1835_Arnim_002 Topic 3

Bettina von Arnim

Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Seinem Denkmal

Erster Teil

Dem Fursten Puckler

Haben sie von deinen Fehlen

Immer viel erzahlt,

Und furwahr, sie zu erzahlen

Vielfach sich gequalt.

Hatten sie von deinem Guten

Freundlich dir erzahlt,

Mit verstandig treuen Winken

Wie man Bess'res wahlt:

O gewiss! Das Allerbeste

Blieb uns nicht verhehlt,

Das furwahr nur wenig Gaste

In der Klause zahlt.

(Westostlicher Divan

Buch der Betrachtung)

Es ist kein Geschenk des Zufalls oder der Laune, was Ihnen hier dargebracht wird. Aus wohluberlegten Grunden und mit freudigem Herzen biete ich Ihnen an, das Beste was ich zu geben vermag. Als Zeichen meines Dankes fur das Vertrauen, was Sie mir schenken.

Die Menge ist nicht dazu geeignet, die Wahrheit, sondern nur den Schein zu prufen; den geheimen Wegen einer tiefen Natur nachzuspuren, das Ratselhafte in ihr aufzulosen ist ihr versagt, sie spricht nur ihre Tauschungen aus, erzeugt hartnackige Vorurteile gegen bessere Uberzeugung und beraubt den Geist der Freiheit, das vom Gewohnlichen Abweichende in seiner Eigentumlichkeit anzuerkennen. In solchen Verwirrungen waren auch meine Ansichten von Ihnen verstrickt, wahrend Sie aus eigner Bewegung, jedes verkleinernde Urteil uber mich abweisend, mir freundlich zutrauten: "Sie wurden Herz und Geist durch mich bereichern konnen", wie sehr hat mich dies beschamt! Die Einfachheit Ihrer Ansichten, Ihrer sich selbst beschauenden, selbstbildenden Natur, Ihr leiser Takt fur fremde Stimmung, Ihr treffendes fertiges Sprachorgan; sinnbildlich vieldeutig in melodischem Stil innere Betrachtung wie aussere Gegenstande darstellend, diese Naturkunst Ihres Geistes, alles hat mich vielfaltig uber Sie zurechtgewiesen und mich mit jenem hoheren Geist in Ihnen bekannt gemacht, der so manche Ihrer Ausserungen idealisch parodiert.

Einmal schrieben Sie mir: "Wer meinen Park sieht, der sieht in mein Herz." Es war im vorigen Jahr in der Mitte September, dass ich am fruhen Morgen, wo eben die Sonne ihre Strahlen ausbreitete, in diesen Park eintrat; es war grosse Stille in der ganzen Natur, reinliche Wege leiteten mich zwischen frischen Rasenplatzen, auf denen die einzelnen Blumenbusche noch zu schlafen schienen; bald kamen geschaftige Hande, ihrer zu pflegen, die Blatter, die der Morgenwind abgeschuttelt hatte, wurden gesammelt und die verwirrten Zweige geordnet; ich ging noch weiter an verschiedenen Tagen und zu verschiedenen Stunden nach allen Richtungen, so weit ich kam, fand ich dieselbe Sorgfalt und eine friedliche Anmut, die sich uber alles verbreitete. So entwickelt und pflegt der Liebende den Geist und die Schonheit des Geliebten, wie Sie hier ein anvertrautes Erbteil der Natur pflegen. Gern will ich glauben, dass dies der Spiegel Ihres tiefsten Herzens sei, da es so viel Schones besagt; gern will ich glauben, dass das einfache Vertrauen zu Ihnen nicht minder gepflegt und geschutzt sei als jede einzelne Pflanze Ihres Parks. Dort hab ich Ihnen auch aus meinen Briefen und dem Tagebuch an Goethe vorgelesen, Sie haben gern zugehort; ich gebe sie Ihnen jetzt hin, beschutzen Sie diese Blatter wie jene Pflanzen, und so treten Sie abermals hier zwischen mich und das Vorurteil derer, die schon jetzt, noch eh sie es kennen, dies Buch als unecht verdammen und sich selbst um die Wahrheit betrugen.

Lassen Sie uns einander gut gesinnt bleiben, was wir auch fur Fehler und Verstosse in den Augen anderer haben mogen, die uns nicht in demselben Lichte sehen, wir wollen die Zuversicht zu einer hoheren Idealitat, die so weit alle zufallige Verschuldungen und Missverstandnisse und alle angenommene und herkommliche Tugend uberragt, nicht aufgeben. Wir wollen die mannigfaltigen edlen Veranlassungen, Bedeutungen und Interesse, verstanden und geliebt zu werden, nicht verleugnen, ob andre es auch nicht begreifen, so mag es ihnen ein Ratsel bleiben.

Im August 1834

Bettina Arnim

Vorrede

Dies Buch ist fur die Guten und nicht fur die Bosen.

Wahrend ich beschaftigt war, diese Papiere fur den Druck zu ordnen, hat man mich vielfaltig bereden wollen, manches auszulassen oder anders zu wenden, weil es Anlass geben konne zu Missdeutungen. Ich merkte aber bald, man mag nur da guten Rat annehmen, wo er der eignen Neigung nicht widerspricht. Unter den vielen Ratgebern war nur einer, dessen Rat mir gefiel; er sagte: "Dies Buch ist fur die Guten und nicht fur die Bosen; nur bose Menschen konnen es ubel ausdeuten, lassen Sie alles stehen, wie es ist, das gibt dem Buch seinen Wert, und Ihnen kann man auch nur Dank wissen, dass Sie das Zutrauen haben, man werde nicht missdeuten, was der gute Mensch nie missverstehen kann." Dieser Rat leuchtete mir ein, er kam von dem Faktor der Buchdruckerei von Trowitzsch und Sohn, Herrn Klein, derselbe, der mir Druck und Papier besorgte, Orthographiefehler korrigierte, Komma und Punkt zurechtruckte und bei meinem wenigen Verstand in diesen Sachen viel Geduld bewies. Diese seine ausgesprochne Meinung bestarkte mich darin, dass ich den bosen Propheten und den angstlichen Ansichten der Ratgebenden nicht nachgab. Wie auch der Erfolg dieses Rates ausfallen mag, ich freue mich seiner, da er unbezweifelt von den Guten als der edelste anerkannt wird, die es nicht zugeben werden, dass die Wahrheit eines freudigen Gewissens sich vor den Auslegungen der Bosen fluchte.

Auch dem Herrn Kanzler von Muller in Weimar sage ich Dank, dass er auf meine Bitte sich bemuhte, trotz dem Drang seiner Geschafte, meine Briefe aus Goethes umfassendem Nachlass hervorzusuchen, es sind jetzt achtzehn Monate, dass ich sie in Handen habe; er schrieb mir damals: "So kehre denn dieser unberuhrte Schatz von Liebe und Treue zu der reichen Quelle zuruck, von der er ausgestromt! Aber eins mochte ich mir zum Lohn meiner gemess'nen Vollziehung Ihres Wunsches und Willens wie meiner Enthaltsamkeit doch von Ihrer Freundschaft ausbitten. Schenken Sie mir irgendein Blatt aus dieser ohne Zweifel lebenswarmsten Korrespondenz; ich werde es heilig aufbewahren, nicht zeigen noch kopieren lassen, aber mich zuweilen dabei still erfreuen, erbauen oder betruben, je nachdem der Inhalt sein wird; immerhin werde ich ein zweifach liebes Andenken, einen Tropfen gleichsam Ihres Herzbluts, das dem grossten und herrlichsten Menschen zustromte, daran besitzen." Ich habe diese Bitte nicht befriedigt, denn ich war zu eifersuchtig auf diese Blatter, denen Goethe eine ausgezeichnete Teilnahme geschenkt hatte, sie sind meistens von seiner Hand korrigiert, sowohl Orthographie als auch hie und da Wortstellung, manches ist mit Rotel unterstrichen, anderes wieder mit Bleistift, manches ist eingeklammert, anderes ist durchstrichen. Da ich ihn nach langerer Zeit wiedersah, offnete er ein Schubfach, worin meine Briefe lagen, und sagte: "Ich lese alle Tage darin." Damals erregten mir diese Worte einen leisen Schauer. Als ich jetzt diese Briefe wieder las, mit diesen Spuren seiner Hand, da empfand ich denselben Schauer, und ich hatte mich nicht leichtlich von einem der geringsten Blatter trennen mogen. Ich habe also die Bitte des Kanzler von Muller mit Schweigen ubergangen, aber nicht undankbar vergessen; moge ihm der Gebrauch, den ich davon gemacht habe, beides, meinen Dank und meine Rechtfertigung, beweisen.

Briefwechsel mit Goethes Mutter

Liebste Frau Rat!

Am 1. Marz 1807

Ich warte schon lange auf eine besondere Veranlassung, um den Eingang in unsere Korrespondenz zu machen. Seitdem ich aus Ihrem Abrahamsschoss, als dem Hafen stiller Erwartung, abgesegelt bin, hat der Sturmwind noch immer den Atem angehalten, und das Einerleileben hat mich wie ein schleichend Fieber um die schone Zeit gebracht. Wie sehr bejammere ich die angenehme Aussicht, die ich auf der Schawell zu Ihren Fussen hatte, nicht die auf den Knopf des Katharinenturms, noch auf die Feueresse der russigen Zyklopen, die den goldnen Brunnen bewachen; nein! die Aussicht in Ihren vielsagenden feurigen Blick, der ausspricht, was der Mund nicht sagen kann. Ich bin zwar hier mitten auf dem Markt der Abenteuer, aber das kostliche Netz, in dem mich Ihre mutterliche Begeistrung eingefangen, macht mich gleichgultig fur alle. Neben mir an, Tur an Tur, wohnt der Adjutant des Konigs; er hat rotes Haar, grosse blaue Augen, ich weiss einen, der ihn fur unwiderstehlich halt, der ist er selber. Vorige Nacht weckte er mich mit seiner Flote getraumt hatte, am andern Tag bedankt ich mich, dass er mir noch so fromm den Abendsegen vorgeblasen habe; er glaubte, es sei mein Ernst, und sagte, ich sei eine Betschwester, seitdem nennen mich alle Franzosen so und wundern sich, dass ich mich nicht druber argere; ich kann aber doch die Franzosen gut leiden.

Gestern ist mir ein Abenteuer begegnet. Ich kam vom Spaziergang und fand den Rothschild vor der Tur mit einem schonen Schimmel; er sagte: es sei ein Tier wie ein Lamm, und ob ich mich nicht draufsetzen wolle? Ich liess mich gar nicht bitten, kaum war ich aufgestiegen, so nahm das Lamm Reissaus und jagte in vollem Galopp mit mir die Wilhelmshoher Allee hinauf, ebenso kehrte es wieder um. Alle kamen totenblass mir entgegen, das Lamm blieb plotzlich stehen, und ich sprang ab; nun sprachen alle von ihrem gehabten Schreck; ich fragte: "Was ist denn passiert?" "Ei, der Gaul ist ja mit Ihnen durchgegangen!" "So!" sagt ich, "das hab ich nicht gewusst." Rothschild wischte mit seinem seidnen Schnupftuch dem Pferde den Schweiss ab, legte ihm seinen Uberrock auf den Rucken, damit es sich nicht erkalten solle, und fuhrte es in Hemdarmel nach Haus; er hatte gefurchtet, es nimmermehr wiederzusehen. Wie ich am Abend in die Gesellschaft kam, nannten mich die Franzosen nicht mehr Betschwester, sie riefen alle einstimmig: "Ah l'heroine!"

Leb Sie wohl, ruf ich Ihr aus meiner Traumwelt zu, denn auch uber mich verbreitet sich ein wenig diese Gewalt. Ein gar schoner (ja ich musste blind sein, wenn ich dies nicht fande), nun, ein feiner, schlanker brauner Franzose sieht mich aus weiter Ferne mit scharfen Blicken an, er naht sich bescheiden, er bewahrt die Blume, die meiner Hand entfallt, er spricht von meiner Liebenswurdigkeit; Frau Rat, wie gefallt einem das? Ich tue zwar sehr kalt und unglaubig, wenn man indessen in meiner Nahe sagt: "Le roi vient", so befallt mich immer ein kleiner Schreck, denn so heisst mein liebenswurdiger Verehrer.

Ich wunsche Ihr eine gute Nacht, schreib Sie mir bald wieder.

Bettine

Goethes Mutter an Bettine

Am 14. Marz 1807

Ich habe mir meine Feder frisch abknipsen lassen und das vertrocknete Tintenfass bis oben vollgegossen, und weil es denn heute so abscheulich Wetter ist, dass man keinen Hund vor die Tur jagt, so sollst Du auch gleich eine Antwort haben. Liebe Bettine, ich vermisse Dich sehr in der bosen Winterzeit; wie bist Du doch im vorigen Jahr so vergnugt dahergesprungen kommen? Wenn's kreuz und quer schneite, da wusst ich, das war so ein recht Wetter fur Dich, ich braucht nicht lange zu warten, so warst Du da. Jetzt guck ich auch immer noch aus alter Gewohnheit nach der Ecke von der Katharinenpfort, aber Du kommst nicht, und weil ich das ganz gewiss weiss, so kummert's mich. Es kommen Visiten genug, das sind aber nur so Leutevisiten, mit denen ich nichts schwatzen kann.

Die Franzosen hab ich auch gern das ist immer ein ganz ander Leben, wenn die franzosische Einquartierung hier auf dem Platz ihr Brot und Fleisch ausgeteilt kriegt, als wenn die preussische oder hessische Holzbock einrucken.

Ich hab recht meine Freud gehabt am Napoleon, wie ich den gesehen hab; er ist doch einmal derjenige, konnen sich die Menschen bedanken, denn wenn sie nicht traumten, so hatten sie auch nichts davon und schliefen wie die Sack, wie's die ganze Zeit gegangen ist.

Amusiere Dich recht gut und sei lustig, denn wer lacht, kann keine Todsund tun.

Deine Freundin

Elisabeth Goethe

Nach dem Wolfgang fragst Du gar nicht; ich hab Dir's ja immer gesagt: wart nur bis einmal ein andrer kommt, so wirst Du schon nicht mehr nach ihm seufzen.

Frau Rat!

Am 20. Marz 1807

Geh Sie doch mit Ihren Vorwurfen; das antwort ich Ihr auf Ihre Nachschrift, und sonst nichts.

Jetzt rat Sie einmal, was der Schneider fur mich macht. Ein Andrieng? Nein! Eine Kontusche? Nein! Einen Joppel? Nein! Eine Mantille? Nein! Ein paar Boschen? Nein! Einen Reifrock? Nein! Einen Schlepprock? Nein! Ein Paar Hosen? Ja! Vivat jetzt kommen andre Zeiten angeruckt und auch eine Weste und ein Uberrock dazu. Morgen wird alles anprobiert, es wird schon sitzen, denn ich hab mir alles bequem und weit bestellt, und dann werf ich mich in eine Chaise und reise Tag und Nacht Kurier durch die ganzen Armeen zwischen Feind und Freund durch; alle Festungen tun sich vor mir auf, und so geht's fort bis Berlin, wo einige Geschafte abgemacht werden, die mich nichts angehn. Aber dann geht's eilig zuruck und wird nicht eher haltgemacht bis Weimar. O Frau Rat, wie wird's denn dort aussehen? Mir klopft das Herz gewaltig, obschon ich noch bis zu Ende April reisen kann, ehe ich dort hinkomme. Wird mein Herz auch Mut genug haben, sich ihm hinzugeben? Ist mir's doch, als stand er eben vor der doch bei Ihr! Das allein konnt mich ruhig machen, dass ich sah, wie Sie auch vor Freud ausser sich war, oder wollt mir einer einen Schlaftrunk geben, dass ich schlief, bis ich bei ihm erwachte. Was werd ich ihm sagen? Ach, nicht wahr, er ist nicht hochmutig? Von Ihr werd ich ihm auch alles erzahlen, das wird er doch gewiss gern horen. Adieu, leb Sie wohl und wunsch Sie mir im Herzen eine gluckliche Reis. Ich bin ganz schwindlig.

Bettine

Aber das muss ich Ihr doch noch sagen, wie's gekommen ist. Mein Schwager kam und sagte, wenn ich seine Frau uberreden konne, in Mannerkleidern mit ihm eine weite Geschaftsreise zu machen, so wolle er mich mitnehmen und auf dem Ruckweg mir zulieb uber Weimar gehen. Denk Sie doch, Weimar schien mir immer so entfernt, als wenn es in einem andern Weltteil lag, und nun ist's vor der Tur.

Liebe Frau Rat!

Am 5. Mai 1807

Eine Schachtel wird Ihr mit dem Postwagen zukommen, beste Frau Mutter, darin sich eine Tasse befindet; es ist das sehnlichste Verlangen, Sie wieder zu sehen, was mich treibt, Ihr solche unwurdige Zeichen meiner Verehrung zu senden. Tue Sie mir den Gefallen, Ihren Tee fruh morgens draus zu trinken, und denk Sie meiner dabei. Ein Schelm gibt's besser, als er's hat.

Den Wolfgang hab ich endlich gesehen; aber ach, was hilft's? Mein Herz ist geschwellt wie das volle Segel eines Schiffs, das fest vom Anker gehalten ist am fremden Boden und doch so gern ins Vaterland zuruck mochte.

Adieu, meine liebe gute Frau Mutter, halt Sie mich lieb.

Bettine Brentano

Goethes Mutter an Bettine

Am 11. Mai 1807

Was lasst Du die Flugel hangen? Nach einer so schonen Reise schreibst Du einen so kurzen Brief, und schreibst nichts von meinem Sohn, als dass Du ihn gesehen hast; das hab ich auch schon gewusst, und er hat mir's gestern geschrieben. Was hab ich von Deinem geankerten Schiff? Da weiss ich soviel wie nichts. Schreib doch, was passiert ist. Denk doch, dass ich ihn acht Jahre nicht gesehen hab und ihn vielleicht nie wieder seh, wenn Du mir nichts von ihm erzahlen willst, wer soll mir dann erzahlen? Hab ich nicht Deine alberne Geschichten hundertmal angehort, die ich auswendig weiss, und nun, wo Du etwas Neues erfahren hast, etwas Einziges, wo Du weisst, dass Du mir die grosste Freud machen konntest, da schreibst Du nichts. Fehlt Dir denn was? Es ist ja nicht ubers Meer bis nach Weimar. Du hast ja jetzt selbst erfahren, dass man dort sein kann, bis die Sonne zweimal aufgeht. Bist Du traurig? Liebe, liebe Tochter, mein Sohn soll Dein Freund sein, Dein Bruder, der Dich gewiss liebt, und Du sollst mich Mutter heissen in Zukunft fur alle Tag, die mein spates Alter noch zahlt, es ist ja doch der einzige Name, der mein Gluck um

Deine treue Freundin

Elisabeth Goethe

Vor die Tasse bedank ich mich.

An Goethes Mutter

Am 16. Mai 1807

Ich hab gestern an Ihren Sohn geschrieben; verantwort Sie es bei ihm. Ich will Ihr auch gern alles schreiben, aber ich hab jetzt immer so viel zu denken, es ist mir fast eine Unmoglichkeit, mich loszureissen, ich bin in Gedanken immer bei ihm; wie soll ich denn sagen, wie es gewesen ist? Hab Sie Nachsicht und Geduld; ich will die ander Woch nach Frankfurt kommen, da kann Sie mir alles abfragen.

Ihr Kind

Bettine

Ich lieg schon eine Weile im Bett, und da treibt mich's heraus, dass ich Ihr alles schreib von unserer Reise. Ich hab Ihr ja geschrieben, dass wir in mannlicher Kleidung durch die Armeen passierten. Gleich vorm Tor liess uns der Schwager aussteigen, er wollte sehen, wie die Kleidung uns stehe. Die Lulu sah sehr gut aus, denn sie ist prachtig gewachsen, und die Kleidung war sehr passend gemacht; mir war aber alles zu weit und zu lang, als ob ich's auf dem Grempelmarkt erkauft hatte. Der Schwager lachte uber mich und sagte, ich sahe aus wie ein Savoyardenbube, uns vom Weg abgefahren durch einen Wald, und wie ein Kreuzweg kam, da wusst er nicht wohinaus; obschon es nur der Anfang war von der ganzen vier Wochen langen Reise, so hatt ich doch Angst, wir konnten uns verirren und kamen dann zu spat nach Weimar; ich klettert auf die hochste Tanne, und da sah ich bald, wo die Chaussee lag. Die ganze Reise hab ich auf dem Bock gemacht; ich hatte eine Mutze auf von Fuchspelz, der Fuchsschwanz hing hinten herunter. Wenn wir auf die Station kamen, schirrte ich die Pferde ab und half auch wieder anspannen. Mit den Postillons sprach ich gebrochen Deutsch, als wenn ich ein Franzose war. Im Anfang war schon Wetter, als wollt es Fruhling werden, bald wurd es ganz kalter Winter; wir kamen durch einen Wald von ungeheuren Fichten und Tannen, alles bereift, untadelhaft, nicht eine Menschenseele war des Wegs gefahren, der ganz weiss war; noch obendrein schien der Mond in dieses verodete Silberparadies, eine Totenstille nur die Rader pfiffen von der Kalte. Ich sass auf dem Kutschersitz und hatte gar nicht kalt; die Winterkalt schlagt Funken aus mir; wie's nah an die Mitternacht ruckte, da horten wir pfeifen im Walde; mein Schwager reichte mir ein Pistol aus dem Wagen und fragte, ob ich Mut habe loszuschiessen, wenn die Spitzbuben kommen, ich sagte: "Ja." Er sagte: "Schiessen Sie nur nicht zu fruh." Die Lulu hatte grosse Angst im Wagen, ich aber unter freiem Himmel, mit der gespannten Pistole, den Sabel umgeschnallt, unzahlige funkelnde Sterne uber mir, die blitzenden Baume, die ihren Riesenschatten auf den breiten mondbeschienenen Weg warfen das alles machte mich kuhn auf meinem erhabenen Sitz. Da dacht ich an ihn, wenn der mich in seinen Jugendjahren so begegnet hatte, ob das nicht einen poetischen Eindruck auf ihn gemacht haben wurde, dass er Lieder auf mich gemacht hatte und mich nimmermehr vergessen. Jetzt mag er anders denken, er wird erhaben sein uber einen magischen Eindruck; hohere Eigenschaften (wie soll ich die erwerben?) werden ein Recht uber ihn behaupten. Wenn nicht Treue ewige, an seine Schwelle gebannt, mir endlich ihn erwirbt! So war ich in jener kalten hellen Winternacht gestimmt, in der ich keine Gelegenheit fand, mein Gewehr loszuschiessen, erst wie der Tag anbrach, erhielt ich Erlaubnis loszudrucken; der Wagen hielt, und ich lief in den Wald und schoss in die dichte Einsamkeit Ihrem Sohn zu Ehren mutig los, indessen war die Achse gebrochen; wir fallten einen Baum mit dem Beil, das wir bei uns hatten, und knebelten ihn mit Stricken fest; da fand denn mein Schwager, dass ich sehr anstellig war, und lobte mich. So ging's fort bis Magdeburg; prazis sieben Uhr abends wird die Festung gesperrt, wir kamen eine Minute nachher und mussten bis den andern Morgen um sieben halten; es war nicht sehr kalt, die beiden im Wagen schliefen. In der Nacht fing's an zu schneien, ich hatte den Mantel uber den Kopf genommen und blieb ruhig sitzen auf meinem freien Sitz; am Morgen guckten sie aus dem Wagen, da hatte ich mich in einen Schneemann verwandelt, aber noch eh sie recht erschrecken konnten, warf ich den Mantel ab, unter dem ich recht warm gesessen hatte. In Berlin war ich wie ein Blinder unter vielen Menschen, und auch geistesabwesend war ich, an nichts konnt ich teilnehmen, ich sehnte mich nur immer nach dem Dunkel, um von nichts zerstreut zu sein, um an die Zukunft denken zu konnen, die so nah geruckt war. Ach, wie oft schlug es da Alarm! plotzlich, unversehens, mitten in die stille Ruhe, ich wusste nicht von was. Schneller, als ich's denken konnte, hatte mich ein susser Schrecken erfasst. O Mutter, Mutter! denk Sie an Ihren Sohn, wenn Sie wusste, sie sollte ihn in kurzer Zeit sehen, sie war auch wie ein Blitzableiter, in den alle Gewitter einschlugen. Wie wir nur noch wenig Meilen von Weimar waren, da sagte mein Schwager, er wunsche nicht den Umweg uber Weimar zu machen und lieber eine andre Strasse zu fahren. Ich schwieg stille, aber die Lulu litt es nicht; sie sagte: "Einmal war mir's versprochen und er musste mir Wort halten." Ach Mutter! das Schwert hing an einem Haar uber meinem Haupt, aber ich kam glucklich drunter weg.

In Weimar kamen wir um zwolf Uhr an; wir assen zu Mittag, ich aber nicht. Die beiden legten sich aufs Sofa und schliefen; drei Nachte hatten wir durchwacht. "Ich rate Ihnen," sagte mein Schwager, "auch auszuruhen; der Goethe wird sich nicht viel draus machen, ob Sie zu ihm kommen oder nicht, und was Besondres wird auch nicht an ihm zu sehen sein." Kann Sie denken, dass mir diese Rede allen Mut benahm? Ach, ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich war ganz allein in der fremden Stadt; ich hatte mich anders angekleidet; ich stand am Fenster und sah nach der Turmuhr, eben schlug es halb drei. Es war mir auch so, als ob sich Goethe nichts draus machen werde, mich zu sehen; es fiel mir ein, dass ihn die Leute stolz nennen; ich druckte mein Herz fest zusammen, dass es nicht begehren solle; auf einmal schlug es drei Uhr. Und da war's doch auch grad, als hatte er mich gerufen, ich lief hinunter nach dem Lohnbedienten, kein Wagen war da, eine Portechaise? Nein, sagt ich, das ist eine Equipage furs Lazarett. Wir gingen zu Fuss. Es war ein wahrer Schokoladenbrei auf der Strasse, uber den dicksten Morast musste ich mich tragen lassen, und so kam ich zu Wieland, nicht zu Ihrem Sohn. Den Wieland hatte ich nie gesehen, ich tat, als sei ich eine alte Bekanntschaft von ihm, er besann sich hin und her und sagte: "Ja, ein lieber bekannter Engel sind Sie gewiss, aber ich kann mich nur nicht besinnen, wann und wo ich Sie gesehen habe." Ich scherzte mit ihm und sagte: "Jetzt hab ich's herausgekriegt, dass Sie von mir traumen, denn anderswo konnen Sie mich unmoglich gesehen haben." Von ihm liess ich mir ein Billett an Ihren Sohn geben, ich hab es mir nachher mitgenommen und zum Andenken aufbewahrt; und hier schreib ich's Ihr ab. "Bettina Brentano, Sophiens Schwester, Maximilianens Tochter, Sophie La Roches Enkelin wunscht Dich zu sehen, l. Br., und gibt vor, sie furchte sich vor Dir, und ein Zettelchen, das ich ihr mitgebe, wurde ein Talisman sein, der ihr Mut gabe. Wiewohl ich ziemlich gewiss bin, dass sie nur ihren Spass mit mir treibt, so muss ich doch tun, was sie haben will, und es soll mich wundern, wenn Dir's nicht ebenso wie mir geht. Den 23. April 1807

W."

Mit diesem Billett ging ich hin, das Haus liegt dem Brunnen gegenuber; wie rauschte mir das Wasser so betaubend ich kam die einfache Treppe hinauf, in der Mauer stehen Statuen von Gips, sie gebieten Stille. Zum wenigsten ich konnte nicht laut werden auf diesem heiligen Hausflur. Alles ist freundlich und doch feierlich. In den Zimmern ist die hochste Einfachheit zu Hause, ach so einladend! "Furchte dich nicht", sagten mir die bescheidnen Wande, "er wird kommen und wird sein, und nicht mehr sein wollen wie Du ", und da ging die Tur auf, und da stand er feierlich ernst und sah mich unverwandten Blickes an; ich streckte die Hande nach ihm, glaub ich, bald wusst ich nichts mehr, Goethe fing mich rasch auf an sein Herz. "Armes Kind, hab ich Sie erschreckt", das waren die ersten Worte, mit denen seine Stimme mir ins Herz drang; er fuhrte mich in sein Zimmer und setzte mich auf den Sofa gegen sich uber. Da waren wir beide stumm, endlich unterbrach er das Schweigen: "Sie haben wohl in der Zeitung gelesen, dass wir einen grossen Verlust vor wenig Tagen erlitten haben durch den Tod der Herzogin Amalie." "Ach!" sagt ich, "ich lese die Zeitung nicht." "So! Ich habe geglaubt, alles interessiere Sie, was in Weimar vorgehe." "Nein, nichts interessiert mich als nur Sie, und da bin ich viel zu ungeduldig, in der Zeitung zu blattern." "Sie sind ein freundliches Kind." Lange Pause ich auf das fatale Sofa gebannt, so angstlich. Sie weiss, dass es mir unmoglich ist, so wohlerzogen da zu sitzen. Ach Mutter! Kann man sich selbst so uberspringen? Ich sagte plotzlich: "Hier auf dem Sofa kann ich nicht bleiben," und sprang auf. "Nun!" sagte er, "machen Sie sich's bequem;" nun flog ich ihm an den Hals, er zog mich aufs Knie und schloss mich ans Herz. Still, ganz still war's, alles verging. Ich hatte so lange nicht geschlafen; Jahre waren vergangen in Sehnsucht nach ihm ich schlief an seiner Brust ein; und da ich aufgewacht war, begann ein neues Leben. Und mehr will ich Ihr diesmal nicht schreiben.

Bettine

September 1807

Frau Rat, so oft mir was Komisches begegnet, so denk ich an Sie, und was das fur ein Jubel und fur eine Erzahlung sein wurde, wenn Sie es selbst erlebt hatte. Hier, in dem traubenreichen Mildeberg, sitze ich bei meinem Herrn Schwab, der ehmals bei unserm Vater Schreiber war und uns Kinder alle mit seinen Marchen grossgezogen hat. Er kann zum wenigsten so gut erzahlen wie Sie, aber er schneidet auf und verbraucht Juden- und Heidentum, die entdeckte und unentdeckte Welt zur Dekoration seiner Abenteuer; Sie aber bleibt bei der Wahrheit, aber mit so freudigen Ausrufungszeichen, dass man wunder denkt, was passiert ist. Ich habe das Eichhornchen, was Sie mir mitgab, im grossen Eichenwald ins Freie gesetzt, es war Zeit die funf Meilen, die es im Wagen fuhr, hat es grossen Schaden gemacht, und im Wirtshaus hat es uber Nacht dem Burgermeister die Pantoffel zerfressen. Ich weiss gar nicht, wie Sie es gemacht hat, dass nagt und alle Hauben und Tocken beschmutzt hat. Mich hat's gebissen, aber im Andenken an den schonen stolzen Franzosen, der es auf seinem Helm vom sudlichen Frankreich bis nach Frankfurt in Ihr Haus gebracht hat, hab ich ihm verziehen. Im Wald setzte ich's auf die Erde, wie ich wegging, sprang es wieder auf meine Schulter und wollte von der Freiheit nichts profitieren, und ich hatt's gern wieder mitgenommen, weil mich's lieber hatte als die schonen grunen Eichbaume. Wie ich aber in den Wagen kam, machten die andern so grossen Larm und schimpften so sehr auf unsern lieben Stubenkameraden, dass ich's in den Wald tragen musste. Ich liess dafur auch lange warten; ich suchte mir den schonsten Eichbaum im ganzen Wald und kletterte hinauf. Da oben liess ich's aus seinem Beutel, es sprang gleich lustig von Ast zu Ast und machte sich an die Eicheln, unterdessen kletterte ich hinunter. Wie ich unten ankam, hatte ich die Richtung nach dem Wagen verloren, und obschon ich nach mir rufen horte, konnte ich gar nicht unterscheiden, wo die Stimmen herkamen. Ich blieb stehen, bis sie herbeikamen, um mich zu holen; sie zankten alle auf mich, ich schwieg still, legte mich im Wagen auf drei Selterskruge unten am Boden und schlief einen herrlichen Schlaf, bis bei Mondschein, wo der Wagen umfiel, ganz sanft, dass niemand beschadigt ward. Eine nussbraune Kammerjungfer flog vom Bock und legte sich am flachen Mainufer in romantischer Unordnung grade vor das Mondantlitz in Ohnmacht; zwei Schachteln mit Blonden und Bandern flogen etwas weiter und schwammen ganz anstandig den Main hinab; ich lief nach, immer im Wasser, das jetzt bei der grossen Hitze sehr flach ist, alles rief mir nach, ob ich toll sei, ich horte nicht, und ich glaub, ich war in Frankfurt wieder mitsamt den Schachteln angeschwommen, wenn nicht ein Nachen hervorgeragt hatte, an dem sie haltmachten. Ich packte sie unter beide Arme und spazierte in den klaren Wellen wieder zuruck. Der Bruder Franz sagte: "Du bist unsinnig, Madchen," und wollte mit seiner sanften Stimme immer zanken; ich zog die nassen Kleider aus, wurde in einen weichen Mantel gewickelt und in den zugemachten Wagen gepackt.

In Aschaffenburg legte man mich mit Gewalt ins Bett und kochte mir Kamillentee. Um ihn nicht zu trinken, tat ich, als ob ich fest schlafe. Da wurde von meinen Verdiensten verhandelt, wie ich doch gar ein zu gutes Herz habe, dass ich voll Gefalligkeit sei und mich selber nie bedenke, wie ich gleich den Schachteln nachgeschwommen, und wenn ich die nicht wiedergefischt hatte, so wurde man morgen nicht haben mit der Toilette fertig werden konnen, um beim Furst Primas zu Mittag zu essen. Ach! sie wussten nicht, was ich wusste, dass namlich unter dem Wust von falschen Locken, von goldnen Kammen, Blonden, in rotsamtner Tasche ein Schatz verborgen war, um den ich beide Schachteln ins Wasser geworfen haben wurde mit allem, was mein und nicht mein gehorte, und dass, wenn diese nicht drin gewesen war, so wurde ich mich uber die Ruckfahrt der Schachteln gefreut haben. In dieser Tasche liegt verborgen ein Veilchenstrauss, den Ihr Herr Sohn, in Weimar in Gesellschaft bei Wieland, mir heimlich im Vorubergehen zuwarf. Frau Mutter, damals war ich eifersuchtig auf den Wolfgang und glaubte, die Veilchen seien ihm von Frauenhand geschenkt; er aber sagte: kannst du nicht zufrieden sein, dass ich sie dir gebe? Ich nahm heimlich seine Hand und zog sie an mein Herz, er trank aus seinem Glas und stellte es vor mich, dass ich auch draus trinken sollte; ich nahm es mit der linken Hand und trank und lachte ihn aus, denn ich wusste, dass er es hier hingestellt hatte, damit ich seine Hand loslassen sollte. Er sagte: "Hast du solche List, so wirst du auch wohl mich zu fesseln wissen mein Leben lang." Ich sag Ihr, mach Sie sich nicht breit, dass ich Ihr mein heimlichstes Herz vertraue; ich muss wohl jemand haben, dem ich's mitteile. Wer ein schon Gesicht hat, der will es im Spiegel sehen, Sie ist der Spiegel meines Glucks, und das ist grade jetzt in seiner schonsten Blute, und da muss es denn der Spiegel oft in sich aufnehmen. Ich bitte Sie, klatsch Sie ihrem Herrn Sohn im nachsten Brief, den Sie gleich morgen schreiben kann und nicht erst eine Gelegenheit abzuwarten braucht, dass ich dem Veilchenstrauss in der Schachtel in kuhler Mondnacht nachgeschwommen bin, wohl eine Viertelstunde lang, so lang war es aber nicht, und dass die Wellen mich wie eine Wassergottin dahingetragen haben, es waren aber keine Wellen, es war nur seichtes Wasser, das kaum die leichten Schachteln hob; und dass mein Gewand aufgebauscht war um mich her wir ein Ballon. Was sind denn die Reifrocke seiner Jugendliebschaften alle gegen mein dahinschwimmendes Gewand! Sag Sie doch nicht, Ihr Herr Sohn sei zu gut fur mich, um einen Veilchenstrauss solche Lebensgefahr zu laufen! Ich schliess mich an die Epoche der empfindsamen Romane und komme glucklich im Werther an, wo ich denn gleich die Lotte zur Tur hinauswerfen mochte. Ihr Herr Sohn hat einen schlechten Geschmack an dem weissen Kleide mit Rosaschleifen. Ich will gewiss in meinem Leben kein weisses Gewand anziehen; grun, grun sind alle meine Kleider.

Apropos, guck Sie doch einmal hinter Ihren Ofenschirm, wo Sie immer die schon bemalte Seite gegen die Wand stellt, damit die Sonne ihn nicht ausbleicht; da wird Sie entdecken, dass das Eichhornchen der Ofengottin grossen Schaden getan hat, und dass es ihr das ganze Angesicht blass gemacht hat. Ich wollt Ihr nichts sagen, weil ich doch das Eichhornchen gegen Ihren Befehl an den Ofenschirm gebunden hatte, und da furchtete ich, Sie konnte bos werden, drum hab ich's Ihr schreiben wollen, damit Sie in meiner Abwesenheit Ihren Zorn kann austoben lassen. Morgen geht's nach Aschaffenburg, da schreib ich Ihr mehr. Mein Schawellchen soll die Lieschen ausklopfen, damit die Motten nicht hineinkommen, lasse Sie ja keinen andern drauf sitzen, adje, Fr. Rat, ich bin Ihre untertanige Magd.

An Frau Rat Goethe

Frau Rat, Sie hat eine recht garstige Hand, eine wahre Katzenpfote, nicht die, mit der Sie im Theater klatscht, wenn der Schauspieler Werdi wie ein Mulleresel dahertrappst und tragisches Schicksal spielen will, nein, sondern die geschriebene Hand ist hasslich und unleserlich. Mir kann Sie zwar immer so undeutlich, wie Sie will, schreiben, dass ich ein albernes Ding bin; ich kann's doch lesen, gleich am ersten grossen A. Denn was sollte es sonst heissen? Sie hat mir's ja oft genug gesagt; aber wenn Sie an Ihren Herrn Sohn schreibt von mir, befleissige Sie sich der Deutlichkeit; die Mildeberger Trauben hab ich noch herausgekriegt, die Sie in chaldaischen und hebraischen Buchstaben verzeichnet hat, ich werde Ihr eine ganze Schachtel voll bestellen, das hatt ich auch ohnedem getan. Der Herr Schlosser hat mir ubrigens nichts Besondres in Ihrem Brief geschrieben. Ich kann das auch nicht leiden, dass Sie sich die Zeit von ihm vertreiben lasst, wenn ich nicht da bin, und ich sag Ihr: lasse Sie ihn nicht auf meiner Schawelle sitzen, er ist auch so einer, der Laute spielen will und glaubt, er konne auf meiner Schawelle sitzen, und Sie auch, wenn Sie ihn so oft sieht, so bild't Sie sich ein, er war besser als ich; Sie hat so schon einmal geglaubt, er war ein wahrer Apoll von Schonheit, bis ich Ihr die Augen aufgetan habe, und die Fr. Rat Schlosser hat gesagt, dass, wie er neugeboren war, so habe man ihn auf ein grunes Billard gelegt, da habe er so schon abgestochen und habe ausgesehen wie ein glanzender Engel; ist denn Abstechen eine so grosse Schonheit? Adieu, ich sitze in einer Raufe, wo die Kuh den Klee herausfrisst, und schreibe; schreib Sie das nicht an Ihren Sohn; das konnte ihm zu toll vorkommen, denn ich selbst, wenn ich denke: ich fande meinen Schatz im Kuhstall sitzen und zartliche Briefe an mich schreiben, ich weiss auch nicht, wie ich mich benehmen sollte. Doch sitze ich hier oben aus lauter Verzweiflung, und weil ich mich versteckt habe, und weil ich allein sein mochte, um an ihn zu denken. Adieu Fr. Rat. Wir haben gestern beim Primas zu Mittag gegessen, es war Fasttag; da waren wunderliche Speisen, die Fleisch vorstellten und doch keins waren. Da wir ihm vorgestellt wurden, fasste er mich am Kinn und nannte mich kleiner Engel, liebliches Kind; ich fragte, wie alt er denn glaubt, dass ich sei? "Nun, zwolf Jahre allenfalls." "Nein, dreizehn", sagte ich. "Ja", sagte er, "das ist schon alt, da mussen Sie bald regieren."

(Die Antwort fehlt)

Winckel

Liebe Frau Rat! Alles, was ich aufgeschrieben habe, das will ich Ihr vorlesen; Sie kann selbst sich uberzeugen, dass ich nichts hinzugesetzt habe und das bloss geschrieben, was meine Augen Ihr aus dem Mund gesogen haben, nur das kann ich nicht begreifen, dass es aus Ihrem Mund so gescheit lautet, und dass meine Feder es so dumm wiedergibt; dass ich nicht sehr klug bin, davon geb ich haufige Beweise. Also das kann ich wohl zugeben, dass Sie zu den Leuten sagt, Sie wunscht, sie waren alle so narrisch wie ich; aber sag Sie ja nicht, ich sei klug, sonst kompromittiert Sie sich, und der Wirt in Kassel an der grossen Rheinbrucke kann den Gegenbeweis fuhren. Es war so langweilig, bis unsere ganze Bagage an der Douane untersucht war, ich nahm den Muckenplatscher und verfolgte ein paar Mucken, sie setzten sich an die Fensterscheiben, ich schlug zu, die Scheibe flog hinaus und mit ihr die Mucken in die goldne Freiheit, uber den grossen stolzen Rhein hinuber; der Wirt sagte, das war dumm; und ich war sehr beschamt.

Ach Fr. Mutter! Was ist hier in dem Langenwinkel fur ein wunderlich Leben; das soll schone Natur sein und ist es auch gewiss, ich hab nur keinen Verstand, es zu erkennen. Eh meine Augen hinuber auf den Johannisberg schweifen, werden sie von ein paar einem langen Feld raupenfrassiger Zwetschen- und Birnbaume. Aus jedem Gaubloch hangen Perlenschnure von getrockneten Schnitzeln und Hutzeln; der Lohgerber gegen uns uber durchdampft alle Wohlgeruche der Luft; alle funf Sinne gehoren dazu, um etwas in seiner Schonheit zu empfinden, und wenn auch die ganze Natur noch so sehr entzuckend war und ihr Duft fuhrte nicht auch den Beweis, so war der Prozess verloren.

Die Orgel klingt auch ganz falsch hier in der Kirche. Man musste von Fr. bis Winckel reisen, um eine so grobe Disharmonie zu Ehren Gottes auffuhren zu horen.

Leb Sie recht wohl.

Bettine

Unser Kutscher wird Ihr eine Schachtel mit Pfirsich bringen, verderb Sie sich nicht den Magen, denn der ist nicht gottlich und lasst sich leicht verfuhren.

Wir waren am letzten Donnerstag mit den beiden Schlossers bis Lorch. Man fuhr auf dem Wasser, Christian Schlosser glaubte die Wasserfahrt nicht vertragen zu konnen und ging den Weg zu Fuss; ich ging mit ihm, um ihm die Zeit zu vertreiben, aber ich hab's bereut. Zum erstenmal hab ich uber den Wolfgang mit einem andern gesprochen wie mit Ihr, und das war eine Sunde. Alles kann ich wohl vertragen von ihm zu horen, aber kein Lob und keine Liebe; Sie hat Ihren Sohn lieb und hat ihn geboren, das ist keine Sunde, und ich lasse mir's gefallen: aber mehr nicht; die andern sollen nur keine weitere Pratensionen machen. Sie fragt zwar, ob ich ihn allein gepachtet habe? Ja, Fr. Rat, darauf kann ich Ihr antworten. Ich glaub, dass es eine Art und Weise gibt, jemand zu besitzen, die niemand streitig machen kann; diese ub ich an Wolfgang, keiner hat es vor mir gekonnt, das weiss ich, trotz allen seinen Liebschaften, von denen sie mir erzahlt. Vor ihm tu ich zwar sehr demutig, aber hinter seinem Rucken halte ich ihn fest, und da musste er stark zappeln, wenn er los will.

Fr. Rat! Ich kenne die Prinzen und Prinzessinnen nur aus der Zauberwelt der Feenmarchen und aus Ihren Beschreibungen, und die geben einander nichts nach; dort sind zwar die schonsten Prinzessinnen in Katzen verwandelt, und gewohnlich werden sie durch einen Schneider erlost und geheiratet. Das uberleg Sie doch auch, wenn Sie wieder ein Marchen erfindet, und geb Sie diesem Umstand eine moralische Erlauterung.

Bettine

(Die Antwort fehlt)

Ich habe freilich einen Brief vom Wolfgang hier im Rheingau erhalten, er schreibt: "Halte meine Mutter warm und behalte mich lieb." Diese lieben Zeilen sind in mich eingedrungen wie ein erster Fruhlingsregen; ich bin sehr vergnugt, dass er verlangt, ich soll ihn lieb behalten; ich weiss es wohl, dass er die ganze Welt umfasst; ich weiss, dass ihn die Menschen sehen wollen und sprechen, dass ganz Deutschland sagt: unser Goethe. Ich aber kann Ihr sagen, dass mir bis heute die allgemeine Begeistrung fur seine Grosse, fur seinen Namen noch nicht aufgegangen ist. Meine Liebe zu ihm beschrankt sich auf das Stubchen mit weissen Wanden, wo ich ihn zuerst gesehen, wo am Fenster der Weinstock, von seiner Hand geordnet hinaufwachst, wo er auf dem Strohsessel sitzt und mich in seinen Armen halt; da lasst er keinen Fremden ein, und da weiss er auch von nichts als nur von mir allein. Frau Rat! Sie ist seine Mutter, und Ihr sag ich's: wie ich ihn zum erstenmal gesehen hatte, und ich kam nach Haus, da fand ich, dass ein Haar von seinem Haupt auf meine Schulter gefallen war. Ich verbrannte es am Licht, und mein Herz war ergriffen, dass es auch in Flammen ausschlug, aber so heiter, so lustig wie die Flammen in blauer, sonnenheller Luft, die man kaum gewahr wird, und die ohne Rauch ihr Opfer verzehrt. So wird mir's auch gehen: mein Leben lang werde ich lustig in die Lufte flackern, und die Leute werden nicht wissen, woher sich diese Lust schreibt; es ist nur, weil ich weiss, dass, wenn ich zu ihm komme, er allein mit mir sein will und alle Lorbeerkranze vergisst. Leb Sie wohl und schreib Sie ihm von mir.

Goethes Mutter an Bettine

Frankfurt, am 12. Mai 1808

Liebe Bettine! Deine Briefe machen mir Freude, und die Jungfer Lieschen, die sie schon an der Adresse erkennt, sagt: "Fr. Rat, da bringt der Brieftrager ein Plasier." Sei aber nicht gar zu toll mit meinem Sohn, alles muss in seiner Ordnung bleiben. Das braune Zimmer ist neu tapeziert mit der Tapete, die Du ausgesucht hast, die Farbe mischt sich besonders schon mit dem Morgenrot, das uberm Katharinenturm heraufsteigt und mir bis in die Stube scheint. Gestern sah unsre Stadt recht wie ein Feiertag aus in dem unbefleckten Licht der Alba.

Sonst ist noch alles auf dem alten Fleck. Um Deinen Schemmel habe keine Not, die Liese leidet's nicht, dass jemand drauf sitzt.

Schreib recht viel, und wenn's alle Tag war, Deiner wohlgeneigten Freundin

Goethe

Frau Rat!

Schlangenbad

Wir sind gestern auf Mullereseln geritten, weit ins Land hinaus uber Rauenthal hinweg. Da geht's durch bewaldete Felswege, links die Aussicht in die Talschlucht und rechts die waldige emporsteigende Felswand. Da haben mich dann die Erdbeeren sehr verlockt, dass ich schier um meinen Posten gekommen war, denn mein Esel ist der Leitesel. Weil ich aber immer Halt machte, um die Erdbeeren zu pflucken, so drangte die ganze Gesellschaft auf mich ein und ich musste tausend rote Beeren am Wege stehen lassen. Heute sind's acht Tage, aber ich schmachte noch danach, die gespeisten sind vergessen, die ungepfluckten brennen mich noch auf der Seele. Eben drum wurde ich's ewig bereuen, wenn ich versaumte, was ich das Recht habe zu geniessen, und da braucht Sie nicht zu furchten, dass ich die Ordnung umstosse. Ich hang mich nicht wie Blei an meinen Schatz, ich bin wie der Mond, der ihm ins Zimmer scheint, wenn die geputzten Leute da sind und die vielen Lichter angezund't, dann wird er wenig bemerkt, wenn die aber weg sind und das Gerausch ist voruber, dann hat die Seele um so grossere Sehnsucht, sein Licht zu trinken. denken, wenn er allein ist. Ich bin erzurnt uber alle Menschen, die mit ihm zu tun haben, doch ist mir keiner gefahrlich bei ihm, aber das geht Sie alles nichts an. Ich werde doch nicht die Mutter furchten sollen, wenn ich den Sohn lieb hab?

An Bettine

Frankfurt, am 25. Mai

Ei Madchen, Du bist ja ganz toll, was bild'st Du Dir ein? Ei, wer ist denn Dein Schatz, der an Dich denken soll bei Nacht im Mondschein? Meinst Du, der hatt nichts Bessers zu tun? Ja proste Mahlzeit. Ich sag Dir noch einmal: alles in der Ordnung, und schreib ordentliche Briefe, in denen was zu lesen steht. Dummes Zeug nach Weimar schreiben; schreib, was Euch begegnet, alles ordentlich hinter einander. Erst wer da ist, und wie Dir jeder gefallt, und was jeder an hat, und ob die Sonne scheint, oder ob's regnet, das gehort auch zur Sach.

Mein Sohn hat mir's wieder geschrieben, ich soll Dir sagen, dass Du ihm schreibst. Schreib ihm aber ordentlich, Du wirst Dir sonst das ganze Spiel verderben.

Am Freitag war ich im Konzert, da wurde Violoncell gespielt, da dacht ich an Dich, es klang so recht wie Deine braune Augen. Adieu, Madchen, Du fehlst uberall Deiner Frau Rat.

Frau Rat!

Ich will Ihr gern den Gefallen tun und einmal einen recht langen deutlichen Brief schreiben, meinen ganzen Lebensaufenthalt in Winckel.

Erst ein ganzes Haus voll Frauen, kein einziger Mann, nicht einmal ein Bedienter. Alle Laden im Haus sind zu, damit uns die Sonne nicht wie unreife Weinstocke behandelt und garkocht. Das Stockwerk, in dem wir wohnen, besteht aus einem grossen Saal, an das lauter kleine Kabinette stossen, die auf den Rhein sehen, in deren jedem ein Parchen von unserer Gesellschaft wohnt. Die liebe Marie mit den blonden Haaren ist Hausfrau und lasst fur uns backen und sieden. Morgens kommen wir alle aus unseren Gemachern im Saal zusammen. Es ist ein besondres Plasier zu sehen, wie einer nach dem andern griechisch drapiert hervorkommt. Der Tag geht voruber in launigem Geschwatz, dazwischen kommen Bruchstucke von Gesang und Harpegge auf der Gitarre. Am Abend spazieren wir an den Ufern des Rheins entlang, da lagern wir uns auf dem Zimmerplatz; ich lese den Homer vor, die Bauern kommen alle heran und horen zu; der Mond steigt zwischen den Bergen herauf und leuchtet statt der Sonne. In der Ferne liegt das schwarze Schiff, da brennt ein Feuer, der kleine Spitzhund auf dem Verdeck schlagt von Zeit zu Zeit an. Wenn wir das Buch zumachen, so ist ein wahres politisches Verhandeln; die Gotter gelten nicht mehr und nicht weniger als andre Staatsmachte, und die Meinungen werden so hitzig behauptet, dass man denken sollte, alles war gestern geschehen, und es war manches noch zu andern. Einen Vorteil hab ich davon: hatt ich den Bauern nicht den Homer vorgelesen, so wusste ich heut noch nicht, was drin steht, die haben mir's durch ihre Bemerkungen und Fragen erst beigebracht. Wenn wir nach Hause kommen, so steigt einer nach dem andern, wenn er mude ist, zu Bette. Ich sitze dann noch am Klavier, und da fallen mir Melodien ein, auf denen ich die Lieder, die mir lieb sind, gen Himmel trage. Wie ist Natur so hold und gut. Im Bett richte ich meine Gedanken dahin, wo mir's lieb ist, und so schlafe ich ein. Sollte das Leben immer so fortgehen? Gewiss nicht.

Am Samstag waren die Bruder hier, bis zum Montag. Da haben wir die Nachte am Rhein verschwarmt. George mit der Flote, wir sangen dazu, so ging's von Dorf zu Dorf, bis uns der aufgehende Tag nach Hause trieb. Fr. Mutter, auf dem prachtigen Rheinspiegel in Mondnachten dahingleiten und singen, wie das Herz eben aufjauchzt, allerlei lustige Abenteuer bestehen in freundlicher Gesellschaft, ohne Sorge aufstehen, ohne Harm zu Bette gehen, das ist so eine Lebensperiode, in der ich mitten inne stehe. Warum lasse ich mir das gefallen? weiss ich's nicht besser? und ist die Welt nicht gross und mancherlei in ihr, was bloss des Menschengeistes harrt, um in ihm lebendig zu werden? Und soll das alles mich unberuhrt lassen? Ach Gott das Philistertum ist eine harte Nuss, nicht leicht aufzubeissen, und mancher Kern vertrocknet unter dieser harten Schale. Ja, der Mensch hat ein Gewissen, es mahnt ihn, er soll nichts furchten, und soll nichts versaumen, was das Herz von ihm fordert. Die Leidenschaft ist ja der einzige Schlussel zur Welt, durch die lernt der Geist alles kennen und fuhlen, wie soll er denn sonst in sie hineinkommen? Und da fuhl ich, dass ich durch die Liebe zu Ihm erst in den Geist geboren bin, dass durch Ihn die Welt sich mir erst aufschliesst, da mir die Sonne scheint, und der Tag sich von der Nacht scheidet. Was ich durch diese Liebe nicht lerne, das werde ich nie begreifen. Ich wollt, ich sass an seiner Tur ein armes Bettelkind, und nahm ein Stuckchen Brot von ihm, und er erkennte dann an meinem Blick, wes Geistes Kind ich bin, da zog er mich an sich und hullte mich in seinen Mantel, damit ich warm wurde. Gewiss er hiess mich nicht wieder gehen, ich durfte fort und fort im Haus herumwandeln, und so vergingen die Jahre und keiner wusste, wer ich ware, und niemand wusste, wo ich hingekommen war, und so vergingen die Jahre und das Leben, und in seinem Antlitz spiegelte sich mir die ganze Welt, ich brauchte nichts andres mehr zu lernen. Warum tu ich's denn nicht? Es kommt ja nur darauf an, dass ich Mut fasse, so kann ich in den Hafen meines Gluckes einlaufen.

Weiss Sie noch, wie ich den Winter durch Schnee und Regen gesprungen kam, und Sie fragt: "Wie laufst Du doch uber die Gasse?" Und ich sagte, wenn ich die alte Stadt Frankfurt nicht wie einen Huhnerhof traktieren sollte, so wurd ich nicht weit in der Welt kommen, und da meinte Sie, mir sei gewiss kein Wasser zu tief und kein Berg zu hoch; und ich dachte damals schon: ja, wenn Weimar der hochste Berg und das tiefste Wasser ist. Jetzt kann ich's Ihr noch besser sagen, dass mein Herz schwer ist und bleiben wird, so lang ich nicht bei ihm bin, und das mag Sie nun in der Ordnung finden oder nicht.

Adieu leb Sie recht wohl. Ich werd nachstens bei Ihr angerutscht kommen.

An Goethes Mutter

Winckel, am 12. Juni

Ein Brief von Ihr macht immer gross Aufsehen unter den Leuten; die mochten gern wissen, was wir uns zu sagen haben, da ich ihnen so unklug vorkomme. Sie kann getrost glauben, ich werd auch nie klug werden. Wie soll ich Klugheit erwerben, mein einsamer Lebenslauf fuhrt nicht dazu. Was hab ich dies Jahr erlebt? Im Winter war ich krank; dann macht ich ein Schattenspiel von Pappendeckel, da hatten die Katze und der Ritter die Hauptrollen, da hab ich nah an sechs Wochen die Rolle der Katze studiert, sie war keine Philosophin, sonst hatt ich vielleicht profitiert. Im Fruhjahr bluhte der Orangenbaum in meinem Zimmer; ich liess mir einen Tisch drum zimmern und eine Bank, und in seinem duftenden Schatten hab ich an meinen Freund geschrieben. Das war eine Lust, die keine Weisheit mir ersetzen konnte. Im Spiegel gegenuber sah ich den Baum noch einmal und wie die Sonnenstrahlen durch sein Laub brachen; ich sah sie druben sitzen die Braune, Vermessene; an den grossten Dichter, an den Erhabenen uber alle zu schreiben. Im April bin ich fruh drauss gewesen auf dem Wall und hab die ersten Veilchen gesucht und botanisiert, gens mit Sonnenaufgang fuhr ich hinaus nach Oberrad, ich spaziert in die Gemusfelder und half dem Gartner alles nach der Schnur pflanzen, bei der Milchfrau hab ich mir einen Nelkenflor angelegt, die dunkelroten Nelken sind meine Lieblingsblumen. Bei solcher Lebensweise, was soll ich da lernen, woher soll ich klug werden? Was ich Ihrem Sohn schreib, das gefallt ihm, er verlangt immer mehr, und mich macht das selig, denn ich schwelge in einem Uberfluss von Gedanken, die meine Liebe, mein Gluck ausdrucken, wie es Ihm erquicklich ist. Was ist nun Geist und Klugheit, da der seligste Mensch, wie ich, ihrer nicht bedarf?

Es war voriges Jahr im Eingang Mai, da ich ihn sah zum erstenmal, da brach er ein junges Blatt von den Reben, die an seinem Fenster hinaufwachsen, und legt's an meine Wange und sagte: "Das Blatt und deine Wange sind beide wollig"; ich sass auf dem Schemel zu seinen Fussen und lehnte mich an ihn, und die Zeit verging im stillen. Nun, was hatten wir Kluges einander sagen konnen, was diesem verborgnen Gluck nicht Eintrag getan hatte; welch Geisterwort hatte diesen stillen Frieden ersetzt, der in uns bluhte? O wie oft hab ich an dieses Blatt gedacht, und wie er damit mir die Stirne und das Gesicht streichelte, und wie er meine Haare durch die Finger zog und sagte: "Ich bin nicht klug; man kann mich leicht betrugen, du hast keine Ehre davon, wenn du mir was weismachst mit deiner Liebe." Da fiel ich ihm um den Hals. Das alles war kein Geist, und doch hab ich's tausendmal in Gedanken durchlebt und werde mein Leben lang dran trinken wie das Aug das Licht trinkt; es war kein Geist, und doch uberstrahlt es mir alle Weisheit der Welt; was kann mir sein freundliches Spielen ersetzen? was den feinen durchdringenden Strahl seines Blicks, der in mein Auge leuchtet? Ich achte die Klugheit nichts, ich habe das Gluck unter anderer Gestalt kennen lernen, und auch was andern weh tut, das kann mir nicht Leid tun, und meine Schmerzen, das wird keiner verstehen.

So hell wie diese Nacht ist! Glanzverhullt liegen die Berg da mit ihren Rebstocken und saugen schlaftrunken das nahrhafte Mondlicht. Schreib Sie bald; ich hab keinen Menschen, dem ich so gern vertraue, denn weil ich weiss, dass Sie mit keinem andern mehr anbindet und abgeschlossen fur mich da ist, und dass Sie mit niemand uber mich spricht. Wenn Sie wusst, wie tief es schon in der Nacht ist! Der Mond geht unter, das betrubt mich. Schreib Sie mir recht bald.

Bettine

Winckel, am 25. Juni

Frau Rat, ich war mit dem Franz auf einer Eisenaushalten, es regnete oder vielmehr nasste fortwahrend, die Leute sagten: "Ja das sind wir gewohnt, wir leben wie die Fisch, immer nass, und wenn einmal ein paar trockne Tage sind, so juckt einem die Haut, man mochte wieder nass sein." Ich muss mich besinnen, wie ich Ihr das wunderliche Erdloch beschreibe, wo unter dunklen gewaltigen Eichen die Glut hervorleuchtet, wo an den Bergwanden hinan einzelne Hutten hangen und wo im Dunkel die einzelnen Lichter heruberleuchten und der lange Abend durch eine ferne Schalmei, die immer dasselbe Stuckchen horen lasst, recht an den Tag gibt, dass die Einsamkeit hier zu Haus ist, die durch keine Geselligkeit unterbrochen wird. Warum ist denn der Ton einer einsamen Hausflote, die so vor sich hinblast, so melancholisch langweilig, dass einem das Herz zerspringen mocht vor Grimm, dass man nicht weiss, wo aus noch ein; ach wie gern mocht man da das Erdenkleid abstreifen und hochfliegen weit in die Lufte; ja, so eine Schwalbe in den Luften, die mit ihren Flugeln wie mit einem scharfen Bogen den Ather durchschneidet, die hebt sich weit uber die Sklavenkette der Gedanken, ins Unendliche, das der Gedanke nicht fasst.

Wir wurden in gewaltig grosse Betten logiert, ich und der Bruder Franz, ich hab viel mit ihm gescherzt und geplaudert, er ist mein liebster Bruder. Am Morgen sagte er ganz mystisch: "Geb einmal acht, der Herr vom Eisenhammer hat ein Hochgericht im Ohr"; ich konnt's nicht erraten; wie sich aber Gelegenheit ergab ins Ohr zu sehen, da entdeckt ich's gleich, eine Spinne hatte ihr Netz ins Ohr aufgestellt, eine Fliege war drin gefangen und verzehrt, und ihre Reste hingen noch im unverletzten Gewebe; daraus wollte der Franz das versteinerte langweilige Leben recht deutlich erkennen, ich aber erkannte es auch am Tintefass, das so pelzig war und so wenig Flussiges enthielt. Das ist aber nur die eine Halfte dieses Lochs der Einsamkeit. Man sollt's nicht meinen, aber geht man langsam in die Runde, so kommt man an eine Schlucht. Am Morgen, wie eben die Sonne aufgegangen war, entdeckte ich sie, ich ging hindurch, da befand ich mich plotzlich auf dem steilen hochsten Rand eines noch tieferen und weiteren Talkessels, sein samtner Boden schmiegt sich sanft an die ebenmassigen Bergwande, die es rund umgeben und ganz besaet sind mit Lammer und Schafen; in der Mitte steht das Schaferhaus und dabei die Muhle, die vom Bach, der mitten durchbraust, getrieben wird. Die Gebaude sind hinter uralten himmelhohen Linden versteckt, die grade jetzt bluhen, und deren Duft zu mir heraufdampfte und zwischen deren dichtem Laub der Rauch des Schornsteins sich durchdrangte. Der reine blaue Himmel, der goldne Sonnenschein hatte das ganze Tal erfullt. Ach lieber Gott, sass ich hier und hutete die Schafe und wusste, dass am Abend einer kam, der meiner eingedenk ist, und ich wartete den ganzen Tag, und die sonneglanzenden Stunden gingen voruber, und die Schattenstunden mit der silbernen Mondsichel und dem Stern brachten den Freund, der fand mich an Bergesrand ihm entgegensturzend in die offne Arme, dass er mich plotzlich am Herzen fuhlte mit der heissen Liebe, was war dann nachher noch zu erleben? Gruss Sie Ihren Sohn und sag Sie ihm, dass zwar mein Leben friedlich und von Sonnenglanz erleuchtet ist, dass ich aber der goldnen Zeit nicht achte, weil ich mich immer nach der Zukunft sehne, wo ich den Freund erwarte. Adieu leb Sie wohl. Bei Ihr ist Mitternacht eine Stunde der Geister, in der Sie es fur eine Sunde halt, die Augen offen zu haben, damit Sie keine sieht; ich aber ging eben noch allein in den Garten durch die langen Traubengange, wo Traube an Traube hangt vom Mondlicht beschienen, und uber die Mauer hab ich mich gelehnt und hab hinausgesehen in den Rhein, da war alles still. Aber weisse Schaumwellen zischten, und es patschte immer ans Ufer, und die Wellen lallten wie Kinder. Wenn man so einsam nachts in der freien Natur steht, da ist's, als ob sie ein Geist war, die den Menschen um Erlosung bate. Soll vielleicht der Mensch die Natur erlosen? Ich muss einmal daruber nachdenken; schon gar zu oft hab ich diese Empfindung gehabt, als ob die Natur mich jammernd wehmutig um etwas bate, dass es mir das Herz durchschnitt, nicht zu verstehen, was sie verlangte. Ich muss einmal recht lang dran denken, vielleicht entdeck ich etwas, was uber das ganze Erdenleben hinaushebt. Adieu, Fr. Rat, und wenn Sie mich nicht versteht, so denk Sie nur, wie Ihr noch immer in Ihren jetzigen Tagen ein Posthorn, das Sie in der Ferne hort, einen wunderlichen Eindruck macht, ungefahr so ist mir's auch heute.

Bettine

An Bettine

Frankfurt, am 28. Juli

Gestern war Feuer am hellen Tag hier auf der Hauptwach, grad mir gegenuber, es brannte wie ein Blumenstrauss aus dem Gaubloch an der Kathrinenpfort. Da war mein best Plasier die Gassenbuben mit ihren Reffs auf dem Buckel, die wollten alle retten helfen, der Hausbesitzer wollt nichts retten lassen, denn weil das Feuer gleich aus war, da wollten sie ein Trinkgeld haben, das hat er nicht geben, da tanzten sie und wurden von der Polizei weggejagt. Es ist viel Gesellschaft zu mir kommen, die wollten alle fragen, wie ich mich befind auf den Schreck, und da musst ich ihnen immer von vorne erzahlen, und das ist jetzt schon drei Tag, dass mich die Leut besuchen und sehen, ob ich nicht schwarz geworden bin vom Rauch. Dein Melinchen war auch da und hat mir ein Brief gebracht von Dir, der ist so klein geschrieben, dass ich ihn hab mussen vorlesen lassen, rat einmal von wem?

Die Meline ist aber einmal schon, ich hab gesagt, die Stadt sollt sie malen lassen und sollt sie auf dem Ratsaal hangen, da konnten die Kaiser sehen, was ihre gute Stadt fur Schonheiten hat. Deine Bruder sind aber auch so schon, ich hab meiner Lebtag keine sieht aus wie ein Herzog von Mailand, und alle andern Menschen mussen sich schamen mit ihren Fratzengesichtern neben ihm. Adieu und gruss auch die Geschwister von Deiner Freundin

Goethe

An Bettine

Da kommt der Fritz Schlosser aus dem Rheingau und bringt nur drei geschnittne Federn von Dir und sagt: er hatt geschworen, dass er mir keine Ruh lassen will, ich musst schreiben, wer's gewesen ist, der Deinen Brief gelesen hat. Was hat's denn fur Not, wer sollt's denn gewesen sein? In Weimar ist alles ruhig und auf dem alten Fleck. Das schreiben die Zeitungen schon allemal voraus, lang eh es wahr ist, wenn mein Sohn zu einer Reis Anstalt macht, der kommt einem nicht mit der Tur ins Haus gefallen. Da sieht man aber doch recht, dass Dein Herz Deinem Kopf was weismacht. Herz, was verlangst du? Das ist ein Sprichwort, und wenn es sagt, was es will, so geht's wie in einem schlechten Wirtshaus, da haben sie alles, nur keine frische Eier, die man grad haben will. Adieu, das hab ich bei der Nachtlamp geschrieben.

Ich bin Dir gut

Katharina Goethe

Das hatt ich bald vergessen zu schreiben, wer mir Deinen Brief gelesen hat, das war der Pfarrer Hufnagel, der wollt auch sehen, was ich mach nach dem Schreck mit dem Feuer, ich sagt: "Ei, Herr Pfarrer, ist denn der Kathrine-Turm grad so gross, dass er mir auf die Nas fallt, wenn er umsturzt?" Da hat er gesessen mit seinem dicken Bauch im schwarzen Talar mit dem runden weissen Kragen in doppelten Falten, mit der runden Stutzperuck und den Schnallenschuh auf Deiner Schawell, und hat den Brief gelesen, hatt's mein Sohn gesehen, er hatt gelacht.

Katharina Goethe

Frau Mutter, ich danke Ihr fur die zwei Brief hintereinander, das war einmal gepflugt, recht durch schweres Erdreich, man sieht's, die Schollen liegen nebenan, wie dick; gewiss, das sind der Lieschen ihre Finger gewesen, mit denen Sie die Furchen gezogen hat, die sind recht krumm, was mich wundert, das ist, dass ich Ihr so gern schreib, dass ich keine Gelegenheit versaum, und alles, was mir begegnet, pruf ich, ob es nicht schon war ihr zu schreiben, das ist weil ich doch nicht alles und fortwahrend an den Wolfgang schreiben kann, ich hab ihm gesagt in Weimar: wenn ich dort wohnte, so wollt ich als nur die Sonn- und Feiertag zu ihm kommen und nicht alle Tag, das hat ihn gefreut; so mein ich, dass ich auch nicht alle Tag an ihn schreiben darf, aber er hat mir gesagt: "Schreib alle Tag, und wenn's Folianten waren, es ist mir nicht zu viel", aber ich selbst bin nicht alle Tag in der Stimmung, manchmal denke ich so geschwind, dass ich's gar nicht schreiben kann, und die Gedanken sind so suss, dass ich gar nicht abbrechen kann, um zu schreiben, noch dazu mag ich gern grade Linien und schone Buchstaben machen, und das halt im Denken auf, auch hab ich ihm manches zu sagen, was schwer auszusprechen ist, und manches hab ich ihm mitzuteilen, was nie ausgesprochen werden kann; da sitz ich oft Stunden und seh in mich hinein und kann's nicht sagen, was ich seh, aber weil ich im Geist mich mit ihm zusammen fuhl, so bleib ich gern dabei, und ich komme mir vor wie eine Sonnenuhr, die grad nur die Zeit angibt, solang die Sonne sie bescheint. Wenn meine Sonne mich nicht mehr anlachelt, dann wird man auch die Zeit nicht mehr an mir erkennen; es sollte einer sagen ich leb, wenn er mich nicht mehr lieb hat; das Leben, was ich jetzt fuhr, davon hat keiner Verstand, an der Hand fuhrt mich der Geist einsame Strassen, er setzt sich mit mir nieder am Wassersrand, da ruht er mit mir aus, dann fuhrt er mich auf hohe Berge; da ist es Nacht, da schauen wir in die Nebeltale, da sieht man den Pfad kaum vor den Fussen, aber ich geh mit, ich fuhl, dass er da ist, wenn er auch vor meinen leiblichen Augen verschwindet, und wo ich geh und steh, da spur ich sein heimlich Wandeln um mich, und in der Nacht ist er die Decke, in die ich mich einhulle, und am Morgen ist er es, vor dem ich mich verhulle, wenn ich mich ankleide, niemals mehr bin ich allein, in meiner einsamen Stube fuhl ich mich verstanden und erkannt von diesem Geist; ich kann nicht mit lachen, ich kann nicht mit Komodie spielen, die Kunst und die Wissenschaft, die lasse ich fahren; noch vor einem halben Jahr, da wollt ich Geschichte studieren und Geographie, es war Narrheit. Wenn die Zeit, in der wir leben, erst recht erfullt war mit der Geschichte, so dass einer alle Hande voll zu tun hatt, um nur der Geschichte den Willen zu tun, so hatt er keine Zeit, um nach den vermoderten Konigen zu fragen, so geht mir's, ich hab keine Zeit, ich muss jeden Augenblick mit meiner Liebe verleben. Was aber die Geographie anbelangt, so hab ich einen Strich gemacht mit roter Tinte auf die Landkart. Der geht von wo ich bin bis dahin, wo es mich hinzieht, das ist der rechte Weg, alles andre sind Irr- und Umwege. Das ganze Firmament mit Sonne, Mond und Sterne gehoren bloss zur Aussicht meiner Heimat. Dort ist der fruchtbare Boden, in den mein Herz die harte Rinde sprengt und ins Licht hinaufbluht.

Die Leute sagen: Was bist du traurig, sollt ich vergnugt sein? Oder dies oder jenes? Wie passt das zu meinem innern Leben? Ein jedes Betragen hat seine Ursache, das Wasser wird nicht lustig dahin tanzen und singen, wenn sein Bett nicht dazu gemacht ist. So werd ich nicht lachen, wenn nicht eine geheime Lust der Grund dazu ist; ja ich habe Lust im Herzen, aber sie ist so gross, so machtig, dass sie sich nicht ins Lachen fugen kann, wenn es mich aus dem Bett aufruft vor Tag und ich zwischen den schlafenden Pflanzen bergauf wandle, wenn der Tau meine Fusse wascht und ich denk demutig, dass es der Herr der Welten ist, der meine Fusse wascht, weil er will, ich soll rein sein von Herzen, wie er meine Fusse vom Staub reinigt; wenn ich dann auf des Berges Spitze komme und ubersehe alle Lande im ersten Strahl der Sonne, dann fuhl ich diese machtige Lust in meiner Brust sich ausdehnen, dann seufz ich auf und hauch die Sonne an zum Dank, dass sie mir in einem Bild erleuchte, was der Reichtum, der Schmuck meines Lebens ist, denn was ich sehe, was ich verstehe, es ist alles nur Widerhall meines Gluckes.

Adieu, lasst Sie sich den Brief auch vom Pfarrer vorstudieren? Ich hab ihn doch mit ziemlich grossen Buchstaben geschrieben. Hat dann in meinem letzten Brief etwas gestanden, dass ich so einen heissen Durst hab, und dass ich mondsuchtig bin, oder so was? Wie kann Sie ihm denn das lesen lassen? Sie wirft ihm ja seinen gepolsterten Betschemel um, in seinem Kopf. Die Bettine hat Kopfweh schon seit drei Tage, und heut liegt sie im Bett und kusst ihrer Frau Rat die Hand.

An Bettine

Werd mir nicht krank, Madchen, steh auf aus Deinem Bett und nimm's, und wandle. So hat der Herr Christus gesagt zum Kranken, das sag ich Dir auch, Dein Bett ist Deine Liebe, in der Du krank liegst, nimm sie zusammen und erst am Abend breite sie aus, und ruhe in ihr, wenn Du des Tages Last und Hitze ausgestanden hast. Da hat mein Sohn ein paar Zeilen geschrieben, die schenk ich Dir, sie gehoren dem Inhalt nach Dein.

Der Prediger hat mir Deinen Brief vorgerumpelt wie ein schlechter Postwagen auf holperigem Weg, da schmeisst alles Passagiergut durcheinander; Du hast auch Deine Gedanken so schlecht gepackt, ohne Komma, ohne Punkt, dass, wenn es Passagiergut war, keiner konnt das seinige herausfinden; ich hab den Schnupfen und bin nicht aufgelegt, hatt ich Dich nicht so lieb, so hatt ich nicht geschrieben, wahr Deine Gesundheit.

Ich sag allemal, wenn die Leut fragen, was Du machst: sie fangt Grillen, und das wird Dir auch gar nicht sauer, bald ist's ein Nachtvogel, der Dir an der Nas vorbeifliegt, dann hast Du um Mitternacht, wo alle ehrliche Leute schlafen, etwas zu bedenken, und marschierst durch den Garten an den Rhein in der kalten feuchten Nachtluft, Du hast eine Natur von Eisen und eine Einbildung wie eine Rakett, wie die ein Funken beruhrt, so platzt sie los. Mach, dass Du bald wieder nach Haus kommst. Mir ist nicht heuer wie's vorige Jahr, manchmal krieg ich Angst um Dich, und an den Wolfgang muss ich stundenlang denken, immer wie er ein klein Kind war und mir unter den Fussen spielte, und dann wie er mit seinem Bruder Jacob so schon gespielt hat, und hat ihm Geschichten gemacht; ich muss einen haben, dem ich's erzahl, die andern horen mir alle nicht so zu wie Du; ich wollt wirklich wunschen, die Zeit war vorbei und Du warst wieder da.

Adieu, mach, dass Du kommst, ich hab alles so hell im Gedachtnis, als ob's gestern passiert war, jetzt kann ich Dir die schonsten Geschichten vom Wolfgang erzahlen, und ich glaub, Du hast mich angesteckt, ich mein immer, das war kein rechter Tag, an dem ich nichts von ihm gesprochen hab.

Deine Freundin Goethe

Liebe Frau Rat!

Ich war in Koln, da hab ich den schonen Krug gekauft, schenk Sie ihn Ihrem Sohn von sich, das wird ihr besser Freud machen, als wenn ich Ihr ihn schenkte. Ich selbst mag ihm nichts schenken, ich will nur von ihm nehmen.

Koln ist recht wunderlich, alle Augenblick hort man eine andre Glocke lauten, das klingt hoch und tief, dumpf und hell von allen Seiten untereinander. Da spazieren Franziskaner, Minoriten, Kapuziner, Dominikaner, Benediktiner aneinander vorbei, die einen singen, die andern brummen eine Litanei, und wenn sie aneinander vorbeikommen, da begrussen sie sich mit ihren Fahnen und Heiligtumern und verschwinden in ihren Klostern. Im Dom war ich grade bei Sonnenuntergang, da malten sich die bunten Fensterscheiben durch die Sonn auf dem Boden ab, ich kletterte uberall in dem Bauwerk herum und wiegte mich in den gesprengten Bogen.

Fr. Rat, das war Ihr recht gefahrlich vorgekommen, wenn Sie mich vom Rhein aus in einer solchen gotischen Rose hatte sitzen sehen; es war auch gar kein Spass; ein paarmal wollte mich Schwindel antreten, aber ich dachte: sollte der starker sein wollen wie ich? Und express wagt ich mich noch weiter. Wie die Dammerung eintrat, da sah ich in Deutz eine Kirche mit bunten Scheiben von innen illuminiert, da tonte das Gelaut heruber, der Mond trat hervor und einzelne Sterne. Da war ich so allein, rund um mich zwitscherte es in den Schwalbennestern, deren wohl Tausende in den Gesimsen sind, auf dem Wasser sah ich einzelne Segel sich blahen. Die andern hatten unterdessen den ganzen Kirchbau examiniert, alle Monumente und Merkwurdigkeiten sich zeigen lassen. Ich hatte dafur einen stillen Augenblick, in dem meine Seele gesammelt war, und die Natur, auch alles, was Menschenhande gemacht haben und mich mit, in die feierliche Stimmung des im Abendrot gluhenden Himmels einschmolz. Versteh Sie das oder versteh Sie es nicht, es ist mir einerlei. Ich muss Sie freilich mit meinen ubersichtigen Grillen behelligen, wem sollt ich sie sonst mitteilen!

Das ist auch noch eine Merkwurdigkeit von Koln; die Betten, die so hoch sind, dass man einen Anlauf nehmen muss, um hineinzukommen; man kann immer zwei, drei Versuche machen, ehe einer gluckt; ist man erst drin, wie soll man da wieder herauskommen? Ich dachte, hier ist gut sein, denn ich war mude, und hatte mich schon den ganzen Tag auf meine Traume gefreut, was mir die bescheren wurden; da kam mir auch auf ihrem goldnen Strom ein Kahn beladen und geschmuckt mit Blumen aus dem Paradies entgegen, und ein Apfel, den mir der Geliebte schickte, den hab ich auch gleich verzehrt.

Wir haben am Sonntag so viel Rumpelkammern durchsucht, Altertumer, Kunstschatze betrachtet, ich hab alles mit grossem Interesse gesehen. Ein Humpen, aus dem die Kurfursten gezecht, ist schon, mit vier Henkel, auf denen sitzen Nymphen, die ihre Fusse im Wein baden, mit goldnen Kronen auf dem Kopf, die mit Edelsteinen geziert sind; um den Fuss windet sich ein Drache mit vier Kopfen, die die vier Fusse bilden, worauf das Ganze steht; die Kopfe haben aufgesperrte Rachen, die inwendig vergoldet sind, auf dem Deckel ist Bacchus von zwei Satyrn getragen, er ist von Gold und die Satyrn von Silber. So haben auch die Nymphen emaillierte Gewande an. Der Trinkbecher ist von Rubinglas, und das Laubwerk, was zwischen den Figuren sich durchwindet, ist sehr schon von Silber und Gold durcheinander geflochten. Dergleichen Dinge sind viel, ich wollt Ihr bloss den einen beschreiben, weil er so prachtig ist, und weil Ihr die Pracht wohlgefallt.

Adieu, Frau Rat! Zu Schiff kamen wir herab, und zu Wagen fuhren wir wieder zuruck nach Bonn.

Bettine

Frau Rat!

Winckel

Ich will nicht lugen: wenn Sie die Mutter nicht war, die Sie ist, so wurd ich auch nicht bei Ihr schreiben lernen. Er hat gesagt, ich soll ihn vertreten bei Ihr und soll Ihr alles Liebe tun, was er nicht kann, und soll sein gegen Sie, als ob mir all die Liebe von Ihr angetan war, die er nimmer vergisst. Wie ich bei ihm war, da war ich so dumm und fragte, ob er Sie liebhabe, da nahm er mich in seinen Arm und druckte mich ans Herz und sagte: "Beruhr eine Saite und sie klingt, und wenn sie auch in langer Zeit keinen Ton gegeben hatte." Da waren wir still und sprachen nichts mehr hiervon, aber jetzt hab ich sieben Briefe von ihm, und in allen mahnt er mich an Sie; in einem sagt er: "Du bist immer bei der Mutter, das freut mich; es ist, als ob der Zugwind von daher geblasen habe, und jetzt fuhl ich mich gesichert und warm, wenn ich Deiner und der Mutter gedenke;" ich hab ihm dagegen erzahlt, dass ich Ihr mit der Schere das Wachstuch auf dem Tisch zerschnitten hab, und dass Sie mir auf die Hand geschlagen hat und hat gesagt: "Grad wie mein Sohn auch alle Unarten hast du von ihm!"

Von Bonn kann ich nichts erzahlen, da war's wiedabei denkt; wenn ich mich recht besinne, so waren wir im botanischen Garten, grad wie die Sonn unterging; alle Pflanzen waren schon schlaftrunken, die Siebenberg waren vom Abendrot angehaucht, es war kuhl, ich wickelte mich in den Mantel und setzt mich auf die Mauer, mein Gesicht war vom letzten Sonnenstrahl vergoldet, besinnen mocht ich mich nicht, das hatt mich traurig gemacht in der gewaltigen verstummten Natur. Da schlief ich ein, und da ich erwachte (ein grosser Kafer hat mich geweckt), da war's Nacht und recht kalt. Am andern Tag sind wir wieder hier eingetroffen.

Adieu, Fr. Rat, es ist schon so spat in der Nacht, und ich kann gar nicht schlafen.

Bettine

An Bettine

21. September

Das kann ich nicht von Dir leiden, dass Du die Nachte verschreibst und nicht verschlafst, das macht Dich melancholisch und empfindsam, wollt ich drauf antworten, bis mein Brief ankam da ist schon wieder ander Wetter. Mein Sohn hat gesagt: was einem druckt, das muss man verarbeiten, und wenn er ein Leid gehabt hat, da hat er ein Gedicht draus gemacht. Ich hab Dir gesagt, Du sollst die Geschichte von der Gunderode aufschreiben, und schick sie nach Weimar, mein Sohn will es gern haben, der hebt sie auf, dann druckt sie Dich nicht mehr.

Der Mensch wird begraben in geweihter Erde, so soll man auch grosse und seltne Begebenheiten begraben in einem schonen Sarg der Erinnerung, an den ein jeder hintreten kann und dessen Andenken feiern. Das hat der Wolfgang gesagt, wie er den Werther geschrieben hat; tu es ihm zulieb und schreib's auf.

Ich will Dir gern schreiben, was meine arme Feder vermag, weil ich Dir Dank schuldig bin; eine Frau in meinem Alter, und ein junges feuriges Madchen, das lieber bei mir bleibt und nach nichts anderm fragt, ja das ist dankenswert; ich hab's nach Weimar geschrieimmer auf der Stell; er sagt, dass Du bei mir aushaltst, das sei ihm ein Trost. Adieu, bleib nicht zu lang im Rheingau; die schwarzen Felswande, an denen die Sonne abprallt, und die alten Mauern, die machen Dich melancholisch.

Deine Freundin Elisabeth

Der Moritz Bethmann hat mir gesagt, dass die Stael mich besuchen will; sie war in Weimar, da wollt ich, Du warst hier, da werd ich mein Franzosisch recht zusammennehmen mussen.

An Goethes Mutter

Diesmal hat Sie mir's nicht recht gemacht, Frau Rat; warum schickt Sie mir Goethes Brief nicht? Ich hab seit dem 13. August nichts von ihm, und jetzt haben wir schon Ausgang September. Die Stael mag ihm die Zeit verkurzt haben, da hat er nicht an mich gedacht. Eine beruhmte Frau ist was Kurioses, keine andre kann sich mit ihr messen, sie ist wie Branntwein, mit dem kann sich das Korn auch nicht vergleichen, aus dem er gemacht ist. So Branntwein bitzelt auf der Zung' und steigt in den Kopf, das tut eine beruhmte Frau auch; aber der reine Weizen ist mir doch lieber, den saet der Saemann in die gelockerte Erd, die liebe Sonne und der fruchtbare Gewitterregen locken ihn wieder heraus, und dann ubergrunt er die Felder und tragt goldne Ahren, da gibt's zuletzt noch ein lustig Erntefest; ich will doch lieber ein einfaches Weizenkorn sein als eine beruhmte Frau, und will auch lieber, dass Er mich als tagliches Brot breche, als dass ich ihm wie ein Schnaps durch den Kopf fahre. Jetzt will ich Ihr nur sagen, dass ich gestern mit der Stael zu Nacht gegessen hab in Mainz; keine Frau wollt neben ihr sitzen bei Tisch, da hab ich mich neben sie gesetzt; es war unbequem genug, die Herren standen um den Tisch und hatten sich alle hinter uns gepflanzt, und einer druckte auf den andern, um mit ihr zu sprechen und ihr ins Gesicht zu sehen; sie bogen sich weit uber mich; ich sagte: "Vos adorateurs me suffoquent", sie lachte. Sie sagte, Goethe habe mit ihr von mir gesprochen; ich blieb gern sitzen, denn ich hatte gern gewusst, was er gesagt hat, und doch war mir's unrecht, denn ich wollt lieber, er sprach mit niemand von mir; und ich glaub's auch nicht, sie mag nur so gesagt haben; es kamen zuletzt so viele, die alle uber mich hinaus mit ihr sprechen wollten, dass ich's gar nicht langer konnte aushalten; ich sagt ihr: "Vos lauriers me pesent trop fort sur les epaules." Und ich stand auf und drangt mich zwischen den Liebhabern durch; da kam der Sismondi, ihr Begleiter, und kusst mir die Hand, und sagte, ich hatte viel Geist, und sagt's den andern, und sie repetierten es wohl zwanzigmal, als wenn ich ein Prinz war, von denen findet man auch immer alles so gescheit, wenn es auch das Gewohnlichste war. Nachher hort ich ihr zu, wie sie von Goethe sprach; sie sagte, sie habe erwartet, einen zweiten Werther zu finden, allein sie habe sich geirrt, sowohl sein Benehmen wie auch seine Figur passe nicht dazu, und sie bedauerte sehr, dass er ihn ganz verfehle; Fr. Rat, ich wurd zornig uber diese Reden ("das war uberflussig", wird Sie sagen), ich wendt mich an Schlegel und sagt ihm auf deutsch: "Die Frau Stael hat sich doppelt geirrt, einmal in der Erwartung, und dann in der Meinung; wir Deutschen erwarten, dass Goethe zwanzig Helden aus dem Armel schutteln kann, die den Franzosen so imponieren; wir meinen, dass er selbst aber noch ein ganz andrer Held ist." Der Schlegel hat unrecht, dass er ihr keinen bessern Verstand hieruber beigebracht hat. Sie warf ein Lorbeerblatt, womit sie gespielt hatte, auf die Erde; ich trat drauf und schubste es mit dem Fuss auf die Seite und ging fort. Das war die Geschicht mit der beruhmten Frau; hab Sie keine Not mit ihrem Franzosisch, sprech Sie die Fingersprach mit ihr und mache Sie den Kommentar dazu mit ihren grossen Augen, das wird imponieren; die Stael hat ja einen ganzen Ameisenhaufen Gedanken im Kopf, was soll man ihr noch zu sagen haben? Bald komm' ich nach Frankfurt, da konnen wir's besser besprechen.

Hier ist's sehr voll von Rheingasten; wenn ich morgens durch den dicken Nebel einen Nachen hervorstechen seh, da lauf ich ans Ufer und wink mit dem Schnupftuch, immer sind's Freunde oder Bekannte; vor ein paar Tagen waren wir in Notgottes, da war eine grosse Wallfahrt, der ganze Rhein war voll Nachen, und wenn sie anlandeten, ward eine Prozession draus und wanderten singend, eine jede ihr eigen Lied, nebeneinander hin; das war ein Schariwari, mir war angst, es mocht unserm Herrgott zu viel werden; so kam's auch: er setzte ein Gewitter dagegen und donnerte laut genug, sie haben ihn ubertaubt, aber der gewaltige Regenguss hat die lieben Wallfahrer auseinandergejagt, die da im Gras lagen, wohl Tausende, und zechten; ich hab grad keinen empfindsamen Respekt vor der Natur, aber ich kann's doch nicht leiden, wenn sie so beschmutzt wird mit Papier und Wurstzipfel und zerbrochnen Tellern und Flaschen, wie hier auf dem grossen grunen Plan, wo das Kreuz zwischen Linden aufgerichtet steht, wo der Wandrer, den die Nacht uberrascht, gern Nachtruhe halt und sich geschutzt glaubt durch den geweihten Ort. Ich kann Ihr sagen, mir war ganz unheimlich; ich bin heut noch kaputt. Ich seh lieber die Lammer auf dem Kirchhof weiden als die Menschen in der Kirch; und die Lilien auf dem Feld, die, ohne zu spinnen, doch vom Tau genahrt sind, als die langen Prozessionen druber stolpern und sie im schonsten Flor zertreten. Ich sag Ihr gute Nacht, heut hab ich bei Tag geschrieben.

Bettine

Kostbare Pracht- und Kunstwerke, in Koln und auf

der Reise dahin gesehen und fur meine liebste Fr.

Rat beschrieben

Geb Sie Achtung, damit Sie es recht versteht, denn ich hab schon zweimal vergeblich versucht, eine gutgeordnete Darstellung davon zu machen.

Ein grosser Tafelaufsatz, der mir die ganze Zeit im Kopf herumspukt, und den mir deucht im grossen Bankettsaal der kurfurstlichen Residenz gesehen zu haben; er besteht aus einer ovalen, funf bis sechs Fuss langen kristallenen Platte, einen See vorstellend, in Wellen sanft geschliffen, die sich gegen die Mitte hin mehr und mehr heben und endlich ganz hoch steigen, wo sie einen silbernen Fels mit einem Throne umgeben, auf welchem die Venus sitzt; sie hat ihren Fuss auf den Rucken eines Tritonen gestemmt, der einen kleinen Amor auf den Handen balanciert; rundum spritzt silberner Schaum, auf den hochsten Wellen umher reiten mutige Nymphen, sie haben Ruder in Handen, um die Wellen zu peitschen, ihre Gewande sind emailliert, meistens blassblau oder seegrun, auch gelblich; sie scheinen in einem ubermutigen jauchzenden Wassertanz begriffen; etwas tiefer silberne Seepferde, von Tritonen gebandigt und zum Teil beritten; alles in Silber und Gold getrieben mit emaillierten Verzierungen. Wenn man in den hohlen Fels Wein tut, so spritzt er aus Rohrchen in regelmassigen feinen Strahlen rund um die Venus empor und fliesst in ein verborgenes Becken unter dem Fels; das ist die hohe Mittelgruppe. Naher am Ufer liegen bunte Muscheln zwischen den Wellen und emaillierte Wasserlilien; aus ihren Kelchen steigen kleine Amoretten empor, die mit gespanntem Bogen einander beschiessen, zwischendurch fluchten Seeweibchen mit Fischschweifen, von Seemannchen mit spitzen Barten verfolgt und an ihren Schilfkranzen erhascht oder mit Netzen eingefangen. Auf der andern Seite sind Seeweibchen, die einen kleinen Amor in der Luft gefangen halten und ihn unter die Wellen ziehen wollen, er wehrt sich und stemmt sein Fusschen der einen auf die Brust, wahrend die andere ihn an den bunten Flugeln halt; diese Gruppe ist ganz kostlich und sehr lustig; der Amor ist schwarz von Ambra, die Nymphen sind von Gold mit emaillierten Kranzen. Die Gruppen sind verteilt in beiden Halbovalen, alles emailliert mit blau, grun, rot, gelb, lauter helle Farben; viele Seeungeheuer gukken zwischen den kristallnen Wellen hervor mit aufgesperrten Rachen; sie schnappen nach den fliehenden Nymphen, und so ist ein buntes Gewirr von lustiger glitzernder Pracht uber das Ganze verbreitet, aus dessen Mitte der Fels mit der Venus emporsteigt; am einen Ende der Platte, wo sonst gewohnlich die Handhabe ist, sitzt etwas erhaben gegen den Zuschauer der beruhmte Zyklop Polyphem, der die Galatee in seinen Armen gefangen halt; er hat ein grosses Aug auf der Stirn, sie sieht schuchtern herab auf die Schafherde, die zu beiden Seiten gelagert ist, wodurch die Gruppe sich in einen sanften Bogen mit zwei Lammern, welche an beiden Enden liegen und schlafen, abschliesst. Jenseits sitzt Orpheus, auch gegen die Zuschauer gewendet; er spielt die Leier, ein Lorbeerbaum hinter ihm, auf dessen ausgebreiteten goldnen Zweigen Vogel sitzen; Nymphen haben sich herbeigeschlichen mit Rudern in der Hand, sie lauschen; dann sind noch allerlei Seetiere bis auf zwei Delphine, die auf beiden Seiten die Gruppe wie jenseits in einem sanften Bogen abschliessen; sehr hubsch ist ein kleiner Affe, der sich einen Sonnenschirm von einem Blatt gemacht hat, zu Orpheus Fussen sitzt und ihm zuhort. Das ist, wie Sie leicht denken kann, ein wunderbares Prachtstuck; es ist sehr reich und doch erhaben; und ich konnte Ihr noch eine halbe Stunde uber die Schonheit der einzelnen Figuren vorschwatzen. Gold und Silber macht mir den Eindruck von etwas Heiligem; ob dies daher kommt, weil ich im Kloster immer die goldnen und silbernen Messgeschirre und den Kelch gewaschen habe, den Weihrauchkessel geputzt und die Altarleuchter vom abtraufelnden Wachs gereinigt, alles mit einer Art Ehrfurcht beruhrt habe? Ich kann Ihr nur sagen, dass uns beim Betrachten dieses reichen und kunstlichen Werkes eine feierliche Stimmung befiel.

Jetzt beschreib ich Ihr aber noch etwas Schones, das gefallt mir in der Erinnerung noch besser, und die Kunstkenner sagen auch, es habe mehr Stil; das ist so ein Wort, wenn ich frage, was es bedeutet, sagt man: "Wissen Sie nicht, was Stil ist?" Und damit muss ich mich zufrieden geben, hierbei hab ich's aber doch ausgedacht. Alles grosse Edle muss einen Grund haben, warum es edel ist: wenn dieser Grund rein ohne Vorurteil, ohne Pfuscherei von Nebendingen und Absichten, die einzige Basis des Kunstwerks ist: das ist der reine Stil. Das Kunstwerk muss grade nur das ausdrucken, was die Seele erhebt und edel ergotzt und nicht mehr. Die Empfindung des Kunstlers muss allein darauf gerichtet sein, das ubrige ist falsch. In den kleinen Gedichten vom Wolfgang ist die Empfindung aus einem Guss, und was er da ausspricht, das erfullt reichlich eines jeden Seele mit derselben edlen Stimmung. In allen liegt es, ich will Ihr aber nur dies kleinste zitieren, das ich so oft mit hohem Genuss in den einsamen Waldern gesungen habe, wenn ich allein von weitem Spazierwege nach Hause ging.

Der du von dem Himmel bist,

Alles Leid und Schmerzen stillest,

Den, der doppelt elend ist,

Doppelt mit Erquickung fullest:

Ach, ich bin des Treibens mude,

Was soll all der Schmerz und Lust?

Susser Friede!

Komm, ach komm in meine Brust.

Im Kloster hab ich viel predigen horen, uber den Weltgeist und die Eitelkeit aller Dinge, ich habe selbst den Nonnen die Legende jahraus jahrein vorgelesen, weder der Teufel noch die Heiligen haben bei mir Eindruck gemacht, ich glaub, sie waren nicht vom reinen Stil; ein solches Lied aber erfullt meine Seele mit der lieblichsten Stimmung, keine Mahnung, keine weise Lehren konnten mir je so viel Gutes einflossen; es befreit mich von aller Selbstsucht, ich kann andern alles geben und gonne ihnen das beste Gluck, ohne fur mich selbst etwas zu verlangen; das macht, weil es vom reinen edlen Stil ist. So konnte ich noch manches seiner Lieder hersetzen, die mich uber alles erheben und mir einen Genuss schenken, der mich in mir selber reich macht. Das Lied: Die schone Nacht, hab ich wohl hundertmal dies Jahr auf spatem Heimweg gesungen:

Luna bricht durch Busch und Eichen,

Zephyr meldet ihren Lauf,

Und die Birken streun mit Neigen

Ihr den schonsten Weihrauch auf.

Wie war ich da glucklich und heiter in diesem Fruhjahr, wie die Birken wahrend meinem Gesang rund um mich her der eilenden Luna wirklich ihren duftenden Weihrauch streuten. Es soll mir keiner sagen, dass reiner Genuss nicht Gebet ist. Aber in der Kirche ist's mir noch nimmer gelungen, da hab ich geseufzt vor schwerer Langenweile, die Predigt war wie Blei auf meinen Augenlidern. O je, wie war mir leicht, wenn ich aus der Klosterkirche in den schonen Garten springen konnte, da war mir der geringste Sonnenstrahl eine bessre Erleuchtung als die ganze Kirchengeschichte.

Das zweite Kunstwerk, welches ich Ihr beschreibe, ist ein Delphin aus einem grossen Elefantenzahn gemacht; er sperrt seinen Rachen auf, in den ihm zwei Amoretten das Gebiss einlegen; ein andrer, der auf dem Nacken des Delphins sitzt, nimmt von beiden Seiten den Zaum; auf der Mitte des Ruckens liegt ein goldner Sattel mit einem Sitz von getriebener Arbeit, welches Laubwerk von Weinreben vorstellt; inmitten desselben steht Bacchus von Elfenbein; ein schoner, zarter, schlanker Jungling mit goldnen Haaren und einer phrygischen Mutze auf; er hat die eine Hand in die Seite gestemmt, mit der andern halt er einen goldnen Rebstock, der unter dem Sattel hervorkommt und ihn mit schonem, feinem Laub uberdacht; auf beiden Seiten des Sattels sind zwei Muscheln angebracht wie Tragkorbe, darin sitzen zwei Nymphen von Elfenbein in jedem und blasen auf Muscheln; die breiten Flossfedern, so wie der Schwanz des Fisches sind von Gold und Silber gearbeitet; unmittelbar hinter dem Sattel schlangelt sich der Leib des Fisches aufwarts, als ob er mit dem Schweif in die Lufte schnalze; auf dem Bug desselben sitzt ein zierliches Nymphchen und klatscht in die Hande; dieses kommt etwas hoher zu stehen und sieht uber die Gruppe des Bacchus heruber; die Flossfedern des Schweifes bilden ein zierliches Schattendach uber der Nymphe; der Rachen des Fisches ist inwendig von Gold; man kann ihn auch mit Wein fullen, der dann in zwei Strahlen aus seinen Nustern emporspringt; man stellte dieses Kunstwerk bei grossen Festen in einem goldnen Becken auf den Nebentischen auf. Dieses ist nun ein Kunstwerk vom erhabenen Stil, und ich kann auch sagen, dass es mich ganz mit stummer heiliger Ehrfurcht erfullte. Noch viele dergleichen sind da; alles hat Bezug auf den Rhein, unter andern ein Schiff von Zedernholz, so fein gemacht, mit schonen Arabesken; ein Basrelief umgibt den Oberteil des Schiffes, auf dessen Verdeck die drei Kurfursten von Koln, Mainz und Trier sitzen und zechen; Knappen stehen hinter ihnen mit Henkelkrugen. Dies hat mir nicht so viel Freud gemacht, obschon viel Schones daran ist, besonders die Glucksgottin, die am Vorderteil des Schiffes angebracht ist.

Ich beschreib Ihr noch einen Humpen, das ist ein wahres Meisterstuck und stellt eine Kelter vor. In der Mitte steht ein hohes Fass, das ist der eigentliche Humpen; auf beiden Seiten klettern in zierlichen Verschlingungen Knaben hinauf mit Butten voll Trauben uber die Schultern von Mannern, um an den Rand zu gelangen und ihre Trauben auszuschutten; in der Mitte, als Knopf des Deckels, der etwas tief in den Rand des Humpens passt, steht Bacchus mit zwei Tigern, die an ihm hinanspringen; er ist im Begriff, die Trauben, deren gehaufte Menge mit einzelnen Ranken dazwischen, den Deckel bilden, mit den Fussen zu keltern. Die Knaben, die von allen Seiten heruberreichen, um ihre Gefasse mit Trauben auszuleeren, bilden einen wunderschonen Rand; die starken Manner am Fuss der Kelter, die die kleinen Knaben auf ihre Schultern heben und auf mannigfache Weise heraufhelfen, sind ganz ausserordentlich herrlich, nackt, einem oder dem andern hangt ein Tigerfell uber dem Rucken, sonst ganz ungeniert. Am Humpen sieht man auf einer Seite das Mainzer Wappen, auf der andern das von Koln.

Der ganze Humpen steht auf einem Aufsatz, der wie ein sanfter Hugel gestaltet ist; auf diesem sitzen und liegen Nymphen im Kreis; sie spielen mit Tamburinen, Becken, Triangel, andre liegen und balgen sich mit Leoparden, die ihnen uber die Kopfe springen; es ist gar zu schon. Das hab ich Ihr nun beschrieben, aber hatte Sie es erst gesehen, Sie wurde vor Verwunderung laut aufgeschrieen haben. Was uberfallt einem nur, wenn man so etwas von Menschenhanden gemacht sieht? Mir rauchte der Kopf, und ich meinte in der trunkenen Begeistrung, ich werde keine Ruhe finden, wenn ich nicht auch solche schone Sachen erfinden und machen konne. Aber wie ich hinauskam und es war Abend geworden und die Sonne ging so schon unter, da vergass ich alles, bloss um mit den letzten Strahlen der Sonne meine Sinne in dem kuhlen Rhein zu baden.

Eine Mutter gibt sich alle erdenkliche Muhe, ihr kleines unverstandiges Kindchen zufriedenzustellen, sie kommt seinen Bedurfnissen zuvor und macht ihm aus allem ein Spielwerk; wenn es nun auf nichts horen will und mit nichts sich befriedigen lasst, so lasst sie es seine Unart ausschreien, bis es mude ist, und dann sucht sie es wieder von neuem mit dem Spielwerk vertraut zu machen. Das ist grade, wie es Gott mit den Menschen macht, er gibt das Schonste, um den Menschen zur Lust, zur Freude zu reizen und ihm den Verstand dafur zu scharfen. Die Kunst ist ein so schones Spielwerk, um den unruhigen, ewig begehrenden Menschengeist auf sich selbst zuruckzufuhren, um ihn denken zu lehren und sehen; um Geschicklichkeit zu erwerben, die seine Krafte weckt und steigert. Er soll lernen, ganz der Unschuld solcher Erfindung sich hingeben und vertrauen auf die Lust und das Spiel der Phantasie, die ihn zum Hochsten auszubilden und zu reifen vermag. Gewiss liegen in der Kunst grosse Geheimnisse hoherer Entwicklung verborgen; ja ich glaub sogar, dass alle Neigungen, von denen die Philister sagen, dass sie keinen nutzlichen Zweck haben, zu jenen mystischen gehoren, die den Keim zu grossen, in diesem Leben noch unverstandlichen Eigenschaften in unsre Seele legen; welche dann im nachsten Leben als ein hoherer Instinkt aus uns hervorbrechen, der einem geistigeren Element angemessen ist.

Die Art, wie jene in Gold und Silber getriebene Kunstwerke aufgestellt sind, ist auch zu bewundern und tragt sehr dazu bei, dieselben sowohl in ihrer Pracht mit einem Blick zu uberschauen, als auch ein jedes einzelne bequem zu betrachten. Es ist eine Wand von schwarzem Ebenholz mit tiefen Kassetten, in der Mitte der Wand eine grosse, in welcher das Hauptstuck steht, auf beiden Seiten kleinere, in denen die anderen Kunstwerke, als: Humpen, Becher usw. usw. stehen. An jeder Kassette hebt sich durch den Druck einer Feder der Boden heraus und lasst das Kunstwerk von allen Seiten sehen.

Noch eines Bechers gedenke ich von Bronze, eine echte Antike, wie man behauptet: und man muss es wohl glauben, weil er so einfach ist und doch so majestatisch. Ein Jungling: wahrscheinlich Ganymed, sitzt nachlassig auf einem Stein, der Adler auf der Erde zwischen seinen Knieen breitet beide Flugel aus, als wolle er ihn damit schlagen, und legt den ausgestreckten Kopf auf des Junglings Brust, der auf den Adler herabsieht, wahrend er die Arme emporhebt und mit beiden Handen ein herrliches Trinkgefass halt, was den Becher bildet. Kann man sich was Schoneres denken? Nein! Der wilde Adler, der ganz leidenschaftlich den ruhigen Jungling gleichsam anfallt und doch an ihm ausruht, und jener, der so spielend den Becher emporhebt, ist gar zu schon, und ich hab allerlei dabei gedacht. Eine andre Wand will ich Ihr noch beschreiben und dann zu Bette gehn, denn ich bin mude; stell Sie sich ein goldnes Honigwaben vor, aus dem die ganze Wand besteht, lauter achteckige goldne Zellen, in jeder ein andrer Heiliger, zierlich, ja wahrhaft reizend in Holz geschnitzt mit schonen Kleidern angetan, in bunter Farbe gemalt; in der Mitte, wo die Zelle fur den Bienenweisel ist, da ist Christus, auf beiden Seiten die vier Evangelisten, dann rund umher die Apostel, dann die Erzvater, endlich die Martyrer, zuletzt die Einsiedler. Diese Wand habe ich in Oberwesel als Hauptaltar in der Kirche aufgestellt gesehen; es ist keine Figur, die man nicht gleich als schones naives, in seiner Art eigentumliches Bild abmalen konnte. Adieu, Frau Rat, ich muss abbrechen, sonst konnte der Tag herankommen uber meinem Extemporieren.

Bettine

An Bettine

Fr. 7. Oktober 1808

Die Beschreibung von Deinen Prachtstucken und Kostbarkeiten hat mir recht viel Plasier gemacht; wenn's nur auch wahr ist, dass Du sie gesehen hast, denn in solchen Stucken kann man Dir nicht wenig genug trauen. Du hast mir ja schon manchmal hier auf Deinem Schemel die Unmoglichkeiten vorerzahlt, denn wenn Du, mit Ehren zu melden, ins Erfinden geratst, dann halt Dich kein Gebiss und kein Zaum. Ei, mich wundert's, dass Du noch ein End finden kannst und nicht in einem Stuck fortschwatzst, bloss um selbst zu erfahren, was alles noch in Deinem Kopf steckt. Manchmal mein ich aber doch, es musst wahr sein, weil Du alles so naturlich vorbringen kannst. Wo solltest Du auch alles herwissen? Es ist aber doch kurios, dass die Kurfursten immer mit Fisch und Wassernymphen zu tun haben; auf der Kronung hab ich in den Silberkammern auch solche Sachen gesehen, da war ein Springbrunnen von Silber mit schonen Figuren, da sprang Wein heraus, der wurde zur Pracht auf die Tafel gestellt. Und einmal hat der Kurfurst von der Pfalz ein Fischballett auffuhren lassen, da tanzten die Karpfen, prachtig in Gold und Silberhast das alles allein gesehen, solche Sachen, die man im Kopf sieht, die sind auch da und gehoren ins himmlische Reich, wo nichts einen Korper hat, sondern nur alles im Geist da ist.

Mach doch, dass Du bald wieder herkommst. Du hast den ganzen Sommer verschwarmt, mir ist es gar nicht mehr drum zu tun mit dem Schreiben, und ich hab Dich auch solange nicht gesehen, es verlangt mich recht nach Dir.

Deine wahre Herzensfreundin

Goethe

An Goethes Mutter

Frau Rat, den ganzen Tag bin ich nicht zu Haus, aber wenn ich an Sie schreib, dann weiss ich, dass ich eine Heimat habe; es ist die Zeit, dass die Leut Feldgotter im Weinberg aufstellen, um die Sperlinge von den Trauben zu scheuchen; heut morgen konnt ich nicht begreifen, was fur ein wunderbarer Besuch sich so fruh im Weingarten aufhalte, der mir durch den dikken Nebel schimmerte; ich dachte erst, es war der Teufel, denn er hat einen scharlachroten Rock und schwarze Unterkleider und goldpapierne Mutze; und am Abend in der Dammerung furchtete ich mich dran vorbeizugehen und zwar so sehr, dass ich wieder umkehrte und nicht bis ans Wasser ging, wie ich jeden Abend tue; und wie ich wieder im Zimmer war, da dachte ich, wenn mich jemand Liebes dort hinbestellt hatte, so wurd ich wohl nichts von Furcht gespurt haben; ich ging also noch einmal und glucklich an dem Lumpengespenst vorbei, denn dort wartet ja wohl etwas Liebes auf mich; die stille weit verbreitete Ruhe uber dem breiten Rhein, uber den brutenden Weinbergen, wem vergleiche ich die wohl als dem stillen ruhigen Abend, in dem mein Andenken ihm einen freundlichen Besuch macht und er sich's gefallen lasst, dass das Schifflein mit meinen kindischen Gedanken bei ihm anlande. Was ich in so einsamer Abendstunde, wo die Dammerung mit der Nacht tauscht, denke, das kann Sie sich am besten vorstellen, da wir es tausendmal miteinander besprochen haben, und haben so viel Ergotzen dabei gehabt. Wenn wir miteinander zu ihm gereist kamen, das denk ich mir immer noch aus. Damals hatte ich ihn noch nicht gesehen, wie Sie meiner heissen Sehnsucht die Zeit damit vertrieb, dass Sie mir seine freudige Uberraschung malte und unser Erscheinen unter tausenderlei Veranderungen; jetzt kenne ich ihn und weiss, wie er lachelt und den Ton seiner Stimme, wie die so ruhig ist und doch voll Liebe, und seine Ausrufungen, wie die so aus dem tiefen Herzen anschwellen, wie der Ton im Gesang; und wie er so freundlich beschwichtigt und bejaht, was man im Herzensdrang unordentlich heraussturmt; wie ich im vorigen Jahr so unverhofft wieder mit ihm zusammentraf, da war ich so ausser mir und wollte sprechen und konnte mich nicht zurechtfinden; da legt er mir die Hand auf den Mund und sagt: "Sprech mit den Augen, ich versteh alles;" und wie er sah, dass die voll Tranen standen, so druckt er mir die Augen zu und sagte: "Ruhe, Ruhe, die bekommt uns beiden am besten;" ja, liebe Mutter, die Ruhe war gleich uber mich hingegossen, ich hatte ja alles, wonach ich seit Jahren mich einzig gesehnt habe. O Mutter, ich dank es Ihr ewig, dass Sie mir den Freund in die Welt geboren, wo sollt ich ihn sonst finden! Lach Sie nicht daruber, und denk Sie doch, dass ich ihn geliebt hab, eh ich das Geringste von ihm gewusst, und hatt Sie ihn nicht geboren, wo er dann geblieben war, das ist doch die Frage, die Sie nicht beantworten kann.

Uber die Gunderode ist mir am Rhein unmoglich zu schreiben, ich bin nicht so empfindlich, aber ich bin hier am Platz nicht weit genug von dem Gegenstand ab, um ihn ganz zu ubersehen; gestern war ich da unten, wo sie lag; die Weiden sind so gewachsen, dass sie den Ort ganz zudecken, und wie ich mir so dachte, wie sie voll Verzweiflung hier herlief und so rasch das gewaltige Messer sich in die Brust stiess, und wie das tagelang in ihr gekocht hatte, und ich, die so nah mit ihr stand, jetzt an demselben Ort, gehe hin und her an demselben Ufer, in sussem Uberlegen meines Gluckes, und alles und das Geringste, was mir begegnet, scheint mir mit zu dem Reichtum meiner Seligkeit zu gehoren; da bin ich wohl nicht geeignet, jetzt alles zu ordnen und den einfachen Faden unseres Freundelebens, von dem ich doch nur alles anspinnen konnte, zu verfolgen. Nein, es krankt mich und ich mache ihr Vorwurfe, wie ich ihr damals in Traumen machte, dass sie die schone Erde verlassen hat; sie hatt noch lernen mussen, dass die Natur Geist und Seele hat und mit dem Menschen verkehrt und sich seiner und seines Geschickes annimmt, und dass Lebensverheissungen in den Luften uns umwehen; ja, sie hat's bos mit mir gemacht, sie ist mir gefluchtet, grade wie ich mit ihr teilen wollte alle Genusse. Sie war so zaghaft; eine junge Stiftsdame, die sich furchtete, das Tischgebet laut herzusagen; sie sagte mir oft, dass sie sich furchtete, weil die Reihe an ihr war; sie wollte vor den Stiftsdamen das Benedicite nicht laut hersagen; unser Zusammenleben war schon, es war die erste Epoche, in der ich mich gewahr ward; sie hatte mich zuerst aufgesucht in Offenbach, sie nahm mich bei der Hand und forderte, ich solle sie in der Stadt besuchen; nachher waren wir alle Tage beisammen, bei ihr lernte ich die ersten Bucher mit Verstand lesen, sie wollte mich Geschichte lehren, sie merkte aber bald, dass ich zu sehr mit der Gegenwart beschaftigt war, als dass mich die Vergangenheit hatte lange fesseln konnen; wie gern ging ich zu ihr! Ich konnte sie keinen Tag mehr missen, ich lief alle Nachmittag zu ihr; wenn ich an die Tur des Stifts kam, da sah ich durch das Schlusselloch bis nach ihrer Tur, bis mir aufgetan ward; ihre kleine Wohnung war ebner Erde nach dem Garten; vor dem Fenster stand eine Silberpappel, auf die kletterte ich wahrend dem Vorlesen; bei jedem Kapitel erstieg ich einen hoheren Ast und las von oben herunter; sie stand am Fenster und horte zu und sprach zu mir hinauf, und dann und wann sagte sie: "Bettine, fall nicht"; jetzt weiss ich erst, wie glucklich ich in der damaligen Zeit war, denn weil alles, auch das Geringste, sich als Erinnerung von Genuss in mich gepragt hat; sie war so sanft und weich in allen Zugen wie eine Blondine. Sie hatte braunes Haar, aber blaue Augen, die waren gedeckt mit langen Augenwimpern; wenn sie lachte, so war es nicht laut, es war vielmehr ein sanftes gedampftes Girren, in dem sich Lust und Heiterkeit sehr vernehmlich aussprach; sie ging nicht, sie wandelte, wenn man verstehen will, was ich damit auszusprechen meine; ihr Kleid war ein Gewand, was sie in schmeichelnden Falten umgab, das kam von ihren weichen Bewegungen her; ihr Wuchs war hoch, ihre Gestalt war zu fliessend, als dass man es mit dem Wort schlank ausdrucken konnte; sie war schuchternfreundlich und viel zu willenlos, als dass sie in der Gesellschaft sich bemerkbar gemacht hatte. Einmal ass sie bei dem Furst Primas mit allen Stiftsdamen zu Mittag; sie war im schwarzen Ordenskleid mit langer Schleppe und weissem Kragen mit dem Ordenskreuz; da machte jemand die Bemerkung, sie sahe aus wie eine Scheingestalt unter den andern Damen, als ob sie ein Geist sei, der eben in die Luft zerfliessen werde. Sie las mir ihre Gedichte vor und freute sich meines Beifalls, als wenn ich ein grosses Publikum war; ich war aber auch voll lebendiger Begierde es anzuhoren; nicht als ob ich mit dem Verstand das Gehorte gefasst habe, es war vielmehr ein mir unbekanntes Element, und die weichen Verse wirkten auf mich wie der Wohllaut einer fremden Sprache, die einem schmeichelt, ohne dass man sie ubersetzen kann. Wir lasen zusammen den Werther und sprachen viel uber den Selbstmord; sie sagte: "Recht viel lernen, recht viel fassen mit dem Geist, und dann fruh sterben; ich mag's nicht erleben, dass mich die Jugend verlasst." Wir lasen vom Jupiter Olymp des Phidias, dass die Griechen von dem sagten, der Sterbliche sei um das Herrlichste betrogen, der die Erde verlasse, ohne ihn gesehen zu haben. Die Gunderode sagte, wir mussen ihn sehen, wir wollen nicht zu den Unseligen gehoren, die so die Erde verlassen. Wir machten ein Reiseprojekt, wir erdachten unsre Wege und Abenteuer, wir schrieben alles auf, wir malten alles aus, unsre Einbildung war so geschaftig, dass wir's in der Wirklichkeit nicht besser hatten erleben konnen; oft lasen wir in dem erfundenen Reisejournal und freuten uns der allerliebsten Abenteuer, die wir drin erlebt hatten, und die Erfindung wurde gleichsam zur Erinnerung, deren Beziehungen sich noch in der Gegenwart fortsetzten. Von dem, was sich in der Wirklichkeit ereignete, machten wir uns keine Mitteilungen; das Reich, in dem wir zusammentrafen, senkte sich herab wie eine Wolke, die sich offnete, um uns in ein verborgenes Paradies aufzunehmen; da war alles neu, uberraschend, aber passend fur Geist und Herz; und so vergingen die Tage. Sie wollte mir Philosophie lehren, was sie mir mitteilte, verlangte sie von mir aufgefasst und dann auf meine Art schriftlich wiedergegeben; die Aufsatze, die ich ihr hieruber brachte, las sie mit Staunen; es war nie auch eine entfernte Ahnung von dem, was sie mir mitgeteilt hatte; ich behauptete im Gegenteil, so hatt ich es verstanden; sie nannte diese Aufsatze Offenbarungen, gehoht durch die sussesten Farben einer entzuckten Imagination; sie sammelte sie sorgfaltig, sie schrieb mir einmal: "Jetzt verstehst Du nicht, wie tief diese Eingange in das Bergwerk des Geistes fuhren, aber einst wird es Dir sehr wichtig sein, denn der Mensch geht oft ode Strassen; je mehr er Anlage hat durchzudringen, je schauerlicher ist die Einsamkeit seiner Wege, je endloser die Wuste. Wenn Du aber gewahr wirst, wie tief Du Dich hier in den Brunnen des Denkens niedergelassen hast und wie Du da unten ein neues Morgenrot findest und mit Lust wieder heraufkommst und von Deiner tieferen Welt sprichst, dann wird Dich's trosten, denn die Welt wird nie mit Dir zusammenhangen. Du wirst keinen andern Ausweg haben als zuruck durch diesen Brunnen in den Zaubergarten Deiner Phantasie; es ist aber keine Phantasie, es ist eine Wahrheit, die sich nur in ihr spiegelt. Der Genius benutzt die Phantasie, um unter ihren Formen das Gottliche, was der Menschengeist in seiner idealen Erscheinung nicht fassen konnte, mitzuteilen oder einzuflossen; ja Du wirst keinen andern Weg des Genusses in Deinem Leben haben, als den sich die Kinder versprechen von Zauberhohlen, von tiefen Brunnen; wenn man durch sie gekommen, so findet man bluhende Garten, Wunderfruchte, kristallne Palaste, wo eine noch unbegriffne Musik erschallt und die Sonne mit ihren Strahlen Brucken baut, auf denen man festen Fusses in ihr Zentrum spazieren kann; das alles wird sich Dir in diesen Blattern zu einem Schlussel bilden, mit dem Du vielleicht tief versunkene Reiche wieder aufschliessen kannst, drum verliere mir nichts und wehre auch nicht solchen Reiz, der Dich zum Schreiben treibt, sondern lerne mit Schmerzen denken, ohne welche nie der Genius in den Geist geboren wird; wenn er erst in Dich eingefleischt ist, dann wirst Du Dich der Begeistrung freuen, wie der Tanzer sich der Musik freut.

Mit solchen wunderbaren Lehren hat die Gunderode die Unmundigkeit meines Geistes genahrt. Ich war damals bei der Grossmutter in Offenbach, um auf vier Wochen wegen meiner schwankenden Gesundheit die Landluft zu geniessen; auf welche Weise beruhrten mich denn solche Briefe? Verstand ich ihren Inhalt? Hatte ich einen Begriff von dem, was ich geschrieben hatte? Nein; ich wusste mir so wenig den Text meiner schriftlichen Begeistrungen auszulegen, als sich der Komponist den Text seiner Erfindungen begreiflich machen kann; er wirft sich in ein Element, was hoher ist als er; es tragt ihn, es nahrt ihn, seine Nahrung wird Inspiration, sie reizt, sie begluckt, ohne dass man sie sinnlich auszulegen vermochte, obschon die Fahigkeiten durch sie gesteigert, der Geist gereinigt, die Seele geruhrt wird. So war es auch zwischen mir und der Freundin: die Melodien entstromten meiner gereizten Phantasie, sie lauschte und fuhlte unendlichen Genuss dabei und bewahrte, was, wenn es mir geblieben war, nur storend auf mich gewirkt haben wurde; sie nannte mich oft die Sibylle, die ihre Weissagungen nicht bewahren durfe; ihre Aufforderungen reizten mich, und doch hatte ich eine Art Furcht; mein Geist war kuhn und mein Herz war zaghaft; ja ich hatte ein wahres Ringen in mir; ich wollte schreiben, ich sah in ein unermessliches Dunkel, ich musste mich auch ausserlich vom Licht entfernen; am liebsten war mir, wenn ich die Fenster verhing und doch durchsah, dass draussen die Sonne schien; ein Blumenstrauss, dessen Farben sich durch die Dammerung stahlen, der konnte mich fesseln und von der innern Angst befreien, so dass ich mich vergass, wahrend ich in die schattigflammenden Blumenkelche sah und Duft und Farbe und Formen gleichsam ein Ganzes bildeten; Wahrheiten hab ich da erfahren, von denen ich ausging in meinen Traumereien und die mir plotzlich den gebundenen Geist losten, dass ich ruhig und gelassen das, was mir ahndete, fassen und aussprechen konnte; indem ich den Blumenstrauss, der nur durch eine Spalte im Fensterladen erleuchtet war, betrachtete, erkannte ich die Schonheit der Farbe, das Ubermachtige der Schonheit; die Farbe war selbst ein Geist, der mich anredete wie der Duft und die Form der Blumen; das erste, was ich durch sie vernahm, war, dass alles in den Naturgebilden durch das Gottliche erzeugt sei, dass Schonheit der gottliche Geist sei im Mutterschoss der Natur erzeugt; dass die Schonheit grosser sei wie der Mensch, dass aber die Erkenntnis allein die Schonheit des freien Menschengeistes sei, die hoher ist als alle leibliche Schonheit. O ich brauchte mich hier nur in den Brunnen niederzulassen, so konnte ich vielleicht wieder sagen alles, was ich durch die Gesprache mit der Farbe und den Formen und dem Duft des Blumenstrausses erfuhr; ich konnte auch noch mehr sagen, was wunderlich und wunderbar genug klingt; ich musste furchten, es wurde nicht geglaubt oder fur Wahnsinn und Unsinn geachtet; warum soll ich's aber hier verhehlen? Der's lesen wird, dem wird es einleuchten, er hat oft die wunderbaren Phanomene des Lichtes beobachtet, wie sie durch Farbe und zufallige oder besondere Formen neue Erscheinungen bildeten. So war's in meiner Seele damals, so ist es auch jetzt. Das grosse und scharfe Auge des Geistes war vom innern Lichtstrahl gefangen genommen, es musste ihn einsaugen, ohne sich durch selbstische Reflexion davon ablosen zu konnen; der Freund weiss ja, was dieses Gebanntsein im Blick auf einen Lichtstrahl Farbengeist fur Zauberei hervorbringt, und er weiss auch, dass der Schein hier kein Schein ist, sondern Wahrheit.

Trat ich aus dieser innern Anschauung hervor, so war ich geblendet; ich sah Traume, ich ging ihren Verhaltnissen nach, das machte im gewohnlichen Leben keinen Unterschied, in dies passte ich ohne Anstoss, weil ich mich in ihm nicht bewegte; aber ohne Scheu sag ich es meinem Herrn, der den Segen hier uber sein Kind sprechen moge: ich hatte eine innre Welt und geheime Fahigkeiten, Sinne, mit denen ich in ihr lebte; mein Auge sah deutlich grosse Erscheinungen, so wie ich es zumachte; ich sah die Himmelskugel, sie drehte sich vor mir in unermesslicher Grosse um, so dass ich ihre Grenze nicht sah, aber doch eine Empfindung von ihrer Rundung hatte; das Sternenheer zog auf dunklem Grund an mir voruber, die Sterne tanzten in reinen geistigen Figuren, die ich als Geist begriff; es stellten sich Monumente auf von Saulen und Gestalten, hinter denen die Sterne wegzogen; die Sterne tauchten unter in einem Meer von Farben; es bluhten Blumen auf, sie wuchsen empor bis in die Hohe; ferne goldne Schatten deckten sie vor einem hoheren weissen Licht, und so zog in dieser Innenwelt eine Erscheinung nach der anderen herauf; dabei fuhlten meine Ohren ein feines silbernes Klingen, allmahlich wurde es ein Schall, der grosser war und gewaltiger, je langer ich ihm lauschte, ich freute mich, denn es starkte mich, es starkte meinen Geist, diesen grossen Ton in meinem Gehor zu beherbergen; offnete ich die Augen, so war alles nichts, so war alles ruhig, und ich empfand keine Storung, nur konnte ich die sogenannte wirkliche Welt, in der die andern Menschen sich auch zu befinden behaupten, nicht mehr von dieser Traum- oder Phantasiewelt unterscheiden; ich wusste nicht, welche Wachen oder Schlafen war, ja zuletzt glaubte ich immer mehr, dass ich das gewohnliche Leben nur traume, und ich muss es noch heute unentschieden lassen und werde nach Jahren noch daran zweifeln; dieses Schweben und Fliegen war mir gar zu gewiss; ich war innerlich stolz darauf und freute mich dieses Bewusstseins; ein einziger elastischer Druck mit der Spitze der Fusszehen und ich war in Luften; ich schwebte leise und anmutig zwei, drei Fuss uber der Erde, aber ich beruhrte sie gleich wieder und flog wieder auf, und schwebte auf die Seite, von da wieder zuruck; so tanzte ich im Garten im Mondschein hin und her, zu meinem unaussprechlichen Vergnugen; ich schwebte uber die Treppen herab oder herauf, zuweilen hob ich mich zur Hohe der niedern Baumaste und schwirrte zwischen den Zweigen dahin; morgens erwachte ich in meinem Bett mit dem Bewusstsein, dass ich fliegen konne, am Tag aber vergass ich's. Ich schrieb an die Gunderode, ich weiss nicht was, sie kam heraus nach Offenbach, sah mich zweifelhaft an, tat befremdende Fragen uber mein Befinden, ich sah im Spiegel: schwarzer waren die Augen wie je, die Zuge hatten sich unendlich verfeinert, die Nase so schmal und fein, der Mund geschwungen, eine ausserst weisse Farbe; ich freute mich und sah mit Genuss meine Gestalt, die Gunderode sagte, ich sollte nicht so lang mehr allein bleiben, und nahm mich mit in die Stadt; da waren wenig Tage verflossen, so hatte ich das Fieber; ich legte mich zu Bett und schlief, und weiss auch nichts, als dass ich nur schlief: endlich erwachte ich und es war am vierzehnten Tag, nachdem ich mich gelegt hatte; indem ich die Augen offnete, sah ich ihre schwanke Gestalt im Zimmer auf- und abgehen und die Hande ringen; "aber Gunderode", sagt ich, "warum weinst Du?" "Gott sei ewig gelobt", sagte sie, und kam an mein Bett, "bist Du endlich wieder wach, bist Du endlich wieder ins Bewusstsein gekommen?" Von der Zeit an wollte sie mich nichts Philosophisches lesen lassen, und auch keine Aufsatze sollte ich mehr machen; sie war fest uberzeugt, meine Krankheit sei davon hergekommen; ich hatte grosses Wohlgefallen an meiner Gestalt, die Blasse, die von meiner Krankheit zuruckgeblieben war, gefiel mir unendlich; meine Zuge erschienen mir sehr bedeutend, die grossgewordenen Augen herrschten, und die anderen Gesichsteile verhielten sich geistig leidend; ich fragte die Gunderode, ob nicht darin schon die ersten Spuren einer Verklarung sich zeigten.

Hier hab ich abgebrochen und hab viele Tage nicht geschrieben; es stieg so ernst und schwer herauf, der Schmerz liess sich nicht vom Denken bemeistern; ich bin noch jung, ich kann's nicht durchsetzen, das Ungeheure. Unterdessen hat man den Herbst eingetan, der Most wurde vom laubbekranzten Winzervolk unter Jubelgesang die Berge herabgefahren und getragen, und sie gingen mit der Schalmei voran und tanzten. O Du der Du dieses liest, Du hast keinen Mantel so weich, um die verwundete Seele drin einzuhullen. Was bist Du mir schuldig? Dem ich Opfer bringe wie dies, dass ich Dich die Hand in die Wunden legen lasse. Wie kannst Du mir vergelten? Du wirst mir nimmer vergelten; Du wirst mich nicht lokken und an Dich ziehen, und weil ich kein Obdach in der Liebe habe, wirst Du mich nicht herbergen, und der Sehnsucht wirst Du keine Linderung gewahren; ich weiss es schon im voraus, ich werd allein sein mit mir selber, wie ich heut allein stand am Ufer bei den dustern Weiden, wo die Todesschauer noch wehen uber den Platz, da kein Gras mehr wachst; dort hat sie den schonen Leib verwundet, grad an der Stelle, wo sie's gelernt hatte, dass man da das Herz am sichersten trifft; o Jesus Maria!

Du! Mein Herr! Du! Flammender Genius uber mir! Ich hab geweint; nicht uber sie, die ich verloren habe, die wie warme fruhlingbrutende Lufte mich umgab; die mich schutzte, die mich begeisterte, die mir die Hohe meiner eignen Natur als Ziel vertraute; ich hab geweint um mich, mit mir; hart muss ich werden wie Stahl, gegen mich, gegen das eigne Herz; ich darf es nicht beklagen, dass ich nicht geliebt werde, ich muss streng sein gegen dies leidenschaftliche Herz; es hat kein Recht zu fordern, nein, es hat kein Recht; Du bist mild und lachelst mir, und Deine kuhle Hand mildert die Glut meiner Wangen, das soll mir genugen.

Gestern waren wir im laubbekranzten Nachen den Rhein hinabgefahren, um die hundertfaltige Feier des Weinfestes an beiden Bergufern mitanzusehen; auf unserem Schiff waren lustige Leute, sie schrieben weinbegeisterte Lieder und Spruche, steckten sie in die geleerten Flaschen und liessen diese unter wahrendem Schiessen den Rhein hinabschwimmen; auf allen Ruinen waren grosse Tannen aufgepflanzt, die bei einbrechender Dammerung angezundet wurden; auf dem Mauseturm, mitten im stolzen Rhein ragten zwei machtige Tannen empor, ihre flammenden durchbrannten Aste fielen herab in die zischende Flut, von allen Seiten donnerten sie und warfen Raketen, und schone Strausser von Leuchtkugeln stiegen jungfraulich in die Lufte, und auf den Nachen sang man Lieder, und im Vorbeifahren warf man sich Kranze zu und Trauben; da wir nach Hause kamen, so war's spat, aber der Mond leuchtete hell; ich sah zum Fenster hinaus und horte noch jenseits das Toben und Jauchzen der Heimkehrenden, und diesseits, nach der Seite, wo sie tot am Ufer gelegen hatte, war alles still, ich dacht, da ist keiner mehr, der nach ihr fragt, und ich ging hin, nicht ohne Grausen, nein, mir war bang, wie ich von weitem die Nebel uber den Weidenbuschen wogen sah, da war ich bald wieder umgekehrt, es war mir, als sei sie es selbst, die da schwebte und wogte und sich ausdehnte; ich ging hin, aber ich betete unterwegs, dass mich Gott doch schutzen moge; schutzen? Vor was? Vor einem Geist, dessen Herz voll liebendem Willen gewesen war gegen mich im Leben; und nun er des irdischen Leibs entledigt ist, soll ich ihn furchtend fliehen? Ach, sie hat vielleicht einen bessren Teil ihres geistigen Vermogens auf mich vererbt seit ihrem Tod. Vererben doch die Voreltern auf ihre Nachkommen, warum nicht die Freunde? Ich weiss nicht, wie weh mir ist! Sie, die freundlich Klare, hat meinen Geist vielleicht beschenkt. Wie ich von ihrem Grab zuruckkam, da fand ich Leute, die nach ihrer Kuh suchten, die sich verlaufen hatte, ich ging mit ihnen; sie ahndeten gleich, dass ich von dort her kam, sie wussten viel von der Gunderode zu erzahlen, die oft freundlich bei ihnen eingesprochen und ihnen Almosen gegeben hatte; sie sagten, sooft sie dort vorbeigehen, beten sie ein Vaterunser; ich hab auch dort gebetet zu und um ihre Seele, und hab mich vom Mondlicht reinwaschen lassen, und hab es ihr laut gesagt, dass ich mich nach ihr sehne, nach jenen Stunden, in denen wir Gefuhl und Gedanken harmlos gegeneinander austauschten.

Sie erzahlte mir wenig von ihren sonstigen Angelegenheiten, ich wusste nicht, in welchen Verbindungen sie noch ausser mir war; sie hatte mir zwar von Daub in Heidelberg gesprochen und auch von Creuzer, aber ich wusste von keinem, ob er ihr lieber sei als der andre; einmal hatte ich von andern davon gehort, ich glaubte es nicht, einmal kam sie mir freudig entgegen und sagte: "Gestern hab ich einen Chirurg gesprochen, der hat mir gesagt, dass es sehr leicht ist, sich umzubringen", sie offnete hastig ihr Kleid und zeigte mir unter der schonen Brust den Fleck; ihre Augen funkelten freudig; ich starrte sie an, es ward mir zum erstenmal unheimlich, ich fragte: "Nun! Und was soll ich denn tun, wenn Du tot bist?" "O", sagte sie, "dann ist Dir nichts mehr an mir gelegen, bis dahin sind wir nicht mehr so eng verbunden, ich werd mich erst mit Dir entzweien." Ich wendete mich nach dem Fenster, um meine Tranen, mein vor Zorn klopfendes Herz zu verbergen, sie hatte sich nach dem andern Fenster gewendet und schwieg; ich sah sie von der Seite an, ihr Auge war gen Himmel gewendet, aber der Strahl war gebrochen, als ob sich sein ganzes Feuer nach innen gewendet habe; nachdem ich sie eine Weile beobachtet hatte, konnt ich mich nicht mehr fassen, ich brach in lautes Schreien aus, ich fiel ihr um den Hals und riss sie nieder auf den Sitz und setzte mich auf ihre Knie und weinte viel Tranen und kusste sie zum erstenmal an ihren Mund und riss ihr das Kleid auf und kusste sie an die Stelle, wo sie gelernt hatte das Herz treffen; und ich bat mit schmerzlichen Tranen, dass sie sich meiner erbarme, fiel ihr wieder um den Hals und kusste ihre Hande, die waren kalt und zitterten, ihre Lippen zuckten, sie war ganz kalt, starr und totenblass und konnte die Stimme nicht erheben; sie sagte leise: "Bettine, brich mir das Herz nicht"; ach, da wollte ich mich aufreissen und wollte ihr nicht wehtun; ich lachelte, weinte und schluchzte laut, ihr schien immer banger zu werden, sie legte sich aufs Sofa; da wollt ich scherzen und wollte ihr beweisen, dass ich alles fur Scherz nehme; da sprachen wir von ihrem Testament; sie vermachte einem jeden etwas; mir vermachte sie einen kleinen Apoll unter einer Glasglocke, dem sie einen Lorbeerkranz umgehangt hatte; ich schrieb alles auf; im Nachhausegehen machte ich mir Vorwurfe, dass ich so aufgeregt gewesen war; ich fuhlte, dass es doch nur Scherz gewesen war oder auch Phantasie, die in ein Reich gehort, welches nicht in der Wirklichkeit seine Wahrheit behauptet; ich fuhlte, dass ich Unrecht gehabt hatte und nicht sie, die ja oft auf diese Weise mit mir gesprochen hatte. Am andern Tag fuhrte ich ihr einen jungen franzosischen Husarenoffizier zu mit hoher Barenmutze; es war der Wilhelm von Turkheim, der schonste aller Junglinge, das wahre Kind voll Anmut und Scherz; er war unvermutet angekommen; ich sagte: "Da hab ich Dir einen Liebhaber gebracht, der soll Dir das Leben wieder lieb machen." Er vertrieb uns allen die Melancholie; wir scherzten und machten Verse, und da der schone Wilhelm die schonsten gemacht zu haben behauptete, so wollte die Gunderode, ich sollte ihm den Lorbeerkranz schenken; ich wollte mein Erbteil nicht geschmalert wissen, doch musst ich ihm endlich die Halfte des Kranzes lassen; so hab ich denn nur die eine Halfte. Einmal kam ich zu ihr, da zeigte sie mir einen Dolch mit silbernem Griff, den sie auf der Messe gekauft hatte, sie freute sich uber den schonen Stahl und uber seine Scharfe; ich nahm das Messer in die Hand und probte es am Finger, da floss gleich Blut, sie erschrak, ich sagte: "O Gunderode, Du bist so zaghaft und kannst kein Blut sehen, und gehest immer mit einer Idee um, die den hochsten Mut voraussetzt, ich hab doch noch das Bewusstsein, dass ich eher vermogend war, etwas zu wagen, obschon ich mich nie umbringen wurde; aber mich und Dich in einer Gefahr zu verteidigen, dazu hab ich Mut; und wenn ich jetzt mit dem Messer auf Dich eindringe siehst Du, wie Du Dich furchtest?" Sie zog sich angstlich zuruck; der alte Zorn regte sich wieder in mir unter der Decke des gluhendsten Mutwills; ich ging immer ernstlicher auf sie ein, sie lief in ihr Schlafzimmer hinter einen ledernen Sessel, um sich zu sichern; ich stach in den Sessel, ich riss ihn mit vielen Stichen in Stucke, das Rosshaar flog hier und dahin in der Stube, sie stand flehend hinter dem Sessel und bat, ihr nichts zu tun; ich sagte: "Eh ich dulde, dass Du Dich umbringst, tu ich's lieber selbst." "Mein armer Stuhl!" rief sie. "Ja was, dein Stuhl, der soll den Dolch stumpf machen." Ich gab ihm ohne Barmherzigkeit Stich auf Stich, das ganze Zimmer wurde eine Staubwolke; so warf ich den Dolch weit in die Stube, dass er prasselnd unter das Sofa fuhr; ich nahm sie bei der Hand und fuhrte sie in den Garten in die Weinlaube, ich riss die jungen Weinreben ab und warf sie ihr vor die Fusse; ich trat darauf und sagte: "So misshandelst Du unsre Freundschaft." Ich zeigte ihr die Vogel auf den Zweigen, und dass wir wie jene, spielend, aber treu gegeneinander bisher zusammengelebt hatten. Ich sagte: "Du kannst sicher auf mich bauen, es ist keine Stunde in der Nacht, die, wenn Du mir Deinen Willen kund tust, mich nur einen Augenblick besinnen machte; komm vor mein Fenster und pfeif um Mitternacht, und ich geh ohne Vorbereitung mit Dir um die Welt. Und was ich fur mich nicht wagte, das wag ich fur Dich; aber Du? Was berechtigt Dich mich aufzugeben? Wie kannst Du solche Treue verraten, und versprich mir, dass Du nicht mehr Deine zaghafte Natur hinter so grausenhafte prahlerische Ideen verschanzen willst." Ich sah sie an, sie war beschamt und senkte den Kopf und sah auf die Seite und war blass; wir waren beide still, lange Zeit. "Gunderode", sagte ich, "wenn es ernst ist, dann gib mir ein Zeichen"; sie nickte. Sie reiste ins Rheingau; von dort aus schrieb sie mir ein paarmal, wenig Zeilen; ich hab sie verloren, sonst wurde ich sie hier einschalten. Einmal schrieb sie: "Ist man allein am Rhein, so wird man ganz traurig, aber mit mehreren zusammen, da sind grade die schauerlichsten Platze am lustaufreizendsten: mir aber ist doch lieb, den weiten gedehnten Purpurhimmel am Abend allein zu begrussen, da dichte ich im Wandeln an einem Marchen, das will ich Dir vorlesen; ich bin jeden Abend begierig, wie es weiter geht, es wird manchmal recht schaurig und dann taucht es wieder auf." Da sie wieder zuruckkam und ich das Marchen lesen wollte, sagte sie: "Es ist so traurig geworden, dass ich's nicht lesen kann; ich darf nichts mehr davon horen, ich kann es nicht mehr weiter schreiben: ich werde krank davon." Sie legte sich zu Bett und blieb mehrere Tage liegen, der Dolch lag an ihrem Bett; ich achtete nicht darauf, die Nachtlampe stand dabei, ich kam herein: "Bettine, mir ist vor drei Wochen eine Schwester gestorben; sie war junger als ich, Du hast sie nie gesehen; sie starb an der schnellen Auszehrung." "Warum sagst Du mir dies heute erst", fragte ich. "Nun, was konnte Dich dies interessieren? Du hast sie nicht gekannt, ich muss so was allein tragen", sagte sie mit trocknen Augen. Mir war dies doch etwas sonderbar, mir jungen Natur waren alle Geschwister so lieb, dass ich glaubte, ich wurde verzweifeln mussen, wenn einer sturbe, und dass ich mein Leben fur jeden gelassen hatte. Sie fuhr fort: "Nun denk'! Vor drei Nachten ist mir diese Schwester erschienen; ich lag im Bett und die Nachtlampe brannte auf jenem Tisch; sie kam herein in weissem Gewand, langsam, und blieb an dem Tisch stehen; sie wendete den Kopf nach mir, senkte ihn und sah mich an; erst war ich erschrocken, aber bald war ich ganz ruhig, ich setzte mich im Bett auf, um mich zu uberzeugen, dass ich nicht schlafe. Ich sah sie auch an und es war, als ob sie etwas bejahend nickte; sie nahm dort den Dolch, hob ihn gen Himmel mit der rechten Hand, als ob sie mir ihn zeigen wolle, legte ihn wieder sanft und klanglos nieder; dann nahm sie die Nachtlampe, hob sie auch in die Hohe und zeigte sie mir, und als ob sie mir bezeichnen wolle, dass ich sie verstehe, nickte sie sanft, fuhrte die Lampe zu ihren Lippen und hauchte sie aus; denk nur", sagte sie voll Schauder, "ausgeblasen; im Dunkel hatte mein Auge noch das Gefuhl von ihrer Gestalt; da hat mich plotzlich eine Angst befallen, die arger sein muss, als wenn man mit dem Tod ringt; ja, denn ich war lieber gestorben, als noch langer diese Angst zu tragen."

Ich war gekommen, um Abschied zu nehmen, weil ich mit Savigny nach Marburg reisen wollte, aber nun wollte ich bei ihr bleiben. "Reise nur fort", sagte sie, "denn ich reise auch ubermorgen wieder ins Rheingau." So ging ich denn weg. "Bettine ", rief sie mir in der Tur zu, "behalt diese Geschichte, sie ist doch merkwurdig!" Das waren ihre letzten Worte. In Marburg schrieb ich ihr oft ins Rheingau von meinem wunderlichen Leben; ich wohnte einen ganzen Winter am Berg dicht unter dem alten Schloss, der Garten war mit der Festungsmauer umgeben, aus den Fenstern hatt ich eine weite Aussicht uber die Stadt und das reich bebaute Hessenland; uberall ragten die gotischen Turme aus den Schneedecken hervor; aus meinem Schlafzimmer ging ich in den Berggarten, ich kletterte uber die Festungsmauer und stieg durch die verodeten Garten; wo sich die Pfortchen nicht aufzwingen liessen, da brach ich durch die Hecken, da sass ich auf der Steintreppe, die Sonne schmolz den Schnee zu meinen Fussen, ich suchte die Moose und trug sie mitsamt der angefrornen Erde nach Haus; so hatt ich an dreissig bis vierzig Moosarten gesammelt, die alle in meiner kalten Schlafkammer in irdnen Schusselchen auf Eis gelegt mein Bett umbluhten; ich schrieb ihr davon, ohne zu sagen, was es sei; ich schrieb in Versen: mein Bett steht mitten im kalten Land, umgeben von viel Hainen, die bluhen in allen Farben, und da sind silberne Haine uralter Stamme, wie der Hain auf der Insel Cypros; die Baume stehen dicht gereiht und verflechten ihre gewaltigen Aste; der Rasen, aus dem sie hervorwachsen, ist rosenrot und blassgrun; ich trug den ganzen Hain heut auf meiner erstarrten Hand in mein kaltes Eisbeetland; da antwortet sie wieder in Versen: "Das sind Moose ewiger Zeiten, die den Teppich unterbreiten, ob die Herrn zur Jagd drauf reiten, ob die Lammer druber weiden, ob der Winterschnee sie decket, oder Fruhling Blumen wecket; in dem Haine schallt es wieder, summen Muckchen ihre Lieder; an der Silberbaume Wipfel, hangen Tropfchen Tau am Gipfel; in dem klaren Tropfchen Taue, spiegelt sich die ganze Aue; du musst andre Ratsel machen, will dein Witz des meinen lachen!"

Nun waren wir ins Ratsel geben und losen geraten; alle Augenblick hatt ich ein kleines Abenteuer auf meinen Spazierwegen, was ich ihr verbramt zu erraten gab; meistens loste sie es auf eine kindlich-lustige Weise auf. Einmal hatte ich ihr ein Haschen, was mir auf wildem einsamen Waldweg begegnet war, als einen zierlichen Ritter beschrieben, ich nannte es la petite perfection und dass es mir mein Herz eingenommen habe; sie antwortete gleich: "Auf einem schonen grunen Rasen, da liess ein Held zur Mahlzeit blasen, da fluchteten sich alle Hasen; so hoff ich, wird ein Held einst kommen. Dein Herz, von Hasen eingenommen, von diesen Wichten zu befreien und seine Gluten zu erneuen;" dies waren Anspielungen auf kleine Liebesabenteuer. So verging ein Teil des Winters; ich war in einer sehr glucklichen Geistesverfassung, andre wurden sie Uberspannung nennen, aber mir war sie eigen. An der Festungsmauer, die den grossen Garten umgab, war eine Turmwarte, eine zerbrochne Leiter stand drin; dicht bei uns war eingebrochen worden, man konnte den Spitzbuben nicht auf die Spur kommen, man glaubte, sie versteckten sich auf jenem Turm; ich hatte ihn bei Tag in Augenschein genommen und erkannt, dass es fur einen starken Mann unmoglich war, an dieser morschen, beinah stufenlosen himmelhohen Leiter hinaufzuklimmen; ich versuchte es, gleitete aber wieder herunter, nachdem ich eine Strecke hinaufgekommen war; in der Nacht, nachdem ich schon eine Weile im Bett gelegen hatte und Meline schlief, liess es mir keine Ruhe; ich warf ein Uberkleid um, stieg zum Fenster hinaus und ging an dem alten Marburger Schloss vorbei, da guckte der Kurfurst Philipp mit der Elisabeth lachend zum Fenster heraus; ich hatte diese Steingruppe, die beide Arm in Arm sich weit aus dem Fenster lehnen, als wollten sie ihre Lande ubersehen, schon oft bei Tage betrachtet, aber jetzt bei Nacht furchtete ich mich so davor, dass ich in hohen Sprungen davoneilte in den Turm; dort ergriff ich eine Leiterstange und half mir, Gott weiss wie, daran hinauf; was mir bei Tage nicht moglich war, gelang mir bei Nacht in der schwebenden Angst meines Herzens; wie ich beinah oben war, machte ich Halt; ich uberlegte, wie die Spitzbuben wirklich oben sein konnten und da mich uberfallen und von der Warte hinuntersturzen; da hing ich und wusste nicht hinunter oder herauf, aber die frische Luft, die ich witterte, lockte mich nach oben; wie war mir da, wie ich plotzlich durch Schnee und Mondlicht die weitverbreitete Natur uberschaute, allein und gesichert, das grosse Heer der Sterne uber mir! So ist es nach dem Tod, die freiheitstrebende Seele, der der Leib am angstvollsten lastet, im Augenblick, da sie ihn abwerfen will; sie siegt endlich und ist der Angst erledigt; da hatte ich bloss das Gefuhl, allein zu sein, da war kein Gegenstand, der mir naher war als meine Einsamkeit, und alles musste vor dieser Beseligung zusammensinken; ich schrieb der Gunderode, dass wieder einmal mein ganzes Gluck von der Laune dieser Grille abhange; ich schrieb ihr jeden Tag, was ich auf der freien Warte mache und denke, ich setzte mich auf die Brustmauer und hing die Beine hinab. Sie wollte immer mehr von diesen Turmbegeistrungen, sie sagte: "Es ist mein Labsal, Du sprichst wie ein auferstandner Prophet!" Wie ich ihr aber schrieb, dass ich auf der Mauer, die kaum zwei Fuss breit war, im Kreis herumlaufe und lustig nach den Sternen sehe, und dass mir zwar am Anfang geschwindelt habe, dass ich jetzt aber ganz keck und wie am Boden mich da oben befinde, da schrieb sie: "Um Gotteswillen falle nicht, ich hab's noch nicht herauskriegen konnen, ob Du das Spiel boser oder guter Damonen bist". "Falle nicht," schrieb sie mir wieder, "obschon es mir wohltatig war, Deine Stimme von oben herab uber den Tod zu vernehmen, so furchtete ich nichts mehr, als dass Du elend und unwillkurlich zerschmettert ins Grab sturzest;" ihre Vermahnungen aber erregten mir keine Furcht und keinen Schwindel, im Gegenteil war ich tollkuhn; ich wusste Bescheid, ich hatte die triumphierende Uberzeugung, dass ich von Geistern geschutzt sei. Das Seltsame war, dass ich's oft vergass, dass es mich oft mitten aus dem Schlaf weckte und ich noch in unbestimmter Nachtzeit hineilte, dass ich auf dem Hinweg immer Angst hatte und auf der Leiter jeden Abend wie den ersten, dass ich oben allemal die Beseligung einer von schwerem Druck befreiten Brust empfand; oben, wenn Schnee lag, schrieb ich der Gunderode ihren Namen hinein und: Jesus nazarenus rex judaeorum als schutzenden Talisman daruber, da war mir, als sei sie gesichert gegen bose Eingebungen.

