten, die nun aber die Zeit abgeschwacht hatte, nicht weiter beruhrte eine Schonung, die Evremont geubt haben wurde, wenn ihn auch nicht die Zartlichkeit, mit der sie den ihm ahnlichen Knaben liebkosete, hatte bemerken lassen, dass ihr das Andenken des Gemahls noch theuer war.
Der Sohn des Generals schien die Sorgen des Vaters zu rechtfertigen, denn er verrieth in der That nicht so viel Geist und Feuer als sein ihm in allen Dingen uberlegener Spielgeselle, und den sanften Charakter, der sich in dem Kinde aussprach, schien der Vater nicht gehorig zu wurdigen.
Es waren alle Gemuther noch zu sehr durch die neuesten Umwalzungen in Frankreich aufgereizt, als dass eine Gesellschaft lange hatte beisammen sein konnen, ohne dass sich das Gesprach auf die Ereignisse des Tages gerichtet hatte. Der Tod des Marschalls Ney war damals das allgemeine Gesprach. Mit Thranen in den Augen sprach der General von der Hinrichtung des von ihm bewunderten Helden, und alle Aeusserungen, die Evremont hier uber diese traurige Begebenheit horte, waren weit von jeder vernunftigen Massigung entfernt, und er selbst sprach, durch sein Gefuhl und das Beispiel hingerissen, seinen Schmerz daruber ohne Ruckhalt aus. Endlich brach er auf, nachdem er der Wittwe Don Fernandos das Versprechen hatte geben mussen, das Recht eines Verwandten zu benutzen und ihr Haus wahrend seines Aufenthaltes in Paris taglich zu besuchen. Der General Clairmont war mit ihm gegangen und forderte ihn auf diesen Tag ganz mit ihm zu verleben, und Evremont war bereit, den Wunsch des alten Freundes seines Vaters zu erfullen. Im Laufe des mannichfach wechselnden Gesprachs, das unter beiden Kriegsgefahrten wahrend des Tages Statt fand, bemerkte Evremont scherzend, der General sei so einheimisch im Hause der Baronin, dass die Hoffnung nicht ganz unbegrundet erscheine, ihn noch dort als den Herrn des Hauses zu begrussen. Nein Freund, das ist nichts, sagte der General. Trotz aller Liebe, die Don Fernandos Wittwe noch fur den verstorbenen Gemahl aussert, scheint sie doch durch ihn die Ueberzeugung gewonnen zu haben, dass die Bande der Ehe keine Fesseln aus Rosen sind, und ich, betrachten Sie mich, mein Haupt ist kahl geworden und die ubrig gebliebenen Haare beginnen schon stark zu ergrauen. Nein Freund, fur mich ist es nicht mehr Zeit an Liebe und Ehe zu denken, fur mich ist die Zeit der Freundschaft den liebenswurdigen Frauen gegenuber eingetreten, und diese Meinung scheint die Baronin auch zu hegen.
Evremont musste in der That bemerken, dass der General sehr alt geworden war, und dass die Beschwerden des Krieges diesen Zustand fruher herbeigefuhrt hatten, als es die verlebten Jahre mit sich brachten. Und dennoch versicherte der General, dass er an dem heutigen Tage ungemein heiter und lebendig gewesen sei, weil ihn die Freude, einen so braven Kriegsgefahrten und den Sohn seines alten Freundes wieder zu sehen, ausserordentlich aufgeregt habe. Auch ihm musste Evremont, als sie sich endlich trennten, das Versprechen geben, mit ihm wahrend seines Aufenthaltes in Paris so oft als moglich zusammen zu sein.
XV
Der vergangene Tag hatte in Evremonts Seele vielfache Erinnerungen lebhaft aufgeregt. Der oft erwahnte Tod des Marschalls Ney hatte die Trauer uber den Fall dieses Helden schmerzlich erneuert, und er beschloss in der Stille am fruhen Morgen die Stelle zu besuchen, wo das bravste Herz, von Kugeln durchbohrt, aufgehort hatte zu schlagen. Er war desshalb am andern Morgen sehr fruh allein ausgegangen, um, von Niemandes Auge bemerkt, sein Herz zu befriedigen und im Geheim diese stille Todtenfeier zu begehen. Er hatte den Garten Luxemburg erreicht und naherte sich der Stelle, wo der Boden das Blut des Helden getrunken, dessen kuhne Seele sich auch im letzten Augenblicke nicht verlaugnet hatte. Als Evremont sich dem verhangnissvollen Platze naherte, bemerkte er, dass ihm Jemand in gleich liebevoller Erinnerung zuvorgekommen war. Er sah auf der Stelle, wo der Marschall gefallen war, einen Mann in abgetragener Uniform knieen; eine Hand hatte das Gesicht bedeckt, und Evremont bemerkte, dass der linke Arm dem Krieger fehlte, der hier das Andenken seines Feldherrn verehrte. Er wollte sich zuruckziehen, um den Knieenden nicht zu storen und zu uberraschen. Das geringe Gerausch aber, das diese Bewegung verursachte, traf das Ohr des Knieenden, der Evremonts Annaherung nicht vernommen hatte. Die das Gesicht verdeckende Hand sank herab, ein mageres, sehr bleiches Gesicht erhob sich; dunkel gluhende, tief liegende Augen starrten Evremont an, der einen Schritt zurucksprang und dem das einzige Wort: Lamberti! von den Lippen floh. Kommst Du endlich, Adolph, sagte der so Angeredete, ohne sich von den Knieen zu erheben, mit sanfter Stimme. Lange, fuhr er fort, habe ich diesen Augenblick erwartet und meine Seele darauf bereitet; ich werde Dir nicht widerstreben, und wenn Du auch keinen Zeugen wider mich aufzustellen hast. Ich werde das Verbrechen nicht laugnen, und ich wurde mein Leben auch auf dem Schaffot freudig von mir werfen, wenn es meiner armen Mutter verborgen bleiben konnte, ach! und ihr, der Unglucklichen er schwieg und die magere Hand bedeckte von Neuem seine Augen.
Wenn ich auch, sagte Evremont, nachdem er sich von seiner Besturzung erholt hatte, Gefuhle der Rache hatte nahren konnen, so wurden sie doch hier aus meinem Busen schwinden, wo sich unsere Herzen wenigstens noch in einer Empfindung begegnen. Er wollte sich zuruckziehen; doch der Knieende erhob sich nun und sagte, indem das gluhende Auge auf Evremont ruhte: Und ware es moglich, konntest Du vergeben, hier, wo das Blut des Helden floss, den wir beide verehrten?
Ich habe schon langst ein Verbrechen verziehen, dessen Ursache ich nie habe entrathseln konnen, sagte Evremont.
O Gott! rief der verstummelte Lamberti in Thranen, womit habe ich elender Sunder Deine Gnade verdient? Du nimmst die Last seines Fluches von meiner Seele, nicht ohne Sakrament und Beichte werde ich sterben, denn ich beichte die grassliche Missethat taglich, und mich, mich Unwurdigen allein, rettet die ewige Gnade von dem Pfuhl der Verdammniss, in die meine unglucklichen Bruder beide gesunken sind, beide ohne Beichte dahin gegangen, beide ewig verloren.
In Evremonts Seele hatten verschiedene Empfindungen mit einander gekampft. Er hatte das Wort fruherer bruderlicher Vertraulichkeit, womit Lamberti ihn anredete, nicht erwiedern mogen und scheute sich doch auch, ihn durch das entschiedene Zuruckweisen dieser Vertraulichkeit zu kranken. Jetzt aber ubte der Anblick des so vollig zerknirschten Sunders volle Gewalt uber sein Herz; und nur grossmuthigen Empfindungen Raum gebend, sagte er mit milder Stimme: Du qualst Dich ohne Grund, Francesco, Dein Bruder Antonio ist nicht ohne Beichte gestorben. Ich selbst habe den Priester auf dem Schlachtfelde von Borodino, wo er verstummelt lag, zu ihm gefuhrt, und meine Verzeihung und die Vergebung seiner Sunden haben seinen Tod erleichtert, den er kampfend wie ein Held fand.
Und Du, rief Lamberti, und Du hast diese Grossmuth an Deinem Morder geubt? O! so krone Dein Werk, nimm die grassliche Last von der Seele einer verzagenden Mutter, die alle ihre Kinder fur die Verdammniss geboren zu haben glaubt. Sie wurde mir nicht glauben, fuhr er flehend fort, sie wurde meinen, dass ich mir diess alles, unser Zusammentreffen hier, in Fiebertraumen eingebildet habe, die freilich oft meine Seele verwirren. O komm! rief er, als er sah, dass Evremont noch zogerte. O komm! Du hast einem Deiner Morder in der Stunde des Todes den Priester zugefuhrt und seine Seele gerettet, Du hast dem andern verziehen, o komm nun auch, ein Bote des Himmels, und troste die schuldlose Mutter.
Wohl, sagte Evremont, ich will auch diess thun, um Deiner Seele den Frieden zuruck zu geben, der Dir nur zu sehr mangelt, zeige den Weg, ich folge Dir. Ein Blick staunender Dankbarkeit belohnte ihn fur den grossmuthigen Entschluss. Beide verliessen den Garten und ein misstrauischer Gedanke flog durch Evremonts Seele, als sein Fuhrer ihn in eine entfernte Vorstadt fuhrte, und sie ihren Weg durch enge, krumme und schmutzige Strassen nahmen. Konnte er, der mich schon ein Mal ermorden wollte, dachte er, nicht auch jetzt einen verruchten Plan entwerfen und mich in irgend einem abgelegenen Winkel vielleicht den Handen seiner Genossen uberliefern, und ich verschwande von der Erde, ohne dass eins der mir theuern Wesen die Ursache dieses Verschwindens ahnen konnte, denn diese Unvernunft wird mir Niemand zutrauen, dass ich meinem Morder freiwillig in seine Hohle folge. Seine Schritte wurden durch diese Gedanken unwillkuhrlich zogernd und langsam, und Lamberti blickte mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes auf seinen Begleiter und sagte: Ich sehe es, Dich gereut Dein grossmuthiger Entschluss, ich fuhle nur zu wohl, dass ich Dein Misstrauen und nicht Deine Gute verdiene.
Ich hege kein Misstrauen, sagte Evremont, in dem ein Blick auf die Jammergestalt Beschamung uber seine Besorgniss hervorrief, aber ich fuhle mich seltsam ermudet; ist Deine Wohnung noch weit? Wir sind zur Stelle, antwortete Lamberti, indem er vor einem schmalen, hohen Hause stehen blieb und die Klingel zog, um Einlass zu begehren. Nachdem sie eine Zeit lang gewartet hatten, offnete ein altes, schmutziges Weib die Thure, und Evremont folgte seinem Fuhrer endlose Stufen vieler Treppen hinauf, und er bereitete sein Herz auf den Anblick des tiefsten, von Unordnung, Unsauberkeit und dem ganzen scheusslichen Gefolge der Armuth begleiteten Elends vor. Er wurde also um so angenehmer uberrascht, als, nachdem sie endlich die Hohe erstiegen hatten, die Thure der Wohnung seines Begleiters sich offnete und sie in ein kleines, aber ausserst reinliches Zimmer traten, dessen schlechte Mobel in gefalliger Weise geordnet waren und aus dem ein angenehmer Wohlgeruch den Eintretenden entgegen stromte, der durch einige bluhende Pflanzen, die auf dem einzigen schmalen Fenster im Gemache standen, verbreitet wurde. In der Nahe des Fensters sass ein Madchen, welches uber die Jugend hinaus, und vielleicht durch Kummer noch mehr verbluht war, als durch die Macht der Jahre; vor ihr auf dem Tische stand ein Carton mit kunstlichen Blumen, und sie war eben damit beschaftigt, noch andere zu vollenden, die unter ihren geschickten Handen eine treue Nachahmung der Natur wurden. Nachdem sie Lamberti mit Theilnahme und Evremont mit Anstand gegrusst hatte, fuhr sie mit ihrer Beschaftigung fort, und Lamberti ging, nachdem er seinen Begleiter gebeten hatte hier zu verweilen, in ein anderes noch kleineres Gemach, naherte sich einem Bette, dessen Vorhange man in dem vorderen Zimmer bemerken konnte, und fragte mit leiser Stimme: Schlafst Du, meine gute Mutter?
Wie konnte ich schlafen, antwortete eine matte, kranke Stimme, wenn ich bemerke, dass Du die Nachte ohne alle Ruhe hinbringst, wenn die Qualen Deiner Seele Dich vor Tage aus dem Hause treiben und ich weiss, dass Du Dich in schrecklichen Bussen abmarterst und doch nicht retten kannst, was ewig verloren ist, ja ich noch furchten muss, dass Du im Wahnsinne der Verzweiflung Dein Leben selber endest und dann alle meine Kinder auf ewig verloren sind?
Mutter, sagte Lamberti, mir ist heute ein Bote des Himmels erschienen, er hat meiner Seele Frieden gebracht und wird auch die Deinige beruhigen. Der, den ich ermorden wollte, hat mir vergeben, und er ist hier, Dir zu bezeugen, dass auch Antonio wie ein Christ mit seinem Gotte versohnt gestorben ist. Ja, er selbst hat ihm vergeben und auch selbst den Priester zu ihm gefuhrt, der die Last der Sunde von seiner Seele genommen hat.
Redest Du im Fieber? rief die Mutter. Grosser Gott! ist schon eingetreten, was ich so lange befurchtete, hat sich der Wahnsinn Deines Geistes bemachtigt?
Nein, gute Mutter, sagte Lamberti, der seine Thranen nicht mehr zuruck halten konnte, er ist hier, er wird an Dein Lager treten und meine Worte bekraftigen. Wo? rief die Mutter, wo? Hilf mir, dass ich mich erhebe, dass ich zu seinen Fussen um Vergebung fur meine sundigen Kinder flehe, dass ich ihm Dank fur eine Grossmuth sage, die sich nicht oft auf Erden findet.
Das im vorderen Zimmer sitzende Madchen hatte bei dem Anfange der Unterredung zwischen Mutter und Sohn still fort gearbeitet, und ihre Thranen auf ihren Busen niederfliessen lassen. Beim Fortgange derselben erhob sie den feuchten Blick zu Evremont; auf den ersten Laut der Mutter aber, der Beistand forderte, flog sie in das kleine Nebenzimmer, und bald erschien, auf ihren und Lambertis Arm gestutzt, eine reinlich gekleidete Alte, die sichtlich an der Gicht litt und sich ohne Stutze nicht wohl bewegen konnte. Lasst mich, sagte sie zu den sie Fuhrenden, lasst mich jetzt, dass ich die Kniee dieses grossmuthigen Mannes umschlinge und ihn anflehe, mir zu wiederholen, was Du, mein unglucklicher Sohn, mir verkundetest, damit ich mich von der Wahrheit Deiner Worte uberzeuge. Sie wollte sich zu Evremonts Fussen werfen; er gab es jedoch nicht zu, sondern stutzte sie mit seinen Armen, fuhrte sie zu dem einzigen im Zimmer befindlichen Lehnsessel und wiederholte ihr alles, was sie beruhigen konnte.
Konnen Sie bei der Mutter Gottes und ihrem gekreuzigten Sohne schworen, fragte die Alte, dass Sie derselbe sind, gegen den meine Sohne ein so schreckliches Verbrechen ausuben wollten, dass alle Ihre Worte wahr sind, und dass Sie aufrichtig und von Herzen vergeben? Halb unwillig uber diess Misstrauen legte Evremont die Finger auf ein Krucifix, auf welches die Alte deutete und das auf einem kleinen Betaltare unter einem mit kunstlichen Blumen umkranzten Muttergottesbilde lag, und sagte: Ich schwore es auf diess uns allen heilige Zeichen des Kreuzes, dass meine Worte wahr sind und meine Vergebung aufrichtig ist.
So verzeihen Sie auch meine letzte Forderung noch, sagte die Alte mit hervorbrechenden Thranen. Eine Grossmuth, wie Sie sie zeigen, ist so selten in unserer sundigen Welt, in den rachgierigen Herzen der Menschen, dass mich nur eine feierliche Versicherung ganz beruhigen konnte. Ach! Sie wissen nicht, fuhr sie fort, indem sie den thranenden Blick und die zitternden, gefalteten Hande zum Himmel erhob, welche Folterqualen Sie von unser aller Herzen nehmen. Da ich weiss, dass mein Sohn Antonio wie ein Christ gestorben ist, so darf ich ja hoffen, dass auch Camillo vielleicht noch diese Gnade Gottes vor seinem Ende gefunden hat, und Francescos Seele wird nun ruhiger werden, und wir werden alle die Trubsale des Lebens geduldiger tragen, und allen diesen Segen bringen Sie in die Hutte der Armen. Es kann fur diese Handlung eines wahren, Gott ergebenen Christen die reinste Vergeltung nicht ausbleiben.
Wenn Du glaubst, sagte Evremont, sich an Lamberti wendend, dass ich irgend eine Vergeltung verdiene, so klare mich daruber auf, was Dich und Deine Bruder so feindlich gegen mich stimmen konnte zu einer Zeit, wo ich mich Euch mit Liebe und jugendlichem Vertrauen ohne Ruckhalt hingab, und Ihr mir diese Empfindungen zu erwiedern schient.
Ich will es, rief Lamberti mit einem tiefen Seufzer, ich will Dir die ganze furchtbare Tiefe der menschlichen Seele zeigen, die Liebe und Verbrechen zugleich hegen, und im Gefuhle der Freundschaft auf Mord sinnen kann.
Nein, ich will es, sagte die Mutter, ich will Dein Verbrechen nicht beschonigen, aber Du sollst Dich nicht harter anklagen, als es diese That allein schon thut. Damit Sie den ganzen Zusammenhang dieser Begebenheit einsehen, fuhr sie zu Evremont gewendet fort, muss ich auf mein eigenes Leben zuruckgehen.
Meine Eltern waren arme rechtliche Leute, und wir lebten in einer Vorstadt von Florenz, wo wir dadurch reichlichen Unterhalt fanden, dass ein Jeder bemuht war, so viel seine Krafte erlaubten zu erwerben. Mein Vater trieb einen kleinen Handel, meine Mutter verstand das Flechten der feinen, so beliebten Strohhute, und ich selbst war dafur bekannt, die schonsten Blumen auf's Kunstlichste nachzubilden. So floss unser Leben ruhig dahin, unsere massigen Wunsche vermochten wir zu befriedigen und beneideten Niemanden. Ich war ungefahr siebzehn Jahr alt geworden, als ein Herr Lamberti in Florenz erschien und nicht weit von unserer Behausung seine Wohnung nahm. Die Nachbaren, die mit ihm in Beruhrung kamen, konnten seine Freigebigkeit nicht genug ruhmen; seine Heiterkeit und gute Laune bezauberte Jedermann, und die Madchen waren entzuckt von seiner schonen Stimme und seiner Kunstfertigkeit auf der Guitarre. Das Gerucht verbreitete von ihm, er sei aus dem Romischen und habe sich von dort zuruckgezogen, weil, einiger freien Aeusserungen uber Religion wegen, er Verfolgungen von der geistlichen Regierung zu erdulden gehabt habe, die ihn so ernstlich bedroht hatten, dass er es vorgezogen, sein Vaterland zu verlassen.
Es wahrte nicht lange, so suchte er mit meinem Vater in Verbindung zu kommen, der sich in der Gesellschaft des heitern, vielerfahrnen Mannes wohlgefiel, und bald war Herr Lamberti der Freund unseres Hauses, den Jeder schmerzlich vermisste, wenn er einmal eine Stunde uber die gewohnte Zeit seines Erscheinens ausblieb. Mir konnte nicht entgehen, dass ich der Magnet war, der ihn herbei zog. Meine Eltern bemerkten es eben so wohl, und da der erfahrne Mann die Neigung wohl erkannte, die er mir einzuflossen gewusst hatte, und von meinen Eltern keine Hindernisse zu besorgen waren, so hielt er um meine Hand an, die ihm mit Freuden bewilligt wurde. In unserer Nachbarschaft wurde mein glanzendes Gluck, wie man diese Heirath nannte, mit Neid gepriesen. Ich fuhlte mich in der That selbst glucklich und hatte nichts dagegen, als mir mein Gatte ankundigte, er habe einen Grundbesitz in einem kleinen Orte in den Appeninen erworben. Ich wurde ihm mit Freuden dahin gefolgt sein, wenn nicht der Kummer daruber, dass ich mich von meinen Eltern trennen musste, diese Freude getrubt hatte. In der That sah ich sie auch nach dieser Trennung nicht mehr wieder, denn ein bosartiges Nervenfieber raffte im folgenden Jahre Beide hinweg.