Jetzt kam Creuzer nach Marburg, um Savigny zu besuchen. Hasslich wie er war, war es zugleich unbegreiflich, dass er ein Weib interessieren konne; ich horte, dass er von der Gunderode sprach, in Ausdrukken, als ob er ein Recht an ihre Liebe habe; ich hatte in meinem von allem ausseren Einfluss abgeschiednen Verhaltnis zu ihr fruher nichts davon geahndet und war im Augenblick aufs heftigste eifersuchtig; er nahm in meiner Gegenwart ein kleines Kind auf den Schoss und sagte: "Wie heisst Du?" "Sophie". "Nun, Du sollst, solange ich hier bin, Karoline heissen; Karoline gib mir einen Kuss." Da ward ich zornig, ich riss ihm das Kind vom Schoss und trug es hinaus, fort durch den Garten auf den Turm; da oben stellte ich es in den Schnee neben ihren Namen, und legte mich mit dem gluhenden Gesicht hinein und weinte laut, und das Kind weinte mit, und da ich herunter kam, begegnete mir Creuzer; ich sagte: "Weg aus meinem Weg, fort." Der Philolog konnte sich einbilden, dass Ganymed ihm die Schale des Jupiters reichen werde. Es war in der Neujahrsnacht; ich sass auf meiner Warte und schaute in die Tiefe; alles war so still kein Laut bis in die weiteste Ferne, und ich war betrubt um die Gunderode, die mir keine Antwort gab; die Stadt lag unter mir, auf einmal schlug es Mitternacht, da sturmte es herauf, die Trommeln ruhrten sich, die Posthorner schmetterten, sie losten ihre Flinten, sie jauchzten, die Studentenlieder tonten von allen Seiten, es stieg der Jubellarm, dass er mich beinah wie ein Meer umbrauste; das vergesse ich nie, aber sagen kann ich auch nicht, wie mir so wunderlich war da oben auf schwindelnder Hohe, und wie es allmahlich wieder still ward und ich mich ganz allein empfand. Ich ging zuruck und schrieb an die Gunderode; vielleicht finde ich den Brief noch unter meinen Papieren, dann will ich ihn beilegen; ich weiss, dass ich ihr die heissesten Bitten tat, mir zu antworten; ich schrieb ihr von diesen Studentenliedern, wie die gen Himmel geschallt hatten und mir das tiefste Herz aufgeregt; ja ich legte meinen Kopf auf ihre Fusse und bat um Antwort und wartete mit heisser Sehnsucht acht Tage, aber nie erhielt ich eine Antwort; ich war blind, ich war taub, ich ahndete nichts. Noch zwei Monate gingen voruber da war ich wieder in Frankfurt; ich lief ins Stift, machte die Tur auf: siehe da stand sie und sah mich an; kalt, wie es schien; "Gunderod", rief ich, "darf ich hereinkommen?" Sie schwieg und wendete sich ab; "Gunderod, sag nur ein Wort und ich lieg an deinem Herzen." "Nein", sagte sie, "komme nicht naher, kehre wieder um, wir mussen uns doch trennen." "Was heisst das?" "So viel, dass wir uns ineinander geirrt haben und dass wir nicht zusammengehoren." Ach, ich wendete um! Ach, erste Verzweiflung, erster grausamer Schlag, so empfindlich fur ein junges Herz! Ich, die nichts kannte wie die Unterwerfung, die Hingebung in dieser Liebe, musste so zuruckgewiesen werden. Ich lief nach Haus zur Meline, ich bat sie mitzugehen zur Gunderode, zu sehen, was ihr fehle, sie zu bewegen, mir einen Augenblick ihr Angesicht zu gonnen; ich dachte, wenn ich sie nur einmal ins Auge fassen konne, dann wolle ich sie zwingen; ich lief uber die Strasse, vor der Zimmertur blieb ich stehen, ich liess die Meline allein zu ihr eintreten, ich wartete, ich zitterte und rang die Hande in dem kleinen engen Gang, der mich so oft zu ihr gefuhrt hatte; die Meline kam heraus mit verweinten Augen, sie zog mich schweigend mit sich fort; einen Augenblick hatte mich der Schmerz ubermannt, aber gleich stand ich wieder auf den Fussen; nun! dacht ich, wenn das Schicksal mir nicht schmeicheln will, so wollen wir Ball mit ihm spielen; ich war heiter, ich war lustig, ich war uberreizt, aber Nachten weinte ich im Schlaf. Am zweiten Tag ging ich des Wegs, wo ihre Wohnung war, da sah ich die Wohnung von Goethes Mutter, die ich nicht naher kannte und nie besucht hatte; ich trat ein. "Frau Rat", sagte ich, "ich will Ihre Bekanntschaft machen, mir ist eine Freundin in der Stiftsdame Gunderode verloren gegangen, und die sollen Sie mir ersetzen." "Wir wollen's versuchen", sagte sie, und so kam ich alle Tage und setzte mich auf den Schemel und liess mir von ihrem Sohn erzahlen und schrieb's alles auf und schickte es der Gunderode; wie sie in's Rheingau ging, sendete sie mir die Papiere zuruck; die Magd, die sie mir brachte, sagte, es habe der Stiftsdame heftig das Herz geklopft, da sie ihr die Papiere gegeben, und auf ihre Frage, was sie bestellen solle, habe sie geantwortet: "Nichts."

Es vergingen vierzehn Tage, da kam Fritz Schlosser; er bat mich um ein paar Zeilen an die Gunderode, weil er ins Rheingau reisen werde und wolle gern ihre Bekanntschaft machen. Ich sagte, dass ich mit ihr brouilliert sei, ich bate ihn aber, von mir zu sprechen und achtzugeben, was es fur einen Eindruck auf sie mache. "Wann gehen Sie hin ", sagte ich, "morgen?" "Nein, in acht Tagen." "O gehen Sie morgen, sonst treffen Sie sie nicht mehr; am Rhein ist's so melancholisch", sagte ich scherzend, "da konnte sie sich ein Leid's antun;" Schlosser sah mich angstlich an. "Ja ja", sagte ich mutwillig, "sie sturzt sich ins Wasser oder ersticht sich aus blosser Laune." "Frevlen Sie nicht", sagte Schlosser, und nun frevelte ich erst recht: "Geben Sie acht, Schlosser, Sie finden Sie nicht mehr, wenn Sie nach alter Gewohnheit zogern, und ich sage Ihnen, gehen Sie heute lieber wie morgen und retten Sie sie von unzeitiger melancholischer Laune;" und im Scherz beschrieb ich sie, wie sie sich umbringen werde, im roten Kleid, mit aufgelostem Schnurband, dicht unter der Brust die Wunde; das nannte man tollen Ubermut von mir, es war aber bewusstloser Uberreiz, indem ich die Wahrheit vollkommen genau beschrieb. Am andern Tag kam Franz und sagte: "Madchen, wir wollen ins Rheingau gehen, da kannst Du die Gunderode besuchen." "Wann?" fragte ich "Morgen", sagte er; ach, ich packte mit Ubereile ein, ich konnte kaum erwarten, dass wir gingen; alles, was mir begegnete, schob ich hastig aus dem Weg, aber es vergingen mehrere Tage und es ward die Reise immer verschoben; endlich, da war meine Lust zur Reise in tiefe Trauer verwandelt, und ich war lieber zuruckgeblieben. Da wir in Geisenheim ankamen, wo wir ubernachteten, lag ich im Fenster und sah ins mondbespiegelte Wasser; meine Schwagerin Toni sass am Fenster; die Magd, die den Tisch deckte, sagte: "Gestern hat sich auch eine junge schone Dame, die schon sechs Wochen hier sich aufhielt, bei Winckel umgebracht; sie ging am Rhein spazieren ganz lang, dann lief sie nach Hause, holte ein Handtuch; am Abend suchte man sie vergebens; am andern Morgen fand man sie am Ufer unter Weidenbuschen, sie hatte das Handtuch voll Steine gesammelt und sich um den Hals gebunden, wahrscheinlich, weil sie sich in den Rhein versenken wollte, aber da sie sich ins Herz stach, fiel sie ruckwarts, und so fand sie ein Bauer am Rhein liegen unter den Weiden an einem Ort, wo es am tiefsten ist. Er riss ihr den Dolch aus dem Herzen und schleuderte ihn voll Abscheu weit in den Rhein, die Schiffer sahen ihn fliegen, da kamen sie herbei und trugen sie in die Stadt." Ich hatte im Anfang nicht zugehort, aber zuletzt hort ich's mit an und rief: "Das ist die Gunderode!" Man redete mir's aus und sagte, es sei wohl eine andre, da so viel Frankfurter im Rheingau waren. Ich liess mir's gefallen und dachte: grade, was man prophezeie, sei gewohnlich nicht wahr. In der Nacht traumte mir, sie kame mir auf einem mit Kranzen geschmuckten Nachen entgegen, um sich mit mir zu versohnen; ich sprang aus dem Bett in des Bruders Zimmer und rief: "Es ist alles nicht wahr, eben hat mir's lebhaft getraumt!" "Ach", sagte der Bruder, "baue nicht auf Traume!" Ich traumte noch einmal, ich sei eilig in einem Kahn uber den Rhein gefahren, um sie zu suchen; da war das Wasser trub und schilfig, die Luft war dunkel und es war sehr kalt; ich landete an einem sumpfigen Ufer, da war ein Haus mit feuchten Mauern, aus dem schwebte sie hervor und sah mich angstlich an und deutete mir, dass sie nicht sprechen konne; ich lief wieder zum Schlafzimmer der Geschwister und rief: "Nein, es ist gewiss wahr; denn mir hat getraumt, dass ich sie gesehen habe, und ich hab gefragt: 'Gunderode, warum hast Du mir dies getan?' Da hat sie geschwiegen, hat den Kopf gesenkt und hat sich traurig nicht verantworten konnen." Nun uberlegte ich im Bett alles und besann mich, dass sie mir fruher gesagt hatte, sie wolle sich erst mit mir entzweien, eh sie diesen Entschluss ausfuhren werde; nun war mir unsre Trennung erklart; auch dass sie mir ein Zeichen geben werde, wenn ihr Entschluss reif sei; das war also die Geschichte von ihrer toten Schwester, die sie mir ein halb Jahr fruher mitteilte; da war der Entschluss schon gefasst. O ihr grossen Seelen, dieses Lamm in seiner Unschuld, dieses junge zaghafte Herz, welche ungeheure Gewalt hat es bewogen, so zu handeln? Am andern Morgen fuhren wir bei fruher Zeit auf dem Rhein weiter; Franz hatte befohlen, dass das Schiff jenseits sich halten solle, um zu vermeiden, dass wir dem Platz zu nahe kamen, aber dort stand der Fritz Schlosser am Ufer, und der Bauer, der sie gefunden, zeigte ihm, wo der Kopf gelegen hatte und die Fusse und dass das Gras noch niederliege, und der Schiffer lenkte unwillkurlich dorthin, und Franz bewusstlos sprach im Schiff alles dem Bauern nach, was er in der Ferne verstehen konnte, und da musst ich denn mit anhoren die schauderhaften Bruchstucke der Erzahlung vom roten Kleid, das aufgeschnurt war, und der Dolch, den ich so gut kannte, und das Tuch mit Steinen um ihren Hals, und die breite Wunde; aber ich weinte nicht, ich schwieg. Da kam der Bruder zu mir und sagte: "Sei stark, Madchen." Wir landeten in Rudesheim; uberall erzahlte man sich die Geschichte; ich lief in Windesschnelle an allen voruber, den Ostein hinauf eine halbe Stunde bergan, ohne auszuruhen; oben war mir der Atem vergangen, mein Kopf brannte, ich war den andern weit vorausgeeilt. Da lag der herrliche Rhein mit seinem smaragdnen Schmuck der Inseln; da sah ich die Strome von allen Seiten dem Rhein zufliessen und die reichen friedlichen Stadte an beiden Ufern und die gesegneten Gelande an beiden Seiten; da fragte ich mich, ob mich die Zeit uber diesen Verlust beschwichtigen werde, und da war auch der Entschluss gefasst, kuhn mich uber den Jammer hinauszuschwingen; denn es schien mir unwurdig, Jammer zu aussern, den ich einstens beherrschen konne.

Briefwechsel mit Goethe

Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben

Petrarcas Brust, vor allen andern Tagen,

Karfreitag. Ebenso, ich darf's wohl sagen,

Ist mir Advent von Achtzehnhundertsieben.

Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort zu lieben

Sie, die ich fruh im Herzen schon getragen,

Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,

Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.

Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,

War leider unbelohnt und gar zu traurig,

Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;

Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe,

Suss, unter Palmenjubel, wonneschaurig,

Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.

An Goethe

Kassel, den 15. Mai 1807

"Liebe, liebe Tochter! Nenne mich fur alle Tage, fur alle Zukunft mit dem einen Namen, der mein Gluck umfasst; mein Sohn sei Dein Freund, Dein Bruder, der Dich gewiss liebt usw."

Solche Worte schreibt mir Goethes Mutter; zu was berechtigen mich diese? Auch brach es los wie ein Damm in meinem Herzen; ein Menschenkind, einsam auf einem Fels, von Sturmen umbraust, seiner selbst ungewiss hin- und herschwankend, wie Dornen und Disteln um es her so bin ich; so war ich, da ich meinen Herrn noch nicht erkannt hatte. Nun wend ich mich wie die Sonnenblume nach meinem Gott und kann ihm mit dem von seinen Strahlen gluhenden Angesicht beweisen, dass er mich durchdringt. O Gott! Darf ich auch! Und bin ich nicht allzu kuhn?

Und was will ich denn? Erzahlen, wie die herrliche Freundlichkeit, mit der Sie mir entgegenkamen, jetzt in meinem Herzen wuchert? alles andre Leben mit Gewalt erstickt? Wie ich immer muss hinverlangen, wo mir's zum erstenmal wohl war? Das hilft alles nichts; die Worte Ihrer Mutter! Ich bin weit entfernt, Anspruche an das zu machen, was ihre Gute ich musste zum wenigsten den Wunsch befriedigen, dass Sie wissen mochten, wie machtig mich die Liebe in jedem Augenblick zu Ihnen hinwendet.

Auch darf ich mich nicht scheuen, einem Gefuhl mich hinzugeben, das sich aus meinem Herzen hervordrangt wie die junge Saat im Fruhling; es musste so sein, und der Same war in mich gelegt; es ist nicht mein vorsatzlicher Wille, wenn ich oft aus dem augenblicklichen Gesprach zu Ihren Fussen getragen bin; dann setze ich mich an die Erde und lege den Kopf auf Ihren Schoss, oder ich drucke Ihre Hand an meinen Mund, oder ich stehe an Ihrer Seite und umfasse Ihren Hals; und es wahrt lange, bis ich eine Stellung finde, in der ich beharre. Dann plaudre ich, wie es mir behagt; die Antwort aber, die ich mir in Ihrem Namen gebe, spreche ich mit Bedacht aus: "Mein Kind! Mein artig gut Madchen! Liebes Herz!" Ja, so klingt's aus jener wunderbaren Stunde heruber, in der ich glaubte von Geistern in eine andre Welt getragen zu sein; und wenn ich dann bedenke, dass es von Ihren Lippen so widerhallen konnte, wenn ich wirklich vor Ihnen stande, dann schaudre ich vor Freude und Sehnsucht zusammen. O wieviel hundertmal traumt man und traumt besser, als einem je wird. Mutwillig und ubermutig bin ich auch zuweilen und preise den Mann glucklich, der so sehr geliebt wird; dann lacheln Sie und bejahen es in freundlicher Grossmut.

Weh mir! Wenn dies alles nie zur Wahrheit wird, dann werd ich im Leben das Herrlichste vermissen. Ach, ist der Wein denn nicht die susseste und begehrlichste unter allen himmlischen Gaben? Dass wer ihn einmal gekostet hat, trunkner Begeistrung nimmer abschworen mochte. Diesen Wein werd ich vermissen, und alles andre wird mir sein wie hartes geistloses Wasser, dessen man keinen Tropfen mehr verlangt, als man bedarf.

Wie werd ich mich alsdann trosten konnen! Mit dem Lied etwa: "Im Arm der Liebe ruht sich's wohl, wohl auch im Schoss der Erde?" Oder: "Ich wollt, ich lag und schlief zehntausend Klafter tief." Ich wollt, ich konnte meinen Brief mit einem Blick in Ihre Augen schliessen; schnell wurde ich Vergebung der Kuhnheit herauslesen und diese noch mit einsiegeln; ich wurde dann nicht angstlich sein uber das kindische Geschwatz, das mir doch so ernst ist. Da wird es hingetragen in rascher Eile viele Meilen; der Postillon schmettert mit vollem Enthusiasmus seine Ankunft in die Lufte, als wolle er frohlockend fragen: "Was bring ich?" Und nun bricht Goethe seinen Brief auf und findet das unmundige Stammeln eines unbedeutenden Kindes. Soll ich noch Verzeihung fordern? O, Sie wissen wohl, wie ubermachtig, wie voll sussen Gefuhls das Herz oft ist, und die kindische Lippe kann das Wort nicht treffen, den Ton kaum, der es widerklingen macht.

Bettine Brentano

An Bettine

im Brief an seine Mutter eingelegt von Goethe.

Solcher Fruchte, reif und suss, wurde man gern an jedem Tag geniessen, den man zu den schonsten zu zahlen berechtigt sein durfte.

Wolfgang Goethe

Liebe Mutter, geben Sie dies eingesiegelte Blattchen an Bettine und fordern Sie sie auf, mir noch ferner zu schreiben.

An Goethe

Am 25. Mai

Wenn die Sonne am heissesten scheint, wird der blaue Himmel oft trube; man furchtet Sturm und Gewitter, beklemmende Luft druckt die Brust, aber endlich siegt die Sonne; ruhig und golden sinkt sie dem Abend in den Schoss.

So war mir's, da ich Ihnen geschrieben hatte; ich war beklemmt, wie wenn ein Gewitter sich spuren lasst, und ward oft rot uber den Gedanken, dass Sie es unrecht finden mochten, und endlich ward mein Misstrauen nur durch wenig Worte, aber so lieb gelost. Wenn Sie wussten, wie schnelle Fortschritte mein Zutrauen in demselben Augenblick machte, da ich erkannte, dass Sie es gern wollen! Gutiger, freundlich gesinnter Mann! Ich bin so unbewandert in Auslegung solcher kostlichen Worte, dass ich schwankte uber ihren Sinn; die Mutter aber sagte: "Sei nicht so dumm, er mag geschrieben haben, was er will, so heisst es, Du sollst ihm schreiben, so oft Du kannst, und was Du willst." Ach, ich kann Ihnen nichts anders mitteilen, als bloss was in meinem Herzen vorgeht. O durft ich jetzt bei ihm sein, dacht ich, so gluhend hell sollte meine Freudensonne ihm leuchten, wohl, herrlich! Ein Purpurhimmel mein Gemut, ein warmer Liebestau meine Rede, die Seele musste wie eine Braut aus ihrer Kammer treten ohne Schleier und sich bekennen: "O Herr, in Zukunft will ich Dich oft sehen und lang am Tage, und oft soll ihn ein solcher Abend schliessen."

Ich gelobe es, dasjenige, was von der ausseren Welt unberuhrt in mir vorgeht, heimlich und gewissenhaft demjenigen darzulegen, der so gern teil an mir nimmt, und dessen allumfassende Kraft den jungen Keimen meiner Brust Fulle befruchtender Nahrung verspricht.

Das Gemut hat ohne Vertrauen ein hartes Los; es wachst langsam und durftig, wie eine heisse Pflanze zwischen Felsen; so bin ich, so war ich bis heute, und diese Herzensquelle, die nirgend wo ausstromen, konnte, findet plotzlich den Weg ans Licht, und paradiesische Ufer im Balsamduft bluhender Gefilde begleiten ihren Weg.

O Goethe! Meine Sehnsucht, mein Gefuhl sind Melodien, die sich ein Lied suchen, dem sie sich anschmiegen mochten. Darf ich mich anschmiegen? Dann sollen diese Melodien so hoch steigen, dass sie Ihre Lieder begleiten konnen.

Ihre Mutter schrieb wie von mir: dass ich keinen Anspruch an Antworten mache; dass ich keine Zeit rauben wolle, die Ewiges hervorbringen kann; so ist es aber nicht: meine Seele schreit wie ein durstiges Kindchen; alle Zeiten, zukunftige und verflossene, mochte ich in mich trinken, und mein Gewissen wurde mir wenig Bedenken machen, wenn die Welt von nun an weniger von Ihnen zu erfahren bekame und ich mehr. Bedenken Sie indes, dass nur wenig Worte von Ihnen ein grosseres Mass von Freude ausfullen werden, als ich von aller spateren Zeit erwarte.

Bettine

Die Mutter ist sehr heiter und gesund, sie trinkt noch einmal soviel Wein wie vor'm Jahr, geht bei Wind und Wetter ins Theater; singt in ihrem Ubermut mir vor: "Zartliche getreue Seele, deren Schwur kein Schicksal bricht."

Extrablatt

Wir fuhren Krieg, ich und die Mutter, und nun ist's so weit gekommen, dass ich kapitulieren muss; die harte Bedingung ist, dass ich selbst Ihnen alles erzahlen soll, womit ich's verschuldet habe, und was die gute Mutter so heiter und launig ertragen hat; sie hat eine Geschichte daraus zusammengesponnen, die sie mit tausend Plasier erzahlt; sie konnte es also selbst viel besser schreiben, das will sie nicht, ich soll's zu meiner Strafe erzahlen, und da fuhl ich mich ganz beschamt.

Ich sollte ihr den Gall bringen und fuhrte ihr unter seinem Namen den Tieck zu; sie warf gleich ihre Kopfbedeckung ab, setzte sich und verlangte, Gall solle ihren Schadel untersuchen, ob die grossen Eigenschaften ihres Sohnes nicht durch sie auf ihn ubergegangen sein mochten; Tieck war in grosser Verlegenheit, denn ich liess ihm keinen Moment, um der Mutter den Irrtum zu benehmen; sie war gleich in heftigem Streit mit mir und verlangte, ich solle ganz stillschweigen und dem Gall nicht auf die Sprunge helfen; da kam Gall selbst und nannte sich; die Mutter wusste nicht, zu welchem sie sich bekehren solle, besonders da ich stark gegen den rechten protestierte, jedoch hat er endlich den Sieg davongetragen, indem er ihr eine sehr schone Abhandlung uber die grossen Eigenschaften ihres Kopfes hielt; und ich hab Verzeihung erhalten und musste versprechen, sie nicht wieder zu betrugen. Ein paar Tage spater kam eine gar zu schone Gelegenheit, mich zu rachen. Ich fuhrte ihr einen jungen Mann aus Strassburg zu, der kurz vorher bei Ihnen gewesen war; sie fragte hoflich nach seinem Namen; noch eh er sich nennen konnte, sagte ich: "Der Herr heisst Schneegans, hat Ihren Herrn Sohn in Weimar besucht und bringt Ihr viele Grusse von ihm". Sie sah mich verachtlich an und fragte: "Darf ich um Ihren werten Namen bitten?" Aber noch ehe er sich legitimieren konnte, hatte ich schon wieder den famosen Namen Schneegans ausgesprochen; ganz ergrimmt uber mein grobes Verfahren, den fremden Herrn eine Schneegans zu schimpfen, bat sie ihn um Verzeihung, und dass mein Mutwill keine Grenzen habe und manchmal sogar ins Alberne spiele; ich sagte: "Der Herr heisst aber doch Schneegans." "O schweig", rief sie, "wo kann ein vernunftiger Mensch Schneegans heissen!" Wie nun der Herr endlich zu Wort kam und bekannte, dass er wirklich die Fatalitat habe so zu heissen, da war es sehr ergotzlich, die Entschuldigungen und Beteuerungen von Hochachtung gegenseitig anzuhoren; sie amusierten sich vortrefflich miteinander, als hatten sie sich jahrelang gekannt, und beim Abschied sagte die Mutter mit einem heroischen Anlauf: "Leben Sie recht wohl, Herr von Schneegans, hatte ich doch nimmermehr geglaubt, dass ich's uber die Zunge bringen konne!"

Nun, da ich's geschrieben habe, erkenne ich erst, wie schwer die Strafe ist; denn ich hab einen grossen Teil des Papiers beschrieben, ohne auch nur ein Wortchen von meinen Angelegenheiten, die mir so sehr am Herzen liegen, anzubringen. Ja, ich schame mich, Ihnen heute noch was anders zu sagen, als nur meinen Brief mit Hochachtung und Liebe abzuschliessen. Aber morgen, da fange ich einen neuen Brief an, und der hier soll nichts gelten.

Bettine

An Goethe

3. Juni

Ich habe heut' bei der Mutter einliegenden Brief an Sie abgeholt, um doch eher schreiben zu durfen, ohne unbescheiden zu sein. Ich mochte gar zu gern recht vertraulich kindisch und selbst ungereimt an Sie schreiben durfen, wie mir's im Kopf kame Darf ich? Z.B., dass ich verliebt war funf Tage lang, ist das ungereimt? Nun, was spiegelt sich denn in Ihrer Jugendquelle? Nur hineingeschaut; Himmel und Erde malen sich drin; in schoner Ordnung stehen die Berge und die Regenbogen und die blitzdurchriss'nen Gewitterwolken, und ein liebend Herz schreitet durch, hoherem Gluck entgegen; und den sonnedurchleuchteten Tag kranzet der heimliche Abend in Liebchens Arm.

Drum sei mir's nicht verargt, dass ich funf Tage lang verliebt war.

Bettine

Goethe an B.

10. Juni

Der Dichter ist manchmal so glucklich, das Ungereimte zu reimen, und so war es Ihnen zu gestatten, liebes Kind, dass Sie ohne Ruckhalt, alles was Sie der Art mitzuteilen haben, ihm zukommen liessen. Gonnen Sie mir aber auch eine nahere Beschreibung dessen, der in funftagigem Besitz Ihres Herzens war, und ob Sie auch sicher sind, dass der Feind nicht noch im Versteck lauert. Wir haben auch Nachrichten von einem jungen Mann, der, in eine grosse Barenmutze gehullt, in Ihrer Nahe weilt und vorgibt, seine Wunden heilen zu mussen, wahrend er vielleicht im Sinne hat, die gefahrlichsten zu schlagen.

Erinnern Sie sich jedoch bei so gefahrvollen Zeiten des Freundes, der es angemessener findet, Ihren Herzenslaunen jetzt nicht in den Weg zu kommen.

G.

Lieber Goethe! Lieber Freund!

14. Juni

Heute hab ich mit der Mutter Wahl gehalten, was ich Ihnen fur einen Titel geben darf; da hat sie mir die beiden freigelassen, ich hab sie beide hingeschrieben; ich seh der Zeit entgegen, wo meine Feder anders dahintanzen wird, unbekummert, wo die Flammen hinausschlagen; wo ich Ihnen mein verborgenes Herz entdecke, das so ungestum schlagt und doch zittert. Werden Sie mir solche Ungereimtheiten auch auflosen? Wenn ich in derselben Natur mich weiss, deren inneres Leben durch Ihren Geist mir verstandlich wird, dann kann ich oft beide nicht mehr voneinander unterscheiden; ich leg mich an grunen Rasen nieder mit umfassenden Armen und fuhle mich Ihnen so nah wie damals, wo Sie, den Aufruhr in meinem Herzen zu beschwichtigen, zu dem einfachen Zaubermittel griffen, von meinen Armen umfasst, so lange mich ruhig anzusehen, bis ich von der Gewissheit meines Gluckes mich durchdrungen fuhlte.

Lieber Freund! Wer durfte zweifeln, dass das, was einmal so erkannt und so ergriffen war, wieder verloren gehen konne? Nein! Sie sind mir nimmer fern. Ihr Geist lachelt mich an und beruhrt mich zartlich abend.

So kann ich Ihnen auch das Liebesgeheimnis mit der Barenmutze fur Ihren leisen Spott uber meine ernste Treue auf das beschamendste erklaren. Nichts ist reizender als die junge Pflanze in voller Blute stehend, auf der der Finger Gottes jeden frischen Morgen den zarten Tau in Perlen reihet und ihre Blatter mit Duft bemalt. So bluheten im vorigen Jahr ein paar schone blaue Augen unter der Barenmutze hervor, so lachelten und schwatzten die anmutigen Lippen, so wogten die schwanken Glieder, und so schmiegte sich zartliche Neigung in jede Frage und Antwort und hauchten in Seufzern den Duft des tieferen Herzens aus, wie jene junge Pflanze. Ich sah's mit an und verstand die Schonheit, und doch war ich nicht verliebt; ich fuhrte den jungen Husaren zur Gunderode, die traurig war; wir waren jeden Abend zusammen, der Geist spielte mit dem Herzen, tausend Ausserungen und schone Modulationen horte und fuhlte ich, und doch war ich nicht verliebt. Er ging, man sah, dass der Abschied sein Herz bedrangte. "Wenn ich nicht wiederkehre", sagte er, "so glauben Sie, dass die kostlichste Zeit meines Lebens diese letzte war." Ich sah ihn die Stiegen hinabspringen, ich sah seine reizende Gestalt, in der Wurde und Stolz seiner schwanken Jugend gleichsam einen Verweis geben, sich aufs Pferd schwingen und fort in den Kugelregen reiten, und ich seufzte ihm nicht nach. Dies Jahr kam er wieder mit einer kaum vernarbten Wunde auf der Brust; er war blass und matt und blieb funf Tage bei uns. Abends, wenn alles um den Teetisch versammelt war, sass ich im dunkeln Hintergrund des Zimmers, um ihn zu betrachten, er spielte auf der Gitarre; da hielt ich eine Blume vors Licht und liess ihren Schatten auf seinen Fingern spielen, das war mein Wagstuck, mir klopfte das Herz vor Angst, er mochte es merken; da ging ich ins Dunkel zuruck und behielt meine Blume, und die Nacht legte ich sie unters Kopfkissen. Das war die letzte Hauptbegebenheit in diesem Liebesspiel von funf Tagen.

Dieser Jungling, dessen Mutter stolz sein mag auf seine Schonheit, von dem die Mutter mir erzahlte, er sei der Sohn der ersten Heissgeliebten meines geliebten Freundes, hat mich geruhrt.

Und nun mag der Freund sich's auslegen, wie es kam, dass ich dies Jahr Herz und Aug fur ihn offen hatte, und im vorigen Jahre nicht.

Du hast mich geweckt mitten in lauen Sommerluften, und da ich die Augen aufschlug, sah ich die reifen Apfel an goldnen Zweigen uber mir schweben, und da langt ich nach ihnen.

Adieu! In der Mutter Brief steht viel von Gall und dem Gehirn; in dem meinigen viel vom Herzen.

Ich bitte, grussen Sie den Doktor Schlosser in Ihren Briefen an die Mutter nicht mehr mit mir in einer Rubrik; es tut meinem armen Hochmut gar zu weh.

Bettine

Dein Kind, dein Herz, dein gut Madchen, das

den Goethe uber alles lieb hat und sich mit

seinem Andenken uber alles trosten kann.

An Goethe

18. Juni

Gestern sass ich der Mutter gegenuber auf meinem Schemel, sie sah mich an und sagte: "Nun was gibt's? Warum siehst du mich nicht an?" Ich wollte, sie solle mir erzahlen; ich hatte den Kopf in meine Arme verschrankt. "Nein", sagte sie, "wenn Du mich nicht ansiehst, so erzahl ich nichts"; und da ich meinen Eigensinn nicht brechen konnte, ward sie ganz still. Ich ging auf und ab durch die drei langen schmalen Zimmer, und so oft ich an ihr voruberschritt, sah sie mich an, als wolle sie sagen: "Wie lang soll's dauern?" Endlich sagte sie: "Hor! Ich dachte, Du gingst." "Wohin?" fragte ich. "Nach Weimar zum Wolfgang, und holtest dir wieder Respekt gegen seine Mutter." "Ach Mutter, wenn das moglich war!" sagte ich und fiel ihr um den Hals und kusste sie und lief im Zimmer auf und ab. "Ei", sagte sie, "warum soll es denn nicht moglich sein? Der Weg dahin hangt ja aneinander und ist kein Abgrund dazwischen; ich weiss nicht, was dich abhalt, wenn du eine so ungeheure Sehnsucht hast; eine Meile vierzigmal zu machen ist der ganze Spass, und dann kommst du wieder und erzahlst mir alles." getraumt, die ich vierzigmal machen werde; es ist ja wahr, die Mutter hat recht, nach vierzig durchjagten Stunden lag ich am Herzen des Freundes; es ist auf dieser Erde, wo ich ihn finden kann, auf gebahnten Wegen gehet die Strasse, alles deutet dorthin, der Stern am Himmel leuchtet bis zu seiner Schwelle, die Kinder am Weg rufen mir zu: "Dort wohnt er!" Was halt mich zuruck? Ich bin allein meiner heissen Sehnsucht Zeuge, und sollte mir's nicht gewahren, was ich bitte und flehe, dass ich Mut haben moge? Nein, ich bin nicht allein, diese sehnsuchtigen Gedanken es sind Gestalten; sie sehen mir fragend unter die Augen: wie ich mein Leben verschleifen konne, ohne Hand in Hand mit ihm, ohne Aug in Aug in ihrem Feuer zu vergluhen. O Goethe, ertrag mich, nicht alle Tage bin ich so schwach, dass ich mich hinwerfe vor Dir und nicht aufhoren will zu weinen, bis Du mir alles versprichst. Es geht wie ein schneidend Schwert durch mein Herz, dass ich bei Dir sein mochte; bei Dir, und nichts anders will ich, so wie das Leben vor mir liegt, weiss ich nichts, was ich noch fordern konnte, ich will nichts Neues wissen, nichts soll sich regen, kein Blatt am Baum, die Lufte sollen schweigen; stille soll's in der Zeit sein, und Du sollst ausharren in Gelassenheit, bis alle Schmerzen an Deiner Brust verwunden sind.

19. Juni

Gestern abend war's so, lieber Goethe; plotzlich riss der Zugwind die Tur auf und loschte mir das Licht, bei dem ich Dir geschrieben habe. Meine Fenster waren offen, und die Plane waren niedergelassen; der Sturmwind spielte mit ihnen; es kam ein heftiger Gewitterregen, da ward mein kleiner Kanarienvogel aufgestort er flog hinaus in den Sturm, er schrie nach mir, und ich lockte ihn die ganze Nacht. Erst wie das Wetter voruber war, legt ich mich schlafen; ich war mude und sehr traurig, auch um meinen lieben Vogel. Wie ich noch bei der Gunderode die griechische Geschichte studierte, da zeichnete ich Landkarten, und wenn ich Seen zeichnete, da half er Striche hineinmachen, dass ich ganz verwundert war, wie emsig er mit seinem kleinen Schnabel immer hin und her kratzte.

Nun ist er fort, gewiss hat ihm der Sturm das Leben gekostet; da hab ich gedacht, wenn ich nun hinausflog, um Dich zu suchen, und kam durch Sturm und Unwetter bis zu Deiner Tur, die Du mir nicht offnen wurdest nein, Du warst fort; Du hattest nicht auf mich gewartet, wie ich die ganze Nacht auf meinen kleinen Vogel; Du gehest andern Menschen nach, Du bewegst Dich in andern Regionen; bald sind's die Sterne, die mit Dir Rucksprache halten, bald die tieBlick als Prophet durch Nebel und Luftschichten, und dann nimmst Du der Blumen Farben und vermahlst sie dem Licht; deine Leier findest Du immer gestimmt, und wenn sie Dir auch frischgekranzt entgegenprangte, wurdest Du fragen: "Wer hat mir diesen schonen Kranz gewunden?" Dein Gesang wurde diese Blumen bald versengen; sie wurden ihre Haupter senken, sie wurden ihre Farbe verlieren, und bald wurden sie unbeachtet am Boden schleifen.

Alle Gedanken, die die Liebe mir eingibt, alles heisse Sehnen und Wollen kann ich nur solchen Feldblumen vergleichen; sie tun unbewusst uber dem grunen Rasen ihre goldnen Augen auf, sie lachen eine Weile in den blauen Himmel, dann leuchten tausend Sterne uber ihnen und umtanzen den Mond und verhullen die zitternden, tranenbelasteten Blumen in Nacht und betaubenden Schlummer. So bist Du Poete ein vom Sternenreigen seiner Eingebungen umtanzter Mond; meine Gedanken aber liegen im Tal, wie die Feldblumen, und sinken in Nacht vor Dir, und meine Begeisterung ermattet vor Dir, und alle Gedanken schlafen unter Deinem Firmament.

Bettine

Goethe an Bettine

18. Juni

Mein liebes Kind! Ich klage mich an, dass ich Dir nicht fruher ein Zeichen gegeben, wie genussreich und erquickend es mir ist, das reiche Leben Deines Herzens uberschauen zu durfen. Wenn es auch ein Mangel in mir ist, dass ich Dir nur wenig sagen kann, so ist es Mangel an Fassung uber alles, was Du mir gibst.

Ich schreibe Dir diesen Augenblick im Flug; denn ich furchte da zu verweilen, wo so viel Uberstromendes mich ergreift. Fahre fort, Deine Heimat bei der Mutter zu befestigen; es ist ihr zu viel dadurch geworden, als dass sie Dich entbehren konnte, und rechne Du auf meine Liebe und meinen Dank.

G.

An Goethe

Frankfurt, am 29. Juni

Wenn ich alles aus dem Herzen in die Feder fliessen liess, so wurdest Du manches Blatt von mir beiseite legen, denn immer von mir und von Dir, und einzig von meiner Liebe, das war doch nur der bewusste ewige Inhalt. Ich hab's in den Fingerspitzen und meine, ich musste Dir erzahlen, was ich nachts von Dir getraumt habe, und denk nicht, dass Du fur anders in der Welt bist. Haufig hab ich denselben Traum, und es hat mir schon viel Nachdenken gemacht, dass meine Seele immer unter denselben Bedingungen mit Dir zu tun hat; es ist, als solle ich vor Dir tanzen, ich bin atherisch gekleidet, ich hab ein Gefuhl, dass mir alles gelingen werde, die Menge umdrangt mich. Ich suche Dich, dort sitzest Du frei mir gegenuber; es ist, als ob Du mich nicht bemerktest und seiest mit anderem beschaftigt; jetzt trete ich vor Dich, goldbeschuhet, und die silbernen Arme hangen nachlassig, und warte; da hebst Du das Haupt, Dein Blick ruht auf mir unwillkurlich, ich ziehe mit leisen Schritten magische Kreise, Dein Aug verlasst mich nicht mehr, Du musst mir nach, wie ich mich wende, und ich fuhle einen Triumph des Gelingens; alles, was Du kaum uber die Weisheit, die ich Dir vortanze, bald werf ich den luftigen Mantel ab und zeig Dir meine Flugel und steig auf in die Hohen; da freu ich mich, wie Dein Aug mich verfolgt; dann schweb ich wieder herab und sink in Deine umfassenden Arme; dann atmest Du Seufzer aus und siehst an mir hinauf und bist ganz durchdrungen; aus diesen Traumen erwachend, kehr ich zu den Menschen zuruck wie aus weiter Ferne; ihre Stimmen schallen mir fremd und ihre Gebarden auch; und nun lass mich bekennen, dass bei diesem Bekenntnis meiner Traumspiele meine Tranen fliessen. Einmal hast Du fur mich gesungen: "So lasst mich scheinen, bis ich werde, zieht mir das weisse Kleid nicht aus." Diese magischen Reize, diese Zauberfahigkeiten sind mein weisses Kleid; ich flehe auch, dass es mir bleibe, bis ich werde, aber Herr: diese Ahnung lasst sich nicht bestreiten, dass auch mir das weisse Kleid ausgezogen werde, und dass ich in den gewohnlichen des alltaglichen gemeinen Lebens einhergehen werde, und dass diese Welt, in der meine Sinne lebendig sind, versinken wird; das, was ich schutzend dekken sollte, das werde ich verraten; da, wo ich duldend mich unterwerfen sollte, da werde ich mich rachen; und da, wo mir unbefangne kindliche Weisheit einen Wink gibt, da werd ich Trotz bieten und es besser wissen wollen; aber das Traurigste wird sein, dass ich mit dem Fluch der Sunde belasten werde, was keine ist, wie sie es alle machen; und mir wird Recht dafur geschehen. Du bist mein Schutzaltar, zu Dir werd ich fluchten; diese Liebe, diese machtige, die zwischen uns waltet, und die Erkenntnis, die mir durch sie wird, und die Offenbarungen, die werden meine Schutzmauern sein; sie werden mich frei machen von denen, die mich richten wollen.

Dein Kind

An Goethe

Vorgestern waren wir im "Egmont", sie riefen alle: "Herrlich!" Wir gingen noch nach dem Schauspiel unter den mondbeschienenen Linden auf und ab, wie es Frankfurter Sitte ist, da hort ich tausendfachen Widerhall. Der kleine Dalberg war mit uns; er hatte Deine Mutter im Schauspiel gesehen und verlangte, ich solle ihn zu ihr bringen; sie war eben im Begriff, Nachttoilette zu machen, da sie aber horte, er komme vom Primas, so liess sie ihn ein; sie war schon in der weissen Negligejacke, aber sie hatte ihren Kopfputz noch auf. Der liebenswurdige feine Dalberg sagte ihr, sein Onkel habe von oben heruber ihre freudeglanzenden Augen gesehen wahrend der Vorstellung, und er wunsche sie vor seiner Abreise noch zu sprechen, und mochte sie doch am andern Tag bei ihm zu Mittag essen. Die Mutter war sehr geputzt bei diesem Diner, das mit allerlei Furstlichkeiten und sonst merkwurdigen Personen besetzt war, denen zulieb die Mutter wahrscheinlich invitiert war; denn alle drangten sich an sie heran, um sie zu sehen und mit ihr zu sprechen. Sie war sehr heiter und beredsam, und nur von mir suchte sie sich zu entfernen. Sie sagte mir nachher, sie habe Angst gehabt, ich moge sie in Verlegenheit bringen; ich glaube aber, sie hat mir einen Streich gespielt, denn der Primas sagte mir sehr wunderliche Sachen uber Dich, und dass Deine Mutter ihm gesagt habe, ich habe einen erhabenen asthetischen Sinn. Da nahm er einen schonen Englander bei der Hand, einen Schwager des Lord Nelson, und sagte: "Dieser feine Mann mit der Habichtsnase, der soll Sie zu Tisch fuhren, er ist der schonste von der ganzen Gesellschaft, nehmen Sie vorlieb;" der Englander lachelte, er verstand aber nichts davon. Bei Tisch wechselte er mein Glas, aus dem ich getrunken hatte, und bat mich um Erlaubnis, daraus zu trinken, der Wein wurde ihm sonst nicht schmecken; das liess ich geschehen, und alle Weine, die ihm vorgesetzt wurden, die goss er in dies Glas und trank sie mit begeisterten Blicken aus; es war eine wunderliche Tischunterhaltung; bald ruckte er seinen Fuss dicht an den meinigen und fragte mich, was meine liebste Unterhaltung sei; ich sagte, ich tanze lieber, als ich gehe, und fliege lieber, als ich tanze, und dabei zog ich meinen Fuss zuruck. Ich hatte meinen kleinen Strauss, den ich vorgesteckt hatte, ins Wasserglas gestellt, damit er nicht so bald welken solle, um ihn nach Tisch wieder vorzustecken, er frug: "Will you give me this?" Ich nickte ihm, er nahm ihn, daran zu riechen und kusste ihn; er steckte ihn in Busen und knopfte die Weste daruber zu und seufzte, und da sah er, dass ich rot ward. Sein Gesicht ubergoss sich mit einem Schmelz von Freundlichkeit; er wendete es zu mir, ohne die Augen aufzuschlagen, als wolle er mich auffordern, seine wohlgefallige Bildung zu beachten; sein Fuss suchte wieder den meinen, und mit leiser Stimme sagte er: "Be good, fine girl." Ich konnte ihm nicht unfreundlich sein, und doch wollte ich gerne meine Ehre retten; da zog ich das eine End meines langen Gurtels um sein Bein und band es geschickt an dem Tischbein fest, ganz heimlich, dass es niemand sah; er liess es geschehen, ich sagte: "Be good, fine boy." Und nun waren wir voll Scherz und Witz bis zum End der Tafel, und es war wirklich eine zartliche Lust zwischen uns; und ich liess ihn sehr gern meine Hand an sein Herz ziehen, wie er sie kusste.

Ich hab meine Geschichte der Mutter erzahlt, die sagt, ich soll sie Dir schreiben, es sei ein artig Lustspiel fur Dich, und Du wurdest sie allein schon auslegen; es ist ja wahr, Du! Der es weiss, dass ich gern den Nacken unter Deine Fusse lege, Du wirst mich nicht schelten, dass ich der Kuhnheit des Englanders, der gern mit meinem Fuss gespielt hatte, keinen strengeren Verweis gab. Du, der die Liebe erkennt und die Feinheit der Sinne, o wie ist alles so schon in Dir; wie rauschen die Lebensstrome so kraftig durch Dein erregtes Herz und sturzen sich mit Macht in die kalten Wellen Deiner Zeit und brausen auf, dass Berg und Tal rauchen von Lebensglut, und die Walder stehen mit gluhenden Stammen an Deinen Gestaden; und alles, was Du anblickst, wird herrlich und lebendig. Gott, wie gern mocht ich jetzt bei Dir sein! Und war ich im Flug, weit uber alle Zeiten und schwebte uber Dir: ich musste die Fittiche senken und mich gelassen der stillen Allmacht Deiner Augen hingeben.

Die Menschen werden Dich nicht immer verstehen, und die Dir am nachsten zu stehen behaupten, die werden am meisten Dich verleugnen; ich seh in die Zukunft, da sie rufen werden: "Steiniget ihn!" Jetzt, wo Deine eigne Begeistrung gleich einem Lowen sich an Dich schmiegt und Dich bewacht, da wagt sich die Gemeinheit nicht an Dich.

Deine Mutter sagte letzt: "Die Menschen sind zu jetziger Zeit alle wie Gerning, der immer spricht: 'Wir ubrigen Gelehrten', und ganz wahr spricht; denn er ist ubrig."

Lieber tot als ubrig sein! Ich bin es aber nicht, denn ich bin Dein, weil ich Dich erkenne in allem. Ich weiss, dass, wenn sich auch die Wolken vor dem Sonnengott aufturmen, dass er sie bald wieder niederdruckt mit glanzender Hand; ich weiss, dass er keinen Schatten duldet als den er unter den Sprossen seines Ruhmes sich selber sucht. Die Ruhe des Bewusstseins wird Dich uberschatten; ich weiss, dass, wenn er sich uber den Abend hinwegbeugt, so erhebt er wieder im Morgen das goldne Haupt. Du bist ewig. Drum ist es gut mit Dir sein.

Wenn ich abends allein im dunklen Zimmer bin und des Nachbars Lichter den Schein an die Wand werfen, zuweilen auch Streiflichter Deine Buste erleuchten, oder wenn es schon still in der Stadt ist, in der Nacht; hier und dort ein Hund bellt, ein Hahn schreit; ich weiss nicht, warum es mich oft mehr wie menschlich ergreift; ich weiss nicht, wo ich vor Schmerz hin will. Ich mochte anders als wie mit Worten mit Dir sprechen; ich mochte mich an Dein Herz drucken; ich fuhl, dass meine Seele lodert. Wie die Luft so furchterlich still ruht kurz vor dem Sturm, so stehen dann grade meine Gedanken kalt und still, und das Herz wogt wie das Meer. Lieber, lieber Goethe! Dann lost mich eine Ruckerinnerung an Dich wieder auf; die Feuer- und Kriegszeichen gehen langsam an meinem Himmel unter, und Du bist wie der hereinstromende Mondstrahl. Du bist gross und herrlich und besser als alles, was ich bis heute erkannt und erlebt hab. Dein ganzes Leben ist so gut.

An Bettine

Am 16. Juli 1807

Was kann man Dir sagen und geben, was Dir nicht schon auf eine schonere Weise zugeeignet ware; man muss schweigen und Dich gewahren lassen; wenn es Gelegenheit gibt, Dich um etwas zu bitten, da mag man seinen Dank mit einfliessen lassen fur das viele, was unerwartet durch Deine reiche Liebe einem geschenkt wird. Dass Du die Mutter pflegst, mochte ich Dir gern aufs herzlichste vergelten; von dorther kam mir der Zugwind, und jetzt, weil ich Dich mit ihr zusammen weiss, fuhl ich mich gesichert und warm.

Ich sage Dir nicht: "Komm!" Ich will nicht den kleinen Vogel aus dem Neste gestort haben; aber der Zufall wurde mir nicht unwillkommen sein, der Sturm und Gewitter benutzte, um ihn glucklich unter mein Dach zu bringen. Auf jeden Fall, liebste Bettine, bedenke, dass Du auf dem Weg bist, mich zu verwohnen.

Goethe

An Goethe

Wartburg, den 1. August in der Nacht

Freund, ich bin allein; alles schlaft, und mich halt's wach, dass es kaum ist, wie ich noch mit Dir zusammen war. Vielleicht, Goethe, war dies das hochste Ereignis meines Lebens; vielleicht war es der reichste, der seligste Augenblick; schonere Tage sollen mir nicht kommen, ich wurde sie abweisen.

Es war freilich ein letzter Kuss, mit dem ich scheiden musste, da ich glaubte, ich musse ewig an Deinen Lippen hangen, und wie ich so dahin fuhr durch die Gange unter den Baumen, unter denen wir zusammen gegangen waren, da glaubte ich, an jedem Stamme musse ich mich festhalten, aber sie verschwanden, die grunen wohlbekannten Raume, sie wichen in die Ferne, die geliebten Auen, und Deine Wohnung war langst hinabgesunken, und die blaue Ferne schien allein mir meines Lebens Ratsel zu bewachen; doch die musst auch noch scheiden, und nun hatt ich nichts mehr als mein heiss Verlangen, und meine Tranen flossen diesem Scheiden; ach, da besann ich mich auf alles, wie Du mit mir gewandelt bist in nachtlichen Stunden und hast mir gelachelt, dass ich Dir die Wolkengebilde auslegte und meine Liebe, meine schonen Blatter im Nachtwind; der Stille der fernen weit verbreiteten Nacht. Und hast mich geliebt, das weiss ich; wie Du mich an der Hand fuhrtest durch die Strassen, da hab ich's an Deinem Atem empfunden, am Ton Deiner Stimme, an etwas, wie soll ich's Dir bezeichnen, das mich umwehte, dass Du mich aufnahmst in ein inneres geheimes Leben, und hattest Dich in diesem Augenblick mir allein zugewendet und begehrtest nichts, als mit mir zu sein; und dies alles, wer wird mir's rauben? Was ist mir verloren? Mein Freund, ich habe alles, was ich je genossen. Und wo ich auch hingehe mein Gluck ist meine Heimat.

Wie die Regentropfen rasseln an den kleinen runden Fensterscheiben, und der Wind furchtbar tobt! Ich habe schon im Bett gelegen und hatte mich nach der Seite gewendet und wollte einschlafen in Dir, im Denken an Dich. Was heisst das: im Herrn entschlafen? Oft fallt mir dieser Spruch ein, wenn ich so zwischen Schlaf und Wachen fuhle, dass ich mit Dir beschaftigt bin; ich weiss genau, wie das ist: der ganze irdische Tag vergeht dem Liebenden, wie das irdische Leben der Seele vergeht; sie ist hier und da in Anspruch genommen, und ob sie sich's schon verspricht, sich selber nicht zu umgehen; so hat sie sich am End durch das Gewebe der Zeiten durchgearbeitet, immer unter der heimlichen Bedingung, einmal nur Rucksprache zu nehmen mit dem Geliebten, aber die Stunden legen im Voruberschreiten jede ihre Bitten und Befehle dar; und da ist ein ubermachtiger Wille im Menschen, der heisst ihn allem sich fugen; den lasst er uber sich walten, wie das Opfer uber sich walten lasst, das da weiss, es wird zum Altar gefuhrt. Und so entschlaft die Seele im Herrn, ermudet von der ganzen Lebenszeit, die ihr Tyrann war und jetzt den Zepter sinken lasst. Da steigen gottliche Traume herauf und nehmen sie in ihren Schoss und hullen sie ein, und ihr magischer Duft wird immer starker und umnebelt die Seele, dass sie nichts mehr von sich weiss; das ist die Ruhe im Grabe; so steigen Traume herauf jede Nacht, wenn ich mich besinnen will auf Dich; und ich lasse mich ohne Widerstand einwiegen; denn ich fuhle, dass mein Wolkenbett aufwarts mit mir steigt!

Wenn Du diese Nacht auch wachgehalten bist, so musst Du doch einen Begriff haben von dem ungeheuren Sturm. Eben wollte ich noch ganz stark sein und mich gar nicht furchten; da nahm aber der Wind einen so gewaltigen Anlauf und klirrte an den Fensterscheiben und heulte so jammernd, dass ich Mitleid spurte, und nun riss er so tuckisch die schwere Ture auf, er wollte mir das Licht ausloschen; ich sprang auf den Tisch und schutzte es, und ich sah durch die offne Tur nach dem dunklen Gang, um doch gleich bereit zu sein, wenn Geister eintreten sollten; ich zitterte vor herzklopfender Angst; da sah ich was sich bilden, draussen im Gang; und es war wirklich, als wollten zwei Manner eintreten, die sich bei der Hand hielten; einer weiss und breitschultrig, und der andre schwarz und freundlich; und ich dachte: das ist Goethe! Da sprang ich vom Tisch Dir entgegen und lief zur Tur hinaus auf den dunklen Gang, vor dem ich mich gefurchtet hatte, und ging bis ans Ende Dir entgegen, und meine ganze Angst hatte sich in Sehnsucht verwandelt; und ich war traurig, dass die Geister nicht kamen, Du und der Herzog. Ihr seid ja oft hier gewesen zusammen, Ihr zwei freundlichen Bruder.

Gute Nacht, ich bin begierig auf morgen fruh; da muss sich's ausweisen, was der Sturm wird angerichtet haben; das Krachen der Baume, das Rieseln der Wasser wird doch was durchgesetzt haben.

Am 2. August

Heute morgen hat mich die Sonne schon halb funf Uhr geweckt; ich glaub, ich hab keine zwei Stund geschlafen; sie musste mir grade in die Augen scheinen. Eben hatte es aufgehort mit Wolkenbrechen und Windwirbeln, die goldne Ruhe breitete sich aus am blauen Morgenhimmel; ich sah die Wasser sich sammeln und ihren Weg zwischen den Felskanten suchen hinab in die Flut; gesturzte Tannen brachen den brausenden Wassersturz, und Felssteine spalteten seinen widerstehen konnte. Da uberkam mich eine so gewaltige Lust ich konnte auch nicht widerstehen: ich schurzte mich hoch, der Morgenwind hielt mich bei den Haaren im Zaum; ich stutzte beide Hande in die Seite, um mich im Gleichgewicht zu halten, und sprang hinab in kuhnen Satzen von einem Felsstuck zum andern, bald huben bald druben, das brausende Wasser mit mir, kam ich unten an; da lag, als wenn ein Keil sie gespalten hatte bis an die Wurzel, der halbe Stamm einer hohlen Linde, quer uber den sich sammelnden Wassern.

O liebster Freund! Der Mensch, wenn er Morgennebel trinkt und die frischen Winde sich mit ihm jagen und der Duft der jungen Krauter in die Brust eindringt und in den Kopf steigt; und wenn die Schlafe pochen und die Wangen gluhen und wenn er die Regentropfen aus den Haaren schuttelt, was ist das fur eine Lust!

Auf dem umgesturzten Stamm ruhte ich aus, und da entdeckte ich unter den dickbelaubten Asten unzahlige Vogelnester, kleine Meisen mit schwarzen Kopfchen und weissen Kehlen, sieben in einem Neste, Finken und Distelfinken; die alten Vogel flatterten uber meinem Kopf und wollten die jungen atzen; ach, wenn's ihnen nur gelingt, sie gross zu ziehen in so schwieriger Lage; denk nur: aus dem blauen Himmel herabgesturzt an die Erde, quer uber einen reissenden Bach, wenn so ein Vogelchen herausfallt, muss es gleich ersaufen, und noch dazu hangen alle Nester schief. Aber die hunderttausend Bienen und Mukken, die mich umschwirrten, die all in der Linde Nahrung suchten; wenn Du doch das Leben mit angesehen hattest! Da ist kein Markt so reich an Verkehr, und alles war so bekannt, jedes sucht sein kleines Wirtshaus unter den Bluten, wo es einkehrte; und emsig flog es wieder hinweg und begegnete dem Nachbar, und da summten sie aneinander vorbei, als ob sie sich's sagten, wo gut Bier feil ist. Was schwatze ich Dir alles von der Linde! Und doch ist's noch nicht genug; an der Wurzel hangt der Stamm noch zusammen; ich sah hinauf zu dem Gipfel des stehenden Baumes, der nun sein halbes Leben am Boden hinschleifen muss, und im Herbst stirbt er ihm ab. Lieber Goethe, hatte ich meine Hutte dort in der einsamen Talschlucht, und ich war gewohnt, auf Dich zu warten, welch grosses Ereignis war dieses; wie wurd ich Dir entgegenspringen und von weitem schon zurufen: "Denk nur unsere Linde!" Und so ist es auch: ich bin eingeschlossen in meiner Liebe wie in einsamer Hutte, und mein Leben ist ein Harren auf Dich unter der Linde; wo Erinnerung und Gegenwart duftet und die Sehnsucht die Zukunft herbeilockt. Ach lieber Wolfgang, wenn der grausame Sturm die Linde spaltet und die uppigere, starkere Halfte mit allem innewohnenden Leben zu Boden sturzt und ihr grunes Laub uber bosem Geschick wie uber sturzenden Bergwassern trauernd welkt und die junge Brut in ihren Asten verdirbt; o dann denk, dass die eine Halfte noch steht, und in ihr alle Erinnerung und alles Leben, was dieser entspriesst, zum Himmel getragen wird.

Adieu! Jetzt geht's weiter; morgen bin ich Dir nicht so nah, dass ein Brief, den ich fruh geschrieben, Dir spat die Zeit vertreibt. Ach lasse sie Dir vertreiben, als wenn ich selbst bei Dir war: zartlich!

In Kassel bleib ich vierzehn Tage, dort werd ich der Mutter schreiben; sie weiss noch nicht, dass ich bei Dir war.

Bettine

An Bettine

War unersattlich nach viel tausend Kussen Und musst mit Einem Kuss am Ende scheiden. Bei solcher Trennung herb empfundnem Leiden War mir das Ufer, dem ich mich entrissen, Mit Wohnungen, mit Bergen, Hugeln, Flussen, So lang ich's deutlich sah, ein Schatz der Freuden. Zuletzt im Blauen blieb ein Augenweiden An fern entwichnen lichten Finsternissen. Und endlich, als das Meer den Blick umgrenzte, Fiel mir's zuruck ins Herz, mein heiss Verlangen, Ich suchte mein Verlornes gar verdrossen. Da war es gleich, als ob der Himmel glanzte, Mir schien, als ware nichts mir, nichts entgangen, Als hatt ich alles, was ich je genossen.

Ein Strom entrauscht umwolktem Felsensaale, Dem Ozean sich eilig zu verbinden; Was auch sich spiegeln mag von Grund zu Grunden, Er wandelt unaufhaltsam fort zu Tale. Doch sturzt sich Oreas mit einem Male, Ihr folgen Berg und Wald in Wirbelwinden Herab zur Flut, Behagen dort zu finden, Und hemmt den Lauf, begrenzt die weite Schale. Die Welle spruht und staunt zuruck und weichet Und schwillt bergan, sich immer selbst zu trinken. Gehemmt ist nun zum Vater hin das Streben. Sie schwankt und ruht zum See zuruckgedeichet. Gestirne spiegelnd sich, beschaun das Blinken Des Wellenschlags am Fels, ein neues Leben. Deine fliegenden Blatter, liebste Bettine, kamen grade zu rechter Zeit, um dem Verdruss uber Dein Verschwinden in etwas zu steuern. Beiliegend gebe ich Dir einen Teil derselben zuruck; Du siehst, wie man versucht, sich an der Zeit, die uns des Liebsten beraubt, zu rachen und schone Minuten zu verewigen. Moge sich Dir der Wert darin spiegeln, den Du fur den Dichter haben musst.

Sollte Dein Vagabondenleben noch langer dauern, so versaume nicht von allem Nachricht zu geben; ich folge Dir gerne, wo Dich auch Dein damonischer Geist hinfuhrt.

Ich lege diese Blatter an die Mutter bei, die Dir sie zu freundlicher Stunde senden mag, da ich Deine Adresse nicht genau weiss. Lebe wohl und komme Deinen Verheissungen nach. Weimar, den 7. August 1807

Goethe

An Goethe

Kassel, den 13. August 1807

Wer kann's deuten und ermessen, was in mir vorgeht? Ich bin glucklich jetzt im Andenken der Vergangenheit, als ich kaum damals in der Gegenwart war; mein erregtes Herz, die Uberraschung bei Dir zu sein, dies Kommen und Gehen und Wiederkehren in den paar Tagen, das war alles wie eindringende Wolken an meinem Himmel; er musste durch meine zu grosse Nahe zugleich meinen Schatten aufnehmen, so wie er auch immer dunkler ist, wo er an die Erde grenzt; jetzt in der Ferne wird er mild, hoch und ganz hell.

Ich mochte Deine liebe Hand mit meinen beiden an mein Herz drucken und Dir sagen: wie Friede und Fulle uber mich gekommen ist, seitdem ich Dich weiss.

Ich weiss, dass es nicht der Abend ist, der mir jetzt ins Leben hereindammert; o wenn er's doch ware! Wenn sie doch schon verlebt waren die Tage und meine Wunsche und meine Freuden, mochten sie sich alle an Dir hinauf bilden, dass Du mit uberdeckt warst und bekranzt, wie mit immergrunem Laub.

Aber so warst Du, wie ich am Abend allein bei Dir uber mich gelacht, weil ich bewegt war, und laut gelacht, weil ich weinte, aber warum? Und doch war es Dein Lachen, der Ton Deines Lachens, was mich zu Tranen ruhrte, so wie es meine Tranen waren, die Dich lachen machten, und ich bin zufrieden und sehe unter der Hulle dieses Ratsels Rosen hervorbrechen, die der Wehmut und der Freude zugleich entspriessen. Ja, Du hast recht, Prophet: ich werde noch oft mit leichtem Herzen Scherz und Lust durchwuhlen, ich werde mich mude tummeln, so wie ich in meiner Kindheit (ach, ich glaub es war gestern!) mich aus Ubermut auf den bluhenden Feldern herumwalzte und alles zusammendruckte und die Blumen mit den Wurzeln ausriss, um sie ins Wasser zu werfen, aber auf sussem, warmem, festem Ernst will ich ausruhen, und der bist Du, lachender Prophet.

Ich sag Dir's noch einmal: wer versteht's auf der weiten Erde, was in mir vorgeht, wie ich so ruhig in Dir bin, so still, so ohne Wanken in meinem Gefuhl; ich konnte, wie die Berge, Nachte und Tage in die Vergangenheit tragen, ohne nur zu zucken in Deinem Andenken. Und doch, wenn der Wind zuweilen von der ganzen bluhenden Welt den Duft und Samen zusammen auf der Berge Wipfel tragt, so werden sie auch berauscht so wie ich gestern; da hab ich die Welt geliebt, da war ich selig wie eine aufsprudelnde Quelle, in die die Sonne zum erstenmal scheint.

Leb wohl, Herrlicher, der mich blendet und mich verschuchtert. Von diesem, steilen Fels, auf den sich meine Liebe mit Lebensgefahr gewagt hat, ist nicht mehr herunterzuklettern, daran ist gar nicht zu denken, da brach ich auf allen Fall den Hals.

Bettine

Und so weit hatte ich gestern geschrieben, sass heute morgen auf dem Sessel und las still und andachtig in einer Chronik, ohne mich zu bewegen, denn ich wurde dabei gemalt, so wie Du mich bald sehen sollst, da brachte man mir das blaue Kuvert, ich brach auf und fand mich darin in gottlichem Glanz wiedergeboren, und zum erstenmal glaubte ich an meine Seligkeit. Was will ich denn? Ich begreif's nicht; Du betaubst mich, jeder kleine Larm ist mir zuwider; war's nur ganz still in der Welt, und ich brauchte nichts mehr zu erfahren nach diesem einen Augenblick, der mich schmerzt und nach dem ich mich immer zurucksehnen werde. Ach! Und was will ich denn mit Dir? Nicht viel; Dich ansehen oft und warm, Dich begleiten in Dein stilles Haus, Dich ausfragen in mussigen Stunden uber Dein fruheres und jetziges Leben, so wie ich Dein Angesicht ausgefragt habe uber seine fruhere und jetzige Schonheit. Auf der Bibliothek, da konnte ich nicht umhin, mich zu Deiner jungen Buste aufzuschwingen und meinen Schnabel wie eine Nachtigall dran zu wetzen; Du breiter voller Strom, wie Du damals die uppigen Gegenden der Jugend durchbraustest und jetzt eben ganz still durch Deine Wiesen zogst; ach, und ich sturzte Dir Felssteine vor; und wie Du wieder Dich aufturmtest; wahrlich, es war nicht zu verwundern; denn ich hatte mich tief eingewuhlt.

O Goethe! Der Gott da oben ist ein grosser Dichter, der bildet Geschicke, frei im Ather schwebend, glanzvoller Gestalt. Unser armes Herz, das ist der Mutterschoss, aus dem er sie mit grossen Schmerzen geboren werden lasset; das Herz verzweifelt, aber jene Geschicke schwingen sich aufwarts, freudig hallen sie wieder in den himmlischen Raumen. Deine Lieder sind der Samen, er fallt ins wohlvorbereitete Herz, ich fuhl's, mag sich's wenden, wie es auch will, frei von irdischer Schwere wird es als himmlisches Gedicht einst aufwarts sich schwingen, und dem Gott da oben werden diese Schmerzen und diese Sehnsucht und diese begeisterten Schwingungen Sprossen des jungen Lorbeers weihen, und selig wird das Herz sein, das solche Schmerzen getragen hat.

Siehst Du, wie ich heute ernsthaft mit Dir zu sprechen versteh? Ernster als je: und weil Du jung bist und herrlich und herrlicher wie alle, so wirst Du mich auch verstehen. Ich bin ganz sanft geworden durch Dich; am Tage treib ich mich mit Menschen, mit Musik und Buchern herum, und abends, wenn ich mude bin und will schlafen, da rauscht die Flut meiner Liebe mir gewaltsam ins Herz. Da seh ich Bilder, alles, was die Natur Sinnliches bietet, das umgibt Dich und spricht fur Dich; auf Hohen erscheinst Du; zwischen Bergwanden in verschlungnen Wegen ereile ich Dich, und Dein Gesicht malt Ratsel, lieblich zu losen. Den Tag, als ich Abschied nahm von Dir, mit dem einen Kuss, mit dem ich nicht schied, da war ich morgens beinah eine ganze Stunde allein im Zimmer, wo das Klavier steht; da sass ich auf der Erde im Eck und dachte: "Es geht nicht anders, Du musst noch einmal weinen", und Du warst ganz nah und wusstest es nicht; und ich weinte mit lachendem Mund; denn mir schaute das feste grune Land durch den trubsinnigen Nebel durch. Du kamst, und ich sagte Dir recht kurz (und ich schrankte mich recht ein dabei), wie Du mir wert seist.

Morgen reise ich nach Frankfurt, da will ich der Mutter alle Liebe antun und alle Ehre, denn selig ist der Leib, der Dich getragen hat.

Bettine

An Goethe

Am 21. August

Du kannst Dir keinen Begriff machen, mit welchem Jubel die Mutter mich aufnahm! Sowie ich hereinkam, jagte sie alle fort, die bei ihr waren. "Nun, ihr Herren", sagte sie, "hier kommt jemand, der mit mir zu sprechen hat", und so mussten alle zum Tempel hinaus. Wie wir allein waren, sollte ich erzahlen, da wusst ich nichts. "Aber wie war's, wie Du ankamst?" "Ganz miserabel Wetter"; "vom Wetter will ich nichts wissen; vom Wolfgang, wie war's, wie du hereinkamst?" "Ich kam nicht, er kam;" "nun wohin?" "In den Elefanten, um Mitternacht drei Treppen hoch; alles schlief schon fest, die Lampen auf dem Flur ausgeloscht, das Tor verschlossen, und der Wirt hatte den Schlussel schon unterm Kopfkissen und schnarchte tuchtig." "Nun, wie kam er denn da herein?" "Er klingelte zweimal, und wie er zum drittenmal recht lang an der Glocke zog, da machten sie ihm auf." "Und du?" "Ich in meiner Dachstube merkte nichts davon; Meline lag schon lange und schlief im Alkoven mit vorgezognen Vorhangen; ich lag auf dem Sofa und hatte die Hande uberm Kopf gefaltet und sah, wie der Schein der Decke spielte; da hort ich's rascheln an der Tur, und mein Herz war gleich auf dem Fleck; es klopfte, wahrend ich lauschte, aber weil es doch ganz unmoglich war in dieser spaten Stunde und weil es ganz still war, so hort ich nicht auf mein ahnendes Herz; und da trat er herein, verhullt bis ans Kinn im Mantel, und machte leise die Tur hinter sich zu und sah sich um, wo er mich finden sollte; ich lag in der Ecke des Sofas ganz in Finsternis eingeballt und schwieg; da nahm er seinen Hut ab, und wie ich die Stirne leuchten sah, den suchenden Blick, und wie der Mund fragte: 'Nun, wo bist du denn?' da tat ich einen leisen Schrei des Entsetzens uber meine Seligkeit, und da hat er mich auch gleich gefunden."

Die Mutter meinte, das wurde eine schone Geschichte geworden sein in Weimar. Der Herr Minister um Mitternacht im Elefanten drei Treppen hoch eine Visite gemacht! Ja wohl ist die Geschichte schon! Jetzt, wo ich sie hier uberlese, bin ich entzuckt, uberrascht, hingerissen, dass mir dies all begegnet ist, und ich frag Dich: welche Stunde wird so spat sein in Deinem Leben, dass es nicht Dein Herz noch ruhren sollte? Wie Du in der Wiege lagst, da konnte kein Mensch ahnen, was aus Dir werden wurde, und wie ich in der Wiege lag, da hat mir's keiner gesungen, dass ich Dich einst kussen wurde.

Hier fand ich alles auf dem alten Fleck; mein Feigenbaum hat Feigen gewonnen und seine Blatter ausgebreitet; mein Gartchen auf dem grossen Hausaltan, der von einem Flugel zum andern reicht, steht in voller Blute, der Hopfen reicht bis ans Dach, in die Laube hab ich meinen Schreibtisch gesetzt; da sitze ich und schreib an Dich und traume von Dir, wenn mir der Kopf trunken ist von den Sonnenstrahlen; ach, ich lieg so gern in der Sonne und lasse mich recht durchbrennen.

Gestern ging ich am Stift vorbei, da klingelte ich nach fruherer Gewohnheit, und da lief ich nach dem kleinen Gang, der nach der Gunderode ihrer Wohnung fuhrt. Die Tur ist noch verschlossen, es hat noch niemand wieder den Fuss uber die Schwelle gesetzt; ich kusste diese Schwelle, uber die sie so oft geschritten ist, um zu mir zu gehen und ich zu ihr. Ach, wenn sie noch lebte, welch neues Leben wurde ihr aufgehen, wenn ich ihr alles erzahlte, wie Wir in jenen Nachtstunden so still nebeneinander gesessen haben, die Hande ineinander gefugt, und wie die einzelnen Laute, die uber Deine Lippen kamen, mir ins Herz drangen. Ich schreib Dir's her, damit Du es nie vergessen sollst. Freund, ich konnte eifersuchtig sein uber Deine Anmut; die Grazien sind weiblich, sie schreiten vor Dir her, wo Du eintrittst, da ist heilige Ordnung, denn alles Zufallige selbst schmiegt sich Deiner Erscheinung an. Sie umgeben Dich, sie halten Dich gefangen und in der Zucht, denn Du mochtest vielleicht manchmal anders, aber die Grazien leiden's nicht, ja diese stehen Dir weit naher, sie haben viel mehr Gewalt uber Dich als ich.

Der Primas hat mich auch einladen lassen, wie er horte, dass ich von Weimar gekommen; ich sollte ihm von Dir erzahlen. Da hab ich ihm allerlei gesagt, was ihm Freude machen konnte. Dein Madchen hatte sich geputzt, es wollte Dir Ehre machen, ja ich wollte schon sein, weil ich Dich liebe, und weil es die Leute wissen, dass Du mir gut bist; ein rosa Atlaskleid mit schwarzen Samtarmeln und schwarzem Bruststuck, und ein schoner Strauss duftete an meinem Herzen, und goldne Spangen hielten meine schwarzen Locken zuruck. Du hast mich noch nie geputzt gesehen; ich kann Dir sagen, mein Spiegel ist freundlich bei solcher Gelegenheit, und das macht mich sehr vergnugt, so dass ich geputzt immer sehr lustig bin. Der Primas fand mich auch hubsch und nannte die Farben meines Kleides "prejuge vaincu." "Nein", sagte ich, "Marlborough s'en va-t-en guerre, qui sait quand il reviendra." "Le voila de retour", sagte er und zog meinen Englander hervor, der vor drei Wochen mit mir bei ihm zu Mittag gegessen hatte; nun musste ich wieder neben ihm sitzen beim Souper, und er sagte mir auch englisch allerlei Zartlichkeiten, die ich nicht verstehen wollte, und worauf ich ihm verkehrte Antworten gab, so war ich sehr lustig; wie ich spat nach Hause kam, da duftete mein Schlafzimmer von Wohlgeruch, und da war eine hohe Blume, die diesen Duft ausstromte, die ich noch nie gesehen hatte, eine Konigin der Nacht; ein fremder Bedienter, der nicht deutsch sprechen konnte, hatte sie fur mich gebracht; das war also ein freundliches Geschenk vom Englander, der in dieser Nacht noch abgereist war. Ich stand vor meiner Blume allein und beleuchtete sie, und ihr Duft schien mir wie Tempelduft. Der Englander hat's verstanden, mir zu gefallen.

Der Primas hat mir noch Auftrage gegeben; ich soll Dir sagen, dass wenn Dein Sohn kommt, so soll er ihn in Aschaffenburg besuchen, wohin er in diesen Tagen abreist. Da er aber erst zu Ostern kommt, so wird der Primas wieder hier sein.

Dein Kind kusst Dir die Hande.

Die Mutter lasst mich heut rufen und sagt, sie habe einen Brief von Dir, und lasst mich nicht hineinsehen und sagt, Du verlangst, ich soll dem Dux schreiben, ein paar Zeilen, weil er die Artigkeit gehabt hat, fur die umgesturzte Linde zu sorgen, und das nennst Du in meine elegischen Empfindungen eingehen. Liebster Freund, ich kann nicht leiden, dass ein andrer in meine Empfindung eingehe, die ich bloss zu Dir hege; da treib ihn nur wieder heraus; und sei Du allein in mir und mache mich nicht eifersuchtig.

Dem Dux aber sage, was meine Devotion mir hier eingibt: dass es ein andrer hoher Baum ist, fur dessen Pflege ich ihm danke, dessen bluhende Aste weit uber die Grenzen des Landes in andre Weltteile ragen und Fruchte spenden und duftenden Schatten geben. Fur den Schutz dieses Baumes, fur die Gnadenquelle, die ihn trankt, fur den Boden der Liebe und Freundschaft, aus welchem er begeisternde Nahrung saugt, bleibt mein Herz ihm ewig unterworfen, und dann dank ich ihm auch noch, dass er der Wartburger Linde nicht vergisst.

An Bettine

Am 5. September

Du hast Dich, liebe Bettine, als ein wahrer kleiner Christgott erwiesen, wissend und machtig, eines jeden Bedurfnisse kennend und ausfullend; und soll ich Dich schelten oder loben, dass Du mich wieder zum Kinde machst? Denn mit kindischer Freude hab ich Deine Bescherung verteilt und mir selbst zugeeignet. Deine Schachtel kam kurz vor Tische; verdeckt trug ich sie dahin, wo Du auch einmal gesessen, und trank zuerst August aus dem schonen Glase zu. Wie verwundert war er, als ich es ihm schenkte! Darauf wurde Riemer mit Kreuz und Beutel beliehen; niemand erriet, woher? Auch zeigte ich das kunstliche und zierliche Besteck; da wurde die Hausfrau verdriesslich, dass sie leer ausgehen sollte. Nach einer Pause, um ihre Geduld zu prufen, zog ich endlich den schonen Gewandstoff hervor; das Ratsel war aufgelost und jedermann in Deinem Lobe eifrig und frohlich.

Wenn ich also das Blatt noch umwende, so hab ich immer nur Lob und Dank da capo vorzutragen; das ausgesuchte zierliche der Gaben war uberraschend. Kunstkenner wurden herbeigerufen, die artigen Balals wenn Du eben selbst wiedergekommen warst. Du kommst mir auch wieder in jedem Deiner lieben Briefe und doch immer neu und uberraschend, so dass man glauben sollte, von dieser Seite habe man Dich noch nicht gekannt; und Deine kleinen Abenteuer weisst Du so allerliebst zu drehen, dass man gern der eifersuchtigen Grillen sich begibt, die einem denn auch zuweilen anwandeln; bloss um das artige Ende des Spasses mit zu erleben. So war es mit der launigen Episode des Englanders, dessen ungeziemendes Wagnis den Beweis fur sein schones sittliches Gefuhl herbeifuhren musste. Ich bin Dir sehr dankbar fur solche Mitteilungen, die freilich nicht jedem recht sein mogen; moge Dein Vertrauen wachsen, das mir so viel zubringt, was ich jetzt nicht mehr gerne entbehren mag; auch ein belobendes Wort muss ich Dir hier sagen fur die Art, wie Du Dich mit meinem gnadigsten Herrn verstandigt hast. Er konnte nicht umhin, auch Dein diplomatisches Talent zu bewundern; Du bist allerliebst, meine kleine Tanzerin, die einem mit jeder Wendung unvermutet den Kranz zuwirft. Und nun hoffe ich bald Nachricht, wie Du mit der guten Mutter lebst, wie Du ihrer pflegst, und welche schone vergangne Zeiten zwischen Euch beiden wieder auferstehen.

Der lieben Meline Mutzchen ist auch angekommen. Ich darf's nicht laut sagen, es steht aber niemand so gut als ihr. Freund Stollens Attention auf dem blauen Papier hat Dir doch Freude gemacht. Adieu, mein artig Kind! Schreibe bald, dass ich wieder was zu ubersetzen habe.

An Goethe

G., 17. September

Freundlicher Mann! Du bist zu gut, Du nimmst alles, was ich Dir im heiteren Ubermut biete, als wenn es noch so viel Wert habe; aber ich fuhl's recht in Deinem freundlichen Herabneigen, dass Du mir gut bist wie dem Kind, das Gras und Krauter bringt und meint, es habe einen auserlesenen Strauss zusammengesucht; dem lachelt man auch so zu und sagt: "Wie schon ist dein Strauss, wie angenehm duftet er, er soll mir bluhen in meinem Garten, hier unter mein Fenster will ich ihn pflanzen;" und doch sind es nur wurzellose Feldblumen, die bald welken. Ich aber sehe mit Lust, wie Du mich in Dich aufnimmst, wie Du diese einfachen Blumen, die am Abend schon welken mussten, ins Feuer der Unsterblichkeit haltst und mir zuruckgibst. Nennst Du das auch ubersetzen, wenn der gottliche Genius die idealische Natur vom irdischen Menschen scheidet, sie lautert, sie enthullt, sie sich selbst wieder anvertraut, und so die Aufgabe, selig zu werden, lost? Ja, Goethe, so machst Du die Seufzer, die meine sehnende Liebe aushaucht zu Geistern, die mich auf der Strasse der Seligkeit umschweben; ach, und wohl auch meiner Unsterblichkeit weit

Welch heiliges Abenteuer, das unter dem Schutze des Eros sich kuhn und stolz aufschwingt, kann ein herrlicher Ziel erreichen, als ich in Dir erreicht habe! Wo Du mir zugibst mit Lust: Gehemmt sei nun zum Vater hin das Streben. O glaub es: nimmer trink ich mich satt an diesen Liebesergiessungen; ewig fuhl ich von brausenden Sturmen mich zu Deinen Fussen getragen, und in diesem neuen Leben, in dem meine Gluckssterne sich spiegeln, vor Wonne untergehn.

Diese Tranen, die meine Schrift verblassen, die mocht ich wie Perlen aufreihen und geschmuckt vor Dir erscheinen und Dir sagen: vergleiche ihr reines Wasser mit Deinen andern Schatzen, und dann solltest Du mein Herz schlagen horen wie am Abend, wo ich vor Dir kniete.

Geheimnisse umschweben Liebende, sie hullen sie in ihre Zauberschleier, aus denen sich schone Traume entfalten. Du sitzest mit mir auf grunem Rasen und trinkst dunklen Wein aus goldnem Becher und giessest die Neige auf meine Stirn. Aus diesem Traum erwachte ich heut voll Freude, dass Du mir geneigt bist. Ich glaube, dass du teil an solchen Traumen hast; dass Du liebst in solchen Augenblicken; wem sollte ich sonst dies selige Sein verdanken, wenn Du mir's nicht gabst! Und wenn ich denn zum gewohnlichen Tag erwache, dann ist mir alles so gleichgultig, und was mir auch geboten wird, ich entbehre es gern; ja ich mochte von allem geschieden sein, was man Gluck nennt, und nur innerlich das Geheimnis, dass Dein Geist meine Liebe geniesst, so wie meine Seele von Deiner Gute sich nahrt. Ich soll Dir von der Mutter schreiben; nun, es ist wunderlich zwischen uns beschaffen, wir sind nicht mehr so gesprachig wie sonst, aber doch vergeht kein Tag, ohne dass ich die Mutter seh. Wie ich von der Reise kam, da musst ich die Rolle des Erzahlens ubernehmen, und obschon ich lieber geschwiegen hatte, so war doch ihres Fragens kein Ende, und ihrer Begierde mir zuzuhoren auch nicht. Es reizt mich unwiderstehlich, wenn sie mit grossen Kinderaugen mich ansieht, in denen der genugendste Genuss funkelt. So loste sich meine Zunge und nach und nach manches vom Herzen, was man sonst nicht leicht wieder ausspricht.

Am 2. Oktober

Die Mutter ist listig, wie sie mich zum Erzahlen bringt, so sagt sie: "Heute ist ein schoner Tag, heut geht der Wolfgang gewiss nach seinem Gartenhaus, es muss noch recht schon da sein, nicht wahr, es liegt im Tal?" "Nein, es liegt am Berg, und der Garten geht auch bergauf, hinter dem Haus da sind grosse Baume von schonem Wuchs und reich belaubt." "So! Und da bist Du abends mit ihm hingeschlendert aus dem zigmal erzahlt;" "so erzahl's noch einmal. Hattet ihr denn Licht im Haus?" "Nein, wir sassen vor der Tur auf der Bank, und der Mond schien hell." "Nun! Und da ging ein kalter Wind?" "Nein, es war gar nicht kalt, es war warm, und die Luft ganz still und wir waren auch still. Die reifen Fruchte fielen von den Baumen, er sagte: da fallt schon wieder ein Apfel und rollt den Berg hinab; da uberflog mich ein Frostschauer; der Wolfgang sagte: 'Mauschen, du frierst', und schlug mir seinen Mantel um, den zog ich dicht um mich, seine Hand hielt ich fest, und so verging die Zeit; wir standen beide zugleich auf und gingen Hand in Hand durch den einsamen Wiesengrund; jeder Schritt klang mir wieder im Herzen, in der lautlosen Stille, der Mond kam hinter jedem Busch hervor und beleuchtete uns, da blieb der Wolfgang stehen, lachte mich an im Mondglanz und sagte zu mir: 'Du bist mein susses Herz', so fuhrte er mich bis zu seiner Wohnung und das war alles." "Das waren goldne Minuten, die keiner mit Gold aufwiegen kann", sagte die Mutter, "die sind nur dir beschert, und unter Tausenden wird's keiner begreifen, was dir fur ein Gluckslos zugefallen ist; ich aber versteh es und geniesse es, als wenn ich zwei schone Stimmen sich singend Red und Antwort geben horte uber ihr verschwiegenstes Gluck."

Da holte mir die Mutter Deinen Brief und liess mich lesen, was Du uber mich geschrieben hast, dass es Dir ein grosser Genuss sei, meine Mitteilungen uber Dich zu horen; die Mutter meint, sie konne es nicht, es lag in meiner Art, zu erzahlen, das Beste.

Da hab ich Dir nun diesen schonen Abend beschrieben.

Ich weiss ein Geheimnis: wenn zwei miteinander sind und der gottliche

Genius waltet zwischen ihnen, das ist das hochste Gluck.

Adieu, mein lieber Freund.

An Goethe

Ach frage nur nicht, warum ich schon wieder ein neues Blatt vornehme, da ich Dir doch eigentlich nichts zu sagen habe? Ich weiss freilich noch nicht, womit ich's ausfullen soll, aber das weiss ich, dass es doch zuletzt in Deine lieben Hande kommt. Drum hauch ich's an mit allem, was ich Dir aussprechen wurde, stand ich selbst vor Dir. Ich kann nicht kommen, drum soll der Brief mein ungeteiltes Herz zu Dir hinubertragen, erfullt mit Genuss vergangner Tage, mit Hoffnung auf neue, mit Sehnsucht und Schmerz um Dich; da weiss ich nun keinen Anfang und kein Ende.

Von heute mag ich Dir nun gar nichts vertrauen, wie soll ich loskommen vom Wunschen, Sinnen und Wahnen; wie soll ich Dir mein treues Herz, das sich von allem zu Dir allein hinuberwendet, aussprechen? Ich muss schweigen wie damals, als ich vor Dir stand, um Dich anzusehen. Ach, was hatt ich auch sagen sollen? Ich hatte nichts mehr zu verlangen1.

Gestern waren viele witzige Kopfe im Haus Brentano beisammen, da wurden unter andern gymnastischen Geistesubungen auch Ratsel aufgegeben, da waren sehr geschickte Einfalle, und wie die Reihe an mich kam, da wusst ich nichts. Wie ich in der Verlegenheit mich umsah, und kein Gesicht, das mir einen befreundeten, verstandlichen Ausdruck hatte, da erfand ich dies Ratsel. "Warum die Menschen keine Geister sehen?" Keiner konnte es raten, ich sagte: "Weil sie sich vor Gespenster furchten." "Wer? Die Menschen?" "Nein, die Geister." Ja, so grausamlich kamen mir diese Gesichter vor und so fremd und unverstandlich, aus denen nichts zu mir sprach wie aus Deinen geliebten Zugen, vor denen sich die Geister gewiss nicht furchten; nein, es ist Deine Schonheit, dass die Geister mit Deinen Mienen spielen, und dies ist der unwiderstehliche Reiz fur den Liebenden, dass der Geist ewig Dein Gesicht umstromt. Sonntag, ganz allein im einsamen grossen Haus, alles ist ausgefahren, geritten und gegangen, Deine Mutter ist vor dem Bockenheimer Tor im Garten, weil heute die Birnen geschuttelt werden von dem Baum, der bei Deiner Geburt gepflanzt wurde.

Bettine

An Bettine

Du bist ein feines Kind, ich lese Deine lieben Briefe mit innigem Vergnugen und werde sie gewiss immer wieder lesen mit demselben Genuss. Dein Malen des Erlebten samt aller innern Empfindung von Zartlichkeit und dem, was Dir Dein witziger Damon eingibt, sind wahre Originalskizzen, die auch neben den ernsteren Beschaftigungen ihr hohes Interesse nicht verleugnen, nimm es daher als eine herzliche Wahrheit auf, wenn ich Dir danke. Bewahre mir Dein Vertrauen und lasse es womoglich noch zunehmen. Du wirst mir immer sein und bleiben, was Du bist. Mit was kann man Dir auch vergelten als nur, dass man sich willig von allen Deinen guten Gaben bereichern lasst. Wieviel Du meiner Mutter bist, weisst Du selbst, ihre Briefe fliessen in Lob und Liebe uber. Fahrst Du so fort, den fluchtigen Momenten guten Gluckes lieblicher Denkmale der Erinnerung zu widmen: ich stehe Dir nicht dafur, dass ich mir's anmassen konnte, solche geniale lebensvolle Entwurfe zur Ausfuhrung zu benutzen, wenn sie dann nur auch so warm und wahr ans Herz sprechen.

Die Trauben an meinem Fenster, die schon vor ihrer Blute und nun ein zweites Mal Zeugen Deiner freundlichen Erscheinung waren, schwellen ihrer vollen Reife entgegen, ich werde sie nicht brechen, ohne Deiner dabei zu gedenken, schreibe mir bald und liebe mich.

G.

An Goethe

Am 11. November

Mit nachstem Postwagen wirst Du einen Pack Musik erhalten, beinah alles vierstimmig, also fur Dein Hausorchester eingerichtet. Ich hoffe, dass Du sie nicht schon besitzest; bis jetzt ist es alles, was ich in dieser Art habhaft werden konnte. Gefallt sie Dir, so schick ich nach, was ich noch auftreiben kann; auf meine Wahl musst Du Dich nicht dabei verlassen, ich richte mich nur nach dem Ruf dieser Werke und kenne das wenigste. Musik imponiert mir nicht, auch kann ich sie nicht beurteilen; ich verstehe den Eindruck nicht, den sie auf mich macht, ob sie mich ruhrt, ob sie mich begeistert; nur das weiss ich, dass ich keine Antwort darauf habe, wenn ich gefragt werde, ob sie mir gefalle. Da konnte einer sagen, ich habe keinen Verstand davon, das muss ich zugeben, allein ich ahne in ihr das Unermessliche. Wie in den andern Kunsten das Geheimnis der Dreifaltigkeit sich offenbart, wo die Natur einen Leib annimmt, den der Geist durchdringt und der mit dem Gottlichen in Verbindung ist; so ist es in der Musik, als wenn die Natur sich hier nicht ins sinnlich Wahrnehmbare herabneige, sondern dass sie die Sinne reizt, dass sie sich mit

Wenn man von einem Satz in der Musik spricht und wie der durchgefuhrt ist, oder von der Begleitung eines Instruments und von dem Verstand, mit dem es behandelt ist, da meine ich grade das Gegenteil, namlich, dass der Satz den Musiker durchfuhrt, dass der Satz sich so oft aufstellt, sich entwickelt, sich konzentriert, bis der Geist sich ganz in ihn gefugt hat. Und das tut wohl in der Musik; ja alles, was den Erdenleib verleugnet, das tut wohl. Ich habe einen sehr ausgezeichneten Musiker zum Lehrer, wenn ich den frage, warum? so hat er nie ein "Weil" zur Antwort, und er muss gestehen, alles in der Musik ist himmlisches Gesetz, und dies uberzeugt mich noch mehr, dass in der Beruhrung zwischen dem Gottlichen und Menschlichen keine Erlauterung stattfinde. Ich habe hier eine freundliche Bekanntschaft mit einer sehr musikalischen Natur; wir sind oft zusammen in der Oper, da macht sie mich aufmerksam auf die einzelnen Teile, auf das Durchfuhren eines Satzes, auf das Einwirken der Instrumente; da bin ich denn ganz perplex, wenn ich solchen Bemerkungen nachgehe; das Element der Musik, in dem ich mich aufgenommen fuhlte, stosst mich aus, und dafur erkenne ich ein gemachtes, dekoriertes, mit Geschmack behandeltes Thema. Ich bin nicht in einer Welt, die mich aus der Finsternis ins Licht geboren werden lasst, wie damals in Offenbach, wo ich in der Grossmutter Garten auf grunem Rasen lag und in den sonnigen blauen Himmel sah, wahrend im Nachbarsgarten Onkel Bernhards Kapelle die ganze Luft durchstromte und ich nichts wusste, nichts wollte, als meine Sinne der Musik vertrauen. Damals hatte ich kein Urteil, ich horte keine Melodien heraus, es war kein Schmachten, kein Begeistern fur Musik, ich fuhlte mich in ihr, wie der Fisch sich im Wasser fuhlt. Wenn ich gefragt wurde, ob ich damals zugehort habe, so konnte ich's nicht eigentlich wissen, es war nicht Zuhoren, es war Sein in der Musik; ich war viel zu tief versunken, als dass ich gehort hatte auf das, was ich vernahm.

Ich hin dumm, Freund, ich kann nicht sagen, was ich weiss. Gewiss, Du wurdest mir Recht geben, wenn ich mich deutlich aussprechen konnte, und auf andre Weise wirst Du am wenigsten sie verstehen lernen. Verstehen, wie der Philister verstehet, der seinen Verstand mit Konsequenz anwendet und es so weit bringt, dass man Talent nicht vom Genie unterscheidet. Talent uberzeugt, aber Genie uberzeugt nicht; dem, dem es sich mitteilt, gibt es die Ahnung vom Ungemessenen, Unendlichen, wahrend Talent eine genaue Grenze absteckt und so, weil es begriffen ist, auch behauptet wird.

Das Unendliche im Endlichen, das Genie in jeder Kunst ist Musik. In sich selbst aber ist sie die Seele, indem sie zartlich ruhrt; indem sie aber sich dieser Ruhrung bemachtigt, da ist sie Geist, der seine eigne Seele warmt, nahrt, tragt, wiedergebart; und darum vernehmen wir Musik, sonst wurde das sinnliche Ohr sie nicht horen, sondern nur der Geist; und so ist jede Kunst der Leib der Musik, die die Seele jeder Kunst ist; und so ist Musik auch die Seele der Liebe, die auch in ihrem Wirken keine Rechenschaft gibt; denn sie ist das Beruhren des Gottlichen mit dem Menschlichen, und auf jeden Fall ist das Gottliche die Leidenschaft, die das Menschliche verzehrt. Liebe spricht nichts fur sich aus, als dass sie in Harmonie versunken ist; Liebe ist flussig, sie verfliegt in ihrem eignen Element; Harmonie ist ihr Element.

Am 17. November

Lieber Goethe, halte meine wunderlichen Gedanken dem wunderlichen Platz zu gut, wo ich mich befinde; ich bin in der Karmeliterkirche, in einem verborgnen Winkel hinter einem grossen Pfeiler; da geh ich alle Tage her in der Mittagsstunde, da scheint die Herbstsonne durchs Kirchenfenster und malt den Schatten der Weinblatter hier auf die Erde und an die weisse Wand, da seh ich, wie der Wind die bewegt und wie eins nach dem andern abfallt; hier ist tiefe Einsamkeit, und die Menschen, die ich hier zur ungewohnlichen Stunde treffe, die sind gewiss da, um an ihre am Eingang ist die Gruft, wo Vater und Mutter begraben liegen und sieben Geschwister; da steht ein Sarg uber dem andern. Ich weiss nicht, was mich in diese grosse dustre Kirche lockt; fur die Toten beten? Soll ich sagen: "Lieber Gott im Himmel, heb doch diese Verstorbenen zu dir in den Himmel?" Die Liebe ist ein flussig Element, sie lost Seele und Geist in sich auf, und das ist Seligkeit. Wenn ich hier in die Kirche gehe, an der Gruft vorbei, die meine Eltern und Geschwister deckt, da falte ich die Hande, und das ist mein ganzes Gebet.

Der Vater hat mich zartlich geliebt, ich hatte eine grosse Gewalt uber ihn; oft schickte mich die Mutter mit einer schriftlichen Bitte an ihn und sagte: "Lass den Vater nicht los, bis er Ja sagt", da hing ich mich an seinen Hals und umklammerte ihn, da sagte er: "Du bist mein liebstes Kind, ich kann nicht versagen."

Der Mutter erinnere ich mich auch noch, ihrer grossen Schonheit; sie war so fein und doch so erhaben und glich nicht den gewohnlichen Gesichtern; Du sagtest von ihr, sie sei fur die Engel geschaffen, die sollten mit ihr spielen. Deine Mutter hat mir erzahlt, wie Du sie zum letztenmal gesehen, dass Du die Hande zusammenschlugst uber ihre Schonheit, das war ein Jahr vor ihrem Tod; da lag der General Brentano in unserm Haus an schweren Wunden; die Mutter pflegte ihn, und er hatte sie so lieb, dass sie ihn nicht verlassen durfte. Sie spielte Schach mit ihm, er sagte: "Matt!" Und sank zuruck ins Bett; sie liess mich holen, weil er nach den Kindern verlangt hatte ich trat mit ihr ans Bett, da lag er blass und still; die Mutter rief ihn: "Mein General!" Da offnete er die Augen, reichte ihr lachelnd die Hand und sagte: "Meine Konigin!" Und so war er gestorben.

Ich seh die Mutter noch wie im Traum, dass sie vor dem Bett steht, die Hand dieses erblassten Helden festhalt und ihre Tranen leise aus den grossen schwarzen Augen uber ihr stilles Antlitz rollen. Damals hast Du sie zum letztenmal gesehen, und Du sagtest voraus, dass Du sie nicht wiedersehen wurdest. Deine Mutter hat mir's erzahlt, wie Du tief bewegt uber sie warst. Wie ich Dich zum erstenmal sah, da sagtest Du: "Du gleichst deinem Vater, aber der Mutter gleichst du auch", und dabei hast Du mich ans Herz gedruckt und warst tief geruhrt, das war doch lange Jahre nachher.

Adieu.

Bettine

Von den Juden und den neuen Gesetzen ihrer Stadtigkeit hat Dir die Mutter schon Meldung getan; alle Juden schreiben seitdem; der Primas hat viel Vergnugen an ihrem Witz. Alle Christen schreiben uber Erziehung; es kommt beinah alle Woche ein neuer Plan von einem neuverheirateten Erzieher heraus. Mich interessieren die neuen Schulen nicht so sehr als das Judeninstitut, in das ich oft gehe.

An Bettine

Weimar, den 2. Januar 1808

Sie haben, liebe kleine Freundin, die sehr grandiose Manier, uns Ihre Gaben recht in Masse zu senden. So hat mich Ihr letztes Paket gewissermassen erschreckt, denn wenn ich nicht recht haushalterisch mit dem Inhalt umgehe, so erwurgt meine kleine Hauskapelle eher daran, als dass sie Vorteil davon ziehen sollte. Sie sehen also, meine Beste, wie man sich durch Grossmut selbst dem Vorwurf aussetzen konne; lassen Sie sich aber nicht irre machen. Zunachst soll Ihre Gesundheit von der ganzen Gesellschaft recht ernstlich getrunken und darauf das Confirma hoc Deus von Jomelli angestimmt werden, so herzlich und wohlgemeint, als nur jemals ein salvum fac Regem.

Und nun gleich wieder eine Bitte, damir wir nicht aus der Ubung kommen. Senden Sie mir doch die judischen Broschuren. Ich mochte doch sehen, wie sich die modernen Israeliten gegen die neue Stadtigkeit gebarden, in der man sie freilich als wahre Juden und ehemalige kaiserliche Kammerknechte traktiert. Mogen Sie etwas von den christlichen Erziehungsplanen beilegen, so soll auch das unsern Dank vermehren. Ich sage nicht, wie es bei solchen Gelegenheiten diensten bereit sei, doch wenn etwas bei uns einmal reif wird, was Sie freuen konnte, so soll es auch zu Ihnen gelangen.

Liebstes Kind, verzeih, dass ich mit fremder Hand schreiben musste. Uber Dein musikalisches Evangelium und uber alles, was Du mir Liebes und Schones schreibst, hatte ich Dir so heute nichts sagen konnen, aber lass Dich nicht storen in Deinem Eigensinn und in Deinen Launen, es ist mir viel wert, Dich zu haben, wie Du bist, und in meinem Herzen findest Du immer eine warme Aufnahme. Du bist ein wunderliches Kind, und bei Deiner Ansiedlung in Kirchen konntest Du leicht zu einer wunderlichen Heiligen werden, ich gebe Dir's zu bedenken.

Goethe

An Goethe

Wer draussen auf der Taunusspitze war und die Gegend und ganze liebe Natur von Schonheit zu Schonheit steigen und sinken sahe abends und morgens, wahrend sein Herz so mit Dir beschaftigt war wie meins, der wurde freilich auch besser sagen konnen, was er zu sagen hat. Ich mochte so gern vertraulich mit Dir sprechen, und Du verlangst ja auch, ich soll Eigensinn und Laune Dir preisgeben.

Du kennst mein Herz, Du weisst, dass alles Sehnsucht ist, Wille, Gedanke und Ahnung; Du wohnst unter Geistern, sie geben Dir gottliche Wahrheit. Du musst mich ernahren, Du gibst alles zum Voraus, was ich nicht zu fordern verstehe. Mein Geist hat einen kleinen Umfang, meine Liebe einen grossen, Du musst sie ins Gleichgewicht bringen. Die Liebe kann nicht ruhig werden, als wenn der Geist ihr gewachsen ist; Du bist meiner Liebe gewachsen; Du bist mild, freundlich, nachsichtig; lasse mich's fuhlen, wenn mein Herz sich nicht im Takt wiegt, ich versteh Deine leisen Winke.

Ein Blick von Deinen Augen in die meinen, ein Kuss von Dir auf meinen Mund belehrt mich uber alles; was konnte dem auch wohl noch erfreulich scheinen zu lernen, der wie ich, hiervon Erfahrung hat. Ich bin entfernt von Dir, die Meinen sind mir fremd geworden, da muss ich immer in Gedanken auf jene Stunde zuruckkehren, wo Du mich in den sanften Schlingen Deiner Arme hieltest, da fang ich an zu weinen; aber die Tranen trocknen mir unversehens wieder: er liebt ja heruber in diese verborgene Stille, denke ich, und sollte ich mit meinem ewigen ungestorten Sehnen nach ihm nicht in die Ferne reichen? Ach vernimm es doch, was Dir mein Herz zu sagen hat, es fliesst uber von leisen Seufzern, alle flustern Dir zu: mein einzig Gluck auf Erden sei Dein freundlicher Wille zu mir. O lieber Freund, gib mir doch ein Zeichen2, Du seist meiner gewartig. Du schreibst, dass Du meine Gesundheit trinken willst, ach ich gonne sie Dir, lasse keinen Tropfen ubrig, mochte ich mich selber doch so in Dich ergiessen und Dir wohl bekommen.

Deine Mutter erzahlte mir, wie Du kurz, nachdem Du den Werther geschrieben, im Schauspiel gesessen und wie Dir da anonym ein Billet sei in die Hand gedruckt worden, darin geschrieben war: "Ils ne te comprendront point, Jean Jacques." Sie behauptet, ich aber konne immer zu jedem sagen: "Tu ne me comprendras point, Jean Jacques", denn welcher Hans Jacob wird Dich nicht missverstehen, oder Dich gelten lassen wollen? Sie sagt aber, Du Goethe, verstundest mich, und ich gelte alles bei Dir.

Die Erziehungsplane und Judenbroschuren werd ich mit nachstem Posttag senden. Obschon Du nicht zu allen gefalligen Gegendiensten bereit bist, aber doch mir schicken willst, was reif ist; so denke doch, dass meine Liebe Dir brennende Strahlen zusendet, um jede Regung fur mich zu susser Reife zu bringen.

Bettine

An Goethe

Was soll ich Dir denn schreiben, da ich traurig bin und nichts neues Freundliches zu sagen weiss? Lieber mocht ich Dir gleich das weisse Blatt schicken, statt dass ich's erst mit Buchstaben beschreibe, die doch immer nicht sagen, was ich will, Du fulltest es zu Deinem Zeitvertreib aus, machtest mich uberglucklich und schicktest es an mich zuruck, wenn ich denn den blauen Umschlag sehe und riss ihn auf: neugierig eilig, wie die Sehnsucht immer der Seligkeit gewartig ist, und ich lese nun, was mich aus Deinem Mund einst entzuckte: Lieb Kind, mein artig Herz, mein einzig Liebchen, klein Mauschen, die sussen Worte, mit denen Du mich verwohntest, so freundlich mich beschwichtigend; ach! mehr wollt ich nicht, alles hatt ich wieder, sogar Dein Lispeln wurde ich mitlesen, mit dem Du mir leise das Lieblichste in die Seele ergossen und mich auf ewig vor mir selbst verherrlicht hast3. Da ich noch an Deinem Arm durch die Strassen ging, ach wie eine geraume Zeit dunkt mir's, da war ich zufrieden, alle Wunsche waren schlafen gegangen, hatten wie die Berge Gestalt und Farbe in Nebel eingehullt; ich dachte, so ging es, und weiter, ohne grosse Muhseligkeit vom Land in die hohe See, kuhn und stolz, mit gelosten Flaggen und frischem Wind. Aber Goethe, feurige Jugend will die Sitten der heissen Jahreszeit, wenn die Abendschatten sich ubers Land ziehen, dann sollen die Nachtigallen nicht schweigen: singen soll alles, oder sich freudig aussprechen; die Welt soll ein uppiger Fruchtkranz sein, alles soll sich drangen im Genuss, und aller Genuss soll sich machtig ausbreiten, er soll sich ergiessen wie garender Most, der brausend arbeitet, bis er zur Ruhe kommt, untergehen sollen wir in ihm wie die Sonne unter die Meereswellen, aber auch wiederkommen wie sie. So ist Dir's geworden, Goethe, keiner weiss, wie Du mit Gott vertraut warst und was fur Reichtum von ihm erlangt hast, wenn Du untergegangen warst im Genuss.

Das seh ich gerne, wenn die Sonne untergeht, wenn die Erde ihre Glut in sich saugt und ihr die feurigen Flugel leise zusammenfaltet und die Nacht durch gefangen halt, da wird es still auf der Welt, die Sehnsucht steigt so heimlich aus den Finsternissen empor; ihr leuchten die Sterne so unerreichbar uberm Haupt, so unerreichbar, Goethe!

Wenn man selig sein soll, da wird man so zaghaft, das Herz scheidet zitternd vom Gluck, noch ehe es den Willkommen gewagt; auch ich fuhl's, dass ich meinem Gluck nicht gewachsen bin. Welche Allbefahigung, um Dich zu fassen! Liebe muss eine Meisterschaft erwerben, das Geliebte besitzen wollen, wie es der gemeine Menschenverstand nimmt, ist nicht der ewigen Liebe wurdig und scheitert jeden Augenblick am kleinsten Ereignis. Das ist meine erste Aufgabe, dass ich mich Dir aneigne, nicht aber Dich besitzen wolle, Du Allbegehrlichster!

Ich bin doch noch so jung, dass es sich leicht entschuldigen lasst, wenn ich unwissend bin. Ach, fur Wissenschaft hab ich keinen Boden, ich fuhl's, ich kann's nicht lernen, was ich nicht weiss, ich muss es erwarten, wie der Prophet in der Wuste die Raben erwartet, dass sie ihm Speise bringen. Der Vergleich ist so uneben nicht: durch die Lufte wird meinem Geist Nahrung zugetragen, oft grade, wenn er im Verschmachten ist.

Seitdem ich Dich liebe, schwebt ein Unerreichbares mir im Geist; ein Geheimnis, das mich nahrt. Wie vom Baum die reifen Fruchte fallen, so fallen hier mir Gedanken zu, die mich erquicken und reizen. O Goethe, hatte der Springquell eine Seele, er konnte sich nicht erwartungsvoller ans Licht drangen, um wieder emporzusteigen, als ich mit ahnender Gewissheit mich diesem neuen Leben entgegendrange, das mir durch Dich gegeben ist, und das mir zu erkennen gibt, dass ein hoherer Lebenstrieb den Kerker sprengen will, der nicht schont der Ruhe und Gemachlichkeit gewohnter Tage, die er in brausender Begeisterung zertrummert. Diesem erhabenen Geschick entgeht der liebende Geist nicht, so wenig der Same der Blute entgeht, wenn er einmal in frischer Erde liegt. So fuhl ich mich in Dir, Du fruchtbarer gesegneter Boden! Ich kann sagen, wie das ist, wenn der Keim die harte Rinde sprengt, es ist schmerzlich; die lachelnden Fruhlingskinder sind unter Tranen erzeugt.

O Goethe, was geht mit dem Menschen vor? Was erfahrt er, was erlebt er in dem innersten Flammenkelch seines Herzens? Ich wollte Dir meine Fehler gern bekennen, allein die Liebe macht mich ganz zum idealischen Menschen. Viel hast Du fur mich getan, noch eh Du von mir wusstest, uber vieles, was ich begehrte und nicht erlangte, hast Du mich hinweggehoben.

Bettine

An Goethe

Am 5. Marz

Hier in Frankfurt ist es nass, kalt, verrucht, abscheulich; kein guter Christ bleibt gerne hier; wenn die Mutter nicht war, der Winter war unertraglich, so ganz ohne Haltnis, nur ewig schmelzender Schnee! Ich habe jetzt einen Nebenbuhler bei ihr, ein Eichhornchen, was ein schoner franzosischer Soldat als Einquartierung hier liess, von dem lasst sie sich alles gefallen, sie nennt es Hanschen, und Hanschen darf Tische und Stuhle zernagen, ja es hat selbst schon gewagt, sich auf ihre Staatshaube zu setzen und dort die Blumen und Federn anzubeissen. Vor ein paar Tagen ging ich abends noch hin, die Jungfer liess mich ein mit dem Bedeuten, sie sei noch nicht zu Hause, musse aber gleich kommen. Im Zimmer war's dunkel, ich setzte mich ans Fenster und sah hinaus auf den Platz. Da war's, als wenn was knisterte, ich lauschte und glaubte atmen zu horen, mir ward unheimlich, ich horte wieder etwas sich bewegen und fragte, weil ich's gern aufs Eichhornchen geschoben hatte: "Hanschen bist du es?" Sehr unerwartet und fur meinen Mut sehr niederschlagend antwortete eine sonore Bassstimme aus dem Hintergrund: "Hanschen ist's nicht, es ist ritus. Voll Ehrfurcht wag ich mich nicht aus der Stelle, der Geist lasst sich auch nur noch durch Atmen und einmaliges Niesen vernehmen; da hor ich die Mutter, sie schreitet voran, die kaum angebrannte, noch nicht volleuchtende Kerze hinterdrein, von Jungfer Lieschen getragen. "Bist du da?" fragte die Mutter, indem sie ihre Haube abnimmt, um sie auf ihren nachtlichen Stammhalter, eine grune Bouteille, zu hangen. "Ja", rufen wir beide, und aus dem Dunkel tritt ein besternter Mann hervor und fragt: "Frau Rat, werd ich heut abend mit Ihnen einen Specksalat mit Eierkuchen essen?" Daraus schloss ich denn ganz richtig, dass Hans ein Prinz von Mecklenburg sei; denn wer hatte die schone Geschichte nicht von Deiner Mutter gehort, wie auf der Kaiserkronung die jetzige Konigin von Preussen, damals als junges Prinzessinnenkind und ihr Bruder der Frau Rat zusahen, wie sie ein solches Gericht zu speisen im Begriff war, und dass dies ihren Appetit so reizte, dass sie es beide verzehrten, ohne ein Blatt zu lassen. Auch diesmal wurde die Geschichte mit vielem Genuss vorgetragen und noch manche andre, z.B. wie sie den Prinzessinnen den Genuss verschaffte, sich im Hof am Brunnen recht satt Wasser zu pumpen, und die Hofmeisterin durch alle mogliche Argumente abhalt, die Prinzessinnen abzurufen, und endlich, da diese nicht darauf Rucksicht nimmt, Gewalt braucht und sie im Zimmer einschliesst. "Denn", sagte die Mutter, "ich hatte mir eher den argsten Verdruss uber den Hals kommen lassen, als dass man sie in den unschuldigen Vergnugungen gestort hatte, das ihnen nirgendwo gegonnt war als in meinem Hause; auch haben sie mir's beim Abschied gesagt, dass sie nie vergessen wurden, wie glucklich und vergnugt sie bei mir waren." So konnte ich Dir noch ein Paar Bogen voll schreiben von allen Ruckerinnerungen!

Adieu, lieber Herr! Die Frau gruss ich, Riemers Sonett kracht wie neue Sohlen; er soll meiner Geschafte gewartig sein und seinen Diensteifer nicht umsonst gehabt haben.

Gelt, ich mach's grade wie Dein Liebchen, schreibe, kritzele, mach Tintenkleckse und Orthographiefehler und denk, es schadet nichts, weil er weiss, dass ich ihn liebe, und der Brief, den Du mir geschrieben, war doch so artig und zierlich abgefasst, das Papier mit goldnem Schnitt! Aber, Goethe, erst ganz zuletzt denkst Du an mich! Erlaub, dass ich so frei bin, Dir einen Verweis zu geben fur diesen Brief, fasse alles kurz ab, was Du verlangst, und schreib's mit eigner Hand, ich weiss nicht, warum Du einen Sekretar anstellst, um das Uberflussige zu melden, ich kann's nicht vertragen, es beleidigt mich, es macht mich krank; im Anfang glaubt ich, der Brief sei gar nicht an mich, nun trag ich doch gern solch einen Brief auf dem Herzen, solange bis der neue kommt, wie kann ich aber mit einer solchen fremden Sekretarhand verfahren? Nein, diesmal hab ich Dich in meinem Zorn verdammt, dass Du gleich mit dem Sekretar in die alte Schublade eingeklemmt wurdest, und der Mutter hab ich gar nicht gesagt, dass Du geschrieben hattest, ich hatte mich geschamt, wenn ich ihr diesen Peruckenstil hatte vortragen mussen. Adieu, schreibe mir das einzige, was Du zu sagen hast, und nicht mehr.

Bettine

An Goethe

Am 15. Marz

Nun sind's beinahe sechs Wochen, dass ich auch nur ein Wort von Dir gehort habe, weder durch die Frau Mutter noch durch irgendeine andre Gelegenheit. Ich glaube nicht, dass, wie viele andere sind, Du auch bist, und Dir durch Geschafte und andere Wichtigkeiten den Weg zum Herzen versperrst; aber ich muss furchten, dass meine Briefe Dir zu haufig kommen, und muss mich zuruckhalten, was mich doch selig machen konnte, wenn es nicht so war und ich glauben durfte, dass meine Liebe, die so anspruchslos ist, dass sie selbst Deinen Ruhm vergisst und zu Dir wie zu einem Zwillingsbruder spricht, Dich erfreut. Wie ein Lowe mocht ich fur Dich fechten, mocht alles verderben und in die Flucht jagen, was nicht wert ist, Dich zu beruhren; muss um deinetwillen die ganze Welt verachten, muss ihr um deinetwillen Gnade widerfahren lassen, weil Du sie verherrlichst, und weiss nichts von Dir! Sag nur, ob Du's zufrieden bist, dass ich Dir schreibe? Sag nur: "Ja, du darfst!" Wenn ich nun in etlichen Wochen, denn da haben wir schon Fruhling hier, ins Rheingau gehe, dann schreib ich Dir von jedem Berg aus; bin Dir so immer viel naher, wenn ich mit jedem Atemzug Dich zu fuhlen, wie Du im Herzen regierst, wenn es recht schon ist draussen, wenn die Luft schmeichelt, ja wenn die Natur gut und freundlich ist wie Du, da fuhl ich Dich so deutlich. Aber was soll ich mit Dir? Du selbst hast mir nichts zu sagen; in dem Brief, den Du mir schriebst, den ich zwar so lieb habe wie meinen Augapfel, da nennst Du mich nicht einmal, wie Du gewohnt warst, grad als ob ich Deiner Vertraulichkeiten nicht wert ware. Ach, es geht ja von Mund zu Herzen bei mir! Ich wurde nichts von Schatz und Herz und Kuss veraussern, und wenn ich auch am Hungertuch nagen musste. In der Karmeliterkirche hab ich im Herbst allerlei geschrieben, Erinnerungen aus der Kindheit, sie fielen mir immer ein, wenn ich dahin kam, und doch war ich bloss hingekommen, um ungestort an Dich zu denken! Jede Lebenszeit geht mir in Dir auf, ich denke mir die Kinderjahre, als ob ich sie mit Dir verspiele, und wachs empor und wahne mich geborgen in Deinem Schutz und fuhle stolz mich in Deinem Vertrauen, und da regt sich's im Herzen vor heisser Liebe, da such ich Dich, wie soll ich Ruhe finden? An Deiner Brust nur, umschrankt von Deinen Armen. Und warst Du es nicht, so war ich bei Dir; aber so muss ich mich furchten vor aller Augen, die sind auf Dich gerichtet, ach, und vor dem stechenden Blick, der unter Deinem Kranz hervorleuchtet4!

Ausser Dir erscheinen mir alle Menschen wie einer und derselbe, ich unterscheide sie nicht, ich begehr nicht nach dem ungeheuren allseitigen Meer der Ereignisse. Der Lebensstrom tragt Dich, Du mich, in Deinen Armen durchschiff ich ihn, Du tragst mich bis zum Ende, nicht wahr? Und wenn es auch noch tausendfache Existenzen gibt, ich kann mich nicht hinuberschwingen, bei Dir bin ich zu Hause, so sei doch auch zu Hause mit mir, oder weisst Du etwas Besseres als mich und Dich im magischen Kreis des Lebens?

Unlangst hatten wir ein kleines Fest im Hause wegen Savignys Geburtstag. Deine Mutter kam mittags um zwolf und blieb bis nachts um ein Uhr, sie befand sich auch den andern Tag ganz wohl darauf. Bei der Tafel war grosse Musik von Blase-Instrumenten, auch wurden Verse zu Savignys Lob gesungen, wo sie so tapfer einstimmte, dass man sie durch den ganzen Chor durchhorte. Da wir nun auch Deine und ihre Gesundheit tranken, wobei Trompeten und Pauken schmetterten, so ward sie feierlich vergnugt. Nach Tische erzahlte sie der Gesellschaft ein Marchen, alles hatte sich in feierlicher Stille um sie versammelt. Im Anfang holte sie weit aus, das grosse Auditorium mochte ihr doch ein wenig bange machen; bald aber tanzten alle rollefahigen Personen in der grotesken Weise aus ihrem grossen Gedachtniskasten auf das phantastischste geschmuckt, es wurden noch allerlei kleine Szenen aufgefuhrt, dann trat eine junge spanische Tanzerin auf, die mit Kastagnetten sehr schon tanzte. Dieses graziose Kind gibt hier beim Theater Vorstellungen, ich hab Dir von ihr noch nicht gesagt, dass sie mich seit Wochen in einem stillen Enthusiasmus erhalt, und dass ich oft denke, ob denn Gott was anders will, als dass sich die Tugend in die reine Kunst verwandle, dass man namlich nach den Gesetzen einer himmlischen Harmonie die Glieder des Geistes mit leichtem Enthusiasmus rege und so mit anmutigen Gebarden die Tugend ausdrucke, wie jene den Takt und den Sinn der Musik. Nach dem Souper tanzte man, ich sass etwas schlafrig an der Seite Deiner Mutter, sie hielt mich umhalst und hatte mich lieb wie den Joseph; ich hatte dazu auch einen roten Rock an. Man hat einstimmig beschlossen, es solle nie ein Familienfest gegeben werden ohne die Mutter, so sehr hat man ihren guten Einfluss empfunden; ich hab mich gewundert, wie schnell sie die Herzen gewinnen kann, bloss weil sie mit Kraft geniesst und dadurch die ganze Umgebung auch zur Freude bewegt.

Die Deinen grusse ich herzlich, ich habe nicht vergessen, was ich fur Deine Frau versprach; nachstens wird alles fertig sein, nur die Frau von Sch. musste ich schandlicherweise vergessen mit dem Tuch! Nun was ist zu tun? Mein Minister, denk ich, bekommt hier eine schone Negotiation. Gelt, ich missbrauch Deine Geduld? Guter! Bester! Dem mein Herz ewig dient.

Dein Sohn wird sein Bundel bald schnuren; nur nicht zu fest! Denn ich will ihm bei der Durchreise noch einen Pack guter Lehren mitgeben, die er auch noch mit einschnuren muss. Mein Bruder George hat ein kleines Landhaus in Rodelheim gekauft, Du musst es kennen, da Du selbst den Plan dazu gemacht und mit Basset, der jetzt in Amerika wohnt, den Bau besorgtest. Ich freu mich gar sehr uber seine schonen Verhaltnisse, ich meine, Dein Charakter, Deine Gestalt und Deine Bewegungen spiegeln sich in ihnen. Wir fahren beinah alle Tage hinaus, gestern stieg ich aufs Dach; die Sonne schien so warm, es war so hell, man konnte so recht die Berge im Schoss der Taler liegen sehen. O Jammer, dass ich nicht fliegen kann! Was nutzt es all, dass ich Dich so lieb hab? Jung, kraftig und stolz bin ich in Dir; ich mag's nicht auslegen, die Welt schiebt doch alles Gefuhl in ihr einmal gemachtes Register, Du bist uber alles gut, dass Du meine Liebe duldest, in der ich uberglucklich bin. Wie das Weltmeer ohne Ufer ist mein Gemut, seine Wellen tragen, was schwimmen kann; Dich aber hab ich mit Gewalt ins tiefste Geheimnis meines Lebens gezogen und walle freudebrausend dahin uber der Gewissheit Deines Besitzes.

Wenn ich mich sonst im Spiegel betrachtete und meine Augen sich selbst so feurig anschauten und ich fuhlte, dass sie in diesem Augenblick hatten durchdringen mussen, und ich hatte niemand, dem ich einen Blick gegonnt hatte, da war mir's leid, dass alle Jugend verloren ging, jetzt aber denk ich an Dich.

Bettine

An Goethe

Am 30. Marz

Kleine unvorhergesehene Reisen in die nachsten Gegenden, um den Winter vor seinem Scheiden noch einmal in seiner Pracht zu bewundern, haben mich abgehalten, sogleich meines einzigen und liebsten Freundes in der ganzen Welt Wunsch zu befriedigen. Hierbei sende ich alles, was bis jetzt erschienen, ausser ein Journal, welches die Juden unter dem Namen Sulamith herausgeben. Es ist sehr weitlaufig; begehrst Du es, so send ich's, da die Juden es mir als ihrem Protektor und kleinen Nothelfer verehren. Es enthalt die verschiedensten Dinge, kreuz und quer; besonders zeichnen sich die Oden, die sie dem Furstprimas widmen, darin aus; ein grosses Gedicht, was sie ihm am Neujahrstag brachten, schickte er mir und schrieb: "Ich verstehe kein Hebraisch, sonst wurde ich eine Danksagung schreiben, aber da fur die kleine Freundin der Hebraer nichts zu verkehrt und undeutsch ist, so trage ich ihr auf, in meinem Namen ein Gegengedicht zu machen." Der boshafte Primas! Ich hab ihn aber gestraft! Und gestern im Konzert sagte er mir: "Es ist gut, dass die Juden nicht ebensoviel Heldengeist als Handelsgeist haben, ich war am Haus blockierten."

Wahrenddem bin ich im Odenwald gewesen und bin auf des Gotz altem Schloss herumgeklettert, ganz oben auf den Mauern, wo beinah kein menschlicher Fuss mehr sich stutzen kann; uber Mauerspalten, die mich doch zuweilen schwindeln machten, als immer im Gedanken an Dich, an Deine Jugend, an Dein Leben bis jetzt, das wie ein lebendig Wasser fortbraust. Weisst Du? Es tut so wohl, wenn einem das Herz so ganz ergriffen ist. Wie ich mich drehe und wende, so spiegelt sich mir im Gemut, was ich im Hinterhalt habe und was mir wie ein seliger Traum nachgeht, und das bist Du!

Dort war es wunderschon! Ein ungeheurer Turm, worauf ehemals die Wachter sassen, um die Frankenschiffe in dem kleinen Mildeberg zu verkunden mit Trompetenstoss. Tannen und Fichten wachsen oben, die beinah halb uber seine Hohe hervorragen.

Zum Teil waren die Weinberge noch mit Schnee bedeckt; ich sass auf einem abgebrochenen Fensterbalken und fror, und doch durchdrang mich heisse Liebe zu Dir, ich zitterte vor Angst hinunterzusturzen, und kletterte doch noch hoher, weil mir's einfiel, Dir zu lieb wollt ich's wagen. So machst Du mich oft kuhn; es ist ein Gluck, dass die wilden Wolfe aus dem Odenwalde nicht herbeikamen, ich hatte mich mit ihnen balgen mussen, hatte ich Deiner Ehre dabei gedacht; es scheint Unsinn, aber so ist's. Die Mitternacht, die bose Stunde der Geister, weckt mich; ich leg mich im kalten Winterwind ans Fenster; ganz Frankfurt ist tot, der Docht in den Strassenlaternen ist im Verglimmen, die alten rostigen Wetterfahnen greinen mir was vor, und da denk ich: ist das die ewige Leier? Und da fuhl ich, dass dies Leben ein Gefangnis ist, wo ein jeder nur eine kummerliche Aussicht hat in die Freiheit: das ist die eigne Seele. Siehst Du, da rast es in mir; ich mochte hinauf uber die alten spitzen Giebeldacher, die mir den Himmel abschneiden; ich verlasse das Zimmer, eile uber die weiten Gange unseres Hauses, suche mir einen Weg uber die alten Boden, und hinter dem Sparrwerk ahne ich Gespenster, aber ich achte ihrer nicht; da suche ich die Treppe zum kleinen Turmchen, wenn ich endlich oben bin, da seh ich aus der Turmluke den weiten Himmel und friere gar nicht; da ist mir's, als musse ich die gesammelten Tranen abladen, und dann bin ich am andern Tag so heiter und so neugeboren, ich suche mit List nach einem Scherz, den ich ausfuhren mochte; und kannst Du mir glauben? Das alles bist Du.

Bettine

Die Mutter kommt oft zu uns, wir machen ihr Maskeraden und alle mogliche Ergotzlichkeit; sie hat unsere ganze Familie in ihren Schutz genommen, ist frisch und gesund.

An Bettine

Die Dokumente philanthropischer Christen- und Judenschaft sind glucklich angekommen, und Dir soll dafur, liebe kleine Freundin, der beste Dank werden. Es ist recht wunderlich, dass man eben zur Zeit, da so viele Menschen totgeschlagen werden, die ubrigen aufs beste und zierlichste auszuputzen sucht. Fahre fort, mir von diesen heilsamen Anstalten, als Beschutzerin derselben, von Zeit zu Zeit Nachricht zu geben. Dem braunschweigischen Judenheiland ziemt es wohl, sein Volk anzusehen, wie es sein und werden sollte; dem Fursten Primas ist aber auch nicht zu verdenken, dass er dies Geschlecht behandelt wie es ist, und wie es noch eine Weile bleiben wird. Mache mir doch eine Schilderung von Herrn Molitor. Wenn der Mann so vernunftig wirkt, als er schreibt, so muss er viel Gutes erschaffen. Deinem eignen philanthropischen Erziehungswesen aber wird Uberbringer dieses, der schwarzaugige und braunlockige Jungling, empfohlen. Lasse seine vaterliche Stadt auch ihm zur Vaterstadt werden, so dass er glaube, sich mitten unter den Seinen zu befinden. Stelle ihn Deinen lieben Geschwistern und Verwandten vor und gedenke mein, wenn Du ihn freundlich aufnimmst. Deine Berg-, Burg-, Kletter- und Schaurelationen versetzen mich in eine schone heitere Gegend, und ich stehe nicht davor, dass Du nicht gelegentlich davon eine phantastische Abspiegelung in einer Fata Morgana zu sehen kriegst.

Da nun von August Abschied genommen ist, so richte ich mich ein, von Haus und der hiesigen Gegend gleichfalls Abschied zu nehmen und baldmoglichst nach dem Karlsbader Gebirge zu wandeln.

Heute um die elfte Stunde wird confirma hoc Deus gesungen, welches schon sehr gut geht und grossen Beifall erhalt.

Weimar, den 3. April 1808

G.

An Goethe

Wir haben einen nasskalten April, ich merk's an Deinem Brief, der ist wie ein allgemeiner Landregen; der ganze Himmel uberzogen von Anfang bis ans Ende; Du besitzest zwar die Kunst, in kleinen Formenzugen und Linien Dein Gefuhl ahnen zu lassen, und in dem, was Du unausgesprochen lasst, stiehlt sich die Versicherung ins Herz, dass man Dir nicht gleichgultig ist; ja ich glaub's, dass ich Dir lieb bin, trotz Deinem kalten Brief; aber wenn Deine schone Massigung plotzlich zum Teufel ging und Du bliebst ohne Kunst und ohne feines Taktgefuhl, so ganz wie Dich Gott geschaffen hat in Deinem Herzen, ich wurde mich nicht vor Dir furchten, wie jetzt, wenn ein so kuhler Brief ankommt, wo ich mich besinnen muss, was ich denn getan habe.

Heute schreibe ich aber doch mit Zuversicht, weil ich Dir erzahlen kann, wie Dein einziger Sohn sich hier wohl und lustig befindet; er gibt mir alle Abend im Theater ein Rendezvous in unserer Loge; fruhmorgens spaziert er schon auf den Stadtturmen herum, um die Gegend seiner vaterlichen Stadt recht zu beschauen; ein paarmal hab ich ihn hinausgefahren, um ihm die Gemusgartnerei zu zeigen, da grade jetzt die ersten wunderbarlichen Vorbereitungen dazu geschehen, wo jeder Staude ihr Standort mit der Richtschnur abgemessen wird, und wo diese fleissigen Gartner mit so grosser Sorgfalt jedem Pflanzchen seinen Lebensunterhalt anweisen; auch ans Stallburgsbrunnchen hab ich ihn gefuhrt, auf die Pfingstwiese, auf den Schneidewall; dann hinter die schlimme Mauer, wo in der Jugend Dein Spielplatz war; dann zum Mainzer Torchen hinaus; auch in Offenbach war er mit mir und der Mutter, und sind gegen Abend bei Mondschein zu Wasser wieder in die Stadt gefahren; da hat unterwegs die Mutter recht losgelegt von all Deinen Geschichten und Lustpartien; und da legte ich mich am Abend zu Bett mit trunkner Einbildung, was mir einen Traum eintrug, von dem die Erinnerung mir eine Zeitlang Nahrung sein wird. Es war, als lief ich in Weimar durch den Park, in dem ein starker Regen fiel; es war grade alles im ersten Grun, die Sonne schien durch den Regen. Als ich an Deine Tur kam, hort ich Dich schon von weitem sprechen; ich rief, Du hortest nicht, da sah ich Dich auf derselben Bank sitzen, hinter welcher im vorigen Jahr die schone breite Malve noch spat gewachsen war, gegenuber lag auch die Katze wie damals, und als ich zu Dir kam, sagtest Du auch wieder: "Setze Dich nur dort uben zur Katze, wegen Deinen Augen, die mag ich nicht so nah." Hier wachte ich auf, aber weil mir der Traum so lieb war, konnt ich ihn nicht aufgeben; ich traumte fort, trieb allerlei Spiel mit Dir und bedachte dabei Deine Gute, die solche Zutraulichkeit erlaubt. Du! der einen Kreis des Lebendigen umfasset, in dem wir alle Dein Vertrauen in so machtigen Zugen schon eingesogen haben. Ich furchte mich manchmal, die Liebe, die rasch in meinem Herzen aufsteigt, wenn auch nur in Gedanken vor Dir auszusprechen; aber so ein Traum sturzt wie ein angeschwollner Strom uber den Damm. Es mag sich einer schwer entschliessen, eine Reise nach der Sonne zu tun, weil ihn die Erfahrung, dass man da nicht ankommt, davon abhalt; mir gilt in solchen Augenblicken die Erfahrung nichts, und so scheint mir denn, Dein Herz zu erreichen in seinem vollen Glanze, nichts Unmogliches.

Molitor war gestern bei mir; ich las ihm die Worte uber ihn aus Deinem Briefe vor, sie haben ihn sehr ergotzt; dieser Edle ist der Meinung, dass, da er einen Leib fur die Juden zu opfern habe und einen Geist ihnen zu widmen, beide auch recht nutzlich anzuwenden; es geht ihm ubrigens nicht sehr wohl, ausser in seinem Vertrauen auf Gott, bei welchem er jedoch fest glaubt, dass die Welt nur durch Schwarzkunst wieder ins Gleichgewicht zu bringen ist. Er hat gross Vertrauen auf mich und glaubt, dass ich mit der Divinationskraft begabt bin; brav ist er und will ernstlich das Gute; bekummert sich deswegen nicht um die Welt und um sein eigen Fortkommen; ist mit einem Stuhl, einem Bett und mit funf Buchern, die er im Vermogen hat, sehr wohl zufrieden.

Adieu, ich eile Toilette zu machen, um mit Deiner Mutter und Deinem Sohn zum Primas zu fahren, der heute ihnen zu Ehren ein grosses Fest gibt; da werd ich denn wieder recht mit dem Schlaf zu kampfen haben; diese vielen Lichter, die geputzten Leute, die geschminkten Wangen, das summende Geschwatz, haben eine narkotische unwiderstehliche Wirkung auf mich.

Bettine

An Frau von Goethe

Am 7. April

Erinnern Sie sich noch des Abends, den wir bei Frau von Schopenhauer zubrachten, und man eine Wettung machte, ich konne keine Nahnadel fuhren? Ein Beweis, dass ich damals nicht gelogen habe, ist beikommendes Rocklein; ich hab es so schon gemacht, dass mein Talent fur weibliche Handarbeit ohne Ungerechtigkeit doch nicht mehr im Zweifel gezogen werden kann. Betrachten Sie es indessen mit Nachsicht, denn im stillen muss ich Ihnen bekennen, dass ich meinem Genie beinahe zuviel zugetraut habe. Wenn Sie nur immer darin erkennen, dass ich Ihnen gern so viel Freude machen mochte, als in meiner Gewalt steht.

August scheint sich hier zu gefallen; das Fest, welches der Furstprimas der Grossmutter und dem Enkel gab, beweist recht, wie er den Sohn ehrt. Ich will indessen der Frau Rat nicht vorgreifen, die es Ihnen mit den schonsten Farben ausmalen wird. August schwarmt in der ganzen Umgegend umher; uberall sind Jugendfreunde seines Vaters, die von den Hohen da und dort hindeuten und erzahlen, welche gluckliche Stunden sie mit ihm an so schonen Orten verlebten; und so geht es im Triumph von der Stadt aufs dem zierlichsten und reinsten Stadtchen von der Welt, das mit himmelblauseidenem Himmel unterlegt ist, mit silbernen Wellen garniert und mit bluhenden Feldern von Hyazinthen und Tausendschonchen gestickt; da war des Erzahlens der Erinnerungen an jene gluckliche Zeiten kein Ende.

Beiliegende Granaten hab ich aus Salzburg erhalten; tragen Sie dieselben zu meinem Andenken.

Bettine

Einliegende Bucher fur den Geheimen Rat.

An Bettine

Weimar, den 20. April 1808

Auch gestern wieder, liebes Herz, hat sich aus Deinem Fullhorn eine reichliche Gabe zu uns ergossen, grade zur rechten Zeit und Stunde, denn die Frauenzimmer waren in grosser Uberlegung, was zu einem angesagten Fest angezogen werden sollte. Nichts wollte recht passen, als eben das schone Kleid ankam, das denn sogleich nicht geschont wurde.

Da unter allen Seligkeiten, deren sich meine Frau vielleicht ruhmen mochte, die Schreibseligkeit die allergeringste ist: so verzeihe Du, wenn sie nicht selbst die Freude ausdruckt, die Du ihr gemacht hast. Wie leer es bei uns aussieht, fallt mir erst recht auf, wenn ich umherblicke und Dir doch auch einmal etwas Freundliches zuschicken mochte. Daruber will ich mir nun also weiter kein Gewissen machen und auch fur die gedruckten Hefte danken, wie fur manches, wovon ich noch jetzt nicht weiss, wie ich mich seiner wurdig machen soll. Das wollen wir denn mit bescheidenem Schweigen ubergehen und uns lieber abermals zu den Juden wenden, die jetzt in einem entscheidenden Moment zwischen Tur und Angel stecken und die Flugel schon sperren, noch ehe ihnen das Tor der Freiheit

Es war mir sehr angenehm, zu sehen, dass man den finanzgeheimeratlichen, jakobinischen Israelssohn so tuchtig nach Hause geleuchtet hat. Kannst du mir den Verfasser der kleinen Schrift wohl nennen? Es sind treffliche einzelne Stellen drin, die in einem Pladoyer von Beaumarchais wohl hatten Platz finden konnen. Leider ist das Ganze nicht rasch, kuhn und lustig genug geschrieben, wie es hatte sein mussen, um jenen Humanitatssalbader vor der ganzen Welt ein fur allemal lacherlich zu machen. Nun bitte ich aber noch um die Judenstadtigkeit selbst, damit ich ja nicht zu bitten und zu verlangen aufhore.

Was Du mir von Molitor zu sagen gedenkst, wird mir Freude machen; auch durch das letzte, was Du von ihm schickst, wird er mir merkwurdig, besonders durch das, was er von der Pestalozzischen Methode sagt.

Lebe recht wohl! Hab tausend Dank fur die gute Aufnahme des Sohns und bleibe dem Vater gunstig.

G.

An Goethe

Die Stadtigkeits- und Schutzordnung der Judenschaft wird hierbei von einer edlen Erscheinung begleitet; nicht allein, um Dir eine Freude zu machen, sondern weil dies Bild mir lieb ist, hab ich's von der Wand an meinem Bett genommen, an dem es seit drei Tagen hing, und seine Schonheit dem Postwagen anvertraut; Du sollst nur sehen, was mich reizen kann. Hang dies Bild vor Dich, schau ihm in diese schonen Augen, in denen der Wahnsinn seiner Jugend schon uberwunden liegt, dann fallt es Dir gewiss auf, was Sehnsucht erregt. Dies Unwiederbringliche, was nicht lang das Tagslicht vertragt und schnell entschwindet, weil es zu herrlich ist fur den Missbrauch. Diesem aber ist es nicht entschwunden, es ist ihm nur tiefer in die Seele gesunken; denn zwischen seinen Lippen haucht sich schon wieder aus, was sich im erhellten Aug nicht mehr darf sehen lassen. Wenn man das ganze Gesicht anblickt: man hat's so lieb man mocht mit ihm gewesen sein, um alle Pein mit ihm zu dulden, um alles ihm zu verguten durch tausendfache Liebe, und wenn man den breiten vollen Lorbeer erblickt, scheinen alle Wunsche fur ihn erfullt. Sein ganzes Wesen, das Buch, was er an sich halt, macht ihn so lieb; hatt ich damals gelebt, ich hatt ihn nicht verlassen.

August ist weg; ich sang ihm vor: "Sind's nicht diese, sind's doch andre, die da weinen, wenn ich wandre, holder Schatz, gedenk an mich." Und so wanderte er zu den Pforten unseres republikanischen Hauses hinaus; hab ihn auch von Herzen umarmt, zur Erinnerung fur mich an Dich; weil Du mich aber vergessen zu haben scheinst und mir nur immer von dem Volk schreibst, welches verflucht ist, und es Dir lieb ist, wenn Jacobson heimgeschickt wird, aber nicht, wenn ich heimlich mit Dir bin, so schreib ich's zur Erinnerung fur Dich an mich, die Dich trotz Deiner Kalte doch immer liebhaben muss halt, weil sie muss.

Dem Primas hute ich mich wohl, Deine Ansichten uber die Juden mitzuteilen, denn einmal geb ich Dir nicht recht, und hab auch meine Grunde; ich leugne auch nicht, die Juden sind ein heisshungriges, unbescheidenes Volk; wenn man ihnen den Finger reicht, so reissen sie einem bei der Hand an sich, dass man um und um purzeln mochte; das kommt eben daher, dass sie so lang in der Not gesteckt haben; ihre Gattung ist doch Menschenart, und diese soll doch einmal der Freiheit teilhaftig sein, zu Christen will man sie absolut machen, aber aus ihrem engen Fegfeuer der uberfullten Judengasse will man sie nicht herauslassen; das hat nicht wenig Uberwindung der Vorurteile gekostet, bis die Christen sich entschlossen hatten, ihre Kinder mit den armen Judenkindern in eine Schule zu schicken, es war aber ein hochst genialer und glucklicher Gedanke von meinem Molitor, furs erste Christen- und Judenkinder in eine Schule zu bringen; die konnen's denn miteinander versuchen und den Alten mit gutem Beispiel vorgehen. Die Juden sind wirklich voll Untugend, das lasst sich nicht leugnen; aber ich sehe gar nicht ein, was an den Christen zu verderben ist; und wenn denn doch alle Menschen Christen werden sollen, so lasse man sie ins himmlische Paradies, da werden sie sich schon bekehren, wenn's ihnen gefallig ist.

Siehst Du, die Liebe macht mich nicht blind, es war auch ein zu grosser Nachteil fur mich, denn mit sehenden Augen bin ich alles Schonen inne geworden.

Adieu, kalter Mann, der immer uber mich hinaus nach den Judenbroschuren reicht; ich bitte Dich, steck das Bild an die Wand mit vier Nadeln, aber in Dein Zimmer, wo ich das einzige Mal drin war und hernach nicht mehr.

Bettine

An Bettine

Du zurnst auf mich, da muss ich denn gleich zu Kreuz kriechen und Dir recht geben, dass Du mir den Prozess machst uber meine kurzen kalten Briefe, da doch Deine lieben Briefe, Dein lieb Wesen, kurz alles, was von Dir ausgeht, mit der schonsten Anerkenntnis musste belohnt werden. Ich bin Dir immer nah, das glaube fest, und dass es mir wohler tut, je langer ich Deiner Liebe gewiss werde. Gestern schickte ich meiner Mutter ein kleines Blattchen fur Dich; nimm's als ein bares Aquivalent fur das, was ich anders auszusprechen in mir kein Talent fuhle, sehe zu, wie Du Dir's aneignen kannst. Leb wohl, schreib mir bald, alles was Du willst.

Goethe

Der durchreisende Passagier wird Dir hoffentlich wert geblieben sein bis ans Ende. Nehme meinen Dank fur das Freundliche und Gute, was Du ihm erzeigt hast. Wenn ich in Karlsbad zur Ruh bin, so sollst Du von mir horen. Deine Briefe wandern mit mir; schreib mir ja recht viel von Deinen Reisen, Landpartien, alten und neuen Besitzungen; das lese ich nun so gern.

Weimar, den 4, Mai 1808

Sonett,

im Brief an Goethes Mutter eingelegt

Als kleines art'ges Kind nach Feld und Auen Sprangst du mit mir so manchen Fruhlingsmorgen. "Fur solch ein Tochterchen, mit holden Sorgen Mocht ich als Vater segnend Hauser bauen!" Und als du anfingst in die Welt zu schauen, War deine Freude hausliches Besorgen. "Solch eine Schwester! und ich war geborgen: Wie konnt ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!" Nun kann den schonen Wachstum nichts

beschranken;

Ich fuhl im Herzen heisses Liebestoben, Umfass ich sie, die Schmerzen zu beschwichtgen? Doch ach! Nun muss ich dich als Furstin denken: Du stehst so schroff vor mir emporgehoben; Ich beuge mich vor deinem Blick, dem fluchtgen.

An Goethe

Ist es Dir eine Freude, mich in tiefer Verwirrung beschamt zu Deinen Fussen zu sehen, so sehe jetzt auf mich herab; so geht's der armen Schafermaid, der der Konig die Krone aufsetzt; wenn ihr Herz auch stolz ist, ihn zu lieben, so ist die Krone doch zu schwer; ihr Kopfchen schwankt unter der Last, und noch obendrein ist sie trunken von der Ehre, von den Huldigungen, die der Geliebte ihr schenkt.

Ach, ich werde mich huten, ferner zu klagen oder um schon Wetter zu beten, kann ich doch den blendenden Sonnenstrahl nicht vertragen. Nein, lieber im Dunkel seufzen, still verschwiegen, als von Deiner Muse ans helle Tageslicht gefuhrt, beschamt, bekranzt; das sprengt mir das Herz. Ach, betrachte mich nicht so lange, nimm mir die Krone ab, verschranke Deine Arme um mich an Deinem Herzen und lehre mich vergessen uber Dir selber, dass Du mich verklart mir wiederschenkst.

Bettine

An Goethe

Am 20. Mai

Schon acht Tage bin ich in der lieblichsten Gegend des Rheins, und konnte vor Faulheit, die mir die liebe Sonne einbrennt, keinen Augenblick finden, Deinem freundlichen Brief eine Antwort zu geben. Wie lasst sich da auch schreiben! Die Allmacht Gottes schaut mir zu jedem Fenster herein und neigt sich anmutig vor meinem begeisterten Blick.

Dabei bin ich noch mit einem wunderbaren Hellsehen begabt, was mir die Gedanken einnimmt. Seh ich einen Wald, so wird mein Geist auch alle Hasen und Hirsche gewahr, die drin herumspringen; und hor ich die Nachtigall, so weiss ich gleich, was der kalte Mond an ihr verschuldet hat.

Gestern Abend ging ich noch spat an den Rhein; ich wagte mich auf einen schmalen Damm, der mitten in den Fluss fuhrt, an dessen Spitze von Wellen umbrauste Felsklippen hervorragen; ich erreichte mit einigen gewagten Sprungen den allervordersten, der grade so viel Raum bietet, um trocknen Fusses drauf zu stehen. Die Nebel umtanzten mich; Heere von Raben flogen uber mir, sie drehten sich im Kreis, als wollten sie sich aus der Luft herablassen; ich wehrte Kopf schwenkte, aber ich wagte nicht, uber mich zu sehen, aus Furcht, ins Wasser zu fallen. Wie ich umkehren wollte, da war guter Rat teuer; ich konnte kaum begreifen, wie ich hingekommen war; es fuhr ein kleiner Seelenverkaufer voruber, dem winkte ich, mich mitzunehmen. Der Schiffer wollte zu der weissen Gestalt, die er trocknen Fusses mitten auf dem Flusse stehen sah, und die die Raben fur ihre Beute erklarten, kein Zutrauen fassen; endlich lernte er begreifen, wie ich dahin gekommen war, und nahm mich an Bord seines Dreibords. Da lag ich auf schmalem Brett, Himmel und Sterne uber mir; wir fuhren noch eine halbe Stunde abwarts, bis wo seine Netze am Ufer hingen; wir konnten von weitem sehen, wie die Leute bei hellem Feuer Teer kochten und ihr Fahrzeug anstrichen.

Wie leidenschaftslos wird man, wenn man so frei und einsam sich befindet wie ich im Kahn; wie ergiesst sich Ruh durch alle Glieder, sie ertrankt einem mit sich selbsten, sie tragt die Seele so still und sanft wie der Rhein mein kleines Fahrzeug, unter dem man auch nicht eine Welle platschern horte. Da sehnte ich mich nicht wie sonst meine Gedanken vor Dir auszusprechen, dass sie gleich den Wellen an der Brandung anschlagen und belebter weiter stromen; ich seufzte nicht nach jenen Regungen im Innern, von denen ich wohl weiss, dass sie Geheimnisse wecken und dem gluhenden Jugendgeist Werkstatte und Tempel offnen. Mein Schiffer mit der roten Mutze, in Hemdarmeln, hatte sein Pfeifchen angezundt; ich sagte: "Herr Schiffskapitan, Ihr seht ja aus, als hatt die Sonne Euch zum Harnisch ausgluhen wollen "; "Ja", sagte er, "jetzt sitz ich im Kuhlen; aber ich fahre nun schon vier Jahre alle Reisende bei Bingen uber den Rhein, und da ist keiner so weit hergekommen wie ich. Ich war in Indien; da sah ich ganz anders aus, da wuchsen mir die Haare so lang. Und war in Spanien; da ist die Hitze nicht so bequem, ich hab Strapazen ausgestanden; da fielen mir die Haare aus, und ich kriegte einen schwarzen Krauskopf. Und hier am Rhein wird's wieder anders: da wird mein Kopf gar weiss; in der Fremde hatt ich Not und Arbeit, wie es ein Mensch kaum ertragt; und wenn ich Zeit hatte, konnte ich vierundzwanzig Stunden hintereinander schlafen, da mocht es regnen und blitzen unter freiem Himmel. Hier schlaf ich nachts keine Stunde; wer's einmal geschmeckt hat auf offner See, dem kann's nicht gefallen, hier alle Polen und rothaarigen Hollander uber die Gosse zu fahren, und sollt ich den ganzen Rhein hinunterschwimmen auf meinen dunnen Rippen, so muss ich fort aus einem Ort, wo's nichts zu lachen gibt und nichts zu seufzen." "Ei, wo mochtet Ihr denn hin?" "Da, wo ich am meisten ausgestanden habe, das war in Spanien; da mocht ich wieder sein, und wenn's noch einmal so hart herging!" "Was hat Euch denn da so glucklich gemacht?" Er lachte und schwieg, wir landeten; ich bestellte ihn zu mir, dass er sich ein Trinkgeld bei mir hole, weil ich nichts bei mir hatte; er wollte aber nichts nehmen. Im Nachhausegehen uberlegte ich, wie mein Gluck ganz von Dir ausgeht; wenn Du nicht warst im langweiligen Deutschland, so mocht ich wahrhaftig auch auf meinen dunnen Rippen den unendlichen Rhein hinabschwimmen. Unsere Grossmutter hat uns oft so erhabene Dinge gesagt von Deutschlands grossen Geistern, aber Du warst nicht dabei, sonst hatt ich mich vor Dir gehutet, und Du warst meiner Begeisterung verlustig gewesen. Im Einschlafen fuhlte ich mich noch immer gewiegt in susser, gedankloser Zerstreuung, und es war mir, als hab ich Dir grosse Dinge mitzuteilen, von denen ich glaubte, ich durfe nur wollen, so werde sie der Mund meiner Gedanken aussprechen; jetzt aber, nach ausgeschlafnem Traumleben, weiss ich nichts, als mich Deinem Andenken, Deiner freundlichen Neigung aufs innigste anzuschmiegen; denn warst Du mir nicht, ich weiss nicht, was ich dann war; aber gewiss: unstat und unruhig wurde ich suchen, was ich jetzt nicht mehr suche.

Dein Kind

Wie ist mir, lieber einziger Freund! Wie schwindelt mir, was willst Du mir sagen, Schatz! kostlicher! von dem ich alles lerne tief in der Brust, der mir alle Fesseln abnimmt, die mich drucken, der mir winkt in die Lufte, in die Freiheit.

Das hast Du mir gelehrt, dass alles, was meinem Geist eine Fessel ist, allein nur druckende Unwissenheit ist; wo ich mich furchte, wo ich meinen Kraften nicht traue, da bin ich nur unwissend.

Wissen ist die Himmelsbahn; das hochste Wissen ist Allmacht, das Element der Seligkeit; solange wir nicht in ihm sind, sind wir noch ungeboren. Selig sein ist frei sein; ein freies, selbstandiges Leben haben, dessen Hohe und Gottlichkeit nicht abhangt von seiner Gestaltung; das in sich gottlich ist, weil nur reiner Entfaltungstrieb in ihm ist; ewiges Bluhen ans Licht und sonst nichts.

Liebe ist Entfaltungstrieb in die gottliche Freiheit. Dies Herz, das von Dir empfunden sein will, will frei werden; es will entlassen sein aus dem Kerker in Dein Bewusstsein. Du bist das Reich, der Stern, den es seiner Freiheit erobern will. Liebe will allmahlich die Ewigkeit erobern, die wie Du weisst, kein Ende nehmen wird.

Dies Sehnen ist jenseits der Atem, der die Brust hebt; und die Liebe ist die Luft, die wir trinken.

Durch Dich werd ich ins unsterbliche Leben eingehen; der Lebende geht ein durch den Geliebten ins Gottliche, in die Seligkeit. Liebe ist Uberstromen in die Seligkeit.

Dir alles sagen, das ist mein ganzes Sein mit Dir; der Gedanke ist die Pforte, die den Geist entlasst; da rauscht er hervor und hebt sich hinuber zur Seele, die er liebt, und lasst sich da nieder und kusst die Geliebte, und das ist Wollustschauer: den Gedanken empfinden, den die Liebe entzundet.

Moge mir dies susse Einverstandnis mit Dir bewahrt bleiben, in dem sich unser Geist beruhrt; dies kuhne Heldentum, das sich uber den Boden der Bedrangnis und Sorge hinweghebt, auf himmlischen Stufen aufwartsschreitend, solchen schonen Gedanken entgegen, von denen ich weiss, sie kommen aus Dir.

Goethe an B.

Am 7. Juni

Nur wenig Augenblicke vor meiner Abreise nach Karlsbad kommt Dein lieber Brief aus dem Rheingau; auf jeder Seite so viel Herrliches und Wichtiges leuchtet mir entgegen, dass ich im voraus Beschlag lege auf jede prophetische Eingebung Deiner Liebe; Deine Briefe wandern mit mir, die ich wie eine buntgewirkte Schnur auftrossle, um den schonen Reichtum, den sie enthalten, zu ordnen. Fahre fort, mit diesem lieblichen Irrlichtertanz mein beschauliches Leben zu ergotzen und beziehende Abenteuer zu lenken; es ist mir alles aus eigner Jugenderinnerung bekannt wie die heimatliche Ferne, deren man sich deutlich bewusst fuhlt, ob man sie schon lange verlassen hat. Forsche doch nach dem Lebenslauf Deines hartgebrannten Schiffers, wenn Du ihm wieder begegnest; es ware doch wohl interessant zu erfahren, wie der indische Seefahrer endlich auf den Rhein kommt, um zur gefahrdeten Stunde den bosen Raubvogeln mein liebes Kind abzujagen. Adieu! Der Eichwald und die kuhlen Bergschluchten, die meiner harren, sind der Stimmung nicht ungunstig, die Du so unwiderstehlich herauszulocken verstehst; auch predige Deine Naturevaneinen frommen Glaubigen an mir hast.