In unserem neuen Wohnorte hatte mein Gatte unser Haus fur die dasige Gegend kostbar eingerichtet, so dass es den Neid mancher Einwohner erregte, wahrend andere sich uns mit einer Art von Ehrerbietung naherten, und es schmeichelte mir, dass diese sammtlich meinem Gatten bei allen Gelegenheiten unbedingt zu gehorchen schienen. Zuweilen besuchten uns hier auch Fremde, von denen mir Lamberti sagte, dass es seine Bekannten aus fruheren Zeiten waren, und die er mir bald als reisende Kaufleute, bald als Officiere nannte. Ich bemerkte wohl, dass sie viele geheime Gesprache mit einander fuhrten, aber ich glaubte, es sei die Pflicht einer Frau, da nicht eindringen zu wollen, wo ihr Gatte ihre Theilnahme nicht wunschte. Oft auch entfernte sich Lamberti nach einem solchen Besuche eine Zeitlang aus der Gegend, und immer kehrte mit ihm neuer Ueberfluss in unsere Wohnung zuruck. Bald sagte er mir, er habe einen glucklichen Handel gemacht, bald, er habe einen Process oder im Lotto gewonnen, und ich bewunderte sein ausserordentliches Gluck und dankte Gott mit kindlicher Einfalt fur den reichen Segen.
Ich hatte meinem Gatten nach und nach drei Sohne geboren. Die Knaben wuchsen heran und vor allen war Camillo der Liebling des Vaters, denn er behauptete in dessen wilder und rauher Gemuthsart, die mir Thranen des bittersten Kummers auspresste, die kunftige Stutze des Hauses zu erblicken. Ich wurde, nachdem ich drei Sohne geboren hatte, nicht wieder Mutter, und da sich mein Herz nach einer Tochter sehnte, nahm ich mit Lambertis Bewilligung meine gute Lucretia als elternlose Waise zu mir und erzog sie mit mutterlicher Liebe. Bald liess es sich bemerken, dass sie und Francesko die zartlichste Neigung verband. Um die Zeit kurz vor der franzosischen Revolution suchte uns in unserer entlegenen Ortschaft ein Herr St. Julien auf, der in Handelsgeschaften eine Reise nach Italien gemacht hatte, und da ihm in Frankreich keine Verwandten lebten, suchte er diese weitlauftigen Vettern auf, die mit ihm durch seine Mutter, eine Italienerin und geborne Lamberti, im entfernten Grade verwandt waren. Er freute sich der kraftigen Jugend meiner Sohne und wollte ihren Vater bestimmen, ihm einen zu uberlassen, der die Handlung bei ihm lernen und nach seinem Tode seine Geschafte fortsetzen konne.
Mit seltsamem Lacheln antwortete Lamberti auf diesen gutigen Vorschlag, dass er ihm selbst einen Sohn nach Paris bringen werde, und dass er hoffe, er werde sich noch vorher von dessen Brauchbarkeit uberzeugen. Der gute Herr St. Julien machte uns allen vor seiner Abreise bedeutende Geschenke, denn er hatte grosse Summen und viele Juwelen bei sich.
Es war nichts Auffallendes darin, als Lamberti eine Stunde nach der Abreise des Herrn St. Julien ebenfalls aufbrach und diess Mal seinen Lieblingssohn Camillo mit sich nahm, denn er hatte verschiedene Male gegen mich geaussert, dass ein Geschaft, welches ihm grossen Gewinn versprache, dringend seine Abwesenheit fordere, und dass er seine Abreise nur verschiebe, um einen geehrten Verwandten nicht fruher zu verlassen, als bis dieser gesonnen sei seine Reise fortzusetzen.
Nach einer Abwesenheit von drei Tagen kam Lamberti ungemein heiter und mein Sohn Camillo in ausgelassener Frohlichkeit zuruck. Mein Gatte sagte mir, da seine Geschafte sich weit uber seine Erwartung zu seinem Vortheile gewendet, so habe er mir ein bedeutendes Geschenk mitbringen wollen, und uberreichte mir bei diesen Worten einen kostbaren Ring, den ich im ersten Augenblicke mit Freuden, im zweiten mit Entsetzen betrachtete. Gott! rief ich aus, wie kommst Du zu diesem Ringe? Er gehorte ja dem guten Herrn St. Julien. Wie kann diess sein? fragte Lamberti verwirrt, indem er die Farbe veranderte, was indess damals noch keinen Argwohn in mir erregte; woran willst Du diess erkennen? Es ist kein Zweifel, erwiederte ich. Der gute Mann zeigte mir einige Juwelen und mir gefiel die Fassung dieses Ringes ungemein. Ich wurde ihn Ihnen zum Andenken schenken, sagte der treffliche Mann, wenn ihn nicht meine Mutter getragen hatte, zu deren Andenken ich ihn bewahre und deren Haar er enthalt. Er druckte auf diesen kleinen Punkt hier, und siehst Du, fuhr ich fort, wie jetzt hob sich der mittlere Stein, und siehst Du, hier ist das wenige graue Haar eingeschlossen. Nimmermehr hatte er diesen Ring freiwillig weggegeben; er ist gewiss in die Hande schandlicher Rauber gefallen und vielleicht gar von ihnen unbarmherzig erschlagen worden.
Warum nicht gar, sagte Lamberti unwillig und setzte gleich darauf ruhig hinzu: Wenn dem aber so ist, wie Du sagst, so muss der Ring zu seinem Eigenthumer zuruck, an den ich sogleich desshalb schreiben werde. Gebe Gott, dass er lebt, sagte ich weinend, indem mein Gatte das Kleinod aus meinen Handen zurucknahm. Du bist eine Thorin, sagte dieser mit Harte zu mir, nicht jeder wird erschlagen, dem die Last des Reichthums etwas erleichtert wird. Er verliess mich hierauf und winkte seinen Sohn Camillo mit sich hinweg, dessen spottisches Lacheln mir in diesem Augenblicke durch's Herz schnitt. Seit der Zeit sturmte ich oft mit Fragen auf Lamberti ein, ob er keine Nachricht von Herrn St. Julien habe, bis er mir endlich murrisch antwortete: Hore auf mich um des alten Spiessburgers Willen zu qualen; er lebt gesund und wohl in Frankreich, und ist dort so reich, dass er den kleinen Verlust hier in Italien leicht verschmerzen kann.
Also ward er doch wirklich von Raubern angefallen? rief ich besturzt.
Das hat ja meine kluge Mutter gleich beim Anblick des schonen Ringes errathen, sagte Camillo lachend, und zu meinem Erstaunen stimmte der Vater in das Gelachter ein. Es war uberhaupt seit dieser Zeit eine Veranderung in unserem Hause eingetreten. Der Vater gab den Sohnen mit Verschwendung alles, was sie begehrten, um jede thorichte Leidenschaft der Jugend zu befriedigen, und meine beiden alteren Sohne uberliessen sich allen Ausschweifungen, wozu die Jugend nur zu geneigt ist, und vielleicht wurde von ahnlichen Vergehen Francesko nur durch die Liebe zu meiner sanften Lucretia zuruckgehalten. Dabei brachte der Vater seinen Lieblingssohn Camillo in eine solche Stellung gegen seine Bruder, dass er vollig ihr Herr wurde, und er wusste diese Herrschaft durch Klugheit und durch seinen kuhnen Geist fortwahrend zu behaupten. Auf allen Reisen des Vaters begleitete ihn nur Camillo, und ich bemerkte bald, dass diejenigen Nachbarn, die den Vater zu verehren schienen, dem Sohne beinah die gleiche Achtung bewiesen.
Der Strom der franzosischen Revolution breitete sich auch uber andere Lander aus, und meine Sohne sowohl als ihr Vater wurden von dem allgemeinen Schwindel ergriffen. Mit Entzucken sah der nun alternde Vater, wie alle seine Sohne die Waffen ergriffen, und rief: Recht, meine Kinder, sucht Euer Gluck, wo es jetzt Viele finden, ich bin noch rustig genug, hier unserm Geschaft allein vorzustehen. Ehe sich meine Sohne mit den republikanischen Truppen vereinigten, zu denen sie nun gehorten, hatte sich Lamberti mit meinem Sohne Camillo lange eingeschlossen, und sie hatten, wie es schien, ernste und wichtige Unterredungen mit einander. Francesko benutzte diese Zeit mir seine Empfindung mitzutheilen, und er und Lucretia legten in meine Hand das Gelubde ab, fur das ganze Leben einander anzugehoren.
O! welche Hoffnungen, unterbrach sich die Mutter der Lambertis weinend, tauschten damals meine liebende Seele! Ich sah meine Sohne, durch ihren Muth emporgehoben, im Geiste in hohen kriegerischen Ehren; ich sah meinen Francesko, den Liebling meines Herzens, in bedeutendem Range sich mit der schonen Lucretia verbinden, und sah mich als die gluckliche Ahnfrau kunftiger Geschlechter. Ja sie war eine Schonheit, fuhr die Alte fort, als sie bemerkte, dass Evremonts Blick zu dem still arbeitenden Madchen hinuberstreifte, der Kummer hat diese Blute schnell gebrochen, aber sie war damals eine bluhende Schonheit.
Evremont bemerkte jetzt erst das griechische Profil und die edeln Formen des Kopfes, wodurch so viele Florintinerinnen ausgezeichnet sind, und die Beschamung, die sie bei Erwahnung ihrer vergangenen Schonheit empfand, zauberte diese auf einen Augenblick zuruck, denn die funkelnden, halb niedergeschlagenen Augen, die gluhenden Wangen zeigten fluchtig dem Beobachter, was sie in der Blute der Jugend gewesen sein musste.