Die gute Mutter hat mir sehr bedauerlich geschrieben, dass sie diesen Sommer Dich entbehren soll; Deine reiche Liebe wird auch dahin versorgend wirken, und Du wirst einen in dem andern nicht vergessen.

Mochtest Du doch auch gelegentlich meinen Dank, meine Verehrung unserm vortrefflichen Fursten Primas ausdrucken, dass er meinen Sohn so uber alle Erwartung geehrt und der braven Grossmutter ein so einziges Fest gegeben. Ich sollte wohl selbst dafur danken, aber ich bin uberzeugt, Du wirst das, was ich zu sagen habe, viel artiger und anmutiger, wenn auch nicht herzlicher vortragen.

Deine Briefe werden mir in Karlsbad bei den drei Mohren der willkommenste Besuch sein, von denen ich mir das beste Heil verspreche. Erzahle mir ja recht viel von Deinen Reisen, Landpartien, alten und neuen Besitzungen, und erhalte Dich mir in fortdauerndem lebendigem Andenken.

G.

An Goethe

Am 16. Juni

Hier sind noch tausend herrliche Wege, die alle nach beruhmten Gegenden des Rheins fuhren; jenseits liegt der Johannisberg, auf dessen steilen Rucken wir taglich Prozessionen hinaufklettern sehen, die den Weinbergen Segen erflehen, dort uberstromt die scheidende Sonne das reiche Land mit ihrem Purpur, und der Abendwind tragt feierlich die Fahnen der Schutzheiligen in den Luften und blaht die weitfaltigen weissen Chorhemden der Geistlichkeit auf, die sich in der Dammerung wie ein ratselhaftes Wolkengebilde den Berg hinabschlangeln. Im Naherrucken entwickelt sich der Gesang; die Kinderstimmen klingen am vernehmlichsten; der Bass stosst nur ruckweise die Melodien in die rechten Fugen, damit sie das kleine Schulgewimmel nicht allzuhoch treibe, und dann pausiert er am Fuss des Berges, wo die Weinlagen aufhoren. Nachdem der Herr Kaplan den letzten Rebstock mit dem Wadel aus dem Weihwasserkessel bespritzt hat, fliegt die ganze Prozession wie Spreu auseinander, der Kuster nimmt Fahne, Weihkessel und Wadel, Stola und Chorhemd, alles unter den Arm, und tragt's eilends davon, als ob die Grenze der Weinberge auch liche Leben ein, Schelmenliedchen bemachtigen sich der Kehlen, und ein heiteres Allegro der Ausgelassenheit verdrangt den Bussgesang, alle Unarten gehen los, die Knaben balgen sich und lassen ihre Drachen am Ufer im Mondschein fliegen, die Madchen spannen ihre Leinwand aus, die auf der Bleiche liegt, und die Bursche bombardieren sie mit wilden Kastanien; da jagt der Stadthirt die Kuhherde durchs Getummel, den Ochs voran, damit er sich Platz mache; die hubschen Wirtstochter stehen unter den Weinlauben vor der Tur und klappen mit dem Deckel der Weinkanne, da sprechen die Chorherren ein, und halten Gericht uber Jahrgange und Weinlagen, der Herr Fruhmessner sagt nach gehaltener Prozession zum Herrn Kaplan: "Nun haben wir's unserm Herrgot vorgetragen, was unserm Wein nottut: noch acht Tage trocken Wetter, dann morgens fruh Regen und mittags tuchtigen Sonnenschein, und das so fort Juli und August! Wenn's dann kein gutes Weinjahr gibt, so ist's nicht unsre Schuld."

Gestern wanderte ich der Prozession voruber, hinauf nach dem Kloster, wo sie herkam. Oft hatte ich im Aufsteigen Halt gemacht, um den verhallenden Gesang noch zu horen. Da oben auf der Hohe war grosse Einsamkeit; nachdem auch das Geheul der Hunde, die das Psalmieren obligat begleitet hatten, verklungen war, spurte ich in die Ferne; da horte ich dumpf das sinkende Treiben des scheidenden Tags; ich blieb in Gedanken sitzen, da kam aus dem fernen Waldgeheg von Vollratz her etwas Weisses, es war ein Reiter auf einem Schimmel; das Tier leuchtete wie ein Geist, sein weicher Galopp tonte mir weissagend, die schlanke Figur des Reiters schmiegte sich so nachgebend den Bewegungen des Pferdes, das den Hals sanft und gelenk bog; bald in lassigem Schritt kam er heran, ich hatte mich an den Weg gestellt, er mochte mich im Dunkel fur einen Knaben halten, im braunen Tuchmantel und schwarzer Mutze sah ich nicht grade einem Madchen ahnlich. Er fragte, ob der Weg hier nicht zu steil sei zum Hinabreiten, und ob es noch weit sei bis Rudesheim. Ich leitete ihn den Berg herab, der Schimmel hauchte mich an, ich klatschte seinen sanften Hals. Des Reiters schwarzes Haar, seine erhabene Stirn und Nase waren bei dem hellen Nachthimmel deutlich zu erkennen. Der Feldwachter ging voruber und grusste, ich zog die Mutze ab, mir klopfte das Herz neben meinem zweifelhaften Begleiter, wir gaben einander wechselweise Raum, uns naher zu betrachten; was er von mir zu denken beliebte, schien keinen grossen Eindruck auf ihn zu machen, ich aber entdeckte in seinen Zugen, seiner Kleidung und Bewegungen eine reizende Eigenheit nach der andern. Nachlassig, bewusstlos, naturlaunig sass er auf seinem Schimmel, der das Regiment mit ihm teilte. Dorthin flog er im Nebel schwimmend, der ihn nur allzubald mir verbarg; ich aber blieb bei den letzten Reben, wo heute die Prozession in ausgelassnem Ubermut auseinandersprengte, allein zuruck: ich fuhlte mich sehr gedemutigt, ich ahnete nicht nur, ich war uberzeugt, dies rasche Leben, das eben gleichgultig an mir vorubergestreift war, begehre mit allen funf Sinnen des Kostlichsten und Erhabensten im Dasein sich zu bemachtigen.

Die Einsamkeit gibt dem Geist Selbstgefuhl; die duftenden Weinberge schmeichelten mich wieder zufrieden.

Und nun vertraue ich Dir schmucklos meinen Reiter, meine gekrankte Eitelkeit, meine Sehnsucht nach dem lebendigen Geheimnis in der Menschenbrust. Soll ich in Dir lebendig werden, geniessen, atmen und ruhen, alles im Gefuhl des Gedeihens, so muss ich, Deiner hoheren Natur unbeschadet, alles bekennen durfen was mir fehlt, was ich erlebe und ahne; nimm mich auf, weise mich zurecht und gonne mir die heimliche Lust des tiefsten Einverstandnisses.

Die Seele ist zum Gottesdienst geboren, dass ein Geist in dem andern entbrenne, sich in ihm fuhle und verstehen lerne, das ist mir Gottesdienst je inniger: je reiner und lebendiger.

Wo ich mich hinlagere am grunenden Boden, von Sonne und Mond beschienen, da bist Du meine Heiligung.

Bettine

Am 25. Juni

Du wirst doch auch einmal den Rhein wieder besuchen, den Garten Deines Vaterlands, der dem Ausgewanderten die Heimat ersetzt, wo die Natur so freundlich gross sich zeigt; wie hat sie mit sympathetischem Geist die machtigen Ruinen aufs neue belebt, wie steigt sie auf und ab an den dustern Mauern und begleitet die verodeten Raume mit schmeichelnder Begrasung und erzieht die wilden Rosen auf den alten Warten und die Vogelkirsche, die aus verwitterter Mauerluke herablacht! Ja, komm und durchwandre den machtigen Bergwald vom Tempel herab zum Felsennest, das uber dem schaumenden Bingerloch herabsieht, die Zinnen mit jungen Eichen gekront; wo die schlanken Dreiborde wie schlaue Eidechsen durch die reissende Flut am Mauseturm vorbeischiessen. Da stehst Du und siehst, wie der helle Himmel uber grunenden Rebhugeln aus dem Wasserspiegel herauflacht, und Dich selbst auf Deinem kecken eigensinnigen basaltnen Ehrenfels inmitten abgemalt, in ernste, schaurig umfassende Felshohen und hartnackige Vorsprunge eingerahmt; da betrachte Dir die Mundungen der Tale, die mit ihren friedlichen Klostern zwischen wallenden Saaten aus blauer Ferne hervorgrunen, und Burg zur andern sich schwingen, und das Geschmeide der Stadte und Dorfer, das die Ufer schmuckt.

O Weimar, o Karlsbad, entlasst mir den Freund! Schliess Dein Schreibpult zu und komm hier her, lieber als nach Karlsbad; das ist ja ein Kleines, dass Du dem Postillon sagst: links statt rechts; ich weiss, was Du bedarfst, ich mache Dir Dein Zimmer zurecht neben meinem, das Eckzimmer, mit dem einen Fenster den Rhein hinunter und dem andern hinuber; ein Tisch, ein Sessel, ein Bett und ein dunkler Vorhang, dass die Sonne Dir nicht zu fruh hereinscheint. Muss es denn immer auf dem Weg zum Tempel des Ruhms fortgeleiert sein, wo man so oft marode wird?

Eben entdeckte ich den Brieftrager, ich sprang ihm entgegen, er zeigte mir auch von weitem Deinen Brief, er freute sich mit mir und hatte auch Ursache dazu, er sagte; "Gewiss ist der Brief von dem Herrn Liebsten!"

"Ja," sagte ich, "fur die Ewigkeit!" Das hielt er fur ein melancholisches Ausrufungszeichen.

Die Mutter hat mir auch heute geschrieben, sie sagt mir's herzlich, dass sie mir wohl will, von Deinem Sohn erhalte ich zuweilen Nachricht durch andre, er selbst aber lasst nichts von sich horen.

Und nun leb wohl, Dein Aufenthalt in Karlsbad sei Dir gedeihlich, ich segne Deine Gesundheit; wenn Du krank warst und Schmerzen littest, wurde ich sehr mitleiden; ich hab so manches nachfuhlen mussen, was Du wohl langst verschmerzt hattest, noch eh ich Dich kannte.

Die drei Mohren sollen Deine Wachter sein, dass sich kein fremder Gast bei Dir einschleiche und Du Dir kein geschnitzeltes Bild machst, dasselbige anzubeten. Lass Dir's bei den drei Mohren gesagt sein, dass ich um den Ernst Deiner Treue bitte, erhalte sie mir unter den zierlichen, mussigen Badenymphen, die Dich umtanzen, die Nadel mit dem Gordischen Knoten trag an Deiner Brust, denk daran, dass Du aus der Fulle meiner Liebe keine Wuste des Jammers machen sollst, und sollst den Knoten nicht entzweihauen.

Dem Primas hab ich geschrieben in Deinem Auftrag, er ist in Aschaffenburg, er hat mich eingeladen, dorthin zu kommen; ich werd auch wahrscheinlich mit der ganzen Familie ihn besuchen, da kann ich ihm alles noch einmal mitteilen. Ich werde Dir Nachricht daruber geben.

Nun kusse ich Dir zum letztenmal Hand und Mund, um morgen einen neuen Brief zu beginnen.

Bettine

An Goethe

Am 5. Juli

Wenn ich Dir alle Ausfluge beschreiben sollte, liebster Herr, die wir von unserm Rheinaufenthalt aus machen, so blieb mir keine Minute ubrig zum Schmachten und Seufzen. Das war mir sehr lieb, denn wenn mein Herz voll ist, so mocht ich's gerne vor Dir uberstromen lassen; aber so geht's nicht: hat man den ganzen Tag im heissen Sonnenbrand einen Berg um den andern erstiegen, alle Herrlichkeiten der Natur mit Hast in sich getrunken wie den kuhlen Wein in der Hitze, so mochte man am Abend den Freund lieber ans Herz drucken und ihm sagen, wie lieb man ihn hat, als noch viele Beschreibung von Weg und Steg machen. Was vermag ich auch vor Dir, als nur Dich innigst anzusehen! Was soll ich Dir vorplaudern? Was konnen Dir meine einfaltigen Reden sein?

Wer sich nach der schonen Natur sehnt, der wird sie am besten beschreiben, der wird nichts vergessen, keinen Sonnenstrahl, der sich durch die Felsritze stiehlt, keinen Windvogel, der die Wellen streift, kein Kraut, kein Muckchen, keine Blume am einsamen Ort. Wer aber mitten drinnen ist und mit gluhendem dem grunen Rasen ein und denkt weiter nicht viel, manchmal gibt's einen Stoss ans Herz, da seh ich mich um und suche, wem ich's vertrauen soll.

Was sollen mir all die Berge bis zur blauen Ferne, die blahenden Segel auf dem Rhein, die brausenden Wasserstrudel! Es druckt einem doch nur, und keine Antwort, niemals, wenn man auch noch so begehrend fragt.

Am 7. Juli

So lauten die Stossseufzer am Abend, am Morgen klingt's anders, da regt sich's schon vor Sonnenaufgang und treibt mich hinaus, wie einer langst ersehnten Botschaft entgegen. Den Nachen kann ich schon allein regieren, es ist mein liebstes Morgengebet, ihn listig und verstohlen von der Kette zu losen und mich hinuber ans Ufer zu studieren. Allemal muss ich's wieder von neuem lernen, es ist ein Wagstuck, mit Mutwill begonnen, aber sehr andachtig beschlossen; denn ich danke Gott, wenn ich glucklich gelandet bin. Ohne Wahl belaufe ich dann einen der vielen Strahlenwege, die sich hier nach allen Seiten auftun. Jedesmal lauscht die Erwartung im Herzen, jedesmal wird sie gelost, bald durch die allumfassende Weite auf der Hoh, durch die Sonne, die so plotzlich alles aus dem Schlaf weckt; ich klimme herab an Felswanden, reinStein, kleine Hohlen zum Lager wie gegossen, in denen verschnauf ich, dort zwischen dunklen Felsen leuchtet ein helleres Grun: kraftig bluhend, untadelig, mitten in der Wuste find ich die Blume auf reinlichem Herd, einfache Haushaltung Gottes; inmitten von Blutenwanden die Opferstatte feierlich umstellt von schwanken priesterlichen Nymphen, die Libationen aus ihren Kelchkruglein ergiessen und Weihrauch streuen und wie die indischen Madchen goldnen Staub in die Lufte werfen. Dann seh ich's blitzen im Sand; ich muss hinab und wieder hinauf, ob's vielleicht ein Diamant ist, den der Zufall ans Licht gebracht hat. Wenn's einer war, ich schenkte ihn Dir, und denk mir Deine Verwunderung uber das Kleinod unserer rheinischen Felsen. Da lieg ich am unbeschatteten Ort mit brennenden Wangen und sammle Mut, wieder hinuberzuklettern zur duftenden Linde. Am Kreuzweg, beim Opferstock des heiligen Petrus, der mit grossem Himmelsschlussel ins vergitterte Kapellchen eingesperrt ist, ruh ich aus auf weichem Gras und such vergebens, o Himmel! an deinem gewolbten Blau das Loch, in das der Schlussel passen konnte, da ich heraus mochte aus dem Gefangnis der Unwissenheit und Unbewusstheit; wo ist die Tur, die dem Licht und der Freiheit sich offnet? Da ruschelt's, da zwitschert's im Laub, dicht neben mir unter niederem Ast sitzt das Finkenweibchen im Nest und sieht mich klaglich an.

Das sind die kleinen allerliebsten Abenteuer und Muhseligkeiten des heutigen Tags. Heimwarts machte ich die Bekanntschaft der kleinen Gansehirtin, sie strahlte mich von weitem an mit ihren zollangen schwarzen Augenwimpern, die andern Kinder lachten es aus und sagten, alle Menschen hielten sich druber auf, dass es so lange Wimpern habe. Es stand beschamt da und fing endlich an zu weinen. Ich trostete es und sagte; "Weil dich Gott zur Huterin uber die schonen weissen Ganse bestellt hat und du immer auf freier Wiese gehest, wo die Sonne so sehr blendet, so hat er dir diese langen Augenschatten wachsen lassen." Die Ganse drangten sich an ihre weinende Huterin und zischten mich und die lachenden Kinder an, konnt ich malen, das gab ein Bild!

Gut ist's, dass ich nicht viel von dem weiss, was in der Welt vorgeht, von Kunsten und Wissenschaften nichts versteh, ich konnte leicht in Versuchung geraten, Dir daruber zu sprechen, und meine Phantasie wurde alles besser wissen wollen, jetzt nahrt sich mein Geist von Inspirationen. Manches hor ich nennen, anwenden, vergleichen, was ich nicht begreife, was hindert mich, danach zu fragen? Was macht mich so gleichgultig dagegen? Oder warum weiche ich wohl gar aus, etwas Neues zu erfahren?

Am fruhen Morgen

Ein Heer von Wolken macht mir heute meine fruhe Wanderung zu Wasser, dort druben die Ufer sind heute wie Schatten der Unterwelt schwankend und schwindend; die Turmspitzen der nebelbegrabenen Stadte und Ortschaften dringen kaum durch, die schone grune Au ist verschwunden. Es ist noch ganz fruh ich merk's! Kaum kann es vier Uhr sein, da schlagen die Hahne an, von Ort zu Ort in die Runde bis Mittelheim, von Nachbar zu Nachbar; keiner verkummert dem andern die Ehre des langen Nachhalls, und so geht's in die Ferne wie weit! Die Morgenstille dazwischen wie die Wachter der Moscheen, die das Morgengebet ausrufen. Morgenstund hat Gold im Mund, schon seh ich's glanzen und flimmern auf dem Wasser, die Strahlen brechen durch und saen Sterne in den eilenden Strom, der seit zwei Tagen, wo es unaufhorlich giesst, angeschwollen ist.

Da hat der Himmel seine Schleier zerrissen! Nun ist's gewiss, dass wir heute schon Wetter haben, ich bleibe zu Hause und will alle Segel zahlen, die voruberziehen, und allen Betrachtungen Raum geben, die mir die ferne, allmahlich erhellende Aussicht zufuhrt. Du kennst den Fluss des Lebens wohl genau und weisst, wo die Sandbanke und Klippen sind, und die Strudel, die uns in die Tiefe ziehen, und wie weit der schem Wind wohl kommen wird, und was ihn am Ufer erwartet.

Wenn Dir's gefallt, einen Augenblick nachzudenken uber den Eigensinn meiner Neigung und uber die Erregbarkeit meines Geistes, so mag Dir's wohl anschaulich sein, was mir unmundig Schiffenden noch begegnen wird. O sag mir's, dass ich nichts erwarten soll von jenen Luftschlossern, die die Wolken eben im Saffran- und Purpurfeld der aufgehenden Sonne aufturmen, sag mir: dies Lieben und Aufflammen, und dies trotzige Schweigen zwischen mir und der Welt sei nichtig und nichts!

Ach der Regenbogen, der eben auf der Ingelheimer Au seinen diamantnen Fuss aufsetzt und sich ubers Haus hinuberschwingt auf den Johannisberg, der ist wohl grad wie der selige Wahn, den ich habe von Dir und mir. Der Rhein, der sein Netz ausspannt, um das Bild seiner paradiesischen Ufer darin aufzufangen, der ist wie diese Lebensflamme, die von Spiegelungen des Unerreichbaren sich nahrt. Mag sie denn der Wirklichkeit auch nicht mehr abgewinnen als den Wahn; es wird mir eben auch den eigentumlichen Geist geben und den Charakter, der mein Selbst ausspricht wie dem Fluss das Bild, das sich in ihm spiegelt.

Am Abend

Heute morgen schiffte ich noch mit dem launigen Rheinbegeisterten Niklas Vogt nach der Ingelheimer Au, seine enthusiastischen Erzahlungen waren ganz von dem O und Ach vergangner schoner Zeiten durchwebt. Er holte weit aus und fing von da an, ob Adam hier nicht im Paradiese gelebt habe, und dann erzahlte er vom Ursprung des Rheins und seinen Windungen durch wilde Schluchten und einengende Felstale, und wie er da nach Norden sich wende und wieder zuruckgewiesen werde, links nach Westen, wo er den Bodensee bilde und dann so kraftig sich uber die entgegenstellenden Felsen sturze; ja, sagte der gute Vogt ganz listig und lustig, man kann den Fluss ganz und gar mit Goethe vergleichen. Jetzt geben Sie acht: die drei Bachlein, die von der Hohe des ungeheuren Urfelsen, der so mannigfaltige abwechselnde Bestandteile hat, niederfliessen und den Rhein bilden, der als Junglingskind erst sprudelt, das sind seine Musen, namlich Wissenschaft, Kunst und Poesie, und wie da noch mehr herrliche Flusse sind: der Tessin, der Adda und Inn, worunter der Rhein der schonste und beruhmteste, so ist Goethe auch der beruhmteste und schonste vor Herder, Schiller und Wieland; und da, wo der Rhein den Bodensee bildet, das ist die liebenswurdige Allgemeinheit Goethes, wo sein Geist von den drei Quellen noch gleichmassig durchdrungen ist, sturzt: das ist sein trotzig Uberwinden der Vorurteile, sein heidnisch Wesen, das braust tuchtig auf und ist tumultarisch begeistert; da kommen seine Xenien und Epigramme, seine Naturansichten, die den alten Philistern ins Gesicht schlagen, und seine philosophischen und religiosen Richtungen, die sprudeln und toben zwischen dem engen Felsverhack des Widerspruchs und der Vorurteile so fort, und mildern sich dann allmahlich; nun aber kommt noch der beste Vergleich: die Flusse, die er aufnimmt: die Limmat, die Thur, die Reuss, die Ill, die Lauter, die Queich, lauter weibliche Flusse, das sind die Liebschaften, so geht's immer fort bis zur letzten Station. Die Selz, die Nah, die Saar, die Mosel, die Nette, die Ahr; nun kommen sie ihm vom Schwarzwald zugelaufen und von der rauhen Alp, lauter Flussjungfern: die Elz, die Treisam, die Kinzig, die Murg, die Kraich, dann die Reus, die Jaxt; aus dem Odenwald und Melibokus herab haben sich ein paar allerliebste Flusschen auf die Beine gemacht: die Wesnitz und die Schwarzbach; die sind so eilig: was giltst du, was hast du? Dann fuhrt ihm der Main ganz verschwiegen die Nid und die Kruftel zu; das verdaut er alles ganz ruhig und bleibt doch immer er selber; und so macht's unser grosser deutscher Dichter auch, wie unser grosser deutscher Fluss; wo er geht und steht, wo er gewesen ist und wo er hinkommt, da ist immer was Liebes, was den Strom seiner Begeistrung anschwellt.

Ich war uberrascht von der grossen Gesellschaft; Vogt meinte, das waren noch lange nicht alle; der Vergleiche waren noch kein Ende: Geschichte und Fabel, Feuer und Wasser, was uber und unter der Erde gedeiht, wusste er passend anzuwenden; ein Rhinozerosgerippe und versteinerte Palmen, die man am Rhein gefunden, nahm er als Deine interessantesten Studien bezeichnend. So belehrte er mich und prophezeite, dass Du auch bis ans Ende, wie der Rhein, aushalten werdest, und nachdem Du wie er, alle gesattigt und genossen, sanft und gemachsam dem Meer der Ewigkeit zuwallen werdest; er schrieb mir das Verzeichnis aller Flusse auf und verglich mich mit der Nidda; ach wie leid tut mir's, dass nach dieser noch die Lahn, die Sayn, die Sieg, die Roer, die Lippe und die Ruhr kommen sollen!

Adieu! Ich nenne diesen Brief die Epistel der Spaziergange; wenn sie Dir nicht gefallen, so denk, dass die Nidda keine Goldkorner in ihrem Bett fuhrt wie der Rhein, nur ein bisschen Quecksilber.

Sei mir gegrusst bei den drei Mohren.

Bettine

An Bettine

Am 15. Juli

Zwei Briefe von Dir, liebe Bettine, so reich an Erlebtem, sind mir kurz nacheinander zugekommen; der erste, indem ich im Begriff war, das Freie zu suchen. Wir nahmen ihn mit und bemachtigten uns seines Inhalts auf einem wohlgeeigneten bequemen Ruhepunkt, wo Natur und Stimmung, im Einklang mit Deinen sinnig heiteren Erzahlungen und Bemerkungen, einen hochst erfreulichen Eindruck nicht verfehlten, der sich fortan durch den gordischen Knoten signalisieren soll. Mogen die Gotter diesen magischen Verschlingungen geneigt sein und kein tuckischer Damon daran zerren! An mir soll's nicht fehlen, Deine Schutz- und Trutzgerechtsame zu bewahren gegen Nymphen und Waldteufel.

Deine Beschreibung der Rheinprozession und der fluchtigen Reitergestalt haben mir viel Vergnugen gemacht, sie bezeichnen wie Du empfindest und empfunden sein willst; lasse Dir dergleichen Visionen nicht entgehen und versaume ja nicht, solche voruberstreifende Aufregungen bei den drei Haaren zu erfassen, dann bleibt es in Deiner Gewalt, das Verschwundene in idealischer Form wieder herbeizuzaubern. Bild so anmutig verstrickst, sei Dir Dank, solchen allerliebsten Schmeicheleien ist nicht zu wehren.

Heute morgen ist denn abermals Deine zweite Epistel zu mir gelangt, die mir das schone Wetter ersetzte. Ich habe sie mit Musse durchlesen und dabei den Zug der Wolken studiert. Ich bekenne Dir gern, dass mir Deine reichen Blatter die grosste Freude machen; Deinen launigen Freund, der mir schon ruhmlichst bekannt ist, grusse in meinem Namen und danke ihm fur den grossmutigen Vergleich; obschon ich hierdurch mit ausgezeichneten Prarogativen belehnt bin, so werd ich diese doch nicht zum Nachteil Deiner guten Gesinnung missbrauchen; liebe mich so fort, ich will gern die Lahn und die Sayn ihrer Wege schicken.

Der Mutter schreibe, und lasse Dir von ihr schreiben; liebet Euch untereinander, man gewinnt gar viel, wenn man sich durch Liebe einer des andern bemachtigt; und wenn Du wieder schreibst, so konntest Du mir nebenher einen Gefallen tun, wenn Du mir immer am Schluss ein offnes, unverhohlnes Bekenntnis des Datums machen mochtest; ausser manchen Vorteilen, die sich erst durch die Zeit bewahren, ist es auch noch besonders erfreulich, gleich zu wissen, in wie kurzer Zeit dies alles von Herzen zu Herzen gelangt. Das Gefuhl der Frische hat eine wohltuende, raumverkurzende Wirkung, von welcher wir beide ja auch Vorteil ziehen konnen.

G.

An Goethe

Am 18. Juli

Warst Du schon auf dem Rochusberg? Er hat in der Ferne was sehr Anlockendes, wie soll ich es Dir beschreiben? So, als wenn man ihn gern befuhlen, streicheln mochte, so glatt und samtartig. Wenn die Kapelle auf der Hohe von der Abendsonne beleuchtet ist und man sieht in die reichen grunen, runden Taler, die sich wieder so fest aneinander schliessen, so scheint er sehnsuchtig an das Ufer des Rheins gelagert mit seinem sanften Anschmiegen an die Gegend und mit den geglatteten Furchen die ganze Natur zur Lust erwecken zu wollen. Er ist mir der liebste Platz im Rheingau; er liegt eine Stunde von unserer Wohnung; ich habe ihn schon morgens und abends, im Nebel, Regen und Sonnenschein besucht. Die Kapelle ist erst seit ein paar Jahren zerstort, das halbe Dach ist herunter, nur die Rippen eines Schiffgewolbes stehen noch, in welches Weihen ein grosses Nest gebaut haben, die mit ihren Jungen ewig aus und ein fliegen, ein wildes Geschrei halten, das sehr an die Wassergegend gemahnt. Der Hauptaltar steht noch zur Halfte, auf demselben ein hohes Kreuz, an welches unten der heruntergesturzte Christusleib festgebunden ist. Ich kleteine letzte Ehre anzutun, wollte ich einen grossen Blumenstrauss, den ich unterwegs gesammelt hatte, zwischen eine Spalte des Kopfes stecken; zu meinem grossten Schrecken fiel mir der Kopf vor die Fusse, die Weihen und Spatzen und alles was da genistet hatte, flog durch das Gepolter auf, und die stille Einsamkeit des Orts war Minuten lang gestort. Durch die Offnungen der Turen schauen die entferntesten Gebirge: auf der einen Seite der Altkonig, auf der andern der ganze Hunsruck bis Kreuznach, vom Donnersberg begrenzt; ruckwarts kannst Du so viel Land ubersehen als Du Lust hast. Wie ein breites Feiergewand zieht es der Rhein schleppend hinter sich her, den Du vor der Kapelle mit allen grunen Inseln wie mit Smaragden geschmuckt liegen siehst; der Rudesheimer Berg, der Scharlach- und Johannisberg, und wie all das edle Gefels heisst, wo der beste Wein wachst, liegen von verschiedenen Seiten und fangen die heissen Sonnenstrahlen wie blitzende Juwelen auf; man kann da alle Wirkung der Natur in die Kraft des Weines deutlich erkennen, wie sich die Nebel zu Ballen walzen und sich an den Bergwanden herabsenken, wie das Erdreich sie gierig schluckt, und wie die heissen Winde druber herstreifen. Es ist nichts schoner, als wenn das Abendrot uber einen solchen benebelten Weinberg fallt; da ist's, als ob der Herr selbst die alte Schopfung wieder angefrischt habe, ja als ob der Weinberg vom eignen Geist benebelt sei. Und wenn dann endlich die helle Nacht heraufsteigt und allem Ruh gibt, und mir auch, die vorher wohl die Arme ausstreckte und nichts erreichen konnte; die an Dich gedacht hat; Deinen Namen wohl hundertmal auf den Lippen hatte, ohne ihn auszusprechen mussten nicht Schmerzen in mir erregt werden, wenn ich es einmal wagte? Und keine Antwort? Alles still? Ja Natur! wer so innig mit ihr vertraut war, dass er an ihrer Seligkeit genug hatte! Aber ich nicht! Lieber, lieber Freund, erlaub's doch, dass ich Dir jetzt beide Hande kusse; zieh sie nicht zuruck, wie Du sonst getan hast.

Wo war ich heut nacht? Wenn sie's wussten, dass ich die ganze Nacht nicht zu Hause geschlafen habe und doch so sanft geruht habe! Dir will ich's sagen; Du bist weit entfernt, wenn Du auch schmalst, bis hierher verhallt der Donner Deiner Worte.

Gestern abend ging ich noch allein auf den Rochusberg und schrieb Dir bis hierher, dann traumte ich ein wenig und wie ich mich wieder besann und glaubte, die Sonne wolle untergehen, da war's der aufgehende Mond; ich war uberrascht, ich hatte mich gefurchtet, die Sterne litten's nicht; diese Hunderttausende und ich beisammen in dieser Nacht! Ja, wer bin ich, dass ich mich furchten sollte, zahl ich denn mit? Hinunter traute ich mich nicht, ich hatte keinen Nachen gefunden zum Uberfahren; die Nacht ist auch gar nicht lang jetzt, da legt ich mich auf die andere Seite und sagte den Sternen gute Nacht; bald war ich eingeschlafen, dann und wann weckten mich irrende Luftchen, dann dacht ich an Dich; so oft ich erwachte, rief ich Dich zu mir, ich sagte immer im Herzen: Goethe sei bei mir, damit ich mich nicht furchte; dann traumte ich, dass ich langs den schilfigen Ufern des Rheins schiffe, und da, wo es am tiefsten war, zwischen schwarzen Felsspalten, da entfiel mir Dein Ring; ich sah ihn sinken, tiefer und tiefer, bis auf den Grund! Ich wollte nach Hilfe rufen, da erwachte ich im Morgenrot, neubegluckt, dass der Ring noch am Finger war. Ach Prophet! deute mir diesen Traum; komm dem Schicksal zuvor, lass unserer Liebe nicht zu nahe geschehen, nach dieser schonen Nacht, wo ich zwischen Furcht und Freude im Rat der Sterne Deiner Zukunft gedachte5. Ich hatte schon langst Sehnsucht nach diesem sussen Abenteuer; nun hat es mich so leise beschlichen, und alles steht noch auf dem alten Fleck. Keiner weiss, wo ich war, und wenn sie's auch wussten, konnten sie ahnen, warum? Dort kamst Du her, durch den flusternden Wald, von milder Dammerung umflossen, und wie Du ganz nahe warst, das konnten die muden Sinne nicht ertragen, der Thymian duftete so stark; da schlief ich ein, es war so schon, alles Blute und Wohlgeruch. Und das weite grenzenlose Heer der Sterne, und das flatternde Mondsilber, das von Ferne zu Ferne auf dem Fluss tanzte, die ungeheure Stille der Natur, in der man alles hort, was sich regt; ach, hier fuhle ich meine Seele eingepflanzt in diese Nachtschauer; hier keimen zukunftige Gedanken; diese kalten Tauperlen, die Gras und Krauter beschweren, von denen wachst der Geist; er eilt, er will Dir bluhen, Goethe; er will seine bunten Farben vor Dir ausbreiten; Liebe zu Dir ist es, dass ich denken will, dass ich ringe nach noch Unausgesprochenem. Du siehst mich an im Geist, und Dein Blick zieht Gedanken aus mir; da muss ich oft sagen, was ich nicht verstehe, was ich nur sehe.

Der Geist hat auch Sinne; so wie wir manches nur horen, oder nur sehen, oder nur fuhlen: so gibt's Gedanken, die der Geist auch nur mit einem dieser Sinne wahrnimmt; oft seh ich nur, was ich denke, oft fuhle ich's; und wenn ich's hore, da erschuttert mich's. Ich weiss nicht, wie ich zu diesen Erfahrungen komme, die sich nicht aus eigner Uberlegung erzeugen; ich sehe mich um nach dem Herrn dieser Stimme; und dann meine ich, dass sich alles aus dem Feuer der Liebe erzeuge. Es ist Warme im Geist, wir fuhlen es; die Wangen gluhen vom Denken, und Frostschauer uberlaufen uns, die die Begeistrung zu neuer Glut anfachen. Ja, lieber Freund, heute morgen, da ich erwachte, war mir's, als hatte ich Grosses erlebt, als hatten die Gelubde meines Herzens Flugel und schwangen sich uber Berg und Tal ins reine, heitre, lichterfullte Blau. Keinen Schwur, keine Bedingungen, alles nur angemessne Bewegung, reines Streben nach dem Himmlischen. Das ist mein Gelubde: Freiheit von allen Banden, und dass ich nur dem Geist glauben will, der Schones offenbart, der Seligkeit prophezeit.

Der Nachttau hat mich gewaschen; der scharfe Morgenwind trocknete mich wieder; ich fuhlte ein leises Frosteln, aber ich erwarmte mich beim Herabsteigen von meinem lieben samtnen Rochus; die Schmetterlinge flogen schon um die Blumen; ich trieb sie alle vor mir her, und wo ich unterwegs einen sah, da jagte ich ihn zu meiner Herde; unten hatte ich wohl an dreissig beisammen, ich hatte sie gar zu gerne mit uber den Rhein getrieben, aber da haspelten sie alle auseinander.

Eben kommt eine Ladung Frankfurter Gaste; Christian Schlosser bringt mir einen Brief von der Mutter und Dir, ich schliesse um zu lesen.

Dein Kind

Lieber Goethe! Du bist zufrieden mit mir und freust Dich uber alles, was ich schreibe, und willst meine goldne Halsnadel tragen; ja tu es, und lasse sie ein Talisman sein fur diese gluckerfullte Zeit. Heute haben wir den 21.

An Goethe

Caub

Ich schreibe Dir in der kristallnen Mitternacht; schwarze Basaltgegend, ins Mondlicht eingetaucht! Die Stadt macht einen rechten Katzenbuckel mit ihren geduckten Hausern, und ganz bepelzt mit himmelstraubenden Felszacken und Burgtrummern; und da gegenuber schauert's und flimmert's im Dunkel, wie wenn man der Katze das Fell streicht.

Ich lag schon im Bett unter einer wunderlichen Damastdecke, die mit Wappen und verschlungenen Namenszugen und verblichnen Rosen und Jasminranken ganz starr gestickt ist; ich hatte mich aber drunter in das Dir bekannte Fell des Silberbaren eingehullt. Ich lag recht bequem und angenehm und uberlegte mir, was der Christian Schlosser mir unterwegs hierher alles vorgefaselt hat; er sagt, Du verstehst nichts von Musik und horst nicht gern vom Tod reden. Ich fragte, woher er das wisse; er meint, er habe sich Muhe gegeben. Dich uber Musik zu belehren; es sei ihm nicht gelungen; vom Tod aber habe er gar nicht angefangen, aus Furcht, Dir zu missfallen. Und wie ich eben in dem alleinigen, mit grossen Federbuschen verzierten Ehebett daruber nachdenke, hor ich draussen sang so viel Pause! Ich springe im Silberbar ans Fenster und gucke hinaus, da sitzt mein spanischer Schiffsmann in der frischen Mondnacht und singt. Ich erkannte ihn gleich an der goldnen Quaste auf seiner Mutze; ich sagte: "Guten Abend, Herr Kapitan, ich dachte, Ihr wart schon vor acht Tagen den Rhein hinab ins Meer geschwommen." Er erkannte mich gleich und meinte, er habe drauf gewartet, ob ich nicht mit wolle. Ich liess mir das Lied noch einmal singen; es klang sehr feierlich, in den Pausen horte man den Widerhall an der kleinen scharfkantigen Pfalz, die inmitten umdrangender schwarzer Felsgruppen mit ihren elfenbeinernen Festen und silbernen Zinnen ganz ins Mondlicht eingeschmolzen war.

Lieber Goethe, ich weiss nicht, was Dir der Schlosser uber Musik demonstriert hat mit seiner verpelzten Stimme, aber hattest Du heute nacht mit mir dem fremden Schiffer zugehort, wie da die Tone unter sich einen feierlichen Reigen tanzten; wie sie hinuberwallten an die Ufer, die Felsen anhauchten und der leise Widerhall in tiefer Nacht so suss geweckt, traumerisch nachtonte; der Schiffer, wie er aus verschmachteter Pause wehmutig aufseufzt, in hohen Tonen klagt und aufgeregt in Verzweiflung hallend ruft nach Unerreichbarem und dann mit erneuter Leidenschaft der Erinnerung seinen Gesang weiht, in Perlenreihen weicher Tone den ganzen Schatz seines Gluckes hinrollt; O und Ach! haucht, lauscht, schmetternd ruft; wieder lauscht und ohne Antwort endlich die Herde sammelt, in Vergessenheit die kleinen Lammer zahlt: eins, zwei, drei, und wegzieht vom verodeten Strand seines Lebens, der arme Schafer. Ach, wunderbare Vermittlung des Unausprechlichen, was die Brust bedrangt; ach Musik!

Ja, hattest Du's mit angehort, mit eingestimmt hattest Du in die Geschicke; mitgeseufzt, mitgeweint, und Begeistrung hatte Dich durchzuckt, und mich, lieber Goethe, die ich auch dabei war, tiefbewegt, mich hatte der Trost in Deinen Armen ereilt.

Mir sagte der Schiffer gute Nacht, ich sprang in mein grosses Bett unter die damastene Decke, sie knarrte mir so vor den Ohren; ich konnte nicht schlafen, ich wollte stilliegen; da horte ich in den gewundenen Saulen der Bettstelle die Totenwurmchen picken; eins nach dem andern legte los, wie geschaftige Gesellen in einer Waffenschmiede.

Ich muss mich schamen vor Dir; ich furchte mich zuweilen, wenn ich so allein bin in der Nacht und ins Dunkel sehe; es ist nichts, aber ich kann mich nicht dagegen wehren; dann mocht ich nicht allein sein, und bloss darum denke ich manchmal, ich musse heiraten, damit ich einen Beschutzer habe gegen diese verwirrte angstvolle Gespensterwelt. Ach Goethe! nimmst Du mir das ubel? Ja, wenn der Tag anbricht, dann bin ich selbst ganz unzufrieden uber solche alberne Verzagtheit. Ich kann in der Nacht gehen im Freien und im Wald, wo jeder Busch, jeder Ast ein ander Gesicht schneidet; mein wunderlicher der Gefahr trotzender Mutwille bezwingt die Angst. Draussen ist es auch was ganz andres, da sind sie nicht so zudringlich; man fuhlt das Leben der Natur als ewiges gottliches Wirken, das alles und einem selbst durchstromt; wer kann sich da furchten? Vorgestern auf dem Rochus in tiefer Nacht allein, da horte ich den Wind ganz von weitem herankommen; er nahm zu in rascher Eile, je naher er kam, und dann grade zu meinen Fussen senkte er die Flugel sanft, ohne nur den Mantel zu beruhren, kaum, dass er mich anhauchte, musste ich da nicht glauben, er sei bloss gesendet, um mich zu grussen? Du weisst es doch, Goethe, Seufzer sind Boten; Du sassest allein am offnen Fenster, am spaten Abend, und dachtest und fuhltest die letzte Begeisterung fur die letzte Geliebte in Deinem Blut wallen; dann unwillkurlich stosst Du den Seufzer aus, der macht sich augenblicklich auf den Weg und jagt, Du kannst ihn nicht zuruckrufen.

Irrende Seufzer nennt man, die aus unruhiger Brust, aus verwirrtem Denken und Wunschen entspringen; aber ein solcher Seufzer aus machtiger Brust, wo die Gedanken, in schoner Wendung sich verschrankend, auf hohen Kothurnen die taugebadeten Fusse in heiligem Takte bewegen, von schwebender Muse geleitet; ein solcher Seufzer, der Deinen Liedern die Brust entriegelt, der schwingt sich als Herold vor ihnen her, und meine Seufzer, lieber Freund! zu Tausenden umdrangen sie ihn.

Heute nacht nun hab ich mich grausam gefurchtet, ich sah nach dem Fenster, wo es hell war, ich war so gern dort gewesen! Ich war auf mein fatales Erblager aus dem vorigen Jahrhundert, in dem Ritter und Pralaten schon mogen ihren Geist ausgehaucht haben und ein Dutzend kleiner Meister vom Hammer, alle emsig, pochten und pickten, fest gebannt. Ach, wie sehnt ich mich nach der kuhlen Nachtluft. Kann man so narrisch sein? Plotzlich hatte ich's uberwunden, ich stand mitten in der Stube. Auf den Fussen, da bin ich gleich ein Held, es soll mir einer nah kommen, ach, wie pochten mir Herz und Schlafe; die vierzehn Nothelfer, die ich aus alter Gewohnheit vom Kloster her noch herbeirief, sind auch keine Gesellschaft zum Lachen, da der eine seinen eignen Kopf, der andre sein Eingeweide im Arm tragt und so weiter. Ich entliess sie alle zum Fenster hinaus. Und du magischer Spiegel, in dem alles so zauberisch widerscheint, was ich erlebe, was war's denn, was mich beseligte? Nichts! Tiefes Bewusstsein, Friede atmen, so stand ich am Fenster und erwartete den anbrechenden Tag.

Bettine

Am 24. Juli

Uber Musik lasse ich Dich nicht los. Du sollst mir bekennen, ob Du mich liebst, Du sollst sagen, dass Du Dich von ihr durchdrungen fuhlst. Der Schlosser hat Generalbass studiert, um ihn Dir beizubringen, und Du hast Dich gewehrt, wie er sagt, gegen die kleine Sept, und hast gesagt: "Bleibt mir mit eurer Sept vom Leibe, wenn ihr sie nicht in Reih und Glied konnt aufstellen, wenn sie nicht einklingt in die so bundig abgeschlossnen Gesetze der Harmonie, wenn sie nicht ihren sinnlich naturlichen Ursprung hat so gut wie die andern Tone", und Du hast den verdutzten Missionar zu Deinem heidnischen Tempel hinausgejagt und bleibst einstweilen bei Deiner lydischen Tonart, die keine Sept hat. Aber Du musst ein Christ werden, Heide! Die Sept klingt freilich nicht ein, und ohne sinnliche Basis; sie ist der gottliche Fuhrer, Vermittler der sinnlichen Natur mit der himmlischen; sie ist ubersinnlich, sie fuhrt in die Geisterwelt, sie hat Fleisch und Bein angenommen, um den Geist vom Fleisch zu befreien, sie ist zum Ton geworden, um den Tonen den Geist zu geben, und wenn sie nicht war, so wurden alle Tone in der Vorholle sitzenbleiben. Bilde Dir nur nicht ein, dass die Grundakkorde sung, vor der Himmelfahrt. Er kam und fuhrte sie mit sich gen Himmel, und jetzt, wo sie erlost sind, konnen sie selber erlosen, sie konnen die harrende Sehnsucht befriedigen. So ist es mit den Christen, so ist es mit den Tonen: ein jeder Christ fuhlt den Erloser in sich, ein jeder Ton kann sich selbst zum Vermittler, zur Sept erhohen und da das ewige Werk der Erlosung aus dem Sinnlichen ins Himmlische vollbringen, und nur durch Christum gehen wir in das Reich des Geistes ein, und nur durch die Sept wird das erstarrte Reich der Tone erlost und wird Musik, ewig bewegter Geist, was eigentlich der Himmel ist; sowie sie sich beruhren, erzeugen sich neue Geister, neue Begriffe; ihr Tanz, ihre Stellungen werden gottliche Offenbarungen; Musik ist das Medium des Geistes, wodurch das Sinnliche geistig wird und wie die Erlosung uber alle sich verbreitet, die von dem lebendigen Geist der Gottheit ergriffen, nach ewigem Leben sich sehnen: so leitet die Sept durch ihre Auflosung alle Tone, die zu ihr um Erlosung bitten, auf tausend verschiednen Wegen zu ihrem Ursprung, zum gottlichen Geist. Und wir arme Menschen sollten uns genugen lassen, dass wir fuhlen: unser ganzes Dasein ist ein Zubereiten, Seligkeit zu fassen, und sollten nicht warten auf einen wohlgepolsterten aufgeputzten Himmel, wie Deine Mutter, die da glaubt, dass dort alles, was uns auf Erden Freude gemacht hat, in erhohtem Glanz sich wieder finde; ja sogar behauptet, ihr verblichnes Hochzeitskleid von blassgruner Seide mit Gold- und Silberblattern durchwirkt und scharlachrotem Samtuberwurf werde dort ihr himmlisches Gewand sein, und der juwelene Strauss, den ein grausamer Dieb ihr entwendet, sauge schon jetzt einstweilen das Licht der Sterne ein, um auf ihrem Haupt als Diadem unter den himmlischen Kronen zu glanzen. Sie sagt: "Fur was war dies Gesicht das meinige, und warum sprache der Geist aus meinen Augen diesen oder jenen an, wenn er nicht vom Himmel war und die Anwartschaft auf ihn hatte? Alles was tot ist, macht keinen Eindruck; was aber Eindruck macht, das ist ewig lebendig." Wenn ich ihr etwas erzahle, erfinde, so meint sie, das sind alles Dinge, die im Himmel aufgestellt werden. Oft erzahle ich ihr von Kunstwerken meiner Einbildung. Sie sagt: "Das sind Tapeten der Phantasie, mit denen die Wande der himmlischen Wohnungen verziert sind." Letzt war sie im Konzert und freute sich sehr uber ein Violoncell; da nahm ich die Gelegenheit wahr und sagte: "Geb Sie acht, Frau Rat, dass Ihr die Engel nicht so lang mit dem Fidelbogen um den Kopf schlagen, bis Sie einsieht, der Himmel ist Musik." Sie war ganz frappiert, und nach langer Pause sagte sie: "Madchen, du kannst recht haben."

Am 25.

Was mache ich denn, Goethe, meine halben Nachte verschreib ich an Dich; gestern fruh im Nachen, da schlief ich, wir fuhren bis St. Goar und traumte uber Musik, und was ich Dir gestern abend halb ermudet und halb besessen niedergeschrieben habe, ist kaum eine Spur von dem, was sich in mir aussprach, aber Wahrheit liegt drinnen; es ist eben ein grosser Unterschied zwischen dem, was einem schlafend der Geist eingibt, und dem, was man wachend davon behaupten kann. Ich sage Dir, ich hoffe in Zukunft mehr bei Sinnen zu sein, wenn ich Dir schreibe; ich werde mich massigen und alle kleine Zuge sammeln, unbekummert ob sie aus einer Anschauung hervorgehen, ob sie ein System begrunden. Ich mochte selbst gerne wissen, was Musik ist, ich suche sie, wie der Mensch die ewige Weisheit sucht. Glaube nicht, dass, was ich geschrieben habe, nicht mein wahrer Ernst sei, ich glaube dran, grad weil ich's gedacht habe, obschon es der himmlischen Genialitat entbehrt und man ordentlich erkennt, wie ich froh war, mich vor meinem zurnenden Damon, dass ich ihn so schlecht verstand, hinter den goldnen Reifrock Deiner Mutter verbergen zu konnen. Adieu! Gestern abend ging ich noch spat in der schonen bluhenden Lindenallee im Mondschein am Ufer des Rheins, da horte ich's klappen und sanft Lindenbaum die Mutter von Zwillingen, eins hatte sie an der Brust, und das andre wiegte ihr Fuss im Takt, wahrend sie ihr Lied sang; also im Keim, wo kaum die erste Lebensspur sich regt, da ist Musik schon die Pflegerin des Geistes, es summt ins Ohr und dann schlaft das Kind, die Tone sind die Gesellen seiner Traume, sie sind seine Mitwelt; es hat ja nichts das Kind, ob es die Mutter auch wiege, es ist allein im Geist; aber die Tone dringen in es ein und fesseln es an sich, wie die Erde das Leben der Pflanze an sich fesselt, und wenn Musik das Leben nicht hielt, so wurde es erkalten, und so brutet Musik fort, von da an, wo der Geist sich regt, bis er reif, flugge und ungeduldig hinausstrebt nach jenseits, und da werden wir's wohl auch erfahren, dass Musik die Mutterwarme war, um den Geist unter der Erdenhulle auszubruten. Amen.

Am 26.

Dies heimliche Ergotzen, an Deiner Brust zu schlafen: denn dies Schreiben an Dich nach durchlaufner Tagsgeschichte ist ein wahres Traumen an Deinem Herzen, von Deinen Armen umschlungen, ich freu mich immer, wenn wir in die Herberge einziehen und es heisst: "Wir wollen fruh zu Bett, denn wir mussen auch fruh wieder heraus"; der Franz jagt mich immer kaum erwarten kann; ich werfe in Hast die Kleider ab und sinke vor Mudigkeit in einen tiefen Brunnen, da umfangt mich das Waldrevier, durch das wir am Tag geschritten waren, das Licht der Traume blitzt durch die dunklen Wolbungen des Schlafs. "Traume sind Schaume", sagt man, ich hab eine andre Bemerkung gemacht, ob die wahr ist? Allemal die Gegend, die Umgebung, in der ich mich im Traum fuhle, die deutet auf die Stimmung, auf das Passive meines Gemuts. So traum ich mich jetzt immer in Verborgenes, Heimliches; es sind Hohlen von weichem Moos bei kuhlen Wassern, verschrankt von bluhenden Zweigen; es sind dunkle Waldschluchten, wo uns gewiss kein Mensch findet und sucht. Da wart ich auf Dich im Traum, ich harre und sehe mich um nach Dir; ich gehe auf engen, verwachsenen Wegen hin und her und eile zuruck, weil ich glaub, jetzt bist Du da; dann bricht plotzlich der Wille durch, ich ringe in mir, Dich zu haben, und das ist mein Erwachen. Dann farbt sich's schon im Osten, ich rucke mir den Tisch ans Fenster, die Dammerung verschleiert noch die ersten Zeilen; bis ich aber das Blatt zu Ende geschrieben habe, scheint schon die Sonne. Ach, was schreib ich Dir denn? Ich hab selbst kein Urteil druber, aber ich bin allemal neugierig, was kommen wird. Lass andre ihre Schicksale bereichern durch schone Wallfahrten in's gelobte Land, lass sie ihr Journal schreiben von gelehrten und andern Dingen, wenn sie Dir auch einen Elefantenfuss oder eine versteinerte Schneck mitbringen, daruber will ich schon Herr werden, wenn sie sich nur nicht in ihren Traumen in Dich versenken wie ich. Lass mir die stille Nacht, nimm keine Sorgen mit zu Bett, ruh aus in dem schonen Frieden, den ich Dir bereite, ich bin ja auch so glucklich in Dir! Es ist freilich schon, wie Du sagst, sich in dem Labyrinth geistiger Schatze mit dem Freund zu ergehen; aber darf ich nicht bitten fur das Kind, das stumm vor Liebe ist? Denn eigentlich ist dieses geschriebene Geplauder nur eine Nothilfe die tiefste Liebe in mir ist stumm: es ist, wie ein Muckchen summt um Deine Ohren im Schlaf, und wenn Du nicht wach werden willst und meiner bewusst sein, dann wird Dich's stechen. Sag, ist dies Leidenschaft, was ich Dir hier vorbete? O sag's doch; wenn's wahr ware, wenn ich geboren war, in Leidenschaft zu verflammen, wenn ich die hohe Zeder war auf dem die Welt uberragenden Libanon, angezundet zum Opfer Deinem Genius, und verduften konnte in Wohlgeruchen, dass jeder Deinen Geist einsoge durch mich; wenn's so war, mein Freund, dass Leidenschaft den Geist des Geliebten entbindet, wie das Feuer den Duft! und so ist es auch! Dein Geist wohnt in mir und entzundet mich, und ich verzehre mich in Flammen und verdufte, und was die ausspruhenden Funken erreichen, das verbrennt mit; so knackert und flackert jetzt die Musik in mir, die muss auch herhalten zum lustigen Opferfeuer; sie will nur nicht recht zunden und setzt viel Rauch. Ich gedenke hier Deiner und Schillers; die Welt sieht Euch an wie zwei Bruder auf einem Thron, er hat so viel Anhanger wie Du; sie wissen's nicht, dass sie durch den einen vom andern beruhrt werden; ich aber bin dessen gewiss. Ich war auch einmal ungerecht gegen Schiller und glaubte, weil ich Dich liebe, ich durfe seiner nicht achten; aber nachdem ich Dich gesehen hatte, und nachdem seine Asche als letztes Heiligtum seinen Freunden als Vermachtnis hinterblieb, da bin ich in mich gegangen; ich fuhlte wohl, das Geschrei der Raben uber diesem heiligen Leichnam sei gleich dem ungerechten Urteil. Weisst Du, was Du mir gesagt hast, wie wir uns zum erstenmal sahen? Ich will Dir's hier zum Denkstein hinsetzen Deines innersten Gewissens, Du sagtest: "Ich denke jetzt an Schiller", indem sahst Du mich an und seufztest tief, da sprach ich drein und wollte Dir sagen, wie ich ihm nicht anhinge, Du sagtest abermals: "Ich wollte, er war jetzt hier. Sie wurden anders fuhlen, kein Mensch konnte seiner Gute widerstehen, wenn man ihn nicht so reich achtet und so ergiebig, so war's, weil sein Geist einstromte in alles Leben seiner Zeit, und weil jeder durch ihn genahrt und gepflegt war und seine Mangel erganzt. So war er andern, so war er mir des meisten, und sein Verlust wird sich nicht ersetzen." Damals schrieb ich Deine Worte auf, nicht um sie als merkwurdiges Urteil von Dir andern mitzuteilen; nein, sondern weil ich mich beschamt fuhlte. Diese Worte haben mir wohlgetan, sie haben mich belehrt, und oft, wenn ich im Begriff war, uber einen den Stab zu brechen, so fiel mir's ein, wie Du damals in Deiner milden Gerechtigkeit den Stab uber meinen Aberwitz gebrochen. Ich musste in aufgeregter Eifersucht doch anerkennen, ich sei nichts. "Man beruhrt nichts umsonst", sagtest Du, "diese langjahrige Verbindung, dieser ernste tiefe Verkehr, der ist ein Teil meiner selbst geworden; und wenn ich jetzt ins Theater komme und seh nach seinem Platz, und muss es glauben, dass er in dieser Welt nicht mehr da ist, dass diese Augen mich nicht mehr suchen, dann verdriesst mich das Leben, und ich mochte auch lieber nicht mehr da sein."

Lieber Goethe, Du hast mich sehr hochgestellt, dass Du damals so kostliche Gefuhle und Gesinnungen vor mir aussprachst. Es war zum erstenmal, dass jemand sein innerstes Herz vor mir aussprach, und Du warst es! Ja Du nahmst keinen Anstoss und ergabst Dich diesen Nachwehen in meiner Gegenwart; und freilich hat Schiller auf mich gewirkt, denn er hat Dich zartlich und weich gestimmt, dass Du lange an mir gelehnt bliebst und mich endlich fest an Dich drucktest!

Ich bin mude, ich habe geschrieben von halb drei bis jetzt gegen funf Uhr; heute wird's gar nicht hell werden es hangen dicke Regenwolken am Himmel, da werden wir wohl warten bis Mittag, eh wir weiterfahren. Du solltest nur das Getummel von Nebel sehen auf dem Rhein, und was an den einzelnen Felszacken hangt! Wenn wir hier bleiben, dann schreib ich Dir mehr heute nachmittag, denn ich wollte Dir von Musik sagen, von Schiller und Dir, wie Ihr mit der zusammenhangt das bohrt mir schon lange im Kopf.

Ich bin mude, lieber Goethe, ich muss schlafen.

Am Abend

Ich bin sehr mude, lieber Freund, und wurde Dir nicht schreiben, aber ich seh, dass diese Blatter auf dieser wunderlichen Kreuz- und Querreise sich zu etwas Ganzem bilden, und da will ich doch nicht versaumen, wenn auch nur in wenig Zeilen, das Bild des Tages festzuhalten: lauter Sturm und Wetter, abwechselnd ein einzelner Sonnenblick. Wir waren bis Mittag in St. Goarshausen geblieben, und haben den Rheinfels erstiegen; meine Hande sind von Dornen geritzt, und meine Kniee zittern noch von der Anstrengung, denn ich war voran und wahlte den kurzesten und steilsten Weg. Hier oben sieht es so feierlich sich gedrangt hintereinander hervor, mit Weingarten, Waldern und alten Burgtrummern gekront; und so treten sie keck ins Flussbett dem Lauf des Rheins entgegen, der aus dem tiefen stillen See um den verzauberten Lurelei sich herumschwingt, uber Felsschichten hinrauschend, schaumt, bullert, schwillt, gegen den Riff anschiesst und den uberbrausenden Zorn der schaumenden Fluten wie ein echter Zecher in sich hineintrinkt.

Da oben sah ich bequem unter der schutzenden Mauer des Rheinfels die Nachkommenden mit roten und grunen Parapluies muhsam den schlupfrigen Pfad hinaufklettern, und da eben der Sonne letzter Hoffnungsstrahl verschwand und ein tuchtiger Guss dem Gebet um schon Wetter ein End machte, kehrte die naturliebende Gesellschaft beinah am Ziel verzagt wieder um, und ich blieb allein unter den gekronten Hauptern. Wie beschreib ich Dir diese erlebte Stunde mit kurzem Wort treffend? Kaum konnte ich Atem holen, so streng und gewaltig. Ach, ich bin glucklich! Die ganze Welt ist schon, und ich erleb' alles fur Dich.

Ich sah still und einsam in die tobende Flut, die Riesengesichter der Felsen schuchterten mich ein; ich getraute kaum den Blick zu heben; manche machen's zu arg, wie sie sich uberhangen und mit dem dustern Gestrauch, das sich aus geborstener Wand hervordrangt; die nackten Wurzeln, kaum vom Stein gehalten, die hangenden Zweige schwankend im reissenden Strom; es wurde so finster, ich glaubte, heute konne nicht mehr Tag werden. Eben uberlegte ich, ob mich die Wolfe heute nacht fressen wurden, da trat die Sonne hervor und umzog, mit Wolken kampfend, die Hohen mit einem Feuerring. Die Waldkronen flammten, die Hohlen und Schluchten hauchten ein schauerliches Dunkelblau aus uber den Fluss hin; da spielten mannigfaltige Widerscheine auf den versteinerten Gaugrafen, und eine Schattenwelt umtanzte sie in fluchtigem Wechsel auf der bewegten Flut; alles wankte, ich musste die Augen abwenden. Ich riss den Efeu von der Mauer herab und machte Kranze und schwang sie mit meinem Hakenstock, mit dem ich hinaufgeklettert war, weit in die Flut. Ach, ich sah sie kaum, weg waren sie! Gute Nacht!

Am 27.

Goethe, guten Morgen! Ich war fruh um vier Uhr bei den Salmenfischern und habe helfen lauern, denn sie meinen auch: "Im Truben ist gut fischen", aber es hab ich losgekauft und Gott und Dir zu Ehren wieder in die Flut entlassen.

Das Wetter will sich nicht aufklaren; eben schiffen wir uber, um auf dem linken Ufer zu Wagen wieder nach Hause zu fahren, ich hatte gar zu gern noch ein paar Tage hier herumgekreuzt.

An Bettine

3. August 1808

Ich muss ganz darauf verzichten, Dir zu antworten, liebe Bettine; Du lasst ein ganzes Bilderbuch herrlicher, allerliebster Vorstellungen zierlich durch die Finger laufen; man erkennt im Flug die Schatze, und man weiss, was man hat, noch eh man sich des Inhalts bemachtigen kann. Die besten Stunden benutze ich dazu, um naher mit ihnen vertraut zu werden, und ermutige mich, die elektrischen Schlage Deiner Begeistrungen auszuhalten. In diesem Augenblick hab ich kaum die erste Halfte Deines Briefs gelesen und bin zu bewegt, um fortzufahren. Habe einstweilen Dank fur alles; verkunde ungestort und unbekummert Deine Evangelien und Glaubensartikel von den Hohen des Rheins, und lass Deine Psalmen herabstromen zu mir und den Fischen; wundre Dich aber nicht, dass ich, wie diese verstumme. Um eines bitte ich Dich: hore nicht auf, mir gern zu schreiben; ich werde nie aufhoren, Dich mit Lust zu lesen.

Was Dir Schlosser uber mich mitgeteilt hat, verleitet Dich zu sehr interessanten Exkursionen aus dem Naturleben in das Gebiet der Kunst. Dass Musik mir ein noch ratselhafter Gegenstand schwieriger UntersuAusspruch des Missionars, wie Du ihn nennst, muss gefallen lassen, das wird sich erst dann erweisen, wenn die Liebe zu ihr, die jetzt mich zu wahrhaft abstrakten Studien bewegt, nicht mehr beharrt. Du hast zwar flammende Fackeln und Feuerbecken ausgestellt in der Finsternis, aber bis jetzt blenden sie mehr, als sie erleuchten, indessen erwarte ich doch von der ganzen Illumination einen herrlichen Totaleffekt, so bleibe nur dabei und spruhe nach allen Seiten hin.

Da ich nun heute bis zum Amen Deiner reichen inhaltsvollen Blatter gekommen bin, so mochte ich Dir schliesslich nur mit einem Wort den Genuss ausdrukken, der mir daraus erwachst, und Dich bitten, dass Du mir ja das Thema uber Musik nicht fallen lasst, sondern vielmehr nach allen Seiten hin und auf alle Weise variierst. Und so sage ich Dir ein herzliches Lebewohl; bleibe mir gut, bis gunstige Sterne uns zueinander fuhren.

G.

An Goethe

Rochusberg

Funf Tage waren wir unterwegs, und seitdem hat es unaufhorlich geregnet. Das ganze Haus voll Gaste, kein Eckchen, wo man sich der Einsamkeit hatte freuen konnen, um Dir zu schreiben.

Solang ich Dir noch zu sagen habe, so lang glaub ich auch fest, dass Dein Geist auf mich gerichtet ist wie auf so manche Ratsel der Natur; wie ich denn glaube, dass jeder Mensch ein solches Ratsel ist, und dass es die Aufgabe der Liebe ist zwischen Freunden, das Ratsel aufzulosen; so dass ein jeder seine tiefere Natur durch und in dem Freund kennenlerne. Ja Liebster, das macht mich glucklich, dass sich allmahlich mein Leben durch Dich entwickelt, drum mocht ich auch nicht falsch sein, lieber mocht ich's dulden, dass alle Fehler und Schwachen von Dir gewusst waren, als Dir einen falschen Begriff von mir geben; weil dann Deine Liebe nicht mit mir beschaftigt sein wurde, sondern mit einem Wahnbild, was ich Dir statt meiner untergeschoben hatte. Darum mahnt mich auch oft ein Gefuhl, dass ich dies oder jenes Dir zulieb meiden soll, weil ich es doch vor Dir leugnen wurde.

Lieber Goethe, ich muss Dir die tiefsten Sachen nur Du horst mich an und glaubst an mich und gibst mir in der Stille recht. Ich habe oft daruber nachgedacht, dass der Geist nicht kann, was er will, dass eine geheime Sehnsucht in ihm verborgen liegt, und dass er die nicht befriedigen kann; zum Beispiel, dass ich eine grosse Sehnsucht habe bei Dir zu sein, und dass ich doch nicht, wenn ich auch noch so sehr an Dich denke, Dir dies fuhlbar machen kann; ich glaube, es kommt daher, weil der Geist wirklich nicht im Reich der Wahrheit lebt und er also sein eigentliches Leben noch nicht wahrmachen kann, bis er ganz aus der Luge heraus in das Reich der Offenbarung ubergegangen ist; denn die Wahrheit ist ja nur Offenbarung, und dann wird sich ein Geist auch dem andern zu offenbaren vermogen. Ich mochte Dir noch anderes sagen, aber es ist schwer, mich befallt Unruh, und ich weiss nicht wohin ich mich wenden soll; ja, im ersten Augenblick ist alles reich, aber will ich's mit dem Wort anfassen, da ist alles verschwunden, so wie im Marchen, wo man einen kostbaren Schatz findet, in dem man alle Kleinode deutlich erkennt, will man ihn beruhren, so versinkt er, und das beweist mir auch, dass der Geist hier auf Erden das Schone nur traumt und noch nicht seiner Meister ist, denn sonst konnte er fliegen, so gut wie er denkt, dass er fliegen mochte. Ach wir sind soweit voneinander! Welche Tur ich auch offne und sehe die Menschen beisammen, Du bist nicht unter ihnen; ich weiss es ja, noch eh ich offne, und doch muss ich mich erst uberzeugen und empfinde die Schmerzen eines Getauschten; sollte ich Dir nun auch noch meine Seele verbergen? oder das, was ich zu sagen habe, einhullen in Gewand, weil ich mich schame der verzagten Ahnungen? Soll ich nicht das Zutrauen in Dich haben, dass Du das Leben liebst, wenn es auch noch unbehilflich der Pflege bedarf, bis es seinen Geist mitteilen kann? Ich habe mir grosse Muhe gegeben mich zu sammeln und mich selbst auszusprechen; ich hab mich vor dem Sonnenlicht versteckt, und in dunkler Nacht, wo kein Stern leuchtet und die Winde brausen, da bin ich in die Finsternis hinaus und hab mich fortgeschlichen bis zum Ufer; da war es immer noch nicht einsam genug, da storten mich die Wellen, das Rauschen im Gras, und wenn ich in die dichte Finsternis hineinstarrte und die Wolken sich teilten, dass sich die Sterne zeigten, da hullte ich mich in den Mantel und legte das Gesicht an die Erde, um ganz, ganz allein zu sein; das starkte mich, dass ich freier war, da regte es mich an, das, was vielleicht keiner beachtet, zu beachten; da besann ich mich, ob ich denn wirklich mit Dir spreche, oder ob ich nur mich von Dir horen lasse? Ach Goethe! Musik, ja Musik! Hier kommen wir wieder auf das heilige Kapitel, da horen wir auch zu, aber wir sprechen nicht mit, aber wir horen, wie sie untereinander sprechen, und das erschuttert uns, das ergreift uns; ja sie sprechen untereinander, wir horen und empfinden, dass sie eins werden im Gesprach. Drum, das wahre Sprechen ist eine Harmonie, ohne Scheidung alles in sich vereint; wenn ich Dir die Wahrheit sage, so muss Deine Seele in meine uberfliessen, das glaub ich.

Wo kommen sie her, diese Geister der Musik? Aus des Menschen Brust; er schaut sich selber an, der Meister; das ist die Gewalt, die den Geist zitiert. Er steigt hervor aus unendlicher Tiefe des Inneren, und sie sehen sich scharf an, der Meister und der Geist, das ist die Begeistrung; so sieht der gottliche Geist die Natur an, davon sie bluht. Da bluhen Geister aus dem Geist; sie umschlingen einander, sie stromen aus, sie trinken einander, sie gebaren einander; ihr Tanz ist Form, Gebild; wir sehen sie nicht wir empfinden's und unterwerfen uns seiner himmlischen Gewalt; und indem wir dies tun, erleiden wir eine Einwirkung, die uns heilt. Das ist Musik.

O, glaub gewiss, dass wahre Musik ubermenschlich ist. Der Meister fordert das Unmogliche von den Geistern, die ihm unterworfen sind, und siehe, es ist moglich, sie leisten es. An Zauberei ist nicht zu zweifeln, nur muss man glauben, dass das Ubermachtige auch im Reich der Ubermacht geleistet werde, und dass das Hochste von der Ahnung, von dem Streben desjenigen abhange, dem die Geister sich neigen. Wer das Gottliche will, dem werden sie Gottliches leisten. Was ist aber das Gottliche? Das ewige Opfer des menschlichen Herzens an die Gottheit: dies Opfer geht hier geistigerweise vor; und wenn es der Meister auch leugnet, oder nicht ahnt, es ist doch wahr. Erfasst er eine Melodie, so ahnet er schon ihre Vollkommenheit, und das Herz unterwirft sich einer strengen Prufung, es lasst sich alles gefallen, um dem Gottlichen naherzukommen; je hoher es steigt, je seliger; und das ist das Verdienst des Meisters, dass er sich gefallen lasse, dass die Geister auf ihn eindringen, ihm nehmen, sein Ganzes vernichten, dass er ihnen gehorcht, das Hohere zu suchen unter ewigen Schmerzen der Begeistrung. Wo ich das alles, und einzig, was ich gehort habe, war Musik. Wie ich aus dem Kloster kam nach Offenbach, da lag ich im Garten auf dem Rasen und horte Salieri und Winter, Mozart und Cherubini, Haydn und Beethoven. Das alles umschwarmte mich; ich begriff's weder mit den Ohren noch mit dem Verstand, aber ich fuhlte es doch, wahrend ich alles andre im Leben nicht fuhlte; das heisst, der innere, hohere Mensch fuhlt es; und schon damals fragte ich mich: "Wer ist das, der da gespeist und getrankt wird durch Musik, und was ist das, was da wachst und sich nahrt, pflegt und selbsttatig wird durch sie?" Denn ich fuhlte eine Bewegung zum Handeln; ich wusste aber nicht, was ich ergreifen sollte. Oft dachte ich, ich musse mit fliegender Fahne voranziehen den Volkern; ich wurde sie auf Hohen fuhren uber den Feind, und dann mussten sie auf mein Geheiss, auf meinen Wink hinunterbrausen ins Tal und siegend sich verbreiten. Da sah ich die roten und weissen Fahnlein fliegen und den Pulverdampf in den sonneblendenden Gefilden; da sah ich sie heransprengen im Galopp die Siegesboten, mich umringen und mir zujauchzen; da sah und fuhlte ich, wie der Geist in der Begeistrung sich lost und zum Himmel aufschwingt; die Helden, an den Wunden verblutend, zerschmettert, selig aufschreiend im Tod, ja und ich selbst hab es mit erlebt, denn ich fuhlte mich auch verwundet und fuhlte, wie der Geist Abschied nahm, gern noch verweilt hatte unter den Palmen der Siegesgottin und doch, da sie ihn enthob, auch gern sich mit ihr aufschwang. Ja, so hab ich's erlebt und anderes noch: wo ich mich einsam fuhlte, in tiefe wilde Schluchten sah, nicht tief untief; unendliche Berge uber mir, ahnend die Gegenwart der Geister. Ja, ich nahm mich zusammen und sagte: "Kommt nur, ihr Geister, kommt nur heran; weil ihr gottlich seid und hoher als ich, so will ich mich nicht wehren." Da horte ich aus dem unsaglichen Gebraus der Stimmen die Geister sich losreissen; sie wichen voneinander ich sah sie aus der Ferne in glanzendem Fluge mir nahen; durch die himmlische blaue Luft verdufteten sie ihre silberne Weisheit, und sie neigten sich in den Felsensaal herab und stromten Licht uber die schwarzen Abgrunde, dass alles sichtbar war. Da sprangen die Wellen in Blumen in die Hohe und umtanzten sie, und ihr Nahen, ihr ganzes Sprechen war ein Eindringen ihrer Schonheit auf mich, dass meine Augen sie kaum fassten mit allem Beistand des Geistes und das war ihre ganze Wirkung auf mich.

O Goethe! Ich konnte Dir noch viele Gesichte mitteilen; ja ich glaub's, dass Orpheus sich umringt sah von den wilden Tieren, die in susser Wehmut aufstohnten mit den Seufzern seines Gesangs; ich glaub's dass die Baume und Felsen sich nahten und neue Gruppen und Walder bildeten, denn auch ich hab's erlebt; ich sah Saulen emporsteigen und wunderbares Gebalk tragen, auf dem sich schone Junglinge wiegten; ich sah Hallen, in denen erhabene Gotterbilder aufgestellt waren; wunderbare Gebaude, deren Glanz den Blick des stolzen Auges brachen; deren Galerien Tempel waren, in denen Priesterinnen mit goldnen Opfergeraten wandelten und die Saulen mit Blumen schmuckten, und deren Zinnen von Adlern und Schwanen umkreist waren; ich sah diese ungeheuren Architekturen mit der Nacht sich vermahlen, die elfenbeinernen Turme mit ihren diamantnen Lazuren im Abendrot schmelzen und uber die Sterne hinausragen, die im kalten Blau der Nacht wie gesammelte Heere dahinflogen und, tanzend im Takt der Musik und um die Geister sich schwingend, Kreise bildeten. Da horte ich in den fernen Waldern das Seufzen der Tiere um Erlosung; und was schwarmte alles noch vor meinem Blick und in meinem Wahn. Was glaubte ich tun zu mussen und zu konnen; welche Gelubde hab ich den Geistern ausgesprochen; alles, was sie verlangten, hab ich auf ewig und ewig gelobt. Ach Goethe, das alles hab ich erlebt in dem grunen goldgeblumten Gras. Da lag ich in der Spielstunde und hatte die feine Leinwand uber mich gebreitet, die man da bleichte, ich horte oder fuhlte mich vielmehr getragen und umbraust von diesen unaussprechlichen Symphonien, die keiner deuten kann; da kamen sie und begossen die Leinwand; und ich blieb liegen und fuhlte die Glut behaglich abgekuhlt. Du wirst gewiss auch ahnliches erlebt haben; diese Fieberreize, ins Paradies der Phantasie aufzusteigen, haben Dich auf irgendeine Weise durchdrungen; sie durchgluhen die Natur, die wieder erkaltet etwas anders geworden, zu etwas anderm befahigt ist. An Dich haben die Geister Hand gelegt, in's unsterbliche Feuer gehalten; und das war Musik; ob Du sie verstehst, oder empfindest; ob Unruhe oder Ruhe Dich befallt; ob Du jauchzest oder tief trauerst; ob Dein Geist Freiheit atmet oder seine Fesseln empfindet; es ist immer die Geisterbasis des Ubermenschlichen in Dir. Wenn auch weder die Terz noch die Quint Dir ein Licht aufstecken, wenn sie nicht so gnadig sind, sich von Dir beschauen und befuhlen zu lassen, so ist es bloss, weil Du durchgegangen bist durch ihre Heiligung, weil die Sinne, gereift an ihrem Licht, schon wieder die goldnen Fruchtkorner zur Saat ausspreuen. Ja, Deine Lieder sind die sussen Fruchte, ihres Balsams voll. Balsam stromt in Deiner dithyrambischen Wollust! Schon sind's nicht mehr Tone es sind ganze Geschlechter in Deinen Gedichten, die ihre Gewalt tragen und verbreiten. Ja, das glaub ich gewiss, dass Musik jede echte Kunsterscheinung bildet und sich freut, in Dir so rein wiedergeboren zu sein. Kummere Dich nicht um die leeren Eierschalen, aus denen die flugge gewordenen Geister entschlupft sind; nicht um die Terz und die Quint und um die ganze Basen- und Vetterschaft der Dur- und Mollton- arten, Dir sind sie selber verwandt; Du bist mitten unter ihnen. Das Kind fragt nicht unter den Seinigen: "Wer sind diese, und wie kommen sie zueinander?" Es fuhlt das ewige Gesetz der Liebe, das es allen verbindet. Und dann muss ich Dir auch noch eins sagen: Komponisten sind keine Maurer, die Steine aufeinanderbacken, den Rauchfang nicht vergessen, die Treppe nicht, nicht den Dachstuhl, und die Tur nicht, wo sie wieder herausschlupfen konnen, und glauben, sie haben ein Haus gebaut. Das sind mir keine Komponisten, die Deinen Liedern ein artig Gewand zuschneiden, das hinten und vorne lang genug ist. O Deine Lieder, die durchs Herz brechen mit ihrer Melodie; wie ich vor zehn Tagen da oben sass auf dem Rheinfels, und der Wind die starken Eichen bog, dass sie krachten, und sie sausten und brausten im Sturm, und ihr Laub, getragen vom Wind, tanzte uber den Wellen. Da hab ich's gewagt zu singen; da war's keine Tonart da war's kein Ubergang da war's kein Malen der Gefuhle oder Gedanken, was so gewaltig mit in die Natur einstimmte: es war der Drang eins mit ihr zu sein. Da hab ich's wohl empfunden, wie Musik Deinem Genius einwohnt! Der hat sich mir gezeigt, schwebend uber den Wassern, und hat mir's eingescharft, dass Dich ich liebe. Ach Goethe, lass Dir keine Liedchen vorlallen und glaube nicht, Du musstest sie verstehen und wurdigen lernen; ergib Dich auf Gnad und Ungnad; leide in Gottesnamen Schiffbruch mit Deinem Begriff; was willst Du alles Gottliche ordnen und verstehen, wo's her kommt und hin will? Siehst Du, so schreib ich, wenn ich zugellos bin und nicht danach frage, ob's der Verstand billigt. Ich weiss nicht, ob es Wahrheit ist; mehr als das, was ich prufe; aber so mocht ich lieber schreiben, ohne zu befurchten, dass Du wie andre mich schweigen hiessest; was konnt ich Dir alles sagen, wenn ich mich nicht besinnen wollte! Bald wurde ich Herr werden, und nichts sollte sich mir verbergen, was ich halten wollte mit dem Geist, und wenn Du einstimmtest und neigtest Dich meinem Willen, wie der Septakkord sich der Auflosung entgegendrangt, dann war's, wie die Liebe es will.

Rochusberg

Ich kann oft vor Lust, dass jetzt die selige einsame Stunde dazu ist, nicht zum Schreiben kommen. Hier oben, im goldnen Sommer an die goldne Zukunft denken, denn das ist meine Zukunft: Dich wiedersehen; schon von dem Augenblick an, wo Du mir die Hand zum Abschied reichst und zu verstehen gibst, es sei genug der Zartlichkeit, da wende ich in Gedanken schon wieder um zu Dir. Darum lache ich auch mit dem einen Auge, wahrend ich mit dem andern weine.

Wie selig, also Dich zu denken, wie geschwatzig wird meine Seele in jedem kleinen Ereignis, aus dem sie hofft, den Schatz zu heben.

Mein erster Gang war hier herauf, wo ich Dir den letzten Brief schrieb, ehe wir reisten. Ich wollte sehen, ob mein Tintenfass noch da sei und meine kleine Mappe mit Papier. Alles noch an Ort und Stelle; ach Goethe, ich habe Deine Briefe so lieb, ich habe sie eingehullt in ein seidnes Tuch mit bunten Blumen und goldnem Zierat gestickt. Am letzten Tag vor unserer wollte ich sie nicht, da wir allesamt nur einen Mantelsack hatten; in meinem Zimmerchen, das ich nicht verschliessen konnte, weil es gebraucht wurde, mochte ich sie auch nicht lassen, ich dachte, der Nachen konnte versinken und ich versaufen, und dann wurden diese Briefe, deren einer um den andern an meinem Herzen gelegen hat, in fremde Hand kommen. Erst wollte ich sie den Nonnen in Vollratz aufzuheben geben; es sind Bernhardinerinnen, die, aus dem Kloster vertrieben, jetzt dort wohnen, nachher hab ich's anders uberlegt. Das letztemal habe ich hier auf dem Berg einen Ort gefunden; unter dem Beichtstuhl der Rochuskapelle, der noch steht, in dem ich auch immer meine Schreibereien verwahre, hab ich eine kleine Hohle gegraben und hab sie inwendig mit Muscheln vom Rhein und wunderschonen kleinen Kieselsteinchen ausgemauert, die ich auf dem Berge fand; da hab ich sie in ihrer seidnen Umhullung hineingelegt und eine Distel vor die Stelle gepflanzt, deren Wurzel ich sorgfaltig mitsamt der Erde ausgestochen. Unterwegs war mir oft bange; welcher Schlag hatte mich getroffen, hatte ich sie nicht wiedergefunden, mir steht das Herz still; sieben Tage war schlecht Wetter nach unserer Heimkehr; es war nicht moglich, hinuberzukommen; der Rhein ist um drei Fuss gestiegen und ganz verodet von Nachen; ach, wie hab ich's verwunscht, dass ich sie da oben hingebracht hatte; keinem mocht ich's sagen, aber die Ungeduld hinuberzukommen! Ich hatte Fieber aus Angst um meine Briefe, ich konnte mir ja erwarten, der Regen wurde irgendwo durchgedrungen sein und sie verderben; ach, sie haben auch ein bisschen Wassernot gelitten, aber nur ganz wenig, ich war so froh, wie ich von weitem die Distel bluhen sah, da hab ich sie denn ausgegraben und in die Sonne gelegt; sie sind gleich trocken, und ich nehm sie mit. Die Distel hab ich zum ewigen Andenken wieder festgepflanzt. Nun muss ich Dir auch erzahlen, was ich hier oben fur eine neue Einrichtung gefunden, namlich oben im Beichtstuhl ein Brett befestigt und darauf einen kleinen viereckigen Bienenkorb. Die Bienen waren ganz matt und sassen auf dem Brettchen und an dem Korb. Nun muss ich Dir aus dem Kloster erzahlen. Da war eine Nonne, die hiess man Mere celatrice, die hatte mich an sich gewohnt, dass ich ihr alle Geschafte besorgen half. Hatten wir den Wein im Keller gepflegt, so sahen wir nach den Bienen; denn sie war Bienenmutter, und das war ein ganz bedeutendes Amt. Im Winter wurden sie von ihr gefuttert, die Bienen saugten aus ihrer Hand susses Bier. Im Sommer hingen sie sich an ihren Schleier, wenn sie im Garten ging, und sie behauptete, von ihnen gekannt und geliebt zu sein. Damals hatte ich grosse Neigung zu diesen Tierchen. Die Mere celatrice sagte, vor allem musse man die Furcht uberwinden, und wenn eine stechen wolle, so musse man nicht zucken, dann wurden sie nie stark stechen. Das hat mich grosse Uberwindung gekostet, nachdem ich den festen Vorsatz gefasst hatte, mitten unter den schwarmenden Bienen ruhig zu sein, befiel mich die Furcht, ich lief, und der ganze Schwarm mir nach. Endlich hab ich's doch gelernt, es hat mir tausend Freude gemacht, oft hab ich ihnen einen Besuch gemacht und einen duftenden Strauss hingehalten, auf den sie sich setzten. Den kleinen Bienengarten hab ich gepflegt, und die gewurzigen dunklen Nelken besonders hab ich hineingepflanzt. Die alte Nonne tat mir auch den Gefallen, zu behaupten, dass man alle Blumen, die ich gepflanzt hatte, aus dem Honig herausschmecke. So lehrte sie mich auch, dass, wenn die Bienen erstarrt waren, sie wieder beleben. Sie rieb sich die Hand mit Nesseln und mit einem duftenden Krautchen, welches man Katzenstieg nennt, machte den grossen Schieber des Bienenhauses auf und steckte die Hand hinein. Da setzten sie sich alle auf die Hand und warmten sich, das hab ich oft auch mitgemacht; da steckte die kleine Hand und die grosse Hand im Bienenkorb. Jetzt wollt ich's auch probieren, aber ich hatte nicht mehr das Herz; siehst Du, so verliert man seine Unschuld und die hohen Gaben, die man durch sie hat.

Bald hab ich auch den Eigentumer des Korbes kennen lernen; indem ich am mitten Berg lag, um im Schatten ein wenig zu faulenzen, hort ich ein Getrappel im Traumschlummer, das war die Binger Schafherde nebst Hund und Schafer; er sah auch gleich nach seinem Bienenkorb; er sagte mir, dass er noch eine Weile hier weide, da hab ihm der volle bluhende Thymian und das warme sonnige Platzchen so wohl gefallen, dass er den Schwarm junger Bienen hier herauf gepflanzt habe, damit sie sich recht wohl befinden, wenn sie sich dann mehren sollten und den ganzen gegitterten Beichtstuhl einnehmen, wenn er ubers Jahr wiederkame, so solle es ihm recht lieb sein.

Der Schafer ist ein alter Mann; er hat einen langen grauen Schnurrbart, er war Soldat und erzahlte mir allerlei von den Kriegsszenen und von der fruheren Zeit; dabei pfiff er seinem Hund, der ihm die Herde regierte. Von verschiedenen Berggeistern erzahlte er auch, das glaube er alles nicht, aber auf der Ingelheimer Hohe, wo noch Ruinen von dem grossen Kaisersaal stehen, da sei es nicht geheuer; er habe selbst auf der Heide im Mondschein einen Mann begegnet, ganz in Stahl gekleidet, dem sei ein Lowe gefolgt; und da der Lowe Menschen gewittert, so habe er furchterlich geheult; da habe der Ritter sich umgekehrt, mit dem Finger gedroht und gerufen: "Bis stille, frevelicher Hund!" da sei der Lowe verstummt und habe dem Mann die Fusse geleckt. Der Schafer erzahlte mir dies mit besonderm Schauer, und ich schauderte zum Plasier ein klein bisschen mit; ich sagte: "Ich glaube wohl, dass ein frommer Schafer sich vor dem Huter eines Lowen furchten muss." "Was?" sagte er, "ich war damals kein Schafer, sondern Soldat und auch gar nicht besonders fromm; ich freite um ein Schatzchen und war herubergegangen nach Ingelheim um Mitternacht, um Tur und Riegel zu zwingen; aber in der Nacht ging ich nicht weiter; ich kehrte um." "Nun", fragt ich, "Euer Schatzchen, das hat wohl umsonst auf Euch gewartet?" "Ja", sagte er, "wo Geister sich einmischen, da muss der Mensch dahinten bleiben." Ich meinte, wenn man liebe, brauche man sich vor Geistern nicht zu furchten und konne sich grade dann fur ihresgleichen achten; denn die Nacht ist zwar keines Menschen Freund, aber des Liebenden Freund ist sie.

Ich fragte den Schafer, wie er sich bei seinem einsamen Geschaft die Zeit vertreibe in den langen Tagen; er ging den Berg hinauf, die ganze Herde hinter ihm drein, uber mich hinaus, er kam wieder, die Herde nahm wieder keinen Umweg; er zeigte mir eine schone Schalmei so nannte er ein Hautbois mit silbernen Klappen und Elfenbein zierlich eingelegt; er sagte: "Die hat mir ein Franzose geschenkt, darauf kann ich blasen, dass man es eine Stunde weit hort; wenn ich hier auf der Hohe weide und seh ein Schiffchen mit lustigen Leuten druben, da blas ich; in der Ferne nimmt sich die Schalmeie wunderschon aus, besonders wenn das Wasser so still und sonnig ist wie heute; das Blasen ist mir lieber wie Essen und Trinken." Er setzte an und wendete sich nach dem Tal, um das Echo horen zu lassen; nun blies er das Lied des weissagenden Tempelknaben aus Axur von Ormus mit Variationen eigner Eingebung; die feierliche Stille, die aus diesen Tonen hervorbricht und sich mitten im leeren Raum ausdehnt, beweist wohl, dass die Geister auch in der sinnlichen Welt einen Platz einnehmen; zum wenigsten ward alles anders: Luft und Gebirge, Wald und Ferne, und der ziehende Strom mit den gleitenden Nachen waren von der Melodie beherrscht und atmeten ihren weissagenden Geist; die Herde hatte sich zum Ruhen gelagert; der Hund lag zu des Schafers Fussen, der von mir entfernt auf der Hohe stand und die Begeistrung eines Virtuosen empfand, der sich selbst uberbietet, weil er fuhlt, er werde ganz genossen und verstanden. Er liess das Echo eine sehr feine Rolle darin spielen; hier und da liess er es in eine Lucke einschmelzen, dann wiederholte er die letzte Figur, zartlicher, eindringender; das Echo wieder! Er ward noch feuriger und schmachtender; und so lehrte er dem Widerhall, wie hoch er's treiben konne, und dann endigte er in einer brillanten Fermate, die alle Taler und Schluchten des Donnersbergs und Hunsrucks widerhallen machte. Er zog blasend mit der Herde um den Berg. Ich packte meine Schreibereien auf, da die Einsamkeit doch hier oben aufgehoben ist, und schlenderte noch eine Weile bei gewaltigem Abendrot mit dem Schafer in weisen Reden begriffen, hinter der weissen Herde drein; er entliess mich mit dem Kompliment, ich sei gescheuter als alle Menschen, die er kenne; dies war mir was ganz Neues, denn bisher hab ich von gescheuten Leuten gehort, ich sei ganzlich unklug; ich kann aber doch dem Schafer nicht unrecht geben; ich bin auch gescheut und habe scharfe Sinne.

Bettine

Winkel, 7. August

Gestern hab ich meinen Brief zugemacht und abgeschickt; aber noch nicht geschlossen. Wusstest Du, was mich bei diesen einfachen Erzahlungen oft fur Unruhe und Schmerzen befallen! Es scheint Dir alles nur so hingeschrieben, wie erlebt, ja! Aber so manches seh ich und denke es, und kann es doch nicht aussprechen; und ein Gedanke durchkreuzt den andern, und einer nimmt vor dem andern die Flucht, und dann ist es wieder so ode im Geist wie in der ganzen Welt. Der Schafer meinte, Musik schutze vor bosen Gedanken und vor Langerweile; da hat er recht, denn weil wir uns nach der Zukunft sehnen. In der Musik ahnen wir diese Zukunft, da sie doch nur Geist sein kann und nichts anderes, und ohne Geist gibt es keine Zukunft; wer nicht im Geist aufbluht, wie wollte der leben und Atem holen? Aber ich habe mir zu Gewaltiges vorgenommen, Dir von Musik zu sagen; denn weil ich weiss, dass ihre Wahrheit doch nicht mit irdischer Zunge auszusprechen ist. So vieles halte ich zuruck, aus Furcht, Du mochtest es nicht genehmigen, oder eigentlich, weil ich glaube, dass Vorurteile Dich blenden, die Gott weiss von welchem Philister in Dich gepragt sind. Ich habe keine Macht uber Dich, Du glaubst Dich an gelehrte Leute wenden zu mussen; und was die Dir sagen konnen, das ist doch nur dem hoheren Bedurfnis im Wege; o Goethe, ich furchte mich vor Dir und dem Papier, ich furchte mich aufzuschreiben, was ich fur Dich denke.

Ja, das hat der Christian Schlosser gesagt: Du verstundest keine Musik, Du furchtest Dich vor dem Tod und habest keine Religion, was soll ich dazu sagen? Ich bin so dumm wie stumm, wenn ich so empfindlich gekrankt werde. Ach Goethe, wenn man kein Obdach hatte, das vor schlechtem Wetter schutzt, so konnte einem der kalte lieblose Wind schon was anhaben, aber so weiss ich Dich in Dir selber geborgen; die drei Ratsel aber sind mir eine Aufgabe. Ich mochte Dir nach allen Seiten hin Musik erklaren, und fuhl doch selbst, dass sie ubersinnlich ist und von mir unverstanden; dennoch kann ich nicht weichen von diesem Unauflosbaren und bete zu ihm: nicht, dass ich es begreifen moge; nein, das Unbegreifliche ist immer Gott, und es gibt keine Zwischenwelt, in der noch andere Geheimnisse begrundet waren. Da Musik unbegreiflich ist, so ist sie gewiss Gott; dies muss ich sagen, und Du wirst mit Deinem Begriff von der Terz und der Quint mich auslachen! Nein, Du bist zu gut, Du lachst nicht; und dann bist Du auch zu weise; Du wirst wohl gerne Deine Studien und errungenen Begriffe aufgeben gegen ein solches, alles heiligende Geheimnis des gottlichen Geistes in der Musik. Was lohnte denn auch die Muhe der Forschung, wenn es nicht dies ware! Nach was konnen wir forschen, was bewegt uns, als nur das Gottliche! und was konnen Dir andere, die Wohlstudierten, Besseres und Hoheres daruber sagen; und wenn einer dagegen was aufbringen wollte, musste er sich nicht schamen? Wenn einer sagen wollte: Musik sei nur da, dass der Menschengeist sich darin ausbilde? Nun ja! wir sollen uns in Gott bilden. Wenn einer sagt, sie sei nur Vermittlung zum Gottlichen, sie sei nicht Gott selbst! Nein, ihr falschen Kehlen, euer eitler Gesang ist nicht gottlich durchdrungen. Ach, die Gottheit selbst lehrt uns den Buchstaben begreifen, damit wir gleich ihr aus eignem Vermogen im Reich der Gottheit regieren lernen. Alles Lernen in der Kunst ist nur dazu, dass wir den Grund der Selbstandigkeit in uns legen, und dass es unser Errungenes bleibe. Einer sagte von Christus, dass er nichts von Musik gewusst habe; dagegen konnte ich nichts sagen; einmal weiss ich seinen Lebenslauf nicht genau, und dann, was mir dabei einfiel, kann ich nur Dir sagen, obschon ich nicht weiss, was Du dazu sagen wirst. Christus sagt: "Auch euer Leib soll verklart werden!" Ist nun Musik nicht die Verklarung der sinnlichen Natur? Beruhrt Musik nicht unsere Sinne, dass sie sich eingeschmolzen fuhlen in die Harmonie der Tone, wie Du mit Terz und Quint berechnen willst? Lerne nur verstehen, Du wirst um so mehr Dich wundern uber das Unbegreifliche. Die Sinne fliessen in den Strom der Begeisterung, und das erhoht sie. Alles, was den Menschen geistigerweise anspricht, geht hier in die Sinne uber; drum fuhlt er sich auch durch sie zu allem bewegt. Liebe und Freundschaft, kriegerischer Mut und Sehnsucht nach der Gottheit alles wallt im Blut; das Blut ist geheiligt; es entzundet den Leib, dass er mit dem Geist zusammen dasselbe wolle. Das ist die Wirkung der Musik auf die Sinne; das ist die Verklarung des Leibes; die Sinne von Christus waren eingeschmolzen in den gottlichen Geist, sie wollten mit ihm dasselbe; er sagt: "Was ihr beruhrt mit dem Geist wie mit den Sinnen, das sei gottlich, denn dann wird euer Leib auch Geist." Siehst Du, das hab ich ungefahr empfunden und gedacht, da man sagte, Christus habe nichts von Musik gewusst.

Verzeihe mir, dass ich so mit Dir spreche, gleichsam ohne Basis, denn mir schwindelt, und ich deute kaum an, was ich sagen mochte, und vergesse alles so leicht wieder; aber wenn ich in Dich das Zutrauen nicht haben sollte, Dir zu bekennen, was sich in mir aufdringt, wem sollte ich's sonst mitteilen!

Diesen Winter hatte ich eine Spinne in meinem Zimmer; wenn ich auf der Gitarre spielte, kam sie eilig herab in ein Netz, was sie tiefer ausgespannt hatte. Ich stellte mich vor sie und fuhr uber die Saiten; man sah deutlich, wie es durch ihre Gliederchen drohnte; wenn ich Akkord wechselte, so wechselten ihre Bewegungen, sie waren unwillkurlich; bei jedem verschiedenen Harpege wechselte der Rhythmus in ihren Bewegungen; es ist nicht anders, dies kleine Wesen war freudedurchdrungen oder geistdurchdrungen, solang mein Spielen wahrte; wenn's still war, zog sie sich wieder zuruck. Noch ein kleiner Geselle war eine Maus, der aber mehr der Vokalmusik geneigt war; sie erschien meistens, wenn ich die Tonleiter sang; je starker ich den Ton anschwellen liess, je naher kam sie; in der Mitte der Stube blieb sie sitzen; mein Meister hatte grosse Freude an dem Tierchen; wir nahmen uns sehr in acht, sie nicht zu storen. Wenn ich Lieder und abwechselnde Melodien sang, so schien sie sich zu furchten; sie hielt dann nicht aus und lief eilend weg. Also die Tonleiter schien diesem kleinen Geschopfchen angemessen, die durchgriff sie, und wer kann zweifeln: bereitete ein Hoheres in ihr vor; diese Tone, so rein wie moglich getragen, in sich schon, die beruhrten diese Organe. Dieses Aufschwellen und wieder Sinken bis zum Schweigen nahm das Tierchen in ein Element auf. Ach Goethe, was soll ich sagen? es ruhrt mich alles so sehr, ich bin heute so empfindlich, ich mochte weinen; wer im Tempel wohnen kann auf reinen heiteren Hohen, sollte der verlangen hinaus in eine Spitzbubenherberge? Diese beiden kleinen Tierchen haben sich der Musik hingegeben; es war ihr Tempel, in dem sie ihre Existenz erhoht, vom Gottlichen beruhrt fuhlten, und Du, der sich bewegt fuhlt durch das ewige Wallen des Gottlichen in Dir, Du habest keine Religion? Du, dessen Worte, dessen Gedanken immer an die Muse gerichtet sind, Du lebtest nicht in dem Element der Erhohung, der Vermittelung mit Gott. Ach ja: das Erheben aus dem bewusstlosen Leben in die Offenbarung, das ist Musik.

Gute Nacht.

Karlsbad, den 28. Juli 1808

Ist es wahr, was die verliebten Poeten sagen, dass keine sussere Freude sei, als das Geliebte zu schmukken, so hast Du das grosste Verdienst um mich. Da ist mir durch die Mutter eine Schachtel voll der schonsten Liebesapfel zugekommen, an goldnen Ketten zierlich aufgereiht; schier waren sie in meinem Kreise zu Zankapfeln geworden. Ich sehe unter diesem Geschenk und der Anweisung dabei eine Spiegelfechterei verborgen, die ich nicht umhin kann zu rugen, denn da Du listig genug bist, mich mitten im heissen Sommer aufs Eis zu fuhren, so mochte ich Dir auch meinen Witz zeigen, wie ich auch unvorbereitet und unverhofft mit Geschicklichkeit diese Winterfreuden zu bestehen wage; ich werde Dir nicht sagen, dass ich keinen lieber schmucken mochte wie Dich, denn schmucklos hast Du mich uberrascht, und schmucklos wirst Du mich ewig ergotzen. Ich hing die Perlenreihe chinesischer Fruchte zwischen den geoffneten Fensterflugeln auf, und da eben die Sonne drauf schien, so hatte ich Gelegenheit, ihre Wirkung an diesen balsamartigen Gewachsen zu beachten. Das brennende Rot verwandelte sich da, wo die Strahlen auflagen, bald in dunklen Purpur, in Grun und entschiedenes Blau; alles von dem echten Gold des Lichtes gehoht; kein anmutigeres Spiel der Farben habe ich lange beobachtet, und wer weiss, zu welchen Umwegen mich das alles verfuhren wird; zum wenigsten wurde der Schwanenhals, von dem die Dir gehorsamen Schreibefinger der Mutter mir melden, schwerlich mich zu so entschiedenen Betrachtungen und Reflexionen veranlasst haben; und so hab ich es denn Deinem Willen ganz angemessen gefunden, mich so dran zu erfreuen und zu belehren, und ich hute vielmehr meinen Schatz vor jedem lusternen Auge, als dass ich ihn der Wahl preisgeben sollte. Deiner gedenk ich dabei und aller Honigfruchte der Sonnenlande, und ausgiessen mocht ich Dir gerne die gesamten Schatze des Orients, wenn es auch ware, um zu sehen, wie Du ihrer nicht achtest, weil Du Dein Gluck in anderem begrundet fuhlst.

Dein freundlicher Brief, Deine reichen Blatter haben mich hier bei einer Zeit aufgesucht, wo ich Dich gerne selbst auf- und angenommen hatte. Es war eine Zeit der Ungeduld in mir; schon seit mehreren Posttagen sah ich allemal den freundlichen Postknaben, der noch in den Schelmenjahren ist, mit spitzen Fingern Deine wohlbeleibten Pakete in die Hohe halten. Da schickte ich denn eilig hinunter, sie zu holen, und fand meine Erwartung nicht betrogen; ich hatte Nahrung von einem Posttag zum andern; nun war sie aber zweimal vergeblich erwartet und ausgeblieben. Rechne mir's nicht zu hoch an, dass ich ungeduldig wurde; Gewohnheit ist ein gar zu susses Ding. Die liebe Mutter hatte aus einer ubrigens sehr loblichen Okonomie Deine Briefe gesammelt und sie der kleinen Schachtel beigepackt, und nun umstromt mich alles eine andere Gegend, ein anderer Himmel, Berge, uber die auch ich gewandert bin; Taler, in denen auch ich die schonsten Tage verlebt und trefflichen Wein getrunken habe; und der Rhein, den auch ich hinuntergeschwommen bin, in einem kleinen, lekken Kahn. Ich habe also ein doppeltes Recht an Dein Andenken; einmal war ich ja dort, und einmal bin ich bei Dir und vernehme mit begluckendem Erstaunen die Lehren Deiner Weisheit wie auch die so lieblichen Ereignisse, denn in allen bist Du es, die sie durch ihre Gegenwart verherrlicht.

Hier noch eine kleine wohlgemeinte Bemerkung, mit Dank fur das Eingesendete, die Du demjenigen, den es angeht, gelegentlich mitteilen mogest: ob ich gleich den Nifelheimischen Himmel nicht liebe, unter welchem sich der..... gefallt, so weiss ich doch recht gut, dass gewisse Klimaten und Atmospharen notig sind, damit diese und jene Pflanze, die wir doch auch nicht entbehren mogen, zum Vorschein komme. So heilen wir uns durch Renntiermoos, das an Orten wachst, wo wir nicht wohnen mochten, und, um ein ehrsameres Gleichnis zu brauchen, so sind die Nebel von England notig, um den schonen grunen Rasen hervorzubringen.

So haben auch mir gewisse Aufschosslinge dieser Flora recht wohl behagt. Ware es dem Redakteur jederzeit moglich, dergestalt auszuwahlen, dass die Tiefe niemals hohl und die Flache niemals platt wurde, so liesse sich gegen ein Unternehmen nichts sagen, dem man in mehr als einem Sinne Gluck zu wunschen hat. Grusse mir den Freund zum schonsten und entschuldige mich, dass ich nicht selbst schreibe.

Wie lang wirst Du noch im Rheinlande verweilen? Was wirst Du zu der Zeit der Weinlese vornehmen? Mich finden Deine Blatter wohl noch einige Monate hier, zwischen den alten Felsen, neben den heissen Quellen, die mir auch diesmal sehr wohltatig sind: ich hoffe, Du wirst mich nicht vergeblich warten lassen, denn meine Ungeduld zu beschwichtigen, alles zu erfahren, was in Deinem Kopfchen vorgeht, dafur sind diese Quellen nicht geeignet.

Meinem August geht es bis jetzt in Heidelberg ganz wohl. Meine Frau besucht in Lauchstadt Theater und Tanzsaal. Schon haben mich manche entfernte Freunde hier brieflich besucht; mit andern bin ich ganz unvermutet personlich zusammengekommen.

Ich habe so lange gezaudert, daher will ich dies Blatt gleich fortschicken und schlage es an meine Mutter ein. Sage Dir alles selbst, wozu mir der Platz hier nicht gegonnt ist, und lasse mich gleich von Dir horen.

G.

Am 8. August

Uberall wo es gut ist, das muss man zu fruh verlassen; so war es mir wahrlich gut bei Dir, drum musst ich Dich zu fruh verlassen.

Ein guter lieber Aufenthalt ist fur mich, was das fruchtbare Land einem Schiffer ist, der eine unsichre Reise vorhat, er wird Vorrat einsammeln, soviel ihm Zeit und Mittel erlauben. Ach, wenn er auf der einsamen weiten See ist, wenn die frischen Fruchte schwinden, das susse Wasser! er sieht kein Ziel vor sich; wie sehnsuchtsvoll wird die Erinnerung ans Land. Jetzt geht mir's auch so; in zwei Tagen muss ich den Rhein verlassen, um mit dem ganzen Familientross in Schlangenbad zusammenzutreffen. Ich war indessen nicht immerwahrend hier, sonst hatte Dich schon lange wieder eine Epistel von mir erreicht; viele Streifereien haben mich abgehalten: die Reise in die Wetterau, von welcher ich Dir hier ein Bruchstuck beilege. Den Primas hab ich in Aschaffenburg besucht, er meint immer, ich habe die Kinderschuhe noch nicht ausgetreten, und begrusst mich, indem er mir die Wangen streichelt und mich herzlich kusst. Diesmal sagte er: "Mein gutes, liebes Schatzchen, wie Sie frisch aussehen, und wie Sie gewachsen sind!" Ein solmich; ich fuhlt mich ganz und gar, wie er mich ansah, und betrug mich auch, als ob ich nur zwolf Jahre alt sei, ich erlaubte mir allen Scherz und ganzlichen Mangel an Hochachtung, unter solchen zweifelhaften Umstanden trug ich ihm Deine Auftrage vor. Sei nur nicht besturzt, ich kenne Dein wurdevolles Benehmen mit grossen Herren und habe Dir als Botschafter nichts vergeben, ich hatte mir einen schriftlichen Auszug aus dem Brief an Deine Mutter gemacht und legte ihm denselben vor und die Zeile, wo Du geschrieben hast: die Bettine soll sich doch alle Muhe geben, dies auf eine artige Weise vom Primas herauszulocken, die hielt ich mit der Hand zu; nun wollte er grade sehen, was da unten verborgen sei; ich machte vorher meine Bedingungen, er versprach mir das kleine Indische Herbarium, es ist in Paris, und er wollte noch denselben Tag drum schreiben. Was die Papiere des Propst D'umee anbelangt, so hat er sehr interessante wissenschaftliche Sachen, die er Dir alle verspricht, die Korrespondenz mit... gibt er nicht heraus, ich soll nur sagen, Du habest es nicht verdient, und er werde diese Briefe als einen wichtigen Familienschatz aufbewahren und als ein Muster von feurigen Ausdrucken bei der hochsten Ehrerbietung. Ich weiss nicht, was mich befiel bei dieser Rede, ich fuhlte, dass ich rot ward, da hob er mir das Kinn in die Hohe und sagte: "Was fehlt Ihnen denn, mein Kind, Sie schreiben wohl auch an Goethe?"! "Ja", sagte ich, "unter der Obhut seiner Mutter." "So, so, das ist ganz schon, kann denn die Mutter lesen?" Da musst ich ungeheuer lachen, ich sagte: "Wahrhaftig, Euer Hoheit haben's erraten; ich muss der Mutter alles vorlesen, und was sie nicht wissen soll, das ubergeh ich." Er brachte noch allerlei Scherzhaftes vor und frug, ob ich Dich Du nenne, und was ich Dir alles schreibe? Ich sagte, des Rhythmus halber nenne ich Dich Du, und eben habe ich seine Dispensation einholen wollen, um schriftlich beichten zu durfen, denn ich wolle Dir gern beichten; er lachte, er sprang auf (denn er ist sehr vif und macht oft grosse Satze) und sagte: "Geist wie der Blitz! Ja, ich gebe Ihnen Dispensation und ihm schreiben Sie es ihm ja, geb ich Macht, vollkommen Ablass zu erteilen, und nun werden Sie doch mit mir zufrieden sein?" Ich hatte grosse Lust, ihm zu sagen, dass ich nicht mehr zwolf Jahr, sondern schon eine Weile ins Blutenalter der Empfindung eingeruckt sei; aber da hielt mich etwas ab: bei seinen lustigen Sprungen fiel ihm seine kleine geistliche violettsamtne Mutze vom Kopf; ich nahm sie auf, und weil mir ahnete, sie wurde mir gut stehen, so setzte ich sie auf. Er betrachtete mich eine Weile und sagte: "Ein allerliebster kleiner Bischof! Die ganze Klerisei wurde hinter ihm dreinlaufen", und nun mochte ich ihm den Wahn nicht mehr benehmen, dass ich noch so jung sei, denn es kam mir vor, was ihn an einem Kind erfreuen durfe, das konne ihm bei einer verstandigen Dame, wie ich doch eine sein musste, als hochst inkonvenabel erscheinen. Ich liess es also dabei und nahm die Sunde auf mich, ihm was weisgemacht zu haben, indem ich mich dabei auf die Kraft des Ablasses verlasse, den er Dir ubermacht.

Ach, ich mochte Dir lieber andere Dinge schreiben, aber die Mutter, der ich alles erzahlen musste, qualte mich drum, sie meint, so was mache Dir Freude und Du hieltest etwas drauf, dergleichen genau zu wissen; ich holte mir auch einen lieben Brief von Dir bei ihr ab, der mich dort schon an vierzehn Tage erwartete, und doch mocht ich Dich uber diesen schmalen. Du bist ein koketter, zierlicher Schreiber, aber Du bist ein harter Mann; die ganze schone Natur, die herrliche Gegend, die warmen Sommertage der Erinnerung, das alles ruhrt Dich nicht; so freundlich Du bist, so kalt bist Du auch. Wie ich das grosse Papierformat sah, auf allen vier Seiten beschrieben, da dacht ich, es wurde doch hier und da durchblitzen, dass Du mich liebst; es blitzt auch, aber nur von Flittern, nicht von leisem begluckendem Feuer. Oh welcher gewaltige Abstand mag sein zwischen jener Korrespondenz, die der Primas nicht herausgeben will, und unserm Briefwechsel; das kommt daher, weil ich Dich zu sehr liebe und es Dir auch bekenne, das soll eine so narrische Eigenheit der Manner sein, dass sie dann kalt sind, wenn man sie zu sehr liebt.

Die Mutter ist nun immer gar zu vergnugt und freundlich, wenn ich von meinen Streifereien komme; sie hort mit Lust alle kleine Abenteuer an, ich mache denn nicht selten aus klein gross, und diesmal war ich reichlich damit versehen, da nicht nur allein Menschen, sondern Ochsen, Esel und Pferde sehr ausgezeichnete Rollen dabei spielten. Du glaubst nicht, wie froh es mich macht, wenn sie recht von Herzen lacht. Mein Ungluck fuhrte mich grade nach Frankfurt, als Frau von Stael durchkam, ich hatte sie schon in Mainz einen ganzen Abend genossen, die Mutter aber war recht froh, dass ich ihr Beistand leistete, denn sie war schon preveniert, dass die Stael ihr einen Brief von Dir bringen wurde, und sie wunschte, dass ich die Intermezzos spielen moge, wenn ihr bei dieser grossen Katastrophe Erholung notig sei. Die Mutter hat mir nun befohlen, Dir alles ausfuhrlich zu beschreiben; die Entrevue war bei Bethmann-Schaaf, in den Zimmern des Moritz Bethmann. Die Mutter hatte sich ob aus Ironie oder aus Ubermut, wunderbar geschmuckt, aber mit deutscher Laune, nicht mit franzosischem Geschmack, ich muss Dir sagen, dass, wenn ich die Mutter ansah, mit ihren drei Federn auf dem Kopf, die nach drei verschiedenen Seiten hinschwankten, eine rote, eine weisse und eine blaue die franzosischen Nationalfarben, welche aus einem Feld von Sonnenblumen emporstiegen , so klopfte mir das Herz vor Lust und Erwartung; sie war mit grosser Kunst geschminkt, ihre grossen schwarzen Augen feuerten einen Kanonendonner, um ihren Hals schlang sich der bekannte goldne Schmuck der Konigin von Preussen, Spitzen von altherkommlichem Ansehen und grosser Pracht, ein wahrer Familienschatz, verhullte ihren Busen, und so stand sie mit weissen Glacehandschuhen, in der einen Hand einen kunstlichen Facher, mit dem sie die Luft in Bewegung setzte, die andre, welche entblosst war, ganz beringt mit blitzenden Steinen, dann und wann aus einer goldnen Tabatiere mit einer Miniatur von Dir, wo Du mit hangenden Locken, gepudert, nachdenklich den Kopf auf die Hand stutzest, eine Prise nehmend. Die Gesellschaft der vornehmen alteren Damen bildete einen Halbkreis in dem Schlafzimmer des Moritz Bethmann; auf purpurrotem Teppich in der Mitte ein weisses Feld, worauf ein Leopard, sah die Gesellschaft so stattlich aus, dass sie wohl imponieren konnte. An den Wanden standen schone schlanke indische Gewachse, und das Zimmer war mit matten Glaskugeln erleuchtet; dem Halbkreis gegenuber stand das Bett auf einer zwei Stufen erhabenen Estrade, auch mit einem purpurnen Teppich verhullt, an beiden Seiten Kandelaber. Ich sagte zur Mutter: "Die Frau Stael wird meinen, sie wird hier vor Gericht des Minnehofs zitiert, denn dort das Bett sieht aus wie der verhullte Thron der Venus." Man meinte, da durfte es manches zu verantworten geben. Endlich kam die Langerwartete durch eine Reihe von erleuchteten Zimmern, begleitet von Benjamin Constant, sie war als Corinna gekleidet, ein Turban von aurora- und orangefarbner Seide, ein ebensolches Gewand mit einer orangen Tunika, sehr hoch gegurtet, so dass ihr Herz wenig Platz hatte; ihre schwarzen Augenbrauen und Wimpern glanzten, ihre Lippen auch, von einem mystischen Rot; die Handschuh waren herabgestreift und bedeckten nur die Hand, in der sie das bekannte Lorbeerzweiglein hielt. Da das Zimmer, worin sie erwartet war, so viel tiefer liegt, so musste sie vier Treppen herabsteigen. Unglucklicherweise nahm sie das Gewand vorne in die Hohe, statt hinten, dies gab der Feierlichkeit ihres Empfangs einen gewaltigen Stoss, denn es sah wirklich einen Moment mehr als komisch aus, wie diese ganz im orientalischen Ton uberschwankende Gestalt auf die steifen Damen der tugendverschwornen Frankfurter Gesellschaft losruckte. Die Mutter warf mir einige couragierte Blicke zu, da man sie einander prasentierte. Ich hatte mich in die Ferne gestellt, um die ganze Szene zu beobachten. Ich bemerkte das Erstaunen der Stael uber den wunderbaren Putz und das Ansehen Deiner Mutter, bei der sich ein machtiger Stolz entwickelte. Sie breitete mit der linken Hand ihr Gewand aus, mit der rechten salutierte sie mit dem Facher spielend, und indem sie das Haupt mehrmals sehr herablassend neigte, sagte sie mit erhabener Stimme, dass man es durchs ganze Zimmer horen konnte: "Je suis la mere de Goethe.". "Ah, je suis charmee", sagte die Schriftstellerin, und hier folgte eine feierliche Stille. Dann folgte die Prasentation ihres geistreichen Gefolges, welches eben auch begierig war, Goethes Mutter kennenzulernen. Die Mutter beantwortete ihre Hoflichkeiten mit einem franzosischen Neujahrswunsch, welchen sie mit feierlichen Verbeugungen zwischen den Zahnen murmelte, kurz, ich glaube, die Audienz war vollkommen und gab einen schonen Beweis von der deutschen Grandezza. Bald winkte mich die Mutter herbei, ich musste den Dolmetscher zwischen beiden machen; da war denn die Rede nur von Dir, von Deiner Jugend, das Portrat auf der Tabatiere wurde betrachtet, es war gemalt in Leipzig, eh Du so krank warst, aber schon sehr mager, man erkennt jedoch Deine ganze jetzige Grosse in jenen kindlichen Zugen, und besonders den Autor des Werther. Die Stael sprach uber Deine Briefe und dass sie gern lesen mochte, wie Du an Deine Mutter schreibst, und die Mutter versprach es ihr auch, ich dachte, dass sie von mir gewiss Deine Briefe nicht zu lesen bekommen wurde, denn ich bin ihr nicht grun; sooft Dein Name von ihren nicht wohlgebildeten Lippen kam, uberfiel mich ein innerlicher Grimm; sie erzahlte mir, dass Du sie amie in Deinen Briefen nenntest; ach, sie hat mir's gewiss angesehen, dass dies mir sehr unerwartet kam; ach, sie sagte noch mehr. Nun riss mir aber die Geduld; wie kannst Du einem so unangenehmen Gesicht freundlich sein? Ach, da sieht man, dass Du eitel bist. Oder sie hat auch wohl nur gelogen! War ich bei Dir, ich litt's nicht. So wie Feen mit feurigen Drachen, wurd ich mit Blicken meinen Schatz bewachen. Nun sitz ich weit entfernt von Dir, weiss nicht, was Du alles treibst, und bin nur froh, wenn mich keine Gedanken plagen.

Ich konnte Dir ein Buch schreiben uber alles, was

ich in den acht Tagen mit der Mutter verhandelt und erlebt habe. Sie konnte kaum erwarten, dass ich kam, um alles mit ihr zu rekapitulieren. Da gab's Vorwurfe; ich war empfindlich, dass sie auf ihre Bekanntschaft mit der Stael einen so grossen Wert legte; sie nannte mich kindisch, albern und eingebildet, und was zu schatzen sei, dem musse man die Achtung nicht versagen, und man konne uber eine solche Frau nicht wie uber eine Gosse springen und weiterlaufen; es sei allemal eine ausgezeichnete Ehre vom Schicksal, sich mit einem bedeutenden und beruhmten Menschen zu beruhren. Ich wusste es so zu wenden, dass mir die Mutter endlich Deinen Brief zeigte, worin Du ihr Gluck wunschest, mit diesem Meteor zusammenzustossen, und da polterte denn alle ihre vorgetragene Weisheit aus Deinem Brief hervor. Ich erbarmte mich uber Dich und sagte: "Eitel ist der Gotterjungling; er fuhrt den Beweis fur seine ewige Jugend." Die Mutter verstand keinen Spass; sie meinte: ich nehme mir zu viel heraus, und ich soll mir doch nicht einbilden, dass Du ein anderes Interesse an mir habest, als man an Kindern habe, die noch mit der Puppe spielen; mit der Stael konnest Du Weltweisheit machen; mit mir konnest Du nur tandeln. Wenn die Mutter recht hatte? Wenn's nichts war mit meinen neu erfundnen Gedanken, von den ich glaubte, ich habe sie alleine? Wie hab ich doch in diesen paar Monaten, wo ich am Rhein lebe, nur bloss an Dich gedacht! Jede Wolke hab ich um Rat gefragt, jeden Baum, jedes Kraut hab ich angesprochen um Weisheit; und von jeder Zerstreuung hab ich mich abgewendet, um recht tief mit Dir zu sprechen. O boser, harter Mann, was sind das fur Geschichten? Wie oft hab ich zu meinem Schutzengel gebetet, dass er doch fur mich mit Dir sprechen soll, und dann hab ich mich still verhalten und die Feder laufen lassen. Die ganze Natur zeigte mir im Spiegel, was ich Dir sagen soll; wahrhaftig, ich habe geglaubt, alles sei von Gott so angeordnet, dass die Liebe einen Briefwechsel zwischen uns fuhre. Aber Du hast mehr Vertrauen in die beruhmte Frau, die das grosse Werk geschrieben hat sur les passions, von welchen ich nichts weiss. Ach glaub nur, Du bist vor die unrechte Schmiede gegangen; Lieben: das allein macht klug.

Uber Musik hatte ich Dir auch noch manches zu sagen; es war alles schon so hubsch angeordnet; erst musst Du begreifen, was Du ihr alles schon zu verdanken hast. Du bist nicht feuerfest. Musik bringt Dich nicht in Glut, weil Du einschmelzen konntest.

So narrisch bin ich nicht, zu glauben, dass Musik keinen Einfluss auf Dich habe. Da ich doch glaube an das Firmament in Deinem Geist, da Sonne und Mond samt allen Sternen in Dir leuchten, da soll ich zweifeln, dass dieser hochste Planet uber alle, der Licht ergiesst, der ein Gewaltiger ist unserer Sinne, Dich nicht durchstrome? Meinst Du dann, Du warst der Du bist, wenn es nicht Musik ware in Dir? Du solltest Dich vor dem Tod furchten, da doch Musik ihn auflost? Du solltest keine Religion haben, da doch Musik in Dich die Anbetung pflanzt?

Horch in Dich hinein, da wirst Du in Deiner Seele der Musik lauschen, die Liebe zu Gott ist: dies ewige Jauchzen und Wallen zur Ewigkeit, das allein Geist ist.

Ich konnte Dir Sachen sagen, die ich selbst furchte auszusprechen, obschon eine innere Stimme mir sagt, sie sind wahr. Wenn Du mir bleibst, so werd ich viel lernen; wenn Du mir nicht bleibst, so werde ich wie der Same unter der Erde ruhen, bis die Zeit kommt, dass ich in Dir wieder bluhe.

Mein Kopf gluht; ich hab mich wahrend dem Schreiben herumgestritten mit Gedanken, deren ich nicht machtig werden konnte. Die Wahrheit liegt in ihrer ganzen Unendlichkeit im Geist, aber sie im einfachsten Begriff zu fassen, das ist so schwer, ach, es kann ja nichts verloren gehen. Wahrheit nahrt ewig den Geist, der alles Schone als Fruchte tragt, und da es schon ist, dass wir einander lieben, so wolle die Wahrheit nicht langer verleugnen.

Ich will Dir lieber noch ein bisschen von unserm Zigeunerleben erzahlen, das wir hier am Rhein fuhren, den wir so bald verlassen werden, und wer weiss, ob ich ihn wiederseh! Hier, wo die Fruhlingslufte balsamisch uns umwehen, lass einsam uns ergehen; nichts trenne Dich von mir! und auch nicht die Frau von Stael:

Unsre Haushaltung ist allerliebst eingerichtet; wir sind zu acht Frauen, kein mannliches Wesen ist im Haus; da es nun sehr heiss ist, so machen wir's uns so bequem wie moglich, zum Beispiel sind wir sehr leicht gekleidet, ein Hemd und dann noch eins, griechisch drapiert. Die Turen der Schlafzimmer stehen nachts offen; je nachdem eins Lust hat, schlagt es sein Nachtlager auf dem Vorgang oder an sonst einem kuhlen Ort auf; im Garten unter den Platanen, auf der schonen, mit breiten Platten gedeckten Mauer liegend, dem Rhein gegenuber den Aufgang der Sonne zu erwarten, hab ich schon ein paarmal zu meinem Plasier Nachte zugebracht; ich bin eingeschlafen auf meinem schmalen Bett; ich hatte konnen hinunterfallen im Schlaf, besonders wenn ich traume, dass ich Dir entgegenspringe. Der Garten liegt hoch, und die Mauer nach jenseits geht tief hinab, da konnte ich leicht verunglucken; ich bitte Dich also, wenn Du meiner gedenkst im Traum, halte mir die schutzenden Arme entgegen, damit ich doch gleich hineinsinke; "denn alles ist doch nur ein Traum!" Am Tage geht's bei uns in grosser Finsternis her; alle Laden sind zu im ganzen Hause, alle Vorhange vorgezogen; fruher machte ich morgens weite Spaziergange, aber das ist bei dieser Hitze nicht mehr moglich; die Sonne beizt die Weinberge, und die ganze Natur seufzt unter der Brutwarme. Ich gehe doch jeden Morgen zwischen vier und funf Uhr heraus mit einem Schnikermesser und hole frische kuhle Zweige, die ich im Zimmer aufpflanze. Vor acht Wochen hatte ich Birken und Pappeln, die glanzten wie Gold und Silber, und dazwischen dicke duftende Strausser von Maiblumen. Wie ein Heiligtum ist der Saal, an den alle Schlafkabinette stossen; da liegen sie noch in den Betten, wenn ich nach Hause komme, und warten, bis ich fertig bin; dann haben die Linden und Kastanien hier abgebluht, und himmelhohes Schilf, das sich oben an der Decke umbiegt, mit bluhenden Winden umstrickt; und die Feldblumen sind reizend, die kleinen Grasdolden, die Schafgarbe, die Johannisblume, Wasserlilien, die ich mit einiger Gefahr fische, und das ewig schone Vergissmeinnicht. Heute hab ich Eichen aufgepflanzt; hohe Aste, die ich aus dem obersten Gipfel geholt. Ich kletterte wie eine Katze; die Blatter sind ganz purpurrot und in so zierlichen Straussern gewachsen, als hatten sie sich tanzend in Gruppen verteilt.

Ich sollte mich scheuen, Dir von Blumen zu sprechen; Du hast mich schon einmal ein bisschen ausgelacht, und doch ist der Reiz gar zu gross; die vielen schlafenden Bluten, die nur im Tod erwachen, das traumende Geschlecht der Wicken, die Herrgottsschuckelchen, Himmelsschlussel mit ihrem sanften freundlichen Duft sie ist die geringste aller Blumen. Wie ich kaum sechs Jahr alt war, und die Milchfrau hatte versprochen, mir einen Strauss Himmelsschlussel mitzubringen, da riss mich die Erwartung schon mit dem ersten Morgenstrahl aus dem Schlaf im Hemdchen ans Fenster; wie frisch waren die Blumen! Wie atmeten sie in meiner Hand! Einmal brachte sie mir dunkle Nelken in einen Topf eingepflanzt; welcher Reichtum! Wie war ich uberrascht von der Grossmut! Diese Blumen in der Erde sie schienen mir ewig ans Leben gebunden, es waren mehr, als ich zahlen konnte; immer fing ich von vorne an; ich wollte kein Knospchen uberspringen; wie dufteten sie! Wie war ich demutig vor dem Geist, den sie ausstromten! Ich wusste ja noch wenig von Wald und Flur, und die erste Wiese im Abendschein eine unendliche Flache furs Kinderauge, mit goldnen Sternen ubersaet; ach, wie hat Natur aus Liebe es dem Geist Gottes nachahmen wollen. Und wie liebt er sie! Wie neigte er sich herab zu ihr fur diese Zartlichkeit ihm entgegenzubluhen! Wie hab ich gewuhlt im Gras und hab gesehen, wie eins neben dem andern sich hervordrangt. Manches hatte ich vielleicht ubersehen bei der Fulle, aber sein schoner Name hat mich mit ihm vertraut gemacht, und wer sie genannt hat, der muss sie geliebt und verstanden haben. Das kleine Schafertaschchen zum Beispiel ich hatte es nicht bemerkt, aber wie ich seinen Namen horte, da fand ich's unter vielen heraus, ich musste ein solches Taschchen offnen, und fand es gefullt mit Samenperlen. Ach, alle Form enthalt Geist und Leben, um sich auf die Ewigkeit zu vererben. Tanzen die Blumen nicht? Singen sie nicht? Schreiben sie nicht Geist in die Luft? Malen sie nicht sich selbst ihr Innerstes in ihrem Bild? Alle Blumen hab ich geliebt, eine jede in ihrer Art, wie ich sie nacheinander kennen lernte, und keiner bin ich untreu geworden, und wie ich ihre Muskelkraft entdeckte: das Lowenmaulchen, wie es mir zum erstenmal die Zunge aus seinem samtnen Rachen entgegenstreckte, als ich es zu kraftig anfasste. Ich will sie nicht alle nennen, mit denen ich so innig vertraut wurde, wie sie mir jetzt im Gedachtnis erwachen; nur eines einzigen gedenk ich, eines Myrtenbaums, den eine junge Nonne dort pflegte. Sie hatte ihn Winter und Sommer in ihrer Zelle; sie richtete sich in allem nach ihm; sie gab ihm nachts wie tags die Luft, und nur so viel Warme erhielt sie im Winter, als ihm nottat. Wie fuhlte sie sich belohnt, da er mit Knospen bedeckt war! Sie zeigte mir sie, schon wie sie kaum angesetzt hatten; ich half ihn pflegen; alle Morgen fullte ich den Krug mit Wasser am Madlenenbrunnchen; die Knospen wuchsen und roteten sich, endlich brachen sie auf; am vierten Tag stand er in voller Blute; eine weisse Zelle jede Blute, mit tausend Strahlenpfeilen in ihrer Mitte, deren jeder auf seiner Spitze eine Perle darreicht. Er stand im offenen Fenster, die Bienen begrussten ihn. Jetzt erst weiss ich, dass dieser Baum der Liebe geweiht ist; damals wusst ich's nicht; und jetzt verstehe ich ihn. Sag: kann die Liebe susser gepflegt werden, als dieser Baum? Und kann eine zartliche Pflege susser belohnt werden, als durch eine so volle Blute? Ach, die liebe Nonne mit halb verbluhten Rosen auf den Wangen, in Weiss verhullt, und der schwarze Florschleier, der ihren raschen zierlichen Gang umschwebte; wie aus dem weiten Armel des schwarzen wollenen Gewands die schone Hand hervorreichte, um die Blumen zu begiessen! Einmal steckte sie ein kleines schwarzes Bohnchen in die Erde, sie schenkte mir's und sagte, ich solle es pflegen; ich werde ein schones Wunder daran erleben. Bald keimte es und zeigte Blatter wie der Klee; es zog sich an einem Stockchen in die Hoh wie die Wicke mit kleinen geringelten Haken; dann bracht es sparsame gelbe Bluten hervor, aus denen wuchs so gross wie eine Haselnuss ein grunes Eichen, das sich in Reifen braunte. Die Nonne brach es ab und zog es am Stiel auseinander, in eine Kette von zierlich geordneten Stacheln, zwischen denen der Same von kleinen Bohnen gereift war. Sie flocht daraus eine Krone, setzte sie ihrem elfenbeinernen Christus am Kruzifix zu Fussen und sagte mir, man nennt diese Pflanze Corona Christi.

Wir glauben an Gott und an Christus, dass er Gott war, der sich ans Kreuz schlagen liess; wir singen ihm Litaneien und schwenken ihm den Weihrauch; wir versprechen heilig zu werden und beten, und empfinden's nicht. Wenn wir aber sehen, wie die Natur spielt und in diesem Spiel eine Sprache der Weisheit kindlich ausdruckt; wenn sie auf Blumenblatter Seufzer malt, ein O und Ach, wenn die kleinen Kafer das Kreuz auf ihren Flugeldecken gemalt haben und diese kleine Pflanze eben, so unscheinbar, eine mit Sorgfalt gehegte kunstliche Dornenkrone tragt; wenn wir Raupen und Schmetterlinge mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit bezeichnet sehen, dann schaudert uns, und wir fuhlen, die Gottheit selber nimmt ewigen Anteil an diesen Geheimnissen; dann glaub ich immer, dass Religion alles erzeugt hat, ja dass sie selber der sinnliche Trieb zum Leben in jedem Gewachs und jedem Tier ist. Die Schonheit erkennen in allem Geschaffenen, und sich ihrer freuen, das ist Weisheit und fromm; wir beide waren fromm, ich und die Nonne; es werden wohl zehn Jahr sein, dass ich im Kloster war. Voriges Jahr hab ich's im Voruberreisen wieder besucht. Meine Nonne war Priorin geworden, sie fuhrte mich in ihren Garten, sie musste an einer Krucke gehen, sie war lahm geworden, ihr Myrtenbaum stand in voller Blute. Sie fragte mich, ob ich ihn noch kenne; er war sehr gewachsen; umher standen Feigenbaume mit reifen Fruchten und grossen Nelken, sie brach ab, was bluhte, und was reif war, und schenkte mir alles, nur der Myrte schonte sie; das wusste ich auch schon im voraus. Den Strauss befestigte ich im Reisewagen; ich war wieder einmal so glucklich, ich betete, wie ich im Kloster gebetet hatte; ja selig sein macht beten!

Siehst Du, das war ein Umweg und etwas von meiner Weisheit; sie kann sich freilich der Weltweisheit, die zwischen Dir und Deiner amie Stael obwaltet, nicht begreiflich machen; aber das kann ich Dir sagen: ich habe schon viele grosse Werke gesehen von zahem Inhalt in schweinsledernem Einband; ich habe Gelehrte brummen horen, und ich habe immer gedacht, eine einzige Blume musse all dies beschamen, und ein einziger Maikafer musse durch einen Schneller, den er einem Philosophen an die Nase gibt, sein ganzes System umpurzeln.

Pax tecum! Wir wollen's einander verzeihen, ich, dass Du einen Herzens- und Geistesbund mit der Stael geschlossen hast, woruber, der Prophezeiung Deiner Mutter nach, ganz Deutschland und Frankreich die Augen aufreissen wird, denn es wird doch nichts draus: und Du, dass ich so aberwitzig bin, alles besser wissen und mehr als alle Dir gelten zu wollen, denn das gefallt Dir. Heute geh ich noch einmal auf den Rochusberg; ich will sehen, was die Bienen machen im Beichtstuhl, ich nehme allerlei Pflanzen mit, die in Scherben eingesetzt sind, und auch einen Rebstock; die grab ich dort oben ein; die Rebe soll am Kreuz hinaufwachsen; in dessen Schutz ich eine so schone Nacht verschlafen habe; am Beichtstuhl pflanz ich Kaiserkronen und Jelangerjelieber, Deiner Mutter zu Ehren; vielleicht, wenn mir's ums Herz ist, beicht ich Dir da oben, da ich zum letztenmal dort sein werde; um doch den Ablass des Primas in Wirkung zu setzen; aber ich glaube wohl, ich habe nichts Verborgnes mehr in mir; Du siehst in mich hinein, und ausser dem ist nichts in mir zu finden.

Den gestrigen Tag wollen wir zum Schluss noch hierher malen, denn er war schon. Wir gingen mit einem irrefuhrenden Wegweiser durch eine Talschlucht einen Fluss entlang, den man die Wisper nennt, wahrscheinlich wegen dem Rauschen des Wassers, das uber laute platte Felssteine sich windet und in den Lucken schaumt und flustert. Auf beiden Seiten gehen hohe Felsen her, auf denen zerfallene Burgen stehen, mit alten Eichen umwachsen. Das Tal wird endlich so enge, dass man genotigt ist, im Fluss zu gehen. Da kann man nicht besser tun, als barfuss und etwas hochgeschurzt von Stein zu Stein zu springen, bald huben, bald druben am Ufer sich forthelfen. Es wird immer enger und enger hoch uber uns; die Felsen und Berge umklammern sich endlich; die Sonne kann nur noch die Halfte der Berge beleuchten; die schwarzen Schlagschatten der ubergebogenen Felsstucke durchschneiden ihre Strahlen; aus der Wisper, die kein ganz unbedeutender Fluss ist sie rauscht mit ziemlicher Gewalt stehen erhohte Felsplatten wie harte, kalte Heiligenbetten hervor. Ich legte mich auf eins, um ein wenig auszuruhen; ich lag mit dem gluhenden Gesicht auf dem feuchten Stein; das sturzende Wasser beregnete mich fein, die Sonnenstrahlen kamen sans rime et raison quer durch die Felsschichten, um mich und mein Bett zu vergolden; uber mir war Finsternis; meinen Strohhut, den ich schon langst mit Naturmerkwurdigkeiten angefullt hatte, liess ich schwimmen, um die Wurzeln der Pflanzen zu tranken; wie wir weiterkamen, drangten die Berge sich nesterweise aneinander, die nur dann und wann von schroffen Felsen geschieden wurden. Ich war gar zu gern hinaufgeklettert, um zu sehen, wo man war; es war zu schroff, die Zeit erlaubte es nicht, dem gescheuten Wegweiser waren alle Sorgen auf dem Gesichte gemalt; er versicherte jedoch, dass er keine im Herzen hege; es wurde kuhl in unserer engen Schlucht; so kuhl war mir's auch innerlich; wir trippelten immer vorwarts.

Das Ziel unserer Reise war ein Sauerbrunnen hinter Weissenthurn, der in einer wusten Wildnis liegt. Wir hatten alle Umwege der Wisper gemacht; der kluge Wegweiser dachte, wenn wir uns von der nicht entfernten, mussten wir endlich das Ziel erreichen, da die Wisper an dem Brunnen voruberfuhrt, und so hatte er uns auf einen Weg gefuhrt, der wohl selten von Menschen betreten wird. Da wir dort ankamen, erleichterte er seine Brust durch ein Heer von Seufzern. Ich glaub, der furchtete sich nicht allein vor dem Teufel, sondern vor Gott und allen Heiligen, dass sie ihn wurden zur Rechenschaft ziehen, weil er uns ins Verderben gesturzt habe; kaum waren wir angekommen, so schlug die Kuckucksuhr in der einsamen Hutte bei dem Brunnen und mahnte an den Ruckweg. Es war acht Uhr! Zu essen war nichts, auch kein Brot, nur Salat mit Salz ohne Essig und Ol. Eine Frau mit zwei Kindern wohnte da; ich frug, von was sie lebe; sie deutete mir in die Ferne auf den Backofen, der zwischen vier majestatische Eichen auf einem freien Platz in voller Glut stand. Ihr kleines Sohnchen schleppte eben ein Reiserbundel hinter sich heran; sein Hemdchen hatte noch Armel, die Hinterwand und den Knopf vom Kragenbund, mit dem es befestigt war; vorne war es weggerissen; seine Schwesterpsyche wiegte sich quer uber einen Block auf einem langen Backschieber, auf dem als Gegengewicht die zu bakkenden Brote lagen; ihr Gewand bestand auch aus einem Hemd und aus einer Schurze, die sie um den Kopf befestigt hatte, um die Haare vor dem Verbrennen zu bewahren, wenn sie in den Ofen guckte und die Reiser anlegte. Wir gaben der Frau ein Geldstuck; sie frug wieviel es war; da sahen wir, dass es nicht in unserer Macht war, sie zu beschenken, denn sie war zufrieden und wusste nicht, dass man mehr brauchen konne, als man bedurfe.

Ich marschierte also wieder links um, ohne auszuruhen, und kam nachts um ein Uhr zu Hause an; in allem war ich zwolf Stunden unterwegs gewesen und durchaus nicht ermudet. Ich stieg in ein Bad, das mir bereitet war, und setzte ein Flasche Rheinwein an und liess es so lange herunterglucken, bis ich den Boden sah. Die Zofe schrie und dachte, es konne mir schaden im heissen Bad, allein ich liess mir nicht wehren; sie musste mich ins Bett tragen; ich schlief sanft, bis ich am Morgen durch ein wohlbekanntes Krahen und Nachahmen eines ganzen Huhnerhofs vor meiner Tur geweckt wurde.

Du schreibst: meine Briefe versetzen Dich in eine bekannte Gegend, in der Du Dich heimatlich fuhlst; versetzen sie Dich denn auch zu mir? Siehst Du mich in Gedanken, wie ich mit langem Hakenstock auf die Berge klettere, und siehst Du in mein Herz, wo Du Dich von Angesicht zu Angesicht erblicken kannst? Diese Gegend mocht ich Dir doch am alleranschaulichsten machen!

Noch acht Wochen werd ich wohl in allerlei Gegenden herumstreifen, im Oktober mit Savigny erst auf ein paar Monate nach Munchen und dann nach Landshut gehen, wenn es der Himmel nicht anders fugt.

Ich bitte Dich, wenn Du Dich meiner mit der Feder erbarmen solltest, um zu "strafen oder zu lohnen", so adressiere gleich nach Schlangenbad uber Wiesbaden; ich werde drei Wochen dort bleiben. Schickst Du den Brief an die Mutter, so wartet sie auf eine Gelegenheit; und ich will lieber einen Brief ohne Datum, als dass ich am Datum erkennen muss, dass er mir vierzehn Tage vorenthalten ist.

Der Mutter schreib ich alles, was unglaublich ist; obschon sie weiss, was sie davon zu halten hat, so hat es doch ihren Beifall, und fordert mich auf, ihr immer noch mehr dergleichen mitzuteilen; sie nennt dies "meiner Phantasie Luft machen".

Bettine

An Bettine

Karlsbad, am 21. August

Es ist noch die Frage, liebste Bettine, ob man Dich mehr wunderlich oder wunderbar nennen kann; besinnen darf man sich auch nicht; man denkt endlich nur darauf, wie man sich gegen die reissende Flut Deiner Gedanken sicher zu stellen habe; lass Dir daher genugen, wenn ich nicht ausfuhrlich Deine Klagen, Deine Forderungen, Fragen und Beschuldigungen beschwichtige, befriedige, beantworte und ablehne; im ganzen aber Dir herzlich danke, dass Du mich wieder so reichlich beschenkt hast.

Mit dem Primas hast Du Deine Sache klug und artig gemacht. Ich habe schon ein eigenhandiges Schreiben von ihm, worin er mir alles zusichert, was Du so anmutig von ihm erbettelt hast, und mir andeutet, dass ich Dir alles allein zu verdanken habe, und mir noch viel Artiges von Dir schreibt, was Du in Deinem ausfuhrlichen Bericht vergessen zu haben scheinst.

Wenn wir also Krieg miteinander fuhren wollten, so hatten wir wohl gleiche Truppen; Du die beruhmte Frau, und ich den liebenswurdigen Fursten voll Gute gegen mich und Dich. Beiden wollen wir die Ehre uns verdienen, aber beiden wollen wir auch den Zutritt verweigern, wo sie nicht hingehoren, sondern nur storend sein wurden, namlich zwischen das erfreulichste Vertrauen Deiner Liebe und meiner warmen Aufnahme derselben. Wenn ich auch Deine Antagonistin in der Weltweisheit in einer nur zufalligen Korrespondenz amie nenne, so greife ich damit keineswegs in die Rechte ein, die Du mit erobernder Eigenmacht schon an Dich gerissen hast. Ich bekenne Dir indessen, dass es mir geht wie dem Primas: Du bist mir ein liebes, freundliches Kind, das ich nicht verlieren mochte, und durch welches ein grosser Teil des erspriesslichsten Segens mir zufliesst. Du bist mir ein freundliches Licht, das den Abend meines Lebens behaglich erleuchtet, und da gebe ich Dir, um doch zustande zu kommen mit allen Klagen, zum letzten Schluss beikommendes Ratsel; an dem magst Du Dich zufrieden raten.

Goethe

Charade

Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen,

Die wir so oft mit holder Freude nennen,

Doch keineswegs die Wesen deutlich kennen,

Wovon sie eigentlich den Stempel tragen.

Es tut gar wohl, an schon beschlossnen Tagen

Eins an dem andern kecklich zu verbrennen,

Und kann man sie vereint zusammen nennen,

So druckt man aus ein seliges Behagen.

Nun aber such ich ihnen zu gefallen

Und bitte mit sich selbst mich zu beglucken;

Ich hoffe still; doch hoff ich's zu erlangen:

Als Namen der Geliebten sie zu lallen,

In Einem Bild sie beide zu erblicken,

In Einem Wesen beide zu umfangen.

Es findet sich noch Platz und auch noch Zeit, der guten Mutter Verteidigung hier zu ubernehmen; ihr solltest Du nicht verargen, dass sie mein Interesse an dem Kinde, was noch mit der Puppe spielt, heraushebt, da Du es wirklich noch so artig kannst, dass Du selbst die Mutter noch dazu verfuhrst, die ein wahres Ergotzen dran hat, mir die Hochzeitfeier Deiner Puppe mit dem kleinen Frankfurter Ratsherrn schriftlich anzuzeigen, der mir in seiner Allongeperucke, Schnabelschuhen und Halsschmuck von feinen Perlen im kleinen Pluschsessel noch gar wohl erinnerlich ist. Er war die Augenweide unserer Kinderjahre, und wir durften ihn nur mit geheiligten Handen anfassen. Bewahre doch alles sorgfaltig, was Dir die Mutter bei diesen Gelegenheiten aus meiner und der Schwester Kindheit mitteilt; es kann mir mit der Zeit wichtig werden.

Dein Kapitel uber die Blumen wurde wohl schwerlich Eingang finden bei den Weltweisen wie bei mir; denn obschon Dein musikalisches Evangelium etwas hierdurch geschmalert ist (was ich doch ja nicht zu versaumen bitte im nachsten, recht bald zu erwartenden Brief), so ist es mir dadurch ersetzt, dass meine fruhsten Kinderjahre sich mir auf eine liebliche Weise darin abspiegeln, denn auch mir erschienen die Geheimnisse der Flora als ein unmoglicher Zauber.

Die Geschichte des Myrtenbaums und der Nonne erregt warmen Anteil; moge er vor Frost und Schaden bewahrt bleiben! Aus voller Uberzeugung stimme ich mit Dir ein, dass die Liebe nicht susser gepflegt kann werden als dieser Baum, und keine zartliche Pflege reichlicher belohnt, als durch eine solche Blute.

Auch Deine Pilgrimschaft im rauschenden Fluss mit der allerliebsten Vignette der beiden Kinder gibt ein ergotzliches Bild und Deinen Rheinabenteuern einen anmutig abrundenden Schluss.

Bleib mir nun auch hubsch bei der Stange und gehe nicht zu sehr ins Blaue; ich furchte so, dass die Zerstreuungen eines besuchten Badeorts Deine idealen Eingebungen auf dem einsamen Rochus verdrangen werden; ich muss mich darauf gefasst machen, wie auch auf noch manches andere, was Dir im Kopfchen und Herzen spuken mag.

Ein bisschen mehr Ordnung in Deinen Ansichten konnte uns beiden von Nutzen sein; so hast Du Deine Gedanken, wie kostliche Perlen, nicht alle gleich geschliffen, auf losem Faden gereiht, der leicht zerreisst, wo sie denn in alle Ecken rollen konnen und manche sich verliert.

Doch sage ich Dir Dank und dem lieben Rhein ein herzliches Lebewohl, von dem Du mir so manches Schone hast zukommen lassen. Bleibe Dir's fest und sicher, dass ich gern ergreife, was Du mir reichst, und dass so das Band zwischen uns sich nicht leicht losen wird.

Goethe

Rochusberg

Ich hatte mir's vorgenommen, noch einmal hier heraufzugehen, wo ich in Gedanken so gluckliche Stunden mit Dir verlebt habe, und vom Rhein Abschied zu nehmen, der in alle Empfindungen eingeht und der alle ist; ich komme um funf Uhr nachmittags hier oben an; finde alles im friedlichen Sonnenlicht, die Bienen angesiedelt, von der Nordseite geschutzt durch die Mauer; Beichtstuhl und Altar stehen gegen Morgen. Meine Pflanzen hab ich alle eingesetzt mit Hilfe des Schiffsjungen, der sie mir heraufbringen half; die Rebe im Topf, welche schon an sechs Fuss hoch ist und voll Trauben hangt, hab ich am Altar zwischen eine gebrochne Steinplatte gesetzt; den Topf hab ich zerschlagen und die Scherben leise abgenommen, damit die Erde hubsch an den Wurzeln bleibt; es ist eine Muskatellerart, die sehr feine Blatter hat; dann hab ich ihn am Kreuz auf dem Altar festgebunden; die Trauben hangen grade uber den Christusleib; wenn er schon einwachst und gedeiht, da werden sich die Menschen wundern, die hier oben herkommen; des Schafers Bienen im Beichtstuhl mit dem Geissblatt, das ihn umzieht, und das Kreuz mit Trauben. Ach, so viele Menschen haben grosse Palaste und prachtige Garten; ich mochte nur diese einsame Rochuskapelle haben und dass alles so schon fortwuchse, wie ich's eingepflanzt habe; vom Berg hab ich mit den Scherben die Erde losgegraben und an die Rebe gelegt, und zweimal hab ich unten am Rhein den Krug gefullt, um ihn zu begiessen; es ist wohl zum letztenmal, dass er Rheinwasser trinkt. Jetzt, nach beendigtem Werk, sitz ich hier im Beichtstuhl und schreib an Dich; die Bienen kommen alle hintereinander heim; sie sind schon ganz eingewohnt; konnt ich einziehen in Dein Herz mit jedem Gedanken, so gefuhlig, so suss summend wie diese Bienen, beladen mit Honig und Blumenstaub, den ich von allen Feldern zusammentrage, und alles heimbringe zu Dir nicht wahr?

Am 13. August

"Alles hat seine Zeit!" sprech ich mit dem Weisen, ich habe die Reben ihre Blatter entfalten sehen; ihre Blute hat mich betaubt und trunken gemacht; nun sie Laub haben und Fruchte, muss ich Dich verlassen, du stiller, stiller Rhein! Noch gestern Abend war alles so herrlich; aus der dunklen Mitternacht trat mir eine grosse Welt entgegen. Als ich von meinem Bett aufstand in die kuhle Nachtluft am Fenster, da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und hatte die Wolken alle unter sich getrieben; er warf einen fruchtbaren Schein uber die Weinberge; ich nahm das volle Laub des Weinstocks, der an meinem Fenster hinaufwachst, in Arm und nahm Abschied von ihm; keinem Lebendigen hatte ich den Augenblick dieser Liebe gegonnt; war ich bei Dir gewesen, ich hatte geschmeichelt, gebeten und gekusst.

Schlangenbad, 17. August

Nur das sei mir gegonnt! Und ach, es wird mir nicht leicht, es auszusprechen, was ich will, wenn mich manchmal der Atem druckt, dass ich laut schreien mochte.

Es uberfliegt mich zuweilen in diesen engbegrenzten Gegenden, wo die Berge ubereinander klettern und den Nebel tragen und in den tiefen kuhlen Talern die Einsamkeit gefangen halten, ein Jauchzen, das wie ein Blitz durch mich fahrt. Nun ja! Das sei mir gegonnt: dass ich dann mich an einen Freund schliesse, er sei noch so fern, dass er mir freundlich die Hand aufs klopfende Herz lege und sich seiner Jugend erinnere. O wohl mir, dass ich Dich gesehen hab! Jetzt weiss ich doch, wenn ich suche und kein Platz mir genugt zum Ausruhen, wo ich zu Haus bin und wem ich angehore.

Etwas weisst Du noch nicht, was mir eine liebe Erinnerung ist, obschon sie seltsam scheint. Als ich Dich noch nie gesehen hatte und mich die Sehnsucht zu Deiner Mutter trieb, um alles von Dir zu erforschen, Gott, wie oft hab ich auf meinem Schemel hinter ihr auf die Brust geschlagen, um meine Ungeduld zu dampfen. Nun: wenn ich da nach Hause kam, so sank ich oft mitten im Spielen von Scherz und Witz zusammen; sah mein Bild vor dem Deinen stehen, sah Dich mir nah kommen, und wie Du freundlich warst auf verschiedene Weise und gutig, bis mir die Augen vor freudigem Schmerz ubergingen.

So hab ich Dich durchgefuhlt, dass mich das stille Bewusstsein einer innerlichen Gluckseligkeit vielleicht manche sturmische Zeit meines Gemuts uber den Wellen erhalten hat. Damals weckte mich oft dieses Bewusstsein aus dem tiefen Schlaf; ich verprasste denn ein paar Stunden mit selbsterschaffnen Traumen und hatte am End, was man nennt, eine unruhige Nacht zugebracht; ich war blass geworden und mager; ungeduldig, ja selbst hart, wenn eins von den Geschwistern zur Unzeit mich zu einer Zerstreuung reizen wollte; dachte oft, dass, wenn ich Dich jemals selbst sehen sollte, was mir unmoglich schien, so wurde ich vielleicht viele Nachte ganz schlaflos sein. Da mir nun endlich die Gewissheit ward, fuhlte ich eine Unruhe, die mir beinah unertraglich war. In Berlin, wo ich zum erstenmal eine Oper von Gluck horte (Musik fesselt mich sonst so, dass ich mich von allem losmachen kann), wenn da die Pauken schlugen, lache nur nicht schlug mein Herz heftig mit; ich fuhlte Dich im Triumph einziehen; es war mir festlich wie dem Volk, das dem geliebten Fursten entgegenzieht, und ich dachte: in wenig Tagen wird alles, was Dich so von aussen ergreift, in Dir selber erwachen! Aber da ich nun endlich, endlich bei Dir war: Traum, jetzt noch, wunderbarer Traum, da kam mein Kopf auf Deiner Schulter zu ruhen, da schlief ich ein paar Minuten nach vier bis funf schlaflosen Nachten zum erstenmal.