Meine Sohne hatten uns verlassen, fuhr die Alte fort, und ich und Lucretia lebten sehr einsam, denn Lamberti war oft abwesend und kehrte nicht immer so heiter zuruck wie fruher, ja es entfuhren ihm zuweilen Klagen uber die Nichtswurdigkeit feiger Schurken, die ihre Zunge bei dem Anblicke des Todes nicht fesseln konnten und ihre Freunde, denen sie Treue gelobt, dadurch in Gefahr brachten. Zugleich bemerkte ich, dass viele von unsern Nachbarn ihren Wohnort verliessen, indem sie behaupteten, sie konnten anderswo auf eine vortheilhaftere Art sich ansiedeln. Auch Lamberti ausserte oft, es wurde ihm in den Gebirgen zu einsam, er wolle nach Florenz oder nach Mailand ziehen, um so mehr, da er vom Kirchenstaate ausgehende Verfolgungen auch hier zu befurchten habe. Um die Zeit hatte er erfahren, dass Herr St. Julien geheirathet und einen Sohn seiner Gemahlin aus erster Ehe adoptirt habe, dem er sein ganzes Vermogen zuwenden wolle. Diese Nachricht versetzte ihn in unglaubliche Wuth und er fluchte dem Verwandten, der seine rechtmassigen Erben auszuschliessen dachte. Ich machte ihn vergeblich darauf aufmerksam, dass unsere Verwandschaft mit Herrn St. Julien so entfernt sei, dass sie kaum diesen Namen verdiene, und wenn wir auch ganz nahe Verwandte waren, so bleibe er ja doch immer Herr seines Vermogens und konne es zuwenden, Wem er wolle. Ich hoffe, erwiederte Lamberti, Camillo wird Mittel fur alles diess finden. Um ihn zu besanftigen sagte ich, der gute alte Mann bewies uns und besonders den Kindern so viel Wohlwollen, dass er sie gewiss nicht ubergehen wird, wenn er auch sein Hauptvermogen seinem adoptirten Sohne zuwendet.
O! diese reichen Burger, antwortete mir Lamberti hierauf mit Bitterkeit, entziehen dem alles Wohlwollen, der ein wenig dreist von ihrem Ueberfluss fordert. Aber wir sind Herrn St. Julien ja nie zur Last gefallen, bemerkte ich.
Sprich nicht uber Dinge, die Du nicht beurtheilen kannst, sagte Lamberti rauh und verliess mich, um an Camillo zu schreiben, der schon Officier geworden war und gemeldet hatte, dass auch seine Bruder dieselbe Auszeichnung in Kurzem zu erwarten hatten.
Als Lamberti seinen Brief abgesendet hatte, verliess er mich, um wieder eine seiner gewohnlichen Reisen anzutreten, die mich, ich konnte mir nicht erklaren wesshalb, zu beunruhigen anfingen, und ich blieb mit Lucretia ganz allein. Nach einigen Tagen in der Dammerung des Abends hielt ein unbekannter Gebirgsbewohner mit einem kleinen mit Maulthieren bespannten Wagen vor unserer Thur, und als wir heraustraten, sahen wir mit Entsetzen das todtenbleiche Antlitz Lambertis. Er hemmte durch einen Wink den Schrei, der unsern Lippen entfliehen wollte.
Macht keinen unnutzen Larm, sagte er leise, helft mir in's Haus. Der Fuhrmann stand uns bei, den Schwerverwundeten hineinzutragen, und als wir ihn auf's Bett in eine bequeme Lage gebracht hatten, eilte, ohne ein Wort weiter zu sprechen, der Fuhrmann mit seinem Wagen davon.
Der Anblick der dringenden Gefahr hemmte meine Klagen und Thranen, und ich wollte einen Wundarzt rufen.
Lass das, sagte Lamberti, es ist uberflussig, ich fuhle, ich sterbe, lass mir, Lucretia, unsern Pater rufen. Lucretia eilte den Geistlichen herbei zu rufen, und wenige Stunden darauf gab Lamberti seinen Geist auf, nachdem er mich vorher dringend ermahnt hatte, alle Papiere, die ich finden wurde, zu verbrennen, weil sie mir zu nichts helfen, sondern mich nur in Verlegenheit bringen und auf sein Andenken Schande haufen konnten. Ich versprach diess, aber im Schmerze uber das Verscheiden meines Gatten dachte ich nicht daran, bis mich der Geistliche ernsthaft erinnerte, den letzten Willen des Verstorbenen zu erfullen. Ich ging also an diess Geschaft, wahrend der Geistliche und Lucretia alles zur Beerdigung Nothige besorgten, und als ich die Papiere verbrennen wollte, belehrte mich ein zufalliger Blick darauf, dass diese Briefe sammtlich in Zeichen geschrieben waren, die ich nicht zu entrathseln verstand. Ein einziger italienisch geschriebener Brief fiel mir in die Hande. Er war von Herrn St. Julien, und das zartliche Andenken, das ich dem wohlwollenden Manne bewahrt hatte, vermochte mich einen Blick darauf zu werfen. Gleich nach den ersten Worten, die ich las, war meine Aufmerksamkeit schmerzlich gefesselt. Dieser Brief war kurz nach Herrn St. Juliens Besuch bei uns, nach seiner Ruckkehr in sein Vaterland, an Lamberti gerichtet. Er schrieb ihm darin, dass er trotz der Dunkelheit der Nacht sehr wohl die Rauber erkannt habe, die ihm im Einverstandnisse mit dem Postillon sein Geld und seine Juwelen in der Lamberti unfehlbar bekannten Bergschlucht abgenommen hatten, dass er es wie eine Gnade des Himmels betrachten musse, dass er in diesem furchtbaren Augenblicke so viel kalte Ueberlegung gehabt hatte, einzusehen, dass er diess Erkennen nicht verrathen durfe, weil sonst das blanke Eisen, mit dem der junge Bosewicht ihn fortwahrend bedroht habe, sich unfehlbar in sein Herz gesenkt haben wurde, um ihm den Verrath unmoglich zu machen. Ich will die Gerichte nicht zur Rache anrufen, schloss der Brief, aber nur noch bemerken, dass diejenigen, die sich auf Gefahr meines Lebens einen Theil meines Eigenthums angemasst haben, nie mehr das Geringste von mir erwarten durfen und sich also jede Reise zu mir ersparen konnen, weil ich keine Schlange in meinem Busen erwarmen und keinen Rauber in mein Haus nehmen werde.
Ein schreckliches Licht ging mir in diesem Augenblicke auf, und der Geistliche fand mich in Thranen gebadet, den unglucklichen Brief in der Hand. Er nahm ihn, sah ihn fluchtig durch und warf ihn zu den ubrigen in's Feuer. Euer Gatte, sagte er mir dann, hat mir gebeichtet und die Vergebung seiner Sunden empfangen; schadet Euch nun nicht selbst und thut, wie er weislich rieth, denn Ihr musst in Kurzen eine Haussuchung besorgen, da ihn die Obrigkeit auf die Angabe einiger Genossen vielleicht fur das Haupt der Rauber halten wird, die die Gebirge unsicher machen, und desshalb ist es gut, wenn nichts gefunden wird, was diese Meinung bestatigen konnte. Ich war zu sehr durch schmerzliche Empfindungen betaubt, als dass ich diesen Rath hatte befolgen konnen. Der Geistliche also verbrannte selbst alles noch Uebrige, ohne noch einen Blick darauf zu werfen, und eilte mit Lambertis Beerdigung, die so feierlich als moglich vollzogen wurde.
Wenige Tage danach ruckten Soldaten, von Gerichtspersonen begleitet, in den Ort unseres Aufenthalts ein. Die verlassenen Hauser der Lamberti ergebenen Nachbarn wurden durchsucht und auch das unsrige. Da aber gar nichts Verdachtiges gefunden wurde, und meine und Lucretiens Unschuld einleuchtend war, der Pfarrer auch die Verwundung Lambertis, die sein Ende herbeigefuhrt hatte, verschwieg, so entfernte sich alles Drohende bald wieder aus unserem Gesichtskreise.
Aber nicht lange genossen wir die traurige Ruhe, die uns geworden war. Die aussere Stille, in der ich meine Tage durchlebte, wurde durch die ganz Italien erobernden Franzosen unterbrochen, und bei einem kleinen Gefechte wurden mehrere Hauser des Ortes, wo wir lebten, angezundet, und auch unser Haus und unsre Habe wurden ein Raub der Flammen. Der oft wiederholte Schrecken wirkte nachtheilig auf meine Gesundheit und die Gicht lahmte meine Glieder. In diesem traurigen Zustande wendete ich mich mit Lucretia nach Florenz, wo sie durch ihre geschickte Arbeit die Kosten unseres Unterhaltes bestritt. Von meinen Sohnen empfingen wir wenig Unterstutzung; denn obwohl Herr St. Julien die Grossmuth gehabt hatte, ihnen dennoch bei seinem Tode eine ansehnliche Summe zu hinterlassen, so hatten doch die alteren Bruder nach ihrer wilden Weise zu leben bald alles, was sie besassen, ausgegeben, dem jungeren Bruder aber hatten sie keine Rechenschaft daruber abgelegt, und Francesko, der seit des Vaters Tode nichts hatte als seinen Gehalt, konnte uns nur sparlich unterstutzen.
In dieser Lage der Dinge schwanden die Jahre dahin, bis auch Sie Kriegsdienste nahmen, und das Ungluck wollte, dass Sie den Umgang mit meinen Sohnen nur zu eifrig suchten, deren falsche Freundschaftsbezeigungen Ihr argloses Herz verlockten.
Nein! rief Francesko Lamberti, sie war nicht falsch diese Freundschaft. Ich liebte Dich wahrhaft, auch Antonio war Dir ergeben, und selbst Camillo konnte Deinen offenen, wohlwollenden Charakter nicht verkennen. Es ist ein prachtiger Junge, sagte er oft, Schade, dass er so bald sterben muss. Wir lachten uber einen solchen Ausspruch, da Du gesund und bluhend warst, und die Gefahren des Krieges Dich nicht mehr bedrohten, als uns. Nun, Ihr werdet sehen, sagte dann Camillo in seiner gewohnlichen herrischen Weise, dass seine Tage gezahlt sind.