Siehst Du, siehst Du! Da soll ich mich huten vor Lieb, und hat mir nie sonst Ruhe gegluckt; aber in Deinen Armen da kam der lang verscheuchte Schlaf, und ich hatte kein ander Begehren; alles andere, woran ich mich angeklammert hatte und was ich glaubte zu lieben, das war's nicht; aber soll keiner sich huten oder sich um sein Schicksal kummern, wenn er das Rechte liebt; sein Geist ist erfullt, was nutzt das andere!

Den 18.

Wenn ich nun auch zu Dir kommen wollte, wurde ich den rechten Weg finden? Da so viele nebeneinanderher laufen, so denk ich immer, wenn ich an einem Wegweiser vorubergehe, und bleibe oft stehen und bin traurig, dass er nicht zu Dir fuhrt; und dann eil ich nach Hause und meine, ich hatte Dir viel zu schreiben! Ach, ihr tiefen, tiefen Gedanken, die ihr mit ihm sprechen wollt, kommt aus meiner Brust hervor! Aber ich fuhl's in allen Adern, ich will Dich nur locken, ich will, ich muss Dich nur sehen.

Wenn man bei der Nacht im Freien geht und hat die Abendseite vor sich: am aussersten Ende des duneines glanzenden Tags langsam abwarts ziehen so geht mir's bei der Erinnerung an Dich. Wenn die Zeit noch so dunkel und traurig ist, weiss ich doch, wo mein Tag untergegangen ist.

Den 20.

Ich habe selten eine Zeit in meinem Leben so erfullt gehabt, dass ich sagen konnte, sie sei mir unvermerkt verstrichen; ich fuhl nicht, wie andere Menschen, die sich amusieren, wenn ihnen die Zeit schnell vergeht; im Gegenteil, es ist mir der Tag verhasst, der mir vergangen ist, ich weiss nicht wie. Von jedem Augenblick bleibe mir eine Erinnerung tief oder lustig, freudig oder schmerzlich, ich wehre mich gegen sonst nichts als nur gegen nichts. Gegen dies Nichts, das einen beinah uberall erstickt!

Den 22.

Vorgestern war ein herrlicher Abend und Nacht; ganz mit dem glanzenden frischen Schmelz der lebhaftesten Farben und Begebenheiten, wie sie nur in Romanen gemalt sind, so ungestort; der Himmel war besaet mit unzahligen Sternen, die wie blitzende Diamanten durch das dichte Laub der bluhenden Linden funkelten; die Terrassen, welche an dem Berg hinaufgebaut sind, an dessen Fuss die grossen Badehauser liegen (die einzigen im engen Tal), haben etwas sehr Festliches und Ruhiges durch die Regelmassigkeit ihrer Hecken, die auf jeder Terrasse ein Boskett von Linden und Nussbaumen umgeben; die vielen Quellen und Brunnen, die man unter sich rauschen hort, machen es nun gar reizend. Alle Fenster waren erleuchtet, die Hauser sahen wunderbar belebt unter dem dunklen einsamen Wald des ubersteigenden Gebirges hervor. Die junge Furstin von Baden sass mit der Gesellschaft auf der untersten Terrasse und trank den Tee; bald horten wir Waldhorner aus der Ferne; wir glaubten's kaum, so leise, gleich antwortete es in der Nahe; dann schmetterte es uber uns im Gipfel; sie schienen sich gegenseitig zu locken, ruckten zusammen, und in milder Entfernung entfalteten sie die Schwingen, als wollten sie himmelwarts steigen, und immer senkten sie sich wieder auf die liebe Erde herab; das Geplauder der Franzosen verstummte, ein paarmal horte ich neben mir ausrufen: "Delicieux!" Ich wendete mich nach dieser Stimme: ein schoner Mann, edle Gestalt und Gesicht, geistreicher Ausdruck, nicht mehr jung, bebandert und besternt; er kam mit mir ins Gesprach und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich bin nun schon gewohnt, fur ein Kind angesehen zu werden, und war also nicht verwundert, dass mich der Franzose cher enfant nannte; er nahm meine Hand und fragte, von wem ich den Ring habe? Ich sagte: "Von Goethe". "Comment de Goethe? Je le connais"; und nun erzahlte er mir, dass er nach der Schlacht bei Jena mehrere Tage bei Dir zugebracht habe, und Du habest ihm einen Knopf von seiner Uniform abgeschnitten, um ihn als Andenken in Deiner Munzsammlung zu bewahren; ich sagte: und mir habest Du den Ring zum Andenken gegeben und mich gebeten, Dich nicht zu vergessen. "Et cela vous a remue le cur?" "Aussi tendrement et aussi passionnement que les sons, qui se font entendre la haut!" Da fragte er: "Et vous n'avez reellement que treize ans?" Du wirst wohl wissen, wer er ist, ich habe um seinen Namen nicht gefragt.

Sie bliesen so herrlich in den Wald hinein und mir zugleich alle weltliche Gedanken aus dem Kopf; ich schlich mich leise hinauf, so nah als moglich und liess mir's die Brust durchdrohnen; recht mit Gewalt. Der Ansatz der Tone war so weich, sie wurden allmahlich so machtig, dass es unwiderstehliche Wollust war, sich ihnen hinzugeben. Da hatte ich allerlei wunderliche Gedanken, die schwerlich bei dem Verstand die Maut passiert hatten; es war, als lag das Geheimnis der Schopfung mir auf der Zunge. Der Ton, den ich lebendig in mir fuhlte, gab mir die Empfindung, wie durch die Macht seiner Stimme Gott alles hervorgerufen, und wie Musik diesen ewigen Willen der Liebe und der Weisheit in jeder Brust wiederholt. Und ich war beherrscht von Gefuhlen, die von der Musik getragen, durchdrungen, vermittelt, verandert, vermischt und gehoben wurden; ich war endlich so in mich versunken, dass selbst die spate Nacht mich nicht vom Platz brachte. Das Hofgeschwirr und die vielen Lichter, von deren Widerschein die Baume in grunen Flammen brannten, sah ich von oben herab verschwinden; endlich war alles weg; kein Licht brannte mehr in den Hausern; ich war allein in der kuhlen himmlischen Ruhe der Nacht; ich dachte an Dich! Ach, hatten wir doch beisammen unter jenen Baumen gesessen und bei dem Rauschen und Platschern der Wasser miteinander geschwatzt!

Am 24. August

Immer noch hab ich Dir was zu erzahlen; den letzten Abend am Rhein ging ich noch spat ins nachste Dorf mit Begleitung; als ich am Rhein hinschlenderte, sah ich von ferne etwas Flammendes heranschwimmen; es war ein grosses Schiff mit Fackeln, die zuweilen das Ufer grell erleuchteten; oft verschwanden die Flammen; minutenlang war alles dunkel; es gab dem Fluss eine magische Wirkung, die sich mir tief einpragte als Abschluss von allem, was ich dort erlebt habe.

Es war Mitternacht, der Mond stieg trub auf; das Schiff, dessen Schatten in dem erleuchteten Rhein wie die waldige Ingelheimer Aue, an der sie hinsteuerten, hinter welcher sich der Mond so mild bescheiden hervortrug und allmahlich sich in die dunne Nebelwolke wie in einen Schleier entwickelte. Wenn man der Natur ruhig und mit Bedacht zusieht, greift sie immer ins Herz. Was hatte Gott meine Sinne inniger zuwenden konnen? Was mich leichter von dem Unbedeutenden, was mich druckt, losen konnen? Ich schame mich nicht, Dir zu bekennen, dass Dein Bild dabei heftig in meiner Seele aufflammte. Wahr ist's: Du strahlst in mich, wie die Sonne in den Kristall der Traube, und wie diese kochst Du mich immer feuriger, aber auch klarer aus.

Ich horte nun die Leute auf dem Schiff schon deutlich sprechen und zur Arbeit anrufen; sie ankerten an der Insel, loschten die Fackeln; nun wurde alles still bis auf den Hund, der bellte, und die Flaggen, die sich in der frischen Nachtluft drehten. Nun ging auch ich nach Haus zum Schlafen, und wenn Du's erlaubst, so legte ich mich zu Deinen Fussen nieder, und es belohnte mich der Traum mit Liebkosungen von Dir, wenn's nicht Falschheit war.

Wer wollte nicht an Erscheinung glauben! Begluckt mich doch die Erinnerung dieser Traume noch heute! Ja sag: was geht der Wirklichkeit ab? O ich bin stolz, dass ich von Dir traume; ein guter Geist dient meiner Seele; er fuhrt Dich ein, weil meine Seele Dich ruft; ich soll Deine Zuge trinken, weil mich nach ihnen durstet; ja, es gibt Bitten und Forderungen, die werden erhort. Nun wehr Dich immer gegen meine Liebe; was kann Dir's helfen? Wenn ich nur Geist genug habe! Dem Geist stehen die Geister bei.

Bettine

Am 30. August

Ich offne das Siegel wieder, um Dir zu sagen, dass ich Deinen Brief vom 10. seit gestern abend in Handen habe, und habe ihn fleissig studiert. O Goethe, Du sagst zwar, Du willst keinen Krieg fuhren, und verlangst Friede, und schlagst doch mit dem Primas wie mit einer Herkuleskeule drein. Mutz mir doch den Primas nicht auf! Wenn ich's ihm sagte, er sprange Decken hoch und verliebte sich in mich aber Du bist nicht eifersuchtig. Du bist nur gutig und voll Nachsicht.

Deine Charade hab ich schlaftrunken ans Herz gelegt, aber geraten hab ich sie nicht; wo hatt ich Besinnung hernehmen sollen? Mag es sein, was es will, es macht mich selig; ein Kreis liebender Worte, so unterscheidet man auch nicht Liebkosungen, man geniesst sie und weiss, dass sie die Bluten der Liebe sind. Ach, ich mochte wissen was es ist:

Ich hoffe still; doch hoff ich's zu erlangen,

Als Namen der Geliebten sie zu lallen.

Was hoffst Du? sag mir's und wie soll die Geliebte Dir heissen? Welche Bedeutung hat der Name, dass Du mit Entzucken ihn nur zu lallen vermagst?

In Einem Bild sie beide zu erblicken,

In Einem Wesen beide zu umfangen.

Wer sind die beide? Wer ist mein Nebenbuhler? In welchem Bild soll ich mich spiegeln? und mit wem soll ich in Deinen Armen verschmelzen? Ach, wie viele Ratsel in einem verborgen, und wie brennt mir der Kopf; nein, ich kann es nicht raten; es will nicht gelingen, mich von Deinem Herzen loszureissen und zu spekulieren.

Es tut gar wohl, an schon beschlossnen Tagen

Eins an dem andern kecklich zu verbrennen.

Und kann man sie vereint zusammen nennen,

So druckt man aus ein seliges Behagen.

Das tut Dir wohl, dass ich an Dir vergluhe, an schon beschlossnen Tagen, wo ich den Abend in Deiner Nahe zubringe, und mir auch.

Und kann man uns vereint zusammen nennen,

So druckt man aus mein seligstes Behagen.

Du siehst, Freund, wie Du mich hinuberraten lasst in die Ewigkeit; aber das irdische Wort, was der Schlussel zu allem ist, das kann ich nicht finden.

Aber Deinen Zweck hast Du erlangt, dass ich mich zufrieden raten solle, ich errate daraus meine Rechte, meine Anerkenntnis, meinen Lohn und die Bekraftigung unsers Bundes, und werde jeden Tag Deine Liebe neu erraten, verbrenne mich immer, wenn Du mich zugleich umfangen und spiegeln willst in Deinem Geist und vereint mit mir gern genennt sein willst.

Wenn Dir die Mutter schreibt, so macht sie den Bericht allemal zu ihrem Vorteil, die Geschichte war so. Ein buntes Rockchen, mit Streifen und Blumen durchwirkt, und ein Flormutzchen, mit silbernen Blumchen geschmuckt, holte sie aus dem grossen Tafelschrank und zeigte sie mir als Deinen ersten Anzug, in dem Du in die Kirche und zu den Paten getragen wurdest. Bei dieser Gelegenheit horte ich die genaue Geschichte Deiner Geburt, die ich gleich aufschrieb. Da fand sich denn auch der kleine Frankfurter Ratsherr mit der Allongeperucke! Sie war sehr erfreut uber diesen Fund und erzahlte mir, dass man sie ihnen geschenkt habe, wie ihr Vater Syndikus geworden war. Die Schnallen an den Schuhen sind von Gold, wie auch der Degen und die Perlenquasten am Halsschmuck sind echt; ich hatte den kleinen Kerl gar zu gern gehabt. Sie meinte, er musse Deinen Nachkommen aufbewahrt bleiben, und so kam's, dass wir ein wenig Komodie mit ihm spielten. Sie erzahlte mir dabei viel aus ihrer eignen Jugend, aber nichts von Dir; aber eine Geschichte, die mir ewig wichtig bleiben wird, und gewiss das Schonste, was sie zu erzahlen vermag.

Du erfreust Dich an der Geschichte des Myrtenbaums meiner Fritzlarer Nonne, er ist wohl die Geschichte eines jeden feurig liebenden Herzens. Gluck ist nicht immer das, was die Liebe nahrt, und ich hab mich schon oft gewundert, dass man ihm jedes Opfer bringt, und nicht der Liebe selbst, wodurch allein sie bluhen konnte, wie jener Myrtenbaum. Es ist besser, dass man Verzicht auf alles tue, aber die Myrte, die einmal eingepflanzt ist, die soll man nicht entwurzeln man soll sie pflegen bis ans Ende.

Alles, was Du verlangst, hoff ich Dir noch zu sagen, Du hast recht vermutet, dass mir die Zerstreuung hier viel rauben wurde, aber Dein Wille hat Macht uber mich, und ich hoffe, er soll Feuer aus dem Geist schlagen. Die Herzogin von Baden ist fort, aber unsre Familie samt anhangenden Freunden ist so gross, dass wir ganz Schlangenbad ubervolkern. Adieu, ich schame mich meines dicken Briefs, in dem viel Unsinn stecken mag. Wenn Du nicht frei Porto hattest, ich schickte ihn nicht ab.

Von der Mutter hab ich die besten Nachrichten.

Bettine

Zweiter Teil

An Goethe

Da ich Dir zum letztenmal schrieb, war's Sommer, ich war am Rhein und reiste spater mit einer heiteren Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser bis Koln; als ich zuruckgekommen war, verbrachte ich noch die letzten Tage mit Deiner Mutter, wo sie freundlicher, leidseliger war als je. Am Tag vor ihrem Tod war ich bei ihr, kusste ihre Hand und empfing ihr Lebewohl in Deinem Namen. Denn ich hab Dich in keinem Augenblick vergessen; ich wusste wohl, sie hatte mir gern Deine beste Liebe zum Erbteil hinterlassen.

Sie ist nun tot, vor welcher ich die Schatze meines Lebens ausbreitete; sie wusste wie und warum ich Dich liebe, sie wunderte sich nicht daruber. Wenn andre Menschen klug uber mich sein wollten, so liess sie mich gewahren und gab dem Wesen keinen Namen. Noch enger hatte ich damals Deine Knie umschliessen mogen, noch fester, tiefer Dich ins Auge fassen und alle andre Welt vergessen mogen, und doch hielt dies mich ab vom Schreiben. Spater warst Du so umringt, dass ich wohl schwerlich hatte durchdringen konnen.

Jetzt ist ein Jahr vorbei, dass ich Dich gesehen habe, Du sollst schoner geworden sein, Karlsbad soll Dich erfrischt haben. Mir geht's recht hinderlich, ich muss die Zeit so kalt hinstreichen lassen ohne einen Funken zu erhaschen, an dem ich mir eine Flamme anblasen konnte. Doch soll es nicht lange mehr wahren, bis ich Dich wiederseh; dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen Armen festhalten.

Diese ganze Zeit hab ich mit Jacobi beinah alle Abende zugebracht, ich schatze es immer als ein Gluck, dass ich ihn sehen und sprechen konnte; aber dazu bin ich nicht gekommen, aufrichtig gegen ihn zu sein, und die Liebe, die man seinem Wohlwollen schuldig ist, ihm zu bezeigen. Seine beiden Schwestern verpallisadieren ihn, es ist empfindlich, durch leere Einwendungen von ihm abgehalten zu werden. Er ist duldend bis zur Schwache und hat gar keinen Willen gegen ein paar Wesen, die Eigensinn und Herrschsucht haben, wie die Semiramis. Die Herrschaft der Frauen verfolgt ihn bis zur Prasidentenstelle an der Akademie, sie wecken ihn, sie bekleiden ihn, knopfen ihm die Unterweste zu, sie reichen ihm Medizin, will er ausgehn, so ist's zu rauh, will er zu Hause bleiben, so muss er sich Bewegung machen. Geht er auf die Akademie, so wird der Nimbus geschneutzt, damit er recht hell leuchte: da ziehen sie ihm ein Hemd von Batist an mit frischem Jabot und Manschetten und einen Pelzrock mit prachtigem Zobel gefuttert, der Warmkorb wird vorangetragen, kommt er aus der Sitzung zuruck, so muss er ein bisschen schlafen, nicht ob er will; so geht's bis zum Abend in fortwahrendem Widerspruch, wo sie ihm die Nachtmutze uber die Ohren ziehen und ihn zu Bette fuhren.

Der Geist, auch unwillkurlich, bahnt sich eine Freistatte, in der ihn nichts hindert zu walten nach seinem Recht, was diesem nicht Eintrag tut, wird er gern der Willkur andrer uberlassen. Das hat die Mutter oft an Dir gepriesen, dass Deine Wurde aus Deinem Geist fliesse, und dass Du einer andern nie nachgestrebt habest; die Mutter sagte, Du seist dem Genius treu, der Dich ins Paradies der Weisheit fuhrt, Du geniessest alle Fruchte, die er Dir anbietet, daher bluhen Dir immer wieder neue, schon wahrend Du die ersten verzehrst. Lotte und Lene aber verbieten dem Jacobi das Denken als schadlich, und er hat mehr Zutrauen zu ihnen als zu seinem Genius, wenn der ihm einen Apfel schenkt, so fragt er jene erst, ob der Wurm nicht drin ist.

Es braucht keinen grossen Witz, und ich fuhle es in mir selber gegrundet: im Geist liegt der unausloschliche Trieb, das Uberirdische zu denken, so wie das Ziel einer Reise hat er den hochsten Gedanken als Ziel; er schreitet forschend durch die irdische Welt der himmlischen zu, alles was dieser entspricht, das reisst der Geist an sich und geniesst es mit Entzucken, drum glaub ich auch, dass die Liebe der Flug zum Himmel ist.

Ich wunsch es Dir, Goethe, und ich glaub es auch fest, dass all Dein Forschen, Deine Erkenntnis, das, was die Muse Dir lehrt, und endlich auch Deine Liebe vereint Deinem Geist einen verklarten Leib bilden, und dass der dem irdischen Leib nicht mehr unterworfen sein werde, wenn er ihn ablegt, sondern schon in jenen geistigen Leib ubergestromt. Sterben musst Du nicht, sterben muss nur der, dessen Geist den Ausweg nicht findet. Denken beflugelt den Geist, der beflugelte Geist stirbt nicht, er findet nicht zuruck in den Tod.

Mit der Mutter konnte ich uber alles sprechen, sie begriff meine Denkweise, sie sagte: "Erkenne erst alle Sterne und das letzte, dann erst kannst Du zweifeln, bis dahin ist alles moglich."

Ich habe von der Mutter viel gehort, was ich nicht vergessen werde, die Art, wie sie mir ihren Tod anzeigte, hab ich aufgeschrieben fur Dich. Die Leute sagen, Du wendest Dich von dem Traurigen, was nicht mehr abzuandern ist, gerne ab, wende Dich in diesem Sinne nicht von der Mutter ihrem Hinscheiden ab, lerne sie kennen, wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblick war und wie gewaltig das Poetische in ihr.

Heute sag ich Dir nichts mehr, denn ich sehne mich, dass dieser Brief bald an Dich gelange; schreib mir ein Wort, meine Zufriedenheit beruht darauf. In diesem Augenblick ist mein Aufenthalt in Landshut; in wenig Tagen gehe ich nach Munchen, um mit dem Kapellmeister Winter Musik zu studieren.

Manches mochte man lieber mit Gebarden und Mienen sagen, ach besonders Dir hab ich nichts Hoheres zu verkunden, als bloss Dich anzulacheln.

Leb wohl, bleib mir geneigt, schreib mir wieder, dass Du mich lieb hast, was ich mit Dir erlebt habe, ist mir ein Thron seliger Erinnerung. Die Menschen trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel, namlich glucklich zu sein, wie schnell bin ich befriedigt, wenn Du mir gut und meiner Liebe ein treuer Bewahrer sein willst.

Ich bitte die Frau zu grussen, sobald ich nach Munchen komme, werde ich ihrer gedenken.

Landshut, den 18. Dezember 1808

Dir innigst angelobt

Bettine Brentano, bei Baron von Savigny

An Frau von Goethe

Gerne hatte ich nach dem Beispiel der guten Mutter mein kleines Andenken zum Weihnachten zu rechter Zeit gesendet; allein ich muss gestehen, dass Misslaune und tausend andre Fehler meines Herzens mich eine ganze Weile von allem freundlichen Verkehr abhielten. Die kleine Kette war Ihnen gleich nach dem Tode der Mutter bestimmt. Ich dachte, Sie sollten diese wahrend der Trauer tragen, und immer verschob ich die Sendung, zum Teil weil es mir wirklich unertraglich war, auch nur mit der Feder den Verlust zu beruhren, der fur mich ganz Frankfurt zu einer Wuste gemacht hat. Das kleine Halstuch hab ich noch bei der Mutter gestickt und hier in den mussigen Stunden vollendet.

Bleiben Sie mir freundlich, erinnern Goethe in den guten Stunden an mich, ein Gedanke von ihm an mich ist mir eine strahlende Zierde, die mich mehr schmuckt und ergotzt als die kostlichsten Edelsteine. Sie sehen also, welchen Reichtum Sie mir spenden konnen, indem Sie ihn bescheidentlich meiner Liebe und Verehrung versichern. Auch fur ihn hab ich etwas, es ist mir aber so lieb, dass ich es ungern einer gefahrvollen Reise aussetze. Ich mache mir Hoffnung, ihn in der ersten Halfte dieses Jahres noch zu sehen, wo ich es ihm selbst bringen kann. Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter. Meine Schwachheit, Ihnen Freude machen zu wollen, behandeln Sie wie immer mit gutiger Nachsicht. Munchen, 8. Januar 1809

Bettine

An Goethe

Andre Menschen waren glucklicher als ich, die das Jahr nicht beschliessen durften, ohne Dich gesehen zu haben. Man hat mir geschrieben, wie liebreich Du die Freunde bewillkommnest.

Seit mehreren Wochen bin ich in Munchen, treib Musik und singe viel bei dem Kapellmeister Winter, der ein wunderlicher Kauz ist, aber grade fur mich passt; denn er sagt: "Sangerinnen mussen Launen haben", und so darf ich alle an ihm auslassen; viel Zeit bringe ich am Krankenlager von Ludwig Tieck zu, er leidet an Gicht, eine Krankheit, die allen bosen Launen und Melancholie Audienz gibt; ich harre ebenso wohl aus Geschmack wie aus Menschlichkeit bei ihm aus; ein Krankenzimmer ist an und fur sich schon durch die grosse Ruhe ein anziehender Aufenthalt, ein Kranker, der mit gelassnem Mut seine Schmerzen bekampft, macht es zum Heiligtum. Du bist ein grosser Dichter, der Tieck ist ein grosser Dulder, und fur mich ein Phanomen, da ich vorher nicht gewusst habe, dass es solche Leiden gibt; keine Bewegung kann er machen ohne aufzuseufzen, sein Gesicht trieft von Angstschweiss, und sein Blick irrt uber der Schmerzensflut oft umher wie eine mude geangstigte Schwalbe, die vergeblich einen Ort sucht, wo sie ausruhen kann, und ich steh vor ihm verwundert und beschamt, dass ich so gesund bin; dabei dichtet er noch Fruhlingslieder und freut sich uber einen Strauss Schneeglockchen, die ich ihm bringe, sooft ich komme, fordert er zuerst, dass ich dem Strauss frisch Wasser gebe, dann wische ich ihm den Schweiss vom Gesicht ganz gelinde, man kann es kaum, ohne ihm weh zu tun, und so leiste ich ihm allerlei kleine Dienste, die ihm die Zeit vertreiben, Englisch will er mich auch lehren, allen Zorn und Krankheitsunmut lasst er denn an mir aus, dass ich so dumm bin, so absurd frage und nie die Antwort verstehe, auch ich bin verwundert; denn ich hab mit den Leuten geglaubt, ich sei sehr klug, wo nicht gar ein Genie, und nun stosse ich auf solche Untiefen, wo gar kein Grund zu erfassen ist, namlich der Lerngrund, und ich muss erstaunt bekennen, dass ich in meinem Leben nichts gelernt habe.

Eh ich von Dir wusste, wusst ich auch nichts von mir, nachher waren Sinne und Gefuhl auf Dich gerichtet, und nun die Rose bluht, gluht und duftet, so kann sie's doch nicht von sich geben, was sie in geheim erfahren hat. Du bist, der mir's angetan hat, dass ich mit Schimpf und Schand bestehe vor den Philistern, die eine Reihe von Talenten an einem Frauenzimmer schatzenswert finden. Das Frauenzimmer selbst aber ohne diese nicht.

Klavier spielen, Arien singen, fremde Sprachen sprechen, Geschichte und Naturwissenschaft, das macht den liebenswerten Charakter, ach und ich hab immer hinter allem diesem erst nach dem gesucht, was ich lieben mochte; gestern kam Gesellschaft zu Tieck, ich schlich mich unbemerkt hinter einen Schirm, ich war auch gewiss da eingeschlafen, wenn nicht mein Name war ausgesprochen worden, da hat man mich gemalt, so dass ich mich vor mir selber furchten musste; ich kam auch plotzlich hervor und sagte: "Nein, ich bin zu abscheulich, ich mag nicht mehr allein bei mir sein." Dies erregte eine kleine Konsternation, und mir machte es viel Spass. So ging mir's auch bei Jacobi, wo Lotte und Lene nicht bemerkt hatten, dass ich hinter dem grossen runden Tisch sass, ich rief hervor mitten in ihre Epistel hinein: "Ich will mich bessern." Ich weiss gar nicht, warum mein Herz immer jauchzt vor Lust, wenn ich mich verunglimpfen hore, und warum ich schon im voraus lachen muss, wenn einer mich tadelt: sie mogen mir aufburden die allerverkehrtesten Dinge, ich muss alles mit Vergnugen anhoren und gelten lassen. Es ist mein Gluck; wollte ich mich dagegen verteidigen, ich kam in des Teufels Kuche; wollte ich mit ihnen streiten, ich wurde dummer wie sie. Doch diese letzte Geschichte hat mir Gluck gebracht. Sailer war da, dem gefiel's, dass ich Lenen dafur beim Kopf kriegte und ihr auf ihr boses Maul einen herzlichen Schmatz gab, um es zu stopfen. Nachdem Sailer weg war, sagte Jacobi: "Nun, die Bettine hat dem Sailer das Herz gewonnen." "Wer ist der Mann?" fragte ich. "Wie! Sie kennen Sailer nicht, haben ihn nie nennen horen, den allgemein gefeierten geliebten, den Philosophen Gottes, so gut wie Plato der gottliche Philosoph ist?" Diese Worte haben mir von Jacobi gefallen, ich freue mich unendlich auf den Sailer, er ist Professor in Landshut. Wahrend dem Karneval ist hier ein Strom von Festen, die einen wahren Strudel bilden, so greifen sie ineinander; es werden wochentlich neue Opern gegeben, die meinen alten Winter sehr im Atem erhalten, ich hor manches mit grossem Anteil, wollt ich ihm sagen, was ich dadurch lerne, er wurde es nicht begreifen. Am Rhein haben wir uber Musik geschrieben, ich weiss nicht mehr was; ich hab Dir noch mehr zu sagen, Neues, fur mich Erstaunungswurdiges, kaum zu fassen fur meinen schwachen Geist, und doch erfahre ich's nur durch mich selbst. Soll ich da nicht glauben, dass ich einen Damon habe, der mich belehrt, ja es kommt alles auf die Frage an, je tiefer Du fragst, je gewaltiger ist die Antwort, der Genius bleibt keine schuldig; aber wir scheuen uns, zu fragen, und noch mehr die Antwort zu vernehmen und zu begreifen, denn das kostet Muhe und Schmerzen; anders konnen wir nichts lernen, wo sollten wir's herhaben, wer Gott fragt, dem antwortet er das Gottliche.

Auf den Festen, die man hier Akademien nennt Maskenballe, in der Mitte ein kleines Theater, worauf pantomimische Vorstellungen gegeben werden von Harlekin Pierrot und Pantalon hab ich den Kronprinzen kennengelernt; ich habe eine Weile mit ihm gesprochen, ohne zu wissen, wer er sei, er hat etwas zusprechendes Freundliches und wohl auch originell Geistreiches; sein ganzes Wesen scheint zwar mehr nach Freiheit zu ringen, als mit ihr geboren zu sein; seine Stimme, seine Sprache und Gebarden haben etwas Angestrengtes wie ein Mensch, der sich mit grossem Aufwand von Kraften an glatten Felswanden hinaufhalf, eine zitternde Bewegung in den noch nicht geruhten Gliedern hat. Und wer weiss, wie seine Kinderjahre, seine Neigungen bedrangt oder durch Widerspruch gereizt wurden, ich seh ihm an, dass er schon manches uberwinden musste, und auch, dass sich Grosses aus ihm entwickeln kann; ich bin ihm gut, ein so junger Herrscher in der Vorholle, wo er leiden muss, dass sich jede Zunge uber ihn erbarmt; seine gute Munchner, wie er sie nennt, sind ihm nicht grun; ja wartet nur, bis er mundig ist, entweder er beschamt euch alle, oder er wird's euch garstig eintranken.

Am 31. Januar

Dem wunderbaren Fruhlingswetter konnte ich nicht widerstehen, der warme mailiche Sonnenstrahl, der das harte eisige Neujahr ganz zusammenschmolz, war uberraschend, es hat mich hinausgetrieben in den kahlen, englischen Garten, ich bin auf alle Freundschaftstempel, chinesische Turme und Vaterlandsmonumente geklettert, um die Tiroler Bergkette zu erblicken, die tausendfach ihre gespaltnen Haupter gen Himmel ragt; auch in meiner Seele kannst Du solche grosse Bergmassen finden, die tief bis in die Wurzel gespalten sind, kalt und kahl ihre hartnackige Zacken in die Wolken strecken. Bei der Hand mocht ich Dich nehmen und weit wegfuhren, dass Du Dich besinnen solltest uber mich, dass ich Dir in Deinen Gedanken aufginge als etwas Merkwurdiges, dem Du nachspurtest, wie zum Beispiel einem Intermaxilarknochen, uber den Du Dein Recht in so eifriger Korrespondenz gegen Soemering behauptest, sag mir aufrichtig, werde ich Dir nie so wichtig sein als ein solcher toter Knochen? Dass Gott alles wohlgefugt habe, wer kann das bezweifeln! Ob Du aber Dein Herz wohl mit meinem verschrankt habest, dagegen erheben sich bei mir zu manchen truben Stunden Zweifel, von schweren Seufzern begleitet. Am Rhein hab ich Dir viel und liebend geschrieben, ja ich war ganz in Deiner Gewalt, und was ich dachte und fuhlte, war, weil ich im Geiste Dich ansah, nun haben wir eine Pause gemacht beinah vier Monate, Du hast mir noch nicht geantwortet auf zwei Briefe.

Es liegt mir an allem nichts, aber daran liegt mir, dass ich um Dich nicht betrogen werde; dass mir kein Wort, kein Blick von Dir gestohlen werde, ich hab Dich so lieb, das ist alles, mehr wird nicht in mich gehen, und anders wird man nichts an mir erkennen, und ich denke auch, das ist genug, um mein ganzes Leben den Musen als ein wichtiges Dokument zu hinterlassen; darum vergeht mir manche Zeit so hart und kalt wie dieser harte Winter, darum bluht's wieder und drangt von allen Seiten wieder ins Leben. Darum hut ich oft meine Gedanken vor Dir. Diese ganze Zeit konnte ich kein Buch von Dir anruhren. Nein, ich konnte keine Zeile lesen, es war mir zu traurig, dass ich nicht bei Dir sein kann. Ach, die Mutter fehlt mir, die mich beschwichtigte, die mich hart machte gegen mich selber, ihr klares feuriges Auge sah mich durch und durch, ich brauchte ihr nicht zu gestehen, sie wusste alles, ihr feines Ohr horte bei dem leisesten Klang meiner Stimme, wie es um mich stehe; o sie hat mir manche Gegengeschichte zu meiner Empfindung erzahlt, ohne dass ich sie ihr wortlich mitteilte, wie oft hat ein freudiges Zurufen von ihr alle Wolken in mir zerteilt, welche freundliche Briefe hat sie mir ins Rheingau geschrieben; "Tapfer!" rief sie mir zu; "sei tapfer, da sie dich doch nicht fur ein echtes Madchen wollen gelten lassen, und sagen, man konne sich nicht in dich verlieben, so bist du die eine Plage los, sie hoflich abzuweisen, so sei denn ein tapferer Soldat, wehr dich dagegen, dass du meinst, du musstest immer bei ihm sein und ihn bei der Hand halten, wehr dich gegen deine eigne Melancholie, so ist er immer ganz und innigst dein und kein Mensch kann dir ihn rauben."

Solche Zeilen machten mich unendlich glucklich, wahrhaftig ich fand Dich in ihr wieder, wenn ich nach Frankfurt kam, so flog ich zu ihr hin; wenn ich die Tur aufmachte, wir grussten uns nicht, es war als ob wir schon mitten im Gesprach seien. Wir zwei waren wohl die einzig lebendigen Menschen in ganz Frankfurt und uberall, manchmal kusste sie mich und sprach davon, dass ich in meinem Wesen sie an Dich erinnere, sie habe auch Dein Sorgenbrecher sein mussen. Sie baute auf mein Herz. Man konnte ihr nicht weismachen, dass ich falsch gegen sie sei, sie sagte: "Der ist falsch, der mir meine Lust an ihr verderben will"; ich war stolz auf ihre Liebe.

Wenn Du nun nicht mehr auf der Welt warst! Ach, ich wurde keine Hand mehr regen. Ach, es regen sich so viel tausend Hoffnungen und wird nichts draus. Wenn ich nur manchmal bei Dir sitzen konnte eine halbe Stunde lang; da wird vielleicht auch nichts draus; mein Freund!!

Am 3. Februar

In den wenig Wochen, die ich in Landshut zubrachte, hab ich trotz Schnee und Eis nah und ferne Berge bestiegen, da lag mir das ganze Land im blendendsten Gewand vor Augen; alle Farben vom Winter getotet und vom Schnee begraben, nur mir rotete die Kalte die Wangen; wie ein einsames Feuer in der Wuste, so brennt der einzige Blick, der beleuchtet und erkennt, wahrend die ganze Welt schlaft. Ich hatte so kurz vorher den Sommer verlassen, so reich beladen mit Frucht. Wo war's doch, wo ich den letzten Berg am Rhein bestieg? In Godesberg; warst Du da auch oft? Es war bald Abend, da wir oben waren; Du wirst Dich noch erinnern, es steht oben ein einziger hoher Turm, und rund auf der Flache stehen noch die alten Mauern. Die Sonne in grosser Pracht senkte einen gluhenden Purpur uber die Stadt der Heiligen; der Kolner Dom, an dessen dornigen Zierraten die Nebel wie eine voruberstreifende Schafherde ihre Flocken hangen liessen, in denen Schein und Widerschein so fein spielten, da sah ich ihn zum letztenmal; alles war zerflossen in dem ungeheuren Brand, und der kuhle ruhige Rhein, den man viele Stunden weit den.

Im Sommer, in dem leidenschaftlichen Leben und Weben aller Farben, wo die Natur die Sinne als den ruhrendsten Zauber ihrer Schonheit festhalt; wo der Mensch durch das Mitempfinden selbst schon wird: da ist er sich selbst auch oft wie ein Traum, der vor dem Begriff wie Duft verfliegt. Das Lebensfeuer in ihm verzehrt alles; den Gedanken im Gedanken, und bildet sich wieder in allem. Was das Aug erreichen kann, gewinnt er nur, um sich wieder ganz dafur hinzugeben; und so fuhlt man sich frei und keck in den hochsten Felsspitzen, in dem kuhnsten Wassersturz, ja mit dem Vogel in der Luft, mit dem man in die Ferne zieht, und hoher mit ihm steigt, um fruher den Ort der Sehnsucht zu erblicken. Im Winter ist's anders, da ruhen die Sinne mit der Natur, nur die Gedanken graben, wie die Arbeiter im Bergwerk, heimlich in der Seele fort. Darauf hoffe und baue auch ich, lieber Goethe, jetzt, wo ich empfinde, wie ode und mangelhaft es in mir ist: dass die Zeit kommen werde, wo ich Dir mehr sagen und Dich mehr fragen kann. Einmal wird mir doch einleuchten, was ich zu wissen fordere. Das deucht mir der einzige Umgang mit Gott, namlich die Frage um das Uberirdische; und das scheint mir die einzige Grosse des Menschen, diese Antwort zu empfinden, zu geniessen. Gewiss ist die Liebe auch eine Frage an Gott, und der Genuss in ihr ist eine Antwort von dem liebenden Gott selbst.

4. Februar

Hier im Schloss, welches man die Residenz heisst und siebzehn Hofe hat, ist in einem der Nebengebaude ein kleiner einsamer Hof, in der Mitte desselben steht ein Springbrunnen: Perseus, der die Medusa enthauptet, in Erz von einem Rasenplatz umgeben; ein Gang von Granitsaulen fuhrt dahin; Meerweibchen, von Ton und Muscheln gemacht, halten grosse Becken, in die sie ehemals Wasser spien, Mohrenkopfe schauen aus der Mauer, die Decke und Seiten sind mit Gemalden geziert, die freilich schon zum Teil heruntergefallen sind, unter andern Apoll, der auf seinem Sonnenwagen sich uber die Wolken baumt und seine Schwester Luna im Herunterfahren begrusst; der Ort ist sehr einsamlich, selten dass ein Hofbedienter quer durchlauft, die Spatzen hort man schreien, und den kleinen Eidechsen und Wassermauschen seh ich da oft zu, die im verfallnen Springbrunnen kampieren, es ist dicht hinter der Hofkapelle; manchmal hore ich am Sonntag da auch das hohe Amt oder die Vesper mit grossem Orchester; Du musst doch auch wissen, wo Dein Kind ist, wenn's recht treu und fleissig an Dich denkt. Adieu, leb recht wohl, ich glaub gewiss, dass ich dieses Jahr zu Dir komme und vielleicht bald, denk an mich, so fort lieben darf, mehrere von meinen Briefen mussen verlorengegangen sein, denn ich hab vom Rhein aus noch mehrmals an Dich geschrieben.

Die Frau bitte ich herzlich zu grussen, ich weiss nicht, ob eine kleine Schachtel, die ich ihr unter Deiner Adresse schickte, verlorengegangen ist.

Munchen, 5. Februar

Bettine

Meine Adresse ist Landshut bei Savigny.

Verehrte Freundin!

Empfangen Sie meinen Dank fur die schonen Geschenke, welche ich von Ihnen erhalten habe, es hat mich ausserordentlich gefreut, weil ich daraus ersah, dass Sie mir Ihr Wohlwollen fortdauernd erhalten, um das ich noch nicht Gelegenheit hatte, mich verdient zu machen.

Ich war nun acht Wochen in Frankfurt, die Ihrigen alle haben mir viel Gutes erzeugt, ich weiss wohl, dass ich dies alles der grossen Liebe und Achtung, die man hier fur die verstorbene Mutter hegte, zu danken habe; doch hab ich Ihre Gegenwart sehr vermisst, Sie haben die Mutter sehr geliebt, und ich hatte auch verschiedene Auftrage vom Geheimen Rat an Sie, von denen er glaubte, dass Sie dieselben gerne ubernehmen wurden; ich habe nun alles so gut wie moglich selbst besorgt in diesen traurigen Tagen. Alles, was ich von Ihrer Hand unter den Papieren der Mutter fand, hab ich gewissenhaft an die Ihrigen abgegeben; ich fand es sehr wohlgeordnet mit gelben Band zugebunden und von der Mutter an Sie uberschrieben.

Sie machen uns Hoffnung auf einen baldigen Besuch, der Geheime Rat und ich sehen diesen schonen Tagen mit Freuden entgegen, nur wunschen wir, dass es bald geschehe, da der Geheime Rat wahrscheinlich in der Mitte des Monat Mai wieder nach Karlsbad gehen wird.

Er befindet sich diesen Winter ausserordentlich wohl, welches er doch den heilsamen Quellen zu danken hat. Bei meiner Zuruckkunft kam er mir ordentlich junger vor, und gestern, weil grosse Cour an unserm Hof war, sah ich ihn zum erstenmal mit seinen Orden und Bandern geschmuckt, er sah ganz herrlich und stattlich aus, ich konnte ihn gar nicht genug bewundern, mein erster Wunsch war, wenn ihn doch die gute Mutter noch so gesehen hatte; er lachte uber meine grosse Freude, wir sprachen viel von Ihnen, er trug mir auf, auch in seinem Namen zu danken fur alles Gutige und Freundliche, was Sie mir erzeugen, er hat sich vorgenommen, selbst zu schreiben und meine schlechte Feder zu entschuldigen, mit der ich nicht nach Wunsch ausdrucken kann, wie wert mir Ihr Andenken ist, dem ich mich herzlich empfehle.

Weimar, am 1. Februar 1809

C.v. Goethe

An Bettine

Du bist sehr liebenswurdig, gute Bettine, dass Du dem schweigenden Freunde immer einmal wieder ein lebendiges Wort zusprichst, ihm von Deinen Zustanden und von den Lokalitaten, in denen Du umherwandelst, einige Nachricht gibst; ich vernehme sehr gern, wie Dir zumute ist, und meine Einbildungskraft folgt Dir mit Vergnugen sowohl auf die Bergeshohen als in die engen Schloss- und Klosterhofe. Gedenke meiner auch bei den Eidechsen und Salamandern.

Eine Danksagung meiner Frau wird bei Dir schon eingelaufen sein, Deine unerwartete Sendung hat unglaubliche Freude gemacht, alles ist einzeln bewundert und hochgeschatzt worden. Nun muss ich Dir auch schnell fur die mehreren Briefe danken, die Du mir geschrieben hast, und die mich in meiner Karlsbader Einsamkeit angenehm uberraschten, unterhielten und teilweise wiederholt beschaftigten, so waren mir besonders Deine Explosionen uber Musik interessant, so nenne ich diese gesteigerten Anschauungen Deines Kopfchens, die zugleich den Vorzug haben, auch den Reiz dafur zu steigern.

Damals schickte ich ein Blattchen an Dich meiner Mutter, ich weiss nicht, ob Du es erhalten hast. Diese Gute ist nun von uns gegangen, und ich begreife wohl, wie Frankfurt Dir dadurch verodet ist. Alles, was Du mitteilen willst uber Herz und Sinn der Mutter und uber die Liebe, mit der Du es aufzunehmen verstehst, ist mir erfreulich. Es ist das Seltenste und daher wohl auch das Kostlichste zu nennen, wenn eine so gegenseitige Auffassung und Hingebung immer die rechte Wirkung tut; immer etwas bildet, was dem nachsten Schritt im Leben zugut kommt, wie denn durch eine gluckliche Ubereinstimmung des Augenblicks gewiss am lebendigsten auf die Zukunft gewirkt ist, und so glaub ich Dir gern, wenn Du mir sagst, welche reiche Lebensquelle Dir in diesem Deinen Eigenheiten sich so willig hingebenden Leben versiegt ist; auch mir war sie dies, in ihrem Uberleben aller anderen Zeugen meiner Jugendjahre bewies sie, dass ihre Natur keiner andern Richtung bedurfte als zu pflegen und zu lieben, was Geschick und Neigung ihr anvertraut hatten; ich habe in der Zeit nach ihrem Tode viele ihrer Briefe durchlesen und bewundert, wie ihr Geist bis zur spatesten Epoche sein Geprage nicht verloren. Ihr letzter Brief war ganz erfullt von dem Guten, was sich zwischen Euch gefunden, und dass ihre spaten Jahre, wie sie selbst schreibt, von Deiner Jugend so grun umwachsen seien; auch in diesem Sinn also wie in allem andern, was Dein lebendiges Herz mir schon gewahrt hat, bin ich Dir Dank schuldig.

Wilhelm Humboldt hat uns viel von Dir erzahlt. Viel, das heisst oft. Er fing immer wieder von Deiner kleinen Person zu reden an, ohne dass er so was recht Eigentliches zu sagen gehabt, woraus wir denn auf ein eignes Interesse schliessen konnten. Neulich war ein schlanker Architekt von Kassel hier, auf den Du auch magst Eindruck gemacht haben.

Dergleichen Sunden magst Du denn mancherlei auf Dir haben, deswegen Du verurteilt bist. Gichtbruchige und Lahme zu warten und zu pflegen.

Ich hoffe jedoch, das soll nur eine vorubergehende Bussung werden, damit Du Dich des Lebens desto besser und lebhafter mit den Gesunden freuen mogest.

Bring nun mit Deiner reichen Liebe alles wieder ins Geleis einer mir so lieb gewordenen Gewohnheit, lasse die Zeit nicht wieder in solchen Lucken verstreichen, lasse von Dir vernehmen, es tut immer seine gute und freundliche Wirkung, wenn auch der Gegenhall nicht bis zu Dir hinuberdringt; so verzichte ich doch nicht darauf, Dir Beweise ihres Eindruckes zu liefern, an denen Du selbst ermessen magst, ob die Wirkung auf meine Einbildungskraft den Zaubermitteln der Deinigen entspricht. Meine Frau, hor ich, hat Dich eingeladen, das tue ich nicht, und wir haben wohl beide recht. Lebe wohl, grusse freundlich die Freundlichen und bleib mir Bettine. Weimar, den 22. Februar 1809

G.

An Goethe

Wenn Deine Einbildungskraft geschmeidig genug ist, mich in alle Schlupfwinkel von verfallenem Gemauer, uber Berg und Klufte zu begleiten, so will ich's auch noch wagen, Dich bei mir einzufuhren; ich bitte also: komm, nur immer hoher, drei Stiegen hoch hier in mein Zimmer, setz Dich auf den blauen Sessel am grunen Tisch, mir gegenuber; ich will Dich nur ansehen, und Goethe! folgt mir Deine Einbildungskraft immer noch? Dann musst Du die unwandelbarste Liebe in meinen Augen erkennen, musst jetzt liebreich mich in Deine Arme ziehen; sagen: "So ein treues Kind ist mir beschert, zum Lohn, zum Ersatz fur manches. Es ist mir wert dies Kind, ein Schatz ist mir's, ein Kleinod, das ich nicht verlieren will." Siehst Du? Und musst mich kussen; denn das ist, was meine Einbildungskraft der Deinigen beschert.

Ich fuhr Dich noch weiter; tritt sachte auf in meines Herzens Kammer; hier sind wir in der Vorhalle; grosse Stille! Kein Humboldt, kein Architekt, kein Hund, der bellt. Du bist nicht fremd; geh hin, poch an es wird allein sein und "herein!" Dir rufen. Du wirst's auf kuhlem, stillem Lager finden, ein freundlich Licht wird Dir entgegenleuchten, alles wird in Ruh und Ordnung sein, und Du willkommen. Was ist das? Himmel! Die Flammen uber ihm zusammenschlagend! Woher die Feuersbrunst? Wer rettet hier? Armes Herz! Armes notgedrungenes Herz. Was kann der Verstand hier? Der weiss alles besser und kann doch nichts helfen, der lasst die Arme sinken.

Kalt und unbedeutend geht das Leben entweder so fort, das nennt man einen gesunden Zustand; oder wenn es wagt auch nur den einzigen Schritt tiefer ins Gefuhl, dann greifen Leidenschaften brennend mit Gewalt es an, so verzehrt sich's in sich selber. Die Augen muss ich zumachen und darf nichts ansehen, was mir lieb ist. Ach! Die kleinste Erinnerung macht mich ergrimmen in sehnendem Zorn, und drum darf ich auch nicht immer in Gedanken Dir nachgehen, weil ich zornig werde und wild. Wenn ich die Hande ausstrecke, so ist's doch nur nach den leeren Wanden, wenn ich spreche, so ist's doch nur in den Wind, und wenn ich endlich Dir schreibe, so emport sich mein eigen Herz, dass ich nicht die leichte Brucke von dreimal Tag und Nacht uberfliege und mich in sussester, der Liebe ewig ersehnter Ruhe zu Deinen Fussen lege.

Sag, wie bist Du so mild, so reichlich gutig in Deinem lieben Brief; mitten in dem hartgefrornen Winter sonnige Tage, die mir das Blut warm machen; was will ich mehr? Ach, so lang ich nicht bei Dir bin, kein Segen.

Ach, ich mochte, sooft ich Dir wieder schreibe, auch wieder Dir sagen: wie und warum und alles; ich mochte Dich hier auf den einzigen Weg leiten, den ich einzig will, damit es einzig sei und ich nur einzig sei, die so Dich liebt und so von Dir erkannt wird.

Ob Liebe die grosste Leidenschaft sei und ob zu uberwinden, versteh ich nicht, bei mir ist sie Willen, machtiger, unuberwindlicher.

Der Unterschied zwischen gottlichem und menschlichem Willen ist nur, dass jener nicht nachgibt und ewig dasselbe will; unser Wille uber jeden Augenblick fragt: "Darf oder soll ich?" Der Unterschied ist, dass der gottliche Wille alles verewigt und der menschliche am irdischen scheitert; das ist aber das grosse Geheimnis, dass die Liebe himmlischer Wille ist, Allmacht, der nichts versagt ist.

Ach, Menschenwitz hat keinen Klang, aber himmlischer Witz, der ist Musik, lustige Energie, dem ist das Irdische zum Spott; er ist das glanzende Gefieder, mit dem die Seele sich aufschwingt, hoch uber die Ansiedelungen irdischer Vorurteile, von da oben herab ist ihr alles Geschick gleich. Wir sagen, das Schicksal walte uber uns? Wir sind unser eigen Schicksal, wir zerreissen die Faden, die uns dem Gluck verbinden, und knupfen jene an, die uns unselige Last aufs Herz legen; eine innere geistige Gestalt will sich durch die aussere weltliche bilden, dieser innere Geist regiert selbst sein eigen Schicksal, wie es zu seiner hoheren Organisation erforderlich ist.

Du musst mir's nicht verargen, wenn ich's nicht deutlicher machen kann, Du weisst alles und verstehst mich und weisst, dass ich recht habe, und freust Dich druber.

Gute Nacht! Bis morgen gute Nacht, alles ist still, schlaft ein jeder im Haus, hangt traumend dem nach, was er wachend begehrt, ich aber bin allein wach mit Dir. Draussen auf der Strasse kein Laut mehr ich mochte wohl versichert sein, dass in diesem Augenblick keine Seele mehr an Dich denkt, kein Herz einen Schlag mehr fur Dich tut, und ich allein auf der weiten Welt sitze zu Deinen Fussen, das Herz in vollen Schlagen geht auf und ab; und wahrend alles schlaft, bin ich wach, Dein Knie an meine Brust zu drucken, und Du? Die Welt braucht's nicht zu wissen, dass Du mir gut bist.

Bettine

An Goethe

Munchen, 3. Marz 1809

Heut bricht der volle Tag mit seinen Neuigkeiten in meine Einsamkeit herein, wie ein schwer beladener Frachtwagen auf einer leichten Brucke einbricht, die nur fur harmlose Spazierganger gebaut war. Da hilft nichts, man muss Hand anlegen und helfen, alles in Gang bringen; auf allen Gassen schreit man Krieg, die Bibliothekardiener rennen umher, um ausgeliehene Manuskripte und Bucher wieder einzufordern, denn alles wird eingepackt. Hamberger, ein zweiter Herkules denn wie jener die Stallungen der zwanzigtausend Rinder, so mistet er die Bibliothek von achtzigtausend Banden aus und jammert, dass alle geschehene Arbeit umsonst ist. Auch die Galerie soll eingepackt werden; kurz, die schonen Kunste sind in der argsten Konsternation. Opern und Musik ist Valet gesagt, der erlauchte Liebhaber der Prima Donna zieht zu Felde; die Akademie steckt Trauerampeln aus und bedeckt ihr Antlitz, bis der Sturm vorbei, und so war alles in stiller muder Erwartung des Feindes, der vielleicht gar nicht kommt. Ich bin auch in Garung, und auch in revolutionarer. Die Tiroler, mit denen halt ich's, das kannst Du denken. Ach, ich bin's mude, die spate Nacht ihr Stuckchen blasen zu horen, die Trommel und die Trompete, die machen das Herz frisch.

Ach hatt ich ein Wamslein, Hosen und Hut, ich lief hinuber zu den gradnasigen, gradherzigen Tirolern und liess ihre schone grune Standarte im Winde klatschen.

Zur List hab ich grosse Anlage, wenn ich nur erst druben war, ich konnte ihnen gewiss Dienste leisten. Mein Geld ist all fort, ein guter Kerl, ein Mediziner, hat eine List erfunden, es den gefangnen Tirolern, die sehr hart gehalten sind, zuzustecken. Das Gitter vom Gefangnis geht auf einen oden Platz am Wasser, den ganzen Tag waren bose Buben da versammelt, die mit Kot nach ihnen warfen, am Abend gingen wir hin, unterdessen einer neben der Schildwache ausrief: "Ach, was ist das fur ein Rauch in der Ferne", und indem diese sich nach dem Rauch umsah, zeigte der andere den Gefangenen das blinkende Goldstuck, wie er es in Papier einwickelte und dann mit Kot eine Kugel draus machte. "Jetzt pass Achtung", rief er, und warf's dem Tiroler zu, so gelang es mehrmals; die Schildwache freute sich, dass die bosen Jungen so gut treffen konnten.

Du kennst vielleicht oder erinnerst Dich doch gesehen zu haben einen Grafen Stadion, Domherr und kaiserlicher Gesandter, von seinen Freunden der schwarze Fritz genannt, er ist mein einziger Freund hier, die Abende, die er frei hat, bringt er gern bei mir zu, da liest er die Zeitung, schreibt Depeschen, hort mir zu, wenn ich was erzahle, wir sprechen auch oft von Dir; ein Mann von kluger freier Einsicht, von edlem Wesen. Er teilt mir aus seiner Herzens- und Lebensgeschichte merkwurdige Dinge mit, er hat viel aufgeopfert, aber nichts dabei verloren, im Gegenteil ist sein Charakter hierdurch frei geworden von der Steifheit, die doch immer mehr oder weniger den Platz freiwilliger Grazie einnimmt, sobald man mit der Welt in einer nicht unwichtigen Verbindung ist, wo man sich zum Teil auch kunstlich verwenden muss; er ist so ganz einfach wie ein Kind und gibt meinen Launen in meiner Einsamkeit manche Wendung. Sonntags holt er mich ab in seinem Wagen und liest mir in der koniglichen Kapelle die Messe; die Kirche ist meistens ganz leer, ausser ein paar alten Leuten. Die stille einsame Kirche ist mir sehr erfreulich, und dass der liebe Freund, von dem ich so manches weiss, was in seinem Herzen bewahrt ist, mir die Hostie erhebt und den Kelch das freut mich. Ach, ich wollt, ich wusste ihm auf irgendeine Art ersetzt, was ihm genommen ist.

Ach, dass das Entsagen dem Begehren die Waage halt! Endlich wird doch der Geist, der durch Schmerzen gelautert ist, uber das Alltagsleben hinaus zum Himmel tanzen.

Und was war Weisheit, wenn sie nicht Gewalt brauchte, um sich allein geltend zu machen? Jedes Entsagen will sie ja lindernd ersetzen, und sie schmeichelt Dir alle Vorteile ihres Besitzes auf, wahrend Du weinst um das, was sie Dir versagt.

Und wie kann uns das Ewige gelingen, als nur wenn wir das Zeitliche dran setzen?

Alles seh ich ein und mochte alle Weisheit dem ersten besten Ablasskramer verhandeln, um Absolution fur alle Liebesintrigen, die ich mit Dir noch zu haben gedenke.

11. Marz

Ach, wenn mich die Liebe nicht hellsehend machte, so war ich elend, ich seh die gefrornen Blumen an den Fensterscheiben, den Sonnenstrahl, der sie allmahlich schmilzt, und denke mir alles in Deiner Stube, wie Du auf- und niederwandelst, diese gefrornen Landschaften mit Tannenwaldchen und diese Blumenstocke sinnend betrachtest. Da erkenne ich so deutlich Deine Zuge, und es wird so wahr, dass ich Dich sehen kann; unterdessen geht die Trommel hier unter dem Fenster von allen Strassen her und ruft die Truppen zusammen. Staatsangelegenheiten vertraut man mir nicht, aber Herzensangelegenheiten, gestern abend kam noch der liebe katholische Priester, das Gesprach war ein traumerisch Gelispel fruherer Zeiten; ein feines Geweb, das ein sanfter Hauch wiegt in stiller Luft. "Das Herz erlebt auch einen Sommer", sagte er, "wir konnen es dieser heissen Jahreszeit nicht vorenthalten und Gott weiss, dass der Geist reifen muss wie der goldne Weizen, ehe die Sichel ihn schneidet."

20. Marz

Ich bin begierig, uber Liebe sprechen zu horen, die ganze Welt spricht zwar druber, und in Romanen ist genug ausgebrutet, aber nichts, was ich gern horen will. Als Beweis meiner Aufrichtigkeit bekenne ich Dir: auch im Wilhelm Meister geht mir's so, die meisten Menschen angstigen mich drin, wie wenn ich ein bos Gewissen hatte, da ist es einem nicht geheuer innerlich und ausserlich, ich mochte zum Wilhelm Meister sagen: "Komm, fluchte Dich mit mir jenseits der Alpen zu den Tirolern, dort wollen wir unser Schwert wetzen und das Lumpenpack von Komodianten vergessen, und alle Deine Liebsten mussen denn mit ihren Pratensionen und hoheren Gefuhlen eine Weile darben; wenn wir wiederkommen, so wird die Schminke auf ihren Wangen erbleicht sein, und die flornen Gewande und die feinen Empfindungen werden vor Deinem sonneverbrannten Marsantlitz erschaudern. Ja, wenn etwas noch aus Dir werden soll, so musst Du Deinen Enthusiasmus an den Krieg setzen, glaub mir, die Mignon war nicht aus dieser schonen Welt gefluchtet, in der sie ja doch ihr Liebstes zurucklassen musste, sie hatte gewiss alle Muhseligkeiten des Kriegs mit ausgehalten und auf den rauhen Alpen in den Winterhohlen ubernachtet bei karger Kost, das Freiheitsfeuer hatte auch in ihrem Busen gezundet und frisches, gesunderes Blut durch ihre Adern geleitet. Ach, willst Du diesem Kind zulieb nicht alle diese Menschen zuhauf verlassen? Die Melancholie erfasst Dich, weil keine Welt da ist, in der Du handeln kannst. Wenn Du Dich nicht furchtest vor Menschenblut: hier unter den Tirolern kannst Du handeln fur ein Recht, das ebensogut aus reiner Natur entsprungen ist, wie die Liebe im Herzen der Mignon. Du bist's, Meister, der den Keim dieses zarten Lebens erstickt unter all dem Unkraut, was Dich uberwachst. Sag, was sind sie alle gegen den Ernst der Zeit, wo die Wahrheit in ihrer reinen Urgestalt emporsteigt und dem Verderben, was die Luge angerichtet hat, Trotz bietet?

O, es ist eine himmlische Wohltat Gottes, an der wir alle gesunden konnten, eine solche Revolution: er lasst abermals und abermals die Seele der Freiheit wieder neugeboren werden.

Siehst Du, Meister, wenn Du heute in der sternhellen kalten Nacht Deine Mignon aus ihrem Bettchen holst, in dem sie gestern mit Tranen um Dich eingeschlafen war; Du sagst ihr: "Sei hurtig und gehe mit, ich will allein mit Dir in die Fremde ziehen"; o, sie wird's verstehen, es wird ihr nicht unglaublich vorkommen, Du tust, was sie langst von Dir verlangte, und was Du unbegreiflich unterlassen hast. Du wirst ihr ein Gluck schenken, dass sie Deine harten Muhen teilen darf; bei Nacht auf gefahrvollen Wegen, wo jeder Schritt tauscht, da wird ihr Scharfblick, ihre kuhne Zuversicht Dich sicher leiten hinuber zum kriegbedrangten Volk; und wenn sie sieht, dass Du Deine Brust den Pfeilen bietest, wird sie nicht zagen, es wird sie nicht kranken wie die Pfeile des schmeichelnden Sirenenvolks; sie wird rasch heranreifen zu dem kuhnen Vertrauen, mit einzuklingen in die Harmonie der Freiheitsbegeisterung. Und wenn Du auch im Vordertreffen sturzen musst, was hat sie verloren? Was konnte ihr diesen schonen Tod ersetzen, an Deiner Seite vielleicht? Beide Arm in Arm verschrankt, lagt Ihr unter der kuhlen gesunden Erde, und machtige Eichen beschatteten Euer Grab; sag, war's nicht besser, als dass Du bald ihr feines Gebild den anatomischen Handen des Abbe uberlassen musst, dass er ein kunstliches Wachs hineinspritze?

Ach, ich muss klagen, Goethe, uber alle Schmerzen fruherer Zeit, die Du mir angetan, ich fuhl mich jetzt so hilflos, so unverstanden wie damals die Mignon. Da draussen ist heute ein Larm, und doch geschieht nichts, sie haben arme Tiroler gefangen eingebracht, armes Taglohnervolk, was sich in den Waldern versteckt hatte; ich hor hier oben das wahnsinnige Toben, ich habe Laden und Vorhange zugemacht, ich kann's nicht mit ansehen, der Tag ist auch schon im Scheiden, ich bin allein, kein Mensch, der wie ich menschlich fuhlte. Diese festen, sicheren, in sich einheimischen Naturen, die den Geist der Treue und Freiheit mit der reineren Luft ihrer Berge einatmen, die mussen sich durch die kotigen Strassen schleifen lassen von einem biertrunkenen Volk, und keiner tut diesem Einhalt, keiner wehrt seinen Misshandlungen; man lasst sie sich versundigen an den hoheren Gefuhlen der Menschheit. Teufel! Wenn ich Herrscher war, hier wollt ich ihnen zeigen, dass sie Sklaven sind, es sollte mir keiner wagen, sich am Ebenbild Gottes zu vergreifen.

Ich meine immer, der Kronprinz musse anders empfinden, menschlicher, die Leute wollen ihn nicht loben, sie sagen: er sei eigensinnig und launig, ich habe Zutrauen zu ihm, er pflegt den Garten, den er als Kind hatte, noch jetzt mit Sorgfalt, begiesst die Blumen, die in seinen Zimmern bluhen, selbst, macht Gedichte, holperig, aber voll Begeisterung, das alles sagt mir gut fur ihn.

Was wohl ein solcher fur Gedanken hat, der jeden Gedanken realisieren konnte? Ein Furst, dessen Geist das ganze Land erhellen soll? Er musste verharren im Gebet sein Leben lang, der angewiesen ist, in tausend andern zu leben, zu handeln.

Ja, ob ein Konigssohn wohl den heiligen Geist in sich erweckt, dass der regiere statt seiner? Der Stadion seufzt und sagt: "Das Beste ist, dass, wie die Wurfel auch fallen, der Weg zum Himmel immer unversperrt bleibt fur Konig und Untertan."

25. Marz

Ich habe keinen Mut und keinen Witz, ach hatt ich doch einen Freund, der nachtlich mit mir uber die Berge ging.

Die Tiroler liegen in dieser Kalte mit Weib und Kind zwischen den Felsen, und ihr begeisterter Atem durchwarmt die ganze Atmosphare. Wenn ich den Stadion frage, ob der Herzog Karl sie auch gewiss nicht verlassen werde, dann faltet er die Hande und sagt: "Ich will's nicht erleben."

26. Marz

Das Papier muss herhalten, einziger Vertrauter! Was doch Amor fur tuckische Launen hat, dass ich in dieser Reihe von Liebesbriefen auf einmal mich fur Mars entzunde, mein Teil Liebesschmerzen hab ich schon, ich musste mich schamen, in diesem Augenblick sie geltend machen zu wollen; und konnt ich nur etwas tun, und wollten die Schicksalsmachte mich nicht verschmahen! Das ist das Bitterste, wenn man ihnen nichts gilt, wenn sie einem zu nichts verwenden.

Denk nur, dass ich in dem verdammten Munchen allein bin. Kein Gesicht, dem zu trauen war; Savigny ist in Landshut, dem Stadion schlagen die Wellen in diesem politischen Meeressturm uberm Kopf zusammen, ich seh ihn nur auf Augenblicke, man ist ganz misstrauisch gegen mich wegen ihm, das ist mir grade lieb, wenn man auch hochmutig ist auf den eignen Wahnsinn, so soll man doch ahnen, dass nicht jeder von ihm ergriffen ist. Heute morgen war ich draussen im beschneiten Park und erstieg den Schneckenturm, um mit dem Fernrohr nach den Tiroler Bergen zu sehen, wusste ich Dein Dach dort, ich konnte nicht sehnsuchtiger danach spahen.

Heute liess Winter Probe halten von einem Marsch, den er fur den Feldzug gegen Tirol komponierte, ich sagte, der Marsch sei schlecht, die Bayern wurden alle ausreissen und der Schimpf auf ihn fallen. Winter zerriss die Komposition und war so zornig, dass sein langes Silberhaar wie ein vom Hagel getroffenes Ahrenfeld hin- und herwogte. Ach, konnte ich doch andere Anstalten auch so hintertreiben wie den Marsch.

Jacobi habe ich in drei Wochen nicht gesehen, obschon ich ihm uber seinen Woldemar, den er mir hier zu lesen gab, einen langen Brief geschrieben habe; ich wollte mich uben, die Wahrheit sagen zu konnen, ohne dass sie beleidigt, er war mit dem Brief zufrieden und hat mir mancherlei darauf erwidert, war ich nicht in das heftige Herzklopfen geraten wegen den Tirolern, so war ich vielleicht in eine philosophische Korrespondenz geraten und gewiss drin stecken geblieben; dort auf den Bergen aber nicht, da hatt ich meine Sache durchgefochten.

Schelling seh ich auch selten, er hat etwas an sich, das will mir nicht behagen, und dies Etwas ist seine Frau, die mich eifersuchtig machen will auf Dich, sie ist in Briefwechsel mit einer Pauline G. aus Jena, von dieser erzahlt sie mir immer, wie lieb Du sie hast, wie liebenswurdige Briefe Du ihr schreibst usw., ich hore zu und werde krank davon, und dann argert mich die Frau. Ach, es ist auch einerlei, ich kann nicht wollen, dass Du mich am liebsten hast, aber es soll sich niemand unterstehen, seine Rechte mit mir zu messen in der Liebe zu Dir.

Bettine

An Goethe

10. April

Die Sonne geht mir launig auf, beleuchtet mir manches Verborgne, blendet mich wieder. Mit schweren Wolken abwechselnd zieht sie uber mir hin, bald sturmisch Wetter, dann wieder Ruh.

Es ebnet sich nach und nach, und auf dem glatten Spiegel, hell und gluhend, steht immer wieder des liebsten Mannes Bildnis, wankt nicht, warum vor andern nur Du? Warum nach allen immer wieder Du? Und doch bin ich Dir werter mit all der Liebe in der Brust? frag ich Dich? Nein, ich weiss recht gut, dass Du doch nichts antwortest, und wenn ich auch sagte: "Lieber, geliebter einziger Mann."

Was hab ich alles erlebt in diesen Tagen, was mir das Herz gebrochen, ich mochte meinen Kopf an Deinen Hals verstecken, ich mochte meine Arme um Dich schlingen und die bose Zeit verschlafen.

Was hat mich alles gekrankt, nichts hab ich gehabt in Kopf und Herzen als nur immer das machtige Schicksal, das dort in den Gebirgen rast. Warum soll ich aber weinen um die, die ihr Leben mit so freudiger Begeisterung ausgehaucht haben? Was erbarmt mich denn so? Hier ist kein Mitleid zu haben als zuhalten. Will ich Dir alles schreiben, so vertraume ich die Zeit die Zeit, die auf gluhenden Sohlen durchs Tirol wandert; so bittere Betrubnis hat mich durchdrungen, dass ich's nicht wage, die Papiere, die in jenen Stunden geschrieben sind, an Dich abzuschicken.

19. April

Ich bin hellsehend, Goethe, ich seh das vergossne Blut der Tiroler triumphierend in den Busen der Gottheit zuruckstromen. Die hohen gewaltigen Eichen, die Wohnungen der Menschen, die grunen Matten, die glucklichen Herden, der geliebte gepflegte Reichtum des Heldenvolks, die den Opfertod in den Flammen fanden, das alles seh ich verklart mit ihnen gen Himmel fahren, bis auf den treuen Hund, der, seinen Herrn beschutzend, den Tod verachtet wie er.

Der Hund, der keinen Witz hat, nur Instinkt, und heiter in jedem Geschick das Rechte tut. Ach hatte der Mensch nur so viel Witz, den eignen Instinkt nicht zu verleugnen.

20. April

In all diesen Tagen der Unruh, glaub's Goethe, vergeht keiner, den ich nicht mit dem Gedanken an Dich beschliesse, ich bin so gewohnt, Deinen Namen zu nennen, nachts, eh ich einschlafe, Dir alle Hoffnung ans Herz zu legen, und alle Bitten und Fragen in die Zukunft.

Da liegen sie um mich her, die Papiere mit der Geschichte des Tags und den Traumen der Nacht, lauter Verwirrung, Unmut, Sehnsucht und Seufzer der Ohnmacht; ich mag Dir in dieser Zeit, die sich so geltend macht, nichts von meinem bedurftigen Herzen mitteilen, nur ein paar kleine Zufalle, die mich beschaftigen, schrieb ich Dir auf, damit ich nicht verleugne vor Dir, dass ein hoheres Geschick auch mir Winke gab, obschon ich zu unmundig mich fuhle, ihm zu folgen.

Im Marz war's, da leitete mir der Graf M..., bei dessen Familie ich hier wohne, eine wunderliche Geschichte ein, die artig ausging. Der Hofmeister seines Sohnes gibt ihn bei der Polizei an, er sei osterreichisch gesinnt und man habe an seinem Tisch die Gesundheit des Kaisers getrunken, er schiebt alles auf mich, und nun bittet er mich, dass ich auf diese Luge eingehe, da es ihm sehr nachteilig sein konne, mir aber hochstens einen kleinen Verweis zuziehen werde, sehr willkommen war mir's, ihm einen Dienst leisten zu konnen, ich willige mit Vergnugen ein; in einer Gesellschaft wird mir der Polizeiprasident vorgestellt, unter dem Vorwand meine Bekanntschaft machen zu wollen, ich komme ihm zuvor und schutte ihm mein ganzes Herz aus, meine Begeisterung fur die Tiroler, und dass ich aus Sehnsucht alle Tage auf den Schnekkenturm steige mit dem Fernrohr, dass man heute aber eine Schildwache hingepflanzt habe, die mich nicht hinaufgelassen; geruhrt uber mein Zutrauen, kusst er mir die Hand und verspricht mir, die Schildwache wegzubeordern, es war keine List von mir, denn ich hatte wirklich nicht gewusst, mich anders zu benehmen, indessen ist durch dieses Verfahren der Freund weiss gebrennt und ich nicht schwarz.

Ein paar Tage spater, in der Karwoche, indem ich abends in der Dammerung in meinem Zimmer allein war, treten zwei Tiroler bei mir ein, ich bin verwundert, aber nicht erschrocken. Der eine nimmt mich bei der Hand und sagt: "Wir wissen, dass du den Tirolern gut bist und wollen dich um eine Gefalligkeit bitten"; es waren Papiere an Stadion und mundliche Auftrage, sie sagten mir noch, es wurde gewiss ein Augenblick kommen, da ich ihnen Dienste leisten konne, es war mir so wunderlich, ich glaubte, es konne eine List sein, mich auszuforschen, doch war ich kurz gefasst und sagte: "Ihr mogt mich nun betrugen oder nicht, so werd ich tun, was ihr von mir verlangt"; der Tiroler sieht mich an und sagt: "Ich bin Leibhusar des Konigs, kein Mensch hat Arges gegen mich, und doch hab ich nichts im Sinn als nur, wie ich meinen Leuten helfen will, nun hast du mich in Handen und wirst nicht furchten, dass ein Tiroler auch ein Verrater sein konne."

Wie die Tiroler weg waren, war ich wie betaubt, mein Herz schlug hoch vor Entzucken, dass sie mir dies Zutrauen geschenkt haben; am andern Tag war Karfreitag, da holte mich der Stadion ab, um mir eine stille Messe zu lesen. Ich gab ihm meine Depeschen und erzahlte ihm alles, ausserte ihm voll Beschamung die grosse Sehnsucht, dass ich fort mochte zu den Tirolern; Stadion sagt, ich soll mich auf ihn verlassen, er wolle einen Stutzen auf den Rucken nehmen und ins Tirol gehen, und alles, was ich mochte, das wolle er fur mich ausrichten, es sei die letzte Messe, die er mir lesen werde, denn in wenig Tagen sei seine Abreise bestimmt. Ach Gott, es fiel mir schwer aufs Herz, dass ich so bald den lieben Freund verlieren sollte.

Nach der Messe ging ich aufs Chor, Winter liess die Lamentation singen, ich warf ein Chorhemd uber und sang mit, unterdessen kam der Kronprinz mit seinem Bruder, das Kruzifix lag an der Erde, das beide Bruder kussten, nachher umarmten sie sich; sie waren bis an den Tag entzweit gewesen uber einen Hofmeister, den der Kronprinz, weil er ihn fur untauglich hielt, von seinem Bruder entfernt hatte; sie versohnten sich also hier in der Kirche miteinander, und mir machte es grosse Freude, zuzusehen. Bopp, ein alter Klaviermeister des Kronprinzen, der auch mir Unterricht gibt, begleitete mich nach Hause, er zeigte mir ein Sonett, was der Kronprinz an diesem Morgen gedichtet hatte; schon dass er diesen Herzensdrang empfindet, bei Ereignissen, die ihn naher angehen, zu dichten, spricht fur eine tiefere Seele; in ihm waltet gewiss das Naturrecht vor, dann wird er auch die Tiroler nicht misshandeln lassen; ja, ich hab eine gute Zuversicht zu ihm; der alte Bopp erzahlt mir alles, was meinen Enthusiasmus noch steigern kann. Am dritten Feiertag holte er mich ab in den englischen Garten, um die Anrede des Kronprinzen an seine versammelte Truppen, mit denen er seinen ersten Feldzug machen wird, anzuhoren; ich konnte nichts Zusammenhangendes verstehen, aber was ich horte, war mir nicht recht, er spricht von ihrer Tapferkeit, ihrer Ausdauer und Treue, von den abtrunnigen, verraterischen Tirolern, dass er sie, vereint mit ihnen, zum Gehorsam zuruckfuhren werde, und dass er seine eigne Ehre mit der ihrigen verflechte und verpfande usw. Wie ich nach Hause komme, wuhlt das alles in mir, ich sehe schon im Geist, wie der Kronprinz, seinen Generalen uberlassen, alles tut, wogegen sein Herz spricht, und dann ist's um ihn geschehen. So ein bayrischer General ist ein wahrer Rumpelbass, aus ihm hervor brummt nichts als Bayerns Ehrgeiz; das ist die grobe, rauhe Stimme, mit der er alle besseren Gefuhle ubertont.

Das alles wogte in meinem Herzen, da ich von dieser offentlichen Rede zuruckkam, und dass kein Mensch in der Welt einem Herrscher die Wahrheit sagt, im Gegenteil nur Schmeichler ihnen immerdar recht geben, und je tiefer sich ein solcher irrt, je gewaltiger ist in jenen die Furcht, er moge an ihrer Ubereinstimmung zweifeln; sie haben nie das Wohl der Menschheit, sie haben nur immer die Gunst des Herrn im Auge. Ich musste also einen verzweifelten Schritt tun, um den Tumult der eignen Lebensgeister zu beschwichtigen, und ich bitte Dich im voraus um Verzeihung, wenn Du es nicht gutheissen solltest.

Erst nachdem ich dem Kronprinzen meine Liebe zu ihm, meine Begeisterung fur seinen Genius, Gott weiss in welchen Schwingungen, ans Herz getrieben habe, vertraue ich ihm meine Anschauung von dem Tirolervolk, das sich die Heldenkrone erwirbt, meine Zuversicht, er werde Milde und Schonung da verbreiten, wo seine Leute jetzt nur rohe Wut und Rachgierde walten lassen, ich frage ihn, ob der Name "Herzog von Tirol" nicht herrlicher klinge, als die Namen der vier Konige, die ihre Macht vereint haben, um diese Helden zu wurgen? Und es moge nun ausgehen wie es wolle, so hoffe ich, dass er sich von jenen den Beinamen der Menschliche erwerben werde; dies ungefahr ist der Inhalt eines vier Seiten langen Briefs, den ich, nachdem ich ihn in heftigster Wallung geschrieben (da ich denn auch nicht davor stehen kann, was alles noch mit untergelaufen), mit der grossten Kaltblutigkeit siegelte und ganz getrost in des Klaviermeisters Hande gab, mit der Bedeutung: es seien wichtige Sachen uber die Tiroler, die dem Kronprinz von grossem Nutzen sein wurden.

Wie gern macht man sich wichtig, mein Bopp purzelte fast die Stiegen herab, vor ubergrosser Eile dem Kronprinzen den interessanten Brief zu uberbringen, und wie leichtsinnig bin ich, ich vergass alles. Ich ging zu Winter, Psalmen singen, zu Tieck, zu Jacobi, nirgends stimmt man mit mir ein, ja alles furchtet sich, und wenn sie wussten, was ich angerichtet habe, sie wurden mir aus Furcht das Haus verbieten, da seh ich denn ganz ironisch drein und denke: seid ihr nur bayrisch und franzosisch, ich und der Kronprinz wir sind deutsch und tirolisch, oder er lasst mich ins Gefangnis setzen, dann bin ich mit einem Male frei und selbstandig, dann wird mein Mut schon wachsen, und wenn man mich wieder loslasst, dann geh ich uber zu den Tirolern und begegne dem Kronprinzen im Feld, und trotze ihm ab, was er so mir nicht zugesteht.

O Goethe, wenn ich sollte ins Tirol wandern und zur rechten Zeit kommen, dass ich den Heldentod sterbe! Es muss doch ein ander Wesen sein, es muss doch eine Belohnung sein fur solche lorbeergekronten Haupter; der glanzende Triumph im Augenblick des Ubergangs ist ja Zeugnis genug, dass die Begeisterung, die der Heldentod uns einflosst, nur Widerschein himmlischer Glorie ist. Wenn ich sterbe, ich freue mich schon darauf, so gaukle ich als Schmetterling aus dem Sarg meines Leibes hervor, und dann treffe ich Dich in dieser herrlichen Sommerzeit unter Blumen, wenn ein Schmetterling Dich unter Blumen vorzieht und lieber auf Deiner Stirn sich niederlasst und auf Deinen Lippen als auf den bluhenden Rosen umher, dann glaube sicher, es ist mein Geist, der auf dem Tiroler Schlachtfeld freigemacht ist von irdischen Banden, dass er hin kann, wo die Liebe ihn ruft.

Ja, wenn alles wahr wurde, was ich schon in der Phantasie erlebt habe, wenn alle glanzvollen Ereignisse meines innern Lebens auch im aussern sich spiegelten, dann hattest Du schon grosse und gewaltige Dinge von Deinem Kind erfahren, ich kann Dir nicht sagen, was ich traumend schon getan habe, wie das Blut in mir tobt, dass ich wohl sagen kann, ich hab eine Sehnsucht, es zu verspritzen.

Mein alter Klaviermeister kam zuruck, zitternd und bleich: "Was hat in den Papieren gestanden, die Sie mir fur den Kronprinzen anvertrauten", sagte er, "wenn es mich nur nicht auf ewig unglucklich macht, der Kronprinz schien aufgeregt, ja erzurnt wahrend dem Lesen, und wie er mich gewahr wurde, hiess er mich gehen, ohne wie sonst mir auch nur ein gnadiges Wort zu sagen." Ich musste lachen, der Klaviermeister wurde immer angstlicher, ich immer lustiger, ich freute mich schon auf meine Gefangenschaft, und wie ich da in der Einsamkeit meinen philosophischen Gedanken nachhangen wurde, ich dachte: dann fangt mein Geschick doch einmal an, Leben zu gewinnen, es muss doch einmal was draus entstehen; aber so kam es wieder nicht, ein einzigmal sah ich den Kronprinz im Theater, er winkte mir freundlich; nun gut: acht Tage hatte ich meinen Stadion nicht gesehen, am 10. April, wo ich die gewisse Nachricht erhielt, er sei in der Nacht abgereist, da war ich doch sehr betrubt, dass ich ihn sollte zum letztenmal gesehen haben, es war mir eine wunderliche Bedeutung, dass er am Karfreitag seine letzte Messe gelesen hatte; die vielen zuruckgehaltenen und verleugneten Gefuhle brachen endlich in Tranen aus. In der Einsamkeit da lernt man kennen, was man will, und was einem versagt wird. Ich fand keine Lage fur mein ringendes Herz, mude geworden vom Weinen, schlief ich ein, bist Du schon eingeschlafen, mude vom Weinen? Manner weinen wohl so nicht? Du hast wohl nie geweint, dass die Seufzer noch selbst im Schlaf die Brust beschweren. So schluchzend im Traum hor ich meinen Namen rufen; es war dunkel, bei dem schwachen Dammerschein der Laternen von der Strasse erkenne ich einen Mann neben mir in fremder Soldatenkleidung, Sabel, Patrontasche, schwarzes Haar, sonst wurde ich glauben, den schwarzen Fritz zu erkennen. "Nein, du irrst nicht, es ist der schwarze Fritz, der Abschied von dir nimmt, mein Wagen steht an der Tur, ich gehe eben als Soldat zur osterreichischen Armee, und was deine Freunde, die Tiroler, anbelangt, so sollst du mir keine Vorwurfe machen oder du siehst mich nie wieder, denn ich gebe dir mein Ehrenwort, ich werde nicht erleben, dass man sie verrate, es geht gewiss alles gut, eben war ich beim Kronprinzen, der hat mit mir die Gesundheit der Tiroler getrunken und dem Napoleon ein Pereat gebracht, er hat mich bei der Hand gefasst und gesagt: 'Erinnern Sie sich dran, dass im Jahr Neune im April, wahrend der Tiroler Revolution, der Kronprinz von Bayern dem Napoleon widersagt hat,' und so hat er sein Glas mit mir angestossen, dass der Fuss zerschellte"; ich sagte zu Stadion: "Nun bin ich allein und hab keinen Freund mehr", er lachelte und sagte: "Du schreibst an Goethe, schreib ihm auch von mir, dass der katholische Priester auf dem Tiroler Schlachtfeld sich Lorbeern holen will", ich sagte: "Nun werde ich keine Messe so bald mehr horen"; "und ich werde so bald auch keine mehr lesen", sagte er. Da stiess er sein Gewehr auf und reichte mir die Hand zum Abschied. Den werd ich gewiss nicht wiedersehen. Kaum war er fort, klopfte es schon wieder, der alte Bopp kommt herein, es war finster im Zimmer, an seiner Stimme erkenne ich, dass er freudig ist, er reicht mir feierlich ein zerbrochnes Glas und sagt: "Das schickt Ihnen der Kronprinz und lasst Ihnen sagen, dass er die Gesundheit derjenigen daraus getrunken hat, die Sie protegieren, und hier schickt er Ihnen seine Kokarde als Ehrenpfand, dass er Ihnen sein Wort losen werde, jeder Ungerechtigkeit, jeder Grausamkeit zu steuern." Ich war froh, herzlich froh, dass ich nicht kleinlich und zaghaft gewesen war, dem Zutrauen zu folgen, was der Kronprinz und alles, ja auch selbst das Widersprechendste, was ich von ihm erfahren habe, mir einflosste; es war sehr freundlich von ihm, dass er mich so grussen liess, und dass er nicht meine Voreiligkeit von sich wies; ich werd es ihm nicht vergessen, mag ich auch noch manches Verkehrte von ihm horen; denn unter allen, die ihn beurteilen, hat gewiss keiner ein so gutes Herz als er, der es sich ganz ruhig gefallen lasst. Ich weiss auch, dass er eine feierliche Hochachtung vor Dir hat und nicht wie andere Prinzen, die nur im Voruberstreifen einen solchen Geist beruhren wie Du, nein, es geht ihm von Herzen, wenn er Dich einmal sieht und Dir sagt, dass er sich's zum grossten Gluck schatze.

Ich habe noch viel auf dem Herzen, denn ich habe Dich allein, dem ich's mitteilen kann. Jeder Augenblick erregt mich aufs neue, es ist als ob das Schicksal dicht vor meiner Ture seinen Markt aufgeschlagen hatte; so wie ich den Kopf hinausstecke, bietet es Plunder, Verrat und Falschheit feil, ausser die Tiroler, deren Siegesjubel durch alle Verleumdung und Erbitterung der Feinde durchklingt, aus deren frisch vergossnem Blut schon neue Fruhlingsblumen spriessen, und die Junglinge frisch jeden Morgen von den nebelverhullten Felszacken dem gewissen Sieg entgegentanzen.

Adieu, Adieu, auf meine Liebe weise ich Dich an, die hier in diesen Blattern nur im Voruberstreifen den Staub ihrer uppigen Blute aus den vollen Kelchen schuttelt.

Bettine

Friedrich Tieck macht jetzt Schellings Buste, sie wird nicht schoner als er, mithin ganz garstig, und doch ist es ein schones Werk.

Da ich in Tiecks Werkstatte kam und sah, wie der grosse, breite, prachtige, viereckige Schellingskopf unter seinen fixen Fingern zum Vorschein kam, dacht ich, er habe unserm Herrgott abgelernt, wie er die Menschen machte, und er werde ihm gleich den Atem einblasen, und der Kopf werde lernen A B sagen, womit ein Philosoph so vieles sagen kann.

An Bettine

Man mochte mit Worten so gerne wie mit Gedanken Dir entgegenkommen, liebste Bettine; aber die Kriegszeiten, die so grossen Einfluss auf das Lesen haben, erstrecken ihn nicht minder streng auf das Schreiben, und so muss man sich's versagen. Deinen romantisch-charakteristischen Erzahlungen gleichlautende Gesinnungen deutlich auszusprechen. Ich muss daher erwarten, was Du durch eine Reihe von Briefen mich hoffen lasst, namlich Dich selbst, um Dir alles mit Dank fur Deine nie versiegende Liebe zu beantworten.

Erst in voriger Woche erhielt ich Dein Paket, was der Kurier in meiner Abwesenheit dem Herzog ubergab, der es mir selbst brachte. Seine Neugierde war nicht wenig gespannt, ich musste, um nur durchzukommen, Deine wohlgelungenen politischen Verhandlungen ihm mitteilen, die denn auch so allerliebst sind, dass es einem schwer wird, sie fur sich allein zu bewahren. Der Herzog bedauert sehr, dass Du im Interesse anderer Machte bist.

Ich habe mich nun hier in Jena in einen Roman eingesponnen, um weniger von allem Ubel der Zeit ergriffen zu werden, ich hoffe, der Schmetterling, der da herausfliegt, wird Dich noch als Bewohner dieses Erdenrunds begrussen und Dir beweisen, wie die Psychen auch auf scheinbar verschiednen Bahnen einander begegnen.

Auch Deine lyrischen Aufforderungen an eine fruhere Epoche des Autors haben mir in manchem Sinne zugesagt, und wuchse der Mensch nicht aus der Zeit mehr noch wie aus Seelenepochen heraus, so wurd ich nicht noch einmal erleben, wie schmerzlich es ist, solchen Bitten kein Gehor zu geben.

Deine interessanten Ereignisse mit dem hohen Protektor eigner feindlicher Widersacher macht mich begierig, noch mehr und auch von andrer Seite von ihm zu wissen, zum Beispiel konntest Du mir die Versuche und Bruchstucke seiner Gedichte, in deren Besitz Du bist, mitteilen, mit Vergnugen wurde ich ihn in dem unbefangnen Spiel mit seiner jungen Muse beobachten.

Die Gelegenheiten, mir sicher Deine Briefe zu schicken, versaume ja nicht, sie sind mir in dieser armen Zeit ausserst willkommen. Auch was der Tag sonst noch mit sich bringt, berichte, von Freunden und merkwurdigen Leuten, Kunsten und philosophischen Erscheinungen; da Du in einem Kreis vielfach aufgeregter Geister bist, so kann Dir der Stoff hier nicht ausgehen.

Mochten doch auch die versprochnen Mitteilungen uber die letzten Tage meiner Mutter in diesen verschlingenden Ereignissen nicht untergehen, mir ist zwar mancherlei von Freunden uber sie berichtet, wie sie mit grosser Besonnenheit alle irdischen Anordnungen getroffen; von Dir aber erwarte ich noch etwas anders, dass Dein liebender Sinn ihr ein Denkmal setze, in der Erinnerung ihrer letzten Augenblicke. Ich bin sehr in Deiner Schuld, liebes Kind, mit diesen wenigen Zeilen, ich kann Dir nur mit Dank bezahlen fur alles, was Du mir gibst, geben mochte ich Dir das Beste, wenn Du es nicht schon unwiderstehlich an Dich gerissen hattest.

Der schwarze Fritz ist mir auch unter diesem Namen ein guter Bekannter, und die schonen Zuge, die Du von ihm berichtest, bilden ein vollkommnes Ganze mit dem, was eine befreundete Erinnerung hinzubringt. Du hast wohl recht zu sagen, dass, wo der Boden mit Heldenblut getrankt wird, es in jeder Blume neu hervorspriesse, Deinem Helden gonne ich, dass Mars und Minerva ihm alles Gluck zuwenden mogen, da er so schonem an Deiner Seite entrissen zu sein scheint.

17. Mai 1809

G.

An Goethe

18. Mai

Der Kronprinz von Bayern ist die angenehmste unbefangenste Jugend, ist so edler Natur, dass ihn Betrug nie verletzt, so wie den gehornten Siegfried nie die Lanzenstiche verletzten. Er ist eine Blute, auf welcher der Morgentau noch ruht, er schwimmt noch in seiner eignen Atmosphare, das heisst: seine besten Krafte sind noch in ihm. Wenn es so fort ginge und dass keine bosen Machte seiner Meister wurden? Wie gut hatten's doch jene Ritter, die von geneigten Feen mit kraftigen Talismanen versehen wurden, wenn sie zwischen feurigen Drachen und ungeschlachten Riesen nach dem tanzenden Wasser des Lebens oder nach goldnen Liebesapfeln ausgesandt waren und eine in Marmor verwunschte Prinzessin, so rot wie Blut, so weiss wie Schnee, schon wie das ausgespannte Himmelszelt uber dem Fruhlingsgarten, als ihrer Erlosung Lohn ihnen zuteil wurde. Jetzt ist die Aufgabe anders: die unbewachten Apfelbaume hangen ihre fruchtbeladenen Zweige uber den Weg, und Liebchen lauscht hinter der Hecke, um den Ritter selbst zu fangen, und diesem allem soll er entgehen und sein Herz der Tugend weihen, die keine Jugend hat, sondern men mochte; la belle et la bete, la bete ist die Tugend und la belle ist die Jugend, die sich von ihr soll fressen lassen; da ist's denn kein Wunder, wenn die Jugend vor der Tugend Reissaus nimmt, und man kann ohne geheime parteiliche Wunsche nicht Zeuge von diesem Wettrennen sein. Armer Kronprinz! Ich bin ihm gut, weil er mit so schonem Willen hinubergeht zu meinen Tirolern, und wenn er auch nichts tut, als der Grausamkeit wehrt, ich verlasse mich auf ihn.

Gestern bin ich zum erstenmal wieder eine Strecke weit ins Freie gelaufen, mit einem kapriziosen Liebhaber der Wissenschaften und Kunste, mit einem sehr guten gehorsamen Kinde seiner eignen Launen, eine warme lebendige Natur, breit und schmal, wie Du ihn willst, dreht sich schwindellos uber einem Abgrund herum, steigt mit Vergnugen auf die kahlen Spitzen der Alpen, um nach Belieben in den Ozean oder ins Mittellandische Meer zu speien, macht ubrigens wenig Larm. Wenn Du ihn je siehst und nach dieser Beschreibung erkennst, so ruf ihn nur Rumohr, ich vermute, er wird sich nach Dir umsehen. Mit diesem also hat meine unbefangne Jugend gewagt, sich das Ziel einer anderthalb Stunden weiten Reise zu setzen, der Ort unserer Wallfahrt heisst Harlachingen, auf franzosisch Arlequin. Ein heisser Nachmittag, recht um melancholische Blicke in Brand zu stecken.

Wir verlassen den grunen Teppich, schreiten uber einen schmalen Balken auf die andere Seite des Ufers, wandern zwischen Weiden, Muhlen, Bachen weiter; wie nimmt sich da ein Bauer in roter Jacke aus, gelehnt an den hohen Stamm des edlen populus alba, dessen feine Aste mit kaum entsprossnen Blattern einen sanften grunen Schleier, gleichsam ein Fruhlingsnetz niederspinnen, in welchem sich die tausend Kafer und sonstige Bestien fangen, scherzen und ganz lieblich haushalten. Jetzt! Warum nicht? Da unter dem Baum ist genugsam Platz, seinen Gedanken Audienz zu geben, der launige Naturliebhaber lasst sich da nieder, das Dolce farniente summt ihm ein Wiegenliedchen in die Ohren, die Augenlider sinken, Rumohr schlaft. Natur halt Wache, lispelt, flustert, lallt, zwitschert. Das tut ihm so gut; traumend senkt er sein Haupt auf die Brust; jetzt mocht ich dich fragen, Rumohr, was ich nie fragen mag, wenn du wach bist. Wie kommt's, dass du ein so grosses Erbarmen hast und freundlich bist mit allen Tieren, und dich nicht kummerst um das gewaltige Geschick jenes Bergvolks? Vor wenig Wochen, wie das Eis brach und der Fluss uberschwoll, da setztest Du alles dran, eine Katze aus der Wassersnot zu retten. Vorgestern hast du einen totgeschlagnen Hund, der am Wege lag, mit eignen Handen eine Grube gemacht und mit Erde bedeckt, obschon Du in seidnen Strumpfen warst und einen Klaque in Handen hattest. Heute morgen hast du mit Tranen geklagt, dass die Nachbarn ein Schwalbennest zerstorten trotz deinen Bitten und Einreden. Warum gefallt dir's nicht, deine Langeweile, deine melancholische Laune zu verkaufen um einen Stutzen, du bist so leicht und schlank wie eine Birke, du konntest Satze tun uber die Abgrunde, von einem Fels zum andern, aber faul bist du und furchtbar krank an Neutralitat. Da steh ich allein auf der Wiese, Rumohr schnarcht, dass die Blumen erzittern, und ich denk an die Sturmglocke, deren Gelaut so furchterlich in den Ohren der Feinde erklingt, und auf deren Ruf alle mit Trommeln und Pfeifen ausziehen, ob auch die Sturme brausen, ob Nacht oder Tag, und Rumohr, im Schatten eines jungbelaubten Baumes, eingewiegt von scherzenden Luftchen und singenden Muckchen, schlaft fest; was geht den Edelmann das Schicksal derer an, denen keine Strapaze zu hart, kein Marsch zu weit ist, die nur fragen: "Wo ist der Feind? Dran, dran, fur Gott, unsern lieben Kaiser und Vaterland!!" Das muss ich Dir sagen, wenn ich je einen Kaiser, einen Landesherrn lieben konnte, so war's im Augenblick, wo ein solches Volk im Enthusiasmus sein Blut fur ihn verspritzt; ja, dann wollt ich auch rufen: "Wer mir meinen Kaiser nehmen will, der muss mich erst totschlagen", aber so sag ich mit dem Apostel: "Ein jeder ist geboren, Konig zu sein und Priester der eignen gottlichen Natur, wie Rumohr."

Die Isar ist ein wunderlicher Fluss. Pfeilschnell sturzen die jungen Quellen von den Bergklippen herab, sammeln sich unten im felsigen Bett in einen reissenden Strom. Wie ein schaumender Drache mit aufgesperrtem Rachen braust er huben und druben, uber hervorragende Felsstucke verschlingend her, seine grunen, dunklen Wellen brechen sich tausendfach am Gestein, und schaumend jagen sie hinab, sie seufzen, sie lallen, sie stohnen, sie brausen gewaltig. Die Moven fliegen zu Tausenden uber den Wassersturz und netzen die Spitzen ihrer scharfen Flugel; und in so karger Gegend, schauderhaft anzusehen, ein schmaler Steg von zwei Brettern, eine Viertelstunde lang, schrag in die Lange des Flusses. Nun, wir gingen, keine Gefahr ahnend, druber hin, die Wellen brachen sich in schwindelnder Eile auf dem Wehr unter dem zitternden Steg. Ausser dass die Bretter mit meiner Leichtigkeit hin- und herschwankten und Rumohrs Fuss zweimal durchbrach, waren wir schon ziemlich weit gekommen, ein dicker Burger mit der Verdienstmedaille auf der Brust kam von der andern Seite, keiner hatte den andern bemerkt, aneinander vorbeizukommen war nicht, einer musste umdrehen. Rumohr sagt: "Wir mussen erst erfahren, fur was er die Medaille hat, darauf soll's ankommen, wer umkehrt." Wahrhaftig ich furchtete mich, mir war schon schwindlig, hatten wir umkehren mussen, so war ich voran, wahrend die losen Bretter unter meinen Fussen schwankten. Wir erkundigten uns ehrerbietigst nach der Ursache seines Verdienstes: er hatte einen Dieb gefangen. Rumohr sagte: "Dies Verdienst weiss ich nicht zu schatzen, denn ich bin kein Dieb, also bitt ich umzukehren", der verwunderte dicke Mann liess sich mit Rumohrs Beihilfe umkehren und machte den Weg zuruck.

Unter einem Kastanienbaum liess ich mich nieder, traumend grub ich mit einem Reis in die Erde. Rumohr jagt mit Stock und Hut die Maikafer auseinander, die wie viele Flintenkugeln uns umschwirrten beim Nachhausegehen in der Dammerung. Nah an der Stadt auf einem grunen Platz am Ufer steht die Statue des heiligen Johann von Nepomuk, der Wassergott; vier Laternen werfen einen frommen Glanz auf ihn, die Leute knien da nacheinander hin, verrichten ihr Gebet, stort keiner den andern, gehen ab und zu. Die Mondsichel stand oben; in der Ferne horten wir Pauken und Trompeten, Signal der Freude uber die Ruckkunft des Konigs; er war geflohen vor einer Handvoll waghalsiger Tiroler, die wollten ihn gefangen haben, warum liess er sich nicht fangen, da war er mitten unter Helden, keine bessere Gesellschaft fur einen Konig; umsonst war's nicht gewesen, der Jubel wurde nicht gering gewesen sein, von Angesicht zu Angesicht hatte er vielleicht bessere Geschafte gemacht, er ist gut, der Konig, der muss sich auch fugen ins eiserne Geschick der falschen Politik. Die Stadt war illuminiert, als wir hineinkamen, und mein Herz war bei dem allen schwer, sehr schwer, wollte gern mit jenen Felssteinen in die Tiefe hinabrollen, denn weil ich alles geschehen lassen muss. Heut haben wir den 18. Mai, die Baume bluhen, was wird noch alles vorgehen, bis die Fruchte reifen. Vorgestern gluhte der Himmel uber jenen Alpen, nicht vom Feuer der untertauchenden Sonne, nein, vom Mordbrand; da kamen sie in den Flammen um, die Mutter mit den Sauglingen, hier lag alles im schweigenden Frieden der Nacht, und der Tau trankte die Krauter, und dort verkohlte die Flamme den mit Heldenblut getrankten Boden.

Ich stand die halbe Nacht auf dem Turm im Hofgarten und betrachtete den roten Schein und wusste nicht, was ich davon denken sollte, und konnte nicht beten, weil es doch nichts hilft, und weil ein gottlich Geschick grosser ist als alle Not, und allen Jammer aufwiegt.

Ach, wenn sehnsuchtiger Jammer beten ist, warum hat dann Gott mein heisses Gebet nicht erhort? Warum hat er mir nicht einen Fuhrer geschickt, der mich die Wege hinubergeleitet hatte? Ich zittere zwar vor Furcht und Schrecken uber allen Greuel, den man nimmer ahnen konnte, wenn er nicht geschehen war, aber die Stimme aus meinem Herzen hinuber zu ihnen ubertaubt alles. Das Schloss der blinden Tannenberge haben sie verraterisch abgebrennt; Schwatz, Greise, Kinder, Heiligtumer; ach, was soll ich Dir schreiben, was ich nimmermehr selbst wissen mochte, und doch haben die Bayern selbst jubelnd sich dessen geruhmt, so was muss man tragen lernen mit kaltem Blut und muss denken, dass Unsterblichkeit ein ewiger Lohn ist, der alles Geschick uberbietet. Der Konig fuhr, da wir eben in die Stadt kamen, durch die erleuchteten Strassen, das Volk jauchzte, und Freudentranen rollten uber die Wangen der harten Nation; ich warf ihm auch Kusshande zu, und ich gonn ihm, dass er geliebt ist. Adieu, hab Dein treues Kind lieb, sag ihm bald ein paar Worte.

Bettine

An Goethe

Am 22. Mai

Heute morgen zu meiner Uberraschung erhielt ich Deinen Brief. Ich war gar nicht mehr gefasst darauf, schon die ganze Zeit schreibe ich meine Blatter als ein verzweifelter Liebhaber, der sie dem Sturmwind preisgibt, ob der sie etwa hintrage zu dem Freund, in den mein krankes Herz Vertrauen hat. So hat mich denn mein guter Genius nicht verlassen! Er durchsauset die Lufte auf einem schlechten Postklepper, und am Morgen einer Nacht voll weinender Traume erblick ich erwachend das blaue Kuvert auf meiner grunen Decke.

So tretet denn, ihr steilen Berge, ihr schroffen Felswande, ihr kecken, rachegluhenden Schutzen, ihr verwusteten Tale und rauchenden Wohnungen bescheiden zuruck in den Hintergrund und uberlasst mich einer ungemessenen Freude, die elektrische Kette, die den Funken von Ihm bis zu mir leitet, zu beruhren, und unzahligemal nehm ich ihn in mich auf, Schlag auf Schlag, diesen Funken der Lust. Ein grosses Herz, hoch uber den Schrecken der Zeit, neigt sich herab zu meinem Herzen. Wie der silberne Faden sich niederschlangelt ins Tal zwischen hinabgrunenden Mai), sich unten sammelt und im Spiegel mir mein Bild zeigt, so leiten Deine freundlichen Worte hinab zu mir das schone Bewusstsein, aufbewahrt zu sein im Heiligtum Deiner Erinnerungen, Deiner Gefuhle; so wag ich's zu glauben, da dieser Glaube mir den Frieden gibt.

O, lieber Freund, wahrend Du Dich abwendest vor dem Unheil truber Zeit, in einsamer Hohe Geschicke bildest und mit scharfen Sinnen sie lenkest, dass sie ihrem Gluck nicht entgehen, denn sicher ist dies schone Buch, welches Du Dir zum Trost uber alles Traurige erfindest, ein Schatz kostlicher Genusse, wo Du in feinen Organisationen und grossen Anlagen der Charaktere Stimmungen einleitest und Gefuhle, die beseligen, wo Du mit freundlichem Hauch die Blume des Glucks erweckst und in geheimnisvoll gluhenden Farben erbluhen machst, was unser Geist entbehrt. Ja, Goethe, wahrend diesem hat es sich ganz anders in mir gestaltet. Du erinnerst Dich wohl noch, dass die Gegend, das Klima meiner Gedanken und Empfindungen, heiter waren, ein freundlicher Spielplatz, wo sich bunte Schmetterlinge zu Herden uber Blumen schaukelten, und wie Dein Kind spielte unter ihnen, so leichtsinnig wie sie selber, und Dich, den einzigen Priester dieser schonen Natur, mutwillig umjauchzte, manchmal auch tiefbewegt allen Reiz begluckter Liebe in sich sammelnd zu Deinen Fussen in Begeisterung uberstromte. Jetzt ist es anders in mir, dustere Hallen, die prophetische Monumente gewaltiger Todeshelden umschliessen, sind der Mittelpunkt meiner schweren Ahnungen; der weiche Mondesstrahl, der goldnen Birke Duft dringen da nicht ein, aber wohl Traume, die mir das Herz zerreissen, die mir im Kopf gluhen, dass alle Adern pochen. Ich liege an der Erde am verodeten Ort und muss die Namen ausrufen dieser Helden, deren schauerliches Geschick mich verwundet; ich seh ihre Haupter mit Siegeslorbeern geschmuckt, stolz und machtig unter dem Beil niederrollen auf das Schafott. Ach Gott, ach Gott! welch lauter Schrei der Verzweiflung durchfahrt mich bei diesen einbilderischen Traumen. Warum muss ich verzagen, da noch nichts verloren ist? Ich hab ein Fieber, so gluht mir der Kopf. Auf dem tonnenformigen Gipfel des Kofels, Speckbachers Horst, der schlaflos, keiner Speise bedurfend, mit besserer Hoffnung beflugelt, leicht wie ein Vogel schwebt uber dem Augenblick, da es Zeit ist. Auf dem Brenner, wo Hofers unwandelbarer Gleichmut die Geschicke lenkt, die Totenopfer der Treue anordnet. Am Berge Isel, wo der Kapuziner den weissen Stecken in der Hand, alles erratend und vorbeugend, sich allen voranwagend, an der Spitze des Landvolks, siegbewusst uber die Saaten niederjagt ins Tal. Da seh ich auch mich unter diesen, die kurze grun und weisse Standarte schwingend, weit voran auf steilstem Gipfel, und der Sieg brennt mir in den Gliedern, und da kommt der bose Traum und haut mit geschwungener Axt mir die feste Hand ab, die niedersturzt mitsamt der Fahne in den Abgrund, dann ist alles so ode und stumm, die Finsternis bricht ein und alles verschwunden, nur ich allein auf der Felswand ohne Fahne, ohne Hand, verzeih's, dass ich so rase, aber so ist's.

Heute morgen noch mein letzter Traum, da trat einer zu mir auf dem Schlachtfeld, sanft von Gesicht, von gemessenem Wesen, als war es Hofer; der sagte mitten unter Leichen stehend zu mir: Die starben alle mit grosser Freudigkeit. In demselben Augenblick erwachte ich unter Tranen, da lag Dein Brief auf dem Bett.

Ach, vereine Dich doch mit mir, Ihrer zu gedenken, die da hinsturzen ohne Namen, kindliche Herzen ohne Fehl, lustig geschmuckt wie zur Hochzeit mit goldnen Straussern, die Mutzen geziert mit Schwungfedern der Auerhahne und mit Gemsbarten, das Zeichen tollkuhner Schutzen. Ja! Gedenke ihrer; es ist des Dichters Ruhm, dass er den Helden die Unsterblichkeit sichere!

6. Juni

Gestern, da ich Dir geschrieben hatte, da war die Sonne schon im Untergehen, da ging ich noch hinaus, ist mein taglicher Weg, da begegne ich oft einem, der auch nach den Tiroler Alpen spaht. An jenem spaten Abend, ich glaub es war in der Mitte Mai, wo Schwatz abbrannte, da war er mit auf dem Turm, da konnte er sich gar nicht fassen, er rang die Hande und jammerte leise: "O Schwatz! O liebes Vaterland!" Gestern war er wieder da und ergoss mit Freudebrausen den ganzen Schatz seiner Neuigkeiten vor mir. Wenn's demnach wahr ist, so haben die Tiroler am Herz-Jesu-Fest (den Datum wusste er nicht) den Feind uberwaltigt und ganz Tirol zum zweitenmal befreit. Ich kann nicht erzahlen, was er alles vorbrachte, Du wurdest es so wenig verstehen wie ich; Speckbachers Witz hat durch eine Batterie von Baumstammen, als ob es Kanonen waren und durch zusammengebundne Flintenlaufe den Knall nachahmend, den Feind betrogen, gleich drauf die Brucke bei Hall dreimal gesturmt und den Feind mitsamt den Kanonen zuruckgetrieben, die Kinder dicht hinterdrein; wo der Staub aufwirbelte, schnitten sie mit ihren Messern die Kugeln aus und brachten sie den Schutzen. Der Hauptsieg war am Berg Isel, dem Kapuziner ist der Bart weggebrennt. Die namhaften Helden sind alle noch vollzahlig. Handbillett haben sie vom Kaiser mit grossen Verheissungen aus der Fulle seines Herzens. Wenn's auch nicht alles wahr wird, meinte mein Tiroler, so war's doch wieder ein Freudentag furs Vaterland, der aller Aufopferung wert ist.

Vom Kronprinz hab ich kein Gedicht; ein einziges, was er am Tag vor seinem Auszug in den Krieg machte, an Heimat und die Geliebte, zeigte mir der alte getreue Pantalon, er will's unter keiner Bedingung abschreiben. Eine junge Muse der Schauspielkunst besitzt deren mehrere, der alte Bopp hat ihr auf meine Bitte drum angelegen, sie suchte danach unter den Theaterlumpen und fand sie nicht, sonst hatten sie zu Diensten gestanden, meinte sie, der Kronprinz wurde ihr andere machen.

Gold und Perlen hab ich nicht, der einzige Schatz, nach dem ich gewiss allein greifen wurde bei einer Feuersbrunst, sind Deine Briefe, Deine schonen Lieder, die Du mit eigner Hand geschrieben, sie sind verwahrt in der roten Sammettasche, die liegt nachts unter meinem Kopfkissen, darin ist auch noch der Veilchenstrauss, den Du mir in der Gesellschaft bei Wieland, so verborgen zustecktest, wo Dein Blick wie ein Sperber uber allen Blicken kreiste, dass keiner wagte aufzusehen. Die junge Muse gibt es auf, die Opfer, die der Kronprinz ihr in Dichterperlen gereiht zu Fussen legte, unter dem Wust von falschem Schmuck und Flitterstaat wiederzufinden, und doch waren sie im Zauberhauch der Mondnachte bei dem Lied der Nachtigall erfunden, Silb um Silbe; Klang um Klang aufgereiht. Wer Silb um Silbe die nicht liebt, nicht diesen Schlingen sich gefangen gibt, der mag von Himmelskraften auch nicht wissen, wie zartlich die von Reim zu Reim sich kussen.

Deine Mutter werde ich nicht vergessen, und sollt ich auch mitten im Kriegsgetummel untergehen, so wurde ich gewiss noch im letzten Moment die Erde kussen zu ihrem Andenken. Was ich Dir noch Merkwurdiges zu berichten habe, ist schon aufgeschrieben, im nachsten Brief wirst Du es finden, dieser wird schon zu dick, und ich schame mich, dass ich Dir nichts Wichtiges zu schreiben habe und doch nicht abbrechen kann. Geschwatz! ich weiss ja, wie's ging in Weimar, da sagt ich auch nichts Gescheutes, und doch hortest Du gern zu.

Vom Stadion weiss ich gar nichts, da muss ich kurzen Prozess machen und ihn verschmerzen, wer weiss, ob ich ihn je wieder seh.

Jacobi ist zart wie eine Psyche, zu fruh geweckt, ruhrend; war es moglich, so konnte man von ihm lernen, aber die Unmoglichkeit ist ein eigner Damon, der listig alles zu vereiteln weiss, zu was man sich berechtigt fuhlt; so mein ich immer, wenn ich Jacobi von Gelehrten und Philosophen umgeben seh, ihm war besser, er sei allein mit mir. Ich bin uberzeugt, meine unbefangnen Fragen, um von ihm zu lernen, wurden ihm mehr Lebenswarme erregen, als jene alle, die vor ihm etwas zu sein als notwendig erachten. Mitteilung ist sein hochster Genuss; er appelliert in allem an seine Fruhlingszeit, jede frisch aufgebluhte Rose erinnert ihn lebhaft an jene, die ihm zum Genuss einst bluhten, und indem er sanft durch die Haine wandelt, erzahlt er, wie einst Freunde Arm in Arm sich mit ihm umschlungen in kostlichen Gesprachen, die spat in die laue Sommernacht wahrten, und da weiss er noch von jedem Baum in Pempelfort, von der Laube am Wasser, auf dem die Schwane kreisten, von welcher Seite der Mond hereinstrahlte auf reinlichem Kies, wo die Bachstelzchen stolzierten; das alles spricht sich aus ihm hervor, wie der Ton einer einsamen Flote, sie deutet an: der Geist weilt noch hier; in ihren friedlichen Melodien aber spricht sich die Sehnsucht zum Unendlichen aus. Seine hochst edle Gestalt ist gebrechlich, es ist, als ob die Hulle leicht zusammensinken konne, um den Geist in die Freiheit zu entlassen. Neulich fuhr ich mit ihm, den beiden Schwestern und dem Grafen Westerhold nach dem Staremberger See. Wir assen zu Mittag in einem angenehmen Garten, alles war mit Blumen und bluhenden Strauchern ubersaet, und da ich zur Unterhaltung der gelehrten Gesellschaft nichts beitragen konnte, so sammelte ich deren so viel, als mein Strohhut fasste. Im Schiff, auf dem wir bei herannahendem Abend wohl anderthalb Stunden fahren mussten, um das jenseitige Ufer wieder zu erreichen, machte ich einen Kranz. Die untergehende Sonne rotete die weissen Spitzen der Alpenkette, und Jacobi hatte seine Freude dran, er deployierte alle Grazie seiner Jugend, Du selbst hast mir einmal erzahlt, dass er als Student nicht wenig eitel auf sein schones Bein gewesen, und dass er in Leipzig mit Dir in einen Tuchladen gegangen, das Bein auf den Ladentisch gelegt, und dort die neuen Beinkleidermuster drauf probiert, bloss um das Bein der sehr artigen Frau im Laden zu zeigen; in dieser Laune schien er mir zu sein; nachlassig hatte er sein Bein ausgestreckt, betrachtete es wohlgefallig, strich mit der Hand druber, dann wenige Worte uber den herrlichen Abend flusternd, beugte er sich zu mir herab, da ich am Boden sass und den Schoss voll Blumen hatte, wo ich die besten auslas zum Kranz, und so besprachen wir uns einsilbig, aber zierlich und mit Genuss in Gebarden und Worten, und ich wusste es ihm begreiflich zu machen, dass ich ihn liebenswurdig finde, als auf einmal Tante Lenens vorsorgende Bosheitspflege der feinen Gefuhlskoketterie einen bosen Streich spielte; ich schame mich noch, wenn ich dran denke; sie holte eine weisse langgestrickte wollne Zipfelmutze aus ihrer Schurzentasche, schob sie ineinander und zog sie dem Jacobi weit uber die Ohren, weil die Abendluft beginne rauh zu werden, grade in dem Augenblick als ich ihm sagte: "Heute versteh ich's recht, dass Sie schon sind", und er mir zum Dank die Rose in die Brust steckte, die ich ihm gegeben hatte. Jacobi wehrte sich gegen die Nachtmutze, Tante Lene behauptete den Sieg, ich mochte nicht wieder aufwarts sehen, so beschamt war ich. "Sie sind recht kokett", sagte der Graf Westerhold, ich flocht still an meinem Kranz, da aber Tante Lene und Lotte einstimmend mir gute Lehren gaben, sprang ich plotzlich auf und trappelte so, dass der Kahn heftig schwankte, "um Gotteswillen wir fallen!" schrie alles, "ja, ja!" rief ich, "wenn Sie noch ein Wort weiter sagen uber Dinge, die Sie nicht verstehen." Ich schwankte weiter, "haben Sie Ruh, es wird mir schwindlig". Westerhold wollte mich anruhren, aber da schwankte ich so, dass er sich nicht vom Platz getraute, der Schiffer lachte und half schwanken, ich hatte mich vor Jacobi gestellt, um ihn nicht in der fatalen Mutze zu sehen, jetzt, wo ich sie alle in der Gewalt hatte, wendete ich mich nach ihm, nahm die Mutze beim Zipfel und schwenkte sie weit hinaus in die Wellen; "da hat der Wind die Mutze weggeweht", sagte ich, ich druckte ihm meinen Kranz auf den Kopf, der ihm wirklich schon stand, Lene wollt es nicht leiden, die frischen Blatter konnten ihm schaden. Lasse ihn mir doch, sagte Jacobi sanft, ich legte die Hand uber den Kranz. "Jacobi", sagte ich: "Ihre feinen Zuge leuchten im gebrochnen Licht dieser schonen Blatter wie die des verklarten Plato. Sie sind schon, und es bedarf nur eines Kranzes, den Sie so wohl verdienen, um Sie wurdig der Unsterblichkeit darzustellen"; ich war vor Zorn begeistert, und Jacobi freute sich; ich setzte mich neben ihn an die Erde und hielt seine Hand, die er mir auch liess, keiner sagte etwas, sie wendeten sich alle ab, um die Aussicht zu betrachten, und sprachen unter sich, da lachte ich ihn heimlich an. Da wir ans Ufer kamen, nahm ich ihm den Kranz ab und reichte ihm den Hut. Das war meine kleine Liebesgeschichte jenes schonen Tages, ohne welche der Tag nicht schon gewesen sein wurde; nun hangt der Kranz verwelkt an meinem Spiegel, ich bin seitdem nicht wieder hingegangen, denn ich furchte mich vor Helenen, die aus beleidigter Wurde ganz stumm war und mir nicht Adieu sagte; so mag denn Jacobi freundlich meiner gedenken, wenn ich ihn nicht wieder sehen sollte, dieser Abschied kann ihm keinen unangenehmen Eindruck in der Erinnerung lassen, und mir ist es grade recht, denn ich mochte doch nicht Kunst genug besitzen, den vielen Fallstricken und bosen Auslegungen zu entgehen, die jetzt wahrscheinlich im Gang sein mogen. Adieu, nun hab ich Dir auf alle Artikel Deines lieben Briefes geantwortet und Dir mein ganzes Herz ausgeschuttet. Versicherungen meiner Liebe gebe ich Dir nicht mehr, die sind in jedem Gedanken, im Bedurfnis, Dir alles ans Herz zu legen, hinlanglich beurkundet.

7. Juni

Bettine

An Goethe

16. Juni

Gott lasse mir den einzigen Wunsch gedeihen, Dich wieder zu sehen, und zogere nicht allzulang. Soeben vernehme ich, dass jemand von meiner Bekanntschaft nach Weimar geht. Das blast die Asche von der Glut, mich halt's, dass ich von hier aus die Tiroler Berge sehen kann, sonst nichts. Es martert mich alle Tage, nicht zu wissen, was dort vorgeht; ich kame mir vor wie ein feiger Freund, wenn ich mich dem Einfluss, den die Nahe des bedrangten Landes auf mich hat, entziehen wollte; wahrhaftig, wenn ich abends von meinem Schneckenturm die Sonne dort untergehen sehe, da muss ich immer mit ihr.

Wir haben schon seit Wochen schlecht Wetter. Nebel und Gewolk, Wind und Regen und schmerzliche Botschaft wird indessen durch Dein Andenken wie durch einen Sonnenstrahl erhellt. Beinah vier Wochen hab ich nicht geschrieben, aber ich hab Dich diese ganze Zeit uber bedacht, mit Gedanken, Wort und Werken, und nun will ich's gleich auseinandersetzen: es ist auf der hiesigen Galerie ein Bild von Albrecht Durer, in seinem achtundzwanzigsten Jahre von ihm selbst gemalt; es hat die graziosesten Zuge aus der Miene spricht ein Geist, der die jetzigen elenden Weltgesichter niederkracht. Als ich Dich zum erstenmal sah, war es mir auffallend und bewegte zugleich zu inniger Verehrung, zu entschiedener Liebe, das sich in Deiner ganzen Gestalt aussprach, was David von den Menschen sagt: ein jeder mag Konig sein uber sich selber. So meine ich namlich, dass die Natur des inneren Menschen die Oberhand erringe uber die Unzuverlassigkeit, uber die Zufalle des ausseren, daraus entstehe die edle Harmonie, das Wesen, was sowohl uber Schonheit hinaus ist als der Hasslichkeit trotzt. So bist Du mir erschienen, die geistige Erscheinung der Unsterblichkeit, die der irdischen verganglichen Meister wird. Obschon nun Durers Antlitz ein ganz anderes ist, so hat mich doch die Sprache seines Charakters machtig an die Deinige erinnert, ich habe mir's kopieren lassen. Ich hab das Bild den ganzen Winter uber auf meinem Zimmer gehabt und war nicht allein. Ich hab mich viel in Gedanken an diesen Mann gewendet, hab Trost und Leid von ihm empfunden, bald war's mir traurig zu fuhlen, wie manches, worauf man doch in sich stolz ist, zugrunde geht vor einem solchen, der recht wollte, was er wollte; bald fluchtete ich mich zu diesem Bild als zu einem Hausgott. Wenn mich die Lebenden langweilten, und dass ich Dir's recht sage: mein Herz war in manchen Stunden so tief von dem reinen Scharfblick geruhrt, der aus seinen edlen Augen dringt, dass er mir mehr im Umgang war als ein Lebender. Dieses Bild nun hatte ich eigentlich fur Dich kopieren lassen, ich wollte Dir's als einen Sachwalter meiner Herzensangelegenheiten senden, und so verging Woche um Woche, immer mit dem festen Entschluss, es die nachstfolgende abzusenden, ohne dass ich es je dazu bringen konnte, mich davon zu trennen. Mein lieber Goethe, ich hab noch weniges gesehen in der Welt, sowohl von Kunstwerken als sonst, was mich herzlich interessierte. Daher war wohl meiner kindischen Art zu verzeihen. Das Bild kann ich nun nicht mehr von mir lossagen, so wie man sich von einem Freund nicht mehr lossagen kann. Dir aber will ich's schicken, meinem geliebtesten von allen. Doch, wie es das Schicksal fuhrt, soll es nicht in andre Hande kommen, und sollte der Zufall es von Dir trennen, so musse es wieder in meine Hande kommen. Ich hoffte, die ganze Zeit es selbst bringen zu konnen, indessen ist gar keine Wahrscheinlichkeit in diesem Augenblick, wenn ich nicht stets auf die kommende Zeit hoffte, so wurde ich verzweifeln, Dich bald wiederzusehen; allein, dass nach der Zukunft immer wieder eine ist, das hat schon manchen Menschen alt gemacht. Du bist mir lieb uber alles, in der Erinnerung wie in der Zukunft; der Fruhling, den Deine Gegenwart in mir erschaffen hat, dauert; denn schon sind zwei Jahre um, und noch hat kein Sturm ein Blattchen vom Ast gelost, noch hat der Regen keine Blute zerstort, alle Abend hauchen sie noch den sussen Duft der Erinnerung aus; ja wahrhaftig kein Abend ist bis jetzt zum Schlafen gekommen, dass ich Dich nicht bei Namen gerufen und der Zeit gedacht, da Du mich auf meinen Mund gekusst, mich in Deinen Arm genommen, und ich will stets hoffen, dass die Zeit wiederkehre. Da ich Dir nichts in der Welt vorziehe, so glaub ich's auch von Dir. Sei Du so alt und klug wie ich, lass mich so jung und weise sein wie Du, und so mochten wir fuglich die Hand einander reichen und sein wie die beiden Junger, die zwei verschiednen Propheten folgten in einem Lehrer.

Schreib mir, wie Du glaubst, dass ich das Bild ohne Gefahr schicken konne, aber bald. Wenn Du mir keine Gelegenheit angeben kannst, so werde ich selbst schon eine finden. Hab niemand lieber wie mich; Du, Goethe, warst sehr ungerecht, wenn Du andre mir vorzogst, da so meisterlich, so herrlich, Natur mein Gefuhl Dir verwebt hat, dass Du das Salz Deines eignen Geistes in mir schmecken musst.

Wenn kein Krieg, kein Sturm und vorab keine verwustende Zeitung, die alles bildende Ruhe im Busen storte, dann mochte ein leichter Wind, der durch die Grashalmen fahrt, der Nebel, wie er sich von der Erde lost, die Mondessichel, wie sie uber den Bergen hinzieht, oder sonst einsames Anschauen der Natur einem wohl tiefe Gedanken erregen; jetzt aber in dieser beweglichen Zeit, wo alle Grundfesten ein rechtes Krachen und Gliederreissen haben, da will sie keinem Gedanken Raum gestatten, aber das, woran ein Freund teilgenommen, dass man sich auf seinen Arm gestutzt, auf seiner Schulter geruht hat, dies einzige atzt tief jede Linie der Gegenstande ins Herz, so weiss ich jeden Baum des Parks noch, an dem wir vorubergegangen, und wie Du die Aste der Zuckerplatane niederbogst und zeigtest mir die rotliche Wolle unter den jungen Blattern und sagtest, die Jugend sei wollig; und dann die runde, grune Quelle, an der wir standen, die so ewig uber sich sprudelt, bul, bul, und Du sagtest, sie rufe der Nachtigall, und die Laube mit der steinernen Bank, wo eine Kugel an der Wand liegt, da haben wir eine Minute gesessen, und Du sagtest: "Setze Dich naher, damit die Kugel nicht in Schatten komme, denn sie ist eine Sonnenuhr", und ich war einen Augenblick so dumm, zu glauben, die Sonnenuhr konne aus dem Gange kommen, wenn die Sonne nicht auf sie scheine, und da hab ich gewunscht, nur einen Fruhling mit Dir zu sein, hast Du mich ausgelacht; da fragte ich, ob Dir dies zu lang sei; "ei nein", sagtest Du, "aber dort kommt einer gegangen, der wird gleich dem Spass ein Ende machen"; das war der Herzog, der grad auf uns zukam, ich wollte mich verstecken, Du warfst Deinen Uberrock uber mich, ich sah durch den langen Armel, wie der Herzog immer naher kam, ich sah auf seinem Gesicht, dass er was merkte, er blieb an der Laube stehen, was er sagte, verstand ich nicht, so grosse Angst hatte ich unter Deinem Uberrock, so klopfte mir das Herz, Du winktest mit der Hand, das sah ich durch Deinen Rockarmel, der Herzog lachte und blieb stehen; er nahm kleine Sandsteinchen und warf nach mir, und dann ging er weiter. Da haben wir nachher noch lang geplaudert miteinander, was war's doch? nicht viel Weisheit, denn Du verglichst mich damals mit der weisheitvollen Griechin, die den Sokrates uber die Liebe belehrte, und sagtest: "Kein gescheutes Wort bringst Du vor, aber Deine Narrheit belehrt besser, wie ihre Weisheit", und warum waren wir da beide so tief bewegt? dass Du von mir verlangtest mit den einfachen Worten: "Lieb mich immer", und ich sagte: "Ja." Und eine ganze Weile drauf, da nahmst Du eine Spinnwebe von dem Gitter der Laube und hingst mir's aufs Gesicht, und sagtest; "Bleib verschleiert vor jedermann und zeige niemand, was Du mir bist." Ach! Goethe, ich hab Dir keinen Eid der Treue getan mit den Lippen, die da zuckten vor heftiger Bewegung und keine Worte kannten; ich erinnere mich gar nicht, dass ich mit Selbstbewusstsein Dir die Treue zugesagt hatte, es ist alles machtiger in mir wie ich, ich kann nicht regieren, ich kann nicht wollen, ich muss alles geschehen lassen. Zwei einzige Stunden waren so voll Ewigkeit; einen einzigen Fruhling verlangte ich damals, und jetzt meine ich kaum, dass ich diesen bewaltigen konne mein ganzes Leben lang, und mir klopft das Herz jetzt ebenso vor Unruh, wenn ich mich in die Mitte jenes Fruhlings denke. Ich bin am Ende des Blattes, und war's nicht gar zu sehr auf Dich gesundigt, so mocht ich ein neues anfangen, um so fort zu plaudern; ich liege hier auf dem Sofa und schreibe den Brief auf einem Kissen, deswegen ist er auch so ungleich. Dass sie doch alle vergehen, wenn ich zu Dir sprechen will, diese Gedanken, die so ungerufen vor mir auf- und niedertanzen, von denen Schelling sagt: es sei unbewusste Philosophie.

Lebe wohl! So wie die vom Wind getragne Samenflocke auf den Wellen hintanzt, so spielt meine Phantasie auf diesem machtigen Strom Deines ganzen Wesens und scheut nicht, drin unterzugehen; mochte sie doch! welch seliger Tod! Geschrieben am 16. Juni in Munchen an einem Regentag, wo zwischen Schlaf und Wachen die Seele nach Wind und Wetter sich bequemte.

Bettine

Bleib ihr gut, schreib ihr bald und gruss die Deinen.

An Bettine

In zwei Deiner Briefe hast Du ein reiches Fullhorn uber mich ergossen, liebe Bettine, ich muss mich mit Dir freuen und mit Dir betruben und kann des Genusses nimmer satt werden. So lasse Dir denn genugen, dass die Ferne Deinen Einfluss nicht mindert, da Du mit unwiderstehlicher Gewalt mich den mannigfachen Einwirkungen Deiner Gefuhle unterwirfst, und dass ich Deine bosen wie Deine guten Traume mittraumen muss. Was Dich nun mit Recht so tief bewegt, uber das verstehst Du auch allein Dich wieder zu erheben, hieruber schweigt man denn wie billig und fuhlt sich begluckt, mit Dir in Befreundung zu stehen und Anteil an Deiner Treue und Gute zu haben; da man doch Dich lieben lernen musste, selbst wenn man nicht wollte.

Du scheinst denn auch Deine liebenswurdige despotische Macht an verschiednen Trabanten zu uben, die Dich als ihren erwahlten Planeten umtanzen. Der humoristische Freund, der mit Dir die Umgegend rekognosziert, scheint wohl nur durch die Atmosphare der heissen Junitage dem Schlaf zu unterliegen, wahrend er traumend das anmutige Bild Deiner kleinen Person rekognosziert, da mag es ihm denn freilich nicht beikommen, dass Du ihn unterdessen dahin versetzen mochtest, wo Dein heroischer Geist selber weilt.

Was Du mir von Jacobi erzahlst, hat mich sehr ergotzt, seine jugendlichen Eigenheiten spiegeln sich vollkommen darin; es ist eine geraume Zeit her, dass ich mich nicht personlich mit ihm beruhrt habe, die artige Schilderung Deiner Erlebnisse mit ihm auf der Seefahrt, die Dein Mutwille ausheckte, haben mir ahnliche heitere Tage unseres Umgangs wieder zuruckgerufen. Zu loben bist Du, dass Du keiner authentischen Gewalt bedarfst, um den Achtungswerten ohne Vorurteil zu huldigen. So ist gewiss Jacobi unter allen strebenden und philosophierenden Geistern der Zeit derjenige, der am wenigsten mit seiner Empfindung und ursprunglichen Natur in Widerspruch geriet und daher sein sittliches Gefuhl unverletzt bewahrte, dem wir als Pradikat hoherer Geister unsere Achtung nicht versagen mochten. Wolltest Du nun auf Deine vielfach erprobte anmutige Weise ihm zu verstehen geben, wie wir einstimmen in die wahre Hochachtung, die Du unter Deinen liebenswurdigen Koboldstreichen verbirgst, so ware dies ganz in meinem Sinne gehandelt.

Dein Eifer, mir die verlangten Gedichte zu verschaffen, verdient Anerkenntnis, obschon ich glauben muss, dass es Dir ebenso darum zu tun ist, den Gefuhlen Deines Generalissimus naher auf die Spur zu kommen als auch meine Wunsche zu befriedigen, glauben wir indessen das Beste von ihm bis auf naheres; und da Du so entschieden die Divinitat des schopferischen Dichtervermogens erhebst, so glaube ich nicht unpassend beifolgendes kleine Gedicht vorlaufig fur Dich herausgehoben zu haben aus einer Reihe, die sich in guten Stunden allmahlich vermehrt, wenn sie Dir spater einmal zu Gesicht kommen werden, so erkenne daran, dass, wahrend Du glaubst, mein Gedachtnis fur so schone Vergangenheit wieder anfrischen zu mussen, ich unterdessen der sussesten Erinnerung in solchen unzulanglichen Reimen ein Denkmal zu errichten strebe, dessen eigendste Bestimmung es ist, den Widerhall so zarter Neigung in allen Herzen zu erwecken.

Bleibe mir schreibend und liebend von Tag zu Tag begluckender Gewohnheit treu.

G.

Jena, den 7. Juli 1809

Wie mit innigstem Behagen,

Lied, gewahr ich deinen Sinn;

Liebevoll scheinst du zu sagen,

Dass ich ihm zur Seite bin.

Dass er ewig mein gedenket,

Seiner Liebe Seligkeit

Immerdar der Treuen schenket,

Die ein Leben ihm geweiht.

Ja, mein Herz, es ist der Spiegel,

Freund, worin du dich erblickt,

Diese Brust, wo deine Siegel

Kuss auf Kuss hereingedruckt.

Susses Dichten, lautre Wahrheit,

Fesselt mich in Sympathie!

Rein verkorpert Liebesklarheit

Im Gewand der Poesie.6

An Goethe

Kein Baum kuhlt so mit frischem Laub, kein Brunnen labt so den Durstigen, Sonn und Mondlicht und tausend Sterne leuchten so nicht ins irdische Dunkel, wie Du leuchtest in mein Herz. Ach, ich sage Dir: einen Augenblick in Deiner Nahe zu sein halt so viel Ewigkeit in sich, dass ein solcher Augenblick der Ewigkeit gleichsam einen Streich spielt, indem er sie gefangen nimmt, zum Scherz nur, er entlasst sie wieder, um sie wieder zu fangen, und was sollte mir auch in Ewigkeit noch fur Freude geschehen, da Dein ewiger Geist, Deine ewige Gute mich in ihre Herrlichkeit aufnehmen.

Geschrieben am Tag, da ich Deinen letzten Brief empfangen.

Das Gedicht gehort der Welt, nicht mein, denn wollt ich es mein nennen, es wurde mein Herz verzehren.

Ich bin zaghaft in der Liebe, ich zweifle jeden Augenblick an Dir, sonst war ich schon auf eine Zeit zu Dir gekommen; ich kann mir nicht denken (weil es zu viel ist), dass ich Dir wert genug bin, um bei Dir sein zu durfen.

Weil ich Dich kenne, so furchte ich den Tod, die Griechen wollten nicht sterben ohne Jupiter Olymp gesehen zu haben, wie viel weniger kann ich die schone Welt verlassen wollen, da mir prophezeit ist von Deinen Lippen, dass Du mich noch mit offnen Armen empfangen wirst.

Erlaube mir, ja fordere es, dass ich dieselbe Luft einatme wie Du, dass ich taglich Dir unter die Augen sehe, dass ich den Blick aufsuche, der mir die Todesgotter bannt.

Goethe, Du bist alles, Du gibst wieder, was die Welt, was die traurige Zeit raubt; da Du es nun vermagst mit gelassnem Blick reichlich zu spenden, warum soll ich mit Zutrauen nicht begehren? Diese ganze Zeit bin ich nicht mehr ins Freie gekommen, die Gebirgsketten, die einzige Aussicht, die man von hier hat, waren oft von den Flammen des Kriegs gerotet, und ich habe nie mehr gewagt, meinen Blick dahin zu wenden, wo der Teufel ein Lamm wurgt, wo die einzige Freiheit eines selbstandigen Volkes sich selber entzundet und in sich verlodert. Diese Menschen, die mit kaltem Blut und sicher uber ungeheure Klufte schreiten, die den Schwindel nicht kennen, machen alle andere, die ihnen zusehen, von ihrer Hohe herab schwindlig; es ist ein Volk, das fur den Morgen nicht sorgt, dem Gott unmittelbar grade, wenn die Stunde des Hungers kommt, auch die Nahrung in die Hand gibt; das, wie es den Adlern gleich, auf den hochsten Felsspitzen uber den Nebeln ruht, auch so uber den Nebeln der Zeit thront, das lieber im Licht untergeht, als im Dunkeln ein ungewisses Fortkommen sucht. O Enthusiasmus des eignen freien Willens! wie gross bist du, da du allen Genuss, der uber ein ganzes Leben verbreitet ist, in einen Augenblick zusammenfassest, darum so lasst sich um einen solchen Moment auch wohl das Leben wagen; mein eigner Wille aber ist, Dich wiederzusehen, und allen Enthusiasmus der Liebe wird ein solcher Moment in sich fassen, und darum begehre ich auch ausser diesem nichts mehr.

Von den Kuffsteiner Belagerungsgeschichten mochte ich Dir manches erzahlen, was dem Dux gewiss Freude machen wurde, und was auch verdiente, verewigt zu werden; allein zu sehr wird eine ernste Teilnahme an dem echten Heroismus misshandelt durch Betrug aller Art, und das macht auch, dass man lieber gar nicht hinhorcht, als dass man das Herz durch Lugen sich schwer machen lasst. Das Gute, was die Bayern als wahr passieren lassen, daran ist nicht zu zweifeln, denn wenn sie es vermochten, so wurden sie gewiss das Gelingen der Feinde leugnen. Speckbacher ist ein einziger Held, Witz, Geist, kaltes Blut, strenger Ernst, unbegrenzte Gute, durchsichtige, bedurfnislose Natur; Gefahr ist ihm gleich dem Aufgang der Sonne; da wird ihm Tag, da sieht er deutlich was not tut; und tut alles, indem er seinen Enthusiasmus beherrscht, er denkt auf seine Ehre und auf seine Verantwortung zugleich, er richtet alles durch sich allein aus, die Befehle der Kommandanten und seine eigne wohlberechnete Plane; und auch noch was der Augenblick erheischt; unter dem Kanonenfeuer der Festung verwustet er die Muhlen, erbeutet das Getreide und loscht die Haubitzen mit dem Hut; keinen gefahrvollen Plan uberlasst er einem andern, die kleine Stadt Kuffstein steckte er selbst in Brand mitten unter den Feinden; eine Schiffbrucke der Bayern macht er flott. In einer sturmischen Nacht, im Wasser bis an die Brust, halt er aus bis zum Morgen mit zwei Kameraden, wo er noch die letzten Schiffe unter einem Hagel von Kartatschen flott macht. List ist seine gottlichste Eigenschaft, den verwilderten Bart, der ihm das halbe Gesicht bedeckt, nimmt er ab, verandert Kleidung und Gebarde, und so verlangt er den Kommandanten der Festung zu sprechen, man lasst ihn ein, er macht ihnen was weis von Verrat und errat unterdessen alles, was er wissen will, in dieser grossen Gefahr, mit noch zwei andern Kameraden, ist er keinen Augenblick verlegen, lasst sich beleuchten, untersuchen, zutrinken und endlich, vom Kommandanten bis zum kleinen Pfortchen, zu dem sie hereingekommen waren, begleitet, nimmt er treuherzig Abschied.

Alle diese Muhen und Aufopferungen werden indessen zunichte gemacht durch die Unzuverlassigkeit von Osterreich, das uberhaupt ist, als konne es keinen glucklichen Erfolg ertragen, und furchte sich vor seinem grossen Feind, einst diese Siege verantworten zu mussen, und so wird es auch noch kommen, es wird noch den grossen Napoleon um Verzeihung bitten, dass man ihm die Ehre erzeigt, ihm ein Heldenvolk entgegenzustellen; ich breche ab, zu gewiss ist mir, dass auf Erden allem Grossen schlecht vergolten wird.

Vor drei Wochen hat man ein Bild, eine Kopie von Albrecht Durers selbst verfertigtem Portrat, an Dich abgeschickt; ich war grade auf einige Tage verreist und weiss also nicht, ob es wohl eingepackt und ob die Gelegenheit, mit welcher es ging, exakt ist, Du musst es der Zeit nach jetzt bald in Handen haben, schreib mir daruber, das Bild ist mir sehr lieb, und darum musst ich Dir's geben, weil ich mich selbst Dir geben mochte.

Selbst in dem kalten Bayernlande reift alles nach und nach, das Korn wird schon gelb, und wenn die Zeit auch keine Rosen hier bricht, so bricht sie doch der Sturm, und falbe Blatter fliegen schon genug auf dem nassen Sandboden; wann wird denn eine gutige Sonne die Fruchte an meinem Lebensbaum reifen, dass ich ernten kann Kuss um Kuss? Einen Weg geh ich alle Tage, jede Staude, jedes Graschen ist mir auf diesem bekannt, ja die Sandsteinchen im Kiesweg hab ich mir schon betrachtet. Dieser Weg fuhrt nicht zu Dir, und doch wird er mir taglich lieber, wenn mich nun einer gewohnt wurde, zu Dir zu tragen, wie wurden da Blumen und Krauter erst mit mir bekannt werden, dass mir stets das Herz pochte bis an Deine Schwelle, und allen Liebreiz hatte auf diesem Weg jeder Schritt.

Vom Kronprinz weiss ich Gutes, er hat mit den Gefangenen, die man hart behandelte und hungern liess, zu Mittag gegessen. Die Kartoffeln waren gezahlt, er teilte treulich mit ihnen, seitdem werden sie gut bedient, und er hat ein scharfes Auge darauf; das hab ich durch seinen getreuen Bopp, der die ausfuhrliche Erzahlung mit etlichen Freudentranen begleitete. Sein kaltes Blut mitten in Gefahren, seine Ausdauer bei allen Muhen und Lasten werden auch noch anderweitig geruhmt, und immer ist er dabei bedacht, nutzlosen Grausamkeiten vorzubeugen; das war von ihm zu erwarten, aber dass er diese Erwartung nicht zuschanden gemacht hat, dafur sei er gelobt und gesegnet.

Einliegendes Kupfer von Heinze wirst Du wohl erkennen, ich hab's von Sommering erhalten und zugleich den Auftrag, um Dein Urteil daruber zu bitten, er selbst findet es gleichend, aber nicht in den edelsten Zugen; ich sage: es hat eine grosse Ahnlichkeit mit einem Bock, dies liesse sich noch rechtfertigen.

Tieck liegt noch immer als Kranker auf dem Ruhebettlein, ein Zirkel vornehmer und schoner Damen umgibt sein Lager, das passt zu gut und gefallt ihm zu wohl, als dass er je vom Platz ruckte.

Jacobi befindet sich ganz leidlich, Tante Lene schreit zwar, sein Kopf tauge nichts, der, sowie er etwas Philosophisches schreiben wolle, ihn schmerze, zusamt den Augen; wenn nun auch der Kopf nichts taugt, so war doch sein Herz sehr lebendig aufgeregt als ich ihm vorlas, was Du fur ihn geschrieben hast; ich musste es ihm abschreiben, er meinte, da er keine so freundliche Fursprache bei Dir habe, wie Du bei ihm, so musse er wohl selbst Dir schriftlich danken, einstweilen schickt er beikommende Rede uber Vernunft und Verstand.

Bettine

Koln, wo ich vorm Jahr so frohlich war, der launige Rumohr hat's hingekritzelt, er geht hier so ganz vertraglich mit der Langenweile um, und bejammert mit aufrichtigem Herzen die Zeit, die wir miteinander am Rhein zubrachten.

Hier spielt der Wind schon manches falbe Laub von den Asten und mir die kalten Regentropfen ins Gesicht, wenn ich fruhe, wo noch kein Mensch des Weges geht, durch die feuchten Alleen des englischen Gartens wandre, denn die langen Schatten am fruhsten Morgen sind mir bessre Gefahrten als alles, was mir den ganzen Tag uber begegnet.

Da besuche ich alle Morgen meinen alten Winter; bei schonem Wetter fruhstuckt er in der Gartenlaube mit der Frau, da muss ich immer den Streit zwischen beiden schlichten um die Sahne auf der Milch. Dann steigt er auf seinen Taubenschlag, so gross wie er ist, muss er sich an den Boden ducken, hundert Tauben umflattern ihn, setzen sich auf Kopf, Brust, Leib und Beine; zartlich schielt er sie an, und vor Freundlichkeit kann er nicht pfeifen, da bittet er mich: o pfeifen Sie doch; so kommen denn noch Hunderte von draussen hereingesturzt mit pfeifenden Schwingen; gurren, rucksen, lachen und umflattern ihn; da ist er selig und mochte eine Musik komponieren, die grad so lautet. Da nun Winter ein wahrer Koloss ist, so stellt er ziemlich das Bild des Nils dar, der von einem kleinen Geschlecht umkrabbelt wird, und ich als Sphinx neben ihm kauernd, einen grossen Korb voll Wicken und Erbsen auf dem Kopf. Dann werden Marcellos Psalmen gesungen, eine Musik, die mir in diesem Augenblick sehr zusagt, ihr Charakter ist fest und herrschend, man kann sie nicht durch Ausdruck heben, sie lasst sich nicht behandeln, man kann froh sein, wenn die Kraft ausreicht, welche der Geist dieser Musik fordert. Von hoherer Macht fuhlt man sich als Organ benutzt, Figur und Ton von Harmonie umkreist und bedingt auszusprechen. So ist diese kunstgerechte gewaltige Sprache idealischer Empfindung, dass der Sanger nur Werkzeug, aber mitdenkend, mitgeniessend sich empfindet, und dann die Rezitative, das Ideal asthetischer Erhabenheit, wo alles, sei es Schmerz oder Freude, ein tobend Element der Wollust wird.

Wie lange haben wir nichts uber Musik gesprochen, damals am Rhein, da war's, als musse ich Dir den gordischen Knoten auflosen, und doch fuhlte ich meine Unzulanglichkeit, ich wusste nichts von ihr, wie man auch vom Geliebten nichts weiss, als nur, dass man in ihn verliebt ist. Und jetzt bin ich erst gar ins Stocken geraten, alles mocht ich gern aussprechen, aber in Worten zu denken, was ich im Gefuhl denke, das ist schwer; ja, solltest Du's glauben? Gedanken machen mir Schmerzen, und so zaghaft bin ich, dass ich ihnen ausweiche, und alles, was in der Welt vorgeht, das Geschick der Menschen und die tragische Auflosung macht mir einen musikalischen Eindruck. Die Ereignisse im Tirol nehmen mich in sich auf wie der volle Strom allseitiger Harmonie. Dies Streben mitzuwirken ist grade wie in meinen Kinderjahren, wenn ich die Symphonien horte im Nachbarsgarten und ich fuhlte, man musse mit einstimmen, mitspielen, um Ruhe zu finden; und alles Zerschmetternde in jenen Heldenereignissen ist ja auch wieder so belebend, so begeistigend, wie dies Streiten und Gebaren der verschiedenen Modulationen, die doch alle in ihren eigensinnigen Richtungen unwillkurlich durch ein Gesamtgefuhl getragen, immer allseitiger, immer in sich konzentrierter in ihrer Vollendung sich abschliessen. So empfinde ich die Symphonie, so erscheinen mir jene Heldenschlachten auch Symphonien des gottlichen Geistes, der in dem Busen des Menschen Ton geworden ist himmlischer Freiheit. Das freudige Sterben dieser Helden ist wie das ewige Opfern der Tone einem hohen gemeinsamen Zweck, der mit gottlichen Kraften sich selbst erstreitet; so scheint mir auch jede grosse Handlung ein musikalisches Dasein; so mag wohl die musikalische Tendenz des Menschengeschlechts als Orchester sich versammeln und solche Schlachtsymphonien schlagen, wo denn die geniessende, mitempfindende Welt neu geschaffen, von Kleinlichkeit befreit, eine hohere Befahigung in sich gewahrt.

Ich werde mude vom Denken und schlafrig, wenn ich mir Muhe gebe, der Ahnung nachzugehen, da wird mir angst, ja ich mochte die Hande ringen vor Angst um einen Gedanken, den ich nicht fassen kann. Da mocht ich mit einem Ausdruck Dir hingeben Dinge, denen ich nicht gewachsen bin, und da schwindet mir alle Erkenntnis, langsam wie die untergehende Sonne, ich weiss, dass sie ihr Licht ausstromt, aber sie leuchtet mir nicht mehr.

Denken ist Religion, furs erste Feueranbeten, wir werden einst noch weiter schreiten, wo wir mit dem ursprunglich gottlichen Geist uns vereinen, der Mensch geworden und gelitten hat, bloss um in unser Denken einzudringen; so erklare ich mir das Christentum als Symbol einer hoheren Denkkraft, wie mir denn uberhaupt alles Sinnliche Symbol des Geistigen ist.

Nun, wenn auch die Geister sich mit mir necken und nicht fangen lassen, so erhalt dies mich doch frisch und tatig, und sie haben mir auf den Weg gestreut gleich einem auserwahlten Ritter der Tafelrunde gar mannigfach Abenteuer auf holperigem Pfad, bekannt bin ich worden mit den durren Geistern der Zeit, mit Ungeheuern verschiedener Art, und wunderbar haben mich diese Besessenen in ihr traumerisch Schicksal gezogen. Aber nicht hab ich erblickt wie bei Dir, da von heiliger Leier mir frisches Grun entgegenglanzte, und nicht hort ich wie bei Dir, dem unter den Fussen silbern der Pfad tont, als der auf Strassen Apollos wandelt. Da denk ich mit verschlossenen Augen, wie ich gewohnt war, mit Dir lachelnd des Herzens Meinung zu wechseln, den eignen Geist in der Seele fuhlend. Deine Mutter sagte mir manchmal von vergangner Zeit, da wollt ich nicht zuhoren und hiess sie schweigen, weil ich grad eben mich in Deine Gegenwart traumte.

Franz Bader, der nach seiner Glasfabrik in Bohmen gereist ist, hat mir beim Abschied beigepackte Abhandlungen fur Dich gegeben und mich zugleich gebeten, Dich seiner innigsten Achtung zu versichern, er hat mir dabei mancherlei aus seinem Leben erzahlt, wie er in Schottland zum Beispiel gar gefahrvolle Reisen gemacht, in einem winzigen Nachen, mit Deinem "Egmond", im Meer zwischen Klippen und Inseln hin und her geworfen, wie er mit den Meerkatzen fechten mussen, wie Nacht und Sturm ihm alle Lebensgeister ausbliesen und er mitten in der Not nur immer Deine Bucher zu retten gesucht. Siehst Du! so treibt's Dein Geist auf allen Pfaden, zu Land wie zu Wasser, und er zieht von der Quelle an fort mit dem Strom, bis wo er sich ergiesst, und so ziehen mit die noch fremden Ufer, und die blaue Ferne sinkt neigend zusammen vor Deiner Ankunft. Und es sehen die Walder Dir nach, und die vergoldende Sonne schmuckt die Bergeshohen zu Deinem Empfang; es feiern aber im Mondglanz Dein Andenken die Silberpappel und die Tanne am Weg, die Deiner Jugend reine Stimme gehort.

Gestern erhielt ich Dein Bild, eine kleine Paste in Gips, aus Berlin, es gleicht, was hilft's, ich muss nach Dir verlangen.

Noch ein agyptisches Ungeheuer ist mir hier auf Bayerns feuchtem Boden begegnet, und nicht wundert mich, dass seine trockne sandige Natur hier verfault, es ist Klotz, der von den Geistern der Farbe verfolgte und gepeinigte, endlich ihrer Gewalt erliegend, sein funfundzwanzigjahriges Werk endet. Agyptisch nenne ich ihn, weil erstens sein Antlitz, wie von gluhenden Harzen geschmiedet, zugleich eine ungeheure Pyramide darstellt, und zweitens, weil er in funfundzwanzig Jahren mit ausserordentlicher Anstrengung sich nicht vom Platze gearbeitet hat. Ich habe aus christlicher Milde (und zugleich um Dir, als welcher nach Klotzens Aussage einer Entschuldigung bedurfte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen) sein ganzes Manuskript angehort. Nun kann ich mich freilich mit was ich von ihm erlernt, nicht breit machen, ich war mit Ratseln umstrickt, die durch seine Reden nur noch verwickelter wurden, und er war angstlich auf seiner Hut, dass ich ihm nicht eins seiner Geheimnisse erschnappte, um es Dir zu ubertragen, er mochte gern mit Dir selber hieruber sprechen, am meisten klagte er, dass Du ihm auf einen demutigen, aufrichtigen Brief keine Antwort gegeben, ich aber trostete ihn damit, dass Du mir auf einen bittenden, liebenden Brief auch keine Antwort gegeben, und so war es gut. Ich kann dem armen Mann nicht begreiflich machen, dass er die Perlen mit den Kleien gemischt, und dass wahrscheinlich beides zusamt von den Schweinen gefressen wird. Du aber konntest hier gewiss Gutes stiften, wenn Du Dich uber seine Entdeckungen mit ihm einlassen wolltest. Beikommende Tabelle hab ich ihm fur Dich abgeluchst, sie gefallt mir so wohl, dass ich sie wie ein schones Bild betrachte.