Endlich nahte jener verhangnissvolle Tag in Schlesien. Wir wussten, Camillo hatte Dich eingeladen, ihn mit uns zu verleben, und wir freuten uns aufrichtig Deiner Gesellschaft. Camillo miethete einen Wegweiser, mit dem er eine lange, ernsthafte Unterredung hatte. Nachdem diess alles geschehen war, redete er uns ungewohnlich ernst und feierlich an, und sagte, er habe von unserm verstorbenen Vater den Auftrag, ein uns zugefugtes grosses Unrecht fur uns unschadlich zu machen. Er habe feierlich die Verpflichtung ubernommen fur das Wohl der Familie zu sorgen, weil der Vater ihn als den, der am Fahigsten dazu sei, erkannt habe; er brauche aber jetzt unsern Beistand, um diess zu vermogen, und er fordere uns auf, ihm in dieser Angelegenheit, die zu unser aller Bestem gereiche, vollkommenen Gehorsam zu leisten. Wir waren es von Kindheit an gewohnt, unter seiner Herrschaft zu stehen, so dass wir diess, ohne uns zu bedenken, versprachen. Er nahm eine Reliquie, die er am Halse trug, hervor und liess uns einen furchtbaren Eid darauf schworen, ihm blind zu gehorchen und, was er befehlen wurde, so lange er lebe, selbst in der Beichte zu verschweigen. Ich zogerte einen Augenblick, doch das Beispiel Antonios riss mich hin, und wie er, leistete ich den entsetzlichen Eid. Darauf setzte unser Bruder Camillo das vermeintliche Unrecht, das uns unser Oheim St. Julien zugefugt habe, auseinander, und ich weiss nicht, ob er wirklich selbst getauscht war oder ob er uns tauschen wollte. Er versicherte durch einen Rechtsgelehrten den Inhalt des uns nachtheiligen Testaments zu kennen, worin bestimmt sein sollte, dass, wenn Du, Adolph, ohne Erben sturbest, wir drei Bruder in Deine Rechte treten sollten. Ihr seht also ein, schloss Camillo, dass Adolph sterben muss, so leid es mir auch thut, denn ich wurde ihn lieben, wenn sein Dasein nicht das unsere verkummerte, und ich todte ihn ohne Hass der Pflicht der Selbstvertheidigung gemass, wie den Feind, der mir im Felde gegenuber steht. Ich schauderte vor diesem Vorsatze zuruck, doch Antonio, dem kunftiger Reichthum lockender als kunftige Seligkeit dunkte, ging sogleich darauf ein. Ich warf mich meinen Brudern zu Fussen. Memme, riefen Beide, Du weisst, was Du geschworen hast, und liessen mich mit der Verzweiflung ringend auf dem Boden liegen. Du kamst, Adolph; arglos liefertest Du Dich Deinen Mordern aus. Meine Bruder bewachten mich. Ich hatte Dir kein Zeichen geben konnen, wenn ich es auch gewagt hatte, den entsetzlichsten Eid zu verletzen, den je eines Menschen Zunge gesprochen hat. Du fragtest mit Theilnahme nach der Ursache meines blassen, verstorten Aussehens. Meine Bruder gaben Dir die Antwort, dass ein kalter Brief meiner Braut, der nachstens eine formliche Zurucknahme ihres Wortes erwarten liesse, mich so trube stimme, und Camillo sagte, mir bedeutend zuwinkend, dass der feurige Wein meine gesunkenen Lebensgeister erheben wurde. Du selbst zwangst mit gutmuthiger Zudringlichkeit mir mehr Wein auf als gut war, bis sich endlich mein Herz in dem Grade verhartete, dass ich dachte: Nun, wenn er selbst es nicht besser haben will, so mag es denn sein.
Man hatte auch Dir selbst nur zu viel Wein aufgenothigt, und als wir nun endlich aufbrechen mussten, sassest Du nicht so sicher wie sonst zu Pferde. Der Bauer fuhrte uns, wie Camillo mit ihm verabredet hatte. Man machte Dich glauben, wir schlugen einen kurzeren Weg ein, um nach der Verspatung mit unsern Truppen zur rechten Zeit in dem Versammlungsorte zusammen zu treffen. Wir hatten eine einsame Stelle im Walde erreicht. Der Fuhrer verschwand und Camillo gab das verhangnissvolle Zeichen. Wie ein Wuthender, mit Thranen in den Augen und Zahneknirschen riss ich Dich von hinten mit der linken Hand vom Pferde; es wurde mir dunkel vor den Augen und in Verzweiflung fuhrte ich Streiche nach Dir, mit denen ich mein eigenes Herz zerfleischte. Ich sah nichts mehr, bis ich Camillos Stimme horte, der rief: Es ist genug, er ist dahin! Ich war betaubt, beinah bewusstlos; meine Bruder fassten die Zugel meines Pferdes und rissen mich hinweg. Spater horte ich, Du seist aufgesprungen und habest Dich auf's Aeusserste vertheidigt. Davon habe ich nichts gesehen und es klang mir wie Tone aus weiter Ferne, wie meine Bruder sich unterredeten, Deinen Muth lobten und es beklagten, dass Du uns im Wege habest stehen mussen.
Wir mussten dem Feinde entgegen gehen, und ich hatte nicht Zeit mich den Qualen des Gewissens zu uberlassen. Die allererste Kugel, die auf einem Streifzuge der Feind zu uns hinuber sendete, riss mir den linken Arm hinweg, der Dich vom Pferde gerissen hatte. Schleunige Hulfe rettete mein Leben, und als ich vollig zur Besinnung gekommen und der Verband gehorig geordnet war, besuchte mich Camillo und sagte: Du bist zum Dienste unbrauchbar geworden, armer Bruder; um so wohlthatiger wird Dir nun unseres alten Oheims Vermogen sein. Gedenke stets des mir geleisteten Eides, und da Du nun, wenn Du geheilt bist, nach Frankreich zuruckgehst, so kannst Du der Wittwe unseres Oheims den Tod ihres Sohnes melden. Er theilte mir hierauf das Mahrchen mit, das ich der unglucklichen Frau fur Wahrheit verkaufen sollte. Ich bat ihn, mich mit diesem Auftrag zu verschonen. Er rief mir den Eid des blinden Gehorsams in's Gedachtniss zuruck und sagte zurnend: Ich wurde Dich, bebende Memme, nicht zu diesem Geschaft erwahlen, wenn es nicht sehr gut ware, dass die Mutter das Ende ihres Sohnes durch einen von uns erfuhre, die wir dabei zugegen waren, und Du, fuhr er halb spottend fort, kannst ihr ja sagen, Du habest den Arm in seiner Vertheidigung verloren, und die gute Frau wird alle Zeichen Deiner Gewissensqual fur zartliche Theilnahme an dem Geschick ihres Lieblings halten. Er gab mir Deine Uhr und Dein Taschentuch, um es der Mutter einzuhandigen und verliess mich. Noch denselben Abend blieb er in der Schlacht.
Mein furchterlicher Eid zwang mich trotz seinem Tode seinen letzten Befehl zu erfullen, und nach meiner ganzlichen Heilung, die mich lange in Berlin aufhielt, machte ich mich, von Reue und Gram erfullt, nach Frankreich auf. Ich ubergab Deiner Mutter die Pfander Deines Todes und erzahlte das wohl eingeubte Mahrchen. Aber von ihr erfuhr ich zu meiner Freude und zu meiner Besturzung, dass Du wie durch ein Wunder gerettet lebest und in Sicherheit seist. Hier erfuhr ich auch zufallig, dass wir, wenn auch unsere Grauelthat gelungen ware, sie doch vollig zwecklos ausgeubt haben wurden, denn unser Oheim, mit Recht wider uns aufgebracht, hatte durch sein Testament seiner Wittwe die einzige Beschrankung in der Verfugung uber seinen Nachlass auferlegt, dass er uns durch keinen denkbaren Fall, der eintreten konne, jemals zufallen durfe.
Ueberzeugt nun, dass Du uns, sobald es die Umstande erlaubten, zu blutiger Rechenschaft ziehen wurdest, bereitete ich mein Gemuth auf diesen Augenblick vor, und als ich spater von ruckkehrenden, wie ich verstummelten Kriegsgefahrten erfuhr, Du widersprachest dem von Camillo ersonnenen Mahrchen nicht, so glaubte ich, Du schwiegest bloss, weil Dir die Beweise wider uns mangelten, und als ich nun endlich auch Antonios Ende erfuhr, und nun meine Seele durch Beichte und Busse erleichtern durfte, legte ich mein furchtbares Geheimniss auch auf meiner Mutter Herz, die mit der liebevollen Lucretia hieher gekommen war, wo ich kummerlich vom halben Sold lebte, um das Leben eines Sunders zu erleichtern. Seit der Zeit habe ich mich auf Deinen Anblick vorbereitet und den Entschluss gefasst, durch ein vollkommenes Gestandniss Dir jeden nothigen Beweis gegen mich zu liefern; seit der Zeit lebe ich nur der Reue und Busse.
Ja und einer so furchtbaren Busse, sagte die Mutter klagend, dass meine letzte Hoffnung daruber schwindet. Wir hatten sein Ungluck erfahren und seine weinende Braut, meine brave Lucretia, sagte: Um so mehr bedarf er einer treuen Begleiterin durch das Leben, die ihn sein Ungluck vergessen lehrt. Wir kamen nach Paris, und das Bekenntniss seines Verbrechens erfullte das Herz des armen Madchens mit Schauder. Sie rang mit Thranen und Gebet vor Gott und der heiligen Jungfrau, und sagte: Wenn er sich selbst verabscheut, wenn die Menschen ihn meiden, Wer soll ihn nach und nach mit sich selbst und mit Gott versohnen, wenn nicht die treue Freundin seiner Jugend? Aber er legte sich so harte Bussen auf, dass sie seine Seele immer zaghafter machten, und finster entfernte er sich von der Liebe und uberlieferte sich ganzlich der Qual, der Geisselung und jeder Marter. Sein strenges Fasten zehrt jede Lebenskraft auf und fuhrt ihn an den Rand des Grabes, und ich, die ich mich lange eine gluckliche Gattin eines geachteten Mannes wahnte und mich endlich als die Genossin eines Raubers fand, die die stolze Mutter dreier in Jugendkraft bluhender Sohne war, verlor zwei davon, kaum wurde mir der letzte verstummelt erhalten, und dieser letzte wird vor mir, die ich krank und elend bin, in's Grab sinken und meine arme Lucretia wird zum Lohne ihrer endlosen Liebe einsam vergehen, wenn sie endlich auch die Mutter, die ihr Fleiss ernahrt, begraben haben wird.