Jetzt hab ich noch eine geringe Frage, aber sie gilt mir viel, denn sie soll mir eine Antwort eintragen: hast Du Albrecht Durers Bildnis, welches schon vor sechs Wochen von hier abging, erhalten? wo nicht, so bitte ich, lasse doch in Weimar bei den Fuhrleuten nachfragen.

Es geht hier eine Sage unter dem Volk, es werde bald eine Erscheinung sein, die soll Wahlverwandtschaften heissen und von Dir in Gestalt eines Romans ausgehen. Ich habe einmal einen funf Stunden langen, saueren Weg nach einem Sauerbrunnen gemacht, er lag so einsam zwischen Felsen, der Mittag konnte nicht zu ihm niedersteigen, die Sonne zersplitterte tausendfach ihre Strahlenkrone an dem Gestein, alte durre Eichen und Ulmen standen wie die Todeshelden drum her, und Abgrunde, die man da sah, waren keine Abgrunde der Weisheit, sondern dunkle, schwarze Nacht, mir wollt's nicht behagen, dass die himmlische Natur solche Launen habe, der Atem wurde mir schwer und ich hatte das Gesicht ins Gras gewuhlt. Wenn ich aber diese Wahlverwandtschaften dort an der Quelle wusste, gern wollt ich den schauerlichen, unheimlichen Weg noch einmal machen, und zwar mit leichtem Schritt und leichtem Sinn, denn erstens dem Geliebten entgegengehen beflugelt den Schritt, und zweitens mit dem Geliebten heimgehen ist der Inbegriff aller Seligkeit.

9. September 1809

Bettine

An Bettine

Ihr Bruder Clemens, liebe Bettine, hatte mir bei einem freundlichen Besuche den Albrecht Durer angekundigt, so wie auch in einem Ihrer fruheren Briefe desselben gedacht war. Nun hoffte ich jeden Tag darauf, weil ich an diesem guten Werk viel Freude zu erleben gedachte, und wenn ich mir's auch nicht zugeeignet hatte, es doch gern wurde aufgehoben haben, bis Sie gekommen waren, es abzuholen. Nun muss ich Sie bitten, wenn wir es nicht fur verloren halten sollen, sich genau um die Gelegenheit zu erkundigen, durch welche es gegangen, damit man etwa bei den verschiedenen Spediteurs nachkommen kann, denn aus Ihrem heutigen Briefe sehe ich, dass es Fuhrleuten abgeliefert worden. Sollte es inzwischen ankommen, so erhalten Sie gleich Nachricht.

Der Freund, welcher die Kolner Vignette gezeichnet, weiss, was er will, und versteht mit Feder und Pinsel zu hantieren, das Bildchen hat mir einen freundlichen guten Abend geboten.

Franz Badern werden Sie schonstens fur das Gesendete danken. Es war mir von den Aufsatzen schon manches einzelne zu Gesicht gekommen. Ob ich sie verstehe, weiss ich selbst kaum, allein ich konnte mir manches daraus zueignen. Dass Sie meine Unart gegen den Maler Klotz durch eine noch grossere, die Sie mir verziehen haben, entschuldigt, ist gar loblich und hat dem guten Mann gewiss besonders zur Erbauung gedient. Die Tafel ist wohlbehalten angekommen, so angenehm auch der Eindruck ist, den sie auf das Auge macht, so schwer ist sie doch zu beurteilen; wenn Sie ihn daher bewegen konnen, den Schlussel zu diesem Farbenratsel herzuleihen, so konnte ich vielleicht durch eine verstandige und gegrundete Antwort mein fruheres Versaumnis wieder gutmachen.

Wieviel hatte ich nicht noch zu sagen, wenn ich auf Ihren vorigen lieben Brief zuruckgehen wollte? Gegenwartig nur so viel von mir, dass ich mich in Jena befinde, und vor lauter Verwandtschaften nicht recht weiss, welche ich wahlen soll. Wenn das Buchlein, das man Ihnen angekundigt hat, zu Ihnen kommt, so nehmen Sie es freundlich auf, ich kann selbst nicht dafur stehen, was es geworden ist.

Mit eigner Hand:

Nimm es nicht ubel, dass ich mit fremder Hand schreibe, die meine war mude, und ich wollte Dich doch nicht ohne Nachricht lassen uber das Bild, suche ihm doch ja auf die Spur zu kommen, fahre fort, an mich zu denken und mir etwas von Deinem wunderlichen Leben zu sagen, Deine Briefe werden wiederholt gelesen mit vieler Freude, was Dir auch die Feder darauf erwidern konnte, es ware doch immer weit entfernt von dem unmittelbaren Eindruck, dem man sich so gern hingibt, selbst wenn es Tauschung war, denn wer vermag bei wachenden Sinnen zu glauben an den Reichtum Deiner Liebe, den man als Traum aufzunehmen wohl am besten tut. Was Du zum voraus uber die Wahlverwandtschaften sagst, ist prophetischer Blick, denn leider geht die Sonne duster genug dort unter. Suche doch ja dem Albrecht Durer auf die Spur zu kommen. Lebe recht wohl.

Jena, den 11. September 1809

Goethe

Heute bitt ich wieder einmal um Verzeihung, liebe Bettine, wie ich es schon oft hatte tun sollen. Ich habe Dir wegen des Bildes vergebene Sorge gemacht, es ist in Weimar wirklich angekommen, und nur durch Zufall und Vernachlassigung kam die Nachricht nicht an mich heruber. Nun soll es mich bei meiner Ruckkehr in Deinem Namen freundlichst empfangen und mir ein guter Wintergeselle werden, auch so lang bei mir verweilen, bis Du zu mir kommst, es abzuholen. Lass mich bald wieder von Dir vernehmen. Der Herzog grusst Dich aufs beste, einiges muss ich ihm auch diesmal aus Deinem schonen Fruchtkranz von Neuigkeiten zukommen lassen. Er ist Dir mit besonderer Neigung zugetan, und besonders was die Schilderung von Kriegsszenen anbelangt, teilt er vollkommen Deine enthusiastische An- und Umsichten; erwartet aber auch nur ein tragisches Ende. August kommt Anfang Oktobers von Heidelberg zuruck, wo es ihm ganz wohlgegangen ist. Auch hat er eine Rheinreise bis Koblenz gemacht. Lebe meiner gedenk. Jena, den 15. September 1809

G.

26. September

Wie ein Sperling kam mir Dein Brief vom 11. September auf den Schreibtisch geflogen; zuletzt hast Du zwar ein kleines Dompfaffenstuckchen dran gehangt von besonderer Teilnahme, allein ich lasse mir nichts weismachen, das war nach der alten Drehorgel gepfiffen. Hattest Du mich lieb, unmoglich konntest Du von Deinem Sekretar einen Brief abschnurren lassen wie ein Paternoster, er ist ein Philister, dass er so was schreibt und Dich selbst dazu macht, ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie Du es mit ihm anstellst; sprichst Du ihm denn den Inhalt Deines Briefs vor, oder gibst Du ihm Deine Gedanken so im Rummel, dass er sie nachher reihenweis nebeneinander aufschichte? Verliebt bist Du, und zwar in die Heldin Deines und so kalt gegen mich, Gott weiss, welches Muster Dir hier zum Ideal diente; ach Du hast einen eignen Geschmack an Frauen, Werthers Lotte hat mich nie erbaut, war ich nur damals bei der Hand gewesen, Werther hatte sich nicht erschiessen durfen, und Lotte hatte sich geargert, dass ich ihn so schon trosten konnte.

So geht mir's auch im Wilhelm Meister, da sind

mir alle Frauen zuwider, ich mochte sie alle zum Tempel hinausjagen, und darauf hatte ich auch gebaut, Du wurdest mich gleich liebgewinnen, wenn Du mich kennenlerntest, weil ich besser bin und liebenswurdiger wie die ganze weibliche Komitee Deiner Romane, ja wahrhaftig, das ist nicht viel gesagt, fur Dich bin ich liebenswurdiger, wenn Du, der Dichter, das nicht herausfinden willst? fur keinen andern bin ich geboren; bin ich nicht die Biene, die hinausfliegt, aus jeder Blume Dir den Nektar heimbringt? und ein Kuss! meinst Du, der sei gereift wie die Kirsche am Ast? nein, ein Umschweben Deiner geistigen Natur, ein Streben zu Deinem Herzen, ein Sinnen uber Deine Schonheit stromt zusammen in Liebe; und so ist dieser Kuss ein tiefes unbegreifliches Einverstandnis mit Deiner unendlich verschiedensten Natur von mir. O versundige Dich nicht an mir und mache Dir kein geschnitzeltes Bild, dasselbige anzubeten, wahrend die Moglichkeit Dir zuhanden liegt, ein wunderbares Band der Geisterwelt zwischen uns zu weben.

Wenn ich mein Netz aufzog, so willkurlich gewebt, so kuhn ausgeworfen, im Gebiet des Unbekannten, ich brachte Dir den Fang, und was ich Dir auch bot, es war der Spiegel des menschlich Guten. Die Natur hat auch einen Geist, und in jeder Menschenbrust empfindet dieser Geist die hoheren Ereignisse des Glucks und des Unglucks, wie sollte der Mensch um sein selbst willen selig sein konnen, da Seligkeit sich in allem empfindet und keine Grenze kennt? So empfindet sich Natur selig im Geist des Menschen, das ist meine Liebe zu Dir, und so erkennt der Menschengeist diese Seligkeit, das ist Deine Liebe zu mir: geheimnisvolle Frage und unentbehrliche Antwort.

Genug! lasse mich nicht vergebens bei Dir angeklopft haben, nimm mich auf und verhulle mich in Dein tieferes Bewusstsein.

Dein zweiter Brief ist auch hier, der mir das gluckliche Einfangen des vagabundierenden Kunstwerkes meldet, moge es Dir bei Deiner Heimkehr einleuchten; es ist ein Gesicht, zwar nur ein gemaltes, aber unter tausend lebendigen wird Dir kein so durchdringender Blick begegnen, der hat sich angesehen, hat sich sein tiefstes Herz abgefragt und auf die Leinwand gemalt, dass es Rechenschaft gebe von ihm den nachkommenden Geschlechtern als der Wurdige unter den Besten.

Vom Welttheater auf den Felsspitzen ist nur zu melden, dass sie gut balancieren. Am 3. September, am Geburtstag Deines gnadigsten Herrn und Freundes, hat ganz Tirol mit allen Glocken gelautet und Te Deum gesungen; es ist grade Platz genug dort, dass von allen Seiten Heldentaten dargestellt werden, die so kuhn sind, so himmelanstrebend wie die Felszakken, von denen sie ausgehen, und bald so tief vergessen sein werden wie die tiefen Klufte, in denen sie ihre Feinde begraben, entschieden Genaues erfahrt man nicht; das Grossartige wird so viel wie moglich verketzert und verheimlicht; in diesen letzten Wochen hat sich Steger hervorgetan, auch ein allseitiges Genie, der sich selber als ein Geschenk Gottes betrachten kann fur seine Landsleute. Von Deinem Musensohn, dem Kronprinzen, sind Briefe hier, uber Begebenheiten melden sie nichts, er ist gesund und dichtet, auch mitten in dem Tumult des Schicksals, das beweist, dass er sich in diesem Element nicht fremd fuhlt; weiter weiss ich nichts, das Gedicht bekam ich nicht zu lesen, ich hatte es Dir sehr gern als Probe gesendet, man furchtet, es mochte mich zu tief ergreifen, sonderbar! Ich konnte mein ganzes Herz tatowieren, Namenszeichen und Andenken einbrennen lassen, und doch blieb es so gesund und frisch dabei als ein gesunder Handwerksbursch, so geht's, wenn man Freunde hat, die sich um einen kummern, sie beurteilen einem verkehrt und misshandeln einen danach, das nennen sie Anteil nehmen, und dafur soll man sich noch bedanken: ich habe mir nun ein apartes Plasier gemacht und ein schones Miniaturbild des jungen Konigsohns an mich gebracht, das betracht ich zuweilen und bete ihm im Geist vor, wie es mit ihm werden soll; aber, aber! es ist dafur gesorgt, dass die Baume nicht im Himmel wachsen, sag ich mit Dir; es hat gute Wege mit Weltherrschern, dass die ihre Macht nicht gewahr werden und ihrer Fahigkeiten nicht Meister.

Rundum in der Gegend ist der Typhus ausgebrochen, durchmarschierende Truppen haben ihn mitgebracht, ganze Familien sterben auf dem Lande einer einzigen Nachteinquartierung nach; es raffte schon die meisten Lazarettarzte weg, gestern hab ich einen jungen Mediziner, der sich freundlich an mich attaschiert hatte, verabschiedet, er heisst Janson, er ging nach Augsburg ins Lazarett, um dort einen alten Lehrer, der Frau und Kinder hat, abzulosen, dazu gehort auch grossartiger Mut. Auch in Landshut, wo Savignys sind, fahrt der Tod seinen Karren triumphierend durch alle Strassen, und besonders hat er mehrere junge Leute, ausgezeichnet an Herz und Geist, die sich der Krankenpflege annahmen, weggerafft, es waren treue Hausfreunde von Savigny; ich werde nachstens hingehen, um bose und gute Zeit mit auszuhalten. Denn ich sag allen politischen Ereignissen Valet, was hilft alles Forschen, wenn man betrogen wird und alle aufgeregten Gefuhle nutzlos sich verzehren mussen. Adieu, ich bin Dir nicht grun, dass Du Deinen Sekretar an mich hast schreiben lassen. Es braucht nur wenig zu sein zwischen uns, aber nichts Gleichgultiges, das totet das fluchtige Salz des Geistes und macht die Liebe scheu. Schreibe bald und mache wieder gut.

Bettine

An Bettine

Deinen Vorwurfen, liebste Bettine, ist nicht auszuweichen, da bleibt nichts ubrig als die Schuld zu bekennen und Besserung zu versprechen, um so mehr, da Du mit den geringen Beweisen von Liebe, die ich Dir geben kann, zufrieden bist; auch bin ich nicht imstande, Dir das von mir zu schreiben, was Dir am interessantesten sein mochte, dagegen Deine lieben Briefe so viel Erfreuliches gewahren, dass sie billig allem andern vorgehen; sie bescheren mir eine Reihe von Festtagen, deren Wiederkehr mich immer aufs neue erfreut.

Gern geb ich Dir zu, dass Du ein weit liebenswurdigeres Kind bist wie alle, die man Dir als Geschwister an die Seite zu stellen versucht wird; eben darum erwart ich von Dir, dass Du ihnen zugute halten werdest, was Du vor ihnen voraus hast. Verbinde nun mit solchen schonen Eigenschaften

auch die, immer zu wissen, wie Du mit mir dran bist; schreibe mir, was Dir deucht, es wird jederzeit aufs herzlichste aufgenommen, Dein offenherziges Plaudern ist mir eine echte Unterhaltung, und Deine vertraulichen Hingebungen uberwiegen mir alles. Lebe wohl, bleibe mir nah und fahre fort, mir wohl zu tun.

Jena, 7. Oktober

Goethe

Landshut, am 24. Oktober

Das Reich Gottes steht in der Kraft zu jeder Zeit und an allen Orten, dies habe ich heute bemerkt bei einer hohlen Eiche, die da stand in der Schar wilder hoher Waldpflanzen machtig gross, und ihre Jahrhunderte zahlte, ganz abgewendet vom Sonnenschein. Wolfsstein ist bei drei Stunden von hier, man muss uber manchen Stiegelhupfer, kommt allmahlich aufwarts zwischen Tannen und Fichten, die ihre breiten Aste im Sand schleifen. Dort stand vor vielen hundert Jahren ein Jagdschloss von Ludwig dem Schonen, Herzog in Bayern, dessen sonderliche Lust war, in Nebel und Abenddammerung herumzuschweifen, da war er einstmals abwarts gegangen und hatte ihn die Dunkelheit heimlich noch an eine Muhle gefuhrt, das Wasser horte er brausen und das Muhlenrad gehen, sonst war alles still, er rief, ob ihn niemand hore, die Mullerin, die gar schon war, wachte auf, zundete ein Kienholz an und kam vor die Tur gegangen, da war der Herzog gleich verliebt, da er sie beim Schein der Flamme sehen konnte, und ging mit ihr ein, blieb auch bis am fruhen Morgen. Er suchte sich aber einen heimlichen Weg, wie er wieder zu ihr kommen moge. Er vergass burg, die er verlor, darum, dass er auf nichts achtete als nur auf die Liebe; eine Ulmenallee, die zur Muhle fuhrt vom Schloss aus, und die er selbst pflanzte, steht noch; "daran sieht man, dass die Baume wohl alt werden, aber die Liebe nicht", sagte einer von unserer Gesellschaft, da wir durch die Allee gingen. Und darum hat der Herzog nicht unrecht, dass er die Mark Brandenburg um die Liebe gab, denn diese ist immer noch da und ist dumm, aber in der Liebe geht man umher wie im Fruhling, denn sie ist ein Regen von sammetnen Blutenblattern, ein kuhles Hauchen am heissen Tag, und sie ist schon, bis sie am End ist. Gabst Du nun auch die Mark um die Liebe? es wurde mir nicht gefallen, wenn Du Brandenburg lieber hattest wie mich.

Am 23. Oktober

Der Mond scheint weit her uber die Berge, die Winterwolken ziehen herdenweis voruber. Ich habe schon eine Weile am Fenster gestanden und zugesehen, wie's oben jagt und treibt. Lieber Goethe, guter Goethe, ich bin allein, es hat mich wieder ganz aus den Angeln gehoben und zu Dir hinauf! wie ein neugeboren Kindchen, so muss ich diese Liebe pflegen zwischen uns; schone Schmetterlinge wiegen sich auf den Blumen, die ich um seine Wiege gepflanzt habe, goldspiele mit ihm, jede List versuch ich um seine Gunst. Du aber beherrschst es muhelos, durch das herrliche Ebenmass Deines Geistes; es bedarf bei Dir keiner zartlichen Ausbruche, keiner Beteuerungen. Wahrend ich sorge um jeden Augenblick der Gegenwart, geht eine Kraft von Dir aus des Segens, die da reicht uber alle Vernunft und uber alle Welt.

Am 22. Oktober

Ich fange gern hoch oben am Blatt an zu schreiben, und endige gern tief unten, ohne einen Platz zu lassen fur den Respekt; das malt mir immer vor, wie vertraut ich mit Dir sein darf; ich glaub wahrhaftig, ich hab's von meiner Mutter geerbt, denn alte Gewohnheit scheint's mir, und wie das Ufer den Schlag der Wellen gewohnt ist, so mein Herz den warmeren Schlag des Blutes bei Deinem Namen, bei allem, was mich daran erinnert, dass Du in dieser sichtbaren Welt lebst.

Deine Mutter erzahlte mir, dass, wie ich neugeboren war, so habest Du mich zuerst ans Licht getragen und gesagt, das Kind hat braune Augen, und da habe meine Mutter Sorge getragen, Du wurdest mich blenden, und nun geht ein grosser Glanz von Dir aus uber mich.

Am 21. Oktober

Es geht hier ein Tag nach dem andern hin und bringt nichts, das ist mir nicht recht; ich sehne mich wieder nach der Angst, die mich aus Munchen vertrieben hat, ich habe Durst nach den Marchen von Tirol, ich will lieber belogen sein als gar nichts horen; so halte ich doch mit ihnen aus und leide und bete fur sie.

Der Kirchturm hat hier was Wunderliches, sooft ein Domherr stirbt, wird ein Stein am Turm geweisst, da ist er nun von oben bis unten weiss geplackt.

Indessen geht man an schonen Tagen hier weit spazieren mit einer liebenswurdigen Gesellschaft, die sich an Savignys menschenfreundlicher Natur ebenso erquickt wie an seinem Geist. Salvotti, ein junger Italiener, den Savigny sehr auszeichnet, hat schone Augen, ich sehe ihn aber doch lieber vor mir hergehen als ins Gesicht; denn er tragt einen grunen Mantel, dem er einen vortrefflichen Faltenwurf gibt, Schonheit gibt jeder Bewegung Geist; er hat das Heimweh, und obschon er alle Tage seinen vaterlandischen Wein durch den bayerischen Flusssand filtriert, um sich zu gewohnen, so wird er taglich blasser, schlanker, interessanter, und bald wird er seine Heimat aufsuchen mussen, um ihr seine heimliche Liebe einzugestehen; so wunderliche Grillen hat Natur, zartlich, aber nicht uberall dieselbe, demselben.

Ringseis, der Arzt, der mir den Intermaxillarknochen sehr schon prapariert hat, um mir zu zeigen, wie Goethe recht hat, und viele freundliche Leute sind unsre Begleiter, man sucht die steilsten Berge und die beschwerlichsten Wege, man ubt sich aufs kommende Fruhjahr, wo man eine Reise in die Schweiz und Tirol vorhat; wer weiss, wie's dann dort aussehen wird, dann werden die armen Tiroler schon seufzen gelernt haben.

Heute Nacht hab ich von Dir getraumt, was konnte mir Schoneres widerfahren? Du warst ernsthaft und sehr geschaftig und sagtest: ich solle Dich nicht storen. Das machte mich traurig, da drucktest Du sehr freundlich meine Hand auf mein Herz und sagtest: "Sei nur ruhig, ich kenne Dich und weiss alles", da wachte ich auf; Dein Ring, den ich im Schlaf an mich gedruckt hatte, war auf meiner Brust abgebildet, ich passte ihn wieder in die Abbildung und druckte ihn noch fester an, weil ich Dich nicht an mich drucken konnte. Ist denn ein Traum nichts? Mir ist er alles; ich will gern die Geschafte des Tages aufgeben, wenn ich nachts mit Dir sein und sprechen kann. O sei's gern im Traum, mein Gluck, Du.

Am 19. Oktober

Auch hier hab ich der Musik ein Lustlager aufzubis acht Sangern errichtet, ein alter geistlicher Herr, Eixdorfer (behalte seinen Namen, ich werde Dir noch mehr von ihm erzahlen), ein tuchtiger Barenjager und noch kuhnerer Generalbassspieler, ist Kapellmeister. An Regentagen werden in meinem kleinen Zimmer die Psalmen von Marcello aufgefuhrt, ich will Dir gern die schonsten davon abschreiben lassen, wenn Du sie selbsten nicht hast, schreib nur ein Wort drum, denn die Musik ist einzig herrlich und nicht gar leicht zu haben. Auch die Duetten von Durante sind schon, das Gehor muss sich erst daran gewohnen, ehe es ihre harmonische Disharmonie bandigen mag, eine Schar gebrochner Seufzer und Liebesklagen, die in die Luft wie ein irrendes Verhallen abbricht; drum sind sie aber auch so gewaltig, wenn sie recht gesungen werden, dass man sich immer wieder neu in diesen Schmerzen verschmachten liesse. Man hatte indessen ein barbarisches Urteil uber diese und Marcello gefallt, ich wurde bizarr genannt, dass ich taglich zweimal, morgens und abends, nur diese Musik singen liess. Nach und nach, wie jeder Sanger seinen Posten verstehen lernte, gewann er auch mehr Interesse. Auf Apolls hohen Kothurnen schreiten, mit Jupiters Blitzen um sich schleudern, mit Mars Schlachten liefern, Sklavenketten zerbrechen, den Jubel der Freiheit ausstromen, bacchantische Lust ausrasen, mit dem Schild der Minerva die ansturmenden Chore zusammendrangen, ihre Evolutionen ordnend schutzen, das sind so einzelne Teile dieser Musik, an denen ein jeder die Kraft seiner Begeisterung kann wirksam machen. Da ist denn auch kein Widerstand; Musik macht die Seele zu einem gefuhligen Leib, jeder Ton beruhrt sie; Musik wirkt sinnlich auf die Seele, wer nicht so erregt ist im Spiel wie in der Komposition, der bringt nichts Gescheites hervor; die scheinheiligen, moralischen Tendenzen seh ich so alle zum Teufel gehen mit ihrem erlogenen Plunder, denn nur die Sinne erzeugen in der Kunst wie in der Natur, und Du weisst das am besten.

Am 18. Oktober

Von Klotzens Farbenmartyrtum hab ich Dir noch Rechenschaft zu geben; es ist nichts mit ihm anzufangen, ich habe zum Teil mit Langerweile, aber doch auch mit Teilnahme mein Ohr seinem funfundzwanzigjahrigen Manuskript geliehen, mich muhsam durchgearbeitet und mit Verwunderung entdeckt, dass er sich selbst in hochst prosaischem Wahnsinn hinten angehangt hat; nichts hab ich besser verstanden als dies eine: Ich bin Ich, und beim Lichte besehen, hat er sich durch haufiges Hineinsinnen endlich selbst in drei grobe, schmutzige Stoffarben verwandelt. Nachdem ich eine wahre Marter bei ihm ausgestanden hatte, benach endlich beendigten Kollegien nicht mehr uber mich gewinnen, ihn zu besuchen, und kam mir eine seltsame Furcht, wenn ich ihn auf der Strasse witterte. Bei Sonn- und Mondenschein sturzt er auf mich los, ich suche zu entweichen, ach, vergebens, die Angst lahmt meine Glieder, und ich falle in seine Hande. Nun fing er an, sein System von Grund aus in meine Seele einzukeilen, damit ich den Unterschied von Goethes Ansicht ja recht auffasse; auch lud er mich ein, um mir seine Lichttheorie auf franzosisch vorzulesen, er ubersetzte das Ganze, um es der Pariser Akademie zu ubergeben; da nun ein Damon in mir dem allen entgegenarbeitet, was sich als Wirklichkeit behauptet, keine Form veredelt, alles Poetische leugnet oder hochst gleichgultig uberbaut oder zertrummert, so hab ich ihm durch meine grossen Lugen, Parodien und Vergleichsammlungen wiederum das Leben, das ganz erstarren wollte, auf etliche Zeit gefristet.

Ich meinte, da ich durch sein Prisma sah in den schwarzen Streif und alles sah, was er wollte, dass der Glaube die Geburt und sichtliche Erscheinung des Geistes sei und eine Befestigung seines Daseins; denn ohne ihn schwebt alles und gewinnt keine Gestalt und verfliegt in tausend Auswegen, so auch, wenn ich zweifle und nicht glaube, so verfliegt mir auch Dein schones Andenken, und ich habe nichts.

Am 17. Oktober

Um etwas bitte ich, Du darfst mir's nicht abschlagen, man kann namlich wahrend der Lebzeit nicht genug sammlen der Dinge, die die Einsamkeit des Grabes versussen, als da sind: Schleifen, Haarlocken der Geliebten usw.; meine Liebe zu Dir ist zu gross, als dass ich Dir ein Haar krummen mochte, viel weniger eins abschneiden, denn Dein Haar gehort zu Dir, und Du bist ein Ganzes, das meine Liebe sich zugeeignet hat, und will auch nicht ein Haar an Dir missen. Gib mir Dein Buch lasse es schon einbinden in eine freundliche Farbe, in Rot etwa; denn das ist eine Farbe, in der wir uns oft begegneten, und dann schreibe mit eigner Hand vorne hinein: Bettine oder Schatz usw. dies Buch schenk ich Dir.

Am 16. Oktober

Zwei Briefe erhielt ich von Dir uber Durers Bildnis, Du musst mir aber auch Nachricht geben, ob es unbeschadigt angekommen, und ob es Dir gefallt? Sag mir, was Du Lobenswertes daran findest, damit ich's dem sehr armen Maler wiedersagen kann. Ich habe jetzt noch obendrein gehaufte Korrespondenzen mit jungen Aufschosslingen der Kunst, einem jungen Baumeister in Koln, ein Musiker von achtzehn Jahren, der bei Winter Komposition studiert, reich an schonen Melodien, wie ein silberner Schwan, der in hellblauer Luft mit ausgespannten Flugeln singt. Der Schwan hat einen verflixt bayerischen Namen, er heisst Lindpaintner, doch sagt Winter, er wird diesen Namen zu Ehren bringen. Ein junger Kupferstecher, der bei Hess in Munchen studiert. Beiliegendes radiertes Blattchen ist von ihm, es ist der erste Abdruck, noch verwischt und unzart, auch ist das Ganze etwas duster und nach dem Urteil anderer zu alt, indessen scheint mir's nicht ganz ohne Verdienst, er hat es ohne Zeichnung gleich nach der Natur aufs Kupfer gearbeitet; wenn Dir's gefallt, so schick ich ein reineres, besseres, mit mehr Sorgfalt gepackt, das kannst Du an Dein Bett an die Wand stecken. All diesen Menschen sprech ich nun in verschiedner Art Trost zu, und ist mir eine angenehme Wurde, als ihr kleines Orakel von ihnen beraten zu werden, ich lehre sie nun ihre funf Sinne verstehen; wie dass aller Dinge Wesen in ihnen fliegt und kriecht, wie Duft der Lufte, wie Kraft der Erde, wie Drang der Wasser und Farben des Feuers in ihnen leben und arbeiten, wie die wahre Asthetik im hellen Spiegel der Schopfung liege, wie Reif, Tau und Nebel, Regenbogen, Wind, Schnee, Hagel, Donner und die drohenden Kometen, die Nordscheine usw. einen ganz andern Geist herbeiziehen. Der Gott, der den Winden Flugel anbindet, der wird sie ihrem Geist auch anbinden.

Am 15. Oktober

Merkst Du denn nicht, dass mein Datum immer zuruck, statt vorwarts geht? Ich habe mir namlich eine List ausgesonnen; da die Zeit mich immer weiter tragt und nie zu Dir, so will ich zuruckgehen bis auf den Tag, wo ich bei Dir war, und dort will ich stehen bleiben und will von dem: In Zukunft und: Mit der Zeit und: Bald gar nichts mehr wissen, sondern dem allen den Rucken kehren, ich will der Zukunft ein Schloss vor die Tur legen und somit Dir auch den Weg versperren, dass Du nirgends als zu mir kannst.

Schreib mir uber die Musik, damit ich sie schicken kann, wenn Du sie nicht hast, ich schicke so gern etwas, dann bitte ich an die Frau meinen lieblichsten Gruss, des Sohns gedenke ich auch, Du aber schreib mir an einem hellen Tag; ich bilde mir immer ein, dass ich Dir unter vielem das Liebste sei. Als Deine Mutter noch lebte, da konnte ich mich mit ihr drum besprechen, die erklarte mir aus Deinen paar fluchtigen Zeilen alles; "ich kenne ja den Wolfgang", sagte sie, "das hat er mit schwebendem Herzen geschrieben, er halt Dich so sicher in seinen Armen wie sein bestes Eigentum". Da streichelte mich diese Hand, die Deine Kindheit gepflegt hatte, und sie zeigte mir zuweilen noch manches aus dem ehmaligen Hausrat, wo

Bettine

Morgen geh ich wieder nach Munchen, da werde ich den liebenswurdigen Prasidenten wiedersehen. In der diesjahrigen offentlichen Sitzung der Akademie ist eine sehr schone Abhandlung uber die ehmalige Geschichte des Salzwesens zu Reichenhall gelesen worden. Sie hatte das eigne Schicksal, jedermann zu ennuyren, wenn mein Brief dies Schicksal mit ihr teilt, so lese ihn immer um des Zwangs, den ich mir angetan, auch von was anderm als meiner ewigen Liebe zu sprechen.

Goethe an Bettine

Weimar, den 3. November 1809

Wie konnte ich mich mit Dir, liebe Bettine, wollen in Wettstreit einlassen, Du ubertriffst die Freunde mit Wort und Tat, mit Gefalligkeiten und Gaben, mit Liebe und Unterhaltung; das muss man sich denn also gefallen lassen und Dir dagegen so viel Liebe zusenden als moglich, und wenn es auch im Stillen ware.

Deine Briefe sind mir sehr erfreulich, konntest Du ein heimlicher Beobachter sein, wahrend ich sie studiere, Du wurdest keineswegs zweifeln an der Macht, die sie uber mich uben; sie erinnern mich an die Zeit, wo ich vielleicht so narrisch war wie Du, aber gewiss glucklicher und besser als jetzt.

Dein hinzugefugtes Bild ward gleich von Deinen Freunden erkannt und gebuhrend begrusst. Es ist sehr naturlich und kunstreich, dabei ernst und lieblich. Sage dem Kunstler etwas Freundliches daruber und zugleich: er moge ja fortfahren, sich im Radieren nach der Natur zu uben, das Unmittelbare fuhlt sich gleich, dass er seine Kunstmaximen dabei immer im Auge habe, versteht sich von selbst. Ein solches Talent musste sogar lukrativ werden, es sei nun, dass der Kunstler in einer grossen Stadt wohnte oder darauf anlasse ihn doch, noch jemand vorzunehmen, den ich kenne, und schreibe seinen Namen, vielleicht gelingt ihm nicht alles wie das interessante Bettinchen, furwahr, sie sitzt so treulich und herzlich da, dass man dem etwas korpulenten Buche, das ubrigens im Bilde recht gut komponiert, seine Stelle beneiden muss. Das zerknillte Blattchen habe ich sogleich aufgezogen, mit einem braunen Rahmen umstrichen, und so steht es vor mir, indem ich dies schreibe, sende ja bald bessere Abdrucke.

Albrecht Durer ware ganz glucklich angekommen, wenn man nicht die unselige Vorsicht gehabt hatte, feines Papier obenauf zu packen, das denn im Kleide an einigen Stellen gerieben hat, die jetzt restauriert werden. Die Kopie verdient alle Achtung, sie ist mit grossem Fleiss und mit einer ernsten, redlichen Absicht verfertigt, das Original moglichst wiederzugeben. Sage dem Kunstler meinen Dank, Dir sag ich ihn taglich, wenn ich das Bild erblicke; ich mochte von diesem Pinsel wohl einmal ein Portrat nach der Natur sehen.

Da ich das Wort Natur abermals niederschreibe, so fuhle ich mich gedrungen Dir zu sagen: dass Du doch Dein Naturevangelium, das Du den Kunstlern predigst, in etwas bedingen mochtest; denn wer liesse sich nicht von so einer holden Pythonisse gern in jeden Irrtum fuhren. Schreibe mir, ob Dir der Geist sagt, was ich meine. Ich bin am Ende des Blatts und nehme dies zum Vorwand, dass ich verschweige, was ich zu sagen keinen Vorwand habe. Ich bitte Dich nur noch durch Ubersendung Durantischer und Marcellischer Kompositionen abermals lieblich in meinem Hause zu spuken.

In diesen Tagen liess sich eine Freundin melden, ich wollt ihr zuvorkommen und glaubte wirklich Dir entgegenzugehen, da ich die zweite Treppe im Elefanten erstieg, aber es entwickelte sich ein ganz ander Gesicht aus der Reisekapuze, doch ist mir's seitdem angetan, dass ich mich oft nach der Tur wende, in der Meinung, Du kommst, meinen Irrtum zu berichtigen; durch eine baldige ersehnte Uberraschung wurde ich mich auch noch der in meiner Familie altherkommlichen prophetischen Gabe versichert halten, und man wurde sich mit Zuversicht auf ein so erfreuliches Ereignis vorbereiten, wenn der bose Damon nicht grade eingeubt war, zuvorderst dem Herzen seine tuckischsten Streiche zu spielen; und wie die zartesten Bluten oft noch mit Schnee gedeckt werden, so auch die lieblichste Neigung in Kalte zu verwandeln, auf so was muss man denn immer gefasst sein, und es ist mir zum warnenden Merkzeichen, dass ich dem launigen April, obschon im Scheiden begriffen, Deine erste Erscheinung verdanke.

Goethe

An Goethe

Munchen, den 9. November

Ach, es ist so schauerlich mit sich allein sein, in mancher Stunde! Ach, so mancher Gedanke bedarf des Trostes, den man doch niemand sagen kann, so manche Stimmung, die geradezu ins Ungeheure, Gestaltlose hinzieht, will verwunden sein. Hinaus ins Kalte, Freie, auf die hochsten Schneealpen mitten in der Nacht, wo der Sturmwind einem anbliese, wo man dem einzigen einengenden Gefuhl der Furcht hart und keck entgegentrate, da konnte einem wohl werden, bilde ich mir ein.

Wenn Dein Genius eine Sturmwolke an dem hohen, blauen Himmel hintragt und sie endlich von den breiten, machtigen Schwingen niederschmettern lasst in die volle Blute der Rosenzeit, das erregt nicht allgemeines Mitleid; mancher geniesst den Zauber der Verwirrung, mancher lost sein eignes Begehren drin auf, ein dritter (mit diesem ich) senkt sich neben die Rose hin, so wie sie vom Sturm gebrochen ist, und erblasst mit ihr und stirbt mit ihr, und wenn er dann wieder auflebt, so ist er neu geboren in schonerer Jugend durch Deinen Genius, Goethe. Dies sag ich Dir von dem Eindruck jenes Buchs: die Wahlver

Eine helle Mondnacht hab ich durchwacht, um Dein Buch zu lesen, das mir erst vor wenig Tagen in die Hande kam. Du kannst Dir denken, dass in dieser Nacht eine ganze Welt sich durch meine Seele drangte. Ich fuhle, dass man nur bei Dir Balsam fur die Wunde holen kann, die Du schlagst;

denn als am andern Morgen Dein Brief kam mit allen Zeichen Deiner Gute, da wusste ich ja, dass Du lebst, und auch fur mich; ich fuhlte, dass mir der Sinn mehr gelautert war, mich Deiner Liebe zu wurdigen. Dies Buch ist ein sturmerregtes Meer, da die Wellen drohend an mein Herz schlagen, mich zu zermalmen. Dein Brief ist das liebliche Ufer, wo ich lande und alle Gefahr mit Ruhe, ja sogar mit Wohlbehagen ubersehe.

Du bist in sie verliebt, Goethe, es hat mir schon lange geahnt, jene Venus ist dem brausenden Meer Deiner Leidenschaft entstiegen, und nachdem sie eine Saat von Tranenperlen ausgesaet, da verschwindet sie wieder in uberirdischem Glanz. Du bist gewaltig, Du willst, die ganze Welt soll mit Dir trauern, und sie gehorcht weinend Deinem Wink. Aber ich, Goethe, hab auch ein Gelubde getan; Du scheinst mich freizugeben in Deinem Verdruss, "lauf hin", sagst Du zu mir, "und such dir Blumen", und dann verschliesst Du Dich in die innerste Wehmut Deiner Empfindung, ja, das will ich, Goethe! Das ist mein Gelubde, ich will Blumen suchen, heitere Gewinde sollen Deine Pforte schmucken und wenn Dein Fuss strauchelt, so sind es Kranze, die ich Dir auf die Schwelle gelegt, und wenn Du traumst, so ist es der Balsam magischer Bluten, der Dich betaubt; Blumen einer fernen fremden Welt, wo ich nicht fremd bin, wie hier in dem Buch, wo ein gieriger Tiger das feine Gebild geistiger Liebe verschlingt; ich verstehe es nicht, dieses grausame Ratsel, ich begreife nicht, warum sie alle sich unglucklich machen, warum sie alle einem tuckischen Damon mit stacheligem Zepter dienen; und Charlotte, die ihm taglich, ja stundlich Weihrauch streut, die mit mathematischer Konsequenz das Ungluck fur alle vorbereitet. Ist die Liebe nicht frei? Sind jene beiden nicht verwandt? Warum will sie es ihnen wehren, dies unschuldige Leben mitund nebeneinander? Zwillinge sind sie; ineinander verschrankt reifen sie der Geburt ins Licht entgegen, und sie will diese Keime trennen, weil sie nicht glauben kann an eine Unschuld; das ungeheure Vorurteil der Sunde impft sie der Unschuld ein. O, welche unselige Vorsicht.

Weisst Du was? Keiner ist vertraut mit der idealischen Liebe, jeder glaubt an die gemeine, und so pflegt, so gonnt man kein Gluck, das aus jener hoheren entspringt oder durch sie zum Ziel gefuhrt konnte werden. Was ich je zu gewinnen denke! es sei durch diese idealische Liebe; sie sprengt alle Riegel in neue Welten der Kunst, der Weissagung und der Poesie; ja, naturlich, so wie sie in einem erhabneren Sinn nur sich befriedigt fuhlt, so kann sie auch nur in einem erhabneren Element leben.

Hier fallt mir Deine Mignon ein, wie sie mit verbundnen Augen zwischen Eiern tanzt. Meine Liebe ist geschickt, verlasse Dich ganz auf ihren Instinkt, sie wird auch blind dahintanzen und wird keinen Fehltritt tun.

Du nimmst teil an meinen Zoglingen der Kunst, das macht mir und ihnen viel Freude. Der junge Mensch, welcher mein Bildchen radiert hat, ist aus einer Familie, deren jedes einzelne Mitglied mit grosser Aufmerksamkeit an Deinem Beginnen hangt; ich horte den beiden alteren Brudern oft zu, wie sie Plane machten, Dich nur einmal von weitem zu sehen; der eine hatte Dich aus dem Schauspiel gehen sehen, in einen grossen grauen Mantel gehullt, er erzahlte es mir immer wieder. Wie mir das ein doppelter Genuss war! Denn ich war ja selbst an jenem Regentag mit Dir im Schauspiel gewesen, und dieser Mantel schutzte mich vor den Augen der Menge, wie ich in Deiner Loge war, und Du nanntest mich Mauschen, weil ich so heimlich verborgen aus seinen weiten Falten hervorlauschte;

ich sass im Dunkel, Du aber im Licht der Kerzen, Du musstest meine Liebe ahnen, ich konnte Deine susse Freundlichkeit, die in allen Zugen, in jeder Bewegung verschmolzen war, deutlich erkennen; ja, ich bin reich, der goldne Pactolus fliesst durch meine Adern und setzt seine Schatze in meinem Herzen ab. Nun sieh! Solch susser Genuss von Ewigkeit zu Ewigkeit, warum ist der den Liebenden in Deinem Roman nicht erlaubt? Oder warum genugt er ihnen nicht? Ja, es kann sein, dass ein ander Geschick noch zwischen uns tritt, ja, es muss sein; da doch alle Menschen handeln wollen, so werden sie einen solchen Spielraum nicht unbenutzt lassen; lass sie gewahren, lass sie saen und ernten, das ist es nicht; die Schauer der Liebe, die tief empfundnen, werden einst wieder auftauchen; die Seele liebt ja; was ist es denn, was im keimenden Samen befruchtet wird? Die tief verschlossne noch ungeborne Blute, diese, ihre Zukunft, wird erzeugt durch solche Schauer; die Seele aber ist die verschlossne Blute des Leibes, und wenn sie aus ihm hervorbricht, dann werden jene Liebesschauer in erhohtem Gefuhl mit hervorbrechen, ja, diese Liebe wird nichts anderes sein als der Atem jenes zukunftigen himmlischen Lebens, drum klopft uns auch das Herz, und der Atem regiert das unbegreifliche Wonnegefuhl; bald schopft er mit tiefem Seufzer aus dem Abgrund der Seligkeit, bald kann er mit Windesschnelle kaum alles erfassen, was ihn gewaltig durchstromt. Ja, so ist es, lieber Goethe, ich empfinde jede Minute, in der ich Deiner gedenke, dass sie die Grenze des irdischen Lebens uberschreitet, und die tiefen Seufzer wechseln unversehen mit den raschen Pulsen der Begeisterung; ja, so ist es, diese Schauer der Liebe sind der Atem eines hoheren Lebens, dem wir einst angehoren werden, und das uns in diesen irdischen Beseligungen nur sanft anblast.

Nun will ich wieder zu meinem jungen Kunstler zuruckkehren, der einer der liebenswurdigsten Familien angehort, deren alle sehr hoch begabten Mitglieder so jung schon jetzt weit uber ihre Zeit hinausragen. Ludwig Grimm, der Zeichner, machte schon vor zwei Jahren, da er noch gar wenig Ubung hatte, aber viel stillen vergrabenen Sinn, ein Bildchen von mir; fur mich hat es Bedeutung, es hat Wahrheit, aber kein Geschick furs Aussere, wenig Menschen finden es daher ahnlich; auch hat mich noch niemand uber der Bibel eingeschlafen gesehen, im roten Kleide in der kleinen gotischen Kapelle, mit den Grabsteinen und Inschriften rund umher, ich eingeschlafen uber der Weisheit Salomonis. Lasse es einrahmen als Lichtschirm und denke dabei, dass, wahrend er Dein Abendlicht in stille Dammerung verwandelt, ich traumend einer Hellung nachspahe, die den feurigliebendsten der Konige erleuchtet.

Des jungen Kunstlers Charakter ist ubrigens so, dass das ubrige Gute, was Du fur ihn sagst, nicht anwendbar ist; er ist furchtsam, ich habe ihn mit List erst nach und nach zahm gemacht, ich gewann ihn dadurch, dass ich mit Lust ebenso Kind war wie er; wir hatten eine Katze, mit der wir um die Wette spielten, in einer unbewohnten Kuche kochte ich selbst das Nachtessen; wahrend alles beim Feuer stand, sass ich daneben auf einem Schemel und las; wie es der Zufall wollte war ich gekleidet, gelagert, drapiert. Mit grossem Enthusiasmus fur den gunstigen Zufall machte er Skizzen nach der Natur und litt nicht, dass ich auch nur eine Falte anderte, so brachten wir eine interessante kleine Sammlung zusammen, wie ich gehe und stehe und liege; in die umliegende Gegend ist er gereist, wo schone anziehende Gesichter sind, er brachte allemal einen Schatz von radierten Blattchen mit, mit schoner Treue, fur das Gemutliche, nachgeahmt; das einfache Evangelium, was ich ihm predige, ist nichts anders, als was dem Veilchen der laue Westwind zuflustert. Dadurch wird's nicht in Irrtumer gefuhrt werden. Beiliegende radierte Blattchen nach der Natur werden Dich erfreuen.

Der Musiker ist mein Liebling, und bei diesem konnte ich schon eher in meinen Kunstpredigten uber die Schnur gehauen haben; denn da hole ich weiter aus, und hier schenke ich Dir nichts; es geht nachstens wieder uber Dich her, Du musst das uberstromende unbegriffne Ahnungsgefuhl wunderbarer Krafte und ihrer mystischen Wirkungen in Dich aufnehmen, nachstens werde ich tiefer Atem holen und alles vor Dir aussprechen. Sehr sonderbar ist es, auch einen Architekten lernte ich fruher schon kennen, der in Deinen Wahlverwandtschaften unverkennbar erscheint; er verdient es durch fruhere enthusiastische Liebe zu Dir. Er machte damals einen Plan zu einem sehr wunderbaren Haus fur Dich, das auf einem Felsen stand und mit vielen erznen Figuren, Springbrunnen und Saulen geziert war.

Wieviel hatte ich Dir noch zu sagen auf ein herrlich Wort aus Deinem Brief, es wird sich aber von selbst beantworten, oder ich bin nicht wert, dass Du so viel Herablassung an mich vergeudest. Oft mocht ich Dich ansehen, um Dir Gluck in die Augen zu tragen und wieder auch Gluck daraus zu saugen, darum hore ich auch jetzt auf zu schreiben.

Bettine

An Goethe

Die Welt wird mir manchmal zu eng. Was mich druckt? Es ist der Waffenstillstand, der Friede mit allen schauerlichen Folgen, mit aller verruchten Verraterei der Politik. Die Ganse, die mit ihrem Geschrei das Kapitol einst retteten, lassen sich ihr Recht nicht streitig machen, sie allein fuhren das Wort.

Aber Du, freundlicher Goethe! Sonnenschein! Der auch mitten im Winter auf den beschneiten Hohen liegt und in mein Zimmer guckt. Ich hab mir des Nachbars Dach, das morgens von der Sonne beschienen ist, als ein Zeichen von Dir gesetzt.

Ohne Dich war ich vielleicht so traurig geworden als ein Blindgeborner, der von den Himmelslichtern keinen Begriff hat. Du klarer Brunnen, in dem der Mond sich spiegelt, da man die Sterne mit hohler Hand zum Trinken schopft; Du Dichter, Freier der Natur, der, ihr Bild in der Brust, uns arme Sklavenkinder es anbeten lehrt.

Dass ich Dir schreibe, ist so sonderbar, als wenn eine Lippe zur andern sprache. Hore, ich habe Dir was zu sagen, ja ich hole zu weit aus, da sich doch alles von selbst versteht, und was sollte die andere Lippe darauf antworten? Im Bewusstsein meiner Liebe, meiner innigsten Verwandtschaft zu Dir schweigst Du. Ach, wie konnte doch Ottilie fruher sterben wollen? O, ich frage Dich: ist es nicht auch Busse, Gluck zu tragen, Gluck zu geniessen? O Goethe, konntest Du keinen erschaffen, der sie gerettet hatte? Du bist herrlich, aber grausam, dass Du dies Leben sich selbst vernichten lasst; nachdem nun einmal das Ungluck hereingebrochen war, da musstest Du decken, wie die Erde deckt, und wie sie neu uber den Grabern erbluht, so mussten hohere Gefuhle und Gesinnungen aus dem Erlebten erbluhen, und nicht durfte der unreife junglinghafte Mann so entwurzelt weggeschleudert werden, und was hilft mich aller Geist und alles Gefuhl in Ottiliens Tagebuch? Nicht kindlich ist's, dass sie den Geliebten verlasst und nicht von ihm die Entfaltung ihres Geschicks erwartet, nicht weiblich ist's, dass sie nicht bloss sein Geschick beratet; und nicht mutterlich, da sie ahnen muss die jungen Keime alle, deren Wurzeln mit den ihrigen verwebt sind, dass sie ihrer nicht achtet und alles mit sich zugrunde richtet.

Es gibt eine Grenze zwischen einem Reich, was aus der Notwendigkeit entsteht, und jenem hoheren, was der freie Geist anbaut; in die Notwendigkeit sind wir geboren, wir finden uns zuerst in ihr, aber zu jenem freien werden wir erhoben. Wie die Flugel den Vogel in die Lufte tragen, der unbefiedert vorher ins Nest gebannt war, so tragt jener Geist unser Gluck stolz und unabhangig in die Freiheit; hart an diese Grenze fuhrst Du Deine Lieben, kein Wunder! Wir alle, die wir denken und lieben, harren an dieser Grenze unserer Erlosung; ja die ganze Welt kommt mir vor wie am Strand versammelt und einer Uberfahrt harrend durch alle Vorurteile, bose Begierden und Laster hindurch zum Land, da einer himmlischen Freiheit gepflegt werde. Wir tun unrecht zu glauben, dazu musse der Leib abgelegt werden, um in den Himmel zu kommen. Wahrhaftig! Wie die ganze Natur von Ewigkeit zu Ewigkeit sich vorbereitet, ebenso bereitet sich der Himmel vor, in sich selbsten, in der Erkenntnis eines keimenden geistigen Lebens, dem man alle seine Krafte widmet, bis es sich von selbst in die Freiheit gebare, dies ist unsere Aufgabe, unsere geistige Organisation, es kommt drauf an, dass sie sich belebe, dass der Geist Natur werde, damit dann wieder ein Geist, ein weissagender sich aus dieser entfalte. Der Dichter (Du Goethe) muss zuerst dies neue Leben entfalten, er hebt die Schwingen und schwebt uber den Sehnenden und lockt sie und zeigt ihnen, wie man uber dem Boden der Vorurteile sich erhalten konne; aber ach! Deine Muse ist eine Sappho, statt dem Genius zu folgen, hat sie sich hinabgesturzt.

Am 29. November

Gestern hab ich so weit geschrieben, da hab ich mich ins Bett gelegt aus lauter Furcht, und wie ich alle Abend tue, dass ich im Denken an Dich zu Deinen Fussen einschlafe, so wollte es mir gestern nicht gelingen; ich musste mich schamen, dass ich so hoffartig geschwatzt habe, und alles ist vielleicht doch nicht, wie ich's meine. Am End ist es die Eifersucht, die mich so aufbringt, dass ich einen Weg suche, wie ich Dich wieder an mich reisse und ihrer vergessen mache; nun! Prufe mich, und wie es auch sei, so vergesse nur meiner Liebe nicht und verzeihe mir auch, dass ich Dir mein Tagebuch zuschicke; am Rhein hab ich's geschrieben, ich habe darin das Leben meiner Kinderjahre vor Dir ausgebreitet und Dir gezeigt, wie unser beider Wahlverwandtschaft mich trieb, wie ein Bachlein eilend dahinzurauschen uber Klippen und Felsen zwischen Dornen und Moosen bis dahin, wo Du gewaltiger Strom mich verschlingst. Ja, ich wollte dies Buch behalten, bis ich endlich wieder bei Dir sein wurde, da wollte ich morgens in Deinen Augen sehen, was Du abends darin gelesen hattest; nun aber qualt mich's, dass Du mein Tagebuch an die Stelle von Ottilien ihrem legest, und die Lebende liebst, die bei Dir bleibt, mehr wie jene, die von Dir gegangen ist.

Verbrenne meine Briefe nicht, zerreisse sie nicht, es mochte Dir sonst selber weh tun, so fest, so wahrhaft lebendig hang ich mit Dir zusammen, aber zeige sie auch niemanden, halt's verborgen wie eine geheime Schonheit, meine Liebe steht Dir schon, Du bist schon, weil Du Dich geliebt fuhlst.

Am Morgen

Uber Nacht bluht oft ein Gluck empor wie die turkische Bohne, die, am Abend gepflanzt, bis zum Morgen hinaufwuchs und sich in die Mondsichel einrankte; aber beim ersten Sonnenstrahl verwelkt alles bis zur Wurzel, so hat sich heute nacht mein Traum bluhend zu Dir hinaufgerankt, und eben war's am schonsten, Du nanntest mich "Dein alles", da dammerte der Morgen, und der schone Traum war verwelkt wie die turkische Bohne, an der man nachts so bequem das Mondland erstieg.

Ach schreibe mir bald, ich bin unruhig uber alles, was ich gewagt habe in diesem Brief, ich schliesse ihn, um einen neuen anzufangen, ich konnte zwar zuruckhalten, was ich Dir uber die Wahlverwandtschaften sagte, aber war es recht, dem Freund zu verschweigen, was im Labyrinth der Brust wandelt in der Nacht?

Bettine

An Goethe

Am 13. Dezember 1809

Ach, ich will dem Gotzendienst abschworen! Von Dir spreche ich nicht; denn welcher Prophet sagt, dass Du kein Gott seist? Ich spreche von Grossem und Kleinem, was die Seele irrt. O wusstest Du, was Dir zum Heile dient jetzt in den Tagen Deiner Heimsuchung? Lukas XIX.

Ich hatte Dir vieles zu sagen, aber in meinem Herzen zuckt es, und schmerzliche Gedanken turmen sich ubereinander.

Der Friede bestatigt sich. Im Augenblick der glorreichsten Siege, wo die Energie dieses Volkes seinen Gipfel erreichte, mahnt Osterreich, die Waffen niederzulegen; was hat es fur ein Recht dazu? Hat es nicht lange schon tuckisch furchtsam seine Sache von der der Tiroler getrennt? Da stehen die gekronten Haupter um diesen Edelstein Tirol, sie schielen ihn an und sind alle von seinem reinen Feuer geblendet; aber sie werfen ein Leichentuch daruber hin: ihre abgefeimte Politik! Und nun entscheiden sie kaltblutig uber sein Los. Wollt ich sagen, welche tiefe Wunden mir die Geschichte dieses Jahres geschlagen, wer wurde mich bemitleiden? Ach und wer bin ich, dass ich meine Jeder hat das Recht, sich den hochsten Geschicken zu vermahlen, dem es so rast im Herzen wie mir, ach ich hab auch zu nichts mehr Lust und Vertrauen; der kalte Winterwind, der heute sturmt, mit dem bin ich nicht im Widerspruch, der belugt mich doch nicht. Vor sechs Wochen waren noch schone Tage, wir machten eine Reise ins Gebirg. Wie wir uns dem Kettenwerk der felsigen Alpen naherten, das hat machtig in mir gearbeitet, die Asche fiel vom Herzen, es stromte Fruhlingsglut in den matten Schein der Herbstsonne. Es war herrlich unter den Tannen und Fichten auf der Hochalme, sie neigten im Windesrauschen ihre Wipfel zueinander; war ich ein Katzchen, in ihrem Schatten hatte mich des Kaisers Majestat nicht geblendet. Hier lag ich am jahen Abhang und uberschaute das enge Tal, dem verkuppelt mit Bergen hieroglyphische Felswande entstiegen. Ich war allein auf steilster Hohe und ubersah unzahlige Schluchten, die gefuhlvollen Entzuckungsprediger waren zuruckgeblieben, es war fur sie zu steil. Waren wir beide doch dort beisammen im Sommer und stiegen Hand in Hand bedachtsam, langsam, einsam den gefahrsamen Pfad hinab, das waren so meine heiligen Gedanken da oben; warst Du dabei gewesen, wir hatten noch anderes bedacht. Ein Kranz kuhlt und steht schon zu erhitzten Wangen; was willst Du? Tannen stechen, Eichen wollen sich nicht geschmeidig biegen, Ulme, sind die Zweige zu hoch, Pappel schmuckt nicht, und der Baum, der Dein ist, der ist nicht hier. Das hab ich oft gesagt, der mein ist, der ist nicht hier, Du bist mein, Du bist aber nicht hier.

Es konnte sich auch fugen, dass nach Deiner prophetischen Vision in kurzer Zeit mein Weg mich mit Dir zusammen fuhrte, ich bedarf dieser Entschadigung fur die bose Zeit, die ich ohne Dich verlebte.

Eine ausgezeichnete Klasse von Menschen, worunter herrliche Leute waren, sind die Mediziner, da die Krankheiten so schrecklich durch den Krieg in Aufruhr kamen, wurden die meisten ein Opfer ihrer Tatigkeit, da merkt man denn erst, wieviel einer wert war, wenn er nicht mehr lebt. Der Tod treibt zur Unzeit die Knospen in die Blute.

Beiliegende Zeichnung ist das Portrat von Tiedemann, eines hiesigen Professors der Medizin, er interessiert sich so sehr fur die Fische, dass er ein schones Werk uber die Fischherzen schrieb, mit gar guten Kupfern versehen; da Du nun in Deinen Wahlverwandtschaften gezeigt, dass Du Herz und Nieren genau prufst, so werden Dir Fischherzen auch interessant sein, und vielleicht entdeckst Du, dass Deine Charlotte das Herz eines Weissfisches hat; mit nachstem, wo ich noch manches andre ubersende, werd ich's mitschicken. Die Zeichnung achte nicht gering, lernst Du den Mann einmal kennen, so wirst Du sehen, dass er seinem Spiegel Ehre macht.

Um wieder auf etwas Bitteres zu kommen, die Meline mit den schonen Augenwimpern, von der Du sagtest, sie gleiche einer Rose, die der Tau eben aus tiefem Schlaf geweckt, die heiratet einen Mann, von dem die allgemeine Sage geht, er sei ein ganz vortrefflicher Mensch. O wie ist das traurig, Sklave der Vortrefflichkeit sein, da bringt man es nicht weiter wie Charlotte es gebracht hat, man ketzert sich und andre mit der Tugend ab. Verzeih nur, dass ich immer wieder von Deinem Buch anfange, ich sollte lieber schweigen, da ich nicht Geist genug habe, es ganz zu fassen. Seltsam ist es, dass, wahrend die Wirklichkeit mich so gewaltig aufregt, schlagt mich die Dichtung so gewaltig nieder. Die schwarzen Augen, die gross sind und etwas weit offen, aber ganz erfullt voll Freundlichkeit, wenn sie mich ansehen, der Mund, von dessen Lippen Lieder fliessen, die ich schliessen kann mit einem Siegel, die dann viel schoner singen, susser und warmer plaudern als vorher, und die Brust, an die ich mich verbergen kann, wenn ich zu viel geschwatzt habe, die werd ich doch nie missverstehen, die werden mir nie fremd sein. Gute Nacht hieruber.

Beiliegende Kupfer sind von unserm Grimm, die beiden Bubenkopfchen machte er nur fluchtig auf einer Reise nach dem Staremberger See, die Zeichnung davon ist noch besser, sie ist samt der Gegend, die Buben, der braune auf einer Bank in der Sonne sitzend, der blonde auf die Brunnenmauer gelehnt, alles ganz lieblich nach der Natur. Das Madchen ist ein fruherer Versuch seiner Nadel, Dein Lob hat ihm grossen Eifer gegeben, sein Lehrer ist der Kupferstecher Hess, dem ich manchmal mit stillem Staunen bei seinen grossen ernsten Arbeiten zusehe.

Marcellos Psalmen werden hier in Landshut zu schlecht abgeschrieben, es ist alter Kirchenstil, ich muss Geduld haben, bis ich einen Abschreiber finde.

Lebe wohl, alles grusse herzlich von mir, was Dein ist.

Meine Adresse ist in Graf Joners Hause in Landshut.

Bettine

An Goethe

Ich habe meine Ture verriegelt, und um doch nicht so ganz allein zu sein mit meinem Missmut, sucht ich Deine "Eugenie"; sie hatte sich ganz in den hintersten Winkel des Bucherschranks versteckt, mir ahnte ein Trost, ein himmlischer Gedanke werde mich drin anwehen, ich habe sie eingesogen wie Blumenduft, unter druckenden Wolken bin ich gelassen unermudet vorwarts geschritten bis zum einsamen Ziel, wo keiner gern weilt, weil da die vier Winde zusammenstossen und den armen Menschen nicht jagen, aber fest in ihrer Mitte halten; ja, wen das Ungluck recht anbraust, den treibt's nicht hin und her, es versteinert ihn wie Niobe.

Da nun das Buch gelesen ist, verzieht sich der dichte Erdennebel, und nun muss ich mit Dir reden. Ich bin oft unglucklich und weiss nicht warum, heute meine ich nun, es komme daher, weil ich dem Boten Deinen Brief abzunehmen glaubte, und es war ein anderer, nun klopfte mir das Herz so gewaltig, und dann war's nichts. Als ich hereinkam, fragten alle, warum siehst Du so blass aus? Und ich reichte meinen Brief hin und fiel ganz matt auf einen Sessel, man glaubte wunder, was er enthalte, es war eine alte Rechnung von 4 Fl. von dem alten Maler Robert aus Kassel, bei dem ich nichts gelernt habe; sie lachten mich alle aus, ich kann aber doch nicht lachen; denn ich hab ein bos Gewissen, ich weiss ja wenig, was Geist, Seele und Herz fur Prozesse miteinander fuhren, warum hab ich Dir denn allerlei geschrieben, was ich nicht verantworten kann? Du bist nicht bose auf mich, wie konnte mein unmundig Geschwatz Dich beleidigen, aber Du antwortest nicht, weil ich ja doch nicht verstehe, was Du sagen konntest, und so hat mich mein Aberwitz um mein Gluck gebracht, und wer weiss, wann Du wieder einlenkst. Ach, Gluck! Du lasst dich nicht meistern und nicht bilden, wo du erscheinst, da bist du immer eigentumlich und vernichtest durch deine Unschuld alles Planmassige, alle Berechnung auf die Zukunft.

Ungluck ist vielleicht die geheime Organisation des Gluckes, ein flussiger Demant, der zum Kristall anschliesst, eine Krankheit der Sehnsucht, die zur Perle wird. O schreib mir bald.

Am 12. Januar 1810

Bettine

Goethe an Bettine

Das ist ein liebes, feines Kind, listig wie ein Fuchschen, mit einer Glucksbombe fahrst Du mir ins Haus, in der Du Deine Anspruche und gerechte Klage versteckst. Das schmettert einem denn auch so nieder, dass man gar nicht daran denkt, sich zu rechtfertigen. Die Weste, innen von weichem Samt, aussen glatte Seide, ist nun mein Bussgewand, je behaglicher mir unter diesem wohlgeeigneten Brustlatz wird, je bedrangter ist mein Gewissen, und wie ich gar nach zwei Tagen zufallig in die Westentasche fahre und da das Register meiner Sunden herausziehe, so bin ich denn auch gleich entschlossen, keine Entschuldigungen fur mein langes Schweigen aufzusuchen. Dir selbst aber mache ich es zur Aufgabe, mein Schweigen bei Deinen so uberraschenden Mitteilungen auf eine gefallige Weise auszulegen, die Deiner nie versiegenden Liebe, Deiner Treue fur Gegenwartiges und Vergangenes auf verwandte Weise entspricht. Uber die Wahlverwandtschaften nur dies: der Dichter war bei der Entwickelung dieser herben Geschicke tief bewegt, er hat seinen Teil Schmerzen getragen, schmale daher nicht mit ihm, dass er auch die Freunde zur Teilnahme auffordert. Da nun so manches Traurige unbeklagt den Tod der Vergangenheit stirbt, so hat sich der Dichter hier die Aufgabe gemacht, in diesem einen erfundnen Geschick wie in einer Grabesurne die Tranen fur manches Versaumte zu sammeln. Deine tiefen, aus dem Geist und der Wahrheit entspringende Ansichten gehoren jedoch zu den schonsten Opfern, die mich erfreuen, aber niemals storen konnen, ich bitte daher recht sehr, mit gewissenhafter Treue dergleichen dem Papier zu vertrauen und nicht allenfalls in Wind zu schlagen, wie bei Deinem geistigen Kommers und Uberfluss an Gedanken leichtlich zu befahren ist. Lebe wohl und lasse bald wieder von Dir horen.

Goethe

Weimar, den 5. Februar 1810

Meine Frau mag Dir selbst schreiben, wie verlegen sie um ein Maskenkleid gewesen und wie erfreut sie bei Eroffnung der Schachtel war, es hat seinen herrlichen Effekt getan. Uber der lieben Meline Heirat sage ich nichts, es macht einem nie wohl, wenn ein so schones Kind sich weggibt, und der Gluckwunsch, den man da anbringt, druckt einem nur auf dem Herzen.

An Goethe

Fahre fort, so liebreich mit mir zu sein, packe selbst zusammen, was Du mir schickst, mache selbst die Adresse aufs Paket, das alles freut mich, und Dein Brief, der allen Schaden vergutet, ja meine eignen Schwachen so sanft stutzt, mich mir selbst wiedergibt, indem er sich meiner annimmt.

Nun, ich bin angeblasen von allen Launen, ich drucke die Augen zu und brumme, um nichts zu sehen und zu horen, keine Welt, keine Einsamkeit,

keinen Freund, keinen Feind, keinen Gott und endlich auch keinen Himmel.

Den Hofer haben sie in einer Sennhutte auf den Passeirer Bergen gefangen, diese ganze Zeit bin ich diesem Helden mit Gebet heimlich nachgegangen, gestern erhalt ich einen Brief mit einem gedruckten Tiroler Klagelied: "Der Kommandant der Heldenschar, auf hoher Alp gefangen gar, findet viel Tranen in unseren Herzen." Ach, dieser ist nicht unbeweint von mir, aber die Zeit ist eisern und macht jede Klage zu Schanden, so muss man auch das Argste furchten, obschon es unmoglich ist. Nein, es ist nicht moglich, dass sie diesem sanften Helden ein Haar krummen, der da fur alle Aufopferung, die er und sein Land umsonst gemacht hatten, keine andre Rache nahm, als dass er in einem Brief an Speckbacher schrieb: "Deine glorreichen Siege sind alle umsonst, Osterreich hat mit Frankreich Friede geschlossen und Tirol vergessen."

In meinem Ofen saust und braust der Wind und treibt die Glut in Flammen und brennt die alten bayrischen Tannen recht zu Asche zusammen, dabei hab ich denn meine Unterhaltung, wie es kracht und rumpelt und studiere zugleich Marpurgs Fugen, dabei tut mir denn gar wohl, dass das Warum nie beantwortet werden kann, dass man unmittelbare Herrschaft des Fuhrers (Dux) annehmen muss, und dass der Gefahrte sich anschmiegt, ach, wie ich mich gern an Dich anschmiegen mochte; wesentlich mochte ich ebenso Dir sein, ohne viel Larm zu machen, alle Lebenswege sollten aus Dir hervorgehen und sich wieder in Dir schliessen, und das ware eine echte, strenge Fuge, wo dem Gefuhl keine Forderung unbeantwortet bleibt, und wo sich der Philosoph nicht hineinmischen kann.

Ich will Dir beichten, will Dir alle meine Sunden aufrichtig gestehen, erst die, an welchen Du zum Teil schuld hast und die Du auch mitbussen musst, dann die, so mich am meisten drucken, und endlich jene, an denen ich sogar Freude habe.

Erstens: sage ich Dir zu oft, dass ich Dich liebe, ja, ich weiss gar nichts anders, wenn ich's hin- und herwende, es kommt sonst nichts heraus.

Zweitens: beneide ich alle Deine Freunde, die Gespielen Deiner Jugend und die Sonne, die in Dein Zimmer scheint und Deine Diener, vorab Deinen Gartner, der unter Deinem Kommando Spargelbeete anlegt.

Drittens: gonne ich Dir keine Lust, weil ich nicht dabei bin, wenn einer Dich gesehen hat, von Deiner Heiterkeit und Anmut spricht, das ist mir eben kein besonder Vergnugen; wenn er aber sagt, Du seist ernst, kalt, zuruckhaltend usw. gewesen, das ist mir recht lieb. Viertens: vernachlassige ich alle Menschen um Deinetwillen, es gilt mir keiner etwas, aus ihrer Liebe mache ich mir gar nichts; ja, wer mich lobt, der missfallt mir, das ist Eifersucht auf mich und Dich und eben kein Beweis von einem grossen Herzen, und ist eine elende Natur, die auf einer Seite ausdurrt, wenn sie auf der andern bluhen will.

Funftens: hab ich eine grosse Neigung, die Welt zu verachten, besonders in denen, so Dich loben, alles, was Gutes uber Dich gesagt wird, kann ich nicht horen, nur wenige einfache Menschen, denen kann ich's erlauben, dass sie uber Dich sprechen, und das braucht nicht grade Lob zu sein, nein, man kann sich ein bisschen uber Dich lustig machen, und da kann ich Dir sagen, dass sich ein unbarmherziger Mutwille in mir regt, wenn ich die Sklavenketten ein bisschen abwerfen kann.

Sechstens: hab ich einen tiefen Unwillen in der Seele, dass Du es nicht bist, mit dem ich unter einem Dache wohne und dieselbe Luft einatme, ich furchte mich in der Nahe fremder Menschen zu sein, in der Kirche suche ich mir einen Platz auf der Bank der Bettler, weil die am neutralsten sind, je vornehmer die Menschen, je starker ist mein Widerwillen; angeruhrt zu werden, macht mich zornig, krank und unglucklich; so kann ich's auch in Gesellschaften auf Ballen nie lange aushalten, tanzen mag ich gern, wenn ich allein tanzen konnte, auf einem freien Platz, wo mich der Atem, der aus fremder Brust kommt, nicht beruhrte. Was konnte das fur einen Einfluss auf die Seele haben, nur neben dem Freund zu leben? Um so schmerzlicher der Kampf gegen das, was geistig und leiblich ewig fremd bleiben muss.

Siebentens: wenn ich in Gesellschaft soll vorlesen horen, setze ich mich in eine Ecke und halte die Ohren heimlich zu, oder ich verliere mich uber dem ersten besten Wort ganz in Gedanken, wenn denn einer etwas nicht versteht, so erwache ich aus einer andern Welt und masse mir an, die Erklarung daruber zu geben, und was andre fur Wahnwitz halten, das ist mir verstandlich und hangt zusammen mit einem innern Wissen, das ich nicht von mir geben kann. Von Dir kann ich durchaus nichts lesen horen, noch selbst vorlesen, ich muss mit mir und Dir allein sein.

Achtens: kann ich gegen niemand fremd oder vornehm bleiben, wenn ich im mindesten unbequem bin, so werde ich ganz dumm; denn es scheint mir ungeheuer dumm, einander was weiszumachen. Auch dass sich der Respekt mehr in etwas Erlerntem, als in etwas Gefuhltem aussert; ich meine, dass Ehrfurcht nur aus Gefuhl der inneren Wurde entspringen musse. Dabei fallt mir ein, dass nahe bei Munchen ein Dorf liegt, was Kultersheim heisst, auf einem Spaziergang dahin erklarte man mir, dass dieser Name von Kultursheim herruhre, weil man da dem Bauernstand eine hohere Bildung zu geben beabsichtigt habe; das Ganze hat sich jedoch auf den alten Fuss gesetzt, und diese gute Bauern, die dem ganzen Lande mit schonem Beispiel voranschreiten sollten, sitzen bei der Bierkanne und zechen um die Wette, das Schulhaus ist sehr gross und hat keine runde, sondern lauter viereckige Scheiben, doch liebt der Schulmeister die Dammerung; er sass hinter dem Ofen, hatte ein blaues Schnupftuch uber dem Kopf hangen, um sich vor den Fliegen zu schutzen, die lange Pfeife war ihm entfallen, und er schlief und schnarchte, dass es widerhallte; die Schreibbucher lagen alle aufgehauft vor ihm, um Vorschriften im Schonschreiben zu machen; ich malte einen Storch, der auf seinem Nest steht, und schrieb darunter:

"Ihr Kinder lernt bauen euer Nest mit eigner Hand aufs allerbest. Die Tanne in dem Walde stolz, die fallt zu euerm Zimmerholz. Und dann, wenn alle Wande stehn, musst ihr euch nach 'ner Eich umsehn; daraus ihr schnitzelt Bank und Tisch, worauf ihr speist gebratnen Fisch. Das best Holz nehmt zu Bett und Wiegen fur Frau und Kind, die ihr werd't kriegen, und lernt benutzen Gottes Segen bei Sonnenschein und auch bei Regen. Dann steht ihr stolz auf eignem Hort wie der Storch auf seinem Neste dort. Der moge stets bei euch einkehren, um boses Schicksal abzuwehren. Dann lernt noch schreiben euern Namen, unter gerechte Sach, ich sage Amen. Das ist das echte Kultursheim, worauf ich machte diesen Reim."

Ich flirrte jeden Augenblick zur Tur hinaus, aus Angst, der Schulmeister moge aufwachen, draussen machte ich meinen Reim und schlich wieder auf den Zehen herbei, um ihn mit einer einseitigen Feder, die wahrscheinlich mit dem Brodkneip zugeschnitten war, aufzuschreiben, zuletzt nahm ich das blaue Band von meinem Strohhut und machte eine schone Schleife um das Buch, damit er's doch sehen moge; denn sonst hatte dies schone Gedicht leicht unter dem Wust der Schreibbucher verloren gehen konnen. Vor der Tur sass Rumohr, mein Begleiter, und hatte unterdessen eine Schussel mit saurer Milch ausgespeist, ich wollte nichts essen und auch mich nicht mehr aufhalten, aus Furcht, der Schulmeister konne aufwachen. Unterwegs sprach Rumohr sehr schon uber den Bauernstand, uber ihre Bedurfnisse, und wie das Wohl des Staats von dem ihrigen abhinge, und wie man ihnen keine Kenntnisse aufzwingen musse, die sie nicht selbst in ihrem Beruf unmittelbar benutzen konnten, und dass man sie zu freien Menschen bilden musse, das heisst: zu Leuten, die sich alles selbst verschaffen, was sie brauchen. Dann sprach er auch uber ihre Religion, und da hat er etwas sehr Schones gesagt, er meinte namlich, jedem Stand musse das als Religion gelten, was sein hochster Beruf sei; des Bauern Beruf sei, das ganze Land vor Hungersnot zu schutzen, hierin musse ihm seine Wichtigkeit fur den Staat, seine Verpflichtungen fur denselben begreiflich gemacht werden, es musse ihm ans Herz gelegt werden, welchen grossen Einfluss er auf das Wohl des Ganzen habe, und so musse er auch mit Ehrfurcht behandelt werden, daraus werde die Selbstachtung entstehen, die doch eigentlich jedem Menschen mehr gelte wie jeder andre Vorteil, und so wurden die Opfer, die das Schicksal fordert, ungezwungen gebracht werden, wie die Mutter, die ihr eignes Kind nahrt, auch demselben mit Freuden ihr letztes aufopfert; so wurde das unmittelbare Gefuhl dem Wohl des Ganzen wesentlich zu sein, gewiss jedes Opfer bringen, um sich diese Wurde zu erhalten; keine Revolutionen wurden dann mehr entstehen; denn der gewitzigte Staatsgeist in allen wurde jeder gerechten Forderung vorgreifen, und das wurde eine Religion sein, die jeder begreife, und wo das ganze Tagewerk ein fortwahrendes Gebet sei, denn alles, was nicht in diesem Sinn geschehe, das sei Sunde; er sagte dies noch viel schoner und wahrer, ich bin nur dieser Weisheit nicht gewachsen und kann es nicht so wiedergeben.

So bin ich denn auf einmal von meiner Beichte abgekommen, ich wollte Dir noch manches sagen, was man sundlich finden durfte, wie dass ich Dein Gewand lieber habe wie meinen Nebenmenschen, dass ich die Stiege kussen mochte, auf der Deine Fusse auf- und niedersteigen usw. Dies konnte man Abgotterei nennen, oder ist es so, dass der Gott, der Dich belebt, auch an jeder Wand Deines Hauses hinschwebt? Dass, wenn er in Deinen Mund und Augen spielt, er auch unter Deinen Fussen hingleitet und selbst in den Falten Deines Gewandes sich gefallt, dass, wenn er sich im Maskenzug in alle bunten Gestalten verwandelt, er wohl auch im Papier, in welches Du den Maskenzug einpackst, verborgen sein kann? Also, wenn ich's Papier kusse, so ist es das Geliebte in Dir, das sich mir zulieb auf die Post schicken liess.

Adieu! Behalte Dein Kind lieb in truben wie in hellen Tagen, da ich ewig und ganz Dein bin.

Bettine

Du hast mein Tagebuch erhalten, aber liest Du auch darin, und wie gefallt Dir's? Am 29. Februar

An Bettine

Liebe Bettine, ich habe mich schon wieder eines Versehens an Dir schuldig gemacht, dass ich Dir nicht den Empfang Deines Tagebuchs angezeigt habe, Du musst glauben, dass ich eines so schonen Geschenkes nicht wurdig bin, indessen kann ich Dir nicht mit Worten schildern, was ich darauf zu erwidern habe. Du bist ein einziges Kind, dem ich mit Freuden jede Erheiterung, jeden lichten Blick in ein geistiges Leben verdanke, dessen ich ohne Dich vielleicht nie wieder genossen haben wurde; es bleibt bei mir verwahrt, an einem Ort, wo ich alle Deine lieben Briefe zur Hand habe, die so viel Schones enthalten, wofur ich Dir niemals genug danken kann, nur das sage ich Dir noch, dass ich keinen Tag vergehen lasse, ohne drin zu blattern. An meinem Fenster wachsen, wohlgepflegt, eine Auswahl zierlicher auslandischer Pflanzen; jede neue Blume und Knospe, die mich am fruhen Morgen empfangt, wird abgeschnitten und nach indischem Gebrauch als Opfergras in Dein liebes Buch eingestreut. Alles, was Du schreibst, ist mir eine Gesundheitsquelle, deren kristallne Tropfen mir Wohlsein geben, erhalte mir diese Erquickung, auf die ich meinen Verlass habe.

Weimar, am 1. Marz 1810

Goethe

An Goethe

Ach, lieber Goethe! Deine Zeilen kamen mir zu rechter Stunde, da ich eben nicht wusste, wohin mit aller Verzweiflung; zum erstenmal hab ich die Weltbegebenheiten verfolgt mit grosser Treue fur die Helden, die ihr Heiligtum verfochten; dem Hofer war ich nachgegangen auf jeder Spur, wie oft hat er nach des Tages Last und Hitze sich in der spaten Nacht noch in die einsamen Berge verborgen und mit seinem reinen Gewissen beratschlagt, und dieser Mann, dessen Seele frei von bosen Fehlen, offen vor jedem lag als ein Beispiel von Unschuld und Heldentum, hat nun endlich am 20. Februar zur Bestatigung seines grossen Schicksals den Tod erlitten; wie konnt es anders kommen, sollte er die Schmach mittragen? Das konnt nicht sein, so hat es Gott am besten gemacht, dass er nach kurzer Pause seit dieser verklarenden Vaterlandsbegeisterung mit grosser Kraft und Selbstbewusstsein, und nicht gegen sein Schicksal klagend, seinem armen Vaterland auf ewig entrissen ward. Vierzehn Tage lag er gefangen in dem Kerker bei Porta Molina, mit vielen andern Tirolern. Sein Todesurteil vernahm er gelassen und unerschuttert; Abschied liess man ihn von seinen geliebten Landsleuten nicht nehmen, den Jammer und das Heulen der eingesperrten Tiroler ubertonte die Trommel, er schickte ihnen durch den Priester sein letztes Geld und liess ihnen sagen: er gehe getrost in den Tod und erwarte, dass ihr Gebet ihn hinuberbegleite. Als er an ihren Kerkerturen vorbeischritt, lagen sie alle auf den Knien, beteten und weinten; auf dem Richtplatz sagte er: er stehe vor dem, der ihn erschaffen, und stehend wolle er ihm seinen Geist ubergeben; ein Geldstuck, was unter seiner Administration gepragt war, ubergab er dem Korporal, mit dem Bedeuten: es solle Zeugnis geben, dass er sich noch in der letzten Stunde an sein armes Vaterland mit allen Banden der Treue gefesselt fuhle. Dann rief er: "Gebt Feuer!" Sie schossen schlecht, zweimal nacheinander gaben sie Feuer, erst zum drittenmal machte der Korporal, der die Exekution leitete, mit dem dreizehnten Schuss seinem Leben ein Ende.

Ich muss meinen Brief schliessen, was konnte ich Dir noch schreiben? Die ganze Welt hat ihre Farbe fur mich verloren. Ein grosser Mann sei Napoleon, so sagen hier alle Leute, ja ausserlich, aber dieser aussern Grosse opfert er alles, was seine unplanetarische Laufbahn durchkreuzt. Unser Hofer, innerlich gross, ein heiliger deutscher Charakter, wenn Napoleon ihn geschutzt hatte, dann wollte ich ihn auch gross nennen. Und der Kaiser, konnte der nicht sagen, gib mir meinen Tiroler Helden, so geh ich Dir meine Tochter, so hatte die Geschichte gross genannt, was sie jetzt klein nennen muss.

Adieu! Dass Du mein Tagebuch zum Tempel einer indischen Gottheit erhebst, ist Pradestination. Von jenen lichten Waldungen des Athers, von Sonnenwohnungen, vom vielgestaltigen Dunkel und einer bildlosen Klarheit, in der die tiefe Seele lebt und atmet, habe ich oft schon getraumt.

An Rumohr konnt ich Deinen Gruss nicht bestellen, ich weiss nicht, nach welcher Seite er mit dem Winde davongestoben ist.

Landshut, den 10. Marz 1810

An Bettine

Liebe Bettine, es ist mir ein unerlasslich Bedurfnis, Deiner patriotischen Trauer ein paar Worte der Teilnahme zuzurufen und Dir zu bekennen, wie sehr ich mich von Deinen Gesinnungen mit ergriffen fuhle. Lasse Dir nur das Leben mit seinen eigensinnigen Wendungen nicht allzusehr verleiden. Durch solche Ereignisse sich durchzukampfen, ist freilich schwer, besonders mit einem Charakter, der soviel Anspruche und Hoffnungen auf ein idealisches Dasein hat wie Du. Indem ich nun Deinen letzten Brief zu den andern lege, so finde ich abermals mit diesem eine interessante Epoche abgeschlossen. Durch einen lieblichen Irrgarten zwischen philosophischen, historischen und musikalischen Ansichten hast Du mich zu dem Tempel des Mars geleitet, und uberall behauptet sich Deine gesunde Energie, habe den herzlichsten Dank dafur und lasse mich noch ferner der Eingeweihte Deiner inneren Welt sein, und sei gewiss, dass die Treue und Liebe, die Dir dafur gebuhrt, Dir im Stillen gezollt wird.

19. Marz 1810

Goethe

An Goethe

Lieber Goethe! Vieltausend Dank fur Deine zehn Zeilen, in denen Du Dich trostend zu mir neigst, so mag denn diese Periode abgeschlossen sein; dieses Jahr von 1809 hat mich sehr turbiert; nun sind wir an einem Wendepunkt: in wenig Tagen verlassen wir Landshut und gehen uber und durch manche Orte, die ich Dir nicht zu nennen weiss. Die Studenten packen eben Savignys Bibliothek ein, man klebt Nummern und Zettel an die Bucher, legt sie in Ordnung in Kisten, lasst sie an einem Flaschenzug durchs Fenster hinab, wo sie unten von den Studenten mit einem lauten Halt empfangen werden, alles ist Lust und Leben, obschon man sehr betrubt ist, den geliebten Lehrer zu verlieren; Savigny mag so gelehrt sein, wie er will, so ubertrifft seine kindliche Freundesnatur dennoch seine glanzendsten Eigenschaften, alle Studenten umschwarmen ihn, es ist keiner, der nicht die Uberzeugung hatte, auch ausser dem grossen Lehrer noch seinen Wohltater zu verlieren; so haben auch die meisten Professoren ihn lieb, besonders die Theologen. Sailer, gewiss sein bester Freund. Man sieht sich hier taglich und zwar mehr wie einmal, abends begleitet der Wirt vom Hause leichtlich seine Gaste mit angezundetem Wachsstock einen jeden bis zu seiner Haustur, gar oft hab ich die Runde mitgemacht; heute war ich noch mit Sailer auf dem Berg, auf dem die Trausnitz steht, ein Schloss alter Zeit: Traue nicht. Die Baume schalen ihre Knospen! Fruhling! Die Sperlinge flogen scharenweis vor uns her, von Sailer hab ich Dir wenig erzahlt, und doch war er mir der Liebste von allen. Im harten Winter gingen wir oft uber die Schneedecke der Wiesen und Ackerflache und stiegen miteinander uber die Hecken von einem Zaun zum andern, und alles, was ich ihm mitteilte, daran nahm er gern teil, und manche Gedanken, die aus Gesprachen mit ihm hervorgingen, die hab ich aufgeschrieben, obschon sie in meinen Briefen nicht Platz finden, so sind sie doch fur Dich, denn nie denke ich etwas Schones, ohne dass ich mich darauf freue, es Dir zu sagen.

Zur Besinnung kann ich wahrend dem Schreiben nicht kommen, der Studentenschwarm verlasst das Haus nicht mehr, seitdem Savignys Abreise in wenig Tagen bestimmt ist; eben sind sie vorbeigezogen an meiner Tur mit Wein und einem grossen Schinken, den sie beim Packen verzehren, ich schenkte ihnen meine kleine Bibliothek, die sie eben auch einpacken wollten, da haben sie mir ein Vivat gebracht. Abends bringen sie oft ein Standchen mit Gitarren und Floten, und das dauert oft bis nach Mitternacht, dabei tanzen sie um einen grossen Springbrunnen, der vor unserm Hause auf dem Markt steht; ja, die Jugend kann sich aus allem einen Genuss machen. Die allgemeine Konsternation uber Savignys Abreise hat sich bald in ein Jubelfest verwandelt; denn man hat beschlossen, zu Pferd und zu Wagen uns durch das Salzburgische zu begleiten, wer sich kein Pferd verschaffen kann, der geht zu Fuss voraus; nun freuen sich alle gar sehr auf den Genuss dieser letzten Tage, beim aufgehenden Fruhling durch eine herrliche Gegend mit ihrem geliebten Lehrer zu reisen; auch ich erwarte mir schone gluckliche Tage, ach, ich glaub, ich bin nah an dem Ziel, wo mein Leben am schonsten und herrlichsten ist. Sorgenfrei, voll sussem Feuer der Fruhlingslust, in Erwartung herrlicher Genusse, so klingen Ahnungstone in meiner Brust, wenn das wahr wird, so muss es gewiss wahr werden, dass ich Dich bald begegne; ja, nach so vielem, was ich erlebt und Dir treulich mitgeteilt habe, wie kann es anders sein, da muss das Wiedersehen eine neue Welt in mir erschaffen. Wenn alle freudigen Hoffnungen in die Wirklichkeiten ausbrechen, wenn die Gegenwart die Finsternis der Ferne durch ihr Licht verscheucht, ach und mit einem Wort: wenn Gefuhl und Blick Dich erfasst und halt, da weiss ich wohl, dass mein Gluck zu ungemessnem Leben sich steigert. Ach, und es reisst mich mit Windesflugeln zu diesen hochsten Augenblicken, wenn auch bald die sussesten Genusse scheidend fliehen, einmal muss doch wiederkehren zu festem Bund, was sich begehrt7.

Landshut, den 31. Marz 1810

Bettine

Wenn Du mir eine Zeile gonnen wolltest uber Deinen Aufenthalt dieses Sommers, so bitte ich an Sailer in Landshut zu adressieren, dieser bleibt mit Savigny in Korrespondenz und wird mir am besten die Kleinodien Deiner Zeilen nachschicken.

An Bettine

Von Dir, liebe Bettine, habe ich sehr lange nichts gehort und kann meine Reise ins Karlsbad unmoglich antreten, ohne Dich nochmals zu begrussen und Dich zu ersuchen, mir dorthin ein Lebenszeichen zu geben; moge ein guter Genius Dir diese Bitte ans Herz legen, da ich nicht weiss, wo Du bist, so muss ich schon meine Zuflucht zu hoheren Machten nehmen. Deine Briefe wandern mit mir, sie sollen mir dort Dein freundliches, liebevolles Bild vergegenwartigen. Mehr sage ich nicht, denn eigentlich kann man Dir nichts geben, weil Du Dir alles entweder schaffst oder nimmst. Lebe wohl und gedenke mein.

Jena, den 10. Mai 1810

Goethe

Wien, den 15. Mai

Ein ungeheuerer Maiblumenstrauss durchduftet mein kleines Kabinett, mir ist wohl hier im engen kleinen Kammerchen auf dem alten Turm, wo ich den ganzen Prater ubersehe: Baume und Baume von majestatischem Ansehen, herrlicher gruner Rasen. Hier wohne ich im Hause des verstorbnen Birkenstock, mitten zwischen zweitausend Kupferstichen, ebensoviel hetrurischen Lampen, Marmorvasen, antiken Bruchstucken von Handen und Fussen, Gemalden, chinesischen Kleidern, Munzen, Steinsammlung, Meerinsekten, Fernglaser, unzahlbare Landkarten, Plane alter versunkener Reiche und Stadte, kunstreich geschnitzte Stocke, kostbare Dokumente und endlich das Schwert des Kaiser Carolus. Dies alles umgibt uns in bunter Verwirrung und soll grade in Ordnung gebracht werden, da ist denn nichts zu beruhren und zu verstehen, die Kastanienallee in voller Blute und die rauschende Donau, die uns hinubertragt auf ihrem Rucken, da kann man es im Kunstsaal nicht aushalten, heute morgen um sechs Uhr fruhstuckten wir im Prater, rund umher unter gewaltigen Eichen lagerten Turken und Griechen, wie herrlich nehmen sich auf grunem Teppich diese anmutigen buntfarbigen Gruppen schoner Manner aus! Welchen Einfluss mag auch die Kleidung auf die Seele haben, die mit leichter Energie die Eigentumlichkeit dieser fremden Nationen hier in der frischen Fruhlingsnatur zum Allgemeingultigen erhebt und die Einheimischen in ihrer farblosen Kleidung beschamt. Die Jugend, die Kindheit, beschauen sich immer noch in den reifen Gestalten und Bewegungen dieser Sudlander; sie sind kuhn und unternehmend, wie die Knaben rasch und listig, doch gutmutig. Indem wir an ihnen vorubergingen, konnte ich nicht umhin, einen Pantoffel, der einem hingestreckten Turken entfallen war, unter meinen Fussen eine Strekke mit fortzuschlurren, endlich schleifte ich ihn ins Gras und liess ihn da liegen; wir sassen und fruhstuckten, es wahrte nicht lange, so suchten die Turken den verlornen Pantoffel. Goethe, was mir das fur eine geheime Lust erregte! Wie vergnugt ich war, sie uber dies Wunder des verschwundenen Pantoffels staunen zu sehen; auch unsre Gesellschaft nahm Anteil daran, wo der Pantoffel geblieben sein mochte; nun wurde mir zwar Angst, ich mochte geschmalt werden, allein der Triumph, den Pantoffel herbeizuzaubern, war zu schon, ich erhob ihn plotzlich zur allgemeinen Ansicht auf einer kleinen Gerte, die ich vom Baum gerissen hatte, nun kamen die schonen Leute heran und lachten und jubelten, da konnt ich sie recht in der Nahe betrachten, mein Bruder Franz war einen Augenblick beschamt, aber er musste mitlachen, so ging alles noch gut.

17. Mai

Es sind nicht Lustpartien, die mich abhalten, Dir zu schreiben, sondern ein scharlachkrankes Kind meines Bruders, bei dem ich Tage und Nachte verbringe, und so vergeht die Zeit schon in die dritte Woche; von Wien hab ich nicht viel gesehen und von der Gesellschaft noch weniger, weil einem eine solche KrankGraf Herberstein, der in meiner Schwester Sophie eine geliebte Braut verloren hat, hat mich mehrmals besucht und ist mit mir spazieren gegangen und hat mich alle Wege gefuhrt, die er mit Sophie gewandert ist, da hat er mir sehr Schones, Ruhrendes von ihr erzahlt, es ist seine Freude, meiner Ahnlichkeit mit ihr nachzuspuren; er nannte mich gleich Du, weil er die Sophie auch so genannt hatte, manchmal, wenn ich lachte, wurde er blass, "weil die Ahnlichkeit mit Sophie ihn frappierte". Wie muss diese Schwester liebenswurdig gewesen sein, da sie jetzt noch im Herzen der Freunde so tiefe Spuren der Wehmut liess. Bander, Tassen, Locken, Blumen, Handschuhe, die zierlichsten Billete, Briefe, alle diese Andenken liegen in einem kleinen Kabinett umher zerstreut, er beruhrt sie gern und liest die Briefe oft, die freilich schoner sind als alles, was ich je in meinem Leben gelesen habe; ohne heftige Leidenschaft deutet jeder Ausdruck auf innige Freundlichkeit, nichts entgeht ihr, jeder Reiz der Natur dient ihrem Geist. O! Was ist Geist fur ein wunderbarer Kunstler, war ich doch imstande, Dir von dieser geliebten Schwester einen Begriff zu geben, ja war ich selbst imstande, ihre Liebenswurdigkeit zu fassen, alle Menschen, die ich hier sehe, sprechen mir von ihr, als wenn man sie erst vor kurzer Zeit verloren hatte, und Herberstein meinte, sie sei seine letzte und erste einzig wahre Liebe, dies alles bewegt mich, gibt mir eine Stimmung furs Vergangene und Zukunftige, dampft mein Feuer der Erwartung. Da denk ich an den Rhein bei Bingen, wie da plotzlich seine lichte, majestatische Breite sich einengt zwischen dusteren Felsen, zischend und brausend sich durch Schluchten windet, und nie werden die Ufer wieder so ruhig, so kindlich schon, wie sie vor der Binger Untiefe waren; solche Untiefen stehen mir also bevor, wo sich der Lebensgeist durch schauerliche Schluchten winden muss. Mut! Die Welt ist rund, wir kehren zuruck mit erhohten Kraften und doppeltem Reiz, die Sehnsucht streut gleich beim Abschied schon den Samen der Wiederkehr; so bin ich nie von Dir geschieden, ohne zugleich mit Begeisterung der Zukunft zu gedenken, die mich in Deinen Armen wieder empfangen werde, so mag wohl alle Trauer um die Abgeschiednen ein bescheidner Vorgenuss einer zukunftigen Wiedervereinigung sein, gewiss, sonst wurden keine solchen Empfindungen der Sehnsucht das Herz durchdringen.

20. Mai

Am Ende Marz war's wohl, wie ich Dir zum letztenmal von Landshut aus schrieb; ja, ich hab lange geschwiegen, beinah zwei Monate, heute erhielt ich durch Sailer von Landshut Deine liebe Zeilen vom Herz druckst, nun fallt mir's erst ein, was ich alles nachzuholen habe, denn jeder Weg, jeder Blick in die Natur hangt am Ende mit Dir zusammen. Landshut war mir ein gedeihlicher Aufenthalt, in jeder Hinsicht muss ich's preisen. Heimatlich die Stadt, freundlich die Natur, zutunlich die Menschen und die Sitten harmlos und biegsam; kurz nach Ostern reisten wir ab, die ganze Universitat war in und vor dem Hause versammelt, viele hatten sich zu Wagen und zu Pferde eingefunden, man wollte nicht so von dem herrlichen Freund und Lehrer scheiden, es ward Wein ausgeteilt, unter wahrendem Vivatrufen zog man zum Tor hinaus, die Reiter begleiteten das Fuhrwerk, auf einem Berg, wo der Fruhling eben die Augen auftat, nahmen die Professoren und ernsten Personen einen feierlichen Abschied, die andern fuhren noch eine Station weiter, unterwegs trafen wir alle Viertelstunde noch auf Partien, die dahin vorausgegangen waren, um Savigny zum letztenmal zu sehen; ich sah schon eine Weile vorher die Gewitterwolken sich zusammenziehen, im Posthause drehte sich einer um den andern nach dem Fenster, um die Tranen zu verbergen. Ein junger Schwabe, Nussbaumer, die personifizierte Volksromanze, war weit vorausgelaufen, um dem Wagen noch einmal zu begegnen, ich werde das nie vergessen, wie er im Feld stand und sein kleines Schnupftuchelchen im Wind wehen liess und die Tranen ihn hinderten aufzusehen, wie der Wagen an ihm vorbeirollte; die Schwaben hab ich lieb.

Mehrere der geliebtesten Schuler Savignys begleiteten uns bis Salzburg, der erste und alteste, Nepomuk Ringseis, ein treuer Hausfreund, hat ein Gesicht wie aus Stahl gegossen, alte Ritterphysiognomie, kleiner, scharfer Mund, schwarzer Schnauzbart, Augen, aus denen die Funken fahren, in seiner Brust hammert's wie in einer Schmiede, will vor Begeisterung zerspringen, und da er ein feuriger Christ ist, so mochte er den Jupiter aus der Rumpelkammer der alten Gottheiten vorkriegen, um ihn zu taufen und zu bekehren.

Der zweite, ein Herr von Schenk, hat weit mehr feine Bildung, hat Schauspieler kennen lernen, deklamiert offentlich, war verliebt ganz gluhend oder ist es noch, musste seine Gefuhle in Poesie ausstromen, lauter Sonette, lacht sich selbst aus uber seine Galanterie, blonder Lockenkopf, etwas starke Nase, angenehm, kindlich, ausserst ausgezeichnet im Studieren. Der dritte, der Italiener Salvotti, schon im weiten grunen Mantel, der die edelsten Falten um seine feste Gestalt wirft, unstorbare Ruhe in den Bewegungen, gluhende Regsamkeit im Ausdruck, lasst sich kein gescheit Wort mit ihm sprechen, so tief ist er in Gelehrsamkeit versunken. Der vierte, Freiherr von Gumpenberg, Kindesnatur, edlen Herzens, bis zur Schuchternheit still, um so mehr uberrascht die Offenherzigkeit, wenn er erst Zutrauen gefasst hat, wobei ihm denn unendlich wohl wird, nicht schon, hat ungemein liebe Augen, ein unzertrennlicher Freund des funften, Freiberg, zwanzig Jahr alt, grosse mannliche Gestalt, als ob er schon alter sei, ein Gesicht wie eine romische Gemme, geheimnisvolle Natur, verborgner Stolz, Liebe und Wohlwollen gegen alle, nicht vertraulich, vertragt die hartesten Anstrengungen, schlaft wenig, guckt nachts zum Fenster hinaus nach den Sternen, ubt eine magische Gewalt uber die Freunde, obschon er sie weder durch Witz, noch durch entschiedenen Willen zu behaupten geneigt ist; aber alle haben ein unerschutterliches Zutrauen zu ihm, was der Freiberg will, das muss geschehen. Der sechste war der junge Maler Ludwig Grimm, von dem ich Dir mein Bildchen und die schonen radierten Studien nach der Natur geschickt habe, so lustig und naiv, dass man mit ihm bald zum Kind in der Wiege wird, das um nichts lacht, er teilte mit mir den Kutschersitz, von wo herab wir die ganze Natur mit Spott und Witz begrussten; warum ich Dir diese alle so deutlich beschreibe? Weil keiner unter ihnen ist, der nicht durch Reinheit und Wahrheit im allgemeinen Leben hervorleuchten wurde, und weil sie Dir als Grundlagen zu schonen Charaktern in Deiner Welt dienen konnen; diese alle feiern Dein Andenken in treuem Herzen, Du bist wie der Kaiser, wo er hinkommt, jauchzen ihm die Untertanen entgegen.

Der Tagereisen waren zwei bis Salzburg, auf der ersten kamen wir bis Alt Ottingen, wo das wundertatige Marienbild in einer dusteren Kapelle die Pilger von allen Seiten herbeilockt. Schon der ganze Platz umher und die aussern Mauern sind mit Votivtafeln gedeckt, es macht einen sehr angstlichen Eindruck, die Zeugnisse schauerlicher Geschichte und tausendfachen Elendes gedrangt nebeneinander und uber diese hin ein bestandiges Ein- und Ausstromen der Wallfahrer mit bedrangenden Gebeten und Gelubden um Erhorung, jeden Tag des Jahres von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Fruh morgens um vier Uhr beginnt der Gottesdienst mit Musik und wahrt bis zur Nacht. Das Innere der Kapelle ist ganz mit schwarzem Samt uberzogen, auch selbst das Gewolbe, und mehr durch Kerzenlicht als vom Tag erleuchtet, die Altare von Silber, an den Wanden hangen silberne Glieder und Gebeine und viele silberne Herzen mit goldnen Flammen oder feurigen Wunden, wie sonderbar, Goethe! Der Mensch! Er bringt seine Schmerzen als Opfer der Gottheit, und da mogen diese Schmerzen entstanden sein, woher sie wollen, in Gott wird alles gottlich; Max von Bayern kniet in Lebensgrosse auch von Silber auf den schwarzen Stufen des Altars, vor dem kohlrabenschwarzen Muttergottesbild, das ganz in Diamanten gekleidet ist, zwei Mannerstimmen, von der dumpfen Orgel begleitet, singen ihr Hymnen, das stille Messelesen, die Menschen, die mit Tranen die Stufen des Altars kussen, viele tausend Seufzer aus allen Ecken, das macht den wunderlichsten Eindruck. Wo alle beten, sollt ich auch beten, dacht ich, aber nimmermehr, das Herz war in bestandigem Klopfen; ich hatte vor der Tur einem Bettelmann einen Veilchenkranz abgekauft, da stand ein kleines Kind vor dem Altar mit blonden Locken, es sah mich so freundlich an und langte nach dem Kranz, den gab ich ihm, da warf es ihn auf den Altar; denn es war zu klein, um hinaufzureichen, der Kranz fiel grade zu den Fussen der Mutter Gottes, es war ein glucklicher Wurf, der machte mein Herz leicht. Der Strom der Pilger zog mich mit sich fort zur gegenuberstehenden Tur hinaus, ich wartete lange auf das Kind, ich hatte es so gern gekusst und wollte ihm eine kleine goldene Kette schenken, die ich am Hals trage, weil es mir ein so gutes Zeichen gegeben hatte fur Dich, denn ich dachte grade in dem Augenblick, wo es mir den Kranz abnahm, an Dich, aber das Kindchen kam nicht heraus, der Wagen stand vor der Tur, ich schwang mich auf meinen Kutschersitz, auf jeder Station hatte ich einen andern Kameraden, der den Sitz mit mir teilte und zugleich mir seine Herzensangelegenheiten mitteilte, sie fingen immer so schuchtern davon an, dass mir bange ward, aber weit gefehlt, allemal war's eine andere, keinmal war ich's.

Unsre Reise ging durch einen Wald von Bluten, der Wind streute sie wie einen Regen nieder, die Bienen flogen nach den Blumen, die ich hinter's Ohr gesteckt hatte, gelt, das war angenehm!

26. Mai

Von Salzburg muss ich Dir noch erzahlen. Die letzte Station, vorher Laufen; diesmal sass Freiberg mit mir auf dem Kutschersitz, er offnete lachelnd seinen Mund, um die Natur zu preisen, bei ihm ist aber ein Wort wie der Anschlag in einem Bergwerk, eine Schicht fuhrt zur andern; es ging in einen frohlichen Abend uber, die Taler breiteten sich rechts und links, als waren sie das eigentliche Reich, das unendliche gelobte Land. Langsam wie Geister hob sich hie und da ein Berg und sank allmahlich in seinem blitzenden Schneemantel wieder unter. Mit der Nacht waren wir in Salzburg, es war schauerlich, die glattgesprengten Felsen himmelhoch uber den Hausern hervorragen zu sehen, die wie ein Erdhimmel uber der Stadt schwebten im Sternenlicht, und die Laternen, die da all mit den Leutlein durch die Strassen fackelten, und endlich die vier Horner, die schmetternd vom Kirchturm den Abendsegen bliesen, da tonte alles Gestein und gab das Lied vielfaltig zuruck. Die Nacht hatte in dieser wussten nicht, wie das war, dass alles sich beugte und wankte, das ganze Firmament schien zu atmen, ich war uber alles glucklich, Du weisst ja, wie das ist, wenn man aus sich selber, wo man so lange gesonnen und gesponnen, heraustritt ganz ins Freie.

Wie kann ich Dir nun von diesem Reichtum erzahlen, der sich am andern Tag vor uns ausbreitete? Wo sich der Vorhang allmahlich vor Gottes Herrlichkeit teilet und man sich nur verwundert, dass alles so einfach ist in seiner Grosse. Nicht einen, aber hundert Berge sieht man von der Wurzel bis zum Haupt ganz frei, von keinem Gegenstand bedeckt, es jauchzt und triumphiert ewig da oben, die Gewitter schweben wie Raubvogel zwischen den Kluften, verdunkeln einen Augenblick mit ihren breiten Fittichen die Sonne, das geht so schnell und doch so ernst, es war auch alles begeistert. In den kuhnsten Sprungen, von den Bergen herab bis zu den Seen, liess sich der Ubermut aus, tausend Gaukeleien wurden ins Steingerust gerufen, so verlebten wir wie die Priesterschaft der Ceres bei Brot, Milch und Honig ein paar schone Tage; zu ihrem Andenken wurde zuletzt noch ein Granatschmuck von mir auseinandergebrochen, jeder nahm sich einen Stein und den Namen eines Berges, den man von hier aus sehen konnte, und nennen sich die Ritter vom Granatorden, gestiftet auf dem Watzmann bei Salzburg.

Von da ging die Reise nach Wien, es trennten sich die Gaste von uns, bei Sonnenaufgang fuhren wir uber die Salza, hinter der Brucke ist ein grosses Pulvermagazin, hinter dem standen sie alle, um Savigny ein letztes Vivat zu bringen, ein jeder rief ihm noch eine Beteuerung von Lieb und Dank zu. Freiberg, der uns bis zur nachsten Station begleitete, sagte: "Wenn sie nur alle so schrien, dass das Magazin in die Luft sprengte, denn uns ist doch das Herz gesprengt"; und nun erzahlte er mir, welch neues Leben durch Savigny aufgebluht war, wie alle Spannung und Feindschaft unter den Professoren sich gelegt oder doch sehr gemildert habe, besonders aber sei sein Einfluss wohltatig fur die Studenten gewesen, die weit mehr Freiheit und Selbstgefuhl durch ihn erlangt haben. Nun kann ich Dir auch nicht genug beschreiben, wie gross Savignys Talent ist, mit jungen Leuten umzugehen; zuvorderst fuhlt er eine wahre Begeisterung fur ihr Streben, ihren Fleiss; eine Aufgabe, die er ihnen macht: wenn sie gut behandelt wird, so macht es ihn ganz glucklich, er mochte gleich sein Innerstes mit jedem teilen, er berechnet ihre Zukunft, ihr Geschick, und ein leuchtender Eifer der Gute erhellt ihnen den Weg, man kann von ihm wohl in dieser Hinsicht sagen, dass die Unschuld seiner Jugend auch der Geleitsengel seiner jetzigen Zeit ist, und das ist eigentlich sein Charakter, die Liebe zu denen, denen er mit den schonsten Kraften seines Geistes und seiner Seele dient; ja, das ist wahrhaft liebenswurdig, und muss Liebenswurdigkeit nicht allein Grosse bestatigen? Diese naive Gute, mit der er sich allen gleichstellt bei seiner asthetischen Gelahrtheit, macht ihn doppelt gross. Ach, liebes Landshut, mit deinen geweissten Giebeldachern und dem geplackten Kirchturm, mit deinem Springbrunnen, aus dessen verrosteten Rohren nur sparsam das Wasser lief, um den die Studenten bei nachtlicher Weile Sprunge machten und sanft mit Flote und Gitarre akkompagnierten, und dann aus fernen Strassen singend ihre "Gute Nacht" ertonen liessen; wie schon war's im Winter auf der leichten Schneedecke, wenn ich mit dem siebzigjahrigen Kanonikus Eixdorfer, meinem Generalbasslehrer und vortrefflichen Barenjager, spazieren ging, da zeigte er mir auf dem Schnee die Spuren der Fischottern, und da war ich manchmal recht vergnugt und freute mich auf den andern Tag, wo er mir gewiss ein solches Tier auffinden wollte, und wenn ich denn am andern Tag kam, dass er mich versprochnermassen auf die Otternjagd begleiten solle, da machte er Ausfluchte, heute seien die Ottern bestimmt nicht zu Hause; wie ich Abschied von ihm nahm, da gab er mir einen wunderlichen Segen, er sagte: "Moge ein guter Damon Sie begleiten und das Gold und die Kleinodien, die Sie besitzen, allemal zu rechter Zeit in Scheidemunze verwandeln, womit Sie allein sich das erwerben konnen, was Ihnen fehlt." Dann versprach er mir auch noch, er wolle mir einen Otternpelz zusammenfangen, und ich solle uber's Jahr kommen, ihn holen. Ach, ich werde nicht wiederkommen in das liebe Landshut, wo wir uns freuten, wenn's schneite und nachts der Wind recht gesturmt hatte, so gut, als wenn die Sonne recht herrlich schien, wo wir alle einander so gut waren, wo die Studenten Konzerte gaben und in der Kirche hollisch musizierten und es gar nicht ubelnahmen, wenn man ihnen davonlief.

Und nun ist weiter nichts Merkwurdiges auf der Reise bis Wien vorgefallen, ausser dass ich am nachsten Morgen die Sonne aufgehen sah, ein Regenbogen druber und davor ein Pfau, der sein Rad schlug.

Wien, am 28. Mai

Wie ich diesen sah, von dem ich Dir jetzt sprechen will, da vergass ich der ganzen Welt, schwindet mir doch auch die Welt, wenn mich Erinnerung ergreift, ja sie schwindet. Mein Horizont fangt zu meinen Fussen an, wolbt sich um mich, und ich stehe im Meer des Lichts, das von Dir ausgeht, und in aller Stille schweb ich gelassenen Flugs uber Berg und Tal zu Dir. Ach, lasse alles sein, mache Deine lieben Augen zu, leb in mir einen Augenblick, vergesse, was zwischen uns liegt, die weiten Meilen und auch die sah, sehe mich an; stand ich doch vor Dir! Konnt ich's Dir deutlich machen! Der tiefe Schauder, der mich schuttelt, wenn ich eine Weile der Welt mit zugesehen habe, wenn ich dann hinter mich sehe in die Einsamkeit und fuhle, wie fremd mir alles ist. Wie kommt's, dass ich dennoch grune und bluhe in dieser Ode? Wo kommt mir der Tau, die Nahrung, die Warme, der Segen her? Von dieser Liebe zwischen uns, in der ich mich selbst so lieblich fuhle. Wenn ich bei Dir war, ich wollte Dir viel wiedergeben fur alles. Es ist Beethoven, von dem ich Dir jetzt sprechen will, und bei dem ich der Welt und Deiner vergessen habe; ich bin zwar unmundig, aber ich irre darum nicht, wenn ich ausspreche (was jetzt vielleicht keiner versteht und glaubt), er schreitet weit der Bildung der ganzen Menschheit voran, und ob wir ihn je einholen? Ich zweifle; moge er nur leben, bis das gewaltige und erhabene Ratsel, was in seinem Geiste liegt, zu seiner hochsten Vollendung herangereift ist, ja, moge er sein hochstes Ziel erreichen, gewiss, dann lasst er den Schlussel zu einer himmlischen Erkenntnis in unseren Handen, die uns der wahren Seligkeit um eine Stufe naher ruckt.

Vor Dir kann ich's wohl bekennen, dass ich an einen gottlichen Zauber glaube, der das Element der geistigen Natur ist, diesen Zauber ubt Beethoven in seiner Kunst; alles, wessen er Dich daruber belehren kann, ist reine Magie, jede Stellung ist Organisation einer hoheren Existenz, und so fuhlt Beethoven sich auch als Begrunder einer neuen sinnlichen Basis im geistigen Leben; Du wirst wohl herausverstehen, was ich sagen will, und was wahr ist. Wer konnte uns diesen Geist ersetzen? Von wem konnten wir ein Gleiches erwarten? Das ganze menschliche Treiben geht wie ein Uhrwerk an ihm auf und nieder, er allein erzeugt frei aus sich das Ungeahnte, Unerschaffne, was sollte diesem auch der Verkehr mit der Welt, der schon vor Sonnenaufgang am heiligen Tagwerk ist und nach Sonnenuntergang kaum um sich sieht, der seines Leibes Nahrung vergisst und von dem Strom der Begeisterung im Flug an den Ufern des flachen Alltagslebens vorubergetragen wird; er selber sagte: "Wenn ich die Augen aufschlage, so muss ich seufzen; denn, was ich sehe, ist gegen meine Religion, und die Welt muss ich verachten, die nicht ahnt, dass Musik hohere Offenbarung ist als alle Weisheit und Philosophie, sie ist der Wein, der zu neuen Erzeugungen begeistert, und ich bin der Bacchus, der fur die Menschen diesen herrlichen Wein keltert und sie geistestrunken macht, wenn sie dann wieder nuchtern sind, dann haben sie allerlei gefischt, was sie mit aufs Trockne bringen. Keinen Freund hab ich, ich muss mit mir allein leben; ich weiss aber wohl, dass Gott mir naher ist wie den andern in meiner Kunst, ich gehe ohne Furcht mit ihm um, ich hab ihn jedesmal erkannt und verstanden, mir ist auch gar nicht bange um meine Musik, die kann kein bos Schicksal haben, wem sie sich verstandlich macht, der muss frei werden von all dem Elend, womit sich die andern schleppen." Dies alles hat mir Beethoven gesagt, wie ich ihn zum erstenmal sah, mich durchdrang ein Gefuhl von Ehrfurcht, wie er sich mit so freundlicher Offenheit gegen mich ausserte, da ich ihm doch ganz unbedeutend sein musste; auch war ich verwundert; denn man hatte mir gesagt, er sei ganz menschenscheu und lasse sich mit niemand in ein Gesprach ein. Man furchtete sich, mich zu ihm zu fuhren, ich musste ihn allein aufsuchen, er hat drei Wohnungen, in denen er abwechselnd sich versteckt, eine auf dem Lande, eine in der Stadt und die dritte auf der Bastei, da fand ich ihn im dritten Stock; unangemeldet trat ich ein, er sass am Klavier, ich nannte meinen Namen, er war sehr freundlich und fragte: ob ich ein Lied horen wolle, was er eben komponiert habe; dann sang er scharf und schneidend, dass die Wehmut auf den Horer zuruckwirkte: "Kennst du das Land?" "Nicht wahr, es ist schon", sagte er begeistert, "wunderschon! Ich will's noch einmal singen", er freute sich uber meinen heiteren Beifall. "Die meisten Menschen sind geruhrt uber etwas Gutes, das sind aber keine Kunstlernaturen, Kunstler sind feurig, die weinen nicht", sagte er. Dann sang er noch ein Lied von Dir, das er auch in diesen Tagen komponiert hatte: "Trocknet nicht Tranen der ewigen Liebe." Er begleitete mich nach Hause, und unterwegs sprach er eben das viele Schone uber die Kunst, dabei sprach er so laut und blieb auf der Strasse stehen, dass Mut dazugehorte zuzuhoren, er sprach mit grosser Leidenschaft und viel zu uberraschend, als dass ich nicht auch der Strasse vergessen hatte, man war sehr verwundert, ihn mit mir in eine grosse Gesellschaft, die bei uns zum Diner war, eintreten zu sehen. Nach Tische setzte er sich unaufgefordert ans Instrument und spielte lang und wunderbar, sein Stolz fermentierte zugleich mit seinem Genie; in solcher Aufregung erzeugt sein Geist das Unbegreifliche, und seine Finger leisten das Unmogliche. Seitdem kommt er alle Tage, oder ich gehe zu ihm. Daruber versaume ich Gesellschaften, Galerien, Theater und sogar den Stephansturm. Beethoven sagt: "Ach, was wollen Sie da sehen! Ich werde Sie abholen, wir gehen gegen Abend durch die Allee von Schonbrunn." Gestern ging ich mit ihm in einen herrlichen Garten, in voller Blute, alle Treibhauser offen, der Duft war betaubend; Beethoven blieb in der drukkenden Sonnenhitze stehen und sagte: "Goethes Gedichte behaupten nicht allein durch den Inhalt, auch durch den Rhythmus eine grosse Gewalt uber mich, ich werde gestimmt und aufgeregt zum Komponieren durch diese Sprache, die wie durch Geister zu hoherer Ordnung sich aufbaut und das Geheimnis der Harmonien schon in sich tragt. Da muss ich denn von dem Brennpunkt der Begeisterung die Melodie nach allen Seiten hin ausladen, ich verfolge sie, hole sie mit Leidenschaft wieder ein, ich sehe sie dahinfliehen, in der Masse verschiedener Aufregungen verschwinden, bald erfasse ich sie mit erneuter Leidenschaft, ich kann mich nicht von ihr trennen, ich muss mit raschem Entzucken in allen Modulationen sie vervielfaltigen, und im letzten Augenblick da triumphiere ich uber den ersten musikalischen Gedanken, sehen Sie, das ist eine Symphonie; ja, Musik ist so recht die Vermittelung des geistigen Lebens zum sinnlichen. Ich mochte mit Goethe hieruber sprechen, ob der mich verstehen wurde? Melodie ist das sinnliche Leben der Poesie. Wird nicht der geistige Inhalt eines Gedichts zum sinnlichen Gefuhl durch die Melodie? Empfindet man nicht in dem Lied der Mignon ihre ganze sinnliche Stimmung durch die Melodie? Und erregt diese Empfindung nicht wieder zu neuen Erzeugungen? Da will der Geist zu schrankenloser Allgemeinheit sich ausdehnen, wo alles in allem sich bildet zum Bett der Gefuhle, die aus dem einfachen musikalischen Gedanken entspringen, und die sonst ungeahnt verhallen wurden; das ist Harmonie, das spricht sich in meinen Symphonien aus, der Schmelz vielseitiger Formen wogt dahin in einem Bett bis zum Ziel. Da fuhlt man denn wohl, dass ein Ewiges, Unendliches, nie ganz zu Umfassendes in allem Geistigen liege, und obschon ich bei meinen Werken immer die Empfindung des Gelingens habe, so fuhle ich einen ewigen Hunger, was mir eben erschopft schien, mit dem letzten Paukenschlag, mit dem ich meinen Genuss, meine musikalische Uberzeugung den Zuhorern einkeilte, wie ein Kind von neuem anzufangen. Sprechen Sie dem Goethe von mir, sagen Sie ihm, er soll meine Symphonien horen, da wird er mir recht geben, dass Musik der einzige unverkorperte Eingang in eine hohere Welt des Wissens ist, die wohl den Menschen umfasst, dass er aber nicht sie zu fassen vermag. Es gehort Rhythmus des Geistes dazu, um Musik in ihrer Wesenheit zu fassen, sie gibt Ahnung, Inspiration himmlischer Wissenschaften, und was der Geist sinnlich von ihr empfindet, das ist die Verkorperung geistiger Erkenntnis. Obschon die Geister von ihr leben, wie man von der Luft lebt, so ist es noch ein anders, sie mit dem Geiste begreifen; je mehr aber die Seele ihre sinnliche Nahrung aus ihr schopft, je reifer wird der Geist zum glucklichen Einverstandnis mit ihr. Aber wenige gelangen dazu, denn so wie Tausende sich um der Liebe willen vermahlen und die Liebe in diesen Tausenden sich nicht einmal offenbart, obschon sie alle das Handwerk der Liebe treiben, so treiben Tausende einen Verkehr mit der Musik und haben doch ihre Offenbarung nicht; auch ihr liegen die hohen Zeichen des Moralsinns zum Grunde wie jeder Kunst, alle echte Erfindung ist ein moralischer Fortschritt. Sich selbst ihren unerforschlichen Gesetzen unterwerfen, vermoge dieser Gesetze den eignen Geist bandigen und lenken, dass er ihre Offenbarungen ausstrome, das ist das isolierende Prinzip der Kunst; von ihrer Offenbarung aufgelost werden, das ist die Hingebung an das Gottliche, was in Ruhe seine Herrschaft an dem Rasen ungebandigter Krafte ubt und so der Phantasie die hochste Wirksamkeit verleihet. So vertritt die Kunst allemal die Gottheit, und das menschliche Verhaltnis zu ihr ist Religion, was wir durch die Kunst erwerben, das ist von Gott, gottliche Eingebung, die den menschlichen Befahigungen ein Ziel steckt, was er erreicht.

Wir wissen nicht, was uns Erkenntnis verleihet; das fest verschlossne Samenkorn bedarf des feuchten, elektrisch warmen Bodens, um zu treiben, zu denken, sich auszusprechen. Musik ist der elektrische Boden, in dem der Geist lebt, denkt, erfindet. Philosophie ist ein Niederschlag ihres elektrischen Geistes; ihre Bedurftigkeit, die alles auf ein Urprinzip grunden will, wird durch sie gehoben, obschon der Geist dessen nicht machtig ist, was er durch sie erzeugt, so ist er doch gluckselig in dieser Erzeugung, so ist jede echte Erzeugung der Kunst, unabhangig, machtiger als der Kunstler selbst, kehrt durch ihre Erscheinung zum Gottlichen zuruck, hangt nur darin mit dem Menschen zusammen, dass sie Zeugnis gibt von der Vermittelung des Gottlichen in ihm.

Musik gibt dem Geist die Beziehung zur Harmonie. Ein Gedanke abgesondert, hat doch das Gefuhl der Gesamtheit der Verwandtschaft im Geist; so ist jeder Gedanke in der Musik in innigster, unteilbarster Verwandtschaft mit der Gesamtheit der Harmonie, die Einheit ist.

Alles Elektrische regt den Geist zu musikalischer, fliessender, ausstromender Erzeugung.

Ich bin elektrischer Natur. Ich muss abbrechen mit meiner unerweislichen Weisheit, sonst mochte ich die Probe versaumen, schreiben Sie an Goethe von mir, wenn Sie mich verstehen, aber verantworten kann ich nichts und will mich auch gern belehren lassen von ihm." Ich versprach ihm, so gut ich's begreife, Dir alles zu schreiben. Er fuhrte mich zu einer grossen Musikprobe mit vollem Orchester, da sass ich im weiten unerhellten Raum in einer Loge ganz allein; einzelne Streiflichter stahlen sich durch Ritzen und Astlocher, in denen ein Strom bunter Lichtfunken hin und her tanzte, wie Himmelsstrassen mit seligen Geistern bevolkert.

Da sah ich denn diesen ungeheuren Geist sein Regiment fuhren. O Goethe! Kein Kaiser und kein Konig hat so das Bewusstsein seiner Macht, und dass alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven, der eben noch im Garten nach einem Grund suchte, wo ihm denn alles herkomme; verstund ich ihn so, wie ich ihn fuhle, dann wusst ich alles. Dort stand er, so fest entschlossen, seine Bewegungen, sein Gesicht druckten die Vollendung seiner Schopfung aus, er kam jedem Fehler, jedem Missverstehen zuvor, kein Hauch war willkurlich, alles war durch die grossartige Gegenwart seines Geistes in die besonnenste Tatigkeit versetzt. Man mochte weissagen, dass ein solcher Geist in spaterer Vollendung als Weltherrscher wieder auftreten werde.

Gestern abend schrieb ich noch alles auf, heute morgen las ich's ihm vor, er sagte: "Hab ich das gesagt? Nun dann hab ich einen Raptus gehabt"; er las es noch einmal aufmerksam und strich das oben aus und schrieb zwischen die Zeilen; denn es ist ihm drum zu tun, dass Du ihn verstehst.

Erfreue mich nun mit einer baldigen Antwort, die dem Beethoven beweist, dass Du ihn wurdigst. Es war ja immer unser Plan, uber Musik zu sprechen, ja ich wollte auch, aber durch Beethoven fuhl ich nun erst, dass ich der Sache nicht gewachsen bin.

Bettine

Meine Adresse ist Erdberggasse im Birkenstockischen Hause, noch vierzehn Tage trifft mich Dein Brief.

An Bettine

Dein Brief, herzlich geliebtes Kind, ist zur glucklichen Stunde an mich gelangt, Du hast Dich brav zusammengenommen, um mir eine grosse und schone Natur in ihren Leistungen wie in ihrem Streben, in ihren Bedurfnissen, wie in dem Uberfluss ihrer Begabtheit darzustellen, es hat mir grosses Vergnugen gemacht, dies Bild eines wahrhaft genialen Geistes in mich aufzunehmen, ohne ihn klassifizieren zu wollen, gehort doch ein psychologisches Rechnungskunststuck dazu, um das wahre Fazit der Ubereinstimmung da herauszuziehen, indessen fuhle ich keinen Widerspruch gegen das, was sich von Deiner raschen Explosion erfassen lasst; im Gegenteil mochte ich Dir fur einen innern Zusammenhang meiner Natur, mit dem, was sich aus diesen mannigfaltigen Ausserungen erkennen lasst, einstweilen einstehen, der gewohnliche Menschenverstand wurde vielleicht Widerspruche darin finden, was aber ein solcher vom Damon Besessener ausspricht, davor muss ein Laie Ehrfurcht haben, und es muss gleichviel gelten, ob er aus Gefuhl oder aus Erkenntnis spricht, denn hier walten die Gotter und streuen Samen zu kunftiger Einsicht, von der nur zu wunschen ist, dass sie zu ungestorter Ausbildung gedeihen moge; bis sie indessen allgemein werde, da mussen die Nebel vor dem menschlichen Geist sich erst teilen. Sage Beethoven das Herzlichste von mir, und dass ich gern Opfer bringen wurde, um seine personliche Bekanntschaft zu haben, wo denn ein Austausch von Gedanken und Empfindungen gewiss den schonsten Vorteil brachte, vielleicht vermagst Du so viel uber ihn, dass er sich zu einer Reise nach Karlsbad bestimmen lasst, wo ich doch beinah jedes Jahr hinkomme und die beste Musse haben wurde, von ihm zu horen und zu lernen; ihn belehren zu wollen, ware wohl selbst von Einsichtigern als ich Frevel, da ihm sein Genie vorleuchtet und ihm oft wie durch einen Blitz Hellung gibt, wo wir im Dunkel sitzen und kaum ahnen, von welcher Seite der Tag anbrechen werde.

Sehr viel Freude wurde es mir machen, wenn Beethoven mir die beiden komponierten Lieder von mir schicken wollte, aber hubsch deutlich geschrieben, ich bin sehr begierig sie zu horen, es gehort mit zu meinen erfreulichsten Genussen, fur die ich sehr dankbar bin, wenn ein solches Gedicht fruherer Stimmung mir durch eine Melodie (wie Beethoven ganz, richtig erwahnt) wieder aufs neue versinnlicht wird.

Schliesslich sage ich Dir noch einmal den innigsten Dank fur Deine Mitteilungen und Deine Art mir wohlzutun, da Dir alles so schon gelingt, da Dir alles zu belehrendem, freudigem Genuss wird, welche Wunsche konnten da noch hinzugefugt werden, als dass es ewig so fortwahren moge; ewig auch in Beziehung auf mich, der den Vorteil nicht verkennt, zu Deinen Freunden gezahlt zu werden. Bleibe mir daher, was Du mit so grosser Treue warst, sooft Du auch den Platz wechseltest und sich die Gegenstande um Dich her veranderten und verschonerten. Auch der Herzog grusst Dich und wunscht, nicht ganz von Dir vergessen zu sein. Ich erhalte wohl noch Nachricht von Dir in meinem Karlsbader Aufenthalt bei den drei Mohren. Am 6. Juni 1810

G.

An Goethe

Liebster Freund! Dem Beethoven hab ich Deinen schonen Brief mitgeteilt, soweit es ihm anging, er war voll Freude und rief: "Wenn ihm jemand Verstand uber Musik beibringen kann, so bin ich's." Die Idee, Dich im Karlsbad aufzusuchen, ergriff er mit Begeistrung, er schlug sich vor den Kopf und sagte: "Konnte ich das nicht schon fruher getan haben? Aber wahrhaftig, ich hab schon daran gedacht, ich hab's aus Timiditat unterlassen, die neckt mich manchmal, als ob ich kein rechter Mensch war, aber vor dem Goethe furchte ich mich nun nicht mehr." Rechne daher darauf, dass Du ihn im nachsten Jahr siehst.

Nun antworte ich nur noch auf die letzten Punkte Deines Briefs, aus denen ich Honig sammle: Die Gegenstande um mich her verandern sich zwar, aber sie verschonern sich nicht, das Schonste ist ja doch, dass ich von Dir weiss, und mich wurde nichts freuen, wenn Du nicht warst, vor dem ich es aussprechen durfte; und zweifelst Du daran, so ist Dir auch daran gelegen, und bin ich auch glucklicher, als mich alle gezahlten und ungezahlten Freunde je machen konnen. Mein Wolfgang, Du zahlst nicht mit unter den Freunden, lieber will ich gar keinen zahlen.

Den Herzog grusse, leg mich ihm zu Fussen, sag ihm, dass ich ihn nicht vergessen habe, auch keine Minute, die ich dort mit ihm erlebt habe. Dass er mir erlaubte, auf dem Schemel zu sitzen, worauf sein Fuss ruhte, dass er sich seine Zigarre von mir anrauchen liess, dass er meine Haarflechte aus den Krallen des bosen Affen befreite und gar nicht lachte, obschon es sehr komisch war, das vergesse ich gar nicht, wie er dem Affen so bittend zuredete; dann der Abend beim Souper, wo er dem Ohrenschlupfer den Pfirsich hinhielt, dass er sich darin verkriechen sollte, und wie jemand anders das Tierchen vom Tisch herunterwarf, um es tot zu treten; er wendete sich zu mir und sagte: "So bose sind Sie nicht, das hatten Sie nicht getan!" Ich nahm mich zusammen in dieser kitzligen Affare und sagte: "Ohrenschlupfer soll man bei einem Fursten nicht leiden"; er fragte: "Hat man auch die zu meiden, die es hinter den Ohren haben, so muss ich mich vor Ihnen huten"; auch die Promenade zu den jungen ausgebruteten Enten, die ich mit ihm zahlte, wo Du dazu kamst und uber unsere Geduld Dich schon lange gewundert hattest, ehe wir fertig waren, und so konnte ich Dir Zug fur Zug jeden Moment wieder herbeirufen, der mir in seiner Nahe gegonnt war. Wer ihm nah sein darf, dem muss wohl werden, weil er jeden gewahren lasst und doch mit dabei ist, und die schonste Freiheit gestattet und nicht unwillig ist um die Herrschaft des Geistes und dennoch sicher ist, einen jeden durch diese grossartige Milde zu beherrschen. Das mag ins Grosse und Allgemeine gehen, so wie ich's im Kleinen und Einzelnen erfahren habe. Er ist gross, der Herzog, und wachst dennoch, er bleibt sich selber gleich, gibt jeglichen Beweis, dass er sich uberbieten kann. So ist der Mensch, der einen hohen Genius hat, er gleicht ihm, er wachst so lange, bis er eins mit ihm wird.

Danke ihm in meinem Namen, dass er an mich denkt, beschreibe ihm meine zartliche Ehrfurcht. Wenn mir wieder beschert ist, ihn zu sehen, dann werde ich von seiner Gnade den moglichsten Ertrag ziehen. Morgen packen wir auf und gehen hin, wo lauter bohmische Dorfer sind. Wie oft hat mir Deine Mutter gesagt, wenn ich ihr allerlei Projekte machte: "Das sind lauter bohmische Dorfer", nun bin ich begierig, ein bohmisches Dorf zu sehen. Beide Lieder von Beethoven sind hier beigelegt, die beiden andern sind von mir, Beethoven hat sie gesehen und mir viel Schones daruber gesagt, dass wenn ich mich dieser Kunst gewidmet hatte, ich grosse Hoffnungen darauf bauen konnte; ich aber streife sie nur im Flug; denn meine Kunst ist Lachen und Seufzen in einem Sackelchen, und uber die ist mir keine.

Adieu! Vieles hole ich noch nach im bohmischen Schloss Bukowan.

Bettine

An Goethe

Bukowan im Praginer Kreis: Juli

Wie bequem ist's, wie lieblich an Dich zu denken unter diesem Dach von Tannen und Birken, die den heissen Mittag in hoher Ferne halten. Die schweren Tannzapfen glanzen und funkeln mit ihrem Harze, wie tausend kleine Tagsterne, machen's droben nur noch heisser und hier unten kuhler. Der blaue Himmel deckt mein hohes enges Haus; ich messe rucklings seine Ferne, wie er unerreichbar scheint, doch trug mancher schon den Himmel in der Brust; ist mir doch, als hab auch ich ihn in mir festgehalten einen Augenblick, diesen weitgedehnten uber Berg und Tal hinziehenden: uber alle Strome Brucken; durch alle Felsen, Hohlen; uber Stock und Stein in einem Strich fort, der Himmel uber mir, bis dort an Dein Herz, da sinkt er mit mir zusammen.

Liegt es denn nur in der Jugend, dass sie so innig wolle, was sie will? Bist Du nicht so? Begehrst nicht nach mir? Mochtest Du nicht zuweilen bei mir sein? Sehnsucht ist ja doch die rechte Fahrte, sie weckt ein hoheres Leben, gibt helle Ahnung noch unerkannter Wahrheiten, vernichtet allen Zweifel und ist sie die sicherste Prophetin seines Gluckes. Dir sind aus allen sind den Fragen Deiner Sehnsucht gottliche Wahrheiten zugestromt. Was hab ich? Ich habe Dich auf tausend Fragen.

Hier in der tiefen Felsschlucht denk ich so allerlei; ich hab mich einen halsbrechenden Weg heruntergewagt, wie werd ich wieder hinaufkommen an diesen glatten Felswanden, an denen ich vergeblich die Spur suche, wo ich herabgeglitten bin. Selbstvertrauen ist Vertrauen auf Gott, er wird mich doch nicht stecken lassen! Ich lieg hier unter frischen hohen Krautern, die mir die heisse Brust kuhlen, viele kleine Wurmchen und Spinnen klettern uber mich hinaus, alles wimmelt geschaftig um mich her. Die Eidechsen schlupfen aus ihren feuchten Lochern und heben das Kopfchen und staunen mich an mit ihren klugen Augen und schlupfen eilig zuruck; sie sagen's einander, dass ich da bin; ich der Liebling des Dichters es kommen immer mehr und gucken.

Ach, schoner Sommernachmittag! Ich brauch nicht zu denken, der Geist sieht mussig hinauf in die kristallne Luft. Kein Witz, keine Tugend, nackt und bloss ist die Seele, in der Gott sein Ebenbild erkennt.

Die ganze Zeit war Regenwetter, heute brennt die Sonne wieder. Nun lieg ich hier zwischen Steinen auf weichem Moos von vielen Fruhlingen her, die jungen Tannen dampfen heisses Harz aus und ruhren mit den Asten meinen Kopf. Ich muss jedem Froschchen nachgucken, mich gegen Heuschrecken und Hummeln wehren, dabei bin ich so faul was soll ich mit Dir schwatzen, hier wo ein Hauch das Laub bewegt, durch das die Sonne auf meine geschlossnen Augenlider spielt? Guter Meister! Hor in diesem Lispeln, wie sehr Du meine Einsamkeit begluckst; der Du alles weisst und alles fuhlst, und weisst, wie wenig die Worte dem innern Sinn gehorchen. Wann soll ich Dich wiedersehen? Wann? Dass ich mich nur ein klein wenig an Dich anlehnen moge und ausruhen, ich faules Kind.

Bettine

Wie ich gestern aus meiner Faulheit erwachte und mich besann, da waren die Schatten schon lang geworden; ich musste mich an den jungen Birkenstammchen, die aus den Felsritzen wachsen, aus meiner Untiefe heraufschwingen, das Schloss Bukowan mit seinen roten Dachern und schonen Turmen sah ich nirgends, ich wusste nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, und entschloss mich kurz, ein paar Ziegen nachzugehen, die brachten mich wieder zu Menschen, mit denen sie in einer Hutte wohnen, ich machte diesen verstandlich, dass ich nach Bukowan wolle, sie begleiteten mich, der Tag ging schlafen, der Mond ging auf, ich sang, weil ich doch nicht mit ihnen sprechen konnte, nachher sangen sie wieder, und so kam ich am spaten Abend an, ein paarmal hatte ich Angst, die Leute konnten mich irrefuhren, und war recht froh, wie ich in meiner kleinen Turmstube sass.

Ich bin ubrigens nicht ohne Beschaftigung, so einsam es auch ist, an einem Morgen hab ich mehrere Hundert kleine Backsteine gemacht, das Bauen ist meine Freude, mein Bruder Christian ist ein wahres Genie, er kann alles, eben ist das Modell einer kleinen Schmiede fertig geworden, das nun auch gleich im grossen ausgefuhrt werden soll. Die Erfindungsgabe dieses Bruders ist ein unversiegbarer Quell, und ich bin sein bester Handlanger, soweit meine Krafte reichen, mehrere ideale Gebaude stehen in kleinen Modellen um uns her in einem grossen Saal, und da sind der Aufgaben so viele, die ich zu losen habe, dass ich abends oft ganz mude bin, es hindert mich jedoch nicht, morgens den Sonnenaufgang auf dem Pedeetsch zu erwarten, ein Berg, der rund ist wie ein Backofen und hiervon den Namen tragt (denn Pedeetsch heisst auf Bohmisch Backofen), etwas erhoht uber hundert seinesgleichen, die wie ein grosses Lager von Zelten ihn umgeben, da seh ich denn abermals und abermals die Welt dem Licht erwachen; allein und einsam wie ich bin, kampft's in meiner Seele, musste ich langer hier bleiben, so schon es auch ist, ich konnt's nicht aushalten. Vor kurzem war ich noch in der grossen Wienstadt, ein Treiben, ein Leben unter den Menschen, als ob es nie aufhoren sollte, da wurden in Gemeinschaft die uppigen Fruhlingstage verlebt, in schonen Kleidern ging man gesellig umher. Jeder Tag brachte neue Freude und jeder Genuss wurde eine Quelle interessanter Mitteilungen, uber das alles hinaus ragte mir Beethoven, der grosse ubergeistige, der uns in eine unsichtbare Welt einfuhrte, und der Lebenskraft einen Schwung gab, dass man das eigne beschrankte Selbst zu einem Geisteruniversum erweitert fuhlte. Schade, dass er nicht hier ist in dieser Einsamkeit, dass ich uber seinem Gesprach das ewige Zirpen jener Grille vergessen mochte, die nicht aufhort mich zu mahnen, dass nichts ausser ihrem Ton die Einsamkeit unterbricht. Heute habe ich mich eine ganze Stunde exerziert, einen Kranz von Rosen mit dem Stock auf ein hohes steinernes Kreuz zu schwingen, das am Fahrweg steht, es war vergebens, der Kranz entblatterte, ich setzte mich ermudet auf die Bank darunter, bis der Abend kam, und dann ging ich nach Hause. Kannst Du glauben, dass es mich sehr traurig machte, so einsam nach Hause zu gehen, und dass es mir war, als hange ich mit nichts zusammen in der Welt, und dass ich unterwegs an Deine Mutter dachte, wenn ich im Sommer zum Eschenheimer Tor hereinkam vom weiten Spaziergang, da lief ich zu ihr hinauf, ich warf Blumen und Krauter, alles, was ich gesammelt hatte, mitten in die Stube und setzte mich dicht an sie heran und legte den Kopf ermudet auf ihren Schoss; sie sagte: "Hast du die Blumen so weit hergebracht, und jetzt wirfst du sie alle weg", da musste ihr die Lieschen ein Gefass bringen, und sie ordnete den Strauss selbst, uber jede einzelne Blume hielt sie ihre Betrachtung und sagte vieles, was mir so wohltatig war, als schmeichle mir eine liebe Hand; sie freute sich, dass ich alles mitbrachte, Kornahren und Grassamen und Beeren am Aste, hohe Dolden, schongeformte Blatter, Kafer, Moose, Samendolden, bunte Steine, sie nannte es eine Musterkarte der Natur und bewahrte es immer mehrere Tage; manchmal bracht ich ihr auserlesene Fruchte und verbot ihr, sie zu essen, weil sie zu schon waren, sie brach gleich einen schongestreiften Pfirsich auf und sagte: "Man muss allem Ding seinen Willen tun, der Pfirsich lasst mir nun doch keine Ruh, bis er verzehrt ist." In allem, was sie tat, glaubt ich Dich zu erkennen, ihre Eigenheiten und Ansichten waren mir liebe Ratsel, in denen ich Dich erriet.

Hatt ich die Mutter noch, so wusst ich, wo ich zu Hause war, ich wurde ihren Umgang allem andern vorziehen, sie machte mich sicher im Denken und Handeln, manchmal verbot sie mir etwas, wenn ich aber doch als meinem Eigensinn gefolgt war, verteidigte sie mich gegen alle, und da holte sie aus in ihrem Enthusiasmus wie der Schmied, der das gluhende Eisen auf dem Amboss hat, sie sagte: "Wer der Stimme in seiner Brust folgt, der wird seine Bestimmung nicht verfehlen, dem wachst ein Baum aus der Seele, aus dem jede Tugend und jede Kraft bluht, und der die schonsten Eigenschaften wie kostliche Apfel tragt, und Religion, die ihm nicht im Weg ist, sondern seiner Natur angemessen, wer aber dieser Stimme nicht horcht, der ist blind und taub und muss sich von andern hinfuhren lassen, wo ihre Vorurteile sie selbst hin verbannen. Ei", sagte sie, "ich wollte ja lieber vor der Welt zuschanden werden, als dass ich mich von Philisterhand uber einen gefahrlichen Steig leiten liess, am End ist auch gar nichts gefahrlich als nur die Furcht selber, die bringt einem um alles." Grad im letzten Jahr war sie am lebendigsten und sprach uber alles mit gleichem Anteil, aus den einfachsten Gesprachen entwickelten sich die feierlichsten und edelsten Wahrheiten, die einem fur das ganze Leben ein Talisman sein konnten; sie sagte: "Der Mensch muss sich den besten Platz erwahlen, und den muss er behaupten sein Leben lang, und muss all seine Krafte daran setzen, dann nur ist er edel und wahrhaft gross. Ich meine nicht einen aussern, sondern einen innern Ehrenplatz, auf den uns stets diese innere Stimme hinweist, konnten wir nur das Regiment fuhren in uns selbst, wie Napoleon das Regiment der Welt fuhrt, da wurde sich die Welt mit jeder Generation erneuern und uber sich selbst hinausschwingen. So bleibt's immer beim Alten, weil's halt keiner in sich weiter treibt wie der vorige, und da langweilt man sich schon, wenn man auch eben erst angekommen ist, ja, man fuhlt's gleich, wenn man's auch zum erstenmal hort, dass die Weisheit schon altes abgedroschnes Zeug ist." Ihre franzosische Einquartierung musste ihr viel von Napoleon erzahlen, da fuhlte sie mit alle Schauer der Begeisterung; sie sagte: "Der ist der Rechte, der in allen Herzen widerhallt mit Entzucken, Hoheres gibt es nichts, als dass sich der Mensch im Menschen fuhlbar mache", und so steigere sich die Seligkeit durch Menschen und Geister wie durch eine elektrische Kette, um zuletzt als Funken in das himmlische Reich uberzuspringen. Die Poesie sei dazu, um das Edle, Einfache, Grosse aus den Krallen des Philistertums zu retten, alles sei Poesie in seiner Ursprunglichkeit, und der Dichter sei dazu, diese wieder hervorzurufen, weil alles nur als Poesie sich verewige; ihre Art zu denken hat sich mir so tief eingepragt, ich kann mir in ihrem Sinn auf alles Antwort geben, sie war so entschieden, dass die allgemeine Meinung durchaus keinen Einfluss auf sie hatte, es kam eben alles aus so tiefem Gefuhl, sie sagte mir oft, ihre Vorliebe fur mich sei bloss aus der verkehrten Meinung andrer Leute entstanden, da habe sie gleich geahnet, dass sie mich besser verstehen werde. Nun, ich werde mich noch auf alles besinnen; denn mein Gedachtnis wird mir doch nicht weniger treu sein wie mein Herz. Am Pfingstfest, in ihrem letzten Lebensjahr, da kam ich aus dem Rheingau, um sie zu besuchen, sie war freudig uberrascht, wir fuhren ins Kirschenwaldchen; es war so schon Wetter, die Bluten wirbelten leise um uns herab wie Schnee, ich erzahlte ihr von einem ahnlichen schonen Feiertag, wie ich erst dreizehn Jahr alt gewesen, da hab ich nachmittags allein auf einer Rasenbank gesessen, und da habe sich ein Katzchen auf meinen Schoss in die Sonne gelegt und sei eingeschlafen, und ich bin sitzen geblieben, um sie nicht zu storen, bis die Sonne unterging, da sprang die Katze fort. Die Mutter lachte und sagte: "Damals hast du vom Wolfgang noch nichts gewusst, da hast du mit der Katze vorlieb genommen."

Ja, hatte ich die Mutter noch! Mit ihr brauchte man nicht Grosses zu erleben, ein Sonnenstrahl, ein Schneegestober, der Schall eines Posthorns weckte Gefuhle, Erinnerung und Gedanken. Ich muss mich schamen vor Dir, dass ich so verzagt bin. Bist Du mir nicht gut und nimmst mich auf wie eine gute Gabe? Und kann einer Gabe annehmen, der sich nicht hingibt der Gabe? Und ist das Gabe, die nicht ganz und immerdar sich gibt? Geht auch ein Schritt vorwarts, der nicht in ein neues Leben geht? Geht einer ruckwarts, der nicht mit dem ewigen Leben verfallen ware? Siehst Du, das ist ein sehr einfaches Rechenexempel, warum man nicht verzagen soll, weil das Ewige keine Grenze hat. Wer will der Liebe, wer kann dem Geist Grenzen setzen? Wer hat je geliebt, der sich etwas vorbehalten habe? Vorbehalt ist Selbstliebe. Das irdische Leben ist Gefangnis, der Schlussel zur Freiheit ist Liebe, sie fuhrt aus dem irdischen Leben ins Himmlische. Wer kann aus sich selbst erlost werden ohne die Liebe? Die Flamme verzehrt das Irdische, um dem Geist grenzenlosen Raum zu gewinnen, der auffliegt zum Ather; der Seufzer, der sich in der Gottheit auflost, hat keine Grenze. Nur der Geist hat ewige Wirkung, ewiges Leben, alles andre stirbt. Gute Nacht; gute Nacht, es ist um die Geisterstunde.

Dein Kind, das sich an Dich drangt aus Furcht vor

seinen eignen Gedanken.

An Bettine

Da Du in der Fulle interessanter Begebenheiten und Zerstreuungen der volkreichsten Stadt nicht versaumt hast, mir so reichhaltige Berichte zu senden, so ware es unbillig, wenn ich jetzt in Deinen verborgnen Schlupfwinkel Dir nicht auch ein Zeichen meines Lebens und meiner Liebe dahinuber schickte. Wo steckst Du denn? Weit kann es nicht sein; die eingestreuten Lavendelbluten in Deinem Brief ohne Datum waren noch nicht welk, da ich ihn erhielt, sie deuten an, dass wir einander vielleicht naher sind, als wir ahnen konnten. Versaume ja nicht bei Deinen allseitigen Treiben und wunderlichen Versuchen, der Gottin Gelegenheit einen Tempel aus gemachten Backsteinen zu errichten, und erinnere Dich dabei, dass man sie ganz kuhn bei den drei goldnen Haaren ergreifen muss, um sich ihrer Gunst zu versichern. Eigentlich hab ich Dich schon hier, in Deinen Briefen, in Deinen Andenken und lieblichen Melodien und vor allem in Deinem Tagebuch, mit dem ich mich taglich beschaftige, um mehr und mehr Deiner reichen erhabenen Phantasie machtig zu werden, doch mochte ich Dir auch mundlich sagen konnen, wie Du mir wert bist.

Deine Weissagungen uber Menschen und Dinge, uber Vergangenheit und Zukunft sind mir lieb und nutzlich, und ich verdiene auch, dass Du mir

das Beste gonnst. Treues, liebevolles Andenken hat vielleicht einen bessern Einfluss auf Geschick und Geist als die Gunst der Sterne selbst, von denen wir ja doch nicht wissen, ob wir sie nicht den Beschworungen schoner Liebe zu danken haben.

Von der Mutter schreib alles auf, es ist mir wichtig; sie hatte Kopf und Herz zur Tat wie zum Gefuhl.

Was Du auf Deiner Reise gesehen und erfahren hast, schreib mir alles, lasse Dich die Einsamkeit nicht boslich anfallen, Du hast Kraft, ihr das

Beste abzugewinnen.

Schon war's, wenn das liebe Bohmer Gebirg nun auch Deine liebe Erscheinung mir bescherte. Lebe wohl, liebstes Kind, fahre fort, mit mir zu leben, und lasse mich Deine lieben ausfuhrlichen Briefe nicht missen.

Goethe

An Goethe

Dein Brief war ganz rasch da, ich glaubte, Deinen Atem noch darin zu erhaschen, noch eh ich ihn gelesen hatte, hab ich dem eine Falle gestellt, an der Landkarte bin ich auch gewesen. Wenn ich heute von hier abreiste, so lag ich morgen fruh zu Deinen Fussen; und wie ich an der weichen Molltonart Deines Schreibens erkenne, so wurdest Du mich nicht lange da schmachten lassen, Du wurdest mich bald ans Herz ziehen, und in sturmender Freude wurde gleich Zimbeln und Pauken mit raschem Wirbelschlag ein durch Mark und Bein dringendes Finale der sussen Ruhe vorangehen, die mich in Deiner Gegenwart begluckt. Wem entdeck ich's? Die kleine Reise zu Dir? Ach nein, ich sag's nicht, es versteht's doch keiner, wie selig es mich machen konnte, und dann ist es ja auch so allgemein, die Freude der Begeistrung zu verdammen, sie nennen es Wahnsinn und Verkehrtheit. Glaub nicht, dass ich sagen durfte, wie lieb ich Dich habe, was man nicht begreift, das findet man leicht toll, ich muss schweigen. Aber der herrlichen Gottin, die mit den Philistern ihr Spiel treibt, hab ich nach Deinem Wink und um meiner Ungeduld zu steuern, mit selbstgemachten Backsteinen schon den Grund zum Tempelchen gelegt. Hier male ich Dir den Grundriss: eine viereckige Halle in der Mitte ihrer vier Wande, Turen klein und schmal, innerhalb derselben eine zweite auf Stufen erhaben, die auch in der Mitte jeder Wand eine Tur hat; dieser Raum steht aber quer, also, dass die Ecken auf die vier Turen der ausseren Halle gerichtet sind; in diesem ein dritter viereckiger Raum, der auf Stufen erhoht liegt, nur eine Tur hat und wieder mit dem aussersten Raum gleich steht, die drei Ecken, welche sich durch den innersten Raum in dem zweiten abschneiden und durch grosse Offnungen sich an denselben anschliessen, wahrend die vierte Ecke den Eingang zur Tur bildet, stellen die Garten der Hesperiden dar, in der Mitte auf weichgepolstertem Thron die Gottin; nachlassig hingelehnt, schiesst sie ohne Wahl nur spielend nach den goldnen Apfeln der Hesperiden, die mit Jammer zusehen mussen, wie die vom Pfeil zufallig durchschossnen Apfel uber die umwachte Grenze hinausfliegen. O Goethe! Wer nun von aussen die rechte Tur wahlt und ohne langes Besinnen durch die Vorhallen grade zum innersten Tempel gelangt, den Apfel am fliegenden Pfeil kuhn erhascht, wie glucklich ist der!

Die Mutter sagte: alle schonen Empfindungen des Menschengeistes, wenn sie auch auf Erden nicht auszufuhren seien, so waren sie dem Himmel, wo alles ohne Leib, nur im Geist da sei, doch nicht verloren. Gott habe gesagt, es werde, und habe dadurch die ganze schone Welt erschaffen, ebenso sei dem Menschen diese Kraft eingeboren, was er im Geist erfinde, das werde durch diese Kraft im Himmel erschaffen. Denn der Mensch baue sich seinen Himmel selbst, und seine herrlichen Erfindungen verzieren das ewige unendliche Jenseits; in diesem Sinne also baue ich unserer Gottin den schonen Tempel, ich bekleide seine Wande mit lieblichen Farben und Marmorbildern, ich lege den Boden aus mit bunten Steinen, ich schmucke ihn mit Blumen und erfulle durchwandelnd die Hallen mit dem Duft des Weihrauchs, auf den Zinnen aber bereite ich dem gluckbringenden Storch ein bequemes Nest, und so vertreibe ich mir die ungeduldige Zeit, die mich aus einer Aufregung in die andere sturzt. Ach, ich darf gar nicht hinhorchen in die Ferne wie sonst, wenn ich in der waldrauschenden Einsamkeit auf das Zwitschern der Vogel lauschte, um ihr Nestchen zu entdecken. Jetzt am hohen Mittag sitz ich allein im Garten und mochte nur fuhlen nicht denken was Du mir bist; da kommt leise der Wind, als kam er von Dir; er legt sich so frisch ans Herz er spielt mit dem Staub zu meinen Fussen und jagt unter die tanzenden Muckchen, er streift mir die heissen Wangen, halt schmeichelnd den Brand der Sonne auf; am unbeschnittnen Rebengelander hebt er die Ranken und flustert in den Blattern, dann streift er eilend uber die Felder, uber die neigenden Blumen. Brachte er Botschaft? Hab ich ihn recht verstanden? Ist's gewiss? Er soll mich tausendmal grussen vom Freund, der gar nicht weit von hier meiner harrt, um mich tausendmal willkommen zu heissen? Ach, konnt ich noch einmal ihn fragen! Er ist fort; lass ihn ziehen, zu andern, die auch sich sehnen, ich wende mich zu ihm, der allein mein Herz ergreift, mein Leben erneut mit seinem Geist, mit dem Hauch seiner Worte8.

Montag

Frag nur nicht nach dem Datum, ich habe keinen Kalender, und ich muss Dir gestehen, es ist, als ob sich's nicht schicke fur meine Liebe, dass ich mich um die Zeit bekummere. Ach Goethe! Ich mag nicht hinter mich sehen und auch nicht vor mich. Dem himmlischen Augenblick ist die Zeit ein Scharfrichter, das scharfe Schwert, das sie uber ihm schwingt, seh ich mit scheuer Ahnung blitzen; nein, ich will nicht fragen nach der Zeit, wo ich fuhle, dass die Ewigkeit mir den Genuss nicht uber die Grenze des Augenblicks ausdehnen wurde; aber doch, wenn Du wissen willst, uber's Jahr vielleicht, oder in spaterer Zeit, wann es doch war, dass mich die Sonne braun gebrannt hat und ich's nicht spurte vor tiefem Sinnen an Dich; so merk es Dir, es ist grade, wo die Johannisbeeren reif sind, der spekulierende Geist des Bruders will sich in helfe keltern. Gestern abend im Mondlicht haben wir Traubenlese gehalten, da flogen unzahlige Nachtfalter mir um den Kopf; wir haben eine ganze Welt traumerischer Geschopfe aufgestort bei dieser nachtlichen Ernte, sie waren ganz irre geworden. Wie ich in mein Zimmer kam, fand ich unzahlige, die das Licht umschwarmten, sie dauerten mich, ich wollte ihnen wieder hinaushelfen, ich hielt lange das Licht vors Fenster und habe die halbe Nacht mit zugebracht, es hat mich keine Muhe verdrossen. Goethe, habe doch auch Geduld mit mir, wenn ich Dich umschwarme und von den Strahlen Deines Glanzes mich nicht trennen will, da mochtest Du mir wohl auch gern nach Hause leuchten.

Bettine

Dienstag

Heute morgen hat der Christian, der auch Arzneiwissenschaft treibt, eine zahme Wachtel kuriert, die in meinem Zimmer herumlauft und krank war, er versuchte ihr einen Tropfen Opium einzuflossen, unversehens trat er auf sie, dass sie ganz platt und tot dalag. Er fasste sie rasch und ribbelte sie mit beiden Handen wieder rund, da lief sie hin, als wenn ihr nichts gefehlt hatte, und die Krankheit ist auch vorbei, sie macht sich gar nicht mehr dick, sie frisst, sie sauft, badet sich

Mittwoch

Heute gingen wir aufs Feld, um die Wirkung einer Maschine zu sehen, mit der Christian bei grosser Durre die Saaten wassern will; ein sich weit verbreitender Perlenregen spielte in der Sonne und machte uns viel Vergnugen. Mit diesem Bruder geh ich gern spazieren, er schlendert so vor mir her und findet uberall was Merkwurdiges; er kennt das Leben der kleinen Insekten und ihre Wohnungen, und wie sie sich nahren und mehren; alle Pflanzen nennt er und kennt ihre Abkunft und Eigenschaften, manchmal bleibt er den ganzen Tag auf einem Fleck liegen und simuliert, wer weiss, was er da alles denkt, in keiner Stadt gab's so viel zu tun, als was seine Erfindsamkeit jeden Augenblick ausheckt; bald hab ich beim Schmied, bald bei dem Zimmermann oder Maurer subtile Geschafte fur ihn, bei dem einen zieh ich den Blasbalg, bei dem andern halte ich Schnur und Richtmass. Mit der Nahnadel und Schere muss ich auch eingreifen; eine Reisemutze hat er erfunden, deren Zipfel sich in einen Sonnenschirm ausbreitet, und einen Reisewagen rund wie eine Pauke, mit Lammerfell ausgeschlagen, der von selbst fahrt; Gedichte macht er auch, ein Lustspiel hat er gemacht zum Lachen fur Mund und Herz; auf der Flote blast er in die tiefe Variationen, die im ganzen Praginer Kreis widerhallen. Er lehrt mich reiten und das Pferd regieren wie ein Mann; er lasst mich ohne Sattel reiten und wundert sich, dass ich sitzen bleib im Galopp. Der Gaul will mich nicht fallen lassen, er kneipt mich in den Fuss zum Scherz und dass ich Mut haben soll, er ist vielleicht ein verwunschter Prinz, dem ich gefall. Fechten lehrt mich der Christian auch, mit der linken Hand und mit der rechten, und nach dem Ziel schiessen nach einer grossen Sonnenblume, das lern ich alles mit Eifer, damit mein Leben doch nicht gar zu dumm wird, wenn's wieder Krieg gibt; heute abend waren wir auf der Jagd und haben Schmetterlinge geschossen, zwei hab ich getroffen auf einen Schuss.

So geht der Tag rasch voruber, erst furchtete ich vor Zeituberfluss allzulange Briefe zu schreiben oder Dich mit spekulativen Gedanken uber Gott und Religion zu behelligen, weil ich in Landshut viel in der Bibel gelesen habe und in Luthers Schriften. Jetzt ist mir alles so rund wie die Weltkugel, wo denn gar nichts zu bedenken ist, weil wir nirgendwo herunterfallen konnen. Deine Lieder singe ich im Gehen in der freien Natur, da finden sich die Melodien von selbst, die meiner Erfindung den rechten Rhythmus geben; in der Wildnis mach ich bedeutende Fortschritte, das heisst, kuhne Satze von einer Klippe zur andern. Da hab ich einen kleinen Tummelplatz von Eichhornchen entdeckt, unter einem Baum lagen eine grosse Menge dreieckiger Nusse, auf dem Baum sassen zum wenigsten ein Dutzend Eichhornchen und warfen mir die Schalen auf den Kopf, ich blieb still unten liegen und sah durch die Zweige ihren Ballettsprungen und mimischen Tanz zu, was man mit so grossem Genuss verzehren sieht, das macht einem auch unwiderstehlichen Appetit, ich habe ein ganzes Tuch voll dieser Nusse, die man Bucheckern nennt, gesammelt und die ganze Nacht daran geknuspert wie die Eichhornchen; wie schon speisen die Tiere des Waldes, wie anmutig bewegen sie sich dabei, und wie beschreibt sich in ihren Bewegungen der Charakter ihrer Nahrungsmittel. Man sieht der Ziege gleich an, dass sie gerne sauerliche Krauter frisst, denn sie schmatzt. Die Menschen seh ich nicht gerne essen, da fuhl ich mich beschamt. Der Geruch aus der Kuche, wo allerlei bereitet wird, krankt mich, da wird gesotten und gebraten und gespickt; Du weisst vielleicht nicht, was das ist? Das ist eine gewaltig grosse Nahnadel, in die wird Speck eingefadelt, und damit wird das Fleisch der Tiere benaht, da setzen sich die vornehmen, gebildeten Manner, die den Staat regieren, an die Tafel und kauen in Gesellschaft. In Wien, wie sie den Tirolern Verzeihung fur die Revolution ausgemacht haben, die sie doch selbst angezettelt hatten, und haben den Hofer an die Franzosen verkauft, das ist alles bei Tafel ausgemacht worden, mit trunknem Mut liess sich das ohne sonderliche Gewissensbisse einrichten.

Die Diplomaten haben zwar die List des Teufels, der Teufel hat sie aber doch zum besten, das sieht man an ihren narrischen Gesichtern, auf denen der Teufel alle ihre Intrigen abmalt. In was liegt denn die hochste Wurde als nur im Dienst der Menschheit, welche herrliche Aufgabe fur den Landesherrn, dass alle Kinder kommen und flehen: "Gib uns unser taglich Brot!" Und dass er sagen kann: "Da habt! Nehmt alles, denn ich bedarf nur, dass ihr versorgt seid", ja wahrlich! Was kann einer fur sich haben wollen als alles nur fur andre zu haben, das ware der beste Schuldentilger; aber den armen Tirolern haben sie doch ihre Schulden nicht bezahlt. Ach, was geht mich das alles an, der Bote geht ab, und nun hab ich Dir nichts geschrieben von vielem, was ich Dir sagen wollte, ach wenn es doch kame, dass ich Dir bald begegnete, was gewiss werden wird, ja, es muss wahr werden. Dann wollen wir alle Welthandel sein lassen und wollen jede Minute gewissenhaft verwenden9.

Bettine

An Bettine

Toplitz

Deine Briefe, allerliebste Bettine, sind von der Art, dass man jederzeit glaubt, der letzte sei der interessanteste. So ging mir's mit den Blattern, die Du mitgebracht hattest, und die ich am Morgen Deiner Abreise fleissig las und wieder las. Nun aber kam Dein letztes, das alle die andern ubertrifft10. Kannst Du so fortfahren, Dich selbst zu uberbieten, so tue es, Du hast so viel mit Dir genommen, dass es wohl billig ist, etwas aus der Ferne zu senden. Gehe Dir's wohl!

Goethe

Deinen nachsten Brief muss ich mir unter gegenuberstehender Adresse erbitten, wie ominos! O weh! Was wird er enthalten? Durch Herrn Hauptmann von Verlohren in Dresden.

An Goethe

Berlin, am 17. Oktober

Beschuldige mich nicht, dass ich so viel mit mir fortgenommen habe; denn wahrlich, ich fuhle mich so verarmt, dass ich mich nach allen Seiten umsehe nach etwas, an das ich mich halten kann; gib mir etwas zu tun, wozu ich kein Tageslicht brauche, kein Zusammensein mit den Menschen, und was mir Mut gibt, allein zu sein. Dieser Ort gefallt mir nicht, hier sind keine Hohen, von denen man in die Ferne schauen konnte.

Am 18.

Ich stieg einmal auf einen Berg. Ach! was mein Herz beschwert? sind Kleinigkeiten, sagen die Menschen. Zusammenhangend schreiben? Ich konnte meiner Lebtag die Wahrheit nicht hervorbringen; seitdem wir in Toplitz zusammengesessen haben, was soll ich Dir noch lang schreiben, was der Tag mit sich bringt, das Leben ist nur schon, wenn ich mit Dir bin. Nein, ich kann Dir nichts Zusammenhangendes erzahlen, buchstabier Dich durch wie damals durch mein Geschwatz. Schreib ich denn nicht immer, was ich schon hunderttausendmal gesagt habe? Die da von Dresden kamen, erzahlten mir viel von Deinen Wegen und Stegen, grad als wollten sie sagen: "Dein Hausgott war auf anderer Leute Herd zu Gast und hat sich da gefallen." Z... hat Dein Bild uberkommen und hat es wider sein graubraunes Konterfei gestutzt; ich seh in die Welt, und in diesem tausendfaltigen Narrenspiegel seh ich haufig Dein Bild, das von Narren geliebkost wird. Du kannst doch wohl denken, dass dies mir nicht erfreulich ist. Du und Schiller, Ihr wart Freunde, und Eure Freundschaft hatte eine Basis im Geisterreich; aber Goethe, diese nachkommlichen Bundnisse, die gemahnen mich grad wie die Trauerschleppe einer erhabenen vergangenen Zeit, die durch allen Schmutz des gemeinen Lebens nachschleppt. Wenn ich mich bereite, Dir zu schreiben, und denke so in mich hinein, da fallen mir allemal die einzelnen Momente meines

Lebens ein, die so ruhig, so auffasslich in mich hereingeklungen haben, wie allenfalls einem Maler ahnliche Momente in der Natur wieder erscheinen, wenn er mit Lust etwas malt; so gedenke ich jetzt der Abenddammerung im heissen Monat August, wie Du am Fenster sassest und ich vor Dir stand, und wie wir die Rede wechselten, ich hatte meinen Blick wie ein Pfeil scharf Dir ins Auge gedruckt, und so blieb ich drin haften und bohrte mich immer tiefer und tiefer ein, und wir waren beide stille, und Du zogst meine aufgelosten Haare durch die Finger. Ach Goethe, da fragtest Du, ob ich kunftig Deiner gedenken werde beim Licht der Sterne, und ich hab es Dir versprochen; jetzt haben wir Mitte Oktober, und schon oft hab ich nach den Sternen gesehen und habe Deiner gedacht, es uberlauft mich kalter Schauer, und Du, der meinen Blick dahin gebannt hat, denke doch, wie oft ich noch hinaufblicken werde, so schreib es denn auch taglich neu in die Sterne, dass Du mich liebst, damit ich nicht verzweifeln muss, sondern dass mir Trost von den Sternen niederleuchtet, jetzt, wo wir nicht beieinander sind. Vorm Jahr um diese Zeit, da ging ich an einem Tag weit spazieren und blieb auf einem Berg sitzen, da oben spielte ich mit dem glitzernden Sand, den die Sonne beschien und knipste den Samen aus den verdorrten Staudchen, bei mit Nebel kampfender Abendrote ging ich und ubersah alle Lande, ich war frei im Herzen; denn meine Liebe zu Dir macht mich frei. So was beengt mich zuweilen, wie damals die erfrischende Luft mich kraftig, ja beinah gescheut machte, dass ich nicht immer geh, immer wandre unter freiem Himmel und mit der Natur spreche. Ein Sturmwind nimmt in grosster Schnelle ganze Taler ein, alles beruhrt er, alles bewegt er, und der es empfindet, wird von Begeistrung ergriffen. Die gewaltige Natur lasst keinen Raum und bedarf keinen Raum, was sie mit ihrem Zauberkreis umschlingt, das ist hereingebannt. O Goethe, Du bist auch hineingebannt, in keinem Wort, in keinem Hauch Deiner Gedichte lasst sie Dich los. Und wieder muss ich vor dieser Menschwerdung niederknien und muss Dich lieben und begehren wie alle Natur.

Da wollt ich Dir noch viel sagen, ward abgerufen, und heute am 29. Oktober komme ich wieder zum Schreiben. Es ist halt uberall ruhig oder vielmehr ode. Dass die Wahrheit sei, dazu gehort nicht einer; aber dass die Wahrheit sich an ihnen bewahre, dazu gehoren alle Menschen. Mann! Dessen Fleisch und Bein so von der Schonheit Deiner Seele durchdrungen ist, wie darf ich Leib und Seele so beisammen lieb haben! Oft denk ich bei mir, ich mochte besser und herrlicher sein, damit ich doch die Anspruche an Dich rechtfertigen konnte, aber kann ich's? Dann muss ich an Dich denken, Dich vor mir sehen, und habe nichts, wenn mir die Liebe nicht als Verdienst gelten soll? Solche Liebe ist nicht unfruchtbar. Und doch darf ich nicht nachdenken, ich konnte mir den Tod daran holen, ist was daran gelegen? Jawohl! Ich hab eine Wiege in Deinem Herzen, und wer mich da herausstiehlt, sei es Tod oder Leben, der raubt Dir ein Kind. Ein Kopfkissen mocht ich mit Dir haben, aber ein hartes; sag es niemand, dass ich so bei Dir liegen mochte, in tiefster Ruhe an Deiner Seite. Es gibt viele Auswege und Durchgange in der Welt, einsame Walder und Hohlen, die kein Ende haben, aber keiner ist so zum Schlaf, zum Wohlsein eingerichtet als nur der Schoss Gottes; ich denk mir's da breit und behaglich, und dass einer mit dem Kopf auf des andern Brust ruhe, und dass ein warmer Atem am Herzen hinstreife, was ich mir so sehr wunsche zu fuhlen, Deinen Atem.

Bettine

An Bettine

Lucke in der Korrespondenz

Nun bin ich, liebe Bettine, wieder in Weimar ansassig und hatte Dir schon lange fur Deine lieben Blatter11 danken sollen, die mir alle nach und nach zugekommen sind, besonders fur Dein Andenken vom 27. August. Anstatt nun also Dir zu sagen, wie es mir geht, wovon nicht viel zu sagen ist, so bring ich eine freundliche Bitte an Dich. Da Du doch nicht aufhoren wirst, mir gern zu schreiben, und ich nicht aufhoren werde, Dich gern zu lesen, so konntest Du mir noch nebenher einen Gefallen tun. Ich will Dir namlich bekennen, dass ich im Begriff bin, meine Bekenntnisse zu schreiben, daraus mag nun ein Roman oder eine Geschichte werden, das lasst sich nicht voraussehen, aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihilfe. Meine gute Mutter ist abgeschieden und so manche andre, die mir das Vergangne wieder hervorrufen konnten, das ich meistens vergessen habe. Nun hast Du eine schone Zeit mit der teuern Mutter gelebt, hast ihre Marchen und Anekdoten wiederholt vernommen und tragst und hegst alles im frischen belebenden Gedachtnis. Setze Dich also nur gleich hin und schreibe nieder, was sich auf mich und die Meinigen bezieht, und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und verbinden. Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und Deiner Umgebung. Liebe mich bis zum Wiedersehn. Weimar, am 25. Oktober 1810

G.

Am 4. November

Du hast doch immer eine Ursache, mir zu schreiben, ich hab aber nichts behalten, noch in Betracht gezogen als nur das Ende: "Liebe mich bis zum Wiedersehn." Hattest Du diese letzten Worte nicht hingesetzt, so hatt ich vielleicht noch Rucksicht genommen aufs Vorhergehende; diese einzige Freundlichkeit hat mich uberschwemmt, hat mich gefangen gehalten in tausend sussen Gedanken von gestern abend an bis wieder heut abend. Aus dem allen kannst Du schliessen, dass mir Dein Brief ungefahr vor vierundzwanzig Stunden frische Luft ins Zimmer gebracht hat. Nun war ich aber seitdem wie ein Dachs, dem die Winterwelt zu schlecht ist, und habe mich in den warmen Boden meiner eignen Gedanken vergraben. Was Du verlangst, hat fur mich immer den Wert, dass ich es der Gabe wurdig achte; ich gebe daher die Nahrung, das Leben zweier regen Jahre gern in Dein Gewahrsam, es ist wenig in bezug auf viel, aber unendlich, wundern, dass ich Dinge in den Tempel eintrug und mein Dasein durch sie weihte, die man doch allerorten findet; an jeder Hecke kann man in der Fruhlingszeit Bluten abbrechen; aber wie, lieber Herr! So unscheinbar die Blute auch ist, wenn sie nun nach Jahren immer noch duftet und grunt? Deine Mutter gebar Dich in ihrem siebzehnten Jahr, und im sechsundsiebzigsten konnte sie alles noch mitleben, was in Deinen ersten Jahren vorging, und sie besate das junge Feld, das guten Boden, aber keine Blumen hatte, mit diesen ewigen Bluten; und so kann ich Dir wohl gefallen, da ich gleichsam ein duftender Garten dieser Erinnerungen bin, worunter Deiner Mutter Zartlichkeit die schonste Blute ist, und darf ich's sagen? meine Treue die gewaltigste. Ich trug nun schon fruher Sorge darum, dass, was bei der Mutter so kraftig Wurzeln schlug und bei mir Bluten trieb, endlich auch in susser Frucht vom hohen Stamm an die Erde niederrollen mochte. Nun hore! Da lernte ich in Munchen einen jungen Arzt kennen, verbranntes, von Blattern zerrissenes Gesicht, arm wie Hiob, fremd mit allen, grosse ausgebreitete Natur, aber grade darum in sich fertig und geschlossen, konnte den Teufel nicht als das absolut Bose erfassen, aber wohl als einen Kerl mit zwei Hornern und Bocksfussen (naturlich an den Hornern lasst sich einer packen, wenn man Courage hat), der Weg seiner Begeisterung ging nicht auf einer Himmels-, aber wohl auf einer Huhnerleiter in seine Kammer, allwo er auf eigne Kosten mit armen Kranken darbte und freudig das Seinige mit ihnen teilte, seine junge, enthusiastische Kunst an ihnen gedeihen machte; er war stumm durch Krankheit bis in sein viertes Jahr, ein Donnerschlag loste ihm die Zunge, mit funfzehn Jahren sollte er Soldat werden; dafur, dass er des Generals wildes Pferd zahmte, gab ihn dieser frei, dadurch, dass er einen Wahnwitzigen kurierte, bekam er eine kleine unbequeme Stelle in Munchen, in dieser Lage lernte ich ihn kennen, bald ging er bei mir aus und ein, dieser gute Geist, reich an Edelmut, der ausserdem nichts hatte als seine Einsamkeit; nach beschwerlicher Tageslast, aus hilfreicher Leidenschaft lief er oft noch abends spat meilenweite Strecken, um die gefangnen Tiroler zu begegnen und ihnen Geld zuzustecken, oder er begleitete mich auf den Schnekkenturm, wo man die fernen Alpen sehen kann, da haben wir uberlegt, wenn wir Nebel oder rotlichen Schein am Himmel bemerkten, ob's Feuer sein konnte, da hab ich ihm auch oft meine Plane mitgeteilt, dass ich hinuber mochte zu den Tirolern, da haben wir auf der Karte einen Weg ausstudiert, und ich sah es ihm auf dem Gesicht geschrieben, dass er nur meiner Befehle harre.

So war's, da in Augsburg die pestartigen Lazarette sich hauften und in kurzer Zeit die Arzte mit den Kranken wegrafften; mein junger Eisbrecher wanderte hin, um Last und Gefahr einem alten Lehrer abzunehmen, der Familienvater war, er ging mit schwerer Ahnung, ich gab ihm ein Sacktuch, alten Wein und das Versprechen, zu schreiben, zum Abschied. Da wurde denn uberlegt und all des Guten gedacht, was sich wahrend dieser kurzen Bekanntschaft ereignet hatte, und da wurde uberdacht, dass meine Worte uber Dich, mein liebendes Wissen von Dir und der Mutter, ein heiliger Schatz sei, der nicht verloren gehen solle, in der aussern Schale der Armut wurde ein solches Kleinod am heiligsten bewahrt sein, und so kam's, dass meine Briefe mit den einzelnen Anekdoten Deiner Jugend erfullt waren, deren eine jede wie Geister zu rechter Zeit eintrat, und Laune und Verdruss verscheuchten. Der Zufall, uns der geheiligte, tragt auf seinen tausendfach beladenen Schwingen auch diese Briefe, und vielleicht wird es so, dass, wenn Fulle und Uppigkeit einst sich wieder durch das misshandelte Fruchtland empordrangen, auch er die goldne Frucht niederschuttelt ins allgemeine Wohl.

Manches habe ich schon in dermaliger Zeit mit wenig Worten gedeutet, mehr zu Dir daruber sprechend, da ich Dich noch nicht kannte, nicht gesehen hatte, oder auch war ich mit dem Senkblei tief in eignes Wohl und Weh eingedrungen. Verstehst Du mich? Da Du mich liebst? Willst Du so, dass ich Dir die ehemalige Zeit vortrage, wo, so wie mir Dein Geist erschien, ich mich meiner eignen Geistigkeit bemachtigte, um ihn zu fassen, zu lieben? Und warum sollte ich nicht schwindeln vor Begeisterung, ist denn das mogliche Hinabsturzen so furchtbar? Wie der Edelstein, vom einsamen Strahl beruhrt, tausendfache Farben ihm entgegenspiegelt, so auch wird Deine Schonheit vom Strahl der Begeisterung allein beleuchtet, tausendfach bereichert.

Nur erst, wenn alles begriffen ist, kann das Etwas seinen vollen Wert erweisen, und somit begreifst Du mich, wenn ich Dir erzahle, dass das Wochenbett Deiner Mutter, worin sie Dich zur Welt brachte, blaugewurfelte Vorhange hatte. Sie war damals achtzehn Jahre alt und ein Jahr verheiratet, hier bemerkte sie, Du wurdest wohl ewig jung bleiben, und Dein Herz wurde nie veralten, da Du die Jugend der Mutter mit in den Kauf habest. Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst und machtest der Mutter schwere Stunden. Aus Zorn, dass Dich die Not aus dem eingebornen Wohnort trieb und durch die Misshandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen. Sie legten Dich in einen sogenannten Fleischarden und baheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Grossmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: "Ratin, er lebt!" "Da erwachte mein mutterliches Herz und lebte seitdem in fortwahrender Begeisterung bis zu dieser Stunde!" sagte sie mir in ihrem funfundsiebzigsten Jahre. Dein Grossvater, der der Stadt ein herrlicher Burger und damals Syndikus war, wendete stets Zufall und Unfall zum Wohl der Stadt an, und so wurde auch Deine schwere Geburt die Veranlassung, dass man einen Geburtshelfer fur die Armen einsetzte. "Schon in der Wiege war er den Menschen eine Wohltat", sagte die Mutter, sie legte Dich an ihre Brust, allein Du warst nicht zum Saugen zu bringen, da wurde Dir eine Amme gegeben. An dieser hat er mit rechtem Appetit und Behagen getrunken, da es sich nun fand, sagte sie, dass ich keine Milch hatte, so merkten wird bald, dass er gescheiter gewesen war wie wir alle, da er nicht an mir trinken wollte.

Siehst Du, nun bist Du einmal geboren, nun kann ich schon immer ein wenig pausieren, nun bist Du einmal da, ein jeder Augenblick ist mir lieb genug, um dabei zu verweilen, ich mag den zweiten nicht herbei rufen, dass er mich vom ersten verdrange. Wo Du bist, ist Lieb und Gute, wo Du bist Natur! Jetzt wart ich's erst ab, dass Du mir wieder schreibest: "Nun, erzahl weiter." Dann werd ich erst fragen: Nun, wo sind wir denn geblieben? Und dann werd ich Dir erzahlen von Deinen Grosseltern, von Deinen Traumen, Schonheit, Stolz, Liebe usw. Amen. Ratin, er lebt! Das Wort ging mir immer durch Mark und Bein, so oft es die Mutter im erhohten Freudenton vortrug.

Das Schwert der Gefahr

Hangt oft an einem Haar,

Aber der Segen einer Ewigkeit

Liegt oft in einem Blick der Gnade bereit

kann man bei Deiner Geburt wohl sagen.

Bettine

P.S.

Schreib bald, Herzenskind, dann wirst Du auch bald wachsen, in die liebsten Jahre kommen, wo Dein Mutwille Dich allen gefahrlich machte und uber alle Gefahr hinweghob. Soll ich Dir bekennen, dass dieses Geschaft mir Schmerzen macht, und dass die tausend Gedanken sich um mich herlagern, als wollten sie mich fur ewig gefangennehmen?

Zelter lautet und bummelt mir Deine Lieder vor wie eine Glocke, die von einem faulen Kuster angelautet wird, es geht immer Bim und zu spat wieder Bam. Sie fallen alle ubereinander her, Zelter uber Reichard, dieser uber Hummel, dieser uber Righini und dieser wieder uber den Zelter; es konnte ein jeder sich selbst ausprugeln, so hatte er immer dem andern einen grosseren Gefallen getan, als wenn er ihn zum Konzert eingeladen hatte. Nur die Toten sollen sie mir ruhen lassen und den Beethoven, der gleich bei seiner Geburt auf ihr Erbteil Verzicht getan hat.

Das gilt aber alles nichts... Lieber Freund! Wer Dich lieb hat wie ich, der singt Dich im tiefsten Herzen, das kann aber keiner mit so breiten Knochen und so langer Weste.

Schreib bald, schreib gleich, wenn Du wusstest, wie in einem einzigen Wort von Dir oft ein schwerer Traum gelost wird! Ruf mir nur zu: "Kind, ich bin ja bei Dir!" Dann ist alles gut. Tu es.

Wurde es Dich nicht interessieren, Briefe, die Du an Jugendfreunde geschrieben, wieder zu bekommen? Schreib daruber, sie konnten Dich doch wohl um so lebhafter in die damalige Zeit versetzen, und derselben zum Teil habhaft zu werden, ware doch auch nicht unmoglich, antworte mir, lieber Freund, unterdessen will ich keinen Tag vergehen lassen, ohne an Deiner Aufgabe zu arbeiten.

An Bettine

Hier die Duette! In diesem Augenblick habe ich nicht mehr Fassung und Ruhe als Dir zu sagen: fahre fort, so lieb und anmutig zu sein. Lass mich nun bald taufen! Adieu. 12. November 1810

G.

Mein teuerster Freund!

Ich kenne Dich nicht! Nein, ich kenne Dich nicht! Ich kann Deine Worte missverstehen, ich kann mir Sorgen um Dich machen, da Du doch Freiheit hast uber aller Sklaverei, da doch Dein Antlitz nie vom Ungluck uberschattet war, und ich kann Furcht haben bei dem edelsten Gastfreund des Gluckes? Die wahre Liebe hat kein Bekummernis. Ich habe mir oft vorgenommen, dass ich Dich viel zu heilig halten will als elende Angst um Dich zu hegen, und dass Du in mir nur Trost und Freude hervorbringen sollst. Sei es, wie es mag, hab ich Dich auch nicht, so hab ich Dich doch, und nicht wahr, in meinen Briefen, da fuhlst Du, dass ich Wahrheit rede? Da hast Du mich, und ich? Weissagend verfolge ich die Zuge Deiner Feder, die Hand, die mir gnadig ist, hat sie gefuhrt, das Auge, das mir wohl will, hat sie ubersehen, und der Geist, der so vieles, so Verschiednes umfangt, hat sich eine Minute lang ausschliesslich zu mir gewendet da hab ich Dich, soll ich Dir einen Kommentar hierzu machen? Ein Augenblick ist ein schicklicherer Raum fur eine gottliche Erscheinung als eine halbe Stunde der Augenblick, den Du mir schenkst, macht mich seliger als das ganze Leben.

Heute am 24. hab ich die Duetten erhalten mit den wenigen Zeilen von Dir, die mich aufs Geratewohl irrefuhrten, es war mir, als konntest Du krank sein, oder ich weiss nicht, was ich mir alles dachte, aber daran dachte ich nicht, dass Du in jenem Augenblick, bloss, weil Dein Herz so voll war, so viel in wenig Worten ausdrucken konntest, und endlich, fur Dich ist ja nichts zu furchten, nichts zu zittern. Aber wenn auch! Weh mir, wenn ich Dir nicht freudig folgen konnte, wenn meine Liebe den Weg nicht fande, der Dir immer so nah ist, wie mein Herz dem Deinigen ist und war.

Bettine

Hierbei schicke ich Dir Blatter mit allerlei Geschichten und Notizen aus Deinem und der Mutter Leben. Es ist die Frage, ob Du es wirst brauchen konnen, schreib mir, ob Dir mehr erforderlich ist, in diesem Fall musste ich das Notizbuch zuruckerhalten, was ich hier mitschicke, ich glaub aber gewiss, dass Du besser und mehr darin finden wirst, als ich noch hinzusetzen konnte. Verzeih alles Uberflussige, wozu denn wohl am ersten die Tintenkleckse und ausgestrichenen Worte gehoren.

An Goethe

Die Himmel dehnen sich so weit vor mir, alle Berge, die ich je mit stillem Blick mass, heben sich so unermesslich, die Ebenen, die noch eben mit dem gluhenden Rand der aufgehenden Sonne begrenzt waren, sie haben keine Grenzen mehr. In die Ewigkeit hinein. Will denn sein Leben so viel Raum haben?

Von seiner Kindheit: wie er schon mit neun Wochen angstliche Traume gehabt, wie Grossmutter und Grossvater, Mutter und Vater und die Amme um seine Wiege gestanden und lauschten, welche heftige Bewegungen sich in seinen Mienen zeigten, und wenn er erwachte, in ein sehr betrubtes Weinen verfallen, oft auch sehr heftig geschrien hat, so dass ihm der Atem entging und die Eltern fur sein Leben besorgt waren; sie schafften eine Klingel an, wenn sie merkten, dass er im Schlaf unruhig ward, klingelten und rasselten sie heftig, damit er bei dem Aufwachen gleich den Traum vergessen moge; einmal hatte der Vater ihn auf dem Arm und liess ihn in den Mond sehen, da fiel er plotzlich wie von etwas erschuttert, zuruck und geriet so ausser sich, dass ihm der Vater Luft einblasen musste, damit er nicht ersticke. "Diese kleinen Zufalle wurde ich in einem Zeitraum von sechszig Jahren vergessen haben", sagte die Mutter, "wenn nicht sein fortwahrendes Leben mir dies alles geheiligt hatte; denn soll ich die Vorsehung nicht anbeten, wenn ich bedenke, dass ein Leben damals von einem Lufthauch abhing, das sich jetzt in tausend Herzen befestigt hat? Und mir ist es nun gar das einzige, denn Du kannst wohl denken, Bettine, dass Weltbegebenheiten mich nicht sehr anfechten, dass Gesellschaften mich nicht erfullen. Hier in meiner Einsamkeit, wo ich die Tage nacheinander zahle und keiner vergeht, dass ich nicht meines Sohnes gedenke, und alles ist mir wie Gold."

Er spielte nicht gern mit kleinen Kindern, sie mussten denn sehr schon sein. In einer Gesellschaft fing er plotzlich an zu weinen und schrie: "Das schwarze Kind soll hinaus, das kann ich nicht leiden", er horte auch nicht auf mit Weinen, bis er nach Haus kam, wo ihn die Mutter befragte uber die Unart, er konnte sich nicht trosten uber des Kindes Hasslichkeit. Damals war er drei Jahr alt. Die Bettine, welche auf einem Schemel zu Fussen der Frau Rat sass, machte ihre eignen Glossen daruber und druckte der Mutter Knie ans Herz.

Zu der kleinen Schwester Cornelia hatte er, da sie noch in der Wiege lag, schon die zartlichste Zuneigung, er trug ihr alles zu und wollte sie allein nahren und pflegen und war eifersuchtig, wenn man sie aus der Wiege nahm, in der er sie beherrschte, da war sein Zorn nicht zu bandigen, er war uberhaupt viel mehr zum Zurnen wie zum Weinen zu bringen.

Die Kuche im Haus ging auf die Strasse, an einem Sonntag morgen, da alles in der Kirche war, geriet der kleine Wolfgang hinein und warf alles Geschirr nacheinander zum Fenster hinaus, weil ihn das Rappeln freute und die Nachbarn, die es ergotzte, ihn dazu aufmunterten; die Mutter, die aus der Kirche kam, war sehr erstaunt, die Schusseln alle herausfliegen zu sehen, da war er eben fertig und lachte so herzlich mit den Leuten auf der Strasse, und die Mutter lachte mit.

Oft sah er nach den Sternen, von denen man ihm sagte, dass sie bei seiner Geburt eingestanden haben, hier musste die Einbildungskraft der Mutter oft das Unmogliche tun, um seinen Forschungen Genuge zu leisten, und so hatte er bald heraus, dass Jupiter und Venus die Regenten und Beschutzer seiner Geschicke sein wurden; kein Spielwerk konnte ihn nun mehr fesseln, als das Zahlbrett seines Vaters, auf dem er mit Zahlpfennigen die Stellung der Gestirne nachmachte, wie er sie gesehen hatte; er stellte dieses Zahlbrett an sein Bett und glaubte sich dadurch dem Einfluss seiner gunstigen Sterne naher geruckt; er sagte auch oft zur Mutter sorgenvoll: "Die Sterne werden mich doch nicht vergessen und werden halten, was sie bei meiner Wiege versprochen haben?" Da sagte die Mutter: "Warum willst du denn mit Gewalt den Beistand der Sterne, da wir andre doch ohne sie fertig werden mussen", da sagte er ganz stolz: "Mit dem, was andern Leuten genugt, kann ich nicht fertig werden"; damals war er sieben Jahr alt.

Sonderbar fiel es der Mutter auf, dass er bei dem Tod seines jungern Bruders Jakob, der sein Spielkamerad war, keine Trane vergoss, er schien vielmehr eine Art Arger uber die Klagen der Eltern und Geschwister zu haben, da die Mutter nun spater den Trotzigen fragte, ob er den Bruder nicht lieb gehabt habe, lief er in seine Kammer, brachte unter dem Bett hervor eine Menge Papiere, die mit Lektionen und Geschichtchen beschrieben waren; er sagte ihr, dass er dies alles gemacht habe, um es dem Bruder zu lehren.

Die Mutter glaubte auch sich einen Anteil an seiner Darstellungsgabe zuschreiben zu durfen, "denn einmal", sagte sie, "konnte ich nicht ermuden zu erzahlen, so wie er nicht ermudete zuzuhoren; Luft, Feuer, Wasser und Erde stellte ich ihm unter schonen Prinzessinnen vor, und alles, was in der ganzen Natur vorging, dem ergab sich eine Bedeutung, an die ich bald selbst fester glaubte als meine Zuhorer, und da wir uns erst zwischen den Gestirnen Strassen dachten, und dass wir einst Sterne bewohnen wurden, und welchen grossen Geistern wir da oben begegnen wurden, da war kein Mensch so eifrig auf die Stunde des Erzahlens mit den Kindern wie ich, ja, ich war im hochsten Grad begierig, unsere kleinen eingebildeten Erzahlungen weiterzufuhren, und eine Einladung, die mich um einen solchen Abend brachte, war mir immer verdriesslich. Da sass ich, und da verschlang er mich bald mit seinen grossen schwarzen Augen, und wenn das Schicksal irgendeines Lieblings nicht recht nach seinem Sinn ging, da sah ich, wie die Zornader an der Stirn schwoll, und wie er die Tranen verbiss. Manchmal griff er ein und sagte, noch eh ich meine Wendung genommen hatte: "Nicht wahr, Mutter, die Prinzessin heiratet nicht den verdammten Schneider, wenn er auch den Riesen totschlagt"; wenn ich nun Halt machte und die Katastrophe auf den nachsten Abend verschob, so konnte ich sicher sein, dass er bis dahin alles zurechtgeruckt hatte, und so ward mir denn meine Einbildungskraft, wo sie nicht mehr zureichte, haufig durch die seine ersetzt; wenn ich denn am nachsten Abend die Schicksalsfaden nach seiner Angabe weiter lenkte und sagte: "Du hast's geraten, so ist's gekommen", da war er Feuer und Flamme, und man konnte sein Herzchen unter der Halskrause schlagen sehen. Der Grossmutter, die im Hinterhause wohnte, und deren Liebling er war, vertraute er nun allemal seine Ansichten, wie es mit der Erzahlung wohl noch werde, und von dieser erfuhr ich, wie ich seinen Wunschen gemass weiter im Text kommen solle, und so war ein geheimes diplomatisches Treiben zwischen uns, das keiner an den andern verriet; so hatte ich die Satisfaktion, zum Genuss und Erstaunen der Zuhorenden, meine Marchen vorzutragen, und der Wolfgang, ohne je sich als den Urheber aller merkwurdigen Ereignisse zu bekennen, sah mit gluhenden Augen der Erfullung seiner kuhn angelegten Plane entgegen und begrusste das Ausmalen derselben mit enthusiastischem Beifall." Diese schonen Abende, durch die sich der Ruhm meiner Erzahlungskunst bald verbreitete, so dass endlich alt und jung daran teilnahm, sind mir eine sehr erquickliche Erinnerung. Das Welttheater war nicht so reichhaltig, obschon es die Quelle war zu immer neuen Erfindungen, es tat durch seine grausenhafte Wirklichkeit, die alles Fabelhafte uberstieg, fur's erste der Marchenwelt Abbruch, das war das Erdbeben von Lissabon; alle Zeitungen waren davon erfullt, alle Menschen argumentierten in wunderlicher Verwirrung, kurz, es war ein Weltereignis, das bis in die entferntesten Gegenden alle Herzen erschutterte; der kleine Wolfgang, der damals im siebenten Jahr war, hatte keine Ruhe mehr; das brausende Meer, das in einem Nu alle Schiffe niederschluckte und dann hinaufstieg am Ufer, um den ungeheuern koniglichen Palast zu verschlingen, die hohen Turme, die zuvorderst unter dem Schutt der kleinern Hauser begraben wurden, die Flammen, die uberall aus den Ruinen heraus endlich zusammenschlagen und ein grosses Feuermeer verbreiten, wahrend eine Schar von Teufeln aus der Erde hervorsteigt, um allen bosen Unfug an den Unglucklichen auszuuben, die von vielen tausend zugrunde Gegangnen noch ubrig waren, machten ihm einen ungeheuren Eindruck. Jeden Abend enthielt die Zeitung neue Mar, bestimmtere Erzahlungen, in den Kirchen hielt man Busspredigten, der Papst schrieb ein allgemeines Fasten aus, in den katholischen Kirchen waren Requiem fur die vom Erdbeben Verschlungenen. Betrachtungen aller Art wurden in Gegenwart der Kinder vielseitig besprochen, die Bibel wurde aufgeschlagen, Grunde fur und wider behauptet, dies alles beschaftigte den Wolfgang tiefer, als einer ahnen konnte, und er machte am Ende eine Auslegung davon, die alle an Weisheit ubertraf.

Nachdem er mit dem Grossvater aus einer Predigt kam, in welcher die Weisheit des Schopfers gleichsam gegen die betroffne Menschheit verteidigt wurde, und der Vater ihn fragte, wie er die Predigt verstanden habe, sagte er: "Am Ende mag alles noch viel einfacher sein, als der Prediger meint, Gott wird wohl wissen, dass der unsterblichen Seele durch boses Schicksal kein Schaden geschehen kann." Von da an warst Du wieder oben auf, doch meinte die Mutter, dass Deine revolutionaren Aufregungen bei diesem Erdbeben spater beim Prometheus wieder zum Vorschein gekommen seien.

Lass mich Dir noch erzahlen, dass Dein Grossvater zum Gedachtnis Deiner Geburt einen Birnbaum in dem wohlgepflegten Garten vor dem Bockenheimer Tor gepflanzt hat, der Baum ist sehr gross geworden, von seinen Fruchten, die kostlich sind, hab ich gegessen und Du wurdest mich auslachen, wenn ich Dir alles sagen wollte. Es war ein schoner Fruhling, sonnig und warm, der junge hochstammige Birnbaum war uber und uber bedeckt mit Bluten, nun war's, glaub ich, am Geburtstag der Mutter, da schafften die Kinder den grunen Sessel, auf dem sie abends, wenn sie erzahlte, zu sitzen pflegte, und der darum der Marchensessel genannt wurde, in aller Stille in den Garten, putzten ihn auf mit Bandern und Blumen, und nachdem Gaste und Verwandte sich versammelt hatten, trat der Wolfgang als Schafer gekleidet mit einer Hirtentasche, aus der eine Rolle mit goldnen Buchstaben herabhing, mit einem grunen Kranz auf dem Kopf unter den Birnbaum und hielt eine Anrede an den Sessel, als den Sitz der schonen Marchen, es war eine grosse Freude, den schonen bekranzten Knaben unter den bluhenden Zweigen zu sehen, wie er im Feuer der Rede, welche er mit grosser Zuversicht hielt, aufbrauste. Der zweite Teil dieses schonen Festes bestand in Seifenblasen, die im Sonnenschein, von Kindern, welche den Marchenstuhl umkreisten, in die heitere Luft gehaucht, von Zephir aufgenommen und schwebend hin und her geweht wurden; sooft eine Blase auf den gefeierten Stuhl sank, schrie alles: "Ein Marchen! ein Marchen!" Wenn die Blase, von der krausen Wolle des Tuches eine Weile gehalten, endlich platzte, schrien sie wieder: "Das Marchen platzt." Die Nachbarsleute in den angrenzenden Garten guckten uber Mauer und Verzaunung und nahmen den lebhaftesten Anteil an diesem grossen Jubel, so dass dies kleine Fest am Abend in der ganzen Stadt bekannt war. Die Stadt hat's vergessen, die Mutter hat's behalten und es sich spater oft als eine Weissagung Deiner Zukunft ausgelegt.

Nun, lieber Goethe, muss ich Dir bekennen, dass es mir das Herz zusammenschnurt, wenn ich Dir diese einzelnen Dinge hintereinander hinschreibe, die mit tausend Gedanken zusammenhangen, welche ich Dir weder erzahlen noch sonst deutlich machen kann, denn Du liebst Dich nicht wie ich, und Dir muss dies wohl unbedeutend erscheinen, wahrend ich keinen Atemzug von Dir verlieren mochte. Dass vieles sich nicht verwindet, wenn's einmal empfunden ist, dass es immer wiederkehrt, ist nicht traurig; aber dass die Ufer ewig unerreichbar bleiben, das scharft den Schmerz. Wenn mir Deine Liebe zu meiner Mutter durchklingt und ich uberdenke das Ganze, dies Zuruckhalten, dies Verbrausen der Jugend auf tausend Wegen, es muss sich ja doch einmal losen. Mein Leben: was war's anders als ein tiefer Spiegel des Deinigen, es war liebende Ahnung, die alles mit sich fortzieht, die mir von Dir Kunde gab; so war ich Dir nachgekommen ans Licht, und so werd ich Dir nachziehen ins Dunkel. Mein lieber Freund, der mich nimmermehr verkennt! Sieh ich lose mir das Ratsel auf mancherlei schone Weise; aber, "frag nicht, was es ist, und lass das Herz gewahren", sag ich mir hundertmal.

Ich seh um mich emporwachsen Pflanzen seltner Art, sie haben Stacheln und Duft, ich mag keine beruhren, ich mag keine missen. Wer sich ins Leben hereinwagt, der kann nur sich wieder durcharbeiten in die Freiheit; und ich weiss, dass ich Dich einst noch festhalten werde und mit Dir sein und in Dir sein, das ist das Ziel meiner Wunsche, das ist mein Glaube.

Leb wohl, sei gesund und lass Dir ein einheimischer Gedanke sein, dass Du mich wiedersehen wollest, vieles mocht ich vor Dir aussprechen.

24. November

An Goethe

Schon wie ein Engel warst Du, bist Du und bleibst Du, so waren auch in Deiner fruhesten Jugend aller Augen auf Dich gerichtet. Einmal stand jemand am Fenster bei Deiner Mutter, da Du eben uber die Strasse herkamst mit mehreren andern Knaben, sie bemerkten, dass Du sehr gravitatisch einherschrittst, und hielten Dir vor, dass Du Dich mit Deinem Gradehalten sehr sonderbar von den andern Knaben auszeichnetest. "Mit diesem mache ich den Anfang", sagtest Du, "spater werd ich mich noch mit allerlei auszeichnen"; "und das ist auch wahr geworden", sagte die Mutter.

Einmal zur Herbstlese, wo denn in Frankfurt am Abend in allen Garten Feuerwerke abbrennen und von allen Seiten Raketen aufsteigen, bemerkte man in den entferntesten Feldern, wo sich die Festlichkeit nicht hin erstreckt hatte, viele Irrlichter, die hin und her hupften, bald auseinander, bald wieder eng zusammen, endlich fingen sie gar an, figurierte Tanze aufzufuhren, wenn man nun naher drauf los kam, verlosch ein Irrlicht nach dem andern, manche taten noch grosse Satze und verschwanden, andere blieben mitten in der Luft und verloschen dann plotzlich, andere setzten sich auf Hecken und Baume, weg waren sie, die Leute fanden nichts, gingen wieder zuruck, gleich fing der Tanz von vorne an; ein Lichtlein nach dem andern stellte sich wieder ein und tanzte um die halbe Stadt herum. Was war's? Goethe, der mit vielen Kameraden, die sich Lichter auf die Hute gesteckt hatten, da draussen herumtanzte.

Das war Deiner Mutter eine der liebsten Anekdoten, sie konnte noch manches dazu erzahlen, wie Du nach solchen Streichen immer lustig nach Hause kamst und hundert Abenteuer gehabt usw. Deiner Mutter war gut zuhoren!

In seiner Kleidung war er nun ganz entsetzlich eigen, ich musste ihm taglich drei Toiletten besorgen, auf einen Stuhl hing ich einen Uberrock, lange Beinkleider, ordinare Weste, stellte ein Paar Stiefel dazu, auf den zweiten einen Frack, seidne Strumpfe, die er schon angehabt hatte, Schuhe usw., auf den dritten kam alles vom Feinsten nebst Degen und Haarbeutel, das erste zog er im Hause an, das zweite, wenn er zu taglichen Bekannten ging, das dritte zum Gala; kam ich nun am andern Tag hinein, da hatte ich Ordnung zu stiften, da standen die Stiefeln auf den feinen Manschetten und Halskrausen, die Schuhe standen gegen Osten und Westen, ein Stuck lag da, das andre dort; da schuttelte ich den Staub aus den Kleidern, legte frische Wasche hin, brachte alles wieder ins Geleis; wie ich nun so eine Weste nehme und sie am offnen Fenster recht herzhaft in die Luft schwinge, fahren mir plotzlich eine Menge kleiner Steine ins Gesicht, daruber fing ich an zu fluchen, er kam hinzu, ich zanke ihn aus, die Steine hatten mir ja ein Aug aus dem Kopf schlagen konnen; "nun es hat Ihr ja kein Aug ausgeschlagen, wo sind denn die Steine, ich muss sie wiederhaben, helf Sie mir sie wieder suchen", sagte er; nun muss er sie wohl von seinem Schatz bekommen haben, denn er bekummerte sich gar nur um die Steine, es waren ordinare Kieselsteinchen und Sand, dass er den nicht mehr zusammenlesen konnte, war ihm argerlich, alles was noch da war, wickelte er sorgfaltig in ein Papier und trug's fort, den Tag vorher war er in Offenbach gewesen, da war ein Wirtshaus zur Rose, die Tochter hiess das schone Gretchen, er hatte sie sehr gern, das war die erste, von der ich weiss, dass er sie lieb hatte.

Bist Du bose, dass die Mutter mir dies alles erzahlt hat? Diese Geschichte habe ich nun ganz ungemein lieb. Deine Mutter hat sie mir wohl zwanzigmal erzahlt, manchmal setzte sie hinzu, dass die Sonne ins Fenster geschienen habe, dass Du rot geworden seist, dass Du die aufgesammelten Steinchen fest ans Herz gehalten und damit fortmarschiert, ohne auch nur eine Entschuldigung gemacht zu haben, dass sie ihr ins Gesicht geflogen. Siehst Du, was die alles gemerkt hat, denn so klein die Begebenheit schien, war es ihr doch eine Quelle von freudiger Betrachtung uber Deine Raschheit, funkelnde Augen, pochend Herz, rote Wangen usw. Es ergotzte sie ja noch in ihrer spaten Zeit. Diese und die folgende Geschichte haben mir den lebhaftesten Eindruck gemacht, ich seh Dich in beiden vor mir, in vollem Glanz Deiner Jugend. An einem hellen Wintertag, an dem Deine Mutter Gaste hatte, machtest Du ihr den Vorschlag, mit den Fremden an den Main zu fahren. "Mutter, Sie hat mich ja doch noch nicht Schlittschuhe laufen sehen, und das Wetter ist heut so schon" usw. Ich zog meinen karmoisinroten Pelz an, der einen langen Schlepp hatte und vorn herunter mit goldnen Spangen zugemacht war, und so fahren wir denn hinaus, da schleift mein Sohn herum wie ein Pfeil zwischen den andern durch, die Luft hatte ihm die Backen rot gemacht, und der Puder war aus seinen braunen Haaren geflogen, wie er nun den karmoisinroten Pelz sieht, kommt er herbei an die Kutsche und lacht mich ganz freundlich an, "nun, was willst du?" sag ich. "Ei Mutter, Sie hat ja doch nicht kalt im Wagen, geb Sie mir Ihren Sammetrock", "du wirst ihn doch nicht gar anziehen wollen", "freilich will ich ihn anziehen." Ich zieh halt meinen prachtig warmen Rock aus, er zieht ihn an, schlagt die Schleppe uber den Arm, und da fahrt er hin, wie ein Gottersohn auf dem Eis; Bettine, wenn du ihn gesehen hattest!! So was Schones gibt's nicht mehr, ich klatschte in die Hande vor Lust! Mein Lebtag seh ich noch, wie er den einen Bruckenbogen hinaus und den andern wieder herein lief, und wie da der Wind ihm den Schlepp lang hinten nachtrug, damals war Deine Mutter mit auf dem Eis, der wollte er gefallen.

Nun, bei dieser Geschichte kann ich wieder sagen, was ich Dir in Toplitz sagte: dass es mich immer durchgluht, wenn ich an Deine Jugend denke, ja es durchgluht mich auch, und ich hab einen ewigen Genuss daran. Wie freut es einem, den Baum vor der Haustur, den man seit der Kindheit kennt, im Fruhjahr wieder grunen und Bluten gewinnen zu sehen; wie freut es mich, da Du mir ewig bluhst, wenn zuzeiten Deine Bluten eine innigere hohere Farbe ausstrahlen und ich in lebhafter Erinnerung mein Gesicht in die Kelche hineinsenke und sie ganz einatme.

Am 28. November

Bettine

An Goethe

Ich weiss, dass Du alles, was ich Dir von Dir erzahle, nicht wirst brauchen konnen, ich hab in einer einsamen Zeit uber diesen einzelnen Momenten geschwebt wie der Tau auf den Blumen, der im Sonnenschein ihre Farben spiegelt. Noch immer seh ich Dich so verherrlicht, aber mir ist's unmoglich, es Dir darstellend zu beweisen, Du bist bescheiden und wirst's auf sich beruhen lassen, Du wirst mir's gonnen, dass Deine Erscheinung grade mich anstrahlte; ich war die Einsame, die durch Zufall oder vielmehr durch bewusstlosen Trieb zu Deinen Fussen sich einfand. Es kostet mir Muhe, und ich kann nur ungenugend darlegen, was so eng mit meinem Herzen verbunden ist, das doch einmal in meiner Brust wohnt und sich nicht so ganz ablost. Indessen bedurft es nur ein Wort von Dir, dass ich diese Kleinodien rauh und ungeglattet, wie ich sie empfing, wieder in Deinen ungeheueren Reichtum hereinwerfe; was in die Stirn, die liebendes Denken gerundet hat, in meinen Blick, der mit Begeistrung auf Dich gerichtet war, in die Lippen, die von diesem Liebesgeist geruhrt zu Dir sprachen, hierdurch eingepragt ward, das kann ich nicht wiedergeben, es entschwebt, wie der Ton der Musik entschwebt und fur sich besteht in dem Augenblick, da sie aufgefuhrt wird.

Jeder Anekdote, die ich hinschreibe, mochte ich ein Lebewohl zurufen; die Blumen sollen abgebrochen werden, damit sie noch in ihrer Blute ins Herbarium kommen. So hab ich mir's nicht gedacht, da ich Dir in meinem vorletzten Brief meinen Garten so freundlich anbot, lachelst Du? Du wirst doch alles uberflussige Laub absondern und des Taus noch des Sonnenscheins nicht mehr achten, der ausser meinem Territorium nicht mehr drauf ruht. Der Schutze wird nicht mude, tausend und tausend Pfeile zu versenden, der nach der Liebe zielt. Er spannt abermal, zieht die Senne bis ans Aug heran, blickt scharf und zielt scharf; und Du! Sieh diese verschossnen Pfeile, die zu Deinen Fussen hinsinken, gnadig an und denke, dass ich mich nicht zuruckhalten kann, Dir ewig dasselbe zu sagen. Und beruhrt Dich ein solcher Pfeil niemals, auch nur ein kleines wenig?

Dein Grossvater war ein Traumender und Traumdeuter, es ward ihm vieles uber seine Familie durch Traume offenbar, einmal sagte er einen grossen Brand, dann die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus; dieses war zwar nicht beachtet worden, doch hatte es sich in der Stadt verbreitet und erregte allgemeines Staunen, da es eintraf. Heimlich vertraute er seiner Frau, ihm habe getraumt, dass einer der Schoffen ihm sehr verbindlicherweise seinen Platz angeboten habe, nicht lange darauf starb dieser am Schlag, seine Stelle wurde durch die goldne Kugel Deinem Grossvater zuteil. Als der Schultheiss gestorben war, wurde noch in spater Nacht durch den Ratsdiener auf den andern Morgen eine ausserordentliche Ratsversammlung angezeigt, das Licht in seiner Laterne war abgebrannt, da rief der Grossvater aus seinem Bette: "Gebt ihm ein neues Licht, denn der Mann hat ja doch die Muhe bloss fur mich." Kein Mensch hatte diese Worte beachtet, er selbst ausserte am andern Morgen nichts und schien es vergessen zu haben, seine alteste Tochter (Deine Mutter) hatte sich's gemerkt und hatte einen festen Glauben dran, wie nun der Vater ins Rathaus gegangen war, steckte sie sich nach ihrer eignen Aussage in einen unmenschlichen Staat und frisierte sich bis an den Himmel. In dieser Pracht setzte sie sich mit einem Buch in der Hand im Lehnsessel ans Fenster. Mutter und Schwestern glaubten, die Schwester Prinzess (so wurde sie wegen ihrem Abscheu vor hauslicher Arbeit und Liebe zur Kleiderpracht und Lesen genannt) sei narrisch, sie aber versicherte ihnen, sie wurden bald hinter die Bettvorhange kriechen, wenn die Ratsherren kommen wurden, ihnen wegen dem Vater, der heute zum Syndikus erwahlt werde, zu gratulieren, da nun die Schwestern sie noch wegen ihrer Leichtglaubigkeit verlachten, sah sie vom hohen Sitz am Fenster den Vater im stattlichen Gefolge vieler Ratsherren daherkommen; "versteckt euch", rief sie, "dort kommt er und alle Ratsherren mit", keine wollt es glauben, bis eine nach der andern den unfrisierten Kopf zum Fenster hinaus steckte und die feierliche Prozession daherschreiten sah, liefen alle davon und liessen die Prinzess allein im Zimmer, um sie zu empfangen. Diese Traumgabe schien auf die eine Schwester fortgeerbt zu haben, denn gleich nach Deines Grossvaters Tod, da man in Verlegenheit war, das Testament zu finden, traumte ihr, es sei zwischen zwei Brettchen im Pult des Vaters zu finden, die durch ein geheimes Schloss verbunden waren, man untersuchte das Pult und fand alles richtig. Deine Mutter aber hatte das Talent nicht, sie meinte, es komme von ihrer heitern, sorglosen Stimmung und ihrer grossen Zuversicht zu allem Guten, grade dies mag wohl ihre prophetische Gabe gewesen sein, denn sie sagte selbst, dass sie in dieser Beziehung sich nie getauscht habe.

Deine Grossmutter kam einst nach Mitternacht in die Schlafstube der Tochter und blieb da bis am Morgen, weil ihr etwas begegnet war, was sie vor Angst sich nicht zu sagen getraute, am andern Morgen erzahlte sie, dass etwas im Zimmer geraschelt habe wie Papier, in der Meinung, das Fenster sei offen und der Wind jage die Papiere von des Vaters Schreibpult im anstossenden Studierzimmer umher, sei sie aufgestanden, aber die Fenster seien geschlossen gewesen. Da sie wieder im Bett lag, rauschte es immer naher und naher heran mit angstlichem Zusammenknittern von Papier, endlich seufzte es tief auf und noch einmal dicht an ihrem Angesicht, dass es sie kalt anwehte, darauf ist sie vor Angst zu den Kindern gelaufen; kurz hiernach liess sich ein Fremder melden, da dieser nun auf die Hausfrau zuging und ein ganz zerknittertes Papier ihr darreichte, wandelte sie eine Ohnmacht an. Ein Freund von ihr, der in jener Nacht seinen herannahenden Tod gespurt, hatte nach Papier verlangt, um der Freundin in einer wichtigen Angelegenheit zu schreiben, aber noch ehe er fertig war, hatte er, vom Todeskrampf ergriffen, das Papier gepackt, zerknittert und damit auf der Bettdecke hin und her gefahren, endlich zweimal tief aufgeseufzt, und dann war er verschieden; obschon nun das, was auf dem Papiere geschrieben war, nichts Entscheidendes besagte, so konnte sich die Freundin doch vorstellen, was seine letzte Bitte gewesen, Dein edler Grossvater nahm sich einer kleinen Waise jenes Freundes, die keine rechtlichen Anspruche an sein Erbe hatte, an, ward ihr Vormund, legte eine Summe aus eignen Mitteln fur sie an, die Deine Grossmutter mit manchem kleinen Ersparnis mehrte.

Seit diesem Augenblick verschmahte Deine Mutter keine Vorbedeutungen noch Ahnliches, sie sagte: "Wenn man es auch nicht glaubt, so soll man es auch nicht leugnen oder gar verachten", das Herz werde durch dergleichen tief geruhrt. Das ganze Schicksal entwickle sich oft an Begebenheiten, die so unbedeutend erscheinen, dass man ihrer gar nicht erwahne, und innerlich so gelenk und heimlich arbeiten, dass man es kaum empfinde; "noch taglich", sagte sie, "erleb ich Begebenheiten, die kein andrer Mensch beachten wurde, aber sie sind meine Welt, mein Genuss und meine Herrlichkeit; wenn ich in einen Kreis von langweiligen Menschen trete, denen die aufgehende Sonne kein Wunder mehr ist, und die sich uber alles hinaus glauben, was sie nicht verstehen, so denk ich in meiner Seele: ja, meint nur, ihr hattet die Welt gefressen, wusstet ihr, was die Frau Rat heute alles erlebt hat!" Sie sagte mir, dass sie sich in ihrem ganzen Leben nicht mit der ordinaren Tagsweise habe begnugen konnen, dass ihr starker Geist auch wichtige und tuchtige Begebenheiten habe verdauen wollen, und dass ihr dies auch in vollem Masse begegnet sei, sie sei nicht allein um ihres Sohnes willen da, sondern der Sohn auch um ihrentwillen; und sie konne sich wohl ihres Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten, indem sich ja auch kein vollendeteres und erhabeneres Gluck denken lasse, als um des Sohnes willen allgemein so geehrt zu werden; sie hatte recht, wer braucht das noch zu beleuchten, es versteht sich von selbst. So entfernt Du von ihr warst, so lange Zeit auch: Du warst nie besser verstanden als von ihr; wahrend Gelehrte, Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten, war sie ein lebendiges Beispiel, wie Du aufzunehmen seist. Sie sagte mir oft einzelne Stellen aus Deinen Buchern vor, so zu rechter Zeit, so mit herrlichem Blick und Ton, dass in diesen auch meine Welt anfing, lebendigere Farbe zu empfangen, und Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten. Das Lied: "O lass mich scheinen, bis ich werde" legte sie herrlich aus, sie sagte, dass dies allein schon beweisen musse, welche tiefe Religion in Dir sei, denn Du habest den Zustand darin beschrieben, in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen konne, namlich ohne Vorurteile, ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht zu ihrem Erzeuger; und dass die Tugenden, mit denen man glaube, den Himmel sturmen zu konnen, lauter Narrenspossen seien, und dass alles Verdienst vor der Zuversicht der Unschuld die Segel streichen musse, diese sei der Born der Gnade, der alle Sunde abwasche, und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem gottlichen Leben; auch in dem verwirrtesten Gemut vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schopfer, in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht, die sich trotz aller Verirrungen nicht ausrotten lasse, an diese solle man sich halten, denn es sei Gott selber im Menschen, der nicht wolle, dass er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene ubergehe, sondern mit Behagen und Geistesgegenwart, sonst wurde der Geist wie ein Trunkenbold hinuberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento storen, und seine Albernheit wurde da keinen grossen Respekt einflossen, da man ihm erst den Kopf wieder musse zurechtsetzen. Sie sagte von diesem Lied, es sei der Geist der Wahrheit mit dem kraftigen Leib der Natur angetan, und nannte es ihr Glaubensbekenntnis, die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck ihres Vortrags und gegen das Gefuhl, was in vollem Masse aus ihrer Stimme hervorklang. Nur wer die Sehnsucht kennt; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des Katharinenturms, der das letzte Ziel der Aussicht war, die sie vom Sitz an ihrem Fenster hatte, die Lippen bewegten sich herb, die sie am End immer schmerzlich-ernst schloss, wahrend ihr Blick in die Ferne verloren gluhte, es war, als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen, dann druckte sie mir wohl die Hand und uberraschte mich mit den Worten: "Du verstehst den Wolfgang und liebst ihn." Ihr Gedachtnis war nicht allein merkwurdig, es war sehr herrlich; der Eindruck machtiger Gefuhle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren Erinnerungen, und hier will ich Dir die Geschichte, die ich Dir schon in Munchen mitteilen wollte, und die so wunderbar mit ihrem Tode zusammenhing, als Beispiel ihres grossen Herzens hinschreiben, so einfach wie sie mir selbst es erzahlt hat. Eh ich ins Rheingau reiste, kam ich, um Abschied zu nehmen, sie sagte, indem sich ein Posthorn auf der Strasse horen liess, dass ihr dieser Ton immer noch das Herz durchschneide, wie in ihrem siebenzehnten Jahre, damals war Karl VII., mit dem Zunamen der Ungluckliche, in Frankfurt, alles war voll Begeisterung uber seine grosse Schonheit, am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu Fuss mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen. "Himmel, was hatte der Mann fur Augen; wie melancholisch blickte er unter den gesenkten Augenwimpern hervor! Ich verliess ihn nicht, folgte ihm in alle Kirchen, uberall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die Hande, wenn er wieder emporsah, war mir's allemal wie ein Donnerschlag in der Brust; da ich nach Hause kam, fand ich mich nicht mehr in die alte Lebensweise, es war, als ob Bett, Stuhl und Tisch nicht mehr an dem gewohnten Ort standen, es war Nacht geworden, man brachte Licht herein, ich ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Strassen, und wie ich die in der Stube von dem Kaiser sprechen horte, da zitterte ich wie Espenlaub, am Abend in meiner Kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf in den Handen wie er, es war nicht anders, wie wenn ein grosses Tor in meiner Brust geoffnet war; meine Schwester, die ihn enthusiastisch pries, suchte jede Gelegenheit, ihn zu sehen, ich ging mit, ohne dass einer ahnte, wie tief es mir zu Herzen gehe, einmal, da der Kaiser voruberfuhr, sprang sie auf einen Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu, er sah heraus und winkte freundlich mit dem Schnupftuch, sie prahlte sich sehr, dass der Kaiser ihr so freundlich gewinkt habe, ich war aber heimlich uberzeugt, dass der Gruss mir gegolten habe, denn im Voruberfahren sah er noch einmal ruckwarts nach mir; ja beinah jeden Tag, wo ich Gelegenheit hatte, ihn zu sehen, ereignete sich etwas, was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte, und am Abend, in meiner Schlafkammer, kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in meinen Handen, wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte, und dann uberlegte ich, was mir alles mit ihm begegnet war, und so baute sich ein geheimes Liebeseinverstandnis in meinem Herzen auf, von dem mir unmoglich war zu glauben, dass er nichts davon ahne, ich glaubte gewiss, er habe meine Wohnung erforscht, da er jetzt ofter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal heraufsah nach den Fenstern und mich grusste. O, wie war ich den vollen Tag so selig, wo er mir am Morgen einen Gruss gespendet hatte; da kann ich wohl sagen, dass ich weinte vor Lust. Wie er einmal offne Tafel hielt, drangte ich mich durch die Wachen und kam in den Saal, statt auf die Galerie. Es wurde in die Trompeten gestossen, bei dem dritten Stoss erschien er in einem roten Sammetmantel, den ihm zwei Kammerherren abnahmen, er ging langsam mit etwas gebeugtem Haupt. Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts, dass ich auf dem unrechten Platz ware, seine Gesundheit wurde von allen anwesenden grossen Herren getrunken, und die Trompeten schmetterten drein, da jauchzte ich laut mit, der Kaiser sah mich an, er nahm den Becher, um Bescheid zu tun und nickte mir, ja, da kam mir's vor, als hatte er den Becher mir bringen wollen, und ich muss noch heute daran glauben, es wurde mir zuviel kosten, wenn ich diesen Gedanken, dem ich so viel Gluckstranen geweint habe, aufgeben musste, warum sollte er auch nicht, er musste ja wohl die grosse Begeistrung in meinen Augen lesen; damals im Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten, die den Trunk, womit er den Fursten Bescheid tat, begleiteten, ward ich ganz elend und betaubt, so sehr nahm ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen, meine Schwester hatte Muhe, mich hinauszubringen an die frische Luft, sie schmalte mit mir, dass sie wegen meiner des Vergnugens verlustig war, den Kaiser speisen zu sehen, sie wollte auch, nachdem ich am Rohrbrunnen Wasser getrunken, versuchen, wieder hineinzukommen, aber eine geheime Stimme sagte mir, dass ich an dem, was mir heute beschert geworden, mir solle genugen lassen, und ging nicht wieder mit; nein, ich suchte meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte dem Kaiser schmerzlich susse Tranen der heissesten Liebe, am andern Tag reiste er ab, ich lag fruh morgens um vier Uhr in meinem Bett, der Tag fing eben an zu grauen, es war am 17. April, da horte ich funf Posthorner blasen, das war er, ich sprang aus dem Bett, vor ubergrosser Eile fiel ich in die Mitte der Stube und tat mir weh, ich achtete es nicht und sprang ans Fenster, in dem Augenblick fuhr der Kaiser vorbei, er sah schon nach meinem Fenster, noch eh ich es aufgerissen hatte, er warf mir Kusshande zu und winkte mir mit dem Schnupftuch, bis er die Gasse hinaus war. Von der Zeit an habe ich kein Posthorn blasen horen, ohne dieses Abschieds zu gedenken, und bis auf den heutigen Tag, wo ich den Lebensstrom seiner ganzen Lange nach durchschifft habe und eben im Begriff bin, zu landen, greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an, und wo so vieles, worauf die Menschen Wert legen, rund um mich versunken ist, ohne dass ich Kummer darum habe. Soll man da nicht wunderliche Glossen machen, wenn man erleben muss, dass eine Leidenschaft, die gleich im Entstehen eine Chimare war, alles Wirkliche uberdauert und sich in einem Herzen behauptet, dem langst solche Anspruche als Narrheit verpont sind? Ich hab auch nie Lust gehabt, davon zu sprechen, es ist heute das erstemal. Bei dem Fall, den ich damals vor ubergrosser Eile tat, hatte ich mir das Knie verwundet, an einem grossen Brettnagel, der etwas hoch aus den Dielen hervorstand, hatte ich mir eine tiefe Wunde uber dem rechten Knie geschlagen, der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe als einen sehr feinen regelmassigen Stern, den ich oft darauf ansah wahrend den vier Wochen, in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden Nachmittag eine ganze Stunde eingelautet wurde, ach, was hab ich da fur schmerzliche Stunden gehabt, wenn der Dom anfing zu lauten mit der grossen Glocke, es kamen erst so einzelne machtige Schlage, als wanke er trostlos hin und her, nach und nach klang das Gelaut der kleinen Glocken und der ferneren Kirchen mit, es war, als ob alle uber den Trauerfall seufzten und weinten; und die Luft war so schauerlich, es war gleich bei Sonnenuntergang, da horte es wieder auf zu lauten, eine Glocke nach der andern schwieg, bis der Dom, so wie er angefangen hatte zu klagen, auch die allerletzten Tone in die Nachtdammerung seufzte; damals war die Narbe uber meinem Knie noch ganz frisch, ich betrachtete sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles."

Deine Mutter zeigte mir ihr Knie, uber dem das Mal in Form eines sehr deutlichen regelmassigen Sternes ausgebildet war, sie reichte mir die Hand zum Abschied und sagte mir noch in der Tur, sie habe niemals hiervon mit jemand gesprochen als nur mit mir; wie ich kaum im Rheingau war, schrieb ich mir aus der Erinnerung so viel wie moglich mit ihren eignen Worten alles auf, denn ich dachte gleich, dass Dich dies gewiss einmal interessieren musse, nun hat aber der Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte, von der ich mir denken kann, dass sie kein edles mannliches Herz, viel weniger den Kaiser wurde haben ungeruhrt gelassen, eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schonem gestempelt. Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben, die Mutter sei nicht wohl, ich beeilte meine Ruckkehr, mein erster Gang war zu ihr, der Arzt war grade bei ihr, sie sah sehr ernst aus, als er weg war, reichte sie mir lachelnd das Rezept hin und sagte: "Da lese, welche Vorbedeutung mag das haben, ein Umschlag von Wein, Myrrhen, Ol und Lorbeerblattern, um mein Knie zu starken, das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen, und endlich hat sich Wasser unter der Narbe gesammelt, du wirst aber sehen, es wird nichts helfen mit diesen kaiserlichen Spezialien von Lorbeer, Wein und Ol, womit die Kaiser bei der Kronung gesalbt werden. Ich seh das schon kommen, dass das Wasser sich nach dem Herzen ziehen wird, und da wird es gleich aus sein"; sie sagte mir Lebewohl und sie wolle mir sagen lassen, wenn ich wiederkommen solle; ein paar Tage darauf liess sie mich rufen, sie lag zu Bett, sie sagte: "Heute lieg ich wieder zu Bett wie damals, als ich kaum sechszehn Jahr alt war, an derselben Wunde"; ich lachte mit ihr hieruber und sagte ihr scherzweise viel, was sie ruhrte und erfreute; da sah sie mich noch einmal recht feurig an, sie druckte mir die Hand und sagte: "Du bist so recht geeignet, um mich in dieser Leidenszeit aufrecht zu halten, denn ich weiss wohl, dass es mit mir zu Ende geht." Sie sprach noch ein paar Worte von Dir, dass ich nicht aufhoren sollte, Dich zu lieben, und ihrem Enkel solle ich zu Weihnachten noch einmal die gewohnten Zuckerwerke in ihrem Namen senden, zwei Tage drauf, am Abend, wo ein Konzert in ihrer Nahe gegeben wurde, sagte sie: "Nun will ich im Einschlafen an die Musik denken, die mich bald im Himmel empfangen wird", sie liess sich auch noch Haare abschneiden und sagte, man solle sie mir nach ihrem Tode geben nebst einem Familienbild von Seekatz, worauf sie mit Deinem Vater, Deiner Schwester und Dir als Schafer gekleidet in anmutiger Gegend abgemalt ist, am andern Morgen war sie nicht mehr, sie war nachtlich hinubergeschlummert.

Das ist die Geschichte, die ich Dir schon in Munchen versprochen hatte, jetzt, wo sie niedergeschrieben ist, weiss ich nicht, wie Du sie aufnehmen wirst, mir war sie immer als etwas ganz Ausserordentliches vorgekommen, und ich habe bei ihr so manche Gelubde getan.

Von Deinem Vater erzahlte sie mir auch viel Schones, er selbst war ein schoner Mann, sie heiratete ihn ohne bestimmte Neigung, sie wusste ihn auf mancherlei Weise zum Vorteil der Kinder zu lenken, denen er mit einer gewissen Strenge im Lernen zusetzte, doch muss er auch sehr freundlich gegen Dich gewesen sein, da er stundenlang mit Dir von zukunftigen Reisen sprach und Dir Deine Zukunft so glanzvoll wie moglich ausmalte, von einem grossen Hausbau, den Dein Vater unternahm, erzahlte die Mutter auch und wie sie Dich da als junges Kind oft mit grossen Sorgen habe auf den Gerusten herumklettern sehen. Als der Bau beendigt war, der Euer altes rumpeliges Haus mit Windeltreppen und ungleichen Etagen in eine schone anmutige Wohnung umschuf, in der wertvolle Kunstgegenstande mit Geschmack die Zimmer verzierten, da richtete der Vater mit grosser Umstandlichkeit eine Bibliothek ein, bei der Du beschaftigt wurdest. Uber Deines Vaters Leidenschaft zum Reisen erzahlte die Mutter sehr viel.

Seine Zimmer waren mit Landkarten, Planen von grossen Stadten behangt, und wahrend Du die Reisebeschreibung vorlasest, spazierte er mit dem Finger darauf herum, um jeden Punkt aufzusuchen, dies sagte weder Deiner Ungeduld noch dem eilfertigen Temperament der Mutter zu, Ihr sehntet Euch nach Hindernissen solcher langweiligen Winterabende, die denn endlich auch durch die Einquartierung eines franzosischen Kommandanten in die Prachtstuben vollig unterbrochen wurden, hierdurch war nichts gebessert, der Vater war nicht zu trosten, dass seine kaum eingerichtete Wohnung, die ihm so manches Opfer gekostet hatte, der Einquartierung preisgegeben war, daraus erwuchs mancherlei Not, die Deine Mutter trefflich auszugleichen verstand; ein paar Blatter mit Notizen schicke ich noch mit, ich kann sie nicht besser ausmalen, Dir aber konnen sie wohl zur Wiederaufweckung von tausenderlei Dingen dienen, die Du dann auch wieder in ihrem Zusammenhang finden wirst, die Liebesgeschichten aus Offenbach mit einem gewissen Gretchen, die nachtlichen Spaziergange und was dergleichen mehr, hat Deine Mutter nie im Zusammenhang erzahlt, und Gott weiss, ich hab mich auch gescheut, danach zu fragen.

Bettine

An Goethe

Was mich so lange gefangen hielt, war die Musik, ungeschnittne Federn, schlechtes Papier, dicke Tinte, es treffen immer viel Umstande zusammen. Am 4. Dezember war kalt und schauerlich Wetter, es wechselte ab im Schneien, Regnen und Eisen was hab ich nun besseres zu tun, als Dein Herz warmzuhalten, die Unterweste hab ich so schmeichelnd warm gemacht als mir nur moglich. Denk an mich.

Ich habe des Fursten Radziwill seine Musik aus dem "Faust" gehort, das Lied vom Schafer ist so einzig lebendig darstellend, kurz, alle lobliche Eigenschaften besitzend, dass es gewiss nimmermehr so trefflich kann komponiert werden. Das Chor: "Drinnen sitzt einer gefangen", es geht einem durch Mark und Bein. Das Chor der Geister, wo Faust einschlummert, herrlich! Man hort den Polen durch, ein Deutscher hatt es nicht so angefangen, um so reizender. Es muss so leicht vorgetragen werden wie fliegende Spinnweb in den Sommerabenden.

Zelter ist manchmal bei uns, ich suche herauszubringen, was er ist. Ungeschliffen ist er zwar, recht und unrecht hat er auch, Dich liebzuhaben behauptet er auch, er mochte der Welt dienen und fuhrt Klage, dass sie sich's nicht will gefallen lassen, und dass er alle Weisheit fur sich behalten muss. Einen Standpunkt hat er sich erwahlt, von dem aus er sie von oben herab beschaut. Und der Welt ist's einerlei, dass er mit den Krahen auf der Zinne sitzt und sie sich auf ihren Gemeinplatzen tummeln sieht. An der Liedertafel ist er Casar und freut sich seiner Siege, in der Singakademie ist er Napoleon und jagt durch sein Machtwort alles in Schrecken, und seine Truppen gehen mit Zuversicht durch dick und dunn; zum Gluck ist gesungen nicht gehauen und gestochen. Seine Leibgarde, der Bass, hat den Katarrh. In der Welt, in der Gesellschaft und auf Reisen, da ist er Goethe, und zwar ein recht menschlicher, voll herablassender Gute, er wandelt, er steht, wirft ein kurzes Wort hin, nickt freundlich zu unbedeutenden Dingen, halt die Hande auf den Rucken, das macht sich alles; nur zuweilen speit er aus, und zwar herzhaft, das trifft nicht, da geht die ganze Illusion zum Teufel.

Die Verwirrung, die das Magische in jeder Kunst bei den Philistern veranlasst, ist bei der Musik auf den hochsten Grad gestiegen; Zelter zum Beispiel lasst nichts die Maut passieren, was er nicht schon versteht, und eigentlich ist das doch nur Musik, was grade da beginnt, wo der Verstand nicht mehr ausreicht, und die ewig vernichtenden Quergeister, die es so gut meinen, wenn sie zuvorderst das Verstandliche in der Kunst fordern: dass die nicht begreifen, dass sie das hochste Element einer gottlichen Sprache herabwurdigen, wenn sie es nur mit dem ausfullen, was sie verstehen, indem sie ja doch nur das Gemeine verstehen, und dass sie hohere Offenbarung nie erfahren, wenn sie ewig gescheiter sein wollen, wie ihre Botschafter, die Phantasie und die Begeistrung. Obschon in der Musik die Zauberformeln ewig lebendig sind, so spricht sie der Philister, vor Schreck sie nicht zu verstehen, oft nur halb, oft ruckwarts aus, und nun stehen die sonst so beweglichen, blitzenden, nasskalt, langwierig, beschwerlich und freilich unverstandlich im Weg.

Dagegen ist der Begeisterte ein anderer: mit heimlicher Zuversicht lauscht er und wird eine Welt gewahr, sie lasst sich nicht definieren, sie kann dem Gemut wohl ihre Wirkung, aber nicht ihren Ursprung mitteilen, daher die plotzliche reife Erscheinung des Genies, das lang in ungebundner Selbstbeschauung zerstreut war, nun in sich selbst erhoht, hervorbricht ans Tageslicht, unbekummert, ob die Ungeweihten es verstehen, da es mit Gott spricht (Beethoven). So steht's mit der Musik, das Genie kann nicht offenbar werden, weil die Philister nichts anerkennen, als was sie verstehen. Wenn ich mir da meinen Beethoven denke, der, den eignen Geist fuhlend, freudig ausruft: "Ich bin elektrischer Natur, und darum mache ich so herrliche Musik!"

Viele Sinne zu einer Erscheinung des Geistes. Stetes lebhaftes Wirken des Geistes auf die Sinne (Menschen), ohne welche kein Geist, keine Musik.

Wollust, ins Vergangne zu schauen wie durch Kristall, Einsicht der Beherrschung, der Tragung, der Erregung des Geistes; nimmermehr in der Musik, was verklungen ist, hatte seinen eignen Tempel. Der ist mit ihm versunken, Musik kann nur ewig neu erstehen.

Sonderbares Schicksal der Musiksprache, nicht verstanden zu werden. Daher immer die Wut gegen das, was noch nicht gehort war, daher der Ausdruck: "Unerhort." Dem Genie in der Musik steht der Gelehrte in der Musik allemal als ein Holzbock gegenuber (Zelter muss vermeiden, dem Beethoven gegenuberzustehen), das Bekannte vertragt er, nicht weil er es begreift, sondern weil er es gewohnt ist wie der Esel den taglichen Weg. Was kann einer noch, wenn er auch alles wollte, solang er nicht mit dem Genius sein eignes Leben fuhrt, da er nicht Rechenschaft zu geben hat und die Gelehrsamkeit ihm nicht hineinpfuschen darf. Die Gelehrsamkeit versteht ja doch nur hochstens, was schon da war, aber nicht, was da kommen soll, er kann die Geister nicht losen vom Buchstaben, vom Gesetz. Jede Kunst steht eigenmachtig da, den Tod zu verdrangen, den Menschen in den Himmel zu fuhren; aber wo sie die Philister bewachen und als Meister lossprechen, da steht sie mit geschornem Haupt, beschamt, was freier Wille, freies Leben sein soll, ist Uhrwerk. Und da mag nun einer zuhoren, glauben und hoffen, es wird doch nichts draus. Nur durch Wege konnte man dazu gelangen, die dem Philister verschuttet sind, Gebet, Verschwiegenheit des Herzens im stillen Vertrauen auf die ewige Weisheit, auch in dem Unbegreiflichen. Da stehen wir an den unubersteiglichen Bergen, und doch: da oben nur lernt man die Wollust des Atmens verstehen.

Der Frau das kleine Andenken mit meinem Gluckwunsch zum neuen Jahr. Dem Hrn. R. die ungemachte Weste, seine Vollkommenheit hat mich in Toplitz zu sehr geblendet, als dass ich mir das rechte Mass hatte denken konnen, die Vorstecknadeln seien hier zu geschmacklos, als dass ich ihm eine hatte schicken mogen, aber lauter und lauter Vergissmeinnicht in der Weste! Er mag nicht wenig stolz darauf sein. Sollte sein Geschmack noch nicht soweit gebildet sein, dies schon zu finden, so soll er nur auf mein Wort glauben, dass ihn alle Menschen darum beneiden werden; noch muss ich erinnern, dass sie als Unterweste getragen wird. Nun, er wird mir gewiss schreiben und wird sich bedanken. Und Du? hm. Du Einziger, der mir den Tod bitter macht!

Bettine

Gruss doch die Frau recht herzlich von mir, es ist ihr doch niemand so von Herzen gut wie ich.

Adieu Magnetberg. Wollt ich auch da und dorthin die Fahrt lenken, an Dir wurden alle Schiffe scheitern.

Adieu einzig Erbteil meiner Mutter.

Adieu Brunnen, aus dem ich trinke.

An Bettine

Du erscheinst von Zeit zu Zeit, liebe Bettine, als ein wohltatiger Genius, bald personlich, bald mit guten Gaben. Auch diesmal hast Du viel Freude angerichtet, wofur Dir der schonste Dank von allen abgetragen wird.

Dass Du mit Zeltern manchmal zusammen bist, ist mir lieb, ich hoffe immer noch, Du wirst Dich noch besser in ihn finden, es konnte mir viel Freude machen. Du bist vielseitig genug, aber auch manchmal ein recht beschrankter Eigensinn, und besonders, was die Musik betrifft, hast Du wunderliche Grillen in Deinem Kopfchen erstarren lassen, die mir insofern lieb sind, weil sie Dein gehoren, deswegen ich Dich auch keineswegs deshalb meistern noch qualen will; im Gegenteil, wenn ich Dir ein unverhohlnes Bekenntnis machen soll, so wunsch ich Deine Gedanken uber Kunst uberhaupt wie uber die Musik mir zugewendet. In einsamen Stunden kannst Du nichts Bessers tun als Deinem lieben Eigensinn nachhangen und ihn mir trauen, ich will Dir auch nicht verhehlen, dass Deine Ansichten trotz allem Absonderlichen einen gewissen Anklang in mir haben, und so manches, was ich in fruherer Zeit wohl auch in feinem Herzen getragen, wieder anregen, was mir denn in diesem Augenblick sehr zustatten kommt; bei Dir ware sehr zu wunschen, was die Weltweisen als die wesentlichste Bedingung der Unsterblichkeit fordern, dass namlich der ganze Mensch aus sich heraustreten musse ans Licht. Ich muss Dir doch auf's dringendste anempfehlen, diesen weisen Rat so viel wie moglich nachzukommen, denn obschon ich nicht glaube, dass hierdurch alles Unverstandne und Ratselhafte genugend gelost wurde, so waren doch wohl die erfreulichsten Resultate davon zu erwarten.

Von den guten Musiksachen, die ich Dir verdanke, ist schon gar manches einstudieret und wird oft wiederholt. Uberhaupt geht unsre kleine musikalische Anstalt diesen Winter recht ruhig und ordentlich fort.

Von mir kann ich Dir wenig sagen, als dass ich mich wohl befinde, welches denn auch sehr gut ist. Fur lauter Ausserlichkeiten hat sich von ihnen nichts entwickeln konnen. Ich denke, das Fruhjahr und einige Einsamkeit wird das Beste tun. Ich danke Dir zum schonsten fur das Evangelium juventutis, wovon Du mir einige Perikopen gesendet hast. Fahre fort von Zeit zu Zeit, wie es Dir der Geist eingibt.

Und nun lebe wohl und habe nochmals Dank fur die warme Glanzweste. Meine Frau grusst und dankt zum schonsten. Riemer hat wohl schon selbst geschrieben. Jena, wo ich mich auf vierzehn Tage hinbegeben.

Den 11. Januar 1811

G.

An Goethe

Also ist mein lieber Freund allein! Das freut mich, dass Du allein bist, Denke meiner! Lege die Hand an die Stirne und denke meiner, dass ich auch allein bin. In beiliegenden Blattern der Beweis, dass meine Einsamkeit mit Dir erfullt ist, ja, wie sollte ich anders zu solchen Anschauungen kommen, als indem ich mich in Deine Gegenwart denke.

Ich habe eine kalte Nacht verwacht, um meinen Gedanken nachzugehen, weil Du so freundlich alles zu wissen verlangst, ich hab doch nicht alles aufschreiben konnen, weil diese Gedanken zu fluchtig sind. Ach ja, Goethe, wenn ich alles aufschreiben wollte, wie wunderlich wurde das sein. Nimm vorlieb, erganze Dir alles in meinem Sinn, in dem Du ja doch zu Hause bist. Du und kein andrer hat mich je gemahnt, Dir meine Seele mitzuteilen, und ich mochte Dir nichts vorenthalten, darum mocht ich aus mir heraus ans Licht treten, weil Du allein mich erleuchtest.

Beiliegende Blatter geschrieben in der Montagnacht.

Uber Kunst. Ich hab sie nicht studiert, weiss nichts von ihrer Entstehung, ihrer Geschichte, ihrem Standpunkt. Wie sie einwirkt, wie die Menschen sie verstehen, das scheint mir unecht.

Die Kunst ist Heiligung der sinnlichen Natur, hiermit sag ich alles, was ich von ihr weiss. Was geliebt wird, das soll der Liebe dienen, der Geist ist das geliebte Kind Gottes, Gott erwahlt ihn zum Dienst der sinnlichen Natur, das ist die Kunst. Offenbarung des Geistes in den Sinnen ist die Kunst. Was Du fuhlst, das wird Gedanke und was Du denkst, was Du zu erdenken strebst, das wird sinnliches Gefuhl. Was die Menschen in der Kunst zusammentragen, was sie hervorbringen, wie sie sich durcharbeiten, was sie zu viel oder zu wenig tun, das mochte manchen Widerspruch erdulden, aber immer ist es ein Buchstabieren des gottlichen Es werde.

Was kann uns ergreifen an der Darstellung einer Gestalt, die sich nicht regt, die den Moment ihrer geistigen Tendenz nicht zu entwickeln vermag? Was kann uns durchdringen in einer gemalten Luftschicht, in welcher die Ahnung des steigenden Lichts nie erfullt wird? Was bewegt uns zu heimatlichem Sehnen in der gemalten Hutte sogar? Was zu dem vertraulichen Hinneigen zum nachgeahmten Tiere? Wenn es nicht eine Sanktion des keimenden Geistes der Erzeugung ist!

Ach, was fragst Du nach der Kunst, ich kann Dir nichts Genugendes sagen? Frage nach der Liebe, die ist meine Kunst, in ihr soll ich darstellen, in ihr soll ich mich fassen und heiligen.

Ich furchte mich vor Dir, ich furche mich vor dem Geist, den Du in mir aufstehen heissest, weil ich ihn nicht aussprechen kann. Du sagst in Deinem Brief, der ganze Mensch musse aus sich heraustreten ans Licht; nie hat dies einfache untrugliche Gebot mir fruher eingeleuchtet, jetzt aber, wo Deine Weisheit mich ans Licht fordert, was hab ich da aufzuweisen, als nur Verschuldungen gegen diesen inneren Menschen; siehe da! Er war misshandelt und unterdruckt. Ist aber dieses Hervortreten des innern Menschen ans Licht nicht die Kunst? Dieser innere Mensch, der ans Licht begehrt, dass ihm Gottes Finger die Zunge lose, das Gehor entbinde, alle Sinne erwecke, dass er empfange und ausgebe! Und ist hier die Liebe nicht allein Meisterin und wir ihre Schuler in jedem Werke, das wir durch ihre Inspiration vollbringen?

Kunstwerke sind zwar allein das, was wir Kunst nennen, durch was wir die Kunst zu erkennen und zu geniessen glauben. Aber soweit die Erzeugung Gottes in Herz und Geist erhaben ist uber die Begriffe und Mitteilungen, die wir uns von ihm machen, uber die Gesetze, die von ihm unter uns im zeitlichen Leben gelten sollen, ebenso erhaben ist die Kunst uber das, was die Menschen unter sich von ihr geltend machen. Wer sie zu verstehen wahnt, der wird nicht mehr leisten, als was der Verstand beherrscht. Wessen Sinne aber ihrem Geist unterworfen sind, der hat die Offenbarung.

Alles Erzeugnis der Kunst ist Symbol der Offenbarung, und da hat oft der auffassende Geist mehr teil an der Offenbarung als der erzeugende. Die Kunst ist Zeugnis, dass die Sprache einer hoheren Welt deutlich in der unsern vernommen wird, und wenn wir sie auslegen zu wollen uns nicht vermessen, so wird sie selbst die Vorbereitung jenes hoheren Geisteslebens in uns bewirken, von dem sie die Sprache ist. Es ist nicht notig, dass wir sie verstehen, aber dass wir an sie glauben. Der Glaube ist der Same, durch den ihr Geist in uns aufgeht, so wie durch ihn alle Weisheit aufgeht, da er der Same ist einer unsterblichen Welt. Da das hochste Wunder wahr ist, so muss wohl alles, was dazwischen liegt, eine Annaherung zur Wahrheit sein, und nur der richtende Menschengeist fuhrt in die Irre. Was kann und darf uns billiger Weise noch wundern als unsre eigne Kleinheit? Alles ist Vater und Sohn und heiliger Geist; der irdischen Weisheit Grenze sind die sternebeschienenen Menschlein, die von ihrem Lichte fabeln. Die Warme Deines Blutes ist Weisheit, denn die Liebe gibt das Leben allein. Die Warme Deines Geistes ist Weisheit, denn die Liebe belebt den Geist allein; warme mein Herz durch Deinen Geist, den Du mir einhauchst, so hab ich den Geist Gottes, der nur allein vermag's.

Diese kalte Nacht hab ich zugebracht am Schreibtisch, um das Evangelium juventutis weiterzufuhren, und habe viel gedacht, was ich nicht sagen kann.

Die Vorratskammer der Erfahrung hat Vorteile aufgespeichert, diese benutzen zu konnen nach Bedurfnis, ist Meisterschaft; sie auf den Schuler uberzutragen, ist Belehrung; hat der Schuler alles erfasst und versteht er es anzuwenden, so wird er losgesprochen; dies ist die Schule, durch welche die Kunst sich fortpflanzt. Ein so Losgesprochener ist einer, dem alle Irrwege zwar offen stehn, aber nicht der rechte. Aus der langgewohnten Herberge, in die die Lehre der Erfahrung ihn eingepfercht hatte, entlassen, ist die Wuste des Irrtums seine Welt, aus der er nicht herauszutreten vermag, jeder Weg, den er ergreift, ist ein einseitiger Pfad des Irrtums; des gottlichen Geistes bar, durch Vorurteile verleitet, sucht er seine Kunstgriffe in Anwendung zu bringen, hat er sie alle an seinem Gegenstand durchgesetzt, so hat er ein Kunstwerk hervorgebracht. Mehr hat noch nie das Bestreben eines durch die Kunstschule gebildeten Kunstlers erworben. Wer je zu etwas gekommen ist in der Kunst, der hat seiner Kunstgriffe vergessen, dessen Fracht von Erfahrungen hat Schiffbruch gelitten, und die Verzweiflung hat ihn am rechten Ufer landen lassen. Was aus solcher gewaltsamen Epoche hervorgeht, ist zwar oft ergreifend, aber nicht uberzeugend, weil der Massstab des Urteils und des Begriffs immer nur jene Erfahrungen und Kunstgriffe sind, die nicht passen, wo das Erzeugnis nicht durch sie vermittelt ist; dann auch weil das Vorurteil der errungenen Meisterschaft nicht zulasst, dass etwas sei, was nicht in ihm begriffen ist, und so die Ahnung einer hoheren Welt ihm verschlossen bleibt. Die Erfindung dieser Meisterschaft wird gerechtfertigt durch den Grundsatz: "Es ist nichts neues, alles ist vor der Imagination erfunden." Ihre Erzeugnisse teilen sich in den Missbrauch des Erfundenen zu neuen Erfindungen, in das Scheinerfinden, wo das Kunstwerk nicht den Gedanken in sich tragt, sondern seine Entbehrung durch die Kunstgriffe und Erfahrung der Kunstschule vermittelt sind, und in die Erzeugungen, die so weit gehen, als dem Gedanken durch Bildung erlaubt ist, etwas zu fassen. Je kluger, je abwagender, je fehlerfreier, je sicherer, desto wohlverstandener, von und fur die Menge, und dies nennen wir Kunstwerke.

Wenn wir eines Helden Standbild machen, wir kennen seine Lebensverhaltnisse, verbinden diese mit der Genugtuung der Ehre auf eine gebildete Weise, ein jeder einzelne Teil enthalt einen harmonischen Begriff seiner Individualitat, das Ganze entspricht dem Masse der Erfahrung im Schonen, so sind wir hinlanglich befriedigt. Dies ist aber nicht die Aufgabe des Kunstwerks, die durch das Genie gefordert wird; diese ist nicht befriedigend, sondern uberwaltigend, sie ist nicht der Reprasentant einer Erscheinung, sondern die Offenbarung des Genies selbst, in der Erscheinung. Ihr werdet nicht sagen: "Dies ist das Bild eines Mannes, der ein Held war", sondern: "Dies ist die Offenbarung des Heldentums, das sich in diesem Kunstwerk verkorperte." Zu solcher Aufgabe gehort nicht Berechnung, sondern Leidenschaft, oder vielmehr Erleiden einer gottlichen Gewalt. Und welcher Kunstler das Heldentum (ich nehme es als Reprasentant jeder Tugend, denn jede Tugend ist lediglich Sieg) so darstellt, dass es die Begeistrung, die seine Erscheinung ist, mitteilt: der ist dieser Tugend nicht allein fahig, sondern sie ist schon in ihm wiedergeboren. In der bildenden Kunst steht der Gegenstand fest wie der Glaube, der Geist des Menschen umwandelt ihn wie der Begriff; Erkenntnis im Glauben bildet das Kunstwerk, welches erleuchtet.

In der Musik ist die Erzeugung selbst ein Wandeln der gottlichen Erkenntnis, die in den Menschen hereinleuchtet ohne Gegenstand, und der Mensch selbst ist die Empfangnis. In allem ist ein Verein der Liebe, ein Ineinanderfugen geistiger Krafte. Jede Erregung wird Sprache, Aufforderung an den Geist; er anwortet: und dies ist Erfindung. Dies also ist die geheime Grundlage der Erfindung: das Vermogen des Geistes, auf eine Frage zu antworten, die nicht einen bestimmten Gegenstand zur Aufgabe hat, sondern die vielleicht bewusstlose Tendenz der Erzeugung ist.

Alle Regungen geistiger Ereignisse des Lebens nach aussen haben einen solchen tief verborgnen Grund; so wie der Lebensatem sich in die Brust senkt, um aufs neue Atem zu schopfen, so senkt sich der erzeugende Geist in die Seele, um aufs neue in die hohere Region ewiger Schopfungskraft aufzusteigen.

Die Seele atmet durch den Geist, der Geist atmet durch die Inspiration, und die ist das Atmen der Gottheit.

Das Aufatmen des gottlichen Geistes ist Schopfen, Erzeugen; das Senken des gottlichen Atems ist Gebaren und Ernahren des Geistes, so erzeugt, gebart und ernahrt sich das Gottliche im Geist; so, durch den Geist in der Seele, so durch die Seele in dem Leib. Der Leib ist die Kunst, sie ist die sinnliche Natur, ins Leben des Geistes erzeugt.

In der Kunstlersprache heisst es: Es kann nichts neues erfunden werden, alles ist schon vorher dagewesen; ja! Wir konnen auch nur im Menschen erfinden, ausser ihm gibt es nichts, denn da ist der Geist nicht, denn Gott selbst hat keine andere Herberge als den Geist des Menschen. Der Erfinder ist die Liebe. Da nur das Umfassen der Liebe das Dasein grundet, so liegt ausser diesem Umfassten kein Dasein, kein Erfundenes. Das Erfinden ist nur ein Gewahrwerden, wie der Geist der Liebe in dem von ihr begrundeten Dasein waltet.

Der Mensch kann nicht erfinden, sondern nur sich selbst empfinden, nur auffassen, erkennen, was der Geist der Liebe zu ihm spricht, wie er sich in ihm nahrt und ihn durch sich belehrt. Ausser diesem Gewahrwerden der gottlichen Liebe, in Sprache der Erkenntnis umsetzen: ist keine Erfindung.

Wie konnte der Geist nun erfinden wollen, da nur er das Erfundene ist, da die Entfaltung seines Lebens nur die Entwicklung der Leidenschaft ist, die ihm einzuflossen der gottlichen Liebe Genuss und Nahrung ist, da sein Atem nur das Verzehren dieser Leidenschaft ist, und da seine Erzeugnisse nur das Verkorpern dieser Leidenschaft sind.

Also das Dasein ist das Umfassen der Liebe, das Geliebtsein. Das Erfinden, das Aussprechen ist das Einflossen ihrer Leidenschaft in den menschlichen Geist. Die Schonheit aber ist der Spiegel ihrer Seligkeit, die sie in der Befriedigung ihrer Leidenschaft hat. Die Seligkeit der Liebe spiegelt sich in dem Geist, den sie erzeugt, den sie mit Leidenschaft durchdringt, dass er sie begehre; dieses Begehren zu befriedigen, erzeugt ihren Genuss, dieses Mitgefuhl ihres Genusses, ihrer Seligkeit, spricht der Geist durch Schonheit aus. Die Schonheit verkorpert sich durch den liebenden Geist, der die Form mit Leidenschaft durchdringt, so wie die Liebe die selbsterschaffene Form des Geistes durchdringt. Dann spricht nachher die sinnliche Form die Schonheit des Geistes aus, wie der von Leidenschaft erfullte Geist die Schonheit der Liebe ausspricht. Und so ist die Schonheit der irdischen Form der Spiegel der Seligkeit des liebenden Geistes, wie die Schonheit der Seele der Spiegel der Seligkeit der liebenden Gottheit ist.

Mein Freund glaubt vielleicht, ich sei mondsuchtig, da wir heute Vollmond haben, ich glaub's auch.

Den 1. August 1817

Nicht geahndet hab ich es, dass ich je wieder so viel Herz fassen wurde an Dich zu schreiben, bist Du es denn? oder ist es nur meine Erinnerung, die sich so in der Einsamkeit zu mir lagert und mich allein mit ihren offnen Augen anblickt? Ach, wie vielmal hab ich in solchen Stunden Dir die Hand dargeboten, dass Du die Deinigen hineinlegen mochtest, dass ich sie beide an meine Lippen drucken konnte. Ich fuhl es jetzt wohl, dass es nicht leicht war, mich in meiner Leidenschaftlichkeit zu ertragen, ja ich ertrage mich selbst nicht, und mit Schauder wende ich mich von all den Schmerzen, die die Betrachtung in mir aufwuhlt.

Warum aber gerad heute, nachdem Jahre voruber sind, nachdem Stunden verwunden sind, wo ich mit Geistern zu kampfen hatte, die mich zu Dir hin mahneine Liebe erfahren habest, die bis ans End gewahrt habe, heute hatte ich die Haare in Handen, die Deine Mutter sich abschnitt, um sie mir als ein Zeichen ihrer Liebe nach ihrem Tode reichen zu lassen, und da fasste ich Herz, einmal will ich Dich noch rufen, was kann mir widerfahren, wenn Du nicht horst?

Die Leute gehen jetzt haufig in die Kirche, sie gehen zum Abendmahl, sie sprechen viel von ihrem Freund und Herrn, von dem Sohn ihres Gottes;

ich habe nicht einmal den Freund bewahrt, den ich mir selbst erwahlte, mein Mund hat sich geschlossen uber ihn, als ob ich ihn nicht kenne, ich habe das Richtschwert der Zunge uber ihm blitzen sehen und hab es nicht abgewehrt, siehst Du, so wenig Gutes ist in mir, da ich doch damals so gewiss besser sein wollte als alle, die so sind.

Mir traumte vor drei Jahren, ich erwache aus einem ruhigen Schlaf auf Deinen Knien sitzend, an einer langen gedeckten Tafel, Du zeigtest mir ein Licht, was tief herabgebrennt war und sagtest: "So lange hab ich dich an meinem Herzen schlafen lassen, alle Gaste sind von der Tafel weggegangen, ich allein bin, um deine Ruhe nicht zu storen, sitzengeblieben, nun werfe mir nicht mehr vor, dass ich keine Geduld mit dir habe" ja wahrlich, das traumte ich, ich wollte Dir damals schreiben, aber eine Bangigkeit, die mir bis in die Fingerspitzen ging, hielt mich davon ab; nun grusse ich Dich nochmals durch alle Nacht der Vergangenheit und drucke die Wunden wieder zu, die ich so lange nicht zu beschauen wagte, und warte ab, ob Du mich auch noch horen willst, eh ich Dir mehr erzahle.

Bettine

Den Tag, an dem ich dies geschrieben, geriet das Komodienhaus in Brand, ich ging nach dem Platz, wo Tausende mit mir dies unerhorte Schauspiel genossen, die wilden Flammendrachen rissen sich vom Dache los und ringelten sich nieder oder wurden von Windstossen zerrissen, die Hitze hatte die schon tropfelnden Wolken verzehrt oder zerteilt, und man konnte durch die rote Glut ruhig ins Antlitz der Sonne sehen, der Rauch wurde zum rotlichen Schleier. Das Feuer senkte sich in die innern Gemacher und hupfte von aussen hier und dort auf dem Rand des Gebaudes umher, das Gebalke des Daches war in einem Nu in sich hereingesturzt, und das war herrlich; nun muss ich Dir auch erzahlen, dass es wahrenddem in mir jubelte, ich gluhte mit, der irdische Leib verzehrte sich, und der unechte Staat verzehrte sich mit, man sah durch die geoffnete Ture, durch die dunkeln toten Mauern alle Fenster schwarz, den Vorhang des Theaters brennend niedersturzen, nun war das Theater im Augenblick ein Feuermeer, jetzt ging ein leises Knistern durch alle Fenstern, und sie waren weg, ja, wenn die Geister solcher Elemente einmal die Flugel aus den Ketten los haben, dann machen sie es arg. In dieser andern Welt, in der ich nun stand, dachte ich an Dich, den ich schon so lange verlassen hatte; Deine Lieder, die ich lange nicht gesungen hatte, zuckten auf meinen Lippen, ich allein vielleicht unter den Tausenden, die da standen, die schauderten, die jammerten, ich allein fuhlte in seliger einsamer Begeisterung, wie feuerfest Du bist ein Ratsel hatte sich gelost, deutlicher und besser konnte der Schmerz, der oft in fruheren Zeiten in meiner Brust wuhlte, nicht erlautert werden, ja es war gut, mit diesem Hause brannte ein dumpfes Gebaude nieder, frei und licht ward's in meiner Seele, und die Vaterlandsluft wehte mich an, noch eins will ich Dir davon erzahlen: in den ersten Nachmittagsstunden schon hatte das Feuer seine Rolle im Innern ausgespielt, wie der Mond aufging, hupften die kleinen Flammengeister spielend in die Fenstermauern, in den Verzierungen tanzend lichteten sie die geschwarzten Masken. Am dritten Tag schlug die Flamme aus den tiefgehohlten Balkenlochern. Gelt, mehr lasst sich nicht erwarten, willst Du mir nun uber all diesen Schutt die Hand wieder reichen, willst Du bis ans End mich warm und liebend fur Dich wissen, so sag ein Wort, aber bald, denn ich habe Durst.

Seit den langen Jahren hab ich das Schreiben verlernt, die Gedanken arbeiten sich auf ungeebnetem Weg durch, und doch denk ich mich noch wie den schaumenden Becher in Deiner Hand, aus dem Du gern nippen magst.

Wenn das beigefugte Blatt noch seine Farbe hat, so kannst Du sehen, welche Farbe meine Liebe zu Dir hat, denn immer kommt's mir vor, als ob's grad so innig rot und so ruhig, und der goldne Samenstaub auch, so ist Dein Bett in meinem Herzen bereitet, verschmahe es nicht. Meine Adresse ist Georgen-Strasse Nr. 17.

An Goethe

Weimar, den 29. Oktober 1821

Mit Dir hab ich zu sprechen! Nicht mit dem, der mich von sich gestossen, der Tranen nicht geachtet und karg keinen Fluch wie keinen Segen zu spenden hat, vor dem weichen die Gedanken zuruck. Mit Dir Genius! Huter und Entzunder! Der mit gewaltigen Schwingen oft die Flamme aus der versunknen Asche wieder emporwehte, mit Dir, der es mit heimlichem Entzucken genoss, wenn der jugendliche Quell brausend, emporend uber Gefels sich den Weg suchte zur ruhigen Bucht zu Deinen Fussen, da es mir genugte, Deine Knie zu umfassen.

Aug in Aug! Einzig Leben! Keine Begeistrung, die uber Dich geht! Die Seligkeit, gesehen zu sein und Dich zu sehen!

Ob ich Dich liebte? Das fragst Du? Macht Ihr es aus uber unsern Hauptern, Ihr Schwingenbegabte. Glaub an mich! Glaub an einen heissen Trieb, Lebenstrieb will ich ihn nennen, so sing ich Deinem traumenden Busen vor. Du traumst, Du schlafst! Und ich traume mit.

Ja, die damalige Zeit ist jetzt ein Traum, der Blitz der Begeistrung hatte schnell Dein irdisch Gewand Schonheit, jetzt ist's ein Traum.

Ich hatte mich selbst, ein ernstes stilles schauerliches Geheimnis Dir opfernd zu Fussen zu legen, still und tief verborgen wie der unreife Same in seiner Hulle. An Dir, an Deiner vergebenden Liebe sollte er reifen; jeden unwillkurlichen Fehl, jede Sunde wollt ich eingestehn, ich wollte sie wegsaugen aus Deinen Augen mit meinem tranenbeladenen Blick, mit meinem Lacheln; aus Deinem Bewusstsein mit der Glut meines Herzens, die Du nicht zum zweitenmal findest, aber dies alles ist nun ein Traum.

Zehn Jahre der Einsamkeit haben sich uber meinem Herzen aufgebaut, haben mich getrennt von dem Quell, aus dem ich Leben schopfte, keiner Worte hab ich mich seitdem wieder bedient, alles war versunken, was ich gefuhlt und geahnt hatte. Mein letzter Gedanke war: "Es wird wieder eine Zeit kommen, in der ich sein werde, denn fur diesmal haben sie meine Sinne begraben und mein Herz verhullt."

Diese zukunftige Zeit, o Freund! schwebt uber mir hin gleich den Winden der Wuste, die so manches Dasein mit leichtem Flugsand verscharren, und es wird mich keine Stimme wieder erwecken, ausser der Deinen, und das bleibt wohl auch nur ein Traum?

Damals betete ich oft um das einzige, dass ich Deinen letzten Atemzug kussen durfe, denn ich wollte gern Deine auffliegende Seele mit meinen Lippen beruhren; ja Goethe! Zeiten, die ihr voruber seid, wendet euch am fernen Horizont noch einmal nach mir her, ihr tragt das Bild meiner Jugendzeit in dichte Schleier gehullt.

Nein! Du kannst doch nicht sein, was Du jetzt bist: hart und kalt wie Stein! Sei es immer fur diese Welt, fur diese verrinnende Zeiten, aber dort, wo die Gewolke sich in triumphierenden Fahnen aufrollen, unter denen Deine Lieder zu dem Thron aufsteigen, wo Du ihr Schopfer, und Schopfer Deiner Welt, ruhest, nachdem Du das Werk Deiner Tage geschaffen, zum Leben geschaffen; da lass mich mit Dir sein um meiner Liebe willen, die mir von geschaftigen Geistern jener hoheren Welt zugetragen ward, wie der Honig dem wilden Fruchtbaum in den hohlen Stamm von tausend geschaftigen Bienen eingeimpft wird, der dann, ob auch nicht aus sich selber, dennoch einen kostlicheren Schatz in sich bewahrt als der Baum, der edle Fruchte tragt. Ja, lass das wilde Reis seine Wurzeln mit den Deinen verstricken, verzehre es, wenn Du es nicht dulden magst.

Jawohl! Ich bin zu heftig, siehe da, der Damm ist verschuttet, welchen Gewohnheit baut, und Ungewohntes uberstromt Herz und Papier. Ja ungewohnte Tranen, ihr uberstromt mein Gesicht, das heute die Sonne sucht und vor Tranen nicht sieht, und auch nicht, weil sie mir heute nicht scheinen will.

Den 23. November

Alle Blumen, die noch im Garten stehen, einsammeln, Rosen und frische Trauben noch in der spaten Jahreszeit zusammenbringen, ist kein unsittlich Geschaft und verdient nicht den Zorn dessen, dem sie angeboten sind. Warum soll ich mich furchten vor Dir? Dass Du mich zuruckgestossen hast mit der Hand, die ich kussen wollte, das ist schon lange her, und heut bist Du anders gesinnt. Dem Becher, aus dem Du heute getrunken, sei dieser Strauss in den Kelch gepflanzt, er ubernachte diese letzte Blumen, er sei ein Grab diesen Blumen, morgen wirf den Strauss weg und fulle den Becher nach Gewohnheit. So hast Du mir's auch gemacht, Du hast mich weggeworfen aus dem Gefass, das Du an die Lippen zu setzen gewohnt bist.

Den 24.

Eine Zeitlang flattert die Seele am Boden, aber bald schwebt sie aufwarts in den kuhlenden Ather. Schonheit ist Ather! Sie kuhlt, nicht entflammt. Die Schonheit erkennen, das ist die wahre Handlung der Liebe. Liebe ist kein Irrtum, aber ach! der Wahn, der sie verfolgt. Du siehst, ich will einen Eingang suchen mit Dir zu sprechen, aber wenn ich auch auf Kothurnen schreite der Leib ist zu schwach, den Geist zu tragen, beladne Aste schleifen die Fruchte am Boden. Ach! Bald werden diese Traume ausgeflammt haben.

Den 29. Juni 1822

Du siehst an diesem Papier, dass es schon alt ist, und dass ich's schon lang mit mir herumtrage, ich schrieb's im vorigen Jahr, gleich nachdem ich Dich verlassen hatte. Es war mir plotzlich, als wollen alle Gedanken mit mir zusammenbrechen, ich musste aufhoren zu schreiben; doch ruft von Zeit zu Zeit eine Stimme, dass ich Dir noch alles sagen soll. Ich geh aufs Land, da will ich womoglich den Blick uber dies Erdenleben hinaustragen, ich will ihn in Nebel hullen, dass er nichts gewahr werde ausser Dir. Ausser der Sonne, die den Tautropfen in sich fasset, soll er nichts fassen. Jede Blute, die sich dem Lichte offnet, fasset einen Tautropfen, der das Bild der warmenden belebenden Kraft aufnimmt; aber Stamm und Wurzel sind belastet mit der finsteren, festen Erde; und wenn die Blute keine Wurzel hatte, so hatte sie wohl Flugel.

Heute ist so warm, heute sei ergeben in die Gedanken, die Dir dies Papier bringt. Zeit und Raum lass weichen zwischen unsern Herzen, und wenn's so ist, dann hab ich keine Bitte mehr, denn da muss das Herz

Bettine

Von Goethes Hand auf diesen Brief geschrieben:

"Empfangen den 4. Juli 1822"

An Goethe

Schon oft hab ich mich im Geist vorbereitet, Dir zu schreiben, aber Gedanken und Empfindungen, wie die Sprache sie nicht ausdrucken kann, erfullen die Seele, und sie vermag nicht, ihr Schweigen zu brechen.

So ist denn die Wahrheit eine Muse, die das Kunstgebilde ihrer Melodien zwar in dem, den sie durchschreitet, harmonisch begrundet, nicht aber sie erklingen lasst. Wenn alles irdische Bedurfnis schweigt, alles irdische Wissen verstummt, dann erst hebt sie ihrer Gesange Schwingen. Liebe! Trieb aller Begeistrung, erneut das Herz, macht die Seele kindlich und unbefleckt. Wie oft ist mein Herz unter der Schlummerdecke des Erdenlebens erwacht, begabt mit dieser mystischen Kraft, sich zu offenbaren; der Welt war ich erstorben, die Seele ein Mitlauter der Liebe, und daher mein Denken, mein Fuhlen, ein Aufruf an Dich: Komm! Sei bei mir! Finde mich in diesem Dunkel! Es ist mein Atem, der um Deine Lippen spielt, der Deine Brust anfliegt; so dachte ich aus der Ferne zu Dir, und meine Briefe trugen Dir diese Melodien zu; es war mein einzig Begehren, dass Du meiner gedenken mogest, und so wie in Gedanken ich immer zu Deinen Fussen lag, Deine Knie umfassend, so wollte ich, dass Deine Hand segnend auf mir ruhe. Dies waren die Grundakkorde meines Geistes, die in Dir ihre Auflosung suchten. Da war ich, was allein Seligkeit ist: ein Element von Gewalten hoherer Natur durchdrungen, meine Fusse gingen nicht, sie schwebten der Zukunftsfulle entgegen uber die irdischen Pfade hinaus; meine Augen sahen nicht, sie erschufen die Bilder meiner seligsten Genusse; und was meine Ohren von Dir vernahmen, das war Keim des ewigen Lebens, der vom Herzen aus mit fruchtender Warme gehegt ward. Sieh, ich durcheile mit diesen Erinnerungen die Vergangenheit. Zuruck! Von Klippe zu Klippe abwarts, ins Tal einsamer Jugend; hier Dich findend, das bewegte Herz an Deiner Brust beschwichtigend, fuhl ich mich zu dieser Begeistrung aufgeregt, mit der der Geist des Himmels in menschlicher Empfindung sich offenbart.

Dich auszusprechen war wohl das kraftigste Insiegel meiner Liebe, ja es bewiese als ein Erzeugnis gottlicher Natur meine Verwandtschaft mit Dir. Es war ein gelostes Ratsel, gleich dem lange verschlossnen Bergstrom, der endlich zum Lichte sich drangt, den ungeheuren Sturz mit wollustiger Begeistrung erleidend, in einem Lebensmoment, durch welchen, nach welchem ein hoheres Dasein beginnt. Du Vernichter, der Du den freien Willen von mir genommen, Du Erzeuger, der Du die Empfindung des Erwachens in mich geboren; mit tausend elektrischen Funken aus dem Reiche heiliger Natur mich durchzuckt. Durch Dich hab ich das Gewinde der jungen Rebe lieben lernen, auf ihre bereiften Fruchte fielen meiner Sehnsucht Tranen. Das junge Gras hab ich um Deinetwillen gekusst, die offne Brust um Deinetwillen dem Tau geboten, um Deinetwillen hab ich gelauscht, wenn der Schmetterling und die Biene mich umschwarmten. Denn Dich wollte ich empfinden in dem heiligsten Kreis Deiner Genusse. O Du! im Verborgnen mit der Geliebten spielend! Musste ich, die das Geheimnis erlauscht hatte, nicht liebetrunken werden?

Ahnest Du die Schauer, die mich durchbebten, wenn die Baume ihren Duft und ihre Bluten auf mich schuttelten? Da ich dachte, empfand und fest glaubte, es sei Dein Kosen mit der Natur, Dein Geniessen ihrer Schonheit, ihr Schmachten, ihr Hingeben an Dich, die diese Bluten von den bewegten Zweigen lose und sie leise niederwirble in meinen Schoss. O ihr Spiegelnachte des Mondes! Wie hat an euerm Himmelsbogen mein Geist sich ausgedehnt! Da entnahm der Traum das irdische Bewusstsein, und wieder erwachend war die Welt mir fremd. Im Herannahen der Gewitter ahnete ich den Freund. Das Herz empfand ihn, der Atem stromte ihm zu, freudig loste sich das gebundne Leben unter dem Kreuzen der Blitze und dem Rollen der Donner.

Die Gabe des Eros ist die einzige genialische Beruhrung, die den Genius weckt; aber die andern, die den Genius in sich entbehren, nennen sie Wahnsinn. Die Begabten aber entschwingen sich mit dem fern hintreffenden Pfeil dem Bogen des Gottes, und ihre Lust und ihre Liebe hat ihr Ziel erreicht, wenn sie mit solchem gottlichen Pfeil zu den Fussen des Geliebten niedersinkt. Es halte einen solchen Pfeil heilig und bewahre ihn im Busen als ein Kleinod, wer zu seinen Fussen ihn findet, denn er ist ein Doppelgeschenk des Eros, da ein Leben, im Schwung solchen Pfeiles, ihm geweihet vergluht. Und nun sage ich auch Dir: achte mich als ein solches Geschenk, das Deiner Schonheit ein Gott geweihet habe, denn mein Leben ist fur Dich einem hoheren versohnt, dem irdischen vergluht; und was ich Dir in diesem Leben noch sage, ist nur das Zeugnis, was der zu Deinen Fussen erstreckte Pfeil Dir gibt.

Was im Paradiese erquickender, der Himmelsbeseligung entsprechender sei: Ob Freunde wieder finden und umgebende Fulle seliger Geister, oder allein die Ruhe geniessen, in welcher der Geist sich sammelt, in stiller Betrachtung schwebend uber dem, was Liebe in ihm erzeugt habe, das ist mir keine Frage; denn ich eile unzerstreut an den einsamsten Ort, und dort das Anlitz in die betenden Hande verbergend, kusse ich die Erscheinung dessen, was mein Herz bewegt.

Ein Konig wandelte durch die Reihen des Volkes, und wie Ebbe und Flut es erheischen, so trug die Woge der Gemeinheit ihn hoher, aber ein Kind, vom Strahl seiner Augen entzundet, ergriff den Saum seines Gewandes und begleitete ihn bis zu den Stufen des Thrones, dort aber drangte das berauschte Volk den unschuldigen, ungenannten, unberatnen Knaben zuruck hinter der Philister aufgepflanzte Fahnenreihe. Jetzt harret er auf die einsame Statte des Grabes, da wird er die Mauern um den Opferaltar hochbauen, dass kein Wind die Flamme verlosche, wahrend sie, der Asche des Geliebten zu Ehren, die dargebrachten Blumen in Asche verwandelt. Aber Natur! Bist du es, die den Aufgelosten verbirgt? Nein! nein! Denn die Tone, die der Leier entschweben, sind dem Lichte erzeugt und der Erde entnommen, und wie das Lied, entschwebt auch der geliebte Geist in die Freiheit hoherer Regionen, und je unermesslicher die Hohe, je endloser die Tiefe dessen, der liebend zuruckbleibt, wenn nicht der befreite Geist ihn erkennt, ihn beruhrt, ihn weihet im Entfliehen.

Und so mir, o Goethe, wird die Verzweiflung den Busen durchschneiden, wenn, am einsamsten Orte verweilend, ich dem Genuss Deiner Betrachtung mich weihe, und die Natur um mich her wird ein Kerker, der mich allein umschliesst, wenn Du ihm entschwebt bist, ohne dass Dein Geist, der Inhalt meiner Liebe mich beruhrt habe. O tue dem nicht also, sei nicht meiner Begeistrung fruher erstorben, lasse das Geheimnis der Liebe noch einmal zwischen uns erbluhen; ein ewiger Trieb ist ausser den Grenzen der irdischen Zeit, und so ist meine Empfindung zu Dir ein Urquell der Jugend, der da erbrauset in seiner Kraft und sich fortreisst mit erneuten Lebensgluten bis an das Ende.

Und so ist es Mitternacht geworden bei dem Schreiben und Bedenken dieser letzten Zeilen, sie nennen es die Silvesternacht, in der die Menschen einen Augenblick das Fortrucken der Zeit wahrnehmen. Nun bei dieser Erschutterung, die dem Horn des Nachtwachters ein grussendes Zeichen entlockt, beschwore ich Dich: denke von diesen geschriebenen Blattern, dass sie wie alle Wahrheit wiederkehren aus vergangner Zeit. Es liegt hier nicht ein blosses Erinnern, sondern eine innige Verbindung mit jener Zeit zum Grund. Wie der Zauberstab, der sich aus dem Strahl liebender Augen bildet und den Geliebten aus der Ferne beruhrt, so bricht sich der Lichtstrahl jener fruhen Zeit an meiner Erinnerung und wird zum Zauberstab an meinem Geist. Eine Empfindung unmittelbarer Gewissheit, meines eigensten wahrhaftesten Lebens Ansicht, ist fur mich diese Beruhrung aus der Vergangenheit; und wahrend Schicksal und Welt nur wie Phantome im Hintergrund nie wahrhaften Einfluss auf mich hatten, so hat der Glaube, als sei ich Dir naher verwandt, als habe Dein Sehen, Dein Horen, Dein Fuhlen einen Augenblick meinem Einfluss sich ergeben, allein mir zur Versicherung meiner selbst verholfen. Der Weg zu Dir ist die Erinnerung, durch sie wirke ich an einer Gemeinschaft mit Dir, sie ist mir Erscheinung und Gegenerscheinung; Geistergesprach, Mitteilung und Zuneigung, und was mir damals ein Ratsel war, dass ich bei zartlichem Gesprach mehr den Bewegungen Deiner Zuge lauschte, als Deinen Worten, dass ich Deine Pulsschlage, Dein Herzklopfen zahlte, die Schwere und Tiefe Deines Atems berechnete, die Linien an den Falten Deiner Kleider betrachtete, ja den Schatten, den Deine Gestalt warf, mit Geisterliebe in mich einsog, das ist mir jetzt kein Ratsel mehr, sondern Offenbarung, durch die mir Deine Erscheinung um so fuhlbarer wird und die auch mein Herz bei der Erinnerung zum Klopfen und den Atem zum Seufzen bewegt.

Sieh! An den Stufen der Verklarung, wo sich alle willkurliche Tatigkeit des Geistes niederbeugen lasst von irdischer Schwere, keine Liebe, keine Bewunderung ihre Flugel versucht, um die Nebel zu durchdringen, in die der Scheidende sich einhullt, und die zwischen hier und jenseits aufsteigen, bin ich in liebender Ahnung Dir schon vorangeeilt, und wahrend Freunde, Kinder und Schutzlinge, und das Volk, das Dich seinen Dichter nennt, die Seele zum Abschied bereitend, Dir in feierlichem Zug langsam nachschreitet, schreite, fliege, jauchze ich bewillkommend Dir entgegen, die Seele in den Duft der Wolken tauchend, die Deine Fusse tragen, aufgelost in die Atmosphare Deiner Beseligung; ob wir uns in diesem Augenblick verstehen, mein Freund! Der noch den irdischen Leib tragt, dieser Leib, der seinen Geist, ein Urquell der Grazie, ausstromte uber mich, mich heiligte, verwandelte, der mich anbeten lehrte die Schonheit im Gefuhl, der diese Schonheit als einen schutzenden Mantel uber mich ausbreitete und mein Leben unter dieser Verhullung in einen heiligen Geheimniszustand erhgb, ob wir uns verstehen, will ich nicht fragen in diesem Augenblick tiefster Ruhrung. Sei bewegt, wie ich es bin; lass mich erst ausweinen, Deine Fusse in meinen Schoss verbergend, dann ziehe mich herauf ans Herz, gib Deinem Arm noch einmal die Freiheit, mich zu umfassen, lege die segnende Hand auf das Haupt, das sich Dir geweihet hat, uberstrome mich mit Deinem Blick, nein! mehr! verdunkle, verberge Deinen Blick in meinem, und es wird mir nicht fehlen, dass Deine Lippen die Seele auf den meinen als Dein Eigentum besiegeln. Dies ist, was ich diesseits von Dir verlange.

Im Schosse der Mitternacht, umlagert von den Prospekten meiner Jugend; das hingebendste Bekenntnis aller Sunden, deren Du mich zeihen willst im Hinterhalt, den Himmel der Versohnung im Vorgrund, ergreife ich den Becher mit dem Nachttrunke und leere ihn auf Dein Wohl, indem ich bei dem dunkeln Ergluhen des Weines auf kristallnem Rande der herrlichen Wolbung Deiner Augen gedenke.

Am 1. Januar

Der herrlichen Wolbung Deiner Augen gedenkend auch heute am ersten Tag des Jahres, da ich so unwissend bin wie am ersten Tag meines Lebens, denn nichts hab ich gelernt, und keine Kunste hab ich versucht, und keiner Weisheit bin ich mir bewusst; allein der Tag, an dem ich Dich gesehen habe, hat mich verstandigt mit dem, was Schonheit ist. Nichts spricht uberzeugender von Gott, als wenn er selbst aus der Schonheit spricht, so ist denn selig, wer da siehet, denn er glaubt; seit diesem Tag hab ich nichts gelernt, wo ich nicht durch Erleuchtung belehrt wurde. Der Erwerb des Wissens und der Kunste schien mir tot und nicht zu beneiden, Tugend, die nicht die hochste Wollust ist, wahrt nur kurz und muhselig, bald glaubt der Strebende sie zu erfassen, bald eilt er der Fliegenden nach, bald ist sie ihm entschwunden, und er ist's zufrieden, da er der Muhe uberhoben wird, sie zu erwerben. So seh ich denn auch die Kunstler vergnugt mit der Geschicklichkeit, wahrend der Genius entflieeignen Grosse immer am hochsten und ahnen nicht, dass eine ungemessne Begeistrung zum kleinsten Massstab des Genies gehore. Dies alles hab ich bei Gelegenheit, da Deine Statue von Marmor soll verfertigt werden, recht sehr empfunden, die bedachtige vorsichtige Logik eines Bildhauers lasst keiner Begeistrung die Vorhand, er bildet einen toten Korper, der nicht einmal durch die rechtskraftige Macht des erfinderischen Geistes sanktioniert wird. Der erfundne Goethe konnte nur so dargestellt werden, dass er zugleich einen Adam, einen Abraham, einen Moses, einen Rechtsgelehrten oder auch einen Dichter bezeichnet; keine Individualitat.

Indessen wuchs mir die Sehnsucht, auch einmal nach dem heiligen Ideal meiner Begeistrung Dich auszusprechen; beifolgende Zeichnung gebe Dir einen Beweis von dem, was Inspiration vermag ohne Ubung der Kunst, denn ich habe nie gezeichnet oder gemalt, sondern nur immer den Kunstlern zugesehen und mich gewundert uber ihre beharrliche Ausdauer in der Beschrankung, indem sie nur das achten, was einmal Sprachgebrauch in der Kunst geworden, und wohl das bekannte gedankenlose Wort achten, nie aber den Gedanken, der erst das Wort heiligen soll. Kein herkommlicher Prozess kann den Geist und den Propheten und den Gott in einem ewigen Frieden in dem Kunstwerk vereinen. Der Goethe, wie ich ihn hier mit zitternder Hand, aber mit feuriger mutiger Anschauung gezeichnet habe, weicht schon vom graden Weg der Bildhauer ab, denn er senkt sich unmerklich nach jener Seite, wo die im Augenblick der Begeistrung vernachlassigte Lorbeerkrone in der losen Hand ruht. Die Seele von hoherer Macht beherrscht, die Muse in Liebesergussen beschworend, wahrend die kindliche Psyche das Geheimnis seiner Seele durch die Leier ausspricht, ihr Fusschen findet keinen andern Platz, sie muss sich auf dem Deinen den hoheren Standpunkt erklettern; die Brust bietet sich den Strahlen der Sonne, den Arm, dem der Kranz anvertraut ist, haben wir mit der Unterlage des Mantels weich gebettet. Der Geist steigt im Flammenhaar uber dem Haupt empor, umringt von einer Inschrift, die Du verstehen wirst, wenn Du mich nicht missverstehst; sie ist auf die verschiedenste Art ausgelegt worden und immer so, dass es Deinem Verhaltnis zum Publikum entsprach, ich habe einesteils damit ausdrucken wollen: "Alles, was ihr mit euren leiblichen Augen nicht mehr erkennt, ist uber das Irdische hinaus dem Himmlischen zuteil geworden", ich habe noch was anders sagen wollen, was Du auch empfinden wirst, was sich nicht aussprechen lasst; kurz, diese Inschrift liegt mir wie Honig im Munde, so suss finde ich sie, so meiner Liebe ganz entsprechend. Die kleinen Genien in den Nischen am Rande des Sessels, die aber mehr wie kleine ungeschickte Bengel geraten sind, haben ein jeder ein Geschaft fur Dich, sie keltern Dir den Wein, sie zunden Dir Feuer an und bereiten das Opfer, sie giessen Ol auf die Lampe bei Deinem Nachtwachen, und der hinter Deinem Haupt lehrt auf der Schalmei die jungen Nachtigallen im Neste besser singen. Mignon an Deiner rechten Seite im Augenblick, wo sie entsagt (ach und ich mit ihr fur diese Welt, mit so tausend Tranen so tausendmal dies Lied aussprechend und die immer wieder aufs neue erregte Seele wehmutig beschwichtigend), dies erlaube, dass ich dieser meiner Liebe zur Apotheose den Platz gegeben; jenseits, die meinen Namen tragt im Augenblick, wo sie sich uberwerfen will, nicht gut geraten, ich hab sie noch einmal gezeichnet, wo sie auf dem Kopfchen steht, da ist sie gut gelungen. Konntest Du diesseits so fromm sein, so durftest Du jenseits wohl so naiv sein, es gehort zusammen. Unten am Sockel hab ich, ein Frankfurter Kind wie Du, meiner guten Stadt Frankfurt Ehre erzeugt: an beiden Seiten des Sockels, die Du nicht siehst, sollen Deine Werke eingegraben werden, von leichtem, erhabnem Lorbeergestrauch uberwachsen, der sich hinter den Pilastern hervordrangt und den Frankfurter Adler an der Vorderseite reichlich umgibt und kront; hinten konnen die Namen und Wappen derjenigen eingegraben werden, die dieses Monument verfertigen lassen. Dies Monument, so wie ich's mir in einer schlaflosen Nacht erdacht habe, hat den Vorteil, dass es Dich darstellt und keinen andern, dass es in sich fertig ist, ohne Nebenwerke Deine Weihe aussprechend, dass es die Liebe der Frankfurter Burger ausspricht und auch das, was ihnen durch Dich zuteil geworden; und dann liegt noch das Geheimnis der Verklarung, die Deine sinnliche, wie Deine geistige Natur, Dein ganzes Leben lang vor aller Gemeinheit bewahrt hat, darin. Gezeichnet mag es schlecht sein, und wie konnte es auch anders, da ich Dir nochmals versichern kann, dass ich nie gezeichnet habe, um so uberzeugter wirst Du von der Wahrhaftigkeit meiner Inspiration sein, die es gewaltsam im Zornesfeuer gegen den Mangel an Beschaulichkeit in dem Kunstler, der dies der Welt heilige Werk vollenden soll, hervorgebracht hat. Wenn uberlegt wurde, wie bedeutend die Vergangenheit die Zukunft durchstrahlen soll in einem solchen Monument, wie die Jugend einst, die Dich nicht selbst gesehen, mit feurigem Auge an diesem nachgebildeten Antlitz hangen wird, so wurden die Kunstler wohl den heiligen Geist auffordern, ihnen beizustehen, statt auf ihrem akademischen Eigensinn mit eitler Arroganz loszuhammern. Ich zum wenigsten rufe den heiligen Geist an, dass er Zeugnis gebe, dass er mir hier beigestanden, und dass er Dir eingebe, es mit vorurteilslosem Blick, wo nicht von Gute gegen mich ubervorteilt, zu beschauen. Ich habe eine Durchzeichnung an Bethmann geschickt, auf dessen Bitte ich es gewagt habe, die Erfindung, die ich bei seinem Hiersein gemacht, zu zeichnen. Ist es nicht zu viel gefordert, wenn ich Dich bitte, mir den Empfang des Bildes mit wenigen Worten anzuzeigen?

Am 11. Januar 1824

Bettine

Dritter Teil

Tagebuch zu

Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Buch der Liebe

In dieses Buch mocht ich gern schreiben von dem geheimnisvollen Denken einsamer Stunden der Nacht, von dem Reifen des Geistes an der Liebe wie an der Mittagssonne.

Die Wahrheit will ich suchen, und fordern will ich von ihr die Gegenwart des Geliebten, von dem ich wahnen konnte, er sei fern.

Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt, wenn es wahr ist, dass ich liebe.

Diese Wellen, die mich langs dem Ufer begleiten, die reifende Fulle der Gelande, die sich im Fluss spiegelt, der junge Tag, die fluchtenden Nebel, die fernen Gipfel, die die Morgensonne entzundet, das alles seh ich an, und wie die Biene den Honig sammelt aus frischen Bluten, so saugt mein Blick aus allem die Liebe und tragt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in der Zelle.

So dacht ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies aufgeregte Leben der Natur mich drangte, fort, dem stillen einsamen Abend entgegen, weil es da ist, als sage mir eine Stimme, der Geliebte ist da; und weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreue; und weil ich da mich an die Erde legen kann und sie kussen Dir zu Lieb, diese schone Erde, die den Geliebten tragt, dass ich mich hinfinden kann zu ihm.

***

Schwalbach, auf der Mooshutte

Namen nennen Dich nicht!

Ich schweige und nenne Dich nicht, ob's auch suss war, Dich bei Namen zu rufen.

O Freund! schlanker Mann! weicher hingegossner Gebarde, Schweigsamer! Wie soll ich Dich umschreiben, dass mir Dein Name ersetzt sei? Beim Namen rufen ist ein Zaubermittel, den Entfernten zur Erinnerung aufzuregen; hier auf der Hohe, wo die waldigen Schluchten siebenfaches Echo zuruckgeben, wage ich nicht Deinen Namen preiszugeben; ich will nicht horen eine Stimme, die eben so heiss, so eindringend Dir ruft.

O Du! Du selbst! Ich will Dir's nicht sagen, dass Du es selbst bist; drum will ich dem Buch Deinen Namen nicht vertrauen, wie ich dem Echo ihn nicht vertraue. entblosst von irdischem Besitztum nenne ich Dich mein.

***

Ems

Nicht schlafen gehen, ohne mit Dir zu sprechen so mude wie ich auch bin! Die Augenlider sinken und trennen mich von Dir; mich trennen nicht die Berge und die Flusse, und nicht die Zeiten, und nicht Deine eigne Kalte, und dass Du nichts weisst von mir, wie ich Dich liebe. Und mich trennt der Schlaf? Warum denn trennen? Ich wuhle mich in Deinen Busen, diese Liebesflammen umzingeln Dein Herz, und so schlafe ich ein.

***

Nein, ich will Dich nicht nennen, Du, dem ich rufe: gib mir Gehor! Du horst Dich ja gern beschwatzen so hor auch mir zu; nicht wie jene, die von Dir, uber Dich schwatzen; zu Dir, in Deinem Anschauen sammeln sich meine Gedanken; wie der Quell, der das Gestein spaltet und niederrauscht durchs Schattental, Blume um Blume anhaucht; so hauch' ich Dich an, susser Freund! Er murmelt nur, der Bach; er platschert, er lispelt, wenige Melodien wechseln seinen Lauf; aber vernimm's mit freundlichem Ohr, da wirst Du jauchzen horen, klagen, bitten und trotzen, und noch wirst Du horen und empfinden, Geheimnisse, feierliche, leuchtende, die nur der versteht, der die Liebe hat.

***

Ich bin nicht mehr mude, ich will nicht mehr schlafen, der Mond ist aufgegangen mir gegenuber, Wolken jagen und decken ihn, immer wieder leuchtet er mich an.

Ich denke mir Dein Haus, die Treppe, dass die im Schatten liege, und dass ich an dieser Treppe sitze, und jenseits die Ebene vom Mond beleuchtet. Ich denke, dass die Zeiten jagen, eilen und mannigfach sich gestalten wie jene Wolken, dass der Mensch an der Zeit hangt und glaubt, mit ihr eile alles voruber, und das reine Licht, das durch die Zeiten bricht, wie der Mond durch die fliehenden Wolken, das anerkennt er nicht.

O ja doch! Erkenne meine Liebe und denke, dass, da die Zeit vorubereilt, sie doch das eine hat, dass im fluchtigen Moment sich eine Ewigkeit erfassen lasse.

***

Schon lange ist Mitternacht voruber, da lag ich im Fenster bis jetzt, und da ich mich umsehe, ist das Licht tief herabgebrannt.

Wo war ich so tief in Gedanken, ich hab gedacht, Du schlafst, und hab uber den Fluss gesehen, wo die Leute Feuer angezundet haben bei ihrem Linnen, das auf der Bleiche liegt, und hab ihren Liedern zugehort, die sie singen, um wach zu bleiben; ich wache auch und denke an Dich, es ist ein gross Geheimnis der Liebe, dies immerwahrende Umfassen Deiner Seele mit meinem Geist, und es mag wohl manches daraus entstehen, was keiner ahnt.

Ja, Du schlafst! Traumst Du? Und ist es Dir wahr, was Du traumst? Wie mir, wo ich zu Deinen Fussen sitze und sie im Schoss halte, und der Traum mir selbst die Zugel halt, dass ich nichts denke als nur dies, dass ich in Deiner Nahe bin?

***

Liebster! Gestern war ich tief bewegt und war sehnsuchtig; weil man viel uber Dich gesprochen hat, was nicht wahr ist, da ich Dich besser kenne. Durch das Gewebe Deiner Tage zieht sich ein Faden, der sie mit dem Uberirdischen verbindet. Nicht durch jedes Dasein schlingt sich ein solcher Faden, und jedes Dasein zerfallt ohne diesen.

Dass Dein Dasein nicht zerfalle, sondern dass alles ewige Wirklichkeit sei, das ist, wonach ich verlange; Du, der Du schon bist, und dessen Gebarden gleichfalls schon sind, weil sie Geist ausdrucken: Schonheit begreifen, heisst das nicht Dich lieben? Und hat die Liebe nicht die Sehnsucht, dass Du ewig sein mogest? Was kann ich vor Dir, als nur Dein geistig Bild in mich aufnehmen! Ja sieh, das ist mein Tagwerk, und was ich anders noch beginne es muss alles vor Dir weichen. Dir im Verborgnen dienen in meinem Denken, in meinem Treiben, Dir leben, mitten im Gewuhl der Menschen oder in der Einsamkeit Dir gleich nahe stehen; eine heilige Richtung zu Dir haben, ungestort, ob Du mich aufnimmst oder verleugnest.

Die ganze Natur ist nur Symbol des Geistes; sie ist heilig, weil sie ihn ausspricht; der Mensch lernt durch sie den eignen Geist kennen, dass der auch der Liebe bedarf; dass er sich ansaugen will an den Geist, wie seine Lippe an den Mund des Geliebten. Wenn ich Dich auch hatte, und ich hatte Deinen Geist nicht, dass der mich empfande, gewiss das wurde mich nie zu dem ersehnten Ziel meines Verlangens bringen. Wie weit geht Liebe? Sie entfaltet ihre Fahnen, sie erobert ihre Reiche. Im Freudejauchzen, im Siegestoben eilt sie ihrem ewigen Erzeuger zu. So weit geht Liebe, dass sie eingeht, von wo sie ausgegangen ist. Und wo zwei ineinander ubergehen, da hebt sich die Grenze des Endlichen zwischen ihnen auf. Aber soll ich klagen, wenn Du nicht wieder liebst? Ist dies Feuer nicht in mir und warmt mich? Und ist sie nicht allumfassende Seligkeit, diese innere Glut?

Und Wald, Gebirg und Strand am Fluss, sonnebeglanzt, lacheln mir entgegen, weil mein Herz, weil mein Geist ewigen Fruhling ihnen entgegenhaucht.

***

Ich will dich nicht verscherzen, schone Nacht, wie gestern; ich will schlafen gehen in deinen Schoss; du wiegst mich dem Morgenlicht entgegen, und die frischgeweckten Blumen pflucke ich dann mir zur Erinnerung an die Traume der Nacht. So sind freundliche Kusse, wie diese halberschlossnen Rosen, so leises Flustern wie der Blutenregen, so wanken die Gedanken wie die bewegten Blumen im Gras; so traufelt Zahre auf Zahre, die das Auge fullen mit Ubermass vom Gluck, wie die Regentropfen von den Asten niederperlen, und so schlagt das sehnende Herz, wie die Nachtigall schlagt, vom Morgenrot begeistert; sie jubelt, weil sie liebt, sie seufzt aus Liebe, sie klagt um Liebe; drum susse Nacht: schlafen! Dem Morgenrot entgegen schlafen, das mir bringt die sussen Fruchte all, die der Liebe reifen.

***

Freund! Sie ist nicht erfunden diese innere Welt, sie beruht auf Wissen und Geheimnis, sie beruht auf hoherem Glauben; die Liebe ist der Weltgeist dieses Inneren, sie ist die Seele der Natur.

Gedanken sind in der geistigen Welt, was Empfindung in der sinnlichen Welt ist; es ist Sinnenlust meines Geistes, der mich an Dich fesselt, dass ich an Dich denke; es bewegt mich tief, dass Du bist, in diese sinnliche Welt geboren bist. Dass Deine sinnliche Erscheinung Zeugnis gibt von der Ahnung, von der Offenbarung, die ich von Dir habe.

Liebe ist Erkenntnis; ich kann Dich nur geniessen im Denken, das Dich verstehen, empfinden lernt; wenn ich Dich aber einmal ganz verstehe, gehorst Du dann mein? Kannst Du irgendwem gehoren, der Dich nicht verstande? Ist Verstehen nicht susses, sinnliches Ubergehen in den Geliebten? Eine einzige Grenze ist; sie trennt das Endliche vom Unendlichen; Verstehn hebt die Grenze auf; zwei, die einander verstehen, sind ineinander unendlich; Verstehen ist lieben; was wir nicht lieben, das verstehen wir nicht; was wir nicht verstehen, ist nicht fur uns da.

Da ich Dich aber haben mochte, so denke ich an Dich, weil Denken Dich verstehen lernt.

***

Wenn ich nicht ganz bin, wie Du mich lieben musstest, so ist mein Bewusstsein von Dir vernichtet. Das aber fordert mich, bringt mich Dir naher, wenn auch mein sinnliches Handeln, mein ausseres Leben sich im Rhythmus der Liebe bewegt; wenn nichts Einfluss auf mich hat als das Gefuhl, dass ich Dein gehore, durch eignen freien Willen Dir gewidmet bin.

Ich hab Dich nicht in diesem ausseren Leben; andere ruhmen sich Deiner Treue, Deines Vertrauens, Deiner Hingebung; ergehen sich mit Dir im Labyrinth Deiner Brust; die Deines Besitzes gewiss sind, die Deiner Lust genugen.

Ich bin nichts, ich habe nichts, dessen Du begehrst; kein Morgen weckt Dich, um nach mir zu fragen; kein Abend leitet Dich heim zu mir; Du bist nicht bei mir daheim.

Aber Vertrauen und Hingebung hab ich in dieser Innenwelt zu Dir; alle wunderbaren Wege meines Geistes fuhren zu Dir; ja sie sind durch Deine Vermittlung gebahnt.

***

Am fruhsten Morgen auf dem Johannisberg

Das Sonnenlicht stiehlt sich durch diese Busche in meinen Schoss und spielt unter dem Schatten der bewegten Blatter. Warum kam ich denn heute schon vor Tag hier herauf? Hier, wo die Ferne sich vor mir aufturmt und ins Unendliche verliert.

Ja, so geht es weiter und immer weiter; die Lander steigen hintereinander am Horizont auf, und wir glauben auf Bergeshohen am Himmelsrand zu steigen; da breiten sich fruchtbeladne Tale vor uns aus, von dunklen Hugelwanden umschlossen, und die Lammer weiden hier wie dort. Und wie die Berge hintereinander aufsteigen, so die Tage, und keiner ist der letzte vor dem, der eine Ewigkeit entfaltet.

Wo ist der Tag, die Stunde, die mich aufnimmt, wie ich dich, spielender Sonnenschein? Wiedersehn, nimm mich auf! Du! auf meines Lebens Hohen gelagert, von himmelreinen Luften umwebt, nimm mich auf in Deinen Schoss; lass den Strahl der Liebe, der aus meinem Aug hervorbricht, in Deinem Busen spielen, wie dieser Morgensonnenstrahl in meinem Aug.

***

Gestern hab ich mich gesehnt; ich dachte jeden Augenblick, er sei mir verloren, weil ich Dich nicht hatte.

Dich haben einen Augenblick, wie selig konnte mich das machen.

Wie reich bist Du, da Du so beseligen kannst, Ewigkeiten hindurch mit jedem Augenblick!

Gestern war es fruher Morgen, da ich Dir schrieb; ich hatte Buch und Schreibzeug mit und ging noch vor Tag dem Tal entlang, das von beiden Seiten eng in Bergwande eingelagert ist; da rieseln die Bache nieder ins sanfte Gras und lallen wie Wiegenkindchen. Was sollt ich machen? Es war mir im Herzen, auf der Lippe und im tranenschwellenden Auge; ich musste Dir's klagen, ich musste Dir's wehmutig vorhalten, dass ich Dich nicht habe, und da war die Sonne so freundlich; da rauschte es, da bewegte sich's hinter mir; war es ein Wild? War's ein Anklang aus der Ferne? Ich stieg rasch aufwarts, ich wollte Dich ereilen, und auf der Hohe da offnete sich dem Blick die weite Ferne; die Nebel teilten sich, es war mir, als tratest Du meinen Bitten entgegen geheimnisvoll, schautest mich an und nahmst mich auf an Deinem mir unerforschten Busen.

Jeder ewige Trieb, er wirbt und erreicht, er ist ausser der Zeit. Was hab ich zu furchten? Diese Sehnsucht, ist sie verganglich, so wirst Du mit ihr verschwinden; ist sie es nicht, so wird sie erreichen, wonach sie strebt, und schon jetzt hab ich ihr eine Innenwelt, mannigfaltig und eigentumlich, zu verdanken; Wahrnehmungen und Gedanken nahren mich, und ich fuhle mich in einem innig lebendigen Einverstandnis mit Deinem Geist.

Die Natur ist kindlich, sie will verstanden sein, und das ist ihre Weisheit, dass sie solche Bilder malt, die der Spiegel unserer inneren Welt sind, und wer sie anschaut, in ihre Tiefen eingeht, dem wird sie die Fragen innerer Ratsel losen; wer sich ihr anschmiegt, der wird sich in ihr verstanden fuhlen; sie sagt jedem die Wahrheit, dem Verzweifelnden wie dem Glucklichen. Sie beleuchtet die Seele und bietet ihren Reichtum dem Bedurftigen; sie reizt die Sinne und entzuckt den Geist durch ubereinstimmende Bedeutung.

Ich glaube auch von Dir, dass Du dies manchmal empfunden hast, wenn Du allein durch Walder und Taler streifst; oder wenn Du vom Schattenlager die weite Ebene am Mittag uberschaust, dann glaub ich, dass Du die Sprache der Stille in der Natur verstehst; ich glaub, dass sie mit Dir Gedanken wechselt, dass Du in ihr Deine hohere Natur gespiegelt empfindest, und wenn auch schmerzlich oft durch sie erschuttert, so glaub ich doch nicht, dass Du Dich vor ihr furchtest wie andere Menschen.