Das schweigende Madchen erhob sich jetzt, und indem sie zum ersten Male die Lippen offnete, sagte sie, ruhig um sich blickend: Ich schame mich meiner treuen Neigung nicht und ich laugne sie nicht. Ein verachtlicher Bosewicht wird gewiss das Herz des Weibes, das ihn aus Tauschung liebte, von sich entfernen, wenn sie ihren Irrthum erkennt. Aber was bleibt dem Menschen auf dieser armen Erde, wenn das Herz seiner Lieben ihm nicht bleibt, die das seinige vollkommen kennen und es wissen, wie vieler schonen Empfindungen es noch fahig ist, wenn der schwache Mensch sich auch zu einem Verbrechen hat hinreissen lassen. Ich will, fuhr sie fort, Franceskos That nicht beschonigen, ich erkenne in ihr ein grosses Verbrechen, das die Gesetze der Menschen mit dem Tode bestrafen, aber Gott, der die Tiefen seines Herzens kennt, wird sie ihm dennoch vergeben, und so bleibt auch meine Liebe ihm selbst im Tode treu, denn ist er auch ein Verbrecher, er ist kein Bosewicht, und wenn ihn Alles verlasst, so wird mein Herz ihm noch Trost, meine Seele noch Achtung bieten.
Nicht ohne Ruhrung sagte Evremont, sich an Francesko wendend: Du siehst die Milde der ewigen Liebe abgespiegelt in einer Menschenbrust, aber wie uns dieser Anblick auch innig bewegt und uns zur Ehrerbietung zwingt, glaubst Du nicht, dass Gottes Liebe dennoch milder ist, als die auch der besten Menschen? Darum ermanne Dich Francesko und gelobe mir Eins. Er bot dem reuigen Sunder die Hand, die dieser heftig ergriff, in demselben Augenblicke schmerzlich zusammenzuckend. Was hast Du wieder? fragte Evremont mit edler Ungeduld.
Es schmerzt und entzuckt mich, sagte Francesko, dass Deine reine, grossmuthige Hand so arglos in der Morderhand ruht, die feindlich Dein edles Herz zu treffen suchte. Lass das, antwortete Evremont, ihm die Hand schuttelnd, und antworte mir, willst Du mir geloben, was ich von Dir fordere?
Ich will, sagte Francesko, und Gott sei mein Zeuge, ich will es noch treuer halten, als meinen freventlichen Eid.
So gelobe mir, sagte Evremont feierlich, Dir selbst zu vergeben, wie ich Dir von ganzem Herzen verzeihe. Gelobe mir Deine kunftige Busse nur in Werken der Liebe zu uben und es zu unterlassen, Dich selbst zu martern, damit Du den Deinen ein Trost sein und ihre Leiden mindern kannst, statt ihren Jammer zu vermehren. Gelobst Du mir diess?
Ja, ich gelobe es Dir, sagte Francesko mit hervorbrechenden Thranen; Du hast in dieser Stunde die Qualen der Holle von meiner Seele genommen, und ich werde mir wieder ein Mensch unter Menschen und nicht mehr ein ausgestossener Verbrecher scheinen.
Evremont trat zu dem Tische, an dem das Madchen gearbeitet hatte, und indem er zwei schone Rosen nahm, sagte er zu ihr: Nicht wahr, Sie geben mir diese, dass ich sie meiner Gattin als ein Andenken an eine schone Stunde bringe? Lucretia neigte bejahend das Haupt, denn sie vermochte vor Ruhrung nicht zu sprechen, und Evremont verliess, von den Segenswunschen der Familie begleitet, die enge Wohnung, worin nun lauter beruhigte Gemuther zuruck blieben.
Auf der Strasse angelangt nahm Evremont den ersten Miethwagen, der ihm aufstiess, weil er durch diess Labyrinth von Strassen nicht nach seiner Wohnung zuruckgefunden haben wurde, und im Fahren uberlegte er, was sich fur Francesko thun liesse, denn ihm selbst irgend eine Unterstutzung anzubieten und so sein Gefuhl auf's Tiefste zu verletzen, vermochte er nicht. Er dachte an den General Clairmont und eilte noch denselben Morgen zu ihm, um ihm seine Wunsche vorzutragen, die der alte Freund seines Vaters gern zu erfullen bereit war, dem er nur sagte, dass er sich eben erst nach einer langen Zwistigkeit mit Francesko versohnt habe und ihm desshalb nicht selbst Hulfe anbieten moge.
Es kommt nur darauf an, sagte der General, dass ich, ohne dass es auffallt, mit Lamberti zusammentreffen kann; das Uebrige wird sich machen, denn wenn ich auch selbst jetzt nicht dienen mag, so denken doch nicht alle ehemalige Kameraden wie ich, und ich habe unter den jetzigen Machthabern Freunde genug, die einen armen verstummelten Krieger ehrenvoll anzustellen vermogen, und wenn Ihre Gabe durchaus verschwiegen bleiben soll, so steht es mir doch frei, eine Summe hinzuzufugen, damit ich mich nicht ganzlich mit fremden Federn schmucke.
Eine Gelegenheit mit Francesko zusammen zu treffen, ohne ihn aufsuchen zu mussen, bot sich schon des andern Tages dar. Das in Paris neu gewordene Schauspiel der Einkleidung einer Nonne lockte viele theils andachtige, theils neugierige Zuschauer nach der Kirche, wo die Ceremonie Statt fand. Unter den letztern war der General Clairmont mit Evremont, und unter den ersteren Lamberti und die ihn begleitende Lucretia, die sich aufrichtig an der Handlung erbauten. Evremont hatte dem General den bleichen, abgezehrten Lamberti gezeigt, und als Jedermann die Kirche verliess, wurde dieser freundlich von dem General angeredet, der ihm auf die ungezwungenste Weise daruber Vorwurfe machte, dass er einen alten Kriegsgefahrten nicht aufgesucht habe. Er forderte ihn auf, diess wieder gut zu machen und gleich diesen Mittag bei ihm zu speisen, und als der Angeredete zogerte diese Einladung anzunehmen, sagte er: Sie werden Niemanden bei mir finden als Ihren Freund, den Obristen; wir wollen uns ohne Zwang der vergangenen Tage erinnern. Er reichte ihm hierauf eine Karte mit seiner Adresse und sagte: Ich verlasse mich darauf, dass Sie kommen. Verwirrt verbeugte sich Francesko und nahm so die unerwartete Einladung an.
Bei der Tafel konnte der General leicht das Gesprach auf die vielen Veranderungen, die jetzt in allen Zweigen der Staatsverwaltung vorfielen, wenden, und mit Geschicklichkeit erforschte er, wohin sich die Wunsche seines Gastes richteten, und sagte endlich: Ich zweifle gar nicht, dass ich Ihnen eine solche Anstellung werde verschaffen konnen. Nach der Tafel fuhrte er ihn in sein Kabinet und zwang ihm eine Summe Geldes auf, die die ersten Einsichtungen erfordern wurden und die er ihm in spateren Zeiten wiedererstatten konne. Mit freundlicher Gewalt setzte der General diess durch und duldete weder Ablehnen, noch Widerspruch. Was ist es denn Grosses, sagte er, ein verabschiedeter Krieger steht dem andern bei, das ist in der Ordnung. Als Beide in den Saal zuruckkehrten, wo sie Evremont gelassen hatten, trat Lamberti zu diesem, der sich an ein Fenster lehnte, und sagte: Ich verdanke Dir auch diess alles, ich weiss es wohl, der General ist zwanzig Mal an mir voruber gegangen und hat mich nicht erkannt. Ich weiss wohl, Wer nun die Erinnerung an mich in ihm aufgefrischt hat, und ich ahne, was fur einen Zusammenhang es mit seiner Freigebigkeit hat; aber ich habe Deine Vergebung empfangen, Deine Hand hat in der meinen geruht, Du hast mich mit mir selbst versohnt und mehr als ein Herz vom bittersten Schmerze erlost. Nach allen diesen grossten Wohlthaten, die ein Mensch dem andern erweisen kann, wie sollte ich nun nicht noch die kleinere auch von Dir empfangen konnen?
Mit sich selbst zufrieden verliess Evremont die Wohnung des Generals, und er hatte die Beruhigung, noch ehe er Paris verlassen konnte, zu erfahren, dass es dem alten Freunde seines Vaters in der That leicht geworden sei, sein Wort zu erfullen, denn er hatte Lamberti in wenigen Tagen eine Anstellung verschafft, die ihn mit seiner Familie an die spanische Grenze fuhrte und ihm dort ein anstandiges Einkommen sicherte, und da sein Gemuth, von den Schmerzen der Reue geheilt, zum Frieden des Lebens zuruckkehrte, so erfuhr Evremont spater, dass die ihm so innig ergebene Lucretia ihr Schicksal noch fester mit dem seinen verbunden und ihm nach langer Treue ihre Hand vor dem Altar gereicht hatte.
Endlich war auch Evremonts Geschaft in Paris geendigt. Er hatte seinen Abschied erhalten und eilte mit liebevollem Herzen uber den Rhein in die Arme seiner ihn sehnsuchtig erwartenden Freunde zuruck.
XVI
Mit der hochsten Freude wurde Evremont von seiner Familie begrusst, die ihn nun erst ganz als den ihrigen betrachtete, da seine Verbindung mit Frankreich aufgelost war, indess er selbst uber diesen Grund der Freude seufzte, denn ihn schmerzte es, dass er Frankreich nicht mehr sein Vaterland nennen sollte; doch ging diese Trauer unter den schonsten Empfindungen des Glucks im Kreise der Seinen bald voruber, und der Strom des Lebens schien nun einen ruhigen Gang zwischen blumigen Ufern nehmen zu wollen und nicht mehr uber wilde Klippen zu schaumen. Die Stunden theilten sich zwischen Beschaftigungen und Vergnugungen; Plane zu kleinen Reisen wurden entworfen, so wie zur Verschonerung der Umgebung, und man gedachte bei diesen friedlichen Beschaftigungen oft des alten Dubois, dessen eigensinnige Entfernung die ganze Familie beklagte. Es sollten nach den Verschonerungsplanen, die der Graf und Evremont entworfen hatten, auf dem grossen Hofe, der nach der Strasse zu gewendet vor dem Eingange des Hauses lag, grosse Pflanzungen von Baumen, bluhenden Strauchern und Blumen angelegt werden, zwischen denen hindurch ein Weg fur die Wagen frei gelassen werden sollte, so dass dieser Hof kunftig zur Zierde des Hauses dienen konnte, und die ganze Familie war auf demselben versammelt, wo der Graf und Evremont eben nach ihrem Plane die verschiedenen Platze ihrer Bestimmung gemass abstecken liessen. Man hatte mit Theilnahme dieser Arbeit zugesehen, bis ein auf den Hof rollender Wagen die Aufmerksamkeit Aller auf den Ankommenden lenkte. Die leichte von zwei Postpferden gezogene Equipage hielt vor dem Eingange des Hauses, und hinaus schauten unter weissen Augenbrauen die freundlichen Augen Dubois. Ein allgemeiner Ausruf der Freude bewillkommnete den zuruckkehrenden Greis. Aller Hande streckten sich ihm entgegen und auch die Bedienten eilten, die Theilnahme ihrer Herrschaft nachahmend, herbei; doch Evremont drangte sie zuruck und er selbst bot dem Greise die Hand zur Stutze, der muhsam aus dem Wagen stieg, sich entzuckt in dem freudigen Kreise umschaute und dann sagte: Hier ist mein Frankreich, ich habe es jenseits des Rheins nicht gefunden.