Solang wir Kinder sind im Gemut, solang ubt die Natur Mutterpflege an uns; sie flosst Nahrung ein, von der der Geist wachst, dann entfaltet sie sich zum Genius; sie fordert auf zum Hochsten, zum Selbstverstandnis, sie will Einsicht in die inneren Tiefen; und welcher Zwiespalt auch in diesen sein mochte, welcher Vernichtung auch preisgegeben, das Vertrauen in die hohere Natur, als in unseren Genius, wird die ursprungliche Schonheit wieder herstellen. Das sag ich heute vorm Schlafengehen zu Dir; zu Dir spreche ich hier, getrennt durch Lander und Flusse, getrennt, weil Du meiner nicht denkst; und jeder, der es wusste, der wurde es Wahnwitz nennen; und ich rede zu Dir aus meiner tiefsten Seele, und ob Du schon mit Deinen Sinnen mich nicht wahrnimmst, so dringt mein Geist darauf. Dir alles zu sagen, hier aus der Ferne rede ich mit Dir, und mein ganzes sinnliches Leben ist mir nichts gegen diese Geistersprache. Du bist inmitten meines Innern, es ist nicht mehr eins, es ist zu zweien in mir geworden.

***

Am Abend nach dem Gewitter, das vielleicht zu Dir gezogen ist Leg Dich, brausendes Herz, wie der Wind sich legt, der die Wolken zerreisst; die Donner sind verrollt, die Wolken haben ausgeregnet, ein Stern nach dem andern geht auf.

Die Nacht ist ganz stille, ich bin ganz allein, die Ferne ist so weit, sie ist ohne Ende; nur da, wo ein Liebender wohnt, da ist eine Heimat und keine Ferne; wenn Du nun liebtest, so wusst ich, wo die Ferne aufhort.

Ja, leg dich Herz! Tobe nicht, halt ruhig aus. Schmiege dich, wie die Natur sich schmiegt unter der Decke der Nacht.

Was hast du Herz? Fuhlst du nicht? Ahnest du nicht? Wie sich's auch fuge und wende, die Nacht deckt dich und die Liebe.

Die Nacht bringt Rosen ans Licht. Wenn sich die Finsternis dem Lichte auftut, dann entfallen ihrem Schoss die Rosen.

Es ist freilich Nacht in dir, Herz. Dunkle geheimnisvolle Nacht webt Rosen, und ergiesst sie alle, wenn's tagt, der Liebe zur Lust in den Schoss.

Ja, Seufzen, Klagen, das ist deine Lust; Bitten, Schmeicheln, nimmt das kein Ende, Herz?

Am Abend schreib ich, wenn auch nur wenige Zeilen; es dauert doch bis spat in die Nacht.

Viel hab ich zu denken, manche Zauberformel spreche ich aus, eh ich den Freund in meinen Kreis banne. Und hab ich Dich! dann: was soll ich da sagen? Was soll ich Dir Neues erfinden, was sollen die Gedanken Dir hier auf diesen Blattern vortanzen?

***

Am Rhein

Hier in den Weinbergen steht ein Tempel; erbaut nach dem Tempel der Diana zu Ephesus.

Gestern im Abendrot sah ich ihn in der Ferne liegen; er leuchtet so kuhn, so stolz unter den Gewitterwolken; die Blitze umzingelten ihn. So denke ich mir Deine leuchtende Stirne, wie die Kuppel jenes Tempels, unter dessen Gebalk die Vogel sich bargen, denen der Sturm das Gefieder aufblatterte; so stolz gelagert und beherrschend die Umgebung.

Heute morgen, obschon der Tempel eine Stunde Wegs von meiner Wohnung entfernt ist, weil ich am Abend Dein Bild in ihm zu sehen wahnte, dacht ich hierher zu gehen und Dir hier zu schreiben. Kaum dass der Tag sich ahnen liess, eilt ich durch betaute Wiesen hierher. Und nun leg ich die Hand auf diesen kleinen Altar, umkreist von neun Saulen, die mir Zeugen sind, dass ich Dir schwore.

Was Liebster? Was soll ich Dir schworen? Wohl, dass ich Dir ferner getreu sein will, ob Du es achtest oder nicht? Oder dass ich Dich heimlich lieben will, heimlich nur diesem Buch, und nicht Dir es bekennend? Treu sein, kann ich nicht schworen, das ist zu selbstandig, und ich bin schon an Dich aufgegeben und vermag nichts uber mich; da kann ich fur Buch es bekennen?

Das kann ich nicht, das will ich nicht; dies Buch ist der Widerhall meiner Geheimnisse, und an Deiner Brust wird er anschlagen. O nimm ihn auf, trink ihn, lasse Dich laben; einen einzigen heissen Mittag gehe Dein Blick unter, trunken, ein einziges Mal, in diesem gluhenden klaren Liebeswein.

Was soll ich Dir schworen?

***

Heut will ich Dir sagen, wie es gestern war: so unter Dach einer schoneren Vorwelt, vom tausendfarbigen Morgenlicht umwebt, die Hand auf diesem Altar, der fruher wohl nie unter mystischen Beziehungen beruhrt war; Herr! da war mein Herz auf eine wunderliche Weise befangen; ich fragte Dich zum Scherz, in sussem Ernst: "Was soll ich schworen?" Und da fragt ich mich wieder: "Ist das die Welt, in der du lebst?" Und kannst du scherzen mit dir selbst, hier in der einsamen Natur, wo alles schweigt und feierlich Gehor gibt deiner innern Stimme? Dort im fernen Gefild, wo die Lerche jubelnd aufsteigt, und am Gesimse des Tempels, wo die Schwalbe ihr Nest birgt und zwitschert? Und ich lehnte meine Stirne an den Stein, und dachte Dich; ich lief hinab ans Ufer und sammelte Balsamkrauter und legte sie auf den Altar; ich dachte: mochten die Blatter dieses Buchs voll Liebe einmal Deinem Geist duften, wie diese Krauter dem Geist jener schonen Vorwelt, in deren Sinn der Tempel hier gebaut ist. Dein Geist spricht ja die heilige Ordnung der Schonheit aus wie er, und ob ich ihm was bin, ob ich ihm was bleibe, das ist dann einerlei. Ja susser Freund! ob ich Dir was bin: was soll ich danach fragen? Weiss ich doch, dass die Lerche nicht umsonst jubelnd aufsteigt, dass der Morgenwind nicht ungefuhlt in den Zweigen lispelt, ja dass die ganze Natur nicht unbegriffen in ihr Schweigen versunken ist; was sollt ich zagen, von Dir nicht verstanden, nicht gefuhlt zu sein? Drum will ich nicht schworen, Dir etwas zu sein; es ist mir gewiss, dass ich Dir bin, was in einstimmender Schonheit ein Ton der Natur, eine geistige Beruhrung dieser sinnlichen Welt Dir sein kann.

***

Im Juli

Diese Tage, diese Gegenden, sie tragen das Antlitz des Paradieses. Die Fulle lacht mich an in der reifenden Frucht, das Leben jauchzt in mir, und einsam bin ich wie der erste Mensch; und ich lerne wie dieser herrschen und gebieten dem Gluck: dass die Welt soll chest, nur weil ich Dich weiss und kenne, und weil Dein sittlich Gefuhl der Raum ist meiner geistigen Schopfungen; in Dich hinein nur kann ich ja diese Welt der Gefuhle legen, Dir nur kann ich diese Phanomene einer erhohten Ruhrung erscheinen lassen. Deine Schonheit ist Gute, die mich nahrt, schutzt, mir lohnt, mich trostet und mir den Himmel verheisst; kann ein Christ besser organisiert sein als ich?

***

Ich sitze nun einmal mitten in dieser reichen Natur, mit Herz und Seele; so muss ich denn immer wieder von diesem Doppelgespann schreiben.

Heute war ich in einem andern Tempel, der an der Hohe liegt und den herrlichsten deutschen Fluss in seiner glorreichsten Pracht beherrscht, wo man unzahlige Orte und Stadte sieht, die an seinen Ufern in seinen Gauen weiden. In diesem sonnenhellen Himmel liegen sie da wie ruhende Herden.

Was soll mir diese Pracht der Natur? Was soll mir dies wimmelnde Leben, diese mannigfaltige Geschaftigkeit, die sich durch die bunten Fluren zieht? Es eilen die Schifflein hin und her aneinander voruber, jedes hat seiner Reise Ziel. Wie jener Schiffe eines hast auch Du Dein Ziel; und es geht an mir voruber, rasch wie des Glucklichen Bahn schneller am Pfad des einsam Verlassnen voruber fahrt. Und ich hore dann nicht mehr von Dir, dass Du nach mir fragst; und Deinem Gedachtnis verhallen, wie meine Seufzer, so die Spuren der Erinnerung.

So dacht ich, dort auf der Hohe im Tempel, wie ich niedersah in das allseitig ausgebreitete Treiben der Menschen; wie ich mir uberlegte, dass neue Interessen Dich jeden Augenblick aufnehmen konnen und mich ganzlich aus Deiner Welt bannen. Und ich horte die Wellen brausen in der Tiefe, und Gevogel umflatterte meinen Sitz, der Abendstern winkte, dass ich heimgehen moge. Um so naher drang ich mich jetzt an Dich: o offne Deinen Busen und lasse mich ausruhen von der tranenbewegten Ahnung, ich sei Dir nichts, ich sei Dir vergessen. O nein, vergesse mich nicht, nimm mich, halt mich fest und lasse die Stille um uns her den Segen sprechen uber uns.

***

Du hast mir's beim Abschied damals gesagt. Du hast mir's abgefordert, ich moge Dir alles schreiben, und genau, was ich denke und fuhle, und ich mochte gern; aber Liebster, die wunderlichen Wege, die mit dammernder Fackel der Verstand kaum beleuchtet, wie soll ich die Dir beschreiben? Diese Traume meines Gluckes (denn glucklich traum ich mich), sie sind so sturmisch, so wunderlich gelaunt, es ist so unscheinbar, was ich mir manchmal ersinne.

Mein Gluck, wie ich's mir denke, wie soll ich Dir's beschreiben? Sieh die Mondsichel am wolkenlosen Himmel und die breitastige, reich belaubte Linde; denke! Sieh unter ihrem flusternden Laub, die flusternd auch, einander umfassen, die beiden; wie einer den andern bedarf und feurig liebend an ihm hinauf reicht, wie jener mit freundlichem Willen sich ihm neigt und diesem Flustern der Liebe Gehor gibt; und denke noch: die Mondessichel, die Sterne mussten nicht untergehen, bis diese Seelen, ineinander gesattigt, ihre Schwingen ausbreiten und hoheren Welten zufliegen.

Dies sprache heute mein Gluck aus, o lieber Freund, es sprache es einmal in vollem umfassenden Sinn aus.

So wie das Aug die Schonheit erfasst, so auch der Geist; er umfasset den Inbegriff der innern Schonheit wie der aussern, mit Schmeichelworten bringt er beide in Einklang, und der Leib wirkt magisch auf den Geist, der so schmeichelt, und so dieser auf ihn zuruck, dass beide ineinander aufbluhen, und das nennen wir begeisternde Schonheit. Mein Freund, das ist das Flustern der Liebe, wenn Liebende einander sagen, dass sie schon sind.

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Wo ist denn der Ruhesitz der Seele? Wo fuhlt sie sich beschwichtigt genug, um zu atmen und sich zu besinnen? Im engen Raum ist's, im Busen des Freundes; in Dir heimatlich sein, das fuhrt zur Besinnung.

Ach, wie wohl ist mir, wenn ich ganz wie ein Kind in Deiner Gegenwart spielen darf; wenn alles, was ich beginne, von dem Gefuhl Deiner Nahe geheiligt ist; und dass ich mich ergehen kann in Deiner Natur, die keiner kennt, keiner ahnet. Wie schon ist's, dass ich allein mit Dir bin, dort, wo die Sterne sich spiegeln in der klaren Tiefe Deiner Seele.

Gonne es mir, dass ich so meine Welt in Dir eingerichtet habe; vernichte nicht mit Deinem Willen, was Willkur nie erzeugen konnte.

Ich kusse Deiner Fusse Spuren und will mich nicht hereindrangen in Deine Sinnenwelt, aber sei mit mir in meiner Gedankenwelt; lege freundlich die Hand auf das Haupt, das sich beugt, weil es der Liebe geweiht ist. Der Wind rasselt am Fenster; welche Lander hat er schon durchstreift? Wo kommt er her? Wie schnell hat er die Strecke von Dir zu mir durchflogen? Hat er keinen Atemzug, in seinem Rasen und Toben, keinen Hauch von Dir mit fortgerissen?

Ich habe den Glauben an eine Offenbarung des Geistes; sie liegt nicht im Gefuhl, im Schauen oder im Vernehmen; sie bricht hervor aus der Gesamtheit der auffassenden Organe; wenn die alle der Liebe dienen, dann offenbaren sie das Geliebte; sie sind der Spiegel der inneren Welt. Ein Dasein im Geliebten haben ohne einen Standpunkt sinnlichen Bewusstseins, was kann machtiger uns von unserer geistigen Macht und Unendlichkeit uberzeugen?

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Sollte ich Dir heute nichts zu sagen haben? Was stort mich denn heute am fruhen Morgen? Vielleicht, dass die Sperlinge die Schwalben hier aus dem Nest unter meinem Fenster vertrieben haben? Die Schwalben sind geschwatzig, aber sie sind freundlich und friedlich; die Sperlinge argumentieren, sie behaupten und lassen sich ihren Witz nicht nehmen. Wenn die Schwalbe heimkehrt von den Kreisflugen um ihre Heimat, dann ergiesst sich die Kehle in lauter liebkosende Mitteilung, ihr gegenseitiges Gezwitscher ist das Element ihrer Liebeslust, wie der Ather das Element ihrer Weltanschauung ist. Der Sperling fliegt da und dorthin, er hat sein Teil Eigensucht, er lebt nicht wie die Schwalbe im Busen des Freundes.

Und nun ist die Schwalbe fort, und der Sperling hat ihren Wohnsitz, wo susse Geheimnisse und Traume ihre Rollen spielten.

Ach! Du! Meine schlupfrige Feder hatte schier Deinen Namen geschrieben, wahrend ich im Zorn bin, dass die Schwalbe vom Sperling verjagt ist. Ich bin die Schwalbe, wer der Sperling ist, das magst Du wissen, aber ich bin wahrhaftig die Schwalbe.

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Um Mitternacht

Gesang unter meinem Fenster; sie sitzen auf der Bank an der Haustur; der Mond, wie er mit den Wolken spielt, hat sie wohl zum Singen gebracht, oder auch die Langeweile der Ruhe; die Stimmen verbreiten sich durch die Einsamkeit der Nacht, da hort man nichts als nur das Platschern der Wellen am Ufer, die die langen gehaltenen Intervalle dieses Gesangs ausfullen.

Was ist dieser Gesang fur mich? Warum bin ich in seine Gewalt gegeben, dass ich mich der Tranen kaum enthalte? Es ist ein Ruf in die Ferne; warst Du jenseits, wo seine letzten Tone verhallen, und empfandest den Ausdruck der herzlichen Sehnsucht, den er in mir aufgeregt hat, und wusstest, dass in Dir das Gluck der Befriedigung lage!

Ach schlafen! Nicht mehr dem Gesang zuhoren, da stimmten vernehme!

Es ist wenig, was ich Dir hier mitteile: eintoniger Gesang, Mondesglanz, tiefe Schatten, geistermassige Stille, Lauschen in die Ferne, das ist alles, und doch es gibt nichts, was ein volles Herz Dir mehr zu bieten vermochte!

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Freund! Morgendammerung weckt mich schon, und ich habe doch gestern tief in die Nacht hinein gewacht. Freund! Susser! Geliebter! Es war eine kurze Zeit des Schlafs, denn ich hab von Dir getraumt; im Wachen oder im Traum, mit Dir, da eilen die Rosse unbandig. Drum pocht das Herz und Wange und Schlafe erhitzt, weil die Zeit so rucksichtslos auf die seligen Minuten voruberjagt. Wenn die Angst um die Flucht des Besitzes nicht war, wie war da Lieb und Lust ein tiefer Friede, ein Schlaf, ein Behagen der Ruhe! Wenn wir an Grabern vorubergehen und uns besinnen, wie sie da verdeckt liegen und beschwichtigt, die pochenden Herzen, dann befallt uns feierliche Ruhrung; wenn aber die Liebe sich einsenken konnte zu zweien, wie sie es bedarf, so tief abgeschieden wie im Grab, und wenn auch die Weltgeschichte uber die Statte hintanzte, was ging sie uns an? Ja, das kann ich wohl fragen, aber Du nicht.

Was ich traumte? Wir standen aneinander gelehnt im nachtlichen Dammerlicht, das Sternenlicht spiegelte sich in Deinen Augen. Traumlicht, Sternenlicht, Augenlicht spiegelten ineinander. Dies Auge, das hier folgt den Zeilen, die meine Hand an Dich schreibt, in ungemessene Ferne, denn ach wie fern Du mir bist, das kann ja doch nur Dein Herz entscheiden dies Auge sah heute nacht in Deinem Auge den Schein des Mondes sich spiegeln.

Ich traumte von Dir; Du traumtest mit mir; Du sprachst; ich empfinde noch den Ton Deiner Stimme; was Du sagtest, weiss ich nicht mehr; Schmeichelreden waren's, denn mit Deinen Reden gingen Schauer von Wollust durch mich.

Gott hat alles gemacht, und alles aus Weisheit und alle Weisheit fur die Liebe, und doch sagen sie, ein Liebender sei toll!

Weisheit ist die Atmosphare der Liebe, der Liebende atmet Weisheit, sie ist nicht ausser ihm, nein, sein Atem ist Weisheit, sein Blick, sein Gefuhl, und dies bildet seinen Nimbus, der ihn absondert von allem, was nicht der Wille der Liebe ist, der Weisheit ist.

Weisheit der Liebe gibt alles, sie lenkt die Phantasie im Reich der Traume und schenkt der Lippe die susse Frucht, die ihren Durst loscht, wahrend die Unbegeisterten sich nach dem Boden umtun, dem sie den Samen anvertrauen mochten, aus dem ihr Gluck reifen konnte, um das sie ihre Vorsicht betrugt.

Ich aber sauge Genuss aus diesen Traumen, aus diesen Wonnen, die mir ein Wahn von Schmerz, ein eingebildetes Gluck erregt; und die Weisheit, die meiner Begeistrung zustromt; sie schifft mich auf ihren hohen stolzen Wellen, weit uber die Grenze des gemeinen Begriffs, den wir Verstand nennen, und weit uber den Beruf der irdischen Lebensbahn, auf der wir unser Gluck suchen.

Wie schon, dass die Weisheit der Liebe wirklich meine Traume beherrscht, dass der Gott das Steuer lenkt, wo ich keinen Willen habe, und mich im Schlaf da hinuberschifft zum Ziel, um das ich, es zu erreichen, immer wachen mochte. Warum traumst Du nicht auch von mir? Warum rufst Du mich nicht an Deine Seite? Warum mich nicht in Deinem Arm halten und freundlich Deinen Blick in meinen tauchen?

Du bist ja hier; diese sonnigen Pfade, sie schlingen sich durcheinander und fuhren endlich auch zu Dir, o wandle auf ihnen; ihre labyrinthischen Verkettungen: sie losen sich vielleicht auf, da, wo Dein Blick den meinen trifft, wie das Ratsel meiner Brust, da, wo Dein Geist den meinen beruhrt.

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Heute las ich in diesen Blattern; lauter Seufzen und Sehnen.

Wie wurde ich beschamt vor Dir stehen, wenn Du in diesem Buch lasest! So bleibt es denn verborgen und nur zu eigner Schmach geschrieben? Nein, ich muss an Dich denken und glauben, dass dies alles einmal an Deinem Geist voruberzieht; wenn es auch manchmal in mir ist, als wollt ich Dich fliehen; Dich und diese seltsame Laune der Sehnsucht; Laune muss ich sie nennen, denn sie will alles und begehrt nichts. Aber dieses Abwenden von Dir wird doppelter Reiz; da sprengt mich's hinaus, die Berge hinan, noch im ersten Fruhrot, als konnt ich Dich erjagen, und was ist das Ende? Dass ich mich wieder zum Buch wende. Nun, was hat's denn auf sich? Die Tage gehen voruber so oder so, und was konnt ich versaumen, wenn ich in diesen Blattern mich sammle?

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Heute war ich fruh draussen, ich ging den ersten Feldweg, die Feldhuhner schreckten vor mir auf, so fruh war's noch; die Wiesen lagen da im Morgenglanz, ubersponnen mit Faden, an denen die Tauperlen aufgereiht waren. Manchmal halt die Natur Dir die Wage, und ich empfinde die Wahrheit der Worte: "Weg du Traum, so gold' du bist, hier auch Lieb und Leben ist." So ein Gang, wenn ich wieder unter die Menschen komme, macht mich einsam.

Ach, die zahmen Menschen, ich verstehe ihren Geist nicht. Geist lenkt, er deutet, er fliegt voran auf immer neuen Wegen oder er kommt entgegen wie die Leidenschaft und senkt sich in die Brust und regt sich da. Geist ist fluchtig wie Ather, drum sucht ihn die Liebe, und wenn sie ihn erfasst, dann geht sie in ihm auf. Das ist meine List, dass die Liebe dem Geist nachgeht.

Dir geh ich nach auf einsamen Wegen, wenn's still und ruhig ist, dann lispelt jedes Blatt von Dir, das vom Wind gehoben wird, da lasse ich meine Gedanken still stehen und lausche, da breiten sich die Sinne aus wie ein Netz, um Dich zu fangen, es ist nicht der grosse Dichter, nicht Dein weltgepriesener Ruhm! In Deinen Augen liegt's, in dem nachlassigen und feierlichen Bewegen Deiner Glieder, in den Schwingungen Deiner Stimme, in diesem Schweigen und Harren, bis die Sprache aus der Tiefe Deines Herzens sich zum Wort entfaltet; wie Du gehst und kommst und Deinen Blick uber alles schweifen lasst, dies ist es und nichts anders, was mich erfreut, und keine glanzende Eigenschaft kann diese Leidenschaft erregenden Zeichen uberwiegen.

Da streif ich hin zwischen Hecken, ich drang mich durch's Gebusch, die Sonne brennt, ich leg mich ins Gras, ich bin nicht mude, aber weil meine Welt eine Traumwelt ist. Es zieht mich hinuber nur Augenblikke, es hebt mich zu Dir, den ich nicht mit Menschen vergleiche. Mit den Streiflichtern und ihren blauen Schatten, mit den Nebelwolken, die am Berg hinziehen, mit dem Vogelgerausch im Wald, mit den Wassern, die zwischen Gestein platschern, mit dem Wind, der dem Sonnenlicht die belaubten Aste zuwiegt; mit diesem vergleich ich Dich gern, da ist's, als wenn Deine Laune hervorbrache! Das Summen der Bienen, das Schwarmen der Kafer tragt mir Deine Nahe zu, ja selbst das ferne Gebell der Hunde im Nachtwind weckt mir Ahnungen von Dir; wenn die Wolken mit dem Mond spielen, wenn sie im Licht schwimmen, verklart: da ist alles Geist, und er ist deutlich aus Deiner Brust gehaucht; da ist's, als wendest Du Geist Dich mir entgegen und warst zufrieden, von dem Atem der Liebe wie auf Wellen getragen zu sein.

Sieh! So lieb ich die Natur, weil ich Dich liebe, so ruh ich gern in ihr aus und versenk mich in sie, weil ich gern in Dein Andenken mich versenke.

Ach, da Du nirgends bist und doch da bist, weil ich Dich mehr empfinde als alles andere, so bist Du gewiss in diesem tausendfachen Echo meines Gefuhls.

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Ich weiss einen! Wie mit Kindeslacheln hat er sich mit der Weisheit, mit der Wissenschaft befreundet. Das Leben der Natur ist ihm Tempel und Religion; alles in ihr ist ihm Geisterblick, Weissagung, ein jeder Gegenstand in ihr ward ihm zum eigentumlichen Du, in seinen Liedern klingt die gottliche Lust, sich in allem zu empfinden, alle Geheimnisse in sich aufzunehmen, sich in ihnen verstandlich zu werden.

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Wenn der Same in die Erde kommt, wird er lebendig, und dies Leben strebt in ein neues Reich, in die Luft. Wenn der Same nicht schon Leben in sich hatte, konnte es nicht in ihm erweckt werden, es ist Leben, was ins Leben ubergeht. Wenn der Mensch nicht schon Seligkeit in sich hatte, konnte er nicht selig werden. Der Keim zum Himmel liegt in der Brust wie der Keim zur Blute im verschlossnen Samen liegt. Die Seligkeit ist so gut ein Erbluhen in einem hoheren Element wie jene Pflanze, die aus dem Samen durch die Erde in ein hoheres Element, in die Luft geboren wird. Alles Leben wird durch ein hoheres Element genahrt, und wo es ihm entzogen ist, da stirbt es ab.

Erkenntnis, Offenbarung ist Samen eines hoheren Lebens, das irdische Leben ist der Boden, in dem er eingestreut ist, im Sterben bricht die ganze Saat ans Licht. Wachsen, bluhen, Fruchte tragen von dem Samen, den der Geist hier in uns gelegt hat, das ist das Leben nach dem Tod.

Du bist der Ather meiner Gedanken, sie schweben durch Dich hin und werden von Dir im Flug getragen wie die Vogel in der Luft.

An Dich denken, im Bewusstsein von Dir verweilen, das ist ein Ausruhen vom Flug, wie der Vogel ausruht im Nest.

Geist im Geist ist unendlich, aber Geist in den Sinnen, im Gefuhl ist Unendliches im Endlichen erfasst.

Meine Gedanken umschwarmen Dich wie die Bienen den bluhenden Baum. Sie beruhren tausend Bluten und verlassen eine, um die andre zu besuchen, jede ist ihnen neu; so wiederholt sich auch die Liebe, und jede Wiederholung ist ihr neu.

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Liebe ist immerdar erstgeboren, sie ist ewig ein einziger Moment, Zeit ist ihr nichts, sie ist nicht in der Zeit, da sie ewig ist; sie ist kurz, die Liebe. Ewigkeit ist eine himmlische Kurze. Nichts Himmlisches geht voruber, aber das Zeitliche geht voruber am Himmlischen.

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Hier auf dem Tisch liegen Trauben im Duft und Pfirsich im Pelz und buntgemalte Nelken; die Rose liegt vorne und fangt den einzigen Sonnenstrahl auf, der durch die verschlossenen Fensterladen dringt. Wie gluht die Rose! Psyche nenne ich sie; wie lockt das gluhende Rot den Strahl in den innersten Kelch! Wie duftet sie; hier lobt das Werk den Meister.

Rose, wie lobst du das Licht! Wie Psyche den Eros lobt. Unendlich schon ist Eros, und seine Schonheit durchleuchtet Psyche wie das Licht die Rose. Und ich, die da wahnt, von Deiner Schonheit ebenso durchleuchtet zu sein, trete vor den Spiegel, ob es mich auch wie sie verschont.

Der Strahl ist dem Abend gewichen, die Rose liegt im Schatten, ich durchstreife Wald und Flur, und auf einsamen Wegen denk ich an Dich, dass Du auch wie Licht mich durchdringst.

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Sehnsucht und Ahnung liegen ineinander, eins treibt das andre hervor. Der Geist will sich vermahlen mit dem Begriff: ich will geliebt oder ich will begriffen sein, das ist eins. Darum tut der Geist wohl, weil wir fuhlen, wie aus dem irdischen Leben das geistige ins himmlische ubergeht und unsterblich wird.

Die Liebe ist das geistige Auge, sie erkennt das Himmlische, es sind Ahnungen hoherer Wahrheiten, die uns der Liebe begehren machen.

In Dir seh ich tausend Keime, die der Unsterblichkeit aufbluhen, ich mein, ich musse sie alle anhauchen. Wenn Geister einander beruhren, das ist gottliche Elektrizitat.

Alles ist Offenbarung; sie gibt den Geist, und dann den Geist des Geistes.

Wir haben den Geist der Liebe, und dessen Geist ist der Liebe Kunst.

Alles ist nichtig, nur der Wille reicht druber hinaus, nur der Wille kann gottlich sein.

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Wie begierig ist die Seele nach Wahrheit, wie durstet sie, wie trinkt sie! Wie die lechzende Erde, die tausend Pflanzen zu nahren hat, den fruchtbaren Gewitterregen trinkt; die Wahrheit ist auch elektrisch Feuer wie der Blitz. Ich fuhl den weiten wolkendurchjagten Himmel in meiner Brust; ich fuhl den feuchten Sturmwind in meinem Kopf; das weiche Heranrollen der Donner, wie sie steigen, machtig, und das elektrische Feuer des Geistes begleiten. Das Leben: eine Laufbahn, die mit dem Tod abschliesst durch die Liebe, durch den Geist; ein geheim verborgen Feuer, das sich bei diesem Abschluss ins Licht ergiesst. Ja, elektrisch Feuer! Das gluht, das braust, die Funken, die Gedanken, die fahren zum Schornstein heraus. Wer mich beruhrt im Gefuhl meiner Geistigkeit, mit dem zusammen erbraust der Geist gewitterhaft und spielt im Pulsschlag der Sturme, im elektrischen Zittern der Luft. Das hab ich gedacht, wie wir miteinander sprachen und Du meine Hand beruhrtest. Geschrieben nach dem Gewitter, wie sich's nach dem Sturm noch einmal erhellen wollte und die Nacht dem nachtraglichen Tag das Regiment abnahm.

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Schon manch Vorurteil hab ich gelost, so jung wie ich bin, wenn ich auch das eine losen konnte, dass die Zeit nichts verjahrt, Hunger und Durst werden auch nicht alter; so ist's auch mit dem Geist, in der Gegenwart bedingt er schon die Zukunft. Wer Anspruche an die Zukunft macht, wer der Zeit voraneilt, wie kann der der Zeit unterworfen sein?

Ich habe bemerkt an den Baumen, immer ist hinter dem abwelkenden Blatt schon der Keim einer zukunftigen Blute verborgen; so ist auch das Leben im jungen, frischen, kraftigen Leib die nahrende Hulle der Geistesblume; und wie sie welkt und abfallt in der irdischen Zeit, so drangt sich aus ihr hervor der Geist als ewige himmlische Blute.

Wenn ich im spaten Herbst im Vorubergehen das tote Laub von den Hecken streifte, da sammelte ich mir diese Weisheit ein; ich offnete die Knospen, ich grub die Wurzeln aus, uberall drangte sich das Zukunftige aus der gesamten Kraft des Gegenwartigen hervor; so ist denn kein Alter, kein Absterben, sondern ewiges Opfern der Zeit an das neue junge Fruhlingsleben, und wer sich der Zukunft nicht opferte, wie unglucklich war der!

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Zum Tempeldienst bin ich geboren, wo mir nicht die Luft des Heiligtums heimatlich entgegenweht, da fuhl ich mich unsicher, als hab ich mich verirrt.

Du bist mein Tempel, wenn ich mit Dir sein will, reinige ich mich von des Alltaglichen Bedrangnis wie einer, der Feierkleider anlegt; so bist Du der Eingang zu meiner Religion.

Ich nenne Religion das, was den Geist auf der Lebensstufe des Augenblicks ergreift und im Gedeihen weiter bildet wie die Sonne Bluten und Fruchte. Du siehst mich an wie die Sonne und fachelst mich an wie der Westwind, unter solchen Reizungen bluhen meine Gedanken.

Diese Lebensepoche mit Dir zieht eine Grenze, die das Ewige umfasst, weil alles, was sich innerhalb ihrer bildet, das Uberirdische ausspricht, sie zieht einen Kreis um ein inneres Leben; nenne es Religion, Offenbarung, uber alles, was der Geist Unermessliches zu fassen vermag!

Was wacht, das weckt! Gewiss, in Dir wacht, was mich weckt. Es geht eine Stimme von Dir aus, die mir in die Seele ruft. Was durch diese Stimme geweckt wird, ist Geheimnis; erwachtes Geheimnis ist Erleuchtung.

Manches sehe und fuhl ich, was schwer ist auszusprechen. Wer liebt, lernt wissen, das Wissen lehrt lieben, so wachse ich vielleicht in die Offenbarung, die jetzt noch Ahnung ist. Ich habe das Gefuhl von dem Zeitpunkt an, wo mir's so freudig in die Sinne kam, meine Gedanken, mein geistiges Leben in Deinen Busen zu ergiessen, als habe ich mich aus tiefem Schattental erhoben in die sonnigen Lufte.

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In dem Garten, wo ich noch als Kind spazierte, da wuchs die Jungfrauenrebe hoch empor an plattem Gestein. Damals hab ich oft ihre kleine Samtrussel betrachtet, mit denen sie sich anzusaugen strebt, ich bewunderte dies unzertrennliche Anklammern in jede Fuge, und wenn der Fruhling erschopft war und die Sommergluten dem jungen weichen Keimleben dieser zarten Pflanze einfeuerten, da fielen allmahlich ihre zierlichen rotgefarbten Blatter zum Schmuck des Herbstes ins Gras. Ach, ich auch! Absterbend, aber feurig werd ich von Dir Abschied nehmen; und diese Blatter werden wie jenes rote Laub auf dem grunen Rasen spielen, der diese Zeiten deckt.

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Ich bin nicht falsch gegen Dich; Du sagst: "Wenn Du falsch bist, Du hattest keine Ehre davon, in bin leicht zu betrugen."

Ich will nicht falsch sein, ich frage nicht, ob Du falsch bist, sondern wie Du bist, will ich Dir dienen.

Den Stern, der dem Einsamen jeden Abend leuchtet, den wird er nicht verraten.

Was hast Du mir getan, was mich zur Falschheit bewegen konnte, alles, was ich an Dir verstehe, das begluckt mich; Du kannst weder Auge noch Geist beleidigen, und es hat mich weit uber jede kleinliche Bedingung erhoben, dass ich Dir vertrauen darf; und aus dem tiefsten Herzen kann ich Dir immer nur den reinen Wein einschenken, in dem Dein Bild sich spiegelt.

Nicht wahr, Du glaubst nicht, dass ich falsch bin?

Es gibt bose Fehler, die an uns hervorbrechen wie das Fieber; es hat seinen Verlauf, und wir empfinden in der Genesung, dass wir schmerzlich krank waren; aber Falschheit ist ein Gift, das sich in des Herzens Mitte erzeugt, konnte ich Dich nicht mehr in dieser Mitte herbergen, was sollte ich anfangen?

In meinen Briefen wollte ich Dir nichts sagen, aber hier im Buch, da lasse ich Dir die Hand in meine Wunde legen, und es tut weh, dass Du an mir zweifeln kannst; ich will Dir erzahlen aus meinen Kindertagen, aus der Zeit, eh ich Dich gesehen hatte. Wie mein ganzes Leben ein Vorbereiten war auf Dich; wie lange kenne ich Dich schon, wie oft hab ich Dich gesehen mit geschlossenen Augen, und wie wunderbar war's, wie endlich die wirkliche Welt sich in Deiner Gegenwart an die lang gehegte Erwartung anschloss.

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In den hangenden Garten der Semiramis bin ich erzogen, ich glattes, braunes, feingegliedertes Rehchen, zahm und freundlich zu jedem Liebkosenden, aber unbandig in eigentumlichen Neigungen. Wer konnte mich vom gluhenden Fels losreissen in der Mittagssonne? Wer hatte mich gehemmt, die steilsten Hohen zu erklettern und die Gipfel der Baume? Wer hatte mich aus traumender Vergessenheit geweckt mitten unter den Lebenden oder meine begeisterten Nachtwanderungen gestort auf nebelerfulltem Pfad! Sie liessen mich gewahren, die Parzen, Musen und Grazien, die da alle eingeklemmt waren im engen Tal, das vom Geklapper der Muhlen dreifaches Echo in den umgrenzenden Wald rief, vom Goldsandfluss durchschnitten, dessen Ufer jenseits eine Bande Zigeuner in Pacht hatte, die nachts im Wald lagerten und am Tag das Gold fischten, diesseits aber durch die Bleicher benutzt waren und durch die wiehernden Pferde und Esel, die zu den Muhlen gehorten. Da waren die Sommernachte mit Gesang der einsamen Wachter und Nachtigallen durchtont, und der Morgen mit Geschrei der Ganse und Esel begonnen; da machte die Nuchternheit des Tags einen rechten Abschnitt von dem Hymnus der Nacht.

Manche Nachte hab ich da im Freien zugebracht, ich kleines Ding von acht Jahren; meinst Du, das war nichts? Mein Heldentum war's, denn ich war kuhn und wusste nichts davon. Die ganze Gegend, soweit ich sie ermessen konnte, war mein Bett; ob ich am Ufersrand von Wellen umspult, oder auf steilem Fels vom fallenden Tau durchnasst schlief, das war mir einerlei. Aber Freund! Wenn die Dammerung wich, der Morgen seinen Purpur uber mir ausbreitete und mich, nachdem ich dem Gesang der steigenden Lerche schon im Traum gelauscht hatte, unter tausendfachem Jubel aller befiederten Kehlen weckte, was meinst Du, wie ich mich fuhlte? Nichts geringer als gottlicher Natur fuhlt ich mich, und ich sah herab auf die ganze Menschheit. Solcher Nachte zwei erinnere ich mich, die schwul waren, wo ich aus den beklommenen Schlafsalen zwischen den Reihen von Tiefschlafenden mich schlich und hinaus ins Freie eilte, und mich die Gewitter uberraschten, und die breite bluhende Linde mich unter Dach nahm; die Blitze feuerten durch ihre tiefhangenden Zweige; dies urplotzliche Erleuchten des fernen Waldes und der einzelnen Felszacken erregte mir Schauer, ich furchtete mich und umklammerte den Baum, der kein Herz hatte, was dem meinen entgegenschlug.

O lieber Freund! Hatte ich nun den lebendigen Pulsschlag gefuhlt unter dieses Baumes Rinde, dann hatte ich mich nicht gefurchtet; dies kleine Bewegen, dies Schlagen in der Brust kann Vertrauen erregen und kann den Feigen zum Helden umwandeln; denn wahrlich! fuhlt ich Dein Herz an meinem schlagen und fuhrtest Du mich in den Tod, ich eilte triumphierend mit Dir!

Aber damals in der Gewitternacht unter dem Baum, da furchtete ich mich, mein Herz schlug heftig, das schone Lied: "Wie ist Natur so hold und gut, die mich am Busen halt", das konnte ich damals noch nicht singen, ich empfand mich allein mitten im Gebraus der Sturme, doch war mir so wohl, mein Herz ward feurig. Da lauteten die Sturmglocken des Klosterturms, die Parzen und Musen eilten im Nachtgewand mit ihren geweihten Kerzen in das gewolbte Chor, ich sah unter meinem sturmzerzausten Baum die eilenden Lichter durch die langen Gange schwirren; bald tonte ihr ora pro nobis heruber im Wind, so oft es blitzte, zogen sie die geweihte Glocke an, so weit ihr Schall trug, so weit schlug das Gewitter nicht ein.

Ich allein jenseits der Klausur, unter dem Baum in der schreckenvollen Nacht! Und jene alle, die Pflegerinnen meiner Kindheit, wie eine verzagte verschuchterte Herde, zusammengerottet in dem innersten feuerfesten Gewolb ihres Tempels, Litaneien singend um Abwendung der Gefahr. Das kam mir so lustig vor unter meinem Laubdach, in dem der Wind raste und der Donner wie ein brullender Lowe die Litanei samt dem Gelaut verschlang; an diesem Ort hatte keins von jenen mit mir ausgehalten, das machte mich stark gegen das einzige Schreckenvolle, gegen die Angst, ich fuhlte mich nicht verlassen in der allumfassenden Natur. Der herabstromende Regen verdarb ja nicht die Blumen auf ihrem feinen Stengel, was sollte er mir schaden, ich hatte mich schamen mussen, vor dem Vertrauen der kleinen Vogel hatt ich mich gefurchtet.

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So hab ich allmahlich Zuversicht gewonnen und war vertraulich mit der Natur und hab zum Scherz manche Prufung bestanden, Sturm und Gewitter zog mich hinaus und das machte mich freudig; die heisse Sonne scheute ich nicht, ich legte mich ins Gras unter die schwarmenden Bienen mit Blutenzweigen im Mund und glaubte fest, sie wurden meine Lippen nicht stechen, weil ich so befreundet war mit der Natur; und so bot ich allem Trotz, was andre furchteten, und in der Nacht, in schauerlichen Wegen im finstern Gebusch, da lockte es mich hin, da war's uberall so heimlich, und nichts war zu furchten.

Oben im ersten und hochsten Garten stand die Klosterkirche auf einem Rasenplatz, der am felsigen Boden hinab grunte und mit einem hohen Gang von Trauben umgeben war, er fuhrte zur Ture der Sakristei, vor dieser sass ich oft, wenn ich meine Geschafte in der Kirche versehen hatte, denn ich war Sakristan, ein Amt, dem es oblag, den Kelch, in dem die geweihten Hostien bewahrt wurden, zu reinigen und die Kelchtucher zu waschen, dies Amt wurde nur dem Liebling unter den jungfraulichen Kindern vertraut, die Nonnen hatten mich einstimmig dazu erwahlt. In dieser Turwolbung sass ich manchen heissen Nachmittag, links in der Ecke des Kreuzbaues das Bienenhaus unter hohen Taxusbaumen, rechts der kleine Bienengarten, bepflanzt mit duftenden Krautern und Nelken, aus denen die Bienen Honig saugten. In die Ferne konnte ich von da sehen; die Ferne, die so wunderliche Gefuhle in der Kinderseele erregt, die ewig eins und dasselbe vor uns liegt, bewegt in Licht und Schatten, und zuerst schauerliche Ahnungen einer verhullten Zukunft in uns weckt; da sass ich und sah die Bienen von ihren Streifzugen heimkehren, ich sah, wie sie sich im Blumenstaub walzten und wie sie weiter und weiter flogen in die ungemessene Ferne, wie sie im blauen sonnedurchglanzten Ather verschwebten, und da ging mir mitten in diesen Anwandlungen von Melancholie auch die Ahnung von ungemessenem Gluck auf.

Ja die Wehmut ist der Spiegel des Glucks; Du fuhlst, Du siehst in ihr ausgesprochen ein Gluck, nach dem sie sich sehnt. Ach und im Gluck wieder durch allen Glanz der Freude durchschimmernd diese schmerzliche Wollust. Ja das Gluck ist auch der Spiegel dieser aus unergrundlichen Tiefen aufsteigenden Wehmut. Und jetzt noch in der Erinnerung, wie in den Kindertagen, fullt sich meine Seele mit jener Stimmung, die leise mit der Dammerung hereinbrach und dann wieder nachgab, wenn das Sonnenlicht mit dem Sternenlicht gewechselt hatte und der Abendtau meine Haare losringelte. Die kalte Nachtluft stahlte mich, ich buhlte, ich neckte mich mit den tausend Augen der Finsternis, die aus jedem Busch mir entgegen blitzten. Ich kletterte auf die Kastanienbaume, legte mich so schlank und elastisch auf ihre Aste; wenn dann der Wind durchschwirrte und jedes Blatt mich anflusterte, da war's, als redete sie meine Sprache. Am hohen Traubengelander, das sich an die Kirchenmauer anlehnte, stieg ich hinauf und horte die Schwalben in ihrem Nestchen plaudern; halb traumend zwitschern sie zwei , dreisilbige Tone, und aus tiefer Ruhe seufzt die kleine Brust einen sussen Wohllaut der Befriedigung.

Lauter Liebesgluck, lauter Behagen, dass ihr Bettchen von befreundeter Warme durchstromt ist.

O Weh uber mich, dass mir im Herzen so unendlich weh ist, bloss weil ich dies Leben der Natur mit angeschaut hab in meinen Kindertagen; diese tausendfaltigen Liebesseufzer, die die Sommernacht durchstohnen, und inmitten dieser ein einsames Kind, einsam bis ins innerste Mark, das da lauscht ihren Seligkeiten, ihrer Inbrunst, das in dem Kelch der Blumen nach ihren Geheimnissen forscht, das ihren Duft in sich saugt wie eine Lehre der Weisheit, das erst uber die Traube den Segen spricht, ehe es sie geniesst.

Aber da war ein hoher Baum mit feinen phantastischen Zweigen, breiten Sammetblattern, die sich wie ein Laubdach ausdehnten; oft lag ich in seiner kuhlen Umwolbung und sah hinauf, wie das Licht durch ihn augelte, und da lag ich mit freier Brust in tiefem Schlaf; ja mir traumte von sussen Gaben der Liebe, gewiss, sonst hatte ich den Baum nicht sogleich verstanden, da ich erwachte, weil eben die reife Frucht sich von seinen Zweigen gelost hatte und im Fallen auf meine Brust ihr Saft mich netzte; dies schone dunkle uberreife Blut der Maulbeere, ich kannte sie nicht, ich hatte sie nie gesehen, aber mit Zutrauen verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Kuss verzehren. Und es gibt Kusse, von denen fuhl ich, sie schmecken wie Maulbeeren.

Sag, sind das Abenteuer? und wurdig, dass ich sie Dir erzahle?

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Und soll ich Dir noch mehr erzahlen von diesen einfachen Ereignissen, die so gewohnlich sind wie der Atem, der die Brust hebt, und doch fanden sie auf der reinen, noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverloschbaren Eindruck. Sieh, wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche Natur zur Nahrung seiner Krafte gedeiht, bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das Pferd und das Schwert regiert, so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des Naturlebens zur Nahrung des Geistes. Nicht jetzt noch wurde ich jene Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen, nicht mich der Wolkenzuge als erhabener Begebnisse erinnern, die Blumen der verschwundenen Fruhlinge wurden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulacheln, und die reifen Fruchte, denen ich liebkoste, eh ich sie genoss, wurden mich nicht nach verschwundenen Jahren, wie aus den Traumen seliger Genusse, mahnen an die heimliche Lust. Sie lachten mich an, diese runden Apfel, die gestreiften Birnen und die schwarzen Kirschen, die ich mir aus den hochsten Zweigen erkletterte. O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen, auf meinen Lippen, die dieser den Rang abliefe; nicht Du, nicht andre haben fur die susse Kost der Kirsche, auf hochstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift, oder der waldeinsamen Erdbeere, unter betautem Gras aufgefunden, mich nur einmal entschadigt. Darum, weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist, der Genuss kindlicher Jugend, so tief wie die Flammenschrift der Leidenschaft, so ist er wohl auch eine gottliche Offenbarung, und er bedingt viel in der Brust, in der er haftet.

Gedanken sind auch Pflanzen, sie schweben im geistigen Ather, die Empfindung ist ihre Muttererde, in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nahren; der Geist ist ihre Luft, in dem sie ihre Bluten ausbreiten und ihren Duft; der Geist, in dem viele Gedanken ihre Bluten treiben, der ist ein gewurziger Geist, in seiner Nahe atmen wir seine Verklarung. Die ganze Natur ist aber ein Spiegel von dem, was im Geistesleben vorgeht. Keinem Sommervogel hab ich umsonst nachgejagt, mein Geist empfing dadurch die Befahigung, einem verborgenen, idealischen Reiz nachzujagen; und hab ich das klopfende Herz in die hohen Krauter der bluhenden Erde gedruckt: ich lag am Busen einer gottlichen Natur, die meiner Inbrunst, meiner Sehnsucht kuhlenden Balsam zutraufelte, der alles Begehren in geistiges Schauen umwandelte.

Die wandelnden Herden in der Abenddammerung mit ihrem Gelaut, die ich oben von der Mauer herab mit stillem Entzucken betrachtete, die Schalmei des Schafers, der in Mondnachten seine Schafe von Triften zu Triften leitete, das Bellen des Hundes in der Ferne, die jagenden Wolken, die aufseufzenden Abendwinde, das Rauschen des Flusses, das sanfte Anklatschen der Wellen am steinigen Ufer, das Einschlafen der Pflanzen, ihr Einsaugen des Morgenlichtes, das Kampfen und Spielen der Nebel, o sag, welcher Geist hat mir das geistig noch einmal geboten? Du? Hast Du Dich so traulich an mich geschmiegt wie die Abendschatten? Hat Deine Stimme wehmutig freundlich in mich eingedrungen wie jene ferne Rohrpfeife? Hat der Hund mir angeschlagen, es nahe sich einer auf heimlicher Fahrte, dem mein Herz entgegenschlagt? Und habe ich nach glucklichen Stunden wie jene schlaftrunkne Natur mit dem Bewusstsein befriedigter Sehnsucht, mich der Ruhe hingegeben? Nein! Nur in dem Spiegel der Natur hab ich's erfahren und die Bilder einer hoheren Welterscheinung gesehen. So nimm denn jene Mitteilungen als Ereignisse hohen Genusses und reizender Liebesbegebenheiten auf; was hab ich alles durch sie ahnen und begreifen gelernt! Und was konnen wir mehr vom Leben fordern, was kann es Besseres in uns vorbereiten als die Befahigung zur Seligkeit! Wenn also Sinne und Geist so bewegt war durch das Regen in der Natur, wenn die Begierde gespannt war durch ihr Schmachten, wenn ihr Dursten, ihr Trinken, ihr Brennen und Verzehren, ihr Erzeugen und Ausbruten das Herz durchstromte, sag, was hatte ich da nicht erfahren im Liebesgluck; und welche Blume wurde mir im Paradies nicht duften und welche Frucht mir nicht reifen?

Darum nimm sie auf, diese Hieroglyphen hoherer Seligkeit, wie sie mein Gedachtnis nacheinander aufzeichnet. O sieh doch, das Buch der Erinnerung blattert sich ja grade in Deiner Gegenwart an diesen merkwurdigen Stellen auf; Du! Du wirst mir vielleicht im Paradiese die Apfel vom unverbotenen Baum pflucken; an Deiner Brust werde ich dort aufwachen, und die Melodien einer beseligenden Schopfung werden meine Lust in Deinen Busen hauchen.

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Eins bewahr im Herzen: dass Du mir den reinsten Eindruck von Schonheit gemacht hast, dem ich unmittelbar gehuldigt habe, und dass nichts dem Ursprunglichen in Deiner Natur Eintrag tun konne, und dass meine Liebe innig mit diesem einverstanden ist.

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Nur so weit geht die Hohe der Seligkeit, als sie begriffen wird; was der Geist nicht umfasst, das macht ihn nicht glucklich, vergebens wurden Cherubim und Seraphim ihn auf ihren Schwingen hoher tragen; er vermochte nie sich da zu erhalten.

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Ahnungen sind Regungen, die Flugel des Geistes hoher zu heben; Sehnsucht ist ein Beweis, dass der Geist eine hohere Seligkeit sucht; Geist ist nicht allein Fassungsgabe, sondern auch Gefuhl und Instinkt des Hoheren, aus dem er seine Erscheinung, den Gedanken entwickelt; der Gedanke aber ist nicht das Wesentliche, wir konnten seiner entbehren, wenn er nicht fur die Seele der Spiegel war, in dem sie ihre Geistigkeit erkennt.

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Der verschlossne Same und die Blute, die aus ihm erwachst, sind einander nicht vergleichbar, und doch ist sein erstes Keimen die Ahnung dieser Blute, und so wachst und gedeiht er fort mit gesteigerter Zuversicht, bis Blute und Frucht seinen ersten Instinkt bewahrt, der, wenn er verloren gehen konnte, keine Blute und Fruchte tragen wurde.

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Und wenn ich's auch ins Buch schreibe, dass ich heute traurig bin, kann mich's trosten? Wie ode sind diese Zeilen! Ach sie bezeichnen die Zeit des Verlassenseins. Verlassen! War ich denn je vereint mit dem, was ich liebte? War ich verstanden? Ach warum will ich verstanden sein? Alles ist Geheimnis, die ganze Natur, ihr Zauber, die Liebe, ihre Beseligung, wie ihre Schmerzen. Die Sonne scheint, treibt Blute und Frucht, aber ihr folgen die Schatten und die winterliche Zeit. Sind denn die Baume auch so trostlos, so verzweiflungsvoll in ihrem Winter wie das Herz in seiner Verlassenheit? Sehnen sich die Pflanzen? Ringen sie nach dem Bluhen, wie mein Herz heute ringt, dass es lieben will, dass es empfunden sein will? Du mich empfinden? Wer bist Du, dass ich's von Dir verlangen muss? Ach! Die ganze Welt ist tot; in jedem Busen ist's ode! gab's ein Herz, einen Geist, der mir erwachte!

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Komm! Lass uns noch einmal die hangenden Garten, in denen meine Kindheit einheimisch war, durchlaufen; lass Dich durch die langen Laubgange geleiten zu dem Glockenturm, wo ich mit leichter Muhe das Seil in Schwung brachte, um zu Tisch oder zum Gebet zu rufen; und abends um sieben Uhr lautete ich dreimal das Angelus, um die Schutzengel zur Nachtwache bei den Schlafenden zu rufen. O damals schnitt mir das Abendrot ins Herz, und das schweifende Gold, in das sich die Wolken senkten; o ich weiss es noch wie heute, dass es mir weh tat, wenn ich so einsam durch das schlafende Blumenfeld ging, und weiter, weiter Himmel um mich, der in beschwingter Eile seine Wolken zusammentrieb, wie eine Herde, die er weiterfuhren wollte, der rotes, blaues und gelbes Gewand entfaltete, und dann wieder andre Farben, bis die Schatten ihn ubermannten. Da stand ich und sah die verspateten Vogel mit rascher Eile nach ihrem Nest fliegen; und dachte, wenn doch einer in meine Hand flog, und ich fuhlte sein klein Herzchen pochen, ich wollte zufrieden sein; ja, ich glaubte, ein Vogelchen nur, das mir zahm war, konne mich glucklich machen. Aber es flog kein Vogel in meine Hand, ein jeder hatte schon anders gewahlt, und ich war nicht verstanden mit meiner Sehnsucht. Ich glaubte doch damals, die ganze Natur bestehe bloss aus dem Begriff aufgeregter Gefuhle, davon komme das Bluhen aller Blumen, und dadurch schmelze sich das Licht in alle Farben, und darum hauche der Abendwind so leise Schauer ubers Herz, und deswegen spiegle sich der Himmel, umgrenzt vom Ufer, in den Wellen. Ich sah das Leben der Natur und glaubte, ein Geist, der der Wehmut, die meine Brust erfullte, entsprach, sei dies Leben selbst; es seien seine Regungen, seine Gedanken, die dies Tag- und Nachtwandeln der Natur bilde; ja und ich junges Kind fuhlte, dass ich einschmelzen musse in diesen Geist, und dass es allein Seligkeit sei, in ihm aufzugehen; ich rang, ohne zu wissen, was Tod sei, dahin, aufgelost zu sein; ich war unersattlich, die Nachtluft mit vollen Zugen einzuatmen, ich streckte die Hande in die Luft, und das flatternde Gewand, die fliegenden Haare bewiesen mir die Gegenwart des liebenden Naturgeistes; ich liess mich kussen von der Sonne mit verschlossenen Augen, und dann offnete ich sie, und mein Blick hielt es aus; ich dachte: lasst du dich kussen von ihr, und solltest nicht vertragen konnen, sie anzusehen?

Von dem Kirchgarten fuhrte eine hohe Treppe, uber die das Wasser schaumend hinabsturzte, zum zweiten Garten, der rund war, mit regelmassigen Blumenstucken ein grosses Bassin umgab, in dem das Wasser sprang; hohe Pyramiden von Taxus umgaben das Bassin, sie waren mit purpurroten Beeren ubersaet, deren jede ein kristallhelles Harztropfchen ausschwitzte; ich weiss noch alles, und dies besonders war meine Lieblingsfreude, die ersten Strahlen der Morgensonne in diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen.

Das Wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden Gartens und sturzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten, der den runden Garten ganz umzog und gerade so tief lag, dass die Wipfel seiner Baume wie ein Meer den runden Garten umwogten. Es war so schon, wenn sie bluhten, oder auch wenn die Apfel und die Kirschen reiften und die vollen Aste heruberstreckten. Oft lag ich unter den Baumen in der heissen Mittagssonne, und in der lautlosen Natur, wo sich kein Halmchen regte, fiel die reife Frucht neben mir nieder ins hohe Gras; ich dachte: "Dich wird auch keiner finden!" Da streckte ich die Hand aus nach dem goldnen Apfel und beruhrte ihn mit meinen Lippen, damit er doch nicht gar umsonst gewesen sein solle.

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Nicht wahr, die Garten waren schon! Zauberisch! Da unten sammelte sich das Wasser in einem steinernen Brunnen, der von hohen Tannen umgeben war; dann lief es noch mehrere Terrassen hinab, immer in steinerne Becken gesammelt, wo es denn unter der Erde bis zur Mauer kam, die den tiefsten alle andere Garten umgebenden einschloss, und von da sich ins Tal ergoss, denn auch dieser letzte Garten lag noch auf einer ziemlichen Hohe; da floss es in einem Bach weiter, ich weiss nicht wohin. So sah ich denn von oben hinab seinem Sturzen, seinem Sprudeln, seinem ruhigen Lauf zu; ich sah, wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in feinen Strahlen umherspielte; es verbarg sich, es kam aber wieder und eilte wieder eine hohe Treppe hinab; ich eilte ihm nach, ich fand es im klaren Brunnen von dunklen Tannen umgeben, in denen die Nachtigallen hausten; da war es so traulich, da spielte ich mit blossen Fussen in dem kuhlen Wasser. Und dann lief's weiter verborgen, und wie es sich ausserhalb der Mauer hinabsturzte, das sah ich mit an und konnte es nicht weiter verfolgen, ich musste es halt dahinlaufen lassen. Ach, es kam ja Welle auf Welle nach, es stromte unaufhaltsam die Treppe hinab; der Wasserstrahl im Springbrunnen spielte Tag und Nacht und versiegte nimmer, aber da, wo es mir entlief, da grade sehnte sich mein Herz nach ihm, und da konnte ich nicht mit; und wenn ich nun Freiheit gehabt hatte und ware mitgezogen durch alle Wiesen, durch alle Taler, durch die Wuste! Wo der Bach mich am End hingefuhrt haben mochte!

Ja Herr, ich sehe Dich brausen und stromen, ich seh Dich kunstreich spielen, ich sehe Dich ruhig dahin wandeln, Tag fur Tag und plotzlich Deine Bahn lenken hinaus aus dem Reich des Vertrauens, wo ein liebendes Herz seine Heimat wahnte, unbekummert, dass es verwaist bleibe.

So hat denn der Bach, an dessen Ufern ich meine Kindheit verspielte, mir in seinen kristallnen Wellen das Bild meines Geschickes gemalt, und damals hab ich's schon betrauert, dass die mir sich nicht verwandt fuhlten. O komm nur, und spiel meine Kindertage noch einmal mit mir durch, Du bist mir's schuldig, dass Du meine Seufzer in Deine Melodien verhallen lasst, solange ich nicht weiter gehe, als meine kindliche Sehnsucht am Bach; die es auch geschehen lassen musste, dass er sich losriss und sich energische Bahn brach in die Fremde. In der Fremde, wo es gewiss war, dass mein Bild sich nicht mehr in ihm spiegelte.

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Heute haben wir grunen Donnerstag, da hab ich kleiner Tempeldiener viel zu tun; alle Blumen, die das fruhe Jahr uns gonnt, werden abgemaht, Schneeglockchen, Krokus, Masslieb und das ganze Feld voll Hyazinthen schmucken den weissen Altar, und dann bring ich die Chorhemdchen und zwolf Kinder mit aufgelosten Haaren werden damit bekleidet; sie stellen die Apostel vor. Nachdem wir mit brennenden, blumengeschmuckten Kerzen den Altar umwandelt haben, lassen wir uns im Halbkreis nieder, und die alte Abtissin mit ihrem hohen Stab von Silber, umwallt vom Schleier und langem, schleppendem Chormantel, kniet vor uns, um uns die Fusse zu waschen. Eine Nonne halt das silberne Becken und giesst das Wasser ein, die andre reicht die Linnen zum Abtrocknen; indessen lautet es mit allen Glocken, die Orgel ertont, zwei Nonnen spielen die Violine, eine den Bass, zwei blasen die Posaune, eine wirbelt auf den Pauken, alle ubrigen stimmen mit hohen Tonen die Litanei an: "Sankt Petrus, wir grussen dich du bist der Fels, auf den die Kirche baut." Dann geht es zum Paulus, und so die Reihe durch werden alle Apostel begrusst, bis alle Fusse gewaschen sind. Nun siehst Du, das ist ein Tag, auf den wir uns schon ein Vierteljahr lang halb selig gefreut haben. Die ganze Kirche war voll Menschen, sie drangten sich um unsere Prozession und weinten Tranen der Ruhrung uber die lachenden, unschuldigen Apostel.

Von nun an ist der Garten wieder offen, der den Winter uber unzuganglich war; jedes lauft an sein Blumengartchen, da hat der Rosmarin gut uberwintert, die Nelkenpflanzchen werden unter dem durren Laub hervorgescharrt, und so manches junge Keimchen meldet den vergessnen vorjahrigen Blumenflor. Erdbeeren werden verpflanzt und die bluhenden Veilchen sorgfaltig herausgehoben und in Scherben versetzt; ich trage sie an mein Bett und lege den Kopf dicht an sie heran, damit ich ihren Duft die ganze Nacht ein- und ausatme.

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O was erzahle ich dies alles dem Mann, der fern ab von solchen Kindereien seinen Geist zu andern Spharen tragt! Warum Dir, dem ich schmeicheln, den ich locken will; Du sollst mir freundlich sein, Du sollst, Dir unbewusst, mich allmahlich lieben, wahrend ich so mit Dir plaudere; konnte ich Dir nun nichts anders sagen, was Dir wichtiger war, was Dich bewegte, dass Du mich "geliebtes Kind" nenntest, mich ans Herz drucktest in susser Regung uber das, was Du vernimmst?

Ach ich weiss nichts Besseres, ich weiss keine schonere Freuden als die jener ersten Fruhlinge, keine innigere Sehnsucht als die nach dem Aufbluhen meiner Blumenknospen, keinen heisseren Durst, als der mich befiel, wenn ich mitten in der schonen bluhenden Natur stand, und alles voll uppigem Gedeihen um mich her. Nichts hat freundlicher und mitleidiger mich beruhrt als die Sonnenstrahlen des jungen Jahrs, und wenn Du eifersuchtig sein konntest, so war es nur auf diese Zeit, denn wahrlich, ich sehne mich wieder dahin.

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Eine Sonne geht uns auf, sie weckt den Geist wie den jungen Tag, mit ihrem Untergang geht er schlafen; wenn sie aufsteigt, erwacht ein Treiben im Herzen wie der Fruhling, wenn sie hoch steht, gluht der Geist machtig, er ragt uber das Irdische hinaus und lernt aus Offenbarungen; wenn sie sich dem Abend neigt, da tritt die Besinnung ein, ihrem Untergang folgt die Erinnerung; wir besinnen uns in der Schattenruhe auf das Wogen der Seele im Lichtmeer, auf die Begeistrung in der Zeit der Glut, und mit diesen Traumen gehen wir schlafen. Manche Geister aber steigen so hoch, dass ihnen die Liebessonne nimmermehr untergeht, und der neue Tag schliesst sich an den versinkenden an.

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Die einsame Zeit ist allein, was mir bleibt; wessen ich mich erinnere, das war in der Einsamkeit erlebt, und was ich erlebt habe, das hat mich einsam gemacht; die ganze weite Welt umspielt in allen Farben den einsamen Geist, sie spiegelt sich in ihm, aber sie durchdringt ihn nicht.

Geist ist in sich, und was er wahrnimmt, was er aufnimmt, das ist seine eigne Richtung, sein Vermogen; es ist seine hochste Offenbarung, dass er erfasse, was er vermag. Ich glaub, im Tode mag's ihm wohl offenbar werden, fruher hat er nur unglaubige Anschauungen davon; hatte ich fruher geglaubt, so hatte der Geist auch zu erreichen gestrebt, was er unmoglich wahnte, und hatte erlangt, wonach er sich sehnte, denn Sehnsucht ist ein heilig Merkmal der Wahrhaftigkeit seines Ziels, sie ist Inspiration und macht den Geist kuhn. Dem Geist soll nichts zu kuhn sein, denn weil er alles vermag; er ist der Krieger, dem keine Waffe versagt, er ist der Reiche, dessen Fulle unendliches spendet, er ist der Selige, dem alles Wollust ist; ja wohl, Geist ist die Gottheit! Die Brust saugt die Luft in sich und entlasst sie wieder, um sie wieder zu trinken, und das ist Leben. Der Geist trinkt sehnend die Gottheit und haucht sie wieder aus, um sie abermals zu trinken, und das ist sein Leben; alles andre ist Zufall, ist Spur, Geschichte des Geistes, aber nicht sein Leben.

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Darum ist der Geist einsam, weil ihn nur ein einziges belebt, das ist die Liebe. Die Liebe ist das All. Der Geist ist einsam, weil die Liebe alles allein ist. Die Liebe ist nur fur den, der ganz in ihr ist. Liebe und Geist schauen sich einander an, denn sie sind in sich allein und konnen nur sich sehen.

Ich war auch einsam damals in der Kindheit, die Sterne augelten mich an, ich begriff sie, die Liebe spricht durch sie.

Die Natur ist die Sprache der Liebe, die Liebe spricht zur Kindheit durch die Natur. Der Geist ist Kind hier auf Erden, drum hat die Liebe die susse, selige, kindliche Natur als Sprache fur den Geist geschaffen.

War der Geist selbstandig, vielleicht fuhrte die Liebe eine andre Sprache. Die Natur lenkt und reicht dar, was der Geist bedarf; sie lehrt, sie erzahlt, sie erfindet, sie trostet, sie beschutzt und vertritt seine Unmundigkeit, vielleicht wenn sie den Geist aus der Kindheit herausgeleitet hat, lenkt sie ihn nicht mehr, sie lasst ihn dann selbstandig walten, vielleicht ist das jenseitige Leben der Fruhling des Geistes, so wie dieses seine Kindheit ist. Denn wir sehnen uns ja nach dem Fruhling, nach der Jugend bis zum letzten Augenblick, und dieses Erdenleben ist nur ein Vorbilden fur das Jugendleben des Geistes, sie entlasst ihn aus der Kindheit, wie das Samenkorn den Keim entlasst ins Atherleben.

Bluhen ist Geist, es ist Schonheit, es ist Kunst, und sein Duftausstromen ist abermals Streben in ein hoheres Element.

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Komm mit, Freund! Scheue nicht den feuchten Abendtau, ich bin ein Kind, und Du bist ein Kind, wir liegen gern unter freiem Himmel und sehen den gemachlichen Zug der Abendwolken, die im purpurnen Gewand dahin schwimmen. O komme! Kein seligerer Traum, kein begluckenderes Ereignis als Ruhe! Stille Ruhe im Dasein; begluckt, dass es so ist, und kein Wahnen, es konne anders sein, oder es musse anders kommen. Nein! Nicht im Paradies wird es schoner sein, als diese Ruhe ist, die keine Rechenschaft gibt, kein Uberschauen des Genusses, weil jeder Augenblick ganz selig ist. Solche Minuten erleb ich mit Dir, nur weil ich Dich denke an meiner Seite in jenen Kinderjahren; da sind wir eines Sinnes, was ich erlebe, spiegelt sich in Dir, und ich lerne es in Dir begreifen, und was erlebte ich, wenn ich's nicht in Dir anschaute? In was empfindet sich der Geist, durch was besitzt er sich, als nur dadurch, dass er die Liebe hat? Ich habe Dich, Freund! Du wandelst mit mir, Du ruhst an meiner Seite, meine Worte sind der Geist, den Deine Brust aushaucht.

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Alle sinnliche Natur wird Geist, aller Geist ist sinnliches Leben der Gottheit. Augen, ihr seht! Ihr trinkt Licht, Farben und Formen! O Augen, ihr seid genahrt durch gottliche Weisheit, aber alles tragt ihr der Liebe zu, ihr Augen; dass die Abendsonne ihre Glorie uber euch spielen lasst, und der Wolkenhimmel eine heilige Farbenharmonie euch lehrt, in die alles einstimmt: die fernen Hohen, die grune Saat, der silberne Fluss, der schwarze Wald, der Nebelduft, das gibt euch, ihr Augen, die Mutter Natur zu trinken, wahrend der Geist den schonen Abend verlebt im Anschauen des Geliebten. O ihr Ohren, euch umtont die weite Stille, in ihr erhebt sich das leise Heranbrausen des Windes, es naht sich ein zweites, es tragt euch Tone zu aus der Ferne, die Wellen schlagen seufzend ans Ufer, die Blatter lispeln, nichts regt sich in der Einsamkeit, was nicht sich euch vertraute, ihr Ohren. Ihr werdet getrankt durch das ganze Walten der Natur, wahrend Ohr, Aug, Sprache und Genuss im Busen des Freundes tief versunken ist. Ach paradiesisches Mahl, wo die Kost sich in Weisheit verwandelt, wo Weisheit Wollust ist und diese Offenbarung wird.

Diese Frucht! Duftend, reif, niedersinkend aus dem Ather! Welcher Baum hat sie abgeschuttelt von den uberreichen Asten? Wahrend wir, Wange an Wange gelehnt, ihrer und der Zeit vergessen. Diese Gedanken, sind sie nicht die Apfel, die der Baum der Weisheit tragt, und die er Liebenden in den Schoss schuttelt, die in seinem Paradiese wohnen und in seinem Schatten ruhen. Damals war die Liebe in der Kindesbrust, die ihre Gefuhle wie der junge Keim seine Bluten dichtgefaltet und verschrankt umschloss. Damals war sie! und ihrem Drangen dehnte sich der Busen und offnete sich, ihre Bluten zu entfalten.

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Ein Nonnchen wurde eingekleidet, eine andre haben wir begraben wahrend den drei Jahren, als ich im Kloster war; dem einen hab ich den Zypressenkranz auf den Sarg gelegt, sie war die Gartnerin und hatte lange Jahre den Rosmarin gepflegt, den man ihr aufs Grab pflanzte; sie war achtzig Jahre alt, und der Tod beruhrte sie sanft, wahrend sie Absenker von ihren Lieblingsnelken machte, da hockte sie am Boden und hielt die Pflanzen in der Hand, die sie eben einsetzen wollte; ich war der Vollstrecker ihres Testaments, denn ich nahm die Pflanzen aus der erstarrten Hand und setzte sie in die frisch aufgewuhlte Erde, ich begoss sie mit dem letzten Kruglein Wasser, was sie am Madlenenbrunnchen geholt hatte, die gute Schwester Monika! Wie schon wuchsen diese Nelken! Dunkelrot waren sie und gross. Da mich spater der, der mich liebt und kennt, einer dunklen Nelke verglich, da dachte ich an die Blumen, die ich junges Kind aus der erstorbenen Hand des hohen Alters entnommen und eingepflanzt hatte, und ob es wohl so kommen werde, dass auch mich der Tod beim Pflanzen der Blumen uberrasche; der Tod, der triumphierende Herold des Lebens, der Befreier von irdischer Schwere.

Aber jene andre Nonne, jung und schon, deren lange goldne Flechten ich auf goldnem Opferteller zum Altar trug: ich hab nicht geweint, da man die alte Gartnerin zu Grabe trug, obschon sie meine Freundin gewesen war und mir manche Gartenkunst gelehrt hatte. Es kam mir so naturlich vor und so behaglich, dass ich nicht einmal daruber verwundert war; aber damals, als ich im Chorhemdchen mit einem Kranz von Rosen auf dem Kopf, mit brennender Kerze als Geleitengel, unter dem Gelaute aller Glokken vor der in alle uppige Pracht gekleideten jugendlichen Braut Christi einherschritt; da wir an das Gitter kamen, vor welchem der Bischof stand, der ihr die Gelubde abnahm, und er fragte, ob sie sich Christo vermahlen wolle, und man ihr auf ihr Bejahen die mit Perlen und Bandern durchflochtenen Haare abschnitt, welche ich auf einem goldenen Teller empfing, da fielen meine Tranen auf diese Haare, und da ich hin zum Altar trat, um sie dem Bischof zu uberreichen, da schluchzte ich laut, und alles Volk weinte mit.

Die junge Braut legte sich an die Erde, es wurde ein Leichentuch uber sie gebreitet, die Nonnen wallten von allen Seiten herbei, je zu zweien Blumenkorbe tragend. Ich streute die Blumen auf das Leichentuch, wahrend ein Requiem gesungen wurde. Sie wurde als Tote eingesegnet und Gebete uber sie gesprochen; das irdische Leben war beendet, ich hob als Auferstehungsengel die Totendecke auf; das himmlische Leben beginnt, die Nonnen umringen sie, in ihrer Mitte wird sie vom weltlichen Staat entkleidet. Ordenskleid, Mantel und Schleier werden ihr angelegt, worauf sie in die Hande des Bischofs die Gelubde des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut ablegt. Ach, wie war ich beklommen, da der Bischof ihr das Kruzifix reichte, um es als ihren Brautigam zu kussen. Ich wich nicht von ihrer Seite; am Abend, da die Nonne allein in ihrer Zelle sass, kniete ich noch vor ihr, mit meinem verwelkten Rosenkranz auf dem Kopf; sie war eine Franzosin, eine Grafin d'Antelot. "Mon enfant", fragte sie, "mon cher ange gardien, pourquoi as tu pleure ce matin lorsqu'on m'a coupe les cheveux?" Ich schwieg eine Weile still, aber dann fragte ich leise: "Madame, est-ce que Jesus Christ a aussi une barbe noire?"

Diese schone Frau war mit vielen andern hohen Damen und Rittern, die Ordensbander und Sterne hatten und aus Frankreich vertrieben waren, in unser Kloster gekommen; diese zogen alle weiter, sie allein blieb zuruck, sie wandelte viel im Garten, sie hatte einen blitzenden Ring am Finger, den sie kusste, wenn sie in der dunklen Allee allein war. Da las sie ihre Briefe mit leiser Stimme, und mit einem feinen weissen Tuch trocknete sie die weinenden Augen. Ich belauschte sie, ich liebte sie und weinte heimlich mit. Einmal trat ein schoner Mann in glanzender Uniform mit ihr in den Garten. Sie sprachen zartlich miteinander. Der Mann hatte einen schwarzen Bart, er war grosser als sie, er hielt sie in seinen Armen und sah auf sie herab, und seine glanzenden Tranen blieben in seinem schwarzen Bart hangen; das sah ich, denn ich sass in der dunkeln Laube, an deren Eingang sie standen. Er seufzte tief und laut, er druckte sie ans Herz, und sie kusste die glanzenden Tranen im schwarzen Bart auf. Noch oft wandelte die schone Frau in diesen einsamen Alleen, noch oft sah ich sie, weinend unter dem Baum, wo er Abschied genommen hatte, und endlich nahm sie den Schleier.

***

Koblenz

Ich habe mehrere Tage nicht ins Buch geschrieben, wie hab ich mich danach gesehnt! Im Wandern durch fremde Strassen hab ich Deiner gedacht.

Hier der Spiel- und Tummelplatz Deiner Jugendjahre, da uben der Ehrenbreitstein; er heisst wie die Basis Deines Ruhms, so muss der Wurfel heissen, auf dem Dein Denkmal einst stehn wird. Gestern fielen mir wunderliche Gedanken aus den Wolken, ich hatte sie gern aufgeschrieben, ich war nicht allein, ich musste sie halt mit den wechselnden Wellen im Strom dahin ziehen lassen.

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Alles, was dem Wesen der Liebe nicht zusagt, ist Sunde, und alles, was Sunde ist, sagt dem Wesen der Liebe nicht zu. Die Liebe hat eine personliche Gewalt, die ein Recht an uns ubt; ich unterwerfe mich ihrer Ruge, sie, und sie allein ist die Stimme meines Gewissens.

Welche Anregungen auch im Leben vorkommen, welche Wendungen auch ein Geschick nimmt, sie ist der Weg der Modulation, der alle fremde Tonarten harmonisch auflost, sie gibt die Erkenntnis, den Takt einer wahrhaft sittlichen Grosse. Sie ist strenge, und diese Strenge erregt leidenschaftlich fur die Liebe, ich brenne vor Begierde zu tun, was ihr gemass ist. Ich will gern jedes Gefuhl, jede Regung an ihr abmessen.

Jetzt geh ich schlafen; konnt ich Dir beschreiben, wie wohl mir ist.

***

Wenn heut der Tag ware, wo ich Dich wiedersehe! Heute! in wenig Sekunden tratest Du hier in meine vier Wande, in denen ich schon seit einem Sommer das Zauberhandwerk treibe, Dich zu besitzen; ja und manchen Augenblick warst Du mein, meine Liebe zog Dich heran. Ich sah in die Ferne, im Herzen sah ich nach Dir und erkannte Dich. Etwas sich aneignen, etwas besitzen, dazu gehort eine grosse Kraft; etwas besitzen wenn auch nur Minuten lang, erzeugt Wunder; was Du besitzest im Geist, das erkennst Du, was Du erkennst, das nimmt Dich ein, was Dich einnimmt, das erschliesst Dir eine neue Welt.

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Der Geist will Selbstherrscher sein! der eigne Besitz ist seine wahre Kraft; jede Wahrheit, jede Offenbarung ist ein Beruhren des eigenen Geistes, durchdringst Du ihn, schmilzt Deine Seele in Deinen Geist: dann hast Du alles, was Du vermagst, und jede Offenbarung und Dein Leben ist Dein fortwahrendes Wissen, und Dein Wissen ist Dein Sein, Dein Erzeugen. Alle Erkenntnis ist Liebe, darum ist es so selig zu lieben, weil im Lieben der Besitz liegt der eignen gottlichen Natur.

Hast Du geliebt? es war eine Spur gottlicher Natur, Du hobst die Grenze Deines Seins auf und dehntest Dich aus im Besitz Deiner Liebe. Dieses Ausdehnen ist der Kreislauf Deiner geistigen Natur; was Du liebst, das ist ein Reich, in das Du geboren bist, dass Du vermagst in ihm zu leben. Ach es ist so gross, so unendlich das Reich der Liebe, und doch umschliesst es das menschliche Herz.

***

So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein Spiegel war, und in dem ich also wahrend vier Jahren vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszuge, meiner Gestalt gesucht haben wurde, doch ist es mir in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu denken, wie ich wohl aussahe; es war mir eine grosse Uberraschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum erstenmal mit zwei Schwestern, umarmt von der Grossmutter, die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, gluhenden Wangen, mit schwarzem, fein gekrauseltem Haar; ich kenne sie nicht, aber mein Herz schlagt ihr entgegen, ein solches Gesicht hab ich schon im Traum geliebt, in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tranen bewegt, diesem Wesen muss ich nachgehen, ich muss ihr Treue und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trauern, wenn sie freudig ist, will ich ihr still dienen, ich winke ihr, siehe, sie erhebt sich und kommt mir entgegen, wir lacheln uns an, und ich kann's nicht langer bezweifeln, dass ich mein Bild im Spiegel erblicke.

Ach ja, diese Prophezeiung ist mir wahr geworden, ich habe keinen andern Freund gehabt als mich selber, ich habe nicht um mich, aber oft mit mir geweint; ich habe gescherzt mit mir, und das war noch ruhrender, dass am Scherz auch kein andrer teilnahm, hatte mir damals einer gesagt, es sucht jeder in der Liebe nur sich, und es ist das hochste Gluck sich in ihr finden, ich hatt es nicht verstanden, doch ist in diesem kleinen Ereignis eine hohe Wahrheit verborgen, die gewiss nur wenige fassen: finde dich, sei dir selber treu, lerne dich verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Hochste erreichen. Du kannst nur dir treu sein in der Liebe, was du schon findest, das musst du lieben, oder du bist dir untreu.

Schonheit erzeugt Begeistrung, aber Begeistrung fur Schonheit ist die hochste Schonheit selbst. Sie spricht das erhohte, verklarte Ideal des Geliebten durch sich selbst aus.

Gewiss, die Liebe erzieht eine hohere Welt aus der Sinnenwelt; der Geist wird durch die Sinne genahrt, gepflegt und getragen, er wachst und steigt durch sie zur Selbstbegeistrung, zum Genie, denn Genie ist das uberirdische selige Leben einer durch die sinnliche Natur erzeugten himmlischen Begeisterung.

Du erscheinst mir wie dies himmlische Erzeugnis meiner Sinnenwelt, wenn ich so vor Dir stehe und Dir ausspreche, wie ich Dich liebe, und doch, wenn ich so vor Dir stehe, dann fuhl ich wie Deine sinnliche Erscheinung mich verklart und zur himmlischen Natur in mir wird.

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Jetzt bin ich dreizehn Jahr alt, jetzt ruckt die Zeit an, die aus dem Schlaf weckt, die jungen Keime haben Trieb und rucken aus ihrer braunen Hulle hervor ans Licht, und die Liebe des Kindes neigt sich den aufkeimenden Geschlechtern der Blumen; sein Herz gluht verschamt und innig ihren vielfarbigen duftenden Reizen entgegen und ahnet nicht, dass wahrenddem eine Keimwelt von tausendfaltigen Geschlechtern der Sinne und des Geistes sich aus der Brust hervor, dem Leben, dem Licht entgegendrangt. Siehst Du wohl hier bestatigt, was ich sage: die Liebe zu der aufkeimenden Blutenwelt der sinnlichen Natur erregt die schlafenden Keime einer geistigen Blutenwelt; indem wir die sinnliche Schonheit gewahr werden, erzeugt sich in uns ein geistig Ebenbild, eine himmlische Verklarung dessen, was wir sinnlich lieben. So war meine erste Liebe, im Garten: in der Geissblattlaube war ich jeden Morgen mit der Sonne und drangte mich dem Aufbrechen ihrer rotlichen Knospen entgegen, und wie ich in die erschlossnen Kelche blickte, da liebte ich und betete die Sinnenwelt in den Bluten an, und ich mischte meine Tranen mit dem Honig in ihren Kelchen. Ja, glaub's, es war mir ein besonderer Reiz, die Trane, die unwillkurlich mir ins Auge gedrungen, da hinein zu betten, so wechselte die Lust mit der Wehmut. Die jungen Feigenblatter, wie sie zuerst so rein und dicht gefaltet aus dem Keim hervorsteigen und vor der Sonne sich ausbreiten: Ach Gott! Du! warum schmerzt die Schonheit der Natur? nicht wahr, weil die Liebe sich untuchtig fuhlt, sie ganz zu umfassen, so ist die glucklichste Liebe von Wehmut durchdrungen, weil sie ihrer eignen Sehnsucht kein Genuge tun kann, so macht mich Deine Schonheit wehmutig, weil ich Dich nicht genug lieben kann. O verlasse mich nicht, sei mir nur so weit willig gesinnt, wie der Tau den Blumen gesinnt ist; morgens weckt er sie und nahrt sie, und abends reinigt er sie vom Staub und kuhlt sie von der Hitze des Tages. So mache Du es auch, wecke und nahre meine Begeistrung in der Fruhe, kuhle meine Glut und reinige mich von Sunden am Abend.

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Hast Du mich lieb? Ach! ein Herabneigen Deines Angesichts auf mich wie die wogenden Zweige der Birke, wie schon war das! oder auch, dass Du mich anhauchtest im Schlaf, wie der Nachtwind uber die Fluren hinstreift; mehr nicht, mein Freund, verlang ich von Dir dass der Atem des Geliebten Dich beruhrt, welche Seligkeit kannst Du dieser gleichstellen?

So hell und deutlich hab ich damals nicht gefuhlt, wie ich heut in der Erinnerung fuhle, ich war so unmundig wie die junge Saat, aber ich wurde vom Lichte genahrt und dem Selbstbewusstsein entgegengefuhrt, wie jene, wenn sie durch die Ahre ihrer selbst gewiss wird; und heute bin ich reif, und streue die goldnen Fruchtkorner der Liebe zu Deinen Fussen aus, mehr nicht besagt mein Leben.

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Die Nachtigall war anders gegen mich gesinnt wie Du, sie stieg herab von Ast zu Ast und kam immer naher, sie hing sich an den aussersten Zweig, um mich zu sehen, ich wendete leise mich zu ihr, um sie nicht zu scheuchen, und siehe da! Aug in Nachtigallenaug, wir blickten uns an und hielten's aus. Dazu trugen die Winde die Tone einer fernen Musik heruber, deren allumfassende Harmonie wie ein in sich abgeschlossenes Geisteruniversum erklang, wo jeder Geist alle Geister durchdringt, und alle jedem sich fugen; vollkommen schon war dies Ereignis, dies erste Annahern zweier gleich unbewussten, unschuldigen Naturen, die noch nicht erfahren hatten, dass aus Liebesdurst, aus Liebeslust das Herz im Busen starker und starker klopft. Gewiss, ich war erfreut und geruhrt durch dies Annahern der Nachtigall, wie ich mir denke, dass Du allenfalls freundlich bewegt werden konntest durch meine Liebe, aber was hat die Nachtigall bewogen mir nachzugehen, warum kam sie herab vom hohen Baum und setzte sich mir so nah, dass ich sie mit der Hand hatte haschen konnen, warum sah sie mich an und zwar mir ins Aug? Das Aug spricht mit uns, es antwortet auf den Blick, die Nachtigall wollte mit mir sprechen, sie hatte ein Gefuhl, einen Gedanken mit mir auszutauschen. (Gefuhl ist der Keim des Gedankens), und wenn es so ist, welchen tiefen, gewaltigen Blick lasst uns hier die Natur in ihre Werkstatt tun; wie bereitet sie ihre Steigerungen vor, wie tief legt sie ihre Keime, wie weit ist es noch von der Nachtigall bis zu dem Bewusstsein zwischen zwei Liebenden, die ihre Inbrunst so deutlich im Lied der Nachtigall gesteigert empfinden, dass sie glauben mussen, ihre Melodien seien der wahre Ausdruck ihrer Empfindungen.

Am andern Tag kam sie wieder, die Nachtigall ich auch, mir ahnete, sie wurde kommen, ich hatte die Gitarre mitgenommen, ich wollte ihr was vorspielen, an der Pappelwand war's, der wilden Rosenhecke gegenuber, die ihre langen schwankenden Zweige uber die Mauer des Nachbargartens hereinstreckte und mit ihren Bluten beinah bis wieder an den Boden reichte; da sass sie, streckte ihr Halschen und sah mir zu, wie ich mit dem Sand spielte. Nachtigallen sind neugierig, sagen die Leute, bei uns ist's ein Sprichwort: "Du bist so neugierig wie eine Nachtigall"; aber warum ist sie denn neugierig auf den Menschen, der scheinbar gar keine Beziehung auf sie hat? was wird einstens aus dieser Neugierde sich erzeugen? O! nichts umsonst, alles braucht die Natur zu ihrem rastlosen Wirken, es will und muss weitergehen in ihren Erlosungen. Ich stieg auf eine hohe Pappel, deren Aste von unten auf zu einer bequemen Treppe rund um den Stamm gebildet waren; da oben in dem schlanken Wipfel band ich mich fest an die Zweige mit der Schnur, an der ich die Gitarre mir nachgezogen hatte, es war schwul, nun regten sich die Lufte starker und trieben ein Heer von Wolken uber uns zusammen. Die Rosenhecke wurde hochgehoben vom Wind und wieder niedergebeugt, aber der Vogel sass fest; je brausender der Sturm, je schmetternder ihr Gesang, die kleine Kehle stromte jubelnd ihr ganzes Leben in die aufgeregte Natur, der fallende Regen behinderte sie nicht, die brausenden Baume, der Donner ubertaubte und schreckte sie nicht, und ich auch auf meiner schlanken Pappel wogte im Sturmwind nieder auf die Rosenhekke, wenn sie sich hob, und streifte uber die Saiten, um den Jubel der kleinen Sangerin durch den Takt zu massigen. Wie still war's nach dem Gewitter! welche heilige Ruhe folgte dieser Begeistrung im Sturm! mit ihr breitete die Dammerung sich uber die weiten Gefilde, meine kleine Sangerin schwieg, sie war mude geworden. Ach, wenn der Genius aufleuchtet in uns und unsere gesamten Krafte aufregt, dass sie ihm dienen, wenn der ganze Mensch nichts mehr ist, als nur dienend dem Gewaltigen, dem Hoheren als er selbst, und die Ruhe folgt auf solche Anstrengung, wie mild ist es da, wie sind da alle Anspruche, selbst etwas zu sein, aufgelost in Hingebung an den Genius! So ist Natur, wenn sie ruht vom Tagewerk: sie schlaft, und im Schlaf gibt es Gott den Seinen. So ist der Mensch, der unterworfen ist dem Genius der Kunst, dem das elektrische Feuer der Poesie die Adern durchstromt, den prophetische Gabe durchleuchtet, oder der wie Beethoven eine Sprache fuhrt, die nicht auf Erden, sondern im Ather Muttersprache ist. Wenn solche ruhen von begeisterter Anstrengung, dann ist es so mild, so kuhl, wie es heute nach dem Gewitter war in der ganzen Natur, und mehr noch in der Brust der kleinen Nachtigall, denn sie schlief wahrscheinlich heute noch tiefer als alle andren Vogel, und um so kraftiger und um so inniger wird ihr der Genius, der es den Seinen im Schlaf gibt, vergolten haben, ich aber stieg nach eingeatmeter Abendstille von meinem Baum herab, und durchdrungen von den hohen Ereignissen des eben Erlebten, sah ich unwillkurlich die Menschheit uber die Achsel an.

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Alles andert sich, die Menschen denken anders, wenn sie alter sind, als in der Jugend. Ach! was werde ich denn einstens denken, wenn mich dies irdische Leben so lange bewahrt, bis ich alter in ihm werde! vielleicht gehe ich, statt zu dem Freund, dann in die Kirche, vielleicht bete ich dann, statt zu lieben! Ach, wie werd ich's dem Lieben gleichtun im Beten? Hab ich je Andacht empfunden, so war's an Deiner Brust, Freund! Tempelduft, den Deine Lippen hauchen, Geist Gottes, den Deine Augen predigen, es stromt von Dir aus eine begeisternde Macht, Deine Gewande, Dein Antlitz, Dein Geist, alles stromt eine Heiligung aus. O Du! Deine Knie fest an meine Brust druckend, frag ich nicht mehr, was das fur eine Seligkeit sein moge, die im Himmel dem Frommen bereitet ist. Gott von Angesicht zu Angesicht schauen? Wie oft hab ich mit geschlossnen Augen Deiner Nahe mich gefreut. Vielleicht dringt Gott durch den Geliebten in unser Herz, ja Geliebter! was haben wir im Herzen als nur Gott? Und wenn wir ihn da nicht empfanden, wie und wo sollten wir seine Spur suchen?

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Was fasele ich vom Fruhling, was spreche ich von heiteren Tagen, von Genuss und Gluck? Du! das Bewusstsein von Dir verzehrt mir jede Regung; ich kann nicht lacheln zum Scherz, ich kann nicht mich freuen, ich kann nicht hoffen mit den andern. Dass ich Dich kenne, dass ich Dich weiss, macht meine Sinne so still.

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O heute ist ein wunderbarer Tag! heute leide ich Schmerzen, so schwer ist die Seele! Du bist nah, ich weiss es, gar nicht fern ist der Weg zu Dir, aber mich trennt der kleine Raum wie die Unendlichkeit. Der Moment der Sehnsucht ist es, der gefuhlt und befriedigt sein will, und wenn der Geliebte den nicht ahnt, wenn er die Liebe versaumt, was kann mich ihm nah bringen! Ach, schauerlicher Tag, der heute in Erwartung und Sehnsucht verging!

Wen mache ich zum Vertrauten? wer fuhlt menschlich mit mir? wem klag ich uber Dich? wer ist mein Freund? wer darf's wagen auf diesen Stufen hinanzusteigen, auf denen ich mich aller menschlichen Beruhrung enthoben habe? wer darf die Hand mir an die Stirn legen und sagen; "Der Friede sei mit dir?"

Dir klag ich's, den ich suche, Dir ruf ich's zu uber die Klufte, denk nur, mit heissem Ruderschlag uberfliege ich die Zeit, das Leben; ich jage sie hinter mich, die Minuten der Trennung, und nun, ihr Inseln der Seligen, findet mein Anker keinen Grund. Wildes Gestade! feindseliger Strand! Ihr lasset mich nicht landen, nicht ahnen des Freundes Brust, der kennt die Geheimnisse und den gottlichen Ursprung und meines Lebens Ziel. Er hat, dass ich ihn schauen lerne, des Lichtes unbefleckten Glanz mir im Geiste geweckt, er hat begleitend in raschen Liedern die Genusse, die Leiden der Liebe mich gelehrt, zwischen beiden voranschreitend: den Schicksalsschwestern, mit leuchtender Fackel des Eros zu bestrahlen den Weg.

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Heute ist ein andrer Tag, die bose Furcht ist gestillt, es tobt nicht, es braust nicht mehr im Herzen, die Klage unterbricht nicht mehr der Liebe glanzerfullte Stille. Ach, heute ist die Sonne nicht hinab, ihre letzten Strahlen breiten sich unter Deine Schritte; sie wandelt die Sonne, sie steht nicht still, sie fuhrt Dich ein bei mir, wo Dammerung Dir winkt und der von Violen geflochtene Kranz. O Liebster! dann steh ich schweigend vor Dir, und der Duft der Blumen wird fur mich sprechen bei Dir.

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Ich bin freudig wie der Delphin, der auf weitruhendem Meeresplan ferne Floten vernimmt; er jagt mutwillig die Wasser in die glanzende Stille der Lufthohen, dass sie auf der glatten Spiegelflache einen Perlenrausch verbreiten; jede Perle spiegelt das Universum und zerfliesst, so jeder Gedanke spiegelt die ewige Weisheit und zerfliesst.

Deine Hand lehnte an meiner Wange, und Deine Lippe ruhte auf meiner Stirn, und es war so still, dass Dein Atem verhauchte wie Geisteratem. Sonst eilt die Zeit den Glucklichen, aber diesmal jagte die Zeit nicht; eine Ewigkeit, die nie endet, ist diese Zeit, die so kurz war, so in sich, dass ihr kein Mass kann angelegt werden.

An milden Fruhlingstagen, wo dunnes Gewolk der jungen Saat den fruchtbringenden Regen spendet, da ist es so wie jetzt in meiner Brust; mir ahnet, wie dem kaum gewurzelten Keim seine kunftige Blute ahnet, dass Liebe ewige, einzige Zukunft sei.

Gut sein begnugt die Seele, wie das Wiegenlied die Kinderseele zum Schlaf befriedigt. Gut sein ist die heilige Ruhe, die der Same des Geistes haben muss, eh er wieder gezeitigt ist zur Saat. Der Geist aber ahnt, dass Gutsein die Vorbereitung zu einem tiefen unerforschlichen Geheimnis ist. Das hast Du mir anvertraut, Goethe! gestern abend beim Sternenhimmel am offnen Fenster, wo ein Luftchen nach dem andern hereinschwirrte und wieder hinaus. Wenn also die Seele gut ist: das ist eine Ruhe, ein Einschlafen im Schoss Gottes, wie der Same im Schoss der Natur schlaft, eh er keimt. Wenn aber der Geist das Gute will, so will er die Gottheit selbst; so will er jenes Geheimnis der Gute als Speise, Nahrung und Vorbereitung seiner nahen Verwandlung; so pocht er an, wie der verborgne Strom im Felsenschoss, dass er ans Licht will. Solchen kuhnen Mut hat Dein Geist, dass seinem Dringen Tor und Riegel aufgetan wurden, und dass er hervorbrausen durfte, uber alle Zeiten hinweg, wo Geist in Geist greift, Well in Well geboren, Well in Well verloren.

Solcherlei Gesprache fuhrten wir gestern abend, und Du sagtest noch: "Kein Mensch wurde glauben, dass wir beide so miteinander sprechen."

Wir sprachen auch von der Schonheit: Schonheit ist, wenn der Leib von dem Geist, den er beherbergt, ganz durchdrungen ist. Wenn das Licht des Geistes von dem Leib, den er durchdringt, ausstromt und seine Formen umkreist, das ist Schonheit. Dein Blick ist schon, weil er das Licht Deines Geistes ausstromt und in diesem Lichte schwimmt.

Der reine Geist bildet sich einen reinen Leib im Wort, das ist die Schonheit der Poesie. Dein Wort ist schon, weil der Geist, den es beherbergt, hindurch dringt und es umstromt.

Schonheit vergeht nicht! der Sinn, der sie in sich aufnimmt, hat sie ewig, und sie vergeht ihm nicht.

Nicht das Bild, das sie spiegelt, nicht die Form, die ihren Geist ausspricht, hat die Schonheit: nur der hat sie, der in diesem Spiegel den eignen Geist ahnt und ersehnt.

Schonheit bildet sich in dem, der sie sucht und im Bild wiederzugeben sucht, und in dem, der sie erkennt und sich ihr gleichzubilden sehnt.

Jeder echte Mensch ist Kunstler, er sucht die Schonheit und sucht sie wiederzugeben, soweit er sie zu fassen vermag. Jeder echte Mensch bedarf der Schonheit als der einzigen Nahrung des Geistes.

Die Kunst ist der Spiegel der innersten Seele, ihr Bild ist es, wie sie aus Gott hervorging, was die Kunst Dir spiegelt. Alle Schonheit ist eine Erkenntnis Deiner eignen Schonheit.

Die Kunst ist es, die Dir ein sinnliches Ebenmass des Geistes vor die leiblichen Augen zaubert.

Jeder Lebenstrieb ist Schonheitstrieb, sieh die Pflanze, ihre Triebe alle sind erfullt mit der Sehnsucht zu bluhen, und die Befriedigung dieser Sehnsucht lag schon im Samenkorn vorbereitet; also ist wohl Sehnsucht die sicherste Gewahrleistung. Wer sich nach ewiger Schonheit sehnt, der wird sie haben und geniessen.

Alles, was ich hier sage, schriebst Du mir ins Herz; wenn ich's noch nicht mit rechter Freiheit ausspreche? Weil ich's nicht ganz zu fassen vermag. Gestern abend, da streifte Dein Aug uber die fernen Gebirge, und da sagtest Du: "Die Leidenschaft, die ins Herz geboren ist, soll auch wachsen und gedeihen, denn es ist keine Begierde, der nicht das Gottliche gegenuberstande, um sie selig zu machen."

Sie haben mich eingefuhrt in ihren Tempel, die Genien, und hier stehe ich verzagt, aber nicht fremd, diese Lehren sind mir verstandlich, diese Gesetze geben mir Weisheit, das Trachten der Liebe ist nicht Trachten verganglicher Menschen. Alle Blumen, die wir brechen, werden unsterblich im Opfer, ein liebend Herz entschwingt sich feindseligem Los.

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Ich soll Dir erzahlen von den Zeiten, wo ich Deinen Namen noch nicht hatte nennen lernen? Gewiss, Du hast recht, wissen zu wollen, was mich auf Dich vorbereitete, ich sagte Dir, dass Blumen und Krauter zuerst mich ansahen, dass ich erkannte, im Blick sei eine Frage, eine Forderung, die ich nur mit zartlichen Tranen beantworten konnte, dann lockte mich die Nachtigall, ihr selbstandig Handeln, ihr Gesang, ihr Annahern und Zuruckziehen lockte mich noch mehr als das Leben der Blumen, ich war ihr naher im Gemut, ihr Umgang hatte etwas Reizendes; aus meinem Bettchen konnte ich ihr nachtlich Lied horen, ihr melodisch Stohnen weckte mich, ich seufzte mit ihr und legte ihrem Gesang Gedanken unter, auf die ich trostende Antworten erfand. Ich erinnere mich, dass ich damals unter bluhenden Baumen Ball spielte, ein junger Mann, der ihn fing, brachte mir ihn und sagte: "Du bist schon!" Dies Wort brachte mir Feuer ins Herz, es gluhte auf wie meine Wangen, aber ich dachte auf die Nachtigall, deren Gesang mich wahrscheinlich nachtlich verschone, und in diesem Augenblick brach die heilige Wahrheit in meinem Geiste auf, dass alles, was uber das Irdische erhebt, Schonheit erzeugt, und ich widmete mich der Nachtigall mit mehr Eifer, mein Herz hielt pochend still und liess sich von ihren Tonen beruhren wie von gottlichem Finger ich wollte schon sein, und Schonheit war mir gottlich, ich neigte mich vor dem Gefuhl der Schonheit und uberlegte nicht, ob es ausserlich war oder innen. Indessen hab ich bis heute immer in der Schonheit, wo sie sich mir zeigte, eine nahe Verwandtschaft gefuhlt, in Bildern, in Statuen, in Gegenden, in schlanken Baumen. Obschon ich nun nicht schlank bin, so regt sich doch etwas in meinem Geist, was dieser Schlankheit entspricht, und ob Du auch lachelst, ich sage Dir, wahrend ich mit dem Blick ihre himmelanstrebenden Wipfel verfolge, scheinen mir meine Eingebungen auch himmelanstrebend, und wie im Windesrauschen die weichen Zweige hin und her wogen, so wogt ein Gefuhl gleichsam als belaubtes Gezweig eines hohen Gedankenstammes in mir. Und so wollte ich nur sagen, dass alle Schonheit erzieht, und dass der Geist, der wie ein treuer Spiegel die Schonheit fasset, hierdurch auch zu dem hoheren Aufschwung kommt, der geistig diese selbe Schonheit ist, namlich allemal ihre gottliche Offenbarung. So denke denn Du, wie Du mir einleuchten musst, da Du schon bist. Schonheit ist Erlosung. Schonheit ist Befreiung vom Zauber, Schonheit ist Freiheit, himmlische; hat Flugel und durchschneidet den Ather. Schonheit ist ohne Gesetz, vor ihr schwindet jede Grenze, sie lost sich auf in alles, was ihren Reiz zu empfinden vermag, sie befreit vom Buchstaben; denn sie ist Geist. Du bist empfunden von mir, Du machst mich frei vom Buchstaben und vom Gesetz. Sieh diese Schauer, die mich uberwogen, es ist der Reiz Deiner Schonheit, der sich auflost, mir im Gefuhl, dass ich selber schon bin und Deiner wurdig.

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Der Sommer geht voruber, und die Nachtigall schweigt, sie schweigt, sie ist stumm und lasst sich auch nicht mehr sehen. Ich lebte da ohne Zerstreuung die Tage hindurch; ihre Nahe war mir eine liebe Gewohnheit, es schmerzt mich, sie zu entbehren, hatte ich doch etwas, was sie mir ersetzt! Vielleicht ein ander Tier, an die Menschen dachte ich nicht, im Nachbargarten ist ein Reh in einer Umzaunung, es lauft hin und her an der Bretterwand und seufzt, ich mache ihm eine Offnung, wo es den Kopf durchstekken kann. Der Winter hat alles mit Schnee bedeckt, ich suche ihm Moos von den Baumen: wir kennen uns, wie schon sind seine Augen; welche tiefe Seele sieht mich aus diesen an, wie wahr, wie warm! Es legt gern den Kopf in meine Hand und sieht mich an, ich bin ihm auch gut, ich komme, sooft es mich ruft; in den kalten hellen Mondnachten hor ich seine Stimme, ich springe aus dem Bett, mit blossen Fussen lauf ich durch den Schnee, um dich zu beschwichtigen. Dann bist du ruhig, wenn du mich gesehen hast, wunderbares Tier, das mich ansieht, anschreit, als wenn es um Erlosung bate. Welch festes Vertrauen hat es auf mich, die ich nicht seinesgleichen bin! Armes Tier, du und ich sind getrennt von unsersgleichen, wir sind beide einsam, und wir teilen dies Gefuhl der Einsamkeit; o wie oft hab ich fur dich in den Wald gedacht, wo du lang auslaufen konntest, und nicht ewig in die Runde, wie hier in deinem Verschlag; dort liefst du doch deines Weges immerzu und konntest mit jedem Schritte hoffen, endlich einen Gefahrten zu treffen, hier aber war deines Ziels kein Ende, und doch war alle Hoffnung abgeschnitten. Armes Tier! Wie schaudert mich dein Geschick, und wie nah verwandt mag es dem meinen sein! Ich auch lauf in die Runde, da oben seh ich die Sterne schimmern, aber sie halten alle fest, keiner senkt sich herab, und von hier aus ist es so weit bis zu ihnen, und was sich lieben lassen will, das soll mir nah kommen; aber so war's mir in der Wiege gesungen, dass ich musste einen Stern lieben, und der Stern blieb mir fern; lange Zeit hab ich nach ihm gestrebt, und meine Sinne waren aufgegangen in diesem Streben, so dass ich nichts sah, nichts horte und auch nichts dachte als nur meinen Stern, der sich nicht vom Firmament losreissen werde, um sich mir zu neigen. Mir traumt, der Stern senkt sich tiefer und tiefer, schon kann ich sein Antlitz erkennen, sein Strahlen wird zum Auge, es sieht mich an, und meine Augen spiegeln sich in ihm. Sein Glanz umbreitet mich, von allem auf Erden, soweit ich denken kann, soweit mich meine Sinne tragen, bin ich getrennt durch meinen Stern.

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Nichts hab ich zu verlieren, nichts hab ich zu gewinnen, zwischen mir und jedem Gewinn schwebst Du, der, gottlich strahlend im Geist, alles Gluck uberbietet; zwischen mir und jedem Verlust bist Du, der sich mir menschlich herabneigt.

Ich verstehe nur das Eine, an Deinem Busen die Zeit zu vertraumen; ich verstehe nicht Deiner Schwingen Bewegung, die Dich in den Ather tragen, droben in schwindelnder Hohe uber mir, im ewigen Blau Dich schwebend erhalten.

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Mich und die Welt umkleidet Dein Glanz, Dein Licht ist Traumlicht der hoheren Welt, wir atmen ihre Luft, wir erwachen im Duft der Erinnerung; ja sie duftet uns, sie hebt uns und tragt unser schwankendes Los auf ihren spiegelnden Fluten der Gotter allumfassenden Armen entgegen.

Du aber hast's mir in der Wiege gesungen, dass ich Deinem Gesang, der in Traumen mich wiegt uber das Los meiner Tage, traumend auch lausche bis ans End meiner Tage.

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Einmal schon, im Kloster, hatten mich die Geister bewogen, mich ihnen zu gesellen, in den hellen Mondnachten lockten sie mich; ich durchwanderte wunderliche dunkle Gange, in denen ich die Wasser rauschen horte, ich folgte beklemmt, bis zum Springbrunnen kam ich; der Mond schien in sein bewegtes Wasser und gewandete die Geister, die auf seinem wogenden Spiegel sich mir zeigten, in Silberglanz; sie kamen, sie bedeuteten mein fragendes Herz und verschwanden wieder, es kamen andere, sie legten Geheimnisse auf meine Zunge, beruhrten alle Lebenskeime in meiner Brust, bezeichneten mich mit ihrem Siegel, sie verhullten meinen Willen, meine Neigungen und die Kraft, die von ihnen auf mich ausgegangen war. Wie war das? Wie berieten sie mich? Durch welche Sprache gab sich ihre Lehre kund? Und wie soll ich Dir darlegen, dass es so war? Und was sie mir lehrten?

Die Mondnacht deckte mich im sussen, tiefen Kindesschlaf, dann trat sie aus sich selbst hervor und beruhrte mich an meinen Augen, dass sie ihrem Licht erwachten, und senkte sich mit magnetischer Gewalt in meine Brust, dass ich alle Furcht bezwang, auf Wegen, die nicht geheuer waren, forteilte in tiefer, regungsloser Nacht, bis ich zum Springbrunnen kam zwischen Blumenbeeten, wo jede Blume, jedes Kraut in tauschender Dammerung ein Traumgesicht ausdruckte, wo sie buhlten und stritten mit der Phantasie. Dort stand ich und sah, wie der von den Luften bewegte Wasserstrahl hinuber und heruber schwankte, und wie die Mondstrahlen das bewegte Wasser durchwebten, und wie der Blitz mit zingelnder Eile silberne Hieroglyphen in die wogenden Kreise schrieb; da kniete ich in den feuchten Sand und beugte mich uber dies schwindelnde Lichtweben und lauschte mit allen Sinnen, und mein Herz hielt still, und ich nahm es an, als ob mir diese schwindenden Strahlenzuge etwas hinschrieben, und mein Herz war freudig, als ob ich sie verstanden hatte, dass ihr Inhalt mir Gluck andeute; ich ging zuruck durch die langen, dunklen, labyrinthischen Gange, voruber an Bildern von wunderlichen Heiligen in gelassener Ruhe, bis zu meinem Bettchen, das im Erker am Fenster eingeklemmt war, da offnete ich leise das Fenster dem Mondlicht und liess es meine Brust anstrahlen; ja, mich umarmte in jenen glucklichen, gluckbringenden Momenten ein freudegeistiges Gefuhl, gross, allumfassend; es umarmte von aussen mein Herz, mein Herz fuhlte sich umfasst von einer liebenden Gewalt, der es sich anschmiegte im Schlummer, der von dieser Gewalt aus uber mich kam. Wie soll ich diese Gewalt nennen? Lebensgeist? Ich weiss es nicht, ich weiss nicht, was ich erfahren hatte, aber ein Begegnis war es mir, ein wichtiges Ereignis, und ich war im Herzen als wie der Keim, der aus erster Verhullung ans Licht hervorbricht; ich saugte Licht mit dem Geist und sah mit diesem, was ich vorher mit leiblichem Auge nicht gesehen haben wurde, alles was die Natur mir spielend darbot, gab mir eine Erinnerung an ein Verborgenes in mir, die Farben und Formen der Pflanzenwelt sah ich mit tiefem, geniessendem, verzehrendem Blick, durch den die Nahrung in meinen Geist ubergehe.

Ach, wir wollen schweigen, wir wollen leisen Nebelflor uber dies Geheimnis ziehen, durch den uns sein Inhalt ahnungsweise durchschimmert, ja wir wollen schweigen, Freund! Wir konnen's ja doch nicht in Worten enthullen. Aber pflanzt doch der irdische Mensch und saet in den Busen der Erde, die vorher unbefruchtet war, dass ihre nahrenden Krafte eindringen in die Frucht ihrer Erzeugnisse. Hatte sie Bewusstsein ihres sinnlichen Gefuhls, dann wurde dies Gefuhl zu Geist in ihr werden; so vergleiche ich den Menschengeist mit ihr, ein vom himmlischen Geistesather umschwebtes Eiland; es wird aufgelockert und urbar gemacht, und gottlicher Same wird seinen sinnlichen Kraften vertraut, und diese Krafte regen sich und spriessen in ein hoheres Leben, das dem Licht angehort, welches Geist ist; und die Frucht, die dieser gottliche Same tragt, ist die Erkenntnis, die wir geniessen, damit unsere der Seligkeit zuwachsenden Krafte gedeihen.

Wie soll ich's noch darlegen, dass dieses leise Schauern und Spielen der Lufte, des Wassers, des Mondlichts mir wirklich Beruhrung mit der Geisterwelt war? Wie Gott die Schopfung dachte, da ward der einzige Gedanke: "Es werde", ein Baum, der alle Welten tragt und sie reift. So ist auch dieser Hauch, dies Gelispel der Natur in nachtlicher Stille ein leiser Geisterhauch, der den Geist weckt und ihn besaet mit allen Gedanken, die ewig wahren.

Ich sah ein Inneres in mir, ein Hoheres, dem ich mich unterworfen fuhlte, dem ich alles opfern sollte, und wo ich's nicht tat, da fuhlte ich mich aus der Bahn der Erkenntnis herausgeworfen, und noch heute muss ich diese Macht anerkennen, sie spricht allen selbstischen Genuss ab, sie trennt von den Anspruchen an das allgemeine Leben und hebt uber diese hinweg. Es ist sonderbar, dass das, was wir fur uns selbst fordern, gewohnlich auch das ist, was uns unserer Freiheit beraubt; wir wollen gebunden sein mit Banden, die uns suss deuchten und unserer Schwachheit eine Stutze, eine Versicherung sind; wir wollen getragen sein, gehoben durch Anerkenntnis, durch Ruhm, und ahnen nicht, dass wir dieser Forderung das Ruhmwurdige und die Nahrung des Hoheren aufopfern; wir wollen geliebt sein, wo wir Anregung zur Liebe haben, und erkennen's nicht, dass wir den liebenden Genius darum in uns verdrangen. Wo bleibt die Freiheit, wenn die Seele Bedurfnisse hat und sie befriedigt wissen will durch aussere Vermittlung?

Was ist die Forderung, die wir ausser uns machen, anders, als der Beweis eines Mangels in uns? Und was bewirkt ihre Befriedigung, als nur die Beforderung dieser Schwache, die Gebundenheit unserer Freiheit in dieser? Der Genius will, dass die Seele lieber entbehre, als dass sie von der Befriedigung eines Triebes, einer Neigung, eines Bedurfnisses abhange.

Wir alle sollen Konige sein; und je widerspenstiger, je herrischer der Knecht in uns, je herrlicher wird sich die Herrscherwurde entfalten, je kuhner und gewaltiger der Geist, der uberwindet.

Der Genius, der selbst die Flugel regt, sich in den blauen Ather erhebt und Lichtstrahlen aussendet, der Macht hat, die Seligkeit durch eigne Krafte zu erzeugen; wie schon, wenn der sich vor Dir beugt und Dich lieben will, der nicht um Liebe klagt, nicht sie fordert, sondern sie gibt. Ja, schon und herrlich: ubergehen ineinander, in den Lichtspharen des Geistes, in aller Glorie der Freiheit aus eignem, kraftigem Willen.

Die Erde liegt im Ather wie im Ei, das Irdische liegt im Himmlischen wie im Mutterschoss, die Liebe ist der Mutterschoss des Geistes.

Es gibt keine Weisheit, keine Erkenntnis des Wahren, die mehr will, als die Liebe zu ihr.

Jede Wahrheit buhlt um die Gunst des Menschengeistes.

Gerechtigkeit gegen alle beurkundet die wahre Liebe zu dem einen.

Je allseitiger, je individueller.

Nur der Geist kann von Sunden freimachen.

Willst Du allein sein mit dem Geliebten, so sei allein mit Dir.

Willst Du den Geliebten erwerben, so suche Dich zu finden, zu erwerben in ihm.

Du erwirbst, Du hast Dich selbst wo Du liebst; wo Du nicht liebst, entbehrst Du Dich.

Bist Du allein mit Dir, so bist Du mit dem Genius.

Du liebst in dem Geliebten nur den eignen Genius.

Gott lieben, ist Gott geniessen; wenn Du das Gottliche anbetest, so gibst Du Deinem Genius ein Gastmahl.

Sei immer mit Deinem Genius, so bist Du auf dem graden Weg zum Himmel.

Eine Kunst erwerben, heisst dem Genius einen sinnlichen Leib geben.

Eine Kunst erworben haben, bedeutet dem Geist nicht mehr Verdienst, als dem Vater eines bedeutenden Kindes. Die Seele war da, und der Geist hat sie in die sichtbare, fuhlbare Welt geboren.

Wenn Du einen Gedanken hast, der Dich belehrt, so fuhlst Du wohl, es ist Dein liebender Genius, der Dir schmeichelt, der Dir liebkost. Er will Dich bewegen zur Leidenschaft fur ihn.

Und alle Wahrheit ist Eingebung, und alle Eingebung ist Liebkosung, ist Inbrunst von Deinem Genius zu Dir, er will Dich bewegen, in ihn uberzugehen.

Liebst Du, so nimmt Dein Genius eine sinnliche Gestalt an.

Gott ist Mensch geworden in dem Geliebten; in welcher Gestalt Du auch liebst es ist das Ideal Deiner eignen hoheren Natur, was Du im Geliebten beruhrst.

Die wahre Liebe ist keiner Untreue fahig, sie sucht den Geliebten, den Genius, wie den Proteus unter jeglicher Verwandlung.

Geist ist gottlicher Kunststoff, in der sinnlichen Natur liegt er als unberuhrtes Material. Das himmlische Leben aber ist, wenn Gott ihn als Kunststoff benutzt, um seinen Geist in ihm zu erzeugen.

Drum ist das ganze himmlische Leben nur Geist, und jeder Irrtum ist Verlust des Himmlischen. Darum ist jede Wahrheit eine Knospe, die durch die himmlischen Elemente bluhen und Fruchte tragen wird. Darum sollen wir die Wahrheit in uns aufnehmen, wie die Erde den Samen; als Mittel, durch welches unsere sinnlichen Krafte in ein hoheres Element hinuberbluhen.

Indem Du denkst, sei immer liebend gegen Deinen Genius, so wird Dir die Fulle des Geistes nie ausgehen.

Die echte Liebe empfindet den Geist auch im Leib, in der sinnlichen Schonheit. Schonheit ist Geist, der einen sinnlichen Leib hat.

Aller Geist geht aus Selbstbeherrschung hervor.

Selbstbeherrschung ist, wenn Deinem Genius die Macht uber Deinen Geist gegeben ist, die der Liebende dem Geliebten uber sich einraumt.

Mancher will sich selbst beherrschen, daran scheitert jeder Witz, jede List, jede Ausdauer; er muss sich selbst beherrschen lassen durch seinen Genius, durch seine idealische Natur.

Du kannst den Geist nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.

Du beruhrst Dich mit dem Geliebten in allem, was Du erhaben uber Dich fuhlst.

Du bist im Geheimnis der Liebe mit ihm, in allem, was Dich begeistert.

Nichts soll Dich trennen von diesem gottlichen Selbst, alles, was eine Kluft zwischen Dir und dem Genius bildet, ist Sunde.

Nichts ist Sunde, was mit ihm nicht entzweit, jeder Scherz, jeder Mutwill, jede Kuhnheit ist durch ihn sanktioniert, er ist die gottliche Freiheit in uns.

Wer sich durch die Ausserung dieser gottlichen Freiheit beleidigt fuhlt, der lebt nicht in seinem Genius, dessen Weisheit ist nicht Inspiration, sie ist Afterweisheit.

Die Erkenntnis des Bosen ist ein Abwenden aus der Umarmung der idealischen Liebe; die Sunde spiegelt sich nicht im Auge des Geliebten.

Du saugst gottliche Freiheit aus dem Blick der Liebe, der Blick des Genius strahlt gottliche Freiheit.

Es gibt ein wildes Naturleben, das durch alle Abgrunde schweift, den gottlichen Genius nicht kennt, aber ihn nicht verleugnet; es gibt ein zahmes, kultiviertes Tugendleben, das ihn von sich ausschliesst.

Wer die Tugend ubt aus eigner Weisheit, der ist ein Sklave seiner kurzsichtigen Bildungsanstalt; wer dem Genius vertraut, der atmet gottliche Freiheit, dessen Fahigkeiten sind zerteilt in alle Regionen, und er wird sich uberall wiederfinden im gottlichen Element.

Ich habe oft mit dem Genius gespielt in der Nacht, statt zu schlafen, und ich war mude, und er weckte mich zu vertraulichen Gesprachen und liess mich nicht schlafen.

So sprach der Damon heute nacht mit mir, da ich versuchte, Dir deutlich zu machen, in welchen wunderlichen Mitteilungen ich in diesen Kinderjahren begriffen war; er setzte Gedanken in mir ab, ich erwog sie nicht, ich glaubte an sie, sie waren wohl andrer Art, aber das Eigene hatten sie, wie auch noch jetzt, dass ich sie nicht als Selbstgedachtes, sondern als Mitgeteiltes empfinde.

***

Du bist gut, Du willst nicht, dass ich dies susse Geschwatz mit Dir abbreche, es ist doch allenfalls so schon und so verstandlich wie das Blinken der Sterne, was ich Dir hier sage; und wenn es auch nur war eine Melodie, die sich durch meinen Geist Luft machte sie ist ausserst lieblich, diese Melodie, und lehrt Dich traumen.

O lerne schone Traume durch mein Geschwatz, die Dich beflugeln und mit Dir den kuhlen Ather durchschiffen.

Wie herrlich schreitest Du auf diesen Traumteppichen! Wie wuhlst Du Dich durch die tausendfaltigen Schleier der Phantasie und wirst immer klarer und deutlicher, Du selber, der da verdient geliebt zu sein; da begegnest Du mir und wunderst Dich uber mich und gonnst es mir, dass ich zuerst Dich fand.

Schlafe! Senke Deine Wimpern ineinander, lasse Dich umweben so leise wie mit Sommerfaden auf der Wiese. Umweben lasse Dich mit Zauberfaden, die Dich ins Traumland bannen, schlafe! Und gib vom weichen Pfuhle traumend ein halb Gehor.

***

Am Weihnachtmorgen das waren drei Jahre, eh ich Dich gesehen habe, gingen wir bei fruher Zeit in die Kirche; es war noch Nacht, eine Laterne leuchtete voran, um durch den Schnee den Fusspfad zu finden, wir kamen an einer verodeten, verfallnen Klosterkirche voruber, der Wind pfiff durch die zerbrochnen Fenster und klapperte mit den losen Dachziegeln; "in diesem Gemauer hausen die Geister", sagte der Laternentrager, "da ist es unsicher!" Am Abend, im Zimmer der Grossmutter, wo eine ebenso verodete und verfallene Gesellschaft eine Spielpartie machte, erinnerte ich mich dieser Bemerkung; ich dachte, wie schauerlich es sein musse, da allein zu sein, und wie ich um alles in der Welt jetzt nicht dort sein mochte. Kaum hatte ich mir dies uberlegt, so war die Frage innerlich, ob ich's nicht wagen mochte? Ich schuttelte den Gedanken ab, er kam wieder, immer furchtsamer war ich, immer mehr wehrte ich mich gegen diesen unausfuhrbaren Einfall, immer dringender wurde die Aufforderung dazu. Ich wollte ihr entgehen und setzte mich in eine andere Ecke des wohlerleuchteten Zimmers, aber da war's grade der offnen Tur eines dunklen Raumes gegenuber, nun spielten und zingelten Winke in der Finsternis, sie webten und schwebten bis an mich heran. Ich wickelte mich in den Fenstervorhang vor diesen Scheinwesen in der dunklen Kammer, ich druckte die Augen zu und traumte in mich hinein, da war ein freundlich Zureden in mir, ich solle an die Klostermauer gehen, wo die Geister spuken. Es war acht Uhr abends, ich uberlegte, wie ich's wagen solle, in dieser Stunde einen einsamen weiten Weg zu gehen, den ich nicht genau kannte und den ich selbst bei Tag nicht allein machen wurde. Es zog mich immer tiefer in einen vertrauten, abgeschlossenen Kreis; die Stimmen der Spielenden vernahm ich wie aus weiter Ferne, wie eine fremde Welt, die ausser meinem Kreis sich rege.

Ich offnete die Augen und sah die wunderlichen, unauflosbaren Ratselgesichter der Spielenden dort sitzen, vom hellen Kerzenschein beleuchtet; ich horte die Ausrufungen des L'Hombrespiels wie Bannspruche und Zauberformeln; diese Menschen mit ihrem wunderlichen Beginnen waren gespensterhaft; ihre Kleidung, ihre Gebarden unverstandlich, grausenerregend; der Spuk war mir zu nahegekommen ich schlich mich leise hinaus. Auf der Hoftreppe atmete ich wieder frei; da lag der reine Schneeteppich zu meinen Fussen und deckte sanft anschwellend alle Unebenheiten; da breiteten die bereiften Baume ihre silbernen Zweige unter dem wandelnden Mondlicht aus. Diese Kalte war so warm, so freundlich, hier war nichts unverstandlich, nichts zu furchten, es war, als sei ich den bosen Geistern da drinnen entwischt; hier draussen sprachen die guten um so vernehmlicher zu mir, ich zauderte keinen Augenblick mehr, ihrem Geheiss zu folgen. Wie es auch werden mag, leise und behend klettere ich uber das Hoftor, jenseits werf ich mein Kleid uber den Kopf, um mich zu verhullen, und in fluchtigen Sprungen setz ich uber den Schnee. Manches begegnet mir, dem ich ausbeuge, mit gesteigerter Angst und klopfendem Herzen komme ich an, scheu und furchtsam seh ich mich um, aber ich zaudere nicht, den oden Platz zu betreten; ich bahne mir einen Weg durch das zusammengefallne, uberschneite Gestein bis zur Kirchenmauer, an die ich den Kopf anlehne. Ich lausche, ich hore das Klappern der Ziegeln im Dach, und wie der Wind in dem losen Sparrwerk rasselt; ich denke: "Ob das die Geister sind?" Sie senken sich herab, ich suche meine Angst zu bekampfen sie schweben in geringer Hohe uber mir, die Furcht beschwichtigt sich allmahlich; es war, als ob ich die offne Brust dem Hauch des Freundes biete, den ich kurz vorher noch fur meinen Feind gehalten hatte.

Wie ich zum erstenmal vor Dir stand es war im Winter 1807 da erblasste ich und zitterte, aber an Deiner Brust, von Deinen Armen umschlossen, kam ich so zu seliger Ruhe, dass mir die Augenlider zufielen und ich einschlief.

So ist's, wenn wir Nektar trinken, die Sinne sind dieser Kost nicht gewachsen. Da mildert der Schlaf den Sturm der Beseligung und vermittelt und schutzt die gebrochnen Krafte; konnten wir umfassen, was uns in einem Moment geboten ist, konnten wir sein verklarendes Anschauen ertragen, so waren wir hellsehend; konnte sich die Macht des Gluckes in uns ausbreiten, so waren wir allmachtig; drum bitte ich Dich, wenn es wahr ist, dass Du mich liebst, begrabe mich in Deinem Denken, decke mir Herz und Geist mit Schlaf, weil sie zu schwach sind, um ihr Gluck zu tragen. Ja Gluck! Wer sich mit ihm verstandigte, wie mit einem Geist, dem er sich gewachsen fuhlte, der musste durch es seine irdische Natur zur gottlichen verklaren.

Gestern kam ein Brief von Dir, ich sah das blaue Kuvert auf dem Tisch liegen und erkannte ihn von weitem, ich verbarg ihn im Busen und eilte in mein einsames Zimmer an den Schreibtisch, ich wollte Dir gleich beim ersten Lesen die Fulle der Begeistrung niederschreiben. Da sass ich und faltete die Hande uber dem Schatz und mochte ihn nicht vom warmen Herzen herunternehmen. Du weisst, so hab ich mich auch nie aus Deinen Armen losgemacht; Du warst immer der erste und liessest die Arme sinken und sagtest: "Nun geh!" Und ich folgte dem Befehl Deiner Lippen. Hatte ich dem Deiner Augen gefolgt, so war ich bei Dir geblieben; denn die sagten: "Komm her!"

Ich schlief also ein uber dem Bewachen meines Kleinods im Busen, und da ich erwachte, las ich die zwei Zeilen von Deiner Hand geschrieben: "Ich war auch einmal so narrisch wie Du, und damals war ich besser als jetzt."

O Du! Von Dir sagt die offentliche Stimme, Du seist glucklich, sie preisen Deinen Ruhm, und dass an den Strahlen Deines Geistes Dein Jahrhundert sich zum Athergeschlecht ausbrute, zum Fliegen und Schweben uber Hohen und den Flug nach Deinen Winken zu richten; aber doch sagen sie, Dein Gluck ubersteige noch Deinen Geist. O wahrlich, Du bist Deines Gluckes Schmied, der es mit kuhnem, kraftigem Schlag eines Helden zurechtschmiedet; was Dir auch begegne, es muss sich fugen, die Form auszufullen, die Dein Gluck bedarf, der Schmerz, der andre zum Missmut und zur Klage bewegen wurde, der wird ein Stachel fur Deine Begeistrung. Was andre niederschlagt, das entfaltet Deinen Flug, der Dich den Bedrangnissen enthebt, wo Du den reinen Ather trinkst und die Empfindung des Elends Dich nicht verdirbt. Du nimmst Dein Geschick als Kost nur aus den Handen der Gotter und trinkst den bitteren Kelch wie den sussen mit dem Gefuhl der Uberlegenheit. Du lasst Dich nicht berauschen, wie ich mich berauschen lasse auf dem Weg, der zu Dir fuhrt. Du wurdest nicht, wie ich, der Verzweiflung hingegeben sein, wenn ein Abgrund Dich von Deinem Gluck trennte. Und so hat Ungluck nichts mit Dir zu schaffen. Du weisst es zu schaffen, Dein Gluck, in jedem kleinen Ereignis, wie die allselige Natur auch der geringsten Blume eine Blutezeit gewahrt, in der sie duftet und die Sonne ihr in den Kelch scheint.

Du gibst jedem Stoff, jedem Moment alles, was sich von Seligkeit in ihn bilden lasst, und so hast Du mir gegeben, da ich doch zu Deinen Fussen hingegeben bin; und so hab auch ich einen Moment Deines Gluckes erfullt. Was will ich mehr! Da in ihm eine Aufgabe liegt bis zum letzten Atemzug.

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Ich vergleiche Dich mit Recht jener freundlichen, kalten Winternacht, in der sich die Geister meiner bemachtigten, in Dir leuchtet mir nicht die Sonne, in Dir funkeln mir tausend Sterne, und alles Kleinliche, was der Tag beleuchtet, schmilzt mir unberuhrt in seinen vieleckigen Widerwartigkeiten in erhabenen Massen zusammen.

Du bist kalt und freundlich und klar und ruhig wie die helle Winternacht; Deine Anziehungskraft liegt in der idealischen Reinheit, mit der Du die hingebende Liebe aufnimmst und aussprichst. Du bist wie der Reif jener Winternacht, der die Baume und Straucher mit allen kleinen Zweigen, Sprossen und Knospen zukunftiger Blute mit weicher Silberdecke umkleidet. Wie jene Nacht, wechselnd mit Mond- und Sternenlicht, so beleuchtest Du Dein Begreifen und Belehren in tausend sich durchkreuzenden Lichtern und deckst mit milder Dammerung und verschmilzst im Schatten; die aufgeregten Gefuhle ubergiessest Du mit idealischen Formen, jede Stimmung wird durch Dein liebendes Verstehen individueller und reizender, und durch Dein sanftes Beschwichtigen wird die heftige Leidenschaft zum Genie.

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Von jenen abenteuerlichen Geister-Nachtwegen kam ich mit durchnassten Kleidern zuruck, vom geschmolzenen Schnee; man glaubte, ich sei im Garten gewesen. Uber Nacht vergass ich alles, erst am andern Abend um dieselbe Stunde fiel mir's wieder ein und die Angst, die ich ausgestanden hatte; ich begriff nicht, wie ich hatte wagen konnen, diesen oden Weg in der Nacht allein zu gehen und auf dem wusten, schaurigen Platz zu verweilen; ich stand an die Hofture gelehnt, heute war's nicht so milde und still wie gestern, die Winde hoben sich und brausten dahin, sie seufzten auf zu meinen Fussen und eilten nach jener Seite, die schwankenden Pappeln im Garten beugten sich und warfen die Schneelast ab, die Wolken trieben mit ungeheurer Eile, was festgewurzelt war, schwankte hinuber, was sich ablosen konnte, das nahmen die jagenden Winde unaufhaltsam mit sich. In einem Nu war auch ich uber die Hoftur und im fluchtigen Lauf atemlos bis an die Kirche gekommen, und nun war ich so froh, dass ich da war; ich lehnte mich an das Gemauer, bis der Atem beschwichtigt war, es war, als ob Leib und Seele in dieser Verborgenheit gelautert wurden, ich fuhlte die Liebkosungen von meinem Genius in der Brust, ich fuhlte sie als echte Mitteilungen im Geist. Alles ist gottliche Mitteilung, was wir erfahren, alles Erkennen ist Aufnehmen des Gottlichen, es kommt nur auf die zweifellose unschuldige Empfangnis unseres Geistes an, dass wir auch den Gott in uns empfinden. Wie ich zum erstenmal vor Dir stand und mich Dein Blick wie ein Zauberstab beruhrte, da verwandeltest Du allen Willen in Unterwerfung, es kam mir nicht in den Sinn, etwas anders zu verlangen, als in dieser Lichtatmosphare in die mich Deine Gegenwart aufnahm, zu verweilen, sie war mein Element; ich bin oft aus ihm verdrangt worden, immer durch eigene Schuld. Die ganze Aufgabe des Lebens ist ja das Beharren in ihm, und die Sunde ist das, was uns daraus verdrangt.

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So erlangen wir Seligkeit, wenn wir auf dem Weg uns zu erhalten wissen, auf dem wir sie ahnen. Nie hatte ich eine bestimmtere Uberzeugung von ihr, als wenn ich glaubte, von Dir geliebt zu sein. Und was ist sie denn, diese Seligkeit? Du bist fern, wenn Du Dich der Geliebten erinnerst, so schmilzt Deine Seele in diese Erinnerung ein und beruhrt so liebend die Geliebte, wie die Sonnenstrahlen warmend den Fluss beruhren; wie die leisen Fruhlingslufte, die den Duft und den Blutenstaub zu dem Fluss tragen, der diese schonen Geschenke des Fruhlings mit seinen Wellen vermischt. Wenn alles Wirken in der Natur sich geistig in sich selbst fuhlt, so empfindet der Fluss diese liebkosenden Beruhrungen als ein innerlichstes Wesentlichstes. Warum sollte ich dies bezweifeln? Warum empfinden wir die Entzuckungen des Fruhlings, als nur weil er den Rhythmus angibt, mit dem der Geist sich aufzuschwingen vermag? Also, wenn Du meiner gedenkst, so gibst Du den Rhythmus an, mit dem meine Begeistrung sich zu dem Begriff von Seligkeit aufzuschwingen vermag.

Ach, ich fuhl's! Mich durchzucken leise Schauer, dass Du meiner gedenken solltest in der Ferne, dass das Behagen, die Lust Deiner Tage einen Augenblick erhoht wird durch meine Liebe. Sieh, so schon ist das Geweb meiner innern Gedankenwelt, wer mochte es zerstoren! Musik! Jeder Ton in ihr ist wesentlich, ist der Keim einer Modulation, in die die ganze Seele sich fugt, und so verschieden, so in sich abgeschlossen die melodischen Formen sind, in die diese Gedankenwelt sich ergiesst: so umfasst sie doch und vernimmt die Harmonie, wie der Ozean alle Stromungen in sich aufnimmt.

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So gehort denn auch zu unserm vogelsingenden, bluteschneienden Fruhling, wo der Fluss zwischen duftenden Krautern tanzt und ein Herz im andern lebt, jener kalte, vom Wind und Schnee durchkreuzte Winter, wo die eisige Luft mir den Atem an den Haaren zu Reif ansetzte, wo ich so wenig wusste, was mich in den Wintersturm hinausjagte, als wo der Wind herkam, und wo er hineilte. Ach, Herz und Sturmwind eilten der Gegenwart zuvor in die Zukunft, also Dir entgegen. Darum riss es mich so unwiderstehlich aus dem stummen Dasein dem schonen Augenblick entgegen, der mein Leben in allen seinen Aspirationen entwikkeln und in Musik auflosen sollte.

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Es kann dem Winter nichts ungleicher sein als der Fruhling, der unter seiner eisigen Decke der Zukunft harrt; es kann dem im Samen verschlossnen, in der Erde verborgenen Keim nichts fremder sein als das Licht, und doch ist es seine einzige Richtung; der Genius des Lebens treibt aus ihm hervor, um sich mit dem Licht zu vermahlen. Dieses Anschmiegen an eine Geisterwelt, dies Vertrauen auf die geheime Stimme, die mich so seltsame Wege leitete, die mir nur leise Winke gab, was war es anders als ein unwillkurliches Folgen dem Geist, der mich reizte, wie das Licht das Leben!

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Meine verodete Kirche stand diesseits an der Hohe, einer Mauer, die tief hinabging, einen Bleichplatz umschloss, der jenseits vom Mainfluss begrenzt war. Wahrend mir vor der Hohe dieser Mauer schwindelte und ich furchtsam ausweichen wollte, hatte ich mich unwillkurlich hinubergeschwungen, und so fand ich im nachtlichen Dunkel kleine Spalten in der Mauer, in die ich Hande und Fusse einklemmte und hervorragende Steine, auf denen ich mir hinabhalf; ohne zu bedenken, ob und wie ich wieder hinaufkommen werde, hatte ich den Boden erreicht; eine Wanne, die wohl im Sommer zum Bleichen gedient hatte und im Herbst war vergessen worden, rollte ich bis zum Ufer, stellte sie da auf und setzte mich hinein und sah dem Eisgang zu; es war mir eine behagliche, befriedigende Empfindung, so als eingerahmtes Bild der erhabenen Winternatur ins Antlitz zu schauen. Es war, als habe ich einer geheimen Anforderung Genuge geleistet. Im Hinaufklettern fand ich ebenso kleine Lucken und Steine unter Handen und Fussen, wie ich sie brauchte. Von nun an konnte kein Wetter, kein Zufall mich abhalten, ich uberwand alle Schwierigkeiten; ohne zu wissen wie, fand ich mich an meiner Geistermauer, an der ich jeden Abend hinabkletterte und in meiner Wanne sitzend dem Treiben der Eisschollen zusah. Eine stiess ans Ufer, ich straubte mich nicht mehr gegen die damonischen Eingebungen, zuversichtlich sprang ich drauf und liess mich eine Weile forttreiben. Dann sprang ich auf die nachste, bis ich endlich in der Mitte des Stromes dahinsegelte. Es war eine wunderbare Nacht! Warum? Jeder Naturmoment ist wunderbar, ist ungeheuer, wo er in seiner Freiheit waltet uber den Menschengeist, ich habe mich ihm preisgegeben, und so wirkte er als hochstes Ereignis. Am fernen Horizont schimmerte ein dunkles Rot, ein trubes Gelb und milderte die Finsternis zur Dammerung, das Licht, gefesselt in den Umarmungen der Nacht; dahin schaute ich, dahin trug mich mein eisiger Seelenverkaufer, und der Wind, der sich kaum uber die Hohe des Flusses hob, spielte und klatschte zu meinen Fussen mit den Falten meiner Kleider. Noch heute empfinde ich den koniglichen Stolz in meiner Brust, noch heute hebt mich die Erinnerung der schmeichelnden Winde zu meinen Fussen, noch heute durchgluht mich die Begeistrung jener kuhnen nachtlichen Fahrt, als wenn es nicht vor sechs Jahren, sondern in dieser kalten Winternacht war, in der ich hier sitze, um Dir zulieb und meiner Liebe zum Gedachtnis alles aufzuschreiben. Eine gute Strecke hatte ich mich dahin treiben lassen, da war ich ebenso willenlos, als ich den Fluss hinabgeschwommen war, wieder umgekehrt, ich schritt ruhig von einer nachkommenden Eisscholle zur andern, bis ich mich glucklich am Ufer befand. Zu Hause im Bette uberlegte ich, wo mich wohl noch diese Wege hinfuhren mochten; es ahnte mir wie ein Weg, der immer weiter, aber nicht zuruckfuhren werde, und ich war neugierig auf das Abenteuer der nachsten Nacht. Am andern Tag unterbrach eine zufallige Reise in die Stadt meine nachtlichen Geisterwanderungen. Da ich nach drei Wochen zuruckkehrte, war dieser machtige Reiz aufgehoben, und nichts hatte mich bewegen konnen, sie aus eigener Willkur zu wagen. Sie lenkten freilich einen Weg, diese freundlichen Nachtgeister, der nicht wieder umlenkt, sie belehrten mich, wollten mich lehren der Tiefe, dem Ernst, der Weisheit meines Gluckes nachzugehen und seine Beseligung nur als seinen Abglanz zu betrachten. So machen es die Menschen; wahrend ihr Geschick ihnen einen vorubergehenden Genuss darbietet, wollen sie ewig dabei verweilen und versaumen so, sich ihrem Gluck, das vorwarts schreitet, zu vertrauen, und ahnen nicht, dass sie den Genuss verlassen mussen, um dem Gluck nachzugehen und es nicht aus den Augen zu lassen.

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Nur das eine ist Gluck, was den idealischen Menschen in uns entwickelt, und nur insofern ihn Genuss in den Ather hebt und ihn fliegen lehrt in ungekannten Regionen, ist er ihm wahre Beseligung. Gewiss, ich mochte immer bei Dir sein, in Dein Antlitz schauen, Rede mit Dir wechseln, die Lust wurde nimmer versiegen: aber doch sagt mir eine geheime Stimme, dass es Deiner nicht wurdig sein wurde, mir dies als Gluck zu setzen. Vorwartseilen in den ewigen Ozean, das sind die Wege, die mir auf eisiger Bahn die Geister vorschrieben, auf denen ich Dich gewiss nicht verlieren werde, da auch Du nicht umkehrst und ich nie an Dir voruberschreiten werde, und so ist gewiss das einzige Ziel alles Begehrens die Ewigkeit.

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Die Reise nach der Stadt hatte der Krieg veranlasst. Wir fluchteten vor dem Getummel der Osterreicher mit den Franzosen; es war zu furchten, dass unser kleines Stadtparadies mit seinen wohlgeordneten Lustrevieren nachstens unter den Hufen kampfender Reiterei zertrummert werde. Der Feind war nur fluchtig durch Feld und Wald gesprengt, hatte uber den Fluss gesetzt, und die heimliche Ruh des beginnenden Fruhjahrs lagerte schutzend uber den Saatfeldern, deren junges Grun schon aus dem schmelzenden Schnee hervorragte, da wir wieder zuruckkehrten.

Die kraftigen Stamme der Kastanienallee, Du kennst sie wohl! Manche Traume Deiner Fruhlingstage flatterten dort mit der jungen Nachtigallenbrut um die Wette, wie oft bist Du dort an Liebchens Arm dem aufgehenden Mond entgegengeschlendert! Ich mag nicht daran denken; Du wirst Dich der heiteren Aussichten des wimmelnden Lebens auf dem Fluss am Tag, seiner ruheflusternden Schilfgestade in warmen Sommernachten und seiner ringsum bluhenden Garten, zwischen denen sich die reinlichen Strassen verteilen, noch gar wohl erinnern und auch seiner Bequemheit fur Deine Liebesangelegenheiten. Seitdem hat sich die Gegend wie die Lebensweise und auch die Bevolkerung ins Wunderbare gespielt, und keiner wurde es glauben, der's nicht gesehen hat, und jeder, der mit seinem Reisejournal in der Tasche von seiner Reise um die Welt hier durchkam, wurde glauben, in die Stadt der Marchen versetzt zu sein12; eine mystische Nation wandelt in bunter, wunderbarer Kleidung zwischen den andern durch; die Greise und Manner mit langen Barten in Purpur und grun und gelben Talaren, die Halfte des Gewandes immer von verschiedener Farbe, die wunderschonen Junglinge und Knaben in enganliegendem Wams, mit Gold verbramt, die eine Hose grun, die andre gelb oder rot, dahersprengend auf mutigen Rossen mit silbernen Glockchen am Hals, oder am Abend durch die Strasse auf der Gitarre und Flote praludierend, bis sie vor Liebchens Fenster Halt machen! Denke Dir dies alles und den milden Sommerhimmel, der sich daruber wolbt und dessen Grenzen eine bluhende, tanzende und musizierende Welt umfliesst; denke Dir den Fursten jenes Volkes mit silbernem Bart, weissem Gewand, der vor dem Tor seines Palastes auf offentlicher Strasse auf prachtigen Teppichen und Polstern lagert, umgeben von seinem Hofstaat, wo jeder einzelne ein absonderliches Zeichen seines Amts und Wurde an seiner fabelhaften Kleidung hat. Da speist er unter freiem Himmel gegenuber den lustigen Garten, hinter deren zierlichen Gittern hohe Pyramiden bluhender Gewachse aufgestellt sind und mit feinem Drahtflor umzogene Volieren, wo der Goldfasan und der Pfau zwischen den rucksenden Haustauben einherstolzieren und die kleinen Singevogel jubeln, alles von zartem, grunem Rasen umschlossen, wo mancher Wasserstrahl emporschiesst; die Knaben in verbramten Kleidern goldne Schusseln bringen, indessen aus den offnen Fenstern des Palastes Musik erschallt. Wir Kinder machten manchmal im Vorubergehen da Halt und sahen und horten dem Verein schoner Junglinge im Gesang, Flote und Gitarre zu; aber damals wusste ich nicht, dass nicht uberall die Welt so heiter lieblich, so reinen Genusses sich ausbreite; und so fand ich es auch nicht wunderbar, wenn die Nacht einbrach und aus dem Nachbarsgarten die herrlichsten Symphonien heruberschallten, von einem Orchester der ersten Kunstler aufgefuhrt, wenn die herrlichen grossen Baume mit so viel bunten Lampen geschmuckt waren, als Sterne sich am Himmel blicken liessen; da suchte ich einen einsamen Weg und sah den gluhenden Johanniswurmchen zu, wie sich die im Flug durchkreuzten, und ich war uberrascht von dem wunderbaren Leuchten, ich dachte nachts an diese Tierchen und freute mich auf den andern Abend, um sie wiederzusehen, auf die Menschen aber freute ich mich nicht, sie leuchteten mir nicht ein, ich verstand und ahnte nicht, dass man sich mit ihnen verstandigen konne; manche Sommernacht auch schwamm die Kapelle von blasenden Instrumenten auf dem Main, bald hinab und hinauf, begleitet von vielen Nachen, auf denen sich kaum ein Flustern horen liess, so tiefernst horten sie der Musik zu. Da wurde ich auch mitgeschaukelt auf den sanften Wellen und sah die wechselnden Schatten, Lichter und Mondstrahlen und liess das kuhle Wasser uber meine Hande laufen. So war das Sommerleben, das plotzlich durch die ruckkehrenden Kriegsszenen unterbrochen ward. Da war an kein Fluchten zu denken, am Morgen, da wir erwachten, hiess es: "Hinab in den Keller! Die Stadt wird beschossen, die Franzosen haben sich hereingeworfen, die Rotmantel und die Totenkopfe sprengen von allen Seiten heran, um sie herauszujagen!" Da war ein Zusammenlaufen auf den Strassen, da erzahlte man sich von den Rotmanteln, dass die kein Pardon gaben, alles zusammenhauen, dass sie furchterliche Schnurrbarte haben, rollende Augen, blutrote Mantel, damit das vergossene Blut nicht so leicht zu bemerken sei. Allmahlich wurden die Fensterladen geschlossen, die Strassen leer, die erste Kugel, die durch die Strassen flog, eilte alles in die Keller, auch wir, Grossmutter, Tante, eine alte Cousine von achtzig Jahren, die Kochin, die Kammerjungfer, ein mannlicher Hausgenosse. Da sassen wir, die Zeit wurde uns lang, wir lauschten eine Bombe flog in unsern Hof, sie platzte. Das war doch eine Diversion, aber nun stand zu erwarten, dass Feuer ausbrechen konne. Allerlei, was meiner Grossmutter unendlich wichtig war von Buchern, von Bildern, fiel ihr ein, sie hatte es gern in den Keller gerettet. Der mannliche Hausgenosse demonstrierte, wie es eine Unmoglichkeit sei, den heiligen Johannes, ein Bild, was die wunderbare Eigenschaft hatte, die Fabel geltend zu machen, er sei ein Raffael, jetzt aus dem oberen Saal herunterzuschaffen, indem es viel zu schwer sei; ich entfernte mich leise, stieg zum Saal, hob das schwere Bild ab, nahm es an der Schnur uber den Rucken, und so kam ich, noch eh die Verhandlung beendigt war, zum Erstaunen aller und zur grossen Freude der Grossmutter, zur Kellertreppe herabgepoltert, ich meldete noch, wie ich aus dem Saalfenster gesehen und alles still sei; ich bekam die Erlaubnis, noch mehr zu retten, ich bekam die Schlussel zur Bibliothek, um Kupferwerke zu holen, mit freudiger Eile sprang ich die Treppe hinauf, in die Bibliothek hatt ich langst gern mich eingestohlen, da war eine Sammlung prachtvoller Muscheln, wunderbarer Steine, getrockneter Pflanzen, da hingen Strausseneier an den Wanden, Kokusnusse, da lagen alte Waffen, ein Magnetstein, an dem alle Nah- und Stricknadeln hangen blieben, da standen Schachteln voll Briefschaften, Toiletten mit wunderlichem alten Geschirr und Geschmeide, Zitternadeln mit Sternen von bunten Steinen, o ich freute mich, den Schlussel zu haben, ich holte herunter, was man verlangte, zog den Schlussel ab, ohne abzuschliessen, und dachte mir eine stille, einsame Nacht, in der ich, alles durchsuchend und betrachtend, schwelgen wolle. Das Schiessen hatte wieder angefangen, einzelne Reiter horte man in gestrecktem Galopp die furchtbare Stille der Strasse unterbrechen, die Furcht im Keller stieg, man dachte jedoch nicht daran, dass ich verletzt werden konne, und ich auch nicht; ich sprach nicht aus, dass ich mich nicht furchte, und fuhlte auch nicht, dass ich Gefahr lief, und so uberkam ich das schone Amt, alle zu bedienen, fur alle Bedurfnisse zu sorgen. Ich horte verschiedentlich die Reiter vorubersprengen. "Das mag ein Rotmantel sein!" dachte ich, lief eilig ans Fenster des unteren Geschosses, riss den Laden auf siehe, da hielt er in der mitten Strasse mit gezogenem Sabel, langem fliegenden Schnurrbart, dicken, schwarzen, geflochtenen Haarzopfen, die unter der roten Pelzmutze hervorhingen, der rote Mantel schwebte in den Luften, wie er die Strasse hinabflog, alles wieder totenstill! Ein junger Mensch in Hemdarmeln, blossem Kopf, totenblass, blutbespritzt, rennt verzweiflungsvoll hin und wieder, rasselt an den Hausturen, klopft an den Laden, keiner tut sich auf, mir klopft das Herz, ich winke er sieht es nicht. Jetzt eilt er auf mich zu, bittend, da ertont der Schall eines Pferdes; er schmiegt sich in die Vertiefung des Hoftors, der Reiter, der ihn suchend verfolgt, sprengt an ihm vorbei, halt einen Augenblick, spaht in die Ferne, wendet um und fort. O, jeder Blick, jede Bewegung des Reiters und des Pferdes haben sich tief in mein Gehirn gepragt, und der arme Angsterfullte eilt hervor und schwingt sich am schwachen Kinderarm herein in die rettenden Wande, aber kaum, da ist der Reiter schon wieder, er sprengt an mich heran, ich ruhr mich nicht vom Fenster, er verlangt Wasser, ich eile in die Kuche, es ihm zu holen, nachdem er getrunken und nachdem ich ihn die Strasse hinabreiten gesehen erst, mache ich meinen Laden zu, und nun sehe ich mich nach meiner geretteten Beute um. Hatte sich der Rotmantel auf seinem Pferde in die Steigbugel gestellt, so hatte er meinen Geretteten entdeckt, dieser kusste mir zitternd die Hande und sagte mit leiser Stimme: "O mon dieu! mon dieu!". Ich lachte vor Freuden, aber dann brach ich in Tranen aus; denn es ruhrte mich, der Retter eines Menschen geworden zu sein, so ohne mich zu besinnen, so ohne zu wissen wie. Und Du auch! Ruhrt es Dich nicht? Freut es Dich nicht, dass es mir gelungen ist? Mehr als alle Schmeichelreden, die ich Dir sagen konnte? "Sauvez-moi! Cachez-moi!" sagte er, "mon pere et ma mere prieront pour vous.". Ich fasste ihn bei der Hand und fuhrte ihn schweigend leise uber den Hof nach dem Holzstall: dort untersuchte ich seine Wunde, das Blut abwaschen konnte ich nicht, ich hatte kein Wasser, holen mochte ich auch keins, der Nachbar Andree, dessen Du Dich auch erinnern musst, war mit mehreren Freunden auf sein Observatorium gestiegen, um das Kriegswesen zu beobachten, er konnte mich bemerken. Ein einzig Mittel hatte ich erfunden; ich leckte ihm das Blut ab, denn es ihm so mit Speichel abzuwaschen, schien mir zu unbescheiden; er liess mich gewahren, ich zog leise und sanft die anklebenden Haare zuruck, da flog ein Huhn mit grossem Geschrei vom oberen Holz herunter, wir hatten es verscheucht von dem Ort, wo es seine Eier zu legen pflegte, ich kletterte hinauf, um das Ei zu holen, die innere weisse Haut legte ich uber die Wunde es mag wohl geheilt haben, ich will's hoffen! Nun eilte ich wieder in den Keller, die eine Schwester schlief, die andere betete vor Angst, die Grossmutter schrieb an einem kleinen Tisch bei Licht ihr Testament, die Tante hatte den Tee bereitet, ich bekam die Schlussel zur Speisekammer, um Wein und kalte Speisen zu holen, da dachte ich auch an den Magen meines armen Gefangenen und brachte ihm Wein und Brot. So ging der Tag voruber und die Gefahr, der Keller wurde verlassen, mein Geheimnis fing an mich zu beklemmen; ich beobachtete jeden Schritt der Hausgenossen, der Kochin half ich in der Kuche, ich holte ihr Wasser und Holz, unter dem Vorwand, dass es doch noch gefahrlich sein konne unter freiem Himmel, sie liess sich's gefallen; endlich und endlich kam die Nacht, der Nachbar hatte Rapport gebracht, dass nichts zu furchten sei vor der Hand, und so legte man sich zur Ruhe, deren man so sehr bedurfte. Ich hatte meine Schlafstatte im Nebenzimmer der Grossmutter, von da konnte ich den Holzstall, der vom Mond beschienen war, beobachten, ich ordnete nun meinen Plan: furs erste mussten Kleider geschafft werden, die den Soldaten verleugneten. Wie gut, dass ich die Bibliothek offen gelassen! Da oben hing ein Jagdkleid und Mutze von welchem Schnitt, ob alt- oder neumodisch wusst ich nicht. Wie ein Geist schlich ich auf blossen Strumpfen an der Tante Zimmer vorbei, schwebend trug ich's herunter, damit die metallnen Knopfe nicht rasselten, er zog es an, es sass wie angegossen Gott hat es ihm angepasst und die Jagdmutze dazu! Ich hatte das Geld, was man mir schenkte, immer in das Kissen eines ledernen Sessels gesteckt, weil ich keine Gelegenheit hatte, es zu brauchen. Jetzt durchsuchte ich den Sessel, und es fand sich eine ziemliche Barschaft zusammen, die ich meinem Geretteten als Zehrpfennig einhandigte. Nun fuhrte ich ihn durch den mondbeschienenen, bluteduftenden Garten; wir gingen langsamen Schrittes Hand in Hand bis hinter die Pappelwand, an die Mauer, wo alle Jahr die Nachtigall in der Rosenhecke ihr Nest baute, es war grade die Zeit, was half's dies Jahr musste sie gestort werden. Da wollte er mir danken, da nahm er mich auf seine Arme und hob mich hoch, er warf die Mutze ab und legte den verbundenen Kopf auf meine Brust, was hatte ich zu tun? Ich hatte die Arme frei, ich faltete sie uber seinem Kopf zum Gebet; er kusste mich, stieg uber die Rosenheckenmauer in einen Garten, der zum Main fuhrte, da konnte er sich ubersetzen; denn es waren Nachen am Ufer.