Wie im Triumph wurde der alte Mann in's Haus gefuhrt und er konnte seine Ruhrung nicht bewaltigen, als Adalbert an seinem Halse hing, die von Alter gebleichten und gefurchten Wangen mit den frischen Rosenlippen zartlich kusste, und sagte: Endlich habe ich Dich alten Papa Dubois wieder, nun darfst Du nicht wieder fort, und ich hoffe, Du hast mir schone Sachen aus Deinem Frankreich mitgebracht. Ja wohl habe ich das, sagte der Alte, die Thranen von den grauen Wimpern trocknend, das wollen wir alles nachher auspacken.
Man bemerkte jetzt erst einen zehn- bis zwolfjahrigen Knaben, der dem alten Dubois gefolgt war und nun, verlegen an der Thur stehend, mit den grossen schwarzen Augen im Saale umher blickte. Dubois erinnerte sich jetzt auch seiner. Er machte sich von Adalbert los, naherte sich ehrerbietig dem Grafen und sagte: Ich habe vielleicht das Vorrecht eines alten Dieners gemissbraucht, indem ich mir die Freiheit genommen habe, diesem edeln Hause einen neuen Diener zuzufuhren. Ich habe mich dieser hulflosen Waise angenommen und glaube ihn um so sicherer Ihrem Schutze empfehlen zu durfen, als ich diesen selbst im Hause des alten Grafen Evremont fand, der mich als hulflosen Knaben bei sich aufnahm und mich zum Diener seines Sohnes, meines seligen Herrn, bestimmte. So, dachte ich, konnte nun dieser Knabe seinem Urenkel, dem kleinen Grafen, dienen, wozu ich ihn selbst noch anleiten kann, wenn Sie ihn Ihres Schutzes wurdigen.
Wen Sie, guter Dubois, sagte der Graf, fur wurdig Ihres Beistandes halten, der ist mir ein willkommener Hausgenosse, und es freut mich, wenn ich fur Ihren Schutzling etwas thun kann.
Diess arme Kind, sagte Dubois, hat bei seiner Geburt schon die Mutter verloren. Der Vater ist bei den Verfolgungen der Protestanten kurzlich umgekommen, und es wagte Niemand aus Furcht vor den Geistlichen, die im sudlichen Frankreich ihr Wesen treiben und sich Missionare nennen, sich des armen Kindes anzunehmen, das, den Ermahnungen seines sterbenden Vaters gehorchend, seinem Glauben treu bleiben und nicht zur katholischen Kirche ubertreten wollte. Die Geistlichkeit dort wollte ihn mit Gewalt in ein Kloster bringen, um, wie sie sagten, seine Seele zu retten, und diess ware auch wirklich geschehen, wenn ich mich nicht zum Erstaunen aller dasigen Einwohner seiner angenommen hatte. Um mich und ihn den Verfolgungen zu entziehen, gegen die mich auch mein graues Haar nicht geschutzt haben wurde, beschleunigte ich unsere Abreise, denn mich hielt nichts mehr in Frankreich zuruck. Alle, die mir durch die Bande des Blutes jemals angehort hatten, waren theils in der blutigen Revolution, theils in den furchtbaren Kriegen umgekommen, und Frankreich selbst ist durch die ungluckliche Revolution so entstellt worden, dass es seinen alten liebenswurdigen Charakter nicht wieder gewinnen kann, und der Konig selbst will das Alte auf eine Weise, dass es gar nicht mehr das Alte wird. Doch Gott behute mich davor, dass ich meinen rechtmassigen Konig tadeln sollte. Aber an die Stelle der Irreligiositat, die wahrend der Revolution mein Herz erschreckte, soll nun eine Religionsunduldsamkeit treten, von der ich nicht glaube, dass sie Gott gefallig sein kann. Ich hoffe, fuhr der alte Mann mit Warme fort, als ein achter Katholik zu sterben, aber ich habe so viel Tugend bei Andersglaubenden gefunden, dass ich nicht befurchten kann, Gott werde sie verstossen, wenn sie auch in manchen Punkten irren sollten, und desshalb kann ihm die Verfolgung nicht wohlgefallig sein.
Der Graf lobte die milde Frommigkeit des alten Mannes und versprach fur das Fortkommen des mitgebrachten Knaben zu sorgen. Als Dubois sein Zimmer betrat, ruhrte es ihn von Neuem, hier Alles in der Ordnung zu finden, wie er es verlassen hatte, als wenn seine Ruckkehr taglich ware erwartet worden, und als er sich von der Reise etwas erholt hatte, musste er dem Dringen Adalberts nachgeben und die fur ihn mitgebrachten Geschenke auspacken. Sehen Sie, sagte der alte Mann bei jedem Stuck, das er dem neugierig zuschauenden Kinde vorzeigte, diess ist franzosisches Spielzeug, diess sind franzosische Farben, hier sind franzosische Bilderbucher, diess sind franzosische Confituren, und als alle Herrlichkeiten vorgezeigt waren, deutete er auf den fremden Knaben, der bei dem Auspacken geholfen hatte, und sagte: Und diess ist Ihr franzosischer Kammerdiener. Der grosse Nachdruck, den der Alte auf das Franzosische legte, bewirkte, dass Adalbert seine grossen Augen mit einer Art von Ehrfurcht auf den so Bezeichneten richtete, die sich jedoch bald verlor, als der Angekommene sein Schulgenosse, sein Spielgefahrte und sein Aufwarter zugleich wurde, und in keinem dieser Verhaltnisse die Achtung aus den Augen setzte, die dem jungen Grafen gebuhrte, eine Sache, worauf Dubois streng hielt, denn er behauptete, das kunftige Gluck seines Zoglings beruhe darauf, dass er seine Herrschaft mit einem religiosen Gefuhl verehre, denn alsdann wurde es ihm nicht moglich sein, seine Pflichten anders als mit Ergebenheit und strenger Rechtlichkeit zu erfullen, und wie sehr eine edle Herrschaft diess anerkenne, lehre sein eignes Beispiel.
Dubois hatte den heftigen Wunsch befriedigen wollen, sein altes, geliebtes Frankreich wiederzusehen, was vielleicht nie so da gewesen war, wie seine liebende Sehnsucht in der Ferne es sich gedacht hatte, und kehrte, in seiner Erwartung getauscht, zu seinen wohlwollenden Freunden zuruck, die er seine Gebieter nannte. Aber das Frankreich seiner Einbildung hegte er immer noch mit gleicher Liebe in seiner Seele und hoffte mit Zuversicht, dass es als hochste Vollendung menschlicher Einrichtungen sichtbar auf Erden erscheinen wurde, wenn die Gemuther sich nur erst vollig von den Erschutterungen erholt haben wurden, die die vielen Veranderungen veranlasst hatten. Der Graf bestatigte seine Meinung in so weit, dass er die Ansicht aussprach, es sei unmoglich, dass so viel Blut vergeblich geflossen sei, und dass nicht endlich die Fruchte aller gebrachten Opfer die Welt mit ihrem Segen erfreuen sollten.
So ging das Leben nun einen gleichmassigen und stillen Gang fort. Dubois machte es zu seiner Hauptbeschaftigung, Adalbert zu vergnugen und dabei fur die Reinheit seiner Aussprache des Franzosischen zu wachen. Es erfreute ihn, dass Evremont franzosisches Obst pflanzte, und sein Auge entzuckte jede seltene Pflanze, die der Graf aus Frankreich erhielt, weil sie ja fruher in dem geliebten vaterlandischen Boden gewurzelt hatte. Die Freunde scherzten jetzt zuweilen uber die sonderbare Richtung, die der Charakter des alten Mannes nahm, denn es schien sich eine Neigung zum Geize zu offenbaren, die Niemand in seiner Seele geahnet hatte, denn ihn erfreute sichtlich nichts so sehr, als immer neue Geldsummen zusammen zu bringen, und man gab auch dieser Schwache nach, und Jeder schenkte ihm bei allen Gelegenheiten baares Geld, das in dem Greise die hochste Freude erregte, obgleich Jedermann uberzeugt war, dass er es zu gar nichts benutzen konne.
Auf diese Weise war ein Jahr seit der Ankunft des Alten verstrichen, und Evremont beschaftigte sich an einem schonen Fruhlingsmorgen mit seinem Sohne im Pavillon des Gartens, als der franzosische Knabe mit erhitzten Wangen und in Thranen schwimmenden Augen eilig eintrat. Was giebt es, Francois? fragte Evremont besturzt.
Ach Gott! gnadiger Herr Graf, sagte der Knabe, der alte Herr Dubois ist so roth im Gesicht und spricht so seltsam. Schnell erhob sich Evremont und eilte mit seinem Sohne, der sich ihm an die Hand hangte, in Dubois Gemach. Der Greis lehnte sich auf die Kissen seines Lagers; seine Augen glanzten unnaturlich und seine Wangen brannten in dunkler Rothe. Wie geht es Ihnen, guter Dubois? redete Evremont ihn an. Der Alte erhob den glanzenden Blick zu ihm und streckte die brennende, zitternde Hand ihm entgegen. Da sind Sie ja, gnadiger Herr, sagte er lachelnd aus keuchender Brust, und o Gott! ich Sunder habe in so schrecklichen Traumen gelitten, wahrhaft strafliche Traume, fuhr er flusternd fort. Ich bildete mir ein, Ihr edles Haupt nein es ist gegen die Ehrfurcht, das Bild eines so freventlichen, schrecklichen Traumes durch Worte in's Leben zu rufen aber bei Gott! ich sah in einer entsetzlichen Stunde Ihr edles Blut fliessen, und diess furchtbare Bild hat meine Sinne verwirrt, dass ich alter Thor in Verzweiflung Ihr Ende beweinte.
Evremont wendete sich mit Schmerz ab, denn er wusste, der Kranke redete im Fieber von seinem Vater, fur den er ihn in diesem Augenblicke hielt.
Dubois, sagte Adalbert klagend, was sprichst Du denn fur wunderliche Worte, Niemand kann ja begreifen, was Du meinst.
Ach! sagte der Kranke freudig, da ist ja auch der kleine Graf Adolph! Wie sich der Mensch doch unnutz qualen kann! Den hielt ich fur verloren und wagte diess der unglucklichen Mutter erst gar nicht zu sagen, die durch den schrecklichen Tod des Gemahls ganz verwirrt war, und der lange weder Vernunft noch Religion Trost gewahren konnte. Nun Gottlob! nun wird ja alles Leiden aufhoren.
Ja wohl, seufzte Evremont; ich furchte, fur Dich endet alles irdische Leid wie alle irdische Freude. Er liess Diener bei dem Greise zuruck und ging nun eilig einen Arzt herbei zu schaffen, der auch bald erschien und mit Achselzucken bemerkte, dass das schwache Fieber des Alten leicht gehoben werden konne, dass er aber das hochste Ziel des menschlichen Lebens erreicht habe und desshalb schwerlich von diesem Krankenlager wieder erstehen werde. Diese Nachricht verbreitete allgemeine Trauer in der graflichen Familie. Wie es der Arzt vorhergesagt hatte, wich das Fieber den angewendeten Mitteln leicht und der Kranke begehrte, vollig zur Besinnung gekommen, einen katholischen Priester, um zu beichten und die letzten Sakramente seiner Kirche zu empfangen. Die Grafin hatte diesen Wunsch vorausgesehen, und der Geistliche war schon im Hause. Er konnte sich also auf den ersten Wunsch des Kranken sogleich zu ihm verfugen und verliess ihn nach einer Stunde, wahrhaft erbaut von der reinen Frommigkeit des sterbenden Greises.
Als Dubois wieder allein war, liess er den Grafen zu sich bitten und ihm sagen, er wunsche ihn allein zu sprechen. Der Graf eilte auf die Bitte des Kranken herbei und fand ihn ohne Fieber; der Glanz der Augen war erloschen und die nach unten gedehnten Gesichtszuge des Greises deuteten auf sein nahes Ende. Ich wunsche meine letzten Worte an Sie zu richten, sagte er zu dem Eintretenden mit schwacher Stimme.
Sie konnen sich wieder erholen, lieber Dubois, sagte der Graf nicht ohne Bewegung.
Das denken Sie selbst nicht, erwiederte der Kranke mit schwachem Lacheln, und ich bin zur Reise gerustet in unser ewiges Vaterland. Ich habe meine Sunden gebeichtet, und ich hoffe, Gott wird mir die Schwachheit vergeben, dass ich den Prediger in Hohenthal niemals leiden mochte und selbst in der Ferne nur mit Widerwillen an ihn dachte, denn sein dreistes Fragen ohne Schonung und Achtung, sein feindliches, schneidendes Absprechen und sein hochfahrendes Wesen gegen Niedere entschuldigt einigermassen diese Abneigung, und offentlich angefeindet habe ich ihn nie; ich habe nur dem nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen, was Sie seine guten Eigenschaften nannten. Der Graf musste wehmuthig lacheln, dass der alte Mann noch im Tode nicht die Abneigung gegen den Prediger uberwinden konnte, die er gegen ihn empfunden hatte, so lange er ihn kannte. Doch was reden wir von ihm, fuhr der Kranke fort. Sie wissen es, Herr Graf, ich habe immer die jakobinische Gleichmacherei verabscheut und auf Erden mit Ehrerbietung den Rang anerkannt, worin der Herr die Menschen hat lassen geboren werden; aber vor Gott, sagt unser Herr und Heiland Jesus Christus, sind wir alle gleich, und nur unsere Tugenden werden dort gewogen. Bald werde ich vor Gottes Thron stehen, ich kann mich schon als abgeschieden von der Erde betrachten. So gonnen Sie es mir, nun noch vor meinem Hinscheiden Ihre Hand wie die Hand eines Freundes in der meinigen zu fuhlen, nicht wie die des herablassenden Heren in der des durch seine Gunst begluckten Dieners, und vergonnen Sie mir die Ehrfurcht bei Seite zu setzen, die ich Ihnen immer bewiesen, wie es meine Pflicht war, so lange ich dem Leben angehorte, und lassen Sie mich die Liebe unverhohlen zeigen, die ich fur Sie und die Ihrigen hegte. Wie ein Vater habe ich die Grafin geliebt, besonders seit ihrem Ungluck, aber ich will ihre weiche Seele schonen, darum bringen Sie ihr meinen Abschied und meinen Segen. Sagen Sie ihr, mein irdischer Dienst sei geendet, aber ich sturbe in der Hoffnung, dass es mir vergonnt sein wird, am Throne Gottes fur Sie alle zu beten, und nehmen Sie die Schrift, die unter meinem Hauptkissen verborgen ist. Sie enthalt meinen letzten Willen; versprechen Sie mir dafur zu sorgen, dass er erfullt wird. Der Graf nahm die Schrift, wie es der Greis verlangte, und sagte, indem er die erkaltende Hand fasste und innig druckte: Es soll alles erfullt werden, was Sie verordnen, wurdiger alter Freund. Sie wissen selbst, fuhr er mit Bewegung fort, wir alle haben Sie wie einen Vater geliebt; Sie bestanden darauf, sich einen Diener zu nennen, wir haben Sie wie einen Freund geehrt, Sie wissen es, guter Dubois, wir hegten keine anderen Gefuhle fur Sie.
Mit mildem Lacheln neigte der Alte bejahend das Haupt, und es schien dem Grafen, als ob er dadurch in eine unbequeme Lage gerathen sei und desshalb schwerer athmete. Er richtete ihn also sanft in seinen Armen empor, um diese Lage zu verbessern. Ein Blick unendlicher Liebe lohnte ihm aus den erloschenden Augen; und als der Graf das wurdige Haupt des Greises auf die Kissen zuruck lehnte, war das Leben entflohen.
Mit der frommen Empfindung eines liebenden Sohnes druckte der Graf die erstarrten Augen zu und wehrte seinen Thranen nicht, die auf das erkaltete Antlitz niederflossen.
Ist denn dieser Hauch das Leben? fragte er sich. Muss diess Herz nun in Staub zerfallen, das so eben noch liebend fur mich schlug? Wohin ist der Geist entflohen, der noch so eben seine Gedanken mir mittheilte? Das Auge ist starr und eingesunken, das so wohlwollend auf alle Menschen blickte, und unempfindlich ist die Hand, die vor wenig Augenblicken den Druck der Liebe erwiederte. O, welche Welt von Empfindungen schloss diese nun erstarrte Hulle in sich! Wie qualend, wie entzuckend und wie nichtig ist das Leben!
Der Graf ermannte sich. Er traf die nothigen Anordnungen fur die Leiche und ging, um seiner Familie den Verlust bekannt zu machen, der sie eben betroffen. Alle zollten dem wurdigen Greise Thranen, aber naturlich war es auch, dass der Schmerz mild war bei dem sanften Ende eines Greises, der das hochste Lebensziel erreicht hatte.
Nach der Beerdigung offnete der Graf in Gegenwart einer Gerichtsperson das Testament des Verstorbenen, und alle Mitglieder der Familie wurden von Neuem zu Thranen bewegt, als es sich ergab, dass der dahin geschiedene Greis auch hierin noch sein liebevolles Gemuth auf das Ruhrendste geoffenbart hatte. Alle Ersparnisse eines langen Lebens, alle Geschenke, die er in der letzten Zeit mit kindischer Freude empfangen hatte, waren zusammengehauft, und er ernannte den Grafen Adalbert Evremont zum Universalerben dieses kleinen Schatzes und stellte es seiner Grossmuth anheim, Gustav Thorfeld und dem Knaben Francois ein Geschenk daraus zuzuwenden, wobei sie sich in der Zukunft des Verstorbenen erinnern konnten.
Evremont ehrte das Andenken und den Willen des Greises, und nahm dessen Vermachtniss fur seinen Sohn an; aber der Graf sicherte als Geschenk dem Knaben Francois die eine Halfte der Summe zu und sendete die andere Halfte als letztes Geschenk des verstorbenen Dubois an Gustav Thorfeld, von dem man schon seit einiger Zeit wusste, dass er mit der Tochter des Predigers verbunden war, und dessen neuen Hausstand diess Erbe sicherer begrundete.
Der Prediger hatte bei der Verbindung seiner Tochter mit dem Justizamtmann Thorfeld erwartet, in der Person seines Eidams kunftig einen Verbundeten gegen die Anmassungen seines rebellischen Freundes, des Arztes, zu finden, aber er fand sich unangenehm getauscht, denn der junge Mann schloss sich innig an seinen fruhesten Beschutzer, den Grafen Robert, an und zog auch seine Gattin in diesen Kreis hinuber, und der Prediger furchtete nicht mit Unrecht, dass er endlich dem Arzte wurde unterliegen mussen, der an seiner Schwiegermutter in allen seinen Anmassungen eine so kraftige Stutze hatte.
Die Grafin befriedigte ihr Gefuhl. Sie liess dem wackern verstorbenen Greise ein einfaches, in edelm Style gearbeitetes Denkmal setzen, und beide grafliche Familien in Hohenthal und am Rhein lebten fortan in ungetrubtem Frieden, und die Zukunft nur kann daruber belehren, ob der so oft geausserte Wunsch des Grafen Robert in Erfullung gehen und eine gluckliche Heirath beide Familien in eine zusammen schmelzen wird. Wenigstens wird diese Hoffnung dadurch unterhalten, dass beide Kinder, von denen man die Vereinigung erwartet, eine grosse Neigung gegen einander aussern, die bei jedem Besuche, den sich die Familien wechselseitig in Schlesien und am Rheine abstatten, sich zu erhohen scheint.
Fussnoten
1 Vereheliche Frau von Knorring.