Es gibt unerwartete Erfahrungen, die sind vergessen, gleich als ob sie nicht erlebt waren, und erst dann, wenn sie wieder aus dem Gedachtnisbrunnen heraufsteigen, ergibt sich ihre Bedeutung es ist, als ob eine Lebenserfahrung dazu gehorte, ihre Wichtigkeit empfinden zu lernen; es sind andre Begebnisse, auf die man mit Begeistrung harrt, und die schwimmen so gleichgultig voruber wie das fliessende Wasser. Wie Du mich fragtest, wer mir den ersten Kuss gegeben habe, dessen ich mich deutlich erinnere, da schweifte mein Besinnen hin und her wie ein Weberschiffchen, bis allmahlich dies Bild des Erretteten lebhaft und deutlich hervortrat, und in diesem Widerhall des Gefuhls erst werde ich gewahr, welche tiefe Spuren sie in mir zuruckgelassen! So gibt es Gedanken wie Lichtstrahlen, die einen Augenblick nur das Gefuhl der Helle geben und dann verschwinden, aber ich glaube gewiss, dass sie ewig sind und uns wieder beruhren in dem Augenblick, wo unsere sittliche Kraft auf die Hohe steigt, mit der allein wir sie zu fassen vermogen. Ich glaube: mit uns selbst ins Gericht gehen, oder wenn Du willst, Krieg fuhren mit allen Machten, ist das beste Mittel, hoherer Gedanken teilhaftig zu werden. Es gibt eine Art Lumpengesindel auch im Geist, das alle Befahigung zur Inspiration unterdruckt und sich wuchernd ausbreitet; dahin gehoren die Anspruche aller Art nach aussen: wer etwas von aussen erwartet, dem wird es in dem Innern nicht kommen, aller Reiz, der nach aussen zur Versundigung wird, kann im Innersten konzentriert zur Tugend werden; das Gefuhl, das, sowie es sich mit der Oberflache des Lebens beruhrt, gleich zur Eitelkeit anschliesst: in der innersten Seele festgehalten, wird sich zu einer demutigen Unterwerfung an die Schonheit ausbilden. Und so konnte wohl jede Verkehrtheit daher entstehen, weil ihr Reiz fehlgeht in seiner Befriedigung. Alle Anspruche, aller Reiz, alle Leidenschaft soll befriedigt werden, aber nur durch das Gottliche, und so nicht der Sklave der Leidenschaft, sondern unserer hoheren Natur werden.

Wenn ich mich uber mich selbst stelle und uber mein Tun und Treiben, dann kommen mir gleich Gedanken, von denen empfinde ich, sie haben eine bestimmte Beziehung auf eine bestimmte Erscheinung in mir, wie gewiss auch bei den verschiedenen Epochen in dem Pflanzenleben die Nahrung eine verschiedne geistige Richtung annimmt; dass zum Beispiel beim Bluhen der Nahrungsstoff, der doch aus denselben Elementen besteht, eine in sich selbst erhohte geistige Verwandlung vornimmt; denn er aussert sich ja nicht mehr bloss vegetierend in dem Leben der Pflanze, sondern duftend, wissend, in ihrem Geist. Gedanken dieser Art beglucken mich, wenn ich Frieden mit mir schliesse und den Schlaf gleichsam annehme als Versohnung mit mir selbst; so gestern abend fuhlte ich vor dem Einschlafen, als ob mich mein Inneres in Liebe aufgenommen habe, und da schlief ich die Ruhe bis tief in meine Seele hinein und wachte von Zeit zu Zeit auf und hatte Gedanken. Ich schrieb sie, ohne sie weiter zu spinnen oder ihren Gehalt zu wagen, ja selbst manche, ohne sie ganz zu verstehen, mit Bleistift auf und schlief dann gleich wieder fort, aber bald weckte mich's wieder auf; diese Gedanken waren wie Ausrufungen meiner Seele in der Empfindung von Behagen. Ich will sie hier abschreiben, wie ich sie nacheinander erfahren. Ob sie Wert und Gehalt haben, lasse ich unberuhrt, aber immer werden sie ein Beweis sein, dass der Geist auch im Schlaf lebendig wirkt.

Ich glaub, dass jede Handlung ihre unendlichen Folgen hat; dass uns die Wahrheit Genuss gewahrt, dass also jeder Genuss eine Wahrheit zum tiefsten Grunde hat, dass also jeder Genuss durch seine Wahrheit legitimiert ist.

Ich glaube, dass alle Ahnungen Spiegelungen der Wahrheit sind.

Der Geist ist Auge, je scharfer er sieht, je deutlicher wird die Ahnung, je reiner tritt das Spiegelbild der Wahrheit in der Empfindung auf. Die Vielheit soll zur Einheit fuhren, der Spiegel fasset alles in einen Strahl zusammen.

Das Licht gebart das allseitige Leben und Streben in die Einheit, in das Reich des Gottlichen.

Die Philosophie ist Symbol der Leidenschaft zwischen Gott und dem Menschen.

Die Liebe ist eine Metamorphose der Gottheit.

Jeder Gedanke ist die Blute einer Pflanze; was ist dann aber ihre Frucht? Die Wirkung auf unser Inneres ist ihre Frucht.

Zum Denken des wahren Geistes gehort die Unschuld. Nur mit der unschuldigen Psyche beredet sich der Geist.

Der Geist stellt die erkrankte Unschuld her. Die Frucht des Geistes geniessen, macht unschuldig, das ist die Wirkung der Frucht.

Das Sinnliche ist Symbol des Geistigen, ist Spiegel einer noch nicht in die geistige Erfahrung getretnen Wahrheit.

Geistige Erfahrung ist gebornes Leben. Wenn wir Besitzer der geistigen Wahrheit sind, dann ist das Sinnliche aufgelost.

Alles Sinnliche ist unverstanden, durch sein Verstehen wird es geistig.

Geistige Entwicklung macht grosse Schmerzen, sie ist der Beweis, wie sehr der Geist mit dem Physischen zusammenhangt.

Der Geist, der keine Schmerzen macht, ist Leben nach der Geburt.

Oft stirbt der Geist, sein Tod ist Sunde. Aber er ersteht wieder zum Leben; die Auferstehung von den Toten macht Schmerzen.

Der Geist ist ein Zauberer, er kann alles! Wenn ich mit dem vollen Gefuhl der Liebe vor Dich hintrete, dann bist Du da.

Was ist denn Zauberei? Die Wahrheit des Gefuhls geltend machen.

Die Sehnsucht hat allemal recht, aber der Mensch verkennt sie oft.

Der Mensch hat einen sinnlichen Leib angenommen, damit er in ihm zur Wahrheit komme; das Irdische ist da, damit sich in ihm das Gottliche manifestiere.

Das ganze Wirken der Natur ist nur ein Trieb, der Wahrheit nachzugehen. Die Wahrheit hat keinen Leib, aber das sinnliche Leben ist die Spur ihres Wegs.

Manchmal hab ich den Trieb, mich von Dir, wie ich Dich sinnlich erkenne, abzuwenden und an das gottliche Geheimnis Deines Daseins zu appellieren, dann fuhl ich, dass sich alle verschiedenen Neigungen in einer auflosen.

Gewiss! Die Liebe ist Instinkt einer hoheren Gemeinschaft, einer gottlichen Natur mit dem Geliebten. Drum schliesst Liebe alle verschiedenen Neigungen aus.

Wenn wir erst wissen, dass alle ausseren Augen ein inneres Auge sind, das uns sieht, so tun wir alles dem inneren Auge zulieb, denn wir wollen in unserer geheimen Handlung der Schonheit gesehen sein.

Unser Trieb, schon zu handeln, ist der Trieb, dem innern Auge wohlgefallig zu erscheinen. Drum ist der Trieb nach Anerkenntnis, nach Ruhm eine verkehrte Befriedigung dieser angebornen, unvertilgbaren Neigung, weil ihr Ursprung gottlich ist. Was haben wir von allem ausseren Glanz, von dem Gaukelspiel des Beifalls einer unwissenden Menge, wenn wir vor dem Auge des inneren Genius nicht bestehen, wenn unsere Schonheit vor ihm zerruttet ist! ich will nur fur meine Schonheit leben, ich will nur ihr huldigen; denn sie ist der Geliebte selbst.

Wenn wir den Blick des inneren Auges umschreiben, so haben wir die Kunst und das Wissen.

Alles Wissen soll sich zur Kunst erheben, es soll ebenso unschuldig die Wahrheit nachahmen wie die bildende Kunst, und so wird sie ein Spiegel der Wahrheit, ein Bild, in dem wir sie erkennen.

Denken ist ein unmittelbares Nachahmen der Wahrheit, es ist nicht sie selbst, sie hat keinen Leib, sie hat nur eine Erscheinung.

Suche nur die Wahrheit in Deinem Innern, so hast Du den Vorteil, sie zu finden und Dich zugleich in sie aufzulosen.

In Deinem Innern wirst Du ein lebendiges Bewegen wahrnehmen, wie das Bewegen des Wassers, es ist nichts als ein Bewegen, sich in die Wahrheit aufzulosen.

Alles Leben lost sich in eine hohere Wahrheit auf, geht in eine hohere Wahrheit uber, war es anders, so war es Sterben.

Schonheit ist eine Auflosung der sinnlichen Anschauung in eine hohere Wahrheit; Schonheit stirbt nicht, sie ist Geist.

Alle Disharmonie ist Unwahrheit.

Wenn Du schlafen willst, so ergib Dich Deinem innern Mond. Schlaf in dem Mondlicht Deiner Natur! Ich glaub, das erzieht und nahrt Deinen inneren Menschen, wie das Mondlicht den Geist der Pflanze ernahrt und befordert. Wer von selbst seinen Geist der Natur unterwirft, fur den gibt es keinen Tod.

Der Geist muss so machtig werden, dass er den Tod des Leibes nicht empfindet.

Der Geist braucht nicht zu denken und kann doch machtig sein, bloss durch die Reinheit des Willens.

In allem nur sich sehen und gegen sich den reinsten Willen haben, dann ist der Geist machtig.

Auch der sinnliche Schlaf soll so genossen werden, dass er ein geistiger Balsam sei.

Vielleicht vererben sich die geistigen Reichtumer wie die irdischen, vielleicht verteilen die Geister ihre Fahigkeiten auf ihre Nachkommen! "Ich erkenne an dem Gedanken, wes Geistes Kind du bist." Dies Sprichwort beurkundet meine Bemerkung.

Wachsen ist das Gefuhl, dass das Uranfanglichste zu seinem Ursprung in die Ewigkeit dringt.

Der Genius allein kann die verletzte Unschuld herstellen. O komm, Genius, und befriede Dich mit mir!

Hier ubermannte mich ein tieferer Schlaf. Am Morgen fand ich mein beschriebenes Papier, ich erinnerte mich seiner kaum, aber sehr deutlich erinnerte ich mich des Behagens in der Nacht, und dass es eine Empfindung war, wie dem Kind in der Wiege das Schaukeln sein muss, und ich dachte, dass ich oft so traumen mochte.

Nun will ich Dir auch gleich die Geschichte meines zweiten Kusses erzahlen; er folgte beinah unmittelbar auf den ersten, und was denkst Du von Deinem Madchen, dass es so leichtfertig geworden! Ja diesmal wurde ich leichtfertig, und zwar mit einem Freund von Dir. Es klingelt, hastig springe ich an die Haustur, um zu offnen; ein Mann in schwarzer Kleidung, ernsten Ansehens, etwas erhitzten Augen tritt ein, noch ehe er seinen Namen genannt oder gesagt, was sein Verlangen ist, kusst er mich; noch ehe ich mich besinnen konnte, geb ich ihm eine Ohrfeige, und dann erst seh ich ihm ergrimmt ins Antlitz und erkenne ein freundliches Gesicht, das gar nicht erschreckt und nicht erbittert uber mein Verfahren zu sein scheint; um meiner Verlegenheit zu entgehen denn ich wusste nicht, ob ich Recht oder Unrecht getan hatte offne ich ihm rasch die Turen zu den Zimmern der Grossmutter. Da war nun meine Uberraschung bald in Schrecken umgewandelt, da diese mit der hochsten Begeistrung ausrief, einmal uber das andre: "Ist es moglich? Herder, mein Herder! Dass euer Weg euch zu dieser Grillentur fuhrt? Seid tausendmal umarmt!" Und hier folgten diese tausend Umarmungen, wahrend denen ich mich leise davonschlich und wunschte, es moge in diesem Schwall von Liebkosungen die eine untergehen, die ihm mit einer Ohrfeige war beantwortet worden. Allein, dem nicht so, er vergass weder Kuss noch Ohrfeige, er schielte, an das Herz der Grossmutter von ihren umfassenden Armen gefesselt, uber ihre Achsel hinaus, nach der Enkelin und machte ihr einen bittenden Vorwurf. Ich verstand ihn sogleich und machte mich ihm auch verstandlich, er sollte mich nicht verklagen, sonst wolle ich mich rachen, und schlich hinter die Vorzimmer. Allein Herder hatte keine Andacht mehr fur die Grossmutter, fur ihre schonen Erinnerungen aus der Schweiz, fur ihre Mitteilungen aus den Briefen von Julie Bondeli, fur ihre Schmeichelreden und begeisterte Lobspruche, fur ihre Reden von gelehrten Dingen. Er fragte, ob sie ihm nicht ihre Enkelkinder wolle zeigen? So wurden wir ihm denn alle drei feierlich vorgefuhrt und von der Grossmutter zugleich belehrt, wie glucklich wir seien, ihn zu sehen und von ihm gesegnet zu sein. Er war auch gar nicht faul, ging rasch auf mich zu, legte mir die Hand auf den Kopf, unter welcher ich ihn drohend ansah, und sagte langsam und feierlich: "Diese da scheint sehr selbstandig, wenn Gott ihr diese Gabe als eine Waffe fur ihr Gluck zugeteilt hat, so moge sie sich ihrer ungefahrdet bedienen, dass alle sich ihrem kuhnen Willen fugen und niemand ihren Sinn zu brechen gedenke." Ziemlich verwundert war die Grossmutter uber diesen wunderlichen Segen, noch mehr aber, dass er die Schwestern nicht segnete, die doch ihre Lieblinge waren. Wir wurden entlassen und gingen in den Garten; wir trugen damals breite Scharpen von blau und weiss geflammter Seide, auf dem Rucken waren sie in Schleifen gebunden, die in der vollen Breite, welche wohl eine Elle betrug, ausgebreitet waren, so dass sie gleichsam Schmetterlingsflugel bildeten. Wahrend ich in meinem Blumenbeet arbeitete, haschte mich einer an diesen Flugeln; es war Herder. "Siehst du, kleine Psyche", sagte er, "mit den Flugeln geniesst man wohl die Freiheit, wenn man sie zu rechter Zeit zu brauchen weiss, aber an den Flugeln wird man auch gefangen, und was gibst du, dass ich dich wieder loslasse?" Er verlangte einen Kuss, ich verneigte mich und kusste ihn, ohne das Geringste einzuwenden.

Der Kuss des geretteten Franzosen war ganz im Einverstandnis meiner Empfindung, ich kam ihm auf halbem Weg entgegen, und doch war er unmittelbar darauf vergessen, und jetzt erst, nach sechs Jahren, tauchte er aus meiner Erinnerung auf als eine neue Erscheinung. Herders Kuss war von meiner Seite ganz willenlos oder eher unwillig angenommen, und doch hab ich ihn nicht vergessen; ich konnte in erster Zeit den Eindruck nicht verwinden, er verfolgte mich im Traum; bald war mir's, als habe ich wider meinen Willen etwas weggeschenkt, bald uberraschte es mich, dass dieser grosse bedeutende Mann mich so dringend aufgefordert hatte, ihn zu kussen, dies war mir eine ratselhafte Erfahrung. Herder sah mich so feierlich an, nachdem er mich gekusst hatte, dass mich ein Schauer befiel; der ratselhafte Name Psyche, dessen Bedeutung ich nicht verstand, versohnte mich einigermassen mit ihm, und wie denn manches Zufallige, was vielen unscheinbar voruberschweift, einen tief ruhrt und eine wahrende Bedeutung fur ihn gewinnt, so war mir dies unbegriffne Wort Psyche ein Talisman, der mich einer unsichtbaren Welt zufuhrte, in der ich mich unter diesem Namen begriffen dachte.

So lehrte mir Amor das Abc, und in meiner Geisblattlaube, in der die Spinnen rund um mich her dem beflugelten Insektenvolk Netze stellten, seufzte die kleine beflugelte Psyche uber dieser problematischen Lektion.

Ach Herr! Im Anfang des Jahres ist die Sonne mild, sie schmeichelt den jungen Trieben, dann spaltet sie die Keime und wird immer dringender, die geoffnete Knospe kann sich nicht wieder in die kuhle Kammer bewusstloser Dunkelheit verschliessen, ihre Blute fallt dem gluhenden Strahl, der sie erst lockte, als Opfer.

Dritter Kuss

Der blinde Herzog vom Aremberg, der schone, dessen Zugen die geheiligte Wurde der Legitimitat aufgepragt war, wollte gegen meinen Willen mir diesen Kuss geben, ich aber war wie die schwankende Blume im Winde, die der Schmetterling vergeblich umtanzt. Lass Dir's erzahlen und ausmalen mit diesen bunten Farben aus dem Muschelkasten des Kindes, mit denen ich damals noch meine Welt ausmalte und sie verstand, und Du wirst sie auch verstehen und Dich freuen, dass Du mit mir in den Spiegel siehst, in dem ich mich erkenne und den Genius, der mich zu Dir lenkt.

Er war schon, der Herzog! Schon fur das grossgewolbte Kinderauge, das noch kein Menschenantlitz erblickt hatte, dessen Zuge Geist ausstromten. Wenn er stundenlang bei der Grossmutter sass und sich von ihr erzahlen liess, stand ich neben ihm und starrte ihn an: ich war in Betrachtung dieser reinen erhabenen Zuge versunken, die dem gewohnlichen Menschen nie geschenkt werden.

Die reine, starke Stirn, deren Mitte eine Feuerstelle hatte fur den gottlichen Brand des Zorns, diese Nase, hoher, kuhner, trotzbietender als sein schauerliches Schicksal, diese feinen feuchten Lippen, die mehr als alles andre Befehl und Herrscherwurde aussprachen, die Luft tranken und ausseufzten die tiefste Melancholie, diese feinen Schlafe, sich an den Wangen niederschmiegend zum aufgeworfnen Kinn, wie der metallne Helm der Minerva! Lass mich malen, Goethe, aus meinem kleinen Muschelkasten, es wird so schon! Sieh sie an, die grellen abstechenden Farben, die der philosophische Maler vermeidet, aber ich, das Kind, ich male so; und Du, der dem Kinde lachelt wie den Sternen, und in dessen Begeistrung Kindereinfalt sich mischt mit dem Seherblick des Weisen, freue Dich der grellen bunten Farben meiner Phantasie.

So war er, der schone, blinde Herzog, so ist er noch jetzt in dem Zauberspiegel der Erinnerung, der alle Bilder meiner Kindheit gefesselt halt, der sie in Perlen reiht und Dir als Opfer zu Fussen legt; so war seine Gestalt oft niedergebeugt im Schmerz um die erblindete Jugend, dann stolz erstreckt, sich aufrichtend, heiter verachtlich ironisch lachelnd, wenn er die tiefversunknen Augensterne gegen das Licht wendete. Da stand ich und starrte ihn an, wie der Schaferknabe tief vergessen seiner Herde und seines Hundes, den an den einsamen Felsen geschmiedeten, von der abgewendeten Welt unbeklagten Prometheus anstarrt; da stand ich und saugte den reinen Tau, den die tragische Muse aus ihrer Urne sprengt, um den Staub der Gemeinheit zu dampfen, indem ich in tiefer, bewusstloser Betrachtung uber ihn versunken war. Es war in seinem zwanzigsten Jahr, im tollen, gluhenden Ubermut der Jugend, im Gefuhl seiner uberwiegenden Schonheit und im geheimen Bewusstsein alles dessen, was dieser zu Gebot stand, dass er am Tag der Jagd uber die gedeckte Tafel sprang, mit seinen Sporen das Tischzeug mit Service und Prachtaufsatz auf die Erde riss und am Boden zerschmetterte, um seinem liebsten Freund an den Hals zu springen, ihn zu umarmen, mit ihm tausend Abenteuer zu besprechen. Sie teilten sich auf der Jagd, und der erste Schuss, den der Freund tat, war in beide Augensterne des Herzogs.

Ich habe den Herzog nie bedauert, ich bin nie zum Bewusstsein uber sein Ungluck gekommen; so wie ich ihn sah, erschien er mir ganz zu sich und seinem Schicksal sich verhaltend, ohne Mangel; wenn ich andre horte sagen: "Wie schade, wie traurig, dass der Herzog blind ist!" so fuhlte ich's nicht mit, im Gegenteil dachte ich: "Wie schade, dass ihr nicht alle blind seid, um die Gemeinheit eurer Zuge nicht mit diesen vergleichen zu durfen!" Ja Goethe! Schonheit ist ja das sehende Aug Gottes, Gottes Auge, auf welchem Gegenstand es mit Wohlgefallen ruht, erzieht die Schonheit, und ob der Herzog auch nicht gesehen habe, er war dem gottlichen Licht vermahlt durch die Schonheit, und dies war allemal nicht das bitterste Schicksal.

Wenn ich so neben ihm stand und in Gedanken versunken mit ihm seufzte, da fragte er "Qui est la? Bettine! Amie viens que je tauche tes traits, pour les apprendre par coeur!" Und so nahm er mich auf den Schoss und fuhr mit dem Zeigefinger uber meine Stirn, Nase und Lippen und sagte mir Schones uber meine Zuge, uber das Feuer meiner Augen, als ob er sie sehen konne. Einmal fuhr ich mit ihm von Frankfurt nach Offenbach zur Grossmutter, ich sass neben ihm, er fragte, ob wir noch in der Stadt seien, ob Hauser da seien und Menschen? Ich verneinte es, wir waren auf dem Land, da verwandelte sich plotzlich sein Gesicht, er griff nach mir, er wollte mich ans Herz ziehen, ich erschrak; schnell wie der Blitz hatte ich mich den Schlingen seiner Arme entzogen und duckte nieder in der Ecke des Wagens; er suchte mich, ich lachte heimlich, dass er mich nicht fand, da sagte er: "Ton coeur est-il si mechant pour mepriser, pour se jouer d'un pauvre aveugle?" Da furchtete ich mich der Sunde meines Mutwillens, ich setzte mich wieder an seine Seite und liess ihn gewahren, mich an sich ziehen, mich heftig an sein Herz drucken, nur mit dem Gesicht beugte ich aus und gab ihm die Wange, wenn er nach dem Mund suchte. Er fragte, ob ich einen Beichtvater habe? Ob ich diesem erzahlen werde, dass er mich gekusst habe? Ich sagte naiv schalkhaft: wenn er glaube, dass dies dem Beichtvater Vergnugen machen werde, so wolle ich's ihm erzahlen. "Non, mon amie, cela ne lui plaira pas, il n'en faut rien dire, cela ne lui plaira absolument pas, n'en dites rien a personne." In Offenbach erzahlte ich's der Grossmutter, die sah mich an und sagte: "Mein Kind! Ein blinder Mann, ein armer Mann!" Im Nachhausefahren fragte er, ob ich der Grossmutter gesagt habe, dass er mich gekusst habe; ich sagte "ja". "Nun, war die Grossmutter bos?" "Nein", "Et bien? Est ce quelle n'a rien dit?". "Oui!". Et quoi?" "Ein blinder Mann, ein armer Mann!" "O qui!" rief er, "elle a bien raison! Ein blinder Mann, ein armer Mann!" und so rief er einmal ums andre: "Ein blinder Mann, ein armer Mann!" bis er endlich in einen lauten Schrei der Klage ausbrach, der mir wie ein Schwert durchs Herz drang, aber meine Augen blieben trocken, wahrend seinen erstorbenen Tranen entfielen. Dem Herzog ist seitdem ein feierliches Monument in meinem Herzen errichtet.

***

Wir hatten einen schonen Garten am Haus, Ebenmass und Reinlichkeit war seine Hauptzierde, an beiden Seiten liefen Spaliere hin mit auslandischen Fruchtbaumen, im mitten Gang standen diese Baume so edel, so hoch, so frei von jedem Fehl, sie hingen ihre schlanken Aste schwertragend im Herbst an den Boden, es war so still in diesem Garten wie in einem Tempel, im Eingang waren auf beiden Seiten zwei gleichmassige Teiche, in deren Mitte Blumeninseln waren, hohe Pappeln begrenzten ihn und vermittelten die Nachbarschaft zu den Baumen in den angrenzenden Garten. Denke doch, wie es mir da erging, wie da alles so einfach war und wie ich Deiner bewusst ward.

Warum wuhlt's mir im Herzen, wenn ich mich dran erinnere, dass die Blutenkatzchen von den Pappeln und diese braunen klebrigen Schalen von den Knospen mich beregneten, wie ich da so still in der Mittagsstunde sass und dem Streben der jungen Weinranken nachspurte, wie die Sonnenstrahlen mich umwebten, die Bienen mich umsummten, die Kafer hin und her schwirrten, die Spinne ihr Netz ins Gitter der Laube hing? In solcher Stunde bin ich Deiner zum erstenmal innegeworden. Da lauschte ich, da horte ich in der Ferne den Larm der Welt, da dachte ich: du bist ausser dieser Welt, aber mit wem bist du? Wer ist bei dir? Da besann ich mich auf nah und fern, da war nichts, was mir angehorte. Da konnte ich nichts erfassen, mir nichts denken, was mein sein konne. Da trat zufallig, oder war's in den Wolken geschrieben, Deine Gestalt hervor; ich hatte von Dir nichts weiter gehort als Tadel, man hatte in meiner Gegenwart gesagt: Goethe ist nicht mehr so wie sonst, er ist stolz und hochmutig, er kennt die alten Freunde nicht mehr, seine Schonheit hat gewaltig abgenommen, und er sieht nicht mehr so edel aus wie sonst; noch manches wurde von der Tante und Grossmutter uber Dich gesprochen, was zu Deinem Nachteil war. Ich hatte es nur im Vergessen angehort; denn ich wusste nicht, wer Du seist. Jetzt in dieser Einsamkeit und abgeschlossnen Stille unter den Baumen, die eben bluhen wollten, da kamen diese Reden mir wieder ins Gedachtnis, da sah ich im Geist, wie die Menschen, die uber Dich urteilen wollten, unrecht hatten, ich sagte zu mir selbst: Nein! Er ist nicht unschon, er ist ganz edel, er ist nicht ubermutig gegen mich. Trotzig ist er nur gegen die Welt, die da draussen larmt, aber mir, die freundlich von ihm denkt, ist er gewogen, und zugleich fuhlte ich, als ob Du mir gut seist, und ich dachte mich von Deinem Arm umfasst und getrennt durch Dich von der ganzen Welt, und im Herzen spurte ich Dir nach und fuhrte freundliche Gesprache in Gedanken mit Dir, da kam nachher meine Eifersucht, wenn man von Dir sprach oder Deinen Namen sagte, es war, als habe man Dich aus meiner Brust gerufen. Vergesse nicht, Goethe, wie ich Dich lieben lernte, dass ich nichts von Dir wusste, als dass man Dich in meiner Gegenwart boslich erwahnt hatte; die Tante sprach von Deiner Freigeisterei, und dass Du nicht an den Teufel glaubst, ich glaubte auf der Stelle auch nicht an den Teufel und war ganz Dein und liebte Dich, ohne zu wissen, dass Du der Dichter seist, von dem die Welt so Grosses spreche und erwarte, das kam alles spater; damals wusst ich nur, dass die Leute Dich tadelten, und mein Herz sagte: Nein, er ist grosser und schoner als alle, und da liebte ich Dich mit heisser Liebe bis auf heut und trotzte der ganzen Welt bis auf heut, und wer uber Dich sprach, von dem wendete ich mich ab, ich konnte es nicht anhoren. Wie ich aber endlich Deine Herrlichkeit fassen sollte, da dehnten mir grosse Schmerzen die Brust aus, ich legte in Tranen mein Angesicht auf das erste Buch, was ich von Dir in Handen bekam, es war der Meister, mein Bruder Clemens hatte es mir gebracht. Wie ich allein war, da schlug ich das Buch auf, da las ich Deinen Namen gedruckt, den sah ich an als wie Dich selber. Dort auf der Rasenbank, wo ich wenig Tage vorher zum erstenmal Deiner gedacht und Dich im Herzen in Schutz nahm, da stromte mir eine von Dir geschaffne Welt entgegen, bald fand ich die Mignon, wie sie mit dem Freund redet, wie er sich ihrer annimmt, da fuhlte ich Deine Gegenwart, ich legte die Hand auf das Buch, und es war mir in Gedanken, als stehe ich vor Dir und beruhre Deine Hand, es war immer so still und feierlich, wenn ich allein mit dem Buch war, und nun gingen die Tage voruber, und ich blieb Dir treu, ich hab an nichts anders mehr gedacht, womit ich mir die Zeit ausfullen solle. Deine Lieder waren die ersten, die ich kennen lernte, o wie reichlich hast Du mich beschenkt fur diese Neigung zu Dir, wie war ich erstaunt und ergriffen von der Schonheit des Klangs, und der Inhalt, den ich damals nicht gleich fassen konnte, wie ich den allmahlich verstehen lernte, was hat dies alles in mir angeregt, was hab ich erfahren und genossen und welche Geschicke hab ich erlebt, wie oft hat Eifersucht gegen diese Lieder mich erregt, und in manchen, da fuhlte ich mich besungen und begluckt. Ja, warum sollte ich mich nicht glucklich traumen? Welche hohere Wirklichkeit gibt es denn als den Traum? Du wirst nie im Schoss des ersehnten Gluckes finden, was Du von ihm getraumt hattest. Jahre gehen dahin, dass einer dem andern sich nahe wahnt, und doch wird sich nie die eigentumliche Natur ans Licht wagen, der erste Augenblick freier unbedingter Bewegung trennt Freundschaft und Liebe. Die ewige unversiegbare Quelle der Liebe ist ja eben, dass sie Geheimnisse in ihren klaren Wellen fuhrt. Das Unendliche, der Sehnsucht Begehrliche des Geistes ist aber, dass er ewige Ratsel darlege. Drum mein Freund, traume ich, und keine Lehren der Weisheit gehen so tief in mich ein und begeistern mich zu immer neuen Anschauungen wie diese Traume; denn sie sind nicht gebaut auf Missverstandnisse, sondern auf das heilige Bedurfnis der Liebe. Mein erstes Lesen Deiner Bucher! Ich verstand sie nicht, aber der Klang, der Rhythmus, die Wahl der Worte, denen Du Deinen Geist vertrautest, die rissen mich hin, ohne dass ich den Inhalt begriff, ja, ich mochte sagen, dass ich viel zu tief mit Dir beschaftigt war, als dass die Geschichte Deiner Dichtungen sich hatte zwischen uns drangen konnen; ach, es hatte mir niemand von Dir gesagt, er ist der grosste, der einzige Mensch unter allen, ich musste es alles selbst erfahren, wie ich Deine Bucher allmahlich verstehen lernte, wie oft fuhlte ich mich beschamt durch diese machtausubenden Begeistrungen, da stand ich und redete im Spiegel mit mir: "Er weiss von dir nichts, in dieser Stunde lauten ihm andere Glocken, die ihn da- und dorthin rufen, er ist heiter, der Gegenwartige ist ihm der Liebste, armes Kind! Dich nennt sein Herz nicht", da flossen meine Tranen, da hab ich mich getrostet und hatte Ehrfurcht vor dieser Liebe als vor etwas ganz Erhabnem. Ja, es ist wahr, es ist ein hoherer Mensch innewohnend, dem sollen wir immer nachgehen, seinem Willen Folge leistend, und keinem andern sollen wir Altare bauen und Opfer bringen, nichts soll ausser ihm geschehen, wir sollen von keinem Gluck wissen als nur in ihm.

So hab ich Dich geliebt, indem ich dieser inneren Stimme willfahrte, blind war ich und taub fur alles, kein Fruhlingsfest und kein Winterfest feierte ich mit, auf Deine Bucher, die ich immer lesen wollte, legte ich den Kopf und schloss mit meinen Armen einen Kreis um sie, und so schlief ich einen sussen Schlaf, wahrend die Geschwister in schonen Kleidern die Balle besuchten, und ich sehnte mich, immer fruher zum Schlafen zu kommen, bloss um da zu sein, wo ich Dir naher war. So ging die Zeit zwischen sechzehn und achtzehn Jahren hin, dann kam ich zu Deiner Mutter, mit der ich von Dir sprach, als ob Du mitten unter uns seist, dann kam ich zu Dir und seitdem weisst Du ja, dass ich nie aufgehort habe, mit Dir innerhalb dieses Kreises zu wohnen, den ein machtiger Zauber um uns zieht. Und Du weisst von da an alles, was in meinem Herzen und Geist vorgeht, drum kann ich Dir nichts anders mehr sagen, als zieh mich an Dein Herz und bewahr mich an demselben Dein Leben lang.

Gute Nacht, morgen reise ich in die Wetterau.

***

Reise in die Wetterau

Wie es hier aussieht, das muss ich Dir beschreiben. Eine weite Ebne, lauter Korn, von allen Seiten, als war die Erde ein runder Teller, aber doch mit einem Rand; denn sanft schwillt die Flache in die Runde bergan, abwechselnd umkranzt von Wald und Berggipfeln. Da stehe ich in der Mitte im wogenden Korn! Hatte ich Pfeil und Bogen und schosse nach allen Richtungen vom Mittelpunkt aus, so wurde mein Pfeil einer alten Burg zufliegen, ich lauf nach allen Seiten, und wo eine auftaucht, da wandre ich hin; da hab ich manchen Graben zu uberspringen, manch Wasser zu durchwaten, Walder zu durchkreuzen, steile Klippen zu erklettern; waren's Abgrunde, reissende Strome, Wusteneien und schwindelhohe Felswande, so war ich der kuhnste Abenteurer. An jeder alten Ruine ein kleines Schwalbennest von Menschenwohnung angemortelt, wo wunderliche steinalte Leute wohnen, abgelost von den meisten Beziehungen mit ihresgleichen, und doch mit einem herzruhrenden wolkendurchblitzten Blick versehen. Gestern gingen wir wohl eine gute Stunde durch schon geordnete Traubengange, bis wir an die steile Hohe kamen, wo die Festungsmauern beginnen und das Hinansteigen nur durch Geubtheit oder Kunstsprunge erleichtert wird. Da oben haben sich ein paar mitleidige Birnbaume erhalten und Eichen mit grossem, breitem Laubdach und eine Linde im schwimmenden, heissen Dampf ihrer Blute. Mitten in dieser ehrwurdigen Gesellschaft, den Zeugen fruherer Tage, lag auf sparlichem Rasen ein alter Mann mit silbernem Haar und schlief. Das unreife Obst, was von den Baumen gefallen war, lag gesammelt an seiner Seite, seinen Handen war wahrscheinlich das danebenliegende, sehr zerlesene offene Gesangbuch entfallen, auf das ein schwarzer Hund mit gluhenden Augen die Schnauze gelegt hatte; er machte Miene zu bellen, allein um seinen Herrn nicht zu wecken, hielt er an sich, wir auch gingen im weiteren Kreise um das kleine Revier, um dem Hund zu zeigen, dass wir keine bose Absicht hatten. Aus dem Speisekorb nahm ich ein weisses Brot und Wein, ich wagte mich, so nah mir der Hund erlaubte, und legte es hin, dann ging ich nach der andern Seite und ubersah mir das Tal; es war geziert mit Silberbandern, die ins Kreuz die grunen Matten einschnurten, der schwarze Wald umarmte es, die fernen Bergkuppen umwachten es, die Herden wandelten uber die Wiesen, die Wolkenherde zog der Sonne nach, von ihrem Glanz durchschimmert, und liess die blasse Mondessichel allein stehen, dort uber dem schwarzen Tannenhorst; so umwandelte ich rund meine Burg und sah hinab und hinauf, uberall wunderliche Bilder, horte schwermutige Tone und fuhlte leises, schauerliches Atmen der Natur, sie seufzte, sie umschmeichelte mich wehmutig, als wolle sie sagen: "Weine mit mir!" Ach, was steht in meiner Macht? Was kann ich ihr geben!

Da ich zuruckkehrte, sah ich im Vorubergehen den Alten unter dem Baum mit dem Hund, der aufrecht vor ihm sass und ihm in den Mund sah, das weisse Brot verzehren, was ich bei ihn gelegt hatte.

***

Gegenuber liegt eine andre Burg, da wohnt als Gegenstuck eine alte Frau, umgeben von drei blonden Enkel-Engelskopfchen, wovon das alteste drei Jahr und das jungste sechs Monate ist. Sie ist nah an siebenzig Jahre und geht an Krucken; im vorigen Jahr war sie noch rustig, erzahlte sie, und hatte vom Schulmeister den Dienst, die Glocken zu lauten, weil die Kirche hoher lag wie das Dorf und naher an der alten Burgruine; ihr Sohn war Zimmermann, er ging in der kalten Weihnachtszeit in den Wald, um Holz zu fallen und zum Bau zu behauen, er kam nicht wieder, er war erfroren im Wald. Da man ihr die Nachricht brachte, ging sie hinab in den Wald, um ihn noch einmal zu sehen, und da fiel sie zusammen und erlahmte, man musste sie wieder die steilste Anhohe hinauftragen, von der sie nun nicht wieder herabkommt. "Ich sehe alle Abend die Sterne, die auf mein Grab scheinen werden, und das freut mich", sagte sie, "ich habe Friede geschlossen mit allen Menschen und mit allem Schicksal, der Wind mag brausend daherfahren, wie in der Bibel stehet, und den alten Eichen den Hals umdrehen, oder die Sonne mag meine alten Glieder erwarmen, ich nehme alles dahin. Friede mit allen Dingen macht den Geist machtig der wahre Friede hat Flugel und tragt den Menschen noch bei Leibes Leben hoch uber die Erde dem Himmel zu, denn er ist ein himmlischer Bote und zeigt den kurzesten Weg; er sagt, wir sollen uns nirgendwo aufhalten, denn das ist Unfriede; der grade Weg zum Himmel ist Geist, das ist die Strasse, die hinuber fuhrt, dass man alles versteht und begreift, wer gegen sein Schicksal murrt, der begreift es nicht, wer es aber in Frieden dahinnimmt, der lernt es auch bald verstehen; was man erfahren und gelernt hat, das ist allemal eine Station, die man auf der Himmelsstrasse zuruckgelegt; ja, ja! Das Schicksal des Menschen enthalt alle Erkenntnis, und wenn man erst alles verstanden hat auf dieser irdischen Welt, dann wird man ja doch wohl den lieben Gott konnen begreifen lernen. Niemand lernt begreifen, denn durch Eingebung vom heiligen Geist; durch eigne Offenbarung lernt man fremde verstehen; ich erkenne gleich in jedes Menschen Herz, was ihn sticht und was ihn brennt, und weiss auch, wann die Zeit kommt, die ihn heilt; ja ich muss noch taglich weinen uber meinen lieben Sohn, der erfroren ist, aber weil ich weiss, dass er die irdische Strasse zuruckgelegt hat, so hab ich nichts dawider, ich lese auch taglich in diesem Buch, da stehen diese grossen Wahrheiten alle geschrieben." Sie gab uns einen alten Gesang zu lesen: "O Herr! Du fuhrst mich dunkle Wege, am Ende aber seh ich Licht"; in diesem stand zwar nichts von dem, was sie uns mitgeteilt hatte, als nur einzelne Hauptworte.

Im Nachhausegehen vertrieben uns die Giessener Studenten die Grillen, sie hatten sich am Abhang des Berges in grossen Weinlauben gelagert, sie sangen, sie jauchzten, Glaser und Flaschen flogen hinab, sie tanzten, walzten und walzten sich den Berg hinunter und durchschallten das Tal mit ihrem grausamen Gebrull.

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Die Ammenburg

So nenne ich die kleine Wohnung, die grade so gross ist, den einfachsten Bedurfnissen eines einzelnen Menschen in schoner wohltuender Ordnung zu genugen, sie ist mit roten Steinen oben auf eine mit samtnen Rasen bekleidete, kegelrunde Bergkuppe aufgemauert. Vor drei Jahren stand sie noch nicht hier, da war die Liebe der einzige Schutz gegen Wind und Wetter, da kamen sie haufig zusammen vom Fruhling bis zum Herbst, von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang lagen sie, vom Mond belacht, auf Blumenrasen zwischen silbernen Bergquellen, im Winter rief ihn die Kriegstrompete, Armide blieb allein, aber nicht lange, da kam Amor das Kind, sie legte ihn in die Wiege, sie nahrte es mit der Milch ihrer Bruste und noch ein anderes dazu. Fur den Ammenlohn kaufte sie sich diesen Fleck und baute das kleine Haus und wohnt jetzt mit ihren goldlockigen Bubchen hier oben, wo sie weit durchs Tal in die Ferne sieht und bei Windstille auch horen kann, wenn die Trommel sich ruhrt oder die Trompete zwischen den Felswanden schmettert. Vielleicht kehrt er zuruck und erkennt an dem lustigen, buntbemalten Schornstein, der auf das Hauschen aufgepflanzt ist, dass das freudige Liebesgluck nicht in Reue zerschmolzen ist.

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Heute zogen wir nach einer andern Burg. Sie liegt vier Meilen entfernt, ihre stolzen, wohlerhaltenen Turme streckt sie gen Himmel, als ob sie sie zum Schwur emporhebe; man sieht sie schon von mehreren Meilen, jede Viertelstunde macht sie eine andere Miene, bald treten Walder hervor, die sie umkleiden, bald weiche Hugel, oft auch schwimmen Dorfer in den fruchtreichen Bahnen ihres langen und weiten Flurengewandes, die aber bald in seinen Falten wieder versinken. Wir waren alle beritten und zur Jagd gewappnet. Im Wald machten wir Mittag, ein Fuchs wurde verfolgt, das hielt unsere Reise auf. Da wir ankamen, stieg der Mond zwischen beiden Turmen herauf, wir aber ritten im finstern Tal durch die kleine Stadt mit holperigen Strassen; in einer grossen Eisengiesserei ubernachteten wir. Am Morgen, vor Tag, eilte ich hinaus, ich wollte meine Schone, die Natur, noch mit verschlossnen Augen uberraschen, ich wollte sehen, wie sie auf dieser Seite, in dieser sussen Lage sich ausnahme. O Freund, alle Blumenkelche voll Tauspiegel, ein Graschen malt sich im Perlenschmuck des andern, ein Blumchen trinkt sein Bild aus dem Kelche des Nachbarn, und Du! und Dein Geist, der erquickende, was kann er mehr sein, was kann er anders sein als reiner Himmelstau, in dem sich alles in reinster Urschonheit spiegelt; Spiegel! Tiefe weisheitsvolle Erkenntnis ist Dein Geist, in dem selbst Du nur Dich spiegelst, und alles Liebe, was der Menschheit durch Dich angetan, ist Spiegel ihrer (Idealitat) reinsten unverkummerten Natur. Und nun kam ich von meinem Weg um die Burg, die ich zweimal in beflugeltem Lauf, wie Pindar sagt, umkreist habe, sie liegt auf runder kurzbegraster Kuppe, die Schafherde drangte sich wie ein Pelzkragen um ihre Zwinger: ein blokender Pelzkragen! Ich hatte Brot bei mir, das ich unter sie teilte, wie Deutschlands Kaiser unter die Tiroler, aber sie drangten mich auch wie jene den Kaiser und schrien: "Mehr Brot! Mehr Brot! bla! bla!" Ich hatte keins mehr wie der Kaiser auch; ich war in Gefahr, umgerissen zu werden wie er; ich riss mich durch und im vollen Galopp den Berg hinunter, die ganze Herde hinter mir drein, mitsamt dem bellenden Hund kam ich am Fuss des Berges vor dem Wirtshaus an, dort weckten sie die ganze Reisegesellschaft mit ihrem Geblok, und ich sage Dir, sie wollten mit Gewalt in die Wirtsstube, ich musste sie zuriegeln, ich glaub, der Bock hatte sie sonst mit seinen Hornern aufgeklemmt. Ei, hatten's die Tiroler auch so gemacht, der Kaiser hatte Brot schaffen mussen; die machten's aber wie der Schafer, der blieb verdattert auf dem Berge stehen und sah seine Herde davoneilen. "Du kannst tausend Dummheiten in einen kleinen Raum einpferchen, wie der Schafer die Herde", sagte der Bruder Franz, da er mich mit der nachgeeilten Herde angekommen sah.

Bis alles sich reisefertig gemacht hatte, ging ich in den Kuhstallen umher. Das Gehofte ist unendlich gross, man konnte ein Vorwerk drin anlegen, sie rufen von der entferntesten Scheune zur andern mit einem Sprachrohr. Der Kuhstall inmitten bildet ein Amphitheater, ein Halbkreis von spiegelglatten Kuhen, an jedem Ende durch einen Bullen abgeschlossen. An dem Ende, wo ich eintrat, ist der Ochs so freundlich, zartlich, dass er jeden, der ihm nahe kommt, mit der Zunge zu erreichen sucht, um ihn zu belecken; er muhte mich an in hohem Ton, ich wollte ihn nicht vergeblich bitten lassen, musste mein Gesicht von seiner schaumigen Zunge belecken lassen; das schmeckte ihm so gut, er konnte nicht fertig werden, er verkleisterte mir alle Locken, die Deine Hand immer in so schone Ordnung streichelt.

Jetzt beschreib ich Dir die Burg, aber fluchtig; denn wo ich nicht in Worten liebkosen kann, da verweile ich nicht lange. Sie ist besser erhalten wie alle andern, auch selbst die Gelnhauser ist lange nicht so ganz mehr, und ich begreife nicht, dass man keine Rucksicht darauf nimmt. Sie gehorte ehemals den Herren von Griesheim, jetzt ist sie an die Grafen Stolberg gefallen. Die Burg ist in ihrem Hauptgemauer noch erhalten, nur innen ist manches eingesturzt, der Soller ist noch ganz, auf diesem kann man rund um die Burg gehen. Nach allen Seiten sieht man ins Fruchtland, das in der Weite wieder an andern Burgruinen hinaufsteigt. So bluht und reift der ewige Segen zwischen Grabern und verlassnem Gemauer, und der Mensch braucht nur sich einzufinden, so ist er auch da und umwandelt und umkleidet ihn. Die Sonne schmeichelt's dem lieben Herrgott ab, dass er seinen Menschenkindern hundertfaltige Ahren reifen lasst; die Sonne und der Gott liebkosen einander, und dabei haben die Menschen gutes Spiel, und wer liebt, der stimmt ein in die Liebe Gottes, und durch ihn und in ihm reift auch der gottliche Segen.

In der Kapelle stehen noch etliche Saulen mit ihren gotischen Kapitalen; etliche liegen an der Erde, aber noch ganz erhalten, eins, was ich nur unvollkommen Dir hier abzeichne. Die Mondessichel hebt das Wappen in der Luft und bildet so das Kapital, unter ihr zwei Drachen, die sich verschlingen. Die Leute sagen, sie haben goldne Schaumunzen im Rachen gehabt, so sind sie in einer alten Chronik verzeichnet. Ein anderes ist noch viel schoner; ich wollt es auch abzeichnen, aber es war so kalt und feucht da unten; Rosen, wunderschon in Stein gehauen, bilden einen Kranz, Schlangen winden sich durch und strecken ihre gekronte Kopfchen aus und bilden so einen zweiten Kranz; es ist gar zu schon, hatt ich's mitnehmen konnen, ich hatte Dir's gebracht! Wahrend ich's durchzeichnen wollte, kam eine kleine Schlange unter dem Gras hervor und richtete sich vor mir auf, als wollte sie zusehen, wie ich das Bild ihrer Ahnen nachzeichnete, und das erschreckte mich in der Einsamkeit, so dass ich mit einem Schauder davoneilte.

In dem ausseren Burgtor sind noch die Turangeln, uber dem innersten Burgtor auf dem Soller ist ein Steinherd mit einer kleinen Brandmauer umgeben, die wie eine Nische gebildet ist. Da haben sie das Pech gluhend gemacht und durch ein Loch uber der Mitte des Tores durchgegossen; alles wurde betrachtet, beachtet, erklart, zurechtgeruckt, noch manches blieb unerklart, die Verwundrung uber vorige Zeiten, und dass sie mit ihren Resten noch so derb in unsre hineinreichten, machte uns zu einfaltigen Leuten; ja, mir ward angst, diese alte grobknochige Zeit konne plotzlich uber den Augenblick der Gegenwart kommen und ihn verschlingen. O Goethe, mir ist nur eins wichtig, mein Dasein in Dir! Und nach diesem komme das End aller Dinge.

Soll ich Dich denn noch weiter mitnehmen auf meinen Streifzugen, oder ist's genug der eingefallnen Mauern, der Wildnis, die alles uberwuchert, des Efeus, der aus dem kalten Boden hervorspriesst, unermudlich hinaufklettert an der oden Mauer, bis er die Sonne erblickt, und dann gleich wieder hinabsteigt, mit weit reichenden Ranken nach der feuchten, dusteren Tiefe verlangt? Gestern war der Himmel blau, heute rubinfarb und smaragden, und dort im Westen, wo er die Erde deckt, jagt er das Licht im Safrangewand vor sich her aus der Schlafstatte. Einen Augenblick kann sich die sehnende Liebe ergotzen daran, dass die ganze Natur schlummernd saugt; ja, ich fuhl's: wenn die Nacht einbricht, dass jedes Wurzelchen trinkt, in jedem liegt Begierde, Sehnsucht nach Nahrung, und diese Anziehungskraft zwingt die Erde, die ihre Nahrung nicht versagt jedem lebenden Keim; und so liegt in jedem Blumenhaupt schwarmende Begeistrung, die aus dem Licht der Sterne Traume herabzieht, die es umweben; geh uber einen Wiesenteppich in stiller sternenflimmernder Nacht, da wirst Du, wenn Du Dich herabbeugst zur Flur, die Millionen Traumbilder gewahr werden, die da wimmeln, wo eins oft vom andern Eigenheiten, Farben und Stimmungen entlehnt; da wirst Du es fuhlen, dass diese Traumwelt sich hinaufschwingt in den Busen des Beschauenden und in Deinem Geist sich als Offenbarung spiegelt; ja, die schone Blume des Gedankens hat eine Wurzel, die saugt aus dem warmen, verborgnen Boden der Sinne ihre Nahrung und steigt aufwarts zum gottlichen Licht, dem sie ihr Auge offnet und es trinkt und ihm ihren Duft zustromt; ja die Geistesblume ersehnt sich die Natur und die Gottheit, wie jede Erdenblume.

Bruchstucke aus Briefen in Goethes Gartenhaus

geschrieben.

Anno 18

Ich habe Dich heute nur wenig Augenblicke gesehen, und mir deucht, das ganze Leben gehore dazu, um Dir alles zu sagen. Musik und Kunst und Sprache, alles mocht ich beherrschen, um mich drin auszusprechen.

Ich sehne mich nach Offenbarung; Du bist's! Nach Deinem Innern strebt die Liebe, sie will sich in seinen Tiefen empfinden.

Deine Gegenwart erschuttert mich, weil ich die Moglichkeit empfinde, Dir eine Ahnung meiner Sehnsucht zu geben.

Deine Nahe verandert alles ausserlich und innerlich, dass der Atem, den Du aushauchst, sich mit der Luft mische, die auch meine Brust trinkt, das macht sie zum Element einer hoheren Welt; so die Wande, die Dich umfassen, sind magnetisch; der Spiegel, der Dein Bild aufnimmt, die Lichtstrahlen, die an Dir hinstreifen, Dein Sitz, alles hat eine Magie; Du bist weg, aber diese bleibt und vertritt Deine Stelle, ich lege mich an die Erde, wo Deine Fusse standen, an diesem Fleck und an keinem andern ist mir wohl. Ist das Einbildung? Tranen fuhl ich in der Brust, Deiner so mir Wollust, ich fuhle mich in ihr erhoben uber's ganze Erdenleben, und das ist meine Religion. Gewiss! Der Geliebte ist das Element meines zukunftigen Lebens, aus dem es sich erzeugt, und in dem es lebt und sich nahrt. O hatte ich Geist! Hatt ich den, was fur Geheimnisse wollt ich Dir mitteilen!

Offenbarung ist das einzige Bedurfnis des Geistes; denn das Hochste ist allemal das einzigste Bedurfnis.

Geist kann nur durch Offenbarung beruhrt werden, oder vielmehr: alles wird zur Offenbarung an ihm.

So muss sich der Geist sein Paradies begrunden. Nichts ausser dem Geist. Himmel und Seligkeit in ihm. Wie hoch steigt Begeistrung, bis sie zum Himmel sich steigert!

Wenn das ganze Leben des Geistes Element wird, so hat er Gewalt uber den Himmel.

Der Schlussel zum hoheren Leben ist die Liebe, sie bereitet vor zur Freiheit. Freiheit ist Geisterleben.

Denken ist Inspiration der Freiheit.

Der hat Geist oder ist geistig, der mit sich selbst zusammenkommt. Inspiration dringt darauf, dass der Mensch zu sich selbst komme. Wenn Du mich begeisterst, so forderst Du Dich selber von mir, und meine Begeistrung geht darauf aus, Dich Dir selber zu geben. Wahre Liebe gibt dem Geliebten sich selber. Wie wahr ist dies, da ich Dich nur denken kann und doch Dir alles geben muss.

Was ist Lieben? Der Wachter auf der Zinne ruft die nahe Morgenstunde. Der regsame Geist ahnet schlummernd den Tag, er bricht aus seiner Traumwelt hervor, und der junge Tag umfangt ihn mit seinem Licht, und das ist die Gewalt der Liebe, dass alles Wirklichkeit ist, was vorher Traum war, und dass ein gottlicher Geist dem in der Liebe Erwachten das Leben erleuchte, wie der junge Tag dem aus der Traumwelt Erwachten.

Liebe ist Erkenntnis, und die ist Besitz.

Liegt der Same in der Erde, so bedarf er der Erde. Nun er zum Leben angeregt ist, musste er sterben, wenn er ihr entnommen wurde. In der Erde erst wandelt sich der Same um ins Leben, und die Erde wird erst Geist im Samen. Wenn Du liebst, dringst Du ans Licht wie der Same, der in der Erde verborgen war. Warum verbirgt die Natur den Samen im Schoss der Erde, eh sie sein Leben ans Licht entlasst? Auch das Leben liegt im geheimen Schoss des Geistes verborgen, ehe es als Liebe ans Licht dringt. Der Boden, aus dem die Liebe entsteigt, ist Geheimnis.

Geheimnis ist Instinkt der Phantasie; wessen Geist diesen Instinkt hat, der hat den befruchtenden Boden fur den Samen der Liebe. Phantasie ist die freie Kunst der Wahrheit.

Und hier war ein Gewaltiges mitzuteilen, wenn die Mudigkeit mich nicht uberwaltigte; es muss mir genugen, dass ich's empfinde, wie die Phantasie die Vermittlerin ist zwischen der himmlischen Weisheit und dem irdischen Geist.

Jeder Gedanke hat Flugel und fliegt zu dem, der ihn eingibt; jeder Atemzug ein Gedanke, der zum Geliebten fliegt, nur was liebt, ist Gedanke und fliegt. Ja, Gedanken sind geistige Vogel.

Wenn ich nicht im Bett war, so schrieb ich noch mehr, aber so zieht mich das Kopfkissen nieder.

In Deinem Garten ist's so schon! Alle meine Gedanken sind Bienen, sie kommen aus Deinem duftenden Garten zum Fenster hereingeflogen, das ich mir geoffnet habe, und setzen da ihren Honig ab, den sie in Deinem blutenreichen Garten gesammelt haben. Und so spat es ist, nach Mitternacht schon, so kommen sie doch noch einzeln und umsummen mich und wecken mich aus dem Schlaf; und die Bienen Deines Gartens und die Bienen Deines Geistes summen untereinander.

Liebe ist Erkenntnis, Schonheit ist das Geheimnis ihrer Erkenntnis, und so tief ist dies Geheimnis, dass es sich keinem mitteilt als nur dem Liebenden. Glaub's nur! Keiner besitzt das Geheimnis von Dir, wie ich es besitze, das heisst: keiner liebt Dich, wie ich Dich liebe.

Wieder ein Bienchen! Deine Schonheit ist Dein Leben es wollte noch mehr summen, aber der Wind jagte es wieder zum Fenster hinaus. Dass ich in Deinem Garten schlafe eine Nacht, das ist wohl ein gross Ereignis. Du hast oft hier herrliche Stunden verlebt, allein und mit Freunden; und nun bin ich allein hier und denke dem allen nach und seh im Geist dem allen zu. Ach, und wie ich heute, eh ich ins stille verlassene Haus eintrat, noch den Berg hinaufging zum obersten Baum, der so mit mannigfachem Grun umwachsen ist, das all von Deiner Hand geleitet wurde, der seine Aste schutzend uber den Stein verbreitet, in den die Weihe der Erinnerung eingegraben ist! Dort oben stand ich ganz allein, ein wenig Mondlicht stahl sich durch den Baum, ich fuhlte an der Rinde des Baumes nach den eingeschnittenen Buchstaben. Ach, gute Nacht.

Stehle ich dem Schlaf noch langer die Traume, so werden meine Gedanken Schaume.

***

Da oben sah ich Dein Haus erleuchtet. Ich dachte: wenn Du bei diesem Licht meiner harrtest, und ich kam herab den frischen Mondscheinweg mit so wohl vorbereitetem Herzen, und ich trate ein bei Dir, wie freundlich Du mich aufnehmen wurdest. Bis ich herabkam, hatte mir meine Einbildungskraft weisgemacht, es konne moglich sein, dass Du da seist, und obschon ich wusste, dass dies Licht allein in meiner Kammer brenne, denn ich hatte es ja selber angezundet, so offnete ich doch mit Zagen die Tur; und wie ich diese stille Einsamkeit gewahrte, auf dem Tisch die getrockneten Pflanzen, und an den Wanden die Steine und die Muscheln, und die Schmetterlinge, und das erhabene Dunkel, was mit den Strahlen der Lampe spielte; und wie ich da eintrat, da blieb ich am Turpfosten angelehnt stehen und holte erst Atem.

Und nun lieg ich in diesem Bettchen zum Schlafen, es ist hart, das Bett, ein einziger Strohsack und eine wollne Decke druber, und zum Zudecken eine graue Decke mit bunten Blumen, und kein Mensch weiss, dass ich die Nacht hier zubringe, als nur Du.

Irdische Jugend ist bewusstlos, sie steigt aus ihrer Knospe, ihre Entfaltung ist ihr Ziel. Bewusstsein der Jugend ist schon ubersinnliche Jugend.

In Dir bin ich meiner Jugend bewusst. Ich sehe sie alle, die goldnen Tage, die ich in Dir verlebte, gekront ein jeder mit wunderbaren Bluten. Stolz erhaben einherschreitend feurigen raschen Geistes; unberuhrt, keusch, vor der Gemeinheit sich fluchtend in hohere Regionen; ein milder Schimmer durchglanzt sie, es ist der Abendschein Deines Lebens. Ach, und der heutige Tag ist auch ein solcher, er schliesst sich an die Reihe der verflossenen an, majestatisch, triumphierend; obzwar ich allein bin hier im verlassenen Haus, ohne Einrichtung, mich zu empfangen, hier sind noch die Spuren des vergangenen Winters.

Der Geist taucht unter in der Jugend als in einem Meer. Jugend wird sein Element, in ihm wird der Geist zur Liebe. Jugend bereitet den Geist vor zur Ewigkeit, die ewige Jugend ist.

Ich glaub an Deine Gegenwart in diesem einsamen Gemach, ich glaub, dass Du mich horst, mich empfindest; ich spreche mit Dir. Du fragst, ich antworte Dir.

Jeder strebt nach Jugend, weil das Bedurfnis des Geistes Entwicklung in der Liebe ist.

Nachdem ich schon ein Weilchen geschlafen habe:

Nichts ist dem Genius neu, alles ist ihm Element. In der Liebe ist einer dem andern Genius und wird einer dem andern Element.

Du bist mir Element, und ich kann die Flugel regen in Dir, und das ist das einzige Erkennen, das einzige Empfinden, das einzige Haben.

Und Du magst Dich tausendfach aus Dir heraussehnen, nie wirst Du Dich selbst finden, als indem Du Dich in einen andern ergiessest; nie wirst Du im andern sein, als wenn er in Dir ist.

Denken sieht und beruhrt, es ist innigste Beruhrung mit dem Geist des Bedachten.

Wenn der Geist zur Musik wird, dann wird Philosophie zur Empfindung.

Schon hundertmal hab ich mich in die graue Decke eingehullt, und wollte ich schlafen, so muss ich die Hand ausstrecken, um eine Zeile zu schreiben. Wenn es wahr ist, dass es eine Magie des Lebens gibt, die vermoge der Selbsterleuchtung sich erzeugt, wer wollte dann ausser ihren Kreisen stehen?

Gute Nacht! Zu Deinen Fussen verschlaf ich sie.

Ja, ich will glauben, dass Du da bist, und will keine Hand nach Dir ausstrecken, damit ich Dich nicht verscheuche, und doch beruhrst Du mich, die Luft verandert sich, der Schimmer der Lampe, die Schatten, alles gewinnt Bedeutung.

***

Am 28. August

Den ubergehen wir mit Stillschweigen. Du bist mir von Ewigkeit her. Wer wollte leugnen, dass die Sterne uns regieren. Du warst ihrem Einfluss willig, und so haben sie Dich zu sich erhoben, ich weiss alles: heimlich regieren sie Dich auch, dass Du mir geneigt bist. Ich seh's an Deinem Blick, Du bist mit mir zufrieden. Du sagst nichts. Du schliessest Deine Lippen so fest, als habest Du Furcht, sie mogen gegen Deinen Willen plaudern. Goethe! Es ist mir genugend, was Dein Blick sagt, auch wenn er nicht auf mir weilt. Gestern, da sahst Du Dich um, ich merkte es wohl; ich ging leise hinaus und schob die Tur nicht ganz zu, da sah ich Dich rasch den Brief ergreifen, dann ging ich weg, ich wollte Dich nicht langer belauschen, mich uberlief ein leises Frosteln, wie ich mir vorstellte, dass Du jetzt lesen werdest, was ich zu Dir gedacht hatte in letzter Mitternacht. Wie selig, Goethe! denken: jetzt nimmt er diese Schmeicheleien auf, jetzt spricht sein Geist freundlich nach, was ich fur ihn erdacht habe. Es ist schon, was ich Dir sage, es sind die Liebesgeister, die mit Dir sprechen, sie umkreisen jubelnd Dein Haupt.

Weisst Du, wie ich Dich mir denke heute an Deinem Geburtstag? Am Meeresstrand, auf goldnem Thronsessel im weissen wollnen Gewand, den Purpur untergebreitet; in der Ferne die weissen Segel auf hoher See, geschwellt vom Wind, rasch aneinander voruberfliehend, und Du, ruhend im Morgenlicht, gekront mit heiligem Laub, mich aber seh ich zu Deinen Fussen, mit der reinen Flut, die ich am Meer geschopft, um sie zu waschen. So denk ich mich zu Deinem Dienst in tausend Bildern, und es ist, als sei dies die Reife meines Daseins.

Hast Du schon in die untergehende Sonne gesehen, wenn sie schon milder leuchtet, so dass ein scharfes Aug von ihrem Glanz nicht mehr geblendet wird? Hast Du da schon gesehen, wie sich ihr eigen Bild von ihr ablost und vor ihr am Horizont niedertaucht in die rote Flut, und nach diesem Bild immer wieder ein anderes in leisen Brechungen der Strahlen immer wieder sich anders farbt? Meine Seele, wenn der gewaltige Glanz Deiner vollen Erscheinung nicht mehr so stark blendet und die Ferne sanfte Schleier uber Dich webt, sieht solche Bilder, die eins nach dem andern von Dir abstrahlen, sie tauchen alle unter in meiner Begeistrung wie im Feuerschoss der Natur, und ich kann mich nicht sattigen in dieser schonen Fulle.

***

Den 3. September

So mude wie ich war am spaten Abend, so fest wie ich schlief am fruhen Morgen, hab ich drei Tage nicht geschrieben. Du hast nicht nach mir gefragt in dieser Zeit, und heut am Abend bin ich zum erstenmal hinausgegangen und uberlege hier auf der Bank, dass Du mich vergisst. Die Vogel sind schon gewohnt, dass ich hier sitze unbeweglich still. Wie ist's doch so wunderlich hier im fremden Land! Hierher bin ich gekommen an den verlassenen Ort, um tief in mich selbst zu versinken. Da seh ich Bilder, Erinnerungen fruherer Tage, die sich an den heutigen anschliessen. Heute, wie sie in der fruhen Morgenstunde vor dem hervortrat und die grossen Hunde ungeduldig den Menschen zuvoreilten und ihm an den Hals sprangen, das kam mir so feierlich vor, wie er sich freundlich ihren ungestumen Liebkosungen preisgab und uber sie hinaus dem Volk winkte, das ihn mit Jauchzen begrusste. Da teiltest Du plotzlich die Menge, das Vivat verdoppelte sich bei Deiner Erscheinung; die beiden hohen Freunde miteinander auf und ab schreiten zu sehen, hoch an Geist und Milde, das war dem Volk ein heilig Schauspiel, und sie sagten alle: "Welch seltnes Paar!" Und viel Schones wurde von Euch gesprochen, jede Eurer Bewegungen wurde beachtet: Er lachelt, er wendet sich, der Herzog stutzt sich auf ihn! Sie reichen einander die Hande! Jetzt lassen sie sich nieder! So wiederholte das Volk mit heiligem Schauer alles, was zwischen Euch beiden vorging. Ach, mit Recht, denn aus Euer beider vereinten Liebe ging sein Gluck hervor, das wissen sie alle; und wie Ihr lange miteinander Rede fuhrtet, da harrte die Menge schweigend, als ob der Segen von Jahrhunderten auf es herabgerufen werde. Ich auch, Goethe! Ich glaub dran, dass Euch beiden als Wesen hoherer Geschlechter Macht gegeben ist, Segen fur die Zukunft zu versichern, denn in des Herzogs Brust ist die Milde schon lange als Frucht gereift, das hast Du selbst gesagt, und Dein Geist stromt Licht aus, Licht der Weisheit, die Gnade ist und alles gedeihen lasst.

Als Du weg warst, da liess der Herzog mich rufen, er fragte, ob Du mich gesehen und begrusst habest, das musste ich verneinen, denn Du hattest mich ja ubersehen. Erinnerst Du Dich noch an jenen Geburtstag? Am Abend, wo ich hinter dem Pfeiler stand, Du suchtest mich mit dem Blick und fandest mich auch, ach, wie durchgluhte das mein Herz, wie ich Dein Spahen belauschte, da reichtest Du mir Dein Glas, dass ich draus trinken sollte, und keiner merkte es in der Menge. Heute bin ich allein, viele Tage sind seitdem vergangen, dort liegt Dein Haus, ich konnte zu Dir gehen und Dich von Angesicht zu Angesicht sehen, doch zieh ich's vor, hier allein in Deinem Garten Dich zu beschworen: o hilf mir Dich denken, Dich empfinden; mein Glaube ist mein Zauberstab, durch ihn erschaff ich meine Welt, ausser welcher mir alles fremd ist, und ich hege keinen Zweifel, dass ich nur in ihr wirklich lebe. Mein Denken ist wundertatig: ich spreche mit Dir, ich seh in Dich hinein, mein Gebet ist, dass ich meinen Willen starke, Dich zu denken.

***

In Goethes Garten

Die ganze Welt umher beleuchtet von einer Sonne! Du in mir allein beleuchtet, alles andre im Dunkel. Wie das die Liebe entflammt, wenn das Licht nur auf einen Gegenstand fallt!

Das waren Deine Worte gestern: ich solle schreiben, und wenn es Folianten waren, es sei Dir nicht zu viel. Ach, und Du weisst doch, dass meine Sprache nur einen kleinen Umfang an Kenntnis hat. Dass ich zwar glaube, jedesmal neu zu empfinden, was ich Dir zu sagen habe, aber doch ist es ewig dasselbe. Und Dir? Ist es Dir nicht zu viel? Ich hab's versucht, wie ein Maulwurf mich durchs eigne Herz gewuhlt und habe gehofft, einen Schatz zu entdecken, der im Dunkeln leuchte, den wollte ich Dir heraufbringen, aber vergeblich! Es sind keine gewaltigen Dinge, die ich Dir zu sagen habe, es ist nichts als nur lieblich zu gestehen, und unwiderstehlich dieses Nichts. Liebkosungen bestehen ja in der Mitteilung. Wenn Du am Bach ruhst unter duftigen Krautern und die Libelle mit ihren kristallnen Augen lasst sich auf Dir nieder, sie fachelt Deine Lippen mit ihren Flugeln, wirst Du ihr bose? Wenn ein kleiner Kafer an Deinem Gewand hinaufklettert und endlich sich im Busen verirrt, nennst Du das allzu keck? Das kleine Tierchen, so unbekannt mit dem schlagenden Herzen unter seinen Fusschen? Und ich! Bekannt mit diesem erhohten Takt Deiner Gefuhle, bin ich zu tadeln, dass ich mich Dir ans Herz drange? Siehst Du! Das ist alles, was ich Dir zu sagen habe. Der Abendwind eilt fluchtig uber die Graser bis zu mir herab, die ich am Fuss des Hugels sitze und daran denke, wie ich Dir diese Folianten ausfullen soll.

***

Denk ich an Dich, so mag ich nicht am Boden weilen. Gleich regt Psyche die Flugel, sie fuhlt die irdische Schwere, fuhlt sich befangen in manchem, was nicht zu ihrem himmlischen Beruf gehort, das macht Schmerz, das macht wehmutig. Das Licht der Weisheit leuchtet nur in uns selbst. Was nicht innere Offenbarung ist, wird nie Fruchte der Erkenntnis tragen. Die Seele kommt sich selber entgegen in der Liebe, sie findet sich und nimmt sich auf im Geliebten; so finde ich mich in Dir. Was kann mir Begluckenderes widerfahren? Und ist es ein Wunder, dass ich Deine Knie umfasse? Ich mochte Dir alles mitteilen, was ich von Dir lerne. Wenn der Geist ware, was das Wort wiederholen kann, so hatte der Begriff einen kleinen Umfang. Es ist noch was anders Geist, als was in dem Netz der Sprache gefangen wird. Geist ist das alles in sich verwandelnde Leben; auch die Liebe muss Geist werden. Mein Geist ist fortwahrend geschaftig, diese Liebe in sich umzusetzen, daraus wird und muss mein unsterblich Leben hervorgehen, oder ich geh unter.

***

Die Sonne geht unter, ihr Purpurzelt breitet sich uber Deinen Garten, ich sitze hier allein und ubersehe die Wege, die Du durch diese Auen geleitet hast, alle sind verlassen, nirgends wandelt einer, so einsam ist's, so ganz bis in die Ferne, und so lange schon hab ich darauf gewartet, alles soll schweigen, dann wollt ich mich besinnen und mit Dir sprechen und jetzt fuhl ich mich so verzagt in der allmachtigen Stille. Den Vogel im Busch hab ich verscheucht, die Glockenblumen schlafen. Der Mond und der Abendstern winken einander, wo soll ich mich hinwenden? Der Baum, in dessen Rinde Du manchen Namen eingeschnitten hast, den hab ich verlassen und bin herabgegangen zur Haustur und hab die Stirne auf das Schloss gelegt, das Deine Hand wie oft aufgedruckt, und hast mit Freunden dagesessen und auch einsame Stunden verbracht. Du allein mit Deinem Genius hast's nicht gefuhlt, das Schauervolle der Einsamkeit, glorreich triumphierend im Wettgefuhl der Empfindung und Begeistrung gingen sie voruber, diese stillen Abende. O Goethe, was denkst Du von meiner Liebe? Die so ewig an Dich heranbraust wie die Flut ans Ufer, und mochte mit Dir sprechen und kann nichts sagen als nur seufzen. Ja! Sage doch: was meinst Du, das diese Liebe will? Ich selber erstaune oft, wie erwachend aus dem Traum, dass dieser Traum herrsche uber mich. Aber bald beuge ich mich wieder unter das Schattendach seiner Wolbungen und schmiege mich seinem Flustern und lasse die Sinne bewaltigen durch das Flugelrauschen unbekannter Geister. Gottlich will ich sein! Gottlich und gross wie Du, frei uber den Menschen nur in Deinem Lichte stehend, nur von Dir verstanden. Pfeile will ich senden: Gedanken, Dich sollen sie treffen und keinen andern, Du sollst ihre Scharfe prufen, und in diesem heimlichen Verkehr sollen meine Sinne gedeihen; sie sollen herzhaft sein, gesund, rasch, freudig, ewig aufwarts, nicht sinkend die Lebensgeister, ihrem Erzeuger zustromend.

Es ist Nacht, ich schreib beim Sternenlicht. Weisheit ist wie ein Baum, der seine Aste durch das ganze Firmament verbreitet, die goldnen Fruchte, die ihr Gezweig zieren, sind Sterne. Wenn nun eine Begierde sich regt, die die Fruchte vom Baum der Weisheit geniessen mochte? Wie komme ich dazu, diese goldnen Fruchte zu erlangen? "Die Sterne sind Welten", sagt man: ist der Kuss nicht auch eine Welt? Und ist der Stern grosser Deinem Auge als der Umfang eines Kusses? Und ist der Kuss geringer Deinem Gefuhl als das Umfassen einer Welt? Drum: die Weisheit ist Liebe! Und ihre Fruchte sind Welten, und der tauscht sich nicht, der im Kuss eine Welt empfindet; ihm ist eine reife Frucht, ein an dem Lichte der Weisheit gereifter Stern in den Busen gesunken. Der aber, Freund, der von solcher Himmelskost genahrt wird, zahlt er noch fur vollgultig unter den Menschen?

Ich gehe nun schlafen, die Stille der Nacht, die heimliche Zeit verwendet Psyche, um zu Dir zu dringen. Oft fuhrt sie der Traum zu Dir, sie findet Dich vielleicht durchkreuzt von tausend Gedanken, deren keiner ihrer erwahnt. Doch sie senkt die Flugel und kusst den Staub Deiner Fusse, bis Dein Blick sich ihr neigt.

***

Auf diesem Hugel uberseh ich meine Welt! Hinab ins Tal, mit Rasen sanft begleitet, Vom Weg durchzogen, der hinuber leitet, Das weisse Haus inmitten aufgestellt, Was ist's, worin sich hier der Sinn gefallt? Auf diesem Hugel uberseh ich meine Welt! Erstieg ich auch der Lander steilste Hohen, Von wo ich konnt die Schiffe fahren sehen Und Stadte fern und nah von Bergen stolz umstellt, Nichts ist's, was mir den Blick gefesselt halt. Auf diesem Hugel uberseh ich meine Welt! Und konnt ich Paradiese uberschauen, Ich sehnte mich zuruck nach jenen Auen, Wo Deines Daches Zinne meinem Blick sich stellt, Denn der allein umgrenzet meine Welt. Gereimt und ungereimt sag ich Dir dasselbe, und Du ermudest nicht, mich anzuhoren. Ich sitze hier auf der Bank in der Dammerung, wo der sinkende Tag vom aufgehenden Mond noch das Licht borgt, und freue mich, meine Welt im Zwielicht zu uberschauen. Vor wenig Minuten lag alles noch im Sonnenglanz, da war ich unruhig, ob ich bleiben oder gehen solle. Jetzt, seit der Mond gestiegen ist, weiss ich, dass ich bleibe; in seinem Licht erkenn ich meine Welt, seine Strahlen ziehen mich in ihren Zauberkreis, und was ich auch Unglaubliches fur wahr halte, das verneint er nicht wie das Sonnenlicht. Er schmiegt sich schmeichelnd in den Schoss der Taler, und ich fuhle deutlich, wie sie ihn liebt, die Natur, und wie er ihr geneigt ist, der Mond.

War ich Dir, was die ganze Natur dem Mond ist, der lebenerregend in ihren Pulsen spielt, der leise Lufte als Boten aussendet, der die samenbeflockten Schwingen des Abendwindes niederbannt ins tauige Gras und seinem befruchtenden Licht ihre Kraft aufregt: dann war mein ganzes Sein ein Empfangnis Deiner Schonheit. Soviel Bluten sich ihm erschliessen, soviel Schmeichelreden Dir von meinen Lippen fliessen, soviel Tautropfen in seinem Licht glanzen, soviel Tranen der Luft sich sammeln unter dem Einfluss Deines Geistes.

***

Ich danke Dir, dass Du gekommen bist, es war so grau und trub, ich sah mich in der weiten Ferne um und dachte schon, es wurde mich uberkommen wie das Wetter, wo sparsame Tranen aus den Wolken traufelten und der Himmel schwer und traurig war und viel dusterer aussah, als wenn es noch so sehr geregnet hatte. Da kamst Du. Du hast nichts gesagt vom Abschied und hast mich beschamt; denn ich hatte es auf der Zunge zu klagen, ja, es war schoner so, dass wir nicht Abschied nahmen; wir beide nicht. Wie hab ich diese Zeit verbracht? Gar zu glucklich! Das Gefuhl Deiner Nahe hat jeden Atemzug beseligt, das nenne ich mir himmlische Luft und Du? Hab ich Dir auch nicht missfallen? Ach beschame mich nicht, vergesse, was Dir nicht zusagte, wenn ich manchmal zu heftig war und Deine leisen Winke nicht verstand. Meine leidenschaftlichen Stimmungen sind ohne Anspruche, sie sind wie Musik, auch die verlangt keinen irdischen Besitz, aber sie stimmt den Geist, der ihr Gehor gibt, zum Mitgefuhl, zur Nachempfindung, ja kling's in Deinen Ohren, in Deinem Herzen noch eine Weile nach, alles, was ich Dir sagen durfte. Leidenschaft ist Musik, ein Werk hochster Machte, nicht ausser, sondern tief in uns, sie fuhrt uns mit dem idealischen Ich zusammen, um dessentwillen der Geist in den Leib geboren ist: dies Ich, das allein Leidenschaft entzunden, sie gestalten und bilden kann. Der Mensch wird von der Begeistrung erzogen, das ganze irdische Leben verhalt sich dann zu diesem Geistigen wie der Boden zum Fruchtkorn, das aus ihm emporsteigt, um tausendfaltig zu tragen.

Nur die Ewigkeit gibt Wirklichkeit; denn was einmal zugrunde geht, mag's gleich zugrunde gehn, ob heute oder morgen, das ist einerlei; aber die Liebe tragt alles zum himmlischen Reich, sie ist allumfassend, alldurchdringend wie die Sonne, und doch bildet sie jeden geistigen Reiz zu einem in sich abgeschlossnen, sich selber anheimgegebenen Eigentum, sie bewegt den Geist, dass er ganz eigentumlich das Eigentumliche fasse. So macht's die Liebe mit mir, in Dir werd ich meines Geistes machtig, und Du? Das leuchtende Grun, was der Baum in erneuter Fruhlingskraft hervortreibt, das gibt Zeugnis, dass die Sonne ihm ins Mark dringt. Und Du bist erfrischt durch diese Liebe, nicht wahr?

Wer Dich mit leiblichen Augen sieht und sieht Dich nicht durch die Liebe, der sieht Dich nicht, Du erscheinst nur durch sie dem liebenden beschworenden Geist. Je feuriger, je kraftiger die Beschworung: je herrlicher Deine Erscheinung, je machtiger Deine Einwirkung. Lieber Freund! Meiner Beschworung hast Du Dich aufs innigste vergegenwartigt, ich habe Dich in jedem Gedanken als in einem magischen Kreis umfasst, und der Inhalt mag sein, welcher er wolle, Du durchwaltest ihn und wohnst in jeder Gestalt, die mein Geist ausspricht.

Es ist wahr, Zauber ist Zauber, er hebt sich in sich selber auf, und darum leugnen sie seine Wirklichkeit; sie glauben: nur was sinnlichen Leib habe, sei wirklich, und ihnen muss Verstand nur als sinnlicher Boden gelten.

Das Werk Gottes aber ist Magie, die Liebe in unserer Brust, die Unsterblichkeit, die Freiheit sind magische Erzeugnisse Gottes, sie werden nur durch die Kraft seiner Beschworung in uns erhalten, sein Hauch ist ihr Leben, sie sind unser Element, und in diesem verewigen wir uns, und ob auch Zauber ins Nichts verschwinden konnte, wie leicht! so ist er doch die einzige Basis der Wirklichkeit; denn er ist Wirkung des gottlichen Geistes.

Das Geborenwerden der gottlichen Natur ins irdische Leben und sein Sterben im vorbereiteten Schmerz ist magische Beschworungsformel. Schmerz liegt in der Natur als der machtige Ubergang aus dem Nichts ins magische Leben.

Leben ist Schmerz, aber da wir nur so viel Leben haben, als unser Geist vertragt, so empfinden wir diesen Schmerz gleichgultig, war unser Geist stark, so war der starkste Schmerz die hochste Wollust.

In meiner Liebe, sei's Abschied oder Willkomm, schwankt mein Geist immer zwischen Lust und Schmerz, denn Du machst meinen Geist stark, und doch kann er's kaum ertragen. Ubergehen ins Gottliche ist immer schmerzlich, aber es ist Leben.

Jedes Aneignen im Geist ist schmerzlich, alles, was wir erlernen, erkennen, macht uns Schmerz im Erwerben, so wie es in uns ubergegangen ist, so hat es unsern Geist erhoht und befahigt, dies Leben kraftiger zu fassen, und was uns fruher weh tat, das wird jetzt Genuss.

Die Kunst ist auch Magie, sie beschwort auch den Geist in eine erhohte sichtbare Erscheinung, und der Geist geht auch uber die Schmerzensbrucke bis innerhalb des magischen Kreises.

Genie ist der vorgreifende, wollustahnende, durstende Instinkt, sein Trieb uberwindet das schmerzliche Zagen und reizt den Geist zu ewig neuer Energie. Je leidenschaftlicher der Genius im Menschen, je mehr wird ihm Seligkeit Bedurfnis, je gewaltiger uberwindet er, je gewisser ist er seiner Befriedigung; dies bejahest Du mir. Ich stehe in meiner Liebe zu Dir zwischen diesem Schmerz und dieser genialischen Begierde, die Tragheit meines Geistes zu uberwinden und Beseligung zu empfinden. Manchmal fuhlt sich der Geist ganz verlassen, und ein Nichts nimmt die Stelle dieser enthusiastischen Begeistrung ein, und alles ist verschwunden. Aber wie konnte ich mir dies gefallen lassen. Nein, Du musst Dich verzaubern lassen. Wenn Gott mich aus dem Nichts hervorberufen hat, wenn er mein Wesen gebildet hat als reinen Anspruch an die Seligkeit, so erwerb ich diese in der Magie der Liebe; und aus Bedurfnis, aus gottlich eingepragter Sehnsucht nach dem Schonen erhebt der Genius immer wieder die ermudeten Flugel und halt treu und fest dies Herz zu Deiner Wohnung und die Seele, Dich zu empfinden, und den Geist, Dich zu fassen und zu bekennen, alles wie Du bist in Deiner innern Wesenheit.

Und wenn dies alles wahr ist, was ich hier sage, und wir werden einst uns wiedersehen in einem hoheren Leben, dann denke, dass mein Genie Deinem Geist gewachsen sein werde.

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An Goethe13

22. Marz 1832

Hier aus den Bergesschluchten hervor wag ich's und komme ungerufen, unerwartet, wie manchmal sonst auf Deinen Wegen. Im Bohmer Gebirg, wo ich wie ein Stossvogel auf dem vorragenden Gefels uber Dir hing, weisst Du noch? Und wie ich dann niederkletterte ganz erhitzt, dass mir alle Adern im Kopf klopften, und wie Deine Hand meine Augenwimper vom Staub reinigte, und Du die kleinen Reiser und Moose aus meinen Flechten sammeltest und legtest es sanft neben Dich auf den Sitz? Du weisst's nicht mehr. Scharen sind an Dir vorubergezogen, die Dich begrussten mit lautem Ehrenruf, Kranze haben sie vor Dir hergetragen, die Fahnen haben sie vor Dir geschwenkt, die Konige kamen und beruhrten den Saum Deines Mantels und brachten Dir goldne Gefasse und legten Ehrenketten um Deine freie Brust. Du weisst's nicht mehr, dass ich Dir die gesammelten Blumen, die wilden Krauter alle in den Busen pflanzte und die Hand darauf legte, um sie fester zu drucken. Du weisst's nicht mehr, dass meine Hand gefangen lag inmitten Deiner Brust, und dass Du mich den wilden Hopfen nanntest, der Wurzel fasse da und dann hinauf nichts mehr an Dir zu kennen sei als bloss der wilde Hopfen. Sieh, in dieser Doppelwand von Fels- und Bergesschluchten, da haust des Widerhalles froher Ruf; sieh, meine Brust ist eine so kunstreich gebildete Doppelwand, dass ewig und ewig tausendfaltig der freudige Schall so susser Mare sich durchkreuzt. Wo sollte es ein Ende nehmen, dies Leben jugendlicher Lust? Es liegt ja bewahrt und umgeben vom reinsten Enthusiasmus die Nahrung meiner Wiegezeit. Dein Hauch, dem der Gott Unsterblichkeit einblies, hat ja mir den Atem der Begeistrung eingeblasen. Lasse es Dir gefallen, dass ich Dir noch einmal die Melodien meiner schonsten Lebenswege vorsinge und zwar im begeisterten Rhythmus des augenblicklichen Genusses, wo die Lebensquellen von Geist und Sinne ineinanderstromen und so einander erhohen, dass alles Bedeutung gewinne, dass nicht allein das Erfahrne sichtbar fuhlbar werde, sondern auch das Unsichtbare, Ungehorte erkannt und erhort werde.

Sind's Pauken und Posaunen, die feierlichen Jubelschlag an die Wolken drohnen? Sind's Harfen und Zimbeln? Ist's das Gewirr von tausend Instrumenten, das aufs Kommandowort sich ordnend lost, in reiner Linie Takt sich bildend wendet, die Sprache himmlischer Influenzen redet, eindringt in den Menschengeist mit Farb und Licht, die Sinne mit dem Geist vermahlt? Ist's dieser Erzeugung Kraft, die durch die Adern rinnt, das Blut beschworend, das Irdische auszustossen und die reine Frucht himmlischer Liebe, himmlischen Lichtes zu nahren, zu gebaren? Hast Du's nicht vollbracht in mir, wenn es noch leuchtet in meiner Seele? Ja, es leuchtet, wenn ich Deiner gedenke; oder sind es nur Schalmeien sinnig und wahnend, nur an Phantasie streifend, nicht von ihrer Offenbarung ergriffen, was ich diesen Blattern zu vertrauen habe? Was es auch sei! Bis in den Tod geleite mich der ersten Liebe Musik. Zu Deinen Fussen pflanze ich den Grundbass ein, er wachse Dir zum Palmenhain auf, in dessen Schatten Du wandelst. Alles Liebe und Susse, was Du mir gesagt hast, flustre von Zweig zu Zweig wie leise Melodien zwitschernder Vogel; die Kusse, die Liebkosungen zwischen uns seien die honigtriefenden Fruchte dieses Haines; das Element meines Lebens aber: die Harmonie mit Dir, mit der Natur, mit Gott, aus deren Schoss die Fulle der Erzeugung steigt, aufwarts ans Licht, ins Licht, im Lichte vergehend: das sei der Strom, der gewaltige, der diesen Hain umzingelt, ihn einsam macht mit mir und Dir.

Weisst Du's noch, wie Du in der Dammerung mich wieder bestelltest? Du weisst nichts, ich weiss alles, ich bin das Blatt, auf das die Erinnerung aller Seligkeit geatzt ist. Ja ich ging um Dein Haus herum und wartete auf die Dammerung und dachte, wenn ich an die Pforte kam: "Ob's wohl schon dunkel genug ist? Und ob er dies wohl fur die Dammerung halt?" Und aus Furcht, Deinen Befehl zu verfehlen, ging ich noch einmal um das Haus, und wie ich nun eintrat, da schmaltest Du, dass ich zu spat gekommen, es sei schon lange dammerig. Du habest lange schon auf mich gewartet. Dann liessest Du Dir ein weisses wollnes Gewand bringen und zogst das Tagskleid aus und sagtest: "Nun es gar Nacht geworden uber dem Harren auf dich, so wollen wir recht nachtlich und bequem sein und recht feinwollig will ich gegen dich sein; denn du sollst mir heute beichten." Da kniete ich vor Dir auf dem Schemel und umfasste Dich und Du mich. Da sagtest Du: "Vertrau mir doch und sag mir alles, was in deinem Herzen Gewalt geubt hat, du weisst, ich hab dich nie verraten, kein Wort, kein Laut von dem, was deine Leidenschaft zu mir gerast hat, ist je uber meine Lippen gekommen, so sag mir doch, denn es ist nicht moglich, dass dein Herz diese ganze Zeit uber so ruhig war, sag mir doch, wer war's, kenne ich ihn? Und wie war's? Was hast du noch alles gelernt und erfahren, was dich meiner vergessen machte?"

Damals, lieber Freund, sagte ich Dir die Wahrheit, wie ich Dir beteuerte, dass mein Herz ganz still gewesen sei, dass nichts seitdem mich beruhrt habe; denn in demselben Augenblick war mir alles Wahn gegen Dich, und bleiches Schattenbild die ganze Welt, und abgeschiednes Totes schien mir des Schicksals Los in Deiner Nahe, ich konnte es sagen in vollem Bewusstsein, dass ich Deiner Schonheit gebunden sei; denn ich sah Dich ja an. Du aber ruhtest nicht und wolltest durchaus wissen die Geschichte, die ich mich vergebens bemuhte zu erfinden; denn ich schamte mich beinah, dass mir gar keine Liebesgeschichte widerfahren war. Jetzt besann ich mich auf eine und wollte eben erzahlen und hub an: "Ja! Aber glaube nicht, dass Dir die Liebe in den Weg gekommen, damals wandelte ich im Traum, jetzt wache ich wieder; hier im Mondschein an Deiner Brust weiss ich, wer ich bin, und was Du mir bist, wie ich nur Dir angehore, wie Du mich bezauberst; aber einmal" da begann ich meine Liebesgeschichte, von der ich nichts mehr weiss. Und Du, Herrlicher, liessest mich nicht weiter sprechen und riefst: "Nein, nein! Du bist mein! Du bist meine Muse! Kein andrer soll sagen konnen, dass du ihm so zugetan warst wie mir, dass er deiner Liebe so versichert war wie ich, ich habe dich geliebt, ich habe dich geschont, die Biene tragt nicht sorgfaltiger und behutsamer den Honig aus allen Bluten zusammen, wie ich aus deinen tausendfaltigen Liebesergussen mir Genuss sammelte." Da fielen meine Haarflechten nieder, Du nahmst sie und nanntest sie braune Schlangen und stecktest sie in Dein Gewand und zogst so meinen Kopf an Deine Brust, an der ich von Ewigkeit zu Ewigkeit ruhen sollte und des Denkens und des Treibens mich uberheben, das war schon, das war wahr, das war so die rechte susse Faulheit meines Daseins, das ist die Paradiesesfrucht, nach der ich schmachte, ruhen und schlafen in dem Bewusstsein, dass ich dem Herrlichsten nahe bin.

***

An meinen Freund

Soweit hatte ich gestern geschrieben, dann ging ich abends spat noch in Gesellschaft, ich hatte den Vorsatz gefasst, alles Liebliche und Tiefbedeutende, was ich mit Goethe erlebt, ihm in einem Zyklus solcher Briefe noch einmal darzulegen; jetzt stand mir alles so klar und deutlich vor Augen, als wenn mir's eben erst widerfahren ware. Meine Seele war tief bewegt von diesen Erinnerungen und fern den Menschen wie der Mond, wenn er jenseits ist. Bei solchen Stimmungen bin ich immer auf eine sonderbare Spitze gehoben, namlich zum Ubermut. Man war in der Gesellschaft schon von Goethes Tode unterrichtet, ich erzahlte, dass ich eben nach Jahren zum erstenmal wieder an ihn geschrieben, sie machten alle trube Gesichter, aber keiner teilte mir die Nachricht mit. Nachts um ein Uhr nach Haus; die Zeitung lag an meinem Bett, ich las die Anzeige seines Todes, ich war allein, ich brauchte keinem Red und Antwort zu geben uber mein Gefuhl; ich konnte so ruhig dabei sein und entgegensehen allem, was es mir bringen werde; da war's ganz deutlich, dass diese Liebesquelle mir nicht versiegt sei mit dem Tod, ich schlief ein und traumte von ihm und erwachte, um mich zu freuen, dass ich ihn eben im Traum gesehen, und ich schlief wieder ein, um weiter von ihm zu traumen, und so verging mir diese Nacht voll sussem Trost, und ich war gewiss, sein Geist habe sich mit mir versohnt, und nichts sei mir verloren.

Wem sollte ich nun wohl dies verwaiste Blatt vererben als dem Freund, der mit so innigem Anteil mich von ihm sprechen horte, und wenn es ihm auch nur war, was ein falbes Blatt ist, das der Wind vor seinen Fussen hinwirbelt, er wird doch erkennen, dass es am edlen Stamm gewachsen ist.

Ich will den Ausgang jenes Abends mit Goethe hier auserzahlen: Als ich wegging, begleitete er mit der Kerze mich ins zweite Zimmer, indem er mich umfasste, fiel das brennende Licht an die Erde, ich wollte es aufheben, er aber litt es nicht. "Lass es liegen", sagte er, "es soll mir ein Mal in den Boden brennen, wo ich dich zuletzt gesehen habe, sooft ich dran vorubergehe, will ich deiner lieben Erscheinung gedenken. Bleib mir treu, bleib mein", sagte er; so kusste er mich auf die Stirn und schob mich zur Tur hinaus.

War es nicht unrecht, dass am Fest der Verklarung die Nebel geheimer Vorwurfe aufstiegen und den sonnenhellen Horizont verdunkelten, so wurde ich dem Freund hier verklagen, grade die, von der er weiss, dass sie gern rein und frei von jedem Fehl in der Liebe erscheinen mochte, ja dies beschamte Herz! Sieh, wie gross seine Vergehen sind gegen die Liebe, der nicht bloss ein Zweig vom heiligen Baum des Ruhms anvertraut war, nein, der Baum selbst, der diese Sprossen sich ewig verjungend treibt, war ihr zur Pflege befohlen, und sie hat sein nicht geachtet, ist nicht geblieben im Schutze dieses Baumes, der ohne sie fortgrunte.

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An Goethe

Aufgefahren gen Himmel! Die Welt leer, die Triften ode; denn gewiss ist's, dass Dein Fuss hier nicht mehr wandert. Mag auch Sonnenschein die Wipfel jener Baume beglanzen, die Du gepflanzt hast! Mag sich das Gewolk teilen und der blaue Himmel sich ihnen auftun: sie wachsen nicht hinein; aber die Liebe? Wie war's, wenn die ihre Blutenkrone da oben als Teppich zu Deinen Fussen ausbreite? Wenn sie hinaufstrebte fort und fort, bis ihr Wipfel anstiess an den Schemel Deiner Fusse und dort alle Bluten entfaltend, ihren Duft um Dich schwenkend: war das nicht auch zu den Himmelsfreuden zu zahlen? Ich hab Vertrauen, dass Du mich horst, dass mein Ruf aufwarts gehe zu Dir. Hier auf Erden, da war's nicht moglich. Das Marktgewuhl des alltaglichen Lebens liess die Sehnsucht nicht durchdringen, keine einsame vertrauliche Zeit kam ihr zu Hilfe, ich selbst sagte mir hundertmal: "Es ist alles verloren." Herr! Der mich hort, dem ich vertraue, dass er mich hore: gib Antwort. Seit sie Dich tot sagen, klopft mir das Herz vor heimlicher Erwartung. Es ist, als hattest Du mich dahin bestellt, um mich zu uberraschen wie sonst im Garten, wo Du aus umbuschten Nebenwegen hervortratst, den reifen Apfel in der Hand, den ich dann vor Dir herwarf, um Dich den Weg zu lenken in die Laube, wo die grosse Kugel am Boden lag. Da sagtest Du: "Da liegt die Welt zu deinen Fussen, und doch liegst du mir zu Fussen." Ja, die Welt und ich, wir lagen zu Deinen Fussen, jene kalte Welt, uber der erhaben Du standest, und ich, die zu Dir hinaufstrebte. So kam's auch: die Welt blieb liegen, und mich zogst Du ans Herz. An Deinem Herzen, mein Freund, das warm schlug, wer kann ermessen, wie selig das war. Herr! Ist das alles wieder zu erwerben, mit sussem Bewusstsein noch einmal zu durchleben?

O der falschen Welt, die uns trennte und mich wegfuhrte, mich armes blindes Kind von meinem Herrn! Was hab ich gesucht? Was hab ich gefunden? Wer hat mich freudig angelachelt? Wessen Umarmung hab ich ausgefullt mit der liebenden Gewissheit, dass er nichts Seligeres umfassen konne? Du warst zufrieden mit mir. Dich freute es zu sehen, wie aus dem Kinderherzen die Quelle der Begeistrung fur Dich hervorbrach, warum musste diese Quelle versiegen? Konnte, sollte nicht der ganze Lebensstrom Deinem Lacheln, Deinem Grussen und Nicken dahinfliessen? Wo war es schon als nur bei Dir? Du kanntest die Grazien, ihr ferner Schritt schon gab den Rhythmus Deiner Begeisterung. Das stille Feuer Deiner dunklen Augen, die Ruhe Deiner Glieder, Dein kindlich Lacheln zu meiner List im Erzahlen, Deine gelehrige Andacht fur meine Begeistrung. Ja, und Du senktest Dein heilig Haupt zu mir herab und sahst mich an, die ich geweiht war durch Deine Nahe.

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An den Freund

Vielleicht verscherz ich Dein bisschen Andacht zu mir, dass ich Dich so tief in den Schacht meines Herzens einsenke, wo es so wunderlich hergeht, dass die Leute sagen wurden, es sei Narrheit. Ja, Narrheit ist die rechte Scheidewand zwischen dem ewig Unsterblichen und dem zeitlich Verganglichen. Es scheue keiner, die irdischen Gewande zu versehren am gottlichen Feuer. Du bist mein Freund, oder bist Du's auch nicht, ich weiss es nicht, immer muss ich Dich so annehmen, da Du mitten im Geheimnis meiner Brust stehst wie ein Pfeiler, an den ich mich anlehne, und wie der gewandte Schwimmer von gefahrlicher Hohe sich in die Fluten sturzt vor solchen Augen, denen er seine Kuhnheit bewahren mochte, so wage ich, weil Du mir Zeuge bist, diesen damonischen Gewalten mich anheim zu geben, diese Tranenflut, in der ich spiele, diese Fruhlingsbegeistrung meiner Liebeszeit zu Goethe und die Vorwurfe, die in mir aufsteigen wurden, mir das Herz zerreissen, wenn ich nicht den Freund hatte, der zuhorte und nachempfande, was ich hier ausspreche.

Der letzte Akt der Blutezeit ist, dass sie ihren befruchtenden Staub mit dem Samen in ihrem Kelch mische, dann tragen die Lufte sich spielend mit ihren gelosten Blattern und gaukeln eine Weile mit dem Schmuck der Begeistrung. Bald sieht kein Auge mehr von ihrem Glanz, ihre Zeit ist voruber; der Same aber quillt und offenbart in der Frucht das Geheimnis der Erzeugung. Vielleicht, wenn diese Blatter der Begeistrung vom Stamme gelost dahinwirbeln und wie jene kleinen Blutenkronen, nachdem sie ihren Duft ausgehaucht, vom irdischen Staub beschwert, flugellahm sich endlich unter die Erde betten, dass es dann in dem Herzen des Freundes, dem sie duften, auch quillt und der Segen dieser schonen Liebe zwischen dem Dichter und dem Kinde sich an seinem Geist bewahre und ihn zu der Schonheit befruchte, deren Abbild in seinen edlen Zugen sich malt.

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An Goethe

Wie begierig nach Liebe warst Du! Wie begierig warst Du, geliebt zu sein! "Nicht wahr, du liebst mich? Nicht wahr, es ist dein Ernst, du betrugst mich nicht?" so fragtest Du, und ich sah Dich an und schwieg. "Ich bin leicht zu betrugen, mich kann jeder betrugen, betruge mich nicht, mir ist lieber die Wahrheit, und wenn sie auch schmerzt, als dass ich umgangen werde." Wenn ich dann aufgeregt durch solche Reden Dir mein Herz aussprach, da sagtest Du: "Ja, du bist wahr, so was kann nur die Liebe sagen." Goethe, hor mich an! Heute spricht auch die Liebe aus mir; heute am dreissigsten Marz, acht Tage nach dem, welchen man als den Tag Deines Todes bezeichnet, seit welchem Tag alle Deine Rechte mir im Busen sich geltend machen, als lag ich noch zu Deinen Fussen; heute will die Liebe Dir klagen: Du! Oben uber den Wolken, nicht getrubt durch ihre Schwere, nicht gestort durch ihre Tranen; konnen Klagen in Dein Ohr dringen? O lose meine Klagen auf und erlose mich, mache mich frei von dieser Sehnsucht, erkannt zu werden, und dass man meiner auch bedurfen moge, hast Du nicht mich erkannt? ja, mit prophetischer Stimme schlummernde Krafte der Begeistrung in mir geweckt, die mir ewige Jugend zusagen, die mich weit uber die Fahigkeit der Menschen, sich mir zu nahern, hinwegtragen? Hast Du mir nicht reichlich ersetzt im ersten Einklang mit meinem Herzen alles, was je mir konnte entzogen werden? Du, an den zu denken mir leises Gewittern im Herzen erregt, wo's gleich elektrisch schauert durch den Geist, wo gleich Schlummer befallt das aussere Leben und keine Erkenntnis mehr von den Anspruchen der ausseren Welt. Wer hat je mein Herz gefragt? Wer hat sich geneigt zur Blume, um ihre Farbe zu erkennen und ihren Duft zu atmen? Wem hatte der Klang meiner Stimme (von der Du sagtest: Du fuhlest, was Echo fuhlen musse, wenn die Stimme eines Liebenden an ihrer Brust widerhalle) eine Ahnung gegeben, welche Geheimnisse kraft Deiner dichterischen Segnungen sie auszusprechen vermoge? O Goethe! Du allein hast den Schemel Deiner Fusse mir hingeruckt und mir erlaubt, in Deiner Nahe meine Begeistrung auszustromen. Was jammere ich denn? Dass es so still ist um mich? Dass ich so einsam bin? Nun wohl! In dieser einsamen Weite, wenn es einen Widerhall meiner Gefuhle gibt, kannst nur Du es sein; wenn eine Trostung mir zuweht aus freier Luft, so ist es der Atem Deines Geistes. Wer wurde auch verstehen, was wir hier miteinander sprechen, wer wurde sich feierlich fugen dem Gesprach Deines Geistes mit mir. Goethe! Es ist nicht mehr suss, unser Zusammensein! Es ist kein Kosen, kein Scherzen; die Grazien raumen nicht mehr um Dich her auf und ordnen jede Liebeslaune, jede Spielerei des Witzes zu heiteren Gedichten. Die Kusse, die Seufzer, Tranen und Lacheln jagen und necken einander nicht mehr, es ist feierliche Stille, es ist feierliche Wehmut, die mich ganz durchgreift. In meiner Brust ordnen sich die Harmonien, die Tonarten losen sich voneinander, jede fuhlt die Organe ihrer Verwandtschaften in sich machtig, und was sie vermag. So ist es in meiner Brust, weil ich's wage, mich vor Dich zu stellen, mitten in Deinen Weg, den Du eilend durchjagst, und Dich zu fragen: Kennst Du mich noch? die ausser Dir niemand kennt? Siehe, inmitten dieser Brust steht der reine Kelch der Liebe, gefullt bis zum Rand mit herbem Trank, mit bitteren Tranen schmerzlichen Entbehrens. Wenn die Harmonien ubergehen ineinander, dann wird der Kelch erschuttert, dann stromen die Tranen; sie fliessen Dir, der Du die Totenopfer liebst, der Du sagtest: "Unsterblich sein, um nach dem Tode tausendfach in jedem Busen zu erwachen." Ja! Damals wollte ich: allein in meinem Busen solltest Du erwachen; und es ist wahr geworden, und dicht hinter mir und Dir ist das Leben abgeschlossen. Ach, ich bin Deiner heiligen Gegenwart nicht gewachsen, ich wage zu viel und sturze zusammen und sehne mich nach einer Brust, die lebt unter den Lebenden, die meine Geheimnisse aufnimmt und mich warmt; denn: vor Dir stehen gibt schauerliche Kalte; und die Hande muss ich ringen, dass ich Deiner so verinnigt zu denken wage. Nein! Nicht Dich rufen! Nicht die Hande nach Dir ausstrecken, in dieser seltsamen schauerlichen Stunde nach Dir forschen uber den Sternen, hinaufsehen, Deinen Namen rufen? Ich wage es nicht! O ich furchte mich! Besser bescheiden den Blick senken auf das Grab, was Dich deckt; Blumen sammeln, sie Dir hinstreuen; ja, die sussen Blumen der Erinnerung, alle wollen wir sammeln, sie duften so geistig, mag sie einer bewahren zu Deinem und meinem Gedenken, oder mag sie der Zufall verwehen, einmal will ich die sussen Geschichten der Vergangenheit noch durchgehen. Heute erzahle ich Dir, wie Du mich in dunkler Nacht unbekannte Wege fuhrtest, das war in Weimar auf dem Markt, als wir an eine Treppe kamen und Du zuerst niederstiegst und als ich unsicher zu folgen versuchte, mich in Deinen Mantel gehullt dahin trugst; Herr! Ist es wahr? Hast mich in beiden Armen schwebend getragen? Wie schon warst Du da, wie gross und edel, wie leuchtete Dein durchdringender Blick dunkel im Glanz der Sterne mich an. Da oben mit beiden Armen Dich umschlingend, wie war ich selig! Wie lacheltest Du, dass ich so selig war, wie freute es Dich, dass Du mich hattest, uber Dir schwebend mich trugst, wie freute ich mich, und dann schwang ich mich hinuber auf die rechte Schulter, um die linke nicht zu ermuden. Du liesst mich durch die erleuchteten Fenster sehen, eine Reihe friedlicher Abende von alt und jung, bei Lampenschein oder bei hellem Kuchenfeuer, auch der kleine Hund und das Katzchen waren dabei. Du sagtest: "Ist das nicht eine allerliebste Bildergalerie?" So kamen wir von einer Wohnung zur andern aus den finstern Strassen hervor unter die hohen Baume, ich reichte an die Aste, da rauschten die Vogel auf, da freuten wir uns, wir beide, Kinder, ich und Du. Und nun? Du ein Geist, aufgefahren zu den Himmeln, und ich? Unerleuchtet, unerfullt, unerwartet, unverstanden, ungeliebt, ja sie konnten mich fragen: "Wer bist du und was willst du?" Und wenn ich Antwort gabe, wurden sie sagen: "Wir verstehen dich nicht." Du aber erkanntest mich und offnetest mir die Arme und das Herz, und jede Frage war gelost und jeder Schmerz beschwichtigt. Dort im Park zu Weimar gingen wir Hand in Hand unter den dichtbelaubten Baumen, das Mondlicht fiel ein, Du gabst mir viele susse Namen, es klingt noch in meinen Ohren: "Lieb Herz! Mein artig Kind!" Wie war ich erfreut zu wissen, wie ich Dir heisse; dann fuhrtest Du mich an die Quelle, sie kam mitten aus dem Rasen hervor, wie eine grune kristallne Kugel, da standen wir eine Weile und horten ihrem Geton zu. "Sie ruft der Nachtigall", sagtest Du, "denn die heisst auf Persisch Bulbul, sie ruft dich, du bist meine Nachtigall, der ich gern zuhore." Dann gingen wir nach Hause, ich sass an Deiner Seite, da war's so stille, nah an Deinem Herzen; ich horte es klopfen, ich horte Dich atmen, da lauschte ich und hatte keine Gedanken als bloss Deinem Leben zuzuhoren. O Du! Hier lang nach Mitternacht, allein mit Dir im Angedenken jener Stunde vor vielen Jahren, durchdrungen von Deiner Liebe, dass meine Tranen fliessen; und Du! Nicht auf Erden, jenseits! Wo ich Dich nicht mehr erreiche. Ja, Tranen! Alles umsonst. So verging die Zeit an Deiner Brust, keine Ahnung, dass sie verging, es war alles fur die Ewigkeit eingerichtet. Dammerung die Lampe warf einen ungewissen Schein an die Decke, die Flamme knisterte und leuchtete auf, das weckte Dich aus Deinem tiefen Sinnen. Du wendetest Dich nach mir und sahst mich lange an, dann lehntest Du mich sanft aus Deinen Armen und sagtest: "Ich will gehen, sieh, wie unsicher das Nachtlicht brennt, wie beweglich die Flamme an der Decke spielt, grade so unsicher brennt eine Flamme in meiner Brust, ich bin ihrer nicht gewiss, ob sie nicht auflodere und dich und mich versehre." Du drucktest meine Hande, Du gingst, ohne mich zu kussen. Ich blieb allein; erst, wie es sonderbar mit Liebenden ist, war ich ruhig, ich fuhlte mich von Glanz umgeben und vom Glanz erfullt, aber plotzlich durchdrang mich der Schmerz, dass Du gegangen warst. Wem sollte ich's klagen, dass ich Dich nicht mehr hatte? Ich trat vor den Spiegel, da sah mein blasses Antlitz heraus, so schmerzlich sah das Auge mich an, dass ich vor Mitleid gegen mich selbst in Tranen ausbrach.

***

Dem Freund

Es ist, als ob jeder Atemzug sich wieder aus der Vergangenheit erhebe, was ich vergessen zu haben glaubte, greift mit Macht in mich ein und erregt aufs neue das Feuer verhaltner Schmerzen.

So weit habe ich in der Nacht geschrieben, heut am Tag schreibe ich noch als psychologische Merkwurdigkeit her, auf welche wunderbare Weise ich mich beschwichtigte, wie die geangstete, mit aller Willenskraft der Jugend ausgerustete Seele sich half. Auf dem Tisch vor dem Spiegel kniend, bei dem unsicheren Flackern der Nachtlampe, hilfesuchend im eignen Auge, das mir mit Tranen antwortete, die Lippen zuckten, die Hande so festgefaltet auf der Brust, die bedrangt, erfullt war von Seufzern. Siehe da! Wie oft hatte ich gewunscht, auch einmal vor ihm seine eigne Dichtung aussprechen zu durfen, plotzlich fielen mir die grossen gewaltigen Eichen ein, wie die vor wenig Stunden im Mondlicht uber uns gerauscht hatten, und zugleich der Monolog der Iphigenia auf Tauris, der so beginnt: "Heraus in eure Schatten, rege Wipfel des alten heiligen dichtbelaubten Haines." Ich stand aufrecht vor dem Spiegel, es war mir, als ob Goethe zuhore, ich sagte den ganzen Monolog her, laut, mit einer gewiss zum hochsten Grad des Kunstgefuhls gesteigerten Begeistrung. Oft musste ich innehalten, das leise verhaltne Beben der Stimme gab mir die Pausen ein, die in diesem Monolog so wesentlich sind, weil unmoglich die nach allen Seiten sich scharfrichtenden Blicke auf Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart, die seinen Inhalt ausmachen, alles in einem ununterbrochnen Lauf auffassen konnen. Meine Ruhrung, mein tief von Goethes Geist erschutterter Geist waren also Veranlassung, mein dramatisches Kunstgefuhl zu steigern; ich empfand deutlich die Begeistrung der Begeistrung. Ich fuhlte mich wie in einer Wolke gebettet aufwarts schwebend, eine gottliche Gewalt trieb diese Wolke entgegen dem Ersehnten und zwar in der Verklarung seines eignen Werkes, welche schonere Apotheose seiner Einwirkung auf mich war zu erleben? So waren denn alle Schmerzen der Sehnsucht gelost in freudiges Flugelrauschen des Geistes. Wie ein junger Adler mit den Flugeln der Sonne zuwinkt, ohne sich emporzuschwingen, und im Gefuhl seiner Kraft sie auf ihre Bahn zu verfolgen sich genugen lasst: so war ich heiter und froh. Ich ging zu Bett und der Schlaf fiel uber mich her wie ein erquickender Gewitterregen.

So ist von jeher und bis auf die heutige Stunde alles unbefriedigte Begehren durch Kunstgefuhl aufgelost worden. Jedes in der heiligen Natur begrundete sinnliche Gefuhl, alle unbefriedigte Leidenschaft steigert sich schon hier zu der Sehnsucht, uberzugehen in eine hohere Welt, wo das Sinnliche auch Geist wird.

***

Ich danke Dir, Freund, dass ich Dir alles sagen darf, unter allen Menschen weiss ich keinen zweiten, dem ich diese Blatter hatte vertrauen mogen, ich will nicht zweifeln, dass Du ihren Wert erkennst, sie enthalten das Heiligtum von Goethes Pietat, aus der sein unendlicher Genius hervorgegangen war, der den Feuergeist des Lieblings sanft zu lenken verstand, dass er sich stets glucklich fuhlte und in vollkommner Harmonie mit ihm. Mein Freund! Dir ist's geschenkt, dass zutage komme, was sonst nie, nicht einmal in meinen einsamen Traumen sich wiederholt haben durfte. Ich kann nicht uber mich selbst entscheiden, was in mir vorgehe, ich fuhle mich in einem magischen Kreis von Wunderwahrheiten eingeschlossen durch diese tiefen Erinnerungen, so dass ich sogar das Wehen der Luft von damals mit zu empfinden glaube, dass ich mich umsehe, als stande er hinter mir, und dass ich jeden Augenblick empfinde, wie durch die Beruhrung des irdischen Geistes von einem himmlischen uberirdischen Geist alles Denken in mir entsteht. So will ich denn mein inniges Zutrauen zu Dir nicht verlieren und trotz schauerlichen Nachtgespenstern, die Du mir entgegenscheuchst, dennoch fortfahren, Dir mitzuteilen, wozu nur erprobte Treue berechtigt.

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Von ungemessner Hohe stromt das Licht der Sterne herab zur Erde, und die Erde ergrunt und bluht in tausend Blumen den Sternen entgegen. Der Geist der Liebe stromt auch aus ungemessner gottlicher Hohe herab in die Brust, und diesem Geist entgegen lacheln auch die Liebkosungen eines bluhenden Fruhlings empor! Du! Wie sich's die Sterne gefallen lassen, dass ihr Widerschein am frisch begrunten Boden im goldnen Blumenfeld erbluht, so lasse auch Dir es gefallen, dass Dein hoherer Geist Dir tausendfaltige Bluten der Empfindung aus meiner Brust hervorrufe. Ewige Traume umspinnen die Brust, Traume sind Schaume, ja sie schaumen und brausen die Lebensflut himmelan. Sieh, er kommt! Ungeheure Stille in der weiten Natur, es regt sich kein Luftchen, es regt sich kein Gedanke; willenlos zu seinen Fussen der ihm gebundne Geist. Kann ich lieben, ihn, der so erhaben uber mir steht? Welt, wie bist Du enge? Nicht einmal dehnt der Geist die Flugel, so breitet er sie weit uber Deine Grenze. Ich verlasse Wald und Aue, den Spielplatz seiner dichterischen Lust, ich glaube den Saum seines Gewandes zu beruhren, ich strecke die Hande aus nach ihm! Es war mir, als fuhle ich seine Gegenwart im blendenden Schimmer, der sich zwischen Tranen malt. Es ist ja ein so einfacher Weg zwischen den Wolken durch, warum soll ich ihn nicht kuhn wandeln? Siehe, der Ather tragt mich so gut wie der Rasen, ich eile ihm nach, wenn ich ihn auch nicht erreiche, kurz vor mir ist er diesen Wolkensteig gewandelt, sein Atem vertragt sich noch mit dem Luftstrom, mag ich ihn doch trinken.

Nimm mich zuruck, hilf mir herab, das Herz bricht mir, ja das Herz ist nicht stark genug, die leidenschaftliche Gewalt, die sich uber die Grenze baumt, zu tragen. Fuhr mich zuruck auf die Ebne, wo mein Genius mich ihm einst entgegenfuhrte in der bluhenden Zeit zwischen Kindheit und Jugend, wo sich der Augenstern zum erstenmal zum Licht erhob, und wo er mit vollen Strahlen mir den Blick einnahm und jedes andere Licht mir wegdunkelte.

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O komm herein, wie Du zum erstenmal kamst vor das Antlitz des erblassenden, verstummten, dem Verhangnis der Liebe folgenden Kindes, wie es da zusammensank, da es das Richtschwert in Deinen Augen blitzen sah, wie Du es auffingst in Deinen Armen, die seit Jahren gesteigerte Sehnsucht nach Dir mit einem Male losend. Der Friede, der mich uberkam an Deiner Brust! Der susse Schlaf, einen Augenblick, oder war's Betaubung? Das weiss ich nicht. Es war tiefe Ruhe, wie Du den Kopf uber mich beugtest, als wolltest Du mich in seinem Schatten bergen, und wie ich erwachte, sagtest Du: "Du hast geschlafen!" "Lange?" fragte ich. "Nun, Saiten, die lange nicht in meinem Herzen geklungen haben, fuhlt ich beruhrt, so ist mir die Zeit schnell genug vergangen." Wie sahst Du mich so mild an! Wie war mir alles so neu! Ein menschlich Antlitz zum erstenmal erkannt, angestaunt in der Liebe. Dein Antlitz, o Goethe, das keinem andern vergleichbar war, zum erstenmal mir in die Seele leuchtend. O, Herrlicher! Noch einmal knie ich hier zu Deinen Fussen, ich weiss, Deine Lippen traufeln Tau auf mich herab aus den Wolken, ich fuhle mich wie belastet mit Fruchten der Seligkeit, die all Dein Feuergeist in mir gezeitigt, ja, ich fuhl's, Du siehst auf mich herab aus himmlischen Hohen, lasse mich bewusstlos sein, denn ich vertrag's nicht, Du hast mich aus den Angeln gehoben, wo steh ich fest? Der Boden wankt, schweben soll ich fortan, denn weil ich mich nicht mehr auf Erden fuhle; keinen kenne ich mehr, keine Neigung, keinen Zweck, als nur schlafen, schlafen auf Wolken gebettet an den Stufen Deines himmlischen Thrones, Dein Auge Feuerwache haltend uber mir, Dein allbeherrschender Geist sich uber mich beugend im Blutenrausch der Liebeslieder. Du! Sauselnd uber mir, Nachtigall flotend: das Gestohn meiner Sehnsucht. Du! Sturmend uber mir, wetterbrausend: die Raserei meiner Leidenschaft. Du! Aufjauchzend, himmelandringend die ewigen Hymnen begluckender Liebe, dass der Widerhall ans Herz schmettert, ja, zu Deinen Fussen will ich schlafen, Gewaltiger! Dichter! Furst! Uber den Wolken, wahrend Du die Harmonien ausbreitest, deren Keime zuerst Wurzel fassten in meinem Herzen.

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Dem Freund

Gebete steigen gen Himmel, was ist er, der auch himmelan steigt? Er ist auch Gebet, gereift unter dem Schutz der Musen. Eros, der himmlische, leuchtet vorauf und teilt ihm die Wolken, ich aber kann's nicht sehen, ich muss mich verbergen.

Sein Stolz! Sein heiliger Stolz in seiner Schonheit. Heute sagte jemand, das sei nicht moglich, er sei sechzig Jahre alt gewesen, wie ich ihn zum erstenmal gesehen, und ich eine frische Rose. O, es ist ein Unterschied zwischen Frische der Jugend und der Schonheit, die der gottliche Geist den menschlichen Zugen einpragt, Schonheit ist ein von der Gemeinheit abgeschlossnes Dasein, sie verwelkt nicht, sie lost sich nur von dem Stamm, der ihre Blute trug, aber ihre Blute sinkt nicht in den Staub, sie ist beflugelt und steigt himmelan. Goethe, Du bist schon! Ich will Dich nicht zum zweitenmal in Versuchung fuhren, wie damals in der Bibliothek, Deiner Buste gegenuber, die in Deinem vierzigsten Jahr das vollkommne Ebenmass Deiner hochsten Schonheit ausdruckte; da standst Du im grunen Mantel gewickelt an den Pfeiler gelehnt, forschend, ob ich doch endlich in diesen verjungten Zugen den gegenwartigen Freund erkenne, ich aber tat nicht dergleichen, ach, Scherz und geheime Lust liessen mir's nicht uber die Lippen. "Nun?" fragte er ungeduldig. "Der muss ein schoner Mann gewesen sein," sagte ich. "Ja wahrlich! Dieser konnte wohl sagen zu seiner Zeit, er sei ein schoner Mann," sagte er erzurnt; ich wollte an ihn herangehen, er wies mich ab, einen Augenblick war ich betroffen; "halte stand wie dies Bild," rief ich, "so will ich Dich wieder sanft schmeicheln, willst Du nicht? Nun, so lass ich den Lebenden und kusse den Stein so lange, bis Du eifersuchtig wirst." Ich umfasste die Buste und kusste diese erhabene Stirn und diese Marmorlippen, ich lehnte Wang an Wange, da hob er mich plotzlich weg und hielt mich hoch in seinen Armen uber seiner Brust, dieser Mann von sechzig Jahren sah an mir hinauf und gab mir susse Namen und sagte die schonen Worte: "Liebstes Kind, du liegst in der Wiege meiner Brust"14, dann liess er mich an die Erde, er wickelte meinen Arm in seinen Mantel und hielt mir die Hand an sein klopfend Herz und so gingen wir langsamen Schrittes nach Haus; ich sagte: wie schlagt Dein Herz! "Die Sekunden, die mit solchem Klopfen mir an die Brust sturmen," sagte er, "sie sturzen mit ubereilter Leidenschaft dir zu, auch du jagst mir die unwiederbringliche Zeit vorwarts." So schon fing er die Bewegung seines Herzens in sussen Worten ein, der heilige unwidersprechliche Dichter.

Mein Freund, ich sage Dir gute Nacht. Weine mit mir einen Augenblick schon ist Mitternacht voruber, die Mitternacht, die ihn weggenommen hat.

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Gestern hab ich noch viel an Goethe gedacht, nein, nicht gedacht: mit ihm verkehrt. Schmerz ist bei mir, nicht Empfinden, es ist Denken, ich werde nicht beruhrt, ich werde erregt. Ich fuhle mich nicht schmerzlich behandelt, ich handle selbst schmerzlich. Das hat also weh getan, wie ich gestern mit ihm war. Ich hab auch von ihm getraumt. Er fuhrte mich langs dem Ufer eines Flusses schweigend und ruhig und bedeutsam, ich weiss auch, dass er sprach, einzelne Worte, aber nicht was. Die Dammerung schwarmte wie vom Wind gejagte zerrissene Nebelwolken, ich sah das zitternde Blinken der Sterne im Wasser, mein gleichmassiger Schritt an seiner Hand machte mir das Bewegte, Irrende in der Natur um so fuhlbarer, das ruhrte mich und beruhrt mich jetzt, wahrend ich schreibe. Was ist Ruhrung? Ist das nicht gottliche Gewalt, die eingeht durch meine Seele wie durch eine Pforte in meinem Geist, eindringt, sich mischt und verbindet mit einer Natur, die vorher unberuhrt war, mit ihr neue Gefuhle, neue Gedanken, neue Fahigkeiten erzeugt! Ist es nicht auch ein Traum, der den grunen Teppich unter Deinen Fussen ausbreitet und ihn mit goldnen Blumen stickt? Und alle Schonheit, die Dich ruhrt, ist sie nicht Traum? Alles, was Du haben mochtest, traumst Du nicht gleich Dich in seinen Besitz? Ach, und wenn Du so getraumt hast, musst Du dann es nicht wahr machen oder sterben vor Sehnsucht? Und ist der Traum im Traum nicht jene freie Willkur unseres Geistes, die alles gibt, was die Seele fordert? Der Spiegel dem Spiegel gegenuber, die Seele inmitten, er zeigt ihre Unendlichkeit in ewiger Verklarung.

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Dem Freund

Du willst, ich soll Dir mehr noch von ihm sagen, alles? Wie kann ich's? Gar zu schmerzlich war's, von ihm getrennt, alle Liebe zu wiederholen; nein! Wenn mir's wird, dass ich ihn selbst seh und spreche, wie mir's in diesen beiden Tagen erging, wenn ich zu ihm bitten kann wie sonst, wenn ich hoffen kann, dass er mir wieder die ewige heilige Rede seines Blickes zuwendet, dann will ich die Erinnerungen, die aus diesem Blick mir zuwinken, Dir mitteilen. So wird's auch kommen: es ist nicht moglich, dass, bloss weil die leichte Hulle von ihm gesunken, dies alles nicht mehr sein oder sich andern sollte. Ich will vertrauen, und was andre fur unmoglich halten, das soll mir moglich werden. Was war die Liebe, wenn sie nichts anders war, als was die unregsame Menschheit an sich erfahrt; ach, sie erfahrt nichts als ihren Ablauf. Schon in dem Augenblick, wo wir kuhn genug sind, die Ewigkeit zum Zeuge unseres Gluckes aufzufordern, haben wir die Ahnung, dass wir ihr nicht gewachsen sind, ach und nicht einmal: wir wissen vielmehr gar nichts von ihr. Von ihr wissen und in ihr sein ist zweierlei; gewusst hab ich von ihr, wie ich nicht mehr in ihr war. Dies ist der Unterschied: in ihr leben, da lebt man im Geheimnis, der innere Mensch umfasst, begreift nicht die Wirkung, die es auf ihn hat. Von ihr leben: da lebt man in der Offenbarung, man wird gewahr, wie eine hohere Welt uns einst in sich aufgenommen hatte, man fuhlt die Merkzeichen fruherer gottlicher Beruhrung das, was Scherz der Liebe schien, erkennen wir nun als himmlische Weisheit, wir sind erschuttert, dass der Gott uns so nah war, dass unser irdisch Teil in ihm sich nicht verzehrte, dass wir noch leben, noch sind, noch denken, dass wir nicht auf ewig aufgegeben haben, was man so gern in glucklicher Stunde, am Busen des Freundes aufgibt, namlich, was anders zu sein als tief empfunden von dem Geliebten.

Einmal stand ich am Fenster mit ihm, es war Mondschein, die Blatter der Reben schatteten sich ab auf seinem Antlitz, der Wind bewegte sie, so dass sein Aug bald in Schatten kam, bald wieder im Mondlicht glanzte. Ich fragt: "Was sagt dein Aug?" Weil mir's schien, als plaudre es. "Du gefallst mir!" "Was sagen deine Blicke?" "Du gefallst mir wie keine andre mir gefallt", sagte er; "o ich bitte, sage doch, was willst du mit deinem durchdringenden Blick?" fragte ich; denn ich hielt seine Rede fur keine Antwort auf meine Frage. "Er beteuert", sagte er, "was ich sage, und beschwort, was ich nicht wage, dass kein Fruhling, Sommer, Herbst und Winter meinen Blick dir soll verlocken. Denn du lachelst mir ja zu, wie der Welt du niemals lachelst, soll ich dir da nicht beschworen, was der Welt ich nie geschworen?"

Es ist mir haufig nur gleich einem Lichtstreif, der mir durch die Sinne fahrt und Erinnerungen in mir erhellt, von denen ich kaum weiss, ob sie bedeutend genug sind, dass man sie als etwas Erlebtes bezeichne. In der Natur ist's auch so, was spiegeln kann, das gibt wider die Schrift der Liebe, der See malt die hohen Baume, die ihn umgeben, grade die hochsten Wipfel in die tiefste Tiefe, und die erhabenen Sterne finden noch tiefere Tiefe in ihm, und die Liebe, die alles erzeugte, bildet zu allem den Grund, und so kann ich mit Recht sagen: unergrundlich Geheimnis lockt alles zum Spiegel der Liebe, sei es auch noch so gering, sei es auch noch so entfernt.

Wie ich ihn zum erstenmal sah, da erzahlte ich ihm, wie mich die Eifersucht gequalt habe, seit ich von ihm wisse; es waren nicht seine Gedichte, nicht seine Bucher, die mich so ganz leidenschaftlich stimmten, ich war viel zu bewegt, noch eh ich ihn gesehen hatte, meine Sinne waren viel zu verwirrt, um den Inhalt der Bucher zu fassen, ich war im Kloster erzogen und hatte noch nicht Poesie verstehen lernen: aber ich war schon im sechzehnten Jahr so von ihm hingerissen, dass, wenn man seinen Namen nannte, man mochte ihn loben oder tadeln, so befiel mich Herzklopfen; ich glaub, es war Eifersucht, ich ward schwindlig, war es bei Tisch, wo meine Grossmutter manchmal von ihm sprach, so konnt ich nicht mehr essen, wahrte das Gesprach langer, so vergingen mir die Sinne, ich ward nichts mehr gewahr, es brauste um mich her, und wenn ich allein war, dann brach ich in Tranen aus, ich konnte die Bucher nicht lesen, ich war viel zu bewegt, da war's gleichsam, als ersturzte der Strom meines Lebens uber Fels und Gekluft in tausend Kaskaden herab, und es dauerte lang, ehe er sich wieder zur Ruh sammelte. Da kam nun einer, der trug einen Siegelring am Finger und sagte, den habe Goethe ihm geschenkt. Das klagte ich ihm, wie ich ihn zum erstenmal sah, wie sehr mich das geschmerzt habe, dass er einen Ring so leichtsinnig habe verschenken konnen, noch ehe er mich gekannt. Goethe lachelte zu diesen seltsamen Liebesklagen nicht, er sah milde auf mich herab, die zutraulich an seinen Knien auf dem Schemel sass. Beim Weggehen steckte er mir den Ring an den Finger und sagte: "Wenn einer sagt, er habe einen Ring von mir, so sage du: Goethe erinnert sich an keinen wie an diesen." Nachher nahm er mich sanft an sein Herz, ich zahlte die Schlage. "Ich hoffe, du vergisst mich nicht," sagte er, "es ware undankbar, ich habe ohne Bedingungen alle deine Forderungen soviel wie moglich befriedigt." "Also liebst Du mich", sagte ich, "und ewig; denn sonst bin ich armer wie je, ja ich muss verzweifeln."

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Heute morgen hab ich einen Brief vom Kanzler Muller erhalten, der folgendes uber Goethe schrieb: "Er starb den seligsten Tod, selbstbewusst, heiter, ohne Todesahnung bis zum letzten Hauch, ganz schmerzlos. Es war ein allmahlich sanftes Sinken und Verloschen der Lebensflamme, ohne Kampf. Licht war seine letzte Forderung, eine halbe Stunde vor dem Ende befahl er: 'Die Fensterladen auf, damit mehr Licht eindringe.'"

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An Goethe

Heute wollen wir der Leier andre Saiten aufziehen! Heute bin ich so glucklich! Herr und Meister! Heute ist mir ein so herrlicher uberraschender Entschluss aus der Seele hervorgegangen, der mich Dir so nah bringen wird. Du hast mich wie ein lauterndes Feuer durchgriffen und alles Uberflussige, alles Unwesentliche weggezehrt. Es rauscht so selig durch mich keine lustvollere, keine jugendlichere Zeit von heut an bis zu Dir hinuber.

Wer kann sich mit mir messen? Was wollen die? die uber mich urteilen? Wer mich kennt, wer mich fuhlt, will nicht urteilen. Wie die Sonne freundlich mit ihren Streiflichtern auf Deinem Antlitz spielt, so spielt die Liebe, die Laune mir am Herzen, und wen ich liebe, dem bringt es Ehre, und wen ich Freund nenne, der kann sich daruber freuen, dem hab ich Ehre erzeugt, denn er kam gleich nach Dir. Wenn's in mir klopfte und tobte, dann stromte mir die Liebeslust die Melodien dazu, und die Begeistrung nahm sie in den allumrauschenden Ozean der Harmonien auf. Du hortest mir zu und liessest die andern den Verstand haben, sich meiner Narrheit zu entsetzen; unterdessen stromte Ewiges durch Deine Lieder, und der Eifersucht Brand teilte die Nebelschauer auseinander, der Sonne kraftiger Strahl lockte Blute und Frucht.

Ja, ewiger Rausch der Liebe und Nuchternheit des Verstandes, Ihr stort einander nicht, die eine jauchzt Musik, die andre liest den Text. Bildet euch, urteilt, macht euch Namen, nutzlich, herrlich und gross. Habt Launen und was ihr versaumt? erkennt es nie! Denn ich und er, der mir im ungemessnen Leben zustromte, ersetzt mir alles.

Du bist oben, Du lachelst herab! O dieses Jahres Fruhlingsregen, die Gewitter seiner Sommerzeit, sie kommen aus Deinem Bereich. Du wirst mir zudonnern, Du wirst Deine gewaltige tiefe Natur mir ans Herz schmettern, und ich jauchze mich hinauf.

Wenn die Begeistrung den Weg zum Himmel nimmt, dann schwingt sie sich tanzend im Flug, und die Gotterjunglinge stehen gereiht und freuen sich ihrer Kuhnheit. Und Du? Du bist stolz, dass sie der Liebling Deiner irdischen Tage ist, die den Luftozean mit luftbrausender Ungeduld durchrudert, aufspringt mit gleichen Fussen am Himmelsbord und mit hochauflodernder Fackel Dir entgegenfliegt, sie uber Dir schwingend, dann sie hinschleudernd in die hallenden Himmelsraume, dass sie dem Zufall leuchte zum Dienst, ihr ist's einerlei wie; sie liegt im Schoss des Geliebten, und Eros, der Eifersuchtige, halt Wache, dass nicht ahnliche Flammen in ihrer Nahe sich zunden.

In Bohmen, am Waldesrand auf der Hohe, da harrtest Du meiner, und wie ich Dir entgegenkam, den steileren kurzeren Weg kletternd, da standest Du fest und ruhig wie eine Saule; der Wind aber, der Bote des heranruckenden Wetters, raste gewaltig und wuhlte in den Falten Deines Mantels und hob ihn und warf ihn Dir ubers Haupt und wieder herab und wehte an beiden Seiten ihn mir entgegen, als wolle er Dich mit herabziehen zu mir, die ich ein kleines Weilchen unweit Deiner Hohe ausruhte vom Steigen, um die klopfenden Schlafen und die erhitzten Wangen zu kuhlen, und dann kam ich zu Dir, Du nahmst mich vor Dich an die Brust und schlugst die Arme um mich, in Deinen Mantel mich einhullend. Da standen wir im leisen Regen, der sich durch das dickbelaubte Gezweig stahl, dass hie und da die warmen Tropfen auf uns fielen. Da kamen die Wetter von Osten und Westen, wenig wurde geredet. Wir waren einsilbig. "Es wird sich verziehen jenseits", so sagtest Du, "wenn es nur nicht da unten so schwarz heraufkame." Und die Scharen der Wolken ritten am Horizont herauf, es ward dunkel, der Wind hob kleine Staubwirbel um uns her. Deine linke Hand deutete auf die Ferne, wahrend die rechte das Gekraut und die bunten Pflanzen hielt, die ich unterwegs gesammelt hatte. "Sieh, dort gibt's Krieg! Diese werden jene verjagen; wenn meine Ahnung und Erfahrungen im Wetter nicht trugen, so haben wir ihrer Streitsucht den Frieden zu danken." Kaum hattest Du diese Worte ausgesagt, so blitzte es und brach wie von allen Seiten der Donner los; ich sah uber mich und streckte die Arme nach Dir, Du beugtest Dich uber mein Gesicht und legtest Deinen Mund auf meinen, und die Donner krachten, prallten aneinander, sturzten von Stufe zu Stufe den Olympos herab, und leise rollend fluchteten sie in die Ferne, kein zweiter Schlag folgte.

"Halt man das Liebchen im Arm: lasst man die Wetter uberm Haupt sich ergehen!" Das waren Deine letzten Worte da oben, wir gingen hinab, Hand in Hand. Die Nacht brach ein, in der Stadt zundete die Obstfrau eben ihr Licht an, um ihre Apfel zu beleuchten, Du bliebst stehen und sahst mich lange an. "So benutzt Amor die Leuchte der Alten, und man betrachtet bei einer Laterne seine Apfel und sein Liebchen." Dann fuhrtest Du mich schweigend bis zu meiner Wohnung, kusstest mich auf die Stirn und schobst mich zur Haustur hinein. Susser Friede war die Wiege meiner traumenden Lust bis zum andern Morgen.

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An den Freund

Nach zehn Jahren ward dies schone Ereignis, was so deutlich in meinem Gedachtnis eingepragt blieb, Veranlassung zur Erfindung von Goethes Monument. Moritz Bethmann aus Frankfurt am Main hatte es bestellt, er wunschte, der unwidersprechliche Charakter des Dichters moge drin ausgedruckt werden. Er traute mir das Talent zu, dass ich die Idee dazu finden wurde, obschon ich damals noch nichts mit der Kunst zu schaffen gehabt hatte. In demselben Augenblick fiel mir Goethe ein, wie er damals am Rand des Berges gestanden, den Mantel unter den Armen hervor zusammengeworfen, ich an seiner Brust. Das Erfindungsfieber ergriff mich, oft musst ich mich zerstreuen, um nur nicht mich ganz uberlassen zu durfen dem Gebrause der Imagination und den Erschutterungen der Begeistrung. Nachdem ich die Nachte nicht geschlafen und am Tag nichts genossen, war meine Idee gereinigt vom Uberflussigen und entschieden furs Wesentliche.

Ein verklartes Erzeugnis meiner Liebe, eine Apotheose meiner Begeistrung und seines Ruhms; so nannte es Goethe, wie er es zum erstenmal sah. Goethe in halber Nische auf dem Thron sitzend, sein Haupt uber die Nische, welche oben nicht geschlossen, sondern abgeschnitten ist, erhaben, wie der Mond sich uber den Bergesrand heraufhebt. Mit nackter Brust und Armen. Den Mantel, der am Hals zugeknopft ist, uber die Schultern zuruck, unter den Armen wieder hervor, im Schosse zusammengeworfen, die linke Hand, welche damals nach den Gewittern deutete, hebt sich jetzt uber der Leier ruhend, die auf dem linken Knie steht; die rechte Hand, welche meine Blumen hielt, ist in derselben Art gesenkt und halt, nachlassig seines Ruhms vergessend, den vollen Lorbeerkranz gesenkt, sein Blick ist nach den Wolken gerichtet, die junge Psyche steht vor ihm wie ich damals, sie hebt sich auf ihren Fussspitzen, um in die Saiten der Leier zu greifen, und er lasst's geschehen, in Begeistrung versunken. Auf der einen Seite der Thronlehne ist Mignon als Engel gekleidet mit der Uberschrift: "So lasst mich scheinen, bis ich werde", jenseits Bettina, wie sie, zierliche kindliche Manade, auf dem Kopfchen steht, mit der Inschrift: "Wende die Fusschen zum Himmel nur ohne Sorge! Wir strekken Arme betend empor, aber nicht schuldlos wie Du."

Es sind jetzt acht Jahre her, dass ein hiesiger Kunstler15 die Gefalligkeit hatte, mit mir eine Skizze in Ton von diesem Monument zu machen, es steht in Frankfurt auf dem Museum, man war sehr geneigt, es in Ton ausfuhren zu lassen, da gab Goethe das Frankfurter Burgerrecht auf, dies verminderte zu sehr das Interesse fur ihn, als dass man noch mit der Energie, die dazu notig war, die Sache betrieben hatte, und so ist's bis heute unterblieben. Ich selbst hab oft in mich hineingedacht, was meine Liebe zu ihm denn wohl bedeute, und was daraus entspringen konne, oder ob sie denn ganz umsonst gewesen sein solle, da fiel mir's in diesen letzten Tagen ein, dass ich so oft schon als Kind uberlegte, wenn er gestorben war, was ich da anfangen solle, was aus mir werden solle, und dass ich da immer mir dachte, auf seinem Grab mochte ich ein Platzchen haben, bei seinem Denkmal mochte ich versteinert sein wie jene Steinbilder, die man zu seinem ewigen Nachruhm aufstellen werde; ja, ich sah im Geist mich in ein solches Hundchen, das gewohnlich zu Fussen hoher Manner und Helden als Sinnbild der Treue ausgehauen liegt, darein mocht ich mich verwandeln. Heute nacht dachte ich daran, dass ich fruher ofter in solche Visionen versunken war, und da war mir's so klar, dass dies der Keim sei zu seinem Monument, und dass es mir obliege, seine Entstehung zu bewirken. Seit ich diesen Gedanken erfasst habe, bin ich ganz freudig und habe grosse Zuversicht, dass es mir gelingen werde. Goethe sagte mir einmal folgende goldne Worte: "Sei bestandig, und was einmal gottlicher Beschluss in dir bedungen, daran setze alle Krafte, dass du es zur Reife bringest. Wenn die Fruchte auch nicht derart ausfallen, wie du sie erwartest, so sind es doch immer Fruchte hoherer Empfindung, und die allseitig erzeugende lebenernahrende Natur kann und soll von der ewigen gottlichen Kraft der Liebe noch ubertroffen werden." Dieser Worte gedenkend, die er damals auf unsre Liebe bezog, und ihnen vertrauend, dass sie noch heute meine schwache Natur zum Ziel leiten, werde ich verharren in diesem Beschluss; denn solche Fruchte erzeugt die Liebe: wenn es auch die nicht sind, die ich damals erwartete, so traue ich doch seiner Verheissung, es werde mir gelingen.

Zur Geschichte des Monuments gehort noch, dass ich es selbst zu Goethe brachte. Nachdem er es lange angesehen hatte, brach er in lautes Lachen aus; ich fragte: "Nun! Mehr kannst du nicht als lachen?" Und Tranen erstickten meine Stimme. "Kind! Mein liebstes Kind!" rief er mit Wehmut, "es ist die Freude, die laut aus mir aufjauchzt, dass du liebst, mich liebst; denn so was konnte nur die Liebe tun." Und feierlich mir die Hande auf den Kopf legend: "Wenn die Kraft meines Segens etwas vermag, so sei sie dieser Liebe zum Dank auf dich ubertragen." Es war das einzigemal, wo er mich segnete, anno 24 am 5. September.

***

Der Freund weiss, dass die Sehnsucht nicht ist, wie der Mensch sich von ihr denkt, wie von dem Brausen des Windes und von beiden falsch; namlich, dass beide so sind und auch wohl wieder vergehen; und die Frage: Warum und woher und wohin, ist ihnen bei der Sehnsucht wie bei dem Wind. Aber: wie hoch herab senken sich wohl diese Krafte, die das junge Gras aus dem Boden hervorlocken? Und wie hoch hinauf steigen wohl diese Dufte, die sich den Blumen entschwingen? Ist da eine Leiter angelegt? Oder steigen alle Gewalten der Natur aus dem Schoss der Gottheit herab und ihre einfachsten Erzeugnisse wieder zu ihrem Erzeuger hinauf? Ja gewiss! Alles, was aus gottlichem Segen entspringt, kehrt zu ihm hinauf! Und die Sehnsucht nach Ihm, der erst niedersank wie Tau auf den durstigen Boden des menschlichen Geistes, der hier in seine herrlichste Blute sich entfaltete, der aufstieg im Duft seiner eigenen Verklarung: sollte diese Sehnsucht nicht auch himmelan steigen? Sollte sie den Weg zu ihm hinauf nicht finden?

Dieses Fleisch ist Geist geworden

Diese Worte habe ich als Inschrift des Monuments erwahlt. Was der Liebende dir zuruft, Goethe, es bleibt nicht ohne Antwort. Du belehrst, du erfreust, du durchdringst, du machst fuhlbar, dass das Wort Fleisch annimmt in des Liebenden Herz.

Wie der Ton hervorbricht aus dem Nichts und wieder hinein verhallt, der das Wort trug, was nie verhallt, was in der Seele klingt und alle verwandten Harmonien ausruft: so bricht auch die Begeisterung hervor aus dem Nichts und tragt das Wort ins Fleisch und verhallt dann wieder. Der Geist aber, der sich vermahlt mit der Weisheit des Wortes, wie jene himmlischen Krafte sich im Boden vermahlen mit dem Samen, aus dessen Blumen sie im Duft wieder aufsteigen zu ihrem Erzeuger, der wird auch emporsteigen, und ihm wird Antwort ertonen vom himmlischen Ather herab.

Der Zug der Lufte, die auch aufseufzen und daherbrausen wie die Sehnsucht, von denen wir nicht wissen, von wannen, die haben auch keine Gestalt; sie konnen nicht sagen: "Das bin ich!" Oder: "Das ist mein!" Aber der Atem der Gottheit durchstromt sie, der gibt ihnen Gestalt; denn er gebart sie durch das Wort ins Fleisch. Du weisst, dass die Liebe die einzige Gebarerin ist; dass, was sie nicht darbringt dem himmlischen Erzeuger, nicht zur ewigen Sippschaft gehore? Was ist Wissen, das nicht von der Liebe ausgeht? Was ist Erfahrung, die sie nicht gibt? Was ist Bedurfnis, das nicht nach ihr strebt? Was ist Handeln, das nicht sie ubt? Wenn Du die Hand ausstreckst und hast den Willen nicht, die Liebe zu erreichen, was hast Du da? Oder was erfassest Du? Der Baum, den Du mit allen Wurzeln in die Grube einbettest, dem Du die fruchtbare Erde zutragst, die Bache zuleitest, damit er, der nicht wandern kann, alles habe, was ihn gedeihen macht, der bluht Dir und Deine Sorge schenkst Du ihm darum; ich auch tue alles, damit sein Andenken mir bluhe. Die Liebe tut alles sich zu lieb, und doch verlasst der Liebende sich selber und geht der Liebe nach.

Ende des Tagebuchs

Fussnoten

1 Warum ich wieder zum Papier mich wende? Das musst du, Liebster, so bestimmt nicht fragen: Denn eigentlich hab ich dir nichts zu sagen; Doch kommt's zuletzt in deine lieben Hande. Weil ich nicht kommen kann, soll, was ich sende Mein ungeteiltes Herz hinubertragen Mit Wonnen, Hoffnungen, Entzucken, Plagen: Das alles hat nicht Anfang, hat nicht Ende. Ich mag vom heut'gen Tag dir nichts vertrauen, Wie sich im Sinnen, Wunschen, Wahnen, Wollen Mein treues Herz zu dir hinuber wendet: So stand ich einst vor dir, dich anzuschauen, Und sagte nichts. Was hatt ich sagen sollen? Mein ganzes Wesen war in sich vollendet.

(Goethes Werke, 2. Band Seite 11)

2 Ein Blick von deinen Augen in die meinen,

Ein Kuss von deinem Mund auf meinem Munde,

Wer davon hat, wie ich, gewisse Kunde,

Mag dem was anders wohl erfreulich scheinen?

Entfernt von dir, entfremdet von den Meinen, Fuhr ich stets die Gedanken in die Runde, Und immer treffen sie auf jene Stunde, Die einzige; da fang ich an zu weinen. Die Trane trocknet wieder unversehens: Er liebt ja, denk ich, her in diese Stille, Und solltest du nicht in die Ferne reichen? Vernimm das Lispeln dieses Liebewehens; Mein einzig Gluck auf Erden ist dein Wille, Dein freundlicher zu mir; gib mir ein Zeichen!

(Goethes Werke, 2. Band, Seite 10)

3 Wenn ich nun gleich das weisse Blatt dir schickte, Anstatt dass ich's mit Lettern erst beschreibe, Ausfulltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe Und sendetest's an mich, die Hochbegluckte. Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte;

Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,

Riss ich ihn auf, dass nichts verborgen bleibe;

Da les ich, was mich mundlich sonst entzuckte:

Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen! Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest Mit sussem Wort und mich so ganz verwohntest, Sogar dein Lispeln glaubt ich auch zu lesen, Womit du liebend meine Seele fulltest Und mich auf ewig vor mir selbst verschontest.

(Goethes Werke, 2. Band, Seite 12)

4 Goethes Werke, 2. Band, Seite 7 5

Als ich auf dem Euphrat schiffte,

Streifte sich der goldne Ring

Fingerab in Wasserklufte,

Den ich jungst von dir empfing.

Also traumt ich. Morgenrote

Blitzt ins Auge durch den Baum,

Sag Poete, sag Prophete!

Was bedeutet dieser Traum?

Dies zu deuten bin erbotig!

Wie der Doge von Venedig

Mit dem Meere sich vermahlt?

So von deinen Fingergliedern

Fiel der Ring dem Euphrat zu.

Ach, zu tausend Himmelsliedern,

Susser Traum, begeisterst du!

Mich, der von den Indostanen

Streifte bis Damaskus hin,

Um mit neuen Karawanen

Bis ans Rote Meer zu ziehn,

Mich vermahlst du deinem Flusse,

Der Terrasse, diesem Hain,

Hier soll bis zum letzten Kusse

Dir mein Geist gewidmet sein.

(Goethes Werke, 5. Band, Seite 147 und 148)

6 Divan, Buch Suleika. 7 Buch Suleika. 8 Suleika 180 9 Hier ist eine Lucke in der Korrespondenz 10 Briefe und Blatter fehlen 11 Die Blatter fehlen 12 Hierher gehort eine Note 13 Mit einer Gebirgslandschaft als Vignette 14 Du siehst so ernst. Geliebter! Deinem Bilde Von Marmor hier mocht ich dich wohl vergleichen; Wie dieses gibst du mir kein Lebenszeichen; Mit dir verglichen zeigt der Stein sich milde. Der Feind verbirgt sich hinter seinem Schilde, Der Freund soll offen seine Stirn uns reichen. Ich suche dich, du suchst mir zu entweichen; Doch halte stand, wie dieses Kunstgebilde. An wen von beiden soll ich nun mich wenden? Sollt ich von beiden Kalte leiden mussen, Da dieser tot und du lebendig heissest? Kurz, um der Worte mehr nicht zu verschwenden, So will ich diesen Stein so lange kussen, Bis eifersuchtig du mich ihm entreissest.

(Goethes Werke, 2. Band, Seite 6)

15 Der jungere Wichmann.